Druckschrift 
11 (1848) Titan : zweiter und dritter Band
Entstehung
Seite
37
Einzelbild herunterladen
 

37

Bette, Liane wcrd' ihn morgen schon so bedenken, daß er zu-frieden scyn müsse.

Der ausländische Ncktarduft, der in fünf weißen gleich-sam mit braunem Blättcrwerk bekränzten Kelchen Perlte, ergriffdie Phantasie. Die Wohlgerüchc ans dem Frühling eineshcißcrn Wclttheils zogen sie in entlegne Träume hin. Lianestrich mit leisem Finger, wie man über Angcnliedcr gleitet,nur über die kleinen Duft-Vasen, ohne das volle Gärtchenvon zarten Staubfäden, das sich im Kelche drängte, raubendanzustrcifen:Wie lieblich, wie so gar zart (sagte sie kindlich-sroh). Wie fünf kleine Abcndstcrne! Warum kommensie nur Nachts, die lieben scheuen Blumen?" Karl schieneine brechen zu wollen.O lass' sie leben (bat sie) mor-gcn sind sic ohnehin todt. Karl! so welkt so viel," setztesie leiser dazu.Alles!" sagt' er barsch. Aber die Mutterhatt' es wider Linnens Willen gehört:Solche Sterbe-Ge-danken (sagte sie) lieb' ich an der Jugend nicht, sie lähmenihr die Flügel."Und dann (versetzte Liane, cs mädchcn-haft - umkchrend) bleibt sie eben; wie der Kranich in KleistsFabel, dem man die Flügel brach, damit er nicht sortzog mitden übrigen ins warme Land."

Dieser heitere bunte Schleier des tiefen Ernstes war un-serem Freunde nicht durchsichtig genug. Aber später hatte dasgute Mädchen Mühe, so auszusehen, wie die sorgsame Muttercs wollte. Die betäubende Vorstccklilic der Erde, der Mond und das ganze blendende Pantheon des Sternenhimmelsund die mit Nacht-Lichtern durchbrochne Stadt und diemajestätischen hohen schwarzen Alleen und auf Fluren undBächen das milchblasse Lnncns-Silber, womit sich die Erde ineinen Abcndstcrn cinspann und die Nachtigallen aus fernen