Jean Paul's ausgewählte Werke. Zwölfter Band. Rerlin, Druck und Verlag von G. Reimer. Inhalt des zwölften Bandes. Titan. Vierter Band. Sechs und zwanzigste Jobelperiode. 101 — 103 Zykel. Seite Die Reise — die Quelle — Nom — das 1?orum .... z Sieben und zwanzigste Jobelperiode. 104—107. Zykel. Pcterskirche — Rotunda — Colisco — Brief an Schoppe — der Krieg — Gaspard — der Korse — Verwicklung mit der Fürstin — die Krankheit — Gaspards Bruder — Peterskuppe! und Abschied.24 Acht und zwanzigste Jobelperiode. 108—110. Zykcl. Brief aus Pestitz — Mola — die Himmelfahrt eines Mönchs — Neapel — Jschia — die neue Göttcrgabe .... 60 Neun und zwanzigste Jobelperiode. 111 — 115. Zykel. Julienne — die Insel — Sonnenuntergang — Neapel — Vesuv — Linda'S Brief — Streit — Abreise ... 89 Dreißigste Jobelperiode. 116—119. Zykel. Tivoli — Streit — Isolcr Nells. — die Kinderstube — die Liebe — Abreise . . . 1 I 2 IV Seite Ein und dreißigste Jobelperiode. 120 — 126. Zykel. Pestitz — Schoppe — Ehescheu — Arkadien — Jdoine — Verwicklung.161 Zwei und dreißigste Jobelperiode. 127 —130. Zykel. Roquairol.223 Drei und dreißigste Jobelperiode. 131 — 136. Zykel. Albano und Linda — Schoppe und das Portrait — das Wachskabinet — das Duell — das Tolihaus — Leibgeber .260 Vier und dreißigste Jobelperiode. 137—139. Zykel. Schoppe'S Entdeckungen — Liane — die Kreuzkapelle — Schoppe und der Ich und der Oheim.300 Fünf und dreißigste Jobelperiode. 140 — 146. Zykel. Siebenkäs — Beichte des Oheims — Brief von Aibano'S Mutter — das Krön-Nennen — Echo und Schwanengesang der Geschichte.318 Vierter Band. 3ean Kaul's ausgew. W«ke. XII. Vorrede. Aicscr Band beschließet den ganzen Titan, ohne weitere komische Anhänge, zn welchen der Verfasser schon sonst noch Zeit und Stoff genug zn finden scheuet und hofft. Aufgeweckte Köpfe mögen vielleicht die gewöhnlichen gelehrten Ur- theile darüber selber für die ordentlichen komischen Anhänge zum Werke nehmen. Freilich ist am poetischen Schmetterlings- Flügel der bunte lose Staub oft am Ende — näher besehen — wahres Gefieder. Meiningen, im Dezember 1802. Jean Paul Fr. Richter. Sechs und zwanzigste Jobelperiode. Die Reise — die Quelle — Rom — das k'oimm. 101. Z y k c l. (§o lauge die Nacht dauerte, schimmerten Albano's Traumbilder mit den Sternbildern fort, und erst vor dem Hellen Morgen erloschen sic alle. Gaspard sagte ihm lächelnd, er sei ans dem Wege nach Italien. Unerwartet gefastet empfing er die Nachricht seiner Auswanderung; er fragte blos, wo sein Schoppe sei. Als er hörte, er habe nicht mit gewollt: rückte ihm die Lindenstadt plötzlich über die Berge und Thäler nach und sein letzter Freund stand mitten ans dem Markte, ganz allein, mit sich selber im Mockirspicle begriffen, um ein treues starkes Herz zu stillen, das verschmerzen will und lieben. An diesem Freunde, den Albano nicht aus seiner Seele ließ, zog er sich wie an einer Jupiters-Kette die ganze Bühne und Welk seiner Vergangenheit nach und jeder traurige Ort kam dicht an ihn. Ungesehen rollten die Städte, die Länder vor ihm vorbei. Die Wellen, die der Schmerz um uns auftrcibt, stehen hoch zwischen uns und der Welt und machen unser Schiff ein- 4 sam mitten im Hafen voll Schiffe. Schaudernd kehrt' er sich von jeder schönen Jnngsran weg; sie erinnerte ihn wie eine Klage an die erblaßte; ewig anfgcdeckt zog Liancns bleiches Angesicht — wie eine Leiche in Italien *) — ans dem unendlichen Weg zum Grabe, und nur unkenntliche Gestalten mit Larven gingen hinter ihr lebendig. So ist der Mensch und sein Schmerz; zum Widcrspiele des Schiffziehcns, wo die Lebendigen den Tobten mitschleppcn, nimmt der Tobte die Lebendigen mit und zieht sie weit nach in sein kaltes Reich. Durch die Zeit wurde allmalig sein Schmerz entwickelt, nicht entkräftet. Sein Leben war ihm eine Nacht geworden, wo der Mond unter der Erde ist, und er glaubte nicht daran, daß Luna allmälig mit einem wachsenden Licht-Bogen wicdcr- kehrc. Keine Freuden, nur Thaten — diese entfernten Sterne der Nacht — waren jetzt sein Ziel. Er hielt cs für Unrecht, die Thränen, die oft mitten im fremden Gespräche aus ihm drangen, darum vor dem Vater zurückznhalten, weil dieser keinen Theil an ihnen nahm; doch zeigt' er ihm durch die Kraft seiner Gespräche und Entschlüsse noch den starken Jüngling. Rur der Vorwurf, den er sich über seine Schuld an Lianens Tod gemacht, hatte sich in den Frieden anfgclöset, den ihm Jdoine gegeben, ob er gleich jetzt ihre Erscheinung nur für einen wachen Fiebertraum von Lianen hielt. Sein Vater schwieg ganz über Jdoinens Auftritt so wie über alle unangenehme Erinnerungen, er sprach aber viel von Italien und von dem Kunst-Gewinn, den Albano da erbeuten werde, zumal durch die voransgehcnde Gesellschaft der Fürstin, *) Die Leiche gehet aufgedcckt zum Begrübniß, ihre Begleiter folgen vermummt. des Knnstrathcs und dcs deutschen Herrn, die man bald cin- holcn könne. Der Sohn wandte sich endlich mit der kühnen Erkundigung an ihn, ob er wirklich noch eine Schwester habe, und erzählte die Geschichte mit dem Kahlkopf. „Es könnte wol scyn (sagte Gaspard unangenehm spaßhaft), daß du noch mehr Brüder und Schwestern hättest, als ich wüßte. Aber was ich weiß, ist, daß deine Zwillingsschwcster Scvcrina in diesem Jahre in ihrem Kloster gestorben ist. Wofür hältst denn du die Nacht-Geschichte?" — Beinah für einen Traum, versetzt' er. Zufällig kam seine Hand hier in die Tasche und traf zu seinem Erstaunen ans den halben Ring, den die Schwester ihm geschenkt. Das Wunderbare trat dicht unter seine Sinne und jene Schauer-Nacht ging schnell und kalt durch seinen Mittag. Er und der Vater besahen die Enden dcs zerschnittenen Rings, an deren jedem ein abgerissener Namcnszug auf- hörtc. „Es gibt aber nichts Wunderbares" sagte der Ritter. „Woher wissen wir alsdann, daß cs etwas Natürliches gibt?" sagte Albano. „Das Wunder (versetzte Gaspard) oder die „Gcistcrwclt wohnt nur im Geiste." — „Wir müssen uns „(fuhr jener fort) auch bei den gemeinsten optischen Kunststücken „aus etwas anderes als auf die Auslösung des Trugs der „Phantasie in einen Trug der Sinnen freuen, weil uns sonst „nach der Auslösung das Zaubcrwerk mehr gefallen müßte „als vorher. Das sind die Stellen und Pole der menschlichen „Natur, worüber die ewigen Polarwolkcn hängen. Unsere „Landkarten vom Wahrhcits- und Gcistcrrcichc sind die Land- „kartenstcine, welche Ruinen und Dörfer abbildcn; diese sind „erlogen, aber doch ähnlich. Der Geist, ewig unter Kör- „per gebannt, will Geister." — Ungefähr so meint' ich auch, sagte GaSpard. 6 Albano drang aber bestimmter auf dessen Urtheil über den Kahlkopf und die Schwester. „Von etwas anderem (sagte „der Ritter ganz verdrießlich); für mich ist's ein sehr unangenehmes Gespräch. Nimm die Welt nach deiner Weise „und sei ruhig!" — Lieber Vater, fragte Albano betroffen, klären Sie mich irgend einmal bestimmt darüber ans? — „So- „bald ich kann," sagte kurz der Ritter, mit so scharfen und stechenden Blicken auf den Sohn, daß dieser ihnen wie Pfeilen ausweichend den Kopf eilig aus dem Wagen hinausbeugtc: als er erst merkte, daß ihn der Vater gar nicht meine; denn noch blickte er so scharf in der vorigen Richtung fort, als sei er nahe daran, in seine alte Erstarrung zu fallen. Gaspard's Wort über das Jnwohncn der Geisterwelt im Geiste und sein Blick und der Gedanke an sein Erstarren gaben für Albano der Stunde und der Stille romantische Schauer. Drunten am Ufer des Stroms standen znsammengelaufnc Menschen und einer eilte wie fliehend oder ansagcnd aus dem Hausen. Ein ferner Knabe warf sich ans einem Hügel nieder und legte das Ohr an die Erdkugel, um ihren rollenden Wagen ctwan recht zu hören. Im Dorfe, wo sie Mittag hielten, läutete cs unaufhörlich. Ihr Wirth war zugleich ein Müller; das Toben der Wellen und Räder füllte das ganze Haus; und Kanarienvögel lärmten noch durch den Lärm hindurch. Es gibt Augenblicke, wo die beiden Welten, die irdische und die geistige, nahe an einander vorübcrstreifen und wo Erdcntag und Himmelsnacht sich in Dämmerungen berühren. Wie die Schatten der himmlischen Glanzwolkcn über die Blüten und Ernten der Erde weglaufen: so wirft überall der Himmel auf die gemeine Fläche der Wirklichkeit seine leichten Schalsten und Wiederschcine. So fand es jetzt Albano. Der Ring 7 und das schwärmerische Wort seines kalten Vaters hatten ihn wie Blitze geblendet. Unten an der Hausthnre fand er ein Mädchen, das ein Waarenlagcr non Zitronen vor sich trug. Plötzlich und unangenehm brach das Geläute ab; er blickte zum Glockcnthnrm und ein weißer Geier saß ans der Fahne. Bald kam der Glocken-Zieher selber, um etwas zu trinken, und fing mit starkem, und doch nicht übel gemeintem Fluchen auf den Kammerherrn an, der ihn seit drei Wochen läuten lasse und dem er blos wünsche, daß solcher wie Er selber im vorigen Jahre nur drei Tage lang ordentlich ihintcr der seligen Tochter nachläntcn müßte. Er ermahnte den Müller, „von den Zitronen zu kaufen, weil's gute wären, saftig, von „dünner Rinde — und Er und der „Pfarrbnbc" *) kennten „sie von dem Bcgräbniß des gnädigen Fräuleins her — und „in 14 Tagen brauch' Er doch für die gcsammte Geistlichkeit „welche, als Brautvater!" — Wie sind hier die Sitten? fragte Albano. „Wenn nämlich jemand stirbt (sagte der Küster sehr ehrerbietig und freundlich), so bekommt der Pfarrer und meine Wenigkeit eine Zitrone und so auch die Leiche. — Wird aber jemand getrauet, so bekommt die Geistlichkeit und so auch die Braut dergleichen. DaS ist aber bei uns so Sitte, mein gnädigster Herr!" — Albano ging in den nahen Garten am Haus, in welchen die anfgedeckten Mühlenräder ihre Silberfunken warfen und welcher vom Glanze und Getöse des offnen Wassers wie verschlungen ward. Indem er in die schimmernden fliegenden Wirbel sah: schwebten die Zitronen, welche die Leiche sowol ') So heißet z. B. in Ungarn der Diakonus. 8 als die Braut bekommt, vor dem bewegten Geist. Die Rührung ist voll Gleichnisse; Liane sollte einst, dacht' er, in das Zitronenland und in die niedrigen Wälder, wo der Schnee der Blüten nnd das Gold der Früchte zwischen Grün und Blau zusammcnspielcn, ziehen nnd erquickt genesen; nun halt sic die Zitrone in der erkalteten Hand, und sic wurde nicht erquickt. Er blickte umher nnd glaubte in einer srcmdcn Welt zu stehen; im Himmelsblau rauschte wie ein Geist ein unsichtbarer Sturm ohne Wolken — lange Hügel-Reihen snnkeltcn bewegt mit rothcn Früchten und rothcn Blättern, ans den bunten Bäumen wurden glühende Acpscl geworfen nnd der Sturm flog von Gipfel zu Gipfel nnd herunter aus die Erde und rauschte durch den langen aufgewühlten Strom hinab. Wie wenn Geister um die Erde spielten oder ans ihr erscheinen wollten, so seltsam schien die Helle Gegend bewegt nnd beleuchtet. Da war Albano unbewußt in eine dunkle Banm-Wildniß gekommen; darin hüpfte ungesehen, nngchört eine reine lichte Quelle aus der Erde aus die Erde — der Sturm draußen war still, nur die Quelle hörte mau. — „Die Heilige ist mir „nahe (sagte sein Herz); ist die Quelle nicht ihr Bild, nicht „ihrer ewigen Thräncn Ebenbild, dringt sic nicht aus der Erde „herauf, wo sic wohnt?" Auf einmal sah er in seiner Hand — als Hab' cs ihm eine fremde darein gelegt —> die Zeichnung von Linda's Kopf, welche Liane mit sterbenden Händen gemacht nnd gegeben hatte; aber seine Phantasie drückte gewaltsam dem Bilde die Achulichkcit mit dcr Zcichncrin auf, er sah Linnens sanftes Gesicht so klar auf dem Blatt. Er ging wieder hinaus in die glänzende Welt. „Wie „arm bin ich! (rief er.) Ich sehe Sic auf der golducn Wolke, „die von der Abendsonne nach dem Morgen zieht, ich sehe Sic i 9 „in der kalten Quelle im Thal und auf dem Mond und auf „der Blume — ick) sehe Sie überall; und Sie ruht nur an „Einem Ort. O wie arm!" — Und er blickte zum Himmel und eine einzige lauge Wolke zog darin eilig weiter. 102. Z y k c l. So flogen die Tage mit ihren Städten und Landschaften vorüber und in Albano's Leben spiegelte sich wie in einem Gedichte die Welt. Eine Kraft nach der andern, die ganze gebeugte Ernte seines Innern stand allmälig wieder ans und grünte tropfend; aber zu gleicher Zeit erstarkte auch der Dorn des Schmerzes. Während sein Auge und Geist sich mit der Welt und jeder Beute der Kcnntniß erfüllte: so wohnte das böse Gespenst der Pein in der Ruine und drang hervor, wenn das Herz allein war, und ergriff cs. Er berührte Wien, wo er sich gefallen lassen mußte, einigen vornehmen Freunden Gaspard's vorgcstcllt zu werden, der ihm erst hier entdeckte, daß er nicht zu den LmvnIIei-os cksl Durons gehöre, sondern ein österreichischer Vlicßrittcr sei. „Mir „ist es hier (sagte Albano) so sonderbar bekannt, woher kommt „das?" — „Bon irgend einer ähnlichen Stadt (sagte Gas- pard); wer viel reiset, kommt aus ähnlichen Städten in ähnliche." Täglich wurd' ihm der Vater lieber und verständlicher; und doch nicht vertrauter und näher; nach einem warmen Tage und vertranten Gespräche mit Gaspard stand man in der nächsten Zusammenkunft darauf wieder im Vorzimmer seiner Bekanntschaft; wie bei strengen Mädchen fing nach jedem Wonnc- mondstag der geschmolzene Maisrost wieder von neuem einzn- fallcn an. Das Alter achtet die Liebe, aber — ungleich der Jugend — wenig die Zeichen der Liebe. Jndeß behielt Albans den Stolz, daß er sich dem Vater ganz und mit allen Verschiedenheiten sehen ließ, ohne den Sommer vor dem Winter zn verstecken. Von Tag zu Tag fand Gaspard Briefe an sich aus den Posten, besonders von Pcstitz, wie Albano außen an den Post- Lettern ersah; denn es wurden ihm keine gegeben. Erwünschte immer mehr, der Fürstin nachzukommen, die nnr noch eine Tagereise vor ihnen voraus hatte. Sie sahen schon die Riefen des Winters, die Schweizer- nnd Tyroler-Alpen, im Lager; die Göttcrsöhne standen, mit Lauwiuen und Katarakten nnd Wintern bewaffnet, Wache um das göttliche Land, wo Götter und Menschen einander wechselseitig nachahmten. Wie oft blickte Albano, wenn Abends die Sonne sich glühend mit den bcschneicten Alpcnhöhcn vermischte, schmerzlich ergriffen nach diesen Thronen hin, die er einmal ganz anders, viel gold- ner, so hoffend und so glaubend, von Isola Ixckln angeschauct. — Die Höhen deiner Vergangenheit, sagt' er sich, sind auch weiß nnd keine Alphörner tönen mehr droben nntcr sonnenhellen Tagen und du bist tief im Thal! Sic kamen noch vor dem Volksfeste einer verspäteten Weinlese vorüber. Der Ritter erkundigte sich nach allem mit der Wißbcgierde eines Weinhändlers und mit der Kcnntniß eines Winzers. So botanisirte er überall ans der Erde nach jedem Gräschen nnd Kraut der Erkenntuiß. Albano verwunderte sich darüber, da er bisher geglaubt, Gaspard suche und lange nach nichts als nach den Paris- und Hesperidcn-Aepfeln der Kunst, weil er alle andre Früchte nnd ihr Fleisch nnd ihren Kern in seinem Stande weder zum Genießen, noch zum Säen brauchen konnte. 11 Sie versanken in die Tiefen der Tyroler Gebirge. Die Höhen standen schon ins feste weiße Leichentuch des Winters gehüllt und durch die Thälcr ging nur der kalte Sturm lebendig hin und her. Albano's Sehnen nach dem milden Lande der Jugend wuchs zwischen den Stürmen und Alpen immer höher; und Roms Bild breitete sich kolossalisch aus, je länger cs sich ihm näherte. Gaspard ließ die Reise aus Flügeln gehen, um den Regenwolken des Herbstes vorzukommen. In einer dunkeln Reise-Nacht arbeiteten sie sich gleichsam durch das Gebirge hindurch, gleich ihrem Gefährten, dem Adigo- Strom, der einen Riesen-Felsen aufrcißet und in die milde Ebene stürzt und darin sanft weiter taumelt. Die Sonne erschien — und Italien. Es hatte geregnet, eine laue Lust flatterte von den Zy- presscnhngeln durch das Thal und durch die Wcin-Gehenke der Maulbeerbäume her und hatte sich zwischen Blüten und den Früchten der Pomeranzen durchgedrängt — der Adigo schien wie eine geringelte Riesenschlange auf der vielfarbigen Landschaft an den Landhäusern und Olivcnwäldern zu ruhen und Regenbogen an einander zu setzen. — Das Leben spielte im Aether — nur Sommervögcl schweiften in dem leichten Blau — nur der Venuswagen der Freude rollte über die sanften Hügel. Albano's volle Seele ergoß sich gleichsam in das breite Bette, das ihn von der milden Ebene zu der prächtigen Roma führte! — „Wenn wir rückwärts reisen (sagte Gaspard), so erinnere dich an deinen Eintritt." — Sie hielten in einem Dorfe mit großen steinernen Häusern. Albano sah das warme außerhäusliche Leben um sich an, den unbedeckten Kopf, die nackte Brust und die blitzenden Augen der Männer — das große Schaf mit Scidcnwollc — das schwarze kleine muntre Schwein und den schwarzen Truthahn — als er plötzlich vom Balkon herab einen deutschen Gruß und seinen Namen hörte. Es war die Fürstin, ihre Wagen standen seitwärts, Bon- vcrot und Fraischdörfer bei ihr. Wie dringt cs balsamisch durchs Herz, im fremden Lande, und sei cs das schönste, den Bruder, die Schwester des ranhcrn wicdcrznfindcn, gleichsam in der zweiten Welt den verwandten Erdcnsohn! — Auch der Adigo, der vorher ihn im wilden Gebirge unter dem Namen Etsch begleitet hatte, folgte ihm mit dem schöner» in die Ebene nach. Die Fürstin schien ihm, er wußte nicht warum, milder, jungfräulicher geworden in Gestalt und Blick, und er warf sich seinen früher» Jrrthnm vor. Aber er beging einen später»; über ihre stark gezeichnete Physiognomie stiegen hinter Wien die welschen schärfer» empor, und die schreienden Farben, worein sic sich gern kleidete, wurden von den italiänischcn übcr- schriccn. Ein fremder Boden ist ein Rcdontcn- und Brnnncn- saal, wo nur menschliche Verhältnisse und keine politische walten, und in der Fremde ist man sich am wenigsten Fremdling — alles berührte sich freundlich, wie fremde Hände sich suchen und fassen unter dem Steigen von Bergen. Wie verehrend sah Albano die Fürstin an! Denn er dachte: „sie wollte die „Erblaßte mitnehmcn in daS heilende Eden. — O die Heilige „würde ja an diesem Morgen glücklich scyn und weinen mit „dem blauen Auge vor Seligkeit." — Dann that cs seines, aber nicht vor Seligkeit; und so sind die Feuerwerke des Lebens, wie die andern, immer an und auf Wasser gebanct. Da wurde in ihm der Schwur feierlich vor dem schönen Todtcn- hauptc Liancns abgelegt: „ich will der Freund ihrer Freundin 13 recht feyn!" — Eine neue Rolle des Lebens spielt der Mensch am wärmsten und besten; über nnscrn Antrittspredigtcn schwebt der heilige Geist brütend mit Taubcnflügcln — nnr später liegen die Eier kalt. Albano, noch in keine Freundschaft ein- gcweiht als in die männliche, betete die weibliche an wie ein aufsteigendes Gestirn, und für diese fand er, wie für die männliche, weit mehr Opfer-Kräfte in seiner warmen Seele aufbewahrt als für die Liebe. In der Freundschaft ist der Mann wie in der Liebe die Frau — und umgekehrt —; nämlich mehr den Gegenstand suchend als die Empfindung für ihn. Mit neuen vollen Segeln und Wimpeln — in geschmückten singenden Schiffen — mit günstigen Seitenwinden — flog die muntere Fahrt durch Städte und Auen. Nichts hängt über einen langen Neisc-Korso eine schönere Frucht- und Blnmcuschnur hin — für einen Wagen, der vorausgeht — als ein Paar Wagen, die Nachkommen. Welche Gemeinschaft der Freude und Gefahr im Nachtquartier! Welches Besprechen der Marschroute! Welche Freude über die uach- und vorfahrenden Avanturcu, nämlich über die Berichte davon! Und wie liebt einer den andern! Nur gegen Bouverot bewies Albano eine feste Kälte; aber der Ritter war freundlich. Albano, mehr unter Büchern als unter Menschen ausgewachsen, wunderte sich oft, daß ihm in jenen die Verschiedenheit der Meinungen so leicht vorübcrging, die ihn unter diesen so scharf anfiel. Am Ende fragt' ihn einmal sein Vater: „Warum benimmst du dich gegen Herrn v. Bouverot so fremd? Nichts erbittert mehr als ein besonnenes stilles Hassen, das leidenschaftlichste weit weniger." — „Weil es mein Gesetz ist (antwortete er), die ewige Unwahrheit der Menschen in ihren Verbindungen zu fliehen und zu hassen. 14 Aus bloßer Humanität sich Ungleichen gleich stellen, einem irgend einer Absicht wegen ein freundliches Gesicht machen, so scyn gegen jemand, daß man cs ihm nicht ans der Stelle hcr- anssagen darf, das ist wol ganze Knechtschaft und verwirrt den Reinsten." — „Wer nichts lieben will als sein Ebenbild (versetzte Gaspard), hat außer sich nichts zu lieben. Von Bou- vcrot (setzt' er lachend hinzu) ist doch ein braver Wirth und Reise-Kompagnon."—Albano, der sogar Menschen widerstehen konnte, die er verehrte, fragte nichts nach seinem Vater, sondern fand den deutschen Herrn nur desto verächtlicher. Dieser, ganz zu Hader und Handel geboren, hatte sich nämlich tiefe Fußstapfcn im Schnee des Ritters und der Fürstin — welche beide, wie alle lange Reisende, ungemein geizig waren — dadurch gebahnt, daß er alle Wirthc und Welsche das kntto berichtigend übersah und überlistete, und daß er sogar die Kunst verstand, zur rechten Zeit tief-grob zu scyn, indeß er vom Wirthe sich nmkchrcnd gegen die Fürstin wieder ein Mapn von Welt war wie Fontenelle oder irgend ein Franzose, der in solchen Fällen länger rechnet und flucht, als zehrt. Der Vließritter, der, wie er gestand, nie so wohlfeil gercisct, bedeckte ihn daher mit dem Lorbeer, der hier überall wuchs, und sah so heiter aus wie niemals. Nur dem Sohne war der kalte, zornige, grobe Mensch ein Vulkan, der Schlamm und Wasser auswirft. Reitet einem gekrönten Haupte oder einem klassischen Autor, der auch eines ist, eine Meile vor und überhaupt Leuten, die Geld haben und nicht schonen, und crkargt ihnen nur täglich einige Goldstücke, nie werdet ihr beide Häupter froher oder dankbarer gesehen haben als in diesem Fall! - Ncbcrall wollte Albano ausstcigcn und in große Ruinen 15 And in den Glanz dcr cntfallncn Kleinodien treten, welche den Wcltcrol'ercrn ans dein Wege nach Nom von den Triumphwagen verloren gegangen. Ader der Ritter ricth ihm an, seine Angen nnd Begeisterung zn sparen und aufzuhcbcn für Nom. Wie schlug sein Herz, als sic endlich in dcr wüsten dminpnAnr,, die voll Lava-Würfe um den Horst dcr römischen Adler, dieser über die Welt getriebnen Sturmvögel, lag, auf der Fla- minischcn Straße rollten! — Aber er nnd Gaspard fühlten sich wunderbar beklommen — den stehenden See einer schwülen Schwcsclluft glaubte man zn durchwaten, die sein Vater den Schwcfclhüttcn zu Baccano znschricb — er lcchzctc nach dem Schnee auf den fernen Bergen — dcr Himmel war schwarz- blau und still — einzelne hohe Wolken flogen pfeilschnell durch die stille Wüste — ein Mann in der Ferne setzte eine ausgc- grabcnc Urne wieder hin und betete, ängstlich gen Himmel, blickend, seinen Rosenkranz — Albano wandte sich nach den Gebirgen, denen die Abendsonne, wie aufgclvsct in stechendem Glanz, zusank. — Ans einmal ließ dcr Ritter den Postillon halten, dcr heftig die Arme, da cs unter dem Wagen noch sortrolltc, gen Himmel warf und rief: Heilige Mutter GottcS, ein Erdbeben! Aber Gaspard berührte den sonncntrnnkncn Sohn und sagte zeigend: ecco Koma! — Albano blickte hin und sah in tiefer Ferne die Kuppel dcr Pcterskirche im Sonnenglanz. Die Sonne ging unter, die Erde bebte noch einmal, aber in seinem Geiste war nichts als Nom. 16 103. Z y k e l. Eine halbe Stunde nach dem Erdstöße wickelte sich der Himmel in Meere ein und warf sic stück- und stromwcise herunter. Die nackte Lnmp.iAnn und Heide verdeckte der Regenmantel — Gaspard war still — der Himmel schwarz — der große Gedanke stand einsam in Albano, daß er dem Blut- und Throngerüst der Menschheit, dem Herzen einer erkalteten Hcl- den-Welt, der ewigen Romazncilc; und als er ans dem Uonts wolle hörte, daß er jetzt über die Tiber gehe: so war ihm, als sei die Vergangenheit von den Tobten anfcrstandcn und er schiffe im zurücklanfenden Strome der Zeit; unter den Strö men des Himmels hört' er die alten sieben Bcrgströmc rauschen, die einst von Noms Hügeln kamen und mit sieben Armen die Welt ans dem Boden aufhobcn. Endlich rückte das brcitstchende Sternbild der Bcrgstadt Gottes in Nächte auseinander, Städte mit sparsamen Lichtern lagen hinauf und hinab, und die Glocken (für ihn Sturmglocken) schlugen vier Uhr *); als der Wagen durch das Triumphthor der Stadt, die Uortn ckel Uopolo, rollte: so riß der Mond seinen schwarzen Himmel ans und goß aus der Wolken-Kluft den Glanz eines ganzen Himmels hernieder; da stand der ägyptische Obeliskns des Thors wolkenhoch in der Nacht und drei Straßen liefen glänzend auseinander. So bist du (sagte sich Albano, als sic im langen Lorso nach der zehnten Region fuhren) wirklich im Lager des Kriegsgottes; hier, wo er das Heft des Ungeheuern Kriegsschwertes faßte und mit der Spitze die drei Wunden in drei Welttheilc machte. — Guß und Glanz ') Zehn Uhr. 17 durchflogen die weiten, breiten Straßen — zuweilen kam er plötzlich vor Gärten vorbei und in breite Stadtwüsten und Marktplätze der Vergangenheit. — Das Stollen der Wagen unter dem Rauschen des Regens glich dem Donner, dessen Tage dieser Heldenstadt sonst heilig waren, gleichsam der donnernde Himmel der donnernden Erde — eingemnmmte Gestalten mit kleinen Lichtern schlichen durch die finstern Straßen — oft stand ein langer Pallast mit Säulen-Reihen im Feuer des Mondes, oft eine graue einsame Säule, oft eine einzelne hohe Fichte, oder eine Statue hinter Zypressen. Einmal, da weder Regen noch Mondlicht war, ging der Wagen um die Ecke eines großen Hauses, auf dessen Dache eine blühende lange Jungfrau, mit einem anfblickcnden Kinde an der Hand, eine kleine Handlcuchte bald gegen eine weiße Statue, bald gegen das Kind selber richtete und so wechselnd die ganze Gruppe beleuchtete. Mitten in das erhobene Gemüth drang die freundliche Gesellschaft und brachte ihm manche Erinnerungen mit; besonders war ihm ein römisches Kind eine ganz neue und mächtige Idee. Sie stiegen endlich ans bei dem Fürsten Und wenn cs vorüber ist, stehen die Todtcn und die Lebendigen erhaben in der Welt, weil sic das Leben nicht geachtet hatten. — Wenn aber der große Tag noch größer werden, wenn dem Geiste das Köstlichste kommen soll, was das Leben heiligen kann: so stellt Gott einen Epaminondas, einen Kato, einen Gustav Adolph vor das geheiligte Heer — und die Freiheit ist zugleich die Fahne und die Palme — o selig wer dann lebt oder stirbt für den Kriegs- Gott und für die Friedens-Göttin zugleich.- Lasse mich das nicht durch Sprechen entweihen. Nimm aber hier mein leises festes Wort und leg' cs in Deine Brust zurück, daß ich mir, sobald Galliens wahrscheinlicher Freiheits- krieg anhcbt, meine Nolle durchaus nehme iu ihm, für ihn. Abhalten kann mich nichts, auch nicht mein Vater. Dieser Entschluß gehört zu meiner Ruhe und Existenz. Aus Ehrgeiz ergreif' ich ihn nicht; obwol aus Ehrliebc gegen mich selber. Schon in meinen frühem Jahren könnt' ich nie das Platte Lob einer ewigen häuslichen Glückseligkeit genießen, was gewiß eher Weibern als Männern geziemt. Freilich Deine Stärke oder Gcmüthswcisc, alles Große ruhig anfzunchmcn und die Welt still in einen innern Traum zu zerschmelzen, hat wol niemand. Du schauest die Abcndwolkcn an und hernach die Milchstraße und sagst kalt: Gewölk! Kommst Du aber doch nicht zu tief in dieses Gefühl, in diese kalte Gruft hinunter? Zwar will das Gift dieses Gefühls einen überall und gerade in Rom, diesem Kirchhof so ferner Völker, so entgegengesetzter Jahrhunderte, süßer als irgendwo verzehren; aber wüßtest Du vom Vergänglichen ohne den Ncbcnstand des Unvergänglichen, und wo wohnt der Tod als im Leben? Lasse verstirben und versiegen! es gibt doch drei Unsterblichkeiten — wicwol Du die erste, die überirdische, nicht glaubst — die unterirdische (denn das All kann verstäuben, aber nicht sein Staub) — und die cwigwirkcndc darin: 'die, daß jede That viel gewisser eine ewige Mutter wird, als eine ewige Tochter ist. Und dieser Bund mit dem Universum und mit der Ewigkeit macht der Ephemere Muth, in ihrer Flug-Minute das Blütenstäubchcn weiter zu tragen und ansznsäcn, das im nächsten Jahrtausend vielleicht als Palmcnwald dastcht. Ob ich mich meinem Vater entdecke, ist mir noch zweifelhaft, weil ich cS noch darüber bin, ob ich seine bisherigen Aenßcrungcn gegen die Ncusrankcn für scharfen Ernst zu nehmen habe oder nur für die scherzhafte Kälte, womit er sonst 3 * 36 gerade seine Gottheiten — Homer, Raphael, Zäsar, Shak- spearc — aus Ekel gegen den nachsprcchcrischen Götzendienst, den der Pöbel der wahren Hoheit wie der falschen erweiset, im Munde führet. — Grüße meinen braven mannhaften Wehrsritz und crinncr' ihn an unser Bundesscst am Zcitungstage der niedergerissenen Bastille. Lebe wohl und bleibe bei mir! Albano." An dein Abende dieses Brieses ging er mit seinem Vater in eine Oonversntious im iLaln^o Lolonna; — hier fanden sie die schwarz-marmorne Gallcrie voll Antiken und Gemälde ans einem Kunst- und Gesellschaftszimmer in einen Fechtbodcn verkehrt, alle Arme und Zungen der Römer waren in Bewegung und Kampf über die neuesten Entwicklungen der gallischen Revoluzion, und die meisten für sic. Es war damals, wo fast ganz Europa einige Tage lang vergaß, was cs aus der politischen und poetischen Geschichte Frankreichs Jahrhunderte lang gelernt hatte, daß dasselbe leichter eine vergrößerte als eine große Nazion werden könnte. Der Ritter allein gab sich lieber den Kunstwerken als dem leeren Gefechte seiner Nachbarschaft hin; endlich aber hört' er von weitem, wie Albano, gleich allen damaligen Jünglingen, der Himmels-Königin, der Freiheit, jauchzend nachzog, unter den ewigen Freien und ewigen Sklaven mitgchend nach der damaligen Gleichheit: da trat er näher und merkte nach seiner Weise an: „die Re- volnzion sei etwas sehr Großes; er finde indeß an großen Werken, z. B. an einem Coliseo, Obeliskus, an dem Flor einer Wissenschaft, an dem Kriege, an der Höhe der Astronomie, der Physik weniger als andere zu bewundern, denn blos die Menge in der Zeit oder im Raume schaff' es, eine bc- 37 trächtlichc Vielheit kleiner Kräfte. Aber nur große achte man*). In der Rcvoluzion sch' er mehr jene als diese — Freiheit werde an Einem Tage so wenig gewonnen als verloren; wie schwache Individuen im Rausche gerade ihr Gegcn- theil wären, so gcb' cs auch wol einen Rausch der Menge durch die Menge." — Bonverot versetzte darauf: „das ist ganz meine Meinung auch." Albano antwortete recht sichtbar nur seinem Vater — weil er den deutschen Herrn tief verachtete und ihn ganz unwürdig des Genusses hoher Kunstwerke hielt, wofür er vornehmen Geschmack mitgcbracht, obwol keinen Sinn — und sagte: „lieber Vater, die 12000 Inden entwarfen nicht das Colisco, das sic bauctcn, aber die Idee war doch irgendeinmak ganz in Einem Menschen, im Vespasian; und so muß überall den konzentrischen Richtungen kleiner Kräfte irgend eine große verstehen und war' cs Gott selber." — „Dahin (sagte Gas- pard), wo alles Göttliche verlegt wird, magst du es denn auch versetzen." — Bonverot lächelte. — „Der gallische Rausch (versetzte Albano heftig) ist doch wahrlich kein zufälliger, son- -*) Die Summe und das System elektrischer, galvanischer, chemischer, anatomischer Erfahrungen, die Taktik, ein corpus snris u. s. w. können uns wol in Erstaunen setzen, aber die Menschheit selber erscheint nicht größer durch Niescngcbäudc, die von Millionen El ephan t en a m eise n zusammengetragen werden; allein wenn Ein Elcphant ein Gebäude trägt, wenn ein Individuum irgend eine -Kraft in neuen Graden und Verhältnissen zeigt, Newton die mathematische Anschauung, Raphael die bildende, Aristoteles, Lcssing, Fichte den Scharfsinn, oder ein anderes die Güte, die Festigkeit, den Witz u. s. w.: dann gewinnt die Menschheit und ihre Schranken rücken hinaus. 38 Lern ein Enthusiasmus in der Menschheit und Zeit zugleich gegründet, woher denn sonst der allgemeine Anthcil? — Sie können vielleicht sinken, aber um höher zu fliegen. Durch ein rothes Meer des Bluts und Kriegs watet die Menschheit dem gelobten Lande entgegen und ihre Wüste ist lang; mit zerschnittenen, nur blutig-klebenden Händen klimmt sie wie die Gemsenjägcr empor." — „Die Gemsenjägcr selber (sagte der Ritter) thun das mehr, wenn sie von der Alpe herab wollen; indcß sind solche Hoffnungen reizend und wir wollen gern ihre Erfüllung wünschen." — „8i»nor Eonte (setzte Bouvcrot dazu) nannte sehr gut den Ausstand einen Rausch. Man schläft ihn aus; aber am Morgen ist manches zerbrochen und zu bezahlen." — „Rausch? (sagte Albano.) Welches Beste ist nicht im Enthusiasmus geschehen, und welches Schlechteste nicht in der Kälte? — Welches, Herr von Bouvcrot? Ja es gibt einen gräßlichen, grimmigen Seelen-Frost, so wie einen ähnlichen physischen, der wie die größte Hitze schwarz und blind und wund macht*); so etwas wie die französische Tragödie, kalt und doch grausam." — „Du näherst dich dem Tragischen, Sohn (unterbrach ihn Gaspard und schützte den deutschen Herrn). Wir dürfen von den Franzosen recht viel politische Sagazität erwarten, zumal in der Noth; das ist ihre Stärke. Darin kommen sie den Weibern bei. Auch sind sie wie die Weiber entweder ungemein zart, sittlich nnd human, wenn sic gut sind, oder wie diese eben so grausam und roh, wenn sie außer sich kommen. — Es läffct sich weissagen, daß sie in einem Freiheitskriege, wenn er ansbrächc, an Tapferkeit cs allen Parteien zuvorthnn *) In Grönland macht die heftige Kälte schwarz und blind. 39 werden. Das wird sehr blenden, da doch nichts seltener ist als ein feiges Volk. Man lernt die Kricgstapscrkcit gcmäsiigt schätzen, wenn inan sieht, das? die römischen Legionen, gerade als sic feil, schlecht, sklavisch nnd zur Hälfte Freigelassene waren, nämlich unter dem Triumvirat, mnthigcr stritten als vorher. Für den unbedeutenden Mordbrenner Katilina stritten nnd starben die Bürger bis auf den letzten Marin und nur Sklaven wurden gefangen." — Diese Rede drückte ein heißes Siegel ans Mbano's Mund; cs schien ordentlich, als errathe ihn der Vater und mache sich die alte Freude, wie ein Schicksal einen Enthusiasmus zu erkalten nnd Erwartungen Lügen zu strafen, sogar trübe. Der beleidigte, sich selber ansbrenncnde Geist blieb nun fest vor Gaspard nnd Bonvcrot zngedcckt. Aber seinem Dian zeigt' er alles am Morgen darauf; er wußte, wie dieser mit dem Arme eines Künstlers nnd Jünglings zugleich die Frcihcitsfahnc trug und schwang, und darum brach er vor ihm das dunkle Siegel seines bisherigen Trübsinns ans. Er gestand dem gclicbtcstcn Lehrer den großgc- wachscnen Vorsatz, sobald der unhcilige Krieg gegen die gallische Freiheit, der jetzt seine Pcchkränze in allen Straßen der Stadt Gottes anshing, in Flammen schlage, an die Seite der Freiheit zu treten nnd früher zu fallen als sic. „Wahrlich, Ihr seid ein wackerer Mensch (sagte Dian). — Hätte ich mir nicht Kind nnd Kegel ausgehalsct, bei Gott! ich zöge selber mit. Der Alte, wie dergleichen, sicht viel nnd hört schlecht. Wittern soll er nichts und seine Bestie von kknriMlto auch nicht." Den Knnstrath Fraischdörfcr meint' er, den er mit Künstler-Eigensinn ewig vcrabschcncte, weil der Kunstrath schlechter malte und besser kritisirte als er. „Dian, Euer 40 Wort ist schön gesagt, ja wol macht das Alter physisch und moralisch weitsichtig für sich und taub gegen den andern" (sagte Albano). — „Hab' ich gut gesprochen, Albano? Aber wahrlich, so ist die Sache," sagt' er, sehr erfreuet, bei seinem Mißtrauen in seine Sprache, über das Lob ihrer Schönheit. Nach einiger Zeit sagte der Ritter, gleich als sehe er durch das Siegel hindurch, einige Worte, die den Jüngling auf allen Seiten griffen: „Es gibt (sagt' er) einige wackere Naturen, die gerade ans der Gränzc des Genies und des Talentes stehen, halb zum thätigcn, halb zum idcalischen Streben ausgerüstet — dabei von brennendem Ehrgeize. — Sic fühlen alles Schöne und Große gewaltig, und wollen cs aus sich wieder erschaffen, aber cs gelingt ihnen nur schwach; sic haben nicht wie das Genie Eine Richtung nach dem Schwerpunkt, sondern stehen selber im Schwerpunkte, so daß die Richtungen einander aufhcbcn. Bald sind sie Dichter, bald Maler, bald Musiker; am meisten lieben sic in der Jugend körperliche Tapferkeit, weil sich hier die Kraft am kürzesten und leichtesten durch den Arm ausspricht. Daher macht sie früher alles Große, was sic sehen, entzückt, weil sic es nachzuschaffen denken, später aber ganz verdrießlich, weil sic cs doch nicht vermögen. Sic sollten aber cinsehcn, daß gerade sie, wenn sie ihren Ehrgeiz früh cinzulcnken wissen, das schönste Loos viclartiger und harmonischer Kräfte gezogen; sowol zum Genüsse alles Schönen, als zur moralischen Ausbildung und zur Besonnenheit ihres Wesens scheinen sic recht bestimmt zu scyn, zu ganzen Menschen; wie ctwan ein Fürst scyn muß, weil dieser für seine allscitige Bestimmung allseitig«: Richtungen und Kenntnisse haben muß." Sic standen gerade, als er dieß sagte, auf dem Avcnti- nischcn Berge, vor sich die Cestins-Pyramide, dieses Epitaphium des Ketzer-Gottesackers, worin so mancher unausgcbil- detc Künstler und Jüngling schlaft, und nahe dabei der hohe Schcrbcn-Bcrg *) (inonts testnccio), wovor Albano immer mit einem ekeln kahlen Gefühl schaler Oedheit vorbeiging. Der Stoß der väterlichen Ideen gegen seine und die Verwandtschaft des Scherben-Bergs mit dem Fremdcn-Kirchhof machten, daß Albano mehr sich als dem Vater antwortete, mit einem geschmolzenen Eisen-Tropfen des Unwillens im Auge: „ein solcher namenloser Töpfer-Berg ist im Ganzen auch die Geschichte der Völker.— Aber man möchte sich doch lieber ans der Stelle tödten als erst nach einem langen Leben sich so namcn- und thatcnlos in die Menge eingrabcn." —> Seit seiner Einigkeit mit sich selber wurd' er glücklicher; mit Eifer that er sich schon jetzt zum Werk, seiner Natur gemäß, die, wie im Samenkorn, Stamm und Wurzel aus Einer Samcnspitze trieb, Gedanken und Thaten. Er warf alles andere Treiben weg und studirtc alte und neue Kriegskunst, wozu ihm Dian die Bücher und das Museum borgte und lieferte. Mit namenloser Entzückung und Erhebung durchlief er wieder die Sonnenkarten der römischen Geschichte, hier auf dem ausgebrannten Sonncnkörper selber, und oft, wenn er ihre Entzündungen gezeichnet las, stand er eben in den Kratern, wo sie ausgegangcn waren. Dian gab noch dazu seine Kcnntniß des kleinen Dienstes und sich gern zu körperlichen Uebungcn her, wenn er ihn vorher zu dem Gottesdienste unter Naphacls-Knnsthimmcl hinauf- *) Wohin seit Servius Tullius Zeit alle Scherben geworfen werden. 42 gezogen, wo Grazien wie Sternbilder im hohen Aethcr gehen; denn bei Dian war Leib nnd Seele Ein Guß, der "weichste Augcnnervc nnd härteste Armmnskel Ein Band. Zuletzt führt' er, da ihm ein Wort viel sauerer wurde als eine That und da er lieber den ganzen Leib als die Zunge regte, dem Grafen einen rednerischen Kriegs-Genossen zu, einen korsischen Jüngling, lebendig wie aus lauter Mark des Lebens geformt. Beide Jünglinge liebten und übten sich eine Zcitlang in romantischer Freiheit, ohne einander nur die Namen abzufragen. Sie fochten, lasen, schwammen. Der Korse vergötterte fast Albano's Gestalt, Kraft, Kopf und Muth, nnd goß sein ganzes Herz in eines, das er nicht ganz faßte; wie viele Mädchen nirgends als in der Liebe, so zeigte er nirgends als im Kriegsspiele Seele und Sinn. Albano's Helles Gold spiegelte gefällig die fremde Gestalt zurück, ohne wie Glas dabei die eigne zu vernichten. Einst wurde des Korsen Glut eine Flamme, die das ganze eigne Leben dem Freunde beleuchtet zeigte und seinen einzigen Zweck nnd Durst, nämlich den nach Franzosen-Blut, „den er (sagt' er) im kommenden Kriege zu löschen hoffe." Wär' ihm Albano ähnlich gewesen, so hätten sic sich wie kämpfende Hirsche in die Geweihe tödtlich verwickelt; denn die störrische, nnbicg- same Tapferkeit des Korsen — mehr eine sinnliche, so wie Albano's seine mehr eine geistige — litt kein Gegenwert. Gleich seiner Klaffe begehrte er auf seine Rede ein recht starkes Zuwort von Albano; aber dieser sagte: „das ist eben das Große im Kriege, daß man ohne leidenschaftliche Erbitterung, ohne persönliche Feindschaft alles kann nnd wagt, was der Schwächling nur durch sie vermag; wahrlich, es wäre edler, in der Schlacht einen Geliebten als einen Gehaßten zu tödtcn." — 43 „Tolle Chimären! (sagte der Korse zornig) wie? dn willst die Franzosen tödtcn nnd sie doch lieben?" — Albano's Großsinn warf jede bange Larve ab nnd sagte: „mit Einem Wort, ich streite einst für die Gallier mit." — „Du Falscher? (sagte der Korse) Unmöglich! — Gegen mich?" — „Nein (versetzte Albano), ich bitte Gott, daß wir uns in jener Stunde nie begegnen." — „Und ich will ihn recht anflehcn (sagte der Korse), daß wir uns nicht mehr treffen als einmal mit dem Bajonct. Adio!" So schied er entrüstet von ihm nnd kam nicht wiedvr. 106. Z y k e l. Unähnlich andern Vätern war Gaspard gegen Albano seit dem ersten Kriege über den Krieg noch wie sonst, ja fast besser; mit seiner alten Achtung für jede starke Individualität nahm er cs heiter aus, daß so merklich des Jünglings Sonne in die Zeichen des Sommers trat nnd über die Erde sowol höher stieg als wärmer. Er gab ihm den nächsten Beweis dadurch, daß er unter den allmäligen Anstalten zur Rückreise nach Pcstitz ihm einen ganz unerwarteten Wunsch der — Trennung bejahte. Nämlich Albano, der jetzt wie Ephcu mit allen Blüten nnd Zweigen immer fester um und in alle Denkmäler der heroischen Vergangenheit ging, wollte nicht von Rom scheiden, ohne Neapel gesehen zu haben. Zu seiner Sehnsucht kam noch Dians Begeisterung für dicß Tochterland seines Vaterlandes, für dessen Glanz des Himmels und der Erde, für dessen griechische Trümmer, die der Baumeister den römischen vorzog. „In Rom (hatte Dian gesagt) habt Ihr nur Vergangenheit, hingegen in 44 Neapel tapfere Gegenwart — ich begleit' Euch hin und her und wir gehen zusammen nach Haus. Deun eigentlich versteht Ihr Euch doch nicht recht auf das Schöne, sondern auf die Natur, auf das Heroische und den Effekt. Da ist Neapel der Ort." Der Ritter willigte — obgleich durch Albano's Erheiterung der ganze Zweck der Reise schon gewonnen war — ohne Zögern in den Zusatz einer zweiten unter der Bedingung, daß er nicht länger als einen Monat nachblcibe. Aber dieser Zeit, wo sich seine innere Welt so harmonisch stimmen durfte, kamen feindliche Mißtöne immer näher, die er in der Ferne noch für Wohllaut hielt. Aus seinem unbestimmten Verhältnis mit der Fürstin entwickelte sich langsam der Mißlaut; weil jedes unbestimmte mit Weibern sich endlich hart entscheidet, seltener zu Liebe als zu Haß. Die Fürstin that und litt bisher alles, um ihm noch früher gefährlich zu werden als verständlich. Sie spielte Lianen, so gut sie wußte, nach und nahm den Nonuenschlcier einer religiösen Jungfräulichkeit aus ihrer Bühnen-Garderobe hervor, obgleich genialische Weiber meistens ungläubig find wie genialische Männer gläubig. Sic machte ihn zum Vertrauten ihrer — Vergangenheit und gab die Geschichte derer, die für sie gestorben waren, oder doch verschmachtet, nach weiblicher Art mehr froh als reuig; nur das Verhältnis! mit seinem Vater ließ sie schonend hinter einem rührenden Lcichcnschlcier auf- crstchcn, und ahmte überhaupt dem Sohne in der Achtung für den Ritter nach, den sie innerlich bitter haßte. Wenn Albano stundenlang die Gegenwart vergaß und starr ins Opferfeucr der Vergangenheit und Kunst blickte und ihr ans den Bergen seiner Welt Flammen zeigte, die nicht auf ihrem Altar brannten, so begleitete sie ihn geduldig auf diesem Kunst-Wege und 45 hielt nur, wo sic konnte, vor Stellen an, wo man einige Aussicht in die — Gegenwart hatte. Er wurde täglich' ihr wärmerer Freund, ohne sic nur zu crrathcn. Nur ein Mann — keine Frau — kann eine fremde Liebe gänzlich übersehen; die lang übersehene wird dann selten oder nie eine crwicdertc. Albano war zu zart, um in der Geliebten seines Vaters und in der Frau eines Andern und in einer Freundin seiner eignen Geliebten diesen Wunsch einer Unschicklichkeit voransznsctzen. Auch setzt' er ans seinen Werth immer ein eben so kleines Vertrauen als auf sein Recht ein großes. Sie zweifelte, aber verzweifelte nicht an einer wärmern Gesinnung. Ein Weib hofft so lange, als ein zweites nicht mit hofft. Albano's nächtliche Besuche des Kapitols und Co- lisco's wurden von nachgeschicktcn Augen immer seines edlen Charakters würdig befunden. Täglich lieber wurd' ihr der feste Jüngling durch sein neues Aufblühen und durch seine männliche Entwickelung. Zuweilen hoffte sie stark, von seiner freundschaftlichen Redlichkeit und von jener heroischen Schwcr- muth bestochen, die ihr sonst ans keiner Ferne und Nähe zu erklären war. Dieses ihr ungewohnte Ans- und Niedcrstcigcn auf ihren Wellen erschütterte ihre Gesundheit und ihren Charakter, und sic wurde wider Willen der Liane ähnlicher, mit deren Tanbengcfiedcr sie sich anfangs nur weiß schmücken wollen — der glänzende Sonncnrcgenbogcu wurde ein Mondregcn- bogen — sie warf mit ihren starken Kräften die Hälfte ihres vorigen Selbstes weg, die Putz-, Kunst- und Gefallsucht — und sic wurde heftig getroffen, wenn eine Römerin mit südlicher Lebhaftigkeit oft hinter dem vorbeigchcndcn Grafen ausries: wie schön er ist! — Schwer wurde sie für ihr früheres 46 muthwilliges Lustspiel mit fremden Herzen und Leiden gezüchtigt durch das eigne; aber in solchen dunkeln Tagen wurzelt eben die Liebe mehr, wie man Bäume am besten an wolkigen impft. Albano merkte ihre Veränderung; die reizende Schwermut!) ihres sonst kräftigen Gesichts, dieser Wicdcrschein ihres stillen Nebels, bewegte ihn zur theilnehmcnden Frage über ihr Glück. Sie antwortete immer so verworren und verwirrend — zuweilen sogar bei Albano's Scharfsinn mit dem Glauben an dessen Verstellung und Bosheit — dasi sie ihn in den sonderbarsten Jrrthum führte. Nämlich bei so großer Gewißheit, daß ein Erdschattc durch ihr ganzes jetziges Leben gehe und nicht rücke, mußt' er den Weltkörper dazu suchen; — dieser ward ihm Gaspard, den sic, wie er glaubte, noch liebe. Er führte diese Vcrmuthnng leicht durch alle ihre frühem Gespräche und Blicke hindurch; cs war so natürlich, daß die früher durch einen Thron Getrennten sich jetzt im schönen Lande der freien Verhältnisse wieder znsammcnschnten; — noch dazu hatte der Ritter nach seiner unerbittlichen Ironie ihren Schein, ihn zu suchen, auch mit Schein, nämlich mit Ernst ausgenommen und sich daher immer zu ihrem Genüsse des Sohnes als Zukost gesetzt und einen Nachwinter in den Frühling verlegt; — diesen doppelten Schein rief sich Albanö zurück als doppelte Wahrheit. — — Da trat das Schicksal Plötzlich unter seine neuen Schlüsse — sein Vater wurde bedenklich krank an einem entnervenden Frühlingsficber unter dem Lcirocco-Wind. „Nimm keinen besonder» Thcil (sagte Gaspard zu ihm) weder an meinen Leiden noch Acnßcrungcn; ich habe in solchem Zustande eine Er- 47 wcichung, deren ich mich nachher schäme nnd doch nicht erwehre." Albano wnrde von manchen unerwarteten Hcrzcns- Ausbrüchcn des kranken Mannes bis znr wärmsten Liebe bewegt. Wenn die Ruinen eines Tempels wehmüthig begeistern, dacht' er, warum sollen cs mich nicht noch mehr die Ruinen einer großen Seele? Es gibt Menschen, voll kolossalischcr Ueberrcste, gleich der Erde selber; in ihrem ticscn schon erkalteten Herzen liegen versteinerte Blumcnbildcr einer schönem Zeit; sie gleichen nordischen Steinen, ans welchen Abdrücke indischer Blumen stehen. — Die Krankheit grub unter sich. Gaspard blieb ohne Thcil- nahmc an sich selber; nur seine Geschäfte, nicht sein Ende, bekümmerten ihn. Mit seinem Schwiegervater Lanria hielt er geheime Unterredungen, um auf sein Leben das schwarze Gerichtssicgcl schließend zu drücken. Ein Eilbote mußte fertig stehen, um nach seinem Todcsangcnblick mit einem Brief zu Linda zu fliegen, sein Sohn sollte einen selber erbrechen und einen versiegelten an die Fürstin übergeben. Sehr hart und gebietend benahm er sich gegen diesen, als er von ihm den Eid begehrte, sogleich nach seinem Tode nach Pcstitz abzu- reiscn. Denn da Albano, der so gern Neapel sah und dem alle diese den väterlichen Tod voraussctzcndcu Bedingungen schwer ankamen, zögernd weigerte: so sagte Gaspard: „das sei so recht menschlich und üblich, fremde Schmerzen ungemein zu beklagen und redlich mitzufühlcu, sic aber ohne Anstand zu schärfen, sobald das Geringste gcthan werden solle." Albano gab das Wort und den Eid; und zeigt'cs ihm nie mehr, wenn er weinte aus Kindesliebe. Unerwartet erschien vor diesem Krankenbette Gaspards nächster und frühester Anverwandter, sein Bruder. Albano stand 48 dabei, als das seltsame Wesen ankam nnd den Todtkrankcn ansprach nnd zwei starre gläserne Augen, als waren sie eingesetzte, weit von dem wcgdrehte, womit cs redete — so phantastisch und doch voll kalter Welt gegen den sterbenden Bruder — mit Hangender Gcsichtshaut auf bedeutenden Gesichtsknochcn — ein aufgcrichteter falber Währwolf, erst aus der thicrischcn Haut iu die menschliche getrieben -— gleich dem Würgengel, ein Wnrgmcnsch nnd doch ohne Leidenschaft. — Es streckte nach Albano die lange Hand aus, aber dieser, vou etwas Unnennbarem abgcstoßcn, konnte sie nicht ansasscn. Dieser Bruder sagte, er komme vou Pestitz — übergab zwei Briefe daraus, eiueu an Gaspard, einen für die Fürstin — und fing an, einiges über seine Reisen zu sagen, was ungemein scharfsinnig, phantastisch, gelehrt, unglaublich uud oft recht unverständig schien. Einmal sagte Albano: „das ist geradezu unmöglich." Er fing die Erzählung wieder an, machte sic noch unglaublicher und bcthcucrte, es sei so in der That. Darauf ging er fort, wie er sagte, nach Griechenland uud nahm vom sterbenden Bruder den kühlsten Abschied. Gaspard sagte jetzt zu Albano: „er möge nach seinem Tod diesen Sonderling, wenn er ihm nahe komme, recht wägen oder lieber meiden, da er nie ein wahres Wort sage, blos aus reiner Freude an reiner Lüge ohne Eigennutz; noch mehr (fuhr er fort) weiche dem tiefen tödtlichen Skorpionstachcl Bonverots aus, so wie seinem betrügerischen Spiel." Albano wunderte sich über die Ansicht dieser Anrede (freudig über die moralische Schärfe), da er bisher ganz andere Gesinnungen für Bouve- rot im Vater anzutrcffcn geglaubt. Am Tage daraus fand er den Vater schon wieder auf der Treppe aus der Gruft. Der Eilbote wurde abgedankt — alle 49 Briefe zurückgcfordcrt — der Fürst Lauria stand heiter da —: „blos eine fremde Krankheit hat meine geheilt" sagte der Vater. Der Brief, den ihm der Bruder aus Pcstitz gebracht, hatte die Nachricht enthalten, daß sein alter Freund, der da- sige Fürst, der letzten Stunde schnell zncilc, weil man seine Wassersucht blos für Ilmü>o»point gehalten und ihn versäumet habe. — „Ich hoffe (sagte Gaspard) durch meinen Anthcil so heilsam erschüttert zu sehn, daß ich noch früh genug die Reise zur letzten Stunde der Freundschaft zu machen vermag." Er setzte dazu, daß dann diese Reise wieder Bahn zu Albano's seiner nach Neapel mache. Da kam die Fürstin in der Bestürzung über den Brief, der ihres Gemahles Gefahr und ihre Abreise ansagtc. — Gaspard antwortete mit einem verlangenden Winke zur Einsamkeit, den er dem Sohne gab. Sie blieben lange allein. Endlich kam die Fürstin verändert wieder und bat ihn fast stotternd, heute sic in die Opeim 8erla zu begleiten. Sie war bewegt und verlegen, ihre Angen schimmernd, ihre Züge begeistert; — auch den Vater fand er aufgeregt, aber wie gestärkt. Hier schoß ihm ein langer Mittagsstral durch den ganzen bisherigen Jrrwald, nämlich die bestätigte Vcrmuthung der Liebe seines Vaters, die jetzt durch die annahende Lösung der Ehckettc der Fürstin und in der kränklichen Erweichung stärker ausgebrochcn sei; daher Gaspards Brief an die Fürstin, daher ihr Beisammcnblciben in Nom und aus dem Wege dahin u. s. w. Nie liebte Albano seinen starken Vater mehr als nach dieser Entdeckung einer zärtcrn Gesinnung; und gegen die Fürstin wurde nun sein Herz aus eiucm Freunde aus einmal ein Sohn. Da er ohnehin von den fünfTreffern der mensch- Jcan PaiMs ausgew. Werke. XN. ^ lichcn Erb-Liebe nur einen, den Vater, (keine Mutter, keinen Bruder, keine Schwester und kein Kind) gewonnen: so war er so neu entzückt über den Gewinn einer Mutter. Was die Achtung thnn, die Wärme sprechen und die Hoffnung verrathen durste, das ließ er zu. Es war eine Nacht, wo iu Rom schon wieder der Frühling Blumen durch die Wolken des Winters warf. Im Schau- spiclhause gab man Mozarts Tito. Wie nimmt den Menschen auf fremdem Boden das vaterländische Lied dahin, das ihm nachgczogcn! Die Lerche, die über römischen Ruinen gerade so singt wie über deutschen Feldern, ist die Taube, die uns mit ihrem bekannten Gesang den Oelzwcig aus dem Vaterland bringt. — Bis hichcr hatte Albano, auf dem Alpenwegc über Ruinen, das Auge straff nur durch die künftige Kriegs-Laufbahn blicken lassen und cs selten gen Himmel gehoben, wo die verklärte Liane war, und hatte gewaltsam jede Thräne darin zerstäubt. Aber jetzt hatte der kranke Vater den Vorhang des unterirdischen Bettes aufgezogen, wo ihre Hülle schlief. Nun drang aus einmal der Helle Strom der Töne, der durch seine Jngcndländer, iu seinen Paradiesen gegangen war, über die Gebirge herüber und rauschte mit den alten Wellen herab so nahe an ihm. Anfangs wehrte sich sein Geist gegen die alte eingcschlafne Zeit, die im Schlummer sprach; aber als endlich die Töne, die Liane selber einst vor ihm gespickt und gesungen hatte, über die Bahre der Gebirge herüber kamen und sich herunter hingen als glänzende Teppiche der goldncn Tage; als er daran dachte, welche Stunden er und Liane hier gefunden hätten, aber nicht fanden: da lief der schwarze Gram wie ein böser ausplünderndcr Genius die Tonleiter hinaus, und Albano sah seinen entsetzlichen Verlust hell 51 im Himmel stehen. Da kehrt' er das Auge nicht gegen die Fürstin, aber in der Weihe der Töne drückt' er die Hand, an der einst die Verklärte hatte in diese Gefilde kommen sollen. Spät sagte er: „ich werde mich im reichen Neapel immer sehnen nach meiner einzigen Freundin und den Glücklichen beneiden, der sie begleiten darf." Sie kam in große Bewegung über diese neue Nachricht von seinem trennenden Abweg, und in eine noch größere über seine leidenschaftliche Veränderung^ die fic, mit der reichsten Aussteuer für ihre zartesten Hoffnungen, aus ihrer Abreise und sogar aus ihres Gemahls bevorstehender hcrzulcitcn wußte. Aber sic verbarg die größere Bewegung hinter die kleinere. Beide schieden mit gegenseitigen Freuden und Jrrthümern aus einander. Albano wurde immer seliger durch den genesenden Vater; die Fürstin' wurd' es durch den wärmcrn Sohn, und ihr Leben stieg aus dem Kriegsschiff in ein fliegendes Friedcnsschiff über. So kamen beide immer dichter an den Vorhang, dessen Gemälde sie für die Bühne selber hielten, um desto mehr zu staunen, wenn er aufging. 107. Z y k e l. Im Ritter war das vertrocknete Bette des Lebens wieder reichlich angeqnollen durch die Erschütterungen seines Herzens; — eben weil er in gesunden Tagen sich gleich Bergen durch Eis und Moos zusammcnhiclt, so stellte in kranken, schien cs, eine rechte innere Bewegung leichter die alte Kraft und Ruhe wieder her. Er rüstete sich zum Reisen, das am besten seinen eigensinnigen Körper aus- und nachbauete. Die Fürstin verschob das ihrige von Tag zu Tag, blos in der festen, feurigen Erwartung, Albano werde ihr das schönste Endwort ihres 4 * 52 ganzen Lebens mitgebcn aus den Weg. In Albano war die Sehnsucht nach — Spanien aufgcwacht im blühenden Land, und Neapel, hofft' er, werde sie stillen. Der Frühling dämmerte schon in Rom und ging ans in Neapel — die Nächte durchsang die Nachtigall und der Mensch — und die Mandcl- bänme blühten überall. Aber cS schien, als ob die drei Menschen mit dem Reisen aus einander warteten. Konnte die Fürstin von dem Herzen eilen, aus welchem ihr Daseyn blühte nnd wurzelte, sie gleich einem abgerissenen Rosmaricnzwcigc, dessen Wurzeln zugleich mit denen eines keimenden Waizenkorns doppelt in die Erde greifen? — Auch Albano wollte nicht die Stunde beschleunigen, die ihn zugleich von dem Vater und der Freundin in ferne Erd-Ecken warf, jene in den Nachwinter, ihn in den Vor- und Nachfrühling; — gerade jetzt am wenigsten; sein Geist hatte sich durch den Entschluß zum Kriege befriedigt und versöhnt mit sich, sein Portici war glänzend aufgebanct aus dem verschütteten Hcrknlanum seiner Vergangenheit. Ein Brief von Pcstitz entschied — der todtkrankc Fürst schrieb an die Fürstin und bat um das Wiedersehen — der Brief war ein Feuer, das den gemeinschaftlichen Boden nnd wer darauf stand auseinander sprengte — die drei Verbündeten faßten den Schluß, an Einem Tage abzurciscn, an Einem Morgen, so daß Eine Morgenröthc ihr Gold zugleich in drei Rcisewagcn würfe. Noch etwas begehrte die Fürstin am Abend vor der Abreise, am Morgen Albano's Begleitung auf die Peterskuppcl; sie wollte Rom noch einmal in die scheidende Seele fassen, wenn es Morgenroth nnd Morgenglanz bedeckten. Auch Albano wollte gern den Most einer feurigen Stunde trinken, der sich 53 zu einem ewigen Wein für das ganze Leben anfhcllt; denn er wußte nicht, daß die lebhafte Fürstin — noch lebhafter durch Italien — nach langem Harren auf das schönste Wort von ihm, endlich zornig sich in eine Abschiedsstunde wagte, in der cS ihm entfahren sollte. Früh vor Sonnenaufgang, wo in Rom noch mehrere cin- schlafen als ausstehcn, holte er sic ab; nur ihre treue Haltcr- mann begleitete sic. Von der durchwachten Nacht glühte sie noch und schien sehr bewegt. Rom schlief noch; zuweilen begegneten ihnen Wagen und Familien, die eben ihre Nacht beschließen wollten. Der Himmel stand kühl und blau über dem dämmernden Morgen, dem frischen Sohn der schönen Nacht. Der weite Zirkus vor der Pctcrskirche war einsam und stumm, wie die Heiligen auf den Säulen; die Fontaincn sprachen; noch ein Sternbild erlosch'über dem Obeliskus. -— Sic gingen die Wendeltreppe von anderthalb hundert Stufen auf das Dach der Kirche und kamen aus einer Gasse von Häusern, Säulen, kleinen Kuppeln und Thürmen durch vier Thü- rcn in die ungeheuere Kuppel — in eine gewölbte Nacht — unten in der Tiefe ruhte der Tempel wie ein weites finsteres einsames Thal mit Häusern und Bäumen, ein heiliger Abgrund, und sic gingen nahe vor den musivischen Riesen, den farbigen breiten Wolken am Himmel des Doms vorbei. Während sie in der hohen Wölbung stiegen, blinkte immer röthcr Anrorcns Goldschanm an den Fenstern, und Feuer und Nacht schwammen im Gcwölb' in einander. Sic eilten hoher und blickten hinaus, da schon ein einziger Lebensstral wie aus einem Auge hinter dem Gcbirg in die Welt zückte — um den alten Albaner rauchten hundert 54 glühende Wolken, als gebäre sein kalter Krater wieder einen Flammcntag, und die Adler flogen mit goldnen in die Sonne getauchten Flügeln langsam über die Wolken. — Plötzlich stand der Sonnengott auf dem schönen Gcbirg, er richtete sich auf im Himmel und riß das Netz der Nacht vor der bedeckten Erde weg; da brannten die Obelisken und das Coliscnm und Rom von Hügel zu Hügel, und auf der einsamen Campagna funkelte in vielfachen Windungen die gelbe Riesenschlange der Welt, die Tiber — alle Wolken zerliefen in die Tiefen des Himmels und goldncS Licht rann von Tusknlum und von Tivoli, und von Rebenhügeln in die vielfarbige Ebene, an die zcrstrcueten Villen und Hütten, in die Zitronen- und Eichenwälder — im tiefen Westen wurde wieder das Meer wie am Abend, wenn es der heiße Gott besucht, voll Glanz, immer von ihm entzündet und sein ewiger Thau. In der Morgenwelt 'lag unten das große stille Rom ans- gcbrcitet, keine lebendige Stadt, ein einsamer ungeheuerer Zau- bcrgarten der alten verborgnen Heldengeister, auf zwölf Hügel gelegt. — Der menschenlose Lustgarten der Geister sagte sich durch die grünen Wiesen und Zypressen zwischen den Pallästen an und durch die breiten offnen Treppen und Säulen und Brücken, durch die Ruinen und hohen Springbrunnen und den Adonisgartcn, und die grünen Berge und Göttcr-Tcmpel; die breiten Gänge waren ansgcstorben; die Fenster waren vergittert; auf den Dächern blickten sich die steinernen Todten fest an — nur die glänzenden Springwaffcr waren rege und eine einzige Nachtigall scufzetc, als sterbe sie zuletzt. — „Das ist groß (sagte endlich Albano), daß unten alles einsam ist und man keine Gegenwart sicht. Die alten Heldengeister können in der Leere ihr Wesen treiben und durch ihre alten Bogen und Tempel ziehen und oben cm den Säulen mit dem Epheu spielen." „Nichts (versetzte die Fürstin) mcmgclt der Pracht als diese Kuppel, die wir aus dem Kapitolinm gar dazu sähen. Aber nie wcrd' ich diese Stelle vergessen." „Was wär' cs sonst mit Allem (sagt' er). Ohnehin gehen die flachen Gegenden des Lebens ohne Merkmal vorüber, ans mancher langen Vergangenheit schlägt kein Echo zurück, weil kein Berg die breite Fläche stört! — Aber Nom und diese Stunde neben Ihnen leben ewig in uns." „Albano (sagte sie), warum muß man sich so spät finden, und so früh trennen? Dort geht Ihr Weg neben der Tiber her, Gott gebe in kein verschlingendes Meer! — „Und dort geht Ihrer über die Hellen Berge" (sagt' er). Sic nahm seine Hand, denn sein Ton war so bewegt und bewegend. Göttlich leuchtete die Welt von den dunkeln Frühlingsblumen bis zum Hellen Kapitol empor, und die Horcn- Glocken tönten herauf — die Freudenfcucr des Tags loderten auf allen Höhen — das Leben wurde weit und hoch wie die Aussicht — sein Auge stand unter der Thränc, aber keiner trüben, sondern unter jener, wo cs wie das Weltauge unter dem Wasser sonnig glänzt und höhere Farben hat, welche die trockne Welt verzehrt. — Er drückte ihre Hand, sic seine. — „Fürstin, Freundin (sagt' er), wie acht' ich Sie! — Nach dieser heiligen Stunde trennen wir uns -— ich möchte ihr ein unvergängliches Zeichen geben und meinem Vater ein kühnes Wort sagen, das mich und meine Achtung aussprächc und daS wol manche Räthscl löscte." Sic schlug das Auge nieder und sagte blos: „dürfen Sie wagen?" — „O verbieten Sie cs nicht! (sagte er.) So 56 manches Götterglück ging durch eine zaghafte Stunde verloren. Wann soll denn der Mensch ungewöhnlich handeln als in ungewöhnlichen Lagen?" Sic schwieg, den Morgenlant seiner Liebe erwartend, und beide gingen im fortgesetzten Handdruck von der hohen Stelle herab. Albans Wesen war eine bebende Flamme. Die Fürstin begriff nicht, warum er noch diesen Frühlingston verschiebe; er erricth sie eben so wenig, ungeübt die Weiber und deren halbe abgctheilte Wörter zu lesen, diese Bildergcdichte, halb Gestalt und nur halb Wort. — Gleichsam als wäre ein Adler ans seinem Morgcnglanz hcrabgcflo- gcn und hatte als ein Raub-Genius die Flügel über seine Augen geschlagen: so hatt' ihn der leuchtende Morgen so sehr verblendet, daß er wagen wollte, jetzt in der Abschiedsstunde zwischen seinem Vater und der Fürstin der Mittler durch Ein Wort zu werden, das beiden die Scheidewand zwischen ihrer Liebe wcgzögc. Vieles wandt' ihm seine Zartheit dagegen ein, aber gegenüber einem wichtigen Ziele verabscheute er nichts so sehr als zagende Vorsicht; und Wagen hielt er für einen Mann so viel wcrth als Gewinnen. Die Fürstin, mißverstehend, doch nicht mißtrauend, folgte ihm in des Vaters Hans, mit einer Erwartung — kühner als seine — er bekenne vielleicht gar dem Ritter die Liebe gegen sie. Sic fanden den Vater allein und sehr ernst. Albano fiel ihm, wicwol er dessen Abneigung gegen körperliche Hcrzens- zcichcn kannte, um den Hals mit den halb erstickten Worten des Wunsches: „Vater! Eine Mutter!" — Zn diesem kindlichen Verhältnis hatte sich sein bisheriges gehoben und gereinigt. „Gott, Graf!" rief die Fürstin, über Albano bestürzt und entrüstet. — Der zornfnnkclndc Ritter ergriff voll Entsetzen eine Pistole, sagte: unglückliches — aber che man nur 57 wußte, auf wen von drei Menschen er sic abdrücken wolle, faßte ihn seine Starrsncht und hielt wie eine umwindende Schlange ihn in der mörderischen Lage gefangen. „Graf, verstand ich Euch?" sagte die Fürstin wegwerfend gegen ihn, gleichgültig gegen den versteinerten Feind. — „O Gott (sagte Albano, von der väterlichen Gestalt bewegt), ich verstand wol niemand." — „Das konnte (sagte sie) nur ein Unwürdiger. Lebt wohl. Mög' ich niemals Euch mehr begegnen!" — Daun ging sic. Albano blieb, unbekümmert ob er nicht selber mit der Pistole gemeint sei, bei dem Kranken, der einer vornehmen Männer-Leiche gegenüber cntgegenstarrte, die man eben zu schminken beschäftigt war. Allmälig rang sich das Leben wieder ans dem Winter auf, und der Ritter setzte, wie Starrsüch- tigc müssen, die mit dem Worte „Unglückliches" angcfangne Anrede so fort: „Weib, von wem bist du Mutter?" — Erkenn zu sich und sah wach umher; aber schnell rann wieder die Lava des Zorns durch seinen Schnee: „Unglücklicher, wovon war die Rede? Albano entdeckte ihm mit gerader unschuldiger Seele, daß er bei dem wahrscheinlichen Tode des Fürsten auf eine Vereinigung zwischen beiden und auf das Glück, eine Mutter zu erhalten, sich die Hoffnung gemacht. „Ihr junges Volk bildet euch immer ein, man könne keine ächte Liebe haben, ohne sic nach außen zu treiben und auf jemand zu richten," versetzte Gaspard und fing an, hart zn lachen und das „scutimcutalische Mißverständnis," sehr komisch zn finden; aber Albano fragte ihn nun sehr ernst nach dem Ursprünge des scinigcn. Gaspard gab ihm diesen. Neulich in seiner Krankheit hatt' er bei der ersten Nachricht von des Fürsten naher Abblütc einen erbitterten Kampf mit der Fürstin, welche in dessen Todesfälle eine Regentschaft — oder Vor- 58 mundschast — begehrte, schon wegen der Möglichkeit eines Fürstcnhnt-Erbcn. Der Ritter sagt' ihr gerade zu, diese Möglichkeit sei eine Unmöglichkeit, und er werde mit neuen ihr unbekannten Beweisen sie ohne Weiteres angreifcn. Er gab ihr geradezu zu verstehen, daß er sogar gegen den Fall gerüstet sei, wo ein augenscheinlicher Beweis des Gegcntheils (ein Erbprinz) ihm entgegengestellet würde. Die Fürstin versetzte erbittert, sie errathe nicht, warum er sür die Haarhaarsche Linie und Erbfolge sich im Geringsten mehr bekümmere und sorge als für die Hohenflicßer. Er brachte sie bis zu Thronen; denn er konnte ohne Schonung ihr die grausamsten Worte wie Wiederhaken tief ins Herz werfen; er hatte die vollendete Entschlossenheit eines Staatsmannes, der wie ein großer Raubvogel das Opferthicr, das er nicht bezwingen oder schleppen kann, an einen Abgrund treibt und mit den Flügeln hinunterschlägt, um es drunten besiegt zu finden. Ein Leben, das, so wie es sortrückt, gleich den fortrückcnden Gletschern, alte Leichen anfdeckt! So wie der Glückliche seine Liebe eines Individuums wärmend über die Menschheit ausbreitct, so hält der Menschenfeind den stechenden Brenn- oder Frostpunkt seiner weiten Kälte gegen die Menschheit auf Einen großen Feind allein, indeß vorher jede kleinere Beleidigung dem Einzelnen vergeben und nur der gcsammtcn Menschheit angeschrieben wurde. Das war also jene geheime Unterredung, deren Spuren Albano für schönere Bewegungen genommen hatte als des Hasses. „Als du nun (sagte der Ritter jetzt gerade heraus, um mit der schneidenden Frechheit sein Hochgefühl zu strafen) die kurz- und dunkelgefaßte Anrede: Eine Mutter! hieltest, mußt' ich dich sür den Vater nehmen, und daraus magst du leicht das Uebrigc erklären." — „Vater (sagt' er), das war 59 schreiend unrecht gegen jeden;" und schied mit drei heißen Wunden, vom Dreizack des Schicksals gerissen. Beim Abschiede erinnerte ihn Gaspard, sein Wort der monatlichen Zurückkunft zu halten, und fügte noch scherzend bei: „der Alte, den man drüben schminke, sei ein deutscher Herr, womit er ehedem wol den Spaß getrieben, ihn eilig zu bekehren*)." Noch tu dieser Stunde reifete Albauo mit seinem Dian aus dem erleuchteten Rom. Auf den Höhen und auf der Pe- terskuppcl wogte herunter schwebend der blaue Himmel und lange Schatten schliefen noch, mit Thauperlcn umkränzt, auf den Blumen; aber der selige Morgen war weit zurückgeflohen ans dem harten Tage. Beide begegneten vor dem Thore einer Kreis-Menge, die um einen schönen Ermordeten stand und statt unwillig über den Mörder, freudig über die Gestalt wiederholte: hunnto « llello!**) — und Albano dachte daran, wie oft man hinter ihm gesagt: ^unnto ö llello! — *) S. Titan I. S. 26 . **) Wie schön ist er! Acht und zwanzigste Jobelperiode. Brief aus Pestitz — Mola — die Himmelfahrt eines Mönchs — Neapel — Jschia — die neue Göttcrgabe. 108. Z y k e l. ^in kleines Licht in unscrm Zimmer kann uns gegen das Blenden des ganzen himmelbreitcn Blitzes schirmen; so -raucht cs in uns eine einzige fortlcuchtcnde Idee und Tendenz, damit uns der schnelle Flammen- und Licht-Wechsel von außen nicht betäube. Hatte Albano nicht ein weit zu sehendes Ziel, einen Obcliskus in seiner Lebensbahn vor seinem Auge behalten: wie lange würde ihn die letzte Szene mit ihren durcheinander- greiscndcn Schmerzen verwirret haben! — Jetzt glich er den angezündcten Ocl- und Lorbeerblättern um ihn, deren Flammen so gut grünen wie sie selber. Dian, der fremde Schmerzen wcgtricb, weil er leicht beweglich bald aus einem Zuschauer derselben ein Mitspieler wurde, machte Albano und sich durch seine feurige Theilnahme an jeder schönen Gestalt, an jeder Ruine, an jeder kleinen Freude heiter. Er hatte die schöne seltene Gabe, auf Reisen froh zu sehn, jede Blume zu brechen, aber keine Distel; indcß der größere Theil mit der Schlafmütze unter dem Hute, von Stazion zu Stazion unter dem Fahren gähnend und im mur- rcndcn Kriege mit jedem Gesichte ganze Paradiese wie Vorhallen durchziehet. In den leeren pontiuischcn Sümpfen, worin nur Büffel gedeihen und die Menschen erbleichen, suchte Dian alles und auch seine Brieftasche hervor, um über das letzte Fischwasser des Kirchenstaats aus Petrus-Nachfischern zu kommen, ohne tödtlich cinzuschlafen. Da stieß er mit einem neu-griechischen Fluch ans einen Brief au Albano, der in einen von Ehariton cingcschlossen gewesen und den er in Nom in der Eile der Abreise zu geben vergessen; aber er lachte bald darüber und fand es gut, daß man in diesem „Tcufclsthal" etwas gegen den Schlaf zu lesen habe. Es war folgender von Nabette: „Hcrzlicbcr Bruder, man möchte wol wissen, ob Du noch ein Bischen an Deine Blumcnbühlcr denkst, da Du in dem prächtigen Italien, gewiß ganz in Deinem ILs8e6 bist, daß Du in unser aller Herzen lebst, das weißt Du längst, und Du solltest nur wissen, wie lauge wir alle bei Deinem Abschied um Dich gewcinet haben, sowol die Mutter als ich, und ein Gewisser*) denkt jetzunder ganz anders von Dir als vordem. In diesem Winter fiel viel vor. Die Ministerin hat sich von ihrem Gemahl geschieden und lebt auf ihrem Gute, zuweilen in Arkadien bei der Prinzcsse Jdoine, unser Fürst ist an der Wassersucht gefährlich krank und kann der Vater ein Stück Arbeit von der Landschaft dabei kriegen, wie er sagt. Dein Schoppe ist aus ein paar Monate verreiset mit Zurücklassung eines Briefs an Dich, den er dem Vater anvcrtranet. Er hielt sich letztlich bei uns aus in Deiner Stube und besuchte fleißig *) Noquairel. 62 die Gräfin Uomeiro. Es ist Schade für ihn, denn er meint's gnt, aber der Magister Wehmcicr und wir alle im Orte sind überzeugt, daß er in Kurzen toll wird, und er glaubt's auch und sagt, er bestelle deshalb schon sein Haus. Was die Gräfin Uomoiro anlangt, so ist sie mit der Prinzeß *) abgerciset, kein Mensch weiß aber wohin, man sagt, der Fürst Hab' ihr zu deutliche attoutloim bewiesen und sie sei lieber fort nach Spanien. Andere reden von Griechenland, aber mich versichert der Gewisse, sie sei nach Rom zu ihrem Vormund, das wirst Du nun besser wissen als ich. Der Gewisse unternahm alles Mensch- mögliche, sie zu gewinnen, thcils durch Briese, thcils selber, umsonst, keinen guten Blick könnt' er erlangen, so oft er sie auch bei conr anredcte. Das alles Hab' ich (wirst Du es glauben?) aus seinem Munde, denn er ist wieder oft bei mir und vertraut mir sein ganzes Herz. Meines aber halt' ich fest zusammen, daß nur kein Blutströpschen daraus quillt, und Gott allein sicht, wie cs darin hcrgeht und weint. Ach Al- bauo, ein armes Mädchen, das gesund ist, muß viel ausstchcn, eh' cs sterben kann. Oft kann mein Auge nicht länger trocken bleiben und ich sage dann, sein Reden thu' es, was doch thcils auch wahr ist, Dir aber zeig' ich das cke8sous ckes curtes. — Nie, nimmer kann ich mehr die Scinige werden, denn er hat nicht redlich an mir gehandelt, sondern ganz ruchlos und er weiß es auch. Es wird ihm auch kein Kuß gestattet und ich sag' ihm, er möge das nur nicht ums Gottes willen für eine coyustts Manier halten, ihn an mich zu ziehen. Die guten Eltern wissen nicht recht, was sie aus unserem Umgang machen sollen und ich fürchte, der Vater bricht los, dann Hab' ich sehr ') Julienne. 63 bittere Tage. Aber soll ich das arme kranke blaffe Gemüth auch von mir verstoßen, soll die glühende Seele wie Rauch verduftend gen Himmel steigen und sich consumiren? Wem will nicht das Herz zerspringen, wenn er bei einem ll'untin ist und sie seinetwegen sogleich beleidigt nach Hause zurücksährt, wie neulich geschah und er mir im vollen Toben sagte: gut, gut, Linda, einmal wird Dir doch um mich Dein Auge naß. Da weiß ich ja, daß er nichts Gutes meint, und ich schone ihn aus Angst davor, sollen denn die zwei Geschwister in ihrer Blüte untcrgchcn? Er wäre ihr längst nachgcrcisct, wenn er nicht täglich hoffte, sic komme wieder. Ach könnt' ich mein liebendes Herz aus meiner Brust ausrcißcn und in ihre cin- sctzcn statt des andern, damit sic ihn recht liebte mit meiner ganzen Liebe, Albano, ich wollt' es gerne thnn. Das Papier geht aber auf dieser Seite zu Ende und die Mutter will auf die andere einen Gruß schreiben. Lebe wohl, das wünscht Deine treue Schwester R a b e t t e. Wie geht es meinem thcuerstcn Sohn? Ist er glücklich, noch fromm, und gesund? Denkt er seiner treuen Pflcgceltcrn noch? Das fragt und wünscht im Namen des Vaters, und in ihrem eignen seine treue Mutter Albine v. W. ?. 8. Auch der alte Lehrer ^Velimeier grüßet seinen Liebling in fernen Landen; und wir alle freuen uns auf seine Wiederkehr. A. 64 1'. 8. Bruder, ich muß auch ciu I>. 8. mache», Schoppe hat die Bewußte gemalt, uud auch daraus entstanden 8e8ii6n. Aber ein Mchrcs Mündlich. Die Pnnzefse Jdoine fuhr diesen Winter oft zu unserer. N." . 1 - « Da Briefe sich mehr nach dem Orte, wo sic geboren, als nach dem, wo sic abgegeben werden, richten: so kommt oft, was als Same abging, schon keimend und mit Wurzeln an nach dem langen Wege und umgekehrt Blüten als trockncr Same; und jedes Blatt ist eine Doppelgcburt von zwei fernen Zeiten, der schreibenden und der lesenden. So wurde jetzt Albano unter diesem helleren Himmel, auf diesem Boden einer größern Vorzeit und mit dem Geiste voll neuer Triebfedern weniger von Rabettcns Brief, durch welchen die nordischen Wintcrnebcl zogen, erreicht und verfinstert. Die redliche Ra- bette, die linde Albine, kamen ihm nur sanft über die fremden Berge und Lüfte nach und legten an seine heiße Stirn die kühlende Hand; sein alter Schoppe stand in alter Würde vor ihm, und Liane schwebte wieder durch das hohe Blau. Gegen den verwitterten Roquairol fühlt' er nicht einmal Mitleid, sondern eine harte Geringschätzung; und Linda's standhafter Sinn war recht nach seinem, wie der stolze Blick und Gang der Römerinnen. Jetzt dacht' er über Manches heiterer als sonst und wünschte sogar, einmal jener Heroine ins Zauber-Gesicht zu schauen. In Fondi fing der neapolitanische Weltgarten an und sie fuhren auf dem Wege nach Mola in immer dichtere Blüten und Blumen. In fliegenden Blättern — vielleicht an seinen Vater, noch wahrscheinlicher an seinen Schoppe — sprach sich sein Glück und seine Seele ans; sic bewahrte gleichsam einige entfallnc Orangcnblüten des schnell durchflogncn Edens ans. Hier sind sie: Kurz vor,Sonnenuntergang kamen wir am HimmelfahrtS- tag in Mola an, der eingeborne Dian war eben so überwunden von der grünenden Herrlichkeit, die er lange nicht gesehen, wie ich, und ich glaub' ihm noch nicht, daß cs um Neapel schöner blühe und dufte. Ich ging gar nicht in die Stadt, denn die Sonne hing schon gegen das Meer. Um mich quillt der Blumcnrauch ans Zitroncnwäldern und Jasmin- und . Narzissen-Aucn — zu meiner Linken wirft der blaue Apennin seine Quellen von Berg zu Berg und zu meiner Rechten dringt das gewaltige Meer an die gewaltige Erde an, und die Erde streckt den festen Arm ans und hält eine glänzende Stadt*), mit Gärten behängen, weit ins Wogen-Gewimmel hinein — und ins unergründliche Meer sind hohe Inseln als unergründliche Berge**) hinein geworfen — tief in Süden und Osten greift ein schimmerndes Ncbelland, die Küste von Sorrento, wie ein gekrümmter Jupiters-Arm, um das Meer und hinter dem fernen Neapel sicht der Vesuvins mit einer Wolke im Himmel unter dem Mond. „Fall' auf deine Kniee, Glückseliger, (sagte Dian) vor der kostbaren Weite!" O Gott, warum nicht ernstlich cs thun? Wer kann denn im Abendscheine das ungeheuere Wellen-Reich anschauen, wie dort das Regen sich in der Ferne stillt und nur glänzt und endlich blau ") Gaeta. ") Die Insel Jschia mit dem Berg Epomco, so hoch wie der Vesuv — Kapri u. s. w. Jean Panl's ausgew. Werlc. XII. 5 66 und golden mit dem Himmel vcrschwcbt, und wie hier die Erde das weiche schwebende Feuer mit ihren langen Ländern in einen rosigen festen Erdschatten cinschlicßct, wer kann den Fcuerrcgen des unendlichen Lebens, den webenden Zauberkrcis aller Kräfte im Wasser, im Himmel, aus der Erde erblicken, ohne nicderzuknieen vor dem unendlichen Natur-Geiste und zu sagen: wie bist du mir so nahe. Unaussprechlicher! — O hier ist er in der Nähe und Ferne, die Seligkeit und die Hoffnung schimmert vor der Nebel-Küste her, und auch ans den nahen Quellen, die das Gebirge in das Meer heruntcr- gicßct, und in der weißen Blüte über meinem Haupt. O rufet denn nicht diese Sonne, von brennenden Wellen umflattert, und das Blau droben und drüben und die erglühenden Mcn- schcn-Ländcr, die Welten in der Welt, rufet nicht diese Ferne das Herz und alle seine stolzen Wünsche heraus? Will cs nicht schaffen und in die Ferne greifen und seine Lebcnsblüte vom höchsten Gipfel des Himmels reißen? Wenn cs aber sich umfleht auf seinem Boden, auch da wieder ist der Gürtel der Venus um den blühenden Umkreis geworfen, hell grünt der hohe Myrtenbaum neben seiner dunkeln Myrte, die Orange schimmert im hohen kalten Grase und oben düstet ihre Blüte, der Waizcn weht mit breiten Blättern zwischen dem Mandel- und Narzissen-Schmelze und ferne ist die Zypresse und die Palme stolz; alles ist Blume und Frucht, Frühling und Herbst. Soll ich hin, soll ich her, das fragt das Herz in seinem Glück. So ging mir die Sonne unter die Wellen hinab — die rothcn Küsten flohen unter ihre Nebel — die Welt erlosch von Land zu Land, von einer Insel zur andern — der letzte Goldstaub aus den Höhen wurde verweht — und die Ge- 67 bctglockcn der Klöster führten das Herz über die Sterne hinauf. — O wie war meines so froh und so sehnend, zugleich ein Wunsch und ein Feuer/ und in meinem Innersten sprach ein Dankgebct fort, dafür, daß ich war und bin auf dieser Erde. Nie vergesst ich das! Wenn wir das Leben wegwerfen als zu klein gegen unsere Wünsche: gehören nicht diese zu jenem und kamen von ihm? Wenn die bekränzte Erde solche Blüten-Ufer, solche Sonnen-Gcbirge um uns zieht, will sie damit Unglückliche cinschließen? Warum ist unser Herz enger als unser Auge, warum erdrückt uns eine kaum meilcnlange Wolke, die doch selber unter unermeßlichen Sternen steht? Ist nicht jeder Morgen ein Frühlingsanfang und jede Hoffnung? Was sind die dichtesten Lebcnsschrankcn anders als ein Ncbengeländer, zum Reifen der Weinglut anfgebauet? — Und da das Leben sich immer in Viertel zerhackt, warum sollen cs lauter letzte sehn, nicht eben so oft erste, auf welche ein vollstralcnder Mond nachfolgt? — O Gott, sagt' ich, als jch durch die grünende Welt zurückging, die am nächsten Morgen eine glühende wird, nie lasse mich deine Ewigkeit irgend einer Zeit leihen, ausgenommen der seligsten; die Freude ist ewig, aber nicht der Schmerz, denn du hast ihn nicht geschaffen. „Freund," sagte Dian unterwegs zu mir, da ich ihm meine innigste Bewegung nicht recht verhüllen konnte, „wie kann Euch erst scyn, wenn Ihr nach Neapel zurückschauet ctwan auf der Ueberfahrt nach Jschia! — denn man merkt's sehr, daß Ihr in Nordland geboren seid." — Lieber, sagt' ich, jeder wird mit seinem Norden oder Süden gleich geboren, ob in einem äußern dazu — das macht wenig. 5 * 68 So weit sein Blatt über Mola. Aber eine wunderbare Begebenheit schien ihn über die letzte Versicherung desselben noch diese Nacht beim Worte zu nehmen. Im Hose des Gasthauses sammelten sich viele Schiffer und Andere, alle stritten heftig über eine Meinung und die meisten sagten immer: es ist doch heute Himmelfahrt und Wunder hat Er auch gcthan. „Himmelfahrt?" dachte Albano und erinnerte sich seines Geburtstages, der an diesem Feste oft fiel. Dian kam herauf und erzählte lachend, das Volk drunten erwarte die Himmelfahrt eines Mönchs, der sie in dieser Nacht versprochen, und viele glaubten ihm darum, weil er schon ein Wunderwerk ge- than, nämlich einem Todten auf zwei Stunden die Sprache gegeben vor ganz Mola. Beide wurden eins, das Werk mit anzusehen. Die Menge schwoll an — der versprochene Mensch kam nicht, der sie zu dem Orte der Auffahrt leiten sollte — glles wurde zornig mehr als ungläubig — endlich spät in der Nacht erschien eine Maske und gab mit einem Wink der Hand das Zeichen, ihr zu folgen. Alles strömte nach, auch Albano und sein Freund. Der reine Mond schien frisch aus blauen Lüften, der weite Garten der Gegend schlief in seinen Blüten, aber alles duftete, die schlummernden und die wachen Blumen. Die Maske führte die Menge an die Ruinen von Zizcro's Haus oder Thurm und zeigte aufwärts. Oben auf der Mauer stand ein zitternder Mensch. Albauo fand sein Gesicht immer bekannter. Endlich sprach der Mensch: „ich bin ein Vater des Todes -— der Vater des Lebens sei mir gnädig. —> Wie es mit mir geht, weiß ich nicht. — Unter euch (setzt' er auf einmal in fremder, nämlich in spanischer, Sprache dazu) steht einer, dem ich auf Isola llella am Charfreitage erschien und 69 den Tod ciner Schwester kundthat; er reise fort nach lseliin, dort trifft er seine Schwester an." Ergriffen nnd ergrimmend mußte Albano diese Worte hören, die Gestalt des Vaters des Todes ans jener Insel sah er jetzt recht klar auf der Ruine; und dessen Versprechen, ihm an einem Charfrcitage zu erscheinen, fiel ihm wieder ein. Er suchte sich jetzt an der Ruine hinanszuarbcitcn, um den Mönch zu packen. Ein Molaner rief, da er die fremde Sprache hörte, der Mönch spricht mit dem Teufel. — Der Himmelfahrer sagte nichts darwider — er zitterte heftiger — aber das Volk suchte den, der es gesagt, nnd schrie: der mit der Maske sei eS, denn der sei nicht mehr zu finden. Endlich bat der Mönch bebend, fie möchten still sehn, wenn er verschwinde, nnd für ihn beten, nnd nie seinen Körper suchen. Albano war ihm jetzt, von Dian ungesehen, nahe hinter dem Rücken. Da kam hoch im dunkeln Blau ein Zug Wachteln langsam geflogen. Der Mönch hob sich schnell und wankend ans — zerstrencte die Vögel — rief in dunkler Ferne: betet — nnd schwand in die weiten Lüfte dahin. Das Volk rief und jauchzete nnd betete zum Theil, viele glaubten jetzt, der Teufel sei im Spiel. Unter den Zuschauern lag ein Mensch mit dem Gesichte aus der Erde und rief immer: Gott sei mir gnädig! Aber niemand brachte ihn zu ciner Erklärung. Dian, heimlich ein wenig überglänbig, sagte: hier steh' ihm der Verstand still. Aber Albano erklärte, schon lange zucke nnd ziehe ein Geistcr-Komplot an seinem Lebens- Vorhang, allein irgend einmal greif' er gewiß glücklich durch den Vorhang durch, nnd er fei fest entschlossen, sogleich von Neapel nach Jschia übcrzngchcn, um seine Schwester zu suchen. „Wahrlich, (setzt' er dazu) in diesem Mutterlande der Wun- 70 derphantasie und jeder Größe glaubt man so leicht schöne gebende Wunder des Schicksals, wie in Norden entsetzliche raubende Wunder der Geister." Dian war auch für den frühsten Besuch der Insel Jschia, „weil sonst (setzt' er dazu), wenn Albano in Neapel seine Briefe übergeben hätte und in die Uicariinenti hinein oder auf den Postlippo und den Vesuv hinaufgerathen wäre, dann kein Wegkommen sehn würde." Am Tage darauf gingen sie von Mola ab. — Das schöne Meer deckte sich an ihrem Wege aus und zu und nur der goldnc Himmel verhüllte sich nie. Neapels Freudenbecher berauschte schon von Fernen mit seinem Dufte und Geiste. Albano warf trunknc Blicke auf die cainpania tolles, auf das Loliseo in Kapna und auf den weiten Garten voll Gärten und sogar auf die rauhe appischc Straße, die ihr alter Name sanfter machte. Aber er seufzcte nach der Insel Jschia, diesem Arkadien des Meeres, und dieser Wundcrstelle, wo er eine Schwester finden sollte. Sie konnten nicht eher als Sonnabends in der Vornacht — wenn anders Wachen und glänzendes Leben eine ist, besonders eine welsche Sonnabends-Nacht— in^versa ankommen. Albano bestand darauf, in der Nacht fortznreisen nach Neapel. Dian wollte noch ungern. Zufällig stand ein schönes ctwan vierzehnjähriges Mädchen im Posthause, sehr betrübt über die verfehlte Post, und entschlossen, noch diese Nacht nach Neapel zu gehen, um am heiligen Sonntag noch früh genug nach Jschia zu kommen, wo ihre Eltern waren. „Ans Santa ^gata (sagte sie) komme sie her, heiße aber nur ^gata, und nicht Santa." „Wahrscheinlich ihr alter Spaß," sagte Dian, war aber nun — bei seinem Umschweben jeder schönen Form — selber recht 71 zur Nachtrcise aufgelegt, damit mau die Schwarzäugige, die freudig uud hell in fremdes Augeufeuer blickte, fortbriugcu könnte. Sie nahm cs lustig an, und schwatzte vertraut wie ein Naturforscher viel vom Epomeo uud Vesuv und weissagte ihnen unzählige Feuden auf der Insel und zeigte überall eine verständige Besonnenheit weit über ihr Alter. Endlich flogen sie alle unter die Hellen Sterne in die schöne Nacht hinaus. 109. Z y k c l. Albano fährt in der Beschreibung seiner Reise so fort: „Eine Helle Nacht ohne Gleichen! Die Sterne allein erhellten schon die Erde und die Milchstraße war silbern. Eine einzige mit Wcinblütcn durchflochtcnc Allee führte der Prachtstadt zu. Uebcrall hörte man Menschen, bald nahes Reden, bald fernes Singen. Aus schwarzen Kastanicnwäldern auf mondhellen Hügeln riefen die Nachtigallen einander zu. Ein armes schlafendes Mädchen, das wir mitgenommen, hörte das Tönen bis in den Traum hinab und sang nach und blickte, wenn es sich damit geweckt, verwirrt und süßlächclnd umher, mit dem ganzen Ton und Traum noch in der Brust. Singend rollte auf einem dünnen leichten Wagen mit zwei Rädern ein Fuhrmann, auf der Deichsel stehend, lustig vorüber. — Weiber trugen in der Kühle schon große Körbe voll Blumen nach der Stadt; — in den Fernen neben uns dufteten ganze Paradiese aus Blumenkelchen; und das Herz und die Brust sogen zugleich den Liebestrank der süßen Lust. — Der Mond war hell wie eine Sonne an den hohen Himmel heraufgczogcn und der Horizont wurde von Sternen vergoldet — und am 72 ganzen wolkenlosen Himmel stand die düstere Wolkcnsäule des Vesuvs in Osten allein. — Ties in der Nacht nach zwei Uhr rollten wir in und durch die lange Prachtstadt, worin noch der lebendige Tag sortblühtc. Heitere Menschen stillten die Straßen — die Balkons warfen sich Gesänge zu — ans den Dächern blühten Blumen und Bäume zwischen Lampen, und die Horen-Glöck- chen vermehrten den Tag und der Ptond schien zu wärmen. Nur zuweilen schlief ein Mensch zwischen den Sänlcngängen gleichsam an seinem Mittagsschlafe. — Dian, aller Verhältnisse kundig, ließ an einem Hause auf der Süd- und Mecrseite halten, und ging tief in die Stadt, um durch alte Bekannte die Abfahrt nach der Insel zu berichtigen, damit man gerade bei Sonnenaufgang aus dem Meere herüber die herrliche Stadt mit ihrem Golf und ihren langen Küsten am reichsten aussassetc. Die Jschianerin wickelte sich in ihren blauen Schleier gegen Mücken und entschlief am schwarzsandigcn Ufer. Ich ging allein auf und ab, für mich gab's keine Nacht und kein Haus. Das Meer schlief, die Erde schien wach. Ich sah in dem eiligen Schimmer (der Mond sank schon dem Posilippo zu) an dieser göttlichen Gränzstadt der Waffcrwclt, an diesem anfstcigcnden Gebirg von Pallästen hinauf, bis wo daS hohe Sant' Elmo-Schloß weiß ans dem grünen Strauße blickt. Mit zwei Armen nmsasfcte die Erde daS schöne Meer, auf ihrem rechten, ans dem Posilippo, trug sie blühende Weinberge weit in die Wellen und auf dem linken hielt sie Städte und nmspannte seine Wogen und seine Schiffe und zog sie an ihre Brust heran. Wie eine Sphinx lag dunkel das zackige Kapri am Horizont im Wasser und bewachte die 73 Pforte des Golfs. Hinter der Stadt rauchte im Aether der Vulkan und zuweilen spielten Funken zwischen den Sternen. Jetzt sank der Mond hinter die Ulmen des Posilips hinab, die Stadt verfinsterte sich, das Getöse der Nacht verklang, Fischer stiegen aus, löschten ihre Fackeln und legten sich ans Ufer, die Erde schien einznschlasen, aber das Meer aufzn- wachen. Ein Wind von der Sorrcntinischcn Küste trieb die stille» Wellen auf — Heller schimmerte Sorrcnto's Sichel vom Monde zurück und vom Morgen zugleich wie silberne Fluren — Vesuvs Rauchsäule wurde abgeweht, und vom Feuerbcrg zog sich eine lange reine Morgenröthc über die Küste hinauf wie über eine fremde Welt. O es war der dämmcrdc Morgen, voll von jugendlichen Ahnungen! Spricht nicht die Landschaft, der Berg, die Küste gleich einem Echo desto mehr Shlben zur Seele, je ferner sie sind? — Wie jung fühlt' ich die Welt und mich, und der ganze Morgen meines Lebens war in diesen gedrängt! Mein Freund kam — alles war berichtigt —- die Schiffer angckommen — Agata wurde zur Freude geweckt — und wir stiegen ein, als die Morgenröthe die Gebirge entzündete, und aufgebläht von Morgenlüften flog das Schiffchen ins Meer hinaus. Ehe wir noch um das Vorgcbirg des Posilippo hcrum- schifften, warf der Krater des Vesuvs den glühenden Sohn, die Sonne, langsam in den Himmel, und Meer und Erde entbrannten. Neapels halber Erdgürtel mit morgcnrothen Pallästen, sein Marktplatz von flatternden Schiffen, das Gewimmel seiner Landhäuser an den Bergen und am Ufer hinauf und sein grünender Thron von S. Elmo, standen stolz zwischen zwei Bergen, vor dem Meere. 74 Da wir um deu Posilippo kamen, stand Jschia's Epomeo wie ein Niese des Meers in der Ferne, mit einem Wald nm- gürtet und mit kahlem weißen Haupt. Allmälig erschienen auf der unermeßlichen Ebene die Inseln nach einander wie zcrstrcuete Dörfer, und wild drangen und wateten die Vorgebirge in das Meer. Jetzt that sich gewaltiger und lebendiger als das vertrocknete vereinzelte starre Land, das Wasserreich auf, dessen Kräfte alle, von den Strömen und Wellen an bis zum Tropfen, zusammengrcifen und sich zugleich bewegen. — Allmächtiges und doch sanftes Element. Grimmig schießest du aus die Länder und verschlingst sie und mit deinen aushöhlenden Polypenarmcn liegst du an der ganzen Kugel. Aber du bändigst die wilden Ströme und zerschmilzest sie zu Wellen, sanft spielest du mit deinen kleinen Kindern, den Inseln, und spielest an der Hand, die aus der leichten Gondel hängt, und schickst deine kleinen Wellen, die vor uns spielen, dann uns tragen, und dann hinter uns spielen. Als wir vor dem kleinen Nistta vorbei kamen, wo einst Brutus und Kato nach Zäsars Tod Schutzwehr suchten — als wir vor dem zauberischen Basa und dem Zauberschlosse, wo einst drei Römer die Theilnng der Welt beschlossen, und vor dem ganzen Vorgebirge vorübcrgingen, wo die Landhäuser der großen Römer standen, und als wir nach dem Berge von Cuma hinabsahen, hinter welchem Szipio Afrikanns in seinem Linternum lebte und starb: so ergriff mich das hohe Leben der alten Großen und ich sagte zu meinem Freunde: „Welche „Menschen waren das! Kaum erfahren wir es gelegentlich „im Plinius oder Zizero, daß einer von ihnen dort ein Landhaus hat, oder daß es ein schönes Neapel gibt — mitten „aus dem Frcudenmecr der Natur wachsen und tragen ihre 75 „Lorbeer« so gut wie aus dem Eismeere Deutschlands und Englands, oder aus Arabiens Sand — in Wüsten und in Paradiesen schlugen ihre starken Herzen gleich fort und für diese „Weltscelen gab es keine Wohnung, außer die Welt. Nur bei „solchen Seelen sind Empfindungen fast mehr werth als Tha- „ten, ein Römer konnte hier groß vor Freude weinen! Dian, „sage, was kann der neuere Mensch dafür, daß er so spät „lebt hinter ihren Ruinen?" — Jugend und Ruinen, einstürzcnde Vergangenheit und ewige Lebcnsfülle bedeckten das miscnische Gestade und die ganze unabsehliche Küste — an die zcrbrochnen Aschcnkrüge todter Götter, an die zerstücktcn Tempel Merkurs, Dianens, spielte die fröhliche leichte Welle und die ewige Sonne — alte einsame Brückenpfeiler im Meer, einsame Tempelsäulen und Bogen sprachen im üppigen Lebcnsglanze das ernste Wort — die alten heiligen Namen der elysäischcn Felder, des Aver- nus, des todcn Meers wohnten noch aus der Küste — Felsen- und Tempeltrümmcr lagen unter einander auf der bunten Lava — alles blühte und lebte, das Mädchen und die Schiffer sangen — die Berge und die Inseln standen groß im jungen feurigen Tage — Delphine zogen spielend neben uns — singende Lerchen wirbelten sich im Aethcr über ihre engen Inseln heraus — und aus allen Enden des Horizonts kamen Schiffe herauf und flogen pfeilschnell dahin. Es war die göttliche Uebcrfülle und Vermischung der Welt vor mir, brausende Saiten des Lebens waren über den Saiteustcg des Vesuvs und Postlips herüber bis an den Epomeo gespannt. Plötzlich donnerte es Einmal durch den blauen Himmel über das Meer her. DaS Mädchen fragte mich: „warum „werdet Ihr bleich? cs ist nur der Vesuv." Da war ein 76 Gott mir nahe, ja Himmel, Erde und Meer traten als drei Gottheiten vor mich -— von einem göttlichen Morgcnsturm wnrde das Tranmbuch des Lebens rauschend anfgcblättcrt und überall las ich unsere Träume und ihre Auslegungen. — Nach einiger Zeit kamen wir an ein langes den Norden verschlingendes Land, gleichsam der Fuß eines einzigen Bergs, cs war schon das holde Jschia, und ich stieg sclig-trnnken aus und da erst dacht' ich an das Versprechen, daß ich da eine Schwester finden sollte." 110. Zy ke l. Bewegt, gleichsam feierlich betrat Albano das kühle Eiland, cs war ihm, als wehten ihm die Lüste immer die Worte zu: der Ort der Ruhe. Agata bat sie beide, bei ihren Eltern zu wohnen, deren Haus am User, nicht weit vom Vorstädtchen*), liege. Als sie über die Brücke gingen, die den grünen mit Häusern umwundenen Fels mit dem User und dem Städtchen znsammenhangt: so zeigte sie freudig in Osten das einzelne Hans. Wie sie so langsam gingen und sich der hohe runde Felsen und die Häuserreihe im Wasser abspiegelte — und wie auf den flachen Dächern die schönen Weiber, welche die Feier-Lampen für den Abend ordneten, zu einander ämsig hcrübersprachen und wie sic die wiederkommcndc grüßten und fragten — und wie alle Gesichter so heiter waren, alle Gestalten so zierlich und selber die ärmste in Seide — und wie die lebendigen Knaben kleine Kastaniengipfel nicdcr- zogen — und wie der alte Vater der Insel, der hohe Epo- 0 Lorxo ü'Iscliia. 77 mco, vor ihnen ganz in Wcinlaub und Frühlingsblumen gekleidet stand, ans deren süßem Grün nur zerstrenete weiße Lusthäuser beglückter Bcrganwohner schaucten: so war cs Albano, als sei ihm das lästige Gcpäcke des Lebens in die Wellen entfallen und die aufrechte Brust sauge weit den kühlen von Elysium her wehenden Acther ein; — über dem Meere drüben lag die vorige stürmische Welt mit ihren heißen Küsten. Agata führte beide ins elterliche Haus am östlichen Abhang des Epomeo und rief sogleich im lauten frohlockenden Empfang eben so laut: „Das sind zwei brave Herren, die ins Hans wollen." Der Vater sagte sofort: „Willkommen, Exzellenzen! Ihr sollt gern die Zimmer behalten, wenn auch nachher viele Badgäste kommen. Ihr findet nirgends besseres Quartier. Ich war sonst nur ein „Dreher" in der Faycnec- Fabrik; aber seit acht Jahren bin ich ein Winzer und kann etwas geben. Wenn war denn irgend ein Dezember und März*) besser als dießmal? Befehlt, Exzellenzen!"— Plötzlich weinte Agata; die Mutter hatt' ihr das Bcgräbniß der jüngsten Schwester berichtet, zu dessen Feier, nach der Sitte der Insel, heute ein Freuden-Abend angeordnet war, weil man einander zur ewigen scligmachcnden Bestätigung einer Kindes-Unschuld durch den Tod Glück zu wünschen pflegte. Der Alte wollte erst recht ins Erzählen eingchen, als Dian seinen Albano bat, nach so langer Seelen- und Körperbewegung schlummern zu gehen bis Sonnenuntergang, wo er ihn wecke. Agata wies ihm sein kühles Zimmer an und er ging hinauf. ') Er meint die Traube, die dreimal des Jahres da gewonnen wird, im Dezember, März und August. 78 Hier vor dem kühlenden See-Zephyr war das Einschlummern schon der Schlummer, und das nachklingende Träumen schon der Schlaf. Sein Traum war ein unaufhörliches Lied, das sich selber sang: der Morgen ist eine Rose, der Tag eine Tulpe, die Nacht ist eine Lilie und der Abend ist wieder ein Morgen. Er träumte endlich sich in einen langen Schlaf hinab. — Spät, im Dunkeln, schlug er verjüngt wie ein Adam im Paradies das Auge auf, aber er wußte nicht, wo er war. — Er hörte fernes süßes Tönen —- unbekannte Blütendüste durchschwammen die Luft — er sah hinaus, der dunkle Himmel war mit goldncu Sternen wie mit feurigen Blüten bestreuet — an der Erde, auf dem Meere schwebten Lichter-Heere und in tiefer Ferne hing eine Helle Flamme mitten im Himmel fest. Ein unbekannter Traum verwirrte noch die wirkliche Bühne mit einer verschwundenen, und Albano ging durch das stille menschenleere Haus fortträumend heraus ins Freie wie in eine Geisterinscl. Hier zogen ihn Nachtigallen zuerst mit Tönen in die Welt herein. Er fand den Namen Igeliiu wieder, und sah nun, daß das Schloß aus dem Felsen und die lange Dächer- Gasse der Ufer-Stadt voll brennender Lampen stand. -— Er ging auf die erleuchtete von Menschen umlagerte Stelle der Töne zu, und fand eine ganz in Freudcnfcuern stehende Kapelle. Einer Madonna und ihrem Kinde in der Nische wurde unter dem geschwätzigen Rausche der Freude und Andacht eine Nachtmusik vorgespiclt. Hier fand er seine Wirthsleute wieder, die ihn alle im Jubel ganz vergessen hatten, und Dian sagte: „ich hätt' Euch schon geweckt, die Nacht und die Lust währt noch lange." 79 „Hört und seht doch dort den göttlichen Huvio, der das Fest so recht gut mitfeiert," rief Dian, der sich so tief in die Wellen der Freude cintauchte als irgend ein Jschiancr. Albano sah hinüber nach der hoch im Sternenhimmel webenden Flamme, die wie ein Gott den großen Donner unter sich hatte, und die Nacht hatte das miscnische Vorgebirg wie eine Wolke neben dem Vulkan aufgcrichtct. Neben ihnen brannten tausend Lampen auf dem königlichen Pallastc der nahen Insel Prozita. Indem er über das Meer hinblicktc, dessen Küsten in die Nacht versunken waren und das unermeßlich und finster als eine zweite Nacht dahin lag: so sah er zuweilen einen zerfließenden Glanz darüber schweifen, der immer breiter und Heller floß. Auch zeigte sich eine ferne Fackel in der Luft, deren Lodern lange Feuer-Furchen durch die flimmernden Wellen zog. Es kam eine Barke näher mit cingezogncm Segel, weil der Wind vom Lande ging. Weibliche Gestalten erschienen auf ihr, worunter eine nach dem Vesuv gewandte von königlichem Wuchs, an deren rothem Scidenklcide der Fackelschein lang hcruntcrfloß, das Auge fest hielt. Wie sie näher schifften und das Helle Meer unter den schlagenden Rudern aus beiden Seiten aufbrannte: so schien eine Göttin zu kommen, um welche das Meer mit entzückten Flammen schwimmt und die cs nicht weiß. Alle stiegen in einiger Ferne ans Land, wo bestellte Diener, wie cs schien, dazu gewartet hatten, um alles zu erleichtern. Von der langen Gestalt nahm eine kleine mit einer Doppellorgnette versehene einen kurzen Abschied und ging mit einem ansehnlichen Gefolge fort. Die rothgckleidcte zog einen weißen Schleier über das Gesicht und 80 ging, von zwei Jnngfranen begleitet, ernst und einer Fürstin ähnlich, der Stelle zn, wo Albano und die Töne waren. Albano stand nahe an ihr, zwei große schwarze Angen mit Feuer gefüllt und mit innigem Ernst ans dem Leben ruhend stralten durch den Schleier, der die stolze gerade Stirn und Nase verrietst. In der ganzen Erscheinung war für ihn etwas Bekanntes und doch Großes, sie kam ihm als eine Fcenkönigin vor, die vorlängst sich mit einem himmlischen Angesicht über seine Wiege lächelnd und bcgabcnd hcr- cingcbückt und die nun der Geist mit alter Liebe wieder erkennt. Er dachte wol an einen Namen, den ihm Geister genannt, aber diese Gegenwart schien hier nicht möglich. Sie heftete ihr Auge mit Wohlgefallen und Aufmerksamkeit ans das Spiel zweier Jungfrauen, welche niedlich in Seide gekleidet, mit goldbesctztcn seidnen Schürzen, zur Tamburine einer Dritten anmuthig mit verschämt gesenktem Haupte und gesenkten Augen tanzten; die beiden andern von der Fremden mitgcbrachten Jungfrauen und Agata sangen mit italiänischer halber Stimme süß zur holden Lust. ,.Es geschieht alles (sagte ein alter Mann zur Fremden) in der That zur Ehre der heil. Jungfrau und des heil. Nikola." Sie nickte langsam ein ernstes Ja. Da stand Plötzlich Luna, vom Opfcrfcner des Vesuvs umspielet, drüben am Himmel als die stolze Göttin des Sonnengottes, nicht bleich, sondern feurig, gleichsam eine Donnergöttin über dem Donner des Bergs — und Albano rief unwillkürlich: „Gott, der große Mond!" — Schnell hob die Fremde den Schleier zurück und sah sich bedeutend nach der Stimme wie nach einer bekannten um; als sie den fremden Jüngling lange angcblickt, wandte sie sich nach dem Monde über dem Vesuv. Aber Albano war von einem Gott erschüttert nnd von einem Wnnder geblendet; er sah hier Linda de Romciro. Als sie den Schleier hob, strömte Schönheit und Glanz ans einer ausgehenden Sonne; zarte jungfräuliche Farben, liebliche Linien und süße Fülle der Jugend spielten wie ein Blumenkranz um eine Göttcrstirn, mit weichen Blüten um den heiligen Ernst und mächtigen Willen auf Stirn und Lippe, nnd um die dunkle Glut des großen Auges. Wie hatten die Bilder über sie gelogen nnd diesen Geist und dieses Leben so schwach ausgesprochen! Als wollte die Zeit die glänzende Erscheinung würdig umgeben, so schon spielten Himmel und Erde mit allen Skalen des Lebens in einander — licbesdurstig flogen Sterne wie Himmelsschmetterlinge ins Meer — der Mond war über die ungestüme Erdflamme des Vesuvs weggczogen und bedeckte mit seinem zarten Licht die frohe Welt, das Meer und die Ufer — der Epomco schwebte mit seinen versilberten Wäldern und mit der Einsiedelei seines Gipfels hoch im Nacht-Blau - darneben lebten die singenden, tanzenden Menschen mit ihren Gebeten und ihren Fest-Raketen, die sie in die Höhe warfen. — — Da Linda lange über das Meer nach dem Vesuv gesehen: redete sie den stillen Albano, um seinem Ausruf zu antworten und ihr schnelles anblickendes Umwenden nach ihm gut zu machen, selber an: „ich komme vom Vesuv (sagte sie), aber er ist so erhaben in der Nähe als in der Ferne, was so selten ist." — Ganz fremd und geistermäßig klang cs ihm, daß er diese Stimme wirklich hörte. Mit sehr bewegter versetzt' er: „aber in diesem Lande ist ja alles groß, sogar das Jean Paul's ausgew. Werke. X-H. 0 82 Kleine durch das Große — diese kleine Menschensreude hier zwischen dem ausgebrannten Vulkan*) und dem brennenden — alles ist eins und darum recht und so göttlich." Zugleich an- und weggczogcn, ihn nicht kennend, obwol vorhin von seiner Stimmen-Achnlichkeit mit Roguairol getroffen, seinen einfachen Worten gern nachdenkcnd, blickte sic länger, als sie merkte, das redliche, aber trotzige und warme Auge des Jünglings an; antwortete nichts, wandte sich langsam ab und sah wieder still den Spielen zu. Dian, der schon lange die schöne Fremde angesehen, fand endlich in semem Gcdächtniß ihren Namen und kam zu ihr mit der halb stolzen, halb verlegnen Miene der Künstler gegen den Stand. Sie kannte ihn nicht wieder. „Der Grieche Dian (sagte Albano), edle Gräfin!" — Verwundert über des Grafen Erkennung sagte sie zu diesem: „ich kenne Sie nicht." — „Meinen Vater kennen Sie (sagte Albano), den Ritter von Ccsara." — „O ckio!" rief die Spanierin erschrocken, wurde eine Lilie, eine Rose, eine Flamme, suchte sich zu fassen und sagte: „wie sonderbar! Eine Freundin von Ihnen, die Prinzessin Julienne, ist auch hier." Das Gespräch floß setzt ebener. Sie sprach von seinem Vater und drückte als Mündel ihre Dankbarkeit ans: „es ist eine mächtige Natur, die sich vor allem Gemeinen bewahrt," sagte sic, sogleich gegen die vornehme Sitte schon theilnchmend von Personen sprechend. Den Sohn beglückte das Lob auf einen Vater, er erhöhte cs und fragte in froher Erwartung, wie sic seine Kälte nehme. „Kälte? — (sagte sie lebhaft) das Wort, hass' ich recht; *) Die Insel Jschia selber. wenn einmal ein seltener Mensch einen ganzen Willen hat und keinen halben und auf seiner Kraft beruht und nicht wie ein Schalthicr sich an jedes andere klebt: so heißet er kalt. Ist die Sonne in der Nähe nicht auch kalt?" — „Der Tod ist kalt (rief Albano sehr bewegt, weil er oft selber mehr Kraft als Liebe zu haben glaubte), aber eine erhabene Kälte, eine erhabene Qual kann cs wol geben, die mit Adlersklaue das Herz in die Höhe entführt, aber cs zerreisiet mitten im Himmel und vor der Sonne." Sie sah ihn groß an: „Ihr sprecht ja wie ein Weib (sagte sie); das allein hat ohne die Macht der Liebe nichts zu wollen und zu thun; aber es war artig." — Dian, zu allgemeinen Betrachtungen verdorben und nur zu individuellen tüchtig, unterbrach sie mit Fragen über einzelne Kunstwerke in Neapel; sie theiltc sehr offen ihre cigcnthümliche Ansicht mit, obwol ziemlich entscheidend. Albano dachte zuerst an seinen zeichnenden Freund Schoppe und fragte nach ihm: „bei meiner Abreise (sagte sic) war er noch in Pestitz, ob ich gleich nicht begreife, was ein so ungemeines Wesen da will —- cs ist ein gewaltiger Mensch, aber verworren und nicht klar. Er ist sehr Ihr Freund." — „Was macht (fragte Dian halb scherzend) mein alter Gönner, der Lektor Augnsti?" — Sic antwortete kurz und fast über dessen vertrauliches Fragen empfindlich: „es geht ihm gut am Hofe." — „Wenigen Naturen (wandte sie sich, über Augnsti fortfahrcnd, an Albano) geschieht so viel Unrecht des Urtheils als solchen einfachen, kühlen, konsequenten wie der sinnigen." Albano konnte nicht ganz Ja sagen; ^ aber er erkannte in ihrer Achtung für die fremdeste Eigcn- thümlichkcit froh die Schülerin seines Vaters, der ein Gewächs nicht nach der glatten oder rauhen Rinde, sondern nach der 84 Blüte schätzte. Nie zeichnet der Mensch den eignen Charakter schärfer als in seiner Manier, einen fremden zu zeichnen. Aber Linda's hohe Offenherzigkeit dabei, die feingebildetcn Weibern so oft abgcht als kräftigen Männern Feinheit und Hülle, ergriff den Jüngling am stärksten, und er glaubte zu sündigen, wenn er nicht seine große natürliche gegen sie verdoppelte. Sic ries ihre Jungfrauen zum Fortgehen. Dian ging fort. „Diese sind mir nöthiger (sagte sie zu Albano), als sie cs scheinen." Sie habe nämlich, erzählte sic, etwas von der Augenkrankheit*) vieler Spanierinnen, Nachts unendlich kurzsichtig zu seyn. Er bat, sie begleiten zu dürfen, und es geschah; er wollte sie führen ihrer Anmerkung wegen, sic vcr- bat's. Unter dem Gehen stand sie oft still, um nach der schönen Flamme des Vesuvs zu blicken. „Er steht (sagte Albano) in diesem Hirtengedicht der Natur als eine tragische Muse da und hebt alles, wie ein Krieg die Zeit." — „Glauben Sic das vom Krieg?" sagte sie. — „Entweder große Menschen (versetzte er) oder große Zwecke muß ein Mensch vor sich haben, sonst vergehen seine Kräfte, wie dem Magnet die seinigen, wenn er lange nicht nach den rechten Welt-Ecken gekehrt gelegen." — „Wie wahr! — (sagte sie.) Was sagen Sie zu einem gallischen Krieg?" — Er bekannte seinen Wunsch für dessen Entstehung und die eigne Thcilnahme daran. Er konnte, sogar auf Kosten seiner Zukunft, gegen sic nichts seyn als offenherzig. „Selig seid Ihr Männer (sagte sie), Ihr grabt Euch Taggesicht (Hemeralopie) ist gewöhnlich in heißen Länder»; der stärkste Grad ist, Nachts sogar gegen Licht blind zu seyn und erst am Morgen wieder sehend. 85 durch den Lebens-Schnee durch und trefft endlich die grüne Saat darunter an. Das kann keine Frau. Ein Weib ist doch ein dummes Ding der Natur. Ich ehre ein Paar Häupter der Revoluzion, besonders das politische Kraft-Ungeheuer, den Mirabeau, ob ich ihn gleich nicht lieb haben kann." Unter diesen Reden stiege» sie am Epomeo auf. Agata begleitete die beiden Gespielinnen ihrer frühem Zeit mit voller Zunge und hungrigem Ohre für so viele gegenseitige Neuigkeiten. Da er jetzt neben der schönen Jungfrau ging und zuweilen in das Angesicht blickte, das durch die geistige Kraft noch schöner wurde, zugleich Blume, Blüte und Frucht, statt daß sonst umgekehrt der Kopf durch das Gesicht gewinnt: so richtete er strenge über sein bisheriges Betragen gegen dieses edle Wesen; ob er gleich wie sic aus Zartheit über das bisherige Gaukelspiel mit ihrem Namen so wie über das Wunder des heutigen Begegnens schwieg. — Still gingen sie in der seltnen Nacht und Gegend. Ans einmal blieb sie auf einer Höhe stehen, um welche der Brautschatz der Natur nach allen Seiten in Bergen anfgehäufct war. Sic blickten im Glanze umher, der Schwan des Himmels, der Mond, wogte fern vom Vcsuve im hohen Acther — die Riesenschlange der Erde, das Meer, schlief fest in ihrem von Pol zu Pol reichenden Bette — die Küsten und Vorgebirge dämmerten nur wie Mittcr- nachtsträume — Klüfte voll Baumblüten flössen über von ätherischem Than ans Licht und unten in Thälern standen finstere Rauchsäulen auf heißen Quellen und verwalltcn oben in Glanz — hoch lagen überall erleuchtete Kapellen und tief um das Ufer dunkle Städte — die Winde standen still, die Rosendüfte und die Myrtcndüfte zogen allein — weich und lau umfloß die blaue Nacht die entzückte Erde, um den warmen Mond 86 wich der Acthcr aus und er sank liebestrunkcn mitten ans dem Himmel immer größer aus den süßen Erdenfrühling herein — der Vesuv stand jetzt ohne Flamme und ohne Donner, weiß von Sand oder Schnee, in Morgen — im dnnklcrn Blau waren die Goldkörncr der feurigen Sterne weit auseinander gesäct.- Es war die seltene Zeit, wo das Leben den Durchgang durch eine überirdische Sonne hat. Albano und Linda begegneten sich mit heiligen Augen, und die Blicke lösetcn sich wieder sanft auseinander; sie schanetcn in die Welt und in das Herz und sprachen nichts aus. Linda kehrte sich sanft um und ging still weiter. Da rief aus einmal eines der nachgehcndcn geschwätzigen Mädchen ans: „cS kommt wahrlich ein Erdbeben, ich fühl' cs recht; gute Nacht!" — Es war Agata. „Gott gcb' eines," sagte Albano. „O warum?" sagte Linda eifrig, aber leise.—- „Alles was die unendliche Mutter will und gibt, ist mir heute kindlich-lieb, sogar der Tod — gehören wir nicht mit zu ihrer Unsterblichkeit?" sagt' er. — „Ja, das darf in der Freude der Mensch fühlen und glauben, nur im Schmerze sprech' er nicht von Unsterblichkeit, in solcher Seclenohnmacht ist er ihrer nicht würdig." Albano's Geist stand hier von der Fürstcnbank aus, um die hohe Verwandte zu grüßen, und sagte: „Unsterbliche! und wär' es sonst niemand!" Sie lächelte still und ging fort. Sein Herz war ein beschriebenes Asbestblatt ins Feuer geworfen, brennend, nicht verbrennend, das ganze vorige Leben losch weg, das Blatt glänzte feurig und rein für Liuda's Hand. Als sie die letzte Anhöhe erreichten, worunter Linda's 87 und Juliennms Wohnung lag und sie neben einander zur Trennung standen, da rief Plötzlich nuten das Mädchen: „ein Erdbeben!" — Aus der Hölle heran rollte ein Donnerwagcn in den unterirdischen Wegen — ein breiter Blitz schlug die Flügel am reinen Himmel unter den Sternen auf und zu — die Erde und die Sterne zitterten und ausgcschreckte Adler flogen durch die hohe Nacht. — Albano hatte die Hände der wankenden Linda ergriffen. Ihr Angesicht war vor dem Monde zu einer blassen Götter-Statue ans Marmor verblüht. Es war schon vorbei; nur einige Sterne der Erde schossen noch aus dem festen Himmel ins Meer und wunderbare Wolken zogen unten ringsherum auf. „Bin ich nicht recht furchtsam?" sagte sie weich. Albano schaucte ihr lebendig und heiter wie ein Sonnengott im Morgcnroth ins Angesicht und drückte ihre Hände. Sie wollte sie heftig wegziehen. „Gib sic mir ewig!" sagte er heftig. — „Kühner Mensch, (sagte sie verwirrt) wer bist dir? — Kennst du mich? — Wenn du bist wie ich, so schwöre und sage, ob du immer wahr gewesen?" -— Albano sah gen Himmel, sein Leben wurde gewogen, Gott war nahe bei ihm, er antwortete sanft und fest: „Linda, immer!" — „Ich auch!" sagte sie und neigte schamhaft das schöne Haupt an seine Brust, hob es aber sogleich wieder auf mit den großen feuchten Augen und sagte schnell: „gehen Sic jetzt! Früh Morgens kommen Sic, Albano! ^clio, ackio!" — Die Mädchen kamen herauf, Albano ging hinab, die Brust gefüllt mit Lebenswärme, mit Lebensglanz — die Natur wehte mit frischern Düften aus den Gärten her — das Meer rauschte unten wieder, und auf dem Vesuv brannte eine Amors-Fackel, ein Frendcnfeuer — durch den Nacht-Himmel zogen noch ei- 88 lüge Adler nach dem Mond wie nach einer Sonne — nnd an das Himmels-Gewölbe war die Himmelsleiter aus goldncn Sprossen von Sternen gelehnt. Da Albano so einsam in der Seligkeit ging, anfgclöset in die Wonne der Liebe, in den Duft der Thälcr, in den Glanz der Höhen, träumend, schwebend: so sah er Zugvögel über das Meer gegen den Apennin nach Deutschland fliegen, wo Liane gelebt. „Heilige droben (ries sein Herz), du wolltest dieß Glück, erscheine nnd segne cs!" Unerwartet stand er vor einer Kapellen-Nische, worin die heilige Jungsrau stand. Der Mond verklärte die blaffe Statue — die Jungfrau belebte sich unter dem Glanze und wurde Liaucn ähnlicher — er knieete hin und Heist gab er Gott die Dankgcbetc und Lianen die Thräncn. Als er ausstand, girrten in Träumen Turteltauben und schlug eine Nachtigall, die heißen Quellen dampften schimmernd, und er hörte das frohe Singen der fernen Menschen heraus. Neun und zwanzigste Jobelperiode. Julienne — die Insel — Sonnenuntergang — Neapel — Vesuv — Linda's Brief — Streit — Abreise. 111. Z y k e l. 9Inch einer langen Nacht wehte der frische Morgen, wo Albans die Schätze des seligsten Tranms, die vom Monde geöffneten Blumen des Glucks, vor der Sonne wiedcrfinden sollte. Ihm jauchzcte das Leben, da er die gestrigen Höhen, die vom Firniß des Lichtes überzogen glänzten, wieder bestieg; nicht zu einem Rosenfcst, sondern zu allen Blumen- und Erntefesten aus einmal, zu Myrten- und Lilienfestcn, zu Achrcnlesen und Blütcnlesen ging die Sonne über den glücklichen Boden hervor, und wie ein Pfau mit seinem schleppenden Regenbogen in einen Blütenbaum hineinslicgt, so hob sich der junge Tag far- bcnschwer und mit Gärten beladen und voll Wiedcrschcine ans die blauen Höhen und lachte kindlich in die Welt. — Albano sah jetzt von seiner Höhe unten das Zauberschloß, worein sich gestern die mächtige Zauberin verloren. Er kam unten an. Ein singendes Mädchen auf dem blumenvollen Dache, das aus ihn gewartet zu haben schien, zeigte, unter dem Fortsingcn sich herüberbcngcnd, ihm das nahe Zimmer unter ihr, in das er gehen sollte. Er trat hinein; es war einsam — durch die Fenster aus geöltem Papier quoll 90 ein wunderliches Morgcnlicht — auf die hölzerne Stnben- decke waren Figuren aus dem Herkulanum gemalt — in einer kampanischen Vase standen gelbe Schmettcrlingsblumcn und Myrtcnblütcn und zogen einen süßen Dustkrcis um sich her. Die sonderbare Umgebung umschloß ihn immer enger, da er gar einige Bilder und Gcräthe fand, die ihm bekannt verkamen. Endlich erblickte er bestürzt ans dem Tische einen halben Ring. — Er nahm seinen halben hervor, den er im gotbischen Zimmer in jener Geistcrnacht von der angeblichen Schwester bekommen und den er für den Zufall der Vergleichung immer bei sich trug. Er drückte die Halbzirkel in einander — Plötzlich schlossen sie einfasscnd sich zu einem festen Ringe zu—Gott! dacht'er, was greift wieder ins Leben! — Da wurde hastig die Thür geöffnet und die Prinzessin Julienne eilte lächelnd und weinend herein und rief, ihm zu- sliegend: „o mein Bruder! Mein Bruder!" — „Julienne, (sagt' er ernst und innig) bist du endlich meine Schwester wirklich?" — „O lange genug ist sic es," versetzte sic und sah ihn zärtlich und selig an und lächelte ins Weinen. Dann umarmte sie ihn wieder, und sah ihn wieder an und sagte: „Du schöner Albano-Bruder! — So lange bin ich wie ein Mond um dich herumgezogcn und mußte kalter und weiter bleiben wie er; nun will ich dich auch ausnehmend liebhaben, so recht znrückliebcn und vorwärts dazu!" — „Allmächtiger, (brach Albano weinend aus, da er sich so Plötzlich von einem gebenden Arm aus der Wolke umschlungen fand) das alles gibst Du mir auf einmal jetzt?" — „Ach, (ries Julienne lebhaft) weint' ich nur auch vor lauter Freude! Aber ich esse mein bitteres Stück Schmerz mit dazu! Lieber Bruder, Luigi schreibt mir gestern aus Pestitz, ich sollte zurückeilcn, sonst 91 erleb' er schwerlich meine Wiederkunft. Dacht' ich das bei der Abreise? So soll ich, was ich mit der einen Hand cin- nchmc, mit der andern ausgeben." Albano schwieg dazu, weil er am Fürsten keinen Antheil nehmen konnte. Desto mehr erquickt' er sich mit frischer klarer Freude am offnen wehenden Orient der frühesten Lebcnstage, an dem Blicke ans diese junge reine Blume, die gleichsam in und aus der Hellen frischen Quelle seiner Kindheit wuchs und spielte. „Aber Himmel! erkläre mir (fing Albano an), wie alles zuging." — „Jetzt, weiß ich, hebt das Fragen an (versetzte sie). Die ostensible Hanptsumme sollst du kurz haben — fragst du noch mehr, willst du ins Gchcimbnch gucken, so schlag' ich's zu und sage dir einige Lügen vor. Im nächsten Oktober, wol eher, kommt alles ans Licht. Zu allererst! Meine Mutter war und bleibt wahrlich rein und heilig bei dieser Verwandtschaft, bei dem allmächtigen Gott!" — „Welch' ein Räthsel! (sagt' er.) Bist du die Tochter meines Vaters? Ist Luigi mein Bruder? Ist meine todte Schwester Severina deine Schwester?" fragt' er. Julienne. Frage den Oktober. Albano. Ach Schwester! Julienne. O Bruder! Traue der Tochter Mclchisedeks. Ferner: ich war wohl die erscheinende Schwester, die der Mensch mit dem kahlen Kopfe dir in Lilar znführte; ich konnte nicht, ich mußte dich haben, eh' du ins Ausland entflogst. Das Alter, das ich damals im Spiegel hatte, war, wie du siehst, nur vom Kunstspiegel*) gemacht. *) Es gibt mctamorphetische Spiegel, die junge Gesichter veraltet darstelien. 92 Albano. Wahrlich, ich dachte damals an niemand als an dich. Nur wie kommt ein Mensch wie der Kahlkops und wie der Vater des Todes — der mir so unbegreiflich in Mola vorausgcsagt, daß ich dich finden würde-— Julienne. Das ist unmöglich — Meinen Namen nannt' er? Albano. Blos dieser fehlte. Der Pater ist übrigens nach aller Wahrscheinlichkeit mit dem Kahlkops Ein Mensch. Er fuhr dabei gen Himmel. Julienne. Da bleib' er ja und der Andere mit. Geht und ficht mich oder dich dieser dunkle Zauber-Bund etwas an, der in seinen falschen Wundern bisher immer durch seltsame wahre unterbrochen wurde? Ich'kam damals in Lilar unschuldig dazu uud verhütete vielleicht etwas Fürchterliches. Albauo. Bei Gott, ich muß fragen. Was ist denn sein Zweck, wer sein Leiter, sein Oberer? — Julienne. Vermnthlich der Vater der Gräfin, denn der lebt noch unbekannt und ungesehen, hör' ich, obgleich dein Vater Vormund ist. Erstaune, wenn du zu Hause bist und lasse die Räthsel, die sich ja für uns beide schon so freudig entwickeln, und erwarte die Oktobertage. Albano. Aber eins, geliebte Schwester, versage mir doch nicht ein klares Wort über mein und dein wunderbares Verhältniß zur edlen Gräfin! Nur das! Julienne. Hat dir's denn schon mein Herz versagt? — Die Herrliche! — Wohl ihr und mir und dir! Dein erstes Wort der Liebe — die Götter setzten dieß nun so fest — sollte das Mcrkwort zu dem mcinigen an dich werden, erst von der Geliebten durftest du die Schwester empfangen. Was Gaukler und Geister dazu und davon thaten, das weiß 93 niemand besser als der — Oktober; was soll ich erst lange zwischen Lüge nnd Meineid auSlesen? Ich that blos alles, euch beide nur vor einander hinzustellen; das Ucbrige wußt' ich voraus. Nichts gelang — lauter erwürgender Wirrwarr — alles ging bergan — ich sah theuerc Menschen*) in einem unseligen Frühling entsetzliche Schmerzen säen, und dabei so voll Hoffnungen lächeln und konnte ihre unglücklichen Hände nicht halten — ich, die so gewiß allen Jammer voraus wußte. „O dn fromme reine Seele droben!" sagte sie auf einmal mit zitternder Lippe zum Himmel hinauf — die Geschwister umfaßten sich sanft und weinten still über daS unschuldige Opfer. „Nein, (sagte Albano sehr warm) kein Höllcnbnnd konnte uns scheiden, wäre Sic nur bei mir geblieben oder doch ans der Erde." — „Sich, Albano, (sagte Julienne, ihre srohern Lebensgeister wieder zusammenrufend, nnd öffnete alle dunkele Fenster) wie der Morgen-Hügel ans und ab prangt und wallet! — Lasse mich ausredc»! Recht zum größten Glück erfuhr ich im Winter, daß du nach Neapel gedächtest. Linda war schon einmal da gewesen, nnd ihre Mutter in den hiesigen Bädern. „Mir (sagt' ich zu ihr) thäten Jschia's Bä- „der so wohl als einer, reise mit, den tristen Vormund in „Rom üollcn wir gar nicht berühren nnd besuchen." Sie willigte leicht ein. Deiner wurde natürlich nicht gedacht, vorher aber oft genug in Briefen und sonst, wo ich dich immer unmäßig lobte. — Und nun iwns voici clonc. — Gestern erhielt ich in Neapel den traurigen Brief meines Bruders. Von deiner Ankunft wußt' ich noch nichts. Ich ließ die Gräfin allein zu deinem Ton-Fest gehen und eilte ) Ihn und Liane. 94 mit dem schweren Herzen heim. Da sie freudig kam, that sie ihres ans und sagte mir alles — und dann ich ihr alles. — Ach, Gott Lob (setzte sic ihm an den Hals fallend dazu), daß wir nun endlich im Elysium ausgesticgeu sind und daß uns der morsche Charous-Kahn nicht hat ersaufen lassen. — Aber für ganz Europa, auch für deinen Dian, bleibet auf unserer Verwandtschaft das Sckrctsinsiegel daran, merke!" Er mußte noch einige Fragen thun; sie antwortete immer aufgeweckt, der Oktober, der Oktober! bis sie auf einmal wie erwachend aus- rics: „o wie kann ich das so lustig sagen?" aber ohne sich darüber zu erklären. „Jetzt will ich dich, wie ich's bisher machte, zur Gräfin bringen, aber über einen kürzer» Weg!" sagte sie, nahm seine Hand, führte ihn hinaus, öffnete das Zimmer gegenüber, wo Linda wohnte, und sagte: „ich stelle dir meinen Bruder Vor." Hoch erröthcud ging ihnen die edle Gestalt entgegen und umarmte ohne ein Wort die liebe Freundin. Als ihr Auge Albano wiedcrfand, wurde sie so betroffen, daß sie die Hand zurückzuzichen suchte, die er küßte; denn sic hatte gestern kaum nur dämmernd sein schönes Auge und seine edle Stirn und den Mund der Liebe gesehen; und dieser blühende Mensch stand, von doppelter Rührung beseelt, so hell und still und ernst vor ihr, voll edler, rechter Liebe. Ihr Herz wäre gern an seines gefallen; wenigstens ihre Hand gab sic ihm in seine wieder und wünschte ihm Glück zu diesem Morgen. Die nahe Antwort: „und zum gestrigen Abend," könnt' er nicht über die Lippe bringen, ans eigner verschämter Scheu, Lob zu geben wie zu nehmen. „Endlich ist der dritte Mann zum Reise-Kollegium gefunden (sagte Julienne). Denn du mußt in einigen Tagen gleich fort, nach Pestitz mußt du mit, Al- 95 bano." „Ich mit, Schwester? (sagt' er) ich wollte einen Monat bleiben, in einige Tage aber ist der Besuch des Vesuvs, Herknlanums und Neapels zusammengedrängt." — Er wunderte sich nachher selber über den süßen Gehorsam unter die schönen Befehle der Liebe, da er sonst zu sagen pflegte: „befiehl mir, zn gehorchen: so gehorch' ich nicht." — „Ich begleite meine Freundin (sagte Linda), so gern ich nach Griechenland gegangen wäre, dem ich schon zweimal so nahe bin." — „Noch in dieser Nacht flieg' ich fort (sagt' er), ich will nur wachen, sehen, leben, lieben." Julienne fing schon mit Schwester-Sorgen für seine Gesundheit und seine Zwecke an — gethcilt zwischen zwei Brüder, hätte sie sich gern, war' cs nur möglich, beiden zugleich geopfert. — „lueliiu hat der gute Mensch auch noch nicht genossen (sagte sic), das muß er heute haben." Albano fühlte bei dieser neuen weiblichen Liebe, das Weib sei das Herz in der schönsten Gestalt. In ihm klang ein Frcudenlied: welch' ein Tag liegt vor dir, und welche Jahre! — Vom Ucbcrhang der doppelten Liebes-Blüten süß umschlungen und eingesponncu, sah er das Leben und die Erde voll Duft und Licht — über den Morgcnthau der Jugend war nun eine Sonne heraufgeführt, und die dunkeln Tropfen stralten durch alle Gärten hinauf und hinab. Er warf endlich einen Blick auf den Ort, der ihn umgab; Niobe's Gruppe, der Genius von Turin, Amor und Psyche, standen abgegossen da, aus dem Kabinette eines Künstlers in Neapel entlehnt — die Wände waren mit seltenen Gemälden geschmückt, worunter der — niesende Schoppe war. Dieser allein drang mit der nordischen Vergangenheit heftig in sein erweichtes Herz und er sagte der Geliebten sein Gefühl. 96 „Sic ziehen (sagte sie) der Kunst die Freundschaft vor, denn das Portrait ist das Schlechteste in meiner Sammlung; aber das Original verdient wol alle Achtung." Sie ging ins Kabinet und holte ein Miniaturbild von sich selber, das sic nach türkischer Sitte darstcllt, eingeschleiert und nur Ein Auge anfgcdcckt. Wie neben der Schleier- Dämmerung das offne Scelcn-Angc lebendig blickte und traf! Wie die Flamme ihrer Macht die Hülle der Milde dnrch- branntc! — Linda nannte den Meister des herrlichen Bildes, eben diesen Schoppe, und setzte dazu: er habe gesagt, hier müsse der Meister ans Gcgcngesälligkeit selber ein Werk loben, das ihn so parteiisch und kräftig lobe, wie noch kein anderes Werk von ihm. Sie erklärte diese Verschiedenheit seines Pinsels aus einer Ursache, die er ihr selber fast wörtlich gesagt: er habe nämlich in seiner frühesten Jugend ihre Mutter so lange geliebt, als er sie gesehen, und hernach niemand weiter, und darum Hab' er, da sie ihr ähnlich sei, sic von, «mors gemalt und wirklich etwas zu leisten gesucht. „O redlicher alter Mensch!" sagte Albano, und konnte sich kaum der Thräncn ans Angen, die so oft glücklich waren, erwehren; aber nur ans heiligem Frenndschafts-Schmerz. Denn es fuhr nun durch ihn — wie ein Wettcrstral durch den hellsten Himmel — die durch alles, durch Schoppens Tagebuch und Linda's Worte und Nabettens Brief gewisse Vermuthnng, daß Linda die Seele sei, die der sonderbare Mensch verborgen geliebt. Ein scharfer Schmerz schnitt eilig, aber tief durch seine Stirn; und er überwand sich blos durch seine jetzige jüngere Frische des Geistes, durch neu gesammelte Kraft und Gewalt und durch den freien Gedanken, daß ein 97 Freund dem Freunde wohl und leicht die Geliebte, aber nicht die Liebende geben und opfern könne oder dürfe. Julienne sagte: „ein Wunder ist's nur, daß der Bruder zwischen zwei solchen Phantasten — wie dieser Schoppe und Roquairol — nicht selber einer geworden." Ein flüchtiger Krieg brach ans. Linda sagte: „Schoppe ist nur eine südliche Natur im Kampfe mit dem nordischen Klima." „Eigentlich mit dem Leben selber," sagte Albano. Julienne blieb dabei: „ich liebe überall Regel im Leben; bei beiden ist man nie ruhig und ü 80N nise, sondern nur n leur kU 86 ." Sie fragte ihn geradezu über Roquairol. „Er war einmal mein Freund und ich spreche nicht mehr von ihm" sagte Albano, dem des zernichteten Lieblings folternde Liebe gegen Linda und selber dessen Verwandtschaft mit Liane die Zunge band. Linda ging mit dem bloßen Urtheilc eines überspannten Schwächlings leicht und ohne besonderes Gedenken seiner Liebe gegen sie oder ihres Abschcues vor ihm darüber hin; sie vergaß in der Ferne eben so kalt jeden, der ihrem Innern widrig war, als sie in der Nähe ihn heftig davon stieß. Julienne entfernte sich, um die Anstalten zur kleinen Tag- und Jnselreise zu treffen. Albano schickte ein Blatt an Dian als Marschroute nach Neapel; Linda sagte über Julienne: „ein tief- und fest gegründetes Gemüth!" -— „Das Stamm und Zweige nur in lauter kleine duftende Blüten -einhüllt," setzt' er hinzu. — „Und gerade, was sie in Büchern und Gesprächen hasset, die Poesie, die treibt sie recht in Thatcn. Individualität ist überall zu schonen und zu ehren als Wurzel jedes Guten. — Sie sind auch sehr gut," setzte sie mit sanfter Stimme dazu. „Wahrlich, jetzt bin ich's (sagt' Jean Paul'S auSgew. Werlc. XII. 7 98 er), denn ich liebe recht; und nur ein vollendetes Wesen kann man recht lieben und ganz uneigennützig!" — So muß das Sonnenbild vollendet und rund aufsallcn, um zu brennen. „Oder eines, das man dafür hält (sagte sic). Ich bin, was ich bin, und werde schwerlich anders. Wenn nur der Mensch einmal einen Willen hat, der durch das Leben geht, nicht von Minute zu Minute, von Mensch zu Menschen wechselt — das ist die Hauptsache." — „Liuda, (ries Albano) ich höre meine Seele — cs gibt Wörter, welche Thaten sind, Ihre sind's." Wenn sie so ihre Seele aussprach, verschwand vor seinem bezauberten Geiste die schöne Gestalt, wie die goldnc Saite verschwindet, wenn sie zu tönen anfängt. Von der Vergangenheit verwundet und bestraft für seine oft harte Kraft hauchte er — ob ihn gleich jetzt das Leben, die Welt und selber das Land kühner, Heller, fester und heißer gemacht — die uni so neu Aeolssaiten dieser vieltöuigeu Seele nur mit leisem Athem an. Aber wie mußte sie ein Manu bezaubern, zugleich so mächtig und so zart — ein sanftes Sternbild aus nahen Sonnen — ein schöner Kricgs- gott mit der Lyra — eine Sturmwolke voll Aurora — ein muthiger, heißer Jüngling, der so redlich dachte! — Aber sie sagte es nicht, sondern liebte blos wie er. Er warf einen zufälligen Blick aus ihre kleine Tisch-Bibliothek. „Lauter Franzosen!" sagte sie; er fand den lilon- taiZns, das Leben der 6u^on, den Lontrat social und zuletzt Nclms 8tasl, sur I'inüuencs cles passions. Er hatte diese gelesen und sagte, wie ihm die Artikel über die Liebe, die Parteien und die Eitelkeit unendlich gefallen und überhaupt ihr deutsches, oder spanisches Fcuerhcrz, aber nicht ihre französische kahle Philosophie, am wenigsten ihre unmoralische 99 Selbstmordsucht. — „Lieber Gott, rief Linda, ist nicht das Leben selber ein langer Selbstmord?— Albano, alle Männer sind doch irgendwo Pedanten, die guten in der sogenannten Moralität, nnd Sie besonders — Kantische Maximen, breite weite Fächer, Prinzipien müssen sic alle haben. — Ihr seid alle gebornc Deutsche, recht deutsche Deutsche, Sie auch, Freund. Hab' ich Recht?" setzte sic sanft dazu, als begehre sic ein Ja. „Nein! (sirgtc Albano.) Sobald einmal ein Mensch etwas recht ernstlich und ansschlicßend treibt und verlangt: so heißet er ein Phantast oder Pedant." — „O die ewigen Leser nnd Leserinnen!" ries Julienne, hercintretcnd, über sein Buch in der Hand aus. „Nie hat die Prinzessin eine Vorrede und eine Note gelesen (sagte Linda), wie ich noch keine wegge- lasscn." — Weiber, die Vorreden nnd Noten lesen, sind bedeutende; bei Männern wäre höchstens das Gegentheil wahr. — „Wir können reisen, alles ist fertig," sagte Julienne. 112. Z y k e l. Wie wehte draußen — als sie in die festliche Welt kamen — das kühle Himmelsblau herab statt der Erdcnlnfte! Wie glänzte die Welt und der Tag — nnd die Zukunft! Wie schäumte im LcbcnSkelche der Liebestrank, für jeden der drei Menschen aus zwei berauschenden Mitteln gemacht, glänzend über! — Sie folgten dem Wege nach dem Gipfel des Epomeo, aber in ausweichender Freiheit nnd in einem Wechsel der Natur, der nirgends weiter ans der Erde so ist. Sie begegneten Thälern mit Lorbeer» nnd Kirschen, mit Rosen nnd Primeln 7 * 100 zugleich. — Es kamen kühle Schluchten mit reisen Orangen und Aepseln ausgesüllt, neben heißen Felsen von Aloe und Granaten, und an die Gipse! des Kirsch- und Apfelbaums rührten oben die Wein- und Orangenblüten. — In den blühenden Klüften schlugen sichere Nachtigallen, und aus den Ritzen schossen giftlose Schlangcuköpfr ans Licht. — Zuweilen kam ein Kloster in einem Zitroncnwäldchen, zuweilen ein weißes Haus am Weingarten, bald eine kühle Grotte, bald ein Kohlgarten neben rothcm Klee, bald eine kleine Aue voll weißer Noscnblumen und Narzissen, und überall ein Mensch, der singend, tanzend und anrcdcnd vorübcrging. — Wechselnd deckten Höhen und Garten das Land und das Wasser auf und zu, und lange schimmerte oft das weite ferne Meer und seine Wolken-Küste wie ein zweiter Himmel durch die grünen Zweige nach.- Sie kamen dem Hause des Einsiedlers aus dem Gipfel immer näher, auf bunten goldncn Schwungfedern des Lebens sich wiegend. Sie sagten einander zuweilen ein freudiges Wort, aber nicht um sich mitzutheilen, sondern weil das Herz nicht anders konnte und ein Wort nichts war als ein freudiger Seufzer. Sic standen endlich auf dem Erden-Thron und blickten wie von der Sonne herunter. Rings um sie war das Meer gelagert, ins Blau des Horizonts verschmolzen — von Kapua her zog in der Tiefe der weiße Apennin um den Vesuv und herüber auf der laugen Küste Sorreuto's fort — und vom Pausilip an verfolgten die Länder das Meer bis über Mola und Terracina — auf der geöffneten Welt-Fläche erschien alles, die Vorgebirge, die gelben Krater-Ränder ans den Küsten und die Inseln rings umher, die der verhüllte fürchterliche Gott unter dem Meere aus seinem Fenerreich an die 101 Sonne getrieben — und das holde Jschia, mit seinen kleinen Städten an den Ufern und mit seinen kleinen Gärten und Kratern, stand wie ein grünendes Schiff im großen Meer und ruhte aus zahllosen Wogen. Da verschwanden drunten die Größen der Erde, nur die Erde allein war groß und die Sonne mit ihrem Himmel war's. „O wie find wir glücklich!" sagte Albano. Ja, ihr wäret glücklich dort, wer wird cS nach euch sehn? — Sich ans dem Baum des Lebens wiegend, auf welchen schon sein Kindcs-Augc so früh und sehnsüchtig geblickt, sagt' er alles, was ihn erhob und ergriff: „daran erkenn' ich die Allgewaltige; zornig und flammend steigt sie aus dem Meeresboden herauf, pflanzt ein brennendes Land und dann theilt sie wieder lächelnd an ihre Kinder Blumen aus; so sei der Mensch, Vulkan — dann Blume." — „Was sind dagegen (sagte Julienne) alle Winterlustbarkeiten des deutschen Wonnemonds! Ist das nicht eine kleinere Schweiz nur in einem größern Gcnfcrsee?" — Die Gräfin, durch ihr Spanien einheimischer in solchen Reizen, hielt sich meistens still. „Der Mensch (sagte sie) ist die Oreade und Hamadryade oder sonst eine Gottheit und beseelet Wald und Thal, und den Menschen selber beseelet wieder ein Mensch." Der Einsiedler erschien und sagte, ihr hcraufgesandtes Mahl sei längst angckommcn; er lobte seine Höhe mit: „oft (sagt' er und machte Julienne lachen) raucht mein Berg wie der Vesuv, und Badgästc sehen herauf und fürchten etwas, cs ist aber, weil ich mein Brod hier oben backe." — Sie lagerten sich im schattigen Freien. Man mußte immer Wiederaus die liebliche verkleinerte Insel hiuabschcn, die mit ihren in Gärten gcsäcten Gärten, mit ihren mit Herbsten durch- 102 flochtcncn Frechlingen so ganz und nahe lag, ein großer Fa- miliengartcn, wo die Menschen alle beisammen wohnen, weil nicht Länder sich mit Ländern verwirren, und die Bienen und die Lerchen fliegen nicht weit über den Garten des Meeres hinaus. Gleich offnen stillen Blumen waren die drei Seelen neben einander, duftend fliegt der Blumenstand hin und her, neue Blumen zu erzeugen. Linda versank ganz in ihr großes tiefes Herz; der Liebe ungewohnt, wollte sic sie darin an- schaucn und genießen, indeß kein Wort Albano's ihr entfloh, denn cs gehörte zur Liebe im Herzen. Von Milde übcrgoffcn und sinnend war sic da, mit dem großen Auge halb unter dem niedergehenden Angenlied — nach ihrer Sitte immer lange schweigend wie lange sprechend. Wie der Diamant eben so glänzt wie der Thautropfe, nur aber mit fester Kraft und auch ohne Sonne: so war ihr Herz dem weichsten in jeder weiblichen Milde und Reine gleich und übertraf es nur an Stärke. Entzückt sah Julienne cs an, wenn sie etwa — nach einem kindlichen Vergessen Albano's, weil ihr Rede-Strom sic von einer Welt in die andere gerissen — plötzlich und mit unbefangener Freude mit ihrer fcingcformten Hand zu des Jünglings seiner zurückkehrte, dem ihr Händedruck nichts kleineres war als eine zärtere Umarmung. Sie nahmen den nähern Rückweg gegen Albano's Wohnung herab, die immer in ihrem Rebcn-Geniste zu ihnen her- anfsah. Man war noch so kurz bei einander — am Morgen reifete Albano. — Er sollte pon Portici ans schreiben, ein Bote den Brief holen — „und er bringt mir auch einen," sagt' er; —„gewiß nicht!" sagte Linda. Albano bat. „Sie wird sich schon ändern und schreiben," sagte Julienne. Sie verneinte. Allmäiig liefen Schattenfurchen neben den schwär- zen Lavaströmcn den Berg hinab, und in den Pappeln fingen Nachtigallen schon ihre melodische Dämmerung an. Sie kamen Albano's Hause nahe; Dian lief entzückt der Prinzessin entgegen. Albano bat ihn, ohne beide gefragt zu haben, eine Barke zu schaffen, damit man den Abend genieße. Gerade zu gewaltsamen Anträgen der Freude sagen die Mädchen am liebsten das Ja. Dian war sogleich mit einer zur Hand; mit seiner Freude hing er schnell an jeder fremden. Sic stiegen alle ein und fuhren unter die Sonnenblumen, die jeder Sonncnstral ans die Wellen-Beete immer dichter pflanzte. Albano vergaß — im jetzigen Feuer, gewohnt an die Sitten des warmen Landes, wo der Liebende vor der Mutter spricht und sie von ihm mit der Tochter, wo die Liebe keinen Schleier trägt, nur der Haß und das Gesicht, und wo die Myrte in jedem Sinne die Einfassung der Felder ist — sich einen Augenblick vor Dian und nahm Linda's Hand; schnell entriß sie ihm sie, der Mädchen Sitte treu, die den Arm verschenkt und den Finger und Fingerhut verweigert. Aber sie sah ihn sanft an, wenn sic abgeschlagen. Sie kamen ans ihrer Fahrt von Osten nach Norden wieder vor dem Felsen mit den Häusern und vor den Gaffen der Ufer-Vorstadt vorüber. Alles war froh und freundlich — alles sang, was nicht schwatzte — die Dächer waren mit Webstühlen seidner Bänder besetzt, und die Weberinnen sprachen und sangen zusammen von Dach zu Dach. Julienne konnte kaum das Auge von diesem südlichen Vereine Massen. Sie zogen weiter ins Meer, und die Sonne ging ihm näher zu. Die Wellen und die Lüfte spielten mit einander, jene wehend, diese wogend — Himmel und Meer wurden zu Einem Blau gewölbt und in ihrer Mitte schwebte, frei wie ein Geist iin 104 All, das leichte Schiff der Liebe. — Der Umkreis der Welt wurde ein goldner geschwollncr Achrenkranz voll glühender Küsten und Inseln — Gondeln flogen singend ins Weite und hatten schon Fackeln für die Nacht bereit — zuweilen zog hinter ihnen ein fliegender Fisch seinen Bogen in der Luft, und Dian sang ihnen ihre bekannten vorübcrgleitendcn Lieder nach. — Dort segelten stolz und langsam große Schiffe her, mit rothcm und blauem Hclmbusch gleich dem Himmel flatternd, und als Sieger dem Hafen zu. — Ucbcrall war Lebens-Most ausgegossen und arbeitete brausend — So spielte eine göttliche Welt um den Menschen! „O hier an dieser großen Stelle (sagte Albano), wo alles Platz hat, die Paradiese und die schwarzen Orkus-Ufer aus Lava — und das weiche Meer — und Vesuvs graues Gorgonenhaupt — und die spielenden Menschen — und die Blüten und alles — hierum man glühen muß wie eine Lava — dürfte man da nicht sich gleich der heißen Lava umher in die Wellen begraben in seiner Glut, wenn man wüßte, cs könne etwas vergehen von dieser Stunde, nur etwas vom Andenken daran, oder ein Pulsschlag für ein Herz? — Wäre das nicht besser?" — „Vielleicht" sagte Linda. — Julienne wurde durch die weiche Freude vor das ferne Krankenbette ihres Bruders gezogen und sagte lächelnd: „kann man es nicht wie die schöne Sonne drüben machen, und unter die Wellen gehen und doch wicdcr- kommen? -— Schauet doch ihrem Untergange recht zu, nirgends ist er aus der Erde so." — Die Sonne stand schon zu einem großen Goldschild gewachsen, vom Himmel gehalten, über den Ponzischen Inseln und vergoldete das Blau derselben — die weiße Krone aus Felsen-Stacheln, Kapri, lag in Glut, und von Sorrento's 105 bis Gacta's Küsten war den Welt-Mauern dämmerndes Gold angcflogen — die Erde rollte mit ihrer Axe wie mit einer Spielwelle nahe an der Sonne und schlug ans ihr Stralen und Töne — seitwärts lagerte sich versteckt der Riesen-Bote der Nacht aus das Meer, der unendliche Schatte des Epomeo. Jetzt berührte die Sonne ihr Meer und ein goldncr Blitz zitterte durch den nassen Aether umher — und sie wiegte sich auf tausend feurigen Wellen-Flügeln — und sie zuckte und hing liebcsbrünstig, liebeglühend an dem Meere, und das Meer sog brennend alle ihre Glut — Da warf cs, als sie vergehen wollte, die Decke eines unendlichen Glanzes über die erblassende Göttin — — Dann wurd' es still auf der Welt — eine bewegliche Abcndröthc nberfloß mit Rosen-Ocl alle Wogen —> die heiligen Untergangs-Inseln standen verklärt — die fernsten Küsten traten heran und zeigten ihr Roth der Entzückung — auf allen Höhen hingen Rosenkränze — der Epomeo glühte bis zum Aether hinauf und auf dem ewigen Wolkenbaum, der aus dem hohlen Vesuv aufwächsct, verglomm im Gipfel der letzte dünne Glanz. Sprachlos wandten sich die Menschen von dem Westen nach dem User um. Die Schiffer fingen wieder an zu sprechen. „Mache (bat Linda ihre Freundin leise), daß dein Bruder sich immer nach Abend wendet." Sie erfüllte die Bitte, ohne deren Grund sogleich zu crrathcn. Immer sah Linda in sein schön beglänztes Angesicht. „Bitt' ihn wieder (sagte sie zum zweitenmal), cs dämmert zu sehr und meine kranken Augen sehen ohne Licht so übel." Es geschah nicht; denn sie stiegen sogleich ans Ufer. Die Erde zitterte ihnen, da sie sie betraten, als ein Sangboden der seligen Stunde nach. Albano war in sprachloser Rührung aus das geliebte Ange- 106 sicht geheftet, das er bald wieder verlassen sollte: „ich schreibe Ihnen," sagte sic unaufgefordert mit einem so rührenden Widerrufe der vorigen Drohung, daß er sich, war'er nicht unter fremden Augen gewesen, dank-trunken auf ihre Hand, an ihr edles Herz gestnrzct hätte. Das Scheiden und das Ende eines harmonischen Tages wurde schwer, worin der Ton jeder einzelnen Minute wieder ein Drciklang gewesen. Jetzt schied Dian schon. „Nicht einmal die Rosen des Abends (sagte Julienne), sind ohne Dornen." „Abgebrochen, ist überall das Beste; wir wollen nach Hanse," sagte Linda. Albano bat, daß er begleiten dürfe. „Wozu?" sagte Linda.— Leise setzte sie ihrer -Augen wegen dabei: „ich kann Euch kaum mehr sehen — indcß kommt nur, ich höre doch." — „Schöne Veränderliche!" sagte Julienne. „Ich verändere mich (sagte sie), aber kein Anderer — mir bis zur Kapelle, Albano, Ihr schiffet morgen früh fort." — „Nicht einmal, heute noch vielleicht," sagte er. Indem sie nun so langsam und immer langsamer den Berg hinangingen und die Nachtigallen schlugen und die Myrtcnblütcn dufteten und die lauen Lüste flatterten und oben die ganze zweite Welt wie eine verschleierte Nonne durch die Silber-Gitter der Sternbilder heilig schanete: so übcrfloß jedes Herz von treuer Liebe, und der Bruder und die Schwester und die Geliebte nahmen wechselnd einander die Hand. Aus einmal stand Linda an der Stelle der gestrigen Vereinigung und sagte: „hier soll Er gehen, Julienne!" und zog schnell ihre Hand aus seiner und streichelte leicht überfeine Locken und seine Wange, und dann über sein Auge und fragte: Wie? in einen Traum verirrt. „Gleich (sagte Julienne), aber aus den italiänischen Winter muß man doch, um 107 nur heimzukommen, gar warten, auf den Mond." Da fiel der Bruder der zarten Schwester, welche ihm dadurch die längere Gegenwart und der Freundin das Wiedersehen durch die stärkere Beleuchtung zubereiten wollte, an das Herz und rief mit Thräncn aus: „O Schwester, wie viel hast du nicht für mich gethan, eh' ich etwas thun oder dir danken konnte — Du reichst mir ja alles, jedes Glück, die höchste Seligkeit, o wie bist du!"— „Der Mond ist da! (riefsie) nun reise glücklich und scheide!" Wie ein silberner Tag war der Mond auf die Gebirge heraufgetrctcn und die verklärte Geliebte sah des Geliebten blühendes Angesicht wieder. Er nahm ihre Hand und sagte: „lebe wohl, Linda!" -— sie sahen sich lange an, die Augen voll Seelen und sie wurden sich fremder und höher — da drückte er, ohne zu wissen wie, die erhabene Jungfrau, wie ein seliger Geist eine Frühlingssonne, sich an das Herz — und er berührte das Heiligthum ihres Angesichts mit dem seinigen und wie Morgenröthen zweier Welten schmolzen ihre Lippen zusammen. Linda schloß die Angen und küßte zagend und nur ein einziges Leben und Glück rollte und glühte zwischen zwei Herzen und Lippen. Julienne umschlang leise die Umarmung mit ihrer und begehrte kein anderes Glück. Daraus schieden alle, ohne wieder zu sprechen, oder sich umzusehen. 113. Z y k e l. Albano flog mit der neuen Hastigkeit, die jetzt in seinen Handlungen regierte, schon unter dem kühlen Morgenstern von dem glücklichen Boden davon. Er sagte dem Baumeister Dian sein ganzes Glück, weil er wußte, wie sehr der Mann noch 108 cin Jüngling für die Liebe blieb. „Bravo! (antwortete Dian.) Wer kann ohne Liebe in Italien auskommen? Unser einer wenigstens nicht. Hoffentlich ist Encre prächtige Inno gegen Euch nicht so stolz wie gegen andere Leute: dann mag's wol cin Götterlebcn geben." In den Morgenlüften, von Sonne und Woge angcstralt, schwebt' er gleitend auf dem blauen Spiegel-Meer zwischen zwei Himmeln, und sein Auge war selig, wenn es nach dem Olymp, Epomco, zurücksah, und war selig, wenn es wieder auf die hinauf- und hinabschimmerndcn Küsten, ans den langen ansgclcgtcn Markt der Erde blickte. Als sic unter den schwimmenden Pallästen, den Schiffen, vorbei an die stehenden kamen: trafen sie das Volk im Taumel eines Hciligcn-Fcstcs. Er vergrub gezwungen den blauen Tag und das Meer in Tempeln — in Bildersälen — in vierten Stockwerken, wo nach der Sitte einige Große wohnten, an welche er von seinem Vater Briefe abgab — und schöner in der unterirdischen finstern Gasse, die sich durch den blühenden Posilippo wölbt. Nur die Aussicht, daß er in der ersten nächsten Einsamkeit mit dem entrückten Herzen reden werde, beruhigte seinen immer aus der Gegenwart fliehenden Geist. Abends bestiegen sie die schönste Höhe über Neapel, das Kamaldolcnscr Kloster, wo er unter den Freuden der Aussicht in grauer Ferne hinter dem Posilippo den hohen Epomco stehen sah. Er hielt sich nicht länger, sondern fing, an einer dichter umblühtcn Stelle, die er sich dazu aussnchte, diesen Brief an Linda an: „Endlich, edle Seele, kann ich zu Dir reden und Deine Insel wieder schauen, wiewol nur als eine anfgerichtcte son- nenrothe Abendwolke am Horizont. Linda, Linda, o daß ich 109 Dich habe und hatte! Dauert deun der zweitägige Götter- Traum noch herüber ins kalte Heute? Du bist jetzt so fern und stumm und ich höre kein Ja. Als ich in Rom auf der Petcrskuppel in den blauen Morgenhimmel sah und das Leben um mich brausend schwoll, wie die Lüfte mich umwehten: so war mir, als müßt' ich mich in ein fliegendes Königsschiff werfen und ein Ufer suchen, das unter dem tiefsten Sternbild grünt; als müßt' ich wie eine Kaskade hinabflattern durch den Himmel und mich drunten durch das steinige Leben reißen, dringend und zerstörend und tragend. Und so ist mir jetzt wieder und noch stärker; ich möchte zu Dir hinüberfliegen nnd sagen: Du bist mein Ruhm, mein Lorbeerkranz, meine Ewigkeit, aber ich muß Dich verdienen; ich kann nichts für Dich thun, außer für mich. — In der alten Zeit waren geliebte Jünglinge groß, Thaten waren ihre Grazien und der Panzer ihr Feierklcid. — Heute als ich auf den Golf von Baja und aus die Ruinen hinübersah, wo die Gärten und Palläste der großen Römer noch mit Trümmern oder Namen liegen; und als ich die alten trotzigen Riesen stehen sah mitten in Blumen und Orangen und in lauen Dustlüften, davon erquickt, aber nicht erweicht, mit der Hand den schweren Dreizack hebend, der drei Weltthcile bewegte, und mit der markigen Brust entgegcntretend dem Winter in Norden, der Glut in Afrika und jeder Wunde: da fragte mein ganzes Herz: bist du so? O Linda, kann der Mann anders scyn? Der Löwe geht über die Erde, der Adler geht durch den Himmel und der König dieser Könige habe seine Bahn auf der Erde und in dem Himmel zugleich. Noch war und that ich nichts; aber wenn noch das Leben ein leerer Nebel ist, kannst Du ihn übersteigen, oder festgreifen und zerschlagen? Willst Du einmal. Du Uranide, einen Mann lieben, so tret' ich vor keinem zurück. Aber Worte sind an Thatcn nur Sägcspäne von der Hcrkuleskenle, wie Schoppe sagt. Sobald der Krieg und die Freiheit aus einander stoßen, so will ich Dich im Sturm der Zeit verdienen und Dir Thaten mitbringen und die unsterbliche Liebe. Hier steh' ich ans der göttlichen Höhe des Klostergartcns und blicke in ein grünes Himmelreich ohne Gleichen hinab. Die Sonne ist schon über den Golf hinüber und wirft ihre Noscnfeucr unter die Schiffe und ein ganzes Ufer voll Palläste und voll Menschen brennt roth — durch die langen ausgc- brciteten Straßen unter mir rollt das Festgetümmel schon herauf, und die Dächer sind voll geschmückter Menschen und voll Musik, Balkons und Gondeln erwarten die göttliche Nacht zu den Gesängen. Und hier bin ich allein und bin doch so glücklich und sehne mich ohne den Schmerz. Aber wär' ich vor vier Tagen, Linda, wo ich Dich noch nicht kannte und noch nicht hatte, hier gestanden und hätte angesehen diesen Abend — das goldnc Meer —das heitere Portici, das Sonne und Meer mit Flammen anspülen —- den herrlichen Vesuv mit goldgrüncn Myrten umwunden und mit dem grauen Aschen-Haupt voll Sonnenglut — und hinter mir die grüne Ebene voll Wolken aus Blütenstanb, die aus Gärten steigen und in Gärten regnen — und den ganzen webenden Zauberkreis freudiger Kräfte, diese in Licht und Leben schwimmende Welt: — dann, Linda, hätte ohne Dich durch die warme Seligkeit ein kalter Schmerz gezückt und im goldnen Abcndlicht wären Erinnerungen mit Trauer-Larven gegangen. O Linda, wie hast Du meine Welt gereinigt und erweitert und ich bin nun überall glücklich, Du hast den schweren 111 scharfen Pflug des Lebens, der mühsam an der Ernte arbeitet, in einen leichten Griffel und Pinsel verwandelt, der um- hcrspiclt, bis er eine Göttcr-Gcstalt erschafft. Sah ich heute nicht jeden Tempel und jeden Hügel froher, wie von Dir vergoldet, und jede Schönheit, sic mochte an der Statue, auf der Leinwand, oder aus der singenden Lippe, oder auf den Gipfeln blühen, prangte und duftete üppiger, und dann flog ich von der kleinen Blume auf zur blühenden Linda? — Wie herrschet die dunkle Gewalt hinter der Wolke! Versiegelte Befehle gibt sie uns mit, damit wir sie auf einer späten fremden Stelle erbrechen. Gott, erst auf Jschia's Epomco mußt' ich meinen öffnen, da ging ein Augenblick über das Leben und gebar die Ewigkeit, der Schmetterling brachte die Göttin! Der Abend geht unter und ich muß schweigen. Müßt' ich nur, wie der Deinige ist! Mein Leben besteht jetzt aus zwei Stunden, Deinen und meinen, und ich kann nicht mehr mit mir allein leben. — Dieser Tag sei Dir doch reich und mild entwichen und Dein Abend wie meiner! Die Sonne röthet nur noch den Vesuv, die Inseln verglühen langsam im dunkeln Meer, ich schaue nun, ohne mit Dir zu sprechen, den großen Abend an, aber o Gott so anders als in Nom! Selig werd' ich mein Auge nur an Deine auslöschende Insel im Glanz-Getümmel des Abendroths heften und lange noch Hinsehen, wenn schon Epomco's Gipfel in der Nacht verwittert > und dann werd' ich heiter in das mit Lichtern umstellte Grab der Farben unter mir schauen — frohe Gesänge werden durch die Dämmerung ziehen — die Sterne werden liebreich schimmern — und ich werde sagen: „ich bin allein und still, aber „unaussprechlich selig, denn Linda hat mein Herz, und ich 112 „weine nur aus Liebe, weil ich an ihres denke," und trunken werd' ich durch den Blütenrauch des Bergs hinuntcrgehcn."— * Er kam langsam nach Neapel zu seinem Freunde Dian zurück, alle Fest-Lust, die ihm begegnete, das ganze Odeum der Wonne, in welchem das klingende Rad der Leier schwindelnd umrolltc, schien ihm blos sein Nachklang zu sehn, indeß sonst erst den äußern sinnlichen Saiten des Menschen die innen: nachklingcn. Er wollte nur immer weiter, und noch — wenn cs ginge — diese Nacht ans den Weg nach dem Vesuv, für ihn gab cs jetzt nur Eine Tagszcit. Das wärmere Klima sammt der Liebe und dem Mai schienen alle Frühliugswinde seiner Kräfte zu wecken, sie wehten ungestüm, ihm selber sogar bewußt; nur vor der Geliebten war er, noch wund von der Vergangenheit, blos ein Zephyr, der die stäubende Blüte schont. Am andern Tage wollt' er nun den Vesuv besteigen und am Morgen darauf seinen Dian in Portici erwarten, wenn er vorher auf dem Vulkan die Sonne hatte anfgchcn sehen. 114. Z Y k c l. Seine Reise beschrieb er seiner Geliebten: In der Hütte des Einsiedlers auf dem Vesuv. „Warum liegt nicht der Mensch auf den Knicen und betet die Welt an, die Berge, das Meer, das All? Wie erhebt es den Geist, daß er ist und daß er die ungeheuere Welt denkt 113 lind sich! — O Linda, ich bin noch voll von dem Morgen; auch wohne ich noch auf der erhabnen Hölle. Gestern reifete ich am Morgen mit meinem Lai-tolomao durch den reichen vollen Gartenweg nach dem heiteren Portici, das sich an den Riesen anschmicgt wie Katana an den Aetna. Immer dieselbe große durch dieß erhabene Land ziehende epische griechische Verschmelzung des Ungeheuern mit dem Heitern, der Natur mit den Menschen, der Ewigkeit mit der Minute. — Landhäuser und eine lachende Ebene gegenüber der ewigen Todesfackel — zwischen alten heiligen Tempelsäulen geht ein lustiger Tanz, der gemeine Mönch und der Fischer- die Glut-Blöcke des Bergs thürmcn sich als Schutzwehr um Weingärten und mntcr dem lebendigen Portici wohnt das hohle todte Herku- » lanum — ins Meer sind Lavaklippen gewachsen, und in die Blumen schwarze Sturmbalken geworfen. Das Steigen war anfangs meiner Seele Erquickung, der lange Berg wurde der vollen Wolke ein Ableitcr. Spät Nachts im ewigen Steigen kamen wir ohne Genuß der Abendsonne, durch deren rothen Glanz aus der Asche wir schnell waten mußten, hier beim Einsiedler an; der Mond war noch nicht heraus. Deine Insel noch unsichtbar. Ost donnerte es unter dem Fußboden der Stube. Da wurd' ich aus einmal vom Einsiedler schön an meinen alten Schoppe erinnert, indem er mir erzählte, daß einmal ein hinkender Reisende mit einem Wolfshund hierüber gesagt: im Vesuv sei der Stall der unaufhörlich polternden Donnerpferde. Das war nach Allem gewiß nur Schoppe. In der Mitternacht, meine Linda, als der Mond über dem Apennin herüber war und mit einem entzückten langen Silberblick vom Himmel sah und ich an Dich dachte, stand ich auf und ging leise hinaus, um wieder zu sehen, wo Du Jean Panl's ausgew. Werke. XII. 8 114 wohnest, meine Linda. Draußen war cs überall still, ich hörte gleichsam die Erde auf ihrer Bahn im Himmel donnern — die Schatten der Lindenbäume um mich schliefen fest aus dem grünen Rasen — Vesuvs Rauch stieg empor in die reine Luft — über das dampfende Meer hin glänzte wunderlich der Mond, und mühsam sucht' und fand ich endlich den einsamen Berg Deiner Insel, hoch ins Blau gezogen, silbern blühend unter den Sternen um ihn her, eine schimmernde Tcmpcl- zinne für mein Herz. — „Dort wohnt und schlummert Sie „auf dem Thabor, eine Verklärte des Elysiums!" sagte ich mir. — Um mich war Asche der Jahrhunderte, Stille des Sargs, und nur zuweilen ein Poltern, als werfe man auf jenen den Grabhügel — ich war weder im Land des Todes noch der Unsterblichkeit — Die Länder wurden Wolken — Neapel und Porti« lagen verdeckt — das weite Himmelsblau umfing mich — ein hoher Nachtwind bog die Rauchsäule des Vulkans nieder und führte sie wechselnd-beglänzt in langen Wolken durch den reinen Aether fort. — Da sah ich nach Jschia, und sah gen Himmel; o Linda, ich bin aufrichtig, hör' es, daß ich die fromme Liane, die Dich so unendlich liebte, bat, jetzt um Dich zu schweben und Dir das Glück zu bereiten, das sie Dir sonst so gönnte. — — Auf einmal wurden die Donner des Berges ganz still, die Sterne blitzten Heller; da schauderte mich die Stille und das Leben und ich ging in die Hütte zurück, aber lange noch weint' ich vor Entzückung über den bloßen Gedanken, daß Du glücklich würdest. Der Morgen ging auf; und mitten in seinem dunkeln Winter traten wir die Reise nach der Feuer-Schlucht und Rauchpsorte an. Wie in einer abgebrannten dampfenden Stadt 115 ging ich neben Höhlen um Höhlen, neben Bergen nm Berge vorbei, und uns dem zitternden Boden einer ewig arbeitenden Pulvermühle dem Pulvcrthurm zu. Endlich fand ich den Schlund dieses Fcncrlands, ein großes glühendes Dampf-Thal wieder mit einem Berg —> eine Landschaft von Kratern, eine Werkstätte des jüngsten Tags — voll zerbrochner Welt-Stücken, gesrorner geborstener Höllenflüsse — ein ungeheuerer Schcr- bcnberg der Zeit — aber unerschöpflich, unsterblich wie ein böser Geist, und unter dem kalten reinen Himmel sich selber zwölf Donnermonate gebärend. Dunkelröthcr steigt auf einmal der breite Dampf, wilder gehen die Donner in einander, heißer raucht die schwere Höl- len-Wolkc -— plötzlich fährt Morgenluft herein und schleppt den flammenden Vorhang den Berg hinab — — Da stand die Helle gütige Sonne auf dem Apennin, und der Somma und Ottayano und Vesuv blühten im Friedens-Glanz, und die Welt ging langsam nach der Sonne auf mit Gebirgen, Inseln und Küsten. Der Ring der Schöpfung lag auf dem Meere vergoldet vor mir, und wie die Zauberstäbe der Stra- len die Länder berührten, so fuhren sic lebendig empor. — Und der alte Königs-Bruder des Vesuvs, der Aetna, saß auf feinem goldnen Thron und schauete über sein Land und Meer. — Und wie Schnee rollte von den Gebirgen der lichte Tag in das Meer herunter, in Glanz zerrinnend, und floß über das weite glückliche Kampanien und in dunkle Kastanien- Thäler. — Und die Erde wurde unabschlich und die Sonne zog im weiten Stralen-Netz die süßgesangne Welt im schönsten Aethcr weiter. O Linda, da prangte Deine Insel ausgebreitet, stolz gelagert im Meer mit hcrunterfließcndem Morgenrothe, ein hoch- 8 * 116 mastiges Kriegsschiff — und ein Adler, der Vogel des Donnergottes, flog in die selige Weite, als trag' er mein Herz in seiner Brust zu Deinem Epomeo hin. — O ich möchte ihm nach, sagte mein Geist. — Der heiße Boden that Donnerschläge und der Ranch umhüllte mich. — Ich möchte sterben, damit ich dem Adler nachflöge und jetzt in Jschia märe ...." * * - 1 - Hier hielt die heftig erregte Seele sich innen. Er ging oder glitt den Abhang nach Portici herab. In einem gegenseitig vorher festgesetzten Hause glaubt' er seinen Freund wiederzufinden. Aber er fand weder Dian noch den erwarteten Brief von Linda. Entkräftet von Gehen, Wachen und Glühen fiel er im kühlen, stillen Zimmer in einen Traumschlaf. Da er erwachte, stand die Mitternacht des italiänischen Tags um ihn, die Siesta — alles ruhte unter dem heißen stillen Lichte — im Himmel war keine Lerche-—die grünen Sonnenschirme neben seinem Fenster, die Fichten, standen ungercgt in der Erde und nur die Pappeln wiegten leise die neugeborue Blüte des Weins, die in ihren Armen lag — und der Ephen, der von Gipfeln hing, schwankte ein wenig. — Solche Schatten- zwcigc spielten einst in Lilar in Charitons Zimmer, als er Lianen erwartete und damals an Italien dachte. — Der große ebene einfache Garten von Portici nach Neapel, ein von Wellen umspültes Garten-Gewebe von Dörfern, Baumwäld- chcn und Landhäusern, führte sein Auge über Blüten nach seinem Paradies im Meer. — Diese einsame stille Zeit voll Sehnsucht erweichte unendlich sein schönes Herz. Er endigte so den abgebrochenen Brief: 117 I» Portici. „O meine Linda! Ich bin Dir wieder näher, aber die Ferne zwischen uns wird mir hier in der Stille so weit! O Linda, ich liebe Dich mit Schmerzen, in der Nähe, in der Ferne — o mit welchen verlör' ich Dich erst? — Warum bin ich denn Deiner Liebe so gewiß? Oder so ungewiß? Leise spricht Dein Herz zu mir. Leise Musik und Liebe ist einer entfernten gleich — und die ferne auch wieder der leisen. Hat mich der erhabne Säulenstuhl des Donnergottes neben mir so sehr erschüttert, oder denk' ich zu lebhaft an das hohle todte Herkulanum unter mir, wo Eine Stadt Ein Sarg ist: weinend und beklommen sch' ich über das Meer an die stille Insel, worauf Du wohnst. — O daß es so lange wird, bis wir uns sehen, daß Du nicht gleich jeden Gedanken aus meinem Herzen schöpfst und ich aus Deinem! Warum stellt mir das Ausbleiben Deines Briefs auf einmal größere Schmerzen, ach die größten vor die Seele? Warum denk' ich: die tiefsten Schmerzensstriche auf unserer Stirn, die Runzeln des Lebens sind nur kleine Linien aus dem ungeheuer» Bauriß, dcu der Weltgeist zieht, unbekümmert, welche Stirnen und Freuden seine Glückslinie schmerzhaft durchschneide? — Wenn diese Linie einmal durch unsere Liebe ginge — O vergib den vorcilcndcn Schmerz; in diesem Leben, dem Wechsel zwischen Strichgewittern und Sonnenblicken, ist er wol erlaubt _" * * Hier unterbrach ihn die Freude und Dian in Begleitung eines Jschiaucrs, der einen Brief von Linda brachte, um seinen mitzunehmen. Er las ihn heftig und gab seinem noch 118 die Worte wie eine Frcndenthräne mit: „Ucbcrmorgcn komm' ich auf die Insel. Was ist die Erde gegen ein Herz? Du bist mächtig, Du hältst mein ganzes blühendes Dascyn empor in den Himmel und cs stürzt aus Dich, wenn es stürzt. Lebe wohl! Ich fürchte wahrlich weder das heiße Oel noch die Flamme der Psyche." — Hier ist Linda's Brief: * * * „Wir beide leben sehr still, seit der artige Flüchtling auf Bergen und in Pallästen umherschwärmt. Wir sprachen fast zu viel von ihm und ließen uns noch dazu die schwatzende holen, um gar von seiner Reise zu erfahren. Ihre Julie ist voll Segen und Hülfe für Linda. Noch nie sah ich eine so klare, bestimmte, scharf durchblickende und doch kalte Natur, die nur gebend liebt, mehr als liebend gibt. Sie wird zwar nie die Schmerzen fühlen, die Venns Urania ihren Erwählten schenkt; aber sie ist eine geborne Mutter und eine gcborne Schwester; und ich frage sic zuweilen, warum hast du nicht alle Brüder und alle Waisen? Seit dem Erdbeben bin ich etwas kränklich. Ich habe es vielleicht nicht gewohnt, zu lieben und so zu sterben. Ich nehme ein philosophisches Buch — denn Dichter greisen mich jetzt zu heftig an -— und glaub' ihm noch zu folgen, wenn ich schon längst weggeflogen bin über das Meer. Ich lese jetzt das Leben der herrlichen Ouzon, diese weiß, wie man liebt — dieser göttliche Affekt gegen das Göttliche, dieses Selbst-Verlieren in Gott, dieses ewige Leben und Bestehen in Einer großen Idee — diese wachsende Heiligung durch die Liebe und die wachsende Liebe durch die Heiligung! Mir entsinkt das Buch, ich schließe die Augen, ich träume und weine 119 und liebe Dich. O Albano, komme früher. Was willst Du jetzt an Bergen und Ruinen suchen? Kommen wir nicht wieder? Aber ihr zcrstrcneten Männer! Nur die Weiber lieben, cs sei Gott oder Euch leider. Die (Ui^on, die heilige DIis- rese, die etwas prosaische UouriAnon, liebten Gott wie kein Mann (außer der heilige Fenelon), der Mann geht mit dem höchsten Wesen nicht viel besser als mit dem schönsten um. Albano, hast Du eine andere Sehnsucht als ich, begehrst Du mehr aus der Erde als mich, mehr im Paradies als mich: so sag' es, damit ich aufhörc und sterbe. Wahrlich, wenn Du Deine Schwester umarmst: so bin ich eifersüchtig und möchte Deine Schwester sehn, und Dein Freund Schoppe und Dein Batcr und alles was Du liebst, und Dein Ich, wenn Du cs liebtest, und Dein ganzer Himmel und Dein ganzes Du im Ich, Dein Ich im Du. Ich will Euch einiges von meiner Geschichte erzählen. Still ging ich lange über die Erde — ich sah die Höfe, die Nazionen und Länder und fand, daß die meisten Menschen nur Leute sind. Was ging cs mich an? Man sage gar von nichts, daS ist bös, sondern nur, das ist dumm— und denke nicht mehr daran. Was ich nicht liebe, existirt für mich auch nicht, und anstatt lange zu hassen oder zu verachten, Hab'ich's vergessen. Ich wurde für stolz und phantastisch gescholten und könnt' cs niemand recht machen. Aber ich bewahrte und nährte mein Inneres, denn kein Ideal darf aufgegeben werden, sonst erlischt das heilige Feuer des Lebens und Gott stirbt ohne Auferstehung. — Ich sah die Männer und fand immer blos den Unterschied unter ihnen, daß die einen sein, verständig und zart waren ohne Enthusiasmus und Gcmüth, die andern sehr herzlich und enthusiastisch mit bornirter Roh- 120 heit, alle aber selbstsüchtig; wicwol sic, wenn ihr Herz voll und nicht im Abnehmen ist, eben wie der volle Mond die wenigsten Flecken zeigen. Neben den Lehren meiner großen Mutter, neben Ihrem großen Vater bestand Keiner. Ihren Roquairol konnte man weder lieben noch hassen noch achten noch fürchten, wicwol sehr nahe an alles dieses zusammen kommen. Es machte viel auch, daß ich immer reifete; Reisen erhält oft kälter. Wenn ich nach der Küste sehe und denke, daß ein großer Römer bald in Baja, bald in Deutschland, bald in Gallien, bald in Nom war, und daß ihm die Erde eine große Stadt wurde: so begreif ich leicht, daß ihm die Menschen zu Massen wurden. Reisen ist Beschäftigung, was uns Weibern immer fehlet. Die Männer haben immer zu thnn und schicken die Seele auswärts, die Weiber müssen den ganzen Tag daheim bei ihrem Herzen bleiben. In der Schweiz legt' ich mir (so wie die Prinzessin Jdoine) eine kleine Oeko- nomie an, und ich weiß, wie man über kleine Ziele, die man täglich erreicht, sich über das hohe tröstet, das wie ein Gottes-Thron in der Höhe liegt. Da kam ich gerade in dieser stillen Woche des Lebens an den Eissee in Alontanvort. An pittoresken Bergen, Ebenen, Klüften hatt' ich mich in Spanien satt gesehen, und an Eisbergen in der Schweiz. Aber ein Eismeer in dieser Höhe, ein einsames uraltes blaugrünes Meer von rothen Felsen umstanden, eine breite Wüste voll reger aufstehender Wellen im Sturm, die ein plötzlicher Tod, ein Meduscnhaupt so mitten im Leben starr und fest gemacht! Es schlug ein Gewitter, mir sonst furchtbar, damals mit Flammen den Berg herauf, ich merkt' es kaum, meine Seele hing sinnend an der 12j Stille eines versteinerten Stnrms, an der Ruhe des — Eises! Ich erschrak, weinte ungewöhnlich den Berg herab und in derselben Woche legt' ich das ökonomische Spielwerk bei Seite und rciscte fort. Ich machte aber keine Wcttcrgcbete, sondern wohnte drunten ohne Klage in der Ncgcnschlucht eines dunkeln kalten Dascyns. Da brachte mich das Schicksal ans den Epomeo und da wollten die Götter, daß cs sich änderte. Aber nun muß cs so bleiben. Wenn ein seltenes Wesen zu einem seltenen Wesen gesagt hat: Du bist's! so sind sie nur durch und für einander. Die Psyche mit der Lampe wird es nicht suhlen, wenn die Lampe ihre Locken und ihre Hand und Herz ergreift und verbrennt, während sie selig den schlummernden Amor anschauct; aber wenn der entschlüpfende heiße Oeltropfe aus der Lampe den Gott berührt und er aufwacht und ihr zornig entfliegt auf ewig — auf ewig. Ach du arme Psyche! — Was hilft dir der Tod im anfgelös'ten Eismeer? -Hat denn noch kein Mann den Schmerz der verlornen Liebe empfunden, damit er wisse, wie noch tausendmal härter er eine Frau verheere? Welcher hat denn Treue, die rechte, die keine Tugend und keine Empfindung ist, sondern das Feuer selber, das den Kern der Existenz ewig belebt und erhält? — Ich bin krank, Albano, sonst weiß ich nicht, wie ich zu diesen tristen Ideen komme. Ich bin so ruhig im Innersten; ich habe nur die Saiten, nicht die Stimmung gezeigt. Wir sollen nicht auf die Zukunft wirken und sehen, sondern auf die nächste Gegenwart. Erschiene je die Zeit — ich habe weder Reue noch Geduld — je die Zeit, wo Du mich nicht mehr und recht liebtest: ach ich würde stiller, stärker, kürzer 132 scyn als jetzt, und was gibt es weiter, als entweder für den Geliebten sterben oder — durch ihn? Komme bald, Holder! Es ist sehr schön um uns, eS hat geregnet, alle Welt jubiliret und sieht die Sonnen-Tropfen und hat sich einen Himmels-Trank gcsammlet; auch ich habe für Dich Tassen und Vasen in der Eile hinausgestcllt. Komme, ich will Dir das Oelblatt und den Myrtenzweig bringen und um das Haupt Rosen und Violen winden. Komme, ich dachte sonst nicht, daß ich so oft nach dem Posi- lippo sehen würde. — L. N. S. Auch die Nebenbuhlerin sieht nach dem Posilippo und freuet sich ans Dein Wiedersehen. Doch übereile nichts, ^clio, coro. I. Albano fand in diesem Charakter eine stille Rechtfertigung und Erfüllung aller Forderungen, die er früher bei Lianens Leben immer an ein geliebtes Wesen machen mußte; er nahm aber in der Unschuld seiner Liebe nicht wahr, daß gerade diesem Wesen die in seinem Briese regierende Sehnsucht nach Krieg und Thaten nicht gefallen könne. Er besuchte nun die unterirdische Stadt in ihrem Gottesacker, gleichsam neben der Cestins-Pyramide des Vulkans. Dian ging mit ihm das Herkulanum als ein antiquarisches Lexikon durch, um ihm die ganze Haushaltung der Alten bis zum Malen hinaus aufznblättern; aber Albano war bewegter als sein Freund von dieser mitten in der Gegenwart wohnenden Vergangenheit, von den stillen Hausern und nächtlichen Gassen und von den häufigen Spuren der fliehenden Verzweiflung. „Wären denn nicht diese Leute alle jetzt doch todt ohne den Vesuv?" fragt' ihn Dian heiter im heitern Lande. „Ich frag' Euch lieber (fuhr er fort), ob ein Baumeister, 133 wenn er ans dieser Kunstkammer oder Kunststadt gekommen, in Eurem Deutschland noch viel Lust haben kann, nach der größten Ruine der Erde die erbärmlichen winzigen für Eure Fürstengärtcn anzugeben?" — Sie sahen in einem dunkeln Vorhaus eben eine irdene Maske an, die man in Gräber stellte, mit Lampen wie Augen darhinter. Da blickte ihn Al- hano starr an und sagte: „sind wir nicht blitzende Larven aus Erde am Grab?"— „Pfui, die häßliche Idee!" sagte Dian. Noch lange draußen im lebendigen Sonnenschein gingen ihm dunkle Gedanken nach, neben dem glänzenden Portici stand der Vesuv als Scheiterhaufen und der Todescngel darauf. Er dachte an Hamiltons Weissagung, daß das schöne Jschia einst auf der Mine eines Erdbebens sterbe. Selber Linda's Brief betrübte ihn mit dem bloßen Gemälde ihres möglichen Verlusts. In Neapel besah er noch einige Merkwürdigkeiten; dann schifft' er sich am andern Morgen nach dem Eden der Wellen ein. 115. Z y k e l. Und als sie sich wieder sahen und wieder faßten: waren sie entzückter und verbundener, als es jedes glückliche Herz voransgcsehen. Linda saß still und sanft, sah den schönen Jüngling an und ließ ihn und die Schwester erzählen, die sich oft unterbrach, um beide zu küssen. Er sprach sehr erfreut über Linda's Brief; Männer machen überall mehr aus dem Geschriebenen als Weiber. Linda sprach gleichgültig: „Ach was! Jst's geschrieben und gelesen, so sei cs vergessen. In Ihren ist zuweilen auch ein nordisches Uaux-I>riIIant." — j24 „Die Gräfin (sagte Julienne) lobt niemand ins Gesicht als sich." Linda ertrug mit eigner Gutmüthigkeit den Spott. Albano, ihr oft gefallend und mißfällig, wo er's nicht wußte, vergab der Liebe so leicht. Der Freundschaft vergibt die beleidigte Eitelkeit schwerer. „Zwar doch! (holte Julienne Plötzlich unter dem Schleier der Lustigkeit zu einer ernsten Rede aus) Dein Emigrir-Pro- jckt nach Frankreich ist ein buux- brillant. Kannst du denn glauben, daß man es dir znlässet, daß eine Prinzessin- Schwester von Hohcnfließ dem Bruder Pässe zu einem demokratischen Feldzüge unterschreibt? Nimmermehr! Und gar kein Mensch, der dich liebt!" — Albano lächelte, wurde aber am Ende ernst. Linda war still und senkte das Auge. „Zeige mir (sagte er sanft wie nur mit halbem Ernst und Scherz) auf der Landkarte eine bessere Laufbahn!" — „Einen böscrn Laufgraben? (sagte sie spielend.) Wol kaum!" Nun schattete sic mit aristokratischen, weiblichen und fürstlichen Farben zugleich, mit dreifarbigen Farbcncrden alle Flammen, Rauchwolken und Wellen ab, womit der Nonte ouovo der Revolu- zion aus dem Grunde aufgcsticgen war. Und setzte dazu: „lieber ein müßiger Gras als das!"— Er wurde roth. Von jeher war ihm das weibliche Binden der männlichen Kraft, das liebende Krnmmschließen zu Blumen herab, das ungerechte Umschmieden des Liebes-Rings zum Galeeren-Ring so anf- schrcckcnd und verhassct; — „in einer Welt, die nur eine Mcßwoche und ein Maskenball ist, nicht einmal Meß- und Maskcnfreiheit zu behalten, ist stark," hatte einmal Schoppe gesagt und er nie vergessen, weil es aus seiner Seele in sie kam. „Schwester, du bist entweder nicht mein Bruder, oder ich deine Schwester nicht (sagt' er), sonst verständen wir uns 125 leichter." Lindes Hand zuckte in seiner, und ihr Auge ging langsam zu ihm aus und schnell nieder. — Julienne schien vom Vorwurft des Geschlechts betroffen zu seyn. Albano dachte an die Zeit, wo er ein Herz aus Wachs zerdrückte mit einem aus Eisen und sagte, Heller und kälter: „Julienne, ich will gern kein Nein zu dir sagen, wenn du es nur sür kein Ja anfichst." — Er könnte, fiel ihm ein, seinen Widerspruch leicht hinter die Zukunft verstecken, da ja noch kein Krieg in Europa entschieden war; aber er fand das nicht ehrlich und stolz genug. — „Quäle nicht!" sagte Linda zu ihr. „Ja wol, (sagte Julienne aufspringend), ich darf ja nur an das und au das denken — was weiß ich!" und sah sehr ernsthaft aus. „Äoch zwei Tage (setzte sie dazu und suchte aus dem Ernst zu kommen) können wir auf der Insel wie Götter, ja wie Göttinnen, verleben; wiewol zu einem Gott taug' ich allenfalls, nur zu keiner Göttin; diese muß länger seyn; ich bin nur die Folie der Gräfin aus unendlicher Güte." Denn Juliennens Gestalt verlor durch die Nachbarschaft der majestätischen Linda. Aber der Krieg der liebenden Menschen hatte sich durch keinen Frieden geschlossen und blieb daher in seinen Waffen. Wie der Vesuv glühende Steine, so wirft der Mensch seine Vorwürfe so lange in sich empor und erhebt und verschlingt sie wechselnd, bis endlich eine glücklichere Richtung sie über den Rand hinaustrcibt. In Albano arbeitete wol die Frage, was Linda's Schweigen zum kleinen Kriege über und wider den großen bedeute; allein er legte sie nicht vor. Der Unabänderlichkeit seines Entschlusses sich bewußt, war er milder gegen die Schwester, die er, glaubt' er, doch einmal sehr damit verwunden würde. 126 So war cr durch dm kalten und warmen Wechsel des Lebens sanft geworden, wie ein Edelstein durch schnelles Erglühen und Abkühlen sich in Arzenei verwandelt. Schnell und schön gingen die letzten Freudentage über die Insel hinüber, die nach dem Regen wie ein deutscher Garten grünte. Die weiche kühle Luft — die Myrten- nnd die Orangendüftc — einzelne Glanzwolken am warmen Himmel — der Zauberrauch der Küsten — die goldne Sonne am Morgen und am Abend — und die Liebe und die Jugend schmückten und krönten die einzige Zeit. Hoch brannte auf der blühenden Erde die Opferflamme der Liebe in den blauen stillen Himmel. Wie zwei Spiegel vor einander stehen und der eine den andern und sich und die Welt abmalt und der andere alles diefi und auch die Gemälde und den Maler: so rnhten Albano und Linda vor einander, Seele in Seele ziehend und malend. Wie der Montblanc herrlich sich im stillen Chedersee hinabspicgelt in einen blassem Himmel: so stand Albano's ganzer fester lichter Geist in Linda's ihrem. Sie sagte: cr sei ein Redlicher und Edler zugleich und habe, was so selten sei, einen ganzen Willen; nur woll' er, wie oft die Männer, noch mehr lieben als er liebe, und daher merk' er seine stille Erbsünde vor Selbstsucht nicht genug. Gegen nichts sträubt' er sich zorniger und aufgebrachter, als gegen den letztem Tadel und er vergab ihn niemand als der Gräfin. Er widerlegte sie, so stark er konnte; aber ihre Meinung wurde durch die beste Vertilgung nur eine Scheinleiche und trat ihm in der nächsten Stunde wieder lebendig entgegen. Mit sich wurd' er durch sie näher bekannt als mit ihr selber. Er nannte sie die Uranide, weil ssw ihm wie der Himmel zugleich so nahe und so fern erschien; und sie hatte 127 nichts gegen diesen vollen Lorbccrkranz. Es gibt eine himmlische Unergründlichkcit, die den Menschen göttlich nnd die Liebe gegen ihn unendlich macht; so ließen die Alten die Freundschaft die Tochter der Nacht nnd des Erebus seyn. Wenn Albano so über den weiten reichen Geist Liuda's hinsah — sie, zugleich ihrer Liebe lebend, und jede fremde beschirmend und doch gleichsam vom Wissens-Durste trunken — zugleich ein Kind, ein Mann und eine Jungfrau — oft hart und kühn mit der Zunge, für und gegen Religion und Weiblichkeit und doch voll der zartesten kindlichsten Liebe gegen beide — glühend zerschmelzend vor dem Geliebten und schnell erstarrend bei kaltem Anrührcn — ohne alle Eitelkeit, weil sie immer vor dem Throne einer göttlichen Idee stand und der Mensch nie eitel ist vor Gott, aber sich alles zutrauend und vor niemand demüthig, ohne doch sich oder andere zu vergleichen — voll männlicher kecker Aufrichtigkeit und voll Achtung für Gewandtheit und listigen Welt-Verstand — so ohne Eigennutz und kindlich über Frohe froh, ohne besondere Sorge und Achtung für Menschen — so unbeständig und ««biegsam, jenes im Wünschen, dieses im Wollen — aber ewig ihr Auge und Leben gegen die Sonne und den Mond des geistigen Reichs, gegen Würde und Liebe gerichtet, gegen das eigne nnd gegen ein geliebtes Herz: — wenn Albano das Alles vor sich spielen und weben sah, so lebt' er gleichsam auf dem einfachen nnd doch unabsehlichcn, dem beweglichen und doch allgewaltigen Meere, dessen Gränze blos der klare Himmel ist, der keine hat. An dem Himmel der drei Liebenden erschien endlich die Morgcnröthe des Reise-Tages. Es wurde von beiden Freundinnen bestimmt, daß Albano sie nur bis Neapel, wo ihre 128 Leute ihrer warteten, begleiten — dann sie in Rom einmal zufällig — dann auf üsoln >>elln znm lctztenmale zufällig finden dürfte; eine sehr unfreundliche Unterwürfigkeit unter den Welt-Schein, auf welche aber Linda so stark als Julienne drang, und zu welcher selber Albano, durch seine Geburt mehr zum Standes-Zwange abgehärtet als ein bürgerlicher Jüngling von gleicher Seele, leicht das schmerzliche Ja unter dem schweren Schleier aller Verhältnisse hcrgab. Julienne entschied über alle kleinern Maßregeln; sie war auf der ganzen Reise die Geschäftsträgerin der Gräfin gewesen, die, wie sic sagte, nicht Kops genug habe, um sich einen Hut darauf zu kaufen, so rasch, geldvcrgessen und träumend sei sie. Die Schwester war so munter und ganz hergestellt, sagte aber, alle fünf und dreißig heiße Quellen der Insel hätten nicht halb so viel für ihre Genesung gethan, als eben so viele Frendenthränen, die sie zum Glück vergossen habe. Sonderbar erschien alles um sie am Reise-Morgen; ein Helles warmes Gewölk' vertropftc silbern —- die Sonne schien zwischen zwei Bergen darein — die entzückten Eiländer sangen ein neues Volkslied unter der Regen-Ernte oder Tropfen- Lese — indeß ihre Freunde eilig von den Wellen ans ihrem Freudcn-Kreise weggezogcn wurden. Agata stand, um sich zu kühlen, mit einer Schlange in der Hand am Ufer und Albano fühlte dabei einen Schmerz, den er sich nicht zu erklären wußte. Jetzt warf der Epomeo den Wolken-Himmel auseinander und glänzende Wolken-Stücke zogen langsam ihnen voraus, nach dem Apennin dem Norden zu, dem Wohnhimmel der Nebel, und schnell und leicht glitten die Schatten des Himmels über die wimmelnden Wcllcnspitzcn. „Immer (sagte Albano nach der nach Westen zurück- 129 schwimmenden Insel blickend) bestehe mit deinem Berg; nie reiße ein Unglück das schönste Blatt aus dem Buche der Seligen!" — „Wie wird es mit uns allen sehn (sagte Linda), wenn wir einmal wicderkommen und den schönen Boden wieder suchen?" — Da erblickten sie einen hochgcwölbten Regenbogen, der halb auf der Insel und halb auf den Wellen stand, die ihn wie einen gewölbten bunten Wasserstral auf das Ufer auszuwcrscn schienen. „Wir werden (sagte Julienne entzückt) durch den Bogen des Friedens eingehcu." Bei diesem Worte verschwand der Regen und der Farbenkranz; und allein die Sonne glänzte hinter ihnen. Durch den Fackeltanz der Wellen lief die Fahrt. Die Fernen glänzten und dampften herrlich. „Warum ergreifen die Fernen so mächtig die Seele, obgleich aus denselben Farben wie die Nähe gemalt?" — sagte Albano. „Das ist eben die Frage," sagte Dian. Gewaltig lag das Meer wie ein Ungeheuer an den Küsten über ihren ganzen Weg nach Rom hin ausgcstreckt und hob die Schuppen von Wellen auf und nieder. Albano sagte: „Da ich auf dem Vesuv das Gebirg' ansah und das Meer: so dacht' ich daran, wie klein und falsch theilet der enge Mensch die zwei Kolossen der Erde in kleine benannte Glieder entzwei und thut, als reiche nicht dasselbe Meer um die ganze Erde." Seine Freundinnen konnten, zu innig und trübe bewegt, nichts antworten und vor den fremden Augen standen ihnen keine Worte, kaum Blicke frei. Als Albano wieder das Schlachtfeld der Zeit, die Ruinen-Küste näher sah, die den Mann ewig fassen und heben — die alten Tempel und Thermen, wie alte Schiffe auf dem Lande sterbend hier einen niedergedrückten Riesentempel, dort eine Stadtgasse unten aus 3ea» Paul'S auSgew. Werke. XII. 9 130 dem Meeresboden*) — .die heiligen Gedächtnißsäulen und Lenchtthürmc voriger Größe leer und ciusgclöscht neben der ewig jungen Schönheit der alten Natur: so vergaß er die Nachbarschaft seiner eignen Vergänglichkeit und sagte zu Linda, deren Auge er dahin gerichtet: „vielleicht errath' ich, was Sie jetzt denken, daß die Ruinen der zwei größten Zeiten, der griechischen und römischen, uns nur an eine fremde Vergangenheit erinnern, indeß andere Ruinen uns nur gleich der Musik an die eigne mahnen, das dachten Sie vielleicht." — „Wir denken hier gar nichts (sagte Julienne), es ist genug, wenn wir weinen, daß wir fort müssen." „Wahrlich, die Prinzessin hat Recht," sagte Linda und setzte wie nnmuthig über Albano und alles dazu: „und was ist das Leben weiter als eine gläserne Himmelspforte? Sie zeigt uns das Schönste und jedes Glück, aber sie ist doch nicht offen." Durch Zufälle fremder Umgebung waren sie gezwungen, sich mit kaltem Scheine zu verlassen und nach der Gewohnheit des neckenden Schicksals eine große Vergangenheit mit einer kleinen Gegenwart zu beschließen. Albano reifete, so schnell sein Sinn cs vermochte, über die erhabne Welt um ihn her. Als er in Mola ankam, hört' er die seltsame Nachricht, daß man in Gaeta eine ganze lederne Kleidung mit einer Maske weit im Meere schwimmend gesunden, die des aufgefahrnen Mönchs seine gewesen scyn müsse und bei welcher man nichts so unbegreiflich gefunden als die Leerheit ohne einen todten Leib. — In Mola verduftete endlich die schöne Ischias-Insel, die hohe Himmelsbnrg, und der steigende Pol bedeckte unter andern südlichen Sternbildern auch *) Bei Baja. 131 dieses warme, das mit Glückssonnen so lange über ihm geschimmert; nnd der letzte Stern des kurzen Frühlings ging hinab. Das ist das Leben, das ist das Glück. Wie der spielende Mond, besteht cs ans ersten und letzten Vierteln und langsam nimmt es zu und langsam ab — in seiner Hoffnung, in seiner Furcht —; ein kurzer Blitz ist der Vollmond der innersten Entzückung, eine kurze Unsichtbarkeit der Neumond der innersten Ocdc; — und immer hebt das leichte Spiel wie der Mond seinen Kreis von neuem an. 9 * 132 Dreißigste Jobelperiode. Tivoli — Stroit — Isola bella — die Kinderstube — die Liebe — Abreise. 116. Z y k c l. Albano trat wieder bei dem Fürsten Lauria ab, der bisher in einem solchen Znstrom neuer Begebenheiten geschwommen war, daß er die Abwesenheit kaum innen geworden und sich über die Wiederkunft wundern wollte. Es war unterdessen der deutsche Krieg gegen Frankreich festgesetzt worden. Diese Botschaft trug er seinem Enkel voll von der freudigen Erwartung entgegen, welche große Szenen ein solcher Kamps entfalten müsse. Auch Albano wurde lange mit ihm von diesem hohen Strome gezogen, eh' er daran dachte, daß diese Nachricht anders und niederschlagender ans seine Schwester wirken würde als auf ihn. Aber das heroische Feuer, in welches er sich mit dem politischen Lauria hineinsprach, spielte ihm einen leichten Sieg über die schwesterliche Liebe vor. Er wollte den Freundinnen seine Ankunft sagen, als er vom Fürsten vernahm, daß beide, wie er von der Fürstin ^Itieri, bei der sie wohnten, gehört, schon nach Tivoli gegangen. — Wie glücklich reifete er, die freundliche Absicht dieser Zwischenrcisc erreichend, ans dem von Liebe und Frühling stralenden Nom und sah eben so heiter nach der Zukunft, wo sein Leben sich blühend auseinanderschlug, als nach Tivoli, wo er zwei Herzen an eines zu drücken hoffte. Er sand, da er in der Stadt Tivoli ankam, die seurigen Mädchen schon entwichen nach der Kaskade. Wie ein Mensch im Tcmpe-Thal oder vor dem Gcnfcrsec nur im unachtsamen Traum am User vor den Waffcrbildcrn des Himmels und der Erde vorübergeht, weil ihn die blühenden Urbilder rings umher umfangen und entzünden: eben so glitten die Felsen der bevölkerten Landschaft und der runde Vcsta's-Tcmpel und die in einander fließenden Thälcr vom römischen Thor an bis zum Tempel, diese glänzenden Reihen glitten nur als Traum- nnd Wafscrbildcr vor dem Herzen vorüber, worin eine Geliebte lebendig blühte und mit der Fülle einer Welt eine Welt verdrängte. Er irrte unter dem Gewühlc der Aussichten umher, ohne die schönste zu finden, als ihn ein kurzer blaßgelber reichgekleideter Mensch mit eingeschrnmpstem Gesichte erblickte und mit dem seidnen Arm auf den Weg zur Kaskade zeigte, ungefragt sagend: wenn er die Damen suche, so seien sie bei der großen Kaskade. Albano schwieg, ging weiter, sah zwei und erkannte Linda an ihrer hohen Gestalt. Endlich sahen, fanden, umfaßten sich die drei Menschen, und der herrliche Wafserstnrm wehte in die Entzückung. Linda sagte zärtliche Worte der Liebe und glaubte stumm zu sehn, denn das schöne Gewitter aus Strömen zerriß die zarten Sylbcn wie Schmetterlinge. Sie hatten sich nicht gehört und standen, schmachtend nach ihren Lauten, nmrungen von fünf Donnern, mit weinenden Augen voll Liebe und Freude vor einander. Heilige Stelle, wo schon so viele tausend Herzen heilig brannten und selig weinten und sagen mußten: 134 das Leben ist groß! -— Heiter und fest glänzt in der Sonne oben die Stadt über dem Wasser-Krater dahin — stolz schauet Vcsta's zerrissener Tempel, mit Mandclblüte bekränzt, von seinem Felsen ans die Strudel nieder, die an ihm graben — und ihm gegenüber spielet der strudelnde Anio alles auf einmal vor, was Himmel und Erde Großes hat, den Regenbogen, den ewigen Blitz und den Donner, Regen, Nebel und Erdbeben. Sie gaben sich Zeichen zu gehen und das stillere Thal zu suchen. Wie klangen ihnen darin die Worte: Bruder, Schwester, Linda, wie neue Meuschcnlaute im Paradies! Hier, che sie den Hügel voll neuer Wasserstürze, Blitze und Farben bestiegen, suchten sie sich ihre Reisen und ihre Nachrichten einander zn erzählen. Julienne berichtete die srohe, ihr Brnder, der Fürst, gebe wieder Hoffnung der Genesung, seitdem erwachend, wie er betheuerc, seinen todten Vater gesehen, der ihm längeres Leben -versprochen. Die schöne Linda blühte im Paradies wie eine verhüllte Göttin, die ihren Geliebten aus der Erde lange suchte und 'endlich gefunden hat. Sie nahm oft seine Hand und drückte sic wider ihre Augen und Lippen und lispelte kaum hörbar, wenn er mit ihr oder Julicnnen sprach: „Lieber! — Freundlicher Mensch!" — Ueber die Gegend schwieg sie; denn über jede sprach sie erst, wenn sie aus ihr gekommen war. Julienne, über die brüderliche Genesung so froh, fing allerlei Scherze an, sagte, daß sie bedauere, aus Neapel ihrem Ludwig ein vergebliches Spezifikum gegen sein Ucbel gesandt zu haben, und fragte endlich Albano: „kennst du nicht einen Jüngling Namens (mrcliw, er will dich kennen?" — Er sagte nein, erzählte aber, ein kleiner stämmiger Mensch Hab' 135 ihn hier zu kennen geschienen und zur Kaskade gewiesen. Julienne snhr auf und sagte, es sei entschieden der Haar- haarische Prinz, der ans Lnigi's Tod und Thron so boshaft hoffe, er wohne in Tivoli im Hanse des Herzogs von Modena und gehe gewißlich als ihrer aller Spion umher. Um sich selber nach diesem gehaßten Mißlaut wieder anszustimmcn. setzte sic die Frage über Onrclito fort und sagte: „es ist ein sehr schöner derber Korse (der Prinz ist ja die lebendige Ungestalt) und er kündigt dir ganz ernsthaft den Krieg an." „Den soll er wahrlich haben." sagte Albano. der nun alles begriff und — alles erzählte. Larclito war jener Korse, mit dem er früher sich über den gallischen Krieg entzweiet hatte. „Bruder, das ist noch dein Ernst?" sagte Julienne mit gedehntem Akzent. „Jetzt besonders!" sagt' er entschieden, um den Streit sogleich anszuschlicßen. Heftig drückte Linda seine Hand in ihre Augen, als wolle sic sie damit bedecken. „Nun, so verhandle deinen Prozeß mit mir. so vernünftig du kannst, und lasse deine Nechtsgründe hören, aber lass' uns erst ans den Hügel, damit man dabei auch etwas steht." sagte die Schwester. Auf dem Hügel — vor dem Grün des blitzenden Thals, wo überall der Strom wie ein verwundeter Adler mit dem Flügel an der Erde schlug — vor den aus die Blumen her- nnterblitzcnden drei Kaskatcllen — fing Albano bewegt und begeistert an: „ich habe nur Einen Grund, liebe Schwester — ich bin noch nichts — ich bin kein Dichter, kein Künstler, kein Philosoph, sondern nichts, nämlich ein Graf. Ich habe aber Kräfte zu manchem, warum soll ich's nicht sagen? — Wahrlich wenn ein Da Vinci alles ist. oder ein Crichton. oder wenn ein Richelieu, ob er gleich den politischen Thron 136 behauptet, doch noch den poetischen besteigen will: soll ein anderer mit kleinern Wünschen nicht entschuldigt seyn? — Und bei Gott! eigentlich will ein Mensch doch alles werden, denn er kann nicht anders, er sehnet und treibt fich dazu hin und das innige versteckte Herz weint Blutstropfen, die keine Menschenhand abtrocknct, nur die hohen Eiscnschranken der Nothwcndigkeit halten ihn auf — Schwester, Linda, was Hab' ich denn noch gcthan aus der Erde?" — „Diese Frage; — und diese ist genug vor Gott," sagte Julienne, bewegt von der wund-stolzen Bescheidenheit des Jünglings und von seiner schönen Stimme, welche zornig so klang wie gerührt. „Worte! was sind Worte? (sagt' er.) O man schämt sich wol freilich, daß man etwas früher nur denken und sagen muß, eh' man's thut, obgleich der dürftige Mensch nicht anders kann, sondern jede That wie eine Statue vorher im elenden Wachs der Worte modelliren muß. Ach, Linda liegen hier nicht überall um uns Thatcn, statt der Worte und Wünsche? — Hab' ich nicht auch einen Arm, ein Herz, eine Geliebte und Kräfte wie andere und soll mit einem morschen mürben spanisch- oder deutschen Grafenlebcn ans der Welt gehen? — O meine Linda, streite du für mich!" „Ich bin (sagte sie, scharf nach der großen Kaskatclla blickend, die hoch aus Bäumen hcrniedcrstürmte) nicht von vielen oder beredten Worten und verstehe Sie auch nicht ganz. Ich muß mir immer die Worte in Ideen und Wahrheiten übersetzen und vermag es nicht allzeit. Bei Ihren Worten, Graf, denk' ich mir gar nichts. Wem die Liebe nicht allein genügt, der ist von ihr nicht erfüllet worden. Freilich, so mit dem Herzen alles vergessend wie wir, so konzentrirt in Eine Idee des Lebens sind die Männer nie. Ach und so wenig ist 137 dcr Mensch dem Menschen, ein Menschen-Bild ist ihm mehr und jede kleine Zukunft!" „Auch du, Brutus?" sagte Albano betroffen. „Würden Sie, (fuhr er sich fassend fort) dem Elysiums-Leben auf Iseliin eine Ewigkeit für einen Mann geben? Würden Sic ihn als Jüngling ins Kloster der seligsten Ruhe schicken? Gewiß nur als Greis. Jenes hieße den Baum mit dem Gipfel in die finstere Erde pflanzen." „Das ist wieder der Deutsche (sagte sie); nur immer recht Betriebsamkeit. Die ruhigen Neapolitaner, die Völker am Apennin, an den Pyrenäen, am Ganges, in Otahciti, voll Genuß und Beschauung, sind diesem Spanier ein Gräuel. Ich dächte, wenn ein Mensch nur für sich etwas würde, nicht » für andere: das reichte zu. Was große Thaten sind, das kenn' ich gar nicht; ich kenne nur ein großes Leben; denn jenen Aehnliches vermag jeder Sünder." — „Wahrlich, das ist wahr (sagt' er); es gibt nichts erbärmlicheres als einen Menschen, dcr sich durch dieß oder das zeigen will, was ihm selber groß, selten und ohne Verhältniß zu seinem Wesen vorkommt, und ihm daher gar nicht an- gchört. Jede Natur treibt ihre eigne Frucht und kann es nicht anders; aber ihr Kind kann ihr niemals groß erscheinen, sondern immer nur klein und gerecht. — Jst's anders, so ist ihr eine ganz fremde Frucht an den Zweig gehangen." „Albano! wie wahr! Aber Ihr hattet sonst nie einen halben Willen, wie ist's?" sagte Linda. „Jetzt auch nicht!" sagt' er ohne Härte. Man ist am sanftesten, wo man am stärksten ist mit dem Entschluß. Er suchte nun seine eignen Worte — das Oel und den Wind für sein Feuer —- recht zu sparen und zu meiden; um so mehr, weil Worte doch gegen 138 nichts helfen, sondern vielmehr das fremde Gefühl anstatt ans- nur anblasc»; dabei wnrd' er noch der häufigen Fälle eingedenk, wo er Linda mit einem einzigen Worte bei aller Unschuld zur Flamme aufgetricbcn. Sic standen, und er schanctc hin über das göttliche Land, als Linda, nach einem stummen Blicken in sein Angesicht, ungeachtet ihres scheinbar- ruhigen Philosophircns, auf einmal heftig seine Hand ansaßte und ries: „Nein, du darfst nicht, bei meiner Seligkeit, bei allen Heiligen — bei der heiligen Jungfrau — bei dem Allmächtigen! — Du darfst, du sollst nicht!" Einen Raub gibt es, wogegen ewig der Mann unaufhaltsam entbrannt aufstcht, und beging' ihn eine Göttin aus Liebe und böte sie dafür eine Welt von Paradiesen, es ist der Raub seiner Freiheit und freien Entwickelung. Ja, daß es Liebe ist, aber despotische, zugleich Freiheit übende und raubende, das erbittert ihn nur noch mehr, und aus dem Nebel des Jrrthnms wird später das Gewitter der Leidenschaft. — Linda wiederholte: „Du darfst nicht." Er sah ihr bewegtes glänzendes Antlitz an, dessen südliche Heftigkeit doch mehr einem Enthusiasmus glich als einem Zorn, nnd sagte fest: „O Linda, ich werde wol dürfen und wollen!" — „Nein, ich sage nein!" riefsie." „Bruder!" fing die Schwester an. „O Schwester, (rief er) sprich sanft, ich bin ein Mann nnd habe heftige Fehler." Ihn zog der erhabene Krieg des Wassers mit der Erde nnd mit Felsen, das Dnrcheinanderstürmen der blitzenden Rcgen- gestirne nmher wie an Flügeln in die Wirbel — die große Kaskatella warf aus hohen Bäumen ihren Wolkcnbruch heraus, und ans dem Himmel ohne Donner stäubte eine schimmernde Welt — und in Osten zeigte sich fern das Meer im 139 dunkeln Schlaf und die nntergehcnde Sonne drang glänzend in den Glanz herein. „Gewiß wcrd' ich sanft reden, (sagte die Prinzessin, die, viel empfindlicher und nachklingender als Linda, einige Mühe hatte, den Sprachton zn ihrem Versprechen zu stimmen. -—) Es braucht nichts weiter als die Betrachtung, daß unser Streit zu früh ist; ich thue blos die Bitte, ihn bis zum Oktober auszusctzcn, und das Versprechen, daß er dann anders ausgeht." — „O es sei!" sagte Albano. Linda nickte sanft und langsam und legte wider Erwarten seine Hand mit beiden an ihr Herz und sah ihn an, aus großen Augen weinend, denen sonst Feuer gewöhnlicher war als Wasser. Ihn zerschmolz der Anblick, daß diese kräftige Natur nur Heftigkeit ohne Hassen und Zürnen hatte, und ihn erfrischte unendlich sein Poriges geheimes Niederschlagen seiner auffahrenden Flammen. Die Schwester wurde durch beide erweicht und eine Minute der zartesten Liebe umschlang bald die drei Menschen mit Einer Umarmung. Die Hpperbeln des Zorns sind dem Menschen nie so ernst als die der Liebe, jene soll nur der andere glauben, diese glaubt er selber; alle hatte das Aus- sprechcn ausgcheitert. Wenn sonst eine vergangne kalte Minute den Liebenden, wie eine kalte Nacht den Bienen, noch die Blumen zuschließct, woraus sie den Honig nehmen, so war hier nach dem Sturm aus klarer blauer Luft der Himmel reiner und stiller und die Ruhe wurde Seligkeit wie die Seligkeit Ruhe. Durch Albano war, obwol schnell, die Furie der Furcht gegangen, die ein umgekehrtes Stcrnrohr hält und dadurch den Menschen einen ganz fernen ansgelcerten Himmel ohne Sterne zeigt; aber nicht so durch Linda; sie hatte immer in Liebe und Hoffnung sortgcsprochcn und für ihr glühendes Herz gab es keine Stellen mit EiS. Darum war er jetzt so selig, und so beglückt vom Anscheinen der kräftigen Natur! Eine hohe lange Thal-Kette, worin Wein und Oel in Blütcndüftcn stoffen, führte alle dem großen Rom entgegen. Eine Zcitlang durfte sic der Jüngling begleiten; endlich mußt' er zu einer langen Entfernung Herz und Auge von den Geliebten reißen, als über die grünen Thäler her schon die mächtige Peters-Kuppel hcrübcrglänzte und die Zypressen, stolz nur von Zypressen umgeben, das Gold des Abends aus den Zweigen trugen, ohne sie zu regen. Alle hatten das Auge am schönen Rom, aber ihr Herz war nur auf Isoln llelln, wo sic einander wiederzufinden versprachen. 117. Z Y k c l. Auf dem Wege nach Isoln belln dacht' er seiner kriegerischen Stunde mit der heftigen Linda nach und dem Charakter dieser Kricgsgöttin. Er erschrak über die steile Höhe, über welche er sich vor wenigen Tagen so weit herübergebückt, da Linda so entschieden ist, nichts kennt als Leidenschaft oder Vernichtung. Und doch fand er jetzt in der Abkühlung ihre gebietende Forderung an seine Freiheit noch härter und sagt' es sich stark, das Weib dürfe nicht das heilige Gebiet der männlichen Entfaltung cincngcn oder beherrschen. Von der andern Seite war ja alles Liebe und deren Ucbermaß — und je länger er reifete und verglich, desto einsamer und dunkler wurd' es ans der Stelle seines Lebens, ans welche nur sic die große Flamme warf. Sie rückte ihm durch sein stilles Be- 141 schauen ihres Geistes im Geiste viel Heller und näher als durch die Gegenwart vorher, weil jenes sie ans einmal in Harmonie, diese sie mit den einzelnen Dissonanzen ohne die Auslösung gab. Ihre Kraft der allscitigen Unparteilichkeit für alle Charaktere war ihm an einem Weibe eben so selten als groß erschienen; zumal da er selber diese Kraft mehr in der Achtung siir sie und in dem freudigen freien Ansfasscn großer, exzentrischer, poetischer Erscheinungen, aber nicht aller und der platten und schlechten wirken ließ. Gleich mächtig und gewachsen standen in ihm neben einander Liebe und Freiheit; nur durch einen neuen Entschluß wurden sie verbunden und versöhnt, sanft zu sehn, nicht blos stark, ihr sein Freiheitsrecht und seine liebende Seele recht offen hinzulegen und das edle Wesen zu werden, das ihr gehört: bin ich's nicht, wenn ich's recht will? sagt' er. In der höchsten Lebensfreude, in der Einigkeit mit sich und dem Schicksal, machte er seine Reise nach Inoln >,elln so schnell, als Hab' er da die Geliebte schon zu finden, nicht erst zu erwarten. Wie manches stand jetzt kleiner an seinem Wege, an das er das römische Maß und nicht das deutsche legte und wovor er nun, wie ihm sein Vater vorausgcsagt, flüchtiger vorübcrging! — Endlich sah er die Kunst-Alpe von Isoln llella in den Wellen stehen; und landete freudig mit seinem Lehrer in dem Kindheits-Garten an, wo er so viel erwarten und mit neuen welschen Lebens-Blüten am Herzen aus dem gelobten Lande scheiden sollte. Er wartete mehrere lange Tage, sich sehnend und bangend nach den Freundinnen, ob ihm gleich der heitere Freund immer die Geschwindigkeit seiner Reise vorrechnete. Sein 142 Entschluß, recht sanft zu seyn, wurde immer uunöthigcr und unwillkürlicher. Die Insel selber löscte schon mit ihren Früh- lingcn aus Düsten und mit dem fernen Kranz aus Alpen die Seele aus. Im vorigen Jahre hatt' er sie mehr in Blättern als in Blüten gesehen. Es war ja sein Kindhcitsland — an vielen Plätzen an der Sec schimmerten ihm Sterne aus einer tiefen nachmitternächtlichcn Lebens-Frühe herauf — hier hatt' er zuerst seinen Vater gesunden, und zuerst Linda's Gestalt über den Wellen gesehen — hier findet und verliert er sie nach der längsten Trennung wieder für eine noch längere —> und hier steht er im Thorc zwischen Norden und Süden. Das freie duftende Land voll Inseln, die Himmelsleiter des Lebens steigt ihm in den Aether zurück, und er geht herab in ein kaltes voll Zwang und voll Augen — seine Liebe wird gerichtet vom Vater, sic wird angefallen vom untcrgegangnen Freund. „Ihr Tage in Jschia, (seufzte er) ihr Stunden auf dem Vesuv und in Tivoli, könnet ihr umkehrcn? könnet ihr je wiederkommen und das unersättliche Herz von neuem übcr- strömen, daß es trinken und sagen kann: es ist genug?" Zu seinem Dian sprach er, gleichsam um sich und sein gränzenloses Sehnen zu entschuldigen, häufig von Charitou und ihren Kindern und fragt' ihn, wie es seinem Herzen dabei gehe: „sprecht mir nicht so viel davon (sagt' er, nach seiner Weise mehr empfindend als errathcnd und verrathend), wir sind noch so häßlich weit davon -— man verdirbt sich die Reise ohne Grund — Hab' ich sie alle aber. . . . nun ei Gott!" — — Dann schwieg er, riß sich den Jüngling in die Arme und küßt' ihn nicht. Au einem blauen frischen Morgen stand Albauo, noch eh' die Sonne am Himmel aufcrstandcu war, auf der hohen um- 143 blühten Tcrrassen-Phramidc, wo er einmal im Erwachen den thcnern Vater ohne Abschied hatte entfliehen sehen — und blickte bewegt in den leeren weiten See hinab — und an die Gipfel der Eisberge umher, welche schon im Wicdcrscheinc der hoch hcrabzichcndcn Aurora blühten — und niemand war bei ihm als die Vergangenheit. Er blickte auf sich und in seine Brust uud dachte: welche lange schwere Zeit ist seitdem durch diese Brust gezogen! Eine ganze Welt ist darin zum Traum geworden! Und das Herz schlägt noch frisch und fest darin! — Aus einmal sah er im lichten Morgen-Rauche des Sees ein Fahrzeug rudern. Langsam, träge watet' cs, denn er sah cs aus großer Ferne. Endlich glitt es, flog cs, das Segel blühte auf im Morgcnbrande uud die grünen Wellen wurden ein umspielendes Lauffeuer wie damals in Jschia um Linda's Schiff.- Linda war cs und die Schwester. Sie sahen hinauf und grüßten winkend. Er rief in eiliger Wonne: „Dian, Dian!" und lief die vielfachen Treppen hinab, ganz verwundert und entzückt über den ausgebreitetcn Glanz, weil er unter der frohen Erscheinung den Aufgang der Sonne nicht gesehen, welche vor der Geliebten die schönen Flammen, die Morgcn- blumcn, gleichsam in den Weg des Wassers unterftreuetc. „Seid Jhr's wieder, Ihr Göttlichen? O sprecht, weint vor Freude, daß ich selig werde und Euch habe! Kommt Ihr denn mit alter rechter Liebe wieder?" so sprach er fort in beredter Trunkenheit, aus dem langen träumenden Warten geschöpft. Linda sah mit heimlicher Engels-Lust, mit lieblichem Wiederschein in die hoch spielenden Flammen seiner Liebe; und die Schwester genoß in süßer Regung die schöne Milde auf beider Angesicht, welche an der Kraft so bezaubert wie 144 Mondlicht an einem Gebirg'. Rcisebeschreibnngen wurden von beiden Seiten angefangen, aber keine geendigt; Tags- nnd Insel-Ordnungen vorgclegt, aber keine gewählt. Julienne hielt ihm sein Wort nnd ihre Bedingung, daß er Abends weiter ziehen muffe, ans Herz als eine kleine Kühlung gegen das Frcudenscucr darin; traurig sah er zur freundlichen Hellen Morgensonne aus, als steige fie nicht höher, sondern schon tiefer. Sie gingen nun in schönem Irren durch die Insel, überall blühte neben der Gegenwart eine stille Vergangenheit, unter der Rose ein Vergißmeinnicht. Hier in dieser Grotte vor den aufhüvscnden Wellen hatt' er einst mit seiner Schwester Sevcrina gespielt nnd auf diesem Eiland wurde ihm ihr Tod verkündigt. „Aber Julie, du bist meine Sevcrina nnd mehr" sagt' er; „ich denke (sagte fie sanft), eben so viel." — Nicht weit von der Arkade hatt' er znm erstenmal in das Angesicht seines Vaters geschanct: „o wenn findest du aber deinen endlich? Sprich darüber, gute Linda!" sagt' er. Sic erröthetc nnd sagte: „ich werd' ihn finden, wenn das Schicksal es zn- lässet." „Wenn aber ist das?" — „Ich weiß nichts," sagte sie zögernd sanft. Da rührte ihn Julienne winkend an und sagte in so vielem französischen Latein, als sie zusammentrciben konnte, aber in einem gleichgültigen Ton, als spreche sic vor sich selber hin: „non eain interrvAN ainpliun, nnin pater veniet (nt clieitnr) eile nuptiaruin*)." Er blickte sic verwundert an, sie nickte sehr oft. „Julie ist (sagte Linda lächelnd) wie die Weiber, so listig im Handeln als offen im *) Frage sic nicht länger, denn ihr Vater soll, wie man sagt, an ihrem Hochzcittagc kommen. 145 Sprechen. Ich hätte mich keinem Binder so lange verstecken können." — „Dafür (versetzte sie) bekamen die Geschwister «inander gleich ausgewachsen und mit allen Vollkommenheiten, und können sich leicht liebhabcn, wenn andere Schwestern erst viele Jahre die Fehler des Heranwachsenden Bruders zu verwinden haben." Jetzt kamen fic auf die Gallerte zwischen Limonien-Blüten, wo Gaspard seinem Sohne so viele Schleier und Masken um die Zukunft hängend hatte sehen lassen; da sagte Albano mit Unwillen: „hier mußt' ich mir viele Räthsel unkundigen lassen — und dort (er meinte die Stelle im Meer, wo ihm zuerst Linda's Bild auf den Wellen erschien) wurde sogar diese theucre Gestalt nachgcäfft."— „Mein Gott, (sagte Linda heftig) warum es noch gar aussprechen? o es war so schlecht, cs zu thun!" — „Eingebüßet aber hat doch niemand viel dabei (sagte scherzend Julienne), ausgenommen ein Paar die Herzen und ich die Anonymität!" „Könnten wir beide nicht antworten, Albano?" sagte Linda leise und hob die Augen auf. „Bei Gott!" sagte er stark, denn ohne jene Vorspiele hätten sie sich früher gesucht und gefunden. Unter diesen Blicken in eine seltsame mit Zukunft durchwebte Vergangenheit waren sie in den Borromäischen Pallast, der diesen Tag zum Glück ohne die Besitzer war, getreten; weil Albano beide, aus Linda's Gesuch, in die Zimmer führen sollte, wo er mit Scvcrina erzogen worden. Der Schloßwärter wollte sie, glaubend, sie suchten nur Aussicht — denn die Kindhcitszimmer lagen im fünften Stockwerk — auf das Dach hinaus bringen; er bctheucrte, cs wären staubige Kinderstuben und seit undenklichen Jahren zugcspcrrt. Mühsam Iran Paul's ausgew. Werke. XII. drehte der Mann mit einem rostigen Schlüffe! ein eingerostetes Schloß auf. Sie traten inS bestaubte hclldunkle leere hohe Zimmer, worin eine leere Wiege, ein Blumentopf mit einem gleich seiner Erde vertrockneten finefischcn Roscnstöckchen, eine Kindcr-Zinn-Uhr, eine weibliche Spiel-Küche mit altmodischem Geschirr, eine gerollte glänzende Klavicrsaitc, ein deutscher Kalender von 1772, viele schwarze Siegel mit bloßen antiken Köpfen, ein ausgetrocknetcr Lianenzwcig und dergleichen verloren umher lag. Der Mensch sicht bewegt in die tiefe Zeit hinunter, wo seine Lcbcnsspindcl fast noch nackt ohne Faden umlief; denn sein Anfang gränzt näher als die Mitte an sein Ende, und die ans- und cinschiffcndc Küste unscrs Lebens hängt ins dunkle Meer. Albano wurde wehmüthig angeregt von der Umgebung und von dem Blicke ans das Menschenleben und ans seine eignen grünen noch winterlich-niedrig stehenden Felder hinaus — und von der Stätte, wo er mit einer Mutter und Schwester gelebt, die aus der Erde, ja sogar ans seiner Phantasie entwichen waren. — Er nahm die Zinn-Uhr zu sich und sagte: „gibt es für das Alter, das keine Zeit, sondern eine Ewigkeit hat, eine bessere Uhr als die mit dem Zeiger ohne Gehwcrk. Ucberrascht wurde Linda, als sie von einem Glaskästchen einen Vorhang wegzog und als ein engelschönes Kind von Wachs darin in die Hellen Augen Licht bekam. „Es ist die todte Severina," sagte Albano eilig, mit dem rauhen Beiwort „todt", was Linda nicht gern litt. Immer mehr wnrd' ihm in der Helldunkeln Stube unheimlich — ein Sonnenstrcif brannte seltsam durch das hohe Fenster herab — beseelter auferstandner Staub spielte in ihm — die Geister der Schwester und Lianens konnten jede Minute durch das Erdenlicht blitzen 147 — und entfernter stunden die Gebirge draußen im Leben. Er sah die blühende Linda an, da kam sie ihm ans einmal anders vor, fremd, überirdisch, als erscheine sie unter den Geistern und gehe wieder von hinnen. Sie sah ihn bedeutend an mit den Worten: „hier ist's unheimlich, gehen wir!" „Weib," sagt' er mit starker Stimme aus deutsch, einem innerlichen Schrecken antwortend, und faßte ihre Hand, „wir wollen Zusammenhalten wie ein lebendiges Herz, wenn man cs zerreißen will." Linda versetzte: „ich bleibe nicht länger^ Julienne!" Und man ging. Auf der Schwelle kam cs dem Grafen ein, in das Nebenzimmer zu schauen; er macht' cs ans und fuhr zusammen, rief aber: „geht nur voraus," und ging hinein. Er hatte nämlich sich im Spiegel zweimal nachgespiclt erblickt. Drinnen fand er sich in einer Nische in französischer Uniform stehen in Wachs, aber schon als Jüngling, und darneben, was die Thür bedeckt hatte, seinen Vater auch als Jüngling, altmodisch bekleidet, aber schön wie ein griechischer Gott; das warme volle blumige Gesicht war nicht im starren Leben überwintert und blühte noch liebend. Er stürzte tief ins Meer der Vergangenheit. Die kolossalischcn Statuen draußen, und die bcglänztcn Gebirge hatten sich aus dunkeln Wellen ausgerichtet und standen in tropfendem Schimmer. Man rief draußen. Er blickte wieder in sein Gesicht, aber zornig. „Wozu zweimal," sagt' er und zerquetschte sein Gesicht, aber ihm war cs wie Selbstmord und Betasten des Jchs, Die väterliche Gestalt gönnte er noch weniger der fremden unbewachten Stelle, aber sic war ihm zu heilig zur kleinsten Berührung. Er ging zurück und schwieg über die Bilder, um nicht an Linda's Phantasie hie großen widerspenstigen Flügel aus- 10 * zumachcn. Der grünende, blühende, glänzende Tag verschlang bald die kalten Schatten, die von Höhen und Gräbern der Vergangenheit hcrcingcsallcn waren. „Aber jetzt (sagte Albano zn Linda), da Sic eben ans meiner Kinderstube gekommen find, führen Sie mich einmal in die Ihrige." — „Ich will dich nur erst bekränzen, da wir am rechten Orte find," sagte sie und brach und band aus dem Lorbeerwald, durch dessen Gewimmel von lichten und dunkeln Wellen sie jetzt gingen, Zweige zum Kranz. Körperliche Geschäftigkeit gab dieser Jungfrau, welche leichter Töne und Farben und Ideen verknüpfte, ein besonders rührendes Ansehen von Kindlichkeit und naiver Herablassung. Sie stocht die Krone aber mühsam, verwechselte einmal den ähnlichen Erdbcerbaum mit dem Lorbeerbaum, that noch einen blühenden Myrtenzwcig hinein und schmückte damit sein lockiges Haar, aber sehr ernst: „der Kranz geziemt dir; die hohen Lorbccrn oben am Gipfel wirst du dir schon einmal selber holen," sagte sie. Er glaubte, sie spiele unter dem Ernst, allein sie sah den Bekränzten freudig und prüfend an und lächelnd, aber wie eine Mutter, und sagte: „So ist's recht! Was willst du noch? Ich bring' es. Albano, ich habe in dieser Stunde eine ganz besondere und neue Liebe zu dir, ich möchte für dich viel thnn, viel leiden. Mein Herz ist bewegt von überschwenglicher Liebe. Küsse mich nicht. Ich will dir erzählen." Die schöne Weiblichkeit, die den Geliebten heißer und näher liebt, wenn sie znm crstcnmalc sein Eigenthnm, seine Kindheitsörter, seine Wohnungen betreten, erfüllte unerkannt ihr starkes Herz. Er küßte sie nicht — er sah sie an und weinte in Liebes-Wonne — sie neigte sich herüber und sagte, aber heiter: „ich weine sehr schwer, Lieber! Ich will dir das von meiner Kindheit erzählen, was du ver- 149 langtest. Von meinen ersten Kindheits-Platzen ist mir wenig geblieben, vielleicht weil wir immer reisctcn und weil ich auch mehr nach Menschen als nach Gegenden sehe — außer mein längster Aufenthalt in Valencia. — Vom frühen Reisen Hab' ich wol meine Reise-Sucht. Am Ende liegt sie doch in mir. Aber Ihr glaubt immer, wie die Deutschen, das zu erlernen, was Ihr eigentlich ererbt oder erschafft. Von meiner Mutter wnrd' ich mehr als von jemand gehasset und geliebt. Jetzt bin ich klar über sic. Sic war ganz für die Kunst oder für die Künste geboren, ob ich wol glaube, daß sie von den Göttern eigentlich für die Bühne ausersehen war. Sie war alles in dieser Minute, nichts in der andern — Flüche und Gebete, Glaube und Unglaube, Haß und Liebe wechselten ab in dieser epischen Natur. — Sie hätte eine Welt verschenken und eine stehlen können. — Sie drückte mich einmal an ihr Herz und sagte: wärst du nicht meine Tochter, ich würde dich stehlen oder tödtcn ans bloßer Liebe; — und das war, als ich gesagt hatte: ich liebe die Mcdca mehr als Krensa! —- Jndeß war sie zu inkonsequent, um ganz geliebt zu werden; meinen unsichtbaren Vater liebt' ich weit mehr, ich dacht', er sei Gott der Vater. Ich bildete mir einmal ein, er müsse in Uorta 6eli*) wohnen; stundenlang ging ich um den Tod- tengarten des Klosters und blickte sehnsüchtig durch die Palmen über die Rosen der Gräber. Ich hing an allem Lebendigen bis zum Schmerz; ein sterbender Kanarienvogel machte mich einmal krank und die Todtenmcssc, glaubt' ich, werde für ihn gelesen. Auch an Gott und' Geistern hing ich trunken. Im Feuer, das ich im Dunkeln einmal aus dem Zucker schlug. 4 Eine sehr schöne Karthause bei Valencia. 150 blitzten sie mir vorüber. Ich habe nie gespielt, sondern früh gelesen. Da ich sehr ernst war und meine Gestalt sich zeitig entwickelte, so wurd' ich früh als eine Erwachsene behandelt und ich begehrt' es auch. Niemand war mir ernst genug, außer der Vormund, der mit heimlicher Hand meine Entwicklung regierte. Vor Büchern und im Rciscwagcn da verging mein erstes Leben. Ich beneidete die Männer um ihr Wissen und ihre Freiheit, aber sie gefielen mir nicht, die Weiber noch weniger. Ich galt für stolz — und früher war ich's auch — und für phantastisch; ich nahm cs nicht übel, und sagte: ihr habt euere Weise und ich meine."-Durch Dian und Julienne wurde die Erzählung gestört. 118. Z y k e l. Die erste einsame Minute, die Albano mit seiner Schwester fand, legte er zur Nachfrage über ihre lateinische Nachricht an, daß Linda's Vater gerade an ihrem Hochzcittagc erscheinen würde; aber sie verwies ihn aus seinen eignen, der ihm alles über Linda's ihren sagen könne — und bat ihn, „Linda zu schonen, nicht nur in ihrer Zartheit, sondern auch in ihrer eignen Ehe-Scheu, die sehr weit gehe. Sie konnte nicht einmal eine Freundin an den Traualtar begleiten (setzte Julienne dazu), sie nannte diesen den Richtplatz der weiblichen Freiheit, den Scheiterhaufen der schönsten freiesten Liebe, und sagte, das Heldengedicht der Liebe werde dann höchstens zum Schäfcr- gedicht der Ehe. Freilich weiß sie nicht, wohin solche Grundsätze endlich führen." — „Ich hoffe auch, daß du ihr vertrauest," sagte Albano, sich diese Seltsamkeit anders und höher ab leitend als seine strenge Schwester. Sie brach schnell ab. 151 um ihm noch den Rath nach Pcstitz mitzugeben, die Fürstin zu fliehen, die ins Innerste hinein kalt, falsch, rach- und selbstsüchtig sei. „Sie hat etwas und zwar viel mit dir vor — und ihr Hast gegen die Gräfin kommt jetzt dazu — Linda fasset sie scharf ans, aber doch lasset sie sich aus Heftigkeit durch alle hinreißcn und benutzen, die sic übersieht und Voraussicht." Albano blieb bei seinem alten sanftcrn Urtheil über die Fürstin — um so mehr, da er Julicnnens moralische Härte gegen jede genialische schon ans ihrem Mißurthcil über Lianen kannte —; aber er gab ihr das leichte Wort, sie zu fliehen, ohne ihr den Grund, nämlich ihre so hart entzauberte Liebe für ihn, zu sagen. Für sein Zartgefühl gab es keine größere Rohheit als dieses öffentliche Erbrechen und Vorlesen eines Liebesbriefs, als das männliche Auffangcn und Ausrufen eines weiblichen Seufzers der Liebe durch ein Sprachrohr fürs Volk. Alle kamen wieder zusammen — lagerten sich auf eine Stelle, die den See und die Alpen und die Blüten-Schatten gab — der Tag glühte sich ab uud sank von Schönheit zu Schönheit zum Abend hinunter. — „Auf dieser seinen Insel (sagte Dian) fängt sich schon das nordische Wesen an und wir stehen bald zu Hause unter einem spitzen Dach." — „Nun ja (sagte Julienne), .aber endlich hat man's doch auch gern, wenn man wieder einen reinlichen Menschen, eine Blondine und einen Schatten sicht und ein Paar Vögel hört*)." — „An Tivoli und Jschia und den Posilippo denk' ich hier nicht (sagte Albano), ich denke an meine Kindheit und an die Alpen. ) Die Sangvögcl sind iii Italien selten, weil man sie für die Küche ans dein Markt verkauft. 152 —> Drüben am Ufer des Langscc's (lazo ülnMiors) mögen sich freilich die beiden Jusel-Zuckcrhüte nicht zum Besten dar- stcllen, aber dafür stellet sich hier aus dem Zuckcrhut das Ufer und der See desto bester dar, und für den, der aus dieser Secalpe steht, ist sie doch gemacht." >— „Mir ist alles gleichgültig (sagte Linda), denn ich finde mich hier ganz wohl. DaS Rezensieren schöner Gegenden ist auch ein nordisch Wesen, weil man sic da nur aus Büchern kennen kann; der Jtaliäncr, der sie hat, genießet ssie wie die Gesundheit und ist sich nur der Entbehrung bewußt; deswegen ist er nicht einmal ein großer Landschaftsmaler." „Man sollte (sagte Dian) das prächtige Wclschland noch aus der Gränze besingen, wenn man von dem Kastellan eine Guitarre bekäme." Er ging und brachte eine. Nun fing er italiäuisch zu improvisiren an. Er saug: „in Apollo wurde die alte Liebe nach dem vorigen Schäferlaudc auf der Erde und nach der verlornen verhüllten Daphne wieder wach — er stieg vom Himmel, um beide zu finden — ihm hatte Jupiter den MomuS mitgegeben, der ihm das Häßliche zeigen sollte, damit er zurückfliegc — als ein schöner lächelnder Jüngling ging er über die Inseln, durch die Ruinen der Tempel, durch ewige Blüthcn, vor göttlichen Gemälden einer unbekannten hehren Jungfrau mit einem Kinde und vor neuen Tönen vorüber, und zog wie über die Zauberkreise einer schöner» neuen Erde. — Vergeblich zeigte Momus ihm die Mönche und Seeräuber, und seine von der Zeit niedcrgeworfncn Tempel und ließ ihn spottend Thermensäulcn für Tempelsäulen nehmen — der Gott sah hinauf zum hohen kalten Olymp und sah herab auf dicß warme Land, auf diese große goldne Sonne, diese hellblauen Nächte, diese ewigblühcnden Düste, diese Zypressen, 153 diese Myrten- und Lorbeerwälder und sagte: hier ist Elysium, nicht in der Unterwelt, nicht ans dem Olymp — da gab ihm Momus einen Lorbcerzweig von Virgils Grabe*) und sagte: das ist deine Daphne. Jetzt erzürnte sich seine große Schwester Diana, sie gab Daphnen ihre Gestalt und Kleidung, als komme sie aus den Wäldern der Pyrenäen herüber; aber er erkannte die Geliebte und ging mit ihr in den Olympus zurück." — Als Dian das sang und die Lieder mit den Saitentönen fliegen ließ, so standen hoch drüben im Himmel die ewigen Glanz- Gebirge aus Eis, von den Bergen flatterten Quellen und Schatten in den Hellen See und der Abend bewegte sich entzündet und entzückt. Da ergriff der stille Albano die Saiten, senkte das Auge in den Blitz der Gebirge ein und fing er- röthend an: „verweile, o Sänger, bei den hohen Geistern, die auf das Schlachtfeld zogen, tödtend, sterbend — und die ausbaueten die ewigen Tempel der Menschheit -— verweile bei den reinen Demanten, die glänzend und fest unter dem Hammer des Schicksals blieben — verweile bei der alten Zeit, bei dem Meere Noms, das einen Welttheil trug und die andern untergrub — aber fliehe vor der Zeit, die ihren Gipfel in ihren eignen Krater senkte. — Verweile, Sänger, auf der Höhe und schaue in den Garten der Welt herunter, der ein spielendes Menschenleben ist — die Ruine wird Fels, und der Fels Ruine — aus dem hohen Vorgebirge duftet die Blüte, unten liegt das Meer mit offnem Rachen — über die Szylla glänzen schöne Häuser und Gaffen zwischen dem Lager erschrecklicher Felsen. — Und der Gott fliegt über das Land, und sieht das Kind aus der Tcmpelsäule am Ufer und die *) Dian liebte den Virgil nicht. 154 Göttcrtempel voll Mönche, die Sümpfe voll namenloser Ruinen und die Küste voll Blüten und Grotten — und die blühcn- Myrtcn und Reben und die Fcucrberge und die Inseln — und Jschia ...." Aber ihm entsank die bestürmte Guitarre und die Stimme, das Auge ging tief in den Himmel und in das Leben des Menschen ein und er entfernte sich, um das laute Herz zu stillen. In der kühlenden Einsamkeit bemerkte er, wie weit schon die Sonne hinabgcflogcn sei wie mit Amorsflügcln durch einen kältern Himmel; — er kehrte schnell zurück, in der Abcndröthe schlug seine Schcidestundc aus. Als er wiedcrkam, war Linda allein — denn Julienne hatte seinen Dian unter dem Vorwände, das Bildcrkabinet zu besehen, von den Liebenden weggezogen, denen heute ohnehin nur ein kürzester Tag des Glücks beschicken war — und die Geliebte sah ihn bedeutend an: „Dian sang eigentlich bester (sagte sie) und epischer, aber Euer lyrisches Wesen Hab' ich doch auch sehr lieb." Sie blickte ihn wieder an, dann wieder, dann in sein Auge, dann umarmte sie ihn schnell und kein Laut erklärte den Plötzlichen Kuß. „Wir wollen aus die Terrasse," sagte sie leise. Sie bestiegen die schöne Höhe der zehn Terrassen, welche mit Lorbeer- und Zitroncnbäumcn und mit Pyramiden und kolossalischen Statuen und mit der Aussicht auf das ferne von Dörfern und Alpen umzogne Ufer das Auge füllt und wo einst Albauo seinen Vater hatt' entfliehen sehen. „Du gefällst mir immer mehr, Albano, (sagte Linda) ich glaube fast, du kannst recht lieben; erzähle mir deine erste Liebe, ich habe dir auch erzählt." — „O Linda, (sagt' er) wie viel begehrst du! Aber ich bin wahr und sage dir alles; 155 du wirst Sie lieben, wie Sic dich liebte. — Sich hier dein Bild, das Sic sterbend machte und mir gab!" Er reichte ihr die kleine Zeichnung und ihr Auge wurde naß. Darauf fing er leise und feierlich das Gemälde seiner ersten Liebe an — wie er Sic so früh noch ungesehen und in ersten Morgcnstralcn des Lebens verehrt und gesucht — und wie er Sie fand — und wie Sie glücklich machte und cs nicht wurde — wie sanft Sie war nnd er so wild und hart — wie er seinen eignen Ungestüm des Herzens Ihr zn- muthcte — wie grausam er Ihre Entsagung ausnähm nnd wie Sie durch ihn untcrging. Linda weinte mehr als gewöhnlich. „O ich habe hart gehandelt, gute Linda!" sagt' er. „Nein (sagte sie), ich wein' über Euch beide." — „Ich habe große Mängel," sagt' er. „Alle vcrgcb' ich dir (sagte sie), wenn du nur lieben kannst; aber das liebliche Wesen hat auch sehr gefehlt nnd gegen die Liebe." — Sie hielt innen, dann fragte sie leise: „Albano, ist Sie noch in deinem Herzen?" — „Ja, Linda," sagte er. „O du redlicher nnd treuer Mensch, (rief sie begeistert und legte ihr Haupt an seine Brust nnd betete:) heiliger Gott, gib deinen Unsterblichen alles, nur laß mir ewig dieses Menschen Brust, damit er recht geliebt wird, recht unaussprechlich, und damit ich nicht nntcrgehe! — Willst du, Lieber, (lispelte sie plötzlich nnd richtete sich auf, ihn anblickend mit unendlicher Liebe nnd Hingebung) daß ich in Lilar wohne, so gebiet' cs nur." Dieses weibliche gehorchende Ergeben eines so freien mächtigen Geistes machte ihn sprachlos — wie ein Adler faßte ihn die Liebcsflamme nnd hob ihn empor -— er glühte an ihrem blühenden Angesicht nnd die Brautfackel der untergehcn- den Sonne schlug mit großen Flammen zwischen beide herein. 156 „Linda, (fing er endlich mit zitternder feierlicher Stimme an) wenn wir es wissen könnten, daß wir uns je verließen oder verlören - O! Linda, (fuhr er mühsam fort, unter seinen Thränen und Küssen) wenn das möglich wäre, cs sei durch meine Schuld, oder durch das kalte Schicksal: war' cs dann nicht schöner, wenn wir uns in dieser Minute hinunterstürzten in den Sec und in unserer Liebe stürben?" — Die Sonnenglut brannte wie eine Aurora herein, welche Jünglinge und Jungfrauen zu den Göttern entführt; und die Lebens-Dämmerung war zu Hellem Morgenrots) entzündet. „Wenn du das weißt (sagte Linda), so stirb jetzt mit mir."- Da weckte beide Julieuncus ferne Stimme — endlich kam fie selber mit Dian zum Abschied. Sic sahen erwachend, von der Sonne und Liebe geblendet, umher und alles war verändert — die Sonne war versunken, der weite Sec mit Nebel-Schatten bezogen und die Welt erkältet, nur die hohen Eisberge loderten noch rosenroth ins Blau, wie Gedächtniß- säulen der flammenden Bundcs-Stunde. Vor Albano's Seele stand noch das menschcntrenncnde Schicksal, die kalte verhüllte Felsen-Gestalt, deren Schleier auch steinern ist und den niemand hebt. Er wollte nun durchreisten und sogleich ohne feiges Zögern in den Winter hinunter. „Obis der Hesperus untergcgangen, verzieh!" lispelte Linda. Er blieb; aber beide hatten keine Worte mehr, nur die Augen; die festgehaltcnen Adler, die vorhin dm himmlischen Veuuswagen durch den Himmel gerissen, flatterten daran wild aus. Der Abendstern ging unter; der halbe Mond in der Himmelsmitte legte Stralen als Zauberstäbe au die Erde an und verwandelte sie in eine heilige blasse Welt des Herzens. „Nur noch den großen Stern lass' hinab" — sagte 157 sie und sah ihn sehnsüchtig an. Er that's. Die Nachtigallen hüpften tönend zwischen den Silbcrzweigcn; nur die Menschen hatten Himmel und Liebe ohne Stimme. „Nur noch ein Sternchen!" bat sie; er gehorchte, schon vom Worte gerührt; aber sic entschied sich selber und sagte: „Nein, geh!" — „Wir wollen, Dian!" sagt' er. Dieser ging liebe-schonend die Terrassen voraus hinab. Heftig und lange lagen die beiden Geschwister einander am Herzen und wünschten sich ein heiteres nnbestnrmtcs Wiederfindcn. Linda gab ihm nur die Hand und sagte kein Wort; wie der stille Himmel der Nacht seine heiße Sonne bedeckt, so war ihr flammendes Herz verborgen; und da er ging, schloß sie, ohne nachzublickcn, seine Schwester an die wallende Brust. Glanz und Nacht und Duft bcstrcuetcn die Himmelsleiter der Terrassen, die er herunter ging. Leise flog sein Schiff durch den Sternen- und Blüten-Schnee, der ans den Wellen wehte — die Nachtigallen der beiden Inseln klangen zusammen — die Schiffer sangen ihnen frohe Lieder zurück — die Orangcndüste führte der günstige Wind dem Schiffchen nach; — aber Albano hatte Herz und Angesicht weinend nach der versinkenden Pyramide gewandt. Die Schwester hatte allein aus der Höhe nachgcsehcn, dann war auch diese verschwunden — die Nachtigallen riesen noch leise nach — endlich war alles verhüllt. — Er kehrte sich um nach den blaß-schimmernden Eisgebirgen, wie nach den Leuchtthürmcn seiner Fahrt, und vom Himmel dieses Tags war ihm nun nichts geblieben als die leitende Liebe, wie der Schiffer dem Magnete folgt, wenn die heiligen Sterne sich verborgen haben und ihn nicht mehr führen. 158 119. Z y r e l. Albano und Dian flogen über die deutschen Gefilde freudig so manchem thcucrn Herzen entgegen und nichts wurde getäuscht als ihre — Furcht vor dem Abstande ihrer Reise- Länder. Statt des schwarzen Lavasandcs und des verbrannten Bodens hinter ihnen deckte jetzt das Helle frische Grün die Ebenen und kühlte das geblendete Auge. Die Wellen grüner Achrcn-Fluren schlugen sich so lustig als die Wellen des blaugrünen Meers. In dichter», länger», höher» Wäldern wehten neue Schatten, gleichsam schöne kleine Abende, die sich vor dem Tag verkrochen. Nach dem schwarzen Grün der welschen Bäume kehrte das Helle lachende der deutschen Gärten zurück; und neue Vögel-Chörc wiegten sich in Wolken und in Wäldern und grüßten das Menschen-Herz und schickten ihm ihre leichte schuldlose Freude herab. Von Frühling zu Frühling zog der glückliche Albano mit seinen Liebestränmen; wie hinter ihm eine südliche Blüte fiel, so that sich vor ihm eine nördliche aus; und sein Ncisewagen blieb auf dem bunten Wege und unter den Blüten-Schatten eines langen Gartens. Endlich stand er vor dem Hause, wozu ihn der Garten führte, vor der Lindcnstadt; so stand er auch im vorigen Jahre ans der Höhe vor ihr, zum Wolkenzüge der Zukunft aufsehcnd, ohne zu crrathcn, wozu das Gewölk' sich bilde, ob zur Aurora, oder zum Abendgcwittcr. Wie viele alte Schmerzen streiften jetzt gleich Schatten von Wolken über die alte Gegend über die Blumenbühler Höhen und über die Häuser hinüber 159 als er die bekannten zuweilen mit Thräncn bezcichneten Wege der Vergangenheit überschauctc! Er ging jetzt, das bedacht' er, seinem Vater mit der Nachricht seines neuen Glücks entgegen — seinem abtrünnigen Freunde mit der geraubten Geliebten — mit alter und neuer Liebe seinem wicderkchrcndcn Schoppe, dessen Herz und Schicksal ihm jetzt zugleich so dunkel und so wichtig waren — und der sonderbaren Zeit und Stunde, wo die unterirdijchen Wasser, deren Treiben und Rauschen er bisher so oftmals erfahren, ans einmal aufgedcckt, und mit allen Krümmungen nnd Quellen entblößet vor dem Tagslicht liegen sollen — und der heiligen Stelle, wo er die Geliebte, die ihm jetzt auf dem deutschen Wege und in der Nähe der vorigen Schwierigkeiten noch größer und unerreichbarer erschien, als auf dem Epomeo in der Nachbarschaft alles Erhabnen am Himmel und auf der Erde, kühn ans Herz nehmen und schließen durfte auf ewig, ohne wieder zu fragen: wirst du mich lieben? — Da dacht' er an ein Bild zurück, das er auf dem Vesuv*) gefunden und sagte zu Dian: „hinter dem Menschen arbeitet und geht ein langsamer Strom, der glühend ihn verzehrt und zermalmt, wenn er ihn ergreift; aber der Mensch schreite nur tapfer vorwärts und schaue oft rückwärts, so entkommt er unbeschädigt. Mein geliebter Lehrer, so will ich's jetzt in meinen neuen bedenklichen Verhältnissen *) So schwer und langsam wälzt sich der breite Lavastrom herunter, daß ein Mensch vor diesem glühenden Todesstoß, der alles verschlingt, erstickt und zerschmilzt, was er berührt, vor- ansgehen und die Zerstörung hinter sich sehen kann, ohne sich in die Gefahr einer eignen zu setzen. 160 machen; wende du mich aber nach der Lava um, wenn ich's in schönen Gegenden zuweilen vergessen sollte!" — „Sprecht bessere, günstigere Worte! (sagte Dian.) Heil nns, die Götter sind schon gewogen! — Dort kommt Euer Vater den Schloßberg herauf und sieht so lustig und glücklich aus, wie ich ihn nie getroffen!" 161 Ein und dreißigste Jobelperiode. Peslitz — Schoppe — Ehcscheu — Arkadien — Jdoine — Verwicklung. 120. Z y k e l. (^)aspard hatte gegen seinen Sohn die gewöhnliche vornehme Kälte der ersten Stunde, wie Briefe kälter anfangen als endigen. Erst als dieser Morgen-Reif geschmolzen und cs wärmer um ihn geworden, entdeckte ihm Albano ohne Furcht und ohne kleinmüthiges Erröthen mit gereifter Männlichkeit den Bund, den er mit Linda und mit sich auf ewig geschlossen, und bat ihn um das dritte Ja. „So hat es doch (versetzte der Ritter) der alte Zauberer am Ende noch dnrchgesetzt; freilich unter dem Beistand einer jungen Zauberin. Daß ich dich in dem, was du mit ganzer Seele und auf immer ergreifest, niemals störe, das weißt du noch vom vorigen Jahre aus einem ähnlichen Fall." Albano wurde über die bittere Er- -wähnung seiner ersten Liebe roth, hatte aber seit einem halben Jahre die Kraft gewonnen, da männlich zu schweigen, wo er sonst jugendlich sprach. Gaspard, heute froher und gegen ihn wärmer als sonst, fuhr doch, als er dessen Empfindlichkeit bemerkte, fort: „Ich heiß' cs gut! Wie der Siegelgräber das Wappen anfangs in Wachs, und erst dann in den Edelstein sticht, so versucht der Mann das scinige in mehr als ein Jean Kaul'S ausgew. Wette. XII. 11 162 Herz zu graben, bis cr endlich das festeste hält. Mau muß bekennen, du hast nicht am schlimmsten anSgcwählt in meiner Mündel, und ich gebe gern mein Wort dazu." — Albano drückte die Hand, die den süßen Knoten der Liebe noch fester zog, und sagte im Rausche des Danks: „auch meine Schwester fand ich, die Prinzessin, aber ich thue an Sie keine Frage wie neulich, sondern rechne auf die Zeit." — „Spötter! (sagte Gaspard^md nahm, ihn abzukühlen, wie cs schien, den grausamen Schein an, als denk' er, der reine edle Sohn Hab' ihm mit der Erwähnung der Schwester den Spott der vielfachen Liebe znrückgcbcn wollen) schweige nur über alles im Innersten wie ich selber bisher; und verbirg dein Wissen dem Hofe; gib mir dein Ehrenwort." Albano sagte, auch Jnli'cnncn Hab' cr's schon gegeben; er wnrd' aber durch Gaspards ganzes Betragen auf Schlüffe znrückgctricbcn, die weder seinem Vater, noch Julienncns Mutter sittliche Kränze aufsetztcn. Gaspard setzte noch dazu, cs sei für einen Mann ein Unglück, mit phantastischen Weibern — wie Albano schon seine Mutter kenne — und zwar mit dreien ans einmal verwickelt zu sehn, und ricth ihm, seinen Schritt wie bisher tapfer durch alle Näthsel fort zu thun und sic ihrer eignen Auflösung zu überlassen; daraus legt' er ihm als eine Probe der dritten Phantastin die Frage vor, ob er schon wisse, daß die Gräfin ungeachtet seiner Vormundschaft ihren lebendigen Vater noch habe, der erst an ihrem Hochzcittage erscheinen wolle. Er bejaht' cs. Gaspard fuhr nun fort: schon dieser Grund allein — damit Linda ihren Vater und sie alle endlich die Ruhe der Klarheit fänden — bestimme ihn für eine frühe heimliche Verbindung beider durch den ehrlichen Spener. 163 Albano — ordentlich erschreckend vor der schnellen nahen Verwandlung seliger Stunden in selige Jahre und eben so unvermögend, sich seine Titanide als Gattin zu denken wie als Kind — antwortete bescheiden und mit uneigennütziger Rücksicht auf Linda's Ehe-Scheu: über die Zeit seines besiegelten Glücks dürfe und könne niemand entscheiden als Linda selber. Gaspard war zufrieden: „nur um einen Aufschub halt' ich bei Euch an (fügt' er noch bei); mein Freund, der Fürst, ist seinem Ende wieder näher — die wohlthätige Wirkung, die auf ihn eine Geister-Erscheinung gemacht, hat allmälig nachgelassen, und er fürchtet täglich die Wiederkunft des Phantoms, das ihm die letzten Stunden voransznsagen versprochen. — In solcher Zeit taugt mir Euer Fest nicht. —- Im Vertrauen gesagt, der arme Kranke hatte selber ein Auge auf die schöne Braut.— Es ist doch billig, ihn mit der größten Gewißheit seines Verlustes zu verschonen. Seinetwegen verschieb' ich auch meine Abreise." Wie wenn ein Mensch in das junge Paradies träte und alle Vögel auf einmal, Nachtigallen und Adler und Eulen und Paradiesvögel und Geier und Lerchen, umzögen ihn: so verworren fühlte sich Albano durch diese durchkreuzenden Ansichten erregt und er merkte, hierin geb' es keinen Verlaß und Vorhalt als auf sein eignes Herz und Linda ihres. Gaspard schien ungeduldig ans das Wiedersehen der Gräfin zu seyn, die er seine einzige Freundin nannte. „Ich glaubte leider in Rom meinem Bruder nicht (setzt' er dazu), da er beiden Frauen in Neapel wollte begegnet seyn. — Apropos, dieser ist vor einiger Zeit hier durch nach Spanien gegangen; in Rom behauptete er, nach Griechenland zu reisen 11 * 164 Du sichst, mit welcher poetischen Lust und Genialität er das reine Lügen treibt." Gaspard schied sehr warm von ihm mit den Worten: „Albano, ich bin mit dir zufrieden, ich war' es unendlich, wenn die Reinheit des Jünglings in den Mann überginge — noch Hab' ich's nie gesunden." — Albano wollte gerührt be- thcuern und beschwören. „Darum (fuhr er mit einer leichten den Eid wegtreibenden Hand-Bewegung fort) fandest du mich so froh über dein Glück, denn die Fürstin, Freund, hatte mir deine Liebe schon am Morgen verkündigt. Nimm dich in Acht vor ihr, denn sie hasset dich ohne Gränzen." Hart und schauerlich tritt, wie ein neues wunderbares Raubthier hinter dem Gitter, zum erstenmal ein rechter wenn auch waffenloser Haß vor ein gutes Herz. Albano begehrte keine Bekräftigung und Erklärung dieser traurigen Nachricht, denn der Fürstin Liebe und Jrrthum, ihre Bekanntschaft mit seiner vorigen Kälte gegen Linda, ihr stiller Ingrimm gegen diese selber, waren ja für sie Flammen genug, um daran den stärksten Gift zu kochen. Er wohnte wieder auf des Vaters Ersuchen bei dem für ihn unbedeutend in der Tiefe liegenden D. Sphex; und Gaspard wieder im Schloß nahe am kranken Freund. Der Ritter stellte ihn schnell dem Hose vor, der das Reise-Braun, den schärferen Augen-Blitz und die ganze letzte Entwicklung seiner großen Gestalt schnell bemerkte und bemerken ließ. Die Fürstin empfing ihn mit der leichtesten feinsten Kälte, gleichsam einer ngun totkann, die nur reines geschmackloses Wasser scheint. Der Fürst saß im Krankenbette aufrecht mit verdrießlichem Gesicht vor herkulanischcn Zeichnungen und ließ sich darüber von Bouverot belehren. Wie ein Gesicht, auf welchem 165 in den späten grauen Jahren des Lebens noch schöne Freudigkeit sich bilden kann, ein schönes Leben und schönes Herz verkündigt: so lächelt der Heilige nie himmlischer als auf dem Krankenbette, und der Verlorne nie härter als eben da. Albano wandte sein Auge ab vom siechen verzerrten Bruder seiner Schwester. Schmachtend sah er nach dem vergangnen Hcspericn zurück und aus die Paradieses-Pforte hin, die endlich aufgehcn und Linda und die Schwester im Eden zeigen sollte. „Es wird dir recht sehn (hatte Gaspard gesagt), daß ich cS unter dem Vorwand der Krankheit I.uizi'8 gemacht, daß beide im alten Schloß zu Lilar wohnen, wo du sie unbemerkter sehen kannst." Er begegnete dem Minister Fronlay, und ihm kam entgegen der Lektor; — mit beiden ging ein dunkles vielfaches Schatten-Gefolge von harten alten Erinnerungen mit. Noch hatt' er den Hauptmann Noquairol nicht gesehen, jetzt für ihn der Abcndncbel eines untergegangnen Frühlingstags. Er trug, so schnell er konnte, sein stummes Herz— das eine Acolsharfc in der Windstille war — nach dem kindlichen Blumenbühl, um die elterlichen Menschen zu begrüßen und die Blätter seines nächsten Scclcn-Nachbars Schoppe zu lesen, nach dessen versprochncr Wiederkunft er sich jetzt mehr als jemals sehnte. 121. Z y k e l. Es war ein blauer frischer Sommertag, da Albano nach seinem alten Blumenbühl ging, ohne zu wissen, daß er's gerade an dem Jakobi- oder väterlichen Geburtstag thne, den 166 er einmal in der Kindheit mit so seltsamen Vorspielen seines Lebens verbracht. In den alten Gärten nnd auf den alten Höhen umher bis nach Lilars Walde hinüber lag überall noch der junge schimmernde Thau der Kindheit unvcrtrocknet von der Sonne Hespcricns; auch manche Thränentropfcn standen darunter ans Blumen; aber sein frischer genesender Geist wehrte sich jetzt gegen weiches Verschwimmen in die laue Vcrflofsen- heit, diese Lethe der Gegenwart. Im Dorfe wurd' er überein Pferd, das man bcschlug, betroffen, weil er's am Zeuge und allem als Noquairols Freudcnpferd erkannte. Ein Fest trug er in das Fest hinein, als er in die laute Vaters-Stube voll Geburtstagswähler trat, blühend, entwickelt, gerade, ein befestigter Mann mit entschicdncm Blick nnd Zug. Nabctte schrie ans — Roqnairol ries: „Aha!"— nnd der alte Lehrer Wehmeicr: „Gott und mein Herr!" — nnd seine Kindheits- Engel, die Eltern, umfaßten ihn unverändert und aus Albi- ncns blauen Augen rannen die Hellen Tropfen. Aber verändert stand die fremde Jugend neben seiner. Rabettens Angesicht, die vorigen vollen Wangen und blühenden Lippen waren niedergcfallcn nnd mit dem anflicgcndcn weißen Schleier überlegt und verwachsen, und sie hatte zwei graue Thränen statt der Augen; indcß lächelte sie sehr. Wie sein eignes Gorgonenhanpt, erschien Noquairols Gesicht blaß und hart, gleichsam aus seinen Grabstein gehauen; nur schroffe Pfeiler standen in der Fluth ohne die leichten Bogen der schönen Brücke. Zn Albano's Blüten-Stamme sahen Albinc nnd Nabctte unverwandt hinauf, er schien ein italiänisches Gewächs zu sehn, ein Neapolitaner, im täglichen Bade des Golfs ge- uervigt. Roqnairol hatte sogleich seine Rolle in der Gewalt, leichter als Albano seine Wahrheit; er benahm sich gegen dm, 167 der ihm den Zaubcrstab des Lebens cntzwcigebrochcn nnd als zwei Bettelstäbe hingeworfen hatte, mit der höchsten Höflichkeit, küßte ihn ans die Wange, hielt in dem leichtesten, oft französischen Sprachton ans, zog die nächsten Nachrichten über Wclschland ein nnd gab wieder die erheblichsten, so gut er sie, sagt' er, für einen Mann mit hespcrischem Maßstab anftrcibc, ans dem Lande znm Besten. Auch erzählte er, „daß des Ritters Bruder dagewesen, ein Mann voll Talente, zumal mimischer der Art, nnd von der sonderbar-heftigsten Phantasie bei der höchsten Kälte des Charakters, vielleicht aber nicht immer wahr genug." — „Bei meinem Trauerspiel (setzt' er dazu) wär' er Goldes Werth. Lieber Bruder, sei bei dieser Gelegenheit auch gleich cingeladen dazu; cs heißet: der Traner- spieler — Ich gcb' cs bald — Nabctte kennt's." Sie nickte, Albano schwieg unter seiner Glut. Unter allen Rollen gelang dem Hanptmann die eines Weltmanns am reinsten; auch ist der Schein der Kälte leichter nnd wahrer als der Schein der Wärme. Albano blieb in einem stolzen Abstande. Der gekränkten welken Rabctte gegenüber konnte Roqnairol durch nichts gewinnen, auch nicht durch die Vorbitte seiner Gestalt voll zertrümmerten Lebens; etwas auf ewig Verworrenes nnd die Wachsflügel zu einem Klumpen gequetscht, fand Albano nnd ihm war hier enge wie einem, der von der Hellen Welt herab ans einmal in eine niedrige feuchte Kcllcrhöhlc kriecht. Der Hauptmann stand auf, erinnerte noch einmal an seine Bitte für den „Traucrspiclcr," nnd sprengte ans dem Frendenpfcrdc davon. Hinter ihm schwieg jeder von ihm wie verlegen. Die Weiber, von Albano's glänzender Gegenwart ein wenig scheu, getranctcn sich nur schwer mit der alten cinhcimijchen Ver- 168 gangenhcit hervor, indcß der Pflegevater Wehrfritz, in seinen Meinungen und Sitten fortgcwachscn, noch in das alte Geschrei der Kanarienvögel und Hunde cingcsassct, gar keine Zeit kannte, dein Pflcgesohne innigen Dank für die verbindliche Erinnerung und Wahl seiner Geburtstagsfeier sagte, den Albano nothwcndig und vergeblich ausschlng, im vorigen Du und Vatcrwcscn sortfuhr, sich über die Franzosen und ihre künftigen Siege entzückte und jetzt dem altern Pflcgesohne mehr Prämien des Lobes als jemals dem jüngcrn bewilligte, um ihm dadurch, hofft' er, ein so großes Vergnügen zu machen wie sonst. Der Magister unterstützte von weitem das Lob, ob er gleich nicht unterlaßen konnte, sofort als sein Schüler Napcl, Baja, Cuma ausgesprochen hatte, eine Gelegenheit zu ergreifen, um Neapel, Bajä, Cumä auszusprcchen. Albano war rein, wahr, menschlich, offen und herzlich gegen alle; Eitelkeit war nicht in seinem selbstvergessenen Stolz. Nabcttc fand endlich ein Hebezeug, den glänzenden und doch trauten Bruder aus dem Gastzimmer in ihres oder sein voriges anfznwinden, um allein zu sehn an seiner Brust. Als sic hiucintraten: so fing sic sogleich mit den Worten: „kennst du die Stube noch, Albano?" unendlich zu weinen an mit den so lange gesammelten Thräncn; und Albano zeigt' ihr in den scinigcn sein langes bisheriges Mitlcidcn, riß aber dadurch die ganze wnndcnvolle Vergangenheit ans. Sic griff selber zum Heilmittel, zum Erzählen— so sehr er auch vorschützte, er wisse und crrathc ja alles —; und berichtete, die Augen trocknend, wie alles stehe — und „daß Karl viel bei inner Mutter in Arkadien sei — daß der Minister noch gegen das einzige Kind den alten Wüthrich mache und ihm nicht einen Heller mehr als sonst znschieße, ob er gleich immer 169 große und größere Schulden häufe, zumal seitdem keine Liane sie mehr im Stillen tilge — daß er überall borge, nur aber von ihr nichts annchmc — daß er noch immer weiter nichts begehre und kenne als die Gräfin — und daß Gott wisse wohinaus das alles noch wolle." —> Allem Fragen zuvorkommend, setzte sie dazu: „er weiß schon jetzt alles, dein ganzes Leben mit dcrsclbigen Person — er thut dabei still und lustig, aber ich kenn' ihn genugsam. — Ach! (scufzete sie in der Jammer-Fülle und setzte sogleich mit derselben Stimme dazu:) du siehst mich an, nicht wahr, du findest mich sehr- mager gegen sonst?" — „Ja wohl. Arme!" sagte er. „Ich trank viel Essig seinetwegen, weil Karl schlanke Taillen liebt; und der Gram thut auch viel," sagte sie. Albano wollte sie trösten mit der nähern Möglichkeit einer Verbindung Karls mit ihr, seit der cntschiedncn Unmöglichkeit jeder andern, und bot sich ihr gern zu jedem Vorwort und Zwangsmittel an —; „er ist vor Gott und uns dein Mann," sagt' er. „Das hat er nie (versetzte sic erröthcnd) sehn mögen, nämlich Honnet; ich schrieb dir ja, daß ich jetzt auch zu stolz bin dazu." — Nichts bestach ihn mehr als sittlicher Stolz: „so wirf ihn einmal weg auf immer!" sagt' er. — „Ach, (sagte sie bänglich) weiß ich denn, daß er kein Leid gegen sich selber vorhat? — Dann würs' ich mir's ewig vor." Unwillkürlich mußte er mit dieser liebenden heiligen Furcht die Härte der Fürstin vergleichen, die cs so froh und stolz- erzählcn konnte, daß manches verliebte Leben das Opfer ihres spröden Herzens und koketten Gesichts geworden. „Was willst du nun thun?" fragt' er. „Ich weine (sagte sic); ach, Alban, das ist ja genug, daß du mir Gehör und Rath gegeben; ich bin wieder ganz heiter. Aber werde wieder sein Freund." 170 Er schwieg, über die weibliche Unart ein wenig erzürnt, die unter dem Vorwand, Rath zu snchcu, nur Gehör verlangt. „Was ist das (fragt' er, ein Blatt ihr zeigend), das ist völlig meine Hand und ich habe es nie geschrieben?" — Sic sah cs an und sagte: „Karl probire oft so in den Händen bei ihr." Es wunderte ihn und er sagte: „überall nur Nachspielen und Nachmachen! Aber wie kannst du denken, daß ich ihm vergebe?" — Einige Ncisebcschrcibungen ans ihrem sonst büchcrarmen Nachttisch fielen ihm auf: „ich wollte doch wissen (sagte sie), wie es dir etwan da und dort mochte ergehen, und las deshalb das lange Zeug." — „Du bleibst meine Schwester!" sagt' er und küßte sie herzlich. Sic fragte ihn noch viel und zudringlich über sein neues Verhältnis aber er eilte wortkarg mit dem vollen Herzen hinab. -— Das erste Wort drunten an den Landschaftsdircktor war die Bitte um das „depouirte Schoppische Schreiben." Wchr- fritz brachte den im Eisenkästchcn der Schuldscheine anfbewahr- ten breiten Brief und lieferte ihn hoffentlich, wie er sagte, richtig ab. Kanin hielt Albano die Thräncn zurück, als er die krausen, aber wcrthcn Spuren der geliebten Hand, die gewißlich nie im Leben gewankt oder sich befleckt, in der sei- nigcn hielt. Da er nichts erbrach, so fingen sie alle gutmü- thig an, ihm seinen Freund Schoppe nach den Muthmaßungcn und Ansichten, die sich der Mensch über jeden höhern Geist so keck und froh erlaubt, mit allen seinen Thaten oder Farben vorzuschildern, als wären Thaten oder Farben Striche und Umriß. Wehrfritz und Wehmcier bedauerten, daß er toll würde, wenn er's nicht schon sei. Der Magister hielt, mit seinem Hanptbeweise zurück, bis der Landschaftsdirektor die kleineren Nebenbcweisc bcigcbracht. 171 Sein Leben unter diesem Schloßdachc wurde ab- und . aufgedcckt, aber im Guten. Er hatte bisher — so gingen die Berichte — nichts Reelles oder Solides „bezweckt." Wehrsritz schwur, er habe selber zngeschen, daß er die Literaturzeitung so gelesen, wie sic ineinander Halbbogen-Weise steckte, und sagte, daß er's freilich weniger der Tollheit als einer Geistes-Abwesenheit zuschrcibe, weil er wisse, mit welcher Lust er immer den Neichsanzeiger — den solcher selber für den Thorschlüssel der Reichsstadt Deutschland erkläret — in die Hand genommen und verständig dnrchgegangen. Mitten in der Gesellschaft Hab' der Bibliothekar seine Hände angesehen mit den Worten: da sitzt ein Herr leibhaftig und ich in ihm, wer ist aber solcher? — Gearbeitet Hab' er sehr wenig, Bücher von Gewicht, wie H. Wehmcicr wisse, selten angesehen, leichter die allcrschlechtcstcn von Bauern, z. B. ganze Traumauslcgebüchcr. — Sein liebster Umgang sei ihm sein Wolfshund gewesen, mit dem er Stundenlang ordentlichen Diskurs geführt und von dessen Murren er ernsthaft behauptet, es klinge wie ein sehr ferner Donner. — Gern sei er vor dem Spiegel gesessen und habe sich in ein langes Gespräch mit sich eingelassen; zuweilen Hab' er in die cainera ollscura gesehen, dann schnell wieder in die Gegend, um beide zu vergleichen, und habe unoptisch genug behauptet, die lausenden regen Bilder der cumera würden von der äußern Welt Vergrößert, aber täuschend nachgcäfft. „Ein schlauer Vogel (setzte der Direktor dazu) blieb's bei alle dem; verschiedene meiner Bekannten auf den benachbarten Rittcrsitzcn ließen sich von ihm malen, weil er's wohlfeil gab; er wußte aber immer etwas ins Gesicht cinzuschieben, daß einem die Physiognomie ganz lächerlich oder einfältig vorkam; und das hieß er sein 172 Schmcichcln. Natürlich saß ihm in dic Länge nichts Honncttes mehr." „War' cs mir gestattet (fing Wchmcier an), so würd'ich jetzt dem H. Grafen ein Faktum vom H. Bibliothekar mit- thcilcn, das vielleicht, das ist wenigstens meine Meinung, so frappant ist als manches andere. Dic Schülwohnung ist, wie Sie gewiß noch wohl wissen, dicht an der Kirche." Darauf gab er in einer langen Erzählung diese: Einst sei in der tiefen Mitternacht dic Orgel gegangen— Er habe an der Kirch- thürc gelauscht und Schoppen deutlich einen kurzen Vers aus einem Hauptlicd fingen und orgeln hören — Darauf fei dieser laut vom Chore herab und auf die Kanzel hinaus gestiegen und habe eine Kasualpredigt an sich selber mit den Worten angcfangcn: mein andächtiger Zuhörer und Freund in Christo — Im Exordium Hab' er das stille leider so schnell vergangne Glück vor dem Leben berührt, obwol nicht nach rechter Homiletik, da der zweite Theil fast den Eingang repetiret — Darauf einen Kanzelvcrs mit sich gesungen und aus Hiob, Kap. 3, wo dieser die Freude des Nicht-Seyns zeigt, den 26sten VerS verlesen, der so lautet: „war ich nicht glückselig? war ich nicht fein stille? hatt' ich nicht gute Rühe? Und kommt solche Unruhe" — Vorgcstcllt Hab' er sich: die Leiden und Freuden eines Christen; im ersten Theil dic Leiden, im zweiten die Freuden — Hierauf Hab' er, aber auf närrische Art und Sprache, aber doch auch mit Bibelsprüchen, die Noth auf der Welt kurz zusammengedrängt, worunter er sehr unerwartet sonderbare Sachen, lange Predigten, dic beiden Pole, häßliche Gesichter, die Komplimente, dic Spieler und die Welt- Dummheit gezählt — Darauf sei er zum Trost im zweiten Theilc vorgeschritten und habe die künftigen Freuden eines 173 Christen beschrieben, welche, wie er lästerlich gesagt, in einer Himmelfahrt ins zukünftige Nichts, in dem Tode nach dem Tode bestände, in einer ewigen Befreiung vom Ich — Da Hab' er, gransend sei es zu hören gewesen, die benachbarten Tobten unten in der Kirche und in der fürstlichen Gruft angeredet und gefragt: ob sie zu klagen hätten? „Ersteht (sagt' er), setzt euch in die Stühle und schlagt die Augen ans, falls sie naß sind. Aber sie sind trockncr als euer Staub. O wie liegt die unendliche Vorwelt so still und schön gewickelt in den eignen Schatten, ans das Bette der Selbst-Asche weich gelegt, und hat nicht ein Traum-Glied mehr, in das eine Wunde geht. Swift, alter Swift, der du sonst so sehr in der letzten Zeit nicht bei Verstände warst und an jedem Geburtstage das ganze Kapitel durchlascst, woraus der h. Text unserer Ernte- prcdigt genommen ist, Swift, wie bist du uuu so zufrieden und gänzlich hcrgestcllt, der Haß deiner Brust ausgebrannt, die Zahlperle, dein Ich in der heißen Thräue des Lebens endlich zcrbaizt und zerlassen und diese steht allein hell da!-— Und du hattest vor dem Küster gepredigt wie ich." — Hier habe Schoppe geweint und sich über die Rührung, Gott weiß vor wem, entschuldigt — Darauf sei er au die Nutzanwendung gegangen und habe scharf ans Besserung des Zuhörers und Predigers gedrungen, auf lautere redliche Wahrhaftigkeit, Frcuudcstrcue, stolzen Muth, bittcru Haß der Süßlichkeit, des Schlangcngaugs und weicher Unzucht — Endlich Hab' er mit einer Bitte an Gott, daß er ihn, sollt' er einmal Gesundheit oder den Verstand oder dergleichen verliere», doch möge sterben lasten wie einen Mann, die Andacht beschlossen und sei auf einmal aus der Kirchenthürc hcrauSgcsahrcu. „Er brachte mich (setzte Wehmcicr dazu) fast um meinen Verstand 174 durch Schrecken, da cr auf einmal zornig mich aufuhr: Schcin- lcichc, was schleichst du ums Grab? und ich machte mich entfärbt und hurtig nach Hause, ohne ihm das Geringste darauf versetzt zu haben. Was sagen aber der Herr Gras?" — Albauo schüttelte den Kopf mit Heftigkeit, ohne ein belehrendes Wort, mit Schmerz und Thräucn aus dem Gesicht. Er nahm bloS schnell von allen Abschied und bat sic um Vergebung der Eile — und suchte Abend-Sonne und die Freiheit, um des edlen Menschen Brief und die Absicht seiner Reise zu lesen. Er schlug den alten Weg nach Lilar ein, wo cr an der frohen südlichen Brust seines frohen Dians wieder die südliche Heiterkeit und Gewohnheit zu finden hoffte; denn sein Herz war durch ein Erdbeben aufgcdrängt und aufgehoben, weil ihm in diesem Schoppe doch manches wilde Zeichen, gleichsam ein übermäßiges Leuchten und Blitzen dieses Gestirns, einen Untergang und jüngsten Tag zu melden schien, den er zu seinem höchsten Schmerz dem Aufgchcn des neuen Sterns der Liebe, der diese Welt anzündetc, zuznschrciben gezwungen war. 122. Z y k c l. Er las folgenden Brief von Schoppe: „Dein Schreiben, mein lieber Jüngling, kam mir richtig zu. Ich preise Deine Thränen und Flammen, die einander wechselnd unterhalten und nicht löschen. Werde nur etwas, auch viel, nur nicht alles, damit Du es in einer so äußerst leeren Sache, wie das Leben ist — ich möchte wissen, wer's erfunden hat — ausdauern kannst vor Wüstenei. Ein Homer, ein Alexander, die nun die ganze Welt erobert und unter sich 175 haben, müssen sich oft mit den verdrießlichsten Stunden plagen, weil nun ihr Leben aus einer Braut eine Frau geworden. So sehr ich mich dagegen vcrpallisadirte und mich scst- machtc, um nicht über Jedermann zu steigen und als das Faktotum der Welt oben zu sitzen: so kam ich doch am Ende unvermerkt und stehend in die Höhe, blos weil unter meinem langen Besehen der ganze Erdkreis voll Schaumberge und Nebel-Riesen immer tiefer aufthaucte und znsammcnkroch; und schaue nun allein und trocken von meinem Bcrghorn herunter, ganz besetzt mit den Blutigcln des Wclt-EkclS. Bruder, es wird aber in diesem Jahre anders und ich flott. Deswegen wird Dir hier im Februar ein langer mir ganz verdrießlicher Brief geschrieben, der Dir über meine nahe Einspinnung und Verpuppung sagt, wo und wie; denn bin ich einmal eine glänzende Chrysalidc, so kann ich mich nur schwach mehr regen uwd zeigen. Ich will mich deutlicher erklären, setzen die Deutschen hinzu, wenn sie sich deutlich erklärt haben. Es schickt und trifft sich besonders glücklich — was ich schätze wie einer — daß gerade Ende des Jahrs Ende meines bisherigen väterlichen Vermögens ist und folglich, wenn Amsterdam aushört zu zahlen, ich auch falle und nichts mehr in Händen habe als schwache chiromantische Wahrsagungen und nichts im Leibe habe außer dem Magen. Ich wollte, ich könnte noch von meinem Nabel leben wie in meinen früher» Zeiten und mich so weich betten. Was soll ich dann machen? Mich von den Herren Menschen Jahraus Jahrein beschenken zu lassen, dazu acht' ich sic nicht genug; und die wenigen, die man etwa bei Gelegenheit achtet, sollen wieder mich zu hoch achten, es anzubieten. Was, 176 cin Floh soll ich sehn am dünnsten goldnen Kettlcin, und ein Herr, der mich daran gelegt, damit ich ihm springe, aber nicht davon, zieht mich öfters ans den Arm und sagt: sang' nur zu, mein Thicrchc»! — Teufel! Frei will ich bleiben ans einer so verächtlichen Erde — keinen Lohn, keinen Befehl in diesem großen Bcdicntenzimmcr erhaltend — kerngesund, um kein Mitleidcn und keinen Hausarzt zu erwecken — ja wollte man mir das Herz der Gräfin Nomciro unter der Bedingung zuschlagen, es zu erkniecn, so ward' ich das Herz zwar annehmen und cs küssen, aber gleich daraus aufstchcn und davon- laufen (entweder in die zweite oder in die neue Welt), che sie Zeit hätte, sich die Sache zu rekapituliren und mir Vorzurücken. Werden freilich etwas — und dadurch eben so viel verdienen -— das könnt' ich (schlägt man mir vor) doch versuchen, ohne sonderliche Einbuße Von Freiheit und Ungleichheit. In der That seh' ich hier aus meinem Zentrum an 360 Weg- Radien laufen und weiß kaum zu wählen, so daß man lieber das Zentrum zum Umkreis ausznplättcn oder diesen zu jenem einzuziehen versuchen möchte, um nur fortzubcstchcn. Dienen, wie die Regimcntsstäbe sagen, wäre freilich das nächste um Herrschen. Du willst selber, wie Du schreibst, ins Feld. (Deinen Brief Hab' ich richtig erhalten und darin Deine Scheu und Sucht recht und gut gefunden und Dich ganz.) Und in Wahrheit, errichtete der Erzengel Michael eine heilige Legion, eine IvZio tulminatrix Von einigen schwachen Scptnaginta's gegen das gemeine Wesen der Welt, kündigte er den Rie- senkricg dem Pöbelsaufgebote an, um vier oder fünf Welt- thcilc durch cin sechstes Weltthcilchcn (auf einer Insel hält' cs vielen Platz) ans der Welt zu treiben oder in die Kerker 177 und um alle geistige Knechte zu leiblichen zu machen: sei versichert, in diesem glücklichen Fall stellte ich mich am ersten hinter die Spitze und führte die Kanonen mit der kurzen flüchtigen Bemerkung: wie Händel zuerst Kanonen in die Musik, so brächte man hier nmgewandt zuerst Musik in die Kanonen. Kämen wir nun sämmtlich zurück, wehte der heilige Landsturm wieder herwärts: so stände Gottes Thron auf der Erde und heilige Männer gingen mit hohen Feuern in Händen hinauf, viel weniger, um droben den Wcltkörper zu regieren, als dem Wcltgciste zu opfern. Mit der Franzmannschaft demnach stehst Du für Deine Person, wie Du schreibst, künftig für Einen Mann. Freilich hält mir's schwer, sonderlich von 25 Millionen zn denken, wovon zwar die Kubikwurzel frei lief und wuchs, aber Stamm und Gezweig doch Jahrhunderte lang am Sklaven-Gitter trocknete und dorrte. Wer nicht vor der Rcvolnzion ein stiller Ncvoluzionär war — wie etwan tüllninlort, mit dessen feuerfesten Brust ich einmal in Paris an meiner schönes Feuer schlug, oder wie Montesquieu und I. I. Rousseau — der spreize sich mit seiner Tropfenhaftigkcit nicht breit unter seine Hausthür aus. Freiheit wird wie alles Göttliche nicht gelernt und erworben, sondern angeboren. Freilich sitzen im Frank- und Deutschreich überall junge Autoren und Muscnsöhne, die sich über ihren schnellen Selbst-Gehalt verwundern und erklären, nur verflucht erstaunt, dast sie nicht früher ihr Frei- heitsgcfühl gefühlt, weiche Schelme, die sich als ganze blasende Walisische ansehcn, weil sic einiges Fischbein davon um die Rippen zn schnüren fanden — Immer würd' ich in einem Kriege, wie ihn die todtc Zeit geben kann, glauben, zwar gegen Thoren zu kämpfen, aber auch für Thoren. Jea» Paul's ausgew. Wcrle. X.I1. 12 Die jetzigen, zynischen, naiven, freien Naturmenschen — Franzcn und Deutsche — gleichen fast den nackten Honora- zioren, die ich in der Pleiße, Spree und Saale sich baden sah; sic waren, wie gesagt, sehr nackt, weiß und natürlich und Wilde, aber der schwarze Haarzopf der Kultur lag doch auffallend auf den weißen Rücken. Einige große lange Menschen und Väter der Zeit, wie Rousseau, Diderot, Sidney, Ferguson, Plato, haben ihre abgetragnen Hosen abgelegt und diese tragen ihre Jungen nach und nennen sich, weil sie ihnen so weit, lang und offen sitzen, deswegen Ohnc-Hoscn. Zwar statt des Degens könnte ich auch sehr gut das Federmesser ergreifen und als schreibender Zäsar ausstehcn, um die Welt zu bessern und ihr und sie zu nutzen. Es wird mir denkwürdig bleiben, das Gespräch, das ich darüber mit einem berlinischen allgemeinen deutschen Bibliothekar aushiclt, als wir still im Thiergarten auf- und abgingcn. „Jeder wuchere „doch seinem Vaterland mit seinen Kenntnissen, die sonst vergraben liegen," sagte der deutsche Bibliothekar. Zu einem Vaterland gehört zuvörderst einiges Land, sagt'ich, der Mal- theser Bibliothekar aber, der hier spricht, erblickte das Licht der Welt zur Sec unter einem pechfinstcrn Sturm. Kenntnisse besitz' ich freilich genug und weiß, daß man sie wie ein Glas voll Kuhpockcn, vernünftig genommen, nur dazu hat, um sie einzuimpscn — der Schüler seiner Seits schlingt sie wieder nur ein, um sie von sich zu geben, und so gibt sich das Weitere. So fährt das Licht, wie im Spiel „stirbt der Fuchs, so gilt's den Balg" der glimmende Span, von Hand zu Hand, bis aber doch der Span in einer— meiner— verlöscht und vrbleibt. „Launig genug! (sagte der allgemeine Bibliothekar.) Mit 179 „einer solchen Laune verbinden Sic nur noch Studium schlechter Menschen und guter Muster, so bilden Sie uns einen „zweiten Rabener, der die Narren geißelt." — „Herr, (vcr- „ setzt'ich ergrimmt) ich würde die Weisen vorziehen und Euch „den ersten Schlag versetzen. Weise lassen sich berichten und „waschen, haben überall ihr Einsehen und sind gute Narren „und meine Leute; ein Mann wie ein allgemeiner deutscher „Knrschmidt, der dem Mnscnpfcrd an den Puls greift, halte „mir seinen vor und ich befühl' ihn gern. Aber der Weitetest, 8>r? Wer kann das Weltmeer abschäumcn, wenn er „ihm nicht die Ufer wegbricht? Jst's nicht ein Jammer und „Schade, daß alle genialische Menschen, von Plato bis zu „Herder, laut und gedruckt worden und häufig gelesen und „studirt vom gelehrten Pack und Packhof, ohne daß dieser sich „im Geringsten ändern können? Bibliothekar, ruft und pfeift „doch alles, was in den kritischen Hnndshütten neben jenen „Tempeln Wache liegt, heraus und fragt sämmtliche Windspiele, Doggen und Packer, ob in ihren Seelen sich etwas „anders bewege als ein potcnzirtcr Magen, statt eines poetischen und heiligen Herzens? Im Bergkcssel sehen sie den „Wurst- und Braukessel, im Laub die Schelle der Karte und „der Donner hat für sic — als ein größerer elektrischer Funke „— einen sehr säuerlichen Geschmack, den er nachher dem „März-Biere einslößet." „Spielen Sic an?" fragt' er. „Sicher! — (sagt' ich.) „Aber weiter, Bibliothekar, gesetzt, wir beide wären so glücklich, uns aus dem Absätze hcrumzndrehen und mit Einem „Umhcrhauchen alle Thoren wie mit einem Hüttcnranche ganz „verpestet nmznwchen und manstodt hinzuwerfen: so kann ich „doch nicht absehen, wo der Segen herauskommcn will, weil 12 * „ich, außerdem daß wir noch selber nebeneinander stehen und „auch uns anznhanchen haben, in allen Ecken umher Weiber „sitzen sehe, welche die erlegte Welt von neuem Hecken." — „Bester Püstcrich*) voll Feuer, (fuhr ich fort) kann aber „das sehr zum satirischen Handwerke rufen und prägen? — „O nein! Acchte Laune ist bei mir da, vielleicht fremde Toll- „hcit gleichfalls, vielleicht — aber ach wird nicht der seltsame „Schcrzmacher, sogar in Ihrer ungemeinen Bibliothek, dem „Stachelschweinmanne in London (dem Sohne) gleichen, der „bei dem Thierhändlcr Brook den Dienst hatte, den Fremden „im wilden Viehstand und ausländischen Thiergarten herum- „znführen, und der auf der Schwelle dabei anfing, daß er „sich selber zeigte als Mensch betrachtet? — Bedenken Sic es „kalt und vorher! Noch schwing' ich meinen Satyr-Schweif „ungebunden und lustig und ctwan gegen eine gelegentliche „Bremse; wird mir aber ein Buch daran gebunden wie in „Polen an den Kuh-Schwanz eine Wiege, so rüttelt das Thier „die Wiege der Leser und gibt Lust, der Schwanz aber wird „ein Knecht." „Zu solchen Bildern (sagte der Bibliothekar) wäre allerdings die gebildete Welt durch keinen Rabener oder Voltaire „gewöhnt, und ich erkenne nun selber die Satire nicht für „Ihr Fach." — „O so wahr!" versetzt' ich und wir schieden gütlich. — Aber ernsthaft genommen, Bruder, was hat nun ein Mensch übrig (sowol an Aussichten als an Wünschen), dem das Säknlum so versalzen ist, wie mir, und das Leben durch *) Oder Püster, die bekannte altdeutsche Götzenstatue voll Löcher, Flammen und Wasser. 181 die Lebendigen — den die allgemeine matte Heuchelei und die glänzende Politur des giftigsten Holzes verdrießet — und die entsetzliche Gemeinheit des deutschen Lebcustheatcrs — und die noch größere des deutschen Theater-Lebens — und die pon- tinischen Sümpfe Kotzcbuischcr ehr- und zuchtloser Weichlichkeit, die kein heiliger Vater austrockncn und fest machen kann — und der ermordete Stolz neben der lebendigen Eitelkeit umher, so daß ich mich, um nur Luft zu schöpfen, stundenlang zu den Spielen der Kinder und des Viehs hinstclleu kann, weil ich doch dabei versichert bin, daß beide nicht mit mir kokettircn, sondern nichts im Sinne und licbhabcn als ihr Werk — was hat, fragt' ich aus der letzten Zeile des vorigen Blattes, einer nun übrig, den, wie gesagt, so vielerlei- anstinkt und vorzüglich noch der Punkt, daß Besserung schwer ist, aber Verschlimmerung ganz und gar nicht, weil sogar die Besten den Schlimmsten etwas wcißmachen und dadurch sich auch, und weil sic bei ihrer verborgnen Verwünschung und Sänften- und Achsclträgcrci der Gegenwart wenigstens um Geld und Ehre tanzen und sich dafür gern vom festen: Pöbel brauchen lassen, als Weinfässer zu Fleischsässcrn — was hat ein Mann, sag' ich, Freund, in Zeiten, wo mau, wie jetzt im Druck, aus Schwarz zwar nicht Weiß macht, aber doch Grau und wo man, wie Katecheten sollen, gerade die Fragen auf Nein und Ja vermeidet, noch übrig außer seinem Hasse der Tyrannen und Sklaven zugleich und außer dem Zorne über die Mißhandlung sowol als über die Gemißhandclten? Und wozu soll sich ein Mann, dem der Panzer des Lebens an solchen Stellen dünn gearbeitet oder dünn gerieben ist, ernsthaft entschließen? Ich meines Orts, falls von mir die Rede ist, entschloß 182 mich im halben Scherze zu einer dünnen Hellen Anfrage für den Reichsanzeigcr, die Du vielleicht schon in Nom gelesen, ohne mich eben zu crrathen. „ Allerhand. „Wol zuverlässig steht gesunder Verstand und Verkennst (mens 8NIIN in o. 8.) unter den zu würdigenden Gü- „tern des Lebens zunächst nach einem reinen Gewissen oben „an. Ein Satz, den ich bei den Lesern dieses Blattes vor- „auszusctzen wage. Was sonst hierüber noch gesagt werden „kann (sowol von als gegen Kantucr) (so schreibt Campe statt „Kantianer viel richtiger), gehört gewiß nicht hichcr in ein ganz „populäres Volksblatt. Unterzeichneter dieses ist nun „in dem betrübten Falle, daß er hier gcnöthigt die Acrztc „Aus- und Deutschlands befragt. — Mitlciden mit Leiden „gebe, schicke die Antworten ein -— wenn er (gerade heraus „vor Deutschland!!) ganz toll werden werde, indem der Anfang „davon schon einen genommen. „Das Wenn, aber nicht das Ob liegt cdeln Menschenfreunden zu beantworten ob. Hier meine Gründe, Deutsche! „Abgesehen, daß mancher schon ans der Anfrage folgern könnte was doch wenig entscheidet — so sind folgende Stücke „bedenklich und gewiß: 1) des Verfassers bunter Styl selber, „der weniger aus diesem Inserat (in den übcrlcgtesten Intervallen gemacht) als aus der ähnlichen Schreibart eines sehr „beliebten und geschmacklosen Schriftstellers zu erkennen ist, „wie denn ein buntes Uebermaß ganz wildfremder Bilder „so gut am Kopse, wie buntes Farbenspiel am Glase, nahe „Auflösung bedeuten — 2) die Weissagung eines Spitz- 183 „buben *), an die cr immerfort denkt, was schlimme Folgen „haben muß — 3) seine Liebe und sein Treiben Swifts, „dessen Tollheit Gelehrten nicht fremd ist — 4) seine gänzliche Vergeßlichkeit — ö) seine häufige schlimme Verwirrung „geträumter Sachen mit erlebten und vice ver8.a >— 6) sein „Unglück, daß cr nicht weiß, was cr schreibt, bis cr's nach- „ gelesen, weil cr gegen seinen Zweck bald etwas anslässet oder „bald etwas hinsctzt, wie das durchstrichne Manuskript leider „am besten bezeugt— 7) sein ganzes bisheriges Leben, Den- „ken und Spaßen, was hier zu weitlänftig wäre, und 8) seine „so unvernünftigen Träume. Nun ist die Frage, wenn in „solchen Verhältnissen (schlagen nämlich keine Fieber, keine „Liebschaften dazu) vollständige Verrückung (Ulen llxa, mnnin, „rnxtus) eintritt. Bei Swift fiel's sehr spät, im Alter, wo „cr ohnehin schon an und für sich halb närrisch sehn mochte „und nachher alles nur mehr zeigte. Wenn man betrachtet, „daß einmal der Professor Büsch ausrcchnctc, daß seine Angcn- „ Schwäche sehr gut ohne seinen Schaden von Jahr zu Jahr „wachsen könnte, weil die Periode seiner gänzlichen Erblindung über sein ganzes langes Leben hinausfiele blos auf „sein Grab, so sollt' ich annehmcn, daß meine Schwäche so „stufenweise anschwellcn könnte, daß ich keine petite» mni- „8ons brauchte als den Sarg selber; so daß ich vorher dabei „heirathcn und amthiren möchte wie jeder andere rechtschaffene „Mann. „Was ich hiermit bezwecke, ist blos, mich hierüber mit „irgend einem Menschenfreunde (er sei aber philosophischer ') Des Kahlkopfs, der ihm nach 14 Monaten Wahnsinn prophe- zeicte. 184 „Arzt!!) in Korrespondenz zu setzen. Meine Adresse Hut die „ Expcdizion des R. Anzeigers. Näher bekannt mach' ich mich „vielleicht körperlich und bürgerlich in eben diesem Blatte „aus dem Blatte, wo ich eine Gattin suche. Pestitz, den „Februar. 8—8 T—cl, I.—r, 6—1, 8—e." Albano, Du weißt, unter welchem Gebüsch mein Erust liegt. Der Reichs- und Schoppens-Anzeiger hat acht Gründe sür die Sache, die nicht nur mein Ernst sind, sondern auch mein Spaß. Seit der Kahlkopf mir nach einem Jahre den Ausgang meines tollen Hundssterns ansagte, sah ich immer die Aurora dieses -Fix-Gestirns vor mir und sah mich daran zuletzt blind und feige; ich muß es hcraussagen. O ich hatte im Januar, Bruder, acht furchtbare Traume hintereinander — nach der Zahl der Gründe im Anzeiger und selber unter den achten Grund gehörig — Träume, worin ein wilder Jäger des Gehirns durch den Geist jagte und ein reißender Strom voll Welten, voll Gesichter und Berge und Hände walletc — ich will Dich nicht damit ängstigen — Dante und sein Kopf sind Himmel dagegen. Da wurd' ich verdrießlich über die Feigheit und sagte zu mir: „Hast bisher so lange gelebt und die reichsten Ladungen leicht ins Wasser geworfen, sogar diese und die zweite „Welt, und dich von allem, und von Ruhm und von Büchern „und Herzen so rein entkleidet und hast nichts behalten als „ dich selber, um damit frei und nackt und kalt auf der Kugel „zu stehen vor der Sonne: ans einmal krümmst du dich nn- „versehcnds vor dem bloßen tollen fixen Gedanken an eine „tolle fixe Idee, die dir jeder Ficber-Pulsschlag, jeder Faust- 185 „Schlag, jedes Giftkorn in den Kopf graben kann, nnd verschenkst auf einmal deine alte göttliche Freiheit — Schoppe, „ich weiß gar nicht, was ich von dir halten soll; wer irgend „etwas noch fürchtet im Universum, und war' es die Hölle, „der ist noch ein Sklave." — Da ermannte sich der Mann und sagte, ich will das haben, was ich fürchtete; und Schoppe trat näher an den breiten hohen Nebel und siehe! es war (man hätte sich gern auf der Stelle hineingcbcttet) nur der längste Traum vor dem längsten Schlaf, mehr nicht, was sie Wahnsinn nennen. Geht man nun ans einige Zeit z. B. in ein Jrrhaus znm Scherz - so kann man den Traum haben, lässct es sich sonst alles so dazu an wie bei Manchem. Und dahinein will ich nun allgemach sinken, in den Traum, wo an der Zukunft die Dolchspitze abgebrochen ist nnd an der Vergangenheit der Rost abgewischt — wo der Mensch ohne Störung in dem Schattenreich und dem Barataria-Eiland seiner Ideen das regierende Haus allein ist und der Johann ohne Land und er wie ein Philosoph alles macht, was er denkt — wo er auch seinen Körper aus den Wellen und Brandungen der Außenwelt zieht, und Kälte, Hitze, Hunger, Nervenschwäche und Schwindsucht nnd Wassersucht und Armuth ihn nicht mehr antasten und den Geist keine Furcht, keine Sünde, kein Jrrthum im Jrrhaus —- wo die 365 Träume jährlicher Nächte sich in einen einzigen, die flüchtigen Wolken in Ein großes Glut-Abendroth zusammcngewebt- Da sitzt etwas Böses! Der Mensch muß im Stande sehn, sich seinen Traum, seine gute fixe Idee — denn ein hoher Amcishanfen der grimmigsten und der liebreizendsten wimmelt vor ihm — mit Verstand auszuklauben und zuzucignen. 186 sonst kann er so schlimm fahren, als war' er noch bei Verstand. Ich must nun besonders meine Anstalten treffen, daß ich einen liebreichen favorablen Fix-Wahn finde und anerkenne, der gut mit mir umgeht. Kann ich's dahin bringen, etwan der erste Mensch zu seyn im irrigen Hanse — oder der zweite MomuS — oder der dritte Schlegel — oder die Vierte Grazie — oder der fünfte Kartcnkönig .— oder die sechste kluge Jungfrau — oder die siebente weltliche Chur — oder der achte Weise in Griechenland — oder die nennte Seele in der Arche — oder die zehnte Muse — oder der -Liste Akademiker — oder der 71ste Dolmetscher oder gar das Universum — oder gar der Wcltgcist selber: so ist allerdings mein Glück gemacht und dem Lebens-Skorpion der ganze Stachel wcggeschlagen. Aber was steht nicht noch für goldncs cdclstcinerncs Glück offen? Kann ich nicht ein sehr begünstigter Liebhaber sehn, der den Sonnenkörper einer Geliebten den ganzen Tag im Himmel ziehen sicht und hinaufschauet und ruft: ich sehe nur dein Sonncn-Auge, aber cs genügt? — Kann ich nicht ein Verstorbener sehn, der voll Unglauben an die zweite Welt in solche gefahren ist und nun da gar nicht weiß, wo er hinaus soll Vor Lust? — O kann ich nicht — denn der kürzere Traum und das Alter verkindcrn ja schon — wieder ein unschuldiges Kind seyn, das spielt und nichts weiß, das die Menschen für Eltern hält und das nun einen aus der bunten-Blase des Lebens znsammcngefallcncn Thräncntropfen vor sich stehen hat und den Tropfen wieder mit der Pfeife geschickt zum flimmernden Farben-Wcltkügelchen aufbläset? Es ist eben Mitternacht; ich muß jetzt in die Kirche gehen, meine Vesper-Andacht zu halten. 187 Drei Wochen später. I^ota I>6ire! Gewissermaßen war ich seit Deiner Reise verdammt unglücklich bis diese» Morgen gegen 1 Uhr; — nm 2 Uhr faßt' ich meinen Entschluß, jetzt nm 5 die Feder, nm 6, wenn ich ausgctrnnken und ausgeschrieben, den Rcisestab, dessen Stachel nach 2 Monaten in den Pyrenäen steht. O Himmel! mußte etwas Gestacheltes längst neben mir stehen, was ich so lange für einen Hcrisson nahm, indes? cs die beste Spiclwalze voll Stifte ist, aus der ich nichts Geringeres (ich drehte sic vor einigen Stunden) haben kann als das beste Flötengcdackt — unverfälschte Sphären- und Kreismusik zu den Bravourarien der drei Männer im Feuer — einen ganzen lebendigen Vau- cansons Flötenspieler von Holz — und unerhörte Sachen, womit die Maschine nicht sich einen Bruch bläsct, sondern einigen Spitzbuben, wovon ich vorzüglich den Kahlkops nenne? O höre Jüngling! Es geht Dich an. Ich will Deinetwegen, was die Welt offenherzig nennt, jetzt scyn, nämlich unverschämt, denn wahrlich ich decke lieber meinen Steiß als mein Herz auf und bin weniger roth. Es gab einmal in alten Zeiten eine junge Zeit, eine voll Feuer und Rosen, wo der alte Schoppe seines Orts auch jung genug war — wo der alerte anschlägigc Vogel leicht herans- hatte, wo der Hase liegt und die Häsin — wo der Mann sich noch mit den bekannten vier Wclttheilen in Güte setzte, oder auch eben so leicht wie ein Stier mit dem Horn nach jeder Fliege stieß — wo er, jetzt ein Silbcrfasan kühler Zeit, noch als ein warmer Goldfasan im ganzen Welschland auf- und abschritt oder flog, und bald auf Buanorotti's Moses saß, bald auf dem Koliseo, bald ans dem Aetna, bald auf der 188 Pctcrsknppcl, und vor Lust krähctc, die Flügel schlug und gcu Himmel stieg. — Es war nämlich dieselbe Zeit, wo der noch uugcrupste Sturmvogel einmal in Tivoli sich durch die Wasserfälle hin- nnd hcrschwang, kostbar selig war und da gelegentlich — plötzlich — oben — in Vcsta's Tempel — zum erstenmale — weiter nichts erblickte als — die Prinzessin cli Taurin, nachher, muthmaß' ich, von einem Vlicßritter weggcholt als sein güldncs Vließ. Solche sehen — sich ans einem Sturmvogel in einen Tauber an der Venus Wagen verwandeln — von Gespann und Zügel sich abreißen — vor jene Göttin fliegen — sic in immer engern Kreisen umziehen, das alles war nicht eins, sondern dreierlei. Ich mußte erst zu einem Paradiesvogel wachsen und mich färben, um in ein Paradies zu fliegen; ich mußte nämlich Malerei erlernen, um vor Sic zu dürfen. Als ich endlich den Portrait-Piuscl und die Silhouctteu- Schcere in der Gewalt hatte und an einem Morgen mit beiden vor der Prinzessin und dem Fürsten erschien, mußt' ich ihn selber malen und schneiden; seine Tochter war schon vermählet und heimlich abgcreisct; denn Dein Großvater weissagt (anstatt wie andere ihr Treiben voraus) seines nur hintennach und öffnet den Mund blos zum — Hören. Ich schnitt ihn schnell aus, den Mann — packte ein — ging in alle Welt — nach beinah drei Jahren stand ich auf der zehnten Terrasse der lsoln llelln ganz unerwartet vor der Gräfin Cesara —- Himmel und Hölle! welch' ein Weib war Deine Mutter! Sie warf Jeden in beide auf einmal, ich weiß nicht ob Deinen Vater auch. Schreiber dieses stand in seiner letzten ornithologischcn Verwandlung vor ihr als stiller 189 Perlhahn (Thränen müssen die Perlen scy») nnd konterfeietc sse ab, nach wenigen Wochen. Sie hatte zwei Kinder, Dich — Deiner schon damals geschärften Bildung entsinn' ich mich klar — und Deine Schwester, die sogenannte Scvcrina. Dein Vater war nicht da, aber sein Wachsbild, wornach ich ihn gleich achtzehn Jahre später in Nom wieder erkannte. Auch Deine Schwester war noch wächsern wiederholt, nur Du nicht. Eine Dir von weitem ähnliche Wachsfigur, die Dich als einen Mann vorgaukelte, stellte der Bruder Deines Vaters, der mit da war, Dir immer als einen Flügelmann Deiner Zukunft vor, sagte. Du seiest hier im voraus kubirt und schon ins Große getrieben, von der Flasche, auf das Faß gefüllt, um Dich anzu- seucrn, damit Du erwüchsest. Mau mußte Dir eine ähnliche Uniform, wie der Wachsmann trug, anziehen — ich weiß nicht welche — Du fordertest dann keck, um Deinen eignen Mikromegas schreitend, ihn heraus, aus der Zukunft in die Gegenwart. Jetzt weißt Du, was Du geworden, nnd magst wol wieder und mit mehr Recht so stolz auf den Kleinen hcr- absehcn wie der Kleine sonst zu dem Großen hinauf. Ich wollte nie Deinem Oheim diese Maschine der geistigen Streckbarkeit guthcißen; dabei Hab'ich vor allen Wachs-Marionetten einen so hassenden Schauder! Mein einziger Zweck auf der schönen Insel war die Abreise von ihr und von der schönen Insulanerin, sobald ich diese abgcmalt hätte. Dummes Jahrhundert, sagt' ich, will ich denn mehr von dir? Sic saß nur gern — wie aus einem Thron — ich riß, halb im Gewitter, halb im Regenbogen wohnhaft, sie ab nnd mußt' ihr natürlich das Bild lassen un- kopirt. Aber, Jüngling, einige Buchstaben, die meinen dama- 190 ligcn Namen sormirten und die ich aufs Bild an der Stelle des Herzens unter die Wasser-Farben schrieb und versteckte, können für Dich ein Tctragrammaton, clsSonntagsbuchstabcn und Lesemütter (inatrc» leciionm) Deines Daschns werden, falls ich glücklich nach Spanien komme und in Valencia am Bildniß die Färberei von meinen Buchstaben wcgwischen und nun in dessen Herzen lesen kann: Löwcnskiold. So dänisch hieß ich damals. Dann ist die Gräfin Linda de Nomciro ohne Gnade Deine Schwester Scvcrina. Gott schenke nur, daß Du sie nicht vor diesem Brief ctwau gesehen hast und geheirathct; sic soll, wie ich gestern hörte, nach Italien abgercisct sehn. Denn als ich die Gräfin Linda hier znm crstcnmale sah, war mir auf dem Pcstitzcr Markt-Viereck, als stand' ich oben aus der Terrasse der loola I>cIIa und schauctc die Alpen, Deine Mutter, meine Jugend kaum drei Schritte vor mir! Bei Gott, wie als wäre ans der tiefen Ferne im Pfeilerspicgel der Zeit auf einmal das weiße Rosenbild Deiner verhüllten Mutter hcrausgcrissen worden dicht ans Glas heran und hinge davor nun rothblühcnd, so stand Linda vor mir! Denn die göttliche Achnlichkeit beider ist so groß! Gar kein ArrianischcS Homoiouson, sondern ein ganzes orthodoxes Homonsion ist hier zu glauben, würd'ich Dir gerne schreiben, hättest Du sonst die nöthigc Kirchcngcschichtc dazu auf dem Lager. Ich malte auch Linda in diesem Winter. Was sic mir vom Charakter ihrer Mutter erzählte, war ganz dasselbe, was ich ihr hätte vom Charakter der Prinzessin cki I.nurin berichten können — Linda's Vater oder Herr von Romciro wollte nie erscheinen und doch ist er noch nicht verschwunden, wie ich höre — 191 Linda's Mutter hieß sich eine Römerin und eine Verwandte des Fürsten cki Ua,»-ia — In Spanien, wo ich zweimal war und fragte, wollte nirgends der Name einer Ccsara wohnen — Trillionen Spinnenfädcn der Wahrscheinlichkeit spinnen sich zum Ariadncns-Strick im Labyrinth — Eine neue unbekannte Schwester wird Dir im gothischcn Hanse mit Schleiern und in Spiegeln vorgcführt -- Und zwar wird vom redlichen Kahlkopf — dem fast mehr zum Christuskopf fehlt als die Locken, und den ich im Herbste einen Hund geheißen — Dir's vorgespiegclt ans wirklichen Spiegeln —- Gedachter Anubis- oder Kahl-Kopf stand nun (der Himmel und der Teufel wissen am besten warum, aber ich glaub' cs) als Vater des Todes auf Isola Iiella, lag als Handwcrks- bnrsch am Fürstcngrabc und in jedem Hinterhalt, um Dir Deine Schwester zur Frau zu geben — — falls ich's litte; aber sobald ich jetzt zngesiegelt, brech' ich nach Spanien auf, und in Linda's Bilderkabinct ein, suche nach einem gewissen Bilde ihrer Mutter, dessen Stelle und Zimmer ich mir deutlich angcbcn lassen — und ist cs das Bild von mir: so ist alles richtig und der Donner kann in alles schlagen — Der Kahlkopf ist schon ein Fnnfvicrtelsbewcis — er gehört unter die wenigen Menschen, die schon, kaum Spinnen- dick, in ihrer Mutterleib aus Bosheit pißten — X Vielleicht treff' ich Deinen Oheim, der mich hier, wie er sagte, wieder erkannte und der wirklich nach Valencia abge- rciset ist*) — ') Der Oheim hatte wieder gelogen, denn er war, wie man aus 192 O Himmel, wenn mir's gelänge (aber warum nicht, da meine Zunge von Eisen bleibt und dieses Blatt in Eisen kommt, beim redlichen Wehrsritz, dessen Herz ein alter Deutscher ist, und mit Recht stellt in der Jungfer Europa Deutschland das Herz vor?), ich schreibe, wenn mir's gelänge, daß ich anbrennte an einem verfluchten Geheimniß eine Strohthür, risse alles auf, ein und weg, blinde Thore und Opfer- thore, und ein starkes Licht fiele herein aus die tapfere Linda und den tapfcrn Jüngling, anlcuchtcnd den nahen Kahlkopf (vielleicht noch jemand), der eben in der Dunkelheit mit zwei langen blanken Okulir- und Schlachtmesscrn in die Geschwister schief herunterstechcn will- Wenn mir das einmal gelänge, nämlich im Erntemonat — denn da käm' ich in Pestitz wieder an und hätte das Bild- niß in der Tasche — und ich hätte mich und zwei Unschuldige tapfer gerächt an Schuldigen:- daun würd' ich mir's für sehr erlaubt halten, an meinen Kopf zu greifen und zu sagen: alias, xara, Kops weg! Wozu gewiß, da ja von keiner dummen Abtreibung des Leibes durch ein Weither - Pulver die Rede ist, sondern nur vom Vorsatze, das was Sachverständige meinen Verstand nennen, gelegentlich zu verlieren — meine Freunde stimmen müßten, weil sic mich noch hätten (der Körper wird dabei anbehalten), obwol als das Nachtstück eines Menschen, weil ich dann einen vernünftigen Diskurs so gut über alles (nur den Fix-Wahn greife keiner an) führen wollte als einer und dabei einen gesitteten guten Spaß (wahrlich die wahre Würze) einznstreu'cn gewiß nicht vergäße und weil der diesem Bande weiß, vorher nach Nom gegangen, wo er dem Ritter und der Fürstin die Pestitzer Briefe übergeben. 193 Staat mich Tag und Nacht gerüstet und gesattelt finden sollte, ihm nach dem Beispiele der Berliner Jrrhäuslcr, die einmal beim Feuer im Haus am besten löschten und retteten, zu dienen und zu Hülfe und zu Passe zu kommen, wenn die dunkeln Intervalle seiner andern Staatsdiener nicht anders aus- zusüllcn wären als mit unfern Hellen. Lebe wohl! Ich brech' ans. Die Welt lacht mich heiter an. In Spanien find' ich ein Stück Jugend wieder —> wie in diesem Schreiben. Schoppe. Apropos! Stieß Dir der Kahlkopf nirgends auf? — Ich kann Dir nicht sagen, wie ich täglich jetzt arbeite, um mir vor dem Wunsche, ihn künftig in der Tollheit nicdcrzu- stoßen, wahren Abscheu und Gräuel im Voraus cinznprägen und eigen zu machen, damit nachher die ctwanigc That mir nicht als eine Spätfrucht des vorigen vernünftigen moralischen Zustandes könne herüber zngcrechnet werden in den andern. Vernichte diesen Brief!" -t- * 4 - Als Albano die feurigen Augen von dem Briefe aufhob, stand er vor Lilar unter einem hochgcwölbten Triumphbogen, und die Sonne ging in Pracht hinter dem Elysium unter. „Kennst du mich nicht?" fragte leise neben ihm Linda in Neiscklcidcrn weinend in Heller Liebe nnd Wonne — und Julienne drängte sich, beiden Vorsicht zuwinkcnd, aus dem Ein- gangsgcbüsch des FlötcnthalS hervor und rief zum listigen Scheine: „Linda, Linda, hörst du denn die Flöten nicht?" — Und Albano hatte den schweren Brief vergessen. Iran Paul's ausgew. Werke, XII. -io 194 123. Z y k e l. Wie ein schnell mit hundert Flügeln ansrauschcndcs Konzert, so schlug die schnelle Gegenwart alter Liebe und Freude über den verlassenen, um den Freund bekümmerten Jüngling in schönen Flnthen zusammen; und von der Entzückung getroffen, sah er Linda wieder wie auf Jschia; aber diese sah ihn wieder wie in einem andern Elysium, sic war weicher, zarter, heißer, eingedenk seiner Vergangenheit in diesem Garten. Sie wollte gar nichts von ihrer eignen Reise-Geschichte erzählen oder hören. Albano bedeckte sein Gcheimniß von Schoppe mit mächtiger, aber zitternder Brust; nur seinem Vater bräunt' er sie ansznthnn. Unaufhörlich hielt er sich die Unmöglichkeit einer Verwandtschaft vor und die Leichtigkeit, daß Schoppe die angebliche Schwester mit der wahren, mit Julicnncn, verwechsle; noch diesen Abend wollt' er den Vater fragen. Er gab ihr das Ja desselben zu ihrem Bunde mit großer Freude, aber nicht mit der größten, weil Schoppc's Brief nachtöntc. Julienne nahm es wahr, daß nur eine Kaskatella statt der Kaskade heute ans ihm komme, und sucht' ihn lustig- listig anszuholen, indem sie ihn leicht durch das ganze wichtige Personale seiner und ihrer Bekanntschaft durchantwortcn ließ. Sie hatte einige Neigung, am Thcatcrvorhang zu weben und zu malen oder auch ein Sonsflenrloch in ihn zu stechen. Sie fing die Fragen von Jdoine an — welche kurz nach seiner Ankunft ihren Rückweg ans der Stadt genommen .— und hörte mit ihnen bei Schoppen auf — nach dessen Reise-Ziele sie forschte —; aber Albano hatte jene nicht gesehen, dieser, sagt' er, Hab' es ihm allein vertraut. Eine schöne, i95 unbicgsame Marmoradcr der Festigkeit lief durch sein Wesen. Linda's ichwarzes Auge war ein offnes treues deutsches und sah ihn nur an, um ihn zu lieben. Aus dem Flötcnthal kam der Rest der Gesellschaft, der Lektor u. a.; Julienne nöthigtc die Liebenden zur Scheidung, und sagte: „hier ist kein Jschia; ohne mich könnt ihr euch hier im Schloß gar nicht scheu; ich werde dir's durch deinen Vater allzeit sagen lassen, wenn ich da bin." Als er allein stand in Lilar, mit dem schweren Gedanken an Schoppe und Linda, und er die anmuthigen Gegenden und Stellen schöner Stunden übersah: so kam ihm auf einmal vor, > als verziehe sich in der Dämmerung das Elysium wie ein reizendes Gesicht zu einem Hohn über ihn und über das Leben —- kleine boshafte Feen sitzen an den kleinen Kindcr- Tischchen, als wären sic sanfte Kinder und sähen sehr gern Menschen und Menschcnlust — sic fahren aus als wilde Jägerinnen und rennen durch die Blüten — tausend Hände wende» den Garten mit Blütenbäumen um und richten sein schwarzes finsteres Wurzeln-Dickicht wie Gipfel im Himmel auf — aus den Zweigen blicken Gorgoncnhäuptcr und oben im Don- ncrhäuschcn weint und lacht cs unaufhörlich — nichts ist schön und sanft als der tapfere große Tartarus. Jndeß ging Albano, da es der kürzere Weg zu seinem Vater war, hart und zornig durch den Garten, über die Schwanenbrückc, vor dem Traum-Tempel, vor Charitons Häuschen, vor den Roscnlauben vorbei und über die Wald- Brücke, und kam bald im Fürstcnschlosse bei seinem Vater an, der eben vom kranken Luigi zurückgckommcn. Mit ironischer Miene erzählte ihm dieser, wie der Pazicnt von neuem schwelle, blos weil er fürchte, der todte Vater, der ihm zum zweiteilig 196 mal als Zeichen des Todes zu erscheinen versprochen, gebe das Zeichen nnd hole ihn daraus. Nnn erzählte Albano, ohne allen Eingang und ohne Erwähnung von Schoppen und von dessen Verhältnissen, die Hypothese der seltsamsten Verwandtschaft, ohne etwa ausforschende lange Fragen oder auch nur die kurze schnelle: „ist Linda meine Schwester?" zu thun aus Achtung für den Vater. Dieser hörte ihn ruhig anS: „jeder Mensch (sagt' er erzürnt) hat eine Regen-Ecke seines Lebens, aus der ihm das schlimme Wetter nachzieht; die meinige ist die Gehcimnißträgcrei. Von wem hast du die neueste?" — „Darüber muß ich schweigen ans Pflicht," versetzt' er. „In diesem Falle (sagte Gaspard) hättest du besser ganz geschwiegen; wer den kleinsten Thcil eines Geheimnisses hingibt, hat den andern nicht mehr in der Gewalt. Wie viel glaubst du, daß ich von der Sache weiß?" — „Ach was kann ich glauben?" sagte Albano. „Dachtest du an meine Erlaubuiß deiner Verbindung mit der Gräfin?" sagte zorniger Gaspard. „Sollt'ich denn schweigen, nnd entwickelte sich nicht am Ende aus allen Geheimnissen die Schwester Julienne?" — Hier sah ihn Gaspard scharf an und fragte: „kannst du auf das ernste Wort eines Mannes vertrauen, ohne zu wanken, zu irre», wie auch der Schein dagegen rede?" „Ich kann's," sagte Albano. „Die Gräfin ist deine Schwester nicht; vertraue mir!" sagte Gaspard. — „Vater, ich thu' cs! (jagte Albano ganz freudig) und nun kein Wort weiter darüber." Aber der ruhigere Alte fuhr fort und sagte, dieser neue Jrrthnm pcranlasse ihn, jetzt ernstlich bei Linda auf ein Ja zur schnellen Verbindung zu dringen, weil der Vater derselben, vielleicht der geheime bisherige Wunderthätcr, seine Erscheinung durchaus an einen Hochzcittag gebunden. Noch einmal ließ 197 er den Sohn seinen Wunsch nach dem Wege merken, auf welchem er zu jener Hypothese gekommen; aber umsonst, die heilige Freundschaft konnte nicht entheiligt oder verlassen werden, und seine Brust schloß, wie der dunkle Fels um den Hellen Krystall, sich mächtig um sein offnes Herz. So schied er warm und glücklich vom schweigenden Vater.— In der harten Stunde des Briefs hatt' er nur eine künstliche Felscnpartie des Lebens überstiegen, und die bunten Gärten lagen wieder da bis an den Horizont; -— doch der vergebliche mühvollc Jrrthum seines Schoppe und dessen von Haffen und Lieben verheerter Geist, der sich sogar im Ton des Briefes nicdcrznbcngcn schien, und die Zukunft eines Wahnsinns gingen wie ein fernes Lcichcngeläute in seiner schönen Gegend klagend, und das glückliche Herz wurde voll und still. 124. Z y k e l. Bald darauf ließ die gütige Schwester Albano's an der Spieluhr seines Glücks, deren Wächterin sie war, wieder eine hespcrische Stunde schlagen und spielen, wo das ganze Leben hinauf und hinab mittönte und sich anshcllte, und wo nun wie in der Schweiz, wenn eine Wolke sich öffnet, aus einmal Höhen, Eisberge, Bcrghörner ans dem Himmel blicken. Er sah seine Linda wieder, aber in neuem Licht, glühend, aber wie eine Rose vor dem glühenden Abcndroth; ihr Lieben war ein weiches stilles Flammen, nicht ein Hüpfen irrer stechender Funken. Er schloß, daß sein wortsestcr Vater die Bitte um eine pricsterlichc Verbindung ihr schon gethan und sogar ihre Bejahung bekommen. Julienne sagt' ihm, sie woll' ihn den nächsten Abend um 6 Uhr aus dem väterlichen Zimmer spre- 198 chcn; das macht' ihn noch gewisser und froher. Mit neuen noch zarter anbetendcn Gefühlen schied er Non Linda; die Göttin war eine Heilige geworden. Als er den andern Tag ins väterliche Zimmer kam: fand er niemand darin als Julienne. Sic küßte ihn kurz und kaum, um schnell mit ihren Nachrichten fertig zu werden, da ihre Abwesenheit aus so viele Minuten cingcschlosscn war, als die Fürstin brauchte, um vom Krankenbette des Mannes in das Zimmer der Prinzessin zu kommen. „Sie heirathct dich nicht (fing sic leise an), so sehr und so fein auch dein Vater ihr bei dem ersten Empfang nach der Reise die Freude über das neue Glück seines Sohnes ansdrücktc, für das er nun blos nichts mehr zu wünschen brauchte, sagt' er, als das Siegel der Fortdauer — Es war noch feiner versilbert und vergoldet, ich weiß es nicht mehr. — Daraus crwicdcrte sie in ihrer Sprache, die ich nie behalte, ihr und dein Wille waren das rechte Siegel, jedes andere politische drücke Ketten und Sklaven ans dem schönsten Leben aus." — Hart wurd' Albano von einer offnen Weigerung verletzt, die ihn bisher als eine stille und als Philosophie anftrctcnde nur wie wesenloser Schatte unberührt umflossen hatte. „Das war nicht recht; spät konnte sie sagen, aber nicht nie" sagt' er empfindlich. — „Gemäßigt, Freund, (sagte Julienne) darauf erinnerte sic dein Vater freundlich an die bedingte Erscheinung des ihrigen, indem er sagte, daß er sehr wünschen müsse, ihr Glück aus seinen Händen in nähere zu übergeben. Keine künstliche Bedingung darf einen Willen zwingen oder vernichten, sagte sie. Dein Vater fuhr ruhig fort und setzte dazu, er habe den schönsten Lcbensplan für Euch beide in diesem Falle entworfen; im andern aber stehe seine Einwilli- 199 gnng in die Liebe nur so lange offen, als sein Hierseyn, das mit dem Tode seines Freundes endige. Dann ging er gelassen sort, wie die Männer pflegen, wenn sie uns recht entrüstet haben." „Hcspericn, Hcspcricn! (rief Albano zornig.) Linda verdoppelte doch ihr Nein?" — „O leider! Aber Bruder?" fragte staunend Julienne. „Lasse mich (versetzt' er); ist cs denn nicht ungerecht, dieses elterliche Antasten der schönsten zartesten Saiten, deren Klang und Schwung sic auf einmal tödtcn, um einen neuen ans ihnen zu rupfen? Jst's denn nicht snndlich, Göttcrgcschcnkc zu Staats-Zöllen und Partie- Geldern, ja wol Partie-Geldern hcrabzuzichcn? — Gute Linda, nun stehen wir wieder ans dem Boden, wo man die Blumen der Liebe zu Heu anschlägt — und wo cs im Paradies keine andere Bäume gicbt als Gränzbäume. — Nein, freies Wesen, durch mich sollst du nie anshörcn, es zu sehn!" Julienne trat einige Schritte zurück, sagte: „ich will dich nur auslachcn," that es und setzte ernst dazu: „Sie also, willst du, soll dir den Tag anbcranmcn, wo der alte Vater sichtbar werden soll?"— „Das folge gar nicht," sagt' er. Sie bemerkte ruhig, daß immer ein hitziger Mann über die Hitze des andern klage, und daß Albano schon in der Ruhe zu strenge ans fremdes und eignes Recht dringe; daß solche Leute dann in der Leidenschaft etwas über das Recht hinaus verlangten, wie ein Stift, der in der Uhr zu genau passet, erwärmt sie durch seine Größe anhält. Jetzt bat sie ihn liebreich, das Auseinanderzupfen des „ganzen Wirrwarrs" blos ihren Fingern zu überlassen und sanft und still zu bleiben, damit nicht noch mehr Leute, etwa gar ihre „belle-soeur" zwischen ihren Bund sich drängten. Albano nahm es freund- 200 lich an, bat sic abcr ernst, nur keine Pläne zu machen, weil er zn ehrlich dazu gegen Linda sehn und ihr sogleich das ganze Wort der Charade sagen würde. Sic entdeckte ihm, sic habe weiter keinen zn etwas gemacht als zn einem frohen Tage sür morgen, den nämlich, mit Linda die Prinzessin Jdoine in Arkadien zu besuchen, der sic außer dem Besuch noch größere Dinge schuldig sei, besonders ihr halbes Herz: „Du reitest uns zufällig nach und triffst uns mitten im Schäfcrlcbcn an (setzte sic dazu), und überraschest deine Linda." — Er sagte sehr entschieden Nein; weil er vor Jdoincns Aehnlichkcit mit Lianen — ob er gleich nur wußte, daß Liauc jene im Traum-Tempel vorgcspiclt, noch nicht abcr, daß Jdoine diese vor seinem Krankenbette nachgebildct — und vor der Gcgcnwvrt der Ministerin die Flucht aus Scheu sowol der bittcrn Erinnerungen als der süßen nahm, welchen beiden Noquairol in solchem Falle nachgezogen wäre. Julienne wandte boshaft ein: „fürchte nur nichts sür die Prinzessin; sic mußte, um vom verhaßten Bräutigam nur loszukommcn, allen Ihrigen eidlich angclobcn, nie einen unter ihrem Stande zu wählen — und das hält sie, sogar bei dir." — Er beantwortete den Scherz blos mit der ernsten Wiederholung des Neins. Nun so bestehe sic darauf, versetzte sie, daß er ihnen beiden wenigstens aus halbem Weg cntgegenkommc und sie im „Prinz eng arten" — einem von Imigi als Erbprinz angelegten und auf dem Fürstcnstuhle vergessenen Park — erwarte. Das ergriff er sehr freudig. Sie fragte scheidend noch scherzhaft: „wer hat dich von neuem mit einer Schwester beschenkt?" Er sagte: „das konnte mein Vater nicht von mir erfahren." — „Bruder, (sagte sic saust) ein Herr war'S, der Prinzessinnen leicht für Gräfinnen 201 nimmt und der nächstens noch toller zn werden glaubt, als er schon ist — Dein Schoppe" und flog davon. 125. Z y k e l. Am Morgen darauf fuhren beide Freundinnen nach Arkadien. Julienne — obwol betrübter durch ihren kr ankern Bruder — heiterte sich durch das Vertrauen auf einen Plan ans, den sie ungeachtet ihrer Versicherung zum Glücke des gesunden entworfen, um ihn in Arkadien auszuführcu. Sie verbarg öfters, wie andere hinter den schwarzen Traucrsächcru der Trauer und Empfindung, so hinter den heitern Putzsächcrn des Lachens, der den Zuschauern die bemalte Seite zukchrtc, ihren Kopf mit seinen Entwürfen; unter Lachen und Weinen ging und dachte sie diesen nach. So hatte sic an Albano die Bitte, Jdoine mit zu besuchen, nur aus Schein und in der Gewißheit gcthan, daß er sie abschlage, oder im Falle er komme, daß cs dann Jdoine thuc; denn sie wußte aus Jdoi- nens Besuchen im vorigen Winter, daß diese an den von ihr hcrgcstellten schönen Fibcrkranken häufig in Gesprächen gedacht und daß sic jetzt vor seiner Ankunft geflohen war, um nicht über seine Helle liebende Gegenwart, die ihr am leichtesten durch die Fürstin bekannt geworden, als ein Gcwölkc aus der Vergangenheit hcreinzuzichcn voll trüber Aehnlichkeitcn. Julienne hatte sogar erfahren, daß die Fürstin sie umsonst länger halten und aufbcwahren wollen, um vielleicht den Jüngling durch sie zu erinnern, zu schrecken, zu ändern, oder zu strafen. Julienncns Liebe gegen die Prinzessin wäre durch jene zarte Flucht vor Albano vielleicht so warm geworden, als die gegen Linda war, wenn eben diese Liebe nicht dazwischen gestanden hätte; wenigstens halt' ihr diese schöne Flncht ein ungemessenes Vertrauen — was eben das rechte nnd einzige ist — auf die Prinzessin gegeben. Der Reisetag war ein schöner Ernte-Morgen voll bevölkerter Kornflnren, voll Kühle und Than und Lust. Linda frcuctc sich kindlich ans Jdoinc, und sagte die Gründe in frohem Tone: „zuerst weil sie deinem Bruder das Leben gerettet — und weil sic doch wußte, was sie wollte, und darauf muthig beharrte und sich nicht wie andere Prinzcssincn zum Opfer des Thrones verhandelte — und weil sie die deutscheste Französin ist, die ich kenne, außer der Nckm. lVecüer — Ja mir gehört sie ordentlich .mit aller schönen Jugend unter die alten Frauen, und diese sucht' ich von jeher vor, denn cs ist doch etwas von ihnen zu lernen. Dich liebt Pie sehr, mich glaub' ich weniger, einem so reizenden Mittelding von Nonne und Ehefrau schein' ich zu weltlich, ob es gleich nicht ist." Beide kamen im schönen Zauberdorfe — als schon die netten Kinder sich zur Aehrenlese verbündeten und die Wagen schon den Sammlern der Garben entgegcnfuhrcn — Nachmittags vor dem Mittagscsscn an. Jdoincns Bruder, der künftige Erbfürst von Hohcnflicß — der Zwerg in Tivoli — sah aus dem Fenster, und Julienne bedauerte fast die Reise. Jdoinc flog ihr entgegen nnd drückte sie herzlich an die Brust. Als Julienne dieses große blaue Auge und jeden verklärten Zug der Gestalt, die einst ihr Bruder so selig nnd schmerzlich geliebt, vor und auf ihrem Angesicht hatte: so glaubte sie jetzt, da sic seine Schwester geworden, gleichsam als seine Stellvertretern: die Liebe der Stellvertretern: Linnens zu empfangen; nnd sie mußte, wie allzeit seit diesem Tode bei dem ersten Empfange, innig weinen. 203 Linda wurde von der Prinzessin mit einer so tiefen Zärtlichkeit empfangen, daß sich Jnlinnc wunderte, da sonst beide in einem Wechsel von Kälte und Liebe lebten. Die Ministerin Froulay stand da, von der Trauer so alt, kalt, still und höflich, so kalt gegen die Zeit und die Menschen (ausgenommen das Ebenbild ihrer Tochter), besonders gegen Linda, deren kecker, cntschicdncr, philosophischer Ton ihr nnwciblich und eine Trommctc an zwei Francn-Lippen zu scyn schien. Der künftige Erbprinz von Hohcnflicß entfernte sich zum Glucke bald von einem so unbequemen Ort, wo er ans einem Schiffbrnchsbrctt, statt in einer Gondel fuhr. Nachdem er Julienne mit Antheil um das Befinden ihres Bruders, seines jetzigen Vorführers, gefragt — und sie und Linda an ihre und seine welsche Reise erinnert hatte: so wurd' er über Ju- lienncns Kaltsinn und über die moralischen Gespräche der Weiber und über einen gewissen sittlichen Gcwittcrdruck — den Lüstlinge bei Weibern empfinden, wo alles Rauhe, die Gelbsucht, die Anmaßung als Mißton schreiet — und über die allgemeine plagende Heuchelei — wofür er sogleich alles nehmen mußte — so verdrießlich und verstimmt, daß er leicht aufbrach und dieses Schäscrlcbcn um den einzigen Wolf verkürzte, der darin schlich. Lüstlinge halten cs unter vielen edlen Frauen, gedrückt von deren vielseitigen scharfen Beobachtungen, nie lange aus, obwol leichter bei einer allein, weil sie diese zu verstricken hoffen. Was ihm am wehesten that, war, daß er sie alle für Heuchlerinnen erklären mußte. Erfand keine gute Weiber, weil er keine glaubte; da man sie glauben muß, um sie da zu sehen, wo sie sind; so wie die Tugend üben, um sie zu kennen, nicht umgekehrt. Mit ihm schien eine schwarze Wolke aus diesem Eden 204 und Aether wegzuziehen. Die Ministerin erhielt eine Karte von ihrem Sohne Roquairol, der eben angckommcn, und ging auch — zu Julienncns Freude, die an ihr ein kleines Hinderniß ihres Bckchrnngsplans für Linda fand, weil diese die Ministerin für eine einseitige, enge, bängliche, unnachgiebige Natur ansah. Jdoine bat die beiden Jungfrauen, ihr kleines Reich mit ihr zu bereisen. Sic gingen hinab ins reine weite Dorf. Auf den Treppen begegneten ihnen heitere dienstgefällige Gesichter. Aus den fernen Zimmern des Schlosses hörte man bald Singen, bald Blasen. Wie am Vogel sich das glänzende Gefieder schnell und glatt in- und auseinander schiebt: so bewegten um Jdoine sich alle Geschäfte; ihre ökonomische Maschine war keine plumpe knarrende Thurmuhr, sondern eine spielende Bildcruhr, welche hinter Töne die Stunden, hinter Bilder die Räder versteckt. In einem Wiesengartcn spielten die jüngsten Kinder wild durch einander. Herrnhntische und holländische Reinlichkeit hatten das Dorf zu einer glatten Hellen Putzbude gewaschen und gemalt. Neu und blank hing der Eimer über dem Brunnen — unter der Linden-Rotunda des Dorfs war die Erden-Diele sauber gekehrt — überall sah man reine, ganze, schöne Kleider und freudige Augen -— und Jdoine zeigte unter der fremden Heiterkeit bedeutenden Ernst in den Blicken, womit sie ihr Arkadien Blume nach Blume prüfte. Sic führte ihre Freundinnen über die verschicdnen Sonn- tags-Tanzplätze der verschicdnen Alter, vor dem Hause des AmtmanuS vorüber, worin die Ministerin wohnte und jetzt, zu Julienncns Furcht, ihr Sohn war — in die Helle schmucklose Kirche. Bald kamen ihr der Pfarrer und Amtmann, für welche das Vorübergehcn ein Wink gewesen, in die Kirche 205 nach und holten von ihr Aufträge; beide waren junge schöne Männer mit offner Stirn und ein wenig Jngendstolz. — Als man aus der Kirche war, sagte sie: durch diese jungen Männer regiere sie über den Ort und sic selber lenke sie sanft; nur junge seien mit Haß und Muth gegen den Schlendrian und mit Enthusiasmus und Glauben ausgerüstet. Sie setzte scherzhaft dazu, nichts beherrsche sie als eine Schule von Mädchen, an der ihr mehr gelegen sei als an der andern, weil Erziehung Angewöhnung sei und diese ein Mädchen mehr als ein Knabe brauche, dem die Welt doch keine laste; und sic habe einigen Hang, eine In Oonus zu scyn, weil sie cS schon als Mädchen oft bei ihren Schwestern habe scyn müssen. Sie führte beide darauf in mehrere Häuschen; überall fanden sie ausgcwcißte geordnete Zimmer, Blumen und Weinreben an Fenstern, schöne Weiber und Kinder, und bald eine Flöte, bald eine Violine und nirgends ein spinnendes Kind. In allen hatte sie Aufträge zu geben, und was bloßer Spaziergang schien, war auch Geschäft. Sie zeigte einen scharfen Durchblick durch Menschen und ihr verwachsenes Treiben und einen Geschäftsvcrstand, der das Allgemeine und Besondere zugleich besaß und verknüpfte: „ich wünschte freilich auch (sagte sic) nur Freuden und Spiele um mich; aber ohne Arbeit und Ernst verdirbt das Beste in der Welt; nicht einmal ein rechtes Spiel ist möglich ohne rechten Ernst." — Linda lobte sie, daß sie alle an Musik gewöhnte, diesen rechten Mondschein in jedem Lebens-Dunkel; „ohne Poesie und Kunst (setzte sie dazu) vermoose und verholze der Geist im irdischen Klima." — „O was wäre ohne Töne der mcinigc?" sagte Jdoine feurig. Linda fragte nach dem Bürgerrechte in diesem heitern Staate. „Meistens bekamen cs Schwcizerfamilicn (sagte Jdoinc), die ich an Ort nnd Stelle selber kennen lernte auf meiner Reise. Nach den Französinnen stell' ich sogleich meine Schweizer." — Julienne versetzte: „Sic sagen mir Räthscl vor." Sic lösetc ihr sic, nnd Linda, die kurz nach ihr in Frankreich gewesen, bestätigte cs, daß da unter den Weibern von gewissem höher» Ton, zu denen kein Crcbillon je hinaus- gckommcn, eine in Deutschland ungewöhnliche Ausbildung der zartesten Sittlichkeit, beinahe Heiligkeit gegolten. „Nnr (setzte Linda hinzu) hatten sie in der Sittlichkeit, wie in der Kunst, Vorurthcile des feinen Geschmacks und mehr Zartheit als Genie." — Sie gingen zum Dorfe hinaus, der schönsten Abendsonne entgegen; auf den Bergen antworteten sich Alphörner, und im Thale gingen heitere Greise zu leichten Geschäften. Diese grüßte Jdoinc mit besonderer Liebe, weil cs, sagte sie, nichts schöneres gebe als Heiterkeit aus einem alten Gesicht, und unter Landlcutcn sei sie immer das Zeichen eines wohl und fromm geführten Lebens. Linda öffnete ihr Herz der goldncn Gegenwart und sagte: „wie müßte dicß alles in einem Gedicht erfreuen! Aber ich weiß nicht, waS ich dagegen habe, daß cs nun so in der wirklichen Wirklichkeit da ist?" — „WaS hat Ihnen (sagte Jdoinc scherzend) diese genommen oder gcthan? Ich liebe sie; wo sind Sie für uns denn anders zu finden als in der Wirklichkeit?" — „Ich (sagte Julienne) denke an etwas ganz anderes, man schämt sich hier, daß man noch so wenig that bei allem Wollen. Vom Wollen zum Thun ist's hier doch weit (fügte sie dazu, indem sie den kleinen Finger aufs Herz anssctztc und die Hand vergeblich nach 207 dcm Kopf ausspanntc). Jdoinc, sagen Sic mir, wie kann man denn ans Große und Kleine zugleich denken?" — „Wenn man ans Größte zuerst denkt (sagte sie). Wenn man in die Sonne hineinsicht, wird der Staub uud die Mücke am sichtbarsten. Gott ist ja unser aller Sonne." Die Erden-Sonne'stand ihnen-jetzt tief aus einer nnab- sehlichcn Ebene unter milden Rosen des Himmels entgegen — eine ferne Windmühle schlug breit durch die schöne Purpur- Glut — an den Bcrgabhängen sangen Kinder neben den geweideten Heerden, und ihre kleinern Geschwister spielten bewacht — die Abendglockc, welche in Arkadien allzeit unter dem Scheiden der Sonne gezogen wurde, wiegte Sonne und Erde mit ihren Tönen ein -— nicht nur jugendlich, sogar kindlich lag das sanfte Dörfchen und seine Welt um sic her — kein Sturm, dachte man, kann hcrcingreiscn in dicß sanfte Land, kein Winter im schweren Eispanzer hcrcinschrcitcn, hier ziehen nur, dachte man, Frühlingswindc und Rosenwolkcn, keine Regen fallen als Frühregcn und keine Blätter als der Blüten ihre, nur Staub aus Blumen kann steigen, und den Regenbogen halten nur Vergißmeinnicht und Maiblumen auf ihren blau und weißen Blättchen — die Gegend und alles und das Leben schienen hier nur eine unaufhörliche Morgendämmerung zu sehn, so frisch und neu, voll Ahnung und Gegenwart ohne Glut uud Glanz, und mit einigen Sternen über dcm Morgcnroth. Kinder mit Achrcn-Sträußern in der Hand saßen ans fremden Wagen voll Garben und fuhren stolz herein. Jdoine hing mit inniger Liebe, als wär' alles neu durch diesen Abend, an den doppelten Gruppen. „Nur der Landmann allein ist so glücklich (sagte sie), daß er in allen arkadi- 208 scheu Verhältnissen seiner Kindheit sortlebt. Der Greis sicht nichts um sich als Gcräthschastcn und Arbeiten, die er auch als Kind gesehen und getrieben. Endlich geht er jenen Garten drüben hinauf und schläft aus." — Sic zeigte aus den Gottesacker am Berge, der ein wahrer Garten mit Blumenbeeten und einer Mauer ans Fruchtbäumcn war. Julienne blickte erschüttert hin, sie sah den schwarzen Vorhang zittern, hinter welchen ihr kranker Bruder bald getrieben wurde. Mit durchsichtigem Abend-Goldstaub war der Garten übcrweht — der laute Tag war gedämpft und das Leben friedlich, Oclzwcige und ihre Blüten sanken ans dem stillen Himmel langsam nieder. — „Dort ist der einzige Ort (sagte Jdoine), wo der Mensch mit sich und andern einen ewigen Frieden schließet, sagte so schön zu mir ein französischer Geistlicher." — „Solchen christ-katholischen Jammcrgcdanken (versetzte Linda) bin ich so gram wie den Geistlichen selber. Wir können so wenig eine Unsterblichkeit erleben als eine Vernichtung." — „Ich versteh' das nicht (sagte Julienne) — ach Jdoine, wenn cs nun keine Unsterblichkeit gäbe, was thätcn Sic?" — „ü'aimsrois"*) sagte sic leise zu ihr. Plötzlich wurde vor ihnen wie aus weiter Ferne gesungen: „Freut" — dann spät „Euch des"-endlich „Lebens" — „Das ist aus dem Gottesacker das Echo," sagte Jdoine und suchte zur Rückkehr zu bereden. „Echo und Mondschein und Gottesacker zusammen (fuhr sie scherzend fort) sind wol zu stark für Frauenherzcn." — Dabei berührte sic ihr Auge mit einem Wink an Julienne, gleichsam als thn' cs ihr weh, daß die Gräfin nur hinter dem Nebel ihrer Augen den schönen 2) Ich würde lieben. Abend von Fernen stehen sehe. „Die Singstimme klingt mir so bekannt," sagte Linda. „Roqnairol ist'S, nichts weiter, wollen wir fort!" sagte Julienne; aber Linda bat zn bleiben und Jdoine willigte höflich ein. Nun gab das Echo — das Mondlicht des Klangs — wieder Töne wie Todtcnlieder aus dem Todtcn-Ehor; und cs war, als sängen die vereinigten Schatten sic in ihrer stillen Woche unter der Erde nach, als regte sich der Lcichcnschlcicr aus der weißen Lippe und aus den letzten Höhlen tönte ein hohles Leben wieder. Das Singen hörte auf, Alphörner fingen ans den Bergen an. Da ging wieder das Nachspiel des Tonspicls feurig herüber, als spielten die Abgcschicdncn noch hinter der Brustwehr des Grabhügels und kleideten sich ein in Nachklänge. Alle Menschen tragen Todte oder Sterbende in der Brust; auch die drei Jungfrauen; Töne sind schimmernd zurückflattcrndc Gewänder der Vergangenheit und erregen damit das Herz zu sehr. Sie weinten, und keine konnte sagen, ob trübe oder froh. Die bisher so gemäßigte Jdoine ergriff Linda's Hand und legte sic sanft an ihr Herz und ließ sic wieder sinken. Sie kehrten schweigend und einig um. Jdoine behielt Linda an der Hand. Die unterirdischen Wasser der Tobten-Echos und Alphörner rauschten ihnen nach , obwol ferner. Julienncn entging cs nicht, wie sehr Jdoine ihr Gesicht, blos um cs ihr mit den großen Tropfen in den großen Angen zn entziehen, immer der dicht verschleierten Linda znwandte; und sie schloß daraus, daß Jdoine vieles wisse und kenne und die Braut des Jünglings ehre, dem sie durch ihre schöne Aehnlichkeit das frohe Leben zurückgcgebcn. Jean Naul's ausgcw. Werke. XII. 14 2l0 „Was haben wir nun davon? (sagte Idoine spät und nahe am Dorfe.) Wir schcn's voraus, daß wir zu weich wurden, und geben uns doch hin. Darum nennen uns eben die Männer schwach. Sie bereiten sich auf ihre Zukunft durch lauter Abhärtungen vor, und nur wir uns durch lauter Erweichungen." — — „WaS soll man denn machen (sagte Julienne), in Flüsse springen, aus Berge, auf Pferde und so weiter?" — „Nein (sagte Idoine), denn ich sch' cs an meinen Bäuerinnen; sic leiden an Nerven bei aller Muskel-Arbeit so gut wie andere — Mit dem Geiste, glaub' ich, müßten wir alle mehr thun und suchen; aber wir lassen immer nur die Finger und Augen sich üben und regen, das Herz selber weiß nichts davon und thut dabei, was es will, es träumt, weint, blutet, hüpft — Ein wenig Philosophien war' uns dienlich; aber so geben wir uns allen Gefühlen gebunden dahin, und wenn wir denken, ist's blos, um ihnen noch gar zu helfen." — Sie kamen ins Dorf zurück, cs war voll geschäftigen Abendlärms, Kinder tanzten Jdoiucn entgegen, von den Höhen klangen Alphörner herein und aus den Häusern Flöten und Lieder heraus. Idoine gab heiter Abcndbefehle. „Wie doch (sagte sic) die äußere Ruhe so leicht die innere aufhcbt. Ein beschäftigtes Herz ist wie ein umgcschwungcncs Gefäß mit Wasser; man halt' cs still, so fließet es über." Julienne hatte schon einigemal, aber vergeblich, nach dem Steuerruder der Zeit und Rede gehascht, um ihren Plan zu vollsühren; jetzt da sie Linda's Schweigen, Rührung und Träumen bemerkte, glaubte sie die lang' erwartete günstige Stunde zu treffen, wo einige Worte, die Idoine über die Ehe ausstrcuetc, in Linda einen ausgcwcichtcn Boden für ihre Wurzeln finden würden. Durch die leichte Wendung eines Lobs, das sic Jdoinen über ihren muthigcn Widerstand gegen das Schiffzichen in einer verhaßten Fürsten-Ehe und über den Gewinn eines ewigen Jugcudlcbcns gab, brachte sie die Gräfin dazu, ihren ketzerischen Haß gegen die Ehe zn offenbaren und zu sagen, daß diese die Blume mit einem scharfen Eisenringc an ihren Stab peinlich gefangen lege — daß Liebe ohne Freiheit und aus Pflicht nichts sei als Heuchelei und Haß — und daß das Handeln nach der sogenannten Moral so viel sei, als wenn einer nach der Logik, die er vor sich hätte, denken oder dichten wollte, und daß die Energie, der Wille, das Herz der Liebe etwas Höheres sei als Moral und Logik. Jetzt kam ein Briefchen von der Ministerin, worin sic ihre heutige Abwesenheit mit dem zu traurigen Abschiede entschuldigte, den ihr Sohn diesen Abend so sonderbar und wie auf immer von ihr genommen. So viele stille Gedanken auch diese Nachricht in Julienne und Linda uachließ: Jdoine kam durch sie nicht aus der lebhaften Bewegung, worein die vorige Rede sie gesetzt, sondern mit einem edlen Zürnen, das aus der schönen Jungfrau einen schönen Jüngling machte und ihr Minervcns Helm aufsetzte, erklärte sic der hohen Gegnerin, die weniger durch fremde Heftigkeit als durch fremde Gesinnung aufzurcizen war, diesen Krieg: gewiß sei nur ihre Abneigung gegen die „Priester" an der zweiten Abneigung gegen die Ehe Schuld — sei denn das Eheband etwas anders als ewige Liebe, und halte sich nicht jede rechte für eine ewige? — eine Liebe, die einmal zu sterben glaube, sei schon todt, und die ewig zu leben fürchte, fürchte umsonst — wenn sogar Freunde am Altäre verbunden würden, wie irgendwo geschehen 14 * 212 soll*), sie würden höchstens sich nur noch heiliger binden und lieben — man zähle eben so viele wo nicht mehrere unglückliche Liebcshändcl als unglückliche Ehen — man könne zwar eine Mutter, aber nicht ein Vater scyn ohne die Ehe und dieser müsse jene und sich durch die Sitte ehren — „ich bin eine Deutsche (beschloß sic) und achte die alten Nitterfrancn, meine Ahnen, hoch, selig ist eine Frau wie eine Elisabeth und ein Mann wie Götz von Bcrlichingen, in ihrer heiligen Ehe."- Ans einmal sand sie sich selber überrascht von ihrem Feuer und ihrem Strome: „ich bin ja (setzte sie lächelnd hinzu) eine pedantische Prcdigerswittwc geworden; das macht, ich bin die höchste Obrigkeit von dem Dörfchen, und lasse, da säst in jeder Hütte eine glückliche Widerlegung der Ehelosigkeit wohnt, ungern andere Meinungen hier aufkommcn." „O, Mädchen (sagte Julienne lustig, weil sie Linda ernst sah) sprechen immer mitunter ein wenig von Liebe und Ehe; sie ziehen sich gern ans einem Brautkranz Blumen." — „Daraus, wissen Sie, könnt' ich mir wol keine nehmen" sagte Jdoine, ans das eidliche Versprechen anspielcnd, welches sie ihren über ihre enthusiastische Kühnheit argwöhnischen Eltern geben müssen, nie unter ihrem Fürstcnstandc zu hci- rathcn, was ihr nach ihrer scharfen Gesinnung und Lage so viel hieß als Ehelosigkeit. — „Recht hatten Sie indcß (verfolgte Julienne und wollte scherzhaft bleiben); die Liebe ohne Ehe gleicht einem Zugvogel, der sich ans einen Mastbaum setzt, *) Bei vcn Morlacken. S. Sitten der Morlacken. Nus dem Italien. 1775. der selber zieht, ich lobe mir einen hübschen grünen Wurzcl- baum, der da bleibt und ein Nest annimmt." — Wider ihre Gewohnheit lachte Linda darüber nicht, sondern ging allein, ohne ein Wort zu sagen, in den Garten und Mondschein hinunter. „Die Gräfin (sagte Jdoine zur Freundin, bekümmert über die Bedeutung des stummen Ernstes) hat uns, hoff' ich, nicht mißverstanden." — „Nein, (sagte Julienne mit freudigen Mienen über den crrungncn Eindruck, den die Rede aus Linda gemacht) sic hat die seltenste Gabe, zu verstehen, und das häufigste Unglück, nicht verstanden zu werden." — „Das ist immer beisammen," sagte sie, sann nach, sah Julienncn an, endlich sagte sic: „ich muß ganz wahr sehn, ich wußte der Gräfin Verhältnis durch meine Schwester — Freundin, ist Er ihrer ganz wcrth?" Eine Frage, deren Quelle die Prinzessin nur in rachsüchtigen Einflößungen der Fürstin suchen konnte. „Ganz!" antwortete sie stark. „Ihnen glaub' ich gern," versetzte Jdoine, mit den Lauten eilend, aber mit Blicken ruhend. Sie sah die Schwester Albano's immer länger an — die großen blauen Augen schimmerten stärker — Mincrvcns Helm war vom jungfräulichen Haupte abgehoben — das sanfte Angesicht erschien lieblich, ruhig klar, nicht stärker bewegt als cs ein Gebet vor Gott erlaubt, und so wenig begehrend wie eine Verklärte, und doch immer himmlischer glänzend — Ju- licnncns schönes Herz stürmte auf, sic sah Liane wieder, als sei sie vom Himmel gekommen, den geliebten Menschen an einem neuen Herzen cinzusegncn; — sie sagte mit Thräncn: „Du, du hast Ihm einst den Frieden gegeben." — Jdoine wurde überrascht — aus ihren Hellen Augen drangen zwei Thränen — mit Nachdruck antwortete sic: „gegeben" -— erschrocken und heftig drückte sic sich an die Freundin — sagte: „ick liebte Sic schon lange" und weiter sprachen sie nichts. Schnell faßte sic sich — erinnerte Julienne au Liuda's Nachtblindheit — und bat sie geradezu, ihr als ihre Freundin nachzugehen, ob sic gleich selber gern ihr dieses Verdienst ab- stchlcn würde, wenn sie dürste. Julienne eilte in den Garten, fühlte cs aber nach, daß Jdoinc ihr Du nicht erwicdert hatte. Jdoine mied das weibliche Du; ungleich den Orientalcriuncn, welche vor Verwandten den Schleier weglasscn, nahm sic, wie ihre Französinnen, sogar in die Herzlichkeit die zarten Gesetze der Politesse herüber. Julienne fand ihre Freundin im Garten in einer dunkeln Laube still, mit tief gesenkten Augen, in Träume ciugcgrabcn. Linda fuhr auf: „Sie liebt Ihn! (sagte sic mit Schmerz und Feuer) Hör' cs, Julienne, Sie liebt Ihn!" — Diese könnt' ihr über das Aussprcchen einer Wahrheit, mit der sic gerade aus Jdoincns Armen gekommen war, nichts als ihr Erschrecken zeigen; aber Linda nahm es für, Erstaunen und fuhr fort: „bei Gott! — Mein Blick hat sie aufgehascht. O sonst war sic weit nicht so lebhaft und ernst und rührbar und weich — Ihre innerste Bewegung bei meinem Erblicken — und ihr Weinen bei Noquairols Stimme, weil sic seiner gleicht — und ihre lange feurige Hochzcitpredigt — Und die Scclenblicke auf mich — o hat sic Ihn denn nicht im großen herrlichen Augenblick gesehen, da der Blühende weinend kuieetc und das göttliche Haupt gen Himmel hob und die Verklärte und den Frieden hcruntcrrief? — O daß sie cs nur wagte, ihm beides vorzuspiclen! Und kann sie das vergessen?" — Julienne kam endlich zum Worte: „so setz' eS denn; ist Jdoinc aber nicht edel und fromm?" — „Ich habe nichts 215 Wider sic und nichts für sic (antwortete Linda). Wenn aber Er sie nun sieht, wenn cr die Fromme noch einmal der Verstorbnen ähnlich findet, wenn die ganze erste Liebe nmkchrt und über die zweite trinmphirt?... Bei Gott! Nein, (setzte sie stolz und stark dazu) nein, das dnld' ich nicht; bitten will ich nicht, weinen nicht, oder rcsignircn, um^ihn aber kämpscw will ich. — Bin ich nicht auch schon? Ich bin schöner, und mein Geist ist kühner geschaffen für seinen. Was kann sie geben, was ich ihm nicht dreifach biete? Ich will's ihm geben, mein Glück, mein Dascyn, auch meine Freiheit, ich kann ihw so gut heirathen wie sie, ich will's .... O sprich, Julienne! Aber du bist eine kalte Deutsche und ihr heimlich zngcthan aus gleicher Gottesfurcht. O Gott, Julienne, bin ich denn schön? Bethcner' es mir doch. Bin ich der Verklärten gar nicht ähnlich? Säh' ich nur so aus, wie cr es gerade wollte! Warum war ich nicht seine erste Liebe, und seine Liane und wäre auch gestorben? — Gute Julienne, warum sprichst du nicht?" — „Lasse mich nur sprechen" sagte diese, wiewol nicht ganz wahr. Sie war ergriffen und gestraft von Linda's treffender Wahrheit und vom eignen Bewußtscyn, daß sic einen Plan, Linda's Vorurthcile gegen die Ehe aufzulösen, angelegt, dessen Hülfsmittcl ihr von Linda gerade als Rechtfertigungen der Eifersucht vorgczählt worden; und daß sie einen Felsen auf der Spitze eines Felsen in Bewegung und in den Fall gebracht, den sic nun nicht mehr regieren konnte. Auch war sie betäubt, ja erzürnt von einem ihr fremden Ungestüm der Liebe, vor welchem sie den verhaßten Trost gar nicht aussprechen durfte, daß Albano stets nach der Pflicht der Treue handeln würde. — Schön war sic überrascht von der geglückten Bekehrung zum Traurings-Ja. Mit einiger Ungewißheit des Erfolgs bei Linda, die durch das Mondlicht und die ferne milde Bcrgmusik nur stürmischer geworden, fuhr sic fort: „ich wollte dich nicht gern unterbrechen mit dem Lobe deines Entschlusses zur Ehe — Unrecht hast du sonst in allen Stücken. Freilich ist Sic jetzt ernster; aber sie stand am Sterbebette ihres Ebenbildes und sah sich in Lianen erbleichen — das mäßigt sehr. Ihn anlangcnd: so, hätt' Er dich früher gesehen ...." „Sah er nicht früh das Bild aus dem Uago - maggiore, aber unähnlich, wie er sagt?" — „So will ich dir'ü denn gestehen, Wilde, (versetzte Julienne) weil man dich nicht überraschen soll, daß ich ihn gestern gebeten, mit zur Prinzessin zu reisen, und daß er eben ans Rücksicht und Kälte gegen alle Achnlichkcitcn mir cs derb abgeschlagen; aber morgen erwartet er uns im Prinzengarten." Verändert — weich — mit verklärten Augen sagte Linda mit gcsunkncr Stimme: „mein Freund liebt mich so sehr? — Ich lieb' ihn aber auch sehr, den Reinen. Morgen will ich zu ihm sagen, nimm meine Freiheit und bleibe ewig bei mir. Vom Altäre ziehen wir davon, meine Julienne, du und er und ich nach Valencia, nach lsola bslla oder wohin er will, und bleiben beisammen. Du guter Mond und Musik! Wie die Töne und die Stralcn so kindlich mit einander spielen! — Umarme mich, meine Geliebte, vergib, daß Linda unartig gewesen!" — Hier war der Sturm des Herzens in süßes Weinen zergangen. So wird in den Ländern unter der scheitel- rechten Sonne täglich der blaue Himmel Donner, Sturm und 217 schwarzer Regen, und täglich geht die Sonne wieder blau und golden unter. Julienne versetzte blos: „Schön! nun wollen wir hinaus!" weniger als sic zu schnellen Ucbergängcn fähig. Als sie oben die stille, Helle, nichts begehrende Jdoine wieder sah -— die fest und heiter Handelnde — klagcnlos und hoffnungslos — nur den Achrcnkranz der Thatcn, nie den blumigen Brautkranz tragend — so viele weiße Blüten zu ihren Füßen, die zu keinem Kranz und Gewinde Zusammengehen — ihre Helle reine Seele einem Hellen reinen Tone gleich, der seinen Reiz durch nasse wolkige Luft ungetrübt und ungebrochen trägt: so fühlte sic, Jdoine sei ihr schwesterlicher verwandt als Linda, jene sei ihr ein Ideal und Sternbild in ihrem Himmel über ihr, diese ein fremdes, das fern und unsichtbar in einer zweiten Halbkugel des Himmels glänzt; aber in ihr wirkte die weibliche Kraft, fortzulieben fast bis in den Haß hinein, stärker als in irgend einer Frau, und sie blieb der alten Freundin getreu. Jdoine gehörte unter die weiblichen Seelen, die dem Monde ähnlich sind; blaß und matt muß er am prächtigen Abendhimmcl, den Glanz und brennende Wolken schmücken, stehen und kann ans der Erde keinen einzigen Schatten verdrängen, und steigt mit unsichtbaren Stralcn, aber das fremde Licht verbleicht und seines wüchset aus dem Schatten auf, bis zuletzt sein überirdischer Glanz die Erden-Nacht umzieht und in eine zweite Welt umkleidet, und alle Herzen lieben ihn weinend und die Nachtigallen singen in seinen Stralcn. Alles war nun bestimmt und geendigt. Linda hielt sich in ihrer Ferne und blos aus Gesetz der geselligen Artigkeit, das sic niemals übertrat. Jdoine zog sich, eine Veränderung errathcnd, aus der vorigen Nähe sanft zurück. Früh am 218 dunkeln Morgen schieden sie, aber Julienne sagte cs ihrer Freundin nicht, daß sic Jdoinen, als sic von einander gingen, sich mit nassen Augen hatte wenden sehen. 126. Z y k e l. Albano hatte während Linda's Abwesenheit von Roquai- rol die Bitte bekommen, nur setzt nicht lange zu verreisen, damit er in einigen Tagen sein Trauerspiel „den Trauer- svieler" noch sehen könne. Gaspard, den er unwillig über Linda's Ehcschcu antraf, gab ihm ein sonderbares Kartenblatt für Linda mit, worauf von ihrem unsichtbaren Vater nichts stand als dieß: Ich genehmige Deine Liebe. Ich erwarte, daß Du sie besiegelst, damit ich meine Tochter endlich umarme. Der Zukünftige. So viele fremde wichtige Wünsche, die mit dem seinigen Zusammenstößen, hielten nun von seinem zarten Ehrgefühl den Verdacht der Selbstsucht und Zudringlichkeit ab, wenn er sie um das schönste Fest seines Lebens bat. Er machte seinen Vater sehr zufrieden durch diesen Entschluß zu bitten. Gaspard thcilt' ihm geheime Kriegsnachrichten mit und sagte ihm scherzend, nun sei es bald Zeit, daß er für seine Freunde, die Ncufranken, fechten helfe. Albano sagte, es sei sogar sein Ernst. Das hör' er gern von einem Jüngling — sagte Gaspard — der Krieg bilde für Geschäfte, und das Recht oder Unrecht desselben thue nichts zur Sache und gehe andere an, die ihn erklären. Albano machte seine Reise froh durch Erinnerung, noch froher durch Hoffnung. Er hatte jetzt öen Muth, sich den 219 Tag auszudcnken, wo Linda, eine Königin, in die glänzende Krone ihres Geistes den weichen Brautkranz schmiegt — wo diese Sonne als eine Luna aufgeht — wo ein Vater, den der seinige liebt, das hohe Fest unterbricht durch ein höchstes — und wo einmal zwei Menschen zu sich sagen dürfen: nun lieben wir uns ewig. — So beglückt und mit einer unendlichen Liebe und sonnenwarmcn Seele kam er im Prinzcngarten an. Ueberall kam er viel zu früh nach seiner leidenschaftlichen Pünktlichkeit. Niemand war noch da als zwei — Abrciscnde, Roquairol und die Fürstin. Beide sah man jetzt oft und so öffentlich beisammen, daß das Scheinen Absicht schien. Roquairol ging ihm höflich entgegen und erinnerte ihn an das erhaltene Billct: „das ist der Schauplatz, Lieber, (sagt' er) wo ich nächstens spiele, die meisten Zurüstnngcn Hab' ich schon getroffen, besonders heute. Meine treffliche Fürstin hat mir diesen Platz vergönnt." — „Sie kommen doch auch?" sagte diese zu Albano freundlich. „Ich bab' cS ihm schon versprochen," sagte Albano, den mitten in seinem Frühling zwei Eiskeller anwchtcn. Das Fräulein von Haltcrmann allein zeigt' ihm großen entschiedenen Zorn. „Gehen wir zu meiner Schwester vorher?" fragte Roquairol die Fürstin unter dem Wcgführcn. Albano verstand das nicht. Die Fürstin nickte. Sie nahmen von ihm Abschied. Fräulein von Haltcrmann schien ihn zu vergessen. Sie entflogen, hielten oben aus einem von der ganzen blühenden Gegend umrungncu Berge neben einem Blumcugärtchcn still und rollten dann hinunter. Der Himmelswagen mit den geliebten Mädchen kam jetzt in den französischen Prinzcngarten herein. Feurig drückten sich Albano und Linda einander an die Herzen, die sie sich — gleichsam zum zweitcnmale für einander geschaffen und geschmückt 220 durch das Schicksal — mit ncum Hoffnungen und Welten heute noch einmal tauschend geben wollten! — Alles war so glänzend um sie her, alles neu, selten, ruhig, die ganze Welt ein Garten voll hoher flatternder Springbrunnen, welche vor der Sonne glanztrunkcn ihre Bogen durch einander warfen! — Julienne zog ihn bei Seite, um ihm Linda's schönen Entschluß zu sagen; aber er kam ihr mit der Nachricht des sinnigen zuvor. Sic bestärkte ihn durch die ihrige, entzückt über das seltne Getriebe zusammengrcifender Glücksräder. Als Albano wieder bei der Braut war, und sic bei ihm, fühlten sie eine neue Wärme des Herzens — keine von einer ausbrcnnendcn dumpfen Glutkohle, die am Ende schwarz zerbröckelt, sondern die einer höher» Sonne, die aus lauten Flammen stille Strecken macht und die die Menschen mit einem warmen milden Frühlingstag umgibt. Albano schob nicht aus und leitete nicht ein, sondern er gab ihr das Blatt ihres Vaters hin und sagte unter dem Lesen mit bebender Stimme: „Dein Vater bittet mit mir und für mich." — Linda's Thräncn stürzten — der Jüngling zitterte — Julienne rief: „Linda, sieh wie er dich liebt!" — Albano nahm sie an sein Herz — Linda stammelte: „so nimm sic denn hin meine liebe Freiheit und bleibe bei mir" — „bis zu meiner letzten Stunde" (sagt' er) — „und bis zu meiner und gehst in keinen Krieg" — sagte sic zärtlich-leise -— er drückte sic bestürzt und stark ans Herz — „nicht wahr', du versprichst cs, mein Lieber?" wiederholte sie. — „O, du Göttliche, denke jetzt an etwas Schöneres" sagte er. — „Nur ja, Albano, ja?" fuhr sie fort. — „Alles wird sich durch unsere Liebe lösen" sagt' er. >— „Ja? Sage nur Ja!" bat sic — er schwieg — sie erschrak: „Ja?" sagte sic stärker. — „O Linda, Linda!" stammelte er — sie entsanken einander, aus den Armen — „ich kann nicht" sagt' er — „Menschen, versteht Euch" sagte Julienne — „Albano, sprich dein Wort" sagte Linda hart. — „Ich habe keines" sagt' er. Linda erhob sich beleidigt und sagte: „ich bin auch stolz — ich fahre jetzt, Julienne." Kein Bitten der Schwester konnte die Staunende oder den Staunenden schmelzen. Der Zorn, mit seinem Sprachrohr und Hörrohr, sprach und hörte alles zu stark. Die Gräfin ging fort und befahl anznspannen. „O ihr Leute, und du Hartnäckiger, (sagte Julienne) geh ihr doch nach und stille sic." Aber der empfindlichen Sinnpflanze seiner Ehre waren jetzt Blätter zerquetscht; das ihm neue Auffahren, der Schlagrcgcn ihres Zorns hatt' ihn erschüttert; er fragte nach nichts. „Schau hinaus zu jenem Garten (sagte die Schwester außer sich), dort liegt deine erste Braut begraben, und schone die zweite!" — Das wirkte gerade das Gcgcn- theil. „Liane (sagt' er kalt) wäre nicht so gewesen; begleite nur die Gräfin!" „O die Männer!" rief sic und ging. Bald darauf sah er beide davon fahren. Allmälig zerstob das wilde Heer des Zorns. Aber er hatte, fühlt' er, nicht anders gekonnt. Er war ihr, sie ihm mit solcher neuen Zärtlichkeit cntgegcngcrcisct — keines wußte von der fremden — und der unbegreifliche Kontrast entrüstete darum beide so sehr. — Er haßte schon an andern Menschen das Bitten, wie viel mehr an sich selber, und nie war er vermögend, einen Menschen, der ihn verkannte, zurecht zu weisen. Er sah jetzt um sich, alle prangenden Springbrunnen der Freude waren plötzlich nicdergcfallcn, die Lüfte verödet und das Wasser murmelte in den Tiefen. Er ritt hinaus zum Garten, wo Liancns Grab scyn sollte. Nur Blumenbeete, einen Lindcnbaum mit einer Zirkelbank sah er darin, aber kein Grab. Betäubt und verworren blickt' er hinein und in den glänzenden Gegenden nmhcr. Verstockt — thräncnlos — mit einem im znrnckgc- tricbnen Strom der Liebe erstickenden Herzen — hnychauend in die weite Zukunft, die zwischen Bergen in krumme Thälcr ging und sich versteckte, ritt er düster nach Hauch. Hier traf er folgendes Blatt von Schoppe an, das der vorauseilcnde Oheim bei ihm abgegeben: „Es ist richtig — Ich fand das bewußte Portrait — Ich bring' es in der Jagdtasche mit — In wenigen Wochen oder Tagen kämm' ich — Den Kahlkops Hab' ich angetroffen und hinlänglich todtgemacht — Ich bin chhr bei Sinnen. Dein seltsamer Oheim reichte lange mit mir. S." Zwei und dreißigste Jobelperiode. R o q u a i r o l. 127. Z y k c l. ^inda hatte den ganzen Tag darauf in schweigendem Scelen- schmcrze zngcbracht über den Geliebten, der ihr, wie einst Liane ihm, nicht im ganzen lebendigen Feuer der Liebe zu leben schien wie sie — sic war lange von der Fürstin umlagert und dann durch sie Julicnncus für eine Lustrcise beraubt worden, die ihr nur die Nachricht zuwcrfen konnte, daß Albano diesen Tag auch einen Ausflug gemacht, um Schoppen früher zu umarmen — sie war still geblieben nach ihrem Grundsätze, daß der weibliche Stolz hier Schweigen, Ruhe und sogar Vergessen gebiete: — als sie Abends durch das blinde Mädchen aus Blumcnbühl, das sie in ihre Dienste genommen, folgenden Brief erhielt: „Du Meine! Sei es wieder! Ich will noch sterben, aber für Dich, nicht für ein Volk auf dem Schlachtfeld. Vergib das Gestern und beglücke das Heute. Ich habe meinen Vorsatz einer Entgcgcnrcisc wieder ausgcgcbcn, um Dir heute noch an das Herz zu stürzen und Deinen Himmel auszuschöpfen und meinen zu füllen. Ich kann nicht warten, bis 224 Julienne wicderkommt; mein Herz brennt nach Dir. Morgen mnß ich ohnehin im Prinzcngartcn seyn, wo Roquairol seinen Traucrspielcr endlich gibt. Komme diesen Abend —- ich flehe Dich bei unserer Liebe an —- nm 8 Uhr entweder, wenn cs hell ist, in die Tartarus-Höhle, deren Todtcngräbcr-Pntz und OrknS-Amcublcment Dir gewiß nur lächerlich seyn wird, oder wenn cs wolkig ist, in das Ende des Flötcnthals. Dein blindes Mädchen nimmst Du nur mit. Du kennst ja das Spioncnwcsen, das gerade uns umstellt. Ich erwarte und begehre keine.Antwort non Dir, sondern Schlags acht Uhr schleich' ich durch das Elysium, nm zu sehen, wo die Göttin steht, der Himmel, die Sonne, die Seligkeit, Du. Dein Albano." Wie durch einen Wctterstral des Himmels war ihr ganzes Wesen geschmolzen zu weicher seliger Glut; denn sie glaubte der Handschrift, daß das Blatt von Albano sei — so unerwartet ihr auch an ihm eine so schnelle Umkehrung erschien — ob cs gleich von Roquairol geschrieben war. Lasset uns zurückgchcn bis an die finstere Quelle des reißenden Höl- lcnflnsses, der seinen eiskalten Arm nach der Unschuld und nach dem Himmel anSstrcckt. Roqnairol war im Winter bei allen Fchlschlagnngen seiner unbändigen Wünsche ziemlich glücklich und gut geblieben; der Abendstcrn der Liebe, ob er wol sür ihn mehr ab- als zuuahm, stand doch noch nicht unter dem Horizont, sondern nur unter Gcwölke. Aber sobald Linda mit Julienne abge- rcisct war — und zwar, wie er sogleich crricth und srüh erfuhr — nach Italien: so bewegte sich ein neuer Sturm durch sein Leben, der ihm die letzten Blüten abriß und mit dem lange gelegenen Staub verfinsterte, weil er nun, wie er Albano selber voransgcsagt, das Netz zu diesem und der Gräfin im Strome heranskommen sah, das beide eng gesungen nahm. Das fressende Gift der Vicl-Liebhabcrci und Vielgötterei lies wieder heiß in allen Adern seines Herzens um —: er machte wilden Aufwand, Spiele, Schulden, so weit cs nur ging — setzte Gluck und Leben ans die Wage — warf seinen eisernen Körper dem Tode zu, der ihn nicht sogleich zerschlagen konnte — und berauschte sich in der Wilden-Trancr um sein gemordetes Leben und Hoffen im Leichentrnnk der Schwelgerei; ein Bund, den Wollust und Verzweiflung schon oft ans der Erde mit einander ans Kriegsschauplätzen und in großen Städten geschlossen haben. Nur etwas hielt den Hanptmann noch aufrecht, die Erwartung, daß Albano in seiner Ferne von Linda beharre, und die, daß diese wiedcrkomme. Jetzt kam die Fürstin zurück, noch mit allem frischen Hasse gegen den kalten Albano, für dessen >,cl»ps" sie sich hielt. Noqnairol bewog leicht seinen Vater, ihn ihr näher zu bringen, da er bei ihr über Albano und alles Nachrichten zu finden hoffte. Er wurd' ihr bald durch die ähnliche Stimme und die vorige Freundschaft gegen ihren Feind bedeutend, und noch mehr durch seine seltene Gewandtheit, einer Frau immer das zu sehn, was sie gerade begehrte. Da sic alle seine frühem Verhältnisse und Wünsche schon längst gekannt: so warf sie, sobald ihre Fernschreiber von Albano ihr die Nachricht von seiner neuen Liebe gegeben, ihm leicht die Erwähnung davon hin. Trotz der warmen Rolle, die Noqnairol gegen sie zu spielen hatte, wnrd' er doch vor ihr wüthend-blaß, athemlos, bebend und starrend im Abwcchsel; Jea» Paul's »usgclv. Wrrle. XII. ^ 226 „ist's so?" fragt' cr leise — sie zeigt' ihm einen Brief — „Fürstin, (sagte er wüthend ihre Hand an seine Lippen fort- prcssend) dn hattest Recht, vergib mir nun alles." Wie groß cr von Albano gedacht, sah cr erst jetzt aus seiner Verwunderung über das Natürlichste von der Welt. Nie hasset das Herz bitterer, als wenn cs den Gegenstand, den es vorher unter dem Hassen achten mußte, nun ohne Achten hassen muß; so wie aus demselben Grunde den schlimmen Menschen die Heuchelei des andern weit tiefer und eigennütziger entrüstet als den frommen. Noquairol glaubte jetzt, den stolzen Freund recht anfeinden zu dürfen; cr wurde aus einer deutschen Ruine eine welsche voll Skorpionen. Die Fürstin wurde das heiße Klima, das die Skorpionen erst recht vergiftet. Sic erzählte ihm, wie Albano sic so lange zu gewinnen und aus seine tiefen Minen zu locken gesucht, blos um bei deren Aufspringcn den Genuß der Kälte und des Hohns zu haben, und wie cr so gleichgültig vom Hauptmann gesprochen, ohne ihn nur des Hasses zu würdigen. Die Fürstin erlaubte dem Hauptmann eine Stufe nach der andern an ihrem Throne hinaufzugchcn, bis er keine mehr hatte als ihre eigne Person. Sie gab ihm auch die letzte Stufe unter der Bedingung preis, sie zu rächen. Er sagte, cr räche sie und sich, denn Albano habe feierlich in dem Tartarus der Gräfin für ihn entsagt. So schienen beide ihre wahre Liebe unter die Larve der Rache zu stecken, die Fürstin ihre für den Hauptmann, cr seine für Linda. Sie brachte ihm einen Plan immer dichter vor das Auge, den cr nicht erblickte, so sehr sie ihn reizte durch die Bemerkung, daß Albano ein größerer Weiber-Liebling sei und sehn werde, als man bisher noch dachte, daß sogar ihre fromme 227 besonnene Schwester Jdoine nach ihren stillen Fragen in Briefen und nach andern Zeichen fast beides durch ihn verloren, was sic ihm am Krankenbette wicdcrgcgebcn, Gesundheit und Friede, und daß er nie hoffen solle, die Gräfin je abtrünnig zu sehen oder auch zu machen. Endlich sagte sic langsam das fürchterliche Wort: „Ro- quairol, Sic haben Seine Stimme und Sie hat Abends kein Auge." — „Himmel und Hölle!" rief er aus, wechselnd roth und blaß und zugleich iu Himmel und Hölle sehend, deren Thüren vor ihm ausspraugen. „Vu!" setzt' er schnell dazu, ohne die schwarze Tiefe dieses wcißschäumendcn Meers noch durchdrungen zu haben. Die Fürstin umarmt' ihn feurig, er sie noch feuriger. „In einer poetischen Dichtung (sagt' er) wäre mir dein Gedanke leicht gekommen, aber iu der Wirklichkeit Hab' ich keine List!" — „O Schalk!" sagte sie. So früh und so lang' er nur durfte, sagte er Du, weil er das Herz kannte, besonders das weibliche.— Bald darauf, als sie noch offenherziger gegen einander gewesen waren, sagte sie: „bleibt Sic unschuldig bei Ihnen, so haben Sie niemand beleidigt und niemand hat verloren; bleibt Sie cs nicht, so war Sie es entweder nicht, oder sie verdiente die Probe und Strafe, getäuscht zu werden." — „Ja, das ist göttlich — das gehört in den herrlichen Trauerspicler kurz vor dem Ende" sagt' er, wollte sich aber nicht darüber erklären. Jetzt kam Ziel und Mittelpunkt in die wilden Kreise seines Treibens. Er zerlegte kalt Albano's Briefe der Liebe in große und kleine Buchstaben, blos um sic pünktlich nach- zumachen; daher fand einmal Albano bei Rabettcn seine Handschrift ohne seine Gedanken. Er fragte Rabettcn alle kleine Verhältnisse Albano's ab, um seine Rolle bis ins Kleinste 15 * auszuarbciten; und eben so laS er alle italiänische Rciscbc- schrcibnngcn, um mit Linda über jede schöne Stelle frei zu sprechen, wo er als Schein-Albano mit ihr das hesperische Leben genossen. Es kitzelte ihn, so mit der Flamme in der Brust und mit dem kalten Eislicht im Kopfe einmal alle theatralischen Znrüstungen und Verwickelungen, so wie sonst für die Bühne, jetzt für das Leben anzulegcn und besonnen zu regieren. Er sah Albano von der Reise kommen, der ihn stolz behandelte — er sah die blühende Göttin in Lilar gehen — erhörte durch die Spionen der Fürstin von ihrer Verbindung: hoch ging sein todtcs Meer in schweren Wellen und suchte die Opfer aus ihrem Fluge bis vom Himmel hcrabznzichen. Unmittelbar nach dem Trauerspiel, das er mit Linda zu spielen vorhatte, sollte sein eigenes im Prinzcngartcn kommen, das er von Zeit zu Zeit zu geben versprach und verschob; er mußte lange harren und spähen, bis eine Zeit erschien, in welche so viele Zähne eines doppelten Maschinenwerks zugleich eingreifen konnten. Endlich erschien die Zeit und er schrieb das oben mitgc- thciltc Blatt an Linda. Alles war berechnet und abgcthan und jede Hülse des Zufalls in den Plan gewebt. Sein Trauerspiel war von seinen Bekannten längst Ungelernt, ob- wol niemals cinprobirt, weil er, wie er sagte, die Mitspieler selber mit seiner Rolle mitten im Spiele überraschen wollte. Die Freude, die er von jeher hatte, Abschied zu nehmen — weil ihn hier die Rührung zugleich durch Kürze und Stärke erquickte — macht' er sich bei so vielen, als ihn liebten. Von Rabette schied er so stürmisch-weich, daß sie erschrocken zu ihm sagte: „Karl, das bedeutet doch nichts Böses?" — „Jetzt ist alles böse au mir" sagt' er. Durch Verwendung der Fürstin waren für sein Trauerspiel aus den nächsten Tag die bedeutendsten Zuschauer geworben, auch Gaspard und Julienne saimnt dem Hos. Das Geheimnis zog an; auch der Fürstin war seine Rolle verdeckt. Nur seinen Vater, der dem Hof gern folgen wollte, strich er aus der Zahl durch einen großen Zorn, worein er ihn setzte, weil er ihn mit keiner andern als dieser Dornhecke abzuhalten wußte. Seine Mutter und Rabette hatt' er beschworen bei ihrem Glück, bei seinem Glück, keine Zuschauerinnen seines Spiels zu werden. Ein neuer Wind des Zufalls war ihm zum Heben seiner Flugmaschinc durch den seltsamen Bruder des Ritters gekommen, der mit solcher Freude von der eisernen Maske seiner tragischen Maske hörte, daß er mit dem Antrag zu ihm kam, er wolle ihm einen neuen wunderbaren Spieler zuführen. „Alles ist besetzt" sagte der Dichter. „Man mache ein Chor zwilchen den Akten und gcb' cs Einem", sagte der Spanier. Roquairol fragte nach dem Namen des Spielers. Der Spanier führt' ihn in seinen Gasthof; innen im Zimmer rief schon eine thicrisch-dumpfe Stimme: „kommst du denn schon wieder, mein Herr?" sie fanden darin nur eine schwarze Dohle. „Man stelle den Vogel auf das Theater, er sei das Chor, er sage in halbem Gesang 10022» voce blos zwei, drei Zeilen her, die Wirkung wird kommen," sagte der Spanier. Roquairol staunte über die langen Sprüche der Dohle. Der Spanier erbat sich einen längern von ihm, um ihn ihr vor seinen Ohren cinzulcrnen. Roquairol gab ihm den: im Leben wohnt Täuschung, nicht aus der Bühne. Der Spanier 230 sagte anfangs l'loS ein Wort zum Nachsprcchen vor, dann wieder eins, wiederholte cs dreimal, sagte dann mit den Fingern §den Vogel ermunternd: „allons äialllesss!" und das Thier stotterte dumpf die ganze Zeile her. Roqnairol fand in dieser komischen Thier-Larve etwas Fürchterliches, und nahm den Vorschlag, einige Chorzcilcn zu dichten und dem Vogel anzuvcrtraucn, unter einer eignen Bedingung an, — daß nämlich der Spanier seinen Neffen Albano den Abend vorher von Pcstitz entferne unter irgend einem Vorwand und dann mit ihm im Prinzengartcn erscheine. Der Spanier sagte: „Herr Hauptmann, ich brauche keinen Vorwand, ich habe Wahrheit! Ich werde mit ihm seinem Freund Schoppe ent- gegcnreiscn, er will morgen Abends kommen; auch dieser wird mit znschcn." — Albano konnte in seiner verworrenen Stimmung gegen Linda und in der erwartungsvollen gegen Schoppe nichts so leicht annehmcn als einen kleinen Rciscplan, um diesen geliebten Schoppe früher an der Brust zu haben. Julienne wurde in Gegenwart des kranken Fürsten von der Fürstin gebeten, sie zu Jdoinc zn begleiten, die ihrer ans halbem Wege in einem Gränzschloß wartete, und den andern Tag in den Prinzengartcn znrückzugchen. Sie weigerte sich. Der kranke angcstistctc Bruder that die von ihm erbetenen Bitten dazu. Die Schwester erfüllte sic. Nun war alles für den Abend, woran Roqnairol Linda sehen wollte, berichtigt. -— So glimmen Nachts in den Scheuern eines schuldlosen Dörfchens die eingelegten Brände — der Sturmwind brauset um die müden schlafenden Einwohner — die Räuber stehen ans den Bergen im Abendnebel und schauen wartend herab, wenn die Fcuerschwerter der Flammen auf 231 allen Seiten durch die Nebel glänzen und mit ihnen rauben und morden werden, um zu ihnen herabzukommen. 128. Z y k e l. Linda las das Blatt uuzähligemal, weinte vor süßer Liebe und dachte nicht daran, zn — vergeben. Dieses Wehen der Liebe, das alle Blumen beugt und keine pflückt, hatte sie schon so lange gewünscht; und jetzt auf einmal nach der nebligen Windstille des Herzens ging es lebendig und frisch durch den Garten ihres Lebens. Sie konnte schwer acht Uhr erwarten. Sie hals sich über die Zeit hinweg durch Wählen des Putzes, der zuletzt ganz in dem Schleier, Hute, Kleide und allem bestand, was sie getragen, als sie ihren Geliebten zum erstenmal ans Isclüa gefunden. Sic steckte die Paradieses- oder Orangcnblütcn, die Zeiger jener Zeit und Welt, an ihr klopfendes Herz und ging zur bestimmten Stunde, mit dem blinden Mädchen am Arme, in den Garten hinunter. Sowol aus Haß gegen den Tartarus als ans Willigkeit gegen den Brief nahm sie den Weg ins Flötcnthal. Die Nacht war finster für ihr Auge und das blinde Mädchen wurde ihre Führerin. Oben auf dem Lilarsbcrg mit dem Altäre stand, wie der böse Geist aus der Zinne des Paradieses, Roquairol und blickte scharf in den Garten herab, um Linda und ihren Weg zn finden. Sein Frcudcnpferd war unten im tiefen Gebüsch an ausländische Gewächse angebunden. Voll Ergrimmnng sah er noch Dian und Chariten mit den Kindern in dem Garten gehen; und oben im Donnerhäuschcn ein kleines Licht. Er verfluchte jede störende Seele, weil er entschlossen war, heute / im Nothfall jeden Stürmer seines Himmels zu ermorden. Endlich sah er Linda's lange rothe Gestalt gegen das Flötcn- thal zugchcn und das Schwellen-Gebüsch aufzichen und dar- hinter verschwinden. Er eilte den langen Schncckcnbcrg herab, warm wie eine vergiftete Leiche. Hinter sich hörte er im langen Busch-Gewinde jemand nachcilcn — er entbrannte und zog seinen Stock- dcgen, den er nebst einem Taschcnpistol bei sich hatte — endlich sah er eine häßliche Gestalt, einem bösen Geiste ähnlich, die ihm nachrannte — sie packte ihn — cs war der Fürstin langarmigcr Affe — Er durchstach ihn ans der Stelle, um nicht von ihm verfolgt zu werden. Unten im freien Garten ging er langsam, um keinen Verdacht zn wecken. Er schlich leise wie der Tod, der ans dem Donnerwagen einer Wolke nngehört durch Lüste über den Blütenbanm zieht, worunter eine Jungfrau lehnt, und versteckte den mörderischen Wcttcrstral in seine Brust. Er öffnete das hohe Pforten-Gcstränch des Flötcnthals; alles war darin still.und dunkel; nur hoch im Himmel ging ein seltsamer brausender Sturm und jagte die Wolken - Heerde, aber ans der Erde war cs leise und kein Blatt bewegte sich. „Ist jemand da?" fragte die blinde Thürhütcrin. „Guten Abend, Mädchen!" sagte Noquairol, um durch seinen Sprachton für Albano zu gelten. Tief im cngcrn laubigen Thalc sang Linda leise ein altes spanisches Lied aus ihrer Kinderzcit. Endlich wurde sic erblickt — die Riesenschlange that den giftigen Sprung nach der süßen Gestalt und sie wurde tausendfach umwunden. Er hing an ihr sprachlos — athcmlos — die Wolke seines Lebens brach — Thräncn der Glut und Pein und Wonne rannen brennend fort — alle Arme, worein der Strom seiner Liebe bisher seicht umhergclauseu war, schossen brausend zusammen und faßten und trugen Eine Gestalt — — „Weine nicht, mein guter Mensch, wir lieben uns ja immer wieder," sagte Linda und die zarte schöne Lippe gab ihm den ersten innigen Kuß. Da krcisctc das Feucrrad der Entzückung mit ihm reißend um, und um den darauf geflochtenen Kops wehten die Flammcn-Krcise hoch auf. Aus Furcht, erblickt zu werden, wenn er erblicke, und aus Lust hatt' er die Augen geschloffen, jetzt that er sic auf — so nahe an sich und in seinen Armen sah er nun die hohe Gestalt, das stolze blühende Antlitz und die feuchten warmen Liebes-Augen. „Du Himmlische, (sagt' er) tödte mich in dieser Stunde, damit ich sterbe im Himmel. Wie will ich nachher noch leben? — Könnt' ich meine Seele in meine Thränen gießen und mein Leben in deines, und wäre dann nicht mehr!" „Albano, (sagte sic) warum bist du heute so anders, so traurig und weich?" — „Nenne mich (sagt'er) lieber bei deinem Namen, wie die Liebenden ans Otaheiti die Namen tauschen. — Vielleicht Hab' ich auch etwas getrunken — aber ich bereue ja das Gestern — und ich liebe dich ja neu. Ach, du, liebst du denn auch mein Jnnrcs, Linda?" „Süßer Jüngling, kann ich cs denn jetzt nicht ewig lieben? —- Ich bleibe ja bei dir und du bei mir." „Ach du kennst mich nicht. Wenn weiß es denn der Mensch, daß gerade Er, gerade dieses Ich gcmeinct und ge- licbct werde? Nur Gestalten werden umfasset, nur Hüllen umarmt, wer drückt denn ein Ich ans Ich? — Gott etwa." — 234 „Und ich dich" — sagte Linda. „O Linda, liebst du mich fort in meinem Grabe, wenn die Spreu des Lebens verflogen ist — liebst du mich fort in meiner Hölle, wenn ich dich aus Liebe gegen dich belogen habe? Ist denn Liebe die Entschuldigung der Liebe?" — „Ich liebe dich fort, wenn du mich liebst. Bist du die Giftblume, so bin ich die Biene und sterbe in dem süßen Kelch." Die Braut sank au seinen Hals. Er umklammerte sic heftig — und wurde immer ähnlicher dem Gletscher, der durch Wärme weiter rückt und schmelzend verheert. Um ihn zogen die Freuden mit glänzenden, mit himmlischen Gesichtern, zeigten ihm aber in den Händen Furicnmaskcu. „Du willst sterben aus Liebe; ich bin schon gestorben aus Liebe — O du weißt nicht, wie lange ich dich schon liebte!" antwortete er. „Glühender (sagte sic) denk' an diese Nacht, wenn du einst Jdoincu sichst!" — „So sch'ich nur meine aufgestandne Schwester" sagt' er, aber sogleich über die cntsahrnc Wahrheit erschreckend. „Man sicht (setzt' er eilig dazu) das auf- erstandne Herkulanum, aber man wohnt im blühenden Por- tici darüber; ich und du sahen im Baja-Golf unter dem Meer die vcrsunknen Bogen und Thore und wir schifften nach lebendigen Städten weiter. — Ist mir doch auch Roquairol in so manchem so ähnlich und liebt dich so sehr und so lange und starb auch einmal wie Liane!" — „Aber diesen hatt' ich nie geliebt und nun bin ich deine ewige Braut!" * „Der arme Mensch! Aber ich that, glaub'ich, doch nicht 235 Recht, da ich einst in der Tartarushöhle dir Ungesehenen im Voraus entsagte aus Liebe gegen den Freund." „Gewiß nicht; aber wie kommen wir beide ans dieses unheimliche Wesen?" sagte sie küssend. „Heimlich möcht' ich's eher nennen" versetzt' er, entbrennend in hassender Liebe, im Zwiespalt der Rache und Lust und entschlossen, nun den Leichenschlcier über ihre ganze Zukunst zu weben. Er schlug die schwarzen Adlerschwingen um das Opfer, und erstickte und erweckte Küsse, er riß die Orangenblüten von ihrer Brust und warf sie zurück. „Liebe ist Leben und Sterben und Himmel und Hölle (sagt' er), Liebe ist Mord und Glut und Tod und Schmerz und Lust —- Ka- ligula wollte seine Zäsonia foltern lassen, um uur von ihr zu wissen, warum er sie so liebe — ich wäre das auch im Stand." „Göttlicher Albano! trinke nicht mehr so! Du bist zu ungestüm, deine Augenbrauncn stürmen sogar mit — wie bist du denn?" „Alles aus einmal, wie ein Gewitter, voll Glut — und mein Himmel ist hell durch den Blitz —- und ich werfe kalten Hagel — und eine Zerstörung nach der andern, und es regnet warm auf die Blumen — und Himmel und Erde verknüpft ein stiller Bogen des Friedens." Jetzt sah er am Himmel die Sturmwolkcn wie Sturmvögel zwischen den Sternen und neben dem zornigen Blutauge des Mars schon Heller stiegen; der Mond, der ihn verjagte und verrietst, warf bald das Richter-Auge eines Gottes auf ihn. Im Hohne gegen das Schicksal riß er ans für seine küssende Wuth den Nonncuschleier und Hciligcnglanz ihrer jungfräulichen Brust. Fern stand der Leuchtthurm des Ge- 236 Wissens von dicken Wolken umzogen. Linda weinte zitternd und glühend an seiner Brust. „Sei mein guter Genius, Albano!" sagte sie. — „Und dein böser; aber nenne mich nur ein cinzigesmal Karl" sagt' er voll Wuth. „O heiße denn Karl, aber bleibe mein voriger Albano, mein heiliger Albano!" sagte sic. — Plötzlich fingen im Thal die Flöten an, die der fromme Vater zu seinen Abendgebeten spielen ließ. Wie Töne auf dem Schlachtfeld, riefen sie den Mord heran — da schmolz Linda's goldncr Thron deS Glücks und Lebens glühend nieder und sic sank herab und das weiße Brautkleid ihrer Unschuld wurde zerrissen und zu Asche. „Nun die deinige bis in meinen Tod!" sagte sic leise mit Thränenströmcn. „Nur bis in meinen" sagte er und weinte jetzt weich mit den weinenden Flöten. An der goldnen Kugel auf dem Berge glomm schon der Mond, der wie ein bewaffneter Komet, wie ein einäugiger Riese heraufdrang, den Sünder aus seinem Eden zu jagen. „Bleibe, bis der Mond kommt, damit ich in dein Angesicht sehe" bat sie. „Nein, du Göttliche, mein Frcudcnpferd wiehert schon, die Todesfackel brennt herab in meine Hand" sagte er tragisch-leise. Der Sturm war vom Himmel auf die Erde gezogen; sie fragte: „der Sturm ist so laut, was sagtest du, Schöner?" — Er küßte wild ihre Lippe und ihren Busen wieder; er konnte nicht gehen, er konnte nicht bleiben: „gehe morgen nicht (sagt' er) in den Traucrspiclcr, ich flehe dich, das Ende, hör' ich, ist zu erschütternd." „Ich liebe ohnehin dergleichen nie. O bleibe, bleibe länger, ich sch' dich ja morgen wieder nicht." Er preßte sie an sich — deckte ihre Augen mit seinem Angesicht zu — das 237 Gorgoncnhanpt des Mondes wurde schon in den Morgen hcr- aufgehoben — er ließ das Leben los, wenn er sie entließ — und doch zehrte jedes gestammelte Wort der Liebe an der kurzen Zeit. Der Sturm arbeitete in den gerissenen Baumen und die Flötcntöne schlüpften wie Schmetterlinge, wie schuldlose Kinder unter dem großen Flügel weg. Roquairol, wie betäubt von solcher Gegenwart, war nahe daran zu sagen: sich mich an, ich bin Roquairol; aber der Gedanke stellte sich schnell dazwischen: „das verdient sic nicht um dich; nein, ste erfahr' es erst in der Zeit, wo man den Menschen alles vergibt."— Noch einmal heftig hielt er sie an sich gedrückt, das Mondlicht fiel schon auf beide herein, er wiederholte tausend Worte der Liebe und Scheidung, stieß sic zurück, fuhr schnell um und schritt in Albano's Kleidung durch das Thal hindurch. „Gute Nacht, Mädchen" sagt' er vorübergehend zur Blinden. Linda sang nicht wieder wie vorhin. Die Sterne sahen ihn an, die Sturmwinde redeten ihn an—die Freuden gingen neben ihm, hatten aber die FuricnmaSken nun auf den Gesichtern — aus dem Himmel griff ein Arm herab, aus der Hölle griff ein Arm herauf und beide wollten ihn fassen, um ihn auseinander zu reißen — „nu, nn, (sagt' er) ich war wol glücklich, aber ich hätt' cs noch mehr scyn können, war' ich Ihr verdammter Albano gewesen" — und schwang sich auf sein Frcudcnpserd und jagte noch in der Nacht nach dem Prinzengarten. 129. Z y k e l. Albano und sein Oheim zogen dem angekündigten Schoppe 238 von Dorf zu Dorf weiter entgegen; der Oheim schob die Hoffnung wie einen Horizont immer vor ihnen voraus; einmal Abends glaubte der Gras Schoppens Stimme nahe neben sich zu hören — umsonst, der geliebte Mensch kam noch nicht an sein Herz, und schmachtend sah Albauo die Wolken im Himmel auf dem Weg herzichcn, den sein Thcucrcr unter ihnen auf der Erde nahm. Der Oheim erzählte ihm lange von einem geheimen Kummer, der den Bibliothekar oft Niederdrücke, und von dessen Ansatz zur Tollheit, der ihn auch früher von ihm weggctrieben, weil er unter allen Menschen keine so fürchte als tolle. Von Romeiro's Portrait schien er nichts zu wissen. Albano schwieg verdrießlich, weil der Spanier unter die unleidlichen Menschen gehörte, die mit glattem festen Gesicht und mit zugcschraubtcr gchelmtcr Seele den fremden Widerspruch, ohne eignen Widerspruch, ohne Echo, ohne Spiegel und Aenderung um sich flattern lassen können, und für welche die fremde Rede nur ein stiller Thau ist, dessen Fallen keinen Stein aushöhlt. Dazu kam Albano's Erbitterung gegen dessen neue Unwahrhaftigkcit über Schoppens Nähe und gegen sein eignes Unvermögen, eine Stunde lang alles ungläubig anzuhörcn, was ein Lügner sagt. „Schoppe ist auf mein Wort durch einen andern Weg schon im Prinzengartcn" sagte endlich der Spanier ganz munter, und rieth umzukchren an, im warmen Genüsse seiner frechen kalten Kraft, jeden, der ihm nicht huldigte, zwischen scharfe langsame Eisfelder zu pressen. Sic kamen vor dem Prinzengarten unter lauter Wagen an, aus welchen die Zuschauer des heutigen Spiclsestcs aus- stiegeu. Albano fand schon unter jenen seinen Vater, die Fürstin und Julienne; und unter den Mitspielern Bouvcrot, 239 seinen alten Exerzizienmcistcr Falterle nnd die gclbgcklcidete Kaufmannsfrau in rothem Shawl, die einmal weniger in als an Roqnairols Herzen gewesen, nnd diesen selber. Der Hauptmann trat vor aller Welt sofort den bekannten Albano an nnd sagte mit gesuchter Leichtigkeit, das Spiel beginne bald, nur Dian mit seiner Frau werde noch erwartet. Dian, überall leicht beweglich, am meisten durch eine Bitte, konnte einer für die Kunst am wenigsten widerstehen; durch ihn wurde bald auch Chariton für das Spiel gewonnen, aber nicht ohne den Umstand, daß sic im Stücke eine Geliebte gegen niemand als ihren Gemahl zu spielen hatte. Als Roquairol mit Albano sprach, so wurde seinem Gesicht so wie einem gcschwollnen oder gcsrornen das leichte Lächeln schwer und das Aufheben des AugenliedS; und innen drückte ein strafender beugender Geist den seinigen vor dem frohen reinen Freunde zur Erde, aus dessen Frühling er die Helle Sonne wcggerisscn nnd geworfen nnd dem er eine ewige Pestwolke über das Leben gehangen. Unter dem Getümmel der Gartcnrcdcn und im fruchtlosen Wunsche, der Schwester Julienne drei sanfte Worte für die ihm so lange verdeckte Linda mitzugeben, sah Albano den Wagen der Gräfin ans die Höhe an Lianens letzten Garten rollen, da halten, und sic nnd Dian und Chariton aus- stcigen. Da kannt' er weiter nichts als den Flug zur entbehrten Geliebten, der sich vor den vielen Augen leicht in die Sehnsucht nach Dian einkleidcte; und jetzt fragt' er im Durst der Liebe nach gar keinem Auge. „Ach da bin ich doch!" sagte Linda und ging ihm entgegen, mit den weichen Rebenschlingen zarter Blicke sich in seine verwebend — so scheu und so liebevoll — und das Abcndroth der Verschämtheit zog, wie Früh- 240 lingsröthc in dcr Nacht, um ihren Himmel und der weiße Mond der Unschuld stand mitten darin! — Albano zerging vom Thauwind dieser Verzeihung, wars sich seine süße Freude an ihrer Umkehrung als selbstsüchtigen Stolz über sein Siegen vor und konnte in dcr schönen Verwirrung des Glücks kaum das süße Staunen regieren und das ausgclöste Herz, das vor ihr zerrinnen wollte wie ein Gewitter in Abcndthau. Er legte in sein Auge die Seele und gab sie dcr Geliebten. Vor Ehariton mußt' er sich verhüllen. Zu Dian und Linda sagt' er, als sie in die hinnntcrsieigcnde Sonne sahen, blos das Wort: Jschia! „Da liegt nun freilich, lieber Anastasius, (sagte Ehariton zu Dian) meine gute Fräulein Liane begraben, und man weiß nicht eigentlich wo im Garten, denn man sieht ja nichts als Blumen und Blumen; sie hat's aber so bestellt." — „ Das ist sehr betrübt und hübsch (sagte Dian), aber lass' cs — weg bleibt weg, Ehariton!" und führte sic seitwärts von den Liebenden schonend. An Albano, der nichts überhörte und übersah, war die Erschütterung davon so sichtbar. Auch Linda nahm sie wahr. „ Sprich nur aus dein Weh (sagte sic), ich liebe sie ja auch." — „Ich denke an die Lebendigen (sagt' er, sich zusammenfassend, und blickte scheu nicht ans den Blumengarten, sondern auf die sonncntrunkne Abcndgcgend) -— kann man denn genug ans der Erde vergeben und crra- then? — Linda, o wie vergibst du mir heute!" „Freund, (sagte sic) wenn Ihr sündigt, sollt Ihr Vergebung empfangen; aber bis dahin seid noch still!" Er sah sie bedeutend an: „hast du nicht schon vergeben und ich noch nicht? -— Aber wüßtest du, wie ich in diesen Tagen ans dem Weg zu meinem Schoppe innigst bei dir lebte und die gött- 241 liche Vergangenheit in die Zukunft brachte — ach, kann ich dir denn alles sagen an diesem Orte?" — Zum Glück hörte sie — gleich andern Frauen weniger ans Worte als auf Mienen, Winke und Thaten merkend — mehr mit dem geistigen als leiblichen Ohre und trat nicht in den so nahe auf- gesperrten Abgrund seiner Worte. So spielten jetzt beide, wie Kinder, neben der kalten mit Donner dnrchzognen Gcwit- terstange, aus welcher bei der kleinsten nähern Nähe die blitzende Sense des Todes fährt. Beide gaukelten neben dem Gewitter fort. Die Sonne zog neben dem kleinen Berge und ebenen Blumen-Grabe mit ihren Flammen in die fernen Ebenen hinein. Aus dem tiefen Prinzengartcn flatterten Töne durch die langen Abcnd- stralen heraus und vergötterten die goldne Gegend. — Die Töne waren einsame Schwingen, die sich ihr Herz suchten und dann an ihm weiter flogen — und die liebenden Herzen wurden voll Flügel — Die Strecken sanken, die Töne stiegen — Um Linda und Albano lag ein golducr Kreis aus Gärten und Bergen und grünen Tiefen und jede Blume schwankte reich unter dem letzten Gold und wurde die Wiege des Auges, die Wiege des Herzens — Die Liebenden blickten sich und die Erde begeistert an, die glänzende Welt erschien ihnen nur im Zanbcrspiegcl ihrer Herzen und beide selber waren darin leuchtende schwebende Bilder. „Linda, ich will sanfter werden (sagt' er), bei der Heiligen schwör' ich's, in deren Garten wir stehen!" -— „Werd' es, Lieber, in Lilar warst du cs eben uicht!" sagte sic. Er verstand cs von dem Sturme gegen Liane: „verhülle dicß Andenken in deine Liebe!" sagt' er erröthend. Sie sah ihn jungfräulich an, ihr Inneres war jungfräulich geblieben und Iran Paul'« auSgew. Werke. XII. lg 242 unschuldig; wie die Pfirsich sich roth und glühend der Sonne zukchrt, über in den Blättern das zarte Weiß erhält. Ihr Auge trank aus seinem, seines trank aus ihrem, der Himmel vermischte sich mit ihrem Himmel, die Purpursounc schimmerte ans dem warmen Licbesthan der Licbcsaugcn zurück. „O dürft' ich dich jetzt küssen!" sagte Albano. „Ach dürftest du es!" sagte Linda. „So golden ging einst die Sonne auf dem Meere unter!" sagte er. — „Und nachher gaben wir uns den ersten Kuß!" sagte sie. — „Wir wollen uns jetzt viel öfter sehen" sagt'er. „Ja wol, und länger am Tage, Nachts Hab' ich Arme ja kein Auge. Nun geht mir dort schon mein Auge unter" sagte sie, als die Sonne versank. Es war ein guter, sanfter Geist, oder Liancns ihrer — jener, der den Menschen nur an der Dämmerung in die Nacht führt, der uns mildernde Thräncn in den Jammer und in die Entzückung gießet und der dem Abendstern der Liebe die kurze Bahn nicht überwölkt — Dieser Geist war es, welcher ihre Zungen und Ohren vor dem schrecklichen Laute bewahrte, der auf einmal den goldncn Abendkreis in eine ringsumher aufbrcnncnde Hölle anfgeriffcn hätte. „Wer kommt dort so eilig?" sagte Linda. „Mein Feind" sagte Albano. Roquairol hatte ihn vermisset und Linda's Ankunft vernommen; in der Höllenangst, daß sich an diesem Abende vor ihnen der gestrige aufdccke, eilte er unter dem Vorwände, Dian zum Spielen und Albano zum Hören zu holen, den Berg heran. Wie ein Zentaur, halb Mensch, halb Wild, trat er mit verworrenem dumpfen Kriege seines ganzen Wesens unter die melodischen Seelen und Freuden. Aber kaum daß er an ihnen die Weihe der Entzückung wahrnahm und die schwarze Decke noch auf seinem Morde festlicgen 243 sah: so richtete sich in ihm der grimmige Geist der Eifersucht auf: „sic ist uuu meine Verlobte" sagt' er sich; und die Sonucufiusterniß vcrworrncr Reue wurde vom Gewitter des Unmnths verdeckt. Linda, über seine Stimmcnähulichkeit zürnend aus inncrm Schauder, stand vor ihm wie ein Diamant, hell, glänzend, hart und schneidend, Albano aber sanft, im Nachtöncn der Harmonie, auf dem Gottesacker der Schwester dieses Bruders und in einiger Verwirrung. In Roquairol schlich wieder der gestrige unreine Argwohn herum, daß vielleicht Albano und Linda nicht mehr unschuldig seien. Zornig bat er heute Linda, sein Trauerspiel mit anzu- sehen. „Sic sagten mir (sagte sic zu Albano), cs schließe so tragisch, ich bin davon keine Freundin." — „Er kennt es gar nicht," sagte Roquairol. „Nein", sagte Albano.— Wie die Schlange sah er ans das Paradies der ersten Menschen herab, sich froh bewußt, daß er ihnen vom Baume seines Erkenntnisses den Apfel reichen konnte, der sie sogleich daraus verjagte. „Zudem (fügte sic dazu) sch' ich Abends schlecht oder gar nicht." Roquairol stellte sich fremde dabei, scherzte über den Gewinn, den er als erster Liebhaber dabei habe, wenn sic ihn nur höre, und bat Dian, mitzubittcn. Nicht angcbornc, sondern erworbene Kälte ist der höchsten Falschheit mächtig, jene nur der Verstellung, diese auch noch der Anstellung, weil sic zugleich alle Wege und Mittel des Feuers kennt und nützt und sich auf dem Glatteis durch die Asche voriger Glut fest macht. Da endlich Albano ihr selber anricth^ an der tragischen Freude Theil zu nehmen, und ihren Freunden und Freundinnen drunten die schöne, reine ihrer Gegenwart zu gönnen: so willigte sic ein, verwundert über den Widerruf. 16 * Sie nahm Chariten in ihren Wagen. Die Männer gingen voraus. Unterwegs sagte Roquairol zu Dian, der im Stücke Albano's Nolle zu spielen hatte: „sobald ich im vierten Akte gesagt habe: auch die geistige Liebe geht der sinnlichen entgegen und kommt wie ein Seefahrer auf dem Wege nach Osten.endlich doch in den Ländern des Untergangs an: so fallen Sie ein." — Dian lachte und sagte: „ich fall' ein. In Italien aber fängt die Fahrt gleich südlicher und westlicher an." Albauo schwieg verdrießlich und bercucte, daß er Linda zu diesem ungewissen Feste bereden helfen. Die Fürstin warf einige schnelle Blicke der Verachtung auf die betrogne Linda, und diese antwortete darauf mit gleichen; ausgezeichnete Weiber verrathen ihr Geschlecht am meisten im feindlichen Zusammenstößen mit ausgezeichneten. 130. Z Y k e l. Die meisten Zuschauer waren anfangs mehr der Zuschauer und Spieler wegen als des Spieles halber gekommen; aber bald wurden sie vom Gehcimniß und der seltsamen Bühne selber angezogen. Die Bühne war auf der sogenannten Schlummerinsel des Prinzengartcns, welche mit einer wilden dicken Vermischung von Blumen, Gebüschen und hohen Bäumen zugcdeckt war. Ihre Morgcnseite zeigte einen offnen freien Vorgrund, auf welchem gespielt werden sollte, mit einer weißen Sphinx auf einem leeren Grabmal tiefer im Grün. Die Kulissen waren die dunkeln Laubpartien; Parterre und Logen das jenseitige Ufer, das von der Insel sich durch einen See abtrennte, der so breit war als ein mäßiges Schiff. An zwei Bäume der beiden Ufer gebunden hing in die Mitte des 245 Sees, wie eine Laterne, der Käfig der Dohle oder des Chors herab, um ihre dumpfe Stimme den Zuschauern zu nähern. „Ich bin in der That neugierig (sagte der Ritter zu seinem Sohne), woher Er das Tragische nehmen wird." — „Doch! (sagte Roquairol, der bisher schweigend und unruhig und auf den Boden schauend auf- und abgegangcu war.) Nur muß ich allgemein um Vergebung des Aufschubs ersuchen. Da ich im fünften Akte den Mond anrcde, so kann ich den wahren sehr gut brauchen, wenn ich nur gerade so anfangc, daß sein Aufgang mit der letzten Szene zusammentrifft." Endlich stieg er blaß werdend in den Charons - Nachen, wie er sagte, und fuhr allein hinüber. Dann schifften die übrigen Spieler nach einander fort. Alle verloren sich hinter die Bäume. Nun hob sich hinten in den zugclaubten Abend- Ländern der Insel die ewige Ouvertüre ans Mozarts Don Juan wie ein unsichtbares Geisterreich langsam und groß in die Lüfte. „viublesse! " rief daraus der Bruder des Ritters zur Dohle und klatschte dabei zum Zeichen in die Hände. „Macht auf den Sarg (begann dumpf das Thier, begleitet von einzelnen lugubcrn Tönen des Orchesters) auf dem Gottesacker und zeigt zum letztenmale die Leicheubrust und Sein trocknes Augenlied und daun drückt ihn zu auf immer." Jetzt traten Lilia (Chariton) und Carlos (Dian) heraus, zwei Liebende noch in der ersten Zeit der ersten Liebe — noch kein trüber Thränenregen verschwcmmte den goldncu Morgen- thau — sie sind sich so treu. Lilia freuet sich mit ihm, daß jetzt ihr Bruder Hiort von seinen Reisen kommt und seinen Jugendfreund Carlos als ihren ewigen findet. „Vielleicht ist er auch recht glücklich" sagte Lilia. „O so gewiß (sagte 246 Carlos), er ist ja sonst alles." Zuweilen schwiegen beide im srohen Anblicken, dann gingen Töne aus dem verhüllten Abend der Insel und trugen die stumme Wonne in den Aether und zeigten sie ihnen schwebend und verklärt. Unter den Zuschauern breitete sich eine süße Theilnahme an Dians und Chari- tons zartem, aber mit südlicher Glut verwebtem Nachspielen ihrer schönen Wirklichkeit aus; man hörte und sah die Griechen, — Aus einmal entfloh Lilia hinter die Blumen-Gebüsche; denn ihr Feind Salera, Carlos Vater, kam, von Bouvcrot gespielt. Salera verkündigte dem Sohne zürnend die Ankunft seiner Braut Athcnais. Carlos offenbarte ihm jetzt das Gc- heimniß seiner srühern Liebe und zeigte sich gewaffnct gegen eine ganze Zukunft. Salera rief erbittert: „wäre Sie doch nicht schön, damit ich dich zwänge und strafte! Aber du wirst Sic sehen und mir gehorchen, und ich werde dich doch Haffen." Carlos versetzte: „Vater, ich habe schon Lilia gesehen." — Salera ging mit zornigen Wiederholungen ab und Carlos wünschte jetzt noch heftiger Hiorts Wiederkehr, um mit ihm die Schwester leichter zu entführen durch dessen Bereden und Begleiten zugleich. Hier schloß sich der erste Akt. Der Bruder des Ritters rief zur Dohle: „viulrlsooe!" und scharrte znm Zeichen mit dem Fuße. „Erscheine, blasser Mann (sprach das Thier), die Uhr wiegt die Zeit, Mensch des Jammers, lande auf der stillen Insel an!" Hiort trat blaß geschminkt hervor mit offner Brust, blickte das Grabmal au und sagte aus innerster Seele: „endlich!" Die Musik spielte einen Tanz. „Ja wol Schlummcrinsel —> unser Tag endigt mit Schlaf," setzt' er dazu. Jetzt kam sein 247 Carlos: „Hiort bist du todt?" rief er im Schrecken über die Leiche. „Ich bin nur bleich," sagt' er. „O wie kommst du so aus der schönen bnntcn Erde zurück!" sagte Carlos. „Aus- gcschöpst, Karl, -— mit todtgebornen Hoffnungen — meine Gegenwart ist von der Vergangenheit enterbt — das Sinncn- lanb ist gefallen — nicht einmal die schöne Natnr mag ich mehr und Wolken wie Gebirge sind mir lieber als wahre Gebirge — ich habe das bittere Unkraut auf dem Leben recht abgeerntet — Und doch muß ich in dieser leeren Brust einen Würgengel herumtragen, der ewig gräbt und schreibt, und jeder Buchstabe ist eine Wunde-— Rathc nicht! Sie ncnnen's Las Gewissen. Aber ein wenig Schlaftrunk her aus der Schlaf- inscl, Karl!" Man brachte Wein. Er erzählte nun dem Freunde sein Leben — seine Fehler, worunter er auch dcu aufführte, den er eben fortsctzte, das Trinken -— seine sich wicdergebärcnde Eitelkeit sogar mit ihrem Selbst-Geständniß — seine Wciber- Siegc, die ihn zu einem Magnet-Berge voll angcflogner Nägel zerfallner Schiffe machten — seinen Hang, wie Kardan Freunde zu beleidigen, ein eigenes oder fremdes Glück zu unterbrechen, wie schon als Kind den Prediger, oder im schönsten Spiel das Klavier zu zerschlagen, und in einem Enthusiasmus das Frechste zu denken — „Sonst hatt' ich doch noch zwei Jchs, eines, bas versprach und log, eines, das dem andern glaubte; jetzt lügen sie beide einander an und keines glaubt." Carlos antwortete: „schrecklich! -— Aber deine Trauer ist ja selber Hülfe und Gabe" — „Ach was! (versetzt' er.) Der Mensch verdammt weniger das Schlimme als die vergangne Lage, worin cr's beging, indeß er es in einer frischen wieder neu und süß sin- 248 det und fortlicbt. — Was dort kalt liegt, das ist mein Bild (indem er ans die Sphinx zeigte), das bewegt sich lebendig in meiner blutigen Brust — hils mir, ziehe das reißende Unthicr heraus!" — Albano ergrimmte im Innersten über die frevelnde Wiederholung jener bekennenden zärtlichen Nacht mit ihm.*) „Er ist frech genug (sagte leise Gaspard zu Albano), weil er, wie ich höre, wirklich sich selber spielen soll; aber da er sich so steht, ist er doch besser, als er sich sieht." — „O (sagte Albano), so dacht' ich sonst! Aber ist denn das Schauen aus den schlechten Zustand ein guter? Ist er nicht desto schlechter, daß er dieses Bewußtscyn ertragt, und wird desto schwächer, daß er einen unheilbaren Krebsschaden au sich wachsen sicht? Das Höchste hat er ohnehin verloren, die Unschuld." — „Eine flüchtige Wiegen-Tugend! — Ein Helles, keckes Reflcktiren hat er doch," sagte Gaspard. „Nur weichliche, ehrlose, zweideutige, vielseitige Mattigkeit des Herzens hat er; spricht von Kraft und kann nicht die dünnste Lust-Schlinge zerreißen" sagte Albano. „Karl, (sagte Hiort weich, als antwortete er jenen) ja, noch Eine Hülfe gibt's. Wenn am Leben eine frische Farbe nach der andern verschießet >— wenn das Daseyn nun nichts wird, kein Lust-, kein Trauer-Spiel, nur ein fades Schau- Spiel: so ist dem Menschen noch ein Himmel offen, der ihn ausnimmt, die Liebe. Schließet sich dieser zu, so ist er ewig verdammt. Carlos, mein Carlos, ich könnte noch glücklich werden — denn ich habe Athenais gesehen — aber ich kann noch unglücklicher werden, denn sic liebt mich nicht. In ') Titan II, Seite 21 re. 249 meinem Herzen liegt dieser prangende, aber scharf fortschnci- dcndc Demant, an dem es blutet, so oft cs schlägt." — Ueber- all ließ jetzt Roquairol Linda'S Bild mitspielcn. Hier brachte anfangs Carlos den Freund mit der Nachricht in Aufruhr, daß Athcnais von seinem Vater zu seiner Braut erlesen sei und bald komme; aber er stillte ihn, da seine Schwester Lilia erschien, indem er schnell ihre Hand nahm und sagte: „nur diese lieb' ich." — Sic sprachen über die Hindernisse von Seiten des alten Salera, den Carlos ein Eisfeld nannte, das unter keiner Sonne trüge und nicht anzubaucn wäre. „Stehe mir bei, Karl, (sagte Hiort) denke, was du mir geschrieben: wie zwei Ströme wollen wir uns vereinigen und mit einander wachsen und tragen und eintrocknen*)." — So verständigten, verketteten und erhoben die drei Menschen sich einander wechselseitig, alle hatten Ein Ziel, das gemeinschaftliche Glück. — Carlos beschwor ewigen Widerstand gegen seinen Vater, Hiort den Schutz seiner Schwester und rief: „Endlich gießet das leere Füllhorn der Zeit, das bisher nichts gab als Klänge, wieder Blumen aus — O die Weiber! Wie gemein und alltäglich sind fast alle Männer! Aber fast jede Frau ist neu!" — Lächelnd sagte Gaspard: „das Umgekehrte sagen die Weiber von uns und sich." — Froh und friedlich schloß der zweite Akt. „Vi-llll68se!" rief der Spanier und streckte seine Rechte hoch in die Luft. , „Flüchtig (fing die schwarze Dohle unter Tönen an) ist der Mensch, flüchtiger ist sein Glück, aber früher stirbt der Freund mit seinem Wort." — *) Eine Stelle ans Albano's Brief an Roquairol. Titan k. S. 291. 250 Der dritte Akt drang sofort nach und hob durch die ununterbrochene Fortsetzung des Kunst-Zaubers — welche jedem Schauspiel und jedem gelesenen Kunstwerk gebührte — alles prosaische kalte Erstaunen auf, sogar das über das wunderbare Sprechen der Dohle auf dem See. Eine große schöne stolze Frau erschien — Athenais (von der Kanfmannsfrau, Roquairols Nebcngeliebte, gespielt), voll Hoffmmg aus ihre alte Freundin Lilia, die sich „die kleine -Athenais" nannte, und süß nachträumcnd den Traum der vorigen Zeiten. Lilia sinkt in ihre Arme mit doppelten Thränen; in ihrer Hand trägt Athcnais ja drei Himmel und dressHöllen. „Wie schön kommst du wieder! — Mein armer Bruder!" sagte Lilia leise. — „Nenn' ihn nicht (sagte sie stolz), er kann für mich sterben, aber ich kann nicht für ihn leben." — Hier fliegt Carlos herein zu seiner Lilia — erstarrt im Fluge — fasset sich und nähert sich Lilia. Diese sagt: „Graf Salera — Athe- uais" — er wurde blaß, diese roth. Eine peinliche enge Verwirrung verstrickte sie drei; jeder Honigtropfcn wurde aus einer Dornhecke geholt. Lilia wird schaudernd immer stärker Athcnais plötzlichen Sieg über ihr Glück und Lieben gewahr. Athenais ging ab. Beide Liebende sehen sich lange zitternd an: „Hab' ich Recht?" fragt Lilia. „Hab' ich Schuld?" sagt Carlos. „Nein, (sagte sic) denn du bist ein Mensch und, was noch schlimmer, ein Mann." — >„WaS soll ich denn thnn?" versetzt Carlos. „Du sollst (sagte sic feierlich) nach einem Jahr in einen Garten auf einer Höhe gehen und dich umsehcn und mich suchen im Garten — im Garten — unter den Beeten — tief unter Einem — ich weiß nicht wie tief" — Sic eilte wie wahnsinnig davon und sang: „vorüber, vorüber, das Lieben und Leben!" 251 Carlos stand einige Minuten mit dem wilden Blick am Boden und sagte dumpf: „Du thust's, Gott!" und ging ab — begegnete seinem Freund, der ungestüm und froh ausries: „Sie ist — eilte aber stolz weiter und rief nur zurück: „jetzt nicht, Hiort!" Zu diesem kam weinend Lilia und führte ihn fort: „Komm (sagte sie), steh das Grabmal nicht an, wir sind beide zu unglücklich." Da trat der alte Salera auf mit Athenais — vergriff sich zwischen Eis und Brand und nahm seine kalte Münze für warme — lobte männlich sie, und väterlich den Sohn — und sagte wie in einem Schauspiel: da kommt er selber. „Hier stell' ich dir, Sohn, (sagt' er) dein Glück vor, wenn du cs verdienen kannst." Carlos hatte Lilia's Herz verloren — der Wunsch des Vaters, die Macht der Schönheit, die Allmacht der liebenden Schönheit standen vor ihm, seine Sehnsucht und der Gedanke der Grausamkeit gegen diese Göttin, und endlich eine Welt in ihm, die so nahe an ihrer Sonne stand, siegten über eine doppelte Treue — er sank aufs Knie vor ihr und sagte: „ich bin schuldlos, wenn ich glücklich bin." — Das Paar geht auf der einen Seite ab; Salera aus der andern und trifft aus Lilia, deren Hand er mit den Worten nimmt: „Sie als eine Freundin meines Hauses und Sohnes nehmen gewiß den innigsten Anthcil an dem neuesten Glück desselben durch Athenais." — So schloß sich der dritte Akt, der Albano durch ungerechte alles verdrehende Anspielungen mit dem erbitterten Wunsche des Endes entflammte und füllte, blos um Roquairol über dieses meuchelmördcrischc Zücken des tragischen Dolchs zur Rede zu stellen. „Der Patron (sagte lachend Gaspard) glaubt mich auch hcrcinzumalcu; ich wünsche aber, daß er derbere Farben nehme." 252 Ehe der vierte Akt sich anfing, hob der Spanier die Linke empor und die schwarze Dohle sprach sogleich: „die Sünde straft die Sünde nnd den Feind der Feind; zaumlos ist die Liebe, zaumlos auch die Rache — Seht, nun kommt der Mensch, den sie nicht mehr lieben, nnd bringt seine Wunden mit und seinen Zorn." Hiort stand da, wie vor seinem Grab, das seinen Kopf nicdcrzog — unendlich weinend nnd trinkend — sanfte Abend-Töne der Musik verschmolzen mit dem aufgelösten Leben: — „ach, so ist's! (rief er aus tiefer, schmerzender Brust.) Wirs sic nur endlich weg, die zwei letzten Rosen deS Lebens*) — zu viele Bienen nnd Stacheln stecken in ihnen — sie ziehen dein Blut nnd geben dir Gift — O wie ich liebte! Allmächtiger droben, wie ich liebte! Ach nicht Dich! — Und nun so steh' ich leer und arm nnd kalt, nichts, nichts ist mir geblieben, kein einziges Herz, nicht mein eignes — das ist schon hinunter ins Grab — Der Docht ist ans meinem Leben gezogen und es rinnt dunkel hin — O ihr Menschen, ihr dummen Menschen, warum glaubt ihr denn, daß es noch Liebe gebe hicnicdcu? Schauet mich an, ich habe keine — Wol ein lustiges Farbcnband der Liebe, ein Regenbogen zieht sich hin und stellt sich fest herüber unter uns wankende Wolken, als binde und trag' er sie — Spaßhaft! er ist auch Wolke, und lauter Fall — anfangs glänzen bunte Frcudcntropfcn, dann schlagen schwarze!" — Er schwieg — ging langsam auf und ab — sah ernst einem Waffen- und Larvcntanz innerer Gespenster zu— stand still — Die Schatten schwarzer Thaten spielten durch einander um ihn — Plötzlich fuhr er auf, ein Wetterstral eines Gedan- ') Liebe und Freundschaft. 253 kens hatte in sein Herz geschlagen — er lies aus und ab, schrie: „Töne her, gräßliche Töne her!"— und die Hochzeitmusik aus Don Juan, die ihn bisher begleitet hatte, erhob das Zetergeschrei des Schreckens — „göttlich!" sagte er, und nur einzelne Worte, nur Tigerfleckcn erschienen verschwindend am vorübergehenden Unthicr — „teuflisch! — das Roscn- Sehn, das Blüten-Sehn — nun ja!-ich wickle mich selber in die Lauwinc und rolle hinunter — und dann sterb' ich schön auf meiner Schlnmmcrinsel" beschloß er sanft und matt. „O Lilia! gewähre mir Eine Bitte!" rief er der kommenden Schwester entgegen. „Jede, die mich nicht am Sterben hindert" sagte sic. Er legte ihr die Bitte vor: sic sollte ihre Freundin Athcnais in die „Nachtlaube" der Insel jetzt Nachts unter dem Vorwand bereden, daß ihr Bräutigam Carlos ihr zwei Geheimnisse über Lilia noch heute zeigen wolle — „ich habe (setzt' er dazu) Carlos Stimme, mit ihr sag' ich ihr mein liebendes Herz und dann, wenn sic mich liebt, nenn' ich mich Hiort." — „Ist deine Bitte Wahrheit?" fragte die Schwester. „So wahr ich morgen noch leben will," sagt'er. „So ist sie bald erfüllt, denn Athcnais erwartet mich eben in der Nachtlaube — komme mir nur nach sieben Minuten nach." Sic ging; er sah ihr nach und sprach mit sich: „eile, bestelle den Himmel! Schöne Schlummerinsel, zugleich die Schlasstätte für das Brautgcmach und für den ewigen Schlaf — O wie wenige Minuten stehen zwischen mir und ihrem Herzen!" — — „Du bist doch da?" sagt' er und sah nach seiner Pistole. — „Jetzt (ries er feierlich im Abgehcn) ist's Zeit zur hell- 254 dunkeln That, dann wird das Leichentuch darüber geworfen" und ging schnell ins Laub hinein. Der Spanier warf einen Zweig ins Wasser und die schwarze Dohle sprach leise: „still ist das, Glück, still ist der Tod." „Der Mensch (sagte Gaspard) hat etwas im ganzen Spiele wie wahren Ernst, ich stehe nicht dafür, daß er sich nicht wirklich Por uns allen todtschicßct." —- „Unmöglich (sagte Albano erschreckend), zu einer solchen Wirklichkeit hat er keine Kraft;" indeß vermocht' er doch sich selber nicht recht von dieser bangen Möglichkeit loszubringcn. Verstört, ungestüm, mit losem Haar kam Hiort zurück und sagte leise: „cs ist geschehen. — Ich war selig — niemand wird's nach mir." — „Bei der Gelben und jetzt in der Nacht steh' ich für nichts," sagte Gaspard. Albano er- röthcte über die freche Vermuthung verschämt und noch mehr über Noquairols Frevel erzürnt, im Spiele die geheiligte Geliebte zu entehren und zu entführen. „Töne her, aber weiche, gute" rief er und ließ sich vom Zephyr der Harmonie umwehen und trank unaufhörlich „Lcichcntrunk" oder Wein; beides zum Verdrusse des Ritters, der das Trinken verab- schencte und die Musik vermied, weil diese oder beide weich machten. Er legte sich auf den Rasen und die Pistole neben sich und sagte stammelnd: „so lieg' ich denn in der warmen Asche meines ausgebrannten Lebens — und meine kalte kommt dazu — sEr legte seine Doppellorgnette an die Angen fest und blickte funkelnd hinüber zu Linda) Ich habe sie am Herzen gehabt, die göttliche Schönheit, meine ewige Liebe; meine Tulpe, die sich nun am Abend über der Biene schließet, da- 255 mit sie im Blumenkelche sterbe — auf den Rosen meines Abends ruh' ich und sterb' ich — Ich schaue die Holde noch selig an — Ich kann nicht bereuen — Vergib nur, armer Carlos, ich streiche die Schuld mit Blut durch, aber mit Buß- Thräncn kann ich nicht — Sollte sich am User der Ewigkeit das, was die Zeit an diesem Ufer abspult, wieder anlcgcu: so Hab' ich's dort schlimm, ich kann mich dort so wenig ändern als hier." Jetzt geschah in der Stadt ein Kanonenschuß, um einen Deserteur anzukündigcn. Er nahm seine Pistole in die Hand: „ja ja, ein Schuß bedeutet einen Flüchtling, — auch aus der Welt — O wenn hebt sich die scharfe Sichel*) am Morgen und zerschneidet das Leben! Ich bin so müde." Er sah nach dem Morgcnhimmcl, aber ein Gewitter, das schon leise donnerte, überzog die Pforte des Monds. Er lächelte bitter: „Auch diese kleine letzte Freude mißgönnt mir das Geschick! Ich soll den Mond nicht mehr sehen— Nun, ich werde wol höher kommen als er und sein Gewitter — Nur werden mir meine lieben Zuschauer und Zuhörer des Todes durch den Regen vertrieben — Ja! bist du aus, so bin ich aus!" Erzeigte auf die Flasche. „Wilde, gräßliche Töne aus der Tiefe heraus! — Mein blutiges Brautkleid her! Es ist Zeit, die abgehcndc Freude wirft einen laugen, wachsenden Schatten hinter sich." Albano und Julienne erkannten erstarrend im kleinen Nocke, den man ihm brachte, den mit Blut bespritzten, den er aus der Nedoute getragen, wo er als Knabe sich vor Liuda ermorden wollen. „Sic sollen es aus meine kalte Brust legen" sagt' er, da er's Der Mond. 256 von Falterle empfing. Der Donner zog näher, die Blitze wurden glühender und ans Gewitter wuchs eine Wolke nach der andern. Er trank die Gläser schnell. „Schaden kann's mir jetzt nichts (sagte er), auch der Blitz nicht sonderlich, ob ich gleich unter Bäumen liege — in dieser Rohre steckt ein Blitz gegen alle Blitze, ein rechter Gcwitterableiter." — Das eilende Wetter drängte ihn der Zuschauer wegen zum Ziel und er wurde zornig empört vom Spotte des Zufalls über seine theatralischen Zurüstungen. „Nichts ist lustiger und paffender als dieß Gewitter (sagte Gaspard), indcß scheint ihn das Reden und Warten ziemlich zu ergötzen." Die andern Zuschauer wurden von der Szene gepeinigt und doch riß sich keiner los. Den Mitspielern war besohlen, den Schuß als das Merkwort zu nehmen und nicht früher zu kommen. Er sagte: „die Todcsschlangc klappert in der Nähe — dort ans der Zukunft schwimmt die Leiche heran" — Man hörte, daß er durch einander sprach und aus dem Stegreif, vom Gewitter gequält. Er sah die Pistole an: „ dein Ausblick! so ist der Blick des Lebens gcthan und wieder unter dem Augcnlicd — Ein Funke, ein einziger Funke, so ist der Thcatcrvorhang hinaufgclodert und ich sehe die Zuschauer stehen, die Geister — oder auch nichts, und den weiten Aethcr der Welt füllt die ewige schwere Wolke — So steh' ich denn am todten Meer der Ewigkeit, so schwarz, still, weit, tief liegt's unter mir, ein Schritt und ich bin drinnen und sinke ewig — Meinetwegen! Ich schwamm ja vor der Geburt auch drinnen — — Nu nn — (sagt' er, indem es tröpfelte und er nahm das letzte Glas) der Regen will den armen Erkaltenden erkälten — Spielt jetzt etwas Sanftes, Schönes, ihr guten Leute!" — 257 Darauf spannte er den Hahn des Gewehrs, stand auf, sagte weinend: „lebe wohl, schönes und hartes Leben! — Ihr paar schönen Gestirne, die ihr oben noch niederblickt, mög' ich euch näher kommen — Dn heilige Erde, du wirst noch oft beben, aber der nicht mehr mit, der in dir schläft — Und ihr guten fernen Menschen, die ihr mich liebtet, und ihr nahen, die ich so liebte, cs geh' ench besser als mir, und verdammt mich nicht zu hart, ich strafe mich ja selber und Gott richtet mich sogleich -— Lebe wohl, mein lieber beleidigter, aber sehr- harter Albano, und du, du bis in den Tod heiß geliebte Linda, verzeihet mir und beweinet mich! — „Liane, lebst du noch, so stehe deinem Bruder in der letzten Stunde bei und bitte bei Gott für mich." Hier drückte er schnell das Gewehr an der Stirne ab und stürzte hin, einiges Blut floß ans dem zerspalteten Kopfe und er athmcte noch einmal und dann nicht mehr. Bouvcrot flog nach seiner Rolle heraus und fing sie an: „eben, mein lieber Hiort, besinnt sich mein Carlos;" aber er fuhr zurück vor der Leiche, stammelte: „mais! — Lion ckieu! il 8'est tue rs vera — cliaicke, il est wort — Ob rosa und wird gleich Vorkommen. Hätt' ich ihn schon unterwegs aufgekratzt, so hättet Ihr geglaubt, ich hätte mich erst unterwegs hinein- geschricben." — Wie vor einer schreibenden Geisterhand schauderte Albano zurück, als wirklich ein U und ö unter der Rose vortraten: „weiter schab' ich (sagte Schoppe) nicht vor, das Uebrige heb' ich Ihr aus." Albano goß nun vor seinem biedern Herzensfreund sein Herz auS; ihm dürft' er sagen und cinwendcn, daß Julienne seine Schwester scy — „wogegen ich gar nichts habe" sagte Schoppe — und daß Gaspard eine künftige Hcirath zwischen ihm und Linda genehmigt habe: „es ist kein Ausweg (setzt' er dazu), ist sie seine Tochter, so bin ich nicht sein Sohn — ich kann sein heiliges Ehrenwort unmöglich zur Lüge machen — und Gott! in welchen ungeheueren Lasterpsuhl müßte man dann schauen!" — „Anlaugcud das Wort und den Pfuhl (sagte Schoppe ganz kalt), so lassen sich, wicwol ich überflüssig doch mit deinem Vater vorher ans der Sache spreche und vorher mit der Gräfin, wahrscheinliche Be- 270 weift führen, daß der Kahlkopf, der, wie er mir selber beichtete, deines Vaters Mcßhclftr, Braut- und Bärenführer gewesen, kein Mann von den frischesten Sitten war, sondern daß er — obwol sonst in viele Sättel gerecht, den moralischen ausgenommen — seine Stunden und Jahrhunderte hatte, wo er als ein solcher Hund und Strauchdieb handelte, daß mein < Hund da ein Monatshciliger gegen ihn ist und ein Kirchenvater. Ich hält' ihm nur das Lebenslicht nicht ausblascn sollen, das freilich mehr stank als glomm." Albano könnt' ihm seinen Schauder über die That nicht verhehlen. „Ich kann nichts bereuen, höre" sagte Schoppe und berichtete dieses: „Schon in Valencia erzählte mir dein Oheim, daß er in Madrid einen Kerl so und so — ganz wie der Kahlkopf — angctroffen, der ein Wachsfigurcnkabinct von lauter Tollen anführc und herumzcigc; oft spreche das ganze Kabinet und er sitze selber mit darin als Wachs und helfe reden — Dein abergläubiger Oheim warb und lieh ihm Geister dazu und machte böse und fürchterliche Sachen daraus. „Einst in einer I'osacka hört' ich im Schlafzimmer neben dem mcinigcn allerlei Stimmen durch einander murmeln und sagen: „„Schoppe kommt auch zu uns."" Ich stand auf, das fremde Zimmer war zugeschlossen. Ich hör' cs wieder, das teuflische: „„Schoppe kommt auch herein."" Meine Stube hatte einen Erker, aus dem könnt' ich durch das nahe Fenster in die Murmel-Stube bei dem Mondlicht sehen. In Graus und kraus saß sämmtlichcs Wachs drinnen und ließ sich hören, der wächserne Kahlkopf mitten darunter, ich suchte aber den lebendigen auf. Die Wachs-Bestien wechseln gegen einander ihre fixen Ideen ans und mich wechseln sic ein — „„dort guckt unser Ehrenmitglied herein"" sagte der Wachs-Kahle. — Bei 271 Gott! ich muß kurz sehn, mir brennt das Blut wieder durchs Herz — Ich wüthc, hole Geschoß und ersuche Gott um ein verträgliches Gcmüth, das nachgidt. Zum Unglück merk' ich hinten in einer mondlccrcn Ecke neben einem Vater des TodcS und einer Schwängern von Wachs einen schwarzen Mantel, der sich regt nnd aus welchem der lebendige Tongcbcr, der Kahlkops, guckt. „„Schwarzer Bauchsprachmcister, (rief ich), schweige um Gottcswillcn, ich sch' dich dort hinten und schieße hinein."" — Ich hielt's sür Bauchsprachc. „Jetzt fing erst das Tollhaus recht an, ich hörte cs lachen — mich hincinrufcn nnd einen Kameraden und Klubbisten mich betiteln — „„Präses, (sagt' ich) ich bin bekanntlich ein Mensch und sch' dich ganz deutlich"" — Es half nichts, der wächserne Kahlkopf versetzte vielmehr: „„dort fitzt ja Bruder Schoppe schon"" und ich sah wirklich auch mich bossirt und poussirt alldort. — „„Hier ist er auch zu haben,"" rief ich grimmig und schoß auf den Logcnmcistcr hin, der blutend umstürzte. „Ich machte mich in dieser Stunde davon. — Dem Oheim kam ich später in den Wurf für kurze Zeit; er scheuet Tolle und wollte mich aus Furcht, ich schlage selber dahinein, nicht lange haben. Er befragte mich, ob mir der Wachsfiguren-Direktor des fahrenden Tollhauses aufgestoßen; ich könnt' ihm nur wenig anvertraucn — behalt' es allein." — „Du bist ein wilder, treuer Mensch, (sagte Albano mit so innigem Wunsch, ihn zu umarmen) du thust viel für andere und bist doch viel für dich. Ich kann dich nun nicht mehr lassen. Meine vorige Lebens-Insel mit allen Blumen steht tief unter Wasser; und ich muß mich ins unendliche Weltmeer werfen; 272 gib mir deine Hand nnd schwimme mit. Wir reisen morgen nach Frankreich!" — „Morgen? (sagte Schoppe.) Ja wohl! so geh' ich heute Abends zur Gräfin und dann zu Don Ccsara." — „Sag' ihr (bat Albano), daß ich sie auch als Bruder, wenn ich's würde, nicht besuche, nicht aus Kalte, sondern weil ich ihr großes Gcmüth verehre, sag' ihr's — und Gott helfe dir." Albano wollte gehen nnd ihn allein ins nahe Lilar wandern lassen. „Nein, begleitet mich, mein Herr (sagte Schoppe ungestüm); ich habe den alten Kerl abgcdankt droben im Wald Lurch redliche Auszahlung des Geleite-Geldes — nnd wäre jetzt allein vis-n-vm cls inoi." „Ich versteh' dich nicht (sagte Albano), wovor scheuest du dich?"— „Albano, (sagte er leise und wichtig nnd seine sonst geraden Blicke schlugen scheu seitwärts und seinen lächelnden Mund umzingelten unzählige große Faltcnkrcise) der Ich könnte kommen, ja ja!" ' Verwundert nnd fragend, wer das sei, blickte ihm Albano ins Gesicht. „Verflucht (sagte Schoppe), ich errathc Euch ganz gut, Ihr haltet mich nicht für achtcls so vernünftig als Euch selber, sondern für toll. Wolf, komm herauf! Du Bestie warst häufig aus einsamen Wegen nnd Stegen mein Schirmvoigt und Tcufclsbanncr gegen den Ich. — Herr, wer Fichten und seinen Gcneralvikar und Gchirndicncr Schclling so oft aus Spaß gelesen wie ich, der macht endlich Ernst genug daraus. Das Ich setzt Sich und den Ich sammt jenem Nest, den mehrere die Welt nennen. Wenn Philosophen etwas, z. B. eine Idee oder sich, ans sich ablcitcn, so leiten sie, ist sonst was an ihnen, das rcstirende Universum auch so ab, sie sind ganz jener betrnnknc Kerl, der sein Wasser in einen Springbrunnen hinein ließ und die ganze Nacht davor stehen 273 blieb, weil er kein Aushören hörte, und mithin alles, was er fort vernahm, aus seine Rechnung schrieb — Das Ich denkt Sich, es ist also Ob-Subjekt und zugleich der Lagerplatz von beiden — Sapperment, eS gibt ein empirisches und ein reines Ich — die letzte Phrasis, die der wahnsinnige Swift nach Sheridan und Orford kurz por seinem Tode sagte, hieß: ich bin ich — Philosophisch genug!" — „Und was schließest du Furchtbares ans allem?" sagte Albano mit innigster Trauer. „Alles kann ich leiden (sagte Schoppe), nur nicht den Mich, den reinen, intellektuellen Mich, den Gott der Götter — Wie oft Hab' ich nicht schon meinen Namen veAindcrt wie mein Namens- und Thatcn-Vetter 8 ciop- p>ius oder Schoppe und wurde jährlich ein Anderer, aber noch setzt mir der reine Ich merkbar nach. Man sieht das am besten ans Reisen, wenn man seine Beine anschauct und sie schreiten sicht und hört und dann fragt, wer marschirt doch da unten so mit? -— Ewig redet er ja mit mir; sollt' er einmal leibhaftig vor mir anffahren: dann war' ich nicht der letzte, der schwach würde und todtenblaß. Freilich braucht kein Hund Zahnpulver. Aber Kinder sollte man schminken, cS stände und ginge. Ich für meinen Thcil beobachte das Zeitalter so so und lächle, weil ich nichts sage; man bricht Menschen wie Servietten ans Tellern in schönste, vielste Formen, zu Schlafmntzcn, zu Pyramiden, zu Kreuzschnäbeln, Sapperment, Albauo, zu was denn nicht? Aber die Folge, Bruder? — O Himmel, die Folge? Ich sage nichts, perflucht, ich bin mausstill wie wenige — aber Zeiten können kommen, wo etwa ein Herr anmcrkt, Menschen und Musiknotcn, Mnsiknoten und Menschen, kurz und gut und schlecht, bald ist bei beiden der Kopf oben, bald der Schwanz, wcnn's nämlich schnell gehen soll. Jean Paul's auSgew. Werke. XII. 18 274 Das sind Gleichnisse, ich weiß wol, Bester, aber die Bäcker kündigen das weiche Gebäck durch steinernes oder thönernes im Laden an, Menschen indcß ihre härtesten Sachen, worunter das Herz gehört, durch ihre weichsten, wozu Worte gehören." Stumm auf diese Ströme führte Albano ihn an der Hand nach Lilar vor Linda'S Wohnung. Alles war an dieser ohne Licht und schwarz. „ Sprich droben sanft dein Wort, mein Schoppe, und morgen ziehen wir weiter!" sagte sehr leise unten Albano scheidend und ließ ihn ins finstere Trancr- schloß allein hinaufgehcn. — „Welch eine Gegenwart!" sagte Albano auf dem Rückweg durch den Garten. 133. Z y k e l. Lange erwartete Albano seinen Freund am andern Tag, niemand erschien, kein Mensch wußte von ihm. Am zweiten Morgen lies das Gerücht, die Gräfin sei in der Nacht und Gaspard am Morgen abgcreisct. „Hat Schoppe beide durch Wahrheit fortgetricben?" fragt' er sich verlassen und allein. Vergeblich spürte er Schoppen mehrere Tage nach; nicht einmal gesehen ^war er worden. „Auch du, lieber Schoppe!" sagt' er und schauderte über die Grausamkeit des Schicksals gegen sich. Als er so über sich und die stille dunkle Wüste seines Lebens hinsah: so war ihm ans einmal, als würde sein Leben plötzlich erleuchtet und ein Sonncnblick fiele aus den ganzen Wasserspiegel der verflossenen dunkeln Zeit; es sprach in ihm: „was ist denn da gewesen? Menschen — Träume — blaue Tage — schwarze Nächte >— Ohne mich hcrgcflogcn, ohne mich fortgeflogcn, wie fliegender Sommer, den die Men- schenhand weder spinnen noch befestigen kann. Was ist da geblieben? Ein weites Weh über das ganze Herz — aber das Herz auch — ES ist freilich leer, aber fest — nnzcrrüt- tet — heiß — Die Geliebten find verloren, nicht die Liebe, die Blüten sind herunter, nicht die Zweige — Ich will ja noch, wünsche noch, die Vergangenheit hat mir die Zukunft nicht gestohlen — Noch Hab' ich die Arme zum Umfassen, und die Hand, um sie ans Schwert zu legen, und das Auge zum Schauen der Welt-Aber was nntcrgcgangcn ist, wird wieder kommen und wieder fliehen, und nur das wird dir treu bleiben, was verlassen wird — Du allein. — Freiheit ist die frohe Ewigkeit, Unglück für den Sklaven ist Fcuers- brunst im Kerker-Nein, ich will sehn, nicht haben. Wie, kann der heilige Sturm der Töne nur ein Stäubchen rücken, indeß die roh bewegte Luft Aschcnbcrgc versetzt? Nur wo gleiche Töne und Saiten und Herzen wohnen, da bewegen sie sanft und ungesehen. So klinge nur fort, frommes Saitenspicl des Herzens, aber wolle nichts ändern an der rohen, schweren Welt, die nur den Winden gehört und gehorcht, nicht den Tönen." Hier fand ihn der Lektor Angnsti, der mündlich von der Prinzessin Julienne inständige Bitten brachte, mit ihm in Gaspards Zimmer zu gehen, wo sie ihm die wichtigsten Worte über Schoppen zu sagen habe. Er ging leicht mit; über das bedeckte Schicksal seines Schoppe erwartete er am ersten bei ihr Aufschluß; auch sah er aus der kühnen Wahl des Boten, wie wichtig der armen Schwester seine Erscheinung sei. In Gaspards Zimmer verließ ihn Augusti schnell, um ihn anzukündigen und — allein zu lassen. In seinem Leben ging jetzt ein langer Donner; kam er vom Himmel, von einem 18 * 276 Strome, oder nur von einer Mühle, das wußt' er noch nicht, Julienne stürzte weinend herein, konnte nicht sprechen vor heftigem Herzen: „Du gehst fort?" fragte fie.„ Ja!" sagt' er und bat sic sehr, weniger heftig zu scyn; denn er wußte, wie leicht ihn fremder Ungestüm anstecktc, da er ohne Zorn nicht einmal lange Schach spielen oder fechten konnte. Sie flehte ihn noch heftiger, nur zu bleiben, bis Gaspard wieder komme. —> „Kommt er wieder?" fragte Albano. „Wie anders? Aber die Unwürdige nicht" sagte sie. — „Julienne, (versetzt' er ernst) o sei nicht so hart gegen Sie wie das Schicksal — und lasse mich schweigen!" - „Ich hasse jetzt alle Männer und dich auch (sagte sie). Das kommt aus poetischen Gemüthern heraus. — O welche rechtschaffene Braut hätte sich so leicht von einem solchen Selbstmörder verblenden lassen, welche? — Aber ich sehe, du weißt nicht alles." — „Dient's aber zu was?" fragte er. — Sie fing, verwundert über diese Frage, ohne Antwort die Erzählung an. Am Tage, wo Albano Schoppen gefunden, wollte Julienne ihre Freundin Linda, die sic seit dem Abende des Trauerspiels nicht gesehen, wieder besuchen. Alle Zimmer in Lilar waren dicht verhangen gegen den Tag. Julienne fand sie in der Finsterniß sitzend, mit nicdergesenktcn, halboffnen Augen, äußerlich sehr ruhig. Nur in langen Zwischenräumen fiel eine kleine Thräne ans den Augen heraus. Der reißende Strom ging hoch über die Räder ihres Lebens und sic standen tief unter ihm still. „Bist du es, Julienne? (sagte sie sanft.) Verzeih' die Finsterniß; Nacht ist für meine Augen jetzt Grün. Es thut mir weh, etwas zu scheu." Die Brautfackel ihres Daseyns war ausgclöscht, nun wollten sic Nacht zur Nacht. 277 Julienne that bange Fragen der Verwunderung; sie gab keine Antwort darauf. „Jst's ein Unglück zwischen dir und meinem Bruder?" fragte Julienne, in welcher die Verwandtschaft immer wärmer sorgte als die Freundschaft. „Erwarte nur den Ritter (antwortete sic), ich Hab' ihn hcrbittcn lassen." Er trat eben herein. Sie bat ihn, sich in diese kurze Nacht zu fügen. Nach einigem Schweigen stand sic stolz vom Stuhle auf, die schwarzgekleidete lauge Gestalt hob vor dem Ritter, den sie nicht sah, die großen Augen gen Himmel, ihr stolzes Leben, bis jetzt ins Leichentuch gewickelt, schlug das Tuch zurück und stand blühend von Todtcn auf und sie redete den Ritter an: „verehrter Gaspard, Sic versprachen es mir, so wie auch mein Vater, daß dieser an meinem Hochzcittage mir erscheinen werde. Der Tag ist vorbei. — Ich bin eine Wittwe. Nun erschein' er mir." Hier unterbrach sic der Ritter: „vorbei? — O, ganz recht! Ist er denn etwas geschcidtcrcs und sittlicheres als ein Mensch?" — und spottete wider seine Weise zornig-aufglühend, weil er glaubte, von Albano, dem er so lauge vertrauet, sei die Rede. „Sie verkennen mich (sagte Linda), ich spreche von einem Verstorbenen." Vor Julienne fuhr plötzlich Roquairols Schatte, ferne Anklängc der Fürstin hatten ihn eingcläutct: „Allmächtiger Gott, (schrie sie aus) des verfluchten Selbstmörders Spiel hat Wahrheit?" — „Er spielte, was geschah (sagte Linda ruhig). Wir brechen ab. Ich reise. Ich verlange nichts als meinen Vater." — Hier hielt Gaspard den von Starrsucht versteinerten Arm wie von einem gezückten Dolch bewaffnet, gegen die Gräfin — die Finstcrniß machte die Erscheinung schwärzer und wilder — aber er brach das 278 Eis dcs Todes wieder mit kalten Händen entzwei nnd bewegte sich nnd antwortete mit gelähmter Zunge: „Teufel und Gott! Der Vater ist da! — Der wird alles so nehmen — wie es ist — Weiß Er's?" — „Wer?" (fragte Linda.) — „Und was beschloß Er?— Himmel! Albano nämlich."— Gaspard hatte in der Leidenschaft zugleich Cromwells Blödsinn der Zunge nnd dessen Schlansinn der Thaten; nnd blieb daher jeder Aufwallung, sogar der liebenden, so gram nnd fern wie „der Dummheit, die ihm (wie er sagte) noch viel verhaßter sei als das gerade Laster." — „Ich weiß nicht (sagte Linda.) Ich gehöre allein dem Todten an, der zweimal für mich gestorben ist. Sagt das meinem Vater. O ich wär' ihm längst nachgcfolgt, dem Ungeheuren, ins tiefe Reich; ich stände nicht hier vor dem kalten bösen Tadel oder der christlichen Verwunderung, da es noch Dolche gegen das Leben gibt! — Aber ich bin Mutter und darum leb' ich!" — „Noch diesen Abend seh' ich Sie wieder" sagte Gaspard gefassct und eilte hinweg. „Ich glaube, liebe Julienne, (sagte Linda) jetzt verstehen wir uns nicht mehr so recht, wenigstens uicht bis zum höchsten Punkte, so wie wir früher über Ihre dells-noenr disferirten, und Sie an Ihr die Koketterie, ich aber gerade die Prüderie groß und unsittlich fand."— „Das ist wol wahr (sagte Julienne kalt). Sie sind so wahrhaftig Poetisch, ich bin so prosaisch und altfromm. Ein Ungeheuer darum zu lieben, weil es mich so grausam betrügt wie seine Rcgimentskassc, oder weil es sich genialisch so viele Freiheit läffet als seinem Rcgimente, oder weil es nach seinem Tode noch Rollen für die übrigen Schauspieler nachlässet oder Briefe an mich Betrogene"-„That er das?" fragte Albano.— „Sie pries es sogar als genialisch an ihm (versetzte Julienne) — Einen Solchen zu lieben, sagt' ich, oder solche Leute, die ihn lieben, dazu find' ich in mir kein Herz. Leben Sie denn so wohl, als cs gehen mag." Linda antwortete: „ich hasse alle Wünsche;" gab ihr die Hand, drückte sie nicht, schwieg still und sah in ihre Nacht. Sic wußte wenig vom leichten und schlaffen Abschied der verlornen Freundin. Noch in derselben Nacht rcisete Linda, nachdem sie ganz allein lange mit dem Ritter gesprochen, in einem Wagen ohne Fackeln, in ihre Schleier gehüllt, ganz einsam ab, und niemand wußte, ob sie gcweinct oder nicht. Als Albano seine Schwester ausgehört hatte, sagte er mit sanfter, bewegter Stimme: „schließe Frieden mit der Vergangenheit, sic kann der Mensch nicht stürmen. Der großen Unglücklichen lasse die Nacht, in die sic selber hineingezogen ist. — Weswegen wolltest du mich aber so eifrig zu dir haben? Besonders weißt dn etwas von meinem Schoppe, so sich' ich darum." — „Ich antworte dir (sagte sic weinend und verwundert); aber Bruder, bethcucre, daß deine Stille nicht wieder der Vorhang eines neuen Unglücks ist — Ich kenn' euch Männer darin, man sollt' euch alle hassen und ich thu' cs auch." — „Ich habe nichts Trübes vor, vor Gott bezeug' ich's. Ihr Weiber, die ihr euere Hölle erst ausgießcn wollt mit Thronen und ansblasen mit Seufzern, begreift nicht, daß oft eine einzige Stunde Denken dem Manne einen Stab oder Flügel geben kann, der ihn auf einmal aus der Hölle hebt, und dann mag sie fortbrcnncn." — „So zeige mir (sagte sic weinerlich-komisch) deinen Flügel." — „Daß ich (versetzt' er) nicht auf Menschen baue, sondern auf den Gott in mir und über mir. Der fremde Ephcu geht um uns 280 herum, an uns herauf, steht als ein zweiter Gipfel neben unserem und der ist dadurch verdorrt. Die Geister sollen neben einander, nicht auf einander wachsen. Wir sollten lieben wie Gott, als Unvergängliche die Vergänglichen." — „Recht gut (sagte sic), wcnn's dir nur Ruhe schafft. Was deinen armen Schoppe betrifft, so ist er zur Strafe ins Tollhaus gesteckt, aber hör' erst ordentlich. Er kramte ein Mährchcn von einer zweiten Schwester von dir bei deinem ohnehin durch so vieles gereizten Vater aus. Man könnt' ihm diese neue Verstandes-Verwirrung hingchcn lasten; aber dein Oheim wurde gerufen, der ihm ins Gesicht sagte, er habe den Kahlkopf ermordet; und ihm wurde stolz die Wahl zwischen Gefängniß nnd Jrrhaus gelassen; so begab er sich in dieses. Bleibe, bleibe! Das Wichtigste kommt. Wie ich auch von ihm denke, ich sehe, er ist dein redlicher Freund; und frei heraus zu reden, sogar Linda legte noch vor der Abreise eine Vorbittc im letzten Blatte an mich für ihn ein. Nicht blos die närrische Reise nach Spanien macht' er für dich, auch deine Kur; vielleicht bist du ihm das Leben schuldig. Mich wundert, daß ich oder irgend jemand cs dir noch nicht gesagt." Sie fing nun an mit Jdoincns mildthätigcm festen Charakter, mit ihrem Arkadien und mit dem letzten Tage, da sie bei ihr gelebt und ihr in die Helle Seele geblickt. Sie kam dann an sein Fieber- und Traucrbcttc neben Liancns Bahre und auf des alten Schoppe Reden und Laufen und auf seinen schönen Sieg, da er die verklärte Liane endlich in Jdoincns Gestalt vor sein Auge gebracht, damit sie das Heil-Wort sage: habe Frieden. Jetzt war er in Sturm und Julienne in Frieden: 281 „darum (fuhr sic fort) halt' ich's für Pflicht, mich dciucs Frcuudcs ciu wenig anzunchmcn. Der arme Teufel ist unschuldig — durch Gewissensbisse und selber durch feinen jetzigen Ort kann er das, was er von Verstand noch hat, vollends verlieren — ganz unschnldig sag' ich; denn dein Oheim, den ich längst hasse und der nur erst vor kurzem, aber vergeblich versuchte, meinem kranken Bruder geistcrmäsiig und mordmäßig zu erscheinen — er hält' cs auch bei Lianen wol gc- khan, wenn sic cs erlebt hätte — dieser Mensch ist — warum darf ich's nicht ruchbar machen, da sich alles geändert und umgcworfcn — eine und eben dieselbe Person mit dem Kahlkopf und ein Bauchredner — Bruder!?" Aber Albano war ihr schon entflogen. 134. Z y k e l. Albano wollte seinen Freund früher befreien als rächen; daher wollte er erst zu Schoppe eilen und dann znm Oheim. Aber als er an des letzten: erleuchteten Zimmern vorübcrging, erfaßte ihn ein plötzlicher Zorn und er mußte hinauf. Der lange, hagere Oheim ging dem aufgebrachten Jüngling mit der Dohle auf der Hand langsam entgegen. Albano warf ihm ohne Umstände seine Doppel-Rolle, sein himmelschreiendes Zerstören Schoppens und die Blendwerke gegen ihn selber mit Flammcnangcn vor und forderte Antwort und Rache. „Ja, ja, (sagte der Spanier, seine Diablesse streichelnd) ich habe die Pistolen — ich habe keine Zeit, keine Zeit znm Reden." — „Sie müssen sie haben" sagte Mbano. „Ich habe keine cleo patre et lilio et spioitu suncto teotillus; cs ist bald zwischen 11 und 12 und der Finstere steht hier." — 282 „Himmel! wozu diese einfältige tragische Szenerie? O Gott, ist es denn nicht möglich, das Ihr einmal ein Mensch seid (sagte Albano, mit Grausen in seine Gesichtshaut blickend, die durchaus nicht freudig und nicht liebend ausschcn konnte), daß Ihr erschrecken, erröthen, bereuen, Euch erfreuen könnt? — Was wußten Sie von meinem Schoppe, da Sie sich einst im Keller bei Ratto als Kahlkops anstelltcn, als wüßten Sie eine fürchterliche That von ihm?" — „Niemand braucht etwas zu wissen (versetzt' er), man sagt zum Menschen: ich kenne deine verruchte That, der Mensch denkt zurück, er findet so eine."— „Aber was hatt' er Ihnen gethan?" fragte Albano erschüttert. Er versetzte trocken: „Er hat zu mir gesagt: Du Hund! — Es schlägt 1l Uhr, ich sage nichts mehr, als was ich will." Hier brachte der Spanier zwei Pistolen und einen Sack, wies ihm, daß sie nicht geladen wären, bat, eine zu laden (er gab ihm Pulver und Blei), aber die andere nicht. „In den Sack, jede in den Sack (sagt' er), wir looscn!" Je kühner, je besser, dachte Albano. Der Spanier rüttelte beide um, und ersuchte Albano, mit dem Fuße auf eine zu treten zum Wählzeichen. Es geschah. „Wir schießen zugleich (sagte der Oheim), sobald cs die zwei Viertel ausschlägt." — „Nein, (sagte Albano) schießet bei dem ersten Schlag, ich bei dem zweiten." — „Warum nicht?" versetzte jener. Sie stellten sich in den entgegengesetzten Zimmer-Winkeln einander gegenüber — mit den Pistolen in den Händen den Schlag halb zwölf Uhr erwartend. Der Spanier machte im stummen Horchen die Augen zu. Als Albano in dieses geschlossene Büsten-Gcsicht sah, kam ihm vor, als könne an einem solchen Wesen gar keine Sünde begangen werden, ge- 283 schweige ein Todtschlag. Plötzlich murmelten im leisen Zimmer sünf Stimmen durcheinander, als kämen sic von den alten Philosophen-Büsten an den Wänden; der Vater des Todes, der Kahlkopf, die Dohle schienen zu reden und eine unbekannte Stimme, als sei es der sogenannte Finstere. Sie sagten unter einander: „Finsterer, nicht wahr, ich habe keine Wahrheit gesagt? -— Ich bringe sünf Thräuen, aber kalte — Ich trage die Räder des Leichenwagens aus dem Kopf — Ich führe das Pantherthier am Strick — Ich schneid' es los — Ich zeige mit dem weißen Finger ans Ihn -— Ich bringe den Nebel — Ich bringe den kältesten Frost — Ich bringe das Schreckliche." — Hier that es den ersten Glockcnschlag und der Spanier schoß ab — bei dem zweiten feuerte Albano — beide standen unverwundet da; Pulvcrdampf zog umher, aber eine Zersplitterung erschien nirgends, als sei die Kugel nur eine mit Quecksilber gefüllte gläserne gewesen. Mit grimmiger Verachtung sah ihn Albano wegen der vorigen Stimmen an: „ich mußte," sagte der Oheim. Plötzlich brach der Lektor athemlos herein, den Julienne abgeschickt, um einen wahrscheinlichen Zweikamps zu hindern. „Graf! (stammelte er) ist etwas geschehen?" >— „Es muß (versetzte der Oheim) in der Nähe etwas geben, der Dampf zog herein; wir wollten uns eben zur guten Nacht umarmen." Er klingelte und befahl dem Bedienten, den Wirth zu befragen, wer so spät noch abseucre. Albano staunte und konnte scheidend nur sagen: „es sei! Aber fürchtet den Wahnsinnigen, den ich loskette!" — „Ach thut's nicht!" sagte der Spanier und schien zu fürchten. Augusti begleitete ihn auf die Gasse und ließ ihn nur 284 nach dem Ehrenworte los, nicht wieder hinauf zu gehen. Albauo aber flog noch in der späten Nacht dem Hause des Jammers und dem gekränkten Herzen zu. 135. Z y k e l. Kaum hatte Albano dem Jrrhaus-Inspektor, einem jungen glatten rothen Männchen, seinen Namen, den dieser schon kannte, und sein Gesuch um Schoppc's Freiheit sammt seiner Bürgschaft für ihn bekannt gemacht: so lächelte der Inspektor ungemein vergnügt ihn an und sagte: „still beobacht' ich seit Jahren das ganze Haus — die kleinsten Züge hasch' ich für ein künftiges philosophisches Publikum; und so legt' ich's sehr ernsthaft auch auf Hrn. Schoppen an. Aber nie, mein Herr Graf, nie ertappt' ich ihn über einem Zuge, der Tollheit versprochen hätte; alle meine englischen und deutschen Werke darüber liefet er vielmehr und bespricht sich mit mir über die Heilanstalten in Irrenanstalten. Ein Fichtianer kann er scyn (aus seinem Ich schließ'ich's) und ein Humorist auch; ist nun aber eines von beiden schon schwer von Verrückung zu trennen, wie viel mehr ihre Einigung! Mit welcher Freude über das Zusammentreffen unserer Beobachtungen ich Ihnen hier den Schlüssel zu seiner Stube gebe, das denken Sie sich selber!" — „Wenn er kein Narr ist (sagte seine Frau), warum zerschlägt er denn alle Spiegel?" „Eben darum (versetzte der Inspektor); ist er aber einer, so ist dein Mann ein noch größerer." Keine Thür öffnete Albano je beklommener als die zu Schoppens kleinem Zimmcrchcn. „Ich hole dich ab, mein Bruder," rief er sogleich, um sich und ihm Schamröthe zu 285 ersparen; aber als er den alten Löwen näher sah, fand er ihn in dieser Fanggrube ganz Verwandelt, nicht zahm, kriechend, wedelnd, aber cntzweigeschlagen und mit zcrbrochncn Tatzen aus die Erde gedrückt; — die Anklage des Mords, die er rechtschaffen eingcräumt, verbunden mit Gaspards unbarmherziger Verurthcilung, hatten seine stolze freie Brust mit giftiger Scham gefüllt und zerfressen. „Es geht mir hier wohl, nur verspür' ich mich unpaß," sagte Schoppe mit glanzlosem Auge und tonloser Stimme. Albano konnte die Thronen nicht verbergen, er schlang sich um den Kranken und sagte: „großmüthiger Mensch, du gabst mir eiust in meiner Krankheit Genesung und Heil zurück und ich wußte es nicht und dankte dir nicht, gehe mit mir, ich muß dich in der dcinigcn pflegen, dich heilen und trösten, wie ich kann, dann reisen wir." „Glaubst du, mein Kriton, (versetzte er, durch den Balsam seines wunden Stolzes gestärkt) daß ich ctwan kein Sokrates bin, sondern wirklich hcrausgche ans meinem torrs äsl Äo8olo? Ein Ehrenwort ist eine dicke Kette." — „Erzähle mir alles, verschone niemand; aber ich sage dir darauf eine Neuigkeit, an der sogleich deine Kette schmilzt" sagte Albano. „Ei! — Indessen ist der Ort hier seines Orts gut genug, wie gesagt ein torre elel lllosobo, eis Voltkiirs und Lbrlbss^sars's 8trsnt und wie man sonst sagen mag und soll — Auch hör' ich immer Nachts einen oder den andern Mann neben mir an sprechen; und so furcht' ich gar nicht, daß der Ich kommt. Ich werft täglich fünf Brodkügclchen; bilden sie ein Kreuz, so bedeutet cs — denke was du willst — daß ich mir noch nicht erscheine — Sie machen aber immer eines. Ich bin hier in diesem Antichra über so manches Wahnbild so beruhigt worden — auch durch jene Bücher — 286 sich sie an, lauter Traktate über den Wahnsinn >— daß ich, wcnn's auch meinen Mordian *) eben so wenig anstcckt wie mich, gern hier gewesen seyn will. Mein Umgang ist freilich nicht ohne Gefahr, cs ist das Jnspektorats-Ehepaar sein Reim), die beide das hiesige Kerkcrficbcr tüchtig weghaben. Der Mann hat sich — und dadurch der Frau — die fixe Idee in den Kops gesetzt, er sei unser zeitiger Inspektor und habe aufzuhclsen, auszusehcn und treffliche Bücher zu lesen, die in sein Amt einschlagen — jene Traktate sind vom Narren — Vcrmuthlich hat er draußen in der Stadt seine Jnspektorats- Jdcc zu breit vorgucken lassen, und das medizinische Kollegium steckte ihn mit seiner brauchbaren Idee herein, weil sie am Ende doch jeder Inspektor zum Amthircn haben muß, er sei toll oder nicht. Unter allen hier im Hause gefallen wir uns beide am meisten. Er sondirtc mich zu meinem Vorthcil; und ich kann ihn sehr brauchen zur Freiheit, nur greif' ich seinen faulen fixen Fleck nicht an. Blos einen Abcndsegen — weil sic kein Gebetbuch haben — improvisir' ich oft beiden vor und flechte in den Segen Winke, die kurmäßig für das Paar seyn könnten, wenn's wollte. So wandeln wir beide in den Jrrgängcn dieses Irrgartens vor den Pazicnten vorbei — hinter ihm, dem unheilbaren Hub von allen, geh' ich ganz tolerant — im Kränzchen herrscht allgemeine Polemik und Skepsis wie in keinem andern Univer- sitätsgcbäude-Es ist zum Tollwcrdcn, sagt er leise zu mir; cs ist zum Tollseyn, sagt man in diesem U-üais ck'e^a- Ute> versetz' ich — Ich schneide ihm die Pazicnten in Schatten aus für sein Manuskript — Wie die Kinder noch etwas seinen Hund. 287 haben, das ihnen selber kindisch verkommt, so haben die Tollen etwas, das ihnen selber toll erscheint — Deutlicher aber wcrd' ich ihm nie und halte schärseru Spaß au mich. Ach was ist der Mensch, zumal ein gcschcidter, und wie dünn sind seine Stecken und Stabe!--Rührt dich etwas an mir, Albano? Etwan mein dummes blasses Gesicht?" Aber Albano könnt' cs ihm unmöglich gestehen, daß dieser umgebrochene edle Mensch mit seinen Täuschungen und sogar mit seinem Style, dessen Flügel auch gerädert waren, ihm die Thräncn in die Augen treibe, sondern er sagte blos: „ach ich denk' an vieles; aber erzähle doch endlich, Lieber!" — Schoppe hatt' es aber schon wieder vergessen, was er erzählen sollte; Albauo nannte den Ablauf der Portrait-Geschichte bei der Gräfin und jener fing an: „Die Prinzessin Julienne sprang eben in ihren Wagen, als ich das blinde Mädchen die Treppen hinaufsührtc, um sagen zu lassen, Bibliothekar Schoppe sei aus Spanien da. Ich wurde in ein verfinstertes Gemach gelassen, worin ich ruhig aus und abging, auf Leute passend, bis die Gräfin mich grüßte aus dem Dunkeln. „„Die Fiustcrniß (sagt' ich) ist mir bei dem Lichte, das ich zu geben habe, erwünscht, nur möcht' ich lieber irisch oder lettisch oder spanisch sprechen, weil ich nicht weiß, wer mich behorcht."" — „„Spanisch!"" sagte sie ernst. Ich erzählte ihr, ich hätte deine Mutter gekannt und gemalt und so weiter und meinen Namen ins Bild- niß ciugcschwärzt — lange darauf, neulich im Herbste, hält' ich Sie selber auf hiesigem Marktplatz angctrosscn und für das Spiegelbild deiner Mutter genommen, so ähnlich sei sie ihrer eignen — „„Ich weiß nicht, fuhr sie hier mit hitzigem Stolz zwischen meine Narrazion, in wiefern Ihre Geheimnisse zu 288 meinen werden können."" — „„Dadurch (sagt' ich ernst), daß Sie mich nach Licht klingeln lassen; denn ich halte das Portrait der Fran von Ccsara und von Romeiro, zweier Namen Einer Person, hier in der Hand."" Sic faßte nichts, fragte nichts und ich sollte nicht klingeln. Ich bekannte ihr, daß ich mich gcnöthigt sähe, mit der rhetorischen Schach-Figur mich zu decken, die man allgemein die Wiederholung der Erzählung nennte; und griff zur Figur. Aber sobald ich darin wieder auf deinen Namen kam, sagte sie: „„ich hätte vcr- mnthlich ganz aufgehobene Verhältnisse im Sinne"" — „„nein, (sagt'ich) ein ewiges und hcrgcstclltes Hab' ich darin, auch seinen Gruß voll innigster Achtung mit."" — Der Gruß schien ihr empfindlich zu fallen, gleichsam als halte man sie einer solchen Versicherung für bedürftig, und sie bat mich, dich lieber wcgzulassen. „„Himmel! er ist Ihr Bruder und hier Hab' ich das Portrait Ihrer Mutter aus Valencia gestohlen bei mir, und nur kein Licht!"" „Da wurde Licht gefordert. Als die Flamme die lange treffliche Gestalt in Gold cinfaßtc, sagte ich geradezu bei mir selber: „„sie war cs so gut werth als der Bruder, daß man den langen Weg nach beider Stammbaum zog, denn sie ist nicht ohne ihre Annehmlichkeiten."" — Albano, wär' ich ihr Bruder, wie du die Ehre hast, mein Blut müßte, wenn sie eine Gondel, aber keinen Paradiescsfluß dazu hatte, für sie schiffbar sehn, ich trüge sie aus den Händen nicht nur, sondern wie ein Acguilibrist aufMsc und Mund, die Leidliche! Kaum sah sie das Bild, so ries sie: „„Mutter, Mutter!"" und fuhr immer über die Augen, klagend, daß sic jetzt noch schlechter wären als sonst. Ich hob wieder das Schaben an und grub endlich vor ihren Augen meinen ganzen Namen Lusbioulcl aus, sogar mit dem Beisatz, der mir entfallen war: liel-t Stzlir. „„Der Maler hieß so? (fragte sie.) Sie sind's? — Sic liebten sic auch?"" —- „„Schönheit ist eine Klippe (versetzt' ich ernst), an der denn ein und der andere Mann zn scheitern sucht, weil sie voll Perlen und Austern sitzt."" Freundlich bat sie mich um die deutlichste Wiederholung der Wiederholung, sie wolle besser aufmerkcn; Hören und Denken wcrd' ihr jetzt so schwer als leben. Albano, Ihr hättet mich mit mehr Vorkenntnisscn zn ihr abschickcn sollen. So aber wurd' ich halb verwirrt und neblig, und als ihr unter meiner Schilderet der Längste-Insel etwas Nasses aus den Augen sprang, sank ich in den Tropfen hinein und ersoff beinahe darin und wurd' erst spät von mir ins Leben gerieben. Endes meiner Rede stand sie langsam auf, faltete die Hände und betete mit Weinen, als wenn sie dankte: ,,„o Gott, o Gottl Du hast mich geschonet! "" — Was ich doch nicht ganz versiehe." Albano verstand's wohl, daß sie dem Schicksal für die zufällige Verspätung Schoppens dankte, welche sic mit der kurzen, aber furchtbaren Verwandlung Albano's in einen Bruder verschonet hatte. „Sie brach darauf in zn vielen Dank gegen den Maler, Räuber und Lieferanten des gemalten Geburtsscheins aus. Wem das Herz wie ein Arm eiugcschlafcn und schwer und sühllos zu bewegen ist, dein durch- und übcrläuft's das erwachende Glied sehr närrisch, wenn cr's regt: „„weniger (sagt' ich) könnt' ich nicht thun für den H. Bruder; die Sonnenseite ist dann die Mondscite."" — Sic sprang auf deinen Vater über und fragte, da er sogleich komme, ob sie oder ob Jean Paul's ausgew. Werle. XII. lg 290 ich ihm diese Räthscl vorlegen sollte. „„Oder lieber beide!"" versetzt' ich kaum, da trat er wild ein. „Nun ist Gaspard freilich und entschieden dein dir und der Schwester angeborner Vater — und kindliche Liebe gegen ihn ist dir nie zu verdenken; — aber wenn ich zu dir sagen wollte, er sei kein Bär, kein Nashorn, kein Währ- und anderer Wolf, so thät ich's mehr aus seltener Politesse. Er schnaubte mir einen guten Abend zu, ich ihm. Viele Menschen gleichen dem Glas, glatt und geschliffen und stumpf, so lange als man sie nicht zerbricht, dann verflucht schneidend und jeder Splitter sticht. Die Sache wurd' ihm vorgehalten und das mitgcbrachte Gcsichtsstück. Wärst du weitläufiger mit ihm verwandt, so ließ' ich mich heraus. Denn sein Gesicht wurde vom Nordschein des Grimms überzogen, aus den Augen flogen mir gelbe Wespen zu, gerade Linien fuhren auf seiner Gewitterstirn wie elektrische Spieße auf, besonders zwei steilrechte Unglückslinicn. Aber, wie gesagt, bist du meines Wissens sein Sohn. „„Mein Freund (donnert' er los), mit welchem Rechte stehlet Ihr denn Gemälde?"" — „„Das sollte mir (versetzt' ich sanft) schwer anzusagen fallen; aber ein Unvermögen Hab' ich, einem ungerechten Truge zuzuschauen, ich fahre d'rein."" „„Gräfin, (sagt' er dampfend) in drei Minuten sollen Sic diesen Herrn genau kennen."" O nein, nein! Er brauchte ein anderes Wort als Herr, aber ich greis' ihn einmal dafür an die Brust und ständen wir auf den höchsten Stufen deS Gottesthrones und rängen im Glanz." --„Schoppe!" sagte Albanv. „Erhitze mich nicht!" versetzte Schoppe und fuhr fort: „Er klingelte — ein Bedienter flog mit einer Karte — wir alle schwiegen — „„Nachsicht, Gräfin, (sagt' er) nur auf 291 eine Minute lang!"" — Er gab ihr darauf einige elende Hof-Novitäten, sie aber blickte schweigend zur Erde. Da kam dein langer Oheim, nickte 16 mal mit dem kleinen Kops, denn das hält er für eine Verbeugung — und trat weit von mir weg. „„Bruder, sage blos, was hat dieser Herr da hinter Valencia gcthan?"" — „„Umgcbracht, nmgcbracht"" sagt' er schnell. „„Unter welchen Umständen?"" fragte dein Vater. Hier fing er an, die kleinsten bei meinem Nothschuß auf den Kahlkopf so unbegreiflich-scharf vorzulegcn, daß ich sagte: „„das ist wahr!"" und selber sortsuhr und immer fragte: „„nicht so?"" —- und er hurtig nickte — bis ich am Ende war, dann fragt' ich: „„aber Spaniard, sagt's bei Gott! woher wisset Ihr es denn?"" „„Von mir"" antwortete eine fremde, dumpfe Stimme, ganz wie des Kahlkopfs seine. „Das Herz wurde mir kalt wie eine Hundsschnauzc und die Zunge voll Stein. „„Als convictus und contes8»8 (fing dein Vater an) könnet Ihr Euch nun leicht Euer Schicksal prophezeien."" — „„Freilich, (murmelte der Oheim, packte sein Schnupftuch aus und ein, faßte das Gemälde an und legt' es weg) prophezeien, prophezeien."" — „„Inzwischen (fuhr dein Vater fort) bleibt es Euch frcigestcllt, ob Ihr bis zu näherer Untersuchung Mtt des Gefängnisses, das Euch für den Mord und Diebstahl gehört, den gclindcrn Ort, das Jrr- haus, das Euch für Euere Reise gebührt, erwählen wollt; wählet Ihr nicht, so wähl' ich."" — „„Ins Tollhaus, ins Tollhans, (rief ich) wahrer Geselligkeit wegen, aus meine Ehre — Aber ich frage nach nichts, auf dem Waschzettel meines Gewissens steht kein Mord — Brennt Ihr Euch nur weiß und rein —.Euer Sonnen- und Ehrcnwagen geht bis an den Radnagcl in Koth — Gräfin, lasset Euch doch alles 19 * 292 bestens aufklären und denkt unaufhörlich an mich, um einen Vater zu bekommen, freilich dem Landesvater der Studenten gleich, der in einem Loch durch den Hut besteht."" — „„Tritt weiter weg (sagte dein Vater zu deinem Oheim), die Tollheit ist ausgcbrochen." Da that der Hase achtzehn Sätze über Schwellen und Treppen hinüber. Ich vollzog mein eignes Marsch- und Sitzrcglcment. Dein Vater wedelte mir noch mit einem leckenden Flammcnblick nach; ich lud Gift in mein Auge und sah ihn unter der Thnre davon niedcrstürzeu."- Albano fuhr zusammen, fragte nach dem Wie. Da schwieg Schoppe, sann lange und sagte betrübt: „das hat mir wol freilich nur geträumt, aber so meng' ich jetzt den Traum ins Wahre und umgekehrt. Ich sollte mehr über Schoppe gerührt seyn — xr ist doch ein Greis, und Greise weinen gleich dem Eulcnspicgcl, wenn es bergab geht." — „Ich will dich nun trösten, mein Freund, (sagte Albano mit zerrissener Brust) ich will einen Jrrthum von deinem treuen Herzen nehmen und dann gehst du gewiß mit mir; dieser Kahlkopf, unser Spötter und Gaukler, ist nach dem heiligen Worte meiner Schwester eine und dieselbe Person mit meinem Oheim, und ist ein Bauchredner." Lange stand Schoppe wie todt, als Hab' er nicht gehört, plötzlich stürzte er mit ausblühcndem Gesicht, mit funkelnden Augen auf die Kniee und stammelte: „Himmel! Himmel! Verrücke mich! - Das Weitere thn' ich-" Hier macht' er eine böse abwürgendc Bewegung mit den Händen und sagte erstarkt: „ich kann dir folgen." Jetzt könnt' er das wirklich, vorher aber kaum stehen Und so führte Albano den unglücklichen gereizten Freund betrübt in seine eigne Wohnung. 293 136. Z y k e l. Albano wandte nun alles an, was Freundschaft im Vermögen hat, den edlen Kranken wieder innerlich und äußerlich ausznrichtcn und zu verjüngen. Besonders suchte er den Steg, worüber alle seine Saiten gezogen waren und den der Ritter und sein Bruder vor Linda umgcrisscn hatten, wieder anfznstcllcn, nämlich sein stolzes Bcwnßtseyn, das an der grausamen Dcmüthignng so sehr darnieder lag. Wie nur reine Bruder-Achtung und heiliges Anbctcn einer göttlichen Reliquie einen wunden Stolz sanft erwärmen und beleben kann, so versucht' cs der biedere Albano. Allein ohne Gcnug- thuung am Spanier, dem Anstifter des Unheils und dem Verführer des Ritters, laufe, wie Schoppe selber sagte, sein Rückgrat nie wieder steilrecht und sein Rückenmark bleibe gebogen. Nur Albano's Duell mit dem Oheim war frisches Wasser für ihn; cs mußte ihm mehrmals erzählt werden. Sein durstiger Wunsch war, so gesund zu werden, als er zum Kriege mit dem Spanier brauchte, und dann als ein Toller ihm die Beichte aller Streiche und Gauklcreicn aus einem Sterbebette, woraus er ihn zu legen dachte, abzupresscn: „dann (jetzt' er jedesmal lächelnd hinzu) kann cs mir wol egal sehn, ob die Welt rund wird oder eckig, und nach Frankreich ist mein erster Schritt." Albano mußte dieses griechische Feuer des Zorns, das am Ende zur stärkenden Kur des durch Dcmüthignng erfror- nen Körpers wirkte, immer tiefer unter sich brennen lassen, dq jedes Löschen es nur nährte; nur mußt' er wachen, daß er keine freie einsame Minute bekäme, um brennend zu entspringen 294 und den Spanier anfznsuchen. Mbano wich Tag und Nacht nicht von seinem Kanapee-Lager, auch aus andern Gründen. Denn war Schoppe einsam und sein Mordian schlief (den er niemals weckte, weil der Hund, sagt' er, offenbar träume und da in idcalischcn Welten fliege und schnuppere, wovon auf den Gaffen der wirklichen kaum eine Schatten-Spur zu wittern sei), war er also allein mit dem stillen Thier (denn wacht' es, so statt' er Gesellschaft genug) und sein Blick fiel zufällig auf seine Beine oder Hände: so fuhr seine kalte Furcht über ihn her, daß er sich erscheinen und den Ich sehen könne. Der Spiegel mußte verhangen werden, damit er sich nicht fände. Seine Nachte waren ohne Schlaf, aber die Träume gingen nackt und keck um ihn. Albano opferte ihm leicht seine gesunden Nächte, könnt' aber doch nicht alle Träume des Freundes, diese Gespenster, die sonst vor Lebendigen entfliegen und einfinken, von dannen treiben. Sie schlichen und blickten in Winkel-Schatten der Stube. — Einst gegen Mitternacht war Albano hinausgegangen und traf wiedcrkommend ihn an, wie er eben mit einer Hand die andere fing und sagte: „wen Hab' ich da, Mensch?" — „O guter, bester Schoppe, (rief Albano halbzürnend) solche grundlose Spiele! Eben so gut könnte ein Finger den andern fassen!" — „Ja freilich," versetzt' er. „Aber höre (sagt' er leise, und kauerte sich, bückte den Kopf und wies mit dem rechten Zeigefinger über die Nase hin in die Höhe), du nanntest mich Schoppe — so heiß' ich nicht, aber ich darf meinen Namen nicht aussprechen, der Ich, der mich so lange sucht, hört's und fährt her — Ein langer Leichenstein liegt aus dem Namen. Schoppe oder Keioppius könnt' ich mich sehr wohl nennen, weil mein vielnamiger Namensvetter und Namensvater (im Bayle steht alles) sich selber bald so, bald so hieß, bald Jumperc d'Amone, bald Dcnig Vargas, oder Grosippe, oder Krigsöder, Sotclo, bald Hah. — Daß der Mann noch wirklicher Titular-Fürst von Athen und Herzog von Theben war durch ottomannischc Kanzler und Gnade, muß ich ganz zu vergessen scheinen, wenn ich Malthescr Bibliothekar bleiben will. In der That trat ich sonst in Gasthöfe noch mit manchem Namen ein, der dem nach- setzendcn Ich prächtig mitspielte und vormachte, z. B. Löwen- skiould, Leibgcber, Graul, Schoppe ohnehin, Mordian (den ich meinem Hund schenkte), Sakramentirer und einmal llulen — manche kann ich ganz vergessen haben — Der wahre ist (sagte er scheu lispelnd) ein ß oder 8—s*) — Gib mir eine dritte Hand her — Aus Todtcnkleidern wird der Name heraus- gcschnitten und ich liege darin schon unter dem Grabe. — „„Ich bin ich"" das waren zwar des alten hübschen Swifts Endworte, der sonst wenig sagte in seiner so langen Tollheit — Ich möcht' es aber nicht wagen, so bei mir zu sehn — Nu, getrost, die unendliche Weisheit hat alles geschaffen, auch Tollheit in Menge. — Aber Gott gebe nur, daß Gott selber niemals zu sich sagt: Ich! Das Universum zitterte auseinander, glaub' ich, denn Gott findet keine dritte Hand." Albano schauderte über den Sinn des Unsinns — Schoppe schien Eis — dann warf er sich plötzlich an die Bruder-Brust *) 8 — s heißet Siebenkäs. Nus den Blumen-, Frucht- und Dornenstücken ist bekannt, daß Schoppe früher SiebenkäS sich genannt — dann diesen Namen an seinen ihm bis zum Gesichte ähnlichen Freund Leibgeber abgegeben, von dem er den (einigen angenommen — und daß der Freund sich zum Schein ein Grabmal als Siebenkäs errichten lassen. 296 —> beide sprachen nichts über die Sache — und Albano fing heitere Schilderungen vom glücklichen Hcsperien an. So bracht' er pflegend, schonend, liebkosend, geduldig und einsam die Tage, die er gern zu seiner Flucht aus Deutschland verwendet hätte, mit dem kranken Freunde zu; und liebte ihn immer heftiger, je mehr er für ihn that und ausstand. Er wollt' cs durchaus vom Schicksal nicht leiden, daß eine solche Welt voll Ideen ihrem Erdbrand und ein so freies Herz voll Redlichkeit dem letzten Schlage näher komme. Schoppe hatte in des Jünglings Herzen sogar noch ein größeres Reich als Dian; denn er nahm das Leben freier, tiefer, größer, muthigcr; und wenn Dians Lebcnsgesetz Schönheit war, so hieß seines Freiheit, und er ging, wie unser Sonnensystem, nach dem Gestirne des Herkules zu. Aller Bitten ungeachtet nahm er keine Heilmittel vom D. Sphex; denn er habe schon, sagt' er, sich einem alten bekannten Praktiker und Kreisphysikus anvertrauet, der Zeit. Er verstattete Sphexen gern, ein Rezept aufznsctzen, cs zu bringen, sah es willig durch, disputirte über den Inhalt, merkte an, eS sei leichter ein Gesundhcitsrath zu scyn als einen Gesundheitsrath zu geben, und er sehe wol, daß er seinen Zustand treffe, weil er ihn schwächend behandle, was bei Wahnfinnigen das Erste sei; aber er setzte dazu, er begehre eben keine Vernunft, sondern nur ein Paar tapfere Schenkel zum Gehen und Stehen und ein Paar gefüllte Arme zum Zuschlägen und übrigens sei er ihm gram, weil er Hunde zerschneide. Auch Albano nahm zuletzt an, habe Schoppe nur Muskelkräfte zu einer geselligen Reise mit ihm wicdergcwonncn, so fliehe der Wahnsinns-Traum, worein ihn die ungesellige gewiegt, leicht von selber hinweg. 297 Immer führ er den Arzt am meisten an. Einst sagte dieser: „folgen Sic wenn nicht mir, doch Ihrem zweiten Ich" nnd zeigte auf Albano. „Znm Teufel, (versetzt' er) mein zweites Ich, das möget Ihr selber sehn — ich scheue mich genug davor — aber der da ist gewiß, das vcrhoff' ich, kaum mein sechstes, zwanzigstes oder dergleichen Ich." — Jndcß blieb Sphex bei der Meinung, seine sthcnischc Schlaflosigkeit, die wechselnd die Tochter nnd die Mutter seiner Fieberbilder, zumal des Kahlkopfs sei, versperre die Kur und müsse schwächend bezwungen werden. Als einstmals Dian, der seinen Freund Albano oft besuchte, dieß vernahm, fragte er, warum man ihn nicht geradezu mit der Nachricht, der Spanier sei aus Furcht vor ihm abgercisct, etwan nach Frankreich, täuschen und heilen wolle. Albano versetzte: „wahrlich ich wollt' es gern sagen, aber ich kann's nicht, ich könnte eben so gut Gott oder mir eine Lüge sagen wollen." — „Einbildungen! (sagte Dian) ich sag's ihm selber." — „Wessen ich mir auch gleich vom Spaniard versehen habe," versetzte Schoppe aus die offizinellc Rezept-Lüge. Als Dian sort- gcgangcn war, fragt' er Albano: „sitz' ich jetzt nicht viel kühler und eisiger da? Und zwar seit der Kahlkops in Frankreich ist, bin ich fast so ein neuer Mensch. Freilich lüg' ich, aber Dian log früher." Endlich entschloß sich der Arzt, ihm geradezu einen Schlaftrunk in sein Getränk zu mischen. Albano erlaubt' cs. Schoppe bekam ihn; glühte und phantasierte einige Minuten lang, endlich stieg der Nebel des Schlafs nnd überdeckte bald den Kranken. Albano besuchte da nach langer Zeit das Grün der Erde und das Blau des Himmels wieder und seinen Dian in Lilar. 298 Wie viel war seitdem verändert, durch einander, über einander gestürzt! Wie viele Blätter waren wieder Knospen geworden! Und mancher Schaum des Lebens, der weiß und zart und leicht ihn sonst erfreuet hatte, erkältete jetzt als graues, schweres Wasser seine Brust, und er hatte außer seinen Levcns- muth fast wenig behalten. Bei Dian hört' er von neuen Veränderungen, von des Fürsten nahem Sterben, von Jdoincns nahem Kommen zur Schwester vor der Trauer. Wie wunder- bar-verstört schlug seine Seele aus ihrem Winter-Schlafe in den warmen Sonnenschein, den dieses Ebenbild Lianens um sein Leben legte, die Augen auf! — In mancher stillen Nacht neben Schoppens Geister-Lagcr war ihm schon, seitdem Julienne ihn zum erstenmal die Erscheinung dieses FriedcnscngelS ohne den Schleier sehen lassen, die vorige Zeit und Liebe wie ein Himmel ferner Sterne wieder aufgegangcn, und in dem Helldunkel der von Schlaf entkleideten Träume sah er auf dem Meere der Zeit eine ferne, ferne Insel — hinter sich, oder vor sich, wußt' er nicht — wo eine weiße abgewandte Gestalt Lianen gleich oder ähnlich schwebte und als Nachhall sang — Jetzt dicht nach dem Stcrbemonat des Bruders folgte der Sterbemonat der Schwester Liane. Wär' es möglich, daß die Ucbcrirdische aus dem stillen Spiegel der zweiten Welt, und aus dessen unabschlichcn Fernen herausträte wieder in den irdischen Luftzug und nach der Verklärung wieder verkörpert hier ginge? Aber die Freundschaft forderte Raum für ihre Schmerzen und diese Wolkcn-Bilder wurden bald von ihr bedeckt oder umgestürzt. Er war nicht im Stande, so sehr er's auch wünschte, von Schoppe eine Beschreibung jener Heilungs- Nacht zu fordern, ja nur zu leiden, worin Jdoine Liane ge- 299 wesen; und doch war diese Gestalt der einzige lebendig-spielende Juwel im Todtenring an dem Skelet der harten Zeit, das vor ihm stand. Welche Tage! Was ihm die Gräber nicht wegschlangen, hatte die Erde dahin genommen, und Gaspard, sonst sein hoher Vater auf einem reinen Thron des Himmels, war nun seiner Phantasie mit fürchterlichen Höllen-Kräften und Waffen nach unten erschienen, auf einem Throne des Abgrunds sitzend. — Desto milder umfloß ihn nun, als er in Dians Hause war, die stillere Gegenwart, der Gedanke des ruhenden Freundes, der Anblick des nahen Traum-Tempels, wo Liane einmal Jdoine gewesen, und die Verkündigung, daß das Ebenbild der Geliebten nahe. Er malte sich den süßen und bittcrn Schrecken ihrer Erscheinung vor ihm; denn wie in dem Strome die hinübergebogne Blume nicht nur ihr Bild, auch ihren Schatten entwirft, so ist sie Liancns schönes Bild und Schatten zugleich — und in der Lebendigen würde ihm eine Verlorne und eine Verklärte zugleich erscheinen. Unter diesem träumerischen Helldunkel und Abendroth, aus Vergangenheit und Zukunft zusammcngefloffen, kam er in sein Haus zurück. Ein scharfer Blitzstral schlug weiß über das träumerische Roth, sein Schoppe war nach wenigen Minuten des Zwangschlafs wild aufgefahrcn und wahnsinnig entsprungen, niemand wußte wohin. Der Arzt kam und sagte entscheidend, entweder Hab' er sich ins Wasser gestürzt oder jeden andern, er sei wild dahin gerannt und habe noch seinen Stockdegen mitgenommen. 300 Vier und dreißigste Jobelperiode. Schoppe's Entdeckungen — Liane — die Kreuzkapclle — Schoppe und der Ich und der Oheim. 137. Z y k e l. !^a Schoppe seinen großen Dcgcnstock mitgenommen: so vcr- muthetc Albano, daß er als Würgengel zum Spanier gegangen. Er eilte in den Gasthof des Oheims. Ein Bedienter sagte ihm, ein Rothmantcl mit einem dicken Stocke sei da gewesen und habe vor den Herrn gewollt, aber man habe ihn ans des letztem Befehl ins Schloß geschickt, unterdessen sei der Herr nach dem Prinzcngarten abgcreiset, um dem starken Bruder- entgegen zn gehen. Albano fragte: „Wer ist der starke Bruder?" „Dero Herr Vater," versetzte der Bediente. Albano eilte auf das Schloß. Hier war lausende Verwirrung um-das Krankenbette des Fürsten, der es bald mit dem Para- debctte zu vertauschen drohte. Eilige Diener begegneten ihm. Einer könnt' ihm sagen, er habe einen Rothmantcl ins große Spicgclzimmer gehen sehen. Albano trat hinein, cs war leer, aber voll seltsamer Spuren. Ein großer Spiegel lag auf der Erde, eine Tapetcnthür darhinter stand offen, ein offnes Souvenir, Räder und weibliche Kleidungsstücke waren um einen wächsernen alten Kopf verstreuet. Ihm war, als seh' er etwas, was er schon gesehen, und konnte sich's doch nicht nennen. Plötzlich erblickte er in einem Eckspicgcl tief hinter seinem jungen Gesicht sich noch einmal, aber mit Alter bedeckt, und dem wächsernen Kopfe ähnlich. Er blickte sich um, ein crhob- ner Spiegel-Zylinder schloß ihm gleichsam die Zeit ans und er sah in ihrer Tiefe sein graues Alter. Schauernd verließ er das sonderbare Gemach. Eine Kammerfrau Jnlicnncns stieß ihm auf, sie konnte ihm sagen, daß sie den „Schatten-Schneider" im rothcn Mantel mit einem Perspektive in der Hand über den Schloßhof habe hinausgehen-sehen. Er eilte nach, da kam ihm Angusti unter dem Thorc entgegen mit der Bitte des Fürsten, ihn noch einmal zu besuchen; „jetzt unmöglich, ich muß erst den wahnsinnigen Schoppe wieder haben" versetzt' er. In seiner Brust lebte nur der Freund; auch nahm er den Fürsten nur für die Maske seiner sprechsüchtigen Schwester. „Ich sah ihn auf dem Wege nach Blumcnbühl" sagte der Lektor. Er flog davon. Am Thore wurde Angnsti's Nachricht von der Wache bestätigt. Ans der Blumenbühler Straße begegnete ihm der Wagen des Hospredigcrs Spener, der zum Fürsten fuhr. Albano fragte nach Schoppe. Spener berichtete, er habe mit ihm, da er vor einem einzelnen Hause einer kranken alten Beichttochter wegen eine Stunde lang gehalten, viel gesprochen, ihn gesund, ungemein vernünftig, nur älter und zurückhaltender als gewöhnlich gefunden. Aus die Frage nach seinem Wege, versetzte der Hosprediger: er sei nach der Stadt. Das schien ihm unmöglich, aber Spener's Leute bestätigten cs vom Grünrock. Albano sprach von einem rothen Mantel, alle und Spener blieben bei dem grünen Rock. Er kehrte wieder um in sein eignes Haus, wo vielleicht 302 ihn selber, dacht' er, Schoppe suche und erwarte. Der Leibeigne des Doktors, der hagere Malz, sprang ihm mit der Nachricht entgegen, Herr v. Augusti Hab' ihn eben gesucht und der kranke Herr sei zum alten Thor hinaus spazieren gegangen in einem neuen grünen Rock. Es war die Straße nach dem Prinzcngartcn, die er nach Albano's Vcrmuthung gewiß genommen, sobald ihm des Spaniers gleiche kund geworden. Draußen wurde sie durch Faltcrlc bestätigt, welcher erzählte, er habe bei dem Ausritt ihn cingeholt und sogleich befragt: „wohin so eilig, Herr Bibliothekar?" darauf sei er still gestanden, Hab' ihn ernsthaft angesehen und die Antwort gegeben: „wer sind Sie? Sie irren sich" und sei fortgegan- gcn. Albano fragte nach der Kleidung: „in grüner", versetzte Faltcrlc. Jetzt war sein Weg entschieden. Der müßige Reiter konnte sogar bekräftigen, daß der Oheim früher denselben genommen. Spät Abends kam Albano im Prinzcngartcn an. Er sah einige Wagen an dem Hofe des kleinen Gartenschloffcs. Endlich begegneten ihm Leute seines Vaters, die ihm sagen konnten. Schoppe sei ruhig, froh und lange in dem Garten mit einem Herrn von Hasenreffcr aus Haarhaar umhergegan- gcn und mit ihm nach der Stadt gefahren. „An einem Menschen hat er doch wieder einen Schutzgeist und Wärter" dachte Albano, und der kalte Regen, der ihn bisher quälte, war weggezogcn, obgleich der Himmel noch trübe blieb. Er wich mit seinem angegriffnen Herzen, das in dieser Landschaft nur von einem dunkeln Horizont umgeben war, jeder Gesellschaft und dem Lustschloß aus. Fern vorübergehend wagt' er cs, einen traurigen Blick auf die Schlummcrinscl zu werfen, wo Roquairols Grabhügel, wie ein ausgebrannter Vulkan, neben 303 der weißen Sphinx zu scheu war. „Still liegt endlich das unbändige Schwungrad um, aus dem Strom der Zeit gehoben, nur mit dem Grabe schloß sich der Jannstempel deines Lebens zu, du gequälter und quälender Geist," dachte Albano voll Mitleidcn, denn er hatte den Tobten sonst so sehr geliebt. Droben auf dem Gartenbcrg mit einem Lindcnbaum ruhte seine sanfte Schwester, der freundliche, liebliche Fricdcnsengel mitten im Kricgsgctümmel des Lebens, Sie der ewige Friede, wie Er der ewige Krieg. Er beschloß hinauf zu gehen und allein oben bei der Himmelsbraut zu scyn und auf dem den Blumen geweihten Boden das Beet aufzusuchcn, unter welchem ihre Blumen-Asche sich vor den Stürmen zugedcckt. Da er den Vorsatz nur dachte, so drangen Thränenströmc wie Schmerzen aus seinen Augen; denn die bisherigen Nachtwachen und Sorgen hatten ihn träumerisch-aufgclösct und so manches Unglück in so kurzer Zeit dazu, das ihm das schöne feste Leben von einem Ende zum andern mit giftigem Stachel und Zahn durchgrabcn hatte. Als er in der noch mondlosen, aber sternrcichen Dämmerung, worin nur der Abendstcrn der Mond war, gleichsam ein kleinerer Spiegel der Sonne, den Hügel hinaufging: sah er aus dem Prinzeugarten ein Paar graugeklcidete Menschen heftig winken, als wollten sie ihm den Gang verbieten. Er ging unbekümmert weiter, ja er wußte nicht einmal, ob nicht sein vom Wachen glühendes und von Lebens-Stößen erschüttertes Gehirn ihm diese Gestalten wie aus einem Hohlspiegel vor- slattcrn lasse. Wie in einen griechischen dachlosen Tempel trat er in den heiligen Kloster-Garten der stillen Nonne, worin der Lindenbaum laut sprach und die stillen Blumen wie Kinder über 304 der Ruhenden spielten und sich neigten und wiegten. Hoch und weit gingen die Sterncnbogen wie schimmernde Ehrenbogen über die kleine Erdenstclle her, über den geheiligten Ort, wo sich Linnens Hülle, das kleine Licht- und Rosen- wölkchcn, niedergcsenkt, als cs den Engel nicht mehr zu tragen hatte, der in den Acthcr gegangen war und aller Wolken nicht mehr bedurfte. Plötzlich erblickte der schaudernde Albano Linnens weiße Gestalt an die Linde gelehnt und gegen den Abcndstcrn und die Abcndröthc gewandt; lange schancte er an der seitwärts gekehrten Gestalt die himmlisch-hcrabsteigcnde Antlitz-Linie an, womit Liane so oft als eine Heilige unbewußt neben ihm gestanden — noch glaubt' er, ein Traum, der Proteus der menschlichen Vergangenheit, ziehe das Luftbild aus dem Himmel hernieder und spiel' cs vor, und er erwartete das Vergehen. Es blieb, aber ruhig und stumm. Hinkniccnd, wie vor der offnen Pforte des weiten langen Himmels voll Verklärung und Gottheit, und aufgerissen ans den Erden-Thälern, rief er aus: „Erscheinung, kommst du von Gott, bist du Liane?" und ihm war, als stcrb' er. Schnell blickte die weiße Gestalt sich um und sah den Jüngling, sie stand langsam auf und sagte: „ich heiße Jdoine, ich bin unschuldig an der harten Täuschung, sehr unglücklicher Jüngling." — Da bedeckte er seine Augen, aus schnellem Schmerz über die Wiederkehr der schweren kalten Wirklichkeit. Darauf sah er die schöne Jungfrau wieder an und sein ganzes Wesen zitterte vor ihrer verklärten Achnlichkcit mit der Todtcn: so lächelte sonst Lianens zarter Mund im Lieben und Trauern, so öffnete sich ihr mildes Auge, so ging ihr seines Haar um das blendend-weiße, gefällige Angesicht, so war ihr ganzes schönes Gcmüth und Leben aufrichtig in ihr Antlitz 305 gemalt — Nur stand Jdoinc größer da, wie eine Aufcrstan- dcnc, stolzer und länger ihre Gestalt, blasser ihre Farbe, denkender die jungfräuliche Stirn. Sie konnte, da er sic so schweigend und vergleichend anblickte, sich der Rührung über den getäuschten Unglücklichen nicht erwehren, nnd sie weinte, und er auch. „Betrüb' ich Sie auch?" sagte er in höchster Bewegung. Mit dem Sprachtone der Jungfrau, die unter den Blumen lag, sagte unschuldig Jdoinc: „ich weine nur, daß ich nicht Liane bin." Schnell setzte sic hinzu: „ach diese Stelle ist so heilig, und doch ist's der Mensch nicht genug." — Er verstand ihre Selbst-Rüge nicht. Ehrfurcht und Offenherzigkeit und Begeisterung bemächtigten sich seiner, das Leben stand glänzend aus der engen, bangen Wirklichkeit ans, wie aus einem Sarg, der Himmel sank näher herzu mit hohen Sternen und beide standen mitten unter ihnen: „Edle Fürstin, (sagt' er) hier entschuldigen wir uns beide nicht — Die heilige Stelle nimmt, wie eine zweite Welt, das Fremdseyn weg — Jdoinc, ich weiß cs, daß Sie mir einst den Frieden gegeben und vor der verborgnen Hülle des Geistes, in dessen Sinne Sie sprachen, dank' ich Ihnen hier." Jdoinc antwortete: „ich that cs, ohne Sie zu kennen, und darum könnt' ich mir den kurzen Gebrauch oder Mißbrauch einer entfliehenden Achnlichkcit erlauben. Hätt' cs von mir abgchangcn, so hätt' ich Sic nie mit einer so unbedeutenden, wie eine äußere ist, doch so schmerzlich erinnert. Aber ihr Herz verdient Ihr Andenken und Ihre Trauer. Man schrieb mir. Sie wären nicht mehr in Lindcnstadt." — Sie suchte jetzt zum Fortgehen zu eilen. „In einigen Tagen (antwortete er) werd' ich auch reisen. Ich suche Trost im Kriege Iran Paul'S ausgcw, Werke. XII. 20 gegen den Frieden des Grabes und der Wüste, der mein Leben stille macht." — „Ernste Thätigkcit, glauben Sie mir, söhnet zuletzt immer mit dem Leben auS" sagte Jdoine, aber die ruhigen Worte wurden von einer bebenden Stimme getragen, denn durch Hülse ihrer Schwester hatte sie das ganze graue Regenland seiner Gegenwart vor das Auge bekommen und ihr Herz war voll ticsen Mitlcidcns gegen die Menschen. Er sah sie hier schars au, ihre Nonnen-Augcnlicdcr, die immer unter dem Sprechen sich über die ganzen großen Augen nicdersenkten, machten sie einer entschlummerten Heiligen so ähnlich; — er wurde von ihren letzten Worten an ihr fruchttragendes Leben in Arkadien erinnert, wo der bunte Blütcn- staub ihrer Ideen und Träume, ungleich dem schweren todtcn Goldstaub des bloßen Ncichthums, leicht im heitern Leben flatternd, unbemerkt belebend, endlich feste Wälder und Gärten auf der Erde ausbrcitctc — alles in ihm liebte sic und rief: nur sie könnte deine letzte wie deine erste Liebe sehn — und sein ganzes Herz, durch Wunden offen, war der stillen Seele aufgethan.A Aber ein ernster, harter Geist schloß es wieder zu: „Unglücklicher, liebe keine mehr, denn ein dunkler Würgengel geht hinter deiner Liebe mit dem Schwert, und welche Rosenlippe du an dich drückst, diese berührt er mit der scharfen Schneide oder mit der Giftspitze, und dann vergeht oder verblutet sic." — Er sah schon den Glanz dieses Schwerts im langen Dun- lkcl ziehen; denn Jdoine hatte das Gelübde gcthan, nie unter ihrem Fürstenstande die Hand zum Bunde der Liebe zu reichen. So standen beide geschieden neben einander in Einem Himmel, eine Sonne und ein Mond, durch eine Erde 'getrennt. Sie beschleunigte ihre Entfernung. Albano hielt es nicht sür recht, sie zu begleiten, da er jetzt errieth, daß die graugeklcidetcu Menschen, die ihm znrückgewinket, ihre Bedienten gewesen, die ihr Einsamkeit zusichcrn sollen. Sic reichte ihm an der Gartcnthüre die Hand und sagte: „leben Sie glücklicher, lieber Gras; einst hoff' ich Sie so glücklich wieder zu finden, als Sic sich machen sollen." Die Berührung der Hand wie einer himmlischen, die sich aus den Wolken gibt, durchströmtc ihn mit einem verklärten Feuer jener Welt, wo Aufcrstandnc leicht und schimmernd schweben, und die hohe Ehrfurcht gebende Gestalt begeisterte sein Herz; — er konnte nicht sagen, was er in sich besiege und bedecke, aber auch kein anderes kaltes verkleidetes Wort; — er knieetc nieder, drückte ihre Hand an die Brust, sah weinend an den Sternenhimmel und sagte blos: „Frieden, Allgütiger!" — Jdoiuc wandte sich eilig ab und ging nach einigen schnellen Schritten langsam den kleinen Hügel in den Prinzcngarten hinunter. Nach wenigen Minuten sah er die Fackeln ihres Wagens durch die Nacht fliegen, in der sie gern zu reisen wagte. Um den Hügel war cs dunkel, die Abcndröthc und der Abendstern waren untcrgcgangcu, die Erde wurde ein Rauch und Schutt der Nacht, am Horizont bauetc ein Trauergerüst von Wolken sich auf. Aber in Albano war etwas unbegreiflich Freudiges, ein lichter Punkt in der Finsterniß des Herzens. Und als erden Leucht-Atom anschauctc, breitete er sich aus, wurde ein Glanz, eine Welt, eine unendliche Sonne. Jetzt erkannt' eres, cs war die rechte unendliche und göttliche Liebe, welche schweigen kann und leiden, weil sie nur Ein Glück kennt, aber nicht das eigne. Er war erfreuet über das Ucbcrhüllcn seiner Brust und über seinen Entschluß, sic nicht wieder zu sehen in der Stadt. 20 * 308 „So still (sagt' er halb betend, halb sprechend) will ich Sie ewig lieben — ihre Rnhe, ihr Glück, ihr schönes Streben bleibe nur heilig und ihre Gestalt mir verdeckt und fern wie die ihrer Himmels-Schwester — Aber wenn die Schlacht für das Recht ansängt und die Töne neben den Fahnen in die Höhe wehen und das Herz eifriger schlägt, um stärker zu bluten, dann ziehe dein Bild, o Jdoine, mir im Himmel voran und ich streite für dich; und wenn im Getümmel ein unbekannter Würgengel die giftige Schneide über die Brust zieht: so will ich im ermattenden Herzen dich sesthalten, bis mir die Erde vergeht." Er sah sich nach diesem Gebete heiter um auf dem Gottesacker des jungfräulichen Herzens, er fühlte, Liane allein dürf' cs wissen und sie wcrd' ihn segnen. 138. Z y k c l. Albano konnte in einer Gegend, in welcher die einzelnen Säulen und Bogen des zerstörten Sonnentempels seiner Jugend umherlagcn, keine Nacht znbringen: sondern er begab sich traurig-träumend auf den Weg zur Stadt. Unterwegs fand er den Landschafts-Direktor Wehrfritz zu Pferd, der ihn suchte. „Herr Sohn, (sagt' er) es sind mir von deinem intimen Freunde, Herrn Schoppe, die wichtigsten Sachen zu Händen gestellt worden, die ich nur in deine eignen wieder aus- zuhändigcn habe, was ich denn hiemit eilig thue. Denn Muße Hab' ich bei Gott wenig, der Fürst ist diesen Abend mit Tod abgegangen vor Schreck, weil jemand sagte, sein alter Vater, der ihm zum Todes-Anzeichen soll znm zweitenmal zu erscheinen versprochen haben, sei im Spiegelzimmcr zu sehen, was 309 aber nur, hör' ich, was von Wachs gewesen. Es sind die Sachen, die ich auszulicscrn habe, erstlich ein Perspektiv, womit du deine Mutter und Schwester gemalt sehen wirst sich bediene mich mit Fleiß Herrn Schoppens eigner Ausdrücke), zweitens ein geschriebenes Paqnet, addrcssirt an: „Albano, erzogen bei.Wchrfritz," das noch halb in einer zerschlagnen schwarzen Marmorstuse steckt, und drittens dein Portrait." Das Portrait stellte Albano im jetzigen Alter dar, fand man — so viel die Sterne zu sehen gönnten — indcß er sich doch nie malen lassen. Die schwarze Marmorstuse und das Perspektiv brachten ihm die Prophezeiung seines Vaters auf Isolu llsllu*) vor die Seele: ihm werde in einem Bildcrkabinet eine weibliche Gestalt aus der Wand entgegen treten und ihm einen Ort aufschreiben, wo er die schwarze Stufe, und vorher einen zeigen, wo er das Perspektiv zu finden habe, dessen Okularglas ihm aus dem alten Bilde seiner Schwester ein junges kenntliches und dessen Objektivglas aus dem jungen Bilde seiner Mutter ein altes kenntliches machen werde. Albano that ängstliche Fragen nach Schoppe und der Fundgeschichte der seltsamen Fracht. „Mit H. Schoppe geht cs gut genug (antwortete Wchrfritz), er muß hier in der Nähe scyn mit einem fremden Herrn." Albano fragte nach seiner Kleidung; diese wurde zu seinem Erstaunen wieder aus einer grünen zur rothcn. Kaum hatte Wchrfritz die wunderbare Geschichte, wie Schoppe jene Wunderdinge übcrkam, zu geben angefangcn: so unterbrach Albano, der daraus die Auslösung der väterlichen Prophezeiung abnahm, vor Erwartung den Bericht mit der Bitte, ihn zu der nahen Krcuzkapelle zu 9 Titan I. Band S. 40 u. s. w. 310 begleiten, um welche mehrere Laternen standen. Er hatte beide Medaillons immer bei sich, und war jetzt so begierig, das Angesicht seiner Mutter durch das Objektivglas zu sehen, so wie das Papier zu lesen. Bei der äußersten Laterne hielten sie, Albano nahm das Medaillon der veralteten Gestalt hervor, worunter stand: norm no»8 verror>8 UN jour, mou tröi-6, er besah cs durch das Okularglas: siche, das alte Gesicht war das junge seiner Julienne. Vertrauend und ungestüm hielt er das altmachcnde Glas ans junge Bild, worunter stand: nou8 ne noim veiron8 sunini8, mon til8 — ein freundliches ans einem langen Leben hcrnbcrlächclndcs altes Gesicht erschien, dessen erblicktes Urbild ihm in einer tiefen, dunkeln Erinnerung lag, aber namenlos; Von Linda's Mutter hatt' es indcß keinen Zug. Anf^einmal hört' er eine bekannte Stimme: „ecco eceo! —> Mein Ncven, mein Herr!" Es war Albano's Oheim, der den schwarzgekleideten, wehklagenden Schoppe zu ziehen schien und weinerlich den Neffen anrcdetc: „ach, Ncven! O ich sage die Wahrheit, nur Wahrheit pour janik>i8." Er sah lachend aus und glaubte zu weinen. Der Schwarzrock trat näher, wurde ein Grünrock und sagte: „Herr Graf, täuschen Sie sich keine Minute, unsre Bekanntschaft beginnt mit einem gemeinschaftlichen Verlust." — „Mein Schoppe, (sagte Albano erschüttert) kennst du mich nicht mehr?" — „O wär' ich cs jetzt! Ich heiße Siebenkäs," versetzte der Grünrock und hob jammernd die Hände in die Höhe. „Er liegt aber da in der Kapelle (sagte der Spanier), ich will alles so wahrhaftig erzählen, daß es schön ist. Ich glaube nicht, daß der Finstere kommt." — Albano warf einen Blick in die Kapelle und mit einem Schrei des Schmerzens stürzt' er darnieder. 311 139. Z y k e l. Schoppens Geschichte war nach Wehrfritzcns nnd des Oheims Aussagen diese: er war aus dem Nothschlnmmer glühend aufgefahren, aus dem schnaubenden Streitroß der Nachsucht gegen den Spanier wnrd' er fortgerisscn. Im Gasthofe des letztem wies ihn der Bediente mit einer Lüge nach dem Schlosse. Hier gelangt' er, im verworrenen Getümmel um den leidenden Fürsten, ungefragt, ungesehen in das Spicgel- zimmer, wo er einmal die Gräfin Linda um Jdoinens Friedenswort für den wahnsinnigen Freund gebeten hatte. Als der Zylinder-Spiegel, der die langen Jahre des Alters auf das junge Gesicht gräbt und Moos nnd Schutt der Zeit darauf schüttet, ihm sein Bild vermooset und verrasct entgegen warf, sagt' er: „ho ho, der alte Ich steckt wo in der Nähe" und schaucte grimmig umher. ' Aus den Spiegeln der Spiegel sah er ein Jchs-Volk blicken. Er sprang aus einen Stuhl, um einen langen Spiegel losznmachen. Indem er den Nagel desselben rückte, schlug in der Wand eine Uhr zwölsmal. Hier fiel ihm die Weissagung Gaspards ein, die sein Freund ihm auvcrtranct hatte, nnd alle Regeln, die diesem zur Lösung der Näthsel vorgc- schricbcn waren. In der Weissagung war zwar die Rede von einem Bilderkabinette, aber ein Spiegelzimmer ist auch eines, nur flüssiger nnd tiefer hinter der Wand. Er nahm (folgsam den von Gaspard gegebnen Regeln) den Spiegel herab — fand nnd öffnete die Tapctcnthür in der Größe des Spiegels — die hölzerne weibliche Gestalt mit dem offnen Souvenir in der Linken und dem Crayon in der Rechten saß dar- hinter — er drückte (nach der Vorschrift) den Ring am linken 312 Mittelfinger — die Gestalt stand, innen rollend, aus — trat in das Zimmer hinaus — hielt an der entgegengesetzten Wand still, zeichnete daran mit dem Crayon in der Hand eine Linie herab, er zog die Wandlciste ans -— das Perspektiv und der wächserne Abdruck des Sargschlüffels lagen in einem Fach darhintcr — Jetzt drückt' er den Ringfinger, die Figur setzte den Crayon aufs Souvenir und schrieb: Sohn, gehe in die Fnrstcngruft in der Blumcnbühlcr Kirche und öffne den Sarg der Fürstin Eleonore, so findest du die schwarze Stufe. — Wenn das geschehen, hatte der Ritter zu Albano gesagt, und die Marmorstnse doch nicht im Sarge gefunden sei: so soll' er den dritten Ring am Ohrfingcr drücken, worauf etwas geschehe, was er selber nicht vorauswissc. Schoppe versuchte vorher, eh' er in die Blumcnbühler Kirche ging, den Druck dieses Fingers — die Figur blieb stehen — aber innen fing es zu rollen an — die Arme dehnten sich aus und fielen ab — Räder rollten heraus — endlich zerlegte sich die ganze Gestalt durch einen mechanischen Selbstmord und ein alter Kops von Wachs erschien. Hier ging Schoppe davon, um nach Blumcnbühl zu laufen und aus der Gruft die Leuchte für dieses Nachtstück zu holen. Eben waren Mittags Kirche und Gruft — vielleicht weil man dem neuen sterbenden Höhlen-Gast Raum vorbereitete — offen gelassen. Ohne erst den wächsernen Schlüssel in einen eisernen zu verwandeln, erbrach er ungestüm mit einem Arbeitseiscn den Sarg und holte die Marmorstufe und Alba- no's Portrait schnell heraus. Er zerschlug jene hinter einem Busch. Als er die Aufschrift las, untersucht' er nicht weiter; er eilte in Albano's Haus, um alles zu übergeben. Beide aber suchten sich wechselseitig umsonst. Jndeß traf er den 313 rechtschaffenen Wchrsritz an, durch welchen allein er eine so wichtige Beute abschickcn konnte; er selber war jetzt dem Todfeinde, dem Spanier, auf der Spur und keine Gewalt könnt' ihn ans der zornigen Jagdbahn treiben. Bei Sonnenuntergang erblickte Schoppe den Spanier, der aus dem Prinzcngartcn dem Ebcnbildc Sicbenkas entfliehend, ihm in die Hände gelaufen kam — Er erstarrte vor des Wahnsinnigen Anblick, rief: „Herr und Gott, seid Ihr hinter mir und vor mir? seid Ihr roth und grün" — und stürzte seitwärts in die alte Krcuzkapcllc hinein, nm die heil. Jungfrau kniecnd anzurnfcn. Schoppe spannte seine Konturs- schwingcn aus, schoß hinzu und schlug sie vor der Kapelle zusammen: „dreh' dich um, Spaniard, ich fresse dich von vorne" sagte er. „Heilige Mutter Gottes, hilf mir, — guter böser Geist, steh' mir bei, o Finsterer!" betete der Kahlkopf.— „Rutsche herum, Spitzbube, ohne weitern Spaß," sagte Schoppe, indem er mit dem gezognen Stockdegcn in der Luft von hinten ein Hufeisen vor dessen Gesicht beschrieb. Er drehte sich elend aus den Kniecn herum und der Kopf hing schlaff vom Halse herab. Schoppe fing au: „nun Hab' ich dich, Misscthätcr, du betest mich ohne Nutzen aus den Kuicen an -— ich habe das Richtschwcrt — toll bin ich auch — in wenigen Minuten, wenn wir uns ausgesprochen haben, stcch' ich gegenwärtigen Stockdegen in dich — denn ich bin ein Toller voll fixer Ideen." — „Ach Herr, (versetzte der Kahlkopf) Ihr seid gewiß sehr verständig und bei Verstand und bei sich, ich bitte zu leben, cs ist so große Todsünde das Todtmachen." — Schoppe versetzte: „von meinem Verstände ein andermal! In etkizis Hab' ich dich schon erschossen, nun will ich die Todsünde und den Gewissensbiß nicht umsonst 314 hcrumtragcn, sondern mich in natura dazu thun, du Seelen- Henkcr, du Hcrz-Trcpan!" „Schoppe, Schoppe!" ries es jetzt einigemal von Fernen mit Albano's Stimme. Er sah sich schnell um, nichts war zu scheu. „Guter Schoppe, (fuhr er sort) lasse meinen Oheim gehen!" Jetzt entbrannte Schoppe und hob den Dolch zum Stich: „Du gar zu versteinerter Bauchredner! Sollte man nicht gleich ins Zeug hincinstechcn wie in ein blcssirtcs Pscrd? Sichst du denn nicht den höllischen verdammten Mord und Todtschlag vor der Nase, deinen Pcstwagen schon angespannt, das ausgcpolstertc Gerippe des Todes in mein Fleisch gesteckt und jetzt die Sense heben? — Beichte, Spaniard, um Jesus Willen, beichte, Fliege, eh' ich spieße, steche! Etwas präkavirst du dich doch damit vor dcu Teufeln in der Hölle; bist sonst drüben ein ganz ruinirter Mann." „Wo sitzt der Pater? Ich beichte ja wol" sagte der Spanier. „Hier steht dein Galgenpatcr, schau' die Schur", sagte Schoppe, vom gebückten tonsurirten Kopf dcu Hut ab- schüttclud. „Hört meine Beichte! — Aber Nachts leidet cs der Finstere nicht, daß ich die Wahrheit sage — er kommt gewiß, er holt mich, Vater, räuchert mich, wässert mich ein gegen dcu Teufel." „Sties-Bcichtsohn und Dieb, bin ich dir nicht Bcicht- patcrs und Beichtvaters genug, der dich schon cinwässcrn wird? Sage nur, Hund, alles, ich absolvire dich und schlage dich dann todt zur Pönitenz. — Sage an, du Krönungsmüuze des Teufels, bist du nicht der Kahlkops und der Vater des Todes und der Mönch zugleich, dessen Figur voll Gas in 315 Mola gm Himmel fuhr, und hattest Bauchrednerei und Wachsbildern und einige Spitzbüberei bei der Hand?" „Ja, Vater, Bauchredncrie und Wachsbildnerie und den Spitzbuben. Aber der böse Geist war überall dabei, ich sagte oft nichts, und es wurde doch gesagt und die Gestalten liefen." — „Mordian, (sagte Schoppe darüber ergrimmt) fass' den Hund! — Noch lügst du, du Kloak ins Paradies gegraben, noch ins Ohr der großen Parze hinein, du mimische Mumie, dein Todtenkopf ohne Lippe und Zunge regt sich noch zur Lüge? O Gott, was sind deine Menschen!" „O Pater, nicht Lügen! Aber der Finstere will sic Nachts, ich habe einen Bund mit ihm angcstiftet -— Ich Hab' ihn heute Abends gesehen, er sah wie Ihr aus und grün — O Maria, o Pater, ich habe die Wahrheit gesagt, dort kommt er grün -— o Pater, o Maria, und hat Eure Gestalt und ein feuriges Auge in der Hand —- —" „Niemand hat meine Gestalt (sagte Schoppe erschüttert) als der Ich." „O umguck'! Der böse Geist kommt zu mir — absol- vire — stich — ich will wegsterben!" — Schoppe schauetc sich endlich um. Der schreitende Abguß seiner Gestalt bewegte sich her — das Fcucrauge in der Hand stieg in das Gesicht — die Jchs-Larvc war grün gekleidet — „Böser Geist, ich bin doch in der Ohrenbcichtc, du kannst nicht her, ich bin heilig" ries der Spanier und faßte Schoppen. Ihn faßte der Hund. Schoppe starrte die grüne Gestalt an — der Degen entfiel ihm. „Mein Schoppe, (rief sie) ich suche dich, kennst du mich nicht?" „Lange genug! Du bist der alte Ich — nur her mit 316 deinem Gesicht an mcin'S und mache das dumme Seyn kalt" rief Schoppe mit letzter Manns-Kraft. „Ich bin Sicbcn- käs," sagte das Ebenbild zärtlich und trat ganz nahe. — „Ich auch. Ich gleich Ich" sagt' er noch leise, aber dann brach der überwältigte Mensch zusammen und dieser reinigende Sturm wurde ein seufzendes, stilles Lüftchen. Mit weiß werdendem Gesicht, krampfhaft sich selber die starren Augen zuziehend. stürzte er um. die spielenden Finger schienen den Hund noch anznlocken und die Lippen wollten sich zu einem Spott- wort spitzen, das sie nicht sagten — Sein Freund Sicbcnkäs. der nichts errathcn konnte, hob weinend die kalte, festgcschlos- sene Hand an sein Herz, an seinen Mund und rief: „Bruder, blick' ans, dein alter Freund aus Vaduz steht ja neben dir und sicht dich in der Todcsnoth, er sagt dir tausend Lebewohl. Lebewohl!" — Das schien durch die dem Leben noch offnen Ohren ins brechende Herz noch süße Töne der alten lieben Zeit und heitere Träume der ewigen Liebe zu führen — Der Mund fing ein kleines Lächeln an, von Lust und Tod zugleich gezogen — die breite Brust stieg noch einmal voll auf zu einem frohen Seufzer — cs war der letzte des Lebens und lächelnd blieb der Verstorbne auf der Erde zurück. Nun hast du hieuicden geendigt, strenger, fester Geist, und in das letzte Abend-Gewitter aus deiner Brust quoll noch eine sanfte, spielende Sonne und füllte es mit Rosen und Gold. Die Erdkugel und alles Irdische, woraus die flüchtigen Welten sich formen, war dir ja viel zu klein und leicht. Denn etwas höheres als das Leben suchtest du hinter dem Leben, nicht dein Ich, keinen Sterblichen, nicht einen Unsterblichen, sondern den Ewigen, den All-Ersten, den Gott.- 317 Das hiesige Scheinen war dir so gleichgültig, das böse wie das gute. Nun ruhst du im rechten Sehn, der Tod hat vom dunkeln Herzen die ganze schwüle Lebens-Wolke weggczogen, und das ewige Licht steht unbedeckt, das du so lange suchtest; und du, sein Stral, wohnst wieder im Feuer. Fünf und dreißigste Jobelperiode. Sicbenkäs — Beichte des Oheims — Brief von Albano'S Mutter — das Kronrcnncn — Echo und Schwancngcsang der Geschichte. 140. Z y k e l. ^angc lag Albano im einsamen finstern Abgrund, bis endlich Licht die Schlucht und die grüne Höhe erleuchtete, von welcher er herunter stürzte. Das sonst lcbcnssarbige männliche Gesicht des Freundes lag weiß vor ihm, der rothc Mantel erhöhte noch den Lcichcnschncc. Der Hund lag mit dem Kopfe auf der Brust, als woll' er sic wärmen und schützen. Als Albano den nackten Degen sah: blickte er im Kreise umher, schauderte vor dem kalten Oheim, vor dem lebendigen Brudcrbildc des Todtcn und vor dem ersten Argwohn zwischen fremden und Selbstmord und fragte leise: „wie starb er„ Durch mich (sagte Siebenkäs), an unserer Aehnlichkeit, er glaubte sich zu sehen, wie dieser Herr hier versichert." Der Oheim erzählte einige Punkte, Albano kehrte Ohr und Auge von ihm ab; aber in den warmen Wiedersehen: der befreundeten Gestalt senkt' er den Blick, dem das Tageslicht der Freundschaft unter- gegangcn war. Siebcnkäs schien sich in einer seltenen männlichen Haltung zu behaupten. Auch Albano, der jüngere Freund, verbarg seinen Jammer, daß er so viel verloren und 319 daß nun sein Waisen-Herz ansgcsetzt sei wie ein hülfloscs Kind in die Wüste des Lebens. Wehrfritz fragte ihn, ob er ihm ein Pferd zur Reise in die Stadt noch schicken solle? „Mir? Ich jemals mehr in die Stadt? (fragte Albano.) Nein, guter Vater, ich und Schoppe gehen heute in den Prinzengartcn." Er entsetzte sich vor der bloßen schwarzen Kirchhofs-Landschaft der Stadt, wo einmal ein goldner Sonnenschein und Lanbcngänge und Himmels- Pforten voll Blumengewinde für ihn gcblühct hatten. O der junge Honig der Liebe, der alte Wein der Freundschaft, beide waren ja vom Schicksal in Gräber gegossen! — Der Todte wurde in das neue Schloß des Prinzcngartcns gebracht. Nur Albano und Siebcnkäs folgten ihm nach. Als sie allein waren, sah Albano erst, daß der Freund seines Freundes bebe und wanke und daß bis jetzt nur der Geist den Körper getragen. „Nun wir beide (sagte Albano) dürfen voreinander trauern; aber nur Ihnen glaub' ich. Gott wie war denn sein Ende?" Siebcnkäs ließ vor ihm die letzten Mienen und Laute des Armen vorübergchen. „O Gott, (sagte Albano) er starb nicht leicht, wenn der Wahnsinn der Monate zu Einer Minute wurde — reißend mußte der Höllenflnß scyn, der ein so festes Leben wegriß." — Siebcnkäs nahm schwer den Glauben an dessen Wahnsinn an, weil der Todte so oft in seinen schönsten Momenten ans ähnliche Weise verkannt- worden; aber Albano überwand ihn endlich. Er erzählte weiter, daß er ans der Heimreise begriffen gewesen, als ihn die wiederholte Verwechslung seiner Person mit dem Todten aus die Vcrmuthnng geleitet, hier müsse sein lang entbehrter Lcibgcbcr wandeln, wicwol er vor der ersten Erscheinung und Vergleichung sich fast fürchten müssen: „denn, H. Gras, (sagt' 320 er) Jahre und Geschäfte, juristische vollends, ach das Leben selber ziehen den Menschen immer weiter herab, anfangs aus dem Acther in die Lust, dann aus der Lust auf die Erde — Wird er mich keimen? sagt' ich. Ich bin ja nicht mehr, der ich war, und die phyfiognomische Aehnlichkeit möchte wol die einzige und festeste noch geblieben scyn. Aber auch diese war vergangen; der Selige sieht noch aus wie vor 10 Jahren. O nur eine freie Seele wird nicht alt! — Herr Graf, ich war sonst ein Mann, der einen und den andern Spaß mit dem Leben trieb und mit dem Tode auch und ich konnte aus- rufen: Himmel! wenn die Hölle aufging und derlei mehr- Ach Leibgcber, Leibgcbcr! Die Zeit hat weiche, kleine Wellen, aber am Ende wird doch der eckigste, schärfste Kiesel darin glatt und stumpf." — „Zählen Sic mir jede Kleinigkeit seiner Vorzeit (bat Albano), jeden Thautropfcn aus seinem Morgcnrothc zu, er war so karg mit seiner dunkeln Geschichte!" — „Und das gegen jeden (sagte der Fremde). So viel will ich Ihnen einmal aus wahren an Ort und Stelle gesammelten Datis beweisen, daß er ein Holländer ist wie Hemstcrhuis und eigentlich LsL8 heißet wie Vaillants Affe, woran er Sieben oder Leven gesetzt; denn Sicbcnkäs ist sein erster Name. Aus der Amsterdammcr Bank bezog er seine Jntraden. An jedem Neu- »jahrsabend verbrannt' er die Papiere des vorigen Jahrs; und wie seine clnvis I^eibAeberlnun bekannt geworden, begreif' ich noch nicht." — Darauf erzählte er ihrcu ersten Namen-Wechsel, wo Schoppe von ihm den Namen Leibgebcr annahm, dann jede Stunde und That seines treuen Herzens gegen den vorigen Armen-Advokaten, dann ihren zweiten Namentausch, wo Sicbcnkäs sich namentlich begraben ließ und 321 als Leibgebcr fortfuhr, und ihren ewigen Abschied in einem voigtländischen Dorf. Als Siebenkäs hier stand bei der Erzählung, faßte er die kalte Hand mit den Worten: „Schoppe, ich dachte, ich fände dich erst bei Gott!" und neigte fich weinend über den Todten. — Albano ließ seine Thränen stürzen und nahm die zweite todte Hand und sagte: „wir fassen treue, reine, tapfere Hände." — „Treue, reine, tapfere, (wiederholte Siebenkäs und sagte mit einem Schoppischen Lächeln:) sein Hund steht zu und bezeugt es einmal." Aber er wurde von der Bewegung blaß und sah jetzt ganz wie der Todte ans. Da berührten er und Albano finkend fich auf dem kalten Gesicht und Albano sagte: „sei auch mein Freund, Lebendiger, wir können uns lieben, weil er uns liebte. — Blasser, deine Gestalt sei das Siegel meiner Liebe gegen deinen alten Freund." Albano riß jetzt das Fenster auf und zeigte ihm ein Grab in Osten und eines in Süden neben dem offnen dritten in der Nacht und sagte: „so weint' ich dreimal über das Leben." — Siebenkäs drückt' ihm die Hand und sagte blos: „die Parzen und Furien ziehen auch mit verbundnen Händen um das Leben, wie die Grazien und die Sirenen." Er sah den seltenen schönen feurigen Jüngling mit innigster Liebe an; aber Albano, der nur wenig geliebt zu seyn voraussetzte und den die Feuerzeichen eines Dians und Roquairols verwöhnt, wnßt' es nicht, wie sehr er das ruhigere Herz gewonnen hatte. 141. Z y k e l. Am Morgen kehrte mehr Sonne und Kraft in Albano's Brust zurück. Er mußte nun in der plattgedrückten Ebene Iran Paul'« ausgew. Werke. XII. 21, 322 seines Lebens sich den Berg selber verheben. Nur Pestitz wieder zu sehen, wo alle Turnirgcnossen seiner glänzenden Tage verschwunden waren, den einzigen Dian ausgenommen, verabscheuet«! er; „hat dieser sein Grab aus der Brust, so zieh' ich und scheide von niemand" sagte er. Da langte der verhaßte Oheim mit den Wagen voll Zauberstäbe an und sagte weinerlich, er geh' ins Karthäuser- Kloster, büße sür viele Sünden, und er wolle vorher dem Neffen gern alles erklären, sowol mit Worten als mit den Wagen, was er begehre. „Ich glaub' Euch nichts" sagte Albano. „Jetzt darf ich alle Wahrheit sagen, denn der Finstere thut mir nichts, ich denke, Lousin (versetzte der Spanier) — ist der da (setzt' er leise mit einem scheuen Blick aus Sicbenkäs dazu) nicht der Finstere, Lousia?" Albano wollte nichts wissen und hören. Sicbenkäs fragt' ihn, wer der Finstere sei. „Es sei der unendliche Mann (begann er), sehr schwarz und finster, und sei zum erstenmal vor ihn geschritten über das Meer her, als er an der Küste stand vor einem Nebel — Nachts Hab' er ihn oft rufen hören und zuweilen Hab' er seine Bauchredcn wiederholt — er sei ihm sogleich erschienen mit einer Hand voll Drohungen, sobald er nach Sonnenuntergang viele Wahrheiten gesagt, daher Hab' er sich in der Krcuzkapellc vor dem gegenwärtigen Herrn sehr gefürchtet —- aber jetzt, seitdem er sich ohne allen Schaden in der Kapelle bekehret habe, sag' er den ganzen Tag Wahrheiten und im Karthänser-Kloster gedenk' cr's noch mehr." „In Klöstern wohnen sie sonst eben nicht, daher wird, glaub' ich, eben das Gelübde des Schweigens gefordert, das immer der Wahrheit zuträglicher ist als dessen Bruch" versetzte Siebenkäs. „O Ketzer, Ketzer!" ries der Spanier so 323 unerwartet zornig, daß Albano durch diese Menschlichkeit auf einmal von dessen jetziger Wahrhaftigkeit Pfänder bekam, so wie von dessen cngcrm Geistes-Umfang. Nun erst fragt' er ihn über die Erde und den Samen aus, die er bisher gebraucht, um seine schnellen Wunderblumen vorzntreiben. Er ließ aus diese Frage einen Kasten heranftragen. „Fragt" sagt' er. „Wie stieg aus dem Inigo NnAZiors Romciro'S Gestalt?" sagte Albano. Der Oheim schloß auf, zeigte eine Wachsfigur und sagte: „es war nur ihre Mutter." Albano schauderte vor dieser nahen Nebensonne seiner unter- gegangncn Sonne und vor der Vcrmuthung der Verwandtschaft, die ihm Schoppe cingeflSßct: „bin ich ihr verwandt?" fragt' er schnell. Der Oheim versetzte bestürzt: „cS wird wol anders seyn." Albano fragte nach dem himmelfahrendcn Mönch in Mola: „er oben mit Glas gefüllt, ich unten an der Mauer stand," sagte der Oheim. Albano wollte nichts weiter wissen; im Kasten waren noch Hör- nnd Sprachröhrc, eine Gcsichtshaut, blaues Glas, durch welches die Landschaften beschneiet erscheinen, seidene Blumen mit Pulver von einem enckorineur n. s. w.; Albano wollte nichts mehr sehen. „BöscS Wesen! wer stiftete dich dazu an?" fragte Albano. „Der starke Bruder, (sagte der Oheim, denn so nannte er den Ritter gewöhnlich) er gab mir zu leben nnd er wollte mich todtschicßcn; denn er lacht sehr, wenn die Menschen sehr hübsch betrogen werden." — „O keinen Laut darüber (rief Albano peinlich, dem der Zorn gegen den Ritter alle Adern mit Thronen-Feuer und Gift ausspritztc) — Unglücklicher! wie wurdest du der?" — „So? Bin ich unglücklich?" fragt' er eiskalt. Er berichtete — aber abgebrochen und verworren, welches ihm in jeder Sprache in seiner eignen Nolle bcgcg- 21 * 324 uete, indeß er in fremdem Namen, z. B. des Kahlkopfs, gut und lange sprechen konnte —: er habe ein schwarz-graues und ein blaues Auge, seit der Mannbarkeit einen verborgnen Kahlkopf, und ein besonderes Gedächtniß und habe daher Schauspieler werden wollen, weil er nichts zu thun gehabt, denn er sei nie verliebt gewesen; aber so lang' er nicht im- provisirt, sei cs nicht gegangen, — Den Joseph Klark, der alle Verwachsene nachmachen können, und den Betrüger Price, der in dreifacher Person herumgegangen, Hab' er immer im Sinne gehabt — Da sei ihm der Finstere Abends wieder in einem Nebel des Ufers über dem Wasser entgegengetreten und habe wie aus dem Bauche gemurmelt: „ksxxo, *) schluck' das wahre Wort zurück, ich will das andere schon aussprcchcn" — Und von dieser Stunde an Hab' er die Bauchsprache gekonnt — Er habe damit Todte und Stumme und Sprachmaschinen und Papagaicn und Schlafende und fremde Leute im Theater gut reden lassen, aber niemand in der Kirche, und das Hab' ihn wohl ergötzt — Ein unaufhörliches Echo Hab' er oft auf Felsen gegeben, so daß die Menschen gar nicht wustten, wenn sie sortgehen sollten. Er habe auch einmal ein ganzes Schlachtfeld voll Todtcr untereinander reden lassen, in allen Sprachen, zum Erstaunen des alten Generals. „Wo war das?" fragte Siebenkäs. — Der Spanier kam zu sich und versetzte: „ich weist es nicht; ist es denn wahr? Omn68 lloiuiims sunt menV. (Wchr- fritz) erzogen würdest. Jndcß traf er Vorkehrungen, deren gnten Werth ich damals im phantastischen Rausche der Freundschaft nicht ganz abzuwägen im Stande war. Jetzt wunder' ich mich nur, daß ich damals so muthig war. Die Dokumente Deiner Abstammung wurden nicht nur dreimal gemacht — ich, der Gras und der Hofprediger Spcncr wurden in deren Besitz gesetzt — sondern später wurdest Du auch dem Kaiser Joseph H. als unser Fürstcnsohn präscntirt, und sein gütiges Blatt, das ich einst Deinen Geschwistern vertraue, entscheidet allein genug. Der Gras nahm jetzt selber am Geheimniß thätigen Theil, indem er — sei cs aus Liebe für seine Tochter, sei es aus dem Wunsche einer geschärftem Rache am Hh. Hose — als Lohn des Anthcils verlangte, daß einst Du und Linda ein Paar werden möchten. Hier trat wieder die Gräfin mit ihren Wundern und Phatasiccn ein: „Linda wird mir gewiß ähnlich an Gemüth, wie sie jetzt es ist an Gestalt — Gewalt bewegt sie dann nie — aber Magie des Herzens, der Fcen- wclt, Reiz des Wunders mag sie ziehen und schmelzen und binden." Ich weiß ihre eignen Worte. Ein sonderbarer Zan- berplan wurde dann entworfen, dessen Gränzen der Gras durch die Abhängigkeit, worin sein tauscndkünstlerischer Bruder sich zu allem dingen ließ, noch mehr erweiterte, so wie er den Plan dadurch annehmlicher machte. — Linda wird lange vorher, eh' Dn dieß gelesen. Dir erschienen, ihr Name genannt. Deine Geburt geheimnißvoll verkündigt sehn-Möge, möge Dein Geist sich in alles wohl finden und möge das schwere Spiel Dir Gewinn ans seinen ansgeschlagncn Blättern reichen! — Ich bin bange, wie soll ich es nicht scyn? — O welche Nachrichten Hab' ich nicht eben aus Italien durch den Grafen empfangen, vor denen nun alle meine Hoffnungen auf meinen Ludwig (ImiZi) aus einmal erlöschen! Gesiegt hätte nun Hh. (Haarhaar) durch den bösen II. (Louverot), wenn Du nicht lebtest. Und ich muß so froh seyn, daß Du diesen giftigen Einflüssen entzogen lebst — Za es scheint, als habe der Graf die Zernichtung Deines Bruders absichtlich gern geschehen lassen, um desto stärker mit Deiner Auferstehung zu schrecken. Doch will ich ihm nicht Unrecht thun. Aber wem soll eine Mutter am Hofe vertrauen und mißtrauen? Und welche Gefahr ist größer? — Drei Jahre lang mußtest Du des Scheines wegen auf Isoln bolln mit Deiner scheinbaren Zwillingsschwcster 8evo- riuu, obwol unter den Augen des Fürsten, bleiben, indeß ich mit Juliennen nach Deutschland zurückging. Länger aber dürft' cs nicht dauern, so gern cs Deine Pflegemutter gesehen hätte; Du wurdest Deinem Vater zu ähnlich. Diese Achnlichkeit kostete mich manche Thräne — denn darum durftest Du nie aus L. nach U. (Pestitz), so lange der Fürst noch Jugendzüge trug — sogar die Portraits seiner Jugcndgcstalt mußt' ich darum allmälig wcgstehlcn und sie dem treuen Spc- ner zu bewahren geben — ja dieser gelehrte Mann sagte mir, daß ein crhobner Spiegel, der junge Gesichter zu alten formte, bei Seite zu bringen sei, weil Du sogleich als der alte Fürst 330 daständcst, wenn Du hincinsähest — O, da mein guter, frommer Fürst in seinen matten Tagen allerlei unbewußt ausplauderte und mich über das sichere Schicksal des wichtigen Geheimnisses immer sorglicher machte: wie erschrak ich, als er einstens am Morgen (zum Glück war nur Spcner und eine gewisse Tochter des Ministers v. IN-. dabei, eine sanfte, fromme Seele) geradezu und freudig sagte: „unser lieber Sohn, Eleonore, war gestern Nachts oben am Altar, er wird gewiß ein frommer Mensch, er knicctc und betete schön, und ich sagt' ihm nur, denn ich wollte mich nicht dccouvriren, nach Haus, nach Haus, mein Freund, cs donnert schon nahe.'") Ich weiß, daß verschiedene über einen natürlichen Sohn des Fürsten schon Winke fallen ließen. Die Gräfin 6. (Lcsara) ging nun mit 8. (86verioa) nach V. (Valencia) ab; gab sich aber vorher den Namen R. (koineiro) und der Tochter den Namen D. (ITncka.) Der Prinz lli lllauria mußte der Erbschaft wegen mit seiner Einwilligung in dieses Spiel gezogen werden. Durch diesen Namen-Wechsel konnte alles so dicht zugehüllet werden, als es jetzt noch steht. Neun Jahre daraus starb die edle E. (kloinciro) und der Graf hatte unter dem Vorrecht eines Vormunds die Tochter allein in seinem Schutze und in seiner Vorsorge. Ich sah sie kurz nach dem Tode der Mutter hier*) **); entfaltet sich die Blume ganz aus dieser vollen Knospe, so gehört sie als die vollste Rose an Dein Herz. Möge nur das Gei- sterspicl, das ich der Gräfin zu leichtsinnig zugeschworen, ohne *) I. Band des Titans, S. 152. ") I. Bd. S. 112. 331 Unglück vorüberziehen!— Sollt' ich vor dem Fürsten auf das Sterbebette kommen, so muß ich noch Deine Schwester und Deinen Bruder in das Gcheimniß ziehen, um ganz gesichert meine Augen zu schließen. Ach ich werd' cs nicht erleben, daß ich Dich öffentlich als meinen Sohn in meine Arme schließen darf! Die Ahnungen meiner Hinfälligkeit kommen immer häufiger. Es gehe Dir wohl, thcncres Kind! Werde fromm und redlich wie Dein Vater! Gott lenke alle unsere schwachen Hülfsmittel zum Besten! Deine treue Mutter LIeonore. N. S. Noch sehr wichtige Geheimnisse kann ich nicht dem Papier vertrauen, sondern sterbend wird sie mein Mund in das Herz Deiner Schwester niederlegen. Leb' wohl! Leb' Wohl!" 143. Z Y k e l. Albano stand lange sprachlos, schaucte gen Himmel, ließ das Blatt fallen und faltete die Hände, und sagte: „Du schickst den Frieden — ich soll nicht den Krieg — wohlan, ich habe mein Loos!" Lebenslust, neue Kräfte und Plane, Freude am Throne, wo nur die geistige Anstrengung gilt, wie auf dem Schlachtfeldc mehr die körperliche, die Bilder neuer Eltern und Verhältnisse und Unwille gegen die Vergangenheit stürmten durcheinander in seinem Geist. Er riß sich von seinem ganzen vorigen Leben los, die Seile des bisherigen Todtcu- geläutes waren entzwei, er mußte, um die Enrydicc aus dem Orkus zu gewinnen, wie Orpheus das Zurückschauen aus den vergangnen Weg vermeiden. Er enthüllte dem neuen Freunde alles, denn er kämpfe, sagt' er, nunmehr öffentlich auf freier offner Bahn um sein bisher verstecktes Recht und reise sogleich in die Stadt. Unter dem Erzählen erzürnte ihn das lange gewagte Spiel mit seinen heiligsten Verhältnissen und Rechten noch mehr, und das Mißtrauen in seine Kräfte und Waffen gegen die Feinde, denen Luigi unterlag, und dieser Bruder selber, der ihn bisher in einer so harten unbrüderlichcn Maske umarmen konnte. „Wie anders war die treue Schwester!" sagt' er. „Warum (fuhr er fort) ließ man mich so manchem stolzen harten Geiste so vielen Dank schuldig werden für mein bloßes— Gcbnrtsrecht? — Warum traute man nicht meinem Schweigen eben so gut? — O so mußt' ich die arme Todte droben *) verkennen, weil sie meinem gcoffcnbarten Stande in jener feindlichen Nacht am Altäre ihr schönes Herz aufopfcrte! So mußt' ich durch Vermuthungcn und Vorsätze so manche rechte Seele verletzen! Wie unschuldig könnt' ich sehn ohne dieß alles!" — „Beruhigen Sie sich (sagte Sicbenkäs mit seiner Rüge), die Stärke des Feindes wird zu dem Widerstande geschlagen und von der Niederlage abgezogen; und was wäre ein Sieg ans leerem Schlachtfclde gewesen?" Siebenkäs war vor dem glänzenden Stande und vor dem Feuer der Leidenschaftlichkeit, die er nur in gemeiner, nicht in edler Erscheinung kannte, um einige Schritte zurückgetretcn, die Albano nicht bemerkte, weil er sie nicht voraussetzte. So gut cs ging, suchte Sicbenkäs — indem dessen innerer Mensch *) Er meint Liane, welche Spcner durch die feierliche Enthüllung von Albano's Geburt und Bestimmung einer unter lauter giftigen Blumen ausgewachsenen Liebe zu entsagen nöthigtc. 333 seine im Grabe des Freundes starr gefrornen Glieder allmälig wieder auswickclte — den sanften Scherz wieder zu gewinnen und in diese Blumenketten den heftigen Jüngling einzuschließen: „ich freue mich (sagt' er), daß ich der erste bin, der zu Ihrem Gebnrts- uud Krönungstagc Wünsche bringt, die aber alle in den einzigen gehen, daß Sie immer Ihren Taufnamen behaupten mögen — denn Alban ist der bekannte Schutzheilige der Landlcute. — Außer dem Haarhaarschen Prinzen, den der Ritter recht mit der Devise seines Ordcnsstistcrs Philipp trifft: nuts tsrit guain tlainiun micet, ist wol niemand dabei zu bedauern als der Finanzstempclschncidcr, der jetzt nichts neues zu schneiden erhält, da die Linie weiter regiert." Er setzte noch leicht hinzu, weil er den schweren Wälder- uud Wolkcntrageuden Fels Gaspard nie gesehen: „welches sonderbare Namcnspiel, das noch wenige Lnvnlleros cksl Durons gespielt, ist es, daß er sich gerade cks Leonen nennt, da, wie Sic wissen, die Spanier sich wie die alten Römer oft die Namen von ihren Thatcn und Begegnisscn zutheilen. So ist's aus den Disceo iuterssonnteo D. I. überall bekannt, daß z. B. OrsnclnM sich den Namen In 1'ns Anerkannte, weil er 1723 den Frieden zwischen Oesterreich und Spanien unterschrieben — mit einem dritten Namen, Dranoport ksnl, tauft' er sich ein, um es zu behalten und zu bemerken, daß er den Jnsanten nach Italien abgeführt. Lesnrn ist wol freilich mehr Zufall." Albano wurde durch solche geistige Achnlichkeiten mit dem freien Schoppe erst recht seinem Herzen zngezogen. Er nahm Abschied von ihm und sagte: „Freund unsers Freundes, wollen wir beisammen bleiben." — „Wahrlich, der Zweifel an der Entscheidung Ihres Schicksals, Prinz, (versetzte Siebenkäs) wäre allein dafür entscheidend, wenn nur mein Herz allein 334 entschiede; aber —" Albano zuckte die Achseln wie entrüstet, schwieg über. „So lange bleib' ich indeß hier (fuhr jener sanfter fort), bis der Hügel auf dem Seligen liegt; dann steck' ich das hölzerne schwarze Kreuz auf ihn und schreibe alle seine Namen daran." — „Wohl! So wcrd' es (sagte Albano)! Aber seinen Hund nchm' ich, weil er mich länger kennt. Ich bin ein junger Mensch, noch jung an verlornen Jahren, aber schon sehr alt an verlornen Zeiten und verstehe so gut wie mancher, den die Zeit bückt, was Menschcn-Vcr- licrcn ist. Sonderbar ist's, daß ich immer auf Gräbern Spiegel finde, worin die Todten wieder lebendig gehen und blicken. So fand ich ansLianens Grabe ihr lebendiges Bild nnd Echo; meinen alten liegenden Schoppe fand ich, wie Sie wissen, auch hinter einem Spiegelglas aufrecht und rege, durch das meine Hand eben so wenig durch kann. Ich versichere Sic, sogar meine Eltern werden mir vorgespicgclt, meinen Vater kann ich in einem Zylindcrspicgcl, und meine Mutter durch ein Objcktivglas sehen. — Hier ist nun nichts zu thun, wenn man in einer Nacht steht, wo alle Sterne des Lebens hin- untcrziehen, als sehr fest darin zu stehen.— Aber zu meinem alten Humoristen muß ich noch ^ckio sagen." Er ging ins Lcichenzimmcr. Schweigend folgt' ihm Sic- bcnkäs, betroffen über die ungewöhnliche Laune der—- Schmerzen. Mit trocknen Augen zog Albano das weiße Tuch von dem ernsten Gesicht, dessen feste Augenbraunen sich zu keinem Scherze mehr zogen und das eisern hinschlicf ohne Zeit. Der Hund schien den kalten Menschen zu scheuen. Albano suchte durch scharfe, heftige, trockne Blicke das Todtcngcsicht bis auf jede Falte tief abzudrückcu in sein Gehirn wie in Gyps, zumal da ihm der lebendigste Abdruck, der Freund, entging. 335 Dann hob cr sich die schwere Hand ans die Stirn, die den Fürstcnhut tragen sollte, gleichsam um sie damit zu segnen und einznweihen. Endlich bückt' cr sich auf das Gesicht nieder und lag lange ans dem kalten Mund; aber als er sich spät ausrichtcte, weinten seine Augen und sein ganzes Herz, und cr reichte dem Zuschauer bebend die Hand und sagte: „nun, so lebe du auch wohl!" — „Nein, (rief Siebenkäs) ich kann das nicht, wenn ich gehe — Schoppe! ich bleibe bei deinem Albano!" -— Da kamen Wchrfritz und Augusti und unterbrachen die weinende Feier der dreifachen Liebe durch heitere Mienen und Worte. 144. Z y k e l. Der alte Pflegevater nannte ihn zwar Prinz und nicht mehr Du, aber in landeskindlicher Entzückung drückte er sich den Pflegling seines Hauses innig ans Herz. Augusti übergab ihm mit ernster Höflichkeit und kurzem Glückwunsch folgendes Schreiben von Julienne. „Liebster Bruder! Nun kann ich Dich erst recht Bruder nennen. Ich Hab' in einem Auge Trauerthränen und doch im andern frohe, da nun alle Wolken von Deiner Geburt genommen sind und in Haarhaar auch alles ziemlich gut geht. Der Lektor ist abgcschickt. Dir alles zu erzählen, wo hätt' ich Zeit? Auch von H. von Louverot soll er Dir sagen, dessen rothe Nase und anfgebognes Kinn und geizige Grausamkeit gegen seine wenigen Leute und vielen Gläubiger und dessen Grobheit und Weichlichkeit und trockne Bosheit ich dermaßen hasse—- — Inzwischen wird cr jetzt durch Deine Erscheinung so recht bestraft. Freilich alles ist wie ich in Unordnung und Bcstür- 336 zung. Ludwigs Testament wurde diesen Morgen nach seinem Willen eröffnet und er gab Dir Dein ganzes Recht. Ich will nicht über diesen Bruder mitten unter dem Weinen zürnen; er war eigentlich hart gegen seine zwei Geschwister, gegen mich sehr auch, denn er haßte alle Weiber, bis zn seiner Frau, die nur etwas taugt, wcnn's ihr gut geht, und die Kunstwerke selber härteten ihn ordentlich ab gegen die Menschen. Aber er ruh' in seinem Frieden, ach den er wol wenig gefunden! Diesen Abend muß er schon wegen seiner Krankheit und wegen des langen Wegs nach Blumcnbühl voraus beerdigt werden. Da bin ich nun bei Deinen Pflcgceltern in der Nähe unserer cingeschlossenen Eltern. Deswegen komm' unabänderlich! Du bist allein mein Trost in der trüben Nacht, ich muß Dich wieder am Herzen halten, das sehr an Dir klopfen will und weinen und reden, wenn es nur darf. Nur komme! Nunmehr wird doch Gott, da alles im Tanzsaal zu den Reigen bereit steht, keine kalte Gespenster und entsetzliche Larven hineindringcn lassen! Ich bete. Ach nur Deinetwegen bin ich so froh und ich weine genug. Julie." Kaum hatte Albano dem Pflegevater das erfreuliche Versprechen, diesen Abend in seinem Hause zu scyn, gegeben, als dieser ohne Weiteres davon eilte, um die Seinigen auf die Freude des zwiefachen Besuches vorzubercitcn. Der Lektor wurde um seine Nachrichten gebeten, mit welchen er bedenklich über Siebenkäs zu zögern schien, bis Albano bat, ihm und seinem neuen Freund frei alles mitzutheilen. Seine Erzählnng war bis auf einige Einschaltungen, die Albano später zukamen- diese: Bouverot — bei welchem er auf Fragen des neugierig 337 gemachten Albano anfing — war bisher in verborgner Verbindung mit dem Haarhaarschen erbsüchtigen Prinzen gewesen und hatte in entschiedener Berechnung, durch diesen das längste Glück und sogar eine unerwartete Heirath zu machen, aus dessen Wort hin sein mit Ehelosigkeit und Einkünften zugleich verknüpftes Ordenskrcüz eines Deutsch-Herrn abgchangcn und an die Schwester dieses Prinzen, an Jdoine, durch diesen selber, der ihm sür die Aushebung ihres ähnlichen Gelübdes*) stand, ein Miniatürbild von ihr, das er im Fluge gestohlen haben wollte, sammt einem halben Bilderkabinet und mit vielen seinen Anspielungen ans seinen Wahl-Namen Zcfisio als eines römischen Arkadicrs und aus den Namen ihres Arkadiens übergeben lassen. „Oll In ckitkersucs cle cet lloinms an cllu- llle, coinine est-ells pstits!" sagte ganz ungewöhnlich-heftig Augusti. Albano mußte fragen warum; „ein ganz anderes Bild gab er sür der Prinzessin ihres ans" sagte der Lektor. Mithin war's Liancns ihres, schloß Albano und hatte leicht durch wenige Fragen jene traurige Geschichte von der blinden vom Tiger Bouverot gejagten Liane erforscht. — „O ich Unglücklicher!" rief Albano halb in Grimm und halb in Schmerz. Die Leiden thaten ihm weh, womit das heilige Herz die kurze reine karge Liebe gegen ihn bezahlen müssen — die zum erstenmal blind wurde, weil sie seinen Vater so liebte**), und zum zweitenmal, weil sic der Sohn verkannte und liebte. Aber er bezwang sich und sprach nicht ") Nie unter ihrem Stand zu hcirathcn. **) Liane wurde, wie bekannt, als ihr Brndcr neben dem alten Fürsten auf die Brust ohne Herz die Rede hielt, krank und blind. 1. Bd. des Titans, S. 191. Iran Pavl's ansgew. Werke. XII. 22 darüber, die Vergangenheit war ihm wie Bienen das Echo schädlich. Sicbenkäs bezeugte seine Freude über Bouverots Bestrafung durch das Fehlschlagen aller Plane. Albano hörte, daß auch Luigi die ehelichen Abfichten Bouverots zu unterstützen den Schein angenommen, blos um ihn desto höher herabsallen zu sehen. „Mit welch' einer bitten: kalten langen Schadenfreude (dachte Albano) konnte mein Bruder in der Hoffnung aus die Grube, die sein Tod dem feindlichen Hofe und dessen Anhängern graben würde, allen ihren Erwartungen zusehen und alle ihre Maßregeln von der Ehe der Fürstin an bis auf die Glückwünsche dazu freundlich ausnehmen, indeß er die Fürstin und alles haßte! Und wie könnt' er diese lebenslange schweigende Kälte gegen mich behaupten?"— Aber Albano bedachte zwei nahe Ursachen nicht, sein eignes stolzes Benehmen gegen den Fürsten und den gewöhnlichen Fürstengeiz, der fich vor Apanagen-Geldern scheue. Gaspards Verhandlungen in Haarhaar, welche der Lektor nur mit einigen von Jnliennen anbesohlnen Auslassungen gab, waren diese: Mit eigner Lust und Stille sah der Ritter von jeher den Einwirkungen der menschlichen Verhältnisse zu und gab sie ihrer eignen Auslösung oder Zerreißung hin. Hier ließ er alle fremde Träume immer lebendiger und wilder werden, bis er mit einem Griff an die Brust sie alle dem Schläfer wegraffte. Der alte Zorn über die stolze Verweigerung der Fürstenbraut wurde befriedigt, da er ihnen unter dem schimmernden Triumphthore ihrer Wünsche und Arbeiten die Dokumente über Albano's Geburt, von der Hand des alten Fürsten an bis auf die des Bruders Lnigi, als eben so viele bewaffnete Wachen zeigen konnte, die sie aus dem Siegesthore wie- 339 der rückwärts trieben. Man erstaunte mitleidig, ging auf nichts ein, Albano war weder dem Lande noch Reiche vorge- stcllt. Gaspard trug sehr ruhig eine frühe Anerkennung von Joseph II. nach. Auch dieses wurde außer der Regel und als ungültig gefunden. Darauf gestand er mit dem entschlossenen Zorn, mit dessen Blitzfunkcn er so oft plötzlich Menschen und Verhältnisse durchbohrte, daß er ohne Weiteres das ganze Betragen des Hofs gegen Lnigi's achtes Jahr und dessen Reise- Jahre allen Höfen entschleiern werde. Hier brach man erschrocken die vormittägigen Unterhandlungen ab, um sich zu neuen nachmittägigen zu rüsten. In diesen — welche der Lektor Albano zu verheimlichen beordert war — wurde von weitem der Wunsch eines fortdauernden nähern Bandes zwischen beiden Häusern gezeigt. Unter dem Bande wurde Jdoine verstanden, deren Aehnlichkcit mit Lianen und dadurch Albano's Liebe gegen letztere längst als Anekdote bekannt gewesen. Aber Gaspards ganzem Entwürfe seiner vollständigen Gcnngthuung stand dieser eingemischte schuldlose Engel entgegen; er — der mit seinem hohen zackigen Geweih doch leicht durch das verworrene niedrige Gezweig des Weltlebcns flog — stieß gegen die Schranke seiner Vollmacht an, sagte geradezu Nein und man brach entrüstet ab, mit der höflichen Erinnerung, daß Herr v. Hafenreffer als Bevollmächtigter ihn begleiten und in Pcstitz das Uebrige verhandeln solle. So kamen beide an. Hafenreffer, eben so fein und kalt als redlich, erforschte leicht alle Verhältnisse der Wahrheit. Gaspard thciltc Jnlicnncn — noch im Wahne ihrer alten Liebe gegen seine Tochter Linda — den Wunsch des fremden Hofes mit; aber er wurde bestürzt über ihre Eröffnungen, 22 * 340 welche so sehr für Jdoinc sprachen, als ihre bisherigen geheimen Einwirkungen ans Albano. Dazu entrüstete sie ihn noch im verworrenen Helldunkel ihres Zustandes durch den gutgemeinten Antrag, ihm seine väterlichen Auslagen für Albano einigermaßen zu erstatten. „Der Spanier liefet keine Haus- haltsrcchnungen, er bezahlt sic blos" sagt' er und nahm empfindlich Abschied auf immer, um alle Inseln der Erde zu bereisen. Albano wollt' er nicht mehr sehen, aus Verdruß über den Zufall, daß ihm durch Schoppens Kirchen- und Grä- bcrraub das Vergnügen entwendet war, Albano durch die Entdeckung, daß er nur Linda's Vater und nicht seiner sei, für kühne Zweifel an seinem Werthe zu strafen und zu dcmü- thigen. Wohin Linda noch in jener Nacht seiner Entdeckung als Vater gegangen war, verbarg er allen kalt. Darauf nahm er auch feierlichen Abschied von seiner vorigen Braut, der fürstlichen Wittwe. „ Er halte cs für Pflicht (sagte er ihr), ihr die neueste Erbfolge zu hinterbringcn, da er einigermaßen sich selber sehr in den Gang der Sache habe verflechten lassen." Nie war ihr Blick stolzer und giftiger: „Sie scheinen (sagte sie gefastet) in mehr als einen Jrrthum verleitet zu sehn. Wenn es Sie so interessiert, wie Sie Sich denn überhaupt für dieses Land zu interessieren scheinen, so mach' ich mir eine Freude daraus. Ihnen zu sagen, daß ich das Glück bekannt zu machen nicht mehr anstehcn darf, dem ich nun gewiß entgegensetze, dem Laude vielleicht durch einen Sohn ihres geliebten verstorbnen Fürsten jede Veränderung zu ersparen. Wenigstens darf man vor der Entscheidung der Zeit keine fremde Einmischung dulden." Gaspard, über das Erwartete erzürnt, Zersetzte daraus blos ein unendlich-freches Wort — weil er leichter Geschlecht als Stand zu ver- 341 letzten vermochte — und nahm darauf von ihr seinen höflichen Abschied mit der Versicherung, daß er gewiß sei, die Bestätigung dieser sonst so angenehmen Nachricht, wo er auch sehn werde, zu erhalten und daß es ihm dann Leid thnn würde, ihr aus Liebe zur Wahrheit öffentlich einige seltsame — gerichtliche Papiere entgegen setzen zu müssen, die er ungern in Umlauf bringe. „Sie sind ein wahrer Teufel" sagte die Fürstin außer sich. „ Vis-n-vis cl'on Vnge? illnis xourguoi non?" versetzt' er und schied mit den alten Zeremonien. Albano, dessen Herz in allen diesen Tiefen und Abgründen die nackten verletzten Wurzeln und Fibern hatte, konnte nichts sagen. Aber sein Freund Siebenkäs äußerte ohne Weiteres, „daß Gaspard bei jedem Schritte, und mit dem ewigen seinen Wanken und Zögern, wie z. B. über die Heirath seiner Tochter und sonst, nichts dargestellt habe als den lebendigen Spanier, wie ihn Gundling im 1. Thcil seiner Otin so gut schildere." Augusti verwunderte sich über diese Offenheit, indcß erschien sie ihm leidlicher und zierlicher als Schoppens rauhe. „Was mich am meisten frappircn würde (setzte Siebenkäs dazu, der, wie es schien, die Weltgeschichte zum Nebenfach genommen), wäre das lange Verschwiegcnbleiben einer so wichtigen Abstammung unter so vielen Thcilhabern des Geheimnisses, wenn ich nicht zu wohl aus Hume wüßte, daß die Pulver-Verschwörung unter Karl I. über ganze anderthalb Jahre von mehr als zwanzig Mitwissern wäre verborgen gehalten worden." Viel verwundet und durch sich gereinigt ging Albano nach diesen Erzählungen Nachmittags ab ins zwieträchtige Reich, aber mit heiterer heiliger Kühnheit. Er war sich höherer Zwecke und Kräfte bewußt, als alle harten Seelen ihm 342 streitig machen wollten; aus dem Hellen, freien Aetherkrcisc des ewigen Guten ließ er sich nicht hcrabzichcn in die schmutzige Landenge des gemeinen Seyns — ein höheres Reich, als was ein metallener Zepter regiert, eines, das der Mensch erst erschafft, um cs zu beherrschen, that sich ihm auf — im kleinen und in jedem Landchen war etwas Großes, nicht die Volksmenge, sondern das Volksglück — höchste Gerechtigkeit war sein Entschluß, und Beförderung alter Feinde, besonders des verständigen Froulay. — So sprang er nun zuversichts- voll aus seinem bisherigen schmalen, nur von fremden Händen getriebnen Fahrzeug auf eine freie Erde hinaus, wo er allein, ohne fremde Ruder, sich bewegen kann und statt des leeren, kahlen Wasser-Weges ein festes, blühendes Land und Ziel antrifft. Und mit diesem Trost schied er von dem todtcn Schoppe und dem lebendigen Freund. 145. Z y k e l. In der Dämmerung kam er auf dem Berge an, wo er die Stadt, die der Zirkus uud die Bühne seiner Kräfte werden sollte, überschauen konnte, aber mit andern Augen als sonst: — Er gehört nun einer deutschen Hcimath an — die Menschen um ihn sind seine Landcsvcrwandte — die ahnenden Ideale, die er sich einst bei der Krönung seines Bruders von den warmen Strecken entwarf, womit ein Fürst als ein Gestirn Länder beleuchten und befruchten kann, waren jetzt in seine Hände zur Erfüllung gelegt — sein frommer, von Lan- dcs-Enkcln noch gesegneter Vater zeigte ihm die reine Sonnenbahn seiner Fürsten-Pflicht — nur Thatcn geben dem Leben Stärke, nur Maß ihm Reiz — Er dachte an die um ihn her in Gräber gelegten eingesunknen Menschen, zwar hart und unfruchtbar wie Felsen, aber auch hoch wie Felsen, an die vom Schicksal geopferten Menschen, welche die Milchstraße dcrUncndlichkeit und den Regenbogen der Phantasie zum Bogen ihrer Hand gebrauchen wollten, ohne je eine Sehne darüber ziehen zu können. -— „Warum ging ich denn nicht auch unter wie Jene, die ich achtete? Wallete in mir nicht auch jener Schaum des Ucbcrmaßes und überzog die Klarheit?" Das Schicksal trieb jetzt wieder Spiele der Wiederholung mit ihm; ein flammender Wagen rollte aus einem seitwärts vom Prinzengartcn ablaufcnden Wege davon; langsam rückte der Leichenwagen des Bruders mit seinen Todtenlichtern den Blumcnbühlcr Berg hinan. „Den langsamen Wagen kenn' ich, wer ist der schnelle?" fragte Albano den Lektor. „Herr von Ccsara hat uns verlassen" versetzt' er. Albano schwieg, aber er empfand den letzten Schmerz, den ihm der Ritter geben wollte. Er bat den Lektor sehr, ihn allein den Weg nach Blumenbühl gehen zu lassen, weil er lauter Umwege nehme. Er wollte im Tartarus das Grabmal des Vater- Herzens ohne Brust besuchen. Als er durch die lärmvolle Vorstadt ging, sah ihn ein alter Mann lange starr an, floh plötzlich mit Schrecken davon und rief einer Frau, die ihm begegnete, zu: „der Alte geht um!" Der Mann war in der Jugend ein Bedienter des alten Fürsten gewesen, war blind und vor kurzem wieder heil geworden; darum sah er den ähnlichen Sohn für den Vater an. — In der Stadt war die gewöhnliche Volksfreude über Wechsel laut. In einem Hanse war ein Kinderball, in einem andern eine Truppe von Sprich- wörtcrspielern; indeß die Landtrauer jeden Tanzsaal und jede 344 Bühne verschloß. Ans Noquairols Stube sahen fremde lustige Muscnsöhne heraus. Im Wirthshause des Spaniers hatte ein Knabe die Dohle an einem Faden. Einige Leute hört' er im Vorbeigehen sagen: „wer hätte sich das träumen lassen?" — „Ganz natürlich (versetzte der andere), ich mauerte damals auch mit au der fürstlichen Gruft und sah Ihn wie dich." Zu der Bcrgstadt waren am Trauer-Schloß alle Fcnsterreihen hell beleuchtet, als gcb' cs ein froheres Fest. Im Hause des Ministers waren alle finster, oben unter den Statuen des Dachs schlich ein einziges Lichtchen umher. „Nein, (dachte Albano) ich brauche nicht nachzusinnen, warum sank ich nicht auch mit unter. O genug, genug fiel von mir in die Gräber —- Ich muß mich doch ewig nach allen entflohenen Menschen sehnen; — wie Taucher schwimmen die Todtcn unten mit und halten mein Lebcnsschiff oder tragen die Anker." Draußen sah er die alte Leichcnsehcrin auf dem Blumenbühler Wege stehen, die ihm einst bei der Begleitung des Kahlkopfs begegnete; sie schauete starr hinauf dem erleuchteten Leichenwagen nach und glaubte, Träume zu denken und die Zukunft, als sic der Wirklichkeit zuschauetc. Ucberall lagen in seiner Bahn die zuckenden Spinncnfüße, welche der erdrückten Tarantel der Vergangenheit ausgcrissen waren. Durch einen Flor sah er das Leben liegen, wiewol es kein schwarzer, sondern ein grüner war. Sehnsüchtig kam er im Tartarus, aber schaudernd vor ihm, weil ihm die Vergangenheit mit ihren Geistern nachzog, aus dem herrnhutischeu Gottesacker an, wo in einem Garten ohne Blumen, den cingesunkne, eingcschlafne Trauerbirken umstanden, der weiße Altar mit dem Vater-Herzen und der goldnen Inschrift schimmerte: „nimm mein letztes Opfer, All- 345 gütiger!" Vor dem in eine Brust von Stein geschlossenen Herzen, das sich mit nichts regte, nicht mit einem Ständchen, that er sein kindliches Gebet zu Gott und suhlte, daß er seine Eltern würde geliebt haben, und schwur sich, ihnen zu gefallen, wenn ihre hohen Augen sich noch in das tiefe Thal des Lebens richten. Er drückte den kalten Stein wie eine Brust an sich; und ging mit sanften Schritten weg, als ginge der Greis neben ihm in seiner eignen ihm so ähnlichen Gestalt. Er sah auf von seinem Wege zum Berge, wo ihn der Vater Abends am Pfingst- und Abendmahlstage gefunden, wie zu einem Thabor der Vergangenheit; und im Gange durch das Birkcnwäldchen erinnerte er sich noch wohl der Stelle*), wo einst zwei Stimmen, seine Eltern, seinen Namen ausgesprochen hatten. So von der heiligen Vergangenheit ein- gewciht, kam er in seinem Kindheits-Dörfchen an und sah die Kirche wie das Wehrsritzische Haus von Lichtern erfüllt, obwol jene zu traurigem Zweck und dieses zu frohen der Gäste. 146. Z y k e l. Albano fand in der Verklärung, worin der Himmel ihm nur der Vergrößerungsspiegel einer schimmernden Erde war und die Vergangenheit nur das Vater- und Mutterland heiliger Eltern, in diesem Seelenglanz fand er das Erziehungshaus, worein er trat, festlich und als einen Tempel und alles Gemeine und Schwere geläutert oder nur nachgespielt auf einer Bühne. Seine Mutter Albine und die Schwester Ra- *) Titan, I. Bd. S. 91. 346 bette kamen mit ihren freudigen Mienen als höhere Menschen an sein bewegtes Herz. Sie wichen eilig zurück, Julienne flog die Treppe herab und küßte den Bruder zum erstenmal öffentlich, in einer schweigenden Vermischung von Lust und Weh. Als sie ihn losließ, fing aus der Nacht im Kirchthurm das Geläute als Zeichen an, daß der todtc Bruder in die Kirche cinziehc; da stürzte sie wieder aus Albano zurück und weinte unendlich. Sie ging mit ihm hinauf, ohne zu sagen, wen er droben neben dem Pflegevater finde. Eine alte Flötcn- uhr, deren mühsames Spiel von jeher seltenen Gästen dar- gcboten wurde, quoll ihm, als er die Thüre öffnete, mit den Nachklängen der Kindertage entgegen. Eine weibliche lange schwarzgekleidete Gestalt mit einem seitwärts hcrabgehendcn Schleier, welche mit seinem Pflegevater sprach, wandte sich um nach ihm, da er eintrat. Es war Jdoine, aber der alte Zaubcrschein fuhr wieder über seine heute so bewegte Seele, als wenn cs Liane aus dem Himmel sei, mit Unsterblichkeit gerüstet, auf überirdische Kräfte stolzer und kühner, nichts von der vorigen Erde mehr tragend als die Güte und den Reiz. Beide fanden sich mit gegenseitigem Erstaunen hier wieder. Julienne sah — ihrer kleinen Verhehlungen und Anstalten sich bewußt — ein rothes Wölkchen des Unwillens über Jdoinens mildes Gesicht fliegen; cs war aber bald unter dem Horizont, sobald Jdoine cs bemerkte, daß die Schwester unter dem Lcichengcläutc des Bruders die Thränen nicht bezwingen konnte, und sic ging ihr freundlich entgegen, ihre Hand aufsnchcnd. Jdoine hatte, durch ihre Strenge leicht zum launischen Zürnen, diesem kleinen Kriege des Zorns, geneigt, sich durch scharfe lange Uebung von diesem feinsten, aber stärksten Gift des Seclcnglückcs srcigcmacht, 347 bis sie zuletzt au ihrem Himmel stand als ein reiner, lichter Mond ohne einen Regen- und Wolkenkreis der Erde. Albano, dem die Erde, mit Vergangenheit und Todten gefüllt, eine Lustkngel geworden war, die in dem Aether ging, fühlte sich frei zwischen seinen Sternen und ohne irdisches Bangen; er nahete sich Jdoinen — obwol bei dem Bewußt- seyn der kampfenden Verhältnisse ihres und seines Hauses — mit heiligem Muthe: „Ihr letzter Wunsch im letzten Garten (sagt' er) wurde vom Himmel gehört." — Mit jungfräulich- entschiednem Sinn ging sie durch, die Wildniß, worin sie bald Blumen bald Dornen auseinander zu beugen hatte, um weder verlegen noch verletzt zu werden; sie antwortete ihm: „ich freue mich von Herzen, daß Sie Ihre treue Schwester auf immer gesunden haben." Wehrfritz war über die Freimüthig- keit, womit sie die Wahrheit redlich wider alle Familien-Verhältnisse sprach, eben so erfreuet als verwundert. „So muß man immer auf der Erde viel verlieren (erwicderte ihr Albano), um viel zu gewinnen" und wandte sich an seine Schwester, als woll' er dadurch diesem Worte einen vieldeutigem Sinn verwehren. Das Todtengeläute dauerte fort. Die seltsame, frohe und trübe Vermischung der irdischen Schicksale gab allen eine feierliche und freie Stimmung. Albine und Rabette kamen herauf, festlich-dunkel gekleidet zum Gange in die Begräbniß- kirche. Julienne theilte sich zwischen zwei Brüder und nie hob sich ihr Herz romantischer auf, das zugleich in Thronen und in Flammen stand. Sic errieth, wie über ihren Bruder Albano ihre Freundin Jdoinc denke, an der sie eine festere Stimme kannte, als die heutige war, und deren süße Verwirrung ihr am leichtesten aus dem kurzen Berichte klar wurde. 348 den ihr die offne Seele von dem Wiedersehen Albano's in Linnens Garten gemacht; anch das kleine jungfräuliche Znrück- zittcrn ihres heutigen Stolzes, da sie sich hier überall für eine aufcrstandcne Liane, diese Geliebte des Jünglings, verlegen mußte gehalten finden, machte Juliennen nicht irrer, sondern gewisser. „An einem schönen Abend (sagte Albano zu Jdoincn) sah ich einst in Ihr schönes Arkadien herab, aber ich war nicht in Arkadien." — „Der Name (versetzte sic und senkte wieder die klaren Augen bezogen zur Erde) ist auch blos Scherz; eigentlich ist's eine Alpe und doch nur mit Scnncn- hüttcn in einem Thale." Sie hob die großen Augen nicht wieder ans, als Julienne schweigend ihre Hand nahm und sie sortzog, weil jetzt das Lcichengclantc mit traurigen einzelnen Stößen ansklang, als Zeichen daß die Todtcnfcicr angchc, deren Thcilnahme Julienne ihrem schwesterlichen Herzen unmöglich abdingen ließ. „Wir gehen in die Kirche" sagte Jdoine zur Gesellschaft. „Wir wol alle" versetzte Wehrsritz schnell. Als die beiden Mädchen an Albano vorübergingen, bemerkte er znm erstenmal an Jdoincn drei kleine Blatternarben, gleichsam als Erden- und Lebens-Spuren, die sie zu einer Sterblichen machten. Er blickte der hohen cdcln Gestalt mit dem langen wehenden Schleier nach, welche neben seiner Schwester eben so majestätisch, nur zärtcr gebanet, erschien als Linda, und deren heiliger Gang eine Priestern: verkündigte, die in Tempeln vor Göttern zu wandeln gewohnt gewesen. Kaum waren beide verschwunden, als die alten Bekannten Albano's, zumal die Weiber, denen Julicnncns Gegenwart immer Albano's Stammbaum nahe gehalten, mit allen Zeichen der lang zurückgcdrängtcn Herzlichkeit, voll Wünsche, Freuden und Thränen auf sein Herz eiudraugcn. „Bleibt meine Eltern" sagte Albano. „Bravheit ist alles ans der Erde" sagte der Direktor. — „Ich that das Meinige wie eine Mutter (sagte Albine), aber wer konnte das wissen?" — Rabctte sagte nichts, ihre Freude und Liebe waren überschwenglich wie ihre Erinnerung. „Meine Schwester Nabette (sagte Albano) hat mir, als ich das erstemal nach Italien ging, die Worte aus eine Börse gestrickt mitgegebcn: gedenke unserer — Diese werd' ich Euch allen in jedem Schicksal erfüllen" — und hier dacht' er, obwol zu verschämt-bescheiden, um es zu sagen, an das, was er etwan als Fürst für seinen Pflegevater thun könnte, worunter die Zurückgabe von dessen heimfallendem Männer-Lehn zuerst gehörte. „So wird uns denn manches zcithcrige Herzeleid —" sing Albine an. „O was Herze, was Leid (sagte Wchrfritz), heute wird alles richtig und glatt." Aber Rabctte verstand die Mutter sehr wohl. Alle begaben sich auf den Weg zum Trauer-Tempel. Sie hörten aus der Kirche die Musik des Liedes: „wie sie so sanft ruhen"; in einiger Ferne versuchten sich Waldhörner zu frohern Tönen. Rabctte drückte Albano's Hand und sagte sehr leise: „cs ist gut mit mir geworden, weil ich alles erfahren habe." Sie hatte dem unglücklichen Roquairol, seitdem er ein vielfaches Glück und sich selber ermordet hatte, ihre ganze Liebe ins Grab zum Verwesen nachgcworsen, ohne eine Thräne dazu zu thun. Sie sprang auf Jdoiucns Güte über, aus ihre Achn- lichkcit, „mit deren Erwähnung der Vater den Engel heute roth gemacht," und aus ihr schönes Trösten Julicnnens, die vor Albano's Ankunft unaufhörlich geweint. Albine lobte mehr Julienncn wegen ihrer Gcschwister-Liebe. Rabctte schwieg über diese; beide waren schwesterliche Nebenbuhlerinnen; auch Jean Panl'S auSgew. Werke. XII. 23 hatte Julienne sie als Schlachtopfer des von ihr verachteten Noquairols nach ihrem scharfen unerbittlichen System sehr kalt angesehen, indcß Jdoinc, welche, durch ihre größere Kenntniß der Menschen, Milde gegen die weiblichen Jrrthümer des Herzens und Augenblicks mit Strenge gegen Männer verbinden lernen, nur sanft und gerecht gewesen war. Als sie in die Kirche voll Traucrlampen traten: schlich sich Albano in eine unbeleuchtete Ecke weg, um nicht zu stören und gestört zu werden. Am Hellen Altäre stand heiter der ehrwürdige Spcner mit dem unbedeckten Haupt voll Silberlocken, der lange Sarg des Bruders stand vor dem Altäre zwischen Lichter-Linien. Am Gewölbe der Kirche hing Nacht und die Gestalten verloren sich in das Dunkel, unten durchkreuzten sich Stralen und Schlagschatten und Menschen. Albano sah wie eine Todcspsorte die eiserne Gittcrthnrc des Erbbegräbnisses aufgethan, worein seine frommen Eltern gezogen waren; und ihm war, als schreite noch einmal Schoppens brausender Geist hinein, um in das letzte Haus des Menschen einzubrechcn. Der Bruder rührte ihn nur wenig, aber die Nachbarschaft der stillen Eltern, die so lang für ihn gesorgt und denen er nie gedankt, und die unaufhörlichen Thränen der Schwester, die er in der Empor über der Todespforte sah, ergriffen heftig sein Herz, ans welchem die tiefen ewigen Traucrtöne die Thränen, gleichsam das warme Blut der Trauer und Liebe, sogen. Er sah Jdoinc, mit ihrer halb rothcn, halb weißen Lankastcr-Rosc auf der schwarzen Seide neben der Schwester stehen, sich gegen manchen vergleichenden Blick den Schleier über die Augen ziehend — Hier neben solchen Altarlichtern hatte einst die bedrängte Liane unter dem Abschwörcn der Liebe geknieet — Das ganze Sternbild seiner glänzenden Vergangenheit, seiner hohen Menschen, war hinunter unter den Horizont und nur Ein Heller Stern davon stand noch schimmernd über der Erde, Jdoine. Da erblickte den Jüngling sein Freund Dian und eilte herzu. Ohne viele Rücksichten umarmte ihn der Grieche und sagte: „Heil, Heil der schönen Veränderung! Dort steht meine Chariton, auch sie möchte nach ihrer Sprache*) grüßen." — Aber Chariton blickte unaufhörlich Jdoincn wegen ihrer Achn- lichkeiten an. „Nun, mein guter Dian, ich habe manches Herz und Glück dafür hingezahlt und mich wundert cs, daß dich mir das Geschick gelassen" sagte Albano. — Daraus fragt' er ihn als den Baumeister der Kirche nach der Beschaffenheit des Erbbegräbnisses, weil er nachher sich wolle die Asche seiner Eltern ausdcckcn lassen, um wenigstens stumm und dankend hinzukniccn. „Davon (sagte Dian betroffen) weiß ich sehr- wenig; aber ein grausamer Vorsatz ist's und wozu soll er führen?" — Die Musik hörte auf, Spcner fing leise seine Rede an. Er sprach aber nicht von dem Fürsten zu seinen Füßen, auch nicht von seinen Geliebten in der Erbgruft, sondern von dem rechten Leben, das keinen Tod kenne und das erst der Mensch in sich erzeuge. Er sagte, daß er, obwol ein alter Mann, weder zu sterben noch zu leben wünsche, weil man schon hier bei Gott sehn könne, sobald man nur Gott in sich habe — und daß wir müßten unsere heiligsten Wünsche wie Sonnenblumen ohne Gram verwelken sehen können, weil doch die hohe Sonne sortstralc, die ewig neue ziehe und pflege — und daß ein Mensch sich nicht sowol auf die Ewigkeit zubereiten als ) Nämlich freue dich. 23 * 352 die Ewigkeit in sich pflanzen müsse, welche still sei, rein, licht, tief nnd alles. Für manche Menschen-Brust in der Kirche wurde durch die Rede der Vergangenheit die Giftspitze abgebrochen. Aus Albano's steigendes Meer hatte sie glattes Oel gegossen und um sein Leben wurd' cs eben und glänzend. Juliennens Augen waren trocken und voll heitern Lichtes geworden; und Jdoiuens ihre hatten sich schimmernd gefüllct, weil heute ihr Herz zu oft in Bewegung gekommen war, um nicht in der süßen, andächtigen und erhebenden zu weinen. Einmal war Albano, da er zu ihr blickte, als glänze sic überirdisch und, wie auf eine Luna die Sonne unter der Erde, strale Liane aus der andern Welt auf ihr Angesicht und schmücke das Ebenbild mit einer Heiligkeit jenseits der Erde. Nach dem Schlüsse der Rede ging Albano ruhig zu beiden Freundinnen, drückte seiner Schwester die Hand und bat sie, nicht das Ende der dunkeln Feier abzuwarten. Sie war getröstet und willig. Da sie aus der Kirche traten, war ein wunderbarer Heller Mondschein aus der Erde verbreitet wie ein süßes Morgenlicht der höhern Welt. Julienne bat sie, statt zwischen die Mauern, die Kerker der Augen und Worte, und unter das Getümmel hincinzugehcn, lieber vorher die Hellen stillen Gegenden zu schauen. Alle trugen in ihrer Brust die heilige Welt des heitern Greises in die schöne Nacht hinaus. — Kein Wölkchen, kein Lüftchen regte sich am weiten Himmel, die Sterne regierten allein, die Erdcnscrnen verloren sich in weiße Schatten und alle Berge standen im silbernen Feuer des Mondes. „O wie lieb' ich Ihren heitern heiligen Greis (sagt Jdoine zu Albauo und hatte schon oft Juliennens Hand gedrückt) — Wie gut 353 ist mir! — Ach das Leben wird wie das Mecrwaffcr nicht eher ganz süß, als bis es gen Himmel steigt." — Plötzlich kamen zn ihnen ferne Waldhorntönc heraus, welche gnt- mcincnde Landlentc vor Albano's Erziehnngshanse als Grüße brachten. „Wie kommt's (sagte Julienne), daß im Freien und Nachts auch die unbedeutendste Musik gefällig und rührend wird?" — „Vielleicht weil unsere innere Heller und reiner dazu mittönt" sagte Jdoine. — „Und weil vor der Sphärenmusik des Universums menschliche Kunst und menschliche Einfalt am Ende gleich groß sind" setzte Albano dazu. „Das meint' ich eben, denn sic ist doch auch nur in uns" sagte Jdoine und sah ihm liebreich und offen in die Augen, die vor ihren zusanken, wie wenn ihn jetzt der Mond, der milde Nachsommer der Sonne, blendend überglänzte. Sie wandte sich seit der Kirchenscier öfter an ihn, ihre süße Stimme war theilnehmendcr, obwol zitternder, die jungfräuliche Scheu vor Liancns Aehnlichkeit schien besiegt oder vergessen, so wie an jenem Abende im letzten Garten; in ihr hatte sich unter Spcncrs Rede ihr Dascyn entschieden und an der Liebe der Jungfrau waren, wie an einem Frühling durch Einen warmen Abend-Regen alle Knospen blühend auf- gebrochen. Indem er jetzt dieses klare milde Auge unter der wolkenlosen reinen Stirn anschancte und den feinen vom unerschöpflichen Wohlwollen gegen jedes Leben überhauchten Mund: so begriff er kaum, daß diese weiche Lilie, diesen leichten Duft, aus Morgenrots, und Morgcnblumen aufgestiegen, der feste Geist bewohne, der das Leben regieren konnte, so wie die zarte Wolke oder die kleine Nachtigallen-Brust der schmetternde Schlag. Sie standen jetzt auf dem vom Immergrün der Jugend- 354 erinnerung bedeckten Hellen Berge, wo Albano sonst in den Träumen der Zukunft geschlummert hatte, wie ans einer lichten hohen Insel mitten im Schatten-Meere zweier Thälcr. Die Lindenstädter Gebirge, das ewige Ziel seiner Jngcndtagc, waren vom Mond beschneiet und die Sternbilder standen blitzend und groß ans ihnen hin. Er sah Jdoine nun an — wie gehörte diese Seele unter die Sterne! — „Wenn die Welt rein ist vom niedrigen Tage — wenn der Himmel mit seinen heiligsten fernsten Sonnen das Erdcnland ansieht — wenn das Herz und die Nachtigall allein sprechen: — nur dann geht ihre heilige Zeit am Himmel an, dann wird ihr hoher stiller Geist gesehen und verstanden und am Tage nur ihr Reiz" dachte Albano. „Wie manchmal, mein guter Albano, (sagte die Schwester) hast du hier in deinen verlassenen Jugcndjahrcn zu den Bergen nach den Dcinigcn gesehen, nach deinen verborgnen Eltern und Geschwistern; denn du hattest immer ein gutes Herz!" Hier blickte ihn Jdoine unbewußt mit unaussprechlicher Liebe an — und sein Auge ihres. — „Jdoine, (sagt' er und ihre Seelen schauetcn in einander wie in schnell ausgehende Himmel und er nahm die Hand der Jungfrau) ich habe noch dieses Herz, cs ist unglücklich, aber unschuldig." Da verbarg sich Jdoine schnell und heftig an Juliennens Brust und sagte kaum hörbar: „Julienne, wenn mich Albano recht kennt, so sei meine Schwester!" — „Ich kenne dich, heiliges Wesen" sagte Albano und drückte Schwester und Braut an Eine Brust. — Und aus allen weinte nur Ein frcudetrunkues Herz. „O ihr Eltern, (betete die Schwester) o du Gott, so segne sie beide und mich, damit es so bleibe!" Und da sie gen Himmel sah, als die 355 Liebenden iin kurzen heiligen Elysium des ersten Kusses wohnten, so blickten unzählige Unsterbliche ans der blauen tiefen Ewigkeit — die fernen Töne und die milden Stralcn verwoben sich in einander — und das schlummernde Reich des Mondes erklang — „schauet auf zum schönen Himmel (ries die freudcntrnnknc Schwester den Liebenden zu), der Regenbogen des ewigen Friedens blüht an ihm und die Gewitter sind vorüber und die Welt ist so hell und grün — wacht ans, meine Geschwister!" — Ende.