260
Sie saß auf einem niedrige» Kiffen oder Stuhle, mit welchemsie dicht an Peveril's Seite gerückt, und da seit kurzem ge-blieben war, vcrmuthlich in Erwartung, er würde ihre Ge-genwart bemerken, bis sie endlich, aus Ueberdruß, unbemerktzu bleiben, seine Aufmerksamkeit auf die angezeigte Art er-weckte. Aufgeschreckt aus seiner Träumerei, blickte er herab,und konnte nicht ohne Theilnahme dieß sonderbare und hüls-lose Wesen betrachten.
Ihr Haar war aufgebunden, und wallte über ihre Schul-tern in solcher Länge, daß viel davon auf dem Boden lag,und in solcher Fülle, daß es einen dunkeln Schleier oderSchatten, nicht bloß um ihr Gesicht, sondern über die ganzeschmächtige und niedliche Gestalt bildete. Aus dem Wallenihrer Locken blickten ihre kleinen und dunkeln, aber wohlge-bildeten Gcsichtszüge nebst den großen glänzendschwarzen Au-gen hervor, und ihr ganzes Gesicht hatte eine flehende Mieneangenommen.
Da Peveril merkte, daß ihr ungewohntes Wesen aus derErinnerung des diesen Morgen zwischen ihnen vorgefallenenStreits entsprang, so war er bemüht, die Munterkeit derKleinen wieder hcrzustellen, indem er ihr zu verstehen gab,daß bei ihm keine unangenehme Erinnerung an ihren Zwistübrig geblieben wäre. Er lächelte freundlich, und schüttelteihr die Hand, während er ihr mit der Vertraulichkeit länge-rer Bekanntschaft die langen, dunkeln Locken mit der Handzurückstrich. Sie senkte, wie beschämt, und zugleich über seineLiebkosungen erfreut, den Kopf, — und so wurde er veran-laßt, sie fortzusetzen, bis er fühlte, daß sie unter dem Schleierihrer starken und reichen Locken seine andere Hand, die sieimmer fest in der ihrigen hielt, leise mit ihren Lippen be-rührte, und zu gleicher Zeit mit einer Thräne benetzte. Hastig