-HK«- ^ Ai> L V-'l ^ >r-. r. -^ >- ?>r.^ '' Jean Paul's ausgewählte Werke. Elfter Band. Rerlin, Druck und Verlag von G. Reimer. 1 8 4 8 . Inhalt des elften Bandes Titan. Zweiter und dritter Band. Zehnte Jobelperiode. 53 — 55. Zykel. Seite Noquairols nckvovntus clinboti — der Feiertag der Freundschaft 3 Elfte Jobelperiode. 56 — 57. Zykel. Stickrahmen — Anglaise — versus ssrpsns — musikalische Phantasier».28 Zwölfte Jobelperiode. 58—59. Zykel. Froulay's Geburtstag und Projekte — Ertrablatt — Ra- bette — die Harmonika — die Nacht — der fromme Vater — die Wundcrtrcppe — die Erscheinung.43 Dreizehnte Jobelperiode. 60 — 63. Zykel. Noquairols Liebe — klrilixpicn gegen die Liebhaber — die Gemälde — Albano Albani — das-harmonische tsts- u-tsts — die Blumcnbühler Reise.77 Vierzehnte Jobelperiode. 64—66. Zykel. Albano und Liane. 97 Fünfzehnte Jobelperiode. 67 — 72. Zykel. Der Mann und das Weib. 127 Seite Sechzehnte Jobelperiode. 73 — 76. Zykel. Die Leiden einer Tochter ..177 Siebzehnte Jobelperiode. 77-78. Zykcl. Fürstliche Vcrmählungs-Terrizivn — Lilars Jlluminazion. . 218 Achtzehnte Jobelperiode. 79—81. Zykel. GaSpards Brief — die Blumenbühler Kirche — die Sonnen- und Sccienfinsterniß.239 Neunzehnte Jobelperiode. 82 — 85. Zykel. Schoppens Trostamt — Arkadien — BouvervtS Portraitmalerei 258 ^ Zwanzigste Jobelperiode. 86—89. Zykel. GaSpards Brief — Trennungen.Z79 Ein und zwanzigste Jobelperiode. 90—92. Zykel. Die Leseprobe der Liebe — Froulay's Furcht vor Glück — der betrogene Betrüger — Ehre der Sternwarte . . . 310 Zwei und zwanzigste Jobelperiode. 93 — 94. Zykel. Schoppc's Herz — gefährliche Geister-Bckanntschaftcn . . . Z32 Drei und zwanzigste Jobelperiode. 95—90. Zykel. Llane.. Vier und zwanzigste Jobelperiode. 97 — 98. Zykel. Das Fieber — die Kur.. Fünf und zwanzigste Jobelperiode. 99—100. Zykel. Der Traum — die Reise.380 T.i t a n Jean Paul. Zweiter Band. Zean Paul's ausgcw. Werlc. XI. .Zehnte Jobelperiode. Noqnalrels aclvooatns cliaboli — der Feiertag der Freundschaft. 63. Z y k c l. Ä^icht nach den Kinderjahrcn, sondern nach der JünglingS- zcit würden wir uns am sehnsüchtigsten umkchrcn, wenn wir aus dieser so unschuldig wie ans jenen hcrkämen. Sie ist nufer Lebens-Festtag, wo alle Gassen voll Klang und Putz find und um alle Häuser goldne Tapeten hängen, und wo Daseyn, Kunst und Tugend uns noch als sanfte Göttinnen mit Liebkosungen locken, die uns im Alter als strenge Götter mit Geboten rufen! — Und in dieser Zeit wohnt die Freundschaft noch im heiter offnen griechischen Tempel, nicht wie später in einer engen gothischcn Kapelle. Herrlich und reich schimmerte jetzt um Albano das Leben, mit Inseln und Schiffen bedeckt; er hatte die ganze Brust voll Freundschaft und Jugend, und durfte die drängende Kraft der Liebe, die auf l8ola llelln an einer Statue am Vater zn- rückpralltc, nun nngebändigt und fröhlich aus einen Menschen stürmen lassen, der ihm völlig so erschien, wie ihn der Iüng- 1 * 4 lingstraum entwirft. Er konnte keinen Tag von Karl lassen — er deckte ihm seine Seele ans und sein ganzes Leben (nur Liancus Name stieg tiefer in sein Herz zurück) — alle Vorbilder der Freundschaft unter den Alten wollt' er nachbilden und erneuern und alles thun und leiden für seinen Geliebten —> sein Daseyn war jetzt ein Doppclchor, er trank jedes Glück mit zwei Herzen, sein Leben schloß ein doppelter Himmel in lauter Aethcr ein. Als er am andern Tage die befreundete feste Gestalt antraf, die ihm auss dem nächtlichen Spektakelstück der Gcistcr- welt übrig geblieben war, wie ein blasser Mond aus den weg- gclöschtcn Sternen der Nacht, und als er sic so kahlköpfig und bleich fand — wie die feurige Actnas - Rauchsäule am Tage grau aufstcigt — so sah er gleichsam den vorigen Selbstmörder vor sich stehen; freier, aber desto wärmer reicht' er dem einsamen Wesen, das nach dem Sprunge über das Leben nur noch auf seinem Grabe wie auf einem fernen Eiland wohnte, die Hand hinüber. Andere ziehen sic eben darum weg; der gestörte Selbstmörder, der das schöne feste Leben durchrisscn, kehrt aus seiner Todesstunde als ein fremder unheimlicher Geist zurück, dem wir nicht mehr trauen können, weil er in seiner Ungcbuudcuhcit jede Minute das wegwerfende Spiel mit der Menschengestalt wieder treiben kann. Daher sah Albano im chaotischen Leben des Hauptmanus nur die Unordnung eines Wesens, das ciupackt und auszieht. Als er das erstemal in dessen Sommcrstubc trat, so hatt' er freilich darin eine Bedienten-, eine theatralische Anziehstube und ein Osfizierszelt auf einmal vor sich. Auf der Tafel lagen verworrene Völkerschaften von Büchern, wie aus einem Schlachtfeld, und auf Schillers Tragödien das hippokratische Gesicht 5 von der Nedontc, und auf dem Hofkalcudcr eine Pistole — das Bücherbrett bewohnte die Dcgcnknppel neben ihrer Scifen- kugcl aus Kreide, ein Schokoladcqncrl, ein leerer Leuchter, eine Pomadebüchse, Fidibus, das nasse Handtuch und die cinge- trocknctc Mundtassc — das Glashaus der ausgelaufenen Sanduhr, und der Wasch- und der Schreibtisch standen offen, ans welchem lctztcrn ich mit Erstaunen umsonst nach Unterlage und Streusand suche — der Pudcrmantcl lehnte sich in der Otto- mannc zurück und ein langes Halstuch ritt ans dem Ofenschirm, und das Hirschgeweihe an der Wand hatte zwei Fcdcrhütc aufs rechte und linke Ohr geschoben — Briefe und Visitenkarten waren wie Schmetterlinge an die Fcnstcrvorhänge gcspicßct. Ich wäre nicht fähig, darin ein Billct zu schreiben, geschweige einen Zykel. Gibt cs aber nicht ein sonnenhelles freiflattcrndcs Alter, wo man alles gerne sicht, was reisefertige Unruhe, Abbrcchcn der Zelte und Nomadcnfrcihcit verkündigt, nnd wo man mit Dank in einem Rciscwagcn haushicltc und darin schriebe und schliefe? Und hält man nicht in diesen Jahren gerade eine solche Studentcnstnbc für geistiges Studcntcngnt des Genies nnd jedes Chaos für ein infnsorischcs voll Leben? Man gönne meinem Helden diese irrende Zeit; es hielt ihn doch etwas Edles in seiner Natur zurück, aus einem Lobrcdncr ein Nachahmer zu werden. Wie nach einem weggcschmolzenen Nachwinter auf einmal die grüne Erdcndcckc in Blumen nnd Blüten hoch aufflattcrt, so fuhr in der warmen Lust der Freundschaft nnd Phantasie ans einmal Albano's Wesen üppig blühend nnd grünend aus. Karl hatte nnd kannte alle Zustände des Herzens, er erschuf sic spielend in sich nnd andern, er war ein zweites Sancnland, das alle Klimatc von Frankreich bis Nova Scmbla beherbergt, und worin eben darum jeder seines findet; er war für andere alles, wicwol für sich nichts. Er konnte sich in jeden Charakter werfen, wicwol ihm eben darum zuweilen cinkam, blos de» bequemste» dnrchzusctzcn. Die Gurt-, Brust-, Schwanz- nnd Sattelricmcn des höfischen, kleinstädtischen und bürgerlichen Lebens hatte sein Buzephalns längst abgcsprcngt; und wenn sich der Graf jeden Tag über den Sprach-Laufzanm des Lektors ärgerte, der alles richtig sagte, Kanaster statt Knaster, Insten statt Juchten, fünfzig statt fufzig, und barbieren (welches N ich selber für eine dumme Härte halte): so war No- qnairol ein Freidenker bis zum rcnommistischcn Frcircdncr, und sprach nach scin'cm eigenen Ausdruck, der zugleich das Beispiel war, „von der Leber und vom Maule weg." Dem Grafen klebte zu seinem Verdruß eine gewisse epische von Büchern ancrzogcnc Sprach-Würde an. Sic überdachten und verwünschten oft mit einander das erbärmliche Glatzen-Leben, das man hätte, wenn man, wie der Lektor, als ein wohlgc- wachscncr Staatsbürger von Extrakzion dahin lebte, Kondnitc und einen säubern Anzug hätte, und hübsche, nicht unebene Kenntnisse von mehreren Fächern und zur Erholung seinen Tischwcin und Geschmack an trefflichen Maler- und andern Meistern, und wenn man zu höher» Posten avancirtc, blos um von da aus zu noch höher» auszusteigen, und man so nach allem diesen sich frisirt und gewaschen in den Sarg streckte, damit doch die gigantische Körpcrwelt ihren Pcstitzer auch der erhabenen Geistcrwelt einhändige.-Nein, sagte Albano, lieber wirf cinc schwarze Bergkette von Schmerzen ins platte Leben, damit nur cinc Aussicht dasteht und etwas Großes. — Aber Noquairol war nicht der, der er ihm schien; — die Freundschaft hat ihre Täuschungen wie die Liebe — und oft wenn er diesen licbcstruukcnen hochherzigen Jüngling mit keu- schcn Madchcnwangcn und stolzer Männerstirn, der ein solches Vertrauen auf seine wankende Seele setzte, und dessen Herz so weit offen stand, und an dessen Phantasie sogar er die Heiligkeit beneidete, laug anblicktc: so rührte ihn die Täuschung des Edcln bis zum Schmerz, und sein Herz drängte sich vor und wollte ihm mit Thräncn sagen: Albano, ich bin deiner nicht wcrth. Aber dann verlier' ich ihn, setzt' er allemal hinzu; denn er scheuete die moralische Orthodoxie und die Entschiedenheit eines Mannes, der nicht wie ein Mädchen spielend zu erzürnen und wieder zu gewinnen war. Und doch kam der wichtige Tag für beide, wo er's that. Wie hätt' er je der Phantasie widerstanden, da er nur durch Phantasie widerstand? — Ich thu' ihm halb Unrecht; höret den bessern Engel, der seinen Mund aufschloß. Noquairol ist ein Kind und Opfer dcö Jahrhunderts. Wie die vornehmen Jünglinge unserer Zeit so früh und so reich mit den Rosen der Freude übcrlaubt werden, daß sie wie die Gewürz-Insulaner den Geruch verlieren und nun die Rosen zum Sybaritcn - Polster Unterbetten, Roscnsyrup trinken und in Rosenöl sich baden, bis ihnen davon nichts zum Reiz mehr dasteht als die Dornen: so werden die meisten — und oft dieselben — von ihren philanthropischen Lehrern anfangs mit den Früchten der Erkenntnis; vollgefüttcrt, daß sic bald nur die honigdickcn Extrakte begehren, dann den Apscl-Wcin und Birn- most davon, bis sie sich endlich mit den gebrannten Wassern daraus zersetzen. Haben sie noch dazu wie Noquairol eine Phantasie, die ihr Leben zu einem Naphtabodcn macht, aus welchem jeder Fußtritt Feuer zieht: so wird die Flamme, wor- 8 cin die Wissenschaften geworfen werden, und die Vcrzcbrung noch größer. Für diese Abgebrannten des Lebens gibt cs dann keine nene Freude und keine neue Wahrheit mehr, und sic haben keine alte ganz und frisch; eine vertrocknete Zukunft voll Hochmuts), Lcbcnsckcl, Unglauben und Widerspruch liegt um sic her. Nur noch der Flügel der Phantasie zuckt an ihrer Leiche. Armer Karl! — Du thatcst noch mehr! Nicht blos die Wahrheiten, auch die Empfindungen antizipirtc er. Alle herrliche Zustände der Menschheit, alle Bewegungen, in welche die Liebe und die Freundschaft und die Natur das Herz erheben, alle diese durchging er früher in Gedichten als im Leben, früher als Schauspieler und Theaterdichter denn als Mensch, früher in der Sonnenseite der Phantasie als in der Wetterseite der Wirklichkeit; daher als sie endlich lebendig in seiner Brust erschienen, könnt' er besonnen sic ergreifen, regieren, cr- tödtcn und gut ausstopfcn für die EiSgrube der künftigen Erinnerung. Die unglückliche Liebe für Linda de -Romciro, die ihn später vielleicht gcstählct hätte, öffnete so früh alle Adern seines Herzens und badete cs warm im eigenen Blute; er stürzte sich in gute und böse Zerstreuungen und Licbcshändcl, und stellte hinterher alles auf dem Papier und Theater wieder dar, was er bcrcnete oder segnete; und jede Darstellung höhlte ihn tiefer ans, wie der Sonne von ausgcworfcncn Welten die Gruben blieben. Sein Herz konnte die heiligen Empfindungen nicht lassen, aber sie waren eine neue Schwelgerei, höchstens cin Stärkungsmittel sein tonicum) ; und gerade von ihrer Höhe lief der Weg zu den Sümpfen der unhciligsten abschüssiger. Wie im dramatischen Dichter cngelreinc und schmutzige Zustände nebeneinander stehen und folgen, so in seinem Leben; 9 er fütterte wie in Surinam die Schweine mit Ananas; gleich- dcn altern Giganten hatt' er hebende Flügel und kriechende Schlangcnfüße. Unglücklich ist die weibliche Seele, die sich in ein so großes mitten im Himmel aufgcspanntcS Gewebe verfliegt; und glücklich ist sic, wenn sic sich nnvcrgiftet durchrcißet und blos die Bicncnflügcl beschmutzt. Aber diese allmächtige Phantasie, diese strömende Liebe, diese Weichheit und Stärke, diese erobernde Besonnenheit wird jede weibliche Psyche mit Gcspinn- stcn überziehen, sobald sie nicht die ersten Fäden wcgschlägt. — Könnt' ich euch warnen, arme Mädchen, vor solchen Kun- turs, die mit euch in ihren Krallen anfflicgcn! Der Himmel unserer Tage hängt voll dieser Adler. Sic lieben euch nicht, aber sic glauben cs; weil sie wie die Seligen in MuhammcdS Paradies statt der verlornen Liebes-Arme nur Fittige dev Phantasie haben. Sie sind gleich großen Strömen nur am Ufer warm und in der Mitte kalt. Bald Schwärmer, bald Libertin in der Liebe, durchlief er den Wechsel zwischen Acthcr und Schlamm immer schneller, bis er beide vermischte. Seine Blüten stiegen am lackirtcn Blumenstabc des Ideals hinaus, der aber farbcnlos im Boden verfaulte. Erschreckt, aber glaubt cs, er stürzte sich zuweilen absichtlich in die Sünde und Marter hinab, um sich drunten durch die Wunden der Neue und Dcmuth den Schwur dev Rückkehr tiefer cinznschnciden; wie ctwan die Acrzte (Darwin und Sydcnham) behaupten, daß stärkende Mittel (China, Stahl, Opium) kräftiger wirken, wenn vorher schwächende (Aderlaß, Brechmittel rc.) verschrieben worden. Aenßcre Verhältnisse hätten ihm vielleicht etwas helfen können, und das Gelübde der Armuth hätt' ihm die beiden 10 andern erleichtert; hätte man ihn als Neger verkauft, sein Geist wäre ein freier Weißer, und ein Arbeitshaus ihm ein Pnr- gatorium geworden. Daher gaben die ersten Christen den Besessenen immer Geschäfte, z. B. Kirchenausscgcn*) u. s. w. Aber das müßige Offizierslcbcn arbeitete ihn blos noch eitler und kecker aus. So stand es in seiner Brust, als er an Albano's seine kam — Liebe schwelgerisch aufjagcnd, aber blos um mit ihr zu spielen — mit einem unwahren Herzen, dessen Gefühl mehr lyrisches Gedicht als wahres dichtes Wesen ist — unfähig, wahr, ja kaum falsch zu seyn, weil jede Wahrheit zur poetischen Darstellung artete und diese wieder zu jener — leichter vermögend, ans der Bühne und ans dem tragischen Schrcibc- pult die wahre Sprache der Empfindung zu treffen als im Leben, wie Boilcau nur Tänzer nachmachcn konnte, aber keinen Tanz — gleichgültig, verschmähend und keck gegen das ausgeschöpftc stofflosc Leben, worin alles Feste und Unentbehrliche, Herzen und Freuden und Wahrheiten, zerschmolzen hcr- nmschwammcn — mit ruchloser Kraft vermögend, alles zu wagen und zu opfern, was ein Mensch achtet, weil er nichts achtete, und immer nach seinem eisernen Schutzheiligen um- blickcnd, nach dem Tode — an seinen Entschlüssen verzagend und sogar in seinen Jrrthümcrn schwankend — aber doch nur des Stimmhamm er s, und nicht der Stimmgabel der feinsten Moralität beraubt, und mitten im Brausen der Leidenschaft stehend im Hellen Lichte der Besonnenheit, wie der Wasserscheue seinen Wahnsinn kennt und davor warnt. — — Nur Ein guter Engel war nicht mit den andern cntflo- ') Simvnö chnstl. Nlterthümcr, von Mursinna rc. p. 143. 11 hcn, die Freundschaft. Zur Liebe konnte sich sein so oft aufgeblähtes und zusammengefallencS Herz schwer aufhcbcn; aber die Freundschaft hatt' er noch nicht verschwendet. Seine Schwester hatt' er bisher befreundet geliebt, so brüderlich, so ungehemmt, so wachsend! Und jetzt tritt ihm Albano glänzcnd- gcwaffnet entgegen! — Anfangs spielte er auch mit ihm lügend wie mit sich, in der Redoute und im Tartarus. Er merkte bald, daß ihn der ländliche Jüngling vor eignen Stralcn falsch und geblendet sehe; aber er wollte lieber den Jrrthum wahrmachcn'als benehmen. Die Menschen — und er — gleichen der Duelle der Sonne neben dem Tempel des Jupiter Ammon, die am Morgen nur kalt war. Mittags lau, Abends warm, Mitternachts heiß; von den Tageszeiten hing er nun so sehr ab — wie der rüstige gesunde Albano so wenig, der sich daher verstellte, ein großer Mann sei den ganzen Tag vom Anfstehen bis zum Niedcrlcgen groß, wie die Heraldiker dem Adler immer die Schwingen aussprcizcn — daß er selten am Morgen und meistens Abends zu Albano ging, wenn die ganze Girandolc seiner Kräfte und Gefühle brannte in dem Weingeist, den er vorher ans Flaschen zngcgoffen.- Aber kennt ihr die Arzenci des Beispiels, die Heilkraft der Bewunderung und der scclen-stärkenden Achtung? „Es ist „schändlich von mir (sagte Noquairol); ist er nicht so gläubig „und offen und bieder? — Nein, die ganze Welt will ich bc- „lügen, nur seine Seele nicht!" — Solche Naturen wollen die Verheerung der Menschheit durch Treue gegen Einen vergüten. Die Menschheit ist ein Sternbild, in welchem Ein Stern oft die Hälfte des Bildes malet. Von dieser Stunde an stand sein Entschluß der herzlichsten Beichte und Buße fest; und Alban, vor welchem das Leben noch nicht in einen Brei der Verwesung zerlief, sondern sich scsi und scharf und organisch zergliederte, und der nicht wie Karl klagte, daß ihn nichts recht crpacke und alles nur luftig nmspnlc, dieser sollte dessen kranken Wünschen Jugend wicdcr- bringcn, und mit dem unwandelbaren Sinn des reinen Jünglings und mit der Gefahr der Freundschaft wollte Noqnairol sich zwingen, diesem das Wort der fruchttragenden Bcrcunng zu halten, das er sich selber zu oft gebrochen. Lasset uns ihm folgen in den Tag, wo er alles sagt. 54. Z y k c l. Einst kam Albano schon Vormittags zum Hanptmann, wo dieser sonst nach seiner Sprache noch „ein von gestern her- abgebranntes Lichtstümpfchcn ans Stacheln" war; aber heute stand er brausend-arbeitend wechselnd am Pianofortc und am Schrcibcpult und war wie ein verdorrtes Jnsusionsthicrchcn schon so früh der Rege und Alte, weil Wein genug anfgcgosscn war, nämlich viel. Voll Entzückung lief er dem willkommenen Freunde zu. Albano bracht' ihm von Faltcrlc die kindischen Blätter der Liebe s— denn der Exerzizicnmcistcr hatte nicht den Mnth gehabt, sic ins Feuer zu werfen), die er ans Blumcnbühl an das unbekannte Herz geschrieben. Karl wäre darüber bis zu Thräncn gerührt geworden, wär' cr's — nicht schon vor der Ankunft gewesen. Der Graf mußte da bleiben — den ganzen Tag — und alles versäumen — es war sein erster unordentlicher Tag — komisch war's, wie sich der sonst so unbändige, aber einer langen Gewohnheit täglicher Anstren- 13 gungcn dienstbare Jüngling gegen die kurze Mcerstille, worin er keine Schiffe trieb, wie gegen eine Sünde sträubte. Indessen war'S himmlisch; der tiefliegende Kindertag, der ihn sonst beflügelte, wenn das Haus voll Gäste war und er — wo er nur wollte, kam wieder herauf; die Gespräche spielten und beschenkten mit allem, was uns hebt und bereichert; alle Kräfte waren ohne Ketten und im trunkncn Tanz. Genialische Menschen haben so piele Festtage als andere Wcrkcl- tage und daher ertragen jene so schwer einen Trivial- und Schlendrians-Schalttag — und vollends an solchen Jünglings- tagcn! — Wenn ihm Karl tragische Gewitterwolken ans Shaks- peare, Göthc, Klinger, Schiller vorsührtc und sich das Leben kolossalisch im dichterischen Vcrgrößcrungsspicgel bcschanete: so standen alle schlafenden Riesen seines Innern auf, sein Vater kam und seine Zukunft, selber sein Freund stand neu wie aus jener glänzenden phantastischen Kindcrzeit herausgchoben da, wo er sich ihn in diesen Rollen vorgeträumt, und in den inner» Hcldcnzug wurde sogar die Wolke, die durch den Himmel schwamm, und die über den Markt wcgmarschircnde Wach- Trnppc cingeschichtet. Zn groß erschien ihm der Freund, weil er wie alle Jünglinge noch von Schauspielern und Dichtern glaubte, daß sie wie die Bergleute immer die Metalle in den Leib bekommen, in denen sie arbeiten. Wie oft sagten beide in der Jünglings-Metapher: „das Leben ist ein Traum" und wurden blos froher und wacher dadurch k Der Greis sagt es anders. Und die schwarze Todcspforte, an welche Karl so gern hinführtc, wurde vor dem JünglingSaugc eine Glasthür, hinter welcher das Helle goldnc Zeitalter des verspäteten Herzens in unermeßlichen Auen lag. Mädchen, bekenn' ich — da ihre Gespräche zcrstücktcr, 14 faktischer und weniger berauschend sind — erstehen statt eines solchen Eden-Parks einen hübschen holländischen Garten, gut zngcschnittcn von Krebs- und Damenschecrcn, und (nachmit-) täglich dargcrcicht von der schwarzen Stunde, die ihnen ans dem Kaffee- oder Thccbrcttc das schmale schwarze Brett einiger Übeln Nachreden, ein paar neue dasitzende Shawls, einen wohlgewachsenen Menschen, der mit einem Testamente oder Trauschein vorbcigcht, und letztlich die Hoffnung des häuslichen Referats servirt. — Kommt zu den Jünglingen zurück! Gegen Abend bekam der Hanptmann ein rothcs Billet. „Es ist ganz gut!" sagt' er zur Uebcrbringcrin und nickte. „Wird nichts daraus, Madam!" (sagt' er, sich gegen Albano kehrend.) -— „Bruder, wahre dich nur gegen Eheweiber. „Schnappe einmal zum Spaße nach einem rothen Schmink- „läppchen von ihnen: flugs schieben sie dir die Angelhaken in „die Nückenhaut *). Der Haken sieben sind in meiner allein, „wie du sic da sichst, seßhaft." Das unschuldige Kind Albano! Es nahm es für etwas moralisch Großes, die Freundschaft von sieben Eheweibern aus einmal zu behaupten, und wäre froh in Karls Fall gewesen; er konnte das Schlimme nicht finden, daß die Freundinnen, wie die Römer, der Viktoria (nämlich uns) gern die Flügel abschnciden, damit die Gottheit nicht weiter fliege. — An einem schönen Tag ist nichts so schön als sein Sonnenuntergang; der Graf schlug vor, ins Abendroth hinaus- zurcitcn und auf der Höhe nach der Sonne zu schauen. Sic trabten durch die Straßen; Karl zog bald vor einer schönen *) Anspielung ans die Art, Frösche mit einem Stückchen rothen Tuch zu äugeln. 15 Nase, bald vor einem großen Angcnpaar, bald vor durchsichtigen Stirnlockcn den großen schicfsitzcndcn Hnt ab. Sic flogen in die Lindenallee, die sich mit einer bunten Lambris von Spazier — sitzcrinncn festlich Putzte. Ein großes feurig durch- blickcndes Weib schritt im rothcn Shawl und gelben Kleide durch das weibliche Blumenbeet hoch wie die Blumcngöttin; cs war die Konzipicntin des rothcn Blattes; sie war aber aufmerksamer ans den schönen Grafen als ans ihren Freund. An allen Wänden und Bäumen blühte das Roscnspalicr des Abcnd- roths. Sie bransetcn die weiße Straße nach Blumenbühl hinauf — an beiden Seiten schlug das goldgrnnc Meer des Frühlings die lebendigen Wellen — eine geflügelte Welt ruderte darin und die Vögel tauchten sich tief in die Blumen unter — hinter den Freunden brannte die Sonne, und vor ihnen lag die Blumenbühlcr Höhe ganz rosenrotst. Oben wandten sic die Pferde gegen die Sonne, die hinter den Kuppeln und Rauchsäulen der stolzbrcnncndcn Stadt in fernen Hellen Gärten ruhte. Nahe gerückt lag die erleuchtete Erde um sie her, und Albano konnte die weißen Statuen auf Lianens Dach lebendig unter dem blühenden Gewölk erröthcn sehen. Er drängte sein Pferd an das fremde, um die Hand auf Karls Achsel zu drücken; und so sahen sic schweigend zu, wie die liebevolle Sonne die goldnc Wolkenkronc ablcgtc und mit dem flatternden Lanbge- windc um die heiße Stirn ins Meer hin'nnterzog. Und als es dämmerte ans der Erde und glühte am Himmel und Albano sich hinüber neigte und seinen Freund ans brennende Herz hcrüberzog: so stieg das Abcndgcläutc in Blumcnbühl herauf — „und dort drunten (sagte Karl mit sanfter Stimme „und kehrte sich hin) liegt dein friedlich Blumcnbühl wie ein „stiller Kirchhof deiner Kindertage. — Wie sind die Kinder 16 „glücklich, Albano, ach, wie sind die Kinder glücklich!" — „Sind wir's nicht? (antwortete er mit freudigen Thräncn) „Karl, wie oft stand ich auf den Höhen an Abenden wie dieser „und streckte inbrünstig meine kindischen Hände aus nach dir „und nach der Welt. — Nun Hab' ich's ja alles. Wahrlich „du hast nicht Recht." — Aber er, am brausenden Ohrcnklin- gcn vergangner weiter Zeiten krank, blieb taub gegen das Wort und sagte: „nur die Wiegenlieder, nur die znrücktöncn- „den Wiegenlieder, schläfern die Seele ein, wenn sic heiß gc- , weinet hat." Stiller und langsamer ritten sic zurück. Albano trug eine neue Welt der Liebe und der Wonne in der Brust; und der Jüngling — noch nicht ein Schuldner der Vergangenheit, sondern ein Gast der Gegenwart — sank, vom langen Jubel des Tags süß abgespannt, in hclldunklc Träume unter, gleichsam ein hoher Raubvogel still ans entzückt-offnen Schwingen hängend. „Wir wollen die ganze Nacht bei Ratio bleiben," sagte Karl in der Stadt. 56. Z y k c l. Sic stiegen in Natto's italiänischen Keller hinunter. Das Haus kam anfangs nach dem Anblicke der weiten Natur dem Grafen wie ein Felscnstück darüber gewälzt vor — wicwol ja jedes Stockwerk unter architektonischen Lasten liegt — aber das schwere Gefühl des unterirdischen Zwingers vergaß sich bald, und sonderbar klang in die welsche Grube das hohe Rasseln der Wagen herein. Der Hauptmann bestellte einen ?»nclr -Wenn er so fortfährt in seiner guten Feuerordnung 47 und immer ein volles Gesäß im Hause hat als Löschanstalt und die Schlangcuspritzen probirt: so kann mein Buch nie der Vorwurf treffen, daß man darin wie im Grandison zuviel Thce konsumire, eher zuviel starkes Getränk geht auf. Schoppe saß im welschen Souterrain. Er liebte den Hauptmann nicht, weil sein unversöhnliches Auge an ihm zwei ihm herzlich unleidliche Fehler answittcrte, „das chronische Geschwür der Eitelkeit und ein unhciligcs Schlemmen und Prassen in Gefühlen." Karl gab die Abneigung zurück: die heißesten Wellen seines Enthusiasmus setzten sogleich vor des Titular- bibliothekarS Gesichte Eisspieße an. Nur heute nicht! — Er trank so hinlänglich vom Königspunsch — wovon ein Paar- Gläser durch alle Kopse des Briarcus oder der lcrnäischeu Schlange durchbrcnncn konnten daß er daun alles sagte, sogar das Fromme. „Bei Gott! (sagt' er, sich im Bcthcsda- „Tciche durch — Hcrausschöpscn heilend) da cs doch Lumperei „mit dem Bcsscrwerden ist, so sollte man sich etwas vor die „Stirn drücken, damit der gehetzte Geist nur einmal loskäme „von seinen Wunden und Sünden." — „Von Sünden? — „(sagte Schoppe) Läuse und Bandwürmer der bessern Art wer- „dcn allerdings aus meinem Gebiet auswandcrn, wenn ich „mich kalt mache: aber die schlimmen trägt mein innerer Mensch „gewiß mit hinauf. Beim Henker! wer sagt euch denn, daß „dort der ganze hiesige Armesünders-Kirchhof auf einmal als „eine unsichtbare .Kirche voll Märtyrer und Sokratesse Anziehen werde und jedes Bedlam als eine Loge zum hohen Licht? „— Ich dachte heute ans andere Leben, als ich eine Frau auf „dem Markte mit fünf Schwcinchcn sah, die sic, jedes mit „einem Strick am Bein, vor sich her treiben wollte, die ihr „aber wie elektrische Stralcnbüschel auseinander snbren; jetzt Iran Paul's ausgew. Werke. XI. Z 18 „schon, sagt' ich, mit unscrn wenigen Kräften und Wünschen, „die das kultivirende Säknlnm im hnintnplo stellte, geht es „uns schon so erbärmlich wie der Frau mit ihrer Kuppel, wenn „wir nun vollends zehn und mehr neue Ferkel (da die zweite „Welt wie ein Amerika doch neue Objekte und Wünsche brin- „gcn muß) an den Strick bekommen, wie will da der Epho- „rus amthircn? — Auf größere unbeschreibliche Nöthen, Lehns- Frevel und Opposizioncn mach' ich mich da gefaßt." Aber Roguairol war in seiner rothcn Lohe; er setzte sich über Schoppe und sich hinweg und läugnete die Unsterblichkeit geradezu, um Schoppen zu parodircn: „ein einziger Mensch (sagt' er) glaubte „seinetwegen allein schwerlich die Unsterblichkeit; aber da er „mehrere sicht, hat er Mitlcidcn und hält cs der Mühe Werth „und glaubt, die zweite Welt ist ein inoute te8tneso aus „Mcnschen-Scherbcn. Der Mensch kann Gott und dem Teu- „scl künftig nicht näher kommen, als er's hier schon that; „wie ein Wirthshausschild ist sein Revers so bemalt wie sein „Avers — Aber wir brauchen die künstliche Zukunft zur Gegenwart; wenn wir noch so still schweben über unserem „Schlamm, so zappeln wir noch immer wie stillliegende Kar- „psen mit den poetischen Flossen und Flügeln. Daher müssen „wir den künftigen Paradiescsgarten so herrlich anlcgcn, daß „nur Götter hinciupassen, aber, so wie in Fürsteugärten, keine „Hunde. Lumperei ist's! Wir schneiden uns verklärte Leiber „zu, die den Soldatcnröcken gleichen; Taschen und Knopflöcher fehlen; welche Freuden können sie denn fassen?" — Alban sah ihn staunend an. „Weißt du, Albano, was ich „meine? — Just das Gegenthcil." So leicht wird der Phantasie alles, auch Laune. Jetzt wurd' er hinausgcrufcn. Er kam zurück mit einem 19 rothen Billct. Er warf die Halsbinde um — ü In Hamlet war er da gesessen — und sagte zu Albano, in einer Stunde flieg' er zurück. Unter der Schwelle stockt' er noch sinnend, ob er weg solle; dann lief er rasch die Treppe hinan. In Albano floß der Freudenbecher, worein der ganze Tag zngcschüttct hatte, mit dem glänzenden Schaume einer schalkhaften Laune über. Beim Himmel! Die Scherzhaftigkeit stand ihm so lieblich wie eine Rührung, und er ging oft lange, ohne Sprechen, schalkhaft-lächclnd umher, wie schlummernde Kinder lächeln, wenn, wie man sagt, mit ihnen Engel spielen. Roquairol kam wieder mit sonderbar empörten Augen; er hatte wild in sein Herz hincingcstürmt; er war schlecht gewesen, um zu verzweifeln und unten auf dem Abgrund kniccnd dem Freunde sein Leben zu bekennen. Dieser so willkürliche Mensch lag unwillkürlich aus den Windmühlen-Flügel seiner Phantasie geflochten und wurde bald von der Windstille gefesselt, bald vom Sturme umgcschlcudcrt, den er zu durch- schneiden glaubte. Er wurde, nach dem Beispiele der Feuer- frcsser, jetzt ein Fcucrsäuscr, in der unruhigen Erwartung, daß Schoppe weiche. Dieser wich endlich trotz Albano's Bitte mit der Antwort: „kaufet die Zeit, sagte der Apostel, das heißet „aber, fristet euer Leben länger; das ist die Zeit. Dazu fordern nun die besten Kaufbudcn der Zeit, die Apotheken, daß „der Mensch nach dem ?uncll ro)ml -zu Bette gehe und un- „mäßig schwitze." — Wie wurd' cs jetzt anders! — Da ihm Zesara freudig, um den Hals fiel — da der Jugend-Rausch zu Liebesmelodiecn wurde, wie der Regen in der Höhle zu Dcrbyshirc von ferne zu Harmonien — da dem Grafen süß, wie man sich schlummernd verblutet, das ganze Innere, sein ganzes voriges Le- 2 * 20 bcn von der Lippe floß und alle Plane des künftigen, sogar die stolzesten (nur der zarteste nicht) — und da er sich, wie (nach der Uo»ri§no>,) Adam im Unschulds-Stand, so krystal- len-durchsichtig vor das befreundete Auge stellte, nicht aus Schwäche, sondern aus altem Drang und im Glauben, so müsse der Freund seyn: so traten dem unglücklichen Roquairol Helle Thräncn der liebevollsten Bewunderung über die ungeschminkte Reinheit und über die energische, gläubige, noch in nichts schwankende Natur und über den fast zum Lächeln reizenden naiven hohen Ernst des rothwangigcn Jünglings in die Augen. Er schluchzetc an dieser srcudctrunknen Brust, und Albano wurde weich, weil er dachte, er sei cs zu wenig und sein Freund so sehr. „Hinaus, hinaus!" sagte Karl; und das war lange Al- bano's Wunsch. Es schlug Ein Uhr, als sie auf der engen Kellertreppe die Sterne des Frühlingshimmcls oben an der Einfahrt des Schachtes blitzen sahen. Wie frisch quoll die cingcathmctc Nacht über die heißen Lippen! — Wie fest baucte sich über die flüchtigen Zeltgassen der Stadt die Wclt-Notundr mit ihren festen Stcrncnrciheu dahin! Wie erquickte und erweiterte sich das feurige Auge Albano's an den Ricscnmassen des dämmernden Frühlings, an dem unter dem durchsichtigen Mantel der Nacht schlummernden Tag! Zephyre, die Schmetterlinge des Tags, flatterten schon um ihre lieben Blumen und sogen aus den Blüten und trugen Weihrauch für den Morgen ein, eine schlastrunknc Lerche fuhr zuweilen in den stillen Himmel hinaus mit dem lauten Tage in der Kehle, über die dunkeln Auen und Stauden war schon der Thau gegossen, dessen Juwclcnmecr vor der Sonne entbrennen sollte, und in Norden wehten die Purpur-Wimpel der Aurora, die gen Mor- 21 gen schiffte.-Erhebend faßte der Gedanke den Jüngling an, daß nun dieselbe Minute Millionen kleine und lange Leben messe und den Gang der Minirraupe und den Flug der Sonne, und daß jetzt dieselbe Zeit durchlebet werde vom Wurm und von Gott, von Welten zu Welten — überall. — „O „Gott, rief er, wie herrlich ist's, daß man ist!" Karl klebte blos mit dem hängenden schweren Gefieder des Nachtvogels an den heitern Gestirnen um ihn: „wohl dir, „sagt' er, daß du so sehn kannst, und daß die Sphinx in dei- „ncr Brust noch schläft. Du weißt nicht, was ich will. Ich „kannte einen Elenden, der sic recht gut schildern konnte. In „der Brusthöhle des Menschen, sagt' er, liegt das Ungeheur „mit aufgehobenem Madonnengesicht auf seinen vier Tatzen „und lächelt eine Zeitlang umher und der Mensch mit. — „Plötzlich springt es aus, gräbt die Krallen in die Brust, zerschlägt sie mit dem Löwenschwcif und den harten Flügeln und „wühlt, drängt und tobt, und überall rinnt Blut all der zer- „ritzten Brusthöhle. -— Auf einmal legt cs sich blutig wieder „hin und lächelt wieder fort mit dem schönen Madonnenangc- „sicht. O er sah ganz blutlos aus, der Elende, weil das „Thier so von ihm zehrte und durstig an seinem Herzen „leckte." „Gräulich! (sagte Albano) und doch versteh' ich dich nicht „ganz." — — Der Mond hob jetzt sich und eine finster an seinen Seiten gelagerte Wolken-Heerde empor und zog einen Sturmwind nach, der sie unter die Sterne jagte. Karl fuhr wilder fort: „Anfangs hatt' cs der Elende noch gut, er hatte „noch derbe Schmerzen und Freuden, rechte Sünden und Tugenden; aber als das Unthier immer schneller lächelte und „zerriß und er immer schneller Lust und Pein, Gutes und 22 „Böses wechselte; und als Gotteslästerungen und Kothbilder „in seine Gebete krochen und er sich weder bekehren noch verlocken konnte: da lag er in öder Verblutung in der lauen, „grauen, trocknen Nebel-Masse des Lebens da und starb so „durch das Leben fort." — „Warum weinst du? Kennst du den Elenden?" — „Nein," sagte Albano mild. — „Ich bin's!"— „Du? — schrecklicher „Gott, du nicht!" — „O, ich bin's; und wenn du mich auch „verachtest, du wirst, was ich. Nein, mein Unschuldiger, „ich sag' cs nicht. Sich, jetzt steht die Sphinx wieder auf. „O bete mit mir, hilf mir, daß ich nicht sündigen muß, nur „nicht muß. Ich muß saufen, ich muß verführen, ich muß „heucheln — ich heuchle jetzt" — Zcsara sah das starre Auge, das bleiche zerrissene Gesicht und schüttelte liebend-entrüstet ihn mit beiden Armen und stammelte gerührt: „das ist beim „Allmächtigen nicht wahr; du bist ja so sanft und blaß und „unglücklich und unschuldig." — „Roscnangesicht (sagte Karl), ich scheine dir rein und hell „wie der dort droben*), aber er wirft wie ich den langen „Schatten gegen den Himmel hinauf." — Zcsara ließ ihn los, sah lange nach dem erhabnen dunklen wie ein Leichcnzug um das Elysium haltenden Tartarus und drückte bittere Thräncn weg, die über die Erinnerung flössen, daß er darin seinen ersten Freund gefunden, der sich jetzt neben ihm auflösc. Da brach der Nachtwind eine von der Waldraupc gctödtctc Tanne daraus ab, und Albano zeigte stumm auf die Niedcrbrcchende; Karl rief erschrocken: „ja, das bin ich!" — „Ach Karl, Hab' „ich dich denn heute verloren?" sagte der schuldlose Freund ') Der Mond. mit unendlichem Schmerz, und die schönen Sterne des Frühlings fielen wie zischende Funken in seine Wunde. Vor diesem Worte löscte sich Karls gespanntes Herz in treue gute Thräncn, ein heiliger Geist kam über ihn und gebot ihm, die reine Seele nicht zu quälen mit seiner, ihr nicht den Glauben zu nehmen, ihr das wilde Ich und jede Eigensucht stumm zu opfern. Sanft legt' er sich an des Freundes Herz und mit zauberisch-leisen Worten und voll Dcmuth und ohne Feuerbildcr sagt' er ihm sein ganzes Herz — und daß es nicht böse sei, sondern nur unglücklich und schwach — und daß er nur so herzlich-aufrichtig gegen ihn, der zu gut von ihm denke, habe scyn müssen wie gegen Gott — und daß er schwöre bei der Stunde des Todes, zu. werden wie er, ihm ewig alles zu bekennen, sich zu heiligen an ihm — „Ach ich „wurde nur noch so wenig geliebt!" beschloß er. — Und Albano, der licbcstrunknc, glühende Mensch, der gute Mensch, der an sich die heiligen Ucbcrtreibungcn der Neue kannte und der diese Bekenntnisse für jene hielt, kehrte begeistert in den alten Bund zurück mit Liebe ohne Maß. „Du bist ein warmer Mensch! (sagte „Karl) Warum liegen denn die Menschen immer wie die Tod- „tcn auf dem Bernhardus-Bcrg *) einander erfroren an der „Brust, mit steifem Ang', mit starren Armen? —- O warum „kämest du so spät zu mir? Ich wäre anders geworden. „Warum kam jene**) so früh? — Dort im Dorfe drunten „an der engen niedrigen Kirchthürc, da sah ich Sie zuerst, „durch die mein Lcbeu zur Mumie ward. Wahrlich, ich spreche *) Die unbekannten Ersrorncn werden non den Mönchen unbe- grabcn an einander jeder an die Brust des andern angclchnt. **) Linda de Romciro. 24 „jetzt gefastet. Man trug vor mir her, als ich heraus spazieren ging, einen lcichen-wcißen Jüngling ans einer Bahre in „den Tartarus; es war nur eine Statue, aber sic war das „Ebenbild meiner Zukunft. Ein böser Genius sagte zu mir: „liebe die Schöne, die ich dir zeige. Sic stand an der Kirck- „thürc von Kirchlentcn umzingelt, die sich über die Kühnheit „wunderten, womit sic mit beiden Händen eine silbergrauc „züngelnde Schlange annahm und wog. Wie eine kühne Göt- „tin senkte sie die feste ebene Stirn, das schwarze Auge, die „Nasenbluten ihres Angesichts auf den von der Natur platt „getretncn Otterkopf und spielte damit dicht an ihrem Herzen. „„Klcopatra!" sagt' ich, obwol ein Knabe. Auch sic verstand „cs schon, blickte ruhig und kalt von der Schlange auf und „gab sie zurück und wandte sich um. O an meine junge Brust „warf sic die erkaltende Lcbcn-frcssendc Liper. — Aber wahrlich, jetzt ist's vorbei und ich spreche ruhig. Nur in den „Stunden, Albano, wo mir aus jener Nacht meine blutigen „Kleider, die meine gute Schwester aufgehoben, zu Gesichte „kommen, da leid' ich mehr und frage: armer gutmcincnder „Knabe, warum wurdest du denn älter? Aber wie gesagt, eS „ist ganz vorbei. Zu dir, nur zu dir spreche ein besserer Ge- „nius: liebe die Schöne, die ich dir zeige!" — Aber welche Welt von Gedanken flog jetzt auf einmal Albano zu! „Er martert sich (dacht' er) mit dem alten Arg- „wohne über Romeiro fort — ich will Herz gegen Herz öffnen „und es dem guten Bruder sagen, daß ich ja seine Schwester „ewig liebe." — Seine Wangen glühten, sein Herz flammte, er stand pricstcrlich vor dem Altäre der Freundschaft mit der schönsten Gabe, mit der Aufrichtigkeit. „O jetzt, Karl, sagt' „er, wäre sic wol anders gegen dich — mein Vater reiset mit 25 „ihr und du wirst sic sehen." — Er ging Hand in Hand schneller mit ihm einer dunklen Baumgruppe zu, um im Schatten die zart-crröthcnde Seele zu öffucn. „Nimm mein thcucr- „stcs Geheimnis hin (fing er an) — aber sprich nicht davon und nicht mit mir — crräthst du cs nicht, mein erster „Bruder? die Seele nicht, die ich so lange liebte wie dich?" — Leise, leise setzte er dazu: „Deine Schwester?" und sank ihm auf den Mund, um die ersten Laute wcgznknfscn. Aber Karl, im Aufruhr des Entzückens und der Liebe wie eine Erde bei dem Ausgange des Frühlings, bändigte sich nicht-, er preßte ihn an sich; er ließ ihn los; er umfaßte ihn wieder, er weinte selig, er drückte Albano's Augen zu und sagte neu-verschwistert: Bruder! Vergeblich wollte Albano mit der Hand jede andere Sylbc auf seinen Lippen erdrücken. Er sing vor dem betroffenen Jüngling — der unter der einsamen und poetischen Büchcrwclt eine höhere Zartheit gewonnen, als die Wirklichkeit des Umgangs lehrt — Lianen abzumalcu an, wie sic dulde und handle, wie sie für ihn sorge und rede und sogar verarme, um seine Schulden z-u tilgen; wie sie ihn nie hart tadle, sondern nur mild bitte, und alles das nicht aus künstlicher Duldung, sondern aus heißer achter Liebe, und wie doch das noch kaum das Beiwerk ihres Bildes sei. Er war in seiner rcinern Begeisterung, als ihm dieser Abend zugclassen, darum so selig, weil er seine Schwester unter allen Menschen am meisten und uneigennützigsten und am freiesten von poetischer Schwelgerei und Willkür lieben konnte — ordentlich dadurch gestärkt, daß er einmal aus reiner heiliger Liebe jauchzen dürfe, zog die Hände wieder frei gemacht heraus, die bisher wie Milo's seine im Baum des Glücks und Lebens, den er zerreißen wollte, eingeklemmt gefangen waren; er ath- 26 mcte frische Lebenslust und Muth, und der Plan seiner innern Vollendung war jetzt durch neues Glück und schönes Bewußt- seyn hold gerundet. — Der Mond stand hoch, die Wolken waren vertrieben, und nie ging der Morgenstern zwei Menschen Heller aus. Elfte Jobelperiode. Stickrahmen — Anglaisc — eereus ssrpens — musikalische Phantasiccn. 56. Z y k e l. freudig trug Noquairol am ersten Abende, da er seinen Vater verreiset wußte, zum Freunde die Bitte, zur Mutter mit- zugchcn. Albano crröthcte zauberisch über jene feurige Nacht znm erstenmalc, die ihm das älteste Geheimnis abgcdrungen; denn bisher hatten beide in den gemeinen Stunden des Lebens das Hciligthnm nicht wieder berührt. Nur der Hauptmanu konnte leicht und gern von Linda so wie von jedem Verluste sprechen. Liane erblickte ihren Bruder — den regierenden Schöpfer ihrer weichsten Stunden — allezeit mit herzlichster Freude, ob er gleich meistens etwas haben wollte, wenn er kam; vor Freude trug sic ihm das Buch, woraus sie der stickenden Mutter vorgelescn, in der Hand entgegen. Sie und die Mutter 27 hatten den ganzen Tag heiter nnd einsam mit gegenseitigem Ablösen in Sticken und Lesen verlebt; so oft der Minister verreiste, waren sie zugleich von Unfriede und Visiten-Charivari frei. Wie gerührt erkannte Albano bas Morgenzimmer wieder, aus dem er das erstemal das theucre Mädchen nur als Blinde in der Ferne zwischen Wasserbogcn stehen sehen! Die gute Liane nahm ihn unbefangener auf, als er cs durch Karls Einweihung in seine Wünsche bleiben konnte. Welche paradiesische Mischung von unbcrcchncter Scheu und überfließender Freundlichkeit, Stille und Feuer, von Blödigkeit und Anmuth der Bewegung, von scherzender Güte, von schweigendem Wissen! Dafür gebührt ihr der herrliche Beiname Virgils, die jungfräuliche. In unfern Tagen der weiblichen Krachmandeln, der akademischen Kraftfraucn, der Hopstänzc und Doublir- marschschrittc im platten Schuh kommt der virgilianische Titel nicht oft vor. Nur zehn Jahre lang (vom 14tcn an gezählt) kann ich ihn einem Mädchen geben; später wird es manierirter. Dreizehn und siebzehn Jahre zugleich ist gewöhnlich ein solches holdes Wesen alt. Warum wärest du so reizend-unbefangen, zarte Liane, als weil du wie die Dourignon nicht einmal wußtest, was zu fliehen war, und weil deine heilige Schuldlosigkeit noch das verdächtige Ansspähen der entlegensten Absichten, das an die Erde gebückte Behorchen des kommenden Feindes und alle kokette Manifeste und Ausrüstungen ausschloß? — Die Männer waren dir noch gebietende Väter und Brüder; und darum erhobest du zu ihnen noch nicht stolz, sondern so freundlich das treue Augcnpaar! — Und mit diesem gütigen Blick und mit ihrem Lächeln — dessen Fortdauer oft auf männlichen Gesichtern, aber nicht 28 auf jungfräulichen die Titclvignette der Falschheit ist — nahm sic unfern cdcln Jüngling an, aber ihn nicht allein. Sic jetztc sich an den Stickrahmen; und die Mutter schiffte den Grafen bald in das kühle Weltmeer allgemeiner Gespräche ein, in das nur zuweilen der Sohn eine grüne warme Insel herauf trieb. Alban sah zu, wie Liane ihre musivischen Bln- mcnstückc wachsen lieg; wie die kleine weiße Hand ans dem schwarzen Atlasgrundc (Froulay's 'I'Iiornx soll an seinem Geburtstage die Blumen anzichcn) lag, und wie ihre reine Stirn, von gekräuselten Haaren durchsichtig überwebt, sich vorbückte, und wie sich ihr Angesicht, wenn sic sprach oder wenn sic neue seidene Farben suchte, mit dem hohcrn Feuer der Arbeit im Auge und ans der Wange beseelet ansrichtete. Karl streckte ihr zuweilen hastig die Hand entgegen. Sic reichte ihre willig hinüber, er legte sie zwischen seine beiden und wandte sie um, sah in die inwendige, drückte sic mit beiden, und die Geschwister lächelten einander liebreich an. Und da lächelte Albano allemal treuherzig aus den Gesprächen mit der Mutter mit herein. Aber armer Held! — Schon an sich ist's herkulische Arbeit, neben einer feinen müßig zu sitzen, neben Stik- kcn, Miniatnrmalcn n. s. w.; aber vollends mit deinem Geiste, der so viele Segel nebst einem Paar Stürmen hinter drein hat, unthätig neben dem Stickrahmen zu ankern und nicht ct- wan ein Herkules zu scyn (das wäre leicht), welcher spinnt, sondern einer, der nur spinnen sieht — und das vor dem großen Frühling und Sonnenuntergänge draußen — und noch dazu neben der wortkargen Mutter (überhaupt ist's schon neben jeder eine Unmöglichkeit, ein erhebliches Gespräch mit der Tochter cinzulciten)-das sind schwere Sachen. Er sah ichars gegen die gestickte Flora nieder: „Mich 29 „schmerzt nichts so sehr" — sagte er, weil er überall philoso- phirtc, und weil ihn alles Vergebliche ans der Erde peinlich beklemmte — „als daß so viele tausend künstliche Zicrrathcn „aus der Welt umsonst geschaffen werden, ohne das, sie je „ein Auge trifft und genießet. Mir kann cs ordentlich nahe „gehen, wenn das grüne Blättchen hier nicht besonders angesehen wird." Mit derselben Trauer über fruchtlose ungcnos- scne Pflanzungen der Mühe hielt er oft sein Auge nahe an den Tapctcn-Baumschlag, an geblümte Zeuge, an architektonische Verzierungen. Liane könnt' cs für einen malerischen Tadel des überladenen Näh-Gartcns nehmen, den sie blos ihrem Vater zu Liebe so voll säctc — denn Froulay, aus den Zeiten gebürtig, wo man noch mit dem Kleide die Tressen besetzte, knöpfte gern ein kleines Seidcn-Hcrbarium an den Leib; -— aber sie sagte nichts als lächelnd das: „Run, das Blättchen ist dem bösen Schicksal „ja entgangen, es ist angeschaut." „Was thut Vergehen und Vergeblichkeit?" (nahm Roquai- rol voll Gleichgültigkeit gegen den Lektor, der eben hercintrat, das Wort und voll Gleichgültigkeit gegen die Meinung der Mutter, der wie dem Vater ihn nur die Bitten der Schwester zuweilen unterwarfen) „Genug, wenn etwas ist. Uebcr der „Wüste singen die Vögel und ziehen die Sterne, und kein „Mensch fleht die Pracht. Wahrlich, überall geht in und außer „dem Menschen mehr ungesehen vorüber als gesehen. Die „Natur schöpft aus ewigen Meeren und erschöpft sich nicht; „wir sind auch eine Natur und sollen schöpfen und auSgicßen „und nicht immer bekümmert dem wässernden Nutzen jedes „Strichregens und Rcgcnbogcns nachrcchncn. — Sticke nur „fort, Schwester!" beschloß er ironisch. 30 „Die Prinzessin kommt beute!" sagte der Lektor, und entzückt über die Hoffnung küßte Liane der Mutter die Hand- Sic sah oft und vertraulich von der Stickerei zu dem Hofmann ans, der sehr einheimisch zu scyn schien, aber als ein feiner Mann eben so geehrt und ehrend war, als steh' er znm crstcnmale da. Die Anmeldung der Prinzessin setzte den Hanptmann in eine reizende gelenke Freude; eine weibliche Nolle war ihm zur Gesellschaft so nöthig wie den Franzosen zur Oper, und eine Frau, die da war, unterstützte ihn so sehr im Doziren, wie Kant ein Knopf, der fehlte *). Er nahm, um seine Schwester von den Blumen abznfnhren, einer Statue auf dem Spiegeltische den rothcn Flor ab und warf ihn, wie ein kleines Morgenrots», den Lilien auf dem Gesicht der Stickerin über; — da gingen die Thürcn auf und Julienne herein — Liane verwickelte sich in die kleine Morgcnröthc unter dem Abhebcn derselben im Entgcgencilen. — Albano reichte ihr mechanisch die Hand znm Empfange des Schleiers — und sic gab ihm diesen und einen weiten lieben Blick dazu-- o wie glänzte seiner trunken! Julienne brachte ein Gefolge von Scherzen mit. Der Hauptmann, der wie ein Feuerwerker seinem Feuer alle Formen und Farben geben konnte, verstärkte sie mit seinen; und seine Schwester sactc gleichsam die Blumen, mit welchen die Zcphyrctten der Scherze spielen konnten. Julienne sagte fast zum Ja Nein und zum Nein Ja. Nur gegen die Ministerin *) Er soll lehrend immer auf die leere Knopf-Stätte eines Studenten gesehen haben; und wurde irre, als dieser sie besetzt hatte. 31 war sic ernst und nachgiebig, ein Zeichen, daß ans ihrer Dis- putir-Arcna unter den Sandkörnern noch die Goldkörncr lagen, tndeß für Philosophen die Arena der Preis und der Boden ist, zugleich das Schlacht-, März- und clysischc Feld. Den Grasen fixirte sie leidenschaftlich so kühn, als nur Fürstinnen dürft» nnd pflegen; und als er ihr wieder ins braune Auge blitzte, schlug sic cS nicht nieder, sondern sie erinnerte ihn an ihren alten Besuch in Bluincnbühl und fragte nach den Sci- nigen. Er machte jetzt gern etwas, das so feurig war wie sein Inneres — Lobeserhebungen. Es ist gegen den feinsten Ton, Personen — Sachen darf man — mit Heftigkeit zn loben oder zu tadeln. Indem er mit dankbarer Erinnerung seine Schwester Rabette malte: versank Julienne so ernst und tief in sein Augc^ daß sie ausfuhr und den Lektor nach den Touren der Anglaise fragte, die er in der Redoute vorgctanzt. Als er sein Bestes gcthan im Nachschildcru: sagte sic, sie habe kein Wort verstanden, man müfft cs lieber cxekutiren. Und hicmit werden plötzlich sämmtlichc Leserinnen von mir auf einen Hausball von zwei Paaren geführt. Sehet die Seclenschwcstern neben einander wie zwei Flügel an Einer- Taube harmonisch auf und nieder fliegen. Albano hatte erwartet, Julienne werde sich durch feuriges vielgclcnkcs Geflatter von dem stillen Schweben ihrer Freundin unterscheiden; aber beide walteten gleich Wellen leicht neben und in einander, und keine Regung war zu viel und keine zn schnell. Daher wünscht' ich so oft, die Mädchen tanzten völlig und immer wie die Grazien und die Horen — nämlich blos mit einander, nicht mit uns Herren. Der jetzige Bund der weiblichen Wellenlinien mit dem männlichen Schwalbcuzickzack 32 fowol in dcr Bekleidung als in der Bewegung verschönert den Tanz nicht beträchtlich. Liane nahm eine neue ätherische Gestalt an. wie ctwan ein Engel unter dem Zurückflicgen in den Himmel seine holde irdische wcglegt. Für die weibliche Schönheit ist der Tanzboden. was für unsere das Pferd ist. ans beiden entfaltet sich der gegenseitige Zauber, und nur ein Reiter holet eine Tänzerin ein. Glücklicher Albauo! der du kaum von der darge- botcucn Hand LiaucnS die Fingerspitzen anzusasscn wagst mit deinen! du bekommst genug. Und stehe nur dieses freundliche Mädchen an, dessen Augen und Lippen die Charis so lachend für den Tanz erheitert, und das doch wieder so rührend erscheinet. weil cs ein wenig erblasset! Wie verschieden von jenen launischen oder ungelenken Stiefschwestern, die, mit dem halben Kato von Utika auf dem faltigen oder gespannten Gesichte, hopsen, abfallcn und schleifen. Julienne flicht freudig hin und her, und es ist schwer zu sagen, vor wessen Augen sie am liebsten flattere, vor LiancuS oder Albano's. — Als cs vorbei war: wollt' es Julienne wieder von vor- ncu anfangen — Liane sah ihre Mutter an — und bat sogleich ihre Freundin lieber um Abkühlung. Es ist Vorwand! Eine Freundin ist gern einsam mit der Freundin; beide hatten sich vor andern nur mit Herzen unter dem Schleier lieb und trachteten nach der dunklen Laube, wo er fallen durfte. Liane hatte ordentlich eine liebende Ungeduld, bis sie mit ihrer Ne- benseclc, ihrem Zwilliugshcrzcu zeugcnsrcie Minuten im Mai- und Abcndgarten hatte pflücken können. Sic kamen verändert zurück, voll weichen Ernstes. Die schönen Wesen waren sich vielleicht im Innersten nnd im Stillen so ähnlich wie im Tanze, und mehr als es schien. 33 Und so ging vor dem Jüngling ein schön-gestirnter Abend vorbei! Haltet ihm aber zu gute, daß er diesen Blütenstrauß so scst drückte und fastete, bis er einige Stacheln darin her- aussühlte. Sein Herz, dessen Liebe neben dem fremden schmerzlich wuchs, mußte dieses, ohne ein Zeichen der Antwort, zugleich höher und ferner finden. Ihre Liebe war Menschenliebe — ihr Lächeln galt jedem guten Auge — sie war so heiter — in Lilar kam sie leicht in Rührung und in allgemeine Betrachtungen; hier aber nicht — freilich sah sic recht theilnehmend auf den wild-liebenden Bruder hin, der seit jener Beicht-Nacht gleichsam mit Eichenwurzeln sich um den Liebling strickte; aber ihre halbblinde Liebe für den Bruder konnte ja im Trug des Wiederscheins ans dessen Freund nachglänzen. -Das Alles sagte sich der Bescheidne. Aber was er im vollen Maße der Entzückung genossen hatte, war die so steigende, Helle, zarte, stäte Liebe seines Scelcnbruders.- 57. Z y k c l. Ueber Liancns stille Gesinnung und Zesarens Zukunft wcrd' ich nie Mnthmaßungen anstellcn, ob ich sie gleich vor ihrem Abdruck wieder wegstreichen könnte. Ich erinnere mich, was wir herausbrachten, wenn ich und andere aus Hasenref- fers offizielle Berichte über Sachen von Belang vorher die Hände deckten und nun mit bloßer Phantasie entwickeln wollten, wie es möchte gegangen sehn-cs war nicht brauchbar. Und natürlich! Schon an und für sich haben die Weiber und spanischen Häuser viele Thüren und wenige Fenster, und es ist in ihr Herz leichter zu kommen als zu schauen. Vollends Mädchen! Ich meine, da die Frauen sowol Physiog- Jcan PauI'S auSgelv. Werke. XI. Z 34 nomisch als moralisch bestimmter, kecker entwickelt und gezeichnet sind: so will ich lieber zehn Mütter als zwei Töchter cr- rathcn, und mithin abkopiren. Die körperlichen Portraitmalcr klagen eben so. Wer die Nacht beobachtet, findet, daß sic die Zweifel und Sorgen, die er den Abend vorher über die Heldin seines Lebens aufgefangen, meistens bis gegen den Morgen hin todt- gcmacht. — Albano schlug am Frühlingsmorgen die Augen im Leben wie in einem Siegcswagcn auf, und die frischen Rosse stampften davor und er durfte ihnen nur den Zügel lassen. Er stieg mit seinem Freund bei Lianen aus nach wenigen Jahren, d. h. Tagen; der Minister war noch nicht zurück. Himmel! wie neu und blütcn-jung war ihre Gestalt und doch wcchscllos ihr Betragen! Warum kann ich, dacht' er, nur ihre Bewegungen, nicht alle ihre Züge auswendig, warum kann ich dieses Antlitz nicht bis auf das kleinste Lächeln wie eine heilige Antike rein und tief in mein Gehirn abdrücken, damit sie in ewiger Gegenwart vor mir schwebe? — Darum, Lieber: schöne und junge Gestalten sind eben dem Gcdächtniß wie dem Pinsel schwer, und alte, schroffe, männliche beiden leichter. —> Wieder mit Freuden und Seufzern füllctc er sich durch ihr Schauen — und sie wurden größer durch den nahen Garten, worein sich der Jnnius mit seiner Abendpracht lagerte — o wenn ihm nur Eine Minute käme, wo seine ganze Seele begeistert reden dürfte! Draußen lag der junge feurige Frühling wie ein Antinous im Garten und sonncte sich, und der Mond stand, ungeduldig aus die schöne Juniusnacht, schon unter dem Morgenthor und traf noch den lebendigen Tag und die zögernde Sonne an.-Aber die Mutter schlug dem fragenden 35 Blicke Liancns den Sonnenuntergang ab — — „des ungesunden Skreiir wegen *)". Albano mit dem Herzen voll Män- nerblut fand diesen mütterlichen Vcrhack um die kindliche Gesundheit sehr klein. Der Thorschlufi seines heutigen Edens hätte sich nun in der nächsten Minute eingcläutet, wäre — der Hauptmann und der cereus serpeim nicht gewesen. Jener kam vom welschen Dache herab gelaufen und verkündigte. der esrmm blühe diesen Abend um zehn Uhr auf. sage der Gärtner, und er bleibe da. „und du mit" sagt' er zu Albano. Alles, was nur die doppelten Gränzen der schonenden Zartheit gegen Schwester und Freund zuließcn. setzt' er liebend ins Spiel, um diesen zu erfreuen. Liane bat ihn selber, das Blühen abzuwartcn; sie war so entzückt über das nahe! — Ihre Seele hing, wie Bienen und Than, an Blumen. Schon ihr Freund, der fromme Spcncr, der ein trunk- ncs Auge auf diese lebendigen Arabesken an Gottes Throne heftete, hatte sie mit diesen stummen immer schlafenden Kindern des Unendlichen befreundet; aber noch mehr ihr jungfräuliches Herz und ihr leidendes. Sind euch nie zarte weibliche Seelen begegnet, in deren Blütezeit das Schicksal kalte Wolken geworfen und die nun gleich Rousseau andere Blumen als die der Freude suchten, und die in Thälcrn und auf Felsen sich ermüdeten und bückten, um zu sammeln und zu vergehen -und von der gestorbnen Pomona zu flüchten zur jungen Flora? — Der Generalbaß und das Latein, womit Hermes Mäd- *) Die Zeit des Sonnenuntergangs, welche die südlichen Länder so sehr fliehen. 3 * 36 chen zerstreuen will, weichen hier der weiten bunten Bilderschrift der Natur, der reichen Botanik. Eine namenlose Zärtlichkeit für Liane kam in Albano's Seele am kleinen viersitzigcn Eßtisch — ihm war, als sei er ihr jetzt näher und ihr Verwandter — und doch faßte er die Verwandte nicht, wenn sie die Mutter aus jedem Ernst, worein diese versank, mit Scherzen zurück lockte. — Draußen riefen die Nachtigallen die Menschen in die schöne Nacht; und keiner schmachtete mehr als er hinaus. Für Scelcnaugcn ist das Himmelblau, was für körperliche das Erden grün, nämlich eine innige Stärkung. Als Zesara endlich aus den Ketten des Zimmers, aus diesem geistigen Hausarrest, los und ledig hinaustrat unter das freie Reich des Himmels und aller Sterne und auf den magischen Statuen-Olymp, nach welchem er so oft sehnsüchtig ausgeblickt: so schlug die gewaltsam zusammcugezogne Brust elastisch auseinander, wie rückten die Sternbilder des Lebens in hellere Formen zusammen, wie waltete der Frühling und die Nacht! — Der alte Gärtner, der blos aus dankbarer Anhänglichkeit ans „seelengute leutselige Fräulein" mit seltener Mühe dem cereus serpeim solche Früh-Blüten abgcnöthigt hatte, stand schon als scheinbarer Beobachter der Blumen, in der That aber aufs größte Lob aufsehend, mit einem braunen, gezackten, punktirten und ernsten Gesichte droben, das mit keinem Lächeln zum Lobe ausfordertc. Liane dankte dem Gärtner, che sie an den Blüten war; dann lobte sie diese und seine Mühe. Der alte Mann wartete blos, bis jeder andere von der Gesellschaft auch erstaunet war, daraus ging er schläfrig mit dem festen Glauben fort zu 37 Bette, Liane wcrd' ihn morgen schon so bedenken, daß er zufrieden scyn müsse. Der ausländische Ncktarduft, der in fünf weißen gleichsam mit braunem Blättcrwerk bekränzten Kelchen Perlte, ergriff die Phantasie. Die Wohlgerüchc ans dem Frühling eines hcißcrn Wclttheils zogen sie in entlegne Träume hin. Liane strich mit leisem Finger, wie man über Angcnliedcr gleitet, nur über die kleinen Duft-Vasen, ohne das volle Gärtchen von zarten Staubfäden, das sich im Kelche drängte, raubend anzustrcifen: „Wie lieblich, wie so gar zart (sagte sie kindlich- „sroh). — Wie fünf kleine Abcndstcrne! — Warum kommen „sie nur Nachts, die lieben scheuen Blumen?" — Karl schien eine brechen zu wollen. „O lass' sie leben (bat sie) — mor- „gcn sind sic ohnehin todt. — Karl! so welkt so viel," setzte sie leiser dazu. „Alles!" sagt' er barsch. — Aber die Mutter hatt' es wider Linnens Willen gehört: „Solche Sterbe-Ge- „danken (sagte sie) lieb' ich an der Jugend nicht, sie lähmen „ihr die Flügel." — „Und dann (versetzte Liane, cs mädchcn- „haft - umkchrend) bleibt sie eben; wie der Kranich in Kleists „Fabel, dem man die Flügel brach, damit er nicht sortzog mit „den übrigen ins warme Land." Dieser heitere bunte Schleier des tiefen Ernstes war unserem Freunde nicht durchsichtig genug. Aber später hatte das gute Mädchen Mühe, so auszusehen, wie die sorgsame Mutter cs wollte. Die betäubende Vorstccklilic der Erde, der Mond — und das ganze blendende Pantheon des Sternenhimmels — und die mit Nacht-Lichtern durchbrochne Stadt — und die majestätischen hohen schwarzen Alleen — und auf Fluren und Bächen das milchblasse Lnncns-Silber, womit sich die Erde in einen Abcndstcrn cinspann — und die Nachtigallen aus fernen 38 Gatten -— rührte denn das nicht jedes Herz allmächtig an, daß es weinend seine Sehnsucht bekennen wollte? Und das weichste, das jetzt unter den Sternen schlug, hätte vermocht, den Schleier ganz über sich zu ziehen? — Beinahe! Sic hatt' es vor der Mutter gewohnt, die Thränc, eh' sie wuchs, so zu sagen mit dem Auge abzutrocknen. Sonderbar erschien sic in der nächsten Minute dem Grafen. Die Mutter sprach mit dem Sohn. Liane stand, fern von jenem, mit halbverwandtem, vom Monde ein wenig entfärbtem Gesicht neben einer weißen Statue der heil. Jungfrau und blickte in die Nacht. Auf einmal schauete und lächelte sie an, gleichsam als erschien' ihr ein lebendiges Wesen im Acther- Abgrund, und die Lippe wollte reden. Erhabner und rührender war ihm noch keine Erdcngestalt begegnet; das Geländer, in das er griff, ging hin und her (aber er selber regte es), und seine ganze Seele rief: heute, jetzt lieb' ich die Himmlische am höchsten, am innigsten. So sagt' er neulich auch, und so wird er öfter sagen; kann der Mensch mit den unzähligen Wogen der Liebe Höhcnmcssungen anstelle» und auf diejenige zeigen, die am meisten stieg? — So glaubt der Mensch stets, wo er auch stehe, in der Mitte des Himmels zu stehen. Ach in dieser Minute wurd' er wieder überrascht, aber eben mit einem Ach. Liane ging zur Mutter, und als sie an der Hand der Gefälligen ein kleines Schaudern fühlte, drang sie in sie, aus der Nachtluft zu gehen, und gab nicht eher nach, als bis sie mit ihr die Zanberstätte verließ. Die Freunde blieben zurück. Nach Albano's Rechnung wär' es freilich nicht zu viel gewesen, hätte man sich in dieser offenherzigen Zeit, worin unsere heiligem vom gemeinen Tage 39 bedeckten Gedanken sich wie Sterne offenbaren, bis gegen Morgen auf dem Dache aufgehalten. Beide gingen eine Zcitlang schweigend auf und ab. Endlich hielt sie der Rauchaltar der fünf Blumen fest. Albano faßte zufällig die nahe Statue mit beiden Händen und sagte: „an hohen Orten will man gern „etwas Hinabstürzen — sogar sich oft. —- Und hinein in die „Welt, in weite ferne Länder möcht' ich mich auch stürzen, so „oft ich in das Nachtroth dort schaue — und so oft ich unter „Orangerie-Blüten komme, wie unter diese. Bruder, wie ist „dir? — Der Himmel und die Erde breiten sich so aus: war- „um soll denn der Geist so znsammenkriechen?" — „Mir ist „eben so (sagt' er), und im Kops hat der Geist überhaupt „mehr Gelaß als im Herzen." Aber hier ging er zart-erra- thend auf schönen Umwegen zur zufälligen Eröffnung über, warum seine Schwester so bald hinuntergeeilet. „Bis zum Eigensinn (sagt' er) treibe sie die Aufmerksamkeit für die Mutter — das letztem«! merkte sie, daß die Mnt- „ter das Erblassen unter dem Tanze sehe, sofort hörte sic ans „— nur ihm zeige sie das ganze Herz und jeden Blutstropfen „und alle unschuldigen Thräuen darin — besonders glaube sie „etwas von der Zukunft, was sie der Mutter sorgsam verdecke." --„Sie lächelte vorhin für sich (sagte Albano „und legte aus seine Augen Karls Hand), als sähe sie ein „Wesen aus der Schleier-Welt droben." — „Hast du das, „(versetzte Karl) auch gesehen? Und dann regte sie die Lippe? „— O Freund, Gott weiß, was sie bethört; aber das ist ge- „wiß, sie glaubt fest, sie sterbe künftiges Jahr." — Albano ließ ihn nicht weiter sprechen, zu heftig ausgeregt drückte er sich an des Freundes Brust, sein Herz schlug wild und er sagte: „O Bruder, bleibe stets mein Freund!" 40 Sie gingen hinab. Im Zimmer, das an Liancns ihres stieß, fanden sic ihr Pianosorte offen. Wahrlich das war's, was dem Grafen fehlte. In der Leidenschaft (sogar im bloßen Feuer des Kopfes) greift man weniger nach der Feder als nach der Saite; und mir in ihr gelingt das musikalische Phanta- sircn besser als das poetische. Albano setzte sich — indem er der Tonmnsc dankte, daß cs vier und vierzig Ausweichungen gebe — mit dem Vorhaben an die Tasten, nun eine musikalische Fcnertrommcl zu rühren und wie ein Sturm in die stille Asche zu brausen und ein Helles Funken-Heer von Tönen auf- znjagcn. — Er that's auch, und gut genug und immer besser; aber das Instrument sträubte sich. Es war für eine weibliche Hand gebanct und wollte nur in weiblichen Tönen, mit Lauten - Klagen reden, als eine Freundin mit einer Freundin. Karl hatt' ihn nie so spielen gehört und erstaunte über die Fülle. Aber die Ursache war, der Lektor war nicht da; vor gewissen Menschen — und darunter gehörte dieser —gefriert die spielende Hand, so daß man nur in einem Paar Blechhandschnhcn hin und her arbeitet; und zweitens, vor einer Menge spielt sich's leichter als vor Einem, weil dieser bestimmt vor der Seele haftet, jene aber zerflossen. Und noch dazu, beglückter Albano! du weißt, wer dich hört. — Die Morgenluft der Hoffnung umflattert dich in Tönen — das wilde Jugcndlcben schreitet mit rüstigen Gliedern und lauten Schritten vor dir aus und ab — das Mondlicht, von keinem irdischen groben Lichte verunreinigt, heiligt das tönende Zimmer. —- Lianens letzte Gesänge liegen vor dir aufgeschlagcn, und der anrückende Mondschein kann dich sie bald lesen lassen 41 — und die Nachtigall in der Mutter nahem Zimmer kämpfet, wie von der Tuba ins Feld gerufen, mit deinen Tönen. — — Liane trat mit ihrer Mutter erst spät herein, weil das heftige Ton-Getümmel für beide etwas Hartes und Peinigendes hatte. Er konnte beide seitwärts am untern Fenster sitzen sehen und wie Liane die Hand der Mutter hielt. Karl ging in weiten Schritten nach seiner Sitte ans und ab und stand zuweilen an ihm still. Albano trat in dieser Nähe der stillen Seele bald aus der harmonischen Wildniß in mondhelle einfache Stellen heraus, wo nur wenige Töne sich wie Grazien und eben so leicht verbunden hold bewegen. Der künstliche Wirrwarr enharmonischer Irrlichter ist nur der Vorläufer der melodischen Charitinnen; und nur diese allein schmiegen sich an die weicheren Seelen an. Ihm war bis zur Täuschung, als sprech' er laut mit Lianen; und wenn die Töne immer wie Liebende dasselbe wiederholten vor Innigkeit und Lust: meinte er nicht Lianen, und sagte ihr: wie lieb' ich dich, o wie lieb' ich dich? Fragt' er sic nicht, was klagest du, was weinest du? — Und sagt' er nicht zu ihr: blick' in dicß stumme Herz und flieh' cs nicht, o Reine, Fromme, Meine? Wie crröthet der Gute, als Plötzlich der liebkosende Freund ihm die Hände um die Augen legte, die bisher ungesehen im Dunkel vor Liebe übergeflosscn waren! — Karl trat heftig zur Schwester und sic nahm selber seine Hand und sagte Worte der Liebe. Dann flüchtete sich Albano in die brausende Wildniß so lange, bis die Augen getrocknet waren für den beleuchteten Abschied — langsam ließ er die Wiege unscrs Herzens ausschwanken und schloß so mild' und leise 42 und verstummte ein wenig und stand langsam aus.-O in dieser jungen stummen Brust leite alles, womit die herrlichste Liebe segnen kann! Sie schieden ernst. —- Niemand sprach über die Töne — Liane schien verklärt — Albano wagt' es in dieser Geisterstunde des Herzens nicht, mit einem Auge, das sich so kurz vorher gestillct hatte, lang' auf ihren milden blauen zu ruhen. — Ihre gerührte Seele drückte sie, wie Mädchen Pflegen, blos am Bruder durch eine heißere Umarmung aus. — Und dem heiligen Jüngling konnte sic scheidend den Ton und den Blick nicht verhehlen, den er nie vergiffet. — Er erwachte oft in dieser Nacht und wußte nicht, was sein Wesen so selig wiege — ach der Ton war es, der durch den Schlummer nachklang, und das liebe Auge, das ihn noch in Träumen anblickte. Zwölfte Jobelperiode. Froulay'S Geburtstag und Projekte — Extrablatt — Rabette — die Harmonika — die Nacht — der fromme Vater — die Wun- dcrtrcppe — die Erscheinung. 58. Z Y k e l. (glücklicher Albano! du wärest cs nicht geblieben, hättest du am Geburtstage des Ministers das gehöret, was er da vorbrachte! Schon seit geraumer Zeit war Froulay voll bcdeuklicher gewitterhafter Zeichen, und jede Minute konnte — mußte man fürchten -— der Donnerschlag aus ihm fahren; er war nämlich munter und mild. So drohet auch bei phlegmatischen Kindern große Munterkeit Ausbruch der Pocken. Da er Hausvater war und Despot — die Griechen hatten für beides nur das Wort Despot —- so erwartete mau von ihm als ehelichem Wettermacher *), er werde die gewöhnlichen Stürme und Ungewitter für die Familie besorgen. — Eheliche Ge- wittermatcrie zum bloßen Trüben der Ehe kann nie fehlen, *) l'smpostinril oder Wettermacher hießen im Mittelalter die Herenmeistcr, welche Ungewitter erregen konnten. Man brauchte in Kirchen Wettergebete gegen sie; und andere Herenmeistcr, die jenen entgegenarbeiteten. 44 wenn man bedenkt, wie wenig sogar zum Scheiden derselben gehöret, z. B. bei den Juden blos daß die Frau zu laut schreie, das Essen anbrenne, ihre Schuhe am Platze der männlichen lasse n. s. w. Noch dazu war manches da, worüber gut zu donnern war; z. B. Liane, an welcher man die Misse- that des — Bruders heimsuchcn konnte, weil dieser hartnäckig wcgblicb und um keine Gnade bat. Man ist immer gern auf Frau, Tochter und Sohn zugleich ungehalten und lieber ein Land- als Strichregen; Ein Kind kann leichter eine ganze Familie versalzen als versüßen. Aber Froulay verblieb der lächelnde Johannes. Ja trieb cr's nicht — die Beweise Hab' ich — soweit damit, daß er, da die Tochter der Prinzessin einmal beim Abschiede um den Hals fiel, anstatt ihr mit blitzenden Augen vorzuhaltcn, wie man Vertraulichkeiten bei Höhern nur aunehmen, nicht er- wicdern, und sich eben da nicht vergessen müsse, wo sie sich vergessen — und anstatt ernst zu fragen, ob sie ihn je in seiner wärmsten Liebe gegen den Fürsten wider die ckeliors. habe verstoßen sehen — daß er, sag' ich, anstatt dieses hagclnd und stürmend zu thun, dicsesmal blos in die schönen Worte ausbrach: „Kind, du meinst es zu gut mit deiner vornehmen „Freundin; frage deine Mutter, sie weiß auch, was freundschaftliche liaisons sind." Blos Liane — obwol so oft von dieser Mecrstille hintcr- gangcn — war voll unsäglicher Hoffnung und Freude über den häuslichen Frieden und glaubte Bestand, zumal in der Nähe des väterlichen Geburtstages, dieser Olympiade und Normalzeit, wornach das Haus vieles rechnete. Das ganze Jahr lauerte der Minister auf diesen Tag, um am Morgen, wenn die Wünsche kamen, das sichtbare Vergessen desselben 45 nicht zu vergessen, sondern darüber zu erstaunen — die Geschäfte macheu's, sagt' er — und um Abends, wenn die Gäste kamen — der Geschäfte wegen dinir' er nie, sagt' er — erstaunen zu lassen. Er war wechselnd der Anbeter und der Bilderstürmer der Etiquette, ihre Ministerin!-- und Opposi- zionspartci, wie es gerade sein Schimmer gebot. Liane drang so lange in den Bruder, bis er den Vater mit etwas zu erfreuen versprach; er machte dazu ein Familien- stückchcn, worein er die ganze Beicht-Nacht zwischen sich und Albano einschob, nur daß er Albauo in eine Schwester verkehrte. Gern lernte Liane noch diese Nolle für den Geburtstag ein, ob sie gleich die blühende Weste lieferte. Der Minister nahm die Weste, den Hauptmann und dessen Komödicnzettel des abendlichen Spiels wider Vermuthen — gütig auf; da er sonst wie einige Väter desto lauter knurrte, je öfter ihn die Kinder streichelten. Er tanzte wie ein Pollacke *) ganz aufgeräumt mit seiner Familie dahin und versteckte die Peitsche fest unter den Pelz. Es ging ihm jetzt nichts Schlimmeres im Kopfe herum als blos die Frage, wo das Liebbabertheater am besten, ob im 8-aIon cle lecture oder ob im Salon der bains äomostigues aufzuschlageu; denn beide Säle waren ganz von einander und von andern Zimmern durch die Namen unterschieden. Der Tag kam. Albano, dessen Einladung Karl ertrotzen müssen, weil der Minister seinen Stolz hastete aus Stolz, *1 Die polnischen Tänzer tragen immer eine Peitsche unter dem Pelze, damit die Tänzerin durch die Schläge entschuldigt ist, wenn sie mit ihm fehlet. Oberschl. Monatsschrift, Istes St. Jul. 1788. 46 brachte leider den Ton in seiner Seele mit, den ihm das lctztcmal Liane nach Hause gegeben. Seine Hoffnung hatte bisher von diesem Tone gelebt. O verdenkt's ihm nicht! Das luftige Nichts eines Seufzers trägt oft eine Schäferwclt oder einen OrknS aus dem Ephemercn-Flngel. Alles Wichtige ist wie ein Fels ans einen Punkt zu stellen, wo cs ein Kinderfingcr drehen kann. Aber der Ton war verklungen. Liane mußt' cs gar nicht anders, als daß man unter der Visitcngcmcindc — deren moralische Pncumatophobic *) sic nicht einmal ganz kannte — vor jede betende Empfindung den Kirchenfächcr halten muffe. Logen, Parterre und Groschcngallcrie wurden fast um die gewöhnliche Schanspiclszcit mit stistsfähigcn Gratulanten verziert und ansgefüllt. Der deutsche Herr ragte sehr hervor durch den- reichen Trotz seiner Verhältnisse. Von der Vi- sitcnkompagnicgaffe kann im Durchgehen nur angcmcrkt werden, daß in ihr und im antiphlogistischen System der Sauerstoff die Hauptrolle spielte, welchen aber weniger die Lunge abschied als das Herz. — Als der Vorhang auseinander ging und Roquairol jene Nacht der Vergebung und Entzückung noch feuriger wieder vorbeiführte, als sic gewesen war; als diese träumerische Nachäffung erst die rechte Wirklichkeit schien: wie glühend und tief brannt' er sich dadurch in seines Freundes Seele ein! (Guter Albano! Diese Kunst, sein eigner i-ovon-ant, sein Vexir- und After-Jch zu werden, und die Prachtausgabe des eignen Lebens nachzndrucken, hätte dir kleinere Hoffnungen verstatten sollen!) — Der Graf mußte in der ernsthaftesten Sozietät, °) Gelsterschcu. die je um ihn saß, ausbrechen in ein unschickliches — Weinen. Und warnm legte Karl Albano's Worte in jener Nacht der zaubcrisch-gerührtcn Liane in den Mnnd und machte die Liebe durch so viele Reize groß bis zmu Schmerz? — Selber der deutsche Herr gab Lianen, diesem weißen Schwan, der crröthend durch das Abcndroth des Phöbns schwamm, mehrere laute und dem Grafen verdrießliche Zeichen des Beifalls. Der Minister war hauptsächlich froh, daß das alles zu seiner Ehre vorfalle, und daß die Pointe des letzten Aktes ihm noch einen ganz bcsondcrn epigrammatischen Lorbcer- kranz auf den Scheitel werfen müsse. Er überkam den Kranz. — Das Kindcrpaar wurde von der anwesenden Erlanger Litcraturzcitnng und von der belletristischen sehr günstig rczcnsirt und mit Kronen überdeckt, mit edlen Märtyrerkroncn. — Der deutsche Herr hatte und brauchte das laute Recht, die Krönung und den Kronwagcn anzusührcn. Niedriger Mensch! warnm dürfen deine Käfer- Augen über die heiligen Rosen, welche die Rührung und die Geschwistcr-Liebe aus Liancns Wangen Pflanzt, nagend kriechen? — Aber wie noch viel munterer wurde der alte Herr — so daß er mit den ältesten Damen badinirtc — als er den Ritter sein Interesse an Lianen nicht phantastisch oder scnti- mcntalisch, sondern durch stilles stetes Nähern und verständige Aufmerksamkeit, durch Scherze und Blicke und kluges Anreden und endlich durch etwas Entscheidendes herrlich an den Tag geben sah? — Der deutsche Herr zog nämlich den alten in ein Kabinct hinein und beide kehrten heftig-belebt daraus zurück. Die einsame ins eigne Herz versenkte Liane flüchtete vom Giftbaumc des Lorbeers weg zur erquickenden Mutter. Liane hatte mitten in den stürmischen Mühlcngängen täglicher Asscm- 48 blecn eine leise Stimme und ein zartes Ohr behalten, und der Tumult hatte sic eingezogen und fast scheu gelassen. Die schöne Seele errietst selten etwas — eine schöne Seele ausgenommen —; so leicht ihr Ebenbild, so schwer ihr Gcgenbild. Bouverots Annäherungen schienen ihr die gewöhnlichen Vor- und Seitenpas der männlichen Höflichkeit; und sein Ritter-Zölibat erlaubte ihr nicht, ihn ganz zu verstehen: — prangen nicht die Lilien der Unschuld früher als die Rosen der Scham, wie die Purpurfarbe anfangs nur bleich färbt und erst später roth anglüht, wenn sie vor der Sonne liegt? — Sic hielt sich diesen Abend der Mutter nahe, weil sie an ihr einen ungewöhnlichen Ernst wahrnahm. — Als Froulay das Geburtstags-Kränzchen, worin mehr Stacheln und Stiele als Blumen steckten, oder das Dornen- krönchcn von seinem Kopfe heruntergcthan hatte und in der Nachtmütze unter seiner Familie stand: macht' er sich an das Geschäft, worauf er den ganzen Abend gesonnen hatte. „Täub- „chen — sagt' er zur Tochter, und entlehnte einen guten Ausdruck aus der Bastillc*)— Täubchen, lasse mich und 6uiIIe- „mette allein." — Er entblößte jetzt das Ober-Gebiß durch ein eignes Grinsen und sagte, er Hab' ihr, wie er hoffe, etwas Angenehmes zu hinterbringcn. „Sie wissen (fuhr er fort), „was ich dem deutschen Herrn schuldig bin" — Er meinte nicht Dank, sondern Geld und Rücksicht. -Man will es sehr preisen an der Familie der Qninzicr**), daß sie nie Gold besessen; ich führe — ohne tausend andere Familien aufznstellcn, von denen dasselbe zu ') So nannten ihre Schließer die Gefangnen. ") ^.lexnnil. ab ^l. V. 4. beschwören ist — mir die Froulaysche an. Gewisse Familien haben wie Spießglas durchaus keine chemische Verwandtschaft mit diesem Metall, wenn sie auch wollten; — wahrlich Fronlay wollte; er sah sehr ans seinen Vortheil (ans etwas anderes nicht), er setzte (obwol nur in Kollisionsfällcn) gern Gewissen und Ehre bei Seite; aber er brachte es zu nichts als zu großen Ausgaben und großen Projekten, blos weil er das Geld nicht als Endzweck des Geizes, sondern nur als Mittel des Ehrgeizes und der Thätigkeit sucht. Sogar für einige Gemälde, die Bouvcrot für den Fürsten in Italien gekauft, war er jenem noch den Kausschilling schuldig, den er von der Kammer erhoben. Durch seine Schuldbriefe stand er wie durch Zirkelbriefe in ausgcbreiteten Verbindungen. Er hätte gern seinen Ehekontrakt in einen Schuldbrief nmgeschricben und mit der Ministerin wenigstens die innigste Gemeinschaft —- der Güter gehabt; — denn unter den jetzigen Umständen grunzten Scheidung und Konkurs nachbarlich an einander—; aber wie gesagt, manche Menschen haben bei den besten Krallen — wie der Adler des römischen Königs *) — nichts darin. — Er fuhr fort: „Jetzt höret diese 6öne vielleicht auf. „Haben Sie bisher Beobachtungen über ihn gemacht?" — Sie schüttelte. „Ich (versetzt' er) schon lange und solche, die „mich wahrhaft soulagirten; — j'nvois le ne? bon c^unnt n „cmln — er hat reelle Neigung für meine Liane." Die Ministerin konnte keinen Verfolg errathcn und bat ihn mit verdecktem Erstaunen, zur angenehmen Sache zu kommen. Komisch rang ans jeincm Gesicht der freundliche *) Um sich von dem Adler des Kaisers z» unterscheiden, der in beiden Fängen etwas hält. Jean Paul's ausgew. Werke. XI. 4 50 Schein mit der Erwartung, er werde sich sogleich crboßcn müssen; er versetzte: „Ist Ihnen das keine? Der Ritter meint „cS ernsthaft. Er will sich jetzt mit ihr heimlich verloben; nach „drei Jahren tritt er aus dem Orden, und ihr Glück ist gebracht. Vous St 68 je l'es;>eoe pour cette kois ni> psu 8 ur „IN6S int6iet8, il8 80üt Ik8 vätrS 8 ." Ihr so schnell und tief getroffenes Mntterhcrz weinte und konnte kaum verhüllet werden. „H. v. Froulay! (sagte sic „nach einiger Fassung) ich verberge mein Erstaunen nicht. „Eine solche Ungleichheit in den Jahren — in den Neigungen in der Religion*)"- „Das ist des Ritters Sache, nicht unsere," versetzt' er erquickt von ihrer entrüsteten Verwirrung und warf wie das Wetter in seiner Kalte nur feinen spitzen Schnee, keinen Hagel. — „Was Lianens Herz anlangt, dieses bitt' ich Sic eben „zu sondiren." — „O dieses fromme Herz? — Sie persifli- „rcn!" — l?o 8 >tc>! desto lieber wird das fromme Herz sich „fügen, um das Glück des Vaters zu machen, wenn sie nicht „die größte Egoistin ist. Ich möchte die gehorsame Tochter „nicht gern zwingen." — „lVepui 8 S 8 PN 8 cs cliaxitre; inon „coeur c 8 t en pl' 688 e. — Es wird ihr das Leben kosten, „das ohnehin an so schwachen Fäden hängt."-Diese Erwähnung schlug allezeit Zornfencr aus seinem Kiesel: „taut „inisux, (sagt' er) so bleibt es bei der Verlobung! hätt' ich „bald gesagt -— 8 acrs — —! Und wer ist daran Schuld? „So gcht's mir mit dem Hanptmann auch; anfangs verspre- „chen meine Kinder alles, dann werden sie nichts. — Aber, „Nackams, (indem er sich schnell und giftig zusammcnsaßte 0 Bouverot war katholisch. 51 „und statt scincr Lippen und Zähne -los die Gehörwerkzcugc „eines schlafenden Schooßhundcs mäßig drückte) Sie allein „wissen ja alles durch Ihren Einfluß auf Liane zu drcssircn „nnd zu rcdrcsstrcn. Sie gehorcht Ihnen vielleicht noch eher „als mir. Ich werde dann nicht -ei dem Ritter kompromit- „tirt. — Die Vorthcilc dctaillir' ich nicht weiter." Seine Brust wurde hier schön erwärmt unter dem Gcicrsell der Entrüstung. A-cr die edle Frau stand jetzt unwillig aus nnd sagte: „Herr von Fronlay! Bis jetzt sprach ich nicht von mir -— „Nie wcrd' ich cs rathcn, oder billigen, oder znlassen; ich „werde das Gegcnthcil thnn. — H. v. B. ist meiner Liane „nicht würdig." — Der Minister hatte während der Rede mehrmals mit der Lichtschecre ohne Noth über den Wachslichtern zugcschnappt und nur die Flammcnspitzc geköpft; die fixe Lust des Zorns strich jetzt die Rosen scincr Lippen (wie die chemische die botanischen) -lau an. — „von! — (versetzt' er) — Ich verweise; Sie können darüber reflcchircn — a-cr ich gebe mein „Ehrenwort, daß ich nie in irgend eine andere Partie kon- „jcntirc, und wäre sie (wobei er die Frau ironisch ansah) „noch ansehnlicher*) als die eben projcktirtc — entweder das „Mädchen gehorcht, oder sic leidet — ckecick^! — ZInm je „INS kis n I'ninonr <^»6 V 0 U 8 Portes k>u ^ere et n In kille; „V 0 U 8 N 0 N 8 renclr68 to,!8 N88Ü8 conten8." Und dann zog er fort nicht als Gewitter, sondern als Regenbogen, den er aus der achten Farbe allein verfertigte, aus der schwarzen nnd zwar mit den Angcnbrannen. 4 * *) Er meinte eine mit dem armen Lektor. 52 Nach einigen mit der Mntter und — Tochter zürnenden Tagen reifete er als Luigi's Geschäftsträger nach Haarhaar zur fürstlichen Braut. Die bedrängte Mutter vertrauete ihrem ältesten und einzigen Freunde, dem Lektor, das trübe Gchcim- niß. Beide hatten jetzt ein reines Vcrhältniß der Freundschaft gegen einander, das in Frankreich durch die höhere Achtung für die Weiber häufiger ist. In den ersten Jahren der ministerialischcn Zwangsehe, die nicht mit Morgenthau, sondern mit Morgcnreif anbrach, flatterte vielleicht der Dämme- rungsvogcl, Amor, ihnen nach; aber später vertrieben die Kinder diese Sphinx. Ueber die Mutter wird oft die Gattin verschmerzt. Sic nahm daher mit der ihr eignen kalten und klaren Stärke alles Schwankende in ihrem Vcrhältniß gegen Augusti auf immer weg; und er machte ihr die Festigkeit durch die scinigc leichter, weil er bei mehr Ehr- als Wcibcr-Licbe über kein Flcchtwerk röther wurde als über das eines Korbes, und irrig glaubte, ein Empfänger habe sich so zu schämen wie eine Empfängerin. Der Lektor konnte vorausschcn, daß sie auch nach ihrer Ehescheidung —> die sie nur Liancns wegen verschob — schon darum unverbunden bleiben werde, um ihrer Tochter ein Allo- dialgut, Klostcrdors, für dessen Vorbehaltung sic nun 21 Jahre lang den Sturmbälkcn und Sichelwagcu und Doppelhaken des alten Ministers bloßgestandcn, nicht zu entziehen. Ob sie einem so festen und zarten Manne, der in nichts von ihr abwich als in der Welt-Kälte gegen positive Religion, nicht ihre thcuere Liane selber schweigend zudcnke, ist eine andere und schönere Frage. Eine solche Wechsclgabe wäre einer solchen Mutter und Freundin würdig, die aus ihrem Herzen wußte, daß Zart- und Ehrgefühl zusammen einer geliebten 53 Seele ein festeres Glück bereiten als die Geniclicbe, dieser Wechsel von fliegender Hitze nnd fliegender Kälte, dieses Feuer, das wie das elektrische stets zweimal zertrümmert, bei dem Anstiegen und bei dem Abspringen. Der Lektor selber warf jene Frage nicht auf; denn er machte nie unsichere, kecke Plane; und welcher war' cs mehr gewesen als der einer solchen Verbindung bei seiner Armuth oder bei einem solchen Schwiegervater in einem Lande, wo wie in Chnrsachsen ein so wohl- thätigcs Gesetz (—- für die Eltern) sogar eine vieljährige Ehe, die kein elterlicher Konsens geschlossen, wieder abbestellcn kann? — ' Mit nassen Augen zeigte die Ministerin ihm die neuen Stnrmwolkcn, die wieder über sie und ihre Liane hcraufstiegen. Sie konnte ans sein feines Auge für die Welt, auf seine stumme Lippe nnd auf seine gewandte Hand für Geschäfte bauen. Er sagte — wie immer — das Hab' er alles vorausgeschcn; bewies ihr aber, daß Bouverot sein Ritterkreuz — schon aus Habsucht — nie gegen den Ehering vertauschen werde, welche Absichten er auch auf Lianen nähre. Er ließ sie, so weit es die Schonung für ihre wunden Verhältnisse vertrug, es erra- then, bis zu welchem Grade von Bereitwilligkeit für Bouve- rots Wünsche gerade LianenS zerbrechliches Leben den Minister locken könne, um es abzucrnten, bevor es abblnhe. Denn Fronlay brachte Znmuthungen gegen die Ehre behender die Kehle hinab als Verletzungen seiner Eitelkeit, wie der Wasserscheue leichter derbe Brocken als Flüssiges. Doch klang das alles der Ministerin nicht so unmoralisch-hart, als Leser aus den Mittlern Ständen denken möchten; ich berufe mich auf die vernünftigem aus den höhern. Augusti und die Ministerin sahen, man müßte in der Ab- 54 Wesenheit des Ministers doch etwas für Liane thnn; und beide trafen wunderbar im Projekte zusammen. — Liane muß aufs Land in dieser schönen Zeit — sie muß ihre Gesundheit- rüsten für die Kriege der Zukunft — sie muß den Besuchen des Ritters entzogen scyn, die nun der Geburtstag vervielfältigen wird — der Minister muß sogar gegen den Ort nichts einzn- wendcn haben.-Und wo kann dieser liegen? — Blos unter dem Dache des Direktors Wehrfritz, der den deutschen Herrn nicht ausstehcn kann, weil er sein vergiftendes Verhält- niß zum Fürsten weiß. Aber freilich sind vorher noch andere Berge zn übersteigen als der nach Blumenbühl. Selber der Leser muß jetzt über einen niedrigen hinüber; und der ist ein kurzes komi-tragisches Extrablatt über den grünen Markt mit Töchtern. Folgendes ist gewiß: jeder Inhaber einer sehr schönen oder sehr reichen Tochter verwahrt gleichsam einen Pitt unter dem Dach, der ihm selber unbrauchbar ist und den er erst nach langem Ruhen einem Regenten*) verkaufen muß. Genau und merkantilisch gesprochen sind Töchter eigentlich kein Handelsartikel — denn die elterlichen Großavanturhändlcr kann niemand mit jenen Trödlerinnen und Stände!- oder Fratsch- lerweibern vermengen, deren Transitohandel man nicht gern nennt — sondern eine Akzic, mit der man in einer Südsee gewinnt, oder eine Scholle, womit man das Grundstück sym- ') Ich meine nicht (wie cs etwa aus dem Verkaufen scheint) Pitt den Minister, sondern Pitt den Diamanten, den der Vater des jetzigen dem Herzog Regenten von Frankreich verhandelte, und für dessen Splitter er noch 12000 Dukaten bekam. 55 bo lisch (8sc>tkitioiis) übergibt. äs IIS vsncl8 sj»L II1S8 p.1 - 8UA88 st ilomis 168 biAurso pur cle88II8 Is Iiiurclis *), sagte Claude Lorrain, wie ein Vater — und könnt' cs leicht, weil er durch andere die Figuren in seine Landschaften malen ließ; — eben so werden nur die Rittcrsitzc in den Kauft oder Ehekontrakt gesetzt und die Braut, die ans jenen sitzt, darein gegeben. Eben so höher hinauf ist eine Prinzessin blos ein blühender Zweig, den ein fürstlicher Sponsus nicht der Früchte wegen, sondern weil sich ein Bienenschwarm von Land und Leuten daran angelegt, abnimmt und nach Hause trägt. Hat ein Vater — wie unser Minister — nicht viel, so kann er die Kinder, wie die Aegyptcr die Eltern (nämlich die Mumien davon) als Schuld- und Faustpfänder oder Reichs- pfandschastcn, die man nicht einlöset, cinsctzen. Jetzt hat sich der Kanfmannsstand, der sonst nur fremde Produkte vertrieb, auch dieses Handelszweigs bemächtigt; mich dünkt aber, er hätte in seinem untern Kaufgcwölbe Spielraum genug, eigennützig und verdammt zu werden, ohne die Treppe hiuaufzusteigen zur Tochter. In Guinea darf nur der Adel handeln; bei uns ist ihm fast aller Handel, außer dem kleinen mit den Töchtern und den übrigen wenigen Dingen, die auf den eignen Gütern wachsen, abgcschnittcn und verwehrt; daher hält er so fest auf diese Handelsfreiheit, und die Noblesse scheint hier eine für diesen zarten Handelszweig vcrbundne Hansa zu seyn; so daß man gewissermaßen den erhabnen Stand mit dem erhabnern im eigentlichen Sinn vergleichen mag. *) Ich verkaufe blvs die Landschaften und gebe die Figuren zum Kauf darein. 56 den in Rom verkäufliche Leute besteigen mußten *), um besehen zu werden. Es ist eine gemeine Einwendung sogenannter gefühlvoller junger Herzen, daß dergleichen Verhandlungen die Liebe sehr sperren oder gar sprengen; indcß ihr wol nichts so sehr verarbeitet als eben dieß. Denn ist nur der Handel geschlossen und vom Buchhalter (dem Pfarrer) ins Hauptbuch eingetragen: so tritt ja die Zeit ein, wo die Tochter ihr Herz bedenken und versorgen darf, nämlich die schöne Zeit nach der Heirath, die allgemein in Frankreich und Italien und allmälig auch in Deutschland als die schicklichere angenommen wird, wo ein weibliches Herz frei unter der Männer-Schaar erwählen kann; ihr Staat wird dann, wie der venezianische, aus einem mer- kantilischcn ein erobernder. Auch den Gemahl selber unterbricht das kurze Handlungsgeschäst so wenig nach- als vorher in seiner Liebe; nur tritt jetzt — wie in Nürnberg dem Juden eine alte Frau — unserem immer eine junge nach. Ja oft fasset der eheliche Handels-Mann selber Neigung für das hcimgeführte Subjekt — welches ein ungemeines Glück — und wie Moses Mendelssohn mit dem scidnen Waaren-Bündel unter dem Arm seine Briefe über die Empfindungen aussann, so meditiren bessere Männer unter dem Handel Liebesbriefe an den Handelszweig und handeln mit der Jungfrau -— wie Kaufleutc in Messina **) mit der heiligen — in LowpnZnik; aber freilich solche profitable Verbindungen der Liebe mit Geschäften bleiben seltene Vögel und sind wenig zu präten- diren. — —- *) klaut. Laeb. ^.ot. -4. 8oen. 7. 4. 16. 17. **) 7ter Theil der neuen Sammlung der Neisebeschreibungen. — Das Vorige schrieb ich für Eltern, die gern scherzen mit — kindlichem Glück; ich will jetzt ans ihrem nnd meinem Scherz Ernst machen. Ich frage euch erstlich über euer Recht, moralischen freien Wesen die Neigungen oder gar den Schein derselben vorzuschrciben, nnd durch Eine Machthandlnng den giftigen Blei-Zepter über ein ganzes freies Leben anszustreckcn. Eure zehn Lehrjahre des Lebens mehr machen so wenig einen Unterschied in der gegenseitigen Freiheit als Talent oder sein Mangel. Warum befehlt ihr denn Töchtern nicht eben so gut Freundschaft aus Lebenslang? Warum übt ihr bei der zweiten Ehe nicht dasselbe Recht? Aber ihr habt eben keines zu verwerfen, ausgenommen in der minorennen Zeit, wo das Kind noch keines hat, zu wählen. Oder fordert ihr für die Erziehung zur Freiheit beim Abschiede als Ehrensold das Opfer der Freiheit? — Ihr thut, als hättet ihr erzogen, ohne selber erzogen zu sehn, indeß ihr blos eine schwere geerbte Schuld, die ihr an eure Eltern nie bezahlen könnt, an eure Kurier abtragt; und ich kenne hierin nur Einen unbezahlten Gläubiger, den ersten Menschen, nnd nur Einen insolventen Schuldner, den letzten. Oder schützet ihr euch noch mit dem barbarischen unmoralischen römischen Vorurtheil, das Kinder als weiße Neger der Eltern feilbietet, weil die frühere erlaubte Gewalt über das nicht-moralische Wesen sich hinter der Allmäligkeit seiner Entwicklung unbemerkt als eine über das moralische herüberschleicht? Dürft ihr aus Liebe Kinder zu ihrem Glück, so dürfen sie später eben so gut ans Dankbarkeit euch zu eurem zwingen. Aber was ist denn das Glück, wofür sie ihr ganzes Herz mit allen seinen Träumen wegwerfcn sollen? — Meistens eures; eure Beleuchtung und Bereicherung, eure Feind- und Freund- 58 schäften sollen sic mit dem Opfer des Innersten büßen und kauft». Dürft ihr eure stillen Voraussetzungen zum Glück einer Zwangsehc laut bekennen, z. B. die Entbehrlichkeit der Liebe in der Ehe, die Hoffnung eines Todesfalles, die vielleicht doppelte Untreue sowol gegen den ehelichen Käufer als gegen den anßcr-ehclichen Geliebten? Ihr müsset Sünderinnen*) vor- aussctzcn, um nicht Ränber zu scyn. Thnt mir nicht dar, daß Neigungsehen oft schlecht und Zwangschcn oft gut genug ausgefallen, wie an Herrnhutern, Germanen und Orientalern zu ersehen. Nennt mir sonst lieber alle barbarische Völker und Zeiten her, worin, weil beide ja nur den Mann, nie die Frau berechnen, eine glückliche Ehe nichts bedeutet als einen glücklichen Mann. Niemand steht nahe genug dabei, die weiblichen Seufzer zu hören und zu zählen; der nngchörte Schmerz wird endlich sprachlos; neue Wunden schwächen das Bluten der ältesten. Ferner: am Mißgeschick der Neigungs-Ehen ist eben ihr Verwehren und euer Krieg gegen die Vcrehlichtcn Schuld. — Ferner: jede Zwangs- Ehe ist ja meistens zur Hälfte eine Neigungs-Ehe. Endlich: die besten Ehen sind im Mittlern Stand, wo mehr die Liebe, und die schlechtesten in den höhcrn, wo die Rücksicht bindet; und so oft in diesen ein Fürst blos mit seinem Herzen wählte, so erhielt er eines und er verlor und betrog es nie.- Welches ist denn nun die Hand, in welche ihr so oft die schönste, feinste, reichste, aber widersträubcnde presset? Gewöhnlich eine schwarze, alte, welke, gierige. Denn veraltete, reiche oder steigende Libertins haben zu viel Kcnntniß, Sätti- *) Ich spreche mehr von Töchtern, weil diese die gewöbnlichsten und größten Opfer sind; die Söhne sind unblutige Meßopfer. 59 gnng und Freiheit, um sich andere Wesen zu stehlen als die herrlichsten; die minder vollkommnen fallen blos Liebhabern anheim. Aber wie niedrig ist ein Mann, der verlassen vom eignen Werth, blos vom fremden Machtgcbot beschützt, sein Glück bezahlend mit einem gestohlncn, nun die unbeschirmte Seele von einer geliebten nachweincnden in ein langes kaltes Leben wcgschleppen und sic in seine Arme wie in frostige Schwerter drücken und sie darin so nahe an seinem Auge blutend erbleichen und zucken sehen kann! — Der Mann von Ehre gibt schon erröthcnd, aber er nimmt nicht erröthcnd; und der bessere Löwe, der thierischc, schonet das Weib *); aber diese Seclencinkäuftr erpressen vom bezwungncn Wesen noch zuletzt das Zeugnist der Freiwilligkeit. Mutter des armen Herzens, das du durch Unglück beglücken willst, höre du mich! Gesetzt deine Tochter Härte sich ab gegen das ansgedrungcne Elend: hast du ihr nicht den reichen Traum des Lebens zum leeren Schlafe gemacht und ihr daraus die glückseligen Inseln der Liebe genommen und alles was ans ihnen blüht, die schönen Tage, wo man sie betritt, und das ewige frohe Umsehen nach ihnen, wenn sie schon tief im Horizonte mit ihren blühenden Gipfeln liegen? Mutter, war diese frohe Zeit in deiner Brust, so nimm sie der Tochter nicht; und war sie dir grausam entzogen, so denk' an deinen bittersten Schmerz und erb' ihn nicht fort. Gesetzt ferner, sic macht den Entführer ihrer Seele glücklich, rechne nun, was sie für den Liebling derselben gewesen wäre, und ob sic dann nichts verdiene, als den zu ihr von ») n. K. VIII. 1k. 60 Einer Gefängnißthürc auf immer eingeschlossencn Kerkermeister zu ergötzen? — Aber so gut ist's selten; — du wirst ein doppeltes Mißgeschick auf deine Seele häufen, den langen Schmerz der Tochter, das Erkalten des Gatten, der später die Weigerungen fühlt und rügt. — Du hast die Zeit verschattct, wo der Mensch am ersten Morgensonne braucht, die Jugend. O macht lieber alle andere Tageszeiten des Lebens trübe — sie sind sich alle ähnlich, das dritte und das vierte und fünfte Jahrzchend — nur bei Sonnenaufgang lasset cs nicht ins Leben regnen; nur diese einzige, nie umkehrcnde, unersetzliche Zeit verfinstert nicht. Aber wie, wenn du nicht blos Freuden, Verhältnisse, eine glückliche Ehe, Hoffnungen, eine ganze Nachkommenschaft für deine Plane und Befehle opfertest, sondern das Wesen selber *), das du zwingst? Wer kann dich rechtfertigen oder deine Thrä- ncn trocknen, wenn die beste Tochter —> denn gerade diese wird gehorchen, schweigen und sterben, wie den Mönchen von Da Drapps ihr Kloster nicdcrbrennt, ohne daß einer das Ge- *) Und das ist durchaus wahrscheinlich. D. Eduard Hill berechnete, daß in England jährlich 8000 an der unglücklichen Liebe — am gebrochncn Herzen, wie die Engländerinnen rührend sagen — sterben. Bcddoes erweiset, daß die vegetabilische Kost — und diese lieben gerade diese Wesen — die Schwindsucht nähre, und daß die weiblichen sich zu dieser neigen. Noch dazu fallen die Zeiten der Sehnsucht, die schon ohne Fchl- schlagcn, wie das Heimweh zeigt, eine vcrgiftend-herumziehende Bleikugel ist, in die Jugend ein, wo der Same der Brustkrankheiten am leichtesten aufgeht. O manche fallen in der Ehe unter falschen Auslegungen vor dem Todesengel, dem sie vor ihr das Schwert geschärft und gegeben. 61 lübde des Schweigens bricht*)— wenn sie, sag'ich, wie eine Frucht halb vor der Sonne halb im Schatten, nach außen hin blüht und nach innen kalt erbleicht, wenn sie, ihrem entseelten Herzen nachsterbend, dir endlich nichts mehr verhehlen kann, sondern Jahre lang die Blässe und die Schmerzen des Unterganges mitten im Aufgange des Lebens hcrumträgt — und wenn du sie nicht trösten darfst, weil du sie zerstöret hast und dein Gewissen den Namen Kindcrmördcrin nicht verschweigt — und wenn nun endlich das ermüdete Opfer vor deinen Tbränen dalicgt und das ringende Wesen so bang und früh, so matt und doch lcbensdurstig, vergebend und klagend, mit brechenden und sehnsüchtigen Blicken peinlich-verworren und streitend in den bodenlosen Todesfluß mit den blühenden Gliedern nntcrsinkt: o schuldige Mutter am Ufer, die du sic hin- cingestoßen, wer will dich trösten? —> Aber eine schuldlose würde ich rufen und ihr das schwere Sterben zeigen und sic fragen: soll dein Kind auch so nntergchcn? — 5». Z Y k e l. Es war ein romantischer Tag für Zesara, sogar von außen; Sonncnfunken und Regentropfen spielten blendend durch den Himmel. Er hatte einen Brief von seinem Vater aus Madrid bekommen, der ans den gedrohten Tod seiner Schwester endlich das schwarze Siegel der Gewißheit drückte und worin nichts, angenehmes war als die Nachricht, daß Don Gaspard mit der Gräfin de Romciro, deren Vormundschaft er nun schließe, in dem Herbste (dem italiänischcn Frühling) nach Italien gebe. *) Ferslers Ansichten. I. B. 62 Zwei Töne waren ihm aus der Tonleiter der Liebe gerissen, er erfuhr nie, wie man einen Bruder liebe und eine Schwester. Das Zusammentreffen ihrer Stcrbcnacht mit der Tartarus-Nacht, dieses ganze Einkrallcn in die heiligen Bilder und Wünsche seines Herzens empörte seinen Geist und er fühlte zornig, wie ohnmächtig eine ganze antastcndc Welt LianenS Bild in ihm wegznrückcn suche; und fühlte wieder schmerzlich, daß eben diese Liane selber an ihr nahes Vergehen glaube. —> So fand ihn eine unerwartete Einladung von der — Ministerin selber — -— Sonncnsnnkcn und Regentropfen spielten auch in seinem Himmel. — Er flog; im Vorzimmer stand der Engel, der die sechs apokalyptischen Siegel erbrach — Nabettc. Sic war ihm entgegen gelaufen aus Scheu vor der Gesellschaft und hatt' ihn früher umarmt als er sie. Wie gern sah er ins bekannte redliche Angesicht! Mit Thronen hört' er den Namen Bruder, da er heute eine Schwester verloren! -- Die Ursache ihrer Erscheinung war diese: als der Direktor das letztem«! bei der Ministerin war, hatte diese mit leichter verdeckter Hand seiner Tochter „zur Kcnntniß des leeren Stadtlebens und zur Veränderung" — ihr Haus geöffnet, um künftig an seines für ihre klopfen zu dürfen. Er sagte, „er spcdir' ihr den weiblichen Wildfang mit Freuden." Und da ihm in Blumcnbnhl Rabettc Nein, dann Ja, dann Nein, dann Ja geantwortet und sic mit der Mutter noch vor Mitternacht eine Rcichskammcrgcrichts-Revision, einen Münzpro- bazions-Tag über alles gehalten hatte, was ein Mensch vom Lande anzichcn kann in der Stadt: so packte sic dort auf und hier — ab. „Ach ich fürchte mich drinnen (sagte sic zu Albano), sie 63 „sind alle zu geschcidt mW ich bin nun so dumm!" — Er fand außer dem Familienklecblatt noch die Prinzessin und die kleine Helena aus Lilar, dieses schöne Medaillon eines schönen Tages snr sein gerührtes Herz. Unbeschreiblich ergriff ihn Liancns weibliche Annäherung an Rabctte, gleichsam als theil' er sie mit ihr. Mit Leutseligkeit und Zartheit kam die Milde, die ohne Falsch und Stolz war. der verlegnen Gespielin zu Hülse, auf deren Gesicht die angeborne lachende und beredte Natur jetzt sonderbar gegen den künstlichen Stnmmcn-Ernst abstach. Karl war mit seiner gewandten Vertraulichkeit mehr im Stand, sic zu umstricken als loszuwickeln; blos Liane gab ihrer Seele und Zunge schon durch den Stickrahmen freies Feld; Rabctte schrieb mit der Sti^nadel zwar keine Zier- und Anfangsbuchstaben, aber doch eine gute Kurrcnthand. Sie gab — das Gesicht gegen das brüderliche gewandt, um Muth davon zu holen — von dem gefährlichen Wege und Umwerfen einen deutlichen Bericht und lachte dabei. nach der Sitte des Volks, wenn cs sein Unglück erzählt. Der Bruder war ihr auf Kosten der Gesellschaft selber die Gesellschaft und die Welt; nach ihm allein strömte ihre Wärme und Rede hin. Sic sagte: sie könn' ihn aus ihrer Stube „klarieren" sehen. Liane führte beide sofort darein. Wie reich und erhaben über Rabettens Ansprüche ans Stadtlebcn war das jungfräuliche Hospizinm anSgcstattet, von der Tulpe an — keiner blühenden, sondern einem Arbcitskörbchen von Liane, wicwol jede Tulve eines für den Frühling ist — bis zum Klavier, von dem sic gegenwärtig freilich nicht mehr verbrauchen kann als sieben Diskanttasten für einen halben Walzer! Fünf mäßige Kleiderkästen— denn damit glaubte sic aus- zukommcn und der Stadt zu zeigen, daß auch das Land sich 64 kleiden könne — stellten ihm in ihren wohlbekannten Blnmen- stiickcn nnd Blcchbändcrn gleichsam die alten Drucke (Inkunabeln) der ersten Lebenslage vor; und heute erquickte ihn jede Spur der alten Licbes-Zeit. Sic ließ ihn seine Fenster suchen, ans deren einem der Bibliothekar einen soliden Blick ans einen Gassenstein heftete, um ihn immer zu treffen mit Anspucken. Hier einsam neben dem Bruder sagte Liane der Schwester das Wort der Freundschaft lauter und versicherte, wie sie sie erfreuen wolle und wie gut nnd wahr sie cs mit ihr meine. O sehet in die Flamme der reinen religiösen schwesterlichen Liebe mit keinem gelben Auge des Argwohns! Fasset ihr nicht, daß diese schöne Seele eben jetzt ihre reichen Flammen zerthcilc für alle Schwesterherzen, bis die Liebe sie zu- sammcndrängt in Eine Sonne, wie nach den Alten die zer- strcncten Blitze der Nacht am Morgen sich zu Einer dichten Sonne sammlcn? — Sie war überall Auge für jedes Herz; wie eine Mutter vergaß sic nicht einmal die Kleine über Große; nnd sic goß — keiner streiche mir dieses kleine Beispiel weg — der kleinen Helena die Tasse Kaffe, die der Doktor verbot, halb voll Sahne, damit er ohne Kraft nnd Nachtheil sei. Die ungeduldige Prinzessin hatte schon zehnmal nach dem Himmel gcschanet, durch welchen bald Lichtstralcn bald Regen- faulen flogen — bis endlich aus dem verzehrten Wolkenschnee das Blau in weiten Feldern wuchs und Julienne die erfreuctcn jungen Leute in den Garten znm Anstoß der Ministerin entführen konnte, die ungern Lianen dem Serei», fünf oder sechs Abcndwind-Stößen und dem Waten durch das Linie hoch stehende Regenwasser aussctztc. Sic selber blieb zurück. Wie 65 war alles drunten so neu geboren, wicderschcinend und liebkosend! Die Lerchen stiegen aus den fernen Feldern wie Töne ans und schmetterten nahe über dem Garten — in allen Blattern hingen Sterne, und die Abcndlnst wars das nasse Geschmeide, die zitternden Ohrrosen aus den Bluten in die Blumen herab und trieb süße Düfte den Bienen entgegen. Die Idylle des Jahrs, der Frühling, theiltc sein holdes Schäfcr- laud unter die jungen Seelen ans. Albano nahm die Hand seiner Schwester, aber er hörte mühsam auf ihre Berichte vom Hause. Liaue ging mit der Prinzesfiu -weit voraus und labte sich am offnen Himmel der Vertraulichkeit. Plötzlich stand Julienne mit ihr scherzend still, um den Grafen hcranzulassen und zu fragen nach Briefen von Don GaSpard und nach Nachrichten von der Gräfin Romciro. Er theiltc mit erglühendem Gesicht den Inhalt des heutigen mit. In Julicnncns Physiognomie lächelte fast Neckerei. Auf die Nachricht von Linda's gleise versetzte sic: „daran erkenn' ich „sic; alles will sic lernen — alles bereisen. -— Ich parire, „sic steigt auf den Montblanc und in den Vesuv. Liane „und ich nennen sie darum die Titauidc." Wie freundlich hörte diese zu, mit den Augen ganz aus der Freundin! „Sie „kennen sie nicht?" fragte sie den Gepeinigten. Er verneinte heftig. Noquairol kam nach; „yns8es, Nonnieur," sagte sic Platz machend und ihn fortwinkcnd. Liane blickte sehr ernst nach. „Tn voici!" sagte Julienne, indem sic an einem Ringe ihrer kleinen Hand durch einen Druck die Decke eines Bildnisses ausspringen ließ. — >—> Guter Jüngling! es war ganz die Gestalt, welche in jener Zaubcrnacht aus dem Im§o mnA- ziore aufsticg, dir von den Geistern zugcschickt! — „Sic ist „getroffen" jagte sic zu dem erschütterten Menschen. „Sehr!" Jean Uaul'S ausgew. Wcrle. XI. ^ 66 sagt' er verwirrt. Sic untersuchte dieses widersprechende „Sehr" nicht; aber Liane sah ihn an; „sehr — schön und kühn (fuhr „er fort) aber ich liehe Kühnheit au Weibern nicht." -— „O, „das glaubt man den Männern gern, versetzte Julienne; keine „feindliche Macht liebt sic an der andern." Sie gingen jetzt in der Kastauicnallcc vor der heiligen Stätte vorbei, wo Albano die Braut seiner Hoffnungen zum crstcnmale hinter den Wafferstralen hatte glänzen und leiden scheu. O er hätte hier mit dieser vom Gcgcnciuanderarbciten wunderbarer Verhältnisse bang'-crhitztcn Seele gern vor dem nahen stillen Engel nicdcrkniccn mögen!— Die zarte Julienne merkte, sie habe ein bewegtes Herz zu schonen; nach einem ziemlich lauten Schweigen sagte sie in ernstem Ton: „ein „holder Abend! Wir wollen auss Waffcrhäuscheu. — Liane „wurde da geheilt, Graf! Die Fontaiuen müssen auch springen." — „O die Fontaiuen!" sagte Albauo und sah unbc- schrciblich-gerührt Lianen an. Sie dachte aber, er meine die im Flötcnthal. Helena gebot hinter ihnen, zu warten, und kam mit zwei Händchen voll gepflückter thauigcr Aurikeln nachgctrippclt und gab sic alle Lianen, von ihr als der Kolla- torin der Beucfizicn die Blumen-Spende erwartend: „auch „die Kleine denkt noch an den schönen Sonntag in Lilar" sagte Liane. Sic gab der Prinzessin ein Paar und Helena nickte; und als Liane sic ansah, nickte sic wieder zum Zeichen, der Graf soll' auch etwas haben; — „nock mehr!" rief sie, als er bekommen; und je mehr jene gab, desto mehr ries sie „mehr!" — wie Kinder in den Hyperbeln ihres Hanges zur Unendlichkeit pflegen. Man ging über eine grüne Brücke und kam in ein niedliches Zimmer. Statt des vorigen Pianofortcs stand ein 67 gläsernes Hciligcuhaus der Tonmuse da, eine Harmonika. Der Hanptmann schraubte innen hinter einem Tapctcnthürchen nnd sogleich snhrcn draußen alle scstgcbnndncn Springwasscr mit silbernen Flügeln gen Himmel. O wie brannte die bercgnete Welt, als sic hinaus ans die Höhe traten! Warum warst du, mein Albano, gerade in dieser Stunde nicht ganz glücklich? — Warum stechen denn durch alle unsre Bündnisse Schmerzen nnd warum blutet das Herz wie seine Adern am reichsten, wenn cs erwärmt wird?— Ucbcr ihnen lag der stille verwundete Himmel im Verband eines langen weißen Gewölkes — die Abendsonne stand noch hinter dem Pallast, aber ans beiden Seiten desselben wallete ihr Purpur- mantel aus Wolken in weiten Falten über den Himmel hin — und wenn man sich nmkehrte nach Osten, zu den Bergen von Blumcnbühl, so liefen grüne Lebens-Flammen hinauf und wie goldnc Vögel hüpften die Irrlichter durch die feuchten Zweige nnd an die Morgcnfcnstcr, aber die Fontainen warfen noch ihr weißes Silber in das Gold.- Da schwamm die Sonne mit rother heißer Brust goldnc Kreise in den Wolken ziehend hervor, und die gebognen Wasscrstralcn brannten hell-Julienne sah Albano, neben welchem sic immer gleichsam gutmachcnd geblieben, herzlich an, als ob es ihr Bruder wäre, und Karl sagte zu Liane: „Schwester, dein Abcndlicd!" — „Von Herzen gern!" sagte sie; denn sic war recht froh über die Gelegenheit, sich mit dem wchmüthigen Ernst ihres Genusses zu entfernen und'drunten in der einsamen Stube auf den Harmonikaglocken alles laut zu lagen, was die Entzückung und die Augen verschweigen. Sic ging hinab, das melodische Requiem des Tages stieg heraus — der Zephyr des Klanges, die Harmonika flog 5 * 68 wehend über die Garten-Blüten — und die Töne wiegten sich auf den dünnen Lilien des anfwachsenden Wassers, und die Silderlilien zersprangen oben vor Lust und Sonne in flammige Blüten — und drüben ruhte die Mutter Sonne lächelnd in einer Aue und sah groß und zärtlich ihre Menschen an.- Hältst du denn dein Herz, Albano, daß es mit seinen Freuden und Leiden verborgen bleibt, wenn du die stille Jnngsran im Mondschein der Töne wandeln hörst? O wenn der Ton, der im Acthcr vertropft, ihr das frühe Verrinnen ihres Lebens ansagt, und wenn ihr die langen weichen Melodien als das Rosenöl vieler zerdrückter Tage entfließen: denkst du daran nicht, Albano? — Wie der Mensch spielet! Die kleine Helena wirft mit Anrikcln nach den lodernden Wasseradern, damit sie eine mit aufschlcndcrn; und der Jüngling Zesara bückt sich weit über das Geländer und lässct an der schiefen Hand den Wasscrstral ans sein heißes Gesicht und Auge abspringcn, um sich damit zu kühlen und zu verhüllen. — Durch seine Schwester wurde ihm der feurige Schleier geraubt, Rabcttc gehörte unter die Menschen, welche dieses tönende Beben sogar physisch zernagt — so wie wieder den Hauptmann die Harmonika wenig ergriff, der immer am wenigsten gerührt war, wenn cs andere am meisten waren —; die Unschuldige war mit keinen Schmerzen weniger vertraut als mit süßen; die bittersüße Wehmuth, worein sie in der müßigen Einsamkeit der Sonntage versank, hatten sic und andere blos für Verdrießlichkeit gescholten. Jetzt fühlte sic auf einmal mit Erröthcn ihr rüstiges Herz wie von heißen Strudeln gcfasset, umgcdrchct und durchgebrannt. Ohnehin war cs heute durch das Wicdcr- findcn des Bruders, durch das Verlassen der Mutter und die verlegne Bangigkeit vor Fremden und selber durch den 69 sonncnrothcn Blumcubühlcr Berg hin nnd her bewegt. Uni- sonst kämpften die frischen braunen Augen nnd die überreife volle Lippe gegen den aufwühlenden Schmerz, die heißen Quellen rissen sich durch und das blühende Angesicht mit dem kräftigen Kinn stand crröthcnd voll Thräncn. Schmerzlich- verschämt und bange, für ein Kind gehalten zu werden, zumal da alle Rührungen der Andern unsichtbar geblieben waren, drückte sic das Schnupftuch über das brennende Gesicht und sagte zum Bruder: „ich muß fort,'mir ist nicht wohl, cs will „mich ersticken" — nnd lief hinab zur sanften Liane. Dahin trage nur die scheuen Schmerzen! Liane wandte sich und sah sie schnell und heftig die Augen trocknen. Ach ihre waren ja auch voll. Da Rabctte cs sah: sagte sie mu- thig: „ich kann's ja nicht hören — ich muß heulen — ich „schäme mich wol recht." — „O du liebes Herz, (rief Liane, „freudig ihr um den Hals fallend) schäme dich nicht und blick' „in mein Auge — Schwester, komme zu mir, so oft du bekümmert bist, ich will gern mit deiner Seele weinen und „will dein Auge noch eher abtrockncn als meines." — Ein überwältigender Zauber war in diesen Licbestönen, in diesen Licbcsblickcn, weil Liane wähnte, sie trauere über irgend einen verfinsterten Stern des Lebens. — Und nie hat die furchtsame Dankbarkeit ein verehrtes Herz frischer und jugendlicher umarmet als Rabctte Lianen. Da kam Albano. Vom Austönen des Wiegenliedes erwachend war er ihr nachgccilt, ohne alle kalte und andere Tropfen von seinen feurigen Wangen zu wischen; „wie ist dir, „Schwester?" fragt' er eilig. Liane, noch in der Umarmung und Begeisterung schwebend, antwortete schnell: „Sic haben „eine gute Schwester, ich will sic lieben wie ihr Bruder." 70 Die süßen Worte, die so innig gerührten Seelen, der feurige Sturm seines Wesens rissen ihn dahin und er umschloß die Umarmenden und drückte die vcrschwistcrten Herzen an einander und küßte die Schwester; als er über Liancns bestürztes Wegbengen des Kopfes erschrak und blntroth ausflammtc.- Er mußte entfliehen. Mit diesen wilden Erschütterungen könnt' er nicht vor Lianen und vor den kalten Spiegeln der Gesellschaft bleiben. Aber die Nacht sollte so wunderbar werden wie der Tag; er eilte mit Lebens-Blicken, die wie zornige anssahen, aus der Stadt zur Titanide, zur Natur, die uns zugleich stillet und erhebet. Er ging vor anfgcdeckten Mühlenrädern vorbei, um welche sich der Strom schäumend wand. — Die Abcndwolken streckten sich wie ansruhende Riesen aus und sonnten sich im Morgenroth Amcrika's — und der Sturm fuhr unter sic und die feurigen Zcntimanen standen auf — die Nacht bauetc den Triumphbogen der Milchstraße und die Riesen zogen finster hindurch. — Und in jedem Elemente schlug die Natur wie ein Sturmvogel den rauschenden Flügel. Albano lag, ohne cs kaum zu wissen, auf der Wald- Brücke Lilars, worunter die Windströmc durchrauschten. Er glühte gleich den Wolken von seiner Sonne nach — seine tnnern Flügel waren, wie die des Straußes, voll Stacheln und verwundeten ihn im Erheben-der romantische Gci- stcrtag, der Brief des Vaters, Liancns Auge voll Thränen, seine Kühnheit und seine Wonne und Neue darüber und jetzt die erhabne Nacht-Welt auf allen Seiten um ihn her, zogen erschütternd im jungen Herzen hin und her — er berührte mit der Feuer-Wange die bcregneten Gipfel und kühlte sich nicht, und war dem tönenden fliegenden Herzen, der Nachtigall, nahe und hörte sie kaum.-Wie eine Sonne geht das 71 Herz durch die blassen Gedanken und löschet auf der Bahn ein Sternbild nach dem andern ans.-- Auf der Erde und an dem Himmel, in der Vergangenheit und in der Zukunft stand vor Alban nur Eine Gestalt; „Liane" sagte sein Herz, „Liane" sagte die ganze Natur. Er ging die Brücke hinab und stieg die westlichen Triumphbogen hinauf, das dämmernde Lilar ruhte vor ihm. — Siche da sah er den alten „frommen Vater" auf dem Geländer des BogeuS cingcschlummcrt. Aber wie anders war die verehrte Gestalt, als er sic sich nach der des verstorbnen Fürsten vorgemalt! Die unter dem Quäkcrhutc rcichvorwallcudcn weißen Locken, die weiblich und poetisch runde Stirn, die gebogne Nase und die jugendliche Lippe, die noch nicht im späten Leben cinwelktc, und das Kindliche des sanften Gesichts verkündigten ein Herz, daS in der Dämmerung des Alters ansruht und nach Sternen blickt. Wie einsam ist der heilige Schlaf! Der Todescngel hat den Menschen aus der lichten ^Vclt in die finster überbaucte Einsiedelei geführt, seine Freunde stehen draußen neben der Klause; drinnen redet der Einsiedler mit sich, und sein Dunkel wird immer Heller und Edelsteine und Auen und ganze Frühlingstage entglimmen endlich — und alles ist hell und weit! — Albano stand vor dem Schlaf mit einer ernsten Seele, die das Leben und seine Räthscl anschauet -nicht nur der Ein- und Ausgang des Lebens ist vielfach überschleicrt, auch die kurze Bahn selber; wie um ägyptische Tempel, so liegen Sphinxe um den größten Tempel, und anders als bei der Sphinx löset das Näthscl nur der, welcher stirbt. — Der alte Mann sprach hinter dem Sprachgittcr des Schlafs mit Todten, die mit ihm über die Morgen-Auen der Jugend gezogen waren, und redete mit schwerer Lippe den todtcn Fürsten und seine Gattin an. Wie erhaben hing der mit einem langen Leben übermalte Vorhang des veralteten Angesichts vor der hinter ihm tanzenden Schäfcrwclt der Jugend nieder, und wie rührend wandelte die graue Gestalt mit dem jugendlichen Kranz im kalten Abcndthau des Lebens umher und hielt ihn sür Morgcnthau, und sah nach Morgen und der Sonne! — Nur die Locke des Greises rührte der Jüngling licbcnd-schoncnd an; er wollte ihn — um ihn nicht mit einer fremden Gestalt zu erschrecken — verlassen, che der ausgehende Mond seine Augenlicder weckend berührte. Nur wollt' er vorher den Lehrer seiner Geliebten mit den Zweigen eines nahen Lorbcerbäumchcus bekränzen. Als er davon zurückkam: drang schon der Mond mit seinem Glanze durch die großen Augcn- lieder; und der Greis schlug sic ans vor dem erhabnen Jüngling, der mit dem glühenden Roscnmond seines Angesichts vom Monde verkläret vor ihm wie ein Genius mit dem Kranze stand. „Justus! (ries der Alte) bist du es?" Er hielt ihn für den alten Fürsten, der eben mit blühenden Wangen und offnen Augen in der Unterwelt des Traums mit ihm gegangen war. Aber er kam bald aus dem träumerischen Elysium ins botanische zurück und wußte sogar Albano's Namen. Der Graf faßte mit offner Miene seine Hände und sagte ihm, wie lange und innig er ihn achte. Spcncr crwiedcrte wenig und ruhig, wie Greise thun, die alles auf der Erde so oft gesehen. Der Glanz des Mondlichts floß jetzt an der langen Gestalt herab und das ruhig-offne Auge wurde erleuchtet, das nicht sowol eindringt, als alles cindringcn lasset. Die fast kalte Stille der Züge, der junge Gang der langen Gestalt, die ihre Jahre 73 aufrecht trug als einen Kranz aus dem Haupte, nicht als Bürde aus dem Stücken, mehr als Blumen denn als Früchte, die sonderbare Mischung von vorigem männlichen Feuereifer und weiblicher Zartheit, alles dieses weckte vor Albano gleichsam einen Propheten des Morgenlandes auf. Dieser breite Strom, der durch die Alpen der Jugend nicdcrbranscte, zieht jetzt still und eben durch seine Auen; aber werft ihm Felsen vor, so steht er wieder brausend auf. Der Greis sah den jugendlichen Jüngling je öfter je wärmer an; in unfern Tagen ist Jugend an Jünglingen eine körperliche und geistige Schönheit zugleich. Er lud ihn. ein, ihn in dieser schönen Nacht in sein stilles Häuschen zu begleiten, welches droben neben der Thurmspitze steht, die oben ins Flötcnthal herein schauet. Ans den sonderbaren Jrrsteigcn, die sic jetzt wandelten, verwirrte sich Lilar vor Albano zu einer neuen Welt, wie nächtliche fliegende Silber-Wolken bauetcn sich die dämmernden Schönheiten in immer andere Reihen durcheinander und zuweilen drangen beide durch ausländische Gewächse mit grellfarbigen Blüten und wunderlichen Düsten. Der fromme Vater fragt' ihn thcilnehmcnd sein voriges und jetziges Leben ab. Sie kamen vor einen dunkeln Gang in der Erde. Spcncr faßte freundlich Albano's.rechte Hand und sagte, dieser führe zu seiner Bergwohnung hinauf. Aber bald schien cs hinabzugehen. Der Strom des Thales, die Nosana, klang noch herein, aber nur einzelne Tropfen des Mondlichts sickerten durch zerstreuete mit Zweigen übcrsponnene Bcrgöffnnngcn durch. Die Höhlung sank weiter nieder — noch ferner rauschte das Wasser im Thale. — Und doch sang eine Nachtigall immer nähere Lieder — Albano schwieg gefastet. Uebcrall gingen sie 74 vor engen Pforten des Glanzes vorbei, den blos ein Stern des Himmels herein zn werfen schien. — Sic stiegen jetzt zu einer fernen erleuchteten Zanberlanbe hinab aus hellrothcn und giftigen dunkeln Blumen, ans kleinen Zackcnblättcrn und großem breiten Laube zugleich gewölbt, und ein verwirrendes weißes Licht, halb von hcrcinschäumcnden Stralen lebendig verspritzt und halb aus Lilien nur als weißer Staub angcflogcn, zog das Auge in einen trnnkncn Schwindel — Zcsara trat geblendet hinein, und indem er rechts nach dem cinrcgncndcu Feuer sah, fand er Spcners Auge scharf links geheftet — er blickte hin und sah im Vorübcrcilen einen alten Mann, ganz dem verstorbnen Fürsten ähnlich, in eine Nebenhöhle schreiten — seine Hand zuckte erschrocken, Spencrs seine auch — dieser drang eilig weiter hinab — und endlich glänzte eine blaue gestirnte Ocffnnng — sie traten hinaus ..... Himmel! ein neues Stcrncngewölbe — eine blasse Sonne zieht durch die Sterne und sic schwimmen ihr spielend nach — unten ruht eine entzückte Erde voll Schimmer und Blumen, ihre Berge laufen leuchtend am Himmelsbogcn hinaus und beugen sich herüber nach dem Sirius — und durch das unbekannte Land wandeln Entzückungen wie Träume, worüber der Mensch vor Freude weint. „Was ist das? Bin ich in oder über der Erde? (sagte „Albano erstaunt und flüchtete das irrende Auge ans das Angesicht eines lebendigen Menschen) — ich sah einen Tobten." -Viel liebreicher als vorher antwortete der Greis: „das „ist Lilar, hinter uns ist mein Häuschen." Er erklärte den mechanischen Schein *) des Hinabsteigens. „Hier stand ich nun Weigel in Jena erfand die Vcrkchrtbrücke (xons beteroolitns), 75 „schon so viel tausendmal und ergötzte mich herzinniglich an „den Werken Gottes. — Wie sah die Gestalt aus, mein Sohn?" — „Wie der todte Fürst," sagte Alban. Betroffen, aber fast gebietend sagte Spencr leise: „schweig wie ich bis zu seiner „Zeit — er war's nicht — dein Heil und vieler Heil hängen „daran — gehe heute nicht mehr durch dcu Gang." — Albano durch den ganzen sonderbaren Tag halb entrüstet sagte: „Gut, so geh' ich durch den Tartarus zurück. Aber „was bedeutet das Gcister-Wesen, was mich überall verfolgt?" — „Du hast (sagte der Alte, ihm licbcud uud erquickend aus „die Stirn die Finger legend) lauter unsichtbare Freunde um „dich -— und verlasse dich überall aus Gott. Es sagen so „viele Christen, Gott sei nahe oder ferne, seine Weisheit und „seine Güte erscheine ganz absonderlich in einem 8neculo oder „in einem andern — das ist ja eitel Trug —- ist er nicht die „unveränderliche ewige Liebe und er liebt und segnet uns in „der einen Stunde nicht anders als in der andern?" Wie wir die Sonnenfinsternis eigentlich eine Erdfinsterniß nennen sollten, so wird nur der Mensch verfinstert, nie der Unendliche; aber wir gleichen dem Volke, das der Verfinsterung der Sonne im Wasser zusicht und dann, wenn dieses zittert, ausruft: seht, wie die liebe Sonne kämpft. Albano trat in die Einsamkeit der reinlichen geordneten Wohnung des alten Mannes nur beklommen, weil in der heißen Asche seines VulkanS alles üppiger trieb und grünte. Spcner zeigte von seinem Bergrücken hinüber auf das soge- eine Treppe, wo der Mensch hluabzugehcn glaubt durch Auf- steigcn. Busch, Handbuch der Erfindungen. 7. B. 76 nannte „Donncrhäuschcn *)" und ricth ihm, cs diesen Sommer zu bewohnen. Albano schied endlich, aber sein bewegtes Herz war ein Meer, in welchem die Morgensonnc glühend noch halb steht und in welches sich in Abend ein bleifarbiges Gewitter taucht und das glänzend schwillt unter dem Sturm. Er sah aus der Tiefe nach dem nachblickenden Greise hinauf; aber er hätte sich heut kaum gewundert, wenn dieser versunken oder aufgesticgcn wäre. In zornig-muthigcn Entschlüssen, für seine Liebe, woruach kalte Hände griffen, mit seinem Leben zu bürgen und zu opfern, schritt er durch den vom Vcrgrößcrungs- spicgcl der Nacht zum schwarzen Nicscn-Troß aufgezognen Tartarus ohne alle Furcht; so ist die Geistcrwclt nur cinWclt- theil unserer inncrn, und das Ich fürchtet nur das Ich. Da er vor dem Altäre des Herzens in der stummen Nacht, wo nichts laut war als der Gedanke, stand, so ricth ihm der kühne Geist cinigcmalc, den alten Todtcn zu rufen und laut zu schwören bei seinem Herzen voll Staub; — aber als er zum schönen Himmel anfsah, wurde sein Herz geheiligt und es betete nur: „o guter Gott, gib mir Liane!" — Es wurde finster, die Wolken, die er für glänzende in den Himmel herübergebogue Gebirge einer neuen Erde genommen, hatten den Mond erreicht und düster überzogen. *) Es hatte den Namen von seiner Höhe und von dem öfter» Einschlagen des Blitzes. Dreizehnte Jobelperiode. Noquairols Liebe — Obilippica gegen die Liebhaber — die Gemälde — Nlbano Albani — das harmenischc tete-a-tets — die Blumcnbühlcr Neise. 60. Z y r e l. ^ns den Tropfen, welche die Harmonika aus Rabettcns Herzen gezogen hatte, bereitete der alte Zauberer, das Schicksal, wie andere Zauberer aus Blut, vielleicht finstere Gestalten; denn Noqnairol hatte cs gesehen und sich über das Gefühl eines Herzens verwundert, das bisher mehr Arbeiten als Romane in Bewegung gesetzt hatten. Nun trat er ihr mit An- theil näher. Er hatte seit der Nacht des Schwurs sein Herz aus allen unwürdigen Ketten gezogen. In dieser Freiheit des Sieges ging er stolzer einher und streckte die Arme leichter und sehnsüchtiger nach edler Liebe ans. Er besuchte jetzt seine Schwester unaufhörlich; aber er hielt noch an sich. Nabctte war ihm nicht schön genug neben der zarten Schwester, eine Bandrose neben einer von van der Nnysch; sie sagte selber naiv, sie sehe mit ihrer Dorf-Farbe im weißen Linon wie brauner Thce in weißen Tassen aus. Aber in ihren gesunden, noch nicht von tragischen Tropfen mattgcbaiztcn Angen und ans den frischen Lippen glühte Leben, ihr kräftiges Kinn und ihre gebogne Nase drohten und versprachen Mnth und Kraft, 78 und ihr aufrichtiges Herz ergriff und verstieß entschieden und heftig. Er beschloß, sic zu — prüfen. Der Talmud*) verbietet, nach dem Preis einer Sache zu fragen, wenn man sie nicht kaufen will; aber die Roquairols feilschen immer und gehen weiter. Sic reißen eine Seele wie Kinder eine Biene entzwei, um aus ihr den Honig zu essen, den sie sammeln will. Sic haben vom Aale nicht nur die Leichtigkeit, zu entschlüpfen, sondern auch die Kraft, den Arm zu umschlingen und zu zerbrechen. Er ließ nun vor ihr alle blendenden Kräfte seines vielgestaltigen Wesens spielen — das Gefühl seiner Ucberlegcnhcit ließ ihn sich frei und schön bewegen, und das sorglose Herz schien nach allen Seiten offen — er kettete den Ernst an den Scherz, die Glut an den Glanz, das Größte ans Kleinste so frei und die Kraft an die Milde. — Unglückliche! nun bist du sein; und er trägt dich von deinem festen Boden mit Nanb- schwingen in die Lüfte und dann wirft er dich herab. Wie ein Gewächs am Gewittcrablcitcr wirst du deine Kräfte reich an ihm entfalten und hinanfgrüncn: aber er wird den Blitz ans sich und deine Blüten ziehen nnd dich entblättern und zerschlagen. Rabcttc hatte einen solchen Menschen nie gedacht, geschweige gesehen; er drang gewaltsam in ihr gesundes Herz und eine neue Welt folgte ihm nach. Durch Linnens Liebe gegen den Hanptmann ging ihre noch höher auf; und beide konnten von ihren Brüdern in freundlichem Wechsel sprechen. Die gute Liane suchte der Freundin mancherlei bcizubringcn, was sich schwer sestsctzcn wollte, besonders die Mythologie, welche ihr ') Basa Mczla. c. 4. in. 10. 79 durch die französische Aussprache der Götter noch unbrauchbarer wurde. Sogar mit Büchern suchte Liane sic zusammcn- zubringcn; so daß Lektüre ihr eine Art von Wochen-Gottesdienst wurde, dem sie mit wahrer Andacht beiwohnte und dessen Ende sic stets ergötzte. Durch alle diese Schöpfräder der Er- kcnntniß strömte Noquairols Liebe hindurch und half treiben und schöpfen. — Wie viele Erröthungcn flogen setzt ohne allen Anlaß über ihr ganzes Gesicht! Das Lachen, womit sic sonst heiter war, kam jetzt zu oft und bedeutete nur ein unbeholfnes Herz, das seufzen will. So stand ihr Verhältniß, als Karl einst scherzend hinter sic schlich und ihr die Augen mit einer Hand verdeckte, um ihr unter der Maske der brüderlichen Stimme sanfte schwesterliche Namen zu geben. Sie verwechselte die ähnliche Stimme, sie drückte inbrünstig die Hand, aber ihr Auge war heiß und naß. Da fand sic den Jrrthnm und floh mit der bedeckten Abend- und Morgenröthe ihres Angesichts aus dem Zimmer. Jetzt schaute er Lianen, die ihn darüber tadelte, näher ins Auge und auch ihres hatte geweint. Sic wollte ihm anfangs den Gegenstand der verschwistcrtcn Rührung verhehlen; aber das fremde Nein war für ihn von jeher ein Hülfswort, ein Rückenwind, der ihn in den Hasen brachte. Liane wurde immer bewegter, endlich erzählte sie, daß Nabettens Berichte von Albano's Jugcndgeschichtc ihr die von der scinigcn abgefordcrt, und daß sic ihr die Sterbe-Nacht aus der Ncdoutc gemalt und sogar sein blutiges Kleid gewiesen habe. „Und da weinte sie „(sagte Liane) mit mir so herzlich, als wenn sic deine Schwerer wäre. — O cs ist ein liebes Herz!" Karl sah beide wie zwei Auen mit einander verbunden, nämlich durch den Regenbogen, der auf beiden mit Tropfen ansstcht; er zog sie 80 mit dankender Liebe an die Brust. „Bist du denn glücklich?" fragte Liane mit einem Ton, der etwas Trübes weissagt. Sie mußte ihr volles Herz anfschlicficn und ihm alles sagen-staunend höret er, daß ihr die ganze Tartarus- Nacht, worin die unbekannte Stimme Linda de Romciro seinem Freunde zugesprochen, bekannt geworden. Durch wen? — Sic schwieg unerbittlich; er beruhigte sich, weil es doch nur Angnsti sehn konnte, der allein es wußte. „Und nun glaubst „du, du Herz vom Himmel, (sagt' er) ich und mein Seclcn- „brnder könnten uns je raubend entzweien? O cs ist all' „anders, all' anders! — Er verflucht die Aster-Geister und „den Zweck der Acfferci — o er liebt mich; und mein Herz „wird am Tage glücklich sehn, wo es seines wird." Der vielfache rührende Sinn dieser letzten Worte löste ihn in eine heilige Wchmnth ans. Aber sic nahm sich mitten in der herzlichsten Ergießung wie ans Frömmigkeit der Geister an und sagte: „sprich nicht „so von Geister - Erscheinungen! Sic sind, das weiß ich. — „Nur nicht zu fürchten braucht man sic." — Sie hielt aber hier mit fester Hand den Schleier über ihren Erfahrungen fest; auch wußt' er längst, daß sie, ungeachtet ihres fast zuckcnd- wcichcn Gefühls, das sogar den Anblick der blauen Adern auf der Lilien-Hand wie eine-Wunde schcuctc, doch vor Todten und in den Geisterstunden der Phantasie unerwartet beherzt erschien. Hinter den Wellen so vcrschiedncr Art, die jetzt sein Herz aus- und abtricben, war Rabcttc verdunkelt. Er brannte nun blos nach der Stunde, wo er seinem Albano die sonderbare Vcrrätherci des Lektors sagen konnte. 81 01. Z Y k e l. Noch ehe der Hauptmann seinem Freunde Angusti's wahrscheinliche Verräthcrei entdeckte: war Albano fast ganz mit dem Lehrer-Paar in Zwist. In einem Kreise voll Jünglingshcrzcn, die für einander schlagen und noch lieber fechten, fassen immer zwei unzerrcißlich in einander und werden eins ans fremde Kosten. Albano schied sich keck von jedem, dem Karl mißfiel. Schoppe wurde ohnehin von wenigen lange geliebt, weil wenige einen ganz freien Menschen erdulden; die Blnmenkctten halten besser, denken sie, wenn Galecrenkctten durch sie laufen. Er litt es daher nicht, wenn einer „mit zu enger Liebe „sich so fest um ihn klammerte, daß er die Arme so wenig „frcibchicltc, als trag' er sie in Bandagen von 80 Köpfen." Die sarkastische Lebhaftigkeit seiner Pantomime erkältete durch den Schein einer strengem Beobachtung den Hauptmann mehr als das gelassene Gesicht des Lektors, der eben darum alles schärfer ins stille Auge faßte. Der gute Schoppe hatte einen Fehler, den kein Albano vergibt; nämlich seine Intoleranz gegen die „weiblichen Heiligenbilder von Hanscnblase," wie er sagte, gegen die sanften Irrungen des Herzens, gegen die heiligen Ncbertrcibnngcn, durch welche der Mensch ins kurze Leben eine noch kürzere Freude einwebt. Einst ging Karl wie auf einer Bühne mit nntergcstecktcn Armen und niedergescnktem Kopfe ans und ab nnd sagte zufällig, daß cs der Titular-Bibliothekar vernahm: „o ich wurde noch wenig von den Menschen verstanden in mci- „ner Jugend." Weiter sagt' er nichts; aber man schütte aus Scherz ein Mandel Hornisse, ein Schock Krebse, eine Kanne Jean Paul's auSgew. Werke. XI. 0 82 voll Waldameisen auf einmal über die bibliothekarische Haut, und beobachte flüchtig die Wirkungen des Stechens, Kncipcns, Bcißcns: so kann man sich doch einigermaßen verstellen, was in ihm zuckte, schwoll und auffuhr, sobald er die obige Phra- sis vernahm. „Herr Hauptmann (fing er tief-cinathmend an), „ich halte viel aus dieser rostigen Tölpel-Erde aus, Hungcrs- „noth Pestilenz — Hofe — den Stein — und die Narren „von Pol zu Pol — aber Ihre Phrasis übersteigt meine „Schultern. H. Hauptmann, Sie dürfen — ganz gewiß — „die Redensart mit Fug gebrauchen, weil Sie, wie Sie sagen, „nicht verstanden werden. Aber o Himmel, o Teufel! ich höre „ja 30000 Jünglinge und Mädchen von Leihbibliothek zu Leihbibliothek, alle mit aufgeblähter Brust, rings umher sagen „und klagen, cs fasse sic niemand, weder der Großvater noch „die Pathcn, noch der Konrektor, da doch das packpapicrne ,Alltags-Pack selber nicht fasset. Aber der Junge meint damit „blos ein Mädchen, und das Mädchen einen Jungen; diese „können einander fassen. Aus der Liebe will ich wie aus den „Kartoffeln 1ä verschiedene Gerichte zubcrciten; man schccr' „ihr, wie dem Bären in Güttingen, das thierische Haar ab, „kein Blnmenbach kennt sic mehr. „H. v. Froulay, ich habe diese verdammte Erhebung der „Seelen blos aus Niedrigkeit wol öfters mit den englischen „Pscrdcschwänzcn verglichen, die auch immer gen Himmel stehen, „blos weil man ihre Sehnen durchschnitten. Soll man nicht „toll werden, wenn man alle Tage höret und alle Tage liefet, „wie die gemeinsten Seelen, die Lcberrcimc und Trompetcr- „stückchen der Natur, sich durch die Liebe über alle Leute erhoben denken wie Katzen, die mit angcschnallten Schweins- Blasen fliegen; — wie sie sich ins Hasenlager und in die „Stapclstadt der Licbc, in die andere Welt, bestellen wie auf „einen Blocksberg, und wie sie aus diesem Fiukenhecrd, in die- „scr theatralischen Anzichstubc — die dann das Gcgenthcil „wird — ihr Wesen treiben, bis sic kopnlirt sind. Dann ist's „vorbei, Phantasien und Poesien, die ihnen jetzt erst recht dienlich wären, sind geholt! Sie laufen von ihnen weg wie Läuse „von Todten, ob diesen gleich die Haare dazu fortspricßen. „Vor der zweiten Welt grauset ihnen; und werden sic Witt- „wer und Wittwcn, so machen sie ihre Liebschaft recht gut ab „ohne Schweinsblascn und ohne das Fcdcrspiel und die spa- „nischc Wand der zweiten Welt. — So etwas, H. Haupt- „mann, bringt nun aus, und dann mnsi in der Hitze der „Gerechte mit dem Ungerechten leiden, wie Sie leider „hören."- Alban, der nie leichtsinnig vergab, sonderte sich schweigend von einem Herzen ab, das, wie er unrecht sagte, die Flammen der Licbc mit satirischer Galle auslöschte. In der Kette der Freundschaft mit Augusti brach vollends ein Ring nach dem andern entzwei. Der Graf fand im Lektor den Kleinigkcitsgeist, der ihm widriger war als jeder böse — die Eleganz des guten Hofmanns — sein Anstand, selber in der Einsamkeit — seine Neigung, die kleinsten Mysterien so gut zu verwahre» als die großen — seine Sucht, hinter jeder Handlung einen langen Plan auszutreiben — sein Wahrheitsdurst nach ächten historischen Quellen am Hofe und in der Stadt — und seine Kalte gegen die Philosophie trocknete das Bild, das sich Albano von ihm aufgespaunt, so ans, daß cs einrunzelte und rissig wurde. Solche Unähnlichkeiten schlagen unter gebildeten Menschen nie zu offnen Fehden ausp aber sie legen heimlich dem inncrn Menschen ein Waffcnstück 6 * nach dem andern an, bis er hartgcpanzert da steht und losschlägt. Nun war noch dazu der Lektor dem Hauptmann von Herzen gram, weil dieser der Ministerin viele bange Stunden und Lianen und sogar dem Grafen viel Geld kostete und weil er ihm den Jüngling zu verdrehen schien. Die sonst gerade ausstcigcndc Flamme Albano's wurde jetzt durch die Hindernisse der Liebe nach allen Seiten gebogen und glühte wie Löth- seucr schärfer; aber diese Schärfe schrieb Augnsti dem Freunde zu. Albano erschien denen, die er liebte, wärmer, denen, die er ertrug, kälter als er war, und sein Ernst wurde leicht mit Trotz und Stolz vermengt; aber der Lektor glaubte, ihm sei dessen Liebe gestohlen von Karl. Er versuchte mit gleichviel Feinheit und Frcimüthigkcit, dem Grafen eine gute Karte von den Flecken zuzuspielcn, die im Himmelskörper dieses Jupiter ansgesäct waren. Aber er zerriß jede Karte — Karls schmerzliche Bekenntnisse in jener Nacht löschten alle fremde Nachträge aus ^ und Albano's herrlicher Glaube, man müsse den Freund ganz decken und ihm ganz vertrauen, wehrte jeden Einfluß ab. O es ist eine heilige Zeit, worin der Mensch für den Altar der Freundschaft und Liebe noch Opfer und Priester ohne Fehl begehrt und — erblickt; und es ist eine zu harte, worin die so oft bclogne Brust sich an der fremden mitten im Liebestrnnk des Augenblicks die kalte Nachbarschaft der Gebrechen weissagt! — Da der Lektor überall sah, daß Alban über manche seiner Rügen an Karl, z. B. dessen Wildheit und Unordnung, darum kalt bleibe, weil er selber unter fremdem Tadel gemci- nct zu scyn glauben konnte, wie die Franzosen (nach Thickneß) das Lob eines Fremden an Einheimische richten: so griff er 85 statt der Ähnlichkeit cinc vollendete Unähnlichkeit dcS Hanpt- manns an, seinen Leichtsinn gegen das Geschlecht. — Aber damit verdarb er noch mehr. Denn in der Liebe war ihm Karl der höhere Feueranbeter und der Lektor nur der, den die Kohle dieses Feuers schwärzt. Angusti nährte über die Liebe ziemlich die Grundsätze der großen Welt, die er blos aus Ehre nie in Thatcn ausprägte, und gab nur den Erde-nahen Wol- kenhimmcl der Liebe zu; der Hanptmann aber sprach von einem dritten oder Frcudcnhimmcl derselben, worin nur Heilige die Seligen sind. Angusti sprach nach der Sitte der großen Welt viel freier, als er handelte, und zuweilen so offen, als speis' er in einem — Brnnnc.nsaal; Karl sprach mädchenhaft. Das jungfräuliche Ohr Albano's — das leicht in guten Visitcn- zimmcrn abfällt, und das in Studirstnbcn fest sitzt — vereinigt mit seinem Mangel an der Erfahrung — daß sich cinc zynische Zunge oft bei den enthaltsamsten Menschen, z. B. bei unfern possenrcißcndcn Vorfahren, nnd eine aszetische- in bescheidnen Libertins aufhalte — beides mußte den reinen Menschen in einen doppelten Jrrthum verwickeln. So jagte in ihm Angusti immer mehr Sturmvögel auf. Beide standen oft nahe an völliger Trennung und Aussonderung; denn der Lektor hatte zu viel Ehre, um sich vor irgend etwas zu fürchten, nnd wagte mit kaltem Blute so viel als andere mit heißem. Jetzt entdeckte Karl nun vollends seinem Freunde, obwol mit aller Zartheit der Freundschaft, Liancns Bekanntschaft mit jener Tartarus-Nacht. — Der sonst verschwiegene Lektor muß nähere Vortheilc durch sein Plaudern suchen, schloß Albano, nnd nun sog sich die Kröte der Eifersucht, die im lebendigen Baume lebt und wächst ohne sichtbaren Eingang nnd Ausgang, l in seinem warmen Herzen fest. Die unbeantwortete Liebe ist ohnehin die eifersüchtigste. Gott weiß, ob er nicht der Ma- schinendircktor der mit so vielen Rädern in einander gehenden Geistcrszencn ist. Alles das sind Albano's verhüllte Schlüsse; offne Anklagen waren seinem Ehrgefühl versagt. Aber sein warmes sich immer aussprcchcndes Herz forderte eine wärmere Nachbarschaft; und diese fand er, wenn er dem frommen Vater folgte und nach Lilar ins Donnerhäuschcn zog — mitten unter die Blumen und Gipfel, um, näher am Herzen der Natur gelagert, schöner zu träumen und zu genesen. Nur eine warme sonncn-hclle Stelle war für ihn in Karls historischem Gemälde: es war die Hoffnung nämlich, daß vielleicht blos die Jrrthümer über sein Vcrhältniß zur Gräfin, ans denen der Bruder Lianen geholfen, ihr das bisherige immer gleich-kalte Benehmen gegen ihn vorgezeichnct haben. Auf diese sonnige Stelle warf Rabctte ein Billet, worin sic ihm schrieb, sic reise Sonnabends zu ihren Eltern zurück, weil der Minister komme. Jene Hoffnung — diese Nachricht — die künftig ungünstigem Umgebungen — sein Ziehen nach Lilar, das alles entschied in ihm den Vorsatz, eine einsame Minute an sich zu reißen und darin vor Lianen den Schleier von seiner Seele zu werfen und von ihrer. 62 . Z y kc l. Sonderbar durchschnitten sich die Zufälle an dem Tage, wo Albano ins ministerialische Haus zum Abschicdnehmen von Nabettcn — und von Lianen, sagte in ihm eine zitternde Stimme — kam. Nabette winkt' ihn aus dem Fenster in ihr Zimmer. Sic hatte die Jkarusflügcl ihres Anzugs in die Kästen zusammcngelcgt. lieber ihr Inneres fuhr ein beugender Sturm hin und her; Karl hatte das Gleichgewicht ihres Herzens durch seine Wärme aufgehoben und cs durch kein Wort der Belohnung wieder hergcstcllt. Gleich den Tauben flattert sic um das hohe Schadenfeuer; o möge sic nicht wie jene mit verzehrtem Gefieder entweichen und wieder kommen und endlich darin zerfallen! — Sie sagte, sie sehne sich zu den Ihrigen, seit sic gestern eine Heerde Schafe durch die Stadt treiben sehen. Sic begleiten am Sonnabend Liane und die Mutter, um der Einweihung der Kirche und der Beisetzung des Fürstenpaares beizuwohnen. Er bat sic so schnell und hastig, ihm heute im Garten eine einsame Minute mit der Freundin zuzubcrciten, daß er ihre schöne Nachricht von Lianens Zurückbleiben und Aufenthalt bei ihr gar nicht hörte. Leider fand er bei der Ministerin den Vorzciger herrlicher Gemälde, der wie die Natur nicht nur den Anfang seines Lenzes, sondern auch das Ende seines Herbstes mit Gistblumen *) machte, H. v. Ilouverot. Dian hatt' ihm vier himmlische Kopien aus Rom gesandt; diese schlug er mit trockncm Kunstgaumen auf. — Liane empfing den Grafen wieder wie immer. War ctwan Raphaels Nnckonn-r «lslln 8ec1iu, in deren vom Himmel gcsunkncs Palladium sich ihre zarte Seele eingesenkt, die Sicgelbewahrcrin ihres heiligsten Geheimnisses? Der alles vergessende Künstler-Eifer ließ ihr so hold! Ihre Sehnerven waren durch ihr langes Malen gleichsam weiche Fühlsäden geworden, die sich eng um schöne Formen schlossen. Gewisse weibliche Bilder — wie dieses, regten ihre ganze Seele auf. Bekanntlich sind die Frühlingsblumen wegen der Nüsse und des Schattens meist verdächtige; wie die Herbstblumen. 88 Sie hatte nämlich in der Kindheit sich von den Heldinnen der Romane nnd überall von ungesehenen Weibern glänzende Sternbilder in ihren inncrn Himmel hingczcichnct, große Ideen von ihrem Muthc, ihrem himmlischen Wandel, ihrer Erhabenheit über alles, was sic je gesehen, nnd sie hatte gleichviel Schcn und Sehnsucht empfunden, einer zu begegnen. Daher ging sic aus diesem kolossalischcn Nymphäum ihrer Phantasie so leicht geblendet und mit solcher feurigen Herzens-Achtung reinen Freundinnen nnd der Gräfin Nomeiro entgegen. Gewisse Gemälde führten nun diese Mtarblättcr wie Kopien zurück. Die Gute dachte nicht daran, aber wohl ihr Freund, daß man dieser liebend nicdcrschcndcn Marie die Augen blos lebendig zu regen nnd diese Lippen blos mit Lauten zu erwärmen brauche — dann hatte man Liane. Der deutsche Herr fuhr fort und legte nun Raphaels Joseph, der den Brüdern einen Traum erzählt, und den altern Joseph, der dem König einen erklärt, neben einander und fing an, die drei Raphaele in Worte zu übersetzen, und das mit so vielem Glück nnd nicht nur mit so vieler Einsicht ins Mechanische nnd Genialische, sondern auch mit einer so bestimmten Hervorhebung jedes menschlichen und moralischen Zugs, daß — Alban ihn für einen Heuchler hielt nnd Liane für einen sehr guten Menschen. Sie ergriff jedes Wort mit einem weit offnen Herzen. Ms Bouvcrot den weissagenden Joseph malte, zugleich als kindlich, unbefangen, still nnd felsenfest und glühend nnd drohend: so stand das Urbild an ihrer Seite. Dem deutschen Herrn entfuhr weiter viel Gedachtes über da Vinci's Christus-Knaben im Tempel, über die herrlich vollführte Verbrüderung nnd Einkindschast des Knaben und Jüng- lings in Einem Gesicht.-- Liane hatte die Kopie auch kopirt, allein sie und die Mutter verschwiegen cs bescheiden.— Aber endlich störte Franziskus Albani mit seiner „Ruhe auf der Flucht" die bisherige Ruhe. Indem er den Traum- dcnter dieser malerischen Träume machte, und Rabctte scharf auf dem mit dem offnen Buche neben Marie sitzenden h. Joseph dieses Bildes haftete: sagte Liane unglücklicher Weise: ein schöner Albani! — „Ich dächte nicht (sagte Räbettc leise), „der Bruder ist viel schöner als dieser betende Joseph!" — Sic hatte Albani mit Albano vermengt, ihre ganze Bildcr- gallerie steckte in dem Gesangbuch, dessen Lieder sie mit gold- neu rothcn Heiligen auscinandcrsperrtc. Die andern verstanden nichts — sic kannten ihn nur als Grafen von Zcsara — aber Liane warf auf Rabctte süßerröthcnd einen zärtlich strafenden Blick und sah mit stummen Erdulden ein anderes Gemälde näher an. Nie hatte in Albano — in welchem sich die stärksten pnd die zärtesten Gefühle paarten, wie das Echo den Donner lauter und die Musik leiser macht — die bittersüße Mischung von Liebe und Mitlciden und Schamröthe wärmer gearbeitet, und er hätte vor dem Mädchen zugleich kniecn und doch schweigen mögen. Der deutsche Herr war fertig und sagte zu den Männern mit einer Miene voll Sieg, „er habe doch noch etwas in der „Tasche, was cs mit den Raphaels aufnchme; und er bitte „sic, ins Nebenzimmer zu folgen." Unterwegs merkt' er an, wenige Werke seien mit so herrlicher Frechheit und keckem Muth- willcn ausgcfüht. Im Zimmer packt' er einen erzenen kleinen Satyr aus, gegen den sich eine cingcholte Nymphe wehrt. „Göttlich (sagte Bouvcrot und hielt die Gruppe an einem „Faden, um den Rost nicht abzugreifen) göttlich! Ich setze „den Satyr an den Christus!" Wenige haben vom Erstaunen meines Helden nur einen mäßigen Begriff, als dieser auf einmal den Kritikus Tugend und Laster an einen runden Tisch ohne Rangstrcitigkcit setzen sah. Mit einem Fcncrblick der Verachtung wandt' er sich ab und wunderte sich, daß der Lektor blieb. Ihm scheint unbekannt zu scyn, daß die Malerei wie die Dichtkunst sich nur in ihrer Kindheit auf Götter und Gottesdienst bezogen, daß sie aber später, als sic höher hcranwuchscn, aus diesem engen Kirchhof herausschrcitcn mußten, wie eine Kapelle ursprünglich eine Kirche mit Kirchenmusik war, bis man beides wcglicß und die reine Musik behielt. Bouverot hatte die Achtung für reine Form in so hohem Grade, daß ihn nicht nur der schmutzigste, unsittlichste Stoff, sondern sogar auch der frömmste, andächtigste nicht den Genuß verunreinigte; gleich dem Schiefer bestand er die beiden Proben, zu glühen und zu gefrieren, ohne sich zu ändern. Albano hatte die Mädchen durch das Fcnstcn in der Allee gesehen und eilte zum Abschiede von der Schwester hinunter und zu etwas Wichtigerem. Er kam mit poltern Rosen auf den Wangen, als um ihn glühten, zu einer Grasbank, wo Liane neben der Schwester hinter dem rothen Sonnenschirm mit halbgescnktcn Augenlicdern und seitwärts geneigtem Haupte ruhte — sanft in die Ernte des Abends versunken — son- nenroth übcrgoffcn vom Schirme — im weißen Kleide — mit einem dünnen schwarzen Krcuzchen auf der zarten Brust — und mit einer vollen Rose; sie blickte unscrn Geliebten so unbefangen an, ihre Stimme war so schwesterlich und alles so reine sorglose Liebe! Sie sagte ihm, wie sic sich freue auf seinen Jugend-Ort und ans das Landleben, und wie Rabette sie überall hinführen werde — nnd besonders ans die Einwei- hungsrcde, die am Sonntage ihr Beicht-Vater Spcncr halte. Sic sprach sich ins Feuer durch das Gemälde, wie die große Brust des Greises der Klage- und der Sicgsgcsang über dem Aschen-Gehäuse des fürstlichen Freundes groß bewegen werde. Nabette hatte nichts im Sinne als die einsame Minute, die sic dem Bruder mit ihr geben wollte. Sie bat sie aufgeweckt, ihr noch einmal auf der Harmonika vorzuspielcn. Albano pflückte sich bei diesem Anträge einen mäßigen Strauß von — Baumlaub. Liane sah sic warnend an, gleichsam als wolle sie sagen: ich verderbe dir wieder deine Munterkeit. Aber sie blieb dabei. Albano überflog bei dem Eintritte ins Wasserhäuschen ein leichtes Erröthcn über die letzte Vergangenheit und nächste Zukunft. Liane machte eilig die Harmonika auf, aber das Wasser, das Kolofonium der Glocken, fehlte. Rabcttc wollte unten ein Glas am Springbrunnen füllen, um — beide allein zu lassen; aber der Graf kam ihr aus männlicher Unbchülflichkcit, in eine List schnell cinzugrcisen, höflich zuvor und holte cs selber. Kaum hatte endlich das liebliche gefällige Wesen seufzend die zarten Hände auf die braunen Glocken gelegt: als Nabette ihr sagte, sic wolle in die Alle hinunter, um zu hören, wie cs sich von Weitem anhörc. Gleichsam zum schmerzlichen Sonnenstich einer zu schnellen und großen Lust fuhr sein Herz aus, er hörte den Sicgcswagcn der Liebe von ferne rollen und er wollte in ihn springen und dahin rauschen ins Leben. Die gläubige Liane hielt das Entfernen für einen Schleier, den Nabette über das in den Tönen süß brechende Auge Wersen wolle, und zog sogleich die Hände von den Glok- kcn: aber llkabette küßte sic bittend, drückte ihr die Hände selber daraus und lies hinab. „Das treue Herz !" sagte Liane; aber das arglose Helle Vertrauen ans die Freundin rührte ihn, und er konnte nicht Ja sagen. Wenn in den Fluren Persiens ein Glücklicher, der auf der üppigen Aue tief unter Nelken und Lilien und Tulpen schlief, vor dem ersten Abendrufe der Nachtigall selig die Augen aufschlägt in die laue stille Welt und in die bunte Dämmerung, durch welche einige Goldfaden der Abendsonne glühend fliesten: so gleicht der Selige dem Jüngling Albano im magischen Zimmer — die Jalousiescnstcr strcnctcn gcbrochne Lichter, grüne zitternde Schatten aus, und cs dämmerte heilig wie in Hainen um Tempel — nur tonende Bienchen flogen ans der lauten fernen Welt durch die schweigende Klause wieder ins Getöse — einige scharfe Sonncnstrcifc, gleichsam Blitze vor Schlafenden, wurden romantisch neben der Rose hin und her geweht — und in dieser träumerischen Grotte mitten im rauschenden Walde der Welt wurde die Einsamkeit nicht einmal durch das Schattenwcscn eines Spiegels gestört. — In diesen Zauber ließ sie die Töne wie Nachtigallen aus ihren Händen fliegen — die Töne wurden Albano wie von einem Sturme bald Heller bald matter zugctriebcn — er stand vor ihr mit gefalteten Händen wie betend und ruhte mit tausend Blicken der Liebe auf der niedcrschaucnden Gestalt. — Einmal hob sie das heilige Auge voll Antheil langsam zu ihm aus, aber sie schlug es schnell vor dem Sonnenblick des scini- gcn nieder. Nun deckten die großen Augcnlicdcr unbeweglich die süßen Blicke zu und gaben ihr wie ein Schlaf den Schein der Abwesenheit — sie jchien eine weiße Maiblume auf winterlichem 93 Boden, dic das Blütenglöckchcn senkt — sie war eine sterbende Heilige in der Andacht der Harmonie, die sic mehr hörte als machte — nur die rothe Lippe nahm sie als einen feurigen Wiedcrschcin des Lebens, als eine letzte Rose mit, die den eilenden Engel schmückt — o könnt' er dieses Beten der Tonkunst stören mit seinem Wort? — Mit immer cngcrn Kreisen faßten ihn die magnetischen Wirbel der Töne und der Liebe an. — Und nun da das Ziehen der Harmonika wie das Wasscrzichcn der stechenden Sonne sein Herz anfleckte — und da die Blitze der Leidenschaft über sein ganzes Leben fuhren und das Gebirge der Zukunft und dic Höhlen der Vergangenheit beleuchteten, und da er sein ganzes Daseyn in einen Augenblick znsammcnsaßte: so sah cremige Tropfen aus Liancns gesenkten Angen quellen, und sie blickte heiter ans, um sie fallen zu lassen — da riß Albano die Hand ans den Tönen und rief mit dem herzzcrschneidendcn Ton seiner Sehnsucht: o Gott, Liane! — Sie zitterte, sic erröthctc, sic sah ihn an und wußte nicht, daß sie fortwcintc und ansah und nicht mehr fortspielte. — „Nein, Albano, nein!" sagte sie sanft und zog die Hand aus seiner und verhüllte sich — erschrak über den Stillstand der Töne — und ermannte sich und ließ sic wieder langsam strömen und sagte mit zitternder Stimme: „Sic sind ein edler „Mcnsch — Sie sind wie mein Karl, aber eben so heftig. — „Nur Eine Bitte! — Ich verlasse die Stadt eine Zeit- „lang". Sein Erschrecken darüber wurde Entzückung, als sie den Ort bestimmte, sein Blumcnbühl. Sic fuhr mühsam fort vordem Erfrcuetcn — ihre Hand lag oft lange aus der Dissonanz im Vergessen der Auflösung — ihre Augen schimmerten feuchter, 94 ob fic gleich nichts weiter sagte als das Folgende: „Sein „Sic meinem Bruder, der Sic unaussprechlich liebt wie noch „keinen, o sein Sic ihm alles. Meine Mutter erkennt Ihren „Einfluß — Ziehen Sie ihn — ich sag' cs heraus — besonders vom hohen Spiele ab." Er konnte kaum das Ja verwirrt beisteuern, als Rabctte mit der säst unschicklich akzcntuirtcn Botschaft hcrciltc, daß die Mutter komme. Wahrscheinlich hatte diese Nabcttens Allcin- scyn gesehen. Älbano trennte sich mit abgebrochnen Reise- Wünschen von dem Paare und vergaß im Sturm, Rabcttcns Bitte um Besuche zu bejahen. Die begegnende Mutter schrieb sein Feuer dem brüderlichen Scheiden zu. Indem er durch die Fülle der Jahrs-Zeit eilte, dacht' er an die reiche Zukunft, an Liancns Stammeln und Verhüllen: brauchen nicht schöne weibliche Seelen wie jene Engel vor dem Propheten nur zwei Flügel zum Erheben, aber vier zum Verhüllen? — Das Meer des Lebens ging in hohen Wellen, aber überall leuchtete es auf seiner weiten Fläche, und Funken tropften vom Ruder. § 63. Z y k e l. Ach am Morgen darauf wurde freilich aus dem Abcnd- rothc eines ganzen Himmels ein trübes Gcwölkc. Denn Liane ging dem Jüngling in so langen dichten Schleiern dahin. Irgend ein Geheimniß der Noth wirft kalte Klostermauern zwischen nahen Herzen auf — das ist offenbar. Bis hichcr bogen mancherlei Zufälle einige Blumen, die Liane verhüllend über das Herz gezogen, wie die Erdstockwcrke in Städten durch Blumen und Neben das Einsehen in die Fenster abwchrcn, 95 von der dunkelsten Ecke des Hintergrundes weg, in der ctwan die Rückseite eines Brustbildes hing, das umgcdrcht vielleicht dem Grafen glich. Aber noch hängt das Bild mit dem Gesichte gegen die Wand. — Jndcß gleicht ein weibliches Herz oft dem Marmor; der geschickte Steinmetz thut tausend Schlage^ ohne daß der pansche Block nur in die Linie eines Sprunges reiße; aber auf einmal bricht er auseinander eben in die Form, die der geschickte Steinmetz so lange hämmernd verfolgte. Am Sonnabend, wo die Ministerin und das Frcnndinncn- Paar nach Blumenbühl abrciscu wollten, um das Begraben und Einwcihen anznschcn, kam der Hauptmann nicht nur voll Freude — denn er hatte gern aus Liebe zu Rabcttcu für Lianen zwar nicht die Flügel, aber doch die Flügeldecken machen und aus dreifachem Interesse gegen den Freund am Flugwcrk spannen helfen—sondern auch voll Angst zum Grasen. . . . Aber ihr Musen! warum sind in der poetischen Welt alle die Begebnisse selten so vielfach motivirt als häufig in der wirklichen? .... Seine Angst war blos die, daß sein Vater früher an- fahrc als seine Mutter ab — denn er kannte den Minister. Letzterer wollte nach seinen Briefen Montags, Dienstags (spätestens am Sonnabend) anlangcn; allein dicß konnte — da Froulay gern die Scinigcu im breiten Spielraum des Erwartens schwimmen ließ — noch gewisser drohen, daß er — weil er wie die Basler Uhren immer eine Stunde zu früh blos in der Hoffnung ansschlug und kam, seine Leute über irgend etwas recht Häßlichem zu ertappen — in jeder Minute zum Hofthore herein jage. Kam er angcjagt, an diesem Vormittage oder in der Minute, wo der Bediente die Tochter in 96 den Wagen hob und die Mutter schon darin saß: so war so viel durch tausend Schlüsse aus der Observanz gewiß, daß beide wieder hinauf mußten in die Zimmer — daß er alle Kisten und Schachteln wieder abpacken hieß und daß er die Landschafts-Direktors Tochter nach ihren 10600 Bitten — wic- wol ihr schon die zweite aus der Lippe erfröre — freundlich mit ganz spaßhafter Gleichmut!) als einsame Konklavistin im zngcmachten Wagen nach Hause würde ziehen lassen. Gewisse Menschen — und er ist ihr Generalissimus — wissen sich kein süßeres Labsal, als den Ihrigen die Gartcnthürc irgend eines Arkadiens, wozu sic ihnen nicht die Reiseroute und die Landkarte aufgesetzt, vor der Nase ins Schloß zu werfen und solche gerichtlich zu versiegeln. Kurz vor einer Lustfahrt setzen ohnehin die meisten Eltern Galle ab; konnte Froulay vollends eine verriegeln, so war ihm das so viel, als komm' er von einer roth und munter nach Hause. — Nachmittags um 3 Uhr gingen unsere Freunde unter dem schönsten Himmel spazieren — alles war schon geordnet, Karl wollte morgen nachgchcn, Albano erst nach der allgemeinen Rückreise, am Montag (seine zarten Rücksichten und fremde harte entschieden) — und cs zog durch das ganze gewölbte Blau kein Nebel als Karls Bcsorgniß, die zweite Lokazion der Fürsten - Leiche ziehe seinen Vater noch heute her — — als er plötzlich hcrausfluchtc: dort fahr' er. Er kannt' ihn an dem Tiger-Postzug, und noch mehr an den lang vorgespannten Vordcrpfcrdcn. Eine Fcgfcner-Lebens-Minute! — Der Wagen fuhr rasch die Straße herab -— die Vordcrpferdc zogen noch länger ganz unförmlich voraus — man wunderte sich — endlich wurde die Zichwcitc einen Acker lang — das schien ganz unmöglich — als Albano's Adlerauge keine lederne Ver- 97 bindung zwischen dem Postzng und zuletzt gar entdeckte, daß blos ein fremder Kerl mit zwei Pferden zufällig vor dem Wagen hcrrcitc. Und in dieser Minute sahen sie den offnen Triumphwagen mit der weiblichen Dreieinigkeit langsam die Blnmcnbühlcr Höhe hinanfzieheu, und das vermengte Tulpcn- bect der drei Sonnenschirme schimmerte ihnen lange zurück. Vierzehnte Jobelperiode. Albano und Liane. 64. Z y k c l. ^Hn unserer innern Welt fliegen so viele zarte und heilige Empfindungen herum, die wie Engel nie den Leib einer äußern That annchmen können; so viele reiche gefüllte Blumen sichen darin, die keinen Samen tragen, daß cs ein Glück ist, daß man die Dichtkunst erfunden, die alle jene ungeborncn Geister und den Blumendust leicht in ihrem liiullus aufbcwahrct. Mit dieser fass' ich, lieber Albano, deinen herrlich verduftenden Sonntag auf und halte den unsichtbaren Weihrauch fest für die Schncidersche Haut der Welt! — Am Sonntage bezog er das Donncrhäuschcn in Lilar. Der Lektor hielt sich mit der Hoffnung aufrecht, der Graf werde das Blumcnparterre des neuen Genusses schon bald so Jean Paul's ausgetv. Werte. XI. ^ 98 platt und wclk znsammcntrctcn wie einen Kreuzweg. Es war ein schöner Morgen — Nom Thau ganz beregnet — ein frischer Wind wehte von Lilar über das blühende Korn — und die Sonne brannte allein in einem kühlen Himmel. Aus der Blu- mcnbühler Straße zog ein Menschen - Gewimmel hinan und niemand ging lange allein; ans der Morgcnhöhe sah er seinen Freund Karl mit dem gebognen Fcderbusch der Sonne ent- gegcnsprcngcn. Lilars Lüfte flogen Orangcnduft-ausathmcnd entgegen und wehten die Asche weg, die ans den glühenden Altarkohlcn jenes ersten herrlichen Sonntags stand. Er ging die Brücke hinab, und der früh geputzte Pollux trieb ihm einen aufge- blättertcn Truthahn entgegen. Eine 8oe„r 86rvnnte des alten Spcncrs kochte schon eine Stunde lang bei der Chariton, blos um ihn Vorbeigehen zu sehen. Diese lief scstlich-geschmückt ans dem Häuschen, das sich heiter mit allen Fenstern dem ganzen Himmel öffnete, ihm entgegen und brach in der Verlegenheit der Freude mit der Hauptsache zuerst heraus, cs sei nämlich droben im Häuschen alles schön und parat und ob er das Essen hinaushabcn wollte. Sie wollte mitten im Gespräch Polluxcn aus des Grasen — Fingern ziehen, aber er ließ ihn zum Kusse aufschweben und erntete damit jedes Herz, auch das alte hinter der Küchcnflamme. Indem er nach seinem Häuschen durch den westlichen Triumphbogen hinausging, fühlt' er unbeschreiblich stark und süß, daß die holde Jugendzeit unser Welsch- und Griechenland ist voll Götter, Tempel und Lust — ach und welches so oft Gothen mit Tatzen durchstreifen und auslceren. — Seine blühende Bahn lief endlich in die Tiefen- und Höhentreppe, die er mit Spencr bestiegen — einzelne Tages- 99 Streifen brannten sich dem nassen Boden ein nnd färbten zerstreuet«: Zweige feurig und golden. — An der mystischen Laube, wo vor ihm der tobte Fürst in der Scitcnhöhle geschritten war, fand er diese nicht, sondern nur eine leere Nische. Er trat oben heraus wie aus der Hüfte der Erde. Sein Hänschen lag ans dem hernmgebogncn Bergrücken. Drunten ruhten um ihn die Elephantcn der Erde, die Hügel, und das sich in Blüten herrlich blähende Lilar, und er schanete aus seinen Fenstern in das Lager der Riesen der Natur. Inzwischen könnt' er jetzt nicht auf dem Fensterstockc bleiben, oder neben der begeisternden Acolsharfc, oder im Augcn- Kerker, den Büchern; durch Ströme und Wälder und über Berge zu schweifen verlangte die frische Natur. Das that er. Es gibt zwischen den Alltags-Tagen des Lebens — wo der Regenbogen der Natur uns nur zerbrochen und als ein unförmlicher bunter Klumpe am Horizont erscheint — zuweilen einige Schöpfungstagc, wo sic sich in eine schöne Gestalt ründct und znsammcnzieht, ja wo sie lebendig wird nnd wie eine Seele uns anspricht. Heute hatte Albano diesen Tag zum erstenmal. Ach cs gehen Jahre dahin und sic bringen keinen. Indem er so auf dem Bergrücken auf beiden Seiten, dahin wandelte, flnthcte der Nord-Ost ihm immer voller entgegen — ohne Wind war ihm eine Landschaft eine steife festgenagelte Wandtapetc — und wühlte das feste Land znm flüssigen um. Die nahen Bäume schüttelten sich wie Tauben süß-schauernd in seinem Bade, aber in der Ferne standen die Wälder wie gerüstete Heere fest und ihre Gipfel wie Lau- zcn. — Majestätisch schwammen durch das Blau die silbernen Inseln, die Wolken, und ans der Erde schritten Schatten riesenhaft über Ströme und über Berge — im Thalc blitzte die 7 * Nosana und rollte in den Eichenhain. —> Er trat ins warme Thal hinab, die Weiden schäumten und ihr Same spielte in seiner Wolken-Flockc, eh' ihn die Erde befestigte — der Schwan dehnte wollüstig den langen Flügel, gepaarte Tauben ätzten sich vor Liebe, und überall lagen die Beete und Zweige voll heißer Mutterbrüstc und Eier. — Wie ein herrlicher blauer Blumenstrauß schillerte in hohen Gräsern der Hals des ruhenden Psaucs. — Er trat unter die Eichen, die mit knotigen Armen den Himmel anfaßten und mit knotigen Wurzeln die Erde. -— Die Nosana sprach allein mit dem brausenden Wald und fraß schäumend an Fclsenstückcn und am morschen Ufer. — Nacht und Abend und Tag verfolgten einander im mystischen Hain. — Er trat in den Fluß und ging mit ihm hinaus vor eine rege warme Ebene voll Dörfer, und aus ihnen klang der Sonntag und aus den Aehrenfeldcrn fuhren Lerchen und an den Bergen krochen Mcnschen-Stcige hinauf, die Baume regten sich als Lebendige und die fernen Menschen schienen festzuwurzeln und wurden nur Schößlinge an der tiefen Rinde des Ungeheuern Lcbcnsbaumcs.- Die Seele des Jünglings wurde in das heilige Feuer geworfen, wie Asbcstpapier zog er sie ansgclöscht und unbeschrieben heraus, ihm war, als wisst er nichts, als sei er Ein Gedanke, und hier trat ihn aus eine wunderbar neue Weise das Gefühl an, das ist die Welt, du bist auf der Welt — er war Ein Wesen mit ihr — alles war Ein Leben, Wolken und Menschen und Bäume. — Er fühlte sich von unzähligen Po- lypenarmcn ergriffen und zugleich mit ihnen verschlungen und doch sortrinncnd im unendlichen Herz. Trunken kam er vor seine Wohnung, von welcher sich ihm der kleine Pollux den Berg herab cntgcgcnrollte, um ihn zum 101 Essen zu rufen. Im Häuschen wurde das, was er meinte, ausgesprochen von der Acolsharse am offnen Fenster. Jndeß das Kind mit den Fäustchen auf dem Klaviere nachdonncrte und die Vögel aus den Bäumen freudig darein schrieen: so fuhr der Weltgeist durch die Aeols-Saiten jauchzend und seufzend, regellos und regelmäßig, spielend mit den Stürmen und sic mit ihm; und Albano hörte, wie die Ströme des Lebens laut rauschten zwischen den Ufern der Länder — und durch die Blumen und Eichcnadern — und durch die Herzen — um die Erde, Wolken tragend — und den Strom, der durch die Ewigkeit donnert, goß ein Gott ans unter dem Schleier-- Albano kam mit dem unschuldigen vortanzcnden Knaben zur fortlächelnden Mutter. Sogar hier zwischen den vier Wänden zogen ihn noch die Segel fort, die der große Morgen aufgebläht. Nichts fiel ihm ans, nichts schien ihm gemein, nichts fern, die Woge und der Tropfe im unendlichen Meere des Lebens verflossen nnthcilbar mit den Strömen und Strudeln, welche darin gingen. Vor Chariten stand er wie ein glänzender Gott, und sie hätte gern entweder ihn verschleiert oder sich. Nie war die Menschheit in reinere Formen, die kein Wulst irgend eines Geburtslandes verkrüppelte, gesondert als in diesem Frcudenkreise, worin die Kindheit, die Weiblichkeit und die Männlichkeit von Blumen durchwunden sich begegneten und sanft anfaßtcn. Chariton sprach immer von Liane nicht blos aus Liebe zur Fernen, sondern auch zum Nahen; denn ob sic gleich mit jenen offnen Augen schaute, die mehr still abzuspicgcln als anzublicken, mehr cinzulaffcn als cinznziehcn scheinen, so war sie doch wie Kinder, Jungfrauen, Laudlcnte und Wilde zugleich offenherzig-wahr und schlau. Sic hatte Albano's Liebe 102 leicht erlauscht, weil überall deu Weibern alles leichter zu verdecken ist, sogar der Haß, als sein Gegenthcil. Sic lobte Lianen unendlich, besonders die unvergleichliche Güte, und „ihr Herr habe gesagt, wenige Männer hätten so viel Herz „als sie, denn sie sei oft ohne alle Furcht Nachts mit ihr im „Tartarus gewesen." Allerdings war das auch dem Grafen nicht erklärlich. Das Wunderbare ist der Heiligenschein eines geliebten Hauptes; eine Sonne zum Menschenantlitz besänftigt ergreift weniger als ein geliebtes zum Sonnenbild verklärt. Sie immer heißer erfreuet durch seine Freude bot ihm an, ihn in Liancns Zimmer zu führen. Ein einfaches Zim- merchen — vom Weinlanbe grnndämmcrnd — einige Bücher von Fcnelon und Herder — alte Blumen noch in ihren Wassergläsern — kleine sincsische Tassen — Jnlicnncns Portrait nnd ein anderes von einer verstorbenen Jugendfreundin, welche Karoline hieß — ein unbeflecktes Schreibzeug mit englischem gepreßten Papier — — das fand er. Die heiligen Frühlings- stnndcn der Jungfrau zogen vor ihm wie sonniges Gewölke thaucnd vorüber. Zufällig berührte er ein Federmesser, als ihm Chariton Kiele zum Schneiden brachte, „weil man (sagte sie) so viel „Noth damit hätte, seit ihr Herr weg sei." Denn eine Frau kann leichter jede Feder führen — sogar die epische nnd kan- tischc — als eine schneiden; nnd hier muß wie in mehr Fällen das stärkere Geschlecht dem schwachen unter die Arme greifen. Albano wünschte noch das Arbeits-Zimmer seines Lehrers zu sehen; aber dieses schug sie— ob sic gleich durch ein stundenlanges Zusammenesscn nicht mnthigcr geworden — doch entschieden ab, weil cs ihr Herr verboten habe. Er bat noch 103 einmal; aber sie lächelte immer schmerzlicher und blieb bei dem freundlichen Nein. Er verträumte nun den Rausch des Morgens im magischen Garten, aus dessen Wasser und Steige der Mond- und Wicderschcin der Erinnerung spielte. Wie treten aus den 9 Millionen Quadratmcilcn der gemeinen Erde doch einige poetische Länder heraus durch ein poetisches Herz! Auf dem Berg mit dem Altäre, wo er sie unten einmal verschwinden sehen, wehte ihn, umflattert vom freiem Acther, das Nachmittagsgeläute von Blumcnbühl an; und sein Kindhcitslcbeu und die jetzigen Szenen dort und Liane gaben ihm ein weiches Herz, und er überschaucte mit dunklem Augen das verklärte Land. Abends kamen frohe Kirchgänger aus Blumcnbühl und priesen das Eiuwcihcn und Beisetzen gewaltig. Er sah noch den frommen Vater drüben auf dem Bergrücken stehen. Der Morgen, wo er einen ganzen Tag Lianen sehen und ihr vielleicht alles sagen konnte, überzog sein Leben mit einem ihn in prächtigen Ncgcnbogcnkreiscn umschimmcrnden Morgcnthau. Noch im Bette saug er vor Lust das Morgcnlied der Rudcrleute auf dem ImZo innAZigi-tz — Sternbilder über Blumenbühl glänzten in das offne Fenster seines Alpenhäuschens herüber an das zusinkcnde Auge. — Als ihn der Helle Mond und Flötcntöne aus dem Thal wieder weckten: glühte das stille Entzücken unter der Asche des Schlafes noch fort, und das größere drückte die Augen wieder zu. 104 65. Z y k e l. Unter einem frischen Morgcnblau ging er voll Hoffnungen, heute sein immer in weiße Nebel hinciulausendes Leben aufzuhcllcn, jenen alten Weg, den er einmal (im 23stcn Zy- kcl) Nachts herwärts gemacht, um auf dem Berge Elysium und Liane zu sehen. Der ganze blühende Steig war ihm eine römische Erde, woraus er schönbcmalte Vasen der Vergangenheit ausgrub; und je näher dem Dorfe, desto breiter wurden die geheiligten Plätze. Er wunderte sich, daß die Lämmer und Hirtenknaben nicht wie das Gras länger aufgeschossen während seiner Entfernung, die ihm durch den Wachsthum seines Herzens und den bunten Wechsel seiner Erfahrungen selber verlängert vorkam. Wie ein Morgcntrnnk von Hellem Mpcnwasser rann der alte Klang des Hirtenhorns in seine Brust; aber die enge Erlcnbahn, worin er das Reitpferd des Direktors vor dem Absattcln getummelt, und selber der Schloßhos, sogar die vier Wände und das Deckengemälde des häuslichen Glücks kremptcn seiner treibenden Seele, die in die Erde und in den Himmel hincinwachscn wollte, Wurzel und Gipfel ein; er war noch in den Jahren, wo man vom Klavichord des Lebens mit einem Fußtritt den Deckel hoch lüstet, damit das harmonische Brausen überall vorwallc. Wie verschwenderisch wurde im Schlosse sein Herz mit Herzen bedeckt und die jüngste Liebe durch alte übcrtäubt, von der leicht weinenden Mutter Albine an bis zu den händc- gcbeudcn alten Bedienten, die seinetwegen die versteinerten Glieder behender bewegten! — Er fand alle seine Lieben — Liane ausgenommen — in Wchrfritzcns Museum, weil dieser „junges-Volk" und Diskurse lieb hatte und allzeit darauf 105 bestand, daß man das Frühstück ans seinem Aktentisch aufsetzte, der, wie er sagte, so gut sei als ein Frühstück-Tisch mit lackirten Fratzen, die niemand ansche. Albano plagte sich mit der Furcht, die Ministerin sei die Kirchcnräuberin einer Göttin selber geworden und habe gestern Liane znrückgeführt — bis der Hauptmann die Unsichtbarkeit eilig erklärte. Die gute Seele hatte gestern die Bewegungen ihres thcilnchmcndcn Herzens mit Migraine büßen müssen. Ihr geliebter Lehrer Spcncr mit seiner erhabenen Seclcn-Stillc — die Angen, die nicht mehr über die Erde weinten, auf das befreundete Fürstenpaar gesenkt — mit dem Haupte unter dem kalten Polarstern der Ewigkeit stehend, das wie der Pol keine Sterne mehr auf- und untergehcn sah — ruhig und mit apostolisch ineinander gelegten Händen allmächtig redend über den Schmerz und das Ziel des bleichen Lebens, begeistert die Herzen nahe an die weinende Rührung drängend, und doch sie mit erhabener Besänftigung zurückziehcnd vom höchsten Schmerz, damit nur das Herz weine ohne das Auge — und nun die Einsegnung der gepaarten Särge und der Kirche — o in der weichen Liane mußten diese Rührungen ja zu Leiden arten, und alles was ihr Lehrer verschwieg, wurde in ihr ausgesprochen. Noch dazu hatte sie nicht die gewöhnliche Kur, sich still zu halten, gebraucht, sondern alle Stiche hinter thätige Freude versteckt, um der fortreisenden Mutter keine Schmerzen zu geben, obwol sich viel zu große. In diese Erzählung trat sie selber freundlich herein im weißen Morgenklcid mit einem Strauß von sincsischen Röschen — ein wenig blaß und müde — träumerisch-weich aufblickcnd >— die Stimme leiser — die Wangenrosen zu Knospen geschlossen — und wie ein Kind jedes Herz anlächclnd-- du Engel des Himmels, wer darf dich lieben und belohnen? Sic erblickte den hohen Jüngling — — alle Lilien ihres stillen Angesichts wurden wider ihre Gewohnheit in ein himmlisches Morgenrot!) der Freude getaucht, und ein zarter Purpur blieb an ihnen. Sic fragte ihn offen, warum er gestern nicht zur Festlichkeit gekommen, und entdeckte angelegentlich, daß sie alle heute den frommen Vater, für welchen ihre Zwerg-Noscn gebunden waren, besuchen würden. Er nahm gern die vierte Stimme im Konzert der Lustfahrt. Welcher herrliche hängende Garten mit seinen liebsten Blumen nud Aussichten ist in die Abendstunden hincingcbauct! Wie viel Glückliche bedeckt ein einziges Dach! Die redliche Rabette, vor stillem Freuen flinker und geschäftiger, war unverdrossen Liancns Kranken- und Noquairols Löwcn-Wärtcrin und die innllrense lls plnisir, welche jeden mütterlichen Grundriß einer Lust noch um die Hälfte breiter machte, und das ganze Wesen war so glücklich! Ach ihr armes reines Herz wurde ja noch von keinem geliebt, und darum glüht cs mit den frischen Kräften der ersten Liebe so hell und treu vor einem mächtigen, das zu ihm segnend wie ein liebender Gott niedcrzukommcn scheint und einen ganzen Himmel nachzicht! — Roquairol sah, wie reizend die arbeitsame Beweglichkeit im Spielraum ihres Eigcnthums und ihrer Geschäfte das schwer nicderhängcnde Laub verschiebe, das im Visiteuzimmcr sich finster über ihren Werth Herzog; sic wurde sogar schöner durch das dunklere nette Hauskleid, nachdem er durch Predigten jede weiße Draperie ihrer brünetten Gestalt in den Klciderschrank zurückgcschickt. Sie gehorchte der Mutter hierin nicht eher, als bis er es verlangt hatte. Ja er 107 hatte sie gestern dahin gebracht, die Uhr, womit die stolze Ministerin sie beschenkt, wirklich an sich hcrumzutragen mit heißem Erröthcn über den ungewohnten Schmuck. Jndcß wollt' er mit ihr gleichsam einen recht geschlängelten Blnmcn- weg zum Altäre seines lauten Ja's der Liebe nehmen — das stumme sagt'er hinlänglich—; er wußte, sie sitze sogleich ein, sobald er mit dem Mnschclwagen der Venus Vorfahre, wovor er eine Taube und einen Habicht vorgchangt. Wie herrlich flog der Vormittag dahin auf goldncn Flügeldecken und auf durchsichtigen Flügeln! Der geliebte Albano wurde in alle Veränderungen des Hauses cingcführt; die schönste war in seiner Stndirstnbe, welche Rabette in ihre Putz-, Näh- und Stndirstnbe umgcklcidet hatte, die seit gestern wieder zum Gast- und Lescstübchen Liancns geworden. Wie gern trat er ans Fenster nach Abend, wo er so oft im Krystall- spicgel seiner Phantasie seinen unsichtbaren Vater und die Geliebte überirdisch erscheinen lasten! In die Scheiben waren von seiner Knabenhand viele U. und U. gezogen. Liane fragte, was die U. bedeuteten; — „Roquairol" sagte er, denn sie fragte nicht nach dem I,. Unendlich süß floß die Betrachtung um sein Herz, daß doch seine Geliebte in der träumerischen Klause seines ersten grünen Lebens einige blühende Tage verlebe. Liane zeigte ihm mit kindlicher Freude, wie sie alles, nämlich das Zimmer, redlich mit Rabetten thcile in ihrer Doppelwirthschast und Stuben-Kameradschaft, und wie sie ihre Wirthin selber zu ihrem Gaste gemacht. Ich habe oft das schöne leichte Nomaden-Leben der Mädchen in ihren arkadischen Lebens-Abschnitten bewundert mit Neid; leicht flattern diese Flu glauben in eine fremde Familie und nähen und lachen und besuchen da mit der Tochter X 108 des Hauses ein oder zwei Monate lang, und man hält das Kopnlirrcis für einen Familienzweig; — hingegen wir Stn- bcntanbcn werden schwer versetzt und einheimisch und reiten meistens nach einigen Tagen wieder zurück. Da wir als sprödere Materie schwerer mit dem Familicn-Guß verschmelzen; da wir unsere Arbeiten nicht so leicht — weil uns Wagen voll Arbcitsgcräthc nachfahrcn müssen — wie Mädchen ihre einwcbcn in fremde, und da wir viel brauchen und — an- stistcn: so ist daraus unser Lanfzcttcl sehr gut abgeleitet ohne unfern geringsten Nachtheil. Nach einer halben Ewigkeit der Anklcidnng — da in der Nähe der Geliebten eine Stunde der Abwesenheit länger dauert als ein Monat in ihrer Ferne — traten die reisefertigen Mädchen im schwarzen Schmucke der Bräute herein. Wie reizend stehen Nabcttcn die Rosen im dunkeln Haar und der dunkle Spitzcn-Saum aus dem weißen Hals und die furchtsamen Flammen ihres reinen Auges und die anfliegcndcn Erröthungen! — Und Liane — ich rede nicht von dieser Heiligen. Sogar der gute alte Direktor mußte, als ihn das fromme Angesicht unter dem blos einfach und nonncnhast hcr- nbcrgelegten weißen Kopfschlcier von indischer mit Goldlahn besprengter Monsseline kindlich anblicktc, seinem Wohlgefallen die Worte geben: wie eine Nonne, wie ein Engel! — Sie antwortete: „ich wollte auch einmal eine werden mit einer „Freundin; aber nun nchm' ich den Schleier später als sic," setzte sic mit wunderbarem Ton dazu. Sic hing heute mit zärtlicher Schwärmerei an Rabcttc, vielleicht aus siecher Weichheit, vielleicht aus Liebe zu Albano und zu den Eltern und vielleicht, weil Rabcttc durch die Liebe so gut und schön war und weil sie selber nichts war als 109 Herz. Sic hatte den heiligen Fehler zu schwärmerischer Vorstellungen von ihren Freundinnen --in welchen die cdlcrn Mädchen leicht fallen und womit blos Ehefrauen wenig behaftet sind — sonst noch höher getrieben: so konnte sie z. B. ihre Freundin Karoliuc, die ihr wie eine Nomancnhcldin nur im romantischen Spielraum der Freundschaft und der schönen Natur begegnet war, sich anfangs gar nicht ohne Abbruch des poetischen Heiligenscheins mit Händen denken, welche die Nähnadel und Plätte und anderes Gcräthc des weiblichen Ackers führten. Wer die zarteste Mitsrcude fühlen will, der sehe nicht frohe Kinder an, sondern die Eltern, die sich über frohe erfreuen. Niemals blickte die blau- und rnndäugigc Albine —> in deren Gesicht die Zeit manche Lcbcnstöne dreimal gestrichen hatte, worunter aber kein stief- und schwiegcrmütterlichcr Mißton vorkam >— öfter hin und her und segnender als unter diesen — Paaren; denn das wurden sie nach der mütterlichen Stcrndcutcrci der Abcrrazionen und Pcrturbazionen dieser Doppelstcrne. — Der Vater, der die „Kopf- und Ohren- hangerci des fetzigen jungen Volks" gegen die Ehrensprünge seiner Kameraden hielt, wurde an den Hauptmann gekettet, der sich als Regisseur seines inncrn Theaters heute die Nolle eines frohen Jünglings zngethcilt hatte. Er gefiel ihm sogar durch die derben Redeblumen, die das verborgne Wehen von ihm losblättcrte; denn da jedes Genie sein Grobians-Idiotikon, seine Knittelverse haben muß: so hatt' er — andere haben den Teufel, den Henker — den genialischen Handwcrks- gruß: Lump, sammt den Derivativis Lumperei u. s. w. Aber wie noch hinreißender nahm Albano alle weibliche Herzen durch die Stille weg, womit er wie ein ruhiger Nachsommer seine Früchte fallen ließ. Die Eltern schrieben diese weiche Haltung dem Stadtlcbcu zu, als wäre nicht Karl länger in diese Ma- lerschulc gegangen. Nein, die Liebe ist die italiänischc Schule des Mannes; und der kräftigere und höhere ist eben der Höhen: Zartheit fähig, wie ans hohen Bäumen sich das Obst milder und süßer ründet als aus niedrigen. Nicht an unmännlichen Charaktcrn entzückt die Milde, sondern an männlichen; wie nicht an unwciblichen die Kraft, sondern an weiblichen. Der gute Jüngling! — So unschuldig lodert dir — indes; Karl cs allzeit leider deutlich wußte, wenn sein Blick brannte und blitzte — ans den Augen ein glühendes Herz, das cs nicht weiß! Möge dein Abend das Samenkorn einer blütenvollcn Jugend werden! Der Wagen rollet vor, dir ungewiß, ob er ein Elias- oder Phaetons Wagen wird, ob du durch ihn den Himmel erfliegst oder aus ihm fällst! 66. Z y k e l. Der Wagen flog durchs Dorf mit den vier jungen Menschen — wie thut unscrm Jüngling die Weite des Himmels und der Erde wohl! Das Portal des Lebens, die Jugend, war mit Blumen und Lichtern behängen. Sic rollten unten am Berge vor der Vogclstange vorbei, der Zeigerstange eines Knaben-Arkadicns, vor der Wiege, wo er kindlich-schlaftrunken nach dem hohen Himmel langte mit dem Knaben-Arm — und durch das ihm jetzt nur zu Gebüsch gcsunknc Birkcnwäldchcn, das er an jenem goldncn Morgen so breit und lang gefunden -— und vorbei vor den östlichen offnen Triumphbogen, hinter denen das Meer des vielgestaltigen Lilars seine Reize wogen 111 ließ — und hinter der Bcrgmaucr des Flötcnthals schickten sie den Wagen zurück. Sic gingen auf einer herrlichen Erde unter einem herrlichen Himmel. Rein und weiß schwamm die Sonne wie ein Schwan durch die blaue Fluth — Fluren und Dörfer drängten sich dichter an die fernen niedrigen Gebirge -— ein sanfter Wind trieb die grünen Achren-Wogen auf der Ebene umher —- an den Hügeln ruhten Schatten unter den Schwingen weißer Wölkchen fest — und hinter den Gipfeln der Anhöhe zogen die Mastbäume der Nhcinschiffc majestätisch weg. Wie Albano so nahe neben der Geliebten ging, fiel das unter seinem Eden brennende Fegfcuer immer tiefer in den Erdkern zurück; voll Unruhe und Hoffnung warf er das feurige Auge bald auf den Sommer, bald auf den milden Hes- perus-Stern, der so nahe an ihm aus dem Frühlingsäthcr schimmerte. Die Gute schien heute stiller, ernster und unruhiger als sonst. Als sic durch ein überall offnes Laubwäldchcn am Hügelrückcn, der das Flötcnthal umzog, hiugiugcn: sagte Liane plötzlich zum Grafen, sic höre Flöten. Kaum könnt' er sagen, er höre nur ferne Turteltauben: als sie auf einmal sich wie zu etwas Wunderbarem sammlete — ihr Auge in den Himmel heftete — lächelte — und plötzlich sich nach Albano umsah und roth wurde. Sie redete ihn an: „ich will aufrichtig seyn, ich höre jetzt in mir Musik — *) sehen Sic mir ') Dieses Selbst-Ertönen — wie die Ricscnharfe bei verändertem Wetter unberührt anklingt — ist in Migraine und andern Krankheiten der Schwäche häufig; daher im Sterben; z. B. in Jakob Böhme schlug das Leben wie eine Konzertuhr seine Stunde von Harmonien umrungcn aus. „heute meine Schwäche und Weichheit nach; cs kommt von „gestern." — „Ich — Ihnen?" sagt' er heftig; denn er, um welchen in Krankheiten nur brennende Bilder stürmten, wurde zur Verehrung eines Wesens begeistert, zu welchem gleichsam aus einer höhcrn Welt in seinen Schmerzen wie goldnc Son- ncnstralcn leise Töne reichen, die verhüllt durch die rauhe Tiefe gehen. Aber Liane, wie um sein Feuer abznwcnden, kam ans ihre Freundin Karoline und sagte: wie sie ihr an solchen Tagen und zumal aus diesem Spaziergänge immer vorschwcbc. „Anfangs sucht' ich sic aus (sagte Liane), weil sic meiner Linda „glich. Sie war meine Lehrerin, ob sic gleich nur einige „Wochen älter war als ich. Ihr frommer, strenger, uncr- „schrockncr Charakter und ihre Willigkeit, sich freudig und stumm „aufzuopsern, machte sie sogar, wenn ich es so sagen darf, in „den Augen ihrer Mutter verchrungswürdig. Man sah sie „niemals weinen, so weich sie auch war, blos um ihre Mutter „immer heiter zu machen. Wir wollten miteinander den Schleier „nehmen, um beisammen zu bleiben; ich wurde nicht alt wer- „den, sagte sie, und ich müßte mein kurzes Leben froh und „ohne Sorgen, aber auch in Zubereitung auf das andere verbringen. Ach sic ging selber voran! Die Nachtwachen am „Krankenbette ihrer Mutter und der Schmerz über den Tod „nahmen sie dahin. Sic empfing das heilige Nachtmahl, auf „das wir uns miteinander znbcrcitctcn, im Sterben allein.— „Da gab mir der Engel diesen Schleier, worin ich ihr einst „folgen soll. — O, gute, gute Karoline!" — Sie weinte unverhohlen und drückte bewegt Albano's Hand. „O ich hätte „nicht davon ansangcn sollen! — Dort kommt schon unser „Freund; wir wollen recht heiter seyn." — Sie waren jetzt dnreb ein hohes Gebüsche, das neckend die nmherschwcifcnden Landschaften ans- und zndeckte, nahe an die über das Flötcnthal hcrcinschaucnde Thurmspitzc gelangt, neben welcher eine einsame Kirche und Spcncrs Wohnung lag und unten in der Ebene das offne Dorf. Spcncr ging seiner Schülerin — nach Greisen-Sitte um andere unbekümmert —- entgegen, und ein junges Nch lies ihm nach. Eine schöne Stelle! Kleine weiße Pfauen — freie Turteltauben — eine Bicncnstadt mitten in ihrer Bicncnflora — alles sagte den ruhigen Alten an, dem nun die ehrende Erde dient, und der, gleichgültig gegen sic, nur in Gott lebt. Er kam gegen die Erwartung eines kirchlichen Ernstes mit einem leichten Scherz über die bunte Reihe an und legte die segnenden Finger auf Lianens Stirn, die seine Enkelin zu seyn schien, gleichsam eine zweite Baum-Blüte im Spätherbst des Lebens. Sic steckte ihm töchterlich den Strauß der Zwerg-Röschen an die Brust und gab sehr Acht, ob es ihn besonders freue. Sie lächelte ganz heiter und alle ihre Thräncn schienen verweht; aber sie glich dem bcregnetcn Baum unter der wicdcrlachcndcn Sonne, die kleinste Erschütterung wirft den alten Stegen vom stillen Laub. Der alte Mann crfrcnete sich über die Thcilnahme der jungen Leute und blieb mit ihnen ans der blühenden und lärmenden Anhöhe, welche zwischen einer weiten Landschaft und zwischen den reichbcladcn ins Elysium hineinlanfenden Bergrücken thronte. Sie ließen ihn, da zu ihm, wie zu einem der im Luftschiff anfstcigt, die Töne der Erde nicht so weit nach- rcichtcn als die Gestalten, mehr reden als hören, wie man Alte schonet. Er sprach bald von dem, worin sein Herz athmete und Jean Paul's auögetv. Werke. XI. H 114 lebte; aber in einer sonderbaren halb theologischen, halb französischen, Wolfianischen nnd poetischen Sprache. Man sollte von manches Schwärmers Poesie Md Philosophie statt der Verbal- Ncalübersetzungcn geben, damit man sähe, wie die gold- reine Wahrheit nnter allen Hüllen glühe. Spener sagte in meiner Ucbersetznng: „er habe sich sonst, eh' er das Rechte gefunden, in jeder menschlichen Freundschaft nnd Liebe gemartert. „Er habe, wenn er inbrünstig geliebt wurde, zu sich gesagt, „daß er sich selber ja nie so anschen oder lieben könne; nnd „eben so könne ja das geliebte Wesen nicht so von sich denken „wie das liebende, und wär' es noch so vollkommen oder so „eigcnlicbig. Sähe jeder den andern an wie er sich: so gab' „cs keine feurige Liebe. Aber jede fordere einen unendlichen „Werth nnd sterbe an jedem unauflöslichen deutlich erkannten »Fehl; ste hebe ihren Gegenstand ans allen heraus und über „alle, nnd verlange eine Gegenliebe ohne Gränze, ohne allen „Eigennutz, ohne Theilung, ohne Stillstand, ohn' Ende. Das „sei ja das göttliche Wesen, aber nicht der flüchtige, sündige, „wechselnde Mensch. Daher müsse sich das licbckranke Herz „in den Geber dieser nnd jeder Liebe selber, in die Fülle alles „Guten und Schönen, in die uneigennützige, nnbcgränzte All- „Licbe senken und darin zergehen nnd aufleben, selig im Wech- „scl des Zusammcnziehcns nnd Ausdehnens. Dann sicht es „zurück auf die Welt und findet überall Gott und seinen Wie- „dcrschein — die Welten sind seine Thaten — jeder fromme „Mensch ist ein Wort, ein Blick des All-Liebenden; denn die „Liebe zu Gott ist das Göttliche und ihn meint das Herz in „jedem Herz."- „Aber — (sagte Albano, dessen frisches energisches Leben „aller mystischen Vernichtung widcrsträubte —) wie liebt uns 115 „denn Gott?" — „Wie ein Vater sein Kind, nicht weil cs „das beste ist, sondern weil cs ihn braucht."*) „Und woher „(fragt' er weiter) kommt denn das Böse im Menschen nnd „der Schmerz?" — „Vom Teufel" sagte der Greis und malte ununterbrochen mit verklärter Freude den Himmel seines Herzens aus, wie cs immer umgeben sei vom all-geliebten All- Licbendcn, wie cs gar kein Gluck nnd keine Gaben von ihm begehre (die man nicht einmal in der irdischen Liebe wünsche), sondern nur immer höhere Liebe gegen ihn selber, nnd wie es, indem der Abendncbcl des Alters immer dichter um seine Sinne ziehe, sich im Lebens-Dunkel immer fester von den unsichtbaren Armen umschlungen fühle. „Ich bin bald bei Gott!" sagt' er mit einem Glanze der Liebe auf dem vom Leben erkalteten nnd unter den Jahren cinbrechcndcn Gesicht. Man hätt' cs ausgchaltcn, ihn sterben zu sehen. So steht der Montblanc vor dem ausgehenden Mond; die Nacht verhüllt seinen Fuß und seine Brust, aber der lichte Gipfel hängt hoch im dunkeln Himmel, als ein Stern unter den Sternen. Liane hatte wie eine Tochter das Auge nnd die Hand nicht von ihm gelassen nnd jeden Laut schmachtend cingesogen; ihr Bruder hatt' ihn mit mehr Freude als Alban gehört, aber blos um den mystischen Heros ganz in den mimischen Berg Athos seiner Nachbildung reiner abzuformen, und Rabette halt' ihn wie in einer Kirche unter gläubigen — Nebengedanken angcschauct. Er entfernte sich jetzt ohne Umstände, um für seine Thicrc- ') Irgend eine uneigennützige Liebe muß ewig gewesen seyn- Wie es ewige Wahrheiten gibt, so muß cs auch eine ewige Liebe geben. 8 * 116 zu sorgen, die er wie alles Unwillkürliche, z. B. die Kinder, wie aus der ersten Hand Gottes kommend liebte; alles sei göttlich, sagt' er, und nichts irdisch als das Unmoralische. Er konnte keine Bienen schwefeln, keine Blumen im Scherben- Käfig verdursten lassen, kein abgetriebnes, wundes Pferd ertragen und ging vor einer Fleischbank nur mit schaudernden Gliedern vorüber. „Wollen wir (sagte der Freund Karl) den herrlichen Abend „auf der prächtigen Bergstraße cinnehmcn und dein Donner- „häuschcn besehen und jeden Leidens-Kelch heruntcrwerfeu in „die Thäler hinein?" — Welche magische Nachbarschaft durchzogen sie nun auf dem gebognen Gebirge zum Donnerhäuschen! Zur Rechten gleichsam den Okzident der Natur, zur Linken ihren Orient — vor ihnen das prangende Lilar in der Abcndfecrci — der glänzenden Rosana in den Armen liegend — Achrengold hinter Pappclsilber — und darüber den Himmel, gefüllt mit lebcnstrunkncn lärmenden Wesen — und der Sonnengott schreitet über seinen Abend weg und bückt sich ein wenig unter der Mitternacht, um in Osten das goldne Haupt zu erheben. Albano ging an Lianens heiliger Hand voraus. „O wie ist alles so schön! (sagt' er). Wie rauschet die auf- „geblättcrtc Weltkarte mit langen Flüssen und Wäldern — wie „sonnen sich die Morgeubcrge in fester Ruhe — wie steigen „die Haine mit glühenden Stämmen die Hügel hinauf — man „möchte sich in die rauchenden Thäler stürzen und in die kal- „ten glänzenden Wellen — ach Liane, wie ist alles so schön!" „Und Gott ist auf der Welt!" sagte sie — „und in dir!" sagte er und dachte an das Wort des Greisen, daß die Liebe Gott meine und er im Herzen wohne, das wir ehren. Jetzt rollten ihm schon die großen Wogen entgegen, welche 117 die Acolsharfe im Donncrhäuschcn schlug; und sein Genius flog vor ihm vorbei mit den Worten: sag' ihr darin dein ganzes Herz. Vor der kleinen Hütte der gestrigen Träume ging sein stürmendes Herz auseinander; und die Sonne und die Erde schwankten vor den wilden Thräncn. Da er hineintrat mit ihr in den stillenden Noscnglanz der Abendsonne und in das Geistergetümmel der einsam miteinander redenden Töne: so faßte er Liancns Hände und drückte sie wild an seine Brust und sank vor ihr ohne Laut und geblendet nieder -— Flammen und Thränen flogen über Augen und Wangen — der Wirbelwind der Töne wehte in seine lodernde Seele — der milde Engel der Unschuld bückte sich weinend und bebend gegen den brennenden Sonnengott — und cs schlängelte sich ein Schmerz wie eine bleiche Schlange durch die Rosen des milden Angesichts — und Albano stammelte: Liane, ich liebe dich —.... Da kehrte die Schlange um und faßte und bedeckte die süße Rosen - Gestalt. „O guter Mensch, du bist unglücklich, „aber ich bin unschuldig." Sic trat erhaben zurück und zog schnell den weißen Schleier über ihr Gesicht herab und sagte außer sich: „liebst du die Todtcn? Das ist mein Leichenschleier; „im künftigen Jahre liegt er aus diesem Gesicht." —„Das ist „nicht wahr" sagte Albano. „Karoline, antworte ihm!" sagte sic und sah starr in die brennende Sonne wie nach einer hö- hern Erscheinung. Fürchterliche Minute! wie bei dem Erdbeben das Meer wogt und die Luft fürchterlich still ruht, so war seine Lippe neben der Verschleierten stumm und das ganze Herz ein Sturm —> auf den Saiten wandelte eine seufzende Geistcrwclt vorüber und der letzte endigte mit einem scharfen Schrei — die Schönheit der Erde verzerrte sich vor ihm und 118 in das Abcndgcwölk waren breite Fcncrfahnen gepflanzt nnd das Sonnenaugc schloß sich blutend zu. — — Auf einmal faltete Liane wie betend die Hände und lächelte nnd erröthcte; da hob sic den Schleier von den göttlichen Augen, und die Verklärte, vom Roscn-Wiederschein angestralt, sah ihn zärtlich an — und schlug das Auge nieder — und hob cs wieder auf—und senkt' cs nieder — und der Schleier fiel wieder vor und sie sagte leise: „ich will dich lieben, guter „Albano, wenn ich dich nicht elend mache." — „Ich sterbe „mit dir, sagt' er, was ist's?"-Und nun verhülle die heilige Wolke den Sonnengott, der flammend durch seine Sterne zieht!- Seine Einsamkeit und Liancns Auflösung so vieler Wunder wurden durch den Eintritt Nabcttens und Karls verschoben, welche beide mehr gerührt als beglückt schienen, sic durch die tröstende Nähe des Geliebten, er durch die sonderbare Lage und durch den zwingenden Abend; denn gewissen Menschen geht ein Sturm nach und sic müssen die Schritte, die sie thun, wider Willen schneller machen. Als Albano wieder mit dem Fricdcnscngcl seines Lebens, mit der Geliebten, die mitten im Rauschen der Gefühle doch die Stimme ihrer Freundin hörte, allein vorausging auf den Felsen-Damm zwischen duftenden Tcmpethälcrn in der dämmernden Welt: so war ihm, als habe sich sein Leben wie ein Adler durch eine Sturmwolkc durchgcarbcitct und der schwarze Sturm laufe unter seinen Flügeln weiter und der ganze Sternenhimmel brenne hell über seinem Haupt. Liane, jungfräulich-edel und fest, gab ihm, eh' er eine Frage gcthan, die Antwort: „Ihnen muß ich nun ein Gchcimniß sagen, was ich „jedem und sogar meiner Mutter verbarg, weil es sie bcun- 119 „ruhigt hätte. Ich erzählte vorhin von meiner unvergeßlichen „Karoline. Am Tage meines Abendmahls, das ich mit ihr „empfangen wollen, ging ich Nachts von meinem Lehrer zur „Mutter zurück, und zwar durch die sonderbare lange Höhle, „worin man nicderzustcigen glaubt, wenn man aufwärts steigt. „Mein Mädchen ging mit der Laterne voraus. In der romantischen Laube, wo ein Hohlspiegel steht, kehr' ich mich gegen „den hcrcinströmendcn Vollmond, aus Furcht vor dem wilden „Spiegel, der den Menschen zu grausam verzieht. Plötzlich „hör' ich ein himmlisches Konzert wie nachher öfters wieder „in Krankheiten — ich denke an meine selige Freundin — und „schaue voll Sehnsucht in den Mond. — — Da sah' ich sie „mir gegenüber, mit unzähligen Stralcn — in ihren schönen „Augen war ein zärtlicher Blick, aber doch etwas Auflöscndes; „der zarte, fast allein lebendige Mund glich einer rothen, aber „durchsichtigen Frucht, und alle ihre Farben schienen nur Licht „zu seyn. Doch nur im blauen Auge und rothen Munde schien „der Engel Karolinen ähnlich. Ich könnt' ihn zeichnen, wenn „man mit Licht malen könnte. Ich wurde gefährlich krank; „da erschien sic mir öfter und erquickte mich mit unsäglich- „süßen Lauten — es waren keine rechte Worte — woraus ich „immer in einen sanften Schlaf wie in einen süßen Tod vcr- „sank. Einmal fragt' ich sie — mehr mit innern Worten — „ob ich denn bald zu ihr ziehe ins Reich des Lichts. Sie „antwortete, ich stürbe jetzt nicht, sondern etwas später, und „sie nannte recht deutlich das künftige Jahr und sogar den „Tag, den ich aber vergessen. . . . O lieber Albano! vergeben „Sic mir nur einige Worte! Ich genas bald und trauerte „über die lange schleppende Zeit. ....." „Nein — (unterbrach Albano sic, dessen Gefühle wie 120 „Schwerter gegen einander schlugen —) ich ehre, aber hasse „Ihr gefährliches Schrcckbild. Phantasie und Krankheit sind „die Eltern des luftigen Würgengels, der wie ein taubes „Wetterleuchten sengend über alle Blüten der Jugend fliegt." Sie antwortete gerührt: „o du guter, frommer Geist! „du hast mich nie betrübt, du hast mich stets getröstet, geleitet, „froh und fromm gemacht. — Ein Schrcckbild ist er, Albano? „— Eben gegen alle Schrcckbildcr, gegen alle Gcistcrfurcht „bewahrt er mich, weil er immer um mich ist. Warum, wenn „er nur ein Traumbild ist, erscheint er mir nie in meinen „Träumen?*) Warum kommt er nicht, wenn ich will? Sondern blos in wichtigen Fällen; dann frag' ich ihn und gehorche sehr gern. Er ist mir heute, Albano, (setzte sic leiser „und blöder hinzu) schon zweimal erschienen, unterwegs als „ich die innere Musik hörte, und vorhin im Donncrhänschcn, „als die Sonne nntcrging, und hat mir liebreich geantwortet." „Und was sagt' er, Himmlische?" fragte Albano unschuldig- — „Ich sah ihn unterwegs nur an und fragte nichts" verletzte die Kindliche erröthcnd; und hier stand ans einmal ihre heilige Seele unwissend ohne Flor vor ihm; denn sic hatte im Donncrhänschen von der unsichtbaren Karolinc das Ja zu ihrer Liebe empfangen, weil jene ihr Geschöpf war und dieses ihre — Eingebung. Ja wol Himmlische! du stehst vor dem Spiegel mit dem jungfräulichen Schleier über deiner Gestalt, und wenn dein Bild seinen leise hebt, glaubst du dich noch verhüllt! — *) Darum vielleicht, warum der Dichter seine so bestimmt und oft angeschauctcn Geschöpfe nicht in seinen Träumen unter den Bildern des Tages gehen sieht. 121 Kein Wort spricht Albano's Verehrung eines so geheiligten Herzens aus, das verklärte Wesen so Helle träumte — dessen goldne Blumen aus dem Gedanken des Todes, wie irdische ans Gottesäckern, nur höher wuchsen — das zugleich mit ihm unsichtbare Hände in zwei ähnliche Träume*) gezogen — dem man sich schämte gemeine Wahrheiten zu geben für seine heiligen Jrrthümcr. — -— „Du bist vom Himmel (sagt' er begeistert, und seine Freude wurde die im Auge „zerschmolzene Perle, die den Durst des Mcnschenherzcns „löscht —) darum willst du wieder dahin!" — „O Ich weihe „dir, mein Freund, (sagte sie lächclnd-weinend und drückte „seine Hand an ihr frommes Herz) das ganze kleine Leben, „das ich habe, jede Stunde bis zur letzten, und vorher will „ich dich ans alles zubcreiten, was Gott schickt." Eh sie in des frommen Vaters Hütte traten: griff Albano nach des Freundes Hand, und die Schwestern vereinigten sich. Die Freunde gingen eine Zeitlang stumm voraus; Karl blickte Albano an und fand den Frieden der Seligkeit auf seinem Angesicht. Als dieser sah, wie Liane das überfüllte Herz an das schwesterliche drückte: so wurde die Aufrichtigkeit und Freude in ihm zu stark, und er fiel ohn' ein Wort dem lieben Bruder der ewigen Braut ans Herz und ließ ihn stumm alles crrathcn aus den Thränen der Seligkeit. O er hätt' es doch errathen aus dem bräutlichen Blick der Liebe, den seine Schwester von seinem Freunde seltener wcgzog, und aus der Innigkeit, womit sie Rabctten — gleichsam als würden beide bald einander verwandt, als würde selber der Bru- ) Denn an seinem und ihrem Abendmahlstagc hatt' er an ihren Tod durch das Gewitter geglaubt. der bald schöner sprechen, da er sie lange nicht mehr die kleine Linda hieß — an ihrem Herzen einwcihte für das brüderliche. Bei dem frommen Vater versteckte sich der entzückte Blick wenig, den Albano gleichsam nnter dem Thorc der Ewigkeit stehend in die Himmel warf, die wie Welten hintereinander schimmerten; er war still, sanft, nnd in seinem Herzen wohnten alle Herzen. O liebe Eines rein und warm, so liebst du alle nach, nnd das Herz in seinem Himmel sieht wie die wandelnde Sonne vom Thau bis zum Meere nichts als Spiegel, die cs wärmt und füllt. Aber in Roquairol fuhr sogleich, als er das himmlische Glück so nahe sah, der aufrührerische Geist seiner Vergangenheit und schlug epileptisch die Glieder des innern Menschen blutig — die unsterblichen Seufzer nach dem ewig fliehenden Frieden quälten ihn wieder, seine Fehltritte nnd Jrrthümer und sogar die Stunden, wo er unschuldig litt, wurden ihm schmerzlich vorgcrcchnct — und da sprach er (nnd rührte jedes Herz, am meisten aber das der armen Rabctte, das er, sich zu erwärmen, an sich preßte, wie nach der Sage der Adler die Taube, der dann sie nicht zerreißet) da sprach er edel von der Wüstenei des Lebens und vom Schicksal, das den Menschen wie den Vesuv zum Krater ansbrcnne und dann wieder kühle, Auen darein säe und ihn wieder mit Feuer fülle — und vom einzigen Glück des hohlen Lebens, von der Liebe, und von der Verletzung, wenn das Geschick mit seinen Winden eine Blume*) reibend hin und her bewege und dadurch die grüne Rinde an der Erde durchschncidc.- Aber indem er so sprach, sah er die glühende Rabctte fl z. V. die Wiiitcrlevkvjc. 123 an und wollte durch diese Erwärmungen gleichsam die feste Blnmen-Knospc seiner Liebe gewaltsam sprengen und die Blatter unter die Sonne breiten — o ganz glücklich war doch der Verworrene und Sehnsüchtige auch heute nicht und er wollte weniger andere rühren als sich. Wie selig-ahnend traten sie wieder heraus vor die Sphinx der Nacht, welche lächelnd mit sausten Sternenblickcn vor ihnen lag. Gingen sie nicht durch eine stille, dämmernde Unterwelt, leicht und frei ohne die schwere, klebende Erde an den Fristen, und im weiten Elysium flattert nur der warme Acther, weil ihn unsichtbare Psychen mit ihren Flügeln schlagen? Und aus dem Flötcnthale sendet ihnen der Greis seine Töne als süste Liebespfeile nach, damit das schwellende Herz an ihren Wunden selig blute. — Albano und Liane kamen vor eine Aussicht, wo die weite Morgcnlandschaft mit den Lichtstreifcn von blühenden Mohnseldern und mit dunkeln Dörfern an die sanften Gebirge hinansticg, wo der Mond auswachte und der Glanz seines Gewandes schon wie der eines Geistes durch den Himmel streifte — hier blieben sie aus die Luna wartend stehen. Albano hielt ihre Hand. Alle Gebirge seines Lebens standen im glühenden Morgenrots). „Liane, (sagt' er) so unzählige Frühlingc sind jetzt droben auf den Welten, die herunter hängen; aber dieser ist der schönste." — „Ach das „Leben ist lieblich und heute wird cs mir zu lieb. — Albano, „(setzte sie leise dazu, und ihr ganzes Angesicht wurde eine „erhabne thränenlosc Liebe, und die Sterne webten und stickten ihr Brautkleid) wenn mich Gott fordert, so lass' er mich „dir immer erscheinen wie mir Karoline; o wenn ich dich nur „so durch dein ganzes liebes Leben begleiten und trösten und „warnen könnte, ich wünschte gern keinen andern Himmel." Aber als er die Fülle seiner Liebe und den zürnenden Schmerz über den Todeswahn anssprcchcn wollte, so kam sein wilder Freund, der wie ein Vesuv Lava- und Regcnströme zugleich über die gläubige Rabctte ausgicßcnd ihr und sich das Herz nur voller, uicht leichter gemacht; da sah Karl die verherrlichten Menschen an und den blauen Horizont, wo schon der Mond seinen Schimmer zwischen den festen Mast- spitzen und Gipfeln vorauswars, und blickte wieder in den Glanz der heiligen Liebe.-Da könnt' er sich nicht länger halten, sein qualvolles Herz stieg wie zu Gott auf zu einem ewigen Entschluß, und er umfaßte Albano und Rabctte und sagte: Geliebter! — Geliebte! — behaltet mein unglückliches Herz! — Rabctte umklammerte ihn mitleidig wie eine Mutter das Kind und gab ihm heißwcincnd ihre ganze Seele hin. — Albano umschloß staunend den Licbesbund. — Liane wurde vom Strudel der Wonne an die geliebten Herzen gezogen. -— Ungestört riefen die Flöten fort, ungesehen wehten die weißen Fahnen der Sterne darüber. — Karl sprach wahnsinnige Worte der Liebe und wilde Wünsche des Freudcn- Todcs. — Albano berührte bebend Siemens Blumenlippe, wie Johannes Christum küßte, und die schwere Milchstraße bog sich wie eine Wünschclrnthc hernieder zu seinem goldnen Glück. — Liane seufzctc: o Mutter, wie sind deine Kinder glücklich. — Der Mond war schon wie ein weißer Engel des Friedens in das Blau geflogen und verklärte die große Umarmung; aber die Seligen merkten cs nicht. Wie ein Wasserfall überdeckte sie brausend das reiche Leben, und sie wußten cs nicht, daß die Flöten schwiegen und alle Hügel glänzten. Ende des zweiten Bandes. Titan von Jean Paul. Dritter Band. Fünfzehnte Jobelperiode. Der Mann und das Wclb. 67. Z y k e l. Aor der Bühne Hab' ich die frohe Erfahrung gemacht, daß ich an den Schmerzen, die darauf sofort nach dem Aufzuge des Vorhanges erschienen, nur geringen Antheil, hingegen an Freuden, die sogleich hinter der Musik auftraten mit ihrer eignen, den größten nahm; der Mensch will mehr, daß die Klage, als daß die Entzückung sich motivirc und entschuldige. Ohne Bedenken fang' ich daher einen dritten Band mit Seligkeiten an, die ohnehin das vorhergehende Paar überflüssig vorbereitete. Jetzt in dieser Minute muß unter allen Adamsenkeln, welche ein freudiges Gesicht zum Himmel anfhobcn und ihm einen noch schöncrn darauf nachspiegelten, irgend einer gewesen sehn, der den größten hatte, ein Allcrseligster. — Ach freilich muß auch unter allen tragenden Wesen auf dieser Kugel, die unser kurzer Lauf zur Ebene macht, eines das unglücklichste gewesen sehn, und möge der Arme schon im Schlafe liegen 128 unter, nicht ans seinem steinigen Wege. — Ob ich's gleich E wünschte, daß Mbnno nicht jener Allcrglücklichstc gewesen wäre — damit cs noch einen höheren Himmel über seinem gäbe — so ist doch wahrscheinlich, daß er am Morgen nach der heiligsten Nacht, im jetzigen Traume vom reichsten Traume, tief in den dreifachen Blüten der Jugend, der Natur und der Zukunft stehend, den weitesten Himmel in sich trug, den die enge Mcnschenbrust umspannen kann. Er sah aus seinem Donncrhänschcn, diesem kleinen Tempel, an dessen Wänden noch der Schimmer der Göttin stand, die ihm darin sichtbar geworden, auf die ncngestaltetcn Berge und Gärten Lilars hinaus und es war ihm, als säh' er hinein in seine weiß und roth blühende, mit Berg- und Frucht- gipseln anfgeschmückte Zukunft, ein volles Paradies in die nackte Erde gebauct. Er sah sich in seiner Zukunft nach Freu- den-Näubcrn um, die seinen Triumphwagen anfallcn könnten: — er fand sie Alle sichtbar zu schwach gegen seine Arme und Waffen. Er stellte Liancns Eltern und seinen eignen Vater und das bisherige in der Luft arbeitende Gcister-Hcer mitten ans seinen Weg zur Geliebten hin: — in seinen Muskeln glühte überflüssige Kraft, sich leicht zu ihr durchzuschlageu und sie in sein Leben mitzunchmcn durch Arbeit und Gewalt. „Ja, (sagt' er) ich bin ganz glücklich nnd brauche nichts mehr, kein Schicksal, nur mein und ihr Herz!" Albauo, möge dein böser Genius diesen gefährlichen Gedanken nicht gehöret haben, damit er ihn nicht zur Nemesis trage! O in diesem wildvcrwachsencn Leben ist kein Schritt, sogar in den blühenden Lustgängcn, ganz sicher, und mitten in der Fülle dieses Kunstgartens erwartet dich ein fremder finsterer Gistbaum und hauchet kalte Gifte in das Leben! — Daher war es sonst 1129 besser, da die Menschen noch dcinüthig waren und zu Gott beteten in der großen Entzückung; denn neben dein Unendlichen senkt sich das scnrige Auge und weinet, aber nur ans Dankbarkeit. Kein kleinliches Kalcndcrmaß werde an die schöne Ewigkeit gelegt, die er nun lebte, da er die Geliebte jeden Abend, jeden Morgen in ihrem Dörfchen sah/ Als Abendstcrn ging sie vor seinen Träumen, als 'Morgenstern vor seinem Tage her. Den Zwischenraum füllten beide mit Briefen ans, die sie einander selber brachten. Wenn sic Abends schieden, nicht weit vom Wiedersehen, und dann in Norden unten am Himmel schon die Nosenknospcn-Zweige hinliefen, die unter dem Menschcnschlafe schnell nach Osten hinwnchsen, um mit tausend anfgeblühtcn Rosen vom Himmel herabznhängcn, eh' die Sonne wieder kam und die Liebe — und wenn sein Freund Karl Nachts bei ihm blieb und er nach einer Stunde fragte, woher das Licht komme, ob vom Morgen oder vom Mond — und wenn er anfbrach, da noch Mond und Morgen in den thaucn- den Lnstwäldcrn znsammcnschicncn, und wenn ihm der Weg, vor einigen Stunden zurnckgclegt, ganz neu vorkam und die Abwesenheit zu lange (weil Amors Pfeil halb ein Sekundenzeiger ist, der den Monatstag, und halb ein Monatszciger, der die Sekunde weiset, und weil in der Nähe der Geliebten die kleinste Abwesenheit länger dauert als in ihrer Ferne die grosse) — und wenn er sic wieder fand: so war die Erde ein Sonucnkörpcr, aus welchem Stralcn fuhren, sein Herz stand in lauter Licht, und wie ein Mensch, der an einem Frühlings- morgcn von dem Frnhlingsmorgcn träumt, ihn noch Heller um sich findet, wenn er erwacht, so schlug er nach dem seli- Zcan Paul's ausgew. Werke. XI. 0 gen Jngcndtraum von der Geliebten die Augen auf vor ihr und verlangte den schönsten Traum nicht mehr. Zuweilen sahen sie sich, wenn der lange Sommertag zu lang wurde, aus entfernten Bergen, wo sie der Abrede gemäß der Ernte zusahcn; zuweilen kam Rabette allein nach Lilar zum Bruder, damit er einiges von Lianen hörte. Wenn Liane ein Buch gelesen, las er's nach; oft las er's zuerst und sic zuletzt. Was die schönsten, unschuldigsten Seelen einander Göttliches zeigen könne», wenn sic sich austhnn, ein heiliges Herz, das noch heiliger, ein glühendes, das noch glühender macht: das zeigten sie sich. Albano wurde gegen alle Wesen mild, und der Glanz einer höhern Schönheit und Jugend füllte sein Angesicht. Die schönen Gebiete der Natur oder seiner Kindheit wurden durch die Liebe geschmückt, nicht diese durch jene; er war von dem blassen, leisen Mondwagcn der Hoffnung auf den rauschenden, glänzenden Sonncnwagcn der lebendigen Entzückung gestiegen. Sogar aus den Rudcrschiffen hölzerner Wissenschaften schlugen jetzt, wie von Bacchus Wnndcrhand belebt, Maste und Taue zu Wcinstöckcn und Trauben aus. >— Ging er ins Froulaysche Haus: so kam er, weil er voll Toleranz hineinging, ohne Kosten derselben daraus zurück; der Minister, der, mit einem Flore von heitern, blühenden Ideen ans dem Gesichte, von Haarhaar zurückgekchrt, gab ihm reizende Aussichten aus den Jubel mit, womit Stadt und Land das nahe Vermählungsfest des Fürsten und den Gewinn der schönsten Braut begehen werde. Und hatt' er nicht zu Allem noch seinen Freund dazu? Wenn man so nahe vor der Flamme der Freude steht, so flieht man zwar Menschen — weil sie leicht zwischen uns und die schöne Wärme treten — aber man sucht sie auch; ein herzlicher Freund ist unser Wunsch und Glück, welcher den frohen Traum, worin wir schlafen und sprechen, leise weiter leitet, ohne ihn fortzujagen. Karl spielte sanft in des Freundes Traum; er hätt' cs aber auch schon auS inniger Liebe gegen die Schwester gethan. In der That mit so viel Jugend — Sommerwcttcr — Unschuld — Freiheit —> schöner Gegend — und hoher Liebe und Freundschaft lasset sich wol schon unten ans der Erde etwas dem Achnliches znsammcnsetzen, was man oben im Himmel einen Himmel nennt; und eine Himmelskarte, ein Ely- sinms-Atlas, den man davon mappirte, würde wol nicht anders anssehcn als so: vorne ein langes Hirtenland mit zer- streuetcn Lustschlössern und Sommerhäusern — ein Philan- thropistcnwäldchcn in der Mitte — die Thaborsbcrgc oben mit Sennen — lange Kampancrthäler — darauf der weite Archipelagns mit Peters-Inseln — drüben die Ufer eines neuen festen Hirtcnlandcs ganz bedeckt mit Daphnischen Hainen und Alcinous-Gärten >— dahinter wieder das weit hincin- lanscndc Arkadien u. s. w. Alles was nun Albano von Philosophie und Stoizismus in sich hatte — denn er hielt das, was ihm der Arm ans den Wolken gab, für Ausbeute des eignen — wandte er an, um durch sie seiner Entzückung das Maß, das sie geben, zu nehmen. Mäßigen, sagt' er, sei nur für Pazicntcn und Zwerge; und alle jene bekümmerten, glcichschwcbendcn Tcmpcraturisten und Taktmesser hätten, cs sei in der Ausbildung einer Freude oder eines Talents, mehr sich als der Welt genützt, hingegen ihre Antipoden mehr der Welt als sich *). *) Jede parziale Ausbildung wirkt freilich für das Ganze gut, 9 * Er brachte sich sehr gute Grundsätze vor das Auge; der Mensch, sagt' er, ist srci und ohne Gränze nicht in dem, was er machen oder genießen, sondern in dem, was er entbehren will; alles kann er, wenn er will, entbehren wollen. Uebcrhanpt, suhr er fort, hat man blos die Wahl, entweder immer oder nie zu fürchten; denn dein Lebenszeit steht ans einer geladenen Mine und rings umher halten die Stunden offne Geschosse ans dich. — Nur das tausendste*) aber nur darum, weil dessen entgegengesetzte parziale sie in einer höheren Gleichung nnd Summe anfhcbt, so daß aus allen einzelnen Menschen nur die Glieder eines einzigen Niesen werden, wie der Schwcdenborgische ist. Aber insofern in dem einen Individuum ein Mangel entsteht, der einem entgegengesetzten in dem andern abhilst — so daß der Weg der Menschheit gleich sehr plagt nnd stoßet durch Vertiefung und durch Erhöhung — so sieht man, daß jede einseitige Fülle nur K»r der Zeit ist, nicht Gesundheit derselbe»; und daß das höhere Gesetz zwar langsamere individuelle, aber harmonische Ausbildung bleibt; zwar kleinere, aber abseitige und dadurch in der spätern Zeit sogar schnellere. Wir vergessen immer, daß — wie in der Mechanik sich Kraft nnd Zeit gegenseitig ergänzen — die Ewigkeit die »»endliche Kraft sei. Nach dem Ingenieur Borrcur trifft wörtlich nur der lOOOte Schnß des kleinen Gewehrs. — So ist'S überall; fürchte den Tod, so sichen fallende Blumentöpfe der Fenster, Blitze aus blauem Himmel, loSgehcnde Windbüchsenschüsse, Herzpolypcn, wüthige Hunde, Räuber, jede Fingerwunde, ngiia tokkrrnn, Schwamm-Leckerei re. kurz die ganze Natur — diese immer fortgchcndc zerquetschende Kochcnille-Mühle — steht mit unzähligen geöffneten Parzenschccrcn rings um dich, und du hast keinen Trost, als daß — demungcachtet die Leute achtzig Jahre 133 trifft; und in jedem Fall fall' ich doch lieber stehend als feig gebückt. Allein — beschloß er, um sogar sich darüber zn entschuldigen — ist denn die Standhaftigkeit zn nichts Bcsserm gemacht als zu einer Wnndärztin und Magd, und nicht vielmehr zu unserer Muse und Göttin? denn sie ist ja nicht ein Gut, weil sie ein verlornes entbehren Hilst, sondern sic ist selber eines, und ein größeres als das ersetzte; auch der Seligste muß sic erwerben, sogar ohne Gelegenheit und Gabe von außen; ja cs ist desto bester, wenn sie früher besessen wird als angewandt. Zum Thcil waren diese Täuschungen oder Rechtfertigungen Noth- und Schutzwehr gegen den tragischen Roquairol, der jede Freude uud auch die seines Freundes mit düstern Kontrasten heben wollte; zum Thcil muß auf jene ein edler Mann, der bisher sich in den Schmerz warf, ohne dessen Tiefe zn messen, und der immer seine Kraft, durch das Leben zn schwimmen, fühlen wollte, nothwcndig gcrathen, wenn er innen wird, daß sich der Schwerpunkt seiner Seligkeit und seiner Hölle verrückt, und aus seinem Ich in ein fremdes begeben habe. alt werde». — Fürchte die Berarmung: so fassen dich Feuers-, Wasser-, Theurungs- und Kriegsnvthcn, eine Dicbs-Vcndee, Ncvolnzioncii mit gierigen Krallen und Fängen ein, und doch, du Reicher, wird der Arme — unter denselben Stoßvogclii hinkricchend — am Ende so reich wie du. Gels also kühn durch die schlummernde Löwcnhccrde rechts und links liegender Gefahren zum Brunnen hindurch, nur wecke sic nicht mnth- willig auf. — Freilich zieht Einzelne ein Höllcngott hinab, die nichts fürchteten; aber auch Einzelne ein oberer Gott hinauf, die nichts erwartete»; und Furcht und Hoffnung gehen hier unter in einer gemeinschaftlichen Nacht. 134 „O wenn sic stürbe?" fragt' er sich. Er hatt' es nicht gewohnt, vor irgend einem Tode so zn erschrecken wie vor diesem. Daher faßte er diese Disteln der Phantasie recht scharf in die Hand, nm sic zu zerdrücken. Am Ende, da die reine Landluft der Liebe und der Schäfertanz in diesem Arkadien immer mehr Rosen ans Liancns Wangen brachten, so hörten seine Disteln zn wachsen ans. Allen übrigen Ottern des Lebens — sobald sie nur keinen Durchgang durch Liancns Herz sich machen konnten — war er unzugänglich. Nm jeden Preis — und sollte er Alles verlassen, entbehren, erzürnen, unternehmen — wollt' er Lianen erkaufen. Die Schreckgespenster, die ihm aus zwei Häusern, Fronlay's und Gaspards, drohend entgegen liefen, ließ er heran und löscte sie aus: sicht der Feind einmal da, dacht' er, so bin ich seiner auch. Oft stand er im Tartarus und fand in diesem Stillleben des Todes von erhabner Arbeit Scelcnstille. Die Gegenwart nimmt schneller unfern Wicderschein als wir ihren an; auch hier gewann er sanfte, weite, das Leben lichtende Hoffnungen und süße Thräncn, die ihm über Liancns Sterbe-Glauben entflossen, nicht weil er die Wahrscheinlichkeit, sondern weil er die Unwahrschcinlichkeit desselben sich dachte, die durch Liebe und Freude und Genesung täglich größer wurde. Nur Ein Unglück gab's für ihn, woran jede Waffe zersprang, dessen Möglichkeit er aber für einen sündigen Gedanken hielt, daß nämlich er und Liane durch Schuld, Zeit oder Mcnjchen anshörcn könnten/einander zn lieben; hier, auf zwei Herzen vertrauend, trotzt' er kühn der Zukunft! — O, wer sagte nicht, wenn er im Vertrauen auf eine warme Ewigkeit seine Entzückung ausdrückte: die Parze kann unser Leben zcr- 135 schneiden, aber sie komme und öffne die Schcere gegen das Band unserer Liebe? den Tag darauf stand die Parze vor ihm und drückte die Schecrc zu. t>8. Z y k e l. Einst kam Noquairol ganz spat, um Albano mitzunchmcn zur „Abendstcrn-Partie" aus der Scnncnhüttc, die jener mit Rabettcn verabredet hatte. Der Hanptmann führte um die warmen Quellen seiner Liebe und Freude gern die Brunncnfasiung ganz auserlesener Tage und Umstände; könnt' er's machen, so crkärte er z. B. seine Liebe ctwan an einem Geburtstage — unter einer totalen Sonncnfinstcrniß — an einem Schalttag — in einem blühenden Treibhaus im Winter — hinter dem Stuhlschlittcn ans dem Eise — oder in einem Gebcinhaus; eben so zerfiel er mit andern gern an bedeutenden Orten und Tagen, in dem Kirchstuhlc -— in Frühlings- oder Wintersanfang — in der Kulisse des Licbhaberthcaters — ans einer Brandstätte — unweit des Tartarus oder im Flötcnthal. Albano aber war zu jung — wie andere zu alt — um seine frischen Gefühle erst mit künstlichen Stunden und Stellen zu würzen; er machte lieber durch jene diese schöner. Mit ungestümer Freude flog Albano ans den ungchofften Weg der Freude. 'Der gestrige Abend war so reich gewesen — die vier Paradiescsflüsse waren in Einer Katarakte vom Himmel in sein Herz gestürzt — am heutigen wollt' er in die stäubenden Wirbel desselben springen. — Schon der Abend- Himmel war so schön und rein und der Hesperns ging mit wachsendem Glanz seine hclldämmernde Bahn hinab. Nabette wartete unten am Berge der Senncnhütte (des 136 Schießhäuschcns), um ihn unbemerkt au die unvorbereitete Freundin zu führen, die im Fenster, mit dem glänzenden Auge am HcsperuS, sinnend lag und an die vollen glühenden Herbstblumen dachte, welche nun in ihrem Leben so spät und so nahe neben der längsten Nacht aufgingen. Sie war heute über Manches trübe. Sic hatte überhaupt bisher ihre Liebe mehr zu verdienen und zu rechtfertigen als zu genießen und zu vergrößern, und mehr mit ihr das fremde Herz als das eigne zu beglücken gesucht. Wie sehnte sic sich unbeschreiblich nach Tha- ten für Ihn — nur Opfer waren ihr Thatcn — und beneidete ordentlich ihre Freundin, die für Karl jedesmal doch ein — Getränk zu bereiten hatte! Da sic nichts weiter wußte, so drückte sic ihren Diensteifer durch größere töchtcrlichc Liebe und Annäherung gegen Albano's Eltern und Schwester aus; und lernte sogar ein wenig kochen, welches ihr andere Ministers-Töchter, die nichts machen als Sallat und Thee, mit Nachsicht und mit dem Gedanken verzeihen müssen, daß sie in Liancns Falle auch nichts Anders machen würden, sondern eher ein Gericht mehr. Ja, sic hielt Nabcttc für tugendhafter, weil diese mehr in die Breite und Länge thätigcr sehn konnte; Na- bettc hielt wieder Lianen für besser, weil sie lieber betete; den ähnlichen Jrrthnm verdoppelten sic über die Brüder, Nabctten kam Karl sanfter vor und Lianen Albano, beiden nach Schlüs- M ans ihren gegenseitigen Berichten. So lang' ein Weib liebt, liebt cs in Einem fort — ein Mann hat dazwischen zu thnn—; Liane verwandelte Alles in sein Bild und seinen Nahmen; dieser Berg, dieses Stübchen, diese für ihn einmal gefährliche Vogelstangc, wurden die Pastcll- stiste zu icinem festen Bilde. Sic kam immer darauf zurück, daß er etwas Besseres verdiene als sie; denn die Liebe ist De- 137 mnth; dcr Trauring prangt mit keinem Juwel. Es rührte sie, daß ihn ihr früher Tod betrübe. Da sah sic noch das von Blattern erblindete Mädchen, das er einmal unwissend sich ans Herz gedrückt *); und sie fand sich mit dem Witze der Trauer auch darin dcr Blinden ähnlich, nicht blos in der gleichen, obwol kürzcrn Nacht, die einmal der Schmerz über ihre Augen geworfen. So sanft wie ihr Ebenbild, der Hcsperus, sich in den Abcndhorizont des Lebens cintauchcnd, fand sic ihr Geliebter. Sic konnte nie sogleich ans ihrem Herzen heraus in die überraschende Gegenwart; ihre Wendungen waren immer wie dcr Sonnenblume ihre nur langsam, und jede Empfindung lebte lange in ihrer treuen Brust. Selten findet überhaupt der Liebende den Empfang dcr Liebenden dem letzten Bilde ähnlich, das ihm der Abschied mitgcgebcn; eine weibliche Seele soll — das begehrt der Mann — völlig mit den Flügeln, Stür-" men, Himmeln der letzten Minute wieder in die nächste brausen. Aber von jeher empfing Liane ihren Freund scheu und sanft, und anders als sie geschieden war; und zuweilen kam dem Feucrgeistc dieses zarte Warten, dieses langsame Heben des Augenlieds fast wie ein Umkchrcn in die alte Kälte vor. Heute ergriff es den wärmcrn Grafen stärker als sonst. Wie ein Paar fremde Kinder, die miteinander bekannt werden sollen und sich anlächeln und anrühren, standen beide freundlich und verlegen nebeneinander. Sie erzählte, daß sic von seiner Schwester sich sein Kindeswagstück auf diesem Berge erzählen lasten. Eine Geliebte kennt keine schönere, reichhaltigere Geschichte als die ihres Freundes. „O da schon (sagt' er bc- *) Titan I. B. S. 94. 138 „wcgt) blickt' ich nach deinen Bergen! Dein Name ist wie eine „goldne Inschrift an meine ganze Jngend geschrieben. Ach „Liane, hast du mich wol geliebt wie ich dich, als du mich noch „nicht gesehen?" >— „Gewiß nicht, Albano (antwortete sie), viel später!" Sie meinte aber ihre Blindheit, und sagte, er sei ihr in dieser Augendämmcrung an jenem Abend, wo er bei ihrem Vater aß, wie ein alter nordischer Königssohn, etwan wie Olo *), vorgekommen, und sic habe ihn wie ihren Vater und Bruder ehrend gefürchtet. Ihre hohe Achtung für die Männer waren die wenigsten kaum zu crrathcn Werth, geschweige zu veranlassen. „Und als du sehen konntest?" sagte Albano. „Das „sagt' ich eben," versetzte sic naiv. „Aber da du meinen Bru- „der so liebtest (fuhr sie fort) und so gut warst gegen deine „Schwester: so wnrd' ich freilich ganz beherzt, und bin und „bleibe nun deine zweite Schwester -— du hast ohnehin eine „verloren — Albano, glaube mir, ich weiß es, ich bin *) Am Hofe des Königs OlauS bot sich der Königsjüngllng Olo, als Landmann gekleidet, der Tochter zum Schutze gegen Räuber an. Damals galt Feuer der Augen und Adel der Gestalt als Beweis einer hohen Abkunft; so erkannte z. B. die Suan- hita den König Regner in der Hirtcntracht an der Schönheit seines Auges und Gesichts. Die Königstochter blickte prüfend in Olo's Flammcnauge und kam der Ohnmacht nahe; sie versuchte den zweiten Blick und war ohne Besinnung, und bei dem dritten in Ohnmacht. Der göttliche Jüngling schlug daher das Angenlicd nieder, enthüllte aber die Stirn und sein goldncs Haar und seinen Stand. S. der Deutsche und sein Vaterland von Nosenthal und Karg. I. S. 166, 167. — 139 „gewiß zu wenig, zumal für dich — aber ich habe Einen „Trost." — Verwirrt von dieser Mischung von Heiligkeit und Kälte konnte er sic nur heftig küssen, und mußte, ohne sie zu widerlegen, sogleich fragen: welchen Trost? — „Daß du einmal ganz glücklich wirst" sagte sie leise. „Liane, deutlicher!" sagt' er. Denn er verstand nicht, daß sie ihren Tod und Linda's Verkündigung durch Geister meinte. „Ich meine, nach Einem Jahre „(versetzte sic) nach den Prophezeiungen." Er sah sie stumm, wild, rathend und bänglich an. Sie fiel ihm weinend ans Herz und lösctc Plötzlich das Gedränge innerer Seufzer: „bin ich denn dann nicht (sagte sic heftig) gestorben und sch' aus der Seligkeit zu, daß du belohnet wirst für deine Liebe gegen Liane? Und das gewiß recht sehr!" — Weine, zürne, leide, frohlocke und bewundere immerhin, heftiger Jüngling! Aber du fassest diese dcmüthige Seele doch nicht!—Heilige Dcmuth! einzige Tugend, die nicht vom Menschen, sondern von Gott geschaffen wird! Du bist höher als Alles, was du verbirgst oder nicht kennst! Du himmlischer Lichtstral, wie das irdische Licht ft zeigst du alle fremde Farben und schwebst unsichtbar ohne eine im Himmel! Niemand entheilige deine Unwissenheit durch eine Belehrung! Sind deine kleinen weißen Blüten gefallen: so kommen sie nicht wieder, und um deine Früchte deckt dann nur die Bescheidenheit ihr Laub. Schmerzhaft zcrtheilte sich in Albano das Herz in Wider- ft Denn was man Licht nennt, ist nur stärkeres Weiß. Niemand sicht Nachts de» Lichtstrom, der vor der Erde vorbei von der Sonne auf den Vollmond hinaufstürzt. 140 spräche, gleichsam in seines und in Liancns Herz. Sic war Nichts als die lautere Liebe nnd Demnth, nnd ihr Talentcn- glanz war nur ein fremder Besatz, wie Götterbilder von weißem Marmor den bunten nur als Zicrrath haben; man konnte nichts thnn als sic anbetcn, sogar auf ihren Irrwegen. Auf der andern Seite hatte sie neben weichen, beweglichen Gefühlen so feste Meinungen nnd Jrrthümcr, seine Bescheidenheit bekriegte so vergeblich ihre Demnth, und sein Anschn ihren Geistcrwahn. Das feindselige Gefolge, das dieser nachschlcppte, sah er so deutlich über alle Freuden ihres Lebens herziehcn. Sein ihm ewig nachstcllcndcr Argwohn, daß sic ihn liebe, blos weil sie nichts hasse, nnd daß sie immer eine Schwester statt einer Liebhaberin sei, drang wieder gcwaffnct auf ihn ein. So stritt hier Alles gegeneinander, Wunsch, Pflicht, Glück und Ort. Beide waren sich neu und unbekannt aus Liebe; aber Liane erricth so wenig als er. O wie zwei Menschen, ähnliche Wesen, einander fremd und ungleich werden, blos weil eine Gottheit zwischen beiden schwebt und beide anglänzt! Etwas blieb in ihm unharmonisch und unaufgclöset; er fühlt' es so sehr, da die Sommernacht für höhere Entzückungen schimmerte, als er hatte — da der tief im Aethcr zitternde Abendstern der Sonne durch die Wolkcnrose nachdrang, worunter sic begraben war — da die Achrcnfluren dufteten nnd nicht rauschten, und die zugcschlosscncn Auen grünten und nicht glühten — und da die Welt und jede Nachtigall schlief, nnd da das Leben unten ein stiller Klostcrgartcn war, und nur oben die Sternbilder als silberne Actherharfcn vor Frühlingswinden ferner Erden zu zittern und zu tönen schienen. Er mußte Liane morgen Wiedersehen, um sein Herz aus- zustimmen. Nabcttc kam unendlich erheitert mit ihrem Freunde 141 vom Berge herauf, beide schienen von Scherzen und Lachen fast ermattet; denn Roquairol trieb Alles, sogar den Scherz, bis zur Pein hinaus. Er hatte den Abcndstcrn, ans den er heute eingeladen, in ein Treib- und Stammhaus lustiger Einfälle und Anspielungen nmgebanet. Anfangs wollt' er nicht schon morgen mitkommen; aber endlich sagt' cr's zu, da Ra- bctte versicherte, „sie crrathc den seinen Herrn recht gut, aber „er solle doch sie nur sorgen lassen." Als die Morgenröthe aufging, kam Albano mit ihm wieder, aber die Gartcnthnre am „Hcrrschaftsgartcn" war schon offen und Liane schon in der Laube. Ein Akten-Heft (so schien es) lag ans ihrem Schooß und ihre gefalteten Hände daneben, sie blickte mehr sinnend geradehin als betend empor: doch empfing sic ihren Albano so mild- und frcmdlächelnd, wie ein Mensch einen eben ins Gebet hcreintrctcndcn Gast grüßend anlächelt und dann weiter betet. Der Graf hatte sich bisher immer auf eine Zurückgezogenheit des Empfangs rüsten müssen. Ein Mißverstand, der schnell wieder kommt, wirkt, so oft er auch gehoben sei, immer wieder so irrend und neu, wie zum erstcn- malc. Er fühlte recht stark, daß ihn etwas Festeres als die erste jungfräuliche Blödigkeit, womit ein Mädchen für die blendende Sonne der Liebe immer außer der Morgenröthe noch eine Dämmerung und für diese wieder eine erfinden will, im feurigen Verschmelzen ihrer Seelen störe. Er fragte, was sie lese; sie stockte bedenkend; ein schnell hcranflicgendcr Gedanke schien ihr Herz zu öffnen; sie gab ihm das Buch und sagte, cs sei ein französisches Manuskript, nämlich geschriebene Gebete — von ihrer Mutter vor mehreren Jahren aufgesetzt — welche sie mehr rührten als eigne Gedanken; aber noch immer blickte durch das zartgcwcbte Gesicht ein Klostcrgcdanke, der ihr Herz zu verlasse» suchte. — Was kounte Albauo dieser Herzens-Psalmistin vorwcrfcn, wer kaun einer Sängerin Antwort geben? — Eine Betende steht wie eine Unglückliche aus einer hohen, heiligen Stätte, die unsere Arme nicht erreichen.-Aber wie schlecht müssen die meisten Gebete sehn — da sie — obwol früher als Reize bezaubernd, gleich dem Rosenkranz, der ans wohlriechenden Hölzern gemacht wird — später, im Alter nur als Flecken nnd der Reliquie oder dem Todtcnkops ähnlich wirken, womit eben der Rosenkranz anshört! >— Ohne auf seine Frage zu warten, sagte sie ihm aus einmal, was sie unter ihrem Gebete gcstörct habe; nämlich die Stelle in diesem: o INSU clis», bnis Pis ss sois tonsour8 vrnie st ijincsrs etc., da sie doch ihrer lieben Mutter bisher ihre Liebe verschwiegen habe. Sie setzte dazu, sie komme nun bald nnd dann werde ihr das verschlossene Herz ausgethan. „Nein (sagt' er fast zornig), du darfst nicht, dein Geheimniß ist auch meines." — Männer verhärtet oft das in der Prosa, was sie in der Poesie erweicht, z. B. weibliche Frömmigkeit und Offenherzigkeit. Nun haßte Niemand mehr als er das Eingreifen der elterlichen Schreib- nnd Zeige- und Ohrfingcr in ein Paar verknüpfte Hände; nicht daß er ctwan vom Minister Kriege oder Nebenwcrber befürchtete — er setzte eher offne Arme nnd Freudenfeste voraus — sondern weil seinem bcsrcictcn und befreienden großmüthigen Geiste Nichts peinlicher widerstand als die widrige Erwägung, was nun auf dem Altar der Liebe an das heilige Opferfener die Eltern für schmutzigen Torf zur Feuerung nachlcgen, oder für Töpfe zum Kochen ansctzen könnten — wie leicht dann sogar poetische Eltern sich oft mit den Kindern 143 verwandeln in prosaische oder juristische, der Vater sich ins Rcgicrungs-, die Mnttcr ins Kammcrkollcgium — wie wenigstens dann die Hoflnft leibeigen mache, so wie nur der poetische Himmcls-Acthcr frei — und welche Perturbazionen seinem HcSpcrus von dem anziehenden Wcltkörpcr, vom alten Minister, bevorständcn, der bei der Liebe Nichts unnützer fand als die Liebe und dem die heiligsten Empfindungen für Stan- deschcn so brauchbar schienen, wie für Prcdigtämter das Hebräische, nämlich mehr im Examen als im Dienste. — So schlimm dacht' er von seinem Schwiegervater, denn er kannte das Schlimmere nicht. Aber die gute Tochter dachte von ihrer Mnttcr viel höher als ein Fremder, und ihr Herz widerstrebte schmerzlich dem Schweigen. Sie berief sich ans ihren hercintrctcndcn Bruder. Aber dieser war ganz Albano's Meinung: die Weiber (setzte er, nicht in der besten Laune, hinzu) mögen lieber von als in der Liebe sprechen, die Männer umgekehrt. — „Nein (sagte Liane entschieden), wenn mich meine Mutter fragt, so kann ich nicht unwahr sehn." — „Gott! (rief Albano erschrocken aus) wer könnte auch das wünschen?" Denn auch ihm war freie Wahrheit der offne Helm des Seclcnadels, nur sagte er sie blos aus Selbstachtung und Liane sic aus Menschenliebe. Rabcttc kam mit dem Thee-Zeug und einer Flasche, worin für den Hauptmann Thec-Mark und Elcmcntarfeucr oder Nerven-Aethcr war, Arrac. Er ging ungern am Morgen zu Leuten, bei denen er ihn erst am Abend trinken konnte; Ra- bette hatte gestern diese Unart gemeint und heute befriedigt. — „Wie kann das freie Ich (sagte der gesunde Albano oft zu ihm) sich zum Knechte der Sinnen und Eingeweide machen? Sind wir ohnehin nicht cnggcbunden genug durch die Körper- Bande, und du willst noch Ketten durch die Ketten ziehen?" .— Noquairol hatte darauf immer dieselbe Antwort: „Umgekehrt! Durch Körper befreie ich mich eben von Körpern, z. B. „durch Wein von Blut. Sobald du aus der Leibeigenschaft „der leiblichen Sinne nie hcrauskannst und all dein Bcwnßt- „scyn und dein Denken nur durch körperliche Dienstbarkeit, „die auf dem Grundstück der Erde haftet, bei ihrem Adel blci- „bcn: so sch' ich nicht ab, warum du nicht diese Rebellen und „Despoten recht zu deinen Dienern brauchst? — Warum soll „ich den Körper nur schlimm auf mich wirken lassen und nicht „eben sowol vorthcilhaft?" — Albano blieb dabei, das stille Licht der Gesundheit sei würdiger als die Mohnöl-Flamme eines Opiums-Sklaven; und die körperliche Kriegsgefangenschaft, die unser Geist mit der ganzen menschlichen Mannschaft leide, sei ehrenvoller als der persönlich-krummschlicßcnde Arrest. Jndcß heute konnte nicht einmal das spirituöse geschwefelte Thccwasscr eine gewisse Unbehaglichkeit aus Noquairol verwaschen, den das Nachtwachen bleicher, wie den Grasen feuriger gefärbt hatte. Es wollt' ihm nicht recht gefallen, daß der Hcrrschaftsgartcn ganz in den Nahmen eines mannshohen Bretterverschlags Ungezogen war, der weniger wie eine Billards- bandc den Augapfel nicht hinaus, als wie eine Marktschrcicr- bnde nichts hereinlassen sollte, und der freilich keine andere Aussicht gewährte als die eigne Ansicht; eben so wenig erhielt der Lustgarten dadurch seinen Beifall, daß die Nasenbänkc in der Laube, wo sie saßen, noch nicht gemäht waren — daß aus allen Beeten nur Einsassnngsgcwächse des Kochfleisches wehten — daß noch nichts Reises da hing als ein Paar Maulwürfe in ihren Hängstcrbebctten — daß an einer Kugelbahn, worauf 145 man in cm klingelndes Mittclloch kegelt, die schräge Retour- Rinne die Kugeln leichter wieder cinwanderu ließ, als sie über das Ackerland der Bahn (wenn man sie nicht warf) wcgzu- bringcu waren, und daß nirgends Orangerie zu sehen war, ausgenommen einmal, da zum Glücke die Garteuthüre offen stand, als eben aus einem Schiebckarren ein blühender Oran- gcriekastcn nach Lilar vorüberfuhr. Der Hauptmann brauchte diese Züge blos satirisch vorzutragen, und damit die äußerlich lachende Nabette innerlich zu verwunden — weil Keine den Tadel ihrer körperlichen Absenker verträgt, cs seien nun Kinder, Kleider, Kuchen oder Möbeln *) —: so konnten sich seine Bcrghöhcn allmälig wieder entwölkcn, und Nabette konnte noch ungemeiner fröhlich seyn. Albano war in dieser Tages-, gleichsam Kindheits-Frühe und in diesem Paradicsgärtlein seiner Kinderjahre heimlichfroh — denn in der ersten Liebe kommt, wie in Shakspcarc's Stücken, nichts aus die bretterne Bühne ihres Spieles an; — aber der heutige Nachwinter der gestrigen Erkältung wollte doch nicht schmelzen. Die Morgenblänc wurde mit immer Hellern Gold-Flocken gefüllt — er machte, da der Garten wie kleine Städte nur zwei Thore hatte, das obere und untere, *) Dieses wärmere, zartere, furchtsamere, immer gelobte, mehr in fremder als eigner Meinung lebende Geschlecht sticht ein Tadel giftig, der uns nnr blutig reißet, wie verletzende Thicrc in warme» Ländern nnd Monaten vergiften, und in kalten nur verwunden. Daher bedenke der Mädchcnschulmeistcr, daß eine Dosis, welche Satire ans den Knaben ist — der ohnehin der Meinung widerstehe» soll — Paöguill wird, wenn sie seine Schwester cinbekommt. Jea» Paut's auegew. Werte. XI. 10 wie eine Aurora dieses der Morgcnsonnc auf — der Glanz quoll über das dampfende Grün herein — die unten ziehende Rosana faßte Blitze ans und warf sic herüber — Albano schied endlich voll Liebe und Seligkeit. Aber die Liebe war größer als die Seligkeit. «9. Z y k e l. Fliegender Frühling! (ich meine die Liebe, so wie man den Nachsommer einen fliegenden Sommer nennt) du eilest selber über uns pfeilschnell dahin, warum eilen Autoren wieder über dich? — Du gleichst der deutschen Blütenzeit — die nie einen Blütenmond lang ist; — wir lesen den ganzen Winter in Almanachcn und Gleichnissen viel von ihrer Herrlichkeit und schmachten; endlich hängt sie dick an den schwarzen Aesten sechs Tage lang und noch dazu unter kalten Maigüsscn, reißenden Wonnemonds-Stürmen und unter dem Stummsitzen aller halb- erfrorucn Nachtigallen — und dann, wenn man endlich in den Garten hinauskommt, ist schon der Fußsteig blütenweiß und der Baum höchstens voll Grün; daun isss vorbei, bis wir wieder im Winter den Anfang eines Mährchens herz-crhoben hören: „Es war eben in der schönen Blütezeit." — Eben so selss ich wenig Autoren am laugen romantischen Sesstons- und Schreibetisch rechts und links für das Lesepult arbeiten, welche nach der langen Vorrede zur Liebe nicht diese, sobald sie wie ein Krieg erkläret ist, sofort schlössen; — und wirklich gibt's zur Liebe mehr Stufen als in ihr; alles Werden, z. B. der Frühling, die Jugend, der Morgen, das Lernen, geht vielfarbiger und geräumiger auseinander als das feste Seyn; 147 aber ist dicß nicht wieder ein Werden; nur ein höheres und jenes ein Sehn, nur ein schnelleres? — Albano wollte die fliegende, göttliche Zeit, wo das Herz unser Gott ist, schöner lenken, sie sollte mehr empor als hinweg fliegen. Er zürnte den andern Tag mit niemand als mit sich. Er riß sich durch solche kleine und doch eng-um- schnürendc Schmerzen durch, durch einen Zustand wie bei einem Erdbeben, wo ein unsichtbarer Dunst den verstrickten, schweren Fuß hält; ichl will mich lieber auf Bergen beregnen lassen, sagt' er, als in Thälcrn. Menschen von Phantasie söhnen sich leichter mit der ab- als anwesenden Geliebten aus. Nach einigen Tagen ging er wieder nach Blnmenbühl, kurz vor Sonnenuntergang. Ein brennendes Roth schnitt durch die Laubnacht. Sein finsterer Holzweg wurd' ihm von den darein hüpfenden Flammen zu einem verzauberten gemacht. Er setzte seine beleuchtete Gegenwart tief in eine künftige, schattige Vergangenheit hinein. O, nach Jahren, dacht' er, wenn dn wicdcrkommst, wenn alles vergangen ist und verändert — die Bäume gewachsen — die Menschen entwichen —- und nur die Berge und der Bach geblieben — da wirst dn dich selig preisen, daß du einmal in diesen Gängen so oft zum schönsten Herzen reisen durftest, und daß auf beiden Seiten die klingende und glänzende Natur mit deiner freudigen Seele mitging, wie dem Kinde der Mond durch alle Gassen nachzulaufen scheint. — Eine ungewöhnliche Entzückung warf durch sein ganzes Wesen den langen, breiten Sonncnstreif, die fernsten Blumen seiner Phantasie thaten sich auf, alle Töne gingen durch einen Hellern Acthcr und näher heran. Auch die Blumen außer ihm dufteten stärker und der Glockcnschlag tönte näher;, und beides sagt Ungcwitter an. 10 * I4tz So innigfroh erschien er — und zwar ohne Noqnairol, der überhaupt immer seltner kam — vor der Geliebten oben in seinem Kindheitsmusenm, ihrem Gastzimmer, das jetzt der gewöhnliche Spielplatz seiner Besuche war. In einem meisten Kleide mit schwarzem Besatz, wie in schöner Halbtraner, jaß sic am Zeichentisch mit schärfer» Angen in ein Bild vertieft. Sic flog ihm ans Herz, aber um ihn bald wieder vor die Gestalt zu führen, an welcher ihres wie in Mntterarmcn hing. Sie erzählte, heute sei mit der Prinzessin ihre Mutter dagewesen und diese habe so viele Freude über ihre genesende Farbe gehabt, so unendliche Güte gegen die glückliche Tochter. „Sie „mnsttc sich (fuhr sie fort) von mir ein wenig zeichnen lassen, „damit ich sie nur länger ansehen und etwas von ihr dabc- „haltcn konnte. Jetzt zcichn' ich das Gesicht weiter aus, es „ist aber gar zu schlecht gerathcn." Sie konnte ihre Phantasie weder vom Bilde, noch weniger vom Urbildc loswickeln. Freilich kann ans einem töchterlichcn Herzen — oder gar in ihm — kein schöneres Medaillon hängen als das mütterliche; aber Albano glaubte doch heute, das Gehenke nehme eine zu breite Stelle ein. Sie sprach blos von ihrer Mutter: „Ich sündige gcwist „(sagte sie) — sie fragte mich so freundlich, ob du oft kämst, „aber ich sagte nur ja und weiter nichts. O, guter Albano, „wie gern hätt' ich ihr die ganze Seele offen hingegeben!" Er antwortete, die Mutter schiene nicht so offen zu scyn, sie wußte vielleicht schon Alles durch den Lektor und den reinen Trank der Liebe würden nun lauter fremde Körper trüben. Gegen Angnsti erklärt' er sich sehr stark, aber Liane beschützte ihn eben so stark. Durch beides gewann der Falschmünzer der Wahrheit, nämlich der Argwohn — der, daß sic ihn wol liebe. 149 wie sic Alles liebe, da sic an alles Gute gleichsam lebendig anwachse — unter Albano's Empfindungen, die noch dazu heute so warm und sroh gewesen waren, immer mehr Präg- stempcl und Umlaus. Sic ahnete Nichts, sondern sie kam wieder ans ihr Schweigen: „Warum thnt mir's aber weh (sagte sic), wenn cs recht „ist? — Meine Karoline, Geliebter, erscheint mir auch nicht „mehr, und das ist wahrhastig nicht gut." — Dieses Gcistcr- wesen zog immer für ihn so schwül und grau herauf, wie eben draußen das Gcwittergcwölke. Seine alte Erbitterung gegen die eignen Neckereien durch Luftaffen, die er nicht packen konnte, ging in eine gegen Liancns optischen Selbstbetrug über. Jener von Karolinen geschenkte Schleier, womit sic sich anfangs so erhaben eingcklcidet für das Kloster der Gruft, dieser Ncisc- flor für die zweite Welt, war diesem Herkules laugst ein brennendes, mit Ncssus Gistblnte getränktes Gewand geworden, daher sic ihn nicht mehr por ihm tragen dürfen. Der Schluß, daß der Wahn des Todes die Wahrheit desselben säe, und daß in der hcrübergerücktcn tiefen Wolke ein Zufall den schlagenden Funken des Todes leicht locke, fiel wie eine Trauer in seine Liebesfcstc ein. So sind alle fremde Meerwundcr der Phantasie (wie dieser Sterbens - Wahn) nur in der Phantasie (im Roman), aber nicht im Leben erwünscht, außer einmal aus phantastischen Höhen; aber dann müssen solche Schwanzsterue sich wie andere bald wieder aus unserem Himmel zurück- ziehcn. Er sprach jetzt sehr ernst — von selbstmörderischen Phantasien — von Lebenspflichten -— von eigensinniger Verblendung gegen die schönsten Zeichen ihrer Genesung, zu denen er das Verschwinden der optischen Karoline so gut rechnete wie 150 ras Blühen ihrer Farbe. — Sic hörte ihn geduldig an; aber durch die Prinzessin, die ihrer Liebe ungeachtet ihm selten erfreuliche Spuren nachgelassen, hatte heute ihre Phantasie einen ganz andern Weg genommen, weit vor ihrem Ich nnd ihrem Grabe vorbei. Sie stand blos vor Linda's Bild, von der ihr Julienne diesen Nachmittag schärfere Umrisse, als sonst Mädchen von Mädchen geben — „es ist ein sehr gutes Mädchen" sagt jedes von jedem — anvcrtranct hatte; Linda's männlicher Muth, ihre warme Anhänglichkeit an Gaspard bei ihrer Verachtung des Männerhauscns, ihre Unverändcrlichkcit, ihr kühnes Fortschritten in männlichem Wissen, ihre herrlichen, oft harten, mehr körnigen als blumigen Briefe, und am meisten ihr vielleicht nahes Hichcrkommcn, nahmen ihr zartes Herz gewaltig ein. „Mein Albano muß sie haben," dachte immer dieses uneigennützige Gemüth und merkte, wenn die Prinzessin die Absicht dcmüthigendcr Vergleichungen gehabt, sie nicht, sondern erfüllte sie. Dabei fand die Gute so viel höhere Schickung — daß z. B. ihr Bruder nun nicht mehr der Nebenbuhler ihres Geliebten und seines Freundes sehn — daß sie selber ihren kräftigen Albano vormalen könne der stolzen Romeiro, und daß ja, trotz alles Widerstandes, doch alle Geistcr- Weissagungen einander eingreifend faßten und hielten. — — Das Alles sagte sie nun, weil sic nur ihre Schmerzen, nicht ihre Hoffnungen verbarg, dem Grafen gar ins Gesicht. Welchen knirschenden Biß in sein weichstes Leben that jetzt ein böser Genius! — Diese glühende, ungetheilte, nicht theilende Liebe hatt' er, nicht sie — glaubt' er. Er war recht nahe daran, sein wie von einem Gcwitterschlag ans einmal in die Höhe brennendes Wesen auch so zu zeigen; nur die schuldlose, weiße Stirn mit frohen Rosen in den kleinen Locken, der 15t kindlich-hcllc Aufblick des reinen, blauen Augenpaars und das weiche Angesicht, das schon bei einem musikalischen Fortissimo und bei jeder Heftigkeit im fremden Bewegen oder Lachen kränklich durch das klopfende Herz erröthct, nnd sein verschämter Haß der Leichtigkeit, mit der ein Mann seine Allmacht und sein Geschlecht zum Erschrecken des zarteren mißbrauchen kann, hielten ihn wie Schutzgeistcr ein, nnd er sagte blos in jenem edeln Zorne, der wie eine Rührung klang: o Liane, du bist heute hart! „Und ich bin ja so weich!" sagte die Unschuldige. Beide waren bisher am Fenster vor dem aus Lilar herschwcllenden finstern Gewitter gestanden. Sie kehrte sich schnell um — denn sie konnte seit ihrer Erblindung, wo eine dunkle Wolke gegen sie zu fliegen geschienen, keine mehr lange anschcn — nnd Albano's hohe Gestalt, mit dem ganzen glühend-lebendigen Gesicht und mit den Seelen-Angen stand vom Abcndlicht erhellet vor ihr. Sie legte mit der spielenden Hand, die er frei ließ, sein dunkles Haar ans der trotzigen Stirn sanfter an die Seiten, strich die gedrängte Augcnbrahmc glatter und sagte, als sein Blick wie eine Sonne stach, und sein Mund sich ernst schloß: „o freudig, freudig soll künftig einmal dieß schöne Angesicht lächeln!" Er lächelte, aber schmerzlich. „Und dann will ich noch seliger sehn als heute!" sagte sic, nnd erschrak, denn ein Blitz fuhr über sein ernstes Gesicht wie über ein zackiges Gebirge nnd zeigte es wie das des Kriegsgottes von Kriegs- slammcn erleuchtet. Er schied schnell; ließ sich nicht halten; sprach von Wct- tcrkühlcn, ging ins Wetter hinaus nnd ließ Lianen in der Freude zurück, daß sic doch heute recht aus bloßer reiner Liebe gesprochen habe. Ans dem letzten Hause des Dorfs sprang 452 ihm Nabctte entgegen; über sein Gesicht fielen die Wcttcrbäche der vcrhaltncn Thräncn herab; „was fehlt dir, was weinst du?" rief sic. „Du träumest" rief er, uud eilte vor allen Dingen ins Ungewittcr hinaus, das sich Plötzlich wie ein Man- tclfisch erstickend über den ganzen Himmel hergeworfen hatte. Er suchte sich unter dem regnenden Blitzen zuerst die besten Beweise zusammen, daß Liane heilige Reize, göttlichen Sinn, alle Tugenden habe, besonders allgemeine Menschenliebe, Mutterliebe, Bruderliebe, Frcnndcslicbe — nur aber nicht die glühende Einzigen-Liebe, wenigstens nicht gegen ihn. Sie wird nur — er schließet immer fort — von der Gegenwart so gänzlich gefastet und gefüllt, von meiner so gut als von der eines Armbrnchs des kleinen Pollux, welche ihr Himmel und Erde verdeckt. — Darum wird ihr der Untergang des Lebens so leicht wie der eines Sternchens und alle Scheidungen dabei. — Darum stand ich so lange mit einer leidenden Brust voll Liebe neben ihr und sie sah nicht in meine, weil sie keine in der ihrigen fand. — Und so ist's so bitter, wenn der Mensch, unter den gemeinen Herzen der Erde verarmend, durch das edelste doch nichts wird als zum letztenmal unglücklich. Der Regen zischte durch die Blätter, das Feuer schlug durch den Wald, und der wilde Jäger des Sturms trieb seine unsinnige Jagd. Das erfrenctc ihn als eine kühlende Hand, woran ein Freund ihn führte. Da er nicht durch die Höhle, sondern außen am Bergrücken zu seinem hohen Donnerhäuschen hinanfstieg: so sah er eine dicke, graue Regennacht das grüne Lilar belasten, und auf dem gebognen Tartarus ruhte unter dem Blitz der erleuchtete Sturm. Er fuhr zusammen bei dem Eintritt in sein Häuschen vor einem Schrei, den leine Acolsharfe unter den Griffen des Windes that; denn sie 153 hatte einst, von der Abendsonne begläuzt, seine junge Liebe ätherisch wie Sterne eingeklcidct und war ihr mit allen Tönen nachgcfolgt, da sie hiuausging über das leidende Leben. 70. Z y k e l. Am Morgen daraus waren beide Gewitter aufgelösct in ein stilles Gewölke. — Und aus den größeren Schmerzen wurden nur Jrrthümcr. Wir Schwache! wenn das Schicksal uns bei unserer Schcinhiurichtuug mit der Ruthe berührt, nicht mit dem Schwerte: so finken wir ohnmächtig vom Stuhle und suhlen das Sterben noch weit ins Leben hinein! — Alle Fieber, so auch die geistigen, kühlt der neue, frische Morgen, so wie sic alle der bange Abend glühend schürt. Welcher von uns wickelte sich nicht an Abenden — dieser eigentlichen Geisterstunde der Plage-, Haus- und Poltergeister — in den Faden, den er selber spann, den er aber für fremdes Fanggcwcbe hielt, immer enger durch Entfliehen und Wenden ein, bis er am Morgen seinen Schließer vor sich sah, nämlich sich? — Albano sah auf dem ganzen gestrigen Kriegsschauplatz nichts mehr stehen als eine blasse, gute Gestalt in Halbtraucr, welche nach ihm mit unschuldigen Mädchcuaugen umherblicktc, und wornach er doch ewig hinüber sab, wenn sie auch mehr eine Braut Gottes als die eines Menschen blieb. Er fühlte jetzt freilich mehr, wie hoch seine Forderungen an wirkliche Freunde stiegen, als sonst, wo er die höchsten an geträumte Wesen, die er immer gerade in die jedesmalige Form seines Herzens goß, nach Gefallen steigern konnte; und wie in ihm ein niemand schonender Geist regiere, der jedem fremden die 154 Flügel nach seinen eignen ausdchncn wolle, weil er keine Eigenheit dulde außer der kopirten. — Er hatte bisher von allen seinen Geliebten zu wenig Widerstand erfahren wie Liane zu viel; beides schadet dein Menschen. Der geistige wie der physische wird ohne Widerstand der äußern Lust von der inncrn aufgeblasen und zersprengt, und ohne Widerstand der innern von der äußern zusammcn- geguctscht; nur das Gleichgewicht zwischen innerer Wehr und äußerem Druck hält einen schönen Spielraum für das Leben und sein Bilden frei. — Männer dulden ohnehin — da nur die besten an den besten Männern feste, starke Ucbcrzengung achten — diese an Weibern schwer und wollen Letztere nicht blos zu ihrem Wiedcrschcin, sondern auch zu ihrem Nachhall haben. Sie wollen, mein' ich, nicht blos die Miene, auch das Wort bejahend. Albano bestrafte sich mit einigen Tagen freiwilliger Entfernung, bis die unreinen Wolken aus ihm wcggezogcn wären, die den Sonnenzeigcr seines Innern verschaltet hatten. Bin ich ganz heiter und gut, sagt' er, so geh' ich wieder zu ihr und irre nie mehr. Er irret jetzt; ist ein fremder, unheimlicher Halbton einmal zwischen alle Harmonien zweier Wesen wicderkehrcnd dnrchgcdrnngcn, so schwillt er immer feindlicher an und übcrtäubt den Grnndton und endigt Alles. Der Schcideton war hier die Stärke der männlichen Tonart neben der Stärke der weiblichen. Aber die höchste Liebe verwundet sich am leichtesten am kleinsten Unterschied. O, dann hilft es wenig, wenn der Mensch zu sich sagt: ich will mich ändern. Nur im schönsten, unverletzten Enthusiasmus setzt er sich cs vor; aber eben im verletzten, wo er kaum des Vorsatzes fähig wäre, soll er sich zur Erfüllung desselben heben und kann es schwer. Der Grus ging am Morgen wie gewöhnlich in seine Hörsäle und Sprachzimmer der Stadt. In den erster» war cs ihm schwer, nach den Sternen der Wissenschaften seine Instrumente und Augen festznrichten und zu visiren, da er auf einem solchen Meere voll Bewegung ging. In den letzter» fand erden Lektor kälter als sonst, den Bibliothekar wärmer, dieHans- wirthsleutc aufgeblasener. Er ging zu Roquairol, den er heute noch inniger liebte und behandelte, um gleichsam der beleidigten Schwester gcnngzuthnn. Karl sagte sogleich mit seinem tragischen schnellen Unfreisten des Vorhangs der Zukunft: „cs „sei Alles entdeckt — — höchst wahrscheinlich!" So oft Liebende sehen, daß die seefahrende Welt ihre Kalypso's Insel — die doch frei ans der offnen Sec dalicgt — endlich in die Augen bekommt und die Segel darauf richtet: so verwundern sie sich zum Verwundern. Hat denn irgend ein Paradies so weite und niedrige Stacketen — so daß jeder Vorbeigehendc hinein- sehcn kann — als ihres? — Schon längst hatten, erzählt' er, die Doktors Kinder immer etwas bei der Baumcisterin in Lilar zu holen, Blumen, Arzneigläser n. s. w.; gewiß als Sch- und Hörröhre Augnsti's — dieser sei wieder der Operngucker seiner Mutter — kurz sein Vater sei wenigstens bei der Griechin gestern gewesen, Hab' aber zum Gluck nur ein leeres Paquct*) von Nabette an ihn *) Nämlich immer waren Briefe von Lianen an Albano dareingeschlagen. Man sehe hier wieder an zwei Erempeln, wie an der Liebes-Harmonika ein Bruder als Tastatur für die Schwester Vorsteher! müffe, die zu den Glocken will. Es sollte da« 156 (Karl») gefunden, das er nach den Freiheiten dcrDninistcriali- schcn Kirche auf- und zngemacht. „Warum zum Glück (sagte „Albano)? Ich werde meine Liebe vor der Welt rechtfertigen „und ehren." — „Ich bezog es ans mich (versetzt' er), denn „nie war mein Vater freundlicher gegen mich, als seitdem er „meine letzten Briefe erbrochen. Er ist diesen Nachmittag in „Blumcnbühl, und wol mehr meinet- als der Schwester „wegen." Albano fürchtete nicht, daß die Stadt Minengangc unter sein Kindhcitsland hintrcibcn könne, um etwa durch Eine Flamme die glückselige Insel zu zersprengen — dürft' er nicht seinem Werth und Muth und Lianens ihrem trauen? — aber es schmerzte ihn jetzt, daß er so unnütz der kindlichen Liane die Freude und das Verdienst einer kindlichen Offenherzigkeit genommen. Wie sehnt' er sich nun nach dem ab- büßcndcn und belohnenden Augenblick des ersten Wiedersehns, nach dem nächsten Morgen! Er blieb bei seinem Freund wie bei einem Tröste, und ging erst zurück, als die Abcndröthe in den Regenwolken umherfloß. — Als er kam, fand er von Lianen schon einen Brief von heute: * H s O, guter Albano! warum kamst Du nicht? Wie viel hatt' ich Dir zu sagen! Wie Hab' ich Freitags Deinetwegen gezittert, als die wüthendc Wolke Dich mit ihrem Donner verfolgte! Du hast mich zu sehr vom Schmerz entwöhnt, so her immer ein Paar Paare geben, kreuzweise verschwistert und liebend. 157 fremd und schwer wird er mir nun. Ich war den ganzen Abend untröstlich, endlich fiel mir Nachts noch dazu ein, daß Du wie von Ahnungen beklommen gewesen, und daß es gern inS Donnerhäuschen schlage. Warum bist Du doch da? Ich stürzte heraus, und kniete neben meinem Bette und flehte Gott an, obgleich das Wetter längst verzogen war, daß er Dich möge erhalten haben. Lächle über mein spätes Gebet; aber ich sagte zu ihm, du wußtest es sa, Allgütigcr, daß ich beten würde. Ich wurde auch getröstet, da ich die Sterne ansah, und der gebrochene Stral der Wonne zitterte in mir. Aber am Morgen machte mich Nabctte wieder traurig. Sie hat Dich auf dem Wege weinen sehen. Tausendmal Hab' ich untersucht, ob ich daran Schuld habe. Sollt' cs daher kommen — denn sie sagt's — daß ich Dich mit meinen Sterbe- gcdankcn zu sehr betrübe? Nie mehr sollst Du sie hören, auch der Schleier ist eingeschlossen: aber ich berechnete Dich nach meinem Bruder, dem, wie er selber sagt, das Todcs- Dunkcl eine Abenddämmerung ist, wo ihm die Gestalten lieblicher werden. — Wahrlich, ich bin ganz selig — denn Du sogar bist cs, und hast doch so wenig an mir, nur eine kleine Blume für Dein Herz, aber ich habe Dich. Lasse mir mein Grab, wie von einem Berg kommt bessere fruchtbare Erde davon in mein Thal. O wie liebt man, Albano, wenn Alles neben uns bricht und fällt und verraucht, und wenn doch der Bund und Glanz der Liebe unzerrissen und fest ans dem weg- fließenden Leben steht, wie ich oft bei Wasserfällen mit Rührung auf den zerspringenden, reißenden Fluthen einen Regenbogen unvcrrückt und unverändert schweben sah! — O, ich wollte, die Nachtigallen sängen noch, jetzt könnt' ich mit ihnen singen; Deine Aeolsharfe, meine Harmonika wünscht' ich in meiner Hand. Mein Vater war bei uns und heiterer und freundlicher gegen Alle als je. Sieh! sogar er ist gut. Meine Eltern schicken gewiß kein Gewitter in unser Rosenfest. Ich that ihm daher leicht den Gefallen —> vergib es — ihm zu versprechen, daß ich keine fremde Besuche in einem fremden Hanse— weil cs unschicklich sei, sagt' er — annehmcn würde. Ich muß auf einige Tage nach Hanse wegen der fürstlichen Vermählung; jaber ich sehe Dich bald. O vergib! Wenn mein Vater sanft spricht, so kann meine Seele unmöglich nein sagen. — Lebe wol, mein Herrlicher! L. N. S. Bald fliegt wieder ein Blättchen auf Deinen Berg. Sei nur in ewiger Freude! O Gott! warum bin ich nicht mächtiger? Welche Menschen solltest Du dann an Deinem Herzen haben! — Du Lieber! » -i- -ü Wie beschämt' ihn diese vollblühcnde Liebe, die es gar nie recht weiß, wenn sic verkannt wird, und die keine andere Schuld voraussctzt als eigne! — Wie that ihm die gebotene Entfernung jetzt nach der freiwilligen weh! — Er konnte sie nun lieben als einen wehrenden Engel vor dem Paradiese, wie viel mehr als einen gebenden in ihm! — Aber schwer ist's einem Manne, fühlte der Jüngling, im weiblichen Herzen, zumal in diesem, Absicht von Instinkt, Ideen von Gefühlen rein zu sondern, und an diesem dunkeln, vollen Himmel alle Sterne zu zählen und zu reihen. — Jede Härte, jede unscheinbare Knospe ging zuletzt als Blume auf; und ihr Werth breitete sich wie der Frühling stückweise aus; indeß gewöhn- lich von andern Mädchen ein Reisender, der sie besucht, sogleich beim ersten Abschiede Abends eine kleine vollständige Blumenlese aller ihrer Reize und Künste sortnimmt, wie ein Brocken-Passagier im Wirthshansc einen niedlichen Strauß überkommt, ans den Moosarten gebunden, welche der Berg tragt. Er glaubte, sie sei nun bei den Eltern, und folgte nicht als zerrender Knabe, sondern als einstimmiger Mann dem Niesen des Schicksals nach. Im Garten herrschte Regcnwctter, die Aussaat jedes starken Gewitters, das immer wie ein Krieg den Kriegsschauplatz verdirbt. Das verheißene Blättchen erschien: „Sei nur froh. Wir „sehen uns sehr, sehr bald, und dann recht selig. Vergib mir! „— ach, ich sehne mich am meisten." — ^ Jetzt empfand er's, welche Tage cs waren, die sonst — d. h. blos vor einigen Tagen — vor ihm wie göttliche Erscheinungen vorübergezogen waren und die nun wieder hcranf- steigcn sollten in Osten als wiedcrkchrendc Sterne! — Warum schneidet sich erst das verlorne Gut wie ein scharfer Demant so tief ins Herz? Warum müssen wir erst etwas beweinet haben, eh' wir cs heiß bis zum Schmerze lieben? — Albano warf Vergangenheit und Zukunft von sich weg, um nur ganz rein in der Gegenwart zu wohnen, die ihm von Lianen versprochen worden. 71. Z y k e l. Am Sonntags-Morgen, als der ganze blaue Himmel offen stand und die Erde festlich geschmückt mit Perlen und Zwei- 160 gen, klopfte an Albanos Thüre ein leiser Finger, der einer weiblichen Hand gehören mußte. Liane trat so früh schon herein; Rabette und Karl riefen draußen einen lanten Gruß. An seiner jauchzenden Brust lag das schöne, vom Gehen blühende Mädchen mit seligen, Hellen Augen, eine frisch-bc- thauctc Rosenknospc. Es warsein schönster Morgen, er fühlte rein, daß Liane liebe. Als die Acolsharfc cinklang, sah sie hin, erinnerte sich crröthend an den schönsten Bundcs-Abcnd und hörte still zu, und trocknete das Auge, da sie cs wieder auf Albano wandte. — Aber er konnte in diesen Tempel der Freude nicht cintreten, ohne sich gereinigt und geheiligt zu haben durch Offenheit über seine nculichen Jrrthümer. Welcher süße Wettstreit um Bekennen und Vergeben, da Liane liebend erschrak und bekannte, daß sie ihn neulich nicht errathcn — daß nur sie die Schuldige sei und daß sic jetzt schon besser sprechen wolle. Sie konnte sich über die verdeckten Schmerzen, die sic ihrem Freund gemacht, gar nicht zufrieden geben. Wie Mahagony-Geräthc in keiner Temperatur bricht und keine Flecken annimmt und kein Polircn bedarf: so ist dieses Herz, fühlte Albano, der sich nun schwur, überall, auch wo er sie nicht crrathe, zu sich zu sagen: sie hat Recht. Sic lösetc ihm das Näthsel ihrer heutigen Erscheinung mit jenen freundlichen Mienen, welche ein guter Mensch verdoppelt, wenn er etwas zu versüßen hat; „sic gehe nämlich „heute nach Pcstitz zurück — aber spät, erst Abends, erst um „die Thcezcit komme der Wagen, und ihnen bleibe ein ganzer „Tag; und sie hoffe nicht, daß ihr Vater diesen Umweg über „Lilar für eine» Bruch ihres Versprechens nehmen werde." Ein liebendes Mädchen wird unbewußt kühner. — Daraus suchte sie ihn über die friedlichen Absichten ihres Vaters recht 161 ruhig zu machen, und stellte ihm seine Strenge, womit er sich und andere der Konvcnicnz unterwarf, als die Ursache seiner Verbote, so wie ihrer Zurückbernfung zum Vermählungsseste vor. Albano, so nahe am letzten Schwure, hielt ihn und sagte: sic hat Recht. Der Hauptmann trat mit der rothwangigcn Rabctte herein, in deren Angen die Freude blitzte. Das kleine Zimmer machte durch Enge und Verwirrung die Lust nicht kleiner. Karl, sonst so sehr dem Vcsuvc ähnlich, der in den ersten Morgenstunden noch beschneiet ist, stand schon mit einem warmen Gipfel da; er setzte sich ans Instrument und donnerte mit einem aufgcschlagencn Prcstissimo von Haydn — diesem rechten Stnndcnrnser jauchzender Stunden — in die laute Gegenwart, und spielte zur Verwunderung der Weiber das Schwerste so leicht vom Blatte, daß er mehr hinein- als herausspielte und Vieles (z. B. den Baß) immer selber setzte, indcß Albano mit fast komischer Treue in der Musik eben so sehr die Wahrheit wieder gab als in jeder Geschichte, die immer in Karls Munde wieder eine erlebte. Der Morgen legte allen Seelen die Flügel an, die der Mittag den Menschen immer bindet — daher die Aurora mit geflügelten Rossen fährt und der Tagsgott mit flügellosen. — „Aber wie sind „nun unsere sieben Freudcnstazioncn zu machen — (fragte „Karl) denn der Tag liegt wie ein Gartensaal mit lauter „Lnstgängen nach allen Seiten vor uns offen." — „Karl, ist „es denn nicht einerlei, wo ein Mensch liebt?" sagte Albano. — Seliger, dessen Herz nichts braucht als noch eines, aber keinen Park dazu, keine opern ssrin, keinen Mozart, keinen Raphael, keine Mondsinsterniß, nicht einmal einen Mondschein, nnd keinen vorgelesenen oder nachgespielten Roman! 3can WauNs ausgew. Werke. XI. H 162 „Zuerst muß ich meine Chariton scheu" — sagte Liane. — „Die kann uns ia (nahm ihr Bruder sogleich auf) unser „Essen in den gothischeu Tempel Nachträgen." — Er wollte an diesem holden Tage im 12tcn Jahrhundert essen, und bei einem bänglichen, bunten Scheibcnlicht und aus eckigem, schwerem, dickem Gcräth und gleichsam dunkel unter der Erde der oben grünenden Gegenwart mit blühenden Gesichtern sitzen; denn so übcrlud er die vollsten Genüsse noch mit äußern Kontrasten, und genoß jede frohe Gegenwart am meisten in der nahen Beleuchtung und Abspiegelung der geschliffnen Sichel, die sic abmähte*). „Gott bewahre und behüte, Freund!" sagte Ra- bette. Auch Albano fand die freundliche Griechin, ihre lachenden Kinder und die nahen Roscnfelder besser dazu; und siegte mit Lianen. Vor dem belaubten Hänschen liefen ihnen die Kinder entgegen, Helene mit dem Schürzchcn voll aufgc- lcscner Orangenblütcn, weil ihr das Brechen verboten war, und Pollux im letzten, leichten Verbände des gcbrochncn Arms, dessen Hand jetzt mit der Rechten am hohlen Zusammenhalten und Platzen der Roscnblättcr hatte arbeiten müssen. Beide berichteten ein: „die Mutter sei noch nicht fertig und habe sie zuerst ungezogen." — Aber schon nett und einfach wie zum Pricsterin-Tanze um den Altar froher Götter sprang Chari- *) „Ein solcher Charakter (schreibt Hafcnrcffcr dabei) wäre für „RomaneiuKotzcbne's erwünscht, weil diese, da er seiner Na- „tur nach immer den Werth der Situazion durch den zufälli- „gen Ort derselbe» schaffen und heben will, unter dem Dcck- „niantel seiner Persönlichkeit ganz der ihrigen fröhncn und die „Schwäche des Dichters in die Schwäche des Helden verkleiden „könnten." Mich dünkt, dieses ist, so viel ein Biograph von Romanlikern urtheilen kann, sehr treffend. 163 ton ihrer Liane entgegen und passctc die schnell angelegten Kleider nur noch durch ein leichtes Rücken und Zucken gar an. „Das ist (sagte Roguairol, nachdem er von Rabetten das nickende Ja sehr leicht dazu erhalten, weil sic seine französische Bitte um dasselbe nicht verstanden) meine Gemahlin seit Gestern —" und er genoß ohne Umstände das Du-Recht, das sie seit dem freundlichen Zuspruchc des Ministers mit jungfräulichen Ahnungen lieber annahm. Da Liane freundlich vier Gäste des Mittags bei Chariton anmeldetc, so standen in den schwarzen Augen der Griechin Freudcnblitzc und das kleine Gesicht mit italiänischeu, großen Augenbrauncubogen wurde ein feststehendes Lächeln, das nicht Küchenverlegcnhcit, sondern nur zungcnlose Freudigkeit war, welche ihren weißen Zahuhalbzirkcl noch weiter glänzen ließ, da Karl vollends sagte: „Du kannst ihr ja helfen, Frau!" „Das versteht sich!" sagte Rabette ganz entzückt, weil ihr Herz weiter keine andere Lippen hatte als ihre beiden Hände, für welche cs so viel war, als wenn sie von der geliebten gedrückt würden, wenn sic für sic harte Arbeit augrcisc» durften. Verwünschte sie nicht so oft ihre »»beredte, stockende Kehle, wenn Noquairol vor ihr seine feurigen Ströme brausen ließ? — Jetzt, da er wieder die Nähe mit künstlichen, schattirenden Scheidungen ausgcschmückt hatte, drang er freilich darauf, dass Chariton die cxpedireude Sekretärin bliebe und Rabette nur Unterzeichnete. Auch Liane wollte aus gleicher Weiblichkeit etwas für ihren Liebling schaffen; aber da sic als ein Mädchen von Stande nichts kochen konnte, sondern nur etwas backen, so wurd' ihr — aber ungern von ihrem Freunde, der die süße Gestalt nirgendwo gern sah als, wie andere Schmetterlinge, nur unter Blumen bei ihm — zugestanden, ganz. 164 spät und zehn Minuten lang mit dm Angen und in seltenen Fällen mit den drei Schreibfingcrn an den Schncebällcn mitzuarbeiten, welche das Dessert beschließen sollten. Einen breiter» Baldachin, oder einen schöner geschnitzten Zepter und Apfel hatte noch keine Küchen-Ballkönigin, oder- gar schönere cka>ne8 cl'ntour, als Ehariton; und Geichirr und Feuer wurden ganz dadurch pcrdunkelt. Nun gingen die glücklichen Paare — und die Kinder mit — hinaus in den freudigen Tag, in den jugendlichen Garten, um wie Wandelsterne mit ihren Monde» einander bald nahe, bald ferne, bald im Gegenschein, bald in der Zusammenkunft zu stehen ans der himmlischen Kreisbahn um dieselbe Sonne. „Wir wollen auf geradewohl (sagte Karl im Hasen) ausschiffcn und znseben, ob wir uns nicht treffen." — Albano ging mit Lianen den Kindern nach, die schon an den kleinen Häusern durch die Noscngänge hüpften, ans die Brücke über den singenden Wald. Wem das Herz so ruhig-selig schlägt, der sucht in der unsichtbaren Kirche keine sichtbare — der ganze Tempel der Natur ist der Tempel der Liebe, und überall stehen Altäre und Kanzeln. Ans dem glatt-niedergehenden Lebcnsstrome steht der Mensch ohne Ruder selig in seinem Kahn und regiert ihn nicht. Dann lenkten die Kinder, eingedenk der mütterlichen Ans- wandernngspcrbote, ans der Brückenhöhe rechts hinüber zu den westlichen Triumphbogen, und Helene lief blos als ziehende Führerin des Rekonvaleszenten mit seiner Hand recht unerwartet wild voraus. Albano folgte den kleinen Lootsmännchen und Leithündchen so gern. Himmel! wenn sie sich so ans Verherrlichen Höhe nmsahcn und in den reich ansgebreitcten Tag, und in ihre Augen daraus: wie wölbten sich die Bogen der 165 Lcbcnsbrücke so frei und weit, und die Schiffe flogen mit aufgeblasenen Segeln und stolzen Masten hindurch!— Nosen- bänme kletterten an den Triumphbogen herauf, die Kinder langten hinaus, knickten Rosen von ihrem Gipfel und trabten, den fremden Gehorsam verarbeitend und erprobend, über vier Thorc hinweg, um von dem fünften in den glatten, blanken See darunter zu schauen und in den „Zanbcrwald" hinabznstcigen, wo dic Kunst wie die Kinder spielte. Aus dem Eingänge des Waldes traten Karl und Nabelte heraus, um zu Chariton über die Bogen znrückzngchen, jener zum Flaschcnkellcr — er hatte etwas Leeres daraus in der Hand — diese ein wenig in die Küche. Er ging selig wie auf Flügeln und sagte: das Leben fährt heute ans dem Wagen- gestir» im Blauen dahin. Er kehrte aber um, um vor ihnen die Plejadcn anfgchen zu lasten, nämlich den sogenannten „verkehrten Regen", der blos fünf Minuten lang und eigentlich nur bei Jllnminazion steigt. Er führte Alle in den Wunderwald durch ein im Mittagsschlummcr liegendes Licht, das unter freien Bäumen glühte, deren weit auscinandcrstchcnde Stämme sich nur die langen Zweige boten. Auf dem Brennpunkt der malerischen Bahnen ließ er sie das Spiel des Regens erwarten. Dic Kinder sprangen mit ihren Hoffnungen nach und setzten sich, vom Mnthe der Erwachsenen gedeckt, mit diesen ans bezeichnctc Götter- oder Kindersitze, zwischen zwei kleinen runden Seen. Während Karl schnell im Zickzack, der hydraulischen und mechanischen Maschinerie wegen, hin- und hcrlicf— ohnge- sähr nach den Punkten des Irrgartens in Versailles — so konnten sic den überall ausgehenden Zanbcrwald durchfliegen — ein allmächtiger Arm der außen vorbeigchcndcn Rosana 166 griff unter die Blumen herein, und trug eure schwere, reiche Welt —' bald war das Wasser ein fester Spiegel, bald eine gcwundne, wcllcnschlagcnde Ader, bald eine Quelle, bald ein Blitz hinter Blumen, oder ein schwarzes Auge hinter Blatter- Schleiern — schmale Ufer, kurze Beete, Kindergärten, runde Inseln, kleine Hügel und Landzünglein wohnten dazwischen, sic hielten ihre bunten, blühenden Kinder auf dem Arm und Schooß, und die blauen Augen der Vergißmeinnicht und die rollen Tulpcnwangcn und die blaßwangigcn Lilien spielten wie Geschwister, von Fremden geschieden, beisammen, aber Rosen liefen durch alle. Jetzt hörten die Menschen murmeln und rauschen, die Seen neben ihnen walteten; an einem abgerundeten, auf eine Insel eingepfähltcn Maienbaum fingen oben die gelben Tannennadeln zu tropfen an — von den Hängebirken auf der Landzunge glitt ein innerer Regen nieder — aus den beiden Seen neben ihnen flogen Wasserstralcn wie fliegende Fische gen Himmel — Jetzt quoll cs überall, und Reihen von Quellen, diesen Wasser-Kindern, spielten mit den Blumenkindcrn — Wie Vögel flatterten Stralen mit breiten Flügeln aus den Lorbccrhcckcn und fielen in die Rosengruppen nieder — an einem Hügel voll Eichen kroch eine Wasser- schlangc hinauf >— kriegend schossen aus allen Ufer-Mündungen belagernde Bogen an die Gipfel —- Plötzlich fanden sich die überlisteten Zuschauer mit Regenbogen überwölbt, denn die Seen warfen ihre Wasser hoch über sic hinüber, daß durch das Tropscngegitter die wankende Sonne brannte wie durch eine zersplitterte Juwclcnwelt. — Die Kinder schrieen erschrocken — Die aufgcjagten Vögel kreuzten durch den Regen — Nacht- schmctterlinge wurden nicdergeworfcn — die Turteltauben schüttelten sich an die Erde gedrückt in den Güssen — Die 167 Ufer und die Beete hielten ihre blühenden Kleinen dem Himmel unter. — — Nach fünf Minuten war Alles vorbei und nur in allen Blumen und Augen zitterte der naffe Glanz und auf den Wellen die Sterne fort. Die Kinder liefen dem Wunderthäter Karl nach. „Vorbei draußen (sagte Albano), aber nicht in „uns. Ich bin hcnte recht still-froh, denn du liebst mich, „und auch die ganze Welt ist freundlich. — Bist du auch „glücklich, Liane?" — Sic antwortete: „noch froher, und ich „müßte vor Freude weinen, wenn ich cs sagte." — Aber sie weinte schon. „Sieh! die Tropfen!" sagte sic naiv, als erste anblickte, und nahm seine vom Regenbogen angcspritzte sanft von seinen Wangen weg. Tein Mund berührte ihr heiliges, zärtliches Auge, aber das andere stand offen und ihr Herz und ihre Liebe blickten ihn daraus an, und nie schwebte ihre heilige Seele ihm naher. Nach wenigen Minuten war auch dieser nach dem Himmel gekehrte Regen vorüber. Sic gingen mitten über den freien Garten den Morgen-Partien und Thoren zu. Wie lagen in der offnen Welt die Küsten der Zukunft so hell vor ihnen mit dickem, hohem Grün, und Nachtigallen flogen um die User! — Die Entzückung macht das männliche Herz weiblicher; die Stimme seiner vollen Brust redete nur leise zu Lianen, auf deren seitwärts und gen Himmel geneigtem Angesicht ein stilles, frommes Danken lag, sein feuriger Blick regte sich nur langsam und ruhte an der schönen Welt, und er ging ohne hastiges Uebcrschrcitcn um die kleinste Landspitze. Die junge Nachtigall wetzte den Ungefütterten Schnabel am Zweige und schüttelte sich lustig, die alte sang ein kurzes Wiegenlied und hüpfte mit Tönen nach neuer Kost — Und überall flogen und 168 schriccn die Kinder des Frühlings nnd ihre Eltern dnrchcin- nndcr — Kleine, weiße Pfauen liefen ungcpntzt wie kleine Kinder ini Grase — Selig floß der Schwan zwischen seinen Wellen mit dem weißen Bogen über den nntcrgetanchtcn Augen, nnd selig schwebte die glänzende Tonmückc wie ein fester Stern unocrrückt in den Lüften über einer fernen, blumigen Glocke. — Die Schmetterlinge, fliegende Blumen, und die Blumen, angckcttcte Schmetterlinge, suchten und überdeckten einander nnd legten ihre bunten Flügel an Flügel — Und die Bienen tauschten Blumen nur gegen Blüten, und die Rose, die keine Dornen für sic hat, nur gegen die Linde. „Liane, „(jagte Alban) wie lieb' ich heute durch dich die ganze Welt, „ich mochte den Blumen einen Kuß geben und in die vollen „Baume mich drücken; ich könnte nicht dem langen Käser da „unten in den Weg treten." „Sollte man (versetzte sic) je „anders fühlen? Wie kann ein Mensch, dacht' ich oft, der „eine Mutter hat und ihre Liebe kennt, das Herz einer Thier- „mntter so kränken und zerreißen? Aber wir vergeben den „Thicrcn, sagt Spencr, auch nicht einmal ihre Tugenden." — „Laß uns zu ihm" sagt' er. Sie kamen außerhalb der Morgcnthore an dem Bcrgweg hinter dem Flötenthal oben an dem mittagshellcn Häuschen des alten Spencrs an; aber da sie ihn laut lesen und beten hörten, gingen sic lieber in großer Ferne vorüber, um in seinen heiligen Himmel nicht einmal ihren Schatten zu werfen. Sic schanctcn ins schöne, stille Flötenthal nnd wollten eben hinein; endlich sprach cs zu ihnen mit Einer Flöte hinauf. Ihre Freunde schienen drunten zu sehn. Die Flöte klagte lange cinjam und verlassen fort, keine Schwestern und keine 169 Fontaincn rauschten darein. Endlich keuchte neben der Flöte eine scheue, zitternde Singstimme angestrengt daher. Es war hinter den langen Gesträuchen Rabette. Sie rührte beide in die tiefste Seele, weil die Arme mit dem Arbeiten ihrer nn- bchnlflichen Stimme dem Geliebten das demüthigc Opfer des Gehorsams brachte. „O, mein Albano, (sagte Liane sich entzückt an ihn schlingend) welche Süßigkeit, daß mein Bruder- glücklich ist und Seelenfrieden hat und durch deine Schwester!" — „Er verdient meinen (sagt' er bewegt), aber wir wollen sie beide nicht stören, sondernden alten Weg zurückgchcn!" Denn Rabcttcns Töne wurden oft zerschnitten, aber cs war ungewiß, ob von Furcht >— oder von Küssen -—> oder von Rührung. Als sic wieder durchs Morgenthor hcreintraten: kam die Sängerin und Karl ihnen aus der grünenden Pforte entgegen, beide verweint. Karl, gewaltsam über lebendige Beete tretend und mit irrenden Angcn, griff nach beider Hand mit seinen und sagte: „das ist doch einmal ein Tag auf der Re- gcnwclt, der nicht wie eine Nacht aussieht — Bruder, aber wenn man so innig selig ist und Sphären vernimmt, so sind's solche Töne, wie man einmal zum Zeichen hörte, daß vom Markus Antonius sein Schutzgott Herkules weiche." — So werden die Freuden, wie andere Edelsteine, mechanische Gifte, welche blos in der Ferne glänzen, aber berührt und verschlungen uns zerschneiden. Aber Albano versetzte lächelnd: „Da du dich jetzt fürchtest, Lieber, so hast du nichts zu fürchten; denn du bist nicht rein glücklich. Ich aber fürchte leider nichts." — „Bravo! (sagte Karl) Nun geht in eure Küche, Mädchen!" Er ging in den sogenannten „Tempel des Traums", drang aber bald in die verbotene Küche nach. 170 Albano besuchte Liancns Frühlingsstübcheu. Hier malt' er sich jeneu Glanz-Sonntag zurück, wo ihn Liane durch Lilar gcführct, und er ließ die Vergangenheit in die Gegenwart mildernd schimmern; aber diese übcrsiralte sie. Draußen im Garten standen und glänzten, so schien es ihm, die reinen Säulen seines Himmels, die Träger seines Tempel, die Bäume; und Alles was er hier neben sich sah, gehörte wieder zu seinem Glück, Liancns Bücher und Bilder und Blumen und jede kleine Zeichnung von ihrer zarten Hand. Endlich trat die Heilige der Rotunda selber — jungfräulich crröthcnd über diese Nähe und über sein Erröthen — herein, um ihn ins kühle Eßzimmer hinabznholcn. Es war klein und dämmernd, aber das Herz bedarf zu seinem Himmel nicht viel Platz und nicht viel Sterne daran, wenn nur der der Liebe aufgegangcn. Zn den Tischreden — wodurch erst ein Essen ein menschliches wird — und zu den Scherzen — den feinsten Zwischengcrichten, dem Streuzucker des Gesprächs — lieferten die Kinder das Ihrige, zumal da sie, unfähig, vom vcrbotncn Du zum Sic zu steigen, immer Du-Sie zugleich gebrauchten. Die hochrothc Chariton machte Auszüge aus Dians Briefen und ans ihrer Lcbensgeschichte und aus den Wuudzcttcln von Pollux Armbruch; sic suchte die Schueeballcn zu schätzen, hörte schalkhaft-gläubig auf den Hauptmann hin, der das scherzhafte Ehe-Dn gegen Nabctte zu fünf Akten verspann, und lächelte gern da, wo es verlangt wurde. Am meisten lief die Spielwellc aller Seelen, Karl, fröhlich um; dieser Jupiter, den immer die Finsternisse so vieler Trabanten umflogen, konnte einen großen, heitern Glanz zeigen, wenn er und man wollte. So oft Albano wie vorhin nicht in sein Trauerspiel ging, zog er den Vorhang eines Lustspiels auf. Der guten Rabctte war sein Anreden so viel wie sein Anschauen, obwol sie nur das Letztere erwicderte, um weder ins Du, noch Sic zu fallen. Albano, mit Ohren und Augen an Eine Seele geknüpft, konnte mit den Lippen nicht viel mehr Hervorbringen als ein seliges Lächeln; einen Hymnus hätte er leichter gemacht als ein Bonmot, ein Tischgebet leichter als eine Tischrede. Denn seine Liane war heute zu liebreich! So vergnügt und ermunternd schauete das süße Mädchen umher, mit so herzlichem Spiel die gesprächige, neckende Wirthin machend, daß ein Mann, der cS sah und an ihren festen Sterbeglaubcn dachte, von diesem Tanz um das Grab, mit Blumen aus dem Haupt, nur desto inniger gerühret wurde, wenn er auch merkte — oder vielmehr eben darum — daß sic hier mit dem Scherze selber Scherz treibe, blos um — nach ihrer neuen moralischen Traucrordnnng — ihrem Geliebten jede Scheide-Stunde zu versüßen, sowol die nächste als die letzte. Aber das war schwer zu merken, weil in weiblichen Seelen jedes Scheinen leicht Wahrheit wird, nicht nur das trübe, auch das frohe. Wie wurde ihr Freund und jeder gute Mensch so froh, weil die Heilige sich selber selig sprach! Und dann wurde wieder sie eS mehr. So schlägt, wie zwischen zwei Spiegeln, der Glanz der Wonne zwischen thcilnehmenden Herzen in wachsender Vervielfältigung hin und her und wird nnabsehlich. 72. Z y k c l. Die Stunde der Abfahrt rollte ans schnellem: Rädern heran, mehrere Sternbilder der Freude gingen unter, als heranfkamcn. So grünen die blühenden Weingärten des Le- 172 bcns immer an einem bergigen Hinauf und Hinab, nie in einer ruhigen Ebene. Die zwei Liebenden brauchten fetzt Stille, keine Gänge. Sic machten den nächsten, den ins Donner-' Häuschen. Sic traten in die wehende Vesper-Erde wie in ein neues Land; mitten im Tage wird der Mensch aus Einem Traum nach dem andern wach und hat immer vergessen und steht immer vcrneuet. In Albano stand der goldnc Saitenglanz der Freude noch unter der wcgrückcndcn Sonne; er sagte ihr froh, wie oft er sic besuchen wurde bei ihren Eltern, und wie er diese gewiß befreundet zu finden hoffte. Liane malte alle seine Hoffnungen noch als Tochter und Liebende mit ihren aus. Aber jetzt ließ sie ihr vorhin leichtes Herz, das ans den Blumen des Scherzes sich wiegte, auf dem scstcrn Ernst ausruhcn. Wenn im Menschen Friede und Fülle ist, so will er nichts mehr genießen als sich, jede Bewegung, sogar die körperliche, verschüttet den vollen Ncktarkelch. — Sic eilten aus dem kauten, regen Garten ins stille, dunkle Douncrhäuschcn. Aber da sic, wie geschieden von der Welt, die um die Fenster hellglänzend und sich entfernend hinauslag, in der kleinen Dämmerung einsam nebeneinander standen und sich ansahcn — und da Albano's Seele war wie ein sonncntrnnkcncs Gebirge am Abend, licht, warm, fest und schön, und Linnens Seele wie die aufdringcndc Quelle am Gebirge, die hcllrein und kühl und verborgen dahin rinnt, und nur vom Abendstral berührt roscnroth glüht — und da diese einzigen Seelen gerade sich fanden in der weiten uneinigen Erde: so durchschaucrte sie eine gewaltsame Freude wie ein Gebet, und sie stürzten sich ans Herz und glühten weinend und schauctcn sich groß an in der Umarmung; — und an der Acolsharfe thaten sich schnell 173 die Flügelthüren eines begeisterten Konzertsaalcs auf, nnd heransschlagende Harmonien wehten vorbei und schnell gingen die Pforten wieder zn. Sic setzten sich ans luftige Morgcnfenster, vor welchem die Blnmenbühlcr Berge nnd Lilars Hügel nnd Pfade im Sonncnglanze lagen. Um sic war der Abcndschattcn und Alles still und die Acthcrharfe athmete leise. Sie sahen sich nur an nnd freucten sich ins Innerste hinein, daß sie einander liebten nnd bewahrten. Wie entronnen blickten sie, von dieser Burg beschirmt, hinab in die rauschende, bewegliche Welt; unten blies der Wind die Mohn- und Tnlpcn-Lohe breiter nnd in die schwere gelbe Ernte— Die Silberpappeln, ewigen Mai-Schnee tragend, flatterten mit aufgewühltem Glanz — ein Taubcnflug rauschte cintanchend ins Blau hinein — und drüben standen unter fliegenden Wolken die runden Tempel Gottes, die Berge, nebeneinander in Reihen nnd trugen bald Nächte bald Tage — nnd der fromme Vater stand allein auf seiner Höhe nnd reichte seinem Rehe weiche Aeste. „So bleiben wir!" sagte Albano nnd drückte ihre liebe Hand mit seinen beiden an sein Herz. „Hier nnd dort! (sagte „sie) — Albano, wie oft Hab' ich gewünscht, du wärest zugleich meine Freundin, damit ich mit dir von dir reden „könnte. Wer weiß es ans der Erde, wie ich dich achte, als „ich allein?" — „Hier nnd dort? — Liane, ich bin glücklicher als du, denn ich allein glaube an unser langes Leben „hier" sagte er ans einmal verändert. Welche Ursache cs nun sei — entweder die, daß der Mensch gar nicht gewohnt ist, in einer von aller Zukunft und Vergangenheit abgelösctcn reinen Gegenwart glücklich zu seyn, weil sein innerer Himmel wie der Physische immer gerade und 174 nahe über ihm finster-blau aussieht, und erst nm den fernen Horizont herum glänzend — oder daß cs ein so zartes überirdisches Glück gibt, was wie der Mondschein von seder Wolke zu dunkel wird, indeß rohes wie das Tageslicht die breiteste vertragt — oder daß Albano zu sehr den Männern glich, die immer in der Freude ihre Kräfte so stark fühlen, daß sic lieber den Göttcrtisch umstoßen als ein Gericht und Himmcls- brod weniger darauf sehen wollen, lieber ganz unglücklich seyn als nicht ganz glücklich: —- genug er konnte und wollte der Furcht und dem Verhüllen Nichts mehr schuldig seyn. Daher als Liane ihn statt zu beantworten nur umarmte und schwieg, weil sie den ganzen Tag ihrem Versprechen treu bleiben wollte, die Fcsttapctcn schöner Tage mit keinem Tranertnchc auszuschlagen: so sagte er, wie von einem fremden Geiste fortgestoßen, geradezu: „Du beantwortest Nichts? „— Nur Freuden, nicht Leiden, soll ich thcilen? — Du hast „deinen Schleier nicht? — Mich willst du schonen wie einen „Schwachen? Und dich allein druckt dein Todes-Glanbc fort? „— Liane, ich will auch Schmerzen haben und alle deine, „sag' Alles!" — „Wahrlich, nur mein Versprechen wollt' ich halten (sagte „sie) und mehr nicht. Aber was soll ich denn zu dir sagen, „Lieber?" „Du stirbst also gewiß nach einem Jahre, glaubst du, „Abergläubige? — Himmlische!" sagte er. „Wofern cs Gottes Wille so ist, gewiß! (sagte sic) O „mein guter Albano, was kann ich denn für meinen Glauben, „der dich auch so schmerzt?" Und hier konnte sie ihre Thrä- nen nicht mehr hindern, und alle Kruzifire der Erinnerung regten sich in der ichöncu Seele lebendig und bluteten heftig. 175 „Gottes Wille? (fragt' er) — Eben so gut könnt' er jetzt „einen Winter wie einen Eisberg in diesen frohen Sonuncr „stürzen-Gott?" wiederholt'er, sah auf, kniete hin und betete: „o, du allliebender Gott ..." „Und du stirbst mir nicht!" kehrt' er sich wie zornig gegen sie, zum Weitcrbcten unfähig vor dem Geschrei seines Herzens, und mit beiden Händen hastig über sein nasses Gesicht wegstreifcnd — Nun betete er sanftcr-zittcrnd fort: „Nein, „du Allliebcndcr! Tödtc nicht dieses schöne, junge Leben! Lass' „uns beisammen, lang' und fromm!" Sie kniete unwillkürlich neben ihn — heute matter von Freuden und unbekannten innern Siegen, sogar vom langen Gehen — desto heftiger angefallcn von einer rührenden Wirklichkeit, da sie von rührenden Phantasien verwöhnt und erweicht war — und unsäglich leidend bei Albano's Schmerz — — sic konnte nicht reden — wie unter einer schnell aufgeworfnen Last bückte sich ihr Haupt und Hals — und so blickte sie wie vom ganzen Leben schwer nmwölkt ans den Boden hin — der umfangende Todcsflnß rauschte mit Einem Arm um sie — da sah sie, ohne aufzublickcn, irgendwo ihre Karoline im Brautkleide und mit dem weißen, gold-punktirtcn Schleier ziehen, der sich lang über das Leben wcgschleppte, und sie sah es deutlich, wie die Gestalt, da Albano um ihr Leben bat, langsam hin und her schüttelte. „Hör' aus zu beten! (ries sie trostlos) Du harte Erscheinung, erhöre aber mich und mache nur Ihn glücklich!" betete sic, aber sie sah Nichts mehr; und sie verbarg das von Qualen durchzogne Gesicht mit unaussprechlicher Liebe an seiner Brust. Hier rief ihr Bruder herauf, der Wagen sei da. Sie 176 -warf ein schnelles, dünnes Ja hinab. „Trennen wir uns?" fragte Albano; der Fcuerregcn der Entzückung war nun als ein finsterer Aschenregen in seine offne Seele zurückgcfallen —- und darum fuhr er ohne alle Schranken seines Schmerzes fort: „so haben wir uns zum letztenmal gesehen?" und unter dem geschloffenen Angenlicdc weinte sein gutes Auge. „Nein, bei dem Allgütigen nein!" sagte sie und stand ans um zu gehen. „Bleibe!" sagt' er, und sie blieb und umarmte ihn wieder. „Aber begleite mich nicht!" bat sie. „Nicht!" lagt' er und hielt die Wegzichcnde lang' an den Fingerspitzen; es schmerzte ihn so sehr, da er die aus diese stille Gestalt getriebnen Leiden ansah, daß diese weißen Schwingen der Unschuld sich an seinen Klippen und Bcrghörncrn voll Blut geschlagen. Er zog sie wieder an sich, eh' er sic und sein Heil entließ. Er sah ihr nach, wie sie langsam an dem sonnigen Berg, unter den Zweigen sich trocknend, hinunterschlich und gesenkt lauter heitere, blühende Wege des Vormittags ging. Er schauete aber nicht nach, da ihr Wagen über den fröhlichen Wald wegrollte; er stand am Morgcnscnstcr und sah seine Kindheits-Berge zittern, weil er seine Augen zu trocknen vergaß. Sechzehnte Jobelperiode. Die Leiden einer Tochter. 73. Z y k e l. 28olken wie die letzten bestanden für Albano weniger aus niedcrfallendcn Tropfen als aus niedcrsinkendem Staub. Sein Leben war noch ein Treibhaus und stand daher nach der Sonnenseite. Jeder Tag brachte eine neue Schutzschrist für die ferne schöne Seele, bis sic am Ende gar keine mehr brauchte. Aber jedem Tage gab er auch einen Ablaßbrief ihres Schweigens mit; später wurden Anstandsbriefe (Moratorien) daraus; endlich als sic immer gar Nichts von sich hören und lesen ließ: so fing er an, in den obigen Schutzschristen wieder nachzusehcn und Manches darin auszustreichcn. Eben so wenig fand er für sich oder für ein Blatt eine Treppe zu ihr. Sogar der Hauptmann war seit einigen Tagen nach Haarhaar verreiset. Mit müden Händen hielt er den schweren, ausgctrnnknen Freudenbecher, der leer am schwersten wiegt. — Die wilden Hypothesen, welche der Mensch in einem solchen Falle durch sich traben lässet — wie in diesem, z. B. die von Lianens Krankheit, Erkältung, Gefängniß, Abreise —- sind in ihrem Wechsel und Werthe mit Nichts zu vergleichen als mit der eben so großen Wildheit und Zahl der Plane, die Jean Paul's auSgew. Werke. X!. 12 178 er anwirbt und abdankt, z. B. dcn der Entführung, des Hasses, der Duelle, der Verzweiflung. Die harte, feststehende Zeit hatte keinen Zeiger auf ihrem Ziffcrblatte. Er stand seinem Schicksal so nahe wie der Mensch seinen Träumen; ohne daß er beider Gestalt erkennen oder vor- bcreiten kann. Er ging oft in die Stadt, deren sämmtliche Gassen durchritten, durchlaufen und durchfahren wurden, weil man die Balken zum herrlichsten Throngerüstc Zusammentragen und nageln wollte, aus welchen sich die fürstliche Braut bei ihrem Eintrittskomplimcnte im Lande am weitesten umsehcn konnte; aber er hörte nichts darin von der scinigen, als daß sic öfters mit dem Minister die Bildcrgallcric besuche. Dadurch schienen zwei ängstlichen Hypothesen, die ihrer Krankheit und ihres Hauskriegs, die Stacheln anszufallcn. Das Beste, obwol Schwerste, war, geradezu dcn Minister wie dcn Vesuv zu besuche», um da die schönste Aussicht zu haben. Er besuchte dcn Vcsnvius. In der That war dieser Vulkan nie stiller und grüner; er fragte nach Allem und ließ sich über Vieles heraus, was das Vcrmählungssest unmittelbar anging; auch sucht' er seine Hoffnungen und Wünsche nicht zu verbergen, daß der Graf die bewundernswürdige Braut bewillkom- men helfen werde. Am Ende mußte dieser auch die seinigen über die Weiber zu eröffnen wagen. Der Minister versetzte ungemein heiter, daß beide das „brave Fräulein von Wehrfritz" eben nach Blumcnbühl zurückbrächtcn; und ließ sich sofort aufs Lob dieser „unverdorbnen Natur" ein. Albano ging bald, aber viel froher. Ans seinem Wege brannten doch einige Gassen- latcrncn. Aber am Morgen gericth er in ein Winkclgäßchcn, wo 179 keine einzige war; nämlich Rabcttc, das Rcnnthicrchen, kam nach Lilar gelaufen, wie gestern nach Pestitz — denn was ist für ein Landfräulein ein Mcilcnlanf anders als eine gerade Allemande? — und schüttete und schüttelte vor ihm ihr Herz bis auf die Hcrzohrcn aus, woraus nichts hcrausficl als frohe Bilder, einige Himmel, ein vollständiger Hochzeittag, ein Paar- Schwiegereltern und eine Hauptmännin. „Die Ministers waren „gegen mich so höflich gewesen, aber — nachher noch mehr „gegen meine Eltern die Mutter — und sie haben den Haupt- „mann so sehr genannt und gelobt — kurz, sie wissen freilich „Alles, mein herrlicher, hcrzlicber Bruder!" sagte sic, — aber von Lianen wußte sie dem herrlichen Bruder Nichts zu bringen, außer ihren Gesundheitspaß; ihr freudiges Auge hatte sich nach gar keiner dunkeln Gegend gewandt. „Wir waren keine Minute allein, das macht's," setzte sie dazu und kam wieder auf ihren Hauptmann, den der Minister als Marsch- kommissarius der einrückcndcn Fürstin auf die Haarhaarer Straße versendet habe, doch verwies sic ihn auf die Jllumi- nazions - Nacht in Lilar, wo sie und Liane und beiderseitige Eltern dabei zu sehn ausgemacht hätten. Du gutes Geschöpf! wer gönnt dir nicht den blitzenden Ring der Freude, den du an deiner braun und hart gesottenen Hand ansichst, und wer wünschet nicht gern, daß seine Steine nie aussallcn? — Bald darauf flog dem Verlassenen der Bruder der vergangnen Feste an das Herz, Karl. Er wiederholte beinahe Räbettcns Anssagen, obwol nicht ihre Entzückung; er sagte — aber ohne sonderliche Rührung — daß der Vater wirklich ihm den Bruderkuß mit einer Kußhand durch mehrere Zimmer zuwerfe, ihn ganz besonders aus- und anzcichne und zu Geschäften freundlich verbrauche — und das Alles blos, seitdem 12 * 180 er hinter die Liebe gegen Rabette nnd das stille Zunickcn der Eltern gekommen sei; denn vom Herzen zwar sei bei dem Vater die Nede nicht, aber doch von Rabettens Wciberlchn, zumal da man ihm bei der romantischen Wechselreiterei seines Herzens nicht tränen könne, ob er nicht sonst einmal die Aermste bringe. Mit einer seufzenden Brust, die gern mehr einer erwartenden mitgcbracht hätte, erzählte Karl blos, daß er Lianen gesund nnd still, aber keine Minute allein gefunden. Die Zu- sammcnhaltnng der fremden Dürftigkeit mit dem eignen offnen, reichen Glück war — so glaubte Albano — die schöne, zarte Ursache, warum Karl mit so flüchtiger, kühler Freude über die elterliche Einsegnung seines Seclenbundes weglies. O, wie liebt' er ihn jetzt! Könnt' er ihn je mehr lieben, so thät' er's, wenn Liane gar seinem Glück verloren wäre, blos um sich und ihm zu zeigen, das, die heilige Freundschaft kein drittes Herz begehre, um ein zweites zu lieben. Dieses Gewölke des Schweigens legte sich nun wochenlang und immer finstrer um seine schönsten Höhen fest, und der Schuldlose ging unter dem Dunkel im Kreise von Widersprüchen umher. Wie mußte dieser Jüngling sich abarbeiten, wenn er bald dachte, daß die Eltern wol gar eine Verwandtschaft mit ihm ausschlagcn, da er doch mehr ihre vergessen als vergelten zu müssen glaubte, nnd daß sie zwei Herzen der politischen Herzlosigkeit opfern könnten — oder wenn er auf die fromme Liane den Verdacht des Weicheus vor elterlichen Angriffen fallen ließ, der noch aus der Vergangenheit Zufuhr durch die Vcrmuthung erhielt, daß sie ihn wol mehr poetisch und fromm und mehr mit Flügeln umhalset als mit Armen, und daß sie überhaupt, an so lange Ergebungen gewöhnt, Opfer 181 und Neigungen kaum absondcrn und jene für diese halten könne — oder wenn er bald und am öftersten alle diese Waffcnspitzcn gegen seine eigne Brust kehrte und fich fragte, warum er in der Freundschaft ein so festes Vertrauen habe und in der Liebe ein so wankendes! Dann führte ihn dieser Vorwurf zu einem zweiten über jeden vorigen, den er der guten Seele gemacht, blos um sie nach der Proselytenmachern und Ncsormirsucht, welche die Männer mehr an ihren Weibern als Freunden üben, für seine eigne Güßform einznschmclzcn. Letzteres könnt' er rügen; wie Holberg bemerkt, daß die Männer Landgüter nicht so gut erhalten als die Weiber, weil jene mehr als diese sie rcformircn wollen: ans demselben Grunde verderben die Liebhaber auch die Weiber mehr als diese jene. Um nur aus dem langsamen Gerichtshof der Zukunft schneller sein Blutnrthcil zu holen oder ein schöneres Blatt, ging er wieder ins ministerielle Haus. Er wurde vom Minister wieder lächelnd und von der Mutter ernst empfangen und — auf seine Frage — war Liane nicht wohl auf. — Er legte dem alten, sich jetzt wärmer andrängendcn Schoppe, der seit einiger Zeit neben dem Skalpell des Doktors weiter kein Herz stndirte, als was auszuspritzen und zu präparircn war, eine kurze Frage über des Doktors Besuche beim Minister vor; wie erstaunt' er, da er vernahm, daß Niemand weiter ans dem Hanse welche in jenem mache, da Liane ganz blühend in alle Zirkel fahre, als blos der Lektor häufigere! Er begriff wol, daß nur die Mcdusenköpse der Eltern das weichste Herz gegen ihn versteinern könnten; aber eben das fand er nicht recht, er forderte keck, daß er von ihr mehr als Dessen moralische Abhandlungen II. 86. 182 die Elter» geliebt werde; „nicht aus Egoismus (sagt' er zu sich), nicht meinet- sondern ihrentwcgen". Der Liebende will eine große, unbeschreibliche Liebe — von der er sich immer nur als den zufälligen und uuwerthcn Gegenstand glaubt —- blos um selber die höchste zu geben. Sogar der schweigende Lektor, der sonst alle neu ausgehende Lichter hinter Licht- nnd Ofenschirme stellte, thciltc ungebeten dem Grafen die Neuigkeit zu, Liane werde bei Verkommenden Fürstin — etwas, Gesellschaftsdame. Sein alter- eifersüchtiger Argwohn über Augnsti's Wünsche oder Verhältnisse erlaubte ihm keine Antwort daraus. Jetzt ermannte sich sein Geist und er schrieb gerade zu an die Seele, die ihm gehörte; nnd schickte dem Bruder das Blatt zur Ucbcrgabc. — Dieser kam den Tag darauf; schien ihm aber noch keine Antwort zu haben, weil er sic sonst mit dem ersten Gruß gegeben hätte. Karl führte ihn an den Haar- haarer Hof, wo er neulich gewesen — sagte, jeder Nerve da hätte Steifstiefeln an und jedes Herz einen Ncisrock — kam weiter preisend auf die jüngste, aber angefeindetste Prinzessin, Jdoine — erklärte, sie besitze nach allen Vorzügen, z. B. der Heiligkeit, der Güte, des entschiedenen Charakters, der sich sogar aus dem Throne sein eignes Loos nnd Leben aus- lucht, ferner der Liebenswürdigkeit, da sogar die Niemand liebende Fürstin-Brant an ihrem Herzen hänge, noch den Vorzug der täuschenden Achnlichkcit mit Lianen. „Hat diese nun mein Blatt?" fragte Albano. Karl händigt' cs ihm wieder ein: „Bei Gott! (sagt' er feurig nnd doch „doppelsinnig) ich könnt' cs ihr jetzt nicht bcibringen — Aber, „Bruder, kannst du nur eine Minute lang glauben, sic bleibe „nicht ewig die Dcinigste?" —> „Ich glaube gar nichts (sagte 183 „Albano beleidigt und zerriß sein Blatt in Blättchen von der „Größe der Buchstaben daraus). Wollen nur wir (fuhr er „mit gerührter Stimme fort) — bleiben, wie wir sind, fest „wie Eisen und biegsam wie Eisen ans Glut." Der gerührte Freund suchte folgenden Trost hervor: „Erwarte doch nur den „Jlluminazions-Abend *) — da spricht sie mit dir — sie muß „durchaus erscheinen, und du sollst dich wundern, in welcher „Rolle und für wen." Er nickte stumm; er setzte sich ihre Rolle leicht ans ihrer Aehnlichkcit mit Jdoine und aus ihrem angeblichen Hofamte zusammen; aber was hals es seinem Glück? Mit der Umkehr seines Blättchens, das er wider seinen Ehrgeiz abgcschickt, kam dieser verstärkt zurück. Nun war auf Albano's blutende Lippe ein heißes Siegel gedrückt; er hatte nun nichts für und vor sich als die Zeit, die setzt sein Gift wurde, und erst später, wie er hoffte, seine Arzenei. Uebcr sein ansgerufcnes Ehrgefühl wurde überhaupt Nichts Herr; erkennte hinansschcn zu einer Richtstätte, ans der Blut aufsprang, aber konnte nicht an einen Pranger schauen, wo unter giftschwerer, tödtcndcr Pein eigner und fremder Verachtung ein nicderblickcndes verworrenes Gesicht auf die sündige Brust hing. Karl näherte sich zuweilen mit einigen Lichtern dem langen, nächtlichen Näthsel; aber Albano, so sehr er sic wünschte, machte ihn irre durch Entgcgentrctcn und suchte ihn nicht einmal anzuhörcn, geschweige auszufragen. So lag er auf harten, jugendlichen, stachlichten Rosen — knospen, die eine einzige Stunde zu weichen Rosen aufschlicßen kann. Siege geben .») Bei der fürstlichen Bermählung. 184 Siege — — wie Niederlagen Niederlagen; er fand jetzt gegen die Empfindungen, die ihn belagerten, wenn nicht einen Entsatz, doch eine ans die Ewigkeit vcrproviantirtc Bcrgfcstnng in einer >— Sternwarte. Mit ganzer, fest znsammcngefafitcr Seele warf er sich ans die theoretische Stcrncnkunde, nm nicht den Tag, nnd ans die thätige, nm nicht die Nacht zn sehen. Die Sternwarte stand zwar auf einem Zwischenbcrge zwischen der Stadt nnd Blumcnbnhl nnd deckte beide auf; aber er schickte seine Augen mir ans Sternbilder, nicht auf jene rosenrotsten Stellen der Erde aus, wo sic jetzt ans den kalten Blumenkelchen nur Wasser statt Honig hätten saugen können. So ging er unter den Fest-Znrnstungen in Lilar dem langsamen Abend, wo ihn die Gegenwart der schönsten Seele entweder segnen oder zerstören sollte, bewahrt entgegen, vergeblich von Zeit zn Zeit zum fernen Telegraphen seines Schicksals ausblickend, der sich immer bewegte, ungewiß ob friedlich oder kriegerisch. 74. Z y k e l. Die Siegel von den inrotnlirten Akten der bisherigen Geschichte zur Einsicht abnchmcn — oder die blinden Fenster derselben ab- nnd die wahren aufrcißcn — oder so viele bedeckte Wege und Wagen anfdccken — oder endlich die ganze Sache-das sind lauter Metaphern — und die unähnlichsten dazu — welche zu Nichts dienen können, als die lang' erwartete Auflistung, welche sie beschreiben wollen, nur noch länger und verdrießlicher anfzuhaltcn; vielmehr, glaub'ich, wird besser der ganze Kriegs- nnd Friedcnsctat im ministeriellen Pallaste sogleich frei entblößet wie folgt: Herr von Froulah war, wie schon gedacht, mit einem 185 llells-viiö im Gesicht und mit einem mion-plaisir im Herzen (falls diese Wendungen nicht mehr gesucht als ausgesucht scheinen) von Haarhaar nach Hause gekommen. Er sagte seiner Frau offen, was ihn bisher so lange ausgchaltcn und bezaubert — die künftige Fürstin, die für ihn mehr als gewöhnliche Neigung gefastet habe. Er warf ein volles, prahlendes Licht auf ihren bereicherten Verstand — weiter lobt' er an Frauen Nichts*) — so wie einen schwachen Streifschatten auf der Scinigcn ihren; und schätzte sich glücklich mit der Eroberung einer Person, deren feine, fortgesetzte Koketterie (sagt' er) er seines Orts als Muster empfehlen könne, und deren Neigung er, das verhehl' er gar nicht, auf halbem Weg erwicdcre, aber nur auf halbem, da der Herzog von Lauzün**) so wahr behaupte: um die Liebe von Prinzessinnen zu behalten, so halte man sie nur recht hart und kurz. Im alten Manne schießet sonach, wie wir sehen, ganz spät — nicht ungleich den frischem Zähnen — die oft Greise erst als Neunziger trieben — ein Licbhabcrhcrz unter dem Stern an; allein es ist mehr zu wünschen als zu hoffen, er werde dabei sonderlich den Lächerlichen spielen. Denn da er die ganze Woche das Steuerruder des Staats entweder aus der Ruderbank, um cs zu bewegen, oder auf der Schnitzbank hält, um cs für den Fürsten fein und leicht zuzuschnitzcn: so ist er Sonnabends so müde, daß ihn kein Virgil und kein Gewitter bereden könnte — und hätt' er nicht mehr Schritte dahin als Virgils Hexameter Füße oder *) Bei den Aegpptern waren die Zanbercr nur Gelehrte; bei ihm die Gelehrten Zauberinnen. **) Nsmoires sscrets mir Iss rö^ires äs l,ouis XIV. etc. xmr Vnclos. V. I. 186 Moses Gebote — eine Dido aus dem Sturm' iu die nächste Höhle zu begleiten. Er thut's nicht. Eben so frei wie von sinnlicher Liebe bleibt er von sentimentalischcr und weinerlicher, zumal da er besorgt, daß diese ihn am Ende in jene verflechte, weil sie wie ein Mollton eine ganz andere Tonleiter hat rückwärts als hinanfwärtssteigend. Das Ironische und Stachlige am Mann machte ihm wie andern Wcltlcuten jede Vermählung — auch die der Seelen — am Ende so sauer als den Igeln die Stacheln die ihrige. Er hebt also in Zukunft für die Fürstin nur eine kalte, politische, kokette, höfliche Liebe auf, wie sie wol selber hat und wie er braucht, um weniger sie als von ihr zu erobern, und zuerst den ganzen Fürsten. Ich verspreche mir Welt-Leser, die hoffentlich keine Beleidigung für diesen in Froulay's Neigung für jene finden; denn sobald nur einmal der Hofprediger die kopulireude Hand auf die Fürstin gelegt, so hat dieser Haushofmeister gleichsam den Schnitt*) in die Pfauhenne gcthan, und fle kann dann unangerührt abgehoben und an andern Orten verspeiset werden. Ich habe im zweiten Bande schon die Besorgniß der Ministerin mitgetbeilt, daß der Minister, wenn er (in diesem) wiederkäme und Liane nicht zu Hause fände, keifen würde; aber wider Erwarten genehmigte er; ihr Gebrauch des Dorf- lnft-Bads schlug recht in seine Absicht ein, sie ins Dampfbad der Hofluft zu treiben. Er sagte der Mutter, es sei ihm nicht mißfällig, daß sic sich jetzt gar aushcile, da die neue Fürstin *) Bekanntlich wird ein Schnitt in einen ganzgcblicbnen Vogel -c. zum Zeichen gemacht, daß er auf der fürstlichen Tafel gewesen, damit er nicht wieder aufgesetzt werde, sondern sonst genossen. 187 sie zu ihrer Gesellschaftsdame erlesen werde aus sein Wort. Er konnte nicht drei Minuten einen Zepter oder ein Zepterlein neben sich liegen sehen, ohne dessen Polarität für sich zu Prokuren, und damit etwas entweder zn ziehen oder zn stoßen. Wie der berühmte Gottcsgclchrtc Spener — ein Vorfahr des nnsrigen — so schön täglich zu Gott dreimal für seine Freunde bat: so findet man mit ähnlicher Frcnde, daß der Hofmann bei seinem Gotte, dem Fürsten, täglich ein wenig für seine Freunde bittet und etwas haben will. Die Ministerin, gegen seine wechselnden Plane nie im Entwerfen, sondern erst im Ausfuhren kriegend, vertrug sich mit seinem neuesten leicht, weil er wenigstens mit dem alten der Bonverotischcn Verlobung eher in keiner helfenden Gemeinschaft zn stehen schien. — Eines Abends landete leider der fatale, ängstliche Lektor — der das kleinste Visitcnblatt an eine Fuldaischc Geschichtskarte anklcbtc — vor ihr mit seinem Postschiff an, und stieg mit den Staats- und Rcichsanzcigcn von ihren beiden Kindern unter beiden Armen — unter jedem hatt' er eines — ans Land; und doch warum fahr' ich über den Mann her? Konnte ein Doppelroman, zumal im Freien gespielt, verborgner bleiben als sonst ein einfacher? — Ihr Erstaunen kann nur mit dem größeren ihres Gemahls verglichen werden, der zufällig im dritten Zimmer sein blechernes Ohr — von Schropp ans Magdeburg — um auf die Bedienten zu horchen, eingeschranbt hatte, und der jetzt Manches vernahm. Doch hatte das Doppel-Ohr von Augusti's leisen Hoflippcn nur einzelne, lange, eigne Namen, wie Ro- quairol und Zcsara mit den weiten Maschen seines Nachtgarns anfgefischt. Kaum war der leise Lektor hinaus, so trat er mit dem Ohr in der Hand froh ins Zimmer herein nnd forderte ihr einen Bericht von den Berichten ab. Er hielt cs unter seiner Würde, je seinen Argwohn — der sich auch in der freundlichsten nnd frohesten Laune seine Argus-Ohren und Augen nicht znmachcn ließ — oder sein Horchen nur mit einer Sylbc oder Schamröthc zu verkleistern oder zu decken; die schönen Lilien der ungefärbtesten Unverschämtheit waren ihm nicht anf- gcmalt, sondern eingebrannt. Die Ministerin ergriff sogleich die weibliche Partei, die Wahrheit zu sagen — zur Halste; nämlich die angenehme von Roquairols gut ausgcnommcncn Annäherungen zum Wchrsritzischcn Hause, dessen Landgut und Landschastsdircktorat recht unpassend dem Schwiegervater angegossen waren. Jndcß hatte dieser in der Gattin Antlitz den Trauerrand um dieses frohe Notifikazionsschrcibcn viel zu klar nnd breit gesehen, um nicht nach dem vertonenden Wort Ze- sara, das sein zarthöriger Blech-Sucher auch mit anfgcfassct, obwol vergeblich zu erkundigen; denn die Mutter hatte ihre srommc Tochter zu lieb, um ihr diesen Wols in ihr Eden nachznhctzcn; sie hoffte sic daraus auf eine sanftere Art durch Gottesstimme und Engel zu bringen; und umging seine Frage. Aber der Wols rannte nun ans seiner Fährte weiter; er bekam Darmgicht — so wurde dem Doktor Sphex gesagt — forderte von diesem schnelle Hülfe nnd auch einige Nachrichten von seinem Miethsmann, dem Grafen. Herr und Madame Sphex waren ohnedieß dem aufgeblasenen Jüngling so gram; — durch ihre ausgcschickten vier Kinder, als enknim i-c-i-clus in jedem Sinn, als vier Gehörknochcn jeder Stadt-Sage war viel von Blumcnbühl nnd Lilar ans Avisjachtcn hcimzubrin- lM--Kurz, die Gehörknochcn griffen in fremde so gut 189 ein, daß Fronlay in einigen Tagen im Stande war, mit seiner Lilicnstirn bei der Griechin nach einem Briefe an seinen Sohn zu fragen, den er mitnchmen wolle. Er fand einen, den er recht freudig erbrach, ohne doch etwas von Albano's oder Linnens Hand darin zu finden, ausgenommen einige dumme Anspielungen Rabcttens ans jenes Paar, welche für den Minister so viel waren, als hätt' er mit seinen scharfen Mauthncrs Snchnadcln in Linnens Herz gebohrt und darin auf das konterbandc getroffen. Ohne langes, knechtisches Kopircn des vorigen Siegels setzte er das zweite auf den Brief und ging erleuchtet davon. Wir können ihm alle Nachfolgen, wenn wir uns nur wenige Minuten zu seiner Rechtfertigung aufgehalten haben bei meinem Schutz- und Stichblatt für das zweite Briefsicgel in Staats fachen. Ob dem alten Froulay das Epaminatorinm fremder Briefe als Minister oder als Vater zustehc — wiewol dieser jenen, der Landcsvater jeden andern Vater und seinen eignen dazu vorauSfctzt — das will ich nicht entscheiden, außer durch die eben hergcsetztc Parenthese. Der Staat, der die Postpferdc vor die Briese spannt, hat, scheint cs, das Siecht, diesen nicht sowol blinden als blind machenden Passagieren genauer unter das geschlossene Siegel-Visier zu sehen, um zu wissen, ob er nicht seinen Feinden Pferde vorlege. Der Staat, ein immer ziehender Lichtmagnet, will ja nur Licht in der Sache, und besonders Licht über alles Licht überhaupt; er verlangt nur die Wahrheit ganz nackt, ohne Couvert; Alles was durch seine Thore reitet und fährt, soll nur, sei es auch in ein Couvert 190 gekleidet, den rothcn Mund anfmachen und sagen, was für Name und für Geschäfte. — Da der gemeine Soldat seine Briese vorher seinem Offizier verweisen muß — der Bastillen-Garnisonist seine dem Gouverneur — der Mönch seine dem Prior — der amerikanische Kolonist seine dem Holländer*) (damit er sie verbrenne, wenn sie über ihn klagen) — so kann wol kein Staatsmann, er mag nun den Staat für eine Kaserne — oder für eine Engclsburg — oder für ein inonasterimn ckaplsx — oder für eine europäische Besitzung in Europa anschcn, ihm das Recht absprechen, sich alle Briefe so offen zu erhalten, wie Fracht-, Adels-, Kauf- und Apostelbriesc es sind. Der einzige Fehler ist blos, daß er die Briefe nicht eher vorbckommt als zugcpicht und zngcspcrrt; das ist unmoralisch genug; denn cs nöthigt die Negierung, ans- und znznmachcn — den Brief ans der Scheide zu ziehen und in sie zu stecken, wie der Koch mühsam die Schnecke ans ihrer Schale drehet und dann, sobald sie vom Feuer weg ist, in diese wieder zurückgcschoben aufsetzt. Letzteres ist der Punkt und Hanptwind, der uns weiter zu führen hat. Denn so allgemein cs auch anerkannt, so wie Observanz sei, daß die Regierung aus demselben Grunde, woraus sie den letzten Willen öffnet, auch scden vorvorletztcn, und endlich den ersten müsse früher entsiegeln können als der Erbe desselben — und daß ein Fürst noch viel leichter Diener- Briefe in dieselbe Entzifferungskanzlei (und in ihr Vorzimmer, die Entsicglnngskammer) müsse ziehen können, worin Fürsten- nnd Legaten-Briefe ausgehen vor der Springwnrzel —: so °) S. Kleckcnbrings gesammelte Aufsätze. 19t ist doch das Korkzichen der Briefe — das Koppelsiegcl — das Vikariatsicgel — das mühsame Nachmachen des U. 8. oder iUoco 8igI11i etwas sehr Verdrießliches und beinahe Abscheuliches; aus dem Unrecht muß daher ein Recht gemacht werden durch gesetzliche Wiederholung. Etwas davon würde, hoff' ich, sch», wenn befohlen würde, die Briese nur ans Stempelpapier zu schreiben; ein dazu eingesetztes Schau- und Stempelämtchen läse dann vorher Alles durch. Oder man könnte die Pitschaste, als Münzstempcl für Privatmünzen, nicht mehr zulassen. Es schlüge sich dann eine Siegel-Kammer mit großen Rechten ins Mittel und verpet- schirte, wie jetzt den Nachlaß der Verstorbnen, alsdann der Lebendigen ihren. Oder — was vielleicht vorznziehen — eine Brief-Zensur müßte anfangen. Uugcdrncktc Zeitungen, iwuvelles n ln mnin, nämlich Briefe, können, weil sie noch größere Geheimnisse austragen, nie eine größere Zensnrfreihcit fordern als gedruckte Zeitungen genießen; besonders da jeder Brief jetzt so leicht ein umherrennendcr Zirkclbrief wird. Ein Katalog verbotener Briese (inclex Kx^urAunclnrum) wäre dann für den Korrespondenten immer ein Wort. Oder man vereide die Postmeister, daß sie treue Referen- darien alles dessen werden, was sic Wichtiges oder Bedenkliches in den Briefen angetroffen, die sie vor deren Abgang aus die geistige Bricfwage gelegt und mit der Hoffnung wieder zngemacht, sie nach dem Leibnitzischen Prinzip des nicht- zuunterschcidcndcn Siegels weiter zu schicken. Findet der Staat alle diese Wege, Briese zu lesen und zu 192 schließen, neu und hart: so mag er aus seinem sortfahren, sie aufzumachcn. Lachend flog Froulay zur Frau und beisteuerte, ihre Falschheit gegen ihn sei ihm gar nichts Neues — ihren gegenwärtigen Plan, l'los um dem H. v. Bouverot und ihm entgegen zn arbeiten, versteh' er ganz wohl — daher habe Radelte herein, die Tochter hinaus gemußt — inzwischen woll' er der Heuchlerin und Betschwester und wer cs sei, zeigen, daß sie nicht blos eine Mutter habe, sondern auch einen Vater. — „Sic muß sogleich herein; je ln lern! elniu er*), innis 8nns Vo»s et 8nn8 blr. Is Lomte", beschloß er mit Anspielung auf die Hofdamenstclle. Aber die Ministerin fing — gemäß ihrer harten Verachtung gegen seine Projekte und Kräfte — mit jener Kälte, die jeden Warmen mehr erbittert hätte als diesen Kalten, an, ihm zu sagen, daß sic Liancns und des Grafen Liebe noch mehr mißbilligen und bekriegen müsse als er — daß sie blos im zu weit getriebenen und sonst nie widerlegten Vertrauen aufLia- ncns offne Seele lieber ihr als sich geglaubt uud sie, bei so manchen Zeichen der Neigung Albano's, nach Blumcnbnhl gelassen — daß sie aber ihm ihr Wort hier gebe, mit gleichem Feuer gegen den Grafen zu wirken wie gegen den deutschen Herrn, und Laß sie, so wie sie Lianen kenne, des schönsten leichten Erfolges fast versichert sei. Allerdings war ihm das unerwartet und — unglaublich, zumal nach dem vorigen Verschweigen; nur die feinste Män- *) Oniner oder zur Dame machen mußte der König vorher ein unverheirathetes Mädchen vom Stande, eh' cs nach Versailles an den Hof gehen durfte. nerseele sondert in der weiblichen die znsammenlansenden Gränzen der Selbsttäuschung nnd der willkürlichen Tänschnng ab, der Schwäche nnd des Trugs, des Zufalls nnd des Entschlusses; die Ministerin ohnehin gehörte unter die Weiber, die man erst lieben muß, um sie zu kennen, was sich sonst ümkchret. Er akzcptirte aus der Einen Seite gern das Bekenntniß der Beistimmnng und Mitwirkung —- bloS um es künftig als Waffe gegen sie zu wenden — könnt' aber ans der andern ihr nicht verbergen, daß sie also wieder (so sprach er stets) nach eignem Geständnis; über ihre Kinder ans Mangel an Argwohn fehlgcsehen habe. Er behielt die Gewohnheit bei, auf eine offenherzige Seele, die ihm ihre Lücken zeigte, durch diese Lük- ken, als Hab' er sie selber gebrochen, gewaffnet einzudringen. Das Beichtkind, das vor ihm um Vergebung knicetc, drückt' er tiefer nieder, nnd zog statt des Löseschlüffcls den Hammer des Gesetzes hervor. Ich bin hier den Spaniern, die mich einst aus schlechten Ucbersctzungcn kennen lernen, und der österreichischen goldnen Vließ-Ritterschaft, die vielleicht das Original im Nachdruck liefet, es schuldig, die Ursachen anzngeben, warum nicht das Fronlaysche Haus Freudenfeste — statt Hoftrauer ansagen ließ bei dieser Annäherung ihres Ordenssohucs, eines spanischen Großen, der oft einen deutschen Fürstenzeptcr als Elle an sich legt. — Denn jeder Spanier muß sich bisher darüber gewundert haben. Ich antworte jeder Nazion. Die Froulays hatten gegen die Verbindung erstlich Nichts als die — Gewißheit der Trennung; da aus demselben Grunde, den mir die Vließritter und Spanier entgegengesetzt, der alte Gaspard de Zcsara ans keine Weise eine Brücke zwischen seinem Gotthard und der Jungfrau Jean Nauvs anSgew. Werke. XI. 1Z 194 kann schlagen lassen. Zweitens konnte eben darum der Minister dieser romantischen Liebe eine viel ältere, weisere, die er für den deutschen Herrn und dessen Gelder und IHsons trug, entgegcnstellcn, so wie des VließritterS alten Groll. Drittens hatte die Ministerin außer denselben Gründen — und außer einigen für den Lektor vielleicht — noch einen ganz entscheidenden, und der war: ste konnte den Grafen nicht aus- stehcn: nicht blos allein darum, weil sie eine harte Aehnlich- keit zwischen ihm und ihrem Sohne und sogar Gcmahle aus- sand im Stolze, im Aufbrauscn, in genialischer Wildheit gegen arme Eheweiber, im Mangel an religiöser Dcmuth und Gläubigkeit, sondern sic konnte ihn vorzüglich deshalb nicht gut ausstehcn, weil sie ihn nicht — leiden konnte. Wie das System der Prädcstinazion einige Menschen zur Hölle verurtheilt, sie mögen nachher den Himmel verdienen oder nicht: so nimmt eine Frau den Haß, zu welchem sic jemand einmal verdammte, nicht wieder zurück, cs mögen Land und Stadt, Gott, die Jahre und der Person Tugenden dagegen sagen, was sie wollen. Im Friedensschlüsse des gewöhnlichen Zimmerkriegs wurden zwischen den Eheleuten diese geheimen Artikel ausgemacht: der Gras muß des Vaters und des Direktors wegen mit höflichster Achtung behandelt und bei Seite geschoben werden — und Liane sanft und langsam von Wehrfritzens Hanse abgc- löset — die ganze Scheidung des Verlöbnisses muß ohne elterliche Einmischung blos durch die abspringende Tochter selber zu geschehen scheinen — und Alles ein Geheimniß bleiben. Froulay hoffte, vor Lianens früherem Verlobten, dem deutschen Herrn, den ganzen Zwischenakt geheim zu halten, da er zumal 195 jetzt im August mehr an deu Spieltischen der Beider als zu Hause war. So blieb cs; und iu dieses kalte, schauerliche Geklüft zog die freundliche Liane hinein, als sie an jenem lebenswarmcn Sonntag das selige, offne Lilar verließ. Geläutert und geheiligt von der Freude — denn jeder Himmel wurde ihr ein reinigendes Fegefeuer — kam sic edel au die Muttcrbrust, ohne deu fremden Ernst des Empfangs zu merken vor eignem. Ihr leichtes Gcständniß der Gartcngesellschast öffnete die harte Szene —- fast in der Kulisse. Denn die Mutter, die anders ansangen wollte, mußte sogleich aus den Donnerwagcn steigen, um gegen das unbegreifliche Vergessen der weiblichen Schicklichkeit zu blitzen und zu donnern; und doch hielt sic die Don- ncrpferdc mitten im Lause iunc, um Lianen sogleich, da der Minister jede Minute kommen konnte, das Verschweigen der heutigen Gartengcsellschaft aufzulegeu. Nun warf sic den tiefsten Schlagschatten auf ihre bisherige stumme Falschheit gegen eine Mutter; denn sie verlegte die Säe- und Blütezeit dieser Liebe eigenmächtig schon in die Tage vor der Reise aufs Land. Wie erschrak die warme Seele über die Möglichkeit einer solchen Lieblosigkeit! Sie führte, so weit sie nur konnte, die Mutter den reinen, lichten Perlcnbach ihrer Geschichte und Liebe hinauf und sagte Alles, was wir wissen, aber ohne sehr zu befriedigen, weil sie gerade die Hauptsache ausließ; denn aus Schonung gegen die Mutter mußte sie die erscheinende Karolinc, die anfangs die Bilderstürmern: ihrer Liebe und dann die begeisternde Muse und Brautführcrin derselben gewesen, mit dem Todtcuschcin der Zukunft in der Erzählung unsichtbar bleiben lassen. — Sie hielt mit inbrüstigem Druck die mütterliche Hand 13 * 196 unter immer srohern Versicherungen, wie sie ihr Hab' immer Alles sagen wollen; sie dachte hoffend, sie brauche Nichts zu retten als ihr offnes Herz. O, du hast mehr zu retten, dein warmes, dein ganzes und lebendiges! — Die Mutter tadelte nun, ihr ans alter Gewohnheit halb glaubend, nichts weiter als die ganze Sache, ihre Unschicklichkeit, Unmöglichkeit, Tollheit. „O, gute Mutter, (sagte Liane blos immer sanft unter dem harten Abmalen des künftigen Albano) o, so ist er nicht, gewiß nicht!" — Eben so sanft sah sie über das mit schwarzen Strichen vorgezcichnctc Nein Don Gaspards weg, weil für ihren Glauben die Erde nur ein im Aether hängender, blühender Grabeshügcl war: „ach, (sagte sie, ihre Erden-Eile meinend) unsere Liebe ist so wichtig nicht." Die Mutter nahm dieses Wort und den ganzen sanften Widerstand für Vorspiele des leichten Siegs. Jetzt ging Albano's Schwiegervater herein, mit einer Hcerpanke, Sturmglocke, Feuertrommcl und Klapperschlange im Gürtel, um sich damit vernehmlich zu machen. Zuerst fragt' er — er hatte vergeblich gehorcht — ganz crboßet die Ministerin, wohin sic sein Ohr versteckt habe — (cs war das blecherne Koppelohr, worin sich, wie in einem venezianischen Löwcnkopfe alle Geheimnisse und Anklagen der ganzen Dienerschaft und Familie sammlcten) — jetzt brauch' cr's ein wenig, zumal seit den neuesten „Avantnren der frommen Tochter da!" — Die Siamer Acrzte fangen die Heilung eines Pazienten damit an, daß sic ihn mit Füßen treten, welches sie Erweichen nennen. Ans ähnliche Art erweichte Fronlay gern zur moralischen Vor-Knr und begann daher sich mit den gedachten Sprachmaschincn im Gürtel deutlich zu erklären über umschla- 197 gcnde Kinder — über deren Ränke nnd Schliche — nnd über Liebschaften hinter Väterrückcn — (so daß kein Vater einen Band Liebesgedichte vorn mit der Prosa-Vorrede begleiten kann) — versah vieles mit den stärksten politischen Gründen, die sich alle ans ihn selber und seinen Nutzen bezogen — und schloß mit einigem Verfluchen. Liane hörte ihn ruhig nnd an solche, wie am Gleicher täglich wicdcrkchrcndc Gewittergüsse schon gewöhnt, ohne andere Bewegung an, außer daß sie oft das niedergeschlagene Auge zu ihm bedauernd aufhob aus zärtlichem Mitleiden mit dem väterlichen Mißvergnügen. In der Stille wurd' er am lautesten: „Sic sorgen dafür, Madame, (sagt' er) daß sie morgen „Vormittags dem Grafen, was sie von ihm hat, sammt dem „Abschied schickt, und ihm ihr neues Amt als eine leichte Entschuldigung notifizirt — Du wirst Hofdame bei der regierenden Fürstin — ob du gleich es nicht wertst wärest, daß „ich für dich arbeitete." — „Das ist hart" rief Liane mit zerbrechendem Herzen an ihre Mutter fallend. Er glaubte, sie meine die Trennung von Albano, nicht die von der Mutter; und fragte zornig: warum? — „Vater, ich will so gern (sagte sic nnd wandte nur ihr Angesicht aus der Umarmung) bei meiner Mutter sterben!" Er lachte, aber die Ministerin machte selber den Flammen, die er noch wollte hcrausschlagen lassen, die Höllcnpsortc zu, und versicherte ihn, cs sei genug, Liane werde gewiß ihren Eltern gehorchen, und sie selber wolle dafür Bürge sehn. Der Gesetzprediger stieg seine Kanzeltreppc mit einem vernehmlichen Stoßgebet um eine bessere Bürgschaft nnd unter dem Zurück- ruscn herab, sein Ohr müsse morgen her, und soll' cr's in allen Schränken selber suchen. Die Mutter schwieg mm und ließ die Tochter sauft an ihrem Halse weinen; beiden war nach dieser Seelen-Dürrc der Trank der Liebe Erfrischung und Arzcnei. Sie ließen einander ausgeheitert aus den Armen los, aber beide mit ganz irrenden Hoffnungen. 75. Z y k e l. Ein harter, schwarzer Morgen! — Nur der atmosphärische draußen war dunkelblau, nichts war stürmisch und laut als ctwau die Bicuenflüge im Lindcudickicht, der Himmclsäthcr schien über die steinernen Gassen hoch wegzuflattcrn, um im Hellen, offnen Lilar steh tief in alle Gipfel und Spitzen cinzusenken und blau wie Psaueugeficdcr aus den Zweigen zu schillern. Liane fand aus ihrem Schreibtisch ein Billet in Großquart gebrochen, worin der wie ein Herz ewig arbeitende Minister schon am frühen Morgen, eh' er für die einzelnen Re- gicrungs- und Kammcrräthe die zur Fruchtbarkeit nöthigen Strichgcwitter aus den Akten aufgezogen, auf die schauernde Tochter mit einem kalten Morgenwolkenbruche niedcrzugchen suchte. Im gedachten Dekretalbriefchcn setzt' er's auf anderthalb Bogen mehr auseinander, was er gestern gemeint — Scheidung aus der Stelle — und bog sechs Schcidungsgründe an — erstlich sein verstimmtes Verhältniß mit dem Vließrittcr — zweitens ihre und des Grafen Jugend — drittens die nahe Hofdamenstelle — viertens sei sie seine Tochter und dieses das erste Opfer, ans welches ihr Vater für alle seine bisherigen Anspruch mache — fünftens sehe sic an seinem nachsichtigen Ja zur Liebe ihres Bruders, dessen anscheinende Besserung er ihr zum Vorhilde Vorhalte, daß er nur für das Glück seiner Kin- 199 der lebe und sorge — sechstens send' er sie in die Festung * * * zu seinem Bruder, dem Kommandanten, falls sie widerspenstig sei, um sie zu entfernen, zu bestrafen und zu rechte zu bringen, und weder Weinen noch Fußsallcn, noch Mutter noch Hölle sollen ihn beugen; und er schenk' ihr drei Tage Zeit zur Vernunft. — Sie gab stumm mit nassen Augen ihrer bisherigen Trösterin das schwere Blatt. Aber ans dieser wurde eine Richtern:: „was willst du thun?" (sagte die Ministerin) — „Ich will leiden (sagte Liane), damit Er nicht leide; wie könnt' ich so sehr gegen Ihn sündigen?" — Die Mutter nahm entweder im wirklichen alten Wahne ihrer leichten Bckchrnng, oder aus Verstellung jenen Er für den Vater und fragte: „mich nennst du nicht?" Liane erröthete über die Vertauschung und sagte: „ach, ich Arme, ich will ja nicht glücklich scyn, nur treu." — Wie hatte sie nicht in dieser Nacht zwischen bangen Kriegen aller ihrer inncrn Engel betend gelebt und geweint! Eine so schuldlose, von der heiligen Freundin im Himmel eiugescgucte Liebe — eine vom frühen Tode so sehr- abgekürzte Treue — ein so fester, mit hohen:, fruchttragendem Gipfel gen Himmel wachsender Jüngling, den nicht einmal Geisterstimmen aus seiner treuen Kindheitslicbe gegen sie Unbedeutende schrecken oder locken konnten — der ewige Unwille und Gram, den er über die erste, größte Lüge gegen sein Herz empfinden würde — ihre kurze Durchgangsgcrechtigkeit durchs Leben und die nahe Wegscheidc, an der sie nicht Steine, sondern Blumen auf die andern Pilger zurückwcrfen wollte — alle diese Gestalten nahmen sie an der Einen Hand, um sic von der Mutter wegzuziehcn, die ihr mit den Worten nachries: sieh wie du undankbar von mir gehst, und ich habe so lange für dich ertragen nnd gcthan. Da zog Liane Wiederaus dem warm-dnnkcln Noscnthal der Liede in die trockne, Platte Erdfläche eines Lebens zurück, worin sich Nichts hebt als ihr letzter Hügel. O, wie blickte sie bittend zu den Sternen ans,, ob sie sich nicht als Angen ihrer Karoline regten nnd ihr es sagten, wie sie sich opfern sollte, ob für den Geliebten oder für die Eltern; allein, die Sterne standen freundlich, kalt nnd still am festen Himmel. Aber als die Morgcnsonnc wieder ihr Herz anstraltc, schlug cs hoffend und von neuem gestärkt vom Entschluß, für Albano heute recht viele Leiden zu erdulden, ach, ja erst die ersten; konnte Karoline, dachte sic, eine Liebe bejahen, der ich untren sehn müßte? — Kaum war sic mit dem Morgcngruß von den Lippen der Mutter weg, so suchte diese, aber ernster als gestern, die Wurzeln dieses festen Herzens ans seinem fremden Boden zu rücken durch den längcrn Gebrauch der gestrigen Blumcnhcbcr. Sic wurde in der vergleichenden Anatomie zwischen Albano und Noqnairol von der gleichen Stimme an bis zur ähnlichen Taille immer schneidender, bis Liane mit dem Mädchcnwitz ans einmal fragte: „aber warum darf denn mein Bruder Ra- „bctten lieben?"— „si)»elts compnrnison! (sagte die Mutter) „Bist du nichts Bcffers als Sic?" — „Sie thnt eigentlich viel „mehr als ich" sagte sic ganz aufrichtig.— „Strittest du nie „mit dem wilden Zcsara?" fragte die Mutter. — „Nie, außer „wenn ich Unrecht hatte," sagte sie unschuldig. Erschrocken nahm die Mutter immer Heller wahr, daß sie tiefere und stärkere Wurzeln, als lcichtcBlumcn schlagen, auszuzichen habe; sie jammlcte alle ihre mütterlichen Anziehungskräfte nnd Hebemaschinen anfEincn Punkt-zum Sturze der stillen, grünen 201 Myrthc; sic entdeckte ihr des Ministers schwarzen Verlobungsplan mit dem deutschen Herrn, ihre bisherigen verschwiegenen Kriege und Senszcr darüber, ihren bisher zurückdrangcnden Widerstand und die neueste väterliche Kriegslist, sie zur Fcstnngs- gefangnen bei seinem Bruder zu machen und dadurch wahrscheinlich den H. von Bonverot zum Festnngsbclagerer. — — Für einige Leser und Relikten aus dem schwerfälligen, goldnen Zeitalter der Moral wird hier die Anmerkung gesetzt und gedruckt: daß eine besondere kalte, nichts schonende, oft grausame und empörende Offenherzigkeit über die nächsten Verwandten und über die zartesten Verhältnisse in den höhern Ständen so sehr zu Hanse ist, daß auch die schöncrn Seelen — worunter doch diese Mutter gehört — es gar nicht anders wissen und machen. „O, du beste Mutter!" rief Liane erschüttert, aber nicht vom Gedanken an die Klapper und den Sch langenathcm Bon- verots oder an dessen Mordsprnng nach ihrem Herzen — sie dachte so kaltblütig an sein Verloben wie jeder Unschuldige an sein Sterben aus einem Blutgerüste — sondern vom Gedanken an das lange Ucbcrbaucn der mütterlichen Thräncn, der mütterlichen Licbcsqucllen, welche bisher nährend tief unter ihren Blumen geflossen waren; sie warf sich dankend zwischen diese helfenden Arme. Sie schlossen sich nicht um sie, weil die Ministerin durch keine Woge und Brandung schneller Aufwallungen weich und locker auszuspülcn war. In diese Umfassung griff oder trat der Minister ein. „So! (sagt' er schnell.) Mein Ohr, Madame, (fuhr er fort) findet sich unter den Domestiken durchaus nicht wieder vor; das Hab' ich Ihnen zu sagen." Denn er hatte sich heute auf einen Gesetz-Sinai gestellt und der an dessen Fuß versammel- 202 ten Dienerschaft in die Ohren gedonnert, nm seines zn erfragen, „weil ich glauben mnß (hatt' er ihr gesagt), daß ihr mir's ans sehr guten Gründen gestohlen habt." Dann war er als Hagelschauer, wie ein Küchendamps bei windigem Wetter, durch die einzelnen Dienerzimmcr und Winkel nach dem Ohr gezogen.— „Und du?" sagt'er Halb-freundlich zu Liane. Sie küßte seine Faust, die er, wie der Pabst den Fuß, allezeit als den Lehn- und Lippenträgcr, Agenten und cls latere Nunzius des Mundes den Küssen schickte. „Sie bleibt ungehorsam," sagte die strenge Frau. „So gleicht fic Ihnen ein wenig," sagt' er, weil der Mißtrauische die Umarmung für eine Verschwörung gegen ihn und seinen Bonverot ansah. Nun barst sein Eis-Hekla und flammte und floß — bald ans Tochter, bald auf Frau — crstcre sei gar erbärmlich, sagt' er, und nur der Hauptmann etwas werth, den er glücklicher Weise allein gebildet — er crrath' Alles, hör' Alles, wenn man auch sein Ohrblcch verborgen — cs werde demnach, wie er sehe (er zeigte auf seinen entsiegelten Morgenpsalm), zwischen beiden Kollegien kommunizirt — ober Gott soll' ihn strafen, wenn er nicht— „Töchterchen, antwort'doch endlich!" bat er. „Mein Vater — (sagte Liane, seit der Bouverotischcn Verbrüderung und der Mißhandlung der Mutter ihr Herz mehr fühlend, das aber nur verachten und nie hassen konnte —) meine Mutter hat mir heute und gestern Alles gesagt; aber ich habe doch Pflichten gegen den Grafen!" Eine kühnere Lebhaftigkeit, als die Eltern sonst an ihr vermisset und gesunden hatten, stralte unter dem aufgehobenen Auge. „Ach, ich will ihm ja nur so lange treu verbleiben, als ich lebe" 203 sagte sic. „(il'e8t I>isn pe»," versetzte dcr Minister, über bie Keckheit erstaunend. Liane harte jetzt erst ihr entflogncs Wort nach; da ergriff sie, um die Vergangenheit und ihre Mutter zu rechtfertigen, den schönen und lächerlichen Entschluß, den alten Herrn zu rühren und zu bekehren durch ihre Geister- oder Traumscherei. Sie bat ihn um eine einsame Unterredung und nachher — als sie schwer vergönnet war — darin um sein heiliges Versprechen, gegen die Mutter zu schweigen, weil sie fürchtete, dieser Liebenden die dem Ausschlagen nahe raffelnden Uhrräder ihrer Sterbeglocke zu zeigen. Der alte Herr konnte nur mit einer komischen Miene — wobei er anssah wie einer, der in grimmiger Kälte lachen will — hinlängliches Worthalten geloben, weil nie, so viel er sich entsinnen konnte, das Wort von ihm, sondern blos oft er vom Wort gehalten wurde. In solchen Menschen sind Wort und That dem theatralischen Donner und Blitze ähnlich, welche beide, sonst im Himmel gleichzeitig verbunden, ans dcr Bühne ans getrennten Ecken und durch vcrschiedne Arbeiter hcrvorbrccheu. Aber Liane ruhte nicht eher, als bis er ein wortfestes, offnes Gesicht — ein gemaltes Fenster — ansgetragcn. Darauf fing sie nach einem Faustkuß ihre Geistergeschichtc an. Mit fortgesetztem Ernst, fest zusammcngehaltcnen Muskeln hörte er dem Unerhörten zu; daun nahm er sie, ohne ein Wort zu sagen, an dcr Hand, und führte sie vor die Mutter zurück, der er sic mit einem langen Lob- und Dankpsalm auf ihre glückliche Töchterschule überreichte: -— „seine Knabenschule mit Karl sei ihm wenigstens nicht in diesem Grade geglückt" setzt' er hinzu. Zum Beweise theilt' er ihr offenherzig — und alle Schmerzen Lianens kaltblütig verarbeitend, wie 204 der Faßbinder Zyprcssenzweige zu Tonncnrcifcn — das Wenige mit, was er zu verschweigen verheißen, weil er immer entweder sich wcgwars, oder den andern, meistens beide. Liane saß hochrotst, hcißwcrdcnd, mit gesenkten Augen da, und bat Gott um Erhaltung ihrer Kindesliebe gegen den Vater. Kein theilnchmendcs Auge werde ferner mit dem Eröffnen einer neuen Zeit gequält, wo das Eis seiner Ironie brach und ein wüthcndcr Strom wurde, in welchen noch dazu mütterliche Thräncn des Zornes flössen über ein thencrcs Wesen und dessen verderbliches, fieberhaftes Hincintrciben in den letzten Schlaf. — Das Ziel und die Gefahr kopnlirtc fast die Eheleute zum zweitenmal; wenn cs glattciset, gehen die Menschen sehr Arm in Arm. „Du hast Nichts nach Lilar geschickt?" — fragte der Vater. „Ohne Ihre Erlaubniß, wnrd' ich's gewiß nicht thun" sagte sie, meinte aber ihre Briese, nicht Albano's seine. — Er benutzte den Mißverstand und sagte: „Du hast sie ja aber" — „Ich will Alles gern thun und lassen (sagte sie); aber nur wenn der Graf cinwilligt, damit ich ihm nicht unredlich erscheine; er hat mein heiliges Wort auf meine Treue." An diese milde Festigkeit, an diesen mit weichen Blumen überzogenen Petri-Fels stieß sich der Vater am härtesten. Dazu war der Ucbcrtritt eines stolzen Liebhabers von eignen Wünschen zu den feindlichen, gesetzt man hätte Lianen die Frage an den Grafen erlaubt, so unmöglich ans der Einen Seite, und das Gesuch um diese Veränderlichkeit, es mochte bewilligt oder abgeschlagen werden, überhaupt so heruntersetzcnd auf der andern, daß die betroffene Ministerin stolz ausstand, wieder fragte: „ist das dein letztes Wort an uns, Liane?" — und als Liane weinend antwortete: „ich kann nicht anders, Gott sei mir gnädig!" sich zornig wegwandte an den Minister und sagte: „thun Sic nun, was Sie für coilvsnakle halten, ich bin unschuldig." — „Nicht so ganz, inu cl>öi-e; aber gut! (sagt' er). Du bleibst von morgen an in deinem Zimmer, bis du dich korrigirst und nnsers Anblicks würdiger bist," kündigte er hinausgehend Lianen mit zwei aus sie geworfenen Augen-Salven an, worin meines Ermessens weit mehr Reverbcrirfeucr — Plagegeister — ätzende, fressende Medikamente — Gehirn- und Hcrzcnsbohrer versprochen wurden, als sonst ein Mensch gebend halten oder empfangend tragen kann. Armes Mädchen! Dein letzter August ist sehr hart und kein Erntemonatstag! — Du sichst in die Zeit hinaus, wo dein kleiner Sarg steht, an welchem ein grausamer Engel die schönen, um ihn hcrumlauscndcn, noch frischen Blumenstücke der Liebe wegwischt, damit er ganz weiß, so roscnweiß wie deine Seele oder deine letzte Gestalt herübcrgctragcn werde! — Dieses Vertreiben von der Mutter in die Einöde ihres Klostcrzimmers war ihr eben so fürchterlich, nur nicht fürchterlicher als das Zürnen derselben, das sie heute erst zum drittenmal erlebte, obwol nicht verdiente. Es war ihr, als wenn nun nach der warmen Sonne auch noch gar das Helle Abcnd- roth unter den Horizont gesunken wäre, und cs wurde dunkel und kalt in der Welt. Sie blieb diesen ganzen, noch eingc- räumten Tag bei der Mutter; gab aber nur Antworten, blickte freundlich an, that Alles gern und behend und hatte — da sie jeden znsammenrinncnden Thautropfcn schnell mit dem Zwerg- fingcr aus den Augenwinkeln schlug, als sei cs Staub, weil sie dachte, Nachts kann ich weinen genug — sehr trockne Augen; und das Alles, um der belasteten Mutter nicht zu neuer Last 206 zu scyn. Aber diese, wie Mütter so leicht, verwechselte die scheue liebende Stille mit dem Aubruchc der Verstockung; und als Liane in unschuldiger Absicht des Trostes sich Karolinens Bild aus Lilar wollte bringen lasse», galt auch diese Unschuld für Verhärtung und wurde mit einer elterlichen gestraft und erwiedcrt; nämlich mit der Erlaubniß, zn schicken. Nur forderte die Ministerin die französischen Gebete von ihr zurück, als sei sic nicht wertst, diese ihrem jetzigen Herzen unterzulcgcn. Nie ist der Mensch kleiner, als wenn er strafen und plagen will, ohne zn wissen wie. Da jeder der regiert, er sitze aus einem Lehr- oder Für- stcnstnhl, oder wie Eltern auf beiden, dem Fußbcwohncr desselben den vorigen Gehorsam, sobald er ihn einmal anssctzt, nicht als Milderung seiner Schuld anschrcibt, sondern als Vergrößerung: so that cs die Ministerin auch gegen ihr von jeher so folgsames Kind. Sie haßte ihre reine Liebe, die wieActhcr ohne Asche, Ranch und Kohle brannte, um desto mehr, und hielt sic für Schadenfeuer, oder Feuerschaden, besonders da ihre eigne bisher fast nie mehr als ein vornehmes Kaminstück gewesen. Liane stieg zuletzt, zu schwer zusammengcprcssct, da jenseits der Wandtapctc der heitere Tag, der schönste Himmel blühte, aufs welsche Dach hinauf. Sie sah, wie die Menschen vergnügt von kleinen Lustörtcrn, weil die Erde ein großer war, zurück fuhren und ritten; auf Lilars Staudcn-Pfad wandelten die Spaziergänger selig-langsam heim — auf den Gassen wurde laut au den Fest-Gerüsten und Himmelswagen für die Fürstcn- braut gezimmert und die fertigen Näder wurden prüfend gerollt — und überall hörte man die Uebungen der jungen Musik, die erwachsen vor sie treten sollte. Aber als Liane auf sich blickte und hier ihr Leben allein im dunklen Gewände stehen sah — drüben das leere Haus des Geliebten — hier das ihrige, das auch leer für sic geworden — diese Stelle, die noch an eine schönere, seltnere Abblütc als des cermm sei'i,en8 erinnerte — und o! diese kalte Einsamkeit, da ihr Herz heute zum crstenmale ohne ein Herz lebte; denn ihr Bruder, der Chorist ihres kurzen Frcudcngesanges, war verschickt und Julienne seit einiger Zeit ihr unbegreiflich unsichtbar — nein, sie konnte die schöne Sonne, die so hell und weiß mit ihrem hohen Abcndstcrnc sich tiefer wiegte, nicht nicdcrgchen sehen — oder das frohe Abendchor des langen Tages anhören, sondern verließ die glänzende Höhe. O, die fremde Freude stirbt im unbewohnten dunkeln Busen, wo sie keine Schwester antrifft, und wird zum Gespenst darin! So deutet das schöne Grün, diese Frühlingsfarbc, sobald cs eine Wolke malt, nichts an als lange Nässe. Da sic bald in die Freistatt des Tags, das Schlafzimmer, trat, wetterleuchtete draußen der Himmel; o, warum jetzt, hartes Geschick? — Aber hier, vor dem Stillleben der Nacht, wenn das Leben von ihrem Flor bezogen leiser tönt — hier dürfen alle ihre Thränen fließen, die ein schwerer Tag gekeltert hat. — Aus dem Kopfkissen, als trüg' cs den längsten Schlaf, ruhet dieses verblutete Haupt sanfter als an der Brust, die ihm seine Thränen zankend nachzählt; und cs weinet sanft nicht über, nur um Geliebte. Wie gewöhnlich wollte sic ihre mütterlichen Gebete auf- schlagen; als sie erschrocken daran dachte, daß man sie ihr genommen. Da blickte sic heißweinend auf zu Gott und bereitete allein ans dem zerbrochnen Herzen ihm ein Gebet, und nur Engel haben die Worte und die Thränen gezählt. 76. Z y k e l. Der Vater hatte die Zimmer-Gefangenschaft zum strafenden Merkmal ihres Neins gemacht. Mit hohen Schmerzen sprach sie dieses stumme Nein, indem sie freiwillig im Zimmer blieb und dem Morgenknß der Mutter entsagte. Sie hatte in der Nacht oft das todte Bild ihrer rathgcbenden Karolinc stammend angeblickt, aber kein Urbild, kein Ficberbild war ihr erschienen: kann ich länger zweifeln, schloß sie daraus, daß die göttliche Erscheinung, die das Ja zu meiner Liebe gesprochen, etwas Höheres als mein Geschöpf gewesen, da ich sie sonst ihrem Bilde gegenüber müßte wieder bilden können? Sie hatte Albano's blühende Briefe in ihrem Pulte und schloß es ans, um hinüberzusehcn aus ihrer Insel in das entrückte Morgenland der wärmern Zeit; aber sie schloß es wieder zu; sie schämte sich, heimlich froh zu sehn, da ihre Mutter- traurig war, die in die trüben Tage nicht einmal wie sie aus schönen kam. Fronlay ließ sie nicht lange allein, sondern bald rufen; aber nicht um sic zu verhören oder loszusprechcn, sondern um sie — wozu freilich eine ungeschminkte Stirne und Backe gehörten, deren Fiebern-Garn so schwer wie seine mit dem türkischen Roth der Scham zu färben war — zu seiner Maler- sprachmeistcrin zu vozircu und sic iu die fürstliche Gallerie mitzunehmen, um von ihr die Erklärung dieser Titelkupfer (für ihn) in diesem Privat-Stummeninstitnt so gut nachzuler- ncn, daß er im Stande wäre — sobald die Fürstin sie besieht — etwas Besscrs als einen Stummen bei den Schönheiten der Bilder und der bilderdicnerischcn Ncgentiu vorzustellcu. Liane mußte ihm jedes gemalte Glied mit dem dazu gehörigen 209 Lobe oder Tadel in sein ernstes Gehirn nachprägen, sammt dem Namen des Meisters. Wie erfreuet und vollständig gab sie diese Kallipädie ihrem brummenden Maler-Kornuten, der nicht eine einzige dankbare Miene als Schulgeld entrichtete!—- Mittags erst fand die Tochter die ersehnte Mutter unter den Speiscbcdientcn sehr ernst und traurig, sie wagte ihr nicht den Mund, nur die Hand zu küssen, und schlug das licbcströ- mcnde Auge nur scheu und wenig zu ihr aus. Das Diner schien ein Leichencsscn. Nur der alte Herr, der auf einem Schlachtfeld seine Hochzeitmcnuct getanzt und seinen Geburtstag gefeiert hätte, war wohlgemut!) und bei Appetit und voll Salz. War Hauskampf, so speist' er gewöhnlich en laiuills und holte sich unter beißenden Tischreden, wie gemeine Leute im Winter und in der Thcucrung, schärfere Eßlust. Zanken stärkt und befeuert schon an sich, wie Physiker sich blos dadurch elektrisieren können, daß sie etwas peitschen.*) Lächerlich und doch schmerzlich war es, daß die arme Liane, die den ganzen Tag einen Kerker hüten sollte, gerade heute immer daraus gerufen wurde; dasmal wieder in den Wagen, der das traurige Herz und das lächelnde Gesicht vor lauter Hellen Pallästcn absetzen sollte. Sie mußte mit den Eltern zur Prinzessin gehen und so glücklich aussehen, wie die waren, die sie aus dem trüben Wege zu beneiden fanden. So blutet das Herz, das nicht weit vom Thron geboren worden, immer nur hinter dem Vorhang und lacht blos, wenn er aufgeht; so wie eben diese Vornehmen sonst nur in Geheim hingerichtet wurden. Der über seine Vermählung lächerlich-laute Fürst — der von den Spieltischen oder Kaperbrcttcrn zurückgekehrte Beseke fand cs. S. über das Elcmentarfeuer, von ihm 1786. Jean Paul'S auSgew. Werke. XI. Bouvcrot, den jetzt Liane seit den neuesten Nachrichten nur schaudernd litt — und die Prinzessin selber, die ihre bisherige Entfernung non ihr mit den zerstreuenden Zurüstungcn zum Feste entschuldigte, und die ganz srcmd auf einmal über Liebe und Männer spottete — alle diese Menschen und Zufälle konnten nur einer Liane, die so wenig errietst, so viel litt und so gern ertrug, nicht die unerträglichsten scheinen. Ach, was war unerträglich als die eiserne Unveränderlichkeit dieser Verhältnisse, die Festigkeit eines solchen ewigen Berg- schnecs? Nicht die Größe, sondern die Unbestimmtheit des Schmerzes, nicht der Minotaurus des Labyrinths, der Kellcr- frost, die Eckfelscn und Gruben desselben ziehen uns darin die Brust zusammen, sondern die lange Nacht und Windung seines Ausgangs. Sogar unter den Körper-Krankheiten kommen uns daher ungewohnte neue, deren letzter Augenblick über unsere Weissagung hinausliegt, drohender und schwerer vor als wie- dcrkchrende, die als nachbarliche Gräuzfcinde uns immer Unfällen und in der Rüstung finden. So stand die stumme Liane im Gewölk, als die frohlockende Rabette mit der Brust voll alter Freuden und neuer Hoffnung ins Haus lief, diese Schwester des heiligen, weggc- rissenen Menschen, die Bundsgenossin so glänzender Tage. Sie wurde ehrend ausgenommen und immer von einer Ehrenwache, der Ministerin, begleitet, weil sic ja eine Gcsandtin des Grafen eben so gut seyn konnte als eine Wahlherrin ihres Sohnes. Die Listige suchte einige einsame Augenblicke mit Lianen durch das kühne Betteln um deren Begleitung nach Blumenbühl zu erhaschen; die Begleitung wurde auch zugcstandcn und sogar der Mutter ihre dazugethan. Liane fuhr den Weg nach Blu- mcnbühl, über den noch blühenden Gottesacker cingcsenkter 211 Tage. Welcher Thränenstrom arbeitete in ihrer Brust herauf, da sic von der noch glücklichen Nabelte schied! — Diese hatte unschuldiger Weise dem Hause einen der größten Zankäpfel für das Abendessen dagclassen, den je der Minister für die Frnchtschalc mit seinem Apfclpflücker sich geholct hatte; daher soupirt' er wieder eu tümillo. Nabelten war nämlich ein dummes Wort über das sonntägige Bcisammcn- scyn in Lilar entfahren; „davon (sagte Froulay ganz freundlich) hast du uns ja kein Wort merken lassen, Tochter." — „Der Mutter sogleich!" (versetzte sic zu schnell.) „Ich nähme „auch gern Anthcil an deinen Lustbarkeiten" (sagt' er, Grimm vcrsparend). Ganz aufgeräumt setzte sich dieser Flößknccht so vieler Thronen und abgchaucner Blütcnzwcige, .die er darauf hinabschwimmen ließ, an die Abcndtafcl. Nach seinem Verstärkungsohr fragt' er zuerst Bediente und Familie. Darauf ging er ins Französische über -— wicwol die Tellcrwechslcr eine grobe Uebcrsctzung davon für sich, eine vermo interlineare auf seinem Gesichte fanden — um zu berichten, der vornehme Graf sei dagewcscn und habe nach Mutter und Tochter gefragt. „Mit Recht verlangt' er euch beide (fuhr der moralische Glacier fort, der gern das warme Essen kühlte), ihr verschweigt immer, wie ich heute wieder hörte, gemeinschaftlich gegen mich; aber warum soll ich euch deuu noch trauen?" Er haßte jede Lüge von Herzen, die er nicht sagte; so hielt er sich ernstlich für moralisch, uneigennützig und sanft blos darum, weil er auf das Alles bei dem Andern unerbittlich drang. Mit den reichlichen Brennnesseln der Persiflage — auch botanische kommen in kaltem und steinigem Boden am besten fort — überdeckte er alle seine ans- und zugchcndcn Hummcrschce- rcn, wie wir Bachkrcbse in Nesseln fassen, und nahm zuerst 14 * 212 sein weiches Kind zwischen die Scheercn. Das sanfte, ergebene Lächeln desselben nahm er für Verachtung nnd Bosheit -Wie kommt diese Sanfte erklärlicher Weise zn seinem Vaternamcn, wenn man nicht die alte Hypothese annimmt, daß Kinder gewöhnlich dem am ähnlichsten werden, wornach sich die schwangere Mutter vergeblich sehnte, welches hier ein sanfter Gatte war? — Dann griff er, aber heftiger, die Mutter an, um bei seinem Mißtrauen sic mit der Tochter zn entzweien, ja um vielleicht diese durch die mütterlichen Leiden zn kindlichen Opfern und Entschlüssen zu peinigen. Ganz frei erklärt' er sich — denn der Egoist trifft die meisten Egoisten an, wie die Liebe und Liane nur Liebe und keine Selbstliebe — gegen den Egoismus um und neben sich und verbarg es nicht, wie sehr er Beide immer Egoistinnen (wie die alten Heiden die Christen Atheisten) innerlich schelte. Die Ministerin, gewohnt mit dem Minister in keiner Ehe weniger zu leben als in der der Seelen — wie Voltaire die Freundschaft definirt — sagte blos zu Lianen: Für wen leid' ich so? — Ach ich weiß cs, antwortete sic dcmüthig. Nnd so entließ er Beide voll tiefster Leiden und dachte nachher an seine Geschäfte. Dieser allseitigc Jammer wurde durch etwas größer, was ihn hätte kleiner machen sollen. Der Minister ärgerte sich, daß er täglich den Geschmack der Weiber mitten im Zorne zu Rathe ziehen mußte über sein — Acußcres. Er wollte am Vermählungsscstc — seiner Geliebten wegen — ein wahrer Paradiesvogel, ein Paradeur, eine Vcünm n bMes Ce88S8 scyn. Von jeher macht' er gern die Doppelrolle des Staatsund Hofmanns nnd wollte, um Stolz und Eitelkeit zusammen zn kaufen, zu einem Diogenes-Aristipp verwachsen. — Aber 213 etwas davon war nicht Eitelkeit, sondern der männliche Plagegeist der Ordnungs- und Nechtshabcrci wollte nicht aus ihm fahren. Er war im Stande, die Kleidergeißel, womit der Bediente wenige Stäubchen im Staatsrockc sitzen lasten, gegen die Livree selber in Schwung zu setzen; noch gefährlicher war's — weil er zwischen zwei Spiegeln saß, dem Friseur- und dem großen Spiegel im Ofenschirm — ans seine eigne Wolle den Staub recht anfzutragen; und am schwersten wurd' er vom Putze seiner Kinder befriedigt. — Liane als Zeichnerin mußte ihm nun jetzt die rechte Farbe eines neuen Uebcrbalgs Vorschlägen— Sncllkts oder Riechsäcke ließ er füllen und mit diesen die Schnbsäcke — und einen Moschnspflanzcn-Topf in sein Fenster stellen, nicht weil er die Blätter zum Riechen (das erwartete er von seinen Fingern), sondern weil er sie zum Ein- ölcn für diese durch Reiben brauchen wollte — Patentpomade für Fäuste und englisches gepreßtes Zier-Papier auch für diese (wenn sie eine Billetdoux-Feder ansctzen wollten) und andere Nippes erregten weniger Aufmerksamkeit als der Schnnpstaback, den er sich anschaffte, aber nicht für die Nase, sondern für die Lippen, um solche roth zu reiben. — In der That, vor mancher lustigen Haut hätt' er sich ganz lächerlich gemacht, wenn sic in Geheim ihn ans seinem Souvenir die Haarzange und mit dieser aus seinen Augcnbranncn da, wo der Sattel des Lebens wie auf einem Pferde das Haar weiß gedrückt hatte, letzteres hätte ausziehcn sehen; und nur der Minister selber konnte ernsthaft dabei aussehe», wenn er vor dem Spiegel die feiner» Weisen zu lächeln durchlächelte — die beste hielt er fest — oder wenn er die leichtern Würfe anprobirte, womit man sich aufs Kanapee bringt — wie oft mußt' er sich werfen! — und wenn er überhaupt an sich arbeitete. Zum Glück für die Mutter kam der gute Lektor; aus der Haud dieses alteu Freundes hatte sie so oft, wenn nicht eine Himmelsleiter, doch eine Grubenleiter, um darauf aus dem Abgrund zu steigen, genommen; hoffend brachte sie jetzt alle ihre Noth vor ihn. Er versprach einige Hülfe unter der Bedingung, mit Lianen allein auf ihrem Zimmer zu sprechen. Er ging zu ihr und erklärte zart seine Wissenschaft und ihre Lage. Wie crröthctc das kindliche Mädchen über die scharfen Tagsftralen, welche die duftende Nachtviolc ihrer Liebe trafen! Aber ihr Kindhcitsfrcund sprach sanft an dieses geschlagne Herz — und von sciner gleichen Liebe gegen sie und ihren Freund — von dem Temperamente des Vaters — und von der Nothwcndigkcit bedachtsamer Maßregeln — und sagte, die beste sei cs, wenn sic ihm heilig gelobe, dem elterlichen Wunsche, den Grasen strenge zu meiden, nur so lange nachzugeben, bis er von dessen Vater, den er als Begleiter des Sohnes längst über das neue Verhältnis benachrichtigen und fragen müssen, das Ja oder Nein dazu erhalten; sei cs ein Nein — was er aber nicht verbürge — so müsse Albano das Räthsel lösen; sei cs ein Ja, so steh' er selber für das zweite ihrer Eltern; zugleich müsst er aber auf ihr festestes Schweigen gegen diese über sein Anfragen, wodurch sic sich vielleicht kompromittirt finden könnten, Anspruch machen. Damit wurzelte er nur noch tiefer in ihr Vertrauen ein. Sic fragte zitternd, wie lange die Antwort verziehe. „Sechs, acht, cilf Tagc nach der Vermählung höchstens!" sagt' er rechnend. — „Ja, guter Augusti! — Ach, wir leiden ja Alle" sagte sic und setzte vertraulich und aus weinender Brust 215 hinzu: „cs geht Ihm aber wohl?" — „Er ist fleißig" versetzt' er. So brachte er sic, mit zwei Geheimnissen beladen und für jetzt eine Interims-Absonderung bejahend, zur Mutter zurück; aber diese zahlte nur dem Lektor den Lohn eines freundlichen Blickes aus. Er verlangte indeß — nach seiner Karthäuser-Manicr — keinen andern als das gütigste Schweigen gegen den Minister über seine Einmischung, da dieser sein Verdienst dabei etwan für größer halten könnte, als es wäre. Dem Minister wurde die achttägige Besserung und Enthaltung ungesagt. Er glaubte — sich Mißtrauen in die Frau vorbehaltcnd — doch weiter in Feindes Land cinzudringen mit seinen Waffen; auch ließ er sich die neue Frist und Linnens Entkerkerung mit darum gefallen, um seine Tochter bei dem Vermähluugsfcst blühend und gesund als eine glänzende Pfauhenne an seine Geliebte und vor sich hcrzntreibcn. Roquairol kam jetzt von dieser zurück und stralte ein Paar Wolken im Hause mit schönem, Hellem Morgenrothe voll. Er überbrachtc dem Vater Nachrichten und Grüße von der Fürstin. Lianen brachte er das Echo jener geliebten Stimme mit, die einmal zu ihrem Himmel gesagt hatte: er werde! ach die letzte Melodie unter den Mißtönen der uneinigen Zeit. Er erricth leicht — denn er erfuhr Wenig von der ihn vernachlässigenden Mutter und Nichts von der Tochter — wie Alles stehe. Als er vollends Albano's Blatt an diese ihr am dämmernden Abend in den Arbcitsbcutel schieben wollte und sie mit einem Ach der Liebe sagte: „nein, es ist wider mein Wort— aber künftig etwan, Karl!"— so sah er „mit brausendem Ingrimm seine Schwester im offnen Charons Kahn zum Tartarus aller Leiden schiffen" wie er sagte. An den 216 Freund dacht' er weniger als an die Schwester. Der freundliche, schmeichelnde Minister — er schenkte zum Beweis dem Hauptmann einen Sattel von Werth — berichtete ihm den Besuch Rabettens und gab Winke über Verlobung und dergleichen; Karl sagte keck: er schiebe all sein Glück hinaus, so lange seine liebe Schwester keines vorausschc. Nm den alten Herrn wieder mehr für Lianen einzunchmcn, führt' er ihn für das Vcrmählungsfest aus eine romantische Jnvenzion, die Fronlay nicht ahnete, als er schon ganz dicht an ihr stand: nämlich Jdoine (die Schwester der Braut) war Lianen auffallend ähnlich. Die Fürstin liebte sie unaussprechlich, sähe sic aber nur selten, weil sie ihres starken, einmal zu einer Thron-Ehe nein sagenden Charakters wegen auf einem von ihr selber gcbaucten und regierten Dorfe wohnte, höflich vom Hofe verbannt. Er legte nun dem Vater die Poetische Frage vor, ob Liane nicht in der Jlluminazionsnacht einige Minuten lang im Traum-Tempel, der gauz zu diesem schönen Truge passe, die Fürstin mit dem Wiederschcin ihrer geliebten Schwester erfreuen könne. Entweder machte den Minister die Liebe gegen die Fürstin kühner, oder der Wunsch trunkner, Liane als Hofdame glänzend cinzusühren: genug er fand in der Idee Verstand. Wenn Etwas für den Separatfrieden, den er mit dem Sohne gemacht, den Taback in die Friedenspfeife hcrgab: so war es dieses Nollcnblatt. Er eilte sogleich zum Fürsten und zur Prinzessin mit der Bitte um seine Erlaubniß und um ihre Theilnahme; — darauf, als er beides hatte, zu seinem Orest Louverot und sagte: „il in'k8t von» uns icles trs8 8inuulisrs peut-stre I'e8t trop; cepenclnnt le princs I'u upprou- 217 vee etc."— und endlich zu Lianen, um dach auch diese nicht zu vergessen. Der Hauptmann hatte schon früher sic zu bereden gesucht. Die Mutter war gegen diese Nachspiclerei aus Sclbstbcwnßt- seyn und Liane ans Demuth; eine solche Repräscntazion kam dieser eine zu große Anmaßung vor. Aber zuletzt gab sie nach, blos weil die schwesterliche Liebe der Fürstin ihr so groß und unerreichbar geschienen, gleich als pflegte sic nicht eine ähnliche in ihrem Herzen; so fand sie immer nur das Spiegelbild, nie sich schön, wie der Astronom denselben Abend mit seinem rothcn Glanze und Nachtschatten zauberischer und erhabener findet, wenn er ihn im Monde antrifft, als wenn er ans der Erde mitten darin steht. Vielleicht lag noch eine ganz dunkle Süßigkeit, nämlich eine schwiegcrtöchterliche, in Lianens Liebe für die Fürstcn-Braut; weil diese einmal des Ritter Gaspards seine hatte werden sollen. Die Weiber achten Verwandtschaft mehr als wir, daher auch ihr Ahnenstolz immer einige Ahnen älter wird als unserer. So bereitete sie denn das gepreßte Herz zu den leichten Spielen des glänzenden Festes vor, das die künftigen Zykcl gleichsam am Neujahrsfest einer neuen Jobelperiode geben. Siebzehnte Jobelperiode. Fürstliche VermLhluiigs-Tcrrizion — Lilars Jlluminazion. 77. Z y k e l. §8clche allgem.cine Landsreude konnte jetzt von einem Gränz- wappcn znm andern Tage lang jauchzen! Denn so lange war die Landtrancr suspcndirt -— die Glocken läuteten zu etwas Besserem als zum Grade — cs war wieder Musik erlaubt allen Spieluhren und Spiellcntcn — alle Theater wären geöffnet worden, wäre eines da gewesen, oder der Hof verschlossen, der beständig spielte — und man konnte hohen: Orts acht Tage ohne schwarzen Rand gehen und dckretiren- Nachher nach dem erfrischenden Zwischenakt, wo man das Orchester, Punsch und Kuchen genoß, sollte wieder aufgeräumter ans Weinen und Trauerspielen gegangen werden. Der Fürst ritt am Morgen der langweiligen Einholungs- Wageufahrt über die Gränze voraus mit Bouvcrot und Albano; alle drei als die einzigen im Lande unabhängigen, bei dem Feste nicht intcressirtcn Leute. Der arme Luigi! Ich Hab' es schon im ersten Band des Titans sehr deutlich gesagt, daß der fürstliche Bräutigam, der heute die Decke beschlägt, blos ein Landes-Vater sehn kann, keiner für das Haus; unter seinem Fürsten-Himmel ist wie aus der ersten Schachfcldcr-Gaffe Alles 219 zu machen und zu regcnerircn, Offiziere, selber die Schach- königiu, aber der Schach nicht. Es wäre zu wünschen — da der Umstand das Fest ins Lächerliche schattirt — der Bräutigam könnte manchen ihn auslachendcn alten Familien — die es so oft selber im heraldischen und medizinischen Sinne zugleich sind — zur Beschämung nur einige Dutzend von den Prinzen um den Traualtar gcstellct zeigen, die er in Kalabrien, Wallis, Asturien, in der Dauphine — ganz Europa war ihm eine — sitzen lassen, kurz in so vielen aktiven Erb- ländcrn, d. h. in den Erbinnen, nicht Erbschaften fremder Prinzen; — könnt' er das, so würd' er vergnügter in die heutigen Glückwünsche drein schauen, weil schon einige Dutzende Erfüllungen darneben ständen und zuhorchtcn. Aber wie das Bette des Marquis von Exeter in London, das 3000 Pfund kostet, die Marquisin in einen Thron verwandeln kann: so muß das die Fürstin auch thun, ohne cS wie diese rückwärts verwandeln zu können. Ich will ihn daher ans dem heutigen Tanzplatz der Freude gar nicht als Bräutigam, sondern immer — so wie man Krone sagt ohne gekröntes Haupt — blos als Bräntigamsrock auf- stcllen und verführen, um ihn nicht lächerlich zu machen. — Albano ritt mit einer Brust voll Zorn, Verachtung und Bedauern neben diesem Opfcrthicrc der schwarzen Staatskunst her und begriff blos nicht, wie Luigi nicht den deutschen Herrn, diese gcmicthcte Axt und diesen Wurzclhcbcr seines Stamm- bänmleins, mit Einem Fersenstöße weit von sich wcgschlage. Guter Jüngling! ein Fürst macht sich leichter von Menschen los, die er liebt, als von solchen, die er recht läge hasset, denn seine Furcht ist stärker als seine Liebe. — Der großherzige, nie eng-, immer weitbrüstige Jüngling fand heute in seiner feierlichen, schmerzlichen Stimmung altes Tragische, Edle und Unedle größer, als cs war. Er zeigte zwar nur ein feuriges Auge und heiteres Angesicht, weil er zu jung und schamhaft war, persönlichen Schmerz prunkend auszulegen; aber unter dem Auge, das sich nach der hohen Wetterscheide richtete, au der heute sein dunkles Gcwölkc aus- cinandcrgchen oder zu ihm hcruntcrkommcn sollte, brannte der Tropfe. Der heutige Abend, in den er so oft hincingc- sehen als in eine Hölle, und eben so oft als in einen Himmel, stand jetzt als ein verworrenes Mittelding von beiden so nahe, und doch hart an ihm!— Ein Gewimmel verwandter Gefühle begleitete ihn zu der (nach seiner Meinung unglücklichen) Braut seines — Vaters und dieses Fürsten. Eine Viertels-Meile jenseits Hohenfließ fuhr schon ihr — Gibbon voraus, bekannt bei allen Naturforschern nicht bei den Politikern — durch die langen Arme, welche bekanntlich dieser Moluckcn-Besitzer und Affe trägt. Wo ist mein Gibbon, fragte die Fürstin gewöhnlich (gesetzt, daß sie auch den englischen Namensvetter, den Geschichtsschreiber mit langen Nägeln und kurzen Sätzen gegen die Christen, in der Hand hatte), denn sie verlangte ihren Langarm. Endlich kam sie daher gesprengt — im Federbusch — im Rcitrock — auf dem schönsten Engländer — eine große majestätische Gestalt, die unbekümmert um ihr, obwol mit Verwandten befrachtetes Cour-Gefolge lieber der blauen Morgen- sonnc hinter einem aussteigcnden Pferd- und Schwanenhals hatte entgegen schauen wollen. Sie gab dem Bräutigamsrock anständig Gruß und Kuß, aber weder gerührt, noch verstellt, noch verlegen, sondern recht frei und frank und froh, zu weit über die Lächerlichkeit ihres genealogischen Mißverhältnisses er- 221 haben, ja sogar über jedes nothdürftige oder gebotene. In ihrem sonst schön gebauten — mehr als schön gezeichneten — Gesichte war blos ihre Nase es nicht, sondern eckig geschnitten nnd der regierenden Wochcntäglichkeit mehr Knochen als Knorpel entgegensetzend. Bei den Weibern bedeuten ausgezeichnete, regellose Nasen, z. B. mit tiefem Wurzel-Einschnitt, oder mit konkaven oder konvexen Biegungen, oder mit Facetten am Knopfe n. s. w., weit mehr für das Talent als bei den Männern; nnd — wenige ausgenommen, die ich selber gesehen — mußte immer die Schönheit Etwas dem Genie anfopfcrn, obwol nicht so viel als nachher das fremde ihrer, wie wir Männer sämmtlich wol leider gethan. Der Graf wurd' ihr vom Fürsten vorgcstellt; aber sie halt' ihn — ob sie gleich von ihm gehöret und seinen Vater so lange gesehen hatte — nicht gekannt, sondern eher dem Bräutigamsrock ähnlich gesunden. Dem Rocke konnte — oder sollte — diese blühende Aehnlichkeit nicht anders als schmeicheln. Die Aehnlichkeit erklärt den schönen Antheil ganz, den sie jetzt an Beiden nehmen mußte, weil zu einer Aehnlichkeit immer ein Paar Menschen gehören. Sie sprach mit dem Sohne ohne alle Verlegenheit über den von ihr und ihrem Hofe mit einem (Blumen-) Korbe beschenkten Vließ-Ritter und rühmte dessen Kenntnisse der Kunst. „Die Kunst (sagte sie) macht am Ende alle Länder gleich und „angenehm. Sobald sie nur da ist, denkt man an weiter „Nichts. In Dresden in der inncrn Gallerie glaubt' ich recht „eigentlich, ich wäre im fröhlichen Italien. Ja, wenn man „dahin käme, würde man sogar Italien vergessen über Alles, „was man da hat." — Albano antwortete: „ich weiß, ich „werde mich auch einmal im Most der Kunst berauschen und „durch sie glühen, aber für jetzt ist sic blos ein schöner „blühender Weinberg für mich, dessen Kräfte ich gewiß voraus „weiß, ohne sie noch zu fühlen." — Die Fürstin gewann so sehr seine Achtung, daß er ihr, als der Fürst einige Schritte ferner am Fenster die hcranschwcllcnde Fluth des Pcstitzcr Gefolges besah, die Frage that, wie ihrem Kunstsinn bei den deutschen Zeremonien ihres Standes zu Mnthc werde; „sagen „Sic mir (sagte sie leicht), welcher Stand unter uns nicht „eben so viele hat, und wo nicht überall Priester und Advokaten mitspiclcn? — Sehen Sic einmal die Hochzeiten der „Reichsstädten an. Die Deutschen sind hier nicht besser und „schlimmer als jede Nazion, alte und neue, wilde und polirtc. „Denken Sic an Ludwig XlV. Der Mensch ist einmal so; „aber ich acht' ihn freilich nicht darum." Der Fürst erinnerte nun an die Stunde des Einzuges; und die Fürstin rief zu ihrem Anzüge für den Einzug mehr Pntzjnngfcrn und Putzkästchcn zusammen, als Albano nach ihren Worten oder wir nach ihren Nascnknorpeln — die geistige Flügclknochcn schienen — hätten erwarten sollen. Ihre eiligen Leute folgten ihr mit mehr Furchtsamkeit als Verehrung des Standes oder Wcrthcs; und einige, die zuweilen ans dem Putzzimmer vorbeiliefcn, hatten niedergeschlagene Gesichter. Endlich erschien sie wieder, aber viel schöner. Es muß doch dem männlichsten Weib mehr reizende Weiblichkeit, als wir denken, zngchörcn, da dieses durch den weiblichen Putz gewinnet, wodurch der weiblichste Mann nur verlöre. „Der „Stand (sagte sie zn Albano, eine große Offenherzigkeit in „Meinungen zeigend, die leicht mit einer eben so großen Verschwiegenheit in Empfindungen besteht) drückt und beschränkt „eine große Seele oft weniger als das Geschlecht." — Daß sie sich eine große Seele nannte, mußte den Grafen frappiren, weil er jetzt das erste Beispiel — ein anderer Mann kennt unzählige Beispiele — vor sich sah, daß ausgezeichnete Weiber sich geradezu und weit mehr selber loben als ausgezeichnete Männer. Man brach auf; au einer Gräuzbrücke, zugleich wie der Buchdruckcr-Hyphcu das Trenuungs- und Vcrbindungszeichen beider Fürstenthümer, hielt schon das halbe Hohcnfließ zu Wagen und Pferd, weil es nicht weiter herankonnte, bevor eine umgclehute Kröpel-Fuhre mit Dorf-Komödianten wieder aufs vierte Rad gehoben war und der mythologische Hausrath, den sic in Händen hatten, aufgcpackt. Als aber die Fürstin mit Gewalt auf die Brücke fuhr, verkehrten sich Plötzlich die Passagiere und Auslader in Musen, Musengötter, Liebesgötter und einen hübschen Hymen und setzten, im theatralischen Ornat und Apparat, die umrungene Braut unter poetisches Wasser, den Krieg der andern Götter gegen den Jungfernräubcr Hymen vortragend. Der Museusohn, der die Sache verflfizirt hatte, agirtc selber mit als Musenvater. Ich darf sagen, daß diese eigne Erfindung des Ministers recht gut ausgenommen wurde sowol von Haarhaar als Hohcnfließ. Froulay trat geschmückt und gepudert, als streckte er sich auf dem Paradebette zwischen Trauergueridous aus, vor sie als Sprecher des Landes hin, das seinen frohen Theil an ihrer Vermählung mit dem Bräutigamsrocke zu bezeugen wünschte. Die Fürstin kürzte und schnitt alles Festlügcn mit einer feinen Damcns-Scheere ab. Froulay hatt' unter andern Wagen auch einen mit Mehrern überall her verschriebenen Trompetern und Paukern mitgebracht, auf welchem schcrzeshalber Schoppe mit stand, der darum nicht oft aus großen Aufzügen der Menschen wegblieb, wie er sagte, weil die Menschen nie lächerlicher aussähen, als wenn sic etwas in Massa und Menge thäten. Um Salz in die Feier zn dringen, stellt' er aus seinem Wagen die Hypothese auf, das Alles thue man dlos, um die Braut aus der besten Meinung wieder dahin zu treiben, wo sie hcrgekommen, thcils um ihr die Vexir- und Bühnen-Ehe zu erspare», theils um dem Lande den neuen Hofstaat. Ihr Ohr soll nur — nahm er an, als die ans die umstehenden Hügel aufgcsahrncn Kanonen sich mit seinem trompetenden Donncrwagcn vereinigten und 3 Postmeister mit fünfzehn Postillonen dazu und darein stießen, welche nicht umsonst mit ihren besten Hörnern und Lungenflügeln ausgescfsen waren — ihr Ohr soll sehr gehänselt und sie daran durch einen solchen Willkomm ctwan zurückgezogen werden, daher man sogar leere Staatswagen mitschickt zum Rasseln, so wie im Anspachischen der Landmann die Hirsche blos durch fürchterliches Schreien, ohne Gewehr und Hund, von seiner Saat vertrieb, "y Wie Schiffe in Nebeln durch Laternen und Trommeln, so wollen Staaten sich durch Erleuchtung und Schießen auseinandcrhaltcn. Sie fährt doch, wie ich sehe, weiter — sagt' er unterwegs, wo er zuweilen selber den Doppellanter der Pauke in die Hände nahm mit Nutzen — und wir müssen Alle sonach nach; aber vielleicht ist das Ohr schon todt und ihr ist nur noch am Auge beiznkommen. Sehr erfrcueten ihn in dieser Hoffnung die scheckigen Uniformen sämmtlicher Beamten und *) Fürchterlich schreiet dieses wahre Geschrei der Menschheit im 4. Theil von Heß'S Durchflügen S. 156 nach; jetzt hat es eine wohlthäiigere Regierung durch die Wildstcuer gestillt. 225 die Fcdcrlappcn der Hoflivrccn, — jetzt kommt noch, weissagt' er freudig, gar der goldflitternc Ehrenbogen mit Vasen und Pfeifern, durch den sie gerade durch muß, und scheucht man denn nicht Spatzen mit Goldblechen und Selzcrkrügen aus Kirschcnbäumcn? -— O (dacht' er, als sic durch war) wenn jener gothische Wüthcrich sich durch den entgegenkommenden Bittzug des Pab- stes von dem plündernden Einmarsch ins heilige Rom rückwärts lenken lassen: so schlägt's gewiß durch, daß ihr in der Vorstadt die Waisenkinder mit ihrem Waisenvatcr bittend cnt- gegcntreten — dann die Schulmeister mit ihren Pagericn — dann Gymnasium und Universität — was doch nur erst Gefechte mit Vorposten sind-denn das Thor ist mit Infanterie besetzt, der ganze Markt mit der wehrhaften Bürgerschaft — die Hauptkirchc wird von der Geistlichkeit, das Nath- hans vom Magistrat bewacht — alle bereit, wenn sie nicht nmkchrt, ihr in gewisser Entfernung als Schaarwachcn und Obscrvazionschörc nachzuzichcn — und halten sich nicht am Schloßthore 7 Brautpaare als 7 Bitten und Bußpsalme auf und tragen ihr auf einem Lasterstein von Atlas ein fatales Pcreat-Karnicn, *) von mir selber verfasset, ein Dekret vom 19. Juni entgegen, des Effekts ganz ungewiß? — Recht! sagt' er, als der ganze Zug zu einer leichtern Ucber- ') Für ihn war's innerster Genuß, ein solches Hochzeitgedicht ganz mit den Neimen, Flügen und Ausrufungs- und Anrufungszeichen des ersten besten Ncujahrsreimcrs der Welt zu schenken; und das Bewußtseyn seiner reinen, obwol satirischen Absicht beruhigte ihn ganz über jeden Tadel einzelner schwülstiger oder zu sklavischer Wendungen. 2ean Paul's ausgetv. Werte. XI. 15 sicht für die in den Schloßscnstcrn liegende Herrschaft zum zweitcnmale den Schloßhof durchrcisetc — die verdoppelte Dosis soll durchgreisen. Schoppens Hoffnungen nahmen am wenigsten ab, als gar oben weil Galla war — man sich lange verborgen und verschwiegen hielt und endlich der Fürst als Sieger, aber müde von Hofkavaliers herabgebracht wurde in die Kapelle, um öffentlich für den Znrückzug der feindlichen Macht zu danken; ja als bald darauf auch die Braut nachdrang, aber von Kammerherrcn an den Armen zurückgehaltcn, sogar an der Schleppe von ihren Hofdamen zurückgezogen: so konnte der Bibliothekar leicht ohne Sorgen bleiben. Albano's bewegte, wallende Seele spiegelte die verworrene Hof-Welt noch wilder und unförmlicher zurück, als sie war. Er hörte cs, wie die fürstlichen Vettern, sogar der künftige Thron- und Stuhlsolger, dem Vetter Lnigi Glück zur Gesundheit, Vermählung und nächsten Zukunft wünschten, ob sic gleich durch ihren Freund Bouverot — ein lebendiges Sukzcssions- pnlvcr — ihm von diesen drei Dingen hatten so viel nehmen lassen, daß sie ihm eben ihre kaltblütige Verwandtin als die Kronwache ihrer nahen Thronfolge zngeben konnten. Er hörte dieselben Hochzcitgesänge von allen Hof-Pcstitzcrn, die, wie ein Muskel, ein besonderes Bestreben äußerten, sich kurz zu machen. Er sah, wie der Fürst —> obwol mit dem Gefühle, bald in seiner Fett- oder Wassersucht zu ersaufen — alle Lügen leicht und kalt und schadenfroh dahinnahm-- O, müssen nicht die Fürsten, dacht' er, selber lügen, weil sic ewig belogen, selber schmeicheln lernen, weil sic immer geschmeichelt werden? — Er selber konnte sich's nicht abgcwinnen, nur den kleinsten Scherf eines lügenden Glückwunsches in den allgemeinen Lügen- Fiskns zu werfen. 227 Die Fürstin warf dem Grasen — so oft cs ging nnd fast öfter — zwei Blicke oder Worte zu; denn dieser Blühende erinnerte unter den Thron-Küstenbcwohnern, von denen man leichter ein Echo als eine Antwort hört, allein an seinen kräftigen Vater. Der Hauptmann brachte einigemal — weil er gleich allen Schwärmern wie die Schaben nnd Grillen die Wärme liebte nnd das Licht floh nnd weil ihn alle Menschen von bloßem Verstände drückten — den Tadel zu Albano, daß die Fürstin ihm mit ihrem kalten witzigen Verstände mißfalle; aber der Graf konnte — aus Achtung für die väterliche Geliebte und aus Haß gegen ihre Opferpriester und Schächter — ein Wesen nur bedauern, das vielleicht setzt hassen muß, weil seine größte Liebe nnterging. Wie viele edle Weiber, die es sonst für höher hielten, zu bewundern als bewundert zu werden, wurden kräftig, kenntnißreich, beinahe groß, aber unglücklich und kokett und kalt, weil sie nur ein Paar Arme fanden, aber kein Herz dazu, nnd weil ihre heiße hingegebne Seele kein Ebenbild antraf, womit eine Frau gerade ein unähnliches meint, nämlich ein höheres Bild! Der Baum mit den erfrornen Blüten steht dann im Herbste hoch, breit, grün nnd frisch und dunkel vom Laube da, aber mit leeren Zweigen ohne Früchte. Endlich kam man ans den schwülen Spciscsälen in den frischen Lilars-Abcnd, ins Freie und zur Freiheit. Halb zürnend, halb licbcstrnnken ging Albano einer verhangnen Stunde entgegen, in welcher so manches Räthsel und sein thcncrstes sich lösen sollte. Was sieht der Mensch vor sich, wenn er endlich mit dem Faden in der Hand aus der Zrrhöhle hcraus- tritt? Nichts als die offnen Eingänge in andere Labyrinthe, und blos die Wahl darunter ist sein Wunsch. 15 * 228 78. Z Y k e l. Am schönsten Abende, als der Himmel bis auf den Boden aller Sterne durchsichtig war, ließ der Fürst die müde Versammlung nach Lilar fahren, um besser mit seinen beiden Unsichtbarkeiten, mit der Jlluminazion und mit Lianens Rolle, zu trügen. Wie schlug dem redlichen Albano das weiche Herz banger und sanfter, als er unter dem Hcrabrollen von der Waldbrückc ins wartende VolkSgetümmcl sich dachte: Sie ist auch diesen Weg in das Lilar gegangen, das ihr sonst so lieb gewesen. Sein ganzes Ideenreich wurde ein Abcndrcgcn vor der Sonne, dessen Eine Hälfte vor der Sonne glänzend zittert und dessen andere grau verschwindet. Ach, vor Lianen hatt' cs ohne Sonnenschein geregnet, als sie heute verborgen blos in den Tempel des Traums herübcrsnhr, um nur ein geliebtes Wesen zu spielen, aber keines zu seyn. Noch brannte keine Lampe. Albano blickte in jede grüne Vertiefung nach seinem Engel des Lichts. Sogar der Fürst selber, der die plötzliche Pctcrsknppcl-Entzündung noch mit seinen Winken zurückhielt, sah dem an Höfen so seltenen Vergnügen entgegen, zweifach zu überraschen. Die Fürstin hatte dem Minister die Verlegenheit der Lüge oder Antwort erspart, denn sic hatte gar nicht nach der künftigen Hofdame Liane gefragt, gleich dieser ganzen starken Weibcrklasse gegen ihr Geschlecht gleichgültig, aber desto fester an einer Auserwahltcn hangend. Albano erblickte im treibenden, verdunkelten Getümmel seine Pflcgeeltern und Rabette, aber in diesem Taumel des Bodens und der Seele könnt' er wie andere seine Augen nur aus den selber verhangnen Vorhang richten, hinter dem er mehr als alle Andere zu finden und zu verlieren hatte. 229 Doch in Jugcndjahrcn hängt kein schwarzer, nur ein bunter herab und an allen ihren Schmerzen sind noch Hoffnungen! Das Volk wartete ans den Glanz und ans die Musik. Der Fürst führte endlich seine Braut dem Tempel des Traumes entgegen; Karl, heute blind gegen, nicht für seine Na- bcttc, nahm den brennenden Grafen mit. Am äußern Tempel ließ'sich Nichts crrathen, was seinem magischen Namen entsprach; blos die Fenster gingen vom Dache dieses Pavillons bis auf den Boden nieder und waren statt von Rahmen und Fenstcrstcinen, in Zweige und Blätter gefastet. Aber als die Fürstin durch eine Glas-Thüre cingetrctcn war, schien ihr der Pavillon verschwunden; man stand, schien cs, auf einem einsamen von einigen Baumstämmen bewachten freien Platz, welchen alle Perspektiven des Gartens durchkreuzten. Wunderbar wie von spielenden Träumen waren Lilars Gegenden unter- einandcrgcworfen und die entgegengesetzten zusammcngerückt — neben dem Berg mit dem DonncrhäuSchcn stand der mit dem Altäre und hart neben dem Zaubcrwald bäumte sich der hohc^ schwarze Tartarus auf — Ferne und Nähe verschlangen sich ineinander — ein frischer Regenbogen von Gartcnfarben und ein entfärbter Ncbenrcgcnbogcn liefen nebeneinander fort, wie im Erwachen der Schatten des Traumbilds noch sichtbar vor der blitzenden Gegenwart entläuft. Jndcß die Fürstin noch in das träumerische Blendwerk versank:*) so trat wie aus der Lust Liane durch eine gläserne Seiten-Thüre in Jdoinens Lieb- *) Zwischen zwei Fenstern stand immer ein Pfcilcrspicgcl und mengte seine zurückgcspicgcltc ferne Perspektive unter die der Fenster. Jedem Spiegel stand nur Ein Fenster gegenüber; den Zwischenraum zwischen beiden verbarg und erfüllte Laubwerk. 230 lingsanzug, im weißt» Kleide mit Silberblumcn und in un- gcschmücktem Haar mit einem Schleier, der nur angestcckt an der linken Seite lang niedcrfloß, wankend hervor und lispelte, als die Fürstin getäuscht Ickoina! ausrics, zitternd und kaum hörbar: „se na suis g»'»n sonZe." *) ^— Sic sollte mehr sagen und eine Blume reichen; aber als die bewegte Fürstin sortricf: sosur cliäria! und sic heftig in die Arme schloß, so vergaß sie Alles und weinte nur ihr Herz an einem andern Herzen aus, weil ihr das fremde, vergebliche Schmachten nach einer Schwester so rührend war. — Albano stand nahe an der erhebenden Szene; der Verband von allen Wunden wnrd' ihm abgerissen und ihr Blut floß warm aus allen nieder. O, nid war sic oder irgend eine Gestalt so ätherisch-schön, so himmlisch-blühend und so dcmüthig gewesen! — Als sie die Augen aus der Umarmung anfhob, fielen sie ans Albano's bleiches Gesicht. Es war bleich nicht vor Krankheit, sondern vor Bewegung. Sie fuhr zuckend zurück, umarmte die Fürstin wieder; der bleiche Mensch hatte ihr bewegtes Herz in Einc Thräne nach der andern zerrissen; aber beide grüßten sich nicht — und so fing ihr Abend an. Während der Täuschung und Umarmung waren aus einen Wink des Fürsten alle Zweige und Thorc des Gartens in einen glänzenden Brand gesteckt — alle Wasserwerke des Zauberwaldes flatterten mit goldncn Flügeln aufgcschreckt hoch empor — im umgekehrten Regen spielte eine weiße, grüne, goldne und finstere Welt und die Wasser- und die Flammcnstralcn flogen wie Silber- und Goldfasanen muthwillig gegeneinander au. — Und der Glanz des brennenden Edens umfing den *) Ich bin nur ein Traum. 231 Tempel des Traums, und der Wiedersehen: legte sich iu sein inneres grünes Laubwerk vergoldend. Liane trat an der Hand der ehrenden Fürstin mit niedergeschlagnen, verschämten Augen in die Helle, rege Sonnenstadt heraus, ins Getümmel der Musik und der frohen Zuschauer. Ans Albano schoß die stürmische Gegenwart wie ein Strom; die entgegengesetzten verworrenen Rollen vor entgegengesetzten Menschen — der Frcudcnglanz des Abends — und die nächtliche Verwirrung in seiner Brust machten seinen festen Gang durch diesen Abend schwer. Die Fürstin zog ihn bald in ihren Wirbeln weiter; Lianen ließ sie nicht von sich. Der Minister färbte und steifte mit alten Galanterien den erotischen Sklaven aus; aber jedem schien er, da die Fürstin den Kredit nach dem Tode des Fürsten bestimmt, nur die Sitte der Minister nachzumachen, deren Geist gern vom Vater und Dauphin — llliogus — zugleich ansgeht, um sich nicht zwischen, sondern ans zwei Fürstcn-Stühle zu setzen. Sic schien indcß seit seiner Maschinerie mit Lianen ihn stolzer anszunchmcn. Hinlänglich beglückte ihn das Glück der Tochter wie seinen Schwiegersohn Bouvcrot die Nähe derselben genug, und das Schelmen-Paar lag tief und ganz in Blumen weidend. Albano erricth weiter Nichts, als daß sogar ein kalter Drache, ein Seelen-Urangutang die Reize dieses Engels dunkel spüre. Die Ministerin und der Lektor thcilten sich leicht wechselnd in die Bewachung Liancns vor jedem Worte -— Albano's. Die Fürstin ließ sich durch die funkelnden Lustgänge, durch den in nassen Blitzen stehenden Zauberwald und zuletzt an das Don- nerhäuschcn führen, um den brennenden Garten aus allen Punkten in ihr malerisches Auge zu' nehmen; Liane und Albano 232 begleiteten sic durch alle Gänge ihres welken, kahlen Arkadiens und hielten ihre zertrümmerten Herzen stumm und fest zusammen. Sie gab, treu ihrem Wort gegen die Eltern, ihm keinen warmern Blick und Anklang wie jedem, aber auch keinen kälter»; denn ihre Seele wollte ja nicht quälen, sondern nur leiden und gehorchen. Er machte — glaubt' er — alle Blicke und Laute sanft; auch rächte sich der edle Mensch durch keinen Schein der Kälte oder gar einer untreuen Befreundung mit der fürstlichen Krön- und Hcrzcnswcrbcrin. Die Fürstin fing an, ihm unverständlich zu werden. Man kam vom Romantischen aus Roman, dann auf die Frage, warum er die Ehe nicht male; „weil er (versetzte sie) ohne den „Amor nicht sehn kann." — „Und die Ehe?" — fragte unhöflich Albano. — „Nicht ohne einen Freund (sagte sic), aber „Amor ist ein Gott, uec clous lutersit, nisi cliAuus vincllcs „uocl»8 incielerit *)-" setzte sic dazu, weil sie Latein der Dichter wegen gelernt hatte. Bouvcrot sagte den Vers gar ans, um den Sinn doppelsinnig zu machen: ,,— nee huurtn Inqui personn Inliorel. **)" Niemand verstand das Letztere als der Lektor und die Fürstin. „Warum sind an jenem Hause (fragte sic) keine Lampen, „wer wohnt da?" Sic meinte Spcners Hans. Liane beantwortete nur das Letztere und schloß das warme Bild mit den *) Es braucht eben keinen Gott, wenn nicht ein Knoten da liegt, der nicht anders zu lösen ist. Und ein Vierter (wenn nämlich die Eheleute und der Freund da sind) braucht nicht mit in die Sache zu reden. 233 Worten: „er lebt für die Unsterblichkeit." „Was schreibt er?" fragte die mißverstehende Fürstin; und Liane mußte eine christliche Erklärung geben, worüber die Ungläubige lächelte. Es erhob fich sogar für und gegen den ewigen Schlaf ein Streit, der nicht viel weniger Zeit wcgnahm, als sie brauchten, um das Donncrhäuschcn zu umkreisen. Die Fürstin fing an: „wir würden gegen unfern täglichen Schlaf eben so viel, wenn er nicht da wäre, ciuzuwcndcn wissen wie gegen den ewigen." — „Noch mehr aber gegen das Erwachen daraus," griff Albano ein und kürzte die Ncligionsnnruhcn ab. Die Fürstin kam aus den ihr durch die lange Trauer über ihren verstorbnen Schwiegervater ausfallende» Spcner wieder nachsragcnd zurück; und Liane, des mütterlichen Beifalls gewiß, ergoß sich in einen Strom der Rede und Rührung — ihren Augen war einer verboten — der ein erhabenes Bild ihres Lehrers vorübertrug. Wie erschütterte die Erhabenheit dieser so weichen, zarten Seele ihren Freund! So richten sich im blassen, kleinen Mond nnd Abcndsterne höhere Gebirge als ans der größcrn Erde auf! — „Sie war auch einmal für dich begeistert, aber nun nicht mehr" sagte Albano zu sich, nnd blieb hinter Allen zurück, weil seine Seele schon längst voll Schmerzen war und weil ihm jetzt die Fürstin zu mißfallen anfing. Er stellte sich allein und sah dem rauschenden, leuchtenden Waffcntanze der Freude zu. Die Kinder liefen bcglänzt durch den Lärm und im hellgrünen Laub. Die Töne schwebten zu Einem Kranze incinandergcschlungcn hoch in ihrem Acthcr über den lauten Menschen fest nnd sangen ihnen ihre Himmclslicder herab. Nur in mir, sagt' er sich, wälzen die Töne und die Lichter den Schmerz hin und her, in niemand weiter, in Ihr 234 gar nicht; sie hat für Alle das alte erfreuende Liebesherz mitgebracht, für mich nicht; sie hat bisher nicht gelitten, sie blüht genesen. Er bedachte aber nicht, daß ja auch seine Kämpfe keinen Tropfen Wasser in das dunkle Roth seiner Jugend gegossen; in Lianen konnten Wunden aus solchen Kämpfen nur wie jene der geritzten Aphrodite die weißen Rosen zu rothcn färben. Aber er nahm sich Nor, ein Mann zu bleiben vor so vielen Augen und die Entscheidung und Liancns Einsamkeit ab- zuwartcn. Er wechselte daher mit seinen Pflege-Verwandten aus Blumenbühl mehrere verständige Worte; — er sagte zu Rabettcn: „nicht wahr, cs gefällt dir" — er schreckte ohne Willen den um einige neue Gesichter aus Haarhaar schwebenden Hauptmann mit der nichtsmcinenden Frage ans: „warum lässcst du meine Schwester so allein?" — Aber so oft er hinüber sah zu Lianen, die heute in ihrem langen Schleier als die einzige ohne schwere dicke Galla-Hülse gleichsam als eine junge, athmendc, weiche Gestalt unter steinernen angcstrichnen Statuen ging, so verschämt-beschämend, wie eine Zitternadel glänzend und bebend, so oft wälzten sich Flammen-Klumpen in ihm los. Die Leidenschaft wirft uns, wie die Epilepsie oft ihre Elenden, gerade an gefährliche Stellen des Lebens, an Ufer und Klüfte hin. Er lehnte den Kopf an einen Baum ein wenig gebückt; da kam Karl ans seinen Freuden-Walzern daher und fragte ihn erschrocken, was ihn so erzürne; denn das Nicderbücken hatte aus sein straffes, markiges Gesicht düstere, wilde Schatten geworfen; „nichts" sagt' er, und das Gesicht leuchtete mild, da er's cmporhob. Jetzt kam auch die unbedachtsame Rabette und wollte ihn in die „Du" versetzt' Freude ziehen und sagte: „dir fehlt was!" — er und sah sic sehr zornig an. „Geh in den finstern Eichenhain an Gaspards Felsen! (rief sein Herz) Dein Vater beugte sich nie; sei sein Sohn!" Er schritt durch die Glanz-Welt darauf hin; aber als er innen in der Finsterniß mit dem Kopfe am Felsen lehnte und die Töne neckend hercinspielten und er sich dachte, wie er eine so edle Seele gelicbct hätte, o wie sehr: so war es, als sag' etwas ihn ihm, „jetzt hast du deinen ersten Schmerz auf der Welt!" Wie bei dem Erdbeben Thüren springen und Glocken schlagen: so riß bei dem Gedanken: erster Schmerz, seine Seele auseinander und harte Thränen schlugen nieder. Aber er wunderte sich, daß er sich weinen hörte, und trocknete erzürnt das Gesicht am kalten Moose ab. Schwächer, nicht härter trat er in das zauberische mit glimmenden Edelsteinen beworfene Land heraus und unter die trunkener entgegenhnpfcnden Töne, die die Seele wcgreißen und aushcben und ans Höhen stellen wollten, damit sie in weite Frühlings des Lebens hinnnterschauete! Hier ans diesem sonst seligen Boden sah er die zerrissene, zertretene Perlenschnur seiner künftigen Tage liegen. „O, wie wir an diesem Abende hätten selig seyn können" dacht' er und sah ins Helle Laub- hüttenfcst, in das vergoldete, aber lebendige Laubwerk —- in den grünen umherirrcnden Wicdcrschein, vom Nachtwinde gewiegt — und in das Lauffeuer brennender Gebüsche in den fließenden Wassern — auf den bogigen Triumphthorcn standen Lichter wie herabgezogene Himmelswagen — und hinter ihm die schwarze Klostermauer des Tartarus, der erhaben in seinen Gipfeln nur einzelne Lichtchen zeigte — und drüben die stillen. 236 schlafenden Berge in der Nacht nnd hier das lantc Leben der Menschen, mit den Nachtschmctterlingcn um die Lampen spielend! — So erschafft sich in uns das Feuer selber den Sturmwind, der cs noch höher jagt. Neben ihm liefen die Töne und sagten ihm jeden Gedanken, den er tödten wollte. Wie der Mensch sich selber sieht, so hört er sich selber oft vor dem Tone. Jetzt ging Liane in einiger Ferne von der Menge mit Augusti. „Ich will mit ihr reden, so ist's ans," sagt' er zu sich. Als er neben ihr kämpfend und ringend ging: merkt' er wohl, daß sic wieder unter fremde Zuhörer zurnckwollte. „Liane, was Hab' ich dir denn gcthan?" sagte er mit dem Scclcntone eines zärtlichen Herzens, bitter des Lektors Gegenwart nnd Kräfte verachtend. „Verlangen Sic nur heute keine Antwort, lieber Graf," sagte sie zurückkehrcnd und nahm eilig Angusti's Arm; aber er merkte nicht, daß sie cs that, um nicht zu sinken. Hier warf er auf diesen einen Flammcnblick, hoffend, beleidigt und dann gerächt zu werden — verließ sie hastig und stumm — den süßesten Licbcs-Wcin hatte ein heißer Stral zu Essig geschärft — und er verlief sich, ohn' cs zu wissen, in den Traum-Tempel. Er ging darin auf und ab, murmelte je ne sum e,u'un 8onFe; wurde aber bald vom Haffe der mitlaufendcn Spicgcl- Jchs hinausgctrieben in den Tartarus, und von dem nach- fliegendcu ewigen Frühling der Töne, der ihm jetzt neben dem umgeackcrtcn Blumenbeete des Lebens so unerträglich war. Im Tartarus fand er alle Anstalten des Schreckens sehr kleinlich und lächerlich. Da kamen ihm unweit des Katakom- bcnganges Roquairol nnd Rabettc entgegen. Noquairols flammendes Gesicht erlosch und Kadetten ihres kehrte sich rückwärts , da Aldano heftig gegen sie hinschritt und durch die Erinnerung gleichzeitiger Himmel mehr erbittert und durch das Anwehcn in seine glühenden Ruinen anfflaiumcnd, den Hauptmann anpacktc: „Bist du ein Freund? — Bist du kein Teufel?-Du hast mich auf diesen Abend verwiesen; nie, nie red' ein Wort mehr von ihm!" — Beide zitterten bestürzt und entfärbt; Albano schrieb das Erbleichen und Ab- wendcn, ohne weiter nachzndcnken, ihrem Anthcilc an seiner Marter zu. Welche verwirrende, feindselige Nacht! Er schweifte immer weiter, ihn peinigte das nachlcckendc Frcudenfcner der Töne unsäglich — lügende cntgcgcnflattcrnde Tropikvögel der schöner» wärmer» Zone waren sie ihm — „Ich will ja blos in mein Bette, sobald es nur still wird drinnen!" — Er war eine halbe Meile weit, als das Lilarschc Tönen ihm noch immer nachzog; er drückte grimmig die Ohren zu, aber Lilar spielte darin noch fort — da merkte er, daß er nur sich höre. Aber immer war ihm, als müßte sich das lustige Gcklingle wie im von äunn auslösen in das Zctergc- töne vor Geistern. Fürchterlich spitz lief ihm die Allee der künftigen Tage zu, da er nun aus ihnen den Mond seines Himmels, Verschon über sein kindisches Herz und über die Blnmcnbühler Pfade geleuchtet, hcransriß. Der blühende, hüpfende Genius seiner Vergangenheit schlich ungesehen, den Freudcnkranz blos in der Hand, hinter ihm weg, indeß er mit dem vor ihm gehenden schwarzen Engel der Zukunft kämpfte, der ihn nachschleppte durch brausende Waldungen — durch schläfrige Dörfer — durch nasse, triefende Thälcr. — Endlich sah Albano gen Himmel unter die ewigen, unzähligen Sterne, zu dem 238 hängenden Blüten-Garten: „ich schäme mich vor euch nicht, sagt' er, weil ich auf dieser Kugel weine und gcprcsset bin vor eurer Uncrmeßlichkeit — droben steht ihr alle weit auseinander — und ans allen großen Welten hat jeder arme Geist doch nur eine kleine Stelle unter seinen Füßen, wo er glücklich oder elend wird. — Ist nur diese Nacht vorbei und ich ins Bette: morgen bin ich gewiß ein Mann und fest!" Plötzlich hört' er mehrmals einen säst erbitterten Klage- Schrei. Endlich erblickt' er neben einem Flusse ausgestrccktc weiße Acrmel oder Arme; er ging an die weibliche Gestalt: „ich bin leider Gottes blind, sagte sie; ich war auch mit bei der Jlluminazion und bin irre gelaufen -— ich kenne sonst Weg und Steg, drüben liegt unser Dorf, ich höre den Hirtenhnnd — aber ich kann den Steg übers Wasser nicht finden." Es war die erwachsene Blinde von der Sennenhütte. „Geht's noch lustig da zu?" fragt' er unter dem Führen. „Alles aus" sagte sie. Am Nosana-Stege ließ sie sich aus Eitelkeit nicht weiter zurechtweiscn. Er kehrte durch die schönen schon vom Morgen thancndcn Gebüsche auf eine Höhe vor Lilar — Alles war still drunten — wenige zerstreuete Lampen flackerten im Flötenthal, und noch am Tartarus das Paar wie TodcS-Tigeraugen — er ging in das leere Land hinunter über das stumme, platte Grab hinweg — seinen finstern, sinkend-steigenden Höhlengang hinaus — und in sein Bette hinein. „Morgen!" sagt' er kräftig und meinte seine Standhaftigkeit. — 239 Achtzehnte Jobelperiode. GaSpards Brief — die Blumcnbühler Kirche — die Sonnen- und Scclenfinsterniß. 79. Z y k c l. 28enn in der vorigen Nacht ein feindseliger fremder Geist die Menschen hinter Augenbinden hart widereinander und auseinander jagte: so wird er am Morgen darauf, wenn er auf einer kalten Wolke sein Schlachtfeld mit funkelnden Augen überblickte, fast gekachelt haben über alle die Freuden und Ernten, die rings um ihn darniederliegen. In Blumcnbühl drückt Rabette in einsamen Ecken gewaltsam ihre Hände mit zitternden Armen ineinander und haucht die Kalkwand an, um die Thräncn-Nöthe wcgzuwaschen.— Ans Lilar kommt düster Albano, blickt die Erde statt der Menschen an und auf der Sternwarte begierig den Himmel und sucht keinen Freund >— Roquairol treibt Pferde und Reiter zusammen und macht sich außer Lands einen lustigen, trnnk- nen Abend — Augusti schüttelt den Kopf über Briefe aus Spanien und sinnt verdrießlich, aber tief nach — Liane lehnt in einem Schlasscsscl, zerknickt mit dem gegen die Schulter fallenden Angesicht, worauf Nichts mehr blüht als die Unschuld — der Vater schreitet rothbraun auf und ab, sie ant- wartet nur schwach, indem sie die gefalteten Hände von Zeit zu Zeit ein Wenig hebt-Vor dein Nachtgeist ans der Wolke geht die Mcnschen-Zcit schnell als ein dahinflicgendes Flügel-Paar ohne Schnabel und Schweif; der Geist hat die ferne Woche neben sich, wo Albano Nachts auf der Sternwarte sieht, daß in der Blumcnbühlcr Kirche ein Altarlicht brennt, daß Liane darin mit aufgehobnen Händen knicct und daß ein alter Mann die seinigcn auf ihre heitere, glänzende Stirn auflcgt, die sich mit thräncnloscn Angen gen Himmel richtet. Der Geist sieht tiefer in die Monate hinab, vor Lust kreiset er sich um sich und grinzct über alle umliegenden Wohn- rmd Lustörtcr der Menschen; oft lacht er um alle seine offnen Höllenzähne herum, nur zuweilen knirscht er sie bedeckt unter dem Lippcnflcisch. . . Seht weg — denn auch das sicht und will es — und tretet herab von dem winterlichen Gespenst unter die warmen Menschen und aus die feste Wirklichkeit, wo die fliegende Zeit wie die fliegende Erde auf ruhenden Wurzeln zu liegen und wo nur die Ewigkeit wie die Sonne zu kommen scheint. Albano's Wunde, die seinen ganzen inncrn Menschen dnrchschnitt, könnt ihr am besten am Verbände messen, den er um sic zu bringen suchte. Aus dem Tröste und Selbst-Truge wird unser Schmerz crrathcn. Am Morgen ließ er die Schmerzen durchcinanderrcden und lag still vor ihrem Leichen- gcschrei als die Leiche; dann stand er auf und sagte so zu sich:, „nur eines von beiden ist möglich, entweder sie ist mir noch getreu und nur die Eltern zwingen sic jetzt — dann muß man diese wieder bezwingen und da ist gar Nichts zu jammern — oder sie ist mir aus irgend einer Schwäche etwan gegen die wüthigcn und geliebten Eltern nicht mehr treu. 241 oder aus Kälte gegen mich, oder aus Religiosität, Jrrthum und so weiter: dann seh' ich (fuhr er fort und suchte die beiden Füße tiefer und fester in den Boden einzutreten, ohne doch einen Widcrhalt zu haben) weiter Nichts zu thun als Nichts, nicht ein plärrender Säugling, ein ächzender Siechling, sondern ein eiserner Mann zu sehn — nicht blutig zu weinen über ein vergangnes Herz, über die tiefe Todcsasche auf allen Feldern und Pflanzungen meiner Jugend und über meinen Ungeheuern — Schmerz." So bethört' er sich und hielt das Bedürfnist des Trostes für die Gegenwart desselben. Jeden Abend besuchte er die Sternwarte allster der Stadt auf der Blumcnbühler Höhe. Er fand den alten, einsamen, magern, ewig rechnenden Weib- und kinderlosen Sternwärtcl immer freundlich und unbefangen wie ein Kind, nichts fragend nach Kricgszeitungen, Modejournalen und Poesien; und nirgends für sein Vergnügen Geld ausgebend außer auf der Post an Bode und Zach. Aber funkelnd blickte das alte Auge unter den sparsamen Augcnbraunen in den Himmel und poetisch erhob sich ihm Herz und Zunge, wenn er von der höchsten irdischen Stelle, dem lichten Himmel über der schwarzen, tiefen Erde, sprach — von dem unübersehlichen Welt-Meer ohne Ufer, worein der Geist, der vergeblich überfliegen will, ermüdet sinke, und dessen Ebbe und Fluth nur der Unendliche sehe unten an seinem Throne — und von der Hoffnung auf den Sternenhimmel nach dem Tode, den dann keine Erdscheibe wie jetzt durchschneidc, sondern der sich um sich selber ohne Anfang und Ende wölbe. Wenn Sokrates den stolzen Alzibiades durch die Erdkarte verkleinerte: so muß, wenn die Himmelskarte diese selber vernichtet, unser Stolz und Schmerz auf ihr noch mehr er- Jean Paul'S ausgelv. Werke. Xt. ^0 i 242 röthcn. Albano schämte sich, an sich zn denken, wenn er anssah in die ungeheure ansstcigcnde Nacht über ihm, worin Tage und Morgenröthcn stehen und ziehen. — Er erhob sich und seinen Lehrer, wenn er davon sprach, wie jetzt droben in der Uncrmcßlichkcit Frühlingc und Paradiese junger Welten und donnernde Sonnen und znsammcnbrcnncndc Erden durch- cinandcrfliegen und wir stehen hier unten als Taube unter dem erhabnen Orkan und der brausende Gewitterguß zeigt sich uns in dieser Ferne nur als ein stiller, stehender weißer Regenbogen aus der Nacht. — So oft Albano's großes Auge vom Himmel kam, fand cs die Erde Heller und leichter. Endlich aber kam die Nacht, die der feindselige Geist schon so lange erlebt. Es war schon sehr spät und der Himmel ganz heiter, die Nebelflecken drangen sich als höhere Marktflecken näher heran, der Himmel schien mehr weiß als blau, Albano dachte an die verborgene Geliebte, die neben ihm den Himmel und ihn noch mehr heiligen würde durch ihr Herz voll unaufhörlicher Gebete: als er Plötzlich durch das niedcrsinkendc Stcrnrohr in der Blumcnbühlcr Kirche Licht erblickte—die Fürstcngruft offen — Lianen am Altäre kniecnd mit aufgehobnen Händen — und einen alten Mann neben ihr, sie gleichsam cinscgnend-Fürchterlich standen die Kcrzenflammcn und LiancnS Gesicht und Arme nach der Tiefe umgcstürzt, weil das Sternrohr Alles umgekehrt erscheinen ließ. Albano bat schaudernd den Astronomen, dahin zn schauen. Auch dieser sah die Erscheinungen, ihm aber namenlose. „Es sind wol Leute in der Kirche" sagt' er gleichgültig. Aber Albano stürzte hinab — kaum könnt' ihm der verwunderte Astronom die Einladung auf die morgendliche totale Sonncn- ffnsterniß Nachrufen — und rannte aus Blumcnbühl zn. Wie 243 sich sein Herz unter dem Nennen nnd am meisten in Vertiefungen, worin er die erleuchtete Kirche verlor, abarbeitcte, das bleibt verhüllt, weil cs sich ihm selber verhüllte unten seinem Sturm. Endlich sah er die weiße Kirche vor sich^ aber die Kirchcnfenster waren ohne alles Licht. Er klopfte hart an die eiserne Kirch-Thürc nnd rief: „ausgemacht!" er hörte nur den Nachhall in der leeren Kirche nnd nichts weiter. So ging er mit der stürmenden Vergangenheit in seiner Brust durch die schlafende Nacht zurück — die Erde war ihm eine Gcistcrinscl, die Gcisterinscln waren ihm Erden — sein Wesen, seine Stadt Gottes brannte ab, fühlt' er. Sic lag am Morgen noch in völliger Glut, als der Lektor zu ihm kam nnd ihm die unbegreifliche Bitte von Lianen brachte, daß sic ihn gegen die Mittagszeit allein in Lilar zu sprechen wünsche. Er wurde diescsmal nicht gegen den verdächtigen Boten erzürnt nnd sagte voll Verwunderung „Ja." Mit welchen kühnen, abenteuerlichen Formen steigt unser Le- bcns-Gewölkc den Himmel hinan, eh' es verschwindet! — 80 . Z y k c l. Lasset uns zu Lianen gehen, wo die Näthscl wohnen! — Am Morgen nach der erleuchteten Nacht fühlte sic erst die grausame Anspannung nach, womit sic ihren Eltern das Versprechen des Schweigens gehalten; mit aufgelösctcn Kräften sank sie darnieder, aber auch mit feuriger crneuctcr Treue. „Womit (sagte sie sich immerfort) hatt' cs denn dieser edle Mensch „verdient, daß ich ihm seinen ganzen Abend voll Schmerzen „machte?— Wie oft sah er mich bittend und richtend an! — O, „hätt' ich dein schönes Haupt halten dürfen, da du es schwer an 16 * 244 „die rauhe Fichtcn-Rinde lehntest!" — Was sie in der schweren Mitternacht am wehmüthigsten gemacht, war sein stummes Verschwinden gewesen; wie oft hatte sic nach seinem außen mit Lampen erleuchteten Donncrhäuschen hinausgeschen, wo innen nur Finsterniß am Fenster lag! Jetzt fühlte sie, wie nah' er ihrer Seele wohne; und sic weinte den ganzen Morgen über die Nacht, und der Stral der Liebe stach sie immer heißer, so wie Brennspicgel dic Sonne starker vor uns legen, wenn sic gerade nach Regen niedcrblickt. Dic Mutter wnrd' ihr heute für das opfernde worthaltendc Gestern durch zurück- kommende, vertrauende Liebe dankbar; — obwol der Vater mit Nichts; da man bei ihm so wenig wie bei den altern Lutheranern durch gute Werke selig wurde, sondern nur durch den Mangel derselben verdammt; — aber eben jetzt, wo die Eltern ans der Nacht die neuesten Hoffnungen der Entsagung gcschöpfet hatten, konnte die Tochter keiner einzigen schmeicheln. Wie oft dachte sie an Gaspards Brief! — Ist er ein abgedrücktcr Pfeil, der mit der Wunde an der Gift-Spitze, ans dem langsamen Weg von Spanien nach Deutschland ist, oder das freundliche Licht eines nie gesehenen Fixsternes, das erst auf der weiten Bahn zu uns heruntcrgeht? — Augusti hatte aber den Brief schon vor der Jllnminazions- nacht erhalten, allein nur Ursachen gefunden, ihn nicht zu übergeben. Hier ist er: „Ich muß Ihre Aengstlichkcit sehr schätzen, ohne sic an- „znnchmen. Mbano's Liebe für das F. v. Fr., an dem ich „schon sonst so zu sagen eine gewisse Virtuosität in der Tugend „rcchtfgcrn bemerkte, stellet uns und ihn gegen den Einfluß „der Gcister-Maschineric und gegen anderweitige Verbindungen 245 „sicher, die für seine Studien und sein warmes Blut wol bedenklicher wären. Nur muß man dergleichen Jugend-Spiele „ihrem eignen Gange überlassen. Hält er an ihr zu fest: so „mag er zuschcn, wie sich die Sache entwickelt. Warum sollen wir ihm diese Freude noch verkürzen, da Sic mir ohnehin leider die Kränklichkeit des schönen Wesens klagen? Im „Spätherbste seh' ich ihn. Seine kräftige, brave Natur wird „wol zu cntrathcn wissen. Versichern Sic das Fronlayschc „Hans meiner besten Gesinnungen." G. d. C. Der Lektor hätte gern dieses Papier in die Papiermühle geworfen, da so wenig daran „ostensible" war. Zwar Gas- pards mörderisch geschliffne Ironie über Lianens Kränklichkeit blieb, wenn er ihr das Schreiben zeigte, für diese arglose Frie- dcnsfürstin in der Scheide; — auch der Nordwind des Egoismus, der das Blatt durchstrich, wurde von der Liebenden, da er doch für Albano's frohe Lebcnsfahrt ein günstiger Seitenwind war, nicht gefühlt oder geachtet; — aber eben darum; denn sie konnte Gaspards verdecktes Nein für ein Ja ansehen und sich gerade in das Seil tödtlich verwirren, woran der Freund sie aus ihrem steilen Abgrund ziehen wollen. Jndeß der Brief müßte übergeben werden — aber er that's mit langen, scheuen Weigerungen, die ihr gleichsam den Schleier von dem bedeckten Nein wegziehcn sollten. Sic las ihn furchtsam, lächelte weinend bei der mörderischen Ironie und sagte sanft: jawohl! — Der Lektor hatte schon eine halbe Hoffnung im Auge. — „Wenn der Ritter (sagte sic) so denkt, „darf ich's denn weniger? Nein, guter Albano, nun bleib' ich 246 „dir treu! Mein Leben ist so kurz, darum sei es ihm so lange „erfreulich uud gewidmet, als ich vermag." Sic daukte dem Lektor so warm uud froh für den Pfeil aus Spanien, daß dieser unfähig war, hart genug zu sehn, um dessen schwarz vergiftetes Ende in das schöne Herz zu stoßen. Sie bat ihn, zu seiner Schonung nicht bei ihrer festen Erklärung gegen ihren Vater zu sehn, lieber höchstens zu ihrer und der mütterlichen die ihrige gegen die Mutter zu übernehmen. Er willigte blos in — beides, statt in eines. Die sanfte Gestalt trat ruhig vor ihren Vater hin und brachte, vor keinem Blitz und Donner zusammenfahrend, ihre Erklärung zu Ende, daß sic ihre gemißbilligte Liebe hart bereue, daß sie alle Strafen tragen, und Alles opfern, Alles hier und bei der Fürstin thun und lassen wolle wie „aller xürs" fordern würde, daß sic aber länger nicht den schuldlosen Grasen v. Zcsara beleidigen dürfe durch den Schein des pflichtwidrigsten Abfalls. Auf diese Anrede konnte der Minister — der sich durch das bisherige folgsame Enthalten sehr von labenden Erwartungen hatte heben lassen — unten auf dem Boden ausgcstrcckt, von seinem tarpcjischen Felsen dahin geworfen, keinen weitern Laut von sich geben als diesen: „Imlx-eille! Du hcirathest den H. v. Bouverot — er malt dich morgen — du sitzest ihm." Er zog sie mit harter Hand und drei entsetzlich langen Schritten zur Ministerin: „sic bleibt (sagt' er) „in ihrem Zimmer bewacht, niemand darf zu ihr außer mein „Schwiegersohn — er will die Imbecille malen en miniatur«. Geh, IinÜLcillk!" sagte er außer sich. Ihr gänzlicher Mangel an weiblicher Verschlagenheit hatte wirklich für den Staatsmann eine Decke über ihr tiefes, scharfes Auge gezogen; ein gerader Mensch und Verstand gleicht einer geraden Allee, 247 die nur halb so groß erscheint als eine auf krummen Wegen laufende. Der Lektor, der nie für einen besondcrn Liebhaber ehelicher Lnsttreffen wollte angesehen sehn, hatte sich schon sort- gcmacht. Der dreißigjährige Krieg der Gatten — nur wenige Jahre fehlten daran — gewann Leben und Zufuhr. Der alte Ehemann verbreitete über sein Gesicht jenes zuckende Lächeln, das bei einigen Menschen der Zuckung des Kerlholzes ähnliche welche das Anbeißen des Fisches ansagt. Er fragte, ob er nun wol Unrecht gehabt, weder der Tochter noch der Mutter — die er beide eines parteigängcrischcn Einverständnisses gegen ihn beschuldigte — zu trauen; und versicherte nun, nach solchen Proben wären ihm weder strengere Maßregeln zu verargen, noch ein gerades Losgchen aus sein Ziel, und mit dem Sitzen, um das ihn der deutsche Herr schon zweimal gebeten, hob' er an. Die Ministerin schwieg zu Liancns Strafe über ein so übergroßes Geschenk an Bonvcrot, wie ein Miniaturbild ist. Die zarte Tochter, gedrängt und zerquetscht zwischen steinernen, zuschrcitcndcn Statuen, stellte der Mutter vor, sie sei unmöglich im Stande, ein so langes männliches Anblicken aus- zuhaltcn, und am wenigsten von H. v. Bonvcrot, dessen Blicke oft wie Stiche in ihre Seele führen. Hierauf antwortete und rctorquirte in der Mutter Namen der Vater dadurch, daß er einen Sessel an den Sckrctair hinzog und ans der Stelle den deutschen Herrn auf morgen cinlud zum Malen. Dann wurde Liane mit einem Worte fortgcschickt, das sogar aus dieser weichen Blume den Blitz eines kurzen Hasses zog. Das Reichssriedcnsprotokoll lag jetzt vor beiden Gatten ausgcschlagcn; und cs fehlte blos an jemand, der diktirte, als 248 die Ministerin nufstand und sagte: „Sie sollen mich mehr achten lernen." Sic liest anspannen und fuhr zum Hofprcdigcr Spcncr. Sic kannte Linnens Achtung slir ihn und seine Allmacht über ihr srommcs Gcninth. Sogar ihr selber imponirt' er noch. Aus jener frühem theologischen Zeit, wo noch der lutherische Beichtvater näher an dem katholischen regierte, hatt' er durch die Kraft und Großmnth seines Charakters einen Hirtenstab, der vom Bischofsstäbe sich blos im bessern Holze unterschied, hcrübergebracht. Sie mußt' ihm Linnens Verhältnisse zweimal erzählen; der feurige, erzürnte Greis konnte eine Liebe gar nicht fassen und glauben, die sich sogar vor seinen alten Augen sollte fortgcsponnen haben ohne sein Wissen. „Jhro „Excellenz (antwortete er endlich) haben freilich gcfehlct, daß „Sie mir diese importante Begebenheit erst heute mitthcilcn. „Wie leicht würd' ich Alles durch Gotteshülse zu einem gesegneten Ansgang geleitet haben! Es ist aber Nichts verlogen. Senden Jhro Excellenz das Fräulein noch diese Nacht „zu mir, aber allein, ohne Sic; das muß geschehen; dann steh' „ich für das Ucbrige!" Einwendungen und Bedenklichkeiten würden blos den Ehrgeiz und Zorn des jGreiscs — welche beide unter dem Eis seiner Haare fortarbeiteten — entzündet haben; sie sagte ihm also vertrauend Alles zu mit jenem Gehorsam, den sic auch auf Lianen vererbet hatte. Recht hoffend nahm Liane den Befehl der Nachtreise zum guten, frommen Vater auf. Sie fuhr blos mit ihrem ergebenen Mädchen ab. Mit tiefbewegter Seele erschien sie vor ihrem Beichtvater. Sie eröffnete sich ihm wie einem Gott; er entschied eben so. Welch' ein Anblick für ein anderes, we- nigcr stolzes Auge als das Spcncrschc wäre diese demüthige, aber gefaßte Heilige gewesen, deren Herz immer, wie der Son- ncnstral, am schönsten in der Zerspaltung erschien! — Aber hier geht die Geschichte in Schleiern! Der Greis befahl ihrem Mädchen znrückzubleibcn und nahm sie allein in das stnmmc Blnmcnbühl hinüber. Er schloß ihr die Kirche ans, zündete noch eine Kerze auf dem Altäre an, damit das wüste Dunkel ihrem scheuen Auge nichts Vorspiele, und vollendete, waS die Eltern nicht konnten. Wie er cs erzwang, daß sie auf ewig ihrem Albano entsagte, wird von der großen Sphinx des Eides, den sie ihm schwur, bewacht und bedeckt. — Nur der ferne Mensch, der die schöne Seele verlor, hatte auf der Sternwarte von den Sonnen auf die Hellen Kirchcnsenster geblickt und hinter ihnen zerrüttende Erscheinungen gefunden, ohne zu wissen, daß sie wahr wären und fein Leben entschieden. Sie ging kalt über die Auen und Berge der alten Tage, die geleuchtet hatten, wieder in die Wohnung des Greises zurück, der sic mit größerer Ehrerbietung entließ, als er sic ausgenommen. Auf dem Nachtwcg war sic stumm und in sich gesenkt gegen ihr Mädchen. Die Eltern erwarteten sic noch, die Mutter blickte bang' in die Nacht und in die Zukunft. Endlich rollte der lebendige Wagen in den Hof. Groß und mächtig, wie eine unschuldig Hingerichtete wieder vor dem Zergliederer auflebt und, ihn für den höhcrn Richter achtend, entfesselt und freudig spricht, so trat sie vor die Eltern; wie der kalte Marmor einer Göttcrgcstalt stand sie bleich, thränenlos, kalt und ruhig da. Sic wußte und wollt' cs nicht, aber sic ging hoch über das Leben, sogar über die kindliche Liebe — sie konnte die Mutter nicht so inbrünstig küssen wie sonst — 250 sie stellte sich unerschrocken vor den polternden Vater und sagte dann ohne Thräne, ohne Bewegung, ohne Nöthe und mit sanfter Stimme: „Ich habe heute vor Gott meiner Liebe entsagt. „Der fromme Vater hat mich überzeugt." — „Und hatte der Mann bessere Gründe dazu in petto als ich?" sagte Froulay. — „Ja (sagte sie), aber ich habe im Tempel geschworen zu „schweigen, bis Alles die Zeit entdeckt. —- Sjzin bitt' ich Sie „nur bei dem Allgcrechtcn, mir cs zu erlauben, daß ich Ihm „seine Briefe persönlich wiedcrgebe und ihm es sage, daß ich „anfhörc die Scinigc zu seyn, aber nicht aus Wankclmuth, „sondern aus Pflicht; — das bitt' ich, liebe Eltern. — Dann „walte Gott weiter, und ich werde Ihnen in Nichts mehr ungehorsam sehn." Der elende Vater durch diesen Sieg aufgeblähter, wollte ihr noch die letzte Bitte des sterbenden Herzens sauer machen und ließ sogar Argwohn über die Absicht der Zusammenkunft blicken; aber die Mutter, in ihrer schönen Seele von der schönsten ergriffen) trat eifrig und verachtend dazwischen und bejahte cs eigenmächtig. Auch schien Liane das Vater-Nein wenig zu bemerken. Als er fort war, riß die Mutter die stille Gestalt selig-weinend an sich; aber Liane weinte doch nicht so leicht an ihr, wie sonst, aus Liebe, cs sei, daß ihr Herz zu erhaben stand oder daß es eben so langsam in die alte Lage wicderkam, als cs aus ihr wich. „Habe Dank, Tochter (sagte die Mutter), ich werde dir nun das Leben froher machen." — „Es war froh genug. Ich sollte sterben; darum mußt' ich „lieben" sagte sie. — So ging sie lächelnd in die Arme des Schlafes mit hartklopfcndem Herzen. Aber im Traume kam cs ihr vor, sic sinke ohnmächtig dahin, verliere die Mutter und ringe sich aus dem fliegenden Tode bange wieder auf und weine 251 j dann froh, daß sic wieder lebe? Darüber erwachte sie, nnd die frohen dnrch den Traum sanft abgelösctcn Tropfen flössen aus den offnen Angen fort nnd erweichten wie Thauwind das starre Leben. — Ihr großen oder seligen Geister über uns! Wenn der Mensch hier unter den armen Wolken des Lebens sein Glück wegwirst, weil er cs kleiner achtet als sein Herz: dann ist er so selig und so groß wie Ihr. Und wir sind Alle einer heiliger» Erde werth, weil uns der Anblick des Opfers erhebt und nicht niedcrdrückt, und weil wir glühende Thronen vergießen, nicht aus Mitleidcn, sondern aus der innersten, heiligsten Liebe und Freude. -— 81. Z y k e l. Warm und glänzend trat die Sonne, die heute wie die Unglückliche verfinstert werden sollte, ihren Morgen an. Liane erwachte zum Bcgräbuiß-Tagc ihrer Liebe nicht mit der gestrigen Stärke, sondern weich und matt, aber heiterer durch die Aussicht in die Wiederkehr der friedlichen Zeit. Die Mutter, obwol selber kränklich, drückte sie schon frühe an ihr Herz, um den Puls des theucrsten zu prüfen. — Liane blickt' ihr liebreich und sehnsüchtig recht lange mit nassem Auge ins nasse und schwieg. „Was willst du?" — fragte die Mutter. — „Mutter, liebe mich jetzt mehr, da ich allein bin;" sagte sie. Dann band sie vor der Mutter alle Briefe Albano's zusammen, ohne sie zu lesen, den ausgenommen, worin er ihren Bruder um seine Liebe bittet. Sie scherzte gegen die Mutter, wie das Schicksal cs mit uns wie arme Eltern mit ihren Kin- 252 dcrn machte, die ihnen anfangs Helle, bunte Gewänder angäben, weil diese leichter in dunkle umzufarbcn wären. Die Mutter suchte allmälig ihre Gcistcr-Phantasicn, gleichsam das Todes-Moos, das an ihrem jungen, grünen Leben sauge, von ihr abzunehmcn: „Du siehst (sagte sic), wie dein „Engel irren kann, da er deine Liebe billigte, die du nun „mißbilligst." Aber sie hatte eine Antwort: „nein, der fromme Vater sagte, sic sei recht gewesen, bis da er mir das Gehcim- niß sagte, und die Bibel sage, man müsse Alles verlassen der Liebe wegen." — So steigt, denn dieses arme Geschöpf, wie man vom Paradiesvogel sagt, so lange im Himmel gerade empor, bis cs todt hernnterfällt. Sic zeigte der Mutter fast eine fieberhafte Heiterkeit, einen Sonnenschein am letzten Tage des Jahres. Sie sagte, wie es sic erquicke, daß sie nun mit ihrer lieben Mutter von ihren vorigen schönen Tagen frei reden dürfe — sie malte ihr Al- bano's glühendes, großes Herz, und wie er die Opfer verdiene und die „Pcrlenstunden," die sie znsammcngclebt. „Im Grunde „ist (sagte sic heiter, aber so daß dem Zuhörer Thräncn an- „kamen) ja nichts davon vorbei, Erinnerungen dauern länger „als Gegenwart, wie ich Blüten viele Jahre konserviret habe, „aber keine Früchte." Ja, es gibt zarte weibliche Seelen, die sich nur in den Blüten des Weingartens der Freude berauschen, wie andere erst in den Beeren des Weinbergs. Des Lektors Billet kam an mit der Nachricht, daß Albano sie in Lilar erwarte. Jetzt da die Stunde der Zusammenkunft so dicht anrücktc, wurd' ihr immer banger; „wenn ich ihn nur überreden kann „(sagte sie), daß ich als ein rechtschaffenes Mädchen gehandelt „habe." Ehe sie ihr Morgenzimmer gegen den Trauerwagen 253 vertauschte, legte sic darin alles zum Zeichnen zurecht, wenn sie wicderkäme; sic habe, sagte sic, einen sehr bösen Traum gehabt, aber sic hoffe, er treffe nicht ein. Sic stieg mit ihrem Arbcitskörbchcn, worin die Briese lagen, am Arme, in den Wagen, den man aufmachcn mußte, weil seine schwüle Lust sic drückte. Aber die Schwüle athmete ihr Geist, und alles Schöne, was ihr begegnete, wurd' ihr heute zur betäubenden Giftblumc. Sic faßte und drückte furchtsam immer die Hand der Mutter, weil sie jeder Schrei, jede schnell vorüberlanscnde Gestalt wie ein Sturmvogel rauschend überflatterte; ein Ausrufer schnitt mit seinem rohen Ton in ihre Nerven; sic bebten nur erst sanfter wieder, da ein Geistlicher und sein Diener mit dem Krankcnkelch für den Abcnd- trank der müden Menschen vorübergingen. O, der schöne Weg wurd' ihr lang! Sie mußte das zerfallende Herz, das recht fest und bestimmt mit dem Geliebten reden sollte, so lange mit ermattenden Kräften Zusammenhalten. Der Himmel war blau, und doch merkten beide es nicht, daß cs ohne Wolken anfangc dunkel zu werden, da der Mond schon mit seiner Nacht an der Sonne stand. Als sic über die Waldbrücke in das lebendige Lilar fuhren, wo an allen Zweigen die alten Brautkleider einer geschmückten Vergangenheit hingen, sagte Liane mit Heftigkeit zur Mutter: „Um „Gottes Willen nicht ins alte Todten-Schloß!" „Wohin denn „aber? Er ist dahin bestellt," sagte die Mutter. — „Ueberall hin —- in den Traumtcmpcl — Er sieht uns schon, dort geht er auf den Thoren," sagte sie. „Gott, der Allmächtige sei mit dir, und sprick nicht lange" sagte die weinende Mutter, st Wo der Fürst gestorben und sie erblindet war. 254 als sic von ihr in den Tempel ging, in dessen Spiegeln sie der Trennung der unschuldigen Menschen zuschauen konnte. Albano kam langsam oben in den Gängen daher, er hatte sein Auge vonThräncn rein gemacht und sein Herz von Stürmen. O, wie hatt' er bisher wie ein lang nmhcrgetriebncr Seefahrer in seine dunklen Wolken hincingcschcn, um zwischen ihren Nebelspitzen die Bcrgspitze eines festen grünen Landes auszufindcn! — Daß er heute so viel, nämlich Alles verlieren sollte, so weit waren seine traurigsten Schlüsse nicht gegangen; ja er bewahrte so viel Nnhc, daß er oben dcn kleinen nach- tanzcnden Pollux nicht bedrohend, sondern beschenkend zurück- schafftc. Endlich stand er mit zuckenden Lippen vor der geliebten schönen Gestalt, die kindlich, bleich, zitternd und das Arbcitskörb- chcn bewachend ihn ein wenig anblicktc und dann mit ihren nicdcrfallcnden Angen kämpfte. Da schmolz sein Herz; die Fluth der alten Liebe rauschte hoch in sein Leben zurück. „Liane, (sagt' er im sanftesten Ton, und seine Augen tropften) bist du noch meine Liane? Ich bin noch wie sonst; und du hast dich auch nicht verändert?" — Aber sic konnte nicht Nein sagen. In die Pulsader ihres Lebens wurde geschnitten und Thräncn sprangen auf statt Blut. Seine gute Gestalt, seine bekannte Bruder-Stimme standen wieder so nahe an ihr und seine Hand hielt ihre wieder und doch war Alles vorbei, ein heißer Sonnenblick streifte über ihr voriges, blumiges Gartcn- lcben und zeigt' es wehmüthig erleuchtet, aber cs lag fern von ihr. „Laß uns (fuhr er fort) jetzt stark seyn in diesem sonderbaren Wiedersehen — sage mir recht kurz Alles, warum „du bisher so schwiegest und so thatest — ich habe nichts zu „sagen — dann sei Alles vergessen." — Er hatte unbewußt » 255 ihre Hand erhoben, aber die Hand drückte sich nieder und zitterte dabei. „Zitterst du oder ich?" sagt' er. „Ich, Albano, „(sagte sic) aber nicht aus Schuld; ich bin treu, o Gott, ich „bin treu bis in den Tod." — Er sah sie irrend an: „Ihnen, „Ihnen bin ich's, aber Alles ist vorbei" ries sie verwirrt und verwirrend. „Nein — (setzte sie gebietend dazu, als er zufällig „mit ihr aus der Perspektive des Traum-Tempels gehen wollte—) „nein, meine Mutter will uns sehen, dort ans dem Tranm- „tcmpel." Er wurde roth über die mütterliche Wache, sein Auge blitzte in ihres wider das „Ihnen", und die heißen Blicke wollten aus ihrem bewegten Gesicht das aufhaltcnde Räthscl ziehen. Die Noth gebot Kraft; sic fing an. „Hier — (stammelte sie und konnte zitternd das Körbchen kaum aufbringcn —) Ihre Briefe an mich!" Er nahm sie sanft. „Ich Hab' Ihnen entsagt (fuhr sie fort), meine Eltern „sind nicht Schuld, wenn sie gleich unsere Liebe nicht wollten — ein Gchcimniß betrifft blos Sie und Ihr Glück -- „das hat mich bezwungen, daß ich von Ihnen schied und von „jeder Freude."-„Ihre Briefe wollen Sie auch" — sagt' er. „Meine Eltern-" sagte sie. „Das Gehcim- „niß über mich"-sagt' er. — „Ein Schwur bindet „mich" — sagte sie. — „Heute Nachts in der Kirche zu Blu- „menbühl vor dem Priester" — fragt' er. Sic deckte ihre Hand auf die Augen und nickte langsam. „O Gott! (ries er laut weinend) — Das ist's mit dem „Leben und der Freude und aller Treue? — so! — Wie habt „ihr gelogen (er sah seine Briefe an) von ewiger Treue und „Liebe. — Wen habt ihr denn gemeint, ihr höllischen Lng- „ner?" Er warf sie weg. Liane wollte sic anfhebcn, er trat 256 stark daraus und sah die Erschrockene bitter an; — nun geriet!) er in Sturm und goß wie ein Schöpsrad unter dem Gießen schöpsend seine brausende, leidende Brust aus und hörte grausam gar nicht ans mit den Gemälden seiner Liebe, ihrer Schwäche, ihrer Kälte, seines Schmerzes, ihrer vorigen Eide und ihres jetzigen meineidigen über sein geheimnißvolles Glück, das er ja nicht wolle. Ihr Schweigen trieb ihn wilder um. Ihr schnelles heftiges Athmen hört' er nicht. „Quäle dich nicht. Es ist nun Alles unmöglich" antwortete sic bittend. „O, (sagt' er zornig) die Aenderung will „ich nicht wieder ändern; denn der Lektor und der Pfaffe würden „wieder das ändern!" Er geriet!) nun in die männliche Verstockung und Hcrzcns-Starrsncht; der Strom der Liebe hing als ein gesrorncr zackiger Wasserfall über den Felsen. „Ich dachte nicht, daß du so hart wärest" sagte sie und lächelte fremd. „Noch härter bin ich (sagt' er) — ich rede, wie du handelst." — „Hör' auf, hör' auf, Albano — cs wird mir so finster — o, zu meiner Mutter will ich gleich" rief sic plötzlich; die zwei alten, schwarzen Spinnen, vom Schicksal hcrabgelaffen, standen wieder über ihren schönen Augen und überzogen sie, ämsig-spinnend, immer dichter; und über die goldncn Streifen des Lebens wuchs schon grauer Schimmel her. „Es ist die Sonnenfinstcrniß" sagt' er, das Erblinden der matt glänzenden Sichel des Sonnenviertels znschreibend. Er sah oben im blauen Himmel den Mond-Klumpen wie einen Leichenstein in die reine Sonne geworfen — nicht einmal recht schattige, sondern entnervte Schatten lebten im ungewissen grauen Lichte — die Vögel flatterten scheu umher — kalte Schauder spielten wie Geister der Mittagsstunde im kleinen. 257 matten Scheine, der weder Sonnen-, noch Mondlicht war. Dunkel, dunkel lag dem Jüngling das Leben vor, im langen schwarz-marmornen Sänlcngang der Jahre schritten die Schmerzen als Pantherthicrc heran und wurden hell gefleckt unter den wcglauscndcn Sonnenblickcn der Vergangenheit. „Das passet ja recht für heute (fuhr er fort), eine solche „schnelle Nacht ohne Abcndröthc — Lilar muß heute zuge- „dcckt werde» — blick' hinauf zum Mond, wie er sich schwarz „über die Sonne gewälzt hat, sonst war er auch unser Freund „— O, mach' cs noch finsterer, ganz Nacht!" — „Albano, schone; ich bin unschuldig und ich bin blind — „wo ist der Tempel und die Mutter?" rief sie jammernd; die Spinnen hatten die nassen Augen voll Thronen zugewebt. „Bei dem Teufel! cs ist die Sonnenfinsternisi" sagt' er, und schaucte in das blind hcrumirrcnde bange Gesicht und crrieth Alles; aber er konnte nicht weinen, er konnte nicht trösten. Der schwarze Tiger des grausamsten Schmerzes hing an seine Brust geklammert und er trug ihn fort. „Nein, nein, (sagte Liane) ich bin blind und bin auch unschuldig." Der frohe, beschenkte Pollux hatte einen bettelnden Stummen nachgcfübrt, der mit der läutenden Stummcnglocke folgte: „der stumme Mann kann nur nichts sagen" sagte Pollux. — Liane rief: „Mutter, Mutter! Mein Traum kommt, das Tod- tcnglöckleiu läutet." Die Ministerin stürzte heraus. „Ihre Tochter (sagte „Albano) ist wieder blind, und Gott strafe den Vater und die „Mutter und wer daran Schuld ist, am Elend." — „Was gibt es?" rief der schnell herauStrctende Spcncr, der vorhin das Zusammenwandcln gesehen und zur Mutter gekommen war. „Eine Unglückliche, Euer Werk auch!" versetzte Albano. Iran PauNs ausgcw. Werke, XI, 17 258 „Lebe wohl, unglückliche Liane!" sagt' er und wollte scheiden; stand aber und nachdem er das gefolterte schöne Gesicht, das mit den blinden Augen weinte, starr angeblickt, rief er: „Entsetzlich!" und ging. Lange lag er oben im Donncrhänschcn aus den Armen mit den Augen, und als er fich endlich spät, ohne zu wissen wo er sei, wie ans einem Traume ansrichtete: sah er die ganze Landschaft von einem heitern Tage beleuchtet, die Sonne glänzte nnverhüllt und warm im reinen Blau und der verschlossene Wagen mit der Blinden rollte schnell über die Brücke des Waldes. Da sank Albano wieder aus die Arme darnieder. Neunzehnte Jobelperiode. Schoppe'S Trostamt — Arkadien — Bouverots Portraitmalerei. 82. Z y k e l. ^)a Albano nun ohne Liebe und Hoffnung lebte — da er den Ungeistern seines Lebens als eine Sternschnuppe in seine todtcn- stille Wüste hatte fallen sehen — da jede seiner Handlungen jetzt einen Skorpioncnstachcl ausstrcckte und jede Erinnerung, und er Liancns Briese zurücksandte, Lilar verliest, das Haus des Doktors, den Lektor, Lianens Verwandte und den srommen Vater — da er sein allmälig bleich werdendes Gesicht nur auf 259 Bücher und nach Sternen richtete: so mußten Menschen, die keinen höhcrn Schmerz kennen als den eigennützigen, glauben, seine Brust werde von Nichts gedrückt als vom Schutte der zertrümmerten Luftschlösser seiner Hoffnung und Jugendliebe. Aber er war edler unglücklich und trostlos, er war's, weil er zum erstenmal einen Menschen und den besten elend gemacht — seine Geliebte blind; —- in diese Vertiefung seines Herzens flössen alle benachbarten Quellen des Leidens zusammen. Die kleinsten bunten Scherben seines GlückstopscS wurden gleichsam von neuem zerschlagen, wenn er von Tag zu Tag vernahm, daß die Arme, obwol täglich aus das Wasscrhäuschcn vor die heilenden Fontainen gestellt, doch immer ohne Lichtschein zu- rückgcbracht werde, und daß sie jetzt auf dieser Raub-Erde nichts weiter fürchte und bejammere, als daß der Tod vielleicht die Augen schließe, che sic noch einmal die Mutter angesehen. O die Wunde des Gewissens wird keine Narbe, und die Zeit kühlt sie nicht mit ihrem Flügel, sondern hält sie blos offen mit ihrer Sense. Albano rief sich LiancnS bitteres Flehen um Schonung zurück, und da tröstete cs ihn nicht, daß er unter jener Sonnenfinstcrniß nicht ihre Augen anfopscrn wollen, sondern nur ihr Herz. Im Brenn- und Vergrößc- rungsspicgel des Erfolges zeigt uns das Schicksal das leichte, spielende Gewürme unseres Innern als erwachsene und bewaffnete Erinnycu und Schlangen. Wie viele Sünden gehen wie nächtliche Räuber ungesehen und mit sanften Mienen durch uns, weil sie, wie ihre Schwestern in Träumen, sich nicht aus dem Kreise der Brust verlaufen und nichts Fremdes anzufallcn und zu würgen bekommen. Die schöne Seele entdeckt leicht im Zufall eine Schuld; nur jene harten Himmels- und Erd- Stürmer, vor deren Sicgcswagcn vorher eine Wagenburg, 17 * voll Wunden und Leichen aufsährt, nämlich die Väter des Krieges — welches in der ganzen Geschichte öfter die Minister- Waren als die Fürsten — nur diese können ruhig alle Vulkane der Erde anzündcn und alle ihre Lavaströmc kommen lassen, blos um — Aussichten zu haben. Sie düngen clysischc Felder zum Schlachtfeld, um darin einen Rosenstock für eine Geliebte röthcr zu ziehen. Das Erste was Albano that, als er in des Doktors Hause ankam, war, daß er darauszog in die ferne Thalstadt hinab, um weder den verdächtigen Lektor zu sehen, noch weniger den boshaften Doktor Sphex über das Rezidiv der Blindheit täglich zu hören. Nur der treue Schoppe zog mit, zumal da er durch ein zweckmäßiges Betragen sich unter der Sphcrischen Familie selber hatte eine Oppositionspartei zu bilden gewußt, die ihn nicht mehr im Hause litt. Die bibliothekarische Wärme hatte mit des Lektors Kälte sehr gegen den Grafen zugenommcn — und aus gleichen Gründen; das kecke Ausziehen nach Lilar und die leidenschaftliche Wildheit hatten ihn näher an Albano's Seite geschlossen: „ich dachte anfangs „ssagtc Schoppe), der junge Mann lasse sich zu Nichts an als „zu einem ältlichen, als ich ihn so in die Schule schreiten „sab. Ich hielt oft den Mann im Mond, wo cs bekanntlich „ans Mangel an Durst und Dunstkreis nichts einznschcnken „gibt, für einen größer» Trinker als ihn. Aber endlich greift „er ans. Ein Jüngling muß nicht, wie der alte Spener, „Alles in der Vogelperspektive, von oben herab darstellen. „Er muß anfangs wie Inzipienten in Schreib- und Malcr- „stuben alle Züge ein wenig zu groß machen, weil sich die „kleinen geben. Es gibt Donncrpserdc, aber keine Donneresel „und Donncrschafe, wie doch die Hofmeister und Lektorcs gern 261 „hätten und gern vor sich hcrtricbcn, die wie die Billard- „Marqucnrs kein offnes Feuer iu der Pfeife leiden, sondern „nur eines unter dem Deckel." — Jetzt lebte Albano einsam unter den Büchern. Der Bruder Lianens kam selten und eiskalt zu ihm; und schwieg über die Leidende, ob er gleich immer um diese blieb. Da er selber das erste Gewebe zu dieser Blindheit einmal gesponnen: so mußt' er, zumal bei seiner ungeschminkten Fcuerlicbe für seine Schestcr, den ordentlich hassen, der cs wieder über sie hcreingczogcn — glaubte Albano und ertrug es gern zur Strafe. Desto öfter ließ sich der Hauptmaun zum deutschen Herrn hinzieheu, bei dem er jetzt wider Erwarten gewann. Es ist die Frage — nämlich keine — ob nicht seine Fähigkeit und Neigung, sich mit den unähnlichsten Menschen zu verflechten, bloße Kälte gegen alle Herzen ist, die er alle nur bereiset, weil er keines bewohnt. Auch Nabcttc schrieb dem Grafen mehrere Klage-Zettel über den weichenden Hauptmann; in einem sagt sie sogar: „könnt' „ich Dich nur sehen„ um einmal jemand zu haben, der mich „weinen ließe, denn das Lachen kenn'' ich schon seit geraumer „Zeit nicht mehr." Der gute Albano zeichnete auch dieses Einweichen in sein Sündenregister ein, gleichsam als Enkel seiner Teufclskindcr. Die Fürstin vermocht' ihn zuweilen ans der Einsamkeit zu locken, wenn sie ihre leise Lockpfcife an die schönen Lippen legte. Sic schien des Vaters wegen wahren Antheil am trüben Sohn zu nehmen, der zwar keine Schmerzen, aber auch keine Freuden zeigte. Auch das Mann-Weib, das mehr ge- helmte als gehaubte, rückt gern unter das kranke Haupt das Ruhekissen und unter das ohnmächtige als Lehne den Arm; 262 und tröstet gern und zart, oft zarter als das zu weibliche. Fast täglich besuchte sie ihre künftige Hofdame und Gesichts- Schwester bei dem Minister und konnte daher dem Geliebten Alles sagen. Indem sie that, als wisse sie nichts von Albano's Verhältnissen zur Blinden — schon das Verstellen vcrräth zarte Schonung gegen zwei Menschen auf einmal, sagte Albano — so konnte sie ihm frei alle Krankcnzettel der schönen Dulderin geben, so wie die Gutachten über sie überhaupt. Nach der Sitte der Kraftweiber ließ sie ihr alle lobende Gerechtigkeit ohne weibisch-kleinlichen Abzug angedeihen; und wünschte Nichts so sehr als ihre Herstellung und künftige Gegenwart. „Ich bin fähig für ein ungemeines Weib Alles zu thun, „so wie Alles gegen ein gemeines" sagte sie und fragte ihn, ob ihm schon sein Vater über ihren Plan mit Lianen geschrieben. Er verneint' es, und bat sie darum; aber sie verwies ihn auf den väterlichen Brief, der bald kommen müsse. Sie tadelte blos Liancns Neigung, immer Fantaific-Blumen tn ihr Leben zu sticken, und nannte Sie eine reine Ba- rockpcrlc. Aber aus allen diesen Unterhaltungen kehrte Albano nur betäubter zu Schoppe zurück; er hörte nur Wort-Trost und bas Todes-Urthcil, daß die geduldige Seele, der er die Schöpfung gestohlen, noch immer cingemauert sei in die tiefste Höhle des Lebens, neben welcher blos die tiefere des Grabes hell und offen liegt. Jedes sanfte, lindernde, ihm von den Wissenschaften oder Menschen geschenkte warme Lüftchen ging über jene kalte Höhle und wurde für ihn ein scharfer Nord. O, hält' er sie aus seinen sinkenden Armen entlassen müssen unter schöne Tage, in ein langes, ewiges Paradies, und sie hätte ihn trunken vergessen: das hätt' er auch vergessen kön- 263 nen; aber daß er sie hingestoßen in ein kaltes Schattenreich und daß sie sich seiner erinnern muß aus Schmerz-nur an das mußt' er sich immer erinnern. Schoppe wußte gegen alle diese Noth kein „Pflaster als (nach seinem schönen Wortspiel) das Steinpflaster," nämlich eine Flugreise. Wenigstens, schloß er, hören außer Lands die Fragen über das Befinden und die giftigen Sorgen über das Antworten ans; und bei der Retour finde man viel Schmerz erspart oder gar allen gehoben. Albano gehorchte seinem letzten Freund; und sie reisetcn ins Fürstenthum Haarhaar ab. 83. Z Y k e l. Wer denkt, daß Schoppe unterwegs für Albano ein fliegendes Feldlazarett) des Trostes — ein antmpnsinoiticuin — eine Strnvische Noth - und Hülfstafel — eine gepulverte Fnchslunge gegen die Hektik des Herzens u. s. w. gewesen und daß er auf jedem Meilensteine eine Trostpredigt gehalten, wer das denkt, den lacht er aus. „Was thut es denn (sagt' er), wenn das Unglück den „jungen Menschen derb durchknatct? — Das nachstemal wird „er den Schmerz, der ihn jetzt in der Gewalt hat, in der „seinigcn haben. Wer nichts getragen, lernt nichts ertragen." Was das Weinen anlangt, so war er als ein Stoiker wol am wenigsten davon ein Feind; Epiktet, Antonin, Kato und mehr solche weniger aus Eis als Eisen gebildete Männer, sagt' er so oft, hätten sehr gern dem Leibe dergleichen letzte Oclungcn des Schmerzes eingcräumt, falls nur der Geist darhinter sich trocken erhalten hätte. Es ist ächte Trostlosigkeit, 264 sagt' cr, Trost zu wünschen und anznnehmen; warum will man denn nicht einmal den Schmerz rein durchdaucrn ohne alle Arzcnei? Allein seine Ansicht und sein Leben wurde ohne sein Zielen über den Grafen mächtig, den alles Große nur vergrößerte, wie cs Andere verkleinert. Schoppe saß als ein Kato auf Ruinen, aber freilich auf den größten; wenn der Weise die Baromctcrröhre am Acquator scyn muß, in der selber der Tornado wenig verschiebt, so war cr dergleichen. Zufällig riß cr in einem Wirthshausc dem Grasen durch den hambnrgischcn unparteiischen Korrespondenten, den cr da vorfand, die verklebten Flügel auf. Schoppe las zwei weite Schlachten daraus vor, worin wie durch einen Erdfall Länder statt der Häuser versanken, und deren Wunden und Thränen nur der böse Genius der Erde konnte wissen wollen; darauf verlas cr — nach den Todtenmärschcn ganzer Gencrazioncn und nach den aufge- risscncn Kratern der Menschheit -— mit fortgesetztem Ernste die Intelligenz-Anzeigen, wo einer allein auf ein unbekanntes Gräblcin steigt und der Welt, die ihm sonst kondolirt, ansagt und bcthcuert: „Fürchterlich war der Schlag, der unser Kind von 5 Wochen" — oder: „Im bittersten Schmerz, den je" — oder: „Bestürzt über den Verlust nnsers ein und achtzigjährigen Vaters re." Schoppe sagte, das sprech' cr für recht, denn jede Noth, selber die allgemeine, Hanse doch nur in Einer Brust; und lag' cr selber auf einem rothcn Schlachtfcldc voll gefällter Garben, jo würd' cr sich darunter aufsctzcn, falls cr könnte, und an die Umliegenden eine kurze Trauerrede über seine Schußwunde halten; so habe Galvani bemerkt, daß ein Frosch, der 265 in elektrischen Verbindungen stehe, so oft zucke, als der Donner über der Erde nachrolle. Bei diesem Satze blieb er auch im Freien. Er führt' es tadelnd an, daß Matthifson cs als eine rciscbcschreibendc Notiz annotire, wie man im jetzigen .^vßndiss in der Schweiz an den Stellen der von den Römern zermalmten helvetischen Hauptstadt ^venticuili in den dünncrn Streifen des Grases den Abriß der Straßen und Mauern finden könne; indeß ja offenbar dieselben stcrcographischen Projekzioncn der Vergangenheit überall lagen auf jeder Wiese — jeder Berg sei das User einer verschwemmtcn Vorzeit — jede Stelle hicnicden sei ja 6000 Jahre alt und Reliquie — Alles sei Gottesacker und Ruine auf der Erde — besonders die Erde selber; „Himmel, (fuhr „er fort) was ist überhaupt nicht schon vergangen, Völker — „Fixsterne — weibliche Tugend — die besten Paradiese —- „viele Gerechtsame — alle Rezensionen — die Ewigkeit n purts „ante — und jetzt eben meine schwache Beschreibung davon? Wenn nun das Leben ein solches Nichtigkeits-Spiel ist, „so muß man lieber der Kartenmaler als der Karten- „könig seyn wollen." Ein kräftiger, stolzer Mensch — wie Albano — wird dann schwerlich mitten unter dreißigjährigen Kriegen — jüngsten Tagen — wandernden Völkern — verstäubenden Sonnen sein Kleid ausziehcn und sich oder dem Universum die zerrissene Ader vorzcigcn, die ans seiner Brust ausblutct. So stand cs, als beide Abends eine halboffne Waldhöhc erstiegen, von der sie ein wunderbares Gloricn-Land unter sich sahen, so freundlich und ausländisch, als sei es übrig geblieben aus einer Zeit, da noch die ganze Erde warm war und ein immer grünes Morgenland — cs schien, so weit sie vor 266 den Bäumen und vor der Abendsonne sehen konnten, ein aus der znsammentretenden Berg-Ecke nnabsehlich nach Westen aus- einandcrlanfcndes Thal zu scyn — eine vor der Sonne mit den breiten Flügeln umschlagende bnntgemalte Windmühle verwirrte das Auge, das das Gedränge von Abend-Lichtern, Gärten, Schafen und Kindern sondern wollte — an beiden Abhängen hüteten weißgekleidete Kinder mit lang nachflatternden grünen Hutbändern -— eine gesteckte Schweizern ging im Wiesengrün am dunklen Bach — ans einem hochgewölbten Heuwagen fuhr eine wie zum Hochzeitmahle gekleidete Bäuerin und nebenher gingen Landlcute im Sonntagspntz — die Sonne trat hinter eine Säulen-Reihe von runden Laubeichen, diesen deutschen Freiheits-Bäumen und Tempel-Pfeilern — und sie schwebten verklärt und vergrößert hoch im goldnen Blaue aufgezogen. — Jetzt sahen die betroffnen Wanderer das nahe beschattete holländische Dorf unten — wie aus zierlichen, bemalten Gartenhäusern zusammcngcrückt, mit einem Linden-Zirkel in der Mitte und einem jungen, blühenden Jäger nicht weit davon, oder eine Amazone, die mit der einen Hand ihren Hut voll Zweige abnahm und mit der andern den Balken-Arm mit dem Eimer über den Born hoch anfstcigcn ließ. „Mein Freund, (fragte Schoppe einen ihnen mit Botcn- „blech und Ranzen nachkommcnden Amtsbotcn) wie nennt „Er das Dorf?" — „Arkadien" versetzt' er. — „Aber ohne „alles dichterische Wcißglühcn und Kulminiren gesprochen, mein „poetischer Freund, wie schreibt sich eigentlich die Ortschaft „unten?" fragte Schoppe wieder. Verdrießlich antwortete der Amtsbote: „Arkadien, sag' ich, wenn Er's nicht behalten kann „— cs ist ein altes Kammergut, unsere Prinzessin Jdonc „(Jdoinc) hält sich da auf Jahr ans Jahr ein für beständig „— und macht da Alles nach eignem Plaisir, was will man „mehr?"-„Ist er anch in Arkadien?" — „Nein, in „Saubügel" antwortete der Bote sehr laut, schon fünf Schritte weiter vorn, zurück. Der Bibliothekar, der seinen Freund bei der Botenrcde in großer Bewegung sah, that ihm freudig die Frage, ob sic ein besseres Nachtquartier hätten treffen können als dieses, ausgenommen dieses selber im Maimond. Aber wie erstaunt' er vor Mbano's Zurücksturz in die Vorhölle, die das Gewissen und seine Liebe anzündctcn! Jdoincns täuschende Aehnlichkeit mit Lianen war plötzlich vor ihn gezogen: „Weißt du (sagt' „er in der Erschütterung durch den Abendzauber heftiger fort- lebend), worin Jdoine ihr unähnlich ist? — Sic kann sehen, „setzt' er selber dazu, dcuu sie hat mich noch nicht gesehen. „O vergib, vergib, fester Mann, ich bin wahrlich nicht immer „so — Sie stirbt jetzt, oder irgend ein Unglück zieht ihr nahe; „wie ein Dampf vor der Feuersbrunst steigt's düster und in „langen Wolken in meiner Seele auf — ich muß durchaus „zurück." „Glauben Sie mir (sagte Schoppe), ich werde Ihnen ein- „mal Alles sagen, was ich jetzt denke — gegenwärtig aber will „ich Sie schonen." Auch das verfing Nichts, er kehrte um; aber am ganzen andern Reisetag blieb sein Lcidenskelch, den Schoppe so glänzend gescheuert hatte, naß und schwarz angc- lrnscn. Sie konnten erst Abends ankommcn, da ein Zauberrauch von Zwielicht, Mondlicht, Dampf, Dunst und Wolkcn- roth die Stadt fremder machte. Mbano's Adlerauge theilte den Rauch entzwei und er — entlief. Die blinde Liane allein sah er auf dem hohen welschen Dache gegen die Statuen laufen oder zum Abgrund hin. Wild ohn' einen Laut rannt' er 268 durch die ticfcrn Gaffen — verlor den vcrbaucten Pallast und lies grimmiger — er glaubte, er finde sie auf dem Steinpflaster zertrümmert — er sieht die weißen Statuen wieder, sic hält eine umschlungen, und der alte Gärtner des csrecm 8er^en8 steht mit dem Hute ans dem Kopfe vor ihr. — Als er endlich ganz unten am Pallastc ankam, stand oben ein fremdes Mädchen bei ihr, und unten sahen znsammcngclaufne Weiber hinaus, einander fragend: Gott, was gibt cs denn? — Liane blickte (wie es schien) an den Himmel, worin nur einige Sterne brannten, und dann lange in den Mond, und darauf herunter ans die Menschen; aber sogleich trat sie von den Statuen zurück. Der Gärtner kam aus dem Hose und sagte vorübergehend seiner fragenden Frau: Sic sieht. — „O, guter Mann (sagte Albano), was sagt Er?" — „Gehen Sic nur hinauf!" versetzt' er und schritt ämsig weiter. Jetzt kam Bouverot zu Fuße — Albano trat ihm mit einem kurzen Verbeugen und Gruße in den Weg — Bouverot sah ihn ein Wenig an: „ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen," sagt' er wild und eilte davon. 84. Z y k e l. Schauet nun die blinde Liane näher an! Von dem Tage an, wo sic zerstöret heimgeführct wurde von der Mutter, fing sich unter ihrer Sonncnfinstcrniß mit Verweilen ein kühleres, ruhendes Leben für sie an. Die Erde hatte sich verändert, ihre Pflichten gegen diese schienen ihr ab- gethan — der Silberblick der Jugend wie ein Mcnschenblick nun erblindet, ihre kurzen Freuden, diese kleinen Maicnblüm- chen, schon unter dem Morgenstern abgcpflückt — ihr erster Geliebter leider, wie die Mutter cS weissagte, nicht so fromm und > 269 zart, als sic gedacht, sondern sehr männlich, rauh und wild wie ihr Vater — die Zeit und Zukunft vertilgt, und die künftigen Tage daraus für sie nur eine blind gemalte Jubelpforte, die Menschenhände nicht öffnen, und durch welche sie nicht mehr dringen kann, außer mit der cntbuudnen Seele, wenn diese den trägen Schleppmantel des Körpers ans die Erde zurückgc- worfen. Ihr Herz klammerte sich jetzt -— wie Albano dem männlichen — noch mehr dem weiblichen an, das zärter und ohne die Fieber der Leidenschaften schlug; so wie die Kompaßnadel sich als eine gcwundnc Lilie zeigt, so die Tugend sich ihr als weibliche Schönheit. Ihre Mutter wich nicht von ihrem Blinden-Stuhl, sic las ihr vor, sogar die französischen Gebete, und hielt sic tröstend aufrecht; und sie wurde leicht getröstet, denn sie sah nicht das bekümmerte Gesicht der Mutter und hörte nur die ruhige Stimme. Julienne warf seit dem Begräbniß der ersten Liebe eine alte Kruste ab und ein frisches Feuer für die Freundin ging aus dem Herzen auf: „ich habe nicht redlich an dir gehandelt," sagte sie einmal; da erklärten sic sich verborgen einander und dann reihetcu sich ihre Seelen wie Blumen-Blätter zu Einem süßen Kelche zusammen. Die Fürstin sprach ernst über Wissenschaften und gewann sogar die Mutter, der sie in männlicher Gesellschaft weniger gefallen. Abends vor dem Einschlafen flog noch wie ans dem Frcudenhimmel Karolinc in ihr Schattenreich herab; und wuchs täglich an Glanz und Farbe, sprach aber nicht mehr; und Liane entschlummerte sanft, indem sie einander anblickten. Zuweilen fuhr der Schmerz an sie herüber, daß sie vielleicht ihre thcuern Gestalten, zumal ihre Mutter, nie mehr 270 sehe; dann war ihr, als sei sie selber unsichtbar und wandle schon allein im dunkeln, tiefen Gange zur zweiten Welt und höre die Freundinnen an der Pforte weit hinter sich ihr Nachrufen — Da liebte sic zärtlich wie ans dem Tode herüber und freuete sich auf das große Wiedersehen. Spcuer besuchte seine Schülerin täglich; seine männliche Stimme voll Stärkung und Trost war in ihrem Dunkel die Abcndgcbetglocke, die den Wanderer aus der dnstcrn Waldung wieder zu froheren Lichtern führt. So wurde ihr heiliges Herz noch heiliger cmpor- gezogcn, und die dunkeln Passionsblumen der Schmerzen schlossen sich in der lauen Augen-Nacht schlafend zu. Wie anders sind die Leiden des Sünders als die des Frommen! Jene find eine Mondfinsternis,, durch welche die schwarze Nacht noch wilder und schwärzer wird; diese sind eine Sonnenfinsterniß, die den heißen Tag abkühlt und romantisch beschattet und worin die Nachtigallen zu schlagen anfangen. Auf diesem Wege bewahrte Liane mitten unter fremden Seufzern um sie und im Gewitter um sie her eine ruhige, genesende Brust; so zieht oft das zarte, weiße Gcwölke anfangs zerrissen und gesagt, aber zuletzt geründct und langsam durch den Himmel, wenn unten der Sturm noch über die Erde schweift und Alles bewegt und zerreißet. Aber, gute Liane, alle 32 Winde, sie mögen schöne Tage zu- oder wegwehen, halten länger an, als die Windstille der Ruhe! 85. Z Y k e l. Der Minister hatte, als sie aus Lilar mit getödtetcn Augen hcimgekommcn, in sein rechtes eine Hölle, ins linke ein Fegefeuer gelegt; — denn so sehr belogen hatt' ihn noch kein Ge- schick; nämlich so sehr gebracht um alle seine Projekte und Prospekte, um das Hosdamcnamt der Tochter, diesen Vorsteckring am Finger der Fürstin, und endlich um jeden Fang seines doppelt gewebten GespinnsteS. Unsäglich wehrte sich der Mann vor dem Löffel, worin ihm das Schicksal das Pulver verhielt, ans welches er die verschluckten Demante seiner Plane sollte fahren lassen; erhielt die stärksten Sermone — so hieß er, wie Horaz, seine Satiren — gegen „seine Weiber;" er war ein Kricgsgott, ein Höllengott, ein Thier, ein Unthicr, ein Satan, Alles — er war im Stande, jetzt Alles zu unternehmen — aber was half's? — Viel, als gerade der deutsche Herr ihn in dieser moralischen Stimmung betraf. Solcher trug kein Bedenken, das väterliche Versprechen der Tochter für die Miniatur-Malerei wieder aufzufrischen und in Anspruch zu nehmen; er war übrigens allwissend und schien unwissend. Für die Sitz-Szene einer Blinden hatt' er eigne romantische Verwicklungen nach den Notizen zugcschnitten, die er aus dem Hauptmann gelockt. Seine Knnstlicbe gegen Liancns Gestalt hatte bisher wenig gelitten, und sein langsames An- und Umschleichen war seiner Vipern-Kälte und seiner weltmännischen Kraft gemäß. Der alte Vater — der im Leben wie in einem Ncichsanzeiger immer einen Kompagnon mit 60, 80 Tausend Thaler zu seiner Handlung suchte — bezeugte sich nichts weniger als abgeneigt. Diese zwei Falken auf Einer Stange, von Einem Falkcmneister, dem Teufel, abgcrichtet, verstanden und vertrugen sich gut. Der deutsche Herr gab zu erkennen, ihr Miniaturbild sei bei ihrer frappanten Ähnlichkeit mit Jdoine, die wie sie niemals sitzen wollen, zu manchem Scherze bei der Fürstin behnlflich, aber noch mehr seiner „Flamme" für Liane unentbehrlich, und 272 jetzt in ihrer Blindheit könne man sie ja zeichnen ohne ihr Wissen — und er werde nntcr das Bild schreiben In llolls nvsugls oder so etwas. Der alte Minister goutirte, wie gesagt, den Gedanken ganz. Wie die welschen Sängerinnen eine sogenannte Mutter statt eines Passes auf ihren Reisen führen, so hielt er sich für einen solchen sogenannten Vater; erdachte: mit dem Mädchen wird's ohnehin wenig mehr, cs liegt als todtcs Kapital da und verzinset sich schlecht; ich kann den an- geöhrten Pathcnpfcnnig, den der deutsche Herr bei seinem Gevatterstand mir als dem Vater anbictct, wie dem Kinde den Namen, in die Tasche stecken. Das Schelmen-Duplikat wurde in seinem Schüsse und Flusse blos durch einen Floßrcchen ausgehalten, der ihnen den Raub aus den Hcchtzähnen zu ziehen drohte; eine alte, keifende, aber seelcntreue Kammerjungfcr aus Nürnberg war der Rechen; diese wäre nicht von Lianen und nicht zum Schweigen zu bringen gewesen. Bouvcrot freilich, ein Robespierre und Würgengel seiner Dienerschaft, hätte an Froulay's Stelle die Nürnbergerin ein Paar Tage vorher von einem Diener mit einigen komplizirtcn Frakturen Versehen und dann auf die Gasse werfen lassen; aber der Minister — sein Herz war weich — konnte das nicht; Alles, was ihm möglich war, das war: er berief sie auf sein Zimmer — hielt ihr cs vor, daß sic ihm sein Ohr aus Magdeburg gestohlen — blieb mit dem anwesenden Gehör taub gegen jede Einwendung, aber nicht gegen jede Unhöslichkeit — und fand sich endlich gar genöthigt, die diebische Grobianin Knall und Fall aus dem Dienst zu jagen. Bei jeder Nachfolgerin hatte, als einer neuen, Geld Gewicht, wußt' er. Er wollte daraus die Fürstin um eine Einladung für sich 273 und die Ministerin zn Thce und Souper bitten — den Miniaturmaler bestellen — das neue Kammermädchen belehren — und Alles recht anlcgen. Zwei Tiger höhlten, nach der Legende, dem Apostel Paulus das Grab; so scharret hier unser Paar an einem sür eine Heilige, um so mehr, da ich sonst nicht absehe, wozu — wenn nichts gemacht werden soll als ein Bild — so viele Umstände. Aber den Vater könnt' ich fast entschuldigen; erstlich sagte er ausdrücklich zum deutschen Herrn, die Zofe könne seiner Meinung nach im Zimmer oder im anstoßenden passen, falls etwan die Pazientin Etwas haben wolle — zweitens hatte der sonst weiche Mann von seinem ministerialischen Verkehr mit der Justiz einen gewissen Kies augesetzt, eine gewisse Grausamkeit ange- uommcn, welche der hinter der Binde und als Areopag ohne den Anblick der Schmerzen urtelnden Themiö um so natürlicher ist, da schon Oicksrot *) behauptet, daß Blinde grausamer wären — und drittens war wol niemand mehr bereit, sein Kind, das er, wie sonst angeblich Juden und Hexen Christcnkinder, kreuzigte, um wie jene mit dem Blute Etwas zu thun, tiefer zu betrauern, falls es stürbe, als er, da ohnehin die Eltern und überhaupt die Menschen zwar leicht das Unglück derer, die ihnen nahe liegen, aber schwer deren Verlust verschmerzen, so wie wir bei dem noch näher liegenden Haar nicht das Brennen und Schneiden, aber schmerzlich das Ausreißen desselben verspüren — und viertens hatte Froulay immer das Unglück, daß Gedanken, die in seinem Kopfe eine leidliche, unschuldige Farbe hatten, gleich dem Hornsilber oder der guten *) Dessen Usttrss snr Iss ^vsuZles. Iran Paul's ausgctv. Werke. Xi. 18 274 Dintc auf der Stelle schwarz wurden, wenn sic aus Licht traten. Sonst -- »nd von diesen Milderungen abgesehen — steckt wol Manches in seiner Handlung, was ich nicht vcr- thcidige. Der Abend erschien. Die Ministerin ging am ehelichen Arme an den Hos. — Die neue Kammcrjungscr hatte als Brautführern: BouverotS schon vor drei Tagei: die nötigsten Anstalten gemacht, oder Spitzbübereien — sic hatte ihm Linnens Briefe an Albano sehr leicht, da die Mutter aus Gewohnheit ein gegenwärtiges Auge für ein sehendes hielt, vorleihen und er sich daraus die historischen Züge oder Farbcn- Tuschc abholen können, womit er sich bei einer Erkennung auf dem Theater vor der Blinden den Anstrich ihres Helden, nämlich Albano's, geben konnte — mit Roqnairol hatt' er oft genug gespielt, um dessen Stimme, mithin Albano's seine, in der Gewalt zu haben. Mich dünkt, seine Rüsttage vor dem Festabend waren zweckmäßig hingcbracht. Er konnte, da kleine Residenzen früher Thec trinken, schon so früh erscheinen, als ein Miniaturmaler im September durchaus muß. Als er die stille Gestalt im Sorgcstuhl erblickte, mit den entfärbten Blumenkelchen der Wangen, aber fester ge- wurzclt in jedem Entschluß, eine kälter gebietende Heilige: so stieg in ihm die aus ihren Briefen zugleich gesognc Erbitterung und Entzündung miteinander höher — nur in solchen Brusthöhlen, zugleich mit Metall- und mit Darmsaiten, mit Härte und Wollust bespannt, ist ein solcher Bund von Lust und Galle dcnklich. Bonverots ganze Vergangenheit und Lebens--Geschichtbücher müßten — wie die von Hcrodot den 275 nenn Musen — so den drei Parzen, jeder eines, zngecignet werden. Er schlich ins Fenster, setzte sich und sein Farbcn-Kästchcn hin und fing hastig zu punktircn an. Unterdessen ließ sich Liane von ihrem sehr gebildeten, belesenen Kammermädchen aus dem zweiten Bande der oeuvies spirituelle von Uenelon verlesen. Zefisto'n rührte der Erzbischof gar nicht — was er etwa von reiner Liebe (mir le pur runour cle Oien) vernahm, setzt' er zu unreiner durch Anwendungen um und ließ sich teuflisch entzünden durch das Göttliche — was übrigens rührend war in Linnens Bezug, ließ er an seinen Ort gestellt, da ersetzt zu malen hatte. Häßlich leckten seine vielfarbigen Panther-Augen gleich rothen, scharfen Tiger-Zungen über das süße, weiche Antlitz! — „Liebe Jnsta, hör' auf, das Lesen „wird dir sauer, du athmcst so kurz!" sagte sie endlich, weil sie den Portraitmalcr athmen hörte. Es war für ihn kein Opfer, sondern ein Vor-Genuß, ein süßer Imbiß, den Kuß dieser zarten, kleinen Hand und Lippe und die ganze Schaustellung seines brvnncnden Herzens hinauszusetzen, bis er ihren Abriß mit den Gift-Tinten aus das Weiße Elfenbein durch die schnelle Dnpfmaschine seiner Hand abpunktirct sah. Endlich halt' er sie Bunt auf Weiß. „Gut, liebe Jnsta „(sagte sie), die Gcbctglocke läutet, du kannst Nichts mehr „sehen. — Führe mich lieber zum Instrument" — nämlich zur Harmonika. Sie that'S. Bonverot gab Insten einen Scheide- Wink — sie that's wieder. Der gelbe Gartcnkanker lief nun ans die zarte, weiße Blume zu. — Der Kanker hörte ihren Abend-Choral nicht ohne Vergnügen, und das betende Ausschlagen ihrer zerstörten Angen schien ihm eine recht malerische 18 * 276 Idee, die der trug ?ninter*) dem Elfenbein-Stück einzuver- lciben beschloß, wcnn's gehen würde. „Schöne Göttin!" ries er plötzlich mit Albano's gcstohl- Rcr Stimme nnter jene heiligen Töne, die einmal Albano in einer frohern Stunde, aber edler unterbrochen hatte. Sie horchte erschrocken aus, aber ungläubig an ihr Ohr in dieser Nacht. Das Staunen mißfiel dem Prospcktmaler — denn ihr Gesicht war sein Prospekt — ganz und gar nicht; „erinnere -ich an diese Harmonika im Donnerhäuschcu." Er verwechselte cs mit dem Wasscrhäuschen. — „Sie hier, Graf? — Justa! wo bist du?" rief sie ängstlich. — „Justa, kommen Sie her!" rief er dazu nach. Das Mädchen folgte seiner Stimme und seinem — Auge. „Gnädiges Fräulein?" fragte sie. Aber jetzt hatte Liane nicht den Muth, sie um die Pforte und das Einlaßbillet des Grafen zu fragen. Mit dem Liebhaber französisch zu sprechen, ging nicht, da es die Jungfer verstand; daher verbot man auch in Wien in den Nevoluzions- jahren einsichtig diese Sprache, weil sie so zuverlässig eine gewisse Gleichheit — die Freiheit folgt — zwischen dem Adel und der Dienerschaft pestartig ausbreitet. Boshaft und freudig erinnerte Bouverot, dem sie jetzt über den Grafen ein brauchbares Mißtrauen zu verrathcn schien, das seiner Charaktermaskc einen sreiern Spielraum auwies, die Sinnende an ihre Befehle für Justa; sie mußte sie nun Licht holen lassen. „lnüclöle, (fing er darauf an) ich habe alle Hindernisse überwunden, um mich Ihnen zu Füßen zu werfen und Ihre Vergebung zu erflehen, äs m'sn llutts ü tort peut-stre, ') Die Helle Kammer. 277 -VMS je I'o86 (fuhr cr fort heftiger durch sie gemacht) — o druelle! cts nrncs, pour^uoi ce8 rsA-»rck8, ce8 mouvemeut8? — ,ls suis ton .41>mn et il t'nims encors — ILsims n LIu- menlliilil, cs sejour clinrmnnt — IiiAimte, f'sspeiom cke 1s trouver un psu pll>8 reconnkli88->nts. — 8ouvis»8-toi 6s cs cjue tu m'n promm (sagt' er, um sie auszufragen) hu.rilck tu ms ^r688U8 contcs ton 86IU clivin. . . . ." Eine reine Seele spiegelt, ohne sich zu beflecken, die unreine ab und suhlt unwissend die quälende Nähe, so wie Tauben, sagt man, sich in reinem Gewässer baden, um darin die Bilder der schwebenden Raubvögel zu scheu. Der kurze Athcm, der wankende Sprachton, jedes Wort und ein unerklärliches Etwas trieben das schreckliche Gespenst nahe vor ihre Seele, den Argwohn, cs sei Albano nicht. Sie fuhr auf: „wer sind Sic? Gott, Sie sind der Graf nicht. Justa, Justa!"- „Wer war' es sonst (versetzt' cr kalt), der sich meinen Namen geben dürfte? Ob, je vouclimm c^us je ns le ck»sss pr>8. Vou8 m'uvs8 ecrit, q^us I's8psr->ncs 68t In Inns cls In ris — .^I>, mn lune 8's5t couelies! mnio j'nckors sncors Is solsil, — was wollen Sie? -— Justa! Hilst mir denn niemand? —- 278 Ach, du guter Gott, gib mir meine Augen! (rief sic fliehend, unwissend wohin und cingeholt) Bonvcrot! Du böser Geist!" rief sie abwchrend an Orten, wo er nicht war. Er, wie das Schießpulver, kühlend auf der Zunge und sengend und zerschmetternd, wenn ihn die Gier zündete, stellte sich in einiger Schlag-Weite von ihr, warf ein Malcr-Angc ans das reizende Wallen und Beugen ihres anfgestürmtcn Blumenflors und sagte ruhig mit jener Milde, die der ätzenden und fressenden Milch der Schwämme ähnlich ist: „nur ruhig, Schönste! Ich bin es noch; nnd was half' Ihnen Alles, Kind?" — Taumelnd vom Schlangcnhauch der Angst fing die irre Natur zu singen an, aber lauter Anfänge: „Freude, schöner Götterfunken" — „Ich bin ein deutsches Mädchen" -— sic lief herum und sang wieder: „Kennst du das Land" — „Du böser Geist!" — Jetzt bäumte sich die damit geschmeichelte Riesenschlange auf ihren kalten Ringen mit zückender Zunge in die Höhe, um hinzuschießen und zu umflechten: „won coe„r (sagte die Schlange, die immer in der Leidenschaft französisch sprach) volo snr eetts llouclls gui enclinnte tous Iss 8SN8." — „Mutter! (rief sic) — Karoline! — O Gott, lasse mich sehen! O Gott meine Augen!" — Da gab der Allliebende sic ihr wieder; die Qual der Natur, die lauten Anstalten des Begräbnisses öffneten der Schcinlciche wieder das Auge. Wie behend entflog sie aus der Martcrkammer! Das getäuschte Raubthier rechnete auf Blindheit nnd Verirrung fort. Aber da Bonverot sah, daß sie leicht die Treppe zum welschen Dache Hinaufstürze: so schickte er blos das herbcilaufcnde Mädchen ihr nach, damit sic keinen Schaden nehme; nnd hielt jetzt wieder die bisherige Blindheit für Verstellung. Er selber holte aus dem Zimmer den Miniatur-Riß ab und schleppte sich wie ein hungriges, verwundetes Ungeheuer verdrießlich und langsam aus dem Hause hinaus. Zwanzigste Jobelperiode. Gaspards Brief — Trennungen. 86. Z Y k e l. „(Aie sieht wieder" ries Karl im Freudenräusche am Morgen darauf dem Grasen zu, ohne sich um alle kalte Verhältnisse der letzten Zeit zu bekümmern; und war ganz der Alte. Seine Feindschaft war hinfälliger als seine Liebe, denn jene wohnte bei ihm auf dem Eise, das bald zerfloß, diese auf dem Flüssigen, woraus er immer schiffte. Erröthend fragte Albano, wer der Augenarzt gewesen. „Gutgemeinter Schreck (sagt* „er) —; der deutsche Herr that, als wollt' er sic malen, als „meine Eltern auf Verabredung nicht da warm — oder malt* „er sic wirklich — ich weiß jetzt Alles nur verwirrt — auf „einmal hörte sic eine fremde Mannsstimmc, und Schreck und „Furcht wirkten natürlich wie elektrische Schläge." Obgleich der Hauptmauu alle Stimmen nur verworren unten auf dem Mecrsbodcu in sein sluthendes Meer hinuntcrhörte: so hatt* er doch diesmal richtig gehört; denn Liane hatte von ihrer 280 Mutter das Zuhüllen der Martergcschichte errungen, um ihrem Kruder den Aulaß zu entziehen, ihr seine Liebe durch einen Zweikampf mit ihrem Widersacher zu beweisen. Albauo behielt viele Fragen über die dunkle Geschichte in seiner Brust; und brach das Gespräch durch seine Ncisc- beschreibung ab. Nach einigen Tagen hört' er, daß Liane mit ihrer Mutter die Stadt verlasse und ein über Blumcnbühl liegendes Bergschloß einer alten einsamen Edclwittwe beziehe. Auf dem reinen Lande sollte wieder Licht in ihr Leben Anfällen und die mütterliche Hand sollte dessen nachdunkclnde Farben neu übermalen. Der Minister, der wie sonst alte Menschen und alte Haare schwer zn kräuseln und zu formen war, wurde in der letzter» tiefen Fallgrube des Schicksals ganz muthlos an- getroffcn, so daß er Lianen, die auch darin gefangen war, nicht auffrafi, sondern sic ziehen ließ. Die ganze Geschichte wurde vor dem Publikum wie die Mauer eines Parks sehr verdeckt und nmblümt. Nur der Lektor wußte sie ganz, aber er konnte schweigen. Er forderte im Namen der Mutter vom deutschen Herrn das Miniaturbild zurück; dieser gab an dessen Statt kalte, leere Lügen; doch konnte Augusti, von Mutter und Tochter gebeten, sich beherrschen und die Ausfordcrung, womit er für alles Rache nehmen wollte, ihnen opfern. Uniern Freund traf jetzt, seitdem sein Gewissen über den Zufall des Erfolgs besänftigt war, der Schmerz über seine leere Gegenwart neu und unvcrmischt; die thcncrstc Seele ging ihn nichts mehr an; seine Stunden wurden nicht mehr harmonisch vom Glockenspiel der Dichtkunst und Liebe ausgc- schlagen, sondern einförmig von der Thurmuhr der Alltäglichkeit. Daher flüchtete er sich zu Männern und zur Freundschaft, 281 gleichsam unter die neben dem Schutthaufen des Brandes noch grünenden Bäume; Weiber floh er, weil sie ihn wie fremde Kinder eine Mutter, die ihres verloren, zu schmerzlich erinnerten. Wie heiter geht dagegen ein Simnltanlicbhabcr, der nur Allerseelen- und Allcrhciligenscste feiert, ordentlich neugeboren umher, wenn er sich endlich aus einem fassenden Herzen glücklich ausgehcnkt und er nun alle weibliche Gestalten wieder mit der Ansicht cingelöstcr Güter überzählen kann! Schon das Gefühl dieser Freiheit kann ihn ermuntern, sich öfter, um es wieder zu schmecken, einem weiblichen Herzen als Gefangnen zu überliefern. Albano verlief sich an Roqnairols und Schoppens Händen in wilde Männcrfcste — die das Sphärcn-Echo der Freude auf der Heerpauke vortragen wollen —; cs waren nach den Rosenfesten nur die Dornenseste. So gibt es ein Verzweifeln, das sich mit Schwelgen Hilst; wie z. B. in der Pest zu Athen — oder in der Erwartung des jüngsten Tages — oder in der Erwartung des Robcspicrrischen Schlachtmcsscrs. Der Haupt- manu ging tiefer in seine alte Verworrenheit und Wildniß zurück und zog, so weit er konnte, den unschuldigen Jüngling in seine Volksfeste mit sogenannten Muscnsöhncu, in seine immerwährende Weinlese und auf seine Freuden-Werbplätze nach, gleichsam als Hab' er seinetwegen nöthig, den Freund ein wenig zu sich hcrabzubringen. Albano bildete sich ein, mit diesen Dithyramben sei seine weinende Seele ganz cingcsnngen und er wiegte sie nur noch ein wenig fort. Jndcß wurden, wicwol cr's nicht eingestehen wollte, seine jungen Rosenwangen so bleich wie eine Stirn und das Gesicht fiel wie eine Taste unter der zersprungncn Saite ein. Es war rührend und hart zugleich, wenn er 282 lachend unter seinen Freunden und deren Freunden saß mit einem entfärbten Gesicht — mit höher», schärsern Knochen der Augen und der Nase — mit einem wildern Auge, das aus einer dnnklcrn Knochentiefe loderte. Vor Musik, zumal No- qnairols seiner, worin das leidenschaftliche Wogen und Werfen unscrs Schiffs mit dem tonkünstlerischen abgenützten Wechsel des Dämpfers und Donners zu lebendig arbeitete, entfloh sein Ohr und Herz wie vor einer aufreibenden Sirene. Der ab- gcbrochnc Lanzensplitter der Wunde zog in seinem ganzen Wesen nagend herum. O, wie in den Kinderjahren, wenn ihm die Noscn-Wolke am Himmel gerade ans dem Berge aufznlie- gcn und so leicht zu ergreifen schien, das herrliche Gewölk weit in den Himmel zurückfnhr, sobald er den Berg erstiegen hatte: so stand jetzt die Aurora des Lebens und Geistes, die er nahe fassen wollen, so hoch und ferne droben über seiner Hand im Blau. Mühsam erreicht der Mensch die Alpe der idealischcn Liebe, noch mühsamer und gefährlicher ist — wie von andern Alpen — das Hcrabstcigcn von ihr. Eines Tages kam Chariton in die Stadt, blos um ihm endlich einen Brief ihres Mannes — denn Dian machte wie alle Künstler leichter und lieber ein Kunstwerk als einen Brief — zu übcrbringen, worin er sich frcucte, daß er Albano so bald sehen würde. „Er kommt also wieder?" fragte der Graf. Sic rief betrübt ans: „Bei Leibe! — Ja das! — Nach seinem vorigen Schreiben bleibt er noch sein Jahr." — „So versteh' ich ihn nicht," sagte Albano. Er wurde an demselben Abend aus hcrknlanische Bilderbücher — die mit Charitons Brief Eine Post genommen hatten — von der Fürstin eingeladen. Sie trat ihm mit jener erheiterten Liebcsmicnc entgegen, welche man vor einem auf- 283 spannt, der vor uns sogleich, wie wir hoffen, seinen granzenlosen Dank aus dem Herzen ziehen wird. Aber er hatte Nichts daraus zn ziehen. Sie fragte endlich betroffen, ob er heute keine Briefe aus Spanien erhalten. Sie vergaß, daß die Post gegen kein Haus höflich und eilig ist als gegen das Fürstenhaus. Da aber sein Brief schon gewiß in seinem Zimmer lag: so erlaubte sie sich, die Nolle der Zeit zu nehmen, welche Alles an den Tag bringt, und sagte, was im Briefe stehe, „daß sie nämlich im Herbste eine kleine Knnstrcisc nach Nom „unternehme, auf der sic sein Vater begleiten werde und Er „diesen, wenn Er wolle; das sei das ganze Geheimniß." — Es war das halbe; denn sie setzte bald darauf hinzu, daß sie der besten Zeichncrin in der Stadt am liebsten die Freude dieser Reise znwcnde, sobald diese nur genese — Lianen. Wie Plötzlich das ganze Herz freudig erleuchtet wird, wenn nach einem langen finstern Regentage endlich Abends die Sonne sich unter dem schweren Wasser ein goldnes, offnes, Abendthor wölbt, darin rein-glänzend wie in einer Rosenlaube vor der wiedcrscheiucnden Erde steht, ihr einen schönem Tag ansagt und dann mit warmen Blicken verschwindet aus der offnen Rosenlaubc: so war cs unserem Albano. Der schöne Tag war noch nicht da, aber der schöne Abend. Er ließ die hcrkulanischcn Bilder unter ihrem Schutt, und eilte, so schnell als es die Dankbarkeit vergönnte, zum Blatte des Vaters zurück, der so selten eines gab. ES war dieses da: „Liebster Albano! Meine Geschäfte und meine Gesundheit sind endlich in solcher Ordnung, daß ich meinen Plan bequem ausführcn kann, den ich mit der Fürstin vorhabe, eine kleine Kunstreise nach Rom noch im Herbste zu machen, zu 284 der ich Dich cinlade und im Oktober selber abhole. Die übrige Reisegesellschaft wird Dir nicht mißfallen, da sie aus lauter tüchtigen Kunstkennern besteht, H. v. Lmiverot, H. Kunstrath Fraischdörfer, H. Bibliothekar Schoppe (wenn er will). Leider muß H. v. Augusti als Lektor zurückblciben. Dein Lehrer in Rom (Dian) erwartet Dich mit vieler Sehnsucht. Man hat mir geschrieben, daß Du die neue Hofdame der guten Fürstin, Fräul. v. 4r., deren ich mich als einer sehr braven Zeichnerin entsinne, besonders begünstigest. Es wird Dich daher interessircn, daß die Fürstin sie auch mitnimmt, zumal da ihr, wie ich höre, eine Gesundheitsreisc so nöthig ist wie mir. — Im Frühling, der ohnehin nicht die schönste Jahreszeit in Italien ist, kehrest Du wieder zu Deinen Studien nach Deutschland zurück. — Roch etwas im Vertrauen, mein Bester! Man hat meiner Mündel, der Gräfin von Ro- mciro, Deine Geister-Visionen aus Pestitz unverhohlen mitge- theilt. Da sic nun den Herbst und den Winter während meiner Abwesenheit bei ihrer Freundin, der Prinzessin Julienne, zubringt und noch dazu eher ankommt als ich: so lasse Dich eS nickt frappiren, daß sie Deiner Bekanntschaft auswcicht, weil sich ihr weiblicher und ihr persönlicher Stolz durch den gauklcrischen Gebrauch ihres NamenS gekränkt und gerade zur Widerlegung der Gaukler recht aufgcfordcrt findet. In der That konnte man — wenn die Spielerei anders einen ernsthaftem Zweck hat — wol kein schlechteres Mittel dazu erwählen. — Du wirst thun, was die Ehre gebietet, und ob sie gleich meine Mündel ist, sic nicht zudringlich anfsuchcn. Alles bleibt unter uns. Adio! * * 6. v. 0." 285 Diese Aussichten — die erhebende, neben dem Vater so lange zu sehn — die heilende, aus dieser tiefen Asche hcrans- znwaten in ein freieres, leichteres Land — die schmeichelnde, daß das kranke, geplagte Herz im Bcrgschlofse vielleicht in Zitronen- und Lorbeerwäldern Freude und Genesung wieder finde, auch wol wieder gebe — diese Aussichten waren, was die Freuden der Menschen sind, sehr schöne Spaziergänge im Hofe des Gefängnisses. Auf diesem frohen Spaziergange störte ihn bald das Bild der kommenden Linda — aber nicht feinet-, sondern seiner armen Schwester und seines Freundes wegen. Wie feindselig muß dieses fremde Irrlicht, dacht' er, in den nächtlichen Kampf aller gegen einander rennenden Verhältnisse Hüpfen! Roquairol schien ohnehin die zu heftig liebende Rabettc mit ihren einsamen Wünschen allein zu lassen; sie schickte wöchentlich ihre durch einen Einschluß an Albano — sonst war's umgekehrt — briefliche Seufzer und Thränen, die er alle kalt einstcckte, ohne von ihnen oder der Verlassenen zu sprechen. Albano — im Stillen Lianen und Rabctten abwägend — beklagte selber das ungleiche Loos seines übereilten Freundes, über dessen Sonnenpfcrde nur eine Amazone und Tita- nide, aber nicht ein gutes Landmädchcn den Zügel werfen konnte, und dessen Psyches- und Donncrwagen ihm zu gut schien zu einem bloßen ehelichen Post- oder Kinderwagen. Erwürgend wird sich Alles durcheinanderschlingcn, dacht' er, wenn er am Traualtar mit Rabctten kniend zufällig anfsieht und unter den Zuschauerinnen die unvergeßliche hohe Braut seiner ganzen Jugend findet und laut das entsagende Ja ausstammeln muß! Er war daher zweifelhaft, ob er ihm den Inhalt des Briefs entdecken dürfe, aber doch nicht lange; „soll ich dem „Freund (sagt' er) verhehlen und vorgaukcln? Darf ich ihn „als schwach voraussctzcn und die Beschleunigung der Verhältnisse scheuen, die doch mit Ihr kommen?" — Sobald Karl zu ihm kam, sagt' er ihm zuerst die Abreise und sogar die Bitte um dessen Mitreisc, bewegt von der ersten Trennung seines Jugendfreundes. Der Hauptmann — dessen Herz immer den Sangbodcn der Phantasie zum Anklang brauchte — war auf der Stelle nicht vermögend, beträchtliche Empfindungen über den Abschied zu haben und zu malen. Da gab ihm Albano — über die Lippe könnt' cr's nicht bringen — den ganzen Brief. Unter dem Lesen wurde Roquairols ganzes Gesicht häßlich, sogar in des Freundes Auge. — Er schleuderte dann ein so flammendes Zornauge gegen Albano, daß dieser es erwiderte, unwillkürlich und unwissend. „O, wahrlich, ich versteh' Alles (sagte Karl). So mußt' es sich lösen. Warte nur bis morgen!" Alle Muskeln an ihm waren rege, alle Züge irre. Alles bewegt, so wie im heftigen Gewitter kleine Wölkchen umeinander wirbeln. Albano wollte ihn fragen und halten. „Morgen, morgen!" rief er und stürmte davon. 87. Z y k e l. Am Morgen erhielt Albano einen sonderbaren Brief von Roquairol, zu dessen Vcrständniß einige Nachrichten von seinem Verhältniß mit Rabetten vorausstchcn müssen. Nichts ist schwerer, wenn man seinen Freund recht liebt, als dessen Schwester kaum anzuschen. Nichts ist leichter — nur das Umgekehrte ausgenommen -— als nach der Entzau- 287 bcrung durch Stadtherzen die Bezauberung durch Landhcrzcn. Nichts ist einem Simnltanliebhabcr, der Alle liebt, natürlicher als die Liebe gegen Eine darunter. Es braucht nicht erwiesen zu werden, daß der Hauptmann in allen drei Fällen auf einmal gewesen, da er zum erstenmal zu Nabetten sagte, sie habe sein sogenanntes Herz. Sie hätte freilich die Ha- madryade in einem solchen Giftbaum, durch dessen Saft so viele Amors Pfeile vergiftet wurden, nicht so nahe aubetcn sollen; aber sie und ihre meisten Schwestern werden von den männlichen Vorzügen gegen den männlichen Mißbrauch davon verblendet. Anfangs ging Manches gut; die reine Unschuld seiner Schwester und seines Freundes warf ein fremdes Zanberlicht aus den widernatürlichen Bund. Das Vorzüglichste war, daß er als Konzertmeister seiner Liebe wenig mehr von Rabettcn bedurfte als die — Ohren; Lieben war bei ihm Sprechen, und Handlungen sah er blos für die Zeichnung unserer Seele, Worte aber für die Farben an. Es gibt eine doppelte Liebe, die der Empfindung, und die des Gegenstandes. -— Jene ist mehr die männliche, sie will den Genuß ihres eignen Dasehns, der fremde Gegenstand ist ihr nur der mikroskopische Objckt- oder vielmehr Subjekt-Träger, worauf sic ihr Ich vergrößert erblickt; sie kann daher leicht die Gegenstände wechseln lassen, wenn nur die Flamme, in die sic als Brennstoff geworfen werden, hoch sortlodert; und durch Thatcn, die immer lang, langweilig und beschwerlich find, genießet sic sich weniger als durch Worte, die sie zugleich malen und mehren. Hingegen die Liebe des Gegenstandes genießet und begehret Nichts als das Glück desselben (so ist meistens die weibliche und elterliche), und nur Handlungen und Opfer thun ihr Genüge und 288 wohl; sie liebt, um zu beglücken, wenn jene nur beglückt, um zu lieben. Roquairol hatte sich längst der Liebe der Empfindung gewidmet. Daher mußt' er so viele Worte machen. Uebcrhaupt wurde sein Herz erst durch den Transport über die Zunge und Lippe recht feurig und trinkbar; am Rheinfall war' er nicht von der besten, nämlich gerührtestcn, Laune gewesen, blos weil er zum Lobe desselben — da der Fluß Alles überdonnert — Nichts hätte Vorbringen können vor erhabenem Lärm. Sein Roman mit Rabetten nach der Liebes-Erklärung war in verschiedene Kapitel abgetheilt. Das erste Kapitel bei ihr versüßte er sich dadurch, daß sie ihm neu war und zuhörtc und bewundernd gehorchte. Er schilderte ihr darin große Stücke von der schönen Natur ab, mischte einige nähere Rührungen dazu und küßte sie darauf; so daß sie seine Lippen wirklich in zwei Gestalten genoß, in der redenden und in der handelnden; von ihr wollt' er, wie gesagt, nur ein Paar offne Ohren. In diesem Kapitel nahm er noch einige Möglichkeit ihrer — Heirath an; die Männer vermengen so leicht den Reiz einer neuen Liebe mit dem Werth und der Dauer derselben. Er machte sich an sein zweites Kapitel und schwamm darin selig in den Thränen, aus denen er es zu schreiben suchte. In der That gewährte ihm diese Augenlust mehr wahre Freude als fast die besten Kapitel. Wenn er so neben ihr saß und trank — denn wie ein todtcs Fürstcn-Herz begrub er gern sein lebendes in Kelche — und nun anfiug zu malen sein Leben, besonders seinen Tod, und seine Leiden und Jrrthümer vorher und seinen Selbst- und Knabenmord 289 auf der Redoute und seiuc wcggcstoßcne Liebe für Liuda: wer war da mehr zu Thräncn bewegt als er selber? — Niemand als Nabette, deren Augen — durch ihren Vater und Bruder so wenig mit Männerthräncn bekannt geworden als mit Elephan- tcn-, Hirsch- undKrokodilsthränen — desto reicher in seine Trauer und Liebe, aber nicht so süß als bitter überstimmten. Das goß wieder neues Ocl in seine Flamme und Lampe, bis er am Ende wie jener Schüler des Hexenmeisters vonGöthc die Besen, welche Wasser zutrugcn, nicht mehr regieren konnte. Poetische Naturen haben eine mitleidige; gleich der Justiz besolden sic neben der Folterbank einen Wundarzt, der die gebrochncn Glieder sogleich wieder ordnet, ja sogar vorher die Stellen der Quetschungen rcgulirt. Der Mann sollte nie seinetwegen, ausgenommen vor Entzückung, weinen. Aber Dichter und alle Leute von vieler Phantasie sind Zauberer, welche — gerade als Widcrspiele der verbrannten Zauberinnen -— leichter weinen, obwol mehr vor Bildern als vor dem rohen, wunden Unglück selber, um die armen Zauberinnen auf die schlimmste Wasserprobe zu setzen. Trauet nicht! Auf dem Machiuellcu-Gistbaum werden die Regentropfen giftig, die von seinen Blättern rollen. Judeß muß cs nie verschwiegen werden, daß der Hauptmann in diesem zweiten Kapitel seinen Entschluß bestärkte, die gute und so weiche Rabettc wirklich zu — ehelichen; „du weißt (sagt' er zu sich), was im ganzen an den Weibern ist, ein Paar Mangel auf oder ab thun wenig; deine männliche Narrheit, sie wie die ZinS- und Dcputatthiere ohne Fehl zu fordern, ist doch wol vorüber, Freund." — Jetzt setzt' er sich hin, um zu seinem dritten Kapitel cin- zutunkcn, worin er spaßte. Seine Lippen-Allmacht über das znhorchende Herz erquickt' ihn dermaßen, daß er häufige Ver- Jea» PanUs »uSgcw. Werke. XI. lg suche machte, ob sic sich nicht halb tobt lachen könnte. Weiber nehmen in der Liebe ans Schwäche und Feuer das Lachkraut am leichtesten; sic halten den komischen Heldendichter noch mehr sür ihren Helden — und beweisen damit die Unschuld ihres Anslachens. Aber Noquairol liebte die Lachende weniger. In seinem vierten Kapitel >— oder Sektor, oder Hundsposttag, oder Zettelkasten, oder wie ich sonst (lächerlich genug) statt der Zykel abtheile — in seiner vierten Jobclpcriode, sag' ich, hielt cs, so zu sagen, härter mit ihm. Nabettc wurd' cs endlich gewohnt und satt, daß er immer absticg und den zwischen den Rädern hängenden Theertops der Thräncndrüsc anfmachte, um den Traucrwagen zu thecren. Ticscs Rühren und Bewegen wnrd' ihm täglich sauerer gemacht und vergället, er mußte immer längere und grellere Trauerspiele geben. Da sing er an zu merken, daß die Zunge des Landmädchens nicht eben die größte Landschastsmalcrin, Seclcnmalcrin und Sil- houettricc sei und daß sie zu ihm wenig mehr zu sagen wisse als: Du inein Herz! Er machte deshalb im vierten Kapitel seltenere Besuche; das half wieder viel, aber kurz. Glücklicher Weise gehörte die halbe Meile von Pestitz nach Blnmenbnhl zu Nabcttcns Schönheitslinien und Skalen; in der Stadt, in Einer Straße oder gar unter Einem Dache war' er zu kalt geblieben vor Nähe. Die natürlichste Folge aus einem solchen Kapitel ist das fünfte, oder das Wcchsclkapitel, das einige Flammen noch durch den immer schnellem Wechsel von Vorwürfen und Versöhnungen anfbläset, so daß beide sich, wie elektrische Körper kleine, wechselnd anziehen und abstoßen. Zuweilen trank er Nichts und fuhr sieM'los an, zuweilen nahm er sein Glas und sagte zu ihr: Ich bin der Teufel, Du der Engel. Den größten Stoß gab seiner Liebe sein Vater durch den Beifall, 291 den er ihr wider Verhoffcn schenkte. Dein Hanptmann war gänzlich so, als begeh' er die Silberhochzeit, wenn er einmal die goldne scicre. Im Dienste der Liebesgöttin wird man leichter kahl als gran; er war schon gegen die Silberbraut moralisch-kahl. Znm Glücke trieb er kurz vor dem Flammcn- sonntag in Lilar*) alle Vernachlässigungen und Sünden so weit, daß er am Sonntag im Stande war, sie zn verfluchen; nur nach Zürnen und Sündigen könnt' er leichter lieben und beten, wie der kriechende Springkäscr sich nur ausschnellt auf den Stücken gekehrt. Es ist wol wenigen Lesern ans jenem Sonntag entfallen, wenigstens entgangen — daß Roqnairol Morgens mit Nabcttcn im Flötenthale gesessen — daß Rabette da beklommen nnd einsam gesungen — und daß er anfgclösct seinem von der Liebe verherrlichten Freunde anfgestoßen. Die Thal-Sache ist natürlich: nach so langem Kühl- (nicht Kalt-) Sinn — an diesem luftigen, freien Otahciti-Tage -— bei so Vielem was er in den Händen hatte (eine fremde -- nnd eine Flasche) — neben ihrem Herzen so warm und doch so ruhig wie die Sonne droben — neben der einsamen Waiscn-Flötc, die er rufen ließ — nnd bei seinem herzlichste» Wunsche, von einem solchen Tage nnd Himmel etwas zn profitiren- da sah er sich ordentlich gcnöthigt, wahre Rührung vorzuholen, über seine Vergangenheit sich ausznlassen (er glich den alten Sprachen, die nach Herder viele Präterita und kein Präsens haben) — ja über seinen Tod (auch ein Bruchstück der Vergangenheit) — nnd dann wie auf einem Himmclswcge weiter zn gehen. Freilich ging er nicht weit; er ließ wieder sein H. Januars Blut flüssig werden, nämlich seine Augen, und also vorher sein eignes, und forderte dann der entzückten, *) Wo Albano zum lctztcnmale selig mit Lianen war. 19 * 292 im schönsten Himmel umhcrgcschleuderten Seele nichts Geringeres ab als — da sic vor dem zugcworsencn Schnupftuch verstummte wie der Kanarienvogel unter dem übergcworfnen — ein schwaches Singen. Nabctte konnte nicht singen, sie sagte es, sie weigerte sich, sie sang endlich; aber sie dachte unter dem leeren Singen an Nichts weiter als an ihn und sein wildes nasses Gesicht. Das schlimmste Kapitel unter allen, die er in seinen Roman brachte, ist wol das sechste, das er in der Jllumiuazious- uacht in Lilar nicdcrschrieb. Anfangs hatt' er die stumme, glanzlose Zuschauerin einsam stehen lassen, indem er hinter dem Bcnuswagcn voll fremder Göttinnen nachlief und aufsprang. Allmälig kroch Eine Freude nach der andern herzu und gab ihm den Tarantclbiß, dem ein krankes Toben folgte. Da Mäßigkeit eine wahre stärkende Arzenei des Lebens ist: so nahm er zu dieser kräftigen Arzenei, um sie nicht in immer stärker» Dosen brauchen zu müssen, ungemein selten die Zuflucht und gewöhnte sich durchaus nicht an sie. Endlich erschienen an ihm wie am sinesischcn Porzellan *) die Gestalten durch Füllen; er trat mitlcidend und liebend zu Nabetteu und glaubte mit ihr, gegen sic weich oder gut zu seyn, da er's blos gegen Alle war. Er wollte sie aus dem feindlichen Augen-Heer entführen, um bei ihr den Kuß zu suchen, dem das Verbot und die Entbehrung wieder den Honig gab; aber sie weigerte sich, weil da, wo das Auge aushört, der Verdacht anfäugt, als er zum Die Sinescr konnten sonst auf Porzellan Fische und andere Gestalten malen, die nur sichtbar wurden, wenn man das Gesäß ansüllte. Imttrss stlllüautes ste. XII. rocnetl. 293 Unglück die Blinde ans Blnmcnbühl ansichtig wurde und zur scheinbaren Wache Nabettcns rufen konnte, um diese aus der Versuchung unter Menschen in die Versuchung in der Wüste zu führen. Sic ungestüm-liebend an sich drückend wie nie — daß die arme, diesen Abend so verlassene Seele über die Wiederkehr aller ihrer Freuden weinte — und zu ihr redend wie ein Engel, der wie keiner handelt, gelangt' er mit ihr im stillen Tartarus, wo alles blind und stumm war, unwillkürlich an. Nabcttc hatte die Blinde nicht entlassen; aber als sie iw den Katakombcngang cingingcn, der nur zwei Personen fasset^ wenn nicht die dritte im Wasser schleichen will, wurde die angenlosc Magd an die Pforte gestellt, um somchr da er sich nicht gern von einer überflüssigen Zuhörerin wollte hemmen lassen. Und was war denn mitten im Guckkasten des Grabes auch zu scheuen? Drinnen sprach er über die überall ausgcstrccktcn Zeigefinger des Todes „und daß sic hinwicsen, das Leben, so dumm cs auch sei, nicht noch dümmer zu machen, sondern lustig." Er setzte sich mit ihr liebkosend — wie der Würgengel unsichtbar neben dem blühenden Kinde sitzt, das im alten Gemäuer spielt und dem er den schwarzen Skorpion in die zarten Händchen drückt —; cs war die Stelle, wo er mit Albano, gegenüber dem Gerippe mit der Acolsharfc, in der ersten Bnndes- nacht gesessen, als ihm der Freund die Entsagung Linda'S beschwor. Seine Zunge strömte wie sein Auge — Er war weich, wie nach dem Volksglauben Leichen weich sind, denen Traurendc nachstcrbcn — Er warf Feuer-Kränze in Nabettcns Herz, aber sie hatte nicht wie er Wortströmc zum Löschen — sie konnte mir seufzen, nur umarmen; und die Männer vcr- sündigen sich am leichtesten aus Langerweile an guten, aber langweiligen Herzen — Schneller sprangen Lachen und Weinen, Tod und Scherz, Liebe und Frechheit ineinander über; das moralische Gift macht die Zunge so leicht als physisches sie schwer — Die Arme! die jungfräuliche Seele ist eine reife Rose, ans der, sobald Ein Blatt gezogen ist, leicht alle ge- parrtc nachfallen; seine wilden Kusse brachen die erste» Blätter ans — Dann sanken andere — Umsonst wehet der gute Genius fromme Töne aus der Harfe des Todes und rauschet zürnend im Orkus-Flusse der Katakombe heraus — Umsonst! — Der schwärzeste Engel, der gern foltert, aber lieber Unschuldige als Schuldige, hat schon vom Himmel den Stern der Liebe gerissen, um ihn als Mordbraud in die Höhle zu tragen. Der Wehrlosen enges, armes Lebens-Gärtchen, worin nur wenig wächst, steht auf dem langen Minengang, der unter Roquairols ausgedehnten Lustlagern weglänft; und der schwärzeste Engel hat die Minen-Lunte schon angestcckt — Feurig frissct der gierige Punkt sich weiter. Noch steht ihr Gärtchen voll Sonnenschein und seine Blumen wiegen sich — der Funke nagt ein wenig am schwarzen Pulver, plötzlich reißet er einen Ungeheuern Flammen-Rachcu auf — Und das grüne Gärtchen taumelt, zersprengt, zerstäubt, in schwarzen Schollen ans der Lust herab an ganz fernen Stellen — Und das Leben der Armen ist Dampf und Gruft.- Aber Roquairols ausgebrcitcte, weite und zusammenge- rvurzelte Lust-Parks widerstanden dem Erdstöße viel kräftiger. -— Beide traten dann betrübt — denn dem Hauptmann war eine kleine Laube anfgeschleudert — aus dem Miuirgange heraus, traseu aber die Blinde nicht mehr an, die suchend sich verlaufen hatte, sondern stießen nur dem umherirrenden Albano 295 auf, der sehr trauerte und tobte, ob er gleich diesen Abend Nichts verloren hatte als — Freuden. Lasset uns die Betrogne und ihre Mit-Millionen mit einigen Worten vor einen milden Richter führen! — Nicht Das allein wird dieser Richter wiegen, daß sie, vom Blutenstäube eines rauchenden Freuden-Frühlings betäubt, stumm- erstickt mit dem jungfräulichen Schleier, erlegen dem Sturm der Phantasie — da Weiber um so leichter vor der fremden und poetischen fallen, je seltner ihre eigne weht und ihnen das Feststchen angewöhnt — den Lohn eines ganzen jungfräulichen Lebens sterben ließ: sondern Das mildert am stärksten das Urtheil, daß sie Liebe im Herzen trug. Warum erkennt es denn das Männer-Geschlccht nicht, daß die Liebende in der Stunde der Liebe ja Nichts weiter thun will als Alles für den Geliebten, daß die Frau für die Liebe alle Kräfte, gegen sie so kleine hat und daß sie mit derselben Seele und in derselben Minute eben so leicht ihr Leben hingäbe als ihre Tugend? — Und daß nur der fordernde und nehmende Theil schlecht sei, besonnen nnd selbstsüchtig? Das letzte oder siebente Kapitel seines Räuberromans ist sehr kurz nnd widersprechend. Den dritten Tag besucht' erste in ihrem Garten, war zärtlich, vernünftig, nüchtern, zurückhaltend, als wär' er ein Ehemann. Da er sic voll Kummer fand, den sie doch nur halb aussprach: so kam er aus Angst für ihre Gesundheit mehrmals wieder; nnd als diese nicht im Geringsten gelitten, blieb er — weg. Gegen Albano war er während besagter Angst dcmüthig; und nach derselben wie sonst, aber nicht lange. Denn als seine Schwester, die er vielleicht unter allen Menschen am reinsten liebte, durch Albano's Wildheit erblindete: warf er, eben wegen der Aehnlichkeit der Schuld, 296 auf diesen einen wahren Haß und etwas Achnlichcs ans alle dessen Verwandte. Nabctte bekam jetzt Nichts weiter von ihm als — Briefe nnd Entschuldigungen, kurze Gemälde seiner wilden Natur, die freien Spielraum haben müsse und die, einer fremden angeheftet, diese blos eben so sehr mit der Kette zerschlagen und drücken müsse als sich selber. Alle Einwürfc Nabcttcns wnfit' er so gut zu heben, da sie nur in Worten, und nicht in Mienen und Thräucn bestanden, daß er am Ende selber ciusah, er habe Recht; und der von diesem stürzenden, glatten Maicnbanm crschlagncn Maiblume blieb säst Nichts übrig als das rechte letzte Wort, nämlich die stumme Lippe, die es dem Mörder nicht erst meldet, daß er das Herz getroffen und zerstöret habe. 88. Z y k c l. Hier ist Roquairols Brief an Albano: „Einmal muß cs geschehen, wir müssen uns sehen, wie wir sind, nnd dann hassen, wenn cs sehn muß. Ich mache Deine Schwester unglücklich, Du meine und mich dazu; das hebt sich auf gegenseitig. Du verzerrest Dich aus meinem Engel immer heftiger zu meinem Würgengel. Würge mich denn, aber ich packe Dich auch. Jetzt sich mich an, ich ziehe meine Maske ab, ich habe konvulsivische Bewegungen ans dem Gesicht, wie Leute, die genossenen Gift Überstunden! Ich habe mich in Gift betrunken, ich habe die Giftkugel, die Erdkugel verschluckt. Frei heraus! Ich jauchze nicht mehr, ich glaube Nichts mehr, ich jammere nicht einmal recht tapfer. Ausgehöhlt, verkohlt von phantastischem Feuer ist mein Baum. Wenn so zuweilen die Eingc- wcidcwürmcr dcS Jchs, Erboßnng, Entzückung, Liebe und dergleichen, wieder herum kriechen und nagen, und einer den andern fristet: so sch' ich vom Ich herunter ihnen zu; wie Polypen zerschneide und verkehr' ich sic, stecke sic ineinander. Dann seh' ich wieder dem Zusehen zu und da das ins Unendliche geht, was. hat man denn von Allem? Wenn Andere einen Glaubcns-ZdcaliSmus haben, so bab' ich einen HcrzcnS-Idca- lismus, und jeder, der alle Empfindungen oft auf dem Theater, dem Papier und dem Erdboden dnrchgcmacht, ist so. Wozu dicnt's? — Wenn du jetzt stürbest, sag' ich mir oft, so wäre ja Alles, da alle Radien des Lebens in den kleinen Punkt eines Augenblicks zusammenlanscn, wcggcwischt, unsichtbar; mir ist dann, als war' ich Nichts gewesen. Oft sch' ich die Berge und Flüsse und den Boden um mich an und mir ist, als könnten sic jeden Augenblick auseinander flattern und verrauchen und ich mit. Das künftige Leben, da das anwesende kaum eines ist, und Alles, was daran hängt, gehört unter die Entzückungen, denen man zusicht; zumal unter einer, in der Liebe. Da Du so leicht jede Verschiedenheit von Dir für Entkräftung hältst: so sag' ich Dir gerade heraus: steige nur weiter, knätc Dich nur mehr durch, hebe nur den Kopf aus den heißen Wogen der Gefühle höher, dann wirst Du Dich nicht mehr in sie zerlaufen, sondern sie allein vcrwallcn lasten. Es gibt einen kalten, kecken Geist im Menschen, den Nichts etwas angeht, nicht einmal die Tugend; denn er wählt sic erst und er ist ihr Schöpfer, nicht ihr Geschöpf. Ich erlebte einmal ans dem Meer einen Sturm, wo das ganze Wasser sich wüthend und zackig und schäumend anfriß und durcheinander- warf, indeß oben die stille Sonne zu sah; — so werde! Das Herz ist der Stnrm, der Himmel das Ich. Glaubst Dn, daß die Romanen- nnd Tragödienschreiber, nämlich die Genies darunter, die Alles, Gottheit nnd Menschheit, tausendmal durch- und nachgeäfft haben, anders sind als ich? Was sic — nnd die Weltlente noch reell erhält, ist der Hunger nach Geld nnd nach Lob; dieser fressende Magensaft ist der thierischc Leim, der hüpfende Punkt in der weichen Fluß- Welt nnd Fließ-Welt. — Die Affen sind Genies unter dem Vieh; nnd die Genies sind —- nicht blos vor höhern Wesen, wie Pope von Newton sagt -— sondern auch hier unter Affen, im ästhetischen Nachmachcn, in der Herzlosigkeit, Bosheit, Schadenfreude, Wollust nnd — Lustigkeit. Letztere nnd Vorletztere beding' ich mir ans. Gegen die Dongukurs im Lebens-Buche, das kein Mensch versteht, gibt's Nichts als einige lustige Stellen, an die ich nicht mehr denke, sobald ich sie gelesen. Um nur wcgzukommcn über das höckerige, kalte Leben, will ich doch mir lieber Roscnkclche als Dor- nenrciser unterstrencn. Die Freude ist schon Etwas wcrth, weil sie Etwas verdrängt, eh' man sich mit schwerem Haupte nicdcrlegt ins Nichts. So bin ich; so war ich; da sah ich Dich nnd wollte Dein Du werden — aber cs geht nicht, denn ich kann nicht zurück, aber Du vorwärts, Du wirst mein Ich einmal — und da wollt' ich Deine Schwester lieben! Sie verzeihe es mir! Hier trinke reinen Wein! Ich weiß am besten, wie weit cs mit den Weibern geht — wie ihre Liebe beglückt nnd beraubt — wie jede Liebe sich gleich anderem Feuer an viel besserem Holze entzündet als ernährt —nnd wie überall der Teufel Alles holt, was er bringt.- 299 O, warum kam: denn keine Frau nur soweit und nicht weiter lieben, als mau haben will? Gar keine? — Meinetwegen ; überall wollen schlaffe Prediger uns von jeder vergänglichen Lust abhalten durch die nachfahrende Unlust. Ist denn die Unlust nicht auch vergänglich? — Nabctte meint' cs gut mit mir, ans demselben Grunde des Wunsches, warum ich's mit ihr und mir so meinte. Aber, weiß es denn Jemand, welche Fegfcuer-Stunden man mit einem fremden Herzen durchwatet, das voll ist, ohne zu füllen, und dessen Liebe man am Ende hasset — vor welchem, aber nicht mit welchem man weint und -nie über Gleiches und dem man sich jede Rührung zu enthüllen scheuet, ans Furcht, sie in Nahrung der Liebe verwandelt zu sehen — aus dessen Zorn man den größcrnZorn und aus dessen Liebe man den kleinern sangt? — Und nun vollends ans immer in diese Peinlichkeit die heitern Verhältnisse eingeschraubt, die uns sonst über die peinlichen emporhalten sollen >— ans immer das lang gewünschte Götterglück des Lebens in einen platten Schein und Kupferstich verkehrt — das Herz in eine Brust und Larve — das Mark des Da- seyns in spitze Knochen — Und doch bei allen Vorwürfen der Kälte nur ans Schweigen gekettet, unschuldig und stumm ans die Folter gebunden — und Das eben ohne Ende! — Nein, lieber den Wahnsinn her, den man aus dem Tempel der Liebe sowol wie der Enmcnidcn holt! Lieber recht un- glücklich-entbrannt, ohne Hoffnung, ohne Laut, bis zur Bleichheit und Wuth als so geliebt, nicht liebend! — Wer einmal in dieser Hölle brannte, Albano, der — fährt immerfort in sie; das ist das neue Unglück. Verschmerz' ich nicht das Leben und den Tod und die Wunden und Stacheln vorher und bin gewiß nicht schwach? — Doch bin ich nicht im Stande, einer empfindsamen Rede — oder Klavicrphantasie — oder Vorlesung oder Vorsingung Einhalt zu tbun, und wenn mir der Schmerz in Person eine von allen 'Göttern untcrschricbnc Drohung verhielte, daß eine Zuhörerin, die ich nicht leiden kann' sogleich darauf meine Liebhaberin würde und daraus meine Geliebte und Hölle. Die Griechen gaben dem Amor und dem Tode dieselbe Gestalt, Schönheit und Fackel; für mich ist's eine Mordfackcl, aber ich liebe den Tod und darum den Amor. Längst war mir mein Leben eine tragische Muse; gern gcb' ich dem Dolche einer Muse die Brust; eine Wunde ist säst ein halbes Herz. — Höre weiter! Rabcttc hat eine schöne Natur und folgt ihr, .aber meine ist für sic eine Wolke mit leerer, vergänglicher Bildung und Gestalt; sic versteht mich nicht. Könnte sic cs, so vergäbe sic mir am ersten. O, ich habe sie wol mißhandelt, als wäre ich ein Schicksal und sie ich. Zürne, aber höre. In der Jlluminazionsnacht führte ihre Sehnsucht und meine Leerheit im Fenerrcgcn der Freude uns wärmer aneinander — unter den glattgcpanzertcn und mattgeschliffncu Hosgesichtcru blühte ibr aufrichtiges so schön und so lebendig, wie ein frisches Kind auf der Bühne und am Hofe — Wir gericthcn in den Tartarus — Wir saßen an der Stelle, wo Du mir Deinen Verzicht auf Linda geschworen — In meinen Sinnen glühte der Wein, in ihren das Herz — O, warum hat sie, wenn man spricht und strömt, keine andere Worte als Küsse und macht einen sinnlich aus Langweile-und zwingt zum Sprechen ihrer Sprache? — Meine wahnsinnige Kühnheit, die mir die Phantasie und der Rausch Anhauchen und die ich kommen sehe und doch erwarte, ergriff mich und trieb mich wie einen Nacht- 301 wcmdler. — Aber immer ist Etwas in mir Hellblickendes, das selber das Zuggarn des Wahnsinns strickt, über mich wirft und mich verhüllt darin führt. — So sich mich in jener Nacht mit dem brennenden Netz um das Haupt, der Todtenbach murmelt zu mir, das Skelet greift durch die Harfe — Aber umschlungen, vergittert, verdunkelt, geblendet vom Feuer-Geflechte der Lust acht' ich weder Vernichtung, noch Himmel, noch Dich und jenen Abend, sondern ich schlinge Alles durcheinander und ins Geflechte — Und so sank die Unschuld Deiner Schwester ins Grab und ich stand aufrecht auf dem Königssarg und ging mit hinunter. Ich verlor Nichts — in mir ist keine Unschuld — ich gewann Nichts — ich hasse die Sinncnlnst; — der schwarze Schatte, den einige Reue nennen, fuhr breit hinter den wcg- gelausenen bunten Luftbildern der Zauberlaterne nach; aber ist das Schwarze weniger optisch als das Bunte? Verdamme Deine arme Schwester nicht; sie ist jetzt unglücklicher als ich, denn sie war glücklicher; aber ihre Seele ist unschuldig geblieben. Bewahrt lag ihre Unschuld in ihrem Herzen wie ein Kern in der steinigen Psirsichschale; der Kern selber zersprengte in der nährenden, warmen Erde seinen Panzer und drängte sich grünend ans Licht. Ich besuchte sie nachher. Alle ihre Scelenschmcrzen gingen in mich über; zu allen Thatcn und Opfern für sie fühlt' ich mich leicht; aber zu keinen Empfindungen. Macht was Ihr wollt, Du und mein Vater, ich werde mich in diesem dummen Stoppel-Leben, wo man in der Freiheit so wenig erntet, nicht vollends in das enge dreißigjährige Gehege der Ehe bannen. Bei Gott! für den erbärmlichen erpreßten 302 Sinnenrausch Hab' ich schon bisher und unter ihm mehr aus- gcstandcn, als er wcrth ist. Nicht Das, was ich gestern bei Dir gelesen, gibt mir diesen Entschluß — das frage Rabettcn über ihn — und meine Frcimüthigkeit gegen Dich ist ein willkürliches Opfer, da die Mysteric unter zweien hätte ohne mich eine bleiben können: sondern ich will nicht von Dir verkannt scy», gerade von Dir, der Du, bei so wenigen Reflexen Deines Innern, so leicht nachthcilig vergleichst und nicht merkst, daß Du meine Schwester in Lilar gerade so, nur mit geistigem Armen, opfertest und ihre Augen und Freuden in den Orkus warfst. Ich tadle Dich nicht; das Schicksal macht den Mann zum Unter-Schicksal des Weibes. Die Leidenschaften sind poetische Freiheiten, die sich die moralische nimmt. Du hieltest mich doch nicht für zu gut, ich bin Alles, wofür Du mich nähmest, nur aber noch mehr dazu; und das Mchr-Dazn fehlt Dir noch selber. O, wie fliegt mein Leben schneller, seit ich weiß, daß Sie*) kommt! Das Schicksal, das so oft Gewicht und Näder lpielt und den Perpendikel des Lebens mit eigner Hand answirft, hebt den meinigcn aus und alle Räder rollen der seligen Stunde unbändig entgegen. Sic ist meine erste, meine reinste Liebe; vor ihr riß ich alle meine blühenden Jahre aus und warf sie ihr hin auf ihren Weg als Blumen; für Sie opfcr' ich, wag' ich, thu' ich Alles, wenn Sie kommt. O, wer in der leeren Schaum- und Gaukel-Licbe Nichts fürchtet, was sollte der in der rechten, lebendigen Sonncn-Liebe scheuen oder weigern? — Du Engel, du Würgengel, du flogst herein in mein kahles, ebenes Leben, du fliehst und erscheinst, bald ') Linda. 303 hier, bald da, auf allen meinen Steigen und Auen, o verweile nur so lange, bis ich vor deinen Fußen mir mein Grab anfgewühlct habe, während du zu mir hcruntersahest! — Albano, ich scheine die Zukunft und greif' ihr vor; ich sehe recht deutlich das lange über den ganzen Strom gespannte Netz, das Dich fassen, schnüren und würgen soll; Dein Vater und noch Andere ziehen darin Euch beide einander zu, Gott weiß warum. -— Darum kommt Sie jetzt und Dein Reisen ist nur Schein. — Meine arme Schwester ist bald besiegt, nämlich ermordet; besonders da man dazu bei ihrem Geisterglauben keine andere Stimme braucht als jene körperlose, die über dem alten Fürstcnherzen dem Deinigcn die Gränze an- wics! Welche Lichter in der Zukunft, die zwischen finstern Verhältnissen und Gebüschen in Mord-Winkeln brennen! — Wie cs sei, ich trete in die Höhlen hinein; ich danke Gott, daß das ohnmächtige, kalt-schwitzendc Leben wieder einen Herzschlag, eine Leidenschaft gewinnt; und dann oder jetzt thue gegen mich, der ich sicher und versteckt und unredlich handeln konnte, was Du magst. Schlage Dich heut oder morgen mit mir. Es soll mich freuen, wenn Du mich iu den längsten Schlaf auf den Rücken bringst. O, das Opium des Lebens macht nur Anfangs lebhaft, dann schläfrig, o so schläfrig! Gern will ich nicht mehr lieben, wenn ich sterben kann. Und so ohne ein Wort weiter hasse oder liebe mich, leb' aber wohl! Dein Freund oder Dein Feind." 304 89. Z Y k e l. „Mein Feind!" rief Albano. Der zweite heiße Schmerz schlug vom Himmel in sein Leben ein und der Wcttcrstral brannte grimmig wieder hinauf. Als ein herzloser Rumpf der vorigen Freundschaft war ihm Noquairol vor die Füße geworfen; und er fühlte den ersten Haß. Diese Gistmischung von sinnlicher und geistiger Schwelgerei, dieser Gährbottich von Sinnenhcfe und Hcrzcns-Schaum — dieser Vertrag von Liebes- und Mordlust und gegen dasselbe schuldlose Herz — dieser geistige Selbstmord des Gcmüths, der nur ein luftiges, umhcrschwcifcndes, sich wechselnd verkörperndes Gespenst übrig ließ, aus das kein Verlaß mehr bleibt und das ein tapferer Mann schon zu hassen ansangt, weil er diesen weichen Gift- Nebel nicht packen und bekämpfen kann — das Alles erschien dem Grafen, der ohne die Ucbergängc und Mitteltinten der Gewohnheit und Phantasie ans dem vorigen Lichte der Freundschaft in diese Abenddämmerung gcführet wurde, noch schwärzer, als cs war. Neben die flache Wunde, die sein Familienstolz in der gemißhandelteu Schwester empfing, kam die tiefe giftige, daß Roqnairol ihn mit sich und Liancns Zerstörung mit Rabettens ihrer verglich. „Böscwicht!" knirschte er; auch die kleinste Aehnlichkeit schien ihm eine Verläumduug. Allerdings hatte Roqnairol an ihm sich verrechnet und seine poetische Sclbst-Vcrdammniß zu sehr auf Rechnung eines poetischen Richterspruchs aufgesetzt. Wie man im Geräusche unwissend lauter spricht, so wußte er, wenn die Phantasie mit ihren Katarakten nm ihn brans'tc, nicht recht, was er rief und wie stark. Da er oft doch weniger Schwärze an sich fand, als er lchildertc: so setzt' er voraus, der Andere finde 305 dann sogar noch weniger als er selber. Auch halt' er iin poetischen nnd sündigen Taumel sich am Ende das moralische Zifferblatt selber beweglich gemacht, daß es mit dem Zeiger ging; in dieser Verwirrung wnrd' ihm nicht gezeigt, wo Unschuld war. Hätt' er vorausgesehen, daß seine brieflichen Beichten in feindlicher» Winkeln an- und abprallen würden als einstmals seine mündlichen: er hätte sie anders gerichtet. Vor Erschütterung konnte Albano nicht sogleich den kurzen Scheidcbricf — keinen Fchdcbries — an den Verlornen schreiben, sondern zögerte in der Gewißheit, daß der Hauptmann nicht selber komme — als er kam. Denn Zögern vertrug er nicht; körperliche und geistige Wunden nahm er als theatralische auf; zu sehr gewohnt, Menschen zu gewinnen, verwand cr's zu leicht, Menschen zu verlieren. — Eine schreckliche Erscheinung für Albano; nur der ausgestellte lange Sarg des gctödteten Lieblings! — Daß nun über dieses kräftig- knochige Gesicht, sonst die Veste ihrer Seelen, die Furchen des Unkrauts sich krümmte», daß dieser Mund, den die Freundschaft so oft auf seinen gelegt, ein Pest-Krebs, eine deckende Rose des Zungcuskorpions für die trancnd-anuahende gute Rabctte gewesen, Das zu sehen und zu denke» war reiner Schmerz. — Kaum hörbar war Gruß und Dank; stumm gingen sie aus und ab, nicht neben, sondern wider einander. Albano suchte seinen Zorn in die Gewalt zu bekommen, um Nichts als die Worte zu sagen: gehe von mir und lasse mich Deiner vergessen. Er wollte Lianen im Bruder schonen, der ihn das Opfermesscr derselben gescholten; ungerechte Vorwürfe erhalten uns in der nächsten Zukunft besser, weil wir sie zu keinen Jean Paul's ausgew. Werke. XI. 20 gerechten wollen werden lassen. — „Offen bin ich, sichst du „— (fi„g Roquairol gemäßigt an, weil seine Wallungen halb „vcrtropst und verschrieben waren) — sei cs auch und antworte dem Brief." — „Ich war dein Freund — nun nicht „mehr" sagte Albano erstickt. — „Dir Hab' ich doch Nichts „gcthan" versetzte jener. „Himmel! Laß mich nicht Viel reden (sagte Alban). „Meine elende Schwester — Meine Unschuld an der Gräfin „Kommen — Meine elende verworfne Schwester — — O „Gott! empör' mich nicht — Ich achte dich nicht mehr und „da geh!" — „So schlage dich!" sagte der Hanptmann, halb seelen-, halb weintrnnken. -,Ncin! (sagte Albano laut-einathmcnd wie zum Seufzer des Zorns) dir ist nichts heilig, nicht einmal ein Leben!" Dieser Zögling des Todes warf den eignen Lcbcnstagen und Freuden und Planen so leicht alle fremde nach in die Gruft; das meinte Albano und dachte nur an die kranke, so leicht an fremden Wunden sterbende Liane, die Liebe war (statt der Freundschaft) wie ein milderndes Weib vor seine aufgebrachte Seele gegangen; aber der Feind verstand ihn falsch. „Du mußt (spottete wild.der Hanptmann), deines soll „mir thcncr scyn!" „Himmel und Hölle! ich meinte ein besseres (sagt' er) — „Verlänmder, gegen deine Schwester Hab' ich nicht so gehandelt wie du gegen meine — ich habe sic nicht elend machen „wollen, ich bin nicht wie du! — Und ich schlage mich nicht; „ich schone sie, nicht dich." — Aber der Höllcnfluß des Zorns, den er durch Liane in flaches Land hatte leiten und seichter 307 machen wolle», schwoll davon wie unter Zanbcrhand ans, weil Noquairols Lüge ihres Hinopferns dabei so nahe lag. „Du fürchtest dich" sagte der erbitterte Roqnairol und nahm doch zwei Degen von der Wand. „Ich achte dich nicht — und schlage mich nicht" — sagte Albano, ihn und sich mehr- reizend, da er doch sich bezwingen wollte. Da trat Schoppe herein; „er fürchtet sich" wiederholte jener gcwaffnct. Albano gab crröthcnd mit drei brennenden Worten die Geschichte. „Ein Wenig müsset ihr euch vor mir schlagen!" ries der Bibliothekar voll alten Haß gegen Noquairols poctischcs,Blcnd- und Gankcl-Hcrz. Albano, lechzend nach kaltem Stahl, griff unwillkürlich darnach. Der Kamps begann. Albano fiel nicht an, aber immer wüthcndcr wehrt' er sich; und wie er so den zornigen Affen des vorigen Freundes mit dem Dolch in der Hand sah, der ans den blühenden Beeten der schönsten Tage ansgeackcrt war und in welchen er mit seinen Wunden getreten; und wie der Hauptmann mit wachsendem Sturme auf ihn fruchtlos cinblitztcr so sah er auf dem grimmigen Gesicht den dunkeln Höllenschattew wieder stehen, der daraus gestanden und gcspiclct, als er unter sich die sträubende Rabette erwürgte; — die Aufzichbrücke der Gesichter, worauf sonst beide Seelen zusammenkamcn, stand hoch auseinandcrgcrisscn in die Lust. Glühender blickte Albano, zorntrunkncr griff er den Währwolf der verschlungncn Freundschaft an — Plötzlich hieb er ihm wie eine Tatze das Gewehr ab: als Schoppe vom ungleichen Schonen und Fechten entflammt, mit Rabcttens Namen die Rache rufen wollte und schrie: „Die Schwester, Albano!" Aber Albano verstand darunter Karls Schwester — und schleuderte das Eine Schwert dem andern nach, und Fcuer- 20 * 308 tropfen standen in seinem Auge und verzogen unförmlich das feindliche Gesicht vor ihm. „Albano!" sagte zornerschöpft Roquairol, auf den weinenden Regenbogen des Friedens bauend; „Albano?" fragt' er und gab ihm die Hand. „Lebe froh, aber geh, noch bin ich unschuldig, geh!" versetzte Albano, der hart das Gewitter des ersten Zorns über sich fühlte, das zwischen seine Gebirge eingesenkt fortschlug. „Jus Teufels Namen geht! Am Ende wcrd' ich auch angesteckt" fuhr Schoppe dazwischen. „In solchem Namen geht man gern!" sagte der Hauptmann, dem in Schoppens Gegenwart immer die Zungcn- muskeln erfroren, und ging schweigend; aber Albauo sah ihn längst nicht mehr an, weil er keine fremde Erniedrigung vertrug, sondern wie jede starke Seele mit der gebückten Menschheit zugleich sich selber nicdergebogen empfand, so wie große Thronen keine Knechts-Abzeichen in ihrer Nähe dulden*). Schoppe fing nun an, ihn au seine frühesten Weissagungen über Roquairol zu erinnern und sich das große Prophcten- Quartctt zu nennen — dessen unheilbare Mund- und Herzcns- fäule zu rügen — dessen theatralische Festigkeit mit dem römischen Marmor und Porphyr zu vergleichen, der außen eine Stein-Rinde habe, innen aber nur Holz **) — anzu- merkcn, dessen innere Besitzung heiße, wie die des deutschen Ordens, nur eine Zunge — und überhaupt so heftig gegen alle Selbst-Zersetzung durch Phantasie, gegen alle poetische Weltvcrachtung sich zu erklären, daß ein Anderer als Albano *) Z. B. der deutsche kaiserliche Hof keine Bcdicnten-Livreen. **) In Nom scheinen Gebäude aus beiden ;u bestehen, haben aber nur den Anwnrf davon. 309 wol cbm den Eifer für einen Schutz gegen das leise Gefühl einer Ähnlichkeit nehmen konnte.- Schoppe hoffte sehr, Albano hör' ihm glaubend zu und werde zürnen, lachen und antworten; aber er wurde ernster und stiller; — er sah den rechtschaffenen Bibliothekar an — und fiel ihm heftig und stumm an den Hals — und trocknete schnell das schwere Auge. O, cs ist ein finsterer Traucrtag, der Begräbnißtag der Freundschaft, wo das ausgcsetzte, ver- waisete Herz allein heimgcht und es ficht die Todeseule vom Todtenbettc derselben schreiend über die ganze Schöpfung fliegen. Albano hatte anfangs noch heute nach Blumenbühl gehen und seine verlassene Schwester auf das Trauergcrüste der Wahrheit führen wollen; aber jetzt war sein Herz nicht stark genug dazu, seine eignen Worte an die Schwester zu ertragen oder ihre Thränen ohne Mast und ohne Tröster. 310 Ein und zwanzigste Jobelperiode. Die Leseprobe der Liebe — Froulay's Furcht vor Glück — der betrogene Betrüger — Ehre der Sternwarte. !>0. Z y k e 1. (§cit dem vertilgten Bunde und seit Gaspards Briefe war Albano's Auge nach der schönsten Ruine der Zeit — wenn man die Erde selber ansnimmt — nach Italien gerichtet und sein verletzter Blick hielt an diesem neuen Portale seines Lebens fest, das ihn vor das Schönste und Größte, was Natur und Menschen schaffen können, führen sollte. Wie thaten ihm die Feuer-Berge und Roma's-Ruinen und ihr warmer, blaugold- ner Himmel schon ihren Glanz ans, wenn er die leidende Liane vor sie führte und die frommen Angen erquickt die Höhen maßen! — Ein Mensch, der mit der Geliebten nach Italien reiset, hat dadurch, eben weil er Eines von beiden entbehren könnte, beide verdoppelt. Und Albano hoffte diese Seligkeit, da alle Zeugnisse, die ihm über LiancnS Genesung begegneten, diese versprachen. Den D. Sphex — der Einzige, der für sie eine Grube öffnete und darin die Todtenglockc goß und jedem schwur, mit den Blättern falle sie — sah er nicht mehr. Er wollte indcß — sagt' er sich — bei der ganzen Mitreise nur ihr Glück, gar nicht ihre Liebe. So sah er sich immer in seinem Selbst-Spiegel, nämlich nur vcr- schlcicrt; so hielt er sich oft für zu hart, wicwol er es so wenig war; so hielt er sich für den Sieger über sein Herz, als sein schönes Angesicht schon kranke, blasse Farben trug. Die Gegenwart stand noch dunkel über ihm, aber ihre benachbarten Zeiten, die Zukunft und Vergangenheit, lagen voll Licht. Welche Reise, worauf eine Geliebte, ein Vater, ein Freund, eine Freundin schon unterwegs die Merkwürdigkeiten sind, zu welchen andere erst ziehen! — Die Fürstin war die Freundin. Seit Gaspards Briefen an sie und an ihn, seit der Hoffnung einer länger,: und nähern Gegenwart, überwältigte sie alles Gewölle um sich her immer glücklicher, um den Freund nur ans einem blauen Himmel anzulachcn und anznlenchten. Sic allein am Hofe schien den barschen Jüngling, dessen stolze Offenheit so oft gegen den verdeckten Hof-Stolz und besonders gegen den offnen des Fürsten anrannte, mild und recht zu nehmen; sie allein schien — da Nichts seltener in und von Zirkeln crrathcn wird als schöne Empfindsamkeit, zumal von höfischen, znmal die männliche — sanft die seinige ausznspähcn und thcilcnd sortzuwärmen. Sie allein ehrte ihn mit jener strengen, bedeutenden Achtung, die so selten die Menschen geben so wie fassen können, weil sie immer nur Liebe und Leidenschaften nöthig haben, um — Recht zu geben, unfähig, anders als bei Kometen-Licht, bei Kricgsflammcn und bei Frcudenfeuern die beste Hand zu lesen. Alles was er war, setzte sic bei ihm blos voraus; seine Vorzüge waren nur ihre Forderungen und seine Schntzbriese; sie machte seine Individualität weder zu ihrem Muster, noch zu ihrem Wiederschcin, beide waren Maler, keine Gemälde. Er hörte zwar oft, daß sie männlich-strenge sei, zumal als Befehlshabern:, aber doch nicht, daß sie Weib- 312 lieh-grausam werde. Für das gewöhnliche Höflings-Gcwürme, das sich auf seinen Wurm-Ringen nur durch Kriechen Höhen gibt, war sie abstoßend und marternd; ob sie gleich als Neu- Gckommenc hätte ein ncugcbornes Kind seyn sollen, das den altern Kindern Rosinen mitbringt. Am Sonntage, wo an Höfen, wie in Berlin auf der Bühne, immer geistige Volks- siückc ausgcführet werden, war sie unter den Sonntagskindern, die mehr Geister sehen als haben, ein Montagskind, das sich einen zu finden wünscht, der— sei er immer nicht geadelt--- doch ein Original von der Kopie zu unterscheiden weiß sowol am eigenen Ich als im — Bildcrkabinct. Deswegen dankten viele Herren und noch mehr Damen Gott, wenn sie ihr Nichts zn sagen brauchten als: Gott besohlen! Auf diese Weise erschien sie dem Grafen, seines Vaters täglich werthcr. Wie in einen warmen Sonnenschein des Frühlings trat er zum erstenmal in den schmeichelnden Zanbcr- kreis der weiblichen Freundschaft, die auch hier der Liebe zwei Schwingen goß und formte aus den Wachszellcn des genossenen Honigs; cs war aber bei ihm die Liebe gegen Liane, der die Freundin am leichteste» Flügel nach Italien geben konnte. Er fühlte, daß bald eine Stunde der übcrfließcndcn Achtung Ichlagcn werde, wo er ihr den hoch ummauerten Klo- stcrgarten seiner vorigen Liebe vertrauend öffnen könnte. Denn sie machte ihm so oft Raum, ihr nahe zn seyn, als es nur der enge Bezirk eines Thrones und die alles ver- rathende hohe Lage desselben vergönnen wollten. Aber Etwas störte, bewachte, bekriegte beide, eine wie es schien ncbcn- bnhlerische Nachbarin. Es war die sonderbare Julienne, die immer, wenn es anging, aus ihrer Loge auf die Bühne der Fürstin trat und das Spiel verwirrte. Häufig kam sie ihm 313 „ach; cinigemale hatt' cr von ihr Einladungen bekommen, wenn gerade die der Fürstin nachfolgtcn, denen also jene, wie cs schien, hatte zuvorkoimncn sollen. Was wollte sie? —- Wollte sic von einem Jüngling, den sie so oft durch ihre Männcr-Verachtung und durch ihr zorniges, blitzschnelles Funkenschlagen aufgebracht, etwan Liebe, vielleicht blos weil cr ihr freundliches Anblicken immer so warm erwicdert hatte gegen eine so theure — Freundin seiner Geliebten? — Oder wollte sie von ihm nur Haß gegen die geehrte Fürstin, und zwar aus Neid und gewöhnlicher Weiber-Achulichkcit mit dem Elfenbein, dessen weiße Farbe so leicht zur gelben wird und das nur durch das Erwärmen wieder die schöne bekommt? — Diese Fragen wurden mehr wiederholt als beantwortet von einem Abende, wo er und Julienne bei der Fürstin waren. Eine gute Vorlesung sollte von Göthc's Tasso die Gemälde- Ausstellung geben. Schöne Kunst und nichts als Kunst war für die Fürstin die Passauer-Kunst gegen Hof- und Lebens- Wunden; und überhaupt war ihr das Weltgcbäude nur ein vollständiges Bilder- und Pcmbrokisches Kabinet und Antikcn- Kabinet. — Die Leserollcn wurden von der Direktrice, der Fürstin, so vertheilt, daß sie selber die Fürstin bekam — Julienne die vertraute Leonorc — Albano den Dichter Tasso — ein jungwangiger Kammcrhcrr den Herzog — und Froulay Alphonso. Dieser Letztere — der Kunststücke Kunstwerken vor- zuzichen wußte und die fürstliche Kammer jeder Kunstkammer — stand wider sein Herz zum Einfahren in den Muscnbcrg fertig da, von der Fürstin mit dem Berghabit dazn angcthan. So täglich mehr in die poetische Mode eingczwängt sah cr freilich aus wie sonst eine Mißgeburt, die absichtlich mit au- gebornen Pluderhosen, Kopfputzen und dergleichen auf die Welt 314 trat, um den modischen Weltlauf so zu verdammen wie ein Kasscl'schcr Gassenkehrer. Albano las mit äußerer und innerer Glut — nicht gegen die lesende, sondern gegen die vorgelcsene Fürstin, aus Angewohnheit seines unter dem Leben fortglühcndcn Herzens — und die Fürstin las die Nolle ihrer Nolle freilich sehr gut, Ihr artistisches Gefühl sagte ihr es — auch ohne Einblasen des zärtlichen — daß in Göthe's Lasso — der sich meistens znm italiänischcn Lasso verhält wie das himmlische Jerusalem znm befreiten >— die Fürstin fast die der Fürstinnen ist; nie ging der Musen- und Sonnengott schöner durch das Sternbild der Jungfrau als hier. Nie wurde die verschleierte Liebe glänzender entschleiert. Der Minister las den auf Lasso und Albano einzankcndcn Kraft-Prosaiker Alphonso so gut weg wie ein reitender Trompeter die. festen Noten ans seinem Aermcl; in der That, er fand den Mann ganz verständig. Die Prinzessin mochte im allgemeinen poetischen Konzert ungefähr einige Viertelstunden mit der Ripicnstimmc mitgc- sprochen haben, als sie Plötzlich den schönen Band von Göthe's Werken, der dreimal da war, lebhaft hinwarf und mit ihrem Ungestüm sagte: „eine dumme Rolle. Ich mag sic nicht!" Alle Welt schwieg; die Fürstin sah sic bedeutend an; die Prinzessin diese noch bedeutender, und ging hinaus, ohne wieder zu kommen. Eine Hofdame las gelassen fort. Für die meisten Anwesenden war dieses Zwischen-Schauspiel eigentlich das interessanteste; und sie dachten ihm unter dem Lesen des Letzter» gern weiter nach. Die Fürstin, welche längst geglaubt, jene liebe den Grafen, srcuete sich über die Unbesonnenheit ihrer Gegnerin. Albano, ob ihm gleich ihr 315 warmes Auge von jeher ausgefallen war, erklärte sich das Entweichen aus dem Unmuth über die Subordiuazion ihrer Lese- Nolle und überhaupt aus der Unverträglichkeit beider Frauen. Denn da Julienne auf eigne Kosten die Fürstin vernachlässigte und ihre Meinung wenig zudeckte: so erschien auch die der Fürstin unwillkürlich; sobald eine Person ihren Haß entblößet, so kann die zweite schwer den ihrigen verstecken vor der dritten. Als Albano nach Hause kam, fand er folgendes Blatt auf seinem Tisch: „Die F. — lockt Dich. Sie liebt Dich. Mit üclat sendet sie nächstens den M. — zurück, um ihrer Tugend i-elist' zu geben und Dir zu imponiren. Fliehe sie!—Ich liebe Dich' aber anders nnd ewig. lXon8 ncms rerrons »» sonn, >»oi> lrbre." Wer schricb's? — Nicht einmal über das Entree-Billct dieses Fehde-Billcts konnte der Bediente Rechnung ablcgen. Wer schricb's? — Julienne; dahin liefen wenigstens alle Wege des Wahrscheinlichen zusammen; nur lagen dann rund um ihn Wunder. Bedeutend war die französische Unterschrift, die gerade unter dem Bilde seiner Schwester, das ihm der Vater auf Isola InUIa*) gegeben, ebenfalls stand; aber Zufall war möglich. Er untersuchte jetzt diese neue Silberadcr seines Diancn- und Stammbaums auf dem Probirstcin seiner ganzen Geschichte. Seine Mutter nnd JulienncnS ihre waren mit seinem ') Titan I. S. 41. Vater in Einem Jahre nach Italien gegangen; beide waren ungewöhnliche Weiber und Freundinnen gewesen und von beiden sein Vater der Freund. Die Möglichkeit eines verhüllten Fehltritts seines Vaters war da. Eben so leicht konnten Julienne» die Spuren dieses Irrwegs gewiesen sehn. Dann würde ferner aus ihrer Schwcstcrliebc Licht auf ihren ganzen bisherigen Wcndclgang fallen; ihr liebender Anthcil an Albano. ihr warmer Blick, ihr Liebes-Wettrennen mit der Fürstin — ihr Briefwechsel mit seinem Vater — ihr Anwcrbcn des Grafen für die Nomeiro. das sic eben so. wie cs schien, erhitzte gegen die Fürstin als erkältete gegen Lianen — am meisten die Sonderbarkeit ihrer Liebe gegen ihn, die sich nie weiter und offner entwickelte, Alles dieses gab Anschein, daß cs nur ein verwandtes Schwcsterblut sei, was so oft auf ihren runden Wangen loderte, wenn sic ihn zu lange unbewußt angeschauct. Er machte nach diesem Schritt sogleich den Sprung; er vcr- muthcte nun auch, daß sie allein ihrer Linda zu Liebe ihn mit dem Zaubcrspiegel des Geister - Wesens zu blenden gesucht. Was das Verhältuiß der Fürstin gegen den Minister anlangt. so war ihm jedes Wort darüber eine Lüge. Er ließ sich eben so schwer eine gute Meinung von andern nehmen als eine schlimme. Gewöhnliche Menschen geben leicht die gute dahin und halten die schlimme fest; weichere werden leicht versöhnt und schwer entzweiet. Er war beiden ungleich. Bisher halt' er sich der Fürstin Freundschaft mit dem Minister, ihre Landes-VisitazionSreiscn mit ihm und dergleichen so leicht ans ihrer männlichen Klugsicht und Vorsicht abgeleitet, welche über das künftige Erb-Land ihres Bruders zugleich Wache halten und Ausschluß haben wollte; und bei dieser Wahrscheinlichkeit, da der Minister sich in die verwandten Rollen eines Zizcrone und Aufsehers gleich sehr schickte, beharrtc er noch. Die Woche daraus führte eine Begebenheit herbei, welche ein größeres Licht in das dunkle Billct zu werfen schien. 91. Z y k c 1. Die versprochene Begebenheit hat wieder in altern Begebenheiten ihre Wurzel, die sich zwischen der Fürstin und dein Minister zugetragen; diese schick' ich hier voraus. Der Minister war sehr bald von seinem Freund Bonverot, der mit seiner klebrigen Spechts-Zunge das Gewürm aller Geheimnisse ungesehen ans allen mürben Thron-Ritzen leckte, mit einem Verzeichniß alles dessen, was die Fürstin von Phönixasche und Schutt in sich verbarg, versehen worden; er hatte ihn belehrt, daß sie, kalt wie ein erhaben-geschliffnes Eisstück, nie selber, sondern nur andere schmelzen wolle; daß sie zu den seltner» Koketten gehöre, welche wie die süßen Weine durch Warme sauer werden, und nur durch Kälte süßer; und daß sie daher eine der schlimmsten Angewohnheiten — die jedem die ärgsten Händel mache — an sich habe. Es war nämlich folgende: sie hatte ein Herz und wollte es nie wie ein todtes Kapital in der Brust leiden, sondern es sollte sich verzinsen und umlaufen — Der Liebhaber wurde deshalb anfangs von Tag zu Tag aufgeweckter und heitrer, dann von Stund zu Stund — Er wußte alle Holzwege, Hohlwege, Diebsgänge und kürzere Fußsteige in diesem Licbesgartcn ordentlich auswendig und wollte die Schäfer-Viertelstunde auf seiner Repe- tirnhr Voraussagen, wo er anlangcn würde in der Laube — Es war ihm gar nicht unbekannt (sondern komisch), was es 318 bedeute, daß er bei ihr von Sentenzen zn Blicken, von diesen znm Händeknß, dann znm Mnndkufi gelangte, worauf er sich im Whistonschcn Kometenschweif ihres Ellen- und Mcilcnlangcn Haars wie in einer Vogcl-Schncusi, wo aber die Schlinge anch die Beere war, dermaßen verstrickte, verhaftete und krnmm- schloß, daß er wußte, wie viel Ubr cs geschlagen hatte ans seiner Repctiruhr — Aber dann gerade, wenn alle Wolken vom Himmel gefallen schienen, fiel er selber wie ans beiden.in einen Korb von ihr — Das war der schlimme Punkt. — In der That, deutsche Prinzen aus den ältesten Häusern, die sonst Alles versucht hatten, sahen sich unmoralisch, ja lächerlich gemacht und wußten gar nicht, was sic dabei denken sollten — Denn die Fürstin wunderte sich öffentlich über solche Scheusale, gab aller Welt eine Kopie von ihrem Fchdcbricfc, zeigte aller Welt die Rothe und Höhe ihres Truthennen-Halses — und ließ einen solchen altfnrstlichcn Versucher oder wcr's war, nie mehr vor ihr stolzes Angesicht. Da Prinzen sin solchen Fällen) wiffen, was sie wollen: so breiteten sic freilich ans, sie wisse nicht, was sic wolle; und oft erst lange nach einem Erb-Prinz kam der apanagirtc Bruder desselben Hofes, und später der legitimirte. Glcichwol blieb dasselbe; nämlich sic blieb dem sphärischen Hohlspiegel gleich, der zwar das, was nahe an ihm steht, groß und anf- gcrichtet hinter sich malt, cs aber, sobald cs gar in seinen Brennpunkt tritt, unsichtbar macht, und dann darüber hinaus, ganz verkleinert und umgestürzt in die Lüfte hängt. Ihre Liebe war ein Fieber der Schwäche, bei welchem Darwin, Wci- kard und andere Brownianer durch Reizmittel, z. B. Wein, einen lan g sam crn Puls erschaffen und eben daraus die Kur verheißen. Soweit Bouvcrot an den Minister! — 319 Aber dem Minister geschah damit ein unsäglicher Gefallen. Denn Prinzcn-Sünden schlugen gar nicht in sein Brodstudium ein. Als sic sich daher für die Nahe seines Verstandes und seiner kräftigen Physiognomie entschieden und ihn zum Minister ihrer innersten Angelegenheiten in Haarhaar berufen hatte: so war's in ihm feierlich niedergelcgt und beschworen, niemals, sie mochte immer die Güte selber sehn, ihr Ehrenräuber zu werden aus ihrem Strohwittwcr. Anfangs kam er wie alle Vorgänger leicht mit bloßen, reinen Gefühlen und Diskursen davon; cs wurde noch Nichts von ihm begehrt, als daß er zuweilen nnverschcnds einen geheimen Blick voll liebender Zartheit auf sie hinschießc; auch mußt' er sich sehnen. Jenen schoß er hin; Sehnen trieb er auch ans; — und so stand ersieh für ein solches Liebesglück noch glücklich genug. Aber dabei blieb cS nicht. Kaum war ihr Albano erschienen: so wurde der Stachclgnrtcl und das Härenhcmd des reinen Ministers unvcrhältnißmäßig rauher und stechender gemacht und die stärksten -Forderungen, nämlich Gaben, verdoppelt, damit der arme Joseph schneller ihre Ehre anficlc und dadurch in seinen Untergang rennte, der des Grasen Köder werden sollte. Jetzt war er schon so weit herabgcbracht, daß er in ihrem Flnghaar (für ihn giftiges Raupcnhaar) webte und knüppelte — er mußte Seufzer-Seifenblasen ans seiner Pfeife auftreibcn — er mußte öfter außer sich sehn, ja sogar (wollt' er sich nicht als einen heuchlerischen Schuft fortgcjagt sehen) halb-sinnlich werden, obwol noch dezent genug. Inzwischen zu einer Versuchung war er Vom Teufel selber nicht zu versuchen. Wenn er nur daran dachte, grauscnd, daß dcr klcinstc Fehltritt ihn von seinem Ministers-Posten werfen könne: so ließ er sich eben so gut pfählen und vicrtheilen als bczau- 320 bcrn. Für einen Dritten, nicht für beide — diese litten — wär's vielleicht ein Fest gewesen, wahrznnehnicn, wie sie (wenn ich ein zu niedriges Glcichniß brauchen darf) einem Paar übereinander gezogner scidner Strümpfe glichen, welche für und durcheinander, wenn man sic ausgczogcn *) in gewisser Ferne halt, sich ätherisch ausblasen und füllen, sogleich aber platt und matt zusammcnfallen, wenn sie einander berühren. In die Länge fiel's freilich dem alten Staatsmann lästig, der tanzenden Pagerie der Liebesgötter als ihr Obcrältester vorzuspringen, in Cypripors Triumphwagen eingespanut — einen Blumenkranz auf der Staatsperücke — in den Augen zwei Vanklüsens Quellen — die Brusthöhle eine verschüttete Dido's Höhle -— im Knopfloch den Pfeil im Herzen oder das Herz am Pfeile tragend — und auf das Kapitol fahrend, um da uach römischer Sitte nicht sowol zu opfern, als geopfert zu werden.-Es fächelte Nichts als die Blech-Kästen, die ihm zu Hause die Regieruugs- und Kammerbotcn Hinsichten, den schachpatten Mann wieder frisch und kühl, der ein schachmatter werden wollte. Er laS mit ihr den Katnll, sic mit ihm die bessern Gemälde ans des Fürsten Kabinct; cs wurde ihm erlaubt, sic durch seine Latinität für ihre artistischen Gaben zu belohnen — aber er blieb doch wie er war. Symmer beobachtete Folgendes; weiße und schwarze Strümpfe, bei trockne»,, kaltem Wetter übereinander getragen, sind, wenn man den äußern bei dem untern Ende, den inner,, beim oben, auseinander zieht, entgegengesetzt geladen, der weiße positiv, der schwarze negativ; in der Ferne blasen sic sich gegen einander anf und suchen sich; einander berührend, hängen sie platt und breit darnieder. Fischers Physik. Wörterbuch. I. B. 321 Wenn Weiber etwas durchsetzen wollen, so werden sie, sobald die Hindernisse immer wiederkchren, am Ende blind und wild und wagen Alles. Die Reise nach Italien rückte so nahe; noch immer wollte der Minister seine Hochachtung für die Geliebte nicht fahren lassen — wicwol eben ans ihrem eignen Motive der Abreise, mit deren Nähe er sich zur frohen Ertragung eines so kurzen Feuers ermunterte —; ihre Heftigkeit für den Grafen nahm durch dessen Ruhe zu, weil Kälte starke Liebe stärkt, so wie physische Kälte Starke kräftiger, und Schwache kränker macht —; Froulay, als ein alter Mann, war, wie cs schien, fähig, ein ganzes Säkulum lang so auf das Ziel loszuschleichcn, ohne einen einzigen unentbehrlichen Sprung zu thun, da Alte wie Schiffe immer langsamer gehen, je länger sic gingen, und ans einerlei Grund, weil beide durch den Ansatz von Unrath, Muscheln und dergleichen schwerfälliger geworden-Kurz, die Fürstin fragte am Ende nach Nichts, sondern es ging so: Der Fürst war verreiset, die Fürstin zu Gevatter gebeten aufs Land. Der Schloßvogt auf einem ihrer Landschlösser, der schon im Jahre vorher den Minister gebeten, hatte sich nicht entblödct, sich an diesem Treppen-Strick mit seinem Deszendenten unter dem Arm noch weiter herauf zu machen und oben aus dem Throne ihr, der Fürstin selber, sein Landcskind- lcin in die Arme zu legen. Gern lassen sich Fürsten herunter — an dünnen Raupenfadcn — (wie hinauf); sic schätzen das gute dumme Volk und wollen die armen Kriech- und Zwcrg- bohncn — denn sie wissen wohl, wie wenig daran ist -— dadurch etwas heben und so zu sagen stängcln und stiefeln durch das Fürstenstuhl-Bein. Der Minister war als sogenannter „Altgevattcr" ohnedicß invitirt. Der Herbsttag war Heller, Jean Paul's auSgew. Werke. XI. 21 lauterer Frühling, und die Hcrbstuacht stand unter einem glänzenden Vollmond. Höfe wünschen sich so sehr auf das Land, in die Idyllen murmelnder Quellen, rauschender Gipfel und blökender Schwcizcrcicn und Pächter hinein; — Höfe — d. h. Hoflcute, Hofdamen und dienende Kammerherrnstäbc und andere — sehnen sich so sehr unter Menschen; wie Thicre der Dezember-Hunger, so treibt sic ein edler vom Thron-Gebirge in die platten Ebenen herab; nicht daß sie die Langweile flöhen, sondern sic begehren nur eine andere, da ihre Kurzwelle eben in der Abkürzung und Abwechslung ihrer Langweile besteht. Kaum hatte der Hof seine erste Sehnsucht nach dem Volke, mit welchem er eine halbe Viertelstunde auf vertraulichem, dialogischem Fuß lebte, gestillt: so kam er wieder zu sich selber und zcrstreuete sich in den fürstlichen Garten, um die Sehnsucht nach der Natur in nicht kürzerer Zeit zu befriedigen. Eine Zeugin der Taufzeugin versprach an der Fürstin und des Kindes Statt Christenthum. Diese selber knüpfte den Minister wie einen Kammcrherrn an sich. Der Altgevattcr sah in einen verdammt langen Abend hinaus, worin er ihre Prozcssions- fahnc würde herumtragen müssen. Zum Genuß des Abends war Konzert, und znm Genüsse des Konzerts Spiel arrangirt; und zum Genüsse des letztem hatte sich die Fürstin mit Frou- lay allein gesetzt, um unter dem allgemeinen Spielen der Instrumente und Karten ungestört mit ihm zu reden. Plötzlich wurden die zwei Pfunde, die in seiner Brust aufgehangcn waren — denn mehr wiegt nach den Anatomen kein Herz — um zwei Zentner schwerer, als sie ihn fragte, ob er standhaft sei, vertrauen und für sic wagen könne. Er schwur, schon als Fürstin dürfe sie jede Aufopferung und Verehrung von seinem Dop- 323 pcltpfünder erwarten. Sic fuhr fort: sie Hab' ihm heute wichtige Dinge über sich und den Fürsten anzuvcrtrauen; sie wolle, wenn die Ironie fort wäre, mit ihm allein sprechen: er brauche blos von der Gartenseite die kleine Treppe herauf an die Thür des Bibliothckzimmcrs zu gehen; diese sei aufgeschlossen; am Poetischen Bücherschrank sei links in der Wand eine Sprungfeder, deren Druck ihm die Tapctcnthürc des Zimmers öffne, wo er sie erwarten sollte. Sogleich stand sie auf, das Ja voranssctzcnd. Wie es jetzt in den beiden Pfunden seines 04löthigcn Herzens herging, kann blos seinen Todfeinden ein Vergnügen, cs zu erfahren, scyn. So viel lag mit langen, dicken, steinernen Buchstaben wie auf einem Epitaphium geschrieben ihm vor, daß nach wenig Stunden, wenn die andern Herren, sonst noch größere Sünder als er, ruhig in den schönen, den Schloßhof formi- rcnden Dicncrhäuscrn schnarchen dürsten, daß dann für ihn schuldlosen Schelm bald die Wolfs-, nämlich die Schäfcrstunde schlagen werde, wo er auf der blumigsten Aue unter das Schäch- tcr-Mcsscr kniccn müsse. Aber er that sich — zornig, daß sein Glaube an weibliche und fürstliche Frechheit wahr rede— stille Schwüre aller Art, daß er, setze man ihm auch zu wie den größten Heiligen und Weltwciscn, doch wirthschaften wolle wie beide, z. B. wie der alte Zeno und Franz. Die Fürstin suchte ihn den ganzen Abend weniger als jonst. Endlich empfahl er sich mit dem ganzen Hof, aber mit der Aussicht, nicht wie dieser unter Seiden-Matratzcn, sondern unter kalte Lauben zn schleichen. Er rückte auch, seiner gewiß, auf der Treppe an —- machte das Bibliothckzimmcr auf — fand die Springfeder — ließ sic springen und trat durch die Tapctcnthürc in das fürstliche — Schlafgemach. „Es ist 21 " 324 -also gewiß" — sagt' er und fluchte iu seinem Innern herum, wie er wollte, unter dem Liebesbrief-Beschwerer ganz breit zerdrückt hinlicgend. Im Seitenzimmer linker Hand hört' er sie schon und eine Kammerfrau, die auskleidete. Rechts klaffte die Thüre eines zweiten, aber erleuchteten Zimmers. Er stand lang' im Zweifel, sollt' er in dasselbe treten, oder unter dem Lichtschirm des dunkeln Ortes verbleiben. Endlich griff er zum Schirm der Nacht. Während seines Paffcns und ihres Häutcns hielt er Leseprobe oder Probekomödie seiner Rolle; jetzt kam er mit sich überein, im Nothfalle — und falls man ihn zu sehr poussirte — um so mehr, da der Ort mehr gegen sie spräche als gegen thn selber, indem jeder fragen müßte, ob er wol sonst würde hcrgekommen scyn — in einem solchen Nothfalle, wo nur die Wahl zwischen Satyre und Satyr bliebe, sich aus der Stelle mmznsctzen in einen ehrerbietigen — Faun. Schnell schritt die Fürstin herein, aber gegen das Helle Zimmer hin: „ich brauche dich nicht mehr" rief sic der Kammerfrau zurück, „vinbls! (schrie sic im Schlafzimmer, den langen Minister ersehend) wer steht da? — Hanne, Licht!" — „Oisl! (fuhr sie ihn erkennend fort, aber französisch, weil Hanne keines verstand) — Nni8, Noimiour! — Ne voiln clone eoin- promine! — flfliells >n6pri8s! — Vo»8 vous eteo traute <1e cllambres! — knrckonnes, Nonsieiir, gue je sniive Ic-8 8 cle man 8exe et cks inon r-MA. Loininsnt nve8- vou8 pn-" Sie sagte Alles, vielleicht um die deutsche Zeugin zu blenden, mit zornigem Akzente. Der Altgevatter — der sich nach allen bisherigen Genüssen so fühlte wie ein Hahn, der viele lebendige Käfer verschluckte und dem sie nun rm geänstigtcn Kröpft Lebensgefahr drohen — schwieg nicht. 325 sondern versetzte deutsch, indem er die Tapctenthürc aufmachte^ er habe eben, wie sie befohlen, die Bücher aus der Bibliothek in das Helle Zimmer gelegt und sei im Herweg begriffen gewesen. Er ging sogleich durch die Tapete hindurch, sic aber konnte vor Schrecken schwer sich erhalten, ließ am Morgcir den Arzt kommen und schickte ihr Gefolge zurück. Fronlay — so sehr er ihre Romane den spanischen ähnlich fand, worunter nach Fischers Behauptung die besten die Gauner-Romane sind- — wußte zuletzt selber nicht, woran er war. Die Kammerfrau mußte mit dem Gelübde des Schweigens Profcß thnn, das sie hielt, so streng sie konnte, aber nicht strenger. Am Morgen stiegen wenige vor ihren eignen Haus- thürcn ab, die meisten vor fremden, um die Neuigkeit auszn- schiffcn sammt dem Verbote der Fürstin, die Sache eclntanr zu machen, weil's sonst der Fürst erführe. War je das vornehme Pcstitz in Massa glücklich: so war's an diesem Morgen. Nichts fehlte der allgemeinen Freude als eine Kammerfrau, die nur so viel französisch verstanden hätte: wie ein Jagdhund. 92. Z y k e l. Albano vernahm das Gerücht, der Minister war ihm längst als eine kalte Seelen-Leiche verunreinigend erschienen; jetzt haßt' er ihn noch mehr als quälenden, blntsangendcn Todtcn. Für die Fürstin stand ihm bisher sein Herz. Sie war ihm ein blauer Tag-Himmel, worin Andern nur eine heiße Sonne blitzt, woran er aber aus dem Gehcimniß der Freundschaft und der Scelcnticfe sanfte Sternbilder gesunden. Allein jetzt seit dem Gerüchte, das, wie die Zauberer neben Moses, Ruß in 326 ihren Himmel warf, stand sic für ihn unter neuen Lichtern glänzend. Der Haß, den er schon von Natur, d. h. ans Stolz, gegen jedes Gerücht hatte, weil es beherrscht und nicht zu beherrschen ist, wirkte mit frischem Feuer in ihm; er entschloß sich, eben weil Liane die Tochter entweder ihres Erbfeindes oder ihres Liebhabers und weil die Fürstin deren Nebenbuhlerin scyn soll, ans sein Herz und das davon erkannte frei zu wagen und gerade jetzt der Fürstin seine Bitte um Vermittelung für Lianens Mitrcise, d. h. für seinen Himmel, offen zu vertrauen. Am Morgen darauf kam der Fürst zurück — die Prinzessin ließ sogleich anspanncn — gegen Abend kam sic mit einem Wagen mehr in die Stadt. Das Gerücht durchlief alle Spieltische, die spanische Gräfin Romeiro sei im Schlöffe angclangt. Gerüchte sind wie Polypen; das Verwunden und Zerstören vervielfacht sie; nur das Jneinandersteckcn macht einen aus zweien; — das Gerücht von Linda'S Ankunst schlang das Gerücht von Froulay's Ehrcnraub in sich. Aber Albano! — Wie die Entdeckung einer neuen Welt, kehrte diese seine alte um. Linda, dieser ausländische Tropikvogel, flog seinem nahen Vater voraus, der wie ein reiches Land vor ihm aus der Ferne anfsiieg — Der Boden, wo er so viel Dornen und Blumen gefunden, sank bald hinter seinem Rücken mit allen Schätzen und Tagen ein. — Nur Liane darf nicht mit verschwinden; diese Muse seiner Jugend muß er mit ins Land der Jugend ziehen. Durch diese gewöhnlichen Zauberkünste des Herzens war von Linda'S Nähe eine unüberwindliche Sehnsucht nach Lianen in ihm wach geworden. Er war nun entschieden, die Fürstin an ihr früheres 327 Versprechen, den Lebcnsbalsam einer südlichen Reise ans Linnens kranke Nerven zu gießen, zn mahnen und durch sic noch früh genug, eh' die Verwirrung des drängenden Augenblickes etwas vereitele, die Ministerin zu bestimmen und zu gewinnen, welche wie alle Hofmcnschcn gewiß schwer einem sürst- lichen Wunsche und einer Glücks-Perspektive widerstehen werde. Blieb aber Liane zurück aus eigner oder fremder Schuld: so war cs sein Vorsatz und Schwur, vor keiner Gewalt, selber der väterlichen nicht, aus dem Vaterland der ewigen Braut zn weichen, sondern einzuwurzeln vor ihrem Kranken-Kloster, bis sic daraus entweder frei und heiter wieder in das offne Leben geht oder dunkel-eingeschleicrt sich ins finstere Nonncn- Chor der Todten verbirgt. O, wieder zu kommen, sic im romantischen Boden der alten Zeit zn suchen, und sie nirgends zu finden als hinter dem Sprach-Gitter der Erbgruft — diesen Gedanken hielt sein Herz nicht aus. Die Fürstin führte ihm selber die Gelegenheit seiner Bitte zu; sic schickte ihm zu einer astronomischen Partie ans der Sternwarte eine Einladung durch ihre treue Hofdame Halter- maun: „Ich soll Ihnen blos Folgendes wörtlich schreiben „(schreibt diese): Kommen Sie heute auch aufs Observatorium, „ich und meine gute Itulterinnun gehen dahin." Diese Haltermann, ein Fräulein von wenigen Reizen und Gcistesschwnng- sedern, aber vielen Glaubenslehren und frühzeitigen Runzeln, hing der Fürstin schon seit Jahren unauflöslich an, Alles verschweigend und alle ihre „Stclldicheine" (Itenckes-Voiis) begünstigend, blos weil sie sagte: meine Fürstin ist rein wie Gold und nur wenige kennen sic wie ich. Günstiger konnte Albauo's Wunsche kein Zufall kommen. Er stand am frühesten auf der schönen Sternwarte mitten in 328 der lieblichen Nacht. Es war einige Tage nach dem Vollmond; seine glänzende Welt verschloß sich noch hinter die Erde, aber das eingelassene Springwasscr seiner Stralen hob sich in Ansätzen herauf. Auf allen Bergspitzen schimmerte schon ein blasses Licht, als falle der ferne Morgen überirdischer Welten ans sic. Durch die Thälcr streckte sich noch das lichtscheue schwarze Erdenthier der Nacht aus und bäumte sich aus gegen die Berge. Das Bcrgschloß Liancns war unsichtbar und zeigte wie ein Welt-Stern nur ein Licht. Plötzlich war der Hcrbst- purpur auf allen Gipfeln um das Schloß vom Monde silbern bethauct und es regnete leuchtend an den weißen Wänden und in die weißen Gänge des Gartens nieder — endlich lag ein fremder blasser Morgen, durch alle Lauben dämmernd, im Garten, gleichsam das zarte Leuchten eines hohen, ganz reinen Geistes, der nur in der heiligen stillen Nacht die tiefe Erde betritt und da Nichts sucht als die reine, stille Liane. — Als Albano blickte und träumte und sich sehnte, kam die Fürstin mit ihrer Haltermann herauf. Der Professor brach sich vor Verehrung gegen sic fast entzwei, und ließ den Fix-Sonnen keinen astrologischen Einfluß auf sein gerades Stehen zu. — Albano und die Fürstin fanden sich mit einem Gewinnst gegenseitiger Wärme wieder. Aber die erste Frage der Fürstin war: ob er die spanische Gräfin gesehen. Gleichgültig sagt' er, von der Prinzessin sei er seit ihrer Ankunft cingcladen worden, sei aber nicht gekommen. „Nu llklle-soeiir bewundert sie am meisten (fuhr die Fürstin fort); aber sic ist's ein wenig werth. Sie ist majestätisch ge- banct, länger als ich, und schön, zumal ihr Kopf, ihr Auge und Haar. Doch ist sie mehr Plastisch als malerisch schön, eher einer Inno oder Minerva ähnlich als einer Madonna. Aber 329 sic hat Eigenheiten. Sic verträgt sich mit keinen Frauen^ außer den schlichten und blindguten; daher ihre Kammerfrauen für sic leben und sterben. Die Männer hält sic für schlecht und sagt, sie würde sich verachten, wenn sie je die Frau oder Sklavin eines Mannes würde; aber sie sucht sic der Kenntnisse wegen. Dem Fürsten hat sic ohne Noth, wenn sic auch Recht hatte, Bitterkeiten gesagt. Er lacht darüber und sagt, sie liebe ohnehin Nichts, nicht einmal Kinder und Schooßhunde. Sie müssen sic sehen. Sic liefet Viel, sic lebt blos mit der Prinzessin und scheint es, nach ihrem Putze zu schließen, wenigstens an unserem Hose aus keine Eroberungen anznlcgcn." Albano sagte, manche dieser Züge wären ja herrlich, und brach kurz ab. Wahrend des Gesprächs hatte der Professor fleißig Alles recht gestellt und festgcschraubt und war jetzt des Anfangs gewärtig. Er bemerkte die Helle sommcrlaue Nacht — ging mit einigen Einleitungen in den Mond voraus, um die sechs Augen ans die beträchtlichsten Mondsflcckcn zu lenken — schattete vorläufig einige Schatten droben ab — führte an den Krater Bcrnoulli („ich bediene mich Schrötcrschcr Namen" sagt' er) — das höchste Gebirge Dürfet („es besteht freilich aus drei Höhen" sagt' er) — den Landgrafen von Hcsseukassel („den Berg Horeb aber nennt ihn Hcvel" sagt' er) — den Montblanc — die Ringgcbirge überhaupt und schloß mit der listigen Versicherung, es gebreche freilich der Warte noch sehr an Instrumenten. Die Haltermann sehnte sich unbeschreiblich nach dem Landgrafen von Hesscnkasscl im Mond und trachtete nach dem Sehrohr. „Es ist nur ein Flecken im Planeten, mein Kind!" sagte die Fürstin. -— „Und so ist's wol mit dem Montblanc droben auch nichts?" fragte sic getäuscht. Die Fürstin nickte und 330 schaucte ins Stcrnrohr; der magische Mond hing als ein Stück Tag-Welt dicht am Glase: „Wie vergeht sein schönes blasses Licht und seine ganze Magic in der Nähe! Als wenn Zukunft Gegenwart wird!" sagte sic zum Erstaunen des Professors, der ans dem Wcltkörper gerade erst in der Nähe etwas machte. Sic ersucht' ihn um den Ring des Satnrns. „Es sind eigentlich zwei, Jhro Durchlaucht; aber der Sternwarte fehlet zur Zeit noch ein Instrument, cs zu sehen" sagt' er und zielte wieder nach Vorschuß. Albauo sah rund umher seine Lcbcusgärtcn glanzen vom warmen Schimmer eines Nachsrühlings; und sein Inneres erbebte süß und schmerzlich. Er nahm einen Kometcnsucher und flog unter den Gestirnen umher, nach Blumcnbühl, in die Stadt, aus die Berge, nur nicht aus das weiße Schloß mit dem erleuchteten Eckzimmer und dem kleinen Garten; das ganze Herz kehrte vor Scham und Liebe um vor der Thür des Paradieses. Jetzt ging die Haltermann auf einen Wink zum Aufbruch mit dem Steruscher voraus hinab, um der Fürstin einen zeu- gcnloseu freien Augenblick zuzuwcndcn. Albano stand edel im Mondschimmcr vor ihr, sein Auge war glanzend, seine Züge gerührt; sie faßte seine Hand und sagte: „wir mißverstehen einander gewiß nicht, Gras!" Er drückte die ihrige und seine Augen quollen voll. „Nein, Fürstin! (sagt'er saust) Sie geben „mir Ihre Freundschaft. Ich verdiene sic nicht, wenn ich ihr „nicht ganz vertraue. Ich gcb' Ihnen jetzt die Probe meines „offnen Vertrauens. Sic kennen vielleicht die Geschichte mei- „nes Glücks und meines Verlustes; Sie kennen den Minister." — „Leider, leider! (sagte sic) auch Ihre harte Geschichte, edler Manu, wurde mir bekannt." „Nein (versetzt' er heftig), ich war härter als mein Schick- 331 sal, ich quälte ein unschuldiges Herz, ich machte eine gehorsame Tochter elend, krank und blind. — Aber ich habe sie verloren (suhr er mit steigender Rührung fort und kehrte sich seitwärts, um Linnens schimmernde Wohn-Höhe nicht zu scheu) und ertrag' cs, wie ich kann, aber ohne heimliche Wege zum Wicderbcsitz — Nur das Opfer darf dort drüben nicht gar verbluten bei der harten, engherzigen Mutter. — O, dieHonig- tropscn der Freuden, Sie und Italiens Himmel könnten sic wol heilen — Sie stirbt, wenn sie bleibt, und ich bleibe, um zuzuschcn — Freundin! o, wie groß ist meine Bitte!" — „Sie sei Ihnen gern gewährt! Ucbcrmorgen fahr' ich zur Mutter und Tochter und bestimme diese gewiß für die Reise, insofern cs von mir abhängt. Aber ich thn' es — um auch offen zu sehn — blos aus achter Freundschaft für Sic; denn das Fräulein gefällt mir nicht ganz mit ihrem Mystizismus und liebt gewiß nicht wie Sic; sie thut Alles für die Menschen blos aus Liebe zu Gott; und das lieb' ich nicht." -— „Ach so dacht' ich sonst auch; aber wen soll die Göttliche „sonst lieben als Gott?" sagt' er in sich und die Nacht versunken rind für die Fürstin zu hyperbolisch — sein schimmerndes Auge hing fest am weißen Bergschloß, und Frnhlinge wehten vom Monde herab auf dem bcglänzten Wege seiner Augen hin und her; und der schöne Jüngling weinte und drückte heftig der Fürstin Hand, aber er wußte beides nicht. Sic ehrte sein Herz und stört' cs nicht. Endlich kamen Beide die hohe Treppe herunter, wo sie der Astronom freudig erwartete und beiden gestand, wie sehr ihn, frei zu reden, ihre Anhänglichkeit und Achtung für die Sternkunde nicht nur erfreue, sondern auch ermuntere. 332 „Ucbermorgcn gewiß!" mit diesen Worten schied die Fürstin, um dem sinnenden, vollen Jüngling Trost und Tränme mitzugeben. Zwei und zwanzigste Jobelperiode. Schoppe's Herz — gefährliche Geister-Bckanntschasten. 93. Z y k e l. O ^Hetzt war Albano wieder aus die Jxions-Rädcr der Uhr geflochten. Die Fahrt und Antwort der Fürstin sollte plötzlich Lichter in der dunkeln weiten Höhle aufsteckcn, in der er so lange gegangen war, ohne zu wissen, ob sie fürchterliche Bildungen und giftige Thicrc verschließe oder ob sie mit glänzenden Bogen und unterirdischen Säulenhallen sich wölbe und fülle. Uebcr Linnens Zustand hatten bisher zwei Hände, Au- gusti's und der Ministerin, den Schleier festgehalten; beides waren Menschen, die ungern aus die Frage antworteten, wie befinden Sie sich. Aber auf der Fürstin ließ er nun seine ganze Seele ruhen seit dem astronomischen Abende, von welchem er jetzt kaum begriff, wie er da gegen eine Freundin so viel und mehr von seiner Liebe sprechen können als je gegen einen Freund. Allein ungern spricht der Mann vor einem Manne seine Empfindung aus und gern vor einem Weibe, 333 ein Weib aber am liebsten vor einem Weibe. Jndcß hielt ihn die Fürstin durch die feinste Schmeichelei, die cs gibt, durch entschiednes stilles Achten in Banden; dem wörtlichen Lobe war er eben so gram und gewachsen, als dem thätigen gewogen und zinsbar. Bis zur Ankunft der Entscheidung verlief eine verworrene Zeit; wie ein Mensch, der in der Nacht reiset, hört' er Stimmen und sah Lichter, und ihrer feindlichen oder freundlichen Bedeutung fehlte ein Morgen. -— Rabette lag krank und verblutete am matten Herzen; denn nicht er hatte aus ihm den blutstillenden Dolch, nämlich Karls Liebe, heraus- gezogcn, sondern dieser selber war ihm zuvorgckommen mit bitter-süßen Thränen über die bittersten. Letzterer war ihm einmal begegnet, mit hereingcdrück- tem Hut und grimmig-stechendem Blick ohne Gruß. — Uc- berall hört' er, daß jener umsonst Linda's und Juiienncns Doppclthor belagere und bcrcnne; dieses und Lianens Krank- seyn machte den tropischen Wilden gleichsam zum wilderwachse- uen Knaben aus einem Wald. Auch in der jetzigen Absonderung — auf der Wahlstatt des Freundes — hielt es Albano für eine Wunde des Menschen, daß Karl nicht von ihm voraussetzte — denn diesem Mangel schrieb er den Gassen- Grimm zu — er werde die Gräfin nicht zu scheu suchen. Sogar im Bibliothekar schien seit einigen Tagen ein Geheimniß zu lauern; dieser aber ging, seit cs ihm in dessen Tiefen immer lichter geworden und er hinter dessen komische Larve hinciugesehen bis zum redlichen Auge und liebevollen Mund — sein Herz so nahe an, zumal nach so vielen Trennungen. Denn auch der Lektor hielt sich nach seiner Gewohnheit, um keines Menschen oder gar abtrünnigen Freundes 334 Liebe zu werben, von ihm geschieden; was denselben Jüngling kränkte, der es innerlich billigte. Seit einigen Togen war nämlich Schoppe in eine andre Tonart umgcsetzt und sein eigner Restant und Nachsommer geworden. Es fing damit an, daß er an einem elenden Hcn- lied den ganzen halben Tag auf dem Waldhorn vcrblics; den übrigen halben verfang er daran mündlich. Statt zu lesen und zu schreiben ging er in der Stadt und Stube auf und ab. 'Alles was er sonst schnell abmachtc, Laufen, Verschlingen des Essens, Sprechen, Rauchen, Befehlen, Auffahren, das ging jetzt mit Klöppeln zwischen den Füßen und stand fast. Sein langsames Auffahren und sein zarter, leiser Schritt konnten Kennern seiner Vorzeit lächerlich Vorkommen. Seinen großen herrlichen Wolf-Hund, von dem er sich täglich zehnmal mit den Vorder-Pfote» umhalsen ließ und dessen am Felle aufgezogne Brust er so gern auf seine drückte, wenn er mit ihm ein Langischcs und Konsistorial-Kolloquium hielt, vernachlässigte er in dem Grade, daß der Hund attcnt wurde und nicht wußte, was er denken sollte. Wie wenig könnt' er sonst das Geschrei eines geprügelten Hundes ertragen, ohne zur Hausthür als Schntzhcrr hinausznfahren, weil er glaubte, man könne wol Menschen wie Hunde traktircn, aber Hunde nicht! — Jetzt könnt' er das Schreien hören, blos weil er es, wie cs schien, nicht hörte. Wie er sonst oft zu Albano ging, um blos auf und ab und sortzngehen, ohne ein lautes Wort zu sagen— weil er sagte: „daran erkenn' ich eben den Freund, daß er mich oder sich „nicht unterhalten, sondern bloS da sitzen will" — so kam er jetzt noch stummer, berührte oft wie ein spielendes Kind zärtlich des lesenden Albano's Achsel und sagte, wenn dieser sich 335 umsah: „Nichts!" Mbano fragte indcß der Veränderung nicht nach; denn er wußte, er entschleiere sic ihm doch zur rechten Zeit. Ihre Herzen standen wie offne Spiegel gegeneinander. So lag nun der dunkle Wald des Lebens mit durcheinander und tief ins Dickicht hinein laufenden Steigen vor Albano, als er auf dem Kreuzwege seiner Zukunft stand und auf den Genius wartete, der entweder als ein feindseliger oder als ein guter ihm Liancns Entscheidung bringen sollte. Endlich kam aus dem finstern Wald ein Genius, aber der dunkle, und gab ihm dieses Blatt von der Fürstin: „Lieber Graf! Wahr bin ich immer und schone lieber nicht. Das kranke Fräulein v. I?. ist nicht mehr im Stande, eine Reise zu machen oder davon zu profitircn. Ich nehme innigen Anthcil daran. So gern ich Ihnen heute selber Trost zu- zusprcchen wünschte: so hoff' ich doch nicht nach dieser Nachricht die Gelegenheit dazu zu haben. Ihre Freundin." Welcher finstere Wolkcnbruch aus dem jugendlichen Morgenrot!)! So war also die geheime Freude, die er bisher nährte, der Vorbote des entsetzlichen Schlags gewesen, das sanfte Tönen vor dem Wasserfall*). Daß gerade seine Liebe das glühende Schwert werden mußte, das durch Ihr Leben drang, o das betrachtete er immer so, das schmerzt' ihn so! Aber kein Auge wurde naß; der Wcrmuth des Gewissens verbittert sogar den Schmerz. Wenn der Mensch sein eigner Freund nicht mehr ist, so *) Auf WilhclmShöhc geht ein langer musikalischer Ton dem Fallen der Wasser voraus. 336 geht er zu seinem Bruder, der cs noch ist, damit ihn dieser saust anrcde und wieder beseele; — Albauo ging zu seinem Schoppe. Er saud ihn nicht, aber etwas anderes. Schoppe führte nämlich ein Tagebuch über „sich und die Welt", worin sein Freund lesen durfte, was und wenn er wollte; nur mußt' er's vergeben, wenn er darin — da es durchaus so geschrieben wurde, als säh' cs niemand weiter — zornige Fächcrschläge und noch dazu mit dem harten Ende wegtrug. „Warum soll ich dich mehr schonen als mich?" sagte Schoppe. Zu diesem Du waren sie gekommen, ohne sagen zu können wann, so sehr sie sonst mit dicserHerzcns-Knrialie, mit diesem heiligsten Seelen- Dnalis gegen andere geizten; „denn ich danke Gott (sagte Schoppe), daß ich in einer Sprache lebe, wo ich zuweilen Sie sagen kann, ja sogar, wenn die Menschen und Schelme darnach sind, zwischen jedem Komma Euer sowol Wohl- als Hoch- und Sonst-Geboren." Albano fand das Tagebuch aufgcschlagcn und las mit Erstaunen dieses: „Amandns-Tag. Ein dummer und äußerst merkwürdiger Tag für den bekannten Hcsus oder Hanns!*) Ich kann mich schwer bereden, daß es der arme Donnergott verdiente, hinter der langen Proserpina **) nachzugchen und ihr endlich ins Gesicht zu gucken, auf die Stirn, auf den Mund, auf den Hals! O Gott! Wenn ein solcher Gott nnn auf dem Plaste geblieben wäre! — Als t?c>stor ücko stand er zum Glück wieder auf und ging davon. O Höllengöttin, Hesi *) Beides ist der Name des alten deutschen Donnergottes; er meint sich aber damit selber. **) Die Molosser nannten alle schönen Weiber Proserpinen. Himmelsstürmerin, du hast dich zu seinem Himmel gemacht, kann er dich je lassen? Nachmittags. Der ?a8tor wird sein eignes Hatzhaus, er weist nicht zu bleiben; er wohnt nun in allen Gassen, um seine ÜSNNIIS cl'.-lre-en-Oiel *) zu erblicken, und leidet genug. Aber Hcsus, sind nicht Leiden die Dornen, womit die Schnalle der Liebe verknüpft? — Heute ging Freitag**) mit der Fürstin ans die Sternwarte. — Der Wind ist Südostost — 13 Monatsschriften in 1 Stunde gelesen — Spcncr sieht das Leben im glanzenden Verzögcrungsspiegel Gott verklärt und poetisch so gut als einer. Sabinenstag. Mit dem ?astor wird's ärger, wenn ich recht sehe. Er ist ans dem Wege, sich einen Billetdonx-Be- schwercr anzuschaffen, sich Nachts im Bette zu pudern, und der Schelm wirft in der Hitze, wie Milch die warm steht, schon poetische Sahne auf. Laste nur der Himmel niemals zu, daß er mit seiner Höllcngottin je in einen vernünftigen Diskurs gerathc, Gesicht vor Gesicht, Athen: gegen Athen:, und die zwei Seelen untereinander gemengt! — Wahrlich, der Mus***) raffte ihn weg, Hesns verschlänge ein tausendjähriges Reich auf einmal; ich sorge, er würde von: Göttertrank zu wild und wäre zu schwer zu bändigen von mir. Abends. Jst's nicht schon so weit mit dem IN-wtor, daß er sich einen Autor ans den: Wimmer-Jahrzehnd des Säkuls (er schämt sich, ihn zu nennen) geborgt hat und sich von: dummen Zeuge rühren lassen will, indem er über den *) So sollte man Schillers heilige Jungfrau nennen. *') Sein Albano. *") So nannten die Wenden den Tod. Jean Maul'S ausgew, Werke. XI. 22 338 Effekt nachsinnt, den der Autor im 14tcn Jahre auf ihn gemacht. Freilich stützet er ihm im jetzigen wie ein Nachtwächter am Tage auf; aber er ruft sich doch das Rufen zurück und hat neue Rührung über die alte. So lächelt mich die Dckli- nazion cornu in der Grammatik noch bis auf diese Stunde an, weil ich mich entsinne, wie leicht und behend ich in den goldncn Kindhcitsmondcn den ganzen 8in§ulnris behielt. Simon Jud. Verdammt! Ein schönes Gesicht und ein falscher Maxd'or machen im Kurs von einem Jahre ein Paar hundert Schelme, die sich blos im Wunsche zu behalten und wegzuschaffen unterscheiden. Hesus feindet und ficht schon Millionen Nebenbuhler an; wie Knopfmacher und Posamcn- tirer, oder wie Gelb- und Nothgicßcr, so lassen so nahe Handwerker einander nicht anfkommen. Recht, Höllcngöttin! daß du alle Männer hassest; das ist doch etwas für den U-mtoo, eine Wundsalbc. -—> Lcio^ius, die beiden LenIiAer und die kräftigen LellleAsI n. s. w." -— Hier kommt das Tagebuch ans andere Dinge. Ein altes Portrait, zu welchem Schoppe sich selber gesessen, hatt' er rctonchirct; eine Beilage als Inserat für das Pestitzer Wochenblatt kündigte dessen Bestimmung an: „Endes Unterschriebener, ein Portraitmaler aus der niederländischen Schule, macht bekannt, wie er sich in Pestitz gesetzt, und daß er bereit ist, alles von jedem Stand und Geschlecht zu malen, was ihm sitzt. Als Probe, was er leiste, kann man bei ihm ein Sclbstportrait besehen, das ihn vorstellt, wie er nieset, und es zugleich mit ihm daneben Zusammenhalten. — Ich schneide auch ans. Peter Schoppe. No. 1778." 339 Vcrmnthlich sollte das die Höllengöttin bewegen, einmal dem niesenden Maler zn sitzen. Albano mußte mitten im tiefen Schmerze erstaunen. Anfangs statt' er nach seiner einfachen Natur geglaubt, er selber sei unter dem Hanns verstanden. Jetzt kam Schoppe. Sanft sagte Albano zuerst: „ich habe auch dein Tagebuch gelesen." Der Bibliothekar fuhr mit einem Exklamazions-Fluchc zurück und sah glühend znm Fenster hinaus. „Was ist, Schoppe?" fragte sein Freund. Er drehte sich um, sah ihn starr an und sagte, die Gesichts- Haut auseinander ringelnd, wie einer, der sich die Zähne putzt, und die Oberlippe auszichend, wie ein Knabe, der in ciw Butterbrot beißet: „ich liebe" und lief im Feuer die Stube- auf und ab, klagend dabei, daß er noch so etwas an sich erleben müsse in seinen ältesten Tagen. -— „Lies mein Tagebuch nicht mehr (fuhr er fort). Frage nach keinem Namen, Bruder; kein Teufel, kein Engel, nicht die Höllcngöttin darf ihn wissen — Einst vielleicht, wenn ich und Sic in Abrahams Schooß sitzen und ich auf ihrem-Du bist so betrübss Bruder!" — „Fliege froh in der Sonncnatmosphärc der Liebe! (sagte sein Freund in der Gewissenstraucr, die den Menschen einfach, still und dcmüthig macht.) Ich werde dich nie fragen oder stören! Lies das!" Er gab ihm das Blatt der Fürstin und sagte noch,, während jener las, zu ihm: „Verflucht sei jede Freude, wo Sic keine hat. Ich bleibe hier, bis sic lebt oder nicht!" -— „Auch ich bleibe hier," versetzte Schoppe unwillkürlich-komisch. „Sei ernsthaft!" sagte Albano. „Sonst könnt' ich's (sagts- cr weinerlich), seit ehegcstcrn nicht mehr!" Albano hieß indeß Schoppens Absonderung von der Ncise- 22 * 340 gescllschaft gut; beide erhielten einander auch in der Freundschaft die köstlichste Freiheit. Von Hofmeister-Begleitung war bei beiden nicht die Rede. Schoppe lachte oft Hofmeister pon vielen Kenntnissen und Lebensarten ans, wenn sie annahmen, er erziehe ans oder an Albano etwas. „Das Sakulum erzöge (sagt' er), nicht ein Tropf — Millionen Menschen, nicht einer — eigentlich höchstens ein pädagogisches Siebengestirn leuchte nach, nämlich die 7 Alter des Menschen, jedes Alter ins nächste hinein — das Individuum gleiche sehr der ganzen Menschheit, deren Revolnzioncn und Verbesserungen weiter nichts als Umarbeitungen einer Schikancdrischcn Zaubcrflötc durch einen Vnlpins wären; indcß schwebe doch um das tolle, dissonircnde Stuck ein Mozartischer Wohllaut, worüber man den Vater und den Sprachmcister verwinde." — „Wozu schleichen und brummen wir Sünder hier herum? Laß uns zu Ratto!" sagte Schoppe. Aeuficrst ungern be- qucmte sich Albano dazu; er sagte, der Keller habe etwas Unheimliches für ihn, und eine schwule Ahnung drücke seine Brust. Schoppe erklärte die Ahnung ans dem Druck der Balken seines cingestürzten Lustschlosses, die ans seiner Brust noch lägen, und ans der Erinnerung an den jetzt im Abgrund fliegenden Roquairol, der einmal ihm im Keller zugctrnnkcn und nachher ihm in Lilar gebeichtet habe. Albauo folgte endlich, erinnerte ihn aber an das Eintreffen einer andern Ahnung, die er ans der Höhe vor Arkadien gehabt. „Wir spielen beide nicht die besten verliebten Figuren, „indeß ziehen wir in den Keller" sagte Schoppe unterwegs und legte seinen Liebling ganz ungewöhnlich-hart aus die Folterlciter seines Spaßes; sonst, als er nicht selber liebte. 34t war cr eines zarten, schonenden, ernsten Schweigens darüber so fähig, jetzt aber nicht mehr. 94. Z y k e l. Im Keller war der alte Ab- und Zulauf bekannter und fremder Geflehter. Albano und Schoppe stiegen mit einander auf jene reiucu Höhen der Muscnbcrgc, wo wie auf physischen der Dunstkreis des Lebens leichter auflicgt und der Acther näher an die kürzere Luftsäule reicht. Aus ihrem Ararat trösten sich die Männer leichter als die Weiber in ihren Tcmpc- thälcrn. Nachdem Schoppe, durch die gcwittcrhaftc Lust von Punsch und Liebe feuriger, ziemlich lauge den Blitz-Funken seines Humors hatte im Zickzack und verkalkend durch das Wcltgebäude schießen lassen: so trat plötzlich ein Unbekannter, wie ein Todtenkopf gänzlich kahl und sogar ohne Augcnbrau- ncn, aber welk- und roscnwangig an ihren Tisch und sagte mit eiserner Miene zu Schoppe: „Binnen heute und 15 Monaten seid Ihr wahnsinnig geworden, Spaßvogel!" „Oho!" fuhr Schoppe äußerlich auf, aber innerlich zusammen. Albano wurde blaß. Jener faßte sich wieder, star- rcte die widerwärtige Gestalt, die die welke, aber rosenrotste Haut auf scharfen hohen Gesichtsknochen hin- und herrollte, scharf und muthig an und sagte: „wenn Ihr mich versteht, prophetischer Galgen- und Spaßvogel, und nicht selber wahnsinnig seid: so bin ich im Stande darzuthun, daß man sich sehr wenig daraus zu machen habe, aus der Tollheit." Hierauf bewies cr — aber doch abgckühlt, abgebrannt, und verlassen von seinem Bildcr-Hcer — — Wahnsinn wie Epilepsie gebe mehr dem Zuschauer als dem Spieler Schmerzen -— 342 denn er sei nur ein früherer Tod, ein längerer Traum, eine Tag- statt Nachtwandclung — meistens ged' er, was das ganze Leben, Tugend und Weisheit nicht könne, eine fortdauernde angenehme Idee*) — auch wenn er, was selten sei, in eine peinliche schmiede, so werde diese doch ein Panzer gegen alle körperlichen Leiden des Menschen — er habe daher nie für sich den Wahnsinn gefürchtet, so wenig als den Traum, könn' aber an andern weder das Reden in beiden, noch den Anblick davon ertragen. „Uns schaudert (sagte Albano) ein Mensch, der schlafend zu uns spricht wie zu einem Abwesenden, oder der wachend nur allein mit sich redet; und hör' ich mich selber allein, so ist cs dasselbe." „Ich bin kein Philosoph" sagte gleichgültig der Kahlkops, dessen vollendete glänzende Kahlheit mehr fürchterlich als häßlich war. Schoppe fragte erbittert, „wer er denn sei, g»is und guicl und »bi und guibus uuxiliis und cur und guomocla und gunnllo" — „(Zunnelo **) ? — Nach 15 Monaten komm' tch wieder — (Zum? — Nichts; Gott braucht mich blos, wenn er jemand unglücklich machen muß" sagte der Kahle und bat sich ein Glas und die Erlaubnis mit zu trinken aus. Albano sagte, es gern erlaubend, im Fragcton, er sei wol erst angc- kommen? „Eben vom großen Bernhard" sagte der Kahle, aber widriger mit jedem Wort, weil sein altes Rosen-Gesicht ein Zickzack konvulsivischer Verziehungen war, so daß immer ein Mensch nach dem andern daznstehen schien. Er ging ein wenig ') Ein Engländer bemerkte, daß unter den firen Ideen des Jrr- hauses selten die der Unterwürfigkeit verkomme; meistens bewohnen es Götter, Könige, Päbste, Gelehrte. ") Wann. 343 hinaus. Schoppe sagte ganz außer sich: „ich ergrimme immer „mehr gegen ihn wie gegen ein gräuliches, hupfendes Fieber- Schild. Um Gottes Willen lass' uns fort. — Es ist mir immer „hinter mir, als stoße mich eine böse Faust ans ihn zu, damit „ich ihn abwürgc. Auch wird er mir immer bekannter, wie „ein vermooscter Todfeind." Albano versetzte sanft: „Sieh, meine Ahnung! — Aber „nun ich ihr nicht gehorcht, muß ich auch sehen, wo hinaus „es geht." Seine mnthige Natur, seine romantische Geschichte und Lage ließen ihn nicht wegrncken von einer so abenteuerlichen Perspektive. „Aber warum (fragte Schoppe den Kahlen, da er wieder „kam) schneidet Ihr so viele Gesichter, die eben nicht zu Eurem „Besten ausfallend"—„Sie kommen (sagt' er) von Gift her, das man mir vor zehn Jahren gegeben — Habt Ihr gesehen, wie rrciun totkann in Menge genommen Verzicht? '— In Neapel zwang ich's einem sechszehnjährigcn schönen Mädchen hinein, das schon einige Jahre damit gehandelt hatte, und ließ cs vor mir sterben. Es gibt wol nichts Gottloseres als Giftmischerei." — „Abscheulich!" — ries Albano ergriffen von einem innersten Widerwillen gegen den Mann; Schoppen hatte der Grimm ordentlich abgespannt. Jetzt trat eine arme, magere Tischlcrsfrau, Liqueur zu holen, herein, welche die Angen vor Scham und Schwäche nieder- und halb zugczogcn trug; sie getrancte sich nicht aus- zusehcn, weil die ganze Stadt wußte, daß sie Nachts gewaltsam aus dem Bette in die Gasse getrieben werde, um einem Leichcnzugc, der dann durch dieselbe nach einigen Tagen wirklich ziehe, in seinem Vorspiele und Verbilde vor ihr zuzuschauen. Kaum hatte sic der Kahle erblickt, als er sich das Gesicht bedeckte: „Es ist ein einziger Unschuldiger unter uns „(sagt' er, ganz bleich und unruhig) — der Jüngling hier," indem er auf Albano zeigte. Eben donnerte oben ein Wagen mit sechs Pferden vorüber. Schoppe sprang auf, fragte zweimal schnell den sinnenden Albano: „gehst du mit?" kehrte sich zornig von dessen Nein weg, trat dicht vor den Kahlen und sagte wüthend: „Hund!" — und kehrte sich um und ging fort. Am Kahlen regte sich keine Miene auf der blcich-geblieb- ncn Haut, sondern nur die Hand ein wenig, als sei in ihrer Nähe ein Stilct zum Griff, aber er sah ihm mit jenem Blicke nach, vor welchem das Mädchen in Neapel starb. Albano ergrimmte über den Blick und sagte: „Mein Herr, dieser Mann ist ein durchaus redlicher, treuer, kräftiger Mensch; aber Sie haben ihn selber gegen sich erbittert und müssen ihn sreisprechcn." — Mit sanfter, schmeichelnder Stimme versetzte er: „ich kenn' ihn nicht erst seit heute, und er kennt mich auch." — Albano fragte, ob er vorhin mit dem großen Bernhard den Schweizerbcrg gemeint. „Wohl! (versetzt' er) Ich reise „jährlich hin, um eine Nacht mit meiner Schwester zuzubrin- „gen." — „Meines Wissens sind nur Mönche da" sagte Albano. -— „Sie steht unter den Ersrorncn in der Klostcr- kapclle*) (versetzt' er), ich bleibe die ganze Nacht vor ihr und sehe sic an und singe Horen." Sonderbar fühlte sich Albano während des Zuhörens verändert — was er nur dem Punsch znschrciben konnte -— es war weniger Rausch als Glut, eine fliegende Lohe brauscte über seine innere Welt und der rothe Schein irrte an ihren fernsten Gränzen umher; nun war ihm, als steh' er ganz mit ') Bekanntlich lehnen sic da unverwesct aneinander. dem Kahlkopf aus Einem Boden und könne mit diesem bösen Genius ringen. — „Ich hakt' auch eine (sagte Albanos — kann man Todte zitircn?" — „Nein, aber Sterbende," sagte der Kahle. — „Hnh!" sagte Albano bebend. — „Wen wollt Ihr sehen?" fragte der Kahle. — „Eine lebende Schwester, die ich noch nicht gesehen" sagte glühend Albano. „Es kommt (sagte der Kahle) auf ein wenig Schlaf an, und daß Ihr noch wisset, wo die Schwester an ihrem letzten Geburtstag war." — Znm Glück war Julienne, die er für seine Schwester nahm, an dem ihrigen im Schlosse zu Lilar gewesen. Er sagt' cs ihm. „So kommt mit mir!" sagte der Kahle. In dieser Minute brachte ihm Schoppens Bedienter einen Stockdcgcn und folgendes Blatt: „Bruder, Bruder, trau' ihm „nicht — Hier hast Du eine Waffe, denn Du bist gar zu „tollkühn — Stich ihn gleich durch, macht er nur Miene — „Allerlei unbekannte Leute haben diesen Abend nach Dir und „Deinem Orte gefragt — Mir ist, als sei mir vor der Bestie „gar kein Leben gesichert, Deines, Ihres — Hüte Dich und „komme! Schoppe. „Erstich' ihn aber, ich bitte Dich." » q- „Fürchtet Ihr Euch etwa" fragte der Kahle. — „Das wird sich zeigen" sagte Albano zornig und nahm den Stockdcgcn und ging mit ihm. Als beide durch das kleine dunkle Vorzimmer des Kellers gingen, sah Albano in einem Spiegel seinen eignen Kopf in einen Flammcn-Ning gefastet. Sie kamen aus der Stadt ins Freie. Der Kahle ging voraus. Der Himmel war sternenhell. Dem Grasen war, als hör' er die unter- 346 irdischen Wasser und Feuer der Erdkugel und der Schöpfung brausen. Kaum erkannt' er draußen den Weg nach Blumenbühl. Plötzlich lief der Kahle links Feld ein; die magere Tischlerin stand auf der Blumenbühler Straße ganz starr und sah vertieft eine Leiche ziehen, die unsichtbar vorübcrging, und hörte die ferne Glocke, die der Stumme trägt, der Tod. So schien cs. Da folgte Albano dem Kahlkopf verwegner nach, die Geistersurcht tödtet die Menschcnfurcht. Beide gingen stumm nebeneinander. In der fernen Tiefe schien cs, als schwebe ein Mensch, ohne zu schreiten und rege zu seyn, fest uud langsam in den Lüsten weiter. Am Kahlen zuckte unaufhörlich die weiße Haut, und eine unsichtbare Faust nach der andern zog sich aus dem Thon seines Gesichts und zeigte den Griff; einmal lies aus ihm das Gesicht deS Vaters des Todes *) vorüber. Plötzlich hörte Albano um sich das dumpfe Gemurmel und Durcheinandcrsprechcn eines Gewimmels; nichts war um ihn. „Hört Ihr nichts?" fragte er. „Es ist alles still," sagte der Kahle. Aber das Gewimmel murmelte und lispelte begierig und heiß fort, als könne cs nicht fertig und einig werden; — der kühne Jüngling schauderte, die Thore des Schattenreichs standen weit offen in die Erde, Träume und Schatten schwärmten aus und ein und flogen nahe ans Helle Leben. Beide traten ans Laubgehölze vor Lilar; da Half sich ein Knabe mit einem unförmlich-großen Kopfe auf zwei Krücken heraus und hatte eine Rose, die er dem Jüngling nickend an- ') Der ihm auf Isola Iietln erschienen war. bot. Albano nahm sie, aber der Kleine nickte unaufhörlich, als woll' er sagen, er möge doch daran riechen. Albano that's — und plötzlich zog ihn die Theaterverftnkung des Lebens, ein bodenloser Schlummer, in die dunkle Tieft. Als er belastet erwachte, war er allein und ohne seine Waffe, in einem alten bestäubten gothischcn Zimmer — ein mattes Lichtlein strcnete nur Schatten umher — er sah durch das Fenster — Lilar schien es zu scyn, aber auf die ganze Landschaft war Schnee gefallen und der Himmel weiß bewölkt, und doch stachen sonderbar die Sterne durch. Was ist das, steh' ich im Larvcntanz der Träume, fragt' er sich. Da ging eine Tapete ans — eine verhangne weibliche Gestalt mit unzähligen Schleiern auf dem Angesicht trat herein — stand ein wenig — und flog ihm an sein Herz. „Wer ist's?" fragte er. Sie drückte ihn heftiger an sich und weinte durch die Schleier hindurch. „Kennst du mich?" fragt' er. Sic nickte. „Bist du meine unbekannte Schwester?" fragt' er. Sie nickte und hielt ihn mit festen Schwesterarmen, mit heißen Licbcsthränen, mit ungestümen Küssen an sich fest. „Rede, wo lebst du?" Sie schüttelte. „Bist du gestorben oder ein Traum?" — Sic schüttelte. — „Heißest du Julienne?" — Sie schüttelte. „Gib mir ein Zeichen deiner Wahrhaftigkeit!" — Sie zeigte ihm einen halben goldnen Ring auf einem nahen Tisch. „Zeige dein Gesicht, damit ich dir glaube!" — Sie zog ihn vom Fenster weg. „Schwester, bei Gott, wenn du nicht lügst, so hebe die Schleier!" — Sie wies mit dem ausgcstrccktcn langen umwickelten Arme nach etwas hinter ihm. Er bat immer fort, sie deutete heftig nach einem Orte hin und drückte ihn von sich; endlich folgte er und kehrte sich seitwärts — Da sah er in einem Spiegel, wie sie schnell die Schleier aufriß und 348 wie darunter die veraltete Gestalt erschien, deren Bild ihm sein Vater aus Isoln I»4In mit der Unterschrift gegeben. Aber als er sich nmkchrtc, suhlt' er ans seinem Gesicht eine warme Hand und eine kalte Blume; und sein Ich zog wieder ein Schlaf hinunter. Als er erwachte, war er allein, aber mit seiner Waffe und an der Waldstclle, wo er zum crstenmalc eingeschlafen war. Der Himmel war blan, und die lichten Bilder schimmerten — die Erde war grün und der Schnee verwischt — den halben Ring hatt' er nicht mcbr in der Hand -— nm ihn war kein Laut und kein Mensch. War alles der verwehte Wolkenzug der Träume gewesen, das kurze Wirbeln und Bilden in ihrem Zanberrauch? Aber das Leben, die Wahrheit hatte ja so lebendig an seiner Brust gebrannt; und die Schwcstcrthräncn lagen noch auf seinem Auge. „Oder waren cs nur meine Brudcrthräncn" sagte sein verwirrter Geist, als er anfstand und in der Hellen Nacht nach Hause ging. Alles war so still, als schlafe das Leben noch fort — er hörte sich und fürchtete, es zu wecken — er schanetc seinen gehenden Körper an: ja, dacht' er, dieses dichte um uns gewickelte Bette spielt uns eben die Qualen und Freuden des Lebens zu. So wie wir schlafend unter her- übcrsallcndcn Bergen zu ersticken glauben, wenn das Dcckbctte sich ans unsere Lippen übcrschlägt, oder über klebendes Glut- Blech zu schreiten, wenn cs mit zu dicken Federn die Füße drückt, oder als nackte Bettler zu frieren, wenn cs sich kühlend verschiebt: so wirft diese Erde, dieser Leib in den siebzigjährigen Schlaf des Unsterblichen Lichter und Klänge und Kälte, und er bildet sich daraus die vergrößerte Geschichte seiuer Lei- 349 den und Freuden; und wenn er einmal erwacht, ist nur wenig wahr gewesen! „Gott, warum kommst du so spät — und so blaß?" fragte Schoppe, der in Albano's Zimmer lang' auf ihn gewartet hatte. „O, frag' mich heute nicht!" sagte Albano. Drei und zwanzigste Jobelperiode. Liane. 95. Z y k e l. 9^ie fuhr sich Schoppe mit mehr Flüchen an, als am Morgen unter Albano's Erzählung, und zwar darüber, daß er nicht geblieben war, um dem Kahlen, dem Schwungrad so vieler Geister-Bewegungen, mitten unter dem Drehen in die Speichen zu fahren. Er flehte inständig den Grafen an, doch bei der nächsten Erscheinung — zumal in Italien — dem Kahlen ohne Schonung die Larve abzureißen, und bliebe das Leben darin hängen. Den Jüngling hatte die Nacht zu stark bewegt; daher sprach er uugcrn und flüchtig davon. Da in ihm alle Empfindungen sich ernster und übermächtiger regten als in Nognairol: so hatt' er nicht wie dieser Freude an ihrem Malen, sondern Scheu davor. Er suchte das kleine alte Schwesterbild aus, das ihm sein Vater ans der Insel gegc- 350 bcn; — welcher treffende Wicdcrschein des nächtlichen Spiegelbildes! Dieses Alter-Moos an einer Schwester mußte, blos um damit ihre Achnlichkcit zu überdecken, durch Kunst gcsäct scyn. Die Vcrmuthnng auf Julienne gab er nach dem Nein der Verschleierten und bei der Unwahrschcinlichkcit einer solchen Nachtrolle wieder ans und setzte die Höhen-Berechnung aller dieser unbegreiflichen Lnfterschcinungcn ans die Hülfe seines so nahen Vaters hinaus. Ach über allen seinen Gedanken zog in Geier-Kreisen unaufhörlich eine ferne dunkle Gestalt, der Würgengel, der auf die hülslose Liane hungrig nicdcrfliegcn wollte! Das Starren der Leichen-Seherin ans dem Blumcnbühlcr Weg — zumal nach dem trüben Blatte der Fürstin — gaukelte jetzt in den dunkeln durchcinandcrkrcuzcnden Laubgängcn, worein sein Lebensweg getrieben war, als ein flatterndes Schrcckbild fort. Ein neuer, einziger Entschluß stand jetzt in seiner Seele wie ein starrer Arm am Wege fest, der immer nach Einer Richtung zeigte, auf die Blumcnbühlcr Straße: „du mußt zu „ihr — sagte der Entschluß — sie darf nicht in dem Wahne „deines Zürnens und deiner alten Härte sterben — du mußt „sie wieder sehen, um ihr abzubittcn, und dann weinest du, „bis ihr Grab aufgeht und sie wcgnimmt." — „O, wie wcrd' ich dann, sagt' er zu sich, vor dem Sterbe-Throne dieses Engels mein hartes, stolzes, wildes Herz zerknirschen und alles, alles womit ich die sanfte Seele in Lilar blind und wund gemacht, zurücknchmen, damit sic nicht zu sehr verachte die kurzen Tage ihrer Liebe, und damit doch ihr Herz verscheide mit einer kleinen letzten Freude von mir! — Und das, o Gott, bescheidc uns!" — Vergeblich trug Schoppe daraus an, daß er mit ihm die 351 Expcdizionsstube der Nacht-Wunder, die so wahrscheinlich im gothischcn Tempel anzutreffen sein mußte, suchen sollte; noch au diesem Tage wollte er vor die bleiche Geliebte dringen. Auffallend bestand Schoppe auf dem Besuch von Lilar,fort, und verlangte diesen zuletzt, voreilig befehlend; — aber jetzt war cs verdorben und Albano's Nein vcrpauzcrt. „Verflucht! wozu lass' ich mich denn in diesen Thräncntöpfcn kochen" sagte Schoppe und fuhr hinaus. Aber nach kurzer Zeit kam er wieder, mit einem Blatte von — Gaspard, worin dieser aus heute Relais - Pferde von der Post verlangte, und mit einem Vorschläge von sich selber, dem Vater entgegen zu gehen. Wie erfrischend wehte die väterliche Nahe über Albauo's schwüle Wüste! — Gleichviel sagte er das zweite Nein; das lange Wollen und Streiten und jede Stunde hüllte ihm Lianen immer finsterer in ihre Wolke, und er dachte bange an seinen Traum über sie auf Inoln belln*); — und am Ende stutzte er argwöhnisch über das bedenkliche Zurückzcrrcn. Und darin irrt' er nicht; Schoppe handelte nach ganz andern Begebenheiten, als er noch erfahren hatte. Der Lektor nämlich, der mit alter kluger Redlichkeit über den abtrünnigen, aber von ihm überall gelobten Jüngling von fernen Wache hielt durch den stellvertretenden Schoppe, hatte diesem den ausgcthürmtcn blei-schweren Wolkcnbruch gezeigt, der sich nun gesenkt gegen das Haupt des edlen Jünglings hcrbcwcgte; nämlich Liancns ganz nahen Tod. Früher war der Streit mit den Eltern, gleichsam diese poetische Härte, für Liancns Nerven noch Eiscnwcin gewesen. ') Wo sie ihm in der Wolke zerflossen war, als er sie u Insassen wollte. 352 die nachher im weichen Wasser der Entsagung, Herbstliche und Andacht schmolzen. Es gibt eine warme Windstille, welche Menschen wie Schiffe zerlasset; eine Wärme, worin das Wachsbild des Geistes zerrinnt. Täglich kam noch dazu der fromme Vater und breitete ihre Schwingen ans, lösctc sic ab von den Erden-Hoffnungen und Erden-Bangigkeiten und führte sie in den Glanz des göttlichen Thrones. — Die schönen Frühlingslüfte ihrer geendigten Liebe ließ sie wieder wehen, aber in höherer Stelle, cs waren dünne, milde Acthcr-Zephyre, Blu- mcn-Hanche. — Sie wußte jetzt zugleich, sic sterbe und liebe Gott. Sic stand wie eine Sonne schon ruhig und fern an ihrem Himmel, aber wie eine Sonne schien sie folgsam um den kleinen Tag ihrer Mutter zu gehen und wärmte sie sanft. — Ihre Thränen entflossen so süß wie Seufzer, wie Abcnd- thau aus Abcudroth — Wie man selig-wogend sinkt in heitern Träumen, so floß sie mit schwimmendem Körper-Gewand aus dem Todesflusse, lange getragen, langsam angezogen. Nur ein einziger irdischer Widerstand hatte bisher den süßen Fall gebrochen — die heiße Erwartung der kommenden Romeiro, dieser ihr so innig befreundeten Freundin ihrer Freundin Julienne. Endlich erschien ihr diese und ergriff ihre Phantasie zu sehr; denn gerade die Flügel der Phantasie waren an diesem sausten, steten Schwane*) zu stark. Wie stellte sich die Kranke unter diese glänzende Göttin herunter! Wie fand sic sich unwürdig der vorigen Liebe für Albano! — So wenig hatte Spener, der nur vor Gott dcmüthig war, sie hindern können, zwei Kleinode ans ihrem vorigen Leben in ihr jetziges *) Ein Schwan kann mit dem Flügclschlag einen Arm zerbrechen. 353 verklärtes heraufzunehmen, die alte Demuth vor Menschen und das alte bekümmerte Sorgen für Geliebte. Julienne mocht' ibr noch so oft abgerathcn haben, sie. schlang sich doch an einem Abende — wo sic Albano's Wegziehen nach Italien vernommen — um Linda's Herz und sagte ihr mit gewöhnlicher Ucberwallung, nur Albano verdiene sie. Linda antwortete bewundernd: sie fasse eine Liebe nicht, die sich selber vernichte; in Ihrem Falle würde sic sterben. „Und ihn' ich'S denn nicht?" sagte Liane. Julienne bat gleich darauf Lianen, die verlegne edle Gräfin darüber zu schonen. Liane schwieg nnbcleidigt; aber der neue Wunsch ergriff sie nun, ihren verlornen Albano noch einmal wicdcrzusehen und ihm ihre vorige Treue und seinen Jrr- thnm zu beweisen und ihm mit sterbendem Herzen ein neues großes zu vermachen. Sie war sehr offenherzig mit allen letzten Wünschen ihrer heiligen Seele. So lange die Mutter und Augnsti konnten, hielten sie ihr die Hand, damit sic sich eine so giftige schwarze Blume, als die Freude eines solchen Wiedersehens scyn müßte, nicht ans kranke Herz steckte. Aber sie versicherte ihre Mutter, was könn' cs ihr in diesem Jahre schaden, da sie ja erst im künftigen — nach Karolincns Weissagung — von hinnen gehe? — Jndeß suchte man ihr das letzte Ziel immer hinauszurücken in der Hoffnung, daß Gas- pard den Grasen wegsühre, und mit dem Vorsatz, nur im Nothfalle aller verlornen Hoffnungen ihr diese tödtliche zu stillen. — Da wandte sie sich mit ihrem Wunsche an ihren Bruder; aber dieser halb ans erbitterter Eitelkeit, halb ans Liebe gegen die Schwester, schilderte Albano von der kälter» Seite, sagte, er ziehe in ein frohes Land, verschmerze sie leicht n.s.w. Jean PauI'S ausgew. Werke. XI. 23 354 Wie cntrüstctc sich beinahe die sanfte Seele, weil sic daraus mit weiblicher Scharfsicht einen nahen Bruch der Liebe gegen Albano und Rabettc und eine Wiederkehr der Neigung für die dablcibcndc Linda entdeckte! Sic hatte schon längst die lange Unsichtbarkeit Rabcttcns untersucht. Denn diese arme Seele war seit ihrem Falle, seit dem Begräbnis ihrer Unschuld, durch keine Bitten und Befehle zu zwingen gewesen, vor die Freundin der ewigen Unschuld mit dem nicdergcworfnen Sünder- Auge zu treten; und jetzt war cs ihr vollends unmöglich, seit ihr durch Linda's Ankunft und Besuche auch das kleinste schillernde Gewebe ihres fliegenden Sommers zertreten war und ihr Mund voll Qual dumpf am hercingezogncn Leichcnschlcier erstickte. „Bruder, Bruder (sagte Liane begeistert), bedenke, „was unsere armen Eltern von uns Kindern haben! Ich erfülle ihnen keine Hoffnung; auf dir ruht jede; ach wie wird „unser Vater zürnen!" setzte sie mit alter Scheu und Liebe dazu. Der Bruder hielt es für Recht, die Wahrheit (über Rabcttcns Hinab- und Wcgstoßcn), welche diesesmal die Gestalt einer bewaffneten Parze haben würde, von ihr zu entfernen, und setzte an die Stelle der Wahrheit seine Bruder-Liebe. Daher hatt' er bisher die einzige Gelegenheit, mit der Gräfin zn sprechen, entbehrt — Liancns Krankenstuhl. „Du mußt „sterben (sagte er einmal im Enthusiasmus zu ihr); es ist „gut, daß dein Gewebe so zart ist, damit cs das Durcheinan- „dergrcifen so vieler Tatzen entzwei reißet — Was hättest du „bis in dein 70stes Jahr nicht leiden können unter Menschen „und Männern!" Auch er glaubte — aus eigner Erfahrung — daß es mehr Weiber- als Männer-Schmcrzen gebe, so wie cs am Himmel mehr Mond- als Sonnenfinsternisse gibt. So stand es bis in die Nacht, wo Albano den Kahlkops, die Spiele der Finsternisse nnd die verschleierte Schwester sah; in dieser sprang eine Saite nach der andern in Linnens Lebe», sie wnrdc schnell verändert nnd am frühen Morgen empfing sic schon das Abendmahl ans ihres Spencrs Hand. Der Lektor bekam diese trübe Nachricht von der Ministerin nm !1Uhr Morgens. Darum sucht' er mit solchem Eifer durch Schoppe den Jüngling vom Anblick einer verscheidenden Braut zu verdrängen. Später kam Gaspards Billct, welches beide auf den Gedanken brachte, ihn znm Entgegcnfahrcn zu locken und — durch eine Nachricht an den Vater — diesen zu bereden, wenigstens auf einige Tage mit Albano vor dem nahen Erdfall umzukehrcn, damit dieser sinke, che ihn der Sohn betreten. Aber auch das, wie schon erzählt worden, schlug fehl; Albano bekannte Schoppen geradezu seinen Argwohn irgend einer unheimlichen Begebenheit. Dieser wollte eben eine Antwort geben, als sie ihm ersparet wurde durch einen keuchenden Boten ans Blumcnbühl, der an Albano folgendes Blatt von Spcncr überbrachte: ?. Ew. Hochgeboren Gnaden soll in aller Eile melden, daß das todtkrankc Fräulein von Froulay noch heute mit Dcncn- sclb cn zu sprechen sehnlichst verlangt, daher Sie um so mehr zu eilen haben, da selbige nach eigner Anssage höchst wahrscheinlich (und um so mehr, als Pazienten dieses xenrv immer ihren Tod richtig vorauszusagen wissen) den heutigen Abend schwerlich überleben, sondern aus dieser Leiblichkeit einzichcir wird in die ewige Herrlichkeit. Ich für meine Person brauche Ew. Gnaden als einen Christen wol nicht erst zu vermahnen, 23 * daß wol ein sanftes, stilles, frommes Betragen und Gebet bei dem Sterbebette dieser herrlichen Braut Christi, von bereu Tod jeder wünschen wird: Herr, mein Tod sei wie dieser Gerechten! nicht aber grausame weltliche Trauer sich gebühre und gezieme, der ich mit sonderbarem Respekte verharre Ew. Hochgeboren Gnaden Unterthäniger Joachim Spencr Hofprediger. k. 8. Kommen Dieselben nicht sogleich mit dem Expressen: so bitte sehr um einige Zeilen Antwort." * Albano sagte kein Wort —> gab das Blatt seinem Freunde — drückte leise dessen Hand — nahm den Hut — und ging 'langsam und mit trocknen Angen aus die Gasse hinaus, auf den Weg nach dem Bergschloß. 9ll. Z y k e l. Schaudernd lies er draußen um die Stelle vorbei, wo in der vorigen Nacht die Leichen-Sehcrin gestanden hatte, um ihre in schwarze Menschen verwandelten Träume langsam von der Bergstraße heruntcrziehen zu sehen. — Es war ein stiller, warmer, blauer Nachsommer-Nachmittag —- das Abendrots) des Jahres, das rothglühcnde Laub, zog von Berg zu Berg — auf tobten Auen standen die giftigen Zeitlosen unverletzt beisammen — auf den übersponncncn Stoppeln arbeiteten noch Spinnen am fliegenden Sommer und richteten einige Fäden 357 als die Taue und Segel auf, womit er entfloh — der weite Luft- und Erdkreis war still, der ganze Himmel wolkenlos — und die Seele des Menschen schwer bewölkt. Albauo'S Herz ruhte auf der Zeit wie ein Kopf auf dem Euthauptungsblock-Nichts sah er im weiten Himmelsblau als die darin fliegende Liane, nichts, nichts auf der Erde als ihre liegende leere Hülle. Er zuckte, da ihm plötzlich auf der Blumcubühlcr Höhe das weiße Bergschloß entgegen glänzte. Er raunte hinab — wild vor dem verhaßten entstellten Blumenbühl vorbei — und draußen in den tiefen Hohlweg hinauf, der zum Bcrgschloß führet. Da aber dieser sich in zwei aufstcigcndc Thälcr spaltet: so verirrte sich der vom Schmerz verschleierte Mensch in das linke und eilte zwischen dessen Wänden immer heftiger, bis er nach langem Treiben auf die Höhe hcraustrat und das schimmernde Tranerschloß hinter sich erblickte. Da war ihm, als rühre sich die weite hinabliegcndc Landschaft wie ein stürmendes Meer durcheinander mit wogenden Feldern und schwimmenden Bergen; und der Himmel schaucte still und hell auf das Bewegen nieder. Nur unten am westlichen Horizonte schlief eine lange dunkle Wolke. Er stürmte wieder bergab und kam in wenigen Minuten im kleinen Blumengarten des Traucrhauses an. Als er heftig durch ihn schritt, sah er oben an den Schloßfenstcrn mehrere Menschen-Rücken; wenn sie sich umkehrcn (sagt' er), so wird sogleich die Sage umlaufen: der Mörder kommt. Jetzt trat die Ministerin an ein Fenster, wandte sich aber schnell um, da sie ihn erblickte. Er stieg schwer die Treppe hinaus, der Lektor kam ihm gerührt entgegen, sagte zu ihm: „Fassung für „Sie und Schonung für andere! Sie haben keinen Zeugen 358 „Ihrer Unterredung als Ihr Gewissen" und machte dem stummen Jüngling das stille Krankenzimmer auf. Vom Schmerz belastet und gebückt trat er leise hinein. In einem Krankcnstnhl richte eine weißgekleidete Gestalt mit weißen, tiefen Wangen und ineinander gelegten Händen und lehnte den Kopf, den ein bunter Grasblumcnkranz umzog, an die Seitenlehne. Es war seine vorige Liane. „Sei mir willkommen, Albano!" sagte sic mit schwacher Stimme, aber mit dem alten, ausgehenden Sonncn-Lächeln, und reicht' ihm die mühsam gehobne Hand entgegen; das schwere Haupt konnte sie nicht erheben. Er trat hin, sank auf die Kniee und hielt die thcucrc Hand, und die Lippe zitterte stumm. „Sei mir recht willkommen, mein guter Albano!" wiederholte sic noch zärtlicher in der Meinung, er Hab' es das erstemal wol nicht gehört; und alle Thräncn seines Herzens riß die bekannte wiedcrkommcnde Stimme in Einem Regen nieder. „Auch du, Liane!" stammelte er noch leiser. Mühsam ließ sic ihr Haupt auf die andere ihm nähere Lehne hcrüberfallen; da schaucten ihre lebensmüden blauen Angen recht nahe seine feurigen nassen an; wie fanden beide ihr Angesicht von Einem langen Schmerz entfärbt und veredelt! Nothwangig und vollblühcnd und Schmerzen tragend war Liane in das kalte fremde Todten- rcich der schweren Prüfung für die höhere Welt gegangen und ohne Farbe und ohne Schmerzen war sic wicdcrgckommcn und mit himmlischer Schönheit ans dem irdisch-verblühten Gesicht — Albano stand vor ihr, aüch bleich und edel, aber er brachte ans dem jungen kranken, cingefallncn Angesicht die Kämpfe und die Schmerzen zurück und im Auge die Lebens-Glut. „Gott, du hast dich verändert, Albano — fing sie nach „einem langen Blicke an — Du siehst ganz eingefallen ans — 359 „Bist du so krank, Lieber?" fragte sie mit der alten LiebcS- Bekümmcrniß, die ihr weder der fromme Vater, noch der letzte Genius, der den Menschen erkältet gegen das Leben und Lieben, eh' er es entrückt, ans dem Herzen nehmen konnten. — „O, wollte Gott!-Nein, ich bin's nicht" sagte er und erstickte aus Schonung den innern Sturm; denn er hätte so gern seinen Jammer, seine Liebe, seinen Todes-Wunsch ausgc- ruscn vor ihr mit einem tödtlichcn Schrei, wie eine Nachtigall sich zu Tode schmettert und vom Zweige stürzt. Ihr erkältetes Auge ruhte, sich erwärmend, lange auf seinem Angesicht voll unaussprechlicher Liebe, und sie sagte endlich mit schwerem Lächeln: „So liebst du mich also wieder, „Albano! '— Du hattest dich auch in Lilar ganz geirrt. Erst „nach langer Zeit wird mein Albano cs erfahren, warum ich „von Ihm gewichen bin, nur zu Seinem Wohl. Heute, heute „an meinem Sterbetage sag' ich dir, dasi mein Herz dir treu „geblieben. — Glaub' es mir! — Mein Herz ist bei Gott, „meine Worte sind wahr — Sich! Darum bat ich dich heute „zu mir — denn du sollst sanft, ohne Reue, ohne Vorwurf „ans deine erste Jugendliebe herübcrsehen in deinem künftigen „langen Leben. — Heute wirst du nicht böse über die kleine „Linda, daß sie vom Sterben spricht — Sichst du wol, daß „ich damals Recht hatte? — Hole mir das Blatt dort!" — Er gehorchte; es war ein mit zitternder Hand gemachter Umriß von ihr, der Linda's edcln Kopf vorstellte. Albano sah das Blatt nicht an. „Nimm es zu dir" sagte sic; er that es. „Wie bist du so willig und gut! (sagte sie) Du verdienst Sic „— ich nenne Sic dir nicht — als den Lohn deiner Treue „gegen mich. Sie ist deiner würdiger als ich, Sie blüht wie „du, siecht nicht wie ich; aber thu'Ihr nie Unrecht — Deine „Liebe zu Ihr ist mein letzter Wunsch — — Wirst du mich „betrüben, festes Gcmüth, durch ein heftiges Nein?" — „Himmels-Seele! >— (rief er und blickte sic bittend cm und brachte ihr das Todtcnopser des erstickten Neins) ich antworte dir nicht — Ach vergib, vergib der frühem Zeit!" — Denn nun sah er erst, wie demüthig, leise und doch innig die zarte, stille Seele ihn geliebt, die noch jetzt im zerfallenden Körper ganz wie an Lilars schönen Tagen sprach und liebte, so wie die schmelzende Glocke im brennenden Thurm noch ans den Flammen die Stunden tönt. „So lebe nun wohl, Geliebter! (sagte sic ruhig und ohne „Thränc, und ihre matte Hand wollte seine drücken) Reise „glücklich in das schöne Land! — Habe ewigen Dank für deine „Lieb' und Treue, für die tausend frohen Stunden, die ich „dort erst verdienen will*), für Lilars schöne Blumen. . . . „DieKinder meiner Chariton haben sie mir aufgesetzt**)__ „ste ne suis (^»'un 8VNA6 '-Was wollt' ich dir sagen, „Albano? Mein Lebewohl! Verlasse meinen Bruder nicht! — „O, wie du weinst! Ich will noch für dich beten!" — Die Sterbenden haben trockne Augen. Das Gewitter des Lebens endigt mit kalter Luft. Sie wissen cs nicht, wie ihre lallende Zunge einschncide in die weit aufgcrisscncn Herzen. Die sanfteste Seele wusit' es nicht, wie sie ein Schwert nach dem andern durch ihren Albano stieß, der cs nun fühlte, daß er der Heiligen, der schon die Frühlingswinde, die Früh- *) Sic hielt ihr hiesiges Leben für ein ruhiges Spiel- und Kin- der-Leben, erst das zweite für das thätige. ") Hier und weiter redet sic zwar irre; aber sic weiß es doch, daß der Grasblumenkranz von Charitonö Kindern ist. 361 lingsdüstc des ewigen Ufers entgegen zogen, nichts mehr seyn, nichts mehr geben konnte, nicht einmal die Dcmuth nehmen. Als sie cs gesagt, richtete ihr Hanpt mit der Blumen- krone sich begeistert auf, sie zog ihre Hand aus seiner und betete laut mit Inbrunst: „Erhöre mein Gebet, o Gott! und „lasse Ihn glücklich seyn, bis er eingcht in deine Herrlichkeit. „Und wenn er irret und wankt, so schon' ihn, o Gott, und „lasse mich ihm erscheinen und ihm zuredcn. — Dir aber allein, „du Allgütigcr, sei Preis und Dank gesagt für mein frohes, „stilles Leben auf der Erde, du wirst mir nach der Ruhe dro- „ben schenken den schönen Morgen, wo ich arbeiten kann.... „Wecke mich früh aus dem Todesschlafc. Wecket mich, „wecket! ..... Mutter, das Morgenrots)^) liegt schon auf „den Bäumen."- Da stürzte die Mutter ins Zimmer mit andern Menschen. Der todcsschlaftrunkne Blick und das Jrrcreden sagten an, daß nun der kalte Schlaf mit offnen Augen komme. „Erscheine mir, du bist ja bei Gott!" rief Albano sinnlos. Umsonst wollt' ihn Augusti wegführen; ohne Antwort, ohne Regung stand er eingewurzelt fest. Liane wurde immer blasser, der Tod schmückte sie mit dem weißen Brautkleid des Himmels an; da hörte sein weinendes Auge auf, die Qual gefror, und das weite, schwere Eis der Pein füllte die Brust. Unverrückt hing Lianens Blick an einer lichten Stelle des sanft bczognen Abendhimmels wie forschend und erwartend, daß der Himmel aufgehe und die Sonne gebe. Gleichgültig gegen alle stürmte ihr Bruder jammernd herein: „geh' nicht Sie sieht das Herbsilaub. 362 „zu Gott, ich seh' dich sonst nie mehr — sieh mich an, segne, „heilige mich, gib mir deinen Frieden, Schwester!" — Sie war still in die lichter aufbrcchende Sonncnwolke vertieft. „Sie „hält dich sür mich (sagte Albano zu Karl wegen ihrer ähnlichen Stimmen), und gibt dir keinen Frieden!" — „Stiehl „meine Stimme nicht," sagte Karl zornig. — „O, lasset Sie „in Ruhe," sagte die Mutter, aus deren gebückten Augen nur kleine, sparsame Thräneu ans den Kranz der Tochter zitterten, deren mattes, nach dem Himmel ausblickcndes Haupt sie an sich angelehnt mit beiden Händen hielt. Aus einmal, als die Sonne die Wolken wie Augenlicder ausschlug und hell heruntcrblickte, erschütterte sich die stille Gestalt; Sterbende scheu doppelt, sie sah zwei Sonnenkngcln und rief an die Mutter geschmiegt: „ach Mutter, wie groß und feurig sind Seine Augen!" — Sie sah den Tod am Himmel stehen. „Bedecket mich mit dem Leichenschlcicr (flehte sie ängstlich) — meinen Schleier!" Ihr Bruder griff nach ihm und deckte damit die irren Augen und die Blumen und Locken zu; auch die Sonne zog schonend wieder das Gewölke über sich. „Denk' an den allmächtigen Gott!" rief ihr der fromme Vater zu. „Ich denke an ihn" antwortete leise die Verhüllte. Die Aurora der zweiten Welt steht schwarz vor den Menschen, sie bebten alle. Albano und Roquairol ergriffen und drückten einander die Hand, dieser aus Haß, Albano aus Qual, wie man in Metall knirscht. Das Zimmer war voll unähnlicher befeindeter Menschen, die der Tod gleich machte. Seitwärts sah Albano eine fremde hcrcingeschlichcne ihm widrige Gestalt; es war sein unkenntlicher Vater, dessen große, düstere Augen scharf und hart auf dem Sohne hafteten. — Aus dem zwei- 363 tm Zimmer blickten zwei lange verschleierte weibliche Gestalten ans die dritte nnd sahen kein Gesicht und niemand ihres. Liane spielte mit den Fingern am Schleier. Der Abend stand im Zimmer und die Stille zwischen dem Blitze nnd dem Donncrschlag. „Denke an den allmächtigen Gott!" rief Spe- ner. — Sie antwortete nicht — er sprach weiter: „an unsere „Quelle nnd an unser Meer, er allein steht dir jetzt imDun- „keln bei, wo dir die Erde nnd die Menschen ans der Hand „entsinken nnd alle Lichter des Lebens." — Plötzlich fing sie an und sagte ganz freudig-leise und schnell hintereinander, wie wenn der Mensch im Schlafe spricht, und immer entzückter nnd schneller: „Karoline — hier, hier, Karoline — das ist meine Hand — wie bist du so schön!" — Der unsichtbare Engel, der ihre erste Liebe geheiligt, der ihr Leben begleitet hatte, schimmerte wieder wie ein anfgegangencr Mond über das ganze dunkle Sterben, und der Glanz verschmolz die kleine Mainacht leise mit dem großen Frühlingsmorgen der andern Welt. Nun lehnte die verschleierte Nonne des Himmels ganz still an der Mutter — Der Todescngcl stand unsichtbar nnd zornig unter seinen Opfern — Mit großen Flügeln hing die Todcs-Eulc der Angst sich über die Mcnschen-Augcn und hackte mit schwarzem Schnabel in die Brust herab nnd man hörte nichts in der Stille als die Eule — Düster wälzten sich des Ritters melancholische Augen in ihren tiefen Höhlen zwischen der stillen Braut nnd dem stillen Sohne hin und her; nnd Gaspard nnd der Würgengel schaneten einander finster an. — Da klang ans Lianens Harfe ein Heller, hoher Ton lang in die Stille; die Parze, die an ihrem Leben spann, kannte das Zeichen, hielt innen nnd stand auf, nnd die Schwester mit der Scheere kam. Liancns Finger hörten aus zu spielen und unter dem Schleier wurd' es still und unbeweglich. „Dein Kopf ist schwer und kalt, meine Tochter" sagte die trostlose Mutter. „Reißt den Schleier weg" rief der Bruder; und als er ihn herunter zog, ruhte Liane zufrieden und lächelnd darunter, aber gestorben — die blauen Augen offen nach dem Himmel — der verklärte Mund noch Liebe athmcnd — die jungfräuliche Lilien-Stirn von der tiefer herabgcsunknen - Blumeukrone umwunden — und bleich und verklärt vom Mondschein der höhcrn Welt die fremde Gestalt, die groß aus den kleinen Lebendigen unter ihre hohen Todtcn trat. Da quoll die goldnc Sonne durch die Wolken und durch die Thronen hindurch und übergoß mit dem blühenden Abendlicht, mit dem jugendlichen Rosen-Ocl ihrer Abendwolken die entfärbte Himmclsschwester, und das verklärte Antlitz blühte wieder jung. Am Himmel schlugen alle Wolken, berührt von ihren Flügeln, als sie durch sie zog, in lange rothe Blüten aus — und durch den hohen über die Erde geblähten Ncbel- flor glühten die tausend Rosen hindurch, die gcstreuet und gewachsen waren auf der Wolken-Bahn, worauf die Jungfrau über die Erde zu dem Ewigen ging. Aber Albauo, der verlassene Albano stand ohne Thräncn und Augen und Worte unter den gemeinen Klagcstimmen des Schmerzes im roscnrothen Abendfeucr des heiligen Verklärungs-Zimmers, unter dem irdischen Getümmel neben der stillen Gestalt; in tiefer Vergangenheit zeigte ihm der Schmerz ein Meduscnhaupt und er sah es noch an, als sein Herz schon davon versteinert war, und er hörte immer das finstere Haupt die Worte murmeln: „Wie bitter hatte die Todte in Lilar über 365 dm harten. Albano geweint!" — Ihr Bruder sagte auf seiner Folter viele grausame Worte zu ihm; er vernahm sic nicht, weil er dem gransamern Gorgonenhaupt zuhörtc. „Sohn! (rief Gaspard Zesara ernst) Sohn, kennst du mich nicht?" Durch das schwere Leichen-Herz blitzt ihm eine Lebens-Stimme; er blickt umher, und auf den Vater, ordnet sich erschreckend die Gestalt und stürzt aus seine Brust und ruft nur „Vater!" und immer wieder „Vater!" — Er ries fort, ihn heftig wie ein Feind umflechtend, und sagte: „Vater, das ist Liane!" — Noch heftiger wurde die Umarmung, nicht aus Liebe, nur ans Qual. — „Komme zu dir, und zu mir, lieber Albano!" sagte der Ritter. „O, ich will cs thun, Sic ist nun gestorben, Vater!" sagt' er erstickt, und nun zerriß sein Schmerz am Vater, wie ein Gcwölkc am Gebirge, in Eine unaufhörliche Thräne — sie strömte fort, als wollte sich die innerste Seele verbluten aus allen offnen Adern — aber das Weinen wühlte nur die Qualen auf wie ein Wolkcnbruch ein Schlachtfeld, er wurde trostloser und ungestümer und wiederholte dumpf das alte Wort. „Albano! (sagte Gaspard nach einiger Zeit mit stärkerer Stimme) willst du mich begleiten?" — „Gern, mein Vater!" sagte er und folgte ihm, wie der Mutter ein blutendes Kind mit seiner Wunde. — „Morgen will ich schon sprechen," sagte Albano im Wagen und nahm die väterliche Hand. Die weit offnen Angen hingen geschwollen und blind an der warmen Abendsonne fest, die schon auf dem Gebirge ruhte — er blieb lächelnd und bleich und in seinem leisen, sanften Weinen — und er merkt' cs nicht, daß die Sonne untergiug und er in der Stadt ankam. 366 „Morgen, mein Vater!" sagt' er kraftlos und bittend zum Ritter; und schloß sich ein. Man hörte nichts mehr von ihm. Vier und zwanzigste Jobelperiode. Das Fieber — die Kur. 97. Z y k e l. ^angc blieb Albano im Nebenzimmer stumm. Der Vater überließ ihn der heilenden Stille. Schoppe wartete auf ihn geduldig, um ihn tröstend anzusehcn und anzuhören. Endlich hörten sie ihn darin heftig beten: „Liane erscheine unrund gib mir den Frieden!" Gleich darauf trat er stark und frei wie ein cntkettcter Riese heraus, mit allen Blut-Rosen ans seinem Gesicht — mit Blitzen in den Augen — mit hastigem Schritt. „Schoppe (sagt' er), komm' mit ans die Sternwarte, cs hängt „am Himmel ein Heller, hoher Stern, auf dem wird Sie begraben; ich muß das wüsten, Schoppe!" Die edle Seele lag in der gewaltigen Hand des Fiebers. Er wollte mit ihm hinaus, als er den Ritter erblickte, der ihn starr anschaute: „Erstarre nur nicht wieder, mein Vater!" sagt' er, umarmte ihn nur leise und vergaß, was er gewollt. Schoppe holte den Doktor Sphcx. Albano ging wieder in sein Zimmer und langsam darin mit gesenktem Haupt, mit gefalteten Händen aus und ab und redete sich tröstend zu: „warte doch nur, bis es wieder ausschlägt." — Sphex kam 367 i„id sah und — sagte „es sei ein einfaches entzündliches Fieser." Aber keine Gewalt brachte ihn dahin, sich für das Bette oder nur für eine Adcr-Wikside zu entkleiden. „Wie (sagt' er schamhaft), Sie kann mir ja zu jeder Stunde erscheinen und den Frieden geben — Nein, Nein!" Der Arzt verschrieb einen ganzen kühlenden Schneehimmcl, um damit diesen Krater vollzuschneien. Auch diesen Kühlungen und Frost-Znlcitcrn weigerte der Wilde sich. Aber da fuhr ihn der Ritter mit der ihm eignen donnernden Stimme und mit dem Grimm des Auges an, der das immerwährende, aber bedeckte Zornscner der stolzen Brust vcrricth: „Albano, nimm!" — Da besann und fügte sich der Kranke und sagte: „o, mein Vater, ich liebe dich ja!" Durch die ganze Nacht, deren Wächter und Arzt der treue Schoppe blieb, spielte der wahnsinnige Körper seine glühende Rolle fort, indem er den Jüngling auf- und abtricb und bei jedem Ausschlagen der Glocken betend nicdcrznknieen zwang: „Liane, erscheine doch und gib mir den Frieden!" Wie oft hielt ihn der sonst Zeichen-Arme Schoppe mit einer langen Umarmung fest, um nur dem Umhcrgetricbncn eine kurze Ruhe znznspiclen. — Unbegreiflich waren am Morgen dem Arzte die Kräfte dieser eisernen und wcißglühcndcn Natur, die Fieber, Pein und Gehen noch nicht gebogen hatten, und aus welcher alle verordnet«: Eisfelder trocken verzischtcn; — und fürchterlich erschienen ihm die Folgen, da Albano noch immer sein Selbst-Mordbrenner blieb und bei jedem Stunden-Schlage ans den Kniecn nach der himmlischen Erscheinung lechzcte und blickte. Aber sein Vater überließ ihn wie eine Menschheit den eignen Kräften; er sagte, er sehe mit Vergnügen eine solche 368 seltne ungeschwächte Jugendkraft und sei gar nicht in Fm-cht, auch ließ er ungestört alles für die Reise nach Italien packen. Er besuchte den Hof, d. h. alles* Wer es wußte, was er den Menschen abznfordern und abzulängncn pflegte, dem gab diese allgemeine Gefälligkeit gegen alle Welt die Schmerzen eines verwundeten Ehrgefühls, wenn ihn Gaspard auch anredetc. Er besuchte zuerst den Fürsten, welcher an ihm, ob ihn gleich der Ritter in Italien ruhig die vergiftete Hostie der Liebe sammt ihrem Gistkelch hatte empfangen lassen, immer mit Angewöhnung hing. Der Ritter besichtigte mit ihm den Zuwachs der neuen Kunstwerke; beide glichen scharf und frei ihre Urthcile darüber gegeneinander aus und gaben einander Aufträge für die Abwesenheit. Darauf ging er zur Reisegefährtin, zur Fürstin, gegen welche zwar sein aufreibender Stolz nicht Ein Blütenstäubchen der vorigen Liebe übrig gelassen, die aber im glatten, kalten Spiegel seiner epischen Seele, in welchem alle Figuren sich rein-aufgefasset und frei bewegten, vermöge ihrer kräftigen Individualität als eine Hauptfigur den Vordergrund bewohnte. Da er Freiheit, Einheit, sogar Frechheit des Geistes weit über sieches Frömmeln, Nachhcnchcln fremder Kräfte und bußfertigen Zwiespalt mit sich selber setzte: so war die Fürstin sogar mit ihrem Zynismus der Zunge ihm „in ihrer Art lieb und Werth." Sie erkundigte sich mit vielem Feuer nach seines Sohnes Zustand und Mitreise; er gab ihr mit seiner alten Ruhe die besten Hoffnungen. Die Prinzessin Julienne war unzugänglich. Daß sie es hatte sehen müssen, wie die treue Gespielin ihrer Jugendzeit ein feindlicher, rauher Arm vom blumigen Ufer in den Todcs- flnß hincingezogen und wie die Arme ermattet hinunterge- ' 369 schwömmen, das warf sic hart darnieder und sie wäre gern dem Opfer nachgcstürzt. Sic war gestern nicht im Stande, mit den zwei Verschleierten hinzugehen. Jetzt eilte Gaspard zur einen davon, znr Gräfin Romeiro, wo er auch die andere fand — die Prinzessin Jdoinc. Diese hatte unmöglich so viel von ihrer Gesichts- und Scclcn-Schwe- stcr in allen Briefen lesen können, ohne selber aus ihrem Arkadien zu ihr herzurciscn und die schöne Verwandtschaft zu prüfen; aber als sie im Schleier ankam im Schmerzcnhause, hatte schon ihre Verwandte den ihrigen über das brechende Auge gezogen; und als er aufging, sah sie sich selber verloschen und im tiefen Spiegel der Zeit ihr eignes Sterbe-Bild. Sie schwieg in sich selber gleichsam wie vor Gott, aber ihr Herz, ihr ganzes Leben war bewegt. Die Achnlichkeit war so auffallend, daß Julienne sie bat, nie der gebeugten Mutter zu erscheinen. Jdoine war zwar länger, schärfer gezeichnet und weniger rosenfarb als Liane in ihrer Blütenzeit; aber die letzte blasse Stunde, worin diese neben ihr erschien, machte die bleiche Gestalt länger und das Angesicht edler und zog die blumige snngsräuliche Verhüllung vom scharfen Umriß weg. Jdoine sprach wenig zum Ritter und sah nur zu, wie ihre Freundin Linda ordentlich in kindlicher Liebe überfloß gegen seine fast väterliche. Beide Jungfrauen behandelte er mit einer achtenden, warmen und zarten Moralität, welche einem Auge (z. B. dem des Fürsten) wunderbar erscheinen mußte, das oft Zeuge der ironischen Unbarmherzigkeit gewesen, womit er wurmstichige, anbrüchige Herzen — halb cingepfarrct in Gottes Kirche und halb in des Teufels Kapelle — scheue, weiche empfindsame Sünder, innerlich-bodenlose Phantasten, z. B. Ro- 3ean Pauk's ««sgew. Werke. XI. 2-4 370 qnairols, gern in einer langsamen Spirale frecher Reden immer tiefer und froher in den Mittelpunkt der Schlechtigkeit hinal'zndrehen pflegte. Der Fürst dachte dann: „er denkt gerade wie ich;" aber Gaspard macht' es mit ihm eben so. Auch die wankende, blasse Julienne schlich endlich herein, um ihn zu sehen. Man umging, so weit man konnte, ihrent- wegcn das offne Grab der Freundin; aber sie fragte selber nach dem kranken Geliebten derselben recht angelegentlich. Der Ritter — welcher für die meisten wichtigen Antworten sich ein eignes Phrascs-Buch des Nichts, besondere Rcde-Eisblumcn angeschafft hatte, dergleichen waren, „es geht, so gut es kann" oder „man muß es erwarten" oder „es wird sich wol geben" — bediente sich der letzten Redeblume und versetzte: „es wird sich wol geben." Als er nach Hanse kam, hatte sich nichts gegeben, sondern hoch war die Fluth des Nebels gestiegen. Der Jüngling lag nieder — angekleidet auf dem Bette — unvermögend mehr zu gehen — brennend — irre redend — und doch bei jedem Glockenschlage seine alte Bitte in den hohen versperrten Himmel rufend. Bis hieher hatte sein kräftiges, festes Gehirn die Vernunft wenigstens für alles, was Lianen nicht betraf, fest zu behalten gewußt; aber allmälig ging die ganze Masse in die Gährung des Fiebers über. Vergeblich waffnete sich sein Vater einmal, da er kniecte und um die Erscheinung der Tobten bat, mit dem ganzen Sturm und Donner seiner Persönlichkeit; „gib mir den Frieden" betete Albano sanft weiter und sah ihm sanft dabei ins Gesicht. Schoppe nahm jetzt mit der Miene eines wichtigen Geheimnisses den Vater allein und sagte, er wisse ein unfehlbares Mittel. Gaspard bezeugte seine Neugierde'. „Die Prinzessin 371 „Jdoine (sagt' cr) muß nach erbärmlichen Kindereien gar nichts „fragen, sondern keck, wenn cs eben schlägt und Er knicct, „Ihm als der selige Geist erscheinen und den fatalen Frieden „schließen." — Wider alles Vermuthcn sagte der Ritter nn- mnthig: es ist unschicklich. Umsonst sucht' ihn der predigende Schoppe in die Sonnenseite zu rücken — blos in die Winter- seitc zog cr weiter hinein bei dem Anschein fremder Absicht; in eine sauste Wärme könnt' ihn niemand bringen als nur cr sich selber. — Zuletzt ließ Gaspard nach seiner Sitte über dem ewigen Grnndcis seines Charakters so viel Treibeis obengenannter Phrasen schwimmen, daß Schoppe stolz und zornig schwieg. Noch dazu gingen die Anstalten zur Abreise fort, als sei der Vater Willens, den Sohn brennend aus dem Fieber- Brande zu ziehen und wahnsinnig aus den alten Liebes-Zirkcln zu reißen. Schoppe machte ihm seinen Vorsatz, daheim zu bleiben, bekannt; cr sagte, cr habe nichts dagegen. Nun fühlte Schoppe an seinem eignen zcrritzten Gesicht den schneidenden Nord dieses von ihm sonst beschützten Charakters; „traue keinem langen, schlanken Spanier, sagte Kar- danns mit Recht" *) sagte cr. Albano war krank und daher nicht trostlos. Er schöpfte aus der Lethe des Wahnsinns die dunkle Betäubung gegen die Gegenwart; nur, wenn cr knicctc, spiegelte sich im Strom seine zerrissene Gestalt und ein wolkiger Himmel. — Er hörte nichts davon, wie die Dürftigen ihre Namen nannten, um Die Stelle heißet in Onrcknn. ^raeeext. n<1 tilios o. 16 so: lt.onxoimi'ilo rnbro, Eermnno nixro, Eetrusco lnsoo, Vs- neto elnndo, Ilispnno lonxo et Procero, innlieri lmrbntns, vlro crispo, Ernsco nnlli eonlidere nolite. 24 * 372 dankend nm die ruhende Wohlthäterin zu weinen, vor deren Klagen jetzt das heilende Saitcnspicl ihrer Mienen taub und stumm lag -— Er hörte nichts von dem Toben ihres Bruders, noch vom lauten (akustisch-gebanctcn) Schmerze ihres Vaters, oder von der starren in dumpfe Qual gewickelten Mutter — Er wußt' es nicht voraus, daß die bleiche Charis in ihrem Krönungszimmcr an einem Abende zwischen Lichtern zum letztenmal der Erde erscheinen werde, bekränzt, geschmückt und schlummernd — Ihm starb zwar in jeder Stunde eine unendliche Hoffnung, aber jede gebar ihm auch eine neue. — — „Armer Bruder (sagte Schoppe am andern Tag im cdeln Zorn), ich schwöre dir's, du bekommst heute deinen Frieden." — Der blasse Kranke sah ihn bittend an. „Bei Gott!" schwur Schoppe und weinte beinahe. 98. Z y k e l. Schoppe hatte sich vorgcsetzt, um den Ritter — der den Abend halb an den Minister und halb an Wehrfritz in Blumenbühl vertheilte — sich gar nicht zu bekümmern, sondern geradezu vor die Prinzessin Jdoinc mit der großen Bitte zu treten. Vorher wollt' er sich den Lektor dazu holen als Thür- hütcr oder Billeteur der versperrten Hofthürcn und als Bürgen seiner Worte. — Aber Angusti erschrak unbeschreiblich; er versicherte, das geh' unmöglich an — eine Prinzessin und ein kranker Jüngling — und gar eine ridikülc Geister- Nolle u. s. w., und der eigne Vater sch' es ja schon ein. Schoppe wurde darüber ein aufspringendes Sturmsaß und ließ wenig Flüche und Bilder liegen, die er nicht gebrauchte über den menschenmörderischeu Widersinn der Hof- und Weiber- 373 Dczenz— sagte, diese sei so schön gebildet und so blutig quälend wie eine griechische Furie — sie binde an Menschen wie Köchinnen an Gänsen die Hals-Wunde nur nach dem Verbluten zu, damit sich die Federn nicht befleckten — und er sei so gut ein Lourtiunn, schloß er zweideutig, als Angnsti und kenne Dczenz; „auch der Fürstin, die Ihn doch so gern hat, darf ich's nicht Vorträgen?" Angnsti sagte: der Fall ist nicht verschieden. „Julienncn auch nicht?" — Auch nicht, sagt' er. — „Auch dem so satanischen Satan nicht?" — „Ein guter Engel ist doch dazwischen (versetzte Augnsti), den Sie wenigstens schicklicher als Vorbitter brauchen können, weil er dem Vließritter von Zesara Verbindlichkeiten schuldig ist — die Gräfin von Romeiro." — „O, warum nicht gar?" sagte Schoppe betroffen. Der Lektor — unter die niemals eigenhändigen Menschen gehörig, die alles gern durch die dritte, sechste, fernste Hand nach einer der Fingcrsetzung ähnlichen Hände-Setzung thun — legte seine Bereitwilligkeit, ihn bei Linda cinzusnhren, und ihr Vermögen, in dieser „cpineuscn Affaire" zu wirken, dem Nach- dcnker näher vor. Schoppe fuhr ungemein hin und her — schüttelte oftmals heftig den Kopf und stockte doch plötzlich —- flog und schüttelte noch heftiger — sah mit scharfer Frage den Lektor an — endlich stand er fest — schlug mit beiden Armen nieder und sagte: „Der Donner und das Wetter hole die Welt! Nun „gut, es sei! Ich will vor Sie-Himmel, warum bin „ich denn Ihnen so zu sagen so lächerlich, jetzt gerade mein' „ich?" — Gleichwol hatte der höfliche Lektor das Lächeln der Lippen nur in das Lächeln der Augen versetzt. — Auf Schoppc's Gesicht stand die Wärme und Eile des Selbst- 374 Siegers. Wie Menschen zugleich harthörig unter dem gemeinen Lebens-Getöse scyn können und doch den feinsten musikalischen Lauten offen *): so waren Schoppens innere Ohren verhärtet gegen das Volks-Gcpoltcr des allgemeinen Treibens, aber durstig zogen sie alle weiche, leise Melodien der heiligem Seelen ein. Der Lektor — den Grafen weit herzlicher liebend als dieser ihn — nahm stürmisch den Bibliothekar sogleich mit fort ins Schloß, weil eben jetzt die recht-erlesene Hos-Fericn-Stundc sei, von 4'/„ bis 5'/- Schoppe sagte, er sei dabei. Im Schloß befahl Augusti einem Diener, der ihn verstand, Schoppen ins Spicgelzimmer zn führen. Er that's; brachte Lichter nach; und Schoppe ging langsam mit seinem verdrießlichen Gefolge stummer flinker Spiegel-Urangutangs ans und nieder, seiner Rolle und Zukunft nachrcchncnd. Seltsam fühlt' er sich jetzt betroffen von seinem jungen, frischen Gefühl der bisherigen Freiheit, die er eben snspcndirtc; er erkannte sic an, hielt sic fest, sah sic an, sprach ihr zu: gehe nur ein wenig fort, rette' Ihn und dann komme wieder! — Seine eigne Vervielfältigung ekelte ihn: „müsset ihr mich stören, ihr Jchs?" sagt'.'cr, und er legte sich's nun vor, wie er stehe vor der reichsten, hcllcstcn Minute und feinsten Gold- wagc seines Daseyns, wie ein Grab und ein großes Leben liege aus dieser Wage, und wie sein Ich ihm schwinden müsse wie die nachgcmachtcn gläsernen Jchs umher. —-Plötzlich flog ihn eine Freude an, nicht über den Werth seines Entschlusses, soudcrn über die Gelegenheit dazu. Endlich gingen nahe Thürcn aus und dann die nächste. — ') Z. B. der Kapellmeister Naumann. 375 Da trat mit noch halb zurückgcwandtcm Kopse eine große Gestalt herein, ganz in lange schwarze Seide eingehüllt. Wie ein entzückter Mond auf hohen Laubgipscln, stand ans der seidncn dunkeln Wolke ein üppig-blühender schmuckloser Kopf voll Leben vor ihm, mit schwarzen Augen voll Blitze, mit dunkeln Rosen auf dem blendenden Gesicht und mit einer thronenden Schnee-Stirn unter dem braunen Locken-Ucbcrhang. — — Schoppen war, da sic ihn ansah, als liege sein Leben im vollen Sonnenschein, und er fühlte ängstlich, daß er sehr nahe an der Königin der Seelen stehe. „H. v. Augusti (fing sie „ernst an) hat mir gesagt, daß Sie eine Bitte für Ihren kran- „kcn Freund in meine Hände geben wollen. Sagen Sie mir „solche klar und frei, ich werde Ihnen gern und bestimmt und „offen antworten." Alle Rollen-Erinnerungen waren in ihm zu Boden gesunken und aufgelöst; aber der große Schutzgeist, der unsichtbar neben seinem Leben flog, stürzte sich mit feurigen Flügeln in sein Herz und begeistert antwortete er: „Auch ich!—Mein „Albano ist tödtlich krank — er ist im Fieber seit gestern „Abends — er liebte das verstorbene Fräulein Liane — er „ist aus die Greisgcicr-Schwinge des Fiebers gebunden und „wird hin und her gerissen — er stürzt bei jedem Glockcn- „Ausklang ans die Kniee und betet, dicht an der Glntscite der „Phantasie liegend, immer heißer: erscheine mir und gib mir „Frieden — er steht aufrecht und angckleidet aus dem hohen „Scheiterhaufen der phantastischen Kreis-Flammen und lechzet „und brät und dorret sehr aus und krümmt sich nieder, wie „ich wol sehe. . . ." „0, llnisses ckonc! (sagte die Gräfin, welche den Venus- 376 „Kopf schaudernd zurückgcbogcn und langsam geschüttelt hatte) „Fürchterlich! — Ihre Bitte!" „Nur die Prinzessin Jdoinc (sprach er zu sich kommend) „kann sie erfüllen und Ihn erretten, wenn sic Ihm erscheint „und Ihm Frieden znsagt, da sie eine so nahe Ass — Kos „— *) Kopie und Nebensonne von der Verstorbnen sehn soll." — „Ist das Ihre Bitte?" sagte die Gräfin. „Meine größte" sagte Schoppe. „Hat Sic sein Vater hcrgeschickt?" sagte sic. „Nein, ich (sagt' er); der Vater, damit ich klar und frei und „bestimmt sei, will cs nicht." — „Sind Sie nicht der Maler des niesenden Selbst-Por- „traits?" fragte sic. Er verbeugte sich und sagte: „ganz gewiß!" Als sie ihm geantwortet, in einer Stunde hör' er die Entscheidung, machte sie ihm eine kurze achtende Abschicdsvcr- bengnng -— und die einfache, edle Gestalt verließ ihn mitten in seinem trunkncn Nachschaucn; und er war unwillig, daß die kindischen Spiegel umher der einzigen Göttin so viele Nachschatten nachzuschickcn wagten. Zn Hause fand er zwar den Wahnsinnigen, dessen Ohren allein nur in der Wirklichkeit fortlcbten, wieder auf den Knicen vor dem sechsten Glockcnschlage; aber seine Hoffnung blühte jetzt unter einem warmen Himmel. — Nach einer Stunde erschien der Lektor und sagte mit bedeutend-froher Miene: es gehe recht gut, er hole einen Ausspruch des Arztes über die Krankheit und dann entscheid' es sich darnach. H. v. Augusti gab ihm mit hosmännischcr Ausführlichkeit den bestimmtcrn Bericht: die Gräfin flog zur Fürstin, deren Achtung für den künftigen Reisegefährten sic kannte, und sagte ') Er wollte Assonanz und Kosekante sagen. 377 ihr, sic würd' cs in Jdoincns Falle ohne Bedenken thun. — Die Fürstin bedachte sich ziemlich und sagte, hierüber könne nur ihre Schwester entscheiden — Beide eilten zu ihr, malten ihr alles vor, und Jdoine fragte erschrocken, was sie sür ihre Ähnlichkeit und ihre wohlwollende Reise könne, daß man sie so tief in solche phantastische Verwicklungen ziehen wolle. — In dieser Sekunde trat Julienne blaß herzu und sagte, sic habe schon seit dem Morgen Nachricht davon, das Erscheinen sei einer so guten Seele Pflicht. — Da antwortete Jdoine sich und alles bedenkend und mit Würde: es sei gar nicht das Ungewöhnliche und Unschickliche, was sie schrecke, sondern das Unwahre und Unwürdige, da sie mit dem heiligen Namen einer abgeschiednen Seele und mit einer flachen Ähnlichkeit einen Kranken belügen solle. — Die Gräfin sagte, sie wisse darauf keine Antwort und doch sei ihr Gefühl nicht dagegen — Alle schwiegen verlegen. — Die gewissenhafte Jdoine war im weichsten Herzen bewegt, das unter dem Gewichte einer solchen Entscheidung über ein Leben zitternd erlag. — Endlich sagte Linda mit ihrem Scharfsinn: es wird aber doch eigentlich kein moralischer Mensch getauscht, sondern ein Schlafender, ein Träumer, und Einbildung und Lüge soll ja an ihm nicht bestärkt, sondern besiegt werden. — Julienne nahm Jdoinen mit sich, um ihr den Jüngling, den sie so wenig wie Linda gesehen, wahrscheinlich näher zu malen. — Bald darauf kam Jdoine mit dem Ausspruche zurück: „Wenn der Arzt ein Zcugniß gibt, daß ein Menschcn- Lcbcn daran hänge: so muß ich mein Gefühl besiegen. Gott weiß es (setzte sic bewegt dazu), daß ich cs eben so willig thuc als unterlasse, wenn ich nur erst weiß, was recht ist. Es ist meine erste Unwahrheit." 378 Der Lektor eilte von Schoppe zum Doktor, um von ihm unter vielen Wendungen gerade das schicklichste Zeugniß mit- znnehmc». Schoppe wartete lange und ängstlich — nach 7 Uhr kam ein Blatt von Augusti: „Halten Sie Sich bereit, Punkt 8 Uhr kommt die bewußte Person!" — Sogleich ließ er, um die Ficbcrangcn zu schonen, im Krankenzimmer statt der Wachslichter die magische Hängc-Lampe aus Beinglas brennen. Den kranken Jüngling zündete er mit Geschichten von Wicdcrgckommcncn noch stärker an, und ricth ihm, mit langen Feuer-Gebeten vor der scstcn Todcspsortc zu kniccn, damit Ihr milder, barmherziger Geist sie aufrciße und ihn aus der Schwelle heilend berühre. Kurz vor acht Uhr kamen in Sänften die Fürstin und ihre Schwester. Schoppe wurde selber schaudernd von dieser auscrstandnen Liane ergriffen. Mit funkelndem Auge und versperrtem Munde führt' er die schönen Schwestern in die Kulisse, auf deren Bühne draußen sie schon den Jüngling beten hörten. Aber Jdoincns zarte Glieder zitterten vor der ungeübten Rolle, worin ihr wahrhafter Geist sich verläugncn sollte; sie weinte darüber und der fromme schöne Mund war voll stummer Seufzer; oft mußte die Schwester sic umarmen,, um ihr Muth zu machen. Die Glocke schlug — sürchtcrlich-hciß flehte der Wahnsinnige drinnen um Frieden — die Zunge der Stunde gebot — Jdoine schickte einen Blick als Gebet zu Gott. — Schoppe öffnete langsam die Thüre.- Drinnen knieete mit gen Himmel gehobnen Armen und Augen ein schöner in der magischen Dunkelheit blühender Göt- 379 tersohn im eisernen Zauberkrcise des finstern Wahnsinns und ries nur noch: o Frieden, Frieden! — Da trat die Jungfrau begeistert wie von Gott gesandt hinein; weißgekleidet wie die Verstorbne im Traumtcmpel und ans der Bahre, mit dem langen Schleier an der Seite, aber höher gestaltet, weniger rosen- farb, und mit einem schärfcrn, Hellern Sternenlicht im blauen Aether des Auges, und ähnlicher der Liane unter den Seligen und erhaben als komme sie als ein verjüngter Frühling von den Sternen wieder, so trat sic vor ihn — sein greifender Flammenblick erschreckte sie—leise und wankend stammelte sie: „Albano, habe Frieden!" — „Liane?" stöhnte seine ganze Brust, und seine weinenden Augen bedeckte er darnicdcrsiukeud. „Frieden!" rief sie stärker und mnthigcr, weil sie nicht mehr sein Auge traf und irrte; und sie entwich, wie ein überirdischer Geist die Menschen wieder verkästet. Die Schwestern schieden still und voll hoher Erinnerung und Gegenwart. Schoppe fand ihn noch kniecnd, aber entzückt dahin-blickend, ähnlich einem im Sturm erkrankten Schiffer auf den tropischen Meeren, der nach langem Schlaf an einem stillen rosenrotsten Abend die Augen anfschlägt vor dem brennenden Untergang der Sonne — und die schlagende Wellen-Bahn wallet als ein Rosen- und Flammcnbcct in die Sonne, und das sprühende Gewölk zerspringt in stumme Feuerkugeln — und die fernen Schiffe schweben hoch im Abendroth und schwimmen fern über den Wogen. — So war es dem Jüngling. „Ich habe nun meinen Frieden, guter Schoppe (sagt' ersauft), und uun will ich in Ruhe schlafen." Verklärt, aber blaß stand er aus, legte sich auf das Bette und in wenig Mi- 380 nuten sank das matte, so lange im heißen Fieber-Sande watende Gcmüth auf die frische, grüne Rasenbank des Schlummers nieder. Fünf und zwanzigste Jobelperiode. Der Traum — die Reise. 99. Z y k e l. (§pät fuhr der Vließ-Ritter an. Schoppe zeigte ihm erfreuet das schlafende Gesicht, dessen Roscnknospen wie in feuchter warmer Nacht aufzubrcchen schienen. Der Ritter zeigte sich sehr erheitert darüber, und noch mehr der spät nachschancnde D. Sphex. Dieser fand den Puls nicht nur voll, auch langsam und auf dem Wege zu noch mehr Ruhe; er führte zugleich Olinucleson und mehrere offizincllc Beispiele an, daß große Geistes-Leiden sich durch das Opium von innen, die Schlafsucht, sehr glücklich gehoben hätten. Zuletzt machte Schoppe den Vater mit Jdoincns ganzer Kurmethode bekannt. Stolz versetzte Gaspard: „Sie wußten aber meine Meinung noch, H. Bibliothekar?" — „Gewiß, aber auch meine" sagte erbittert der betroffne Schoppe. Der Ritter ließ sich indcß in nichts weiter ein — ganz nach seiner Weise, über sein Ich, könnt' es auch noch so viel dabei gewinnen, nie nur das kleinste Licht zu geben — sondern ertheilte dem Freunde ein sehr kaltes Zeichen zum Zurückzug. 381 Den Morgen daraus fand Schoppe seinen Geliebten noch in der Seelen-Wiegc des Schlafes. Wie er sproßte und blühte! — Wie der Athen, der entfetteten Brust sich nun gleich einem freien Menschen nur langsam, aber stark bewegte! — Jndeß hielt Gaspards gepackter Wagen, der den Jüngling nach Italien rollen sollte, schon am Morgen mit schnaubenden, scharrenden Pferden vor der Thür, und der Ritter erwartete jede Minute das Aufwachen und — Einsitzcn. Der Arzt kam auch — pries Krisis uud Puls — fügte bei, der Weinsteinrahm (den er mit verschrieben) sei der Lc- bcns-Nahm — und sagte dem Vater geradezu ins Gesicht, als dieser den Jüngling wecken wollte zur Abfahrt, „er habe in seiner Praxis noch niemand gekannt, der so wenig von kritischen Punkten gewußt wie er; jeder Wecker sei hier ein Mörder, und er verbiete cs recht ausdrücklich als Arzt." —- Von Stunde zu Stunde wurde Schoppe gegen den Vater unwilliger; er dankte — wenn er des Ritters abspülcndcs Ein- und Auströmcn an dieses fruchttragende Eiland bedachte — jetzt Gott, daß Albano nicht nur die Hitze, sondern auch die Härte eines Felsen hatte. Der Ehre- uud Kunst-Licbcndc Sphex bewachte wie eine drohende Aeskulaps-Schlange das Kopfkissen nnd wurde heiterer — Schoppe verblieb da, gefasset gegen jede Härte. — Der Ritter nahm in des Sohnes Namen von jedem Abschied und trieb weiche Herzen nach Hause; denn die Pflegemutter Albinc und andere dursten den Schlafenden nicht einmal sehen — weil ihm Thränen ein verdrießlicher kalter Staubregen waren. — Die Fürstin und ihr Gefolge fuhr schon mit den bunten Wimpeln der Hoffnung auf dem Wege nach dem glänzenden Italien. — Jean Paul's auSgcw. Werle. X I. 25 382 Der Abend wurde min unwiderruflich zur Abfahrt eingesetzt, zumal da in der Nacht die entschlummerte Liane in das Schlafgcmach geführct werden sollte, das die Menschen nicht wieder öffnen. Den blühenden Endymion überdeckte schon Lächeln und Freudcn-Glanz als ein verlaufender Morgenstern seines wachen Tags. Seine Seele ging lächelnd in der funkelnden Hoble der unterirdischen Schätze umher, die der Geist des Traums aufsperrt; iudcß das gemeine Auge des Wachens blind vor dem nahen von Schlaf ummauerten Geister-Eldorado stand. Endlich öffnete ein unbekanntes Wonne-Uebcrmaß Albano's Auge — der Jüngling erstand sogleich mit Kraft — warf sich mit der Entzückung der ersten Erkennung dem Vater an die Brust — und schien im ersten, träumerischen Rausche sich des vorbcigezogncn Gewitters hinter seinem Rücken nicht zu erinnern, sondern nur des seligen Traums — und erzählte trunken diesen: „Ich fuhr in einem weißen Kahn ans einem finstern Strom, der zwischen glatten, hohen Marmorwändcn schoß. An meine einsame Welle gekettet flog ich bange im Felsen-Gewinde, in das zuweilen tief ein Donnerkeil cinfuhr. Plötzlich drehte sich der Strom immer breiter und wilder um eine Wendeltreppe herum und hinab. — Da lag ein weites, plattes, graues Land um mich, das die Sonnen-Sichel mit einem eklen, erdfahlen Licht begoß. — Weit von mir stand ein untereinander gekrümmter Lethe-Fluß und kroch um sich selber herum. — Aus einem unübcrschlichen Stoppelselde schossen unzählige Walkyrcn*) auf Spinncnsädcn pfeilschnell hin und *) Walküren find reizende Jungfrauen, die vor der Schlacht diese weben und die Helden bestimmen, die fallen müssen. 383 ber und sangen: „des Lebens-Schlacht, dic >vebcn wir;" dünn ließen sic einen fliegenden Soimner nach dein andern unsichtbar gen Himmel wallen. Oben zogen große Weltkugeln; ans jeder wohnte ein einziger Mensch, er streckte bittend die Arme nach einem andern ans, der auch ans einer stand nnd hinübcrblicktc; aber die Äugeln liefen mit den Einsiedlern nm dic Sonncnsichcl und die Gebete waren umsonst. — Auch ich sehnte mich. Unendlich weit vor mir ruhte ein auSgcstrcckteS Gebirge, dessen ganzer aus den Wolken ragender Nucken golden und blumig schimmerte. Quälend watete der Kahn in der flachen, trägen Wüste des abgeplatteten Stroms. — Da kam Sandland und der Strom drückte sich durch eine enge Rinne mit meinem zusam- mcngcgnctschtcn Kahne durch. Und neben mir ackerte ein Pflug etwas Langes ans, aber als cs anfstieg, verdeckt' cs ein Bahrtuch — nnd das dunkle Tuch zerfloß wieder in eine schwarze See. Das Gebirge stand viel naher, aber langer nnd höher vor mir und dnrchschnitt dic hohen Sterne mit seinen Pnrpnr- blumcn, über welche ein grünes Lauffeuer hin und her flog. Dic Weltkugeln mit den einzelnen Menschen zogen über das Gebirge hinüber und kamen nicht wieder; nnd das Herz sehnte sich hinaus nnd hinüber. „Ich muß, ich will" rief ich rudernd. Mir schritt ein zorniger 'Niese nach, der die Wellen mit einer scharfen Mondsichel abmähte; über mir lief ein kleines festes Gewitter, aus der znsammcngepreßten Dunstkngel der Erde gemacht, cs hieß dic Giftkugcl des Himmels nnd schmetterte unaufhörlich nieder. Ans dem hohen Gebirge rief eine Blume mich freundlich hinaus; das Gebirge watete der See dämmend entgegen; aber 25 * 384 es rührte mm beinahe an die herüberfliegenden Welten, »nd seine großen Fencrblmncn waren nur als rothe Knospen in den ticsen Acthcr gesaet. Das Wasser kochte — der Riese und die Giftkugcl wurden grimmiger — zwei lange Wolken standen wie aufgezogne Fallbrücken nieder, und aus ihnen rauschte der Regen in Wellen-Sprüngen herab — das Wasser nnd mein Schiffchen stieg, aber nicht genug. „Es geht hier (sagte „der Riese lachend) kein Wassersall herauf!" Da dacht' ich an meinen Tod nnd nannte leise einen frommen Namen.-Plötzlich schwamm hoch im Himmel eine weiße Welt unter einem Schleier her, eine einzige glänzende Thränc sank vom Himmel in das Meer und cs brauste hoch auf — alle Wellen flatterten mit Floßsedcrn, meinem Schiff- lei» wuchsen breite Flügel, die weiße Welt ging über mich, nnd der lange Strom riß sich donnernd mit dem Schiffe ans dem Haupte ans seinem trocknen Bette aus nnd stand auf der Quelle nnd im Himmel, nnd das blumige Gebirge neben ihm — und wehend glitt mein Flügel-Schiff durch grünen Noscu- Schcin und durch weiches Tönen eines langen Blumcn-Duftcs in ein glänzendes, unabschlichcs Morgenland.- Welch' ein entzücktes, leichtes, weites Eden! Eine Helle, freudige Morgcnsonne ohne Thränen der Nacht sah von einem Rosenkranz umschwollcn mir entgegen nnd stieg nicht höher. Hinauf und hinab glänzten die Augen hell von Morgcnthan: „die Freudcnthränen der Liebe liegen drunten (sangen oben „die Einsiedler auf den langsam ziehenden Welten) und wir „werden sic auch vergießen." Ich flog an das Ufer, wo der Honig blühte, am andern blühte der Wein; und wie ich ging, folgte mir auf den Wellen hüpfend mein geschmücktes Schiffchen mit breiten als Segel aufgeblähten Blumen nach — ich ging in hohe Blütcnwäldcr, wo der Mittag nnd die Nacht 385 nebeneinander wohnten, nnd in grüne Thäler roll Blumcn- Dämmcrnngen und aus Helle Höhen, wo blaue Tage wohnten, nnd flog wieder herab ins blühende Schiff, und cs floß tief in Wcllcn-Blitzen über Edelsteine weiter in den Frühling hinein, der Rosensonne zu. Alles zog nach Osten, die Lüfte und die Wellen nnd die Schmetterlinge und die Blumen, welche Flügel hatten, und die Welten oben; und ihre Riesen sangen herab: „wir schauen hinunter, wir ziehen hinunter, ins Land „der Liebe, ins goldne Land." Da erblickt' ich in den Wellen mein Angesicht, und cs war ein jungfräuliches voll hoher Entzückung und Liebe. Und der Bach floß mit mir bald durch Waizen-Wälder — bald durch eine kleine duftige Nacht, wodurch man die Sonne hinter leuchtenden Johanniswürmchen sah — bald durch eine Dämmerung, worin eine goldne Nachtigall schlug — bald wölbte die Sonne die Frenden-Thräncn als Regenbogen auf, nnd ich schiffte durch, und hinter mir legten sie sich wieder als Thau brennend nieder. Ich kam der Sonne näher und sic stand schon im Aehrcn-Kranz; „es ist schon Mittag," sangen die Einsiedler über mir. Träge, wie Bienen über Honigflnrcn, schwammen im finstern Blau die Welten gedrängt über dem göttlichen Lande -— vom Gebirge bog sich eine Milchstraße herüber, die sich in die Sonne senkte — Helle Länder rollten sich ans — Licht- Harfen, mit Strecken bezogen, klangen im Feuer — Ein Dreiklang ans drei Donnern erschütterte das Land, ein klingender Gewitterregen ans Glanz und Thau füllte dämmernd das weite Eden — Er vertropstc wie eine weinende Entzückung — Hir- tcnlicder flogen durch die reine, blaue Luft und noch einige Roscnwölkchen aus dem Gewitter tanzten nach den Tönen. — Da blickte weich die nahe Morgcnsonnc ans einem blassen Li- 386 licnkranze, und dic Einsiedler sangen oben: „o Seligkeit, o „Seligkeit, der Abend blüht." Es wurde still nnd dämmernd. An der Sonne hielten die Welten nmhcr still nnd nmrangen sic mit ihren schönen Riesen, der menschlichen Gestalt ähnlich, aber höher nnd heiliger; wie ans der Erde dic edle Menschengestalt in der finstern Spiegel-Kette der Thierc hinabkriccht: so flog sic droben hinaus an reine», Hellen, freien Göttern von Gott gesandt — Die Welten berührten dic Sonne nnd zerflossen auf ihr — auch die Sonne zerging, um in das Land der Liebe hcrabznflicficn, nnd wurde ein wehender Glanz — Da streckten dic schönen Götter nnd die schönen Göttinnen gegeneinander dic Arme ans und berührten sich, vor Liebe bebend; aber wie wogende Saiten vergingen sie Freude-zitternd dem Auge, nnd ihr Dascyn wurde nur eine unsichtbare Melodie nnd cs sangen sich die Töne: „ich bin bei dir nnd „bin bei Gott" —Und andere sangen: „dic Sonne warGott!" — Da schimmerte das goldne Gefilde von unzähligen Fren- denthränen, die unter der unsichtbaren Umarmung nicdcrgc- fallen waren; die Ewigkeit wurde still nnd die Lüste ruhten nnd nur das fortwchendc Nosenlicht der aufgelösten Sonne bewegte sanft dic nassen Blumen. Ich war allein, blickte umher, nnd das einsame Herz sehnte sich sterbend nach einem Sterbe». Da zog an der Milchstraße dic weiße Welt mit dem Schleier langsam herauf — wie ein sanfter Mond schimmerte sic noch ein wenig, dann ließ sic sich vom Himmel nieder auf das heilige Land nnd zerrann am Boden hin; nur der hohe Schleier blieb —Dann zog sich der Schleier in den Aethcr zurück, nnd eine erhabene, göttliche Inngfran, groß wie dic andern Göttinnen, stand auf der Erde nnd im Himmel; aller Noscnglanz der wehenden Sonne sammelte sich an ihr nnd sic brannte, in Abendrots' gekleidet. Alle 387 unsichtbaren Stimmen redeten sie an und fragten: „wer ist „der Vater der Menschen und ihre Mntter und ihr Bruder „und ihre Schwester und ihr Geliebter und ihre Geliebte und „ihr Freund?" Die Jungfrau hob fest das blaue Auge auf und sagte: „Gott ist's!" — Und darauf blickte sie mich aus dem hohen Glanze zärtlich au und sagte: „Du kennst mick „nicht, Albauo, denn du lebst noch." — „Unbekannte Jungfrau (sagt' ich), ich schaue mit den Schmerzen einer Liebe „ohne Maß in dein erhabenes Angesicht, ich habe dich gewiß „gekannt — nenne deinen Namen." — „Wenn ich ihn nenne, so erwachst du" sagte sie. „Nenn' ihn," ries ick. — Sie antwortete und ich erwachte." 100. Z y kc l. „Du kannst doch eine Nacht wachen und fahren?" mit dieser Frage führte ihn der Vater eilig an den reisefertigen Wagen, um ihn noch mitten im warmen Traume mit den ein- gcwiegtcn Erinnerungen zu entführen und um besonders der bleichen Braut vorzusahrcn, die tu dieser Nacht auf demselben Weg in die letzte Erbschaft des Menschen ziehen sollte. „Im Wagen sollst du alles hören," versetzte GaSpard auf des Sohnes sanfte Frage nach dem Ziel. Noch lichttrnnkcn vom glänzenden Lande der Träume gehorchte Albano willig und blind. Er sah noch Lianen tu hoher Göttergcstalt aus dem abend- rothcn von Freuden übcrthanctcn Sonnenboden stehen, und sein Auge voll Glanz reichte nicht herunter in den Erden- Keller auf die abgcworfne enge Puppen-Hülse der befrcicten, fliegenden Psyche. Schoppe begleitete ihn an den Fackel-Wagen, aber verschwiegen, um nicht sein Herz durch eine Nachrickt seines Zic- 388 les zu wecken; er drückte dem geliebten schönen Jüngling feurig die wiederdrückende Hand nnd sagte nichts als: „wir sehen nns wieder, Bruder!" Daraus trat er, keines abschicdnehmen- dcn Blickes vom herrischen Vater gewürdigt, bewegt von seinem warm nachgrüßcnden Freunde zurück; und fliegend rollte der Wagen mit znrückwchendcn Fackeln in die Helle, hohe Stcrncn- nacht hinaus. Neu nnd ernst breitete sich Vor dem Genesenen die dämmernde Schöpfung ans. Der Saturn ging eben ans und der Gott der Zeit reihte sich als ein sanfter blitzender Juwel in den schimmernden Zaubergürtel des Himmels. Mit zugebund- nen Augen wurde der unwissende Jüngling von der Senne seiner Jugend hcrabgcsührt, nnd aus dem Hirtenthale seiner ersten Liebe hinweg, und den großen, ewigen Sternbildern der Kunst entgegen und in das göttliche Land, wo der dunkle Acther des Himmels golden nnd die hohen Ruinen der Erde anmnthig nnd die Nächte Tage sind. Kein Auge schauete aus die Blumenbühler Höhe hinüber, von der eben jetzt ein schwarzes Wagengesolgc langsam mit aufrecht-brennenden Traner- sackeln wie ein ziehendes Schattenreich herunter ging, um das stille gute Herz, worin Albano und Gott gelebt, mit seinen tobten Wunden an den sanften Ort der Ruhe zu führen. Flammend rollte der Fackel-Wagen die Bergstraße nach Italien hinan. Thräncntos nnd weit ruhte Albano's Auge am schimmernden, unaufhörlich gehenden Schöpfrad der Zeit, das ewig Sternbilder in Morgen einschöpfte und in Westen ausgoß; und seine kindliche Hand faßte leise die väterliche. Ende des dritten Bandes.