Druckschrift 
13 (1848) Flegeljahre : erstes und zweites Bändchen
Entstehung
Seite
101
Einzelbild herunterladen
 

101

und Blättern zugedeckt! Um jedes stille Beet mit seinemSaathcrzcn lebten treue Bäume, und die ganze lebendige Na-tur sah mit ihrem jungen Angesicht herein.

Vnlt, der jetzt noch ernster geworden, sreucte sich, daßer aller Wahrscheinlichkeit nach vor keinem Kenner zu blasenhabe, weil seine Brust, solcher Erschütterungen ungewohnt,heute nicht genug Athcm für sein Spiel behielt. Er stelltesich weg vom Bruder, gegenüber der stralcnlosen Abendsonnean einen Kirschbaum, aus welchem das Brust- und Halsge-schmeide eines blühenden Jelängerjelieber wie eigne Blüte hing;und blies statt der schwersten Flöten-Passagen nur solche ein-fache Ariosos nebst einigen eingestrcuetcn Echos ab, wovon erglauben durfte, daß sie ins unerzogne Ohr eines juristischenKandidaten mit dem größten Glanz und Freudengesolge zie-hen würden.

Sie thaten's auch. Immer langsamer ging Gottwalt,mit einem langen Kirschzwcige in der Hand, zwischen derMorgen- und der Abendgcgcnd auf und nieder. Seliger als niein seinem trocknen Leben war er, als er aus die liebäugelndeRosensonne losgiug, und über ein breites goldgrüncs Landmit Thurmspitzen in Obstwäldcrn und in das glatte, weißeMutterdorf der schlafenden stummen Kolonisten im Gartenhinein sah, und wenn dann die Zephyre der Melodien dieduftige Landschaft wehend aufzublättern und zu bewegen schie-nen. Kehrt' er sich um, mit gefärbtem Blick, nach dem Ost-himmel und sah die Ebene voll grüner auf- und ablaufenderHügel wie Landhäuser und Rotunden stehen und den Schwungder Laubholzwälder auf den fernen Bergen und den Himmelin ihre Windungen eingesenkt: so lagen und spielten die Tönewieder drüben auf den rotheu Höhen und zuckten in den ver-