Jean Paul's ausgewählte Werke. Dreizehnter Band. Derlin, Druck und Verlag von G. Reimer. 1 8 4 8 . Inhalt des dreizehnten Bandes. Flegcljahre. Erstes und zweites Bändchen. Erstes Bändchen. ( Seite I^ro. 1. Bleiglanz. Testament — das Wcinhaus. 3 IXro. 2. Katzensilber aus Thüringen. I. P. F. Rs Brief an den Stadtrath. 18 3. Terra miraeulosa öaxoniae. Die Akzcs- sit-Erben — der schwedische Pfarrer .... 23 I^ro. 4. Mammuthsknochen aus Astrakan. Das Zauberprisma. 32 ^i-o. 5. Vogtländischer Marmor mit mäusefahlen Adern» Vorgeschichte. 36 ^ro. 6. Kupfernickel. Quod Deus Vultiana . . . 47 ^ro. 7. Violenstein. Kindheitsdörfchen — der große Mann. 52 ^ro. 8. Koboldblüte. Das Notariats-Eramcn . . 61 j^ro. 9. Schwefelblumen. Streckvcrse. 70 ?'ro. 13. Berliner Marmor mit glänzenden Flecken Ver- und Erkennung. 95 14. Modell eines Hebammcnstuhls. Projekt der Aether-Mühle — der Zauberabend . . . 103 Seite I^ro. 15. Riesenmuschel. Die Stadt—- eliLinbre xarnle 118 I^ro. 16. Bergguhr. Sonntag eines Dichters . . . 134 I^ro. 17. Nosenholz. Nosenthal.145 Zweites Bändchen. I^ro. 18. Echinit. Der Schmollgeist.161 Nro. 19. Mergelstein. Sommers-Zeit —KlotharS Jagd 172 iXro. 20. Zeder von Libanon. Das Klaoierstimmen 183 I^ro. 21. Das Großmaul oder ^v^dmonder. Aussichten.194 I^ro. 22. Sassafras» Peter Neupeters Wiegenfest . . 198 I^ro. 23. 6onA6rie8 von mäusefahlen Katzenschwänzen. Tischreden Klothars und Glänzens... 2VS IVro. 24. Glanzkohle. Der Park — der Brief ... 218 25. Smaragdfluß. Musik der Musik . . . . . 225 IXro. 26. Ein seiner Pektunkulus und Turbinite. Das zcrtirende Konzert.236 iVro. 27. Spathdrüse von Schneeberg. Gespräch . 242 i^ro. 28. Seehase. Neue Verhältnisse.249 i»ro. 29. Grobspeisiger Bleiglanz. Schenkung . . 258 iXro. 30. Mißpickel aus Sachsen. Gespräch über den Adel.262 ?§ro. 31. Pillenstein. Das Projekt.280 I^ro. 32. Heller im Straußenmagen. Menschenhaß und Neue. 285 F l e g e l j a h r e. Eine Biographie von Jean Paul. Erstes Bändchen. Jean Paul'« auSgev. Werke, XIII. 1 ^ 0 . 1. B l e i g l a n z. Testament — das Weinhaus. (§o lange Haslan eine Residenz ist, wußte man sich nicht zu erinnern, daß man darin auf etwas mit solcher Neugier gewartet hätte— die Geburt des Erbprinzen ausgenommen V- als aus die Eröffnung des Van der Kabelschen Testaments. — Van der Kabel konnte der Haslaucr Krösus — und sein Leben eine Münzbclustigung heißen oder eine Goldwäsche unter einem goldnen Regen oder wie sonst der Witz wollte. Sieben noch lebende weitlänstige Anverwandte von sieben verstorbenen weitläustigen Anverwandten Kabels machten sich zwar einige Hoffnung auf Plätze im Vcrmächtniß, weil der Krösus ihnen geschworen, ihrer da zu gedenken; aber die Hoffnungen blieben zu matt, weil man ihm nicht sonderlich trauen wollte, da er nicht nur so mürrisch-sittlich und uneigennützig überall wirthschaftete — in der Sittlichkeit aber waren die 7 Anverwandten noch Anfänger — sondern auch immer so spöttisch darein griff und mit einem solchen Herzen voll Streiche und Fallstricke, daß sich auf ihn nicht fußen ließ. Das fortstralende Lächeln um seine Schläfe und Wnlstlippen und die höhnische Fistelstimme schwächten den guten Eindruck, den sein edel gebautes Gesicht und ein Paar große Hände, aus denen jeden 1 * Tag Neujahrsgeschcnke und Bencfizkomödien und Graziale fielen, hätten machen können; deswegen gal' das Zug-Gevögel den Mann, diesen lebendigen Vogelbeerbaum, woraus es aß und nistete, sür eine heimliche Schncus aus und konnte die sichtbaren Beeren Vor unsichtbaren Haarschlingcn kaum sehen.) Zwischen zwei Schlagflüssen hatt' er sein Testament aufgesetzt und dem Magistrate anvertraut. Noch als er den De- posizionsschein den 7 Präsumtiverben halbsterbend übergab, sagt' er mit altem Tone: er wolle nicht hoffen, daß dieses Zeichen seines Ablebens gesetzte Männer Niederschlage, die er sich viel lieber als lachende Erben denke, denn als weinende; (und nur einer davon, der kalte Ironiker, der Polizei-Inspektor Harprecht erwiederte dem warmen: ihr sämmtlicher Antheil an einem solchen Verluste stehe wol uicht in ihrer Gewalt.^) Endlich erschienen die 7 Erben mit ihrem Deposizions- schein auf dem Rathhause, namentlich der Kirchenrath Glanz, der Polizei-Inspektor, der Hofagent Neupeter, der Hoffiskal Knol, der Buchhändler Pasvogcl, der Frühprediger Flachs und Flitte aus Elsaß. Sie drangen bei dem Magistrate auf die vom sel. Kabel insinuirte Charte und die Oeffnung des Testaments ordentlich und geziemend. Der Oberexekutor des letztem war der regierende Bürgermeister selber, die Unter- Exekutores der restirendc Stadtrath. Sofort wurden Charte und Testament aus der Rathskammcr vorgcholt in die Rathsstube — sämmtlichen Raths- und Erbherrn herumgezeigt, damit sie das darauf gedruckte Stadtsekret besähen — die auf die Charte geschriebene Jnfinuazionsregistratur vom Stadtschreiber den 7 Erben laut vorgelcsen, und ihnen dadurch bekannt gemacht, daß der Selige die Charte dem Magistrate wirklich inflnuirt und scrinio rei pullliens anVcrtraut, und 5 daß er am Tage der Jnsinuazion noch vernünftig gewesen — endlich wurden die sieden Siegel, die er selber daraus gesetzt, ganz befunden. Jetzt konnte das Testament — nachdem der Stadtschrcibcr wieder über dieses alles eine kurze Registratur abgefasset —- in Gottes Namen ausgemacht und vom regierenden Bürgermeister so vorgelesen werden, wie folgt: Ich Van der Kabel testire 179* den 7. Mai hier in meinem Hause in Haslau^in der Hundsgasse)ohne viele Millionen Worte, ob ich gleich ein deutscher Notarius und ein holländischer Domins gewesen. (Doch, glaub" ich, werd' ich in der Notariatskunst noch so zu Hause seyu, daß ich als ordentlicher Testator und Erblasser austreten kann. Testatoren stellen die bewegenden Ursachen ihrer Testamente voran. Diese sind bei mir, wie gewöhnlich, der selige Hintritt und die Verlaffenschaft, welche von vielen gewünscht wird, lieber Begraben und dergleichen zu reden, ist zu weich und dumm.(Das aber, als was ich übrig bleibe, setze die ewige Sonne droben in einen ihrer grünen Frühlinge, in keinen düstcrn Winter. Die milden Gestiste, nach denen Notaricn zu fragen haben, mach" ich so, daß ich für drei tausend hiesige Stadtarme jeder Stände eben so viele leichte Gulden aussetze, wofür sie an meinem Todes-Tage im künftigen Jahre auf der Gemeinhut, wenn nicht grade das Revüc-Lager da steht, ihres auf- schlagen und beziehen, das Geld froh verspeisen, und dann in die Zelte sich kleiden können. Auch vermach' ich allen Schulmeistern unscrs Fürstenthnms, dem Mann einen Augustd'or, so wie hiesiger Jndcnschaft meinen Kirchcnstand in der Hofkirche. Da ich mein Testament in Klauseln eingethcilt haben will, so ist diese die erste. 6 2te Klausel. Allgemein wird Erbsatzung und Enterbung unter die wesentlichsten Tcstamentsstücke gezahlt. Dem zu Folge vermach' ich denn dem Hrn. Kirchenrath Glanz, dem Hrn. Hoffiskal Knol, dem Hrn. Hofagent Peter Ncupeter, dem Hrn. Polizei-Inspektor Harprecht, dem Hrn. Frühprediger Flachs und dem Hrn. Hofbuchhändler Pasvogel und Hrn. Flitten vor der Hand nichts, weniger weil ihnen als den weitläuftig- sten Anverwandten keine Uliellinnicu gebührt, oder weil die meisten selber genug zu vererben haben, als weil ich aus ihrem eigenen Munde weist, daß sie meine geringe Person lieber haben als mein großes Vermögen, bei welcher ich sie denn lasse, so wenig auch an ihr zu holen ist.- Sieben lange Geflchtslängen fuhren hier wie Siebenschläfer aus. Am meisten fand sich der Kirchenrath, ein noch jnnger, aber durch gesprochene und gedruckte Kanzelreden in ganz Deutschland berühmter Mann, durch solche Stiche beleidigt — dem Elsässer Flitte entging im Scssionszimmer ein leicht geschnalzter Fluch — Flachsen, dem Frühprediger, wuchs das Kinn zn einem Bart abwärts — mehrere leise Stoßnach- ruse an den seligen Kabel, mit Namen Schubjack, Narr, Unchrist u. s. w., konnte der Stadtrath hören. Aber der regierende Bürgermeister Kuhnold winkte mit der Hand, der Hoffiskal und der Buchhändler spannten alle Spring- und Schlagfedern an ihren Gesichtern wie an Fallen wieder an, und jener las fort, obwol mit erzwungenem Ernste. 7 3te Klausel. Ausgenommen gegenwärtiges Haus in der Hundsgasse, als welches nach dieser meiner dritten Klausel ganz so, wie es steht und geht, demjenigen von meinen sieben genannten Hrn. Anverwandten anfallen und zugehörcn soll, welcher in einer halben Stunde (von der Vorlesung der Klausel an gerechnet) früher als die übrigen sechs Nebenbuhler eine oder ein paar Thränen über mich, seinen dahin gegangenen Onkel, vergießen kann^vor einem löblichen Magistrate, der es proto- kollirt. Bleibt aber alles trocken, so muß das Haus gleichfalls dem Universalerben verfallen, den ich sogleich nennen werde. — Hier machte der Bürgermeister das Testament zu, merkte an, die Bedingung sei wol ungewöhnlich, aber doch nicht gesetzwidrig, sondern das Gericht müsse dem ersten, der weine, das Haus zusprcchen, legte seine Uhr aus den Sessionstisch, welche auf 11'/, Uhr zeigte, und setzte sich ruhig nieder, nm als Testamentsvollstrecker so gut wie das ganze Gericht auf- znmerken, wer zuerst die begehrten Thränen über den Testator vergösse. — Daß es, so lange die Erde geht und steht, je auf ihr einen betrübter» und krausern Kongreß gegeben, als diesen von sieben gleichsam zum Weinen vereinigten trocknen Provinzen, kann wol ohne Parteilichkeit nicht angenommen werden. Anfangs wurde noch kostbare Minuten hindurch blos verwirrt gestaunt und gelächelt, der Kongreß sah sich zu plötzlich in jenen Hund umgesctzt, dem mitten im zornigsten Losrennen der Feind zurief: wart' auf! — und der plötzlich auf die Hinterfüße stieg und zähneblökend auswartcte — vom 8 Verwünschen wurde man zn schnell ins Beweinen cmpor- gerissen. An reine Rührung konnte — das sah jeder — keiner denken, so im Galopp an Platzregen, an Jagdtaufe der Augen, doch konnte in 26 Minuten etwas geschehen. Der Kaufmann Neupetcr fragte: ob das nicht ein verfluchter Handel und Narrensposse sei für einen verständigen Mann, und verstand sich zn nichts; doch verspürt' er bei dem Gedanken, daß ihm ein Haus auf Einer Zähre in den Beutel schwimmen könnte, sonderbaren Drüsenreiz und sah wie eine kranke Lerche aus, die man mit einem eingeölten Steck- nadelknopse — das Haus war der Knopf — klystirt.^) Der Hosfiskal Knol verzog sein Gesicht wie ein armer Handwcrksmann, den ein Gesell Sonnabend Abends bei einem Schusterlicht rasirt und radirt; er war fürchterlich erbostet (auf den Mistbrauch des Titels von Testamenten^ und nahe genug an Thränen des Grimms. Der listige Buchhändler Pasvogel machte sich sogleich still an die Sache selber und durchging flüchtig alles Rührende, was er thcils im Verlage hatte, theils in Kommission; und hoffte etwas zu brauen; noch sah er dabei ans wie ein Hund, der das Brechmittel, das ihm der Pariser^Hundarzk Demet auf die Nase gestrichen, langsam ablcckt; es war durchaus Zeit erforderlich zum Effekt. Flittc aus Elsaß tanzte grade zu im Sessionszimmer, besah lachend alle Ernste, und schwur, er sei nicht der Reichste rinter ihnen, aber für ganz Strastburg und Elsaß dazu war' er nicht im Stande, bei einem solchen Spaß zu weinen. — Zuletzt sah ihn der Polizei-Inspektor Harprecht sehr bedeutend an, und versicherte: falls ükoaoieur etwan hoffe, durch 9 Gelächter aus den sehr bekannten Drüsen, und aus den Mei- bomischen nnd der Karnickel und andern die begehrten Tropfen zu erpressen und sich diebisch mit diesem Fensterschweiß zu beschlagen, so wolle er ihn erinnern, daß er damit so wenig gewinnen könne, als wenn er die Nase schnäuzen und davon profitiren wollte, indem in letztere, wie bekannt, durch den cluetuo Nivalis mehr ans den Augen fließe, als in jeden Kirchenstuhl hinein unter einer Lcichenpredigt. — Aber der Elsässer versicherte, er lache nur zum Spaß, nicht aus crnstcrn Abfichten. Der Inspektor seinerseits, bekannt mit seinem dephleg- mirtcn Herzen, suchte dadurch etwas Passendes in die Augen zu treiben, daß er mit ihnen sehr starr und weit offen blickte. Der Frühprediger Flachs sah aus wie ein reitender Bcttcljude, mit welchem ein Hengst durchgeht; indeß hätt' er mit seinem Herzen, das durch Haus- und Kirchenjammer schon die besten schwülsten Wolken um sich hatte, leicht wie eine Sonne vor elendem Wetter aus der Stelle das nöthigste Wasser aufgezogen, war' ihm nur nicht das herschiffende Flößhaus immer dazwischen gekommen als ein gar zu erfreulicher Anblick und Damm. Der Kirchenrath, der seine Natur kannte aus Neujahrsund Lcichenpredigten, und der gewiß wußte, daß er sich selber zuerst erweiche, sobald er nur an Andere Erweichungsreden halte, stand aus — da er sich und andere so lang am Trockenseile hängen sah — und sagte mit Würde: jeder, der seine gedruckten Werke gelesen, wisse gewiß, daß er ein Herz im Busen trage, das so heilige Zeichen, wie Thränen sind, eher zurück zu drängen, um keinem Ncbenmcnschen damit etwas zu entziehen, als mühsam hervorzureizen nöthig habe aus 10 Nebenabsichten. — „Dieß Herz hat sie schon vergossen, aber heimlich, denn Kabel war ja mein Freund" sagt' er und sah umher. Mit Vergnügen bemerkte er, daß alle noch so trocken da saßen, wie Korkhölzer; besonders jetzt konnten Krokodille, Hirsche, Elephantcn, Hexen, Reben leichter weinen als die Erben, von Glanzen so gestört und grimmig gemacht. Blos Flachsen schlug's heimlich zu; dieser hielt sich Kabels Wohl- thaten und die schlechten Röcke und grauen Haare seiner Zuhörerinnen des Frühgottesdicnstes, den Lazarus mit seinen Hunden und seinen eigenen langen Sarg in der Eile vor, ferner das Köpfen so mancher Menschen, Werthers Leiden, ein kleines Schlachtfeld, und sich selber, wie er sich da so erbärmlich um den Testamcntsartikel in seinen jungen Jahren abquäle und «bringe — noch drei Stöße hatt' er zu thun mit dem Pumpenstiesel, so hatte er sein Wasser und Haus. „O Kabel, mein Kabel — fuhr Glanz fort, fast vor Freude über nahe Traucrthränen weinend — einst wenn neben deine mit Erde bedeckte Brust voll Liebe auch die meinigc zum Vcrmod" — — „Ich glaube, meine verehrtest«: Herren — sagte Flachs, betrübt aufstehcnd und überfließcnd umher sehend — ich weine" — setzte sich darauf nieder und ließ es vergnügter lausen; er war nun ans dem Trocknen; vor den Akzessitaugcn hatt' er Glanzen das Preis-Haus wcggcfischt, den jetzt seine Anstrengung ungemein verdroß, weil er sich ohne Nutzen den halben Appetit weggesprochcn hatte. Die Rührung Flachscns wurde zu Protokoll gebracht und ihm das Haus in der Hundsgasse auf immer zugcschlagen. Der Bürgermeister gönnt' es dem armen Teufel von Herzen; cs war das erstemal im Fürsten- thum Haslau, daß Schul- und Kirchenlehrers Thräneu sich, nicht wie die der Heliadcn in leichten Bernstein, der ein Insekt einschließet, sondern, wie die der Göttin Freia, in Gold verwandelten. Glanz gratulirte Flachsen sehr, und machte ihm froh bemerklich, vielleicht Hab' er selber ihn rühren Helsen. Die übrigen trennten sich durch ihre Scheidung auf dem trocknen Weg von der Flachsischen auf dem nassen sichtbar, blieben aber noch auf das restirendc Testament erpicht. Nun wnrd' es weiter verlesen. 4te Klausel. Von jeher habe ich zu einem Universalerben meiner -4o- tiva — also meines Gartens vor dem Schafthore, meines Wäldleins auf dem Berge und der 11,000 Georgd'or in der Südsechandlung in Berlin, und endlich der beiden Frohn- baucrn im Dorf Elterlein und der dazu gehörigen Grundstücken — sehr viel gefordert, viel leibliche Armuth und geistlichen Neichthum. Endlich habe ich in meiner letzten Krankheit in Elterlein ein solches Subjekt aufgctriebcn. Ich glaubte nicht, daß es in einem Dutzend- und Taschenfürstenthümlein einen blutarmen grundgntcn herzlich-frohen Menschen gebe, der vielleicht unter allen, die je den Menschen geliebt, es am stärksten thnt. Er hat einmal zu mir ein paar Worte gesagt, und zweimal im Dunkeln eine That gethan, daß ich nun auf den Jüngling baue, fast auf ewig. Ja ich weiß, dieses Universalerben thät' ihm sogar wehe, wenn er nicht arme Eltern hätte. Ob er gleich ein juristischer Kandidat ist, so ist er doch kindlich, ohne Falsch, rein, naiv und zart, ordentlich ein frommer Jüngling aus der alten Väterzeit, und hat dreißigmal 12 mehr Kopf, als er denkt. Nur hat er das Böse, daß er erstlich ein etwas elastischer Poet ist, und daß er zweitens, wie viele Staaten von einer Bekanntschaft bei Sittcnanstalten gern das Pulver auf die Kugel lädt, auch am Stundenzeiger schiebt, um den Minutenzeiger zu drehen. Es ist nicht glaublich, daß er je eine Studenten-Mausfalle ausstellen lernt; und wie gewiß ihm ein Rcisckoffer, den man ihm abgeschnitten, auf ewig aus den Händen wäre, erhellet daraus, daß er durchaus nicht zu spezifizircn wüßte, was darin gewesen und wie er ausgesehen. Dieser Universalerbe ist der Schulzen Sohn in Elterlein, Namens Gott Walt Peter Harnisch, ein recht feines, blondes, liebes Bürschchen- * * -i- Die 7 Präsumtiverben wollten fragen und außer sich sehn; aber fic mußten sorthören. 5tc Klausel. Allein er hat Nüsse vorher aufzubeißen. Bekanntlich erbte ich seine Erbschaft selber erst von meinem unvergeßlichen Adoptivvater Van der Kabel in Broeck im Waterland, dem ich fast nichts dafür geben konnte als zwei elende Worte, Friedrich Richter, meinen Namen. Harnisch soll sie wieder erben, wenn er mein Leben, wie folgt, wieder nach- und durchlebt. 6te Klausel. Spaßhaft und leicht mag's dem leichten poetischen Hospes dünken, wenn er hört, daß ich deshalb blos fordere und ver- ordne, er soll — denn alles das lebt' ich eben selber durch, nur länger — weiter nichts thnn als: n) Einen Tag lang Klavierstimmer seyn — ferner I,) Einen Monat lang mein Gärtchen als Obcrgärtner bestellen — ferner c) Ein Vierteljahr Notarius — ferner ll) so lange bei einem Jäger seyn, bis er einen Hasen erlegt, es dauere nun 2 Stunden oder 2 Jahre — e) Er soll als Korrektor 12 Bogen gut durchsehen — 1) Er soll eine Buchhändlerische, Meßwoche mit Hrn. Pas- vogel beziehen, wenn dieser will — g) Er soll bei jedem der Hrn. Akzcssiterbcn eine Woche lang wohnen (der Erbe müßt' es sich denn verbitten) und alle Wünsche des zeitigen Miethsherren, die sich mit der Ehre vertragen, gut erfüllen — I>) Er soll ein paar Wochen lang ans dem Lande Schule halten — endlich i) soll er ein Pfarrer werden; dann erhält er mit der Vo- kazion die Erbschaft. Das find nenn Erbämter. 7 te Klausel. Spaßhaft, sagt' ich in der vorigen, wird ihm das Vorkommen, besonders da ich ihm vcrstatte, meine Lebens-Rollen zu versehen, und z. B. früher die Schnlstube als die Messe zu beziehen — blos mit dem Pfarrer muß er schließen; aber, Freund Harnisch, dem Testament bieg' ich zu jeder Rolle einen versiegelten Regulir-Tarif, genannt die geheimen Artikel, bei, worin ich Euch in den Fällen, wo Ihr das Pulver auf die Kugel ladet, z. B. in Notariatsinstrnmenten, kurz gerade für 14 eben die Fehler, die ich sonst selber begangen, entweder um einen Abzug von der Erbschaft abstrafe, oder mit dem Aufschübe ihrer Auslieferung. Seid klug, Poet, und bedenkt Euren Vater, der so manchem Edelmann im — a —n gleicht, dessen Vermögen wie das eines russischen zwar in Bauern besteht, aber doch nur in einem einzigen, welches er selber ist. Bedenkt Euren Vagabunden Bruder, der vielleicht, eh' Jhr's denkt, aus seinen Wandcrjahrcn mit einem halben Rocke vor Eure Thnre kommen und sagen kann: „Hast du nichts Altes für deinen Bruder? Sich' diese Schuhe an!" — Habt also Einsichten, Universalerbe! 8te Klausel. Den H. Kirchcnrath Glanz und alle bis zu Hrn. Buchhändler Pasvogel und Flitte (inclusive) mach' ich aufmerksam darauf, wie schwer Harnisch die ganze Erbschaft erobern wird, wenn sie auch nichts erwägen als das einzige hier an den Rand genähte Blatt, woraus der Poet flüchtig einen Lieblingswunsch ausgemalt, nämlich den, Pfarrer in Schweden zu werden. (Herr Bürgermeister Kuhnold fragte hier, ob cr's mit lesen solle; aber alle schnappten nach mehreren Klauseln und er fuhr fort:) Meine T. H. Anverwandten fleh' ich daher — wofür ich freilich wenig thue, wenn ich nur zu einiger Erkenntlichkeit ihnen zu gleichen Thcilen hier sowol jährlich zehn Prozent aller Kapitalien als die Nutznießung meines Immobiliarvermögens, wie es auch heiße, so lange znspreche, als besagter Harnisch noch nicht die Erbschaft nach der sechsten Klausel hat antrctcn können solche fleh' ich als ein Christ die Christen an, gleichsam als 7 Weise dem jungen möglichen Universalerben scharf aufzupassen, und ihm nicht den kleinsten Fehltritt, womit er den Aufschub oder Abzug der Erbschaft verschulden mag, unbemerkt nachzusehen, sondern vielmehr jeden gerichtlich zu bescheinigen. Das kann den leichten Poeten vorwärts bringen, und ihn schleifen und abwctzen. Wenn es wahr ist, Ihr heben Verwandten, daß Ihr nur meine Person geliebt, so zeigt es dadurch, daß Ihr das Ebenbild derselben recht schüttelt (den Nutzen hat das Ebenbild), und ordentlich, obwol christlich, chikanirt und vexirt, und sein Regen- und Siebengestirn seid und seine böse Sieben. Muß er recht büßen, nämlich passen, desto ersprießlicher für ihn und für Euch. 9tc Klausel. Ritte der Teufel meinen Universalerben so, daß er die Ehe bräche, so verlor' er die Viertels-Erbschaft — sie fiele den sieben Anverwandten heim; — ein Sechstel aber nur, wenn er ein Mädchen verführte. — Tagreisen und Sitzen im Kerker können nicht zur Erwerbzeit der Erbschaft geschlagen werden, wol aber Liegen auf dem Kranken- und Todtenbettc. lOte Klausel. Stirbt der junge Harnisch innerhalb 20 Jahren, so verfällt die Erbschaft den hiesigen corporidus xiio. Ist er als christlicher Kandidat examinirt und bestanden: so zieht er, bis man ihn vozirt, zehn x. c. mit den übrigen Hrn. Erben, damit er nicht verhungere. 16 Ute Klausel. Harnisch muß an Eidcsstatt geloben, nichts auf die künftige Erbschaft zu borgen. 12te Klausel. Es ist nur mein letzter Wunsch, obwol nicht eben mein letzter Wille, daß, wie ich den Van der Kabelschen Namen, er so den Richterschcn bei Antritt der Erbschaft annehme und fortführe; es kommt aber sehr aus seine Eltern an. 13 te Klausel. Ließe sich ein habiler dazu gesattelter Schriftsteller von Gaben austreiben und gewinnen, der in Bibliotheken wohl gelitten wäre: so soll man dem vcnerabeln Mann den Antrag thnn, die Geschichte und Erwcrbzeit meines möglichen Universalerben und Adoptivsohnes, so gut er kann, zu schreiben. Das wird nicht nur diesem, sondern auch dem Erblasser — weil er auf allen Blättern vorkommt — Ansehen geben. Der treffliche, mir zur Zeit noch unbekannte Historiker aber nehme von mir als schwaches Andenken für jedes Kapitel Eine Nummer aus meinem Kunst- und Naturalienkabinet an. Man soll den Mann reichlich mit Notizen versorgen. 14te Klausel. Schlägt aber Harnisch die ganze Erbschaft aus, so ist's so viel, als hätt^ er zugleich die Ehe gebrochen, und wäre 17 Todes verfahren; und die 9te und lOte Klausel treten mit vollen Kräften ein. 15te Klausel. Zu Exekutoren des Testaments ernenn' ich dieselben hochedlen Personen, denen oblntio testninenti geschehen, indeß ist der regierende Bürgermeister, Hr. Knhnold, der Obervollstrecker. Nur er allein eröffnet stets denjenigen unter den geheimen Artikeln des Regulirtarifs vorher, welcher für das jedesmalige gerade von Harnisch gewählte Erb amt überschrieben ist. — In diesem Tarif ist cs aus das genaueste bestimmt, wie viel Harnischen z. B. für das Notariuswerden beizuschießen ist — denn was hat er? — und wie viel jedem Akzessit-Erben zu geben, der gerade ins Erbamt verwickelt ist, z. B. Hrn. Pas- Vogel für die Buchhändler-Woche, oder für 7tägigen Hauszins. Man wird allgemein zufrieden seyn. 16te Klausel. Folioseite 276 seiner vierten Auflage fordert Volkinnunus ewenckntus von Erblassern die proviclsatin oder „zeitige Für- sehung," so daß ich also in dieser Klausel sestzusctzen habe, daß jeder der sieben Akzessit-Erben oder alle, die mein Testament gerichtlich anzufcchtcn oder zu rumpiren suchen, während des Prozesses keinen Heller Zinsen erhalten, als welche den andern oder — streiten sie alle, dem Universalerben zufließen. 17te und letzte Klausel. Ein jeder Wille darf toll und halb und weder gehauen noch gestochen seyn, nur aber der letzte nicht, sondern dieser Jean Paul's auSgew. Wette. XIII. 2 18 muß, um sich zum zweiten-, dritten-, viertcnmal zu runden, also konzentrisch, wie überall bei den Juristen, zur Llem- oirln salutaris, zur clountio mortis csussn und zur reservatio amdulatoriae voluntatis greisen. So will ich denn hie- mit dazu gegriffen haben, mit kurzen und vorigen Worten. — Weiter brauch' ich mich der Welt nicht aufznthun, vor der mich die nahe Stunde bald zusperren wird. — Sonstiger Fr. Richter, jetziger Van der Kabel. * * So weit das Testament. Alle Formalien des Unter- zeichneus und Untersiegelns re. re. fanden die 7 Erben richtig beobachtet. 2. Katzenftlber aus Thüringen. I. P. F. Ns Brief an den Stadtrath. Der Verfasser dieser Geschichte wurde von der Testaments- exekuzion, besonders vom trefflichen Kuhnold zum Verfasser gewählt. Aus einen solchen ehrenvollen Antrag gab er folgende Antwort. Einem hochedeln Stadtrath oder einer trefflichen Testa- mentsexekuzion die Freude zu malen, daß Sic und die Klausel: Ließe sich eiu habiler, dazu gesattelter Schriftsteller re. mich aus 55,000 zeitigen Autoren zum Geschicht- schrciber eines Harnisch ausgelesen; Ihnen mit bunten Farben das Vergnügen zn schildern, daß ich mit solchen Arbeiten und Mitarbeitern beehrt worden: dazu hatt' ich vorgestern, da ich mit Weib und Kind und allem von Meinungen nach Koburg zog und unzählige Dinge aus- und abzuladcn hatte, ganz natürlich keine Zeit. Ja, kaum war ich znm Stadtthorc und zur Hausthüre hinein, so ging ich wieder heraus aus die Berge, wo eine Menge schöner Gegenden neben- und hintereinander wohnen: „wie oft, sagt' ich droben, wirst du dich nicht künftig auf diesen Thabors verklären?" Hier send' ich dem re. ec. Stadtrath die erste Nummer, Bl ei glanz überschricben, ganz ausgcarbeitet; ich bitte aber die trefflichen Exckutorcn, zu bedenken, daß die künftigen Nummern reicher und feiner ausfallen, und ich mich darin mehr werde zeigen können, als in der ersten, wo ich fast nichts zu machen hatte als die Abschrift der erhaltenen Tcstamcntskopie. Das Katzensilber aus Thüringen habe ganz erhalten; nächstens läuft das Kapitel dafür ein, das aus einer Kopie des gegenwärtigen Briefes, für die Leser, bestehen soll. Ein weder zu barocker, noch zu verbrauchter Titel für das Werk ist auch schon fertig; Flegeljahre ist cs betitelt. . So hat denn die Maschine ihren ordentlichen Mühlengang. Wenn die Van der Kabclsche Kunst- und Naturalicn- sammlnng sieben tausend und zwei hundert und drei Stücke und Nummern stark ist, wie ich aus dem Jnventarium ersehe: so werden wir wol, da der Selige für jedes Stück sein ganzes Kapitel haben will, die Kapitel etwas cinlaufen lassen müssen, weil sonst ein Werk heraus käme, das sich länger ausstrcckte als alle meine opern omnin (inclusive dieses) zusammengenommen. In der gelehrten Welt sind ja alle Kapi- 20 lel erlaubt, Kapitel von Einem Alphabet bis zu Kapiteln von Einer Zeile. Was die Arbeit selber aulangt, so verpfändet sich der Meister einem hochcdeln Stadtrathe dafür, daß er eine liefern will, die man keck jedem Mitmeister, er sei Stadt- oder Frei- uud Gnadenmcister, zu beschauen geben kann, besonders da ich vielleicht mit dem sel. Van der Kabel, sonst Richter, selber verwandt bin. Das Werk — um nur einiges vorauszusagcn — soll alles befassen, was man in Bibliotheken viel zu zerstreut antrifft; denn es soll ein kleiner Supplementband zum Buche der Natur werden und ein Vorbericht und Bogen A. zum Buche der Seligen — Dienstboten, angehenden Knaben und erwachsenen Töchtern wie auch Landmännern und Fürsten werden darin die (üvIIoAin concluitlcn gelesen — Ein 8tzlli8tieuii» liefet das Ganze — Für den Geschmack der fernsten, selber der geschmacklosesten Völker wird darin gesorgt; die Nachwelt soll darin ihre Rechnung nicht mehr finden, als Mit- und Vorwelt. Ich berühre darin die Vaccine — den Buch- und Wollenhandel — die Monatsschriftsteller — Schellings magnetische Metapher oder Doppelsystem — — die neuen Territorialpfähle — die Schwänzclpsennige — die Feldmäuse sammt den Fich- tenraupcn — und Bonaparten — das berühr' ich, freilich flüchtig als Poet. lieber das Weimarsche Theater äußer' ich meine Gedanken, auch über das nicht kleinere der Welt und des Lebens —> Wahrer Scherz und wahre Religion kommen hinein, ob- wol diese jetzt so selten ist, als ein Fluch in Herrenhut oder «in Bart am Hos — Böse Charaktere, so mir der hochedle Rath hoffentlich zu- fertigt, werden tapfer gehandhabt, doch ohne Persönlichkeiten nnd Anzüglichkeiten; denn schwarze Herzen nnd schwarze Augen sind ja — näher in letztere gcsasset — nur braun; und ein Halbgott und ein Halbvieh können sehr gut dieselbe zweite Halste haben, nämlich die menschliche — und darf die Peitsche wol je so dick seyn als die Haut? — Trockne Rezensenten werden ergriffen, und (unter Einschränkung) durch Erinnerungen an ihre goldne Jugend und an so manchen Verlust bis zu Thräncn gerührt, wie man mürbe Reliquien ausstellt, damit es regne — Ucber das siebzehnte Jahrhundert wird frei gesprochen, und über das achtzehnte human, über das neueste wird gedacht, aber sehr frei — Das Schaf, das eine Chrestomathie oder Jean Pauls Geist aus meinen Werken auszog mit den Zähnen, bekommt ans jedem Bande einen Band zu extrahircn in die Hand, so daß besagtes gar keine Auslese, sondern nur eine Abschrift zu machen braucht, sammt den einfältigsten Noten und Präfa- zioncn — Gleich dem Noth- und Hülss-Büchlein muß das Buch Arzneimittel, Rathschläge, Charaktere, Dialogen und Historien liefern, aber so viele, daß cs jenem Noth-Büchlein könnte bei- gebundcn werden als Hülssbuch, als wcitläuftiger Auszug und Anhang, weil jedes Werk der Darstellung so gut aus einem Spiegel in eine Brille muß umzuschlcifen seyn, als venezianische Spiegelscherben zu wirklichen Brillengläsern genommen werden — In jeden Druckfehler soll sich Verstand verstecken und in die Lrrnttr Wahrheiten — 22 Täglich wird das Merkchen höher klettern, aus Lese- bibliothekcn in Leihbibliotheken, aus diesen in Rathsbiblio- thcken, die schönsten Ehren- und Parade-Betten und Wittwen- sitze der Musen- Aber ich kann leichter halten als versprechen. Denn ein Opus wird's .... O hochedler Stadtrath! Exekutoren des Testaments! sollt' es mir einst vergönnt werden, in meinem Alter alle Bände der Flegcljahre ganz fertig abgedrnckt in hohen aus Tübingen abgeschicktcn Ballen um mich stehen zu sehen- Bis dahin aber erharr' ich mit sonderbarer Hochachtung Ew. Wohlgeb. re. rc. re. Kobnrg, den 6. Juni I. P. F. Richter 1803. Legaz. Die im Briefe an die Exekutoren versprochene Kopie desselben für den Leser ist wol jetzt nicht mehr nöthig, da er ihn eben gelesen. Auf ähnliche Weise setzen uneigennützige Advokaten in ihren Kostenzetteln nur das Macherlohn für die Zettel selber an, setzen aber nachher, wicwol sie ins Unendliche fort könnten, nichts weiter für das Ansctzcn des Ansetzens an. Ob aber der Verfasser der Flcgeljahre nicht noch viel nähere historische Leithämmel und Leithnnde zu einer so wichtigen Geschichte vorzutreiben und zu verwenden habe als blos einen trefflichen Stadtrath; und wer besonders sein herrlichster Hund und Hammel darunter sei — darüber würde man jetzt die Leser mit dem größten Vergnügen beruhigen, wenn man sich überzeugen könnte, es sei sachdienlich, es sei xrucleutis. 23 I§o. 3. lerra nriraeu1o89 8sxor>ia6. Die Akzessit-Erben — der schwedische Pfarrer. Nach Ablesung des Testaments verwunderten sich die sieben Erben unbeschreiblich auf sieben Weisen im Gesicht. Viele sagten gar nichts. Alle fragten, wer von ihnen den jungen Burschen kenne, ausgenommen der Hosfiskal Knol, der selber gefragt wurde, weil er in Elterlein Gerichtshalter eines polnischen Generals war. „Es sei nichts besonders am jungen Hasreäipetu, versetzte Knol, sein Vater aber wollte den Juristen spielen und sei ihm und der Welt schuldig." — Vergeblich umrangcn die Erben den einsylbigen Fiskal, eben so Raths- als ncubegierig. Er erbat sich vom Gerichte eine Kopie des Testaments und Inventars, andere vornehme Erben wandten gleichfalls die Kopialien auf. Der Bürgermeister erklärte den Erben, man werde den jungen Menschen und seinen Vater auf den Sonnabend Vorbescheiden. Knol erwiederte: „da er übermorgen, das heißet den 13teu Iiuju8, nämlich Donnerstags in Gerichtsgeschäftcn nach seiner Gerichtshalterei Elterlein gehe: so sei er im Stande, dem jungen Peter Gottwalt Harnisch die Zitazion zu inflnuircn." Es wurde bewilligt. Jetzt suchte der Kirchenrath Glanz nur auf eine kurze Lese-Minute um das Blättchen nach, worauf Harnisch den Wunsch einer schwedischen Pfarrei sollte ausgemalet haben. Er bekam's. Drei Schritte hinter ihm stand der Buchhändler Pasvogel, und las schnell die Seite zweimal herunter, eh' sie der Kirchenrath umkchrte; zuletzt stellten sich alle Erben hinter ihn, er sah sich um und sagte, es sei wol besser, wenn er's gar vorlese: „Das Glück eines schwedischen Pfarrers." „So will ich mir denn diese Wonne ohne allen Rückhalt recht groß Hermalen, und mich selber unter dem Pfarrer meinen, damit mich die Schilderung, wenn ich sie nach einem Jahre wieder überlese, ganz besonders auswärme. Schon ein Pfarrer an sich ist selig, geschweige in Schweden. Er genießet da Sommer und Winter rein, ohne lange verdrießliche Unterbrechungen; z. B. in seinen späten Frühling fällt statt des Nachwinters sogleich der ganze reife Vorsommer ein, weiß- roth und blütcnschwer, so daß man in einer Sommernacht das halbe Italien nnd in einer Winternacht die halbe zweite Welt haben kann. Ich will aber bei dem Winter anfangcn und das Christfest nehmen. Der Pfarrer, der aus Deutschland, aus Haslau in ein sehr nördlich-polarisches Dörslein vozirt worden, steht heiter nm 7 Uhr auf, und brennt bis 9/s Uhr sein dünnes Licht. Noch um 9 Uhr scheinen Sterne, der Helle Mond noch länger. Aber dieses Hereinlangen des Sternen-Himmels in den Vormittag gibt ihm liebe Empfindungen, weil er ein Deutscher ist, und über einen gestirnten Vormittag erstaunt. Ich sehe den Pfarrer und andere Kirchengänger mit Laternen in die Kirche gehen; die vielen Lichterchen machen die Gemeinde zu einer Familie und setzen den Pfarrer in seine Kinderjahre, in die Winterstunden und Weichnachtsmetten zurück, wo jeder sein Lichtchen mit hatte. Auf der Kanzel sagt er seinen lieben Zuhörern lauter Sachen vor, deren Worte gerade so in der Bibel stehen; vor Gott bleibt doch keine Vernunft vernünftig, aber wol ein redliches Gemüth. Darauf theilt er mit heimlicher Freude über die Gelegenheit, jeder Person so nahe ins Gesicht zu sehen und ihr, wie einem Kinde, Trank und Speise einzugeben, das heil. Nachtmahl aus, und genießet cs jeden Sonntag selber mit, weil er sich nach dem nahen Liebesmahl in den Händen ja sehnen muß. Ich glaube, es müßt' ihm erlaubt sehn." Hier sah der Kirchcnrath mit einem fragenden Rügcblick unter den Zuhörern umher, und Flachs nickte mit dem Kopfe; er hatte aber wenig vernommen, sondern nur an sein Haus gedacht. „Wenn er dann mit den Scinigen aus der Kirche tritt, geht gerade die Helle Christ- und Morgensonne auf, und leuchtet ihnen allen ins Gesicht entgegen. Die vielen schwedischen Greise werden ordentlich jung vom Sonnenroth gefärbt. Der Pfarrer könnte dann, wenn er auf die todte Muttererde und den Gottesacker hinsähe, worin die Blumen wie die Menschen begraben liegen, wol diesen Polymeter dichten: Auf der todten Mutter ruhen die todten Kinder in dunkler Stille. Endlich erscheint die ewige Sonne, und die Mutter steht wieder blühend aus, aber spater alle ihre Kinder. Zu Hause letzt ihn ein warmes Museum sammt einem langen Sonnenstreis an der Bücherwand. Den Nachmittag verbringt er schön, weil er vor einem ganzen Blumengestelle von Freuden kaum weiß, wo er anhal- ten soll. Jst's am heil. Christfest, so predigt er wieder, vom schönen Morgcnlande oder von der Ewigkeit; dabei wird's ganz dämmernd im Tempel; nur zwei Altarkerzen werfen wunderbare lange Schatten umher durch die Kirche; der oben herabhängende Tanfcngcl belebt sich ordentlich und fliegt beinahe; draußen scheinen die Sterne oder der Mond herein — der feurige Pfarrer oben im Finstern auf seiner Kanzel bekümmert sich nun um nichts, sondern donnert aus der Nacht herab, mit Thräncn und Stürmen, von Welten und Himmeln und allem, was Brust und Herz gewaltig bewegt. Kommt er flammend herunter: so kann er um 4 Uhr vielleicht schon unter einem am Himmel wallenden Nordschein spazieren gehen, der für ihn gewiß eine aus dem ewigen Süd- morgcn herüberschlagende Aurora ist, oder ein Wald ans heiligen feurigen Mofis Büschen um Gottes Thron. Jst's ein anderer Nachmittag, so fahren Gäste mit erwachsenen Töchtern von Betragen an; wie die große Welt, dinirt er mit ihnen bei Sonnenuntergang um 2 Uhr, und trinkt den Kaffee bei Mondschein; das ganze Pfarrhaus ist ein dämmernder Zauberpallast. — Oder er geht auch hinüber zum Schulmeister in die Nachmittagsschule, und hat alle Kinder seiner Pfarrkinder gleichsam als Enkel bei Licht um sein Großvater-Knie, und ergötzet und belehret sie. — Ist aber das alles nicht: so kann er ja schon von drei Uhr an in der warmen Dämmerung durch den starken Mondschein in der Stube auf und ab waten und etwas Orangenzucker dazu beißen, um das schöne Welschland mit seinen Gärten auf die Zunge und vor alle Sinne zu bekommen. Kann er nicht bei dem Monde denken, daß dieselbe Silberscheibe jetzt in Italien zwischen Lorbeerbäumen hange? Kann er nicht erwägen, daß die Aeolsharfe und die Lerche und die ganze Musik und die Sterne und die Kinder in heißen und 27 kalten Ländern dieselben sind? Wenn nnn gar die reitende Post, die aus Italien kommt, durchs Dorf blaset und ihm ans wenigen Tönen blumige Länder an das gefrorne Mu- seumsfenster hebt; wenn er alte Rosen- und Lilienblätter aus dem vorigen Sommer in die Hand nimmt, wol auch eine geschenkte Schwanzfeder von einem Paradiesvogel; wenn dabei die prächtigen Klänge Salatzeit, Kirschenzcit, Trinitatissonntage, Rosenblüte, Marientage das Herz anrühren: so wird er kaum mehr wissen, daß er in Schweden ist, wenn Licht gebracht wird, und er verdutzt die fremde Stube ansieht. Will er's noch weiter treiben, so kann er sich daran ein Wachskcr- zen-Endchen anzündcn, um den ganzen Abend in die große Welt hinein zu sehen, aus der er's her hat. Denn ich sollte glauben, daß am Stockholmer Hofe,, wie anderwärts, von den Hosbedientcn Endchen von Wachskerzen, die auf Silber gebrannt hatten, für Geld zu haben wären. Aber nun nach Verlaufe eines halben Jahres klopft auf einmal etwas schöners als Italien, wo die Sonne viel früher als in Haslau untergeht, nämlich der herrlich bcladne längste Tag an seine Brust an, und hält die Morgenröthe voll Lerchengesang schon um 1 Uhr Nachts in der Hand. Ein wenig vor 2 Uhr, oder Sonnenaufgang trifft die oben gedachte niedliche, bunte Reihe im Pfarrhause ein, weil sie mit dem Pfarrer eine kleine Lustreise vor hat. Sie ziehen nach 2 Uhr, wenn alle Blumen blitzen und die Wälder schimmern. Die warme Sonne droht kein Gewitter und keinen Platzregen, weil beide selten sind in Schweden. Der Pfarrer geht so gut in schwedischer Tracht einher wie jeder — er trägt sein kurzes Wamms mit breiter Schärpe, sein kurzes Mäntelchen darüber, seinen Rundhut mit wehenden Federn und Schuhe 28 mit Hellen Bändern; — natürlich sieht er, wie die andern auch, wie ein spanischer Ritter, wie ein Provcnzale oder sonst ein südlicher Mensch aus, zumal da er und die muntere Gesellschaft durch die in wenigen Wochen aus Beeten und Aesten hervorgczognc hohe Blüten- und Blätterfülle fliegen. Daß ein solcher längster Tag noch kürzer als ein kürzester verfliege, ist leicht zu denken, bei so viel Sonne, Aether, Blüte und Muße. Schon nach 8 Uhr Abends bricht die Gesellschaft aus — die Sonne brennt sanfter über den halbgeschlossenen schläfrigen Blumen — um 9 Uhr hat sie ihre Stralen abgenommen, und badet nackt im Blau — gegen 10 Uhr, wo die Gesellschaft im Pfarrdorfe wieder ankommt, wird der Pfarrer seltsam bewegt und weich gemacht, weil im Dorfe, obgleich die tiefe laue Sonne noch ein müdes Roth um die Häuser und an die Scheiben legt, alles schon still und in tiefem Schlafe liegt, so wie auch die Vögel in den gelb- dämmernden Gipfeln schlummern, bis zuletzt die Sonne selber, wie ein Mond, einsam untergeht in der Stille der Welt. Dem romantisch bekleideten Pfarrer ist, als sei jetzt ein rosen- sarbencs Reich aufgethan, worin Feen und Geister herum gehen, und ihn würd' cs wenig wundern, wenn in dieser goldenen Geisterstunde^ aus einmal sein in der Kindheit entlaufener Bruder heran träte, wie vom blühenden Zauberhimmel gefallen. Der Pfarrer läßt aber seine Reisegesellschaft nicht fort, er hält sie im Pfarrgarten fest, wo jeder, wer will, sagt' er, in schönen Lauben die kurze laue Stunde bis zu Sonnenaufgang verschlummern kann. Es wird allgemein angenommen, und der Garten besetzt; manches schöne Paar thut vielleicht nur, als schlaf' es, hält sich aber wirklich an der Hand. Der glückliche Pfarrer geht einsam in den Beeten auf und ab. Kühle und wenige Sterne kommen. Seine Nachtviolen und Levkojen thun sich aus und duften stark, so hell cs auch ist. In Norden raucht vom ewigen Morgen des Pols eine goldhelle Dämmerung auf. Der Pfarrer denkt an sein fernes Kindheitsdörschcn und an das Leben und Sehnen der Menschen, und wird still und voll genug. Da greift die frische Morgensonne wieder in die Welt. Mancher, der sie mit der Abendsonne vermengen will, thut die Augen wieder zu; aber die Lerchen erklären alles, und wecken die Lauben. Dann geht Lust und Morgen gewaltig wieder an;-- und es fehlt wenig, so schilder' ich mir diesen Tag ebenfalls, ob er gleich vom vorigen vielleicht um kein Blütenblatt verschieden ist." * - * * Glanz, dessen Gesicht die günstigste Selbstrezension seiner geschriebenen Werke war, sah, mit einigem Triumphe über ein solches Werk, unter den Erben umher; nur der Polizei- Inspektor Harprecht versetzte mit einem ganzen Swift auf dem Gesicht: „Dieser Nebenbuhler kann uns mit seinem Verstände noch zu schaffen machen." Der Hosfiskal Knol und der Hosagent Nenpetcr und Flitte waren längst aus Ekel vor der Lektüre weg und ans Fenster gegangen, um etwas vernünftiges zu sprechen. Sie verließen die Gcrichtsstuben. Unterwegs äußerte der Kaufmann Neupeter: „Das versteh' ich noch nicht, wie ein so gesetzter Mann, als unser sei. Vetter, noch am Rande des Grabes solche 30 Schnurren treiben kann." „Vielleicht aber — sagte Flachs, der Hausbesitzer, um die andern zu trösten — nimmt der junge Mensch die Erbschaft gar nicht an, wegen der schweren Bedingungen." — Knol fuhr den Hausbesitzer an: „gerade so schwere, wie heute eine. Sehr dumm wär's Non ihm und für uns. Denn nach Linusul. IX. Schlägt aber Harnisch sielen ja den co>jioiibu8 pim drei Viertel zu. Wenn er sie aber antritt und lauter Böcke schießet" — „Das gebe doch Gott", sagte Harprecht. „Schießet, suhr jener sort, so haben wir doch die Klauseln: Spaßhaft sagt' ich in der vorigen— und Ritte der Teufel — und den Hrn. Kirchenrath Glanz und alle, für uns und können viel thun." Sie erwählten ihn sämmtlich zum Schirmherrn ihrer Rechte — und rühmten sein Gedächtnis. — „Ich erinnere mich noch, sagte der Kirchenrath, daß er nach der Klausel der Erb-Acmter vorher zu einem geistlichen Amte gelangen soll, wicwol er jetzt nur Jurist ist"- „Da wollt' Ihr nämlich, versetzte Knol geschwind, Ihr geistlichen Herren und Narren, dem Examinanden schon so cinheizen, so zwicken — wahrhaftig, das glaub' ich" — und der Polizei-Inspektor fügte bei, er hoffe das selber. Da aber der Kirchenrath, dem beide schon als alte Kanzelstürmer, als Baumschänder kanonischer Haine bekannt waren, noch vergnügt einen Rest von Eßlust verspürte, der ihm zu theucr war, um ihn weg zu disputiren: so suchte er sich nicht recht sonderlich zu ärgern, sondern sah nach. Man trennte sich. Der Hoffiskal begleitete den Hofagenten, dessen Gerichtsagent er war, nach Hause, und eröff- nete ihm, daß der junge Harnisch schon längst habe — als 31 riech' er etwas vom Testamente, das dergleichen auch fordere — Notarius werden und nachher in die Stadt ziehen wollen, und daß er am Donnerstag nach Elterlcin gehe, um ihn dazu zu krcircn. (Knol war Pfalzgraf.) „So mög' er doch machen, bat der Agent, daß der Mensch bei ihm logire, da er eben ein schlechtes unbrauchbares Dachstübchen für ihn leer habe." — „Sehr leicht", versetzte Knol. Das erste, was dieser zu Hause und in der ganzen Sache machte, war ein Billet an den alten Schulz in Elterlcin, worin er ihm bedeutete, „er werde übermorgen Donnerstags durch und retour passiren, und unterwegs, gegen Abend, seinen Sohn zum Notarius krciren; auch Hab' er ein treffliches, aber wohlfeiles Quartier für solchen bei einem vornehmen Freunde bestanden." Vor dem regierenden Bürgermeister halt' er demnach eine Verabredung, die er jetzt traf, schon für eine getroffue ausgegeben, um, wie es scheint, das Macherlohn für einen Notar, das ihm der Testator auszahlte, vorher auch von den Eltern zu erheben. In allen Erzählungen und Aeußernngen blieb er äußerst wahrhaft, so lange sie nur nicht in die Praxis einschlugen; denn alsdann trug er (da Raubthiere nur in der Nacht ziehen) sein nöthiges Stückchen Nacht bei sich, das er entweder aus blauem Dunst verfertigte als Advokat, oder aus arseni- kalischen Dämpfen als Fiskal. 32 M. 4. Mammuthsknochen aus Astrakan. Das Zauberprisma. Der alte beerdigte Kabel war ein Erdbeben unter dem Meere von Haslau, so unruhig liefen die Seelen wie Wellen untereinander, um etwas vom jungen Harnisch zu erfahren. Eine kleine Stadt ist ein großes Haus, die Gassen find nur Treppen. Mancher junge Herr nahm sogar ein Pferd, und stieg in Elterlein ab, um nur den Erben zu sehen; er war aber immer aus die Berge und Felder gelaufen. Der General Zablocki, der ein Rittergut im Dorfe hatte, beschied seinen Verwalter in die Stadt, um zu fragen. Manche halsen sich damit, daß sie einen eben angekommencn Flötenvirtuosen, Van der Harnisch, für den gleichnamigen Erben nahmen, und davon sprachen; besonders thatcn's cinhörige Leute, die, dabei taub auf dem zweiten Ohre, alles nur mit halbem hörten. Erst Mittwochs Abends — am Dienstag war Tcstaments- öffnung gewesen — bekam die Stadt Licht, in der Vorstadt bei dem Wirth zum weichen Krebs. Ansehnliche Glieder aus Kollegien gossen da gewöhnlich in die Dinte ihres Schreibtages einiges Abendbier, um die schwarze Farbe des Lebens zu verdünnen. Da bei dem weichen Krebswirthe der alte Schultheiß Harnisch seit 20 Jahren einkehrte: so war er im Stande, wenigstens vom Vater ihnen zu erzählen, daß er jede Woche Regierung und Kammer an- lanse mit leeren Fragen, und daß er jedesmal unter vielen 33 Worten die alten Historien von seinem schweren Amte, seinen vielen juristischen Einsichten und Büchern, und seiner „zwei- hcrrigen" Wirthschast und seinen Zwillingssöhnen Abende lang vorsinge, ohne doch je in seinem Leben mehr dabei zu verzehren als einen Hering und seinen Krug. — Es führe zwar, fuhr der Wirth fort, der Schulz sehr starke hochtrabende Worte, sei aber ein Hase, der seine Frau schicke bei handfesten Vorfällen, oder er reiche eine lange Schreiberei ein; Hab' auch ein zu nobles Naturell, und könne sich über eine krumme Miene zu Tagen kränken, und habe noch unverdauete Nasen, die er im Winter von der Regierung bekommen, im Magen. Nur von der Hauptsache, beschloß er, von den Söhnen, miss' er nichts, als daß der eine, der Spitzbube, der -Flötcn- Pseifcr Vult, im 14/2 Jahre mit einem solchen Herrn — er zeigte aus Hrn. van der Harnisch — durchgcgangen; und vom andern, der der Erbe sei, könne gewiß der Herr unten mit den schwarzen Knopflöchern die beste Auskunft geben, denn es sei der Hr. Kandidat und Schulmeister Schomaker aus Elterlein, sein gewesener Präzeptor. Der Kandidat Schomaker hatte eben in einem Makula- tnrbogen einen Druckfehler mit Bleistift korrigirt, eh' er ihn dick um ein halbes Loth Arsenik wickelte. Er antwortete nicht, sondern wickelte wieder weißes Papier über das bedruckte, siegelte es ein und schrieb an alle Ecken: Gift — darauf überwickelte und überschrieb er wieder, und ließ nicht nach, bis er's siebenmal gethan, und ein dickes Oktav-Packet vor sich hatte. Jetzt stand er aus, ein breiter, starker Mann, und sagte sehr furchtsam, indem er Kommata und andere Jnterpnnkzio- 3can Paul'S ausgetv. Werke. Xlll. o 34 nen so deutlich im Sprechen absetztc, als jeder im Schreiben: „Ganz wahr, daß er mein Schüler, und hinlänglich, erstlich, daß er so ädel ist, zweitens, daß er treffliche Gedichte, nach einem neuen Metrum, machet, so er den Strcckvers nennet, ich einen Polymeter." Bei diesen Worten fing der Flötenvirtuosc van der Harnisch, der bisher kalt die Runde um die Stube gemacht, plötzlich Feuer. Wie andere Virtuosen hatt' er aus großen Städten die Verachtung kleiner mitgebracht -— ein Dorf schätzen sie wieder — weil in kleinen das Rathhaus kein Odenm, die Privathäuser keine Bilderkabinette, die Kirchen keine Antiken- tempcl find. Er bat verbindlich den Kandidaten um Ausführlichkeit. „ Fordert meine Pflicht schon, versetzte dieser, daß ich morgen, bei der Heimkunft, dem Erben selber, die Eröffnung eines Vermächtnisses noch nicht eröffne, weil es erst die Obrigkeit, am Sonnabend, thuct, wie vielmehr, daß ich die ganze Geschichte eines lebenden Menschen, nie ohne seine Er- laubniß, kund thnc, wie vielmehr — Aber Gott, wer von uns wird die Leiche seyn!" setzt' er dazu, da er die Stnnden- glocke ins Gebctläuten tönen hörte; und griff sogleich zu einer darneben liegenden Schlacht in der Zeitung, um dreist zu werden, weil wol nichts den Menschen so sehr zum kalten Waghalse gegen sein Todtenbette macht, als ein oder ein paar Quadratmeilen, woraus unzählige rothe Glieder und ein Tod nach dem andern liegt. lieber diesen religiösen Skrupel-Luxus zog der Flötenist ein sehr verächtliches Gesicht und sagte — indem er ein Prisma aus der Tasche holte und vier Lichter verlangte — verdrießlich: ich könnte es bald wissen, wer die Leiche seyn wird; aber ich will Ihnen, -Hr. Kandidat, lieber alles erzählen aus diesem 35 Zaubcrprisma, was Sic mir nicht erzählen wollen. Er sagte, das Prisma verschließe die viererlei Wasser, welche man aus den vier Welteckcn sammle, man reib' es am Herzen warm, fordere leise, was man in der Vergangenheit oder Zukunft zu sehen wünsche, und wenn man vorher etwas vorgenommen, was er ohne Todesgefahr nicht sagen dürfe — daher das Gehcimniß immer nur von Sterbenden mitgetheilt werde, oder auch von Selbstmördern — alsdann entstehe in den viererlei Wassern ein Nebel, dieser ringe und arbeite, bis er sich in Helle Menschengestalten zusammengezogen, welche nun ihre Vergangenheit wiederholen oder in ihrer Zukunft oder auch Gegenwart spielen, wie man cs eben gefordert. Der Schulmeister Schomakcr erhielt sich noch ziemlich gleichgültig und fest gegen das Prisma, weil er wußte, ihm habe, wenn er bete, kein Teufel viel an. Van der Harnisch zog seine Taufdeckc ans der Tasche und sie sich über den Kopf, und war darunter rege und leise; endlich hörte man das Wort: Schomakers Stube. Jetzt warf er sic zurück, starrte erschrocken in das Prisma hinein und beschrieb laut und eintönig jede Kleinigkeit, die in dessen stillem Zölibatszimmer war, von einer Drnckcrpresse an bis auf die Vögel hinter dem Ösen, ja sogar bis auf die Maus, die eben darin nmherlief. Noch immer stiegen dem Kandidaten wenig oder keine Haare zu Berge; als aber der Scher sagte: „irgend ein Geisterschatte in der leeren Stube hat Ihren Schlafrock an und spielt Sie — nach und legt sich in Ihr Bette" so überlicf cs ihn sehr kalt. „Das war etwas Gegenwart von Ihnen, sagte der Virtuose; nun einige wenige Vergangenheit, und dann soviel Zukunft, als man braucht, um zu sehen, ob Sie ctwan die diesjährige Leiche werden." 36 Umsonst stellte ihm der Kandidat das Unmoralische der Rück- und Vorseherei entgegen; er versetzte, er halte sich ganz an die Geister, die es ausbaden möchten, nnd fing schon an, im Prisma zn sehen, daß der Kandidat als junger Mensch eine Frnhprcdigersstelle und eine Ehe ausschlug, blos aus 11,000 Gewissensskrupeln. Der Wirth sagte dem gepeinigten Schulmann etwas ins Ohr, wovon das Wort Schlägerei vorklang. Schomaker, der noch mehr seine Zukunft als seine Vergangenheit zn hören mied, schlug auf moralische Unkosten der Geister den Ausweg vor, er wolle selber lieber die Geschichte der jetzt durch Vermächtnisse so interessanten Harnischischen Familie geben, H. v. d. Harnisch möge dabei ins Prisma sehen und ihm einhclfcn. Das hatte der quälende Virtuose gewollt. Beide arbeiteten nun mit einander eine kurze Vorgeschichte des Testaments- Helden aus, welche man um so lieber im Vogtländischcn Marmor mit mäusefahlen Adern — denn so heißet die folgende Nummer — finden wird, da sich nach so vielen Druckbogen wol jeder sehnt, aus den Helden näher zu stoßen, war's auch nur im Hintergründe. Der Verfasser wird dabei die Pflicht beobachten, beide Eutropc zu verschmelzen zu einem Livius und diesen noch dadurch auszuglätten, daß er ihm Pa- tavinitäten ans streicht und etwas Glanzstyl an. No. ö. Vogtländischer Marmor mit mäusefahlen Adern. Vorgeschichte. ^ Der Schultheiß Harnisch — der Vater des Universalerben — hatte sich in seiner Jugend schon zum Maurergesellen 37 aufgeschwungen und wäre bei seinen Anlagen zn Mathematik und Stubeusitzcn — denn er las Sonntage lang draußen im Reiche — weit gekommen, hätt' er sich nicht au einem frohen Maricntage in einem Wirthshause in das Fliegenglas der Werber zu tief verflogen, in die Flasche. Vergeblich wollt' er am andern Morgen ans dem engen Hals wieder heraus; sie hatten ihn scsi und darin. Er war unschlüssig, sollt' er hinaus schleichen, und sich in der Küche die Vordcrzähne aus- schlagcn, um keine für die Patronen zum Regimcnte zu bringen, oder sollt' er lieber — denn cs könnt' ihn doch die Artillerie als Stückknccht faßen — vor den Fenstern des Verbund Wirthshauscs einen Dachsschlicfer niedermachcu, um unehrlich zu werden und dadurch nach damaliger Sitte kanton- frei. Er zog die Unehrlichkeit und das Gebiß vor. Allein der erlegte Dachs machte ihn zwar aus den Werber-Händen los, aber er biß ihn wie ein Zerberus aus seiner Gewerkschaft aus. „Nu, nu, sagte Lukas in seinen Land-Bildern, lieber einen Schlitz in dem Strumpf aufgeriffen, als einen in der Wade zugcnäht." — So sehr floh er, wie ein Gelehrter, den Wehrstand. Damals starb sein Vater, auch Schultheiß; er kam nach Hause und war der Erbe des Hauses wie der Kronerbe des Amts; obwol seine Krongüter in Kronschulden bestanden. In kurzem vermehrte er diese Krongüter beträchtlich. Er warf sich mit Leib und Seele aus das Üu8 — versaß seine kanonischen Stunden an angeborgten Akten und gekauften Büchern, thciltc aus alle Seiten umsonst re^onsn aus, ganze Bogen und Tage laug — jeden Schulzen-Aktus berichtete er schriftlich, und kouzipirte und mundirte das Schreiben mit schöner gebrochener Fraktur und schiefer Kurrent, wobei er's noch für sich selber kopirte — schaucte als Schulz überall nach, lies überall hin, und regierte den ganzen Tag. Durch alles dieses blühte wenigstens das Dorf mehr als seine Acckcr und Wiesen, und das Amt lebte von ihm, nicht er vom Amte. Er konnte gleich den besten Städtern, die ein gutes Haus machen, sich nun, wie die Sorbonne, als das ärmste unterschreiben (pkwpki-riiuu cloinus). Alle verständige Elterlcincr traten darin einander bei, daß er ohne sein handthirendes Weib — eine gesunde Vernunft in corpore — das an Einem Morgen für Vieh und Menschen kochte, grascte, mähte, längst mit dem Schulzenzepter in der einen Hand und mit dem Bettelstäbe in der andern hätte von seinem regierenden Haus und Hof ziehen müssen, wovon er eigentlich nur der Pächter seiner Gläubiger war. Nur eine Arzenei gab'S für ihn, nämlich den Entschluß, das Hans und dadurch die Schulthcißerei wcgzugeben. Aber er ließ sich eben so gerne köpfen, als er diese Arzenei nur roch, oder cinnahm, einen Gifttrunk seiner ganzen Zukunft. Erstlich war die Dorsschulzcnschast seit undenklichen Zeiten bei seiner Familie gewesen, wie die Regentengeschichte derselben beweiset, sein üus und Herz hing daran, ja seine ewige Seligkeit, weil er wußte, daß im ganzen Dorfe kein so guter Jurist für diesen Posten zu finden war als er, wicwol Sachverständige erklärten, es werde zu diesem Posten nicht mehr gefordert als zu einem römischen Kaiser nach der goldncn Bulle *), nämlich ein gerechter, guter und 'brauchbarer Mann. ^ur. bull. II. r. boino justus, bouu8 st utilis. 39 Sein Haus anlangend, so trat vollends folgender frappanter Jammer ein. Eltcrlcin war zweiherrig; am rechten Bachufer lagen die Lehnsmänner des Fürsten, am linken die Einsassen des Edelmanns; wicwol sie einander im gemeinen Leben nur schlecht die Rechten und die Linken hießen. Nun lief nach allen Flurbüchern und Gränzrezessen in alten Zeiten die Dc- markazionslinie, der Bach, dicht an deS Schulzen Hause vorbei. Nachher veränderte der Bach sein Bette oder ein dürrer Sommer nahm ihn gen Himmel; kurz Harnischens Wohnung wurde so weit hinüber gebaut, daß nicht nur Ein Dachstuhl auf zwei Territorien stand, sondern auch Eine Stubcndecke, und wenn man ihn hinsetzte, Ein Krüpelstuhl. Aber so wurde dieses Haus des alten Schulzen juristischer Vorhimmel, so wie zugleich seine kameralistische Vorhöllc. Mit unsäglichem Vergnügen sah er oft in seiner Wohnstube -— die an der Wand ein fürstlicher Gränz- und Wappcnpfahl abmarkte — sich um, und warf publizistische Blicke bald ans Landesherrliche, bald auf Nitterschästliche Stubenbrctter und Gerechtsame und bedachte, daß er Nachts ein Rechter wäre — ^ weil er fürstlich schlief — und nur am Tage ein Linker, weil Tisch und Ofen geadelt waren. Es war seinen Söhnen nichts seltenes, daß er Sonntags vor dem Abendessen, wenn er viel gedacht hatte, mehrmals heiter und hastig den Kopf schüttelte und dabei murmelte: mein Haus ist einem redlichen Jktus *), sag' ich, ordentlich wie auf den Leib gemacht — ein jeder andere Mann würde die besten importantcsten Gerechtsame und Territorien darin verschleudern, weil er gar nicht der Mann ') Juristen. dazu wäre — denu er wäre in der Sache gar nicht zu Hause — und ich älter verständiger Jktus soll heraus, soll's losschlagen, höre Vronel? — Erst nach langer Zeit antwortete er sich selber: „nun und nimmermehr," ohne die Antwort Veronika's, seiner Frau, zu hören. Freilich wenn er sich täglich gegen seine Gläubiger mehr in die Zitadelle seines Hauses zurnckzog und ihnen dabei wie andere Kommandanten die Vorstädte, nämlich das Feld, d. h. die Felder räumte und, so gut er konnte, mit dem Hause zugleich seinen Schulzenposten, den Spielraum seiner Kenntnisse, zu versteigern anfschob, statt solchen zu steigern — gleichsam sein schlagendes Herz, den Saitensteg seines lauten Lebens, wenn er das that: so hatt' er noch vier von ihm selber gezeugte Hände im Auge, die ihm helfen und den Steg seiner hellsten Töne und Mißtöne wieder stellen sollten; nämlich seine Zwillingssöhnc. Als Veronika mit diesen niederkommcn wollte, hielt er, als sei sie eine sizilianischc oder englische Königin, hinlängliche Geburtszengen bereit, die nachher sich in Taufzeugcn cinthcil- ten. Das Kindbette hatt' er ins rittcrschaftliche Territorium geschoben, weil es einen Sohn geben konnte, dem man durch diese Bettstelle der Bettstelle den Landesherrlichen Händen entzog, die ihm eine Soldatenbindc umlegen konnten, statt der schon bestimmten Themisbinde. In der That trat auch der Held dieses Werkes, Peter Gottwalt, ans Licht. Aber die Kreisende fuhr fort; der Vater hielt cs für Pflicht und Vorsicht, das Bette dem Fürsten znzuschicbcn, damit jeder sein Recht bekomme. „Höchstens gibt's ein Mädchen, sagte er, oder was Gott will." Es war keines, sondern das letztere; daher der Knabe nach des Kandidaten Scho- 41 makers Uebersctzung den Namen des Bischofs von Karthago unter Geiserich, nämlich (Zuocl Deus vult, oder Vult im Alltagswcsen bekam. Jetzt wurden in der Stube scharfe Markungen, Einhegungen und Theilungstraktate gemacht. Wiegen und alles wurde geschieden. Gottwalt schlief und wachte und trank als Linker, Vult als Rechter; späterhin, als beide ein wenig kriechen konnten, wurde Gottwalten, dem adeligen Sassen, das fürstliche Gebiet durch ein kleines Gitterwerk — das man blos aus Hühner- und andern Ställen auszuheben brauchte — leicht zugcsperrt; und eben so sprang der wilde Vult hinter seinem Pfahlwerk, der dadurch fast das Ansehen eines auf- uud ablaufenden Leoparden im Käfig gewann. Erst mit langer Mühe und Strenge schaffte Veronika die lächerliche Ab- und Erbsonderung ab; denn der alte Lukas hatte, wie jeder Gelehrte, eine besondere Hartnäckigkeit der Meinungen und bei aller Ehrliebe steifen Kaltfinn gegen das Lächerlichwerden. Bald wurde deutlich, daß wissenschaftliche Fächer künftig Gottwalts Fach seyn würden; ohne alle elterliche Vorliebe war leicht zu bemerken, daß er weißlockig, dünnarmig, zartstämmig und, wenn er einen ganzen Sommer Schafhirtlein gewesen, noch schnee- und lilienweiß in solchem Grade war, daß der Vater sagte: einen Stiesel woll' er mit einem Eiweißhäutchen statt Psundledcr eben so gut besohlen als den Jungen zum Bauersmann einrichten. Dabei hatte der Knabe ein so gläubiges, verschämtes, überzartes, frommes, gelehriges, träumerisches Wesen, und war zugleich bis zum Lächerlichen so eckig und elastisch-aufspringend, daß zum Verdrusse des Vaters — 42 dcr sich einen Juristen nachziehcn wollte — jedermann im Dorfe, selber der Pfarrer, sagte, er müsse, wie Zäsar, der erste im Dorfe werden, nämlich dcr Pfarrer. Denn wie? — fragte man — Gottwalt, der blauäugige Blondin mit aschgrauem Haar und seiner Schncehaut — wie? dieser soll einmal ein Kriminalist werden nnd unter dem großen Triumphator Carp- zov dienen, welcher blos mit seinem Federmesser, wozu er das Themisschwcrt ausgcschliffen, an zwanzigtausend Mann nie- dcrgehaucn? So schickt ihn doch, fuhr man fort, nur versuchsweise mit einem Gcrichtssicgel zu einer blassen Wittwe, die mit gefalteten Händen aus dem Sessel sitzt und die schwach und leise ihre Effekten anzcigt, und lasset ihn den Auftrag, unbehindert alle ihre alten Thüren und Schränke und des Mannes letzte Andenken gerichtlich zu verpctschiren, vollziehen, und seht zu, ob er's kaun, vor Herzklopfen nnd Mitlcidcn! — Aber dcr jüngere Zwilling, Vult, sagte man in froherem Tone, dcr schwarzhaarige, pockennarbige, stämmige Spitzbube, der sich mit dem halben Dorfe rauft und immer umher streift, und ein wahres tragbares tlleatre a»x Italiens ist, das jede Physiognomie und Stimme nachspielt — dieser ist ein anderer Mensch, dem gebt Akten unter den Arm, oder einen Schöppenstuhl unter den Steiß. Wenn Walt am Fastuachts- tage in der tanzenden Schnlstube den Kandidaten und dessen Geige mit dem Bäßlein unterstützte und mit nichts hüpfte als mit ungemein freudigen Blicken und mit dem Bogen: so sprang Vult zugleich allein tanzend und mit einer Groschenflötc im Maule herum und fand noch Zeit und Glieder zu vielem Schabernack. — Sollen solche Talente nicht für das üus benutzt werden, Herr Schulz? beschloß man.- 43 Sie sollcn's, sagt' er. Also Gottwalt wurde aus die Himmelsleiter gesetzt als zukünftiger Pfarrer uud Kon- sistorialvogel; Vult aber mußte sich die Grubenleiter iu die delphische Rechtshöhle zimmern, damit er ein juristischer Steiger würde, von welchem der Schultheiß alle Ausbeuten seiner Zukunft erwartete, und der ihn aus der giftigen Grube ziehen sollte, zugleich mit Gold- und Silbcrgcader umwunden, es sei nun, daß der Sohn Prozesse für ihn führte, oder- schwere ihm ersparte, oder Gerichtshalter im Orte wurde, oder Regierungsrath, oder wie cs etwa ginge, oder daß er ihm jeden Quatember viel schenkte. Allein Vult hatte außerdem, daß er bei dem Schulmeister uud Kandidaten Schomaker nichts lernen wollte, noch das Verdrießliche an sich, daß er ewig blies auf einer Batzcnflöte, und daß er sich im 14. Jahr bei der Kirms unten vor die spielende Flötcnuhr des Schlosses hinstellte, um bei ihr, als seiner ersten Lehrerin, wenn nicht Stunden zu nehmen, doch Viertelstunden. — Hier sollte Zeit seyn, das Axiom einzu- schichtcn, daß überhaupt die Menschen mehr in Viertelstunden, als in Stunden gelernt. Kurz, an einem Tage, wo Lukas ihn in die Stadt und unter das Rckrutenmaß geführt (Scheines und Ordnung halber), lies er mit einem betrunkenen Musikus, der nur noch sein Instrument, aber nicht mehr sich und die Zunge regieren konnte, in die weite breite Welt hinein. Er blieb dann weg. Jetzt mußte Gottwalt Peter daran, ans üus. Aber er wollte ans keine Weise. Da er stets las — was das Volk beten heißet, wie Zizero roliZio von relezsi-o, oft lesen, ableitet — so lief er dem Dorfe schon als Psarrherrlcin durch die Finger, ja ein Metzger aus Tyrol nannte ihn bald den Pfarrbnben, bald den Pfarrknecht *), weil er in der That ein kleiner Kaplan und Küster, nämlich dessen Koadjutorie war, insofern er die schwarze Bibel gern ans die Kanzel trug, das Kommunikantcntnchlein am Altäre den Oblaten und dem Kelche unterhielt, allein den Nachmittagsgottcsdicnst, wenn Schoma- ker sich nach Hause geschlichen, hinausorgeltc und ein fleißiger Kirchengänger bei Wochcntaufen war. Ja, sah Abends der Pfarrer nach dem Studircn mit Mütze und Pfeife aus dem Fenster, so hofft' er nicht zurück zu bleiben, wenn er sich mit einer leeren kalten Pfeife und weißen Mütze an seines legte, welche letztere dem Knabcngesicht ein zu altväterisches Ansehen gab. Nahm er nicht einmal an einem Winterabend ein Gesangbuch unter den Arm und stattete, wie der Pfarrer, bei einer ihm ganz gleichgültigen, arthritischen, steinalten Schnci- derssrau einen ordentlichen Krankenbesuch ab und fing an aus dem Liede: O Ewigkeit, du Frcudcnwort, ihr vorzulescn? Und mußt' er nicht schon bei dem zweiten Verse den Aktus cinstel- len, weil ihn Thräncn übcrmannten, nicht über die taube, trockne Frau, sondern über den Aktns? Schomaker nahm sich seines Lieblings so sehr an, daß er eines Abends vor dem Gerichtsmann — „so hör' ich mich lieber nennen als Schulz" sagte Lukas — frei erklärte, er glaube, im geistlichen Stande komme man besser fort, besonders zarte Naturelle. Da nun der Kandidat selber nichts geworden war, als sein eignes ülinus und seine Vakanzstelle, so beantwortete der Gerichtsmann die Rede blos mit einem höflichen Gemurmel und führte nur seine schimmlige Geschichte wieder auf, daß *) Jener bedeutet in Tyrol den Pfarrer, dieser den Dialonus. 45 einmal ein juristischer Professor seine Studenten so angeredct habe: „meine Hochzuverehrende Herren Justizministcr, geheime „Kabinetsräthe, wirkliche Geheime Näthc, Präsidenten, Finanz-, „Staats- und andere Näthe und Syndikus, denn man weist „ja noch nicht, was aus Ihnen allen wird!" Er führte noch an, im Preußischen werde die Stunde eines Advokaten aus 45 Kreuzer von den Gesetzen selber taxirt, und bat, man solle das nur einmal für ein Jahr ansschlagcn — ferner einem rechten Juristen komme der Teufel selber nicht bei und er wolle eben so gut ein Ferkel am cingcsciftcn Schwanz fcsthaltcu, als einen Advokaten am j»8 — (welches wol im cdlcrn Style heißen würde: Kenntniß des Rechts ist die um einen Mann geschriebene Münz-Legende, und verwehrt das Beschneiden des Stücks) — und Heringe wie sein Peter Walt, wären eben die ganzen Hechte; je dünner der Messerrücken, desto schärfer die Schneide; und er kenne Jktnsse, die durch Nadelöhre zu fädeln waren, die aber ungemein zustachen. Wie immer, halfen seine Reden nichts: aber die verständige Veronika, seine Frau, wollte gegen die Sitte der Weiber, die im häuslichen Konsistorium immer als geistliche Räthe gegen die weltlichen stimmen, den Sohn ans dem geistlichen Schafstall in die juristische Fleischscharrc treiben; und das blos, weil sie einmal bei einem Stadtpsarrer gekocht habe und das Wesen kenne, wie sic sagte. Diese hielt, als sic einst allein mit dem Sohn war, der mehr an ihr als am Vater hing, ihm blos soviel vor: „mein Gottwalt, ich kann dich nicht zwingen, daß du dem Vater folgst; aber höre mich au: das erstemal, wo du predigst, so thue ich meinen Trauerrock au, und die weißen Tücher um, und gehe in die Kirche, und bücke mich unter der ganzen Prc- 46 digt wie bei einer Lcichenprcdigt mit dem Kopfe nieder nnd weine, und wenn mich die Weiber fragen, so zeig' ich auf dich." — Dieses Bild packte seine Phantasie so gewaltsam an, daß er weinend Nein Nein schrie — womit er das Traucrvcrhüllcn meinte — — und Ja Ja zum Advozi- rcn sagte. So werden uns die Lebensbahnen, wie die Ideen, vom Zufall angewiesen; nur das Fort- und Absitzen der einen wie der andern bleibt der Willkür srcigcstcllt. Walt erlernte nun, wie Völker, Sprachen fast von selber. Er warf dadurch den Vater in ein Freudenmeer; denn Dorfleutc finden, wie die Schulleute, fast blos auf der Zunge den Unterschied des Lehr- und Nährstandes. Der Exmäuerer bauete daher in einem trocknen Frühjahr ohne allen Widerspruch des todten Dachshundes und des Gewerks ein eignes Studirstübchen für seinen Jktus. Dieser frcquentirtc das Lyzeum (illustrs) Johanneum; darauf wurd' er ins Gymnasium (illustre) Alexandrinum geschickt — welches beides niemand war, als in kollegialischer Eintracht der Kandidat Schomaker allein, der Johann Alexander hieß. Anfangs hatte Walt noch mit Vulten, eh' er davon gelaufen, die Klein- terzia und daraus die Großterzia sowol besucht, als repräsen- tirt; aber nachher mußt' er ohne den Pfeifer die ganze Sekunda und Prima allein ausmachen, worin er das Hebräische, das in beiden Klassen die Theologen trieben, wie gewöhnlich auch mit ausschnappte. Im zwanzigsten Jahre war er vom Gymnasium oder Gymnasiarchen unmittelbar als Abiturient abgcgangen aus die hohe Schule Leipzig, in welche er ans Mangel einer höheren so lange täglich ging, als er es vor Hunger aushalten konnte. „Seit Ostern sitzt er bei 47 dm Eltern, und wird morgen Abends znm Notarius kreiret, um zu leben" beschloß der Kandidat Schomaker die artige Historie. M. 6. Kupfer nickel. Quod Deus Vultiana. Nach dem Ende der Geschichte trat der Flötcnist mit grimmigem Gesicht an den betrübten Schulmeister fragend: „wäret Ihr nicht werth, daß ich sogleich ins Prisma sähe und Euch darin als lange Leiche anträfe? Wie, Ihr moralischer Mikrolog, Ihr moralischer esprit cts ImAntollö, Ihr konntet Euch aus Furcht vor schätzbaren Weissagungen erfrechen, gegen Euer Gewissen die Geheimnisse zweier bedeutender Brüder und Eltern aus dem Laub heraus zu ziehen? Es soll Euch gereuen, wenn ich Euch entdecke, daß ich kein wahres Wort gesagt und daß ich die Geheimnisse nicht vom Prisma, sondern von dem davon gelaufenen Flötenistcn Vnlt selber erfahren, der ein ganz anderer Mensch ist. Ich habe mit dem Manne im andern Elterlein, nämlich im Bergstädtlein bei Annaberg, vereint geblasen. Damit ich aber nach dem bisherigen Weißmachen der Gesellschaft glaubhaft werde, so will ich's ihr so beschwören: ewig verdammt will ich sehn, kenn' ich ihn nicht und habe ich nicht alles von ihm." Es war kein Meineid; denn er war jener entlaufne Vult selber, aber ein starker Schelm. Der Kandidat nahm alles friedlich hin, weil ihn eine neue Lage, in welche er sich immer 48 so schnell geworfen fühlte, daß er keine Sekunde Zeit znm Ausarbeiten eines moralischen Modells und Lineals bekam, über alles absticß. Es gab wenige Kasuisten und Pastoral- theologen, die er nicht gelesen, sogar den Talmud, blos um selig zu werden. Er hielt mit jedem Steckbrief seine eigne Person zusammen, um, im Falle sic zufällig der begehrten gleich sähe, sofort juristisch und sittlich gesattelt zu seyn, so wie er sich häufig des Mords, der Nothzucht und anderer Fraischsälle heimlich aus Spaß anklagte, um sich darein zu finden, falls ein Bösewicht öffentlich dasselbe thätc im Ernst. Er versetzte daher nur, daß er dem Bruder Gottwalt keine frohere Nachricht bringen könne, als die von Vults Leben, da er den Flüchtling unendlich liebe. „So, lebt die Fliege noch? fiel der Wirth ein. Wir hielten sie sämmtlich für krepirt. Wie sah er denn aus, gnädiger Herr?" „Sehr wie ich (versetzte Vult und sah bedeutende trinkende Dikasteriantcn an), falls nicht das Geschlecht einen Unterschied macht; denn ich könnte wol eben so gut eine verkleidete Nitterin ck'blon seyn, als diese bekannte Frau, Ne88i6»r8, — ob wir gleich davon abbrechen wollen. — Vult selber ist wol der artigste Mann und der schönste, ohne es aber zu wissen, dem ich je ins Gesicht gesehen, nur zu ernst und zu gelehrt, nämlich für einen Musikus. Sie alle sollten ihn sehen, das heißt hören. — Und doch so bescheiden, wie schon gesagt. " Der Musikdirektor der Sphärenmusik wcrd' ich doch nie, sagt' er einst, sich verbeugend die Flöte weglegend, und meinte wahrscheinlich Gott. Jeder konnte mit ihm so frei reden, wie mit einem russischen Kaiser, der in Kaiscrpracht in die Kulisse von der Bühne kommt und fühlt, daß ihn Kotzebue geschaffen 49 und er diesen. —- Er war herzensgut und voll Liebe, nur aber zu aufgebracht auf sänuntliche Menschen. Ich weiß, daß er Fliegen, die ihn Plagten, Einen Flügel auszupfte, und sie auf die Stube warf mit den Worten: „kriecht, die Stube ist für euch und mich weit genug," indeß er gleichwol mehreren ältlichen Herren ins Gesicht sagte, sie wären siebenfache Spitzbuben, alte obwol in Milch eingcweichte Heringe, die sich dadurch für frische gäben; inzwischen setzt' er sogleich dazu, er hoffe, sie deuteten ihn nicht falsch, und, bewies ihnen jede Artigkeit. — Unsere erste Bekanntschaft machte sich, als er von einer fürstlichen Versteigerung herkam und einen erstandenen Nachttopf aus Silber öffentlich so närrisch vor sich her und heim trug, daß jede Gaffe stutzig wurde, wodurch er ging.— Ich wollte, er wäre mit hier und besuchte die Seinigen. — Ich habe eine so besondere Liebhaberei für die Harnische, als meine Namensvettern, daß ich sogar im Leipziger Ncichsan- zeigcr mir ihren Stammbaum und Stammwald bestimmt ausbat ohne Effekt." Jetzt schied er kurz und höflich und ging auf sein Zimmer, nachdem er bei allem milden Scheine eines Mannes von Welt den ganzen Tag alles gethan, was er gewollt. Er roch ohne Anstand an Fensterblumen vorübergehend; — er rückte auf dem Markte einem bettelnden Judenjungcn seinen schlechten Bcttelsthl vor und zeigte ihm öffentlich, wie er anzuhalten habe; — er setzte seinen französischen Paß in keinen deutschen um, blos deshalb, um unter dem Stadtthore die sänuntliche Thorschreiberei dadurch in Zank und Buchstabiren zu verflechten, indeß er still dabei wartete und sagte, er steife sich aus seinen Paß — und am ersten Tage machte er den Scherz der Zauberschlägerci, von welcher oben der Wirth dem Kan- Jean Paul's ausgew. Werke. XIII. ^ 50 didatcn ins Ohr erzählt hatte. Er wußte nämlich ganz allein in seinem Zimmer ein solches Kunstgeräusch zu erregen, daß cs die vorübergehende Schaarwache hörte und schwur, eine Schlägerei zwischen süns Mann sallc im zweiten Stocke vor; als sie strafscrtig hinauf eilte und die Thüre anfriß, drehte sich Quod dcus Vult vor dem Rasirspiegcl mit eingeseiftem Gesichte ganz verwundert halb um, und fragte, indem er das Messer hoch hielt, verdrießlich, ob man etwas suche; — ja Nachts repctirte er die akustische Schlägerei, und fuhr die hineinguckendc Obrigkeit aus dem Bette schlaftrunken mit den Worten an: wer Henker steht draußen und stört die Menschen im ersten Schlafe? Dieß alles kam daher, daß er in jeder kleinen Stadt zuerst den Regimentsstab wenig schätzte, dann Obrigkeit und Hof, etwa Bürger aber mehr. Bei einer solchen in Lustigkeit eingekleideten Verachtung könnt' cr's nicht von sich erhalten, sich den Kleinstädtern, die ihn in seinen glänzenden Tagen unter Großstädtern nicht gesehen, in diesen überwölkten als Bauerssohn aus Elterlein zu zeigen; lieber adelte er sich selber eigenhändig. Nach Haslau war er nur gekommen, um ein Konzert zu geben, dann nach Elterlein zu laufen, und Eltern und Geschwister inkognito zu sehen, aber durchaus ungesehen. Unmöglich war's ihm, daß er nach einem Dezennium Abwesenheit, worin er über so viele europäische Städte wie eine elektrische Korkspinnc, ohne zu spinnen und zu sangen, gesprungen war, wieder vor seinen dürftigen Eltern erscheinen sollte, aber nämlich, o Himmel, als was? — Als dürftiger Querpseiser in langer Strumpfhose, gelbem Studentenkollct und grünem Reisehut, und mit nichts in der 51 Tasche (wenige Spezies ausgenommen) als mit einem Spick gesiegelter lllntree-Karten für künftige Flötcnkonzerte — „ Nein sagt' er, eh' ich das thäte, lieber wollt' ich täglich Essig aus Kupfer trinken, oder eine Fischotter an meiner Brust groß sängen, oder eine Kantianische Messe lesen oder hören, eine Ostermessc." Denn wenn er auch zuletzt den phantastischen Vater endlich zu überwältigen hoffen konnte durch einige Musikstnndcn und durch Erzählungen ans fremden Ländern: so blieb doch die unbestechliche Mutter unverändert übrig mit ihren kalten Hellen Angen, mit ihren eindringenden Fragen, die seine Vergangenheit sammt seiner Zukunst unerbittlich zergliederten. Aber jetzt seit dem Abend und hundert andern Stunden hatte sich alles in ihm verändert — aus dem fremden Zimmer brachte er die ruhige Oberfläche und eine bewegte Tiefe in das seinige hinauf. — Walts Liebe gegen ihn hatt' ihn ordentlich angegriffen — dessen poetische Morgensonne wollt' er ganz nahe besehen und drehen und an ihre Axe Erddiameter und an ihre Kraft Licht- und Wärmemesser anlegen — Kabels Testament gab dem Poeten noch mehr Gewicht- Kurz Vnlt konnte kaum den künftigen Tag erwarten, um nach Elterlein zu laufen, heimlich Walts Notariatscxamen zu behorchen und alle zu beschauen und am Ende sich dem Bruder zu entdecken, wenn er's verdiente. Mit welcher Ungeduld der gegenwärtige Schreiber auf den offiziellen, den Helden endlich aus seinen tiefen Spiegeln hervorziehcnden Bericht des folgenden Kapitels mag gepassct haben, ermesse die Welt aus ihrer. 4 * 52 M. 7. Violen stein. Kindheitsdörfchcn — der große Mann. Vult van der Harnisch reiste ans der Haslauer Vorstadt nach Elterlein aus, als die halbe Sonne noch frisch und wagrecht über die thauige Flurenwelt hinblitztc. Die Sonne war aus den Zwillingen in den Krebs getreten; er fand Aehnlichkeitcn, und dachte, er sei unter den vieren der Zwilling, der am stärksten glühe, desgleichen der zweite Krebs. In der That hatte schon in der Bergstadt Eltcrlein bei Anna- berg seine Sehnsucht nach dem gleichnamigen Geburtsdorf angefangen und zugcnommcn auf allen Gassen; schon ein gleichnamiger Mensch, wie vielmehr ein gleichnamiger Ort drängt sich warm ins Herz. Aus der lebendigen Haslauer Straße — die ein verlängerter Markt schien — nahm er seine Flöte heraus und warf allen Passagiers durch Flötenansätzc Konzertansätze entgegen und nach, schnappte aber häufig in guten Koloraturen und in bösen Dissonanzen ab und suchte sein Schnupftuch, oder sah sich ruhig um. Die Landschaft stieg bald rüstig aus und ab, bald zerlief sie in ein breites ebnes Grasmeer, worin Kornfluren und Raine die Wellen vorstelltcn und Baumklumpen die Schiffe. Rechts in Osten lies wie eine hohe Nebelküstc die ferne Bergkette von Pcstitz mit, links in Abend floß die Welt eben hinab, gleichsam den Abendröthcn nach. Da Vult erst Nachts anzulangcn brauchte, so hielt er 53 sich überall auf. Seine Sanduhr der Julius-Tagszeiten waren die gemähten Wiesen, eine Linnäische Blumennhr aus Gras: stehendes zeigte aus 4 Uhr Morgens — liegendes auf ö bis 7 — zusammen geharkte Ameishausen daraus aus 10 Uhr — Hügel aus Heu auf 3 — Berge aus den Abend. Aber er sah ans dieses Zifferblatt der Arbcitsidylle an diesem Tage zum erstenmal, so sehr hatten bisher die langen Fuß- rcisen das übersättigte Auge blind gemacht. Eben da der Hügel in dieser Sanduhr am höchsten anlief: so zogen sich die Kirsch- und Apfelbäume wie die Abend-, schatten lang dahin — runde grüne Obstfolgcn wurden häufiger — in einem Thalc lies schon als dunkle Linie das Bächlein, das durch Elterlcin hüpft —> vor ihm grünte auf einem Hügel von der Abendsonne golden durchschlagen das runde dünne Fichtengehölz, woraus die Bretter seiner Wiege geschnitten waren, und worin man oben gerade in das Dorf hinunter sah. Er lies ins Gehölz und dessen schwimmendes Sonnengold hinein, für ihn eine Kinder-Aurora. Jetzt schlug die wohlbekannte kleinliche Dorsglocke aus, und der Stundenton fuhr so tief in die Zeit und in seine Seele hinunter, daß ihm war, als sei er ein Knabe, und jetzt sei Feierabend; und noch schöner läuteten ihn die Viehglockcn in ein Nosensest. Die einzelnen rothweißen Häuser schwankten durch die besonnten Baumstämme. Endlich sah er draußen das traute Elterlcin dem Hügel zu Füßen liegen — ihm gegenüber standen die Glocken des weißen Schieserthnrms, und die Fahne des Maicnbaums und das hohe Schloß aus dem runden Wall voll Bäume — unten liefen die Poststraßen und der Bach breit durchs offne Dorf — aus beiden Seiten standen die 54 -Häuser einzeln, jedes mit seiner Ehrenwache von Fruchtstämmen — um das Dörfchen schlang sich ein Lustlagcr von Heu- Hügeln wie von Zelten und von Wagen und Leuten herum, und über dasselbe hinaus brannten fettgelbe Rübscuflächen, für Bienen und Oel, heiter dem Auge entgegen. Als er von diesem Gränzhügel des gelobten Kinderlandes hinuntcrstieg, hört' er hinter den Stauden in einer Wiese eine bekannte Stimme sagen: „Leute, Leute, sponsclt doch euer Vieh; Hab' ich's nicht schon so Millionenmal anbefohlen? — Bube, sage zu Hause, der Gerichtsmann hat gesagt, morgen wird ungesäumt mit zwei Manu gefrohnt, aus der Klostcr- wiese." Es war sein Vater; der mattäugige, schmächtige, bleich- farbige Mann (in dessen Gesicht der warme Heutag noch einige weiße Farbenkörner mehr gesäet) schritt mit einer leuchtenden Sense ans der Achsel aus den Rainen in die Straße herein. Vult mußte umblicken, um nicht erblickt zu werden, und ließ den Vater voraus. Daun fiel er ihm mit einigen klingenden Paradiesen der Flöte, und zwar — weil er wußte, wie ihm Choräle schmeckten — mit diesen in den Rücken. Lukas schritt noch träger fort, um länger zurückzuhörcn — und die ganze Welt war hübsch. Braune Dirnen mit schwarzen Augen und weißen Zähnen setzten die Grassicheln an die Augenbrauncn, um den vorbcipfcifendcn Studenten ungeblendet zu sehen — die Viehhirtinnen zogen mit ihren Wandelglöckchcn auf beiden Seiten mit — Lukas schnäuzte sich, weil ihn der Choral bewegte, und sah ein ungesponscltcs Weidepferd nur ernsthaft an — aus den Schornsteinen des Schlosses und Pfarrhauses und des väterlichen hoben sich vergoldete Rauchsäulen ins windstille kühle Blau. — Und so kam Vult ins überschattete Eltcrlein hinab, wo 55 er das närrische, verhüllte, träumende Ding, das bekannte Leben, den langen Traum, angchoben, und wo er im Bette zu diesem Traum, weil er erst ein kurzer Knabe war, sich noch nicht hatte zu krümmen gebraucht. Im Dorfe war das Alte das Alte. Das große Hans der Eltern stand jenseits des Bachs unverändert mit der weißen Jahreszahl 1784 auf dem Dachschieser da. — Er lehnte sich mit dem Flötenlicde: „wer nur den lieben Gott läßt walten" an den glatten Maienbanm und blies ins Gebctläuten hinein. Der Vater ging, sehr langsam unter dem Scheine des Umsehens, über den Bachsteg in sein Hans und henkte die Sense an den hölzernen Pflock an der Treppe. Die rüstige Mutter trat aus der Thüre in einem Manns-Wammse, und schüttete, ohne aufs Flöten zu hören, das abgeblattete Unkraut des Salats ans einem Scheffel, und beide sagten zu einander — wie Landgatten Pflegen — nichts. Vnlt ging ins nachbarliche Wirthshaus. Von dem Wirthe erfuhr er, daß der Pfalzgraf Knol mit dem jungen Harnisch Felder beschaue, weil die Notariusmacherci erst Abends angehe. „Trefflich, dachte Vult, so wird's immer dunkler, und ich stelle mich ans Backofenfcnstcr und sehe ihrem Kreiren drinnen zu." Der alte Lukas trat jetzt schon gepudert in einer großblumigen Damastweste an die Thüre heraus, und wetzte in Hemdärmcln an der Schwelle das Messer für das Souper dcS Notariatsschöpfers ab. „Aber das Bürschlein soll's auch nicht Herausreißen, setzte der Wirth hinzu, der ein Linker war; der Alte hat mir seine schöne Branntwcinsgcrcch- tigkcit verkauft, und der Sohn hat von der Blase studirU Aber lieber das Haus sollt' er weggeben, und zwar an einen gescheidten Schenkwirth; sapperment! Dem würden Bicrgäste 56 zuflicgen, der Bierhahn wäre Hahn im Korbe, aber ganz natürlich. Denn die Stnbe hat zweierlei Grenzen, und man könnte darin zuprügeln und kontrebandiren und bliebe doch ein gedeckter Mann." — Vult nahm keinen so spaßhaften Anthcil am Wirthe, als er sonst gcthan hätte; er erstaunte ganz, daß er unter der Hand ordentlich in eine heftige Sehnsucht nach Eltern und Bruder, besonders nach der Mutter hineingerathen war, „was doch, sagt' er, auf der ganzen Reise gar nicht mein Fall gewesen." Es war ihm erwünscht, daß ihn der Wirth beim Aermel ergriff, um ihm den Psalzgrafc» zu zeigen, der eben in des Schulzen Haus, aber ohne Gottwalt, ging; Vult eilte aus seinem, um drüben alles zu sehen. Draußen fand er das Dorf so voll Dämmerung, daß ihm war, als steck' er selber wieder in der Helldunkeln Kin- derzeit, und die ältesten Gefühle flatterten unter den Nachtschmetterlingen. Hart am Stege watete er durch den alten lieben Bach, worin er sonst breite Steine aufgezogen, um eine Grundel zu greifen. Er machte einen Bogcnumweg durch ferne Bauernhöfe, um hinter den Gärten dem Hause in den Rücken zu kommen. Endlich kam er ans Backosenfenster und blickte in die breite zweiherrigc Gränzstube — keine Seele war darin, die einer schreienden Grille ausgenommen, Thüren und Fenster standen offen; aber alles war in den Stein der Ewigkeit gehauen; der rothe Tisch, die rothen Wandbänke, die runden Löffel in der hölzernen Wandlciste, um den Ofen das Trockengerüste, der tiefe Stubcnbalken mit hernnterhängenden Kalendern und Heringsköpsen, alles war über das Meer der langen Zeit, gut eingepackt, ganz und wie neu herübergeführt, auch die alte Dürftigkeit. 57 Er wollte am Fenster länger empfinden, als er über sich Leute hörte, und am Apfelbaum den Lichtschimmer der obern Stube erblickte. Er lief auf den Baum, woran der Vater Treppe und Altan gebaut; und sah nun gerade in die Stube hinein, und hatte das ganze Nest. Darin sah er seine Mutter Veronika, mit einer weißen Küchenschürze stehend, eine starke, etwas breite, gesund uach- blüheude Frau, das stille, scharfe, aber höfliche Weiberauge auf den Hoffiskal gelegt — dieser ruhig sitzend und an seinem breiten Kopse das Nabelgehenke eines Pseiscukopss befestigend — der Vater gepudert, und im heiligen Abendmahlsrock unruhig lausend, halb aus achtender Angst vor dem großen eingefleischten eorpus snris neben ihm, das gegen Fürsten und alle Welt gerade so keck war, als er selber scheu, halb aus sorgender, das eorpu8 nehm' es übel, daß Walt noch fehlte. Am Fenster, das dem Baum und Vulteu am nächsten war, saß Goldine, eine bildschöne, aber bucklige Jüdin, aus ihr rothes Knaul niederschcud, woraus sie einen schaf- wollenen Rothstrumpf strickte; Veronika ernährte die blutarme, aber fein-geschickte Waise, weil Gottwalt sie ungemein liebte und lobte, und sic einen kleinen Edelstein hieß, der Fassung brauchte, um nicht verloren zu gehen. „Der Knecht ist nach dem Spitzbuben ausgeschickt," versetzte Lukas, als der Fiskal noch unwillig erzählte, Walt habe nicht einmal seine eignen Felder, geschweige des sel. van der Kabels seine ihm zu zeigen gewußt, sondern ihm einen Frohn- baueru Kabels dazu hergeholt, und sei wie ein Grobian weg- gcbliebcn. Vom erfreulichen Testamente, sah Vult, hatte der Fiskal noch kein Wort gesagt. Auf einmal fuhr Gottwalt in einem Schanzlooper her- 58 ein, verbeugte sich eckig und eilig vor dem Fiskal und stand stumm da, und Helle Freudcnthräncn liefen aus den blauen Augen über sein glühendes Gesicht. „Was ist dir?" fragte die Mutter. „O meine liebe Mutter (sagt' er sanft), gar nichts. Ich kann mich gleich cxaminiren lassen." — „Und dazu heulst du?" fragte Lukas. Jetzt stieg sein Auge und sein Ton: „Vater, ich habe, sagte er, heute einen großen Mann gesehen." — „So? versetzte Lukas kühn — Und hast dich vom großen Kerl wamsen lassen und zu- dccken? Gut!" „Ach Gott," rief er; und wandte sich an die aufmerksame Goldine, um es so dem Examinator mit zu erzählen. Er hatte nämlich oben im Fichtenwäldchcn eine haltende Kutsche gefunden, und unweit davon am Waldhügel einen bejahrten Mann mit kranken Augen, der die schöne Gegend im Sonnenuntergang ansah. Gottwalt erkannte leicht zwischen dem Manne und dein Kupferstiche eines großen deutschen Schriftstellers — dessen deutscher Name hier blos griechisch übersetzt werde in den des Plato — die Achnlichkeit. „Ich that — fuhr er feurig fort — meinen Hut ab, sah ihn still immerfort an, bis ich vor Entzückung und Liebe weinen mußte. Hätt' er mich angesahren, so hätte ich doch mit seinem Bedienten über ihn viel gesprochen und gefragt. Aber er war ganz sanft, und redete mit der süßesten Stimme mich an, ja er fragte nach mir und meinem Leben, Ihr Eltern; ich wollt', ich hätt' ein längeres gehabt, um es 'ihm aufzuthun. Aber ich macht' es ganz kurz, um ihn mehr zu vernehmen. Worte, wie süße Bienen, flogen dann von seinen Blumcnlippen, sie stachen mein Herz mit Amors Pfeilen wund, sie füllten wie- V 59 der die Wunden mit Honig ans. O der Liebliche! Ich fühlt' es ordentlich, wie er Gott liebt und jedes Kind. Ach ich möcht' ihn wol heimlich sehen, wenn er betete, und auch, wenn er selber weinen müßte in einem großen Glück. -— Ich fahre sogleich fort," unterbrach sich Walt, weil er vor Rührung nicht sortsahren konnte; bezwang sich aber etwas leichter, als er umher- sah, und gar keine sonderliche Fremde fand. „Er sagte — fuhr er fort — die besten Sachen. Gott, sagt' er, gibt in der Natur wie die Orakel die Antwort, eh' die Frage gethan ist — desgleichen, Goldinc, was uns Schwefelregcn der Strafe und Hölle daucht, offenbart sich zuletzt als bloßer gelber Blumcnstaub eines zukünftigen Flors. Und einen sehr guten Ausspruch Hab' ich ganz vergessen, weil ich meine Augen zu sehr auf seine richtete. Ja da war die Welt rings umher voll Zauberspiegel gestellt, und überall stand eine Sonne, und aus der Erde gab es für mich keine Schmerzen, als die seiner lieben Augen. Liebe Goldine, ich machte aus der Stelle, so begeistert war ich, den Polymcter: doppelte Sterne erscheinen am Himmel als Einer, aber o Einziger, du zergehest in einen ganzen Himmel voll Sterne. Dann nahm er meine Hand mit seiner sehr weichen, zarten, und ich mußte ihm unser Dorf zeigen; da sagt' ich kühn den Polymcter: seht, wie sich alles schön verkehrt, die Sonne folgt der Sonnenblume. Da sagt' er, das thuc nur Gott gegen die Menschen, der sich mehr ihnen zuwcnde als sie ihm. Darauf ermunterte er mich zur Poesie, scherzte aber artig über ein gewisses Feuer, was ich mir auch morgen abgc- wöhne; Gefühle, sagt' er, sind Sterne, die blos bei Hellem Himmel leiten, aber die Vernunft ist eine Magnetnadel, die das Schiff noch ferner führt, wenn jene auch verborgen sind und nicht mehr leuchten. So mag gewiß der letzte Satz geheißen haben; denn ich hörte nur den ersten, weil cs mich erschreckte, daß er an den Wagen ging und scheiden wollte. „Da sah er mich sehr freundlich an, gleichsam zum Tröste, daß mir war, als klängen aus den Abcndröthcn Flötentöne." — „Ich blies in die Röthen hinein," sagte Vult, war aber etwas bewegt. „Ja endlich, glaubt mir's, Eltern, drückt' er mich an seine Brust und an den Uieblichcn Mund, und der Wagen rollte mit dem Himmlischen dahin."- „Und — fragte der alte Lukas, der bisher, zumal wegen Plato's vornehmen Amtsnamen, jede Minute gewärtig gewesen, daß der Sohn einen beträchtlichen Beutel Vorzüge, den ihm der große Mann in die Hand gedrückt — er ist weg- gcfahrcn und hat dir keinen Pfennig geschenkt?" — „O wie denn das, Vater?" fragte Walt. „Ihr kennt ja sein weiches Gemüth," sagte die Mutter. „Ich kenne diesen Skribenten nicht, sagte der Psalzgras; aber ich dächte, statt solcher leerer Historien, die zu nichts führen, fingen wir einmal das Examen an, das ich anstelle«: muß, eh' ich jemand zum Notarius krciren will." „Hier steh' ich", sagte Walt, im Schanzloopcr hin und von Goldinen weg fahrend, deren Hand er für ihre Theil- nahme an seiner Stetigkeit öffentlich genommen hatte. 61 hso. 8. Koboldblüte. Das Notariats-Eramcn. „Wie heißet Herr Notariand?" fing Knol an. — Alles war nämlich so, erstlich daß Knol als ein zusammengcwach- senes verknöchertes Rcvoluzionstribnnal das Vorhängschloß des Pfcifenkopfes am eignen hatte und zu allem saß — firner, daß Lukas seinen aus zwei Ellenbogen wie ans Karyatiden gestützten Kops aus den Tisch setzte, jeder Frage nachsin- ncnd, eine Stellung, die seine matten grauen Augen und sein blutloses Gelehrtcngcsicht, zumal unter dem Leichenpudcr auf der gebräunten Haut, sehr ins nahe Licht fitzte, so wie seinen ewigen regnerischen Feldzug gegen das Geschick — ferner, daß Veronika dicht neben dem Sohne, mit den Händen auf dem Magen betend, stand und das stille Wciberauge, das in die närrischen Arbcitslogen der Männer dringen will, zwischen Examinator und Examinanden hin und wieder gleiten ließ — und zuletzt, daß Vult mit seinen leisen Flüchen zwischen den unreifen Pclzäpfcln saß und neben ihm — da ja alle Leser durch ein Fenster in die Stube sehen — auf den benachbarten Aesten sämmtliche 10 deutsche Reichs- und Lesekreise oder Lesezirkel; so viele tausend ^Lcfir und Seelen von jedem Stande, was in dieser Zusammenstellung auf dem Baume lächerlich genug wird. — — Alles ist in der größten Erwartung über den Ablauf des Examens, Knol in der allergrößten, weil er nicht wußte, ob nicht vielleicht manche mögliche Ignoranzen den Notariandus nach den geheimen Ar- 62 tikeln des Testaments auf mehrere Monate zurückschöbeu oder sonst beschädigten. „Wie heißet Hr. Notariand?" fing er bekanntlich an. „Peter Gottwalt," versetzte der sonst blöde Walt auffallend frei und laut. — Der geliebte cntflogne Göttermcnsch hob noch seine Brust; nach einem solchen Anblicke werden, wie in der ersten Liebe, uns alle Menschen zwar näher und lieber, aber kleiner. Er dachte mehr an Plato als an Knol und sich, und träumte sich blos in die Stunde, wo er recht lange darüber mit Goldincn sprechen könnte. „Peter Gottwalt" hatt' er geantwortet. „Harnisch muß noch bei" sagte sein Vater. „Dessen selben Eltern und Wohnort?" fragte Knol — Walt hatte die besten Antworten bei der Hand. „Ist Hr. Harnisch ehelich geboren?" fragte Knol — Gottwalt konnte schamhaft nicht antworten. „Das Taufzcug- niß ist gelöset," sagte der Schulz. „Es ist nur um Ordnung willen," sagte Knol und fragte weiter: „Wie alt?" — „So alt als mein Bruder Vult (sagte Walt), vier und zwanzig" — Jahre nämlich, sagte der Vater. „Was Religion? — Wo stndirt? u. s. w." Gute Antworten fehlten nicht. „Wen hat H. H. von den Kontrakten gelesen? — Wie viele Personen sind zu einem Gerichte erforderlich? — Wie viel wesentliche Stücke gehören zu einem ordentlichen Prozesse?" — Der Notariand nannte sehr nöthige, schlug aber die Ungehorsams-Beschuldigung nicht an. „Nein, Herr, 13 sind's schon nach Leier! Volümnnno einencknto," sagte der Pfalzgras heftig. 63 „Hat man Kaiser Maximilians Notariatsordnung von anno 1512 zn Cölln aufgcrichtet nicht nur oft, sondern auch recht gelesen?" fragt' er weiter. „Sauberer und eigenhändiger konnte man's ihm nicht abschreibcn, als ich, Hr. Hofpfalzgraf!" sagte der Schulz. „Was sind I,Me?" fragte der Knol. oder litones oder Leute (antwortete freudig Walt, und Knol rauchte ruhig zn seiner Vermengung fort) waren bei den alten Sachsen Knechte, die noch ein Drittel Eigcn- thum besaßen und daher Kontrakte schließen konnten." — „Eine Zitazion dazu!" sagte der Psalzgraf. „Möser," versetzte Walt. „Sehr wohl — antwortete der Fiskal spät und rückte die Pfeife in die Ecke des formlosen Mundes, der nur einer anfgcschlitztcn Wunde glich, die man ihm ins Sibcricn des Lebens mitgegeben — sehr wohl! Aber iMs sind sehr verschieden von litoniblm; I^tns sind die jungen Juristen, die zu Justinianus Zeiten im vierten Jahre ihres Kurses den Rest der Pandekten absolvirten *); und die Antwort war eine Ignoranz." Gottwalt antwortete gutmüthig: wahrhaftig, das Hab' ich nicht gewußt. „So wird man wol auch nicht wissen, was aus den Strümpfen, die der Kaiser bei der Krönung in Frankfurt anhat, steht?" — Ein Zwickel, Gottwalt, soufflirte hinter ihm Goldine. „Natürlich, fuhr Knol fort; H. Tychsen hat cs uns folgender Gestalt ins Deutsche übersetzt aus dem arabischen Texte: „„ein prächtiges, königliches Strumpfband."" *) Ileineee. bist. jar. oiv. stnil. Kitter. b>. l. §. 393. — Darüber, über den Text und Uebersetzcr der Strümpfe, fuhr das Mädchen in ein freies Gelächter aus; aber Vater und Sohn nickten ehrerbietig. Unmittelbar nachdem Walt aus der durchlöcherten Fisch- wagc des Examens blöde und stumm gestiegen war, ging der Pfalzgras ans Kreiren. Er sprach mit der Pfeife und aus dem Sessel Walten den Notariatscid auswendig zum Erstaunen aller vor; und Walt sagte ihn mit gerührter Stimme nach. Der Vater nahm die Mütze ab; Goldinc hielt ihre Strumpfwirkerei innen. Der erste Eid macht den Menschen ernst; denn der Meineid ist die Sünde gegen den h. Geist, weil er mit der höchsten Besonnenheit und Frechheit ganz dicht vor dem Throne des moralischen Gesetzes begangen wird. Jetzt wurde der Notarius bis auf das letzte Glied, auf die Fersen gar ausgeschaffen. Dintc, Feder und Papier wurden ihm von Knolcn — überreicht und dabei gesagt, man in- vcstirc ihn hiemit. Ein goldncr Ring wurde seinem Finger augestcckt und sogleich wieder abgezogen. Endlich brachte der Eoinss pnlntiuns ein rundes Käppchen (Barctlein hieß cr's) aus der Tasche und setzte cs dem NotariuS mit dem Beifügen auf den Kops, eben so ohne Falten und rund sollen seine Notarienhändcl seyn. Goldinc ries ihm zu, sich umzudrchcn; er drehte ihr und Vultcn ein Paar große, blaue, unschuldige Augen zu, eine hochgewölbte Stirne und ein einfaches, beseeltes, durchsichtiges, mehr von der inncrn als von der äußern Welt ausgebildctes Gesicht mit einem seinen Munde, welches auf einem etwas schiefen Torso stand, der wieder seiner Scits auf cingeklappten Kniewinkeln ruhte; aber Goldinen kam er lächerlich und dem Bruder wie ein rührendes Lustspiel vor, und im Schanzlooper 65 wie ein Meistersänger aus Nürnberg. Noch wurde sein Notariatssignet und das in Haslau verfaßte Diplom dieser Würde übergeben; — und so hatte Knol in seiner Glashütte mit seiner Pfeife den Notarius fertig und rund geblasen — oder blos in einer andern Metapher, er brachte ans dem Backofen einen ausgebackncn, offnen, geschwornen Notarius auf der Schaufel heraus. Hieraus ging dieser zum Vater, und sagte gerührt mit Händedrücken: „wahrhaftig, Vater, Ihr sollt sehen, welche Wogen auch . . . ." Mehr könnt' er nicht vor Rührung oder Bescheidenheit sagen. Konsidcrire besonders, Peter, daß du Gott und dem Kaiser geschworen, bei Testamenten „absonderlich derer Hospitäler und anderer nothdürftigcr Personen, desgleichen gemeine Wege befördern zu helfen." — Du weißt, wie schlecht die Wege ums Dorf sind, und unter den nothdürftigen Personen bist du die allererste. — „Nein, ich will die letzte seyn," versetzte der Sohn. Die Mutter gab dem Vater einen silberhaltigen Papicrwickel — denn die Menschen versilbern, so zu sagen, die Pille des rohen Geldes einander durch Papier, erstlich aus feiner Schonung des fremden Eigennutzes, und zweitens, um cs zu verstecken, wenn es zu wenig seyn sollte —; der Vater drückt' es höflich in die Fiskalische lang gedehnte haarige Hand mit den Worten: „xro rntn, H. Hoffiskal! Es ist das Schwanzgcld von unserer Kuh und etwas darüber. — Vom Kanfschilling des Viehs soll der Notarius auskommcn in der Stadt. — Morgen reitet er das Pferd des Fleischers hinein, der sie uns abgetanst. Es ist blutwenig, aber aller Anfang ist schwer; beim Aufgehen der Jagd hinken die Hunde noch; ich habe manchen gelehrten Hungerleider gesehen, der Anfangs von Jean Paul's ausgetv. Werke. X.1II. k-» 66 nichts lebte. — Sei nur besonders Vigilant, Peter, denn sobald der Mensch aus der Welt einmal etwas Braves gelernt" — „Ein Notarins — fing heiter Knol unter dem Geldcin- stecken an, und hielt die Pfeife lange ans Licht, eh' er sort- fnhr — ist zwar nichts Sonderliches, im Reiche seynd viel, nämlich Notarii, sagt der Neichsabschied von 1500 Vrt. XIV, wicwol ich selber meines Orts nur Notaricn machen kann, und doch kein Instrument." — „Wie mancher Pfalzgras und mancher Vater — sagte leise Goldine — keine Gedichte, aber doch einen Dichter." — „Jndcß ist in Haslan — fuhr er fort — so oft bald ein Testament, bald ein Jnterrogatorium, bald ein Vickünuo, zuweilen, aber höchst selten, eine clonatio inter vivvs zu machen; falls nun der junge Mensch advozirt" — „Das muß mein Peter," sagte LnkaS — „— Falls er's aber.— fuhr er fort — recht macht, anfangs schlechte, zweideutige Prozesse mit Freuden annimmt, weil große Advokaten fie von der Hand weisen, letztere häufig konsnltirt, sich windet und bückt und dreht" — „So kann er ein rechtes Wasser auf desjenigen Mühle werden, der sein Vater ist, ja eine ganze Mühlwelle; er kann ihm ja nach Gelegenheit von Zeit zu Zeit ein beträchtliches Stück Geld zufertigen" sagte der Vater. — „O meine Eltern, wenn ich das einmal könnte!" sagte leise Walt entzückt. „O Gott, steh' mir bei, sagte Lukas zornig, wer denn sonst? Etwa dein Spitzbube, dein Landläufer und Querpfeifer, der Vult?" — Dieser schwur auf seinem Baume, vor einem solchen Vater sich ewig zu Verkappen. „Falls nun — fuhr Knol lauter und unwillig über das Stören fort — der junge Anfänger kein eingebildeter Narr oder Neuling ist, sondern ein Mensch, der blos im juristischen Fache lebt und webt, wie hier sein vernünftiger Vater, der vielleicht mehr vom llus versteht." Nun konnte Lukas sich nicht mehr halten: „H. Hosfis- kalis! Peter hat seines Vaters Sinn nicht; mich hätte man jura lassen sollen. Gott! ich hatte Gaben und mein Pferd- gedächtniß und Sitzfleisch. — Es ist nur ein schlechter Gerichtsmann, der nicht zugleich ein Zivilist — ein Kameralist — ein Kriminalist — ein Feudalist — ein Kanolist — ein Publist ist, so weit er kann. Längst hält' ich dieses mein Amt niedergclegt — denn was zieh' ich weiter davon, als jährlich 3 Scheffel Besoldung und die Fasikanne und viel Versäumniß und Verdrießlichkeit — wär' im ganzen Dorf ein Mensch zu haben, der's wieder nähme und scharmant versähe. Wo sind denn die vielen Schulzen hier zu Lande, die vier Schulzenordnungen im Hause haben wie ich, nämlich die alte gothaische, die chursächsische, die würtembergische und die Haarhaarische? — Und setz' ich nicht in jede Bücherlotterie und erstehe die gescheidtcsten Sachen, unter andern: „„Julii Bernhards von Rohr vollständiges Haushaltungsrecht, in welchem die nützlichsten Rechtslehren, welche sowol bei den Landgütern überhaupt, derselben Kauffung, Vcrkanffung und Verpachtung als insonderheit bei dem Ackerbau, Gärtnerei rc. rc. und andern ökonomischen Materien Vorkommen, der gesunden Vernunft, denen römisch- und teutschcn Gesetzen nach ordentlich abgehandelt werden, allen denenjenigen so Landgüter besitzen, oder dieselben zu nckwiuistriren haben, höchst nützlich nnd ohnentbehrlich. Die andere Auflage. Leipzig, 1738 verlcgts I. CH. Martini, Buchhändler in der Grimmischen Straße."" „Es macht aber zwei Bände, sehen Sie!" Ich habe sie selber, sagte Knol. — „Nun wohl! (schloß der Vater daraus weiter fort.) Muß ein Gerichtsmann nicht wie ein Hufschmidt die Taschen schon im Schurzfell bei der Hand haben, nicht erst in den Hosen? O du lieber Gott, H. Fiskalis, wo zu psändcu ist — zu taxiren — zu cinquarticrcn — mündlich und schriftlich Unzähliges anzuzeigcn — wo Kränze um Brunnen zu machen, Zigeuner aus dem Lande zu jagen, auf Straßen und Feuerschau zu schauen — wo in Dörfern Pesten, Exzesse, Spitzbübereien sind: — da ist ja ein Gcrichtsmann der erste dabei, und zeigt die Sachen an, sowol bei löblicher Landeshauptmannschaft, als, wenn der Fall, bei der Ritterschaft. Was Wetter! da kann er nicht, wie eine Kanzeluhr, die Woche nur einmal gehen, Tag für Tag läuft er zum größten Schaden seiner Wirthschast in alle Löcher — in alle Felder und Wälder — in alle Häuser und nachher in die Stadt und rapportirt's mündlich, worauf cr's schriftlich aus der Tasche zieht. Es sollen mir Pfcrdner und Anspänner oder Hinter- sättler hertretcn und sagen: Lukas, lasse die Flausen! Du bist auch da und da fahrlässig gewesen! O solche große Ver- läumder! sehen Sie dann nicht, daß ich mich darüber Klaster- tief in Schulden stecke, und wäre künftig der Notarius und Tabellio nicht . . . ." „Hör' einmal aus, Gcrichtsmann, sagte Veronika, und wandte sich an den Fiskal, dessen Schuldner ihr Mann war — H. Fiskal, er sagt das nur so, um etwas zu sagen. Be- 69 gehren Sic nichts? Und ich habe nachher eine große Frage zu thnn." Lukas schwieg sehr willig und schon gewohnt, daß in seiner Ehe-Sonatine die linke Hand, die Frau, weit über die rechte heraus griff in die höchsten Töne zum harmonischen Vortheil. „Er schnapse gern vor dem Essen" (versetzte Knol zu Walts Erstaunen über ein solches Postillons-Zeitwort von einem Stadt- und Hosmann). Die Mutter ging, und brachte in der einen Hand das Extrapostblut und Elcmentarscuer, aber in der andern ein dickes Manuskript. Walt nahm es ihr blutroth weg. Gol- dincns. Augen schimmerten entzückt. „Du mußt aus dem Liederbuch lesen, sagte die Mutter, der gelehrte Herr sollen sagen, ob cs taugt. H. Kandidat Schomakcr will cs sehr loben." „Und ich lob' es wirklich," sagte Goldine. Da trat der Kandidat selber herein, wars sich blos vor dem Fiskale krumm, und salutirtc mit blitzenden Augen. Er sah aus allen, daß die Frcudenpost des Testaments noch nicht in der Stube erschollen war. „Sehr spät, sagte Lukas, der exzellente Aktus ist ganz vorbei." Ausführlich bctheuerte der Kandidat, er sei erst gegen Vcsperzcit aus der Stadt gekommen; „ich steh' auch — sagte er, und sah gern den Schulzen an, vergnügt, daß er nicht einen so vornehmen und bedenklichen Herrn, wie Knol, beschauen mußte — schon seit einer geraumen Viertheilstunde unten im Hose, habe mich aber vor fünf Gänsen, welche vor der Thürc Flügel und Schnabel gegen mich aufgcmachet, nicht hereingetraut." — „Nein, sechs waren's," sagte die satirische Jüdin. „Oder auch sechs, versetzte er; genung, eine ist ge- nung, wie ich gelesen, um einen Menschen durch einen wüthigen Biß ganz toll und wasserscheu zu machen." ,,^ll en! wandt' er sich zu Walten (mehr französisch könnt' er nicht), Ihre Polymetcr!" — „Was sind's?" fragte Knol trinkend. „Herr Graf (sagte Schomaker, und ließ die Pfalz weg), in der That eine neue Erfindung des jungen Kandidaten, meines Schülers, er machet Gedichte nach einem freien Metrum, so nur einen einzigen, ater reimfrcien Vers haben, den er nach Belieben verlängert, seiten-, bogenlang; was er den Streckvers nennt, ich einen Polymeter." Vult fluchte aus Ungeduld zwischen den Acpfeln. Walt stellte sich endlich mit dem Manuskripte und mit dem Profil seiner Bogcnstirn und seiner graden Nase vor das Licht — blätterte über alle Beschreibung lange und blöde nach dem Frontispiz seines Musentempels — der Kandidat that, mit der einen Hand in der Weste, mit der andern in der Hose, drei Streckschritte nach Vults Fenster, um hinaus zu —> spucken. Stotternd, aber mit schreiender, ungebildeter Stimme fing der Dichter an: M. 9. S ch w e f el b l u m e n. S t r e ck v e r s e. Ich weiß nicht, ich finde jetzt kein rechtes Gedicht, ich muß ans geradewol ausheben: Der Wiederschein des Vesuvs im Meer. Seht, wie fliegen drunten die Flammen unter die Sterne, rothe Ströme wälzen sich schwer um den Berg der Tiefe, und 71 fressen die schönen Garten. Aber unversehrt gleiten wir über die kühlen Flammen, und unsere Bilder lächeln aus brennender Woge." Das sagte der Schiffer erfreut, und blickte besorgt nach dem donnernden Berg' auf. Aber ich sagte: siehe, so trägt die Muse leicht im ewigen Spiegel den schweren Jammer der Welt, und die Unglücklichen blicken hinein, aber auch sie erfreuet der Schmerz. * che ch: Was weint denn der wunderliche Mensch, da er ja alles sich selber ausgesonnen? rief Lukas. „Weil er selig ist," sagte Goldine, ohne es zu treffen; cs war blos das Weinen der Bewegung, die weder eine entzückte, noch betrübte, sondern nur eine Bewegung zu scyn braucht. Er las jetzt: Der Kindcrsarg in den Armen. Wie schön, nicht nur das Kind wird leicht in den Armen gewiegt, auch die Wiege. Die Kinder. Ihr Kleinen steht nahe bei Gott, die kleinste Erde ist ja der Sonne am nächsten. Der Tod unter dem Erdbeben.*) Der Jüngling stand neben der schlummernden Geliebten im Myrtenhaine, um sie schlief der Himmel, und die Erde war *) Bekanntlich ist vor dem Erdbeben meist die Lust still, nur das Meer woget. 72 leise — die Vögel schwiegen — der Zephyr schlummerte in den Rosen ihres Haars und rückte kein Löckchen. Aber das Meer stieg lebendig auf, und die Wellen zogen in Heerden heran. Aphrodite, betete der Jüngling, du bist nahe, dein Meer bewegt sich gewaltig, nnd die Erde ist furchtsam, erhöre mich, herrliche Göttin, verbinde den Liebenden ewig mit seiner Geliebten. Da umflocht ihm mit unsichtbarem Netze den Fuß der heilige Boden, die Myrten bogen sich zu ihm, und die Erde donnerte, und ihre Thorc sprangen ihm auf. — Und drunten im Elysium erwachte die Geliebte, und der selige Jüngling stand bei ihr, denn die Göttin hatte sein Gebet gehört. * ^ 4 - Vult fluchte gewaltig im Laube vor lauter Jubel, seine sonst leicht zusallcnde Seele stand weit den Musen offen: liebes Gottwältlcin! Du allein sollst mich kennen lernen; ja bei Gott, das geht an, das muß er mit aussührcn — Himmel! wie wird der blöde, göttliche Narr erstaunen, wenn tch's ihm vorlcge," sagte er, und hatte einen ncugebornen Plan im Sinne. Ich sollte meinen (sagte Schomaker), daß er die Auktoren der Anthologie nicht ohne Nutz unter mir studirct. Da Knol nicht antwortete, sagte der Vater: lies weiter. Mit schwächerer Stimme las Walt: Bei einem brennenden Thcatervorhang. Neue erfreuliche Spiele zeigtest du sonst, stiegst du langsam hinauf. Jetzt verschlingt dich schnell die hungrige Flamme, und verworren, unselig und dampfend erscheint die Bühne der Freude. Leise steige und falle der Vorhang der Liebe, aber nie sink' er als feurige Asche auf immer darnieder. Die nächste Sonne. Hinter den Sonnen ruhen Sonnen im letzten Blau, ihr fremder Stral fliegt seit Jahrtausenden ans dem Wege zur kleinen Erde, aber er kommt nicht an. O du sanfter, naher Gott, kaum thnt ja der Menschengeist sein kleines, junges Aug' ans, so stralst du schon hinein, o Sonne der Sonnen und Geister! Der Tod eines Bettlers. Einst schlief ein alter Bettler neben einem armen Mann und stöhnte sehr im Schlaf. Da rief der Arme laut, um den Greis ans einem bösen Traum aufznweckcn, damit den matten Busen nicht die Nacht noch drücke. Der Bettler wurde nicht wach, aber ein Schimmer flog über das Stroh; da sah der Arme ihn an, und er war jetzt gestorben; denn Gott hatt' ihn aus einem längcru Traum aufgeweckt. Die alten Menschen. ^ Wol sind sie lange Schatten, und ihre Abendsonne liegt kalt auf der Erde; aber sie zeigen alle nach Morgen. Der Schlüssel zum Sarge. „O schönstes, liebstes Kind, fest hinunter gesperrt ins tiefe, dunkle Haus, ewig halt' ich den Schlüssel deiner Hütte, und niemals, niemals thut er sie aus!" — Da zog vor der jammernden Mutter die Tochter blühend und glänzend die Sterne hinan, und rief herunter: „Mutter, wirf den Schlüssel weg, ich bin droben und nicht drunten!" ^o. 10. Stinkholz. Das Kapaunengefecht der Prosaisten. „O Himmel, wär's nur Morgen, Brüderlcin! Es ist verdammt, man sollte nie passen müssen," sagteVult. — „Ich habe genug," sagte Knol, der bisher die eine Tabackswolke gerade so groß und so langsam geschaffen hatte, wie die andere. — „Ich meines Parts, sagte Lukas, kann mir nichts rechts daraus nehmen, und den Versen fehlt auch der rechte Schwanz, aber gib her." — „Fromme und traurige Sachen stehen wol darin," sagte die Mutter. Gottwalt hatte Kopf und Ohren noch in der golduen Morgeuwolke der Dichtkunst, und außen vor der Wolke stehe, kam es ihm vor, der ferne Plato als Sonneuball und durchglühe sie. Der Kandidat Schomakcr sah scharf auf den Pfalzgrasen und passete auf Entscheidungen. Aus religiöser Freiheit glaubte er, überall zu sündigen, wo er eilen sollte und wagen. Daher hatt' er nicht den chirurgischen Muth, seine Schulkinder ordentlich zu prügeln — er ängstigte sich vor möglichen Frakturen, Wundfiebcrn und dergleichen — sondern er suchte sie von weitem zu züchtigen, indem er in einer Nebenkammcr dem Züchtling entsetzliche Zerrgesichter vorschnitt. „Meine Meinung — fing Knol mit bösem Niederzug seiner schwarzwaloigen Augenbraunen an — ist ganz kurz 75 diese: Dergleichen ist wahrlich rechter Zeitvertreib. Ich verachte einen Vers nicht, wenn er lateinisch ist, oder doch gereimt. Ich machte selber sonst als junger Gelbschnabel dergleichen Possen und — schmeichl' ich mir nicht — etwas andere als diese. Ja als cowe;8 palatinus krcir' ich ja eigenhändig Poeten, und kann sic also am wenigsten ganz verwerfen. Kapitalisten oder Rittergutsbesitzer, die nichts zu thun und genug zu leben haben, können in der That Gedichte machen und lesen, so viele sie wollen; aber nur kein gesetzter Mensch, der sein gutes, solides Fach hat und einen vernünftigen Juristen verstellen will — der soll cs verachten, besonders Verse ohne allen Reim und Metrum, dergleichen ich 1000 in einer Stunde Hecke, wenn's sehn muß." — Vult genoß still den Gedanken, daß er in Haslau schon Zeit und Ort finden werde, dem Pfalzgrafen durch Oel ins Feuer und durch Wasser ins brennende Oel zur Belohnung irgend ein Bad zu bereiten und zu gesegnen. — Und doch könnt' er's vor Zorn kaum aushaltcn, wenn er bedachte, daß der Kandidat und der Psalzgraf so lange da standen, ohne des erfreuenden Testaments zu gedenken. Hätt' er sehen und schreiben können, er hätte einen Stein mit einem Rapportwickel als sanfte Taubenpost durchs Fenster fliegen lassen. „Hörst du? sagte Lukas. Sie sind auch eben nicht schön geschrieben, wie ich sehe" und machte blätternd einen Versuch, das Manuskript ins Licht hinein zu halten. Aber der bisher halbgesenkt in die Flamme blickende Dichter entriß es ihm plötzlich mit greifender Faust. — „In den Ncbcnstundcn aber denn doch so etwa?" fragte Schomakcr, für welchen der einzige Titel Hosfiskal einen Ruprcchtszwilling und Doppelhaken in sich faßte; denn .schon, wo einem Worte Hof oder 76 Leib zum Vorsprung anhing — und war's an einem Hof- panker oder Leibvorreiter —: da sah er in eine gchelmtc Vorrede (pimeintio Anlsata) und hatte seine Schauer; wie vielmehr bei dem Worte Fiskal, das jeden aus Pfähle oder in Thürme zu stecken drohte. „In meinen Nebcnstundcn, versetzte Knol, las ich alle mögliche, austrcibliche Aktenstücke und wurde vielleicht das, was ich bin. Ucbcrspannte Floskeln hingegen greisen zuletzt in dem Geschäftsstyl Platz und vergiften ihn ganz; ein Gericht weiset dergleichen dann zurück als inept." — „Natürlich denn und verzeihlich daher (fing Schomaker als Selbstkrummschließcr an), daß ich aus Unkunde der Ncchtsknnde, diese mit der Poesie vereinbaren wollen; aber ganz wahrscheinlich deshalb, daß H. Harnisch, seinem alleinigen Fache heißer sich weihend, nun ganz vom poetischen absteht: nicht gewiß, gewiß, H. Notar?" Da fuhr und schnaubte der bisher sanfte Mensch — den Abfall des sonst lobenden Lehrers für eine Hofmänncrei an- schcnd, die gleich einem Barbicrmefscr sich vor- und rückwärts beugt, obgleich Schomaker blos nicht fähig war, so auf der Stelle, in der Schnelle, einem Throndicncr gegenüber, und bei der Liebe für den Schüler im Herzen sogleich das ü»8 auszufinden, sondern immer zu leicht fürchtete, unter der Hand gegen seinen Fürsten zu rcbellircn, indeß er sonst bei dem Bc- wnßtseyn des Rechts jeder Noth und Gewalt entgcgcngezogen wäre — da schnaubte der sanfte Walt wie ein getroffener Löwe empor, sprang vor den Kandidaten, und ergriff dessen Achseln mit beiden Händen und schrie aus lang gemarterter Brust so heftig auf, daß der Kandidat wie vor nahem Todt- schlag aufhüpftc: „Kandidat! bei Gott, ich werde ein guter Jurist von fleißiger Praxis, meiner armen Eltern wegen. 77 Aber, Kandidat, ein Donnerkeil spalte mein Herz, der Ewige werft mich dem glühendsten Teufel zu, wenn ich je den Streck- vers lasse und die himmlische Dichtkunst." Hier sah er wild anssordcrnd umher und sagte wichtig: „ich dichte fort" — alle schwiegen erstaunt — in Schomakcr hielt noch halbes Leben — Knol allein zeigte ein grimmiges, eisernes Lächeln — auch Vult wurde aus seinem Aste wild, schrie: recht, recht! und griff blindlings nach unreifen Pclz- äpftln, um eine Handvoll gegen die prosaische Session zu schleudern. — Darauf ging der Notar als Sieger hinaus, und Goldine ging ihm mit dem Murmeln nach: es geschieht euch recht, ihr Profaner! — Wider Vults Erwarten stellte der Notarius sich unter seinen Apfelbaum, und hob nach der Sterncnscitc des Lebens, nach dem Himmel, das beseelte Antlitz, auf welchem alle seine Gedichte und Träume zu zählen waren. Beinahe wäre der Flötenspieler ans die verletzte Brust als ein weicher Pfühl herabgcfallcn; er hätte gern den nassen guten Sangvogel, dem es wie der Lerche gegangen, die auf das todte Meer, als wäre es blühendes Land, hernnterstürzt und darin ersäuft, hoch unter die trocknende Sonne gehalten; aber Goldinens Ankunft verbot die schöne Erkennung, sic nahm Walts Hand, aber er schaute noch immer mit tauben Augen nach der Höhe, wo nur Helle Sterne, keine trübe Erde standen. „H. Gottwalt, sagte sie, denken Sie nicht mehr über die prosaischen Pinsel. Sie haben sie abgctrnmpft. Dem Juristen streu' ich heute noch Pfeffer in den Taback und dem Kandidaten Taback in den Pfeffer." „Nein, liebe Goldine, fing er mit schmerzlich sanfter Stimme an, nein, ich war es heute nicht wcrth, daß mich der große Plato küßte. War cs denn möglich? — Gott! 78 es sollte ein froher letzter Abend werden. — Theuere Eltern geben schwer erdarbtes Geld znm Notariate her — der arme Kandidat gibt mir von Kindesbeinen an Lehrstunden säst in allem — Gott segnet mich mit dem Himmel an Plato's Herzen -und ich Satan fahre so höllisch aus! O Gott, o Gott! — Aber mein alter Glaube, Goldine, wie trifft er immer ein: nach jeder rechten, innigen Seligkeit des Herzens folgt ein schweres Unglück." „Das dacht' ich gleich, sagte Goldine zornig, man schlage Sie ans Kreuz, so werden Sic eine festgenagelte Hand vom Querbalken loSarbciten, um damit einem Kricgsknecht seine zu drücken. — Haben denn Sic oder die Strohköpse droben den heutigen Wcinmonat, ich möchte sagen zum Weinessigmonat, versauert?" „Ich kenne, versetzte er, keine' andere Ungerechtigkeiten gewiß und genau, als die ich an andern verübe; — die, so andere an mir begehen, können mir wegen der Ungewißheit der Gesinnungen nie ganz klar und entschieden seyn. Ach cs gibt ja mehr Jrrthümer des Hasses als der Liebe. Wenn nun einmal eine Natur, welche die Antithese und Dissonanz der mcinigen ist, existiren sollte, wie von allem die Antithesen: so könnte sie mir ja leicht begegnen; und da ich eben so wol ihre Dissonanz bin, als sie meine, so Hab' ich nicht mehr über sic zu klagen, als sie über mich." Goldine konnte, wie Vult, nichts gegen diese Denkweise einwenden, aber beiden war sie äußerst verdrießlich. Da rief sanft die Mutter den Sohn und heftig der Vater: „renne, Peter, wir stehen im Testament, und werden vorbeschicden auf den 13ten Iniiu8." No. 11. F i s e t h o l z. Lust-Chaos. Der Pfalzgraf hatte das Erstarren über Walts Sturm- laufcn mit der Bemerkung flüssiger gemacht, daß der „Sans- saeon" es nicht verdiene, in einem wichtigen Testamente zu stehen, zu besten Eröffnung er ihn vorzuladcn habe, und dessen Bedingungen sich eben nicht sehr mit der Reimerei vertrügen. Da war das Anschlagerad und der Dämpfer gerichtlich von des Schulmeisters ton- und wortvoller Seele abgehoben, und er konnte nun alle Glocken läuten — er wußte und gab die angenehmsten Artikel des Testaments, welche der Fiskal durch die unangenehmen ganz bestätigte. Der Kandidat handelte so lange ungewöhnlich sanst nach einer Beleidigung, bis man ihn ersuchte, sie zu vergeben. Lukas rief schon im halben Hören Walten wie toll hinein, um nur etwas zu reden. Von zarter Schamröthc durchdrungen erschien dieser — niemand gab auf ihn Acht — man steckte im Testamente, ausgenommen Knol. Dieser hatte gegen den Jüngling seit dessen Vorlesen einen ordentlichen Haß gefaßt — so wie die Musik zwar Nachtigallen zum Schlagen reizt, aber Hunde zum Heulen — weil ihm der eine Umstand, daß ein so schlechter poetischer Jurist mehr als er erben sollte (was seinen Fiskalischen Kern anfraß), mehr wehe that, als der andere süß, daß sein Eigennutz selber keinen Erben hätte auslcsen können, der geschickter wäre, die Erbschaft zu verscherzen. Walt hörte gerührt der Wiederholung und Forterzählung der Erbämter und der Erbstücke zu. Als um Lukas Ohren jetzt die Worte 11,000 Georgd'ors in der Südsec-Handlung und zwei Frohnbauern sammt Feldern in Eltcrlcin flatterten, stand sein Gesicht, das der plötzliche warme Süd-Zephyr des Glückes umspielte, wie zergangen und verblüfft da, und er fragte: denn löten? 11,000? — Daraus warf er seine Mütze, die er in der Hand hatte, weit über die Stube weg — sagte: den twjus dieses? — Darauf schleuderte er ein Bierglas gegen die Stubcnthüre über Schomakcrn weg; „Gerichtsmann, ries die Frau, was ist Euch?" — „Ich habe so mein Gaudium, sagte er. Nun aber komme mir der erste beste Hund aus der Stadt, ich will ihn lausen, breit trct' ich das Vieh. Und wir werden alle geadelt, wie wir hier sitzen, und ich bleibe der adelige Gerichtsherr — oder ich werde der Gerichtshalter und studire. Und aus meine Kabelschcn Grundstücke säe ich nichts als Neps." „Mein Freund, sagte verdrießlich der Fiskal, Sein poetischer Sohn hat noch vorher einige Nüffe aufzubeißen, dann ist der der Erbe." — Mit Freudenthränen trat der Notar zum enterbten Fiskal, und zog dessen zähe Hände mit der Versicherung an sich: „glauben Sie mir, Freudenbote und Evangelist, ich werde alles thun, um die Erbschaft zu erringen, alles was Sie gefordert haben — (Was wollt Ihr mit mir, sagte Knol, die Hände wegzichcnd) denn ich thue cs ja für Menschen (fuhr Walt fort, alle andere ansehcnd), die noch mehr für mich gethan, vielleicht für den Bruder, wenn er noch lebt. Sind denn die Bedingungen nicht so leicht, und die letzte so schön, die vom Pfarrer werden? —' Der gute Van der Kabel! Warum ist er denn so gut gegen uns? Ich 81 entsinne mich seiner lebhaft, aber ich dachte, er liebte mich nicht. Doch mußt' ich ihm meine Streckverse vorlesen. Kann man denn zu gut von den Menschen denken?" Vnlt lachte, und sagte: „kaum!" Ganz blöde und schamhaft trat Walt zu Schomakcr mit den Worten: „vielleicht verdanke ich der Dichtkunst die Erbschaft — und gewiß die Dichtkunst dem Lehrer, der mir die vorige Minute vergebe!" — „So sei vergessen, versetzte dieser, daß man mich vorhin nicht einmal mehr Herr genannt, was doch so allgemein. Wonne herrsche jetzt! — Aber Ihr H. Bruder, dessen Sie gedachten, lebt noch und im Flore. Ein lebhafter H. Van der Harnisch vergewisserte mich dessen, zog mich aber in eine unerlaubte Ausschwatznng Ihres Hauses hinein, für die mir Ihre Verzeihung so wenig entstehe, als Ihnen die meine!" Der Notar rief es durch das Zimmer, der Bruder lebe noch. „Im erzgcbirgischen Elterlein traf ihn der Herr in der Stadt," sagte Schomaker. — „O Gott, er kommt gewiß heut oder morgen, beste Eltern," rief Walt entzückt. — „Soll mir lieb sehn, sagte der Schulz, ich werd' ihm unter der Hausthüre mit der Habernsense die Beine abmähcn, und ihn mit einem Holzapfel ersticken, einen solchen Vagabunden!" — Gottwalt aber trat zu Goldinen, die er weinen sah, und sagte: „o ich weiß es worüber, Gute — und setzte leise hinzu: über das Glück Ihres Freundes." - „Ja bei Gott!" antwortete sie, und sah ihn entzückter an. Die Mutter warf nur die Bemerkung, wie oft ihr Ge- müth durch ähnliche Sagen von ihres guten Kindes Wiederkunft betrogen worden, flüchtig unter die Männer, um sich blos mit dem verdrießlichen Fiskale abzugebcn, welchem sie Jean Pauls ausgrw. Werle. XIII. 82 freundlich olle böse Klauseln des Testaments deutlich absragte. Den Pfalzgrafcn aber verdroß das von seiner Erbporzion bestrittene Freudenfest am Ende dermaßen, daß er hastig auf- stand, die Zitazionsgebührcn im Namen des Nathsdicners forderte, und den männlichen Jubelköpfen die Hoffnung aufsagte, ihn am Abendtische unter sich zu haben, weil er lieber, gab er vor, bei dem Wirthe drüben speise, der schon seinem Vater ein Darlehn schuldig sei, wovon er seit so vielen Jahren, so oft er Gericht halte, etwas abesse und abtrinke, um zu dem Seinigen zu kommen. Als er fort war, stieg Veronika auf ihre weibliche Kanzel, und hielt ihre Brandprcdigten und Jnspekzionsrcden an die Männer: sie müßten's haben, wenn der Fiskal ihnen das Kapital aufkündigte; ihr Frohthun habe ihn als einen ausgeschlossenen Erben ja verschnupfen müssen. — „Zieht denn aber Er oder ich die Interessen für jetzt, he? — Er!" sagte Lukas. — Schomaker fügte noch den Bericht bei, daß schon der Frühprcdiger Flachs das Kabelsche ganze Haus in der Hundsgasse durch weniges Weinen erstanden. Der Schulz snbr klagend aus und versicherte, das Haus sei seinem Sohne so gut wie gestohlen; denn weinen könne jeder; dieser aber sagte, es tröst' ihn ordentlich über sein Glück, daß ein anderer armer Erbe auch etwas habe. Veronika versetzte: „Du hast noch nichts. Ich bin nur eine Frau, aber im ganzen Testamente merk' ich eine Partitenmacherei. Seit vorgestern wurde schon im Dorfe von Erbschaften gcmunkelt von fremden Stadtherren, ich sagte aber gern meinem Gerichtsmanne nichts. Du, Walt, hast gar kein Geschick zu Welthändcln; und so können leicht 10 Jahre verstreichen, und du hast nichts, und bist doch auch nichts; wie dann, Gerichtsmann!" — „So 83 schlag' ich ihn, sagte dieser, todt, wenn er nicht so viel Verstand zeigt, wie ein Vieh; nnd von dir, Vronel, war's auch keiner, mich nicht zu avcrtiren." — „Ich verpfände mich, sagte Schomaker, für H. Notars Finesse. Poeten sind durchtriebene Füchse, und haben Wind von allem. Ein Grotius, der Humanist, war ein Gesandter — ein Dante, der Dichter, ein Staatsmann — ein Voltaire, der beides, auch beides." Vult lachte, nicht über den Schulmann, aber über den gutherzigen Walt, als dieser sanft beifügte: „ich habe vielleicht aus Büchern mehr Weltklugheit geschöpft, als Ihr denkt, liebe Mutter. — Aber nun nach 2 Jahren, allgütiger Gott! — Wenigstens malen wollen wir uns heute die glänzende Zeit, wo alle hier frei und freudig leben, und ich nichts von allem brauche nnd wünsche, weil ich zu glücklich aus zwei alten heiligen Höhen wohne, auf der Kanzel und dem Musenberg." — „Du sollst dann auch, sagte Lukas, streckversen deu ganzen Tag, weil du doch ein Narr darauf bist, wie dein Vater aufs sus." — „Jetzt aber werd' ich sehr aufmerksam, sagte Walt, das Notarienwesen treiben, besonders da ich es als mein erstes vorgeschriebenes Erbamt versehe; das Advoziren kann nun wol wegbleiben." — „ Seht Ihr, ries die Mutter, er will nur wieder recht über seine langen Verse her, denn er hat's ja vorhin so gotteslästerlich beschworen — ich Hab' es nicht vergessen, Walt!" „So wollt' ich doch, daß Donner und Teufel — rief Lukas, der rein-froh sehn wollte — muß man denn aus jedem Thurmknops einen Nadelknopf machen wie du?" Er wollte gerade das Umgekehrte Vorbringen. Er zog den Ehemanns- 6 * K Vexirzug: schweig! Sie that's immer sogleich, wiewol mit dem Entschluß, etwas später erst recht anznscmgen. Man schritt zur Abendtafcl, wie man da stand, Walt im Schanzlooper, obgleich in der Heuernte, weil er sein Nanking- röckchen schonte. Goldinens Freudenwein war mit vielen Thrä- nen über die Trennung des Morgens gewässert. Der Notar war unendlich entzückt über die Entzückung des Vaters, welcher allmälig, da er sie ein wenig verdauet hatte, nun milder wurde und anfing, mit Tranchirmesser und Gabel der noch fliegenden gebratenen Taube der Erbschaft entgegen zu gehen, und dem Sohne zum erstenmal in seinem Leben zu sagen: „Du bist mein Glück." So lange verharrte Vult aus dem Baume. Als aber die Mutter nun erst die ausführlichen Berichte Schomakers über den Flötenspieler um ihr warmes Herz versammeln wollte, stieg er, um nichts zu hören, weil ihm der Tadel bitterer war als das Lob süß, vom Baume herunter, schon beglückt genug durch den Bruder, dessen Unschuld und Dichtkunst ihn so liebend-eng umstrickten, daß er gern die Nacht im Abendroth ersäuft hätte, um nur den Tag zu haben, und den Poeten an der Brust. 12. Unächte Wendeltreppe. Reiterstück. Früh am bethaueten blauen Morgen stand der Notar schon unter der Hansthüre reit- und reisefertig. Er hatte statt des Schanzloopers den guten gelben Sommer- und Früh- 85 lingsrock von Nanking am Leibe, weil er als Universalerbe mehr aufwendcn konnte, einen runden, weißen, braungeflammten Hut auf dem Kops, die Reitgerte in der Hand, und Kin- desthränen in den Augen. Der Schulz ries: halt! sprang zurück, und sogleich wieder her mit Kaiser Maximilians Notariatsordnung, die er ihm in die Tasche steckte. Drüben vor dem Wirthshanse stand der knappe flinke Student Vult im grünen Reisehut, und der Wirth, welcher der Familien-Antichrist und ein Linker war. Das Dorf wußte alles und paßte. Es war des Universalerben erster Ritt in seinem Leben. Veronika — die ihm den ganzen Morgen Lebcnsregeln für Eröffnung und Erfüllung des Testaments vorgezeichnet hatte — zerrcte den Schimmel am langen Zügel aus dem Stall. Walt sollte hinauf. Ueber den Ritt nnd Gaul wurde von der Welt schon viel gesprochen — mehr als ein Elterleiner versuchte davon ein leidliches Reiterstück zu geben, lieferte aber freilich mehr die rohen Farbhölzcr aus die Leinwand als deren feinsten Absud — auch ist das mein erstes Thicrstück von Belang, das ich in die Gänge dieses Werks aushänge und. festmache-: ich werde demnach einige Mühe daran wenden, und die größte Wahrheit und Pracht. In der Apokalypsis stand so lang ein alter verschimmelter Schimmel, bis ihn der Fleischer bestieg, und. aus ihr in die Zeit hcrüberritt. Der poetische Lenz liegt weit hinter dem Gaul, wo er eignes Fleisch statt des fremden trug, und mit eignen Haaren den Sattel auspolstcrte; er hat das Leben nnd den Menschen — dieses reitende Folterpferd der wunden Natur — zu lange getragen. Der ans zitternden Fühlsäden gesponnene Notar, der den Tag vorher im Stalle um dessen 86 Keilschrift der Zeit, um die Stigmen von Sporen, Sattel und Stangcngcbiß herum ging, hätte für Geld keinen Finger in die Narben legen können, geschweige am Tage darauf die Knntenschneide oder den Sporendolch. Hätte doch der Himmel dem Konsöderazionsthiere des Menschen nur irgend einen Schmerzenslaut bescheert, damit der Mensch, dem das Herz nur in den Ohren sitzt, sich seiner erbarmte. Jeder Thicr- wärter ist der Plagegeist seines Thiers; indeß er gegen ein anderes, z. B. der Jäger gegen das Pferd, der Fuhrmann gegen den Jagdhund, der Offizier gegen Leute außer dem Soldatenstande, ein wahres wcichwolliges Lamm ist. Dieser Schimmel betrat am Morgen die Bühne. Der Notar hatte den Tag vorher den Gaul an eine seiner Gehirnwände festgcbunden und — wie die rechte Seite des Konvents und des Rheins — sich immer die linke vorgestellt, um daran aufznsteigen;— in alle Stellungen hatt' er in seinen 4 Gchirnkammern das Schulroß gedreht, geschwind es links bestiegen, und so sich selber völlig zugerittcn für den Gaul. Dieser wurde gebracht und gewandt. Gottwalts Auge blieb fest an den linken Steigbügel gepicht — aber sein Ich wurd' ihm unter den Händen zu groß für sein Ich -— seine Thränen zu dunkel für sein Auge — er besteige, merkt' er, mehr einen Thron als einen Sattel — die linke Noßseite hielt er noch fest; nur kam jetzt die neue Aufgabe, wie er die eigne linke so damit verknüpfen könnte, daß beide die Gesichter vorwärts kehrten. — Wozu die teuflische Qual! Er probirte, wie ein preußischer Kavallerist, rechts aufzuspringen. Pfiffen Leute, wie Vult und der Wirth, seine Probe aus, so zeigten sie weiter nichts, als daß sie nie gesehen hatten, wie ämsig preußische 87 Kavalleristen auf dem rechten Bügel auffitzen lernen, um gesattelt zu fcyn, falls einmal der linke cntzweigeschosscn wird. Aus dem Sattel hatte nun Walt als Selbst-Onartier- meister das Scinige zu thun, alles zu setzen — sich gerade und sattelfest —, ausznbreitcn — die Finger in die Zügel, die Nockschößc über den Pferderückcu —, cinzuschichten — die Stiefel in die Steigeisen — und anzufangcn — den Abschied und Ausritt. An letzter» wollte der gesetzte Schimmel nicht gerne gehen. Walts delikates Rückwärtsschnalzen mit der Gerte war dem Gaule so viel, als wixe mau ihn mit einem Pfcrdehaar. Ein Paar mütterliche Handschläge auf den Nacken nahm er für Streicheln. Endlich kehrte der Gcrichtsmann eine Heugabel um, und gab ihm mit dem Stiel ans den Hinterbacken einen schwachen Ritterschlag, um damit seinen Sohn als Reiter aus dem Dorfe in die Welt zu schicken, sowol in die gelehrte als schöne. Das war dem Thier ein Wink, bis au den Bach vorzuschrcitcn; hier stand cs vor dem Bilde des Reiters fest, kredenzte den Spiegel, und als der Notar droben mit unsäglicher Systole und Diastole der Füße und Bügel arbeitete, weil das halbe Dorf lachte, und der Wirth ohnehin, glaubte der Harttrabcr seinen Jrrthum des Stehens einzusehcu, und trug Walten von der Tränke wieder vor die Stallthüre hin, stört' aber die Rührungen des Reiters bedeutend. „Wart' nur!" sagte ins Haus laufend der Vater, kam wieder und langte ihm eine Büchscnkugcl zu: „setz' ihm die ins Ohr, sagt' er, so will ich kaviren, er zieht aus, weil doch das Blei die Bestie kühlen muß, glaub' ich." Kaum war das Rennpferd, wie ein Geschütz, mit dem Kops gegen das Thor gerichtet, und das Ohr mit der Schnell- kugel geladen: so fuhr cs durchs Thor und davon; — und durch das mit Augen bestellte Dorf und vor des Kandidaten Glückwunsch flog der Notarius vorüber, oben sitzend, mit dem Gießbuckel des ersten Versuchs, als ein gebogenes Komma. „Weg ist er!" sagte Lukas, und ging zu den Heuschobern hinaus. Still wischte die Mutter mit der Schürze das Auge und fragte den Großknccht, worauf er noch warte und gaffe. Nur Ein weinendes Auge hatte Goldine mit dem Tuche bedeckt, um mit dem andern nachzublicken, und sagte: cs geh' Ihm gut! und ging langsam in sein leeres Studirstübchen hinaus. Bult eilte dem reitenden Bruder nach. Als er aber vor dem Maienbaume des Dorfs vorüber ging, und am Fenster die schönäugige Goldinc und im Hausgärtchen die einsame Mutter erblickte, die mit tropfenden Augen, noch im Sitzen gebückt, große Bohnen steckte und Knoblauch band: so überströmte seines Bruders warmes mildes Blut plötzlich sein Herz, und er lehnte sich an den Baum und blies einen Kir- chcnchoral, damit beider Augen sich süßer löscten, und ihr Gc- müth ausginge; denn er hatte an beiden den kecken scharfen Seelen-Umriß innigst Werth gewonnen. Es war Schade, daß der Notarius, der stimmt dem Schimmel ans Wiescnflächen zwischen grünschimmerndcn Hügeln, im blauen wehenden Tage flog, cs nicht wußte, daß hinter ihm sein Bruder sein fernes Dörfchen und gerührte liebe Herzen mit Echos erfülle. Oben aus einem Berge legte Walt sich auf den Hals des Flugpferds, um aus dem Ohr die Druckkugel zu graben. Da er sie erwischt hatte: so trat das Thier wieder gesetzter einher als ein Mensch hinter einer Leiche; und nur der Berg schob es herunter, und in der Ebene ging es, wie ein silberner glatter Fluß, unmcrklich weiter. 89 Jetzt genoß der zur Ruhe gesetzte Notarius ganz seine sitzende Lebensart ans dem Sattel, und den weiten singenden Tag. Sein hoher Ansenthalt aus der Sattclwarte stellte ihm, diesem ewigen Fußgänger, alle Berge und Auen unter ihn, und er regierte die glänzende Gegend. An einer neuen Anhöhe stieg ein Wagenzug von sieben Fuhrleuten auf, den er gern zu Pferde eingcholt und überrittcn hätte, um nicht in seinen Träumen durch ihr Umschaucn gestört zu werden; aber am Hügclsuße wollte der gerittene Blondin so gut die Natur genießen — die für ihn in Gras bestand — als der reitende, und stand sehr fest. Walt setzte sich zwar anfangs dagegen und stark, wirkte auf viele Seiten des Viehs vor- und rückwärts, aber da es ans dem Feststchcn bestand, ließ er's fressen und setzte sich selber herum auf dem Sattel, um die ausgedehnte Natur hinter sich mit seligen Blicken auszumesscn und gelegentlich diese sieben spöttischen Fuhrhemden so weit vor- auszulasscn, daß ihnen nicht mehr unter die Augen nachzu- rcitcn war. Am Ende kommt doch eines, ein Ende, >— der Bereiter wünschte am Hügelfuße, als er sich wieder vorwärts gesetzt, sich herzlich von der Stelle, und etwa hinauf; denn die sieben Plejaden mußten nun längst untcrgegangcn seyu. Auch sah er den netten Studenten Nachkommen, der das Besteigen gesehen. Aber setzte irgend jemand besondern Werth ans Ernte- Ferien, so that's der Schimmel, — vor solcher Anhöhe vollends stand er im Drachenschwanz, im aussteigenden Knoten — die Zäume, die Fußbälle aus der Erde, alle brachten ihn nicht vorwärts. Da nun der Notar auch die lebendige Qucckstlbcr- kugel jetzt nicht wieder mit diesem fixirtcn weißen Merkurius verquicken wollte — wegen der unglaublichen Mühe, sie aus dem Ohr zu fischen: — so saß er lieber ab, und spannte sich seiner eigenen Vorspann vor, indem er sic durch den Flaschenzug des Zügels wirklich hinauf wand. Oben blühte frische Noth; hinter sich sah er eine lange katholische Wallfahrt nach- schleichcn, gerade vor sich unten im langen Dorfe die böse Fuhr-Sieben trinken und tränken, die er cinholen mußte, er mochte wollen oder nicht. Es grünte ihm auf der andern Seite Hoffnung, aber fruchtlos; er hatte Aussichten, durch des Kleppers ^IleZro INN non troppo den haltenden Fuhrleuten ziemlich vorzusprcn- gen; er ritt erheitert in starkem Schritt den Berg hinab, ins Dorf hinein; — aber da kehrte das Filialpscrd ohne sonderliches Disputiren ein, es kannte den Wirth, jeder Krug war seine Tochter-, jeder Gasthof seine Mntterkirche: „gut, gut, sagte der Notar, anfangs war's ja selber mein Gedanke" — und befahl unbestimmt einem Unbestimmten, dem Gaule etwas zu geben. Jetzt kam auch der flinke Grünhut nach. Vults Herz wallete auf vor Liebe, da er sah, wie der erhitzte schöne Bruder von der schneeweißen Bogcnstirn den Hut lüftete, und wie im Morgcnwehcn seine Locken das zarte mit Rosenblutc durchgosscnc kindliche Gesicht anflattcrtcn, und wie seine Augen so liebend und anspruchlos aus alle Menschen sanken, sogar auf das Siebengestirn. Glcichwol konnte Vult den Spott über das Pferd nicht lasten: „der Gaul, sagt' er, mit seinen schwarzen Augen auf den Bruder blitzend und die Mähne streichelnd, geht besser, als er aussicht; wie ein Muscnpserd schwang er sich über das Dorf." — „Ach das arme Thier!" sagte Walt mitleidig, und entwaffnetc Vulten. Sämmtliche Passagiere tranken im Freien — die Pil- grimme gingen singend durchs Dorf — alle Thiere aus dem 91 Dorse und in der Lust wieherten und krähcten vor Lust — der kühlende Nord-Ost dnrchblättcrte den Obstgarten, und rauschte allen gesunden Herzen zu: weiter hinaus ins srcie weite Leben! — „Ein sehr göttlicher Tag, sagte Vnlt, verzeihen Sie, mein Herr!" Walt sah ihn blöde an, und sagte doch heftig: „o gewiß mein Herr! Die ganze Natur stimmt ordentlich ein jubelndes herzerfrischendes Jagdlied an, und aus den blauen Höhen tönen doch auch sanfte Alphörner herunter." Da hingen die Fuhrleute die Gebisse wieder ein. Er zahlte schnell, nahm den Uebcrschuß nicht an, und saß im Wirrwarr auf, willens, allen vorzufliegcn. Es ist ein Grundsatz der Pferde, gleich den Planeten, nur in der Sonnennähe eines Wirthshauscs schnell zu gehen; aber langsam daraus weg ins Aphelium; der Schimmel heftete seine vier Fnßwur- zeln als Stifte eines Nürnberger Spielpferdcs fest ins lackirte Brett der Erde, und behauptete seinen Ankerplatz. Der bewegte Zaum war nur sein Ankcrtau — fremde leidenschaftliche Bewegung setzt' ihn in eigne nicht — umsonst schnalzte der leichte Reiter in grün-atlassener Weste und mit braunen Hntflammcn, er konnte eben so gut den Sattel über einen Bergrücken geschnallet haben und diesen spornen. Einige der sanftesten Fuhrleute bestrichen die Hinterbeine des Quietisten; er hob sie, aber ohne vordere. Lange genug hatte nun Walt aus sein Mitlciden gegen das Vieh gehört; jetzt warf er ohne weiters dem Traucrpserd den Schusser ins Ohr — die Kugel konnte die Massa, den Queue fortstoßen ins grüne Billard. Walt flog. Er rauschte schnell dicht hinter der Hühner-Kette von Pilgern, die scheu auseinander spritzte, bis leider aus eine an der Spitze gehende taube Vor- 92 sängcrin, die Reiten und Warnen nicht vernahm — umsonst zupften seine sterbenden Finger voll Todesnot!) im Ohr, und wollten Kugelziehcr sehn — seine fliegende Kniescheibe rannte an ihr Schulterblatt und warf sie um — sie erstand schleunigst, um frühe genug, unterstützt vön allen ihren Konfessions- Verwandten, ihm über alle Beschreibung nachzusluchcn. Weit hinter dem Fluchen bracht' er nach langer Ballotage die Glücks- und Unglückskugel zwischen dem Daumen und Zeigefinger heraus, thcuer schwörend, nie dieses Oberons-Horn mehr anzusetzen. Wenn er freilich jetzt die Bestie wie eine Harmonika traktirte, nämlich langsam — so daß jeder die größten Schulden auf ihr absitzen konnte, sogar ein Staat, wenn's anders für diesen einen andern Schuldthurm geben könnte, außer dem Babelthurm —: — so war' es wol gegangen, hätt' er sich nicht umgcdreht und gesehen, was hinter seiner Statun «luestris und ourulm zog; ein Heer, sah er, setz' ihm hitzig mit und ohne Wagen nach, Pilger voll Flüche, sieben weiße Weisen voll Spaß, und der Student. Der menschliche Verstand muß sehr irren, oder an dem, was er nachher that, hatte die Vermuthung aus dem vorigen großen Theil, daß der nachschwimmendc Hintergrund nicht nur seinen Durchgang durch ein rothes Meer erzwingen, sondern daß sogar das Meer selber mit ihm gehen würde; weil er aus seinem lebendigen Laufstuhl niemand zu entrinnen vermochte. Schon das bloße Zurückdenkcn an den Nachtrab mußte wie Lärmtrommeln in die schönsten leisen Klänge fahren, die er jetzt am blauesten Tage aus den Himmels-Sphären seiner Phantasie leicht herunter hören konnte. Deshalb ritt er geradezu aus der Landstraße über Wie- 93 sen in eine Schäferei hinein, wo er halb gleichgültig gegen lächerlichen Schein, halb mit erröthender Ruhmliebc — für Geld, gnte Worte und sanfte Angen — es sich von der Schäferin erbat, daß dem Schimmel so lange — denn er verstand nichts von Roß-Diätetik— Heu vorgesetzet würde, bis ctwan die Feinde sich eine Stunde voraus und ihn mathematisch gewiß gemacht hätten, daß sic nicht zu ereilen wären, gesetzt auch, sie fütterten zwei Stunden. So neu-selig und erlöset setzt' er sich hinter das Haus unter eine schwarzgrüne Linde in den frischen Schatten-Winter, und tauchte sein Auge still in den Glanz der grünen Berge, in die Nacht des tiefen Aethers, und in den Schnee der Silbcrwölkchen. Darauf stieg er nach seiner alten Weise über die Gartenmauer der Zukunft, und schaucte in sein Paradies hinein: welche voll rothe Blumen, und welches weiße Blütcngestöber füllte den Garten! — Endlich — nach einer und der andern Himmelfahrt — machte er 3 Strcckverse, einen über den Tod, einen über einen Kinderball, und einen über eine Sonnenblume und Nachtviole. Kaum wollte er, da das Pferd Heu genug hatte, von der kühlen Linde fort; er entschloß sich, heute nicht weiter zu reisen, als nach dem sogenannten Wirthshaus zum Wirths- haus, eine kleine Meile von der Stadt. Jndeß eben in diesem Wirthshaus hatten alle seine Feinde um 1 Uhr Halt und Mittag gemacht; und sein Bruder war da geblieben, um ihn zu erwarten, weil er wußte, daß die Landstraße und der Schimmel und Bruder durch den Hof'liefen. Vult mußte lauge Passen, und seine Gedanken über die nächsten Gegenstände haben, z. B. über den Wirth, einen Herrnhuter, der aus sein Schild nichts weiter malen lassen, als wieder ein 94 Wirthshausschild mit einem ähnlichen Schild, auf dem wieder das Gleiche stand; cs ist das die jetzige Philosophie des Witzes, die, wenn der ähnliche Witz der Philosophie das Ich-Subjekt zum Objekt und umgekehrt macht, eben so dessen Ideen subobjektiv wiederscheincn lasset; z. B. Ich bin tiefsinnig und schwer, wenn ich sage: Ich rezensirc die Rezension einer Rezension vom Rezcnflren des Rezensirens, oder ich reflektire auf das Reflcktircn auf die Reflexion einer Reflexion über eine Bürste. Lauter schwere Sätze von einem Wicderschcin ins Unendliche, und eine Tiefe, die wol nicht jedermanns Gabe ist; ja vielleicht darf nur einer, der im Stande ist, denselben Infinitiv, von welchem Zeitwort man will, im Genitiv mehrmals hintereinanderzu schreiben, zu sich sagen: ich philosophire. Endlich um 6 Uhr hörte Vult, der aus seiner Stube sah, den Wirth oben aus dem Dachfenster rufen: „he, Patron, scheer' er sich droben weg! — Will Er ins Gugucks Namen wcgreiten?"— Das Wirthshaus stand aus einem Birkenhügel. Gottwalt war seitwärts aus dem Wege an den Herrnhuti- schen Gottesacker hinausgcritten, aus welchem der Schimmel Schoten aus den Staketen zog, während der Herr das dichterische Auge in den zierlichen Garten voll gesäetcr Gärtner irren liest. Wiewol er den Kalkanten der groben Pedalstimme nicht durch die Birken sehen konnte: so zog er doch — da den Menschen überhaupt nach einer Grobheit feinstes Empfinden schwer verfolgt — sogleich den rupfenden Rüssel aus dem Spaliere aus, und gelangte bald mit den Schoten im nassen Gebisse vor der Stallthür' an. Er that an den sehr ernst unter seiner Thürc stehenden Wirth von Fernen — umsonst wollt' er gar vor ihn hiurci- 95 tcn — barhaupt am Stalle die Frage, ob er hier mit seinem Gaul logiren könne. Ein ganzer Heller Sternenhimmel fuhr Vulten durch die Brust und brannte nach. Auch der Wirth wurde steruig und sonnig; aber wie war' er— sonst hätt' er'höflicher aus dem Dache gesprochen — darauf gekommen, daß ein Passagier zu Pferde in dieser Nahe der Stadt und Ferne der Nacht ihn mit einem Stilllager beehren werde. — Als er wahrnahm, daß der Passagier ein besonderes Vieleck oder Dreieck mit dem rechten Beine über dem Gaule absitzend beschrieb, und daß er die schweren mit einem organisirtcn Sattel behangenen Schenkel in Haus trug, ohne weiter nach dem Thicre oder Stalle zu sehen: so wußte der Schelm sehr gut, wen er vor sich habe; nnd lachte zwar nicht mit den Lippen, aber mit den Augen den Gast aus, ganz verwundert, daß dieser ihn für ehrlich, und es für möglich hielt, er werde den Hafer, den er morgen in die Rechnung eintragen konnte, schon heute dem Schimmel vorsetzen. „Nun geht, sagte Vult bildlich, der mit Herzklopfen die Treppe hinab dem Bruder entgegen ging, ein ganz neues Kapitel an." Unbildlich geschieht's ohnehin. No. 13. Berliner Marmor mit glänzenden Flecken. Ver- und Erkennung. Unten im Korrelazionssaal und Simultauzimmcr der Gäste forderte der Notar nach Art der Reise-Neulinge schnell einen 96 Trunk, eine einmännige Stube und dergleichen Abendmahlzeit, damit der Wirth nicht denken sollte, er verzehre wenig. Der lustige Vult trat ein, that mit Welt-Manier ganz vertraulich, und freute sich sehr des gemeinschaftlichen Uebernachtcns: „wenn — Ihr Schimmel zu haben ist, sagt' er, so Hab' ich Auftrag, ihn für jemand zu einem Schießpferd zu kaufen, denn ich glaube, daß er steht." „Es ist nicht der mcinige," sagte Walt. „Er frißt aber brav," sagte der Wirth, der ihn bat, nachzusolgen in sein Zimmer. Als cr's aufschloß, war die Abendwand nicht sowol ganz zerstört — denn sie lag ein Stockwerk tiefer unten in ziemlichen Stücken — als wahrhaft verdoppelt — denn die neue lag als Stein und Kalk unten darneben. — „Weiter, fügte der Herrnhuter fcelenruhig bei, als der Gast ein wenig erstaunt mit dem großen Auge durch das sieben Schritt breite Lustscnster durchfuhr, weiter Hab' ich im ganzen Hause nichts leer und jetzt ist's Sommer." — „Gut, sagte Walt stark und suchte zu befehlen; aber einen Besen!" — Der Wirth lief demüthig und gehorchend hinab. „Ist unser Wirth nicht ein'wahrer Filou?" sagte Vult. „Im Grunde, mein Herr — versetzte jener freudig— ist das für mich schöner. Welcher herrliche lange Strom von Feldern und Dörfern, der herein glänzt und das Auge trägt und zieht; und die Abendsonne und Röthc und den Mond hat man ganz vor sich, sogar im Bette die ganze Nacht!" —- Diese Einstimmung ins Geschick und ins Wirthshaus kam aber nicht blos von seiner angebornen Milde, überall nur die übermalte, nicht die leere Seite der Menschen und des Lebens vorzudrehen, sondern auch von jener göttlichen Entzückung und Berauschung her, womit besonders Dichter, die nie auf Reisen waren, einen von Träumen und Gegenden 97 nachblitzcnden Reisetag beschließen; die prosaischen Felder des Lebens werden ihnen, wie in Italien die wirklichen, von poetischen Myrten nmkränzt, und die leeren Pappeln von Trauben erstiegen. Vnlt lobte ihn wegen der Gemscnartigkeit, womit er, wie er sehe, von Gipfeln zu Gipfeln setze über Abgründe. „Der Mensch soll, versetzte Walt, das Leben wie einen hitzigen Falken auf der Hand sorttragen, ihn in den Aether anflafsen und wieder herunter rufen können, wie cs nöthig ist, so denk' ich." — „Der Mars, der Saturn, der Mond und die Kometen ohne Zahl stören (antwortete Vnlt) unsere Erde bekanntlich sehr im Laufe; — aber die Erdkugel in uns, sehr gut das Herz genannt, sollte beim Henker sich von keiner fremden laufenden Welt aus der Bahn bringen lassen, wenn's nicht etwa eine solche thnt, wie die weise Pallas — oder die reiche Zcres — und die schöne Venus, die als Hesper und als Luzifer die Erdbewohner schön mit dem lebendigen Merkur verbindet.— Und erlauben Sie es, mein Herr, so werfen wir heute unsere Soupers zusammen, und ich speise mit hier vor der Bresche, wo das Mondsvicrtel in der Suppe schwimmen, und die Abend- röthe den Braten übergolden kann." Walt sagte heiter Ja. Auf Reisen macht man Abends lieber romantische Bekanntschaften als Morgens. Auch trachtete er, wie alle Jünglinge, stark, viele zu machen, besonders vornehme, unter welche er den lustigen Kauz mit seinem grünen Rcisehute rechnete, diesem Gegcnhute eines Bischofs, der einen nur innen grünen und außen schwarzen trägt. Da kam der Wirth und der Besen, um den Bau- Abhub und Bodensatz über die Stube hinaus zu fegen; in den linken Fingern hing ihm ein breiter in Holz eiugerahm- Jean Paul's ausgew. Werke. XIII. 7 tcr Schiefer. Er zeigte an, sie müßten ihre Namen darauf setzen, weil es hier zu Lande wie im Gothaischen wäre, wo jeder Dorfwirth den Schiefer am Tage darauf mit den Namen aller derer, die Nachts bei ihm logirct hätten, in die Stadt an die Behörde tragen müßte. „O man kennt euch Wirthc — sagte Vult, und faßte die ganze Tafel — Ihr seid wol eben so begierig darhinter her, was euer Gast für ein Vogel ist, als irgend ein regierender Hof in Deutschland, der gleich Abends nach dem Thor- nnd Nachtzettel aller Einpassanten greift, weil er keinen bessern Inclex .4nitorum kennt, als diesen." Vult fetzte mit einem angckcttcten Schicferstift auf den Schiefer mit Schiefer — so wie unser Fichtischcs Ich zugleich Schreiber, Papier, Feder, Dinte, Buchstaben und Leser ist — seinen Namen so: „Peter Gottwalt Harnisch, K. K. offner geschworncr Notarius und ^abellio, geht nach Haslau." Darauf nahm ihn Walt, um sich auch als Notarius selber zu verhören, und seinen Namen und Charakter zu Protokoll und zu Papier zu bringen. Erstaunt sah er sich schon darauf und schaucte den Grünhut an, dann den Wirth, welcher wartete, bis Vult den Schiefer nahm, und dem Wirthe mit den Worten gab: „nachher Freund! -— es n'est gu'un pstit tour g»s je jous ü notrs llots" sagt' er mit so schneller Aussprache, daß Walt kein Wort verstand, und daher erwiedcrtc: Oni. Aber durch seinen verwirrten Rauch schlugen die freudigsten Funken; alles verhieß, glaubte er, eines der schönsten Abenteuer; denn er war dermaßen mit Erwartungen ganz romantischer Naturspiele des Schicksals, frappanter Mccrwundcr zu Lande ausgesüllet, daß er es eben nicht über sein Vermuthcn gesunden hätte — bei 99 aller Achtung eines Stubengelehrten und Schnlzcnsohns für- höhere Stände — falls ihm etwa eine Fürstentochtcr einmal ans Herz gefallen wäre, oder der fürstliche Hut ihres H. Vaters auf den Kopf. Man weiß so wenig, wie die Menschen wachen, noch weniger, wie sie träumen, nicht ihre größte Furcht, geschweige ihre größte Hoffnung. Der Schiefer war ihm eine Kometcnkartc, die ihm Gott weiß welchen neuen feurigen Bartstern ansagtc, der durch seinen einförmigen Lebens- Himmel fahren würde. „H. Wirth — sagte Vult freudig, dem seine beherrschende Rolle so wohl that, wie sein sanfter Bruder ohne Stolz — scrvir' Er hier ein reiches 8oupsr, und trag' Er uns ein paar Flaschen vom besten aufrichtigsten Krätzer aus, den Er aus dem Lager hält." Walten schlug er einen Spaziergang auf den benachbarten Herrnhuter Gottesacker vor, während man fege; „ich ziehe droben, fügt' er bei, mein bllauto traverno heraus, und blase ein wenig in die Abend-Sonne und über die todten Herrnhuter hinüber:— lieben Sie das lAanto?" — „O wie sehr- gut sind Sic gegen einen fremden Menschen!" antwortete Walt mit Augen voll Liebe; denn das Ganze des Flötenspielers verkündigte bei allem Muthwillen des Blicks und Mundes heimliche Treue, Liebe und Rechtlichkeit. „Wol lieb' ich, fuhr er fort, die Flöte, den Zaubcrstab, der die innere Welt verwandelt, wenn er sie berührt, eine Wünschclruthe, vor der dic innere Tieft aufgcht." — „Die wahre Mondaxe des innern Monds," sagte Vult. „Ach sie ist mir noch sonst theucr," sagte Walt, und erzählte nun, wie er durch sie oder an ihr einen geliebten Bruder verloren — und welchen Schmerz er und die Eltern bisher getragen, da cs ein kleinerer sei, einen Verwandten im Grabe zu haben, als in jeder frohen Stunde 7 * -2>t' sich zu fragen, mit welcher dunklen, kalten mag jetzt der Flüchtling ans seinem Brett im Weltmeer ringen. „Da aber Ihr Hr. Bruder ein Mann von. musikalischem Gewicht sehn soll, so kann er ja eben so gut im Ueberflusse schwimmen als im Weltmeer," sagte er selber. „Ich meine, versetzte Walt, sonst dachten wir so traurig, jetzt nicht mehr; und da war es kein Wunder, wenn man jede Flöte für ein Stummcnglöckchen hielt, das der in Nacht hinaus verlorne Bruder hören liest, weil er nicht zu uns reden konnte." Unwillkürlich fuhr Vult nach dessen Hand, gab sie eben so schnell zurück, sagte: „genug! Mich rühren 100 Sachen zu stark — Himmel, die ganze Landschaft hängt ja voll Duft und Gold!" Aber nun vermochte sein entbranntes Herz keine halbe Stunde langer den Kuß des brüderlichen ausznschiebcn; so sehr hatte die vertrauende unbefangene Brudersecle heute und gestern in seiner Brust, ans welcher die Winde der Reisen eine Liebes-Kohle nach der andern verweht hatten, ein neues Feuer der Brndcrflammen angezündct, welche frei und hoch aufschlugen ohne das kleinste Hindcrniß. Stiller gingen jetzt beide im schönen Abend. Als sie den Gottesacker öffneten, schwamm er flammig im Schmelz und Brand der Abendsonne. Hätte Vult zehn Meilen umher nach einem schönen Postamente für eine Gruppe zwillings-brüderlicher Erkennung gesucht, ein besseres hätt' er schwerlich ausgetricben, als der Herrnhuter Todtengarteu war mit seinen flachen Beeten, worin Gärtner aus Amerika, Asia und Barby gesäct waren, die sich alle auf einander mit dem schönen Lebens-Endreim „heimgegangcn" reimten. Wie schön war hier der Knochenbau des Todes in Jugendfleisch gekleidet, und der letzte blasse Schlaf mit Blüten 101 und Blättern zugedeckt! Um jedes stille Beet mit seinem Saathcrzcn lebten treue Bäume, und die ganze lebendige Natur sah mit ihrem jungen Angesicht herein. Vnlt, der jetzt noch ernster geworden, sreucte sich, daß er aller Wahrscheinlichkeit nach vor keinem Kenner zu blasen habe, weil seine Brust, solcher Erschütterungen ungewohnt, heute nicht genug Athcm für sein Spiel behielt. Er stellte sich weg vom Bruder, gegenüber der stralcnlosen Abendsonne an einen Kirschbaum, aus welchem das Brust- und Halsgeschmeide eines blühenden Jelängerjelieber wie eigne Blüte hing; und blies statt der schwersten Flöten-Passagen nur solche einfache Ariosos nebst einigen eingestrcuetcn Echos ab, wovon er glauben durfte, daß sie ins unerzogne Ohr eines juristischen Kandidaten mit dem größten Glanz und Freudengesolge ziehen würden. Sie thaten's auch. Immer langsamer ging Gottwalt, mit einem langen Kirschzwcige in der Hand, zwischen der Morgen- und der Abendgcgcnd auf und nieder. Seliger als nie in seinem trocknen Leben war er, als er aus die liebäugelnde Rosensonne losgiug, und über ein breites goldgrüncs Land mit Thurmspitzen in Obstwäldcrn und in das glatte, weiße Mutterdorf der schlafenden stummen Kolonisten im Garten hinein sah, und wenn dann die Zephyre der Melodien die duftige Landschaft wehend aufzublättern und zu bewegen schienen. Kehrt' er sich um, mit gefärbtem Blick, nach dem Osthimmel und sah die Ebene voll grüner auf- und ablaufender Hügel wie Landhäuser und Rotunden stehen und den Schwung der Laubholzwälder auf den fernen Bergen und den Himmel in ihre Windungen eingesenkt: so lagen und spielten die Töne wieder drüben auf den rotheu Höhen und zuckten in den ver- 102 goldctcn Vögeln, die wie Anrorens Flocken umher schwammen, und weckten an einer düstcrn schlafenden Morgcnwolke die lebendigen Blicke ausgehender Blitze auf. Vom Gewitter wandt' er sich wieder gegen das vielfarbige Sonnenland — ein Wehen von Osten trug die Töne — schwamm mit ihnen an die Sonne —- auf den blühenden Abcndwolkcn sang das kleine Echo, das liebliche Kind, die Spiele leise nach. — Die Lieder der Lerchen flogen gaukelnd dazwischen und störten nichts. - Jetzt brannte und zitterte in zartem Umriß eine Obstallee durchsichtig und riesenhaft in der Abcndglut —- schwer und schlummernd schwamm die Sonne auf ihrem Meer — cs zog sic hinunter -— ihr goldncr Heiligenschein glühte fort im leeren Blau — und die Echotöne schwebten und starben auf dem Glanz: da kehrte sich jetzt Vult, mit der Flöte am Munde, nach dem Bruder um, und sah es, wie er hinter ihm stand, von den Scharlachflügcln der Abcndröthe und der gerührten Entzückung überdeckt, und mit blödem stillem Weinen im blauen Auge. — Die heilige Musik zeigt den Menschen eine Vergangenheit und eine Zukunft, die sie nie erleben. Auch dem Flötenspieler quoll jetzt die Brust voll von ungestümer Liebe. Walt schrieb sic blos den Tönen zu, drückte aber wild und voll lauterer Liebe die schöpferische Haud. Vult sah ihn scharf an, wie fragend. „Auch an meinen Bruder denk' ich, sagte Walt; und wie sollt' ich mich jetzt nicht nach ihm sehnen?" Nun warf Vult kopfschüttelnd die Flöte weg — ergriff ihn — hielt ihn von sich, da er ihn umarmen wollte — sah ihm brennend ins Gesicht und sagte: „Gottwalt, kennst du mich nicht mehr? Ich bin ja der Bruder." — „Du? O schö- 103 uer Himmel! — Und du bist mein Bruder Vult?" schrie Walt und stürzte an ihn. Sie weinten lange. Es donnerte sanft im Morgen. „Höre unfern guten Allgütigen!" sagte Walt. Der Bruder antwortete nichts. Ohne weitere Worte gingen beide langsam Hand in Hand aus dem Gottesacker. M. 14. Modell eines Hebammenstuhls. Projekt der Aether-Mühle — der Zauberabend. Für zwei luftige Komödianten, die den Orest und Pyla- dcs sich einander abhörcn, mußte jeder beide halten, der ihnen aus dem Wirthshausc nachsah, wie sie unten in einer abgc- mähten Wiese sich in Laufzirkeln Umtrieben mit langen Zweigen in der Hand, um ihre Vergangenheiten gegen einander auszutanschcn. Aber der Tausch war zu schwer. Der Flötenspieler versicherte, sein Rciseroman — so künstlich gespielt auf dem breiten Europa — so niedlich durchflochteu mit den seltensten conteosions — stets von neuem gehoben durch die Windlade und Hebemaschine der bllüts cle travers — wäre zwar für die Magdeburger Zenturiatoren, wenn sie ihm nach- schrcibcnd nachgezogen wären, ein Stoff und Fund gewesen, aber nicht für ihn jetzt, der dem Bruder andere Sachen zu sagen habe, besonders zu fragen, besonders über dessen Leben. Etwas von dieser Kürze mocht' ihm auch der Gedanke dikti- rcu, daß in seiner Geschichte Kapitel vorkämcn, welche die herzliche Zuneigung, womit der unschuldige ihn freudig beschauende Jüngling seine crwiedcrtc, in einem so weltuncr- fahrnen reinen Gemüthe eben nicht vermehren könnten; er merkte an sich — da man auf Reisen unverschämt ist — er sei fast zu Hause. Walts Lebens-Roman hingegen wäre schnell in einen Universitatsroman zusammen geschrumpft, den er zu Hause auf dem Sessel spielte durch Lesen der Romane, und seine ^ctn eriillitoruiii in den Gang cingelaufen, den er in den Hörsaal machte und zurück in sein viertes Stockwerk — wenn nicht das Van der Kabelsche Testament gewesen wäre; aber durch dieses hob sich der Notar mit seiner Geschichte. Er wollte den Bruder mit den Notizen davon überraschen; aber dieser versicherte, er wisse schon alles, sei gestern beim Examen gewesen, und unter dem Zanke auf dem Pclz- apselbaum gesessen. — Der Notar glühte schamroth, daß Vult seinen Zorn- KaSkatellen und seinen Versen zugehorcht; — „er sei wol, fragt' er verwirrt, schon mit dem H. van der Harnisch angc- kommen, der mit dem Kandidaten von ihm gesprochen." „Ja wol, sagte Vnlt, denn ich bin jener Edelmann selber." Walt mußte fortstaunen und sortsragen, wer ihm denn den Adel gegeben. „Ich an Kaisersstatt, versetzte dieser, gleichsam so als augenblicklicher sächsischer Reichsvikarius des guten Kaisers, cs ist freilich nur Vikariats-Adel." -— Walt schüttelte moralisch den Kopf. „Und nicht einmal der, sagte Vult, sondern etwas ganz erlaubtes nach Wiarda*), welcher sagt, man könne ohne Bedenken ein von entweder vor den Ort oder auch vor den Vater setzen, von welchem man komme; ich konnte mich nach ihm eben so gut Herr von Elterlein um- ') Wiarda über deutsche Vor- und Gcschlechtsnamcn. S. 216 — 21 . 105 taufen als Herr von Harnisch. Nennt mich einer gnädiger Herr, so weiß ich schon, daß ich einen Wiener höre, der jeden bürgerlichen Gentleman so anspricht, und lass' ihm gern seine so unschuldige Sitte." — „Aber du konntest es gestern aushaltcn, sagte Walt, die Eltern zu sehen und den Jammer der Mutter unter dem Essen über dein Schicksal zu hören, ohne herab und hinein an die besorgten Herzen zu stürzen?" — „So lange saß ich nicht auf dem Baume-Walt, sagt' er Plötzlich vor ihn vorspringcnd — Sieh mich an! Wie Leute gewöhnlich sonst aus ihren Noth- und Ehrcnzügcn durch Europa heimkommcn, besonders wie morsch, wie zerschäbt, wie zerschossen gleich Fahnen, braucht dir wol niemand bei deiner ausgedehnten Lektüre lange zu sagen; — ob cs gleich sehr erläutert würde, wenn man dir dazu einen Fahnenträger dieser Art — dir unbekannt, aber aus einem alt- gräslichcn Hause gebürtig, und dessen Ahncnbildcrsaal mit sich als Hogarths Schwanzstück und Finalstock beschließend >— wenn man dir jenen Grafen Vorhalten könnte, der eben jetzt vollends in London vcrsirt und einst nie mehr Arbeit vor sich finden wird, als wenn er von den Todtcn auferstchcn will, und sich seine Glieder, wie ein Frühstück in Paris, in der halben alten Welt zusammeuklauben muß, die Wirbelhaare auf den Straßcn- dämmcn nach Wien — die Stimme in den Konservatorien zu Rom — seine erste Nase in Neapel, wo sich mehrere Statuen mit zweiten ergänzen — seine nnus cersbrl (diese Gedächtuiß- Sitze nach Hoobocken) und seine Zirbeldrüse und mehrere Sachen in der Propaganda des Todes mehr als des Lebens — -— Kurz der Tropf (er hat mir den Redefadcn verworren) findet nichts auf dem Kirchhof neben sich als das, worein er jetzt. 106 wie andere Leichen aus dem St. Innozenz-Kirchhof in Paris, ganz verwandelt ist, —> das Fett-Nun aber beschau' mich, und die Jünglingsroscn — das Männcrinark — die Neiscbränne — die Angenflammcn — das volle Leben: was fehlt mir? Was dir fehlet — etwas zu leben. Notar, ich bin nicht sehr bei Geld." „Desto besser -— versetzte Walt so gleichgültig, als kenn' er das Schöpfrad aller Virtuosen ganz gut, das sich immer zu füllen und zu leeren, eigentlich aber nur durch beides um- znschwingcn sucht — ich habe auch nichts, doch haben wir beide die Erbschaft." ... Er wollte noch etwas freigebiges sagen, aber Bult unterfuhr ihn: „ich wollte vorhin nur andeuten, Freund, daß ich mithin in Ewigkeit nie mich in verlorner Sohnes-Gestalt vor die Mutter stelle — und vollends vor den Vater! — Freilich, könnt' ich mit einer langen Stange von Gold in die Hausthüre cinschrciten!-- Bei Gott, ich wollte sic oft beschenken — ich nahm einmal absichtlich Extrapost, um ihnen eine erkleckliche Spielsumme (nicht auf der Flöte, sondern aus der Karte erspielt) zugleich mit meiner Person schneller zu überreichen; leider aber zehr' ich's gerade durch die Schnelle selber auf und muß auf halbem Weg leer umwcnden. Glaub' es mir, guter Bruder, ob ich's gleich sage. So oft ich auch nachher ging und flötete, das Geld ging auch flöten." „Immer das Geld — sagte Walt — die Eltern geht nur ihr Kind, nicht dessen Gaben an; könntest du so scheiden und zumal die liebe Mutter in der langen nagenden Sorge lassen, woraus du mich erlöset?" — „Gut! sagt' er. So mög' ihnen denn durch irgend einen glaubwürdigen Mann aus Amsterdam oder Haag, etwa durch einen H. von der 107 Harnisch geschrieben werden, ihr schätzbarer Sohn, den er persönlich kenne und schätze, cmergirc mehr, habe jetzt Mittel und vor tausenden das Prä und lange künftig an, so wie jetzt aus. Ach was! Ich könnte selber nach Elterlcin hinaus reiten, Vults Geschichte erzählen und beschwören und falsche Briese von ihm an mich vorzeigcn — die noch dazu wahre wären — nämlich dem Vater; die Mutter, glaub' ich, erricthe mich, oder sie bewegte mich, denn ich liebe sic wol kindlich! — Scheiden, sagtest du? Ich bleibe ja bei dir, Bruder!" Das überfiel den Notarius wie eine versteckte Musik, die an einem Geburtstage heraus bricht. Er konnte nicht auf- hörcn, zu jubeln und zu loben. Vult aber cröffnete, warum er da bleibe, nämlich erstlich und hauptsächlich, um ihm als einem arglosen Singvogel, der besser oben fliegen als unten scharren könne, unter dem adeligen Inkognito gegen die 7 Spitzbuben beizustehcn; denn, wie gesagt, er glaube nicht sonderlich an dessen Sieg. „Du bist freilich, versetzte Walt betroffen, ein gcreisetcr Weltmann, und ich hätte zu wenig gelesen und gesehen, wollt' ich das nicht merken; aber ich hoffe doch, daß ich, wenn ich mir immer meine Eltern Vorhalte, wie sie so lange angckettct ans dem dunstigen Rudcrschiffe der Schulden ein bitteres Leben befahren, und wenn ich alle meine Kräfte zur Erfüllung der Testamcntsbcdingungcn zusammen nehme, ich hoffe wol, daß ich dann die Stunde erzwinge, wo ihnen die Ketten entzwei geschlagen, und sie ans ein grünes Ufer einer Zuckerinsel ausgeschifft sind, und wir uns alle frei unter dem Himmel umarmen. Ja ich hatte bisher gerade die umgekehrte Sorge für die armen Erben selber, an deren Stelle ich mich dachte, wenn ich sie um alles brächte; und nur die Betrachtung H 108 machte mich ruhig, daß sic doch die Erbschaft, schlüg' ick) sie auch aus, nicht bekämen, und daß ja meine Eltern weit ärmer sind und mir näher." „Der zweite Grund — versetzte Vult — warum ich in Haslau verbleibe, hat mit dem ersten nichts zu thnn, sondern alles blos mit einer göttlichen Windmühle, die der blaue Acther treibt, und auf welcher wir beide Brod — du erbst indcß immer fort — so viel wir brauchen, mahlen können. Ich weiß nicht, ob cs sonst nicht noch für uns beide etwas so angenehmes oder nützliches gibt, als eben die Aethcrmühle, die ich projektircn will; die Frisirmühlcn der Tuchschccrcr, die Band- mühlcn der Berner, die Aloise ssiusrise oder Esclsmühlen der Römer kommen nicht in Betracht gegen meine." Walt war in größter Spannung und bat sehr darum. „Droben bei einem Glas Krätzer," versetzte der Vult. Sie eilten den Hügel auf zum Wirthshaus. Drinnen thatcn sich schon an einem Tische, der die Marschalls-, Pagen- und La- kaientasel war, schnelle Frcßzangcn auf und zu. Der Wein wurde auf einen Stuhl gesetzt ins Freie. Das weiße Tischtuch ihres verschobenen Soupers glänzte schon aus der wandlosen Stube herab. Vult fing damit an, daß er dem Modelle der künftigen Aethcrmühle das Lob von Walts gestrigen Streck- verscn voraus schickte — daß er sein Erstaunen bezeugte, wie Walt bei sonstigem Ucbcrwallcn im Leben, doch jene Ruhe im Dichten habe, durch welche ein Dichter es dem Wafferren- nen der Baierinnen gleich thut, welche mit einem Scheffel Wasser oder Hippokrcnc aus dem Kopfe unter der Bedingung Wettlaufen, nichts zu verschütten, und daß er fragte, wie er als Jurist zu dieser poetischen Ausbildung gekommen. Der NotariuS trank mit Geschmack den Krätzer, und sagte zweifelnd vor Freude: wenn wirklich etwas poetisches an ihm wäre, auch nur der Flaum einer Dichterschwingc, so käme es freilich von seinem ewigen Bestreben in Leipzig her, in allen vom sus freigclassenen Stunden an gar nichts zu hangen, an gar nichts auszuklettern, als am hohen Olymp der Musen, dem Götterfitze des Herzens, wiewol ihm noch niemand recht gegeben, als Goldinc und der Kandidat; „aber, guter Vult, scherze hier nicht mit mir. Die Mutter nannte dich schon früh den Spaßer. Ist dein Urtheil Ernst?" — „Ich will hier den Hals brechen, Tabellio, versetzte Vult, bewundcr' ich nicht dich und deine Verse aus voller Kunst-Seele. Hör' erst weiter!" — „Ach warum werd' ich denn so überglücklich? (unterbrach ihn Walt und trank.) Gestern find' ich den Plato, heute dich, gerade zwei Nummern nach meinem Aberglauben. Du hörtest gestern alle Verse?" — Mitten unter dem heftigen Auf- und Abschreiten suchte er immer das Wirthskind, das im Hofe unter der Baute von Kartoffeln-Samenkapseln furchtsam aufguckte, jedesmal sehr anzulächeln, damit cs nicht erschräke. Vult fing, ohne ihm zu antworten, sein Mühlenmodell folgendermaßen vorzulcgcn an, sehr unbesorgt, wie jeder Reisende, über ein zufälliges fünftes Ohr: „Andächtiger Mitbruder und Zwilling! Es gibt Deutsche. Für fie schreiben dergleichen. Jene fassen cs nicht ganz, sondern rezensiren es, besonders exzellenten Spaß. Sie wollen der poetischen Schönheitslinic ein Linienblatt unterlegen; dabei soll der Autor noch nebenher ein Amt haben, was aber so schlimm ist, als wenn eine Schwangere die Pocken zugleich hat. Die Kunst sei ihr Weg und Ziel zugleich. Durch den jüdischen Tempel durste man nach Lightsoot nicht gehen, um 110 l'los nach einem andern Orte zu gelangen; so ist auch ein bloßer Durchgang durch den Muscntempel verboten. Man darf nicht den Parnaß pasfircn, nm in ein fettes Thal zu laufen. — Verdammt! Lass' mich anders ansangen! zanke nicht! Trinke! — Jetzt: Walt! Ich habe nämlich auf meinen Flötenreiscn ein satirisches Werk in den Druck gegeben als Manuskript, die grönländischen Prozesse, in zwei Bänden anno 1783 bei Voß und Sohn in Berlin. (Ich erstaune ganz, sagte Walt verehrend.) Ich würde dich inzwischen ohne Grund mit Lügen besetzen, wenn ich dir verkündigen wollte, die Bekanntmachung dieser Bände hätte ctwan mich oder die Sachen selber im Geringsten bekannt gemacht. Nimmt man sechs oder sieben Schergen, zugleich Schächer und Schächter aus — und hier fallen zwei auf die Allg. deutsche Bibliothek, die also wol einer sind — so hat leider keine Seele die Leri^tu getadelt und gekannt. Es ist hier — wegen deiner Ungeduld nach der versprochenen Aethermühlc — wol nicht der Ort, es glücklich auseinander zu setzen warum; habe genug, wenn ich dir schwöre, daß die Rezensenten Sünder sind, aber arme, ächte Gurkemnalcr, die sich daher Gurken herausnchmcu, Gränzgöt- ter ohne Arme und Beine auf den Gränzhügcln der Wissenschaften, und daß wir alle hinauf und hinab floriren würden, gab' cs nur so viele gute Kunstrichter als Zeitungen, für jede einen, so wie cs wirklich so viele meisterhafte Schauspieler gibt als — eine in die andere übergcrcchnet — Truppen. Es ist eine der verwünschtesten Sachen. Oft rczensirt die Jugend das Alter, noch öfter das Alter die Jugend, eine 111 Rektors-Schlafhaube kämpfet gegen eine Jünglings-Sturmhaube — Wie Kochbücher, arbeiten sie für den Geschmack, ohne ihn zu haben — Solchen Sekanten, Kosckanten, Tangenten, Kotangcnten kommt alles exzentrisch vor, besonders das Zentrum; der Kurzsichtige findet nach Lambert*) den Kometenschwanz viel länger als der Weitsichtige — Sie wollen den Schiffskiel des Autors lenken, nämlich den ordentlichen Schrcibkiel, sie wollen den Autor mit ihrem Richtcrstabe, wie Minerva mit ihrem Zaubcrstabe den Ulysses, in einen Bettler und Greis verkehren — Sic wollen die erbärmlichsten Dinge bei Gott — (Des Notars Gesicht zog sich dabei sichtlich ins lange, weil er wie jeder, der nur gelehrte Zeitungen hält, aber nicht macht und kennt, von einer gewissen Achtung für sie, vielleicht gar einer hoffenden, nicht frei war.) Jndcß jeder Mensch, fuhr jener fort — sei billig; denn ich darf nicht übersehen, daß cs mit Büchern ist wie mit Pökelfleisch, von welchem Huxham darthat, daß cs zwar durch mäßiges Salz sich lange halte, aber auch durch zu vieles sogleich faule und stinke — Notarius, ich machte das Buch zu gut, mithin zu schlecht." „Du wimmelst von Einfällen (versetzte Walt); scherzhaft zu reden, hast du so viele Windungen und Köpfe wie die lernäische Schlange." „Ich bin nicht ohne Witz— erwiedcrte Vult in vergeblicher Absicht, daß der Bruder lache — aber du reißest mich *) Lamberts Beiträge zur Mathematik. III. Bd. S. 236. 112 aus dem Zusammenhang. — Was kann ich nun dabei machen? Ich allein Nichts; aber mit dir viel, nämlich ein Werk. Ein Paar Zwillinge müssen, als ihr eigenes Widerspiel, zusammen einen Einling, Ein Buch zeugen, einen trefflichen Doppelroman. Ich lache darin, du weinst dabei oder fliegst doch — du bist der Evangelist, ich das Vieh darhinter — jeder hebt den andern — alle Parteien werden befriedigt, Mann und Weib, Hof und Haus, ich und du. — Wirth, mehr Krätzer, aber aufrichtigen! — Und was sagst du nun' zu diesem Projekt und Mühlengang — wodurch wir beide herrlich den Mahlgästen Himmelsbrod verschaffen können, und uns Erdenbrod, was sagst du zu dieser Muscnroßmühle?"— Aber der Notar konnte nichts sagen, er fuhr bloS mit einer Umhalsung an den Projektmacher. Nichts erschüttert den Menschen mehr — zumal den belesenen — als der erste Gedanke seines Drucks. Alte tiefe Wünsche der Brust standen auf einmal ausgewachsen in Walten da und blühten voll; wie in einem südlichen Klima, fuhr in ihm jedes nordische Strauchwerk zum Palmcnhain aus; er sah sich bereichert und berühmt und wochenlang auf dem poetischen Gcburtsstuhl. Er zweifelte in der Entzückung an nichts als an der Möglichkeit und fragte, wie zwei Menschen schreiben könnten, und woher ein romantischer Plan zu nehmen sei? „Geschichten, Walt, Hab' ich auf meinen Reisen an 1001 erlebt, nicht einmal gehört; diese werden sämmtlich genommen, sehr gut verschnitten und verkleidet. Wie Zwillinge in ein Dintcnfaß tunken? Bcaumont nnd Fleischer, sich hundsfremd, nähten an Einem gemeinschaftlichen Schneidertische Schauspiele, nach deren Naht und Suturcn noch bis heute die Kritiker fühlen und tasten. Bei den spanischen Dichtern hatte 113 oft ein Kind an nenn Väter, nämlich eine Komödie, nämlich Autoren. Und im Istcn Buch Mosis kannst du cs am aller- erstcu lesen, wenn du den Professor Eichhorn dazu liesest, der allein in der Sündfluth drei Autoren annimmt, außer dem vierten im Himmel. Es gibt in jedem epischen Werke Kapitel, worüber der Mensch lachen muß, Ausschweifungen, die das Leben des Helden unterbrechen; diese kann, denk' ich, der Bruder machen und liefern, der die Flöte bläset. Freilich Parität, wie in Reichsstädten, muß seyn, die eine Partei muß so viele Zensoren, Büttel, Nachtwächter haben als die andere. Geschieht nun das mit Verstand, so mag wol ein Werk zu Hecken seyn, ein Leda's Ei, das sich sogar vom Wölfischen Homer unterscheidet, an dem so viele Homcriden schrieben und vielleicht Homer selber." — „Genug, genug, rief Walt. Betrachte lieber den himmlischen Abend um uns her!" In der That blühten Lust und Lebcnslob in allen Augen. Mehrere Gäste, die schon abgc- gcssen, tranken ihren Krug im Freien, alle Stände standen untereinander, die Autoren mitten im tiei^-etnt. Die Fledermäuse schossen als Tropikvögel eines schönen Morgens um die Köpfe. An einer Rosenstaude krochen die Funken der Johan- niswürmlcin. Die fernen Dorfglockcn riefen wie schöne verhallende Zeiten herüber und ins dunkle Hirtcngcschrei auf den Feldern hinein. Man brauchte so spät auf allen Wegen, nicht einmal in dem Gehölze, Lichter, und man konnte bei dem Schein der Abendröthc die Hellen Köpft deutlich durch das hohe Gctraide waten sehen. Die Dämmerung lagerte sich weit und breit nach Westen hinein, mit der scharfen Mondkronc von Silber auf dem Kopfe; nur hinter dem Hanse schlich sich, aber ungesehen, die große hohle Nacht-ans Osten heran. In Jean Paul'S auSgeiv. Werke. X.HI. o 114 Mitternacht glomm cs leise wie Apfclblütc an, und liebliche Blitze ans Morgen spielten herüber in das junge Roth. Die nahen Birken dufteten zu den Brüdern hinab, die Hcuberge unten dufteten hinauf. Mancher Stern half sich heraus in die Dämmerung und wurde eine Flugmaschine der Seele. Vult vcrgab's dem Notar, daß er kaum zu bleiben wußte. Er hatte so viele Dinge, und unter ihnen den Krätzer im Kopfe; denn in diesem entsetzlichen Weine, wahrem Weinbergs- Unkraut für Vult, hatte sich der arme Teufel — dem Wein so hoch klang wie Aether — immer tiefer in seine Jahre zurückgetrunken, ins 20te, 18te und letztlich ins 15te. Auf Reisen trifft man Leute an, die darauf zurückschwimmen bis ins Ite Jahr, bis an die Quelle. Vormittags predigen es die Aebte in ihren Visitazionsprcdigten: werdet wie die Kinder! Und Abends werden sie cs sammt dem Kloster und beide lallen kindlich. „Warum siehst du mich so an, geliebter Vult?" sagte Walt. — „Ich denke an die vergangenen Zeiten, versetzte jener, wo wir uns so oft geprügelt haben; wie Familienstücke hängen die Bataillcnstücke in meiner Brust — ich ärgerte mich damals, daß ich starker und zorniger war und du mich doch durch deine elastische wüthige Schnelle aller Glieder häufig unter bekamst. Die unschuldigen Kindcrfrenden kommen nie wieder, Walt!" Aber der Notar hörte und sah nichts als Apollo's stammenden Sonncnwagen in sich rollen, worauf schon die Gestalten seines künftigen Doppelromans kolossalisch standen und kamen; unwillkürlich macht' er große Stücke vom Buche fertig und konnte sie dem verwunderten Bruder zuwerfcn. Dieser wollte endlich davon aufhören, aber der Notar drang noch aus den Titel ihres Buchs. Vult schlug „Flcgeljahre" vor; der Notar sagte offen heraus, wie ihm ein Titel widerstehe, der theils so auffallend sei, theils so wild. „Gut, so mag denn die Duplizität der Arbeit schon auf dem ersten Blatte bezeichnet werden, wie es auch ein neuerer beliebter Autor thut, etwa: Hoppelpoppel oder das Herz." Bei diesem Titel mußte cs bleiben. Beide mengten sich wieder in die Gegenwart ein. Der Notar nahm ein Glas und drehte sich von der Gesellschaft ab, und sagte mit tropfenden Augen zu Vult: „auf das Glück unserer Eltern und auch der armen Goldine! Sie sitzen jetzt gewiß ohne Licht in der Stube und reden von uns." — Hieraus zog der Flötenist sein Instrument hervor, und blies der Gesellschaft einige gemeine Schleifer vor. Der lange Wirth tanzte darnach langsam und zerrend mit dem schläfrigen Knaben; manche Gaste regten den Takt-Schenkel; der Notarins weinte dazu selig, und sah ins Abcndroth. „Ich möchte wol -— sagt' er dem Bruder ins Ohr — die armen Fuhrleute sämmtlich in Bier frei halten." — „Wahrscheinlich, sagte Vult, würfen sie dich dann aus point cl'Iionneur den Hügel hinunter. Himmel! sie sind ja Kröfi gegen uns und sehen herab." Vult ließ den Wirth plötzlich, statt zu tanzen, scrviren; so ungern der Notarius in seine Entzückung hinein essen und kauen wollte. „Ich denke roher, sagte Vult, ich respektire alles, was zum Magen gehört; diese Montgolfiere des Mcnschcn-Zen- taurs, der Realismus, ist der Saucho Pausa des Idealismus. — Aber oft geh' ich weit und mache in mir edle Seelen, z. B. weibliche, zum Theil lächerlich, indem ich sie essen und 8 * 116 als Selbst-Futterbänke ihre untern Kinnbacken so bewegen lasse, dast sic dem Thier vorschneiden." Walt unterdrückte sein Mißfallen an der Rede. Beglückt aßen sie oben vor der auSgcbrochcnen Wand; die Abendröthe war das Tafellicht. Auf einmal rauschte mit verlornem Donnern eine frische Frühlingswolkc aus Laub und Gräser herunter, der Helle goldne Abcndsaum blickte durch die herabtropfende Nacht, die Natur wurde eine einzige Blume und duftete herein und die erquickte gebadete Nachtigall zog wie einen langen Stral einen heißen langen Schlag durch die kühle Luft. „Vermissest du jetzt sonderlich, fragte Vult, die Parkbäumc, den Parukcnbaum, den Gerberbaum — oder hier oben die Bedienten, die Servicen, den Goldtcller mit seinem Spiegel, damit daraus die Porzion mit falschen Farben schwimme?" — „Wahrlich nicht, sagte Walt; sich, die schönsten Edelsteine setzt die Natur aus den Ring unseres Bundes," — und meinte die Blitze. Die Lustschlösser seiner Zukunft waren golden erleuchtet. Er wollte wieder vom Doppel-Romane und dem Stoff dazu ansangen — und sagte, er habe hinter der Schäferei heute drei hincinpasscndc Strcckvcrse gemacht. Aber der Flötcnist einer und derselben Materie bald überdrüssig und nach Rührungen ordentlich des Spaßes bedürftig, fragte ihn: warum er zu Pferde gegangen? „Ich und der Vater, sagte Walt ernst, dachten, eh' wir von der Erbschaft wußten, ich würde dadurch der Stadt und den Kunden bekannter, weil man unter dem Thorc, wie du weißt, nur die Reiter ins Jntelligcnzblatt setzt." Da brachte der Flötcnist wieder den alten Reiterscherz aus die Bahn und sagte: „der Schimmel gehe, wie nach Winckclmann die großen Griechen, stets langsam und gesetzt — er habe nicht den Feh- 117 lcr der Uhren, die immer schneller gehe», je älter sie werden — ja vielleicht sei er nicht älter als Walt, wiewol ein Pferd stets etwas jünger sehn sollte als der Reiter, so wie die Frau jünger als der Mann — ein schönes römisches 8tn Vintor, Steh' Weg-Machender, bleibe der Gaul für den, so darauf sitze" .... „O, lieber Bruder — sagte Walt sanft, aber mit der Röthe der Empfindlichkeit und Vults Laune noch wenig fassend und belachend — zieh' mich damit nicht mehr auf, was kann ich dafür?" —> „Nu, nu, warmer Aschgraukopf -— sagte Vult und fuhr mit der Hand über den Tisch und unter alle seine weiche Locken, streichelnd Haar und Stirn — lies mir denn deine drei Polymctcr vor, die du hinter der Schäferei gelammet." Er las folgende: Das offne Auge des Tobten. Blick' mich nicht an, kaltes, starres, blindes Auge, du bist ein Todter, ja der Tod. O drücket das Auge zu, ihr Freunde, dann ist eS nur Schlummer. „Warst du so trübe gestimmt an einem so schönen Tage?" fragte Vnlt. „Selig war ich wie jetzt", sagte Walt. Da drückte ihm Vult die Hand und sagte bedeutend: „dann ge- sällt's mir, das ist der Dichter. Weiter!" Der Kinderball. Wie lächelt, wie hüpfet ihr, blumige Genien, kaum von der Wolke gestiegen! der Kunsttanz und der Wahn schleppt euch nicht und ihr hüpfet über die Regel hinweg. — Wie? cS tritt die Zeit herein und berührt sie? Große Männer und 118 Frauen stehen da? Der kleine Tanz ist erstarrt, sie heben sich zum Gang und schauen einander ernst ins schwere Gesicht? Nein, nein, spielet, ihr Kinder, gaukelt nur fort in eurem Traum, es war nur einer von mir. Die Sonnenblume und die Nachtviole. Am Tage sprach die volle Sonnenblume: Apollo stralt und ich breite mich aus, er wandelt über die Welt und ich folge ihm nach. In der Nacht sagte die Viole: niedrig steh' ich und verborgen — und blühe in kurzer Nacht; zuweilen schimmert Phöbus milde Schwester aus mich, da werd' ich gesehen und gebrochen, und sterbe an der Brust. „Die Nachtviole bleibe die letzte Blume im heutigen Kranz!" sagte Vult gerührt, weil die Kunst gerade so leicht mit ihm spielen konnte, als er mit der Natur, und er schied mit einer Umarmung. In Watts Nacht wurden lange Violenbeete gesäet — an das Kopfkissen kamen durch die offne Wand die Düste der erquickten Landschaft heran, und die Hellen Morgcntöne der Lerche — so oft er das Auge austhat, fiel cs in den blauen vollgestirnten Westen, an welchem die späten Sternbilder nacheinander hinunterzogcn als Vorläufer des- schönen Morgens. No. 13. R i e s e n in u s ch e l. Die Stadt — ebamdrs Aarnie. Walt stand mit einem Kopfe voll Morgenrots) auf und suchte den brüderlichen, als er seinen Vater, der sich schon um 1 Uhr auf seine langen Beine gemacht, mit weiten Schritten und reisebleich durch den Hof laufen sah. Er hielt ihn an. Er mußte lauge gegen den Strafprediger seine Gegenwart durch die ausgebrochene Mauer herunter vertheidigeu. Darauf bat er den müden Vater, zu reiten, indeß er zu Fuße neben ihm laufe. Lukas nahm cs ohne Dank an. Sehnsüchtig nach dem Bruder, der sich nicht zeigen durfte, verließ Walt die Bühne eines so holden Spielabcnds. Auf dem wagrechtcn Wege, der keinen Wasscrtropfen rollen ließ, bewegte sich das Pferd ohne Tadel und hielt Schritt mit dem tauben Sohne, dem der Vater von der Sattel-Kanzel — unzählige Rechts- und Lcbeusregeln herab warf. Was konnte Gottwalt hören? Er sah nur in und außer sich glänzende Morgcnwicscn des Jugendlcbens, ferner die Landschaft auf beiden Seiten der Chaussee, ferner die dunklen Blumengärten der Liebe, den hohen Hellen Musenberg und endlich die Thürme und Rauchsäulen der ausgebrcitetcn Stadt. Jetzt saß der Vater mit dem Befehle an den Notarius ab, durchs Thor zum Fleischer zu reiten, in sein Logis, und um 10 Uhr in den weichen Krebs zu gehen, wo man auf ihn warten wolle, um mit ihm gehörig vor dem Magistrate zu erscheinen. Walt saß aus und flog wie ein Cherub durch den Himmel. Die Zeit war so anmuthig; an den Häuser-Reihen glänzte weißer Tag; in den grünen thauigcn Gärten bunter Morgen; selber sein Vieh wurde poetisch und trabte ungeheißen, weil es seinem Stall nahe und aus dem Hcrrnhutischen hungrig kam. — Der Notarius sang laut im Fluge des Schimmels. Im ganzen Fürstenthum stand kein Ich ans einem so hohen Gchirnhügel als sein eigenes, welches daran herab wie von einem Aetna in ein so weites Leben voll mor- 120 ganischcr Fecn hineinsah, daß die blitzenden Säulen, die umgekehrten Städte und Schiffe den ganzen Tag hängen blieben in der Spiegellust. Unter dem Thore befragte man ihn, woher? „Von Haslau" versetzte er entzückt, bis er den lächerlichen Jrrthum eilig umbesscrtc und sagte: nach Haslau. Das Pferd regierte wie ein Weiser sich selber und brachte ihn leicht durch die bevölkerten Gassen an den Stall, wo er mit Dank und in Eile abstieg, um so fort seine „clmindrs gnruis" zu beziehen. Auf den Hellen Gassen voll Feldgeschrci, gleichsam Kompagnic- gasscn eines LnstlagcrS, sah er's gern, daß er seinen Hausherrn, den Hosagent Ncupctcr, kaum finden konnte. Er gewann damit die Zeit, die verschüttete Gottesstadt der Kindheit aus- zuscharrcn und den Schutt wegzusahren, so daß zuletzt völlig dieselben Gassen ans Sonnenlicht kamen, eben so prächtig, so breit, und voll Palläste und Damen, wie die waren, durch welche er einmal als Kind gegangen. Ganz wie zum erstemnale faßte ihn die Pracht des ewigen Getöses, die schnellen Wagen, die hohen Häuser mit ihren Statuen darauf, und die flitternen Opern - und Galaklcider mancher Person. Er konnte kaum annchmen, daß cs in einer Stadt einen Mittwoch, einen Sonnabend und andere platte Baucrntage gebe, und nicht jede Woche ein hohes Fest von sieben Feiertagen. Auch sehr sauer wurd' es ihm zu glauben — sehen mußt' er's freilich — daß so gemeine Leute wie Schuhflicker, Schneidermeister, Schmiede und andere Ackcrpfcrdc des Staats, die auf die Dörfer gehörten, mitten unter den feinsten Leuten wohnten und gingen. Er erstaunte über jeden Werkcltagshabit, weil er selber mitten in der Woche den Sonntag anhähend — den Nanking 121 — gekommen war; alle große Häuser füllte er mit geputzten Gasten und sehr artigen Herren und Damen an, die jene licbc- winkend bcwirthetcn, und er sah nach ihnen an alle Balkons und Erker hinaus. Er warf Helle Augen auf jeden vorübergehenden lackirten Wagen, und auf jeden rothcn Shawl, aus jeden Friseur, der sogar Wcrkcltags arbeitete und tafelfähig machte, und auf den Kopfsalat, der im Springbrunnen schon Vormittags gewaschen wurde, anstatt in Elterlcin nur Sonn- tagsabcnds. Endlich stieß er auf die lackirtc Thüre mit dem goldgelben Titelblatt: Material-Handlung von Peter Neupeter et Loin- xnAnie, und ging durch die Ladenthürc ein. Im Gewölbe wartete er es ab, bis die hin- und herspringendcn Ladenschürzen alle Welt abgefertigt hätten. Zuletzt, da endlich nach der ^nciennets der Mahlgäste auch seine Reihe kam, fragte ihn ein freundliches Bürschchen, was ihm beliebe. „Nichts — versetzte er so sanft, als cs seine Stimme nur vermochte — ich bekomme hier eine clinmbrs Zurnis, und wünsche dem Hrn. Hofagenten mich zu zeigen." —- Man wies ihn an die Glas- thürc der Schreibstube. Der Agent — mehr Seide im Schlafrock tragend als die Gcrichtsmäunin im Sonntagsputz — schrieb den Brief-Perioden gar aus und empfing mit einem apsclrothen und runden Gesichte den Miethsmann. Der Notarius gedachte wahrscheinlich mit seinem Roßgeruch und seiner Spießgcrte zu imponircn als Reiter, aber für den Agenten — den wöchentlichen Lieferanten der größten Leute und den jährlichen Gläubiger derselben —- war ein Schock berittener Notarien von keiner sonderlichen Jmportanz. Er rief ganz kurz einem Laden-Pagen herrisch zu, den Herrn anzuweiseu. Der Page ries wieder aus der ersten 122 Treppe ein bildschönes, nettes, sehr verdrießliches Mädchen heraus, damit sie den Herrn mit der Spießgerte bis zur vierten brächte. Die Treppen waren breit und glänzend, die Geländer figurirte Eisen - Guirlanden, alles sroh erhellt, die Thürschlösser und Leisten schienen vergoldet, an den Schwellen lagen lange bunte Teppiche. Unterwegs suchte er die Stumme dadurch zu erfreuen und zu belohnen, daß er sanft ihren Namen zu wissen wünschte. Flora heißet der Name, womit das schöne mürrische Ding auf die Nachwelt übergeht. Die elinmbrs Znrnis ging auf. — Freilich nicht für jeden wäre sie gewesen, ausgenommen als cliambre: nrckeuts; mancher, der im rothen Hause zu Frankfurt oder im Egalitäts- Pallaste geschlafen, hätte an diesem langen Menschcn-Kobcn voll Ururur - Möbeln, die man vor dem glänzenden Hause hier zu verstecken suchte, vieles freimüthig ausgesctzt. Aber ein Polymctrikcr im Göttcrmonat der Jugend, ein ewig entzückter Mensch, der das harte Leben stets, wie Kenner die harten Cartons von Raphael, blos im (poetischen) Spiegel beschauet uud mildert — der an einer Fischer-, Hunds- und jeder Hütte ein Fenster aufmacht und ruft: ist das nicht prächtig draußen? — der überall, er sei im Eskurial, das wie ein Rost, oder in Karlsruhe, das wie ein Fächer, oder in Meinungen, das wie eine Harfe, oder in einem Sccwurm- Gchäuse, das wie eine Pfeife gebauct ist, die Sommerscite findet und dem Roste Feuerung abgewinnet, dem Fächer Kühlung, der Harfe Töne, der Secpfeifc desfalls — Ich meine überhaupt, ein Mensch wie der Notarius, der mit einem solchen Kopse voll Aussichten über die weite Biencnslora seiner Zukunft hin in den Bienenkorb einfliegt und einen flüchtigen Ucbcrschlag des Honigs macht, den er darin aus tausend 123 Blumen tragen wird, ein solcher Mensch darf uns weiter nicht sehr in Verwunderung setzen, wenn er sogleich ans Abend- fcnster schreitet, es aufreißct und vor Floren entzückt aus- rnft: „göttliche Aussicht! Da unten der Park — ein Abschnitt Marktplatz — dort die zwei Kirchthürme — drüben die Berge — Wahrlich sehr schön!" — Denn dem Mädchen wollt' er auch eine kleine Freude zuwenden durch die Zeichen der seinigen. Er warf jetzt sein gelbes Nöckchcn ab, um als Selbstquartiermeister in Hemdärmeln alles so zu ordnen, daß, wenn er von der verdrießlichen Erscheinung vor dem Stadtrathc nach Hause käme, er sogleich ganz wie zu Hause sehn könnte, und nichts zu machen brauchte als die Fortsetzung seines Himmels und seinen Strcckvers und etwas von dem abgekarteten Doppelroman. Den Abhub der Zeit, den Bodensatz der Mode, den der Agent im Zimmer fallen lassen, nahm er für schöne Handelszeichen, womit der Handelsmann eine besondere Sorgfalt für ihn offenbaren wollen. Mit Freuden trug er von 12 grünen in Tuch und Kuhhaar gekleideten Sesseln die Hälfte — man konnte sonst vor Sitzen nicht stehen — ins Schlafgemach zu einem lackirtcn Regenschirm von Wachstuch und einem Ofenschirm mit einem Frauen-Schattenriß. Aus einer Kommode <— einem Häuschen im Hans — zog er mit beiden Händen ein Stockwerk nach dem andern aus, um seine nachgesahrnc fahrende Habe darein zu schaffen. Auf einem Theetischchen von Zinn konnte alles Kalte und das Heiße getrunken werden, da es beides so kühlte. Er erstaunte über den Ueberfluß, worin er künftig schwimmen sollte. Denn cs war noch eine Paphose da (er wußte gar nicht, was cs war) — ein Bücherschrank mit Glasthürcn, deren Rahmen und 124 Schlösser ihm, weil die Gläser fehlten, ganz unbegreiflich waren, und worein er oben die Bücher schickte, unten die Notariats-Händel — ein blau angcstrichcncr Tisch mit Schubfach, worauf ausgeschnittene bunte Bilder, Jagd-, Blumen- und andere Stücke zerstreuet aufgepappet waren, und auf welchem er dichten konnte, wenn cr's nicht lieber auf einem Ar- beitstischchcn mit Rehfüßcn und einem Einsatz von lackirtem Blech thun wollte — endlich ein Kammerdiener oder eine Servkwte, die er als Sekretär an den Schreibtisch drehte, um ans ihre Scheiben Papier, eine feine Feder zur Poesie, eine grobe zum lim zu legen. Das find vielleicht die wichtigem Pcrtinenzstücke seiner Stube, wobei man Lappalien, leere Markenkästchen, ein Nähpnlt, einen schwarzen basaltenen Kali- gula, der aus Brnstmangel nicht mehr stehen konnte, ein Wandschränklein u. s. w. nicht anschlagcn wollte. Nachdem er noch einmal seine Stisshüttc und deren Ordnung vergnügt überschauet, und sich zum Fenster hinaus gelegt, und unten die weißen Kiesgänge und dunkeln volllau- bigcn Bäume besehen hatte: machte er sich aus den Weg zum Vater und frcuete sich aus den Treppen, daß er in einem so kostbaren Hause ein elendes Wohnncst besitze. Auf der Treppe wurde er von einem hellblauen Couvert an die Hosagentin fcstgehalten. Es roch wie ein Garten, so daß er bald auf der Duftwolke mitten in die niedlichsten Schreibzimmer der schönsten Königinnen und Herzoginnen und Landgräfinncn hinein schwamm; indcß hielt cr's für Pflicht, durch das La- dengcwölbe zu gehen, und das Couvert redlich mit den Worten abzugeben: hier sei etwas an Madame. Hinter seinem Rücken lachte sämmtlichc Handels-Pagerie ungewöhnlich. Er traf seinen Vater in historischer Arbeit und Freude an. Dieser stellte ihn als Universalerben sämmtlichcn Gästen vor. Er schämte sich, als eine Merkwürdigkeit dieser Art lange dem Beschauen bloß zu stehen, und beschleunigte die Erscheinung vor dem Stadtrath. Verschämt und bange trat er in die Nathsstubc, wo er gegen seine Natur als ein hoher Saitenstcg dastehcn sollte, aus welchen andere Menschen wie Saiten gespannt waren; er schlug die Augen vor den Akzessit- Erben nieder, die gekommen waren, ihren Broddieb abzuwägen. Blos der stolze Neupcter fehlte sammt dem Kirchcn- rath Glanz, der ein viel zu berühmter Prediger auf dem Kanzel- und dem Schrcibpulte war, um zur Schau eines ungcdruckten Menschen nur drei Schritte zu thun, von dem er die größte Begierde forderte, vielmehr Glanzen aufzusuchen. Der regierende Bürgermeister und Exekutor Kuhnold wurde mit Einem Blick der heimliche Freund des Jünglings, der mit so crröthcndcm Schmerz sich allein vor den Angen stehender gefräßiger Zuschauer an die gedeckte Glückstafcl setzte. Lukas aber besichtigte jeden sehr scharf. Das Testament wurde verlesen. Nach dem Ende der 3ten Klausel zeigte Kuhnold auf den Frühpredigcr Flachs, als den redlichen Finder und Gewinner des Kabclschcn Hauses; und Walt warf schnell die Augen auf ihn und sic standen voll Glückwünsche und Gönnen. Als er in der -Ltcn Klausel sich anreden hörte vom todten Wohlthätcr: so wäre er den Thräncn, deren er sich in der Rathsstube schämte, zu nahe gekommen, wenn er nicht über Lob und Tadel wechselnd hätte crröthcn müssen. Der Lor- bccrkranz, und die Zärtlichkeit, womit Kabel ihm jenen auf- sctztc, begeisterte ihn mit einer ganz andern hcißcrn Liebe als das Füllhorn, das er über seine Zukunft ausschüttctc. — 126 Die darauf folgenden Stellen, welche für den Vortheil der 7 Erben allerlei aussprachen, versetzten dein Schultheiß den Athen:, indem sie dem Sohne einen freien: gaben. Nur bei der 14tcn Klausel, die seiner unbefleckten Schwancnbrust den Schandfleck einer weiblichen Verführung zntraucte oder verbot, wurde sein Gesicht eine rothe Flamme; wie konnte, dachte er, ein sterbender Menschenfreund so oft so unzart schreiben? Nach der Ablesung des Testaments begehrte Knol nach der Ilten Klausel „Harnisch muß" einen Eid von ihm, nichts auf das Testament zu entlehnen. Kuhnold sagte, er sei nur „an Eides statt" cs zu geloben schuldig. „Ich kann ja zweierlei thun; denn es ist ja einerlei, Eid und an Eidesstatt und jedes bloße Wort" sagte Walt; aber der biedere Kuhnold ließ es nicht zu. Es wurde protokollirt, daß Walt den Notarius zum ersten Erbamt auswähle. -— Der Vater erbat sich Testaments-Kopie, um davon eine für den Sohn zu nehmen, welche dieser täglich als sein altes und neues Testament lesen nnd befolgen sollte. — Der Buchhändler Pasvogcl besah und studirte den Gcsammt-Erben nicht ohne Vergnügen und verbarg ihm seine Sehnsucht nach den Gedichten nicht, deren das Testament, sagt' er, flüchtig erwähne. — Der Polizeiinspektor Harprccht nahm ihn bei der Hand und sagte: „Wir müssen uns öfters suchen, Sic werden kein Erbfeind von mir sehn und ich bin ein Erbsreund; man gewöhnt sich zusammen und kann sich daun so wenig entbehren, wie einen alten Pfahl vor seinem Fenster, den man, wie Le Bayer sagt, nie ohne Empfindung ausrcißen sicht. Wir wollen einander dann wechselseitig mit Worten verkleinern; denn die Liebe spricht gern mit Verkleinerungswörtern." Walt sah ihm arglos ins Auge, aber Harprecht hielt es lange aus. 127 Ohne Umstände schied Lukas vom gerührten Sohne, um die Kabclschen Erbstücke, den Garten und das Wäldchen vor dem Thore und das verlorne Haus in der Hundsgasse so lange zu besehen, bis der Rathsschreiber den letzten Willen mochte abgeschriebcn haben. Gottwalt schöpfte wieder Frühlings-Athem, als er die Rathsstnbe wie ein enges dumpfiges Wintcrhans voll finsterer Blumen aus Eis verlassen hatte; so vieles hatt' ihn bedrängt; er hatte der unreinen Mimik des Hunds- und Heißhungers gemeiner Welt-Herzen znschauen — und sich verhaßt und verworren sehen müssen — die Erbschaft hatte, wie ein Berg, die bisher von der Ferne und der Phantasie versteckten und gefüllten Gräben und Thäler jetzt in der Nähe aufgcdeckt und sich selber weiter hinausgerückt — der Bruder und der Doppelroman hatten unaufhörlich ihm in die enge Welt hinein die Zeichen einer unendlichen gegeben und ihn gelockt, wie den Gefangnen blühende Zweige und Schmetterlinge, die sich außen vor seinen Gittern bewegen. Der liebliche Jcsuiterrausch, den jeder den ganzen ersten Tag in einer neuen großen Stadt im Kopfe hat, war in der Rathsstube meistens verraucht. An der Wirthstasel, an der er sich einmicthete, kam unter der rauhen chelosen Zivil- Kaserne von Sachwaltern und Kanzellisten über seine Zunge, außer etwas weniges von einer geräucherten, nichts, kein warmer Bruder-Laut, den er hätte aussprcchcn oder crwiedcrn können. Den Bruder Vult wußt' er nicht zu finden; und am schönsten Tage blieb er daheim, damit ihm dieser nicht fehl ginge. In der Einsamkeit setzte er ein kleines Inserat für den Haslaucr Kriegs- und Friedens-Boten aus, worin er als Notarius anzeigtc, wer und wo er sei; ferner einen kurzen 128 anonymen Streckvers für den Poeten-Winkel des Blattes — kosts corner — überschrieben Der Fremde. r?-riiiiir-- r>ri-ri-ri-n-, --r--v-r--riri -, -v-ri-v-r--. Gemein und dunkel wird oft die Seele verhüllt, die so rein und offen ist; so deckt graue Rinde das Eis, das zerschlagen innen licht und hell und blau wie Acther erscheint. Bleib' euch stets die Hülle fremd, bleib' es nur der Verhüllte nicht. * ch -i« Schwerlich werden einem Haslauer Ohre von einiger Zarte die Härten dieses Verses — z. B. der Proccleusmatikus: kel wird oft die — der zweite Päon: die Hülle fremd — der Molossns: bleib' euch stets — entwischen; durfte aber nicht der Dichter seine Ideen-Kürze durch einige metrische Rauhheit erkaufen? — Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, das; cs dem Dichter keinen Vortheil schafft, daß man seine Streck- und Einvcrse nicht als Eine Zeile drucken lassen kann; und es wäre zu wünschen, es gäbe dem Werke keinen lächerlichen Anstrich, wenn man aus demselben arm-lange Papicrwickcl wie Flughäute flattern ließe, die hcrausgeschlagen dem Kinde etwan wie ein Scgclwcrk von Wickelbändcrn säßen; aber ich glaube nicht, daß es Glück machte. Darauf kaufte sich der Notar im Laden drei unbedeutende Visitenkarten, weil er glaubte, er müsse ans ihnen an die beiden Töchter und die Frau des Hauses seinen Namen ab- 129 geben; und gab sie ab. Als er eilig seine Inserate in der nahen Zcitnngsdruckcrei abliefcrtc, fiel sein Auge erschreckend aus das neueste Wochenblatt, worin noch mit nassen Buchstaben stand: „Das Flötcnkonzert muß ich noch immer verschieben, weil ein schnell wachsendes Augenübcl mir verbietet, Noten anzusehcn." I. van der Harnisch. Welch' einen schweren Kummer trug er aus der Druckerei in sein Stübchen zurück! Auf den ganzen Frühling seiner Zukunft war tiefer Schnee gefallen, sobald sein freudiger Bruder die freudigen Augen verloren, die er an seiner Seite darauf werfen sollte. Er lief müßig im Zimmer auf und ab, und dachte nur au ihn. Die Sonne stand schon gerade auf den Abendbcrgcn und füllte das Zimmer mit Goldstaub; noch war der Geliebte unsichtbar, den er gestern von derselben Sonnenzelt erst wieder bekommen. Zuletzt fing er wie ein Kind zu weinen an, aus stürmischem Heimwche nach ihm, zumal da er nicht einmal am Morgen hatte sagen können: guten Morgen und lebe wohl, Vult! — Da ging die Thüre auf und der festlich gekleidete Flöte- nift herein. O mein Bruder! rief Walt schmerzlich-freudig. „Donner! leise, fluchte Vnlt leise, cs geht hinter mir — nenne mich S.ie!" — Flora kam nach. „Morgen Vormittag demnach, H. Notarius, fuhr Vnlt fort, wünsche ich, daß Sie den Miethkontrakt zu Papiere brächten. Dn ^nils trnnonis, Non- 8isur?" — ÄlisLrnllleiiEiit, versetzte Walt, (NI non. „Darum, Nonsieur, komme ich so spät, erwicdcrte Vnlt, weil ich erstlich meine eigne Wohnung suchte und bezog und zweitens in 3ca» Paul's ausgcw. Werle. XIII. n 130 einer und der andern fremden einsprach; denn wer in einer Stadt viele Bekanntschaften machen will, der thue es in den ersten Tagen, wo er cinpasfirt; da sncht man noch die seinige, um ihn nur überhaupt zu sehen; später, wenn man ihn hundertmal gesehen, ist man ein alter Hering, der zu lange in der aufgeschlagcnen Tonne ans dem Markte bloß gestanden." „Gut, sagte Walt, aber mein ganzer Himmel fiel mir aus dem Herzen heraus, da ich vorhin in dem Wochenblatte die Augenkrankheit las" — und zog leise die Thnrc des Schlafkämmerchens zu, worin Flora bettete. „Die Sache bleibt wol die — fing Bult an und stieß kopfschüttelnd die Pforte wieder auf — „pueloi'is Aoatin lacwin 08 t atgns lo >'111081- latm*)" erwicderte Walt auf das Schütteln — bleibt wol die, sag' ich, was Sie auch mögen hier cingcwcndet haben, die, daß das deutsche Knnstpublikum sich in nichts inniger verbeißet als in Wunden oder in Metastasen. Ich meine aber weiter nichts als soviel: daß das Publikum z. B. einen Maler sehr gut bezahlt und rckommandirt, der aber ctwan mit dem linken Fuße pinselte — oder einen Hornisten, der aber mit der Nase bliese — desgleichen einen Harfenicrcr, der mit beiden Zahn- rcihcn griffe — auch einen Poeten, der Verse machte, aber im Schlafe — und so demnach auch in etwas einen Flautotra- vcrsisten, der sonst gut pfiffe, aber doch den zweiten Vorzug Dülons hätte, stockblind zu seyn. — Ich sagte noch Metastasen, nämlich musikalische. Ich gab einmal einem Fagotistcn und einem Bratschisten, die zusammen rcisxtcn, den Rath, ihr Glück dadurch zu machen, daß der Fagotist sich auf dem Zettel anheischig machte, auf dem Fagot etwas Bratschen-Gleiches *) „Es geschah der Schamhaftigkeit und Wohlgestalt z» Liebe. zu geben, und der andere, auf der Bratsche so etwas vom Fagot. Ihr macht's nur so, sagt' ich, daß ihr euch ein finsteres Zimmer wie die Mund-Harmoniker oder Lolli bedingt; da spiele denn jeder sein Instrument und geb' cs für das fremde, so wie jener ein Pferd, das er mit dem Schwänze an die Krippe gebunden, als eine besondere Merkwürdigkeit sehen ließ, die den Kops hinten trage. — Ich weiß aber nicht, ob fie es gcthan." Flora ging; und Bult fragte ihn, was er mit der Thür- schließcrei und dem Latein gewollt. Gottwalt umarmte ihn erst recht als Bruder, und sagte dann, er sei nun so, daß er sich schäme und quäle, wenn er eine Schönheit wie Flora in die knechtischen Verhältnisse der Arbeit gestürzt und vergraben sehe; eine niedrig handthirende Schönheit sei ihm eine welsche Madonna mitten auf einem niederländischen Gemälde. — „Oder jener Correggio, den man in Schweden an die königlichen Stallfcnster annagelte als Stall-Gardine*) — sagte Bult — aber erzähle das Testament!" Walt that's und vergaß ctwan ein Drittel: „seit die poetischen Aethcrmühlflügel, die du Mühlenbaumcister angegeben, sich vor mir auf ihren Höhen regen, ist mir die Tcstaments- sache schon sehr unscheinbar geworden," setzte er dazu. — „Das ist mir gar nicht recht, versetzte Vult. Ich habe den ganzen heutigen Nachmittag aus eine ennuyante Weise lange schwere Dollonds und Reflektors gehalten, um die H. Akzessit-Erben von weitem zu sehen — so die meisten davon verdienen den Galgcnstrang als Nabelschnur der zweiten Welt. ') Winkelmann von der Nachahmung rc. Du bekommst wahrlich schwere Aufgaben durch fie." — Walt sah sehr ernsthaft aus. — „Denn, fuhr jener lustiger fort, erwägt man dein liebliches Nein und Addio, als Flora vorhin nach Befehlen fragte, und ihr llslvaclöra, d. h. bellv-vus von schönem Gesicht, und da'zu das enterbte Diebs- und Siebengestirn, das dir vielleicht blos wegen der Klausel, die dich um ein Sechstel xuneto Ssxtl zu strafen droht, eine Flora so nahe mag hcrgesetzt haben, die zu dcfloriren-" „Bruder — unterbrach ihn der zorn- und schamrothe Jüngling und hoffte, eine ironische Frage zu thun — ist das die Sprache eines Weltmanns wie du?" — „Auch wollt' ich «lüeurar sagen statt clellorer, sagte Bult. O, reiner starker Freund, die Poesie ist ja doch ein Paar Schlittschuhe, womit man auf dem glatten reinen krystallcnen Boden des Ideals leicht fliegt, aber miserabel forthumpelt auf gemeiner Gasse." Er brach ab und fragte nach der Ursache, warum er ihn vorhin so trauernd gefunden. Walt, jetzt zu verschämt, sein Sehnen zu bekennen, sagte blos, wie es gestern so schön gewesen, und wie immer, so wie in andere Feste Krankheiten*) fallen, so in die heiligsten der Menschen Schmerzen, und wie ihm das Augenübel in der Zeitung wehe gethan, das er noch nicht recht verstehe. Vult entdeckt' ihm den Plan, daß er nämlich vorhabe, so gesund auch sein Auge sei, cs jeden Markttag im Wochenblatt für kränker und zuletzt für stockblind auszurufen, und als ein blinder Mann ein Flötenkonzert zu geben, das eben so viele Zuschauer als Zuhörer anziche. „Ich sehe, sagte Vult, du willst jetzt auf die Kanzeltreppe hinaus; aber predige nicht; Weil die meisten Feste in große Wetter-Krisen treffen. 133 dic Menschen verdienen Betrug. — Gegen dich hingegen bin ich rein und offen, und deine Liebe gegen den Menschen lieb' ich etwas mehr als den Menschen selber." — „O wie darf denn ein Mensch so stolz seyn und sich für den einzigen halten, dem allein die volle Wahrheit zuflicßc?" fragte Walt.— „ Einen Menschen, versetzte Vult, muß jeder, der ans den Rest Dampf und Nebel loslässet, besitzen, einen Anserwählten, vor dem er Panzer und Brust aufmacht und sagt: guck' hinein. Der Glückliche bist nun du; blos weil du — so viel du auch, merk' ich, Welt hast — doch im Ganzen ein frommer, fester Geselle bist, ein reiner Dichter und dabei mein Bruder, ja Zwilling und — so lass' cs dabei!" — Walt wußte sich in keine Stelle so leicht und gut zu setzen als in die fremde; er sah der schönen Gestalt des Geliebten diese Sommersprossen und Hitzblattern des Reisclebens nach und glaubte, ein Schattcnleben wie seines, hätte Vulten diese vielfarbige moralische Nessclsucht gewiß erspart. Bis tief in die Nacht brachten sie beide mit friedlichen Entwürfen und Gränzrezesscn ihres Doppclromans zu, und das ganze historische erste Viertel ihrer romantischen Himmclskugcl stieg so hell am Horizonte empor, daß Walt den andern Tag weiter nichts brauchte, als Stuhl und Dinte und Papier und anzufangen. Froh sah er dem morgenden Sonntag entgegen; der Flötenist aber jenem Abend, wo er, wie er sagte, wie ein Finke geblendet pfeife. 134 No. 16 . B e r g g u h r. Sonntag eines Dichters. Walt setzte sich schon im Bette auf, als die Spitzen der Abendbergc und der Thürme dunkelroth vor der frühen Juli- Sonne standen, und verrichtete sein Morgengebct, worin er Gott für seine Zukunft dankte. Die Welt war noch leise, an den Gebirgen verlief das Nachtmeer still, ferne Entzückungen oder Paradiesvögel flogen stumm auf den Sonntag zu. Walt hätte sich gefürchtet, seine namenlose Wonne laut zu machen, wenn's nicht vor Gott gewesen wäre. Er begann nun den Doppelroman. Es ist bekannt genug, daß unter allen Kapiteln keine seliger geschrieben werden (auch oft gelesen) als das erste und dann das letzte, gleichsam auch ein Sonntag und ein Sonnabend. Besonders erfrischt' es ihn, daß er nun einmal ohne allen juristischen Gewisscnsbiß auf dem Parnaß spazieren gehen durfte, und oben mit einer Muse spielen; indem er, hofft' er, gestern im juristischen Fache das Seinige gearbeitet, nämlich das Testament vernommen und erwogen. Da den Abend vorher war ausgemacht worden, daß der Held des Doppelromans einen langen Band hindurch sich nach nichts sehnen sollte, als nach einem Freunde, nicht nach einer Heldin: so ließ er ihn es zwei Stunden, oder im Buche selber so viele 135 Jahre lang, wirklich thun; er selber aber sehnte sich auch mit nnd über die Maßen. Das Schmachten nach Frenndschast, dieser Doppelflöte des Lebens, holt' er ganz aus eigner Brust; denn der geliebte Bruder konnte ihm so wenig wie der geliebte Vater einen Freund ersparen. Oft sprang er aus, bcschancte den duftigen goldhellen Morgen, öffnete das Fenster und segnete die ganze frohe Welt, vom Mädchen am Springbrunnen an bis zur lustigen Schwalbe im blauen Himmel. So rückt die Bergluft der eignen Dichtung alle Wesen näher an das Herz des Dichters, und ihm, erhoben über das Leben, nähern die Lebendigen sich mehr, nnd das Größte in seiner Brust befreundet ihn mit dem Kleinsten in der fremden. Fremde Dichtungen hingegen erheben den Leser allein, aber den Boden und die Nachbarschaft nicht mit. Allmälig ließ ihn der Sonntag mit seinem Schwalbcn- gcschrei, Kirchengelänte, seinen Ladendiener-Klopfwcrken und Nach-Walkmühlen an Sonntagsröcken in allen Korridoren schwer mehr sitzen; er sehnte sich nach einem und dem andern leibhaften Stral der Morgcnsonne, von welcher ihm in seinem Abendstübchcn nichts zu Gesichte kam als der Tag. Nachdem lange der Schreibtisch und die sonnenhelle Natur ihre magnetischen Stäbe an ihn gehalten und er sich vergeblich zwei Jchs gewünscht, um mit dem einen spazieren zu gehen, während das andere mit der Feder saß: so verkehrte er dieses in jenes und trug die Brust voll Himmclslust und den Kopf voll Landschaften (Aurorens Goldwölkchen spielten ihm auf der Gaffe noch um die Augen) über den frohen lauten Markt, nnd zog mit dem Viertels-Flügel der fürstlichen Kriegsmacht 136 fort, welcher blies und trommelte, und der Nikolaithnrm warf dazu seine Blascmusik in die untere hinein, die mit ihr im verbotenen Grade der Sekunde verwandt wurde. Draußen vor dem Thore hörte er, daß das magische wie von Fernen kommende Frcudcngcschrci in seinem Innern von einem schwarzen fliegenden Corps oder Chor Kurrcntschülcr ausgesprochen wurde, das in der Vorstadt fngirtc und schrie. Herrlich wiegte sich in bunter Fülle der van der Kabclsche Garten vor ihm, den er einmal erben konnte, wenn cr's recht anfing und recht ausmachte; er ging aber Verschämt nicht hinein, weil Menschen darin saßen, sondern erstieg das nahe Kabclsche Wäldchen auf dem Hügel. Darin saß er denn entzückt ans Glanz und Than, und sah gen Himmel und über die Erde. Allmälig sank er ins Verträumen hinein — was so verschieden vom cngern Nachträumen ist, da die Wirklichkeit dieses cinzäunt, indcß der Spielplatz der Möglichkeit jenem frei liegt. Auf diesem heitern Spielplätze beschloß er das große Götterbild eines Freundes aufzurichten und solches ganz so zu meißeln — was er im Romane nicht gedurft — wie cr's für sich brauchte. „ Mein ewig theurcr Freund, den ich einmal gewiß bekomme — sagt' er zu sich — ist göttlich, ein schöner Jüngling und dabei von Stande, etwa ein Erbprinz oder Graf — und eben dadurch so zart ausgebildet sür das Zarte. Im Gesicht hat er viel Römisches und Griechisches, eine klassische Nase ans deutscher Erde gegraben; aber er ist doch die mildeste Seele, nicht blos die feurigste, die ich je gesunden, weil er in der Eisen-Brust zur Wehre ein Wachs-Herz zur Liebe trägt. So treuen, unbefleckten, starken Gemüths, mit großen Felsen-Kräften, 137 gleich einer Bergreihc, nur gerade gehend — ein wahres philosophisches Genie oder auch ein militairischcs oder ein diplomatisches — daher setzt er mich und viele eben in ein wahres Staunen, daß ihn Gedichte und Tonkunst entzücken bis zu Thränen. Anfangs schcnctc ich ordentlich den gerüsteten Kricgsgott; aber endlich einmal in einem Garten in der Frühlings-Dämmerung oder weil er ein Gedicht über die Freundschaft der znrückgetretcncn Zeiten hörte, über den griechischen Phalanx, der bis in den Tod kämpfte und liebte, über das deutsche Schutz- und Trntzbündniß befreundeter Männer: da greift ihm das Verlangen nach der Freundschaft wie ein Schmerz nach dem Herzen und er träumt sich seufzend eine Seele, die sich sehnet wie er. Wenn diese Seele — das Schicksal will, daß ich's sei — endlich neben seinen schönen Augen voll Thränen steht, alles recht gut crräth, ihm offen cntgcgcn- kommt, ihn ihre Liebe, ihre Wünsche, ihren guten Willen wie klare Quellen durchschauen lasset, gleichsam als wollte sie fragen, ist dir weniges genug: so könnt' es wol ein zweites gutes Schicksal fügen, daß der Graf, gleich Gott alle Seelen liebend, auch wie ein Gott sich meine zum Sohne des Herzens erwählte, der dem Gotte dann gleich werden kann — daß dann wir beide in der hellsten Lebcnsstnnde einen Bund ewiger, starker, unverfälschter Liebe beschwüren" .... Den Traum durchriß ein schöner langer Jüngling, der in rother Uniform auf einem Engländer unten aus der Heerstraße vorübcrflog, dem Stadtthore zu. Ein gut gekleideter Bettler lief mit dem offnen Hute ihm entgegen — dann ihm nach, dann voraus — der Jüngling kehrte das Roß um -— der Bettler sich — und jetzt hielt jener, in den Taschen suchend. 138 den stolzen Waffentanz des schönen Rosses so lange auf, daß Walt ziemlich leicht die Melancholie ans dem prangenden Gesicht, wie Mondschein ans einem Frühling, bemerken konnte, so wie einen solchen Stolz der Nase und der Augen, als könn' er die Siegeszeichen des Lebens verschenken. Der Jüngling warf dem Manne seine Uhr in den Hut, welche dieser lang au der Kette trug, indem er mit dem Danke dem Galoppe nachzukommen suchte. Jetzt war der Notarius nicht mehr im Stande, eine Minute aus der Stadt zu bleiben, wohin der Reiter geflogen war, der ihm fast als der Freund, nämlich als der Gott vorkam, den er vorher im Traume mit den Abzeichen aller übrigen Götter («iZnis Uautlisis) gcputzet hatte. „Befreunden — sagt' er zu sich, in seinem romantischen, durch das Testament noch gestärkten Muthe, und auf sein liebe-quellendes Herz vertrauend — wollten wir uns leicht, falls wir uns erst hätten." — Er wäre gern zu seinem Bruder gegangen, um so- wol das dürstende Herz an dessen Brust zu kühlen, als ihn über den schönen Jüngling auszufragen; aber Vult hatte ihn gebeten, der Spione wegen und besonders vor dem Blinden- Konzert den Besuch viel lieber anzunchmen als abzustattcn. Mitten aus dem heiligen Opfcrfcner rief ihn der Hofagent Ncupetcr in seine dnnkle Schreibstube hinein, damit er darin vor dem Essen einige Wechsel protcstirtc. Wie an einem Käser, der erst vom Fluge gekommen, hingen an ihm die Flügel noch lang unter den Flügeldecken heraus; aber er protcstirtc doch mit wahrer Lust, es war sein erster Notariats-Aktus; und — was ihm noch mehr galt — seine erste Dankhand- -139 luug gegen den Agenten. Nichts wurde ihm länger und lästiger als das erste Vierteljahr, worin ein Mensch ihn beherbergte oder bediente oder beköstigte, blos weil ihm der Mensch so viele Dienste und Mühen vorschoß, ohne von ihm noch das Geringste zu ziehen. Er protcstirtc gut und sehr, mußte sich aber vom lächelnden Kaufmann den Monatstag ausbitten und war überhaupt kaum bei sich; denn immerhin komme ein Mensch mit der poetischen Luftkngel, die er durch Adler in alle Helle Aetherräume hat reißen lassen, Plötzlich unten ans der Erde an, so hängt er doch noch entzückt unter dem Glob' und sicht verblüfft umher. Das war Sonntags-Vormittag. Der Nachmittag schien sich anders anzusangen. Walt war von der Hellen Wirths- tafel — wo er mit seinem Puder und Nanking zwischen Atlas, Manchester, Lackzöpfen, Degen, Battist, Ringen und Fedcrbüschcn wettgeeisert und gespeisct hatte — in seine Schattenstube im völligen Sonntagsputz zurückgcgangcn, den er nicht auszichen konnte, weil eben der Putz in nichts als in einigem Puder bestand, womit er sich sonntäglich besäete. Sah er so weiß aus, so schmeckt' er freilich so gut als der Fürst, was sowol Sonntage heißen, als Putz. Sogar dem Bettler bleibt stets der Himmel des Putzwerkcs offen; denn das Glück weht ihm irgend einen Lappen zu, womit er sein größtes Loch zuflickt; dann schauet er neugeboren und aufgeblasen umher und bietet es still schlechtem porösen Bettel-Volk. Nur aber war der frohe Vorsatz, den ganzen Nachmittag seinem Kopfe und seinem Romane dichtend zu leben, jetzt über seine Kräfte, blos wegen des Sonntags-Schmucks; ein gepuderter Kopf arbeitet schwer. So müßte zum Beispiel gegenwärtiger Vcr- 140 fasscr — steckte man ihn in dieser Minute zur Probe in Königsmäntcl, in KrönungSstrümpfc, in Sporcnsticfcl, unter Churhnte — ans solche Weise verziert, die Feder wcglegen und verstopft aufstehcn, ohne den Nachmittag zu Ende gemalt zu haben; denn cs geht gar nicht im herrlichsten Anzug; — ausgenommen allein bei dem verstorbenen Bnffon, von welchem Madame Nccker berichtet, daß er zuerst sich wie zur Gala und daraus erst seine Bemerkungen cingcklcidct, um welche er als ein geputzter und putzender Kammerdiener herum ging, indem er ihnen Vormittags die Nennwörter anzog, und Nachmittags die Beiwörter. Den Notar störte außer dem Puder noch das Herz. Die Nachmittags-Sonne glitt jetzt herein und ihre Blicke sogen und zogen hinaus in die Helle Welt, ins Freie; er bekam das Sonntags-Heimweh, was fast armen Teufeln mehr bekannt und beschwerlich ist, als reichen. Wie oft trug er in Leipzig an schönen Sonntagen die Vesper-Wehmuth durch die entvölkerten Alleen um die Stadt! Nur erst Abends, wenn die Sonne und die Lust-Gaste heimgingcn, wurd' ihm wieder besser. Ich habe geplagte Kammcrjungsern gekannt, welche im Stande waren, wöchentlich siebenthalbe Tage zu lachen und zu springen, nur aber Sonntags nach dem Essen unmöglich; das Herz und das Leben wurd' ihnen Nachmittags zu schwer, sic strichen so lange in ihrer unbekannten kleinen Vergangenheit herum, bis sie darin auf irgend ein dunkles Plätzchen stießen, ctwan auf ein altes niedriges Grab, worauf sie sich setzten, um sich auszuwcinen, bis die Herrschaft wieder kam. Gräfin, Baronesse, Fürstin, Mulattin, Holländerin oder Freiin, die du nach weiblicher Weise immer noch herrischer 141 gegen die Sklavin bist als gegen den Sklaven — sei das doch Sonntags nach dem Essen nicht! Die Leute in deinem Dienste sind arme Landtcufel, für welche der Sonntag, der in großen Städten, in der großen Welt und ans großen Reisen gar nicht zu haben ist, sonst ein Ruhetag war, als sie noch glücklicher waren, nämlich noch Kinder. Gerne werden sie, ohne etwas zu wünschen, leer und trocken bei deinen Hoffcstcn, Hochzeit- und Lcichenfestcn stehen und die Teller und die Kleider halten; aber an dem Sonntage, dem Volks- und Menschenfcst, aus das alle Wochen-Hoffnungcn zielen, glauben die Armen, daß ihnen irgend eine Freude der Erde gebühre, da ihnen zumal die Kinderzcit cinsallcn muß, wo sic an diesem Bundesseste der Lust wirklich etwas hatten, keine Schulstunde — schöne Kleider -— spaßhafte Eltern — Spiclkinder — Abendbraten — grünende Wiesen und einen Spaziergang, wo gesellige Freiheit dem srischen Herzen die srische Welt ansschmückte. Liebe Frciin! wenn dann am Sonntage, wo gedachte Person weniger in der Arbeit, der Lethe des Lebens, watet, das jetzige dumpse Leben sie erstickend umsängt, und ihr über die Unfruchtbarkeit der tauben Gegenwart die Helle Kinderzcit, die ja allen Menschen einerlei Eden perhcißct, mit süßen Klängen wie neu herüber kommt: dann strafe die armen Thronen nicht, sondern entlasse die Sehnsüchtige ctwan bis Sonnenuntergang aus deinem Schlosse! — Als der Notar sich noch sehnte, stürmte lustig Vult herein, den MittagSwein im Kopf, ein schwarzes Seidenband um Ein Auge, mit offenem Hals und losem Haar und fragte, warum er noch zu Hanse sitze, und wie viel er Vormittags geschrieben? Walt gab cs ihm. Als cr'S durch hatte, sagte 142 cr: „Du bist ja des Teufels, Götterchcn, und ein Engel im Schreiben. So fahre fort! — Ich habe auch (fuhr cr mit kälterer Stimme fort und zog das Manuskript aus der Tasche) diesen Morgen in unserm Hoppelpoppel oder das Herz gearbeitet, und darin ausgeschweift, so viel als nöthig für ein erstes Kapitel. Ich will dir den Schwanzstcrn (so nenn' ich jede Digression) halb vorsagen — wenn du mich nur, o Gott, mehr zu gontircn wüßtest! — nicht vorlcscn, denn eben darum! Ich fahre im Schwanzstcrn besonders wild auf die jungen Schreiber los, die von dir abweichcn und in ihren Romanen die arme Freundschaft nur als Thür- und Degengriff der Liebe vorncn an diese so unnütz anbringen, wie den Kalender und das genealogische Vcrzeichniß der regierenden Häupter vornen au die Blumenlcscu. Der Spitzbube, der Kränkling von Schwächling von Helden will nämlich auf den ersten paar Bogen sich stellen, als seufz' er ziemlich nach einem Freunde, als klaffe sein Herz nach einer Unendlichkeit — schreibt sogar das Sehnen nach einem Freund, wcnn's Werk in Briefen ist, an einen, den cr schon hat zum Epistolircn — ja er vcrräth noch Schmachtungen nach der zweiten Welt und Kunst; — kaum aber ersieht und erwischt die Bestie ihr Mädchen (der Operngucker sieht immer nach dem Freunde hin), so hat sie satt und das Ihrige; wicwol der Freund noch elendiglich mehrere Bogen nebenher mitstapeln muß bis zu dem Bogen Ix, aus welchem dem geliebten Freunde wegen einer Treulosigkeit des Mädchens frei gesagt wird, cs gebe aus der Erde keiu Herz, keine Tugend und gar nichts. Hier spei' ich, Bruder, auf das schreibende Publikum Feuer; Spitzbube, so rede ich im Schwanzstern an, Walt, Spitzbube sei wenigstens ehrlich und thue dann, was du willst, da doch dein Unter- 143 schied zwischen einem Freund und einem Liebhaber nur der zwischen einem Sau- und einem Hunds-Igel ist."- Hier sah Vult lange das Papier, dann Walten an. „Der ist aber?" fragte dieser. — „So fragt auch mein Schwanzstcrn, sagte jener. Keiner nämlich. — Denn cs gibt eben keine Schwein-Igel nach Bcchstcin*), jondern, was man dafür nahm, waren Weibchen oder Junge. Mit den Schweins-Dachsen ist's eben so. Was hilst's, ihr romantischen Autoren (las Vult weiter und sah immer vom Papier weg, um das Komische mehr zu sagen als, weil er's wenig konnte, vorzulescn), daß ihr euere unterirdische Blattseite gegen den Himmel aufstülpct? Sie dreht sich wieder um; wie an Glas- tascln wird nur euere der Erde zugekehrte Seite bcthauet; wie an elektrischen Katzen muffet ihr vorher aus eurem Bürzel einen Funken locken, bevor ihr einen aus dem Kopfe wieder bekommt und vics vsrsu. Seid des Teufels lebendig; aber nur offen; liebt entsetzlich, denn das kann jedes Thier und jedes Mädchen, das sich deshalb für eine Edle, eine Dichterin und einen Welt-Solitaire ansieht — aber befreundet euch nicht, was ja an liebendem Vieh so selten ist wie bei euch. Denn ihr habt nie auS Johann Müllers Briefen oder aus dem alten Testament oder aus den Alten gelernt, was heilige Freundschaft ist und ihr hoher Unterschied von Liebe, und daß es das Trachten —- nicht eines Halbgeistes nach einer ehelichen oder sonstigen Hälfte, sondern — eines Ganzen nach einem Ganzen, eines Bruders nach einem Bruder, eines Gottes nach einem Universum ist, mehr um zu schaffen 3 Dessen Naturgeschichte Deutschlands. I. Bd. 2tc Auslage. 144 und dam: zu lieben, als um zu lieben und dann zu schaffen ..... Und so geht denn der Schwauzstern weiter," beschloß Vult, der sich nicht erwehren konnte, ein wenig die Hand des Bruders zu drücken, dessen voriges Freundschafts- Kapitel ordentlich wie Helles, warmes, angcbornes Blut in sein Herz gelaufen war. Walt schien davon entzückt zu sehn, fragte aber, ob nicht auch oft die Freundschaft nach der Liebe und Ehe komme, oft sogar für dieselbe Person — ob nicht der treueste Liebhaber eben darum der treueste Freund sei — ob nicht die Liebe mehr romantische Poesie habe als die Freundschaft — ob jene am Ende nicht in die gegen die Kinder übergehe — ob er nicht fast hart mit seinen Bildern sei; — und noch mehr wollte Goitwalt lindern und schlichten. Aber Vult fuhr auf sowol aus voriger Rührung als aus Erwartung eines viel weniger bedingten Lobes, hielt sich die Ohren vor Rechtfertigungen der Menschen zu und klagte: er sehe nun gar zu gut voraus, wie ihm künftig Walt eine Erboßuug nach Verändern versalzen werde durch sein Ucbcrzuckern; beifügend, in ihrem „Hoppelpoppel oder das Herz" gewännen ja eben die süßen Darstellungen am meisten durch die schärfsten, und gerade hinter dem scharfen Fingernagel liege das weichste empfindsamste Fleisch; „aber, fuhr er fort, von etwas angenehmerem, von den 7 Erb-Dicben, wobei ich mir wieder deinetwegen Mühe gegeben! Ich muß etwas bei dir sitzen." „Noch etwas angenehmes vorher" versetzte Walt und schilderte ihm den rothcn göttcrschönen Jüngling, und daß solcher wie ein Donnergott auf einem Sturmvogel zwischen 145 Aurora und Iris gezogen, und unter dem blauen Himmel wie durch eine Ehrenpforte geritten wäre. „Ach nur seine Hand, endigte er, wenn ich sie je anrühren könnte, dacht' ich heute, zumal nach dem Freundschafts-Kapitel. O kennst du ihn?" „Kenn' ihn so nicht, deinen Donner- und Wetter — — Gott (sagte Vult kühl und nahm Stock und Hut). Vcr- schimmle nur nicht in deinem Storchnest — laus hinaus ins Rosenthal wie ich, wo du alle Haslauer Kenn - inoncle's- Rudel mit Einem Sau-Garn überziehen und fangen kannst, und ihn mit. Vielleicht jag' ich darunter den gedachten Donnergott auf --möglich ist's der Graf Kloth ar — Nein, Freund, ich gehe absichtlich ohne dich; auch thu' überhaupt nicht draußen, als ob du mich sonderlich kenntest, falls ich etwa zu nahe vor dir vorüber gehen sollte vor Augcn- Schwäche; denn nach gerade muß ich mich blind machen, ich meine die Leute, ^ckciio?" j>lo. 17. Rosenholz. Rosenthal. In drei Minuten stand der Notar, dem Vnlts Verstimmung entgangen war, freudig auf dem grünen Wege nach dem Haslauer Rosenthale, das sich vom schönen Leipziger besonders dadurch unterscheidet, daß cs sowol Rosen hat als Jean Paul's ausgetv. Werke. XIII. >,r> auch ein Thal und daher mehr der llantaisie bei Baireuth ähnlich ist, die l'los die Zuckerbäcker-Arabesken und Phantasie-Blumen und Prunk-Pfahle vor ihm voraus hat. Aus der Stadt zog er eigentlich kaum, denn er fand die halbe unterwegs; und alle seine Seelen-Winkel wurden voll Sonnenlicht bei dem Gedanken, so mit zu gehen unter Leuten, die mitgehcn, mitfahren, mitrcitcn. Rechts und links standen die Wiesen, die wallenden Felder und der Sommer. Aus der Stadt lief das Nachmittags-Geläute der Kirche in die grüne warme Welt heraus, und er dachte sich hinein, wie jetzt die Kirchengänger sich heraus denken und ihn und das freie luftige Leben göttlich finden würden in den schmalen, kalten, steinernen Kirchen ans langen leeren Bänken einzeln schreiend, mit schönen breiten Sonncnstrcifen aus den Schenkeln und mit der Hoffnung, nach der Kirche nachzumarschiren so schnell als möglich. Die Zughcrings-Heerde von Menschen legte sich in die Bucht des Nosenthals an. Die Laubbäumc thatcn sich auf und zeigten ihm die glänzende offene Tafel des Juli-Sonntags, die aus einbeinigen Täfelchen unter Bäumen bestand; — „köstlich, sagte der Notar zu sich, ist doch wahrlich das allgemeine Scffclholen, Zeltausschlagcn, Rennen grüner Laufcr- schnrzen, Wcglcgcn der Shawls und Stöcke, Ausziehen der Korke, und Wählen eines Tischchens, die stolzen Fcderhüte zwischen durch, die Kinder im Grase, die Musikanten hinten, die gewiß gleich ansangen, die warmblühcndcn Mädchen- Stirnen, die durchschimmernden Gartenrosen unter den weißen Schleiern, die Arbcitsbeutel, die Goldanker und Kreuze und andere Gchenkc auf ihren Hälsen, und die Pracht und die 147 Hoffnung und daß noch immer mehr Leute nachströmen- O ihr lieben Menschen, macht euch nur recht viel Lust, wünsch' ich!" — Er selber setzte sich an ein einsames Tischchen, um kein geselliges zu stören. Vom Zuckerguß seines stillen Vcrgnügt- seyns fest überlegt, saß er daran, sich erfreuend, daß jetzt fast in ganz Europa Sonn- und Lusttag sei, und nichts begehrend als neue Köpfe, weil er jeden zwischen die Augen nahm, um auszusühlcn, ob er dem rothcn Jüngling angehörc, wornach seiner Seele alle ihre Blütenblätter standen. Ein Geistlicher spazierte vorüber, vor dem er sitzend den Hnt abnahm, weil er glaubte, daß Priester, gewohnt durch ihre Rockfarbe jeden Hut zu bewegen aus dem Lande, jedesmal Schmerzen in der Stadt empfinden müßten, wenn ein ganz fester vorbei ginge. Der Geistliche sah ihn scharf an, fand aber, daß er ihn nicht kenne. Jetzt trabten zwei Reiter heran, von welchen der eine wenig zu leben hatte, der andere aber nichts, Vult und Flitte. Der Elsässer tanzte reichgckleidet und lustig — obgleich feine ts clenm luuckumus in Iu»s cleo bestanden —- nach seinem eignen Gesang vom Steigbügel unter seine Bekanntschaften, d. h. sämmtliche Anwesende hinein; geliebt von jedem, dem er nichts schuldig war. Er überstand lustig eine kurze Aufmerksamkeit auf sich als den Menschen, der die Kabelsche Erb- porzion eingcbüßet, welche er schon als Faustpfand so oft wie den Rcliquienkopf eines Heiligen vervielfacht unter seine Gläubiger vcrthcilt hatte, weil das marscillischc Schiff, worauf 10 * 148 er eine große eben so oft verpfändete Dividende hatte, jedem zu lange ausblieb. Walt wunderte und freute sich, daß der singende Tänzer, der alle Weiber grüßte, der kühn ihre Fächer und Sonnenschirme und Armbands-Medaillons handhabte und kühner die Häng-Medaillen und Häng-Uhren von jeder weißen Brust mit den Fingern ans Auge erhob, sich gerade vor den Tisch der drei häßlichsten postirte, denen er Wasser und Anf- wärter holte, sogar schöne Gespielinnen. Es waren die 3 Neupcterischen Damen, bei welchen Gottwalt gestern drei Visitenkarten abgegeben. Der Elsässer machte in kurzem um- herlanfcnd das ganze Rosenthal mit dem dort sitzenden Nanking bekannt, der den alten Kabel beerbte; aber Walt, zu aufmerksam ans andere und zu wenig sich voranssetzend, entging durch sein menschenfreundliches Träumen dem Mißvergnügen, das allgemeine Schielen zu sehen. — Zuletzt trat Flitte gar zu ihm, und verrieth durch einen Gruß ihn der Kaufmannschaft. Unter allen 7 Erben schien der lustige Bettler gerade am wenigsten erbittert aus Walten zu sehn; auch dieser gewann ihn herzlich lieb, da er zuerst den Spielteller der Musikanten nahm, belegte und herum trug, und gern hält' er ihm ein großes Stück der Erbporzion oder des Testaments zum Lohne mit darauf geworfen. Der Notar war besonders auf die feinste Lebensart seines Bruders neugierig. Diese bestand aber darin, daß er sich um nichts bekümmerte, sondern auswärts that, als fitz' er warm zu Hanse, und es gebe keine Fremden auf der Welt. Sollt' es nicht einige Verachtung oder Härte anzeigen, dachte Walt, durchaus keine fremde erste Stunde anzncrkennen, sondern nur eine vertraute zweite, zehnte re.? — Dabei machte Vult das 149 ruhigste Gesicht von der Welt vor jedem schönsten, trat sehr nahe an dieses, klagte, sein Auge komme täglich mehr herunter, und blickte (als Schcin-Myops) unbeschreiblich kalt an und weg, als sitze die Physiognomie Verblasen zu einem gestaltlosen Nebel, an einer Bergspitze hängend, vor ihm da. Sehr fiel dem Notarius — welcher glaubte, auch gesehen zu haben in Leipzig in Rudolphs Garten, was feinste Sitten und Menschen sind, und mit welchen formten Märschen junge männliche Kaufmannschaft weibliche bedient und bezaubert, gleichsam willige Kartesiauische Tcufelchcn, die der Damcn- finger auf uud nieder springen lasset — sehr fiel ihm Vults männliche Ruhe auf, bis er zuletzt gar seine Definizion des Anstands änderte und sich folgende für den „Hoppelpoppel" aus dem weltgewandten Bruder abzog: „Körperlicher Austand ist die kleinste Bewegung; nämlich ein halber Schritt oder schwacher Ausbug statt eines Gcmsensprunges — ein mäßiger Bogen des Ellenbogens statt einer ausgercckten spitzen Fechter- Tangente, das ist die Manier, woran ich den Weltmann erprobe." — Zuletzt wurde der Notar auch keck, und voll Welt und Lebensart und stand ans mit dem Vorsatz, wacker hin und her zu spazieren. Er konnte so zuweilen ein Wort seines Bruders von der Seite wegschnappcn; und besonders irgendwo den rothen Liebling des Morgens auffischen. Die Musik, welche die Dienste des Vogelgcsangs that eben durch Unbe- dcutsamkeit, schwemmte ihn über manche Klippe hinüber. Aber welche Flora von Honoraziorcn! Er genoß jetzt das stille Glück, das er oft gewünscht, den Hut abzuzichcn vor mehr als einem Bekannten, vor Neupcter et die ihm 150 kaum dankten; und er konnte sich nicht enthalten, manche frohe Vergleichungen seiner jetzigen lachenden Lage im Has- laner Rosenthal^mit seiner sonstigen anonymen im Leipziger anzustcllen, wo ihn außer den wenigen, die er nicht richtig bezahlen konnte, säst keine Katze kannte. Wie oft war er in jener unbekannten Zeit versucht, öffentlich auf Einem Beine zu tanzen, oder auch mit zwei zinnernen Kaffeekannen in der Hand, oder geradezu eine Flammen-Rede über Himmel und Erde zu halten, um nur Seelen-Bekannte sich ans Herz zu holen! — So sehr setzt der Mensch — der älter kaum bedeutenden Menschen und Büchern zuläuft — jünger schon blos neuen Leuten und Werken feurig nach. Mit Freuden bemerkt' er im Gehen, wie Vult in seine Ruhe und Würde so viel insinnantc Verbindlichkeit, und in sein Gespräch so viele selber an Ort und Stelle geerntete Kenntniffe von Europcns Bilderkabinctten, Künstlern, berühmten Leuten und öffentlichen Plätzen zu legen wußte, daß er wirklich bezauberte; worin ihn freilich seine Verbindung mit seinen schwarzen Augen (darin bestand besonders seine schwarze Kunst bei Weibern) .und wieder die Kälte, welche imponirt (Waffcr gefriert sich immer erhoben), sichtbar unterstützte. Eine alte Hofdame des regierenden Häuschens von Haslau wollte schwer von ihm weg; und bedeutende Herren befragten ihn. — Aber er hatte den Fehler, nichts so sehr zu lieben — das Bezaubern ausgenommen — als Entzaubern darauf, und besonders die Sucht, Weiber, wie ein elektrisirtcr Körper leichte Sachen, anzuzichcn, um sic abzustoßen. Walt mußte über Vults Einfälle über Weiber bei Weibern selber erstaunen; denn er konnte im Vorübergehen recht gut vernehmen, daß 151 Vult sagte: sie kehrten stets im Leben nnd sonst, wie an ihren Fachern, gerade die reichste bemalte Fläche andern zn und behielten die leere — nnd mehr dergleichen, als z. B. sie machten, wie man die Coeurs auf Karten zu Gesichtern mit malerischer Spielerei umgcwaudclt, wieder leicht aus ihrem uud einem fremden Gesicht ein Coeur — oder auch: die rechte poetische, aber spitzbübische Art der Männer, sie zu iutcrefsircn, sei, ihncu immer die geistige Vergangenheit, ihre Lieblingin, vortöncn zu lassen, als z. B. welche Träume vergangen, und wie sich sonst das Herz gesehnt u. si w., das sei die kleine 8ouräin6, die man in die Weite des Waldhorns stecke, dessen nahes Blasen dann wie fernes Echo klinge. „Sie pfeifen auf der Flöte?" sagte die Hofageutin Neupeter. Er zog die Ansätze und Mittelstücke aus der Tasche und wies alles vor. Ihre beiden häßlichen Töchter und fremde schöne baten um einige Stücke und Griffe. Er steckte aber die Ansätze kalt ein und verwies bittend auf sein Konzert. „Sie geben wol Stunden?" fragte die Agentin. „Nur schriftliche, versetzt' er, da ich bald da, bald dort bin. Denn längst ließ ich in den Reichs-Anzeiger folgendes setzen: „Endes-Unterschriebener kündigt an, daß er in portofreien Briefen — die ausgenommen, die er selber schreibt — „allen, die sich darin an ihn wenden, Unterricht auf der hcrr- „lichen Ulüts timversiür« (sic hier zu loben, ist wol unuöthig) „zu geben verspricht. Wie die Finger zu setzen, die Löcher zu „greifen, die Noten zu lesen, die Töne zu halten, will er brief- „lich posttäglich mittheilen. Fehler, die man ihm schreibt, „wird er im nächsten Briefe verbessern." 152 „Unten stand mein Name. Gleicher Weise kegle ich anch in Briefen mit einem sehr cingezogncn Bischof (ich wollt', ich könnt' ihn nennen); wir schreiben uns, redlicher vielleicht als Forstbcamtc, wie viel Holz jeder gemacht; der andere stellt und legt seine Kegel genau nach dem Briefe und schiebt dann seiner Seits." Die Haslauer mußten lachen, ob sie gleich ihm glaubten; aber die Agentin strich sich mit innerer Hand so roth als einen Postwagen, dessen Stöße Hr. Peter Nenpcter am besten kannte, an und fragte die Töchter nach Thee. Das Kirwanen- thcc-Kästchen war vergessen. Flittc war froh, sagte, er sitze auf nach dem Kästchen, hoffe cs in fünf Minuten ans der Stadt herzurcitcn und sollte sein Gaul fallen — d. h. der geborgte, denn sein Zutritt in allen Häusern war auch einer in allen Ställen — und er denke sogar noch dem H. van der Harnisch eine bewährte Staarbrillc mitzubringen. Vnlt behandelte, glaubte Walt, das Anerbieten und das Männchen etwas zu stolz. Wirklich kam Flitte nach sieben Minuten zurückgcsprcngt, ohne Staarbrillc — denn er hatte sic nur versprochen — aber mit dem Ncupcterischcn Thee-Kästchen von Mahagony, dessen Deckel einen Spiegel mit der Thcc-Doublette ausschlug. Plötzlich fuhr Vult, als aus dem sogenannten Poctcn- gangc des Rosenthals eine reiche rothc Uniform mit rundem Hut heraustrat, auf den spazierenden Notarius los — that kurzsichtig, als glaub' er ihn zu kennen — fragte ihn unter vielen Komplimenten leise, ob jener rothe Bediente des Grafen 153 von Klothar der bewußte sei — entschuldigte sich nach dem Kopfschütteln des bestürzten Notars laut mit seinem Knrz- blickc, der jetzt Bekannte und Unbekannte durch einander werfe, und setzte hinzu: „verzeihen Sie einem Halbblindcn, ich hielt Sie für den Herrn Waldherrn Pamscn aus Hamburg, meinen Intimen" — und ließ ihn im Bcwußtseyn einer Verlegenheit, deren Quelle der redliche Notar nicht in seiner Wahrhaftigkeit suchte, sondern in seinem Mangel an Reisen, die immer das Hölzerne aus dem Menschen wcgnchmen, wie die Versetzungen das Holzige aus den Kohlrüben. Jetzt trat nach dem diencrischcn Abendrothe der Aurora, hinter welcher der Notar seine Lebcnssonne finden wollte, wirklich der Reiter des Morgens im blauen Uebcrrock, aber mit Fcderbusch und Ordensstern aus dem dichten Laubholze heraus sammt Gesprächen mit einem fremden Herrn. Der Flötenspieler brauchte blos auf einen brennenden Blick des Notars, seinen kalten zu werfen, um fest zu wissen, daß der Morgen-Mann dem Feuer-Herzen des Bruders wieder erschiene, den er nur aus Ironie mit der Verwechslung des rothcn Bedienten mit dem blauen Herrn geneckt. Walt ging ihm entgegen; in der Nähe erschien diesem der Mnscngott seiner Gefühle noch länger, blühender, edler. Unwillkürlich nahm er den Hut ab; der vornehme Jüngling dankte stumm fragend und setzte sich ans erste beste Tischchen, ohne durch den sprnngsertigen Rothrock etwas zu fordern. Der Notar ging aus und ab, um, wie er hoffte, vielleicht unter das Füllhorn der Reden zu kommen, das der schöne Jüngling über den Begleiter goß. Wenn auch .... (fing der Jüngling an, und der Wind wehte das Hauptwort Bücher weg) nicht gut 154 oder schlecht machen, besser oder schlechter machen sic doch." Wie rührend nnd nur aus dem Innersten in das Innerste dringend, klang ihm diese Stimme, welche des schönen weh- müthigen Flors nm das Angesicht würdig war! — Darauf versetzte der andere Herr: „Die Dichtkunst führt ihre Inhaber zn keinem bestimmten menschlichen Charakter; wie Knnstpserde machen sie Küsten und Todtstellen und Komplimcntiren und andere fremde Künste nach; sind aber nicht die dauerhaftesten Pferde zum Marsch." — Das Gespräch war offenbar im Poctengange ausgewachsen. „Ich bin gar nicht in Abrede — versetzte der blaue Jüngling ruhig ohne alle Gestus, und Gottwalt ging immer schneller und öfter vorüber, um ihn zu hören — sondern vielmehr in der Meinung, daß jede, auch willkürliche Wissenschaft, dergleichen Theologie, Jurisprudenz, Wappenkunde und andere sind, eine ganz neue, aber feste Seite an den Menschen oder der Menschheit nicht nur zeige, auch wirklich hervor bringe. Aber desto besser! Der Staat macht den Menschen nur einseitig nnd folglich einförmig. Der Dichter sollte also, wenn er könnte, alle Wissenschaften, d. h. alle Einseitigkeiten, in sich senden; alle sind dann Vielseitigkeit; denn er allein ist ja der einzige im Staat, der die Einseitigkeiten unter Einen Gesichtspunkt zu fassen Ruf und Kräfte hat, und sie höher verknüpfen und durch loses Schweben alles überblicken kann." „Ganz evident, sagte der Fremde, ist mir das nicht." — „Ich will ein Beispiel geben, versetzte der Graf Klothar. Im ganzen mineralogischen, atomistischen oder todtcn Reiche der Krystallisazion herrschet nur die gerade Linie, der scharfe 155 Winkel, das Eck; hingegen im dynamischen Reiche von den Pflanzen dis zu den Menschen regiert der Zirkel, die Kugel, die Walze, die Schönhcitswclle! Der Staat, 8ir, und die positive Wissenschaft wollen nur, daß sein Arsenik, seine Salze, sein Demant, sein Uranmctall in platten Tafeln, Prismen, langrautigen Parallelepipcdis n. s. w. anschießcn, um leichter eingcmancrt zu werden. Hingegen die organisirende Kraft, eben darum die isolirende, will das nicht, das ganze Wesen will kein Stück seyn; cs lebt von sich und von der ganzen Welt. So ist die Kunst; sie sucht die beweglichste und vollste Form und ist, wie sonst Gott, nur wie ein Zirkel oder ein Augapfel adzudilden." Aber der Notar zwang ihn anszuhörcn. — Er hatte sich darüber Skrupel gemacht, daß er so im Auf- und Abschleichcn die obwol lauten Meinungen des edeln Jünglings heimlich weghorchc; daher lehnt' er sich aus Gewissen an einen Baum, und sah unter dem Hören dem Blaurock deutlich ins Gesicht, um ihm anznzcigcn, daß er anfpassc. Aber den Jüngling verdroß es und er verließ den Tisch. Herzlich wünschte der nachgehcnde Notar den Flvtcnisten herbei, um durch ihn mehr hinter den Donnergott zu kommen. Zum Glücke theilte und durchschritt der Gras einen bunten Menschen-Klumpcn, der sich um ein Kunstwerk ansctzte. Es war ein knabenhohes und langes Kauffartheischiff, womit ein armer Kerl auf der Achse zu Lande ging, um mit diesem Weberschiffchen die Fäden seines hungrigen Lebens zu durchschießen und zusammen zu halten. Als der Notar sah, daß der Jüngling sich ans Fahrzeug und Nothruder des Menschen 156 stellte, drang er ihm nach, um dicht neben ihm zu halten. Der Schiffspatron sang sein altes Lied von den Schiffstheilcn, den Masten, Stengen, Racn, Segeln „und Touw-Werk" ab. „Das muß ihm hundslangwcilig werden, es täglich wiederholen" sagte der Herr znm Grafen. „Es folgen sich, versetzte dieser mit einigem Lehrtonc, in jeder Sache, die man täglich treibt, drei Perioden: in der ersten ist sic neu, in der nächsten alt und langweilig, in der dritten keines von beiden, sondern gewohnt." Hier kam Vnlt. Der Notar gab ihm durch Winke die entbehrliche Nachricht des Funds. „Aber, Patron, sagte der Graf zum Schiffsherrn, die Brassen der Fock-Rae muffen ja mitten von dem großen Stag an nach den Schinkel-Blocken lausen, dann sieben oder sechs Fuß tiefer nach dem großen Stag durch die Blocke und so weiter nach dem Verdeck. Und wo habt Ihr denn den Vor-Tcckcl, die Schoten des Vor- Mars-Segels, die Gy-Touwcn des Bezaans-Segels und das Fall von dem Seyn?" — Hier ließ der Gras verachtend den Schiffer, der seinen Mangel durch Bewunderung fremder Kenntniß verkleistern wollte, in einer zweiten aufrichtigem über eine Geld-Fracht stehen, dergleichen ihm sein Proviant- schiff und Brodwagen noch nie aus den beiden Indien des Adels- und des Bürgcrstandes zugesahren. Walt auch in einem süßen Erstaunen über die nautischen Einsichten bei so viel Philosophischen — ließ den blauen stolzen Jüngling schwer dnrchpassiren und sich von ihm statt an die Brust doch recht an die Seite so lange drücken, daß der Blau- rock ziemlich ernsthaft ihn ansah. Vnlt war verschwunden. Der Jüngling flog bald mit seinem Bedienten auf schönen Pferden davon. Aber der Notarius blieb als ein Seliger in diesem Josaphats-Thal zurück, ein geheimer stiller Bacchant des Herzens. „Das ist ja gerade der Mensch, sagt' er heftig, den du feurig wolltest, so jung, so blühend, so edel, so stolz — höchst wahrscheinlich ein Engländer, weil er Philosophie und Schiffsbau uud Poesie wie drei Kronen trägt. Lieber Jüngling, wie kannst du nicht geliebt werden, wenn dn es v erstattest!" Jetzt verschüttete die Abendsonne unter ihre Rosen das Thal. Die Musikanten schwiegen, von dem Spielteller das Silber speisend, der umgclaufen war. Die Menschen zogen nach Hause. Der Notarins ging noch eilig um vier leere Tische, woran holde Mädchen gesessen, blos um die Freude einer solchen Tischnachbarschaft mitzunchmcn. Er wurde nun im langsamen Strome ein Tropfen, aber ein rosenrothcr Heller, der ein Abendroth und eine Sonne aufsasite und trug. „Bald, sagt' er sich, als er die drei Stadtthürme sah, an welchen das Abendgold herunter schmolz, erfahr' ich von meinem Vnlt, wer er ist und wo — und dann wird mir ihn Gott wol schenken." Wie liebt' er alle Jünglinge auf dem Wege, blos des blauen wegen! „Warum liebt man, sagt' er zu sich, nur Kinder, nicht Jünglinge, gleichsam als wären diese nicht eben so unschuldig?" — Ungemein gefiel ihm der Sonntag, worin jeder sich schon durch den Anzug poetisch fühlte. Die erhitzten Herren trugen Hüte in Händen und sprachen laut. Die Hunde liefen lustig und ohne scharfe Befehle. Ein Post- zng Kinder hatte sich vor eine volle Kindcrkutsche gespannt, 158 und Pferde und Passagiere waren sehr gut angezogen. Ein Soldat mit dem Gewehr auf der Achsel führte sein Söhnchen nach Hanse. Einer führte seinen Hund an seinem rothscidncn Halstuch. Viele Menschen gingen Hand in Hand und Walt begriff nicht, wie manche Fußgänger solche Finger-Paare und Licbes-Ketten trennen konnten, um uur gerade zu gehen; denn er ging gern herum. Sehr erfreut' es ihn, daß sogar gemeine Mägde etwas vom Jahrhundert hatten und ihre Schürzen so weit und griechisch in die Höhe banden, daß ein geringer Unterschied zwischen ihnen und den vornehmsten Herrschaften verblieb. Nahe um die Stadt unter dem ersten Thore rasete die Schuljugend, ja ein gedachtes Mädchen gab der herrischen Schildwache einen Blumenstrauß keck neben das Gewehr — und so schien dem Notar die ganze Welt so tief in die Abcndröthe geworfen, daß die Rosenwolken herrlich wie Blumen und Wogen in die Welt hineinschlugcn. Fleg el j a h r e Eine Biographie von Jean Paul. Zweites Bändchen. No. - 18 . E ch i n i t. Der Schmollgelst. (§s braucht keinen großen diplomatischen Verstand, um zu errathen, daß der Notar in der Sonntags-Nacht nicht zu Hause blieb, sondern noch spät zu dem Theater-Schneider Purzel gehen wollte, wo sein Bruder wohnte, um bei ihm mehr über den blauen Jüngling zu hören. Aber dieser empfing herunter eilend ihn auf der Gasse, die er als Saal und Oorso des Volks in Feier-Nachten erhob und zum Spaziergänge vorschlug. Ziemlich entzückt nahm's Walt an. So Sonntags in der Nacht unter den Sternen mit Hunderten auf- und abzugehen, sagt' er, das zeig' ihm, was Italien sei; zumal da man den Hut aufbehalten und ungestört zu Fuße träumen könne. Er wollte sofort viel reden und fragen, aber Vult bat ihn, bis in andere, einsamere Gassen zu schweigen und nicht Dn zu sagen. „Wie so gern!" sagte Walt. Unbemerkt war ihm in der Dämmerung die Brust voll Liebe gelaufen wie eine Blume voll Thau — so oft er durfte, streift' er mit der Hand ein wenig an eine jede blutsremde vorbci- gchcnde an, weil er nicht wissen könne, dacht' er, ob er sie je wieder berühre -— ja er wagt' es in schattigem Stellen der Jean Paul's auSgkW. Wrrlk. XIII, Nacht sogar, zu Erkern und Balkons, wo deutlich die vornehmsten Mädchen standen, anfzusehcn und sich von der Gasse hinaus zu denken mitten darunter mit einer an der Hand als Bräutigam, den sein Himmel halb erstickt. Endlich spannt' er vor dem Flötenspieler in einer schicklichen Sackgasse das glänzende historische Blatt von seinem innern Banquet und Freuden-Gewühlc eines Nachmittages aus, der darin bestand — als Vult neugierig näher nachsah — daß er draußen hin und her gegangen, und den Blaurock getroffen. „Man sollte geschworen haben, versetzte Vult, Sie kämen eben aus Gladhcim*) statt aus dem Nosenthalc her, und hätten sich entweder die Freya, oder die Siöfna, oder die Gunnnr, oder die Gierskogul, oder die Mißa, oder sonst eine Göttin zur Ehe abgcholt, und ein paar Taschen voll Weltkugeln als Brautgabe dazu. — Doch ist's zu rühmen, wenn ein Mann das Galäklcid der Lust noch so wenig abgetragen — die Fäden zähl' ich auf meinem — ausgenommen wenn der Mann nicht bedenkt, daß Zauberschlösser leicht die Vorzimmer von Raubschlösscrn sind." Aber jetzt wies ihm Walt den Berg der heutigen Weinlese, den blauen Jüngling, und sragte nach dessen Namen und Wohnung. Der Bruder erwicderte gelassen, cs sei der Gras Klothar, ein sehr reicher, stolzer, sonderbarer Philosoph, der säst den Britten spiele, sonst gut genug. Dem Notar wollte der Ton nicht gefallen, er legte Vulten Klothars reiche Worte und Kenntnisse vor. Vult erwiederte, darin sch' er fast einige merkliche Eitelkeit des Stolzes. „Ich könnt' cs nicht ertragen, versetzte Walt, wenn Menschen gewisser Größe demü- Das Freuden-Thal in Walhalla. 163 thig wären." — „Und ich kann, versetzte Bult, es nicht erdulden, wenn der englische Stolz, oder der irländische, oder der schottische, der sich sehr gut in Bücher-Darstellungen ausnimmt, in der Wirklichkeit anstritt und pusthct. In Romanen gefällt uns fremde Liebe und Stolzirerei und Empfindclei; — aber drüber hinaus schlecht." „Nein, nein (sagte Walt), wie mir denn dein eigener Stolz gefallt. Wenn wir uns recht fragen, so erzürnt uns nie der Stolz selber, sondern nur sein Mangel an Grund — daher kann uns oft Demuth eben so gut quälen;— daher ist unser Haß des Stolzes kein Neid gegen Vorzüge; denn indcß wir allzeit größere über uns anerkennen und nur er- stohlnc, vorgespiegelte hassen: so ist unser Haß nicht Liebe gegen uns, sondern eine gegen die Gerechtigkeit." — „Sie philosophireu ja wie ein Graf, sagte Vult. Hier wohnt der Graf." Mit unsäglicher Freude sah Walt an die leuchtenden Fenster-Reihen einer Garten-Villa hinauf, die der Gasse den glänzenden glücken zeigte, und in welche ein langer Garten durch eine breite Vorhalle von Bäume-Ordnungen führte. Jetzt ließ Walt vor dem Bruder eine durstige Seele in alle ihre Gedichte und Hoffnungen der Liebe ausbrechcn. Der Flötenspieler sagte (eine gewöhnliche Ergießung seines Zorns): „freilich in gewissen Stücken — indessen — zumal so — in sofern ja freilich, o Himmel!" und fügte bei, seines schwachen Bedrückens sei Klothar vielleicht nicht weit von dem entfernt, was man im gemeinen Sprachgebrauch einen Egoisten nennt. Walt hielt es jetzt schon für Freundes Pflicht, den unbekannten Grafen hierüber heftig zu beschützen, und berief sich auf dessen edle Physiognomie, die gewiß darum, vcrmuthete er, so trübe beschattet sei, weil er fruchtlos nach einer Sonne 11 * 164 sehe, die ihm auf irgend einem Altäre voll Opfer-Asche den alten Phönix der Freundschaft erwecke; und ganz reiner Liebe schließe gewiß kein Herz sich zu. „Wenigstens setzen Sie vorher, sagte Vnlt, eh' Sie vor seinen Kammerdiener treten, einen Fürstenhut aus, ziehen einen Stern an, binden ein blaues Hosenband um: — dann mögen Sie bei ihm zur Cour Vorfahren; so nicht wol. Ich ja selber, der ich von einem so eisgrauen Adel bin, daß er vor Alters-Marasmus fast erloschen ist, mußte vorher bei ihm eigne Verdienste Vorschüßen. — Und wie wollen Sie ihm Ihre Freundschaft promulgiren? Denn bloßes Hegen derselben thut's nicht." — „Von morgen an, sagte Walt unschuldig, such' ich ihm so nahe zu kommen, daß er alles deutlich lesen kann in meinem Herzen und Gesicht, was die Liebe an ihn hincingeschrie- ben, Vnlt!" — „Van der Harnisch zum Henker! Was ist zu Vnlten? Sie bauen demnach auf Ihren Diskurs und dessen Gewalt?" — versetzte Vnlt. „Ja wol, sagte Walt, was hat denn der Mensch außer so seltnen Thaten noch anderes?" — Aber den Flötenspieler überraschte an einem so bescheidenen Wesen, das höhere Stände vergötterte, dieses stille feste Vertrauen auf Sieg ausnehmend. Die Sache war indcß, daß der Notar schon seit geraumen Jahren, wo er Pctrarkas Leben gelesen, sich für den zweiten Petrarka still ansah, nicht blos in der ähnlichen Zeugungskraft kleiner Gedichte — oder darin, daß der Welsche von seinem Vater nach Montpellier geschickt wurde, um das U,s zu studiren, das er gegen Verse später fahren ließ — sondern auch — und hauptsächlich — darin mit, daß der erste Petrarka ein gewandter zierlicher Staatsmann war. Der Notar glaubte, er dürfe, nach den Reden zu schließen, die er mehrmals siegend an Goldinen und 165 die Mutter gehalten, ohne Unbescheidenheit auf einige Aehnlich- kcit mit dem Jtaliäner rechnen, falls man ihn nur in die rechten Lagen brächte. So geht eigentlich in dieser Minute kein Jüngling in ganz Jena, Weimar, Berlin u. s. w. über den Markt, der nicht glauben müßte als Schrein — Sakrament- Hänschen — Hciligen-Haus — Rindenhaus — oder Mumienkasten irgend eines jetzt oder sonst lebenden Gcister-Riesen heimlich herum zu laufen, so daß, wenn man besagten Schrein und Mumienkastcn anfschlüge, der gedachte Riese deutlich ausgestreckt darin läge und munter blickte. Ja Schreiber dieses war früher fünf bis sechs große Männer schnell nach einander, so wie er sie eben gerade nachahmte. Kommt man freilich zu Jahren, nämlich zu Einsichten, besonders zu den größten, so ist man nichts. „Wir wollen doch in Einem fort hier aus- und abge- hcn" sagte Walt, der in Vults Repliken, zumal von seiner Himmelsluft berauscht, nichts spürte als dessen Manier. „Ins Bette lieber; — wir stören vielleicht Klotharn, der schon darin liegt, denn ich höre, morgen verreist er aus einige Tage sehr frühe" — berichtete Vult, als woll' er ordentlich sich selber zur Pein aus Walts vollem Herzen recht viel Liebe vor- presscn. „So ruhe sanft, Geliebter!" sagte Walt und schied gern von der lieben Stelle und dann vom verdrießlichen Bruder. Voll Freude und Friede zog der Notar nach Hause — in die stillen Gassen schaucten nur die hohen Sterne — er sah im Marktwasser einer nach Norden offnen Straße die Mitternachts- Röthe abgespiegelt — im Himmel zogen Helle Wölkchen wie verspätet aus dem Tage heim und trugen vielleicht oben die Genien, die den Menschentag reich beschenket hatten — und 166 Walt konnte, als er so glücklich in sein einsames dämmerndes Stübchen zurück kam, sich sowol des Weinens als des Dankens nicht enthalten. Sehr srüh bekam er am Morgen von Vnlten ein Brieschen, mit einer versiegelten Jnlage, überschricbcn tem^ori! Jenes lautete: „Freund, ich fordere nichts von Euch als eine kurze Unsichtbarkeit, bis mein Blinden- und Flötcnkonzert gegeben ist, zumal da ich dazu Gründe habe, die Ihr selber habt. Schreiben können wir uns sehr. Wächst mein Erblinden so hastig fort wie bisher: so blas' ich den vierzehnten, obgleich als stockblindcr Dülon, blos um nur das arme Ohren-Publikum nicht länger aus einem Wochcntagsblatt ins andere zu schleppen. — Ich bitt' Euch, macht kein Instrument, ohne mir's zu schreiben. — Ich hoffe, daß Ihr die Familien-Ehre schonet, wenn Ihr in den Wcbstuhl tretet, um das bewußte Freundschafts-Band zu weben, und daß Ihr daraus rechnet, daß ich nöthigsten Falls auch ein Paar Fußstöße im Stuhle mit zu thun bereit wäre. Auf Beilage setzt Euer Siegel neben meines und schickt sie zurück; zu gehöriger Stunde wird sie vor Euch einst erbrochen, ^.cläio! V. cl. II. N. 8. Man muß jetzt meiner Augen wegen mit ellenlangen Buchstaben an mich schreiben wie diese da." -j- * * Letzteres that Walt in seiner Antwort gern, aber der Blindheit gedacht' er nicht, aus Wahrheitsliebe. Er versprach alles Verlangte und beklagte leidend die Trennung einer so kurzen Vereinigung; betheucrte aber, daß Vult jeden Schritt 167 und jedes Glück Lei dem Grasen mit ihm schriftlich theilcn solle. — UcLrigcns erkannte Walt in dieser Unsichtbarkeit den Bruder nur als einen rechten Weltluchs, der sich auch gegen das kleinste Wetter-Leuchten des Zufalls cinbanet, das den Menschen oft mitten in seiner besten Dunkelheit vom Scheitel bis zur Sohle aufrecht erhellet. Das geheime Packet hätte man dem Notar eben so gut unversiegelt geben können, so sehr erfreute er sich, eine Gelegenheit der Treue gegen andere und sich zu erleben. Das versiegelte Blatt lautete so: „Da es ungewiß ist, ob Du je diesen Brief an Dich lesen darfst: so kann ich offen genug schreiben. Es hat mich ungemein und diese ganze Nacht durch gekränkt, lieber Bruder — wer weiß, ob wir uns noch so anredcn bei dem Erbruche dieses Blattes, der entweder im schlimmsten oder im besten Falle geschieht — daß Du von der Freundschaft Deines Bruders nicht so, wie er von Deiner, befriedigt wirst, sondern schon eine neue suchst. Daß ich Deinetwegen im dummen Haslau bleibe, oder daß ich für Dich mit Würg-Engeln und Scharfund Hollcnrichtcrn mich herum schlagen würde — daraus kann nicht viel gemacht werden; aber daß ein Mensch, dem aus seinem Reiscwagen das Herz halb ausgefahren, gerädert, ja abgcschnitten worden, doch für Dich allein eines mitbringt, das darf er anrcchnen, zumal in einem Tausche gegen Deines, das zwar unbeschreiblich rein und heiß, aber auch sehr offen — der Windrose aller Weltgegenden — dasteht. Und nun wird's" gar einem Grafen aufgemacht, der als Freund den Thron besteigt, indeß ich auf dem Geschwister-Bänkchen oder Kinder-Stühlchen sitze — o Bruder, das durchbrennt mich. So Rotten-Weise, so in der Landsmannschaft aller 168 Mcnschcn auch mit geliebt zu werden, und um ein Herz sich mit seinem sammt hundert andern Herzen wie ein Archi- pelagus von Zirkel-Inseln herum zu lagern-Freund, das ist mein Geschmack nicht. Ich muß wissen und halten, was ich habe. Wollt' ich Dir freilich meinen schwülen Gistbaum, worunter ich diese Nacht geschlafen, ausblättern: so kenn' ich Dein schönes, sanftes, opferndes Gemnth — aber lieber wollt' ich ihn ganz abcrntcn, eh' ich so demüthig wäre. Es verdrießet mich schon, daß ich vor Dir nur so viel schon am Grasen getadelt. Sieh selber — wähle selber — nur Deine Empfindung treibe Dich hinzu oder hinweg. — Umgekehrt vielmehr werd' ich Dir alle mögliche Flugwerkc, Strickleitern und Schneckentrcppen zum hohen Grafen machen und leihen, dem ich so gram bin; aber dann, wann Du entweder ganz bezaubert, oder ganzkpntzanbert bist, lös' ich das Siegel von folgender Schilderung dieses Herrn: Er ist nicht zum Ausstichen. Eitelkeit des Stolzes und Egoismus sind die beiden Brenn- oder Frostpnnkte seiner Ellipse. Mir mißfällt ein junger elender Fant gar nicht — denn ich sch' ihn nicht — der ein Narr ist, ein Bilderdiener seines Spiegelbilds, ein Spiegel seiner Psaucnspiegel; und so gern ich in eltigis jedem männlichen Fratzen, der sich hinsetzen und als Elegant einem Mode-Journalisten sitzen kann, einen tapfern Fußtritt gäbe: so bekümmern mich doch die Narren zu wenig, ja ich könnte einem, der frei seine Eitelkeit erklärte, solche Nachsehen .... Hingegen einem, der sie läugnet — der den Pfaucnschweis hinter den Adlersflügeln einheften will — der nur an Sonntagen schwarz gehet, weil da der Schornsteinfeger weiß gehet — der sehr ernst sich blos die Glatze 169 auskämmt — der wie eine Spinne nächtlich das Gewebe, womit er die Sums-Mücke Lob einfängt, wieder verschluckt und dann wieder ausspannt — und der die Ansprüche des Philosophen und Narren gern verbände — und der natürlich noch dabei vollends so egoistisch ist.... Ich sage egoistisch. Macht-fich-rtn-M«ssch-- Br-uder, aus den Menschen-nicht viel, so bin ich stiller als einer dazu; nur mach' er sich auch nicht mehr aus sich, und im Streit-Fall seines und fremden Glücks wähl' er grosimüthig. Hingegen ein ächter, recht frecher Selbstsüchtling, der ganz unverschämt gerade die Liebe begehrt, die er verweigert, der die Welt m einer Kochenille- Mühle mahlen könnte, um sich Weste .und Wangen roth zu färben, der sich für das Herz der Allheit ansicht, deren Geäder ihm Blut zu- und abführt,/und der den Schöpfer und Teufel und Engel und die gewesenen Jahrtausende blos für die Schaffner und stummci>^Knechte, die Weltkugeln für die Dienerhäuscr eines einzigen erbärmlichen Jchs nimmt: — Walt, es ist bekannt einen solchen könnt' ich gelaffen und ohne Vorreden todt schlagen und verscharren. Die Leiden- reißende Löwen; der Egoismus aber ist eine stille sich etn- beißcnde ssortsaugende Wanze. Der Mensch hat 2 Herzkammern,., in der einen sein Ich, in der andern das fremde, die er aber lieber leer stehen lasse, als falsch besetze. Der Egoist lmt, wie Würmer und Insekten, nur eine. Du, glaub' ich, wcrmiethest Deine rechte an Weiber, die linke an Männer und Vom Grasen will ich Dir nichts sagen, als daß er als protestantischer Philosoph eine liebliche, aber katholische Braut — Dir frappant ähnlich in der Liebe gegen jeden Athem des schasten sind döch wenigstens kecke, großmüthige, obwol zcr- --,- tm Herzohr -oder Herzbeutel. 170 Lebens — schlechterdings ans ihrer Religion in seine schleppen will, blos aus egoistischer stolzer Unduldsamkeit gegen einen stillen Glauben in der Ehe, der seinen als einen falschen schölte. Und dieses Menschen Kcbs-Braut wolltest Du werden? >— Es schmerzet mich jetzt, wo ich mich ins Kühle geschrieben, recht ins Herz hinein, dast Du Sanfter bis dahin, bis zur Eröffnung dieses Testaments, dieses Briefs so manche Plage von zwei Spitzbuben erdulden wirst, wovon der zweite ich selber bin. Denn wie ich bis dahin schmollen, Dich auf harte Probe stellen — z. B. auf die, ob meine Unsichtbarkeit, Ergrimmung und Ungerechtigkeit Dir genug ans Herz gehe — und wie ich überhaupt des Teufels gegen Dich sehn werde, ist Gott und mir am besten bekannt; denn ich kenne meine Schmoll-Natur, welche — so sehr ich mir auf dieser Zeile das Gegenthcil vornehme — so wenig, als ein schwimmender Kork in einem Gefäß Wasser, in der Mitte bleiben kann. Ach, ans jedem frischen Druckbogen des Lebens kommt immer unten der Haupttitel des Werks wieder vor. Mein Uebel aber eben ist der Schmollgcist, esprit cla ckepit cl'aiuour, den mir eine der vermaledeitesten Feen muß in die Nasenlöcher cingeblasen haben. Eine schlimmere Bestie von Polter- und Plagegeist ist mir in allen Dämonologien und Geister-Inseln noch nicht aufgestoßen. — Ordentlich als sei das Lieben nur zum Hassen da, crboßet man sich den ganzen Tag auf das süßeste Herz, sucht cs sehr zu peinigen, breit zu drücken, cinzuquetschen, zu vicrtheilen, zu baizen-aber wozu? — Um es halbtodt an die Brust zu nehmen und zu schreien: o ich Höllenhund! So gottlos hielt ich mit Freunden Haus, noch gottloser freilich mit Freundinnen. — Drei 171 tausend zwei hundert und fünfmal söhnt' ich mich mit einer thüringischen Geliebten in dem kurzen Wonnemonde unserer Liebe aus — mit andern aber öfter — und kündigte doch gleich daraus, wie ein kopulirter Fürst, die Seelen-Trauung wieder durch Kanonen-Schüfse und Mord-Knalle an, weil ich wieder den kleinsten schönsten allerliebsten Reif der Liebe für Schnee ansah. — Bei solchen Umständen, das schwur ich feierlich, heirathc der Teufel oder ein Gott; denn ist die Person nicht abwesend, die man zu lieben hat (abwesend geht's sehr; auch brieflich), oder was eben so gut ist, abgegaugeu mit Tod (Liebe und Testament werden durch Sterben erst ewig): so hat man nach den bekannten wenigen Flitter-Sekunden seine Blei-Jahre, bringt sein Leben wie an einem Kamin hin, halb den Steiß im Feuer, halb den Bauch im Frost, oder wie ein Stück Eis im Wasser, oben von der schönen Sonne, unten durch die Wellen zerfließend. — Und da schaue Gott den Jammer! Jeder hüte sich, lehr' ich oft genug, vor dem säuern Schmoll- und Salzgeist, weil's keinen schlimmern gibt. — Daß ich immer abrcisetc von alten Menschen zu neuen, muß ich eben thuu, um nicht zu zanken, sondern noch zu lieben. Der Himmel weiß, wie ich Dich peinigen werde. Aber vorausgesagt Hab' ich's hier in bester Laune; und dann sei dieses Blatt, wenn es aufgemacht wird, mein Schirm-, mein Feigen-, mein Oelblatt. <2. I I. 172 No. 19. Mergelstein. Sommers-Zeit — Klothars Jagd. Jetzt fing das Notariat des Notarius ordentlich erst recht an. Er wurde der allgemeine Instrumenten-Macher der neugierigen Stadt. Gerichtlich bei den Testamentsexekutorcn find die Schuldverschreibungen, die Protokolle über vcrdorbne Waa- rcnfässcr, Pachtbricsc über Handelsgcwölbe, Kontrakte über zu reparirende Stadt-Uhren und dergleichen niedergelcgt, die er in so kurzer Zeit ausfertigte, daß ein alter hinkender Notarius nicht wußte, was er dazu sagen sollte aus Grimm, sondern zu Gott hoffte, der Amtsbruder werde, was er da einbrocke, schon einmal auszueffen haben, wenn ihn einst die 7 Erben und die geheimen TcstamentSartikel für jedes Notariats-Verbrechen bei den Haaren nähmen, wie ja das sein tägliches Gebet zum Himmel sei. Walt fand nichts dabei unbegreiflich, als daß er — freilich mehr sein Petschaft — im Stande sehn sollte, die wichtigsten Dinge zu bestätigen, da er kaum begriff, wie er einst einen Ehemann oder Staatsbürger abgebcn könnte statt einem leeren Jüngling. Seinem Bruder schrieb er, wie er mitten unter den Instrumenten den Roman weiter webe, indem er so lange, bis eine Kopie abtrockne, ungehindert dichten könne — so wie D'Agueffeau behauptete, er habe viele seiner Werke im Zwischenräume gemacht, wo er sagte, gu'on ssrvs, und wo man meldete, gu'il ekoit s— und überall flog ihm ein Blumenkranz aus den Kopf oder ein Sommervogcl ans Herz, nämlich wahre Freuden, weil er überall ein Beet erblickte, woraus, wie er dachte, sein künftiger Freund sich einige Blumen oder Früchte des schnellen Lebens-Frühlings ausgezogcn. „Der edle Jüngling kann— sagte Gottwalt an den verschiedenen Plätzen — wol auf dieser Bank lang der Abendröthe nachgesehen haben — in diesem Blütcndickicht dämmernde Herzens-Träume ausgesponncn — auf dem Hügel wird er an Gott gedacht haben voll Rührung. — Hier neben der Statue, o wenn er hier könnte die sanfte Hand seiner Geliebten genommen haben, falls er eine hat — wenn er betet, that er's gewiß in diesem mächtigen Hain." Es gab wenige Bänke im Park, worauf er sich nicht niedersetztc, voranssetzend, Klothar habe früher da gesessen. —> „Der englische Garten ist göttlich — sagt' er abgehcnd zum stillen Gärtner an der Pforte — Abends erschein' ich gewiß wieder, liebster Mann." Er machte auch zur versprochncn Zeit die Gartcnthüre ans. In der Villa war Musik. Er verbarg sich und seine Wünsche in die schönste Grotte des Parks. Ans der Fclscn- wand hinter ihm drangen Quellen und überhängcnde Bäume. Vor ihm goß der glatte Fluß seinen langen Spiegel durch ein Aucn-Land. Windmühlen krcisctcn »»gehört ans den sernen Höhen um. Ein sanfter Abcndwind wehte das rothc Sonnengold ans den Blumen höher um die Hügel. Eine weibliche Statue, die Hände in ein Vcstalinnen-Gewand gehüllt, stand mit gesenktem Haupte neben ihm. Die Töne der Villa hingen sich wie Helle Sterne ins Quellen-Rauschen und blitzten durch. Da Gottwalt nicht wußte, welches Instrument Klothar Jean Maul's ausgew. Werke. XIII. 178 spiele: so gab er ihm lieber alle in die Hand; denn jedes sprach einen hohen, tiefen Gedanken aus, den er dem Herzen des Jünglings leihen mußte. Er entwarf sich unter den süßen Klängen mehrmals den Umriß von der unerhörten Seligkeit, wenn der Jüngling auf einmal in die Grotte träte und sagte: „Gottwalt, warum stehest du so allein? Komme zu mir, denn ich bin dein Freund." Er half sich durch einige Strcckverse an Jonathan (so wollt' er im Haslauer Wochenblatte den Grasen verziffern), die ihm aber schlecht gelangen, weil sein innerer Mensch viel zu rege und zitternd war, um den poetischen Pinsel zu halten. Zwei andere Streckgedichte, unter welche er jene absichtlich im Wochenblatte zum Scheine mischen wollte, als sei alles Dichtung, waren viel besser und hießen so: Bei einem Wasserfalle mit dem Regenbogen. O wie schwebt auf dem grimmigen Wassersturm der Bogen des Friedens so fest. So steht Gott am Himmel und die Ströme der Zeiten stürzen und reißen, und auf allen Wellen schwebet der Bogen seines Friedens. Die Liebe als Sphinx. Freundlich blickt die fremde Gestalt dich an, und ihr schönes Angesicht lächelt. Aber verstehst du sie nicht: so erhebt sie die Tatzen. Eben kam der Gärtner und befahl ihm an, sich weg zn machen, weil man den Garten schließe. Er dankte und ging willig. Aber zu seinem Erstaunen fuhr er in der Theaterschneiders-Gasse nahe vor einem sechsspännigen Fackel-Wagen 179 vorbei, worin Klothar saß nebst andern, so daß er im Garten manches, sah er, vergeblich empfunden. Er ging noch eine halbe Stunde vor Vults Fenstern auf und nieder, zwar ohne diesen zu sehen, der ihn sah, aber doch um ihn sich nahe zu denken. Tags darauf hatt' er das Glück, den Grafen, der mit einer alten krummen Dame englisch sprach, auf einem Garten- Gange zu treffen und vor dessen ernstem schönen Gesicht den Hut mit Liebes-Augen zu ziehen. Er suchte ihm noch sechs- oder siebenmale aufzustoßen, und zog eben so oft — ans Unbekanntschaft mit der Garten-Kleiderordnung— den Salutir- Hut, was zuletzt dem Grafen so verdrießlich fiel, daß er unter Dach und Fach auswich. Auch der Gärtner, der längst über ihn und seine scharfen Beobachtungen des Land-Hauses seine eignen angestellt, wurde konfus und glaubte etwas zu ver- muthen. Noch spät Abends kam ein Läufer vom polnischen General Zablocki — der in Elterlein das bekannte Ritterschloß hatte — mit dem Befehle, sich morgen ganz früh Punkt 11 Uhr einzustellen, um etwas zu machen. „O lieber, wenn doch mein Klothar ein Instrument bei mir bestellte! Gäb' cs denn eine holdere Gelegenheit?" dacht' er. Punkt 11 Uhr kam derselbe Läufer und bestellt' ihn ab. Aber an der Wirths- tafel vernahm er, welche Himmelskugel nahe vor ihm seitwärts weggezogen war. Die Tisch-Genossenschaft vereinigte sich nämlich, das göttliche Gemüth einer gewissen „Generals Wina" zu erheben... Es gibt vielerlei Ewigkeiten in der armen zeitlichen Menschenbrust, ewige Wünsche, ewige Schrecken, ewige Bilder — so auch ewige Töne. Der Laut Wina, ja nur der verwandte 12 * 180 Win'gen, Wim, Mine, München, erfaßte den Notar eben so sehr, als wenn er an — Aurikcln roch, ans deren Duft- Wolkcn er sich so lange in neue ausländische Welten verschwamm, bis er entdeckte, daß er nur die frühesten seines Lebens thauig ausgcbrcitct sehe. Und die Ursache war cbm Eine. In seiner Kindheit war nämlich, da er an den Blattern blind da lag, ein Fräulein Wina, die die Tochter des General Zablocki, dem das halbe Dorf oder die sogenannten Linken gehörten, mit der Mutter zum Schultheiß gekommen. In der Familie hatte sich erhalten, daß das kleine Mädchen gesagt, der arme Kleine sei ja sehr todt, und sic woll' ihm alle ihre Aurikcln geben, weil sie ihm keine Hand geben dürfte. Der Notar bcthmerte, daß er sich cs noch klar und süß erinnere, wie ihn Blinden der Aurikcln-Geruch durchdrungen und ordentlich berauscht und ansgelöftt habe, und wie er ein peinliches Schmachten gefühlt, nur eine Fingerspitze des Kindes, dessen süßes Stimmchcn ihm fern, fern herznkommm schien, anzurühren; und wie er die kühlen Blumenblätter an seinen heißen Lippen todtgedrückt. Diese Blumen-Geschichte mußt' ihm, erzählt' er, in der Krankheit und nachher in der Gesundheit nnzähligcmale erzählt werden, er habe aber Wina nie ans seiner Kindheits-Dämmerung gelassen und sie später nie angesehen, weil er cs für Sünde gegen dieses für das Tageslicht ordentlich zu heilige zarte Wesen gehalten. Wenn ansehnliche Dichter ihre Arme und Flügel znsammmstcllm, um wie ans einem Minervms-Schilde eine Schönheit empor zu heben durch Wolken hindurch, über schwache Monde, mitten unter die Nacht-Sonnen hinein: so hob doch Walt die ungesehene süß sprechende Wina viel höher, nämlich in das dunkle tiefste Sternmblau, wo das Höchste und das Schönste 181 glüht und stralt, ohne Stralcn für uns Tiefe; gleich den großen Zentral-Sonnen Hcrschels, welche durch ihre unendliche Größe ihren unendlichen Glanz wieder an sich ziehen und ungesehen in ihrem Feuer schweben. Gottwalt fragte, ob diese Wina die Tochter Zablocki's sei. Er hörte, es sei diese eben die Braut — Klothars. Welche Ucbcrraschung, sich einen männlichen, markigen, scharfen Geist und Freund mit der sanften Liebe zu denken, mit dem Dämpfer, der das Schmettern zu Nach- und Wicderklängcn erweicht, einen Heros neben einer heiligen Jungfrau -— und aus der andern Seite sich die Braut eines Freundes zu denken, diese höhere geistige Schwester, diese Gott geweihte Nonne im Tempel der Freundschaft (denn für eine schöne Seele gibt es keine schönere als des Freundes Geliebte)-mehr Liebe und Freuden-Träume konnte eine einzige Nachricht schwerlich einem Menschen zuwersen, als die neue dem Notar, die neueste ausgenommen, daß heute beim General die Ehepakten ausge- setzct worden oder doch würden. Der Notar, der aus seiner Abbestellung das Widerspiel wußte, fuhr ordentlich vor der aufgcschobenen Herzens-Szene zusammen, die ihm entgangen war, „ich glaube, ich sterbe — dacht' er — vor Liebe gegen zwei solche Menschen die ich auf einmal in ihrer fände, den Kontrakt würd' ich ohnehin mit zehntausend Fehlern aufsetzen, und stände mein Kopf darauf." Er hörte aber noch mehr. „Der Graf, sagte die Wirths- tafcl, heirathe sie bei seinem Rcichthum nur der Schönheit und Ausbildung wegen, denn er habe zehnmal mehr Geld als der General Schulden." „Was thut's, sagte ein unbeweibter Komödiant, der Väter machte, die Hehre soll die Liebe und Charis selber sehn." — „ Zwar die Mutter in Leipzig, glaub' 482 > ich — versetzte ein Konsistorial-Sekretair — konsentirt bequem, da sic lutherischer Konfession ist, so gut wie der Bräutigam; aber der Vater" — — Wie so? fragte der Komödiant. „Tochter und Vater sind nämlich Katholiken" antwortete der Sckretair. — „Wird sie die Religion changiren?" fragte ein Offizier. „Das weiß man eben nicht (sagte der Sekretair); bleibt sie inzwischen bei ihrer, so sind sehr viele Dinge vorher auszumachen; und beide müssen durchaus zweimal kopulirt werden, einmal von einem lutherischen Geistlichen, hernach von einem katholischen."—- „Ihr Konsistorien, sagte der Offizier, bleibt doch bei Gott ein ganzer wahrer diffiziler, nichts nütziger, langweiliger Schnickschnack, der mich ordentlich revoltirt; wie stecht Ihr ab gegen einen Fcldpre- diger!" — So beklommen als (nach der medizinischen Geschichte) Leute erwachen, die in ihrem Schlafzimmer einen Pomeranzenbaum hatten, der in der Nacht die Blüten austhat und sie mit seinem Duft-Frühling überfiel: so stand Walt, mit der süß-nagenden Geschichte am liebcwundcn Herzen, vom Tische aus. Er wollte, er mußte die Brautleute sehen. Wina, die er früher als der Graf wenigstens gehört, könnt' er ordentlich bitten, ihn dem Bräutigam, und diesen, den er längst gesehen und gesucht, ihn der Braut vorzustellen. Sehr hatt' ihm an der Wirthstafel die Bemerkung gefallen, daß Wina eine Katholikin sei, weil er sich darunter immer eine Nonne und eine welsche Huldin zugleich vorstellte. Auch daß sie eine Polin war, sah er für eine neue Schönheit an; nicht als hätt' er etwa irgend einem Volke den Blumenkranz der Schönheit zugesprochen, sondern weil er so oft in seinen Phantasien gedacht: Gott, wie köstlich muß es seyn, eine Polin zu lieben — i83 oder eine Brittin — oder Pariserin — oder eine Römerin — eine Berlinerin — eine Griechin — Schwedin — Schwabin — Koburgerin — oder eine aus dem 13tcn Säknl — oder aus den Jahrhunderten der Chevalcrie — oder aus dem Buche der Richter — oder aus dem Kasten Noä — oder Eva's jüngste Tochter — oder das gute arme Mädchen, das am letzten auf der Erde lebt gleich vor dem jüngsten Tage. So waren seine Gedanken. Den ganzen Tag ging er in neuer Stimmung herum, so kühn und leicht — als lieb' er selber — war ihm, und doch war ihm wieder, als wenn er zwar alle habe, aber keine — er wollte Minen eine Brautführerin zuführen, in die er selber sterblich verliebt wäre — er lechzete nach dem Bruder, nicht um ihn darüber zu belehren oder zu vernehmen, sondern um eine liebe Menschenbrust zum Druck an seine zu haben; — ein großer Regenbogen Abends in Osten spannt' ihn noch höher. Der leichte schwebende Bogen schien ihm ein offnes Farbenthor für ein unbekanntes Paradies — es war der alte glänzende Sicgesbogen der Sonne, durch welchen schon oft so viele schöne, tapfere Tage gegangen, so viele sehnsüchtige Augen gesehen. Aus einmal fiel ihm ein gutes Mittel ein, drei Wünsche zu befriedigen, zwei laute und einen stillen. ^o. 20. Zeder von Libanon. Das K l a v i e r st i m m e n. Es ist bekannt, daß nach der sechsten Klausel des Testamentes der Notar auch einen Tag lang stimmen muß, um zu 184 erben. Längst hatt' ihn außer Vult noch sein Vater, der nicht erwarten konnte, wie der sogenannte Regnlir-Tarif oder die geheimen Artikel Fehler setzen und strafen würden, um Verwaltung dieses Erb-Amts als des kürzesten angelegen, um hinter die Ehrlichkeit des scl. Testators zu kommen; aber Walt hatte beiden stets das Unrecht entgegengesetzt, den alten gebenden Mann für einen Schelm zu halten. Ans schönern Gründen hingegen könnt' er jetzt stimmen, wenn er wollte; diese waren die dreifache Hoffnung, er werde, da sein Stimm-Amt vorher im Wochenblatt dem Publikum mußte angeboten werden, in die vornehmsten Häuser und Zimmer kommen — die schönsten Töchter vorflndcn (denn Töchter und Instrumente sind nicht weit auseinander) — und wol auch die köstlichen Mahagony-Piano von Schicdmaier anfdeckcn, ans deren Tasten Klothar und Wina die beringten Finger gehabt. Walt betrieb feurig die Sache ohne alles Nachfragen. Er zeigte seinen Willen den Tcstamcntexckutorcn oder dem regierenden Bürgermeister Knhnold an. Dieser eröffncte ihm, daß er nach dem geheimen Regnlir-Tarif 4 Louis aus der Erbschastskaffe erhalte, weil der Testator ihn keiner Verbindlichkeit fremder Bezahlung aussctzcn wollen. Wie ein Vater ermahnte er ihn, sein Ohr unter dem Stimmen nicht zu zerstreuen, und er würde ihm deutlicher rächen, sagt' er, wenn cs seine Pflicht erlaubte. „Auch ich geb' Ihnen ein Instrument" setzt' er mit einem wohlwollenden Lächeln dazu. Walt — in die Liebe verliebt — erinnerte sich mit Vergnügen an Kuhnolds bekannte fruchttragende Ehe voll Töchter. Die Sache wurde ins Wochenblatt gesetzt. Der cinsylbige Vult schrieb nach der Erscheinung desselben einen ganzen fast ernsthaften Kantclar-Bogen voll Prc- 185 digten über Saiten-Nummern, Saiten-Sprengen und falsche Temperaturen, sammt dem Flehen, doch nur einen Tag lang kein Dichter zu sehn. „Sondern Instrumente, statt zu machen wie ein Notar, zu stimmen wie ein ordentlicher Negen- spurger Komizial - Mensch." Am Abend vor dem Stimm-Tag erhielt Walt die Liste der Stimmhäuser; aber darunter war weder sein Wohnhaus — Neupeter war zu stolz dazu — noch Klothars und Za- blocki's ihre, doch sonst hohe genug. Als er am Morgen zuerst bei Knhnold — nach der an- eisnnets des Meldcns hatt' er zu.hausiren — als Stimmer ankam: fand er im netten, glatten Klavier-Zimmer statt der vllso Kuhnold den oben gedachten hinkenden grämlichen Notar, den der Fiskal Knol, als der Kardinalprotektor der 7 Erben, hergcschickt zum Zeugen aller Fehler, weil ein Notar, wie Deutschland weiß, zwei Zeugen schwer wiegt, folglich für das üus gerade jener norvuo proliancli und erster Grundsatz des Widerspruchs, jene geistige tonica clomin-mts oder Primzahl ist, wornach so lange schon die Weltweisen Wettrennen, um solche nur zu sehen; daher der Jurist in Minuten mehr beweiset, als der Philosoph in Säkuln. — Auch war Knol wcitläustig schriftlich darauf bestanden, den Stimm-Tag durchaus nicht zu Walts Notariats-Zeit zu schlagen — was sich, replizirte Kuhnold, ja von selber verstanden hätte. Das heiter-geordnete Zimmer ohne Töchter trug indeß überall die Farben-Asche weiblicher Schmetterlings-Flügel, bunte Arbeiten und Arbeitszeug schöner Finger. Das Piano- sorte war fast wie gestimmt, nur zu hoch um einen Ton — eine Stimmgabel lag dabei — auf den Tasten waren die Nummern der Suiten, auf dem Sangboden neben den Stiften das Tasten-Abc mit schwärzerer Dinte retouchirt — für Stille war in der Nachbarschaft gesorgt — und Kuhnold kam zuweilen nachschauend, aber ohne ein Wort zu sagen. Er bot den Notarien ein Frühstück an. „Wollte Gott, dachte Walt, eine oder die andere Tochter trüg' es herein!" Eine rnnzligc, ehrliche, männliche Haut von mehr Jahren als Haaren bracht' es so freundlich, als sei sie in der Thal der Wirth. — - Redlicher Bürgermeister von Haslau, lasse mich in dieser Minute, wo ich eben die folgende Nummer und Naturalie Großmaul oder W^ckinoncker sammt Dokumenten von dir und der Post erhalte, die Geschichte mit der Versicherung stören, daß ich wissen würde, wie hoch ich dich zu stellen habe — wärest du auch weniger der Schirmherr des ewig in Schlingen gehenden Notars — schon daraus mein' ich, daß du erstlich einen ganz alten (wahrscheinlich beweibten) Bedienten hast, und daß er zweitens noch vergnügt aussicht. Beide Notarien frühstückten und der Exekutor sprach, während die Wachparade gleichsam mit ihrem Rauschgold und Knallsilber auf den Uniformen, mit einem Geschrei aus der Trommel, das nicht blos an die Haut des sie überziehenden Thiers erinnerte, vorbei marschirte, und niemanden sonderlich die Stimme und das Stimmen zuließ. Da hinter der Parade noch Musik englischer Bereiter zog: so versicherte Kuhnold, jetzt höre niemand sein Wort, geschweige den zärtesten Mißton. So ging der ganze Vormittag unter fehler- und töchterlosem Stimmen vorüber und beide Notarien zum Essen, jeder ganz verdrießlich, der hinkende darüber, daß er wie ein 187 Narr dagesessen ohne das geringste mögliche Nicdcrschreiben, der stimmende, daß er niemand gesehen. In gewissen Jahren versteht das männliche — und das weibliche Geschlecht unter Niemand das eigne, und unter Jemand das andere. Zu Buchhändler Pasvogel zogen darauf beide Notare. Dem Flügel des Stimm-Hauses fehlte nicht so sehr die Stimmung als Saiten dazu. Statt des Stimmhammers mußte Walt mit einem Gewölb-Schlüssel drehen und arbeiten für Musikschlüssel. Ein geschmücktes schönes Mädchen von 15 Jahren, Pasvogels Nichte, führte einen Knaben von 5, dessen Sohn, in seinem Hemde herum und suchte leise-singend eine leise Tanz-Musik aus den zufälligen Stimm-Tönen zusammen zu weben für den jungen Satan. Der Kontrast des kleinen Hemdes und der laugen Chcmise war artig genug. Plötzlich sprangen die drei Saiten n, e, I>, nach Haslauer offiziellen Berichten, welche glcichwol nicht sestsetzen, in welchen gestrichnen Oktaven. „Ja lauter Lettern aus Ihrem Namen, O. Unrniseli, sagte Pasvogel. Sie wissen doch die musikalische Anekdote von Bach. Es fehlt ihnen nur mein x!" — „Ich stimme am >>, sagte Walt, aber für das Springen kann ich nicht." — Da der hinkende Notar so viel Verstand besaß, um einzusehen, daß ein Stimm-Schlüssel nicht drei Saiten auf einmal sprenge: so stand er auf und sah nach und fand's. „Aus dem Ach, wird ja ein Bach, (scherzte der Buchhändler ablenkend). Was macht der Zufall für Wortspiele, die gewiß keine Bibliothek der schönen Wissenschaften unterschriebe oder schriebe!" Allein der hinkende Notar versicherte, die Sache sei sonderbar und protokollmäßig; und als er noch einmal den Sangboden besah, guckte gar hinter der Papier-Spirale aus dem Resonanz-Loche eine 188 — Maus heraus. „Die hat's gemacht" sagt' er, schrieb cs nieder uud schüttelte so, als ob er vermuthe, der Buchhäudler habe sie aus Absichten in den Sangbodcn schießen lassen. Walt fragte auf einmal sich besinnend: „stimm'ich denn fort? Ich sehe überall die Mausspurcn und alles springt." Er legte den Gcwölb-Schlüssel sanft hin. Pasvogel wollte als hitziger Mann ausfallcn. Aber Walt entkräftete ihn durch die Erklärung, er wolle in der Stadt herumstimmen und zu ihm zuletzt, aber bei andern Saiten kommen. Sie gingen zu H. van der Harnisch, der sich auch auf die Liste gesetzt. Er sagte, er erwartete jede Stunde sein Mieth-Pantalon, und ließ beide fast eine ganze lauern. Es verschnupfte ordentlich den hinkenden Notar, der noch dazu nicht faßte, wie der stimmende den Edelmann so liebreich an- schaucn konnte. Walt schrieb alles dem brüderlichen Sehnen nach Wiedersehen zu, indeß Vnlt dabei die Absicht hatte, dem Tage- und Band-Wurm, der an der Erbschaft fraß, ein Stück abznreißen. Endlich ließ er beide unverrichteter Sache abzie- hen, nachdem er sie ein Paarmal gefragt, ob sie noch da wären, weil er sie nicht höre in seiner Blindheit. Sie kamen zu einer vcrwittibten schönen Stückjunkerin, die sich mit ihrem Stickrahmen (eine Paukendecke stickte sie) sehr nahe an das gleißcndgcbohntc Klavier setzte, das sic ihn Vielleicht stimmen ließ, um ihn für sich zu stimmen. Er horchte so vergnügt auf ihre Anreden, daß er einmal den Stimmhammer aus den Sangboden fallen ließ und ein Paar- Saiten abdrchtc. Am Ende des Geschäfts zeigte sie ihm das musikalische Würfelspiel und bat ihn, damit zur Probe zu komponiren. Er that's und spielte seine erste Komposizion vom Blatte; er wollte noch länger Vorspielen — denn nie spielt der Mensch lieber als nach dem Stimmen; — aber der hinkende Notar setzt' ihm die Testaments-Klausel entgegen. Die Stückjnnkerin machte selber einige prüfende Griffe — der Schoost-Hund sprang empor und ging mit vier dergleichen über die Tastatur und verstimmte ein wenig. Walt wollte nachhelsen; aber der hinkende Notar trieb ihn mit der Klausel von dannen. Er ging ungern. Sie war eine blonde Wittwe von 30 Jahren, also um 5 oder 7 Jahre jünger als eine Jungfrau von 30. Es freuetc ihn, daß die Saite doch einmal der herrufende Klingeldraht der Schönheit geworden; „aber Himmel, dacht' er, ein Stimmen kann ich ja im Doppelroman zur Einkleidung aller Zufälle gebrauchen!" — Er mußte zum Polizciinspcktor Harprecht, der, wie sein Protokollist sagte, mit einer Heerde Töchter geschoren sei. Harprecht empfing ihn sehr verbindlich, stäubte ein altes Hackbrett eilig weiter ab und schob ihm dasselbe freundlich zum Stimmen vor. Töchter waren nicht zu sehen. Walt stutzte und sagte mit langer sanfter Höflichkeit Nein; er setzte auseinander, daß er, da in der 6. Klausel nur von Klavieren die Rede sei, durch heutiges Stimmen —> morgendes versprach er ihm gern — gegen die vielen noch restirenden Stimm-Häuser auf der Liste (er wies fie vor) verstoßen würde, die alle ein gleiches Recht auf sein Stimmen ohne Geld besäßen. Auch der hinkende Notar sagte, unter Klavier könne nicht wol ein Hackbrett begriffen werden. „Oft doch— versetzte mit alter Licbreichigkeit Harprecht, lächelnd blos mit einem Mundwinkel, so wie er nur eine gerade Stirnfalte runzelte; — allein er sei vielleicht so billig als einer; und da er mit dem Hosfiskal Knol Ein Instrument gemeinschaftlich gemiethet für ihre Kinder, so begleit' er 190 ihn zum Stimmen desselben hin, um sich das Vergnügen seiner Gesellschaft etwas zu verlängern, dürf' aber gewiß bei der Testamentscxekuzion darauf antragen, daß das Kompagnie- Instrument und also jeder Stimm-Fehler für zwei gelte, wobei ja H. Harnisch genug an Zeit und Mühe erspare und gewinne." — „Wahrlich, versetzte Walt, ich wollt', es wäre Recht, ich fragte nichts darnach." Harprecht drückte ihm die Hand, und sagte, einen solchen jungen Mann hätt' er längst zu finden gewünscht; und alle gingen. „Eben jetzt, sagte Harprecht unterwegs, ist Tanz- und Klavierschule bei Knol und alle meine Töchter." Es wird nicht unter der Würde der Geschichte seyn, hier anzumerken, daß Harprecht und Knol sich ein einziges Spinett als eine Finger-Tenne und Palästra für ihre Jugend und deren parziclle Gymnastik, ein passives Hammerwerk für ihr aktives, gemeinschaftlich bestanden von einem alten Kanzellisten, und daß das Spinett altcrnirend von einem Semester zum andern in den Häusern beider Dioskuren stand. Harprecht hatte sogar den (Rums und IVIt-icliiiAsr aus der Gymnasiumsbibliothek für die gallischen Stunden seiner Töchter geborgt, und sagte, er schäme sich dessen gar nicht. Der kürzere Weg zum Fiskal ging durch grüne, rothe, blaue, bunte Gärten, denen der Vor-Herbst schon die Früchte färbte vor den Blättern; und Walt, dem die Vesper-Sonne so warmfrcundlich ins Angesicht fiel, sehnte sich in den Abend- Glanz hinaus. „ Wären Sie im Stande, sagte Harprecht, so auf der Stelle ein Gedicht in Ihrer neuen Gattung, die man so lobt, auf was man will, zu machen? — Etwa ein Gedicht über die Dichter selber, z. B. wie sie glücklicher Weise so hoch stehen aus ihrer fernen idealischen Welt, daß sie von der 191 kleinen wirklichen wenig oder gar nichts sehen und also verstehen?" — Er sann lange nach; und sah gen Himmel; endlich schlug aus diesem der schöne Blitz eines Gedichtes in sein Herz. Er sagte, er Hab' etwas; und bitt' ihn blos sich zu besten Verständnis an die astronomische Meinung zu erinnern, das das, womit die Sonne leuchtet, nicht ihr Körper sei, sondern ihr Gewölke. Er fing an und deklamirte in die Sonne schauend: Die Täuschungen des Dichters. Schön sind und reizend die Jrrthümer des Dichters alle, sie erleuchten die Welt, die die gemeinen verfinstern. So steht Phöbus am Himmel; dunkel wird die Erde unter ihrem kalten Gewölke, aber verherrlicht wird der Sonnengott durch seine Wolken, sie reichen allein das Licht herab und wärmen die kalten Welten; und ohne Wolken ist er auch Erde. * -st - 1 - „Hübsch und spitzig genug" sagte der Inspektor mit aufrichtigem Lob einer Ironie, die er im Streckvers fand, die aber nicht der Dichter, sondern das Schicksal hineingelegt. — „In solcher Eile — versetzte Walt — kann man zwar wol den Gedanken schaffen — denn jeder Gedanke des Menschen ist doch ein Impromptu — aber gar zu schwer den rechten Versbau; ich gäbe ein solches Gedicht nie öffentlich." Sie traten ins laute Knolische Zimmer ein, wo außer dem Kompagnie-Spinett und dem Kompagnie-Musik- und Tanzmeisterlein noch der Zusammenwurf beider Nester war, die mit Füßen und Händen sausen und brausen wollten — lauter hagere, schmalleibige, hänghäutige, mokante, scharfe Mäd- 192 chcn-Figuren von jedem Alter, worunter zwei Knaben mit turnirtcn. Sämmtliche Tanzschule harrete auf ihre Klavierschule, die wieder auf das Stimmen des Spinctts wartete. Das Musikmcistcrlein schwur, heute sei daran nichts zu brauchen, so toll klinge das Spinctt. Gleichwol hatte sich den Abend vorher der Polizeiinspektor über das Spinctt gemacht, um, wie er sagte zum Fiskal, der ihn vertrauend machen ließ, dem jungen Universal-Erben etwas vorznarbciten — hatte aber die meisten Saiten zu tief hcrabgclasicn — ferner im Eifer der Vorarbeit zu dicke Nummern aus dreimal ge- strichnc Noten oder Tasten gespannt — und in der That genug gefehlt. Walt fing an. Er sprengte eine Saite nach der andern entzwei. Harprecht kegelte mit Saiten-Rollen aus der einen Hand in die andere, und trachtete sehr, wie er sagte, seinem jungen Freunde ein ziemlich langweiliges Geschäft zu versüßen durch Diskurse; auch reicht' er ihm die Saiten-Knäule, die er brauchte. Anfangs hielt der Notar den Tanz bei dem Klavierstimmen so gut aus, daß er sogar, da ihm keines Menschen Freudcnstunde gleichgültig war, thcils in das stimmende Oktaven- und Quinten-Probiren eine Art leichtern Tanz-Takt zu legen versuchte, thcils ins Einhämmcrn der Stifte, so unangenehm ihm auch die sämmtlichcn Mädchen erschienen, die sogleich in den jüngsten Jahren die vsiiin nstn- tis*), die einem Frcihcrrn über 300 fl. in Wien kostet, ans dem Gesicht als Brautschatz mit gebracht. Da aber jede Saite zersprang — und beinahe sein eignes Trommelfell, das er und andere spannten und ausschranb- ') Alters-Erlaß. 193 tcn: — so ersuchte er um erforderliche Stille. Man schwieg allgemein — er stimmte fort und lärmte allein — die Tanzschule stimmt dem Tanz- nnd Musikmeisterlcin sah jede Minute dem Anfänge der Klavicrstuude entgegen — Walt durch- schwitzte die Wind- und Meerstillc — die Saiten sprangen jetzt statt der Tänzer — das Stimmen verstimmte sein Herz und Spinett — er hatte die annahcnde Nacht und die rcsti- rendcn Stimmhäuscr voll schönster Töchter nnd Zimmer im Kopfe — verdumpft hatt' er fich schon längst, weil keine Anspannung so hart ins Gehirn drückt als die des Ohrs — an sieben und zwanzig Saiten-Sprünge hatte der hinkende Referent schon zu Papier gebracht — und nun läutete die Abendglocke. — Mit Wuth warf der Notar den Stimmhammer ins Zimmer nnd rief: „der Donner unds...... Was ist das? — Doch der bürgerliche nnd der kanonische Tag ist jetzt zu Ende, Herr Inspektor, nnd alles; die Saiten zahl' ich." Am Morgen darauf wurde ihm von Hrn. Kuhnold der geheime Artikel des Regulir-Tarifs eröffnet, welcher bestimmt vcrordnetc, daß ihn jede Saite, die er im Erb-Amte des Stimmcns zerrissen hätte, ein Beet der Erb-Aecker kosten sollte, so daß er jetzt, nach dem Protokoll des Hink-Notars, um zwei nnd dreißig Saiten oder Beete ärmer war. Walt erschrak ungemein seines Vaters wegen. Aber als er dem regierenden redlichen Bürgermeister in das traurige Gesicht recht sah, errieth er etwas, nämlich dessen ganze gestrige Güte, die ihm durch ein hoch gespanntes Instrument und durch jede andere Erleichterung und durch die Entfernung der schönen Töchter sowol die Gelegenheit zu Saiten-Rissen im eignen Hause abschnitt, als auch ein großes Stück Zeit zu mehreren 2ca» Paul'« auSgew. Werke. XIII. 194 in einem fremden. Dieser erquickende Gewinn einer schönen warmen Erfahrung erstattete ihm den metallischen Verlust so reichlich, daß er den Abschied vom Bürgermeister mit einer frohen dankenden Rührung nahm, die jener nur halb zu verstehen scheinen mußte. M. 21. Das Großmaul oder ^ämonäer. Aussichten. Gottwalt schwur beim Eintritt in sein Haus, er finde darin nach einem solchen Stein-, Platz- und Mäuse-Regen des Schicksals ein sehr hübsches Stück Sonnenschein. Und Flora brachte das Stück, nämlich eine mündliche Einladungskarte — weil man ihn einer schriftlichen nicht werth halten konnte, so lieb ihm auch ein Expektanzdekrct eines Himmels, ein Wechselbrief aus Lust gewesen wäre — nämlich morgen Sonntags Mittags zu Ncupcters Geburtstags-Diner auf einen Löffel Suppe zu erscheinen. Aus den Diner-Löffel und das Souper-Butterbrod, auf diese Eß-Pole laden die Deutschen ein, nie aus die Mitte, auf Hechte, Hasen, Säue und dergleichen. Flora sagte, des Grasen Klothars wegen feiere man die Geburt schon um 2 Uhr. Walt betheuerte, er komme gewiß. Ihn wiegte darauf ein zweiter warmer Glückswind, das Wochenblatt mit Vults Nachricht ans Publikum, er flöte lieber Sonntags Abends um 7 Uhr öffentlich, so stockblind er jetzt sei, als daß er länger ein verehrtes Publikum fort täu- 195 schc und herum zerre in großen Erwartungen. Dem Zeitungs-Blatte lag ein Billct an Walten bei. worin ihn Vult um einen Vorschuß von 2 Louis für die Konzert-Dienerschaft ersuchte und um das Protokoll des Stimm-Tags, und um ein Paar Ohren für morgen und um das Ohren-Gehcnk, das Herz. Es hat nicht den Anschein, daß einen so schönen und schweren Terzentriller der Lust jene Göttin, die immer plötzlich ins arme von rauhen Wirklichkeiten zerrissene Men- schen-Ohr mit linden Melodien hcrabsährt, je vor dem Notar geschlagen als eben den mitgetheilten. Er war selig und alles und redselig und schrieb erstlich: hier das begehrte Darlehn doppelt, was gestern von Kabel für das Stimmen ein- gelausen — dann schrieb er die köstlichen Hoffnungen aus Klothar — zugleich die Streckverse auf den Grasen — die bisherigen Preßgänge und Kesseljagdcn nach diesem >— die Träume vom morgenden Flötcngetackt und von der Zukunft eines freier» Bruder-Lebens ohne Blindheit — und den Verlust von 32 Beten. Es fürchte doch immer der Mensch die innerste Entzückung, er glaube nur nie ganz toll, cs werde jemals ein so leiser sanfter Himmcls-Thau. wie sie ist, auf der stürmischen Erde und in ihren Windklüstcn die seltenen Windstillen finden, worin allein er sich in feste offne Blumenkelche einsenkt, gleichsam die Helle gediegne Perle ans dem grauen Wolken- Mecr. Sondern der Mensch erwarte, daß er den zweiten Brief sogleich erhalten werde, den Vult an Walt in folgender Stimmung schrieb. Vult hatte sich nämlich seit dem gestrigen Anblicke des Bruders mit ganz frischer Liebe für denselben versorgt, und 13* 196 sich besonders heimlich mit ihm befreunden wollen durch die Bitte, ihm vorzuschicßen — er hatte sich gute Plane voll jauchzender Hoffnungen auf die Zeit nach dem Sonn- und Konzert-Tag entworfen und sich gesagt: „sobald ich nur sehe, was ich gleich nach dem Konzerte thue, so fallen lauter Bundesfeste des Zusammenlebens und -schreibens vor und mein versiegelter Brief an ihn wird täglich dümmer" — er war, wie oft, aus seinem eignen Himmels- sein eigner Höllenstürmer geworden — er hatt' es recht tapfer gefühlt, daß einige fliegende Winter des Herzens, den fliegenden Sommern so ähnlich, dessen freudige Wärme nicht mehr wegnehmen als Eisstückc an den Usern den Lenz. So bekam er Walts obiges Frcudcngcschrei und Schreiben an einen Bruder, der so lange als blinder Mann zu Hause gesessen — gegen dessen Unsichtbarkeit der andere sich noch so wenig gesträubt — auf welchen dieser noch kein einziges Streckgedicht gemacht, obwol aus den fremden Narren zwei oder drei — kurz an einen Mann, der den allliebendcn Notar dreitausend mal mehr liebe und allein. . . . Folgendes setzte der Mann au Walten ans: „Anbei folgen 2 Plus-Louis retour; mehr war ich nicht benöthigt, obgleich kein Mensch so viel Geld bedarf als einer, der's verachtet. — Das hole der Teufel, daß 32 Beete jetzt vom Feinde mit Unkraut angesäet werden. Solche Tonleitern sind mehr Höllen- als Himmelsleitern für mich. Bei Gott, ein anderer als der eine von uns hätte vorher zu sich gesagt: paß' aus! Kato schrieb ein Kochbuch; ein Strcckdichtcr könnte wahrlich stimmen, wenn er wollte; nur umgekehrt geht's nicht, daß rin Koch einen Kato schreibt, sondern höchstens ein Zizero, dieser Zizerone alter Römer. Böse Träume, die ächten See- 197 len-Wanzen des armen Schlafs, gegen welche mein Kopf nicht so viel verfangen will als ein Pferde-Kopf gegen Leibes- Wanzen, hatten mir manches vorgepredigt, was ich jetzt nachpredige vor Deneusclben, mein Herr! Noch zeigen Sie mir fast verwundert an, daß Ihnen nach der Marsch-Ordre vom und zum General Zablocki dahier um 11 Uhr, gerade um dieselbe Stunde Kontre-Ordre zum Kontre-Marsch zugekommen, ohne daß Sie zu erwägen scheinen, daß er sich einen ganzen Tag Zeit genommen, um sich zu ändern. Herr, sind denn die Großen nicht eben das einzige ächte Quecksilber der Geisterwelt? — Die erste Aehn- lichkeit damit bleibt stets ihre Verschiebbarkeit — ihr Rinnen — Rollen — Durchseigern — Einsickern — Verdammt! Die rechten Gleichheiten dringen nach, und sind nicht zu zählen. Wie besagtes Quecksilber so kalt und doch nicht zu festem stoischem Eis zu bringen — glänzend ohne Licht — weiß ohne Reinheit — in leichter Kugelsorm und doch schwer drückend — rein und zugleich zu ätzendem Gift sublimirt — zusammenfließend, ohne den geringsten Zusammenhang — recht zu Folien und Spiegeln untcrzulegen — sich mit nichts so eng verquickend als mit edlen Metallen — und noch, aus wahrer Wahl-Anziehung, etwan mit Quecksilber selber — Männer, die sich mit ihnen befassen, sehr znm Ausspucken reizend-Herr, das wollt' ich die große Welt nennen, deren goldnes Alter immer das quecksilberne ist. Aber auf solchen glatten, blanken Weltkügelchen siedle sich nur niemand an! — Uebrigens folgen auch Einlaßbillets für das Flöten- konzcrt; n rsvoir, Uoumeur! v. ck. N." -j- * * 198 Walten thaten indeß nur die Retour-Louis so weh, als wären sic von I^ouis XVIII. geprägt; sonst nahm er Vults Stampfen aus Zorn für Tanzen aus Lust und für Takt- Treten. Hätt' er ahnen können, mit welchen Peinigungen der Liebe er den Schmollgeist Vults wechselnd weg- und hcrbannte: er hätte in seiner ganzen Gegenwart wenige Hoffnungen gefunden. Jetzt schlief er mit der schönsten auf morgen ein. No. 22. Sassafras. Peter Neupeters Wiegenfest. Der Notarius konnte den ganzen Morgen nichts Gescheid- tes machen als Plane, an einem solchen Ehrentage ein neuerer Petrarka zu sehn, oder ein in einem Dorfe gcbrochner Juwel, der sich auf der Edclsteimnühle der Stadt schon sehr ausgeschliffcn. Er hielt sich vor, das sei das erstemal, daß er in den schimmernden Thier-Kreis des feinsten Orcls oder Kränzchens rücke. „Gott, wie fein werden sie alles drehen, sagte er sich, und vor Tournüre kaum reden! Madame --- kann der Graf sagen — ich bin zu glücklich, um es zu sehn. H. Graf, kann sie versetzen, Ihr Verdienst und Ihre Schuld — Darf man das Errathcn errathen, fragt er — Sollte fragen mehr erlaubt sehn als Antworten —- fragt sie — Das eine erspart das andere, versetzt er — Oh Graf, sagt sie -— Aber Madame, sagt er; denn nun können sie vor Feinheit nichts mehr Vorbringen, und wenn sie toll würden. Ich für meine Person setze vieles in den Hoppelpoppel oder das Herz." 199 Walt goß sich bei Zeiten seinen Sonntags-Beschlag, den Nanking, als sein eigner Gelbgießer über und setzte statt des braunflammigcn Hutes — den wollt' er in der Hand tragen — mehr Puder als gcwöhulich auf. Er ging geputzt ein paar Stunden leicht auf und ab. Er hörte vergnügt einen Wagen nach dem andern vordonnern; „nur abgcladen, sprach er, lauter Fracht und Meßgut für den Roman, in dem ich Leute von Stande so nöthig habe als Dintc. Und wie wird sich uns allen mein Klothar von so mannigfachen Seiten zeigen müssen; der alte treue Freuud! Gott wird mir schon dazu verhelfen, daß ich auch etwas sagen kann zu ihm." Da er endlich bei einem neuen Rollen es für Zeit hielt, sich hinab zu machen, und den Oerels zu schließen und zu runden mit seinem eignen Bogen und Bückling: so stellt' er sich oben, mit seinem Hute in der Hand, ans Treppengeländer und schaucte so lange hiedurch hinab, bis er dem neuen Nachschuß sich zuschießcn konnte, um so unbemerkt und ohne sonderliche Kurvaturen im Saale cinzutreffen. Er glänzte sehr, der Saal, die vergoldeten Schlösser waren aus den Papier-Wickeln herausgelasscn, dem Lüstrc der Staub - und Bußsack ausgczogen, die Seiden-Stühle hatten höflich vor jedem Steiß die Kappen abgcnommen, und auf dem getäfelten Fußboden war die Leinwand ganz von den Papicrtapetcn weggczogen, welche die ostindische Decke so zndecktcn, daß diese sowol sich als den getäfelten Fußboden an einigen Winkeln leicht zeigten. Den Salon selber hatte der,Kaufmann, weil lebendige Sachen zuletzt jeden krönen, mit Gästen-Gefüllsel ordentlich wie ein hohes Pasteten-Gewölb saturirt, namentlich mit Aigrettcn — Chemisen — Schmink-Backen — Rothna- sen — feinsten Tuchröcken — spanischen Röhren — Patent- 200 waaren und französischen Uhren, so daß vom Kirchenrath Glanz an bis zu netten Reisedicncrn und ernsten Buchhaltern sich alles mischen mußte. Der große Kaufmann sucht weiter in keine höchste Klasse zu kommen als in die der Gläubiger, wenn seine hohen Schuldner salliren. Er als kalter stiller Justirer des Verdienstes schätzt gleich sehr den niedrigsten Bürger, wenn er Geld hat, und den höchsten Adel, wenn dessen altes Blut in silbernen und goldncn Adern läuft und dessen Stammbaum Nahrungs - und Handelszweige treibt. Freilich — so wie dem Pater Hardouin die Münzen der Alten mehr historische Glaubwürdigkeit hatten, als alles Schriftliche derselben -— so kann der abwägcnde Kaufmann Adels-Pergament und sonstige Ehren-Punktirkuust nie so hoch stellen, als dessen Münzen, insofern er von fremder Zuverlässigkeit sprechen soll. Schon die Anfurth des Ehrentages fand der Notar viel lustiger und leichter, als er nur hoffen wollen; denn er bemerkte bald, dass er nicht bemerkt wurde, sondern sich auf jeden Scideustnhl setzen konnte, und ihn zum Weberstuhl seiner Träume machen. Noch hatte er nichts vom Grafen, noch vom Wiegenfest und den beiden Töchtern gesehen — als endlich Klothar, der Eßkönig, zu seiner Freude blühend hereintrat, obwol in Stiefeln und Uebcrrock, als Hab' er sich mehr auf parlamentarische Woll-Säcke zu setzen als auf seidne Agenten- Stühle. „Hr. Hofagent, sagt' er, ohne die Versammlung zu prüfen, wenn Sie wollen, mich hungert verdammt." Der Hofagcnt befahl Suppe und Töchter; denn er schätzte den Grafen längst und inuigst, weil er als der Agioteur von dessen Renten am besten wußte, wie viel er war, besonders ihm selber; und er behauptete oft, einem Manne von so vielen jährlichen Einkünften solle doch jede vernünftige Seele es zu gute halten, wenn er seine eignen Meinungen habe, oder lese, was er wolle. Plötzlich kam Musik — mit ihr die Suppenterrine mit gedruckten Geburtsfestliedern — dann die beiden Töchter mit einer langen Blumen-Guirlandc, die sie Nenpeter so geschickt über den Körper wanden, daß er in einem blühenden Ordensband da stand — die Komtoristen liefen und thcilteu die Gedichte aus — und zuerst ihrem Prinzipal ein vergoldetes — Nun fing andere Instrumentalmusik an, um das Karmen, oder vielmehr den Gesang desselben zu begleiten — die Gesellschaft mit ihren Papieren in den Händen stimmte ihn an als ein längeres Tischgebet — und selber Neupeter sah singend in sein Blatt. Bult hätte nicht unter die gehört, die dabei am ernsthaftesten geblieben wären, zumal als der blumige Ordcns- Maun sich selber ansang; aber wol Gottwalt war dazu gemacht. Ein Mensch, sobald er an seine Geburt denkt, ist so wenig lächerlich, als es ein Todter sehn kann; da wir, wie sinesische Bilder, zwischen zwei langen Schatten oder langen Schlummern laufen, so ist der Unterschied nicht groß, an welchen Schatten man denkt. Walt quälte sich mit leisem Singen bei schlechter Stimme; und als es vorbei und der Alte sehr gerührt war, über das fremde Gedächtniß für sein Wiegenfest bei eigner Vergeßlichkeit, und die Seinigen ihm früher gratulirtcn, als die Fremden: so war kein Glückwunsch so aufrichtig in irgend einem Herzen als Gottwalts ferner und stiller; aber cs beklemmte ihn, daß der Mensch — „besonders, sch' ich, an Höfen" dacht' er— gerade den heiligen Tag, wo er sein erneuertes Leben überrechnen und ebnen sollte, im Rauschen fremder Wellen verhört — daß er das neue Daseyn mit 202 der lärmenden Wiederholung des alten feiert, anstatt mit neuen Entschlüssen -— daß er statt der einsamen Rührung mit den Scinigen, deren Wiegen oder Gräber seinen ja am nächsten stehen, den undankbaren Prunk und trockne Augen sucht. Der Notar setzte sich vor, seinen ersten Geburtstag, an den ihn ein guter Mensch erinnere >— denn noch hatt' er in seiner harten Armuth keinen einzigen erlebt — ganz anders zu begehen, nämlich sehr weich, still und fromm. — — Man setzte sich zu Tisch. Walt wurde neben den zweiten armen Teufel —- Flittcn — als der erste postirt und rechts neben den jüngsten Buchhalter. Ihm verschlng's wenig; ihm gegenüber saß der Graf. Rund wie Geld, das wie der Tod alles gleich macht, war die Tafel, gleichsam ein größerer Kompagnie-Teller. Der Notar, ganz geblendet von der Neuheit des Geschirres und dessen Inhalts, streckte statt seiner sonstigen zwei linken Hände zwei rechte aus und suchte mit wahrem Anstand zu essen und den Ehren-Säbel des Messers zu führen; belesen genug, um mit der Breite des Löffels zu essen, nicht mit der Spitze, erhielt er sich blos bei bedenklichen Vorfällen durch die alte Vorsicht im Sattel, nicht eher anzn- spießen, bis ihm andere das Speisen vorgemacht; wiewol er sie bei den Artischocken so wenig für nöthig erachtete, daß er. Beweisen nach, deren bittern Stiel und die Spitzblättcr ans- käucte, die er hätte in die holländische Sauce getunkt ablecken können und sollen. Was ihm indcß weit besser schmeckte als alles, was darin lag, waren die Senfdosen, Dessertlöffel, Eierbecher, Eistasscn, goldne Obstmesser, weil er das neue Geschirr in seinen Doppelroman als in einen Küchenschrank ablicsern konnte: „esset ihr in Gottesnamen, dacht'er, dieKibitzcn-Eier, die Mainzer Schinken, und Nauch-Lächse; sobald ich nur die 203 Namen richtig überkomme durch meinen guten Nachbar Flitte, so Hab' ich alles, was ich für meinen Roman brauche, und kann austischen." In die höchste Schule der Lebensart gingen seine Augen bei dem Grafen, der keine Umstände machte — geradezu weißen Portwein forderte — und einen Kapaunenflügcl mit nichts abschälte als mit dem Gebiß — des Gebacknen nicht zu gedenken, das er mit den Fingern annahm. Diese schöne Freiheit — eingekleidct, noch in Stiefeln und Ueberrock — spornte Walten an, daß er, als mehrere Herrn Konfekt einsteckten für ihre Kinder, sich es zur Pflicht und Welt rechnete, auch einige süße Papierchcn oder Süßbrieschcn, die ihm ganz gleichgültig waren, in die Tasche zu schaffen. Auch sein Nachbar Flitte, der ungemein fraß und forderte, zeigte deutlich, wie'man zu leben habe — besonders wovon. Jndeß war sein ewiger Wunsch der, etwas zu sagen und von Klothar vernommen, wenn nicht gar angercdet zu werden. Aber es ging gar nicht. Dem Grafen war aus Achtung ein philosophischer Nachbar, der Kirchcnrath Glanz, an die linke Seite gebeten — an die rechte die Agentin gesetzt; — aber er aß blos. Walt sann scharf nach, in wie weit die Vorsitzende Vorschrift feinster Sitten zu kopircn sei, kein Wort zu sagen zur Hausfrau. Er behalf sich, wie ein Verliebter, mit optischer Gegenwart aus Kosten der Zukunft. Es war ihm doch einige Erquickung, wenn der schöne gräfliche Jüngling etwas vom Teller nahm — oder die Flasche — oder froh umher sah — oder träumend in den Himmel hinter dem Fenster — oder in den ans einem lieblichen Gesicht. Aber bitterböse wurd' er auf den Kirchenrath, der einer so fruchttragenden Nachbarschaft ansitzcn konnte, ohne den geringsten schönen 204 Gebrauch von derselben, da er doch so leicht, dachte Walt, über Klothars Hand zufällig mit seiner hinstrcichen könnte, und vollends ihn ins Reden locken. Allein Glanz glänzte lieber — er war vergötterter Kanzelredner und Kanzelschrciber — auf seinem Gesicht stand wie auf den Bologneser-Münzen geprägt: Lonouia ckocst*) — wie andere Redner die Augen, so schloß er die Ohren unter dem Flusse der Zunge.-Mit einer solchen Autors-Eitelkeit schloß er Klothars stolzen Mund. Darüber aber machte auch Walt seinen nicht auf. Er hielt cs für Tisch-Pflicht, jedem Gesicht eine Freuden-Blume über die Tafel hinüber zu werfen — die Artigkeit in Person zu sehn — und immer ein wenig zu sprechen. Wie gern hätt' er sich öffentlich ausgedrückt und ausgesprochen! Leider wie Moses saß er mit leuchtendem Antlitz und mit schwerer Zunge da, weil er schon zu lange mit dem Vorsatze gepassct, in das aufgctischte Zungen- und Lippen-Gehäckc, das er fast roh und unbedeutend fand, etwas Bedeutendes seiner Seits zu werfen, da cs ihm unmöglich war, etwas Rohes wie der Kaufmann zu sagen: ein Wcstphale, der einen feinen Faden spinnt, ist gar nicht vermögend einen groben zu ziehen. Je länger ein Mensch seinen sonnigen Aufgang verschob, desto glänzender, glaubt er, müßt' er aufgehen und sinnet, aus eine Sonne dazu; könnt' er endlich mit einer Sonne einsallcn, so fehlt ihm wieder der schickliche Osten zum Ausgang und in Westen will er nicht gern zuerst empor. Auf diese Weise sagen nun die Menschen hienieden nichts. Walt legte sich indeß auf Thaten. Die beiden Töchter Neupeters hatten unter allen schönen Gesichtern, die er je ge- ') Bologna lehrt. 205 * sehen, die häßlichsten. Nicht einmal der Notarius, der wie alle Dichter zu den weiblichen Schönheits-Mitteln gehörte, und nur wenige Wochen und Empfindungen brauchte, um ein Wüsten-Gesicht mit Reizen anzusäen, hätte sich darauf einlassen können, eine und die andere Phantasie-Blume in Jahren auf beide Stengel fertig zu sticken. Es war zu schwer. Da er nun gegen nichts so viel Mitleidcn trug als gegen eine weibliche Häßlichkeit, die er für einen lebenslangen Schmerz hielt: so sah er die Blonde (Raphaele hieß sie), die ihm zum Glücke blickschuß-recht saß, in Einem fort mit unbeschreiblicher Liebe an, um ihr dadurch zu verrathcn, hofft' er, wie wenig er sich von ihren Gesichts-Ecken abstoßen lasse. Auch auf die Brünette, Namens Engelberta, ließ er von Zeit zu Zeit einen sanften ruhenden Seitenblick ausallen, wicwol er sie wegen ihrer Lustigkeit nur eines mattcrn Mitleids würdigte. Es stärkte und erquickte ihn ordentlich bei seinem Mitleiden, daß beide Mädchen mit Putz und Pracht jeden weiblichen Neid auf sich zogen; — als vergoldete Wirthschaftsbirnen, geschminkte Blatternarben, in herrlichen Franz gebundene Leberreimc mußte man sic anerkennen. Hoch mußt' er bei dieser Denkungsart den sympathetischen Nachbar Flitte stellen, der mit ihm in Aufmerksamkeit und Achtung für dieselbe häßliche Raphaela wetteiferte! Er drückte — der als armer Teufel nichts weiter von der verhaßten Schönheit wollte, als die Hand mit dem Heirathsgut — unter der Serviette die scinige; und sagte nach dem dritten Glas Wein: auch ich würde mit einer Häßlichen zuerst sprechen und tanzen unter vielen Schönen. — „Sehr galant! (sagte der Elsässer.) Sahen Sie aber je eine superbere Taille?" — Diese nahm jetzt erst der Notar an beiden Töchtern aus Erinnern wahr; wer sie köpfte, machte 206 jcde zur Venus, ja mit dem Kopse sogar konnte jede sich für eine Grazie halten, aber in doppelten Spiegeln. Gelehrte kennen keine Schönheiten, als phyflognomische; Walt war majorenn geworden, ohne zu wissen, daß er zwei Backenbärte habe, oder andere Leute Taillen, schöne Finger, häßliche Finger u. s. w. — „Wahrhaftig, antwortete der Notar dem Elsässer, ich wollte wol einer Häßlichen ohne allen Gewissensbiß die schöne Taille ins Gesicht sagen und loben, um die Arme damit bekannt und darauf stolz zu machen." Wenn Flittc etwas gar nicht begriff, so fragte er nichts darnach, sondern sagte schnell Ja. Walt heftete jetzt in Einem fort recht sichtbar die Angen auf Naphaclens Taille, um sie damit bekannt zu machen. Die Blonde schielte von seinen Blicken zurück und suchte sich tugendhaft zu beunruhigen über die Frechheit des jungen Harnisch. „Wer mir lieber, Herr? Die Blonde oder Braune? (sagte der Hofagcnt vom Weine lustig) — Auf jeden Fall die Blonde, sag' ich; denn sie kostet vierteljährlich der Kassa zwölf Groschen weniger. Für 3 Thl. 12 Gr. gutes Geld verkauft der Mundkoch Loullon in Weimar seine Flasche rothen Schminkcssig (vinaiZro cks rougs) notn dens für Blonde; für Braune hingegen jede um netto 4 Thl.; hat sie vollends schwarzes Haar, so muß ich gar die Flasche zu 4 Thl. 12 Gr. verschreiben. Raphel! Du sollst leben!" — Liier xere versetzte sie, nennen Sie mich doch nur Raphaela. — „Er ver- dicnt's (dachte Walt, betroffen über Neupcters Unschicklichkeit), daß sie sagte: Scheer-Bär?" Denn so hatt' er verstanden. „Heute gibt der arme blinde Baron sein Flöten-Konzert, sagte schnell Raphaela; ach! ich weiß noch, wie ich über Dülon 207 geweint." — „Ich weiß des Menschen Namen nicht — sagte die brillantirte Mntter, Namens Pulcheria, aus Leipzig, wohin sie beide Töchter mehrmals abgesührt, als in eine hohe Schule bester Sitten — der Habenichts ist aber ein grober Knoll und dabei ein Flausenmacher." — Walt arbeitete in sich, wcinglühend, an der schnellsten Vertheidigung. — „Sobald ein poweres Edelmannchen, sagte Engelberta spöttisch, nur etwas lernt und versteht, so nehm' ich's nicht so genau." — „Wer weiß cs denn, sagte die Mutter, was er auf der Flöte kann für Leute, die schon was gehört haben?" — „Er ist, fuhr Walt in größter Kürze los, nicht grob, nicht dürftig, nicht ungeschickt, nicht manches andere, sondern wahrlich ein königlicher Mensch." Hinterher merkt' er selber die unabsichtliche Hitze in seiner Stimme und Kürze; aber seinen sanften Geist hatte die absprechcnde Kauffrau überrumpelt, die zwar in den Zeiten hübsch gewesen, wo sie Gelierten reiten sehen, die aber jetzt — aus ihren eignen Relikten bestehend — als ihr eignes Gebcinhaus — als ihre eigne bunte Toilettcn- schachtel — ihren kostbaren Anzug zum bemalten metallischen mit Samt ausgeschlagenen, mit vergoldeten Handhaben beschlagenen Prunksarg ihrer gepuderten Leiche machte. Walt hatte gar nicht wild seyn wollen, nur gerecht. Man hörte seine vorlaute Phrasis mit kurzem Erstaunen und Verachten an. Nenpeter aber nahm sofort den Faden auf: „Bulchcn, sagte er zur Frau in angetrunkener Barmherzigkeit, ich will, weil's doch eine arme Haut seyn soll und noch dazu blind, drei Billette für euch Weibsen holen lassen vom povern Wicht." „Die ganze Stadt geht hin, sagte Raphaela, auch meine theuerste Wina. O! Dank, cller xöra! Wenn ich den Unglücklichen höre, zumal im ^ckaZio, ich freue mich darauf, ich 208 weiß, da „sammlen sich alle gefangnen Thränen um mein Herz"*), ich denke an den blinden Julius im Hcsperus und Thränen begießen die Freuden-Blumen." Darauf sah sie nicht nur der Vater entzückt über ihren Sprechstyl an — ob er gleich als ein alter Mann den scini- gen sortackerte — desgleichen Flitte begeistert, sondern auch der Notar begab sich mit innigstem Beifall wieder in ihr Gesicht herauf, voll kurzer Wünsche, letzteres wäre auszustehen oder doch zu heben durch Liebe, da er unter einem Dache mit ihr lebte. Aber ihm wurde durch Wina's Ankündigung ein Sturm in die Seele geschickt — sein beseeltes Auge hing sich an ihren Bräutigam — als plötzlich wieder Raphaela die größten Rcvoluzionen an dem Tische anstistetc durch die Frage an Glanz: „wie kommt's, Herr Kirchenrath, um auf Sehende zu kommen, daß alle Bilder im Auge verkehrt sind, und wir doch nichts verkehrt erblicken?" Dann als der Kirchcnrath langsam und langweilig die Sache ans seiner Lektüre so gut auscinandersctzte, daß die Tafel bewundern mußte: so fing der Gras Feuer. Es sei, daß er satt war des Etzens — oder satt des Hörens — oder übersatt der Glanzischen theologischen Halbwisserei und IlnZua krauen, jener schalen Kanzel-Philosophie, wovon ^ moralisch, '/«. unmoralisch, '/» verständig, '/, schief ist und das Ganze gestohlen — genug, der Gras begann und unterhielt ein so langes heftiges Feuern gegen den Kirchenrath — wozu die nahe Nummer LonAsries von mänscfahlcn Katzcn- schwänzen aus- und eingeränmt wird — daß er ordentlich nicht mehr Haß gegen das Mattgold der theologischen Mora- ) Die Redensart hat sic aus dem Hesperns. 209 listen und Autoren hätte zeigen können, wenn er auch der Flötenspieler tzuock äeus v»It selber gewesen wäre, der sich allerdings so aussprach: „von alten Schimmelwäldchen der Philosophen klanben sich die Theologen die abgesallnen Lese- Früchte auf und säen damit an. — Diese größten engsten Egoisten machen Gott zum tröre servnnt der Pönitcnzpfarrcn, wohin sie vozirt worden, und auf dem Wege nach dem Filial glauben sie, die Sonncnfinstcrniß sei gekommen, damit sie weniger schwitzen nnd schattiger reiten — und so fegen sie die Herzen und Köpfe, wie in Irland die Bedienten die Treppen, mit ihren Perücken." No. 23. LoitZ6i'i68 von mäusefahlen Katzenschwänzen. Tischreden Kloth ars und Glänzens. Nachdem also Glanz geäußert hatte: „daß eben, da sich im Auge alle Gegenstände umwenden, also wir uns auch mit, wir mithin nichts von einem Umkehren spüren könnten" — So entgegncte der Graf: „warum wird denn das einzige Bild im Auge nicht mit umgekehrt? — Warum greifen operirte Blinde nichts verkehrt? — Was hat denn das Hautbildchen mit dem innern Bilde zu thun? Warum fragt man nicht auch, warum uns nicht alles eben so klein als jenes Bildchen erscheine?" — Glanz äußerte nach Garve: „unsere Vorzüge seien am Ende keine und daher Demuth unsere Pflicht." Der Gras entgegnen: „so sch' ich wenigstens nicht, warum Jean Paul's auSgew. Werke. XIII. ^ ich Bettler demüthig gegen den zweiten Bettler sehn soll; — und ist er gar stolz, so Hab' ich ja einen zweiten Vorzug vor ihm, die Dcmnth." Es wurde ein schöner Satz aus Glänzens gedruckten Reden angeführt: daß die Kinder für Geringschätzung des Alters die vergeltende Strafe gewiß von ihren eigenen Kindern empfangen würden. Klothar entgcgnctc: „folglich hat das gering geschätzte Alter auch einmal gering geschätzt; und es geht ins Unendliche, oder man kann die Strafe erhalten ohne die Sünde." Glanz äußerte, wie leicht das Gcdächtniß zu überladen sei. Klothar cntgegnete: „das ist blos unmöglich. Ist denn etwas zu behalten, eine Beschwerde für Gehirn oder Geist! Verspürt ein Mann den Schatz, den zwanzig Jahre Leben in ihm niederlegten, wol an seinem Gcdächtniß, als wäre dieses belasteter als in der Jugend? — Aber ferner: der Bauer trägt eben so viele Ideen in seinem Gcdächtniß als der Gelehrte, nur andere, Sachen, Bäume, Aeckcr, Menschen. Ueber- ladung des Gedächtnisses kann also nichts heißen als versäumte Kultur anderer Kräfte." Glanz äußerte, man könne bei den Endabsichten leicht sich Voltairens Spotte aussetzcn, daß die Nase für die Brille geschaffen sei. Klothar versetzte: „Und das ist die Nase auch: sobald alle Kräfte einer Welt berechnet wurden, mußte auch die Kraft in Anschlag kommen, Gläser zu schleifen." Glanz äußerte: er sei ja dafür und finde in allen seinen gedruckten Reden in der künstlichen Wcltordnung einen unendlichen Verstand. 211 Klothar fragte: Was soll gedachter Verstand dabei sehn? Glanz äußerte: „die Ursache." Jener entgegncte: „jede künstliche Ordnung, z. B. im Körperbau, erklären Sie doch jetzt ans blinden Kräften, nicht aus einer fremden Schöpfung, diese Kräfte wieder aus blinden, und wo wollen Sie denn in der durchaus mechanischen Endlichkeit mit dem Blitze der Geistigkeit cinschlagcn?" — Glanz äußerte spät darauf: eine hübsche eingeschränkte Monarchie wie in England sei wol am besten für jeden. Klothar versetzte: „nur nicht für die Freiheit. Warum hatten nur meine Voreltern die Freiheit, sich Gesetze zu wählen, und ich nicht? Wohin ich fliehe, find' ich schon Gesetze. Das Ideal eines Staats wäre, daß die kleinsten Föderativstaaten, die sich immer freie Gesetze geben, sich in Födcrativ- Dörfer — dann in Föderativ-Häuser — und zuletzt in Fö- dcrativ-Jndividucn zcrfälletcn, die in jeder Minute sich ein neues Gesetzbuch geben könnten. " Glanz äußerte, durch kleinere Staaten würden freilich eher die Kriege aufhören. Klothar versetzte: „gerade umgekehrt. An mehreren Orten zugleich und häufiger in der Zeit entständen sie. Soll auf der ganzen Erde der Krieg aushören: so muß sie in zwei ungeheure Staaten sich getheilt haben; davon muß der eine den andern verschlingen, und dann bleibt im einzigen Staate auf der Kugel Friede, und die Vaterlandsliebe ist Menschenliebe geworden." Glanz glaubte beim Dessert wenigstens so viel äußern zu dürfen, daß cs gut sei, daß die Aufklärung den Hexcnglauben vertrieben. Klothar entgegncte: „noch nicht einmal untersucht hat 14 * 212 sie ihn." Glanz schüttelte leicht. „Ich weiß nicht, fuhr jener fort, welche von zwei Meinungen Sie haben, aber da Sie nur eine von beiden hegen können — entweder die, daß alles Trug des Zeitalters, oder die, daß etwas Wunderbares bei der Sache ist: so müssen Sie in beiden Fällen irren." Glanz schüttelte sehr, äußerte aber, er sei wie jeder Vernünftige der ersten Meinung. Klothar versetzte: „die Wnndcrgeschichte der Hexen ist eben so historisch bewiesen, als die der griechischen Orakel im Herodot; und diese ist's gerade so sehr als überhaupt alle Geschichte. Auch Herodot unterscheidet sehr die wahren von den bestochenen Orakeln. In jedem Falle war es eine große Zeit, wo noch Götter die Weltgeschichte lenkten, und darin mitspielten, daher ist Herodot so poetisch wie Homer. — Gemeine Seelen machen in der Hexen-Geschichte alles zum Werk der Einbildung. Wer aber viele Hcxenprozcsse gelesen, findet es unmöglich. Eine durch Völker und Zeiten reichende Einbildung fcstgehaltener, nüanzirter Thatsachcn ist so unmöglich als die Einbildung einer Nazion, daß sie einen Krieg oder König habe, der nicht ist. Will man die Einbildung als Kopie einer solchen allgemeinen Einbildung erklären, so hat man das Urbild vorher zu deduziren. Meist waren alte, dürftige, einfältige Frauen die Aktrizcn des Trauerspiels, mithin gerade am wenigsten fähig der Phantasie; auch malt die Phantasie mehr ins Große und Verschiedene zugleich. Hier findet man nur erbärmliche wiederholte Geschichten der Nachbarschaft — der Buhle, der Teufel, begleitet in gemeiner Kleidung die Frau zu Fuße auf irgend einen benachbarten Berg, wo sie Tanz, bekannte Spielleute, elendes Essen und Trinken, lauter Bekannte aus dem Dorse antrifft, und nach dem Tanze mit dem 213 Buhlen wieder heimgeht. Die Versammlungen aus dem Blocksberge können blos für dessen nächste Anwohnerinnen gelten; aber in andern Landern wurde nur der nachbarliche Berg zum Tanzplatz gewählt. Will man alle Bekenntnisse für Lügengeburten der Folter erklären: so bedenkt man nicht, daß man in den Prozessen findet, daß sie oft nach der Tortur zwei, drei unbedeutende Bekenntnisse, die ihnen den Tod nicht ersparten, feierlich und ängstlich widerriefen; und daß also der halbe Widerruf das halbe Geständniß — besiegelt, um so mehr da man in damaligen Zeiten zu religiös dachte, um mit Lügen auf der Zunge zu sterben. Die berauschenden Getränke und Salben, womit sie sich sollen in den Traum vom Blocksberg und dergleichen gezaubert haben, find nirgends aus den Akten erweislich oder nach der Physiologie möglich —- da cs kein Getränk gibt, daS faktisch bestimmte Visionen erschüfe — und dann, um nur beide zu brauchen, mußten sie sich ja schon für Hexen halten." Glanz äußerte: „warum gibt es aber jetzt keine mehr? Und warum ist alles so natürlich und alltäglich dabei Angegangen, wie Sie vorhin selber cinränmten? Doch mach' ich diese Einwürfe gar nicht, Hr. Graf, als wenn ich glaubte, daß Sie im Ernste jener Meinung wären." Hndo versetzte: „dann verkennen Sie meine Denkweise. Wie? Kann man aus dem Aussetzcn oder Wcgblciben einer Erfahrung, z. B. einer elektrischen, einer somnambulistischen, auf ihre Unmöglichkeit schließen? Nur aus positiven Erscheinungen ist zu beweisen; negative sind ein logischer Widerspruch. Kennen wir die Bedingungen einer Erscheinung? So viele Menschen und Jahre gehen vorüber, kein Genie ist dar- unter: — und doch gibt's Genies; —könnt' cs nicht eben so mit den Sonntags-Kindern, sehn, die Augen und Verhältnisse für Geister haben? — Was Ihre Alltäglichkeit, die Sie einwenden, anlangt, so gilt diese auch sür jede positive Religion, die sich in die Alltäglichkeit ihrer ersten Apostel versteckt; alles Geistige schmiegt sich so scheinbar an das Natürliche an, wie unsere Freiheit an die Naturnothwendigkeit." Glanz äußerte: er wünsche nun doch sehr zu erfahren, was die zweite Meinung sür sich habe. Klothar versetzte: „zuerst die damaligen Zeugen sür die Erste. Um eine Frau zu verurtheilen, brauchte man statt der Thatsachen nur Zeugenschlüsse; meistens aus drei ganz fremden Thatsachen, aus dem Alpdruck, dem Drachen-Einflug und einem schnellen Unglück, z. B. Tod des Viehs, der Kinder rc., schlossen die Zeugen, und ihre Schlüsse waren ihre Zeugnisse. Zweitens lief der ganze Zauber-Erfolg auf ein Raupenoder Schnecken- oder anderes Schadenpulver hinaus, das der Buhle, der Teufel, dem getäuschten Weibe nebst einem Antritts- oder Werbe-Thalcr gab, den sie zu Hause oft als eine Scherbe befand. Die Macht des Teufels gab ihr weder Reichthum, noch einen Schutzbries gegen den Scheiterhaufen. Ich schließe aus allem, daß damals die Männer sich des Zauber- glaubcns bedienten, um unter der leichten Verkleidung eines teufelischen Buhlen die Weiber schnöde zu mißbrauchen; ja daß vielleicht irgend eine geheime Gesellschaft ihren Landtag unter die Hülle eines Hexen-Tanzes verbarg. Immer machten Männer in den Hexen-Prozessen den Teufel gegen die Weiber, selten umgekehrt — Nur unbegreiflich bleibt's, daß die Weiber 215 bei dem damaligen Schauder vor dem Teufel, so wie vor der Hölle, sich nicht vor seiner Erscheinung und vor der höllischen Umtaufe*) und Apostasie entsetzet haben." Glanz lächelte, äußerte aber, jetzt träfen sie beide ja vielleicht zusammen. — Hudo versetzte sehr ernst: „kaum! denn eine Nachspielerei hebt ein Urbild nicht aus, sie setzt eben eines voraus. Noch mangelt eine rechte Geschichte des Wunder-Glaubens oder vielmehr des Glaubens-Wunders — von den Orakeln, Gespenstern an bis zu den Hexen und sympathetischen Kuren; — aber kein cngsichtiger oder engsüchtiger Aufklärer könnte sie geben, sondern eine heilige dichterische Seele, welche die höchsten Erscheinungen der Menschheit rein in sich und in ihr anschanet, nicht außer ihr in materiellen Zufälligkeiten sucht und findet —- welche das erste Wunder aller Wunder versteht, nämlich Gott selber, diese erste Geistererscheinung in uns vor allen Geistercrscheinungen aus dem engen Boden eines endlichen Menschen . . . ." Hier konnte sich der Notar nicht länger halten; eine solche schöne Seelcnwandcrung seiner Gedanken hatt' er in dem hohen Jüngling nicht gesucht: „auch im Weltall, hob er an, war Poesie früher als Prosa, und der Unendliche müßte vielen engen, prosaischen Menschen, wenn sie es sagen wollten, nicht prosaisch genug denken." „Was wir uns als höhere Wesen denken, sind wir selber, eben weil wir sie denken; wo unser Denken aufhört, fängt ) Bekanntlich hob der Buhle die erste Taufe durch eine unreine wieder auf. 216 das Wesen an" sagte Klothar feurig, ohne auf den Notarius sonderlich hinzusehen. „Wir ziehen immer nur einen Theater-Vorhang von einem zweiten weg und sehen nur die gemalte Buhne der Natur" sagte Walt, der so gut wie Klothar etwas getrunken. Keiner antwortete mehr recht dem andern. „Gab' es nichts Unerklärliches mehr, so möcht' ich nicht mehr leben, weder hier noch dort. Ahnung ist später als ihr Gegenstand; ein ewiger Durst ist ein Widerspruch, aber auch ein ewiges Trinken ist einer. Es muß ein drittes geben, so wie die Musik die Mittlerin ist zwischen Gegenwart und Zukunft", sagte der Graf. „Der heilige, der geistige Ton wird von Gestalten geschaffen, aber er schafft wieder Gestalten"*) sagte Walt, den die Fülle der Wahrheit allein fortzog, nicht einmal mehr der Wunsch der Freundschaft. „Eine geistige Kraft bildet den Körper, dann bildet der Körper sie, dann aber bewegt sie am mächtigsten auf der Erde die Körper" sagte Klothar. „O die unterirdischen Wasser der tiefen zweiten Welt, die den gemeinen weltwciscn Berg-Knappen in seinem Bergbau stören und ersäufen, ihn, der Höhen-nur zum Durchbohren und Vertiefen haben will — diese sind eben für den rechten Geist der große Todcsfluß, der ihn in den Mittelpunkt zieht" . . . sagte Walt; er stand längst aufrecht am Tisch, und hört' und sah nicht mehr. „Acchte Spekulazion"-fing der Graf an. „Llr. Vogtländer — unterbrach Ncupetcr, sich zum Buch- ') Die Figuren auf klingenden Glasscheiben. 217 Halter wendend und Klotharn am Arm haltend, da er gelehrten Diskursen eben so gern zuhörte, als entsprang — die 23 Ellen Spekulazion haben Sic doch heute gebuchet*)? Nun aber weiter, Hr. Philosoph!" Der Graf hörte den Mißton des Mißgriffs, und schwieg und stand gern auf, die vergessene längst wartende Gesellschaft noch lieber. Des Notars Keckheit und Rede-Narrheit hatte am meisten sie unterhalten. Der Kirchenrath Glanz hatt' es seinen Nachbarn leise zu verstehen gegeben, was sie von den gräflichen Sätzen zu halten hätten, und daß dergleichen ihn nicht weniger langweilte und anekclte als jeden. Walt war in den dritten Himmel gefahren, und behielt zwei übrig in der Hand, um sie wegzuschenken. Er und der Gras trugen 'nun — nach seinem Gefühl — die Ritterkette des Freundschafts-Ordens mit einander; nicht ctwan, weil er mit ihm gesprochen — der Notar dachte gar nicht mehr an sich und seinen Wunsch der Audienz — sondern weil Klothar ihm als eine große, freie, auf einem weiten Meere spielende Seele erschien, die alle ihre Ruderringe abgebrochen und in die Wellen geworfen; weil ihm sein kecker Geistes-Gang groß vorkam, der weniger einen weiten Weg als weite Schritte machte, und weil der Notar unter die wenigen Menschen gehörte, die mit unähnlichem Werthe sympathisircn, wie das Klavier von fremden Blas- und Bogen-Tönen anklingt. So lieben Jünglinge; und aller ihrer Fehler ungeachtet *) d. h. zu Buch gebracht. — Spekulazion ist in Ncupeters Sinn ein ungckrcuzter halbleinener, halbseidener Pariser Zeug, der sich von der enzyklopädistischcn Spekulazion, ebenfalls da gewebt, zu seinem Vortheil unterscheidet. 218 ist ihnen, wie den Titanen, noch der Himmel ihr Vater, die Erde mir ihre Mntter; aber später stirbt ihnen der Vater und die Mntter kann die Waisen schwer ernähren. Wie ganz anders — nämlich viel weniger schleichend, weniger stillgistig, vipcrnkalt nnd vipernglatt — stehen die Menschen von Taseln, selber an Hösen, ans, als sie sich davor niedergesctzt! Wie geflügelt, singend, das Herz federleicht und federwarm! — Neupcter bot leicht seinen Park dem Grasen an — der schlug ein — Walt drang nach. Unterwegs riß der Agent sein blumiges Ordens-Band entzwei und steckt' es ein, weil er, sagt' er, nicht wie ein Narr anssehen wolle. No. 24. Glanzkohle. Der Park — der Brief. Der Graf ging zwischen seinen Brautführern, wovon der linke im Gehen das Spinnrad drehte zu einem Faden der Rede und Seile der Liebe; doch hielt's oft schwer, in den engsten Gängen drei Mann hoch aufzumarschiren. Ein Markthelfer hielt sich hinter ihnen, um aus dem Sande alle 6 Fuß- stapsen auszubügeln. Der Agent führte Klotharn vor die Glanz-Partien des Parks in der Absicht, Ehrenflinten und Säbel da von Grafenhand zu empfangen — vor Kinderstatuen unter Thurm-Bäumen— vor Herkules-Würggruppcn unter Blumen; aber den Grafen griff nichts an. Neupeter zählte das „schöne Geld" auss Rechenbrett hin, das ihm die 219 Bildsäulen schon gefressen, besonders einige der feinsten, die er gegen Regenwetter in ordentliche wasserdichte Uebcr- oder Reitersröcke eingewindelt, und bracht' ihn vor eine eingekleidete Venus im Wachtrock. Klothar schwieg. Neupeter ging weiter im Versuche und Garten, er setzte eigenhändig seinen Park herunter gegen einen in England und erhob z. B. Hagley's seinen darüber, „aber, sagt' er, die Engländer haben auch die Batzen dazu." Der Graf widerlegte nichts. Blos Walt bemerkte: „Am Ende werde doch jeder Garten, sei er noch so groß, kurz jede künstliche Eingränzuug klein und ein Kindergärtchen in der unermeßlichen Natur; nur das Herz baue den Garten, der noch zehnmal kleiner scyn könne als dieser." Darauf fragte der Kaufmann den Grafen, warum er nicht aufgucke, z. B. an die Bäume, wo manches hänge. Dieser sah auf; weiße Zolltaseln der Empfindung waren von Raphaelen daran geschlagen zum Ueberlesen: „bei Gott, meine Tochter hat sie ohne fremde Hülfe ersonnen, sagte der Vater, und sie sind sehr neu und hochtragend geschrieben, so glaub' ich." Der Graf stand vor den nächsten Gefühls-Brettern, und Herz-Blättern poetischer Blumen fest; auch der Notar las den an die Welt wie an Arznei-Gläschen gebundnen Gebrauchzettel herab, welcher verordnete, wie man schöne Natur einzunehmen habe, in welchen Löffeln und Stunden. Walten gefiel die Gefühls-Anstalt, es waren doch Antritts- oder Oster - Programmen der Frühlings - Natur, Frachtbriefe der Jahrs-Zeiten, zweite heimlich abgedruckte Titelblätter der Natur-Bilderbibcl. Dennoch strich Klothar stumm darunter hinweg. Aber Walt sagte begeistert von den Baum-, Noth- und Hülfs- Täfelchen: „alles ist hier schön, die Partien, die Bäume und die Tafeln. Wahrhaftig man sollte die Poesie verehren, auch bis ins Streben darnach. Freilich wird nur die höchste, die griechische, gleich den Schachten der Erdkugel immer wärmer, je tiefer man dringt, ob sie gleich auf der Fläche kalt erscheint; indeß andere Gedichte nur oben wärmen."— „MeinMieths- mann, H. Notar Harnisch" — sagte schnell der über dessen Nähe und Kecke verdrießliche Neupetcr, als der Graf ihn bedeutend ansah. — „Der Imo da um Urmerionvills herum — so lasset meine Frau den Teich nennen, weil sie sich auf Gärten versteht, da sie aus Leipzig ist — der Teich, sag' ich, ist blos um die Insel herum gesührt, die ich um meinen seligen Vater, einen Kaufmann wie wenige, ausschütten lassen. Die Statue drinnen das ist er selber nun." — Auf der Teich- Insel sah unter Trauer- und Pappel-Bäumen allein, gleichsam wie ein Robinson, der alte scl. Christhelf Neupeter in Stein gebracht herüber, übrigens in seinem Börsen-Habit ausgehaucn, wicwol die in Marmor übersetzte Beutclperücke, und die petrifizirten Wickclstrümpfe und Rockschöße dem magern Manne nicht das leichte Ansehen gaben, das er nackt hätte haben können. „Sagen Sie nur heraus, wie Ihnen der ganze Park und Quark vorkommt?" fragte Neupetcr der Sohn. „Was bedeutet noch die hölzerne wunderbare Pyramide (fragte der die Insel und den See umkreisende Graf), die mit der Basis halb über dem Wasser schwebt?" Dem Hofagcntcn gefiel die Frage; er versetzte schelmisch: „in die Pyramide kann man ordentlich hineingehen durch eine Thüre." — „Cestius Pyramide?" sagte Walt halblaut. — Der Gras verstand den mer- kantilischen Schelm nicht. „Nun, es dient nun so, erläuterte er weiter, froh über die Einkleidung jener Verkleidung, bei 221 der oder jener Gelegenheit -— wenn man's eben braucht — ein Mensch trinkt Mittags viel, besieht sich den Garten, und nun natürlich . . . ." „God d— sagte der verständigte Graf im Feuer, ich muß in die Pyramide" und gab, des Agenten satt, das Zeichen des Zurückbleibens. Ein Regenbogen — darein war die Holz-Brücke durch Farben verkleidet — führte an die Pyramide. Der unschuldige Notar dachte zu zart, um alles zu verstehen. Der stolze Kaufmann, der hier das Stehen-lassen äußerst unhöflich fand, murmelte halb für sich, halb für Walten: ein höflicher, eigner Herr! Er blieb nun nicht so lange, daß der Notar, der ein Riesen-Knicstück von Klothar an- legen wollte, solches hätte aufspannen können; sondern ließ wieder diesen stehen, mit dem Pinsel voll Flammen in der Hand. Ein zarter Genius war cs, der den einsamen Gottwalt vom Betreten des Regen- und Brücken-Bogens znrücklenkte durch die Eröffnung der — Wahrheit. Anderthalb Garten- Gänge prallte davor der Jüngling zurück, den schon der vornehme Tafel-Zynismus mit den nackt gezognen Zahnstochern geärgert; — ohne doch auf den Agenten zu zürnen, daß er aus die väterliche Pappel-Insel eine solche Spitzsäule pflanzen können; Er hatte oft zu viel Liebe, um Geschmack zu haben, wie andere umgekehrt. Als der Graf von Lrinsnonville zurückgckommen: schlug Walt mehrere schmale Radien-Gänge ein, um ihm zufällig ausznstoßen und so, verschmolzen mit ihm, zu gehen. Aber der Gras, der allein bleiben wollte, merkte das stete Nachstreichen, und bog ihm verdrießlich aus. Auch dem Notar selber wurde am Ende das freundschaftliche Ballet versalzen, weil der Markthclfer mit seinem Vcrwaschpinscl als Schritt- 222 zählcr hinter ihm blieb und ihm jeden Schritt dadurch vorrechnete, daß er ihn ausstrich. „Welch ein ganz anderes Glück wäre cs, träumt' er, fiel' ich ins Unc — Wasser, und mein Jüngling schleppte mich heraus und ich läg' ihm mit tropfenden Angen zu Füßen. Das denk' ich mir gar nicht — weil es zu groß wäre, das Glück — wenn etwan gar er selber hincinstürztc und ich der Selige würde, der sein stolzes Leben rettete und ihn an der Brust ins Daseyn trüge." Jndeß fand er jetzt etwas besseres auf seinem Wege, einen verlornen Brief an Klothar. Indem er sich umsah, ihn zu übergeben, war der Graf unter die ins Haus gehende Gesellschaft zurückgctreten. Er lies nach. Jener war schon davon geritten auf ein Dorf. Es war ihm nicht sonderlich bitter, daß er durch den Brief ein Recht in die Hände bekam, den Grafen morgen auf seinem eignen Zimmer aufznsuchen. Er erstieg eilig das seinige — nicht ohne Freude, daß er als der einzige Gast im Hanse verbleibe, indeß alle andere daraus fort mußten — und besah und las ruhig droben den schon erbrochncn Brief — außen. Denn innen ihn zu lesen, auch irgend einen andern fremden, lag außer seiner Macht. Sein Lehrer Schomaker — der, wie Vult sagte, für Schimmelwäldchen Waldordnungen entwürfe — behauptete, nicht einmal gedruckte dürfe man lesen, wenn sie wider des Verfassers Wunsch erschienen, da die Leichtigkeit und die Thcil- haber einer Sünde an dieser nichts änderten. Eine Taube mit einem Oclzweig im Schnabel und in den Füßen flog auf dem Siegel. Der Umschlag roch anmuthig. Er zog den Brief daraus hervor, faltete ihn aus von weitem und las frei den Namen — Wina und legt' ihn eiligst weg.... „Ich 223 will ihm alle meine Aurikeln geben" hatte sic einst in der tiefen Kindheit gesagt, aus deren dunkelm überblühtcn Tempe unaufhörlich jene Töne wie bedeckte Nachtigallen herauf sangen. Jetzt aber berührte die zitternde Saite — deren Klänge bisher süß-drückend sein Herz nmrungen hatten — seine Finger; er hatte ordentlich die Vergangenheit, die Kindheit in der Hand — Und heute trat vollends die Unsichtbare im Konzert- saalc endlich aus der blinden Wolke -— Seine Bewegung bedarf keines Gemäldes, da jede aus jedem erstarrt. Er hielt sich jetzt den offnen Brief nahe unter die Augen, obwol umgekehrt — Das Papier war so blau-weiß-zart, wie eine feinste Haut voll Geäder. — Die nmgestürzte Handschrift so zierlich und gleich — Blumengewinde waren den vier Papier-Rändern eingepreffet — er besah jeden —- und ging aus Aurikeln aus — als er aber auf dem untern suchte, fuhr ihm die letzte Zeile ins Auge, mit 7 letzten Worten. Da steckt' er das Blatt erschrocken in die Hülle zurück. Es lautete aber das Schreiben an Klothar so: * * * „Wozu meine länger» Kämpfe, die vielleicht schon selber Sünden sind? Ich kann nun nach Ihrem gestrigen entscheidenden Worte nicht die Ihrige werden; denn ich könnte Ihnen wol so leicht und so gern Glück und Leben und Ruhe opfern, aber meine Religion nicht. Ich schaudere vor dem Bilde eines erklärten Abfalls. Ihre religiöse Philosophie kann mich quälen, aber nicht ändern. Die Kirche ist meine Mutter; und nie können mich alle Beweise, daß cs bessere Mütter gebe, von dem Busen der meinigen reißen. Wenn meine Religion, wie Sie sagen, nur aus Zeremonien besteht: so lassen Sie mir die wenigen, die meine mehr hat als Ihre. Denn am Ende ist doch alles, was nicht Gedanke ist, Zeremonie. Geb' ich Eine ans, so weiß ich nicht, warum ich noch irgend eine bewahre. Halten Sie ja, wie ich, vor meinem Vater Ihre scharfe Forderung des Abfalls geheim, ich weiß, wie es ihn kränken müßte. — Ach lieber Jonathan, was könnt' ich noch sagen; jene Stille, die Sie oft rügen, ist nicht Laune noch Kalte, sondern die Trauer über meine Ungleichheit gegen Ihren großen Werth. O Freund, ist dieser Anfang unsers Bundes wol der rechte? Mein Herz ist nur fest, aber wund." i n u. Er beschloß im ersten Feuer, das Schreiben ihr selber im Konzerte zuzustcllcu. Jetzt übrigens, da er ein wenig seine heutige schwelgerische Lage überschlug — Diner Mittags — Konzert Abends — Sonntag den ganzen Tag —: so könnt' er sich weiter nicht bergen, wie sehr er sich, gleich einem Großen, schwindelnd auf dem Glücksrad umschwiuge, oder eine wahre Nacht der Ergötzlichkeitcn dnrchträume, in der ein Sternbild voll freudiger Strecken aufgeht, wenn ein anderes nieder- gcht, indeß arme Teufel nichts haben, als einen blau-dunkeln Tag mit bcigesügtcr Sonne. So macht' er sich denn — Kops und Brust voll flötender Vulte, heiliger Aurikclnbräute, feinster ihnen zu übergebender Briefe — auf den Weg zum ersten Konzert in seinem Leben. Denn für die Leipziger Konzerte im Gcwandhanse hatt' er nie den dazu gehörigen Eintritts- und Thorgroschen erschwingen können, bekanntlich 16 Groschen schwer Geld. 225 No. 2ö. S m a r a g d f l u ß. Musik der Musik. Die Einlaßkarte fest drückend, langte er in der langen Prozession mit an, die seine Flügelmännin und Wegweisern: war. Das Einrauschcn des glänzenden Stroms, der hohe Saal, das Stimmen der Instrumente, das Schicksal seines Bruders machten ihn zu einem Betrunkenen, der Herzklopfen hat. Dem Laus des goldführenden Stroms sah er mit Freude über die Goldwäsche seines Bruders zu, er hätte die Wellen zählen mögen. Vergeblich sah er nach ihm sich um. Auch Wina sucht' er, aber wie sollt' er einen Zuwcl in einer Ebene voll Than - Glanz ausfinden? Nach seiner Schätzung und Vermessung mochten unter den ihm zngekehrtcn Mädchen an wahre Anadyomcnen, Uranien, Cytheren und Charitinnen sitzen in Pracht; unter den abgewandtcn Rücken konnten sie sich noch höher belaufen. Er legte sich die Frage vor, wenn diese ganze Kette von L7 Paradiesvögeln aufstiege, und er sich einen darunter her- abschießcn sollte mit dem Amors-Pfeil, welchen er wob nähme? — — Er brachte keine andere Antwort aus sich heraus als die: jede, die mir die Hand recht drückte und etwas bei der Natur und für mich empfände. Da nun unter diesem schönen Hondekoetcrs*) fliegenden Corps unzählige Raubvögel, Har- Pycn und dergleichen gewiß steckten: so ermesse doch aus die- *) ein großer Vögelmaler. Jean Panl'S ausgcw. Werke. XIII. 226 sein Selbstgespräch ein ganz junger Mensch, der seine erste Liebe zur ersten Ehe machen will, in was er rennen könne. Eben stellte sich der Buchhändler Pasvogel grüßend neben den Notar, als Haydn die Streitrosse seiner unbändigen Töne losfahren ließ in die enharmonische Schlacht seiner Kräfte. Ein Sturm wehte in den andern, dann fuhren warme nasse Sonncnblicke dazwischen, dann schleppte er wieder hinter sich einen schweren Wolkcn-Himmel nach, und riß ihn Plötzlich hinweg wie einen Schleier, und ein einziger Ton weinte in einem Frühling, wie eine schöne Gestalt. Walt — den schon ein elender Gesang der Kinderwärterinnen wiegte und der zwar wenige Kenntnisse und Augen, aber Kops und Ohren und Herzohren für die Tonkunst hatte — wurde durch das ihm neue Wechselspiel von Fortissimo und Pianissimo, gleichsam wie von Mcnschcnlust und Weh, von Gebeten und Flüchen in unserer Brust, in einen Strom gestürzt, und davon gezogen, gehoben, untcrgetaucht, übcrhüllt, ubcrtäubt, umschlungen und doch — frei mit allen Gliedern. Als ein Epos strömte das Leben unten vor ihm hin, alle Inseln und Klippen und Abgründe desselben waren Eine Fläche — es vergingen an den Tönen die Alter, — das Wiegenlied und der Jubelhochzeit-Gesang klangen in einander, Eine Glocke läutete das Leben und das Sterben ein — er regte die Arme, nicht die Füße, zum Fliegen, nicht zum Tanzen — er vergoß Thränen, aber nur feurige, wie wenn er mächtige Thaten hörte — und gegen seine Natur war er jetzt ganz wild. Ihn ärgerte, daß man Pst rief, wenn jemand kam, und daß viele Musiker, gleich ihrem Notcnpapier, dick waren, und daß sie in Pausen Schnupftücher vorholten, und daß Pasvogel den Takt mit den Zähnen schlug, und daß dieser zu ihm sagte: „ein wahrer ganzer Ohrenschmaus": für ihn ein so widriges Bild, wie im Fürstenthum Krain der Name der Nachtigall: Schlauz. „Und doch muß nun erst das Adagio und mein Bruder kommen" sagte sich Walt. „Den einer dort hcrführt — sagte Pasoogcl zu ihm — das ist der blinde Flautotraversist, und der Führer ist unser blinder Hof-Panker, der aber das Terrain besser kennt. Das Paar grnppirt sich indeß ganz artig." — Da der schwarzhaarige Vult jetzt langsam kam, das eine Auge unter einem schwarzen Band, mit dem andern starrblickcnd, den Kopf wie ein Blinder ein wenig hoch und die Flöte am Munde haltend, — mehr um sein Lachen zu bedecken; — da er sich vom Pauker verbeugungs-rccht stellen ließ — und da alle Schwätzerinnen stumm wurden und weich, so konnte Walt sich der Thrä- nen gar nicht mehr enthalten, sowol wegen der vorhergehenden als schon über das blasse Gemälde eines blinden Bruders und über den Gedanken, das Vcrhängniß könne den Spaßtreiber beim Worte fassen; und zuletzt braucht' er wenig, um mit dem ganzen Saale zu glauben, Vult sei erblindet. Dieser gab wie eine Monatsschrift das beste Stück zuerst, und führte an, er gehe mit Einsicht von den allmälig steigenden Virtuosen ab, weil die Menschen einander nach der Erstgeburt, und nicht nach der Nachgeburt schätzten und den schlimmen, mithin auch den guten Erstlings-Eindruck fcst- hiclten — und weil man den Weibern, die von nichts so leicht taub würden, als von langer Musik, das Beste geben müßte, wenn sic noch hörten. Wie eine Luna ging das Adagio nach dem vorigen Titan auf — die Mondnacht der Flöte zeigte eine blasse schimmernde Welt, die begleitende Musik zog den Mondrcgenbogcn darein. 15 * 228 Walt ließ auf seinen Augen die Tropfen stehen, die ihm etwas von der Nacht des Blinden mittheilten. Er hörte das Tönen — dieses ewige Sterben — gar nicht mehr aus der Nähe, sondern aus der Ferne kommen, und der Hcrrnhutische Gottesacker mit seinen Abend-Klängen lag vor ihm in ferner Abendröthe. Als er das Auge trocken und hell machte: fiel es auf die glühenden Streifen, welche die sinkende Sonne in die Bogen der Saalfcnster zog; — und cs war ihm, als seh'er die Sonne auf fernen Gebirgen stehen — und das alte Heimweh in der Menschcnbrust vernahm von vaterländischen Alpen ein altes Tönen und Rufen und weinend flog der Mensch durch heiteres Blau den duftenden Gebirgen zn und flog immer und erreichte die Gebirge nie — — O ihr unbefleckten Töne, wie so heilig ist euere Freude und euer Schmerz! Denn ihr frohlockt und wehklagt nicht über irgend eine Begebenheit, sondern über das Leben und Schn und eurer Thränen ist nur die Ewigkeit würdig, deren Tantalus der Mensch ist. Wie könntet ihr denn, ihr Reinen, im Menschenbusen, den so lange die erdige Welt besetzte, euch eine heilige Stätte bereiten, oder sie reinigen vom irdischen Leben, wäret ihr nicht früher in uns als der treulose Schall des Lebens und würde uns euer Himmel nicht angeboren vor der Erde? Wie ein geistiges Blendwerk verschwand jetzt das Adagio, das rohe Klatschen wurde der Lcitton zum Presto. Aber für den Notar wurde dieses nur zu einer wildern Fortsetzung des Adagios, das sich selber löset, nicht zu einer englischen Farce hinter dem englischen Trauerspiel. Noch sah er Wina nicht; sie konnte cs vielleicht im langen himmelblauen Kleide sehn, das neben dem ihm zugewaudten Rücken saß, der nach den Kopffcdern und nach der nahen Stimme zu schließen — die in Einem fort, unter der Musik, die Musik laut pries — 229 Raphaelen zukam; aber wer wußt' es? Gottwalt sah bei solcher Mehrheit schöner Welten unter dem Prcstissimo an dem weiblichen Sterncnkcgel hinaus und hinab, und drückte mit seinen Augen die meisten ans Herz, vorzüglich die schwarzen Habite, dann die weißen, dann die sonstigen. Unglaublich steigerte die Musik seine Zuneigung zu unverheiratheten, er hörte die Huldignngsmünzcn klingen, die er unter die Lieben warf. „Könnt' ich doch dich, gute Blasse — dacht' er ohne Scheu — mit Freudenthränen und Himmel schmücken. Mit dir aber, du Roscnglut, möcht' ich tanzen nach diesem Presto — Und du, blaues Auge, solltest, wenn ich könnte, auf der Stelle vor Wonne überfließen und du müßtest aus den Weißen Rosen der Schwermut!) Honig schöpfen — Dich, Milde, möcht' ich vor den Hesperus stellen, und vor den Mond, und dann wollt' ich dich rühren durch mich oder durch sonst wen — Und ihr kleinen helläugigen Spieldinger von 14, 15 Jahren, ein paar Tanzsäle voll Kleidcrschränke möcht' ich euch schenken — O ihr sanften, sanften Mädchen, war' ich ein wenig das Geschick, wie wollt' ich euch lieben und laben! Und wie kann die grobe Zeit solche süße Wangen und Aeuglein einst peinigen, naß und alt machen, und halb auslöschcn?"- Diesen Text legte Walt dem Prcstissimo unter. Da er schon seit Jahren herzlich gewünscht, in einem schönen weiblichen Auge von. Stand und Kleidung einer Thräne ansichtig zu werden-weil er sich ein schöneres Wasser in diesen harten Demanten, einen goldnern Regen oder schönere Ver größcrungs linsen des Herzens nie zu denken vermocht: — sso sah er nach diesen fallenden Licht- und Himmelskügelchen, diesen Augen der Augen, unter den 230 * Mädchen-Bänken umher; er fand aber — weil Mädchen schwer im Putze weinen — nichts als die ansgehangencn Wein- zeichen, die Tücher. Jndcß für den Notar war ein Schnupftuch schon eine Zähre und er ganz zufrieden. Endlich fingen die in allen Konzerten eingeführtcn Hör- Fcricn an, die Sprech-Minuten, in denen man erst weiß, daß man in einem Konzert ist, weil man doch seinen Schritt thnn und sein Wort sagen und Herzen und Gefrornes auf der Zunge schmelzen kann. Wer Henker, sagt Vult sehr gut in einem Extrablatt seines Hoppelpoppels oder das Herz, überschricben Vox Iiumaua — Konzert „Wer Henker wollte Ton- wie Dicht-Kunst lang' aus- halten ohne das Haltbare, das nachhält? Beider Schönheiten sind die herrlichsten Blumen, aber doch aus einem Schinken, den man anbeißen will. Kunst und Manna — sonst Speisen — sind jetzt Abführungsmittel, wenn man sich durch Lust und Last verdorben. Ein Konzertsaal ist seiner Bestimmung nach ein Sprachzimmer; für den leisen Ton der Feindin und Freundin, nicht für den lauten der Instrumente, hat das Weib das Ohr; wie ähnlicher Weise nicht für Wohlgeruch, sondern nur für Geruch feindlicher und bekannter Menschen nach Bech- stcin die Nase der Hund hat. Bei Gott, man will doch etwas sagen im Saal, wenn nicht etwas tanzen. (Denn in kleinen Städtchen ist ein Konzert ein Ball, und keine Musik ohne Sphärentanz himmlischer Körper.) Dahero sollte das Pfeifen und Geigen mehr Nebensache sehn, und wie das Klingeln der Mühle nur eintrctcn, wenn zwei Steine oder Köpfe nichts mehr klein zu machen haben. Aber gerade umge- 231 kehrt dehnen — muß ich klagen, so gern ich auch allerdings einige Musik in jedem Konzerte verstatte, wie Glocken und Kirchenmusik vorher, eh' Kanzeln bestiegen werden — sich die Spielzeiten weit über die Sprechzeiten hinaus, und mancher sitzt da und wird taub und darauf stumm, indcß es doch durch nichts leichter wäre als durch Musiziren, Menschen, so wie Kanarienvögel, zum Sprechen zu reizen, wie sie daher nie länger und lauter reden, als unter Tafelmusiken. — Nimmt man vollends die Sache ans der wichtigen! Seite, wo cs daraus ankommt, daß Menschen im Konzert etwas genießen, cs sei Bier oder Thec oder Kuchen: so muß man, wenn man erfährt, daß das Musiziren länger dauert als das Trinken, gleichsam das Blasen zur Hostafel länger als die Tafel selber, oder das Mühlcn-Gcklingcl länger als das Zähne-Mahlen"— -und so weiter; denn der Hoppelpoppel gehört in sein eignes Buch und nicht in dieses. Jetzt da sich die ganze neue Welt und Hemisphäre der Schönheiten verdrehte und anfstclltc, mußte Wina zu finden scyn. Raphaela stand schon herwärts gekehrt, aber die himmelblaue Nachbarin saß noch vor ihr. Der Notar erkundigte sich zuletzt geradezu bei Pasvogcln nach ihr. „Die, versetzte der Hofbuchhändler, neben der ältern VIIs Neupcter — in Himmelblau mit Silber — mit den Perlenschnuren im Haar — sie war bei Hof — Jetzt steht sie aus — sic wendet sich wahrlich um. — Aber gibt's denn schwärzere Augen und ein ovaleres Gesicht — ob ich gleich sehr wohl weiß, daß sie nicht regelmäßig schön ist, z. B. scharfe Nase und die ausgeschweifte Schlangenlinie des entschiedenen Mundes, aber sonst, Himmel!" Als Walt die Jungfrau erblickte, sagte die Gewalt über 232 der Erde: „fie sei seine erste und seine letzte Liebe, leid' er, wie er will." Der Arme fühlte den Stich der fliegenden Schlange, des Amors, und schauerte, brannte, zitterte, und das vergiftete Herz schwoll. Es fiel ihm nicht ein, daß sie schön sei oder von Stand, oder die Aurikeln-Braut der Kindheit, oder die des Grafen; cs war ihm nur, als sei die geliebte ewige Göttin, die sich bisher fest in sein Herz zu ihm eingeschlosscn und die seinem Geiste Seligkeit und Heiligkeit und Schönheit gegeben, als sei diese jetzt aus seiner Brust durch Wunden hcrausgctretcn und stehe jetzt, wie der Himmel außer ihm, weit von ihm (o! alles ist Ferne, jede Nähe) und blühe glänzend, überirdisch vor dem einsamen wunden Geiste, den sie verlassen hat, und der sie nicht entbehren kann. Jetzt kam Wina an der angeklammerten Raphaela, die ans eitler Vertraulichkeit sich neben ihr unter die Menge drängen wollte, den Weg zu Walten daher. Als sic ganz dicht vor ihm vorbei ging, und er das gesenkte schwarze Zauber- Auge nahe sah, das nur Jüdinnen so schön haben, aber nicht so still, ein sanft strömender Mond, kein zückender Stern, und worüber noch verschämte Liebe das Angcnlied als eine Amors- Binde halb hereingezogen: so trat Walt unwillkürlich zurück und ein körperlicher Schmerz drückte in seinem Herzen, als werd' es überfüllt. Da aus der Erde alles so erbärmlich langsam geht, sie selber ausgenommen, und da sogar der Himmel seine Rheinfälle in hundert kleine Regenschauer zersetzt: so ist ein Mensch wie Walt ein Seliger, dem statt der von hundert Altären ausfliegenden Phönix-Asche der Liebe und Schönheit ganz plötzlich der ausgespannte goldne Vogel sarbcglühend am Gesicht vorübcrstreicht. Den Zeitungsschreiber, den Plötzlich Bo- 233 napartc, dm kritischen Magister, den plötzlich Kant anspräche, würde der Schlag des Glücks nicht stärker rühren. Die Menge verhüllte Wina bald, so wie den Weg aus der serncn Seite, den sic an ihre alte Stelle zurück genommen. Walt sah sie da wieder mit dem himmelblauen Kleide; und er schalt sich, daß er vom verschwundenen Gesicht nichts behalten als die Augen voll Traum und voll Güte. Aber beides allein war ihm ein geistiges All. Das männliche Geschlecht will den Stern der Liebe, gerade wie die Venus am Himmel, anfangs als träumerischen Hespcrus oder Abcndstcrn finden, der die Welt der Träume und Dämmerungen voll Blüten und Nachtigallen ansagt, — später hingegen als den Morgenstern, der die Helle und Kraft des Tags verkündiget; und es ist zu vereinigen, da beide Sterne Einer sind, nur durch die Zeit der Erscheinung verschieden. Obgleich Walt die anderen Mädchen jetzt in sein Auge Anlassen mußte, so warf er doch ein mildes auf sie; alle wurden Wina's Schwestern oder Stiefschwestern, und diese unter- gegangcne Sonne bekleidete jede Luna — jede Zeres — Pallas — Venus mit lieblichem Licht, desgleichen andere Menschen, nämlich die männlichen, den Mars, den Jupiter, den Merkur — und sehr den Saturn mit zwei Ringen, den Grasen. Dieser war Walten plötzlich näher gezogen — als sei der Freundschafts-Bund schon mündlich beschworen; — aber Wina ihm ferner entrückt — als stehe die Braut zur Freundin zu hoch. Ihren Brief ihr zu übergeben, dazu waren ihm jetzt Kraft und Recht entgangen, weil er bester überdacht, daß eine bloße Unterschrift des weiblichen Taufnamens nicht berechtigte. 234 eine Jungfrau für die Korrespondentin eines Jünglings durch Zurückgabe bestimmt zu erklären. Die Musik fing wieder an. Wenn Töne schon ein ruhendes Herz erschüttern, wie weit mehr ein tief bewegtes! Als der volle Baum der Harmonie mit allen Zweigen über ihm rauschte: so stieg daraus ein neuer seltsamer Geist zu ihm herab, der weiter nichts zu ihm sagte als: weine! — Und er gehorchte, ohne zu wissen wem — es war, als wenn sein Himmel sich von einem drückenden Gcwölke Plötzlich abregnete, daß dann das Leben luftig-leicht, himmelblau und sonnenglänzend und heiß da stände wie ein Tag — die Töne bekamen Stimmen und Gesichte — diese Götterkindcr mußten Wina die süßesten Namen geben — sie mußten die geschmückte Braut im Kriegsschiff des Lebens ans Ufer einer Schäfcrwelt führen und wehen — hier mußte sie ihr Geliebter, Walts Freund, empfangen unter fremden Hirtenliedern und ihr rund umher bis an den Horizont die griechischen Haine, die Sen- ncnhütten, die Villen zeigen und die Steige dahin voll wacher und schlafender Blumen — Er nöthigte jetzt Cherube von Tönen, die aus Flammen flogen, Morgenröthc und Blütenstaub- Wolken zu bringen, und damit Wina's ersten Kuß dämmernd einzuschlcicrn und dann weit davon zu fliegen, um den stummen Himmel des ersten Kusses nur leise auszusprechcn. Auf einmal als unter diesen harmonischen Träumen der Bruder lange aus zwei hohen Tönen schwebte und zitterte, die den Seufzer suchen und saugen: so wünschte Gottwalt mit- zittcrnd, am Traum des fremden Glücks zu sterben. Da empfing der Bruder ein mißtöniges rauhes Lob; aber Walten war bei seiner heftigen Bewegung die äußere gar nicht zuwider. 235 Es war alles vorbei. Er strebte — und nicht ohne Glück — am nächsten hinter Wina zu gehen; nicht um etwa ihr Gewand zu bestreifen, sondern um sich in gewisser Ferne von ihr zu halten, mithin jeden andern auch und so als eine nach- rückcnde Mauer von ihr das Gedränge abzuwehren. Doch drückte er unter dem Nachgange sehr innig ihre Hand im — Brief an Klothar. Zn Hause setzt' er im Feuer, das fortbrannte, diesen Streckvcrs aus: Die Unwissende. Wie die Erde die weichen Blumen vor die Sonne trägt und ihre harten Wurzeln in ihre Brust verschlicß't — wie die Sonne den Mond bestralt, aber niemals seinen zarten Schein auf der Erde erblickt — wie die Sterne die Frühlingsnacht mit Thau begießen, aber früh hinunterziehcn, eh' er morgen- sonnig entbrennt: so du, du Unwissende, so trägst und gibst du die Blumen und den Schimmer und den Thau, aber du sieh'st es nicht. Nur dich glaubst du zu erfreuen, wenn du die Welt erquickst. O fliege zu ihr, du Glücklichster, den sie liebt, und sag' es ihr, daß du der Glücklichste bist, aber nur durch sie; und glaubt sie nicht, so zeig' ihr andere Menschen, der Unwissenden. Beim letzten Worte stürmte Vult ohne Binde ungewöhnlich lustig herein. No. L6. Ein feiner Pektunkulus und Turbinite. Das zertirende Konzert. „Ich sehe!" — rief der Flötenspieler mit einer Lustigkeit, worein sich Walt nicht schnell genug hinübcrschaffen konnte. Er bat ihn, nur erst seine Augen-Kur anznhören; und dann zu sprechen, wovon er wolle. Walt war cs am meisten zufrieden. „ Es wird dir nicht bekannt seyn — fing Vult an — daß heute des Kapellmeisters Wiegenfest war; ob dir gleich ans dem guten Spiel aller Konzertisten bekannt werden konnte, daß sie sich noch früher als den Zuhörer berauschet. Die Konzertisten sind von Hunden, die vom Herrn nur kleine Stücke, aber aus Furcht nie große annehmen, das Wider- spicl — Der Wein des Kapellmeisters war ihr Antihypochon- driakus geworden und sie hatten so viele Brunnenbelustigungen an diesem Wahrheitsbrunnen getrieben, daß der Violoncellist seine Baßgeige für einen Himmel ansah; und die andern umgekehrt. Nun glomm ein schwacher Funke zum nachherigen Kriegsfcucr schon unter dem Essen durch das einzige Wort an, daß ein Deutscher von einem deutschen großen Dreiklang sprach, worin Haydn, sagt' er, den Aeschylus, Gluck den Sophokles, Mozart den Euripides vorstclle. Ein anderer sagte, von Gluck gcb' er's zu, aber Mozart sei der Shakspcare. Jetzt mengten sich die Italien darein, zu Ehren des Kapellmeisters, und sagten, in Neapel geige man dem Mozart was. In der kurzen Zeit, wo ich mir die Kasse in die Hand legen lasse — 60 Thaler Hab' ich übrig und hier hast du deine 10 — brach der Krieg wider die Ungläubigen in völlige Flammen aus, und als ich hinsah, fochten beide Nazionen schon auf Hieb und Stoß. Der Baßgeiger, ein Welscher, mochte zuerst mit seinem Fidelbogen den Ellenbogen des Flötabec-Pfeifers im Feuer angestrichen, oder vielleicht auch auf solchen, wie auf eine Baß-Saite, pi^Äcnto geschlagen haben — um wol Harmonie der Meinungen vorzulocken: — kurz, als ich's sah, hatt' der Pfeifer den Bogen von ihm entlehnt und an ihm solchen — das eigne Instrument sollte ganz bleiben — bald wie einen Stechheber, bald wie eine Streichnadcl versucht. Behend kehrte aber der Geiger den Baß um und rannte damit — er hielt ihn am Geigenhals — wie mit einem Mauerbock auf cn Pfeifer los, wahrscheinlich um ihn umzurennen, der Flute — a — bec eist lag denn auch nieder, nahm sich aber aus dem Boden erst der Nazion hitzig an, und fuhr dem Feinde mit der bllüte L bao ins Gesicht und Maul, um ihn vielleicht so mit dem Schnabel der Flöte mehr an sich zu ziehen am eignen. Der erste Violinist und der zweite fochten eine kurze Zeit mit Pariser Bogen, nähmen aber bald die Geigen bei den Wirbeln als Streitkolben, als Fäustel in die rechte Hand, um entweder Deutsch- oder Welschland hinauf zu bringen; das Resoniren der Geigcnbäuchc sollte ein Raisonnircn der Köpfe verstellen, aber cs war wol mehr Wort- als Ton-Spiel. Du weißt, H. Huschen zu Frankfurt am Main hebt einen kostbaren Büschel Haare von. Albrecht Dürer aus*); ein ') Meusels neue Miszell. art. Inhalts. 10. Stück. 238 Amateur hielt ein Paar ähnliche herrliche Reliquien mit beiden Händen in die Höhe, in der einen die Perücke, die er einem Sänger ausgerauft, in der andern das natürliche Haar, was er darunter angetroffcn. Um den liegenden Schnabelpfeifer häufte sich das Hand- Gemenge dichter; der Violoncellist suchte den Baß von weitem tief in ihn zu drücken, näherte sich aber dadurch dem heftigen Flötabck, womit sich der Deutsche wie mit einem Kopulir- reis, mit einer Fall- und Eselsbrücke an den Welschen anzu- schlicßcn strebte. Den stehenden Sieger griff von hinten mit einem faulen Trommclbaß ein deutscher Zugtrompeter an — zur Schande der Deutschen, — den aber wieder ein welscher Bassethornist von hinten angriff — zur Schande der Welschen; — woraus sich der Deutsche gegen den Welschen umkehrtc, so daß nun beide in kurzem so glücklich waren, einander den Bruch, den sie sich sonst bliesen, jetzt — um einen Bruch der Nazioncn zu heilen — mit den Instrumenten zu stoßen, wenn ich recht sah. Ein feiger Stadtpfeifer griff in die Tasche und zog Mit- tclstücke heraus, die er als Feldstücke von ferne ans die besten Köpfe warf, worauf ihm der Hosballetmeister mit dem Ser-, pcnt, den er sonst bläset, zu Ohren kam. O Zwillingsbruder! wie wünscht' ich sämmtlichen Spitzbuben zu ihrem Mord und Todtschlag Glück! —- Nur ein Virtuose, der den Gyges-Ring scheinbarer Blindheit anhat, kann sehen, wie ihn Orchester auslachen und auskeltern vom Kapclldiener an bis zum Kapellmeister, und wie sic, wenn er sie mühsam zum Spielen gewonnen und gcpresset, wieder ihrerseits von ihm gewinnen und pressen. Meine einzige Angst unter dem Waffcntanz war, man möge mein Lachen und Sehen sehen; ich kratzte mir daher in Einem fort als Deckmantel das Kinn. „Ich glaube wahrlich gar" fing der blinde Hofpaukcr neben mir an. „Freilich, freilich, mein Pauker, versetzt' ich. Und zwar sehr wird meines Wissens und Hörens zugeprügelt — es soll ciue schöne cki88ert->ti»neuln pro loco zweier friedlichen guten Nazionen verstellen, wenn nicht eine Sonnte n hunrnnte innins — Aber Himmel, warum schenkte das Glück zu solchem reichen Ein- und Vielklang, zu solcher musikalischen Exekuzion und Stangenharmonie nicht noch mehr Gewehr — Stangeuharmonikas — Posthörner — Schultcrviolen — meinen Bogen nähm'ich gern" sagte Walt, weil es ihm so wohl gethan, darauf zu schreiben: ich Jonathan von Klothar. — „H. Graf, sagte Knol, der Bogen gehört wol uns 7 Erben, schon wegen der Rasur;" und wollt' ihn nehmen. „Sie sei ja cingcstanden, o Gott!" sagte Walt erzürnt und behauptete den Bogen — ein zorniger Tropfe und Blick entbrannt' in seinen blauen Augen — diesen zu entschuldigen, drückt' er eilig Klothars Hand und floh davon, um sich zu trösten und andern zu vergeben. „Ach, dacht' er unterwegs, wie weit ist's von einem ähnlichen Herzen zum andern! Ucber welche Menschen, Kleider, Ordcnssterne, Tage geht nicht der Weg! Jonathan! ich will dich lieben, ohne geliebt zu werden, wie ich deine Wina liebte; es ist mir vielleicht möglich; aber ich wünschte doch dein Portrait." No. 30. Mißpickel aus Sachsen Gespräch über den Adel. Der Notar verlor jeden Tag seinen Bruder einmal. Er konnte dessen Verschwinden nicht fassen; die Sonncnfinsterniß des Schmollgeistes war ihm eine unsichtbare. Bald hielt er ihn für ersoffen— bald für verreiset — bald für entlausen — bald für beglückt durch ein seltenes Abenteuer. Er suchte den zweimal besiegelten Brief mit der Unsichtbarkeit zu kombini- ren und rechnete einige Hoffnung heraus. Immer macht' er die Betrachtung, wie wenig auch die besten Gewinn- und Verlust-Rechnungen von der Zukunft in der dunkeln Nechen- kammer, die uns verhangen ist, bestätigt werden! Welche freudige glänzende Bilder hatt' er sich nicht schon weit in seine Zukunft hineingestcllt, welche Bilder davon, wie er mit seinem Bruder in täglicher Auswechselung wachsender Empfindungen und Ideen und Bekanntschaften leben und mit wenigen Freimäucrer - Zeichen der Verwandtschaft den Grafen in den feurigen Bund hinein ziehen werde, indeß aus allen nichts wurde, als die gedachte Betrachtung! — Aber schon bei dem peloponnesischen Kriege — und überhaupt in der Geschichte der Völker sowol als seines Lebens —- hatt' er zuerst bemerkt, daß in der Geschichte — was sie einem alles motivirenden Dichter der Einheit ordentlich zum Ekel macht — so unendlich wenig Systematisches in Leid oder Freude vorfalle, und daß man eben darum bei der falschen Voraussetzung einer trüben oder lichten Konsequenz seine oder fremde Zukunft so schlecht errathe; denn überall werden im histori- scheu Bildersaal der Welt aus den größten Wolken kleine, aus den kleinsten große — um die größten Sterne des Lebens ziehen sich dunkle Höfe — und nur der verhüllte Gott kann aus dem Spiel des Lebens und der Geschichte einen Ernst erschaffen. Die Botenfrau aus Eltcrlcin brachte Walten folgendes Briefchen vom Bruder: „Morgen Abends komm' ich, geh mir entgegen. Eben schneidet Deine Mutter einer Bettlerin Brod vor; denn ich bin in Elterlein im Wirthshaus. Ich habe seitdem in einigen bedeutenden Marktflecken geblasen für Geld; es wachsen freilich mehr Gräser als Blumen, doch heben jene diese, ich rede von Menschen. Es wird Dir anvertraut, daß ich vor meiner Abreise aus Haslau so verstimmt war, wie eine Wind-Harfe oder wie die Glocke einer Brockenkuh. Ich weiß nicht, wovon; ich wollt' aber, ein bedeutender Freund, oder gar Du hättest meine Saiten so durch einander geschraubt, kurz einer von Euch beiden hätte mich ein wenig beleidigt und meinen Schmollgeist zitirt. Ich würde mich — das hätte mich wieder ausgestimmt ohne Verlust von 32 Saiten oder Zähnen — mit ihm tüchtig Überwerfen haben; ich hätte häßlich gedonnert, gehagelt, gewettert; das macht, wie gesagt, gutes Blut. Denn nichts ist schädlicher, Notarius, sowol in Ehen als Freundschaften feiner Seelen, als ein langer unausgelöseter Verhalt aus einem Mißton bei einem wechselseitigen fortwährenden Zusammenstimmen in allen zartesten Pflichten, so daß die Narren sich abstoßen, ohne sonst zu verstoßen; da doch solche Seelen in jeder bedeutenden Spaltung auf nichts so eifrig denken sollten, als sie bis zum rechten Zanke zu treiben. worauf sich Versöhnen von selber cinstellte. Der Braunstein liefert bei mäßiger Erhitzung Stickgas; aber zwing' ihn zum Glühen, so haucht er ja Lebenslust. Aus der Knallbüchse fliegt der Pfropf nicht anders heraus, als durch einen zweiten. Zum Glück können wir beide jeden Hader entrathcn, sogar den stärksten. Doch zurück zu kommen — ich bekam bald Luft, sobald ich nur im Freien war und ritt und blies und schrieb. Erträgliche Sachen und Schwanzstcrne setzt' ich für unfern Hoppelpoppel oder das Herz thcils auf dem Sattel auf, theils sonst. Wahrlich ich wurde Dir ganz gut; deswegen, glaub' ich, könnt' ich's ordentlich nicht lasten, sondern mußte nach Elterlein. Ich dachte: „Dein Freund ist doch da so gewiß ans Licht gekommen, und seiner desgleichen," und was mau so sagt, wenn man denkt. Ein laug verschobenes Werk könnt' ich da verrichten. Da ich, wie ich Dir öfters gesagt, dem entlaufenen jungen Harnisch Vult mit seiner Flöte mehrmals aufgestoßen: so könnt' ich dem alten Schulzen schöne Nachrichten und Briefe vom Wildsaug geben. Ich ließ den Vater ins Wirthshaus kommen. „Der und der Edelmann sei ich (sagt' ich dem staunenden Manne), und sein Sohn sei mein Intimer — er befinde sich wohl auf dem Postwagen, wo man ihn außer den Konzertsälen zu suchen habe — es geh' ihm so gut wie mir selber — er würd' ihn nicht kennen, stand' er vor ihm da, so schön verändert sei er, schon mit der volljährigen Stimme, deren Diskantschlüstel der Bart dadurch abgcdreht worden, daß er selber einen Bart bekommen — und er lass' ihn grüßen." — Er versetzte, cs freue ihn über die Maßen, daß ein solcher braver Herr wie ich gut aus seinen Halunken von Sohn zu sprechen sei, und es widerfahre ihm und dem Flegel eine wahre 265 Ehre. Ich warf noch einiges ein zur Entschuldigung des guten abwesenden Menschen und reicht' ihm zum Behalten den bewußten Brief desselben aus Baireuth an mich, worin er, einige musikalische Klagen über die dasigen Ohren ausgenommen, fast blos von seiner geliebten Mutter spricht. „Auch dessen Herrn Bruder, jetzigen Notar, kenn' ich sehr wohl" fügt' ich bei und schlug vor seiner Nase einen schwachen Riß von Deinen Höhen und Tiefen aus: „mehr nicht als 32 Beete hat der admirable Mann sich mit dem Stimm-Hammer weg- (nicht zu-) geschlagen, und die Stadt hält es bei so vielen Saiten, die er unter sich hatte, mehr für ein Wunder als für einen Bock" sagt' ich, um ihn für Deine künftige Nachricht davon auszurüsten mit dem lindesten Herzen von der Welt. Es wollte ihm aber schwer ein, das Herz; und er schimpfte auf Deinen Kopf. „Er erlebe wenig Freude an seinen Söhnen — beschloß er — und der Teufel könne die Spitzbuben holen, wenn er wolle." Ich schickte den Bauer ganz kurz und hochtönig fort, da er zu vergessen anfing, daß seine Zwillinge meine Achtung in einigem Grade besäßen. Abends — als ich aus der schönsten Höhe des Zablocki- schen Gartens lag, und für uns eine Satire über den Adel entwarf und dabei der untcrgehenden Sonne ins große Engels- Auge sah, die ein lumpiges Dörfchen eben so gut als ihren Hos von Welten anschauet, und als über mir aus den leichten rothen Wölkchen manche Bilder des Lebens dahin schifften, da erklang plötzlich eine köstliche kunstgerechte Singstimme, die mich aus allen Satiren, Träumen, untcrgehenden Sonnen wcgjagte ins Ohr hinein, in dessen Labyrinth, wie im ägyptischen, Götter begraben liegen. Die Generals-Tochter sang; sie hatte, wie vornehme Mädchen aus ihren Rittergütern pfle- gen, der Sonne und der Einsamkeit — denn horchende Bauern sind nur stille Blumen und Vögel in einem Hain — ein ganzes leidendes Herz mit Tönen auseinander gcthan. Sie weinte sogar, aber saust; und da sie sich allein glaubte, trocknete sie die Tropfen nicht ab. Sollte der edle Klothar, dacht' ich, seine Braut in dunkle Farben kleiden, weil sie eine tsills llns geben? — Das schwerlich! Endlich sah sie mich, aber ohne zu erschrecken, weil der blinde Konzertist, wofür sie mich noch halten mußte, ja ihr nasses Auge und Angesicht nicht kennen konnte. Sie, die Unwissende, sah sich nach meinem Führer um-, indeß sie leise ihr Busenlied ertönen ließ. Bekümmert um den hülflosen Blinden, ging sie langsam ans mich zu, begann ein fremdes frohes Lied, um sich mir unter Singen so zu nähern, daß ich nicht zusammen führe, wenn man mich plötzlich anredcte. Ganz nahe an mir unter den heitersten Tönen floß ihr Auge heftig über aus Mitleid, und sie könnt' cs nicht eilig genug lichten, weil sie mich anschaucn wollte. Wahrlich ein gutes Geschöpf, und ich wollt', es wäre keine Braut oder eine Frau! — Wie ein Roscnblatt blühten, zumal vor der Abendsonne, alle ihre wohlwollenden Gefühle auf dem kindlichen Gesicht; und bedenk' ich die zarten schwarzen Bogen der schönsten schwarzen Augen, so hatt' ich Augenlust und Augenbraunenlust zugleich und genug. Aber wie kann ein Mann zu einer Schönheit sagen: heirathe mich 'meines Orts, da ja durch die Ehe, wie durch Eva, das ganze Paradies mit allen 4 Flüssen verloren geht, ausgenommen den Paradiesvogel daraus, der schlafend fliegt. Eine schöne Stimme aber zu ehelichen durch Ehepakten — das ist Vernunft; außerdem, daß sie, wie die Singvögel, immer wieder zurückkehrt — das 267 Gesicht aber nicht — so hat sie den Vorzug vor diesem, daß sie nicht den ganzen Tag da sicht, sondern manchmal. — Kenn' ich denn nicht mehr als einen abgeschabten Ehemann — gelb geworden gerade dadurch, wodurch gelbes Elfenbein weiß wird, durch langes Tragen an warmer Brust — der sogleich die Farben änderte, wenn die Frau sang, ich meine, wenn das welsche Lüftchen aus warmer alter Vergangenheit närrisch und thauend das Polar-Eis seiner Ehe anwehte? — Fast als schäme sich Wina, neben einem Blinden allein zu sehen, gab sie wenig aus die Himmelfahrt der Sonne Acht. Sie hörte auf zu singen, sagte ohne Umstände, wer vor mir stehe, und fragte, wer mich gesühret habe. Ich konnte sie unmöglich mit dem Geständniß guter Augen beschämen, doch versetzt' ich, cs habe sich um vieles gebessert, ich sähe die Sonne gut und nur Nachts steh' es mit dem Sehen schlecht. Um einen Handlanger meiner Augen zu erwarten, fing sie ein langes Lob meiner Flöte an, der man in größter Nähe, sagte sie, nicht den Athem anhöre, und erhob die Töne überhaupt als die zweiten Himmels-Sterne des Lebens. „Wie hält aber das Gefühl die immerwährenden Rührungen der Flöte aus, da sie doch sehr der Harmonika gleicht?" fragte sie. Wer so gut sänge, sagte ich, als sie, würde am besten wissen, daß die Kunst sich vom persönlichen Antheil rein halten lerne. Soviel hätt'ich sagen sollen, nur nicht mehr; aber sch kann das nie: „ein Virtuose, fügt' ich bei, muß im Stande sehn, während er außen pfeift, innen Brezeln seil zu halten, ungleich den Brezel-Jungen, die beides von außen thun. Rührung kann wol aus Bewegungen entstehen, aber nicht Kunst, wie bewegte Milch Butter gibt, aber nur stehende Käse." Sie schwieg sehr betroffen, als wäre sie Du — nahm 268 einige Dornenreiscr weg, die mich Dornenstrauch stechen konnten — und sie dauerte mich halb, zumal als ich sehr ihrem zu häufigen Augenlieder-Nicken zusah, das ihr lieblich lasset, ohne daß ich recht weiß warum. Sie sagte, sie gehe, um mir aus dem Schlosse einen Führer zu holen, und ging fort. Ich stand ans und sagte, es brauch' cs nicht. Da sic mich forttappen sah, kehrte sie lieber um und befahl mir zu warten; sie wolle mir bis ins Wirths- haus vorausgehen und jeden Anstoß und Eckstein melden. Die Freundliche that's wahrhaftig und ging mit dem ewig nach mir umgebogncn Halse, bis sie einem jungen Lchnbaucr hinter seinem Pfluge begegnete, dem sie ein Stück Geld und die Bitte gab, mit dem blinden Herrn vor das Wirthshaus zu fahren. Sie sagte liebreich gute Nacht, und die langhaarigen Augenlicdcr nickten zu schnellcnmalen über den großen Augen. Der Satan hole — vergib aber, Notarius, den Fluch — den Grafen von Klothar, wenn er einer so gutmnthigcn Weibcr- seelc nur die dünneste, leichteste Zähre ans den schönen bräutlichen Augen preßte, dem armen Kinde, das das einzige ist, dem ich noch die freie Reichs-Ritterschaft gegönnt. Denn mit wie viel Gall' und Grimm ich in jedes Adels-Dorf cintrete, worin — wenn bei den Römern ein ganzes Volk für das Geißeln Eines Menschen votircn mußte >— umgekehrt nur Ein stimmender Mensch zum Prügeln eines Volks erfordert wird, das kennst Du; aber in Wina's Elterlein dacht' ich ganz sanft. Wie überall, besonders im Brautstand gegen den Ehestand: so halten die Menschen, wie in der Musik, den Vorschlag länger und stärker als die Hauptnote; und Klothar konnte doch schon im Vorschlag fehlen? — 269 Einen schwachen Strcckvcrs in Deiner Manier fertigte ich im Wirthshans auf Sie: Bist du Philomelc? Nein; denn du hast zwar ihre Stimme; aber du bist unvergleichlich schön! So wirst Du schon früher nachgeahmet als gedruckt. — Nachher, nach dem Speisen zog ich im Dorf herum. Ich dachte an einen Dir bekannten ersten und zweiten Abend so sehr, daß mir vorkam — schreib' es auf Rechnung einer und der andern Liebe — als sei manches von der Vergangenheit nachher vergangen. Eiligst, wenn Du diesen Brief erhältst, was genau Nachmittags gegen 3 Uhr sehn muß, weil ich's bei der Botenfrau auf diese Weise und Stunde bestellt habe — läufst Du mir entgegen. — Bei Gott, ich denke oft an vieles. — Und was ist denn das Leben als der ewige Li-cke- vaut? — Werden denn nicht die reinsten Trommeten der Lust krumm gebogen und mit Wasser gefüllt durch bloßes Blasen? — Muß man denn nicht die längsten Himmelsleitern, die freilich kürzer sind als die Höllenlcitern — blos damit sie stehen, unten aus Dreck aussetzen, ob man sie gleich oben an Sternbilder und Polarsterne anlegt? Ganz verdrießlich macht mich dergleichen, sonst nichts. Inzwischen sch' ich sehr auf Antwort, auf mündliche nämlich, womit Du sogleich entgegen gehst dem Wirthshans zum Wirthshaus und dem Dir sehr bekannten oder was Gott will (juoclcleus etc. N. S. Walt, wir könnten Brüder sehn, ja Zwillinge! Schon der Stamm - Name verkittet uns, aber noch weit mehr!" — * * * 270 Walt nahm Flügel, aber sein Herz war schwer oder voll. Alles was je ein Ritter zu Pferde für leidende Weiber zu thun gelobte, war er zu Fuße zu leisten bereit für jede, und dann für Wina noch unzähligem«! so viel. Auf dem Wege nach dem Wirthshaus begegneten ihm Nenpetcrs Töchter an Flittcs Armen. „Vielleicht wissen Sic cs — redete ihn Raphaela an, und stimmte den Ton so schleunig um, daß man das Hinaufstimmen vernahm — da Sie beim Generale schreiben und aus Eltcrlein her find, was meine unglückliche Wina macht, ob die Theure noch dort ist?" — Vor; Schrecken könnt' er kaum auf den Beinen, geschweige auf Vults schlaffem Lügen-Seile stehen: „fie ist noch da, sagt' er, schreibt man mir eben. Ich schreibe noch nicht bei ihr. Ach warum ist sie denn unglücklich?"— „Es ist jetzt bekannt, daß ihrem Vater, dem General, ein unschuldiger Brief von ihr in die Hände gcrieth, und daß darauf ihr Bund mit dem Grafen ausgehoben wurde, o die Gute!" versetzte Raphaela und weinte etwas auf der Landstraße. Aber ihre Schwester verdammte verdrießlich blickend die Straßen-Ausstellung hoher Bekanntschaften und Thränen; und der lustige Elsässer drohte ihr aus dem warmen Gewölke oben Regen und schwemmte fie damit davon. Raphaela hatte Walts verliebte Blicke über der Tafel nicht übersehen mit ihren gerührten; zur Liebe gehören ohnehin wie zur Gährung — sie ist ja selber eine — zwei Bedingungen, Wärme und Nässe; und mit letzterer begann Raphaela gern. Es gibt weibliche Wesen — sie darf sich darunter rechnen — die nichts so gern haben als Mitleidcn mit fremden Leiden, besonders mit weiblichen. Sie wünschen sich ordentlich recht viel mitzulciden, und suchen Freundinnen 271 gerade in der Noth am liebsten, ja sie wecken durch Mittheilen fremde Seelen zu gleicher Theilnahmc und finden wahren Genuß in fremden Thränen — denn so viel vermag die Tugend durch Uebung — so wie etwa der Zaun-König nie lustiger springt und singt als vor Ncgenwctter. Mendelssohn, der das Mitleid unter die vermischten Empfindungen bringt, hält eben darum reine für weniger schmackhaft. Nur den Notar traf die bittere Ausnahme, daß ihn das Doppel-Unglück des Paares glühend durchstach und durchgrub — ob ihn gleich ein guter Engel nicht auf den Argwohn fallen ließ, ob nicht sein an den Vater übergebener Brief das Scheidungsdckret geworden; — indeß setzt' er sich mehr an Klothars als an Wina's Stelle und stieg in die Brust des Jünglings hinein, um von dort aus recht um die blühende Braut zu trauern, und in Klothars Namen an nichts zu denken als an das geliebte Mädchen. Er kam traurig im Wirthshaus zum Wirthshaus au. Vult war noch nicht da. Die kurze Zeit hatte schon manches wieder mit ihrer Sichel abgemäht — erstlich vom blühenden Herrnhutischcn Gottesacker daS Grummet — zweitens am Wirthshaus ein Vergißmeinnicht und Jelängerjelieber der Erinnerung, nämlich die ausgebrochene Abendwand, wovor er mit dem Bruder gegessen, war zugemauert. Vult kam. Mit Flamme und Rührung flogen beide einander zu. Walt bekannte, wie er geschmachtet nach Vultcn, wie er die Geschichte der Abwesenheit verlange, und wie sehr er eines Bruders bedürfe, um das Herz voll vermengter Gefühle in das verwandte zu gießen. Der Flötenspieler wollte seine Geschichte zuletzt berichten, und begehrte die fremde zuerst. Walt that's, erzählte rückwärts, erstlich Raphaelens Erzählung — aber so wie er 272 zweitens den Schenknngsakt des Grafen sammt der durch den Brief der Tochter jetzt gnt motivirten Unterbrechung, drittens die Glückssälle bei dem General berichtete und endlich mit den zusanuncngefaßten Flammen seines Sehncns nach Klothar schloß: so änderte Vult das mitgebrachte Gesicht— brach noch vor dem Wirthshaus auf — schickte den leeren Gaul durch einen außerordentlichen Schlag in Stadt und Stall voraus — und bat Walten mitzugehen, und fortzufahren und nach keinem Regen zu fragest. Er that's. Vult steckte seine Flöten-Ansätze aneinander und blies zuweilen einen lustigen Griff. Bald hielt er sein Gesicht dem warm tropfenden Abend-Himmel unter und wischte die Tropfen daraus, bald schlug er ein wenig mit der Flöte in die Luft. „Jetzt weißt du alles, mein guter Mensch, nrtheile!" sagte endlich Walt. Vult versetzte: „Bester, poetischer Fleu- und Florist! — Was soll ich urthcilcn? Verdammtes Regnen! — Der Himmel könnte auch trockncr sehn. Ich meine, was ist zu urtheilcn, wenn du mir über keinen Menschen beitrittst? Hinterher werd' ich dann ganz schamroth, daß ich als ein Mensch, der vielleicht kaum vor ein paar Stadtthore hinaus, und durch ein paar Flügelthürcn hinein gekommen — denn ich saß stets — gegen einen Welt- und Hofmann wie du, Recht behalten will, der, die Wahrheit zu sagen, überall gewesen, an allen Höfen — in allen Häfen — Glücks- und Unglückshäfen— in allen Kaffee - und Theehäusern Europens — in Iiolln-vus, in Inicle-vas — in Non-plnisir, in lon- plkimir und Son-xlaisir — und so etwas weiter herum; das war ich aber nicht, Walt!" „Verspottest du ernsthast meine arme Lage, Bruder!" 273 fragte Walt. „Ernsthaft? sagte Vnlt. Nein, wahrlich mehr- spaßhaft. Was den General anlangt, so sag' ich, daß, was dn Menschenliebe an ihm nennst, nur Anekdotenliebe ist. Schon im gelehrten Deutschland gelten keine Wasser für tiefe, als die flach breiten, vollends aber im geadelten; nur breite lange Geschichte wollte der General von dir ans Langweile, wenn er sie auch schon wußte. Freund, wir Bücher- Menschcn — so täglich, so stündlich in Konvcrsazion mit den größten belebtesten Männern aus der gedruckten Vorwelt, und zwar wieder über die größten Weltbcgebenheiten — wir stellen uns freilich den Hunds-Liimii der Großen nicht vor, die weiter nichts haben, als was sie hören und essen bei Tafel. Gott danken sie auf Knien, wenn sie irgend eine Anekdote erzählen hören, die sie schon erzählen hörten; — aber ich weiß nicht, was dn dazu sagst?" „lieber Sachen, versetzte Walt, kann man leicht die fremde Meinung borgen und glauben, aber nicht über Personen. Wenn die ganze Welt gegen dich spräche: müßt' ich wol eher ihr als mir glauben?" „Natürlich, sagte Vnlt. Was Wina anlangt, so ist's mir ganz lieb, daß sie ihre weichen Finger wieder ans den gräflichen Ringen gezogen. So weiß ich auch, daß zwischen dir und dem Grafen die Mißhcirath eurer Seelen rückgängig wird." Darüber erschrak der Notar ordentlich. Er fragte ängstlich warum? Vnlt blies einen Läufer. Er setzte dazu, daß er dem Jüngling seit dem Verluste einer solchen Jungfrau noch heftiger anhängc; und fragte wieder: „warum, lieber Bruder?" — „Weil du, versetzte dieser, nichts bist, gar nichts als ein offener geschworner Notar, der Graf aber ein Graf; Paul's auögew. Werke. XIII. lg 274 du würdest ihm auch nicht größer, wenn du dich nach alter Weise noch einen tallellio nenntest — einen xrotocollista — einen judex cllai'tularius-8erilliariu8-exeeptor.'« — „Unmöglich, versetzte Walt, ist in unsern Tagen ein philosophischer Klothar adelstolz; ich hört' ihn selber die Gleichheit und die Revoluzion loben." „Wir Bürgerliche preisen sämmtlich auch die Fall- und Wasenmeister sehr und ihren sittlichen Werth, erlesen aber doch keinen zum Schwiegervater, und führen keine waltresse des Iiautss oeuvres et des basse« oeuvres zum Tanze. — Gott, wenn soll einmal mein Jammer enden, daß ich immer von abgelegtem Adelstolze schwatzen höre? Sei so höflich, Walt, mir einige Grobheiten gegen dich zu erlauben. Bei Gott, was verstehst denn du von der Sache, vom Adel? oder die Schreiber darüber? Ich wollte, du bliebest ein wenig stehen oder kröchest in jenen Schäferkarren und horchtest mir daraus zu; ich zöge aus der Satire, die ich bei Sonnenuntergang im Zablockischen Garten gemacht, das aus, was herpaffet. Den adeligen Stolz in einen ans Ahnen oder gar in deren Verdienste zu setzen, ist ganz kindisch und dumm. Denn wer hätte denn keine Ahnen? Nur unser Herrgott, der sonach der größte Bürgerliche wäre; ein neuer Edelmann hat wenigstens bürgerliche, es müßt' ihm denn der Kaiser vier adelige rückwärts datircnd mit geschenkt haben, wovon wieder der erste geschenkte Ahn seine neuen vier Geschenkten bedürfte, und so fort. Aber ein Edelmann denkt so wenig an fremde Verdienste, daß er sich lieber von 16 adeligen Räubern, Ehebrechern und Saufauscn als ihr Enkel an einen Hof oder in ein Stift oder auf einen Landtag geleiten lässet, als von einem Schock und Vortrab ehrlicher bürgerlichen davon hinwegführen. Worauf stolzirt denn der Edelmann? Zum Henker auf Gaben; wie dn nnd ich als Genies, wie der Millionair durch Erbschaft, wie die geborne Venus, wie der geborne Herkules. Auf Rechte ist niemand stolz, sondern auf Vorrechte. Letztere, sollt' ich hoffen, hat der Adel. So lang' er ausschließend an jedem Hofe aufwartcn, tanzen, der Fürstin den Arm und die Suppe geben darf, und die Karte nehmen; — so lange die deutsche Reichs-Geschichte von Häberlin noch nie ein Paar bürgerliche Weibs-Füße am Sonntag unter einer Hof - Tafel angetroffcn und vorgezogcn (der Reichs- Anzeiger rede, wenn er kann); — so lange Armeen und Stifte nnd Staaten ihre höchsten reichsten Frucht-Zweige nie von gemeinen harten Händen pflücken lasten, die blos aus die Wurzeln Erde schaffen, und von den Wurzeln leben müssen: so lange wäre der Adel toll, wenn er nicht stolz wäre, auf solche Vorrechte, mein' ich. Bürgerliche werden, wie die Gewächse im alten System von Tournesort, nach Blumen und Früchten klassifizirt; Adelige aber viel einfacher, wie von Linus, nach dem Geschlechts- (Sexual-) System; und es gibt dabei keine Jrr- thümer. Den Adelstand ferner verknüpft die Gleichheit der Vorrechte durch ganz Europa. Er besteht aus einer schönen Familie von Familien; wie Juden, Katholiken, Freimaurer und Profcsfionistcn halten sie zusammen; die Wurzeln ihrer Stammbäume verfilzen sich durch einander und das Geflechte läuft bald hier unter dem Feudal-Acker fort, bald dort heraus am Thron hinan. Wir bürgerlichen Spitzbuben hingegen wollen einander nie kennen; der Bürgerstand ist ungefähr so ein Stand wie Deutschland ein Land, nämlich in lauter 18 * 276 feindselige Unterabtheilungcn zersprengt. Kein Harnisch in Wien fragt nach Harnischen ans Elterlein, tein Legazionsrath in Koburg nach einem in Haslau oder Weimar. Darum fährt der Adel in ein Fahrzeug mit Segeln eingeschifft, der Bürger in eines mit Rudern. Jener ersteigt die höchsten Posten, so wie das Faulthicr nur die Gipfel sucht. — Aber was haben wir Teufel? Besitzen wir unbeschreibliche Verdienste: so können diese nicht adeln, sondern sie müssen geadelt werden; und dann sind wir zu brauchen, sowol zu einem Ministers- als sonstigen Posten. Doch der Adel erkennt auch selber seine Kostbarkeit und unsere Nothwcndigkeit gern an; denn er schenkt selber deswegen — wie ctwan die Holländer einen Theil Gewürz verbrennen oder die Engelländer nur siebenjährig ihre Wafser- blei-Gruben aufthun, damit der Preis nicht falle — in seiner Jugend der Welt fast nur Bürgerliche, und sparsam erst später in der Ehe eines und das andere Edelkind, er macht lieber zehn Arbeiter als eine Arbeit, weil er den Staat liebt und sich. O schweige noch! freilich war dich nur Ausschweifung in der Ausschweifung. — Abnahme des Adelstolzes wollen neuerer Zeit viele uoch daraus sehr vermuthen, Last ein und der andere Fürst mit einer Bürgers-Tochter tanzte, wie ich trotz meines gelehrten Standes mit einer Bauers-Tochter, oder daß ein Fürst zuweilen einen Gelehrten oder Künstler zu sich kommen ließ, wie den Klavier- und den Schneidermeister auch, nicht in seinen Zirkel, sondern zum Privatgespräch. „Meine Leute, ws8 Aerm" sagen sie von den Bedienten, um sie von uns andern Leuten zu unterscheiden. Warum reitest und kletterst du aber so eifrig an einem 277 der höchsten Stammbäume hinan? — Daß ich meines Orts droben sitze, als Herr van äsr ktarnisclr, hat seinen guten Grund, ich fenstere aus dem Gipfel meinen Zirkel aus, und erhebe, was drunten ist, euch Bürger-Pack; kein Mensch kann sich rühmen, den Adel noch so geärgert zu habeu als ich; nur in Städten, wo ich nicht von Geburt war, mußt' ich mich von ihm ärgern lassen, wenn er unter dem Vorwand, meine Person zu schätzen, mich zur Tafel bat, um meine Flöte zu kosten; dann blies ich aber nichts, sondern ich dachte: ich pfeif' euch etwas. Dem weich' ich jetzt ganz aus." Walt versetzte: „ich will deinem Halben Ernste ganz offen antworten. Ein Dichter, für den es eigentlich gar keine gesperrten Stände gibt, und welchem sich alle öffnen sollten, darf wol, denk' ich, die Höhen suchen, wiewol nicht, um da zu nisten, sondern den Bienen gleich, welche eben sowol auf die höchsten Blüten fliegen, als auf die niedrigsten Blumen. Die höhern Stände, welche nahe um das sonnige Zenith des Staates leuchten, als hohe Sternbilder, sind selber schon für die Poesie durch eine Poesie aus der schweren tiefen Wirklichkeit entrückt. Welch' eine schöne freie Stellung des Lebens l Wär' cs auch nur Einbildung, daß sie sich für erhoben hielten, und das zwar geistig — denn jeder Mensch, der Reiche, der Glückliche ruht nicht eher, als bis er aus seinem Glück sich ein geistiges Verdienst gemacht —: so würde die-scr Wahn Wahrheit werden; wer sich achtet, den muß man achten. Welch' eine hohe Stellung, alle mit einerlei Freiheit, alles zu werden — alle im Triumphwagen derselben Ehre, die sie beschützen müssen — >— „Es ist pcchfinster, sagte Vult, aber ich bin wahrlich ernsthaft." 278 Die einzelnen Namen verewigt und in Wappen-Werken wie Sterne gezählt und fortglänzend, indeß im Volke die Namen wie Thautropfcn ungeordnet verlöschen — in der heiligen Nähe des Fürsten, der sie zart behandelt im Wechsel seiner Repräsentazion, es sei als Gesandte oder Generale oder Kanzler — näher dem Staate verwandt, dessen große Segel sie aufziehen, wenn das Volk nur rudert — wie auf einer Alpe nur von hohen Gegenständen umrungen — hinter sich die glänzende königliche Linie der alten Ritter, deren hohe Thatcn ihnen als Fahnen Vorwehen, und in deren heilige Schlösser sie als ihre Kinder einziehen- „Glaube mir auf mein Wort, sagte Vuli, ich lache nicht." — — vor sich den Glanz des Reichthums, der Güter, der Höfe und einer blühenden Zukunft — Und nun vollends die schöne freie Bildung, nicht zu einem gehauenen eckigen Staats- Gliede, sondern zu einem ganzen geformten Menschen, welche ihnen Reisen, Höfe, gesellige Freuden unter Gemälden, unter Tönen, und am meisten ihre noch mehr gebildeten, schönen Frauen, deren Reize kein Gewicht der Noth und Arbeit erdrückte, leicht und froh zuspielcn, so daß im Staate der Adel die italiänische Schule ausmacht, und das arme Volk die niederländische." — Der Flötenspieler hatte bisher öfters, wicwol mit verdächtiger Stimme geschworen, er ziehe nicht eine Miene zum Lachen, — betheuert, er wolle nicht Vult heißen, wenn er die Finstcrniß benutze, und darin still lächle, — wiederholt, er sei kein solcher Mann, der lache, sondern so ernst wie ein Todten- vogel. Jetzt aber lachte er hell, und sagte indeß so viel: „ Walt, um wieder einmal auf deinen Grasen zu kommen — 279 scheere dich nichts um mein dummes Gelächter über etwas anders, ick) bin doch ernsthaft — den du sonach in Bildungs- Bezug für einen Raphael hältst und dich für einen Tcniers, wie wollet ihr zwei Figuren euch denn auf Einer Leinwand paaren?" — Walt schwieg verwundet, weil er sich gar nicht für einen Tenicrs, sondern eher für einen Pctrarka ansah. Aber Vult drang heftig auf das Bindemittel, das der Bruder sich zutraue. „Ich glaubte dadurch, sagt' er leise demüthig, wenn,ich ihn recht liebte." Vult wurde etwas bewegt, blieb aber unerbittlich und sagte: „um dir aber zuzutrauen, daß du deine Liebe einem solchen Herrn zeigen könntest, mußt du dich, so bescheiden du auch thust, innerlich für einen zweiten Karpser halten, ganz gewiß?" „Wer war dieser?" fragte Walt. „Balbieramtsmeister in Hamburg, wovon noch die Karp- serstraßc in der Stadt da ist, weil er darin wohnte; ein Mann, darf ich dir sagen, von so feinen Sitten, so voll belebter Reden, so zauberisch, daß Fürsten und Grafen, die nach Hamburg kamen, ihr erstes und größtes Vergnügen nicht im Pesti- lcnzhaus oder auf dem Dreckwall oder im Scheeleugang und in den Alster-Alleen suchten und fanden, sondern lediglich darin, daß unser Balbier zu Hause war und sie vorlassen wollte." Der Notar, sich für einen versteckten Petrarka haltend, vermochte gar nicht, den Balbicramtsmeistcr so hoch über sich zu sehen; er sagte aber, erweicht durch einen ganzen Nachmittag, nichts als die Worte: „wie glücklich ist ein Edelmann! Er kann doch lieben, wen er will. Und war' ich einer und ein redlicher gemeiner Notar gäbe mir nur einige warme Zeichen seiner Liebe und Treue: wahrlich ich würde sie bald ver- 280 stehen, und ihn dann nicht eine Minute lang quälen, ja ich glaube, eher gegen meines Gleichen könnt' ich stolzer scyn." „Himmel, weißt du was — fing plötzlich Vnlt mit anderer Stimme an — ich habe ein sehr treffliches Projekt — in der That für diesen Fall das beste — denn cs löset alles ans und bindet dich und den Grasen (falls er deinem Bilde entspricht) schön auf ewig." Walt zeigte ihm seine Entzückung darüber ganz, und die Neugier, womit er cs zu hören kaum erwarten könne. Aber Bult versetzte: „ich glaube, morgen oder übermorgen lass'ich mich mehr heraus." — Walt flehte um das Projekt, sie waren nahe am Stadtthore und Abschied. Vnlt antwortete: „so viel kann ich sagen, daß ich nie Proschekt sage, sondern entweder französisch projst oder lateinisch projactum." — Walt fragte, ob er denn nicht seine Freude über den bloßen Vorschlag merke, und ob er nicht denke, daß sie noch stärker steige durch Eröffnung? „Gewiß? (sagte Vult.) Allein das xrojet gehört ja in eine ganz andere Nummer, sag' ich dir, denn die heutige ist aus, und gute Nacht!" — iXo. 31. Pillenstein. Das Projekt. „Purzel thut's" fuhr heftig Vult in die Stube des Notars, der freudig versetzte: „das gebe Gott, und was denn?" — „Ich erkläre alles und Purzel ist der Thcaterschneider, mein Hausherr — erwiederte Vult mit den Blitzen der Laune im Auge, weil er eben die Digrcssion über den Adel für den Doppelroman zu Papier gebracht. — So viel gibst du zu, 281 daß du einige Hcst- oder Demantuadeln zur Bundes-Naht mit Klothar — was eben mein Projekt seyn will — von- nöthen hast. Handlungen freilich galten von jeher für die besten Fahren zum Herzen, für die rechten Kernschüffe zur Brust, da Worte nur Bogenschüsse sind, oder was man will. Einem einen Uhrschlüssel abkanscn, oder sonst ein Kauf, das sperret mehr am bedeckten Gehäuse eines Menschen aus, als dreißig clejeünM in einem Monat von 31 Tagen. Wolltest du also dem Grasen z. B. nur einen Stein ins Fenster werfen oder an das Schulterblatt: so kämest du sogleich mit ihm in Handlung und darauf leicht in nähere Verbindung; oder eben so auch, wenn du im Finstern auf ihn losfahren, ihn bei den Rockklappcn packen und nicht loslasscn wolltest, weil du ihn für deinen Brnder gehalten hättest, den du so unbeschreiblich liebtest, gäbest du vor. Da aber das nicht geht, so höre: mein Hausherr Purzel hat jetzt viele turnier- und tafelfähige Kleider in Arbeit, die er für das Theater kehrt und wendet; ich stafflrc dich mit einem vollständigen aus — habe vorher dem Grafen, da ich ihn kenne, in einem Billet geschrieben, ich wünschte sehr, eines Abends vor ihm zu blasen — bringe dich dann mit (sprich noch nicht) und lasse dich von ihm ohne besonderes artikulirtes Lügen für einen Edelmann ansehen, blos weil du (das macht man ihm weiß) mein Freund bist, und wir mit einander umgehen. Dann kann sich das Adels-Pergament unmöglich mehr als Scheide- und Brand- Mauer und Ofenschirm zwischen eure Flammen ziehen; und falls der Graf wirklich nicht wie ein Eisstück eben so viel Eis unter dem Wasser verbirgt, als er daraus vorhcbt: so seh' ich euch, weil du unter und hinter der Flöte ihm alles sagen und zeigen kannst, vielleicht am Altar der Freundschaft verbunden 282 stehen, und ich bin freudig das Kopulirmcsscr *). — — Jetzt sprich!" „Göttlich, göttlich! rief Walt und nmhalscte Vulten. Ich stehe dann auf dem Wagensteru der Liebe und rolle durch Himmel. Aber, wenn ich ihn habe, den Lieben, ja dann muß ich durchaus — noch denselben Abend — meinen dürftigen Namen sagen; nicht nur ein heißes Herz, auch ein offnes muß ich ihm bringen; es thut dann nichts mehr." — Allein der bunte Zauberrauch verzog und senkte sich bald, womit seinen romantischen Geist anfangs das Wagstück berauschte. Das Gewissen stellte sich kalt mit der Wage hin und wog nach Skrupeln. Er könnt' es nicht recht finden, die Freundschaft mit einem Blendwerk anzufangcn, wenn er dieses auch nachher vertilge. Der Bruder versicherte darauf, er woll' ihn blos für seinen Verwandten desselben Namens aus- gebcn, was ja wahr sei, ferner das von im Feuer der Rede vergessen: „aber wenn ich nun zuletzt sage, ich bin dein Zwilliugsbruder, was sagst denn du?" sagte Walt. — „Herr Graf, sag' ich — versetzte Vult — er ist allerdings der Bruder, ja Zwillingsbruder meines Herzens, und geistige oder kanonische Verwandtschaft, dacht' ich, gälte wol hicniedcn, da ja unser Herrgott selber eine dergleichen mit uns Bestien im Allgemeinen »erstattet und sich unfern Vater nennen läßt. — Ist diese Verwandtschaft nicht wahr?" Walt schüttelte. „Was, fuhr der Flötenspieler fort, es wäre nicht so, nämlich daß wir uns geistig verbrüderten? O Zwilling, wer ist verwandter, bedenke? Wenn Körper Seelen ründcn und Herzen gatten, so dacht' ich, ein Paar Zwillinge ') Womit man bekanntlich Zweige pfropft. 283 — um neun Monate früher einander vcrschwistert als alle andere Kinder — in ihrer zweischläferigen Bett'stelle des ersten Schlafes ohne Traum — theilend alle und die frühesten und wichtigsten Schicksale ihres Lebens — unter Einem Herzen schlagend mit zweien — in einer Gemeinschaft, die vielleicht nie im Leben mehr vorkommt — gleiche Nahrung, gleiche Nöthen, gleiche Freuden, gleiches Wachsen und Welken — beim Teufel, wenn ein solcher Fall, wo im eigentlichsten Sinn zwei Leiber Eine Seele ausmachen, wie ja der alte und erste Aristoteliker, nämlich Aristoteles selber, begehrt zur Freundschaft; zum Sakerment, wenn von solchen Personen nicht der eine Zwilling sagen dürfte, er sei mit dem andern geistig genug verwandt, Walt, wo wäre denn noch Verwandtschaft zu haben aus Erden? Kann es denn, du ordentlicher Bruder- Mörder, frühere, nähere, ältere, peinlichere Freundschaften geben, als bei solchen Zwillingen? O Gott, du lachst ja über Gerührte!" schloß er wild und fuhr heftig mit der ganzen breiten Hand über die Augenknochen. „Da wär' ich ja der Hölle werth, ries Walt und fing dessen Hand, um sie aus sein nasses Auge zu decken — O Bruder, Bruder, weißt du es denn nie, wie ich dich fasse und deinen weichen Geist im stärksten Scherz? Ach wie ist dein Inneres so schön und mild, und warum weiß es denn nicht die ganze Welt? — Darum aber, was wär' ich, wenn ich es litte, was du bei Klothar wagen wolltest für mich? Nein, fremde Opfer mag man wol annehmen, um von Martern loszukommen, aber nie, um mit ihnen Freuden einzukaufen. Die Sache geht nicht, guter Vult!" Aber hier war dieser schon die Treppe hinab. Jndeß, je mehr der Notar nachsann, desto unbilliger fand er's, auf 284 Vultens Kosten den Himmel der Freundschaft zu erstehen. Zuletzt schrieb er ihm bestimmt, sein Gewissen leid' cs unmöglich. Wenige Stunden darauf antwortete Vnlt folgendes: ?. ?. Fraterkul! Eben erhalt' ich des Grasen Jawort mit Deinem Ncinwort; Du mußt also mit, oder meine Ehre leidet gewaltig. Fleuch und flieh' in einer guten Stunde zu mir. Dein Umkleid oder Masken - Charakter liegt schon aus dem Stuhl. Der Friseur ist bestellt mit Vorsteck-Locken. Sporen und die Steifstiefel darzu stehen auch fertig. Glaube mir aber auf Ehre, daß ein Bühnen-Habit für Dich ausgelescn ist, der nicht stmulirt, sondern nur dissimulirt. Ein anders — als was ich thue und micthc — wäre, wenn ich Dich in einen Berghabit oder in eine Mönchskutte oder in einen Waffenmantel oder in ein Bischofs - Pallium oder in englische Kapitains- Uniform oder in den Satan und seine Großmutter steckte; so hingegen fällst Du proper aus und unkenntlich, und dabei dsch sittlich und wahr. Versuch' ihn nur bei mir an. Deinen polnischen Rock und Mantel der Liebe für Klothar. Purzel denkt gut, ja wohlseil. — Ich schmachte freudig nach dem Spaß. Der Abend macht Dich noch unkenntlicher, des Puders gar nicht zu gedenken, den Du wcglafsen mußt. Dir zu schreiben vergeff' ich ganz, daß ich nämlich — als ich den guten Grafen anfangs ins Roscnthal eingeladen zu einem matten Souper, natürlich ohne Deiner Erwähnung — von ihm umgekehrt in seinen Garten iuvitirct worden. Komme bestimmt, ich brenne. Denn dieser Abend fället Definitiv- Scntenzcn und Mandate ohne Klauseln über 40 bis 60 tausend Abende nachher. Gegenwärtiges schreib' ich fast gerührt; 285 — Garrick wußte das bloße Alphabet so herzusagcu, daß die Leute dazu thränten; aber woraus besteht denn alles, was an-- greist, als aus Alphabeten? — Herzen gleichen Gäuse-Eiern; die, so in lauem Wasser sich nicht bewegen, sind faule und todtc — Gott, ich werde heute so blasen, so trillern! Ich freue mich wirklich zu sehr. k. 8. Ich muß Dir doch berichten — anfangs wollt' ich nicht — daß Dein künftiger Freund Klothar morgen früh um 3 Uhr auf und davon reiset, wie er sagt, nach Dresden — eigentlich aber wol, wie ich sage, nach Leipzig, um durch die protestantische Mutter die katholische Braut sich anzuöhren. Bist Du nicht der vollständige Schomaker II.: so kommst Du heute und schlägst als Bürger mit dem Edelmann -den Pedal- Triller der verwobenen Freundschaft. Denn wo wäre Lüge, sobald ich nicht sage -— und Du ohne dieß nicht — daß Dn ein Edelmann bist, sondern ich nur anfangs, daß Du mein Freund — und Du zuletzt, daß Du ein Notarius bist — wo, frag' ich?" Ach! ich komme freilich! schrieb Gottwalt zurück. 32. Heller im Straußenmagen. Me »scheu haß und Neue. Personen, die Bults alten noch versiegelten Brief an Walt gedruckt gelesen, durchschauen am ersten alle geheime Zwecke bei seiner Einkleidung des reinen Notars, und finden deren nicht weniger als zwei. Der erste geheime Zweck Vnlts ist wahrscheinlich der, sich mehr zu ärgern als bisher, und dadurch — indem er der brüderlichen Freundschaft gegen den Jean Mauvs ausgew. Werle. xm. lg 286 Grafen zusieht oder gar der Erwiederung derselben — sich zu jenem zornigen Ausbruch aufzutreibcn, ohne welchen, seiner bekannten Meinung nach, an Versöhnungen gar nicht zu denken ist, außer an schlechte. Freundschaftliche Eifersucht ist viel stärker als liebende, schon weil sie nicht, wie diese, ihren Gegenstand zu verachten vermag. — Die zweite Absicht Vults bei dem Verkleiden kann sich nur auf den Wechsel- oder Hornschluß gründen, daß der Graf den Notar — wenn dieser den adeligen Psaucnschwanz fallen lassen — als nackte Notariats- Krähe entweder wild aus Herz und Garten jagt (dann gewänne eben Vult), oder ihm, wie eine Krähe der andern, nichts aushackt (dann könnte Vult sehr zanken und sich spät versöhnen) — und einen dritten Fall gibt es eben nicht. Der Notar kam ziemlich beklommen bei dem Bruder an. „Hier, sagte Vult, liegt der menscheuhasseude Meinem aus Kotzebue's Meuschcnhaß und Neue aus dem Stuhl" und zeigte auf den feinsten Ueberrock, den Purzel für edle Bühnen-Charaktere gekehrt hatte, ferner einen langhaarigen Nundhut, gespornte Steifstiesel, drei Ellen lange Halsbinden für den Hals, um die Farben im Gesicht zu unterbinden, und seidene Unterkleider. Aber was vorher leicht durch den Acther der Einbildung flog, steckte jetzt fest vor Walt in der unbchülflichen Gegenwart, und die Sünde zerfiel in Sünden. „Beim Henker, -sagte Vult und streifte dem Notarius das Zöpflein herunter, skrupelst du doch, als könnt' cs nicht eben so- gut eine Au- als Verkleidung verstellen. Besteht denn ein Edelmann in einem Paar Stieseln und Sporen? Versauere mir uichts!" —- Ein Friseur- erschien. Das ganze Haar mußte in unzählige Locken zurückrollcn. Daraus wurd' er hermetisch mit 287 Seide und Tuch versiegelt; und sein Kern wuchs ganz in die Kotzebuesche Schote hinein. Unterwegs schwur ihm Vult, er sei — schon wegen der Dämmerung — unkenntlich genug; und ein Großer sehe und behalte kein Bürgergcsicht. Am Ende wurd' ihm selber der Notar, der blühend, liebe-zitternd neben ihm ging, ordentlich zum menschenfeindlichen Mcinau. „Es fehlt nicht viel, sagt' er, so fall' ich dich an, weil ich denke, ich habe Meinem vor mir, der sich einige Akte lang schmeichelte und ungewohnte, die Menschen zu hassen aus Mädchen-Liebe, wie ctwan Hasen durch Schlagen dahin zu bringen sind, daß sie trommeln wie Krieger. Weichen Schlamm und Sumpf soll der Kollcgien- rath K. abmalen, aber nicht Dieterichs Felsen. Mit seinen Patent-Herzen, wie Pott mit Patent-Füßen zum Knien, steh' er feil, sogar mit verächtlichen, aber nur nicht mit verachtenden! Da sei der Teufel so sanft wie ein Exjcsuit, wenn man überall vor und auf der Bühne Jünglingen begegnet,- die Fait von Menschen-Verachtung machen, weil ein Mädchen sie ein wenig verachtet hatte —> Tröpfe, bei denen der misan- thropische Tollwurm nur, wie bei Hunden, im Znngen- bande besteht und denen er, wie Kindern der Wurm, abginge, wenn man sie stärkte — Walt, unterstehst du dich auch und hassest die Menschen?" — „Nicht Einen, auch nicht einen 'unglücklichen Menschenfeind (sagt' er unendlich sanft), aber du fragst doch sehr hart!" — „Vergib, versetzte Vult, ich fahr' schon seit zehn Jahren auf.und los,, wenn ich nur etwas vom Theater rieche und wär's nur ein Souffleur, oder der Souffleur des Souffleurs, der Poet, ja ein bloßer Hofrath — da doch die meisten Theater-Helden, wie in Dorpat die Professoren, Hofraths-Nang Habens-; denn, das Schauspielerin 288 Volk ausgenommen, zeigt nichts eine so ekle Gemeinheit als das Bühnenschreibervolk; Spieler nnd Schreiber verkörpern und beseelen sich wechselseitig, und bekielen sich mit Lanier- schwänzcn" — „Lanierschweife?" fragte Walt. „Sind der Schwanz, versetzte Vult, den ein Falkenier einem abkräftigcn Falken in die offnen Kiele des ausgefallenen künstlich 'einklcbt mit ein wenig Hansenblasenleim. Die armen Schauspieler (transszcndcnte Statisten) sind die Statuen, welche*) jeden Abend eine Seele von ihren Bildhauern oder Dichtern fordern, um davon zu leben." Sic kamen im Park an, wo ihnen der Graf mit seiner einfachen, ernsten, vornehmen Haltung entgegen ging. „Es ist mein Frcnnd und Verwandter gleiches Namens, stellte Vult den gekehrten Mcinau dem Grasen vor — seine Liebe zur Flöte treibt ihn mir nach." Walt machte statt vieler Entschuldigungen — die ihm der Bruder abgerathen — ganz ' keck nur einen Bückling, weil der Gras, hatte Vult gesagt, wenig Welt besäße, wenn er ihn in seinem Garten aussragen wollte, wie ein Katechet unter dem Thore. Walt dachte gleichfalls zu redlich, um vor dem Grafen etwas anders, nur den schwächsten Gedanken, zu verkleiden, als seinen Leib. Vult hatte Recht gehabt, daß Große, die auf Reisen und an Höfen an zwanzig Heere von Menschen gesehen, nicht leicht den Nachtrab aus einem Notarius sonderlich im Kopse behalten und ausheben; Klothar sah ihn ein wenig sinnend an, kannte aber den vicllockigen, zopfloscn, dick- bindigen Kavalier in der Dämmerung nicht. ') Die Perscr glauben, daß die Statuen am jüngsten Tage Seelen von den Bildhauern verlangen werden. 289 Letzterem wurd' cs etwas eng in seiner Meinau's-Haut. Die Verkleidungen in Romanen bilden die in der Wirklichkeit den Menschen zu lustig vor. Wie im Zimmer das Wetter, so ist im Freien die schöne Natur der Nothpfennig und Hcck- thaler des Gesprächs — Walt hatte dem Grafen kein Hehl, daß diese Stelle (wo er einmal Abends dem Musiziren zugehöret hatte), mit der Katarakte hinter dem Rücken, der Vestalin-Statue dabei, ,den fernen Höhen, ihre wahren Reize habe. Klothar aber wollte wenig daraus machen, sondern versicherte, jeder Park gefalle nur einmal. Der Flötenspieler war so wortkarg und höflich gegen den Grasen als dieser selber, und sparte Laune und Zunge nur der Flöte aus. Die Gebrüder Harnisch wurden mit einem mehr aus Blättern als ans Beeren gequetschten Wein be- wirthct. Der Gras trank keinen; Walt aber einigen, um wie ein Schmidt Verstärkungs-Wasser ins Feuer zu sprengen. Vult, über den Krätzer und alles aufgebracht, ging schnell mit der Flöte ans und ab, ohne zu blasen. Klothar überließ ihn seiner Laune. Endlich fing er (lustwandelnd dabei) sein Flötcnkonzcrt ein wenig an, und blies aus Künstler-Kälte gegen jenen nur obenhin — zerstückte Phantasie - Galoppadeu — musikalische Halbfarben zu Halbschatten — starke Eingriffe in die Flöten-Saiten, wie sie die Faust eines Sturmwinds auf die Aeolsharfe thut. Beiden Kavalieren wurde durch dieses melodramatische Absctzcu das Gespräch angenehm durchschossen, in welches sie mit einander gerathen dursten unter solcher Musik. Der englische Park wurde ein Postschiff, worauf beide nach England übersetzten, um cs einmüthig zu besehen und zu erheben. Klothar lobte die brittischc Ungcselligkeit: „zu gewissen Feh- 290 lern gehören Vorzüge" sagte er. „Nur Blumen schlafen, nicht Gras," sagte Walt, der durch Poesie und Uebcrsicht leicht die fremde Meinung in seine übersetzte und umgekehrt. Wer immer nur die Morgen- und Sonnenseite sucht, findet leicht überall Wärme und Licht. Klothar behauptete, daß die Freundschaft keinen Stand kenne, wie die Seele kein Geschlecht. Walt tournirte seine Antwort dergestalt, daß sie so klang: „auch im Bestreben, die Ungleichheit zu vergessen, müssen beide Freunde gleich sehn" aber seine Aussprache war ein wenig bäuerisch, und sein Auge blickte nicht fcin^ sondern cs strömte klar über von Licbesseuer. Der Gras stand ruhig aus und sagte, er entferne sich nur einen Augenblick, um die Abreise eine halbe Stunde später anzuordncn, und er gestehe, er sei selten so leicht verstanden worden als diesen Abend. Mit unsäglicher Entzückung sagte Walt leise zu Bult: „habe Dank, habe Dank, mein Vult! — O so sollte man doch nie das Benehmen eines Menschen gegen uns, und war' es noch so frostig, zum Maße seines Wcrthcs machen! Wie viel reiche Seelen gehen uns durch Stolz verloren! — Ich sag' Ihm nachher alles, Vult."-„Der Krätzer aber — versetzte Vult — könnte etwas besser scyn. — Das thn'! — Ich halt Ihn selber für keinen selbstsüchtigen Eisvogel und Frost-Zuleiter weiter. — Er wußte zwar von deinem Gesichte und von der schnellen Kur meiner stadtkündigen Erblindung nichts mehr; es mag aber mehr in seiner Memorie liegen und ohnehin darin, daß ein fremder Mensch ihm weniger seyn muß als sein eigner." Und hier ergoß er sich, ohne Antwort abzuwarten, in seine Flöte, seine zweite Luftröhre, sein Feuerrohr, und blies schon trefflich, als der Graf kam. Dieser hörte das Spiel aus, und sagte nichts. Walt 291 konnte nichts sagen; er hatte den Mond, den Grafen, den Wein, die Flöte nnd sich selber im Kopfe. Der Mond hatte die mit Windmühlen besetzten Höhen erstiegen, nnd glänzte vom Himmel herunter in die weite Ebne nnd den Fluß voll Licht. Der Notar sah auf dem Gesicht des Jünglings ein ernstes, tiefes und schmachtendes Leben wehmüthig im Mondschein blühen. Die Töne wnrdcn ihm ein Tönen, die Flöte setzt' er schon als ein Posthorn ans den Bock, das ihm den nencn Freund nnd die süßeste Zukunft davon blase in weite Fernen hinein; „und wo kann der Gute wieder finden, dachte Walt, was er verkästen nnd beweinen muß, eine Geliebte wie Wina?" — Länger könnt' er sich nicht halten, er mußte die zarte Hand des Grafen haben. Da er unbeschreiblich delikat seyn wollte und zwar in einem Grade, der, hofft' er, über die ältesten französischen Romane der französischen Weiber hinanslicf: so erlaubt' er sich nicht von weitem zu bemerken, daß die Achse an Klothars Braut-Wagen zerbrochen sei. „Wir hätten uns früher, sagte der Graf nnd drückte die Hand, sehen sollen, eh' die Sphinx, wie ein sehr wackerer Dichter die Liebe beschreibt, mir die Tatzen zeigte." — Walt war der wackere Dichter selber gewesen. Mit diesem silbernen Lcitton wurd' er ordentlich von dem zur Saite gespannten Liebcsscil, das ihn gab nnd worauf er tanzte, ausgcschnellt, er konnte die Himmel nicht zählen (der Flug war zu schnell), wodurch er fuhr. Er drückte mit seiner zweiten Hand seine erste recht an die fremde ergriffene und sagte — nichts von seiner dichterischen Vaterschaft, sondern: — „Edler Gras, glauben Sie mir, ich kannte Sie schon früher, ich suchte und sah Sie lange-Blase, Guter — wandt' er sich plötzlich zu Vult, der zwischen Himmel und 292 Hölle auf- und niederfuhr mit jener männlichen Lustigkeit, die dem weiblichen hysterischen Lachen gleicht — milder, blase Hirtenlicder, Lautenzüge, Gottesfricdeu." Vult spielte noch fünf oder sechs Kehrause und Valetstürme, und hörte gar auf, weil er sich zu gut dünkte, und es zu lächerlich fand, den Abfall von seinem Herzen, den Text abtrünniger Empfindungen, in Musik zu setzen. „Auch ich entsinne mich Ihrer Erscheinung, aber dunkel, doch wünsch' ich Ihr Inkognito nicht zu brechen" versetzte der Graf. „Nein, es werde gebrochen (rief der Notar), ich bin der Notarius Harnisch aus Eltcrleiu, derselbe, der den Brief des Fräuleins Wiua im Park fand und übergab." „Was?" sagte der Graf gedebnt und stand als König auf; er besann sich aber wieder und sagte ruhig: „ich- bitte Sie sehr ernsthaft um Ihren Namen und besonders um die Eröffnung, in wie fern Sic in die Brief-Sache verwickelt waren." Walt sah sich nach dem Flötenisten um; aber dieser war nach seinen Sturm-Stößen in die Flöte seitwärts in einen Gang getreten, um zwei Herzcns-Ergießuugen aus dem Weg zu gehen, wobei nach seiner Ueberzeugung, nichts geringeres als er selber ersoff. Walt erschrak über des Grafen Erschrecken und sagte: er wünsche herzlich, nichts Unangenehmes gesagt zu haben. „Gott, was ist mit meinem Bruder?" rief er; eine Schlägerei und Vults Stimme lärmten im Gebüsch. „Im Park ist keine Gefahr — sagte der Graf — nur weiter, weiter!" — Walt erzählte schnell das Finden des offnen Briefes im Park. „Was, Nonsiaur? ries jener laut neben dem lauten Wasserfall. Er kann sich unterstehen, meine Briefes, die Er in meinem Parke aufgelescn, dem Generale zu übergeben, um sich bei ihm einzuschmcicheln, weil dieser der Nittcrgutshcrr von Eltcrlcin ist, Herr?" Walt wurde wie von zwei Blitzen getroffen, gelähmt und gereizt; mit sterbender milder Stimme sagt' er: „Ach Himmel! das ist aber zu ungerecht — Unglück über Unglück — ich bin wol unschuldig — Nein, nein, nur nicht so entsetzlich ungerecht sei man — Und cs war in Ncupcters Park." — Vnlt hörte Klothars Stimme und lief aus der Mooshütte her, worin er aus Verdruß seine alte Kunst, mit seinem Ich eine prügelnde Stube vorzustcllcn, getrieben hatte. Walt stand an der Statue der Vestalin, die den Kopf senkte, als war' er ihr Ehemann. Der Flötenist, auf eine noch geistigere Schlägerei treffend, als seine gewesen, sah aus allem, daß Walt seine adelige Hülse und Naupen-Haut abgesprengt habe, und als feste unbewegliche Puppe da hänge. Er bat sich sogleich vom Grasen einige Erklärung des Unwillens aus. „Sie liegt in der Sache — versetzte, ohne ihn anzusehen, dieser — nur begreif' ich nicht, wie man keck genug dieselbe Person aufsuchen kann, deren Briefe man liefet, man usurpirt und man in falsche Hände spielt, die ausdrücklich darin verbeten wurden." — „O ich habe nichts gelesen — sagte Walt — ich habe nichts gethan; aber ich erdulde gern das härteste Wort, da ich ein solches Unglück über Sie gebracht" sagte Walt und zog im Krampf der Hand einen kurzen Thcaterdolch aus dem menschenfeindlichen Ucbcrrock und schwang ihn unbewußt. Der Graf bog sich ein wenig zurück vor dem Sack-Stilet: was soll das? sagt' er zornig. — „Herr Graf, fing Bult sehr stark an — auf mein Ehrenwort, er hat nichts gelesen, sag' ich, ob ich gleich nicht weiß, von was 294 die Rede ist. — Gottwalt besieh', was du in der Hand hast!" Glühend stieß dieser die Waffe in die Scheide der Tasche. „Herr van der Harnisch, wandte Klothar sich zum Flötenspieler, von Ihnen Hab' ich mir eine'besondere Erklärung auszubitten, in wiefern Sie mir diesen Notar unter fremdem Namen präscntiren konnten." — „Ich stehe zu jeder da — versetzte Vult — als meinen Freund und Verwandten gab ich ihn — das bleibt er — ich könnt' ihn auch als muth- maßlichcn Gcsammt-Erben der van der Kabelschen Erbschaft präsentiren. Ist sonst noch eine Erklärung nöt-hig?"— „Ich würde sie fordern, versetzte der Graf, wenn ich nicht eben in den Reise-Wagen stiege." — „Ich bin crbötig nachzustcigen und darin auseinander zu setzen oder überall" sagte Vult und ging beleidigt dem Grafen nach, der auf seinen Wagen mit stolzer Kälte zuschritt. „O hör' auf mich, schone mich, bat Walt, du weißt nicht, was ich ihm genommen." — „Der Narr soll nicht hitzig reden, und du bist auch einer" fuhr er den Notarius an. „Hr. Graf, Sie sind mir noch Antwort schuldig" sagte Vult. „Gar keine; aber ich frage: sind Sie beide Brüder?" sagte Klothar. „Vater und Mutter müssen Sic fragen, nicht mich" sagte Vult. Der unglückliche Notar konnte matt den Sargdeckel nicht aufstoßcn, zu welchem hinunter er die polternden Zurüstungen zu einem Duelle über seinem Kopfe hörte. „Wenn Sie niemand unter falschem Titel präsentirt haben als sich selber, so brauch' ich keine Erklärung; von Bürgerlichen forder' ich keine" sagte der Graf und saß im Wagen. Vult ließ die Thüre nicht schließen, und rief noch hinein: „können denn nicht die zwei Narren von Adel seyn — oder gar drei?" 295 Aber der Wagen rollte fort und er blieb mit vergeblicher Tapferkeit zurück. Walt konnte erdrückt dem Menschen kein Glück nachwünschen, dem er das größte genommen; nicht einmal im Herzen wagt' er es, Wünsche auszudenkcn. Ohne Worte schlich er mit dem stillen Bruder aus dem verlornen Eden-Garten. Bult sah den Bruder unter der innern tiefhängcndcn Wetterwolke gebogen gehen; aber er sprach kein Wort zum Trost. Walt nahm dessen Hand, um sich an ein Herz anzuhaltcn, und fragte: wer kann mich noch lieben? Vult schwieg und hielt seine Hand nur schlaff. Walt entzog sie; das steife scharfe Schweigen hielt er für eine Strafpredigt gegen seine Versündigung. Er ging weinend durch die lustigen Abend- Gassen, neben einem Bruder, um dessen eifersüchtige Brust die Thronen wie versteinernde Wasser nur Stciu-Rinden ansctztcn. „Warum hast du mich beschützen wollen, sagte Walt? Ich war ja nicht unschuldig. Weißt du alles mit dem Briefe?" Vult schüttelte kalt den Kopf; denn Walts frühere Erzählungen davon waren, wie alle seine von sich, aus blöder Demuth zu karg und unbestimmt gewesen, als daß Vult sein altes, von der Welt gewecktes historisches Talent, jede Begebenheit rück- und vorwärts zu konstruircn und zu der kleinsten eine lange Vergangenheit und Zukunft zu erfinden, sehr dabei hätte zeigen können. Walt hatte von diesem Hoftalent nichts an sich; er sah und strich in Einem fort ein Faktum malend an; und weiter bracht' cr's nie. Walt erzählt' ihm nun das unglückliche Uebergcben von Wina's Brief an ihren Vater. „Ei Teufel!" — rief Vult verändert, denn er errieth nun alles und erschrak über die Verwicklung, in welche er den Bruder gezogen — „Schuppe dich droben bei mir ab." — „Ja — sagte Walt — und ob 296 ich gleich stein Unglück wollte, so hätt' ich doch die Absicht nicht hoben sollen, den Vater und die Braut zu sehen. Ach wer kann denn sagen im vielfach verworrenen Leben: ich bin rein. Das Schicksal hält uns (fuhr er auf der Treppe fort) im Zufälle den Vcrgrößcrungsspiegcl unserer kleinsten Verzerrung vor — Ach über dem leisen leeren Wort, über sanften Klängen steht eine stille bedeckte Höhe, aus der sie einen Ungeheuern Jammer auf das Leben herunter ziehen.*)" „Schäle dich nur zuvörderst aus dem Hunds-Meinau heraus" sagte Vult sanfter, als sie ins stille von Mondlicht gefüllte Zimmer traten. Schweigend hob der Notar den Kotzebncschen Zuckerguß wie ein Strom sein Eis, that sauft den Uebcrrock und Koadjutor-Hut ab, und strich die Locken wieder aus. Als Vult im Mondlicht dem betrübten Schelm das dünne Nankingröckchcn wie einen Gehenkten am Aufhäng- bändchcu hinlangt', und er es überhaupt überlegte, wie lächerlich der Bruder mit dem Korkwamms der Verkleidung auf dem Trocknen sitzen geblieben: so dauerte ihn der getäuschte stille Mensch in seinen weiten Steissticfcln unsäglich und ihm brach mitten im Lächeln das Herz in zwei Stücke von — Thränen entzwei. „Ich will dir — sagt' er, sich hinter ihn wie hinter ein Schicßpferd stellend — das Zöpflein machen. — Nimm aber das Zopfband zwischen die Zähne; das eine Ende." Er that's fast verschämt. Als Vult gar das weiche Kräuselhaar unter die Finger bekam und den brüderlichen Rücken vor sich hatte — der sehr leicht den Menschen auf einmal todt, fern und abwesend darstellt und durch diese Linienpcrspektive des Herzens das fremde mitleidig bewegt: — so hielt er dem Kopfe den Zügel des Haares ganz kurz *) Ein Wort, ein Glockcnton reißt oft die Lauwine ins Fallen. 297 am Genick, damit Gottwalt sich nicht umkehren könnte, weil er- ihm mit fast schwerer Stimme (weinen könnt' er in solcher Stellung frei und lustig, wie er wollte) die Frage that: Gottwalt, liebst du einen gewissen Quoddcns Vult noch? In der Stimme lag etwas gerührtes. Walt wollte sich eiligst herum werfen, aber er wurde an den Haaren gehalten: „O Vult, liebst du mich denn noch?" ries er weinend und ließ das Zopfband fahren. „Mehr als jeden und alle Spitzbuben hienieden — versetzte Vult und konnte schwer reden — und darum krächz' ich wie ein Hund und wie ein Weib. Beiße wieder aufs Zopfband!" — Aber der Notar fuhr schnell herum und wurde schneeweiß, als er Thräncn über das Wellen schlagende Gesicht des Bruders rinnen sah: o Gott! was fehlt dir? rief er. — „Vielleicht nichts oder so etwas, sagte Vult, oder gar Liebe. So fahr's nur heraus, das verfluchte Wort, ich war eifersüchtig ans den Grasen. Es ist nicht sauber vom Bruder, sagt' ich mir, daß Er so reviert und jagt, da man ihm mehr zugethan ist als allen Menschen, die der Satan sämmtlich hole, und von welchen ich in der That so schlimm denke, als irgend ein Kirchen-Vater, ein griechischer oder römischer. Er muß nur nicht denken, mich mit lumpiger Geschwister-Licbc abzn- finden. Mein junges Leben steht schon sehr trocken da, die Freihäfen der Liebe hat ihr Meer verlassen — und keine Katze kann hinein und ankern — Bruder, ich hatte oft einige Tage voll Ohrenbrauscn, Nächte voll Herzgespann — Der Donner, ich weinte einmal Abends gegen halb 12 Uhr"- Er mußte aber innc halten, die Unterlippe des bestürzten Notars zog ein heißer schwerer Liebesschmerz tief herunter. „Was betrübt dich so?" fragte Vult. Walt schüttelte — 298 schritt weit auf und ab — nahm bald ein Glas, bald ein Buch in die Hand — sah nichts an — schancte in den Hellen Mond und weinte heißer. „So sei es gut, sagte Vult; wir wollen die alten seyn" und umarmte ihn, aber Walt riß sich bald los. Endlich faßt' er sich und sagte schmerzlich: „muß ich denn alles unglücklich machen? Du bist heute der dritte Mensch. Die drei Wachskindcr in meinem Traum." Vult fragte, um ihn von den Schmerzen abzusühren, dringend nach dem Traum. Ungern, eilig erzählte Walt: „ Verhüllte Gestalten gingen bei mir vorbei und fragten mich, warum ich nicht jammerte und nicht blaß würde. Eine nach der andern kam und fragte. Ich zitterte vor einer Ungeheuern Entschleierung. Da flogen drei bildschöne Kinder aus Wachs vom Himmel, sie blickten freundlich, grüßten mich. Gebt mir die weißen Händlein und zieht mich hinauf, sagt' ich. Sie thatcn es, aber ich riß ihnen die Arme mit der Brust aus, und sie fielen todt herunter. Und schon als ich erwachte, sah ich noch einen fernen dunkeln Leichcnzng, der auf den Knien weiter zog. Der Traum ist eingetroffen." Vult, dem der zornige Schmerz wie weggczaubert war, machte jetzt alle Anstalten zur Kur des fremden; er stellte ihm alles ans der leichtern Seite vor, klagte den giftigen Schmollwinkel in seiner linken HerzcnSkammcr an, in welchem ein Schmoll-Kobold und Währwols Hause und feurig blicke, zog das Silber von den Gistpillcn ab, die er bisher in seine Billcte cingewickelt hatte, und machte sein Naturell bekannt, das ohne tüchtigen Zank nicht traktabcl werde, wie die Haubenlerche allezeit finge, wenn sie keife, und schwur, Walt sei nicht der Erste, dem er mit diesem Seelen-Pipps beschwerlich falle, sondern der letzte; denn dessen gränzenlose Leutseligkeit stelle ihn gewiß davon her. 299 Aber Walt wollte wenig Vernunft annchmen, hielt alles für opfernde Zartheit, und warf ein, daß ihn Vult ja eben gegen den Grasen so feurig beschirmt, und bisher zu diesem sogar den Weg gebahnet habe. „Ans Gift, Schatz, sagte Vult, und einigem Stolz dazu, nur darum. Hier — fuhr er fort und holte den mit zwei Siegeln verschlossenen Brief hervor — lies den Beweis, ich habe dich voraus gercchtfer- tiget, und mich besonders." Der Notarius machte aber das Blatt nicht auf, er sagte, er glaube aufs Wort und verstehe ihn endlich, und jetzt sei ihm wieder um vieles besser. Vult ließ es dabei und drückte sich dem Bruder mit der lang verschobenen heißen Umarmung an das Herz, die seinen wilden Geist erklärte. Und der Bruder wurde glücklich und sagte: wir bleiben Brüder. „Nur Einen Freund kann der Mensch haben, sagt Montaigne" sagte Vult. „O! nur Einen, sagte Walt — und nur Einen Vater, und nur Eine Mutter, Eine Geliebte — und nur Einen, Einen Zwillings-Bruder!" Vult versetzte ganz ernsthaft: „ja wol, nur Einen! Und in jedem Herzen bleibe nur die Liebe und das Recht." „Spaße wieder wie sonst, ich lache gewiß so gut ich kann — sagte Walt — zum Beweise deiner Versöhnung; dein Ernst durchschncidet sehr das Herz." „Wenn du willst, so kann wol gescherzt werden — sagt' er — Und nein! Bei Gott nein! — Wenn die Kamtschadalcn glauben — nach Steller — von zwei Zwillingen habe jederzeit der eine einen Wolf zum Vater: so bin ich wahrlich dieses Wolfs-Bastard-Mestize-Mondkalb, du schwerlich. Jetzt 300 da wir alle klar über die Verwicklung sprechen können, darf ich dir sagen, daß dn durchaus rein und recht gegen den Grafen gehandelt; nur daß du zu wenig Egoismus hast, um irgend einen zu errathcn. Klothar hat fast großen — wahrlich, ich greise heute niemand an, sondern schlage dir nach — Aber die Philosophen, junge gar, wie er, sind doch bei Gott den Augenblick egoistisch. Menschenliebendc Maximen und Moralien sind, weißt du, nur Scherwcnzel; ein Licht ist kein Feuer, ein Leuchter kein Ofen; dennoch uneint sämmtliches philosophisches Pack das Deutschland hinauf und hinab, sobald es nur sein Talglicht in das Herz trage und auf den Tisch setze, so heize das Licht beide Kammern zulänglich." „Lieber Vnlt — sagte Walt mit der allerzärtlichsten Stimme — erlasse mir die Antwort; ich darf heute am wenigsten über den unglücklichen Klothar aburtheilen, dem ich das Schönste genommen, und der nun einsam in der Nacht hinreiset mit nächtlichem Herzen in nächtliche Zukunft. Du bist rein, nicht ich; du kannst sprechen." „So sprech' ich, sagt' er, der Philosoph hat sich diesen Abend gehäutet; und das bedeutet, wenn's Spinnen thun, klares Wetter. Apropos! häute dich, aber besser und physisch!" — Das that Walt; jener hielt ihn, als er sich zum Entkleiden auf den Stiefelknecht stellte: „wie lächelt der Mond, sagte Vnlt, im Zimmer herum!" — Darauf setzte er hinzu: „stelle dich in den süßen Schein, und nimm wieder das Band- Ende zwischen die Zähne; jetzt siecht' ich dir dein Zöpflcin mit ganz andern Empfindungen und Fingern als vorhin, pompöser Kranskopf!" — Daraus schieden sie ruhig und liebreich.