No. 30. Mißpickel aus Sachsen
Gespräch über den Adel.
Der Notar verlor jeden Tag seinen Bruder einmal. Erkonnte dessen Verschwinden nicht fassen; die Sonncnfinsternißdes Schmollgeistes war ihm eine unsichtbare. Bald hielt erihn für ersoffen— bald für verreiset — bald für entlausen —bald für beglückt durch ein seltenes Abenteuer. Er suchte denzweimal besiegelten Brief mit der Unsichtbarkeit zu kombini-ren und rechnete einige Hoffnung heraus. Immer macht' erdie Betrachtung, wie wenig auch die besten Gewinn- undVerlust-Rechnungen von der Zukunft in der dunkeln Nechen-kammer, die uns verhangen ist, bestätigt werden! Welchefreudige glänzende Bilder hatt' er sich nicht schon weit inseine Zukunft hineingestcllt, welche Bilder davon, wie er mitseinem Bruder in täglicher Auswechselung wachsender Empfin-dungen und Ideen und Bekanntschaften leben und mit weni-gen Freimäucrer - Zeichen der Verwandtschaft den Grafen inden feurigen Bund hinein ziehen werde, indeß aus allennichts wurde, als die gedachte Betrachtung! — Aber schonbei dem peloponnesischen Kriege — und überhaupt in derGeschichte der Völker sowol als seines Lebens —- hatt' erzuerst bemerkt, daß in der Geschichte — was sie einem allesmotivirenden Dichter der Einheit ordentlich zum Ekel macht —so unendlich wenig Systematisches in Leid oder Freude vor-falle, und daß man eben darum bei der falschen Voraussetzungeiner trüben oder lichten Konsequenz seine oder fremdeZukunft so schlecht errathe; denn überall werden im histori-