EM EM Walter Srotl's sämmtliche Werke, neu übersetzt von Ur. Herrmann, Fr. Richter, Fr. Fnnck, Gelckers, vr. E. Susemihl, vr. Carl Andrä, W. Sanerwein und Andern. Zweite vermehrte Auflage. Einirndzwanzrgster Band Peveril vom Gipfel. Mit 1 Stahlstich. Stuttgart. Hoff IN a n n'schc Verlags - Buchhandlnng. 1852^ Peveril vom Gipfel (5' i n R o m a n von Walter Scott. Mit Stahlstich. ZtUttglNt. H v f f m a ii irsch- VcrIags - Bii ch h anvl u n g. i85L. «HL xs '.-b Er st es Kapitel. Wilhelm, der Eroberer Englands, war (so glaubte er wenigstens) der Vater eines gewissen Wilhelm Peveril, der ihn in die Schlacht bei Hastings begleitete und sich da auszeichnete. Der freisinnige Monarch, der in seinen Urkunden den wahrhaften Titel Kulieimus Lsstarckus annahm, betrachtete die außereheliche Geburt seines Sohnes nicht als ein Hinderniß seiner königlichen Gunst, da Englands Gesetze von dem normannischen Sieger ausgegangen waren, und er über die Länder der Sachsen unbeschränkt verfügen durfte. Wilhelm Peveril erhielt ansehnliche. Grundstücke und Herrschaften in der Grafschaft Derby, und ward Erbauer jener gothischen Festung, welche über die Mündung der den Reisenden wohl bekannten Teufelshöhle.herabhängt, und dem angränzcnden Dorfe den Namen Castlr'ton gibt. Von diesem Vasallen stammte (wenigstens, nach dem ziemlich unsicher» Stammbaum) eine reiche Familje von ritterlichem Range in derselben Grafschaft Derby ab. Das große Lehnsgut Castleton, mit seinen angränzcnden unangebauten Ländereien und seinen Waldungen, war in den stürmischen Tagen König Johanns von einem Wilhelm Peveril verwirkt Peveril. 1 und cingezogen, und den, Lord Terrors zu jener Zeit von Neuem verliehen worden. Allein diese Abkömmlinge Wilhelms, ob sie gleich nicht mehr ihr angeblich ursprüngliches Eigen- thum besaßen, prangten doch lange mit dem stolzen Titel der Peverils vom Gipfel, womit sie ihre hohe Abkunft und ihre erhabenen Ansprüche bezeichnen wollten. Zur Zeit Carls II. war der Repräsentant dieses alten Hauses Sir Gottfried Peveril, ein Mann, der viele gewöhnliche Eigenschaften eines altmodischen Landedelmanns und sehr wenig eigenthümliche Züge besaß, die ihn vor dieser Klaffe hätten auSzeichnen können. Er war eitel auf geringe Vorzüge, ärgerlich über kleine Verdrießlichkeiten, unfähig eine vorurtheilsfreie Meinung oder Entschließung zu fassen — er war stolz auf seine Geburt, verschwenderisch in seiner Haushaltung, gastfrei gegen seine Verwandten und Bekannten, die ^ seine Ueberlegenheit im Range anzuerkennen geneigt waren — streitsüchtig gegen Alle, die seinen Ansprüchen in den Weg traten — mildthätig gegen Arme, außer wenn sie seine Jagd beeinträchtigten — ein Ropalist in seinen politischen Grundsätzen, ynd ein gleich abgesagter Feind von Puritanern, Wild- ' dieben und Presbyterianern. In der Religion war Ritter Peveril ein so eifriger Freund der Kirche, daß Viele ihn noch für einen geheimen Anhänger des römischkatholischen Glaubens, dem seine Familie erst zu seines Vaters Zeit entsagt hatte, halten und behaupten wollten, er dürfe, kraft einer Dispensation, in äußerlichen Gebräuchen sich nach dem protestantischen Glauben richten. Es ging wenigstens ein solches Gerücht unter den Puritanern, und der Einfluß, den Sir Gottfried Peveril unter den vornehmen Katholiken in Derbp- shire und Cheshire zu besitzen schien, verschaffte demselben einige Glaubwürdigkeit. 3 Ein solcher Mann war Ritter Peveril, und seine Grabschrift hätte nichts Auszeichnendes von ihm zu melden gehabt, wenn er nicht in Zeiten gelebt hätte, welche auch die unthä- ligsten Charaktere zum Handeln fortriffen, so wie §er Sturm auch den stillen See in Bewegung setzt. Als die bürgerlichen Kriege ausbrachen, errichtete Peveril, stolz auf seinen Stammbaum und tapfer von Natur, ein Regiment für den König, und zeigte bei verschiedenen Gelegenheiten mehr Fähigkeit, den Befehl zu führen, als man ihm bisher zugetraut hatte. Mitten im Bürgerkriege verliebte er sich in eine schöne liebenswürdige junge Dame des edeln Hauses Stanley, die er heirathete; und seine Ergebenheit gegen den König war seitdem desto verdienstlicher, da dieß Verhältniß ihn von ihrem Umgänge trennte, die kurzen Zwischenperioden ausgenommen, in welchen ihm seine Pflicht, sie in seinem Hause zu besuchen, vergönnte. Standhaft gegen Reize des häuslichen Lebens, die ihn seinem kriegerischen Berufe entziehen wollten, focht Peveril mehrere harte Jahre des Bürgerkrieges mit vieler Tapferkeit, bis sein Regiment von Popntz, Cromwell's unternehmendem und glücklichem Anführer der Reiterei) überfallen und niedergehauen wurde. Der besiegte Ritter floh vom Schlachtfelde und zog sich, Unterwerfung verschmähend, in sein eigenes befestigtes Schloß Martindale zurück, welches in einer Belagerung angegriffen und vcrtheidigt wurde. Aber es litt von dem Geschütz, das Cromwell selbst gegen dasselbe richtete, bedeutend, und wurde am Ende im äußersten Drange übergeben. Sir Gottfried Peveril ward selbst zum Gefangenen gemacht, und während er seine Freiheit bloß unter dem Versprechen, ein friedlicher Unterthan des Staates in Zukunft zu bleiben, wieder erhielt, wurden seine vorherigen Vergehungen, wie die herrschende Partei sie nannte, durch Geldbuße 4 und Sequestration streng bestraft. Aber weder sein erzwungenes Versprechen/ noch die Furcht vor ferneren unangenehmen Folgen für seine Person konnte ihn abhalten, sich mit dem tapfern Grafen von Derby Nachts vor dem unglücklichen Gefecht in Wigganlane, wo die Truppen des Grafen zerstreut wurden, zu vereinigen. Peveril hatte Antheil an diesem Kampfe und entfloh mit dem Rest der Royalisten nach der Niederlage, um zu Carl II. zu stoßen. Er war auch Zeuge der entscheidenden Niederlage bei Worcester, wo er zum zweiten Mal Gefangener ward, und als ein, nach Cromwell's Meinung und nach der Sprache der Zeit, hartnäckiger Bösewicht in große Gefahr kam, mit dem Grafen von Derby zu Bolton- le-Moor ebenso die Hinrichtung zu theilen, wie er mit ihm die Gefahren von zwei Gefechten getheilt hatte. Aber Peve- ril's Leben wurde durch die Fürbitte eines Freundes erhalten, der bei Cromwell's geheimen Rathsversammlungen Einfluß hatte. Dieses war Bridgenorth, ein Mann von Mittlerin Stande, dessen Vater in einem Handelsgeschäft unter der friedlichen Regierung Jakob I. Glück gehabt und seinem Sohne eine bedeutende Summe als Zugabe zu dem kleinen von seinem Vater stammenden Erbtheile hintcrlaffen hatte. Das feste, doch nicht sehr große Zicgelgebäude Moultrasste- Hall war nur zwei Meilen vom Schloß Martindale entfernt, und der junge Bridgenorth besuchte dieselbe Schule mit dem Erben der Pevcrils- Eine Art Kameradschaft, wo nicht Vertraulichkeit, entstand zwischen ihnen, die während ihrer jugendlichen Spiele fortdauerte, um so mehr, da Bridgenorth, wiewohl er im Herzen Sir Gottfried Peveril's Ansprüche auf Vorrang nicht in dem Grade anerkannte, als dessen Eitelkeit gewünscht haben möchte, doch im gehörigen Maaße dem Erben eines viel ältern und ansehnlicher» Hauses, als das seinige war, eine gewisse Ehrerbietung bewies, ohne sich dadurch auf irgend eine Art herabgesetzt zu glauben. Bridgenorth trieb jedoch seine Gefälligkeit nicht so weit, daß er Peveril's Partei während des Bürgerkrieges ergriffen hätte. Im Gegentheil leistete er als ein thätiger Friedensrichter bedeutenden Beistand in Aufstellung der Miliz für die Sache des Parlaments, und diente hier eine Zeit lang als Offizier. Dieß war zum Theil seinen religiösen Grundsätzen zuzuschreiben (denn er war ein eifriger Puritaner), zum Theil aber auch seinen politischen Anfichten, welche, ohne schlechthin demokratisch zu sein, doch mehr zu Gunsten des Volks in der großen Nationalangelcgenheit stimmten. Außerdem war er , ein Mann von Vermögen, und hatte bis auf einen gewissen Punkt sein weltliches Interesse scharf im Auge- Er wußte die Gelegenheiten, die der Bürgerkrieg darbot, durch klugen Gebrauch seines Kapitals seine Gelder zu vermehren, geschickt zu benutzen, und er merkte wohl, daß er durch Verbindung mit dem Parlamente seinem Zweck näher kommen würde; während die Sache des Königs, so wie fie betrieben wurde, dem Reichen nichts darbot, als Erpressungen und erzwungene Anleihen. Aus diesen Gründen ward Bridgenorth ein entschiedener Puritaner, und aller freundliche Verkehr zwischen ihm und seinem Nachbar wurde plötzlich abgebrochen. Dieß geschah aus eine um so weniger kränkende Art, als während des Bürgerkrieges Ritter Pcveril fast beständig im Felde war, und dem schwankenden und unglücklichen Schicksale seines Königs folgte, indeß Major Bridgenorth, der bald den wirklichen Kriegsdienst aufgab, vornehmlich in London wohnte, und nur gelegentlich Moultrasste-Hall besuchte, um seine Familie zu sehen. Bei diesen Besuchen erfuhr er mit großem Vergnügen, daß Lady Peveril der Mistreß Bridgenorth viel Güte erwiesen und ihr und ihrer Familie im Schloß Martindale wirklichen Schutz gewährt hatte, als Moultrassie-Hall von einem Corps schlecht disciplinirter Reiterei Prinz Rupcrt's mit Plünderung bedroht war. Diese Bekanntschaft war durch öftere gemeinschaftliche Spaziergänge zur Reife gediehen, welche die Nachbarschaft ihrer Wohnungen der Ladp Peveril mit Mistreß Bridgenorth zu verabreden Gelegenheit gab, und die letztere fand sich durch den Umgang mit einer so angesehenen Dame sehr geehrt. Major Bridgenorth hörte von dieser wachsenden Vertraulichkeit mit großem Vergnügen und beschloß, die Verbindlichkeit, so weit er ohne zu großen Nachtheil für sich selbst vermochte, durch Verwendung alles seines Einflusses zu Gun- sten ihres unglücklichen Gemahls abzutragen. Es war vorzüglich der Vermittlung des Major Bridgenorth zuzuschreiben, daß Ritter Peveril's Leben nach der Schlacht bei Worcester gerettet wurde. Er verschaffte ihm die Erlaubniß, sich über sein Vermögen auf lcichiere Bedingungen zu vergleichen, als Vielen, welche weniger widersetzliche Feinde gewesen waren, vergönnt wurde; und endlich, als der Ritter, um zur Bezahlung der Vergleichssumme Geld zu erheben genöthigt war, einen beträchtlichen Theil seines Erbguts zu verkaufen, ward Major Bridgenorth der Käufer, und zwar um einen höher» Preis, als irgend einem Edelmann unter solchen Umständen von einem Mitglicde der Commission für Sequestration bezahlt worden war. Der kluge Mann verlor zwar keineswegs sein eignes Interesse bei der Verhandlung aus dem Gesicht; denn der Preis war bei alledem sehr mäßig, und das Grundstück lag in der Nähe von Moultrassie-Hall, dessen Werth durch diesen Erwerb wenigstens auf's Dreifache erhöht wurde- Allein der unglückliche Eigenthümcr hätte sich weit schlimmeren Bedingungen unterwerfen müssen, hätte das Mitglied rer Com- 7 mitee, gleich Andern, alle Vortheilc seiner Lage sich zu Nutze machen wollen, und Bridgenorth stieg in der allgemeinen Achtung, weil er bei dieser Gelegenheit sein eignes Interesse seinem Ecelsinn aufopfcrte. Peveril war derselben Meinung, um so mehr, da Major Bridgenorth seine Erhebung mit großer Mäßigung zu ertragen schien und geneigt war, ihm in bessern Vermögensumständen persönlich dieselbe Ehrerbietung, wie ehemals bei ihrer frühern Bekanntschaft, zu beweisen. Man mußte dem Major Bridgc- north die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er in diesem Benehmen eben so wohl den unglücklichen Schicksalen, als den Ansprüchen eines Nachbarn von hoher Abkunft Achtung bewies, und daß er mit dem offnen Edelsinn eines schlichten Engländers gewisse Regeln des Ceremoniels beobachtete, die ihm selbst gleichgültig waren, bloß weil er sah, daß dieß dem Ritter Peveril Vergnügen machte. Peveril erkannte das Zartgefühl seines Nachbarn und sah ihm deßhalb Vieles nach. Er achtete nicht darauf, daß Major Bridgenorth schon im Besitz von mehr als einem Drittel seines Vermögens war, und in Ansehung des klebrigen bis zu noch einem Drittel Geldansprüche hatte. Er suchte selbst, was noch schwerer war, die veränderte Lage z.> vergessen, in welcher sie und ihre Wohnsitze nunmehr zu einander standen. Vor dem bürgerlichen Kriege blickten die prächtigen Zinnen und Thürme des Schlosses Martindale, das auf einem hohen Felsen stand, auf das von rothen Mauersteinen gebaute, aus grünen Anpflanzungen hervorschimmernde Wohnhaus majestätisch herab, wie eine Eiche auf junge Schößlinge. Aber nach der erwähnten Belagerung prangte das erweiterte und vergrößerte Moultrassie-Hall eben so stattlich in der Landschaft unter den zerstreuten und geschwärzten Trümmern des Schlosses, 8 von dem bloß ein Flügel bewohnbar geblieben war, wie eine junge Buche in aller ihrer Schönheit des Wuchses und des Laubes sich gegen ein alte, durch den Blitz ihrer Zweige beraubte und zerspaltene Eiche ausnimmt, die nun halb in Splittern zu Boden gestreckt, halb als ein schwarzer, kahler, lebloser, abgebrochener Stamm erscheint. Sir Gottfried Pe> veril mußte wohl fühlen, daß die Lage und die Aussichten der beiden Nachbarn sich eben so, wie das Verhältniß ihrer Wohnhäuser, zu seinem Nachtheil verändert hatten, und daß, obgleich das Ansehen des Geschäftsführers für das Parlament, des SequestratorS und des Commissionärs nur zum Schutz des Ritters und des Uebelgesinnten verwendet worden war, es doch eben so wirksam zu seinem gänzlichen Ruin hätte gebraucht werden können, und daß er zum Clienten herabgesunken war, während sein Nachbar sich zu einem Beschützer und Gönner erhoben hatte. Außer dem Drang der Umstände und dem steten Rath seiner Gemahlin, waren es zwei Betrachtungen, welche den Ritter Peveril vermochten, den Zustand seiner Herabsetzung mit einiger Geduld zu ertragen. Die erste war, daß die politischen Gesinnungen des Majors Bridgenorth in vielen Stücken sich seinen eigenen zu nähern anfingen. Als Presbyterianer war er kein völliger Feind der Monarchie, und das unerwartete Verhör nebst der Hinrichtung des Königs hatte ihn sehr erschüttert; als Rechtskundiger und als Mann von Vermögen fürchtete er die Herrschaft des Militärs, und wiewohl er den König Carl nicht durch Waffengewalt wieder eingesetzt zu sehen wünschte, so kam er doch darauf zurück, daß die Staats-Unruhen am besten beigelegt werden könnten, wenn man den Erben des königlichen Hauses unter solchen Ver- gleichsbedingungen auf den Thron brächte, welche die Frei- 9 heilen und Gerechtsame des Volks, wofür das verlängerte Parlament zuerst gestritten, sicher stellten. Wirklich näherten sich die Ideen des Majors über diesen Punkt den Gesinnungen seines Nachbarn so sehr, daß er sich beinahe durch Peveril (der fast an allen Verschwörungen der Royalisten Theil Hattein den unglücklichen Aufstand von Penruddock und Groves im Westlande hätte verwickeln lassen, wobei viele von der PreSbpterianer-Partei sowohl, als von der der sogenannten Ritter in'S Gedränge kamen. Und obgleich seine gewöhnliche Klugheit ihn von dieser und andern Gefahren zurückhielt, so wurde doch Major Bridgenorth in den letzten Jahren von Cromwells Herrschaft und dem darauf folgenden Zwischenreich als ein mit der Staatsverfaffung Unzufriedener und als ein Anhänger Carl Stuarts angesehen. Allein außer dieser Annäherung zu denselben politischen Meinungen verknüpfte noch ein anderes Band der Vertraulichkeit die Familie des Schlosses und Moultrassie-Halls. Major Bridgenorth, ein glücklicher, und zwar besonders in allen seinen auf's öffentliche Leben sich beziehenden Angelegenheiten glücklicher Mann, wurde von harten und wiederholten Unglücksfällen in seiner Familie hcimgesucht, und ward hierin ein Gegenstand des Mitleids für seinen ärmeren und mehr herunter gekommenen Nachbar. Zwischen dem Ausbruche des, Bürgerkrieges und der Wiederherstellung des Königthums verlor er hinter einander sechs Kinder; wahrscheinlich durch die Zartheit ihres Körperbaues, welche die Kleinen gerade in dem frühen Alter hinwegriß, da sie sich am innigsten an das Herz der Aeltern anzuschließen pflegen. Im Anfänge des Jahres 1658 war Major Bridgenorth kinderlos; ehe dies Jahr endete, wurde ihm zwar wieder eine Tochter geschenkt, aber ihre Gehurt ward mit dem Tode einer zärtlichen Gattin erkauft, deren 10 Natur durch mütterlichen Gram und durch die ängstliche und nagende Bekümmcrniß erschöpft worden war, daß die verlornen Kinder von ihr die schwächliche Gesundheit hätten, welche den Druck des Daseins nicht ertragen konnte- Dieselbe Stimme, die dem Major Bridgenorth die Vaterfrcude meldete (cs war die freundliche Stimme der Lady Peveril), mußte ihm auch die traurige Botschaft bringen, daß er nicht mehr Gatte sei. Bridgenorth's Gefühle waren mehr starr und tief, als flüchtig und heftig, und sein Kummer nahm die Gestalt einer düstern Betäubung an, von welcher weder die freundlichen Vorstellungen des Ritter Peveril's (der nicht unterließ, in diesem Be- drängniß zu ihm zu kommen, wiewohl er den presbyteriani- schen Geistlichen bei ihm anzutreffen gewiß war), noch die Trostgründe des Pfarrers den unglücklichen Wittwer aufzurichten vermochten. Endlich machte Lady Peveril an dem Leidenden einen Versuch, den der Anblick des Elends und ihr Mitgefühl ihr eingab, und der oft dem bis zur Verzweiflung gestiegenen Gram einen lindernden Ausbruch in Thränen verschafft. Sie legte in Bridgenorth's Arme das Kind, das ihn ein so theures Opfer kostete, und beschwor ihn, zu bedenken, daß seine Alerie noch nicht für ihn todt sei, da sie in dem hülflosen Kinde »fortlebe, das sie seiner Vorsorge überlassen. „Nehmt sie weg! nehmt sie weg!" sagte der unglückliche Mann, und das waren wieder seine ersten Worte gewesen. „Laßt sie mich nicht ansehe»; es ist nur eine andere Blüthe, die geblüht hat, um zu verwelken, und der Baum, der sie trug, wird nicht wieder blühen!" Er warf das Kind fast in Lady Peveril's Arme, hielt die Hände vor das Gesicht und weinte laut. Lady Peveril sagte ll nicht: „Beruhigen Sie sich!" sondern sie wagte die Versicherung, daß die Blüthe der Frucht reifen werde. „Nie, niemals!" rief Bridgcnorth, „nehmt das unglückliche Kind weg, und laßt mich nur wissen, wann ich schwarze Kleidung für sie anlegen muß. Schwarze Kleidung," sagte er zu sich selbst; „welche andere Farbe sollte ich denn meine übrige Lebenszeit noch tragen?" „Ich will das Kind eine Zeitlang zu mir nehmen," sagte Lady Peveril, „weil Euch sein Anblick so schmerzlich ist; und die kleine Alerie soll die Kinderstube mit unserm Julian thei- len, bis cs Euch Freude und keinen Schmerz mehr machen wird, sie um sich zu sehen." „Die Stunde wird nie kommen," sprach der unglückliche Vater; „ihr Urthcil ist gefällt; sie wird den Andern Nachfolgen; Gottes Wille geschehe! — Ich danke Euch, edle Frau; ich vertraue sie Eurer Fürsorge, und danke Gott, daß ich ihren Todeskampf nicht mit anschen soll." Ohne den Leser länger mit diesem traurigen Gegenstände zu beschäftigen, ist es genug, zu sagen, daß Lady Peveril die Mutterpflichten gegen die kleine Waise übernahm, und vielleicht war cs großentheilS ihrer einsichtsvollen Behandlung zu danken, daß das schwache Leben des Kindes erhalten wurde, weil der glimmende Funke wahrscheinlich ganz erloschen wäre, wenn es, gleich den vorigen Kindern des Majors, die überzärtliche Sorge und Pflege einer Mutter erfahren hätte, welche durch so vielfachen Verlust zu bedenklich und ängstlich geworden war. Sie übernahm diese Pflicht um so gcrner, weil sie selbst zwei kleine Kinder verloren hatte, und weil sie die Erhaltung des dritten, jetzt eines schonen, gesunden, dreijährigen Knaben, ihres kleinen Julian, einer von der damals gewöhnlichen ziemlich abweichenden Diät» und Behandlung zuschrieb. Sie beschloß, ebenso mit der kleinen Waise zu verfahren, und der Erfolg war glücklich. Durch einen sparsamen Gebrauch der Arznei, durch freien Genuß der frischen Luft, durch feste, doch vorsichtige Aufmunterung und Beförderung der Thätig- keitcn der Natur, nahm das schwächliche Kind unter der Pflege einer trefflichen Amme allmählig an Stärke und Lebhaftigkeit zu. Sir Gottfried Peveril war, wie die meisten Leute von seinem offenen und gutmüthigcn Temperament, von Natur ein Kinderfreund, und nahm so viel Theil an den Leiden seines Nachbarn, daß er gänzlich vergaß, daß derselbe ein Presbyterianer war, bis es nothwendig ward, das Kind von einem Geistlichen dieses Bekenntnisses taufen zu lassen. Dies war ein kritischer Fall. Der Vater schien unfähig, eine Anordnung zu treffen, und daß die Schwelle des Schlosses Martindale von dem Fußtritt eines Geistlichen von abweichendem Glauben entweiht würde, war ein Gegenstand des Entsetzens für den rechtgläubigen Eigenthümer. Doch so groß war der Einfluß der Lady Peveril auf die Vorurtheile ihres Gemahls, daß er sich bewegen ließ, die Ceremonie in einem abgelegenen Gartenhause, das eigentlich nicht in den Bezirk der Schloßmauer gehörte, vornehmen zu lassen. Die Lady wagte selbst zu erscheinen, während die Ceremonie von dem ehrwürdigen SolSgrace vollzogen wurde, welcher einmal eine drei Stunden lange Predigt vor dem Unterhause zur Danksagung nach dem Entsatz Ereters gehalten hatte. Sir Peveril hielt sich sorgfältig den ganzen Tag von dem Schlosse entfernt, und bloß aus seiner großen Betriebsamkeit/das Gartenhaus waschen, räuchern, und gleichsam reinigen zu lassen, hätte mau seine Kenntniß von dem, was darin vorgegangen, muthmaßen können. » Allein, was für Vorurtheile auch immer der Ritter liegen die Form der Religion seines Nachbarn hegen mochte, sie hatten doch keincsweges Einfluß auf seine Gefühle für ihn, als einen schwer bedrängten Leidenden. Die Art, wie er sein Mitleiden bewies, war etwas sonderbar, aber ganz genau dem Charakter beider, und dem Fuß, auf dem sie gegen einander standen, angemessen. Einen Morgen nach dem andern machte der Baronet Moultrassie-Hall zum Ziel seines Spaziergangs oder Ritts, und sprach ein freundliches Wort, wenn er vorbeikam. Bisweilen trat er in das öde Besuchzimmer, wo der Hausherr in einsamer Betrübniß und Verzweiflung saß; aber häufiger (denn Peveril besaß keine besondere Gabe der Unterhaltung) ruhte er auf der Terrasse, hielt mit seinem Pferde am Gitterfenster, und ries laut zu dem trübsinnigen Bewohner hinein: „Wie geht es mit Euch, Herr Bridgenorth? (Der Ritter wollte nie den militärischen Rang seines Nachbarn als Major anerkennen.) Ich sah eben herein, Euch guten Muth einzusprechen und Euch zu sagen, daß Julian wohl ist, und Alerie wohl ist, und Alle auf dem Schloß Martindale sich wohl befinden." Ein tiefer Seufzer, manchmal mit dem Zusatz: „Ich danke Euch, edler Ritter; meine schuldige Danksagung der Lady Peveril," war gewöhnlich Bridgenorths einzige Antwort. Aber die Nachricht wurde von der einen Seite mit derselben Güte empfangen, mit der sie von der andern gegeben war; sie wurde allmählig weniger schmerzhaft, und erregte mehr Theil- nahme, das Gitterfenster war nie zugcmacht, auch war der lederne Armstuhl, zunächst an demselben, nie leer, wenn die glückliche Stunde von Peveril's kurzem Besuch nahte. — Endlich ward die Erwartung der flüchtigen Minute die Angel, 14 um welche sich die Gedanken des armen Bridgenorth während des ganzen übrigen Tages drehten. So konnte er in seinem einsamen Armstuhl sitzend, den gesetzten Schritt des Ritters, oder den schweren Hufschlag seines Streitrofses, Black-Hastings, das ihn in manchen Kampf getragen hatte, aus der Ferne vernehmen; er konnte das Trällern des Liedes: „Der König kommt wiederum in sein Reich," oder das angewöhnte Pfeifen eines SpoltliedeS auf die Puritaner in ehrerbietiger Stille verhallen hören, sobald der Ritter dem Hause der Betrübniß näher kam, und alsdann erscholl die laute Stimme des waid- männischen Kriegers mit dem gewohnten Gruß. Nach und nach wurde die Mittheilung etwas mehr in die Länge gezogen, da der Gram des Majors, wie alle menschlichen Gefühle, seine überwältigende Heftigkeit verlor und ihm gestattete, einigermaßen aus das, was um ihn her vorging, aufjumerken, verschiedene dringende Pflichten zu erfüllen und der Lage des Vaterlandes einige Theilnahme zu widmen, welches durch streitende Parteien beunruhigt war, deren Kampf uur erst mit der Wiedereinführung des Königthums endete. Immer mehr, jedoch nur langsam von den Schlägen des Schicksals sich erholend, fühlte sich Major Bridgenorth noch unvermögend zu dem Anstrengung kostenden Entschluß, sein Kind wiederzusehen, und obgleich nur durch einen kleinen Raum von dem Wesen getrennt, an dessen Dasein er mehr als an irgend Etwas in der Welt Interesse haben mußte, machte er sich bloß mit den Fenstern des Zimmers bekannt, wo die kleine Alerie wohnte, und man sah ihn diese Fenster oft von der Terrasse her betrachten, wenn sie Abends von der untergehendcn Sonne beleuchtet wurden. Zn der That war er, bei aller sonstigen Scelenstärke, nicht fähig, den düstern Gedanken zu überwinden, daß dies übrig gebliebene Pfand der Zärtlichkeit bald zu dem Grabe gesandt werden würde/ welches schon Alles, was ihm außerdem theuer war, verschlungen hatte, und er erwartete in kläglicher Bangigkeit den Augenblick, wo er von den sich zeigenden Zufällen der tödtlichen Krankheit hören würde. Aber Peveril's Stimme blieb tröstlich und erheiternd bis zum April isso, als sie plötzlich einen neuen, andern Ton annahm. Statt sein gewöhnliches, oben erwähntes Lied abzubrechen, als der hastige Trab des Rappen an die Auffahrt kam, ertönte es vielmehr zu dem Getöse seiner Hufe auf dem gepflasterten Hofraum ,als der Ritter Pcveril von seinem großen Feldsattel herabsprang, der nun wieder einmal Pistolen von zwei Fuß Länge trug, und in voller stählerner Rüstung, einen Streitkolben in der Hand, mit funkelnden Augen und glühenden Wangen in das Zimmer des erstaunten Mafors trat. „Auf! auf! Nachbar," rief er ihm zu; „jetzt ist keine Zeit, am Kaminwinkel zu träumen. Wo ist Euer Ledercollet, Euer Schwert? Ergreift einmal die rechte Partei in Eurem Leben, und macht das Vergangene wieder gut. Der König ist lauter Milde, lauter Huld und Gnade. Ich will Euch volle Verzeihung auswirkcn." — „Was soll das Alles bedeuten?" sagte Bridgenorth; „steht Alles wohl bei Euch im Schloß, werther Ritter?" „Wohl, Alles nach Wunsch; Alerie, Julian und Alle sind wohl. Aber ich habe Nachrichten, zwanzigmal mehr werth, als diese. Monk hat sich zu London wider die niederträchtigen Schurken des Parlaments erklärt- Fairfax tritt auf in Zjorkshire — für den König — für den König, Bridgenorth! Geistliche, Presbyterianer und Alle rüsten sich für den König Carl. Ich habe einen Brief von Fairfax, Derby und Chesterfield zu schützen mit allen Leuten, die ich ausbringen kann. 16 Der Henker hole ihn, daß ich Befehle von ihm annnehmen sollte! Doch weiter nichts davon! Alles ist Freund, und Ihr und ich, Nachbar, greifen gemeinschaftlich an, wie es guten Nachbarn ziemt. Seht hier, leset, leset, leset, und dann Stiefel an, und Sattel auf, ohne Verzug! Ritter, auf, vereint. Schlagt den alten Feind; Crvmwell sieht man schon Vor den wacker» Rittern Todtcnbleich erzittern." Nachdem er so mit Donnerstimme seine Begeisterung für den König hatte laut werden lassen, floß das Herz des Töpfern von Rührung über- Er warf sich in einen Sessel und rief: »Hätte ich je geglaubt, diesen glücklichen Tag zu erleben!" Er weinte, nicht minder zu seinem eigenen, als zu Bridge« north's Erstaunen. Nach Ueberlegung der Krisis, in welcher sich das Vaterland befand, schien es dem Major Bridgenorth, wie es Fair- fax und andern Anführern der presbyterianischen Partei geschienen hatte, daß cs unter diesen Umständen am klügsten und für das Vaterland am ersprießlichsten sei, wenn sie freiwillig zur Sache des Königs überträtcn, da alle Stände und Classen Zuflucht aus der Ungewißheit und der abwechselnden Bedrückung suchten, welche die wiederholten Kämpfe zwischen den Parteien von Westminsterhall und Wallingfordhaus begleiteten. Demgemäß vereinigte er sich mit dem Ritter Peveril, zwar mit weniger Begeisterung, aber mit gleicher Aufrichtigkeit, und ergriff solche Maßregeln, welche ihren Theil des Landes zu Gunsten des Königs sicher zu stellen schienen, was eben so kräftig und friedlich bewerkstelligt wurde, als in andern Theilen Englands. Beide Nachbarn waren zu Chester- 17 ficld, als Kunde von des Königs Landung in England an- kam, und der Ritter Peveril machte sogleich sein Vorhaben bekannt, dem König noch vor seiner Rückkehr in's Schloß Martindale aufzuwarten. «Wer weiß, Nachbar," sagte er, „ob Ritter Gottfried Peveril je wieder nach Martindale zurückkommt? Titel müssen dort auSgetheilt werden, und ich habe wohl so Etwas unter den Uebrigen verdient. Lord Peveril würde gut klingen; doch halt! Graf von Martindale, — nein, nicht von Martindale, — Graf vom Gipfel- Unterdessen, vertraut mir Eure Sache. Ich werde Euch schon schützen. Ich wünschte, Ihr wäret kein Presbyterianer gewesen, Nachbar. Der Name Ritter — ich meine einen bloßen Ritter, keinen Baronet — würde für Euch recht wohl passen." „Ich überlasse das meinen Obern, edler Ritter," sagte der Major, «und wünsche nichts mehr, als Alles zu Martindale wohl zu finden, wenn ich zurückkomme." „Ihr werdet Alle wohl finden," erwiederte der Baronet; „Julian, Alerie, Lady Peveril, und Alle: bringt ihnen meinen Gruß, und küßt sie Alle, Nachbar, Lady Peveril und Alle- Ihr könnt vielleicht eine Gräfin küssen, wenn ich zurückkomme; Alles wird nun gut mit Euch gehen, da Ihr ein ehrlicher Mann geworden seid." „Das Hab' ich immer gemeint zu sein, edler Ritter," gab Bridgenorth ruhig zur Antwort. „Gut, gut, — nicht böse gemeint," sagte Peveril, „Alles ist nun gut, — Ihr nach Moultrasfie-Hall und ich nach White- Hall. War's recht so? Nun wohl, lieber Wirth, einen Becher Kanariensekt auf des Königs Gesundheit, ehe wir zu Pferde steigen! Ach, ich vergaß, Nachbar, daß Ihr keine Gesundheiten trinkt." Peveril. 2 18 „Ich wünsche dem Könige Gesundheit so herzlich, als ob ich darauf eine ganze Flasche geleert hätte," gab der Major zur Antwort; „und wünsche Euch, edler Ritter, alles Glück auf Eurer Reise und Wiederkehr." Zweites Kapitel. Was immer für Belohnungen der König Carl Peveril'n für seine Anhänglichkeit zu ertheilen geruhen mochte, er hatte keine zu seiner Verfügung, die der Freude gleich kamen, welche die Vorsehung dem Major Bridgenorth bei seiner Zurückkunst nach Derbyshire Vorbehalten hatte. Die Thätigkeit, zu der er ermuntert worden war, hatte die gewöhnliche Wirkung, die Stärke und Thatkraft seines Charakters bis auf einen gewissen Grad zu beleben, und er fühlte, wie unziemlich es sein würde, in den Zustand der in sich gekehrten Schwermuth zu- röckzufallen, aus dem er erweckt worden war. Die Zeit hatte auch ihre bekannte lindernde Kraft bei seinem Gram bewiesen, und als er einen Tag in Moultrassie-Hall mit Bedauern zu- gcbracht hatte, daß er keine mittelbare Nachricht von dem Gesundheitszustände seiner Tochter, wie sie ihm Peveril bei seinem täglichen Zuspruch gab, erhalten konnte, erwog er, es möchte in jeder Hinsicht schicklich sein, einen persönlichen Besuch im Schloß Martindale abzustatten, den Gruß des Ritters an seine Gemahlin auszurichten, ihr von seinem Wohlsein Versicherung zu geben, und sich selbst über das Wohlbefinden seiner Tochter zufrieden zu stellen. Er machte sich auf IS das Schlimmste gefaßt, und dachte an die schmalen Wangen, das eingefallene Auge, die abgezehrte Hand, die bleiche Lippe, die traurigen Zeichen der sinkenden Gesundheit aller seiner vorigen Kinder. Er begab sich daher am folgenden Morgen nach dem Schlöffe Martindale, und crtheilte der Lady willkommene Versicherungen von dem Wohlbefinden ihres Gemahls und von dessen Hoffnungen auf Beförderung. „Für das Erste," sagte Lady Peveril, „sei der allmächtige Gott gepriesen, und das Zweite erfolge, wie es unserm gnädigen, wieder eingesetzten Landesherrn gefallen wird. Wir stehen hoch genug für unser Vermögen, und haben Vermögen genug, wenn nicht um glänzen, doch um zufrieden leben zu können. Und nun sehe ich, Herr Vridgenorth, wie thöricht cs ist, eiteln bösen Ahnungen Glauben bcizumeffen. So oft hatten Ritter Pevcrtl's Unternehmungen zu Gunsten der Stuarte ihn in neues Unglück gebracht, daß ich, wenn ich ihn am andern Morgen wieder in seiner leidigen Rüstung sah und den Schall seiner lange verstummten Trompete wieder hörte, sein Sterbehemd zu sehen und seine Todtenglocke zu hören wähnte. Ich sage Euch dies, Herr Nachbar, um so mehr, weil ich fürchte, Ihr ängstigt Euch gleichfalls durch solche Ahnungen bevorstehenden Unglücks, das Gott bei Euch abzuwenden gefallen möge, wie bei mir." Die Zimmerthüre öffnete sich, während sie noch sprach, und zwei liebe Kinder traten herein. Das älteste, Julian Peveril, ein schöner Knabe zwischen vier und fünf Jahren, führte mit Anstand und Aufmerksamkeit ein kleines Mädchen von achtzehn Monaten an der Hand, welches sich mit Mühe an ihrem ältern und stärkcrn Führer aufrecht erhielt. Vridgenorth warf einen hastigen, furchtsamen Blick aus 2 " das Ansehen seines Töchtcrchens, und bemerkte mit ausnehmender Freude, daß seine Besorgnisse ungegriindet waren. Er nahm sie in die Arme, drückte sie an sein Herz, und das Kind, anfangs zwar durch die Heftigkeit seiner Liebkosungen erschreckt, erwiederte sie nun, wie durch Eingebung der Natur, mit Lächeln. Nun hielt er sie wieder in einiger Entfernung von sich und blickte sie aufmerksamer an; cs freute ihn, daß die Farbe des kleinen Engels, den er in den Armen hatte, nicht die hektische Blässe, sondern die muntere Farbe der Gesundheit war, und daß ihr Körper, ob zwar zart und schmächtig, doch Festigkeit und Muskelkraft verrieth. „Ich hätte nicht geglaubt, daß es so sein könnte," sagte er, indem er Ladp Peveril ansah, welche sich gesetzt hatte, und den Auftritt mit großem Vergnügen beobachtete; „aber Gott sei Preis vor Allem, und dann zunächst Dank Euch, edle Frau, die Ihr sein Werkzeug gewesen seid!" „Julian wird nun wohl seine Gespielin verlieren? ver- muthe ich," sagte Ladp Peveril. „Aber Moultrassie-Hall ist nicht weit, und ich werde meine kleine Pflegbefohlene oft sehen. Martha, die Haushälterin zu Moultrassie, ist eine verständige, sorgfältige Frau. Ich will ihr Vorschriften geben, wie sie die kleine Alerie behandeln muß, und —" „Gott verhüte, daß meine Tochter je wieder nach Moul- trassie komme," fiel Major Bridgenorth hastig ein; „cs ist das Grab ihres Geschlechts gewesen. Die Lust der tiefen Gründe bekam ihnen nicht — oder es ruht vielleicht ein Fluch auf dem Hause. Ich will ihr einen andern Aufenthaltsort aufsuchen." „Das sollt Ihr nicht, wenn ich mich unterstehen darf, so zu sprechen, Herr Major. Thätet Ihr es, so müßten wir annehmen, daß Ihr mich für untauglich haltet, die Pflegerin 21 des Kindes zu sein. Wenn das Kind nicht in des Vaters Haus geht, so soll es in dem weinigen bleiben, und da Ihr die Dünste der niedern Gründe fürchtet, so werdet Ihr hoffentlich oft hieher kommen, sie zu besuchen." Es ist bekannt, daß Diejenigen, deren Familien lange durch eine so verhängnißvolle Krankheit verfolgt werden, als in der seinigen geherrscht hatte, gleichsam abergläubisch in Hinsicht ihrer tödtlichen Wirkungen werden, und dem Ort, den Umständen, und der eigcnthümlichen Pflege vielleicht weit mehr zuschreiben, als durch dieselben zur Abwendung der gefährlichen Folgen einer krankhaften Constitution in irgend einem Falle beigetragen werden kann. Lady Pcveril wurde diesen Eindruck bei ihrem Nachbar wohl gewahr; sie sah, daß seine Niedergeschlagenheit, das Uebertriebene seiner Sorge, das Fieberhafte seiner Befürchtungen, die Zurückgezogenheit und düstere Einsamkeit, worin er lebte, gerade das Nebel herbei- führcn mußten, welches er unter allen am meisten fürchtete. Sie bedauerte ihn, sie war dankbar für den ehemals aus seinen Händen empfangenen Schutz; — sie war durch eigenes Interesse an das Kind selbst geknüpft worden. Welches weibliche Wesen fühlte sich nicht zu dem hülflosen Geschöpf hingc- zogen, das es gepflegt und aufgezogen hat? Und überdies besaß sie auch ihren Theil menschlicher Eitelkeit, und war stolz darauf, durch ihre eigene Geschicklichkeit die wahrscheinlichen Anfälle der in der Bridgenorth'schen Familie so eingewurzelten Erbkrankheit abgehalten zu haben. Major Bridgenorth selbst fühlte dies, und während die Freudenthräne in seinem Auge verriet-, wie gern er den Vorschlag der Lady Pcveril annähme, so konnte er sich doch nicht enthalten, die ihren Plan begleitenden Ungelegenheiten zu bemerken, wiewohl in dem Tone Dessen, der sich gern widerle- 22 gen läßt. „Edle Frau," sagte er, „Eure Güte macht mich zu einem der glücklichsten und dankbarsten Männer; aber kann sie "mit Eurer eigenen Bequemlichkeit bestehen? Euer Gemahl hat über manche Punkte seine eigenen Meinungen, die von den mcinigen abwichen und wahrscheinlich noch abweichen. Er ist von hoher Geburt, ich bin vom Mittelstände. Er hält sich an den Gottesdienst der Englischen Kirche, ich bin Presbyterianer. —" „Ich hoffe," siel ihm Lady Peveril in's Wort, „Ihr werdet bei keiner von beiden Lehren verboten finden, daß ich Eurem verwaisten Kinde Mutter sein möge. Ich hoffe, Herr Brid- genorth, die erfreuliche Wiedereinsetzung seiner Majestät, ein von der Hand der Vorsehung unmittelbar gewirktes Werk, werde das Mittel sein, alle bürgerlichen und religiösen Miß- Helligkeiten unter uns zu Heden und aufzulösen; ich glaube, statt eine höhere Reinheit unseres Glaubens durch Verfolgung der über Lehrmeinungen anders Denkenden zu beweisen, werden wir seinen wahren christlichen Zweck dadurch zu zeigen streben, daß wir unter einander in Handlungen der Menschenliebe wetteifern, und so am besten unsere Liebe zu Gott an den Tag legen." - „Edle Frau," antwortete Bridgenorth, welcher von der Engherzigkeit seiner Zeit selbst nicht frei war, „Ihr sprecht, was Euer eigenes gutes Herz Euch eingibt, und ich bin gewiß, wenn Alle, die sich Königlichgesinnte nennen, so dächten, wie Ihr und mein Freund, Ritter Peveril (dies setzte er nach einer augenblicklichen Pause hinzu, indem cs vielleicht mehr Schmeichelei als Ueberzcugung war), so würden wir, die wir in vergangener Zeit es für unsere Pflicht hielten, für Gewissensfreiheit und wider willkührliche Gewalt die Waffen zu ergreifen, nunmehr in Frieden und Zufriedenheit leben. Allein ich weiß nicht, wie es ausfallcn mag. Ihr habt heftige und hitzige Köpfe unter Eurer Partei; ich will nicht sagen, daß unsere 23 Macht immer mit Mäßigunss gebraucht worden sei, und Rache ist süß dem Geschlecht des gefallenen Adam." „Wohl, Herr Bridgenorthsagte Lady Peveril, »diese schlimmen Prophezcihungen verrathen nur Schlüffe, die, wenn sie nicht schon auf unsicher» Voraussetzungen ruhten, doch hockst wahrscheinlich nicht in Erfüllung gehen. Ihr wißt, was Shakespeare sagt: Den Eber flieh'n, eh' er uns »och verfolgt, . Hieß', ihn uns zu verfolgen reizen, Zur Jagd ihn locken, der nicht zogen mag. Doch verzeiht, — cs ist so lange her, daß wir einander nicht gesehen haben, und ich vergaß, daß Ihr kein Freund von Schauspielen seid." „Mit Verlaub, gnädige Frau," erwiederte Bridgenorth, „Tadel verdiente ich, wenn ich die eitlen Worte eines War- wickshirer Komödianten nöthig hätte, um zur Dankbarkeit gegen Euch bei dieser Gelegenheit ermahnt zu werden, da mich diese Pflicht lehrt, mich Eurer Leitung in allen Dingen zu überlassen, die mir mein Gewissen erlaubt." „Weil Ihr mir solchen Einfluß einräumt," versetzte Lady Peveril, „so will ich auch nur mäßigen Gebrauch davon machen, um bei Euch, auf meinem Gebiete wenigstens, von der neuen Ordnung der Dinge einen vortheilhasten Eindruck zu erregen. So will ich, wenn Ihr auf einen Tag mein Untcr- than sein wollt, Major, auf den Befehl meines Mannes, eine Einladung an die ganze Nachbarschaft zu einem hohen Fest im Schlosse für nächsten Donnerstag ergehen lassen, und bitte Euch, nicht allein persönlich zu erscheinen, sondern auch Euren würdigen Pfarrer, Eure Nachbarn und Freunde, hohe und niedrige, welche denken wie Ihr, zu der übrigen Gesellschaft zu bringen, um bei der glücklichen Wiedereinsetzung des Königs 24 ein gemeinschaftliches Freudenfest zu feiern, und dadurch zu zeigen, daß wir nunmehr ein vereinigtes Volk sein sollen." Der dem Parlament ergebene Major war durch diesen Auftrag und Vorschlag nicht wenig in Verlegenheit gesetzt. Er sah auf und nieder und um sich her, bis sein Blick auf sein Kind fiel, welches ihm andere und bessere Gedanken eingab, als Decke und Fußboden es zu thun vermochten. „Gnädige Frau," sagte er, „ich bin lange -er Festlichkeiten fremd geworden, vielleicht aus einem natürlichen Hange zur Schwermut-, vielleicht durch die unvermeidliche Niedergeschlagenheit eines verlassenen, der Seinigen beraubten Mannes, in dessen Ohren die Freude mißtönt, wie eine liebliche Melodie auf einem verstimmten Instrument. Aber obgleich meine Gedanken und mein Temperament weder jovialisch noch mercurialisch find, so ziemt es mir doch, dem Himmel dankbar zu sein für das Gute, das er mir durch Euch, gnädige Frau, hat zu Theil werden lassen. David, der Mann nach Gottes Herzen, wusch sich und aß Brod, als sein geliebtes Kind ihm entrissen wurde, — das meinige ist mir wiedergegeben; und sollte ich nicht Dankbarkeit beweisen bei einem Segen, wenn er Ergebenheit in Trübsal zeigte? Ich nehme Eure Einladung bereitwillig an, gnädige Frau, und diejenigen Freunde, über die ich etwas vermag, und deren Gegenwart Ihr wünschen könnt, sollen mich zu dem Fest begleiten, damit unser Israel wie ein Volk sei." Nachdem er diese Worte mehr mit dem Ansehen eines Märtyrers, als eines zu einem Fest gebetenen Gastes, gesprochen, und seine Tochter geküßt und feierlich gesegnet hatte, nahm er Abschied und kehrte nach Moultrassie-Hall zurück. 25 Drittes Kapitel. Der Ritter Peveril hatte seiner Gattin aufgetragen, den Adel der gesammten Nachbarschaft zu einem frohen Mahl auf dem Schlosse, zu Ehren der glücklichen Wiedereinsetzung seiner königlichen Majestät, einzuladen, ohne genau anzugeben, woher die Vorräthe zur Bewirthung kommen sollten. Der Thiergarten hatte seit der Belagerung immer wüst gelegen; das Taubenhaus konnte nur Weniges für eine solche Bewirthung liefern; die Fischteiche zwar waren wohl versehen (welches die benachbarten Presbyterianer als einen verdächtigen Umstand bemerkten), und aus den ausgedehnten Haiden und Hügeln der Grafschaft Derby fehlte cs nicht an Wild. Aber alles dieß waren nur untergeordnete Bestaydtheile des Gastmahls, und der Haushofmeister sowohl als der Amtmann, die einzigen Gehülfen und Rathgeber der Lady Peveril, konnten nicht einig werden, wie die Fleischgerichte, der wesentlichste oder gleichsam der Haupttheil des Gastmahles, zu erlangen wären. Der Haushofmeister drohte, ein Joch schöner, junger Ochsen zu opfern, wogegen sich der Amtmann, wegen ihrer Unentbehrlichkeit für das Feld, standhaft widersetzte; und Lady Peveril konnte bei aller Gutmüthigkeit und rechtlichen Gesinnung sich einigen Unmuths nicht entschlagen, wie ihr Mann so unüberlegt habe handeln können, sie in eine solche Verlegenheit zu setzen. Die Anhänglichkeit Peveril's an den König hatte bei ihm, wie bei Andern in seiner Lage, durch Hoffnungen und Besorgnisse, Siege und Niederlagen, Kämpfe und Leiden — alle aus derselben Triebfeder entsprungen und gleichsam um die- 26 selbe Angel sich drehend — den Charakter einer starken und enthusiastischen Leidenschaft erlangt, und der schnelle, überraschende Glückswechscl, wodurch seine höchsten Wünsche nicht uur erfüllt, sondern noch weit übertroffen wurden, erzeugte auf einige Zeit berauschendes Entzücken, welches sich über das ganze Königreich zu verbreiten schien. Ritter Peveril hatte den König Carl und seine Brüder gesehen, und war von dem fröhlichen Monarchen mit der gefälligen und zugleich offenen Freundlichkeit empfangen worden, durch die er Alle, die sich ihm naheten, für sich gewann; des Ritters Dienstleistungen und Verdienste waren völlig anerkannt, und zu Belohnungen war ihm Hoffnung, wenn nicht ausdrückliche Zusicherung, gegeben worden. Konnte wohl Peveril, im Jubel seines ganzen Gemüths, überlegen, wo seine Frau Rindfleisch und Schöpsenfleisch zur Bewirthung ihrer Nachbarschaft herneh- men sollte? Aber, zum Glück für Ladp Peveril in ihrer Verlegenheit, hatte doch Jemand Gemüthsruhe genug behalten, um diese Schwierigkeit vorherzusehcn. Gerade als sie sich mit vieler Selbstüberwindung entschlossen hatte, für eine zur Ausführung der Befehle ihres Mannes nöthige Summe Major Brid- genorth's Schuldnerin zu werden, während sie diese Abweichung von ihrer gewohnten strengen Haushaltung bitter bedauerte, stürmte ihr Verwalter, der, beiläufig gesagt, seit der Nachricht von des Königs Landung zu Dover nie ganz nüchtern geworden war, in's Zimmer, schnippte mit den Fingern, und zeigte eine lebhaftere Freude, als der Anstand in dem großen Besuchzimmer seiner Gebieterin füglich erlaubte. „Was soll das heißen, Whitaker?" rief sie etwas verdrießlich; denn sie war im Schreiben eines Briefs an ihren Nachbar, das unangenehme Geschäft des erwähnten Darle- 27 Yens betreffend, gestört worden. „Seid Ihr immer so? oder träumt Ihr?» „Ein Traumgesicht von guter Vorbedeutung," rief der Verwalter mit triumphirender Bewegung der Hand aus; „wahrlich, weit besser als Pharao'ü, wenn es gleich, wie das seinige, aus fetten Kühen besteht." „Sprecht deutlicher," sagte die Lady, „oder holet Jemand, der vernünftig reden kann." „Ei, meiner Treu, gnädige Frau," antwortete er, „meine Botschaft kann für sich selbst sprechen. Hört Ihr sie nicht brüllen? Hört Ihr sie nicht blöken? Ein Joch fetter Ochsen, und zehn auserlesene Widder. Das Schloß ist für dießmal verproviantirt; — sie mögen es nun bestürmen, wann sie wollen." Ohne ihn weiter zu befragen, stand Lady Peveril auf, und ging an's Fenster, wo sie wirklich die Rinder und Schafe sah, die Whitaker so begeistert hatten. „Woher kommen sie denn?" fragte sie mit einiger Verwunderung- „Erkläre das, wer da kann," antwortete Whitaker; „der Mann, der sie Hertrieb, war ein Bauer aus dem westlichen Bezirk, und sagte bloß, sie kämen von einem Freunde, der einen Beitrag zu dem Gastmahl Euer Gnaden liefern wollte. Der Mann wollte nicht warten, bis man ihm einen Trunk reichte. Es thut mir leid, daß er nicht einmal trinken wollte — haltet zu Gnaden, daß ich ihn nicht bei den Ohren dazu zog. Es war meine Schuld nicht." „Das will ich gern glauben," sagte die Lady. „Nein, bei Gott, es war meine Schuld nicht, gnädige Frau," sagte der eifrige Verwalter; „aber ehe das Schloß seinen Credit hätte verlieren sollen, trank ich selbst seine Gesundheit im Doppelbier, ob ich gleich meinen Morgentrunk schon gethan hatte. Es ist die reine Wahrheit, was ich Euch sage, beim Himmel, gnädige Frau." „Dazu brauchtet Ihr wohl nicht sehr gcnöthigt zu werden," bemerkte Lady Pcveril. „Allein, Whitaker, angenommen, Ihr tränket und schwüret etwas weniger, wenn Ihr bei solchen Gelegenheiten Eure Freude äußert, wäre es nicht eben so gut? Was meint Ihr?" „Ich bitte Euer Gnaden um Vergebung," erwiederte Whitaker mit vieler Ehrerbietung; „ich hoffe, ich kenne meinen Platz. Ich bin Euer Gnaden armer Diener, und ich weiß, cs schickt sich nicht für mich, so zu trinken und zu schwören, wie Euer Gnaden, das heißt, wie der gnädige Herr, Ritter Peveril, wollt' ich sagen. Aber ich bitte Euch, wie kann ein alter Königsfreund, wie ich, von den armseligen Puritanern unterschieden werden, die nichts thun, als fasten und beten, wenn wir nicht, nach unserm Range, trinken und schwören dürfen?" Lady Pcveril schwieg; denn sie wußte wohl, daß Reden hier nichts fruchteten, und sagte nach einer kurzen Pause dem Verwalter, daß sie die ausgeschriebenen Personen, deren Verzeichniß sie ihm gab, zu dem bevorstehenden Schmause eingeladen haben wollte. Whitaker, anstatt diese Liste mit der stillen Ehrerbietung eines heutigen Haushofmeisters anzunehmen, trug sie in den Winkel eines Fensters, setzte seine Brille auf, und fing an, sie für sich zu durchlesen- Da die Namen vornehmer Personen aus adeligen Familien der Nachbarschaft den Anfang machten, murmelte er darüber in einem beifälligen Tone; bei Bridgenorth's Namen hielt er inne und stutzte, beruhigte sich jedoch mit der Bemerkung: „Aber er ist ein guter Nachbar, 29 so mag es gehen." Allein als er den Namen und Zunamen von Nchemiah Solsgrave, dem presbyterianischen Pfarrer, las, verließ ihn seine Geduld gänzlich, und er erklärte, er wolle sich eher in's Wasser stürzen, als zugeben, daß die zudringliche, alte puritanische Nachteule, welche sich die Kanzel eines braven, rechtgläubigen Geistlichen angemaßt, jemals die Thore des Schlosses Martindale verdunkeln solle. „Die falschen, stutzköpsigen Heuchler," rief er mit einem derben Schwur aus, „haben ihre gute Zeit gehabt. Die Sonne scheint nun auf unsere Seite, und wir werden alte Zechen bezahlen, so wahr ich Richard Whitaker heiße-" „Ihr stützt Euch gewiß auf Eure langen Dienste und auf die Abwesenheit Eures Herrn, Whitaker; sonst unterständet Ihr Euch nicht, mich so zu behandeln," flüsterte ihm die Gebieterin zu. Die ungewohnte Heftigkeit ihrer Stimme machte Eindruck auf den widerspenstigen Verwalter,, ungeachtet seines jetzigen eraltirtcn Zustandes, und kaum sah er ihr Auge glänzen und ihre Wange errothen, so war seine Halsstarrigkeit auf einmal bezwungen. „Der Henker soll mich holen," rief er, „wenn ich meine gnädige Frau im Ernst bös gemacht habe! Und so einen Anblick bin ich nicht gewohnt- Ich bitte tausendmal um Verzeihung, gnädige Frau. Es war nicht der arme Richard Whitaker, der sich Euren achtbaren Befehlen widersetzen wollte, sondern bloß der zweite Trunk Doppelbier. Wir haben es seit der glücklichen Wiederherstellung des Königthums mit doppeltem Malz versehen, wie Euer Gnaden wohl wissen. Meiner Treu', ich Haffe einen Schwärmer, wie ich den Pferdefuß des Satans Haffe; aber meine hochverehrte gnädige Frau hat ein Recht, den Satan selbst mit Pferdefuß und Allem in's Schloß Martindale einzuladen, und mich mit 30 einer Einladungskarte an die Höllenpforte zu schicken — und so soll auch ihr Wille erfüllt werden." Die Einladungen wurden nunmehr in der gehörigen Form umhergeschickt, und einer von den jungen Ochsen wurde, um ganz gebraten zu werden, auf den Marktplatz eines benachbarten Dorfes gesandt, welches ostwärts vom Schlöffe Mar- tindale und von Moultrafsie-Hall lag, so daß, wenn man eine Linie von dem einen Herrenhause bis zum andern, als Basis eines Dreiecks, gezogen hätte, das Dorf den hervorspringenden Winkel eingenommen haben würde. Da das erwähnte Dorf, seit der letztern Versetzung eines Theils von Peveril's Eigenthum, dem Ritter und dem Major Bridge- north zu fast gleichen Theilen gehörte, so fand es Lad- Pe- veril nicht schicklich, das Recht des Letztern zu bestreiten, einige Orhofte Bier zum Volksfeste beizutragen. Indessen mußte sie wohl vermuthen, der Major sei der unbekannte Freund gewesen, welcher sie aus der Verlegenheit wegen der Speisevorräthe gerissen hatte, und sie schätzte sich glücklich, als ein Besuch von ihm am Tage vor dem bestimmten festlichen Mahle ihr, wie sie glaubte, Gelegenheit gab, ihm ihre Dankbarkeit zu bezeugen. Viertes Kapitel. Es lag eine gewisse ernste Würde in dem Ausdruck, womit Major Bridgenorth den Dank ablehnte, welchen Lady Peveril ihm für die so willkommene Versorgung ihres Schlos- 3l ses zu erkennen gab. Er schien erst nicht zu errathen, was sie meinte, und als sie sich näher erklärte, betheucrte er so ernstlich, an dieser geleisteten Unterstützung keinen Theil zu haben, daß Lady Peveril ihm den Glauben nicht versagen konnte, um so mehr, da er ein Mann von offenem, geradem Charakter war, der keine zarte Empfindsamkeit heuchelte, und es fast den Quäkern in schlichter, aufrichtiger Sprache gleich that, so daß eine solche grundlose Ableugnung seiner Denkungsart sehr widersprochen haben würde. „Mein gegenwärtiger Besuch, edle Frau," sagte er, „hat allerdings einigen Bezug auf die morgende Festlichkeit." Lady Peveril horchte; weil aber seine Rede stockte, sah sie sich ge- nöthigt, um eine Erklärung zu bitten. „Edle Frau," gab der Major zur Antwort, „cs ist Euch vielleicht nicht ganz unbekannt, daß die Gewissenhafteren von unserer Partei Bedenklichkeiten über manche Gebräuche haben, welche bei Leuten Eurer Secte an festlichen Tagen so gewöhnlich sind, daß sie, so zu sagen, auf denselben wie auf Glaubensartikeln bestehen, oder wenigstens die Unterlassung derselben sehr übel aufnehmen würden." „Ich denke, Herr Bridgenorth," erwiederte Lady Peveril, welche die Absicht seiner Rede nicht völlig begriff, „wir werden bei unfern gesellschaftlichen Bewirthungen so gut, als Eure Partei bei den ihrigen, alle Anspielungen oder Borwürfe sorgfältig vermeiden, welche sich auf ehemalige Mißverständnisse gründen." „Wir würden von Eurer Redlichkeit und Güte, gnädige Frau, nicht weniger erwarten," sagte Bridgenorth; „allein ich merke, daß Ihr mich nicht ganz versteht. Offen zu sprechen, ich rede von dem Gebrauch des Gesundheittrinkens, und des wechselseitigen Zutrinkens in starken, geistigen Getränken, 32 welches die Meisten unter uns als eine überflüssige und sünd- liche Verführung zur Schwelgerei und zum unmäßigen Genuß starker Getränke betrachten, und wenn man/ wie gelehrte Geistliche thun, diese Sitte von den blinden Heiden hcrleitet, welche beim Trinken ihren Götzen etwas von ihrem Weine opferten und sie dabei anriefen, so kann man mit Recht sagen, daß darin etwas Heidnisches liegt, das an die Anbetung des Teufels gränzt." Lady Peveril hatte schon flüchtig Alles erwogen, was wahrscheinlich Mißhelligkeit in das bevorstehende Fest bringen könnte, aber diese allerdings lächerliche, jedoch bedenkliche Abweichung in den Ansichten und Gebräuchen der verschiedenen Parteien der Gäste war ihr gänzlich entgangen. Sie suchte daher ihren Gegner zu besänftigen, in dessen gerunzelter Stirne sie eben keine Neigung las, eine gefaßte Meinung aufzugeden. ' »Ich gestehe Euch zu, lieber Nachbar," sagte sie, „daß dieser Gebrauch wenigstens überflüssig ist, und nachtheilig sein kann, wenn er zur Unmäßigkeit im Genuß des starken Getränks führt, welche, auch ohne solche gesellschaftliche Unterhaltung leicht genug zu entstehen pflegt. — Allein ich denke, wenn er diese Folge nicht hat, so ist er etwas Gleichgültiges, gewährt eine gleichförmige Gelegenheit, unfern Freunden unsere Glückwünsche, und unserem König unsere treue Ergebenheit auszudrücken. Und ohne Jemand meine Meinung aufdrängen zu wollen, so sehe ich doch nicht, wie ich meinen Gästen und Freunden die Freiheit, dem Könige oder meinem Manne nach alt-englischer Sitte eine Gesundheit zuzutrinken, verweigern kann " „Gnädige Frau," crwiederte der Major, „könnte das Alter die Sitte empfehlen, so wäre das Papstthum eine der älte- 33 sten englischen Sitten, die ich kenne; aber es ist unser Glück, daß wir nicht verfinstert sind, wie unsere Väter, und daher muffen wir nach dem Licht handeln, das in uns ist, und nicht nach ihrer Finsterniß. Ich hatte selbst die Ehre, den Groß- fiegelbewahrer Whitelocke zu begleiten, als er an der Tafel des Kämmerers des Königreichs Schweden geradezu sich weigerte, die Gesundheit der Königin Christin» zu trinken, wodurch er großen Anstoß gab, und den ganzen Zweck seiner Reise auf's Spiel setzte; es läßt sich nicht denken, daß ein so verständiger Mann dieß gethan haben würde, wenn er eine solche Nachgiebigkeit für gleichgültig, und nicht vielmehr für sündlich und strafbar gehalten hätte." „Mit aller Hochachtung gegen Whitelocke," sagte Lady Peveril, „bleib' ich bei meiner Meinung, wiewohl ich, der Himmel weiß es, keine Freundin von Schwelgerei und Trinkgelagen bin. Ich wollte mich gern Euren Bedenklichkeiten fügen, und will verhüten, daß andere Gesundheiten ausgebracht werden; aber wahrhaftig, die des Königs und Pe- veril's müssen erlaubt sein." „Ich für meine Person möchte nicht einmal den neunund- neunzigstcn Theil eines GranS Weihrauch auf einen Altar legen, der dem Satan errichtet ist," erwiederte Bridgenorth. „Wie, Herr Major!" rief die Dame, „Ihr stellt den Satan in Vergleichung mit unserem Monarchen König Carl, und mit meinem geliebten Mann!" „Verzeiht, gnädige Frau," antwortete er, „ich hege solche Gedanken nicht; fie würden mir auch wirklich schlecht ziemen. Ich wünsche des Königs und des Ritters Peveril's Gesundheit ehrerbittigst, und will für Beide beten. Aber ich sehe nicht', was für Vortheil es ihrer Gesundheit bringen sollte, wenn ich zum Nachtheil der meinigen eine Flasche leere-" Peveril. 3 34 „Weil wir über diesen Punkt nicht eins werden können," sprach Lady Peveril, „so muffen wir ein Hülfsmittcl ausfindig machen, durch welches keine von beiden Parteien beleidigt wird. Wie wäre es, wen» Ihr bei dem Gesundheittrinken unserer Freunde ein Auge zudrucktet, und wir Euch Euer Stillfitzen nachsähcn?" Aber dieser Vergleich wollte Bridgenorth nicht zusagcn; er war der Meinung, das heiße (wie er fich auödriickte) dem Beelzebub ein Licht Vorhalten. Sein von Natur hartnäckiges Temperament war durch eine vorhergegangene Unterredung mit seinem Prediger noch widerspenstiger geworden, welcher zwar im Ganzen ein sehr guter Mann war, aber besonders steif an den kleinlichen Unterscheidungen seiner Secte hing. Es war ihm äußerst mißfällig, daß Bridgenorth, unstreitig das Haupt der presbyterianischcn Sache in diesem Bezirk, seine einzige Tochter von einem kanaanitischen Weibe (wie er fich ausdrückte) hatte aufziehen kaffen, und erklärte ihm geradezu, daß ihm dieß Speisen in vornehmen Häusern mit denen, die im Herzen unbeschnitten seien, nicht gefalle, und er die ganze Gasterei bloß als eine Lustbarkeit im Hause Tir- zah betrachte. Bei diesen Vorstellungen fing der Major an, fich Vorwürfe darüber zu machen, daß er im ersten Drange der Dankbarkeit fich zu schnell zu einem vertrauten Verkehr mit dem Schlöffe Martindale hatte verleiten lassen; aber er war zu stolz, dieß dem Prediger zu gestehen, und erst nach einem beträchtlichen Streit unter ihnen wurden sie darüber eins, ihr Erscheinen bei dem Feste auf die Bedingung zu beschränken, daß in ihrer Gegenwart keine Gesundheiten getrunken würden- Bridgenorth war daher, als Abgeordneter und Repräsentant seiner Partei, verbunden, standhaft alle Vergleiche 35 abzuweisen, und so kam Lady Peveril in große Verlegenheit. Sie bedauerte es nun aufrichtig, überhaupt ihre wohlgemeinte Einladung gegeben zu haben, denn sie sah voraus, daß die abschlägliche Antwort alle vorigen Gegenstände des Zwistes wieder aufwecken, und vielleicht zu neuen Gewaltthätigkeiten unter Menschen führen würde, die vor wenig Jahren noch in Bürgerkrieg verwickelt gewesen waren. Den streitigen Punkt den Presbyterianern cinzuräumcn, wäre eine tödtliche Beleidigung der Ritter und insbesondere Peveril'S gewesen; denn bei ihnen war eS ein eben so fester Ehrenpunkt, Gesundheiten auszubringen und zu trinken, als es bei den Puritanern einen wichtigen Rcligionsartikel ausmachte, Beides zu verweigern. Endlich brach Lady Peveril von diesem Gegenstände ab, und lenkte das Gespräch auf das Kind des Majors, das sie holen und in seine Arme bringen ließ. Der Kunstgriff der Mutter schlug an; denn obgleich der Major fest stand, so wurde doch der Vater erweicht, und ließ sich gefallen, daß seine Freunde einen Vergleich annähmen. Dieser bestand darin, daß der Major selbst, der Geistliche und die strengeren Anhänger der puritanischen Lehren, eine besondere Gesellschaft in dem großen Besuchszimmer bilden sollten, während der Saal von den jovialen Rittern eingenommen würde, so daß eS jede Partei mit ihrem Trinken nach ihrem eigenen Gewissen oder nach ihrem eigenen Gebrauch halten könnte. Der Major selbst schien sich sehr erleichtert zu fühlen, daß diese wichtige Sache in Ordnung gebracht war. Er hatte eS für eine GewiffenSsache gehalten, hartnäckig auf seiner Meinung zu beharren; war aber herzlich froh, als er der scheinbar unvermeidlichen Not-wendigkeit auSwich, Lady Peveril durch Ausschlagung ihrer Einladung zu beleidigen. Er verweilte länger als gewöhnlich, und sprach und lächelte mehr, 3 * 36 als er sonst zu thun Pflegte. Sein erstes Geschäft nach seiner Zuriickkunft war, dem Geistlichen und seiner Gemeinde den von ihm geschloffenen Vergleich bekannt zu machen, und zwar nicht als eine erst zu berathende Sache, sondern als einen bereits festgesetzten Beschluß; und so groß war sein Ansehen bei ihnen, daß der Prediger, wiewohl er eine Scheidung der Parteien auszusprechen wünschte, sich doch nicht von so Vielen unterstützt zu sehen hoffen durfte, daß es die Mühe verlohnt hätte, die einmüthige Zufriedenheit mit dem gemachten Vorschläge zu stören. Indessen, da jede Partei durch den getroffenen Vergleich in neue Regsamkeit gekommen war, so wurden so viele Zweifelspunkte und Gegenstände delikater Erörterung hinter einander zum Vorschein gebracht, daß Lady Peveril, vielleicht die einzige Person, welche eine wirkliche Aussöhnung unter ihnen zu bewirken wünschte, zum Lohn für ihre wohlwollenden Abfichten fich den Tadel beider Factionen zuzog, und viel Grund hatte, ihren wohlgemeinten Plan, die Capulets und MontagueS von Derbyshire bei Gelegenheit eines öffentlichen Festes zu vereinigen, zu bereuen. Da es nun festgesetzt war, daß die Gäste zwei verschiedene Parteien bilden sollten, so wurde es nicht nur eine Streitsache unter ihnen, wer zuerst in das Schloß Martin- dale eingelassen werden sollte, sondern auch für Lady Peveril und Major Bridgenorth ein Gegenstand ernsthafter Besorgniß, es möchte bei ihrer Annäherung auf derselben Auffahrt und an demselben Eingänge ein Streit unter ihnen entstehen und in Thätlichkeiten ausbrechen, selbst ehe fie noch den Ort der festlichen Versammlung erreicht hätten. Lady Peveril glaubte ein treffliches Auskunftsmittel zur Verhütung eines solchen Zusammenstoßens entdeckt zu haben, indem fie vorschlug, daß die Ritter durch den Haupteingang eingelassen würden, während die Puritaner durch eine von der Belagerung entstandene große Bresche, in welcher seitdem eine Art Nebenweg zum Austreiben des Viehes auf die Weide in den Wald gemacht worden war, in das Schloß gelangen sollten. Verschiedene andere unbedeutendere Umstände wurden zugleich, und wie cs scheint, so sehr zur Zufriedenheit des presbyte- rianischen Geistlichen angeordnet, daß er in einer langen Predigt über das hochzeitliche Kleid sich Mühe gab, seinen Zuhörern zu erklären, daß nicht allein äußerlicher Anzug und Schmuck unter diesem Ausdruck der Bibel verstanden werde, sondern auch eine angemessene Gemüthsstimmung zum Genuß einer friedlichen Festlichkeit, und daher seine Brüder ermahnte, worin auch immer die Verirrungen der armen, verblendeten Uebelgefinnten, mit denen sie morgen gewissermaßen essen und trinken sollten, bestehen möchten, doch bei dieser Gelegenheit kein Uebelwollen gegen sie zu zeigen, damit sie nicht dadurch Störer des Friedens von Israel werden möchten. Doctor Dummerar, der abgesctzte bischöfliche Bicar von Martindale und Moultrassie, predigte den Königlichgefinnten über dasselbe Thema. Er hatte den Pfarrdicnst vor Ausbruch des Aufstandes verwaltet, und stand bei dem Ritter Pcveril in hoher Gunst, nicht bloß wegen seiner gesunden Rechtgläubigkeit und tiefen Gelehrsamkeit, sondern auch wegen seiner ausnehmenden Geschicklichkeit im Kegelschieben, und wegen seiner aufgeweckten Unterhaltung bei einer Pfeife und einem Kruge. Als die Partei des Königs zu sinken anfing, verließ Doctor Dummerar seine Pfarre, und begab sich in das Feldlager, wo er bei verschiedenen Gelegenheiten als Kapellan bei Ritter Peveril's Regiments bewies, daß sein ansehnlich gebauter Körper ein wackeres, mannhaftes Herz in 38 sich trug. Als Alles verloren war, und er mit den meisten anderen königlichgesinnten Geistlichen seiner Pfründe beraubt wurde, suchte er sich zu helfen, so gut er konnte. Nach Wiederherstellung des Königthums kam Doctor Dummerar auS seinem Verstecke hervor und eilte nach dem Schlosse Martin- dale, um den von dieser glücklichen Veränderung unzertrennlichen Triumph mitzufeiern- Seine Erscheinung auf dem Schlosse in voller geistlicher Amtstracht, und die warme Aufnahme, die ihm bei dem benachbarten Adel zu Thcil ward, vermehrte die Unruhe nicht wenig, die sich unter der vor Kurzem noch übermächtigen Partei allmählig verbreitete. Zwar hegte Doctor Dummerar (ein redlicher, würdiger Mann) keine übertriebenen Hoffnungen auf Beförderung: aber die Wahrscheinlichkeit, daß er wieder in die Pfarre eingesetzt werden würde, aus der er unter sehr untriftigem Vorwände war vertrieben worden, gab dem alten presbptcrianischcn Geistlichen einen starken Stoß, indem er nicht anders als ein unrechtmäßiger Besitzer betrachtet werden konnte. Das Interesse der beiden Prediger sowohl, als die Gesinnungen ihrer Gemeinden, waren daher in geradem Widerspruche, und hier legte sich dem Plane der Lady Peveril zu einer allgemeinen und Alles umfassenden Versöhnung ein anderes widriges Hinderniß in den Weg. Nichts desto weniger benahm sich, wie wir bereits angedeutet haben, Doctor Dummerar bei der Gelegenheit eben so artig, als der presbyterianische Pfründenbefitzer gethan hatte. In einer Predigt, die er vor verschiedenen der vornehmsten adeligen Familien (außer einem Haufen Dorfjungen, welche der neue Anblick eines Pfarrers im Priestcrrock und Chorhemde herbeigezogen hatte) im Schloßsaale vielt, verbreitete er sich zwar sehr weitläufig über die Abscheulichkeit der mancherlei 39 von der aufrührerischen Partei in den lctztern bösen Zeiten begangenen Verbrechen, und erhob die huldreiche und friedfertige Gesinnung der gnädige» Frau des Rittersitzes, welche sich herabließ, mit Freundschaft und Gastfreiheit Menschen an- zuschen und in ihr Haus aufzunehmen, welche an Grundsätzen hingen, die zur Ermordung des Königs — zum Tödten und Berauben seiner treuen Unterthanen — und zum Plündern und Niederreißen der Kirche Gottes geführt hätten; allein nachher machte er dieß Alles recht artig mit der Bemerkung wieder gut, daß, weil es der Wille ihres gnädigen und eben wieder eingesetzten Monarchen, und das Belieben der ver- ehrungswürdigen Lady Peveril wäre, daß diese halsstarrige und aufrührerische Rotte eine Zeitlang von den treuen Unter- thanen geduldet werden solle, es höchst schicklich sein würde, wenn alle dem König ergebene Lehnsleute für jetzt Gegenstände des Streits oder Zanks mit diesen Söhnen Simei's vermieden — eine Ermahnung zur Geduld, welche er durch die tröstliche Versicherung bekräftigte, daß sie sich nicht lange ihrer aufrührerischen Handlungen enthalten könnten; in welchem Falle die Royalisten vor Gott und Menschen gerechtfertigt stehen würden, wenn sie dieselben von dem Antlitz der Erde vertilgten. In verschiedenen Reiben, und indem jede eine Art Prozession bildete, als wollten die Anhänger jeder Partei ihre Stärke und Menge zeigen, näherten sich die zwei verschiedenen Factionen dem Schloß Martindale; und sie unterschieden sich so sehr in Tracht, Ansehen und Sitte, daß es aussah, als wenn die lustigen Gäste eines Hochzeitfestes und die traurigen Begleiter eines Leichenzuges, von verschiedenen Gegenden aus, sich auf denselben Punkt hin bewegten. Die Partei der Puritaner war bei weitem die geringere 40 an Zahl, wovon sich zwei triftige Gründe anführen ließen. Für's Erste hatten ste mehrere Jahre lang Ansehen und Macht besessen, und waren daher unbeliebt bei dem gemeinen Volke geworden, welches niemals denen ergeben ist, die im unmittelbaren Besitze der Gewalt genöthigt sind, sie zur Beschränkung seiner Launen und Neigungen anzuwenden. Außerdem liebte das Landvolk Englands, wie immer noch, ganz vorzüglich ländliche Belustigungen, und besaß eine natürliche ungebundene Munterkeit des Temperaments, welche es unter der strengen Zucht der fanatischen Prediger ungeduldig machte; und nicht weniger mußte es mit dem militärischen Despotismus von Cromwell's Generalmajoren unzufrieden sein. Für's Zweite war das Volk, wie gewöhnlich, veränderlich, und die Rückkehr des Königs hatte den Reiz der Neuheit, und war daher dem Volke angenehm. Die Partei der Puritaner wurde zu dieser Zeit auch von einer zahlreichen Klaffe verständigerer und klügerer Personen verlassen, welche nicht eher von ihnen abgingen, als bis sie unglücklich wurden. Diese scharfsinnigen Personen hießen in jenem Zeitalter die Anhänger der Vorsehung, und hielten es für ein hohes Vergehen gegen den Himmel, wenn sie irgend einer Sache länger Unterstützung gewährten, als sie durch das Glück begünstigt würde- Allein, obgleich die Partei der Puritaner so von den Unbeständigen und Selbstsüchtigen verlassen war, so hielt doch eine feierliche Begeisterung, Zutrauen in die Aufrichtigkeit ihrer eigenen Beweggründe, und der männliche englische Stolz, welcher sie geneigt machte, an ihren vormaligen Meinungen zu hangen, gleich dem Reisenden in der Fabel an seinem Mantel, je heftiger der Sturm um ihn her braus'te, hielt doch viele in den Reihen der Puritaner zurück, welche zwar nicht mehr durch ihre Menge, aber noch immer durch ihren Cha« 41 rakter furchtbar waren. Sie bestanden hauptsächlich aus dem Mittlern Adel, nebst Andern, welche Gewerbfleiß oder glückliche Spekulationen im Handel oder im Bergwerk emporgebracht hatten — mithin aus solchen, welche durch die überragende Aristokratie am meisten in Schatten gestellt werden, und in Vertheidigung ihrer vermeinten Rechte die heftigsten sind. Ihre Kleidung hatte im Ganzen eine gesuchte Einfachheit und Anspruchlosigkeit; die dunkle Farbe ihrer Mäntel, vom völligen Schwarz zu allen andern dunkeln Farben hinüber spielend, — ihre thurmförmigen Hüte mit breiten dunkeln Rändern, — ihre langen Schwerter, an einem einfachen Riemen hangend, ohne Schultergurt, Degenquasten, Platte, Schnallen oder andere Zierrathen, womit der Adel gern seine Degen schmückte, — ihr kurzes Haar, das ihre Ohren unförmlich hervorragen ließ, — vor Allem der düstre Ernst ihres Ansehens, verkündigten, daß sie zu der Klaffe von Schwärmern gehörten, welche entschlossen und unerschrocken den vorigen Bau der Staatsverfassung niedergeriffen hatten, und nun mit etwas mehr als Argwohn denjenigen betrachteten, welcher so unerwartet an dessen Stelle getreten war. Es herrschte etwas Trübes in ihren Gesichtszügen; doch war es nicht Ausdruck der Niedergeschlagenheit, viel weniger der Verzweiflung. Sie sahen aus wie alte Krieger nach einer Niederlage, die in ihrem Lauf gehemmt und in ihrem Stolz verwundet sein mochten, aber ihren alten Muth nicht verloren hatten. Die nun herrschend gewordene Schwermuth, die auf Bridgenorth'S Gesicht lag, stand ihm wohl an, als Anführer des Haufens, der jetzt vom Dorfe heranzog, aufzutreten. Als sie den Punkt erreichten, bei dem sie sich zuerst seitwärts nach den das Schloß umgebenden Wäldern wenden mußten, entstand in ihnen ein voröberziehendes Gefühl von Herabsetzung, als wenn 42 sie die Landstraße ihren alten und oft geschlagenen Feinden, den Königsfreunden, überlassen müßten. Als sie anfingen, den gewundenen Pfad, welcher der tägliche Weg des Viehs war, hinaufzusteigen, gab ihnen die offene Schlucht des Holzes eine Aussicht auf den Schloßgraben, der vom Schutt der Bresche halb verstopft war, und auf die Bresche selbst, welche man an der Ecke eines großen viereckigen Seitenthurms gemacht hatte. Ein ernstes stilles Lächeln wurde unter den Puritanern gewechselt, weil der Anblick sie an die vormaligen Siege erinnerte. Holdfast Clegg, ein Mühlenbauer von Derby, der selbst bei der Belagerung Hand angelegt hatte, zeigte auf die Bresche, und sagte mit einem freundlichen Lächeln zu Herrn Solsgrace: »Ich hätte schwerlich geglaubt, als ich mit eigner Hand die Kanone, die Oliver gegen jenen Thurm beorderte, richten half, daß wir, wie Füchse, auf dieselben Mauern würden klettern müssen, die wir mit unserm Bogen und Spieß erobert hatten- Mich deucht, diese Uebelgefinntcn hatten damals genug damit zu thun, ihre Thore zu schließen und ihre Vesten gegen uns zu erhöben." »Sei still, mein Bruder," sagte der Geistliche, „sei still, und laß deine Seele nicht beunruhigt werden. Wir gehen nicht schimpflich an diesen hohen Ort, sintemal wir durch das Thor Heransteigen, welches der Herr den Frommen geöffnet hat." Die Worte des Pastors waren wie ein Feuerfunke auf Schießpulver. Die Mienen des traurigen Gefolges klärten sich plötzlich auf; sie nahmen, was aus seinem Munde gefallen war, als eine Vorbedeutung, und als ein Licht vom Himmel auf, wie sie ihre gegenwärtige Lage ansehen sollten, und erhoben einmüthig einen der Triumphgesänge, womit die Israeliten die Siege feierten, welche ihnen über die 43 heidnischen Bewohner des gelobten Landes waren verliehen worden. Als der laute Schall der Psalmmclodie, welcher durch die verfallenen Mauern wiederhallte, zu den Ohren der Königsfreunde drang, um sie gleichsam zu erinnern, wie wenig sie auf die Unterdrückung ihrer Gegner zu bauen hätten, wurde von ihnen darauf zuerst mit einem spöttischen Gelachter geantwortet, das man so laut, als die Lungen erlaubten, erschallen ließ, damit cs den Psalmsängern die Verachtung ihrer Zuhörer verkündigen möchte; aber Ließ war eine erzwungene Aeußerung des Parteihasses. In melancholischen Gefühlen liegt mehr, was einem unvollkommenen und bedrängten Zustande entspricht, als in fröhlichen, und wenn beide in eine Berührung gebracht werden, so siegen meistentheils die erster». Wenn ein Leichenbegängniß und eine Hochzeitprozession unerwartet zusammenträfen, so wird man mir gern einräumen, daß die Fröhlichkeit des letzteren bald Etwas von dem düstern Ton des erstem annehmcn würde. Aber die Adeligen und Royalisten hatten überdieß Mitgefühle von einer andern Art. Die Psalmmelodie, welche ihnen jetzt in's Ohr drang, war zu oft gehört worden, und bei zu vielen Gelegenheiten dem von den Widerspenstigen gewonnenen Siege vorhergegangen, um von ihnen, selbst bei ihrem Triumph, ohne Gemüthsbewegung gehört werden zu können. Jetzt entstand eine Pause, deren sich die Partei selbst in etwas zu schämen schien, bis das Stillschweigen durch den alten wackern Ritter Jasper Cranbourne gebrochen wurde, dessen Tapferkeit so allgemein anerkannt war, daß er selbst solche Regungen frei gestehen durfte, welche Leute von einigermaßen zweifelhafter Herzhaftigkeit zu bekennen, unklug gefunden haben würden. „Ha ha!" sagte der alte Ritter, „kein Tropfen Wein soll 44 wieder über meine Zunge kommen, wenn das nicht dasselbe Lied ist, mit dem die spitzöhrigen Schurken ihren Angriff auf Wigganlane anfingen, wo fie uns wie die Kegel niederrollten! Wahrhaftig, Nachbar, offenherzig zu reden, dem Teufel zum Trotz, die Melodie will mir eben nicht behagen." „Müßt' ich, die stutzköpfigen Schurken thäten es zum Hohn," rief Richard Wildblood vom Thalc, „ich wollte ihnen ihr Psalmfingen aus ihren Bauerkehlen mit diesem Knittel herausschlagen." Ein Ausbruch, der, vom alten Roger Raine, dem betrunkenen Kellner des Peveril'schen Hauses im Dorfe, unterstützt, ein allgemeines Gefecht hätte veranlassen können, wenn nicht Ritter Cranbourne den Streit verhütet hätte- „Wir wollen keine Fehde haben, Richard," sagte der alte Ritter zu dem jungen Verwalter; „nein, nein, wir wollen keine Schlägerei haben, aus drei Gründen: erstens, weil es unartig gegen Lady Peveril wäre; dann, weil es wider den Frieden des Königs ist, und endlich, Richard, weil, wenn wir die psalmsingenden Schurken anfielen, Ihr am schlimmsten dabei wegkommen würdet, wie Ihr es erfahren habt, Richard." „Wer, ich! Ritter Jasper," antwortete Richard, „ich am schlimmsten weggekommen? Ich will verdammt sein, wenn es je geschah, außer in dem verwünschten engen Paß, wo wir nicht mehr Flanke, Fronte und Nachtrad hatten, als Häringe in einer Tonne." „Das war die Ursache, denk' ich," antwortete der Ritter Jasper Cranbourne, „daß Ihr, um den Fehler gut zu machen, in die Hecke krocht und da stecken bliebt, Roß und Mann, bis ich Euch mit meinem Commandostab heraus schlug; und dann, anstatt auf die Fronte los zu gehen, machtet Ihr rechtsum, und fort so schnell, als Euch Eure Füße tragen konnten." 45 Diese Erinnerung brachte ein Gelächter auf Richard's Unkosten hervor, der dafür bekannt, oder wenigstens im Verdacht war, mehr Muth auf der Zunge, als im Herzen zu haben. Und da diese Art von Spötterei von Seiten des Ritters die Empfindlichkeit, die im dem Busen der ropalistischen Cavalcade zu erwachen anfing, glücklich gedämpft hatte, so wurden fernere Ursachen zum Anstoß durch das plötzliche Aushören jener Töne entfernt, die sie als eine absichtliche Kränkung hatten auslegen wollen. Dieß verdankte man der Ankunft der Puritaner an der großen und weiten Bresche, welche ehedem durch ihre siegreiche Kanone in die Mauer des Schlosses gemacht worden war. Der Anblick ihrer Schutthaufen und der zerrissenen Thcile des Gebäudes, von welchem aus sich allmählig ein schmaler, steiler Pfad wand, war dazu geeignet, im Contrast mit den grauen und festen Thürmen und Pfeilern, die noch unverletzt standen, sie an ihren Sieg über die Festung ihrer Feinde und daran zu erinnern, wie sie Edle und Prinzen in eiserne Fesseln geschlagen hatten. Aber angemessenere Gefühle erwachten selbst in dem Busen dieser strengen Sectirer, als die Gebieterin des Schlosses, noch in der frischen Blüthe der Schönheit und Weiblichkeit, mit ihrer vornehmsten weiblichen Begleitung, an dem Ende der Bresche erschien, ihre Gäste mit der ihrer Einladung gebührenden Ehre und Höflichkeit zu empfangen. Sie hatte die schwarze Kleidung, welche mehrere Jahre hindurch ihre einzige Tracht war, abgelegt, und war mit einem Glanz geschmückt, der ihrer hohen Abkunft und ihrem Stande wohl ziemte- Juwelen freilich trug sie nicht; aber ihr langes und dunkles Haar war mit einem Kranze von Eichenlaub und eingeffoch- tenen Lilien geziert; jenes zum Ainnbilde der Erhaltung des 46 Königs in der königlichen Eiche, und diese als Zeichen seiner glücklichen Wiedereinsetzung. Was ihre Gegenwart denen, die sie erblickten, noch interessanter machte, war die Anwesenheit der zwei Kinder, die sie an beiden Händen hielt; eins derselben war Allen als das Kind ihres Anführers, Major Bridgenorth's, wohl bekannt, welches durch die säst mütterliche Sorgfalt der Lady Peveril im Leben und Wohlsein erhalten worden war. Wenn selbst die geringeren Personen der Gesellschaft den heilenden Einfluß ihrer Gegenwart in dieser Begleitung fühlten, so wurde der arme Bridgenorth fast davon überwältigt. Die Strenge seiner Kaste und ihrer Sitte erlaubten ihm zwar nicht, auf's Knie zu fallen und die Hand zu küssen, welche seine kleine Waise hielt; aber die Tiefe seiner Verbeugung, das Zittern und Stottern seiner Stimme, und das Glänzen seines Auges vcrriethen eine dankbare Ehrerbietung gegen die Frau, zu der er sprach, in einem innigern und ehrfurchtsvoller» Ausdruck, als selbst durch eine Niederwerfung nach persischer Sitte hätte geschehen können. Einige wenige artige, freundliche Worte über das Vergnügen, wieder einmal ihre Nachbarn als ihre Freunde zu sehen, einige gütige Nachfragen, an die vornehmsten unter ihren Gästen gerichtet, über ihre Familien und Bekannten, vollendeten ihren Triumph über feindselige Gedanken und gefährliche Erinnerungen, und stimmten die Gemüther zur Theilnahme an dem Zwecke der Versammlung. Sogar Solsgrace selbst, der sich freilich durch Amt und Pflicht verbunden glaubte, über die mancherlei List «der ama- lekitischen Weiber" zu wachen und ihr entgegen zu arbeiten, entging der sympathetischen Ansteckung nicht und wurde von den Zeichen des Friedens und Wohlwollens, welche Lady Pe- 47 veril ihn wahrnehmen ließ, so ergriffen, daß er sogleich den Psalm anhub: Wie schön ist'S, wenn Brüder einträchtig bei einander wohnen! Lady Peveril empfing diese Begrüßung als eine erwiederte Höflichkeit, und führte nun in Person diese Partie ihrer Gäste in das Zimmer, wo die Tafel mit reichlichem Vorrath besetzt war; fie hatte sogar die Geduld zu bleiben, während Pastor Nehemia Solsgrace ein Tischgebet von ungeheurer Länge als Einleitung zu dem Gastmahle sprach. Ihre Gegenwart war einigermaßen ein Zwang für den Geistlichen, dessen Vortrag um so länger währte, und um so verwickelter ward, weil er sich verhindert fühlte, ihn durch seine gewöhnlich angchängte Bitte um Befreiung von Pabstthum, Prälatur und Pe- veril vom Gipfel abzukürzcn, welche ihm jedoch so zur Gewohnheit geworden war, daß er, nach verschiedenen Versuchen, mit einer andern Nedcform zu schließen, endlich sich genöthigt sah, die ersten Worte seiner üblichen Formel laut auszusprechen, die übrigen aber auf eine solche Art zu murmeln, daß selbst die nächsten Zuhörer sie nicht verstehen konnten- Auf das Stillschweigen des Geistlichen folgte das gewöhnliche Geräusch, welches das Platznehmen einer hungrigen Gesellschaft an einer wohlbesetzten Tafel ankündiget, und verschaffte zu gleicher Zeit der Lady Gelegenheit, das Zimmer zu verlassen und nach der Bedienung ihrer andern Gesellschaft zu sehen. Sie fühlte in der That, daß es hohe Zeit war, dieß zu thun, und daß die royalistischen Gäste die frühere Aufmerksamkeit, welche fie der Klugheit gemäß fand, den Puritanern zu beweisen, übel zu deuten oder selbst zu ahnden geneigt sein möchten- 48 Diese Besorgnisse waren nicht ganz ungegründet. Umsonst hatte der Haushofmeister die königliche Fahne mit ihrem stolzen Motto „'kamlem lrmmpluws" (endlich siegreich) an einem der großen Thürme, welche zur Seite des Haupteinganges standen, aufgesteckt; während von dem andern das Panier Peverils vom Gipfel flatterte, unter welchem Viele von denen, die nun naheten, während des wechselnden Bürgerkriegs gekochten hatten. Umsonst wiederholte er seinen lauten Ausruf: „Willkommen, edle Ritter und Herren, willkommen!" Es entstand ein dumpfes Murmeln unter ihnen, daß das Willkommen aus dem Munde der Gemahlin des Obersten, nicht aus dem eines Domestiken, hätte kommen sollen. Sir Jasper Cranbourne, der sowohl gesunden Verstand, als Geist und Muth besaß, und die Beweggründe seiner schönen Base wohl kannte, auch allerdings von ihr über alle von ihr angenommenen Einrichtungen war zu Rath gezogen worden, fand die Lage der Dinge so, daß keine Zeit zu verlieren war, die Gäste in's Speisezimmer zu führen, wo Tafelgcnüffe aller Art, wofür die Lady so reichlich gesorgt hatte, ihre Aufmerksamkeit von diesen Gegenständen ablenken konnte. Der Kunstgriff des alten Kriegers gelang im höchsten Grade. Er nahm den großen Eichenstuhl ein, auf dem der Haushofmeister bei seinen Amtsgeschäften zu sitzen pflegte, und nachdem vr. Dummerar ein kurzes lateinisches Tischgebet gesprochen, ermunterte Sir Jasper die Gesellschaft, ihren Appetit zur Mahlzeit durch einen vollen Kelch auf das Wohl seiner Majestät zu schärfen. Im Augenblick erklangen die Gläser und Flaschen. Im andern Augenblick standen die Gäste auf ihren Füßen, gleich so vielen Statüen, todtenstill, aber mit glänzenden, erwartungsvollen Blicken und mit ausgestreckten Händen, welche ihre vollen, dem König geweihten Pokale IM' '^, 7 ^ 49 hielten. Die Stimme des Ritters Jasper Cranbourne, hell, volltönend und nachdrücklich, wie der Klang seiner Feldtrompete, brachte die Gesundheit des wiedcreingesetzten Monarchen aus, welchen Trinkspruch die Versammlung schnell erwiederte, welche vor Ungeduld brannte, die gebührende Huldigung darzubringen. Eine andere kurze Pause füllte das Ausleeren ihrer Gläser und der gemeinschaftliche Ausbruch in einen so lauten Ausruf der Gesundheit, daß nicht nur die Balken des alten Saales erzitterten, sondern auch die Eichen- und Blumengewinde, womit sie geschmückt waren, in Bewegung gerieten, und wie von plötzlichem Wirbelwind rauschten. Nach diesem feierlichen Akt fiel nun die Gesellschaft über die Gerichte her, unter denen die Tafel dröhnte, ermuntert durch Fröhlichkeit und Gesang; denn alle Minnesänger des Bezirks, welche, gleich der bischöflichen Geistlichkeit, unter der Herrschaft der eigenmächtigen Heiligen des Freistaats bisher hatten verstummen müssen, waren zugegen. Das gesellige Geschäft des guten Essens und Trinkens, die wechselseitigen Gesundheiten zwischen alten Nachbarn, welche Feldkameraden im Augenblicke des Widerstandes — Leidensgefährten zur Zeit des Drucks und der Unterjochung gewesen, verwischten bald aus ihrem Andenken die nichtige Ursache der Beschwerde, welche bei einigen die Festlichkeit des Tages getrübt hatte; so daß Lady Peveril, als fie, wie zuvor, von den Kindern und ihren Frauen begleitet, in den Saal trat, mit den Zurufungen bewillkommt wurde, welche der Wirthin und Gebieterin des Schlosses, der Gemahlin des edlen Ritters, gebührten, welcher die meisten von ihnen mit unerschrockenem und ausharrendem, eines bessern Erfolgs würdigem Muth in die Schlacht geführt hatte. Peveril. 4 J-re Anrede an sie war kurz und anständig, doch mit so viel Gefühl gesprochen, daß sie jedes Herz rühren mußte. Sie entschuldigte ihre spätere Bewillkommnung durch die Bemerkung, daß an diesem Tage Personen im Schlosse zugegen wären, welche neuere, glückliche Begebenheiten aus Feinden zu Freunden gemacht hätten, bei denen aber der letztere Charakter noch so neu wäre, daß sie nicht gewagt habe, irgend einen Punkt des Ceremoniels bei ihnen zu vernachlässigen. Allein diejenigen, zu denen sie jetzt spreche, seien die besten, die theuersten, die treuesten Freunde von ihres Mannes Hause, denen und deren Tapferkeit Peveril nicht nur jene glücklichen Siege verdanke, die ihnen und ihm in den letzter» traurigen Zeiten Ruhm verschafft, sondern deren Muthe sie insbesondere die Erhaltung des Lebens ihres Anführers schuldig wären, selbst als er keine Niederlage abwenden konnte. Ein oder zwei Worte des herzlichsten Glückwunsches zur glücklichen Wiederherstellung der königlichen Familie und Negierung vollendeten Alles, was sie hinzuzusctzen wagte, und mit einer gefälligen Verbeugung gegen die Versammlung setzte sie ein GlaS an ihre Lippen, gleichsam zur Bewillkommnung ihrer Gäste. Die Balken des alten Schloßsaals von Martindale erbebten sogleich von einem lautern und Hellern Ruf, als von dem sie so eben erst gezittert hatten, und die Namen des Ritters Peveril vom Gipfel und seiner Gemahlin wurden unter dem Schwenken der Mützen und Hüte und unter allgemeinen Wünschen für ihr Wohlsein und Glück auSgerufen. Unter diesen frohen Aussichten entfernte sich Lady Peveril aus dem Saale, und gab dem Jubel des Abends freien Spielraum. Die Unterhaltung der Puritaner war von einer andern 51 weniger rauschenden Art. Bei ihnen gab es weder Gesang, noch Scherze, noch Musik, noch Gesundheiten, und doch schienen sie nicht weniger, nach ihrem eigenen Ausdrucke, die Erquickungen der Creatur zu genießen, welche die Gebrechlichkeit der Menschheit ihrem äußerlichen Menschen angenehm machen. Der alte Whitaker selbst bethcuerte, daß sie, obgleich viel kleiner an der Zahl, doch fast eben so viel Sekt und Claret verbrauchten, als seine eigenen aufgeweckteren Parteigenossen- Ohne einen so parteiischen Bericht anzunehmen, wollen wir blos sagen, daß bei dieser Gelegenheit, wie bei den meisten andern, die Seltenheit des Genusses das Gefühl des Vergnügens erhöhte, und daß diejenigen, welche Enthaltsamkeit, oder wenigstens Mäßigkeit zu einem religiösen Grundsatz machten, ihre geselligen Zusammenkünfte um so besser genossen, je seltener solche Gelegenheiten sich ihnen darboten. Wenn sie auch nicht wirklich Gesundheiten einander zutranken, so zeigten sie wenigstens durch einander zugeworfene Blicke und Kopfnicken bei Erhebung ihrer Gläser, daß sie alle dieselbe fröhliche Befriedigung ihres Appetits mit einander theilten, und sie deßhalb erhöht fühlten, weil ihre Nachbarn und Freunde zu gleicher Zeit dieses Vergnügen genossen. Religion, so wie sie der Hauptstoff ihrer Gedanken war, ward auch der vornehmste Gegenstand ihres Gesprächs; und, da sie in kleinen abgesonderten Parteien beisammen saßen, besprachen sie dogmatische und metaphysische Artikel des Glaubens, wogen die Verdienste verschiedener Prediger ab, verglichen die Glaubensbekenntnisse streitender Secten, und bestärkten durch biblische Aussprüche die Meinungen, welche sie selbst begünstigten. Einige Streitigkeiten erhoben sich im Verlauf dieser Verhandlungen, welche, ohne Major Bridgenorth's 4 * 52 klügliche Vermittlung, wohl die Grunze des Schicklichen hätten überschreiten können. Der Major veranlaßte auch den Aufbruch der Gesellschaft zu früher und schicklicher Stunde, so daß sie das Schloß lange verlassen hatten, ehe ihre Nebenbuhler, die Königlichen, zum Gipfel ihrer Fröhlichkeit gelangt waren; eine Anordnung, womit Lady Peveril sehr zufrieden war, weil sie die Folgen fürchtete, welche wahrscheinlich bei dem gemeinschaftlichen Fortgehen beider Parteien entstanden wären. Es war fast Mitternacht, ehe der größere Theil der Ritterpartei, nämlich solche, die ohne fremden Beistand sich entfernen konnten, mit Benutzung des Vollmondes, um Unfälle zu verhüten, das Dorf Martindale-Moultrassie verließ. Ihr Jauchzen und der Refrain ihres laut schallenden Chors: „Der König kommt wieder in sein Reich!" — wurde von der Lady Peveril mit nicht geringem Vergnügen gehört, da sie herzlich froh war, daß die Lustbarkeit des Festes ohnen einen widrigen Vorfall vorübergegangen war. Die Belustigung war jedoch noch nicht gänzlich zu Ende; denn die eraltirten Royalisten, welche einige Landleute noch auf den Füßen und um ein Freudenfeuer auf der Straße versammelt fanden, schlugen sich fröhlich zu ihnen, schickten nach zwei Fässern Branntwein (Stingo genannt), und halfen sie auf die Gesundheit des Königs und des wackern Generals Monk leeren. Der Tumult verhallte endlich, und der Mond ging in stiller Herrlichkeit, die Zinnen versilbernd, über dem Dorfe auf. 53 Fünftes Kapitel. Am nächsten Morgen nach dem Feste blieb Lady Peveril, ermüdet von den Anstrengungen und Besorgnissen des vorigen Tages, zwei oder drei Stunden länger in ihrem Zimmer, als sie sonst Pflegte, und die Sitte der Zeit mit sich brachte. Unterdessen gab Mistreß Ellesmere, eine Person, die, besonders in Abwesenheit ihrer Gebieterin, sich ein großes Ansehen gab, der Gouvernante Deborah Befehl, sogleich die Kinder in die freie Luft in den Park zu bringen, und sie nicht in das vergoldete Zimmer zu lassen, welches gewöhnlich ihr Spielplatz war. Deborah, welche oft und bisweilen mit Erfolg sich dem angemaßten Ansehen der Ellesmere widersetzte, bedachte insgeheim, daß es eben regnen wollte, und das vergoldete Zimmer ein schicklicherer Platz für die Bewegung der Kinder wäre, als das feuchte Gras des Parkes an einem rauhen Morgen. Allein der Sinn einer Frau ist manchmal eben so unbeständig, als eine Volksversammlung, und nachdem sie jetzt gefunden hatte, daß der Morgen regnerisch sein würde, und daß das vergoldete Zimmer der passendste Spielplatz für die Kinder sei, kam Deborah auf den etwas unböndigen Schluß, daß der Park der passendste Platz für ihren eigenen Morgenspaziergang sei. ES ist gewiß, daß sie während der ungebundenen Fröhlichkeit des vorhergehenden Abends bis Mitternacht mit Launce Outram, dem Parkaufseher, getanzt hatte; allein in wiefern der Umstand, daß sie ihn eben in seinem ländlichen Putz mit einer Feder auf dem Hut und mit einer Armbrust unter dem Arm, unter dem Fenster Vorbeigehen sah, Einfluß 54 auf ihre widersprechenden Meinungen über das Wetter hatte, find wir weit entfernt errathen zu wollen. Es ist genug für uns, daß, sobald Mistreß Ellesmere den Rücken gewandt hatte, Debora- die Kinder in die vergoldete Stube brachte, nicht ohne strengen Auftrag (denn wir muffen ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen) an den jungen Herrn Julian, auf Fräulein Alerie Achtung zu geben; worauf fie durch die Glasthüre des Schlafzimmers, welches fast der großen Bresche gegenüber war, in den Park schlüpfte. Das vergoldete Zimmer, worin die Kinder nun ihrem Zeitvertreib ohne Ausficht überlassen waren, war ein großes Zimmer mit künstlich vergoldeten Tapeten von gedrucktem spanischen Leder behängt, welche in einer nun veralteten, doch gar nicht ungefälligen Manier eine Reihe von Turnieren und Gefechten zwischen den Saracenen von Granada und den Spaniern unter Befehl des Königs Ferdinand und der Königin Isabelle während jener denkwürdigen Belagerung vorstellten, welche durch Umsturz der letzten Ueberreste der Herrschaft der Mauren in Spanien beendigt wurde. Der kleine Julian lief zu seiner eigenen und seiner kleinen Freundin Unterhaltung im Zimmer umher, indem er mit einem Rohr die drohenden Geberden der Abencerragen und Zegris nachahmte, die mit dem morgenländischen Spiele, den Jerid oder Wurfspieß zu schleudern, beschäftigt waren; ein anderes Mal setzte er sich neben fie, und beschwichtigte fie mit Liebkosungen, wenn das muthwillige oder furchtsame Kind es überdrüssig ward, seinem lärmenden Spiele unthätig zuzusehen. Da sah er plötzlich eine von den Abtheilungen der ledernen Tapeten sich aufthun, und eine schöne Hand sichtbar werden, deren Finger auf ihrem Rande ruhten und fie noch weiter zurückzuschieben bereit schienen. Julian war sehr er- 55 staunt und etwas erschrocken über das, was er gesehen hatte; denn die Mährchen der Kinderstube hatten sein Gemüth mit Gespensterfurcht erfüllt. Doch, von Natur dreist und herzhaft , stellte sich der kleine Held neben seine wehrlose Schwester, und fuhr fort, seine Waffe zu ihrer Vertheidigung so kühn zu schwingen, als wär' er selbst ein Abencerrage von Granada gewesen- Das Feld der Tapetenwand, auf welches sein Auge geheftet war, wich immer mehr zurück, und zeigte mehr und mehr die Gestalt, zu welcher die Hand gehörte, bis die Kinder in der dunkeln Ocffnung, die sich aufthat, eine Frau in Trauerkleidung erblickten; sie war über den Mittag des Lebens hinaus, trug aber in ihren Gestchtszügen noch immer Spuren großer Schönheit; jedoch der vorherrschende Charakter sowohl ihrer Physiognomie, als ihrer ganzen Person, war ein Ausdruck von fast königlicher Würde. Nach einer augenblicklichen Ruhe auf der Schwelle des Portals, das sie so unerwartet geöffnet batte, und mit einiger Ueberraschung auf die Kinder blickend, welche sie wahrscheinlich nicht bemerkt hatte, trat die Fremde in das Zimmer, und das Feld schloß sich durch Berührung einer Feder wieder so schnell hinter ihr, daß Julian fast zweifelte, ob es je offen gewesen, und zu befürchten anfing, die ganze Erscheinung möchte eine Täuschung gewesen sein. Die stattliche Frauengestalt jedoch nahte sich ihm und fragte: „Bist du nicht der junge Peveril?" „Ja," antwortete der Knabe erröthend, und nicht ganz ohne ein jugendliches Gefühl jener Regel des RitterthumS, welche Jedem verbot, seinen Namen zu vcrläugnen, was auch für Gefahr mit dem Geständniß verbunden sein möchte. »Wenn das ist," sagte die stattliche Fremde, »so geh' m 56 deiner Mutter Zimmer, und heiße fie sogleich zu mir kommen, um mit mir zu sprechen." „Ich mag nicht," sagte der kleine Julian. „Wie?" erwiederte die Dame, — „so jung und so ungehorsam? Aber du folgst nur der Sitte der Zeit. Warum willst du nicht gehen, lieber Knabe, wenn ich dich darum als eine Gefälligkeit bitte?" „Ich wollte wohl gehen, schöne Frau," sagte der Knabe, „aber," — und hier hielt er inne, und zog sich immer zurück, so wie die Dame ihm näher kam, ohne die Hand Aleriens loszulafsen, welche, zu jung, um den Sinn des Gesprächs zu verstehen, zitternd sich an ihren Gespielen anklammerte. Die Fremde sah seine Verlegenheit, lächelte, und blieb fest stehen, während sie ihn noch einmal fragte: „Wovor fürchtest du dich, liebes Kind, und warum magst du nicht auf meine Bitte zu deiner Mutter gehen?" „Weil," antwortete Julian dreist, „wenn ich gehe, die kleine Alcrie mit Euch allein bleiben muß." „Du bist ein ritterlicher Knabe,« sagte die Dame, „und willst dein Blut nicht beschimpfen, welches nie den Schwachen ohne Schutz ließ." Julian verstand sie nicht, und sah noch mit Acngstlichkeit erst auf fie, dann auf seine kleine Gespielin, deren Augen mit dem leeren Blick der Kindheit, auf ähnliche Art, zwischen der fremden Dame und zwischen ihrem kleinen Freunde und Beschützer hin und her schweiften, bis sie endlich, von einiger Furcht angesteckt, die er unter seinem theilnehmenden Bestreben doch nicht ganz verbergen konnte, in seine Arme floh, durch ihr Anklammern seine Unruhe nur vermehrte, und, indem sie laut zu schreien anfing, es ihm sehr schwer machte, 57 dem sympathetischen Einflüsse zu widerstehen und gleichfalls in ein Geschrei auszubrechen. ES war etwas in dem Wesen und Benehmen der Fremden, das wenigstens Scheu, wo nicht Furcht, rechtfertigen konnte, wenn man die überraschende und geheimnißvolle Art ihrer ersten Erscheinung und ihres Eintritts mit in Anschlag bringt. Ihre Kleidung hatte nichts Ausgezeichnetes, sondern bestand in dem gewöhnlichen weiblichen Reiseanzug der damaligen Zeit, wie ihn die geringere Klasse von Frauenzimmern des Mittelstandes zu tragen pflegte. Aber ihr schwarzes Haar war sehr lang, und mehrere Locken hingen unter der Haube hervor, und wallten auf den Hals und die Schultern herab. Ihre Augen waren dunkelschwarz, scharf und durchdringend , und ihre Gesichtszüge hatten Etwas von ausländischem Gepräge. Ihre Aussprache verrieth einen etwas fremden Accent; die Verbindung der Worte war aber rein Englisch. In ihrem flüchtigsten Ton und Benehmen lag etwas von einer Person, die zu befehlen und Gehorsam zu erwarten gewohnt ist; und die Wiedererinnerung hieran brachte den kleinen Julian wahrscheinlich auf die nachmalige Entschuldigung seiner Furcht mit der Ursache, daß er die Fremde für „eine Feenkönigin" gehalten habe. Während die fremde Dame und die Kinder einander so gegenüber standen, kamen zwei Personen, fast in demselben Augenblicke, wiewohl zu verschiedenen Thüren herein, deren Hast verrieth, daß sie durch das Geschrei der Kleinen waren in Bewegung gesetzt worden. Die erste war Major Bridge- north, der beim Eintritt in den Saal, .welcher mit dem vergoldeten Zimmer zusammenhing, bei dem Geschrei seines Kindes besorgt herbeieilte. Es war seine Abficht gewesen, in dem gemeinschaftlichen Zimmer so lange zu bleiben, bis Lady 58 Peveril erscheinen würde, und ihr die Versicherung zu geben, daß der vergangene Tag des Getümmels in jeder Hinsicht angenehm für seine Freunde verflossen sei, und ohne alle bedenkliche Folgen, welche aus einem Zusammensein der verschiedenen Parteien sich hätten befürchten lassen. Wenn man aber überlegt, wie heftig ihn die Besorgnisse für seines Kindes Erhaltung und Gesundheit vor Kurzem bestürmt hatten, Besorgnisse, die wohl durch das Schicksal seiner frühern Kinder gerechtfertigt wurden, so wird es nicht befremden, daß das Geschrei seiner kleinen Alerie ihn über die Form der Schicklichkeit hinausführte, und weiter in das Haus einzudringen verleitete, als sich eigentlich ziemte. Er drang also in das vergoldete Zimmer durch eine Sei- tenthüre und einen engen Gang, welcher dieses Zimmer und Moultrassie-Hall verband, riß das Kind in seine Arme und suchte durch tausend Liebkosungen das Schreien zu ersticken, welches aber nur noch lauter hervorbrach, als die Kleine sich in den Armen eines Mannes fand, dessen Stimme und Wesen ihr fast fremd waren. Bestürzt durch dieß Geschrei, das durch Julian verstärkt, in Kurzem sehr heftig ward, trat Lady Peveril herein, mit deren Zimmer die vergoldete Stube durch eine in ihre Garderobe führende besondere Thüre in Verbindung stand. Den Augenblick, als sie erschien, machte sich die kleine Alerie aus den Armen ihres Vaters los, und lief zu ihrer Beschützerin, und sobald sie nur ihr Kleid erfaßt hatte, ward sie nicht nur still, sondern wandte auch ihre großen blauen Augen, in denen noch die Thränen glänzten, mit einem Blick mehr der Verwunderung, als der Besorgniß, auf die fremde Dame. Julian ergriff mannhaft wieder sein Rohr, eine Waffe, von der er sich während des ganzen unruhigen Auftritts nicht ge- trennt hatte, und stand bereit, seiner Mutter beizustehen, wenn aus ihrer Zusammenkunft mit der Fremden Gefahr für sie entspränge. Die Fremde schien die Ursache der sichtbaren Verlegenheit, in welche Lady Peveril bei ihrem Anblick gerathen war, zu errathen; denn sie sagte mit der rührenden Art, die ihr besonders eigen war: „Zeit und Mißgeschick haben mich sehr verändert, Margarethe, — das sagt mir jeder Spiegel. — Margarethe Stanley jedoch, deucht mich, sollte Charlotte de la Tremouille noch erkannt haben." Lady Peveril war wenig gewohnt, sich von einer plötzlichen Gemüthsbewcgung Hinreißen zu lassen; aber im gegenwärtigen Falle warf sie sich auf die Kniee und rief in einem mit Gram und Freude gemischten Entzücken, und, halb die Kniee der Fremden umfassend, mit gebrochener Stimme aus: „Meine gütige, meine edle Wohlthäterin — die fürstliche Gräfin von Derby — die Königin von Man — könnt' ich an Eurer Stimme, Euren Geflchtszügcn nur einen Augenblick zweifeln? — O vergebt, vergebt mir!" Die Gräfin hob die fußfällig flehende Verwandte von ihres Mannes Hause mit aller Anmuth empor, die einer von früher Kindheit her an den Empfang von Huldigung und an Ertheilung von Schutz gewöhnten Dame eigen ist. Sie küßte die Lady Peveril auf die Stirne, und fuhr mit der Hand liebreich über ihr Gesicht, indem sie sagte: »Ihr habt Euch auch verändert, meine theure Cousine; aber diese Veränderung kleidet Euch wohl, als der Uebergang vom hübschen und schüchternen Mädchen in eine kluge, verständige Hausfrau. Aber mein Gedächtniß, das ich ehemals für gut hielt, trügt mich sehr, oder dieser Herr da ist Ritter Gottfried Peveril?" 60 „Ein freundlicher, lieber Nachbar nur, gnädige Gräfin," sagte Lady Peveril; „Ritter Gottfried ist bei Hofe." „So viel hört' ich," erwiederte die Gräfin von Derby, „als ich letzte Nacht hier ankam." „Wie? gnädige Frau," rief die Lady, „Ihr kamt im Schlosse Martindale an, im Hause der Margarethe Stanley, wo Ihr solches Recht zu befehlen habt, und ließet sie Eure Gegenwart nicht wissen?" „O ich weiß," versetzte die Gräfin, „Ihr seid eine treuergebene Unterthanin, freilich in diesen Tagen eine Seltenheit. Allein es machte uns Vergnügen," setzte sie mit einem Lächeln hinzu, „incognito zu reisen, und da wir Euch mit Bewir- thung so vieler Gäste beschäftigt fanden, so wünschten wir Euch nicht durch unsre königliche Gegenwart zu beunruhigen." „Ader wie und wo wäret Ihr logirt, gnädige Gräfin?" fragte die Lady. „Oder warum solltet Ihr einen Besuch geheim gehalten haben, welcher zehnfach die Glückseligkeit jedes treuen Herzens erhöht hätte, das gestern hier fröhlich war?" „Für meine Wohnung war gut von der Ellesmere gesorgt — jetzt der Eurigen, wie sie sonst die meinige war. Sie hat hier ehemals, wie Ihr wißt, den Quartiermeister gemacht, und auf größerm Fuße; Ihr müßt sie entschuldigen — sie hatte meinen bestimmten Befehl, mich in dem verborgensten Theil des Schlosses zu logiren (hier wies sie auf das Schiebefeld der Wand), fle gehorchte dem Befehl, und schickte.Euch nun, denk' ich, hieher." „Nein," sagte Lady Peveril, „ich habe sie heute noch nicht gesehen, und wußte daher gar nichts von einem so angenehmen, so überraschenden Besuche." „Und ich," erwiederte die Gräfin, „war gleichfalls verwundert, Niemand, als diese lieblichen Kinder, in dem Zim- 61 wer zu treffen, wo ich Euch zu hören glaubte. Unsre Elles- mere ist albern geworden — Eure Gutmüthigkeit hat fit verdorben — fie hat die Zucht vergessen, die fie unter mir lernte" »Ich sah fie durch den Wald laufen," sagte Lady Peveril nach einem Augenblick der Ueberlegung, „ohne Zweifel, um die Person aufzusuchen, welche die Kinder zu besorgen hat, um fie wegzubringen " „Eure eignen kleinen Lieblinge, unstreitig?" versetzte die Gräfin, indem fie auf fie blickte. „Margarethe, der Himmel hat Euch gesegnet." * „Das ist mein Sohn," crwiederte die Lady, auf Julian weisend, welcher ihrem Gespräch begierig zuhorchte; „das kleine Mädchen da kann ich auch das meine nennen." Der Major Bridgenorth, der unterdessen sein Kind wieder ausgenommen halte und es liebkoste, setzte es nieder, als die Gräfin sprach, seufzte tief, und ging nach dem Fenster hin- Er wußte wohl, daß er nach den gewöhnlichen Regeln der Höflichkeit sich hätte gänzlich entfernen oder wenigstens dazu bereit zeigen sollen; allein er war kein Mann von ceremoniö- ser Förmlichkeit, und nahm ein besondrcs Interesse an den Gegenständen, auf welche das Gespräch der Gräfin, wie er glaubte, kommen würde; dieß verleitete ihn, fich über die Regel des Schicklichen hinweg zu setzen. Die Damen schienen auch wirklich kaum von seiner Anwesenheit Kenntniß zu nehmen. Die Gräfin hatte fich auf einen Stuhl niedergelassen, und hieß Lady Peveril fich neben fie setzen. „Wir wollen wieder einmal die alten guten Zeiten erneuern," sagte fie, »ob es gleich hier keinen Kanonendonner von Aufrührern gibt, vor denen Ihr an meiner Seite und fast in meiner Tasche Schutz suchen müßtet." „Ich habe eine Kanone, edle Frau," rief der kleine Julian, „und der Parkaufseher soll mich nächstes Jahr sie ab- feuern lehren." „Da will ich dich als meinen Soldaten einschrciben lassen," sagte die Gräfin. „Damen haben keine Soldaten," antwortete der Knabe, indem er sie ernsthaft ansah. „Er hat, wie ich sehe," bemerkte die Gräfin, „die wahre männliche Verachtung unsers gebrechlichen Geschlechts; sie wird fast zugleich mit den übermüthigen Buben geboren, und zeigt sich* schon, sobald sie ihren Flügelkleidern entwachsen sind. Hat dir ElleSmcre nie etwas vom Latham-House und von Charlotte von Derby erzählt, mein kleiner Held?" „Tausend, tausendmal," antwortete er crröthend; „und wie die Königin von Man es sechs Wochen gegen dreitausend Puritaner unter Rogue Harrison, dem Metzger, vertheidigte " „Es war deine Mutter, welche Latham-House vertheidigte, nicht ich, kleiner Soldat," sagte die Gräfin. „Wärst du dabei gewesen, du würdest der beste Hauptmann von den dreien gewesen sein." „Sprecht nicht also, schöne Frau," erwiederte der Knabe; „denn Mama würde um aller Welt willen keine Kanone anrühren." „Ja wohl, Julian," sagte die Mutter; „ich war freilich da, aber als ein unnützer Theil der Besatzung." „Ihr vergeht," bemerkte die Gräfin, „daß Ihr unser Hospital besorgtet, und Scharpie für die verwundeten Soldaten bereitetet." „Kam aber Papa nicht zu Hülfe?" fragte Julian. „Papa kam zuletzt," antwortete die Gräfin; „so auch Prinz Rupert — aber ich glaube, nicht eher, als bis man 63 sie beide sehnlich verlangte. — Erinnert Ihr Euch jenes Morgens, Margarethe, als die rundköpfigen Buben, die uns so lange einsperrten, bei dem Erscheinen der Standarten des Prinzen auf dem Berge mit Sack und Pack retirirten — und wie Ihr jeden Hauptmann mit hohem Helmbusch für Peveril vom Gipfel ansaht, der drei Monate zuvor bei der Maskerade der Königin Euer Mittänzer gewesen war? Nein, Ihr braucht nicht zu erröthen bei dem Gedanken daran — es war eine edle Zuneigung — und obgleich die Musik der Trompeten Euch beide zur alten Kapelle begleitete, welche säst gänzlich von den feindlichen Kanonenkugeln zerstört war, und obgleich Prinz Rupert, als er Euch an den Altar führte, in Küraß und Bandelier gekleidet war, so glaub' ich doch, diese kriegerischen Zeichen waren keine Vorbilder künftiger Zwietracht?" „Der Himmel ist gütig gegen mich gewesen," sagte Ladp Peveril, „indem er mich mit einem zärtlichen.Ehegatten beglückt hat." „Und indem er ihn Euch erhalten hat," setzte die Gräfin mit einem tiefen Seufzer hinzu, „während der weinige, ach! mit seinem Blute seine Treue gegen seinen König versiegelte. — O! hätte er diesen Tag erlebt!" „Ach! daß es ihm nicht vergönnt war!" antwortete die Peveril; „wie hätte der tapfere, edle Graf sich über die unverhoffte Errettung aus unsrer Knechtschaft gefreut!" Die Gräfin sah die Lady mit einer Miene der Verwunderung an und sagte: „Ihr habt also nicht gehört, Base, wie es mit unserm Hause steht? Freilich, wie sehr hätte sich mein theurer Mann gewundert, hätte man ihm gesagt, daß derselbe Monarch, für den er sein edles Leben auf dem Schaffet hingab, es nach Herstellung des Königthums zu seinem ersten Geschäfte machen würde, die Vernichtung unseres Eigcnthums zu vollenden, das fast schon bei der königlichen Sache zu Grunde gegangen war, und mich, seine Wittwe, zu verfolgen!" »Ihr setzt mich in Erstaunen, liebe Gräfin!" sagte Lady Peveril; „es kann nicht sein, daß Ihr, — Ihr, die Gattin des tapfern, des treuen, des ermordeten Grafen — Ihr, Gräfin von Derby, und Königin in Man, — Ihr, welche selbst als Mann erschien, als so viele Männer sich als Weiber bewiesen — daß Ihr Ucbels leiden solltet, von der Begebenheit, welche die Hoffnungen jedes treuen Unterthanen erfüllt — übertroffen hat, — es kann nicht sein!" „Ihr seid noch eben so beschränkt in der Welikenntniß, wie früher, liebe Base," antwortete die Gräfin. „Diese Wiederherstellung der Monarchie, welche Andern Sicherheit gegeben hat, hat mich in Gefahr gesetzt — diese Veränderung, welche andere, vielleicht weniger eifrige Royalisten, als ich (wie ich zu glauben wage), befreite, hat mich hieher als Flüchtling und in eine verborgene Zuflucht gebracht, um Schutz und Unterstützung bei Euch, liebe Base, zu erbitten." „Bei mir," antwortete Lady Peveril, — „bei mir, deren Jugend Eure Güte schützte, — bei der Gattin Peveril's, des Waffengefährtcn Eures tapfern Gemahls, — habt Ihr das Recht über Alles zu gebieten. Aber ach! daß Ihr solchen Beistand bedürfen mußtet, wie ich ihn gewähren kann, — vergebt mir, aber es scheint mir wie ein Unglück bedeutendes Traumgeficht, — ich horche auf Eure Worte, als hoffte ich, beim Erwachen sie »»gegründet zu finden." „Es ist wirklich ein Traum, eine Erscheinung," sagte die Gräfin von Derby; „aber dieser Traum bedarf keines Sehers zur Auslegung; diese ist längst gegeben in den Worten: 65 „Setzt Euer Vertrauen nicht auf Fürsten." Ich kann bald Euer Befremden heben. — Dieser Herr da, Euer Freund, ist ohne Zweifel rechtschaffen?" Lady Pcveril wußte wohl, daß die Royalisten, gleich andern Parteien, sich die ausschließende Benennung der rechtschaffenen oder ehrlichen Partei anmaßten, und sie fühlte sich etwas verlegen, ihr zu erklären, daß ihr Freund nicht rechtschaffen in jenem Sinne des Wortes sei. „Sollten wir nicht lieber aufstehen?" sagte sie zur Gräfin, und stand auf, wie um sie zu begleiten. Aber die Gräfin behielt ihren Sitz. „Es war nur eine Gewohnheitsfrage," sagte sie; „die Grundsätze des Herrn gehen mich nichts an, denn was ich Euch zu sagen habe, ist weit verbreitet, und es kümmert mich nicht, wer meinen Antheil daran hört. Ihr müßt es gehört haben, — denn ich denke, Margarethe Stanley kann nicht gleichgültig gegen mein Schicksal sein — daß nach meines Mannes Ermordung zu Bolton, ich die Fahne ausnahm, die er bis an seinen Tod nie fallen ließ, und mit meiner eigenen Hand in unserem Gebiete Man aufsteckte." „So hört' ich allerdings, gnädige Gräfin," sagte Lady Peveril; „und daß Ihr eine kühne Ausforderung an das rebellische Gouvernement ergehen ließet, selbst nachdem alle andere Tbeile Britanniens sich unterworfen hatten. Mein Mann, Ritter Gottfried, beschloß, mit einigen wenigen Anhängern Euch zu Hülfe zu eilen, aber wir erfuhren, daß die Insel der Parlaments-Partei übergeben ward, und Ihr in'S Gefängniß geworfen wurdet." „Aber Ihr hörtet nicht," sagte die Gräfin, „wie mich jenes Unglück betraf. — Margarethe, ich würde diese Insel gegen die Schurken so lange behauptet haben, als das Meer Peveril. 5 66 sie umflossen, bis die Untiefen, welche sie umgeben, ein sicherer Ankergrund geworden — bis ihre steilen Felsen vom Sonnenschein geschmolzen wären — bis von allen ihren Wohnungen und Schlössern kein Stein auf dem andern geblieben wäre, würde ich gegen diese niederträchtigen, heuchlerischen Rebellen meines theuren Mannes Erbgebiet vertheidigt haben. Das kleine Königreich Man hätte erst dann allein übergeben werden sollen, wenn kein Arm übrig geblieben wäre, ein Schwert zu führen, nicht ein Finger, ein Gewehr zur Vertheidigung loszudrücken. Aber Verrätherei that, was Gewalt nie hätte ausrichten können. Als wir verschiedene Angriffe auf die Insel durch offene Gewalt abgeschlagen hatten, vollendete Verrath, was Blake und Lawson mit ihren schwimmenden Schlössern als ein gewagtes Unternehmen befunden hatten — ein niedriger Rebell, den wir in unserem eigenen Busen gehegt hatten, verrieth uns dem Feinde. Dieser Elende führte den Namen Christian. Major Bridgcnorth stutzte, und wendete sich gegen die Sprechende, schien sich jedoch augenblicklich zu besinnen, und wandte sein Gesicht wieder ab. Die Gräfin fuhr fort, ohne die Unterbrechung zu bemerken, welche der Ladp Peveril ziemlich auffiel, da sic mit ihres Nachbarn gewöhnlicher Gleichgültigkeit und Apathie bekannt war; desto mehr überraschten sie diese plötzlichen Zeichen seiner Thetlnahme. Sie wollte noch einmal die Gräfin bewegen, sich mit ihr in ein anderes Zimmer zu begeben; aber diese fuhr mit zu viel Lebhaftigkeit fort, um eine Unterbrechung zu gestatten. „Dieser Christian," sagte sie, „hat von meines Herrn, seines Souverains, Brod gegessen, und aus seinem Becher getrunken, von Kindheit an, — denn seine Vorfahren waren dem Hause von Man und Derby treue Diener gewesen. Er 67 selbst hatte tapfer an meines Mannes Seite gefochten, und genoß sein ganzes Vertrauen; und als dieser von den Rebellen hingerichtet wurde, empfahl er mir, unter andern mir in seiner letzten Botschaft mitgetheilten Anweisungen, mein Zutrauen zu Christians Treue fortwähren zu lassen. Ich gehorchte, wiewohl ich den Mann niemals gerne sah. Er war kalt und phlegmatisch, und entbehrte ganz des heiligen Feuers, welches zu edlen Thatcn entflammt, auch stand er im Verdacht, Anhänger der calvinistischen Lehre zu sein. Aber er war tapfer, klug und erfahren, und besaß, wie der Ausgang bewies, nur zu viel Einfluß bei den Insulanern. AIS dieses rohe Volk sich ohne Hoffnung zur Hülfe, und durch eine Blo- kade bedrängt sah, welche Mangel und Krankheit auf ihre Insel brachte, fing cs an, von der bisher bewiesenen Treue abzufallen." „Was!" sagte Lady Peveril, „konnten sie vergessen, was der Wittwe ihres WohlthäterS gebührte — ihr, welche mit dem cdeln Derby das Bestreben, ihre Lage zu verbessern, ge- theilt hatte?« „Macht ihnen keine Vorwürfe!" sagte die Gräfin; „die Rohen bandelten nur nach ihrer Natur — in gegenwärtiger Noth vergaßen sie vormalige Wohlthaten, und aufgezogen in ihren Erdhütten, mit Seelen, die ihren Wohnungen angemessen waren, vermochten sie nicht den Ruhm zu würdigen, der an die Standhaftigkeit im Leiden geknüpft ist. Aber daß Christian ihren Aufstand anführen sollte — daß er, von guter Geburt, und unter der eigenen Sorgfalt meines ermordeten Derby zu Allem, was ritterlich und edel war, erzogen — daß er sollte hundert Wohlthaten vergessen haben — was rede ich von Wohlthaten? — daß er den freundlichen Verkehr, welcher den Menschen an den Menschen weit mehr bindet, s* «8 als die Wechselseitigkeit der Verpflichtung — daß er sollte die Räuber angeführt haben, welche plötzlich in mein Zimmer drangen — mich mit meinen Kinder» in einem meiner eigener Schlösser einsperrtcn, und die Herrschaft über diese Insel an sich rissen, — daß dicß sollte geschehen von Wilhelm Christian, meinem Vasallen, meinem Diener, meinem Freunde, war eine undankbare Verräthcrei, zu welcher selbst dieß Zeitalter des DerrathS kaum ein Seitenstück liefern wird!" „Und Ihr wurdet damals gefangen gesetzt?" fragte Lady Peveril; „und auf Eurem eigenen Gebiet?" „lieber sieben Jahre lang habe ich strenge Gefangenschaft erlitten," antwortete die Gräfin. „Mir wurde zwar meine Freiheit, sogar nebst einigen Mitteln des Unterhalts, angeboren, hätte ich eingewilligt, die Insel zu verlassen, und mein Ehrenwort gegeben, nie den Wiederbesitz von meines Vaters Rechten für meinen Sohn zu suchen- Aber sie kannten wenig das fürstliche Haus, von dem ich abstamme, — und eben so wenig das königliche Haus von Stanley, das ich aufrecht erhalte, — wenn sie hofften, Charlotte von Tremouille würde einen so niedrigen Vergleich annehmen- Lieber würde ich in dem finstersten und niedrigsten Gewölbe des Schlosses Russin Hungers gestorben sein, als in Etwas gewilligt haben, was nur eine Hand breit das Recht meines Sohnes an seines Vaters Souveränität geschmälert hätte." „Und konnte nicht Eure Standhaftigkeit, in einem Falle, wo die Hoffnung verloren schien, diese Menschen bewegen, edelmüthig zu handeln, und Euch ohne Bedingungen zu entlassen ?" „Sie kannten mich besser, als Ihr, Base," antwortete die Gräfin; „einmal in Freiheit, wäre ich nicht lange ohne Mittel gewesen, ihren unrechtmäßigen Besitz zu stören. Aber die Zeit hat Freiheit und Rache ausbewahrt. — Ich hatte noch Freunde und Anhänger auf der Insel, ob sie gleich genöthigt waren, dem Sturme nachzugeben. Selbst unter den Insulanern überhaupt sahen sich die meisten über die Folgen getäuscht, die sie von der Veränderung der Herrschaft erwarteten. Sie wurden mit Erpressungen von ihren neuen Gebietern belastet, ihre Vorrechte wurden verkürzt, und ihre Freiheiten abgeschafft, unter dem Vorwände, sie in die gleiche Lage mit den andern Unterthanen der angeblichen Republik zurückzubringen. Als die Nachricht von den in Britannien vorgehenden Veränderungen ankam, wurden diese Gesinnungen mir insgeheim vertraut, und ein Aufstand, so plötzlich und kräftig bewerkstelligt, als jener, der mich zur Gefangenen machte, setzte mich in Freiheit und in den Besitz der Souveränität von Man, als Regentin für meinen Sohn, den noch ganz jungen Grafen von Derby. Meint Ihr, ich habe diese Souveränität lange genossen, ohne dem Verräther Christian sein Recht anzuthun?" „Wie, Gräfin!" sagte Lady Peveril, welche zwar den stolzen und ehrgeizigen Sinn der Gräfin kannte, aber doch kaum das Aeußerste erwartete, zu dem er sie Hinzureißen fähig wäre, „habt Ihr Christian in's Gefängniß werfen lassen?" „Ja, Base, in das sichere Gefängniß, welches kein Miffe- thäter durchbricht," gab die Gräfin zur Antwort- Bridgenorth, der sich ihnen unvermerkt genähert hatte, und mit einem Anthcil, den er nicht länger zu unterdrücken vermochte, zugehört hatte, brach hier in den Ausruf aus: »Ich hoffe, gnädige Frau, Ihr habt nicht gewagt —" Die Gräfin unterbrach ihn sogleich, und sagte: „Ich weiß nicht, wer Ihr seid, und Ihr kennt mich nicht, wenn Ihr mit mir von Dem sprechen wollt, was ich zu thun wage oder nicht wage. Aber Ihr scheint an dem Schicksal dieses Christian Antheil zu nehmen, und sollt es hören! — Kaum war ich im Besitz meiner rechtmäßigen Gewalt, so befahl ich dem Richter der Insel über den Verräthcr ein hohes, peinliches Gericht nach der Form zu halten, die in den ältesten Urkunden der Insel vorgeschricben ist. Das Gericht wurde unter freiem Himmel vor den Richtern und Schöffen gehalten, die auf Felsensitzen saßen; der Verbrecher wurde endlich in seiner Vcrtheidigung angehört, die auf wenig mehr Hinaus lief, als auf jene scheinbaren Berufungen auf die öffentliche Achtung, welche immer gebraucht werden, die Unverschämtheit des Verraths zu bemänteln. Er wurde seines Verbrechens vollständig überwiesen, und ihm als Verräther das Urtheil gesprochen." „Das aber wohl noch nicht vollzogen worden ist?" fiel Lady Pevcril, nicht ohne einen unwillkürlichen Schauder, ihr in die Rede- „Ihr seid eine Thörin, Margarethe," sagte die Gräfin heftig. „Meint Ihr, ich habe eine solche Handlung der Gerechtigkeit aufgeschoben, bis gewisse elende Jntriguen des neuen englischen Gerichtshofs dazwischen getreten wären? Nein, Base, er wurde vom Sitz des Gerichts zum Richtplatz gebracht, ohne weitern Aufschub, als den, welcher für das Heil seiner Seele nöthig sein mochte. Hier wurde er im Hofraume des Schlosses Peel von commandirten Musketieren erschossen." Bridgenorth rang die Hände und seufzte bitterlich. „Da Ihr für diesen Verbrecher intercssirt scheint," fuhr die Gräfin zu Bridgenorth fort, „so erweise ich Euch nur Gerechtigkeit, wenn ich sage, sein Tod war standhaft und männlich, gemäß dem allgemeinen Charakter seines Lebens, welches, bis auf 71 jene schwere That verrätheriscben Undanks, löblich und ehrbar war. Aber was hilft das? Der Heuchler ist ein Heiliger, und der falsche Verräther ein Mann von Ehre, bis Gelegenheit, dieser getreue Probirstein, zeigt, daß das Metall nichts tauge." „ES ist falsch, Gräfin, es ist falsch!" sagte Bridgenorth, der seinen Unwillen nicht länger zurückhalten konnte. „Was soll dieses Betragen, Herr Bridgenorth!" sagte Lady Peveril sehr befremdet. „Was ist Euch dieser Christian, daß Ihr die Gräfin Derby in meiner Behausung beleidigt?" „Sprecht zu mir nicht von Gräfinnen und Ceremonieen," rief Bridgenorth; „Gram und Zorn lassen mir keine Zeit zu leeren Gebräuchen, der Eitelkeit übermüthiger Kinder zu schmeicheln. — O Christian, würdig, wohl würdig des Namens, den du führtest! Mein Freund, — mein Bruder, — der Bruder meiner seligen Alerie — der einzige Freund in meinem trostlosen Zustande! Bist du denn grausam gemordet von einer weiblichen Furie, welche, blos um deinetwillen, verdient hätte, mit ihrem eigenen Blute das Blut von Gottes Heiligen zu sühnen, welches fie sowohl, als ihr tyrannischer Mann, mit Waffen versprüht hatte! — Ja, grausame Mörderin!" fuhr er gegen die Gräfin fort, „er, den du in deiner unsinnigen Rache geschlachtet hast, opferte manches Jahr hindurch die Forderungen seines eigenen Gewissens dem Interesse deiner Familie auf, und verließ es nicht eher, als bis dein wü- thender Eifer für Königthum die kleine Gemeinde, in der er geboren war, dem Verderben wohl nahe genug gebracht hatte. Selbst indem er dich verhaftete, handelte er nur wie die Freunde des Wahnwitzigen, welche ihn zu seiner Erhaltung an Ketten legen, und für dich, was ich beweisen kann, war rr die einzige Vormauer zwischen dir und dem Grimm des Unterhauses im englischen Parlament, und ohne seine Vorstellungen hättest du die Strafe deiner Widerspenstigkeit erlitten, gleich dem verruchten Weibe Ahab's." „Herr Bridgenorth," sagte Lady Peveril, „ich will Euch Eure Heftigkeit beim Anhören dieser unangenehmen Nachricht zu gute -alten; aber hier ist es weder nützlich, noch schicklich, die Sache weiter zu verfolgen. Wenn Ihr in Eurem Schmerz andere Gründe der Mäßigung vergeßt, so bitte ich Euch, wenigstens zu bedenken, daß die Gräfin mein Gast und meine Verwandte, und unter einem solchen Schutz ist, als ich ihr gewähren kann. Ich ersuche Euch höflich, Euch zu entfernen, was nothwendig unter diesen mißlichen Umständen das Beste und Schicklichste ist." „Nein, laßt ihn bleiben," sagte die Gräfin, indem fie ihn mit ruhiger Fassung, und nicht ohne Triumph, anblickte; „ich möchte es nicht anders haben; ich möchte nicht, daß meine Rache blos auf die Befriedigung, die Christians Tod gewährt hat, beschränkt bleiben möchte. Die rohen und lauten Beschwerden dieses Mannes beweisen allein, daß die Vergeltung, die ich verfügte, weiter empfunden worden ist, als von dem Elenden, den fie traf. Ich wünschte auch zu erfahren, daß sie eben so viele aufrührerische Herzen verwundet hätte, als rechtliche, treue Seelen durch den Tod meines fürstlichen Derby betrübt worden sind!" „Wenn es Euch gefällt, gnädige Gräfin," sagte Lady Peveril, „so wollen wir, da Hr. Bridgenorth nicht die Artigkeit hat, uns auf meine Bitte zu verlassen, uns in mein Zimmer begeben. Lebt wohl, Hr. Bridgenorth, wir wollen einander nachher unter bessern Umständen Wiedersehen." „Verzeiht, gnädige Frau," sagte der Major, der schnell 73 das Zimmer durchschritten hatte, aber nun stehen blieb, mit einer Gederde, die verrieth, daß er zu einem Entschlüsse gekommen war, „Euch selbst habe ich nichts zu sagen, was nicht mit Ehrerbietung sich vertrüge; aber zu dieser Frau muß ich als eine obrigkeitliche Person sprechen. Sie hat einen Mord in meiner Gegenwart bekannt — noch dazu den Mord von meinem Schwager. Als ein Mann, und als eine obrigkeitliche Person, kann ich sie nicht von hier fort lassen, außer unter solcher Bewachung, die ihre weitere Flucht hindern kann. Sie hat bereits gestanden, daß sie auf der Flucht ist und einen Zufluchtsort sucht, bis sie im Stande ist, in fremde Lande zu entweichen. — Charlotte, Gräfin von Derb-, ich belege dich mit Arrest wegen des Verbrechens, dessen du dich so eben gerühmt hast." „Ich werde Eurem Verhaftsbefehl nicht gehorchen," cntgcg- nete die Gräfin gefaßt; „ich wurde geboren, solche Befehle zu geben, aber nicht zu empfangen. Was haben Eure englischen Gesetze mit den Handlungen meiner Justiz und Verwaltung innerhalb des erblichen Königreichs meines Sohnes zu schaffen? Bin ich nicht Königin von Man sowohl, als Gräfin von Derbp? Freilich eine lehensherrliche Fürstin, aber doch so lange unabhängig, als meine Pflichten der Hörigkeit gebührend erfüllt werden. Was für ein Recht könnet Ihr über mich behaupten?" „Dasjenige, welches durch das Gesetz der heiligen Schrift gegeben ist," antwortete Bridgcnorth; „wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen werden. Glaubt nicht, daß die barbarischen Vorrechte der alten Lehensgebräuche Euch etwas helfen werden, Euch vor der Strafe zu schützen, die auf dem an einem Engländer unter solchen Vorwänden verüb- 74 ten Morde steht, welche mit einer allgemeinen Amnestie unverträglich sind." „Herr Bridgenorth," sagte Lady Peveril, „wenn Ihr nicht in Güte von Eurem gegenwärtigen Vorhaben abstehen wollt, so sage ich Euch, daß ich innerhalb der Schloßmauern meines Mannes irgend eine Gewalt gegen diese verehrte Dame weder erlauben darf noch will." „Ihr werdet Euch unfähig finden, mich in Vollziehung meiner Pflicht zu hindern, gnädige Frau," antwortete Brid- gcnorth, dessen angeborne Hartnäckigkeit nun seinem Schmerz und seiner Rachbcgier zu Hülfe kam; „ich bin eine obrigkeitliche Person und handle kraft meiner Autorität." „Das weiß ich nicht," erwiederte Lady Peveril; „aber daß Ihr eine obrigkeitliche Person wäret, Herr Bridgenorth, unter der letztern usurpirtcn Gewalt, ist mir wohl bekannt; allein bis ich höre, daß Ihr eine Vollmacht im Namen des Königs habet, stehe ich an, .Euch als einer Magistratsperson zu gehorchen." „Ich will alle Weitläufigkeit vermeiden," sagte Bridgenorth. „Wäre ich auch keine obrigkeitliche Person, so hat doch Jedermann das Recht, wegen eines gegen die durch des Königs Proklamation ausgesprochenen Bedingungen der Straflosigkeit verübten Mords Jemanden zu verhaften; und ich will mein Recht behaupten." „Was Amnestie! was Proklamationen!" sagte die Gräfin Derby voll Unwille. „Carl Stuart mag, wenn cs ihm gefällt (und cs scheint ihm zu gefallen), sich Denen zugesellen, deren Hände roth von dem Blute und schwarz von der Ausplünderung seines Vaters und seiner treuen Unterthanen sind. Er mag ihnen verzeihen, wenn er will, und ihre Thaten ihnen als gute Dienste anrcchnen. Was hat dies mit dieses Christian's 75 an mir und den Meinigen verübten Unbilde zu schaffen? Geboren als Unterthan und erzogen auf der Insel, brach er die Gesetze, unter denen er lebte, und starb für deren Verletzung nach der ordentlichen Untersuchung, welche sie gestatteten. — Mich dünkt, Margarethe, wir haben diese finstere, närrische Magistratsperson nun satt- — Ich begleite Euch in Euer Zimmer." Major Bridgenorth stellte sich zwischen sie und die Thüre auf eine Art, welche zeigte, daß er ihr Fortgehen hindern wollte, als Lady Pcveril, die ihm in dieser Sache mehr Nachsicht bewiesen zu haben glaubte, als ihr Mann gut heißen würde, ihre Stimme erhob, und laut ihren Haushofmeister Whitaker rief- Dieser, der schon zuvor stark sprechen und eine ihm unbekannte weibliche Stimme gehört hatte, war einige Minuten im Vorzimmer geblieben, wo ihn seine Neugierde nicht wenig plagte. Er trat also augenblicklich herein. „Laßt drei von den Leuten sogleich zu den Waffen greifen,^ sagte seine Gebieterin; »bringt sie in das Vorzimmer und erwartet meine weitern Befehle." Sechstes Kapitel. Der Befehl, sich zu bewaffnen, den Lady Peveril ihren Domestiken gegeben hatte, stimmte so wenig zu ihrem gewöhnlichen sanften und friedlichen Wesen, daß Major Bridgenorth erstaunte. „Was habt Ihr im Sinne, gnädige Frau?" sagte er. „Ich glaubte, mich im Hause von Freunden zu befinden." 76 „So ist's auch, Herr Bridgenortherwicderte Lady Pe- veril, ohne die natürliche Ruhe ihres Tons und ihres Benehmens zu verlassen; «aber cs ist ein Haus, das nicht durch Gewaltthätigkeit eines Freundes gegen den andern verletzt werden darf." „Es ist gut, Lady Peveril," sagte Bridgenorth, indem er sich zur Thüre des Zimmers wandte. „Der ehrwürdige SolS- grace hat schon vorher gesagt, daß die Zeit wieder gekommen sei, da hohe Häuser und stolze Namen noch einmal dem Verbrechen zur Entschuldigung dienen würden. Ich glaubte ihm nicht; nun aber sehe ich, er ist weiser als ich. Doch glaubt nicht, daß ich dicß so ruhig ertrage. Das Blut meines Bruders — meines Busenfreundes — soll nicht lange vom Altar rufen: Wie lange, o Herr, wie lange! Wenn noch ein Funke Gerechtigkeit in diesem unglücklichen England übrig geblieben ist, so werden wir, jenes stolze Weib und ich, einander treffen, wo sie keinen parteiischen Freund zu ihrem Schutze haben kann." Mit diesen Worten war er im Begriff, das Zimmer zu verlassen, als Lady Peveril sagte: „Ihr verlaßt diesen Platz nicht, Herr Bridgenorth, ohne mir Euer Wort zu geben, daß Ihr allem Vorhaben gegen die Freiheit der edlen Gräfin bei der gegenwärtigen Gelegenheit entsaget." „Lieber wollte ich meine eigene, in ausdrücklichen Worten niedcrgeschriebene Beschimpfung unterschreiben, als irgend einen solchen Vergleich eingehen," versetzte der Major. „Wenn irgend Jemand sich untersteht, mich aufzuhalten, so komme sein Blut über sein Haupt " Während Major Bridgenorth so sprach, stieß Whitaker die Thüre auf und zeigte, daß er mit der Behendigkeit eines alten Kriegers, dem es nicht mißfiel, die Dinge wieder einmal ein kriegerisches Ansehen annehmcn zu sehen, vier wackere Bursche in Ritter Peveril's Livree mitbrachte, die mit Schwertern und Karabinern, Ledercollets und mit Pistolen in ihren Gurten wohl gerüstet waren. „Ich will sehen," sprach Major Bridgenorth, „ob einer von diesen Leuten so verwegen sein wird, mich, einen freigc- bornen Engländer und eine Magistratsperson, in Ausübung meiner Pflicht aufzuhalten." So sprach er, auf Whitaker und dessen bewaffnete Leute losgehend, und legte die Hand an den Griff seines Degens. „Nicht so verwegen, Herr Bridgenorth," rief Lady Peveril, und setzte in demselben Augenblick hinzu: „Haltet ihn fest und entwaffnet ihn, Whitaker; thut ihm aber kein Leid." Ihr Befehl ward vollzogen. Bridgenorth war zwar ein Mann von Entschlossenheit, jedoch keiner von Denen, die im ungleichen Kamps cs wagen, sich zur Wehre zu setzen. Er zog zwar sein Schwert halb heraus und zeigte einen Widerstand, der es nöthig machte, sich seiner gewaltsam zu bemächtigen; aber alsdann gab er es hin und erklärte, er unterwerfe sich zwar der Gewalt, welcher ein Einziger nicht widerstehen könne, mache aber die, welche den Befehl geben und sie gegen ihn gebrauchen, für den Angriff auf seine Freiheit ohne gesetzliche Vollmacht, verantwortlich. „Ei was Vollmacht für einen Fingerdruck! Herr Bridgenorth," rief der alte Whitaker; „wahrhaftig, Ihr habt selbst oft nach einer schlechtern Vollmacht gehandelt. Das Wort meiner Frau ist gewiß eine so gute Vollmacht, als Cromwells Commisston; und Ihr führtet die manchen Tag und ließt mich in den Stock spannen, weil ich des Königs Gesundheit trank, Herr Bridgenorth, und kümmertet Euch kein Haar breit um Englands Gesetze." 78 „Schweigt, Whitaker!" rief Lady Peveril ihm zu, „und Ihr, Herr Bridgenorth, lasset es Euch nicht kränken, auf wenige Stunden gefangen gehalten zu werden, bis die Gräfin Derby von Verfolgung nichts mehr zu fürchten hat. Ich könnte ihr leicht eine Escorte mitgeben, die jeder Gewalt, welche Ihr aufbieten möchtet, Trotz bieten könnte; aber der Himmel weiß es, ich wünsche die Erinnerung an die alten bürgerlichen Fehden zu begraben und nicht wieder aufzuwecken. Noch einmal, wollt Ihr Euch eines Bessern besinnen, so nehmt Euren Degen wieder und vergeßt, wen Ihr jetzt auf dem Schlosse Martindale gesehen habt?" „Nimmermehr!" antwortete Bridgenorth. „Das Verbrechen dieses grausamen Weibes wird die letzte Beleidigung sein, die ich vergessen kann. Der letzte Gedanke irdischer Art, der mich verlassen wird, soll der Wunsch sein, daß sie ihren Lohn erhalte." „Wenn das Eure Gesinnungen find," sagte Lady Peveril, „ob sie gleich mehr Rache als Gerechtigkeit athmen, so muß ich, zur Sicherheit meiner Freundin, hier Eure persönliche Freiheit beschränken. In diesem Zimmer werdet Ihr mit allen Bedürfnissen und Bequemlichkeiten des Lebens versorgt werden, und eine Botschaft soll Eure Hausleute aus der Unruhe reißen, welche Eure Abwesenheit von Moultrasfie-Hall wahrscheinlich erregen wird. Wenn einige Stunden, auf's Höchste zwei Tage, vorüber sind, will ich Euch selbst aus Eurer Haft befreien, und erbitte mir jetzt Eure Verzeihung, daß ich so verfahre, wie ich durch Eure Hartnäckigkeit zu verfahren gezwungen bin." Der Major gab keine Antwort, außer, daß er in ihren Händen sei und sich ihrem Belieben unterwerfen müsse, und wandte sich dann verdrießlich nach dem Fenster, als wenn er ihrer Gegenwart los zu sein wünschte. Die Gräfin und Lady Peveril verließen das Zimmer Arm in Arm, und Whitakern gab die Letztere ihre Befehle über die Art, wie sie Bridgenorth während seiner dermaligen Gefangenschaft bewacht und behandelt wünschte, indem sie zugleich bemerkte, daß die Sicherheit der Gräfin von Derby eine strenge Bewachung erfordere. Die Frauen begaben sich nun in das Vorzimmer, setzten sich bald nachher in einem andern Zimmer, welches besonders der Frau vom Hause gehörte, und auf der einen Seite zum Schlafgemach der Familie, und auf der andern zu dem Kabi- net führte, das an den Garten stieß Hier war auch eine kleine Thüre, welche über einige Stufen hinauf zu dem schon erwähnten Balcon, der über die Küche hcrausragte, hinführte, und derselbe Weg brachte durch eine besondere Thüre zu der Hauptgallerie in der Kapelle, so daß die geistlichen und weltlichen Angelegenheiten des Schlosses fast zugleich in den Bereich desselben leitenden und ordnenden Auges gestellt waren. In der tapezirten Stube, von welcher diese verschiedenen Thüren ausgingcn, hatten die Gräfin und Lady Peveril sogleich Platz genommen. Die ersterc sagte lächelnd zur letztern: „Zweierlei hat sich diesen Tag zugetragen, was mich hätte befremden können, wenn in diesen Zeiten mich etwas befremden könnte; — das Erste ist, daß der rundköpfige Wicht sich in dem Hause des Ritters Peveril solch übermüthiges Betragen erlauben durfte. Wenn Euer Mann noch derselbe rechtschaffene und aufrichtige Edelmann ist, als den ich ihn ehemals kannte, und er wäre zu Hause gewesen, er würde den Schurken zum Fenster hinausgeworfen haben. Aber was ich noch mehr bewundere, Margarethe, ist Euer Feldherrntalent. Ich hätte Euch kaum Muth genug zugetraut, so entschiedene Maaßregeln zu ergreifen, nachdem Ihr Euch mit jenem Manne 8 « so lange in gutem Vernehmen gehalten hattet. Als er aber von Justiz und Vollmacht sprach, saht Ihr so furchtsam aus, daß ich schon die Tatzen des Gerichtsdieners auf meiner Schulter zu fühlen glaubte." „Wir sind dem Herrn Bridgenorth einige Ehrerbietung schuldig, meine theuerste Gräfin," antwortete Lady Peveril; „er hat uns oft und freundlich in diesen lctztcrn Zeilen gedient, aber weder er, noch sonst Jemand, soll die Gräfin von Derby im Hause der Margarethe Stanley beleidigen." „Ihr seid eine vollkommene Heldin geworden, Margarethe," antwortete die Gräfin. «Zwei Belagerungen und unzählige Ueierfälle," bemerkte Lady Peveril, „könnten mich wohl Geistesgegenwart gelehrt haben. Meine Herzhaftigkeit aber ist, glaub' ich, so gering wie immer." „Geistesgegenwart ist Herzhaftigkeit," antwortete die Gräfin. „Wahre Tapferkeit besteht nicht in Unempfindlichkeit gegen Gefahr, sondern im Bereilsein, ihr entgegenzugchen und sie zu entwaffnen — und wir können jetzt alle, die wir besitzen, nöthig haben," setzte sie, etwas bewegt hinzu; denn ich höre Pferdegetrappel auf dem Hofpflaster." In einem Augenblick kam der kleine Julian, athemlos vor Freude in'S Zimmer geflogen, um zu melden, daß Papa mit Lamington und Samuel Brewer zuruckgekommen sei und den Rappen Hastings in den Stall führen lasse. Im zweiten Augenblick hörte man deö wackern Ritters schwere Stiefeln, da er, in der Ungeduld, seine Gattin zu sehen, zwei Stufen der Treppe auf einmal überstieg. Ec stürzte in's Zimmer; sein Ansehen und seine in Unordnung gekommene Kleidung zeigten, daß er sehr schnell geritten war, und, ohne auf sonst 81 Jemand zu sehen, faßte er sein gutes Weib in die Arme und küßte sie. Erröthend und mit einiger Schwierigkeit wand sich Lady Peveril aus Ritter Gottfrieds Umarmung und bat ihn, mit einer zugleich verschämten und freundlichen Stimme, zu sehen, wer noch im Zimmer sei. „Eine Frau," sagte die Gräfin, sich ihm nähernd, „die recht erfreut ist, zu sehen, daß Ritter Peveril, obgleich Hofmann und Günstling geworden, doch »och den Schatz ehrt, den sie ihm hat verschaffen helfen. Ihr könnt die Aufhebung der Belagerung von Latham-House nicht vergessen haben." „Die edle Gräfin von Derby!" sagte der Ritter, indem er seinen Federhut mit tiefer Ehrerbietung abnahm, und ihre dargereichte Hand mit vieler Ehrfurcht küßte. „Ich bin eben so sehr erfreut, Euer gräfliche Gnaden in meinem armen Hause zu sehen, ich ritt schnell, in Hoffnung, Euer Begleiter durch die Grafschaft zu sein, weil ich fürchtete, Ihr möchtet in böse Hände gefallen sein, indem ich erfuhr, daß ein Schurke mit einer Vollmacht vom Geheimenrath ausgesandt worden war." „Wann hörtet Ihr das, und von wem?" „Es war von Cholmondley von Vale-Royal," antwortete der Ritter, „er ist fort, um für unsere Sicherheit durch Cheshire zu sorgen, und ich versprach Euch da in Sicherheit zu bringen. Prinz Rupert, Ormond und andere Freunde zweifeln nicht, daß die Sache auf eine Geldstrafe werde gebracht werden; aber sie sagen, derManzlcr und Harry Nennet und einige andere von den übersrWhen Räthen seien wüthend über den Bruch der königlichen Proklamation, wie sie es heißen- Der Henker hole sie, sagte ich- Sie ließen auf uns alle Schläge fallen, und nun sind sie aufgebracht, daß wir die Rechnung Peveril. ^ 8 82 mit Denen abzumachen wünschen, die uns auf's Aergste mißhandelt haben." „Was sagten sie von meiner Bestrafung?" fragte die Gräfin. „Ich weiß cs nicht," antwortete der Ritter; „einige Freunde, wie gesagt, versuchten sie auf eine Geldstrafe zurückzubringen; aber die Andern sprachen von nichts als vom Tower und von einer langen Gefangenschaft." „Ich habe lange genug Gefangenschaft für König Carls Sache erduldet," sagte die Gräfin, „und habe keine Lust, sie von seiner Hand über mich verhängt zu sehen. Ueberdies bin ich von der persönlichen Oberaufsicht über die Gebiete meines Sohnes auf der Insel Man entfernt, und weiß nicht, welche neue Hcrrschaftsanmaßungen dort versucht worden sein mögen. Ich muß Euch verpflichtet sein, Vetter, für die Veranstaltung, daß ich in Sicherheit Vale-Ropal erreiche, und von da, weiß ich, werd' ich sicher nach Liverpool gebracht werden." „Ihr könnt Euch auf meinen Schutz verlassen, edle Gräfin," antwortete der Ritter, „wenn Ihr gleich um Mitternacht, und mit des Schurken Kopf in Eurer Schürze, hieher gekommen wäret, gleich Judith in den heiligen Apokryphen, die, wie ich zu meiner Freude höre, wieder einmal in den Kirchen vorge- lcsen werden." „Kommt der niedere Adel fleißig nach Hofe?" fragte die Gräfin. „Ja, gnädige Gräfin," gab der Ritter Peveril zur Antwort; „und nach unserem Ausdruck, wenn Bergleute in diesen Gegenden zu graben anfangen, so ist es von Gottes Gnade, was sie da auch finden mögen." „Finden die alten Royalisten sich viel begünstigt?" fragte die Gräfin weiter- „In der That, edle Gräfin," erwiederie der Ritter, „der 83 König hat ein so Huldreiches Wesen, daß Jedermanns Hoffnungen blühen, wiewohl wir selten haben Früchte reifen gesehen." „Ihr selbst, Vetter," fragte die Gräfin, „habt doch hoffentlich nicht Ursache gehabt, Euch über Undankbarkeit zu beklagen? Nicht Viele haben sie weniger ans des Königs Hand verdient." Der Ritter Peveril war, wie die meisten klugen Männer, nicht geneigt, fehlgeschlagene Erwartungen zu gestehen; doch war sein Charakter zu offen, um die Täuschung gänzlich zu verhehlen. — „Wer? Ich? gnädige Frau," sagte er; „ach! was sollte ein armer Landedelmann vom König erwarten, außer das Vergnügen, ihn in Whitehall wieder einmal zu sehen und sein Eigenthum wieder zu genießen? Und seine Majestät waren sehr gnädig, als ich vorgestellt wurde, und sprach mit mir von Worcester, und von meinem Rappen Hastings — er hatte seinen Namen vergessen — wahrhaftig, und den meinigen noch dazu, glaub' ich, hätte ihm nicht Prinz Rupert ihn zugeflüstert. Und ich sah einige alte Freunde, z. B. Se. Gnaden von Ormond, Sir Marmaduke Langdale, Sir Philipp Musgrave u. f. w-, und hatte ein paar angenehme Träume nach der Weise der alten Zeiten." „Ich hätte gedacht, so viele empfangene Wunden, so viele übernommene Gefahren, so bedeutende Verluste verdienten Etwas mehr, als einige freundliche Worte," sagte die Gräfin. / „Ja, edle Gräfin, andere Freunde von mir meinten das auch," gab der Ritter zur Antwort. „Aber der witzige Herzog von Buckingham sagte, wenn Alle von meinem Range, die sich in den letzten Zeiten um den König ausgezeichnete Verdienste erworben haben, zu Pairs erhoben werden sollten, so müßte das Oberhaus des Parlaments sich auf der Ebene von Salisbury versammeln!" 6 * 0 «! 84 „Und dieser schlechte Scherz galt für einen guten Beweis?" sagte die Gräfin; »freilich wohl, da ja gute Beweise für . schlechte Scherze gelten. Aber da kommt Jemand, den ich kennen lernen muß." Dies war der kleine Julian, welcher nun wieder mit seiner kleinen Schwester hereinkam und seinem Vater meldete, wie männlich er allein auf dem Sattel den Rappen Hastings in den Stall geritten, und daß Saunders, wiewohl er bei dem Kopf des Pferdes einberging, doch nicht ein einziges Mal Hand an die Zügel gelegt, und Brever, ob er gleich neben ihm lief, ihn kaum bei der Schulter gehalten. Der Vater küßte den Knaben herzlich, und die Gräfin, die ihn zu sich rief, sobald ihn der Ritter niedergcsetzt hatte, küßte ihn auch auf die Stirne und betrachtete dann alle seine Gefichts- züge mit scharfem, forschendem Blick. „Er ist ein wahrer Peveril," sagte sie, „recht, wie er sein soll, mit einem Zuge von Stanlep gemischt. Ihr müßt mir meine Bitte gewähren, Vetter, und wenn ich sicher eingerichtet bin, und meine gegenwärtige Angelegenheit in Ordnung gebracht ist, müßt Ihr den kleinen Julian einige Zeit bei mir und in meinem Hause erziehen, und als meinen Pagen und Spielkameraden des kleinen Derby dort lassen- — Ich hoffe zn Gott, sie werden solche Freunde sein, wie ihre Väter gewesen find, und möge ihnen der Himmel glücklichere Zeiten schenken." „Wahrhaftig, Gräfin, ich danke Euch von ganzem Herzen für den Vorschlag," sagte der Ritter. „Es find so manche edle Häuser verfallen, und noch viel mehrere, in welchen die Erziehung edler Jünglinge aufgegeben und vernachlässigt worden ist, daß ich oft gefürchtet habe, ich müßte den Julian als Junker zu Hause behalten; ich habe selbst zu wenig Bildung, um ihn 85 viel zu lehren, und so würde er ein bloßer Jagd- und Falkenritter in Derbv geworden sein. Aber in Eurem gräflichen Hause und mit dem edlen jungen Grafen wird er Alles haben, und mehr als Alles, die Erziehung, welche ich nur wünschen kann." „Es soll kein Unterschied zwischen ihnen sein, Vetter," sagte die Gräfin. „Margarethe Stanley's Sohn soll eben so sehr mir am Herzen liegen, als mein eigner, da Ihr so gütig seid, ihn meiner Aufficht anvertrauen zu wollen. — Ihr seht blaß aus, Margarethe," fuhr sie fort; „und Thränen stehen Euch im Auge. Seid nicht thöricht, meine Liebe; was ich mir ausgebeten habe, ist besser, als was Ihr für Euren jungen Sohn wünschen könnt; denn das Haus meines Vaters, des Herzogs von Tremouillc, war die berühmteste Schule der Ritterschaft in Frankreich; auch bin ich nicht ausgeartet, Ihr könnet Eurem Julian solche Vortheile nicht versprechen, wenn Ihr ihn nur im väterlichen Hause aufwachsen lasset." „Ich erkenne die hohe Gunst, gnädige Gräfin, die Ihr uns erweist," sagte Lady Peveril, „und muß mir gefallen lassen, was Euer Gnaden uns vorzuschlagen die Ehre erzeigen, und was mein Mann gut heißt; aber Julian ist das einzige Kind, und —" „Der einzige Sohn," fiel die Gräfin ihr in's Wort, „aber sicher nicht das einzige Kind. Ihr zollt unfern Herren, den Männern, zu viel Ehrerbietung, wenn Ihr Julian alle Eure Liebe schenkt, und das liebliche Mädchen hier leer ausgehen laßt." Bei diesen Worten setzte sie den kleinen Julian nieder und nahm Alexie liebkosend auf den Schoos. Ungeachtet des männlichen Charakters der Gräfin lag etwas so Süßes im Ton ihrer Stimme und im Spiel ihrer Mienen, daß das Kind sogleich lächelte und ihre Freundlichkeit erwiederte. Dieser Jrrthum setzte die Lady Peveril in die äußerste Verlegenheit. Da sie die ungebundene Heftigkeit ihres Mannes, seine Ehrfurcht gegen das Andenken des verstorbenen Grafen von Derby, und seine diesem entsprechende Verehrung der Wittwe desselben kannte, so war sic über die Folgen betreten, wenn er Bridgenorth's Betragen an diesem Morgen erfahren würde, und sie wünschte ganz besonders, daß er es von Niemand, außer von ihr selbst insgeheim und nach gehöriger Vorbereitung, erführe. Aber der Jrrthum der Gräfin führte zu einer plötzlichen Entdeckung. „Dieß hübsche Mädchen," antwortete der Ritter Peveril, „ist nicht unser; ich wünschte, sie wäre es. Sie gehört einem Nachbar, und die Wahrheit zu sagen, einem guten Nachbar, ob er gleich von seiner Bürgcrtreue in den letztern Zeiten von einem verdammten presbyterianischcn Schurken abwendig gemacht worden ist, der sich einen Pfarrer nennt, und den ich gegenwärtig von seiner Stange herunter zu holen hoffe; er ist lange genug Hahn im Korbe gewesen.Kurz, dieß Kind ist die Tochter Bridgenorth's, — Nachbar Bridgenorth's von Boultrasfie-Hall." „Bridgenorth's?" sagte die Gräfin. „Ich glaubte alle achtbare Namen in der Grafschaft Derby zu kennen. Ich erinnere mich keines Bridgenorth. Doch still — gab es nicht einen Sequestrator und ein Mitglied der Commitee jenes Namens? Ach nein, der kann cs gewiß nicht sein." Peveril gab etwas beschämt zur Antwort: „Es ist derselbe Mann, den Euer Gnaden meinen, und Ihr könnt Euch den Kampf denken, den cs mir kostete, Gefälligkeiten von einem Manne seiner Art anzunehmen; aber, hätt' ich es nicht ge- 87 than, so hätte ich kaum ein Dach zu finden gewußt, Margarethe Schutz zu gewähren." Die Gräfin hob, während er sprach, das Kind sanft von ihrem Schooße und stellte cs auf den Fußteppich, wiewohl die kleine Alerie Abneigung verrieth, den Platz zu verändern, welchen die Gräfin gewiß einem Kinde von adeliger Abkunft und Verwandtschaft noch länger gegönnt haben würde. »Ich mache Euch keine Vorwürfe," sprach fie; »Niemand weiß, wohin Versuchung bringen kann. Doch hatte ich geglaubt, Peveril von dem Gipfel würde eher in der tiefsten Höhle gewohnt haben, als einem Königsmörder verbindlich werden mögen." „Nein, edle Gräfin," antwortete der Ritter, „mein Nachbar ist schlecht genug, aber nicht so schlecht, als Ihr ihn machen möchtet; er ist nur ein Presbyterianer — das muß ich gestehen — aber kein Independent." „Eine verschiedene Art desselben Ungeheuers," sagte die Gräfin, „ein Mensch, der Halloh rief, während die andern jagten, und das Schlachtopfer band, welches die Independenten erwürgten. Unter solchen Seelen zieh' ich die Independenten vor. Sie find wenigstens kühne, dreiste, unbarmherzige Buben, haben mehr vom Tiger an sich und weniger vom Krokodil- Ich zweifle nicht, es war der werthe Herr, welcher sich diesen Morgen herausnahm —" Hier brach fie schnell ab, denn fie bemerkte die Verlegenheit und Angst der Lady Peveril. „Ich bin," fuhr fie fort, „das unglücklichste Geschöpf. Da -ab' ich Etwas gesagt, ich weiß nicht was, das Euch betrübt, Margarethe. — Geheimniß ist eine böse Sache, und zwischen uns sollt' eS keines geben." „Hier gibt es keius," sagte Lady Peveril etwas ungedul- big; „ich wartete nur auf eine schickliche Gelegenheit, meinem Manne zu erzählen, was sich zugetragen. — Du mußt wissen, lieber Mann, Herr Bridgenorth war unglücklicherweise hier, als die Gräfin Derby und ich zusammen kamen, und er hielt es für seine Pflicht, davon zu sprechen —" „Wovon zu sprechen?" fiel Peveril ihr in's Wort, indem sich seine Stirne runzelte. „Du warst immer etwas zu gut- müthig, liebes Weib, gegen solche anmaßende Leute." „Ich meine nur," fuhr sie fort, „daß er, weil die Person, welche die Geschichte der Gräfin betraf, der Bruder seiner verstorbenen Frau war, zu drohen anfing — doch ich kann nicht glauben, daß es sein Ernst war." „Zu drohen? — der Gräfin von Derby und Man in meinem Hause zu drohen! — der Wittwe meines Freundes — der edlen Charlotte von Lathamhouse! — beim Himmel! der spitzohrige Wicht soll dafür büßen. Warum warfen ihn denn meine Leute nicht zum Fenster hinaus?" „Ach! Gottfried, du vergißt, wie viel wir ihm schuldig sind," sagte Lady Peveril. „Schuldig!" rief der Ritter noch unwilliger; denn er glaubte, seine Frau rede von Geldverbindlichkciten. „Wenn ich ihm etwas Geld schuldig bin, hat er nicht Sicherheit dafür? und muß er überdieß das Recht haben, auf dem Schlosse Martindale zu herrschen und die Obrigkeit zu spielen? — Wo ist er? Was habt ihr mit ihm gemacht? Ich will, ich muß ihn sprechen." „Seid ruhig, edler Ritter," sagte die Gräfin, welche nun die Ursache von der Besorgniß ihrer Base erkannte; „und seid versichert, ich bedurfte Eurer nicht, mich gegen diesen Landstreicher zu vertheidigen- Ich betheure Euch, meine Base hat mir vollkommen Recht verschafft, und ich bin so erfreut, 89 gänzlich ihrer Herzhaftigkeit meine Befreiung zu verdanken, daß ich Euch, als einem ächten Ritter, auftrage und befehle, Euch nicht in das Abenteuer eines Andern zu mischen." Lady Peveril, welche ihres Mannes zufahrendes und hitziges Temperament kannte und wohl sah, daß er entrüstet war, nahm nun die Erzählung wieder aus und erklärte ihm offen und einfach die Ursache von Bridgenorth's Einmischung. »Es thut mir leid," sagte der Ritter; „ich traute ihm mehr Verstand zu und glaubte, daß dieser glückliche Wechsel eine gute Wirkung auf ihn gethan haben würde. Aber du hättest mir das augenblicklich erzählen sollen. Es verträgt sich nicht mit meiner Ehre, daß er als Gefangener in diesem Hause gehalten werden soll, gleich als fürchtete ich, daß er der edlen Gräfin, so lange sie unter meinem Dache oder in der Nähe meines Schlosses sich befindet, etwas zu Leide thun könne." So sprach er, verbeugte sich gegen die Gräfin und ging geradewegs nach dem vergoldeten Zimmer, während seine Gattin das Zusammentreffen ihres heftigen, jähzornigen Mannes mit dem hartnäckigen Bridgenorth in große Angst setzte. Jedoch war ihre Furcht unnöthig; denn das Zusammentreffen sollte nicht statthaben. Als der Ritter Peveril Whitakern und seine Schildwachen entlassen hatte, in das goldene Zimmer trat und seinen Gefangenen zu finden erwartete, war dieser auf eine leicht begreifliche Art entwischt. Das verborgene Schiedfeld in der Wand war in der Uebereilung der Lady Peveril und Whita- kcrn, die allein darum wußten, nicht eingefallen. Wahrscheinlich war eine Spalte offen geblieben, hinlänglich, um von Bridgenorth entdeckt zu werden, welcher es nun ganz aufzog und so den Weg in das anstoßende geheime Zimmer und von 90 da in das Pförtchen des Schlosses durch einen andern verborgenen Gang gefunden hatte, der, wie in alten Gebäuden nicht ungewöhnlich, in der dicken Mauer angebracht war. Daß Bridgenorth diese Einrichtung entdeckt und benutzt hatte, war offenbar, weil die geheimen Thüren, die mit dem Pförtchen und dem Schicbfelde im goldenen Zimmer in Verbindung standen, beide offen geblieben waren. Ritter Peveril kam mit verlegenem Blick zu den Frauen zurück. Während er Bridgenorth in seinem Bereich vermu- thete, fürchtete er nichts von ihm: denn er fühlte sich ihm an persönlicher Stärke und in der Art Muth überlegen, welche einen Mann sich unbedenklich in eine Gefahr zu stürzen antreibt. Wenn Bridgenorth aber in der Ferne war, so war Peveril seit vielen Jahren gewohnt, dessen Macht und Einfluß als etwas Furchtbares zu betrachten, und ungeachtet der neuerlichen politischen Veränderungen, kamen seine Gedanken so natürlich auf seinen Nachbar als einen mächtigen Freund oder einen gefährlichen Feind zurück, daß er für die Gräfin mehr in Sorgen war, als er sich sogar selbst gestehen wollte. Die Gräfin bemerkte seinen niedergeschlagenen unruhigen Blick und fragte, ob etwa ihr Hiersein ihn in eine Unruhe oder Gefahr bringen könnte. „Die Unruhe sollte willkommen sein." antwortete er, „und noch willkommener die Gefahr, die aus solcher Ursache käme. Mein Plan war, Euer Gnaden sollten Martindale mit einem Aufenthalt von einigen Tagen beehren, welcher hätte geheim gehalten werden können, bis die Nachforschung nach Euch vorüber wäre. Hätte ich diesen Bridgenorth getroffen, ohne Zweifel hätte ich ihn genöthigt, vernünftig zu handeln; aber nun ist er frei, und wird sich außer meinem Bereich halten." Hier hielt der Ritter inne und schien sehr beunruhigt. „Sie können also mich weder verbergen noch beschützen?" sagte die Gräfin. „Verzeiht, verehrte Gräfin," antwortete Peveril, „und erlaubt mir, meine Rede zu vollenden. Die offene Wahrheit ist: dieser Mann hat viele Freunde hier unter den Presbyterianern, welche zahlreicher find, als mir lieb ist, und wenn er mit dem Staatsboten zusammentrifft, welcher den VerhaftS- befehl des Geheimen Raths bringt, so wird er ihn wahrscheinlich mit hinreichender Macht zurückschicken, die Vollziehung desselben zu versuchen. Auch zweifle ich, ob von unfern Freunden eine hinreichende Anzahl in der Eile aufgebotcn werden kann, einer solchen Macht, als fie zusammenbringen dürften, Widerstand zu leisten." „Ich wünsche auch nicht," sagte die Gräfin, „daß irgend Freunde in meinem Namen gegen des Königs Verhaftsbefehl die Waffen ergriffen " „Nun, was das betrifft," erwiederte der Ritter, „wenn der König wider seine besten Freunde VerhaftSbefehle ergehen läßt, muß er auch auf Widerstand gefaßt sein. Aber das Beste, was ich in diesem Bedrängniß erdenken kann — der Vorschlag ist freilich etwas ungastfreundlich — wäre, daß Ihr sogleich zu Pferde stieget, wenn es Eure Ermüdung erlaubte. Ich will gleichfalls mit einigen behenden Leuten auffitzen, die Euch sicher nach Vale-Royal bringen werden, wenn auch der Landrichter mit einem ganzen Haufen den Weg versperrte." Die Gräfin willigte gern in diesen Vorschlag. Sie hatte eine gute Nachtruhe in dem Zimmer genossen, in das fie ElleS- mere am vorhergehenden Abend geführt hatte, und war völlig bereit, ihre Reise oder Flucht („fie wüßte," sagte fie, „selbst nicht, wie fie cs nennen sollte") fortzusetzen. Während Lady Peveril alle ihr mögliche Einrichtungen zur 92 - K Fortsetzung der Reise der Gräfin traf, gab ihr Mann, dessen Herz sich immer bei Aussicht auf Thatcn hob, seinem Whita- ker Befehl, etliche wackere Gesellen mit Panzer und Stahlhelm herbeizubringen. Whitaker, von dem dringenden Fall unterrichtet, fragte, ob er nicht auch Ritter Jasper Cranbourne benachrichtigen sollte. »Nein, bei Leibe nicht," sagte der Ritter. «Der mag vogelsrei sein, wie sie es nennen, so viel ich weiß; und deß- halb will ich keine Länder oder Güter in Gefahr bringen, außer mein eignes. Ritter Jasper hat für manches Jahr eine unruhige Zeit davon gehabt. Nach meinem Willen soll er den Rest seiner Tage in Ruhe zubringen." Siebentes Kapitel. HM Peveril'ü Diener waren so sehr an den Ruf: »In Stiefel und Sattel!" gewöhnt, daß sie bald zu Pferde und in Ordnung waren. Die Cavalcade bewegte sich mit der merklichen Vorficht, welche sie aus den Bürgerkriegen gelernt hatten. Ein Reiter auf einem guten Pferde ritt auf sechshundert Fuß voraus; in der Hälfte dieser Entfernung folgten noch zwei mit ihren gezogenen Carabinern, gleichsam zum Kampf bereit. Gegen dreihundert Fuß hinter dem Vortrabe kam das Hauptcorps, wo die Gräfin von Derby, auf Lady Peveril's Zelter fitzend (denn ihr eignes Pferd war durch die Reise von London nach Martindale erschöpft worden), von einem Reitknecht N3 von erprobter Treue, und einem Dienstmädchen begleitet, den Ritter Peveril und drei Glieder guter, geübter Reiter zum schützenden Geleite hatte. Im Nachtrabe kamen Whitaker und Launce Outram, als besonders bewährte Männer, welchen die Deckung des Rückzuges anvertraut war. Aber so weise Peveril und sein Gefolge in der Kriegszucht sein mochten, so waren sie doch in der bürgerlichen Politik etwas zurück. Der Ritter hatte Whitakern, obgleich ohne scheinbare Nothwcndigkeit, die Absicht ihres jetzigen Zuges mitgethcilt; und Whitaker war mittheilend gegen seinen Kameraden Launce, den Förster. »Es ist sonderbar genug," sagte dieser zu Whitaker, als er von dem Falle unterrichtet war, „und ich wünschte, Ihr, als ein kluger Mann, erklärtet mir'S — warum, wenn wir für den König gebetet, und für den König gefochten haben, und für den König in den Tod gegangen sind seit zwanzig Jahren — das Erste, was wir nunmehr zu thun finden, sein muß, im Harnisch zu reiten, um seinem Ver- haftsbefehl uns zu widersetzen?" „Ei, du einfältiger Mensch," rief Whitaker, „ist das Alles, was du von dem wahren Grunde des Handels weißt. Nun, so höre, wir fechten für des Königs Person wider seinen Ver- hastbefehl schon vom Anfang an; denn ich erinnere mich, die Proclamationen der Schurken u. s. f. ergingen alle im Namen des Königs und des Parlaments." „Ei, war es wirklich eben so?" erwiederte Launce. „Nein, wenn sie das alte Spiel so bald wieder anfangen, und Ver- haftbefehlc in des Königs Namen gegen seine treuen Unter- thanen ergeben lassen, Glück dann unserm tapfern Ritter, sag' ich, der bereit steht, sie in den Staub zu werfen. Und wenn Bridgenorth hinter uns drein ist, soll es mir keinen Kummer machen, auf ihn los zu schlagen." 94 „Je nun, der Mann, ausgenommen, daß er ein verwünschter antiroyalistischer Puritaner ist, ist doch kein schlimmer Nachbar. Was hat er dir gethan?" sagte Whitakcr. „Er hat auf dem Rittergute den Wilddieb gemacht," antwortete Launce- „Den Teufel auch! du spassest wohl, Launce," sagte Whi- taker. „Bridgenorth ist weder Jäger, noch Falkonier; er hat nicht so viel Ehrlichkeit, als dazu gehört." „Aber er läuft nach Wild mehr, als Ihr glaubt, mit seinem sauer», finstern Gesicht, das Kinder erschrecken und Milch zum Gerinnen bringen könnte," sagte der Förster. „Diesen Morgen ging ich in den Wald, ein Reh zu schießen, in der Meinung, etwas Wild möchte in der Speisekammer nach dem gestrigen Gelage von Nöthen sein, und als ich unter dem Fenster der Kinderstube vorbeikam, sah ich nur eben herauf, was die Gouvernante machte; und so sah ich sie durch den Fensterflügel sich flugs mit Haube und Schärpe anthun, sobald sie mich nur flüchtig bemerkt hatte- Gleich darauf sah ich die Thürc des Kabinets offen, und sicher, sie kam durch den Garten und so über Stock und Stein in den Park, und so, dacht' ich, aha! Mamsell Deborah, wenn Ihr so willig nach meiner Pfeife und Trommel tanzt, so sollt Ihr lange laufen, bis Ihr zu mir kommt. Und so ging ich das Thal herunter, wo das Dickicht anfängt und der Boden sumpfigt wird, immer der Meinung, sie folge mir, und in's Fäustchen lachend, daß ich sie so herum führte." „Du verdientest," sagte Whitakcr, „dafür in's Wasser geworfen zu werden, wie ein wetterscheuer junger Hund. Aber was hat die ganze Irrlichts-Geschichte mit Bridgenorth zu schaffen?" „Ei, es hing ganz mit ihm, nämlich mit Bridgenorth, zu- 95 sammen," fuhr Launce fort, „daß sie mir nicht folgte; erst ging ich langsam, dann hielt ich, drauf kehrt' ich ein wenig um, und hernach fing ich an, mich zu wundern, was aus ihr geworden wäre, und zu denken, ich hätte mich wohl ein Bißchen wie ein Esel bei der Sache benommen. Als ich nun mein Gesicht nach dem Schlosse hinwandte, kehrte ich zurück, als wenn mir die Nase blutete, da ich eben am Dornbusch, der, wie Ihr wißt, einen Pfcilschuß weit vom Hinterpförtchen steht, Mamsell Deborah im vertrauten Gespräch mit dem Feind entdeckte." „Mit welchem Feinde?" fragte Whitaker. „Mit welchem Feinde? Ei, mit wem sonst, als Bridge- north. Sie zogen sich zurück und hinter den Zaun; aber, dacht' ich, es wäre schlimm, wenn ich euch nicht berücken sollte, der ich so manches Reh berückt habe. — So ging ich rund um das Dickicht, um sie zu beschleichen, und ich will nie wieder eine Armbrust spannen, wenn ich nicht gesehen habe, daß er ihr Gold gab und ihr die Hand drückte." „Und das war Alles, was du unter ihnen Vorgehen sähest?" fragte Whitaker. „Wahrhaftig, und das war genug, um mich aus dem Sattel zu heben," antwortete Launce. „Was? Indem ich glaubte, das hübscheste Mädchen im Schlosse nach meiner Pfeife tanzen zu sehen, führt sie mich an und munkelt in einem Winkel mit einem alten reichen Puritaner!" „Glaube mir, Launce," sprach Whitaker, „es ist nicht, wie du denkst. Bridgenorth kümmert sich nicht um diese LiebeS- tändeleien, und du denkst an nichts Andres. Aber es ist schicklich, daß unser Herr wisse, daß er mit Deborah insgeheim zusammengekommen ist und ihr Gold gegeben hat; denn nie- 96 mals gab noch ein Puritaner Gold, es wäre denn als Angeld auf ein verübtes oder noch zu verübendes Bubenstück." „Nein," sagte Launce, „ich möchte doch nicht so niederträchtig sein, und hingehen, und das Mädchen unserm Herrn ver- rathcn. Sie hat ein Recht, ihrer Laune zu folgen, — nur gefällt mir ihre Wahl nicht, das ist Alles. Er kann nicht sechs Jahre von den Fünfzigern sein, und ein cssigsaures Gesicht unter dem Wetterdach eines niedergeschlagenen Kastorhutes, und ein hagerer, ausgetrockneter Körper, in einen schwarzen Mantel gewickelt, dächt' ich, wäre keine große Versuchung." »Ich sag' cs noch einmal," rief Whitaker, „du irrst dich; es ist und kann keine Liebesangelegcnheit zwischen ihnen sein, sondern bloß eine Jntrigue, welche vielleicht die nämliche edle Gräfin von Derby betrifft. Ich sage dir, meinem Herrn ist es nützlich, davon zu wissen, und ich will es ihm jetzt selbst sogleich erzählen " So sprach er, ritt, trotz aller Gegenvorstellungen, die Launce zu Gunsten der Deborah machte, zum Hauptcorps ihrer kleinen Schaar, und berichtete dem Ritter und der Gräfin, was er eben vom Förster vernommen, indem er zugleich bemerkte, wie er vermuthe, daß Herr Bridgenorth von Moultrasfie-Hall ein Spionsystem auf dem Schloß Martindale zu unterhalten suche, entweder um seine gedrohte Rache gegen die Gräfin von Derby, als Urheberin von seines Schwagers Tode, sich zu sichern, oder aus einer andern unbekannten, wahrscheinlich schlechten Absicht. Whitaker's Erzählung regte Peveril's Empfindlichkeit hoch auf. Nach seinen Vorurtheilen glaubte er, daß die entgegengesetzte Partei durch List und Ränke zu erreichen suche, was sie mit offener Gewalt nicht vermöge, und kam nun schnell auf den Gedanken, daß sein Nachbar, dessen Klugheit er immer achtete und bisweilen selbst fürchtete, einen geheimen Briefwechsel mit einem seiner Hausgenossen unterhielte. Whitaker hatte kaum seinen Posten im Nachtrabe wieder eingenommen, als er ihn wieder verließ, und schneller als zuvor zum Hauptcorps galoppirte, um die unangenehme Botschaft zu bringen, daß sie von einem Dutzend Reiter und drüber verfolgt würden. »Reit' schnell auf Hartley-nick," sagte der Ritter, „unj> dort, mit Gottes Hülfe, wollen wir die Buben erwarten. Frau Gräfin von Derbp, ein Wort und ein kurzes lebt wohl! Ihr müßt mit Whitaker und einem andern wachsamen Reiter vorwärts und mich allein lassen, zu verhüten, daß Euch Niemand über den Hals kommt " „Ich will bei Euch bleiben und ihnen Stand halten," sagte die Gräfin; „Ihr wißt von früherer Zeit her, ich fürchte mich nicht, Mannesthaten zuzusehen." „Ihr müßt fortreiten, Gräfin," sagte der Ritter, „um des jungen Grafen willen, und für das Beste der übrigen Familie meiner edlen Freundin. ES ist hier keine Mannesthat Eurer Bemerkung wert- zu erwarten, es ist bloßes Kinderspiel, was die Gesellen mitbringen." Sie gab ungern ihre Einwilligung, ihre Flucht fortzusetzen, und so errreichtcn sie den Grund von Hartlcp-nick, einen sehr jähen und höckerigen Paß, wo die Straße, oder vielmehr der Pfad, der bisher über offenen Boden ging, zwischen Buschholz auf der einen, und dem steilen Ufer eines Bcrgstromes auf der andern Seite, verschlossener und enger ward. Die Gräfin von Derby nahm herzlichen Abschied vom Ritter Peveril, trug ihm freundliche Grüße an den kleinen Zulian und dessen Mutter auf, und ritt nun mit ihrer Be- Peveril. 7 98 gleitung und Bedeckung eiligst weiter. Sobald ste aus dem Gesicht verschwunden war, holten die Verfolger den Ritter Peveril ein, welcher die Seinigen so vertheilt und aufgestellt hatte, daß sie die Straße an drei verschiedenen Punkten völlig besetzten- Die feindliche Partei wurde, wie er erwartet hatte, vom Major Bridgenvrth angeführt. Ihm zur Seite war eine schwarzgekleidete Person mit einem silbergrauen Jagdhunde, und ihm folgten acht bis zehn Einwohner des Dorfs Martin- dale-Moultrassie, von denen zwei oder drei Friedensrichter, und andere dem Ritter als Freunde der umgestürzten Regierungsform bekannt waren. Als die Schaar rasch herauf geritten kam, gebot ihnen der Ritter zu halten, und da sie vorzurücken fortfuhren, befahl er seinen Leuten, ihre Pistolen und Karabiner anzulegen; worauf er mit einer Donnerstimme wiederholte: „Halt, oder wir feuern!" Die Gegenpartei hielt nun, und Major Bridgenvrth näherte sich, um zu unterhandeln. „Ha ha, wie geht's, Herr Nachbar," rief Ritter Pcveril, als wenn er ihn jetzt erst erkannt hätte; „was habt Ihr diesen Morgen so scharf zu reiten? Fürchtet Ihr nicht Eurem Pferde zu schaden, oder Eure Sporen zu verderben?" „Ritter Gottfried," antwortete der Major, „ich habe nicht Zeit zu scherzen, ich bin in Angelegenheiten des Königs hier." „Doch nicht etwa in Oliver Cromwell's, Herr Nachbar? Ihr seid gewohnt, dessen Aufträge für besser zu halten," sagte der Ritter lächelnd, und ein lautes Gelächter erscholl unter seinem Gefolge. „Zeigt ihm unsre Vollmacht," sagte Bridgenorth zu dem erwähnten schwarzgekleideten Manne, welcher ein Staatsbote 99 war. Dann nahm er die Vollmacht von dem Beamten und überreichte sie dem Ritter mit den Worten: „Vor diesem werdet Ihr wenigstens Achtung haben." „Die nämliche Achtung, die Ihr einen Monat früher davor gehabt haben würdet, oder solche," sagte der Ritter, und riß die Vollmacht in Stücken. — „Was den Henker starrt Ihr mich an? Glaubt Ihr ein Monopol zum Aufruhr zu haben, und daß wir nicht auch ein Recht haben, uns ungehorsam zu zeigen?" „Macht Bahn, Ritter Gottfried Peveril!" rief Bridge- north, oder Ihr treibt mich zu einer That, die mir leid thun könnte. Ich bin in dieser Sache der Rächer von einem der Heiligen des Herrn, und ich will die Jagd verfolgen, so lange mir der Himmel einen Arm verleiht, mir den Weg frei zu machen." „Nur auf Eure Gefahr sollt Ihr hier Euch den Weg öffnen," sprach Peveril; „es ist mein Grund und Boden; ich bin seit zwanzig Jahren genug gequält worden von euch Heiligen, wie ihr euch selber nennt. Ich sage Euch hiermit, Bridgenorth, Ihr sollt ungestraft weder die Sicherheit meines Hauses verletzen, noch meine Freunde über das Gebiet hinaus verfolgen, noch, wie Ihr gethan, mit meinen Dienstboten Verkehr treiben. Für gewisse Handlungen, die ich weder vergessen noch abläugnen will, Hab' ich Euch geachtet, und es wird mir schwer fallen, ein Schwert oder eine Pistole gegen Euch zu ziehen; aber zeigt eine feindliche Bewegung, oder rückt einen Fuß breit vorwärts, und ich werde mich den Augenblick Eurer bemächtigen- Und was diese Elenden betrifft, welche hieher kommen, eine edle Frau an meinen Gränzen zu beunruhigen, laßt sie fort, oder ich schicke Einige von ihnen vor der Zeit in die Hölle." 7 INS „Weicht auf Eure eigene Gefahr," rief der Major, und legte die Hand an seine Pistole. Der Ritter rückte sogleich auf ihn los, ergriff ihn beim Kragen und spornte seinen Rappen, den er zugleich im Zaume hielt, so daß das Pferd einen Sprung machte und das volle Gewicht seiner Brust gegen den Hals des andern brachte. Ein behender Soldat hätte sich, in Bridgenorth's Lage, seines Gegners mit einer Kugel entledigt. Ader Bridgenorth's Muth war, wiewohl er einige Zeit bei der Parlamentsarmee gedient hatte, mehr bürgerlicher als militärischer Art; und er stand seinem Gegner nicht bloß an Stärke und in der Reitkunst, sondern auch in der kühnen, entschiedenen Entschlossenheit nach, welche den Ritter Peveril so zuversichtlich in den persönlichen Kampf stürzte. Während sie also mit einander sich auf eine Art herumschlugen, die so wenig mit ihrer langen Bekanntschaft und vertrauten Nachbarschaft zusammenstimmte, war es kein Wunder, daß Bridgenorth mit vieler Heftigkeit abgeworfen wurde. Während der Ritter aus dem Sattel sprang, sprengten Bridgenorth's Begleiter herbei, ihren Anführer zu retten, und die des Ritters, sich ihnen zu widersetzen. Der Staatsbote nahm den Wink an und fand leicht einen Grund, eine gefährliche Pflicht nicht zu verfolgen. „Der Verhaftbefehl," sagte er, „ist zerrissen. Die cs thaten, müssen vor dem Gericht es verantworten. Für meine Person kann ich ohne Commission nicht weiter gehen." „Wohl gesprochen, und wie es einem friedliebenden Manne ziemt!" sagte der Ritter. — „Whitaker, laßt ihm im Schlosse Erfrischung geben. Sein Gaul ist auch sehr heruntergekommen- — Nun, Nachbar Bridgenorth, steht auf; ich hoffe, Ihr seid nicht verletzt worden bei diesem tollen Gefecht- Ich mochte nicht Hand an Euch legen, bis Ihr Euern Karabiner aufnahmt." Unter diesen Worten half er dem Major in die Höhe. Der Staatsbote zog' sich indeß auf die Seite, und mit ihm der Polizeibeamte und Dcputirte, welche nicht ohne einen geheimen Verdacht waren; die Uebrigen aber, Bridgenorth's Freunde und Anhänger seiner Grundsätze, behaupteten ihren Platz ungeachtet dieses Abfalles, und schienen, nach ihren Mienen zu urthcilcn, fest entschlossen, ihr Verhalten nach dem ihres Anführers einzurichten, wie es auch sein möge. Indessen zeigte sich, daß Bridgenorth den Kampf nicht wieder erneuern wollte. Er machte sich ziemlich ungestüm von Peveril los, jedoch nicht, um sein Schwert zu ziehen. Im Gegentheil bestieg er sein Pferd mit einer düstern, niedergeschlagenen Miene und kehrte, mit einem Zeichen gegen sein Gefolge, desselben Weges zurück, den er gekommen war. Der Ritter sah ihm einige Minuten nach und sagte dann: „Da reitet ein Mann, der ein recht ehrlicher Mann gewesen sein würde, wäre er kein Presbyterianer. Aber es ist keine Herzlichkeit in ihnen — sie hegen Tücke, und das Haff' ich, wie einen schwarzen Mantel, oder ein Genfer Käppchen mit zwei langen, auf jeder Seite hervorragenden Ohren, gleich zwei Schornsteinen auf dem Giebel einer Strohhütte. Sie sind schlau, wie der Teufel, auf ihren Vortheil; und daher, Launce Outram, nimm Zwei mit dir, und halte sie im Auge, daß sie nicht unsre Flanke umgehen, und am Ende gar der Gräfin auf die Spur kommen." „Das wäre mir eben so lieb, als wenn sie auf die zahme weiße Hindin meiner gnädigen Frau loshetzten," antwortete Launce, und vollzog seines Herrn Befehle, indem er dem Major Bridgenorth in einer gewissen Entfernung nachfolgte und seinen Zug von solchen Anhöhen, welche die Gegend beherrschten, beobachtete. Aber es ward bald offenbar, daß kein Ma- növer beabsichtigt wurde, und der Major den geraden Heimweg einschlug. Als dieß gewiß war, entließ Ritter Peveril die meisten seines Gefolges, behielt nur seine eigenen Diener bei sich, und ritt schleunig weiter, die Gräfin einzuholen. Es ist nur ferner zu sagen nöthig, daß er sein Vorhaben, die Gräfin nach Vale-Ro-al zu escortiren, ohne weiter ein Hinderniß auf dem Wege zu treffen, auSführte. Der Herr des Hauses übernahm bereitwillig die Begleitung der hochherzigen Frau nach Liverpool, und machte cs sich zur Angelegenheit, sie sicher nach den Erbgütern ihres Sohnes eingeschifft zu sehen, wo sie sicher war, bis die Anklage gegen sie wegen des Bruchs der königlichen Amnestie durch Christian's Hinrichtung ausgctragen werden konnte. Lange Zeit wollte dieß nicht gelingen- Clarendon, damals an der Spitze von Carls Staatsverwaltung, betrachtete ihre rasche Handlung, als darauf berechnet, die wiederhergestellte Ruhe Englands zu stören, indem sie die Zweifel und die Eifersucht derjenigen erregte, welche die Folgen der in unfern Zeiten sogenannten Reaction zu fürchten hatten. Zu gleicher Zeit sprachen die hohen Dienste dieser ausgezeichneten Familie — die Verdienste der Gräfin selbst — das Andenken ihres tapfern Gemahls — und die eigenen besondern Umstände der Jurisdiction, welche den Fall von allen gemeinen Regeln aus- nahmen — stark zu ihrem Vorthcil, und der Tod Christian's wurde am Ende bloß durch Auflegung einer schweren Geldbuße bestraft, welche mit großer Schwierigkeit aus den zerstreuten Besitzungen des jungen Grafen von Derby erhoben wurde. 103 Achtes Kapitel. Lady Peveril blieb mehrere Stunden nach der Abreise ihres Mannes und der Gräfin vom Schlosse Martindale in keiner geringen Unruhe, besonders als fie erfuhr, daß Major Bridgenorth, über dessen Schritte fie geheime Erkundigung einzog, mit einer Partie zu Pferde gestiegen war, und westwärts die gleiche Richtung, wie ihr Mann, genommen hatte. Endlich wurden ihre Besorgnisse wegen ihres Gatten und der Gräfin durch Whitaker's Ankunft gehoben, welcher dessen Grüße mitbrachte, und von dem Kampf zwischen ihm und Bridgenorth Nachricht gab. Lady Peveril schauderte bei dem Gedanken, wie nahe fie der Erneuerung der bürgerlichen Feindseligkeiten gewesen waren, und während sie dem Himmel für ihres Mannes Erhaltung Dank brachte, konnte fie sich doch nicht des Bedauerns und der Bcsorgniß wegen der Folgen seines Kampfs mit Major Bridgenorth erwehren. Sie hatte nun einen alten Freund verloren, der sich als solcher unter Umständen der Widerwärtigkeit erwiesen hatte, welche Freundschaft auf die schwerste Probe stellen, und sie konnte cs sich selbst nicht verbergen, daß Bridgenorth, so gereizt, ein beunruhigender, wo nicht gefährlicher Feind werden könne. — Seiner Rechte als Gläubiger hatte er sich bisher mit Nachsicht bedient, und wenn er Strenge anwenden sollte, so sah Lady Peveril, welche durch ihre Aufmerksamkeit auf das Hauswesen mit ihres Mannes Angelegenheiten weit besser, als er selbst, bekannt geworden war, daß daraus bedeutende Nachtheile für sie entstehen wür- itz! 104 den. Sie tröstete sich jedoch mit der Erwägung, daß sie noch einen starken Haltpunkt an Bridgenorth durch seine väterliche Zärtlichkeit besäße, und an der festen Meinung, die er bisher gezeigt, daß seine Tochter nur unter ihrer Pflege gedeihen könnte. Aber alle Hoffnungen auf Aussöhnung, welche Lady Peveril auf diesen Umstand gegründet haben mochte, wurden durch einen Vorfall vereitelt, der am nächsten Morgen stattfand. Die schon erwähnte Gouvernante Deborah ging, wie gewöhnlich, mit den Kindern aus, ihren Morgenspaziergang im Park in Begleitung Rahels, eines als Gehülfin dienenden Mädchens, vorzunehmen. Aber sie kehrte nicht, wie gewöhnlich, zurück. Es war um die Stunde des Frühstücks, als ElleSmere mit vieler Förmlichkeit meldete, daß Deborah es nicht für gut gefunden, aus dem Park zurückzukommen, obgleich die Stunde des Frühstücks so nahe wäre. „Nun so wird sie bald kommen," sagte Lady Peveril mit Gleichgültigkeit. Ellesmere antwortete mit einem kurzen, zweifelnden Husten, und sagte dann: Rahel sei mit dem kleinen Julian nach Hause geschickt worden, und der Gouvernante Deborah habe beliebt zu sagen, sie werde mit der kleinen Miß Bridgenorth bis an das Moultrassie-Holz gehen, welches ein Punkt war, wo des Majors Eigenthum, wie die Sachen jetzt standen, an Peveril's Besitzungen gränzte. „Hat denn die Deborah den Verstand verloren," rief die Lady Peveril etwas unwillig aus, „daß sie meinen Befehlen nicht gehorcht, und nicht zur rechten Zeit nach Hause kommt?" „Sie möchte wohl den Verstand verlieren," sagte Elles- merc ge-eimnißvoll; „oder sie möchte zu verschlagen werden, 105 und ich denke, es wäre gut, wenn Euer Gnaden darauf sähen." „Auf was sehen, Ellcsmere?" fragte die Lady ungeduldig. „Ihr sprecht recht unverständlich diesen Morgen. Wißt Ihr etwas zum Nachtheil des Mädchens, so sagt es nur heraus, ich bitte Euch." „Ich zum Nachtheil," rief Ellcsmere. „Ich mag weder Mann, noch Frau, noch Kind in Nachtheil bringen. Ich wünsche nur, daß Ihr um Euch seht, und Eure eigenen Augen braucht — das ist Alles." „Ihr heißt mich meine eigenen Augen gebrauchen, ElleS- mere," sagte die Lady; „aber ich vermuthe, es wäre Euch noch lieber, wenn ich zufrieden wäre, durch Eure Brille zu sehen. Ich befehle Euch also, und Ihr wißt, ich verlange Gehorsam — ich befehle Euch, mir zu sagen, was Ihr von diesem Mädchen, Debora- Debbitch, wisset oder argwöhnt." „Ich sehe durch eine Brille!" rief Ellcsmere unwillig. „Euer Gnaden werden mir hierin verzeihen, denn ich gebrauche nie eine, ausgenommen eine von meiner armen Mutter, welche ich aufsetzte, als Ihr Eure Flügelhaube sorgfältig gestickt und genäht wünschtet. Kein Mädchen über sechszchn Jahre hat je ohne Brille weiß gesäumt. Und was den Argwohn betrifft, ich argwöhne nichts; denn da Ihr die Deborah Debbitch aus meiner Hand bekommen habt, so könnt Ihr sicher sein, daß nichts dabei von mir ersonnen ist. Nur, gnädige Frau" (hier fing sie an mit so geschloffenen Lippen zu sprechen, daß kaum ein Laut herausdringen konnte, und ihre Worte so zu spitzen, als wenn sie die Endungen derselben vorher verbissen hätte, ehe sie herauskamen), nur, wenn Gouvernante Deborah so oft einen Morgen nach dem Moultrassie-Holze 106 geht, ei, so sollt' ich mich nicht wundern, wenn sie den Weg nicht wieder zurückfände." „Noch einmal, was meinet Ihr, Ellesmere? Ihr zeigtet immer etwas Verstand. Laßt mich deutlich die Sache wissen." „Bloß das, gnädige Frau," fuhr jene fort, „daß, seit Bridgenorth von Chesterfield zurückkam, und Euch im Schloßsaale sah, eS der Gouvernante Deborah gefiel, die Kinder alle Morgen an den besagten Platz zu bringen, und es hat sich so getroffen, daß sie oft dem Major, wie sie ihn heißen, da auf seinen Spaziergängen begegnet ist; denn er kann nun herumgchcn, wie andere Leute, und ich betheure Euch, sie hat keinen Schaden von dem Begegnen gehabt, auf eine Art wenigstens, denn sie hat sich einen neuen Hut gekauft, aber ob sie sonst Etwas, außer ein Stück Geld beabsichtigt hat, werden Euer Gnaden ohne Zweifel am besten bcurtheilen" Lady Peveril, welche gern die gutmüthigere Erklärung von den Beweggründen der Gouvernante annahm, konnte sich doch über den Gedanken des Lachens nicht enthalten, daß ein Mann von Bridgenorth's bestimmten Wesen, strengen Grundsätzen, und gewohnter Zurückhaltung, in den Verdacht verliebter Absichten käme; und gern schloß sie, daß Deborah ihren Vortheil darin gefunden hatte, seiner väterlichen Zuneigung dadurch zu schmeicheln, daß sie ihm oft den Anblick seines Töchterchens während der wenigen Tage verschaffte, welche zwischen seinem ersten Erblicken der kleinen Alerie auf dem Schlosse, und den folgenden Ereignissen verflossen. Aber sie war etwas befremdet, als eine Stunde nach dem gewöhnlichen Frühstück, während welcher weder das Kind noch die Wärterin erschien, Major Bridgenorth's einziger Bedienter im Schlosse zu Pferde in Reisetracht ankam, und, nachdem er einen an sic selbst adressirten Brief, und einen an Mistreß 107 Ellesmcre abgegeben, ohne Antwort abzuwarten, wieder fortritt. Lady Peveril brach den Brief hastig auf, und fand ihn folgenden Inhalts: Gnädige Frau! Ich schreibe Euch, mehr, mich selbst bei Euch zu entschuldigen, als Euch oder Andere anzuklagen, inwiefern ich weiß, daß cs unserer gebrechlichen Natur besser ansteht, unsere eigenen Unvollkommenheiten zu bekennen, als uns über die der Andern zu beschweren. Auch bin ich nicht gesonnen, von vergangenen Zeiten zu sprechen, besonders in Hinsicht Eurer, indem ich wohl weiß, daß, wenn ich Euch in jener Periode gedient habe, als unser Israel triumphirend genannt weiden konnte, Ihr mir mehr als vergolten habet, da Ihr mir ein Kind in meine Arme zurückgabt, gleichsam gerettet aus dem Schattenthale des Todes. Und daher, so wie ich Euer Gnaden die ungütige und gewaltsame Maaßregel von Herzen verzeihe, welche Ihr gegen mich bei unserm letzten Beisammensein ergriffen, bitte ich Euch auf gleiche Weise, mir zu vergeben, daß ich das Mädchen, Namens Deborah Debbitch, aus Eurem Dienste gelockt, deren Pflege, so wie sie unter Euer Gnaden Anleitung unterrichtet worden, für die Gesundheit meines theuersten Kindes wohl unentbehrlich ist. Ich hatte die Absicht, gnädige Frau, daß, mit Eurer gnädigen Erlaub- niß, Alerie auf dem Schloß Martindale, unter Eurer gütigen Pflege bleiben sollte, bis sie so weit wäre, zwischen Gut und Böse so zu unterscheiden, daß es Gewiffensangelegenheit würde, ihr den Weg, den sie zu gehen hätte, bekannt zu machen. Denn es ist Euer Gnaden nicht unbekannt, und auf keine Weise spreche ich es zum Vorwurf aus, sondern vielmehr mit Betrübniß, daß eine so vortrefflich begabte Frau, 108 wie Ihr — ich meine, in Hinsicht natürlicher Gaben — doch noch nicht das wahre Licht erhalten hat, welches eine Leuchte ist auf die Pfade, sondern sich begnügt in Dunkelheit zu straucheln, und unter den Gräbern der Todten. Es ist mein Gebet gewesen in den Wachen der Nacht, daß Euer Gnaden von der Lehre abstehen möchten, welche zum Jrrthum führt; aber es schmerzt mich, zu sagen, daß, da unser Leuchter im Begriff ist, entfernt zu werden, das Land höchst wahrscheinlich in tiefere Finsterniß, als je, gehüllt werden wird, und die Rückkehr des Königs, auf welche ich und Viele als aus eine Offenbarung göttlicher Huld hinblickten, wenig anders zu beweisen scheint, als einen zugelaffenen Triumph des Fürsten der Luft, welcher sich aufmacht, seinen eiteln Jahrmarkt von Bischöfen, Dechanten u. dgl. wieder herzustellen, und die friedlichen Diener des Wortes auszustoßen, deren Arbeiten sich an so manchen hungrigen Seelen treu bewiesen haben. Da ich so von sicherer Hand hörte, daß eine Commission ergangen, diese stummen Hunde und Nachfolger von Laud und Wilhelms Herzustetten, welche von dem letztem Parlament ausgcworfen worden, und daß eine Acte der Conformität, oder vielmehr der Deformität des Gottesdienstes zu erwarten sei, so ist es mein Vorsatz, vor dem nahenden Grimm zu fliehen, und irgend einen Winkel aufzusuchen, wo ich in Frieden wohnen und Freiheit des Gewissens genießen kann. Denn wer möchte in dem Heiligthume bleiben, nachdem das geschnitzte Werk davon abgebrochen, und wann cs zu einem Platz für Eulen und Satyrn der Wildniß gemacht worden? — Und hierin mache ich mir selbst Vorwürfe, gnädige Frau, daß ich in der Einfalt meines Herzens zu bereitwillig zu dem Gelage in dem Hause des Schmausens kam, worin meine Liebe zur Vereinigung, und mein Verlangen, Euch meine Ehr- 109 erbictung zu beweisen, eine Schlinge für mich geworden ist. Aber ich hoffe, cs wird ein Sühnopfer sein, daß ich nun im Begriff bin, mich von dem Orte meiner Geburt, und dem Hause meiner Väter sowohl, als von dem Platze, welcher die Asche der Pfänder meiner Zärtlichkeit enthält, zu entfernen. Ich habe auch zu bedenken, daß in diesem Lande meine Ehre (nach weltlicher Schätzung) durch Euren Gemahl erniedrigt und mein nützlicher Wirkungskreis eingeschränkt worden ist, und zwar ohne Aussicht auf einen Ersatz aus seiner Hand, wobei sich, so zu sagen, die Hand eines Verwandten gegen meinen Ruf und gegen mein Leben erhob. Diese Dinge sind bitter für den Geschmack des alten Adam, weßhalb, um fernere Gefechte und vielleicht Blutvergießen zu verhüten, es besser ist, daß ich dieses Land auf einige Zeit verlasse- Die Angelegenheiten, die zwischen Ritter Gottfried und mir in Ordnung zu bringen sind, werde ich dem Hrn. Joachim Win- the-Fight, Sachwalter in Chester, übergeben, der sie mit solcher Rücksicht auf Ritter Gottfricd's Bequemlichkeit besorgen wird, als Gerechtigkeit und gehörige Vollziehung des Gesetzes erlauben werden; denn, wie ich hoffe, werde ich die Gnade haben, der Versuchung zu widerstehen, die Waffen des fleischlichen Kriegswesens zu Werkzeugen meiner Rache zu machen, so wie ich verschmähe, sie durch die Mittel des Mammons zu bewirken. Mit dem Wunsche, gnädige Frau, daß Euch der Herr jeden Segen verleihe, und insbesondere den, welcher über allen andern geht, nämlich die wahre Erkenntniß seines Weges, verbleibe ich zu Befehl Geschrieben zu Euer Moultrassie-Hall, am ergebener Diener, io. Juli i6so. Ralph Bridgenorth. Sobald Ladp Peveril diese lange, sonderbare Epistel gele- 110 sen hatte, in welcher ihr Nachbar ihr mehr Geist der religiösen Schwärmerei, alö sie ihm zugetraut, gezeigt zu haben schien, blickte sie auf, und sah ElleSmere an, in deren Miene Kränkung und ein erzwungener Ausdruck der Verachtung mit einander kämpften, und welche die wörtliche Erklärung dessen, was sie in dem Gesicht ihrer Gebieterin zu lesen glaubte, nicht länger erwarten konnte, sondern auf die Bestätigung ihres Argwohns in folgenden Worten hindeutete: „Nicht wahr, gnädige Frau, der schwärmerische Thor gedenkt das Mädchen zu heirathen? Man sagt, er ziehe fort. Wahrhaftig, es ist auch Zeit; denn außer daß die ganze Nachbarschaft über ihn lachen und spotten würde, sollte mich's auch nicht wundern, wenn ihm Launce Outram, der Förster, ein Horn zu tragen gäbe; denn das gehört einmal zu seinem Fache." „Du hast eben für jetzt nicht große Ursache, dich zu ärgern, Ellesmere," erwiederte Lady Peveril. „Mein Brief sagt nichts von Heirath, sondern es scheint nur, daß Herr Bridgenorth, da er dieses Land verlassen will, Deborah zur Pflege seines Kindes angenommen hat, und um des Kindes willen bin ich wahrhaftig herzlich froh darüber." „Und ich bin froh um meinetwillen," sagte Ellesmere, „und freilich um des ganzen Hauses willen. — Und Ihr glaubt nicht, daß sie ihn heirathen wird? Meiner Treu', ich kann nicht einsehen, wie er so ein Pinsel sein sollte; aber vielleicht hat sie etwas Schlimmeres vor: denn sie spricht hier vom Gelangen zu hoher Beförderung, und das geschieht selten heutzutage durch ehrlichen Dienst. Denn sie schreibt mir wegen Ueberschickung von solchen Sachen, als wenn ich Aufseherin von Eurer Garderobe wäre; ja, und empfiehlt den jungen Mr, Julian meiner Sorgfalt und Erfahrung; meiner 111 Treu', als wenn sie mir das kleine, theure Kleinod erst zu empfehlen brauchte- Doch ich will ihre Lumpen cinpacken, und nach Moultrasfie-Hall schaffen-" „Thut es mit aller Höflichkeit," sagte die Ladp, „und laßt Whitaker ihr das Dienstlohn, und ein Goldstück (einen Ja- cobus) obendrein, zusenden, denn, zwar ein leichtsinniges Mädchen, war sic doch gut gegen die Kinder. Aber tragt der Deborah auf," setzte sie hinzu, „daß sie die kleine Alerie in meinem Namen küsse, und dem Major Bridgenorth meine besten Wünsche für seine gegenwärtige und künftige Wohlfahrt versichere-" Sie erlaubte keine fernere Bemerkung oder Antwort, sondern entließ ihre Kammerjungfer, ohne sich in weitere Ein- zelnheiten einzulafsen- Ms ElleSmere fort war, fing Ladp Peveril an, mit vielem Gefühl von Theilnahme über den Brief des Majors Bridgenorth nachzudenken; eines Mannes, der gewiß viele vortreffliche Eigenschaften besaß, den aber eine Reihe häuslicher Widerwärtigkeiten, und die zunehmende Düsterkeit eines aufrichtigen, aber trüben Gefühls von Andacht einsam und unglücklich machten; und mehr als ein ängstlicher Gedanke erwachte in ihr, ob die kleine Alerie auch glücklich würde, wenn sie unter einem solchen Vater, wie cs wahrscheinlich war, aufwüchse. Immer war BridgenorthS Entfernung im Ganzen ein wünschenswerthes Ereigniß; denn so lange er in Moultrasfie- Hall bliebe, war cs nur zu wahrscheinlich, daß ein zufälliges Zusammengerathen mit Ritter Peveril einen Kampf herbeiführen könnte, der schlimmer ausfallen möchte, als der letztere ihren Wünschen entgegen gewesen war. Unterdessen konnte sie sich nicht enthalten, dem Doctor 112 Dummerar ihr Befremden und ihre Betrübniß auszudrücken» daß Alles, was sie gethan und versucht hatte, Frieden und Einmüthigkeit zwischen den streitenden Parteien zu stiften, unglücklicherweise zum Gegentheil dessen auSgeschlagcn war, was sie beabsichtigt hatte. Zwei Tage nachher kam der Ritter Peveril an. Er hatte zu Vale-Ropal gewartet, bis er die sichere Einschiffung der Gräfin nach der Insel Man erfuhr, und dann sich auf den Heimweg nach seinem Schlosse und zu seiner Margarethe begeben. Unterwegs erfuhr er von einigen seiner Begleitung die Art und Weise, wie seine Gattin die festliche Bcwirthung, welche sie auf seinen Befehl der Nachbarschaft gab, veranstaltet hatte, und ungeachtet der großen Nachgiebigkeit, die er seiner Gemahlin in sie betreffenden Fällen zu beweisen pflegte, hörte er doch mit großem Unwillen von ihrer Freigebigkeit gegen die presbyterianische Partei. Indessen legte sich deö Ritters Unwille gänzlich, als er die holden Züge seiner Gattin von zärtlicher Freude über seine glückliche Rückkunft verklärt sah. Als er sie in seine Arme nahm und küßte, verzieh er ihr, eh' er des von ihr gemachten Fehlers erwähnte. „Du hastlmich zum Besten gehabt, Margarethe," sagte er mit Kopfschütteln Mid zugleich lächelnd; „und du weißt, worin; aber ich denke, du bist eine wahre Anhängerin unserer Kirche, und handeltest bloß aus einer schwachen weibischen Grille, freundlich zu thun gegen diese schurkischen Stutzköpfe. Doch nichts weiter davon! Ich wollte lieber Schloß Martindale wieder von ihren Kugeln durchschossen sehen, als einen von den Buben freundschaftlich aufnchmen, Ralph Bridgenorth von Moultrassie-Hall ausgenommen, wenn er wieder zu Verstände kommen sollte." 113 Lady Peveril sah sich hier genöthigt, zu erzählen, was sie über Bridgenorth gehört hatte — das Verschwinden der Gouvernante mit seiner Tochter, — und übergab ihm dabei seinen Brief. Der Ritter schüttelte erst den Kopf, und lachte dann laut auf bei dem Gedanken, daß hier eine kleine Liebes-Jntrigue zwischen Bridgenorth und der Deborah stattfinde. „Es ist das wahre Ende eines Dissenters*)," sagte er, „sein eigenes oder ein anderes Dienstmädchen zu heirathen. Deborah ist eine gute gefällige Person, und noch in den muntern Jahren der dreißig, denk' ich." „Nein, nein," antwortete Lady Peveril; „du bist eben so argwöbnisch, wie Ellesmere. Ich glaube, es ist bloß die Zärtlichkeit für sein Kind." „Ich weiß wohl," sprach der Ritter, „Weiber denken immer an Kinder; aber unter Männern, liebe Frau, liebkoset Mancher das Kind, damit er die Wärterin küssen könne, und was wär' es für ein Wunder oder für ein Schade, wenn Bridge- north das Mädchen heirathete? Aber laß' uns hören, was er selbst sagt. Ich will es herausbuchstabiren, wenn etwa eine Schelmerei über Liebe und Neigung in dem Briefe steht, welche der Unschuld unserer guten Margarethe entgangen ist." Der Ritter fing also an, den Brief durchzulesen; stutzte aber sehr über die sonderbare Sprache, worin er abgefaßt war. „Was er unter dem Entfernen der Leuchter und unter dem Abbrechen des Schnitzwerks in der Kirche meint," sprach er, „kann ich nicht errathen; wofern er nicht die großen silbernen Leuchter wieder zu bringen gedenkt, die mein Groß- «) Eines Separatisten »der Non-Conformisten, der sich von der herrschenden Kirche absondert. Peveril. 8 114 Vater gab, um sie zu MartindaleMoultrassie auf den Altar zu stellen, und welche seine spitzöhrigen Freunde, als kirchenräuberische Schurken, wie sie sind, stahlen und einschmelzten. Jndeß, Margarethe, ist die Hauptsache die, daß Bridgenorth unsere Gegenden verlassen will- Es thut mir wahrhaftig leid, ob ich ihn gleich nie öfter, als einmal des Tages sah und nie über ein paar Worte mit ihm sprach. Aber ich sehe den Grund wohl ein: das bischen Schütteln bei der Schulter wurmt ihm im Magen; und doch, Margarethe, hob ich ihn nur so aus dem Sattel, wie ich dich in den Sattel gehoben hätte; ich hütete mich, ihn zu verletzen, und ich hielt ihn nicht für so zart im Ehrcnpunkt, daß er so etwas viel gedenken würde. Aber ich sehe offenbar, wo ihn die Wunde schmerzt, und bürge dir dafür, ich bringe es dahin, daß er in Moultrasfie-Hall bleibt, und daß du Julians kleine Gespielin wieder bekommst. Wahrhaftig, der Gedanke schmerzt mich selbst, das Kind zu verlieren, und einen andern Ritt, wenn kein Jagdwetter ist, erwählen zu müssen, als den um Moultrassie-Hall mit ein paar Worten am Fenster." „Es sollte mich sehr freuen, lieber Mann," sagte Lady Peveril, „wenn du zu einer Aussöhnung mit dem würdigen Mann gelangtest; denn für einen solchen muß ich Bridgenorth doch halten." „Seine abweichenden Grundsätze abgerechnet, ist er ein guter Nachbar," antwortete Peveril. „Aber ich sehe kaum eine Möglichkeit," erwiederte sie, „einen so erwünschten Zweck zu erreichen." „Still, liebe Frau," sagte er, „du verstehst wenig von solchen Sachen. Ich kenne seine schwache Seite, und du sollst sehen, wie ich ihn wieder zurecht bringe." Lady Peveril konnte sich durchaus keine Art der Aussöhnung mit dem Nachbar denken, welche ihr Mann (eben kein sehr scharfer Menschenkenner) ausgedacht haben möchte, und die er ihr nicht hätte vertrauen können, und sie fühlte eine geheime Unruhe, die von ihm ergriffenen Mittel möchten so übel gewählt sein, daß der Bruch nur noch größer werden dürfte. Aber der Ritter wollte sich hierüber nicht weiter herauslaffen. Er war lange genug Oberster eines auswärtigen Regiments gewesen, um sich das Recht einer unbedingten Herrschaftim Hause zu sichern, und auf alle Winke, welche seine Frau zu geben wußte, antwortete er bloß: „Geduld, Margrethe, Geduld ! Dies ist keine Sache für dich. Du sollst genug davon nebenher erfahren. Geh', sieh' nach Julian. Wird der Knabe nie nach dem kleinen Sprößling eines Puritaners geschrieen haben? Aber wir wollen die kleine Alexie in zwei oder drei Tagen wieder bei uns haben, und Alles wird wieder gut sein." Während der Ritter noch sprach, blies ein Postillon im Hofe, und ein großes Schreiben wurde hereingebracht, adres- sirt an den geehrten Ritter Gottfried Peveril, Friedensrichter u. s. w.; denn er war, gleich nach der festen Wiedereinsetzung des Königs, wieder in AmtSthätigkeit gesetzt worden. Als er das Packet öffnete, welches nicht ohne ein besonderes Gefühl von Wichtigkeit geschah, fand er, daß es die von ihm erbetene Vollmacht zu Wiedereinsetzung des Doctor Dummerar in die Pfarre enthielt, aus welcher er während der Usurpation gewaltsam entsetzt worden war. Wenig Vorfälle hätten dem Ritter so viel Vergnügen machen können. Außerdem, daß es seinem Widerwillen gegen SolSgrace schmeichelte, war er sehr erfreut darüber, seinen alten Freund und Gefährten auf der Jagd und in Bedräng- niß, den Doctor Dummerar, in seine gesetzlichen Rechte und in die Bequemlichkeiten und den Genuß seiner geistlichen 8 - 116 Pfründe wieder eingesetzt zu sehen. Mit großem Triumph theilte er den Inhalt seines Schreibens seiner Gattin mit, welche nun erst den Sinn des geheimnißvollen Satzes in Major Bridgenorth's Briefe, die Entfernung des Leuchters und die Auslöschung des Lichts und der Lehre im Lande betreffend, verstand. Sie machte ihren Mann aufmerksam hierauf und suchte ihn zu überzeugen, daß nun eine Thüre zur Aussöhnung mit seinem Nachbar eröffnet wäre, indem er den erhaltenen Auftrag auf eine gefällige und gemäßigte Art, nach gehörigem Aufschub, und mit aller derjenigen Schonung der Gefühle Solsgrace's und seiner Gemeinde, welche nur die Umstände erlaubten, zur Vollziehung brächte. Dies, bemerkte sie, würde auf keine Weise dem Doctor Dummerar Eintrag thun, sondern vielmehr das Mittel sein, Viele mit seiner kirchlichen Verwaltung auszusö-nen, welche außerdem durch die voreilige Entfernung eines LieblingSpredigers für immer dawider eingenommen werden möchten. Es war viel Weisheit und Mäßigung in diesem Rath, und zu einer andern Zeit würde Ritter Peveril Sinn genug dafür gehabt haben, um ihn anzunehmen. Allein wer kann ruhig oder klüglich handeln in der Stunde des Triumphs? Die Absetzung Solsgrace's wurde daher so hastig vollzogen, daß sie einer Verfolgung ziemlich ähnlich sah; doch, aus dem richtiger» Gesichtspunkt betrachtet, war es bloß die Wiedereinsetzung seines Vorgängers in seine gesetzlichen Rechte. Sols- grace selbst schien bestrebt, seine Leiden so auffallend als möglich zu machen. Er hielt aus bis auf den letzten Augenblick, und am Sabbath, nachdem er seinen Absetzungsbefehl erhalten, versuchte er, mit Bridgenorth's Sachwalter, Win-the- Fight, und einigen eifrigen Anhängern, wie gewöhnlich, seinen Weg zur Kanzel anzutretcn. ff'! 117 Gerade als diese Partei von der einen Seite auf den Kirchhof kam, zog Doctor Dummerar in vollem Ornate, wie im Triumphe, vom Ritter Peveril, Jasper Cranbourne und andern ausgezeichneten Edcln begleitet, auf der andern Seite herein. Um den Ausbruch eines Kampfes in der Kirche zu verhüten, waren die Gerichtsdiener des Kirchspiels angewiesen, die fernere Annäherung des presbpterianischen Geistlichen ab- zuhaiten, welches ohne weitere unangenehme Auftritte bewerkstelligt wurde. Ungebeugt am Geist, jedoch durch überlegene Gewalt zum Rückzuge gezwungen, begab sich der unerschrockene Solsgrace auf seine Pfarre zurück, wo er sich, unter einem von Win-the> Fight hervorgesuchten gesetzlichen Vorwände zu behaupten suchte, die Thore verriegelte, die Fenster verschloß, und, wie das Gerücht sagte, auch um Widerstand leisten zu können, für Feuergewehr sorgte. Diesem zufolge entstand ein anstößiger Auftritt, auf dessen Meldung der Ritter Peveril mit einiger bewaffneten Begleitung in Person erschien, das äußere Thor und die innern Thüren sprengte, und als er bis in die Studierstube drang, keine andere Besatzung, als den presbpterianischen Pfarrer mit dem Anwalt traf, welche nunmehr den bisher behaupteten Besitz aufgaben, nachdem sie wider die gebrauchte Gewalt förmlich protestirt hatten. Weil der Pöbel des Dorfs in voller Bewegung war, fand es der Ritter Peveril nach seiner Klugheit und Gutmüthig- kcit rathsam, seine Gefangenen (denn so konnte man sie nennen) sicher durch das Getümmel zu geleiten, und brachte sie demnach in Person durch viel Lärm und Geschrei bis zur Auffahrt von Moultrassie-Hall, welches sie zum Zufluchtsorte erwählten. ll8 Aber die Entfernung des Ritters gab einigen Unordnungen Raum, die seine Gegenwart sicher verhindert haben würde. Einige Bücher des Geistlichen wurden von den fanatischen Pfarrdienern oder ihren Gehülfen zerrissen, und als verrätheri- scher und aufrührerischer Plunder umhergeworfen Eine Quantität seines starken Biers wurde in Gesundheiten ans den König und Ritter Peveril vertrunken. Und endlich kamen die Knaben, welche dem Erpfarrer für seinen tyrannischen Einspruch in ihre Spiele mit Kegeln, mit dem Ball u. s. w. und wegen seiner langen Predigten nicht hold waren, putzten ein Bild mit seinem Genfer Mantel und Halskragen und seinem thurmförmigen Hut, zogen damit durch das Dorf und verbrannten es auf der Stelle, welche weiland ein stattlicher Maibaum einnahm, den Solsgrace mit seinen eigenen ehrwürdigen Händen niedergehauen hatte. Sir Gottfried Peveril wurde durch dies Alles sehr gekränkt, und schickte zu Solsgrace, welchem er Vergütung seines verlornen Eigenthums anbot. Allein dieser gab zur Antwort: „Ich nehme nichts, was dein ist. Laß die Schaam des Werks deiner Hände über dir bleiben." Beträchtliche Vcrläumdungen erhoben sich nun gegen den Ritter Peveril, als sei er mit ungebührlicher Strenge und Hast bei dieser Gelegenheit verfahren, und das Gerücht trug Sorge, zu dem Wirklichen die gewöhnlichen Zusätze zu machen. Es ging die Sage, der wüthende Royalist, Peveril von dem Gipfel, habe eine presbyterianischc Versammlung während der friedlichen Religionsübung mit einer bewaffneten Schaar überfallen, Einige getödtet, weit mehrere gefährlich verwundet, und endlich den Prediger bis zu seiner Pfarre verfolgt, und diese bis auf den Grund abgebrannt. Marche erzählten, der Geistliche sei in den Flammen umgekommen; die mildeste 119 Rachricht meldete, er sei nur dadurch im Stande gewesen zu entfliehen, daß er seinen langen Rock, seinen Halskragen und seinen Hut an einem Fenster so zusammen hingehangt habe, daß man seine eigene Person von den Flammen umgeben zu sehen geglaubt, indeß er durch den hintern Theil des Hauses entwischt sei. Und obgleich wenig Personen diese unserm Ritter zugescbriebene Handlungen der Grausamkeit glaubten, so blieb doch noch genug übler Ruf an ihm haften, um sehr ernsthafte Folgen herbei zu führen, wie der Leser in einer künftigen Periode unserer Geschichte erfahren wird. Neuntes Kapitel. Einige Tage nach der gewaltsamen Vertreibung aus seiner Pfarre, blieb Solsgrace noch in Moultrasfie-Hall, wo die natürliche Melancholie, welche mit seiner Lage unzertrennlich war, die Schwermuth Bridgenorth's noch steigerte. Des Morgens machte er Ausflüge zu verschiedenen Familien der Nachbarschaft, welchen sein geistlicher Zuspruch in den Tagen seines Glücks willkommen gewesen war, und bei denen er nun, aus dankbarer Erinnerung an jene Zeit, Mitgefühl und Trost fand. Er verlangte nicht, deßhalb bedauert zu werden, weil er eines bequemen Unterhalts beraubt und dem Alltagsleben preisgegeben worden war, nachdem er nicht mehr solchem Wechsel des Glücks unterworfen zu sein geglaubt hatte. Die Frömmigkeit Solgrace's war aufrichtig, und wenn er manche lieblose Vorurtheile gegen andre Sekten hegte, welche pole- 12 « mische Controverse erzeugt und der Bürgerkrieg emporgebracht hatte, so besaß er auch jenes tiefe Gefühl der Pflicht, durch welches so oft die Schwärmerei veredelt wird, und hielt auf sein eignes Leben wenig, wenn es zum Zeugniß der Lehren, an die er glaubte, hingegeben werden sollte. Aber er sollte sich bald dazu vorbereiten, den Bezirk zu verlassen, welchen ihm der Himmel, wie er glaubte, als einen Winkel des Weinbergs angewiesen hatte; er sollte seine Heerde dem Wolf überlassen — sollte sich von Denen entfernen, mit Denen er süßen Rath gepflogen in der religiösen Gemeinschaft — sollte die Neubekehrten in falsche Lehren zurückfallen lassen, und von dem Wankelmüthigen weichen, den seine fortgesetzten Bemühungen auf den rechten Pfad geführt haben möchten — dieß waren an sich selbst tiefe Ursachen der Betrübniß, und sie wurde ohne Zweifel durch jene natürlichen Gefühle verstärkt, mit welchen alle Menschen, besonders solche, deren Pflichten oder Gewohnheiten sie auf einen kleinen Kreis beschränkt haben, die Trennung von gewohnten Umgebungen und von ihren alten Plätzen der stillen Betrachtung oder des geselligen Verkehrs, zu betrachten pflegen. Man hatte zwar den Plan, Solsgrace an die Spitze einer Gemeinde von Non-Conformisten in seinem gegenwärtigen Kirchspiele zu stellen, und seine Anhänger würden sich gern zu einer hinreichenden Besoldung verstanden haben. Aber obgleich das Gesetz für allgemeine Consormität (Uebereinstimmung der Kirchenverfaffung) noch nicht gegeben war, so erwartete man doch eine solche Maßregel als bevorstehend, und es herrschte eine allgemeine Meinung unter den Presbyterianern, daß diese kirchliche Gleichförmigkeit unter keinen Händen strenger würde durchgesetzt werden, als unter den Händen des Ritter Peveril- Solsgrace selbst betrachtete nicht nur seine persön- 121 liche Gefahr als bedeutend, sondern er glaubte auch, daß er der Sache seiner Kirche dadurch bienen würde, indem er sich von Derbysbire entfernte. Diese Ansichten äußerte Solsgrace gegen seine trauernden Freunde, und ließ sich darüber noch weitläufiger bei Major Bridgcnorth aus, wobei er nicht ermangelte, mit freundlichem Eifer diesem die Hastigkeit zu verweisen, womit er die Hand der Brüderschaft nach dem amalekitischen Weibe ausgestreckt, und ihn erinnerte: „er sei zu ihrem Sklaven und Leibeigenen für einige Zeit geworden, gleich Simson, von Delilah ver- rathen, und hätte länger im Hause Dagon's bleiben können, wenn ihm nicht der Himmel einen Weg aus der Schlinge gezeigt hätte. Auch sei cS des Majors Hingehen zu dem Feste Baal's zuzuschreiben, daß er, der Held der Wahrheit, zu Boden geschlagen und durch den Feind zu Schanden gemacht worden." Bridgenorth's Gemüth war von frommen Gefühlen durchdrungen, welche seine letztern Unglücksfälle noch tiefer und feierlicher gemacht hatten; cs war daher kein Wunder, daß er, als er diese Vorstellungen von einem, ihm so ehrwürdigen Geistlichen, und immer wieder sich an's Herz legen hörte, — mit Mißbilligung auf sein eigenes Verhalten zurück zu blicken und zu argwöhnen anfing, er habe sich durch Dankbarkeit gegen Lady Peveril, und durch ihre besondern UeberredungS- gründe zu Gunsten einer wechselseitigen duldsamen Liberalität der Gesinnungen, zu einer Handlung verführen lassen, welche seine religiösen und politischen Grundsätze in Gefahr zu bringen geeignet wäre. Eines Morgens, als Bridgcnorth sich mit verschiedenen Geschäften im Ordnen seiner Angelegenheiten ermüdet hatte, ruhte er in seinem ledernen Armstuhl neben dem Gitterfen- 122 ster aus, — eine Lage, welche durch natürliche Jdcenverbin- dung ihm vorige Zeiten und die Gefühle in's Andenken rief, mit welchen er den wiederholten Besuch des Ritter Peveril und dessen Nachricht über das Wohlbefinden seines Kindes zu erwarten gewohnt war. „Wahrlich," sprach er vor sich hin, „die Freundlichkeit, mit der ich damals diesen Mann behandelte, war nichts Sündliches." Solsgrace, der im Zimmer war, und errieth, was in seines Freundes Seele vorging, da er mit jedem Punkt seiner Geschickte bekannt war, erwiederte: „Als Gott Elias durch Raden ernährt werden ließ, während er am Bach Cherith verborgen war, da hören wir nicht, daß er die unreinen Vögel liebkoste, welche ein Wunder nöthigte, wider ihre Rabennatur ihm zu dienen." „Es kann sein," antwortete Bridgenorth; „doch muß der Schlag ihrer Flügel im Ohr des verhungerten Propheten eben so angenehm geklungen haben, als der Tritt vom Pferde des Ritters in dem meinigen. Die Raben nahmen ohne Zweifel ihre Natur wieder an, als dieser Zeitpunkt vorüber war, und so ist's auch in Ansehung meiner ergangen. — Horch!" rief er stutzend aus, „so eben hör' ich den Hufschlag seines Rappen." Beide, Bridgenorth und Solsgrace, waren von dem Schall überrascht, und selbst geneigt, eine fernere Bedrückung von Seiten der Regierung zu besorgen, als des Majors alter Bedienter ohne viele Umstände (denn er war im Benehmen seinem Herrn ziemlich ähnlich) einen langen Herrn hereinführte, welcher, an Jahren über das mittlere Alter hinaus, durch Mantel und Weste, langes Haar und heruntcrgeschlagenen Hut mit der herabwallenden Feder einen Ritter erkennen ließ. Er verbeugte sich förmlich, doch höflich, gegen Beide und sagte: „er sei Ritter Jasper Cranbourne, mit einer besondern Bot- schast an Herrn Ralph Bridgenorth von Moultrasfie-Hall, von seinem achtbaren Freunde, Ritter Gottfried Peveril von dem Gipfel, abgesendet und verlange zu wissen, ob Herr Bridge- north die Güte haben wolle, hier oder anderwärts die Ent- ledignng seines Auftrags anzunehmen." „Jedwede Sache, welche Ritter Gottfried Peveril mir zu sagen haben kann," antwortete Bridgenorth, „kann sogleich und vor meinem Freunde, vor dem ich kein Geheimniß habe, ausgerichtet werden." „Die Gegenwart jedes andern Freundes wäre, statt im Wege zu sein, vielmehr höchst wünschenswerth," sagte Ritter Jasper nach einem kurzen Bedenken mit einem Blick auf Solsgrace: „aber dieser Herr hier scheint ein Geistlicher zu sein" „Ich bin mir keiner Geheimnisse bewußt," antwortete Bridgenorth, „und wünsche auch keine zu haben, die ein Geistlicher nicht wissen dürfte." „Wie es Euch beliebt," erwiederte Ritter Jasper; „das Vertrauen kann gut genug gewählt sein; denn Eure Geistlichen haben sich als keine Feinde solcher Dinge erwiesen, als von denen ich mit Euch zu sprechen habe." „Geht nur an's Werk, Herr Ritter," antwortete Bridgenorth, „und beliebt Euch zu setzen, wenn Ihr nicht lieber stehen wollt." „Ich muß für's Erste mich meines Auftrags entledigen," sagte Ritter Jasper, indem er näher trat, „wenn ich weiß, wie er ausgenommen wird, will ich sehen, ob ich mich zu Moultrassic-Hall niederseßen soll oder nicht. — Ritter Gottfried Peveril, Herr Bridgenorth, hat sorgfältig die unglücklichen Umstände für sich erwogen, welche Euch und ihn jetzt als Nachbarn trennen. Er erinnert sich vieler Vorfälle in 124 vorigen Zeiten — ich rede mit seinen eigenen Worten — welche ihn geneigt mache», alles Mögliche zu thun, was sich mit seiner Ehre verträgt, die Spannung zwischen Euch und ihm zu heben, und darum ist er gesonnen, sich in einem Grade herabzulassen, der Euch sonder Zweifel großes Vergnügen machen wird." „Erlaubt mir, zu erwiedern, Ritter Jasper," versetzte Brid- genorth, „daß dicß unnöthig ist. — Ick habe keine Beschwerden über den Ritter Pevcril geführt — ich habe keine Unterwerfung von ihm verlangt — ich bin im Begriff, dieß Land zu verlassen, und was für Angelegenheiten noch unter uns auözumachen sind, so können sie eben so gut von andern, als von uns, mit Bequemlichkeit berichtigt werden." „Mit einem Wort," sagte der Geistliche, „der Major Brid- genorth hat genug Verkehr mit den Gottlosen gehabt, und will unter keiner Bedingung länger mit ihnen umgehen." „Ihr Beide, meine Herren," sagte Sir Jasper, mit höflicher Verbeugung und ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen; „Ihr irrt Euch gänzlich über den Inhalt meines Auftrags, welchen Ihr eben so füglich aushören werdet, ehe Ihr eine Erwiederung darauf machet. — Ich glaube, Herr Bridgenorth, Ihr müßt Euch noch Eures Schreibens an Lady Peveril erinnern, von welchem ich hier eine flüchtige Abschrift habe, in welchem Ihr Euch über die harte Maaßregel beklaget, welche Ihr durch Peveril erfahren habt, und insbesondere, als er Euch bei Hartlcy-nick aus dem Sattel hob. Nun denkt Ritter Gottfried zu gut von Euch, um nicht zu glauben, daß Ihr — käme nicht der weite Abstand zwischen seiner Abkunft und seinem Range und der Eurigen in Betracht — diese Sache auf eine ritterliche Entscheidung zu bringen gesucht haben würdet, als die einzige Art und Weise, wodurch Euer 125 Fleck ehrenvoll abgewischt werden konnte. Daher macht er Euch, durch dieses kleine Billet, in seinem Edelmuth, ein Anerbieten von Dem, was Euch in Eurer Bescheidenheit (denn aus nichts andcrm erklärt er sich Eure Beruhigung) von ihm zu fordern vermieden habt; überdieß bring ich Euch das Maß seiner Waffe; und wenn Ihr die Herausforderung, die ich Euch nun darbiete, angenommen habt, werde ich bereit sein, Zeit, Ort und andre Umstände der Zusammenkunft zu bestimmen " „Und ich," sagte Solsgrace mit einer feierlichen Stimme, „ich würde, — sollte der Urheber des Bösen meinen Freund versuchen, einen so blutdürstigen Vorschlag anzunehmen — der Erste sein, der ihn wider das Urtheil des Kirchenbannes ausspräche." „An Euch, ehrwürdiger Herr," erwiederte der Ritter, „lautet mein Auftrag nicht. Euer Interesse mag Euch ganz natürlich bestimmen, besorgter um das Leben Eures Patrons, als um seine Ehre zu sein. Ich muß von ihm selbst erfahren, welchem Er geneigt ist, den Vorzug zu geben" So sprach er, und hielt wieder mit einer gefälligen Verbeugung die Herausforderung dem Major hin. Die Triebfedern der menschlichen Ehre und die Eingebungen der religiösen Gesinnung kämpften sichtbar in ihm; aber die letzter» siegten. Ruhig empfing er das ihm von Ritter Jasper dar- gcreichte Papier und sprach: „Es mag Euch nicht bekannt sein, Herr Ritter, daß, seit der allgemeinen Ausgießung des christlichen Lichts über dieses Königreich, viele gesetzte Männer in Zweifel geraihen sind, ob das Vergießen des Menschenbluts durch die Hand eines Mitmenschen in irgend einer Rücksicht zu rechtfertigen sei. Und obgleich diese Regel mir kaum auf unfern Zustand in diesem Stande der Prüfung anwendbar scheint, inwiefern ein solches Nichtwiderstehen, wäre es allgemein, unsre bürgerlichen und religiösen Rechte in die Hände eines jedweden kühnen Tyrannen, der sich derselben bemächtigen wollte, überliefern würde; so war ich doch und bin noch geneigt, den Gebrauch der fleischlichen Waffen auf den Fall der notwendigen Selbstvertheidigung zu beschränken, es sei in Hinsicht unsrer eignen Person, oder des Schutzes unseres Landes gegen Ueberfall, oder unsrer Rechte des Eigentums, und der Freiheit unsrer Gesetze und unsers Gewissens gegen anmaßende Gewalt. Und da ich mich nie abgeneigt bewiesen habe, mein Schwert in einer der letztem Angelegenheiten zu ziehen, so werdet Ihr mich entschuldigen, daß ich es jetzt in der Scheide ruhen lasse, da, nachdem ich eine schwere Beleidigung erlitten, der Mann, welcher sie zufügte, mich zum Kampf aufruft, entweder aus übertriebener Ehrliebe, oder, was noch wahrscheinlicher ist, aus bloßer Prahlerei." „Ich habe Euch geduldig angehört," sagte der Ritter; „und nun, Herr Bridgenorth, nehmet cs nicht ungütig, wenn ich Euch ersuche, Euch besser über diese Sache zu bedenken. Ich betheure vor dem Himmel, daß Eure Ehre verletzt ist, und daß Ritter Peveril, indem er sich herabläßt, Euch diese Zusammenkunft, und dadurch Gelegenheit zur Heilung Eurer Wunde zu gewähren, dazu durch ein zartes Gefühl Eurer Lage und durch einen ernstlichen Wunsch, Eure Schande zu tilgen, bewogen worden ist. Es bedarf nur, daß Ihr Eure Klinge mit seinem glorreichen Schwert meßt, und Ihr werdet als ein edler und geehrter Mann entweder leben oder sterben. Ueberdieß kann des Ritters ungemeine Fechterkunst ihn eben so fähig, als seine Gutmüthigkeit ihn wird geneigt machen, Euch mit einer Wunde im Fleisch zu entwaffnen, die Eurer Person wenig Schaden, und Eurem guten Ruf großen Vortheil bringt." „Das Milleiden des Gottlosen ist grausam," sagte Sols- 127 grace emphatisch, um diese Rede zu erläutern, welche der Ritter mit vielem Pathos vorgetragen hatte. „Ich bitte Ew. Ehrwürden, mich nicht weiter zu unterbrechen," entgegnete der Ritter, „besonders da diese Sache Euch sehr wenig angeht; und ich ersuche Euch, mich in der Ordnung des Auftrags meines würdigen Freundes entledigen zu lassen." Mit diesen Worten zog er sein in der Scheide steckendes Rappier aus dem Gurt, ließ die Spitze durch den Seidenfaden, der den Brief befestigte, gehen, und überreichte ihn noch einmal und buchstäblich auf der Spitze des Degens mit gefälliger Art dem Major, welcher ihn aber wieder bei Seite legte, wiewohl zugleich hoch crröthend, als wenn er sich einen merklichen Zwang anthäte, worauf er zurücktrat und dem Ritter eine tiefe Verbeugung machte. „Wenn es so sein muß," sagte dieser, „so muß ich selbst das Siegel von Ritter Peveril's Brief erbrechen, und ihn Euch vorleseu, damit ick völlig des mir anvertrauten Geschäfts mich entledige, und Euch, Herr Bridgenorth, zugleich mit den großmüthigen Absichten Sir Gottfried Peveril's bekannt mache-" „Wenn der Inhalt des Schreibens nichts andres betrifft, als was Ihr mir mitgelheilt habt," sprach Bridgenorth, „so scheinen mir fernere Umstände bei dieser Gelegenheit unnöthig, weil ich bereits meinen Entschluß genommen habe " „Demungeachtet," antwortete der Ritter, indem er den Brief erbrach, „ist es schicklick, daß ich Euch den Brief meines vcrehrungswürdigen Freundes vorlese." Er las daher, wie folgt: 128 Mein Herr Bridgcnorth! ES ist uns durch Euren Brief an unser geliebtes Weib, Frau Margarethe Peveril, zu verstehen gegeben worden, daß Ihr gewissen neueren Vorfällen zwischen Euch und mir eine harte Auslegung gebet, als wenn Eure Ehre durch das, was damals vorging, hätte gewissermaßen beleidigt werden sollen. Und ob Ihr es gleich nicht schicklich gefunden habt, Euch geradezu an mich um solcher Genugthuung halber zu wenden, als ein Mann von Stande dem andern schuldig ist, so bin ich doch völlig überzeugt, daß dieß nur aus Bescheidenheit herkömmt, in Hinsicht des Unterschiedes unsres Standes, und nicht aus einem Mangel an demjenigen Mut-, welchen Ihr vormals bewiesen habt. Daher bin ich entschlossen, Euch durch meinen Freund Ritter Jasper Cranbourne eine Zusammenkunft anzubieten, um dasjenige zu thun, was Ihr ohne Zweifel vollkommen gewünscht habt. Ritter Jasper wird Euch die Länge der Waffen, und Ort und Zeit für unsre Zusammenkunft bestimmen; welches alles entweder früh oder spät — zu Fuß oder zu Pferd — mit Rappier oder Schwert — ich Euch selbst überlasse, nebst allen andern Vorrechten einer herausgeforderten Person; bloß mit dem Wunsch, daß, wenn Ihr es nicht ablehnet, Euch nach der Größe meiner Waffen zu richten, Ihr mir die Länge und Breite der Euri- gen überschickt. Ohne zu zweifeln, daß der Ausgang dieser Zusammenkunft, auf eine oder die andre Art, aller Unfreundlichkeit zwischen zwei nahen Nachbarn nothwendig ein Ende machen müsse, verbleib' ich Euer ergebener Diener, Gottfried Peveril vom Gipfel. „Ich bitte, dem Ritter Peveril meinen Gruß zu vermelden," sagte Bridgenorth; „so wie er die Sache anfieht, mag seine Meinung gütig gegen mich sein. Sagt ihm aber, daß unser Streit in seinem eigenen absichtlichen Angriff auf mich seinen Ursprung hat, und daß ich, ob ich gleich in christlicher Liebe mit allen Menschen zu leben wünsche, doch nicht so an seiner Freundschaft hange, um die Gesetze Gottes zu verletzen, und Gefahr zu laufen, Mord zu erleiden oder zu begehen, damit ich diese Freundschaft gewinne. Und was Euch betrifft, Herr Ritter, so dünkt mich, Eure vorgerückten Jahre und erlittenen Unfälle könnten Euch überzeugt haben, wie thöricht es ist, solche Botschaften zu übernehmen." „Ich werde Euren Auftrag ausrichten, Herr Bridgenorth," sagte der Ritter; „und werde alsdann Euren Namen als einen Schall, dessen Aussprechen oder selbst.Wiedererinnern einem Mann von Ehre nicht anständig ist, zu vergessen suchen. Unterdessen beliebet Ihr, für Eure unhöfliche Bemerkung, zur Erwiederung die meinige anzunehmen; nämlich, daß, so wie Eure Religion Euch bindert, einem Edelmanne Genugthuung zu geben, sie Euch auch vorsichtig machen sollte, seine Empfindlichkeit aufzuregen." Mit diesen Worten, und mit einem Blick stolzer Verachtung erst auf den Major und dann auf den Geistlichen, setzte er seinen Hut auf, steckte das Rappier wieder in den Gurt, und verließ das Zimmer. In wenig Minuten nachher verhallte der Hufschlag seines Rosses in der Ferne. Bridgenorth hatte die Hand seit seinem Abzüge immer über die Stirne gehalten, und eine Thräne des Unwillens und der Scham perlte auf seinen Wangen, da er sich erhob, als der Schall nicht mehr gehört wurde. „Er bringt diese Antwort nach dem Schloß Martindale," sagte er. „Diese Peveril. g 130 Leute werden nachher mich als einen niedergeworfenen, ehrlosen Wicht betrachten, den Jedermann nach Belieben verhöhnen und beschimpfen darf. Es ist gut, daß ich mein väterliches Haus bald verlassen werde." SolSgrace näherte sich seinem Freunde mit vieler Theil- nahme, und faßte ihn bei der Hand. „Edler Bruder," sagte er mit ungewöhnlich freundlicher Art, „obgleich ein Mann des Friedens, kann ich doch wohl denken, was dieses Opfer deinem männlichen Geiste gekostet hat. Aber Gott will von uns keinen unvollkommenen Gehorsam haben. Wir dürfen nicht, wie Ananias und Sapphira, eine Lieblingslust, eine LieblingS- sünde zurückbehalten, während wir vorgeben, unsere weltlichen Neigungen abzutödten. Würde es eine Vcrtheidigung in deinem Gebete sein, wenn du sagtest: Ich habe diesen Mann nicht gemordet aus Liebe zum Gewinn, wie ein Räuber, — noch zur Erlangung von Macht, wie ein Tyrann, — noch zur Befriedigung der Rachgier, wie ein verfinsterter Wilder; sondern weil die gebieterische Stimme der weltlichen Ehre sagt: Gehe fort — tödte oder laß dich tödten, — bin ich es nicht, der dich gesandt hat? — Bedenke dich, mein würdiger Freund, wie du eine solche Rache in dein Gebet bringen könntest, und wenn du bei der Gotteslästerung einer solchen Entschuldigung zu zittern genöthigt bist, so gedenke in deinem Gebete des dem Himmel gebührenden Dankes, welcher dich fähig machte, der starken'Versuchung zu widerstehen." „Ehrwürdiger, theurcr Freund," antwortete Bridgenorth, „ich fühle, daß Ihr die Wahrheit sprecht. Bitterer freilich und härter für den alten Adam ist der Text, der ihm gebietet, Schande zu erdulden, als der, welcher ihn tapfer für die Wahrheit kämpfen heißt. Aber glücklich bin ich, daß mein Pfad durch die Wildniß dieser Welt, wenigstens einen gcwis- 131 sen Raum hindurch, mich zugleich neben Demjenigen hinfüh' ren wird, dessen Eifer und Freundschaft so thätig find, mich aufrecht zu erhalten, wenn ich auf dem Wege niederfinken will." Wir kehren auf's Schloß Martindale zurück. „Ich hielt ihn für einen Mann von anderem Metall," sagte Peveril, nachdem er durch Ritter Jasper des Majors Antwort erhalten- „Ja, ich hätte darauf geschworen, wenn Jemand mein Zeugniß verlangt hätte. Aber cs läßt fich kein seidener Beutel aus einem Schweinsohr machen. Ich habe eine Thorheit begangen, wie ich nie wieder begehen will, daß ich glaubte, ein Presbyterianer werde ohne seines Predigers Erlaubniß fechten. Doch genug von unserm spitzöhrigen Hund von Nachbar! Ritter Jasper, Ihr bleibt bei uns zu Mittag, und seht wie Frau Margretens Küche bestellt ist, und nach der Mahlzeit will ich Euch einen Falken mit langen Flügeln fliegen lassen. Er gehört nicht mir, sondern der Gräfin, welche ihn auf ihrer Hand fast den ganzen Weg her, und ungeachtet ihrer Eile, von London mitbrachte, und mir eine Zeit lang überließ." Diese Partie kam bald zu Stande, und Frau Margrete hörte das allmählige Verbrausen der Empfindlichkeit des guten Ritters mit denselben Gefühlen, mit welchen wir den letzten dumpfrollenden Donner des Gewitters vernehmen, welcher, wenn die schwarze Wolke hinter den Berg finkt, uns zugleich verfichert, daß Gefahr da war, und daß sie vorüber ist. Sie konnte fich jedoch im Stillen nicht genug über den sonderbaren Weg wundern, den ihr Mann zur Aussöhnung mit seinem Nachbar, so zuversichtlich und in aufrichtig guter Meinung gegen Bridgenorth eingeschlagen hatte, und sie dankte Gott insgeheim, daß es nicht zum Blutvergießen gekommen war. 9 132 Zehntes Kapitel. Wir überspringen nun vier bis fünf Jahre, deren Begebenheiten, nach unserm jetzigen Zweck, zur Erörterung kaum eben so vieler Zeilen bedürfen. Der Ritter und seine Gemahlin blieben auf ihrem Schloß; sie suchte mit Klugheit und mit Geduld den Schaden, welchen die Bürgerkriege ihrem Vermögen gebracht, zu ersetzen, und murrte wohl ein wenig, wenn ihre Plane von Wirthschaftlichkcit durch die freigebige Gastfreundschaft ihres Mannes unterbrochen wurden, welche seinen Hauptaufwand ausmachte, und welcher er nicht bloß aus angeborner Herzlichkeit, sondern auch um die Würde seiner Ahnen zu behaupten, ergeben war. Im Ganzen verfloß dem Paare das Leben glücklich und bequem. Des Ritter Peveril's Schuld an seinen Nachbar Bridgcnorth blieb freilich noch ungetilgt; aber dieser war der einzige Gläubiger auf dem Martindaler Grundstück; alle andern waren bezahlt. Es wäre sehr erwünscht gewesen, daß auch diese Pflicht abgetragen worden wäre, und es war der Hauptzweck von Margrethens Wirthschaftlichkcit, es dahin zu bringen; denn obgleich der Zins regelmäßig bei Herrn Win- the-Fight, dem Chesterfielder Sachwalter, abgetragen wurde, so konnte doch das Kapital, welches bedeutend war, zu einer ungelegenen Zeit gefordert werden. Dieser Advokat war Lberdieß düster, anspruchsvoll und verschlossen, und schien immer an seinen aus dem Kirchhofe von Martindale und Moultrasfle verwundeten Kopf zurückzudenken. Die Lady verhandelte bisweilen das not-wendige Geschäft mit ihm in Person; und wenn er bei diesen Gelegenheiten 133 auf das Schloß kam, glaubte sie einen boshaften und unfreundlichen Ausdruck in seinen Geberden und Benehmen zu lesen. Doch war sein wirkliches Verhalten nicht bloß ehrlich, sondern edel; denn in Hinsicht der Bezahlung wurde Nachsicht gegeben, wenn die Umstände den Schuldner sie zu fordern nvthigten. Es schien der Lady, daß der Agent in solchen Fällen unter strengen Befehlen seines abwesenden Herrn handle, über dessen Wohlergehen sie sich einer gewissen Unruhe nicht entschlagen konnte. Kurz nachdem die Friedensunterhandlung durch den Zweikampf, welchen Peveril mit Bridgenorth zu eröffnen versuchte, fehlgeschlagcn batte, überließ der Letztere seinen Sitz zu Moultrassie-Hall der Sorge seines alten Hausverwalters und reiste ab, Niemand wußte wohin, in Solsgrace's Gesellschaft, nebst seiner Tochter Alerie und der Deborah Debbitch, die als Wärterin angenommen worden war- Eine Zeitlang ging das Gerücht, Major Bridgenorth habe sich bloß auf einen entlegenen Theil des Landes für eine Weile zurückgezogen, um sein muthmaßliches Vorhaben, seine Ver- heirathung mit Deborah auszuführen, und die Neuigkeit veralten, und das Lachen der Nachbarschaft vorübergehen zu lassen, ehe er sie als Frau von Moultrassie-Hall zurückbrächte. Dieß Gerücht verlor sich; und cs wurde dann behauptet, er sei in fremde Länder gegangen, um sich der Fortdauer der Gesundheit seiner zarten und schwächlichen kleinen Alerie zu versichern. Als man aber an des Majors Scheu vor dem Pabst- thum, und Solsgrace's noch stärkere Abneigung zurückdachte, glaubte man allgemein, sie wären nach Neu-England gegangen, dem damaligen Zufluchtsort so Vieler, welche der zu vertraute Verkehr mit den Angelegenheiten der letztem Zeit, oder das Verlangen unumschränkte Freiheit des Gewissens zu 134 genießen, zur Auswanderung aus Großbritannien bewogen hatte- Lady Peveril konnte sich eines unbestimmten Gedankens nicht enthalten, daß Bridgenorth doch nicht so weit gegangen sei. Die äußerste Ordnung, in welcher Alles zu Moultrassie- Hall gehalten wurde, schien zu beweisen, daß das Auge des Hausherrn nicht so weit entfernt sei, ohne daß nicht eine plötzliche Musterung von ihm zu befürchten wäre. Ungefähr fünf Jahre nachher, als Herr Bridgenorth das Land verlassen hatte, ereignete sich ein besonderer Vorfall. Der Ritter Peveril war bei dem Wettrennen in Chesterfield, und Lady Peveril, welche in alle Gegenden der Nachbarschaft unbcgleitet, oder bloß mit Ellesmere, oder ihrem kleinen Knaben zu lustwandeln pflegte, war eines Abends aus einer liebreichen Absicht zu einer einsamen Hütte gegangen, deren Bewohner an einem für ansteckend gehaltenen Fieber krank lag. Der Weg ging weiter, als sie vermuthct hatte; auch hielten sie verschiedene zusammentreffende Umstände länger in der Hütte des Kranken auf. Der Mond schien Helle, als sie sich auf den Heimweg durch die Waldschluchten und über das gebirgige Land, das sie von dem Schlosse schied, anschickte- Sie hielt dieß für eine Sache von geringer Bedeutung, in einem so ruhigen abgelegenen Lande, wo die Straße vornehmlich durch ihre eigenen Besitzungen ging, zumal da sie einen fünfzehnjährigen Burschen, den Sohn des Kranken, zur Begleitung hatte. Die Entfernung betrug etwas über eine Meile, konnte aber beträchtlich abgekürzt werden, wenn man durch eine zu dem Gut Moultrassie-Hall gehörende Einfahrt ging, welche sie auf dem Hinwege vermieden hatte, nicht wegen der lächerlichen Gerüchte, daß cs da spuke, sondern weil ihr Mann es sehr ungern sah, wenn die Wege vom Schlosse und von 135 Moultrasfie-Hall für die beiderseitigen Bewohner gemein gemacht wurden. Bei gegenwärtiger Gelegenheit jedoch beschloß die Lad- sich derselben zu bedienen, um ihren Heimweg abzukürzen ; sie schlug ihn also ein. Allein als der Bauernknabe, ihr Begleiter, der ihr fröhlich pfeifend, mit einer Zaunsichel in der Hand, den Hut auf eine Seite gerückt, dis hieher gefolgt war, sah, daß sie sich nach der Steige, die in den Dobby's- Gang führte, wendete, verrieth er große Furcht und kam endlich an ihre Seite mit kläglicher Bitte: »Gehet ja nicht dorthin, gehet ja nicht dorthin, gnädige Frau!" Ladp Peveril sah, daß ihm die Zähne im Munde klapperten, und daß sein ganzes Wesen von großer Furcht erschüttert war; da besann sie sich auf die Sage, daß der erste Edelmann von Moultrassie, der erwähnte Brauer von Chesterfield, der das Gut gekauft hatte, und dann, bei Mangel an Beschäftigung , an Melancholie und nicht ohne Verdacht des Selbstmords, gestorben war, auf diesem verlassenen Fahrwege mit einem großen Bullenbeißer ohne Kopf umgehe, welcher früher ein besonderer Liebling deö Brauers gewesen. In dem Zustande, worein die abergläubische Furcht den Knaben versetzt hatte, von seiner Begleitung einen Schutz zu erwarten, würde in der That ein hoffnungsloses Vertrauen gewesen sein; und Lady Peveril, welche gar keine Gefahr befürchtete, hielt es für große Grausamkeit, wenn fie den feigen Burschen auf einen Weg mitgenommen hätte, der in ihm solches Entsetzen erregte. Sie gab ihm daher ein Silberstück und entließ ihn. Lächelnd über die ihr so drollig dünkende Furcht, bestieg fie die Steige, und wurde bald dem Hellen Mondlicht durch die zahlreichen und verflochtenen Zweige riesiger Ulmen entzogen, welche die alte Auffahrt ganz überwölbten. Dieser Anblick war wohl geeignet, feierliche Gedanken zu erregen; und der 136 Schimmer eines Lichtes von einem der vielen Fenster an der Vorderseite von Moultrasfie-Hall, welches in einiger Entfernung lag, konnte sie selbst schwermüthig machen. Sie dachte an das Schicksal der Familie — der verstorbenen Frau Brid- genorth, mit welcher sie oft aus derselben Auffahrt gegangen war, und welche (obgleich keine Frau von hohen Talenten oder Fähigkeiten) ihr stets die tiefste Ehrerbietung und die eifrigste Dankbarkeit für die ihr bewiesene Aufmerksamkeit zu erkennen gab. Sic gedachte ihrer verblühten Hoffnungen — ihres frühzeitigen Todes — der Verzweiflung ihres allen Umgang fliehenden Gatten — des ungewissen Schicksals ihres verwaisten Kindes, für welches sie, selbst in dieser Entfernung der Zeit, eine Regung mütterlicher Zärtlichkeit in sich fühlte. Solche traurige Gegenstände hatte sie sich vergegenwärtigt, als, gerade da sie die Mitte der Auffahrt erreichte, das unvollkommene, unterbrochene Mondlicht, welches auf den Hauptweg des Waldes fiel, sie die Umrisse einer Menschengestalt erblicken ließ. Sie hielt einen Augenblick still, ging aber darauf sogleich weiter; — das Herz klopfte ihr vielleicht einmal, als eine Schuld des Aberglaubens jener Zeiten; aber sie unterdrückte alsbald den Gedanken an übernatürliche Erscheinungen. Von bloßen Sterblichen hatte sie nichts zu fürchten. Ein Wilddieb war das Schlimmste, auf was sie wahrscheinlich stoßen konnte; und sicherlich würde er sich ihren Blicken zu entziehen gesucht haben. — Sie setzte daher ihren Weg standhaft fort und bemerkte zu ihrer Beruhigung, daß die Gestalt, wie sie erwartete, ihr Platz machte und unter die Bäume links an der Auffahrt schlüpfte. Als sie an die Stelle kam, an welcher die Gestalt vor Kurzem sichtbar war, und bei sich bedachte, daß dieselbe in ihrer Nähe sein könnte, ja müßte, konnte sie trotz ihrer Entschlossenheit doch nicht umhin, ihre 137 Schritte zu beschleunigen, und dicß geschah mit, so wenig Vorsicht, daß sie über einen durch einen Sturm abgebrochenen Baumast, der noch auf dem Fahrwege lag, stolpernd, binfiel und bei'm Falten laut aufschrie. Einen Augenblick darauf wurde ihre Furcht durch eine starke Hand, welche ihr aufhalf, vermehrt; und eine, ihr nicht fremde, doch lange nicht gehörte Stimme rief: „Seid Ihr es, Lady Peveril?" „Ja, ich din's," sagte sie, ihre Furcht und ihr Erstaunen niederkämpfend; „und, täuscht mich mein Ohr nicht, so spreche ich mit Herrn Bridgenorth." „Ich war dieser Mann," antwortete er, „so lange Unterdrückung mir einen Namen ließ." Er sprach nichts mehr, sondern ging einige Minuten stillschweigend neben ihr weiter fort- Sie fühlte ihre beunruhigende Lage; und sowohl um sich von diesem Gefühl zu befreien, als aus wirklichem Antheil fragte sie ihn: „Was macht meine Pathe Alerie?" „DaS Kind," antwortete Bridgenorth, „welches Euch, gnädige Frau, seine Rettung von Krankheit und Tode verdankt, ist ein gesundes und munteres Mädchen, wie ich von denen erfahre, welchen ich es in die Pflege gegeben; denn in neuerer Zeit Hab' ich cs nicht gesehen. Es ist eben die Erinnerung jener Zeiten, welche mich, überdieß durch Euren Fall beunruhigt, gewissermaßen antrieb, mich Euch zu dieser Zeit und auf diese Art zu erkennen zu geben, was in andern Rücksichten keineswegs mit meiner gegenwärtigen Sicherheit verträglich ist." „Mit Eurer Sicherheit, Herr Bridgenorth?" sagte Lady Peveril; „wahrhaftig, nie hätt' ich glauben können, daß diese in Gefahr wäre." „So müßt Ihr denn noch einige Neuigkeiten erfahren, 138 gnädige Frau," erwiederte Bridgenorth; „aber morgen werdet Ihr die Gründe hören, warum ich nicht wage, öffentlich in der Nachbarschaft meiner eigenen Besitzungen zu erscheinen, und warum cs unbesonnen wäre, die Kenntniß meines gegenwärtigen Aufenthalts irgend Jemand zu vertrauen, der mit dem Schloß Martindale in Verbindung steht." „Herr Bridgenorth," sagte die Lady, „Ihr wäret in früheren Zeiten ein kluger und behutsamer Mann, — ich hoffe, Ihr seid nicht durch eine unbesonnene Leidenschaft — durch einen raschen Entwurf verführt, — ich hoffe —" „Verzeiht, gnädige Frau, daß ich Euch unterbreche," sagte Bridgenorth. „Ich habe mich in der That verändert; ja, mein Herz selbst in mir hat sich verändert. In den Zeiten, welche Ihr zu berühren für gut fandet, war ich ein Mann von dieser Welt, widmete ihr alle meine Gedanken, alle meine Handlungen, achtete wenig, was die Pflicht eines Christen sei, und wie weit sich seine Selbstverläugnung erstrecken müsse, selbst Alles hinzugeben, als wenn er nichts gäbe. Daher dacht' ich hauptsächlich an fleischliche Dinge — an den Zuwachs von Feld zu Feld, von Vermögen zu Vermögen — an das Gleichgewicht zwischen Partei und Partei, an die Art, mir einen Freund hier zu versichern, ohne einen Freund dort zu verlieren. — Aber der Himmel schlug mich für meine Abtrünnigkeit, um so mehr, weil ich den Namen der Religion als ein selbstsüchtiger und höchst verblendeter, seinen eigenen Willen verehrender Mensch mißbrauchte. Aber ich danke Ihm, der mich am Ende aus Aegypten gebracht hat." Nach dem Geist der damaligen Zeit wurden solche Meinungen, wie Bridgenorth auödrückte, als herrschende Triebfedern menschlicher Handlungen offen bekannt, und Lady Pcveril war daher mehr bekümmert, als befremdet, den Major eine 139 solche Sprache führen zu hören, und schloß nicht ohne Gründe, daß die Gesellschaft und die Umstände, worin er zuletzt gelebt haben mochte, den Funken von Schwärmerei, der immer in seinem Busen glimmte, zur Flamme angeblasen hätten. Dieß war um so wahrscheinlicher, da er von Natur schwermüthig war; da er in verschiedenen Vorfällen seines Lebens unglücklich gewesen, — und da keine Leidenschaft leichter durch Grübeln genährt wird, als die, von der er jetzt die Merkmale zeigte. Sie antwortete ihm daher mit der ruhigen Hoffnung, „daß die Aeußerung seiner Gesinnungen ihn doch nicht in Verdacht oder Gefahr gebracht haben werde?" »In Verdacht, gnädige Frau?" antwortete er; „denn ich kann mich nicht enthalten, — so stark ist die Gewohnheit, — Euch diese eitel» Titel zu geben, mit denen wir arme Scherben in unserm Hochmuth gewohnt sind einander zu benennen. — Ich wandle nicht nur im Verdacht, sondern auch in dem Grade von Gefahr, daß, wenn Euer Gemahl mich in diesem Augenblick träfe, — mich, einen eingebornen Engländer, auf seinem eignen Grund und Boden einhergehend — ich nicht zweifle, er würde sein Mögliches thun, mich dem Moloch des römischen Aberglaubens zu opfern, welcher jetzt nach Schlacht- opfern unter Gottes Volk auswärts umhertobt." »Ihr setzt mich durch Eure Sprache in Erstaunen, Major Bridgenorth," sagte die Lady, welche nun mit einiger Aengst- lichkeit von seiner Gesellschaft befreit zu werden wünschte, und daher absichtlich schneller ging. Er aber verdoppelte seinen Schritt und hielt sich dicht an ihrer Seite. „Wißt Ihr nicht," sagte er, „daß Satan mit großem Grimm auf Erden gekommen ist, weil seine Zeit nur kurz währt? Der Nächste zur Krone ist ein erklärter Papist; und wer wagt zu behaupten, daß der, welcher sie trägt, nicht gleichfalls bereit 140 ist, sich vor Rom zu beugen, würde er nicht durch einige edle Geister im Unterhause in Scheu gehalten? Ihr glaubt dieß nicht — doch auf meinen einsamen und mitternächtlichen Wanderungen, als ich an Eure Güte gegen die Tobten und Lebenden dachte, war es mein Gebet, daß mir die Mittel möchten verlieben werden, Euch zu warnen. Und siehe! der Himmel hat mich erhört." „Major Bridgenorth," sagte Lady Peveril, „Ihr pflegtet in diesen Gesinnungen gemäßigt zu sein — vergleichungöweise gemäßigt wenigstens, und Eure eigne Religion zu lieben, ohne die der Andern zu Haffen." „Was ich in der Galle der Bitterkeit und in den Banden der Ungerechtigkeit war, verdient nicht wieder erwähnt zu werden," gab er zur Antwort. „Ich glich damals dem Gallio, der sich um diese Dinge nichts kümmerte- Ich hing an weltlicher Ehre und Achtung — meine Gedanken waren irdisch — oder die, welche ich gen Himmel richtete, waren kalte, formelle, pharisäische Betrachtungen — ich brachte nichts zum Altar, als Stroh und Stoppeln. Der Himmel fand es nöthig, mich zu züchtigen in Liebe — ich wurde von Allem entblößt, was mich an die Erde kettete — meine weltliche Ehre ward von mir gerissen — ich ging hervor als ein Verwiesener aus dem Hause meiner Väter, ein beraubter und verlassener Mann — ein verspotteter, und geschlagener, und entehrter. Aber wer wird die Wege der Vorsehung ausforschen? So waren die Mittel, durch welche ich zum Kämpfer für die Wahrheit erwählt wurde, der lein Leben für nichts hält, wenn sie dadurch kann befördert werden. Doch dieß war es nicht, wovon ich zu sprechen wünschte. Du hast das irdische Leben meines Kindes gerettet — laß mich die ewige Wohlfahrt des deinigen retten." Lady Peveril schwieg. Sie naheten nun dem Punkte, wo die Auffahrt in einem Ausweg auf eine öffentliche Straße, oder vielmehr einen Fußweg endigte, der durch ein unge- zäuntes, gemeinsames Feld führte; diesen Weg hatte Lady Peveril in geringer Weite zu verfolgen, bis eine Wendung des Pfades sie in den Park von Martindale brachte. Sie fühlte nun wirklich Bcsorgniß, im offenen Mondscheine zu gehen, und vermied, dem Major zu antworten, damit sie desto schneller fortkäme. Als sie aber die Verbindung der Auffahrt und der gemeinen Straße erreichten, legte er seine Hand an ihren Arm, und hieß sie, mehr befehlend, als bittend, stillhalten. Sie gehorchte. Er wies auf eine gewaltige Eiche vom größten Umfange, welche aus der Spitze eines Hügels auf dem freien Boden wuchs, der die Einfahrt begränzte, und gerade so stand, daß sie zu einem Zielpunkt der Aussicht diente. Der Mond schien außerhalb der Auffahrt so hell, daß unter der Fluth des Lichts, welches er auf den ehrwürdigen Baum ergoß, sic aus den zerstreuten Zweigen auf der einen Seite leicht entdecken konnten , daß er vom Blitze beschädigt worden war. „Erinnert Ihr Euch," sagte er, „wann wir zuletzt mit einander diesen Baum betrachteten? Ich war von London geritten gekommen, und brachte von der Comitee einen Schutzbrief für Euren Mann mit, und als ich die Stelle vorbeikam — hier an dieser Stelle, wo wir jetzt stehen, standet Ihr mit meiner verlornen Alcrie — hüpften zwei, die letzten zwei meiner geliebten Kinder vor Euch her. Ich sprang von meinem Pferde — zu ihr, ich war ein Ehegatte — zu diesen, als Vater — zu Euch, als willkommener und verehrter Beschützer — was bi» ich nunmehr diesen Allen?" Er drückte seine Hand an die Stirne, und seufzte tief aus der beklommenen Brust. 142 Es lag nicht in dem Wesen der Lady, Klagen der Be- trübniß zu hören, ohne einen tröstenden Zuspruch zu versuchen. „Herr Bridgenorth," sagte sie, „ich tadle keines Menschen Glauben, weil ich meinen eigenen habe und befolge; und es freut mich, daß Ihr in dem Eurigen Trost für zeitliche Bedrängnisse gesucht habt. Aber lehrt uns nicht jeder christliche Glaube gleichfalls, daß Leiden unser Herz erweichen oder mildern soll?" „Ja," sagte Bridgenorth ernsthaft, „wie der Blitz, welcher jene Eiche zerschmetterte, ihren Stamm erweicht hat. Nein; das versengte Holz ist desto brauchbarer für den Handwerker — das verhärtete und vertrocknete Herz ist dasjenige, welches die Last dieser unseligen Zeiten am besten tragen kann. Gott und der Mensch wollen nicht länger die ungezügelte Verdorbenheit des Ausschweifenden — den Spott des Unheiligcn — die Verachtung des göttlichen Gesetzes — die Verletzung der Menschenrechte erdulden. Die Zeiten verlangen Richter und Rächer, und es wird kein Mangel an denselben sein." „Ich läugne nicht das Dasein vieles Bösen," sagte die Lady, die sich selbst zur Antwort zwang, und zugleich weiter zu gehen anfing, „und vom Sagenhören, wiewohl, dem Himmel sei es gedankt, nicht aus Erfahrung, bin ich von der wilden Schwelgerei der Zeiten überzeugt. Aber laßt uns hoffen, dem Uebel möge gesteuert werden ohne solche gewaltsame Mittel, als Ihr andeutet. Gewiß wäre ein zweiter Bürgerkrieg — ob ich gleich nicht glaube, daß Eure Gedanken auf diese furchtbare Entfernung hinausgehen — auf'S Höchste eine Wahl der Verzweiflung." „Scharf, aber sicher," erwiederte Bridgenorth: „Das Blut des Osterlamms vertrieb den Würgengel; die auf der Dresch- 143 tenne von Araunah dargebrachten Opfer thaten der Pest Einhalt. Feuer und Schwert sind strenge Mittel, aber sie reinigen und läutern." „Ach! Major Bridgenorth," rief Lady Pevcril aus, „könnt Ihr, so weise und gemäßigt in Eurer Jugend, in Euren höher» Jahren die Gedanken und Sprache Derer angenommen haben, welche Ihr selbst sich und die Nation an den Rand des Verderbens habt bringen sehen?" „Ich weiß nicht, was ich damals war, — Ihr wißt nicht, was ich jetzt bin," erwiederte er, und brach plötzlich ab; denn sie kamen eben in das offene Mondlicht, und es schien, als wenn er, da er sich nun unter den Augen der Lady sah, geneigt wäre, Ton und Sprache zu mildern. Sowie sie fein Aeußeres deutlicher betrachten konnte, bemerkte sie, daß er mit einem kurzen Schwert, einem Dolch, und mit Pistolen in seinem Gurt bewaffnet war; eine sehr ungewöhnliche Vorsicht bei einem Manne, der ehemals selten und nur an feierlichen Tagen einen Degen trug. Es schien auch eine mehr als gewöhnlich ernste Bestimmtheit in seiner Miene zu liegen, welche freilich stets mehr verdrießlich, als freundlich gewesen war; und ehe sie ihre Gedanken unterdrücken konnte, brach sie in die Worte aus: „Herr Bridgenorth, Ihr habt Euch in der Thal verändert." „Ihr seht nur den äußerlichen Menschen," erwiederte er, „die innerliche Veränderung ist noch tiefer. Aber nicht von mir selbst wollte ich sprechen — ich habe schon gesagt, daß, so wie Ihr mein Kind von der Finsterniß des Grabes errettet habt, ich so gern das Eurige vor der auffallendern Finsterniß bewahren wollte, welche, wie ich fürchte, den Pfad und die Wege seines Vaters eingehüllt hat." „Ich brauche dieß von meinem Manne nicht zu hören," sagte Lady Peveril; „für jetzt muß ich von Euch Abschied nehmen, und wenn wir wieder zu einer schicklicher» Zeit zu« sammenkommen, will ich wenigstens Euren Rath in Betreff Julian's anhören, wenn ich denselben auch vielleicht nicht an- nchmen sollte." „Diese passendere Zeit kann nie kommen," erwiederte Brid- genorth. „Die Zeit verschwindet, die Ewigkeit rückt näher. Hört! Man sagt, es sei Euer Vorsatz, den jungen Julian auf jene blutige Insel zur Erziehung unter den Händen Eurer Verwandtin zu schicke», jener grausamen Mörderin, durch welche ein Mann zum Tode gebracht wurde, der des Lebens würdiger war, als irgend Einer, dessen sie sich unter ihren gepriesenen Ahnen rühmen kann- Dieß sind laufende Gerüchte; find sie wahr?" „Ich mache Euch keine Vorwürfe darüber, Herr Brid- gcnorth, daß Ihr über meine Base von Derby so hart ur- theilt," sagte Lady Peveril; „auch will ich die rasche Thal, deren sie sich schuldig machte, ganz und gar nicht in Schutz nehmen. Nichtsdestoweniger ist es meines Mannes und meine eigene Meinung, daß Julian in ihrer Wohnung in den Studien und Geschicklichkeiten, die seinem Range gebühren, zugleich mit dem jungen Grafen Derby unterwiesen und gebildet werden möge." „Unter dem Fluche Gottes, und dem Segen des Pabstes von Rom," sagte Bridgenorth. „Ihr, gnädige Frau, so scharfsichtig in Dingen irdischer Klugheit, seid so blind gegen den Riesenschritt, mit welchem sich Rom bewegt, dieses Land wieder zu gewinnen, einst den reichsten Edelstein in seiner angemaßten Tiara? Die Alten werden durch Gold verführt — die Jugend wird es durch Vergnügen — der Schwache durch Schmeichelei — der Feige durch Furcht — und der Muthige durch Ehrgeiz. Tausend Lockungen für jeden Geschmack, und jede Lockspeise verbirgt denselben tödtlichen Haken." „Ich weiß wohl, Herr Bridgcnorth," sagte die Lady, „daß meine Verwandtin katholisch ist; aber ihr Sohn wird in den Grundsätzen der englischen Kirche, nach der Verordnung ihres verblichenen Mannes, erzogen." „JstZes wahrscheinlich," antwortete Bridgenorth, „daß sic, welche sich nicht scheut, das Blut des Rechtschaffenen zu vergießen, es sei auf dem Felde oder auf dem Schaffst, die Heiligkeit «ihres Versprechens achten werde, wenn ihre Religion sieldafselbe brechen heißt? Oder, wenn sie es thut, was wird Euer Sohn gewinnen, wenn er in dem Schlamm seines Vaters bleibt? Was sind Eure bischöflichen Lehren anders, als lauter Pabstthum? außer, daß ihr einen weltlichen Tyrannen zu einem Pabst gewählt und eine verstümmelte Messe in englischer Sprache an die Stelle derjenigen gesetzt habt, welche Eure Vorfahren in lateinischer Sprache lasen. — Doch was rede ich von diesen Sachen zu einer Person, welche zwar Ohren und Augen hat, aber weder sehen, noch hören, noch verstehen kann, was allein werth ist, gesehen, gehört und erkannt zu werden? Schade, daß, was so schön und ausnehmend in Gestalt und Anlage gebildet ist, so blind, taub und unwissend sein sollte, gleich den Dingen, welche vergänglich find." „Wir werden über diese Gegenstände nicht eins werden, Herr Bridgenorth," sagte die Lady, welche immer noch dieser sonderbaren Unterredung zu entweichen wünschte, wiewohl sie kaum wußte, was zu fürchten wäre. „Noch einmal," rief sie, ich muß nun von Euch Abschied nehmen." „Bleibt noch einen Augenblick," sprach er, indem er seine Hand auf ihren Arm legte; „ich würde Euch aufhalten, wenn Peveril. 10 ich Euch am Rande eines wirklichen Abgrundes ausgleiten sähe; — laßt mich Euch von einer noch größer» Gefahr zu- rückhalten. Wie soll ich auf Euer ungläubiges Gemüth wirken? Soll ich Euch sagen, daß die Schuld des Blutvergießens noch eine Schuld bleibt, die von dem blutigen Hause von Derb- bezahlt werden muß? Und willst du deinen Sohn unter denen leben lassen, von welchen sie eingetrieben werden soll?« „Umsonst versucht Ihr mich zu beunruhigen, Herr Brid- genorth," antwortete die Lady; „welche Strafe von der Gräfin für eine That, die ich selbst schon eine rasche genannt habe, erhoben werden kann, ist seitdem lange erhoben." „Ihr täuscht Euch," antwortete er ernsthaft. „Glaubt Ihr, eine armselige Geldsumme, gegeben, um bei Schwelgereien Carls verschwendet zu werden, könne den Tod eines solchen Mannes, wie Christian, aussöhnen? eines Mannes, dem Himmel und der Erde gleich schätzbar? Nein, nicht unter solchen Bedingungen kann Blut des Rechtschaffenen vergossen werden. Jede Stunde Aufschub wird als vermehrender Zins zu der schweren Schuld hinzugezählt, welcher eines Tages von dem blutdürstigen Weide gefordert werden wird." In demselben Augenblicke hörte man den Hufschlag von Pferden auf der Straße. Bridgenorth horchte eine Minute, und sagte dann: „Vergeht Ihr, daß Ihr mich gesehen habt — nennt Ihr meinen Namen keiner von Euren nächsten oder thenersten Personen — verschließt meinen Rath in Eurer Brust — benutzt ihn, und es wird wohl mit Euch stehen." Mit diesen Worten wandte er sich von ihr ab, schlüpfte durch eine Spalte im Gehäge, und gewann Schutz in seinem eignen Gehölz, neben welchem der Pfad sich hinzog. Das Getöse der Pferde näherte sich in vollem Trott im- mer mehr, und Lady Peveril erblickte mehrere Reiter, deren Gestalten sich undeutlich über den emporsteigenden Boden hinter ihr erhoben. Sie ward ihnen auch sichtbar, und einige von den vordersten ritten schneller auf. sie zu, und riefen, als sie näher kamen, ihr zu: „Steht! Wer geht da? Der vorderste aber, welcher heraufkam, rief aus: „Der Himmel steh' uns bei, wenn es nicht meine gnädige Frau ist!" Und Lady Peveril erkannte in demselben Augenblick einen ihrer Dienstboten. Ihr Mann ritt sogleich drauf heran, und sagte: „Ha! wie geht's, meine Margrethe? Was machst du so weit vom Hause, und noch so spät?" Lady Peveril erwähnte ihren Besuch in der Bauerhütte, hielt eö aber nicht für nöthig, etwas davon zu sagen, daß sie Major Bridgenorth gesehen; vielleicht aus Furcht, dieser Vorfall möchte ihrem Manne nicht angenehm sein. „Menschenliebe ist eine gute und schöne Sache," antwortete der Ritter, „aber ich muß dir sagen, Frau, du thust unrecht, wie ein Quacksalber auf dem Lande umher zu wandern, um ein altes Weib, das einen Anfall von Kolik hat, zu besuchen, besonders um diese Zeit der Nacht, und wann das Land so unsicher ist." „Das hör' ich mit Bedauern," antwortete die Lady; „das ist mir ganz etwas Neues." „Neues?" erwiederte ihr Mann. „Ei, da ist ein neues Complot unter den Puritanern ausgebrochen, schlimmer als das von Venner, und von gewaltigem Umfange. Und wer steckt tiefer drin, als unser alter Nachbar Bridgenorth? Ihm wird überall nachgcforscht, und wenn er gefunden wird, ich betheure dir, er wird wahrscheinlich alte Schulden büßen müssen." 148 „Dann bin ich gewiß, er wird nicht gefunden werden," sagte Lady Peveril. „So meinst du?" crwiederte der Ritter. „Nun ich, für meine Person, hoffe, man wird ihn finden; und an mir soll's nicht liegen, wenn es nicht geschieht. Denn deßhalb reite ich jetzt nach Moultrasfie hinunter, und stelle strenge Nachsu- chung an, meiner Pflicht gemäß; kein Rebelle, noch Verrä- ther soll sich so nahe bei Martindale vergraben, daß ich mich seiner nicht bemächtigte. Und du, liebe Frau, behilf dich einmal mit einem Männersattel, und reite, wie du sonst ge- than, hinter Saunders her, der dich sicher nach Hause bringen wird." Sie gehorchte stillschweigend; allerdings getraute sie sich nicht, eine Antwort zu versuchen, so sehr war sie durch das, was sie eben gehört hatte, außer Fassung gesetzt. Nun ritt sie hinter dem Stallknecht nach dem Schloß, wo sie mit nicht geringer Unruhe die Zurückkunst ihres Mannes erwartete. Endlich kam er; aber, zu ihrer großen Beruhigung, ohne einen Gefangenen. Er erklärte sich jetzt umständlicher, als seine vorige Eile erlaubt hatte, daß ein Bote mit Nachrichten vom Hofe, über eine beabsichtigte Empörung unter den alten Patrioten, besonders denen, die in der Armee gedient hatten, in Chesterfield angekommen sei, und daß Brid- genorth, der in der Grafschaft Derby lauern solle, zu den Hauptverschwornen gehöre. Nach einiger Zeit schien dieß Gerücht von Verschwörung sich zu verlieren, wie so manche andre jener Periode. Die Verhaftübesehle wurden zurückgenommcn, aber vom Major Bridgenorth war nichts zu hören, noch zu sehen; ob es gleich wahrscheinlich ist, daß er sich eben so offen gezeigt haben mochte, als viele thaten, die sich unter denselben Umständen des Verdachts befanden. Um dieselbe Zeit nahm auch Lady Pevcril auf einige Zeit mit vielen Thränen Abschied von ihrem Sohn Julian, welcher, wie man lange vorhatte, abging, um eine gemeinschaftliche Erziehung mit dem jungen Grafen von Derby zu erhalten- Obgleich die warnenden Worte Bridgenorth's der Lady Pevcril bisweilen einfielen, so gab sie ihnen doch kein Gewicht gegen die Vortheile, welche der Schutz der Gräfin Derby ihrem Sohne versicherte. Der Plan schien in jeder Hinsicht von glücklichem Erfolg; und als Julian von Zeit zu Zeit das Haus seines Vaters besuchte, hatte Lady Pevcril die Befriedigung, ihn bei jeder Gelegenheit sowohl an seiner Person und in seinen Sitten vervollkommnet, als eifrig im Streben nach höheren Eigenschaften zu finden. Im Verlauf der Zeit ward er ein wackerer und talentvoller Jüngling, und reiste eine Zeit mit dem jungen Grafen auf das feste Land. -Dieß war um so nö- thiger/um ihre Weltkenntniß zu erweitern, weil die Gräfin seit ihrer Flucht auf die Insel Man im Jahre isso, nie in London oder an König Carls Hofe erschienen war, sondern abwechselnd auf ihren Gütern und auf dieser Insel gewohnt hatte- Dicß hatte der Erziehung beider Jünglinge, so vortrefflich übrigens, als sie die besten Lehren geben konnten, einen etwas beschränkten Charakter mitgetheilt; ob aber gleich des jungen Grafen natürliches Wesen leichter und flüchtiger, als das Julians war, so hatten doch beide in beträchtlichem Grade durch die dargebotenen Gelegenheiten gewonnen. Es war der Gräfin Derby strenger Befehl an ihren Sohn, der nun vom Festlande zurückkehrte, nicht am Hofe Carls zu erscheinen. 15 «) Da er aber schon seit einiger Zeit mündig geworden, glaubte er sich nicht schlechterdings an diesen Befehl gebunden, und war eine Zeillang in London geblieben, indem er an allen Lustbarkeiten des muntern Hofes daselbst, mit allem Feuer eines jungen Menschen Theil nahm, der in einer verhältniß- mäßigcn Abgeschiedenheit erzogen worden ist. Um die Gräfin mit dieser Uebertretung ihres Befehls wieder auszusöhnen (denn er unterhielt immer die tiefe Ehrerbietung gegen sie, in der er war erzogen worden), ließ sich Lord Derby gefallen, mit ihr einen langen Aufenthalt auf ihrer Lieblingsinsel zu nehmen, die er fast gänzlich ihrer Verwaltung überließ. Julian hatte auf dem Schloß Martindale einen guten Theil Zeit zugebracht, den sein Freund in London verlebt hatte, und in der Periode, zu welcher, über viele Jahre hinweg, unsre Geschichte gleichsam sprungweise gelangt ist, lebten Beide, als Gäste der Gräfin, auf dem Schlosse Rushin in dem ehrwürdigen Königreich Man. Elftes Kapitel. Die Insel Man war in der Mitte des siebcnzehnten Jahrhunderts als eine Residenz etwas sehr Verschiedenes von dem, was sie jetzt ist. Die Menschen hatten ihren Werth, als eines gelegentlichen Zufluchtsorts vor den Stürmen des Lebens, noch nicht entdeckt, und die da zu treffende Gesellschaft war auf die Eingebornen selbst, und einige vom Schleichhandel lebende Kaufleute beschränkt. Die Unterhandlungen 151 waren selten und einförmig, und der unbeständige junge Graf ward seiner Besitzungen bald herzlich satt. Julian stand an einem Gitterfenster des alten Schlosses; mit übereinander geschlagenen Armen und ernsten Gedanken überblickte er die weite Aussicht auf den Ocean, welcher seine einander folgenden Wellen an den Fuß des Felsens rollte, auf welchen das alte Fort gegründet ist. Der Graf litt unter der Pein der Langenweile — blickte bald in den Homer — bald pfiff — bald durchsuchte er das Zimmer — bis endlich seine Aufmerksamkeit sich in Bewunderung der Ruhe seines Gesellschafters verlor. »König der Männer!" rief er, indem er das Lieblingsbeiwort wiederholte, womit Homer den Agamemnon schildert. — „Wahrhaftig," sagte er, „zur Ehre der alten Griechen, er hatte einen fröhlicher» Beruf, als ein König von Man. Hochweiser Julian, will nichts Euch auswecken, selbst nicht ein schlechter Witz auf meine eigene Königswürde?" „Ich wünschte, Ihr wäret ein wenig mehr der König in Man," sagte Julian, indem er aus seiner Träumerei auffuhr, „dann würdet Ihr mehr Unterhaltung an Euren Besitzungen finden." „Was? diese königliche Semiramis, meine Mutter entthronen ?" sagte der junge Lord, „welche eben so viel Vergnügen daran hat, die Königin zu spielen, als wenn sie eine wirkliche Fürstin wäre? Ich wundere mich, wie Ihr mir einen solchen Rath geben könnt." „Eure Mutter, wie Ihr wohl wisset, lieber Derby, würde sich freuen, wenn Ihr einigen Antheil an den Angelegenheiten der Insel nähmet." „Ja, wahrlich, sie würde mir erlauben, König zu sein; aber sie würde lieber Vicekönigin über mir bleiben wollen, 152 — ja, sie würde bloß einen Unterthan mehr gewinnen, wenn ich meine übrige Zeit, die mir so schätzbar ist, auf die Sorgen des Königt-umS verwendete. Nein, nein, Julian, sie hält es für Macht, alle kleinen Angelegenheiten dieser armen Insulaner zu leiten; und indem sie dieß für Macht hält, findet sie Vergnügen daran. Ich werde mich nicht darein mischen, wofern sie nicht wieder einen hohen Gerichtshof hält- — Ich kann meinem Bruder, König Carl, keine andere Geldstrafe bezahlt verschaffen — doch ich vergesse — dieß ist ein schmerzhafter Punkt für Euch." „Für die Gräfin wenigstens," erwiederte Julian; „und mich wundert, wie Ihr davon sprechen könnt." „O, ich hege keinen Groll gegen das Andenken des armen Mannes, so wenig, als Ihr selbst, allein ich habe nicht dieselben Gründe, es in Ehren zu halten," sagte der Graf von Derby; „und doch habe ich auch einige Ehrfurcht für dasselbe — ich erinnere mich, wie man ihn hinaus zum Tode brachte — es war der erste Feiertag, den ich je in meinem Leben hatte, und ich wünsche herzlich, er wäre cs auf irgend einen andern Anlaß gewesen," „Lieber hört' ich Euch von etwas Anderm sprechen, lieber Graf," sagte Julian. „Ei, so geht's," antwortete der Graf; „sobald ich von Etwas rede, das Euren Muth aufregt, und Euer Blut erwärmt, welches so kalt fließt, wie bei einem Seemanne, — ei still! dann zwingt Ihr mich, von etwas Anderm zu sprechen. — Nun gut, wovon wollen wir reden? — O, Julian! hättet Ihr Euch nicht unter den Schlössern und Höhlen von Derby vergraben, so würden wir genug ergötzliche Sachen zu besprechen haben — die Schauspielhäuser, Julian — beide, des Königs und des Herzogs; Louis'S Anstalt ist ein Spaß da- 153 gegen; — und der Ring im Park, der den Corso zu Neapel übertrifft — und die Schönheiten, welche die ganze Welt besiegen." „Sehr gern höre ich Euch von solchen Gegenständen sprechen, lieber Graf," antwortete Julian; „je weniger ich selbst von der Lond'ner Welt gesehen habe, desto mehr wird mich wahrscheinlich Eure Schilderung unterhalten." „Ja, Julian; aber wo anfangen? Mit dem Witz Bucking- ham'S und Sedley's, und Etherege's, oder mit der Anmuth Harry Jermyn's — der Artigkeit des Herzogs von Monmouth, oder mit der Liebenswürdigkeit der Belle Hamilton, — der Herzogin von Richmond, der Lady —, der Rorelane, der muntern Laune der Mistreß Nelly." — „Aber was sagt Ihr zu den mächtigen Zaubereien der Lady Cynthia?" fragte sein Gesellschafter. „Wahrhaftig, ich würde sie für mich behalten, um Eurem klugen Beispiele zu folgen; aber da Ihr mich fragt, so gestehe ich offenherzig, ich weiß nichts davon zu sagen; ich denke zwanzigmal so oft an sic, als an alle Schönheiten, von denen ich sprach; und doch ist sie weder den zwanzigsten Theil so schön, als die einfachste dieser Hofschönheiten, noch so witzig, als die einfältigste, die ich genannt; noch so modisch — das ist die Hauptsache, — als die Unbekannteste. — Ich kann nicht sagen, was mich an ihr begeistert, außer daß sie so voll Launen ist, wie ihr ganzes Geschlecht zusammengenommen." „Ich dächte, das wäre keine große Empfehlung," erwiederte Julian. „Keine große, sagt Ihr, und nennt Euch selbst einen Angelbruder?" sagte der Graf. „Nun, was gefiele Euch am besten? einen ärmlichen Gründling zu fangen, den Ihr mit aller Gewalt an's Ufer zieht, wie die Leute hier ihre Fischer- boote, — oder einen muntern Salm, der Eure Angelruthe brechen und Eure Schnur pfeifen macht, Euch tausend verdrießliche Streiche spielt, Euer Herz mit Hoffnungen und Sorgen abmattet, und bloß bebend auf das Ufer gelegt wird, nachdem Ihr die beispielloseste Geschicklichkeit, Geduld und Gewandtheit bewiesen habt? Aber ich sehe, Ihr habt Lust, nach Eurer alten Weise angeln zu gehen. Fort mit dem gestickten Kleide, ein braunes Wams angezogen; — lebhafte Farben verscheuchen die Fische in den nüchternen Gewässern der Insel Man ; — wahrhaftig, in London werdet Ihr wenig fangen, wenn nicht der Köder ein wenig glänzt. — Aber Ihr gehet wirklich; wohl, auf gut Glück! Ich will mich an die Barke hakten; — die See und der Wind find weniger unbeständig, als zur Zeit der Fluth, da Ihr Euch cingeschifft habt." „Ihr habt in London alle diese zierlichen Sachen sagen gelernt, Graf?" sprach Julian; „aber wir werden einen Büßenden dafür an Euch haben, wenn Ladv Cpnthla meines Sinnes ist. Lebt wohl, und viel Vergnügen bis wir uns Wiedersehen." Die jungen Freunde schieden also von einander; und während der Graf fich auf seine Luftfahrt begab, legte Julian, wie sein Freund prophezeiht hatte, die Tracht einer Person an, die fich mit Angeln vergnügen will- Der Hut und die Feder wurden gegen eine graue Tuchmütze vertauscht; der rein gestickte Mantel und das Wams gegen eine schlichte Jacke von gleicher Farbe mit gleichen Beinkleidern; und endlich mit der Ruthe in der Hand und mit einem Korbe auf dem Rücken, auf einem hübschen Maner Klepper fitzend, ritt der junge Pe- veril munter über die Gegend, welche ihn von einem der schönen Ströme trennte, die von den Kirk-Merlagh-Bergen in die See herabfließen. 155 Nachdem Julian den Punkt erreicht hatte, wo er seinen ländlichen Zeitvertreib beginnen wollte, ließ er sein kleines Pferd grasen, welches, schon daran gewöhnt, ihm wie ein Hund folgte, und dann und wann, wenn es des Weidens in dem kleinen Thale, durch das der Strom sich wand, müde war, an seines Herrn Seite kam, und, als hätte es wirkliche Freude an dieser Kunst, nach den Forellen hinsah, die, sich sträubend, von Julian an's Ufer gebracht wurden. Er wählte mit eines Anglers Auge die das Meiste versprechenden Würfe, wo der Strom funkelnd über einem Stein sich brach, und einer Forelle den gewohnten Schutz gewährte; oder wo er nach einem wallenden lebhaften Laufe stiller ward und unter das vorragende User floß, oder von dem Sturze eines niedrigen Wasserfalls hinwegrauschte. Durch diese kluge Wahl der Stellen, wo seine Kunst anzuwenden war, ward des Anglers Korb bald schwer genug, um zu zeigen, daß seine Beschäftigung nicht bloßer Vorwand wäre; und sobald dies der Fall war, wandelte er munter in das Thal und machte nur von Zeit zu Zeit einen Wurf, wenn er sich von einer nahen Anhöhe beobachtet glaubte. Es war ein kleines grünes und felsiges Thal, durch welches der Bach einsam irrte, obgleich der schwache Strich eines wenig betretenen Weges zeigte, daß es gelegentlich durchkreuzt worden, und nicht ganz an Bewohnern leer war. Als Julian Peveril noch weiter ging, reichte das rechte Ufer bis zu einiger Entfernung von dem Strome, und verließ ein Stück Wiesengrund, dessen niederer Theil dicht am Bache reich mit Gras bedeckt war, indem jener wahrscheinlich durch dessen lieber- strömen befeuchtet wurde. Der höhere Theil des ebenen Bodens gewährte einen Platz für ein altes Haus von eigener Bauart, mit einer Gartenterrasse und einigen angebaueten 156 Feldern daneben. In vorigen Zeiten hatte eine dänische oder norwegische Festung, Namens Blackfort, hier gestanden, von der Farbe eines großen, waldigen Berges so genannt, welcher, da er hinter dem Gebäude sich erhob, die Gränze des Thals zu sein und dem Bach seine Quelle zu gewähren schien. Aber der ursprüngliche Bau war lange zerstört, da er freilich nur aus Ziegelsteinen bestand, und seine Materialien waren zur Errichtung des gegenwärtigen Wohngebäudes verwendet worden — des Werks eines Geistlichen im sechzehnten Jahrhundert, wie sich aus dem Ungeheuern Mauerwerk seiner Fenster ergab, welche dem Licht kaum einen Durchgang »erstatteten, wie auch aus einigen Pfeilern, welche von der Fronte des Hauses vorragten, und an ihren Borderseiten kleine Nischen für Bilder dardoten. Diese waren sorgfältig zerstört und Blumentöpfe an ihre Stelle gesetzt worden; außerdem waren sie durch Pflanzen manchfacher Art, die sich anmuthig um sie herum schlangen, ausgeschmückt. Der Garten war auch in guter Ordnung; und obgleich der Platz äußerst einsam lag, so fand sich doch da ein Ausdruck von Behaglichkeit, Bequemlichkeit und selbst von Geschmack, wie er keineswegs die Wohnungen auf der Insel zu jener Zeit allgemein auözuzeichnen pflegte. Mit vieler Vorsicht näherte sich Julian dem niedrigen go- thischen Portal, welches den Eingang des Hauses vor den seiner Lage drohenden Stürmen schützte, und, gleich den Pfeilern, mit Epheu und andern sich anschmiegenden Pflanzen bedeckt war. Ein eiserner Ring, so eingerichtet, um durch Auf- und Niederziehen gegen den Riegel von gekerbtem Eisen, in welchem er hing, zu raffeln, diente als ein Klopfer; und von diesem machte er, jedoch mit größter Behutsamkeit, Gebrauch. 157 Eine Zeitlang erhielt er keine Antwort; und es schien wirklich, als wenn das Haus ganz unbewohnt wäre, bis endlich seine Ungeduld die Oberhand gewann, er die Thüre zu öffnen versuchte, und, da sie bloß zugeklinkt war, dieß sehr leicht vollzog. Er ging durch eine kleine, niedrig gewölbte Halle, deren oberes Ende eine Treppe einnahm, und öffnete zur Linken die Thüre eines Sommerzimmers, das mit schwarzem Eichenholz getäfelt, und sehr einfach mit Stühlen und Tischen von demselben Stoff versehen war; die erstern waren mit Ledcrkiffen bedeckt. Das Zimmer war dunkel, da eins jener mit steinernen Pfeilern besetzten Fenster, die wir erwähnten, mit seinen kleinen vergitterten Scheibe» und seinem dicken Laubgewinde, nur ein unvollkommenes Licht einlicß. Ueber dem Kaminsims befand sich die einzige Zierde der Stube, nämlich ein Gemälde, das einen Officier in der militärischen Tracht der bürgerlichen Kriege vorstellte; — das kurze, am Küraß herabhängende Band, die pomeranzengelbe Schärpe, aber vor Allem das kurz geschnittene Haar, zeigten deutlich, zu welcher der großen Parteien er gehört hatte. Seine rechte Hand ruhte auf dem Gefäß seines Schwerts, und in der linken Hand hielt er eine kleine Bibel, mit der Aufschrift: In Iroe 8ignn. Die Gesichtsfarbe hatte etwas Oli- venartiges, bei tief liegenden schwarzen Augen, und einer ovalen Gestalt des Kopfes; cs war eine jener Physiognomien, welche, wiewohl übrigens nicht unangenehm, natürliche Schwermut- und Unglück auszudrücken scheinen. Dieses Bild war, dem Anschein nach, Julian wohl bekannt; denn, nachdem er es lange betrachtet hatte, konnte er sich nicht enthalten, laut vor sich auszurusen: „Was wollt' ich darum geben, wann dieser Mann nie geboren worden wäre, oder wann er noch lebte !" „Ei, ei! wer ist das?" rief eine Frauengestalt, die eben hcreintrat, als er so sprach. „Ihr hier, Junker Peveril, trotz aller Warnungen, die Euch gegeben wurden — Ihr hier, mitten im Hause der Leute, während sie ausgegangen sind, und im Gespräch mit Euch selbst, wie ich höre?" „Ja, Debora," sagte Julian, „ich bin wieder hier, wie Ihr seht, gegen alle Verbote und trotz aller Gefahr. Wo ist Alerie?" „Wo Ihr sie nie sehen werdet, Junker, Ihr könnt Euch selbst davon überzeugen;" antwortete die Wärterin, und setzte sich zu gleicher Zeit auf einen der großen Lederstühle, fächelte sich mit dem Schnupftuche, und beklagte sich über die Hitze, ganz im Ton einer vornehmen Dame. In der That war Debora, während ihr Aeußeres eine bedeutende Verbesserung ihrer Umstände verrieth, und ihr Ansehen die weniger günstigen Wirkungen der zwanzig Jahre, die über ihrem Haupte hinweggegangen waren, erkennen ließ, — an Charakter und an Sitten noch sehr dieselbe, die sie gewesen war, als sie Ellesmere's Meinungen auf dem Schloß Martindale bestritt. Mit einem Wort, sie war eigensinnig, hartnäckig und gefallsüchtig, wie je, übrigens nicht übelwollend. Sie erschien gegenwärtig in der Tracht einer Frau von höherem Stande. Aus dem einfachen Schnitt ihres Kleides, und aus der Gleichheit seiner Farben erhellte, daß sie zu einer Secte gehörte, welche übertriebenen Putz verwarf. Julian mußte sich ihr langweiliges und seltsames Benehmen gefallen lassen, und mit Geduld warten, bis sie sich her- ausgcputzt, ihr Kopfzeug vor- und rückwärts gezogen, an ein kleines Riechfläschchen gerochen, die Augen, wie ein sterbender Vogel, geschloffen, und, wie eine Ente bei Gewittern, empor- 159 gerichtet hatte; und nachdem sie endlich ihre Zierereien erschöpft hatte, geruhte sic, die Unterredung zu eröffnen. »Diese Gänge werden noch mein Tod sein," sagte sie; „und Alles um Euretwillen, Junker; denn wenn Frau Christian erfahren sollte, daß Ihr ihre Nichte zu besuchen beliebt, so versichere ich Euch, Alerie würde bald genöthigt sein, ein anderes Quartier zu suchen, und so ich auch." „Nur ruhig und wohlgemuth, Debora," sagte Julian. „Bedenket nur, rührt nicht diese unsre ganze Vertraulichkeit von Euch her? Entdecktet Ihr Euch mir nicht selbst das erste Mal, als ich mit meiner Angelruthe über dies Thal wandelte, und sagtet mir, daß Ihr meine ehemalige Wärterin wäret, und daß Alerie meine kleine Gespielin gewesen? Und was konnte natürlicher sein, als daß ich wieder kam und zwei so angenehme Personen so oft, als ich konnte, zu sehen suchte?" „Ja," sagte Debora; „aber ich hieß Euch nicht Euch in uns verlieben, oder so Etwas, wie Heirath, entweder Alerien oder mir antragen." „Nein, Euch Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, Debora, das thatet Ihr nicht," antwortete der Jüngling. „Allein, was thut das? So Etwas entsteht unerwartet. Ich bin gewiß, Ihr müßt solche Anträge fünfzig Mal gehört haben, da Ihr sie am wenigsten erwartetet." „Pfui, pfui, pfui, Junker," sprach die Wärterin; „Ihr müßt wissen, ich habe mich immer so betragen, daß der Beste im Lande gern zwei Mal kam; und ich habe sehr wohl bedacht, sowohl was er sagen wollte, als wie er es zu sagen im Begriff war, ehe er mit solchen Anträgen bei mir herausrückte." „Allerdings, Debora," antwortete Julian; „aber nicht Jeder Mann hat Eure Ueberlegung. Zudem ist Alerie Bridge- north ein Kind, nur ein Kind; und so fragt Einer wohl immer ein kleines Mädchen, ob es nicht seine kleine Frau sein wolle, wie Ihr wißt. Wohlan, ich weiß, Ihr vergebt mir. Ihr wäret stets so gutmüthig und freundlich, und wißt, Ihr habt zwanzig Mal gesagt, wir wären für einander geschaffen." „O nein, Junker Julian; nein, nein!" rief Debora; „ich kann freilich gesagt haben, daß Eure Besitzungen gemacht wären, vereinigt zu werden; und, gewiß, cs ist natürlich bei mir, daß ich, vom alten Stamme der Pächterschaft, auf den Besitzungen Peveril's vom Gipfel entsprossen, den Wunsch hege, es möchte Alles wieder in demselben Kreise umschlossen sein; welches sicher genug geschehen würde, wenn Ihr Alerie Bridgenorth heirathetet. Aber da ist der Ritter Euer Vater, und die gnädige Frau Eure Mutter, und dann ist der Vater des Mädchens halb verwirrt in seiner Religion; und Aleriens Tante, welche ewig schwarz geht, um des unglücklichen Obersten Christian willen; und da ist die Gräfin Derby, welche uns allen es gleich entgelten lassen würde, wenn wir Etwas angäben, das ihr mißfiele. Und über dicß Alles habt Ihr Euer Wort mit der Alerie gebrochen, und Alles ist zwischen Euch vorüber; und ich bin der Meinung, es sei ganz recht, daß Alles vorüber ist; und vielleicht kann es sein, junger Herr, daß ich seit langer Zeit so gedacht habe, ehe ein Kind, wie Alerie, mir in den Kopf gekommen ist; aber ich bin zu gutmüthig." Keine Schmeichelei spart ein Liebhaber, der seinen Zweck zu erreichen wünscht. „Ihr seid die beste, gutmütigste Seele in der Welt, Debora; aber Ihr habt noch nicht den Ring gesehen, den ich für Euch in Paris gekauft habe. Ja, ich will ihn selbst an Euren Finger stecken; — ich, Euer Pflegesohn, den Ihr so liebtet und so sorgfältig pflegtet!" Leicht gelang cs ihm, mit scheinbar fröhlicher Galanterie einen hübschen goldenen Ring an Debora's fetten Finger zu stecken. Diese drehte den Ring rund herum, und wieder herum, und flüsterte endlich: »Gut, Junker, cs hilft nichts, wenn man einem solchen jungen Edelmann, wie Ihr seid, Etwas verläugnet — denn junge Edcllcute sind immer so hartnäckig — und so kann ich Euch eben so gut sagen, daß Alerie mit mir von Kirk-Truagh eben jetzt zurückkehrte, und zu gleicher Zeit mit mir in das Haus kam." „Warum sagtet Ihr mir das nicht zuvor?" sagte Julian auffahrend; „wo ist sie? wo ist sie?" „Ihr solltet mich eher fragen, warum ich es Euch jetzt sage, junger Herr," cntgegnete Debora; „denn, ich detheure Euch, cs ist gegen ihren ausdrücklichen Befehl; und ich würde es Euch nicht gesagt haben, wenn Ihr nicht so kläglich ausgesehen hättet. Was aber den Wunsch anbetrifft, sie zu sehen, so muß ich Euch sagen : sie will nicht, und sie ist in ihrem Schlafzimmer, mit einer guten eichenen Thüre verschlossen und verriegelt; das ist ihr Trost. Und sollte ich von meiner Seite das Vertrauen verletzen (das kleine trotzige Mädchen nennt es selbst so), das ist ganz unmöglich." „Sprecht nicht so, Debora; geht nur, versucht es nur; sagt, sie soll mich anhörcn; sagt, ich hätte hundert Entschuldigungen, ihren Befehlen nicht zu gehorchen; sagt, ich zweifelte nicht, alle Hindernisse auf dem Schloß Martindale zu überwinden." „Nein, sag' ich Euch, es ist Alles umsonst," erwiederte sie. „Als ich Eure Mütze und Angclruthe im Saale liegen sah, sagt' ich bloß: Hier ist er wieder, und da lief sie die Treppe Peverll. 11 hinauf, wie ein junges Reh, und ich hörte den Schlüssel drehen und zuriegeln, ehe ich ein einziges Wort sagen konnte, um sie aufzuhalten. Ich wundere mich, daß Ihr sie nicht hörtet." „Das kam daher, weil ich, wie ich immer war, eine Eule, ein träumender Thor bin, der alle diese goldenen Minuten vorbei läßt, die mir mein unglückliches Leben so selten darbietet. — Wohlan, sagt ihr, ich gehe, gehe für immer dahin, wo sie nicht mehr von mir hören wird, wo Niemand mehr von mir hören soll." „Ach! wie sein Vater!" sagte Debora. «Hört nur, wie er spricht. Was wird aus dem Ritter Gottfried, und Eurer Mutter, und mir, und der Gräfin werden, wenn Ihr so weit gehen wollt, als Ihr sagt? Und was würde auch aus der armen Alerie werden? Denn ich will schwören, Ihr gefallet ihr mehr, als sie sagt, und ich weiß, sie pflegte sich hinzusetzen und nach dem Wege zu sehen, welchen Ihr den Strom heraus zu kommen gewohnt wäret, und fragte mich dann und wann, ob der Morgen gut zum Angeln wäre. Und die ganze Zeit, als Ihr auf dem Continent wäret, wie man es nennt, lächelte sie kaum einmal, außer als sie Eure schönen langen Briefe über auswärtige Gegenden erhielt." „Freundschaft, Debora, — bloß Freundschaft — kalte und ruhige Erinnerung an Jemand, der, mit Eurer gütigen Er- laubniß, sich in Eure Einsamkeit dann und wann mit Neuigkeiten von der lebendigen äußern Welt einschlich. Einmal, freilich, glaubt' ich — aber es ist Alles vorbei — lebt wohl " So sprach er, bedeckte sein Gesicht mit einer Hand, und streckte die andre aus, um Debora ein Lebewohl zu sagen, deren gutes Herz dem Anblick seiner Betrübniß nicht mehr zu widerstehen vermochte. „Nun, nur nicht so eilig," rief sie; „ich will wieder herauf gehen, und ihr sagen, wie es mit Euch steht, und sie herunter bringen, wenn es in der Macht eines Weibes ist." Mit diesen Worten verließ sic das Zimmer, und lief die Treppe hinauf. Julian durchschritt indessen das Zimmer in großer Bewegung, und erwartete den Erfolg von Debora's Vermittlung; und sie blieb lange genug aus, um ihm Zeit zu lassen, in einem kurzen Rückblick die Umstände zu erwägen, die ihn in seine jetzige Lage geführt hatten. Zwölftes Kapitel. Julian hatte seine Zuneigung so befestigt, daß er in vollem Maaße des Widerstandes gewärtig sein mußte, welchen frühzeitige Anhänglichkeiten so oft finden. Doch war nichts natürlicher, als daß er so handelte. Vor einiger Zeit war Debora zufällig dem Sohne ihrer ersten Gönnerin, welcher auch selbst früher ihr Pflegling gewesen war, begegnet, als er eben in dem erwähnten kleinen Bache angelte, welcher das Thal wässerte, in dem sie mit Alerie Bridgcnorth wohnte. Ihre Neugierde entdeckte leicht, wer er war; und außer dem Anthcil, welchen Personen ihres Standes gewöhnlich an jungen Leuten nehmen, die unter ihrer Pflege gewesen sind, erfreute sie auch die Gelegenheit, von vorigen Zeiten, vom Schloß Martindale und von dortigen Freunden, von dem 164 Ritter Peveril, und von der gnädigen Frau, und dann und wann von Launce Outram, dem Parkaufseher oder Förster, plaudern zu können. Das bloße Vergnügen, ihre Nachfragen zu beantworten, würde schwerlich allein Julian vermocht haben, seine Besuche in dem einsamen Thale zu wiederholen; aber Debora hatte eine Gesellschafterin — ein reizendes Mädchen, in der Einsamkeit erzogen, und in den ruhigen und anspruchlosen Neigungen, welche die Einsamkeit ermuntert; auch belebt und wißbegierig; und aufmerksam mit lächelnder Wange und lauschendem Äuge auf jede Erzählung horchend, die der junge Angler von der Stadt und vom Schlosse mitbrachte. Julian's Besuche in Blackfort waren bloß gelegentlich — so weit zeigte Debora richtiges Gefühl — da ste vielleicht, im Fall der Entdeckung, ihre Stelle zu verlieren fürchtete. Sie setzte freilich großes Vertrauen in den starken und eingewurzelten Glauben — der fast in Aberglauben überging — welchen Major Bridgenorth hegte, daß die fortwährende Gesundheit seiner Tochter allein dadurch sicher erhalten werden könnte, wenn sie unter der Aufsicht einer Person bliebe, welche die vermeinte Geschicklichkeit erlangt hatte, schwächliche Constitutionen dieser Art zu behandeln. Diesen Glauben hatte Debora m.t all ihrer Klugheit zu verstärken gewußt, indem sie stets in prophetischem Tone von ihrer Gesundheitspflege sprach, und auf gewisse geheimnißvolle Regeln hindeutete, die sie beobachte, um Alexicns Wohlbefinden in dem gegenwärtigen günstigen Zustande zu erhalten. Sie hatte sich dieses Kunstgriffs bedient, um sich und Alerien eine besondre Einrichtung und Wohnung in Blackfort zu verschaffen; denn ursprünglich war es Bridgenorth's Vorsatz, daß seine Tochter und ihre Wärterin unter dem nämlichen Dache mit der Schwa- 165 gerin seiner verstorbenen Frau, der Wittwe des unglücklichen Oberst Christian, bleiben sollten. Bei einem kurzen Besuche aber, welchen Bridgenorth auf der Insel machte, wurde er leicht veranlaßt, ihr Haus zu Kirk-Truagh als einen sehr freudelosen Aufenthalt seiner Tochter zu betrachten. Debora, welche nach häuslicher Unabhängigkeit verlangte, suchte diesen Eindruck zu verstärken, indem sie seine Besorgnisse wegen Aleriens Gesundheit vermehrte. „Das Haus von Kirk-Truagh," sagte sie, „ist den schottischen Stürmen sehr bloß gestellt, die nur kalt sein können, da sie aus einem Lande kommen, wo es selbst mitten tm Sommer Schnee und Eis gibt." Kurz, sie drang durch, und gelangte in vollen Besitz von Blackfort, einem Hause, welches eben sowohl, als Kirk-Truagh, ehemals dem Obersten Christian, und nun seiner Wittwe gehörte. Immer war es jedoch ihr und Alerien zur Pflicht gemacht, Kirk-Truagh von Zeit zu Zeit zu besuchen, und sich als unter der Leitung und Vormundschaft der Wittwe Christian zu betrachten — ein Zustand der Unterwürfigkeit, dessen Gefühl Debora dadurch zu vermindern suchte, daß sie sich so viel Freiheit des Verhaltens, als sie nur wagen durfte herausnahm. Diese edle Neigung, sich über beschränkende Aufsicht hinweg zu setzen, war cs, welche sie bewog, für Alerie insgeheim einige Erziehungsmittel herbei zu schaffen, welche der strenge Geist des Puritanismus verbannt haben würde. Sie wagte es, ihren Zögling in Musik, ja selbst im Tanzen unterrichten zu lassen; und das Bildniß des ernsten Oberst Christian zitterte an dem Täfclwcrk, wo es hing, während die schlanke Alerie und die wohlbeleibte Debora französische lchaussöes und kourröes nach dem Takt einer kleinen Geige tanzten, die Pigal, der halb Schleichhändler und halb Tanz- meister war, strich. Dieser Gräuel kam der Wittwe des Obersten zu Ohren, und wurde von ihr Bridgenvrth hinterbracht, dessen plötzliche Erscheinung auf der Insel bewies, welche Wichtigkeit er auf diese Mittheilung legte. Hätte Debora treulos in ihrer eigenen Sache gehandelt, so wäre dieß die letzte Stunde ihres Amts gewesen. Aber sie zog sich in ihre Festung zurück. „Tanzen," sagte sie, „ist Leibesbewegung, durch Musik geordnet und abgemessen; und die gesunde Vernunft lehrt, daß es die beste aller Leibesbewegungen für eine zarte Person sein muß, besonders, da sie im Hause und bei allem Wetter vorgenommen werden kann." Bridgenvrth horchte, mit finsterer und bedenklicher Miene, als Debora, zur Erläuterung ihrer Lehre, auf der Viole, die sie nicht schlecht spielte, Sellenger's Rundgesang zu geigen anfing, und Alepie einen altenglischen Tanz nach dieser Melodie tanzen hieß. Als sich das halb verschämte, halb lächelnde, etwa vierzehnjährige Mädchen anmuthig zu der Musik bewegte, folgte des Vaters Auge unwiderstehlich dem leichten Schwünge ihrer Schritte, und bemerkte mit Freude die höhere Farbe auf ihren Wangen. Als der Tanz vorüber war, nahm er sie in seine Arme, strich ihre etwas verstörten Locken mit zärtlicher Vaterhand aus dem Gesicht, lächelte, küßte ihre Stirne, und nahm Abschied, ohne ein Wort weiter zu sagen, das die Uebung im Tanzen verboten hätte. Er theilte das Ergebniß seines Besuchs im Blackfort nicht selbst der Frau Christian mit, sondern sie erfuhr cs bald nachher durch Debo- rens Triumph bei ihrem nächsten Besuch. „Es ist gut," sagte sie; „mein Bruder Bridgenvrth hat Euch erlaubt, eine Herodias aus Alcrien zu machen, um sie das Tanzen zu lehren- Ihr habt ihr nur noch einen Lebens- 167 geführten auszusuchen; ich will und werde mich mit diesen Sachen nicht weiter befassen." In diesem unabhängigen Zustande, worin sie nun lebten, war es, als Julian zum ersten Mal ihre Wohnung besuchte; und er wurde um so mehr durch Debora dazu aufgemuntert, weil sie ihn für einen der letzten in der Welt hielt, mit welchem Frau Christian ihre Nichte bekannt zu werden gewünscht haben würde, wobei der glückliche Geist des Widerspruchs bei der Debora, hier, wie bei andern Gelegenheiten, sich über alle Betrachtung der Schicklichkeit hinwegsetzte. Sie verfuhr jedoch nicht ganz ohne Vorsicht. Sie wußte, daß sie nicht bloß vor einem wieder aufwachenden Interesse von Seiten der Frau Christian, sondern auch gegen Bridgenorth's plötzliche Ankunft sich vorzusehen hatte, welcher nie verfehlte, einmal im Jahr, wann man cs am wenigsten erwartete, in Blackfort zu erscheinen, und einige Tage da zu verweilen. Debora verlangte also von Julian, daß seine Besuche selten, und in weiten Zwischenzeiten statt fänden; daß er sich gefallen ließe, für einen aus ihrer eigenen Verwandtschaft in den Augen zwei unwissender Mädchen und eines Burschen der Insel Man zu gelten, welche zu ihrer Haushaltung gehörten, und daß er stets in seiner Anglertracht erschiene. Unter diesen VorsichtS- maaßregeln, glaubte sie, würde seine Vertraulichkeit aufBlack- fort gänzlich unbemerkt bleiben, oder als gleichgültig betrachtet werden, indeß sie ihrem Zögling und ihr selbst viel Vergnügen verschaffte. Dieß war demnach der Fall während der frühcrn Zeit ihres Umganges, als Julian noch ein Knabe, und Alexie nur zwei oder drei Jahre jünger war. Als aber der Knabe zum Jüngling emporwuchs, und das Mädchen mannbar ward, sah selbst Debora Gefahr bei ihrer fortgesetzten Vertraulichkeit. Sie nahm daher Gelegenheit, Julian zu sagen, wer Alerie eigentlich wäre, und ihm die besondern Umstände, welche ihre Väter entzweiten, zu erklären. Er hörte die Geschichte ihres Streits mit Theilnahme und Verwunderung an; denn er hatte sich bloß gelegentlich im Schloß Martindale aufgehalten, und Bridgenorth's Streit mit seinem Vater war nie in seiner Gegenwart erwähnt worden. Seine Einbildungskraft fing Feuer von den Funken, welche diese sonderbare Geschichte gab; und weit entfernt, Deborens kluger Vorstellung Gehör zu geben, und sich allmählig von Blackfort und seiner holden Bewohnerin zu entfremden, erklärte er offen, er betrachte ihre hier so zufällig entstandene Vertraulichkeit als ein Zeichen des Willens des Himmels, daß Alerie und er für einander bestimmt seien, trotz allem Hinderniß, welches Leidenschaft oder Borurtheil zwischen ihnen erheben könnte. Sie waren Gefährten der Kindheit gewesen; und ein wenig Anstrengung des Gedächtnisses setzte ihn in Stand, sich seines kindischen Grams über das plötzliche und unerwartete Verschwinden seiner kleinen Gefährtin zu erinnern, welche er in der frühen Blüthe ihrer sich entfaltenden Schönheit, in einer ihnen beiden zuvor fremden Gegend wieder zu treffen bestimmt war. Debora war betreten über die Folgen ihrer Eröffnung, welche die Leidenschaft entflammt hatte, anstatt sie, wie sie hoffte, zu verhindern oder zu ersticken- Sie hatte nicht die Gabe, männlichen und kräftigen Gegenvorstellungen leidenschaftlicher Anhänglichkeit, sie mochten ihr in ihrer eigenen oder in eines Andern Angelegenheit gemacht werden, Widerstand zu leisten. Sie klagte und wunderte sich, und endigte ihren schwachen Widerstand mit Weinen, mit Theilnahme, und mit Bewilligung der ferneren Besuche Julian's, vorausgesetzt, daß er sich an Alerie nur in der Eigenschaft eines Freundes wen- 169 detc; denn um Alles in der Welt willen, wollte sie sich zu nichts mehr verstehen. Die Besuche des jungen Anglers wurden immer häufiger; und Debora sah voll Verlegenheit zwar alle Gefahren der Entdeckung, und daneben das Wagniß einer Erklärung zwischen Alcrie und Julian vorher, welche notbwendig ihr gegenseitiges Verhältniß noch zarter machen mußte; aber sie fühlte sich durch den Enthusiasmus des jungen Liebhabers überwältigt, und war gcnöthigt, die Dinge ihrem Laufe zu überlassen. Julian's Abreise auf das feste Land unterbrach seine vertrauten Besuche auf Blacksort, und während sie Debora von vieler geheimen Besorgniß befreite, verbreitete sie einen solchen Ausdruck von Erschlaffung und Niedergeschlagenheit über Alcrien, welcher Bridgenorth's Besorgnisse bei seinem nächsten Besuche auf der Insel Man wegen der Kränklichkeit seiner Tochter erneuerte. Debora versprach zuversichtlich, sie sollte den nächsten Morgen besser aussehen; und sie hielt Wort. Sie hatte einige Zeit einen Brief in ihrem Besitze behalten, den Julian geschickt hatte. Debora hatte die Folgen gefürchtet, denselben als einen Liebesbrief zu übergeben; allein, wie bei dem Fall des Tanzes, konnte es hier nicht schaden, ihn als ein Heilmittel zu gebrauchen- Dieß hatte vollkommene Wirkung; und am nächsten Morgen schmückte die Wangen des Mädchens eine Rosenfarbe, die ihren Vater so erfreute, daß er, als er wieder zu Pferde stieg, Deboren seine Börse in die Hand warf, mit der Bitte, sie möchte nichts sparen, was sie und seine Tochter glücklich machen könnte, und mit der Versicherung seines vollen Vertrauens. 17« Dieser Beweis von Freigebigkeit und Zutrauen bei einem Manne von Bridgenorth's zurückhaltendem und mißtrauischem Charakter, beflügelte Deborens Hoffnungen in hohem Grade, und machte sie nicht nur so kühn, Alerien einen andern Brief von Julian zu übergeben, sondern auch den Umgang der Liebenden, als Peveril von der Reise zurückgekommen war, dreister und freier zu begünstigen. Trotz aller Vorsicht Julian's ward am Ende der junge Graf Derby argwöhnisch über seine häufigen Angelpartien; und Julian selbst, nun besser, als vorher mit der Welt bekannt, merkte wohl, daß seine wiederholten Besuche und einsamen Spaziergänge mit einem so jungen und schönen Wesen, als Alerie, nicht nur vor der Zeit das Geheimniß seiner Anhänglichkeit verrathen, sondern auch ihr selbst, als deren Gegenstände, wesentlich nachthcillg werden möchten. Aus dieser Ucberzeugung enthielt er sich eine ungewöhnliche Zeit lang seiner Besuche in Blackfort. Das nächste Mal aber, als er sich wieder erlaubte, eine Stunde an dem Orte zuzubringen, wo er gern für immer sich aufgehalten hätte, drang Alepiens verändertes Wesen, der Ton, in dem sie ihm seine Lässigkeit vorzuwerfen schien, ihm in's Herz, und beraubte ihn der Macht der Selbstbeherrschung, die er bisher bei ihren Zusammenkünften bewiesen hatte. Es bedurfte nur weniger kräftiger Worte, Alezien zugleich seine Gefühle zu erklären, und sie mit der wirklichen Beschaffenheit der ihrigen bekannt zu machen. Sie weinte viel, aber ihre Thränen waren nicht alle bitter. Sie saß leidcntlich still und ohne zu antworten, während er ihr mit manchem Ausruf die Umstände erklärte, welche Zwietracht zwischen ihre Familien gebracht hätten; denn bisher war Alles, was sie wußte, daß der junge Peveril, indem er zu dem Hause der großen Gräfin oder 171 Gebieterin von Man gehörte, einige Vorsicht im Besuchen eines Verwandten des unglücklichen Obersten Christian beobachten mußte. „Mein armer Vater!" rief sie aus, als Julian seine Erzählung mit den wärmsten Betheuerungen ewiger Liebe schloß. „Und mußte dieß," fuhr sie fort, „das Ende aller deiner Vorsichtsmaaßregcln sein? — dieß, daß der Sohn dessen, der dich beschimpfte und verbannte, eine solche Sprache zu deiner Tochter führen sollte?" „Ihr irrt, Alcrie, Ihr irrt," sagte Julian eifrig. „Daß ich diese Sprache führe, daß der Sohn Peveril's so die Tochter Eures Vaters anredet — daß er so vor Euch knieet um Vergebung der Beleidigungen, welche statt fanden, als wir beide noch Kinder waren, das zeigt den Willen des Himmels, daß in unserer Zärtlichkeit die Zwietracht unsrer Väter erstickt werden soll. Was anders konnte diejenigen leiten, welche als Kinder an den Bergen von Derby von einander schieden, einander so in den Thälern der Insel Man wieder zu treffen?" So neu für Alepie eine solche Scene, und vor allem ihre eigne Gemüthsbewegung dabei sein mochte, so besaß sie doch in hohem Grade jenes ausnehmende Zartgefühl, welches dem weiblichen Gemüth eingeprägt ist, um vor der leisesten Annäherung zur Unschicklichkeit in einer Lage, wie die ihrige war, zu warnen. „Steht auf, Peveril," sagte sie; „thut nicht Euch selber und mir dieß Unrecht an — wir haben Beide unrecht gehandelt — sehr unrecht — mein Fehler wurde aus Unwissenheit begangen. Ach Gott! mein armer Vater, der des Trostes so sehr bedarf! — soll ich sein Unglück vermehren? Steht auf!" wiederholte sie mit mehr Entschiedenheit. „Wenn Ihr länger in dieser unziemenden Stellung bleibt, werd' ich das Zimmer verlassen, und Ihr sollt mich nie wieder sehen." 172 Alcriens befehlenden Ton überwältigte die Heftigkeit ihres Geliebten, welcher stillschweigend in einiger Entfernung von ihr, sich setzte, und wieder im Begriff war zu sprechen. „Julian," sagte sie in einem mildern Tone, „Ihr habt genug gesprochen, und mehr, als genug. Hättet Ihr mich in dem angenehmen Traum gelassen, in dem ich Euch für immer hätte zuhören können! aber die Stunde des Erwachens ist gekommen." Peveril erwartete die Fortsetzung ihrer Rede, wie ein Verbrecher sein Verdammungöurtheil; denn er wußte recht wohl, daß eine gewiß nicht ohne Bewegung, aber mit Festigkeit und Entschlossenheit ausgesprochene Antwort sich nicht unterbrechen ließ. „Wir haben unrecht gehandelt," wiederholte sie, „sehr unrecht; und wenn wir uns nun für immer trennen, so wird unser Schmerz nur eine gerechte Strafe für unser Vergehen sein. Wir hätten einander nie treffen sollen. Trafen wir einander, so hätten wir, so bald als möglich, uns trennen sollen. Unser fernerer Verkehr kann nur unfern Schmerz beim Scheiden vermehren. Lebt wohl, Julian, und vergeht, daß wir je einander gesehen haben." „Vergessen!" sagte Julian; „nimmermehr. Für Euch ist es leicht, das Wort zu sprechen, den Gedanken zu denken. Für mich kann eine Annäherung zu einem von beiden nur durch gänzliche Vernichtung statt finden. Warum solltet Ihr zweifeln, daß der Streit unsrer Väter, gleich so vielen Zwisten, von denen wir hörten, durch unsre Freundschaft beigelegt werden könnte? Ihr seid meine einzige Freundin. Ich bin der einzige, den der Himmel Euch bestimmt hat. Warum sollten wir uns trennen um der Fehler Andrer willen, welche vorfielen, als wir noch Kinder waren?" „Ihr redet umsonst, Julian," sagte Merie; „ich bcdaure 173 Euch, — ich bedaure vielleicht mich selbst — wirklich ich sollte mich selbst, vielleicht am meisten unter uns beiden, bedauern. Denn Ihr werdet neuen Auftritten und neuen Gesichtern bc- » gegnen, und mich bald vergessen; aber ich, in dieser Einsamkeit zurückbleibend, wie soll ich vergessen — daß — doch dieß ist jetzt nicht die Frage. — Ich kann mein Loos tragen, und es befiehlt uns, zu scheiden." „Hört mich noch einen Augenblick," sagte Julian; „dieß Uebel ist nicht, kann nicht ohne Rettungsmitlel sein. Ich will zu meinem Vater gehen. Ich will die Fürsprache meiner Mutter gebrauchen, der er nichts abschlagen kann — ich will ihre Einwilligung gewinnen. Sie haben kein anderes Kind, und sie muffen einwilligen, oder es für immer verlieren. Sagt, Alexie, wenn ich mit der Einwilligung meiner Eltern zu Euch komme, werdet Ihr wieder in dem so rührenden und so traurigen, und doch so unglaublich bestimmten Tone sagen: Julian, wir müssen scheiden?" Alerte schwieg. „Grausames Mädchen," rief er, „willst du mich nicht einmal einer Antwort würdigen?" „Wir antworten denen nicht, die in ihren Träumen sprechen," sagte Alexie. „Ihr fragt mich, was ich thun würde, wenn Unmöglichkeiten geschehen. Welch Recht habt Ihr, solche Voraussetzungen zu machen, und eine solche Frage zu thun?" „Hoffnung, Alerie, Hoffnung, die letzte Stütze des Elenden, deren mich zu berauben Ihr selbst nicht grausam genug sein würdet. In jeder Schwierigkeit, in jedem Zweifel, in jeder Gefahr, wird Hoffnung kämpfen, selbst wenn sie nicht siegen kann. Sagt mir, ich bitte noch einmal, wenn ich zu Euch im Namen meines Vaters, im Namen meiner Mutter komme, denen Ihr zum Theil Euer Leben verdankt, was würdet Ihr mir antworten?" 174 »Ich würde Euch an meinen eigenen Vater verweisen," sagte Alerie, erröthend und die Augen niederschlagend; aber auch sogleich sie wieder erhebend wiederholte sic in einem festen, und traurigern Tone: „Ja, Julian, ich würde Euch an . meinen Vater verweisen, und Ihr würdet finden, daß Euer Pilot, Hoffnung, Euch getäuscht hat, und daß Ihr nur dem Triebsand entronnen wäret, um auf den Klippen zu scheitern." „Ich wünschte, dieß könnte versucht werden!" sagte Julian. „Mich dünkt, ich könnte Euren Vater überzeugen, daß nach gewöhnlicher Ansicht, unsre Verbindung nicht unerwünscht wäre. Wir haben Vermögen, Rang, alte Abkunft, Alles, worauf Väter sehen, wenn sie die Hand einer Tochter vergeben." „Alles das würde Euch nichts helfen," antwortete Alerie. „Der Geist meines Vaters ist den Dingen einer andern Welt zugewandt; und wenn er Euch je ganz anhörte, so wäre es nur, um Euch zu sagen, daß er Eure Anträge verachte." „Ihr wißt cs nicht — Ihr wißt es nicht, Alerie," sprach Julian. „Feuer kan» Eisen erweichen — Eures Vaters Herz kann nicht so hart, oder seine Vorurtheile können nicht so stark sein, daß ich nicht Mittel finden sollte, es zu rühren. O verbietet, verbietet mir nicht den Versuch." „Ich kann nur rathen," sagte Alerie, „ich kann Euch nichts verbieten; denn Verbieten setzt Macht voraus, Gehorsam zu befehlen. Aber wenn Ihr weise seid und auf mich hören wollt — hier und auf dieser Stelle scheiden wir für immer!" „Nein, beim Himmel!" sprach Julian, der bei seinem kühnen, lebhaften Gemüthe selten eine Schwierigkeit sah, Etwas zu erreichen, was er wünschte. „Jetzt scheiden wir freilich, aber nur, damit ich mit meiner Eltern Einwilligung zurück- 175 kommen möge. Sie wünschen, daß ich mich verheirathe — in ihren letzter» Briefen dringen sie offener darauf; und eine solche Braut, als ich ihnen vorstellen will, hat ihr Haus noch nicht geschmückt, seit ihm Wilhelm der Eroberer seine Entstehung gab. Leb' wohl, Alerie! leb' wohl, auf eine kurze Zeit!" Sie antwortete: „Leb' wohl,. Julian! leb' wohl, auf immer!" Julian war innerhalb einer Woche seit dieser Unterredung auf dem Schloß Martindale, in der Absicht, sein Vorhaben mitzutheilen. Aber manches Unternehmen, welches in einer gewissen Entfernung leicht scheint, erweiset sich eben so schwierig bei größerer Nähe, als das Durchwaten eines Flusses, der von Weitem wie ein bloßer Bach aussah. Es fehlte nicht an Gelegenheiten, den Gegenstand zur Sprache zu bringen; denn bei dem ersten Ritt, welchen Julian mit seinem Vater machte, fing der Ritter wieder an, von seiner Verheirathung zu sprechen, und überließ ihm selbst gern völlig die Wahl der Person, nur unter der strengen Bedingung, daß sie von einer rechtlichen und angesehenen Familie wäre; hätte sie Vermögen, so wäre es gut und schön, oder vielmehr besser, als gut; wäre sie aber arm, nun so'müßten sie sich mit dem alten Grundstück behelfen. „Und Frau Margrethe und ich," fuhr er fort, „werden uns Mit dem Wenigen begnügen, damit ihr jungen Leute auch euren Thcil haben möget. Ich bin schon sparsam geworden, Julian. Du siehst, auf was für einem kleinen, wilden, schottischen Klepper ich reite, freilich einem ganz andern Thier, als mein Rappe war, der nur einen Fehler hatte, daß er immer nach der Auffahrt von Moultrassie zurück wollte." „War das so ein großer Fehler?" fragte Julian, der eine 176 Gleichgültigkeit annahm, während sein Herzklopfen ihm die Brust zersprengen wollte. „Es pflegte mich," fuhr der Ritter fort, „an den niederträchtigen, ehrvergessenen presbyterianischen Wicht, Bridgenorth, zu erinnern, und ich wollte lieber an eine Kröte denken. — Er soll Independent geworden sein, um das Maaß seiner Schurkerei voll zu machen. — Ich sage dir, Julian, ich dankte den Kuhhirten ab, weil er die Nüsse in seinen Wäldern sammelte; ich wollte einen Hund erwürgen, der auch nur hätte einen Hasen dort tödten wollen. — Doch was kann das dich angehen? — du siehst blaß aus." Julian gab eine gleichgültige Antwort; erkannte aber nur zu gut aus der Sprache und dem Ton seines Vaters, wie tief gewurzelt und gehässig seine Borurtheile gegen Meistens Vater waren. Im Laufe desselben Tages erwähnte Julian wie zufällig Bridgenorth's gegen seine Mutter. Aber Ladp Peveril beschwor ihn sogleich, den Namen nie wieder zu erwähnen, vornämlich in des Vaters Beisein." „War denn Major Bridgenorth, dessen Namen ich erwähnen gehört habe," sagte Julian, „so ein böser Nachbar?" „Das will ich eben nicht sagen," gab Ladp Peveril zur Antwort; „ja wir waren ihm mehr als einmal in den vorigen unglücklichen Zeiten verpflichtet; aber der Vater und er nahmen einige Vorfälle einander so übel, daß die geringste Anspielung auf Bridgenorth ihn auf eine ganz ungewöhnliche Art aufbringt, was mich jetzt, da seine Gesundheit etwas geschwächt ist, bisweilen sehr beunruhigt. Um deö Himmels willen also, Julian, vermeide bei allen Gelegenheiten auch nur die geringste Anspielung auf Moultrassie und irgend einen seiner Bewohner." 177 Diese Warnung war so ernstlich gegeben, daß Julian selbst einsah, daß die Erwähnung seines geheimen Vorhabens der sicherste Weg sein würde, es ganz zu vereiteln; er kehrte daher trostlos auf die Insel zurück. Julian hatte jedoch die Kühnheit, den besten möglichen Gebrauch von dem Vorgegangenen zu machen, indem er eine Unterredung mit Alcrien verlangte, um ihr zu sogen, was in Hinsicht ihrer zwischen seinen Aeltern und ihm sich zugetragen hatte. Mit großer Schwierigkeit wurde dieser Zweck erreicht; und Alerie zeigte kein geringes Mißvergnügen, als sie, nach seinen vielen Umschweifen und Anstrengungen , seinen zu machenden Mittheilungen ein wichtiges Ansehen zu geben, endlich erfuhr, daß Alles nur darauf hinauslief, daß Lady Peveril noch fortführe, eine günstige Meinung von ihrem Vater, Major Bridgenorth, zu unterhalten, was Julian gern als eine gute Vorbedeutung ihrer künftigen vollkommenen Aussöhnung angesehen haben wollte. »Ich glaubte nicht, daß Ihr sv mit mir tändeln würdet, Junker Peveril," sagte Alerie mit Würde; „aber ich werde solche Zudringlichkeit in Zukunft zu vermeiden suchen; ich bitte, kommt nicht wieder nach Blackfort; und ich ersuche Euch, Debora, daß Ihr nicht mehr zu den Besuchen dieses Herrn weder Aufmunterung, noch Erlaubniß gebt, da das Resultat einer solchen Verfolgung mich nur nöthigen würde, mich an meine Tante und meinen Vater wegen eines anderen Aufenthaltsorts zu wenden, und vielleicht auch wegen einer anderen und vorsichtigerem Gesellschafterin." Dieser letzte Wink erfüllte Debora mit solchem Schreck, daß sie gemeinschaftlich mit ihrem Pflegling Julian's augenblickliche Entfernung verlangte, und er war genöthigt, dem Verlangen zu willfahren. Aber her Muth eines jungen Lieb- Peveril. stz 12 178 Habers wird nicht leicht bezwungen; und nachdem Julian die gewöhnlichen Versuche durchlaufen hatte, seine undankbare Geliebte zu vergessen, und wieder seine Leidenschaft mit vermehrter Heftigkeit unterhielt, endigte er mit dem Besuch auf Blackfort, dessen Anfang wir im letzten Kapitel erzählt haben. Wir verließen ihn damals voll furchtsamer Sehnsucht nach einer Unterredung mit Alerten, um welche zu bitten er bei Debora erlangt. Und so groß war der Aufruhr in seinem Gemüth, daß ihm, während er das Zimmer durchschritt, die schwarzen, düsteren Augen von Christians Bildniß überall, wohin er ging, mit dem starren, kalten und bedenklichen Blick zu folgen schienen, welcher dem Feinde seines Geschlechts Unglück und Verderben ankündigte. Die Thüre des Zimmers öffnete sich endlich, und diese Gedanken verschwanden. Dreizehntes Kapitel. Endlich trat Alerie Bridgenorth in das Zimmer, wo ihr unruhiger Liebhaber sie so lange erwartet hatte. Sie kam mit langsamen Schritten und gelassenem Wesen. Ihr Anzug war mit einer Sorgfalt geordnet, welche nicht nur den Ausdruck seiner puritanischen Einfachheit crhöhete, sondern auch dem jungen Peveril als eine schlimme Vorbedeutung aufficl. Denn obgleich die auf die Toilette verwandte Zeit in vielen Fällen den Wunsch verräth, bei solch einer Zusammenkunft 179 einen vortheilhaften Eindruck zu machen, so deutet doch eine ceremoniöse Anordnung der Tracht gar sehr auf Förmlichkeit und die Absicht hin, einen Liebhaber mit kalter Höflichkeit zu behandeln. Der dunkelfarbige Rock, die niedergedrückte und in Falten gelegte Haube, welche sorgfältig das reichliche dunkelbraune Haar verbarg, der schmale Kragen und die langen Aermel würden einer weniger reizenden Gestalt, als die Aleriens war, sehr zum Nachtheil gereicht haben; aber ihre hübsche Gestalt, wiewohl die Umrisse bis jetzt noch nicht zum Ausdruck vollkommener weiblicher Schönheit genug abgerundet waren, vermochte selbst diese unpassende Tracht zu unterstützen und ihr Anmuth zu leihen. Ihre holde und zarte Gesichtsbildung, mit hellbraunen Augen und einer alabasterwcißen Stirne, hatte jedoch weniger regelmäßige Schönheit, als ihr Wuchs, und würde noch manche gegründete Ausstellung erlaubt haben. Allein es war ein Geist und Leben in ihrer Munterkeit, und eine Tiefe des Gefühls in ihrem Ernste, wodurch Alexie im Umgänge mit den sehr wenigen Personen, zu denen sie sich gesellte, so bezaubernd in Geberden und Sprache, — so einnehmend auch in der Einfalt und Reinheit ihres Sinnes ward, daß wohl blendendere Schönheiten in ihrer Gesellschaft übersehen werden konnten. Es war daher kein Wunder, daß ein feuriger Charakter, wie Julians, sowohl dieser Reize, als des Verborgenen und Geheimnißvollen seines Umgangs mit Alerien wegen, die Abgeschiedenheit Blackforts allen andern Orten vorzog, die er im Verkehr mit der Welt kennen gelernt hatte- Sein Herz klopfte stark, als sie in's Zimmer trat, und fast ohne ein Wort hcrvorbringen zu können, bewillkommnete er sie bei ihrem Eintritt mit einer tiefen Verbeugung. „Das ist eine Verhöhnung, Herr von Peveril," sagte Alerie 12* 18 V mit einem Streben nach Festigkeit im Ton, das jedoch durch ein leichtes Zittern ihrer Stimme gestört wurde, — „eine Verhöhnung, und zwar eine recht grausame. Ihr kommt an diesen abgelegenen Ort, der bloß von zwei weiblichen Wesen bewohnt wird, die zu arglos sind, Eure Entfernung zu gebieten, — zu schwach, sie zu erzwingen, — Ihr kommt trotz meiner ernstlichen Bitte, — mit Versäumniß Eurer eigenen Zeit, — und zum Nachtheil, wie ich fürchten darf, für meinen Charakter. — Ihr mißbraucht die Macht, die Ihr über die arglose Person habt, der ich anvcrtraut bin, — dieß Alles thut Ihr, und glaubt, es mit tiefen Bücklingen und erzwungener Höflichkeit gut zu machen! Ist dieß rechtschaffen, oder ist es edel?" — „Ist cs," — setzte sie nach einem augenblicklichen Stocken hinzu, — „ist es freundlich?" Der zitternde Accent fiel vornämlich auf das letzte Wort, das sie sprach, und es wurde in einem leisen Tone sanften Verweises gesprochen, welcher Julians Herz rührte. „Aleric," sagte er, „gäbe cs eine Art und Weise, bei der ich, mit Gefahr meines Lebens, Euch meine Achtung, meine Ehrerbietung, meine zärtliche Ergebenheit beweisen könnte, die Gefahr würde mir theurer sein, als mir je ein Vergnügen war." „So habt Ihr oft gesprochen," antwortete Alerie, „und das find Sachen, die ich nicht hören sollte, und nicht zu hören wünsche. Ich habe keine Unternehmungen aufzulcgen, — keine Feinde, die zu vernichten wären, — keinen Schutz nöthig oder zu verlangen, — keinen Wunsch, der Himmel weiß es, Euch in Gefahr zu setzen. — Eure Besuche hier sind es allein, was mit Gefahr verbunden ist. Ihr dürft nur Euren Eigensinn beherrschen, — Eure Gedanken und Sorgen anderwärts hinwenden, und ich kann nichts zu verlangen, nichts zu wünschen 181 haben. Gebraucht Jl>r Eure eigene Vernunft, — bedenkt das Unrecht, das Ihr Euch selber anthut, — die Ungerechtigkeit gegen uns, — und laßt mich noch einmal in der Güte Euch bitten, Euch von diesem Orte zu entfernen, — bis — bis —" Sie hielt inne, und Julian fiel heftig ihr in die Rede: „Bis wann, Alerie? — bis wann? Bestimmt mir die Dauer der Abwesenheit, die Eure Strenge über mich verhängen kann, und welche gegen eine entschiedene Trennung immer kurz ist. — Sagt, entferne dich auf Jahre, aber komme wieder, wenn diese Jahre vorüber find; und so langsam und lästig sie hinschleichen werden, so wird doch der Gedanke, daß fie endlich ablausen müssen, mich fähig machen, ste zu durchleben. Laßt mich also Euch beschwören, Alerie, mir eine Frist zu nennen, — zu sagen, bis wann?" „Bis Ihr es ertragen könnt, mich nur als eine Freundin und Schwester zu betrachten." „Das ist freilich ein Ausspruch ewiger Verbannung," sagte Julian; „er scheint allerdings einen Termin der Verweisung festzusetzen, jedoch unter einer unmöglichen Bedingung." „Und warum unmöglich, Julian?" fragte Alerie in einem Tone von Uedcrzcugung; „waren wir nicht glücklicher, bevor Ihr die Maske von Enrem Gefichte nahmt, und den Schleier von meinen bethörten Augen hinwegzoget? — Kamen wir nicht froh zusammen, brachten unsere Zeit glücklich zu, und schieden vergnügt, weil wir keine Pflicht verletzten und uns keine Selbstverweise zuzogen? Bringt Ihr diesen Zustand glücklicher Unwissenheit zurück, und Ihr sollt keine Ursache haben, mich unfreundlich zu nennen. Aber während Ihr Entwürfe ausfinnt, die, wie ich weiß, schwärmerisch sind, und eine so heftige und leidenschaftliche Sprache führt, werdet Ihr mich entschuldigen, wenn ich jetzt und ein für allemal erkläre: 182 daß ich, da Debora sich dem in sie gesetzten Vertrauen nicht entsprechend zeigt, und mich nothwendig Verfolgungen solcher Art aussctzen muß, an meinen Vater schreiben werde, daß er mir einen andern Aufenthaltsort bestimme; und unterdessen will ich bei meiner Tante zu Kirk-Truagh Zuflucht nehmen." „Höret mich an, Unbarmherzige!" sagte Peveril; „höret mich, und Ihr werdet sehen, wie willig zum Gehorsam ich in Allem bin, womit ich Euch beruhigen kann. Ihr sagt, wir waren glücklich, als wir nicht über solche Gegenstände sprachen, — gut, — auf Kosten meiner eigenen unterdrückten Gefühle soll diese glückliche Zeit wiederkommen. Ich will Euch besuchen, — mit Euch gehen, — mit Euch lesen, — aber nur so, wie cs ein Bruder mit seiner Schwester, oder ein Freund mit seinem Freunde thun würde; die Gedanken, die ich hege, mögen sie Hoffnung oder Verzweiflung in sich schließen, soll meine Zunge nicht in's Leben rufen, und so kann ich nicht beleidigen. Debora soll immer an Eurer Seite sein, und ihre Gegenwart soll mich abhalten, selbst entfernt auf einen Gegenstand hinzudcuten, der Euch mißfallen könnte. Nur macht mir nicht jene Gedanken zum Verbrechen, welche der theuerste Bcstandthcil meines Daseins sind; denn glaubt mir, es wäre besser und freundlicher gehandelt, mir das Leben selbst zu rauben " „Das ist reiner Erguß der Leidenschaft, Julian," antwortete Alerie; „was unangenehm ist, will unsere Selbstsucht und Hartnäckigkeit als unmöglich vorstellen. Ich habe kein Zutrauen zu Eurem vorgeschlagenen Plan, — kein Zutrauen zu Eurem Entschluß, und noch weniger zu Debora's Schutz. Bis Ihr aufrichtig und ausdrücklich Euren neulich geäußerten Wünschen entsagt, müssen wir einander fremd sein; — und könntet Ihr denselben selbst diesen Augenblick entsagen, so 183 « wäre es doch besser, daß wir uns auf eine lange Zeit trennten; und, um des Himmels willen, laßt es sobald als möglich geschehen, — vielleicht ist cs selbst jetzt zu spät, einen unangenehmen Vorfall zu verhüten. — Mich deucht, ich höre ein Geräusch." „Es war Debora," versetzte Julian. Fürchtet nichts, Alexie; wir sind sicher gegen einen Ueberfall." „Ich weiß nicht, was Ihr unter einer solchen Sicherheit versteht," sagte Alexie. — „Jcb habe nichts zu verbergen. Ich suchte diese Zusammenkunft nicht; wandte sie im Gegen- thcil so lange als möglich ab, — und wünschte nun sehnlich sie abzubrechen " „Und warum, Alexie, da Ihr sagt, es müsse unsere letzte sein? Warum wollt Ihr den Sand schütteln, der so schnell genug abläuft? Selbst der Scharfrichter beschleunigt die Gebete der Unglücklichen auf dem Blutgerüste nicht. — Und sehet Ihr nicht, — ich will so kalt urtheilen, als Ihr nur wünschen mögct, — seht Ihr nicht, daß Ihr selbst Euer eigenes Wort brecht und die Hoffnung zurücknehmt, die Ihr mir selbst vorhieltet?" „Was für eine Hoffnung Hab' ich cingeflößt? Welches Wort Hab' ich gegeben, Julian?" antwortete Alexie. „Ihr bauet Euch Luftschlösser, und beschuldigt mich, das zu zerstören, was nie einen sichern Grund hatte. Schont Euch, Julian, — schont mich, — und, aus Mitleiden für uns beide, scheidet, und kehret nicht eher zurück, als bis Ihr vernünftiger sein könnet." „Vernünftiger?" entgegnete Julian; „Ihr seid es, Alexie, » welche mich ganz der Vernunft beraubt. Sagt Ihr nicht, daß, wenn unsere Aeltern zur Einwilligung in unsere Verbin- 184 düng gebracht werden könnten, Ihr meinem Gesuch nicht länger widerstehen würdet?" „Nein — nein — nein," sagte Alerie heftig und tief er- röthend, — „nein, Julian, so Hab' ich nicht gesagt, — es war Eure eigene wilde Phantasie, die mein Stillschweigen und meine Verwirrung so auslegte." „So sprächet Ihr denn nicht so," versetzte Julian; „und wenn alle andere Hindernisse entfernt wären, müßte ich eines in dem kalten steinernen Herzen eines Mädchens finden, welches die zärtlichste und aufrichtigste Ergebenheit mit Verachtung und Unwillen vergilt. — „Ist es das," setzte er mit tiefem Gefühle hinzu, „ist es das, was Alerie Bridgenorth Julian Peveril sagen kann?" „Wahrhaftig, — wahrhaftig, Julian," sagte sie fast weinend, „ich spreche nicht so, — ich sage nichts, und ich sollte gar nichts darüber sagen, was ich thun könnte in einem Verhältnis, das niemals eintreten kann. In der That, Julian, Ihr solltet Mich nicht so drängen. So ohne Schutz, wie ich bin, — Euch wohlwollend — sehr wohlwollend, — warum soll ich von Euch genöthigt werden, Etwas zu sagen oder zu thun, was mich in meinen eigenen Augen herabsetzen würde? eine Zuneigung für den zu bekennen, von dem mich das Schicksal auf immer geirennt hat? Es ist unedelmüthig, — es ist grausam, — es heißt eine augenblickliche und eigennützige Befriedigung für Euch selbst suchen, auf Kosten jedes Gefühls, das ich -egen sollte." „Ihr habt genug gesagt," erwiederte Julian mit funkelnden Augen; „Ihr habt genug gesagt, indem Ihr meine Zudringlichkeit verbittet, und ich will Euch nicht weiter drängen- Aber Ihr überschätzet die Hindernisse, die zwischen uns liegen, — sie müssen und werden weichen " 185 „So sagt Ihr zwar," entgegnete Alerie; „und mit wel- cher Wahrscheinlichkeit, mag Eure eigene Erklärung zeigen. Ihr wagt nicht, das Verhältniß Eurem eigenen Vater zu entdecken; wie solltet Ihr Euch getrauen, cs dem weinigen zu eröffnen?" „Darüber sollt Ihr bald entscheiden können. Major Brid- genorth ist, nach der Angabe meiner Mutter, ein rechtschaffener und ein achtungswürdiger Mann. Ich will ihn daran erinnern, daß er der Sorgfalt meiner Mutter den theuersten Schatz und Trost seines Lebens verdankt, und ich will ihn fragen, ob es eine gerechte Vergeltung sei, diese Mutter kinderlos zu machen. Laßt Ihr mich nur wissen, wo ich ihn finde, Alerie, und Ihr sollt bald erfahren, ob ich mich fürchte, meine Sache bei ihm zu führen." „Ach!" rief Alerie, „Ihr wißt ja wohl meine Ungewißheit über meines Vaters Aufenthalt. Wie oft Hab' ich ihn inständig gebeten, mich seinen einsamen Aufenthalt, oder seine verborgenen Wanderungen mit ihm theilen zu lassen! Aber die kurzen und seltsamen Besuche, die er in diesem Hause macht, find Alles, was er mir von seiner Gesellschaft vergönnt. Etwas vermischt' ich doch gewiß zu thun, wenn auch wenig, um ihm die Schwcrmuth, die ihn niederdrückt, zu erleichtern." „Etwas vermöchten wir beide zu thun," sagte Peveril- „Wie gern würde ich Euch in einem so angenehmen Geschäft unterstützen! Aller frühere Kummer sollten vergessen werden, — alle alte Freundschaften sollten wieder aufleben. Meines Vaters Vorurtheile find die eines Engländers, — freilich stark, doch der Vernunft nicht unüberwindlich. Sagt mir also, wo Major Bridgenorth ist, und überlaßt mir das Uebrige; oder laßt mich nur wissen, unter welcher Adresse ihn Eure Briefe 186 treffen, und ich will sofort seinen Aufenthalt zu entdecken suchen." „Versucht es nicht, ich bitte Euch," sprach Alerie. „Er ist schon ein bedrängter Mann; und was würde er denken, wenn ich fähig wäre, ein Gesuch zu unterstützen, das wahrscheinlich seinen Kummer noch vermehren würde? Ueberdieß könnte ich, auch wenn ich wollte, Euch nicht sagen, wo er jetzt zu finden wäre- Meine Briefe erreichen ihn von Zeit zu Zeit durch meine Tante Christian; aber seine Adresse ist mir gänzlich unbekannt." „Nun, beim Himmel," rief Julian, „so will ich seine Ankunft auf dieser Insel und in diesem Hause abwarten; und ehe er Euch in seine Arme geschloffen hat, soll er mir über den Gegenstand meines Gesuchs Antwort geben." „So verlangt diese Antwort jetzt!" — tönte eine Stimme außerhalb der Thür, welche zu gleicher Zeit langsam sich öffnete- „Verlangt diese Antwort jetzt; denn hier steht Ralph Bridgenorth." Indem er so sprach, trat, er mit seinem gewohnten langsamen und ruhigen Schritte in's Zimmer, — nahm seinen niedergekrämpten, thurmförmigen Hut ab, und betrachtete abwechselnd seine Tochter und Julian mit einem festen und durchdringenden Blick. „Vater!" begann Alerie, durch seine plötzliche Erscheinung unter solchen Umständen höchst überrascht und erschreckt, — „Vater, ich verdiene keinen Vorwurf." „Davon nachher, Alerie," sagte Bridgenorth; „indeß begib dich auf dein Zimmer. — Ich habe diesem jungen Mann Etwas zu sagen, was deine Gegenwart nicht vertragen wird." „Wahrhaftig, Vater, wahrhaftig," sprach Alerie, betroffen über den vermeinten Sinn dieser Worte; „Julian verdient 187 eben so wenig Vorwürfe, als ich! Es war Zufall, es war Ohngesähr, was uns hier zusammenbrachte." Dann eilte sie aber plötzlich auf ihren Vater zu, umschloß ihn mit den Armen und sprach: „O thuc ihm kein Unrecht — er hatte keine schlechten Absichten gegen mich! Vater, du warst immer ein vernünftiger, und frommer, friedlicher Mann." »Und warum sollt' ich es jetzt nicht auch sein, Alerie?" sagte Bridgenorth, indem er seine Tochter vom Boden aufhob, wo sie in der Innigkeit ihres Flehens fast niedergesunken war- „Weißt du Etwas, Mädchen, was meinen Zorn gegen diesen jungen Mann mehr entflammen müßte, als Vernunft oder Religion denselben bezähmen könnte? Geh', geh' auf dein Zimmer. Beruhige deine eignen Leidenschaften — lerne diese beherrschen, und überlast' es mir, mit diesem eigensinnigen jungen Mann mich zu besprechen." Alerie stand auf und begab sich mit niedergesenkten Augen langsam aus dem Zimmer. Julian folgte mit seinen Blicken ihren Schritten, bis der letzte Streifen ihres Gewandes an der Thüre sichtbar war. Dann richtete er seine Augen auf Bridgenorth und senkte sie wieder nieder. Der Major fuhr fort, ihn in tiefem Stillschweigen zu betrachten; seine Züge waren schwermüthig und selbst finster; aber doch war nichts darin, was heftige Unruhe oder bittere Empfindlichkeit anzeigte. Er hieß Julian Platz nehmen und setzte sich selbst. Hierauf er- öffnete er die Unterredung auf folgende Weise: „Ihr schienet, junger Herr, soeben begierig, zu erfahren, wo ich anzutreffen wäre. Dieß vermuthete ich wenigstens aus den wenigen Aeußerungen, die mir zufällig zu Ohren kamen; denn ich war so kühn, einige Augenblicke zu horchen, um zu vernehmen, über was für einen Gegenstand ein so junger 188 Mann, wie Ihr, und ein so junges Mädchen, wie Alerie, unter vier Augen sich unterhielten." „Ich bin versichert, Herr Major," sagte Julian, der im Gefühl des Dranges der gegenwärtigen drängenden Lage sich wieder zu sammeln suchte, „Ihr habt von meiner Seite nichts gehört, was einen Mann beleidigen könnte, den ich so hoch zu verehren gedrungen bin." „Im Gegentheil," versetzte Bridgcnorth mit demselben feierlichen Ernste, „es ist mir lieb, zu finden, daß Eure Angelegenheit mehr mich, als meine Tochter, betrifft, oder zu betreffen scheint- Ich glaube nur, Ihr hättet besser gethan, Euch sogleich unmittelbar an mich zu wenden, da die Sache mich allein angeht." Julian konnte mit der schärfsten Aufmerksamkeit nicht entdecken, ob Bridgcnorth dicß im Ernst oder spottwcise in Bezug auf den obigen Gegenstand sagte. Er war jedoch scharfsinniger, als seine noch beschränkte Erfahrung vermuthen ließ, und hatte bei sich beschlossen, zu versuchen, ob er Etwas von dem Charakter und Temperament des Mannes, mit dem er sprach, ausforschen könnte. In dieser Absicht richtete er seine Antwort nach Bridgenorth's Acußcrung ein und sagte: da er nicht so glücklich sei, den Ort seines Aufenthalts zu wissen, so habe er sich deßhalb an seine Tochter gewandt, um darüber Erkundigung einzuziehen. „Mit welcher Ihr jetzt zum ersten Mal bekannt geworden seid," sagte Bridgcnorth, „wenn ich Euch recht verstehe?" „Keinesweges," antwortete Julian, indem er die Augen niederschlug; „ich bin mit Eurer Tochter schon seit vielen Jahren bekannt, und was ich zu sagen wünschte, betrifft sowohl ihr Glück, als das meinige " „Ich muß Euch so verstehen," sprach Bridgcnorth, „wie 189 fleischliche Menschen einander über Dinge dieser Welt verstehen. Ihr seid an meine Tochter durch die Bande der Liebe geknüpft; ich habe es lange gewußt." »Ihr, Herr Major," rief Peveril aus, „Ihr habt es lange gewußt?" „Ja, junger Mann, glaubt, daß ich, als der Vater eines einzigen Kindes, Alexie, — das einzige lebende Pfand von der, die nun ein Engel im Himmel ist — hätte in dieser Abgeschiedenheit lassen können, ohne die sicherste Kcnntniß von allen ihren wesentlichen Handlungen zu haben? Ich habe in Person mehr von ihr und von Euch gesehen, als Ihr Euch einbilden konntet; und wann ich körperlich abwesend war, hatte ich die Mittel, dieselbe Oberaufsicht fortzuführen. Junger Mann, solche Liede, als Ihr zu meiner Tochter heget, lehrt, wie man sagt, viel Verschlagenheit; aber glaubt nicht, daß diese die Zärtlichkeit überlisten kann, mit der ein Vater an seinem einzigen Kinde hängt." „Wenn Ihr," entgegnete Julian mit hochklopfendem und frohem Herzen, „wenn Ihr diesen Umgang so lange gewußt habt, darf ich hoffen, daß er nicht Euch Mißfallen erregt habe?" Der Major hielt einen Augenblick inne und antwortete dann: „In einigen Rücksichten gewiß nicht. Wäre eS der Fall gewesen — hätte Etwas von Eurer Seite, oder von Seiten meiner Tochter Eure Besuche hier bei ihr gefährlich oder mir mißfällig zu machen geschienen, so würde sie nicht lange die Bewohnerin dieser Einsamkeit oder dieser Insel geblieben sein. Aber seid nicht so voreilig, vorauszusctzen, Alles, was Ihr in dieser Sache wünschen möget, sei so leicht oder so schnell auszuführen." »Ich sehe freilich Schwierigkeiten voraus," versetzte Julian; „aber mit Eurer gütigen Erlaubniß, es sind solche, die ich zu entfernen hoffte. Mein Vater ist edelmüthig — meine Mutter ist aufrichtig und wohlgesinnt. Beide liebten Euch einst, und ich glaube sicher, sie werden Euch wieder lieben. Ich will der Vermittler zwischen Euch sein — Friede und Eintracht soll von Neuem unsere Nachbarschaft bewohnen, und —" Bridgenorth unterbrach ihn mit einem finstern Lächeln; denn so schien es auf einem Gesichte voll tiefer Melancholie. „Meine Tochter sagte nur vor einer kleinen Weile ganz recht, Ihr wäret ein Träumer schöner Träume, ein Bildner von Plänen und phantastischen Hoffnungen, gleich den Erscheinungen der Nacht. Es ist eine große Sache, die Ihr von mir verlangt; — die Hand meines einzigen Kindes — die Summe meines weltlichen Bestandes; doch ist das nur ein Schatten in Vergleichung. Ihr verlangt den Schlüssel zu der Quelle, aus welcher ich noch hoffen kann, einen Labetrunk zu thun; Ihr verlangt, der einzige und unumschränkte Bewahrer meiner irdischen Glückseligkeit zu sein — und was habt Ihr dargeboten, oder was habt Ihr darzubieten zum Ersatz der Ueber- gabe, welche Ihr von mir fordert?" „Ich fühle nur zu wohl," entgegnete Peveril, betroffen über seine raschen Schlüffe, „wie schwierig es sein mag." „Nein, unterbrecht mich nicht," sprach Bridgenorth, „bis ich Euch den Betrag desjenigen zeige, was Ihr mir für den Austausch eines Gutes darbietet, welches, was auch immer sein innerer Werth sei, eifrig von Euch gewünscht wird, und Alles in sich begreift, was ich Schätzbares auf Erden darzubringen habe. Ihr könnt gehört haben, daß ich in den letzten Zeiten der Gegner von Eures Vaters Grundsätzen und seiner profanen Partei, jedoch nicht von seiner Person, war." „Ich habe immer gerade das Gegcntheil gehört," antwortete 191 Julian; »und eben jetzt erwähnte ich gegen Euch, daß Ihr sein Freund gewesen wäret." „Ja. Als er in Bedrängniß und ich im Wohlstände war, war ich weder abgeneigt, noch ganz unfähig, mich als solchen zu beweisen. Wohl, das Blatt hat sich gewendet — die Zeiten haben sich geändert. Ein friedliebender und Niemand beleidigender Mann hätte von einem nunmehr mächtig gewordenen Nachbar einen solchen Schutz bei seinem Wandeln auf dem Wege des Rechts erwarten können, als alle Untcrthanen desselben Reichs selbst von Fremden zu erwarten berechtigt sind- Was geschah aber? Ich verfolgte, mit der Vollmacht des Königs und des Gesetzes, eine Mörderin, die an ihrer Hand das Blut meines nahen Verwandten trug, und ich hatte in solchem Falle ein Recht, jeden Lehnsherrn zum Beistände in der Vollziehung aufzurufen. Mein ehemaliger freundlicher Nachbar, als Mensch und als obrigkeitliche Person verbunden, zu einer rechtlichen Handlung bereitwillig Beistand zu leisten — als ein dankbarer und verpflichteter Freund verbunden, meine Rechte und meine Person zu achten — wirst sich zwischen mich — mich, den Rächer des Bluts — und meine gesetzlich Gefangene; schlägt mich zu Boden, indem er zugleich mein Leben gefährdet und in bloß menschlichen Augen meine Ehre befleckt; und unter diesem Schutz erreicht das midianiti- sche Weib, gleich einem Seeadler, das Nest, das sie sich auf dem Felsen gebaut hat, und bleibt daselbst, bis gehörig am Hofe überreichtes Gold alles Andenken an ihr Verbrechen auswischt , und die dem Gedächtniß des besten und wackersten der Menschen gebührende Rache vereitelt. — Aber," (setzte er hinzu, indem er sich an Christian's Bildniß wandte) „du bist noch nicht vergessen! die Rache, die deiner Mörderin auf dem Fuße folgt, kommt langsam — aber sie bleibt nicht aus!" Hier trat eine Pause von einigen Augenblicken ein, welche Julian, im Verlangen nach dem Schluffe, zu dem Bridgenorth endlich gelangen würde, nicht zu unterbrechen suchte. — „Diese Dinge," fuhr Bridgenorth fort, „rufe ich nicht mit Bitterkeit in's Andenken zurück, sofern sie mich persönlich angeheu — nicht mit einem innern Groll, wiewohl ich dadurch aus meinem Wohnorte verbannt worden bin, wo meine Vorfahren lebten, und wo meine irdischen Hoffnungen begraben liegen. Allein jene öffentliche Angelegenheit brachte Streit zwischen Eurem Vater u»d mir. Wer war so thätig, als er, das feindselige Edict des schwarzen St. Bartholomäustageg in Ausführung zu bringen, da so viele hundert Prediger des Evangeliums von Haus und Hof — von Herd und Altar — von Kirche und Pfarre vertrieben wurden, um den Bauchgötzen und Dieben Platz zu machen? Wer war, als ein kleiner Hause vom Volke des Herrn sich vereinigte, die gesunkene Fahne aufzurichten, und noch einmal die gute Sache zu befördern, wer war da am behendesten, ihr Vorhaben zu vereiteln — sie auszuspüren, zu verfolgen, und zu ergreifen? Wessen Athen« fühlt' ich warm an meinem Halse — wessen bloßes Schwert wurde einen Fuß breit von meinem Körper geschwungen, während ich im Dunkeln, wie ein Dieb im Verborgenen, lauerte, im Hause meiner Väter? Es war die Nähe Gottfried Peverils — es war das Schwert Eures Vaters! Was könnt Ihr auf dieß Alles antworten, oder wie könnt Ihr es mit Euren gegenwärtigen Wünschen vereinbaren?" Julian konnte hierauf zur Erwiederung bloß bemerken, „daß diese Beleidigungen schon lange her wären — daß sie im Drange der Zeiten und in der Hitze der Leidenschaft auSge- übt worden, und daß Major Bridgenorth aus christlicher Liebe keine bittere Empfindlichkeit über dieselben unterhalten sollte, da eine Thüre der Versöhnung sich öffne." „Still, junger Mensch," sagte Bridgenorth, „du sprichst von Etwas, das du nicht verstehst. Unsere menschlichen Be° leidigungen zu vergeben, ist christlich und löblich; aber wir haben keinen Auftrag, diejenigen zu vergeben, welche der Sache der Religion und der Freiheit zugefügt worden find; wir haben kein Recht, Befreiungen zu gewähren, oder denen die Hand zu schütteln, die das Blut unsrer Brüder vergossen haben." Er blickte auf Christian's Bildniß und schwieg einige Minuten, als fürchte er, in seiner Heftigkeit zu weit fortge- riffen zu werden, und nahm dann das Gespräch in einem mildern Tone wieder auf. „Diese Dinge führe ich Euch an, Julian, um Euch zu zeigen, wie unmöglich, in den Augen eines bloß weltlichen Menschen, die von Euch gewünschte Verbindung sein würde. Allein der Himmel hat zu Zeiten eine Thüre geöffnet, wo der Mensch kein Mittel zum Ausgange fichet. Eure Mutter, Julian, ist, obwohl eine Person, welcher nach der Sitte der Welt die Wahrheit unbekannt ist, doch eine der besten und weisesten Frauen; und die Vorsehung, welche ihr eine so holde Gestalt gab, und dieser Gestalt ein so lauteres Gemüth verlieh, als nur die ursprüngliche Gebrechlichkeit unserer geringen Natur »erstatten will, hat — ich habe das Vertrauen — nicht die Abficht, daß fie bis an'S Ende ein Gefäß des Grimmes und Verderbens bleiben soll. Von Eurem Vater sag' ich nichts — er ist, was die Zeiten und das Beispiel Anderer, und die Rathgebungen seines gebieterischen Priesters aus ihm gemacht haben; und von ihm, ich wiederhole es, sage ich nichts, ausgenommen, daß ich Macht über ihn habe, welche er ehemals empfunden haben möchte, wenn nicht Jemand innerhalb seiner Peveril. 13 194 Zimmer wäre, der bei seinen Leiden würde gelitten haben. Auch wünsche ich nicht, Eure alte Familie auszurotten. Wenn ich gleich Euren Stolz auf Ahnenruhm und Stammbaum nicht schätze, so würde ich doch nicht diese Dinge absichtlich zerstören, eben so wenig, als man einen moosbewachsenen Thurm niederreißen oder eine alte Eiche fällen würde, es sei denn, um die gemeine Straße gerade zu machen, und zum Vortheil des Publikums- Ich habe daher keine Erbitterung gegen das gedemüthigte Peverilische Haus — nein, ich achte es in seiner Erniedrigung." Hier machte er eine zweite Pause, als erwarte er, daß Julian Etwas sagen würde. Aber ungeachtet des Eifers, mit dem der junge Mann seine Bewerbung betrieben hatte, war er doch zu sehr in Ideen von der Bedeutung seiner Familie, und in der bessern Sitte der Ehrerbietung gegen seine Eltern aufgezogen, um ohne Mißvergnügen diesen Theil von Brid- genorth's Rede anhören zu können. „Das Peverilische HauS," entgcgncte er, „ist nie gedemü- thigt worden." „Hättet Ihr gesagt, die Söhne dieses Hauses sind nie de- müthig gewesen," sprach Bridgenorth, „so würdet Ihr der Wahrheit näher gekommen sein. — Seid Ihr nicht gedemü- thigt? Lebt Ihr nicht hier, als der Diener einer hochmüthi- gcn Frau, als der Spielkamerad eines leichtsinnigen Jünglings? Wenn Ihr diese Insel verlasset, und nach England an den Hof geht, so seht Ihr, was für Achtung man da dem alten Stammbaum erweisen wird, der Eure Abkunft von Königen und Eroberern herleitet. Ein possenhafter oder zweideutiger Scherz, ein unverschämtes Betragen, ein verbrämter Mantel, eine Hand voll Gold, und die Bereitwilligkeit, es in Karten oder Würfeln auf's Spiel zu setzen, wird Euch besser IÄ5 an Carls Hofe befördern, als der alte Name Eures Vaters und sklavische Aufopferung von Blut und Vermögen für die Sache seines Vaters." „Das ist freilich nur zu wahrscheinlich," sagte Peveril. „Aber der Hof soll nie mein Element sein. Ich will, wie meine Vorfahren, unter meinen eignen Unterthanen leben, für ihre Zufriedenheit sorgen, ihre Streitigkeiten schlichten." — „Maibäume pflanzen, und um sie herum tanzen," fiel Bridgenorth mit einem finstern Lächeln ein. »Nein, Julian, dieß sind keine Zeiten, in welchen durch das träumerische Walten eines Ortsvorstehers, und durch die kleinlichen Geschäfte eines Landeigenthümers ein Mann seinem Vaterlande dienen kann. Es sind gewaltige Pläne im Werke, und die Menschen aufgefordert, zwischen Gott und Baal zu wählen. Der alte Aberglaube — der Gräuel unserer Vorfahren — ist im Begriff sein Haupt zu erheben, seine Schlingen, unter dem Schutz der Fürsten der Erde, auswärts umher zu legen; aber er erhebt sein Haupt nicht unbemerkt oder unbewacht; der wahren englischen Herzen gibt's Tausende, welche nur auf ein Zeichen warten, wie ein einziger Mann aufzustehen, und den Königen der Erde zu zeigen, daß sie sich vergebens verbunden haben! Wir werden ihre Fallstricke von uns werfen — den Kelch ihrer Gräuel wollen wir nicht kosten." »Ihr sprecht, als wäret Ihr hierin über mich im Dunkeln, Herr Bridgenorth," sagte Peveril. „Da Ihr so viel von mir wißt, so könnt Ihr vielleicht auch begreifen, daß ich wenigstens so viel von Roms Blendwerken gesehen habe, um zu wünschen, daß sie in unserer Heimath nicht verbreitet werden möchten." »Weßhalb denn sonst rede ich zu Euch so freundschaftlich und so frei?" versetzte Bridgenorth. »Weiß ich nicht, mit 13"° 196 welcher Gewandtheit eines frühzeitigen Verstandes Ihr die listigen Versuche jenes Weibes vereiteltet, Euch vom protestantischen Glauben abwendig zu machen? Weiß ich nicht, wie Ihr gedrängt wurdet, als Ihr auswärts wäret, und daß Ihr dennoch sowohl Euren eigenen Glauben sesthieltet, als auch den schwankenden Glauben Eures Freundes sicher stelltet? Sagt' ich nicht, das war gehandelt, wie Margarethens Sohn handeln mußte? Sagt' ich nicht, er hält bis jetzt nur am tobten Buchstaben — aber der Samen, welcher gesäet ist, wird einmal keimen und gedeihen? — Jedoch genug hiervon. Für heute ist dieß Eure Wohnung. Ich will in Euch weder den Diener jener Tochter Ethbaals, noch den Sohn dessen sehen, der meinem Leben nachstellte und meine Ehre beschimpfte, sondern Ihr sollt mir für heute das Kind derjenigen sein, ohne die meine Familie verloschen sein würde. Mit diesen Worten streckte er seine dünne knöcherne Hand aus, und faßte Julian's Rechte; aber es war so ein trauernder Blick in dieser Bewillkommnung, daß, — was für Freude auch immer der junge Mann im Voraus empfand, so lange Zeit in der Nähe, vielleicht in der Gesellschaft Aleriens zuzubringen, oder so stark ihm auch die Klugheit befahl, ihres Vaters Wohlwollen zu gewinnen — er doch das Gefühl sich nicht verläugnen konnte, als wenn in Bridgenorths Gesellschaft sein Herz kälter geworden wäre. 197 Vierzehntes Kapitel. Debora, welche nun auf das Geheiß ihres Herrn erschien, kam mit vor die Augen gehaltenem Tuche, und verrieth große GcmüthSunruhe. „Es war meine Schuld nicht, Herr Major," sagte sie; „wie könnt' ich mir helfen? Gleich und gleich gesellt sich gern — der junge Mensch wollte kommen — das Mädchen wollte ihn sehen." „Seid stille, Thörin," sprach Bridgenorth, „und hört, was ich zu sagen habe." „Ich weiß recht wohl, Herr Major, was Ihr zu sagen haben werdet," entgegnete Debora. „Der Dienst, ich weiß es, ist heutzutage kein Erbgut — einige sind klüger, als manche andere — wäre ich nicht von Martindale weggelockt worden, so hätt' ich mein eignes Haus in dieser Zeit haben können." „Schweigt, Unverständige!" rief Bridgenorth; aber Debora war zu eifrig in ihrer Rechtfertigung. „Kein Wunder," fuhr sie fort, „daß ich in Hinsicht meines eigenen Vortheiles betrogen worden bin, als ich die liebe Alerie habe warten sollen. All Euer Gold, Herr Major, würde mich nicht versucht haben, wenn ich nicht wußte, daß die arme Unschuldige würde verloren gewesen sein, sobald sie von meiner gnädigen Frau oder von mir weggenommen würde. — Und das ist also das Ende davon! — früh auf und spät zu Bette — und dieß ist mein ganzer Dank! — aber der Herr Major thäten besser, Sorge zu tragen, was zu thun ist — sie hat den kurzen Husten noch bisweilen — und sollte Arznei nehmen, im Frühling und Herbst." 198 „Stille, schwatzhafte Thörin!" sagte ihr Herr, sobald ihr ausgehender Athem ihm Gelegenheit gab, zwischenein zu fallen; „denkt Ihr, ich wußte nichts von den Besuchen dieses jungen Herrn auf Blackfort, und — wenn sie mir mißfallen hätten, ich würde sie nicht zu verhindern gewußt haben?" „Wußte ich nicht, Herr Major, daß Ihr von seinen Besuchen Kenntniß habt?" rief jetzt Debora im triumphirenden Tone aus. — ,.Ei, wie würde ich seine Besuche sonst erlaubt haben? Ich weiß nicht, was Ihr von mir denket. Hätt' ich nicht Gewißheit gehabt, daß Ihr keine Sache in der Welt so sehr wünschtet, würde ich mich denn unterstanden haben, zur Beförderung die Hand zu bieten? Ich glaube meine Pflicht besser zu kennen. Fragt, ob ich je einen andern jungen Mann in's Haus gebeten habe, außer ihn — denn ich wußte, Ihr seid ein weiser Mann, Herr Major, und Uneinigkeiten können nicht ewig währen, und Liebe fängt an, wo der Haß aufhört: und meiner Treu', sie sehen aus, als wenn sie für einander geschaffen wären — und dann die Grundstücke Moultrassie und Martindale paffen zu einander, wie Messer und Scheide." „So schweigt doch, Papagei!" rief Bridgenorth, dessen Geduld nun fast gänzlich erschöpft war; „oder wollt Ihr schwatzen, so plaudert mit Euren Kameraden in der Küche, und laßt uns etwas Mittagseffen zubereiten; denn Herr Pe- veril ist weit von Hause entfernt." „Das will ich, und von Herzen gern," entgegnete Debora; „und wenn es auf der Insel Man ein paar fettere Vögel gibt, als jetzt auf der Tafel mit ihren Flügeln schlagen sollen, so mögen mich der Herr Major eben so gut Gans als Papagei nennen." Und hiermit verließ sie das Zimmer. »Glaubt Ihr," -ob Bridgenorth, indem er ihr einen be- 199 deutenden Blick zuwarf, wieder an, „daß ich einer solchen Person, wie dieser, die Pflege meines einzigen Kindes preisgcge- dcn hätte? Doch genug hiervon! Wir wollen ausgchen, wenn es Euch beliebt, während sie in einem Fache geschäftig ist, für das ihr Verstand besser paßt." So sprach er, und verließ das Haus, und bald gingen beide wie alte Bekannte neben einander. Major Bridgenorth vermied sorgfältig den schon besprochenen Gegenstand, und richtete sein Gespräch vornehmlich" auf seine Reisen im AuSlande, und auf die in entfernten Ländern gesehenen Merkwürdigkeiten, die er mit forschendem und beobachtendem Blicke betrachtet zu haben schien. Bridgenorth schien das südliche Frankreich zu kennen, und konnte manche Vorfälle von den französischen Hugenotten erzählen, welche schon die Bedrängnisse zu erdulden anfingen, die wenige Jahre nachher durch den Widerruf des Edicts von Nantes ihr Höchstes erreichten. Er war sogar in Ungarn gewesen ; denn er sprach wie aus persönlicher Kenntniß von dem Charakter verschiedener Häupter des großen protestantischen Aufstandes, der zu dieser Zeit unter dem berühmten Tekeli statt gefunden hatte, und gab triftige Gründe an, warum sie befugt waren, eher gemeinschaftliche Sache mit dem türkischen Großhcrrn zu machen, als sich dem römischen Pabste zu unterwerfen. Er sprach auch von Savoien, wo die Anhänger der reformirten Religion noch grausame Verfolgung erlitten; und erwähnte mit erhöhtem Gefühle den Schutz, welchen Oliver Cromwell den unterdrückten protestantischen Kirchen hatte angedeihen lassen. „Und darin," setzte er hinzu, „zeigte er sich fähiger, die oberste Macht zu handhaben, als jene, welche bloß auf Erbrecht gestützt, sie allein für ihre eiteln und wollüstigen Zwecke gebrauchen." 20V „Ich hätte nicht erwartet," sagte Peveril bescheiden, „von Euch, Herr Bridgenorth, eine Lobrede auf Oliver Cromwell zu hören." „Ich halte ihm keine Lobrede," cntgegnete der Major; „ich spreche nur die Wahrheit von diesem außerordentlichen Mann, der nun todt ist; dem ich aber, wenn er noch lebte, mich nicht scheuen würde, in s Angesicht Widerstand zu leisten. Es ist ein Fehler des gegenwärtigen unglücklichen Königs, wenn er uns mit Bedauern auf die Tage zurücksehen läßt, da die Nation auswärts gefürchtet und Frömmigkeit und Mäßigkeit im Lande geübt wurde." Während dieser Zeit halten sie ihren Spaziergang geendigt, und waren auf einem andern Wege, als von dem sie das Thal durchwanderten, auf Blackfort zurückgekommen. Die Bewegung und der allgemeine Ton der Unterhaltung hatten in einigem Grade bei dem jungen Peveril die Schüchternheit und Verlegenheit entfernt, welche er anfänglich in Bridge- north's Gegenwart empfunden. Debora's verheißenes Mahl war bald auf der Tafel, und entsprach in der Einfachheit sowohl, als in der Sauberkeit und guten Anordnung, den erregten Erwartungen. Zn einer Hinsicht allein fand sich etwas Unangemessenheit, vielleicht Uedertreibung. Die meisten Schüsseln waren von Silber, und die Teller waren von demselben Metall, statt des hölzernen und zinnernen Geschirres, welches Peveril gewöhnlich bei ähnlichen Gelegenheiten zu Blackfort gebraucht gesehen hatte. Mit dem Gefühl eines Menschen, der in einem angenehmen Traume, aus dem er zu erwachen fürchtet, lustwandelt, und dessen Ergötzen mit Verwunderung und Ungewißheit gemischt ist, saß nun Julian zwischen Alerie und ihrem Vater — dem Wesen, das er auf Erden am meisten liebte, und dem Manne, den er immer als das größte Hinderniß ihrer Vereinigung betrachtet hatte. Seine Gemüthsverwirrung war so groß, daß er kaum Deborens lästige Höflichkeiten erwiedern konnte, welche die Speisen vorlegte. Alexie schien dießmal den Entschluß gefaßt zu haben, die Stumme zu spielen; denn sie antwortete auf Deborens Fragen höchstens ganz kurz; ja selbst, wenn ihr Vater, was ein oder ein paar Mal geschah, sie mehr zum Sprechen zu bringen suchte, crwiedcrte sie nicht weiter, als vie Ehrerbietung gegen ihn schlechterdings erforderte- Auf Bridgenorth selbst fiel daher das ganze Geschäft, die Gesellschaft zu unterhalten, und, wider seine gewohnte Weise schien er sich nicht davor zu scheuen. Sein Gespräch war nicht nur gefällig, sondern fast fröhlich, wiewohl immerfort von einigen Aeußerungen durchkreuzt, die seinen natürlichen und gewöhnlichen Trübsinn verriethen oder künftiges Unglück oder Leiden prophezeieten. Auch Flammen von Schwärmerei schossen durch seine Reden, wie das Wetterleuchten an einem Herbstabend, welches eine starke, jedoch nur augenblickliche Helligkeit durch die sanfte Dämmerung und auf alle nahen Gegenstände wirft, die, von ihm getroffen, einen wildern und aufsallendern Charakter annehmen. Im Allgemeinen aber waren Bridgenorth's Bemerkungen einfach und verständig; und da er nicht nach Anmuth des Ausdrucks strebte, so entsprang jede Ausschmückung, die sie empfingen, nur aus dem Interesse, womit er sie seinen Zuhörern einschärste. Zum Beispiel, als Debora im Stolz und in der Gemeinheit ihres Herzens, Julian auf das Silbergeschirr, auf dem sie gespeist hatten, aufmerksam machte, fanv Bridgenorth eine Entschuldigung eines solchen überflüssigen Aufwandes nothwendig. „Es war ein Zeichen nahender Gefahr," sagte er, „als 202 Menschen, die nicht gewöhnlich an den Eitelkeiten des Lebens hingen, viel Geld auf Zierrathen von kostbarem Metall wandten. Es war ein Merkmal, daß der Kaufmann keinen Gewinn für das Kapital erhalten konnte, welches er, um der Sicherheit willen, in diese unnütze Form kleidete. Es war ein Beweis, daß die Adeligen oder Vornehmen die Raubsucht der Gewalt fürchteten, als sie ihren Reichthum in die tragbarsten und am leichtesten zu verbergenden Formen legten; und es bewies die Unsicherheit des Kredits, wenn ein verständiger Mann den Besitz einer Masse Silber der Bequemlichkeit eines Empfangscheines von einem Goldschmied oder Banquier vorzog. So lange ein Schatten von Freiheit übrig blieb, wurden häusliche Rechte am wenigsten angegriffen; und daher vertheilte man seinen Reichthum auf seine Crcdenztische und Tafeln, weil er an diesen Orten am längsten bleiben würde, wiewohl sie am Ende vielleicht auch nicht vor den Eingriffen einer tprannischen Regierung gesichert waren. Man lasse aber einmal ein Kapital zum Behuf eines vortheilhaften Handels gesucht werden, und die Masse wird auf einmal dem Schmelzofen überliefert, und wird, indem sie aufhört, eine eitle und beschwerliche Zierde der Tafel zu sein, zu einer mächtigen und wirksamen Triebfeder, den Wohlstand des Landes zu befördern." „Auch im Kriege," bemerkte Peveril, „ist Silbergeschirr eine schnelle Hülfe gewesen." „Ja nur zu sehr," entgegnete Bridgenorth. „In den letzten Zeiten setzte das Silberzeug des hohen und niedern Adels, nebst dem der Collegien und dem Verkauf der Kronsuwelen, den König in die Lage, seinen unglücklichen Stand zu behaupten, wodurch die Wiederherstellung des Friedens und der guten Ordnung gehindert wurde, bis das Schwert eine unge- 203 bührende Ueberlegenheit zugleich über König und Parlament erlangt hat." Er blickte auf Julian, als er so sprach, um sein Inneres zu erforschen. Aber Julians Gedanken neigten sich zu sehr auf andre Gegenstände, als daß er irgend eine Bewegung verrathen hätte- Seine Antwort bezog sich auf einen frühern Theil von Bridgenorth's Rede, und wurde erst nach einer kurzen Pause erwiedert. „Krieg also," sagte er, „Krieg, die Quelle der Armuth, ist auch der Schöpfer des Rcichthums, den er verwüstet und verschlingt. Die Menschen sollten also in den Krieg gehen, damit sie ihr Silbergeschirr in die Münze schicken können, und von zinnernen Schüsseln und hölzernen Tellern essen?" „Das nicht, mein Sohn," antwortete Bridgenorth. Dann hielt er schnell inne, da er eine tiefe Röthe auf Julians Wangen und Stirne bemerkte, und fuhr fort: „Ich bitte wegen meiner vertrauten Sprache um Vergebung; allein ich wollte das, was ich eben sagte, nicht auf so geringfügige Folgerungen beschränkt wissen, ob es gleich etwas Heilsames sein mag, die Menschen von ihrer Pracht und Ueppigkeit loszureißen. Aber ich wollte sagen, daß Zeiten der allgemeinen Gefahr, eben so wie sie den Schaß des Geizhalses und das ungemünzte Gold und Silber des Stolzen in Umlauf bringen, und so den Reichthum des Landes vermehren, auch manchen wackern und edeln Geist in Thätigkeit setzen, der außerdem erstarrt liegen, den Lebenden kein Beispiel geben, und künftigen Zeitaltern keinen Namen hinterlaffen würde. „Ihr sprecht," sagte Peveril, „als wenn Unglücksbcgeben- heiten der Nation gewissermaßen ein Vortheil wären." „Und wenn es nicht so wäre," erwiederte Bridgenorth, „so hätten sie in diesem Prüfnngsstande nicht statt gefunden, wo alles zeitliche Ucbel durch etwas Gutes in seinem Fortschritt erleichtert wird, und wo Alles, was gut ist, sich mit dem, was an sich ein Uebel ist, gepaart findet." „Es muß ein edler Anblick sein," sagte Julian, „die schlummernden Fähigkeiten einer großen Seele zur Kraftäußerung erwacht, und die Obergewalt annehmen zu sehen, die ihr über geringer begabte Geister zusteht." „Ich war einmal Zeuge von etwas Aehnlichem," versetzte Bridgcnorth, „und da die Erzählung kurz ist, sollt Ihr sie hören, wenn es Euch gefällt: „Auf meinen Reisen verweilte ich auch in den Ansiedelungen jenseits des atlantischen Meeres, besonders in NewEng- land. Da find Tausende unserer besten und gottseligsten Menschen — solche, deren Rechtschaffenheit zwischen den Allmächtigen und seinen Zorn treten und den Untergang ganzer Städte abwenden könnte — zufrieden, die Bewohner der Wüste zu sein, indem sie lieber die unerleuchteten Wilden bekämpfen, als sich herablafsen, unter der in Britannien auS- geübten Unterdrückung das Licht, das in ihren eignen Seelen lebt, auszulöschen. Da blieb ich einige Zeit während der Kriege der Kolonie mit Philipp, einem großen indischen Befehlshaber oder Sachern, welcher vom Satan abgesandt schien, sie zu schlagen. Seine Grausamkeit war groß — seine Verstellung tief; und die Geschicklichkeit und Gewandtheit, womit er einen verderblichen und raschen Krieg führte, brachte über die Colonie vieles furchtbare Ungemach. Es war an einem Sabbatmorgen, als wir uns, um guten Rath zu Pflegen, in dem Hause des Herrn versammelt hatten. Ein trefflicher Mann Gottes, der nun in dem Herrn ruht, Nehemiah Sols- grace, lange Zeit der Gefährte meiner Pilgrimschaft, hatte eben angefangen, im Gebet zu ringen, als ein Weib mit ver- 205 Aorten Blicken und fliegenden Haaren voll Bestürzung in unsere Kapelle trat, und unaufhörlich schrie: „„die Indianer! die Indianer!"" — In jenem Lande tragen die Menschen stets ihre Waffen bei sich, wie die Juden bei dem Wiederaufbauen ihres Tempels. So sprangen wir hervor mit unfern Gewehren und Piken, und hörten das Geschrei dieser eingefleischten Teufel, die schon im Besitz von einem Theile der Stadt waren, und ihre Grausamkeit an den Wenigen aus- ubten, welche wichtige Ursachen oder Kränklichkeit von dem öffentlichen Gottesdienst abgehalten hatten. Am Ende wurde viel Schaden angcrichtet, und obgleich unsere Ankunft und unser Angriff sie einigermaßen zurückschlug, so schoß doch der teuflische Feind bald mächtig auf uns los, und gewann einigen Vortheil über uns, da wir in der Bestürzung und Verwirrung waren, und keinen bestimmten Anführer hatten. Mehrere Häuser in dem obern Theile des Dorfs standen schon in Flammen, und das Krachen der Balken bei dem Brande vermehrte die schauderhafte Verwirrung. In dieser Lage und während wir im Begriff waren, einen verzweifelten Plan zu verfolgen: das Dorf zu räumen, die Weiber und Kinder in den Mittelpunkt zu bringen, und einen Rückzug in die nächste Ansiedelung zu versuchen, gefiel es dem Himmel, uns einen unerwarteten Beistand zu senden. Ein hoch gewachsener Mann von ehrwürdigem Blick, welchen Niemand von uns zuvor gesehen hatte, war plötzlich in unserer Mitte- Seine Gewänder waren von der Haut des Elendthieres, er trug ein Schwert und führte eine Flinte; ich sah nie etwas Ehrwürdigeres, als seine Gcsichtszöge, von grauen Locken überschattet, welche 'sich mit einem langen Barte von derselben Farbe vermischten. „„Männer und Brüder,"" begann er, als wollte er uns von der Flucht zurückrufen: „„warum laßt ihr euern Muth finken? 206 und warum seid ihr so unruhig? Fürchtet ihr, der Gott, dem wir dienen, werde uns jenen heidnischen Hunden übergeben? folget mir, und ihr sollt heute sehen, daß cs einen Feldherrn in Israel gibt."" Er gab einige kurze, aber deutliche Befehle, und so groß war die Macht seines Ansehens, seiner Miene, seiner Sprache und seiner Geistesgegenwart, daß Menschen, die ihn nur diesen Augenblick zum ersten Mal gesehen hatten, ihm blindlings gehorchten. Wir wurden auf seinen Befehl schnell in zwei Corps abgetheilt, von welchen das eine muthig die Niederlassung vertheidigte, während der Fremde, unter dem Schutze des Dampfs, an der Spitze der andern Abtheilung einen Ausfall that, und auf einem Umwege die rothen Krieger im Rücken angriff. Der Ueberfall hatte, wie gewöhnlich bei Wilven, seine volle Wirkung; die Heiden flohen in Verwirrung, gaben das halb eroberte Dorf preis, und ließen so viele von ihren Kriegern hinter sich zurück, daß der Stamm nie seinen Verlust wieder ersetzen konnte. Niemals werde ich die Gestalt unsers ehrwürdigen Anführers vergessen, als unsere Leute, und nicht bloß sie, sondern auch die Weiber und Kinder des Dorfs, vom Messer der Wilden errettet, gedrängt um ihn standen, doch kaum seiner Person sich zu nähern wagten, und ihn mehr wie einen herabkommenden Engel anbeten, als ihm, gleich einem ihrer Mitmenschen, Dank bringen wollten. „„Nicht mir gebührt der Ruhm,"" sagte er; „„ich bin nur ein Werkzeug in der Hand dessen, der mächtig ist, zu befreien. Bringt mir eine Schale Wasser, daß ich meine vertrocknete Kehle erquicke, eh' ich meine Danksagung da darzubringen suche, wo sie am meisten sich gebührt."" Ich war ihm am nächsten, als er sprach, und gab ihm das verlangte Wasser in die Hand. In diesem Augenblick sahen wir uns an, und ich meinte einen edlen Freund 2«7 wieder zu erkennen', den ich lange verklärt geglaubt hatte; aber er ließ mir keine Zeit zu sprechen, er sank aus die Knie, gab uns ein Zeichen, ihm zu folgen, und ergoß sich nun in eine starke und kräftige Danksagung für die glückliche Wendung des Kampfs. Jetzt schwieg er; eine kurze Zeit blieben wir mit unfern Gesichtern zur Erde gebeugt — Niemand wagte sein Haupt zu erheben. Endlich blickten wir auf; aber unser Befreier war nicht mehr unter uns; auch wurde er nie wieder gesehen in dem Lande, das er errettet hatte." Nachdem Bridgenorth dieses sonderbare Ereigniß mit einer Beredtsamkeit und Lebhaftigkeit erzählt hatte, die von seiner gewöhnlichen trockenen Unterhaltung sehr abstach, hielt er einen Augenblick inne, und fuhr dann fort: — „Ihr seht, junger Mann, daß Männer von Tapferkeit und Einsicht, wenn es die allgemeine Noth erfordert, berufen werden, zu befehlen, obgleich in dem Lande, das sie zu befreien bestimmt sind, selbst ihr bloßes Dasein unbekannt ist " „Aber was dachten die Leute von dem geheimnisvollen Fremden?" fragte Julian, welcher der Geschichte begierig zugehört hatte. „Mancherlei," antwortete Bridgenorth, „und wie gewöhnlich, wenig der Sache Angemessenes. Die vorherrschende Meinung war, ungeachtet seines eigenen Widerspruchs, der Fremde sei wirklich ein übernatürliches Wesen; Andre hielten ihn für einen gottbegeisterten Helden; wieder Andre erklärten ihn für einen Einsiedler, der entweder aus Frömmigkeit, oder aus andern nöthigenden Gründen ein Bewohner der Wildniß geworden war, und den Anblick der Menschen geflohen hatte." „Und, wenn ich mich zu fragen unterstehen darf," entgeg- ncte Julian, „welcher von diesen Meinungen wäret Ihr geneigt, beizutreten?" „Die letzte stimmte am besten mit der zwar flüchtigen, doch genauen Ansicht zusammen, mit welcher ich die Züge des Fremden gemustert hatte," gab Bridgenorth zur Antwort; „denn, ob ich gleich nicht bestreite, daß es dem Himmel gefallen könne, bei hohen Veranlassungen selbst einen von den Todten znr Vertheidigung seines Vaterlandes aufzuwecken, so zweifelte ich doch damals nicht, wie ich auch jetzt nicht zweifle, daß ich die lebendige Gestalt eines Mannes erblickte, welcher allerdings mächtige Gründe hatte, sich in der Kluft des Felsen zu verbergen." „Sind diese Gründe ein Geheimniß?" fragte Julian. „Nicht eigentlich ein Geheimniß," erwiederte Bridgenorth; „denn ich fürchte nicht, daß Ihr verrathen würdet, was ich Euch in vertrauter Unterredung erzählen könnte. Aber der Name dieses Edlen wird hart in deinem Ohr klingen, wegen einer Handlung seines Lebens — indem sein Beitritt zu einer großen Maaßregcl cs war, welcher die äußersten Inseln der Erde zittern machte. Habt Ihr nie von Richard Whalley gehört ?" „Von dem Königsmörder?" rief Peveril stutzend. „Nennt seine Handlung, wie Ihr wollt," sagte Bridgenorth; „er war nicht weniger der Retter jenes bedrohten Dorfs, weil er mit andern hohen Geistern der Zeit auf dem Richterstuhle saß, als Carl Stuart vor Gericht geführt war, und weil er das über ihn vollzogene Urtheil unterzeichnet hatte." „Ich habe immer gehört," entgegnete Julian mit veränderter Stimme und mit tief erröthendem Gesicht, „daß Ihr, Herr Bridgenorth, nebst andern Presbyterianern, gänzlich jenem abscheulichen Verbrechen abgeneigt und bereit wäret, mit 209 der adeligen Partei gemeinschaftliche Sache zu machen, um einen so schrecklichen Mord zu verhindern." „Wenn dieß so wäre," sprach Bridgenorth, „so sind wir von seinen Vorfahren reichlich belohnt worden." „Belohnt!" rief Julian aus. „Hängt der Unterschied des Guten und des Bösen, und unsre Verbindlichkeit, jenes zu thun und dieses zu unterlassen, von der Belohnung ab, die mit unfern Handlungen verbunden sein mag?" „Gott bewahre!" antwortete Bridgenorth; „allein wer die Verheerung betrachtet, welche dieß Haus Stuart in der Kirche und dem Staate angerichtet hat, — die Tyrannei, die es über die Personen und die Gewissen der Menschen ausübt, — der mag wohl zweifeln, ob es rechtlich sei, die Waffen zur Vertheidigung desselben zu führen. Dennoch hört Ihr mich nicht den Tod des Königs rühmen, oder selbst rechtfertigen, ob derselbe gleich in sofern verdient war, als er seinem Eide als ein Fürst und eine obrigkeitliche Person untreu war. Ich erzähle Euch bloß, was Ihr wissen wolltet, daß Richard Whalley, einer von den verstorbenen Richtern des Königs, derjenige war, von dem ich eben sprach. Man trachtete ihm eifrig nach dem Leben; aber durch den Beistand jener Freunde, die der Himmel zu seiner Errettung erweckt hatte, wurde er sorgfältig verborgen gehalten, und er trat nur hervor, um den Willen der Vorsehung, in Hinsicht jener Schlacht, zu vollbringen. Vielleicht kann seine Stimme noch einmal im Felde sich hören lassen, sollte England eines seiner hochherzigsten Männer bedürfen." „Das verhüte Gott!" sagte Julian- „Amen," setzte Bridgenorth hinzu. „Gott möge Bürgerkrieg abwenden, und denen vergeben, deren Tollheit ihn wieder über uns bringen würde." Peveril. 14 210 Hier war eine lange Pause, während welcher Julian, der kaum seine Augen nach Alerien erhoben hatte, einen geheimen Blick auf sie warf, und über den Ausdruck tiefer Schwermut- betroffen war, die sich auf ihre Züge gelagert hatte, welchen ein heiteres, wo nicht munteres, Ansehen so natürlich eigen war. Sobald sie seinen Blick wahrnahm, äußerte sie die Be» merkung, daß die Schatten sich verlängerten und der Abend herankomme. Er hörte es; und, obwohl zufrieden, daß sie ihn an seine Heimkehr erinnerte, konnte er sich doch den Augenblick nicht entschließen, den Zauber zu brechen, der ihn zurückhiclt. Die Sprache, welche Bridgenorth führte, war nicht nur neu und beunruhigend, sondern auch den Grundsätzen, in denen Julian erzogen war, so entgegengesetzt, daß er, als ein Sohn des Ritters Peveril vom Gipfel, in einem andern Falle sich zur Bestreitung der von dem Major gemachten Folgerungen selbst mit dem Schwert in der Hand aufgefordert gefühlt haben würde. Aber Bridgenorth trug seine Meinungen mit so viel Ruhe vor, — schien so sehr von ihnen überzeugt, — daß sie in Julian mehr Bewunderung als heftigen Widerspruch erregten. Während Julian, wie auf seinen Stuhl sestgezaubert, noch blieb, und kaum mehr über die Gesellschaft, in der er sich befand, als über die Meinungen, denen er zuhörte, befremdet war, erinnerte ihn ein anderer Umstand, daß die Zeit seines Aufenthalts aus Blackfort.vorüber wäre. Sein kleines Pferd, das, an die Nachbarschaft von Blackfort wohl gewöhnt, in der Nähe des Hauses zu weiden pflegte, während sein Herr da Besuche machte, fing an, seinen jetzige» Aufenthalt etwas zu lang zu finden. Julian hatte cs noch jung von der Gräfin zum Geschenk erhalten, und es stammte von einer muthigen. 211 gebirgigen Raffe, welche sich durch Kühnheit, langes Leben und eine gewisse, sonst dem Hunde eigene Klugheit auszcich- nete. Die letztere Eigenschaft zeigte es durch die Art und * Weise, womit cs seine Ungeduld, nach Hause zu kommen, ausdrückte. Wenigstens schien dieß die Absicht seines lauten Wie- hernS, mit dem es Alerien aufschreckte, welche sich, den Augenblick darauf, des Lächelns nicht enthalten konnte, als sie die Nase des Thicres durch den offenen Fensterflügel herein- ragcn sah. „Mein Pferd erinnert mich," sagte Julian, auf Alerie blickend, „daß die Zeit meines Hierseins abgelaufen ist." „Sprecht nur noch einen Augenblick mit mir," entgcgnete Bridgenortb, indem er sich mit ihm in eine Nische des alten gothischen Zimmers zurückzog und so leise sprach, daß er von Alerien und ihrer Wärterin, welche indeß das Pferd liebkos'ten und mit Stückchen Brod fütterten, nicht verstanden werden konnte- „Nach alle dem," begann Bridgcnorth wieder, „habt Ihr mir die Ursache Eures HierherkommenS nicht gesagt." Er hielt inne, als wollte er sich an seiner Verlegenheit weiden, und fuhr fort: „Und freilich wäre es sehr unnöthig, daß Ihr das thätct. Ich habe noch nicht so sehr die Tage meiner Jugend vergessen, oder die Neigungen, welche die arme gebrechliche Menschheit nur zu sehr an die Dinge dieser Welt binden. Werdet Ihr keine Worte finden, mich um das große Gut zu bitten, das Ihr sucht, und das Ihr vielleicht ohne mein Wissen und wider meine Einwilligung Euch zuzueignen nicht angestanden haben würdet? — Nein, verantwortet Euch nicht, sondern höret mich ferner. Der Patriarch erkaufte seine Geliebte durch vierzehnjährigen schweren Dienst bei ihrem Vater Laban, und sie schienen ihm nur wenige Tage zu sein. 14 » 212 Aber der, welcher meine Tochter heirathen will, muß, in Vergleichung hiermit, zwar nur kurze Zeit dienen, jedoch in Angelegenheiten von solcher hohen Wichtigkeit, daß sie als der Dienst von vielen Jahren erscheinen werden- — Antwortet mir jetzt nicht, sondern geht, und Friede sei mit Euch." Nachdem er dicß gesprochen, zog er sich so schnell zurück, daß Pe- veril auch nicht einen Augenblick zur Erwiederung übrig behielt. Dieser sah sich nun im Zimmer um und fand, daß auch Debora und Alerie verschwunden waren. Sein Blick weilte einige Minuten auf Christian's Bildniß, und seine Phantasie spiegelte ihm vor, als würde die düstere Physiognomie desselben von einem stolz triumphirenden Lächeln erheitert. Er stutzte und betrachtete es noch genauer; aber es war nur die Wirkung eines Strahles der Abendsonne, welche das Gemälde in diesem Augenblicke traf. Die Wirkung war vorüber, und es blieben nur die festen, ernsten Züge des republikanischen Kriegers zurück- Julian verließ wie träumend das Zimmer; er bestieg sein Roß und kehrte unter manchfaltigen Gedanken nach dem Schlosse Rushin vor Einbruch der Nacht zurück. Hier fand er Alles in Bewegung. Die Gräfin, nebst ihrem Sohne, hatten sich, auf den Empfang gewisser Nachrichten, oder zufolge eines in seiner Abwesenheit gefaßten Entschlusses, mit einem Haupttheile ihrer Familie in das noch stärkere Schloß Holm-Peel begeben, welches gegen acht Meilen quer über die Insel hin entfernt lag, und noch mehr als Castletown verfallen war, in sofern man es als eine Residenz betrachtete. Aber als Festung war Holm-Peel stärker, als Castletown, ja, wenn auch regelmäßig belagert, fast unbezwingbar, und hatte immer eine Besatzung, die den Herren von Man gehörte. Hier kam Peveril bei Einbruch der Nacht an- 213 Man sagte ihm in dem Fischerdorfe, daß die Nachtglocke des Schlosses früher als gewöhnlich gezogen worden wäre und die Wache mit ungewöhnlicher und argwöhnischer Vorsicht gehalten würde. Er beschloß daher, die Besatzung nicht durch eine so späte Ankunft in Bewegung zu setzen, und erhielt ein schlechtes Nachtquartier im Dorfe, von wo aus er am folgenden Morgen in's Schloß gehen wollte. Es that ihm nicht leid, so einige einsame Stunden zu gewinnen, um über die beunruhigenden Begebenheiten des vergangenen Tages nachzudenken. Fünfzehntes Kapitel. Sodar oder Holm-Peel ist eines jener sonderbaren Denkmäler des Alterthums, woran diese merkwürdige und interessante Insel reich ist. Es nimmt das Ganze einer hohen felsigen Halbinsel, oder vielmehr eine Insel ein; denn es ist bei hohem Wasser von der See umgeben und kaum zugänglich, selbst wenn die Fluth vorüber ist, obgleich ein Steindamm von großer Festigkeit, zu diesem ausdrücklichen Zweck errichtet, die Insel mit dem festen Lande verbindet- Der ganze Raum ist von doppelten, sehr starken und dicken Mauern umschlossen, und der Zugang zum Innern geschah zu der Zeit, von der wir sprechen, bloß durch zwei Treppen von steilen und schmalen Stufen, die durch einen starken Thurm und ein Wacht- haus von einander getrennt waren ; unter dem erstern hefindet sich ein gewölbter Thorweg. Der offene Raum innerhalb der 214 Mauern erstreckt sich auf zwei Morgen Landes und enthält viele Merkwürdigkeiten für den Alterthumsforscher. Hier waren, außer dem Schloß selbst, zwei Kathedralkirchen, die frühere dem -eiligen Patrik, die spätere dem heiligen Germain gewidmet; überdicß zwei kleine Kirchen, welche alle, selbst in jener Zeit, mehr oder weniger verfallen waren. Außer diesen vier verfallenen Kirchen bot der von den festen äußern Mauern Holm-Peels eingcschlofsene Boden in seinem Raume viele andere Spuren der alten Zeit dar. Da fand sich ein viereckiger Erdwall, der mit seinen nach den Strichen des Compasscs gehenden Winkeln einen jener mit einem Walle umgebenen Plätze bildete, wo in alten Zeiten die nordischen Stämme ihre Anführer erwählten oder anerkannten, und ihre feierlichen Volksversammlungen oder comitin hielten. Da befand sich auch einer jener sonderbaren Thürme, die in Irland so häufig find, daß sie ein Lieblingsgegenstand der dortigen Alterthumsforscher wurden, deren wirklicher Nutzen und Zweck aber noch in den Nebel der Zeiten verhüllt zu sein scheint. Dieser Thurm von Holm-Peel war zu einem Wacht- thurm gebraucht worden. Außerdem gab cs dort Runendenkmäler, deren Inschriften nicht entziffert werden konnten; auch spätere Inschriften zum Gedächtniß von Helden, deren bloße Namen der Vergessenheit entrissen worden find. Unter diesen Ruinen einer ältern Zeit erhob sich das Schloß selbst, — jetzt verfallen, — aber unter Carl H. Regierung mit einer guten Besatzung versehen, und in militärischer Hinsicht in völliger Ordnung erhalten. ES war ein ehrwürdiges und sehr altes Gebäude, und enthielt mehrere Zimmer von hinlänglicher Größe und Höhe, um edel genannt werden zu können. Allein bei der Uebergabe der Insel durch Christian wurde die innere Verzierung und Ausstattung des 215 Schlosses von den republikanischen Soldaten großcntheils geplündert und zerstört, so daß es, wie wir schon angedeutet haben, zur Residenz der edeln Eigenthümerin sich wenig eignete. Doch war es oft der Aufenthalt nicht nur der Herren der Insel Man, sondern auch der Staatsgefangenen gewesen, welche die Könige von Britannien bisweilen ihrer Aufsicht übergaben- Es war in einem der hohen, doch fast unmöblirten Zimmer dieses alten Schlosses, wo Julian Pcveril seinen Freund, den Grafen von Derby, -fand, welcher sich diesen Augenblick zu einem Frühstück von verschiedenen Fischarten niedcrgesetzt hatte- „Willkommen, kaiserlicher Julian," sagte er, „willkommen in unserer königlichen Festung, in der wir für jetzt wahrscheinlich nicht Hungers sterben, obwohl fast vor Kälte erstarren werden." Julian antwortete mit der Frage nach der Bedeutung dieser plötzlichen Ortsvcränderung. „Auf mein Wort," versetzte der Graf, „Ihr wißt beinahe eben so viel davon, als ich. Meine Mutter hat mir nichts darüber gesagt, wie ich glaube, in der Voraussetzung, daß ich am Ende versucht werden möchte, darnach zu fragen; aber sie wird sich darin sehr getäuscht finden. Ich schenke ihr eher mein Zutrauen in die volle Weisheit ihres Verfahrens, als daß ich ihr die Mühe machen sollte, einen Grund-davon anzu- geden, obgleich wohl kein Weib einen bessern angeben könnte " „Still, lieber Graf," sagte Julian, „Ihr seid nicht so gleichgültig, als Ihr Euch stellt, — Ihr sterbet fast vor Begierde, zu wissen, was diese Eile bedeuten soll; Ihr haltet es nur für Hofton, sorglos über Eure eigenen Angelegenheiten zu erscheinen." «Ei, was soll es denn geben," sprach der Graf, „als etwa 216 einen Faktionsstreit zwischen dem Minister unserer Majestät, und unfern Vasallen ? oder vielleicht zwischen unserer Majestät und den geistlichen Gerichtsbarkeiten? Um das Alles bekümmert sich unsere Majestät so wenig, als irgend ein König in der Christenheit." „Ich vermulhe eher, man hat Nachrichten aus England," sagte Julian. „Ich hörte letzte Nacht in Pecltown, daß Greenhalgh mit unangenehmen Neuigkeiten herübergekommen sei.« „Er brachte mir nichts, das angenehm war; ich weiß es wohl," versetzte der Gras. — „Aber hier kommt unsere Mutter mit Sorgen auf der Stirne." Die Gräfin von Derby trat mit einer Menge Papieren in der Hand in's Zimmer. Sie trug ein Trauerkieid mit einer langen Schleppe von schwarzem Sammt, welche ein taubstummes Mädchen hielt, das die Gräfin aus Mitleid mit ihrem Unglück seit einigen Jahren bei sich erzogen hatte. Dieser Unglücklichen hatte sie wegen ihres Hanges zum Romantischen, der manche ihrer Handlungen bezcichnete, nach einer gewissen alten Prinzessin der Insel, den Namen Fenella gegeben. Die Gräfin hatte sich, seitdem wir sie zuerst unfern Lesern vorführten, nicht sehr verändert. Das Alter hatte ihren Schritt langsamer, aber nicht weniger majestätisch gemacht, und ob es gleich einige Runzeln auf ihrer Stirne gezogen, hatte cs doch das ruhige Feuer ihres schwarzen Auges nicht ausgelöscht. Die jungen Männer standen auf, sie mit der förmlichen Ehrerbietung zu empfangen, welche sie, wie fie wußten, gern batte, und wurden von ihr mit gleicher Freundlichkeit begrüßt. - „Vetter Peveril," begann fie (denn so nannte fie ihn stets, weil seine Mutter eine Verwandte ihres Mannes gewesen war), »Ihr wäret zur Unzeit letzte Nacht von Hause entfernt, als wir gerade Euren Rath am meisten nöthig hatten " Julian antwortete mit einem Erröthen, das er nicht verhindern konnte: „er habe sein, ländliches Vergnügen unter den Bergen zu weit verfolgt, — sei spät zurückgekommen,— und da er die Gräfin nicht mehr in Castletown getroffen, sei er sogleich der Familie hiehcr gefolgt; weil aber die Nachtglocke geläutet und die Wache ausgestellt worden, habe er es anständiger gefunden, in dem Dorfe das Nachtquartier zu nehmen." „Sehr wohl," sagte die Gräfin; „und ich muß Euch die Gerechtigkeit widerfahren lassen, Julian, Ihr seid selten ein muffiger Versäumer bestimmter Stunden, wenn Ihr gleich, wie die übrige Jugend dieser Tage, Euren Erholungen bisweilen zu viel von der Zeit ausopfert, welche auf etwas Anderes verwandt werden sollte. Euer Freund Philipp aber ist ein erklärter Verächter der guten Ordnung, und scheint Vergnügen daran zu finden, die Zeit zu verschwenden, selbst wenn er sie nicht genießt-" „Ich habe meine Zeit doch wenigstens jetzt genossen." versetzte der Graf, indem er vom Tische aufstand und sich die Zähne flüchtig reinigte. „Diese frischen Meeraale sind köstlich; so wie auch der Wein. Ich bitte Euch, setzt Euch zum Frühstück, Julian, und eßt von den Leckerbissen, für die meine königliche Vorsicht gesorgt hat- Der alte Griffiths hätte bei unserem eiligen Rückzuge in der letzten Nacht gewiß nicht Verstand genug gehabt, einige Flaschen zu retten, wenn ich ihm nicht über den wichtigen Gegenstand einen Wink gegeben hätte. Aber Geistesgegenwart unter Gefahr und Getümmel ist ein Kleinod, das ich immer besessen habe." „So wünscht' ich nur, Philipp, du möchtest sie zu besserer 218 Absicht gebrauchen," sprach die Gräfin, halb lächelnd, halb mißvergnügt. »Leihe mir dein Jnsiegel," setzte sie mit einem Seufzer hinzu; „denn es wäre, furcht' ich, doch umsonst, dich zu bitten, diese Depeschen aus England durchzulesen, und die Vollmachten zu übernehmen, welche ich demnach ausfertigen zu lassen nöthig fand." „Mein Jnsiegel steht Euch von Herzen gern zu Befehl, Frau Mutter," entgegnete Philipp; „aber verschont mich mit der Durchsicht dessen, worüber Ihr weit fähiger seid zu entscheiden. Ich bin, wie Ihr wißt, ein vollendeter lloi läimmnt, und mengte mich nie in das Verfahren meines Mire <1e pslais." Die Gräfin gab jetzt Fenella ein Zeichen, welche sogleich Wachs und Licht holte, und damit zurückkam. „Halt, halt, um's Himmelswillen!" rief der Graf, als seine Mutter siegeln wollte. „Seht das Siegel erst an; Ihr werdet finden, es ist ein auserlesener antiker Cupido, der auf einem fliegenden Fische reitet — ich hatte es für zwanzig Ze- chinen von Signor Furabosco zu Rom gekauft als eine große Seltenheit für den Alterihumsfreund." — „Wie kannst du so spaßen, du einfältiger Mensch?" unterbrach ihn die Gräfin, ärgerlich in Ton und Miene. „Gib mir dein Jnsiegel, oder lieber, nimm diese Vollmachten, und siegle sie selbst.« „Mein Jnsiegel — mein Jnsiegel — ach Ihr meint das mit den drei monströsen Füßen, welche, wie mir scheint, als das widersinnigste Sinnbild ersonnen wurden, unsre höchst abgeschmackte Majestät von Man vorzustellen. Das Jnsiegel — ich habe es nicht gesehen, seitdem ich es Gibbon, meinem Affen, zum Spiel gegeben habe. Er winselte erbärmlich darnach. — Ich hoffe, er wird doch nicht die grüne Brust des 219 Occans mit meinem Sinnbilde der Souverainität besiegelt haben." „Nun, beim Himmel," sprach die Gräfin zitternd und hoch erröthend vor Aerger; „es war deines Vaters Jnsiegel! das letzte Pfand, das er mit seiner Liebe gegen mich, und mit seinem Segen für dich, die Nacht zuvor absandte, ehe sie ihn bei Bolton ermordeten!" „Mutter, theucrste Mutter," sagte der Graf aus seiner Gleichgültigkeit erwachend, und ihre Hand ergreifend, küßte er sie zärtlich; ich scherzte nur — das Siegel ist unversehrt — Peveril weiß cs. — Geht, holt cs, Julian, um's Himmelswillen — hier find meine Schlüssel — es liegt in dem linken Schubfache meines Reiseneceffairs. Nein, Mutter, vergebt mir, es war nur eine innuvnis plsissnterie; bloß ein übel erfundener, unartiger, geschmackloser Spaß. Seht mich an, theuersie Mutter, und verzeiht mir." Die Gräfin wandte die Augen auf ihn, aus welchen schnell Thränen herabrollten." „Philipp," sprach sie, „du setzest mich auf eine zu unfreundliche und zu harte Probe. Laß mich nicht das allgemeine Uebergewicht deines Leichtsinns, welches über jedes Gefühl von Würde oder Pflicht lacht, durch deine persönliche Geringschätzung erfahren — laß mich nicht denken, daß, wann ich sterbe" — „Redet nicht davon, Mutter," unterbrach sie der Graf mit Zärtlichkeit. „ES ist wahr, ich kann nicht versprechen, das Alles zu sein, was mein Vater und seine Vorfahren waren; aber glaubt mir, kein Sohn liebt seine Mutter inniger, oder würde mehr thun, sie sich zu verbinden. Und damit Ihr dieß anerkennt, will ich nicht nur die Urkunden mit großer Gefahr meiner Finger sogleich flegeln, sondern sie auch sogleich von 220 Anfang bis zu Ende lesen, wie auch die dazu gehörenden Depeschen." Eine Mutter wird leicht besänftigt, selbst wenn sie auf's Höchste beleidigt ist; und mit freudigem Herzen sah die Gräfin ihres Sohnes angenehme Gefichtszüge, während er diese Papiere las, einen Ausdruck tiefen Ernstes annchmcn, den sie selten trugen. Der Graf hatte kaum die Depeschen durchgelesen, als er aufstand und sagte: „Julian, kommt mit mir." Die Gräfin stutzte. „Ich war gewohnt, mein Sohn," sprach sie, „deines Vaters Rathschläge zu thcilcn; aber glaube nicht, daß ich mich in deine Pläne cindrängen will. Ich bin es nur zu wohl zufrieden, zu sehen, daß du die Macht und die Pflicht übernimmst, für dich selbst zu denken, worauf ich so lange bei dir gedrungen habe. Nichts desto weniger möchte doch, da ich so lange deine Oberherrschaft auf der Insel Man verwaltet habe, meine Erfahrung, wie mich dünkt, bei dem Vorhaben nicht überflüssig sein." „Entschuldigt mich, theuerste Mutter," erwiederte der Graf ernsthaft, „ich habe nicht darnach gestrebt, mich hier cinzumi- schen; wäret Ihr Euren eignen Weg gegangen, ohne mich zu Rathe zu ziehen, so wäre es recht gut gewesen; aber seitdem ich an der Angelegenheit Theil genommen habe — und sie scheint wichtig genug — muß ich sie auf's Beste nach meinem eigenen Vermögen durchführen." „So geh' denn, mein Sohn," sagte die Gräfin, „und der Himmel mag dich erleuchten mit seinem Rathe, da du den meinigcn nicht haben willst. — Ich vertraue auf Euch, Herr Peveril, daß Ihr ihn an das erinnern werdet, was seiner Ehre geziemt, und daß bloß ein Feigherziger seine Rechte preisgibt, und nur ein Thor seinen Feinden traut." 221 Der Graf antwortete nicht, sondern nahm Peveril bei dem Arm» und führte ihn eine Wendeltreppe hinauf in sein eigenes Zimmer, und von da in einen hervorragenden Thurm, wo ec, mitten unter dem Brausen der Wellen und dem Geschrei der Seemöven, mit ihm folgende Unterredung hielt: — „Peveril, es war gut, „daß ich diese Urkunden durchlas. Meine Mutter spielt die Königin in einem Grade, der mir nicht nur meine Krone, um die ich mich wenig kümmere, sondern vielleicht meinen Kopf kosten könnte, dessen beraubt zu werden mir doch unangenehm sein würde, so wenig Andre auch aus ihm machen mögen." „Was in aller Welt geht denn vor?" fragte Peveril mit großer Unruhe- „Es scheint," antwortete der Graf von Derby, „daß Alt- England, das alle zwei oder drei Jahre in ein lustiges Ge- -irnfieber geriet-, zum Besten seiner Aerzte, und zur Reinigung von der dumpfen Schlafsucht, welche ihm Friede und Wohlstand zugezogen haben, nun über den Gegenstand eines wirklichen oder vermeinten päpstlichen Anschlags ganz toll geworden ist. Ich las eine Abhandlung über diese Materie, von einem gewissen OateS, und fand die abgeschmackteste Thor- heit darin, die ich je gelesen. Aber der verschlagene Bursche Shaftesbury, und einige andre unter den Großen, haben die Sache ausgenommen, und treiben nun darauf los, daß das Geschirr brechen und die Pferde schäumen möchten. Der König, welcher geschworen hat, niemals das Kiffen zu berühren, auf dem sein Vater sich schlafen legte, schickt sich in die Zeit, und gibt dem Strome nach; der Herzog von Aork, wegen seiner Religion verdächtig und verhaßt, ist im Begriff, auf das feste Land getrieben zu werden; verschiedene der vornehmsten katholischen Edelleute sind bereits im Tower; und die 222 Nation wird mit so vielen entflammenden Gerüchten und giftigen Flugschriften verfolgt, daß sie den Schweif in die Höhe gerichtet, mit den Füßen auSgeschlagen, das Gebiß zwischen die Zähne genommen hat, und eben so wüthend und unbändig ist, als im Jahr 1642 ." »Dieß Alles müßt ihr bereits gewußt haben," versetzte Pcveril- „Ich wundere mich, daß Ihr mir von so wichtigen Neuigkeiten nichts erzähltet." „Das würde weitläufig gewesen sein," sprach der Graf; „überdieß wünschte ich mit Euch allein zu sein; drittens war ich im Begriff, davon zu sprechen, als meine Mutter kam; und zum Schluß, es gehörte nicht zu meinen Geschäften. Aber diese Depeschen von der Privatcorrcspondenz meiner politischen Mutter geben nun der Sache eine neue Gestalt; denn wie es scheint, haben einige von den Berichterstattern sich erkühnt, die Gräfin selbst als ein Werkzeug in demselben geheimen Anschläge zu betrachten — ja, und haben diejenigen gefunden, die bereitwillig genug waren, ihrem Bericht zu glauben." „Auf meine Ehre," sagte Peveril, „ihr Beide nehmt die Sache mit großer Kaltblütigkeit auf. Ich halte die Gräfin für die gelassenste unter den Beiden; denn, ihr Hierherziehen ausgenommen, zeigte sie kein Merkmal von Unruhe, und überdieß schien sie keineswegs begieriger, Euch die Sache mitzu- theilen, als der Anstand nothwcndig machte." „Meine Mutter," cntgegnete der Graf, „liebt die Macht, ob sie ihr gleich theuer zu stehen kommt. Ich wünschte, ich könnte in Wahrheit sagen, daß meine Vernachlässigung der Geschäfte bloß den Beweggrund habe, sie in ihren Händen zu lassen; aber jene bessere Triebfeder verbindet sich mit natürlicher Trägheit. Allein sie scheint gefürchtet zu haben, ich 223 möchte nicht ganz so, wie sie, bei diesem Vorfälle denken, und sie hatte darin wohl Recht." „Wie kommt denn Ihr zu dem Vorfall?" fragte Julian, „und was für eine Gestalt nimmt die Gefahr an?" „Die Sache verhält sich folgender Maaßen," antwortete der Graf. „Ich darf Euch nicht erst an den Vorfall mit dem Obersten Christian erinnern. Dieser Mann hinterließ außer seiner Wittwe, welche ein großes Vermögen besitzt, einen Bruder, Namens Eduard Christian, den Ihr niemals gesehen habt. Nun dieser Bruder — doch ich glaube, Ihr wißt alles Uebrige." „Nein, auf Ehre, ich weiß nichts," versetzte Peveril; „Ihr wißt, die Gräfin berührt selten oder nie diesen Gegenstand." „Warum?" sagte der Graf, „ich glaube, sie schämt sich in ihrem Herzen einigermaaßen jener tapsern That des Königthums und der obersten Gerichtsbarkeit, deren Folgen mein Vermögen so grausam zerrütteten. Je nun, Vetter, derselbe Edmund Christian war einer von den damaligen Richtern, und natürlich genug ungencigt, dem Urtheilsspruch beizutreten, welcher feinen ältern Bruder verdammte, gleich einem Hunde erschossen zu werden. Meine Mutter, die damals hohe Macht hatte, und unter keiner höhern Aufsicht stand, würde den Richter mit derselben Brühe bedient haben, wie seinen Bruder, wäre er nicht klug genug gewesen, von der Insel zu entfliehen. Seit der Zeit hat die Sache von allen Seiten geschlafen; und ob wir gleich wußten, daß der Richter Christian gelegentlich seinen Freunden auf der Insel geheime Besuche machte, nebst einigen andern Puritanern von demselben Schlage, und besonders einem spitzöhrigen Schurken, Namens Bridgenorlh, — so hat doch meine Mutter, dem Himmel sek 224 Dank! den Verstand gehabt, ihnen durch die Finger zu sehen, wiewohl sie, aus einem oder dem andern Grunde, über diesen Bridgenorth besonders aufgebracht ist." „Und warum," fragte Peveril, der sich zu sprechen zwang, um das Gefühl seiner schmerzhaften Ueberraschung zu verbergen, „warum geht nunmehr die Gräfin von einer so klugen Mäßigung ab?" „Ihr müßt wissen, der Fall ist jetzt anders. Die Schurken sind nicht mit Duldung zufrieden — sie wollen die Obergewalt haben. Sie haben in der gegenwärtigen Hitze der Volksstimmung Freunde gefunden. Der Name meiner Mutter, und insbesondere der ihres Beichtvaters, des Jesuiten Aldrick, ist in diesem schönen Gewirr eines Complots erwähnt worden, von dem, wenn ein solches überhaupt cxistirt, sie so wenig weiß, als Ihr oder ich. Jedoch sie ist eine Katholikin, und das ist genug; und ich zweifle nicht, daß, wenn die Burschen sich unsers Königreichs hier bemächtigen, und uns allen die Kehlen abschneiden könnten, sie dafür den Dank des gegenwärtigen Unterhauses eben so bereitwillig erhalten würden, als der alte Christian den des Parlaments für einen ähnlichen Dienst hatte." „Bon wem erhieltet Ihr alle diese Nachricht?" fragte Peveril mit Anstrengung. „Aldrick hat den Herzog von Jork insgeheim gesehen, und seine königliche Hoheit sagte ihm, er möchte uns Nachricht schicken, daß wir auf unsere Sicherheit sähen, weil der Richter Christian und Bridgenorth mit geheimen und strengen Befehlen auf der Insel wären; daß sie da eine bedeutende Partei gebildet hätten, und wahrscheinlich in Allem, was sie gegen uns unternehmen möchten, anerkannt und beschützt werden würden. Das Volk von Ramsay und Castletown ist Unglück- 225 licherweise Uber einige neue Auflagen mißvergnügt, und, Euch die Wahrheit zu gestehen, ob ich gleich das gestrige plötzliche Wegziehen für einen bloßen Einfall meiner Mutter hielt, so bin ich doch fest überzeugt, sie würden uns im Schloß Rushin blokirt haben, wo wir aus Mangel an Vorwitzen uns nicht würden haben halten können. Hier sind wir besser versorgt, und da wir auf unserer Hut sind, wird wahrscheinlich der beabsichtigte Aufstand nicht statthabcn. „Und was ist nun in dieser gefährlichen Lage zu thun?" sagte Peveril. „Das ist eben die Frage, mein lieber Vetter," antwortete Graf Derbp. „Meine Mutter weiß nur eine Art zu Werke zu gehen, und das ist durch königliche Gewalt. Hier sind die Verhaftsbefehle, die sie hat ausfertigen lassen, Eduard Christian und Robert — nein Ralph Bridgenorth aufzusuchen und zu ergreifen, und sie zu augenblicklichem Verhör zu bringen. Ohne Zweifel wünschte sic sie bald im Schloßhofe zu haben, und ein Dutzend alter Musketen gegen sie gerichtet — das ist ihre Art, alle Schwierigkeiten zu lösen." „Die aber Ihr, lieber Graf, gewiß nicht genehmiget," sprach Peveril, dessen Gedanken sogleich zu Alexien zurückkehrten — wenn sie anders je von ihr entfernt gewesen waren. „Nein sicherlich, so Etwas lass' ich mir nicht gefallen," versetzte der Graf. „Wilhelm Christians Tod kostete mich eine schöne Hälfte meines Erbtheils. Ich habe keine Lust, mir das Mißfallen meines königlichen Bruders Carl für einen neuen Streich dieser Art zuzuziehen. Aber wie ich meine Mutter zufrieden stellen soll, weiß ich nicht. Ich wollte, der Aufstand fände statt, und dann könnten wir, da wir besser versehen sind, als sie, die Schurken aufs Haupt schlagen, und Peveril. 15 würden, weil sie den Streit anfingen, das Recht auf unserer Seite behalten." „War' cs nicht besser," fragte Peveril, „wenn diese Männer auf irgend eine Weise bewogen werden könnten, die Insel zu verlassen?" „Gewiß," antwortete der Graf, „aber das wird keine leichte Sache sein — sie sind hartnäckig aus Grundsätzen, und leere Drohungen werden sie nicht bewegen. Dieß Ungewit- tcr in London ist Wind in ihre Segel, und sie werden ihren Lauf verfolgen, Ihr könnt Euch darauf verlassen. Ich habe jedoch Befehl gegeben, diejenigen Leute auf der Insel, auf deren Beistand sie zählen müssen, aufzugreifen, und wenn ich die beiden Helden finden kann, so sind hier Schaluppen genug im Hasen. — Ich will mir die Freiheit nehmen, sie auf eine hübsche weite Reise zu schicken, und ich hoffe, die Sachen werden in Ordnung gebracht werden, ehe sie zurückkommen, um Bericht davon zu geben." In diesem Augenblicke näherte sich ein zur Besatzung gehörender Soldat den beiden jungen Männern mit vielen Verbeugungen und Zeichen der Ehrerbietung. „Was gibt's, Freund?" sagte der Graf zu ihm. „Laß deine Complimente, und richte deine Sache aus." Der Mann, ein Eingeborner der Insel, antwortete in seiner Landessprache, er habe einen Brief für Seiner Gnaden, Herrn Julian Peveril. Julian griff hastig nach dem Billet, und fragte, woher es käme. Es sei ihm von einem Mädchen übergeben worden, das ihm ein Stück Geld gegeben habe, um den Brief in Herrn Peveril's eigene Hände zu überliefern. „Ihr seid ein glücklicher Mensch, Julian," sagte der Graf. „Mit Eurer ernsten Miene und Eurem gesetzten Wesen und 227 altklugen Verstände zieht Ihr die Mädchen an, ohne daß sie warten, bis um sie geworben wird, während ich, ihr Knecht und Vasall, Sprache und Muße verschwende, ohne ein freundlich Wort oder Gesicht, vielweniger einen Liebesbrief zu erhalten." Dieß sagte der Graf mit triumphirendem Lächeln, da er sich wirklich nicht wenig auf sein vermeintes Ansehen bei dem schönen Geschlecht zu gute that. Indessen erregte der Brief in Peveril eine ganz andere Gedankenreihe, als sein Gesellschafter vermuthete. Er war von Alcriens Hand, und enthielt diese wenigen Worte: „Ich fürchte, mein Vorhaben ist unrecht; aber ich muß Euch sehen. Trefft mich Mittags bei Goddard Crovan's Steine, aber so geheim als möglich." Der Brief war bloß mit den Anfangsbuchstaben .1. ö. unterzeichnet, aber Julian erkannte sogleich die Handschrift, wie er sie oft gesehen batte, und welche ausgezeichnet schön war. Er stand unentschlossen da; denn er sah die Schwierigkeit und Unschicklichkeit ein, sich von der Gräfin und seinem Freunde in diesem Augenblick der drohenden Gefahr zu entfernen, und doch konnte er nicht daran denken, diese Einladung zu versäumen. Er schwieg in der äußersten Verlegenheit. „Soll ich Euer Räthsel lösen?" sagte der Graf. „Geht, wohin Euch Liebe ruft. — Ich will für Euch bei meiner Mutter eine Entschuldigung Vorbringen. Aber seid dann auch nachsichtsvoller gegen Andere, als bisher, und lästert nicht die Macht des kleinen Gottes." „Ich will aufrichtig so viel gestehen," sagte Peveril, „daß ich, wenn es sich mit meiner Ehre und Eurer Sicherheit verträgt, zwei Stunden zu meiner Verfügung zu haben wünschte, 15 * 228 UM so mehr, da die Art, wie ich sie anwenden werde, sehr viel Bezug auf die Sicherheit der Insel haben wird." „Geht immerhin," versetzte der Graf, „und geht bald, damit Ihr so schnell als möglich zurückkommen könnt. Ich erwarte keinen unmittelbaren Ausbruch dieser großen Verschwörung. Wann die Schurken uns auf unsrer Hut sehen werden, werden sie nicht unvorsichtig Hervorbrechen. Nur noch einmal, macht geschwind." Peveril glaubte diesen letzten Rath nicht verachten zu dürfen, und froh, sich dem Gespött seines Vetters zu entziehen, ging er hinab nach dem Thor des Schlosses, in der Absicht, auf dem Wege durch das Dorf aus den Ställen des Grafen ein Pferd zu nehmen, und nach dem bestimmten Ort hin zu reiten. Sechstels ntes Kapitel. Oben an dem ersten Absätze der Treppe, welche zu dem wohl vcrtheidigten Eingang des Schlosses Holm-Peel hinab- führte, wurde Peveril von der kleinen Dienerin der Gräfin getroffen und aufgchalten. Sie war in allen ihren Gliedern ausnehmend wohl gebildet, und ihre gewöhnliche Tracht (ein grünseidenes Unterkleid von besonderer Form) kleidete sie sehr vortheilhaft. Ihr Gesicht war dunkler, als die gewöhnliche Farbe der Europäer, und ihr volles, langes, seidenartiges Haar, das, wenn sie die Flechten, in denen sie es gewöhnlich trug, löste, fast bis auf die Knöchel herab fiel, hatte auch 229 etwas Ausländisches. Ihr Gesicht glich einem sehr schönen Miniaturbilde, und es war eine gewisse Lebhaftigkeit, Entschlossenheit und Glut in Fenella's Wesen, und besonders in ihren Augen, welche wahrscheinlich dadurch noch wachsamer und schärfer wurden, weil sie, bei der Unvollkommenheit ihrer andern Sinnwerkzeuge, bloß durch das Gesicht über das, was um sie her vorging, Belehrung erhalten konnte- Die schöne Stumme besaß manche kleine Geschicklichkeiten, welche ihr die Gräfin aus Mitleid mit ihrer traurigen Lage hatte beibringen lassen, und welche sie mit der bewunderungswürdigsten Geschwindigkeit erlernt hatte. So war sie zum Beispiel sehr geschickt im Gebrauch der Nadel, und eine so fertige und sinnreiche Zcichnerin, daß sie, wie die alten Mericaner, bisweilen mit dem Zeichenstift zur Mittheilung ihrer Ideen, entweder durch unmittelbare oder durch sinnbildliche Darstellung, behend eine Skizze entwarf; besonders war sie auch in der damals sehr betriebenen zierlichen Schreibekunst sehr weit gekommen. Die Kleine hatte außer diesen Gaben viel behenden Witz und scharfen Verstand. Bei der Gräfin Derby und den beiden jungen Edelleuten war sie sehr beliebt, und genoß viel Freiheit in der Unterhaltung mit ihnen, was vermittelst gewisser unter ihnen festgesetzten Zeichen geschah. Aber, so sehr Fenella die Gunst ihrer Gebieterin, von der sie sich wirklich selten trennte, besaß, so war sie doch keines- weges bei den übrigen Mitgliedern des Hauses beliebt. In der That schien es, als ob ihr, vielleicht durch ein Gefühl ihres Unglücks erbittertes Gemüth gar nicht zu ihren Talenten in gleichem Verhältniß stünde. Sie war sehr stolz in ihrem Betragen, selbst gegen obere Diener, welche in dieser Residenz von viel höherem Range und besserer Geburt wa- 23V ren, als in den Familien des hohen Adels überhaupt. Diese beklagten sich oft nicht nur über ihren Hochmuth und ihre Zurückhaltung, sondern auch über ihr hitziges und jähzorniges Temperament und ihr rachsüchtiges Wesen. Ihre leidenschaftliche Reizbarkeit war freilich durch die jungen Männer und besonders den Grafen auf eine läppische Art genährt worden, welcher sich bisweilen damit unterhielt, sie zu plagen, damit er sich an den mancherlei sonderbaren Bewegungen und dem Murren belustigen konnte, womit sie ihre Empfindlichkeit ausdrückte. Die niederen Dienstboten, gegen die sie fast über ihr scheinbares Vermögen hinaus freigebig war, bezeugten ihr viel Ehrerbietung und Unterwürfigkeit, doch weit mehr aus Furcht, als aus wirklicher Ergebenheit; denn ihr launiges Wesen zeigte sich selbst bei ihren Geschenken, und die, welche am reichlichsten ihre Güte erfuhren, waren keineswegs von dem Wohlwollen überzeugt, das ihre Freigebigkeit zu zeigen schien. Alle diese Eigenheiten führten zu einem Schluffe, der mit dem Aberglauben auf der Insel Man zusammenstimmte. Im frommen Glauben an alle, den celtischen Stämmen so thcure, Feenmährchcn hielt es das Volk von Man für gewiß, daß die Elfen sterbliche Kinder vor der Taufe wegzutragcn, und in der Wiege des neugebornen Säuglings ein Kind von ihrer eigenen Brut zurückzulassen pflegten, welches fast immer in einem oder andern Organ der menschlichen Natur unvollkommen wäre. Für ein solches Wesen hielten sie Fenella; und ihre kleine Gestalt, ihre braune Farbe, ihre langen Locken von Seidenhaar, die Sonderbarkeit ihres Benehmens und ihrer Laute waren nach ihrer Meinung alles Eigenschaften des reizbaren, veränderlichen und gefährlichen Geschlechts, von welchem sie entsprungen sein sollte. 231 Mancherlei waren die Sagen, welche über die Elfe der Gräfin, wie Fenella auf der Insel gewöhnlich hieß, umgingen; und die Unzufriedenen von dem strengcrn Glauben waren doch überzeugt, daß Niemand, als eine Papistin und eine Uebelgesinnte ein Wesen von so zweifelhafter Herkunft um sich leiden könne. Sie meinten, Fenella's Taubheit und Sprachlosigkeit gehe allein auf die Menschen dieser Welt, und man habe sie höchst elfcnartig mit den Unsichtbaren ihres eigenen Geschlechts sprechen und fingen und lachen gehört. Auch die Schildwachen wollten schwören, sie hätten das kleine Mädchen auf ihren einsamen Nachtwanderungen bei sich vorbei trippeln gesehen, ohne vermögend zu sein, sie anzurufen» als wären sie so stumm, wie sie selbst, gewesen.. Dieß war das Mädchen, das einen kleinen altmodischen Stab von Ebenholz, der für einen Zauberstab hätte gelten können, in der Hand, oben auf den Stufen der aus dem Schloßhofe den Felsen hinabführcnden Treppe mit Julian zusammentraf. Wir müssen bemerken, daß, weil Julians Betragen gegen das unglückliche Mädchen immer freundlich und von den quälenden Neckereien, die sich der Graf gegen sie erlaubte, frei gewesen war, auch Fenella von ihrer Seite ihm weit mehr Ehrerbietung als sonst Jemanden vom Hause, die Gräfin, ihre Gebieterin, ausgenommen, zu erweisen Pflegte. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit stellte sie sich mitten auf die enge Treppe, so daß Peveril nicht bei ihr vorbei konnte, und richtete durch eine Reihe von Geberden, welche wir zu beschreiben versuchen wollen, Fragen an ihn. Sie streckte nämlich zuerst die Hand ein wenig aus, und verband damit den scharfen, forschenden Blick, der ihr zum Zeichen der Frage diente. Dieß sollte die Nachfrage bedeuten, ob er 232 in eine gewisse Entfernung gehen wollte. Julian streckte zur Antwort seinen Arm mehr als zur Hälfte aus, um anzuzeigen, daß die Entfernung beträchtlich sei. Fenella sah ernsthaft aus, schüttelte den Kopf, und wies nach dem Fenster der Gräfin, welches von der Stelle aus, wo sie standen, sichtbar war. Peveril lächelte, und nickte, um anzudeuten, es sei keine Gefahr dabei, wenn er ihre Gebieterin auf kurze Zeit verlasse. Die Kleine berührte hieraus eine Adlerfeder, die sie in ihren Haaren trug, ein Zeichen, das sie gewöhnlich brauchte, um den Grasen anzuzeigen, und dann blickte sie noch einmal forschend auf Julian, als wollte sie sagen: Geht er mit Euch? Peveril schüttelte den Kopf, und lächelte mit einigem Ueder- druß an diesen Fragen, und machte einen Versuch, vorbeizukommen. Fenella nahm eine finstere Miene an, schlug das Ende ihres Ebenholzstabes senkrecht auf den Boden, und schüttelte wieder den Kopf, als wollte sie sich seinem Fortgehen widersetzen. Da sie aber Julians Beharren auf seinem Vorsatz bemerkte, benahm sie sich plötzlich freundlicher, hielt ihn mit der einen Hand bei dem Saum seines Mantels, und erhob die andere in einer flehenden Stellung. Julian fühlte Mitleiden mit der Armen, deren Hauptgründe, sich seinem Fortgehen zu widersctzen, in der zärtlichen Besorgniß für die Sicherheit ihrer Gebieterin zu liegen schienen- Er suchte sie durch Lächeln zu beruhigen, und zugleich durch Zeichen, die er ersinnen konnte, ihr anzudeutcn, daß keine Gefahr da sei und er sogleich zurückkommen wolle; und nachdem es ihm gelungen war, seinen Mantel ihr aus der Hand zu winden, und auf der Treppe bei ihr vorbeizukommen, stieg er die Stufen so schnell als möglich hinab, um ferneren Zudringlichkeiten zu entgehen. Aber mit viel größerer Behendigkeit, als er, eilte die 233 Stumme, ihn aufzuhalten, und es gelang ihr, indem sie sich ihm mit augenscheinlicher Lebensgefahr, ein zweites Mal in den Weg stellte, und so sein Borhaben unterbrach. Um dieß zu vollbringen, mußte sie sich eine beträchtliche Höhe von der Mauer einer kleinen Seitenbefcstigung herablaffen, wo besondere Sicherheitsanstalten gegen die Kühnheit des Feindes getroffen waren. Julian hatte kaum Zeit, vor ihrem Vorhaben zurückzuschaudern, als er sie im Begriff sah, von der Brustwehr herabzuspringen, und sie schon, leicht herabgeschwebt, unverletzt unten auf der Felsenplatte stand. Er bemühete sich, durch ernste Mienen und Geberden ihr anzudeuten, wie sehr er ihre Kühnheit tadele, aber der Verweis, wiewohl offenbar ganz verständlich, ward völlig verachtet. Eine hastige > Bewegung ihrer Hand gab zu verstehen, wie sie Gefahr und Gegenvorstellung nicht achte, während sie zugleich im Augenblick mit mehr Eifer als zuvor die ernsten und nachdrücklichen Bewegungen wiederholte, womit sie ihn in der Festung zurückzuhalten suchte. Julian war durch ihre Hartnäckigkeit etwas wankend geworden. „Ist es möglich," dachte er, „daß der Gräfin irgend eine Gefahr drohen kann, von welcher dieß arme Mädchen durch scharfe Beobachtung eine Kenntniß erlangt hat, die Andern entgangen ist?" Er gab Fenella hastig zu verstehen, ihm die Schreibtafel und den Stift zu geben, welche sie immer bei sich trug, und schrieb die Frage auf: „Ist denn für Eure Gebieterin hier so nahe Gefahr vorhanden, daß Ihr mich so aufhaltet?" „Rings um die Gräfin ist Gefahr," war die Antwort, die sie sogleich niederschrieb; „aber es liegt noch größere in Eurem eigenen Vorhaben " „Wie? — was? — was wißt Ihr von meinem Vorha- 234 ben?" rief Julian, der in seiner Bestürzung vergaß, daß das Mädchen weder ein Ohr, noch eine Stimme hatte, seine Reden zu hören und zu beantworten. Sie hatte indeß ihre Schreibtafel wieder zurückerhalten, und skizzirte mit flüchtiger Hand auf einem Blatte eine Scene, welche fle Julian zeigte. Zu seinem unendlichen Erstaunen erblickte er Goddard Cro- van's Stein, ein merkwürdiges Denkmal, von dem fle die Umstände ziemlich genau gegeben hatte, nebst einer männlichen und einer weiblichen Figur, welche, obgleich nur durch einige leichte Striche angedeutet, doch, wie es ihm schien, einige Aehnlichkeit mit ihm und Alexien hatten. Als er die Skizze einen Augenblick mit Verwunderung angeblickt hatte, nahm Fenella die Schreibtafel ihm aus der Hand, legte ihren Finger auf die Zeichnung, und schüttelte langsam und ernst den Kopf, mit einem finstern Blick, welcher die vorgestellte Zusammenkunft zu verbieten schien. Julian jedoch war, obgleich etwas irre gemacht, auf keine Art geneigt, sich ihrer Mahnung zu fügen. Auf welche Art auch immer sie, welche so selten das Zimmer der Gräfin verließ, mit einem Geheimniß bekannt geworden sein mochte, das er ganz kür sein eigenes hielt, so fand er doch es um so nöthi- ger, die vorgcschlagene Zusammenkunft zu halten, damit er wo möglich von Alerien erführe, wie das Geheimniß ruchbar geworden. Er hatte auch den Plan gebildet, Bridgenorth auszusuchen, indem er den Gedanken hegte, daß ein Mann, der sich so gesetzt und vernünftig, wie bei ihrer letzten Unterredung, gezeigt hatte, wenn er erführe, daß die Gräfin gegen seine Jntriguen auf der Hut sei, überredet werden könnte, durch seine Entfernung von der Insel ihrer und seiner eigenen Gefahr ein Ende zu machen. Und könnte es ihm in diesem Stücke gelingen, so würde er, wie er glaubte, zugleich dem Vater seiner geliebten Alerie einen wesentlichen Dienst leisten — den Grafen aus dem Zustande der Unruhe reißen — die Gräfin abbalten, zum zweiten Mal ihre LehcnSgcricht- barkeit der Jurisdiction der Krone Englands entgegenzusetzen — und ihr und ihrer Familie den ruhigen Besitz der Insel sichern. Mit diesem Vermittlungsplane in seiner Seele, beschloß Peveril, sich von Fenella's Widerstande gegen seine Abreise ohne weitere Umstände loszumachen, und plötzlich hob er das Mädchen in seine Arme, ehe sie seine Absicht merkte, drehte sie um, setzte sie auf die Stufen über ihm, und fing an, den Paß selbst möglichst schnell hinabzusteigen. Da geschah cs denn, daß die Stumme ihrer Heftigkeit vollen Ausbruch ließ, und mit wiederholtem Zusammenschlagen der Hände ihren Unwillen in einem äußerst widrig klingenden Laute oder vielmehr Geschrei ausdrückte. Peveril war dadurch so erschreckt, daß er hielt und sich umsah, um sich zu überzeugen, daß sie nicht etwa eine Verletzung erhalten hätte. Er sah sie jedoch vollkommen wohlbehalten, wiewohl ihr Gesicht von Leidenschaft entflammt und verzerrt war. Sie stampfte nach ihm mit dem Fuße, schüttelte ihre geballte Hand, kehrte ihm den Rücken zu, ohne weitern Abschied, rannte die Stufen hinan, und ruhete einen Augenblick auf der Höhe der ersten Treppenreihe. Julian winkte ihr mit der Hand, zum Zeichen eines freundlichen Lebewohls, aber sie antwortete nur durch nochmaliges Drohen mit der kleinen geballten Hand, stieg dann die Felsentreppe mit fast übernatürlicher Schnelligkeit hinan und verschwand bald aus dem Gesichte. Julian dachte nicht weiter über ihr Benehmen oder dessen Beweggründe nach, sondern eilte aus dem Dorf nach der Stelle, wo die Ställe des Schlosses lagen, nahm sein Reitpferd aus dem Stalle, saß auf, und war auf dem Wege nach dem bestimmten Orte der Zusammenkunft. Siebe «zehntes Kapitel. Als Zulian dem Denkmal von Goddard Crovan sich näherte, warf er manchen unruhigen Blick auf die Gegend, um zu sehen, ob irgend ein sichtbarer Gegenstand neben dem grauen Steine ihm kund thue, daß er an dem bestimmten Platze der Zusammenkunft von ihr, die ihn dazu eingeladen, erwartet werde- Wirklich währte es nicht lange, als das Flattern eines Schleiers, den die Luft leicht bewegte, und das Zurücklegcn desselben auf die Schulter, ihn wahrnehmen ließ, daß Aleric schon den Ort ihrer Zusammenkunft erreicht hatte, und im nächsten Augenblicke war er an Aleriens Seite. Daß Aleric dem Geliebten die Hand reichte, war eben so natürlich, als daß Julian sie ergriff und mit Küssen bedeckte, und eine Zeitlang ohne Verweis, während die andere Hand, welche der Befreiung der Linken hätte zu Hülfe kommen sollen, das Erröthen der Holden zu verbergen dienen mußte. Aber Aleric, so jung sie war, und durch so lange Gewohnheit freundlicher Vertraulichkeit an ihn geknüpft, wußte doch wohl den Drang ihrer eigenen verrätherischen Neigungen zu bezähmen. „Das ist nicht recht," hob sie an, indem sie ihre Hand aus 237 der seinigcn loswand, „das ist nicht recht, Julian. Wenn ich zu rasch eine solche Zusammenkunft, wie diese, zugclaffen habe, so solltet Ihr mich nicht meine Thorheit empfinden lassen." Julian's Gemüth war frühzeitig mit dem romantischen Feuer erhellt worden, welches die Leidenschaft von dem Selbstsüchtigen läutert, und ihr den hohen und feinern Ton edcl- müthiger, hingebender Verehrung mittheilt. Er ließ Aleriens Hand ehrerbietig los, und als sie sich auf das Bruchstück eines Felsens setzte, über welches die Natur ein Kissen von Moos, mit wilden Blumen untermischt, gebreitet, und eine Lehne von Strauchholz gestellt hatte, nahm er in bescheidener Entfernung neben ihr Platz. Alerie ward beruhigter, da sie die Macht erkannte, die sie über ihren Geliebten besaß, und die Selbstbeherrschung, welche Peveril bewies, und welche andern Mädchen in ihrer Lage unverträglich mit der Stärke der Leidenschaft gehalten haben würden, schätzte sie richtiger als einen Beweis seiner hochachtungsvollen und uneigennützigen Aufrichtigkeit. Sie nahm in der Anrede an ihn wieder den früheren Ton von Vertraulichkeit an, und sagte: „Euer gestriger Besuch, Julian, Euer höchst unzeitiger Besuch hat mich sehr bekümmert. Er hat meinen Vater irre geleitet — er hat Euch in Gefahr gebracht. Ueber alle Bedenklichkeiten mich hinaussetzend, beschloß ich, Euch dieß wissen zu lassen, und mache mir keinen Vorwurf, wenn ich einen gewagten und unvorsichtigen Schritt gethan, indem ich diese einsame Zusammenkunft verlangte, seitdem Ihr inne geworden, wie wenig der armen Debora zu trauen ist." „Könnt Ihr eine Mißdeutung von mir fürchten, Alerie?" erwiederte Peveril mit Wärme, „von mir, den Ihr so hoch begünstigt — so tief verpflichtet habt?" «Höret auf mit Euren Betheurungen, Julian," entgeg- nete sie; «Ihr lasset es mich nur um so mehr merken, daß ich zu kühn gehandelt habe. Aber ich that das Beste, was ich konnte. — Ich konnte Euch nicht sehen, den ich so lange gekannt habe — Ihr, der Ihr sagt, Ihr betrachtetet mich mit Vorliebe" — „Ich betrachtete Euch mit Vorliebe!" unterbrach sie Pe- veril. „Ach, Alerie, was für kalte Worte gebraucht Ihr, die ergebenste, die aufrichtigste Zuneigung zu bezeichnen!" „Nun gut," sagte Alerie verdrießlich, „wir wollen nicht über Worte streiten, aber unterbrecht mich nicht wieder. — Ich konnte, sagt' ich, Euch, der mich, glaub' ich, mit aufrichtiger, doch eitler und fruchtloser Anhänglichkeit betrachtet, nicht blindlings in eine Schlinge fallen sehen, getäuscht und verführt durch eben diese Gefühle gegen mich." „Ich verstehe Euch nicht, Alerie," cntgegncte Peveril; „auch kann ich keine Gefahr sehen, der ich jetzt ausgesetzt wäre. Die Gesinnungen, die Euer Vater gegen mich geäußert hat, sind von einer Art, die sich nicht mit feindseligen Absichten vertragen. Ist er nicht durch die kühnen Wünsche, die ich gehegt haben mag, beleidigt — und sein ganzes Betragen zeigt, daß er es nicht ist — so weiß ich keinen Mann auf Erden, von dem ich weniger eine Gefahr oder eine böse Absicht zu befürchten hätte." „Mein Vater," sprach Alerie, „meint es wohl mit seinem Vaterlande und wohl mit Euch; doch fürcht' ich bisweilen, daß er seiner guten Sache mehr schade als nütze, und noch mehr besorg' ich, daß er bei dem Versuch, Euch als einen Beistand anzuwerben, die Bande vergißt, welche Euch fest- halten sollten, und, ich glaub' es gewiß, sesthaltcn werden auf einer ganz von der seinigcn verschiedenen Linie." „Ihr führt mich in noch tiefere Dunkelheit, Alerie," versetzte Peveril. „Daß Eures Vaters eigenthümliche Ansicht in der Politik sich weit von der weinigen entfernt, weiß ich wohl, aber wie viele Fälle, selbst während der blutigen Auftritte des Bürgerkriegs, haben sich ereignet, daß gute, würdige Männer die Vorurtheile ihres Parteigeistes beiseite setzten, und einander mit Ehrerbietung und selbst mit freundschaftlicher Anhänglichkeit begegneten, ohne auf einer von beiden Seiten ihren Grundsätzen untreu zu werden?" „Es mag so sein," sagte Alerie, „aber von dieser Art ist der Bund nicht, den mein Vater mit Euch zu knüpfen sucht, und welchen mit ihm zu schließen, wie er hofft, Eure übel angebrachte Vorliebe für seine Tochter bei Euch einen Beweggrund abgeben könnte." „Und was ist es," fragte Peveril, „was ich unter einer solchen Aussicht ablehncn würde?" „Verrätherei und Schande!" antwortete Alerie, „was Euch auf immer des armseligen Gutes, nach dem ihr strebt, unwürdig machen würde, — ja, wäre es noch werthloser, als es ist." „Würde Euer Vater," entgegnete Peveril, der ungern den von Alerien beabsichtigten Eindruck empfand — „würde er, dessen Ansichten von Pflicht so streng und ernst sind — würde er wünschen, mich in Etwas zu verwickeln, worauf solche harte Namen, als Verrätherei und Beschimpfung, auch nur mit dem leichtesten Schatten der Wahrheit angewandt werden könnten?" „Versteht mich nicht unrecht, Julian," sagte Alerie, „mein Vater ist unfähig, von Euch etwas zu verlangen, das nicht nach seiner Denkungsart recht und ehrbar wäre; nein, er glaubt, daß er bloß eine Schuld von Euch fordere, die ihm 240 so gebührt, wie das Geschöpf dem Schöpfer, ein Mensch seinen Mitmenschen verpflichtet ist." „Wo kann dann in unserer Gemeinschaft etwas Gefährliches liegen?" enviederte Julian. „Ist er entschlossen, nichts zu verlangen, und ich, nichts zu gewähren, als was aus Uebcrzeugung fließt, was Hab' ich zu fürchten, Alerie? und wie soll mein Umgang mit Eurem Vater gefährlich sein? Glaubt das nicht; seine Sprache hat schon in einzelnen Punkten Eindruck auf mich gemacht, und er hörte mit Aufrichtigkeit und Geduld die Einwürfe an, die ich ihm bei Gelegenheit machte. Ihr thut ihm Unrecht, wenn Ihr ihn mit den unvernünftigen Schwärmern in Politik und Religion vermengt, die auf keine Gründe hören, welche nicht ihre Vorurtheile begünstigen." „Julian," versetzte Alerie, „Ihr seid es, der meines Vaters Fähigkeiten und seine Absicht mit Euch falsch beurtheilt, und Ihr setzet Eure Macht, Widerstand zu leisten, zu hoch an. Ich bin nur ein Mädchen, ich bin aber durch Umstände zum Selbstdenken und zur Beobachtung des Charakters derer, die mich umgeben, angeleitet worden. Meines Vaters kirchliche und politische Zwecke sind ihm so theuer, als das Leben, das er nur liebt, um sie zu befördern. Sie haben ihn, mit wenig Veränderung, durchs Leben begleitet, sie brachten ihn in einer gewissen Zeit zum Wohlstände, und als sie nicht zu den Zeiten paßten, so büßte er für seine Anhänglichkeit an dieselben. Sie sind nicht nur ein Theil, sondern der theuerste Theil seines Daseins geworden. Wenn er sie Euch nicht in der unbeugsamen Macht, die sie über sein Gemüth erlangt haben, sogleich zeigt, so glaubt nicht, daß sie deßhalb weniger mächtig sind. Wer Proselyten machen will, muß allmählich damit zu Werke gehen. Daß er aber irgend ein Stück dieser 241 heilig bewahrten Grundsätze, die er bei gutem und schlechtem Rufe gleich behauptet hat, einem unerfahrnen jungen Mann, dessen herrschende Triebfeder er eine kindische Leidenschaft nennen möchte, zum Opfer bringen sollte — o träumt nicht eine solche Unmöglichkeit. Wenn Ihr überhaupt zusammentrefft, so müßt Ihr das Wachs, er muß das Siegel sein — Ihr müßt empfangen — er muß einen unbeschränkten Eindruck machen." »Das wäre unbillig," sprach Peveril. »Ich will Euch frei gestehen, Alerie, daß ich kein geschworner, schwärmerischer Anhänger der Meinungen meines Vaters bin, so sehr ich seine Person -ochschätze. Ich wollte, daß unsere Ritter oder Königlichgesinnten, oder wie sie sich immer nennen mögen, mehr billige Gesinnungen gegen diejenigen hegten, die über Kirche und Staat anders denken. Aber hoffen, ich würde die Grundsätze aufgeben, in welchen ich gelebt habe, hieße mich fähig halten, meiner Wohlthäterin untreu zu werden, und meinen Eltern das Herz brechen." „Eben so urtheile ich von Euch, und daher bat ich um diese Zusammenkunft, um Euch zu beschwören, daß Ihr allen Verkehr mit unserer Familie abbrechet — zu Euren Eltern zurückkehret, oder, was viel sicherer sein wird, noch einmal das feste Land besucht, und warten möchtet, bis Gott England bessere Tage sendet, denn diese sind mit manchem Ungewitter schwanger." „Und Ihr könnt mich gehen heißen, Alerie?" sagte der junge Mann, indem er sie bei der Hand nahm, die sie ihm nicht verweigerte, »könnt Ihr mich gehen heißen, und doch eine Theilnahme an meinem Schicksal zu erkennen geben? Könnt Ihr mich, aus Furcht vor Gefahren, denen ich als Mensch, als ein gebildeter Mann und treuer Bürger muthig Peveril. 16 242 entgegen zu gehen verbunden bin, meine Eltern, meine Freunde, mein Vaterland auf unedle Art verlassen und mich in demselben Aihemzuge von Euch und aller Glückseligkeit auf immer Abschied nehmen heißen? — Es ist unmöglich — ich kann nicht zugleich meine Liebe und meine Ehre aufgcben." „Da gibt es kein Mittel," versetzte Alexie; aber sie konnte einen Seufzer nicht unterdrücken, während sie so sprach; — „es gibt kein Mittel, was für eins es auch sei- Was wir einander unter günstigeren Umständen hätten sein können, daran dürfen wir jetzt nicht denken, und bei den jetzigen Verhältnissen, bei offener Fehde, die zwischen unfern Eltern und Freunden auszubrechen im Begriff ist, können wir nur wohlwollende Wünsche thun, kalt und aus der Ferne einander Gutes wünschen, und müssen uns trennen auf dieser Stelle und zu dieser Stunde, ohne uns je wieder zu treffen." „Nein, beim Himmel!" sprach Peveril, sowohl von seinen eigenen Gefühlen bewegt, als von dem Anblick der Rührung, die seine Freundin vergebens zurückzuhalten strebte, — „nein, beim Himmel! wir scheiden nicht, Alexie, wir scheiden nicht. Wenn ich mein Vaterland verlassen muß, so sollt Ihr meine Gefährtin in meiner Verbannung sein. Was habt Ihr zu verlieren? — Wen habt Ihr zu verlassen? — Euren Vater? — Die gute alte Sache, wie sie heißt, ist ihm theurer, als lausend Töchter, — und welches Band sonst fesselt meine Alexie an irgend einen Ort, wo ihr Julian nicht bei ihr lebt?" „O Julian," sagte sie, „warum machet Ihr mir meine Pflicht schmerzhafter durch träumerische Pläne, die Ihr nicht nennen solltet, oder auf die ich nicht hören sollte? Eure Eltern — mein Vater — es kann nicht sein!" „Fürchtet nichts wegen meiner Eltern, Alexie," erwiederte 243 Julian, indem er sich dicht an ihre Seite drängte, und den Arm um sie zu schlingen wagte; »sie lieben mich, und sie werden bald in Alerien das einzige Wesen auf Erden lieben lernen, das ihren Sohn glücklich machen konnte. Und was Euren Vater betrifft, wenn Staats- und Kirchen-Jntriguen ihm erlauben, Euch seine Gedanken zu widmen, wird er nicht glauben, daß Euer Glück, Eure Sicherheit besser besorgt werde, wenn Ihr meine Gattin seid, als wenn Ihr ferner unter der gedungenen Aussicht jener Thörin bleibt? Was könnte sein Stolz Besseres für Euch wünschen, als das Grundstück!, das einmal mein sein wird? Kommt also, Alcrie, und weil Ihr mich zur Verbannung verurtheilt — weil Ihr einen Antheil an diesen Unternehmungen, die England zu bewegen anfangen, verweigert — kommt, und — denn Ihr allein könnt es — versöhnt mich mit Verbannung und Unthätigkeit, und gebt einem Manne Glückseligkeit, der um Euretwillen auf äußere Ehre Verzicht zu thun entschlossen ist." „Es ist nicht möglich," sagte Alerie mit bebender Stimme. »Und doch, wie viele an meiner Stelle — allein gelassen und ohne Schutz, wie ich — Aber doch — ich darf nicht — um Euretwillen, Julian, — ich darf nicht." „Sagt das nicht, Ihr dürft um meinetwillen nicht, Alerie!" sprach Peveril mit Eifer; „das heißt die Grausamkeit mit Beleidigung vermehren. Wollt Ihr Etwas um meinetwillen thun, so werdet Ihr ja sagen; oder wollt Ihr dieß theure Haupt auf meine Schulter fallen lassen — das leiseste Zeichen — die Bewegung eines Augenlieds — wird Einwilligung an- zeigen. Alles soll in einer Stunde bereit sein; in der andern soll uns der Priester vereinigen; und in einer dritten verlassen wir die Insel, und suchen unser Glück auf dem festen Lande." 16 * 244 Aber während er so sprach, in froher Erwartung der Einwilligung, um die er flehte, fand Alerie Mittel, ihre Entschlossenheit wieder zu sammeln, welche, durch die Heftigkeit ihres Geliebten, ihre eigene Zuneigung und die Eigentümlichkeit ihrer Lage wankend gemacht, sie beinahe ganz verlassen hatte. Sie machte sich aus seinem Arm los, mit dem er sie an seine Seite gedrängt hielt — erhob sich und sagte, indem sie seine Versuche, sich ihr zu nähern oder sie zurück zu halten, abwies, mit einem Ausdruck von Offenheit, und nicht ohne Würde: „Julian, ich wußte wohl, daß ich viel wagte, indem ich Euch zu dieser Zusammenkunft einlud; aber ich vermuthete nicht, daß ich so grausam sowohl gegen Euch, als gegen mich sein könnte, Euch entdecken zu lassen, was Ihr jetzt zu deutlich gesehen habt, daß ich Euch mehr liebe, als Ihr mich. Aber weil Ihr es wisset, so will ich Euch zeigen, daß Aleriens Liebe uneigennützig ist. Sie will keinen unedlen Namen in Euer altes Haus bringen —" „Könnt Ihr so sprechen, Alerie," unterbrach sie Julian. „Könnt Ihr solche Ausdrücke gebrauchen? und fühlt Ihr nicht, wie deutlich sie verrathen, daß es Euer eigener Stolz, nicht Achtung für mich ist, warum Ihr unserer beiderseitigen Glückseligkeit widerstrebt?" „Nein, Julian, so ist es nicht," antwortete Alerie mit Thräncn in den Augen; „es ist das Gebot der Pflicht für uns Beide — der Pflicht, die wir nicht übertreten können, ohne unsere Glückseligkeit hier und dort zu gefährden. Denkt, was ich, die Ursache von Allem, fühlen müßte, weizn Euer Vater zürnt, Eure Mutter weint. Eure edlen Freunde sich entfernen, und Ihr, sogar Ihr selbst, die schmerzliche Entdeckung gemacht haben werdet, daß Ihr Euch die Verachtung und den Unwillen Aller zngezogen habt, um eine kindische Leidenschaft zu befriedigen; und daß die arme Schönheit, die einmal hinreichte, Euch irre zu leiten, allmählig unter Gram und Kummer hinwelkt. Dieß will ich nicht zu besorgen haben. Ich sehe deutlich, es ist das Beste, wir brechen hier ab, und trennen uns, und ich danke Gott, der mir Erleuchtung unv Kraft genug gibt, sowohl Eure als meine eigne Thorheit einzusehen und zu bekämpfen. Lebt also wohl, Julian; empfangt aber erst meinen ernsten Rath, weßwegen ich Euch hie- her rief: — Scheut meinen Vater — Ihr könnt seinen Weg nicht gehen, und der Dankbarkeit und der Ehre treu bleiben. Was er aus reinen und achtbaren Beweggründen thut, dabei könnt Ihr ihm nicht helfen, ausgenommen auf Eingebung einer albernen und eigennützigen Leidenschaft, und mit Gefährdung aller Verbindungen, in die Ihr beim Eintritt in's Leben gesetzt worden seid." «Noch einmal, Alexie," sprach Julian, „ich verstehe Euch nicht. Ist ein Verfahren gut, so' bedarf es keiner Rechtfertigung aus dem Beweggründe des Thäters, — ist es schlecht, so kann cs daher keine erhalten." „Ihr könnt mich nicht mit Eurer Sophisterei blenden, Julian," sagte Alerie, „so wenig Ihr mich mit Eurer Leidenschaft zu überwältigen vermöcht. Hätte der Patriarch seinen Sohn aus einem geringcrn Grunde, als-aus Treue und Gehorsam gegen einen göttlichen Befehl zum Tode bestimmt, so hätte er einen Mord und kein Opfer beabsichtigt. Wie viele zogen in unserm letztern blutigen und traurigen Kriege auf beiden Seiten das Schwert ans den reinsten und achtbarsten Beweggründen? Wie viele auf die strafbaren Eingebungen des Ehrgeizes, der Selbstsucht und des Wunsches zu plündern? Noch einmal, ich warne Euch, meidet meinen Vater — verlaßt diese Insel, welche bald von auffallenden Ereig- niffen beunruhigt werden wird — so lange Ihr bleibt, seid auf Eurer Hut — mißtrauet jeder Sache — seid argwöhnisch gegen Jeden, selbst den, gegen welchen Verdacht zu hegen nach den Umständen unmöglich scheint, — trauet selbst nicht den Steinen des geheimsten Zimmers in Holm-Peel; denn was Flügel hat, kann die Sache weiter tragen." Hier brach Alerie plötzlich ab und stieß einen schwachen Schrei aus; denn von dem Gebüsch her, das ihn verborgen hatte, kam ihr Vater und trat plötzlich vor sie hin. Es war dieß das zweite Mal, daß die geheimen Zusam- samenkünfte der Liebenden durch Bridgenorth's unerwartete Erscheinung unterbrochen wurden. Bei dieser Gelegenheit zeigte sein Gesicht Zorn mit Würde gemischt. Selbst sein Zorn jedoch brachte keine heftigere Bewegung hervor, als einen kalten Ernst in Benehmen und Sprache. „Ich danke dir, Alerie," begann er zu seiner Tochter, „für die Mühe, die du dir gegeben hast, meine Absichten mit diesem jungen Manne und mit dir zu vereiteln. Ich danke dir für die Winke, die du vor meiner Erscheinung gabst, deren Ueberraschung allein dich verhindert hat, dein Zutrauen bis zu einer Höhe zu treiben, welche mein und Andrer Leben einem jungen Menschen preisgegeben hätte, der, wenn ihm die Sache Gottes und seines Vaterlandes vorgelegt wird, nicht Muße hat, darüber nachzudenken ; so sehr ist er mit einem Mädchengesicht, wie das deine, beschäftigt " Alerie, tvdtenbleich, blieb bewegungslos mit gesenktem Blick, ohne den geringsten Versuch, die beißenden Vorwürfe ihres Vaters zu beantworten. „Und Ihr," fuhr Bridgenorth fort, indem er sich zu Julian wandte — »Ihr habt das offene Vertrauen, das ich mit wenig Vorbehalt in Euch setzte, wohl vergolten. Euch Hab' ich auch einige Lcctionen zu danken, welche mich mit dem bäurischen Blut, das mir die Natur in die Adern gegossen, und mit der rohen Erziehung, die mir mein Vater gegeben, zufrieden sein lehren " „Ich verstehe Euch nicht, Herr Major," entgegnete Julian, welcher, bei dem Gefühle der Nothwendigkeit, Etwas zu sagen, doch zugleich nichts Passenderes finden konnte. „Ja, ich danke Euch," fuhr Bridgcnorth in demselben kalten, bittern Tone fort, „daß Ihr mir gezeigt habt, daß der Bruch der Gastfreundschaft, eine Verletzung des Zutrauens und dergleichen kleine Sünden dem Charakter und Betragen eines ritterlichen Hauses von zwanzig Ahnen nicht ganz fremd find. Es ist eine große Lehre für mich, mein Herr; denn bisher halt' ich mit dem Pöbel geglaubt, edle Sitten kämen mit edlem Blut. Aber vielleicht ist Artigkeit eine zu ritterliche Eigenschaft, um im Verkehr mit einem puritanischen Schwärmer, wie ich bin, verschwendet zu werden." „Herr Major," versetzte Julian, „was auch bei dieser Zusammenkunft Euch Mißfälliges vorgekommen sein mag, es war die Wirkung der durch den entscheidenden Augenblick plötzlich und stark belebten Gefühle — es war nichts Absichtliches." „Auch wohl sogar Eure Zusammenkunft nicht, denk' ich?" erwiederte Bridgcnorth in demselben kalten Tone. „Ihr kamt hieher von Holm-Peel geritten, — meine Tochter von Blackfort, und Zufall unstreitig bestimmte eine Zusammenkunft am Steine Goddard Crovan? — Junger Mann, beschimpft Euch doch nicht durch fernere Entschuldigungen — sie find schlimmer als vergeblich. — Und du, Mädchen, die du, in Besorgniß, deinen Liebhaber zu verlieren, nahe daran wärest, das zu verrathcn, was einem Vater sein Leben könnte gekostet haben — begib dich nach Hause- Ich will mit dir bei mehr Muße sprechen, und dich jene Pflichten lehren, die du vergessen zu haben scheinst." „Auf Ehre, Herr Major," sagte Julian, „Eure Tochter ist unschuldig an Allem, was Euch beleidigen kann. Sie widerstand jedem Vorschläge, welchen die hartnäckige Heftigkeit meiner Leidenschaft mir abdrang, ihr aufzunöthigen." „Kurz und gut," entgegnete Bridgenorth, „ich soll nicht glauben, daß Ihr an diesem entfernten Platze auf AlcrienS besondere Anstiftung zusammen gekommen seid?" Peveril wußte nicht, was er antworten sollte, und Bridgenorth winkte wieder seiner Tochter mit der Hand, sich zu entfernen. »Ich gehorche Euch, Vater," sprach Alerie, welche sich unterdessen von ihrer außerordentlichen Bestürzung erholt hatte, — „ich gehorche Euch; aber der Himmel ist mein Zeuge, daß Ihr mir mehr als Unrecht thut, wenn Ihr mich für fähig haltet, Eure Geheimnisse zu verrathcn, selbst wenn cs nöthig wäre, um mein oder Julians Leben zu retten. Daß Ihr einen gefährlichen Weg gehet, weiß ich wohl, aber Ihr thut es mit offenen Augen, und werdet durch Beweggründe getrieben, deren Werth und Gehalt Ihr schätzen könnt. Mein einziger Wunsch war, daß dieser junge Mann nicht blindlings sich in dieselben Gefahren einlaffcn sollte; und ich hatte ein Recht, ihn zu warnen, weil die Gefühle, die ihn blenden, eine unmittelbare Beziehung auf mich hatten." „Es ist gut, meine Tochter, du hast das Deinige gesagt," erwiedcrte Bridgenorth. „Nun geh, und laß mich die Verhandlung vollenden, die du doch schon so ziemlich eingelcitet hast.« 249 »Ich gehe, Vater," sagte Alerie. — „Julian, Euch gehören meine letzten Worte, und ich würde sie mit meinem letzten Athemzuge sprechen, — Lebt wohl, und seid vorsichtig." Sie entfernte sich von ihnen, und verschwand im Gebüsch. „Ein achtes Weib," sprach ihr Vater, indem er ihr nachsah. „Sie würde eher die Sache ganzer Nationen aufgebcn, als ihrem Liebhaber ein Haar krümmen lassen. — Ihr, Herr Peveril, seid ohne Zweifel ihrer Meinung, daß die beste Liebe eine sichere Liebe ist?" „Wäre bloß Gefahr auf meinem Wege," sagte Peveril, sehr überrascht von dem sanfteren Ton, in welchem Bridge- north diese Bemerkung machte, „so gibt es wenig Dinge, denen ich nicht muthig entgegen ginge, um — um — Eure gute Meinung zu verdienen." „Oder vielmehr meiner Tochter Hand zu gewinnen," sprach Bridgenorth. „Gut, junger Mann, Eins hat mir in Eurem Betragen gefallen, ob ich gleich über Vieles mich zu beschweren Gründe habe — Eins hat mir gefallen. Ihr habt die Scheidewand von aristokratischem Stolz überstiegen, hinter welcher Euer Vater, und vermuthlich auch seine Väter eingekerkert blieben, wie innerhalb der Ringmauern einer Lehensfestung. — Ihr seid über diese Schranken gesprungen, und zeigt Euch nicht abgeneigt, Euch mit einer Familie zu verbinden, welche Euer Vater als niedrig geboren und unedel verachtet." Julian fand cs im höchsten Grade schwer, auf diese Worte zu antworten- Am Ende aber, da er merkte, daß Bridgenorth entschlossen schien, ruhig seine Antwort abzuwarten, faßte er den Muih, zu sagen: „die Gefühle, die ich gegen Eure Tochter hege, Herr Major, sind von einer Art, die vieler andern Betrachtungen überhebt, denen ich, in jedem andern Fall, die 250 ehrerbietigste Aufmerksamkeit zu widmen für Pflicht halten würde. Ich will es nicht verhehlen, daß meines Vaters Vor- urtheile wider eine solche Verbindung sehr stark sein würden, aber ich glaube zuversichtlich, sie würden verschwinden, wenn er Aleriens Werth kennen lernte, und sich überzeugte, daß sie allein seinen Sohn glücklich machen kann " „Unterdessen," versetzte Bridgenorth, „wünscht Ihr die Vorgesetzte Verbindung, ohne Wissen Eurer Eltern, zu vollziehen, und wollt es auf ihre nachherige Genehmigung ankommcn lassen. So verstehe ich es, nach dem meiner Tochter nur vor Kurzem gemachten Anträge " Julian war für einen Augenblick stumm, in dem eitlen Versuch, seine Antwort so einzurichten, daß sie zugleich Zufriedenheit mit Bridgenorths Vorschlag und eine Rechtfertigung seiner eignen Rücksicht auf seine Eltern und auf die Ehre seines Hauses auSdrücken sollte. Diese Zögerung erregte Verdacht, und Bridgenorths Auge funkelte und seine Lippe zitterte, während er demselben Luft machte. „Hört Ihr, junger Mann," sprach er, „handelt offen mit mir in dieser Angelegenheit, wenn Ihr nicht haben wollt, daß ich Euch für den abscheulichen Schurken halten soll, der unter Versprechungen, die er nie zu erfüllen im Sinn hatte, ein unglückliches Mädchen verführt haben würde. Laßt mich dieß nur argwöhnen, und Ihr sollt auf der Stelle sehen, inwiefern Euer Stolz und Euer Stammbaum Euch vor der gerechten Rache eines Vaters bewahren kann." „Ihr thut mir unrecht," sagte Pcveril — „Ihr thut mir unendlich unrecht, Herr Major. Ich bin der Niederträchtigkeit, die Ihr meint, nicht fähig. Der Antrag, den ich Eurer Tochter machte, war ganz aufrichtig; ich ward bloß verlegen, weil Ihr es für nöthig haltet, mich so genau zu prüfen, und 251 alle meine Vorsätze und Gesinnungen in ihrer Vollesten Ausdehnung zu wissen, ohne mir Eure eigenen zu entdecken." „Euer Antrag also," sprach Bridgenorth, „lautet folgendermaßen : Ihr seid Willens, mein einziges Kind aus seinem Vaterlande in die Verbannung zu führen, um ihr einen Anspruch auf das Wohlwollen und den Schutz Eurer Familie zu gewähren, welcher unter der Bedingung, wie Ihr wißt, nicht geachtet werden wird, unter welcher ich Euch ihre Hand mit hinlänglichem Vermögen zu geben einwillige, um dem Vermögen Eurer Vorfahren (als sie noch am meisten auf ihren Reichthum stolz sein konnten) die Wage zu halten. Dieß, junger Mann, scheint kein gleicher Handel zu sein. — Und doch" — setzte er nach einer kleinen Pause hinzu — „achte ich die Güter dieser Welt so wenig, daß es nicht ganz außer Euerer Macht stehen könnte, mich mit der mir vorgeschlagenen Partie zu versöhnen, so ungleich sie immer erscheinen mag. „Zeiget mir nur die Mittel, mir Eure Gunst zu gewinnen, Herr Major," sagte Peveril; — „denn ich will nicht zweifeln, daß sie mit meiner Ehre und Pflicht übereinstimmen, — und Ihr sollt bald sehen, wie eifrig ich Euren Rathschlägen folgen, oder mich Euren Bedingungen unterwerfen werde." „Sie lassen sich in wenige Worte fassen," erwiederte Bridgenorth. „Seid ein rechschaffener Mann und der Freund Eures Vaterlandes." „Niemand hat je gezweifelt," versetzte Peveril, „daß ich Beides bin." „Verzeihet mir," entgegnete der Major; „Niemand hat Euch bis jetzt noch als einen von Beiden sich zeigen gesehen. Unterbrecht mich nicht — Ich bezweifle nicht Euren Willen, Beides zu sein; aber Ihr habt bisher weder Einsicht, noch Gelegenheit gehabt, welche nöthig sind, Eure Denkungsart oder Euren Dienst fürs Vaterland zu beweisen. Ihr habt gelebt, als eine Unempfindlichkeit der Gemüther, die auf die Unruhen des bürgerlichen Krieges folgte, die Menschen gleichgültig gegen Staatsangelegenheiten und geneigter machte, für ihr eigenes Vergnügen zu sorgen, als vor dem Riß zu stehen, da der Herr mit Israel rechnete- Allein wir find Engländer, und können nicht lange in solcher unnatürlichen Schlafsucht bleiben. Bereits betrachten Viele von denen, welche am lebhaftesten die Rückkehr Carl Stuarts wünschten, ihn als einen König, den uns der Himmel auf unser zudringliches Bitten in seinem Zorn gegeben hat. Seine unbegrenzte Uepppigkeit hat die Gemüther aller besonnenen und denkenden Männer mit Widerwillen erfüllt. Ich hätte jetzt nicht eine so vertraute Unterredung mit Euch gepflogen, wenn ich nicht wahrgenommen hätte, daß Ihr frei seid von diesen Flecken der Zeit- Der Himmel hat dem König einen Erben aus seiner Ehe versagt, und in dem Küstern und strengen Charakter seines bigotten Nachfolgers sehen wir schon, was für ein Monarch den Thron Englands nach ihm einnehmcn werde. Dieß ist eine kritische Periode, in welcher es die Pflicht aller Menschen, eines jeden nach seinem Stande, ist, vorwärts zu schreiten, und dem Vaterlande beizustehen, das uns die Geburt gab." Pcveril erinnerte sich der Warnung, die er von Alerien erhalten hatte, und schlug die Augen nieder, ohne eine Antwort zu geben. „Wie ist es, junger Mann," fuhr Bridgenorth nach einer Pause fort; „so jung, als Ihr seid, und durch keine Bande verwandter Sittenlofigkeit mit den Feinden Eures Vaterlandes verbunden, könnt Ihr fühllos gegen die Ansprüche sein, die es in dieser Krisis an Euch machen mag?" »Es wäre leicht, Euch im Allgemeinen Antwort zu geben, Herr Major," versetzte Peveril; »es wäre leicht zu sagen, daß mein Vaterland keinen Anspruch an mich machen kann, dem ich nicht auf Gefahr von Gut und Blut bereitwillig genügen würde. Aber mit solchen allgemeinen Ausdrücken würden wir einander nur täuschen. Von welcher Beschaffenheit ist dieser Aufruf? Wer läßt ihn ergehen? Und was wird der Erfolg sein? Denn ich glaube, Ihr habt schon genug von den Uebeln des bürgerlichen Kriegs gesehen, um Euch zu hüten, seine Schrecknisse in einem friedlichen und glücklichen Lande von Neuem zu wünschen " »Menschen, die mit giftigen Betäubungsmitteln getränkt worden sind," sagte der Major, „müssen von ihren Aerzten erweckt werden, geschähe es auch durch den Schall der Trompete. ES ist besser, daß sie tapfer, mit den Waffen in der Hand, gleich freigebornen Engländern, sterben, als daß sie in das unblutige, aber ehrlose Grab finken, welches Sklaverei ihren Vasallen öffnet. — Aber der Krieg war es nicht, von dem ich sprechen wollte," setzte er hinzu, indem er einen milderen Ton annahm. „Die Nebel, über die England jetzt klagt, find von der Art, daß ihnen durch die heilsame Verwaltung seiner eignen Gesetze, selbst in dem Zustande, worin man sie noch bestehen läßt, abgeholfcn werden kann. Haben diese Gesetze nicht ein Recht, von jedem Einzelnen, der unter ihnen lebt, aufrecht erhalten zu werden? Haben sie nicht ein Recht auf Eure Unterstützung?" Da er auf eine Antwort zu warten schien, erwiederte Peveril: „Ich muß erst lernen, Herr Major, wie Englands Gesetze so weit geschwächt worden sind, daß sie eine solche Stütze, wie die meinige, nöthig haben können. Ist mir dieses klar, so wird Niemand die Pflicht eines Lehnsmannes gegen das Gesetz sowohl, als gegen den König treuer erfüllen. Aber Englands Gesetze stehen unter der Aufsicht aufrichtiger und gelehrter Richter und eines gnädigen Monarchen." „Und eines Unterhauses," unterbrach ihn Bridgenorth, „das, wie von einem Donnerschlage, zu dem Gefühl des gefährlichen Zustandes unserer Religion und unserer bürgerlichen Freiheit erweckt worden ist. Ich berufe mich auf Euer eigenes Gewissen, Julian Peveril, ob dieses Erwachen nicht zur rechten Zeit erfolgt ist, weil Ihr selbst, und Niemand besser, als Ihr, die raschen Schritte kennt, die Nom gemacht hat, seinen Götzendienst in unserm protestantischen Lande zu errichten." Da hier Julian die Spur von BridgenorthS Argwohn sah oder zu sehen glaubte, so eilte er, sich von dem Verdacht einer Begünstigung der römisch-katholischen Religion zu befreien. „Es ist wahr," sagte er, »ich bin in einer Familie erzogen worden, wo jener Glaube von einer geehrten Person bekannt worden ist, und ich bin seitdem in papistische Länder gereist; aber eben deßwegen habe ich das Papstthum zu nahe gesehen, um seinen Grundsätzen gewogen sein zu können. Die Andächtelei der Laien — die beharrlichen Kunstgriffe der Priesterschaft — die stete Jntrigue für die Ausbreitung der Formen ohne den Geist der Religion — die Anmaßung jener Kirche über die Gewissen der Menschen — ihre stolzen Ansprüche auf Unfehlbarkeit, sind in meinem Geiste eben so unverträglich, als sie nur in dem Eurigen scheinen können, mit gesundem Verstände, Vernunft, Gewissensfreiheit und reiner Religion." „Gesprochen gleich dem Sohne Eurer vortrefflichen Mutter," sprach Bridgenorth, und faßte ihn bei der Hand, „um derentwillen ich so Vieles von Eurem Hause habe unvergol- ten sein lassen, selbst als die Mittel zur Vergeltung in meiner Hand waren." „Es war allerdings Folge der Belehrungen dieser vortrefflichen Mutter," erwiederte Peveril, „daß ich fähig war, in meiner frühen Jugend die hinterlistigen Angriffe zurückzu- trciben, welche katholische Priester, deren Gesellschaft ich nicht vermeiden konnte, auf meinen religiösen Glauben machten. Gleich ihr, hoffe ich in dem Glauben der reformirten Kirche Englands zu leben und zu sterben." „Der Kirche Englands!" rief Bridgenorth, indem er seines jungen Freundes Hand fallen ließ, aber sogleich wieder ergriff — „Oh! diese Kirche, wie sie jetzt beschaffen ist, maßt sich kaum weniger, als Rom selbst, über die Gewissen und die Rechte der Menschen an; doch aus der Schwäche dieser -alb reformirten Kirche kann es Gott gefallen, Englands Befreiung und seinen eignen Ruhm hervorgehen zu lassen. Es kommt uns nicht zu, das Werkzeug zu bestimmen, womit unsere Flucht aus dem Netze des Voglers bewirkt wird. Genug, daß ich Euch zwar noch nicht mit dem Licht der reinern Lehre erleuchtet finde, sondern nur vorbereitet, Vortheil von demselben zu erhalten, wenn sein Funke Euch erreichen wird. Genug, daß ich Euch willig finde, Euer Zeugniß zu erheben, und laut zu schreien und ohne Schonung gegen die Jrrthü- mcr und die Ränke der römischen Kirche. Aber bedenkt, daß Ihr bald werdet ausgefordert werden, das, was Ihr jetzt gesagt, auf die feierlichste, ernsthafteste Art zu recht- fertigen." „Was ich gesagt habe," erwiederte Julian, „als die geradeste Gesinnung meines Herzens, soll, bei keiner schicklichen Gelegenheit, durch mein offenes Bekenntniß unbekräftigt bleiben, und ich wundere mich, daß Ihr daran zweifelt." »Ich zweifle daran nicht, mein junger Freund," sagte Bridgenorth; „und ich hoffe, Euren Namen unter denen gefeiert zu finden, welche die Beute dem Mächtigen entreißen sollen. Gegenwärtig erfüllen Vorurtheile Eure Seele, gleich dem starken Hüter des Hauses, der in der Schrift erwähnt wird. Aber cs wird ein stärkerer kommen, als er, und mit Gewalt eindringen, und auf den Zinnen das Zeichen des Glaubens aufstccken, in welchem allein Rettung gefunden wird. — Wache, hoffe und bete, daß die Stunde kommen möge." Hier entstand eine Pause, welche Peveril zuerst unterbrach. «Ihr habt in Räthseln zu mir gesprochen, Herr Major, und ich habe Euch um keine Erklärung gebeten. Hört auf eine Warnung von meiner Seite, die ich mit dem aufrichtigsten Wohlwollen gebe. Nehmt einen Wink von mir an, und glaubet ihm, wenn er auch dunkel ausgedrückt ist. Ihr seid hier — so glaubt man wenigstens — in einer gefährlichen Sendung an den Herrn der Insel. Diese Gefahr wird auf Euch selbst zurückfallen, wenn Ihr diese Insel länger zu Eurem Aufenthalt macht. Laßt Euch warnen, und reiset bei Zeiten ab." «Und meine Tochter soll ich der Aufsicht Julian Peveril's überlaffen? Lautet Euer Rath so, junger Mann?" sprach Bridgenorth. „Ich bin gewohnt gewesen, in schlimmer» Gefahren, als mich gegenwärtig umgeben, mein eigener Führer zu sein. Aber ich danke Euch für Eure Warnung, welche, wie ich gern glauben will, wenigstens zum Theil uneigennützig war." «Wir scheiden also doch nicht im Unwillen?" fragte Peveril. «Nein, nicht im Unwillen, mein Sohn," sagte Bridgenorth, „sondern in Liebe und starker Zuneigung Was meine Tochter anlangt, so müßt Ihr jeden Gedanken aufgeben, sie zu sehen, außer durch mich. Eure Bewerbung nehme ich «edcr an, noch verwerf' ich sie; dieß Einzige vertrau' ich Euch nur: wer mein Sohn sein will, muß sich als das treue und liebende Kind seines unterdrückten und getäuschten Vaterlandes zeigen. Lebt wohl, antwortet mir jetzt nicht; Ihr seid noch in bitterer Stimmung, und cs könnte (was ich nicht wünsche) Streit zwischen uns entstehen. Ihr sollt eher von mir wieder hören, als Ihr glaubt." Er schüttelte Peveril herzlich die Hand, sagte ihm nochmals Lebewohl, und ließ ihn unter dem verworrenen und gemischten Eindruck von Vergnügen, Zweifel und Verwunderung zurück. Nicht wenig verwundert, sich bei AlerienS Vater so weit in Gunst zu finden, daß sein Gesuch sogar durch bedingte Aufmunterung begünstigt wurde, konnte er sich doch nicht enthalten, aus der Spracbe sowohl der Tochter, als des Vaters zu argwöhnen, daß Bridgenorth, als Preis seiner Gunst, wünschte, er möchte ein Betragen annehmen, das mit den Grundsätzen, worin er erzogen worden, sich nicht vertrug. Unter diesen Gedanken sattelte er sein Pferd, legte ihm das zum freien Weiden gelöste Gebiß wieder an, setzte sich auf und verfolgte seinen Rückweg nach dem Schlosse Holm- Peel, wo, wie er zu fürchten sich nicht enthalten konnte, in seiner Abwesenheit etwas Außerordentliches vorgefallen sein dürfte. Aber das alte Gebäude erhob sich bald vor ihm heiter und in ernster Stille zwischen dem schlafenden Ocean- Die Fahne, welche anzeigte, daß der Gebieter von Man innerhalb seiner verfallenen Ringmauern residirte, hing bewegungslos an ihrem Stabe. Die Schildwachen schritten auf und ab an ihren Posten, und summten oder pfiffen ihre Lieder. Julian ließ sein treues Roß, wie vorher, im Dorfe zurück, und Pcvertl. 17 begab sich in das Schloß, wo er Alles in demselben Zustande der Ruhe und guten Ordnung fand, welche das äußere Ansehen verkündigt hatte. Achtzehntes Kapitel. Julian begegnete, nach seinem Eintritt in's Schloß, zuerst dem jungen Grafen, der ihn mit seiner gewohnten Güte und muntern Laune empfing. „Der Lärm von diesem Morgen ist, hoff' ich, vorüber," sprach Julian. „Allerdings," crwiederte der Graf, „und unsere genauen Nachforschungen können keinen Grund entdecken, einen Aufstand zu befürchten. Daß Bridgenorth auf der Insel ist, scheint gewiß; aber Privatangelegenheiten werden als Ursache seines Besuchs angegeben, und ich wünschte nicht, ihn festgehalten zu sehen, wofern nicht böse Anschläge von ihm und seinen Gefährten bewiesen wären- In Wahrheit scheint es, wir haben uns zu früh in Unruhe setzen lassen. Meine Mutter spricht davon, Euch über die Sache zu Rathe zu ziehen, Julian, und ich will ihrer feierlichen Mitiheilung nicht vorgreifen. Sie wird, vermuth' ich, zum Theil rechtfertigend sein; denn wir fangen an, unfern Rückzug für ziemlich unköniglich zu halten, da wir, gleich Bösewichtern, geflohen sind, ehe noch Jemand uns verfolgte. Dieser Gedanke betrübte meine Mutter, welche als eine königliche Wittwe, eine königliche Regentin, eine Heldin, und eine Frau überhaupt, sich aus's Acußcrste gekränkt fühlen würde, wenn sie denken sollte, daß ihr übereilter Rückzug an diesen Ort sie dem Gelächter der Insulaner aussetzte, und sie ist daher verlegen und in übler Laune. — Aber, dem Himmel sei Dank! da schlägt die Glocke des Mittagsmahles. Ich wollte, die Philosophen, die eine gute Mahlzeit für Sünde und Zeitverschwendung halten, möchten uns nur einen halb so angenehmen andern Zeitvertreib angcben." Das Mahl, das der Graf als ein Mittel, sich einen Theil der Zeit, die ihm sehr lang ward, zu verkürzen, so begierig gewünscht hatte, war bald vorüber, so bald wenigstens, als die gewöhnliche fürstliche Pracht im Haushalte der Gräfin cs erlaubte. Sie selbst, in Begleitung ihrer Kammerfrauen und Bedienten, zog sich, nach aufgehobener Tafel, frühzeitig zurück, und die jungen Männer blieben allein ' Wein hatte für den Augenblick keinen Reiz für den einen oder den andern, denn der Graf war ganz mißmuthig vor Langerweile und Ueberdruß an seiner eintönigen und einsamen Lebensweise, und die Begebenheiten des Tages hatten Julian zu viel Stoff zum Nachdenken gegeben, um ihm zu erlauben, unterhaltende und anziehende Materien des Gesprächs aufzusuchen. Nachdem die Flasche einige Male stillschweigend unter ihnen herumgegangen war, zog sich Jeder in eine abgesonderte Nische der Fenster des Speisezimmers zurück. Während Peveril umsonst aus den von dem Vater und der Tochter gegebenen Winken etwas Wahrscheinliches her- auözuziehen suchte, fühlte er etwas ihn sanft bei dem Mantel zupfen. Er schlug seine im Nachdenken in einander geschlungenen Arme aus einander, zog seine Augen von der leeren Aussicht der Secküste und des Meeres, worauf sie ziemlich unbewußt gerichtet waren, zurück, und sah neben sich Fenella. 260 Sie saß auf einem niedrige» Kiffen oder Stuhle, mit welchem sie dicht an Peveril's Seite gerückt, und da seit kurzem geblieben war, vcrmuthlich in Erwartung, er würde ihre Gegenwart bemerken, bis sie endlich, aus Ueberdruß, unbemerkt zu bleiben, seine Aufmerksamkeit auf die angezeigte Art erweckte. Aufgeschreckt aus seiner Träumerei, blickte er herab, und konnte nicht ohne Theilnahme dieß sonderbare und hüls- lose Wesen betrachten. Ihr Haar war aufgebunden, und wallte über ihre Schultern in solcher Länge, daß viel davon auf dem Boden lag, und in solcher Fülle, daß es einen dunkeln Schleier oder Schatten, nicht bloß um ihr Gesicht, sondern über die ganze schmächtige und niedliche Gestalt bildete. Aus dem Wallen ihrer Locken blickten ihre kleinen und dunkeln, aber wohlgebildeten Gcsichtszüge nebst den großen glänzendschwarzen Augen hervor, und ihr ganzes Gesicht hatte eine flehende Miene angenommen. Da Peveril merkte, daß ihr ungewohntes Wesen aus der Erinnerung des diesen Morgen zwischen ihnen vorgefallenen Streits entsprang, so war er bemüht, die Munterkeit der Kleinen wieder hcrzustellen, indem er ihr zu verstehen gab, daß bei ihm keine unangenehme Erinnerung an ihren Zwist übrig geblieben wäre. Er lächelte freundlich, und schüttelte ihr die Hand, während er ihr mit der Vertraulichkeit längerer Bekanntschaft die langen, dunkeln Locken mit der Hand zurückstrich. Sie senkte, wie beschämt, und zugleich über seine Liebkosungen erfreut, den Kopf, — und so wurde er veranlaßt, sie fortzusetzen, bis er fühlte, daß sie unter dem Schleier ihrer starken und reichen Locken seine andere Hand, die sie immer fest in der ihrigen hielt, leise mit ihren Lippen berührte, und zu gleicher Zeit mit einer Thräne benetzte. Hastig 261 zog er seine Hand zurück, veränderte seine Stellung, und fragte sic mit einem durch Gewohnheit geläufigen Zeichen, ob sie ihm von der Gräfin irgend eine Botschaft brächte- Im Augenblick war Fenella's ganzes Betragen verändert; sie fuhr auf, setzte sich mit Blitzesschnelle zurecht, und flocht in demselben Augenblick mit einer Wendung ihrer Hand ihre langen Locken in die schönsten Flechten zusammen. Es war freilich, wann sie aufblickte, noch eine Rothe auf ihren dunkeln Gesichtszügen sichtbar, aber ihr schwermüthiger und schmachtender Ausdruck hatte dem einer wilden und ungeordneten Lebhaftigkeit Platz gemacht, welcher ihnen am gewöhnlichsten eigen war. Ihre Augen glänzten von mehr als gewohntem Feuer, und ihre Blicke waren unsteter als gewöhnlich. Auf Julians Frage antwortete sic mit Auflegen ihrer Hand an ihr Herz, — eine Bewegung, womit sie immer die Gräfin bezeichnet«, — und indem sie aufstand, und die Richtung nach ihrem Zimmer nahm, gab sie Julian ein Zeichen, ihr zu folgen. Die Entfernung zwischen dem Speisezimmer und demjenigen Zimmer, in das Peveril jetzt seiner stummen Führerin folgte, war nicht groß; doch hatte er im Hingehen Zeit genug, sich dem Gedanken hinzugeben, daß dieß unglückliche Mädchen die einfache Güte, mit der er sie behandelt hatte, falsch ausgelegt haben, und ihn nun mit zärtlicher» Gefüh« , len betrachten möchte, als der bloßen Freundschaft zukommen, und er faßte den inner» Entschluß, sich gegen Fenella so zu benehmen, daß solche übel angebrachte Gefühle entfernt würden, wenn sie unglücklicherweise sie ja gegen ihn hegen sollte. Als sie das Zimmer der Gräfin erreichten, fanden sie sie mit Schreibmaterialien und vielen gesiegelten Briefen umge- 262 bcn. Sie empfing Julian mit gewohnter Güte, und nachdem iie ihn sich hatte setzen lassen, winkte sie der Stummen, ihre Nadel zu nehmen. Im Augenblick setzte sich Fenella an einen Stickrahmen, wo sie für eine Bildsäule hätte gelten können, so wenig bewegte sie Kopf oder Auge von ihrer Arbeit. Da ihre Gehörlosigkeit ihre Gegenwart zu keinem Hinderniß der vertrautesten Unterredung machte, so sprach nun die Gräfin zu Peveril, als wenn sie ganz allein beisammen wären. „Julian," sagte sie, „ich will mich jetzt nicht bei Euch über die Gesinnungen und das Betragen Derbp's beklagen. Er ist Euer Freund, — er ist mein Sohn. Er hat Gute des Herzens, und Lebhaftigkeit des Talents, und doch —" „Theuerste Gräfin," unterbrach sie Peveril. „warum wollt Ihr Euch damit betrüben, daß Ihr Euren Blick aus Mängel heftet, die eher aus einer Veränderung der Zeiten und der Sitten, als aus einer Ausartung meines edeln Freundes entspringen? Laßt ihn einmal mit seiner Pflicht im Kriege oder im Frieden beschäftigt sein, und laßt mich dafür büßen, wenn er nicht seinen Beruf so vollzieht, wie es seinem hohen Posten ziemt." „Ja," erwiederte die Gräfin, „aber wann wird der Ruf der Pflicht sich mächtiger zeigen, als der des müßigsten und gemeinsten Vergnügens, das nur zum Vertreiben der Langenweile dienen kann? Sein Vater war von einem andern Schlage; und wie oft war es mein Loos, ihn bitten zu müssen, daß er von der strengen Erfüllung jener Pflichten, die ihm sein hoher Posten auflegte, sich nur die seiner Gesundheit nöthige Erholung erübrigen möchte?" „Immer, meine theuerste Gräfin," sagte Peveril, „müßt Ihr doch zugedcn, daß die Pflichten, zu welchen Euren verewigten Gemahl die Zeiten auffordcrten, von einer mehr auf- redenden und entscheidenden Art waren, als die, welche Euren Sohn erwarten." „Das wüßl' ich nicht," crwiedcrte die Gräfin. „Das Rad scheint sich wieder umzudrehen, und die gegenwärtige Periode wird nicht unwahrscheinlich solche Austritte zurück- bringen, als ich in meinen jünger« Jahren erlebt habe: — Gut, cs mag sein; sie werden Charlotte de la Trcmouille nicht muthlos finden, wenn auch von den Jahren gebeugt- Es war gerade dieser Gegenstand, über den ich mit Euch sprechen wollte, mein junger Freund. Seit unserer ersten frühen Bekanntschaft, — als ich Euer tapferes Betragen sah, — hat es mich gefreut, Euch als einen echten Sohn von Stanley und Peveril mir zu denken. Ich bin versichert, Eure Erziehung in dieser Familie ist immer der Achtung, die ich für Euch hege, angemessen gewesen. — Doch ich verlange keinen Dank- — Ich habe von Euch zur Vergeltung eine Dienstleistung zu erbitten, die vielleicht nicht ganz sicher für Euch selbst ist, welche aber, nach den Umständen der Zeit, meinem Hause zu erzeigen Ihr am fähigsten seid." „Ihr seid stets meine edle Gebieterin, und ich darf sagen, mütterliche Beichützerin gewesen," versetzte Peveril. „Ihr habt ein Reck't, über das Blut Stanley's in den Adern eines Jeden zu gebieten, — Ihr habt tausend Rechte, darüber in den meinigen zu gebieten." „Meine Berichte aus England," fuhr die Gräfin fort, „gleichen mehr den Träumen eines Kranken, als den ordentlichen Belehrungen, die ich von meinen Corrcspondenten hätte erwarten sollen; — ihre Ausdrücke gleichen den Reden der Schlafwandler, die in abgebrochenen Worten von ihren Träumen sprechen. Man sagt, ein wirklicher oder erdichteter Anschlag sei unter den Katholiken entdeckt worden, welcher viel weiter einen unbegränzten Schrecken verbreitet bat, als jenes Complot vom fünften November. — Die Umrisse dieses Anschlags find ganz unglaublich, und stützen sich bloß auf daö Zeugniß Elender, der Niedrigsten und Nichtswurdigsten in der Schöpfung; doch wird die Sache von dem leichtgläubigen Volke Englands mit voller Ucberzeugung angenommen." „Dieß ist eine sonderbare Täuschung; ein Aufstand ohne einen wirklichen Grund," bemerkte Julian. „Ich bin keine Frömmlerin, Vetter, aber doch eine Katholikin," erwiederte die Gräfin. „Ich habe lange gefürchtet, daß der wohlgemeinte Eifer unserer Priester, die Mitglieder unserer Kirche zu vermehren, ihnen den Argwohn der englischen Nation zuziehen würde. Diese Bemühungen find mit doppelter Energie erneuert worden, seitdem der Herzog von Ijork sich zu dem katholischen Glauben hält, und dieses Ereigniß hat den Haß und die Eifersucht der Protestanten verdoppelt. So weit, fürcht' ich, mag hier gerechte Ursache zum Argwohn sein, daß der Herzog ein besserer Katholik, als ein Engländer ist, und daß Frömmelei sich seiner bemächtigt hat, so wie Geiz oder die armselige Habsucht eines Verschwenders seinen Bruder in Verbindungen mit Frankreich verwickelt hat, worüber England nur zu viel Grund sich zu beklagen haben mag. Aber die groben, plumpen und handgreiflichen Unwahrheiten von Verschwörung und Mord, Blutvergießen und Brand, — die eingebildeten Armeen, — die beabsichtigten Metzeleien, — bilden eine Sammlung von Lügen, die man selbst für den rohen Appetit des Pöbels zum Wunderbaren und Schauderhaften unverdaulich finden sollte, welche aber nichts desto weniger als Wahrheit von beiden Häusern des Parlaments angenommen und von Keinem in Zweifel gezogen werden, der der verhaßten Benennung eines Freundes der blutigen Papi- sten und eines Begünstigers ihrer höllisch-grausamen Entwürfe entgehen will." „Aber was sagen diejenigen, die höchst wahrscheinlich durch diese Gerüchte in Anspruch genommen werden ?" fragte Julian. „Was sagen die englischen Katholiken selbst? — eine große und reiche Gemeinde, die so viele edle Namen in sich vereint ?" »Ihre Herzen sind in ihnen wie todt," antwortete die Gräfin. „Sie gleichen Schafen, die eingesperrt sind, damit der Fleischer sich die besten auslese. In den dunkeln und kurzen Nachrichten, die ich von einer sichern Hand habe, erwarten sie nur ihren eigenen und unfern gänzlichen Untergang, — so allgemein ist die Niedergeschlagenheit, so allgemein die Verzweiflung." „Aber der König," fragte Julian weiter, — „der König und die protestantischen Royalisten, — was sagen sie zu dem sich erhebenden Sturm?" „Carl," antwortete die Gräfin, „mit seiner gewohnten selbstsüchtigen Klugheit, unterwirft sich gegenwärtig dem Nn- gewitter, und wird eher Strick und Beil ihr Werk an den unschuldigsten Menschen in seinen Ländern verrichten lassen, als eine Stunde des Vergnügens verlieren, um ihre Rettung zu unternehmen. Und was die Royalisten betrifft, so hat sie entweder der allgemeine Wahn ergriffen, der die Protestanten überhaupt befallen hat, oder sie halten sich entfernt und neutral, in Furcht, irgend einen Anthcil an den unglücklichen Katholiken zu beweisen, damit sie nicht diesen gleich und für Beförderer der furchtbaren Verschwörung gehalten, in die sie verwickelt sein sollen. In Wahrheit, ich kann sie nicht tadeln. ES ist schwerlich zu erwarten, daß bloßes Mitleiden für eine verfolgte Secte — oder, was noch seltener ist, reine Liebe zur Gerechtigkeit — mächtig genug sein sollte, die Menschen zu bewegen, sich der erwachten Wuth eines ganzen Volkes aus- zusetzcn; denn bei der gegenwärtigen allgemeinen Bewegung wird Jeder, der nur das Geringste von den unge-euern Un- wabrschcinlichkciten, welche riese elenden Angeber aufqehäust haben, bezweifelt, augenblicklich niedergehetzt, als einer, der die Entdeckung des Complots ersticken wollte. Es ist in der That ein furchtbares Ungewitter; und so entfernt wir auch von seinem Umkreise liegen, so müssen wir doch bald befürchten, seine Wirkungen zu empfinden." „Lord Derby sagte mir schon etwas hievon," sprach Julian; „und daß es Agenten auf dieser Insel gäbe, die einen Aufstand erregen wollten " „Ja," versetzte die Gräfin, und ihr Auge sprühte Feuer; „und wäre auf meinen Rath gehört worden, so hätte man sie auf der That ergriffen, und wäre so mit ihnen verfahren, daß alle Andern gewarnt worden wären, die eine unabhängige Gewalt auf solche Weise suchten. — Aber mein Sohn, der gewöhnlich so strafbar nachlässig in seinen eigenen Angelegenheiten ist, beliebte die Besorgung derselben bei dieser Krisis zu übernehmen." „Es freut mich zu hören, gnädige Gräfin," entgegnete Peveril, „daß die Vorsichtsmaaßregeln, die mein Verwandter befolgte, die vollständige Wirkung gehabt haben, die Verschwörung zu vereiteln." „Für jetzt, Julian; aber sie hätten von der Art sein sollen, daß sie die Kühnsten zittern gemacht hätten, an solche Angriffe auf unsere Rechte für die Zukunft zu denken. Allein Derby's gegenwärtiger Plan führt größere Gefahr mit sich; und doch ist Etwas von Tapferkeit darin, womit ich zufrieden bin." 267 „Was ist sein Plan, gnädige Gräfin?" fragte Julian unruhig; „und worin kann ich -elfen, oder die Gefahr abwcn- den?« „Es ist willens," sagte die Gräfin, „sogleich nach England abzurcisen. Er ist, wie er sagt, nicht bloß das Lehnsobcr- haupt einer kleinen Insel, sondern auch einer von den edlen Pairs von England, welcher nickt in der Sicherheit eines entfernten unbekannten Schlosses Zurückbleiben darf, wenn sein oder seiner Mutter Name vor seinem König und Volke verleumdet wird. Er will, wie er sagt, seine Stelle im Oberhause einnehmen, und öffentlich für den seinem Hause durch meineidige und eigennützige Zeugen angethancn Schimpf Gerechtigkeit fordern." „Er ist ein edelmüthiger Entschluß, wie er meines Freundes würdig ist," sprach Peveril. „Ich will mit ihm gepeu und sein Schicksal mit ihm theilcn, wie cs auch ausfalle. Oder laßt mich nach London gehen," fuhr er nach einer Pause fort- „Ihr wäret immer gewohnt, etwas auf mein Urtheil zu halten. Ich will das Beste thun — ich hoffe, auf'S Schlimmste kann ich Euch von der Gefahr, von der Ihr oder der Graf bedroht wäret, unterrichten, und kann auch vielleicht die Mittel anzeigen, sie zu entfernen." Die Gräfin horchte mit einer Miene, in welcher die Unruhe mütterlicher Zärtlichkeit, die ihr cingab, Peveril's edel- müthiges Anerbieten anzunehmen, mit ihrer natürlichen uneigennützigen und edeln Denkungsart kämpfte. „Bedenkt, was Ihr von mir fordert, Julian," versetzte sie mit einem Seufzer. „Verlangt Ihr, ick soll das Leben des Sohnes meines Freundes jenen Gefahren aussetzen, denen ich meinen eigenen entziehe? — Nein, nimmer." „O nein, meine theure Gräfin," erwiederte Julian. „Ick 268 laufe nicht dieselbe Gefahr — meine Verhältnisse sind zwar in meiner eignen Heimath nicht in Dunkelheit verborgen, in London aber zu wenig bekannt, um in diesem ungeheuer» Sammelplatz von Allem, was vornehm und reich ist, bemerkt zu werden. Keine heimliche Nachrede hat, glaub' ich, meinen Namen, auch nicht unmittelbar, mit jener Verschwörung in Verbindung gebracht. Ich bin vor Allem Protestant und kann keines mittelbaren oder unmittelbaren Verkehrs mit der römischen Kirche beschuldigt werden. Meine Verbindungen habe ich auch unter Solchen, die, wenn sie sich mir nicht befreunden wollen oder können, mir wenigstens nicht gefährlich zu werden vermögen. Mit einem Worte, ich laufe keine Gefahr, wo der Graf allerdings viel wagen dürfte. Ich gehe sogleich, um den Grafen von meiner Abreise zu benachrichtigen." „Bleibt, Julian, sagte die Gräfin; „wenn Ihr die Reise zu unserm Besten unternehmet — und ach! ich habe nicht Edelmuth genug, Euer Anerbieten auszuschlagen — so müßt Ihr allein gehen, und ohne mit Derby davon zu sprechen. Ich kenne ihn gut; sein Leichtsinn ist frei von niedriger Selbstsucht, und um alle Welt würde er nicht zugeben, daß Ihr die Insel Man ohne ihn verließet. Und wenn er mit Euch ginge, so würde Eure edle und uneigennützige Güte nichts helfen — Ihr würdet nur seinen Untergang tbeilen" „Es soll geschehen, wie Ihr wünscht, gnädige Gräfin," sprach Peveril. „Ich bin bereit, in einer halben Stunde nach erhaltener Anzeige abzureisen." „Diese Nacht also," sagte die Gräfin nach einer augenblicklichen Pause — „diese Nacht will ich die geheimste Veranstaltung zur Ausführung Eures edeln Vorhabens treffen; denn ich möchte nicht das Vorurtheil gegen Euch erregen, das sogleich entstehen würde, wenn es bekannt wäre, daß Ihr 26!) nur vor Kurzem diese Insel und ihre papistische Gebieterin verlassen hättet. Ihr werdet vielleicht wohl thun, wenn Ihr in London einen erdichteten Namen annchmet." „Verzeiht, theure Gräfin," sagte Julian; „ich will nichts thun, was ohne Noth die Aufmerksamkeit auf mich ziehen könnte; aber einen erdichteten Namen zu führen, oder, außer dem eingezogensten Leben, irgend eine Verkleidung zu gebrauchen, würde, dünkt mir, eben so unweise als unwürdig sein, und ich würde cs, wenn ich in Anspruch genommen würde, nicht leicht als verträglich mit vollkommener Redlichkeit der Absichten zu rechtfertigen wissen." „Ich glaube, Ihr habt Recht," sagte die Gräfin nach augenblicklicher Ueberlegung, und setzte dann hinzu: „Ohne Zweifel wollt Ihr durch die Grafschaft Derby reisen und das Schloß Martindale besuchen?" „Ich würde es wünschen, gnädige Frau," antwortete Pe- veril, „wenn die Zeit es erlaubte, und die Umstände es ralh- sam machten." „Das werdet Ihr selbst am besten beurtheilen können," sprach die Gräfin. „Beschleunigung ist unstreitig zu wünschen; auf der andern Seite werdet Ihr, wenn Ihr von Eurem Familienfitz ankommt, weniger ein Gegenstand des Zweifels und Argwohns sein, als wenn Ihr von hier ankämet, ohne selbst Eure Eltern zu besuchen. Ihr müßt in diesem — in Allem — Euch durch Eure eigene Klugheit leiten lassen. Geht, mein theuerster Sohn; denn mir sollt Ihr so theuer sei», wie ein Sohn — geht, und rüstet Euch zu Eurer Reise. Ich will geschwind einige Depeschen besorgen und einen Zuschuß an Geld — Nein, weigert Euch nicht. Bin ich nicht Eure Mutter, und vollziehet Ihr nicht eines Sohnes Pflicht? Bestreitet mir nicht mein Recht, Eure Ausgaben zu tragen. 27V Auch ist dicß nicht Alles; denn da ich cs Eurem Eifer und Eurer Klugheit anvcrtrauen muß, wann es die Gelegenheit fordern wird, zu unserm Besten zu bandeln, so will ich Euch mit kräftigen Empfehlungen an unsere Freunde und Verwandte versehen, und sie bitten und cs ihnen auftragen, Euch alle Hülfe zu leisten, die Ihr entweder zu Eurem eigenen Schutz oder zur Beförderung Eurer Absichten für unsere Sache wünschen könnet." Peveril widcrsetzte sich nicht weiter einer Verfügung, welche in Wahrheit der mittelmäßige Zustand seiner eigenen Finanzen fast unentbehrlich machte, und die Gräfin gab ihm Wechselbriefe von zweihundert Pfund auf einen Kaufmann, worauf sie ihn für eine Stunde entließ. Die Vorbereitungen zu seiner Reise waren nicht von der Art, daß sie die Gedanken, die ihn drückten, hätten zerstreuen können- Er fand, daß eine halbstündige Unterredung seine unmittelbaren Aussichten und seine Entwürfe für die Zukunft wieder einmal völlig verändert hatte. Er hatte der Gräfin von Derby einen Dienst angebotcn, den ihre sich immer gleiche Güte aus seiner Hand wohl verdiente; aber durch die Annahme desselben kam er auf den Punkt, von Alexie zu einer Zeit getrennt zu werden, da sie ihm durch das Bekcnntniß einer gegenseitigen Leidenschaft thcurer als je geworden war. Ihr Bild erhob sich vor ihm, so wie er sie an jenem Tage an seine Brust gedrückt hatte — ihre Stimme tönte in sein Ohr, und schien zu fragen, ob er sie in der bedenklichen Zeit der Gefahr, die Alles als bevorstehend ankündigte, verlassen könne. Aber Julian war, ungeachtet seiner Jugend, streng in Beur- theilung seiner Pflicht, und fest entschlossen, sie zu vollziehen. Er überließ sich nicht seiner Einbildungskraft, die sich^darbie- tende Erscheinung weiter zu verfolgen, sondern ergriff «nt- schloffen die Feder, und schrieb an Alcrien folgenden Brief, der seine Lage schilderte, so wie cs ihm die gerechte Rücksicht auf die Gräfin erlaubte. „Ich verlasse Euch, theuerste Alcrie, und ob ich gleich, indem ich cs thue, nur Eurem Befehle gehorche, so kann ich doch auf wenig Verdienst wegen meiner Folgsamkeit Anspruch machen, weil ich fürchte, ohne hinzugekommcne und höchst dringende Gründe nicht fähig gewesen zu sein, diese Eure Forderungen zu erfüllen- Aber Familienangelegenheiten von Wichtigkeit nöthigen mich, ich besorge, für mehr als eine Woche, mich von dieser Insel zu entfernen. Meine Gedanken, Hoffnungen und Wünsche werden auf jenen Augenblick gerichtet sein, der mich wieder nach Blackfort und seinem lieblichen Thale bringt. Lasset mich hoffen, daß die Eurigen zuweilen auf der einsamen Verbannung weilen, welche nichts, als das Gebot der Pflicht und der Ehre dazu machen konnte. Fürchtet nicht, daß ich gesonnen bin, Euch in einen geheimen Briefwechsel zu verwickeln, und lasset cS Euren Vater nicht fürchten. Ich könnte Euch nicht so lieben, ohne die Offenheit und Lauterkeit Eures Wesens; und ich wünschte nicht, daß Ihr Eurem Vater eine Splbe von dem verhehltet, was ich hier bekenne. In Hinsicht andrer Dinge kann er selbst die Wohlfahrt unsers gemeinschaftlichen Vaterlandes nicht eifriger wünschen, als ich. Verschiedenheiten können Vorkommen in Absicht auf die Art, wie dieselbe zu erlangen ist, aber in der Hauptsache kann, ich bin davon überzeugt, unsere Denkungsart nur dieselbe sein; auch kann ich mich nicht weigern, auf seine Erfahrung und Weisheit zu hören, selbst wenn sie am Ende mich nicht überzeugen sollten. Lebt wohl, Alcrie, lebt wohl! Viel ließe sich dem schwermüthigen Worte beifügen, aber nichts, das die Bitterkeit des Gefühls ausdrückte, wo- 272 mit cs geschrieben wurde. Doch ich könnte es eher immer von Neuem -inschreiben, als die letzte Unterhaltung schließen, die ich mit Euch auf einige Zeit haben kann. Mein einziger Trost ist, daß mein Aufenthalt kaum so lange dauern wird, um Euch denjenigen vergessen zu lassen, der Euch nie vergessen kann." Nachdem er den Brief gesiegelt haite, rief er seinen Bedienten, und hieß ihn denselben, im Einschluß eines Schreibens an Debora, in ein Haus in Nushen bringen, wo Packete und Briefschaften für die Familie zu Blackfort gewöhnlich niedergclegt wurden. Auf diese Art wurde er eines Dieners los, der einigermaaßen einen Kundschafter seiner Bewegungen hätte machen können. Dann vertauschte er seine gewöhnliche Kleidung mit einem Rciseanzug, und nachdem er einige Wäsche in den Mantelsack gesteckt hatte, wählte er zur Bewaffnung ein starkes zweischneidiges Schwert und ein treffliches ^laar Pistolen, welche er sorgfältig mit doppelten Kugeln lud. So gerüstet, und mit zwanzig Pfund in seiner Börse, nebst den erwähnten Wechseln in einer besonder» Brieftasche, war er in Bereitschaft abzureisen, sobald er die Befehle der Gräfin erhalten würde. Das erhebende Feuer der Jugend und der Hoffnung, das für einen Augenblick durch die schmerzhaften und zweifelhaften Umstände seiner gegenwärtigen Lage und durch die bevorstehende Trennung gedämpft worden war, erwachte wieder in aller Kraft. Seine Fantasie, von schmerzlichen Erwartungen sich abwendend, stellte ihm vor, dag^r jetzt in einem entscheidenden Zeitpunkt in's Leben träte, UDM^Vchloffenheit und Talente fast gewiß das Glück ihrer BefiM^Men könnten. Wie konnte er ehrenvoller auf die geräuschvoM**fchrw treten, als in Geschäften für eines der edelsten Häufet Eng- 273 lands. Und wurde er seine Aufträge mit der zum glücklichen Erfolg nöthigen Entschlossenheit und Klugheit auSrichten, wie viele Vorfälle konnten Bridgenorth seine Vermittelung noth- wendig machen, und ihn so in Stand setzen, unter den billigsten und ehrenvollsten Bedingungen einen Anspruch auf seine Dankbarkeit und auf die Hand seiner Tochter zu begründen !" Während er bei solchen angenehmen, wiewohl nur eingebildeten Aussichten verweilte, konnte er sich nicht enthalten, laut auszurufen: „Ja, Alerie, ich will dich auf eine edle Art gewinnen!" Die Worte waren kaum seinen Lippen entflohen, als er an seiner, von dem Bedienten halb offen gelassenen Thüre einen Laut, gleich einem tiefen Seufzer, und sogleich darauf ein leises Klopfen hörte. — „Herein!" rief Julian, etwas beschämt über seine letztere Ausrufung, und nicht wenig erschrocken, daß er belauscht worden sein möchte, — „herein!" rief er wieder, aber sein Geheiß wurde nicht erfüllt; im Gegenthcil ward das Klopfen etwas lauter wiederholt. Er öffnete die Thüre, und Fenella stand vor ihm. Mit Augen, die von frischen Thräncn roth schienen, und mit einer Miene der tiefsten Niedergeschlagenheit machte die kleine Stumme, erst ihren Busen berührend und mit dem Finger winkend, das gewöhnliche Zeichen, daß ihn die Gräfin zu sehen wünschte; dann wandte sie sich, um ihn in das Zimmer derselben zu führen. Als er ihr durch die langen, dunkeln, gewölbten Gänge, welche zwischen den verschiedenen Gemächern des Schlosses Verbindung unterhielten, nachfolgte, konnte es ihm nicht, entgehen, daß sie ihren gewöhnlichen schwebenden Gang mit einem langsamen, traurigen Schritte vertauschte, den sie mit leisen, unartikulirten Wehklagen de- PererU. 18 274 gleitete, wie auch mit einem Händeringcn und andern Zeichen der äußersten Betrübniß- In diesem Augenblick fuhr Julian ein Gedanke durch die Seele, der, trotz seiner bessern Einsicht, ihn unwillkürlich schaudern machte. Als ein Abkömmling der Peveril vom Gipfel und lange wohnhaft auf der Insel Man, war er mit vielen abergläubischen Sagen bekannt, und besonders mit einem Glauben, welcher der mächtigen Familie der Stanley als ihren besondern Schutzgeist ein weibliches Wesen beilegte, das durch sein Geschrei böse Zeiten zu verkündigen pflegte, und welches man gewöhnlich vor dem Tode einer zur Familie gehörigen angesehenen Person weinen und wehklagen hörte. Für einen Augenblick konnte Julian sich nicht von dem Glauben losmachcn, daß die weinende, unverständliche Laute von sich gebende Gestalt, die mit einer Lampe in der Hand vor ihm -inschritt, der Genius vom Geschlecht seiner Mutter wäre» und ihm sein vorherdestimmteS Verderben ankündigte. Neunzehntes Kapitel. Die Gegenwart der Gräfin vertrieb die abergläubischen Gefühle, die für einen Augenblick sich der Einbildungskraft Julians bemächtigt hatten, und nöihigte ihn, Gegenständen des gewöhnlichen Lebens seine Aufmerksamkeit zu^ widmen. „Hier sind Eure Creditive," sagte sie, indem sie ihm ein kleines, sorgfältig in ein Futteral von Seehundsfell cingcschla- * 275 genes Packet gab; „Ihr thut besser, sie vor Eurer Ankunft in London nicht zu öffnen. Lasset es Euch nicht befremden, ein oder zwei Briefe an Männer meines eignen Glaubens darunter zu finden. Ihr werdet, um unser Aller Sache willen, bei Abgabe derselben besonders vorsichtig sein." »Ich gehe in Eurem Aufträge, gnädige Gräfin," versetzte Peveril, „und was Ihr mir anvertrauen möget, dessen Besorgung übernehme ich. Doch verzeihet mir den Zweifel, ob eine Unterredung mit Katholiken in diesem Augenblick den Zweck meiner Sendung befördern werde." „Ihr seid schon von dem allgemeinen Argwohn dieser gottlosen Sekte angesteckt," sagte die Gräfin lächelnd, „und um so tüchtiger, unter die Engländer in ihrer gegenwärtigen Stimmung Euch zu begeben. Aber, mein vorsichtiger Freund, diese Briefe sind so adressirt, und die Personen, an die sie adrcssirt sind, sind so unkenntlich gemacht, daß Ihr keine Gefahr laufen werdet, mit ihnen Verkehr zu haben. Wirklich werdet Ihr ohne ihre Hülfe nicht fähig sein, den genauen Unterricht zu erhalten, den Ihr suchet. Ueberdieß, ob ihr Protestanten gleich unserer Priesterschaft die Unschuld der Taube absprecht, so seid ihr doch bereitwillig genug, uns ein volles Maaß von der Klugheit der Schlange zuzugestehen; — mit andern Worten, ihre Mittel der Belehrung find ausgedehnt, und es fehlt ihnen auch nicht an dem Vermögen, sie anzuwenden. Ich wünsche Euch daher, daß Ihr, wo möglich, ihre Kenntniß und ihren Rath benutzen möget." „Was Ihr auch immer mir als einen Theil meiner Pflicht auslegen möget, gnädige Gräfin, verlaßt Euch darauf, es soll Pünktlich vollzogen werden," entgegnete Peveril- „Und nun, da der Aufschub der Ausführung eines einmal gefaßten Vor- 18 * 276 satzcs wenig nutzen kann, so lasset mich Eure Wünsche in Ansehung meiner Abreise wissen." „Sie muß plötzlich und geheim geschehen," sagte die Gräfin; „die Insel ist voll Spione, und ich wünsche nicht, daß einer derselben erführe, daß ein Abgesandter von mir von Man nach London zu reisen im Begriff wäre. — Könnt Ihr in Bereitschaft sein, morgen an Bord zu gehen?" „Diese Nacht — diesen Augenblick," crwiederte Julian, „wenn Ihr es wünschet; mein kleines Reisegeräth ist völlig in Ordnung." „So seid denn in Eurem Zimmer zwei Stunden nach Mitternacht bereit. Ich will Jemand schicken, der Euch ruft, denn unser Gehcimniß muß für jetzt so wenig als möglich mitgethcilt werden. Eine fremde Schaluppe wird gemiethet, Euch überzufahren, dann nehmt Ihr den kürzesten Weg nach London bei dem Schloß Martindale, oder anders, wie Ihr es am rathsamstcn findet. Wann es nöthig ist, Eure Abwesenheit bekannt zu machen, will ich sagen, Ihr wäret zum Besuch Eurer Eltern gereist. Aber halt — Ihr reiset zu Pferde, folglich über Whitehaven- Ihr habet zwar Wechsel, seid Ihr aber mit baarem Gelbe versehen, um Euch ein gutes Pferd anzuschaffen?" „Ich habe Geld genug, gnabige Frau," antwortete Pe- veril, „und gute Pferde gibt es die Menge in Cumberland. Man kann sie da wohlfeil erhalten." „Verlasset Euch darauf nicht," sagte die Gräfin. „Hier ist, womit Ihr das beste Pferd an der Gränze kaufen könnet. — Könnet Ihr so unklug sein, es abzuschlagcn?" setzte sie hinzu, indem sie ihm eine schwere Börse ausnöthigte, die er annehmen mußte. „Ein gutes Pferd, Julian," fuhr sie nun fort, „und ein 277 gutes Schwert sind, nächst einem guten Kopfe und Herzen, das Beste eines Edclmannes." „Ich küsse Euch die Hände, gnädige Gräfin," sprach Pe- veril, „und bitte Euch ergebenst, zu glauben, daß, was auch in meinem gegenwärtigen Unternehmen fehlschlagcn mag, mein Vorsatz, Euch, meiner edlen Verwandtin und Wohl- thäterin, zu dienen, wenigstens niemals wanken oder weichen kann." „Ich weiß es, mein Sohn, ich weiß eS; und Gott mag eS mir verzeihen, wenn meine Aengstlichkeit für Euren Freund Euch in Gefahren sendet, die er hätte übernehmen sollen. Reiset glücklich, die Heiligen und Engel mögen Euch schützen. Fenella soll meinem Sohne sagen, daß Ihr auf Eurem eigenen Zimmer zu Abend speiset. Das will ich auch, denn diese Nacht würde mir's unmöglich sein, meinem Sohn in'S Gesicht zu sehen. Wenig Dank wird er mir's wissen, daß ich Euch statt seiner in Aufträgen reisen lasse; und Viele werden fragen, ob cs der Lady Latham ähnlich sähe, den Sohn ihres Freundes in eine Gefahr zu stürzen, die ihr eigener hätte übernehmen sollen. Aber ach, Julian, ich bin jetzt eine verlassene Wittwe, die der Kummer selbstsüchtig gemacht hat-" „O nein, meine gnädige Gräfin," versetzte Peveril, „es sieht der Lady von Latham noch weniger ähnlich, Gefahren zu besorgen, die gar nicht vorhanden sein mögen, und denen ich, wenn sie wirklich entständen, weniger unterworfen bin, als mein edler Verwandter. Lebet wohl! aller Segen sei mit Euch, gnädige Frau. Grüßet den Grafen, und entschuldiget mich bei ihm. Ich will die Abrufung zwei Stunden nach Mitternacht erwarten." Sie nahmen zärtlich Abschied von einander, um so zärtlicher allerdings von Seiten der Gräfin, da sie ihr edles Gemüth nicht ganz mit dem Gedanken auSsöhncn konnte, Pe- vcril zum Besten ihres Sohnes der Gefahr auSzusctzen, und Julian begab sich auf sein einsames Zimmer. Sein Bedienter brachte ihm bald darauf Wein und Erfrischungen, welchen er, ungeachtet der mancherlei Dinge, die seinen Geist beschäftigen mußten, doch ihr Recht widerfahren zu lassen wußte. Als aber dicfi nothwendiqe Geschäft verrichtet war, begannen seine Gedanken wie eine unruhige Fluth herbeizuströmen — sie suchten zugleich das Vergangene zurückzurufen, und die Zukunft sich vorzumalcn. Es war umsonst, daß er sich in seinen Reiscmantel hüllte, und auf das Bett gestreckt, zu schlafen suchte. Die Ungewißheit der Aussicht vor ihm — der Zweifel, wie Bridgenorth über seine Tochter in seiner Abwesenheit verfügen würde — die Furcht, daß der Major selbst der rachgierigen Gräfin in die Hände fallen könnte, nebst einer Menge unbestimmter Befürchtungen bewegten sein Blut, und machten den Schlummer unmöglich. Endlich nach langem, peinlichem Wachen kam der Zeitpunkt zur Abreise — auf einen Schlag an seine Thüre folgte ein leises Murmeln, welches ihn vermuthen ließ, daß die Gräfin wieder ihre stumme Dienerin, als die sicherste Vollzieherin ihres Willens bei dieser Gelegenheit, gebraucht habe. Er fühlte etwas Unschickliches in dieser Wahl, und mit einem, dem natürlichen Edelmuth seines Charakters fremden Gefühle von Unmuth erblickte er, als er die Thüre öffnete, das stumme Mädchen vor sich. Die Lampe, die er in der Hand hielt, zeigte seine Züge deutlich, und ließ Fenella wahrscheinlich den Ausdruck, der sie belebte, bemerken. Sic schlug ihre großen, dunkeln Augen zu Boden, und gab ihm, ohne ihm wieder in's Gesicht zu sehen, ein Zeichen, ihr zu folgen. Er zögerte 279 nicht länger, als nothig war, die Pistolen in seinem Gurt zu verwahren, wickelte sich dichter in seinen Mantel, und nahm seinen kleinen Mantelsack unter den Arm. So gerüstet folgte er ihr aus dem bewohnten Theile des Schlosses durch eine Reihe dunkler Gänge, die zu einer Hinterthüre führten, welche sie mit einem Schlüssel (aus dem Bunde, den sie am Gürtel trug,) aufschloß. Sie standen nun in dem Schloßhofe, im Mondschein, welcher weiß und schauerlich über die mancherlei seltsamen und verfallenen Gegenstände schimmerte, und der Scene mehr das Ansehen eines Kirchhofes, als des Innern einer Festung gab. Der runde, hohe Thurm — das alte Befcstigungsstück (Katze genannt), mit seinen viereckigen Seiten nach den verfallenen Gebäuden gerichtet, die ehemals den Namen einer Kathedral- kirche trugen — schienen von noch antikerer und regelloserer Gestalt in dem bleichen Lichte. Nach einer dieser Kirchen nahm Fenella jetzt die gerade Richtung, und Julian folgte ihr, ob er gleich den Pfad, den sie ihn führen wollte, wohl rrricth, und abergläubisch genug war, zu scheuen. Auf einem geheimen Gange durch diese Kirche stand in vorigen Zeiten die Wachstube der Besatzung, welche an den liefern und äus- sern Befestigungswcrken lag, mit den Wohngebäuden des Schlosses in Verbindung, und durch diesen Gang wurden jede Nacht, sobald die Thvre verschlossen und die Wachen ausgestellt waren, die Schlüssel dem Kommandanten gebracht. Die Gewohnheit wurde zu Jakob des Ersten Zeit aufgegeben, und der Gang verlassen, wegen der wohlbekannten Sage vom Manthe-Dog — einem bösen Feinde oder Dämon, in Gestalt eines großen, zottigen, schwarzen Kettenhundes, der in der Kirche Hausen sollte. Man glaubte fest, in vorigen Zeiten sei dieß Gespenst so vertraut mit den Menschen geworden, daß 280 cs fast jede Nacht in der Wachtstube erschienen sei, und sich bei Tagesanbruch zurückgezogen habe. Die Soldaten wurden zum Theil mit seiner Gegenwart vertraut, doch nicht so sehr, um sich eine ausgelassene Rede zu erlauben, so lange die Erscheinung sichtbar war; ein durch Erfahrung dreist gemachter Kerl schwur endlich, er wolle wissen, ob cs Hund oder Teufel wäre, und mit gezogenem Schwert verfolgte er das Gespenst, bis es sich in den gewohnten Gang zurückzog. Der Mann kehrte in wenig Minuten zurück, durch den Schreck nüchtern gemacht, mit offenem Munde und sich sträubendem Haar; aber zum Unglück für die Liebhaber des Wunderbaren, war er außer Stande, über das gesehene Schreckensbild einen Aufschluß zu geben. Wegen des bösen Gerüchts von dieser Wundergeschichte wurde die Wachtstube verlassen und eine neue gebaut. Gleichfalls hielten die Wachen nach dieser Zeit eine andere Verbindung mit dem Gouverneur oder Se- neschall des Schlosses, und diejenige, welche durch die verfallene Kirche ging, wurde gänzlich aufgcgeben. Trotz dieser Sagen durchkreuzte nun Fenella, dem Pc- veril vorangehend, kühn die verfallenen Gewölbe, innerhalb welcher sie sich befand — bald nur von dem dürftigen Licht der Lampe über Haufen und Ruinen geleitet — bald einen Schimmer des Mondlichts benutzend, das in die traurige Tiefe durch die Fenster oder durch die von der Zeit gemachten Spalten herabfiel. Da der Weg gar nicht gerade fortging, so mußte Peveril die vertraute Bekanntschaft seiner Führen» mit seinen Windungen nicht weniger bewundern, als die Dreistigkeit, womit fie dieselben durchkreuzte. Er selbst war nicht so ganz frei von den Vorurtheilen der Zeiten, daß er nicht mit einiger Besorgniß die Möglichkeit gedacht hatte, auf das Lager des gespenstischen Hundes zu stoßen, von dem er so oft 281 gehört hatte, und in jedem entfernten Säuseln des Windes unter den Ruinen glaubte er ihn bei den Fußtritten bellen zu hören, die sein finstres Reich beunruhigten. Jedoch solche Schrecknisse unterbrachen ihre Wanderung nicht, und im Verlaufe weniger Minuten erreichten fie das verfallene und nun verlassene Wachthaus. Die zerbrochenen Mauern des kleinen Gebäudes dienten, fie vor den Schildwachen zu verbergen, von denen eine an dem untern Thore des Schlosses schläfrig Wache hielt, während eine andere auf den, mit dem Parapet und der Gränz- und Außenmauer verbundenen, steinernen Stufen fitzend, die Muskete friedlich an die Seite gestellt, eingeschlummcrt war. Fenella machte Peveril'n ein Zeichen, still und behutsam zu gehen, und zeigte ihm dann zu seiner Ueberraschung aus dem Fenster der verlassenen Wachtstube ein Boot (denn die Fluth ging nun hoch) mit vier Ruderern, unter dem Felsen, auf den das Schloß gebaut war; auch machte fie ihm ferner verständlich, daß er zu demselben mittelst einer Leiter von beträchtlicher Höhe, die an das Fenster der Ruine gestellt war, gelangen müßte. Julian war nicht weniger unwillig, als unruhig über die Sicherheit und Sorglosigkeit der Schildwachen, die solche Vorbereitungen unbemerkt und ohne sich zu rühren hatten machen lassen, und er war unschlüssig, ob er nicht den wachhabenden Offizier rufen, ihm seine Nachlässigkeit verweisen, und zeigen sollte, wie leicht Holm-Peel, trotz seiner natürlichen Stärke, und obgleich für unbezwingbar ausgegeben, von wenigen entschlossenen Männern überrumpelt werden könnte. Fenella schien seine Gedanken mit der ausnehmenden Schärfe der Beobachtung zu errathen, welche die Entbehrung des Gehörs und der Sprache sie hatte erlangen lassen. Sie legte die Hand an seinen Arm, und einen Finger der andern 282 an ihre Lippen, als wenn sie ihm Nachsicht geböte, und Julian, wohl wissend, daß sie auf unmittelbaren Auftrag der Gräfin bandelte, gehorchte ihr diesem gemäß, aber mit dem inncrn Entschlüsse, dem Grafen unverzüglich über die Gefahr, welcher das Schloß in diesem Punkt ausgcsctzt wäre, seine Gedanken mitzutheilen. Unterdessen stieg er die Leiter mit einiger Vorsicht hinab, denn die Sprossen waren ungleich, abgenutzt, feucht und schlüpfrig; und nachdem er sich in den Hinterthcil des Boots gesetzt hatte, gab er den Leuten ein Zeichen, abzustoßen, und wandte sich mit einem Lebewohl an seine Führerin. Zu seinem größten Erstaunen sah er Fenella die gefährliche Leiter mehr herabgleitcn als ordentlich -erabsteigen; und als das Boot schon vom Lande gestoßen war, that sie mit unglaublicher Gewandtheit einen Sprung von der letzten Stufe, und setzte sich neben Peveril, eh' er noch Vorstellungen dagegen machen oder sein Befremden auSdrücken konnte. Er befahl den Leuten, wieder an den einstweiligen Landungsplatz zu- rückzurudern, und ihr durch seine mißfällige Miene die Noth- wendigkeit ihrer Rückkehr zu ihrer Gebieterin begreiflich zu machen. Fenella faltete ihre Arme, und sah ihn mit einem stolzen Lächeln an, welches ganz,die Bestimmtheit ihres Vor-» satzcs ausdrückte. Peveril war äußerst verlegen; er fürchtete, die Gräfin zu beleidigen, und durch erregten Lärm, wozu er außerdem in große Versuchung kam, ihren Plan zu stören. Bei Fenella konnte offenbar keine Vorstellung den geringsten Eindruck machen, und es blieb die Frage, wie er, wenn sie mit ihm fortreiste, einer so sonderbaren und unschicklichen Gesellschafterin los werden, und zugleich hinlänglich für ihre persönliche Sicherheit sorgen sollte. Die Bootsleute brachten die Sache endlich zur Entschei- düng; denn nachdem sie ibre Ruder einige Augenblicke beiseite gelegt, und mit einander heimlich vlattdeutsch gesprochen batten, singen sie an, tüchtig fortzurudern, und waren bald in einiger Entfernung vom Schlosse. Daß die Schildwachen eine Musketen- oder selbst eine Kanonenkugel ihnen nach- schickcn könnten, war einer von den Zufällen, welche Peveril auf einen Augenblick beunruhigten; aber sie verließen die Festung, so wie sie sich ihr hatten nähern müssen, unbemerkt, oder wenigstens unangerufen — eine Sorglosigkeit von Seiten der Garnison, welche, ungeachtet die Ruder verdeckt waren, und die Leute wenig und nur leise sprachen, nach Pe- veril'S Meinung, eine große Nachlässigkeit der Schildwachen bewies. Sobald sie eine Strecke vom Schlosse entfernt waren, fingen die Leute an, stark auf ein kleines Fahrzeug los zu rudern, das in einiger Entfernung lag. Peveril hatte unterdessen Muße zu bemerken, daß die Bootsleute bedenklich mit einander sprachen, und unruhige Blicke auf Fenella warfen, als wären sie ungewiß, ob sie recht gethan, sie mit fort zu nehmen. Nach einem fast viertelstündigen Rudern erreichten sie die kleine Schaluppe, wo Peveril von dem Kapitän auf dem Hinterverdeck mit geistigen Getränke» oder Erfrischungen empfangen wurde. Einige Worte von den Seeleuten entzogen den Kapitän seinen gastfreundlichen Geschäften, und er eilte aus die Seite des Schiffs, um, wie es schien, Fenella vom Einsteigen in dasselbe abzuhalten. Die Männer sprachen eifrig vlattdeutsch, und sahen unruhig auf Fenella, und Peveril hoffte, das Mädchen werde wieder an'S Land gebracht werden. Aber sie vereitelte jeden Widerstand; und als die Einsteigeleiter weggezogen wurde, erhaschte sie das Ende eines Seils, und kletterte mit der Gewandtheit eines Matrosen an 284 Bord. Einmal auf dem Verdeck, nahm sie den Kapitän am Arme und führte ihn an das Vordertheil des Schiffs, wo sie auf eine Beiden verständliche Art sich einander mitzuthei- len schienen. Peveril verfaß bald die Gegenwart der Stummen, als er über seine eigne Lage und über die Wahrscheinlichkeit nachzudenken anfing, daß er von seiner Geliebten einige Zeit getrennt werden würde. „Beständigkeit," wiederholte er sich, „Beständigkeit." Und, wie im Zusammentreffen mit dem Gegenstände seiner Betrachtungen, heftete er seine Augen auf de» Polarstern, der in jener Nacht mit mehr als gewöhnlichem Glanze funkelte, — ein Sinnbild reiner Leidenschaft und festen Vorsatzes; die Gedanken, die bei dem Anblicke seines hellen und unveränderten Lichts in ihm aufstiegen, waren uneigennützig und edel. Seines Vaterlandes Wohlfahrt zu suchen, und die Segnungen des häuslichen Friedens zu sichern — eine kühne und gefährliche Pflicht für seinen Freund und Gönner zu vollziehen — seine Leidenschaft für Alerie Bridge- north als seinen Leitstern zu edlen Thaten zu betrachten — waren die Entschließungen, die sich ihm aufdrängten, und seinen Geist zu jenem Zustande romantischer Schwermuth erhoben, welche man selbst für Gefühle freudigen Entzückens nur ungerne vertauscht. Aus diesen Betrachtungen wu-rde er von Etwas geweckt, das sich leise und dicht an seine Seite drängte; ein weiblicher Seufzer ward so nahe bei ihm laut, daß er in seinen Träumen gestört wurde, und als er den Kopf umdrehte, sah er Fenella neben sich sitzen, die Augen auf denselben Stern geheftet, der eben die seinigen beschäftigt hatte. Julian beschloß, die gegenwärtige Gelegenheit zu ergreifen, und Fcncllen ihr sonderbares Betragen zu verweisen, so gut eS nur dem ar- 285 men Mädchen begreiflich gemacht werden könnte. Er nahm fie mit großer Freundlichkeit bei der Hand, zeigte aber zugleich mit viel Ernst auf das Boot und auf das Schloß, dessen Thürine und ausgedehnte Mauern nunmehr in der Entfernung kaum noch sichtbar waren, und gab ihr so die Noth- wendigkeit ihrer Rückkehr nach Holm-Peel zu verstehen. Sie blickte niederwärts und schüttelte den Kopf, als wollte sie seinen Vorschlag bestimmt verweigern. Julian erneuerte seine Forderung mit Blick und Geberde — wies auf sein eigenes Herz, die Gräfin anzudeuten — und faltete seine Stirne, das Mißvergnügen anzuzeigen, das sie empfinden müßte. Auf alles dieß antwortete das Mädchen nur mit Thräncn. Endlich, wie durch seine wiederholten Gegenvorstellungen getrieben, faßte sie ihn plötzlich bei dem Arme, um seine Aufmerksamkeit fest zu halten — warf ihr Auge hastig umher, gleichsam um zu sehen, ob fie Jemand belauerte — zog dann die andere Hand seitwärts um ihren schlanken Hals — wies auf das Boot und das Schloß, und nickte. Diese Reihe von Zeichen konnte Peveril nicht anders auS- legen, als daß er mit irgend einer persönlichen Gefahr bedroht wäre, vor welcher Fenclla'ü Gegenwart, wie sie glaubte, ihn beschützen würde. Was auch immer ihre Meinung sein mochte, ihr Vorsatz schien unabänderlich entschieden; wenigstens war er offenbar nicht im Stande, fie davon abzubringen. Er mußte also bis zu Ende ihrer kurzen Fahrt warten, um sich von seiner Begleiterin los zu machen; und indem er unterdessen glaubte, daß fie eine übel angebrachte Anhänglichkeit an ihn hegte, fand er es für sie und sich am besten, sich so viel, als die Umstände erlaubten, von ihr entfernt zu halten. Mit diesem Vorsätze machte er das Zeichen, das sie sür's Schlafengehen gebrauchte, indem er den Kopf auf seine 286 flache Hand legte, und nachdem er so ihr die Ruhe empfohlen hatte, verlangte er selbst, nach seinem Schlafort geführt zu werden. Der Kapitän zeigte ihm sogleich ein Hängebett in der Hintcrkajütc; in dieses begab er sich, um die Ruhe zu genießen, welche die Bewegung und Unruhe des vorhergegangenen Tages sowohl, als die späte Zeit wünschenswerth machten. Ein tiefer und schwerer Schlaf sank in wenigen Minuten auf ihn, aber er dauerte nicht lange. Er wurde durch ein weibliches Geschrei geweckt, und hörte am Ende, wie er glaubte, deutlich die Stimme Aleriens ihn beim Namen rufen. Er erwachte, und indem er ausfuhr, sein Bette zu verlassen, merkte er aus der Bewegung des Schiffes, und aus der Schwingung des Hängebettes, daß sein Traum ihn getäuscht hatte. Doch wurde er noch immer durch seine außerordentliche Lebhaftigkeit erschreckt. »Julian Peveril, hilf! Julian Peveril!" Diese Töne klangen noch in seinen Ohre», — es waren Laute von AlericnS Stimme — und er konnte sich kaum überreden, daß seine Einbildungskraft ihn getäuscht habe- Konnte sie auf dem nämlichen Schiffe sein? Der Gedanke war nicht ganz unvereinhar mit ihres Vaters Charakter, und mit den Jntriguen, in die er verwickelt war; aber, wenn dem so war, welcher Gefahr war sie ausgesetzt, daß sie seinen Namen so laut rief? Entschlossen, sogleich sich zu erkundigen, sprang er, halb angekleidct, wie er war, aus seiner Hängematte, und in der kleinen Kajüte, die pcchfinster war, umhertappend, erreichte er endlich mit beträchtlicher Schwierigkeit die Thüre- Die Thüre jedoch aufzumachen, war er ganz unfähig; er war daher ge- nöthigt, laut nach der Wache auf dem Verdeck zu rufen. 287 Da der Kapitän, wie er genannt wurde, die einzige Person am Bord war, welche englisch sprechen konnte, antwortete dieser dem Ruf, und crwiederte auf Peveril's Frage: Was das für ein Geräusch wäre? — »Daß ein Boot mit dem jungen Frauenzimmer adgegangen sei, — daß sie ein wenig gewimmert bade, als sie das Schiff verlassen, — und das sei Alles gewesen." Diese Erklärung befriedigte Julian, der cö nicht unwahrscheinlich fand, daß ein gewisser Grad von Gewalt schlechterdings nöthig gewesen sein mochte, Fenclla zu entfernen, und ob cs ihm gleich lieb war. nicht Zeuge davon gewesen zu sein, so war es ihm doch nicht leid, daß sie angewandt worden war. Ihr hartnäckiges Verlangen, am Bord zu bleiben, und die Schwierigkeit, wenn er an's Land käme, einer so sonderbaren Gefährtin los zu werden, hatte ihm in der vorigen Nacht viele Unruhe gemacht, und diese sah er nun durch den kühnen Streich des Kapitäns gehoben. Sein Traum war so völlig erklärt. Die Phantasie hatte das unartikulirte und heftige Geschrei, womit Fenclla Widerstand oder Mißvergnügen auszudrücken gewohnt war, aufge- saßl — hatte es in Sprache ausgeprägt, und ihm Ton und Stimme Alericns gegeben. Der Kapitän öffnete nun die Thüre, und erschien mit einer Laterne, ohne deren Hülfe Peveril kaum sein Lager wieder gefunden hätte, wo er nun ruhig und fest schlief, bis der Tag schon weit vorgerückt war, und der Kapitän ihn zum Frühstück rief. 288 Zwanzigstes Kapitel. Peveril fand den Kapitän des Schiffs bei weitem nickt so roh, als Leute dieses Standes gewöhnlich sind, und erhielt von ihm völlige Befriedigung über das Schicksal Fenella's, über welche der Seemann einen herzlichen Fluch ausstieß, daß sie ihn genöthigt hätte, anzulegen, bis er sein Boot an'S Ufer geschickt hatte, um sie zurück zu bringen. «Ich hoffe," sagte Peveril, „cs war keine Gewalt nöthig, um sie zu bewegen, wieder an'S Land zu gehen? Sie wird doch keinen thörichtcn Widerstand geleistet haben?" „Widerstand? mein Gott!" sagte der Kapitän, „sie widerstand gleich einem Trupp Reiter, — sie schrie, man hätte sie zu Whitehaven hören können, — sie kletterte das Tackelwerk hinauf, wie eine Katze in einen Schornstein; aber das war ein Streich von ihrem alten Gewerbe." „Was meint Ihr damit?" fragte Peveril. „O!" sagte der Seemann, „ich weiß mehr von ihr, als Sie, mein Herr. Ich weiß, daß sie ein kleines, sehr kleines Mädchen war, und Lehrling bei einem Seiltänzer, als die gnädige Frau dort das Glück hatte, sie zu kaufen." „Einem Seiltänzer?" sagte Peveril. „Wie so?" „Ja, ja, bei einem Luftspringer, Marktschreier, Hanswurst u. dgl. Ich habe wohl gekannt Adrian Bracke!, — er verkaufte die Pulver, den Magen der Leute auszuleercn, und seinen eigenen Beutel zu füllen- Nicht kennen Adrian Brackel, mein Gott! Ich habe manch Pfund Taback mit ihm geschmaucht" 289 Peveril besann sich nun, daß Fenclla in die Familie war gebracht worden, als er und der junge Gras in England waren, und während die Gräfin auf einer Reise auf dem festen Lande abwesend war. Wo die Gräfin sie gefunden hatte, das hatte sie den jungen Leuten nie gesagt, sondern bloß zu erkennen gegeben, daß sie aus Mitleiden sie angenommen, um sie aus einer äußerst betrübten Lage zu erretten. Peveril erzählte dieß dem gesprächigen Seemann. Dieser sagte: von betrübter, Lage wisse er nichts; sondern nur daß Adrian Bracke! sie, wenn sie nicht auf dem Seile tanzen wollte, schlug, und er sie -ungern ließ, um ihr Wachsthum zu hindern. Der Handel zwischen der Gräfin und dem Seiltänzer sei von ihm selbst geschloffen worden, weil die Gräfin feine Brigantine zu ihrer Fahrt auf dem Continente gcmie- thet hätte. Niemand sonst wisse, woher sie komme. Die Gräfin habe sie auf einer öffentlichen Bühne zu Ostende gesehen, — sie wegen ihrer hülfiosen Lage und barten Behandlung bedauert, — und durch ihn das arme Geschöpf von ihrem Herren kaufen lassen, ihm aber Verschwiegenheit gegen ihre ganze Dienerschaft geboten. Diese Unterredung diente, alle flüchtige Zweifel zu heben, die sich bei Peveril über die Treue des Schiffherrn hätten einschleichen mögen, welcher ein ehemaliger Bekannter der Gräfin gewesen zu sein, und einen Theil ihres Zutrauens genossen zu haben schien. Auf dem Verdecke hin- und hergehend überdachte er seine Aussichten, bis seine Aufmerksamkeit mit Gewalt durch den Wind angehalten wurde, welcher sich in Stößen aus Nordwest zu erheben anfing, und zwar der Richtung ihrer Fahrt so ungünstig, daß der Kapitän nach manchen Versuchen, dagegen zu kämpfen, erklärte, sein Boot könne nicht nach Whitehavcn PevkrII. jg 290 gehen, sondern er müsse, um den Wind zu benutzen, nach Liverpool fahren. Wider diese Richtung ihrer Fahrt wandte Peveril nichts ein. Sie ersparte ihm einen Theil der Land reise, im Fall er seines Vaters Schloß besuchte und der Auftrag der Gräfin auf diesem oder jenem Wege gleich wirksam vollzogen wurde. Das Fahrzeug wurde also nach dem Wind gerichtet, und trieb mit großer Gleichförmigkeit und Schnelligkeit vorwärts. Der Kapitän legte jedoch, mit Vorgeben einiger Gefahr, bei, und steuerte nicht eher auf die Mündung von Mersep los, als am Morgen, da denn Peveril endlich das Vergnügen hatte, auf dem Kai von Liverpool zu landen. Der Schiffskapitän, der mit dem Hafen wohl bekannt war, wies Julian ein anständiges Wirthshaus an, das häufig von Seefahrern besucht wurde; denn ob Julian gleich ehemals in der Stadt gewesen war, so fand er es doch nicht schicklich, jetzt an einen Ort zu gehen, wo er unnöthigerweise wieder erkannt würde. Hier nahm er von dem Kapitän Abschied, nachdem er ihm mit Mühe ein kleines Geschenk für seine Mannschaft aufgcnöthigt hatte. Für die Ueberfahrt lehnte der Kapitän alle Bezahlung ab, und fie schieden im besten Vernehmen. Das WirthshauS, in das er empfohlen worden, war voll Fremder, Seeleute und Kaufleute, die alle, mit ihren Angelegenheiten beschäftigt, darüber mit dem Eifer und Getöse sprachen, dergleichen einem lebhaften Seehafen eigenthümlich ist. Allein ob gleich das allgemeine Geschrei der Gäste hauptsächlich auf ihre eigenen Handelsgeschäfte sich bezog, so mengte sich doch ein allgemeiner Gegenstand darein, welcher für alle ein gemeinsames Interesse hatte, so daß man unter dem Streit über Fracht, Tonnengeld, Wartegeld und dergleichen. die nachdrücklichen Ausrufungen -orte: „Ein weit greifendes, verdammtes, verfluchtes Complot," — „blutige, papistische Schurken," — „der König in Gefahr," — „der Galgen ist zu gut für sie," u. s. w. Nach dem Wenigen, was Pcveril von den Gesinnungen des Volks in Liverpool hörte, hielt er cs für sehr klüglich gehandelt, wenn er den Ort sobald als möglich verließe, und ehe noch ein Verdacht entstände, daß er mit einer Partei, die so verrufen zu sein schien, einige Verbindung hätte. Um seine Reise zu vollenden, mußte er für's Erste ein Pferd kaufen, und weil er ein guter Pferdekenner war, so wählte er ein starkes, wohlgebautes Pferd, gegen sechszehn Hände hoch, und ließ es sich in dem Hofe vorreiten, um zu sehen, ob sein Gang seinem Ansehen entspräche. Als dieser ganz zu seiner Zufriedenheit ausfiel, kam es nur noch darauf an, mit dem Roßhändler, Bridleslep geheißen, um den Preis einig zu werden; dieser schwur also seinem Kundmann zu, daß er auf das beste Pferd gefallen sei, das je in seinen Ställen gestanden habe, seitdem er den Roßhandel triebe; daß heut' zu Tage gar nicht mehr solche Pferde zu haben wären, da die Stuten, die sie geworfen, nicht mehr lebten, und nachdem er einen angemessenen Preis geboten, fing das gewöhnliche Handeln an. Es ist bekannt, daß fich bei solchen Gelegenheiten immer Müssiggänger versammeln. Unter diesen war im gegenwärtigen Falle ein hagerer Mann, von geringerer als der gewöhnlichen Größe, und in gemeiner Kleidung, aber zuversichtlich in seinen Reden, durch die er fich als einen Kenner zeigte. Da der Preis des Pferdes gegen fünfzehn Pfund gesetzt war, — ein für jene Zeit sehr hoher Preis, — so war zunächst der des Sattels und Zaums zu bestimmen, und das erwähnte dünne, gemein auSsehende Männchen fand zunächst eben so viel über diesen Gegenstand zu sagen, als über den andern. Weil seine Bemerkungen eine gewinnende und verbindliche Beziehung auf den Fremden hatten, so hielt ihn Peveril für einen jener müsstgen Leute, welche, unfähig oder nicht geneigt, auf ihre eigene Kosten sich Mittel zum Genüsse zu verschaffen, nicht abgeneigt sind, sie aus den Händen Anderer durch ein wenig dienstfertige Gefälligkeit zu verdienen, und im Betracht, daß er von einem solchen Manne einige nützliche Belehrung erhalten könnte, war er eben im Begriff, ihm ein Trinkgeld zu einem Frühstück zu geben, als er sah, daß er plötzlich den Hof verlassen hatte. Kaum hatte Peveril diesen Umstand bemerkt, als eine Partie Kundleute auf den Platz kam, deren stolze Miene die Aufmerksamkeit BridleSlep's und der ganzen Schaar seiner Reitknechte und Stalljungen augenblicklich auf sich zog. »Drei gute Pferde," sagte der Anführer der Gesellschaft, ein langer, starker Mann; — »drei gute, tüchtige Pferde für das Unterhaus von England." Bridleölcy sagte: er habe einige Pferde, die dem Sprecher selbst im Nothsall dienen könnten; aber, die christliche Wahrheit zu sagen, das beste in seinem Stalle habe er eben dem gegenwärtigen Herrn verkauft, der jedoch ohne Zweifel den Handel aufgeben würde, wenn das Pferd zum Dienste des Staats not-wendig wäre. „Sehr wohl gesprochen, Freund," sagte die wichtige Person, und näherte sich Julian, von dem er in sehr stolzem Tone die Abtretung des eben gemachten Kaufs verlangte. Peveril unterdrückte mit einiger Ucberwinvung seine starke Neigung, eine solche unbillige Forderung rund abzuschlagen; besann sich aber glücklicherweise, daß seine gegenwärtige Lage 2vr viel Umsicht forderte, unk antwortete daher einfach: wenn man ihm eine Vollmacht zeige, Pferde zum öffentlichen Dienst in Beschlag zu nehmen, so werde er dem zu Folge auf seinen Kauf Verzicht thun. Der Mann zog mit äußerst vornehmer Miene aus seiner Brieftasche eine Vollmacht, die er Peveril übergab, und welche von dem Sprecher des Unterhauses unterschrieben war, und Carl Topham berechtigte, gewisse in der Vollmacht genannte Personen zu verfolgen und aufzugreifen, so wie auch alle andere Personen, die durch gültige Zeugen angeklagt wären, oder werden würden, Mitverschworne oder Begünstiger des höllischen und verdammungswürdigen päpstischen Complots zu sein, das in dem Herzen des Königreichs ange- stiftct worden; und welche alle Menschen, die ihre Untertha- nenpflicht lieben, verpflichtet, dem erwähnten Carl Topham ihren bereitwilligsten und wirksamsten Beistand in Ausführung der seiner Sorge anvertrauten Pflicht zu leisten. Nachdem er die Urkunde gelesen, stand Julian nicht an, sein Pferd dem Bevollmächtigten hinzugeben. Dieß erwarb ihm einige Gnade in den Augen des Abgeordneten. Dieser gab, ehe er ein Paar Pferde für seine Begleiter auslas, dem Fremden Erlaubniß, einen Grauschimmel zu kaufen, der zwar an Gestalt und Tüchtigkeit dem zurückgegebcnen Pferde sehr nachstand, aber doch nur um sehr weniges niedriger im Preise war, da Bridlesley, sobald er die Forderung von Pferden von Seiten des englischen Unterhauses erfahren hatte, bei sich selbst den Entschluß faßte, den Preis seiner ganzen Stuterei durch eine Zulage von wenigstens zwanzig Proccnt zu erhöhen. Peveril bestimmte und bezahlte den Preis mit viel weniger Umständen, als vorher, denn, um es dem Leser gerade 294 herauszusagen, er hatte tu Topham's Vcrhastsbefehl den Namen seines Vaters, Ritter Gottfried Peveril's vom Schlosse Martindale, als eines von denen gelesen, die dieser Beamte zu verhaften berechtigt wäre. Als Julian sich von dieser Thatsache überzeugte, ward es ihm zu dringender Angelegenheit, Liverpool sogleich zu verlassen, und die beunruhigende Nachricht nach Dcrbyshire zu bringen, wofern nicht Topham seinen Auftrag dort schon vollzogen hätte, was er jedoch nicht wahrscheinlich fand, da sie vermuthlich sich zuerst Derer versichern würden, welche den Seehäfen am nächsten wohnten. Einige Worte, die er beiläufig hörte, bestärkten seine Hoffnungen. „Und hört Ihr, Freund," sagte Topham, „Ihr werdet die Pferde bei Herrn Shortell, dem Seidenhändler, in zwei Stunden vor die Thüre führen lassen, weil wir uns da mit einem kühlen Kruge erfrischen und erfahren wollen, was für Leute in der Gegend leben, auf die sich meine Geschäfte beziehen könnten. Und Ihr werdet so gut sein, den Sattel polstern zu lassen; denn die Wege in Derby sind holperig, wie ich höre." Pevcril hatte so eben seinen Kauf in's Reine gebracht, und führte endlich seinen Grauschimmel fort; war aber kaum aus dem Hofe, als er folgende beunruhigende Unterredung hörte, deren Gegenstand er selbst zu sein schien. „Wer ist der junge Mann?" fragte Einer; „mich deucht, ich habe ihn schon vorher irgendwo gesehen. Ist er aus dieser Gegend?" „Nein, so viel ich weiß," antwortete Bridleslcy in unterwürfigem Tone. „Ein Fremder, — ein völlig Fremder, — ich habe ihn noch nie gesehen, — versteht sich aber auf eines Pferdes Maul so gut als ich." „Es fängt mich an zu bedünken, ich sah ein solch Gesicht, wie seines, im Wirthshause zum weißen Roß," antwortete ein Anderer. „Und ich glaube," sprach ein Dritter — „Laßt cs gut sein," unterbrach ihn Top-am mit gebieterischem Tone. Der junge Mann ist ein Bursche von hübschem Ansehen, und gab mit Artigkeit sein Pferd hin für den Dienst des Unterhauses. Er weiß sich gegen seine Obern gut zu benehmen, das kann ich Euch versichern, und ich glaube kaum, daß er so viel in seiner Börse hat, die Gebühren zu bezahlen." Hiermit endete das Gespräch, das Pcveril, als ihn so nah> angehend, rathsam gefunden hatte, auszuhören. — Nunmehr hielt er es für das Beste, unbemerkt aus der Stadt zu gehen, und den nächsten Weg zu seines Vaters Hause zu nehmen. Er hatte seine Rechnung im Wirthshause berichtigt, und zu Btidlesley seinen kleinen Mantelsack mitgebracht, der seine wenigen Bedürfnisse enthielt, so daß er nicht nöthig hatte, dorthin zurück zu kehren. Er beschloß daher einige Meilen zu reiten, ohne, selbst um der Fütterung des Pferdes willen, anzuhalten, und da er mit der Gegend ziemlich bekannt war, hoffte er früher zum Schloß Martindale zu gelangen, als Tvpham, dessen Sattel sür's Erste gepolstert werden mußte, und der, wenn er aufgeseffen, aller Wahrscheinlichkeit nach, behutsam reiten würde, um sich gegen die Wirkungen eines scharfen Trotts zu sichern. In dieser Stimmung ritt Julian nach Warrington, einem Ort, der ihm wohl bekannt war; doch, ohne in der Stadt zu halten, durchkreuzte er Mersey über die von einem Vorfahren seines Freundes, des Grasen von Derby, erbaute Brücke, und setzte seinen Weg nach Dishlcy, an den Gränzen von Derby- 296 shire, fort. Er hätte dieses Dorf leicht erreichen können, wäre sein Pferd zu einem starken Ritt tüchtiger gewesen; aber im Verlauf der Reise hatte er mehr als einmal Anlaß, den Beamten zu verwünschen, der ihm das bessere Pferd abgenommen hatte. Endlich mußte er bei Altringham nothge- drungen halten, und er stieg an dem Wirthshause zur Katze und Geige ab, das eine sichere, wenn nicht bessere Herberge, als in einem besuchteren Gasthofe, versprach. Einundzwanzigsitcs Kapitel. Nachdem Julian sein Pferd versorgt hatte, trat er in die Küche der Herberge, welche zugleich das Gastzimmer vorstellte. Der Tisch wurde mit einem reinlichen Damasttuch gedeckt, und Julian erwartete ungeduldig die Mahlzeit, als ein neuer Gast in's Zimmer trat. Auf den ersten Blick erkannte Julian, zu seiner Ueber- raschung, denselben schlecht gekleideten hagcrn Mann wieder, der während seines ersten mit BridlcSlep gemachten Handels sich dienstfertig mit seinem Rath einmischte. Mißvergnügt über die aufgezwungene Gesellschaft eines Fremden, war Pe- veril noch weniger zufrieden, einen solchen zu treffen, der einige Ansprüche auf Bekanntschaft machen möchte, weil seine Umstände ihn die größte mögliche Zurückhaltung zu beobachten nöthigten. Er wandte daher dem ihm bestimmten Tischgenoffen den Rücken zu, und stellte sich, als sehe er aus dem Fenster, entschlossen, alle ihm nicht abgezwungene Unterredung zu vermeiden. 2i)7 Unterdessen wurden die bereiteten Speisen von der Mithin, einer jungen, muntern Frau, aufgetragen, und ein schäumender Krug selbstgebrautcn Bieres dazwischen gesetzt. „Ich trinke Eure Gesundheit in diesem Biere," sprach der ältere Fremde. „Ich danke Euch, mein Herr," versetzte die Wirthin; „aber ich darf Euch nicht Bescheid thun, denn mein Mann sagt, das Doppelbier sei für Weiber zu stark; darum trink' ich nur manchmal ein Glas Sekt mit einem Gevatter, oder einem Herrn, der Lust hat." „So sollt Ihr eines mit mir trinken, Frau Wirthin," sagte Peveril, „wenn Ihr mir eine Flasche besorgen wollt." „Die sollt Ihr sogleich haben, lieber Herr, aber ich muß zuvor bei meinem Mann den Schlüssel holen." Mit diesen Worten schürzte sie ihren Rock höher und eilte in die nahe Mühle, welche neben der Herberge ihrem Manne gehörte. Es währte nicht lange, so kehrte fie mit dem Wein und in Begleitung des Müllers zurück, der auf Julians Einladung seine staubige Mütze abnahm, sich an's Ende einer Bank, eine Elle vom Tische entfernt, niedersetzte, ein Glas Kanariensekt füllte und seinen Gästen, und „insbesondere dem edlen Herrn," auf Peveril zeigend, der den Kanariensekt bestellt hatte, die Gesundheit zutrank. Julian erwiederte die Höflichkeit, trank auf sein Wohlsein und fragte, was cs Neues in der Gegend gäbe. „Nichts, mein Herr, ich höre von nichts, außer von diesem Complot, wie sie's nennen, daß sie die Papisten rings herum verfolgen; aber es bringt Wasser auf meine Mühle, wie das Sprüchwort sagt. Unter Erpressen, die hin und her eilen, und hin und wieder reitenden Wachen und Gefangenen, und der Kundschaft der Nachbarn, die, um den Abend mit 298 Neuigkeiten zu verplaudern, alle Abende, kann ich sagen, statt einmal in der Woche, zusammen kommen, — ei da ist der Zapfen geschäftig, ihr Herren, und der Wirth kommt zu Gedeihen; und dann Hab' ich, im Dienste der Polizei und als bekannter Protestant, ich getraue mir zu sagen, gegen zehn Fässer Bier mehr als gewöhnlich verzapft, und noch dazu ziemlich viel Wein verkauft." „Ich kann mir leicht vorstellen, mein Freund!" sagte Julian, „daß Neugierde eine Leidenschaft ist, die nothwendig in's Bierhaus läuft; und daß Zorn, und Eifersucht, und Furcht lauter durstige Leidenschaften sind. Aber ich bin in diesen Gegenden vollkommen fremd; und ich Möchtegern von einem verständigen Mann, wie Ihr seid, etwas von dem Com- plot erfahren, von dem die Leute so viel reden, und so wenig zu wissen scheinen." „Etwas davon erfahren? — Je nun, es ist ein entsetzliches , vcrdammenswerthes, blutdürstiges Complot — Doch halt, halt; Ihr glaubt doch an dieses Complot, Herr? denn außerdem mußte der Richter ein Wort mit Euch sprechen, so wahr ich Johann Whitccraft heiße." „Das wird nicht nöthig sein," sagte Peveril; „denn ich versichere Euch, Herr Wirt-, ,ich glaube an das Complot so ehrlich und vollkommen, als ein Mensch an Etwas glauben kann, das er nicht versteht." „Gott verhüte, daß Jemand behauptete, es zu verstehen," sagte der Wirth; „denn der hochachtbare Richter sagt, cs sei ihm eine ganze Meile zu hoch, und er ist doch so scharfsichtig, als irgend einer. Aber die Menschen mögen glauben, wenn sie auch nicht verstehen; und das ist's, was die Römischkatholischen selbst sagen. Aber davon bin ich überzeugt, es macht eine seltsame, unruhige Zeit für Richter und Zeugen und Po- lizeidiener. — Auf Eure Gesundheit, meine Herren, ein Glas des feinsten Kanariensekts." „Höre, höre, Johann," sagte seine Frau, „wirs dich nicht weg, indem du Zeugen mit Richtern und Polizeidienern zusammen nennst. Die ganze Welt weiß, wie sie zu ihrem Gelde kommen." „Ja, Frau; aber die ganze Welt weiß, daß sie dazu kommen; und das ist ein großer Trost. Sie rauschen einher in ihrer Seide, und prahlen in ihrem Leder und Scharlach. Wer sonst, als sie?" - „Ich verstehe alle diese Sachen nicht, ganz und gar nicht," sagte die Wirtbin, „und wenn hundert Jesuiten zu einer Be- rathschlagung in mein Haus kämen, so würde ich denken, es läge ganz außer meinem Fache, Zeugniß wider sie abzulegen, vorausgesetzt, daß sie hübsch tränken und ihre Zeche bezahlten." „Ganz recht, Frau Wirthin," sagte ihr älterer Gast; „das heiße ich gut gewirthschastet; und so will ich meine Zeche sogleich bezahlen, und meiner Wege ziehen." Peveril seinerseits verlangte auch seine Rechnung, und bezahlte sie so freigebig, daß der Müller den Hut schwenkte, als er ihm seinen Bückling machte, und die Wirthin sich bis an den Boden verneigte. Die Pferde beider Gäste wurden vorgeführt, und sie stiegen auf, »m in Gesellschaft abzureisen. Der Wirth und die Wirthin standen in der Thüre, um sie abreisen zu sehen. Der Wirth bot dem älter» Gaste ein Glas, während die Wirthin Peveriln eins aus ihrer eignen besonder» Flasche reichte. In dieser Absicht stieg sie mit Flasche und Glas in der Hand auf den Aufsteigeblock, so daß es dem scheidenden Gast leicht war, auch vom Pferde ihre Artigkeit auf die beste Art zu crwie- dcrn, indem er nämlich seinen Arm über ihre Schulter legte, und ihr den Abschiedsgruß zurief. Augenscheinlich aber hatte sie sonst noch Etwas im Kopfe; denn als sie, nach einem kurzen scheinbaren Widerstande, Peverils Gesicht sich dem ihrigen nähern ließ, flüsterte sie ihm in'S Ohr: «Hütet Euch vor Fallstricken!" — Er drückte ihr die Hand, zum Zeichen, daß er ihren Wink verstand, und sie schüttelte ihm die seinige herzlich, und empfahl ihn Gottes Schutze. Des Wirths Stirne umwölkte sich, und sein letztes Lebewohl klang nicht halb so herzlich, als das, welches er ihm in der Thüre zugerusen hatte. Aber Peveril bedachte, daß derselbe Gast dem Wirthe und der Mithin nicht immer gleich angenehm sein könne; und sich nicht bewußt, irgend etwas dem Müller Mißfälliges gcthan zu haben, verfolgte er seine Reise, ohne an die Sache weiter zu denken. Julian war etwas befremdet und mißvergnügt, als er sah, daß sein neuer Bekannter denselben Weg mit ihm fortsetzte. Er hatte viele Gründe, allein zu reisen; und die Warnung der Mithin klang immer noch in seinen Ohren. War dieser Mann, der viele Schlauheit in Benehmen und Gespräch verrieth, ein verkappter Jesuit oder ein Priester aus einem Seminarium, der zur Bekehrung Englands und zur Ausrottung der Ketzerei umherzog, — so war dieß für ihn ein sehr gefährlicher Reisegefährte, weil er, indem er mit ihm Gesellschaft machte, Alles zu bestätigen scheinen konnte, was die Gerüchte über die Anhänglichkeit seiner Familie an die Sache der Katholiken verbreitet hatten. Zu gleicher Zeit war es, ohne wirkliche Grobheit, sehr schwer, der Gesellschaft eines Mannes sich zu entledigen, der, er mochte mit ihm sprechen oder nicht, entschlossen schien, immer neben ihm her zu retien- Nach einer ziemlich langen Pause fragte Julian den Fremden, ob ihre Wege wohl in gleicher Richtung zusammen fort- gehen würden. „Ich kann es nicht sagen," antwortete der Fremde lächelnd, „wofern ich den Weg nicht weiß, den Ihr zu nehmen gedenkt." „Ich weiß nicht, wie weit ich heute reisen werde," entgegnen Julian. „Und das ist bei mir auch der Fall," erwicderte der Fremde. „Allein, obgleich mein Pferd besser läuft, als das Eurige, so denk' ich, wird's doch klüger sein, cs zu schonen, und wenn unsere Reise denselben Weg führen sollte, so werden wir wohl zusammen zu Abend speisen, wie wir mit einander zu Mittag gespeist haben." Julian .gab keine Antwort auf diese offene Erklärung, sondern ritt weiter und überlegte bei sich, ob es nicht das Klügste wäre, seinem hartnäckigen Begleiter mit eben so viel Worten gerade heraus zu erklären, daß er Lust habe, allein zu reisen. Allein da er sich über den Charakter und Zweck dieses Fremden irren konnte, in welchem Falle die grobe Abweisung der Gesellschaft eines echten Protestanten einen eben so fruchtbaren Stoff zum Verdacht geben mußte, als das Reisen in Gesellschaft eines verkleideten Jesuiten, so beschloß er nach kurzer Uebcrlcgung, sich die Gesellschaft des Fremden gefallen zu lassen, bis eine gute Gelegenheit käme, sich seiner zu entledigen, und unterdessen mit aller möglichen Vorsicht in jeder zwischen ihnen vorkommenden Mittheilung zu verfahren; denn die Warnung der Wirthin beim Abschiede klang noch immer in seinen Ohren, und die Folgen, wenn er auf Verdacht festgehalte» würde, mußten ihn jeder Gelegenheit berauben, seinem Vater, oder der Gräfin, oder dem Major Bridgenorth zu dienen, dessen Interesse er auch sich vorge- nommcn hatte, im Auge zu behalten. Sie kamen nun, still weiter reitend, auf ein unfruchtbares Land und schlechtere Wege, als sie bisher getroffen hatten; denn sie näherten sich jetzt der gebirgigeren Grafschaft Derby. Julians Pferd stolperte mehremale, und wäre gestürzt, wenn er cs nicht als gewandter Reiter auf den Beinen erhalten hätte. „Dieß sind Zeiten, die behutsames Reiten fordern," sagte sein Gefährte, „und nach denn, wie Ihr im Sattel sitzt, und den Zügel haltet, scheint Ihr es gut zu verstehen." „Ich bin schon lange Reiter gewesen," antwortete Peveril. „Und auch lange auf Reisen, mein Herr, wie ich vermuthe, weil Ihr, bei der großen Vorsicht, die Ihr beobachtet, zu glauben scheinet, die Menschenzunge brauche eben so gut einen Zaum, als das Pferd die Kinnkette." „Weisere Männer als ich," sagte Peveril, „find der Meinung gewesen, es gehöre zur Klugheit, zu schweigen, wenn man wenig oder nichts zu sagen hat." „Ich kann Eurer Meinung nicht beitreten," antwortete der Fremde. „Alle Erkenntniß wird durch Mittheilung gewonnen, entweder durch Bücher, oder angenehmer durch Unterredung. Die Taubstummen allein sind von der Vervollkommnung ausgeschlossen; und wahrhaftig, ihre Lage ist nicht so bencidenswerth, daß wir ihnen nachahmen sollten." Bei dieser Erläuterung, welche einen erschütternden Wie- derhall in Peverils Brust erweckte, sah der junge Mann seinen Gefährten scharf an, las aber in der gesetzten Miene und dem ruhigen blauen Auge kein Bewußtsein einer weitern Bedeutung, als unmittelbar in den Worten lag. Er hielt einen Augenblick inne, und gab dann dem Fremden zur Antwort: 303 »Ihr scheint ein Mann von scharfem Beobachtungsgciste zu sein, mein Herr, und solltet, mein' ich, wobt gefunden haben, daß man, in der gegenwärtigen argwöhnischen Zeit, gegen Fremde zurückhaltend sein muffe. Ihr kennt mich nicht, und seid mir gänzlich unbekannt. Es gibt wenig Stoff zum Gespräch für uns, wenn wir nicht die allgemeinen Gegenstände des Tages besprechen wollen, welche nur Keim zum Streit zwischen Freunden, und noch mehr zwischen Fremden in sich enthalten. Zu jeder andern Zeit würde mir ein verständiger Gesellschafter auf meinem einsamen Ritt höchst willkommen gewesen sein; aber jetzt —" — »Jetzt!" fiel ihm der Fremde in die Rede, »Ihr gleicht den alten Römern, bei denen Iwstis einen Fremden und einen Feind bedeutete. Ich will daher nicht länger ein Fremder sein. Mein Name ist Ganlesse — ich bin von Profession ein römischkatholischer Priester — und reise hier in Furcht für mein Leben — und bin sehr froh, Euch zum Gesellschafter zu haben." „Ich danke Euch von ganzem Herzen für die Eröffnung," sagte Peveril, „und um sie mir im vollen Grade zu Nutze zu machen, muß ich Euch bitten, voran zu reiten oder zurück zu bleiben, oder einen Seitenweg zu nehmen, wie es Euch beliebt; denn da ich kein Katholik bin, und in sehr wichtigen Angelegenheiten reise, so bin ich dem Aufenthalt, und selbst der Gefahr ausgesetzt, wenn ich so verdächtige Gesellschaft -alte. Darum, Herr Ganlesse, reitet Eucrn gewöhnlichen Schritt, und ich will den entgegengesetzten -alten; denn, verzeiht, ich muß Eure Gesellschaft meiden." Indem Peveril so sprach, zog er den Zügel an und machte Halt. Der Fremde brach in ein Gelächter aus. „Was!" sagte 304 er, „Ihr wollt meine Gesellschaft einer so unbedeutenden Gefahr wegen meiden? Heiliger Antonius! Wie das warme Blut der alten Ritter bei den jungen Männern dieser Zeit abgekühlt ist!" „Diese Spötterei Hilst zu nichts," sagte Peveril; „ich muß Euch bitten, allein zu reisen." „Mein Weg ist der Eurige," versetzte jener, „und wir werden Beide um so sicherer reisen, wenn wir in Gesellschaft reisen." Peveril ritt weiter, uw offene Gewalt zu vermeiden, wozu der gleichgültige Ton des Reisenden freilich keinen schicklichen Vorwand gab, aber sehr verdrießlich über seinen Gesellschafter, und entschlossen, sich bei erster Gelegenheit von ihm los zu machen. Der Fremde setzte seinen Ritt in gleichem Schritt mit ihm fort, und hielt sich bedächtig an der Seite seiner Hand, die den Zaum führte, um sich diesen Vortheil im Fall eines Kampfes zu sichern. Aber seine Sprache verrieth nicht die mindeste Furcht. „Ihr thut mir Unrecht," sagte er zu Peveril, „und Euch gleichfalls. Ihr wißt nicht, wo Ihr zu Nacht bleiben sollt, — vertraut Euch meiner Leitung an. Zwei Stunden von hier ist ein alte,s Herrenhaus, wo Ihr gastliche Aufnahme und hübsche Mädchen findet." „Das hat keine Reize für mich," cntgegnete Peveril kurz abbrechend. »Ich sehe, ich kann Euch auf diese Art nicht gewinnen," fuhr sein Begleiter fort; „ich muß einen andern Ton ange- den- Ich bin nicht mehr Ganleffe, der Priester des Semina- riums, sondern," er änderte hier seinen Ton und sprach durch die Nase, „Simon Canter, ein armer Prediger des Worts, der diesen Weg reist, um Sünder zur Buße zu bekehren, und zu stärken, und zu erbauen, und zu befruchten, Jeden unter dem zerstreuten Häuslein, wer noch an der Wahrheit fcsthält. — Was sagt Ihr dazu, mein Herr?" „Ich bewundere Eure Gewandtheit, und könnte zu anderer Zeit daran Unterhaltung finden. Doch wir sind nun fast aus dem engen Wege, der uns für diese halbe Stunde zu Gesellschaftern gemacht hat. Um Eure fernere Gesellschaft zu vermelden, will ich auf dieser Landstraße mich links wenden, und wenn Ihr mir folgt, wird es auf Eure Gefahr geschehen. Ihr seht, ich bin gut bewaffnet, und Ihr werdet einen ungleichen Kampf haben." „Nicht ungleich," erwiederte der Fremde, „weil ich meinen braunen Zelter habe, mit dem ich nach Belieben reiten kann, und diesen Text (er zog bei diesen Worten eine Pistole aus dem Busen), der auf den Druck des Zeigefingers eine sehr überzeugende Lehre gibt, und alle vermeinte Ungleichheit von Jugend und Stärke ausgleichen kann. Jndeß wollen wir keinen Streit haben — der Sumpf liegt vor uns — nehmet Ihr Euren Weg dahin — ich nehme den andern." „Ich wünsche Euch gute Nacht, mein Herr," sagte Peveril zu dem Fremden. „Ich bitte um Vergebung, wenn ich Euch in Etwas falsch beurtheilt habe; aber die Zeiten find gefährlich, und eines Menschen Leben kann von der Gesellschaft abhangen, in der er reiset." „Es ist wahr," sagte der Fremde, „aber in Eurem Falle ist die Gefahr schon übernommen, und Ihr solltet ihr zu widerstehen suchen. Ihr seid in meiner Gesellschaft lange genug gereist, um ein hübsches Stück des papistischen Complots zu errathen. Was werdet Ihr für Augen machen, wenn Ihr, in stattlichem Foliosormat, herauskommen sehet die Erzählung Simon Canter's, sonst Stephan Ganleffe genannt, betreffend Peveril. 20 die furchtbare papistische Verschwörung zum Morde des Königs und zur Niedermetzelung aller Protestanten, eidlich dem hochachtbaren Unterhause übergeben; darlegend, in wiefern Julian Peveril, Junker vom Schloß Martindale, in Beförderung derselben bethciligt ist —" „Ihr scheint mich zu kennen, mein Herr," sagte Peveril, „und wenn das ist, so darf ich Euch wohl freundlich um die Absicht fragen, warum Ihr mir Gesellschaft leistet, und was das Alles bedeuten soll. Ist es bloßer Scherz, so kann ich ihn in gehörigen Grenzen wohl vertragen, wenn er auch unhöflich von Seiten eines Fremden ist. Wenn Ihr aber irgend einen Zweck weiter habt, so sprecht ihn aus, ich will nicht mit mir spielen lassen." „Ei, ei," sagte der Fremde lachend, „in welche Hitze seid Ihr gerathen!" Darauf nahm er schnell einen ernsthaften Ton an und fuhr fort: „Junger Mann, wenn die Pest durch die Luft einer Stadt verbreitet ist, so werden die Leute vergeblich der Seuche zu entgehen suchen, indem sie zur Einsamkeit ihre Zuflucht nehmen, und die Gesellschaft ihrer Lci- densgenoffen meiden " „Worauf beruht denn ihre Rettung?" sagte Peveril, der, wo möglich, die Absicht' seines Gefährten zu erforschen wünschte. „Auf Befolgung des Raths verständiger Aerzte;" antwortete der Fremde. „Und als ein solcher bietet Ihr mir Euren Rat- an?" sagte Peveril. „Verzeiht," erwiederte der Fremde trotzig; „ich sehe keinen Grund, warum ich das thun sollte." — „Ich werde," setzte er in seinem vorigen Tone hinzu, „nicht als Euer Arzt besoldet — 307 ich biete keinen Rath an — ich sage nur — cs wäre klug, wenn Ihr Rath suchtet " „Und von wem, oder wo kann ich ihn erhalten?" sagte Peveril. „Ich wandere, wie Einer im Traume, in dieser öden Gegend; so viel haben wenige Monate verändert. Ich treffe einen Fremden, der, wie cs scheint, mit meinem Namen und meinen Angelegenheiten wohl bekannt ist, sich erst an mich hängt, ich mag wollen oder nicht, und hernach mir die Eröffnung seines Geschäfts verweigert, während er mich mit den seltsamsten Beschuldigungen bedroht." „Hält' ich solche Niederträchtigkeit im Sinne gehabt," antwortete der Fremde, „glaubt mir, ich wurde Euch nicht den Faden meiner Intrigue in die Hand gegeben haben. Aber seid klug und geht mit mir weiter. Hier ist ganz nahe ein kleines Wirthshaus, wo wir, wenn Ihr der Versicherung eines Fremden traut, ganz sicher schlafen werden." „Doch war't Ihr ja selbst nur vor Kurzem besorgt, bemerkt zu werden;" sagte Peveril; „und wie könnt Ihr in diesem Falle mich beschützen?" „Ha! was Topham und seine paar Nachtculen betrifft, so muffen sie sich an eine andere und bessere Beute halten, als ich sein würde." Peveril konnte sich nicht enthalten, die leichte und zuversichtliche Gleichgültigkeit zu bewundern, womit der Fremde sich über alle gefährlichen Umstände hinweg zu setzen schien, und nach schneller Ueberlegung der Verhältnisse kam er zu dem Entschlüsse, wenigstens diese Nacht mit ihm noch Gesellschaft zu machen, und, wo möglich, zu erforschen, wer er eigentlich wäre, und welcher Partei im Staate er anhinge. Die Kühnheit und Freiheit seiner Sprache schien sich schwerlich damit zu vertragen, daß er das gefährliche, doch um diese Zeit ein- 26 ° 308 trägliche Gewerbe eines Angebers treiben sollte. Freilich nahmen solche Personen jede Gestalt an, die ihnen das Zutrauen ihrer ausersehenen Schlachtopfer gewinnen konnte; doch glaubte Julian in dem Benehmen dieses Mannes eine unbekümmerte Offenheit zu entdecken, die er mit Aufrichtigkeit im gegenwärtigen Falle zu erwiedern sich nicht enthalten konnte. Er antwortete daher nach kurzer Ueberlegung: „Ich nehme Euren Vorschlag an, wiewohl ich dadurch vielleicht ein unvorsichtiges Zutrauen beweise." „Und wie ist's denn mit meinem Zutrauen gegen Euch?" sagte der Fremde; „Ist nicht unser Zutrauen wechselseitig?" „Nein; vielmehr das Gegentheil. Ich weiß nichts von Euch; da aber Ihr mich als Julian Pcvcril kennt, so wiffft Ihr, daß Ihr mit mir in völliger Sicherheit reisen könnet." „Den Teufel auch!" antwortete sein Gesellschafter. „Ich reise mit derselben Sicherheit, als bei einer angezündeten Petarde, die alle Augenblicke loüspringen kann. Seid Ihr nicht der Sohn Peverils vom Gipfel, und kommt Ihr nicht von der papistischcn Gräfin von Derby, und bringt, so viel ich weiß, ein ganzes Heer Manenser in Eurer Tasche, mit voller Ausrüstung an Waffen, Munition, Gepäck und einem Zug Feldartillerie?" „Ich wäre wohl nicht so schlecht berittensagte Julian lachend, „wenn ich eine solche Last mit mir führte. Aber nur immerfort, mein Herr. Ich sehe, ich muß auf Euer Zutrauen warten, bis Ihr es schicklich findet, es mir zu schenken; denn Ihr seid mit meinen Angelegenheiten schon so gut bekannt, daß ich Euch nichts zur Erwiederung dagegen bieten kann." „Also vorwärts," sagte sein Gefährte; „gebt Eurem Pferde den Sporn, wir sind nun nicht über einen Feldweg mehr vom Wirthshause entfernt." Sie ritten nun schneller, und gelangten bald an das einsame Wirthshaus, das der Reisende erwähnt hat. Mit einem Male sagte der Fremde, als wenn er sich auf Etwas besänne, das er vergessen hätte: »Auf dem Wege müßt Ihr einen Namen haben, unter dem Ihr passirt; denn mit Eurem eignen Namen möchtet Ihr nicht gut berathen sein, da der Mann, der diese Herberge hält, ein alter Cromwellianer ist. Wie wollt Ihr Euch nennen? — Mein Name ist für jetzt Ganleffe." „Es ist gar überhaupt nicht nöthig, einen Namen zu führen," sagte Julian. „Ich bin nicht geneigt, einen fremden Namen anzunehmen, besonders da ich auf Jemand treffen könnte, der meinen eignen kennte-" „So will ich Euch Julian nennen," sagte Ganleffe; „denn Peveril riecht in der Nase meines Wirths nach Abgötterei, Verschwörung und dem Fegefeuer." Während er so sprach, stiegen sic unter der großen, weit sich ausbreitenden Eiche ab, welche die Schenke überschattete. Sie traten in das Haus, welches Julian besser eingerichtet fand, als er erwartet hatte; ein Bekannter von Ganleffe, der sich Smith nannte, leistete ihnen Gesellschaft, und erst spät suchten sie nach einem üppigen Mahle und reichlich genossenem Weine das Lager. 31 « Zweiundzwanzigstes Kapitel. Als Julian am nächsten Morgen erwachte, fand er es, weil die Uebrigen noch schliefen, am gerathcnsten, die Gelegenheit zu benützen, von Männern loszukommcn, mit denen ihn der Zufall wider seinen Willen zusammengesührt hatte, und deren Gesellschaft gefährlich sein konnte. Er ging hinab, führte sein Pferd heraus, und ipollte eben aufsteigen, als eine Hand seinen Mantel faßte, und die Stimme Ganlesse's rief: „Wie, Herr von Peveril, ist das Eure ausländische Lebensart? oder habt Ihr in Frankreich gelernt, auf Französisch von Euren Freunden Abschied zu nehmen?" Julian fuhr zurück, wie von Schuld betroffen, ob ihn gleich eine augenblickliche Ueberlcgung versicherte, daß er sich weder vergangen hatte, noch in Gefahr war. „Ich wollte Euch nicht stören," sagte er, „ob ich gleich schon an Eurer Stubent-üre war. Ich dachte, der Schlaf werde Euch und Eurem Gefährten lieber sein, als leeres Cercmoniell; und da meine Angelegenheiten mich früh zu reisen nöthigen, so hielt ich cs für's Beste, ohne Abschied abzureiscn. Ich habe ein Geschenk für meinen Wirth zurückgelassen." „Es war unnöthig," sagte Ganleffe; „der Schurke ist schon übermäßig bezahlt. — Aber seid Ihr nicht zu voreilig, in Eurem Plan, abzureisen? Meine Einsicht sagt mir, Junker Julian Peveril thäte besser, wenn er mit mir geradezu nach London reiste, als, zu welchem Zweck es sei, sich seitwärts wendete. Ihr könnt schon sehen, daß ich keine gewöhnliche, sondern eine Hauptperson bin. Aber Ihr seid von einem an- der» Schlage, und ich wollte Euch nicht nur dienen, sondern selbst wünschen, Ihr gehörtet mir ganz zu." Julian betrachtete diesen sonderbaren Mann genau, als er so sprach. Seine Gestalt war gering und unansehnlich, auch hatte er sehr gewöhnliche Züge, ausgenommen die Blitze seines scharfen, grauen Auges, welches, in seinem sorglosen und stolzen Blicke, der hochmüthigen Ueberlegenheit entsprach, die der Fremde in seiner Unterredung annahm. Erst nach einer flüchtigen Pause antwortete Julian: „Könnt Ihr Euch wundern, Herr Ganlefse, daß ich in meinen Umständen — wenn sie Euch wirklich bekannt sind — eine unnöthige Vertraulichkeit über die Angelegenheiten, die mich hiehcr gerufen haben, ablehnen, oder die Gesellschaft eines Fremden ausschlagcn sollte, der keine Gründe angibt, warum er die weinige sucht?" „Haltet es, wie cs Euch beliebt, junger Mann," sagte Ganlefse, „aber bedenkt in der Folge, daß Euch ein vortbeil- hafter Antrag gemacht wurde; nicht einem Jeden würde ich ihn gemacht haben. Wenn wir uns nachher in andern und schlimmcrn Verhältnissen wieder treffen sollten, so schreibt es Euch selber, und nicht mir zu." „Ich verstehe Eure Drohung nicht," antwortete Peveril, „wenn wirklich hierin eine Drohung liegt. Ich habe nichts Böses getvan — ich fühle keine Furcht — und ich kann, im gewöhnlichen Verstände, nicht begreifen, warum ich dafür leiden sollte, daß ich mein Zutrauen einem Fremden verweigere, der zu verlangen scheint, daß ich mich blindlings seiner Leitung überlasse" „So lebet denn wohl, Ritter Julian vom Gipfel — möge bald geschehen, was geschehen muß!" sprach der Fremde, in- 312 dem er seine bisher nachlässig an den Zaum des Pferdes gelegte Hand zurückzog. „Was meint Ihr mit diesem Ausdruck?" sagte Julian, „und warum gebt Ihr mir einen solchen Titel?" Der Fremde lächelte, und antwortete bloß: „Hier hat unsere Verhandlung ein Ende. Der Weg liegt vor Euch. Ihr werdet ihn länger und rauher finden, als den, welchen ich Euch hätte führen wollen." Mit diesen Worten wandte Ganleffe den Rücken, und ging auf das Haus zu. Auf der Schwelle kehrte er sich noch einmal um, und als er sah, daß Peveril sich noch nicht von der Stelle bewegt hatte, lächelte er wieder und winkte ihm; aber Julian, der durch dieses Zeichen zur Besinnung kam, spornte sein Pferd, und setzte seine Reise fort. Es währte nicht lange, als ihn seine Ortkenntniß hinsichtlich der Gegend in Stand setzte, die Straße nach Martin- dale zu gewinnen, von welcher er am vorigen Abend um eine Wegstunde abgekommen war. Aber die Straßen oder vielmehr die Pfade dieser wilden Gegend waren an manchen Orten so verwickelt, an andern so schwer auszuspürcn, daß trotz den äußersten Anstrengungen, und ungeachtet Julian keinen längern Aufenthalt auf der Reise machte, als in einem Dörfchen, durch das er Mittags kam, um sein Pferd zu füttern, die Nacht anbrach, ehe er eine Höhe erreichte, von welcher eine Stunde früher die Zinnen Martindale'S sichtbar gewesen sein würden, und wo, da sie in Nacht gehüllt waren, ihre Lage ein auf einem hohen Thurm, einem Leuchtthurm, unterhaltenes Feuer angezeigt hätte, der in der ganzen benachbarten Gegend die Benennung: Peveril's Polarstern — erhalten halte. Dieser wurde regelmäßig beim Feierabendgcläuie ange- 313 zündet, und das Feuer mit so viel Holz und Kohle unterhalten, daß es bis Sonnenaufgang brannte; und zu keinem Zeitpunkt unterblieb dieser Gebrauch, ausgenommen zwischen dem Tode eines Herrn des Schlosses und seiner Beerdigung. Es ist nicht bekannt, aus welchen Umständen der Gebrauch, diese Erleuchtung zu unterhalten, ursprünglich entstand. Gewiß ist'S, daß alle Pevcril's besonders aufmerksam auf Beibehaltung dieses Brauchs, als etwas mit der Würde ihres Hauses besonders Zusammenhängendes, hielten, und unter Ritter Gottfried war eine Unterlassung desselben nicht zu erwarten. Dieses wußte sein Sohn Julian sehr gut, und daher bemerkte er mit dem Gefühle des Befremdens und der Unruhe, daß das Licht nicht sichtbar war. Er hielt — rieb sich die Augen — veränderte seine Stellung — und suchte vergebens sich zu überreden, daß er sich in dem Punkte geirrt hätte, von welchem aus der Polarstern seines Hauses sichtbar wäre, oder daß irgend ein neulich dazwischen getretener Gegenstand, der Wuchs einer Anpflanzung vielleicht, oder die Errichtung eines Gebäudes das Licht des Leuchtthurms auffinge. Allein nach kurzer Ueberlcgung überzeugte er sich, daß dieß bei der hohen und freien Lage des Schlosses Mar- tindale nicht habe stattfinden können, und folglich drängte fich ihm nothwendig der Schluß auf, daß entweder Ritter Gottfried, sein Vater, gestorben, oder die Familie durch irgend ein Unglück bedrängt, und darum jener altherkömmliche Gebrauch vernachlässigt worden sei. In unbeschreiblicher Unruhe gab Julian nun seinem abgematteten Pferde die Sporen, sprengte den rauhen, steilen Pfad hinab und gelangte an das Dorf Martindale-Moul- trassie, voll Ungeduld, die Ursache dieser bedenklichen Finsterniß zu erfahren. Die Gaffe, durch welche sein müdes Pferd langsam und widerstrebend ihn trug, war verlassen und leer, und kaum ein Licht schimmerte aus einem Fenster, ausgenommen aus dem Gitterfenster der Schenke, aus welchem ein Helles Licht schien, und mehrere Stimmen in lärmender Fröhlichkeit gehört wurden. Vor dieser Schenke machte das müde Pferd, durch Instinkt getrieben, so plötzlich Halt, daß der Reiter, trotz seiner Eile, cs am besten fand, abzusteigen, in der Hoffnung, von Robert Raine, dem Gastwirt- und alten Unterthan seines Hauses, sogleich mit einem frischen Pferd versorgt zu werden. Er wünschte auch, seine Besorgnisse durch Erkundigung nach dem Stande der Dinge im Schlosse zu mindern , als er mit Befremden aus der Schenkstube einen wohlbekannten republikanischen Gesang erschallen hörte. Irgend eine seltsame Revolution mußte, wie Julian nun merkte, sowohl im Dorfe als in dem Schlosse stattgefunden haben, und ohne zu wissen, inwiefern es rathsam sein möchte, sich unter die unfreundlichen Schwärmer zu drängen, ohne Macht, ihren Uebermuth zurückzutreiben oder zu züchtigen, führte er sein Pferd zu einer Hinterthüre, welche, wie er sich besann, mit des Wirthes Zimmer in Verbindung stand, entschlossen, bei ihm über dew Zustand der Dinge auf dem Schlosse insgeheim Erkundigung einzuziehen. Er klopfte verschiedene Mal, und rief eben so oft mit ernster, aber gedämpfter Stimme den Namen Roger Raine. Endlich antwortete eine weibliche Stimme mit der gewöhnlichen Frage : „Wer ist da?" „Ich bin es, Frau Wirthin, Julian Peveril — schickt Euren Mann sogleich zu mir " „Ach, gütiger Himmel, Herr Julian, wenn Ihr es wirklich seid — Ihr müßt wissen, mein armer, guter Mann ist 315 dahin gegangen, wo er zu Niemand kommen kann; aber ohne Zweifel werden wir alle zu ihm gehen, wie Matthäus, der Kammerdiener, sagt." „Er ist also todt?" sagte Julian. „Das betrübt mich außerordentlich." „Todt, sechs Monate und drüber, Herr Julian, und das ist eine lange Zeit für eine verlassene Frau, wie Kammerdiener Matthäus sagt." „Gut, öffnet die Thüre, oder laßt sie den Kammerdiener öffnen; ich brauche ein frisches Pferd, und möchte wissen, wie cö aus dem Schlosse steht." „Auf dem Schlosse — ach gütiger Himmel! — Kammerdiener — Matthäus Kammerdiener — höre einmal!" Der Kammerdiener Matthäus war offenbar nicht weit entfernt, denn er antwortete sogleich auf ihren Ruf; und Peveril konnte, da er dicht an der Thüre stand, sie mit einander heimlich sprechen hören, und größtcntheils verstehen, was sie sagten. „Nun rathet mir, wenn Ihr ein Mann seid, Kammerdie- - ner Matthäus," sprach die Wittwe, „denn ich sage kein Wort mehr, wenn hier nicht Junker Julian selbst ist; und er braucht ein Pferd, und was noch sonst, als wäre noch Alles, wie es war." „Ei, Frau, wenn Ihr Rath nehmen wollt," sagte der Kammerdiener, „so fertigt ihn ab — laßt ihn fortziehen, so weit ihn seine Stiefeln tragen. Hier ist nicht der Ort, sich die Finger in andrer Leute Brühe zu verbrennen." „Das ist wohl gesprochen, wahrlich," antwortete die Frau, „aber wir haben ihr Brod gegessen, und wie mein armer Mann zu sagen pflegte —" „Nein, nein, Frau, wer nach dem Rath der Tobten sich 316 richten will, soll keinen von Lebenden haben, und so macht's, wie's Euch gefällt; wollt Ihr aber meinem Rath folgen — zugeschloffen, zugeriegelt — er mag ein andres Quartier suchen — das ist mein Rath." „Ich verlange nichts von Euch, Freund," sagte Peveril, „sondern will nur wissen, wie cs um Ritter Peveril und seine Frau steht." „Ach gütiger Gott! ach gütiger Himmel!" war die einzige Antwort, die er von der Wirtbin erhielt, und die Unterredung zwischen ihr und dem Kammerdiener fing nun wieder an, aber so leise, daß er fie nicht mehr verstehen konnte. Am Ende sprach der Kammerdiener Matthäus laut, und in einem gebieterischen Tone: „Wir öffnen zu dieser Nachtzeit keine Thüren, denn es ist wider den Befehl des Richters, und könnte uns unser Privilegium kosten, und was das Schloß betrifft, so liegt die Straße vor Euch, und ich denke, Ihr werdet fie so gut wissen, als wir." „Und ich kenne Euch," sagte Peveril, wieder sein ermattetes Pferd besteigend, „als einen undankbaren Flegel, den ich bei erster Gelegenheit tüchtig durchprügeln lassen will." Auf diese Drohung machte Matthäus keine Erwiederung, und Peveril hörte ihn sogleich das Zimmer verlassen, nachdem einige ernsthafte Worte zwischen ihm und der Wirthin gewechselt worden waren. Ungeduldig über diesen Aufenthalt und über die schlimme Vorbedeutung, die in den Reden und dem Betragen dieser Leute lag, und nachdem er sein Pferd, das sich entschieden weigerte, einen Schritt weiter zu thun, vergebens gespornt hatte, stieg Peveril noch einmal ab, und war im Begriff, ungeachtet der großen Unbequemlichkeit der hohen Reiterstiefeln, die eine solche Last im Gehen machen mußten, seinen Wen zu Fuße fortzuseßen, als er durch einen freundlichen Ruf aus dem Fenster aufgehalten wurde. Der Kammerdiener war kaum fortgegangen, als die Gut- müthigkeit und die gewohnte Ehrerbietung der Wirthin für das Peveril'sche Haus und vielleicht einige Besorgniß für Matthäus, sie bewogen, den Fensterflügel zu öffnen, und, jedoch in leifem und schüchternem Tone, zu rufen: „Bst — bst — Herr Julian — seid Ihr fort?" „Noch nicht, Frau Raine," sagte Julian, „aber mein Hierbleiben scheint unwillkommen." „Nein, lieber junger Herr, es ist nur, weil die Männer so verschiedenen Rath geben; denn mein Roger Raine würde den Kaminwinkel für Euch zu kalt gefunden haben, und Matthäus der Kammerdiener meint, der kalte Hofraum sei warm genug für Euch." „Laßt das gut sein, Frau," sprach Julian; „sagt mir nur, wag auf dem Schloß Martindale vorgefallen ist. Ich sehe, der Wachtthurm ist ausgelöscht." „Ist es wirklich wahr? — Ja, wahrhaftig — dann ist der Ritter Gottfried in den Himmel gegangen zu meinem Roger Raine." „Gott im Himmel!" rief Peveril aus, „wenn war denn mein Vater krank geworden?" „Nie, daß ich wüßte," sagte die Frau, „aber seit etwa drei Stunden kam eine Schaar auf's Schloß, mit Ledcrküras- sen und Bandeliers, und einer von den Parlamentslcuten, wie zu Olivers Zeit. Mein alter Roger Raine würde die Thore des Wirthshauses vor ihnen zugeschloffen haben, aber er liegt auf dem Kirchhofe, und Matthäus sagt, es ist wider das Gesetz; und so kamen sie herein, und erfrischten Mann und Roß, und schickten nach Herrn Bridgenorth, der eben jetzt »18 zu Moultrassie-Hall ist, und so zogen sie hinauf in's Schloß, und da gab's wohl ein Gefecht, da der alte Ritter kein Mann war, der sich überfallen ließ. Allein die Offiziere hatten den Vortheil, und die Ursache ist, wie unser Matthäus sagt, weil sie das Recht auf ihrer Seite hatten. Aber da der Polarstern des Schlosses aus ist, wie Ihr sagt, so ist ohne Zweifel der alte gnädige Herr todt." „Gütiger Himmel! — Beste Frau, für Geld oder gute Worte, schafft mir ein Pferd, damit ich auf's Schloß reite." „Auf's Schloß?" sagte die Frau; „die Rundköpfe, wie sie mein Roger nannte, werden Euch umbringcn, wie sie Euren Herrn Vater umgebracht haben! Besser in's Jägerhaus geschlichen, und ich will Betty mit einer wollenen Decke und etwas Abendessen hinschicken — oder -alt — mein alter Dob- din steht im Stall neben dem Hühncrkorbe — nehmt ihn, und macht Euch fort aus dem Lande, denn hier ist für Euch keine Sicherheit. Hört, was für Lieder Etliche von ihnen in der Schenkstube singen! — So nehmet Dobbin, und vergesset nicht, Euer eignes Pferd dafür da zu lassen." Peveril wartete nicht länger, nur als er sich nach dem Stall wandte, hörte er die Frau noch ausrufcn — „Ach Gott! was wird Kammerdiener Matthäus sagen?" — doch setzte sie gleich hinzu: „Mag er sagen, was er will, ich kann über mein Eigenthum verfügen." Schnell befolgte Julian die erhaltene Weisung, ließ sein Pferd stehen, warf sich auf das andere und gelangte endlich an seines Vaters Wohnsitz. Der Mond war im Aufgehen, aber auf das Portal fielen seine Strahlen nicht, weil es in einem tiefen Winkel zwischen zwei Seitenthürmen gelegen war. Peveril stieg ab, und näherte sich dem Thor, das er wider seine Erwartung offen fand. Er trat in den weiten 319 Hofraum, und konnte daher wahrnehmen, daß noch Lichter in dem untern Theile des Gebäudes schimmerten, wiewohl er sie vorher wegen Höhe der äußern Mauern nicht gesehen hatte. Die Hauptthür oder große Saalthür, wie sie genannt wurde, wurde seit dem heruntergekommenen Zustande der Familie selten geöffnet, außer bei besonders feierlichen Gelegenheiten. Eine kleinere Pforte diente zum gewöhnlichen Eingänge, und zu dieser begab sich Julian jetzt. Diese war auch offen — ein Umstand, der ihn an sich selbst beunruhigt haben würde, hätte er nicht schon so viele Ursachen der Besorgniß gehabt. Ihm sank das Herz, als er sich durch einen kleinen Saal links gegen das große Besuchzimmer wandte, das die Familie gewöhnlich als ein Versammlungszimmer gebrauchte, und seine Bestürzung ward noch größer, als er von daher mehrere Stimmen hörte. Er riß die Thüre des Zimmers weit auf, und der Anblick, der sich ihm darbot, rechtfertigte seine schlimmen Ahnungen. Ihm gegenüber stand der alte Ritter, dessen Arme über dem Ellbogen durch einen dicht um sie gezogenen und hinten befestigten Gurt stark gebunden waren; zwei, Räubern ähnliche Männer, offenbar seine Wache, hielten ihn bei seinem Wams. Das bloße Schwert, das auf dem Fußboden lag, und die leere Scheide, welche an des Ritters Seite hing, zeigte, daß der alte tapfere Edelmann jn diesen Zustand der Gefangenschaft nicht ohne Widerstand gerathen war. Zwei oder drei Personen, die gegen Julian den Rücken gekehrt hatten, saßen um einen Tisch, und schienen mit Schreiben beschäftigt — ihre Stimmen waren es, die er gehört hatte. Lady Pcveril — ein Bild des Todes, so bleich war ihr Angesicht — stand einige Schritte von ihrem Gemahl, auf den ihre Augen mit inniger Zärtlichkeit geheftet waren. Sie war 320 es, welche ihren Julian zuerst gewahr ward. „Barmherziger Himmel! mein Sohn!" rief sie aus — „nun ist das Elend unsers Hauses vollkommen!" „Mein Sohn!" hallte Ritter Gottfrieds Stimme nach, der aus dem düstern Zustande der Niedergeschlagenheit emporfuhr, und, einen hohen Eid schwörend, sprach: „du bist zur rechten Zeit gekommen, Julian. Thu' mir nur einen guten Hieb — spalte den verrätherischen Schurken vom Scheitel bis zum Brustbein; ist das gethan, dann kümmert mich nicht, was zunächst kommen mag." Der Anblick der Lage des Vaters ließ Julian die Ungleichheit des Kampfs vergessen, den er zu beginnen im Begriff war. „Schurken!" sagte er, „macht ihn los!" und auf die Wachen mit gezogenem Schwerte losstürzend, zwang er sie, den Ritter loszulassen, und auf ihre eigne Vertheidigung zu denken. Ritter Gottfried, so weit befreit, rief seiner Gattin zu: „Löse den Gurt, Frau, und wir werden noch drei gute Hiebe austheilen können — die müssen gut fechten, die Vater und Sohn zugleich schlagen." Aber Einer von jenen Männern, die vom Schreibtisch aufgefahren waren, als der Kampf begann, verhinderte Lady Pe- vcril, ihrem Mann Beistand zu leisten, während ein Andrer sich leicht des gebundenen Ritters bemächtigte, doch nicht ohne einige ernsthafte Stöße von seinen schweren Stiefeln zu erhalten — da ihm seine Lage keine andere Vertheidigungsart erlaubte. Ein Dritter, welcher sah, daß Julian, jung und rüstig, die zwei Wachen zu weichen nöthigte, faßte ihn beim Kragen, und versuchte, sich seines Schwertes zu bemeistern. Plötzlich ließ Julian dieses fallen, ergriff eine seiner Pistolen und feuerte sie gegen den Kopf dessen, der ihn so angefallen hatte. Dieser fiel nicht, wankte aber zurück, und zeigte» als er in einen Stuhl sank, Julian die Gefichtszüge des alten Bridgenorth, geschwärzt von der Erplosion, welche einen Theil seines grauen Haares verbrannt hatte. Ein Schrei des Ent- setzens entfuhr Julian, und in dem Gewirr und Schrecken des Augenblicks wurde er leicht von denen, mit welchen er zuerst in's Handgemenge gekommen war, fest genommen und entwaffnet. „Achte cs nicht, Julian," sagte Ritter Peveril; „acht' es nicht, mein wackerer Sohn — der Schuß hat alle Rechnungen ausgeglichen! — Aber, wie — was der Teufel — er lebt! — war deine Pistole mit Spreu geladen? oder hat der böse Feind ihn gegen Blei schußfest gemacht?" Der Ritter Gottfried hatte Grund zu erstaunen; denn, als er sprach, sammelte sich der Major Bridgenorth, — saß im Stuhle auf, wie Einer, der sich von einem betäubenden Schlage erholt — stand dann auf, wischte sich mit dem Schnupftuch die Spuren des Pulvers aus dem Gesichte, näherte sich Julian, und sagte in demselben kalten, unveränderten Tone, in welchem er sich gewöhnlich ausdrückte: „Junger Mann, Ihr habe Ursache, Gott zu danken, daß er Euch heute vor Begehung eines großen Verbrechens bewahrt hat." „Dem Teufel zu danken, spißöhriger Schurke!" rief Gottfried Peveril. „Denn kein Geringerer, als der Vater aller Schwärmer schützte Euer Gehirn, daß es nicht wie Spülwasser aus Beelzebubs Suppentopf umher spritzte." „Ritter Peveril," sagte Major Bridgenorth, „ich habe Euch schon gesagt, daß ich bei Euch nichts zu erörtern habe; denn Euch bin ich für meine Handlungen nicht verantwortlich." Peveril. 21 322 „Herr Bridgenorth," fiel Lady Peveril ein, „was für eine Rache auch immer Euch Euer Gewissen an meinem Manne zu nehmen erlauben mag, — ich —, die ich einiges Recht habe, Mitleidcn von Euch zu erfahren (denn ich bedauerte Euch auf das Aufrichtigste, als die Hand des Himmels schwer auf Euch lag) — ich flehe Euch au, verwickelt nicht meinen Sohn in unfern gemeinschaftlichen Untergang! — Lasset die Vernichtung des Vaters und der Mutter, nebst dem Falle unsers alten Hauses, Eurer Rache für jedes Unrecht genügen, das Ihr von meines Mannes Händen erlitten haben möget." „Schweig du stille, Hausmutter," sagte der Ritter; „du sprichst wie eine Thörin; und mische dich nicht in Sachen, die dich nicht angehen. — Unrecht aus meinen Händen? Der feige Bube hat immer nur zu viel Recht erfahren. Hält' ich den Hund tüchtig ausgepcitscht, als er mich zuerst anbellte, so wäre die feige Memme nun zu meinen Füßen gekrochen, anstatt auf meine Kehle los zu stürzen. Aber wenn ich durch diesen Vorfall hindurch komme, wie ich durch schlimmeres Wetter gekommen bin, so will ich alte Zechen bezahlen, so gut's noch gehen will." „Ritter Peveril," erwiederte Bridgenorth, „wenn die Geburt, deren Ihr Euch rühmet, Euch gegen bessere Grundsätze verblendet, so hätte sie Euch wenigstens Höflichkeit lehren können. Worüber beklagt Ihr Euch? Ich bin eine obrigkeitliche Person, und ich vollziehe einen VerhaftSbcfebl, der mir von der ersten Obergewalt des Staats zugefertigt ist. Ich bin auch ein Gläubiger von Euch, und das Gesetz gibt mir die Macht, mein Eigenthum aus den Händen eines unvorsichtigen Schuldners wieder zu erlangen." „Ihr eine obrigkeitliche Person!" sagte Ritter Peveril; 323 „wohl so eine obrigkeitliche Person, als Cromwell Monarch war. Euer Herz ist voll Uedcrmuth, weil Ihr des Königs Verzeihung habt, und auf den Sitz erhoben seid, die armen Papisten zu verfolgen. ES war nie Aufruhr im Staate, wo nicht Schurken ihren Vortheil dabei zogen — nie kochte ein Topf, wo der Schaum nicht emporstieg." „Um Gotteswillen, lieber Mann," unterbrach ihn Ladp Peveril, „halt ein mit deinen Reden! Du bringst Herrn Briv- genorth nur auf, welcher sonst wohl bedenken könnte, daß nach allgemeiner christlicher Liebe —" „Ihn ausbringcn!" rief Ritter Peveril, sie ungeduldig unterbrechend; „bei Gott, Frau, du wirst mich rasend machen. Hast du so lange in dieser Welt gelebt, und erwartest noch Ueberlegung und christliche Liebe von einem alten hungrigen Wolf, wie er? Und wenn er sie hätte, glaubst du, daß ich oder du, als meine Gattin, Gegenstände für seine christliche Liebe sind? Julian, mein armer Sohn, cü schmerzt mich, daß du unglücklich gewesen bist, weil dein Pistol nicht besser geladen war — aber dein Ruf als Schütze ist für immer dahin." Ließ heftige Gespräch ging so schnell vor sich, daß Julian, der sich kaum von der äußersten Bestürzung erholt, keine Zeit zu überlegen hatte, auf welche Art er am wirksamsten zum Beistände seiner Eltern verfahren sollte. Offen mit Bridgc- north zu sprechen, schien die klügste Maßregel zu sein; aber hierzu konnte sein Stolz sich kaum herablaffen; doch that er sich Gewalt an, mit aller ihm möglichen Gelassenheit zu sagen: „Herr Bridgenorth, da Ihr eine obrigkeitliche Person seid, so verlange ich, nach den Gesetzen Englands behandelt zu werden, und begehre zu wissen, wessen wir angeklagt, und auf wessen Befehl wir festgenommen sind?" 2» 324 »DaS ist eine andere Nachteule," rief der ungestüme alte Ritter; „seine Mutter spricht zu eincm Puritaner von christlicher Liebe; und du mußt vom Gesetz zu eincm rundköpfigen Rebellen sprechen! Was für einen Vcrhaftsbefebl hat er denn, glaubt Ihr, außer vom Parlament oder dem Teufel?" »Wer spricht vom Parlament?" sprach ein Mann beim Hcrcinkommen, in dem Julian den Beamten wieder erkannte, den er früher bei dem Roßhändler gesehen hatte, und der nun mit dem Bewußtsein seiner Autorität hercinrauschte: „Wer spricht vom Parlament? Ich betheuere Euch, in diesem Hause ist genug entdeckt worden, zwanzig Verschwörer zu überführen. — Hier find Waffen, und in großer Menge. Bringt sie herein, Kapitän Dangerfield," rief er einem seiner Begleiter zu. „Völlig dieselben," sprach der Kapitän, indem er näher trat, „die ich in meiner gedruckten Erzählung oder Nachricht an das hochachtbare Unterhaus erwähne. Sie waren vom alten Vandcr Hups zu Rotterdam, auf Befehl des Don Johann von Oesterreich für den Dienst der Jesuiten bestellt." „Beim Lichte besehen." sagte Ritter Peveril, „sind das die Piken, Musketen und Pistolen, die auf der Bodenkammer immer seit dem Gefecht bei Naseby gelegen haben." „Und hier," sagte des Kapitäns Gehülfe, Everett, „sind Priesterornate, Meßbücher und Chorröcke, — ja wahrhaftig, und auch die gehörigen Bilder für Papisten." „Der Henker hole dein näselndes Gewinsel!" sagte Ritter Peveril; „hier ist ein Schurke, der schwören will, der alte Reifrock meiner Großmutter sei ein Priesterrock, und das Hi- storicnbuch vom Eulenspiegcl sei ein papistisches Meßbuch!" 325 „Aber wie verhält sich das, Herr Bridgcnorth?" sagte Topham zu diesem; „Ihr seid so thätig gewesen, als wir, und habt einen andern Buben gefangen, während wir das Zeug hier fanden." »Ich glaube, mein Herr," sagte Julian, „wenn Ihr Euren Verhastsbefchl nachschet, der, wo ich nicht irre, die Namen der Personen nennt, die Ihr zu verhaften angewiesen seid, so werdet Ihr finden, daß Ihr kein Recht habt, mich anzugreifen." „Herr," sagte der Beamte mit aufgeblasener Wichtigkeit, „ich weiß nicht, wer Ihr seid; aber Ihr möchtet der beste Mann in England sein, so wollte ich Euch doch einem Ver- haftsbefehle des Parlaments die gebührende Achtung beweisen lehren. Herr, es läuft kein Mensch innerhalb der brittischcn Meere, den ich nicht kraft dieses Stücks Pergament sesthalten kann; und folglich verhafte ich Euch. — Wessen beschuldigt Ihr ihn, meine Herren?" Dangerfield trat hervor, und sah Julian unter den Hut. „Ich will des Todes sein, Freund," rief er aus, „wenn ich Euch nicht früher schon gesehen habe; aber ich weiß nicht, wo. Doch mein Gedächtniß ist nicht eine Bohne werth, seit es zum Besten des Staates so sehr in Anspruch genommen wird. Allein ich kenne den Burschen, und habe ihn unter den Papisten gesehen — ich will das auf meine gewisse Verdammung über mich nehmen." „Ja, Kapitän Dangerfield," sagte sein Gehülfe, Eoerett, — „wahrhaftig, es ist derselbe junge Mensch, den wir gestern bei dem Roßhändler sahen, und wir hatten damals Etwas wider ihn, nur Herr Topham wünschte nicht, daß wir es vor- ^ brächten " „Ihr mögt gegen ihn jetzt Vorbringen, was Ihr woyt," 326 sprach Topham, „denn er hat den Verhaftsbesehl des Parlaments gelästert. Ich glaube, Ihr sagt, Ihr saht ihn irgendwo?" „Ja, wahrhaftig," sagte Everett, „ich habe ihn unter den Zöglingen des Scminariums zu St. Omer gesehen." „Nein, Everett, besinnt Euch recht," sprach Topham; „denn, so viel ich weiß, sagtet Ihr, Ihr habt ihn bei einer Berath- schlagung der Jesuiten in London gesehen." „Ja, das sagte ich, Herr Topham," sagte der unerschrockene Dangerfield, „und meine Zunge soll es beschwören." „Herr Topham," sagte Bridgenorth, „Ihr könnt die fernere Untersuchung jetzt abbrechen, da eS nur das Gedächtniß der Zeugen ermüdet und verwirret." „Ihr habt Unrecht, Herr Bridgenorth — offenbar Unrecht. Es hält sie nur in Athem — treibt sie, wie Windhunde bei einem Wettlauf." „Es mag sein, < sprach Bridgenorth mit seiner gewöhnlichen Gleichgültigkeit; „aber jetzt muß über diesen jungen Mann ein Protokoll aufgesetzt werden, welches ich sogleich auöferti- gen will, nämlich: daß er mich während der Ausübung meines obrigkeitlichen Amtes, zur Rettung einer gesetzmäßig sest- genvmmenen Person, angefallcn hat. Hörtet Ihr nicht einen Pistolenschuß?" „Ich will es beschwören," sagte Everett. „Und ich auch," sagte Dangerfield. „Während wir im Keller Untersuchung anstellten, hörte ich Etwas, das einem Pistolenschuß sehr nahe kam; aber ich glaubte, cS würde der länge Stöpsel aus einer Flasche Sekt herausgezogen, um zu sehen, ob im Innern irgend Etwas von papistischen Reliquien wäre." .„Ein Pistolenschuß!" rief Topham aus. „O du wahrhafte Brut des alten rothen Drachen! — Herr Bridgcnorth, Ihr seid eine einsichtsvolle Magistratsperson, und ein würdiger Diener des Staats — ich wollte, wir hätten viele solche tüchtige protestantische Richter. Soll ich diesen jungen Burschen mit seinen Eltern wcgführen lassen? — was meint Ihr? — oder wollt Ihr ihn zur nochmaligen Untersuchung da behalten?" „Herr Brtdgenorth," sagte Lady Pevcril, ungeachtet sie ihr Mann unterbrechen wollte, „wenn Ihr je wußtet, was es hieß, eines der vielen Kinder zu lieben, die Ihr verloren habt, oder die Tochter, die Euch noch übrig geblieben ist, so verfolgt um's Himmels willen Eure Rache nicht bis zum Blute meines armen Sohnes! Ich will Euch alles Uebrige verzeihen — alle Bcdrängniß, die Ihr über uns gebracht habt — alles noch größere Elend, womit Ihr uns bedroht. Wenn Eure Ohren gegen das Geschrei einer verzweifelnden Mutter verschlossen sind, so glaubt, die, welche der Klage aller Betrübten offen stehen, werden meine Bitte und Eure Antwort hören." Der Seelenkampf und die Rührung, womit Lady Peveril diese Worte gesprochen hatte, schien alle Anwesende zu erschüttern, obgleich die meisten an solche Auftritte nur zu sehr gewöhnt waren. Jeder schwieg, als sie zu sprechen aufhörte, und ihre von Thränen glänzenden Augen auf Bridgenorth mit der heftigen Unruhe richtete, womit eine über Leben und Tod entscheidende Antwort erwartet wird. Selbst Bridge- north's Unbeugsamkeit schien zu wanken, und seine Stimme bebte, als er antwortete: „Gnädige Frau, wollte Gott, ich wäre jetzt im Stande, Euren großen Kummer auf andre Weise zu erleichtern, als daß ich Euch Vertrauen auf die Vorsehung empfehle, und Euch ermahne, daß Ihr Euren Geist unter dieser Widerwär- 328 tigkeit vor Murren bewahret. Ich bin nur eine Ruthe in der Hand des starken Mannes, welche nicht von selbst schlägt, sondern nur, weil sie von dem Arme dessen, der sie hält, geschwungen wird." „Eben so, wie ich und mein schwarzer Stab von dem Unterbaute in England geführt werden," sagte Herr Topham, dem die Erläuterung ausnehmend zu gefallen schien. Julian glaubte, cs wäre nun Zeit, etwas zu seiner Ver- theidigung zu sagen, und er suchte cs mit so viel Gelassenheit zu mildern, als ihm nur immer anzunehmen möglich war. „Herr Bridgenorth," sagte er, „ich bestreite weder Euer obrigkeitliches Ansehen, noch den Verhaftsbefehl dieses Herrn —" „Ihr bestreitet sie nicht?" sprach Topham. „Ho, ho, Herr Junker, ich glaubte, wir sollten Euch jetzt gleich zur Besinnung bringen." „Wenn Ihr es denn so wollt, Herr Topham," sagte Bridgenorth, „so soll es so sein. Ihr macht Euch bei früher Tageszeit auf den Weg, und nehmt Ritter Gottfried und Ladp Peveril nach London; und damit sie nach ihrem Range reisen, so werdet Ihr ihnen ihre Kutsche unter hinlänglicher Bedeckung erlauben." „Ich will selbst mit ihnen reisen," sagte Topham; „denn die rauhen Wege hier reiten sich nicht bequem; im Wagen dagegen kann ich so fest schlafen, als wäre ich zu Hause." „Das steht Euch frei, Herr Topham," antwortete Bridgenorth. „Was diesen jungen Mann betrifft, so will ich ihn unter meine Aussicht nehmen." „IS mag dafür nicht verantwortlich sein, Herr Bridgenorth, weil er unter den Verhaftsbefehl des Unterhauses fällt.« „Nein," sagte Bridgenorth; „sondern er ist nur verhaftet 329 wegen eines zur Rettung gemachten Anfalls; und ich wider- rathe Euch, sich mit ihm zu befassen, wofern Ihr nicht stärkere Wache habt. Der Ritter Gottfried Peveril ist alt und schwach; aber der junge Mann ist in der Blüthe seines Alters, und auf seinen Wink stehen ihm alle junge Wüstlinge des Adels in der Nachbarschaft zu Gebote." Julian ermiederte: »Ich weiß nicht, ob diese Trennung gut oder bös von Euch gemeint ist, Herr Bridgenorth; aber meinerseits wünsche ich nur das Schicksal meiner Eltern zu theilen; und daher will ich mein Ehrenwort geben, weder Rettung noch Flucht zu versuchen, unter der Bedingung, daß Ihr mich nicht von ihnen trennt." „Sprich nicht so, Julian," sagte seine Mutter; „bleibe bei Herrn Bridgenorth — mein Herz sagt mir, er kann cs nicht so übel mit uns meinen, als sein rauhes Betragen uns jetzt möchte vermuthen lassen " „Und ich," sagte der Ritter Gottfried Peveril, „ich weiß, daß zwischen den Thürcn von meines Vaters Hause und den Pforten der Hölle kein solcher Niederträchtiger wie dieser auf Erden wandelte! Und wenn ich meine Hände je wieder losgebunden wünsche, so ist es nur, weil ich einen geraden Hieb auf einen Graukopf thun möchte, der mehr Verrath ausgebrütet hat, als das ganze lange Parlament." „Fort mit Euch!" sprach Topham. „Taugt das Parlament für ein so arges Maul, als deines? — Meine Herren," setzte er hinzu, sich zu Everett und Dangcrficld wendend, „Ihr werdet Zeugniß davon ablegen." „Daß er das Unterhaus geschmäht hat — bei Gott, das will ich bezeugen!" rief Dangerfield; „ich will cs auf meine Gefahr thun." „Und wahrhaftig," sagte Everett, „da er vom Parlament 330 im Allgemeinen sprach, so hat er auch das Oberhaus mit Verachtung behandelt." „O ihr Nichtswürdigen," sprach der Ritter Gottfried Pe- veril, „deren ganzes Leben eine Lüge — und deren tägliches Brod Meineid ist — wollt ihr meine Worte verdrehen, sobald sie kaum über meine Lippen gegangen sind? Ich sage euch, das Land ist eurer herzlich satt; und sollten die Engländer zu ihrer Besinnung kommen, so würden Kerker und Pranger noch zu gut sein für so niederträchtige Blutsauger. Und nun, Herr Bridgenorth, tbut Euer AergsteS; denn ich will meinen Mund nicht zu einem einzigen Worte mehr auf- thun, so lange ich in der Gesellschaft solcher Schurken bin." „Vielleicht wäre es besser gewesen, Ritter Gottfried," antwortete Briogenorth, „wenn Ihr diesen Entschluß etwas früher gefaßt hättet — die Zunge ist ein kleines Glied, aber sie richtet viel Böses an. — Ihr, Junker Julian, beliebt mir zu folgen, und zwar ohne Gegenvorstellung und Widerstand; denn Ihr müßt wissen, daß ich Zwangsmittel in meiner Gewalt habe." Julian sah allerdings nur. zu gut ein, daß ihm keine andre Zuflucht blieb, als sich höherer Gewalt zu unterwerfen; aber ehe er das Zimmer verließ, kniete er nieder, um seines Vaters Segen zu empfangen, welchen der alte Mann nicht ohne eine Thräne im Auge und mit den nachdrücklichen Worten ihm ertheilte: „Gott segne dich, mein Kind, und halte dich gut und treu gegen Kirche und König, was für ein Wind auch böses Wetter bringen möge." Seine Mutter war nur vermögend, ihre Hand auf seinen Kopf zu legen unv ihn mit leiser Stimme zu bitten, nicht rasch oder ungestüm in irgend einem Versuch zu ihrer Rettung zu verfahren. „Wir sind unschuldig, mein Sohn," sagte 33 l sie, — „wir sind unschuldig — und wir sind in Gottes Händen. Dieser Gedanke sei unser bester Trost und Schutz." Bridgcnorth gab nun Julian ein Zeichen, ihm zu folgen, und dieß that er, begleitet oder vielmehr geführt von den zwei Wachen, die ihn zuerst entwaffnet hatten. Als sic aus dem Zimmer gekommen waren, und an der Thüre des auswendigen Saals sich befanden, fragte Bridgcnorth Julian, ob er sich als von seinem Ehrenwort gebunden betrachten wolle; in diesem Falle würde er ihn aller andern Sicherheitsmittel entheben, sein eignes Versprechen ausgenommen. Julia» Peveril, der sich nicht enthalten konnte, von dem günstigen und gar nicht rachsüchtigen Benehmen eines Mannes, dessen Leben er so eben angegriffen hatte, Etwas zu hoffen, antwortete ohne Bedenken, daß er sein Ehrenwort auf vierundzwanjig Stunden geben wollte, weder durch Gewalt noch durch Flucht seine Befreiung zu versuchen " „Das ist klug gesprochen," antwortete Bridgcnorth; „denn seid versichert, wenn Ihr auch Blutvergießen veranlaßtet, Eure äußersten Anstrengungen würden Euren Eltern doch keinen Dienst leisten- — Pferde her — Pferde in den Hofraum!" Als sie aufgestiegen waren, und langsam nach dem äußern Thore des Hofes ritten, sagte Bridgcnorth zu ihm: „Nicht Jedermann würde bei nächtlicher Reise, und ohne Beistand, so ohne Zurückhaltung sich einem jungen Hitzkopf anvertrauen, der nur vor Kurzem sein Leben angegriffen hat." „Herr Bridgcnorth," sagte Julian, „ich könnte Euch aufrichtig sagen, daß ich Euch zu der Zeit nicht kannte, als ich mein Gewehr gegen Euch richtete; aber ich müßte auch hinzusetzen, daß die Ursache, warum ich es gebrauchte, selbst wenn ich Euch gekannt hätte, wenig Ehrerbietung für Eure Person 332 bewiesen haben könnte. Jetzt kenne ich Euch, und habe weder Tücke, gegen Eure Person, noch für die Freiheit eines Vaters zu fechten. Uebcrdieß habt Ihr mein Wort, und wann hätte ein Peveril das gebrochen?" > „Ja," antwortete Bridgenorth, „ein Peveril — ein Peveril vom Gipfel! — ein Name, der lange, wie eine Kriegs- trowpete, im Lande erschollen ist, der aber nun vielleicht seinen letzten lauten Ton hat hören lassen. Seht zurück, junger Mann, auf die dunkeln Thürme von Eures Vaters Hause, die sich so stolz über der Anhöhe erheben, als sich die Besitzer über die Söhne ihres Volks erhoben. Denkt an Euren Vater, — einen Gefangenen — an Euch selbst, gewissermaßen einen Flüchtling — an Euer erloschenes Licht — Eure verfallene Herrlichkeit — Eure zertrümmerten und verarmten Besitzungen. Denkt, daß die Vorsehung das Schicksal des Peveril'schcn Geschlechts einem Manne in die Hand gegeben hat, den Ihr, in Eurem aristokratischen Stolze, für einen plcbeischcn Glückspils hieltet. Bedenkt dieß; und wenn Ihr Euch wieder Eurer Ahnen rühmt, so bedenket, daß, wer den Niedrigen erhebt, auch den Hochmüthigen erniedrigen kann." Julian sah wirklich einen Augenblick mit schwellendem Herzen auf die schwach hervorschimmernden Thürme seines väterlichen Herrensitzes, auf welche, mit langen Schatten der Thürme und der Bäume vermischt, das Mondlicht fiel. Aber indem er traurig die Wahrheit von Bridgenorth's Bemerkungen anerkannte, fühlte er doch Unwillen über dessen unzcitigen Triumph. „Wenn das Glück dem Verdienste gefolgt wäre," sagte er, „so würden das Schloß Martindale und der Name Peveril ihrem Feinde keine Gelegenheit zu seiner eiteln Prahlerei gegeben haben. Aber die, welche hoch auf dem Rade des Glücks gestanden haben, müssen durch seine Umdrehungen wieder sinken. So viel will ich wenigstens für meines Vaters Haus sagen, daß es nicht »»geehrt gestanden hat; auch wird es, wenn cs fasten soll, nicht undedauert fallen. Enthaltet Euch also, wenn Ihr wirklich der Christ seid, der Ihr sein wollt, der triuinphirenden Freude über das Unglück Anderer, oder der Zuversicht auf Euern eignen Wohlstand. Wenn das Licht unseres Hauses jetzt ausgelöscht ist, so kann cs Gott zu seiner Zeit wieder anzünden." Pevcril brach in äußerstem Erstaune» ab; denn während er die letzten Worte sprach, begannen die Hellrothen Strahlen des Leuchtthurms wieder von ihrem gewohnten Wachttburm zu schimmern, und überschicnen das bleiche Mondlicbt mit einer rötheren Gluth. Auch Bridgcnorth bemerkte diese unerwartete Erleuchtung mit Verwunderung, und, wie eü schien, nicht ohne Unruhe. „Junger Mann, man sollte fast glauben, der Himmel wolle Großes durch Eure Hände bewirken, so sonderbar ist diese Erscheinung auf Eure Worte gefolgt." So sprechend, setzte er sein Pferd wieder in stärkere Bewegung; und von Zeit zu Zeit zurückblickend, als wollte er sich überzeugen, daß der Leuchtthurm des Schlosses wirklich wieder angezündet wäre, nahm er den Weg durch wohlbekannte Fußwege und Alleen nach seinem eigenen Hause Moul- trassie-Hall, und ihm folgte der junge Peveril, der zwar ein ganz zufälliges Entstehen dieser Erleuchtung möglich fand, aber doch ein so innig mit den Ueberlieferungen und Gebräuchen seiner Familie zusammenhängendes Ereigniß nicht anders, als für eine gute Vorbedeutung ansehcn konnte. Sie stiegen an dem Thore von Moultrassie-Hall ab, welches schnell von einer Frauensperson geöffnet wurde; und während Bridgenorths tiefe Stimme den Hausknecht rief, ihre 334 Pferde zu übernehmen, hörte man Aleriens wohlbekannte Stimme Gott danken, daß er ihren Vater wohlbehalten zurückgebracht hatte- Dreiundzwanzigstes Kapitel. Wir erzählten vorhin, daß eine weibliche Gestalt an der Thüre von Moultrassie-Hall erschien, und daß man die wohl- bekannte Stimme AlerienS ihren Vater bcwillkommen hörte, da sie Grund gehabt hatte, seinetwegen sehr besorgt zu sein. Julian, der seinem Führer mit klopfendem Herzen in den erleuchteten Saal folgte, war daher darauf vorbereitet, zu sehen, wie die, welche er am innigsten liebte, ihren Vater umschlang. Sobald sie sich aus des Vaters Armen gewunden hatte, erblickte sie den unerwarteten Gast, der in seiner Gesellschaft gekommen war. Ein tiefes Erröthen, worauf schnell eine Todesblässe folgte, und wieder ein leichteres Roth, vcrrieth ihrem Geliebten deutlich genug, daß seine plötzliche Erscheinung ihr nicht gleichgültig war. Er verbeugte sich tief, — — eine Höflichkeit, die sie eben so förmlich erwiederte; doch wagte er nicht näher zu treten, indem er das zarte Verhältnis seiner und ihrer Lage gleichmäßig empfand. Bridgenorth wandte seinen kalten, starren, schwermüthigcn Blick erst auf ihn, dann auf sie. „Mancher," sagte er ernsthaft, „würde in meinem Falle diese Zusammenkunft vermieden haben; aber ich habe Vertrauen zu euch beiden, wiewohl Ihr jung und mit den Schlingen umgeben seid, die eurem Alter zu drohen pflegen. ES sind Personen in diesem Hause zugegen, die nichts von Eurer Bekanntschaft wissen sollten. Daher seid klug, und verhaltet Euch als Fremde gegen einander." Julian und Alexie tauschten gegenseitig Blicke, als sich ihr Vater von ihnen abwandte» und mit einem Lichte, das im Vorsaale stand, sie zu den Zimmern führte. Es lag wenig Trost in diesem Austausch der Blicke, denn das Traurige in Alericns Miene war mit Furcht vermischt, und auf Julians trübem Gesicht verrieth sich ein ängstliches Gefühl des Zweifels. Auch waren diese Blicke nur flüchtig; denn Alerie sprang auf ihren Vater zu, nahm ihm das Licht aus der Hand, und ging vor ihm her, um Beide in das große eichene Zimmer zu führen, worin, wie früher erwähnt worden, Bridgenortb die Stunden der Niedergeschlagenheit nach dem Tode seiner Frau und feiner Familie zugebracht hatte. Es war jetzt, wie zum Empfang einer Gesellschaft, erleuchtet, und mehrere Personen, nach der Sitte der Puritaner jener Zeit gekleidet, waren darin versammelt. Julian warf erst nur flüchtige Blicke auf die Reihe ernsthafter und finsterer Gesichter, aus welchen diese Gesellschaft bestand, die es vielleicht aufrichtig meinten mit ihren Ansprüchen ans eine höhere Reinheit des Betragens und der Sitten, bei welchen aber dieser hohe Ruhm durch eine übertriebene Strenge in Kleidung und Benehmen etwas beschränkt wurde. Ihre Kleidung war gleichförmig, ein schwarzer Mantel und ein steif und dicht anliegendes Wams, ohne Besetzung oder irgend eine Stickerei, schwarze niederländische Beinkleider und Strümpfe, und eckig auslaufende Schuhe mit großen von Serscheband gemachten Rosen. Einige hatten große weite Stiefeln von Kalbleder, und fast jeder war mit einem langen Rapier umgürtet, welches an ledernen Riemen um einen einfachen Gurt von Büffel- oder schwarzem Leder hing. Ein Paar der altern Gäste, deren Haare durch die Zeit dünn geworden waren, hatten den Kopf mit einem Käppchen von schwarzer Seide oder Sammet bedeckt, welches zwischen die Ohren und über den Schädel gezogen, und kein Haar hcrvor- laffend, die erster» auf jene ungefällige Art hervvrragen ließ, die man auf alten Gemälden bemerken kann, und welche den Puritanern die Benennung „spitzöhrige Stutz- oder Ruud- köpse" zuzog. Diese Männer saßen an der Wand, jeder in seinem alten, bochlehnigen, langbeinigen Stuhle, ohne einander anzusehen, noch, wie es schien, mit einander zu sprechen, sondern in ihre eignen Gedanken vertieft. Major Bridgenorth ging mit geräuschlosem Schritt und mit einem eben so gesetzten und ernsten Wesen an dieser Gesellschaft vorüber. Er hielt vor jedem nach der Reihe, und «heilte, wie es schien, im Vorübergebe» die Vorgänge des Abends und die Umstände mit, unter welchen der Erbe vom Schloß Martindale gegenwärtig ein Gast zu Moultrassie-Hall geworden sei. Jeder schien bei seinem kurzen Bericht sich wie bezaubert zu regen, und die meisten von ihnen warfen, als sie die Erzählung ihres Wirthes hörten, auf Julian einen Blick der Neugier, gemischt mit stolzer Verachtung und dem Bewußtsein ihrer geistigen Ueberlegcnheit, obgleich manchmal der mildere Einfluß des Mitleidcns sichtbar genug war. Julian würde dieses peinigende Augenspiel mit größerer Ungeduld auSgchalten haben, wäre er nicht mit Beobachten der Bewegungen Aleriens beschäftigt gewesen, welche durch's Zimmer schlüpfte, und bloß sehr kurz und leise mit einem und dem andern der Gesellschaft, die sie anredeten, sprechend, ihren Platz neben einer alten Dame nahm, die eine dreifache Haube trug, das einzige Frauenzimmer in der Versammlung war, und ein so eifriges Gespräch mit i-r anknüpste, daß Alexie wohl zu entschuldigen war, wenn sie den Kopf nicht emporrichtete, oder nach Niemand weiter in der Gesellschaft sich umsah. Ihr Vater that eine Frage an sie, auf die sie zu antworten genöthigt war; nämlich wo Debora wäre. „Sie ist bald nach Sonnenuntergang ausgegangcn," antwortete Alexie, „um einige alte Bekannte in der Nähe zu besuchen, und ist noch nicht wieder zurück." Bridgenorth ließ in der Miene seinen Unwillen merken, und nicht zufrieden damit, erklärte er seinen bestimmten Entschluß, daß dieselbe nicht länger ein Mitglied seiner Familie bleiben sollte. „Ich will," sagte er laut und ohne auf die Anwesenheit der Gäste Rücksicht zu nehmen, „solche Personen, und nur solche um mich haben, welche sich in den nüchternen und sittsamen Gränzcn einer christlichen Familie zu halten wissen- Wer mehr Freiheit verlangt, muß uns verlassen, da er nicht zu uns gehört." Ein tiefes, nachdrückliches, summendes Geräusch verrielh die Billigung der Anwesenden, und schien die Entlassung der unglücklichen Wärterin zu entscheiden, die, wie nun entdeckt worden, über die Gränzen hinausgeschwcift war. Selbst Pe- veril, ob er gleich bei seiner früheren Bekanntschaft mit Alcxien beträchtliche Vortheile aus der intcressirten, geschwätzigen Frau geerntet hatte, mußte ihre Entlassung billigen; so sehr wünschte er, daß Alexie, in der Stunde der Verlegenheit, die bald kommen könnte, durch das entschlossene Benehmen und den Rath einer Person ihres Geschlechts von bessern Sitten und unzweideutigerer Rechtschaffenheit, als Debora besaß, wohl- thätig unterstützt würde. Fast sogleich nach dieser Eröffnung zeigte ein Dienstbote Pweril. 22 338 in Trauer sein hageres, eingeschrumpftes und runzliges Gesicht im Zimmer, und meldete mit einer Stimme, die mehr einer Todtenglocke, als dem Herold eines Gastmahlö glich, daß im Nebenzimmer Erfrischungen aufgetragen wären. Brid- genorth ging, mit feiner Tochter auf der einen, und der oben bezeichneten Dame auf der andern Seite, ernst voran, und führte selbst seine Gesellschaft, die ihm mit wenig Rücksicht auf Ordnung und Ceremonie folgte, in das Speisezimmer, wo ein nahrhaftes Abendessen angerichtet war. So wurde Peveril, ob er gleich nach den gewöhnlichen Gesetzen des Anstands auf den Vortritt einigen Anspruch hatte, unter den Letzten gelassen, die das Zimmer verließen, und er hätte gar den Nachzug beschlossen, wenn nicht einer von den Gästen, der selbst zurückgeblieben war, sich verbeugt, und dem jungen Peveril den Vorrang in der Gesellschaft abgetreten hätte, den sich Andere angemaßt hatten. Dieser Zug von Höflichkeit bewog Julian natürlich, genauer zu forschen, wer ihm diese Artigkeit erwies; und er stutzte, als er unter dem niedergedrückten Sammetkäppchen und über den kurzen Kragenbändern das Angesicht Ganlesse's, wie er sich nannte, seines Gesellschafters vom vorigen Abend, entdeckte. Er betrachtete ihn immer wieder von Zeit zu Zeit, besonders als sich alle an die Tafel gesetzt hatten, wo dieß ohne Verletzung des Anstands eher thunlich war. Erst wankte er in seinem Glauben, und war sehr geneigt, die Wahrheit seiner Vermuthung zu bezweifeln, denn der Unterschied der Tracht war so groß, daß er das Ansehen beträchtlich veränderte, und die Züge selbst, weit entfernt, etwas Ausgezeichnetes oder Interessantes zu haben, waren alltäglich. Aber der Eindruck auf seine Seele erneute und verstärkte sich, bis er sich entschloß, mit besonderer Aufmerksamkeit das Beneh- 33 !» men dessen zu belauschen, der seine Blicke so auf sich gezogen batte. Während eines sehr langen Tischgebets, welches einer von der Gesellschaft sprach, bemerkte Julian, daß jener Mann mit acht puritanischer Ehrerbietung zuhörte. Seine Augen waren ew.porgerichtet, und sein ungeheurer Hut, mit einem hohen Kopf und breitem Rande, in beiden Händen vor sich gehalten, stieg und fiel mit dem Tone der Stimme des Sprechenden. Doch als das leichte Geräusch stattfand, welches das Setzen der Stühle u. dgl. begleitet, wenn man sich zur Tafel setzt, begegnete Julians Auge dem Blicke des Fremden, aus dessen Augen nun ein Ausdruck spöttischer Laune und Verachtung leuchtete, welcher ein inneres Belächeln der Ernsthaftigkeit seines gegenwärtigen Benehmens zu verrathen schien. Julian suchte seinen Blick wieder aufzufaffen, um sich zu überzeugen, daß er sich nicht über die Bedeutung dieses flüchtigen Ausdrucks geirrt hätte, aber der Fremde gab ihm keine weitere Gelegenheit dazu. Er hätte durch den Ton seiner Stimme entdeckt werden können, aber der Fremde sprach wenig, und nach der Sitte der ganzen Gesellschaft nur leise. Wenn dieß aber wirklich derselbe Ganleffe war, mit welchem Julian am verflossenen Abend sich in Gesellschaft befunden, und welcher sich der Fähigkeit gerühmt hatte, jede eben beliebige Rolle zu spielen, was konnte die Absicht seiner gegenwärtigen Verkleidung sein? Er war, wenn man seinen Worten glauben durste, ein Mann von einiger Bedeutung, der es wagte, der Gefahr jener Offiziere und Berichterstatter Trotz zu bieten, vor welchen damals alle Stände zitterten; auch würde er, wie Julian meinte, sich wahrscheinlich nicht ohne irgend einen wichtigen Zweck einer solchen Maske, wie 22» 34 « dieser, bedient haben, die demjenigen nur lästig sein konnte, dessen Unterhaltung ihn als einen Freund eines leichtsinnigen Lebens und einer freien Denkungsart ankündigte. Erschien er hier aus guter oder böser Absicht? Betraf seine Anwesenheit das Haus des Ritters Peveril, oder dessen Sohn, oder Bridgenorth's Familie? War Ganlcsse'S wirklicher Charakter dem Herrn des Hauses bekannt, der so unbicgsam in Allem war, was sowohl Sitten als Religion anging? Wo nicht, konnten nicht die Ranke eines so schlauen Kopfs Frieden und Glück AlerienS stören? Ließ waren Fragen, die sich Peveril mit aller Ueberle- gung nicht zu beantworten wußte- Seine Blicke flogen von Alerien auf den Fremden, und neue Besorgnisse und neuer unbestimmter Argwohn, welche die Wohlfahrt dieses geliebten und liebenswürdigen Mädchens betrafen, mischten sich mit der tiefen Bangigkeit, die schon sein Herz in Rücksicht seines Vaters und des Hauses seines Vaters erfüllte. In diesem Aufruhr seines GemüthS befand er sich, als die Gesellschaft nach einem eben so langen Dankgcbet, als das erste Tischgebet war, von der Tafel aufstand, und sogleich zur Familienandacht berufen ward, wobei Bridgcnorth ein Kapitel aus Jeremias vorlas und erklärte. Als Bridgcnorth geendigt hatte, forderte er die Versammlung auf, sich mit ihm im Gebete zu vereinigen; und bei einer kleinen Veränderung, die in der Stellung der Personen bei'm Niederknieen entstand, fand sich Julian neben seiner geliebten Alerie. Eine kurze Zeit war zum stillen Gebet eingeräumt, während welcher Peveril ihre leise Bitte um den verheißenen Segen des Friedens, und um Huld gegen die Menschheit Horen konnte. Als sie sich endlich erhob, sah er Thränen in ihren Augen, und ein Blick, mit dem sie in die- 341 sem Augenblick ihn ansah, zeigte mehr zärtliche Thcilnahme für ihn in seinen verfallenen Glücksumständen, und in seiner abhängigen Lage, als er von ihr hatte damals erlangen kön- "nen, da sein zeitliches Verrnögen so sehr daü ihrige zu übertreffen schien. Erfreut und gestärkt durch die Uebcrzeugung, daß ein Herz in der Gesellschaft, und zwar dasjenige, in welchem er am innigsten einen Platz sich zu sichern wünschte, an seinem Kummer Theil nehme, fühlte er sich stark genug, Alles, was noch folgen möchte, auszudauern, und crschrack nicht vor dem finstern, stillen Lächeln, mit welchem einer nach dem andern in der Versammlung ihn ansah, als sie auf dem Wege zu ihren verschiedenen Nachthcrbergcn sich beim Abschiede mit einem triumphirendcn Blicke an einem Menschen weideten, den sie als ihren gefangenen Feind betrachteten. Alexie ging auch an ihrem Geliebten vorbei, mit niedergesenkten Augen, und erwiederte seine tiefe Verbeugung, ohne sich cmporzurichten. Das Zimmer war nun leer, bis auf Bridgenorth und seinen Gast oder Gefangenen. Der Major nahm einen alten messingenen Leuchter vom Tisch, und sagte, indem er den Weg zeigte : „Ich muß einen unhöflichen Kammerdiener machen und Euch zu einem Schlafzimmer führen, das vielleicht unbequemer ist, als Ihr cinzunehmcn gewohnt seid." Julian folgte ihm stillschweigend eine altmodische Wendeltreppe innerhalb eines Thurmes hinauf. Am Ende derselben war eine kleine Kammer, wo eine gewöhnliche Pritsche, zwei Stühle und ein kleiner, steinerner Tisch die einzige Geräth- schaft ausmachten. „Euer Bett," fuhr Bridgenorth fort, als wünschte er ihr Beisammensein zu verlängern, „ist nicht das 342 weichste, aber Unschuld schläft so gut auf Stroh, als auf Flaumfedern " „Betrübniß, Herr Major," antwortete Julian, „findet auf keinem von beiden Ruhe. Allein, sagt mir doch — denn Ihr scheint eine Frage von mir zu erwarten — was wird das Schicksal meiner Eltern sein, und warum trennt Ihr mich von ihnen?" Bridgenorth wies, statt der Antwort, mit dem Finger aus das Zeichen des Pulvers in seinem Erficht. „Das," sagte Julian, „ist nicht der wahre Grund Eures Verfahrens gegen mich. Es ist nicht möglich, daß Ihr, der Ihr Soldat gewesen und ein Mensch seid, über meinen Versuch zur Vertheldigung meines Vaters betroffen oder unwillig seid. Ueber Alles aber könnet Ihr nicht glauben, und ich muß hinzusetzen, glaubet Ihr auch wirklich nicht, daß ich meine Hand gegen Eure Person erhoben haben würde, wäre nur ein Augenblick Zeit zum Wiedererkennen gewesen." „Ich mag das Alles zugeben," sagte Bridgenorth, „aber was gewinnet Ihr damit in meiner guten Meinung, oder in Hinsicht der Leichtigkeit, womit ich Euch das Unrecht vergeben kann, das Ihr an mir verüben wolltet? — Ihr seid in Haft bei mir, als einer Magistratsperson, angeklagt der Begünstigung des abscheulichen, blutigen und heidnischen Anschlags zur Errichtung des Pabstthums, der Ermordung des Königs, und der allgemeinen Niedermetzelung aller echten Protestanten." „Und aus welchen Gründen darf mich Jemand eines solchen Verbrechens beschuldigen?" sagte Julian. „Ich habe kaum von dem Complot gehört, außer etwa auf dem Wege des gemeinen Gerüchts, welches, weil es von sonst nichts 343 spricht, sich hütet, selbst über diesen Gegenstand etwas Bestimmtes zu sagen." „Es mag für mich hinreichen, Euch zu sagen," gab Brid- genorth zur Antwort, „und vielleicht ist eS schon ein Wort zu viel — daß Ihr, entdeckter Rankemacher — ein ausgespürter Spion seid, der Zeichen und Botschaften zwischen der päbsti- schen Gräfin von Derby und der katholischen Partei in London überbringt. Ihr habt Eure Sache nicht mit sonderlicher Klugheit geführt, Alles dieß ist wohl bekannt, und kann ge- nug'am bewiesen werden. Zu dieser Beschuldigung, deren Ihr Euch wohl bewußt seid, find diese Männer, Everett und Dangerfield, nicht abgeneigt, aus Erinnerung Eurer Physiognomie noch andere Vorfälle hinzuzufügen, welche Euch gewiß Euer Leben kosten werden, wenn Ihr vor ein prote- stcntisches Geschwornen-Gericht kommt." „Sie lügen wie Schurken," sagte Peveril, „wenn sie mich der Theilnahme irgend eines Complots, cs sei gegen den Kinig, die Nation, oder die Verfassung der Religion, bezüch- tigen; und, was die Gräfin betrifft, so hat sich ihre Rechtlichkeit zu lange und zu stark bewiesen, um sie in solchen beteiligenden Verdacht verwickeln zu dürfen." »Was sie bereits gethan hat," sagte Bridgcnorth mit sich verfnsterndem Gesicht, „gegen die treuen Kämpfer für reine Religion, hat hinlänglich bewiesen, wessen sie fähig ist. Sie hat sch auf ihren Felsen begeben, und fitzt, wie sie meint, in Sicherheit, wie der Adler, der nach seinem blutigen Mahle ausrcht. Aber der Bogen des Jägers kann sie noch erreichen — der Pfeil ist gespitzt — der Bogen ist gespannt — und rmn wird bald sehen, ob Amalek oder Israel siegen soll. Was iber dich betrifft, Julian Peveril — warum sollt' ich dir's verhehlen? — Mein Herz jammert um dich, wie das 344 eines Weibes um ihr Erstgcbornes. Dir will ich, auf Kosten meines eigenen Rufs — vielleicht auf Gefahr persönlichen Verdachts — denn wer wird in diesen Tagen des Zweifels davon ausgenommen sein? — Dir, sage ich, will ich Mittel zur Flucht reichen, die dir sonst unmöglich sein würde. Die Treppe dieses Thurms geht in die Gärten hinab — das Pförtchen ist aufgeklinkt — zur rechten Seite sind die Ställe, wo du dein eignes Pferd finden wirst — nimm es und begib dich nach Liverpool. — Ich will dir Anweisung an einen Freund, Namens Simon Simonson, geben, einen von denen, die von den Prälaten verfolgt wurden, und hier wird er deine Reise aus dem Königreiche befördern." „Herr Major," sagte Julian, „ich will Euch nicht tauschen. Sollt' ich Euer Anerbieten zur Rettung annehmm, so würde es geschehen, um einen -öhern Ruf, als den zrr bloßen Selbsterhaltung, zu erwarten. Mein Vater ist in Gefahr — meine Mutter voll Betrüdniß — die Stimme der Religion und der Natur ruft mich an ihre Seite. Ich lin ihr einziges Kind — ihre einzige Hoffnung — ich will ihren helfen oder mit ihnen umkommen." „Ihr seid toll," sagte Bridgenorth, „helfen könnt Zhr ihnen nicht — umkommcn wohl mit ihnen, und selbst ilren Untergang beschleunigen; denn zu den Anklagen, mit dinen Euer unglücklicher Vater belastet ist, würde keine gelinge Verstärkung hinzukommen, wenn sein Sohn sich als verdauter Agent der Gräfin von Derby zeigte, welcher ihre Fistung gegen die protestantischen Commisfionäre behaupten half, und von ihr abgeschickt wurde, eine Communication mit derpäbsti- schen Partei in London zu eröffnen " „Ihr habt mich zweimal als einen solchen Agenter angegeben," sagte Peveril, der sein Stillschweigen nicht fir Ein- 345 räumung der Beschuldigung, die er doch als einigermaßen wohl gegründet suhlte, angenommen wissen wollte. „Welche Gründe habt Ihr zu einer solchen Behauptung?" „Wird es zum Beweise meiner genauen Kenntniß Eures Geheimnisses hinreichen," antwortete Bridgenorth, „wenn ich Euch die letzten Worte wiederhole, welche die Gräfin zu Euch sprach, als Ihr das Schloß der Ketzerin verließet? So sprach sie: „Ich bin eine verlassene Wittwe, welche der Kummer selbstsüchtig gemacht hat." Peveril stutzte, denn dieß waren die eigenen Worte der Gräfin; aber er faßte sich sogleich, und crwiedcrte: „Verhalte es fich mit Eurer Kenntniß, wie es wolle, ich leugne doch Alles standhaft ab, so fern es irgend eine Schuld aus Mich bringt. ES gibt keinen Menschen, der einer treulosen Gesinnung oder eines verräthcrischen Plans weniger schuldig wäre. Was ich für mich selbst sage, das will ich auch, nach meinem besten Wissen, in Hinsicht der edlen Gräfin sagen und behaupten, der ich für meine Erziehung verpflichtet bin." „So gehe denn in deiner Hartnäckigkeit zu Grunde!" sagte Bridgenorth, wandte sich schnell um, und verließ die Kammer, und Julian hörte ihn die enge Treppe hinabeilen, als wenn er seinem eignen Entschlüsse nicht traute. Mit schwerem Herzen, doch mit dem Vertrauen auf eine allwaltende Vorsehung streckte fich Peveril auf sein Lager nieder. 346 Vierundzwanzigstes Kapitel. Während Julian, von Müdigkeit übermannt und von Beängstigung ermattet, als ein Gefangener in dem Hause seines Erbfeindes schlummerte, bereitete die Glücksgöttin seine Befreiung durch einen jener unvermutheten Schläge vor, womit sie die Berechnungen und Erwartungen der Menschheit gern in Verwirrung bringt, und wie sie zu solchem Zweck seltsame Mittel ergreift, so beliebte es ihr für den gegenwärtigen Fall keine geringere Person, als Debora zu gebrauchen. Ohne Zweifel durch die Erinnerung an vorige Zeiten getrieben, hatte diese sich kaum in der Nähe der Scc- nen ihrer früher» Tage gefunden, als sie sich einen Besuch bei der alten Haushälterin auf dem Schlosse Martindale, Ellesmere mit Namen, vornahm, welche, lange aus dem wirklichen Dienst zurückgezogen, in dem Försterhause in der Westgegend des Gehölzes, nebst ihrem Neffen Launce Outram, wohnte, und von dem Ersparten ihrer bessern Tage und einem kleinen, ihr wegen ihres Alters und ihrer treuen Dienste vom Ritter Peveril vom Gipfel auSgesetztcn Jahresgehalt lebte. Nun waren Ellesmere und Debora ehedem keineswegs auf so freundschaftlichem Fuß gewesen, als diese Eile, sie zu besuchen, würde vermuthen lassen. Aber die Jahre hatten Debora vergessen und vergeben gelehrt, oder vielleicht hatte sie keine scheinbare Abhaltung, unter dem Vorwände eines Besuchs bei der Ellesmere, beiläufig zu sehen, was die Zeit an ihrem allen Verehrer, dem Förster, für Veränderungen 347 gemacht hätte. Beide Bewohner waren in dem Häuschen, als Debora, nachdem sie ihren Herrn »ach dem Schlosse gehen gesehen hatte, mit ihrem besten Kleide angethan, nach ElleS- mere's Wohnung ging. Die Augen der Letzteren waren so blöde, daß sie, selbst mit Hülfe der Brille, in der stattlichen und wohlbeleibten Person, welche hercintrat, nicht das schmächtige, wohlgebildete Mädchen wieder erkannte, die, im Vertrauen auf ihr gutes Aussehen und ihre geläufige Zunge, sie so oft durch Unfolgsamkeit geärgert hatte. Kurz, Debora mußte mit Erröthen sich selbst bekannt machen, und als dieß geschehen, ward sie von der Tante und dem Neffen mit der aufrichtigsten Zärtlichkeit ausgenommen. Selbst gebrautes Bier wurde aufgesetzt, und, anstatt einer geringeren Kost, gaben einige Stucke Wildprct, die jetzt in der Schmorpfanne dampften, der starken Vermuthung Raum, daß Launce Outram, als Förster, seine eigne Küche nicht vergaß, wenn er die Speisekammer des Schlosses versorgte. Ein bescheidener Trunk des trefflichen Doppelbiers und einige Schnitte des schmackbaften Fleisches machten Debora bald ganz heimisch vertraut mit ihren alten Bekannten. Nachdem sie alle nöthigen Fragen gethan, und alle passenden Antworten erhalten, in Bezug auf die Nachbarschaft und die noch hier wohnenden Freunde, sing die Unterhaltung etwas zu stocken an, bis Debora den Kunstgriff fand, sie wieder zu beleben, indem sie ihren Freunden die traurige Nachricht mittheilte, daß sie bald gefährlich dösen Neuigkeiten aus dem Schlosse entgegensetzen müßten, weil ihr gegenwärtiger Herr, Major Bridgenorth, von gewissen hohen Personen in London aufgefordcrt sei, ihnen in Verhaftung ihres alten Herrn, des Ritters Peveril, beizustehen, und daß alle Dienstboten Bridgenorth's, und verschiedene andere Personen, die sie nannte, Freunde und Anhänger derselben Sache, eine Macht versammelt hätten, um das Schloß zu überfallen. Der Inhalt dieser Rede, oder mit andern Worten, die Thatsache, daß Major Bridgenorth mit einer Partei auSge- gangcn war, den Ritter Peveril in seinem eignen Schlöffe Martindale anzugrcifcn, klang so erstaunlich befremdend in den Ohren dieser alten Dienstleute seines Hauses, daß sie eben sowohl unfähig waren, die Folgerungen der Debora abzu- wartcn, als sie in dem reißenden Strom ihrer Rede zu unterbrechen. Und als sie endlich athemlos eine Pause machte, war Alles, was Ellesmere erwiedern konnte, die nachdrückliche Frage: „Bridgenorth sollte dem Ritter Peveril Trotz bieten! — Ist das Weib toll?" Einige Dienstmädchen, die während des Lärms vom Schlosse geflohen waren, stürzten in diesem Augenblicke mit mancherlei Bericht über den Vorfall in die Stube; aber alle kamen darin überein, daß ein Haufen bewaffneter Männer im Besitz des Schlosses sei, und daß Major Bridgenorth den jungen Peveril zum Gefangenen gemacht und hinab nach Moultrassie-Hall geschickt habe, und zwar mit unter dem Bauche des Pferdes zusammcngebundenen Füßen — ein schändlicher Anblick — und er ein so edel geborner und hübscher Mensch. Launce krazte sich im Kopfe und war unschlüssig, was er thun sollte. Endlich gab er Cäcilien, einem der aus dem Schlosse entflohenen Mädchen, den Auftrag, auf's Schloß zu- rückzugehen, und durch ein Feuer auf dem Leuchtthurm ihm das Signal zum Anrücken zu geben. Hierauf ging er nach dem nahen Bergwerk, Bonadventure genannt, und suchte die 349 Bergleute, die wegen rückständigen Lohns schwierig geworden, für seinen Plan zu gewinnen. „Hört," hob er an, als sich eine beträchtliche Anzahl derselben versammelt hatte, „hat Ritter Peveril, glaubt ihr, jemals einen Pfennig aus diesem Bergwerk zu Bonadventure in seine Tasche bekommen?" „Ich kann nicht sagen, wie ich denke, daß es wohl geschehen ist," antwortete Gaffer, das Haupt der Bergleute. „Antwortet auf Euer Gewissen, wenn es auch ein bleiernes wäre; wißt Ihr nicht, daß er einen guten Pfennig Geld verloren hat?" „Ei, es kann wohl sein," antwortete Gaffer. „Was ist's weiter? Heute verloren, morgen gewonnen; der Bergmann will in der Zwischenzeit leben." „Ganz recht; aber wovon wollt ihr leben, wenn Herr Bridgenorth das Land bekömmt, der nichts von einem Bergwerke auf seinem Grund und Boden wird wissen wollen? Wird er auf einen todten Verlust hier wollen graben lassen? Meint ihr?" fragte Launce- „Bridgenorth? — der von Moultrassie-Hall, der die große GILcksgrube zuschütten ließ, auf welche sein Vater zehntausend Pfund ausgelegt haben soll, und nie einen Pfennig gewann? Ei, was hat der mit Ritter Peveril's Eigenthum hier zu Bonadventure zu schaffen? Diese Grube war nie sein, meines Wissens." „Nein, so viel ich weiß," sagte Launce, der den gemachten Eindruck bemerkte. „Das Recht und Schulden aber werden ihm die halbe Grafschaft Derby verschaffen, denk' ich, wenn ihr nicht dem alten Ritter Peveril beisteht." „Wenn aber der Ritter todt wäre," sagte Gaffer vorsichtig, „was wird unser guter Wille, ihm beizustehen, helfen?" »Ich sagte nicht, daß er todt wäre, aber so schlimm, als todt, in den Händen der Nundköpfe — ein Gefangener dort driiben auf seinem eigne» Schlosse;" sprach Launce; „und er wird seinen Kopf hergeben müssen, so gut, als der gute Graf Derby zu Boliomle-Moors." „Nun dann, Kameraden," rief Gaffer, „wenn's so ist, wie Herr Launce sagt, so denk' ich, wir sollen eine Hand regen für den alten Ritter Gottfried wider einen niedrig gebornen, niederträchtigen Kerl, wie Bridgenorth, der einen Schacht zuschüttete, der Tausende kostete, ohne einen Pfennig Ausbeute davon zu haben. Drum Heil Ritter Peveril, und nieder mit dem Parlament! Aber halt noch, halt —" er winkte mit der Hand — „hört, Herr Launce, es muß Alles vorbei sein; denn der Wachithurm ist finster, wie die Nacht; und das, wißt Ihr wob!, zeigt des Herrn Tod an." Er wird in einem Augenblick wieder leuchten," sagte Launce, und leise setzte er hinzu: „Gebe es Gott! — Er wird den Augenblick wieder leuchten — es liegt bloß am Brennmaterial und an der Bestürzung der Familie." „Ja, ja. kann wohl sein;" sagte Gaffer; „aber ich will mich nicht rühren, bis ich ihn leuchten sehe." „Ha, ha! nun komml's!" rief Launce. „Dank dir, Cäci- lie. — Nun glaubt Euern eignen Augen, wenn ihr mir nicht glaubt, Kameraden; und nun Heil, Ritter Peveril, dem König und seinen Freunden — und nieder mit den Rundköpfen und ihrem Parlament!" Das plötzliche Wiederlcuchten der Warte hatte alle Wirkung, die Launce nur wünschen konnte, auf diese rohen und unwissenden Leute, die in ihrem Aberglauben den Polarstern PeverilS mit den Schicksalen der Familie in starke Verbindung gebracht hatten. Einmal in Bewegung gesetzt, wurden fle, 351 nach dem Nationalcharakter ihrer Landsleute, bald begeistert; und Launce sah sich an der Spitze von mehr als dreißig rüstigen Gesellen, mit ihren Aerlcn bewaffnet, und bereit, Alles zu unternehmen, was er ihnen auflegen würde. In der Zuversicht, durch das Hinterpförtchen, welches ihm und andern Bedienten im Nothfall zur Bequemlichkeit gedient hatte, in das Schloß zu ziehen, war er nur besorgt, seinen Einzug ganz still zu halten; und empfahl seiner Schaar ernstlich , ihr Feldgeschrci dis für den Augenblick des Angriffs zu- rückzuhaltcn. Sie waren nicht weit auf ihrem Wege nach dem Schlosse vorgerückt, als ihnen Cäcilie so außer Athem vor Eile begegnete, daß das arme Mädchen sich in Launce'S Arme zu werfen genölhigt sah. »Steh auf, Mädchen," sagte er, indem er ihr zugleich heimlich einen Kuß gab, »und laß uns hören, wie's auf dem Schloß steht." „Die gnädige Frau bittet Euch, wenn Ihr Gott und Eurem Herrn dienen wollet, nicht auf das Schloß zu kommen, was nur Blutvergießen veranlassen würde; denn sie sagt, der Ritter Gottfried wird gesetzmäßig behandelt, und muß den Ausgang abwartcn; und er ist unschuldig an dem, wessen man ihn anklagt, und er wird bei dem König und Geheimc- rath sich selbst rechtfertigen, und sie wird mit ihm gehen. Und außerdem haben die rundköpfigcn Schurken das Hinterpförtchen gefunden; denn zwei von ihnen sahen mich herauügehen und jagten mich; allein ich zeigte ihnen ein hübsches Paar Fersen." ^ „Was ist da zu thun?" sagte Launce nachdenklich. „Denn wenn sie sich des Hinterpförtchens versichert haben, so weiß der Teufel, wie wir hinein kommen." »Alles ist am Schlosse mit Riegeln und Schließhacken be- 352 festigt, und mit Flinten und Pistolen bewacht," sagte Cäcilie; „und so scharf find sie, daß sie (wie gesagt) mich fast gefangen hätten, als ich mit der Botschaft meiner gnädigen Frau fort wollte. Aber meine gnädige Frau sagte, wenn Ihr ihren Sohn, Junker Julian, von Bridgenorth befreien könntet, so würde sie es als einen guten Dienst annchmen" „Was?" rief Launce, „ist der junge Herr auf dem Schlosse?" „Er war auf dem Schlosse mitten unter dem Getümmel; aber der alte Bridgenorth hat ihn als Gefangenen nach Moul- trassic-Hall gebracht," antwortete das Mädchen. „Wohlan denn," rief Launce, „da ihr Alle eines Sinnes seid, so wollen wir dem alten Dachs die Haut abzichen; und ich versichere euch, Moultrassie-Hall ist nicht wie eins unsrer massiven Häuser, wo die Mauern so dick sind, wie die FestungS- mauern, sondern elendes Ziegelwerk, das unsere Vergärte wie Käse durchbrechen werden." Er führte nun seine Schaar weiter durch solche Wege, die am wahrscheinlichsten unbewacht waren, nach dem Hofraum von Moultrassie-Hall. Auf der Straße begegneten sie verschiedenen rüstigen Befreundeten, entweder aus der Dienerschaft Peverils, oder Freunden der hohen Geistlichkeit und der adeligen Partei, von denen die meisten durch die, fast in der ganzen Umgegend verbreiteten, Gerüchte beunruhigt, mit Schwert und Pistolen bewaffnet waren. Launce hieß seinen Trupp in der Entfernung eines Pfeilschusses vom Hause, wie er cs selbst beschrieb, Halt machen, und rückte allein zur Auskundschaftung vor; nachdem er Gaffer und seine Gesellen vorläufig zum Beistände herbeizueilen beordert hatte, sobald er pfeifen würde. Er schlich nun behutsam vorwärts, und.fand bald, daß diejenigen, die er über- 353 fallen wollte, eine Schildwache ausgestellt halten. Dieser näherte er sich und gab vor, daß er von einem ParlamcntS- glicde Briese an Bridgenorth zu überbringen habe. „Gebt mir die Briefe, Freund," sagte die Schildwache, der diese Erklärung sehr natürlich und wahrscheinlich vorkam, «und ich will sie sogleich in des Herrn Majors Hände überliefern lassen." Launce wühlte in seiner Tasche, als suchte er die Briefe, die gar nicht cxistirten, näherte sich der Flinte des Mannes, und faßte ihn, ehe er sich'S versa-, beim Kragen, pfiff scharf und gellend, und rang mit seinem Gegner, bis er diesen zu Boden streckte, und die Muskete, um die sie kämpften, im Fallen losging. Die Bergleute stürzten auf Launce'S Signal in den Hofraum ; und ohne Hoffnung, seinen Plan noch länger still zu verfolgen, befahl er zweien, den Gefangenen in Sicherheit zu bringen, und den übrigen laut zu schreien und das Thor des Hauses anzugreifen. Im Augenblick erscholl der Hofraum des Hauses von dem Ruf: „Ritter Peveril soll leben!" Das Getös von außen erregte bald wilde Verwirrung und Unruhe von innen. Lichter flogen von Fenster zu Fenster, und Stimmen ließen sich fragend hören, was die Ursache dieses Lärms sei, worauf das Geschrei der Leute, die im Hofraum waren, eine hinlängliche, wenigstens die einzige Antwort war, die man zu geben beliebte. Endlich öffnete sich das Fenster einer vorragcnden Treppe, und BridgenorthS Stimme fragte mit gebietendem Ansehen, was der Lärm bedeute, und befahl den Aufrührern, auf ihre eigene unmittelbare Gefahr abzustehen- „Wir wollen unfern jungen Herrn haben, ihr kauderwäl- fcher alter Dieb," war die Antwort; „und wenn wir ihn nicht P-eeril. 23 .-.54 den Augenblick haben, so soll der höchste Stein Eures Hauses bald so tief liegen, als der Grund." „Wir wollen das sogleich versuchen," sagte Bridgenorth; „denn wenn noch ein Schlag an mein friedliches HauS geschieht, so feuere ich mein Gewehr auf euch ab, und euer Blut komm' über euer eignes Haupt. Ich habe eine Partie Freunde, mit Musketen und Pistolen wohl bewaffnet, zur Ver- theidigung meines Hauses, und sowohl den Muth als die Mittel, unter Beistand des Himmels jede von euch zu verübende Gewalt zu vergelten." „Herr Bridgenorth," antwortete Launce, der, obgleich kein Soldat, doch Jager genug war, um die Vortdcile zu begreifen, welche seine Gegner unter solchen Umständen nvthwendig haben mußten; „Herr Bridgenorth, laßt unü um Unterhandlungen mit Euch, und um billige Bedingungen bitten. Wir wollen Euch nichts Böses antbun, aber wir wollen unfern jungen Herrn zurückhaben; es ist genug, daß Ihr unfern alten Herr» und seine Gemahlin in Eure Gewalt bekommen habt. Es ist schlechte Jagd, Hirsch, Hindin und Rehkalb zu tödtcn; und wir wollen Euch den Augenblick einiges Licht über die Sache geben." Auf diese Rede folgte ein neuer 'Angriff und ein großes Krachen unter den untern Fenstern des Hauses. „Ich würde des ehrlichen Mannes Wort annehmcn, und den jungen Peveril gehen lassen," sagte Einer von den in Bridgenorths Hause Versammelten, welcher, sorglos gähnend, sich inwendig dem Pfosten näherte, an den sich Bridgenorth gestellt hatte. „Seid Ihr toll?" sagte Bridgenorth; „oder haltet Ihr mich arm genug an Muth, um die Vortdcile auszugeben, die ich nun über die Peveril'sche Familie besitze, aus Furcht vor 355 einem Haufen Bauern, die der erste Schuß zerstreuen wird, wie Spreu der Wirbelwind." „Nein," aniwortete Jener, derselbe, welcher dem jungen Peveril durch seine Ähnlichkeit mit Ganlesse ausgefallen war) „ich liebe eine grausame Rache) aber wir werden ste etwas zu thcucr erkaufen, wenn diese Schurken das Haus anzunden, wie sic wahrscheinlich thun werden, während Ihr aus dem Fenster unterhandelt. Sie haben Fackeln oder Fcucrbrände in den Saal geworfen, und Alles, was unsere Freunde thun können, ist, daß sie die Flamme vom Täfelwcrk abhallcn, das alt und trocken ist." „Run so mag der Himmel dich richten für deinen Leichtsinn," antwortete Bridgenorth; „man sollte denken, Unheil wäre recht eigentlich dein Element, daß cs dir gleichgültig ist, ob Freund oder Feind der Leidende sei." So sprach er, und rannte eilig die Treppe hinab, in welche die Belagerer durch zerbrochene Fensterflügel angezündetcS Stroh geworfen hatten, das hinlänglich war, viel Rauch und etwas Feuer zu verursachen, und die Vertheidiger des Hauses in große Verwirrung zu setzen, um so mehr, da von verschiedenen, aus den Fenstern hastig abgefeuerten Schüssen für die Belagerer wenig oder gar kein Schade erfolgte, welche, immer mehr erhitzt in ihrem Angriff, schon eine Bresche durch die Ziegelinaucr des Hauses gemacht hatten, durch welche Launce, Gaffer und andere der Kühnsten unter dem Haufen ihren Weg in den Saal nahmen. Die vollkommene Einnahme des Hauses blieb jedoch so weit entfernt, als je. Die Vertheidiger verbanden mit vieler Kaltblütigkeit und Geschicklichkeit jenen feierlichen und tiefen Geist der Schwärmerei, welcher das Leben für weniger 23 " ^56 als nichts achtet, wenn cs wahre oder eingebildete Pflicht heischt Aus den halb geöffneten Thüren, welche in das Hauptgebäude führten, unterhielten sie ein Gcwehrscuer, das verheerend zu werden anfing. Ein Bergmann wurde todt geschossen, drei oder vier verwundet, und Launce wußte kaum, ob er seine Streitkräfte aus dem Hause zurückziehen, und dieses den Flammen zum Raube lassen, oder mit einem verzweifelten Angriff auf die von den Vertheidigern besetzten Posten den ungestörten Besitz des Platzes zu gewinnen suchen sollte In diesem Augenblick wurde die Richtung seines Verhaltens durch einen unerwarteten Vorfall bestimmt. Julian Peveril war, gleich andern Einwohnern von Moul- trassie-Hall, in jener bedeutungsvollen Nacht durch den Knall von der Muskete der Schildwache und das darauf folgende Feldgeschrei der Vasallen und Anhänger seines Vaters aufgeweckt worden, wovon er genug vernahm, um zu vermuthen, daß BridgenorthS Haus in der Abficht angegriffen wurde, ihn zu befreien- Sehr zweifelhaft über den Ausgang eines solchen Unternehmens, noch schwindlig von dem Schlummer, aus dem er so plötzlich war erweckt worden, und wie betäubt von der rasche» Folge von Ereignissen, von denen er neulich Zeuge gewesen war, legte er geschwind einen Theil seiner Kleider an, und eilte an das Fenster seiner Kammer. Aus diesem konnte er nichts sehen, was seine Unruhe beschwichtigt hätte; denn es ging auf eine andere Gegend, als wo der Angriff geschehen war. Er rüttelte an der Thüre, sie war von außen verschlossen ; seine Bestürzung und Angst stieg aus'S Höchste, als sich plötzlich das Schloß drehte, und Alerie in einem im Augenblick der Bestürzung nachlässig umgcworfenen Nachtgewande, mit zerstreut auf die Schultern fallenden Haaren, und mit Augen, aus denen Furcht und Entschlossenheit S57 glänzte, in seine Kammer stürzte, und seine Hand mit dem heißen Ausruf ergriff: „Julian, rettet meinen Vater!" Das Licht, das sie in der Hand hielt, zeigte die Gcsichts- züge, die schwerlich irgend Jemand ohne Rührung hätte sehen können, die aber für den Liebenden einen unwiderstehlichen Ausdruck hatten. „Alerie," sagte er, „was soll das heißen? Was gibt eS für ein Unglück? Wo ist Euer Vater?" »Zögert nicht mit Fragen," antwortete sic; „sondern, wenn Ihr ihn retten wollt, folgt mir." Sogleich führte sie ihn in der größten Hast die Thurm- trcppe hinab, die zu seinem Zimmer führte; dann wandte sie sich durch eine Seitenthüre, längs einer langen Gallerie zu einer größern und breitcrn Treppe, an deren Fuße ihr Vater mit vier bis fünf Freunden stand, kaum erkennbar durch den Rauch des Feuers, welcher den Saal einzunehmen anfing, wie auch durch den, der von dem wiederholten Abschießen ihrer Feuergewehre emporstieg. Julian sah, daß kein Augenblick zu verlieren war, wenn er einen glücklichen Vermittler abgcben wollte. Er flog durch Bridgenorths Anhänger, che sie seine Annäherung gewahr wurden, stürzte sich unter die Belagerer, die in großer Anzahl versammelt waren, versicherte sie von seiner persönlichen Sicherheit, und beschwor sie, sich zurückzuziehen. „Seid ruhig, meine Freunde, und nehmt vernünftige Vorstellung an," sprach er, als sie sich nicht abwendig. machen lassen wollte» ; „wir sind Alle hier i» schlimmer Lage, und ihr weidet sie durch Streit nur verschlimmern. Helft dicß Feuer auslöschen; es wird uns sonst Alles kosten, was unS thcuer ist. Bleibt unter den Waffen- Laßt Herrn Bridge- 358 north und mich einige Vergleichsvorschläge eingehen, und ich hoffe, Alles wird gut ausgeglichen werden auf beiden Seiten; und wo nicht, so sollt ihr meine Einwilligung und meinen Entschluß haben, cs auszufechten; und komme cs, wie eü wolle, ich werde die geleisteten guten Dienste dieser Nacht nie vergessen." Hierauf nahm er Gaffer und Launce beiseite, während die Ucbrigcn über seine Erscheinung und Rede betroffen dastanden; und mit dem herzlichsten Dank für das, was sie bereits gethan hätten, bat er sie um die größte Gunst, die sie ihm und seines Vaters Hause erzeigen könnten, ihn selbst die Bedingungen seiner Freilassung aus der Gefangenschaft unterhandeln zu lassen; zu gleicher Zeit drang er Gaffer'n einige Goldstücke auf, damit die braven Leute von Bonadventure seine Gesundheit trinken könnten, während er Launccn die wärmste Erkenntlichkeit seiner thäligen Güte ausdrückre, aber betheucrtc, daß er cs nur als einen, seinem Hause geleisteten Dienst ansehen könnte, wenn er ihm erlaubte, die Sache nun nach seiner eignen Weise zu führen. „Je nun, Junker Julian," sagte Launce, „nun ist'ö auch mit mir aus; denn diese Sache liegt außer meinem Fache. Alles, was ich verlange, ist, Euch wohlbehalten aus Moul- trassic-Hall forikommen zu sehen; denn unsere alte Muhme Whitaker wird mich sonst nur kalt empfangen, wenn ich heimkomme. Die Wahrheit ist, ich unternahm es ungern; aber als ich den armen Joe erschossen neben mir sah, ei, dacht' ich, wir müssen uns etwas schadlos halten. Aber ich lege Alles in Euer Gnaden Hände." Während dieser Unterredung waren beide Parteien freundschaftlich beschäftigt, das Feuer zu löschen, welches außerdem 35S Allen hätte verderblich werden können, und vereinigten sich zu der Arbeit mit so viel Einmüthigkeit, als wenn das Wasser auch die feindselige Gesinnung gedämpft hätte. F ttn f u n d z w a n z i g st e s Kapitel. Als der letzte Eimer Wasser auf der wenigen, noch glimmenden Asche gezischt hatte — als die bisher durch ein Ge- sühl gemeinschaftlicher Gefahr unterbrochene Empfindung gegenseitiger Feindseligkeit wieder erwacht war — sonderten sich die Parteien wieder von einander, und fingen an, sich auf entgegengesetzten Seiten von Moultrassie-Hall aufzustellen und ihre Waffen zu ergreifen, als sollte das Gefecht wieder erneuert werden. Vridgenorth aber unterbrach jeden weitern Fortschritt dieser gedrohten Feindseligkeit. „Julian Peveril," sprach er, „Ihr seid frei und könnt Euern eignen Pfad wandeln, weil Ihr nicht mit mir die Straße gehen wollt, die sowohl sicherer als auch ehrenvoller ist. Wollt Ihr aber meinem Rath folgen, so begebt Euch bald jenseits der brittischen Meere " „Ralph Vridgenorth," sagte einer von seinen Freunden, „das ist ein übles, schwaches Benehmen von Eurer Seite. Wollt Ihr Eure Hand zurückhalten vom Kampfe gegen diese Söhne Belial's? Gewißlich, wir sind unser genug, um im Vertrauen auf unsre alte gute Sache mit ihnen fertig zu werden; so sollten wir uns auch nicht trennen von dieser Brut dcr alten Schlange, bis wir versuchen, ob uns der Herr nicht den Sieg darin geben will." Beifallgcmurmel folgte; und wäre nicht Ganlcsse dazwischen getreten, so hätte sich der Kampf wahrscheinlich erneuert. Er nahm den, dcr zum weiteren Kampf gerathen hatte, bei Seite in eine Fenstervertiefung, und schien ihn mit seinen Einwürfen zu befriedigen; denn als derselbe zu seinen Gesellschaftern zurückkehrte, sagte er zu ihnen: „Unser Freund hatte diese Sache so wohl durchdacht, daß ich, bei seiner Ueberein- stimmung mit dem Major Bridgenorth, wahrhaftig der Meinung bin, der junge Mann möge in Freiheit gesetzt werden " Da kein fernerer Einwand geschah, blieb für Julian bloß übrig, denen, die zu seinem Beistände thätig gewesen waren, sich dankbar und erkenntlich zu beweisen. Nachdem er erst von Bridgenorth ein Versprechen der Straflosigkeit für die Aufrührer erlangt hatte, sprachen einige freundliche Worte seine Anerkennung ihrer Dienste aus; und etliche Goldstücke, Launce in die Hand gedrückt, verschafften ihnen die Mittel zu einem Festtage. Sie würden zu seinem Schutze noch da geblieben sein; allein aus Furcht vor weitern Unordnungen, und im vollen Vertrauen auf Bridgeuorths Ehrenwort, entließ er sie Alle, Launcen ausgenommen, den er zu seiner Aufwartung bei sich behielt, bis er Moultrassie-Hall verlassen würde. Aber che er das Haus verließ, konnte er das Verlangen nicht unterdrücken, mit Bridgenorth allein zu sprechen, er näherte sich ihm daher und gab ihm diesen Wunsch zu erkennen. Stillschweigend gewährte ihm dieser seine Bitte, und führte ihn in einen kleinen, an das Herrenhaus von Moultrassie glänzenden Sommersalon, wo er, mit seinem gewohnten ernsthaften und gleichgültigen Wesen, schweigend zu erwarten schien, was der junge Pcveril ihm mitzutheilen hätte. Julian fand cs schwer, wo ihm so wenig Zugang eröffnet war, den Ton zu finden, in dem er sich über Gegenstände, die er auf dem Herzen hatte, erklären, und der zugleich würdevoll und gewinnend fein sollte. «Herr Major," sagte er endlich, „Ihr seid ein Sohn, und ein zärtlicher Sohn gewesen — Ihr könnt meine gegenwärtige Unruhe begreifen — Mein Vater! — Was ist über ihn entschieden worden?" „Was das Gesetz will," gab Bridgenorth zur Antwort. „Hätte er dem Rath gefolgt, den ich ihm geben ließ, so würde er ruhig in dem Hause seiner Vorfahren haben bleiben können. Sein Schicksal liegt nun außer meiner Macht — weit außer der Eurigen. Es muß mit ihm ergehen, wie sein Vaterland entscheiden wird." „Und meine Mutter?" fragte Peveril. „Wird, wie fie immer gethan, ihre Pflicht zu Rathc ziehen, und dadurch ihr eigenes Glück schaffen," antwortete Bridge- north. „Glaubt nur, meine Absichten mit Eurer Familie find besser, als fie scheinen mögen. Ich kann als ein Mensch triumphiren, aber als Mensch muß ich auch in meiner glücklichen Stunde bedenken, daß meine Feinde auch die ihrigen gehabt haben. — Habt Ihr sonst noch Etwas zu sagen?" setzte er nach einer augenblicklichen Pause hinzu, — „Ihr habt einmal und immer wieder die Hand verschmäht, die ich Euch darreichte. Mich dünkt, nun bleibt wenig mehr zwischen uns übrig." Diese Worte, welche eine fernere Erörterung abzulchneiden schienen, wurden ruhig gesprochen, so daß sie, ob sie zwar den Muth zu einer sernern Frage zu benehmen schienen, doch das nicht unterbrechen konnten, was noch auf Julians Zunge zitterte. Er machte einige Schritte nach der Thüre, dann 362 kehrte er plötzlich zurück. „Eure Tochter?" sagte er — „Herr Major — um Vergebung sollt' ich bitten — ja, ich bitte um Vergebung, daß ich ihren Namen erwähne — aber darf ich nicht nach ihr mich erkundigen? — darf ich nicht meine Wünsche für ihre künftige Glückseligkeit äußern?" „Euer Interesse an ihr ist nur zu schmeichelhaft," sagte Bridgenortk, „aber Ihr habt schon Eure Partei ergriffen, und Ihr müßt in Zukunft einander fremd sein. Ich mag eS anders gewünscht haben; aber die Stunde der Gnade ist vorüber, während welcher Eure Folgsamkeit gegen meinen Rath hätte — ich will cs gerade heraussagen — zu eurer Vereinigung führen können. WaS Aleriens Glückseligkeit betrifft — wenn ein solches Wort einer sterblichen Pilgerschaft zukommt — so werd' ich hinlänglich dafür sorgen- Sie verläßt heute diesen Ort unter der Aufsicht eines sichern Freundes " „Doch nicht-" rief Peveril aus, und brach ah; denn er fühlte, daß er kein Recht hatte, den Namen auszusprechcn, der ihm auf den Lippen schwebte. „Was haltet Ihr inne?" sagte Bridgenorth. „Ein plötzlicher Gedanke ist oft ein weiser, fast immer ein aufrichtiger. Wem, glaubtet Ihr, daß ich mein Kind anvertrauen wollte, daß der Gedanke daran einen so ängstlichen Ausruf hcrvor- trieb ?" „Ich sollte wieder um Verzeihung bitten," sagte Julian, „daß ich mich in Etwas mische, wozu ich wenig Recht habe. Ader ich sah hier ein mir bekanntes Gesicht. — Die Person nennt sich Ganleffe — Ist es dieser, dem Ihr Eure Tochter anvertrauen wollt?" „Eben dieser ist's, der sich Ganleffe nennt," sagte Bridgr- north, ohne Verdruß oder Befremden zu verrathen. 363 „Und kennt Ihr den Mann, dem Ihr ein Allen, die sie kennen, so schätzbares, und Euch selber so theurcs Pfand übergebt ?" fragte Julian- „Kennt Jbr ihn, der Ihr an mich die Frage thut?" ant- worketete Bridgenorth. „Ich gestehe, ich kenne ihn nicht," erwiederte Julian; „aber ich habe ihn in einem, von seinem jetzigen so verschiedenen Charakter gesehen, daß ich es für meine Pflicht -al>e, Euch zu warnen, einem Menschen die Aufsicht über Euer Kind an- , zuvertrauen, der abwechselnd den Lüstling oder den Heuchler spielen kann, wie es seinem Interesse oder seiner Laune zusagt." Bridgenorth lächelte mit dem Blick der Verachtung. „Ich möchte unwillig werden," sagte er, „über den dienstfertigen Eiker, welcher voraussctzte, daß seine unreifen Begriffe meine grauen Haare belehren könne; aber, guter Julian, ich erbitte mir von Euch nur die Voraussetzung, daß ich, ter ich viel Verkehr mit den Menschen gehabt habe, wohl weiß, wem ich mein Theuerstes anvertraue. Der Mann, von dem Jbr sprecht, hat sein eigenes Aeußere für seine Freunde, ob er gleich wieder ein anderes für die Welt haben mag, wenn er unter Leuten lebt, von denen ehrliche Mienen unter einer seltsamen Maske verborgen werden sollten." „Ich wollte Eure Weisheit nur bitten," sprach Julian, „sich vor einem Menschen in Acht zu nehmen, der, so wie er eine Maske für Andere hat, auch eine habe kann, mit der er sein wahres Wesen vor Euch selber verbirgt," «Das ist nur zu viel Sorgsamkeit, junger Mann," antwortete Bridgenorth in kürzerm Tone, als er bisher gesprochen; „wolltet Ihr meinem Rath folgen, so würdet Ihr Euch um Eure eigenen Angelegenheiten bekümmern, die, Ihr könnt mir glauben, alle Eure Sorgfalt verdienen, und Andern könntet Ihr die Besorgung der ihrigen überlassen." Dieß war zu klar gesprochen, um mißverstanden zu werden; und Peveril war gcnöthigt, ohne weitere Verhandlung und Erklärung von Bridgenorth und Moultrassie-Hall Abschied zu nehmen. Noch oft blickte er zurück, um zu errathcn, welches Licht unter denen, die noch in den verschiedenen Thcilen des Gebäudes schimmerten, aus Alcriens Zimmer funkeln möchte, und als die Straße sich in eine andere Richtung zog, sank er in tiefe Träumerei, aus der er endlich durch Launce's Stimme . erwachte, welcher fragte, wo er sein Nachtquartier nehmen wollte. Er war auf diese Frage unvorbereitet; aber der ehrliche Förster half ihm selbst die Aufgabe lösen, indem er ihn bat, ein Gastbett im Jägcrhäuschcn anzunehmen, was Julian gern zufrieden war. Die übrigen Bewohner hatten sich zur Ruhe begeben, als sic eintratcn; aber die alte Elles- mcrc, welche von einem Boten die gastfreundschaftliche Absicht ihres Neffen erfahren, hatte Alles in der bestmöglichen Bereitschaft für den Sohn ihres alten Oberhcrrn. Peveril begab sich zur Ruhe; und ungeachtet so vieler Gegenstände der Beängstigung, schlief er doch fest, bis der Morgen schon weit vorgerückt war. Sein Schlummer wurde zuerst durch Launce unterbrochen, der schon lange auf und in seinem Dienst thätig war. Er meldete ibm, daß sein Pferd, seine Waffen und sein kleiner Mantclsack ihm vom Schlosse durch einen Bedienten Bridgenorths geschickt worden waren, welcher einen Brief zur Entlassung der unglücklichen Debora Debbitch aus des Majors Dienst, nebst dem Verbot ihrer Rückkehr in das Herrenhaus von Moultrassie, mitbrachte. Der Ofsizier vom Unterhause des Parlaments hatte das Schloß Martindalc, von 365 einer starken Wache begleitet, denselben Morgen früh verlassen, und war in Ritter Pevcrils Wagen gefahren, dessen Gemahlin ihn zu begleiten Erlaubnis erhallen hatte. Diesen Nachrichten hatte er noch beizufügen, dass das Eigcnthum des Schlosses vom Herrn Win-the-fight, dem Sachwalter von Chesterfield, und von andern Gerichtsbeamten, im Namen des Major Bridgenorth, eines ansehnlichen Gläubigers von dem unglücklichen Ritter, in Besitz genommen worden. Nach Erzählung dieser nicht erfreulichen Nachrichten hielt Launce innc, und nach kurzem Bedenken erklärte er seinen Entschluß, das Land zu verlassen, und mit seinem jungen Herrn nach London zu geben- Julian überlegie die Sache mit ihm, und bestand darauf, er bliebe füglichcr zur Aufsicht über seine Tante zurück, falls sie von diesen Fremden beunruhigt werden sollte. Launce erwiederte: „Sie würde Einen bei sich haben, der sie gut genug beschützen würde; denn es gäbe überall unter ihnen Schutz zu kaufen. Für seine Person aber wolle er dem jungen Herrn Julian bis in den Tod folgen." „Wohlan denn, Launce," sagte Julian, „weil Ihr entschlossen seid, so wollen wir zusammen nach London gehen, wo ich, wenn ich Euch nicht in meinem Dienst behalten kann, und wenn mein Vater nicht aus seinem Unglück sich wieder erholt, suchen werde, Euch anderwärts zu befördern " Er suchte nun zunächst seine Tante mit der einstweiligen Trennung von ihrem Neffen auszusöhncn. Ihre unbegrenzte Ergebenheit gegen die Familie vermochte die Alle, gern sich in seinen Plan zu fügen, wiewohl nicht ohne einen frommen Seufzer über die Trümmer eines Luftschlosses, das auf De- borens wohl erhaltene Börse gegründet war, wenn Launce sich mit ihr vereinigt hätte. 366 Bald darauf stiegen sie zu Pferde, und waren, als sich der Weg erhellte, in der Richtung nach London, doch nicht auf der gewöhnlichen Straße. Julian berechnete, daß der Wagen, in welchem sein Vater fortgebracht wurde, langsam fahren würde, und cs war sein Vorsatz, wo möglich London zu erreichen, eh' er dort ankämc, um Zeit zu haben, mit den Freunden seiner Familie über die zum Besten seines Vaters zu nehmenden Maaßregeln zu berathschlagen. Auf diese Art kamen sie eine Tagcsreise London näher. Am Ende derselben fand Julian sein Nachtquartier in einem kleinen WirthShause an der Straße. Auf den ersten Ruf erschien Niemand, die Fremden und ihre Pferde zu besorgen, obgleich das HauS wohl erleuchtet war, und man hörte ein ungewöhnliches Schwatzen in der Küche. Julian fiel den Augenblick darauf, daß dieß von dem französischen Koch herrüh- ren müsse, von dessen Schüsseln er neulich mit Smith und Ganlesse gespeist hatte. Einer oder Beide waren daher wahrscheinlich in dem kleinen WirthShause; und war dieß der Fall, so konnte er Gelegenheit haben, ihren wirklichen Zweck und Charakter zu entdecken. Wie er eine solche Zusammenkunft benutzen sollte, wußte er nicht, aber der Zufall begünstigte ihn mehr, als er erwarten konnte. „Ihr Herren, ich kann euch kaum aufnchmcn," sagte der Gastwirts), der endlich an der Thür erschien; „es sind heut Nacht vornehme Leute in meinem Hause, denen weniger als Alles nicht genüget-, nicht einmal Alles, in dieser Hinsicht." „Wir sind nur gemeine Leute, Herr Wirth," sagte Julian; „wir wollen auf de» Moseley Markt, und können diesen Abend nicht weiter. Irgend ein Loch wird für uns gut sein, es sei, wie es wolle." „Ei," sagte der Wirth, »wenn das der Fall ist, so muß ich den Einen von euck hinter die Gitterthürc stellen, obgleich die Herren allein für sich sein wollen; der Andere muß für- lieb nehmen, und mir in der Schenkstube helfen." „Die Schcnlstube ist für mich," sagte Launce, ohne seines Herrn Entscheidung abzuwarten. „Es ist ein Element, worin ich leben und sterben könnte." „Die Gittcrschranken sind also für mich," sagte Peveril, und indem er zurücktrat, flüsterte er Launccn zu, die Mäntel unter einander zu tauschen, um, wo möglich, unerkannt zu bleiben. Der Tausch war im Augenblick geschehen, und gleich darauf brachte der Wirth ein Licht. Als er Julian in seine Echenkstube führte, ermahnte er ihn, ruhig an den Ort zu sitzen, wo er ihn Hinpflanzen würde, und wenn man ihn entdeckte, sollte er nur sagen, daß er zum Hause gehöre; für das Uebrige sollt' er ihn sorgen lassen- „Ihr werdet hören, was die feinen Herren sagen," setzte er hinzu, „aber ich denke, Ihr werdet wenig davon wegkricgen; denn wenn es nickt Französisch ist, so ist es Hof-Kauderwälsch, und das ist eben so schwer zu verstehen " Die Gittersckranken des Gasthauses, in welches Julian kingesührt wurde, schienen in Bezug auf die Gaststube nach der Idee einer Citadelle eingerichtet, die bestimmt ist, eine aufrührerische Hauptstadt zu beobachten und zu zügeln. Hier saß der Wirth an Sonnabenden, vor den Blicken seiner Gäste geschützt, jedoch im Stande, sowohl ihre Bedürfnisse, als ihr Betragen zu beobachten, und auch ihre Unterredung zu dehorcken. Hichcr brachte er seinen Gast, mit der wiederholten Warnung, die Herren nicht durch Sprechen oder Bewegung zu 368 stören, und mit dem Versprechen, daß er bald mit einer kalten Rindskeule und einem Krug Hausbier bedient werden sollte. Nur schwach erhellte das Licht die Stube, welches von dem wohlerleuchteten Zimmer durch eine Art Fensterladen, der dem Wirth einen Blick in dasselbe verschaffte, herüber schimmerte. Diese an sich ziemlich unbequeme Lage war für die gegenwärtige Gelegenheit gerade so, wie sie Julian gewählt haben würde. Er wickelte sich in Launce's Mantel, der durch Alter und Wetter tausendfache Farben erhalten hatte, und schickte sich so still als möglich an, die beiden Gäste zu beobachten, die sich des ganzen Zimmers bemächtigt hatten. Sie saßen an einer mit solchen köstlichen Seltenheiten" wohl besetzten Tafel, welche nur von einem geschickten Koche halten herbei- gcschafft und zubereitct werden können, und schienen ihm in beiderlei Hinsicht viel Gerechtigkeit angedeihen zu lassen. Julian fand cs nicht sehr schwer, sich zu überzeugen, daß der eine von den Reisenden Smith war. Den andern, der ihm in's Gesicht sah, hatte er nie zuvor gesehen. Dieser Letztere ging wie ein Stutzer vom ersten Range gekleidet. Sein Reiscmantel war im neuesten und feinsten Geschmack gestickt; die Stickerei seiner Weste und der besondere Schnitt seiner Beinkleider vorzüglich. Die Füße hatte er auf einen Stuhl gestreckt, und betrachtete die hübsche Form derselben mit unendlicher Zufriedenheit. Julian belauschte nun in seinem Versteck ein für ihn sehr wichtiges Gespräch zwischen dem Lord und Smith, oder, daß wir ihn bei seinem wahren Namen nennen, Chiifinch. Der Letztere erzählte, wie Eduard Christian, — der Bruder jenes Wilhelm Christian, den die Gräfin von Derby hinrichten ließ, — unter dem Namen Ganleffe, den jungen Peveril in eine 36S Herberge gelockt, wie sie ihm im Wein einen Schlaftrunk gegeben, die Depeschen der Gräfin ihm abgenommen, und andere unbeschriebene Papiere dafür untergeschoben, auch die Kugeln aus seinen Pistolen gezogen hatten, weßwegen sein Schuß auf Bridgenorth seine Wirkung verfehlte- Auch sprach Cbisfinch von dem Plane Christian s, Alexien's Unschuld an einen der Großen des Reichs zu verkaufen. Mit sich im Zweifel, ob er Chisfinch's Erzählung glauben sollte, untersuchte er, als der Lord zu Bette gegangen und Chifstnch betrunken hinausgetaumclt war, eilig sein Packet, und fand, daß das Futteral von Seehundsfell, worin cü steckte, nur bloß eine gleiche Menge leerer Papiere enthielt; auch fand er, daß die Kugel der andern Pistole gleichfalls auögezogen war. — „Mag ich umkommen unter diesen schändlichen Ränken," sagte er bei sich selbst, „aber du sollst sicherer geladen werden, und zu befferm Zweck! Der Inhalt dieser Papiere mag meine Wohlthäterin zu Grunde richten, — daß man sie bei mir gefunden, mag meinen Vater in's Verderben bringen, — daß ich der Ueberbringer derselben gewesen, mag in diesen feurigen Zeiten mir das Leben kosten, — darum kümmere ich mich am wenigsten, — sie bilden einen Zweig von dem Entwurf gegen die Ehre und das Glück eines so unschuldigen Geschöpfs, daß es fast Sünde ist, zugleich an sie in der Nachbarschaft so niedriger Schurken zu denken. Ich will die Briese auf alle Gefahr wieder zu erlangen suchen. — Aber wie? — das ist zu überlegen. — Launce ist tapfer und redlich, und wenn eine kühne That einmal beschlossen ist, fehlten da noch nie die Mittel, sie auszuführen. Der Wirth trat nun herein mit Entschuldigung seiner langen Abwesenheit; und nachdem er Peveril einige Erfrischung vorgesetzt hatte, bat er ihn, zu seinem Nachtquartier Peveril. 24 370 die Bequemlichkeit eines entlegenen Heubodens anzunehmen, und mit seinem Kameraden zu theilen. Julian war's zufrieden, und als er den treuen Diener in der Morgendämmerung weckte, fand er ihn bereit, die ihm entwendeten Papiere wieder gewinnen zu helfen. „Wären wir nur des Lords und seines Gefolges los," sprach Julian, „mit den Andern wollten wir schon fertig werden." „O, die will ich allein auf mich nehmen," versetzte Launce- Und was Lord Saville betrifft, wie er sich nennt, so hört' ich ein Wort letzte Nacht, daß er und alle seine Leute diesen Morgen fortreisen werden zu einigen Wettrennen oder dergleichen Lustbarkeiten bei Tutberrp. Dicß brachte ihn her, wo er zufällig diesen andern Taugenichts traf." Wirklich hörte man, als Launce sprach, ein Pferd im Hose, und aus der Oeffnung ihres Heubodens sahen sie Lord Saville's Diener bereit, fortzureisen, sobald er erscheinen würde. „Nun, Herr Jeremias," sagte einer aus dem Gefolge zu einem Diener, der eben aus dem Hause kam, „mich deucht, der Wein hat auf den gnädigen Herrn diesen Morgen wie ein Schlaftrunk gewirkt." „Nein," antwortete Jeremias, „er ist vor Tagesanbruch auf gewesen, um Briefe nach London zu schreiben; und zur Strafe Eurer Unehrerbietigkeit, Jonathan, sollt Ihr mit ihnen zurückreiten." „Und so das Wettrennen versäumen," sagte Jonathan verdrießlich; „ich danke Euch für diese gute Verfügung, Herr Jeremias, und der Henker hole mich, wenn ich es vergesse." Weiteres Gespräch wurde durch die plötzliche Erscheinung des Lords verhindert, der, als er aus dem Gasthofe kam, zu » 371 Jeremias sagte: „Dicß find die Briefe. Laßt einen von den Burschen auf Tod und Leben nach London reiten, und fie an die Adresse abgeben; die Nebligen mögen auffitzen, und mir folgen." Es waren volle drei Stunden nach ihrer Abreise, als Chiffinch in das Zimmer, wo sie zu Abend gespeist hatten, geschlendert kam, in einem brocatnen Schlafrock, mit einer grünen Sammetmüße auf dem Kopfe, die mit den kostbarsten Brüsseler Spitzen aufgeschlagen war. Er schien nur halb wach, und forderte mit schlaftrunkener Stimme ein Glas kaltes, leichtes Bier- Sein ganzes Wesen und Ansehen ver- rieth einen Menschen, der am vorigen Abend stark mit Bacchus gerungen, und kaum sich von den Wirkungen seines Kampfs mit dem muntern Gotte erholt hatte. Launce, den sein Herr angewiesen hatte, seine Bewegungen zu belauern, brachte ihm dienstfertig den kühlenden Trank, und entschuldigte den Wirth, statt dessen er komme, mit dem Wunsche, den er gehabt habe, einmal einen Londoner in seinem Schlafrock und seiner Schlafmütze zu sehen. Chiffinch hatte kaum seinen Morgentrunk zu sich genommen, als er nach Lord Saville fragte. »Ihre Gnaden find schon bei frühem Morgen abgereist," war Launce's Antwort. „Was zum Teufel!" rief Chiffinch aus. „Das ist nicht sehr höflich. — Was! fort nach dem Wettrennen mit dem ganzen Gefolge?" „Alle, bis auf Einen," antwortete Launce, „den der gnädige Herr mit Briefen nach London zurückschickten." „Nach London mit Briefen!" ries Chiffinch. „Ei, ich gehe nach London, und hätte seinem Boten eine Mühe ersparen können. — Aber still — halt — ich fange mich an zu befin- 24» r- nen — verdammt; kann ich geschwatzt haben? — ich habe — ich habe — ich besinne mich auf Alles — ich habe geschwatzt, und gegen das wahre Wiesel des Hofs, das aus Zedermanns Gehcimniß das Eidotter aussaugt. Tod und Hölle! — daß meine Nachmittage, meine Morgen so verderben mußten! — Ich mußte da den guten Gesellschafter und Zechbruder machen — meine Vertraulichkeiten und Zwiste haben — meine Freunde und meine Feinde recht mir zum Verderben, als wenn Jemand einem Menschen so viel Gutes erweisen, oder so viel Böses anthun könnte, als seinem eignen Selbst. Doch sein Bote muß aufgehalten werden — ich will eine Speiche in sein Rad setzen. — Hört, Kellner — rust meinen Reitknecht her." Launce gehorchte, verfehlte aber nicht, als er den Dienstboten hereingebracht hatte, im Zimmer zu bleiben, um zu hören, was zwischen ihm und seinem Herrn Vorgehen würde. „Hör', Thomas," sagte Chiffinch, „hier sind fünf Pfund für dich." „Was Hab' ich nun zu thun?" sagte Thomas trocken. „Steig' auf deinen flinken Klepper, Thomas — reite, wie der Teufel — überhole den Reitknecht, den Lord Saville diesen Morgen nach London abschickte, — lähme sein Pferd, brich ihm die Beine,-mach ihn trunken, wie das baltische Meer, oder thue, was am besten und wirksamsten seine Reise aufhaltcn kann. — Was steht der Lümmel da, ohne mir zu antworten? — Verstehst du mich?" „Ei ja, Herr Chiffinch," sagte Thomas, „und das, denk' ich, wird auch bei dem ehrlichen Mann hier der Fall sein, der nicht ganz so viel von Eurem Aufträge zu hören nöthig hatte, wenn es Euer Ernst gewesen wäre." „Ich bin diesen Morgen wie behext," sagte Chiffinch zu 373 sich selber, „oder der Champagner braust noch in meinem Kopfe. — Höre du, Kellner," sagte er zu Launce, „sei verschwiegen, — cs gilt eine Wette zwischen Lord Saville und mir, wer von uns zuerst einen Brief in London haben soll. Hier ist etwas auf meine Gesundheit zu trinken. Sprich nichts davon; aber hilf Thomas auf sein Pferd. — Thomas, ehe du fortjagst, hole deine Creditive. — Ich will dir einen Brief an den Herzog von Buckingham mitgeben, zum Zeug- niß, daß du der Erste in der Stadt warst." Thomas duckte sich, und ging hinaus; und Launce lief, nach einigen Bewegungen, ihm auf's Pferd zu Helsen, zu seinem Herrn zuruck, um ihm die frohe Botschaft zu bringen, daß ein glücklicher Vorfall Chisfinch's Partei auf ihre eigene Anzahl heruntergebracht habe- Peveril befahl sogleich, seine Pferde bereit zu halten, und sobald Thomas im schnellsten Trott nach London abgeritten war, hatte er das Vergnügen zu bemerken, daß Chisfinch für dieselbe Reise, doch in gemäßigterem Schritt, mit seinem Günstling Chaubert, dem französischen Koch, zu Pferde stieg. Er ließ sie eine solche Entfernung erreichen, daß ihnen ohne Verdacht nachgespürt werden konnte, dann bezahlte er seine Rechnung, bestieg sein Pferd, und folgte, indem er seine Männer immer sorgfältig im Auge behielt, bis er an einen Ort kommen würde, der zur Ausführung seines Vorhabens sich schickte. Es war Pcveril's Absicht gewesen, wenn er und Launce an einen einsamen Theil der Straße gelangen würden, all- mählig stärker zu reiten, bis sic Chaubert einholten, — Launce sollte dann zurückbleiben, um den Koch zu überfallen, während er selbst, weiter fortsprengend, sich mit Chisfinch hcrum- schlüge. Mein dieser Plan setzte voraus, daß der Herr und 3"4 der Diener auf die gewöhnliche Art reisten, — der Letztere einige Fuß hinter dem Ersteren. Indessen waren die Gegenstände der Unterhaltung zwischen Chiffinch und dem französischen Koch so interessant, daß sic, ohne die Regeln der Etikette zu beobachten, freundschaftlich neben einander ritten, während sie ein Gespräch über die Geheimnisse der Tafel führten. Es war also nöthig. Beide auf einmal anzugreifen. Als sie nun einen langen Strich Weges vor sich sahen, der durch keinen Menschen, kein Thier, und keine menschliche Wohnung auch nur die geringste Abwechslung erhielt, fingen sie verabredetermaaßen an, stärker zu reiten, um Cbissinch näher zu kommen, ohne ihm doch durch eine plötzliche und verdächtige Beschlennigung ihres Rittes Bcforgniß zu erregen- — Auf diese Art verringerten sie die Entfernung, welche sie trennte, bis sie etwa noch sechszig Fuß von ihm entfernt waren, als Peveril, besorgt, daß Chiffinch, bei größerer Annäherung, ihn wieder erkennen und rascher sortreiten möchte, Launcen das Zeichen zum Angriff gab. Bei der plötzlich vermehrten Geschwindigkeit ihres Reitens, und dem damit nothwendig verbundenen Getöse, sah sich Chiffinch rings um, hatte aber zu nichts weiter Zeit; denn Launce, der sein Pferd (das auch viel besser war, als Julians,) in vollen Gallopp gebracht hatte, drang ohne Umstände zwischen den Höfling und seinen Begleiter, und ehe Chaubert zu mehr als einem Ausruf Zeit hatte, war er aus dem Sattel geworfen; inort bleu! erbebte von seiner Zunge, als er am Boden lag, während seine Küchengcräthschasten, die aus der ledernen Tasche, worin er sie trug, herausfielen, in seltsamer Unordnung über die Landstraße rollten; Launce, der vom Pferde gesprungen war, gebot seinem Gegner, unter 375 keiner geringem Strafe, als der des Todes, wenn er aufzu- stehen suchen würde, Stille. Ehe Chifstnch den Sturz seines treuen Dieners rächen konnte, wurde der Zaum seines eigenen Pferdes von Julian ergriffen, der ihm mit der andern Hand eine Pistole vorhielt, und den Tod drohte, wenn er nicht still halten würde. Chsifinch war zwar weichlich, aber doch nicht feig. Er hielt still, wie ihm geboten war, und sagte mit Festigkeit: „Schurke, du hast mich überfallen. Bist du ein Straßenräuber, hier ist meine Börse. Thue uns kein Leid an, und schone das Futteral mit Würzen und Saucen " „Herr Chisfinch," sagte Peveril, „hier ist keine Zeit, zu scherzen. Ich bin kein Straßenräuber, sondern ein Mann von Ehre. Gebt mir das Packet zurück, das Ihr mir letzte Nacht entwandtet, oder, bei Allem, was heilig ist, ich schieße Euch ein Paar Kugeln durch den Leib, und suche selbst mit Muße nach meinem Packet." „Welche Nacht? — Welches Packet?" — antwortete Chiffinch in Verwirrung, doch mit der Absicht, Zeit für einen zu hoffenden Beistand zu gewinnen, oder sich aus Pcveril'S Gewalt zu befreien. „Ich weiß nicht, was Ihr meint; wenn Ihr ein Mann von Ehre seid, so laßt mich mein Schwert ziehen, und ich will Euch Euer Recht anthun, wie ein Edelmann dem andern." „Ehrloser Schurke!" sagte Peveril, „Ihr entkommt nicht auf diese Art. Ihr plündertet mich, als Ihr mir überlegen wart; und ich bin kein Thor, meinen Vortheil mir entgehen zu lassen, da die Reihe a» mich gekommen ist. Gebt das Packet her, und dann, wenn Ihr wollt, will ich mit Euch aus gleiche Bedingungen mich schlagen. Aber erst liefert das Packet mir aus, oder ich will Euch auf der Stelle dahin senden, wo der Gehalt Eures Lebens schwer zu verantworten sein wird." Der Ton von Pevcril's Stimme, das Wilde seines Blicks, und die Art, wie er das geladene Gewehr eine Hand breit von Chiffinch's Kopf hielt, überzeugten diesen, daß hier weder Raum zu einem Vertrage, noch Zeit zu leeren Ausflüchten war. Er streckte seine Hand in eine Seitentasche seines Mantels, und brachte mit sichtbarem Widerwillen jene Papiere hervor, welche Julian von der Gräfin von Derby anvcrtraut erhalten hatte. „Es sind fünf an der Zahl," sagte Julian, „und Ihr habt mir nur vier gegeben. Euer Leben hängt an der vollständigen Auslieferung." „Es entwischte meiner Hand," sagte Chisfinch, indem er die vermißte Urkunde hervorbrachte. — „Hier ist cs. Nun, Herr, ist Euer Wunsch erfüllt, wofern Ihr nicht — " setzte er tückisch hinzu, — „entweder Mord oder ferneren Raub vorhabt." „Niederträchtiger!" sagte Peveril, seine Pistole zurückzie- hend, doch Chiffinch's Bewegungen noch aufmerksam bewachend, „du bist des Schwerts jedes rechtschaffenen Mannes unwürdig, und doch, wenn du das deinige zu ziehen wagest, wie du vorhin vorschlugst, so bin ich geneigt, dir einen Zweikampf auf gleiche Bedingungen zu gewähren." „Gleiche Bedingungen!" antwortete Chisfinch spöttisch; „ja, eine besondere Gleichheit, — Schwert und Pistole gegen einen einzigen Degen, und zwei Männer gegen einen; denn Chaubert ist kein Fechter. Nein, Herr, ich werde mir, bei schicklicherer Gelegenheit, und mit gleichen Waffen Genug- thuung zu verschaffen wissen." „Durch Verläumdung oder Gift, niedriger Kuppler," sagte Julian; „das sind deine Mittel zur Rache. Aber denk' an mich, — ich kenne deine niederträchtige Absicht auf ein gewisses Frauenzimmer, das zu würdig ist, als daß ihr Name in so ein nichtswürdiges Ohr schallen sollte. Du hast mir eine Beleidigung zugefügt, und du sichst, ich habe sie vergolten. Aber verfolge nur diese fernere Niederträchtigkeit, und sei versichert, ich will dir den Tod geben, wie einem giftigen, kriechenden Thier, dessen bloßer Geifer dem Menschen tödtlich ist. Verlaß dich darauf, als wenn cs Machiavell geschworen hätte; denn so gewiß du bei deinem Borsatze bleibst, so gewiß will ich meine Rache verfolgen- — Folge mir, Launce, und laß ihn über das Nachdenken, was ich ihm gesagt habe." Launce hatte, nach dem ersten Stoße, eine sehr leichte Rolle in diesem Kampfe gehabt; denn Alles, was er zu thun hatte, war, das Ende seiner Peitsche, nach Art eines Gewehrs, auf den erschrockenen Franzosen zu richten, der, auf dem Rücken liegend, eben so wenig Macht oder Vorsatz zum Widerstande hatte, als ein Thier unter dem Schlacht- meffer. Von der leichten Pflicht, einen solchen geduldigen Gegner zu bewachen, von seinem Herrn abgerufen, bestieg Launce wieder sein Pferd, und beide ritten fort, und überließen ihre überwundenen Gegner ihrem eigenen Tröste, so gut sie sich denselben über ihr Mißgeschick geben konnten. Aber Trost war schwer in ihren Umständen zu finden. Der Franzose hatte die Zerstreuung seiner Gewürze und die Zerstörung seines Saucenmagazins, — Chiffinch die Vereitlung seiner Jntrigue, und ihre vorzeitige Entdeckung zu beklagen. „Gegen diesen Kerl wenigstens (dachte er) kann ich nichts ausgcschwatzt haben, — hier hat mich allein mein böser Genius verrathen. Mit dieser höllischen Entdeckung, die mir von allen Seiten so theuer zu stehen kommen kann, hat der Champagner nichts zu thun. Wenn noch eine Flasche unzerbrochen geblieben ist, so will ich sie nach der Mittagstafel trinken, und versuchen, ob sie mir nicht noch jetzt zu einem Plan der Auslösung und der Rache dienen kann." Mit diesem männlichen Entschluß setzte er seine Reise nach London fort. Sechsundztvanzigfies Kapitel. Wir muffen den Leser nun nach dem prächtigen Hotel versetzen, das zu dieser Zeit von dem berühmten Georg VillierS, Herzog von Buckingham, bewohnt wurde. Unter den aufgeweckten und den ausschweifenden Personen am lachenden Hofe Carl's war der Herzog der ausschweifendste und aufgeweckteste. Während er aber ein fürstliches Vermögen, einen kräftigen Körper und vortreffliche Talente an nichtswürdige Vergnügungen verschwendete, unterließ er doch nicht, liefern und umfassender« Entwürfen nachzuhängen, wobei ihm bloß der feste Vorsatz und die geordnete Beharrlichkeit mangelten, welche zu allen wichtigen Unternehmungen, besonders in der Politik, nothwendig sind. Der Mittag war lange vorüber, und die regelmäßige Stunde des Lever des Herzogs, — wenn irgend Etwas regelmäßig genannt werden konnte, wo Alles unregelmäßig war, — hatte lange geschlagen. Sein Saal war mit Lakaien und andern Bedienten in den glänzendsten Livreen angefüllt; die inner» Zimmer mit den Herren und Pagen seines Hofstaats, als Personen des ersten Ranges gekleidet, und in dieser Hinsicht de» Herzog selbst an persönlichem Glanze eher übcrtrcf- fend, als ihm nachstehend. Aber sein Vorzimmer insbesondere war ein Versammlungsort von Menschen der verschiedensten Gattungen. Es war Alles im höchsten Zuströmen im Vorzimmer, und zwar schon seit mehr als einer Stunde, ehe der Kammerdiener des Herzogs sich in dessen Schlafzimmer (das sorgfältig verdunkelt war, um Mitternacht aus Mittag zu machen) wagte, um Seiner Durchlaucht Befehle zu erfahren. Sein sanftes, heiteres Flüstern, womit er fragte, ob Ihre Durchlaucht aufzustehen beliebten, wurde kurz und scharf mit den Gegenfragen beantwortet: „Wer da? — Welche Zeit ist's?" „Es ist Jerningham, Euer Durchlaucht," sagte der Diener. »ES ist ein Uhr Nachmittags; und Eure Durchlaucht bestellten einige von den Leuten nach cilf Uhr." „Wer sind sie? — Was wollen sic?" „Eine Botschaft aus Whitehall, Eure Durchlaucht." „Ha! die wird keine Eile haben. Wer alle Andere auf sich warten läßt, wird am besten lhun, auch wieder auf sie zu warten. Sollt' ich mich schlechter Lebensart schuldig machen, so wär' cs eher gegen einen König, als gegen einen Bettler." «Die Herren aus der Stadt." „Ich bin ihrer satt, — satt alles ihres Gewäsches, und keine Religion — lauter Protestantismus und keine christliche Liebe. Sagt ihnen, sie sollen zu Shaftesbury — in die Aldersgate-Straße mit ihnen! — da ist der beste Markt für ihre Maaren." „Der Pferdehändler, gnädiger Herzog, aus Newmarket." 38 « „Laß ihn zum Teufel reiten. — Er hat ein Pferd von mir, und seine eigene Sporen. Wer sonst noch?" „Das ganze Vorzimmer ist voll, Euer Durchlaucht — Ritter, Edelleute und Doktoren." Halb aus dem Bette sich erhebend — einen Arm in einen brocatnen, stark mit Zobel gefütterten Schlafrock, und einen Fuß in einen sammtnen Pantoffel steckend, während der andere nackt den reichen Fußteppich berührte, — begann der Herzog, ohne weiter an die Versammlung draußen zu denken, einige Zeilen eines satyrischen Gedichts niederzuschrciben; hielt dann plötzlich inne, — warf die Feder in den Kamin, — rief aus: die Laune sei vorüber, und fragte den Aufwartenden nach Briefen. Jcrningham brachte ein ungeheures Packet hervor. „Was der Teufel! Denkt Ihr, ich werde sie alle lesen? Ich bin wie Clarence, der ein Glas Wein forderte, und in ein Faß Sekt getaucht wurde. Ich meine, gibt es etwas Dringendes?" „Diesen Brief, Euer Durchlaucht," sagte Jerningham, „der die Jorkshirer Hypothek betrifft." „Hieß ich ihn Euch nicht zu dem alten Gathcral, meinem Haushofmeister, tragen?" „Ich that es, gnädiger Herzog," antwortete der Andere; „aber Gathcral sagt, es fänden sich Schwierigkeiten." „Laßt die Wucherer also die Hypothek für verfallen erklären — darin ist keine Schwierigkeit; und von hundert Landgütern werde ich kaum einö vermissen," antwortete der Herzog. „Und hört, bringt mir meine Chokolade." „Nein, Euer Durchlaucht, Gathcral sagt nicht, cö sei unmöglich — nur schwierig." „Und was nützt er, wenn er es nicht leicht machen kann?" erwiedcrte der Herzog. „Aber ihr seid alle dazu geboren, Schwierigkeiten zu machen." „Nein, wenn Euer Durchlaucht die Bedingung in dieser Urkunde gut heißen, und zu unterzeichnen belieben," versetzte Jerningham, „so wird Gatheral die Sache anne-men." „Und konntet Ihr mir das nicht gleich anfangs sagen, Einfaltspinsel?" sagte der Herzog, indem er die Schrift Unterzeichnete, ohne ihren Inhalt anzuschen. — „Was sonst für Briefe? Und hört, ich darf nicht mehr mit Geschäften geplagt werden." „villetb cloux, gnädiger Herzog — fünf bis sechs. Dieses wurde bei dem Pförtnerhäuschen von einer Maske zurück- gelassen" „Hm!" antwortete der Herzog, indem er sie über einander warf, während Jerningham ihm im Ankleiden behülflich war — „eine Bekanntschaft von einer Viertelstunde." „Dieß wurde einem der Pagen von Mpladp's Kammerfrau übergeben." „Hol'ü der Henker — eine Jeremiade über Meineid und Verrath, und nicht eine einzige neue Zeile zu der alten Melodie," sagte der Herzog, einen Blick über das Billet werfend. „Hier ist das alte Lied — grausamer Mensch — gebrochene Gelübde — die gerechte Rache des Himmels. Die Frau denkt wohl an Mord, aber nicht an Liebe. Niemand sollte sich herausnehmen, über einen so abgenutzten Gegenstand zu schreiben, ohne wenigstens einige Neuheit des Ausdrucks zu besitzen, die verzweifelnde Araminta — eine hier sehr verzweifelnde Lüge. — Und dieß — woher kommt das?" „Wurde von einem Menschen, der in voller Eile fortlief, in das Saalfenster geworfen," antwortete Jerningham. „Das ist ein besserer Text," sprach der Herzog; „und doch ist es auch ein alter — wenigstens drei Wochen alt- — Die kleine Gräfin mit dem eifersüchtigen Lord — ich würde mich nicht das mindeste um fie kümmern, außer wegen eben dieses eifersüchtigen Lord's- — Hol's der Henker, und er ist auf's Land gegangen — diesen Abend — in Ruhe und Sicherheit — geschrieben mit einer aus Cupido's Flügel gezogenen Feder. Die gnädige Frau hat ihm Federn genug zum Fortflicgen gelassen — besser, seine Flügel verschnitten, wenn Ihr ihn gefangen habt, meine Gnädige — und so vollZutrauenaufihreSBuckinghams Treue — ich Haffe Zutrauen bei einer jungen Person. — Sie muß sich besser belehren lassen. — Ich will nicht gehen." „Euer Durchlaucht werden nicht so grausam sein," sagte Jerningham. „Ihr seid ein mitleidiger Mensch, Jerningham; aber Einbildung muß bestraft werden." Ein anderer Diener trat nun ein. „Ich bitte Euer Durchlaucht unterthänig um Verzeihung," sprach er; „aber Herr Christian begehrt so zudringlich, sogleich eingelassen zu werden, daß ich genöthigt bin, Euer Gnaden Befehle einzuholen." „Sagt ihm, er soll drei Stunden später wieder anfragen. Verdammt ist so ein politischer Starrkopf, der alle Menschen nach seiner Pfeife möchte tanzen heißen." „Ich danke Euch für das Kompliment, mein gnädiger Herzog," sagte Christian, der in etwas mehr hofmäßiger Tracht, aber mit derselben anspruchlosen und einförmigen Miene, und mit demselben gelassenen und gleichgültigen Wesen in's Zimmer trat, womit er Julian Pcveril bei verschiedenen Gelegenheiten während seiner Reise nach London angeredet hatte. 383 „ES ist gerade meine Absicht, Euch gegenwärtig zu pfeifen; und Ihr könnt zu Eurem eigenen Vortheil tanzen, wenn Ihr wollt.« „Auf mein Wort, Herr Christian," sprach der Herzog stolz, „die Angelegenheit muß sehr wichtig sein, die so ganz alle Ceremonie zwischen uns entfernt. Wenn sie sich auf den Gegenstand unserer letzten Unterredung bezieht, so muß ich Euch bitten, unser Gespräch bis auf eine künftige bequeme Zeit aufzuschieben. Ich bin mit einer Sache von einiger Bedeutung beschäftigt." Hierauf wandte der Herzog Christian den Rücken, und setzte seine Unterhaltung mit Jerningham fort. „Sucht die bewußte Person auf, und gebt ihm die Papiere; und hört, gebt ihm dieß Goldstück zur Bezahlung für den Schaft seines Pfeils —für die Stahlspitze und die Pfauenflügel haben wir schon gesorgt." „Dieß ist alles sehr gut, Euer Durchlaucht," sagte Christian ruhig, indem er zugleich in einem Armstuhl in einiger Entfernung sich niedersetzte; „aber der Leichtsinn Euer Durchlaucht steht in keinem Verhältniß zu meinem Gleichmut-. Es ist nothwendig, daß ich Euch spreche; und ich will Euer Gnaden Muße in diesem Zimmer abwarten." „Sehr wohl, Herr," sagte der Herzog verdrießlich; „doch wenn ein Uebel auszustehen ist, je früher, je besser. — Ich kann Maßregeln nehmen, dessen Erneuerung zu verhindern. So laßt mich Eure Botschaft ohne weitern Aufschub vernehmen." „Ich will warten, bis Euer Gnaden Toilette fertig ist," sagte Christian in dem gleichgültigen Tone, der ihm natürlich war. „Was ich zu sagen habe, muß unter uns besprochen werden.« 384 „Geht, Jerningham, und wartet, bis ich rufe," sagte der Herzog, „laßt mein Wams auf dem Sopha. — Was? Ich habe dieß Kleid von Silbcrstoff schon hundert Mal getragen." „Nur zwei Mal, mit Euer Gnaden Erlaubniß," antwortete Jerningham. „So gut als zwanzig Mal — behaltet cs für Euch, oder gebt cs meinem Kammerdiener, wenn Ihr zu sehr auf Euren Adel stolz seid." „Euer Durchlaucht haben schon bessere Leute, als ich Eure abgelegten Kleider tragen lassen," sagte Jerningham ehrerbietig. „Ihr seid spitzig, Jerningham," sprach der Herzog — „in einem Sinne ist es wahr, und es kann wieder geschehen. Nun so, das perlfarbene Ding wird zum Bande und zu dem George passen. Geht nun Eurer Wege. — Und da er nun fort ist, Herr Christian, kann ich nochmals nach Eurem Anliegen fragen." „Mein gnädiger Herzog," sagte Christian, „Ihr seid ein Verbrecher von Schwierigkeiten in Staatssachen, wie in Liedesangelegenheiten." „Ich denke, Ihr seid doch kein Horcher gewesen, Herr Christian?" erwiederte der Herzog; „das beweist schwerlich die mir oder meiner Wohnung gebührende Achtung." „Ich weiß nicht, was Ihr meint, gnädiger Herr," antwortete Christian. „Nein, cs kümmert mich nicht," versetzte der Herzog, „wenn die ganze Welt hörte, was ich nur eben zu Jerningham sagte- — Aber zur Sache." „Euer Gnaden sind so sehr mit Eroberungen im Gebiet des Schönen und des Witzigen beschäftigt, daß Ihr vielleicht vergessen haben könnt, was Ihr auf der kleinen Insel Man auf dem Spiele stehen habt." „Nicht im Geringsten, Herr Christian. Ich erinnere mich recht wohl, daß mein rundköpfiger Schwiegervater, Fairfar, die Insel von dem langen Parlament hatte, und Esel genug war, den Besitz derselben bei der Wiederherstellung des Königthums fahren zu lassen, da er, wenn er seine Klauen geschlossen und sestgehaltcn hätte, sie für sich und die Scinigen hätte behalten können. Es wäre eine seltene Sache gewesen, ein kleines Königreich zu besitzen — meine eignen Gesetze zu geben — meinen Kanzler mit Siegel und Scepter zu haben — ich würde Jerningham in einem halben Tage unterwiesen haben, so weise auszuschcn, so steif einher zu gehen, und so einfältig zu sprechen, als Heinrich Bennet." „Ihr hättet dieß und mehr thun können, wenn es Euer Durchlaucht gefallen hätte." „Ja, und wenn es meiner Durchlaucht gefallen hätte, so hättet Ihr, Eduard Christian, der Scharfrichter meiner Ländereien sein sollen." „Euer Scharfrichter, gnädiger Herzog?" sagte Christian mehr im Tone der Verwunderung, als des Mißvergnügens. „Nun ja, Ihr habt immerwährend Anschläge gegen das Leben der Gräfin unterhalten. Es wäre für Euch ein Königreich, Eure böse Laune mit Euren eigenen Händen zu befriedigen." „Ich suche bloß Gerechtigkeit gegen sie," sagte Christian. „Und das Ende der Gerechtigkeit ist allemal ein Galgen," entgegnete der Herzog. „Das mag sein," sprach Christian. „Und die Gräfin ist in dem Complot." „Der Teufel hole das Complot, der es auch, wie ich Peveril. 25 3«U glaube zuerst erfunden hat," erwiederte Buckingham. „Ich habe Monate hindurch von nichts anderem gehört. Wenn Einer in die Hölle kommen muß, so wünscht' ich, es geschähe auf irgend einem neuen Wege, und in seiner Herren Gesellschaft. Es würde mir nicht gefallen, mit Oatcs, Bedlow und den übrigen von dem berüchtigten Schwarm Zeugen zu reisen." „Euer Gnaden sind also entschlossen, alle Vortheile, die sich darbietcn können, aufzugebcn? Wenn das Haus Derby unter Confiscation fiele, so lebte die Verleihung an Fairfax, der jetzt so würdig durch die gnädige Frau Herzogin reprä- sentirt wird, wieder auf, und Ihr würdet der Herr und Souverän von Man." „Den Rechten einer Frau zu Folge," sagte der Herzog; „aber in Wahrheit, meine gottselige Frau ist mir einigen Dank dafür schuldig, daß ich das erste Jahr unserer Ehe mit ihr und dem alten Black Thomas, ihrem mürrischen, streitenden, puritanischen Vater, gelebt habe. Ein Mann möchte eben so gut des Teufels Tochter geheirathet, und die Haushaltung mit seinem Schwiegervater geführt haben." „So viel ich verstehe, gnädiger Herzog, seid Ihr also geneigt, Euch für eine Erhebung in dem Hause Derby zu in- tercsfiren?" „Da sie das Königreich meiner Frau unrechtmäßig besitzen, so können sie gewiß keine Gunst aus meiner Hand erwarten. Aber Ihr wißt, zu Whitchall überwiegt ein gewisses Interesse das meinige." „Das geschieht bloß, weil Ihr es duldet, gnädiger Herzog," sagte Christian. „Nein, nein, ich sage Euch hundert Mal, nein," antwortete der Herzog, der bei der Erinnerung in Zorn gerieth. „Ich 387 sage Euch, die niedrige Buhlerin, die Herzogin von Portsmouth, nahm sich unverschämt heraus, mir entgegen zu sein und zu widersprechen; und Carl hat mir sowohl finstere Blicke, als harte Worte bei Hofe gegeben. Ich wollte, er könnte muthmaßen, worin die Beleidigung zwischen ihr und mir besteht! Ich wünschte, daß er nur das wüßte! Ader die Federn sollen ihr ausgerupft werden, oder ich will nicht Visiers heißen. Ein nichtswürdiges französisches Freudenmädchen kann mir so trotzen! Christian, Ihr habt Recht; keine Leidenschaft regt den Mut- so auf, als Rache. Ich will das Complot beschützen« wenn cs auch nur wäre, um ihr zu trotzen, und es dem König unmöglich zu machen, sie aufrecht zu erhalten." Als der Herzog sprach, kam er allmälig in Leidenschaft, und durchschritt das Zimmer mit eben so viel Heftigkeit, als wäre cs sein einziger Zweck auf Erden, die Herzogin um ihre Macht und Gunst bei dem Könige zu bringen. Christian lächelte innerlich, ihn dem Gemütszustände sich nähern zu sehen, in welchem man am leichtesten auf ihn wirken konnte, und schwieg klüglich still, bis der Herzog in Verdruß zu ihm ausrief: „Nun, kluger Rathshcrr, Ihr, der Ihr so manche Entwürfe gemacht habt, diese gallische Wölfin zu überlisten, wo sind nun alle Eure Kunstgriffe? — Wo ist die ausnehmende Schönheit, die das Auge des Monarchen beim ersten Anblick fesseln sollte? — Hat sie Chiffinch gesehen? Und was sagt er, dieser auserlesene Richter über Schönheit und Mandelsuppe, Weiber und Wein?" „Er hat sie gesehen und ihr seinen Beifall geschenkt, hat sie aber noch nicht gehört; und ihre Rede entspricht allem klebrigen. Wir kamen gestern hierher; und heute will ich Chiffinch zu ihr führen, sobald er vom Lande ankommt; und 2S'° 388 ich erwarte ihn alle Stunden. Ich bin nur wegen der grämlichen Tugend des Mädchens in Besorgniß; denn sie ist nach der Weise unserer Großmütter erzogen worden; — unsere Mütter hatten mehr Verstand." „Was? so schön, so jung, so sinnreich, und doch so spröde?" sagte der Herzog. „Mit Eurer Erlaubniß, Ihr sollt mich eben sowohl bei ihr einführen, als Chiffinch." „Damit Euer Durchlaucht sie von ihrer unbeugsamen Sitt- samkeit heilen möge," sagte Christian. „Ei, ich will sie nur lehren, sich in ihrem eigenen Lichte zu zeigen. Könige lieben cs nicht, den Hof zu machen und zu werben; die Beute soll vor ihnen schon nieder gejagt sein." „Mit Euer Durchlaucht Verlaub, dieß kann nicht geschehen — Mn onnnlms äorinio — Euer Durchlaucht können die klassische Anspielung. Wenn dieß Mädchen der Liebling eines Prinzen wird, so vergoldet der Rang die Schande und die Sünde. Aber vor Jemandem unter der Majestät darf sie die Segel nicht streichen." „O über Eucrn thörichten Argwohn," sagte der Herzog, „ich scherzte nur. Glaubt Ihr, ich wollte mich selbst einmi- schen, um einen mir so vorthcilhasten Plan zu verderben, wie der ist, den Ihr mir vorgclegt habt?" Christian lächelte, und schüttelte den Kops. „Gnädiger Herzog," sprach er, „ich kenne Euer Durchlaucht so gut, oder vielleicht besser, als Ihr Euch selbst kennt. Einen wohl überlegten Liebeshandel durch einen Querstrich von Eurer eigenen Erfindung zu verderben, würde Euch mehr Vergnügen machen, als ihn zu einer glücklichen Ausführung nach den Plänen Andrer zu bringen. Allein ShafteSbury und alle damit Beteiligte haben beschlossen, daß unser Entwurf wenigstens ungestört in's Werk gesetzt werde. Wir rechnen daher auf Eure Hülfe; und — verzeiht mir, wenn ich so spreche — wir werden uns nicht durch Euren Leichtsinn und Wankelmuth hindern lassen." „Was? — Leichtsinn und Wankelmuth?" sagte der Herzog. „Ihr seht mich hier so entschlossen, als irgend Einen von Euch, die Maitreffe zu verdrängen und das Complot zu bcsördern; dieß sind die beiden Sachen allein, für die ich auf dieser Welt lebe. Niemand kann den Geschäftsmann spielen, wie ich, wann mir's beliebt, bis zum Feilen und Glätten meiner Buchstaben. Ich bin sorgfältig, wie ein Kanzellist." „Ihr habt'Chisfinch's Brief vom festen Lande; er sagte mir, er habe Euch über einige Vorfälle zwischen ihm und dem jungen Lord Saville geschrieben " „Ja, das hat er — das hat er gethan," sagte der Herzog, und sah unter seinen Briefen nach; „aber ich finde gerade jetzt seinen Brief nicht. — Ich habe kaum auf den Inhalt gemerkt. — Ich hatte Geschäfte, als er kam — aber ich habe ihn aufgehoben." „Ihr hättet darnach verfahren sollen. Der Thor ließ sich um sein Geheimniß betrügen, und bat Euch, dafür zu sorgen, daß der Bote des Lords nicht zur Herzogin einige Depeschen brächte, die er aus Derby schickte, und welche unser Gcheim- niß verriethen " Der Herzog war nun beunruhigt, und zog hastig die Klingel. Jerningbam erschien. „Wo ist der Brief," fragte er, „den ich vor einigen Stunden von Chifsinch erhielt?" „Wenn er nicht unter denen ist, die Euer Durchlaucht vor 390 sich haben, so weiß ich nichts davon/' sagte Jerningham. „Ich habe keinen solchen Brief ankommen sehen " „Ihr lügt, Schurke," sagte Buckingham; „habt Ihr ein Recht, Euch besser zu besinnen, als ich?" „Wenn Euer Durchlaucht mir die Erinnerung verzeihen, Ihr habt diese Woche kaum einen Brief eröffnet," sagte Jerningham. „Hörte man je einen so erbitterten Schurken?" sagte der Herzog. „Er könnte bei dem Complot einen Zeugen abgeben. Er bat meinen Ruf, als ordnungsliebend, mit seinem verwünschten Gegcnzeugniß ganz zu Boden geschlagen." „Das Talent und die Fähigkeit Eurer Durchlaucht werden wenigstens unbestritten bleiben," sagte Christian; „und diese sind es, die Euch und Euren Freunden dienen müssen. Wenn ich rathen darf, so eilt an den Hof, und legt einigen Grund zu dem Eindrücke, den wir zu machen wünschen. Wenn Euer Durchlaucht das erste Wort nehmen, und einen Wink Hinwersen können, um Saville zu hintergehen, so wird cs gut sein. Aber vor Allem haltet das Ohr des Königs immer in Beschäftigung, und das kann Niemand so wohl, als Ihr. Laßt Chiffinch sein Herz mit einem paffenden Gegenstände erfüllen- Eine andere Sache, da ist ein einfältiger alter Ritter, der muß nothwendig zum Besten der Gräfin von Derby geschäftig sein; — er ist in Haft mit der ganzen Zunft Zeugen hinter ihm her." „Nun also, greif' ihn, Topham." „Topham hat ihn schon ergriffen, mein Herzog," sagte Christian; „und außerdem ist da ein junger Stutzer, ein Sohn des erwähnten Ritters, der in dem Hofstaate der Gräfin erzogen wurde, und Briefe von ihr an den Pro- vinzial der Jesuiten und an Andere in London mitgebracht hat." „Wie heißen sie?" fragte der Herzog trocken. „Ritter Gottfried Peveril auf dem Schloß Martindale in der Grafschaft Derby, und sein Sohn Julian." „Was! Peveril vom Gipfel?" rief der Herzog aus; „ein alter, tapferer Kavalier, wie je einer einen Eid schwor — in Wahrheit ein tüchtiger Mann, wenn es was zu thun gab. Ich will nicht zu seinem Untergange stimmen, Christian." „ES ist indessen für die Beförderung unsers Plans nicht unwichtig," sagte Christian, „daß Ihr durch Euer Dazwischentreten eine Zeit lang die Gunst des Königs von ihnen abhaltet. Der Jüngling gilt Etwas bei dem Mädchen, und wir dürften das schwerlich unfern Absichten vortheilhaft finden; überdieß schätzt ihn ihr Vater so hoch, als nur irgend Jemand kann, der kein so puritanischer Narr ist, wie er selbst." „Gut, allerchristlichster Christian," sagte der Herzog, „ich habe Eure Befehle endlich gehört. Ich will mich bemühen, den Erdboden unter dem Throne zu verstopfen, daß weder der Lord, noch der Ritter, noch der Junker, von denen hier die Rede ist, cs möglich finden, sich da einzugraben. Was das schöne Mädchen betrifft, so muß ich es Chiffinch und Euch überlassen, ihre Einführung zu ihren hohen Bestimmungen zu besorgen, weil ich damit nicht beauftragt werden soll. Lebt wohl, allerchristlichster Christian." Er heftete die Augen auf ihn, und rief dann, als er die Thüre des Zimmers schloß, aus: „Höchst ruchloser und verdammungswürdiger Bube! und was mich am meisten von Allem erbittert, ist die gelassene Unverschämtheit des Schurken. Euer Durchlaucht werden dieß thun —und Euer Durch- 382 laucht werden geruhen, das zu thun. — Eine hübsche Puppe soll ich sein, die zweite oder vielmehr die dritte Rolle in einem solchen Plane spielen! Nein, sie sollen Alle nach meinem Vorsatze zu Werke gehen, oder ich werde ihnen in den Weg treten. Ich will dicß Mädchen wider ihren Willen ausfindig machen, und sehen, ob ihr Plan glücklichen Erfolg verspricht. Wäre dieß, so soll sie mein sein — ganz mein, ehe sie dem Könige zu Theil wird; und ich will ihr befehlen, wer Carl zu leiten hat. — Jerningham!" — dieser trat wieder herein — »laßt Christian nachspüren, wohin er geht, für die nächsten vicrundzwanzig Stunden, und ausfindig machen, wo er ein neulich in die Stadt gekommenes Frauenzimmer besucht- — Ihr lächelt, Schelm?" „Ich vermuthete nur einen frischen Nebenbuhler zu Ara- minta und der kleinen Gräfin," sagte Jerningham. „Fort zu Eurem Geschäft, Schurke," sagte der Herzog, „und laßt mich an meines denken. — Einen Puritaner in Lsse — eine Geliebte des Königs in ?osse — das wahre Muster westlicher Schönheiten — zu überwältigen — das ist der erste Punkt. Die Unverschämtheit dieses Manenser Hundes zu züchtigen — den Stolz der Nsä-mis In Vuel>es8k niederzuschlagen — eine wichtige Staatsintrigue zu befördern oder zu vereiteln, wie die Umstände es am meisten zu meiner Ehre und meinem Ruhm erfordern, der zweite — ich wünschte nur eben Beschäftigung, und ich habe genug erhalten. Aber Buckingham wird seinen eignen Weg durch Untiefen und Un- gewittcr hindurch steuern." SicLenundzwanzigstes Kapitel. Nachdem Christian, voll von den tiefen und verrätherischen Entwürfen, mit denen er umging, die prächtige Wohnung des Herzogs von Buckingham verlassen hatte, eilte er nach der Stadt, wo er in einem anständigen, von einem Mann feines eignen Glaubens gehaltenen Wirthöhause unerwartet zu einer Zusammenkunft mit Ralph Bridgenorth von Moultrassie-Hall eingeladen worden war. Er hatte sich nicht getäuscht — der Major war diesen Morgen angekommen, und erwartete ihn mit Ungeduld. Das gewöhnliche Düster seines Ansehens war in einen noch dunkler» Schatten der Unruhe gehüllt, welche selbst kaum gemindert wurde, als Christian, auf Erkundigung nach seiner Tochter, ihm die günstigste Nachricht von ihrer Gesundheit und Munterkeit gab, und diese mit so natürlichen und ungezwungenen Lobreden auf ihre Schönheit und Ge- müt-Sart begleitete, daß sie wohl dem Ohr eines Vaters sehr angenehm sein mußten. Aber Christian hatte zu viel Verschlagenheit, um sich über diesen Gegenstand auszubreiten, so schmeichelnd er auch war. Er brach gerade bei dem Punkt ab, wo er als ein zärtlicher Verwandter genug gesagt zu haben scheinen konnte. „Die Dame," sagte er, „bei welcher ich Alerien untergebracht, war entzückt über ihr Aeußeres und ihr Benehmen, und versprach, für ihre Gesundheit und Wohlfahrt verantwortlich zu sein. Ich hätte aber," setzte er hinzu, „nicht so wenig Zutrauen von Seiten meines Bruders verdient, daß er, dem verabredeten Plane zuwider, nöthig gehabt hätte, vom Lande herbei 394 zu eilen, als wenn seine Gegenwart zu Alcriens Schutze noth- wendig wäre." „Bruder Christian," sagte Bridgenorth, „ich muß mein Kind sehen — ich muß die Person sehe», der sie anvertraut ist." »Wom das?" entgegnete Christian. „Hast du nicht oft bekannt, daß die Uebertreibung der sinnlichen Zärtlichkeit, die du für deine Tochter genährt hast, ein Fallstrick für dich gewesen ist? — Bist du nicht, mehr als einmal, auf dem Punkt gewesen, jene großen Pläne aufzugeben, welche die Rechtschaffenheit als eine Rathgeberin neben den Thron stehen sollten, weil du die kindische Leidenschaft deiner Tochter für diesen Abkömmling deines alten Verfolgers, diesen Julian Peveril, zu befriedigen wünschtest?" »Ich gestehe es," sagte Bridgenorth; „und Welten würde ich darum gegeben haben, und noch geben, diesen Jüngling an meine Brust zu drücken, und meinen Sohn nennen zu dürfen. Der Geist seiner Mutter blickt aus seinem Auge, und sein stattlicher Gang ist der seines Vaters, wann er täglich mir in meinem Kummer Trost zusprach, und sagte: das Kind lebt." „Aber der Jüngling," sagte Christian, „wandelt nach seinem eignen Lichte, und verwechselt das Meteor des Sumpfes mit dem Polarstern. Ralph, ich will mit dir in freundlicher Aufrichtigkeit sprechen- Du darfst nicht zugleich der guten Sache und dem Baal dienen wollen. Gehorche, wenn du willst, deinen eignen fleischlichen Neigungen, lade diesen Julian Peveril in dein Haus, und laß ihn deine Tochter hei- rathen. — Aber merke auf die Aufnahme, die sie bei dem alten, stolzen Ritterfinden wird, dessen Muih jetzt, selbst jetzt, so wenig unter seinen Ketten gebeugt ist, als nachdem das 395 Schwert der Heiligen bei Wertester gesiegt hatte. Sieh deine Tochter gleich einer Verworfenen von seinen Füßen gestoßen." „Christian," unterbrach ihn Bridgenorth, „du drängst mich hart; aber du thust cs in Liebe, mein Bruder, und ich vergebe dir — Alerie soll nie verstoßen werden. — Allein dieser dein Freund — diese Dame — du bist der Onkel meines Kindes, nach mir bist du der nächste in Liebe und Zuneigung. Immer, bist du doch nicht ihr Vater — hast nicht ihres Vaters Besorgnisse. Bist du des Charakters derjenigen, denen mein Kind anvertraut ist, gewiß?" „Bin ich meines eignen Charakters gewiß? — Bin ich gewiß, daß mein Name Christian, deiner Bridgenorth ist? — Hab' ich nicht viele Jahre in diesem Theilc der Stadt gewohnt? — Kenn' ich nicht diesen Hof? — Und kann ich wahrscheinlich darüber getäuscht werden? — Denn ich will nicht glauben, daß du von mir getäuscht zu werden fürchtest." „Du bist mein Bruder," sagte Bridgenorth — „Blut und Gebein von meiner geschiedncn Heiligen — und ich bin entschlossen, dir in dieser Sache zu trauen " „Du thust wohl," versetzte Christian, „und wer weiß, was für eine Belohnung dir aufgehoben ist? — Ich kann nicht auf Alerie sehen, ohne daß cs meinem Geiste sich stark aufdrängt , daß hier für ein Andre ihres Geschlechts so sehr übertreffendes Geschöpf Etwas zu thun sei. Muthig befreite Judith Bethulia durch ihre Tapferkeit, und die lieblichen Züge der Esther machten sie zur Schutzwache und Verthcidigung für ihr Volk im Lande der Gefangenschaft, als sie Gunst fand in den Augen des Königs AhasveruS." „Komme cs mit ihr, wie der Himmel will," sagte Brid- 396 genorth; „und nun erzähle mir, was für Fortschritt in dem großen Werk gemacht ist." „Das Volk ist der Ungerechtigkeit dieses Hofes müde," er- wiederte Christian; „und wenn dieser Mann zu regieren fortfahren will, so muß er zu seinem Geheimen-Rath Männer von anderm Schlage berufen. Die Unruhe, die durch die verdammungswürdigen Anschläge der Papisten erregt worden ist, hat die Seelen der Menschen aufgerufen, und ihre Augen für die Gefahren ihres Staats aufgeweckt. Er selbst — denn er will beide, Bruder und Weib, aufgeden, um sich zu retten — ist einer Veränderung der Maaßregeln nicht abgeneigt; und wiewohl wir sur's Erste noch nicht den Hof wie mit einer Schwinge gereinigt sehen können, so wird es doch des Guten genug geben, um das Böse in Schranken zu halten — genug von der nüchternen Partei, um die Gewährung der allgemeinen Duldung zu erzwingen, nach der wir so lange geseufzet haben, wie ein Mädchen nach ihrem Geliebten. Zeit und Gelegenheit werden den Weg zu einer vollständigeren Reform zeigen; und das wird ohne Schwertstreich geschehen, was unsere Freunde auf einen sicheren Grund zu bauen verfehlten, selbst als ihre siegreichen Klingen in ihren Händen waren." „Gott gebe es!" sprach Bridgenorth; „denn ich fürchte, ich möchte mir ein Gewissen daraus machen, Etwas zu thun, was noch einmal das Bürgerschwert aus der Scheide zöge; aber willkommen sei Alles, was auf dem friedlichen und auf dem Wege des Parlaments kommt." „Ja," sagte Christian, „und was die bitter» Entschädigungen mit sich bringen wird, die unsere Feinde so lange aus unsern Händen verdient haben. Wie lange hat unserS Bruders Blut vom Altar um Rache geschrieen! — Nun soll die 397 grausame Französin sehen, daß weder Verlauf der Jahre, noch ihre mächtigen Freunde, noch der Name Stanley, noch die Oberherrschaft der Insel Man, den ernsten Lauf ihres Bluträchers aufhalten wird. Der Adel soll von ihrem Namen loSgeriffen werden, und ihr Erbe soll ein Andrer nehmen." „Aber, Bruder Christian," bemerkte Bridgcnorth, „bist du nicht zu heftig in der Verfolgung dieser Sache? — Es ist deine Christenpflicht, deinen Feinden zu vergeben." „Ja, aber nicht den Feinden des Himmels — nicht denen, die das Blut der Heiligen vergießen," sprach Christian, dessen Augen jetzt von heftiger und wilder Leidenschaft flammten; „ich halte diesen Vorsatz der Rache heilig — ich betrachte ihn als ein Sühnopfer für das, was in meinem Leben böse gewesen sein mag. , Ich habe mich den Schmähungen des Hochmüthigen unterworfen — ich habe mich wie ein Knecht gedemüthigt; aber in meiner Brust war der stolze Gedanke, ich, ver ich dieß thue, thue es, damit ich meines Bruders Blut rächen könne." „Indessen, mein Bruder," versetzte Bridgcnorth, „ob ich gleich an deinem Vorhaben Theil nehme, und dir gegen dieß moabitische Weib geholfen habe, muß ich doch deine Rache mir mehr als Rache nach dem Gesetz Moses, als nach dem Gesetz der Liebe, denken." „Das steht dir gut an, zu sagen, Ralph," sagte Christian, „dir, der nur eben über den Sturz deines eignen Feindes ge- lächclt hast." „Wenn du Ritter Gottfried Peveril meinst," crwiederte Bridgcnorth, „so lächelte ich nicht über seinen Fall. Es ist gut, daß er erniedrigt worden ist; aber so viel an mir liegt, kann ich wohl seinen Stolz demüthigcn, werde aber nie sein Haus stürzen." „Du kennst dein Vorhaben am besten," sprach Christian; „und ich lasse der Reinheit deiner Grundsätze Recht widerfahren, Bruder; aber Menschen, die nur mit weltlichen Augen sehen, würden wenig Mitleid in der strengen Magistratsperson und in dem harten Gläubiger entdecken — und so hast du dich gegen Pcveril erwiesen." „Und ich, Bruder Christian," sagte Bridgenorth erröthend, „bezweifle weder deinen Vorsatz, noch läugne ich die ausnehmende Gewandtheit, womit du dir so vollkommene Belehrung über die Absichten jenes Weibes von Ammon verschafft hast. Ader es steht mir frei, zu denken, daß du in deinem Verkehr mit dem Hofe und den Hofleuten, in deiner fleischlichen und weltlichen Politik, den Werth jener geistigen Gaben, um derentwillen du einst unter den Brüdern so sehr berühmt wärest, herabgesetzt haben magst " „Befürchte das nicht," entgcgnete Christian, der, durch die vorhergehende Bemerkung etwas gereizt, sich wieder faßte. „Laß uns nur gemeinschaftlich wirken wie zuvor; und ich bin sicher, jeder von uns soll sich in der Arbeit eines treuen Dieners jener alten Angelegenheit finden lassen, für die wir zuvor das Schwert gezogen haben." Bei diesen Worten nahm er seinen Hut, sagte Bridgenorth Lebewohl, und versprach, auf den Abend wiederzukommcn. „Leb' wohl," sprach Bridgenorth; „für diese Angelegenheit wirst du mich immer als einen treuen und eifrigen Anhänger finden. Ich will nach deinem Rath bandeln, und will dich sogar nicht einmal fragen — wenn es gleich mein Vaterherz bekümmern mag — bei wem oder wo du mein Kind unter Aufsicht gebracht hast. Ich will versuchen, selbst meine rechte 3!>9 Hand und mein rechtes Auge mir auszureißen und von mir zu werfen; aber, was dich betrifft, Christian, wenn du anders, als klüglich und ehrlich in dieser Sache verfährst, so wirst du vor Gott und Menschen darüber zur Verantwortung gezogen werden." „Fürchte nichts von mir," versetzte Christian hastig, und verließ den Ort unter Betrachtungen, die von keiner angenehmen Art waren. „Ich hätte ihn bereden sollen, zurückzureisen," sagte er, als er auf die Straße trat. „Selbst sein Aufenthalt in dieser Gegend kann den Plan verderben, auf welchem das Steigen meiner Glücksumstände — ja, und seines Kindes beruht. Werden die Leute sagen, ich habe sie zu Grunde gerichtet, wenn ich sie zu der blendenden Höhe der Herzogin von Portsmouth erhoben, und vielleicht zur Mutter einer langen Reihe von Prinzen gemacht haben werde? Chinffinch hat sich für eine Gelegenheit verbürgt; und das Glück des Wollüstlings beruht darauf, daß er den Geschmack seines Herrn für Abwechslung befriedigt. Wenn sie einen Eindruck macht, so muß es ein tiefer sein; und einmal in seine Zuneigung gesetzt, wird sie, hoffe ich, nicht verdrängt werden. — Was wird ihr Vater sagen? Wird er, wie ein kluger Mann, seine Schande einsteckcn, weil sie gut vergoldet ist? Oder wird er es schicklich finden, einen moralischen Zorn und väterliche Wuth auszulassen? Ich fürchte das Letztere. —.Er hat immer einen zu strengen Wandel geführt, um sich die Nachsicht gegen solche Ausschweifung zu erlauben. Aber was wird sein Zorn helfen? — Ich brauche bei der Sache mich nicht zu zeigen — die, welche eS thun, werden sich aus der Empfindlichkeit eines Puritaners vom Lande wenig machen. Und am Ende ist das, was ich so zu Stande zu bringen suche, das 40 » Beste für ihn, für das Mädchen, und vornehmlich für mich, Eduard Christian." Mit solchen niedrigen Beruhigungsmitteln betäubte der Bösewicht sein Gewissen, indeß er die Schande der Familie seines Freundes und das Verderben einer nahen Verwandten im Geiste vorauesah, welche man voll Vertrauen seiner Sorge übergeben hatte. Sein Charakter war nicht von gemeiner Art; auch war er nicht auf einem gewöhnlichen Wege zu einer solchen gefühllosen und niederträchtigen Selbstsucht cmpor- gestiegen- Eduard Christian war, wie der Leser weiß, der Bruder jenes Wilhelm Christian, welcher das Hauptwerkzeug zur Ueber- gabe der Insel Man an die Republik abgegeben hatte, und deßhalb das Schlachtopfer der Rache der Gräfin von Derby ward. Beide waren als Puritaner erzogen worden: aber Wilhelm war ein Soldat, was einigermaßen die Strenge seiner religiösen Meinungen mäßigte; Eduard, ein Civilist, schien diese Grundsätze äußerst streng zu behaupten. Aber eS war bloßer Schein. Sein regelmäßiges Leben, das ihm große Ehre und Macht bei der nüchternen Partei, wie fie sich selbst zu nennen pflegte, verschaffte, verhüllte seinen wollüstigen Sinn, dessen Befriedigung ihm so süß war, wie gestohlenes Wasser, und so angenehm, wie heimlich verzehrtes Brod. Während ihm daher seine scheinbare Frömmigkeit zeitlichen Gewinn brachte, entschädigten ihn seine heimlichen Genüsse für seine äußerliche Strenge, bis die Wiederherstellung des Konig- thums und das gewaltsame Verfahren der Gräfin gegen seinen Bruder den Fortgang von Beidem unterbrachen. Er entfloh von seiner heimathlichen Insel, entbrannt von Begierde, seines Bruders Tod zu rächen — der einzigen Leidenschaft, welche seinem immer genährten Lieblingshange fremd, 4«1 aber auch wenigstens zum Theil selbstsüchtig war, weil sie die Wiederherstellung seiner Vermögensumstände betraf. Er fand bei Villicrs, Herzoge von Buckingham, leichten Zutritt, da dieser, zufolge der Rechte seiner Gemahlin, große Ansprüche auf so viel von den Derbp'schen Besitzungen machte, als seinem berühmten Schwiegervater vom Parlament zucr- kannt worden war. Sein Einfluß am Hose Carls, wo ein Scherz ein besserer Rechtsgrund war, als ein langer Beweis treuer Dienste, ward so glücklich auSgeübt, daß er zu der Unterdrückung jener rechtlichen und schlecht belohnten Familie bedeutend beitrug. Allein Buckingham war nicht im Stande, selbst für sein eigenes Beste, den festen Plan, den ihm Christian angab, zu verfolgen; und sein Schwanken rettete wahrscheinlich den Rest der großen Besitzungen des Grafen von Derby. Unterdessen war Christian ein zu nützlicher Anhänger, um abgedankt zu werden. Vor Buckingham und Andern dieses Schlages gab er sich nicht das Ansehen, seine freie Denkungs- art im Sittlichen zu verbergen; aber gegen die zahlreiche und mächtige Partei, zu der er gehörte, wußte er sie geschickt unter einem Scheine des äußerlichen Ernstes, den er nie ablegte, zu verhüllen. Er bedurfte oft der parteiischen Nachsicht seiner Freunde; aber er erfuhr sie auch; denn er war ihnen äußerst nützlich. Buckingham und andere Hofleute von derselben Klaffe, so ausschweifend in ihrer Lebensart sie auch sein mochten, wünschten doch mit der diffentirenden oder puritanischen Secte, wie sie genannt wurde, einige Verbindung zu haben. In solchen Jntriguen war Christian ein vorzüglicher Geschäftsführer; er hätte einmal beinahe einen vollständigen Verein zwischen einer Klasse, welche sich zu den strengsten Grundsätzen der Religion und Sittlichkeit bekannte, Peveril. 26 und zwischen den frcidciikendcn Höflingen, die allen Grundsätzen Hohn sprachen, zu Stande gebracht. Unter den Abwechselungen eines den Ränken gewidmeten Lebens, während dessen Buckingham's und seine eigenen ehrgeizigen Entwürfe ihn zu wiederholten Malen über das atlantische Meer führten, rühmte sich Eduard Christian, daß er nie seinen Hauptgegenstand aus dem Gesichte verloren — die Rache an der Gräfin von Derby. Er unterhielt einen genauen und vertrauten Briefwechsel mit seiner hcimathlichen Insel, so daß er von Allem, was da vorging, genau unterrichtet war; und bei jeder günstiger» Gelegenheit reizte er die Begierde Buckingham's, sich dieses kleinen Königreichs dadurch zu bemächtigen, daß er die Verwirkung ihres Besitzes bei ihrem jetzigen Gebieter zuwege brächte. Es war nicht schwer, die ungezähmtcn Wünsche seines Gönners über diesen Punkt lebendig zu erhalten; denn seine eigene üppige Einbildungskraft knüpfte besondere Reize an den Gedanken, eine Art Souverän selbst auf dieser kleinen Insel zu werden; und er war, wie Catilina, eben so begierig nach fremdem Eigenthum, als verschwenderisch mit seinem eigenen. Aber nicht eher, als bis zur vorgeblichen Entdeckung des papistischen Anschlags, konnten Christians Entwürfe zur Reife gebracht werden; und damals waren die Katholiken in den Augen des leichtgläubigen Volks von England so verhaßt, daß auf die Anklagen der ehrlosesten Menschen, gemeiner Angeber, des Auswurfs der Gefängnisse und des Schandpfahls, die gräßlichsten Beschuldigungen gegen Personen vom höchsten Range und redlichsten Charakter bereitwillig angenommen und geglaubt wurden- Dieß war ein Zeitpunkt, den Christian zu benutzen nicht unterließ. Er knüpfte seine Vertraulichkeit mit Bridgenorth, 403 die wirklich nie unterbrochen worden war, noch enger, und gewann ihn leicht für seine Entwürfe, welche in den Augen seines Schwagers gleich rühmlich und patriotisch waren. Allein während er Bridgenorth mit Vollbringung einer völligen Reform im Staate — mit Verbannung der Zügellosigkeit des Hofes — mit Befreiung der Gewissen der Andersdenkenden vom Druck der Strafgesetze — und endlich mit Abhülfe der schreienden Beschwerden der Zeit schmeichelte — während er ihm auch die Aussicht auf Rache an der Gräfin von Derby, und auf eine demüthigende Verfügung gegen das Haus von Peveril, von dem Bridgenorth so Unwürdiges erlitten, zeigte, versäumte doch Christian unterdessen nicht, zu überlegen, wie er bei dem von seinem arglosen Verwandten genossenen Zutrauen sich selbst am besten in Vortheil setzen könnte. Aleriens ausnehmende Schönheit — der große Neichthum, welchen Zeit und Wirthschaftlichkeit auf ihren Vater gehäuft hatten — ließen sie als eine höchst erwünschte Partie betrachten, um die zerrütteten Bcrmögensumstände gewisser Personen am Hofe wieder emporzubringen; und er schmeichelte sich, eine solche Unterhandlung so cinlciten zu können, daß sie ihm selbst zum höchsten Vortheil gereichte. Er fand, es würde nicht viel Schwierigkeit haben, den Major zu vermögen, ihm seine Tochter zur Aufsicht anzuvertrauen. Der Unglückliche hatte sich gewöhnt, schon von der Zeit ihrer Geburt an, die Gegenwart seines Kindes als ein zeitliches Glück zu betrachten, das zu groß wäre, um ihm vergönnt zu sein; und Christian hatte wenig Mühe, ihn zu überzeugen, daß die starke Neigung, die er fühlte, ihre Hand dem jungen Peveril zu geben, wofern dieser nicht zu seinen eignen politischen Gesinnungen gebracht werden könnte, eine tadelnswerthe Abweichung von seinen strengen Grundsätzen sei. Neuere Umstände 28 * Hatten ihn von der Unfähigkeit der Wärterin Debora zur einzigen Pflege eines so thcuern Pfandes belehrt; und bereitwillig und voll Dank nahm er den gütigen Antrag Christians, ihres mütterlichen Oheims, an, Alerie unter die Aufsicht einer Dame von Rang in London zu bringen, während er selbst in die unruhigen und blutigen Auftritte verwickelt werden konnte, die er mit allen guten Protestanten, bei einem allgemeinen Aufstande der Papisten, sehr bald erwartete, wofern sie nicht durch die thätigen und kraftvollen Maaßregeln des Volks von England verhindert würden. So versichert, der weltliche Aufseher seiner Nichte für einen hinreichend langen Zeitraum zur Ausführung seines Plans, wie er sich schmeichelte, zu werden, suchte Christian sich den Weg durch Berathung mit Chiffinch zu bahnen, dessen bekannte Gewandtheit in der Hospolitik ihn am meisten zum Rathgeber bei dieser Gelegenheit geschickt machte. Aber dieser, der in der Thai für die Vergnügungen des Königs zu sorgen hatte, und deßhalb in großer Gunst stand, glaubte, es gehöre in den Bereich seines Amtes, einen andern Plan anzugeben, als den, über welchen ihn Christian zu Rathe zog. Ein Mädchen von so ausnehmender Schönheit, als Alerie beschrieben worden war, hielt er für würdiger, eine Theilnehmerin der Neigungen des muntern Monarchen, dessen Geschmack an weiblicher Schönheit so ausgezeichnet war, als die Frau eines heruntergekommenen Verschwenders von vornehmem Stande zu werden. Chiffinch fand, nachdem er Christian vorsichtig erforscht hatte, daß die nahe Aussicht auf Vortheil für ihn selbst ihn wirklich abhielt, sein Befremden über diesen heillosen Plan zu erkennen zu geben, entwickelte ihn ihm vollständig, behielt sorgfältig das endliche Resultat zurück, und sprach von der 4V5 Gunst, welche die schöne Alerie erlangen würde, als von keiner vorübergehenden Laune, sondern als einer eben so langen und unbeschränkten Herrschaft, wie die der Herzogin von Portsmouth gewesen, deren Habsucht und herrschsüchtiger Charakter jedoch, so viel man wisse, dem König Carl endlich Ueberdruß erregten, ob ihn gleich die Macht der Gewohnheit unfähig mache, sich von ihrem Joche zu befreien. So entworfen, war die vorbereitete Scene nicht mehr die Jntrigue eines Hofkupplers und ein niederträchtiger Entschluß zum Verderben eines unschuldigen Mädchens, sondern ward eine StaatSintrigue zur Entfernung einer übelberüchtigten Favoritin, und zu der daraus folgenden Veränderung der Gesinnungen des Königs über verschiedene wesentliche Punkte, in welchen er gegenwärtig unter dem Einflüsse der Herzogin von Portsmouth stand. In diesem Lichte wurde die Sache dem Herzog von Buckingham vorgestellt, welcher, entweder um seinen Charakter als unternehmender Liebhaber zu behaupten, oder um irgend einer schwärmerischen Laune zu huldigen, zu einer gewissen Zeit der Herzogin Liebesanträge gemacht, und eine Zurückweisung erfahren hatte, die er nie verzeihen mochte. Aber ein Plan war zu wenig, den thätigcn und unternehmenden Geist des Herzogs zu beschäftigen. Ein Anhang zu dem papistischen Complot wurde leicht so ausgedacht, daß die Gräfin von Derby darein verwickelt ward, welche, nach ihrem Charakter und ihrer Religion, gerade die Person war, die der leichtgläubige Theil des Publikums geneigt war für eine wahrscheinliche Mitschuldige einer solchen Verschwörung anzunehmen. Christian und Bridgenorth übernahmen den gefährlichen Auftrag, sie selbst in ihrem kleinen Königreiche Man zu verhaften, und hatten Vollmachten zu diesem Zweck, die nur, im Fall ihr Plan zur Ausführung käme, vorgezeigt werden sollten. Er mißlang aber, wie der Leser weiß, durch die schleunigen VertheidigungSanstalten der Gräfin; und weder Christian noch Bridgenorth hielt es für gesunde Politik, selbst unter parlamentarischer Autorität, gegen eine Dame offen zu verfahren, welche über die dienlichsten Maaßregeln zur Sicherung ihrer Lehnsoberherrschaft so wenig verlegen zu sein Pflegte. Aus dem festen Lande Britanniens war jedoch kein Widerstand zu befürchten; und so gut bekannt war Christian mit allen Bewegungen im Innern des kleinen Hofstaats oder der Hausversaffung der Gräfin, daß Peveril den Augenblick, als er den Fuß an's Ufer setzte, verhaftet worden sein würde, wenn nicht der Wind das Schiff, das er bestiegen hatte, nach Liverpool zu gehen genöthigt hätte. Hier traf Christian, unter dem Namen Ganleffe, unerwartet mit ihm zusammen, und bewahrte ihn vor den Klauen der unermüdlichen Zeugen der Verschwörung, in der Abficht, sich seiner Depeschen oder im Nothfall auch seiner Person zu versichern, und zwar auf solche Art, daß er ihn seinem eigenen Verfügen unterwürfe. Chiffinch, der aus Begierde, flch mit eigenen Augen von jener so hoch gepriesenen unvergleichlichen Schönheit zu überzeugen, absichtlich in die Grafschaft Derby gereist war, freute sich unendlich, als er, während einer zweistündigen Predigt in der Kapelle der Dissenters zu Liverpool, die ihm reichliche Muße zu einer bedächtigen Betrachtung gab, am Ende zu dem Ergebniß gelangte, daß er nie eine einnehmendere Gestalt oder Gefichtsbildung gesehen habe. Da seine Augen bestätigten, was ihm gesagt worden, eilte er zurück in das kleine Wirthshaus, den Ort ihrer Zusammenkunft, und er wartete da Christian und seine Nichte mit einem Grade von Zuversicht auf den glücklichen Erfolg ihres Plans, als er zuvor nicht genährt hatte; und mit verschwenderischen Vorbereitungen, welche, nach seiner Meinung, einen günstigen Eindruck auf das Gemüth eines Mädchens vom Lande machen müßten. Er war etwas betreten, als, statt Alerie, bei welcher er in jener Nacht eingeführt zu werden erwartet hatte, Christian in Begleitung Julian Peverils erschien- Wenige Worte zwischen den würdigen Verbündeten-vereinigten sie zu dem Plan, dem jungen Peveril die Depeschen der Gräfin abzunehmen, indem Chiffinch eine Theilnahme an dessen Verhaftung schlechthin verweigerte, als einer Sache, auf deren Billigung bei seinem Herrn nur sehr ungewiß zu rechnen wäre. Christian hatte auch seine eigenen Gründe, sich eines so entschiedenen Schrittes zu enthalten- Ein solcher durfte wahrscheinlich dem Major Bridgenortb keinesweges angenehm sein, den er doch nothwendig bei guter Laune erhalten mußte; — er war auch nicht nöthig; denn die Depeschen der Gräfin waren von weit größerer Wichtigkeit, als Julians Person. Endlich war cs auch in dieser Hinsicht überflüssig, da Julian auf dem Wege nach seines Vaters Schlosse sich befand, wo er wahrscheinlich, dem Lauf der Dinge zufolge, mit den andern verdächtigen Personen, die unter Tophams Verhaftsbefehl und die Anklagen seiner verrufenen Gehülfen fielen, ergriffen werden würde. Entfernt von aller Gewalt- thätigkcit gegen Peveril, nahm er daher einen so freundlichen Ton gegen ihn an, der ihn vor Schaden von Seiten Anderer zu warnen scheinen, und ihn selbst von irgend einer Theilnahme an der Entwendung seiner Briefschaften freisprechen möchte. Dieser letztere Betrug wurde mittelst Eingicßen eines Tranks in Julians Wein ausgeführt, der ihn in so festen 408 Schlaf brachte, daß die Verbündeten leicht im Stande waren, ihren Zweck zu erreichen. Die Begebenheiten des folgenden Tages sind dem Leser bereits bekannt. Chiffinch reifete weiter, um mit dem Packet nach London zurückzukehren, welches er so bald als möglich in Buckinghams Hände gebracht wünschte; während Christian nach Moultrassie ging, um Alerien von ihrem Vater zu empfangen, und sicher nach London zu bringen — da sein Mitschuldiger es sich gefallen ließ, seine Neugierde, sie zu sehen, so lange unbefriedigt zu lassen, bis sie in dieser Stadt ankommen würden. Ehe Christian von Bridgenorth schied, hatte er seine höchste Kunst angewandt, ihn in Moultrassie zurück zu halten; er hatte sogar die Grenzen der Klugheit überschritten, und durch sein Dringen einigen unbestimmten Verdacht erweckt. Bridgenorth folgte daher seinem Schwager nach London; und der Leser ist schon mit den Künsten vertraut gemacht worden, die Christian gebrauchte, um seine fernere Einmischung in die Bestimmung seiner Tochter oder in die heillosen Pläne seines übelgewählten Aufsehers zu verhindern. Doch sah der Letztere, als er in tiefem Nachdenken die Straße entlang schritt, immer die tausend Gefahren, die sein Unternehmen begleiteten; und die Tropfen standen wie Perlen auf seiner Stirne, als er den anmaßenden Leichtsinn und den Wankelmuth Buckinghams — die Sittenlosigkeit und Unmäßigkeit Chiffinchs — den Argwohn des schwermüthigen und frömmelnden, doch scharfsichtigen und ehrlichen Bridgenorth überlegte. Es mag auffallen, daß Christian nie daran dachte, die Tugend Aleriens könne die Klippe sein, an der seine Plane scheiterten- Aber er war ein abgefeimter Bösewicht und Lüstling, und hatte den Glauben an weibliche Tugend längst aufgegeben. 409 Achtundzwanzig st es Kapitel. London, der große Mittelpunkt von Jntriguen jeder Gattung, hatte jetzt in seinen dunkeln und schattigen Schoos die größere Anzahl der Personen gezogen, die wir zu erwähnen Gelegenheit gehabt haben. Unter Andern war Julian angelangt, und hatte in einem abgelegenen Wirthshause der Vorstädte seine Wohnung genommen- Er hielt cs für nothwendig, seinen Namen zu verschweigen , bis er insgeheim sich würde mit den Freunden besprochen haben, welche wahrscheinlich sowohl seinen Eltern als seinen Gönnern in ihrer gegenwärtigen zweifelhaften und bedrängten Lage Beistand leisten würden. Unter diesen war der mächtigste der Herzog von Ormond, besten treue Dienste, hoher Rang und anerkannte Rechtschaffenheit und Tugend immer noch einen Einfluß an demselben Hofe behaupteten, an dem er sonst als nicht in Gunst stehend betrachtet wurde. Aber Julian hatte nicht das Glück, den Rath oder die Unterstützung dieses ausgezeichneten Mannes zu erlangen: er war zu dieser Zeit nicht in London. Der Brief, für dessen Bestellung, nächst jenem an den Herzog von Ormond, die Gräfin von Derbp am meisten besorgt gewesen zu sein schien, war an Kapitän Barstow (einen Jesuiten, der eigentlich Fenwicke hieß) gerichtet, welcher in dem Hause eines gewissen Martin Christa! in der Savoy zu finden, oder doch zu erfragen sein sollte. An diesen Ort eilte Peveril, nachdem er die Abwesenheit des Herzogs von Ormond erfahren hatte- Ihm war die Gefahr nicht unbekannt, in die er sich setzte, wenn er die Mittelperson zu Mittheilun- 4IV gen zwischen einem papistischen Priester und einer verdächtigen Katholikin abgab. Als er aber den gefährlichen Auftrag seiner Gönnerin übernahm, hatte er es mit der Offenheit und mit dem ungetheilten Entschluß gethan, ihr aus diejenige Art zu dienen, wie sie am meisten ihre Angelegenheiten besorgt zu wissen wünschte. Doch konnte er sich einer geheimen Bangigkeit nicht erwehren, als er sich in das Labyrinth von Gallerten und Gängen verwickelt sah, welche zu den verschiedenen Abtheilungen von Zimmern in dem alten Gebäude, die Savoy genannt, führten. Dieses veraltete und fast verfallene Gebäude nahm einen Theil von dem Platze der öffentlichen Gebäude am Strande, gewöhnlich Sommerset-House genannt, ein. — Die Savoy war ehemals ein Pallast, der den Namen von seinem Erbauer, einem Grafen von Savoyen, führte, später ein Kloster, dann ein Hospital gewesen, und wurde endlich zu Carls II. Zeit eine Wüste von verfallenen Häusern und Gemächern, die vornehmlich von Solchen bewohnt wurden, welche einige Verbindung mit dem nahen Pallast von Sommerset-House hatten, wo sich Einige vom Hofe, gelegentlich auch der König selbst, der daselbst Zimmer besaß, aufhielten. Nicht ohne vielfache Erkundigungen und mehr als ein Mißverständniß, fand Julian am Ende eines langen und Küstern Ganges, der aus Brettern bestand, welche von der Zeit so verwittert waren, daß sie unter seinen Füßen zu wanken drohten, endlich den Namen Martin Christa!, Mäkler und Taxator, an einer zerbrochenen Tbüre. Er war im Begriff zu klopfen, als ihn Jemand an seinem Mantel zupfte; und als er sich umsah, erblickte er zu seinem großen Erstaunen, das in Wahrheit fast bis zum Schreck stieg, die kleine Stumme, welche ihn einen Theil des Weges auf seiner Abreise von der 411 Insel Man begleitet hatte. „Fenella?" rief er aus, vergessend, daß sie weder hören noch antworten konnte; „Fenella! kannst du es sein?" Fenella, die wie früher eine warnende und gebieterische Miene annahm, stellte sich zwischen Julian und die Thüre, an die er pochen wollte — wies abwehrend mit dem Finger nach derselben, runzelte zu gleicher Zeit die Stirne und schüttelte ernsthaft den Kopf. Nach kurzer Ueberlegung konnte Julian sich Fenella's Erscheinung und Benehmen nur auf die einzige Art erklären, daß ihre Gebieterin nach London gekommen sei, und diese stumme Dienerin als eine Vertraute abgeschickt habe, ihn von einer Abänderung ihres vorgehabten Verfahrens zu unterrichten, wodurch die Abgabe ihrer Briefe an Barstow überflüssig oder vielleicht gefährlich werden könnte. Er versuchte Fenella durch Zeichen zu fragen, ob sie etwa einen Auftrag von der Gräfin hätte- Sie nickte.. Ob sie einen Brief habe, fuhr er auf dieselbe Art zu fragen fort- Sie schüttelte ungeduldig den Kopf, und machte ihm, hastig den Gang entlang gehend, ein Zeichen ihr zu folgen. Er that es, wenig zweifelnd, daß er zur Gräfin selber geführt werden solle- Aber seine zuerst über Fenella's Erscheinung erregte Verwunderung wurde erhöht durch die Schnelligkeit und Leichtigkeit, womit sie die staubigen Jrrgänge der verfallenen Savoy aufzufinden schien. Als er sich jedoch besann, daß Fenella die Gräfin vormals auf einem langen Besuche in London begleitet hatte, ward es ihm nicht unwahrscheinlich, daß sie damals diese OrtSkenntniß erlangt haben möchte. Viele Fremde, die mit der Königin oder der verwittweten Königin in Verbindung standen, hatten Zimmer in der Savoy. Viele katholische Priester fanden auch Zuflucht in ihren Schlupfwinkeln, unter mancherlei Verklei- 412 düngen, und trotz der Strenge der Gesetze gegen das Pabst- thum. Was war wahrscheinlicher, als daß die Gräfin von Derby, eine Katholikin und Französin, geheime Aufträge unter solchen Leuten haben möchte; und daß die Ausrichtung derselben, wenigstens Fenellen aufgetragen wäre? Unter diesen Gedanken folgte er ihr in den Park, und sie kamen bald in die Nähe mehrerer Herren, die an den Ufern hinschlendcrten. Julian fing bei'm nähern Anblick desjenigen, der unter der Gesellschaft der vornehmste zu sein schien, das Herz ungewöhnlich zu klopfen an, als ahnte er, daß er einer Person von Bedeutung nahe käme. Die Person, die er erblickte, war über das mittlere Lebensalter hinaus, und von dunkler Gesichtsfarbe, zu welcher die lange, schwarze, dicke Perrücke, die er statt des eigenen HaareS trug, wohl paßte. Sein Kleid war von einfachem schwarzem Sammet, jedoch mit einem Diamantstcrn auf dem Mantel, welcher nachlässig über der einen Schulter hing. Seine stark, selbst bis zur Härte gezeichneten Gefichtszüge hatten doch einen edlen Ausdruck von Gulmüthigkeit; er war stark gebaut, ging aufrecht und doch ungezwungen, und hatte im Ganzen das Ansehen einer Person vom höchsten Range. Er ging in einiger Entfernung von seinen Begleitern, kehrte sich aber von Zeit zu Zeit um und sprach mit ihnen in freundlichem Tone, was das bisweilen kaum zurückgehaltene Lachen verrieth, womit seine Einfälle von seinen Begleitern ausgenommen wurden. Diese waren auch nur in der Morgentracht; aber ihre Blicke und ihr Benehmen verriethen Männer vom Range in Gegenwart einer über sie erhabenen Person. Ihre, sowie ihres Gebieters Aufmerksamkeit beschäftigten mehrere kleine, schwarze, kraushaarige Hühnerhunde, deren Sprünge ihm viel Unterhaltung zu machen schienen. Zu diesem Zeitvertreibe 413 kam noch ein Diener mit einigen kleinen Körben und Beuteln, aus welchen der beschriebene Herr von Zeit zu Zeit eine Hand voll Samenkörner nahm, und sich damit unterhielt, sie den Waffervögeln -inzuwerfen. Dieses, des Königs Lieblingsbeschäftigung, nebst seiner ausgezeichneten Gesichts bildung, und das Benehmen der übrigen Gesellschaft gegen ihn, überzeugte Julian, daß er im Begriff sei, sich vielleicht unschicklicher Weise dem später so unglücklichen Carl Stuart II- zu nähern. Während er anstand, seiner stummen Führerin weiter zu folgen, und die Verlegenheit fühlte, ihr seinen Widerwillen gegen weiteres Hinzudrängcn verständlich zu machen, begann Einer aus dem königlichen Gefolge, eine leichte und muntere Arie auf dem Flageolet, wozu der König ein Zeichen gegeben hatte, da er eine Melodie, welche auf ihn am vorhergehenden Abend im Theater besonders Eindruck gemacht, wiederholt wünschte. Jndeß der Monarch mit dem Fuße und mit der Bewegung der Hand den Takt dazu gab, fuhr Fenella fort, sich ihm zu nähern, und nahm in ihrem Wesen die Manier einer Person an, die unwillkührlich von den Tönen des Instruments angezogen wird. Begierig zu wissen, wie das enden würde, und erstaunt, das stumme Mädchen das Benehmen einer die musikalischen Töne wirklich hörenden Person so treffend nachahmcn zu sehen, schritt Peveril auch näher, jedoch in etwas größerer Entfernung. Der König blickte gutmüthig auf Beide, als wenn er ihren musikalischen Enthusiasmus für eine Entschuldigung ihrer Zudringlichkeit gelten ließe; aber seine Augen hefteten sich auf Fenella, deren Gesicht und Aussehen, obgleich mehr sonderbar als schön, etwas Wildes, Fantastisches und hierin selbst etwas 414 Einnehmendes für ein Auge hatten, das vielleicht bis zum Ucberdruß an den gewöhnlichen Formen weiblicher Schönheit sich geweidet hatte. Sie schien nicht zu bemerken, wie genau sie beobachtet würde; sondern, wie unter einem unwiderstehlichen Antriebe handelnd, der von den Tönen, auf die sie zu horchen schien, -erkam, löste sie die Haarnadel, um welche ihre langen Locken gewunden waren, und plötzlich sie um ihren schlanken Leib schlingend, begann sie mit unendlicher Anmuth und Gewandtheit zu der Melodie, welche das Flageolet spielte, zu tanzen. Peveril vergaß fast des Königs Gegenwart, als er sah, mit welcher bewunderungswürdigen Grazie und Geschmeidigkeit Fenella zu den Noten Takt hielt, die sie nur aus den Bewegungen der Finger des Musikers erkennen konnte. Er hatte freilich unter andern wunderbaren Erscheinungen von einer Person in FenellenS unglücklicher Lage gehört, daß sie durch ein gewisses unerklärliches und räthsclhaftes Gefühl die Fähigkeit erlangte, ein Instrument zu spielen, ja sogar die Aufführung von Musikstücken zu leiten, und er hatte auch von Taubstummen gehört, die ziemlich richtig tanzten, indem sie auf die Bewegungen ihrer Mittänzer Acht gaben. Aber Fenella s Ausführung ihres Tanzes schien wunderbarer, als Beides, weil der Musikus durch seine geschriebenen Noten geleitet wurde, und der Tänzer durch die Bewegungen der Andern, während Fenella keine Kunde bekam, außer dem, was sie mit unendlicher Genauigkeit durch Beobachtung der Bewegung der Finger des Tonkünstlers auf seinem kleinen Instrument auffaßte. Den König, dem die besonder» Umstände, welche Fenella's Tanz so bcwundernSwerth machten, unbekannt waren, vergnügte es, bei ihrem ersten Anfänge, das, was bei diesem sonderbaren Mädchen ein fröhlicher Ausbruch schien, mit einem gutmüthigen Lächeln zu begleiten; als er aber sowohl die ausnehmende Richtigkeit und Genauigkeit, als auch die bewundernswürdige Verbindung zwischen Anmuth und Behendigkeit bemerkte, womit sie zu seiner Lieblingsmelodie einen ihm ganz neuen Tanz aussührte, verwandelte Carl sein bloßes Wohlgefallen in enthusiastischen Beifall. Er gab den Takt zu ihren Bewegungen mit dem Fuße — applaudirte mit Kopf und Hand — und schien, wie sie selbst, ganz hingerissen zu sein. Nach einer schnellen, doch anmuthigen Reihe von Lntre- eliuts, führte Fenella eine langsame Bewegung ein, welche den Tanz schloß; dann verneigte sie sich tief, und blieb bewegungslos vor dem Könige stehen, die Arme über den Busen gefaltet, den Kopf herabgesenkt, und die Augen niedergeschlagen, nach Art eines morgcnländischen Sklaven; während man durch den nebligen Schleier ihrer schattigen Locken bemerken konnte, daß die Rothe, welche die Bewegung in ihre Wangen gerufen hatte, schnell verschwand und ihrer natürlichen dunkeln Farbe Platz machte. „Bei meiner Ehre!" rief der König aus, „sie gleicht einer Fee, die im Mondschein hüpft- Es müssen mehr Luft und Feuer, als Erde, die Theile ihres Körpers bilden- Es ist gut, daß die arme Lenore Gwynn sie nicht sah; sie wäre vor Gram und Neid gestorben. — Nun, ihr Herren, wer von euch hat dies hübsche Stück Morgenzeitvertreib ausgedacht?" Die Hofleute sahen einander an; aber Keiner fühlte sich befugt, auf das Verdienst einer so angenehmen Unterhaltung Anspruch zu machen. „So müssen wir die helläugige Npmphe selbst befragen," sagte der König, und fuhr, Fenella ansehend, fort: „Sag' uns, holdes Kind, wem verdanken wir das Vergnügen, dich 416 zu sehen? — Ich vermuthe, dem Herzog von Buckingham; denn das ist ganz ein tour äe 5on metier." Fenella, da sie sah, daß der König sie anrcdete, verbeugte sich tief, und schüttelte den Kopf, zum Zeichen, daß sie nicht verstände, was er sagte- „Auf Ehre, das ist wahr," sprach der König; „sie muß durchaus eine Fremde sein — dafür spricht ihre Farbe und ihre Behendigkeit. Frankreich oder Italien hat nicht Form und Stoff zu diesen elastischen Gliedern, braunen Wangen und feurigen Augen-" Er legte ihr dann auf Französisch und hernach wieder auf Italienisch die Frage vor, von wem sie hieher geschickt worden wäre. Bei der zweiten Wiederholung warf Fenella ihre verhüllenden Locken zurück, und zeigte so die Melancholie, die auf ihrer Stirne schwebte, während sie traurig den Kopf schüttelte, und durch unvollkommenes, doch höchst sanftes und klägliches Murmeln ihren organischen Fehler zu erkennen gab. „Ist es möglich, daß die Natur einen solchen Fehler begangen hat?" sagte Carl. „Kann sie ein so wunderbares Wesen, wie du bist, ohne die Melodie der Stimme gelassen haben, während sie dich für die Lieblichkeit der Töne so empfänglich machte? — Halt; was bedeutet dies? und was dringt man da für einen jungen Menschen herbei? Ha, ohne Zweifel den Herrn des Kunstspiels, wie ich vermuthe. — Freund (setzte er hinzu, indem er Pcveril anredete, der, auf Fenella's Zeichen, fast instinktmäßig vorgeschritten war, und niederkniete) wir danken dir für das Vergnügen dieses Morgens. — Mein Herr Marquis, Ihr betrogt mich letzte Nacht im Piket; für diese treulose That sollt Ihr nun büßen, indem Ihr ein paar Goldstücke diesem braven jungen Mann, und fünf dem Mädchen gebt." Als der Edelmann seine Börse zog und hervortrat, den Auftrag des Königs zu vollziehen, fühlte Julian einige Verlegenheit, ehe er zu erklären vermochte, daß er keinen Anspruch auf eine Belohnung für den Tanz des jungen Mädchens habe, und daß seine Majestät über seinen Stand und Charakter im Jrrthum sei- „Und wer bist du denn, mein Freund?" fragte Carl; „aber vor allen Dingen und insbesondere, wer ist diese tanzende Nymphe, auf die du wie ein begleitendes Reh wartetest?" „Diese junge Person, geruhen Ew. Majestät, ist eine Dienerin der verwittweten Gräfin von Derby," sagte Peveril in leisem Ton; „und ich bin —" „Halt, halt," sagte der König, „das ist ein Tanz zu einer andern Melodie, und paßt nicht an diesen öffentlichen Ort. Höre, Freund; du und das junge Mädchen folgt Empson, wohin er dich führen wird. — Empson bringe sie — hörst du wohl?" „Geruhen Euer Majestät, ich muß sagen, daß ich mich keiner absichtlichen Zudringlichkeit schuldig weiß — bei —" „Nun, der Henker hole den, der keinen Wink versteht," sagte der König, Julians Rechtfertigung schnell unterbrechend. „Traun, cs gibt Zeiten, wo Höflichkeit die größte Impertinenz von der Welt ist. Folge du nur Empson, und unterhalte dich auf eine halbe Stunde mit der Gesellschaft der Fee, bis wir nach euch schicken werden." Carl sprach dies, nicht ohne ängstlich umherzusehen, und in einem Tone, der Besorgniß verrieth, behorcht zu werden. Julian konnte bloß sich gehorsam verbeugen und Empson folgen, welcher dieselbe Person war, die so gewandt auf dem Flagcolet spielte. Peveril. 27 418 Als sie dem König und seiner Gesellschaft aus dem Gesicht waren, wünschte der Musikus mit seiner Begleitung eine Unterredung anzuknüpfen, und wandte sich erst an Fenella mit einem breiten Compliment: „Beim Himmel, ihr tanzt prächtig — noch nie Hab' ich aus den Brettern einen solchen Knöchel gesehen. Ich wollte Euch gerne spielen, bis meine Kehle so trocken wäre, als meine Pfeife. Frisch auf, seid ein bischen munter — der alte Nowley wird den Park bis neun Uhr nicht verlassen. Ich will Euch Zuckerkuchen und ein Quart Rheinwein geben lassen, und wir wollen Kameraden sein. Was Teufel, keine Antwort? Was heißt das, Bruder? — Ist Euer nettes Mädchen taub oder stumm, oder Beides? Sie tanzt so gut zum Flageolct." Um sich vom Gespräch dieses Gesellen zu befreien, antwortete ihm Pevcril auf Französisch, er sei ein Fremder, und spreche kein Englisch; froh, auf diese Art, obgleich mit einer Erdichtung, vom Gespräch mit einem Narren los zu kommen, der wahrscheinlich mehr Fragen gethan hätte, als seine eigne Klugheit ihn hätte beantworten lassen. Empson schritt rasch auf ein großes Haus nah' am Ende der St- Jakobsstraße los, und trat durch eine Gitterthüre vom Park in den Hof, wo das Wohnhaus eine auSgebreitete Aussicht beherrschte. Da Peveril sich an der Fronte einer artigen Gallerie befand, unter welcher sich eine stattliche Flügelthüre öffnete, war er eben im Begriff, die Stufen, die zum Haupteingange führten, hinan zu steigen, als sein Führer ihn am Arme faßte und ausrief: „Halt, Monsieur. Aus Mangel an Mut-, das sch' ich wohl, werdet Ihr nichts verlieren; allein Ihr müßt den hintern Weg einschlagen, trotz Eurem feinen Kleide. Hier heißt es nicht: klopfet an, und cs wird euch aufgethan, son- 419 dern vielmehr, klopfet an, und ihr werdet wieder geklopft werden." Von Empson geführt, lenkte Julian von der Hauptthüre ab, und zu einer andern hin, die in einer Ecke des Hofraumes öffnete. Auf einen mäßigen Schlag des Flötenspielers wurde ihm und seinen Begleitern Einlaß von einem Aufwärter gewährt, der sie durch mancherlei steinerne Gänge zu einem sehr hübschen Sommerzimmer führte, wo eine Dame, oder etwas einer solchen Aehnliches, auf höchst geschmackvolle Art gekleidet, mit einem Komödienbuche tändelte, während sie ihre Chokolade trank. Sie würde hübsch gewesen sein, ohne ihr aufgelegtes Roth und gezwungenes Micnenspiel — höflich, ohne ihre übertriebenen Wiederholungen von Gunst und Herablassung, — sie würde eine angenehme Stimme gehabt haben, hätte sie in ihrem natürlichen Tone gesprochen — und schöne Augen, hätte sie nicht einen so gezwungenen Gebrauch von ihnen gemacht. Sie konnte einen niedlichen Fuß nur durch zu freies Zeigen desselben entstellen, aber ihre Gestalt hatte, ob sie gleich noch nicht dreißig Jahre alt sein konnte, die Fülle, welche einer um zehn Jahre älteren Person vor- theilhaft gelassen hätte. Mit der Miene einer Herzogin wies sie Empson einen Sitz an, und fragte ihn schmachtend, wie es ihm in dieser ewig langen Zeit gegangen, seitdem sie ihn nicht gesehen, und was das für Leute wären, die er da mitgebracht. „Fremde, Madam, vermaledeite Fremde," antwortete Empson; „verhungerte Bettler, die unser alter Freund diesen Morgen im Park aufgelesen hat; die Dirne tanzt, und der Bursche spielt, glaub' ich,' die Maultrommel. Bei meinem Leben, Madam, ich fange an, mich des alten Rowley zu schä- 27 * 42V men; ich muß ihn abdanken, wenn er nicht künftig bessere Gesellschaft hält." „Pfui, Empson," sagte die Dame, „bedenkt, es ist unsere Pflicht, ihn zu unterstützen und im Gange zu erhalten; und wahrhaftig, ich mache mir das immer zum Grundsätze. Kommt er diesen Morgen nicht hieher?" „Er wird bald hier sein," antwortete Empson. „Mein Gott!" rief die Dame mit unverstellter Unruhe aus, und mit gänzlicher Vernachlässigung ihres gewöhnlichen affektirten Schmachiens eilte sie in ein anstoßendes Zimmer, wo man sogleich einen hitzigen und lebhaften Wortwechsel hörte. „Vermuthlich ist etwas aus dem Wege zu räumen," sagte Empson. „Gut für Madam, daß ich ihr den Wink gab. Da geht er, der glückliche Bursche." Julian stand so, daß er aus demselben Fensterflügel, durch welches Empson blickte, einen Mann in einem besetzten Ro- kelor, mit seinem Rapier unter dem Arme, aus der Thüre, durch die er selbst gekommen war, und aus dem Hofe schlüpfen sah, indem er sich immer so viel als möglich unter dem Schatten der Häuser hielt. Die Dame trat in diesem Augenblicke wieder herein, und sagte, indem sie bemerkte, wohin Empson's Augen gerichtet waren, mit einem leichten Anschein von Hastigkeit: „Es war ein Bote von der Herzogin von Portsmouth mit einem Bil- let, und drang so beschwerlich auf Antwort, daß ich genö- thigt war, ohne meine Diamantfeder zu schreiben. Ich habe meine Finger befleckt," setzte sie hinzu, eine sehr hübsche Hand betrachtend, und sogleich darauf ihre Finger in eine kleine, silberne Vase mit Rosenwaffer eintauchend. „Aber das kleine, erotische, seltsame Wesen da, Empson, versteht doch, hoff' ich, 421 wirklich nicht Englisch? — Bei meinem Leben, sie verfärbte sich. — Ist sie so eine seltene Tänzerin? — Ich muß sie tanzen sehen, und ihn auf der Maultrommel spielen hören." „Tanzen!" erwiederte Empson; „sie tanzte ziemlich gut, als ich ihr spielte. Ich kann jedes Ding tanzen machen. Das Tanzen will nichts sagen; Alles liegt an der Musik. Rowley kennt das jetzt nicht. Er sah dieß arme Mädchen tanzen, und machte so viel daraus, da doch Alles von mir herrührte. Und Rowley lobte sie darum, und gibt ihr fünf Goldstücke zum Lohn, und ich habe nur zwei für mein Morgenwerk." „Wollt Ihr diesen Leuten nicht einige Erfrischungen anbieten?" unterbrach ihn die Dame, „und wollt Ihr nicht selbst Etwas genießen? — Diese Chokolade hat der Begleiter des portugiesischen Ambassadeurs der Königin herüber gebracht." „Wenn sie ächt ist," sagte der Musikus. „Wie, Herr?" sprach das Frauenzimmer, halb von ihrem Haufen weicher Polster sich erhebend — „nicht ächt, und in diesem Hause! — Ich kann wohl sagen, Herr Empson, als ich Euch zuerst sah, wußtet Ihr kaum Chokolade vom Kaffee zu unterscheiden." „Bei Gott, Madam," antwortete Empson. „Ihr habt vollkommen Recht. Und wie kann ich besser zeigen, wie viel ich durch Euer Gnaden herrliche Bewirthung gewonnen habe, außer dadurch, daß ich nun einen feinen Geschmack besitze?" „Ihr seid entschuldigt, Herr Empson," sagte die zierliche Frau, sanft auf ihr weiches Kissen zurückfinkend, aus dem sie eine flüchtige Aufregung erhoben hatte. — „Ich denke, die Chokolade wird Euch gefallen, wiewohl sie jener kaum gleich kommt, die wir vom spanischen Residenten Mendoza hatten. 422 — Aber wir müssen diesen fremden Leuten Etwas vorsetzen. Wollt Ihr sie nicht fragen, ob sie Kaffee oder Chokolade, oder kaltes Vogclwildpret, Obst und Wein haben wollen. Sie muffen auch so bewirthct werden, daß sie sehen, wo sie sind, weil sie einmal hier sind." »Unstreitig, Madam," sagte Empson, „aber ich habe gerade in diesem Augenblicke die französischen Ausdrucke für Chokolade, Biscuit, Kaffee, Wildpret und Getränke vergessen." «Es ist seltsam," sagte die Dame, „und ich habe in demselben Augenblick mein Französisch und Italienisch vergessen. Aber das hat wenig zu bedeuten — ich will die Sachen dringen lassen, und Ihr werdet Euch schon ihrer Namen erinnern." Empson lachte laut über diesen Scherz, und setzte sein Leben zum Pfände, daß das kalte Nierenstück, das gleich darauf hereinkam, das beste Sinnbild von Roastbeef in der ganzen Welt wäre. Erfrischungen im Uebcrfluß wurden der ganzen Gesellschaft angcboten, und Peveril und Fenella nahmen daran Theil- Unterdessen rückte Empson näher an die Seite der Dame vom Hause — ihre Vertraulichkeit wurde befestigt und ihre Lebensgeister wurden befeuert durch ein Glas Liqueur, welches ihnen noch mehr Offenheit gab, die Charaktere sowohl der höheren als der niederen Hofbedientcn zu besprechen, zu denen sie vielleicht selbst gehören mochten. Ihre Unterredung war zu gemein und bezog sich zu sehr auf kleinliche Hofintriguen, als daß es Julian, der damit ganz unbekannt war, im Geringsten intercssirt hatte- Da sie länger als eine Stunde währte, hörte er bald auf, derselben die geringste Aufmerksamkeit zu widmen, und beschäftigte sich vielmehr mit Ueberlegung seiner eigenen verwickelten Angelegenheiten, und des wahrscheinlichen AuSganges seiner bevorstehenden Audienz bei dem König, welche durch eine so sonderbare Mittelsperson und auf so unerwartete Art herbeigeführt worden war. Oft sah er nach seiner Führerin Fenella, und fand, daß sie die meiste Zeit in tiefes Nachdenken versunken war. Aber drei oder vier Mal bemerkte er, daß Fenella ihnen einige jener bittern und fast verzehrenden Seitenblicke zuwarf, welche auf der Insel Man für Zeichen der Verachtung und Verwünschung galten. In ihrem ganzen Wesen lag etwas so Außerordentliches, das sich an ihre plötzliche Erscheinung und ihr Benehmen vor dem König knüpfte, womit sie so seltsam und doch so geschickt ihm eine Privataudienz bei demselben verschaffte — die er mit ernsthafteren Mitteln vergebens gesucht haben möchte — daß ihm der, zwar innerlich belächelte, Gedanke fast gerechtfertigt wurde, die kleine Stumme werde bei ihren Unternehmungen von den verwandten Geistern unterstützt, von welchen, dem Ma- nenser Aberglauben zufolge, ihre Abstammung hcrzulciten wäre. Ein anderer Gedanke entstand bei Julian zuweilen, den er jedoch als eben so fantastisch verwarf, wie, Fenella gehöre nicht zum Geschlecht der Sterblichen, — nämlich: „hatte sie wirklich jene organischen Mängel, die sie immer von der übrigen Menschheit abzusondern geschienen hatten? — Wo nicht, was konnte ein so junges Geschöpf bewogen haben, sich eine so schreckliche Buße für eine so lange Reihe von Jahren aufzulegen? Und wie furchtbar mußte die Stärke der Seele sein, welche sich zu einem solchen Opfer verdammen könnte? — Wie tief und stark der Vorsatz, für den es unternommen wurde!" 424 Aber eine kurze Ueberlegung der letzten Begebenheiten vermochte ihn, diese Muthmaßung als ganz grundlos aufzugeben. Er durfte sich nur der mancherlei listigen Streiche seines leichtsinnigen Gesellschafters, des jungen Grafen von Derby, gegen dieß unglückliche Mädchen — der in ihrer Gegenwart gepflogenen Gespräche erinnern, wenn der Charakter eines bei allen Gelegenheiten so reizbaren und empfindlichen Geschöpfs frei und bisweilen satyrisch beurtheilt wurde, ohne daß sie die geringste Kunde dessen, was um sie her vorging, ausdrllckte — um sich zu überzeugen, daß eine so tief angelegte Täuschung nie so viele Jahre lang von einem Wesen, das ein so eifersüchtiges und jähzorniges Naturell hatte, durchgcsetzt werden konnte. Er gab daher diesen Gedanken auf und beschäftigte sich mit seinen eigenen Angelegenheiten und seiner nahen Unterredung mit seinem Souverän. In dieser Ueberlegung wollen wir ihn jetzt verlassen, bis wir kürzlich die Veränderungen übersehen haben, welche mit Alerie Bridgenorth's Lage in- deß vorgegangen waren. Neunundzwanzigstes Kapitel. Julian war kaum nach Whitehaven unter Segel gegangen, als Alerie Bridgenorth und ihre Gouvernante, auf Befehl ihres Vaters, mit gleicher Eile und Heimlichkeit auf einem nach Liverpool bestimmten Boote cingeschifft wurden. Christian begleitete sie auf ihrer Fahrt, als derjenige Freund, dessen Aussicht Alcrie, während irgend einer künftigen Trennung von ihrem Vater, übergeben werden sollte, und dessen unterhaltendes Gespräch, in Verbindung mit seinen gefälligen, doch kalten Manieren und seiner nahen Verwandtschaft, Alerie in ihrer einsamen Lage bewogen, ihr Schicksal unter einem solchen Aufseher noch für glücklich zu halten. Zu Liverpool, wie die Leser schon wissen, that Christian den ersten, offnen Schritt in seinem niederträchtigen Beginnen gegen das unschuldige Mädchen, indem er sie in einer Kapelle den unheiligen Blicken Chiffinch's ausstellte, um ihn zu überzeugen, daß sie eine so seltene Schönheit wäre, die wohl die ehrlose Beförderung verdienen möchte, zu welcher sie das Mädchen zu erheben gedachten. Damit die nothwendige Einführung stattfinden könnle, hielten es die Verbündeten für schicklich, sie sollte unter die Aufsicht einer erfahrenen Dame gebracht werden, welche Einige Madame Chiffinch, Andere Chiffinch's Maitreffe nannten — eins von jenen gefälligen Geschöpfen, welche geneigt sind, alle Pflichten einer Frau zu vollziehen, ohne sich der unbequemen und unauflöslich bindenden Ceremonie zu unterwerfen. Sie bewohnte eine Partie Zimmer, — den Ort mancher Jntrigue, der Liebe sowohl, als der Politik, wo Carl oft seine Privatgesellschaften für den Abend hielt, wann, wie es oft geschah, die üble Laune der Herzogin von Portsmouth, seiner regierenden Sultanin, ihn abhielt, mit ihr zu speisen. Die Stütze, welche eine solche Einrichtung einem Mann, wie Chiffinch, gab, so gebraucht, wie er sie wohl zu gebrauchen wußte, machte ihn nur zu wichtig, um selbst von den ersten Personen im Staate nicht geringschätzig behandelt zu werden, 426 wenn sie nicht von allen politischen Angelegenheiten und Hof- intriguen entfernt standen. Unter die Aufsicht der Mistreß Chiffinch und desjenigen, dessen Namen diese führte, brachte Eduard Christian die Tochter seiner Schwester und seines vertrauenden Freundes, ihren Untergang ruhig als einen gewissen Erfolg betrachtend, und in der Hoffnung, darauf seine Aussicht zu einem sicheren Glück zu gründen, als ein an Jntriguen verschwendetes Leben ihm bisher zu verschaffen vermocht hatte. Die unschuldige Alerie, die weder in dem ungewöhnlichen Luxus, der sie umgab, noch in dem Betragen ihrer Wirthin, welches sowohl von Natur, als aus Klugheit gütig und freundlich war, irgend etwas Unrechtes entdecken konnte — fühlte nichts desto weniger eine instinktmäßige Besorgniß, daß nicht Alles recht wäre — ein Gefühl in dem menschlichen Gr- müthe, das vielleicht dem Gefühle von Gefahr verwandt ist, welches Thiere zeigen, wann sie in die Nähe der natürlichen Feinde ihrer Raffe gebracht worden sind, und welches Vögel sich niedersenken macht, wann der Habicht in der Nähe ist, und das Wild erzittern, wann der Tiger in der Wüste um- herschweift- Sie fühlte eine Beklommenheit, die sie nicht los werden konnte, und die wenigen Stunden, die sie bei Chiffinch zugebracht hatte, glichen denen, die Jemand im Gefäng- niß verlebt, ohne die Ursache und den Ausgang seiner Gefangenschaft zu wissen. Es war der dritte Morgen nach ihrer Ankunft in London, als folgender Auftritt stattsand. Die Grobheit und Pöbelhaftigkeit Empson's, die ihm als einem' ausgezeichneten Virtuosen auf seinem Instrumente nachgesehen wurden, erschöpften sich auf Unkosten aller andern Musiker, und Mad. Chiffinch hörte ihm mit sorgloser Gleichgül- 427 tigkeit zu, als man Jemand laut und lebhaft im inncrn Zimmer sprechen hörte. „O Jemine!" rief die Dame aus, indem sie auf einmal aus ihrem feinen Tone in ihre natürliche Gemeinheit des Ausdrucks verfiel, lief an die Seitenthüre, und sagte: „wenn er nur nicht gar wieder zurückgekommen ist! — und wenn der alte Rowlcy —" Ein Klopfen an der entfernteren und gegenüberstehenden Thüre hielt ihre Aufmerksamkeit an — sie ließ die Klinke jener, die sie öffnen wollte, so schnell los, als wenn sie sich die Finger verbrannt hätte, und fragte, sich zurück nach ihrem Sofa bewegend: „Wer ist da?" „Der alte Rowlcy selbst, Madam," sagte der König, indem er mit seiner gewöhnlichen aufgeräumten Miene in's Zimmer trat. „O Himmel! — Ew- Majestät! — ich glaubte —" „Daß ich nicht hören könnte, ohne Zweifel," sagte der König; »und so von mir sprechen, wie man von abwesenden Freunden spricht. Nur keine Schutzrede gehalten. Nun, nur niedergesetzt. - Wo ist Chiffinch?" »Er ist nach Aork-House, Ew- Majestät," sagte die Dame, die, obwohl mit nicht geringer Schwierigkeit, die ruhige Af- fectation ihres gewöhnlichen Betragens wieder annahm. „Soll ich Ew- Majestät Befehle ihn wissen lassen?" „Ich will seine Zurückkunft abwarten," antwortete der König. — „Lasset mich Eure Chokolade kosten." „ES ist einige frisch gekochte im Kabinet," antwortete sie; und auf ihren Ruf, wozu sie sich einer kleinen silbernen Pfeife bediente, erschien ein schwarzer Knabe, gleich einem morgenländischen Pagen prächtig gekleidet, mit goldenen Armbändern an seinen nackten Armen, und mit einer golde- 428 neu Halskette um seinen gleichfalls bloßen Hals, und trug das beliebte Morgengetränk auf einem Service vom prächtigsten Porcellan auf. Während der König seine Taffe Chokolade schlurfte, sah er sich im Zimmer um, und da er Fenella, Peveril und den Musikus bemerkte, welche neben einem großen indianischen Schirm stehen blieben, sagte er mit feiner Gleichgültigkeit zu Mistreß Chiffinch: „Ich schickte Euch diesen Morgen den Violinisten — oder vielmehr den Flötisten — Empson, und eine Feen-Elfe, die ich im Park traf; sie tanzt himmlisch. Sie hat uns die allerneueste Sarabande vom Hofe der Königin Mab gebracht, und ich schickte sie hieher, daß Ihr sic mit Muße sehen solltet." „Ew. Majestät thun mir bei weitem zu viel Ehre an," sagte die Chiffinch, die Augen gehörig niederschlagend, und ihre Accente zum Ton der schicklichen Demuth herabstimmend. „Nein, kleine Chiffinch," antwortete der König in einem Tone so geringschätziger Vertraulichkeit, als sich mit der guten Lebensart vertrug, „es war nicht ganz für Euer eigenes Ohr allein, so sehr cs auch alle süßen Töne verdient, sondern ich glaubte, Lenore wäre diesen Morgen bei dir gewesen." „Ich kann Bajazet nach ihr schicken, Ew. Majestät," antwortete die Dame. „Nein, ich will Euren kleinen heidnischen Sultan nicht so weit bemühen. Doch cs fällt mir auf, daß Chiffinch sagte, Ihr habet Gesellschaft — eine Cousine vom Lande oder so Etwas — ist nicht so eine Person da?" „Es ist eine junge Person vom Lande da," sagte Mad. Chiffinch mit dem Bestreben, ihre große Verlegenheit zu ver- 42 !) bergen; aber sie ist nicht auf solche Ehre vorbereitet, vor Ew. Majestät vorgelaffen zu werden, und —" »Und daher desto geschickter, sie zu erfahren, Chiffiuch. Ich must daher bitten, laßt uns Is belle couslne sehen." Mad. Chiffinch ging, verlegener als je, wieder nach der Seitenthüre, die sie hatte öffnen wollen, als der König eintrat. Aber eben als sie ziemlich laut hustete, vielleicht zum Zeichen für Jemand, der sich im Zimmer befand, hörte man dagegen Stimmen im lebhaften Tone des Streits — die Thüre wurde aufgeworfen, und Alerie stürzte aus dem in- nern Zimmer hervor, verfolgt bis an die Thüre desselben von dem unternehmenden Herzog von Buckingham, welcher starr vor Erstaunen stehen blieb, als ersah, daß ihn seine Verfolgung der fliehenden Schönen in die Gegenwart des Königs geführt hatte. Alerie schien zu sehr vor Zorn außer sich, um auf den Rang oder Charakter der Gesellschaft, unter die sie so plötzlich trat, achten zu können. „Ich bleibe nicht länger hier, Madam," sagte sie zur Mistreß Chiffinch, in einem Tone der entschiedensten Entschlossenheit; ich verlasse den Augenblick ein Haus, wo ich einer Gesellschaft ausgesetzt bin, die ich verabscheue, und Zudringlichkeiten, welche ich verachte " Die bestürzte Mistreß Chiffinch konnte sie bloß in gebrochenem Flüstern anflehen, zu schweigen; und — indem sie auf Carl wies, der mehr auf seinen kühnen Höfling, als auf dessen verfolgte Beute den Blick heftend dastand — hinzusetzen, „der König — der König!" „Wenn ich mich in des Königs Gegenwart befinde," sagte Alerie laut und in demselben Strom des leidenschaftlichen Gefühls, während ihre Augen durch Thränen der Erbitterung und der gekränkten Sittsamkeit funkelten — „so ist es desto 430 besser — es ist die Pflicht seiner Majestät, mich zu beschützen, und in seinen Schutz begebe ich mich." Diese Worte, welche laut und dreist gesprochen wurden, brachten auf einmal Julian wieder zu sich selber, welcher bisher wie betäubt dagestandcn hatte. Er näherte sich Alerien, flüsterte ihr in'S Ohr, daß sie Einen neben sich habe, der sie mit seinem Leben vertheidigen würde, und bat sie, sich auf seinen Schutz in dieser Bedrängniß zu verlassen. In aller Entzückung der Dankbarkeit und Freude hängte sie sich an seinen Arm, und der Muth, der Alerien nur eben zu ihrer Selbstvertheidigung belebt hatte, machte nun einer Fluth von Thränen Platz, als sie sich von demjenigen unterstützt sah, den sie vielleicht am meisten für ihren Beschützer zu erkennen wünschte. Sie ließ sich von Peveril sanft gegen den Schirm zurückziehcn, vor welchem er gestanden hatte, wo sie, indem sie sich an seinen Arm hielt und zugleich sich hinter ihm zu verbergen suchte, den Schluß eines so sonderbaren Auftritts erwartete. Der König schien sür's Erste von der unerwarteten Erscheinung des Herzogs von Buckingham so sehr überrascht zu sein, daß er Alerien, welche die Veranlassung gewesen war, seine Durchlaucht in dem unschicklichsten Augenblick so geradezu in seine Gegenwart zu bringen, wenig oder gar keine Aufmerksamkeit widmete. An diesem intriguenvollen Hofe war es nicht das erste Mal gewesen, daß der Herzog als Nebenbuhler seines Souveräns sich in das Gebiet der Galanterie gewagt hatte, und dieß machte die gegenwärtige Beleidigung desto unerträglicher. Sein Vorhaben, in diesen geheimen Zimmern verborgen zu liegen, ergab sich aus den Ausrufungen AlexienS; und Carl war, ungeachtet seines gelassenen Temperaments, und seiner Gewohnheit, über seine Leiden- schäften zu wachen, über dieses Unternehmen, seine ihm bestimmte Geliebte zu verführen, ergrimmt wie ein morgenländischer Sultan den Uebermuth eines Veziers empfunden haben würde, welcher seinem beabsichtigten Kauf einer gefangenen Schönen auf dem Sclavenmarkt vorgegriffen hätte. Carls schwarzbraune Gesichtszllge rötheten sich, und die starken Linien seiner dunkeln Physiognomie schienen aufzuschwellen, als er mit einer vom Affect stotternden Stimme sagte: „Eures Gleichen, Buckingham, würdet Ihr nicht so zu beleidigen gewagt haben! Eurem Gebieter könnt Ihr sicher jeden Schimpf anthun, weil sein Rang sein Schwert an die Scheide bindet." Der stolze Herzog konnte diesen Hohn nicht unbeantwortet über sich ergehen lassen. „Mein Schwert," sagte er mit Nachdruck, „war nie in der Scheide, wenn der Dienst Ew. Majestät cs zu entblößen forderte." „Ew. Durchlaucht meinen, als sein Dienst für seines Besitzers Vorthcil not-wendig war," sagte der König; „denn Ihr konntet die Herzogskrone nur durch Fechten für die königliche Krone gewinnen. Aber das ist vorbei — ich habe Euch als Freund — als Gefährten — fast als meines Gleichen behandelt — Ihr habt mich mit Uebermuth und Undank belohnt." „Sire," antwortete der Herzog fest, aber ehrerbietig, „ich bin unglücklich, daß ich Euch mißfalle; jedoch insofern glücklich, daß, während Eure Worte Ehre ertheilen können, sie dieselbe doch nicht zu verringern oder zu entziehen vermögen. — Es ist hart," fuhr er mit gedämpfter Stimme fort, so daß er bloß vom Könige gehört werden konnte, „daß das Geschrei.eines grämlichen Mädchens die Dienste so vieler Jahre aufwiegen soll " „Es ist noch härter," sagte der König, in demselben gemäßigten Tone, den Beide in der übrigen Unterredung beibehielten, „daß die glänzenden Augen eines Mädchens einen Edelmann die Anständigkeit vergessen machen können, die er den vertrauten Verhältnissen seines Souveräns schuldig ist." „Darf ich so frei sein, Ew. Majestät zu fragen, was dieß für eine Anständigkeit ist?" Carl biß sich in die Lippe, um sich des Lächelns zu enthalten. „Buckingham," sagte er, „das ist ein närrischer Handel; und wir dürfen nicht vergessen (wie wir beinahe gethan haben), daß wir Zuhörer zu Zeugen dieses Auftritts haben, und auf der Bühne mit Würde einhergchen sollten. Ich will Euch Eure Fehler privatim zeigen " „Es ist genug, daß Ew. Majestät unwillig geworden sind, und daß ich unglücklicherweise die Ursache gewesen bin," sagte der Herzog, „jedoch mir keiner Absicht bewußt, außer ein paar galanten Worten; und ich bitte demüthig Ew. Majestät um Vergebung." So sprechend kniete er mit Anmuth nieder. „Du hast sie," sagte der versöhnliche Fürst. „Ich glaube, du wirst eher der Beleidigung, als ich der Vergebung müde sein " „Lange möge Ew. Majestät leben, um das Aergerniß zu geben, welches Ihr jetzt meiner Unschuld zur Last zu legen beliebt," sagte der Herzog. „Was meint Ihr damit, Herzog?" sprach Carl, dem wieder ein Schatten des Unwillens für einen Augenblick über die Stirne zog. „Mein Fürst," erwiederte der Herzog, „Ihr seid zu aufrichtig um Eure Gewohnheit abzuläugnen, mit Cupido's Vogelpfeilen in anderer Leute Gehäge zu schießen. Ihr habt das königliche Recht der freien Jagd über Jedermanns Park 433 ausgeübt. Es ist hart, daß Ihr so mißvergnügt sein könnt, wenn zufällig ein Pfeil neben Euren eignen Grenzpfähleu vorüberfliegt." „Nichts mehr davon," sagte der König, „sondern laßt uns sehen, wo die Taube sich beherbergt hat- Wir müssen diese Leute ihre Talente zeigen lassen, und ihnen den Mund mit Geld und Höflichkeit stopfen, oder wir werden diesen närrischen Vorfall in der ganzen Stadt ausgebrcitet sehen." Der König näherte sich hierauf Julian, und forderte ihn auf, sein Instrument zu nehmen, und seine Begleiterin eine Sarabande tanzen zu lassen. „Ich hatte bereits die Ehre, Ew. Majestät zu berichten," sagte Julian, „daß ich nicht auf die Art, wie Ihr mir befehlt, zu Eurem Vergnügen beitragen kann, und daß diese junge Person —" „Zur Bedienung der Lady Powis gehört," sagte der, König, aus welchen Dinge, die nicht seine Vergnügungen betrafen, nur einen sehr flüchtigen Eindruck machten. „Die arme Dame, sie ist in Unruhe wegen der Lords im Tower." „Vergebt Ew. Majestät," sagte Julian, «sie ist eine Dienerin der Gräfin von Derby." „Ganz recht, ganz recht," antwortete Carl, „sie gehört der Gräfin Derby, die auch ihre eignen Widerwärtigkeiten in diesen Zeiten hat- Wißt Ihr, wer die junge Person tanzen gelehrt hat? Einige ihrer Pas haben gewaltig viel von denen Le Jeune's in Paris " „Ich vermuthe, sie ist im Auslande gebildet worden, Ew. Majestät," — sagte Julian; „was mich angeht, so bin ich mit einigen wichtigen Angelegenheiten von der Gräfin beauftragt, welche ich sehr gern Ew. Majestät mittheilen wollte." „Wir wollen Euch zu Unserm Staatssecretär schicken," Peveril. 28 434 sagte der König. „Aber die tanzende Nymphe hier wird uns noch einmal erfreuen, oder nicht? — Empson, nun erinnere ich mich, sie tanzte zu deiner Pfeife. Setz' an, und bringe Leben in ihre Füße." Empson fing an, einen wohl bekannten Tanz zu spielen, und griff, wie er gedroht hatte, mehr als eine falsche Note, bis der König, der ein sehr richtiges Gehör hatte, es ihm mit den Worten verwies: „Bursche, bist du betrunken in dieser frühen Tageszeit, und mußt auch deine Streiche mit mir spielen? Du denkst, du seist zum Taktschlagen geboren, aber ich will auf dir den Takt schlagen " Der Wink war zureichend, und Empson gab sich alle Mühe, sein Stück so zu spielen, wie cs seinem hohen und verdienten Ruf entsprach. Aber auf Fenella machte cs nicht den geringsten Eindruck. Sie schien weniger zu stehen, als an die Wand des.Zimmers sich anzulehnen; ihr Gesicht war todtenbleich, ihre Arme und Hände hingen, wie erstarrt, herab, und ihr Leben vcrrieth sich bloß durch das Schluchzen, das ihren Busen bewegte, und durch die Zähren, die aus ihren halbgeschloffenen Augen flössen. „Der Henker hole das," sagte der König; „irgend ein böser Geist ist diesen Morgen in Bewegung; und die Mädchen find alle behext, glaub'ich. Frisch auf, mein Kind! Was, in Teufels Namen hat dich auf einmal aus einer Nymphe in eine Niobe verwandelt? Wenn du da länger stehst, wirst du selbst mit der Marmorwand verwachsen- — Oder — Georg, habt Ihr etwa auch in diesem Quartier Vögel geschossen?" Ehe Buckingham auf diese Beschuldigung antworten konnte, kniete Julian vor dem Könige nieder, und bat, wär' es auch nur auf fünf Minuten, um Gehör. „Das junge Mädchen," sagte er, „sei lange in der Begleitung der Grä- fin von Derby gewesen, und der Sprache und des Gehörs beraubt." „Was Tausend, und tanzt so gut?" sagte der König. „Nein, das ganze Gresham-Kollegium soll mich das nicht glauben machen." „Ich würde cs gleichfalls für unmöglich gehalten haben, war' ich nicht heute Zeuge davon gewesen," sprach Julian; „aber geruhen Ew. Majestät nur, daß ich Euch die Bittschrift der Gräfin überreichen darf." „Und wer bist denn du?" sagte der König; „denn obgleich Alles, was Schnürbrust und Brustschleife trägt, ein Recht hat, .einen König zu sprechen, und eine Antwort zu erhalten, so weiß ich doch nicht, daß fie einen Anspruch auf Audienz durch einen außerordentlichen Gesandten haben." „Ich bin Julian Peveril von Derbyshire," antwortete der Supplicant, „der Sohn Ritter Gottfried Peveril's vom Schloß Martindale, der —" „Hilf Himmel!" sagte der König. „Ei ja, ich erinnere mich seiner wohl — einiges Leid ist ihm widerfahren, denk' ich. — Ist er nicht todt, oder wenigstens sehr krank?" „Schlecht befindet er fich in seiner Lage, aber nicht in Ansehung seiner Gesundheit, Ew- Majestät. Er ist wegen vorgeblicher Theilnahme an dem Complot verhaftet worden." „Ich weiß wohl," sagte der König; „er war in Roth, und doch, wie dem braven alten Ritter zu helfen wäre, kann ich kaum sagen. Ich kann fast selbst dem Verdacht des Complots nicht entgehen, obgleich der Hauptzweck davon ist, mir selber « das Leben zu nehmen. Wollt' ich mich für einen Vcrschwor- nen verwenden, so würde ich gewiß als ein Mitschuldiger eingebracht werden. — Buckingham, du hast einiges Gewicht bei denen, die deine schöne Staatsmaschine gebaut oder we- 28» 436 nigstens in Gang gebracht haben — sei einmal gutmüthig, ob das gleich deine Art schwerlich ist, und nimm dich unsers alten Worcestcr Freundes, Ritter Godfrey's, an. Du hast ihn doch nicht vergessen?" „Nein, Sire," antwortete der Herzog; „denn ich habe den Namen gehört." „Es ist Ritter Gottfried, wie Seine Majestät sagen woll- ,en," bemerkte Julian. „Und wenn Seine Majestät wirklich sagten Ritter Gottfried, Herr Peveril, so kann ich doch nicht sehen, was ich Eurem Vater helfen könnte," antwortete der Herzog mit Kälte. „Er ist eines schweren Verbrechens angeklagt; und ein brittischer Unterthan kann weder von einem Prinzen, noch von einem Pair Schutz erhalten, sondern muß sich dem Rechtsspruch und der Gnade Gottes und seines Vaterlandes überlassen." „Nun, der Himmel möge dir deine Heuchelei vergeben, Georg," sagte der König hastig. „Ich wollte lieber den Teufel Religion predigen, als dich Patriotismus lehren hören. Du weißt so gut, als ich, die Nation hat ein Scharlachfieber, aus Furcht vor den armen Katholiken, deren doch nicht zwei gegen fünfhundert sind; und die Gemüther des Volks werden mit neuen Erzählungen von Verschwörung, und mit frischen Schreckensscenen jeden Tag so beängstigt, daß die Leute eben so wenig mehr wahres Gefühl für Recht oder Unrecht haben, als Menschen, die im Schlafe von Sinn oder Unsinn sprechen. Ich habe dadurch gelitten, und viel gelitten — ich habe Blut auf dem Schaffott fließen gesehen, in Furcht, die Nation in ihrer Wuth aufzuhalten — und ich bete zu Gott, daß ich oder die Meinigen nicht dafür zur Rechenschaft gefordert werden. Ich will nicht länger mit dem Strome schwimmen, welchen Ehre und Gewissen zu hemmen mich auffordern — ich will die Rolle eines Souveräns spielen, und mein Volk, ihm selber zum Trotz, abhalten, Unrecht zu thun." Carl ging hastig im Zimmer auf und ab, als er diese ungewohnten Gesinnungen mit eben so ungewohntem Nachdrucke äußerte. Nach einer augenblicklichen Pause antwortete ihm der Herzog ernsthaft: „Gesprochen gleich einem königlichen König, Sire; allein — verzeiht mir — nicht gleich einem Könige von England." Carl blieb, als der Herzog sprach, neben einem Fenster stehen, das die volle Aussicht auf Whitehall hatte, und sein Auge ward unwillkürlich von dem Fenster des Gasthauses angezogen, aus welchem sein unglücklicher Vater zur Hinrichtung geführt worden war. Carl war von Natur tapfer; aber ein Leben zum Vergnügen, nebst der Gewohnheit, sein Verhalten mehr nach dem Vorthcilhaften, als nach dem Rechten einzurichten, machte ihn ungeschickt, denselben Auftritt von Gefahr oder Märtprerthum zu wagen, welcher seines Vaters Leben und Regierung geschlossen hatte; und dieser Gedanke kam über seine halbgebildete Entschließung, wie der Regen auf einen angezündcten Leuchthurm. Bei einem andern Mann würde seine Verlegenheit fast drollig geschienen haben; aber Carl konnte, selbst unter diesen Umständen, die Würde und Anmuth nicht verlieren, welche ihm eben so natürlich waren, als seine Gleichgültigkeit und seine gute Laune- „Unser Geheimerath muß in dieser Sache entscheiden," sagte er, den Herzog ansehend; „und seid versichert, junger Mann," fuhr er gegen Julian fort, „Euer Vater soll an seinem Könige keinen Fürsprecher vermissen, so weit die Gesetze meine Vermittlung zu seinem Besten gestatten werden." Julian war im Begriff sich zurückzuziehcn, als Fenella, mit einem bedeutenden Blick, ihm einen Streif Papier in die Hand legte, auf dem sie hastig geschrieben hatte: „das Packet, — gebt ihm das Packet." Nach einem augenblicklichen Zaudern, während dessen er bedachte, daß Fenella das Werkzeug zur Vollziehung der Wünsche der Gräfin wäre, entschloß sich Julian zu gehorchen. Erlaubt mir nun, Euer Majestät," sprach er, „in Eure königlichen Hände dieß Packet zu legen, das mir von der Gräfin Derby anvertraut worden ist. Die Briefe sind mir schon einmal entwendet worden, und ich habe wenig Hoffnung, sie jetzt so zu überliefern, wie sie addressirt sind. Ich lege sie daher in Eure königlichen Hände, gewiß, daß sie die Unschuld der Verfasserin beweisen werden." Der König schüttelte den Kopf, als er das Packet mit Widerstreben annahm. „Ihr habt Euch keinem leichten Geschäft unterzogen, junger Mann- Einem Boten ist bisweilen die Kehle abgeschnitten worden wegen des Inhalts seiner Depeschen. — Aber gebt sie mir; und Chisfinch, gib mir Siegellack und eine Kerze." Er beschäftigte sich nun damit, dem Packet der Gräfin einen andern Umschlag zu geben. „Buckingham," sagte er, „Ihr seid Zeuge, daß ich sie nicht lese, bis das Conseil sie sehen wird." Buckingham näherte sich, und bot seine Dienste an, das Packet zusammen zu legen; aber Carl lehnte seinen Beistand ab; und nachdem er das Geschäft beendigt hatte, siegelte er das Packet mit seinem eigenen Handfiegcl. Der Herzog biß sich in die Lippe und zog sich zurück. „Und nun, junger Mann," sagte der König, „ist Eure Botschaft besorgt, so weit sie für jetzt befördert werden kann." 439 Julian verbeugte sich tief, um bei diesen Worten, die er mit Recht als ein Zeichen zu seiner Entfernung auslegte, Abschied zu nehmen. Alexie Bridgenorth hing noch an seinem Arme, und machte eine Bewegung, zugleich mit ihm fortzugehen. Der König und Buckingham sahen einander betroffen und erstaunt an, und doch nicht ohne eine Neigung zu lächeln; so sonderbar schien es ihnen, daß eine Beute, um die sie einen Augenblick zuvor gestritten hatten, ihnen so aus den Händen schlüpfen, oder vielmehr von einem dritten und sehr untergeordneten Bewerber entführt werden sollte. „Mistreß Chisfinch," sagte der König mit einem Stottern, das er nicht verbergen konnte, „ich hoffe, Euer schöner Pflegling ist nicht im Begriff, Euch zu verlassen?" „Gewiß nicht, Eure Majestät," antwortete die Chisfinch. „Alexie, meine Liebe, — Ihr irrt Euch, vie Thüre gegenüber führt zu Euren Zimmern." „Verzeiht, Madam!" antwortete Alexie; „ich habe mich allerdings auf meinem Wege verirrt, dieß geschah aber, als ich hieher kam." „Die Landläuserin," sagte Buckingham, so bedeutsam den König ansehend, als die Etikette ihm durch Winke zu zeigen erlaubte, und dann sich zu Alerien wendend, als sie sich noch an Julian's Arm hielt, — „ist entschlossen, ihren Weg nicht zum zweiten Mal zu verfehlen. Sie hat einen hinreichenden Führer erwählt." „Und doch melden Geschichten, daß solche Führer Mädchen irre geführt haben," sagte der König. Alexie erröthete tief, gewann aber im Augenblick ihre Fassung wieder, als sie sah, daß ihr wahrscheinlich die Freiheit, ihren Entschluß unmittelbar auszuführen, gelassen wer- den würde. Sie ließ aus beleidigtem Zartgefühl den Arm Julians, an dem sie bisher gehangen hatte, los; aber als sie sprach, fuhr sie fort, sich leicht an seinem Mantel zu halten. „Ich habe in der That meinen Weg verfehltfuhr sie fort, indem sie sich wieder an Madame Chiffinch wandte; „aber es geschah, als ich über diese Schwelle schritt. Die Behandlung, die ich in Eurem Hause erfahren mußte, hat mich bestimmt, es augenblicklich zu verlassen." „Ich werde das nicht zugeben, meine junge Demoiselle," antwortete die Chiffinch, „bis Euer Onkel, der Euch unter meine Aussicht gegeben hat, mich der Sorge für Euch entbinden wird." „Ich will mein Verhalten, sowohl bei meinem Onkel, als auch, was noch mehr bedeutet, bei meinem Vater verantworten," sagte Alerie. „Ihr müßt mir erlauben fort zu gehen, Madam; ich bin frei geboren, und Ihr habt kein Recht, mich zurück zu halten." „Verzeiht, junges Frauenzimmer," sagte Madame Chiffinch, „ich habe ein Recht, und ich will es auch behaupten." „Ich will das erfahren, ehe ich diese hohe Person verlasse," sagte Alerie mit Festigkeit; und einen oder zwei Schritte vertretend, fiel sie auf das Knie vor dem Könige nieder, und sprach: „Euer Majestät seid, wenn ich wirklich vor dem König Carl kniee, der Vater Eurer Untcrthanen." „Bon einem guten Theil derselben," sagte der Herzog von Buckingham heimlich. „Ich bitte um Euren Schutz, im Namen Gottes und des Eides, den Euer Majestät schworen, als Ihr die Krone dieses Königreichs auf Euer Haupt setztet." „Ihr habt meinen Schutz," sagte der König ein wenig betroffen durch eine so unerwartete und so feierliche Berufung. 441 „Bleibt Ihr nur ruhig bei dieser Dame, welcher Euch Eure Eltern übergeben haben; weder Buckingham, noch sonst Jemand, soll sich Euch aufdrängen." „Seine Majestät," setzte Buckingham in demselben Tone, und beseelt von dem unruhigen und Unheil stiftenden Geiste des Widerspruchs hinzu, den er nie zurückhalten konnte, selbst wenn dessen Befriedigung nicht nur der Schicklichkeit, sondern auch seinem eignen Interesse zuwider war, — „Seine Majestät, holdes Mädchen, wird Euch vor aller Zudringlichkeit beschützen, außer vor der, die nicht so genannt werden darf." Alexie warf einen scharfen Blick auf den Herzog, als wollte sie seine Meinung erforschen, und einen andern auf Carl, um zu erfahren, ob sie recht gemuthmaßt hätte- Es lag ein Be- kenntniß der Schuld auf des Königs Stirne, welches Alexie bestimmte, zu scheiden. „Eure Majestät werden mir vergeben," sprach sie; „hier ist es nicht, wo ich den Vortheil Eures königlichen Schutzes genießen kann. Ich bin entschlossen, dieß Haus zu verlassen- Wenn ich zurückgehaltcn werde, so muß es durch Gewalt geschehen, die mir, wie ich hoffe, Niemand in Eurer Majestät Gegenwart anzuthun wagen wird. Dieser junge Mann, den ich lange gekannt habe, wird mich zu meinen Freunden bringen." „Wir machen nur eine schlechte Figur bei diesem Auftritt, dünkt mich," sagte der König heimlich zum Herzog von Buckingham; „aber sie muß gehen, — ich will sie nicht abhalten, zu ihrem Vater zurückzukehren-" „Und wenn sie es thut," schwor der Herzog insgeheim, „so wollte ich, wie Sir Andreas sagt, ich möchte nie die Hand eines schönen Mädchens berühren." Und zurücktre- tend sprach er ein Paar Worte mit Empson, welcher auf einige Augenblicke das Zimmer verließ, und sogleich zurückkam. Der König schien unentschlossen, was er für eine Nolle unter so eigenen Umständen spielen sollte. In einer Liebcs- intrigue übcrmeistert zu werden, hieß sich dem Gespött seines lustigen Hofes aussetzen; auf derselben durch Mittel, die sich dem Zwange näherten, zu bestehen, würde tprannisch gewesen sein, und was er vielleicht als einen eben so strengen Tadel ansehcn mochte, es würde einem braven Mann nicht geziemt haben." „Auf meine Ehre, Fräulein," sagte er mit Nachdruck, „Ihr habt nichts zu fürchten in diesem Hause. Aber es ist um Eurer selbst willen nicht schicklich, wenn Ihr es auf diese plötzliche Art verlassen wolltet. Wenn Ihr die Güte haben wolltet, nur eine Viertelstunde zu warten, so wird die Kutsche der Madame Chiffinch zu Eurem Befehl sein, Euch dahin zu bringen, wohin Ihr wollt. Erspart Euch selber das Gespött, und mir den Schmerz, Euch das Haus eines meiner Diener so verlassen zu sehen, als wenn Ihr aus einem Gefängniß entwichen wärt " Der König sprach in gutmüihiger Aufrichtigkeit, und Alcxie war für einen Augenblick bereit, seinem Rath Gehör zu geben; als sie sich aber besann, daß sie ihren Vater und ihren Oheim, oder wenn sie dieselben nicht fände, einen passenden Ort zum sichern Aufenthalt aufsuchen müßte, fiel es ihr plötzlich ein, daß die Bedienten der Madame Chiffinch wahrscheinlich keine sichern Führer dabei abgebcn dürften. Fest und ehrerbietig kündigte sie daher ihre Absicht an, sogleich fortzu- gchen. Sie bedürfte keiner andern Bedeckung, sagte sie, als der, welche dieser Herr, Julian Peveril, ein guter Bekannter ihres Vaters, ihr gern gewähren würde; auch habe sie diese nicht weiter nöthig, als bis sie ihres Vaters Aufenthalt würde erreicht haben. „So lebt denn wohl, Fräulein, und geht in Gottes Namen," sagte der König; „es thut mir leid, daß so viel Schönheit mit so viel bitterem Argwohn verbunden sein mußte. — Herr Pcveril, sollt' ich meinen, Ihr hättet genug mit Euren eigenen Angelegenheiten zu thun, ohne sich in die Grillen des schönen Geschlechts zu mischen. Die Pflicht, alle verirrte Mädchen auf den rechten Weg zu bringen, ist, so wie die Sachen in dieser guten Stadt gehen, fast ein zu schweres Unternehmen für Eure Jugend und Unerfahrenheit." Julian, voll Verlangen, Alexie sicher von einem Orte hinweg zu bringen, dessen Gefahren er völlig zu ermessen anfing, antwortete nichts auf diesen Ausfall, sondern führte sie, nach einer ehrerbietigen Verbeugung, aus dem Zimmer. Ihr plötzliches Erscheinen und die darauf folgende lebhafte Scene hatten, für den Augenblick, gänzlich die Erinnerung an ihren Vater und an die Gräfin von Derby verschlungen; und während die stumme Dienerin der Letzteren als eine schweigende, und gleichsam erstaunte Zuschauerin alles Vorgefallenen im Zimmer zurückblieb, hatte Peveril, in der vorherrschenden Theilnahme an Aleriens zweifelhafter Lage, ihre Anwesenheit gänzlich vergessen. Aber kaum hatte er das Zimmer verlassen, ohne sie zu bemerken, oder zu erwarten, als Fenella, wie aus tiefem Sinnen auffahrend, sich aufrichtete, und wild um sich her blickte, wie aus einem Traum erwachend, als wollte sie sich überzeugen, daß ihr Begleiter fort wäre, ohne ihr die geringste Aufmerksamkeit zu beweisen. Sie faltete die Hände zusammen, und warf die Blicke aufwärts, mit einem Ausdruck von solchem Seelenkampf, welcher Carl'n (wie 444 es ihm schien) die peinlichen Gedanken in ihrer Seele erkennen ließ. „Dieser Pcveril ist ein vollkommenes Muster glücklicher Treulosigkeit," sagte der König; „es ist ihm nicht bloß gelungen, auf den ersten Anblick diese Königin der Amazonen zu entführen, sondern er hat uns auch, glaub' ich, eine treulose Ariadne an ihrer Stelle zurück gelassen. — Aber weine nicht, schöne Tänzerin," sagte er zu Fenella; „wenn wir Bacchus nicht herbeirufen können, dich zu trösten, so wollen wir dich der Sorge Empsons übergeben, der es mit dem Inder ?ater wenigstens im Trinken ausnimmt." Als der König diese Worte sprach, fuhr Fenella mit der gewohnten Schnelligkeit ihrer Schritte bei ihm vorbei, und eilte mit viel weniger Höflichkeit, als der Gegenwart des Königs gebührte, die Treppe hinab, und aus dem Hause, ohne irgend eine Mittheilung gegen den Monarchen versucht zu haben. Er sah ihre plötzliche Entfernung mit mehr Uebcr- raschung, als Mißvergnügen, und gleich darauf in ein Gelächter ausbrechend, sagte er zum Herzoge: „Wahrhaftig, Georg, diese Dirne könnte den Besten von uns lehren, wie man Mädchen behandeln muß. Ich habe meine eigene Erfahrung gehabt, aber ich konnte es nie dahin bringen, sie mit so wenig Umständen zu gewinnen oder zu verlieren." „Erfahrung, Sire," crwiedcrte der Herzog, „kann erst mit den Jahren erlangt werden." „Wahr, Georg; und Ihr wollt, glaub' ich, zu verstehen geben," sagte Carl, „daß der Liebhaber, der sie erwirbt, eben so viel an Jugend verliert, als er an Kunst gewinnt? Ich biete Eurer Behauptung Trotz, Georg. Ihr könnt Euren Herrn nicht übertreffen, so alt als Ihr ihn denken möget, weder in der Liebe, noch in der Politik. Ihr habt nicht das Geheimniß Miner In poule 8gns Is faire crier (das Huhn zu rupfen, ohne daß es schreit), wie dieß Morgenstuck be> weist. Ihr sollt in allen Spielen den Kurzem ziehen, — ja, und auch im Mailspiel, wenn Ihr meine Herausforderung anzunehmen wagt. — Chiffinch, warum verdirbst du dir dein hübsches Gesicht mit Schluchzen, und mit Ausprefsen von T-räncn, die ziemlich ungern zum Vorschein kommen zu wollen scheinen?" „Es ist aus Furcht," winselte die Chiffinch, „daß Euer Majestät denken möchten, — daß Ihr erwarten solltet —" „Daß ich Dankbarkeit von einem Höflinge oder Treue erwarten sollte?" antwortete der König, indem er ihr zugleich unter das Kinn griff, damit sie ihr Gesicht erhöbe, — „Pah, Täubchen, ich bin nicht so wunderlich." „So ist cs nun," sagte die Chiffinch, indem sie um so mehr zu schluchzen fortfuhr, je unfähiger sie sich fühlte, Thrä- nen hervorzubringen; „ich sehe, Euer Majestät ist entschlossen, mir die ganze Schuld zu geben, da ich doch so unschuldig bin, wie ein ungebornes Kind. — Seine Durchlaucht soll mich richten." „Kein Zweifel, kein Zweifel, Chiffinch," sagte der König. „Seine Durchlaucht und Ihr werdet herrliche Richter sein, in Euern gegenseitigen Angelegenheiten, und eben so gute Zeugen zu Eurem gegenseitigen Vortheil. Aber um die Sache unparteiisch zu untersuchen, müssen wir unfern Zeugen für sich verhören. Mein Herzog, wir treffen uns bei dem Mail zu Mittage, wenn Eure Durchlaucht meine Herausforderung annehmen wollen." Der Herzog von Buckingham verneigte sich, und ging. 446 Dreißig st es Kapitel. Julian hatte, Alcrien halb führend, halb unterstützend, die Mitte der St. Jakobsstraße erreicht, eh' er bedachte, wohin sie ihre Richtung nehmen sollten. Er fragte daher Alerie, wohin er sie führen sollte, und erfuhr, mit Erstaunen und Bestürzung, daß sie, weit entfernt, zu wissen, wo ihr Vater zu finden wäre, nicht einmal gewisse Kcnntniß hatte, daß er sich in London befände, und bloß nach dem, was er beim Abschiede geäußert hatte, hoffte, daß er daselbst angekommen sein würde. Sie erwähnte ihres Oheims, Christians, aber mit Zweifeln und Bedenklichkeiten, die aus den Verhältnissen des Hauses entstanden, in dem er sie eben untergebracht hatte, und ihr Widerwille, sich wieder unter seinen Schutz zu begeben, wurde von ihrem jungen Führer stark bestätigt, als wenige Worte ihn in der Ueberzeugung bekräftigt hatten, daß Christian und Ganleffe eine und dieselbe Person waren. Was war also zu thun? „Alerie," sagte Julian, nach kurzer Ueberlegung, „Ihr müßt Eure früheste und beste Freundin — nämlich meine Mutter, aufsuchen. Sie hat jetzt kein Schloß, in welchem sie Euch aufnehmen könnte, — sie hat nur eine elende Wohnung, so nahe dem Gefängniß, in welchem mein Vater verhaftet ist, daß sie fast eine Zelle desselben Gefängnisses zu sein scheint. Ich habe sie nicht gesehen, seit ich hieher gekommen bin; aber so viel Hab' ich durch Erkundigung erfahren. Wir wollen nun nach ihrem Quartier gehen; wie es auch sein mag, ich weiß, sie wird es mit einem so unschuldigen und schutzlosen Mädchen, wie Ihr seid, theilen." „Gütiger Himmel!" sagte das arme Mädchen, „bin ich denn so ganz verlassen, daß ich mich in die Arme derjenigen werfen muß, die in der ganzen Welt am meisten Ursache hat, mich von sich zu stoßen? — Julian, könnet Ihr mir dieß rathen? — Ist sonst Niemand, der mir auf einige Stunden Zuflucht gewähren wollte, bis ich Nachricht von meinem Vater bekommen kann? — Gibt es keine andere Beschützerin, als die, deren Untergang, wie ich fürchte, beschleunigt worden ist, durch — Julian, ich wage nicht, vor Eurer Mutter zu erscheinen! Sie muß mich um meiner Familie willen Haffen, und wegen meiner Niedrigkeit verachten. Zum zweiten Mal mich unter ihren Schutz zu begeben, nachdem ihr erster so schlecht vergolten worden ist — Julian, ich wage nicht mit Euch zu gehen." „Sie hat nie aufgehört, Euch zu lieben, Alerie," sagte ihr Führer, dessen Schritten sie zu folgen fortfuhr, selbst als sie ihren Entschluß erklärte, nicht mit ihm zu gehen; „sie fühlte nie etwas anderes, als Wohlwollen gegen Euch, ja, auch gegen Euren Vater, denn obgleich sein Verfahren mit uns hart gewesen ist, so kann ich doch darauf rechnen, daß er sehr gereizt worden ist. Glaubt mir, bei ihr werdet Ihr so sicher sein, wie bei einer Mutter, — Ihr könnt vielleicht das Mittel zur Ausgleichung der Zwistigkeiten werden, durch die wir so viel gelitten haben." „Gebe cs Gott," sagte Alerie. »Doch wie soll ich Eurer Mutter in's Gesicht sehen? Und wird sie vermögend?sein, mich gegen diese mächtigen Männer zu schützen? — lgegcn meinen Onkel Christian? Ach, daß ich ihn meinen ärgsten Feind nennen muß!" „Sie hat die Uebcrlegcnheit, welche Rechtschaffenheit über Niederträchtigkeit, und Tugend über Laster hat," sagte Ju- lian; »und sie wird Euch keiner menschlichen Macht, ohne Eures Vaters Willen, übergeben, wenn Ihr sie zu Eurer Beschützerin erwählen wollt. So kommt Ihr also mit mir, Alerie, und —" Julian wurde hier von Jemand unterbrochen, der, ihn ohne Umstände bei seinem Mantel fassend, diesen mit solcher Gewalt zerrte, daß er sich genöthigt sah, still zu halten, und die Hand an sein Schwert zu legen. Er wandte sich zugleich um, und erblickte Fenclla. Die Wange der Stummen glühte wie Feuer; ihre Augen funkelten, und ihre Lippen waren gewaltsam zusammen gezogen, als wenn sie mit Mühe jenes wilde Geschrei zurückhielte, das gewöhnlich den Kamps ihrer Affekte begleitete, und aus der offenen Straße ausgestoßen, sogleich einen Volkshausen herbeigezogen haben würde. Bei dem Allen war ihr Aussehen so sonderbar, und ihre GemüthS- bewegung so auffallend, daß die Leute stehen blieben, als sie heran kamen, und als sie weiter gegangen waren, sich noch umsahen, die seltsame Lebhaftigkeit ihrer Geberdcn zu betrachten, während sie, mit einer Hand Peveril's Mantel haltend, mit der andern die heftigsten und gebieterischesten Zeichen machte, daß er Alerie Bridgcnorth verlassen, und ihr folgen sollte. Erschrocken, sie wußte nicht, warum, über diese Gcberden, hängte sich Alerie dichter an Julians Arm, als sie vorher zu thun gewagt hatte; und dicß Zeichen von Vertrauen auf seinen Schutz schien Fcnella's Leidenschaftlichkeit zu vermehren. Julian war in furchtbarer Verlegenheit; seine Lage war unsicher genug, selbst ehe Fenella's unbezwingbare Leidenschaften den einzigen Plan, den er anzugeben fähig war, zu vernichten drohten. Indessen beschloß er ihre Bitte nicht zu erfüllen, bis er Alerien in Sicherheit gebracht hätte, Fenella aber nicht aus dem Gesichte zu verlieren, und indem er ihr wiederholtes, unwilliges und ungestümes Ausschlagen der Hand, die er ihr darreichte, nicht achtete, schien er endlich in so weit sie besänftigt zu haben, daß sie seinen rechten Arm ergriff, und, wie in Verzweiflung, daß er ihrem Wege nicht folgen würde, zufrieden schien, ihn auf dem zu begleiten, den er selbst wählte. So die beiden Mädchen am Arme, welche Beide, wiewohl jede aus sehr verschiedenen Gründen, geeignet waren, die Augen des Volks auf sich zu ziehen, beschloß Julian, den kürzesten Weg an der Wasserseite zu machen, und dort ein Boot nach Blackfriars zu nehmen, als dem nächsten Landungsplatz bei Fleetprison, wo er vermuthete, daß Launce seine Ankunft zu London bereits dem Ritter Gottfried, welcher damals diese traurige Gegend bewohnte, und seiner Gattin, welche, so weit es die Strenge des Kerkermeisters erlaubte, seine Gefangenschaft theilte und linderte, gemeldet haben würde. Viele Vorübergehende betrachteten sie mit Verwunderung, und Einige mit Lächeln; aber Julian bemerkte, daß es besonders zwei Personen waren, die sie nie aus dem Gesichte verloren, und welchen seine Lage und das Benehmen seiner Begleiterinnen Stoff zu unverstellter Belustigung darzubieten schienen. Dieß waren junge Männer, wie man noch heutiges Tages in denselben Bezirken sehen kann, den Unterschied in der Art ihrer Tracht abgerechnet. Sie trugen große Perücken, und viele hundert Ellen Band, das auf den Aermeln, den Beinkleidern und Westen, nach den Uebertreibungen der herrschenden Mode, in Schleifen gebunden war, flatterten um sie her. Eine Menge Borten und Stickerei machte ihre Kleider mehr zierlich als geschmackvoll. Peveril. 29 450 Diese zwei Stutzer gingen mehr als einmal, Arm in Arm geschlungen, bei Peveril vorbei; schlenkerten dann so einher, Laß sie ihn nöthigten wieder bei ihnen vorbei zu kommen, lachten und flüsterten zu einander während dieser Manövers, gafften stier Peveril und seine Begleiterinnen an, und erwiesen ihnen, wenn sie auf einander stießen, nicht die Gefälligkeit, auszuweichen. Peveril bemerkte nicht sogleich ihre Unart; als sie aber zu auffallend ward, um seiner Wahrnehmung zu entgehen, fing sich seine Galle zu regen an, und zur Vermehrung aller übrigen Verlegenheiten, hatte er nun die lebhafte Begierde zu bekämpfen, die zwei Lassen, die ihn so zu beleidigen suchten, weidlich durchzuprügeln. Nachsicht und Duldung waren ihm freilich durch die Umstände stark geboten; aber auf die Länge war es kaum möglich, ihre Forderungen ferner zu erfüllen. Als Julian sich genöthigt sah, zum dritten Mal mit seinen Gefährtinnen bei diesen lästigen Gecken vorüber zu gehen, hielten sie dicht hinter ihm, und sprachen so laut, daß man sie hören konnte, und in einem Tone vollkommener Gleichgültigkeit, ob man sie hörte oder nicht. „Das ist ja ein ungeheures Glück für den Bauertölpel," sagte der längste von Beiden, indem er auf den einfachen Anzug Peverils anspielte, der kaum für die Londoner Straßen schicklich war. „Zwei solche schöne Mädchen, und unter dem Schutz eines Graurocks mit einem eichenen Reisestock!" „Nein, für einen Puritaner, und zwar ein übergroßes," sagte sein Begleiter. „Man kann den Puritaner aus seinem Schritt und aus seiner Geduld erkennen." „Recht wie ein voller Humpen, Thomas," sagte sein Freund — „JsascharS Esel, der sich zwischen zwei Lasten bückt.« 451 „Ich habe Lust, den langöhrigen Lorenz von einer seiner Bürden zu befreien," sagte der kleine Geselle. „Die schwarzäugige Liebste sieht aus, als hätte sic Lust, von ihm wegzulaufen." „Ja," antwortete der Lange, „und die blauäugige Zitternde sieht aus, als wollte sie zurückfallcn in meine liebenden Arme." Bei diesen Worten verstärkte Alcrie, noch fester als zuvor sich an Julians Arm hallend, ihre Schritte fast bis zum Laufen, um Menschen zu entkommen, die eine so beunruhigende Sprache führten; und Fenella eilte auf gleiche Art vorwärts, da sie vielleicht aus den Gebärden und aus dem Benehmen dieser Menschen dieselbe Besorgniß, wie Alerie aus ihren Reden, geschöpft hatte. Aus Furcht vor einem Streite auf den Straßen, der ihn nothwendig von den unbeschützten Mädchen trennen mußte, suchte Peveril zwischen der zu ihrem Schutz nothwendigen Klugheit und seiner eigenen aufgcreizten Empfindlichkeit eine Ausgleichung; und als die Lästigen noch einmal bei ihnen nahe an der Hungerford-Treppe Vorbeigehen wollten, sagte er zu ihnen mit erzwungener Gelassenheit: „Gentlemen, ich bin euch Etwas schuldig für die Aufmerksamkeit, die ihr den Angelegenheiten eines Fremden bewiesen habt. Wenn ihr einigen Anspruch auf den Namen habt, den ich euch gegeben habe, so werdet ihr mir sagen, wo ihr zu finden seid." „Und aus welcher Absicht," sagte der Größere von ihnen höhnisch, „verlangt Ihr von uns eine solche Nachricht?" Bei diesen Worten wandten sich Beide auf solche Art um, daß sie es Julian unmöglich machten, irgend weiter zu gehen. „Nur die Treppe hinauf, Alerie," sagte er; „ich will den Augenblick wieder bei dir sein." Dann befreiete er sich mit 29 * Schwierigkeit aus den Armen seiner Begleiterinnen, schlug seinen Mantel hastig um seinen linken Arm, und sagte ernst zu seinen Gegnern: „Wollt ihr mir eure Namen angeben, meine Herren; oder wollt ihr so gefällig sein, Platz zu machen?" „Nicht eher, als bis wir wissen, für wen wir Platz machen sollen," sagte Einer von ihnen. „Für Einen, der euch sonst lehren will, was euch fehlt — gute Lebensart," sagte Peveril, und rückte vor, als wollte er zwischen ihnen durchdringen. Sie trennten sich nun von einander, aber Einer von ihnen streckte seinen Fuß vor Peveril, als wollte er ihm ein Bein unterschlagen. Das Blut seiner Adern kochte schon in ihm, er schlug den Mann mit dem eichenen Stabe, über den er eben gespottet hattet, in's Gesicht, warf ihn dann weg, und zog sogleich sein Schwert. Aber die Andern zogen auch und stießen zugleich; allein er fing die Spitze des einen Rappiers in seinem Mantel auf, und parirte dem Andern mit seinem eigenen Degen aus. Julian mochte bei dem zweiten Kampfe weniger glücklich gewesen sein; aber ein Geschrei erhob sich unter den Fährleuten: „Schande, Schande! Zwei gegen Einen!" „Das sind Leute vom Herzog von Buckingham," sagte der eine Kerl — „denen bleibt man sichrer vom Halse." Die niederen Stände des Volks in London haben sich zu allen Zeiten durch ihre Lust am Faustrecht und an der Billigkeit und Unparteilichkeit, womit sie es ausgeübt sehen, ausgezeichnet. Die edle Vertheidigungskunst war damals so allgemein bekannt, daß ein Gefecht auf Rappiere zu jenen Zeiten eben so viel Theilnahme und eben so wenig Verwunderung erregte, als ein Faustkampf in unfern Tagen. Die in solchen 453 Schlägereien erfahrnen Zuschauer bildeten sogleich einen Kreis, innerhalb dessen Peveril und der größere unv vorschnellere seiner Gegner bald in einem harten Zweikampf mit ihren Degen verwickelt waren, während der Andere, von den Zuschauern in Schranken gehalten, sich einzumischen verhindert blieb. „Recht so, der lange Kerl! — Gut gestoßen, Langfuß! — Hussa auf zwei Ellen und ein Viertel!" waren die Worte, womit der Kampf zuerst aufgemuntert wurde; denn PeverilS Gegner zeigte nicht nur große Behendigkeit und Geschicklichkeit im Fechten, sondern hatte auch einen entschiedenen Vortheil wegen der Unruhe, mit der Julian sich nach Alerie Bridgenorth umsah, da seine Sorge für ihre Sicherheit ihn beim ersten Ausfall von demjenigen ablenkte, was er zur Ver- theidigung seines eignen Lebens hätte thun sollen. Eine leichte Fleischwunde in der Seite bestrafte und warnte zugleich seine Unachtsamkeit, und er richtete eben seine ganzen Gedanken auf das Gefecht, und brannte vor Zorn über den frechen Ruhestörer, als der Kampf plötzlich eine andere Gestalt anzu- nchmen begann, unter dem Zuruf: „Recht so, Graurock!" —v „Brav gestoßen!" — „Herrlich ausparirt!" — „Da kommt ein anderes Loch in sein gesticktes WamS!" — „Brav gestochen, bei Gott!" Wirklich geschah der letzte Ausruf unter einem allgemeinen Beifallsgeschrei über einen glücklichen und entscheidenden Ausfall, mit welchem Peveril seinem gigantischen Gegner den Degen durch den Leib rannte. Ec sah einen Augenblick auf seinen hingestrcckten Feind, erholte sich dann bald, und rief laut, um sich zu erkundigen, wie es um das Frauenzimmer stände. „Fragt nicht nach den Mädchen, wenn Ihr klug seid," sagte einer von den Fährleuten; „die Polizei wird im Augen- 454 blick hier sein. Ich will Euer Gnaden im Augenblick über das Wasser bringen- Es könnte Euch den Hals kosten. Aber jeßt könnt Jhrs mit einem Jakobus abmachen." „Verdammt sey'st du!" sagte einer von seinen Zunftge- nosscn, „wie dein Vater vor dir war; für einen Jakobus will ich den Herrn nach Elsaß bringen, wohin sich weder Gerichtsdiener, noch Constable wagt." „Die Dame, ihr Schurken, die Dame!" rief Peveril, — „wo ist sie?" „Ich will Euer Gnaden dahin bringen, wo Ihr Damen genug haben werdet, wenn das Euer Wunsch ist," sagte ein alter Schiffmann; und während er sprach, erneuerte sich das Geschrei unter den Fährleuten, indem jeder hoffte, aus Julians Bedrängniß seinen Vortheil zu ziehen. Mitten unter den Flüchen und dem Geschrei, welches diesen Streit um eine neue Kundschaft begleitete, ließ Julian sie endlich wissen, daß er nicht dem, dessen Boot am ersten zum Abrudern fertig wäre, sondern Jedem, der ihm über das Schicksal des Frauenzimmers Nachricht gäbe, einen Jakobus zahlen wollte. „Welches Frauenzimmers?" sagte ein schlauer-Bursche; „denn, so viel ich weiß, waren ihrer zwei." „Von beiden, von beiden," antwortete Peveril; „doch zuerst Nachricht von der schön gelockten Dame." „Ja, ja, das war sie, die so ausschrie, als der Kamerade des Goldjackigen sie in Nr- 20 führte." „Was — wer — wer wagte sie zu führen?" rief Peveril- „Nein, Herr, Ihr habt genug von mir erfahren, ohne ein Trinkgeld," sagte der Fährmann. „Schmutziger Schurke!" sagte Peveril, indem er ihm ein Goldstück gab, „sag' Alles heraus, oder ich renne dir meinen Degen durch den Leib." „Was das anlangt, Herr," antwortete der Kerl, „wohl nicht, so lange ich diesen Ladestock handhaben kann, — aber Handel ist Handel, und so will ich Euch für Euer Goldstück erzählen, daß der Kamerade des Menschen hier eines von Euren Mädchen, die mit dem schönen Haar, sie mochte wollen oder nicht, auf Lickling Tom's Fähre schleppte; und sie sind in dieser Zeit, bei Wind und Fluth, weit genug die Themse hinauf." „Heiliger Himmel, und ich stehe hier!" rief Julian aus. „Das kommt daher, weil Euer Gnaden kein Boot nehmen wollen." „Ihr habt Recht, mein Freund! — Ein Boot, ein Boot auf der Stelle!" „So folgt mir nur, gnädiger Herr. — Hier, Thomas, reiche eine Hand — der Herr ist unser Passagier." Während er noch sprach, kam ein Polizeibeamter mit drei oder vier Gehülfen, mit den altmodischen Hellebarden bewaffnet, welche noch zur Rüstung dieser Wächter der öffentlichen Ruhe gehörten, und schnitt unserm Helden den fernern Weg am Wasser hin ab, indem er ihn im Namen des Königs verhaftete. Widerstand zu versuchen wäre Tollheit gewesen, da Julian von allen Seiten umringt war; also wurde er entwaffnet, und vor den nächsten Friedensrichter zum Verhör gebracht. Der Richter, vor welchen Julian geführt wurde, Maulstatute geheißen, war ein sehr ehrlicher Mann, sehr beschränkt in seinen Fähigkeiten, und ziemlich furchtsam in seinen Verfügungen. Bei einer hohen Meinung von seiner amtlichen Wichtigkeit, und bei einem ziemlich hohen Begriff von seiner persönlichen Bedeutung, sah der Friedensrichter, von jener Zeit an, wo Ritter Edmondburp ermordet wurde, nichts als Stricke und Dolche vor seinen Augen, und that nie einen Schritt aus seinem Haufe (das er befestigte und durch mehrere Schildwachen und Polizeibeamten mit einer Besatzung versah), ohne sich von einem verkleideten Papisten, mit einem gezogenen Schwert unter seinem Mantel, belauert zu sehen. Ungeachtet der Polizeibeamte, der Julian festgenommen hatte, den wohlbekannten Schlag an die Thüre that, wurden fie doch nicht eingelassen, bis der Schreiber, welcher die Rolle eines Oberwächters spielte, sie durch ein vergittertes Psört- chen recognoscirt hatte. Nachdem Alles richtig befunden worden war, wurde der Schlüssel gedreht, wurden die Riegel aufgeschoben, und die Sperrkette wurde loSgehakt, so daß der Eintritt dem Polizeibeamten, den Gehülfen und dem Gefangenen frei stand; dann wurde aber die Thüre eben so schnell gegen die Zeugen geschloffen, welche, als weniger des Vertrauens werthe Personen, im Hofe zu bleiben (durch das Pförtchen) gebeten wurden, bis sie nach der Reihe würden hereingerufen werden- Wäre Julian zum Scherz aufgelegt gewesen, wovon er freilich jetzt weit entfernt war, so hätte er über den unpassenden Anzug des Schreibers lächeln müssen, welcher über seinen schwarzen steifen Leinwandrock ein ledernes Degengehänge mit einem breiten Schwert und einem paar ungeheuren Reiterpistolen, gegürtet hatte; und statt des niedlichen platten Huts, welcher, an der Stelle der Bürgermütze, die Tracht eines Notarius vollendete, auf seine fettigen Locken eine rostige Stahlhaube gesetzt hatte, über welcher sein wohlgebrauchter Federkiel nach Art eines Federbusches hervorragte — indem 457 die Form des Helms nicht erlaubte, ihn, wie gewöhnlich, hinter das Ohr zu stecken. Diese wunderliche Gestalt führte den Polizeibeamten, seine Gchülfen und den Gefangenen in den untern Saal, wo sein Principal Recht sprach — ein Mann von einem noch sonderbareren Ansehen, als das seines Untergebenen. In jener unruhigen Zeit, wo man sich nie sicher glaubte, hatte man, statt des unbequemen Stahlpanzers, eine Rüstung erfunden, die man die seidene nannte, weil sie aus einem Wams und Beinkleidern von gesteppter Seide bestand, so dicht genabt, und von solcher Dicke, daß sie sowohl der Kugel als dem Stahl widerstand; während eine dicke Mütze von demselben Stoffe mit eingesetzten Ohrenklappen, und im Ganzen ziemlich einer Nachtmütze ähnlich, die Ausrüstung vollendete, und die Sicherheit dessen, der sie trug, vom Kopf bis zum Knie verbürgte. Herr Maulstatute hatte unter andern achtbaren Bürgern diese sonderbare volle Rüstung, die den Vortheil hatte, weich, warm und biegsam sowohl, als sicher zu sein, angenommen. Eine bessere Vorsicht aber gegen Ueberfall, als seine neben ihm liegenden Waffen, war ein starkes Eisengitter, welches, quer durch das Zimmer an der Vorderseite vom Tische des Richters gehend- und mit einer Gitterthüre, die gewöhnlich verschlossen gehalten wurde, zusammenhängend, die angeklagte Partei von ihrem Richter absonderte. Maulstatute, so wie wir ihn geschildert haben, wollte vorher die Zeugen vernehmen, che er Peveril zu seiner Verthei- digung rief. Die nähern Umstände des Streits wurden kürzlich von den Umstehenden angegeben, und schienen den Richter tief zu rühren. Er schüttelte nachdrücklich seinen seidenen Helm, als er vernahm, daß nach einigem Gespräch zwischen 458 den Parteien, welches die Zeugen nicht ganz verstanden, der junge im Gewahrsam gehaltene Mann den ersten Streich ge- than, und sein Schwert gezogen hatte, ehe der Verwundete das seinige entblößt hatte. Dagegen schüttelte er seinen behelmten Kopf noch feierlicher, als das Resultat des Handgemenges bekannt wurde; und wiederum noch mehr, als einer von den Zeugen erklärte, daß, so viel er wisse, der im Gefecht Gebliebene ein Herr wäre, der zu dem Hofstaat seiner Durchlaucht, des Herzogs von Buckingham gehörte. „Ein würdiger Pair," sagte der Richter — „ein echter Protestant, und ein Freund seines Vaterlandes. Gott sei uns gnädig! zu welcher Höhe von Verwegenheit ist dieses Zeitalter emporgestiegen! Wir sehen wohl, und könnten cS sehen, wären wir auch blind, wie ein Maulwurf, aus welchem Köcher dieser Pfeil gezogen ist." Er setzte dann seine Brille auf, und nachdem er Julian hatte vor sich bringen lassen, betrachtete er ihn voll Scheu mit seinen gläsernen Augen. „So jung," sprach er, „und so verhärtet — hilf Himmel! — und ein Papist, ganz sicher." Peveril hatte Zeit genug, zu überlegen, daß er hier sich umständlich erklären mußte, wenn er seine Freiheit erlangen sollte, und legte einen höflichen Widerspruch gegen des Richters Voraussetzung ein. „Er sei kein Katholik," sagte er, „sondern ein unwürdiges Mitglied der englischen Kirche." „Vielleicht dennoch nur ein lauer Protestant," sagte der weise Richter; „es gibt solche unter uns, die mit verhängtem Zügel nach Rom reiten, und schon die halbe Reise vollendet haben — hm!" Peveril läugnete, ein solcher zu sein. „Und wer bist du denn?" fragte der Richter. „Denn, offen zu sprechen, Freund, dein Gesicht gefällt mir nicht — hm!" Dieses kurze und heftige Husten war immer von einem kurzen Nicken begleitet, zum Ausdruck der vollen Ueberzeugung des Sprechenden, daß er die beste nnd scharfsinnigste Bemerkung gemacht habe, welche die Voraussetzungen zulicßen. Gereizt von allen Umständen seiner Festhaltung, beantwortete Julian die Frage des Richters in einem ziemlich stolzen Tone: „Mein Name ist Julian Peveril!" „Nun, der Himmel bewahre uns!" sagte der erschrockene Richter — „der Sohn des bösgesinnten Papisten und Ver- räthers, Ritter Gottfried Peverils, der jetzt in den Händen und in der Gewalt der Gerichte ist." „Wie, mein Herr!" rief Julian, seine Lage vergessend, und an das Gitter mit einer Heftigkeit vortretend, welche die Stangen klirren machte, wodurch er den erbleichenden Richter so aufschrcckte, daß Herr Maulstatute seinen Protestantenflegel — eine damals gebräuchliche Waffe in Form eines Dreschflegels — ergriff, und einen Schlag nach seinem Gefangenen richtete, um einen, wie er glaubte, beabsichtigten Angriff zurück zu treiben. Aber lag es an der Hastigkeit des Richters, oder an seiner Unerfahrenheit im Gebrauch dieser Waffe, er verfehlte nicht nur sein Ziel, sondern brachte den schwingenden Theil des Werkzeugs mit seinem eigenen Schädel in einem so ernsthaften Gegenstoß zusammen, daß er trotz seines gepolsterten Helms eine betäubende Empfindung hervorbrachte, welche er der Folge eines von Peveril empfangenen Schlages zuschrieb. Seine Gehülfen bestätigten zwar nicht geradezu die so unbefugt angenommene Meinung des Richters, aber erklärten einstimmig, man wüßte nicht, was für Unheil, ohne ihre 46 » thätige und augenblickliche Zwischenkunft, von einer so gefährlichen Person, als der Gefangene, hätte angerichtet werden können. Die Meinung, daß er, um sich zu befreien, zu Tätlichkeiten habe schreiten wollen, war bei allen Anwesenden so vorherrschend, daß Julian einsah, jede Verlheidigung würde vergeblich sein, besonders da er sich nur zu wohl bewußt war, daß die beunruhigenden und wahrscheinlich traurigen Folgen seines Gefechts seine Verhaftnehmung unvermeidlich machten- Er begnügte sich also, zu fragen, in welches Gefängniß er geworfen werden würde; und als das schaudervolle Newgate als Antwort erscholl, hatte er wenigstens die Befriedigung, zu erwägen, so düster und gefährlich der Schutz unter diesem Dache auch war, er denselben doch wenigstens in Gesellschaft mit seinem Vater genießen würde; und daß sie, auf eine oder die andere Art, vielleicht wenigstens ihr Schicksal gemeinsam tragen könnten. Indem Julian die Tugend der Geduld mehr übte, als er sie sonst besaß, gab er dem Richter (den jedoch alle Milde seines Benehmens nicht versöhnen konnte) die Adresse nach dem Hause, wo er wohnte, und bat, daß sein Bedienter, Launce Outram, die Erlaubniß erhalten möchte, ihm sein Geld und seine Kleidungsstücke zu schicken, mit dem Zusatze, daß er Alles, was entweder an Waffen oder an Schriften in seinem Besitz wäre (die erster» beständen bloß in ein paar Reisepistolen, und die letzter» in wenigen Notizen von geringer Bedeutung) willig der Verfügung der Obrigkeit überlasse. In diesem Augenblicke überließ er sich der tröstlichen Erinnerung mit aufrichtiger Zufriedenheit, daß die wichtigen Papiere der Gräfin von Derby schon im Besitze des Königs waren. Der Richter versprach auf sein Verlangen Bedacht zu nehmen; erinnerte ihn aber mit vieler Gravität, daß sein 461 gegenwärtiges gefälliges und unterwürfiges Betrage», zu seinem eigenen Besten, hätte vom Anfänge an angenommen werden sollen, anstatt die Obrigkeit mit solchen heillosen Zeichen des boshaften, aufrührerischen und mörderischen Geistes der Papisterei zu beunruhigen, wie er anfangs verrathcn habe. „Dochfuhr er fort, „da er ein gutartiger junger Mann und von angesehenem Stande wäre, so wollte er ihn nicht, wie einen Schelm, durch die Straßen schleppen lassen, sondern habe eine Kutsche zu seiner Bequemlichkeit bestellt " Herr Maulstatute that jedoch bei dieser Gelegenheit Julian nicht die Ehre an, an seine große Familienkaroffe seine eignen Pferde spannen zu lassen. Unser Freund Julian, bisher weit mehr an den Sattel, als an irgend ein anderes Mittel der Fortschaffung gewöhnt, fand fich bald neben dem Polizeidiencr und seinen zwei Gehülfen, die bis an die Zähne in Rüstung staken, in einem Miethwagcn, der sie, wie sie schon zu verstehen gegeben hatten, in die alte Festung New- gate bringen sollte. Einunddreitzigftes Kapitel. Julian stieg, als der Wagen hielt, aus, sorgfältig auf jeder Seite von seinen Gefährten und von einigen Schließern unterstützt, welche die ersten Schläge der Glocke am Thore zu ihrem Beistände herbeigerufen hatten. Diese Aufmerksamkeit wurde, wie fich denken läßt, nicht sowohl darum bewiesen, daß er keinen Fehltritt thun möchte, als vielmehr aus Furcht vor einem Versuch des Entweichens, den er jedoch nicht zur Absicht hatte. Einige Lehrbursche und -erumschwärmende Buben des benachbarten Marktes, welche, zufolge der zahlreichen Verhaftungen wegen des papistischcn Complots, von Zuwachs der Kundschaft beträchtlichen Vortheil zogen, und welche daher eifrige Protestanten waren, begrüßten ihn bei seinem Aussteigen mit Jubclgeschrei: „Halloh, Papist! -al- loh, Papist ! Verd—t sei der Papst mit all seinem Anhang!" So wurde Peveril unter jenen Lüstern Thorweg geführt, wo so Manche bei ihrem Eintritt zugleich von der Ehre und dem Leben Abschied nahmen. Das finstere und traurige Gewölbe, unter dem er sich bald befand, öffnete sich auf einen weiten Hofraum, wo eine Menge Schuldner sich mit Ballschlagen und andern Spielen beschäftigten; Erholungen, zu denen die Strenge ihrer Gläubiger ihnen volle Muße gab, während dieselbe sie von den Mitteln ausschloß, ihre ehrliche Arbeit fortzusetzen, wodurch sie sich aus ihrer Noth hätten reißen und ihre verhungerten und bettelnden Familien erhalten können. Aber unter diese sorglose und verzweifelte Gruppe war Julian nicht zu zählen, indem er von seinen Führern in eine niedrig gewölbte Thüre geführt oder vielmehr gedrängt wurde, welche, durch Riegel und Stangen sorgfältig verwahrt, sich für seine Aufnahme auf einer Seite des Bogenganges öffnete, und im Augenblick nach seinem schnellen Eintritt wieder schloß. Dann wurde er durch mehrere dunkle Gänge geführt, die, wo sie einander durchschnitten, durch eben so viele starke Thüren verwahrt waren — die eine von eisernem Gitterwerk, die andern von festem Eichenholz, mit Platten von Eisen belegt, und mit eisernen Nägeln beschlagen. Man ließ ihn nicht still halten, bis er sich in einer kleinen, gewölbten Stube befand, in welche sich verschiedene dieser Gänge öffneten, und welche, in Hinsicht des Labyrinths, durch das er zum Theil gekommen war, dem Mittelpunkt eines Spinnengewebes zu gleichen schien. In diesem kleinen gewölbten Gemach, dessen Wände ringsherum mit Musketen, Pistolen, Hirschfängern und andern Gewehren sowohl, als mit vielen Reihen Fesseln und Eisen von verschiedener Form, sämmtlich in großer Ordnung und zum Gebrauch bereit, behängt waren, saß ein Mann, der nicht unpassend mit einer aufgeschwollenen Spinne verglichen werden konnte, die sich hier eingenistet hatte, jede Beute fest zu halten. Die Gesichtszüge dieses Mannes, der früher von starker aber verhältnismäßig großer Statur gewesen, waren jetzt mürrisch und talgfarbig; seine Glieder aufgeschwollen und unproportionirt; sein ungeheurer Bauch und unbehülflicher Knochenbau führte auf den Gedanken, daß er, nachdem er einmal seinen Weg in diesen verborgenen Mittelpunkt gefunden, sich daselbst, wie das Wiesel in der Fabel, gemästet und reichlich genährt hatte, bis er unfähig geworden, durch einen der engen in seiner Zelle endigenden Gänge zurück zu kehren; und daher da zu bleiben gezwungen war, wie eine Kröte unter dem kalten Stein, unter den schmutzigen Dünsten der ihn umgebenden Kerker, die jedem Andern vergiftend gewesen sein würden, wohl gedeihend. Gewaltige, mit eisernen Haken geschloffene Bücher lagen vor dem Korpulenten — die Urkunden des Reichs des Elends, wo er als erster Minister diente; und wäre Peveril zum unbefangenen Besuch hieher gekommen, so würde ihm der Muth gesunken sein, bei Betrachtung der Masse von menschlichem Elend, welche noth- wendig in diesen traurigen Bänden verzeichnet sein mußte. 464 Aber seine eigenen Bekümmernisse lagen zu schwer auf seinem Herzen, um ihm irgend allgemeine Betrachtungen dieser Art zu erlauben. Der Polizeibeamte und der dicke Mann wechselten, nachdem jener dem letzter» die Urkunde über Julians Verhaftung überliefert hatte, Blicke und bedeutende Zeichen. Die einzigen Worte, die man vernahm, waren die des Aufsehers, oder, wie er damals genannt wurde, des Kapitäns des Gefängnisses : „Ein weiterer Vogel in den Käfig? —" „Der mit jedem Staar in Eurer Gewahrsam pfeifen wird: lieber Papst von Nom," — antwortete der Polizeibeamte mit einer scherzhaften Miene, die jedoch durch die gebührende Ehrerbietung vor der Gegenwart eines Obern, bei dem er sich befand, in Schranken gehalten wurde. Der Mann mit den grimmigen Gesichtszügcn verzog fie bei dieser Bemerkung zu einem Lächeln, aber augenblicklich wieder die feierliche Strenge anne-mend, blickte er wild auf seinen nepen Gast, und sprach mit einer schauerlichen und nachdrücklichen, doch ziemlich gedämpften Stimme das einzige aber bedeutsame Wort: „den Willkommen *)." Mit angenommener Gelassenheit (denn er hatte von den Gebräuchen solcher Orte gehört, und war entschlossen, sich in sie zu fügen, um, wo möglich, die Erlaubniß zu erhalten, seinen Vater zu sehen, welche, wie er schlau vermuthete, von Befriedigung der Habsucht des Aufsehers abhangen mußte) erwiederte Julian: „Ich bin ganz bereit, den Gebräuchen des Ortes nachzukommen, an welchem ich unglücklicherweise mich "1 Ein Geschenk, da« ein Gefangner beim Eintritt in das Gefäng- niß zum Vergnügen der Mitgefangenen macht. A. d. Uebers. 465 befinde. Ihr habt mir nur Eure Forderungen zu nennen, und ich will fie befriedigen." Bei diesen Worten zog er seine Börse, und schätzte sich glücklich, daß er eine beträchtliche Summe in Gold bei sich behalten hatte. Der Kapitän bemerkte ihre Weite, Tiefe, Ausdehnung und Niedersenkung mit einem unwillkürlichen Lächeln, welches kaum seine hängende Unterlippe und den gedrehten fettigen Knebelbart, der die Oberlippe bedeckte, verzerrt hatte, als ihm einfiel, daß cS Vorschriften gäbe, die seiner Raubsucht Grenzen setzten, und ihn verhinderten, Alles auf einmal wegzuhaschen. Diese abkühlende Betrachtung erzeugte folgende grämliche Antwort an Peveril: — „Es wären verschiedene Taren. Herren vom Stande zahlen nach Belieben. Er verlange nichts, als seine Gebühren. Aber Höflichkeit," brummte er in den Bart, „müsse bezahlt werden." „Das soll sie auch, wenn ich fie für Bezahlung haben kann," sagte Peveril; „aber der Preis, mein Herr, der Preis?" Er sprach mit einem Grade von Verachtung, die er um so weniger zu unterdrücken besorgt war, weil er sah, daß selbst in diesem Kerker ihm seine Börse einen mittelbaren, aber mächtigen Einfluß auf seinen Kerkermeister gab. Der Kapitän schien dasselbe zu fühlen; denn, als er sprach, zog er fast unwillkürlich eine abgetragene Pelzmütze vom Kopfe, die ihm zur Bedeckung diente. Allein seine Finger sträubten sich wider so eine ungewöhnliche Handlung der Höflichkeit, und fingen an, sich durch Kratzen seines Krauskopfs zu entschädigen, wobei er in einem Tone, ähnlich dem Knurren eines Kettenhundes, wenn er aufhört, den Etndringendcn, der keine Furcht vor ihm zeigt, anzubellen — murmelte: „Es Peveril. 30 46 « find verschiedene Taxen. Da ist das kleine Gemach für den gewöhnlichen Preis, eine Krone — ziemlich finster, und die Schleuse geht darunter weg, auch stoßen sich manche Herren an der Gesellschaft, welche meist in Straßenräubern besteht« Dann ist die Hauptseite — der Preis beträgt ein Pfund — und Niemand liegt da in Haft, außer die zum wenigsten eines Mordes wegen hereinkamcn." „Nennet Euren höchsten Preis, Herr, und nehmt ihn," war Julians kurzgefaßte Antwort. „Drei Pfund für den Haftbezirk des Ritters," antwortete der Aufseher. „Nehmt fünf, und bringt mich zu Ritter Gottfried," war wieder Julians Antwort, der ihm das Geld auf das Pult vor ihm hinwarf. „Ritter Gottfried? — Hum! — ja, Ritter Gottfried," sagte der Aufseher, indem er überlegte, waö er thun sollte. „Gut, gar Mancher hat Geld bezahlt, um Ritter Gottfried zu sehen — doch kaum so viel als Ihr. Aber dann werdet Ihr wahrscheinlich der Letzte sein, der ihn steht. — Ha, ha, ha!" Diese abgebrochenen Worte, die mit einem gräßlichen Lachen schloffen, konnte Julian nicht begreifen, und er antwortete darauf bloß mit der Bitte, mit Ritter Gottfried in eine Zells gebracht zu werden. „Ja, Herr," sagte der Kerkermeister; „fürchtet nichts; ich will Euch Wort halten. Jakob Clink wird die Fußeisen holen, und Euch wegführcn." Ein Schließer, einer von den Leuten, die Peveril herge- führt hatten, brachte ihn nun stillschweigend hinaus, und unter seiner Leitung wurde der Gefangene durch ein zweites Labyrinth von Gängen, zu derjenigen Zelle geführt, welche für seine Aufnahme bestimmt war. Auf dem Wege durch diese traurige Gegend rief der Schließer mehr als einmal aus: „Ei, der Herr muß ganz verrückt sein! Konnte die beste Kronzelle für sich um weniger als den -alben Preis gehabt haben, und muß doppelt so viel zahlen, um in ein Nest mit Ritter Gottfrjed zu kriechen. Ha ha! — Zst Ritter Gottfried ein Verwandter von Euch, wenn man so frei sein darf, zu fragen?" „Ich bin sein Sohn," antwortete Peveril ernst, in Hoffnung, der Unverschämtheit des Kerls einen Zaum anzulegen; aber der Mensch lachte noch lauter, als zuvor. „Sein Sohn! — Ei, das ist's Beste von Allem — Ei, Ihr seid ein großer junger Mann — fünf Fuß und zehn Zoll; wenn Ihr einen Zoll hoch wäret — und Ritter Gottfrieds Sohn! — Ha, ha, ha!" „Haltet ein mit Eurer Grobheit," sagte Julian. „Meine Lage gibt Euch kein Recht, mich zu mißhandeln." „Nichts weiter," sagte der Schließer, dessen Muthwillen wahrscheinlich der Gedanke dämpfte, daß die Börse des Gefangenen noch nicht erschöpft wäre. „Ich lachte bloß, weil Ihr sagtet, Ihr seiet Ritter Gottfrieds Sohn. Hier ist Ritter Gottfrieds Zelle-, so mögt Ihr und er die Vaterschaft unter einander ausmachen." Mit diesen Worten brachte er seinen Gefangenen in eine Zelle oder vielmehr in eine feste Stube der bessern Klaffe, worin vier Stühle, ein Rollbett und ein oder zwei andere Geräthschaften standen- Julian sah sich begierig nach seinem Vater um; aber zu seiner Bestürzung schien die Stube ganz leer. Er wandte sich unwillig an den Schließer, und warf ihm vor, ihn falsch geführt zu haben; aber der Kerl ant- 468 wartete: »Nein, nein, junger Herr; ich habe Euch Wort gehalten. Euer Vater, wenn Ihr ihn so nennt, ist nur in einem Winkel verhüllt; aber ich will ihn sogleich rufen. — — Heda! — Auf, Ritter Gottfried! — Hier ist — ha, ha, Ha! — Euer Sohn — oder der Sohn Eurer Frau — denn, ich denke, Ihr könnt nur wenig Theil an ihm haben." Peveril wußte nicht, wie er den Uebermuth des Kerls ahnden sollte, und in der That mischte sich seine Angst und Furcht vor irgend einem sonderbaren Jrrthum mit seinem^ Zorn, und hielt ihn etwas zurück. Er sah sich von Neuem rings im Zimmer um, bis er am Ende Etwas zusammcnge- krümmt in einem dunkeln Winkel entdeckte, das mehr einem kleinen Bündel von carmosinrothem Tuch, als einem lebenden Wesen ähnlich sah. Auf den lauten Ruf des Schließers jedoch schien der Gegenstand Leben und Bewegung zu erlangen — entwickelte sich einigermaßen, und gewann, nach einiger Anstrengung, eine aufrechte Stellung, noch vom Kopf bis an die Zehen mit dem carmofinrothen Gewände bedeckt, in das er eingehüllt war. Julian glaubte, bei dem ersten Anblick, der Größe nach, ein Kind von fünf Jahren zu sehen; aber ein scharfer und besonderer Ton der Stimme überführte ihn bald von seinem Jrrthum. „Wärter," sagte die Stimme, „was bedeutet diese Störung? Habt Ihr noch mehr Beleidigungen auf das Haupt eines Mannes zu häufen, der immer die Zielscheibe des boshaften Schicksals gewesen ist? Aber ich habe eine Seele, die mit allen meinen Widerwärtigkeiten kämpfen kann; sie ist so groß, als jeder von euern Leibern." „Nun, Ritter Gottfried, wenn das die Art ist, wie Ihr Euren eigenen Sohn bewillkommnet!" sagte der Schließer; 469 „aber Ihr vornehmen Leute kennt Eure eigne Manier am besten." „Mein Sohn!" rief die kleine Gestalt aus- „Verwegener — " „Hier waltet ein seltsames Mißverständniß ob," sagte Julian in demselben Tone. „Ich suchte Ritter Gottfried —" „Und Ihr habt ihn vor Euch, junger Mann," sagte der Zwerg, mit einem Anstand voll Hoheit, indem er seinen car- mosinrothen Mantel fallen ließ, und in seiner vollen Würde, drei Fuß, sechs Zoll hoch, sich vor ihn hinstellte. „Ich bin der begünstigte Diener drei auf einander folgender Souveräne der Krone Englands, jetzt der Bewohner dieses Kerkers, und der Spott der brutalen Aufseher desselben! Ich bin Ritter Gottfried Hudson." Obgleich Julian nie zuvor diese wichtige Person gesehen hatte, so erkannte er doch aus Beschreibung ohne Schwierigkeit den berühmten Zwerg der Henriette Maria, welcher die Gefahren des bürgerlichen Kriegs, und des Privatzwistes — die Ermordung seines königlichen Oberhaupts, Carls I., und die Verbannung der Wittwe desselben überlebt hatte — um unter böse Zungen und böse Tage zu gerathen, unter den Niemand schonenden Anklagen, die mit dem papistischen Com- plot zusammenhingen. Julian verbeugte sich vor dem unglücklichen alten Mann, und beeilte sich, ihm und dem Schließer zu erklären, daß es Ritter Gottfried Peveril vom Schlosse Martindale in der Grafschaft Derby sei, dessen Gefängniß er zu theilen gewünscht habe. „Das hättet Ihr sagen sollen, ehe Ihr Euer Gold weggabt, mein Herr," antwortete der Schließer. „Denn der andere Ritter Gottfried, der dicke, große Mann mit grauen Haaren, wurde letzte Nacht in den Tower gebracht, und der 470 Kapitän wird glauben, er habe Euch sein Wort gut genug gehalten, da er Euch hieher zu diesem Ritter Gottfried Hudson logirte, der unter beiden der schenswertheste ist." „Ich bitte, geht zu Eurem Herrn, erklärt den Mißverstand, und sagt, ich bäte ihn, mich nach dem Tower zu schicken," sagte Peveril. „Dem Tower! — ha, ha, ha!" rief der Kerl. „Der Tower ist für Lords und Ritter, und nicht für den nieder» Adel, — für Hochverrath, und nicht für Raufereien auf den Straßen mit Rapier und Dolch, auch bedarf es der Vollmacht eines Se- cretärö, um Euch dahin zu bringen " „Wenigstens laßt mich nicht diesem Herrn zur Last fallen," sagte Julian. „Es kann zu nichts dienen, uns zusammen zu logiren, weil wir nicht einmal Bekannte sind- Geht, erklärt Eurem Herrn den Jrrthum." „Ja, das wollt' ich wohl," sagte Clink, immer noch mit hohnlachender Miene, „wär' ich nicht sicher, daß er es schon wüßte- Ihr bezahltet, um zu Ritter Gottfried geschickt zu werden, und er schickt Euch zu Ritter Gottfried. Ihr seid so in die Register gesetzt, und er wird cs nicht mehr ausstreichen. Wohlan, fügt Euch darein, und Ihr sollt leichte und bequeme Eisen haben — das ist Alles, was ich für Euch Ihun kann." Da Widerstand und Wortwechsel hier fruchtlos waren, ergab sich Peveril darein, sich ein paar leichte Fesseln an seine Knöchel legen zu lassen, die ihm jedoch erlaubten, durch das Zimmer zu gehen- Während dieser Verrichtung überlegte er, daß der Kerkermeister, der den Vortheil der Verwechslung der beiden Ritter Gottfriede benutzt hatte, wie sein Gehülfe zu verstehen gab, ihn mit vorbedachter Bosheit getäuscht haben mußte, weil 471 die Ueberlieferungsurkunde ihn als den Sohn Ritter Gottfried Peverils bezeichnet hatte. Es war daher vergeblich sowohl, als herabwürdigend, sich ferner an einen solchen Mann wegen der Sache zu wenden. Julian beschloß also, sich seinem Schicksal als einem Verhältnis zu unterwerfen, das durch seine Anstrengung nicht abgewendet werden konnte. Selbst der Schließer war durch seine Jugend, seine gute Miene, und durch die Geduld, womit der Gefangene, nach dem ersten Aufbrausen über die Täuschung, sich in seine Lage ergab, einigermaaßen gerührt. „Ihr scheint ein braver, junger Edelmann zu sein," sprach er; „und sollt wenigstens ein gutes Mittagsefsen, und ein so gutes Bett zum Schlafen haben, als es in den Mauern von Newgate immer gibt. — Und Ihr, Herr Ritter Gottfried, solltet viel auf ihn halten, da Euch lange Leute nicht gefallen; denn ich kann Euch sagen, daß Herr Peveril deßhalb hier ist, weil er den langen Jack Jenkins erstochen hat, — ein so langer Mann, als nur einer in London ist, ausgenommen des Königs Thürsteher, Herrn Evans, der Euch in seiner Tasche herumtrug, Ritter Gottfried, wie alle Welt sich hat erzählen lassen." „Geht Eurer Wege, Kerl!" erwiederte der Zwerg. „Ich verachte Euch!" Jener entfernte sich grinsend, und schloß die Thüre hinter sich zu. 472 Zweiunddreitzigstes Kapitel. Zum ersten Mal nach den Begebenheiten dieses unruhigen und abwechselnden Tages wenigstens ungestört, wenn auch nicht allein, warf sich Julian auf einen alten, eichenen Sitz neben der glühenden Asche eines Steinkohlenfcuers, und fing an, die elende Lage voll Angst und Gefahr, in der er sich befand, zu bedenken, wo, er mochte die Angelegenheiten seiner Liebe, die Neigungen zu seiner Familie oder seine Freundschaften betrachten, Alles eine solche Aussicht zu geben schien, wie die des Seefahrers, der vom Verdeck eines Schiffes, das nicht mehr dem Steuer gehorcht, rings von Brandungen sich umgeben sieht. Während Peveril in Verzweiflung versunken saß, zog sein Unglücksgefährte einen Stuhl auf die entgegengesetzte Seite des Kaminwinkels, und fing an, ihn mit feierlichem Ernste anzusehen, der ihn endlich, obgleich fast wider Willen, nö- thigte, der sonderbaren Gestalt, die so sehr mit seiner Betrachtung beschäftigt schien, einige Aufmerksamkeit zu widmen. Gottfried Hudson (wir lassen bei dieser Gelegenheit den Titel der Ritterwürde weg, welchen ihm der König im Scherz verliehen hatte, der aber einige Verwirrung in unsere Geschichte bringen könnte), obgleich ein Zwerg von der kleinst- möglichen Gestalt, hatte nichts entschieden Häßliches in seinem Aeußern; auch waren seine Glieder nicht verdreht. Sein Kopf, seine Hände und Füße waren freilich groß und unver- hältnißmäßig zu der Höhe seines Körpers, und sein Leib selbst war viel dicker, als sich mit dem Ebenmaaße vertrug, doch so, daß es mehr drollig als unangenehm anzusehen war. Seine Gcsichtsbildung insbesondere würde, wenn er etwas länger gewesen wäre, in der Jugend für hübsch, und nunmehr im Alter für interessant und ausdrucksvoll gegolten haben; es war nur das ungemeine Mißverhältniß zwischen dem Kopf und dem Rumpf, welches die Züge seltsam und bizarr erscheinen ließ, — eine Wirkung, welche durch den Knebelbart des Zwergs beträchtlich verstärkt wurde, da er diesen so groß zu tragen beliebte, daß er sich hinten mit seinen graulichen Haaren verwickelte und vermischte. Die Kleidung dieses sonderbaren Menschen verriet-, daß er nicht ganz frei von dem unglücklichen Geschmack war, welcher Menschen, die von der Natur durch persönliche Mißgestalt ausgezeichnet sind, verleitet, sich durch den Gebrauch auffallender Farben und fantastisch und außerordentlich geformter Kleidungsstücke bemerklich und zugleich lächerlich zu machen. Aber die Stickereien und Verbrämungen des armen Gottfried Hudson, und sein übriger Putz waren sehr abgenutzt und verblichen durch die Zeit, die er im Gefängniß wegen der unbestimmten und boshaften Anklage zugebracht hatte, daß er auf die eine oder die andere Art ein Mitschuldiger in diesem Alles an sich ziehenden, Alles verschlingenden Strudel einer papistischen Verschwörung wäre, — einer Beschuldigung, die, wenn sie auch vom Munde des Schlechtesten und Boshaftesten ausgesprochen wurde, zu jener Zeit übermächtig genug war, den lautersten Ruf zu beflecken. Nachdem die Gefangenen einige Zeit einander stillschweigend angesehen hatten, hielt es der Zwerg, im Bewußtsein seiner Würde als erster Inhaber ihres gemeinschaftlichen Zimmers, für nöthig, den neuen Ankömmling in demselben zu be- willkommen. „Mein Herr," sagte er, indem er die abwechselnd harten und kreischenden Töne seiner Stimme in so har- 474 monische Accente stimmte, als sie annehmen konnten, „wie ich höre, seid Ihr der Sohn meines würdigen Namensverwandten und alten Bekannten, des tapfer« Ritters Gottfried Peveril vom Gipfel. Es freut mich, Euch, seinen Sohn, zu sehen, und daß wir, obwohl durch ein Mißverständniß, diese Wohnung mit einander theilcn sollen." Julian verbeugte sich, und dankte für seine Höflichkeit; und da Gottfried Hudson einmal die Bahn gebrochen hatte, fragte er Julian ohne weitere Umstände: „Ihr seid kein Hofmann, vermuth' ich, junger Herr?" Julian verneinte es. „Das glaubte ich," sagte der Zwerg, „denn ob ich gleich jetzt keine Amtsverrichtung am Hose habe, als der Sphäre, in welcher ich meine früheren Jahre verlebte, und wo ich einmal ein ansehnliches Amt führte, so besuchte ich doch immer, da ich noch meine Freiheit hatte, die Audienz von Zeit zu Zeit, als vom ehemaligen Dienst an meine Pflicht gebunden; und ich bin, aus alter Sitte noch, gewohnt, einige Kenntniß von seinen Mitgliedern zu nehmen, jenen auserlesenen Geistern des Zeitalters, in deren Liste ich sonst ausgenommen war- Jhr, Herr Peveril, habt, ohne Schmeichelei gesagt, eine ausgezeichnete Figur, — doch etwas von der längsten Art, wie auch bei Eurem Vater der Fall war; ich glaube, ich könnte Euch kaum irgendwo gesehen haben, ohne mich Eurer nicht zu erinnern." Peveril dachte, er dürfte das Compliment mit gutem Fug zurückgeben, begnügte sich aber zu sagen: „er habe kaum den britischen Hof gesehen." „Das ist Schade," sagte Hudson; „ein feiner Mann kann kaum gebildet werden, ohne ihn oft zu besuchen. Doch Ihr 475 seid vielleicht in einer rauhern Schule gewesen; Ihr habt ohne Zweifel gedient — ?" „Meinem Schöpfer, hoff' ich," sagte Julian. „Pfui, Ihr mißverstehet mich. Ich meinte," sprach Hudson, „d In brsnp.aise, — Ihr habt in der Armee gedient?" „Nein, ich habe noch nicht diese Ehre gehabt," sagte Julian. „Was? weder Hosmann, noch Soldat, Herr Peverii?" sagte der wichtige kleine Mann, „da ist Euer Vater zu tadeln. Wie soll ein Mann bekannt oder ausgezeichnet werden, außer durch sein Verhalten im Krieg und Frieden! Ich sage Euch, junger Herr, bei Newberrp, wo ich mit meinen Truppen an der Seite des Prinzen Rupert angriff, und wo wir, wie Ihr vielleicht gehört habt, von jener elenden Bürgermiliz in London geschlagen wurden, — wir thaten, was Männer thun konnten, und ich denke, es war eine Sache von drei oder vier Minuten, nachdem die meisten unserer Herren vertrieben worden waren, daß Seine Hoheit und ich fortfuhren, mit unfern Schwertern nach ihren langen Piken zu hauen; und ich glaube, ich würde eingedrungen sein, wenn ich nicht eine große, langbeinige Bestie von Pferd gehabt hätte, und mein Schwert etwas kurz gewesen wäre, — endlich und zuletzt waren wir gcnöthigt, ihnen den Rücken zu zeigen, und dann, wie ich sagen wollte, waren die Kerle so froh, unser los zu werden, daß sie ein großes Jubelgeschrei erhoben: „da geht Prinz Robin und Cock Robin!" Ja, ja, jeder Schuft unter ihnen kennt mich recht wohl. Aber diese Tage find vorbei. — Und wo wurdet Ihr erzogen, junger Herr?" Peveril nannte den Hofstaat der Gräfin von Derby. „Eine höchst achtungswerthe Dame, auf mein Wort als Edelmann," sagte Hudson. — „Ich kannte die edle Gräfin wohl, als ich um die Person meiner königlichen Gebieterin, Henriette Maria, war. Sie war in der That eine von den fünfzehn Schönen am Hofe, denen ich erlaubte, mich Piccolomini zu nennen; — ein närrischer Scherz über meine etwas kleine Figur, die mich immer von gewöhnlichen Wesen auszeichnete, selbst als ich jung war. — Ich habe nunmehr viel von meiner Größe durch Bücken verloren, aber beständig hatten die Damen ihren Scherz mit mir. — Vielleicht, junger Mann, hatte ich meine eigene Schadloshaltung bei einigen von ihnen irgendwo, und auf eine oder die andere Art, — ich sage nichts, hatt' ich fie oder nicht. Aber gewiß, den Damen zu dienen, und sich in ihre Launen zu schicken, selbst wenn fie etwas frei oder grillenhaft find, ist die wahre Lebensart eines Mannes von edlem Geblüt." Bei aller Niedergeschlagenheit konnte sich Pcveril doch kaum des Lächelns enthalten, als er auf das zwergartige Geschöpf hinsah, welches diese Geschichten mit unendlicher Selbstgefälligkeit erzählte, und geneigt schien, zu verkündigen, daß er ein wahres Muster der Tapferkeit und der Galanterie gewesen, obgleich Liebe und Waffen bei seinem runzligen und verwitterten Ansehen und seinen eingeschrumpften Gliedern ganz unvereinbare Bestrebungen zu sein schienen. Julian vermied es aber sorgfältig, seinem Gesellschafter wehe zu thun, vielmehr suchte er sich in seine Laune zu schicken, und sagte: „unstreitig müßte ein Mann, wie Ritter Gottfried Hudson, an Höfen und im Lager erzogen, genau wissen, wann er persönliche Freiheiten sich gefallen lassen, und wann er fie abweisen müsse." „Ihr habt Recht, Herr Peveril," sagte der Zwerg, nachdem er seinen Sitz näher zu dem Peveril's geschleppt hatte, 477 „und ich habe von Beidem, vom Ertragen und vom Entsagen, Proben gegeben. — Ja, mein Herr, da gab es nichts, was meine höchst-königliche Gebieterin, Henriette Maria, von mir hätte verlangen können, das ich nicht würde gewährt haben, mein Herr; ich war ihr geschworner Diener, im Kriege und bei Festen, in der Schlacht und im Schauspiel. Auf Ihrer Majestät Befehl ließ ich mich herab, — Damen haben, wie Ihr wißt, seltsame Einfälle, — eine Zeitlang der Bewohner einer Pastete zu werden." „Einer Pastete!" sagte Julian, etwas verwundert. „Ja, mein Herr, einer Pastete. Ich hoffe, Ihr findet nichts Lächerliches in meiner Gefälligkeit?" erwiedcrte sein Gesellschafter etwas argwöhnisch. „Nein, mein Herr," sagte Peveril; „ich habe andere Dinge, als Lachen, jetzt im Kopfe " „So war es mit mir auch," sagte der Zwerg, „da ich mich als Gefangener in einer ungeheuren Schüssel befand, von nicht gewöhnlichem Umfange, wie Ihr Euch denken mögt, weil ich der Länge nach in ihr liegen konnte, und als ich gleichsam zwischen Wänden von stehender Rinde und einer ungeheuren Pastetendecke begraben wurde. Ungeachtet der Einrichtungen, die man gemacht halte, mir Luft zu schaffen, mein Herr, glich ich doch völlig eher einem Lebendig-Begrabenen, als irgend sonst Etwas, daß ich mir denken könnte." „Das begreife ich wohl, mein Herr," sagte Julian. „Uederdieß, mein Herr," fuhr der Zwerg fort, „wußten Wenige um das Geheimniß, welches zur Unterhaltung der Königin veranstaltet wurde, zu deren Beförderung ich in eine Lambertsnuß gekrochen sein würde, wäre es möglich gewesen; und da Wenige, wie gesagt, mit dem Plane vertraut waren, so war die Sache etwas gewagt. Ich zweifelte, während ich in meinem dunkeln Aufenthaltsorte war, ob mich nicht ein ungeschickter Aufwärter möchte fallen lassen, was ich bei einer Wildpretpastete gesehen habe; oder ob nicht irgend ein hungriger Gast dem Augenblick meiner Auferstehung zuvorkommen, und sein Messer in meine Oberrinde stecken möchte. Und ob ich gleich meine Waffen bei mir hatte, junger Mann, wie ich in jeder gefährlichen Lage zu thun pflegte, so würden doch, wenn so eine rasche Person tief in die Eingeweide dieser muthmaßlichen Pastete eingedrungen wäre, mein Schwert und Dolch bloß zur Rache, sicherlich aber nicht zur Verhinderung eines dieser Fälle haben dienen können." „Ganz gewiß, das begreif' ich," sagte Julian, der jedoch zu fühlen anfing, daß die Gesellschaft des kleinen Hudson, bei seiner Geschwätzigkeit das Unangenehme des Aufenthalts im Gefängnisse eher vermehren als mindern dürfte. „Nein," fuhr der kleine Mann fort, sich weiter über seinen vorigen Gegenstand verbreitend, „ich hatte andere Anlässe zur Besorgniß; denn cs beliebte dem Lord Buckingham, dem Vater seiner jetzigen Durchlaucht, auf dem höchsten Gipfel der Hofgunst, zu befehlen, daß die Pastete hinunter in die Küche getragen, und von Neuem dem Ofen übergeben würde, aus dem widersinnigen Grunde, es wäre besser, sie warm, als kalt zu essen." „Und brachte Euch das nicht aus der Fassung?" fragte Julian. „Mein junger Freund," sagte Gottfried Hudson, „ich kann es nicht läugnen. — Die Natur will ihre Rechte behaupten bei dem Besten und Beherztesten von uns- — Ich dachte an Nebucadnezar und seinen feurigen Ofen, und mir ward warm vor Angst. Aber ich danke dem Himmel, ich dachte auch an meine beschworne Pflicht gegen meine königliche Gebieterin, 479 i und war dadurch verbunden und fähig zum Widerstand gegen alle Versuchung, mich vor der Zeit zu erkennen zu geben. Nichts desto weniger ging der Herzog — wenn aus Bosheit, so mag es ihm der Himmel vergeben — ging selbst mit in die Küche hinunter, und drang sehr scharf bei dem Oberkoch darauf, daß die Pastete, wäre es auch nur auf fünf Minuten, erwärmt würde. Allein der Küchenmeister, der von den Absichten meiner königlichen Gebieterin unterrichtet war, widersetzte sich höchst männlich diesem Befehl; und ich wurde wohlbehalten auf die königliche Tafel wieder zurückgebracht." „Und ohne Zweifel zu gehöriger Zeit aus Eurer Gefangenschaft erlöst?" sagte Peveril. „Ja, mein Herr; dieser glückliche, und ich kann sagen, glorreiche Augenblick kam endlich heran," fuhr der Zwerg fort. „Die Oberrinde wurde abgenommcn — ich fuhr empor beim Schall der Trompeten und Zinken, gleich der Seele eines Kriegers, wann der letzte Aufruf erschallen wird. — Damals war es, da ich, mit meinem Schilde am Arm, und mit meinem treuen Bilbao-Degen in der Hand, einen kriegerischen Tanz aussuhrte, worin ich mich durch meine Geschicklichkeit und Gewandtheit vorzüglich auszeichnete, indem ich zugleich meine Stellungen sowohl zur Vertheidigung, als zum Angriff, auf eine so ganz unnachahmliche Art sehen ließ, daß ich von dem Beifall Aller um mich her fast betäubt, und durch die wohlriechenden Wasser, mit denen mich die Hofdamen aus ihren Spritzflaschcn überschwemmten, fast erstickt wurde. Der Zwerg hielt hier einen Augenblick inne, und fuhr dann fort: „Ihr möget in Eurer Aufrichtigkeit geglaubt haben, daß das hübsche Schauspiel, das ich erwähnte, bloß zu meinem Vortheil hätte angeführt werden können, und doch boten die Höflinge, die mir übel wollten, und mich beneide- 480 ten, aus Bosheit ihren Witz auf, und erschöpften ihren Scharfsinn, die Sache falsch und lächerlich auszulegen. Kurz, meine Ohren wurden mit Anspielungen auf Pasteten, Backöfen und dergleichen so sehr beleidigt, daß ich gezwungen war, unter Strafe meines unausbleiblichen und ernsten Mißfallens, einen solchen Gegenstand des Scherzes zu verbieten. Aber da traf fich'S, daß ein stattlicher Mann am Hofe war, ein Mann von gutem Stande, Sohn eines Ritters und Baronets, und bei denen, die es am Aergstcn trieben, in hohem Ansehen, auch einer meiner eignen vertrauten Freunde, von dem ich also keinen Grund haben konnte, irgend einen solchen Spott zu erwarten, den ich für beleidigend zu halten erklärt hatte. Dessen ungeachtet, beliebte es ihm eines Abends bei dem vornehmsten königlichen Thürsteher, als er vom Wein berauscht, und voll muthwilliger Streiche war, diesen abgedroschenen Gegenstand auf's Tapet zu bringen, und Etwas von einer Gänsepastete fallen zu lassen, das ich nur als auf mich gemünzt nehmen konnte. Nichts destoweniger aber bat ich ihn, nur gelassen und ernsthaft, einen andern Gegenstand zu wählen ; widrigenfalls ich ihn wissen ließ, daß ich meine Empfindlichkeit keinen Augenblick zuruckhalten würde. Dessen ungeachtet fuhr er in demselben Tone fort, und vermehrte selbst die Beleidigung, indem er von ander» unnöthigen und anstößigen Vergleichungen sprach; worauf ich'genöthigt war, ihm eine Herausforderung zuzuschicken, und wir fanden uns dieser zufolge mit einander ein. Da ich nun den jungen Mann wirklich liebte, so war es meine Absicht, ihn nur durch eine oder zwei leichte Wunden zu züchtigen, und ich wollte gern, daß er das Schwert zu seiner Waffe erwählte, dennoch siel seine Wahl auf Pistolen; und als er nun zu Pferde war, brachte er, neben seinem eigenen Gewehr, ein sonderbares 48 l Werkzeug hervor, welches Kinder in ihrer Schelmerei zum Wasserspritzen zu gebrauchen pflegen; eine — eine — kurz, ich habe den Namen vergessen " „Eine Spritze, unstreitig," sagte Peveril, der sich besann, etwas von diesem Abenteuer gehört zu haben. „Ihr habt Recht," sagte der Zwerg. „Nun gut, mein Herr, dieses Zeichen von Geringschätzung nöthigte mich, gegen den Herrn eine solche Sprache zu führen, welche es für ihn bald nothwendig machte, zu ernsthafteren Waffen zu greifen. Wir fochten zu Pferde, und sprengten auf ein gegebenes Zeichen auf einander los, und wie ich nie ein Ziel verfehle, so hatt' ich hier das Mißgeschick, den achtbaren Herrn Crofts auf den ersten Schuß zu tobten. Ich wollte meinem ärgsten Feinde den Schmerz nicht wünschen, den ich fühlte, als ich ihn in seinem Sattel wanken, und zu Boden fallen sah; — und als ich wahrnahm, daß sein Lebensblut schnell dahin strömte, könnt' ich nur wünschen, daß es mein eigenes statt des seini- gen gewesen sein möchte. So fielen Jugend, Hoffnungen und Tapferkeit, als Opfer eines unüberlegten Scherzes; doch ach! was blieb mir für eine Wahl, da die Ehre gleichsam der Athem unserer Brust ist, und da wir in keinem Sinne zu leben wünschen können, wenn wir uns derselben berauben lassen?« Der Ton, in welchem der Zwerg seine Geschichte schloß, gab Julian eine bessere Meinung von seinem Herzen, und selbst von seinem Verstände, als er sich aus seinem vorherigen Gespräche gebildet hatte. Er war allerdings nun im Stande, zu vermuthen, daß der kleine Held zu solchen Darstellungen und Leistungen, wie die mit der Pastete, durch die an seine Lage geknüpfte Nothwendigkeit, durch seine eigene Eitelkeit, und durch die ihm von denen, die in handgreiflichen Späßen Pcvkrll. 31 Vergnügen suchten, bewiesene Schmeichelei, verleitet worden war. Das Schicksal des unglücklichen Crofts eben sowohl, als verschiedene Heldenthaten des kleinen Hudson, während der bürgerlichen Kriege, in welchen er wirklich und mit großer Tapferkeit einen Trupp Reiterei anführte, machten die Meisten vorsichtig, ihn öffentlich aufzuziehen, und dieß war um so weniger nöthig, da er, wenn man ihn gehen ließ, selten ermangelte, sich von einer scherzhaften Seite zu zeigen. Um ein Uhr Nachmittags versorgte der Schließer, seinem Worte getreu, die Gefangenen mit einem sehr leidlichen Mittagessen, und einer Flasche schmackhaftem, doch leichtem Claretwein, die, wie der alte Mann, der gut zu leben gewohnt war, mit Bedauern bemerkte, fast so klein war, als er selbst. Der Abend verstrich auch, jedoch nicht ohne fortdauernde Beweise der Redseligkeit von Seiten Gottfried Hudson's. Seine Gespräche waren nun zwar anderer Art, als bisher; denn, als die Flasche leer war, sagte er ein langes lateinisches Gebet her. Aber die religiöse Handlung, mit der er sich beschäftigt hatte, gab bloß seiner Unterredung eine ernstere Richtung, als seine vorherigen Thcma's von Krieg, Fraucnliebe und Hofglanz gehabt hatten. Der kleine Ritter hielt fllr's Erste eine Rede über streitige Punkte der Theologie, und lenkte von diesem dornigen Pfade auf die nahe und dämmerige Gegend des Mysticismus hin. Er sprach von geheimen Warnungen — von den Vorhersagungen der trübäugigen Propheten — von den Besuchen warnender Geister; — lauter Gegenstände, die er mit solcher scheinbarer Ueberzeugung, ja, mit so mancher Berufung auf persönliche Erfahrung behandelte, daß man ihn hätte für ein Mitglied der Brüderschaft der Gnomen oder Feen halten mögen, denen er an Größe so sehr ähnlich war. Eine volle Stunde sprach er in diesem Tone unausgesetzte daß Peveril bestimmt wurde, auf alle Fälle eine abgesonderte Wohnung zu suchen- Nachdem Hudson sein Abendgebet, wie vorher, lateinisch hergcsagt hatte (denn er war ein Katholik), fing er, während sie sich auskleidetcn, von Neuem seine Reden an, und fuhr fort zu plaudern, bis er sich und seinen Gesellschafter ganz artig in Schlaf geschwatzt hatte. Dreiunddreißigstes Kapitel. Julian träumte von vorbeischwebendcn Geistern, kauderwelsch sprechenden Phantomen, blutigen Händen, welche, im Zwielicht matt erblickt, ihm vorwärts zu winken schienen, gleich einem irrenden Ritter, der auf ein trauriges Abenteuer ausgeht. Mehr als einmal fuhr er aus seinem Schlaf empor, so lebhaft war der Eindruck dieser Gesichte auf seine Einbildungskraft, und erwachte immer mit der Vorstellung, daß Jemand an der Seite seines Bettes stände. Die Kälte seiner Knöchel, das Gewicht und Klirren der Fesseln, als er sich aus seinem Bett umwandte, erinnerte ihn bei dieser Gelegenheit, wo er war, und unter welchen Umständen. Alles, was ihm thcuer war, jetzt in die äußerste Noth gebracht zu sehen, das fiel schwerer auf sein Herz, als das Eisen an seinen Gliedern; auch konnte er sich nicht wieder zur Ruhe begeben, ohne ein stilles Gebet zum Himmel um Schutz zu senden. Als er aber ein drittes Mal durch diese sich stark aufdrängenden Phantasieen aus der Ruhe erweckt worden war, machte sich der Kummer seines Gemüths durch Sprechen Luft, und er vermochte nicht den fast verzweifelnden Ausruf zu unterdrücken: „Gott erbarme sich unser!" „Amen!" antwortete eine Stimme, so süß und sanft wie Honigthau, welche klang, als wenn das Wort dicht neben seinem Bette wäre gesprochen worden. Die natürlichste Vermutbung war, daß Gottfried Hudson, sein UnglückSgefährte, dem Gebete, das ihrer gemeinschaftlichen Lage so angemessen war, den Nachruf gegeben hatte. Aber der Ton der Stimme war so verschieden von den harten und widrigen Lauten des Zwergs, daß Peveril überzeugt war, er könnte nicht von Hudson Herkommen. Er war von unwill- kührlichem Schreck erschüttert, für den er keinen hinlänglichen Grund angeben konnte; und nicht ohne Anstrengung war er im Stande, die Frage hervor zu bringen: „Ritter Gottfried, habt Ihr jetzt gesprochen?" Keine Antwort erfolgte. Er wiederholte die Frage lauter; und dieselbe Silberstimme, die vorher Amen zu seinem Gebet gesagt hatte, antwortete auf seine Frage: Euer Gesellschafter wird nicht erwachen, so lange ich hier bin." „Und wer seid Ihr? — Was sucht Ihr? — Wie kämet Ihr an diesen Ort?" sagte Peveril, hastig Frage auf Frage häufend. „Ich bin ein elendes Wesen, aber eines, das Euch sehr liebt. — Ich komme zu Eurem Besten. — Bekümmert Euch nicht weiter." Es fiel nun Julian ein, daß er von Personen gehört hatte, welche das wunderbare Talent besäßen, Töne so genau nachzuahmen, daß sie ihren Zuhörern den Glauben ab- zwangen, sie kämen von einem ganz andern und entgegengesetzten Punkte des Zimmers, als dem, welchen der wirklich 485 Sprechende cinnahm. Uebcrzeugt, daß er nun die Tiefe des Geheimnisses ergründet hatte, antwortete er: „diese Spielerei, Ritter Gottfried, ist hier nicht am Orte. Sagt, was Ihr zu sagen habt, mit Eurer eigenen Stimme und nach Eurer Weise- Die affenmäßigen Scherze schicken sich nicht für Mitternacht in einem Kerker von Newgate." „Aber das Wesen, das mit Euch spricht," antwortete die Stimme, „ist paffend für die finsterste Stunde, und für die Höhlen der tiefsten Melancholie." Nicht länger die Ungewißheit duldend, und entschlossen, seine Neugier zu befriedigen, sprang Julian sogleich von seinem Bette auf, in Hoffnung, sich der sprechenden Person zu versichern, deren Stimme so nahe schien. Allein sein Versuch schlug ihm gänzlich fehl, und er griff nur in die Luft. Er tappte nun einigemale mit ausgestreckten Armen auf Geradewohl in der Stube umher; dann besann er sich aber, daß er, von seinen Fesseln gebindert, und bei dem Geräusch, das seine Bewegungen nothwendig begleiten mußte, verrieth, wo er war, und nicht vermögend sein würde, an Jemand Hand zu legen, der sich von ihm entfernt zu halten geneigt wäre. Er suchte daher wieder in sein Bette zurück zu kommen; aber indem er darnach tappte, stieß er erst an das seines Mitgefangenen. Der kleine Gefangene schlief tief und schwer, wie sein Athcm bewies; und bei augenblicklichem Horchen wurde Julian überzeugt, daß entweder sein Gesellschafter der schlaueste und verstellteste Bauchredner sein müßte, oder daß wirklich im Zimmer irgend ein drittes Wesen wäre, dessen Gegenwart selbst zu vrrrathen schiene, daß es nicht zu der gewöhnlichen Gattung der Menschen gehöre. Julian war an sich selbst nicht geneigt, an das Ueberna- türliche zu glauben; aber jenes Zeitalter war weit entfernt, 486 in Hinsicht geistiger Erscheinungen so ungläubig zu sein, als das unsrige; und es gereichte keinesweges seinem gesunden Verstände zum Nachtheil, daß er die Vorurtheile seiner Zeit thcilte. Sein Haar fing an sich zu sträuben und der Schweiß ihm auf die Stirne zu treten, als er seinen Gefährten um des Himmels willen sich zu ermuntern bat. Der Zwerg antwortete — aber er sprach, ohne zu erwachen — „der Tag mag anbrechen, und ich will verdammt sein. Sag' dem Stallmeister, ich werde nicht auf die Jagd gehen, wenn ich nicht den kleinen Zelter habe." „Ich sage Euch." sprach Julian, „es ist Jemand im Zimmer. Habt Ihr nicht ein Feuerzeug, Licht anzuzündcn?" „Ich kümmere mich nicht drum, wie klein mein Pferd sei," sagte der Schlafende, seinen Zug von Gedanken verfolgend, die ihn ohne Zweifel in die grünen Wälder von Windsor zurück versetzten, und zu den königlichen Jagdhunden, die er da gesehen hatte. „Ich bin nicht zu schwer. — Ich mag nicht die Holsteiner Bestie reiten, zu der ich auf einer Leiter hinauf klettern muß, um dann darauf zu sitzen, wie ein Nadelkissen auf einem Elephauten." Julian legte am Ende seine Hand auf die Schulter des Schlafenden, und rüttelte ihn, so daß er ihn aus seinem Traum erweckte. Da fragte der Zwerg nach zwei- oder dreimaligem Schnarchen und Stöhnen verdrießlich: „was zum Teufel fehlt Euch?" „Der Teufel selbst, so viel ich weiß," sagte Peveril, „ist in diesem Augenblick in der Stube neben uns." Bei dieser Nachricht fuhr der Zwerg auf, kreuzte sich, und fing an, mit Stahl und Stein in aller Eile Feuer anzuschlagen, bis er ein kleines Stück Licht angezündet hatte, das, wie er sagte, der heiligen Brigitta geweiht, und eben so mächtig 487 wäre, als die kuge üsemomim, oder die von Tobias im Haufe Raguel's gebrannte Fischleber, alle Kobolde und böse oder bedenkliche Geister vom Platze, wohin cs strahlet, zu verjagen; „wenn sie wirklich," wie der Zwerg sorgfältig seinen Satz verwahrte, „irgendwo vorhanden wären, außer in der Einbildungskraft seines Mitgefangenen." Diesem zufolge war das Zimmer kaum von diesem heiligen Lichtstückchen erleuchtet, als Julian seinen eigenen Ohren zu mißtrauen anfing; denn cs war nicht nur Niemand im Zimmer, als Ritter Gottfried Hudson und er selbst, sondern alle Schlösser der Thüre waren so gut verwahrt, daß es unmöglich schien, daß sie ohne ein ziemliches Getöse könnten geöffnet und wieder geschlossen worden sein, welches, bei dem letzten Vorfall wenigstens, seinem Gehör nicht hätte entgehen können, indem er ja in dem Augenblicke, wo die unbekannte Erscheinung, wenn sie ein irdisches Wesen war, im Begriff war, sich aus demselben zurück zu ziehen, auf den Füßen war, und das Zimmer durchsuchte. Julian sah für einen Augenblick mit großer Ernsthaftigkeit und nicht wenig Betroffenheit erst auf die Thüre, dann auf das Gitterfenster, und fing an, seine Einbildungskraft zu beschuldigen, daß sie ihm einen unangenehmen Streich gespielt habe. Er antwortete wenig auf Hudsons Fragen, und hörte, zu seinem Bette zurückkehrend, mit Stillschweigen eine lange, ausstudirte Rede über die Verdienste der heiligen Brigitta an, welche den größten Theil ihrer weitläufigen Legende enthielt, und mit der Versicherung schloß, daß, nach allen über sie erhaltenen Nachrichten, diese Heilige die kleinste aller Frauen war, ausgenommen die vom Pygmäengeschlecht. Mittlerweile hatte der Zwerg aufgehört zu sprechen; Julians Wunsch zu schlafen war zurückgekehrt, und nach wenig 488 Blicken im Zimmer herum, das noch von den erlöschenden Strahlen der heiligen Kerze erleuchtet war» waren seine Augen wieder in Vergessenheit geschloffen, und seine Ruhe wurde im Verlauf der Nacht nicht wieder gestört. Ehe Julian erwacht war, hatte der Zwerg bereits sein Bette verlassen, und sich in den Kaminwinkel des Zimmers gesetzt, wo er mit eigenen Händen ein wenig Feuer angemacht hatte, theils das Kochen eines kleinen Topfes abwartend, theils mit einem Ungeheuern Foliobande beschäftigt, der auf dem Tische vor ihm lag, und fast eben so groß und dick war, als er selbst. Er hatte sich in den schon erwähnten dunkeln carmoisinrothcn Mantel gehüllt, der ihm sowohl zur Morgenkleidung, als zum Schutz gegen die Kälte diente, und zu einer großen Reisemutze, die seinen Kopf umgab, wohl paßte. Die Sonderbarkeit seiner Gesichtszüge und der mit einer Brille bewaffneten Augen, die bald auf das Buch, bald auf seinen kleinen Kessel gerichtet waren, würden Rembrandt gereizt haben, ihn auf der Leinwand darzustellen, entweder als Alchemisten oder als Schwarzkünstler, der mit irgend einem seltsamen Experiment unter der Anleitung eines jener gewaltigen Handbücher, welche von der Theorie dieser geheim- nißvollen Künste handeln, beschäftigt ist. Die Aufmerksamkeit des Zwergs war jedoch auf einen mehr häuslichen Gegenstand gerichtet. Er Iwar nur mit Bereitung einer Suppe, von nicht unschmackhaftcr Art, zum Frühstück beschäftigt, und Peveril wurde von ihm eingeladen, daran Thcil zu nehmen. „Ich bin ein alter Soldat," sagte er, „und ich muß hinzusetzen, ein alter Gefangener, und verstehe, mir besser durchzuhelfen, als Ihr im Stande seid, junger Mann. — Verwünscht sei der Schurke Clink, er hat die Pfefferbüchse mir zu hoch gestellt! — Wollt Ihr mir sie vom Kaminsims herunter reichen? — Ich will Euch, wie die Franzosen sagen, luire tu cuisine lehren, und dann wollen wir, wenn es Euch gefällt, wie Brüder die Arbeiten unsers Gefängnisses theilen." Julian willigte gern in des kleinen Mannes freundlichen Vorschlag, ohne einen Zw'eifel zu erheben, ob er ein Bewohner derselben Zelle bleiben würde. Ob er gleich, im Ganzen genommen, geneigt war, die lispelnde Stimme des vorhergehenden Abends als Gebild seiner eignen aufgeregten Phantasie zu betrachten, so wünschte er doch, zu sehen, wie eine zweite Nacht in derselben Zelle ablaufen würde, und der Ton des unsichtbar eingedrungenen Wesens, den er um Mitternacht mit Schrecken gehört hatte, erregte nun in der Erinnerung eine sanfte und nicht unangenehme Unruhe — die vereinigte Wirkung von Furcht und von erweckter Neugierde- Tage der Gefangenschaft haben wenig Bemerkenswerthes. Mittags und Abends besuchte sie ihr finsterer Schließer, der mit geräuschlosem Schritt und mürrischem Betragen stillschweigend das Nothwendige besorgte, und so wenig Worte mit ihnen wechselte, als ein Offizial in der spanischen Inquisition bei ähnlicher Gelegenheit sich erlaubt haben möchte. Mit demselben verschwiegenen Ernste, sehr verschieden von der lachenden Laune, in welcher er bei einer frühern Gelegenheit betroffen worden war, schlug er mit einem kleinen Hammer gegen ihre Fesseln, um sich durch den hervorgebrachten Schall zu überzeugen, ob sie mit einer Feile oder sonst wären bearbeitet worden. Drauf stieg er auf einen Tisch, und machte dieselbe Probe an den Fenstergittern. Julians Herz klopfte; denn konnte nicht eines von diesen Gittern so bearbeitet worden sein, um dem nächtlichen Besuch Eingang zu verschaffen? Aber sie gaben dem erfahrnen 490 Ohr Clitck's, als er nach der Reihe mit dem Hammer darauf schlug, einen klaren und Hellen Ton zurück, welcher ihn versicherte, daß sie unbeschädigt waren. »Es würde für Jedermann schwer sein, durch diese Gitter herein zu kommen," sagte Julian, um seinen Gefühlen in Worten Luft zu machen. »Wenige wünschen das —" antwortete der finstere Wärter, indem er das, was in Peverils Seele vorging, falsch auslcgte; „und laßt es mich Euch sagen, Herr, die Leute werden es eben so schwer finden, dadurch hinaus zu kommen." Er ging fort, und die Nacht brach herein. Der Zwerg, der für den Tag alle Verrichtungen des Zimmers auf sich nahm, kehrte fast die Stube um, wobei er ein gewaltiges Geräusch machte, als er ihr Feuer auslöschte, und verschiedene im Verlause des Tages gebrauchte Sachen auf- räuwte, während er die ganze Zeit in einem Tone von nicht geringer Wichtigkeit mit sich selber sprach. Alsdann kam das Hersagcn seines gewohnten Gebets; aber sein Hang zum Gespräch ward nach seiner Andachtsüdung dieß Mal nicht wieder so rege, wie bei der vorigen Gelegenheit. Im Gegentheil bewies das schwere Athemholen von Sir Gottfried Hudson's Bette her, lange ehe Julian ein Auge schloß, daß der Zwerg schon in Morpheus Armen lag. In dem völlig finstern Zimmer, mit dem sehnlichen Wunsche, doch auch nicht ohne Bangigkeit den Auftritt von der vorigen Nacht erneuert zu sehen, lag Julian lange wach, ohne daß seine Gedanken irgend eine Unterbrechung erlitten, ausgenommen, wenn die Glocke des benachbarten Thurms vom heiligen Grabe die Stunde anzeigte. Endlich sank er in Schlummer; hatte aber, nach seiner Meinung, nicht über eine Stunde geschlafen, als er durch den Ton aufge- 4SI weckt wurde, den sein waches Ohr so lange vergebens erwartet hatte. „Könnt Ihr schlafen? — Wollt Ihr schlafen? — Wagt Ihr zu schlafen?" waren die Fragen, die in sein Ohr mit derselben Hellen, weichen und melodischen Stimme drangen, welche ihn in der vorigen Nacht angeredet hatte. „Wer ist's, der mich so fragt?" antwortete Julian. „Aber sei der Fragende ein gutes oder ein böses Wesen, ich erwie- dere, daß ich ein schuldloser Gefangener bin, und daß Unschuld ruhig zu schlafen wünschen kann und darf." „Thue keine Fragen an mich," sagte die Stimme; «versuche auch nicht, zu entdecken, wer mit dir spricht, und sei versichert, daß Thorheit allein schlafen kann, wenn Betrug und Gefahr ringsum lauern." „Kannst du, der du mir von Gefahren sagst, mir rathen, wie ich sie bekämpfe oder vermeide?" sagte Julian. „Meine Macht ist beschränkt," sagte die Stimme; „doch Etwas kann ich thun, wie ein Johanniswürmchen einen Abgrund zeigen kann. Aber du mußt mir vertrauen." „Vertrauen muß Vertrauen erzeugen," antwortete Julian. „Ich kann kein Zutrauen in einen Unbekannten setzen." „Sprich nicht so laut," erwiederte die Stimme, die sich fast in ein Flüstern verlor. „Letzte Nacht sagtest du, mein Gefährte würde nicht erwachen," sprach Julian. „Heute Nacht verbürge ich nicht, daß er schlafen wird," sagte die Stimme. Und während sie sprach, wurden die -eisern, scharfen, unharmonischen Töne des Zwergs gehört, der Julian fragte, warum er im Schlafe spräche — warum er nicht selbst ruhete, und andere Leute ruhen ließe — und endlich, ob er die Erscheinungen der letztern Nacht wieder habe. 492 „Sage ja," sagte die Stimme in einem so leisen, jedoch so deutlichen Flüstern, daß Julian fast zweifelte, ob eö nicht ein Wiederhall seines eigenen Gedankens wäre, — „sage nur ja — und ich scheide, um nicht wieder zu kommen." In verzweifelten Umständen greifen die Menschen nach seltsamen und ungewöhnlichen Mitteln; und obgleich unfähig, den zufälligen Bortheil, welchen diese sonderbare Mittheilung ihm darbot, zu berechnen, fühlte Julian sich doch nicht geneigt, die Aufsicht darauf sich auf einmal entgehen zu lassen. Er antwortete also dem Zwerg, daß er durch einen beunruhigenden Traum sei gestört worden. „Ich hätte darauf schwören wollen, aus dem Ton Eurer Stimme," sagte Hudson- „Es ist seltsam, daß Ihr übergroßen Leute niemals die Festigkeit der Nerven besitzt, welche uns eigen ist, die wir aus einer mehr zusammengedrängten Form gegossen sind. Meine eigene Stimme behält ihre männlichen Töne bei allen Gelegenheiten. Doctor Cockerel war der Meinung, daß derselbe Antheil von Nerven und Sehnen den Menschen von jeder Größe zugckommen sei, und daß die Natur den Vorrath nur dünner oder stärker nach der Ausdehnung, welche sie bedecken sollten, ausgesponnen habe. Daher sind die kleinsten Geschöpfe oftmals die stärksten. Legt einen Roß- käfcr unter einen großen Leuchter, und das Insekt wird ihn durch seine Anstrengungen, herauszukommen, bewegen; das ist, im Punkt der comparativen Stärke, als wenn Einer von uns Seiner Majestät Gefängniß Ncwgate durch ähnliche Anstrengungen erschüttern sollte. Und im Allgemeinen könnt Ihr bemerken, daß kleine Menschen besser tanzen, und unter Anstrengungen jeder Art unermüdlicher sind, als diejenigen, denen ihr eigenes Gewicht nothwendig lästig sein muß. Ich achte Euch, Herr Peveril, weil ich gehört habe, daß Ihr einen 493 von jenen riesenhaften Kerlen getödtet habt, die mit prahlerischem Stolz einhergehen, als wenn ihre Seelen größer, als die unsrigen wären, weil ihre Nasen den Wolken um einige Zoll näher sind. Aber schätzt Euch deßhalb nicht, als wenn es etwas Ungewöhnliches wäre. Ich wollte Euch zeigen, daß es allezeit so gewesen ist; und daß, in der Geschichte aller Zeitalter, der feine, dicht gewachsene, flinke Mann eine Ueber- legenheit über seinen großgebauten Gegner bewiesen hat. Ich darf nur aus der heiligen Schrift den berühmten Fall Goliaths und eines Andern anführcn, der mehr Finger an seiner Hand und mehr Zolle an seiner Statur hatte, als für einen rechtschaffenen Mann zu gehören scheinen, und welcher von einem Neffen des Königs David erschlagen wurde; und vieler Anderer, deren ich mich nicht mehr erinnere; indessen, sie waren alle Philister. Und in Wahrheit könnt Ihr, sowohl in der heiligen, als in der profanen Geschichte, bemerken, daß diese Riesen immer Ketzer und Gotteslästerer, Räuber und Unterdrücker, rohe Beleidiger des weiblichen Geschlechts, und Spötter des gesetzmäßigen Ansehens sind." In diesem Tone fuhr der Zwerg fort, bis er sich endlich wieder in Schlaf gesprochen hatte. Kaum hatten unzweideutige Zeichen davon Julians Ohren erreicht, als er wieder begierig auf die Erneuerung jener geheimnißvollcn Mitthcilung zu horchen ansing, welche zugleich interessant und schauerlich war. Selbst während Hudson sprach, hatte er, anstatt seiner Rede Aufmerksamkeit zu schenken, immer seine Ohren auf wachsamer Hut erhalten, um wo möglich, die leisesten Töne irgend einer Art, die im Zimmer sich regen möchten, zu bemerken, so daß er es kaum für möglich hielt, daß selbst eine Fliege cs hätte verlassen können, ohne daß er ihre Bewegung gehört hätte. Seine Erwartung schlug je- -i-'S 4SI doch fehl; nicht der leiseste Ton erreichte sein Ohr, und der nächtliche Gast, wenn er noch im Zimmer war, schien entschlossen, zu schweigen. Es war umsonst, daß Peveril hustete, sich räusperte und andere Zeichen seines Wachseins gab; endlich wurde seine Ungeduld so groß, daß er sich entschloß, zuerst zu sprechen, in Hoffnung, die Mittheilung zu erneuen. „Wer du auch bist," sagte er laut genug, um von einer wachenden Person gehört zu werden, doch nicht so stark, um seinen schlafenden Gefährten zu stören. — „Wer oder was immer du auch bist, der du einigen Antheil an dem Schicksal eines Verstoß- nen, wie Julian Peveril, bewiesen hast, sprich noch einmal, ich beschwöre dich, und laute deine Eröffnung gut oder böse, glaube mir, ich bin gleichmäßig bereit, den Ausgang zu erwarten." Keine Antwort irgend einer Art erfolgte auf diesen Aufruf; auch verrieth nicht der geringste Laut die Gegenwart des Wesens, an das er so feierlich war gerichtet worden. »Ich spreche umsonst," sagte Julian, „und vielleicht rufe ich nur dasjenige Wesen an, das für menschliches Gefühl unempfindlich ist, oder ein boshaftes Vergnügen an menschlichen Leiden findet." Da erhob sich ein sanfter halbgebrochener Seufzer aus einem Winkel des Zimmers, der, als Antwort auf diesen Ausruf, der Beschuldigung, die er auSdrllcktc, zu widersprechen schien. Julian, von Natur herzhaft, und jetzt mit seiner Lage vertraut, erhob sich im Bette, und streckte den Arm aus, um seine Beschwörung zu wiederholen, als die Stimme, wie beunruhigt durch seine Thätigkeit und Entschlossenheit, in einem 495 schneller» Tone als bisher flüsterte: „Sei still — bewege dich nicht — oder ich bin stumm für immer!" „Ist es ein sterbliches Wesen, das bei mir ist," war die natürliche Folgerung Julians, „und eines, das wahrscheinlich besorgt, entdeckt zu werden, so Hab' ich einige Macht über dasselbe, ob ich gleich im Gebrauch derselben vorsichtig sein muß. — Wenn deine Absichten wohlwollend sind," fuhr er fort, „so gab cs nie eine Zeit, in der ich Freunde mehr bedurfte, oder dankbarer für Wohlthaten sein würde, als eben jetzt. Das Schicksal Aller, die mir theuer sind, liegt auf der Wagschale, und mit Welten würde ich die Botschaft von ihrer Rettung erkaufen." „Ich habe gesagt, meine Macht sei beschrankt," erwie- dertc die Stimme. „Euch kann ich im Stande sein zu erhalten; das Schicksal Eurer Freunde liegt außer meiner Gewalt." „Laß mich cs wenigstens wissen," sagte Julian, „und sei es, wie es wolle, ich werde mich nicht scheuen, cs mit ihnen zu theilen." „Nach wem wollt Ihr Euch erkundigen?" sagte die sanfte süße Stimme, nicht ohne ein Beben des Tones, als wenn die Frage mit mißtrauischem Sträuben gethan würde. „Nach meinen Eltern," sagte Julian, nach einem augenblicklichen Bedenken; „wie geht es ihnen? — Was wird ihr Schicksal sein?" „Es geht ihnen, wie der Festung, unter welcher der Feind eine verderbliche Mine gegraben bat. Das Werk mag Jahre lange Arbeit gekostet haben, solche Hindernisse fanden die Ingenieurs; aber die Zeit bringt günstige Gelegenheit aus ihren Flügeln." „Und was wird der Ausgang sein?" fragte Peveril- „Kann ich die Zukunft lesen," antwortete die Stimme, „außer durch Vergleichung mit der Vergangenheit? — Wer ist, auf diese 'Anklagen hin verfolgt, nicht am Ende in die äußerste Noth gebracht worden? — Es gibt keinen Stand des Lebens, keinen Grad des Talents, keine Form der Grundsätze, welche Schutz gegen eine Anklage gewährten, die Stände gleich macht, Charaktere vermischt, Tugenden der Menschen zu Sünden macht, und sie alle für gefährlich achtet, je nachdem sie Einfluß haben, wiewohl sie denselben auf die edelste Art erlangten und zu den besten Zwecken gebrauchten. Man nenne einen solchen nur einen Theilhabcr des Complots — und der Blindeste wird den Ausgang ihres Verhörs voraus- schen." „Unglücksprophet!" sagte Julian; „mein Vater hat ein unverwundbares Schild zu seinem Schutze- Er ist unschuldig." „Laß ihn seine Unschuld vor dem Gerichtshöfe des Himmels beweisen," sagte die Stimme; „sie wird ihm wenig helfen, wo Scroggs den Vorsitz führt." „Doch fürchl' ich nichts," sprach Julian, mit mehr angenommenem Vertrauen, als er wirklich halte, „meines Vaters Sache wird vor zwölf Engländern geführt werden." „Besser vor zwölf wilden Thieren," antwortete der Unsichtbare, „als vor Engländern, die von Parteivorurtheil, Leidenschaft, und der epidemischen Furcht vor einer eingebildeten Gefahr beseelt sind." „Verkündiger schlimmer Vorbedeutungen," sagte Julian, „deine Stimme eignet sich fürwahr nur mit der Mitternachtsglocke und der Nachteule zu ertönen. Doch sprich wieder. Sage mir, wenn du kannst" — (er würde Alerie Bridge- north gesagt haben, aber er konnte den Namen nicht über 497 seine Zunge bringen) — „sage mir," sprach er, „ob das edle Haus Derby —" „Laß fie ihren Felsen hüten, wie der Seevogel im Ungewitter, und es kann so ausfallen," sprach die Stimme, „daß ihr Felsen ein sicherer Zufluchtsort ist. Aber cs klebt Blut an ihrem Hermelin, und Rache hat sie seit manchem Jahre auf dem Fuße verfolgt, gleich einem Schweißhunde. Für jetzt jedoch sind sie in Sicherheit. — Soll ich nun ferner von Euren eigenen Angelegenheiten sprechen? oder gibt es noch andere Angelegenheiten, die Ihr den Eurigen vorziehet?" „Es ist eine Person," sagte Julian, „eine, von der ich gestern gewaltsam getrennt wurde; wenn ich nur sie in Sicherheit wüßte, so wollt' ich mich wenig um meine eigenen Angelegenheiten kümmern." „Eine!" erwiedcrte die Stimme, „nur Eine, von der Ihr gestern getrennt wurdet?" „Bei deren Trennung," sagte Julian, „ich mich von aller Glückseligkeit geschieden fühlte, welche die Welt mir geben kann." „Ihr meint Alerie Bridgenorth," sagte der Unsichtbare, mit einiger Bitterkeit des Tons; „aber Ihr werdet sie niemals wieder sehen. Euer eigenes Leben und das ihrige hängen davon ab, daß Ihr einander vergeßt." „Ich kann mein Leben nicht um diesen Preis erkaufen," antwortete Julian. „So sterbet in Eurer Hartnäckigkeit," erwiederte das unsichtbare Wesen; auch waren alle dringenden Bitten, die er im Verlauf dieser merkwürdigen Nacht anwandte, unvermögend, demselben noch ein Wort zu entlocken. Pevertl. L2 498 Vierunddreißig ftes Kapitel. Julian's Blut war, durch den Zustand, in welchem ihn sein unsichtbarer Gast verließ, so in Wallung gerathen, daß er lange keine Ruhe fand. Endlich jedoch war er zu dem Entschluß gekommen, seinen Verkehr mit ihm vorsichtiger einzurichten, im Fall seine Unterredung sich erneuern sollte, als seine Betrachtungen durch die entschiedene Aufforderung Ritter Gottfried Hudsons unterbrochen wurden, er möchte sich es nun seinerseits gefallen lassen, die häuslichen Verrichtungen ihrer gemeinschaftlichen Wohnung zu besorgen, die der Zwerg gestern auf sich genommen hatte. Es war kein Grund da, einer so billigen Forderung sich zu widersetzen; Pcveril stand daher auf, und übernahm das Aufräumen ihres Gefängnisses. Während dieses Geschäfts blieb der Zwerg bequem auf seinem Stuhle sitzen, und klimperte auf einer Guitarre, als aber Julian das Geschäft des Kochs unternehmen wollte, sprang er vom Stuhl, und rief: „er wollte lieber das Frühstück alle Morgen bis zum jüngsten Tage zubereiten, als ein so wichtiges Geschäft einem so un- xrfahrnen Stümper, wie seinem Gesellschafter, überlassen." Der junge Mann trat mit Vergnügen dem kleinen, übel gelaunten Ritter seine Verrichtung ab, und lächelte bloß, als dieser in seiner Empfindlichkeit hinzusetzte, obgleich Julian nur ein Sterblicher von Mittelstatur wäre, sei er doch so dumm, wie ein Riese. Während also Pcveril ihn das Frühstück nach seinem eigenen Belieben bereiten ließ, beschäftigte er sich damit, das Zimmer mit seinen Augen von jeder Seite zu mustern, und irgend einen geheimen Eingang, der seinen nächt- 499 ljchen Gast cinlaffen und im Nothfall zu seiner eigenen Entweichung gebraucht werden könnte, auSzuspähen. Der Fußboden wurde zunächst einer gleich sorgfältigen Untersuchung unterworfen, die aber glücklicher ausfiel. Dicht bei seinem eignen Bette, und so hingeworfen, daß es ohne die Eile, mit der er der Aufforderung des ungeduldigen Zwergs gehorchte, früher von ihm hätte gesehen werden müssen, lag ein Stückchen Papier, versiegelt, und mit den Anfangsbuchstaben I. P. bezeichnet, was anzuzeigen schien, daß es an ihn selbst gerichtet war. Er las, während dag Kochen die Aufmerksamkeit des Zwergs in Anspruch nahm, Folgendes: „So rasch und bethört Ihr seid, so gibt es doch Jemand, der viel auf sich nehmen wollte, um sich zwischen Euch und Euer Schicksal zu stellen. Ihr sollt morgen in den Tower gebracht werden, wo Euer Leben nicht für einen einzigen Tag verbürgt werden kann; denn während der wenigen Stunden, da Ihr in London gewesen seid, habt Ihr eine Person gereizt, welche sich nicht leicht besänftigen läßt. ES bleibt Euch nur eine Wahl — entsagt A. B> — denkt nicht mehr an sie. Wenn sich Euer Herz entschließen kann, eine Anhänglichkeit aufzugeben, die es nie hätte unterhalten sollen, und welche länger zu hegen Tollheit sein würde, so macht Eure Genehmigung dieser Bedingung dadurch bekannt, daß Ihr an Euren Hut ein weißes Band, oder eine weiße Feder, oder eine Schleife von derselben Farbe steckt, wie Ihr das eine oder das andere am leichtesten bekommen könnt. Ein Boot wird in diesem Falle, wie zufällig, an den Bord desjenigen laufen, das Euch nach dem Tower bringen soll. Springt in der Verwirrung über Bord, und schwimmt an die Southwark- seite der Themse. Freunde werden da warten, Eure Flucht Z2« 500 zu sichern, und Ihr werdet zu einem Manne gelangen, der eher Ehre und Leben verlieren wollte, als daß ein Haar von Eurem Haupte zu Boden falle; der aber, wenn Ihr die Warnung in den Wind schlagt, an Euch bloß als an einen Thoren denken kann, der in seiner Thorheit umkommt. Möge der Himmel Euch zu einem vernünftigen Urtheil über Eure Lage leiten! Dieß wünscht Einer, der Euer Freund sein möchte, wenn Ihr wolltet " „Ein Unbekannter." Der Tower! — das war ein Wort des Schreckens, denn wie viele Wege zum Tode bot nicht dieß finstere Gebäude dar! Die strengen Hinrichtungen, von denen es unter vorhergehenden Regierungen Zeuge gewesen war, waren vielleicht nicht so zahlreich, als die geheimen Ermordungen, die innerhalb seiner Mauern stattgefunden hatten; doch Julian war nicht einen Augenblick ungewiß über die Rolle, die er zu spielen hatte. „Ich will meines Vaters Schicksal theilen," sagte er: „ich dachte nur an ihn, als sie mich hieher brachten; ich will an nichts anderes denken, wenn sie mich an jenen noch furchtbarem Ort der Verhaftung schicken; er ist der seinige, und nur, damit wir zusammenkämen, mußte er auch seinen Sohn in sich aufnehmen. — Und wenn ich dir entsage, Alerie, mag ich einem Verräther und Feigherzigen gleich geachtet werden! — Geh, falscher Rathgeber, und theile das Schicksal der Verführer und ketzerischen Lehrer." Er konnte sich nicht enthalten, diesen letzten Ausdruck laut auszusprechen, als er das Billet mit einer Heftigkeit ins Feuer warf, die den Zwerg stutzig auffahren machte. „Was sagt Ihr vom Verbrennen der Ketzer, junger Mann?" rief er aus; „meiner Treu', Euer Eifer muß wärmer sein, als der mci- riige, da Ihr von einer solchen Sache zu einer Zeit sprechet, 5«1 da die Ketzer die überwiegende Anzahl ausmachen. Mag ich sechs Fuß ohne meine Schube messen, wenn die Ketzer dabei nicht im Vortheil sein sollten, sobald es Ernst damit werden sollte. Hütet Euch vor solchen Reden." „Es ist zu spät, sich vor gesprochenen Reden zu hüten," sagte der Schließer, der, die Thüre mit ungewöhnlicher Vorsicht öffnend, um Geräusch zu vermeiden, sich unbemerkt in die Stube geschlichen hatte, „jedoch Herr Peveril hat sich als ein braver Mann betragen, und ich bin kein Zwischenträger, unter der Bedingung, daß er bedenkt, daß ich Mühe in seinen Angelegenheiten gehabt habe." Julian hatte keine Wahl, als den Wink des Kerls zu verstehen, und ihm Etwas in die Hand zu drücken, womit Herr Clink so zufrieden war, daß er ausrief: „es gehe ihm an's Herz, von einem so gutmüthigen Herrn Abschied zu nehmen, und er würde für ihn zwanzig Jahre lang den Schlüssel mit Vergnügen gedreht haben. Aber die besten Freunde müßten scheiden." „So soll ich also von hier wegkommen?" fragte Julian. „Ja freilich, mein Herr, der Befehl ist vom Geheimen Rath gekommen." „Mich nach dem Tower zu bringen?" »Hoho!" rief der Gerichtsdiener aus; „wer Teufel hat Euch das gesagt? Doch da Ihr es einmal wißt, so ist es kein Unglück, Ja zu sagen. So macht Euch nur sogleich fertig, und sür's Erste, streckt Eure Spazierhölzer aus, daß ich die Fußeisen abnchme." „Ist das gewöhnlich?" sagte Peveril, indem er die Füße, wie es der Wärter verlangte, ausstreckte, während seine Fesseln losgemacht wurden- „Ja wohl, mein Herr, diese Fesseln gehören dem Stock- Meister; wir werden sie wahrhaftig nicht zum Lieutenant bringen lassen. Indessen, habt Ihr etwa Lust, in Fesseln zu geben, und meint in Euren Umständen dadurch mehr Mitleiden zu erregen —" «Ich will nicht, daß meine Umstände schlimmer aussehen, als sie find," sagte Julian, während es ihm zugleich durch den Kops ging, daß der Ungenannte sowohl mit seinen persönlichen Fertigkeiten gut bekannt sein müßte, weil der Brief einen Plan zur Flucht vorschlug, der nur von einem kühnen Schwimmer ausgeführt werden konnte, als auch mit den Gebräuchen des Gefängnisses, weil er vorhergesehen hatte, daß er auf seinem Wege nach dem Tower nicht gefesselt sein würde. Die nächste Rede des Schließers führte seine Muth- maßung noch weiter. «Alles in der Welt wollt' ich thun für so einen braven Gast," sagte Clink; „ich könnte eins von den Bändern meiner Frau weghaschen, wenn Ihr Lust hättet, die weiße Flagge auf Euren Hut zu stecken." „Seltsam," dachte Peveril, obgleich der Mann ganz natürlich und ohne einen Doppelsinn zu sprechen schien, „seltsam, daß sich Alles scheinbar vereinigen soll, einen Plan zur Flucht auszuführen, könnt' ich ihm nur meine Beistimmung geben! Und hätt' ich nicht besser gethan, ihn anzunehmen? Wer auch immer so viel für mich thut, er muß mir Wohlwollen, und ein Wohlwollender würde nie die ungerechten Bedingungen erzwingen wollen, in die ich für meine Befreiung willigen soll." Aber dieß Schwanken in seinem Entschlüsse dauerte nur einen Augenblick. „Wenn Ihr mir einen Gefallen thun wollt, sagte er zum Schließer, „so schafft mir ein Stück schwarze Seide oder Flor zu der erwähnten Absicht." „Flor?" sagte der Wärter; „was sollte das bedeuten?" „Er soll meine gelassene Betrübniß und zugleich meine feste Entschlossenheit anzeigen," sagte Julian. „Wie es Euch gefällt, mein Herr," antwortete der Schließer. „Ich will Euch mit einem schwarzen Lappen von einer oder der andern Art versorgen. Nun so wollen wir uns auf den Weg machen." Julian erklärte sich bereit, ihm zu folgen, und nahm nun Abschied von seinem bisherigen Gesellschafter, dem tapfern Gottfried Hudson. Die Trennung geschah nicht ohne Bewegung von beiden Seiten, vorzüglich aber von Seiten des armen, kleinen Mannes, der ein besonderes Wohlgefallen an dem Gefährten gefunden hatte, dessen er nun beraubt werden sollte. Julian wurde durch dieselben finstern Gänge, durch die er hereingekommen war, zum Thor des Gefängnisses geführt, von wo ihn ein Wagen unter Bedeckung an die Wasserfeste brachte. Hier erwartete ihn ein Boot mit vier Aufsehern des Towers, denen er von seinen letztem Begleitern förmlich übergeben wurde. Clink jedoch, der Schließer, mit dem er genauer bekannt war, nahm nicht von ihm Abschied, ohne ihn mit dem verlangten Stück schwarzen Flor auszustatten, den Julian sogleich auf seinen Hut steckte. ES war um die Zeit der Fluth, und ein starkes Boot mit Segel und Ruder kam so geradezu auf das, auf welchem Julian sich befand, los, als wenn es auf dasselbe stoßen und sich ihm an Bord legen wollte- „Haltet eure Karabiner in Bereitschaft," — rief der Oberaufseher zu seinen Gehüsten- „Was zum Teufel können diese Schurken wollen?" Aber das Schiffsvolk in dem andern Boote schien seinen Jrrthum bemerkt zu haben, denn sie änderten plötzlich ihren 504 Lauf, und stießen in die Mitte des Stroms, während ein Ausbruch gegenseitiger Schimpfreden zwischen ihnen und dem Boote, dessen Fahrt sie zu hindern gedroht hatten, erfolgte. „Der Unbekannte hat sein Wort gehalten," sagte Julian bei sich selbst; „ich habe das meinige auch gehalten." Als die Boote einander sich näherten, glaubte er sogar von dem andern Boote etwas, wie ein ersticktes Klagen oder Seufzen zu hören; und als der augenblickliche Lärm vorüber war, fragte er den ihm zunächst sitzenden Wärter, was das für ein Boot wäre. „Seeleute von einem Kriegsschiffe auf einer Lustparthie, vermuth' ich," gab der Aufseher zur Antwort. „Ich weiß sonst Niemand, der so unverschämt sein würde, auf das Königsboot loszusteuern; denn ich bin sicher, der Kerl richtete das Steuer mit Absicht. Aber vielleicht, Herr, wißt Ihr mehr von der Sache, als ich." Diese Andeutung war hinreichend, Julian von weltern Fragen abzuhaltcn, und er blieb still, bis das Boot unter die Lüstern Basteien des Towers kam- Während des Aufsehers Anruf geschah und beantwortet wurde, suchte Peveril von seinen Führern zu erfahren, wo er wahrscheinlich gefangen gesetzt werden würde; aber die Antwort war kurz und allgemein: „Wohin der Lieutenant die Anweisung geben wird." Er fragte ferner, ob ihm nicht erlaubt werden könnte, das Gefängniß seines Vaters, Ritter Gottfried Peveril's, zu thei- len, und vergaß nicht, bei dieser Gelegenheit, den Beinamen seiner Familie beizufügen. Der Gefängnißaufseher, ein alter Mann von ehrwürdigem Ansehen, stutzte, wie über das zu kühne Verlangen, und sagte geradezu: „Es ist unmöglich." „So zeigt mir wenigstens," fuhr Julian fort, „wo mein Vater gefangen fitzt, daß ich auf die Mauer Hinsehen kann, die uns trennt." „Junger Herr," sagte der Aufseher, seinen grauen Kopf schüttelnd, „es thut mir Leid um Euch, aber Fragen werden Euch nichts helfen. An diesem Orte wissen wir nichts von Vätern und Söhnen." Jndeß schien der Zufall, wenige Minuten nachher, Julian den ^Wunsch zu gewähren, welchen ihm die Strenge seiner Aufseher zu versagen geneigt war. Als er auf den steilen Weg gebracht wurde, der unter den sogenannten Wakefield- Tower führt, rief eine weibliche Stimme in einem von Kummer und Freude unbeschreiblich gemischten Tone aus: „Mein Sohn! mein theurer Sohn!" Selbst die Wachen Julians schienen von einem Tone so tiefen Gefühls erweicht. Sie verzögerten ihre Schritte. Sie hielten fast, um ihn nach dem Fensterflügel sehen zu lassen, aus welchem die Töne der mütterlichen Beängstigung herkamen, aber die Oeffnung war so enge, und so dicht vergittert, daß nichts sichtbar war, als eine weiße, weibliche Hand, welche einer der rostigen Stangen, wie zur Stütze der inwendig sich befindenden Person, ergriffen hatte, während eine andre Hand ein weißes Schnupftuch herausstreckte und es dann fallen ließ. Der Fensterflügel wurde sogleich verlassen. Julian steckte das Zeichen der Zärtlichkeit seiner Mutter, mit dem ihn der Zufall beglückt hatte, in seinen Busen, und als er in der kleinen einsamen Stube sich befand, die ihm zu seinem Aufenthalt im Tower angewiesen war, wurde er selbst bis zu Thränen durch diesen kleinen Umstand erweicht, den er nicht anders als eine Vorbedeutung betrachten konnte, daß 5,06 seine unglückliche Behausung nicht ganz von der Vorsehung verlassen wäre. Aber die Gedanken und Ereignisse, die in einem Gefängnisse Vorkommen, find zu einförmig, und wir müssen unsere Leser nun zu' lebhaftern Auftritten führen. Fünfunddreitzigstes Kapitel. Indem wir Peveril im Tower zurücklassen, müssen wir unsere Leser noch einmal zu dem Lever des Herzogs führen, der an dem Morgen, da Julian nach jener Festung gebracht wurde, seinen persönlichen und vornehmsten Diener also anredete: „Ich bin so sehr mit Eurem Verhalten in dieser Sache zufrieden gewesen, Jerningham, daß wenn der böse Feind selbst in unserer Gegenwart aufstände, und mir sein bestes Teufelchen zum Hausgeist an Eure Stelle anböte, ich es nur für ein armseliges Compliment ansehen würde. „Eine Legion Teufelchen," sagte Jerningham sich verbeugend, „hätte nicht geschäftiger zu Ew- Durchlaucht Diensten sein können; wenn mir aber Ew- Durchlaucht cs zu sagen »erstatten, Euer ganzer Plan wäre beinahe dadurch verdorben worden, daß Ihr nicht eher, als letzte Nacht oder vielmehr diesen Morgen, nach Hause kämet." „Und warum, sagt an, weiser Meister Jerningham," sagte seine Durchlaucht, „sollt' ich einen Augenblick früher zurückkommen, als es zu meinem Vergnügen und meiner Absicht diente?" 507 »Nein, mein gnädiger Herzog," erwiederte Jerningham, „das weiß ich nicht; nur, als Ihr uns durch Empson in Chif- finch's Hause den Befehl wissen ließet, uns des Mädchens um jeden Preis und auf alle Gefahr zu bemächtigen, sagtet Ihr, Ihr würdet hier sein, so bald Ihr von dem Könige Euch frei machen könntet." „Frei machen vom Könige, Ihr Schurke! Was ist das für ein Ausdruck?" fragte der Herzog. „Es war Empson, der ihn gebrauchte, gnädiger Herr, als wenn er von Eurer Durchlaucht käme." „Es gibt sehr Vieles, was meiner Durchlaucht zu sagen ansteht, aber sich sehr schlecht schickt, von seinem oder Eurem Munde wiederholt zu werden," antwortete der Herzog mit Stolz; doch nahm er sogleich wieder seinen vertraulichen Ton an. „Ich habe die Herzogin von Portsmouth gesehen," fuhr er fort. „Ihr stutzt? — es ist wahr, beim Himmel! Ich habe sie gesehen, und aus geschwornen Feinden sind wir geschworne Freunde geworden. Der Tractat zwischen so hohen und gewaltigen Mächten hat einige wichtige Artikel, außerdem hatt' ich mit einem französischen Unterhändler zu thun, und so werdet Ihr zugeben, eine Abwesenheit von wenigen Stunden war nur ein nothwendiger Zeitraum, unsere diplomatischen Geschäfte in Richtigkeit zu bringen." „Euer Durchlaucht setzen mich in Erstaunen," sagte Jerningham. „Christians Plan, die große Dame zu verdrängen, ist also gänzlich aufgegeben? Ich glaubte, Ihr hättet die schöne Nachfolgerin nur deßhalb hier zu haben gewünscht, um diesen Plan unter Eurer eignen Leitung zu betreiben." „Ich vergesse, was ich damals wollte," sagte der Herzog, „außer daß ich entschlossen war, sie sollte mich nicht so äffen, 508 wie den gutmüthigcn Mann des Königthums: und so bin ich immer noch entschlossen, seitdem Ihr mir die schöne Dulci- bella in den Sinn brachtet. Aber ich bekam eine reuige Zuschrift von der Herzogin, während wir bei dem Mailspiel waren. Ich ging, sie zu besuchen, und fand eine vollkommene Niobe. — Bei meinem Leben, trotz den rothen Augen und aufgetriebenen Gesichtszügen, und zerstreuten Haaren, Jer- ningham, gibt es gewisse Weiber, die, wie die Dichter sagen, in Betrsibniß liebenswürdig aussehen. Die Sache kam heraus, und mit solcher Demuih, solcher Reue, solcher Ergebung auf meine Gnade, daß ich ein Herz von Stahl gehabt haben müßte, um dem allen zu widerstehen. Kurz, Chiffinch hat in einem Rausch den Schwätzer gemacht, und den jungen Sa- ville in unsere Jntrigue blicken lassen. Saville spielt den Schurken, und unterrichtet die Herzogin durch einen Boten, der glücklicherweise ein wenig zu spät auf den Markt kam. Sie erfuhr auch, als ein wahrer Teufel im Ausspähen, daß es über diese neue Phpllis zwischen dem Herrn und mir einige Mißhelligkeit gegeben hätte, und daß ich wahrscheinlich den Vogel fangen würde — wie Jeder sehen kann, der uns Beide ansieht. Es muß Empson gewesen sein, der dieß Alles der Herzogin gebeichtet hat; und in der Meinung, sie sähe, wie ihre herzogliche Gnaden und ich zusammen jagen könnten, bittet sie mich, Christian's Plan zu vereiteln, und das Mädchen von den Augen des Königs entfernt zu halten, besonders wenn sie so ein seltenes Stück von Vollkommenheit wäre, als der Ruf von ihr verbreitet hätte." »Und Eure Durchlaucht haben ihr Eure Hand versprochen, die Macht zu unterstützen, die Ihr so oft zu zerstören gedroht habt," sprach Jerningham, »Ja, Jerningham, mir war es eben so vortheilhaft, als 509 sie sich in meiner Gewalt zu bekennen schien, und meine Gnade anrief." „Und Christian?" sagte Jerningham. „Mag als ein eingebildeter Esel zum Teufel gehen. Eine Lust an diesem Gewirre der Jntrigue ist, mich an diesem Buben zu rächen, der sich für so unentbehrlich hielt, daß er beim Himmel sich in meine Vertraulichkeit cindrängte, und mir Lehren gab, wie einem Schulknaben. — Hört, ist der Oberst gekommen?" „Ich erwarte ihn alle Augenblicke, Euer Durchlaucht." „Schickt ihn herauf, wann er ankommt," sagte der Herzog. „Was steht Ihr da, und seht mich an? Was wollt Ihr von mir?" „Euer Durchlaucht Befehl in Ansehung der jungen Dame," sagte Jerningham. „Potz tausend," sagte der Herzog, „ich hatte sie ganz vergessen. — Ist sie sehr zum Weinen geneigt? — außerordentlich betrübt?" „Sie benimmt sich nicht so heftig, als ich an andern gesehen habe," antwortete Jerningham, „aber, in einem starken, festen, tiefgefühlten Unwillen kenne ich keine, die ihr gleichkommt." „Gut, wir wollen sie sich abkühlen lassen. Ich will nicht der Betrübniß einer zweiten Schönen sogleich in's Gesicht sehen. Ich bin des Schluchzens und der geschwollenen Augen und aufgetriebenen Wangen auf einige Zeit müde, und muß überdieß mit meinen Gaben, zu trösten, Haus halten. Geht und schickt den Obersten." Als er das Zimmer verließ, traf er oben an der großen Treppe Christian selbst, der, sich der Freiheit eines alten Hausfreundes bedienend, unangemeldet nach des Herzogs 510 Ankleidezimmer den Weg nahm. Jerningham, vermuthend, daß sein Besuch bei diesen kritischen Umständen nichts weniger als gelegen oder passend sein möchte, suchte ihn von seinem Vorhaben abzubringen, und gab vor, der Herzog sei nicht recht wohl und in seinem Schlafzimmer, und dieß sagte er so laut, daß ihn sein Herr hören, und wenn es ihm gefiel, die in seinem Namen gemachte Entschuldigung dadurch bestätigen möchte, daß er sich in's Schlafzimmer, als seine letzte Freistätte, zurückzöge, und gegen Zudringlichkeit den Riegel vorschöbe. Aber weit davon, rief Buckingham aus seinem Ankleidezimmer mit lauter Stimme seinem Kammerdiener den Befehl zu, seinen guten Freund, Herrn Christian, sogleich hercin- zuführen. Dieß that er denn, und stellte sich in solcher Entfernung vor die Thüre, daß er das Gespräch behorchen konnte. Nach den gewöhnlichen Einleitungs-Komplimenten thcilte der Herzog Christian die Nachricht mit, daß seine Nichte, Alerie, in Begleitung Julian Peveril's Chiffinch's Haus verlassen habe. »Ich glaube Euch, Euer Durchlaucht," sagte Christian erstaunt, „ich muß Euch glauben. Aber sagt mir, welchen Weg nahmen sie?" „Nach Derbyshire, sollt' ich glauben, um ihren Vater aufzusuchen," sprach der Herzog. „Sie sagte, sie wollte sich in den väterlichen Schutz begeben, statt des Eurigen, Herr Christian. Bei Chiffinchens wäre etwas vorgefallen, das ihr Anlaß zum Argwohn gäbe, Ihr hättet nicht ganz auf die Art, die ihr Vater wahrscheinlich gut heißen würde, für seine Tochter gesorgt." »Nun, der Himmel sei gepriesen," sagte Christian, „sie 511 weiß nicht, daß ihr Vater nach London gekommen ist! Und sie müssen entweder auf das Schloß Martindale, oder nach Moultrasfie-Hall gegangen sein; in jedem Falle sind sie in meiner Gewalt — Ich muß ihnen auf dem Fuße Nachfolgen — ich will unverzüglich nach Derbyshire zurück — ich bin verloren, wenn sie ihren Vater trifft, ehe diese Fehler gut gemacht sind. Adieu, mein gnädiger Herzog." „Ich wünsche Euch allen glücklichen Erfolg," sprach der Herzog. „Kann ich Euch mit Leuten, oder Pferden, oder mit Geld behülflich sein?" „Ich danke Euer Durchlaucht," sagte Christian, und verließ eilig das Zimmer wieder- Der Herzog wartete, bis man seine Tritte nicht mehr hörte, und rief dann dem hereintretenden Jerningham zu: Victoria! Victoria! magna est veritaa et praevaieditHätt' ich dem Schurken ein Wort von einer Lüge gesagt, er ist so vertraut mit allen Wohnsitzen der Falschheit — sein ganzes Leben ist so ein entschiedener Betrug gewesen, daß ich den Augenblick entdeckt worden wäre;.aber ich sagte ihm die Wahrheit, und das war das einzige Mittel, ihn zu betrügen- Victoria! mein theurer Jerningham, ich bin stolzer darauf, Christian zu überlisten, als ich gewesen sein würde, einen Staatsminister zu hintergehen." Indem der Herzog noch sprach, wurde der Oberste, nachdem er zu wiederholten Malen gefragt hatte, von einem Herrn seines Hofstaats angemeldet. „Er begegnete doch Christian nicht?" fragte der Herzog hastig. „Nein, Eure Durchlaucht," antwortete der Kammerdiener- „Der Oberst kam die alte Gartentreppe herauf." «) Triumph! Triumph! Groß ist die Wahrheit, und sie wird siegen. „Das glaub' ich wohl," sagte der Herzog; „es ist eine Eule, die nicht bei Tageslicht fliegen will, wenn es noch ein Gebüsch gibt, darunter hin zu schlüpfen." Der Oberst trat nun in's Zimmer. Er war lang, stark gebaut, über das mittlere Alter hinaus, und sein Ansehen konnte, die trübe Wolke, die darauf lag, ausgenommen, für hübsch gelten. Während der Herzog mit ihm sprach, schlug er, entweder aus Demut-, oder aus einer andern Ursache, sein großes ernstes Auge nieder; aber er erhob es, wenn er antwortete, mit einem scharfen Blick eifriger Beobachtung. Seine Kleidung war sehr einfach, und mehr jener der Puritaner, als der Ritter seiner Zeit ähnlich; ein schattiger schwarzer Hut, gleich dem spanischen Sombrero, ein großer schwarzer Mantel und ein langes Schwert gaben ihm in etwas das Ansehen eines Castilianers, welches die Gravität und die Geradheit seines Benehmens beträchtlich verstärkten. „Willkommen, Oberst," sagte der Herzog, „wir sind lange einander fremd gewesen — wie ist es Euch gegangen?" „Wie andern Männern von Thätigkeit in ruhigen Zeiten," antwortete der Oberst. „Wohlan, Oberst," sagte der Herzog, „ich habe mich Eurer Tapferkeit vormals bedient, und ich kann es wieder thun. Ihr kennt Christian?" „Ja wohl, gnädiger Herr," erwiederte der Oberst; „wir sind lange mit einander bekannt gewesen." „Er ist im Begriff, nach Derbyshire zu gehen, um eine gewisse Nichte von seiner Familie aufzusuchen, die er schwerlich dort finden wird. Ich verlasse mich auf Eure erprobte Freundschaft, daß Ihr, auf welche Art cs sei, seine Rückkehr nach London um vierzehn Tage verzögert- Auch könnt Ihr 51 » nebenher das Mädchen für Euch selbst aufsnchen; ein solches Weib würde Euch vom Herumschweifen abhalten." »Ich kam, Euer Durchlaucht Befehle zu empfangen, nicht um der Gegenstand Eures Witzes zu sein," sagte der Oberst. „Brav gesprochen, tapfrer Oberst! Da Ihr auf einen Monat auf volle Besoldung in meinem Dienste seid, so bitt' ich um Annahme dieser Börse für zufällige Ausgaben und für Ausrüstungen, und Ihr sollt von Zeit zu Zeit meine Instruktionen erhalten" »Sie sollen pünktlich befolgt werden, mein gnädiger Herr," sagte der Oberst; „ich kenne die Pflicht eines Subaltern- Osfiziers. Ich wünsche Euer Durchlaucht einen guten Morgen." Mit diesen Worten steckte er die Börse ein, ohne weder eine Weigerung zu affcktiren, noch einen Dank auszudrücken, sondern bloß als eine Verrichtung in dem regelmäßigen Geschäftsgänge, und schritt aus dem Zimmer mit derselben finstern Gravität, die seinen Eintritt bezeichnete. Sechsundvreißigstes Kapitel. Wenn Buckingham plötzlich den Entschluß gefaßt hatte, Alerten durch seine Diener entführen zu lassen, so geschah es mehr, um Christian, Chisfinch, den König und alle Betheiligten in Verlegenheit zu setzen, als weil ihre Schönhcit starken Eindruck auf ihn gemacht hätte. Wirklich war dieß so wenig Pevcril. 33 514 der Fall, daß seine Durchlaucht über den Erfolg der Unternehmung, die sie in's Haus geführt hatte, mehr überrascht, als erfreut war, ob eS gleich wahrscheinlich ist, daß er sich einer unbezwingbaren Leidenschaft überlassen haben würde, hätte er das Mißlingen seines Unternehmens, statt eines glücklichen Erfolgs, erfahren. Vierundzwanzig Stunden gingen vorüber, seitdem er in seine eigene Behausung zurückgekehrt war, ehe er, ungeachtet verschiedener Winke Jerninghams, sich zu der nothwendigen Anstrengung entschließen konnte, seiner schönen Gefangenen einen Besuch abzustatten. Buckingham fand es seinem Ruf, als ein glücklicher Held in Liebeshändeln, geziemend, Alerien mit verstellter Wärme seine Anträge zu machen; und als er die Thüre des innern Zimmers öffnete, hielt er einige Augenblicke, um zu überlegen, ob der Ton der Galanterie oder der Leidenschaft bei dieser Gelegenheit der passendste wäre. Diese Zögerung gestattete ihm, einige Töne einer Laute zu hören, die mit ausnehmender Geschicklichkeit gespielt, und von dem noch süßeren Gesänge einer weiblichen Stimme begleitet wurde, welche, ohne eine vollständige Melodie auszuführen, sich bloß im Wetteifer mit dem Silberton des Instruments zu unterhalten schien. Nachdem er eine Weile gelauscht, trat er mit dem leichten gefälligen Anstande in's Zimmer, welcher den muntern Hofleuten, unter denen er glänzte, eigen war, und näherte sich der schönen Bewohnerin- Er fand sie an einem mit Büchern und Mnsikalien bedeckten Tische, zur Linken war der große Fensterflügel halb geöffnet, der, von buntem Glase verdunkelt, nur ein zweideutiges Licht in das Zimmer einließ, das mit den reichsten Tapeten behängt, und mit einer Menge Porzellan 515 und prächtigen Spiegeln verziert, für einen Fürsten zum Empfange seiner Braut geschmückt zu sein schien. Der glänzende Anzug der Bewohnerin entsprach dem geschmackvollen Zimmer, das sie einnahm, und hatte etwas von der morgenländifchen Tracht, welche die vielbewunderte Roxe- lane damals in die Mode gebracht hatte. — Ein schlanker Fuß und Knöchel, der aus den weiten Beinkleidern von reich verziertem und gesticktem blauen Atlas hervorschien, war der einzige, deutlich sichtbare Theil ihrer Person; das Uebrige war, vom Kopf bis zu den Füßen, in einem langen Schleier von Silbergaze gehüllt, der, gleich einem leichten Nebel über einer schönen Landschaft, bemerken ließ, daß, was er verbarg, wunderbar lieblich wäre, jedoch die Einbildungskraft die verdeckten Reize noch zu erhöhen veranlaßte. Der ganze Anzug verriet- wenigstens Coquetterie von Seiten der Schönen, die einen vornehmen Besuch erwartet haben mußte, und bewog Buckingham insgeheim über Christians Beschreibung von der höchsten Einfachheit und Sittsamkcit seiner Nichte zu lächeln. Er näherte sich der Dame en csvslier, und redete sie mit der Miene des Bewußtseins an, seine Beleidigungen durch die Herablassung, womit er sie eingestand, hinlänglich zu entschuldigen. „Holde Alerie," sagte er, „ich bin mir bewußt, wie sehr ich wegen des mißverstandenen Eifers meiner Dienstboten um Verzeihung bitten sollte, die, da sie Euch während eines unglücklichen Gefechts verlassen, und ohne Schutz sahen, es auf sich nahmen, Euch unter das Obdach eines Mannes zu bringen, der eher sein Leben preisgeben, als Euch einen Augenblick in Unruhe lassen würde. War es meine Schuld, daß meine Leute es nothwendig fanden, sich Eurer Erhaltung anzunehmen, oder daß sie, überzeugt von dem Antheil, den ich an Euch nehmen müßte, Euch hier zurückgehalten haben, bis 33 " ich selbst bei persönlicher Aufwartung Eure Befehle empfangen konnte?" „Diese Aufwartung ist nicht eben zeitig erfolgt, gnädiger Herzog," antwortete die Dame. „Ich bin zwei Tage lang eine Gefangene gewesen. — vernachlässigt, und dem Dienste des Gesindes überlassen." „WaS sagt Ihr, Fräulein? — Vernachlässigt?" rief der Herzog aus. „Bei'm Himmel, wenn der beste meiner Dienerschaft seine Pflicht versäumt hat, so will ich ihn auf der Stelle verabschieden." „Ich beklage mich über keinen Mangel an Höflichkeit von Seiten Eurer Bedienten, gnädiger Herzog," erwiederte sie; „aber mich dünkt, es wäre nur artiger von dem Herzog selbst gewesen, wenn er mir früher erklärt hätte, warum er die Kühnheit gehabt hat, mich als eine Staatsgefangene festzu- -alten." „Und kann die göttliche Alcrie zweifeln," sagte Buckingham, „daß, wenn Zeit und Raum, diese grausamen Feinde des Fluges der Leidenschaft, es gestattet hätten, der Augenblick, in welchem Ihr über meine Schwelle schrittet, den Herrn des Hauses voll Ergebenheit zu Euren Füßen gesehen haben würdet?" „Wie ich also höre, gnädiger Herzog," sagte die Dame, „seid Ihr abwesend gewesen, und habt keine Schuld an der Beschränkung, die mir hier widerfahren ist?" „Abwesend, in des Königs Aufträge, Fräulein; und geschäftig in Verrichtung seines Dienstes," antwortete Buckingham ohne Verlegenheit. „Was könnt' ich thun? — den Augenblick als Ihr ChisfinchenS verließt» befahl mir Se. Majestät, so schnell zu satteln, daß ich keine Zeit hatte, meine atlassenen Halbstiefeln mit Reitstiefeln zu vertauschen. Der, dessen Schutz Ihr Euch anvcrtrautet, ist im Gefängniß, oder entflohen, — Euer Vater ist abwesend von der Stadt, — Euer Onkel befindet sich in der nördlichen Gegend. Gegen das Chiffinch'sche Haus hattet Ihr Eure wohlgegründete Abneigung ausgcdrückt, also welche angemessenere Freistätte blieb Euch übrig, als die Eures ergebenen Dieners, wo Ihr immer als König herrschen müßt?" „Und zwar als eine gefangene," sagte die Dame. „Mich verlangt nicht nach einem solchen Königthum." „Ach! wie absichtlich mißdeutet Ihr mich," sagte der Herzog, auf ein Knie finkend, „und was für ein Recht könnt Ihr haben, Euch über wenige Stunden der Beschränkung zu beklagen, Ihr, die Ihr so Viele zur hoffnungslosen Gefangenschaft bestimmt! Seid einmal mitleidig, und zieht den neidischen Schleier zurück. Erlaubt wenigstens meiner raschen Hand —" „Ich will Euer Durchlaucht diese unwürdige Mühe ersparen," sagte die Dame mit Stolz; und sich erhebend, warf sie den Schleier zurück, und sagte dabei: „Blickt mich an, gnädiger Herzog, und seht, ob dieß wirklich die Reize find, die auf Euer Durchlaucht einen so mächtigen Eindruck gemacht haben." Buckingham blickte sie an, und die überraschende Wirkung war so stark, daß er schnell von seinem Knie sich erhob, und ein paar Sekunden wie versteinert stehen blieb. Die Gestalt, die vor ihm stand, hatte weder den hohen Wuchs, noch die blühende Fülle Aleriens; und obgleich vollkommen wohlge- bildet, war sie doch so zart und schmächtig, daß sie fast an das Kindesalter erinnerte. Ihre Kleidung bestand aus mehreren kurzen Gewändern, von gesticktem Atlas, von verschiedenen Farben, über einander gelegt, oder vielmehr von ver- 518 's. 'tz schiedcnen Schattirungen ähnlicher Farben; denn starke Kontraste waren sorgfältig vermieden. Diese öffneten sich vorn, um einen Theil der Brust und des Halses zu zeigen, der zum Theil durch eine innere Bedeckung von den feinsten Spitzen verhüllt wurde; über das oberste Gewand war ein Mantel von reichem Pelzwerk geworfen. Ein kleiner, aber prächtiger Turban war nachlässig auf ihren Kopf gesetzt, von welchem eine reiche Fülle glänzend-schwarzer Haare herabwallte. Der Geschmack und Glanz der morgenländischen Tracht entsprach der Gesichtsfarbe der Dame, die eine Brünette von so dun- kelm Teint war, daß sie fast einer Indianerin glich. „Mein gnädiger Herzog," hob die Dame wieder an, „die Lüftung meines Schleiers scheint wie ein Zauber auf Eure Durchlaucht gewirkt zu haben." „Ich bin erstaunt!" sprach der Herzog. „Der Schurke Jerningham — ich will des Schurken Blut haben!" „Nein, schmäht Jerningham deßhalb nicht," sagte die Unbekannte; „sondern beklagt Euer» eignen Unstern. Während Ihr, Herr Herzog, in weißen Atlasstiefeln nordwärts rittet, um des Königs Angelegenheiten zu besorgen, saß die rechte und rechtmäßige Prinzessin weinend in Trauer in der unerfreulichen Einsamkeit, zu der Eure Abwesenheit sie verdammte. Zwei Tage brachte sie vergebens in Trostlosigkeit hin; am dritten kam eine afrikanische Zauberin, die Scene für sie zu vertauschen, und die Person für Eure Durchlaucht." „Wie heißt Ihr?" unterbrach sie der Herzog; „was ist Euer Stand und Name?" „Mein Stand ist, wie ich Euch gesagt habe, — ich bin eine mauritanische Zauberin, und mein Name ist Zarah," er- wiederte das Mädchen. „Aber mich dünkt, jenes Gesicht, Gestalt und Augen —" sagte der Herzog, — „wann galtet Ihr für eine tanzende Fee? — Ein solches Zaubcrwesen wart Ihr vor nicht vielen Tagen.". „Meine Schwester könnt Ihr gesehen haben, — meine Zwillingsschwester, aber nicht mich, gnädiger Herr," antwortete Zarah. „Allerdings," sagte der Herzog, „die Kopie von Euch, wenn cü nicht Ihr selbst gewesen seid, war von einem stummen Geist besessen, wie Ihr von einem gesprächigen. Ich bin noch immer der Meinung, daß Ihr dieselbe seid, und daß der stets bei Eurem Geschlechte so mächtige Satan List genug hatte, bei unserer vorigen Zusammenkunft Euch die Zunge zu binden." „Glaubt, was Ihr wollt, gnädiger Herr; es kann die Wahrheit nicht ändern. — Und nun, Euer Durchlaucht, beurlaube ich mich. Habt Ihr Etwas nach Mauritanien zu befehlen ?" „Verzicht noch ein wenig, Prinzessin," sagte der Herzog; „und bedenkt, daß Ihr freiwillig Euch für eine Andere verpfändet habt. Niemand darf dem tapfern Buckingham ungestraft Trotz bieten." „Mein Abschied hat keine Eile, wenn Euer Durchlaucht irgend Befehle für mich haben." „Was? Seid Ihr weder vor meiner Rache, noch vor meiner Liebe in Furcht, holde Zarah?" sagte der Herzog. „Vor keiner von beiden, bei diesem Handschuh," antwortete das Frauenzimmer. „Eure Rache müßte wahrlich eine kleinliche Leidenschaft sein, wenn sie sich zu so einem -ülflosen Gegenstände, wie ich bin, herablassen könnte; und Eure Liebe vollends, — ach lieber Himmel!" „Und warum lieber Himmel, in einem Tone der Verach- 52V tung? Meint Ihr, Buckingham könne nicht lieben, und sei niemals wieder geliebt worden?" „Denkt nicht daran, mich zu berühren, gnädiger Herr," sagte die Fremde, als sich der Herzog ihr nähern wollte. „Nähert Euch mir nicht, wenn Ihr hofft, die Absicht meines Hierseins zu erfahren. „Ihr bietet mir Trotz, bei'm Jupiter!" sagte der Herzog. „Ich kam nicht hieher, ohne hinlängliche Maaßregeln zu meinem Rückzüge zu nehmen," entgegnete die Unbekannte. «Ihr sprecht es tapfer aus," sagte der Herzog; aber nie Prahlte die Festung so mit ihren Hilfsquellen, wenn die Besatzung nicht schon etwas auf Uebergabe dachte. So öffne ich die erste Parallele." Sie waren bisher von einander durch einen langen, schmalen Tisch getrennt gewesen, der, am Winkel des erwähnten großen Fensterflügels stehend, dis jetzt, eine Vormauer gegen den unternehmenden Liebhaber gebildet hatte. Der Herzog ging hastig darauf um, ihn weg zu schieben, allein, aufmerksam auf alle seine Bewegungen, schwang sich das Mädchen augenblicklich durch das halb offene Fenster. Buckingham stieß einen Schrei des Erstaunens und Entsetzens aus, da er anfangs nicht zweifelte, daß sie sich eine Höhe von wenigstens vierzehn Fuß herabgestürzt hätte; denn so weit war das Fenster vom Boden entfernt. — Als er aber an das Fenster sprang, bemerkte er zu seinem Erstaunen, daß sie ihr Herabsteigen mit gleicher Gewandtheit und Sicherheit bewerkstelligt hatte- Die Außenseite dieses stattlichen Gebäudes war mit einer Menge Schnitzwerk von gordischem und griechischem Styl der Bildhauerei verziert, welcher das Zeitalter der Elisabeth und ihres Nachfolgers bezeichnet; und obgleich die That erstaun- 521 lich schien, so waren doch die Vorragungen dieser Zierrathen hinlänglich, einer so leichten und gewandten Gestalt, selbst bei ihrem schnellen Hinabsteigen, Anhaltpunkte zu gewähren. Entflammt von Zorn und von Neugierde faßte Buckingham anfangs den Gedanken, ihr auf demselben gefährlichen Wege zu folgen, und war wirklich deßhalb auf die Fenstcr- brüstung gestiegen; als er aus einem nahen Gebüsch von Sträuchern, unter dem die Fremde verschwunden war, sie eine Strophe aus einem damals sehr beliebten, komischen Liede fingen hörte; fie hieß: „Doch als er näher lief; Und sah den steile» Nand, Den Abgrund, o wie tief! Da dache er traurig uach, Und sprach, mit Händewiudcn; Wer nicht Erhbrung fand. Wen sie verschmäht, der kann Noch mehl ein neues Liebchen finden; Allein den Hals, der einmal brach, Setzt Niemand wieder an." Der Herzog konnte fich, obwohl sehr wider seinen Willen, bei der Beziehung dieser Verse auf seine eigne Lage, des Lachens nicht enthalten, stieg in's Zimmer zurück, und gab ein Unternehmen auf, das nicht weniger gefährlich, als lächerlich hätte ausfallen können. Er rief seine Diener, und begnügte fich, das kleine Gebüsch zu belauern, weil er nicht glauben konnte, daß ein Mädchen, das fich größtentheils ihm selbst in den Weg geworfen hatte, ihn schlechterdings durch eine Zurückziehung kränken wollte. Diese Frage war in einem Augenblicke entschieden. Eine Gestalt, in einen Mantel gehüllt, mit einem niedergeschlagenen Hut und einem beschattenden Fcderbusch, kam aus dem 522 Gesträuch hervor, und verlor sich in einem Augenblick unter den Ruinen der alten und neuen Gebäude, die das Erbgut, ehemals Ijork-Hvuse benannt, in allen Richtungen bedeckten. Die Bedienten des Herzogs, die auf seinen ungeduldigen Ruf erschienen waren, wurden eilig angewiesen, dieser täuschenden Sirene in allen Richtungen nachzuspüre». Ihr Gebieter indessen, eifrig und -esiig in jedem neuen Beginnen, und besonders wenn seine Eitelkeit beleidigt war, munterte ihre Sorgfalt durch Bestechungen, und Drohungen, und Befehle auf. Aber Alles war umsonst. — Sie fanden nichts von der mauritanischen Prinzessin, wie sie sich nannte, als den Turban und Schleier, die sie im Gebüsch zurückgclassen hatte. Als der Herzog alle Nachsuchung vergebens fand, ließ er der wüthenden Heftigkeit seiner Leidenschaft freien Lauf, so daß selbst Jerningham ihm dießmal aus dem Wege ging. SiebenunddreiHigftes Kapitel. Der König wünschte sich mit dem Zustande der Kriegs- vorräthe, Waffen und dergleichen, die im Tower aufbewahrt wurden, persönlich bekannt zu machen, und begab sich, von der Königin und einem zahlreichen Gefolge begleitet, zu Schiffe dahin. Während die klebrigen sich nach Belieben in den andern Theilen des TowerS zerstreuten, ging der König, begleitet von den Herzogen von Buckingham, von Ormond 523 und einigen Andern, durch die wohlbekannte Halle, um das Zeughaus zu besichtigen. „Wendet Eure Blicke," sprach der Herzog von Ormond zu dem Könige, „auf die Bedrängniß so mancher Eurer Un- terthanen. Ich will nur den alten, tapfern Ritter Gottfried Peveril vom Gipfel, seinen Sohn, und das unglückliche Haus Derby anführen. — Um Gottes willen, verwendet Euch für diese Schlachtopfer, welche die Schlingen dieses Schlangen- complotS umschlungen haben, um sie todt zu drücken — schlagt die bösen Feinde zurück, die ihr Leben zu verschlingen suchen, und entreißet den Harpyen, die nach ihrem Vermögen schnappen, die gehoffte Beute. Heute gerade über acht Tage soll die unglückliche Familie, Vater und Sohn, zum Verhör über Verbrechen gebracht werden, an denen sie, ich spreche es dreist aus, eben so unschuldig ist, als irgend Jemand, der in dieser Versammlung steht. Um Gottes Willen, Ew. Majestät, lasset uns hoffen, daß, wenn die Vorurtheile des Volks sie verur- theilen sollten, wie sie cs bei Andern gethan, Ihr zwischen die Blutjägcr und ihre Beute treten werdet." Der König sah, wie er cs wirklich war, äußerst verlegen aus. Buckingham, zwischen welchem und Ormond eine beständige und fast tödtliche Feindschaft herrschte, mischte sich ein, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. „Das königliche Wohlwollen Ew- Majestät," sagte er, „wird immer in Thätigkeit erhalten werden, so lange der Herzog von Ormond um Eure Person ist. Er trägt seinen Aermcl nach altmodischem Schnitt, und darin immer einen Vorrat- heruntergekommener Cavaliere unv alte dürrbeinige Knaben mit Malvasiernasen, kahlen Schädeln, Storchbeinen und herzbrechenden Geschichten von Edgehill und Naseby." 524 j,Mein Aermel," sagte Ormond, dem Herzog gerad' in'S Gesicht sehend, „ist, ich gestehe cs, nach altem Schnitt, aber ich hefte weder Meuchelmörder noch Räuber daran, wie ich an Röcken nach der neuen Mode befestigt sehe." „Das ist ein wenig zu viel in unsrer Gegenwart, Herr Herzog." sagte der König. „Nein, wenn ich meine Rede beweise," sagte Ormond. — Herr Herzog von Buckingham, wollet Ihr mir den Mann nennen, mit dem Ihr spracht, als Ihr aus dem Boot stiegt?" „Ich sprach mit Niemanden," sagte der Herzog hastig — „nein, ich irre mich, ich besinne mich, ein Kerl flüsterte mir in's Ohr, daß Einer, der, wie ich glaubte, London verlassen hätte, noch in der Stadt wäre; ein Mann, mit dem ich Geschäfte hatte." „War Jener der Bote?" sagte Ormond, indem er aus dem Haufen, der im Hofraum stand, einen langen finster auS- schenden Mann bezeichnet, der in einen großen Mantel gehüllt, einen breiten heruntcrgeschlagcnen Kastorhut und ein langes Schwert nach spanischer Art trug — kurz denselben Obersten, den der Herzog zur Aufsuchung Christians abgeschickt hatte, um ihn auf dem Lande zurück zu halten. Als Buckinghams Augen der Richtung von Ormonds Finger gefolgt waren, könnt' er ein so tiefes Errölhen nicht verhindern, daß es dem Könige auffiel. „Was ist das für ein neuer Spaß, Georg?" sagte er. „Ihr Herren, bringt den Kerl her. Bei meinem Leben, ein wild aussehcnder Schelm. — Hört, Freund, wer seid Ihr? Wenn Ihr ein ehrlicher Mann seid, so hat die Natur vergessen, es auf Euer Gesicht zu schreiben. Kennt ihn hier Niemand ?" „Er ist Vielen gut bekannt, Ew. Majestät," antwortete Ormond; „und daß er auf diesem Platze, mit wohlbehaltenem Halse und mit ungefeffelten Gliedern, cinhergeht, ist, unter vielen andern ein Beweis, daß wir unter dem gnädigsten Fürsten Europa's leben." „Nm aller Welt willen, mein Herzog, wer ist der Mann?" sagte der König. „Ihr sprecht geheimnißvoll — Buckingham erröthet — und der Schurke selbst verstummt." „Dieser Ehrenmann, Ew. Majestät," antwortete der Herzog von Ormond, „den seine Bescheidenheit stumm macht, wenn sie ihn gleich nicht schamroth machen kann, ist der berüchtigte Oberst Blood, wie er sich nennt, dessen Versuch, sich der königlichen Krone Ew. Majestät zu bemächtigen, vor nicht gar langer Zeit in diesem nämlichen Tower von London stattfand." „Diese That wird nicht leicht vergessen," sagte der König; „aber daß der Kerl lebt, beweiset sowohl die Milde Ew. Durchlaucht, als meine eigne." „Ich kann nicht läugnen, daß ich in seinen Händen war, Ew. Majestät," sagte Ormond, „und wäre gewiß von ihm ermordet worden, hätte es ihm beliebt, mir auf der Stelle das Leben zu nehmen, anstatt mich — ich danke ihm für die Ehre — dazu zu bestimmen, zu Tpburn gehängt zu werden. Ich wäre sicherlich schnell aus dem Wege geräumt worden, hätte er mich des Messers, oder Pistols, oder sonst eines schleunigeren Mordwerkzeugs, als des Stricks, werth geachtet. — Seht ihn an! Wenn es der Bösewicht wagte, er würde in diesem Augenblicke, wie Caliban im Schauspiele, ausrufen: Ho, ho, ich wollte, ich hätt' cs gethan!" „Ei wahrhaftig, mein Herzog, er hat eine schurkische, höhnische Miene, die eben so viel zu sagen scheint; aber wir haben ihm verziehen, und Ihr gleichfalls." 526 „Es würde mir übel angestanden haben," sprach der Herzog von Ormond, „einen Angriff auf mein armes Leben streng zu ahnden, da Ew. Majestät geruhten, ihm seinen frechen und übermüthigern Versuch auf Eure königliche Krone zu vergeben. Aber ich muß es für ein Stück von der höchsten und äußersten Frechheit dieses blutdürstigen Raufbolds halten, von wem er auch immer jetzt unterstützt werden mag, daß er im Tower, dem Schauplatz eines seiner Bubenstreiche, oder vor mir erscheint, der ich beinahe das Opfer eines andern geworden wäre." „Ihr sollt in Zukunft Genugthuung erhalten," sagte der König. — „Aber hört, Blood, wenn Ihr Euch wieder untersteht, Euch, wie jetzt, uns in den Weg zu werfen, so will ich des Henkers Messer und Eure schurkischen Ohren mit einander bekannt machen." Blood verbeugte sich, und sagte mit kalter Unverschämtheit : er sei bloß zufällig nach dem Tower gekommen, um sich mit einem vertrauten Freunde in einem wichtigen Geschäft zu besprechen. „Der Herr Herzog von Buckingham," sagte er, „weiß, daß ich keine andere Absicht hatte." „Packt Euch fort, schurkischer Meuchelmörder," sagte der Herzog, „wenn Ihr Euch wieder untersteht, meinen Namen anzuführen, so laß ich Euch in die Themse werfen." Blood, so zurückgetrieben, kehrte mit der übermüthigsten Gelassenheit um, und ging längs der Versammlung hinab fort, während ihm Alle verwundert nachsahen; so sehr war er wegen seiner frechen und verwegenen Bosheit berüchtigt. Carl wollte gern alles Andenken an seine Erscheinung durch die Bemerkung verwischen: „es wäre eine Schande, wenn !ein so verworfener Schurke der Anlaß zur Zwietracht zwischenlzwei ausgezeichneten Männern von hohem Adel sein sollte;" und er ermahnte die Herzoge von Buckingham und Ormond, einander die Hände zu reichen, und ein Mißverständnis das über einen so unwürdigen Gegenstand entsprang, zu vergessen. Buckingham antwortete flüchtig : „die ehrwürdigen weißen Haare des Herzogs von Ormond rechtfertigen ihn hinlänglich, die ersten Eröffnungen zu einer Aussöhnung zu machen," und demzufolge hielt er seine Hand zurück. Ader Ormond verbeugte sich und sagte, „der König habe keine Ursache, zu erwarten , daß der Hof durch Acußerungen seiner persönlichen Empfindlichkeit beunruhigt werden sollte, weil ihm weder die Zeit zwanzig Jahre, noch das Grab seinen tapfern Sohn Offory zurückgeben werde. Was den Böfewicht, der sich hier eingcdrängt, betreffe, so sei er ihm verbunden, weil er durch den Beweis, daß die Milde Seiner Majestät sich selbst auf die allerärgsten Verbrecher erstrecke, seine Hoffnung verstärke, die Gnade des Königs für solche von seinen unschuldigen Freunden zu gewinnen, die sich jetzt, auf die gegen sie erhobenen gehässigen Anklagen in Betreff des papistischen Complots, im Gefängniß und in Gefahr befänden." Der König gab auf diese Miltheilungen keine andere Antwort, als daß er die Gesellschaft zur Rückkehr nach Whitehall sich cinschiffen hieß; und so nahm er von den Offizieren des Towers, welche die Aufwartung hatten, mit einem jener artigen Complimente über ihren Diensteifer, wie sie Niemand besser auszudrücken verstand, Abschied, und gab zugleich strenge und sorgfältige Befehle für den Schutz und die Ver- theidigung der ihnen anvertrauten Festung und Alles dessen, was sie enthielte. Ehe er sich bei ihrer Ankunft in Whitehall von Ormond trennte, wandte er sich zu ihm um, und sagte: „Beruhigt 528 Euch, Herr Herzog; — die Sache unserS Freundes soll in Betracht gezogen werden." An demselben Abend hatten der GencralfiScal, und North, der Lord-Oberrichter des CivilgerichtS, Befehle, ganz in'S Geheim in den Chissinch'schen Zimmern (dem Mittelpunkte aller Liebes- und Geschäftsangelegenheiten) vor Seiner Majestät zur Verhandlung über besondere Staatssachen sich ein- zufindcn. Achtunddreitzigftes Kapitel. Der Morgen, an welchem Carl den Tower besucht hatte, war ganz anders von jenen unglücklichen Personen zugebracht worden, welche ihr schlimmes Schicksal und der sonderbare Geist der Zeiten zu den unschuldigen Bewohnern dieses Staats- gefängniffes gemacht, und welche die amtliche Bekanntmachung erhalten hatten, daß sie am nächsten siebenten Tage ihr Verhör vor dem königlichen Oberhofgcricht zu Westminster zu erwarten hätten. Der wackere alte Ritter neckte erst den Gcrichtsdiener, daß er ihm sein Frühstück mit der Nachricht störte; bewies aber lebhafte Rührung, als er erfuhr, daß sein Sohn Julian auf dieselbe Anklage zur Rechenschaft gezogen werden würde. Wir wollen bloß sehr im Allgemeinen bei der Beschaffenheit dieses Verhörs verweilen, welches, der Form nach, fast mit allen denen übercinstimmte, die während des herrschenden papistischen ComplotS statt fanden. Ehrlose und mein- eidige Zeugen, deren Gewerbe als gemeiner Angeber furchtbar einträglich geworden war, legten einen Schwur ab, daß die Gefangenen sich bei der großen Verschwörung der Katholiken als interessirte Theilnehmer gezeigt hätten. Eine Anzahl anderer Zeugen brachten Thatsachen oder verdächtige Umstände vor, welche den Charakter der Angeklagten, als rechtschaffener Protestanten und guter Unterthanen, in Zweifel setzten, und zwischen dem unmittelbaren und dem muth- maßlichen Zeugniß wurde gewöhnlich genug herausgezogen, um bei einem bestochenen Gerichtshöfe und meineidigen Ge- schwornen den verhängnißvollen Ausspruch: „Schuldig" zu rechtfertigen. Die Wuth des Volks fing jedoch jetzt an, sich zu verlieren, nachdem sie sich selbst durch ihre eigene Heftigkeit erschöpft hatte. Die Gcmüther fingen nun an, sich abzukühlen — der Charakter der Zeugen wurde nun näher geprüft — ihre Zeugnisse stimmten nicht in allen Fällen zusammen, — und ein heilsamer Argwohn fing au gegen Menschen genährt zu werden, die zwar nie sagen wollten, daß sie eine vollkommene Entdeckung alles dessen, was sie wüßten, gemacht hätten, aber doch unverholen irgend einen Punkt des Zeugnisses für künftige Verhöre sich vorbehielten. Auch der König, der während des ersten Ausbruchs der Volkswuth unthätig geblieben war, fing nun an, sich in Bewegung zu setzen, und dieß brachte eine wirkliche Wirkung auf den Sachwalter der Krone, und selbst auf die Richter hervor. Sir George Wakemann war, trotz dem direkten Zeugnisse Oates, frei gesprochen worden; und die öffentliche Aufmerksamkeit war nun staick gespannt auf die nächste gerichtliche Untersuchung, welche die beiden Peverils, Vater und Sohn, traf, mit denen (durch eine sonderbare Verkettung der Pcveril. 34 53 « Umstände) der kleine Hudson zugleich vor das königliche Oberhofgericht gebracht wurde. Es war ein Mitleid erregender Anblick, Vater und Sohn, die so lange von einander getrennt gewesen waren, unter so traurigen Umständen einander treffen zu sehen; und viele Thränen wurden vergossen, als der majestätische alte Mann (denn ein solcher war er, obgleich durch das Alter gebeugt) mit einem gemischten Gefühl von Freude, Zärtlichkeit und bitterer Besorgniß vor dem Ausgange des bevorstehenden Verhörs, seinen Sohn an seine Brust drückte. Es regte sich ein Gefühl an dem Gerichtshöfe, das für einen Augenblick jedes Vorurtheil und jede Parteisucht überwog. Die Anklage wurde nun vorgelesen; und Ritter Gottfried Peveril hörte mit einiger Gelassenheit den ersten Thcil derselben, welcher dahin lautete, er habe feinen Sohn an den Hof der Gräfin von Derby, einer widerspenstigen Papistin, in der Abficht geschickt, das schreckliche und blutdürstige papistische Complot zu unterstützen, — indem er Waffen und Kriegs- vorräthe in seinem Hause gehabt, — und ein Blanquett, als Vollmacht, vom Lord Strafford empfangen habe, der wegen des Complots den Tod erlitten hatte. Als aber die Beschuldigung auf den Ausspruch kam, er habe zu demselben Zweck mit Gottfried Hudson, bisweilen Ritter Hudson genannt, jetzt, oder ehedem im Hausdienste der Königin Wittwe angestcllt, Verbindung unterhalten, sah er seinen Gefährten an, als wenn er sich plötzlich wieder auf ihn besänne, und brach ungeduldig in die Worte aus: „Diese Lugen find zu grob, um eine augenblickliche Erwägung zu verdienen. Ich mag mit meinem edlen Verwandten, dem verstorbenen Lord Strafford (ich will ihn so nennen, trotz seinem Mißgeschicke) Verkehr genug gehabt haben, doch in nichts anderm, als in dem, was 531 rechtlich und unschuldig ist, — und mit der Verwandtin meiner Frau, der ehrwürdigen Gräfin von Derby. Allein wie sollte ich mit einem abgelebten Possenreißer vertrauliche Unterredung gepflogen haben, mit dem ich nie einen Augenblick Verbindung gehabt, außer einmal am Osterfest, als ich einen Dudelsack blies, da er zur Unterhaltung der Gesellschaft auf einem Tische tanzte?" Die Wuth des armen Zwergs preßte ihm Thränen in die Augen, indeß er mit einem erzwungenen Lachen äußerte, daß Herr Ritter Gottfried Peveril, statt jener jugendlichen Belustigungen sich lieber seiner Angriffe an seiner Seite im Gefecht bei Wiggan-Lane hätte erinnern mögen. „Auf mein Wort," sagte Ritter Gottfried Peveril nach einer augenblicklichen Ueberlegung, „ich will Euch Gerechtigkeit widerfahren lassen, Herr Hudson — ich glaube, daß Ihr dabei wart — ich denke, ich hörte, Ihr habt gute Dienste geleistet. Aber Ihr werdet zugeben, daß Ihr einem nahe sein konntet, ohne daß man Euch sah." Ein halbunterdrücktes Gelächter durchlief den Gerichtssaal über das einfache Zeugniß des Ritter Gottfrieds, welches der Zwerg zu entkräften suchte, indem er sich auf die Zehen stellte, und stolz um sich -er sah, als wollte er die Lachenden erinnern, daß fie fich ihrer Lust auf ihre eigne Gefahr überließen. Da er aber bemerkte, daß dieß nur noch mehr Gespött erregte, so gab er fich das Ansehen einer gleichgültigen Verachtung, und äußerte mit einem Lächeln: Niemand fürchte den Blick eines gefesselten Löwen. Ein treffendes Gleichniß, welches die Lachlust derer, die es hörten, mehr vermehrte, als verminderte. Gegen Julian Peveril unterblieb nicht die, seine Anklage verschlimmernde Beschuldigung, daß er Briefe zwischen der 34 » 532 Gräfin von Derby und andern in die allgemeine verräthe- rische Verschwörung der Katholiken verflochtenen Papisten und Priestern bestellt habe-, und der Angriff auf Moultrasste-Hall — sein Gefecht mit Chiffinch, und sein Anfall (wie es genannt wurde) auf die Person Johann Jenkins, Dieners des Herzog von Buckingham, wurden alle der Länge nach als eben so viele offne Handlungen verrätherischer Art angeführt. Auf diese Beschuldigungen begnügte sich Julian Peveril bloß zu antworten: Nicht schuldig. Der Zwerg war mit einer so einfachen Antwort nicht zufrieden; denn, da er einen Thcil der ihn angehenden Beschuldigung vorlesen hörte, er habe von einem Agenten des Complots ein Blanquett als Oberster eines Regiments von Grenadieren erhalten, erwiederte er in Zorn und Verachtung: Wenn Goliath von Gath mit einem solchen Vorschläge zu ihm gekommen wäre, und ihm den Oberbefehl über alle Söhne Anaks in einem Corps angebotcn hätte, so würde er ihm die Lust benommen haben, einen Andern auf dieselbe Art zu versuchen. Die Anklage wurde nun vom Sachwalter der Krone von Neuem vorgctragen, und jetzt trat der berüchtigte Doctor Oates, im vollen seidenen Priesterornat auf. Dieser sonderbare Mann, der, durch die geheimen Jntri- guen der Katholiken selbst und durch den zufälligen Umstand von Godfrey's Ermordung unterstützt, im Stande gewesen war, dem Publikum eine solche Masse von Abgeschmacktheiten zu verdauen zu geben, hatte kein andres Talent zur Täuschung, als eine Unverschämtheit, welche der Ueberzeugung und der Schaam in gleichem Grade Trotz bot. Oates war von Natur cholerisch, und das Zutrauen, das er erlangt hatte, machte ihn übermüthig und dünkelvoll. 533 Selbst sein Aeußeres hatte etwas Furcht einflößendes. Eine große weiße Perücke zeigte ein höchst seltsames Gesicht von großer Länge, der Mund saß ganz in der Mitte des Gesichts. Seine Aussprache hatte auch eine ihm eigenthümliche Manier, worin er die Vocale ganz besonders accentuirte. Dieser berüchtigte Mann, wie wir ihn oben beschrieben haben, trat nun bei dem Verhör auf, und gab sein Erstaunen erregendes Zeugniß ab, in Betreff einer katholischen Verschwörung zum Umsturz der Regierung und zur Ermordung des Königs, in derselben allgemeinen Form, in welcher man es in jeder englischen Geschichte finden kann. So wie aber Doctor Ostes immer irgend einen besondern Artikel des Zeugnisses gegen die jetzt unmittelbar in Untersuchung stehenden Personen im Vorbehalt hatte, so beliebte es ihm, bei der jetzigen Gelegenheit, die Gräfin von Derby sehr hart anzuklagen. „Er habe," sagte er, „diese geehrte Dame gesehen, als er in dem Jesuitencollegium zu St. Omers gewesen. Sie habe nach ihm in ein Wirthshaus oder in eine /Vuber^e, wie eS dort genannt wurde, mit dem Schilde zum goldenen Lamm, geschickt, und ihn in demselben Zimmer mit ihr frühstücken geheißen; und nachher ihm gesagt, weil sie wisse, welches Vertrauen er bei der Gesellschaft Jesu genöße, so habe sie beschlossen, ihn auch an ihren Geheimnissen Theil nehmen zu lassen; und zu gleicher'Zeit habe sie ein breites, scharf gespitztes Messer, dergleichen die Fleischer zum Schlachten der Schafe gebrauchen, aus ihrem Busen gezogen, und ihn ge. fragt, was er von der Bestimmung desselben dächte; und als er, der Zeuge, gefragt, zu welcher Bestimmung es diene, ihn mit ihrem Fächer auf die Finger geklopft, einen dummen Kerl genannt, und gesagt, cs sei bestimmt, den König damit zu tödten." 534 Hier konnte der Ritter Gottfried Peveril seinen Unwillen und sein Erstaunen nicht länger zurückhalten. „Gütiger Himmel!" sagte er, „hat man je gehört, daß Frauen von Range Schlächtermeffer bei sich trügen, und jedem elenden Gesellen sagten, sie wollten den König mit denselben umbringen. — Meine Herren Richter, bedenkt nur, ob dieß vernünftig ist — jedoch wenn der Niederträchtige durch einen ehrlichen Zeugen beweisen könnte, daß die Frau Gräfin von Derby je einen solchen Abschaum, wie er, habe zu sich zum Besuch kommen lassen, so wollt' ich Alles glauben, was er sagt." „Herr Ritter," sagte der Richter, „bleibt ruhig, — Leidenschaft kann Euch hier nichts helfen — Doctor OateS muß fortfahren." Doctor Oates fuhr in seinem Vortrage fort, und berichtete, „wie die Gräfin sich über das Unrecht, das Derby vom Könige erlitten, und über die Bedrückung ihrer Religion beschwert, und mit den Entwürfen der Jesuiten und der Priester aus dem Seminarium geprahlt habe, welche von ihrem edlen Verwandten aus dem Hause Stanley gewiß befördert werden würden." Endlich behauptete er, „daß sowohl die Gräfin, als die auswärtigen Patres des Seminariums viel auf die Talente und den Muth des Ritter Gottfried Peve- rils und seines Sohnes gebaut hätten- Von Hudson habe er (so viel er sich erinnere) nur einige Patres sagen gehört, daß er, obgleich an Statur ein Zwerg, doch sich als einen Riesen in der Sache der Kirche zeigen würde." Als er sein Zeugniß beendigt hatte, entstand eine Pause, bis der Richter, als fiele ihm der Gedanke plötzlich ein, den Doctor OateS fragte, ob er je den Namen der Gräfin von Derby in einem der vorhergehenden, vor dem Geheimenrath 535 angebrachten Berichte und anderwärts in Beziehung auf diesen Gegenstand schon erwähnt habe. Oates schien ziemlich betroffen über diese Frage, und er- röthete vor Zorn, als er in seiner eignen Aussprache zur Antwort gab, „o nain, main Harr Oberriechter." »Nun, so bitt' ich Euch, Herr Doctor," sagte der Richter, »wie kommt es, daß ein so großer Entdecker von Geheimnissen, als Ihr Euch jüngst gezeigt habt, einen so wesentlichen Umstand, wie der Beitritt dieser mächtigen Familie zu dem Complot ist, bis jetzt hat verschweigen können?" „Main Härr Oberriechter," sagte Oates mit großer Unverschämtheit, „ich bin nicht bieher gekommen, um main Zeug- niß über das Comploot in Zweifel zichn zu laassen." „Ich bezweifle Euer Zeugniß nicht, Herr Doctor," sagte Scroggs; denn die Zeit war noch nicht gekommen, da er wagte, ihn derb anzugreifen; „auch bezweifle ich nicht die Wirklichkeit des Comp lots, weil es Euch beliebt, es zu beschwören. Ich wollte nur, daß Ihr, um Eurer selbst willen, und zur Befriedigung aller guten Protestanten, Euch erklärtet, warum Ihr einen so wichtigen Punkt dem König und dem Lande vorenthalten habt." „Main Härr Oberriechter," sagte Oates, „ich will Euch eine artige Fabel erzählen." „Ich hoffe," antwortete der Richter, „es wird die erste und letzte sein, die Ihr an diesem Orte erzählet." „Main Härr," fuhr Oates fort, „es war einmal ein Fuuchs, der eine Gaans über einen gefrohrnen Baach zu schleppen halte, und aus Besorgniß, das Eis möchte ihn und seine Beute nicht traagen, erst ainen Stain darüber legte, um die Stärke des Eises zu probiren." „So war Euer voriges Zeugniß bloß der Stein, und nunmehr erst habt Ihr uns die Gans gebracht?" sagte Scroggs; „das heißt aus dem Gerichtshöfe und den Geschwornen Gänse machen, Herr Doctor." „Ich bitte um eine billige Auslegung meiner Worte, gnädiger Harr Oberriechter," sagte Oates, der nun sah, daß der Strom sich gegen ihn wandte, aber entschlossen war, mit Unverschämtheit sich durchzuschlagen. „Alle Leute wissen, um welche Kosten und um welchen Preis ich mein Zeugniß «abgelegt habe, und dicß ist allezeit, unter Gottes Beistände, das Mittel gewäsen, diese aarme Nation auf den gefährlichen Zu- staand aufmerksam zu machen, in dem sie sich befindet. Hier wissen Viele, daß ich genöthigt gewäsen bin, meine Wohnung zu Whitehall gegen die blutigen Papisten zu befästigen. Es war nicht zu glauben, daß ich die gaanze Geschichte auf einmal Vorbringen sollte. Ich denke, Eure Weisheit würde mir anders gcrathen haben." „Nein, Herr Doctor," sagte der Richter, „es kommt mir nicht zu, Euch in dieser Sache zu leiten; und es gehört für die Geschwornen, zu glauben oder nicht zu glauben; und was mich selbst betrifft, so sitz' ich hier, Beiden Recht zu sprechen. — Die Geschwornen haben Eure Antwort auf meine Frage gehört." Doctor Oates zog sich aus der Zcugenloge zurück, roth, wie ein Truthahn, da er gar nicht daran gewöhnt war, solche Berichte bezweifeln zu hören, als ihm den Gerichtshöfen vorzulcgcn beliebt hatte; und es entstand, vielleicht zum ersten Male, sowohl unter dem Sachwalter und den Advokaten, als unter den Juristencollegien und den Rechts- deflifsenen, welche gegenwärtig waren, ein deutliches und hörbares Murren. Everett und Dangcrfield, mit denen der Leser schon bekannt ist, wurden nunmehr nach der Reihe aufgerufcn, die Anklage zu unterstützen. Die Geschwornen hörten kaltblütig zu, und man merkte, daß die Anklage nur wenig Eingang fand, insbesondere da der Richter sie in einem fort erinnerte, daß bloße Voraussetzungen keine Beweise waren — daß Hörensagen kein Zeug« niß abgäbe — daß diejenigen, die ein Gewerbe mit ihrer Entdeckung trieben, wahrscheinlich ihre Nachforschungen durch Erdichtungen unterstützten — und daß er, ohne die Schuld der unglücklichen Personen vor den Schranken zu bezweifeln, doch gern irgend ein Zeugniß von anderer Beschaffenheit gegen sie vorgcbracht hören möchte. „Hier erzählt man uns von einem im Hause einer angesehenen, und, ich glaube, den meisten von uns bekannten Magistratspcrson, durch den jungen Peveril angestiftetcn Aufstande, und seiner versuchten Entweichung. Warum, Herr Anwalt, bringt Ihr nicht Herrn Bridgenorth selbst herbei, die Thatsache zu beweisen, oder alle seine Hausgenossen, wenn cs nöthig wäre? — Auf der andern Seite, ist hier ein ehrwürdiger alter Ritter; denn für einen solchen muß ich ihn halten, da er oft in der Schlacht für den König geblutet hat, — für einen solchen, darf ich sagen, halte ich ihn, bis das Gegentheil von ihm erwiesen wird. Und hier ist sein Sohn, ein hoffnungsvoller junger Edelmann — wir müssen sehen, daß sie Recht bekommen Herr Anwalt." „Ohne allen Zweifel, Herr Oberrichter," antwortete der Anwalt. „Gott bewahre uns vor etwas Anderm! Aber wir wollen die Sachen gegen diese unglücklichen Männer auf eine strengere Art durchführen, wenn Ihr uns erlauben wollt, unser Zeugniß anzubringen." 538 „Hebet an, Herr Anwalt," sagte der Oberrichter, indem er sich niedersetzte. „Der Himmel behüte, daß ich den Beweis der königlichen Klage hindern wollte! Ich sage bloß, was Ihr so gut wißt als ich: De non apparontilE et non existentidus eaäem est rutio." „So wollen wir denn Herrn Bridgenorth, der, glaub' ich, darauf wartet, nach Eurem Rath herbei rufen, Herr Oberrichter." „Nein," antwortete eine, wie es schien, weibliche Stimme aus der versammelten Menge; „er ist zu weise und zu edel denkend, um hier zu erscheinen." Die Stimme war sehr vernehmlich gewesen; aber die Nachforschungen, die man sogleich anstellte, um die Person, welche gesprochen hatte, zu entdecken, waren vergeblich. Nachdem die durch diesen Umstand erregte kleine Störung gehoben war, fuhr der Anwalt fort: „Wem auch immer wir die Nachricht zu verdanken haben, mein Herr Oberrichter, sie wurde mit gutem Grunde gegeben. Herr Bridge- uorth ist, wie ich höre, diesen Morgen plötzlich unsichtbar geworden." „Seht Ihr nun wohl, Herr Anwalt," sagte der Richter — „so kommt es, wenn man nicht die Zeugen zusammen und in Bereitschaft hält — wahrhaftig, ich kann nicht für die Folgen stehen." „Auch ich nicht, Herr Obcrrichter," sagte der Anwalt verdrießlich. „Ich hätte durch diesen würdigen Mann, den Herrn Richter Bridgenorth, die alte Freundschaft zwischen Ritter Gottfried Peveril und der Gräfin von Derby, beweisen können, von deren Handlungen und Absichten Doctor Oates Zeugniß gegeben hat. Ich hätte beweisen können, daß er ihr 539 auf seinem Schlosse Schutz gegen Verhaftung gewährte, und sie mit bewaffneter Macht von eben diesem Ritter Bridge- north, nicht ohne wirkliche Gewaltthätigkeit, befreite. Ucber- dicß hätte ich gegen den jungen Peveril den ganzen Aufstand beweisen können, der ihm von demselben ehrwürdigen Zeugen Schuld gegeben wird." Hier steckte der Oberlichter seinen Daumen in seinen Gürtel — was er bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich that — und rief: „Pfui, pfui, Herr Anwalt — saget mir nicht, daß Ihr dieß und das, oder jenes und dieses beweisen könnet. — Beweiset was Ihr wollet, aber beweiset es durch den Mund Eures Zeugen. Menschenleben dürfen nicht einer scharfen Advokatcnzunge zur Beute werden." „Aber ein arges Complot sollte unterdrückt werden," sagte der Anwalt, „bei allem Eurem Eifer, Herr Oberrichter. Ich kann auch Herrn Chiffinch nicht Herrufen, da er in Angelegenheiten des Königs beschäftigt ist, wie ich diesen Augenblick von dem Hofe zu Whitehall aus versichert worden bin." „So zeigt denn die Papiere vor, Herr Anwalt, deren Ueberbringer dieser junge Mann gewesen sein soll," sagte der Richter. „Sie sind dem Geheimenrath vorgelegt, mein Herr Oberrichter." „Nun warum stützt Ihr Euch hier auf sie?" sagte der Oberlichter. — „Das heißt beinahe mit dem Hofe Scherz treiben." „Weil Ihr dieß so zu nennen beliebt, Herr Oberrichter," sagte der Anwalt, sich trotzig niedersetzend, „so mögt Ihr die Sache führen, wie es Euch gefällt." 54 « „Wenn Ihr kein Zeugniß mehr bringt, so bitl' ich Euch, die Geschwornen aufzurufen," sagte der Richter. „Ich werde mir nicht die Mühe geben, dicß zu thun," erwiederte der Anwalt. „Ich sehe deutlich, was die Sache für einen Gang nimmt." „Nein, laßt Euch besser rathen," sagte Scroggs; „bedenket, die Anklage ist in Ansehung der beiden Peverile nur halb bewiesen, und trifft den kleinen Mann ganz und gar nicht, ausgenommen, daß Doctor Ostes sagt, er habe sich in einem gewissen Fall als ein Riese zeigen wollen, was kein sehr glaubliches papistisches Wunder zu sein scheint." Dieser Scherz erregte ein Gelächter im Saale, das der Generalfiscal sehr übel zu nehmen schien. „Herr Anwalt," sagte Doctor Ostes, der sich immer in die Behandlung dieser Prozesse mischte, „dieß heißt offenbar und schlechthin die Sache aufgeben — ich muß es nothwendig sagen — das heißt das Complot ganz unterdrücken." „So mag der Teufel, der cs ausbrütete, ihm wieder Leben einblasen, wenn er Lust hat," antwortete der Gcne- ralfiscal; und seine Klagschrift hinwerfend, verließ er trotzig den Gerichtssaal mit Allen, die bei der Sache zu thun hatten. Nachdem der Oberrichter Stille geboten hatte, fing er an, die Geschwornen aufzufordern. Er betheuerte bei seiner Seligkeit, daß er eben so wenig an der Wirklichkeit der gräßlichen und vcrdammungswürdigen Verschwörung, das papistische Complot genannt, zweifelte, als an der Verrätherei des Judas Jschariot; und daß er den Doctor Oates als das Werkzeug der Vorsehung betrachtete, die Nation vor allem aus dem Meuchelmorde Seiner Majestät entstehenden Elende und vor einer zweiten St. Bartholomäusnacht auf den Landstraßen Londons, zu bewahren. Aber dann erklärte er, es sei die lautere Auslegung des englischen Gesetzes, daß, je schlimmer das Verbrechen wäre, um so stärker das Zeugniß sein müßte. Hier wäre der Fall der Mitschuldigen untersucht, während die Hauptschuldige (denn so muffe er die Gräfin von Derby nennen) noch nicht überführt sei; und was Doctor Oateü betreffe, so habe er nur von Sachen gesprochen, welche diese edle Dame persönlich angingen, deren Worte, wenn sie solche in der Leidenschaft gebrauchte, nur ein Ausbruch weiblicher Empfindlichkeit gewesen sein möchten. — Was den dritten Gefangenen, Kotkrickum Minimum, betrifft (fuhr er fort), so muffe er sagen, daß er auch nicht einen Schatten von Argwohn gegen ihn finde. Man dürfe ihn nur anschen, um das Gegentheil zu schließen — so ein Geschöpf sei, nach seinem Alter, reifer zum Grabe, als zu einer Verschwörung, — und passe, bei seiner Größe und Figur, eher für einen Guckkasten, als für die Geheimnisse eines ComplotS." Hier erhob der Zwerg seine Stimme gegen den Richter, und schrie ihm die Versicherung zu, er sei, so einfältig, als er hier fitze, in sieben Complote zu Cromwells Zeit verwickelt gewesen, und zwar, wie er stolz hinzusctzte, nebst einigen der längsten Männer von England. Die unnachahmliche Miene und Geberde, womit Ritter Gottfried Hudson diese Prahlerei begleitete, brachte Alle zum Lachen, und vermehrte die Lachlust, so daß unter erschütterten Seiten und feuchten Augen der allgemeine Ausspruch Nichtschuldig erfolgte, und die Gefangenen von den Schranken entlassen wurden. Aber ein wärmeres Gefühl erwachte unter denen, welche 542 Vater und Sohn sich einander in die Arme werfen, und, nach einer herzlichen Umarmung, ihre Hände dem armen kleinen Leidensgefährten darreichen sahen, dem eS endlich gelang, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Neununddreitzigstes Kapitel. Viele, die bei dem beschriebenen Verhör zugegen waren, hielten es für wahrscheinlich, daß der Streit, der zwischen dem Oberrichter und dem Sachwalter der Krone entstanden zu sein schien, aus einem geheimen Verständniß hervorgehcn mochte, das zur Absicht hatte, die Anklage fruchtlos zu machen. Aber der große Haufe, der vor den Thüren wartete, betrachtete die Verbindung zwischen dem Richter und dem Generalfiscal zur Rettung der Gefangenen in einem ganz andern Lichte. Oates, den weniger Aufreizung, als er diesen Tag erfahren hatte, oft verleitete, sich wie ein Wüthender in seiner Leidenschaft zu betragen, stürzte sich unter die Menge, und wiederholte, bis er heiser war: «Sie ersticken das Comploot! — sie unterdrücken das Complvot! — Der Herr Oberrichter und der Herr Fiscal sind im Bunde mit einander, die Entmischung der Verschwörer und Papisten in's Werk zu setzen! —" „Das ist der Anschlag der papistischen Hure von Portsmouth," sagte Einer. »Des alten Rowley selber," sagte ein Anderer. 543 „Wenn er durch sich selber ermordet werden könnte, warum soll man die aufhängen, die es hindern wollten?" sagte ein Dritter. „Er sollte gerichtet werden," sagte ein Vierter, „daß er sich zu seinem eigenen Tode verschwört, und erhängt zur Abschreckung." Unterdessen verließen Ritter Peveril, sein Sohn und der Zwerg den Saal, um nach der Wohnung der Lady Peveril zu gehen. Sie war (wie der Ritter seinem Sohne sagte) durch einen Engel, in Gestalt einer jungen Freundin, aus großer Angst befreit worden, und erwartete sie nun ohne Zweifel mit Ungeduld. Menschenfreundlichkeit bewog den Ritter, den Zwerg zu bitten, mit ihnen zu gehen. Unterdessen verstärkte sich der Tumult, und unter den Verwegenen fing das Geschrei an sich zu verbreiten: „Schlagt sie todt, schlagt sie todt." Julian fing ziemlich unruhig zu werden an, und bedauerte, daß sie nicht den Weg zur Stadt zu Wasser genommen hatten. Es war nun zu spät auf diese Art des Rückzugs zu denken, und er bat daher seinen Vater heimlich, geradezu und standhaft nach Charingcroß zu gehen, ohne sich um die Beleidigungen, die ihnen etwa zugefügt werden mochten, zu bekümmern, während die Festigkeit ihres Schrittes und ihres Betragens den Pöbel von wirklichen Gewalthätigkeiten abhalten dürfte. Die Ausführung dieser klugen Entschließung aber wurde, nachdem sie bei dem Schlosse vorbei waren, durch das heftige Temperament des Ritter Peveril und das nicht minder cholerische Naturell Gottfried des Kleinen verhindert. „Nun der Henker hole die Schurken mit ihrem Geschrei und Gespöttel" sagte der Ritter; „so wahr ich lebe, wenn ich 544 nur eine Waffe haben könnte, ich wollte ihnen Vernunft und Treue in ihre Knochen einprügeln." „Und ich auch," sagte der Zwerg, der sich abmühte, mit seinen Gefährten gleichen Schritt zu halten, und daher in keuchendem Tone sprach. „Auch ich will die pöbelhaften Schurken über die Maaßen durchprügeln." Unter dem Haufen, der sich um sie herdrängte, sie aufhielt, und, bis auf den wirklichen Angriff, sich Alles gegen sie erlaubte, war ein schadenfroher Schuhmacherlebrling, der, als er die Prahlerei des tapfern Zwergs hörte, ihn zur Vergeltung, mit einem Stiefel, den er nach Hause zu dem Besitzer tragen wollte, auf den Kopf schlug, so daß dem kleinen Mann der Hut über die Augen fuhr. Der Zwerg, so außer Stand gesetzt, den Buben, der ihn so beleidigt hatte, zu entdecken, stürzte mit instinktmäßigem Ehrgeize auf den dicksten Kerl in dem Haufen los; dieser empfing aber den Anfall mit einem Stoß auf dessen Unterleib, und der kleine Held taumelte zu seinen Gefährten zurück. Sie wurden nun von allen Seiten angefallen; aber das dem Wunsche Ritter Gottfrieds günstige Glück fügte es, daß das Gefecht an der Bude eines Messerschmieds Vorfällen mußte, unter dessen öffentlich ausgestellten Maaren Gottfried Peveril ein breites Schwert ergriff, welches er nun mit der Gewandtheit eines Mannes um sich schwang, der manchen Tag mit der Handhabung einer solchen Waffe sich vertraut erwiesen hatte. Julian , der zu gleicher Zeit laut nach einem Polizeidiener rief, und den Angreisenden vorstellte, daß sie unschuldige Vorübergehende anfielen, wußte nichts Besseres zu thun, als dem Beispiele seines Vaters zu folgen, und ergriff auch eine von den Waffen, die sich so gelegen darbotcn. Bei diesen Demonstrationen zur Vertheidigung, war der 345 Andrang des Pöbels so stark, daß der unglückliche Zwerg niedergeworfen wurde, und in dem Getümmel zu Tode getreten worden wäre, wenn nicht sein rüstiger alter Namensvetter mit einigen Hieben den Schwarm um ihn her vertrieben, sich des gefallenen Kämpfers bemächtigt, und ihn (Wurswaffen ausgenommen) dadurch außer Gefahr gebracht hätte, vaß er ihn oben auf das platte hölzerne Dach der vorragenden Bude des Waffenschmieds setzte. Steine und Stöcke fingen nun an in Menge umher zu fliegen, und der Haufen schien, ungeachtet der Bemühungen der beiden Peveril, ihn mit so wenig Verletzung als möglich zu zerstreuen, auf seinen Gewaltthätigkeiten zu bestehen, als einige Herren, die dem Verhör beigewohnt hatten, bei der Wahrnehmung, daß die eben befreiten Gefangenen in Gefahr wären vom Pöbel ermordet zu werden, ihre Schwerter zogen, und ihre Rettung zu bewirken suchten, bis eine kleine Compagnie der königlichen Leibgarde, die auf erhaltene Nachricht von ihrem gewöhnlichen Wachtposten abgeschickt war, ihre Befreiung vollendete. Der Messerschmied, von dessen Maaren fle so freien Gebrauch machten, bot ihnen einen Zufluchtsort bei seinem Hauswirth an, an dessen Hause sein Laden stand, und gab ihnen freundlich zu verstehen, er hoffte, die Herren würden ihn wegen des Gebrauchs seiner Waffen bedenken. Julian überlegte schnell, ob fle klüglich die Einladung dieses Mannes annehmcn sollten, wohl aus Erfahrung wissend, wie vielerlei List damals zwischen zwei streitenden Parteien angewandt wurde, als der Zwerg seine gebrochene Stimme auf's Aeußerste anstrengend, fie ermahnte, das Anerbieten des Mannes anzunehmen. „Er selbst," sagte kr, als er sich, Peveril. 55 nach dem glorreichen Siege, an dem er einigen Antheil hatte, zur Ruhe setzte, „sei mit einer holdseligen Erscheinung beglückt worden, zu glänzend, um gemeinen und bloß sterblichen Ohren beschrieben zu werden, die ihm aber mit einer Stimme, der sein Herz wie einem Trompetenschall entgegcngeklopft, befohlen habe, bei dem Hausbesitzer Zuflucht zu nehmen, und seine Freunde zu dem Nämlichen aufzufordern." „Erscheinung!" sagte der Ritter vom Gipfel, — „Trompetenschall! — der kleine Mann hat den Verstand verloren." Aber der Messerschmied erklärte ihnen in größter Eile, ihr kleiner Freund habe von einem Frauenzimmer seiner Bekanntschaft, die aus dem Fenster sprach, während er auf der Bude stand, die Mittheilung erhalten, sie würden einen sichern Zufluchtsort bei seinem Hauswirth finden, und machte sie zugleich auf ferneres Geschrei aufmerksam, zum Beweise, daß der Pöbel noch im Aufruhr wäre, und bald mit verstärkter Gewalt und Anzahl gegen sie losbrechen würde. Vater und Sohn dankten daher eilig dem Officier und seiner Compagnie, so wie den andern Herren, die freiwillig zu ihrem Beistände gekommen waren, hoben den kleinen Gottfried Hudson von seinem erhabenen, während des Scharmützels so rühmlich behaupteten Posten, und folgten dem Inhaber der Bude, der sie einen dunkeln Gang hinab und durch einige Höfe führte, im Fall, wie er sagte, Jemand sie belauern möchte, wo sie hinschlüpften, und so in eine Hinterthüre begleitete. Dieser Eingang brachte sie an eine sorgfältig mit Strohmatten gegen die Feuchtigkeit bedeckte Treppe, von deren oberster Stufe sie in ein ziemlich großes Zimmer traten, das mit grobem, grünem, mit ver- 547 goldetem Leder eingefaßten Serge behängt war, dessen sich damals die ärmeren Bürger statt der Tapeten oder des Ta- selwerks bedienten. Hier empfing der Messerschmied von Julian eine solche Belohnung für die geliehenen Schwerter, daß er dieselben den Herren, die sie so gut gebraucht hatten, edelmüthig überließ; „um so lieber," sagte er, „da er aus der Art, wie sie ihre Waffen führten, wohl sähe, daß sie Männer von Muth, und rüstige Leute wären." Hier lächelte der Zwerg höflich, verbeugte sich, und steckte zugleich die Hand in seine Tasche, zog sie jedoch nachlässig wieder heraus, wahrscheinlich, weil er fand, daß er nicht im Stande war, sich mit einer kleinen Gabe, wie er wollte, abzufinden. Der Messerschmied entfernte sich, während der Zwerg ihm die Treppe hinab nachschrie, er möchte ihn bald besuchen, und mit einem längern und zum Gefechte tauglicher» Schwerte versehen, obgleich (sagte er) die kleine Waffe, die er hatte, zu einem Spazierdegen, oder in einem Scharmützel mit solchem Pöbel, als mit dem sie zu thun gehabt, ziemlich gute Dienste gethan hätte. Jener kam auf diese Erinnerung zurück, und ließ sich willig finden, dem kleinen Mann mit einer für seine Seelengröße paffender» Waffe zu bedienen; darauf sagte er, als wäre ihm der Gedanke plötzlich eingefallen: „Aber meine Herren, es wird nur Aufsehen machen, wenn Ihr mit Euren bloßen Schwertern über den Strand gehet, und es dürfte leicht den Pöbel wieder in Aufruhr bringen. Ist es Euch gefällig, indessen hier zu bleiben, bis ich die Klingen mit Scheiden versehe?" 35 ' 548 Der Vorschlag schien so vernünftig, daß Julian und sein Vater ihre Waffen dem freundlichen Messerschmied übergaben, und der Zwerg folgte, nach augenblicklichen! Bedenken, ihrem Beispiel. Der Messerschmied ging mit den Waffen unter dem Arm fort; und beim Zumachen der Thüre hörten sie den Schlüssel drehen. „Hörtest du das?" sagte Ritter Gottfried zu seinem Sohn; „und wir find entwaffnet." Julian untersuchte, ohne zu antworten, die Thüre, welche fest verschlossen war; und sah dann nach den Fenstern, die einen Stock hoch vom Boden und außerdem mit Eisen vergittert waren. „Ich kann nicht glauben," sagte er nach einer Pause, »daß der Kerl uns überlisten will; und auf alle Fälle, hoff' ich, werden wir keine Schwierigkeit haben, die Thüre zu sprengen, oder sonst einen Ausweg zu finden. Aber, ehe wir zu solchen gewaltsamen Maaßregeln greifen, denk' ich, ist es besser, dem Pöbel Zeit zu lassen, sich zu zerstreuen, indem wir warten, bis der Mann mit unfern Waffen in einer annehmlichen Zeit zurückkommt; und, erscheint er nicht wieder, so hoff' ich, wir werden eS nicht sehr schwer finden, uns zu befreien." Als er so sprach, wurden die Tapeten auf die Seite geschoben, und aus einer hinter derselben verborgenen schmalen Thüre trat Major Bridgenorth in die Stube. 349 Vierzigstes Kapitel. Auf Julian's Erstaunen über die unerwartete Erscheinung Bridgenorth's folgte sogleich Besorgniß vor der Heftigkeit seines Vaters, die, wie er allen Grund zu glauben hatte, gegen einen Mann ausbrechen würde, den er selbst nicht umhin konnte, sowohl wegen seiner eignen Verdienste, als weil er Alcriens Vater war, zu verehren. In Bridgenorth's äusserem Wesen zeigte sich indessen nichts, das eine gewisse Empfindlichkeit wecken konnte. Seine Miene war gelassen, sein Gang langsam und gesetzt, sein Auge nicht ohne Anzeige einer tief liegenden Unruhe, jedoch ohne einen Ausdruck von Zorn oder Triumph. „Seid willkommen, Ritter Gottfried Peveril!" sagte er, „der Gastfreiheit eben so willkommen, als in den Tagen, da wir einander Nachbarn und Freunde nannten." „Hilf, Himmel!" sagte der alte Ritter, „hätt' ich gewußt, daß es Euer Haus wäre, lieber hätt' ich mein Her- zenSblut verspritzen, als meinen Fuß über Eure Schwelle setzen wollen." „Ich verzeihe Euch Eure Hartnäckigkeit," sagte Bridge- north, „aus Rückficht auf Eure Vorurtheile." „Behaltet Eure Verzeihung," antwortete der Ritter, „bis Euch selbst verziehen ist. Bci'm heiligen Georg Hab' ich geschworen, wenn ich je aus meinem verwünschten Gefängnist loskommen würde, — wohin ich durch Euch gekommen bin, Herr Bridgenorth, — daß Ihr für mein schlechtes Logis die Rechnung bezahlen solltet. — Ich will Niemand in seinem eigenen Hause schlagen, wenn Ihr aber den Mann mein 550 Schwert zurückbringen lassen, und hier unten in dem eingeschlossenen Hofe einen Gang mit mir machen wollt, so sollt Ihr bald sehen, was ein Verräther gegen einen aufrichtigen'Mann, und ein Puritaner gegen Peveril vom Gipfel ausrichten kann." Bridgenorth lächelte mit vieler Gelassenheit. „Da ich noch jünger und warmblütiger war," gab er zur Antwort, „schlug ich Eure Auöforderung aus, Ritter Gottfried; es ist also natürlich, daß ich sie jetzt nicht annchme, da jeder von uns dem Grabe nahe steht. Ich habe mein Blut nicht geschont, und werde cs nicht schonen, wenn mein Vaterland es fordert." „Das heißt: wenn cs eine Gelegenheit zum Verrath gegen den König gibt," sagte Ritter Peveril. „Nein, mein Vater," sprach Julian, „laßt uns Herrn Bridgenorth Horen! Wir haben in seinem Hause Schutz gefunden; und ob wir ihn gleich jetzt in London sehen, so sollten wir uns erinnern, daß er doch heute nicht gegen uns erschienen ist, wo vielleicht sein Zeugniß unserer Lage eine schlimme Wendung hätte geben können." „Ihr habt Recht, junger Mann," sagte Bridgenorth, „und cS sollte ein Unterpfand meines aufrichtigen Wohlwollens sein, daß ich heute von Westminster abwesend war, da wenige Worte aus meinem Munde die lange Geschlcchtslinie Pe- veril's vom Gipfel geendigt haben würden. Aber hätt' ich dieß thun können, da ich weiß, was ich nun weiß, daß ich Euch, Julian Peveril, die Befreiung meiner Tochter, — meiner theuersten Alexie, — aus den Schlingen verdanke, welche Hölle und Lasterhaftigkeit rings um sie gelegt hatten?" „Sie ist, hoff' ich," sagte der junge Peveril lebhaft, und fast seines Vaters Anwesenheit vergessend, „in Sicherheit? 55l Sie ist, hoff' ich, in Sicherheit, und unter Eurer eignen Obhut?" »Nicht unter meiner," antwortete der gebeugte Vater, »aber unter der Obhut von Einem, auf dessen Schuß, nächst dem des Himmels, ich mich vollkommen verlassen kann." „Seid Ihr dessen gewiß? — dessen ganz gewiß?" wiederholte Julian mit Wärme. „Ich fand sie unter der Aufsicht einer Person, der sie anvertraut war, und welche doch —" „Und welche doch die niederträchtigste der Frauen war," antwortete Bridgenorth; „aber der, welcher sie zur Aufseherin erwählt hatte, hatte sich in ihrem Charakter getäuscht." „Sagt vielmehr, Ihr hattet Euch in dem seinigen getäuscht; entsinnt Euch, daß ich, als wir bei Moultrasfie schieden, Euch vor jenem Ganleffe warnte — jenem —" „Ich weiß, was Ihr sagen wollt," unterbrach ihn Bridgenorth; „auch irrtet Ihr nicht, als Ihr ihn als einen weltklugen Mann beschriebet. Aber er hat seinen Jrrthum wieder gut gemacht, indem er Alerien aus den Gefahren errettete, in die sie, als sie sich von Euch trennte, gerathen war; und überdieß Hab' ich es uicht für rathsam gehalten, ihm wieder die Aufsicht des Wesens anzuvertrauen, das mir das theuerste ist." „Ich danke Gott, der Euch die Augen so weit geöffnet hat," sagte Julian- „Dieser Tag wird sie weit öffnen, oder für immer schließen," antwortete Bridgenorth. Während dieses Gesprächs, wobei die Beiden gar nicht auf die Gegenwart der Andern achteten, horchte Ritter Gottfried mit Verwunderung und Begierde, und suchte Etwas aufzufaffcn, das ihm ihre Unterredung verständlich machte; da es ihm aber gänzlich mißlang, einen solchen Schlüssel zu 552 ihrer Bedeutung zu gewinnen, so brach er plötzlich aus: „Alle Wetter, Julian, was ist das für ein unnützes Gewäsch? War hast du mit diesem Wicht mehr zu thun, als ihn durchzuprügeln, wenn du es r>er Mühe werth hieltest, so einen alter Schurken zu schlagen?" „Mein theuerster Vater," sagte Julian, „Ihr kennt dieser Herrn nicht. - Ich weiß gewiß, Ihr thut ihm Unrecht- Mein: eignen Verbindlichkeiten gegen ihn sind mannigfach, und wenn Ihr sie erfahren werdet —" »Ich hoffe, ich werde sterben, ehe dieser Augenblick kommt," sagte der Ritter Pcveril, und fuhr mit zunehmender Heftigkeit fort: „Ich hoffe von der Gnade des Himmels, daß ich im Grabe meiner Vorfahren sein werde, eh' ich erfahre,Ldaß mein Sohn — mein einziger Sohn — die letzte Hoffnung meines alten Hauses — der letzte Sprößling des Namens Peveril — eingewilligt hat, Verbindlichkeiten von dem Mann anzunehmen, den ich auf Erden am meisten zu Haffen gezwungen bin, wäre ich nicht noch mehr genöthigt, ihn zu verachten! — Entarteter Hund!" wiederholte er mit großer Heftigkeit. „Ihr entfärbt Euch, ohne zu antworten! Sprecht, und läugnct solche Schande, oder, bei dem Gott meiner Väter —" Der Zwerg trat plötzlich hervor, und rief: „Halt ein!" mit einer zugleich so mißtönenden und gebieterischen Stimme, daß es übernatürlich klang. „Mann der Sünde und des Hochmuths," rief er aus, „halt ein, und rufe nicht den Namen des heiligen Gottes zum Zeugen deiner unheiligen Rachgefühle an." Dieser so kühn und entschieden gegebene Verweis, und die Begeisterung, womit er sprach, gaben dem verachteten Zwerge für den Augenblick eine Ueberlegenheit über den feu- 553 rigen Geist des Ritters. Dieser warf einen scheuen Seitenblick auf ihn, wie auf eine übernatürliche Erscheinung, und murmelte dann: „Was weißt du von der Ursache meines Grimms?" „Nichts," sagte der Zwerg — „nichts, als dieß — daß keine Ursache den Eid rechtfertigen kann, den du schwören wolltest. Undankbarer Mann! Du wurdest heute von dem verschlingenden Grimm der Ruchlosen durch eine wunderbare Verbindung der Umstände errettet — ist dieß der Tag, meinst du, dich deinen Rachgefühlen zu überlaffen?" „Da steh' ich abgefertigt," sagte Ritter Peveril, „und zwar von einem sonderbaren Zurechtweiser. — Julian, ich will nachher von diesen Sachen mit dir sprechen; und mit Euch, Herr Bridgenorth, wünsche ich weiter keinen Verkehr zu haben, es sei im Frieden oder im Zorn. Unsre Zeit vergeht schnell, und ich wollte gern zu meiner Familie zurückkehren. Lasset unsere Waffen zurückbringen, die Thüren auf- ricgeln, und uns ohne weitern Zank scheiden, der unsere Ge- müther nur beunruhigen und beschweren kann." „Herr Ritter Peveril," sagte Bridgenorth, «ich trage kein Verlangen, weder Euer noch mein Gemüt- zu beunruhigen; „was aber Eure baldige Entlassung betrifft, so kann sie schwerlich stattfinden, weil dieß sich mit dem Werk, das ich vorhabe, nicht vertragen würde." „Wie, Herr!" sagte der Zwerg. „Meint Ihr, wir sollten hier bleiben, wir möchten wollen oder nicht? War' ich nicht von Jemand Höherem verpflichtet, hier zu bleiben, ich wollte Euch zeigen, daß Riegel und Schlösser einen Mann, wie ich bin, nicht zurückhalten können." „Wahrhaftig," sagte Ritter Peveril, „ich glaube, im 554 Nothfall könnte der kleine Mann durch's Schlüsselloch entwischen." Bridgenorth's Gesicht verzog sich zu einem Lächeln, er faßte sich aber schnell wieder und antwortete: „Meine Herren, ihr inSgesammt müßt euch schon zufrieden geben. Glaubt mir, es soll euch kein Leid zugesügt werden; im Gegentheil wird euer Hierbleiben ein Mittel sein, euch in Sicherheit zu bringen. Es ist eure eigene Schuld, wenn euch ein Haar gekrümmt wird. Aber die stärkere Macht ist auf meiner Seite, und was für Leid euch auch treffen möchte, wenn ihr mit Gewalt durchzudringen suchtet, so werdet ihr es euch selber vorzuwerfen haben. Wenn ihr mir nicht glauben wollt, so will ich Herrn Julian Peveril mich begleiten lassen, wo er sehen wird, daß ich vollkommen mit den Mitteln ausgerüstet bin, Gewalt zurückzutreiben " „Verrath! — Verrat-!" rief der alte Ritter aus. — „Verrath gegen Gott und König Carl! — Ach! nur eine halbe Stunde das Schwert, das ich so thörichtcrwcise weggab!« - „Still, Vater, ich beschwöre Euch!" sagte Julian. „Ich will mit Herrn Bridgenorth gehen, weil er es verlangt, und will mich selbst überzeugen, ob Gefahr ist, und von welcher Art- ES ist möglich, daß ich cs über ihn vermag, von irgend einer gewaltsamen Maaßregel abzustchen, wenn eine solche wirklich im Werke wäre. Sollte dieß nöthig sein, so fürchtet nicht, daß sich Euer Sohn anders betragen werde, als er sollte.« „Thu' nach deinem Belieben, Julian," sagte sein Vater, „ich will mich auf dich verlassen- Wenn du aber mein Zutrauen täuschest, so wird der Fluch eines Vaters auf dir ruhen." Bridgenorth bewog nun den jungen Peveril, ihm zu folgen, und sie gingen durch die kleine Thüre, durch die er herein gekommen war. Der Weg führte zu einer Hausflur oder einem Vorsaale, in welchem verschiedene andere Thüren und Gänge sich zu vereinigen schienen. Durch einen von diesen wurde Julian von Bridgenorth geführt, und, zufolge eines ihm deßhalb gegebenen Zeichens, ging er behutsam und stillschweigend weiter- Bald hörte er Töne, wie von einer Menschenstimme, in eindringlicher und nachdrücklicher Declamation- Mit langsamen und leisen Schritten geleitete ihn Bridgenorth durch eine Thüre, welche diesen Gang begränzte, und als er in eine kleine Gallerie trat, die vorn einen Vorhang hatte, wurde die Stimme des Predigers (denn ein solcher schien zu sprechen) deutlicher und vernehmlicher. Julian zweifelte nun nicht, daß er in einem jener Con- ventikel sich befände, die, zwar den bestehenden Gesetzen zuwider, doch regelmäßig in verschiedenen Theilen Londons und der Vorstädte immerfort gehalten wurden- Viele derselben, welche Personen von gemäßigten politischen Grundsätzen, obgleich in ihren religiösen Meinungen Gewissens halber von der herrschenden Kirche abweichend, besuchten, duldete die Regierung aus Klugheit oder aus Furchtsamkeit. Allein andere, in welchen sich die stolzeren und mehr eraltirten Secten der Independenten, Wiedertäufer und anderer Sectirer versammelten, deren Schwärmerei so bedeutend zum Umsturz des Thrones des letzten Königs beigctragen hatte, wurden ausgesucht, unterdrückt und zerstreut, so bald sie nur entdeckt werden konnten. Julian ward bald überzeugt, daß die Versammlung, in welche er so geheim eingeführt wurde, eine von der letzter« 556 Klaffe war, und nach der Heftigkeit des Predigers zu urthci- len, war sie eine von der verwegensten Art. Er wurde noch mehr hiervon überführt, als er, auf ein Zeichen Bridge- north's, behutsam einen Theil des Vorhangs, der vor der Gallerie hing, aufzog, und so, selbst ungesehen, auf die Versammlung herabsah, und den Prediger zu Gesicht bekam. Gegen zweihundert Personen waren unten auf einem mit Bänken gefüllten Platze versammelt, sie waren alle vom männlichen Geschlecht, und mit Piken und Musketen sowohl, als mit Schwertern und Pistolen gut bewaffnet. Die meisten hatten das Ansehen, alter Soldaten, die über das mittlere Lebensalter hinaus waren, jedoch noch einen Anschein von Kraft besaßen, die wohl den Verlust der jugendlichen Gewandtheit ersetzen konnte. Sie standen oder saßen in verschiedenen Stellungen ernster Aufmerksamkeit, und, auf ihre Spieße und Musketen gelehnt, hefteten sie die Augen fest aus den Prediger, der seinen heftigen Vortrag mit Entfaltung einer Fahne von der Kanzel herab endigte, auf welcher ein Löwe mit der Aufschrift abgebildet war: „Vielt leo ex tritm Muckse" (es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Judä). Als der Prediger eine Beschreibung der nahen Theokratie, welche er prophezeihte, anfing, schien Bridgenorth, der eine Zeit lang Julians Gegenwart vergessen zu haben schien, während er mit ernster und fester Aufmerksamkeit dem Prediger zuhörte, sich plötzlich zu besinnen, und führte Julian bei der Hand aus der Gallerie, deren Thüre er sorgfältig verschloß, in ein nicht weit entferntes Zimmer. Als sie da anlangten, kam er Julians Erinnerungen mit der in ernsthaft triumphirendem Tone an ihn gerichteten Frage zuvor: „ob er glaube, daß diese Männer, die er gesehen, 557 wohl ihr Werk nachlässig verrichten würden, oder ob es nicht gefährlich wäre, wenn sie ihren Weg gewaltsam aus einem Hause zu nehmen versuchten, dessen Zugänge alle von solchen Leuten, als er gesehen, bewacht wären — Kriegsmänncrn von ihrer Kindheit an. „Um des Himmels willen," sagte Julian, ohne Bridge- norths Frage zu beantworten, „zu welchem Zweck habt Ihr so viele verzweifelte Männer versammelt? Ich weiß wohl, daß Eure religiösen Grundsätze von besonderer Art sind; aber nehmt Euch in Acht, daß Ihr Euch nicht selbst täuscht. — Keine Ansichten der Religion können Aufruhr und Mord rechtfertigen; und von solcher Art find die nothwendigen Folgen der Lehre, die wir eben fanatischen, erhitzten Schwärmern in die Ohren schallen gehört haben." „Mein Sohn," sagte Bridgenorth gelassen, „in den Tagen meiner Unmündigkeit dacht' ich eben so, wie Ihr. Gepriesen sei der Himmel, die Schuppen sind mir von den Augen gefallen; und nach vierzigjährigen Wanderungen in der Wüste Sinai's bin ich endlich in dem gelobten Lande angelangt — Meine verderbte menschliche Natur hat mich verlassen — ich habe meinen Balg abgcworfen, und kann nun mit gutem Gewissen meine Hand an den Pflug legen, gewiß, daß keine Schwäche in mir übrig geblieben ist, wodurch ich auf das Vergangene zurücksehen möchte. Die Furchen," setzte er mit gerunzelter Stirne, während seine großen Augen sich mit düsterm Feuer füllten, hinzu, „müssen lang und tief gezogen, und mit dem Blute des Mächtigen getränkt werden." Es war eine Veränderung in Bridgenorths Ton und Wesen, als er sich dieser sonderbaren Ausdrücke bediente, welche Julian überzeugten, daß sein Geist, der seit so vielen Jahren zwischen seinem natürlichen gesunden Verstände und der un- sinnigen Schwärmerei der Zeit hin und her geschwankt, endlich der letzter» sich überlassen hatte; und die Gefahr vor Augen, in die der unglückliche Mann selbst, die unschuldige und schöne Alerie, und sein eigner Vater wahrscheinlich gesetzt werden würden — nichts zu sagen von der allgemeinen Bedrohung des gemeinen Wesens durch einen Aufstand, — fühlte Julian zugleich, daß mit vernünftigen Vorstellungen gegen einen Mann nichs auszurichten wäre, der seine innere Ueber- zeugung allen Gründen entgegcnstellen würde, mit welchen die Vernunft seine wilden Entwürfe bestreiten könnte- Sein Gefühl zu rühren schien eine annehmlichere Auskunft; Julian beschwor daher Bridgenorth, zu bedenken, wie sehr die Ehre und Sicherheit seiner Tochter davon abhinge, daß er sich der gefährlichen Maaßregeln enthielte, die er zu ergreifen Willens war. „Wenn Ihr fallt," sagte er, „muß sie nicht unter die Gewalt und Vormundschaft ihres Onkels kommen, der, wie Ihr eingesteht, sich des gröbsten Jrrthums in der Wahl ihrer Beschützerin schuldig gezeigt hat, und der, wie ich aus guten Gründen glaube, diese schändliche Wahl mit offenen Augen traf ?" „Junger Mann," antwortete Bridgenorth, „Ihr erregt in mir ein Gefühl, wie in dem armen Vogel, um dessen Flügel ein muthwilliger Knabe eine Schnur gebunden hat, um den sich sträubenden Unglücklichen nach Belieben zur Erde zu ziehen. So wißt, weil Ihr diese grausame Rolle spielen und mich von höheren Betrachtungen herabziehcn wollt, daß diejenige, welcher Alerie übergeben worden, und welche in Zukunft volle Macht hat ihre Bewegungen zu leiten, und ihr Schicksal zu entscheiden, trotz Christian und jedem Andern, — ich will Euch nicht sagen, wer sie ist — genug — Niemand 559 — am wenigsten von Allen Ihr, dürft für ihre Wohlfahrt besorgt sein." In diesem Augenblick öffnete sich eine Seitenthür, und Christian selbst trat in das Zimmer. Er stutzte und entfärbte sich, als er Julian Peveril sah; dann wandte er mit einer angenommenen gleichgültigen Miene sich zu Bridgenortb und fragte: »Ist Saul unter den Propheten? — Ist ein Peveril unter den Heiligen?" »Nein, Bruder," erwiederte Bridgenorth; »seine Zeit ist noch eben so wenig gekommen, als die deinige. — Du steckst zu tief in den ehrgeizigen Jntriguen des Manncsalters, und er in den schwindligen Leidenschaften der Jugend, um die stille, ruhige Stimme zu hören — Ihr Beide werdet sie hören, wie ich hoffe und bete." „Herr Ganleffe, oder Christian, oder wie Ihr sonst heißet," sagte Julian, »Euch kann keine Idee eines unmittelbaren göttlichen Befehls bestimmen, Feindseligkeiten gegen den Staat zu beginnen. Indem wir also für jetzt alle Gegenstände der Erörterung zwischen uns, worin sie immer bestehen mögen, bei Seite setzen, bitte ich Euch dringend, als einen Mann von Klugheit und Verstand, mit mir gemeinschaftlich dem Herrn Bridgenorth das bedenkliche Unternehmen, das er im Sinne hat, auszureden." „Junger Herr," sagte Christian mit großer Gelassenheit, „als wir uns im Westen trafen, war ich geneigt, Eure Freundschaft zu suchen, aber Ihr verwaiset die Einleitung dazu. Ihr konntet jedoch selbst damals genug von mir gesehen haben, um versichert zu sein, daß ich nicht leicht zu rasch mich in irgend ein verzweifeltes Unternehmen stürzen werde. Was dieses betrifft, das vor uns liegt, so bringt mein Bruder Bridgenorth zu demselben die Einfalt, obgleich nicht die Harm- 560 losigkeit der Taube, und ich die List der Schlange. Er hat die Anführung der Heiligen, welche von dem Geiste bewegt werden; und ich kann zu ihren Anstrengungen eine mächtige Schaar hinzufügen, die zu ihren Antreibern die Welt, den Teufel und das Fleisch hat." „Und könnt Ihr," sagte Julian, Bridgenorth ansehend, „einem so unwürdigen Verein bcitreten?" „Ich vereinige mich nicht mit ihnen," sagte Bridgenorth; „aber ich kann nicht, ohne Schuld, die Hülfe verwerfen, welche die Vorsehung sendet, ihren Dienern beizustehen. Wir selbst sind wenige, jedoch entschlossen; — diejenigen, deren Schwerter kommen, den Schnittern der Ernte zu helfen, müssen willkommen sein — Wann ihr Werk gethan ist, werden sie bekehrt oder zerstreut werden. — Seid Ihr am Jork- Place gewesen, Bruder, bei jenem unbeständigen Wollüstling? Wir müssen seine letzte Entschließung haben, und zwar binnen einer Stunde." Christian sah Julian an, als wenn seine Gegenwart ihn hinderte, eine Antwort zu geben; worauf Bridgenorth auf- stand, und den jungen Mann aus dem Zimmer in dasjenige führte, in welchem sie seinen Vater zurückgelaffen hatten. Auf dem Wege versicherte er ihn, daß entschlossene Wachen überall, wo eine Entweichung bewirkt werden könnte, ausgestellt wären, und daß er wohl thun würde, seinen Vater zu bereden, auf wenige Stunden sich in die Gefangenschaft zu ergeben. Julian gab ihm keine Antwort, und er entfernte sich sogleich. Auf die Fragen seines Vaters und Hudsons konnte er bloß die kurze Antwort geben, er fürchte, sie wären überlistet, weil sie mit wenigstens zweihundert, völlig bewaffneten, und dem Ansehen nach zu einem verwegenen Unternehmen ge- rüsteten Schwärmern in einem Hause sich befänden. Ihr eigner Mangel an Waffen machte ihnen offne Gewalt unmöglich; und so unangenehm cs sein möchte, in einem solchen Zustande zu bleiben, so schiene cs doch, bei den starken Befestigungen der Thürcn und Fenster, schwierig, eine geheime Flucht zu unternehmen, ohne augenblicklich entdeckt zu werden." Doch wir muffen sie jetzt über ihre Pläne in Muße Nachdenken lassen, von denen keiner mit schnellem Erfolg ausführbar schien. Einundvierzigftes Kapitel. Nach einer geheimen Unterredung mit Bridgenorth eilte Christian nach dem Hotel des Herzogs von Buckingham, und nahm einen solchen Weg, daß er nicht leicht irgend Jemanden von seiner Bekanntschaft begegnen konnte. Er wurde in das Zimmer des Herzogs eingcführt, und fand ihn mit Aufmachen und Verzehren von Lambertsnüffen, neben einer Flasche des besten Weins beschäftigt. „Was bringt Ihr, Christian?" fragte der Herzog. „Für's Erste meinen Dank, Euer Durchlaucht, daß Ihr die Güte hattet, eine so furchtbare Person, wie Oberst Blood, zu schicken, um Eurem armen Freund und Diener aufzulauern. Wahrhaftig, es lag ihm so viel an meiner Entfernung aus der Stadt, daß er mich mit gezücktem Degen dazu zwingen wollte, und mich nvthigte, etwas von seinem bösen Blut zu verspritzen." Pcveril. zg „Wie, meinen Freund Christian hat er angefallen?" rief der Herzog mit angenommenem Erstaunen. „Und warum nicht," sagte Christian kalt, „wenn dieser Freund so hartnäckig ist, nicht aus der Stadt zu gehen, wie ein williger Knabe, als Eure Durchlaucht es aus der höflichen Abficht verlangten, seine Nichte in seiner Abwesenheit zu unterhalten?" „Ihr seid ein alter Fuchs," sprach der Herzog, „ich sehe, man kann Euch nicht hinter's Licht führen. So wart Ihr es denn, der mir meine schöne Beute stahl, aber mir etwas noch viel Hübscheres zurückließ, daß ich es, hätt' es nicht sich selber Flügel zum Wcgfliegcn gemacht, in einen goldenen Käfig gesetzt haben würde." „Die schöne Dame für eine kleine Weile aus den Gedanken zu lassen," sprach Christian, „nur für eine sehr kleine Weile; — haben Euer Durchlaucht neuerlich Nachricht von der Gesundheit der Herzogin?" „Gesundheit!" sagte der Herzog. „Hm — nein — keine besonder. Sie hat fich übel befunden — aber —" „Jetzt nicht mehr," setzte Christian hinzu; „fie starb in Aorkshire vor zwei Tagen." „Ihr müßt mit dem Teufel verkehren," sagte der Herzog. „Das würde einem Manne meines Namens übel anstehn,^ antwortete Christian. „Aber in der kurzen Zwischenzeit, seit Euer Durchlaucht von einem Vorfall gehört haben, der noch nicht in's Publikum gekommen ist, habt Ihr, so viel ich weiß, dem Könige Vorschläge zu einer Verbindung mit Lady Anne, zweiten Tochter des Herzogs von Jork, gethan, und Eure Vorschläge find verworfen worden." „Hölle und Teufel, Schurke!" rief der Herzog auffahrend 563 und Christian bei dem Kragen fassend; „wer hat Euch das gesagt?" „Zieht Eure Hand von meinem Mantel zurück, Herr Herzog, und ich will Euch antworten," sagte Christian. „Laßt meinen Mantel los, oder ich werde Mittel finden, Euch dazu zu nöthigcn." Der Herzog, der seine Rechte an sein Degengefäß gelegt hatte, ließ den Mantel langsam los; während Christian, seinen Mantel gelassen zurecht legend, sagte; „So, nun mein Mantel in Freiheit ist, sprechen wir aus gleichem Fuße. Ich komme nicht, Eure Durchlaucht zu beleidigen, sondern Euch Rache für die Beleidigung anzubieten, die Euch widerfahren ist." „Rache! sagte der Herzog — „Sie ist das theucrste Anerbieten, das mir ein Mann in meiner gegenwärtigen Stimmung machen kann. Ich hungere nach Rache — durste nach Rache — könnte sterben, um mich der Rache zu versichern! — Verwünscht!" rief er aus, und ging in der heftigsten Ge- müthöbcwegung in dem großen Zimmer aus und ab; „ich habe geglaubt, Niemand wisse um die Abweisung. Ader fie ist bekannt, und Euch bekannt, der wahren Schleuse der Hof- gehcimnisse — die Ehre Villiers steht in Eurer Hand. Eduard Christian! Sprich, du Mann der Arglist und der Jntrigue — wem drohest du deine Rache? Sprich, und wenn deine Antworten meinen Wünschen begegnen, so will ich mit dir eben so gern einen Handel schließen, als mit deinem Meister, dem Satan selber." Der Herzog sah ihn starr und finster an, und fuhr fort: „Wollte Gott, Christian, ich könnte, ohne Eurer Worte zu bedürfen, in Eurem Gesichte lesen, was für einen schurkischen Vorschlag Ihr mir zu machen habt." 36 ' 564 „Eure Durchlaucht können ja versuchen," sagte Christian ruhig lächelnd. „Nein," antwortete der Herzog, nachdem er ihn wieder eine Minute lang angesehen hatte; „Ihr seid ein so tief verstellter Heuchler, daß Eure gemeinen Züge und Hellen grauen Augen eben so wahrscheinlich Verrath verbergen, als irgend einen kleinlichen Anschlag von Diebstahl oder Raub, der Eurem Stande mehr entspricht." „Verrath, Herr Herzog!" wiederholte Christian; „Ihr könnt mehr errathen haben, als Ihr vermuthetet. Ich ehre Eurer Durchlaucht Scharfblick." „Verrath!" stammelte der Herzog; „wer wagt es, mir solches Verbrechen zu nennen?" „Wenn der Name Euer Durchlaucht schreckt, so könnt Ihr es Rache nennen — Rache an der Kabale der Geheimen Räthe» die Euch immer entgegen gearbeitet haben, trotz Eurem Witz und Ansehen bei dem König. — Rache an Arlington, Ormond — an Carl selbst." „Nein, beim Himmel," sagte der Herzog, indem er wieder seinen unterbrochenen Gang durch das Zimmer vornahm — „Rache an diesen Ratten des Geheimen Raths; aber dem Könige! — nimmer — nimmer. Ich habe ihn hundertmal aufgereizt, wo er mich nur einmal berührt hat. Ich habe seinen Pfad in SlaatSintriguen durchkreuzt — war sein Nebenbuhler in der Liebe — hatte den Vortheil in beiden, — und verdammt — er hat mir vergeben! — Wenn Verrath mich auf seinen Thron bringen würde, so habe ich keine Rechtfertigung dafür — es wäre schlimmer, als thierische Undankbarkeit" „Edel gesprochen, gnädiger Herzog," sagte Christian, „und eben so entsprechend den Verbindlichkeiten, die Euer Durch- 565 laucht gegen Carl Stuart, und dem Gefühl derselben, das Ihr immer gezeigt habt- Aber es Hilst zu nichts, wenn Euer Durchlaucht unser Unternehmen nicht begünstigen, so ist Shaf« tesbury, so ist Monmouth da —" „Schurke!" rief der Herzog, noch heftiger bewegt als zuvor. „Meint Ihr, Ihr sollt ein Unternehmen mit Andern ausführen, das ich verworfen habe? — Nein, ich will Euch auf der Stelle festnehmcn, — und Euch dahin bringen, Euer Complot zu Whitehall zu entdecken." „Wo die ersten Worte, die ich spreche," antwortete der nicht außer Fassung zu bringende Christian, „den Geheimen Rath unterrichten werden, wo sie gewisse Briese finden können, mit denen Euer Durchlaucht Eure armen Vasallen beehrt hat, die seine Majestät mit größerm Erstaunen lesen wird, als —" „Ha, Bube," sagte der Herzog, wieder die Hand an sein Dolchgcfäß legend, „du hast mir den Rang abgelaufen. Ich weiß nicht, was mich abhält, dich auf der Stelle zu erdolchen !" „Ich könnte fallen, mein Herzog," sagte Christian, sich leicht verfärbend, und seine Rechte an seinen Busen legend, „jedoch, glaub' ich nicht ungerächt — denn ich habe nicht ganz ohne Vertheidigungsmittel meine Person in diese Gefahr gesetzt. Ich könnte fallen, aber ach! Eurer Durchlaucht Briefe sind in Händen, die durch eben diese That geschäftig genug gemacht werden würden, fic dem Könige und dem Geheimen Rathe zu überliefern. Was sagt Ihr zu der maurischen Prinzessin, gnädiger Herzog? Wie, wenn ich sie zur Vollzieherin meines Willens gemacht hätte, mit gewissen Anweisungen über die Art zu verfahren, im Fall ich nicht unverletzt vom Zork-Place zurückkäme?" 566 Der Herzog warf sich in einen Stuhl, schlug die Augen zu Boden und sprach, ohne sie zu erheben: „Ich bin im Begriff, Jerniogham zu rufen," sagte er; „aber fürchtet nichts — es ist bloß um einen Schluck Wein — das Zeug auf dem Tische mag ein Vehikel zu Lamberts- und Wallnüffen sein, aber nicht zu solchen Eröffnungen, wie die Eurigen. — Bringt mir Champagner," sagte er zu Jerningham, der auf seinen Ruf antwortete. Der Diener kam zurück und brachte eine Flasche Champagner mit zwei silbernen Bechern. Einen davon füllte er für Buckingham, der, wider die gewöhnliche Etikette, zu Hause immer zuerst bedient ward, und dann den andern Christian reichte, welcher ihn aber ablehnte. Der Herzog trank aus dem großen Becher, der ihm dar- gercicht wurde, und bedeckte sich für einen Augenblick die Stirne mit der Hand; dann zog er sie sogleich wieder weg und sagte: „Christian, redet frei heraus, was Ihr vorhabt. Wir kennen einander. Wenn mein Ruf einigermaaßen in Eurer Hand ist, so seht Ihr wohl, Euer Leben steht in der meinigen. Setzt Euch," fuhr er fort, indem er eine Pistole aus dem Busen nahm und auf den Tisch legte. „Setzt Euch, und laßt Euren Vorschlag hören. Redet offen, was Ihr vorhabt." „Ich?" sagte Christian. „Was sollte ich thun? Ich kann nichts weiter in einer solchen Sache thun; aber ich hielt es für recht, Euer Durchlaucht wissen zu lassen, daß die Gottseligen dieser Stadt — (er sprach das Wort mit einer spöttischen Miene) — der Unthätigkeit müde sind, und nothwendig sich aufmachen und handeln müssen. Mein Schwager Brid- genorth steht an der Spitze der ganzen Gemeinde; er hat gegen zweihundert Mann, völlig ausgerüstet, und zum Angriff 567 bereit; und mit geringer Unterstützung von den Leuten Eurer Durchlaucht müssen sie Whitehall bekommen und Alles darin zu Gefangenen machen." „Schurke!" sagte der Herzog; „und einem Pair von England könnt Ihr diesen Vorschlag machen?" „Nein," antwortete Christian, „ich gebe zu, es würde die größte Thorheit von Eurer Durchlaucht sein, eher zu erscheinen, als bis Alles vorüber ist." Er fing nun an, die weiteren Streitkräftc aufzuzählen, der Herzog unterbrach ihn aber und sagte: „Verschont mich mit den Einzelnen, und laßt mich die Totalsumme Eurer Mannschaft wissen, Eduard." „Fünfzehnhundert Mann, wohl gerüstet, sagte Christian, „außer dem Pöbel, der sicherlich aufstchen wird — er hat die Gefangenen, die heute im Betreff des Complots frei gelassen wurden, schon fast in Stücken gerissen." „Nun versteh' ich denn Alles. — Und nun hört, Christian," sagte er, indem er seinen Stuhl dem Christian'S gegenüber setzte; „Ihr habt mir heute Vielerlei gesagt — soll ich eben so mittheilend sein? Soll ich Euch zeigen, daß meine Genauigkeit im Erkundigen der Eurigen gleich kommt? Soll ich Euch, mit einem Worte, sagen, warum Ihr Euch auf einmal entschlossen habt, Jedermann, vom Puritaner an bis zum Freigeist, zu einem allgemeinen Angriff auf das Schloß zu Whitehall zu treiben, ohne mir, einem Pair des Reichs, Zeit zu lassen, über so einen verzweifelten Schritt nachzudenken, oder mich darauf vorzubereitcn ? Soll -ich Euch sagen, warum Ihr mich zur Unterstützung Eurer Maaßregel leiten oder treiben, verführen oder zwingen wollt?" „Herr Herzog, wenn es Euch beliebt, eine Muthmaaßung zu fassen," sagte Christian, „so will ich mit aller Auf- richtigkeit antworten, ob Ihr die rechte Ursache getroffen habt.« „Die Gräfin von Derby ist heute angekommen, und wartet dem Hofe diesen Abend auf, in Hoffnungen der gütigsten Aufnahme. Sie kann unter dem Handgemenge überfallen werden? — Ha! Sagt' ich nicht recht, Herr Christian? Ihr, der Ihr mir Rache anzubieten vorgedet, kennt selbst ihre ausnehmende Süßigkeit." »Ich wollte mir es nicht herausnehmen," sagte Christian halb lächelnd, „Euer Durchlaucht ein Gericht anzubieten, ohne zugleich den Credenzcr und den Tafelversorger zu machen." „Das heißt ehrlich gesprochen," erwiederte der Herzog. „Fort also, mein Freund- Gebt Blood diesen Ring — er kennt ihn, und weiß dem zu gehorchen, der ihn trägt. Laßt ihn meine Leute versammeln. Aber merkt wohl, ich weiß von nichts; und Rowley's Person muß sicher bleiben — ich will hängen und brennen auf allen Seiten, wenn ein Haar von seiner schwarzen Perücke nur versengt wird. — Dann, was folgen muß — ein Lord-Protektor des Reichs — oder halt — Cromwell hat das Wort etwas unbeliebt gemacht — ein, Lord-Statthalter des Königreichs? — die Patrioten, die es auf sich nehmen, die dem Lande angethane Ungerechtigkeit zu rächen, und böse Räthe von des Königs Thron zu entfernen, daß er fortan auf Rechtschaffenheit möge gegründet sein — ich denke, so lautet die Formel — können nicht ermangeln, eine paffende Wahl zu treffen." „Sie können allerdings nicht, mein gnädiger Herzog," sagte Christian, „weil es nur einen Mann in den drei Königreichen gibt, auf den die Wahl fallen kann." „Ich danke Euch, Christian," sagte der Herzog, „und ich vertraue Euch. Nun fort, und Alles bereit gemacht. Seid versichert, Eure Dienste sollen nicht vergessen werden- Doch hört, Eduard; ehe Ihr geht, sagt mir, wann soll ich jenes Wesen von Luft und Feuer wieder sehen — jene morgenländische Peri, die durch das Schlüsselloch in die Zimmer schlüpft, und sie durch den Fensterflügel verläßt — jene schwarzäugige Houri des muhamedanischen Paradieses — wann, sag' ich, soll ich sie Wiedersehen?" »Wenn Eure Durchlaucht den Commandostab als Lord- Statthalter des Königreichs haben," sagte Christian, und verließ das Zimmer. Buckingham stand einen Augenblick, nachdem-er fort war, in Betrachtung vertieft- „Hätt' ich das thun sollen?" sprach er, indem er die Sache bei sich erwog; „oder vielmehr, hatt' ich die Wahl, etwas Anderes zu thun? Sollt' ich nicht nach Hofe eilen, und Carl vor dem Verrath warnen, der ihn bedroht? Ich will, beim Himmel! — Hört, Jerningham, meinen Wagen, schnell! — Ich will mich ihm selber zu Füßen werfen, und ihm alle die Thorheiten erzählen, von denen ich mit diesem Christian geträumt habe. — Aber dann wird er über mich lachen und mich verachten. — Nein, ich habe schon heute vor ihm geknieet, und meine Abweisung war nicht freundlich. Einmal jeden Tag eine solche Behandlung ist genug für Buckingham." Nachdem er diese Ueberlegung angestellt hatte, setzte er sich nieder und zeichnete schnell die jungen Adeligen und Herren vom Range, und Andere, ihre Gefährten, auf, von denen er mit Wahrscheinlichkeit vermuthete, daß sie ihn zu ihrem Anführer bei irgend einem Auflauf des Volks annehmen würden. Er war fast damit fertig, als Jerningham cintrat, um zu melden, daß der Wagen im Augenblicke bereit 5,70 stände, und um seines Herrn Hut, Schwert und Mantel zu bringen. „Laßt den Kutscher wieder wcgfahren,« sagte der Herzog, „aber haltet Euch in Bereitschaft. Schickt zu den Herren, die Ihr auf dieser Liste genannt findet; sagt, ich befände mich nicht ganz wohl, und wünschte ihre Gesellschaft zu einer kleinen Collation. Laßt sogleich Anstalt treffen, und scheut keine Kosten.« Die Vorbereitungen zu einer fröhlichen Unterhaltung wurden schnell getroffen, und die verlangten Gäste fingen bald an, sich zu versammeln. Es waren viele junge Leute vom höchsten Range, und unter ihnen, wie gewöhnlich in solchen Zirkeln, viele von einer andern Klaffe, welche Talente, oder Unverschämtheit, oder Witz, oder Hang zum Spiel zu Gesellschaftern für die Großen und die Lebenslustigen erhoben hatte- Der Herzog von Buckingham war der Gönner von Personen dieser Art; und eine zahlreiche Aufwartung fand bei der gegenwärtigen Gelegenheit statt. Endlich, als es spät Abends war, meldete Jerningham Herrn Chiffinch vom Hofe an, und dieser trat bald darauf selbst ein. „Seltsame Dinge find vorgefallen, durchlauchtiger Herzog,« sagte er; „Eure Gegenwart bei Hofe wird augenblicklich von Sr. Majestät verlangt.« „Ihr beunruhigt mich,« sagte Buckingham aufstehend. „Ich hoffe, cs ist nichts Schlimmes geschehen — ich hoffe, Se. Majestät befindet sich wohl.« „Vollkommen wohl,« sagte Chiffinch, „und ist voll Verlangen, Eure Durchlaucht recht bald zu sehen.« „Ihr seht,« sagte der Herzog, „ich habe Gesellschaft, und bin kaum im Stande zu erscheinen, Chiffinch.« 571 »Eure Durchlaucht scheinen eben recht hübsche Unterhaltung zu haben," sagte Chiffinch, „und Ihr wißt, Seine Majestät ist gnädig genug, Nachsicht zu beweisen-" „Wohl wahr," sagte der Herzog, nicht wenig unruhig über diese unerwartete Vorladung. — „Sehr wahr — Seine Majestät ist höchst gnädig — ich will meinen Wagen bestellen." „Der meinige ist unten, wenn es Eurer Durchlaucht gefällt, sich dessen zu bedienen." Jeder Ausflucht beraubt, nahm Buckingham einen Becher von der Tafel, und bat seine Freunde, in seinem Palast so lange zu bleiben, als sie noch Unterhaltung finden könnten. „Er hoffe," sagte er, „sogleich zurückzukommen, wo nicht, so nähme er von ihnen mit seiner gewöhnlichen Gesundheit Abschied: Mögen Alle, die nicht unterdessen gehängt werden, einander am ersten Montage des nächsten Monats hier wieder treffen." Hastig besorgte er noch Einiges an seiner Kleidung, und begleitete Chisfinch in dem Wagen nach Whitchall. Ztveiundvierzigstes Kapitel. Am Nachmittage desselben Tages hielt Carl seinen Hof in den Zimmern der Königin, welche zu einer bestimmten Stunde eingeladcnen Gästen von einem gewissen niedere Range geöffnet wurden, aber den höhern Klaffen des Adels, die von Geburt, und den Hofleuten, die, ihrem Amte nach, 572 das Vorrecht des Eintritts hatten, ohne Einschränkung zugänglich waren, denn es war ein Zug in Carls Charakter, der ihn unstreitig persönlich beliebt machte, daß er von seinem Hofe viele der beschränkenden Formen verbannte, mit denen er in andern Ländern umgeben war. Von einer Tafel zur andern eilte der fröhliche Monarch, bald einen Blick mit einer Hofschönheit, bald einen Scherz mit einem Hofwitzling wechselnd, bald zur Mustk den Takt schlagend, und dann und wann einige Goldstücke im Wetten auf das Glück im Spiel, wo er zunächst stand, verlierend oder gewinnend, als plötzlich ein Kammerdiener meldete, daß eine Dame, die sich nur als die Gemahlin eines Pairs von England ankündigen wolle, vorgclaffcn zu werden wünsche. Die Königin sagte hastig, cs sei unmöglich. Keine Gemahlin eines Pairs habe, ohne Angabe ihres Titels, auf das Vorrecht ihres Ranges Anspruch. „Befehlen Ew- Majestät, daß die Dame vorgelaffen werde?" fragte der Ceremonicnmeister. „Ja wohl," antwortete der König; „das heißt, wenn die Unbekannte wirklich zu der Ehre berechtigt ist. — Ich will selbst in das Vorzimmer gehen, und Eure Antwort empfangen" Aber ehe Carl auf seinem Gange nach der Antichambre das untere Ende des Zimmers erreicht hatte, überraschte der Thürsteher die Gesellschaft mit einem Namen, der seit vielen Jahren in diesen Zimmern nicht gehört worden war, nämlich — der Gräfin von Derbp. Stattlich und hochgewachsen, und in ihrer vorgerückten Periode des Lebens noch immer ungebeugt von den Jahren, näherte sich die edle Dame ihrem Souverän, mit einem Schritte, mit dem sie einem ihres Gleichen hätte entgegen gehen können. Es war in ihrem Wesen zwar nichts, was Hochmuth oder eine für die Gegenwart des Königs unschickliche Dreistigkeit verrathen hatte, aber ihr Bewußtsein des von der Regierung Carls erlittenen Unrechts, und ihr Gefühl von der Ueberlegenheit der beleidigten Partei über diejenigen, von denen oder in deren Namen die Beleidigung angethan war, gab ihrem Blick Würde, und ihrem Schritt Festigkeit. Sie trug Wittwcntrauer von derselben Art, als damals getragen wurde, da ihr Mann auf das Blutgerüst kam, und welche sie in den auf diese Begebenheit folgenden dreißig Jahren ihre Kammerfrau nie hatte ändern lassen. Diese Ueberraschung war dem Könige keine angenehme, und er verwünschte in seinem Herzen die Uebereilung, der Dame den Zutritt zu der fröhlichen Gesellschaft »erstattet zu haben, sah aber doch zugleich die Nothwcndigkeit ein, sie auf eine, seinem eignen Charakter und ihrem Range am britischen Hose angemessene Art zu empfangen. Er näherte sich ihr daher mit einer Miene der Bewillkommnung, worin er alle seine natürliche Anmuth legte, während er anhub: „Limrs koutesse äe I)erb^, puissante keine äe Kan, notre lres su- guste soeur —" „Sprecht Englisch, Sire, wenn ich mich unterstehen darf, um eine solche Gunst zu bitten," sagte die Gräfin. „Ich bin die Frau eines Pair dieser Nation, Mutter eines englischen Grafen! In England Hab' ich die kurzen Tage meines Glücks verlebt, die langen Tage meines Wittwenthums und Kummers- Frankreich und seine Sprache sind mir nur die Träume einer uninteressanten Kindheit. Ich kenne keine Sprache, außer die meines Mannes und meines Sohnes. Erlaubt mir, als der Wittwe und Mutter von Derby, so meine Huldigung darzubringen." Sie würde gekniet haben, aber der König verhinderte cs mit Freundlichkeit, und, ihr die Wange, dem Gebrauch gemäß, küssend, führte er sie zur Königin, und vollzog selbst die Ceremonic, sie vorzustellen. „Ew. Majestät," sprach er, »müssen wissen, daß die Gräfin ein Verbot auf das Französische gelegt hat — die Sprache der Galanterie und der Höflichkeit. Ich hoffe, Ew. Majestät, obgleich auch eine Ausländerin, wie sie, werden genug ehrliches Englisch finden, die Gräfin von Derby von dem Vergnügen zu versichern, mit dem wir sie, nach einer so vieljährigen Abwesenheit, am Hofe sehen." „Ich will mich wenigstens bemühen, cs zu thun," sagte die Königin, auf welche die Erscheinung der Gräfin von Derby einen günstiger» Eindruck machte, als die von vielen Fremden, welche sie, auf des Königs Verlangen, mit Höflichkeit zu empfangen gewohnt war. Carl selbst sprach wieder- „Jeder andern Dame von demselben Range könnte ich die Frage vorlegen, warum sie so lange von dem Gesellschaftskreise des Hofes abwesend war? Ich fürchte aber, ich kann die Gräfin von Derby nur fragen/ welche glückliche Ursache das Vergnügen verschafft, sic hier zu sehen?" „Keine glückliche Ursache, mein Souverän, aber eine höchst wichtige und dringende." Der König vermutheie nichts Angenehmes aus diesem Anfänge, und in Wahrheit hatte er von dem ersten Eintritte der Gräfin irgend eine unerfreuliche Erklärung erwartet, daher er abzulenken suchte, nachdem er in seinen Mienen erst einen Ausdruck von Theilnahme gelegt hatte. „Wenn," sagte er, „die Sache so steht, daß wir Hülfe schaffen können, so können wir nicht erwarten, daß Ihr zur gegenwärtigen Zeit darauf eingehen werdet, sondern ein Memorial an unfern Sekretär, oder, wenn cs annehmlicher ist, an uns selbst unmittelbar gerichtet, wird unsre unverzügliche, und, ich darf hoffentlich nicht hinzusetzen, unsre günstige Antwort erhalten." Die Gräfin verbeugte sich etwas feierlich, und antwortete: „Meine Angelegenheit, Sire, ist allerdings wichtig, aber so kurz, daß Ihr nur auf wenige Minuten Euer Ohr dem, was angenehmer ist, zu entziehen braucht; — doch sie ist so dringend, daß ich fie keinen Augenblick aufschieben möchte." „Dicß ist ungewöhnlich," sagte Carl. „Allein Ihr seid ein ungewohnter Gast, und dürft über meine Zeit gebieten. Bedarf die Sache einer Privataudienz?" „WaS mich betrifft," antwortete die Gräfin, „so möchte der ganze Hof zuhören, aber Ew. Majestät dürften mich lieber im Beisein einiger Räthe hören wollen." „Ormond," sagte der König, sich umschend, „begleitet uns einen Augenblick — und Ihr, Arlington, gleichfalls " Der König führte fie in ein anstoßendes Kabinet, setzte sich, und bat die Gräfin, auch einen Stuhl zu nehmen. „Es ist nicht nöthig, Sire," erwiederte sie. Dann hielt fie einen Augenblick inne, wie, um ihre Kräfte zu sammeln, und sprach nun mit Festigkeit folgcndermaaßen: „Ew. Majestät sagten wohl mit Recht, daß keine geringe Sache mich aus meinem einsamen Wohnorte hicherzog. Ich kam nicht hicher, als meinem Sohne das Eigenthum — das Eigenthum, das ihm von einem Vater zuficl, der für die Rechte Ew. Majestät starb — unter dem Vorwände der Gerechtigkeit durch Verschwörung entzogen wurde, damit es erst die Habsucht des rebellischen Fairfax sättigen, und dann der Verschwendungssucht seines Schwiegersohns, Buckinghams, zu Statten kommen möchte." „Dieß find zu harte Ausdrucke, gnädige Gräfin," sagte der König. „Eine gesetzliche Geldbuße wurde, so viel wir uns erinnern, für eine That unregelmäßiger Gewalt verhängt — so nennen sie unsere Gerichtshöfe und Gesetze, ob ich für meine Person gleich nichts dawider habe, fie mit Euch eine von der Ehre gebotene Rache zu nennen. Aber, zugegeben, es war eine solche, so zieht man in Verfolgung der Gesetze der Ehre sich oft nothwendig bittere gesetzliche Folgen zu.« „Ich komme nicht, über das zerstreute und verwirkte Erb- theil meines Sohnes zu rechten. Sire," sagte die Gräfin, „ich beruse mich bloß auf meine Geduld bei dieser schmerzhaften Verfügung. Ich komme jetzt, die Ehre des Hauses Derby zu retten, die mir theurer ist, als alle Schätze und Ländereien, die je zu demselben gehörten." „Und von wem ist die Ehre des Hauses Derby angegriffen worden?" sagte der König; „denn, auf mein Wort, Ihr gebt mir die erste Nachricht davon." „Gibt cs eine Erzählung, wie die Erdichtungen heißen, die in Beziehung auf das papistische Complot gedruckt worden find — dieses vorgebliche Complot, wie ich es nennen will — worin nicht die Ehre unsers Hauses angegriffen und befleckt worden ist? — Und sind nicht ein Paar achtbare Edelleute, Vater und Sohn, wegen solcher Umstände, über die wir zuerst angeklagt wurden, in Gefahr gesetzt, ihr Leben zu verlieren?" Der König sah sich um, und lächelte gegen Arlington und Ormond. „Der Mut- der Gräfin beschämt, dünkt mich, den unsrigen. Welche Lippen hätten gewagt, das Complot vor- 577 gebt ich, oder die Erzählung der Zeugen Erdichtung zu nennen? — Aber, gnädige Gräfin," fuhr er fort, „ob ich gleich den Edelmuth Eurer Verwendung für die beiden Peveril bewundere, so muß ich Euch doch bekannt machen, daß Eure Verwendung unnöthig ist — sie find diesen Morgen freigelaffen worden." „Nun so sei Gott gepriesen!" sagte die Gräfin, die Hände faltend. „Ich habe kaum schlafen können, seitdem ich ihre Anklage erfuhr, und ich bin hier angekommen, mich selbst der Gerechtigkeit Ew- Majestät oder den Vorurtheilen der Nation zu überliefern, in Hoffnung, hierdurch wenigstens das Leben meiner edlen und großmüthigen Freunde zu retten, die bloß oder hauptsächlich durch ihre Verbindung mit uns in Verdacht verwickelt find. — Sind fie wirklich frei?" „Sie find es, auf meine Ehre," sagte der König. „Ich wundre mich, daß Ihr nicht davon gehört habt." „Ich kam erst letzte Nacht an, und blieb in der strengsten Abgeschiedenheit," sagte die Gräfin, „besorgt, Erkundigungen zu machen, die mich eher entdecken möchten, als ich Ew- Majestät gesehen hätte." „Und nun, da wir uns gesehen haben," sagte der König, sie freundlich bei der Hand nehmend — „eine Zusammenkunft, die mir das größte Vergnügen macht — darf ich Euch rathcn, schnell, mit eben so wenig Aufsehen, als Ihr hieher kamt, auf Eure Insel zurückzukehrcn? Die Welt, meine theure Gräfin, hat sich geändert, seitdem wir jung waren. — Wir muffen nach dem nächsten Hafen eilen, und glücklich, ^ wenn wir einen erreichen." „Das ist Feigheit, mein Fürst," sagte die Gräfin. — „Verzeiht das Wort! — es ist nur eine Frau, die es ausspricht. Rufet Eure edlen Freunde um Euch her, und haltet Peveril. 37 578 Stand, wie Euer königlicher Vater. Es gibt nur ein Recht und Unrecht — einen ehrenvollen und vorwärts gehenden Lauf, und jeder andere, der abweicht, ist krumm und unwürdig." „Eure Sprache, meine verehrte Freundin," sagte Ormond, der die Nothwendigkeit einsah, in's Mittel zu treten, — „Eure Sprache ist stark und entschieden, aber sie paßt nicht zu den Zeiten. Sie könnte eine Erneuerung des Bürgerkrieges und alles seines Elendes veranlassen, schwerlich aber die von Euch gehoffte Wirkung haben." „Ihr seid zu rasch, Frau Gräfin," sagte Arlington, „daß Ihr nicht nur Euch selbst in diese Gefahr stürzen, sondern auch seine Majestät darein verwickeln wollt. Laßt mich offen sagen, daß Ihr in dieser unruhigen Zeit nicht wohl gethan habt, die Sicherheit des Schlosses Rushin für die Gefahr einer Wohnung im Tower von London zu vertauschen." „Und sollte ich den Block dort küssen müssen," sagte' die Gräfin, „wie mein Mann, so würde ich cs eher willig thun, als einen Freund verlassen! — und noch dazu einen, den ich, wie den jüngern Peveril, in Gefahr gestürzt habe." „Aber Hab' ich Euch nicht versichert, daß beide Peverile, der ältere und der jüngere, frei find?" sagte der König, „und, meine theure Gräfin, was kann Euch sonst versuchen, Euch selbst in eine Gefahr zu begeben, aus welcher Ihr ohne Zweifel durch meine Vermittlung errettet zu werden erwartet? Mich dünkt, eine Dame von Eurer Einsicht sollte sich nicht freiwillig in einen Fluß stürzen, bloß damit ihre Freunde das Wagstück unternehmen und das Verdienst haben möchten, sie herauszuziehen." Die Gräfin wiederholte ihre Absicht, auf eine unparteiische Untersuchung zu dringen. - Die beiden Räthe aber dränge» auf die Befolgung ihres Raths, sie sollte sich zurückziehcn, und in ihrem Königreich bleiben. Der König, der kein Ende dieses Streits absah, erinnerte die Gräfin höflich, Ihre Majestät würden eifersüchtig sein, wenn er sie länger zurückhielte, und bot Ihr seine Hand an, sie zur Gesellschaft zurückzuführen. Sie sah sich genö- thigt, dicß anzunehmen, und kehrte also in die Prunkzimmer zurück, wo sogleich hernach ein höchst seltsames Ereigniß vorfiel. Die Gäste hatten sich großentheils auf eine Stelle zusammengezogen, aus Anlaß der Ankunft einer Truppe von fünf bis sechs Tonkünstlern, von welchen einer, ein Deutscher, im Dienste des Herzogs von Buckingham, besonder» Ruf als Violoncellspieler hatte, aber durch das Außenbleiben seines Instruments, das nun endlich ankam, unthätig im Vorzimmer zu bleiben genöthigt gewesen war. Der Bediente, der es in seinem hölzernen Futteral aufstellte, schien herzlich froh, seiner Last los zu sein, und verweilte einen Augenblick, als war' er begierig, zu entdecken, was für eine Art Instrument hervorgebracht werden würde, das so schwer wiegen könnte. Seine Neugierde wurde befriedigt, und zwar auf eine höchst außerordentliche Art; denn, während der Musikus den Schlüssel drehte, da das Futteral zu seiner größer» Bequemlichkeit aufrecht gegen die Wand gestellt war, flogen das Futteral und das Instrument selbst auf einmal auf, und heraus sprang der Zwerg, Gottfried Hudson, bei dessen plötzlicher Erscheinung die Damen mit einem Schrei zurückwichcn, die Herren stutzten, und der arme Deutsche vor Schreck zu Boden sank. Sobald er sich jedoch erholt hatte, schlüpfte er aus dem Zimmer, und ihm folgten seine meisten Gefährten. 58 « Nachdem sich der Zwerg in Positur gesetzt, begann er also zu sprechen: „Ich, Ritter Gottfried Hudson, klage vor dieser Gesellschaft den vormals cdeln Herzog von Buckingham des Hochverraths an." „Wohl gesprochen, und mannhaft. — Nur weiter," sagte der König, der nicht zweifelte, daß dicß die Einleitung zu etwas Burleskem oder Witzigem wäre, und nicht von ferne daran dachte^ daß die Beschuldigung in feierlichem Ernst gesprochen würde. Ein großes Gelächter hatte sich unter den Hofleutcn erhoben, der Zwerg aber sprach unwillig: „Ist es ein passender Gegenstand zum Lachen, daß ich, Gottfried Hudson, Ritter, vor dem Könige und den Edeln, Georg Billiers, Herzog von Buckingham, des Hochverraths anklage?" „Allerdings kein Gegenstand zum Scherz," sagte Carl, wieder mit ernsthafter Miene, „aber ein Stoff zu großer Verwunderung. — Wohlan, laß diese Mummerei. — Soll es ein Scherz sein, so rückt heraus damit, und wo nicht, so geht an den Crcdenztisch, und trinkt ein Glas Wein, Euch zu erfrischen." „Ich sage Euch, mein Fürst," sprach Hudson mit Ungeduld, doch leise, so daß er nur vom König gehört werden konnte, „daß Ihr, wenn Ihr zu viel Zeit verliert, durch schreckliche Erfahrung von Buckingham's Verrath werdet überzeugt werden. — Ich sage Euch, — ich betheure cs Euer Majestät, — zweihundert bewaffnete Schwärmer werden binnen einer Stunde hier sein, um die Wachen zu überfallen." Der König ließ nun die übrige Gesellschaft, bis auf den Herzog von Ormond, Arlington, und einige Andere, zurück- tretcn, um den Bericht des Zwergs anzuhören, aus dem sich Folgendes ergab. Die beiden Peveril hatten zu entkommen versucht, die Wache war aber herbeigekommen, und hatte nun den Zwerg von ihnen getrennt, und in ein Zimmer verschlossen. Bald darauf trat durch eine Tapetenthüre die Unbekannte ein, welche den Zwerg eingcladen hatte, in's Haus zu kommen- — „Ich folgte meiner schönen Führerin," fuhr der Zwerg fort, „in ein Zimmer, wo, seltsam unter einander gemischt, kriegerische Waffen und musikalische Instrumente lagen. Unter diesen sah ich ein Vivloncell. Zu meinem Erstaunen drehte sie das Instrument um, und zeigte, indem sie es hinten durch den Druck einer Feder öffnete, daß es mit Pistolen, Dolchen, und sonstigen Waffen, angefüllt war. — „Diese," sagte sie, „find bestimmt, diese Nacht Carl'n zu überfallen-" — Eure Majestät müssen verzeihen, daß ich mich ihrer eigenen Worte bediene, „wenn du aber wagst, anstatt ihrer zu gehen, so kannst du der Retter des Königs und Reiches sein; wenn du dich fürchtest, so will ich selbst das Abenteuer versuchen." Nein, der Himmel verhüte, daß Gottfried Hudson verzagt genug sei, sagt' ich, Euch eine solche Gefahr laufen zu lassen! Ihr wißt nicht, — könnt nicht wissen, was zu solchem Hinterhalt und Verstecken gehört, — ich bin daran gewöhnt, — habe in der Tasche eines Riesen gelauert, und den Inhalt einer Pastete ausgemacht. „So gehe denn herein," sagte sie, „und verliere keine Zeit." Dennoch will ich nicht läugnen, daß, während ich mich anschickte, zu gehorchen, einige kalte Schauer mich anwandelten, und ich gestand ihr, wenn es sein könne, so wolle ich lieber auf meinen eigenen Füßen meinen Weg in das Schloß nehmen. Aber sie wollte mich nicht anhören, sondern sagte hastig: „ich würde aufgefangen, oder nicht vorgelaffen werden, und ich müßte das Mittel annehmen, das sie mir vorschlug, zur Audienz zu gelangen, und wenn dicß der Fall wäre, den König warnen, 582 auf seiner Hut zu sein, — wenig mehr sei nöthig; denn ist einmal der Anschlag bekannt, so wird er verhindert." Sie nahm die Waffen aus dem Instrumente heraus, und nachdem sie dieselben hinter den Kaminschirm gebracht hatte, führte sie mich statt desselben ein. Ich bat fie, die Männer, denen ich anvertraut werden sollte, zu warnen, sich in Acht zu nehmen, und den Hals des Violoncells auswärts gekehrt zu halten; doch, che ich meine Bitte vollendet hatte, fand ich mich allein und in Finsternisi. Sogleich kamen zwei oder drei Kerle herein, aus deren Sprache, die ich einigermaßen verstand, ich Deutsche erkannte, die im Dienste des Herzogs von Buckingham standen. Ich hörte sie von dem Anführer Befehl erhalten, wie sie sich betragen sollten, wann sie die verborgenen Waffen ergreifen, — und — denn ich will dem Herzog nicht Unrecht thun — ich vernahm,.daß ihre Befehle bestimmt waren, nicht nur die Person des Königs, sondern auch die der Hofleute zu schonen, und Alle, die sich in dem Audienzzimmer befinden möchten, gegen einen Angriff der Fanatiker zu schützen. Sonst hatten sie die Ordre, die vornehmste Leibgarde des Königs auf der Hauptwache zu entwaffnen, und am Ende das Commando des Hofes zu übernehmen." Die Miene des Königs drückte Verlegenheit und tiefes Nachdenken bei dieser Eröffnung aus, und er bat den Lord Arlington, dafür zu sorgen, daß Selby, ein Offizier von der Leibwache, im Stillen eine Untersuchung über den Inhalt der andern Futterale anstellte, in denen vorgeblich musikalische Instrumente gebracht worden waren. Er gab dann dem Zwerg ein Zeichen, in seiner Erzählung fortzufahrcn, und fragte ihn einmal über das andere sehr ernsthaft, ob er gewiß wäre, den Namen des Herzogs, als dessen, der dieß Unternehmen befohlen, wirklich erwähnen gehört zu haben?" Der Zwerg antwortete bejahend. „Das heißt doch den Spaß etwas weit treiben," sagte der König. Der Zwerg fuhr nun fort, und berichtete, daß er nach dieser Metamorphose in die Kapelle getragen worden sei, wo er den Prediger am Schluffe seiner Rede hörte, dessen Inhalt er auch anfuhrte. Worte, sagte er, könnten die Todesangst nicht ausdrllcken, als er fand, daß sein Träger, da er das Instrument in einen Winkel stellte, im Begriff war, ihm eine umgekehrte Stellung zu geben; ein Fall, in welchem er, wie er sagte, wohl nicht lange ausgehalten hätte, ohne zu schreien. „Ich hätte Euch das nicht verargen können," sagte der König. — „Ist dieß Alles, was Ihr uns von dieser seltsamen Verschwörung zu berichten habt?" Hudson antwortete bejahend, und der König fügte sogleich hinzu: „Geht nun, mein lieber Freund, Eure Dienste sollen nicht vergessen werden. Weil Ihr zu unserm Dienst in den Bauch einer Violine gekrochen seid, so sind wir durch Pflicht und Gewissen gebunden, Euch in Zukunft eine geräumigere Wohnung anweisen zu lassen." „Es war ein Violoncell, wenn Eure Majestät sich zu erinnern belieben," sagte der Kleine, „nicht eine gemeine Fiedel; doch im Dienste Euer Majestät wäre ich selbst in eine Stockfiedel gekrochen." „Tretet ab," sprach der König, „und hütet Euch wohl, Etwas von dieser Sache zu sprechen. Laßt Eure Erscheinung nur für einen Spaß des Herzogs von Buckingham gelten, und nicht ein Wort von Verschwörung." >,Wär' es nicht besser, ihn unter einige Aufsicht zu stellen, Euer Majestät?" sagte der Herzog von Ormond, als Hudson das Zimmer verlassen hatte. „Es ist unnöthig," antwortete der König. „Aber meine Herren Herzoge, ist dieser Streich Buckingham's nicht zu schändlich und undankbar?" „Er hätte nicht daran gedacht," sagte der Herzog von Ormond, „wenn Euer Majestät nicht in andern Fällen zu gelinde gewesen wären." „Herr Herzog, Herr Herzog," sagte Carl hastig, — „Ihr seid Buckingham's bekannter Feind, — wir wollen andern und unparteiischen Rath einholen. Arlington, was haltet Ihr davon?" „Erlauben Eure Majestät," sagte Arlington, „ich denke, die Sache ist schlechthin unmöglich, wofern nicht der Herzog irgend einen Zwist mit Euer Majestät gehabt hat, von dem wir nichts wissen. Seine Durchlaucht ist unstreitig sehr hitzig, aber dieß scheint wirklicher Unsinn zu sein " „Allerdings," sagte der König, „gab es einigen Wortwechsel zwischen uns diesen Morgen, — seine Gemahlin ist todt, — und um keine Zeit zu verlieren, hatte Seine Durchlaucht zum Ersatz des Verlustes, sich nach einem andern Gegenstände umgesehen, und war so dreist, zur Bewerbung um meine Nichte, Lady Anne, unsere Einwilligung zu suchen." „Welche Ihre Majestät natürlich versagten," sagte der Staatsmann. „Und nicht, ohne ihm seine Dreistigkeit zu verweisen," setzte der König hinzu. „Insgeheim, oder vor Zeugen?" fragte der Herzog von Ormond. „Vor Niemanden," antwortete der König, „ausgenommen 58S den kleinen Chisfinch, der ist aber, wie Ihr wißt, so gut als Niemand" „Iliiio illse laervmne," sagte Ormond. „Ich kenne Seine Durchlaucht wohl. So lange der Verweis nur eine Sache zwischen Euer Majestät und ihm gewesen wäre, hätte er cs wohl hinqehen lasten. Aber eine Abfertigung vor einem Mann, der sie wahrscheinlich genug am ganzen Hofe herumbringen möchte, war Etwas, das geahndet werden mußte." Hier kam Selby eilig aus dem andern Zimmer, um zu sagen, daß Seine Durchlaucht von Buckingham, nach welchem, wie der Leser weiß, geschickt worden war, eben in das Audienzzimmer getreten sei. Der König stand auf. „Haltet ein Boot in Bereitschaft, nebst einer Compagnie von der Garde," sprach er. „Es kann nöthig sein, ihn wegen Verraths festzunehmen, und in den Tower zu schicken." „Sollte nicht ein Verhaftsbefehl des Staatssekretärs aus- gefcrtigt werden?" fragte Ormond. „Nein, Herzog!" sagte der König lebhaft. „Ich hoffe, die Nothwendigkeit soll noch vermieden werden." Dreiundvierzig st es Kapitel. Ehe wir dem Leser von der Zusammenkunft Buckingham's mit seinem beleidigten Souverän Nachricht geben, muffen wir zuvor noch das Gespräch mittheilen, das zwischen dem Herzog und Chiffinch auf der kurzen Fa-rt zwischen Isork-Place und Whitehall stattfand. Bei der Ausfahrt suchte der Herzog von dem Hofmanne die besondere Ursache seiner Vorladung nach dem Hofe zu erfahren. Chiffinch antwortete vorsichtig, er glaube, cs sollten einige lustige Streiche ausgeführt werden, bei welchen der König des Herzogs Gegenwart wünschte. Dieß befriedigte Buckingham nicht ganz, da er, sich seines raschen Vorhabens bewußt, nur Entdeckung befürchten mußte. Nach einem augenblicklichen Stillschweigen sagte er flüchtig: „Chiffinch, sagtet Ihr Jemanden, was der König diesen Morgen zu mir in Betreff der Lady sprach?" „Mein gnädiger Herzog," sagte Chiffinch verlegen, „gewiß, meine Pflicht gegen den König — meine Hochachtung gegen Eure Durchlaucht —" „Ihr erwähntet die Sache also gegen Niemand?" sagte der Herzog ernsthaft. „Gegen Niemand," antwortete Chiffinch furchtsam, denn er war durch die zunehmende Strenge in dem Wesen des Herzogs schüchtern gemacht worden. „Ihr lügt, wie ein Schurke!" sagte der Herzog. „Ihr sagtet es Christian." „Euer Durchlaucht," sagte Chiffinch, — „Euer Durchlaucht — Euer Durchlaucht sollten sich erinnern, daß ich Euch Chri- stian's Geheimniß mittheilte, daß die Gräfin von Derby angekommen wäre." „Und Ihr denkt, ein Stück Verrätherei mag das andre aufwiegen? Aber nein. Ich muß eine bessere Genugthuung haben. Seid versichert, ich will Euch das Gehirn aus dem Kopfe schlagen, che Ihr diesen Wagen verlaßt, wofern Ihr 587 mir nicht die wahre Ursache sagt, warum ich an den Hof berufen bin." Als Chiffinch verlegen war, was er antworten sollte, näherte sich ein Mann, der bei dem Schein der Fackeln, die damals sowohl von den Lakeien, die hinten auf dem Wagen standen, als von den Bedienten, die zur Seite liefen, immer getragen wurden, leicht sehen konnte, wer im Wagen saß, und sang mit einer tiefen, männlichen Stimme den Refrain eines alten französischen Liedes non der Schlacht bei Ma- rignan, worin das Deutsch-Französische der Schweizer nachgeahmt ist: laut est verlöre Im tmtelore, laut est verlöre kei 6ott. „Ich bin verrathen," sagte der Herzog, der augenblicklich erkannte, daß dieses Lied von einem seiner getreuen Geschäftsführer gesungen wurde, um ihm einen Wink zu geben, daß ihre Unternehmungen entdeckt wären. Er versuchte, sich aus dem Wagen zu stürzen, aber Chif- finch hielt ihn mit fester Hand, doch ehrerbietig zurück. „Richtet Euch nicht selbst zu Grunde, Herr Herzog," sagte er im Tone tiefer Unterwürfigkeit; „es find Soldaten und Polizei- dicner am Wagen, um die Ankunft Euer Durchlaucht in Whitehall zu erzwingen, und Eure Flucht zu verhindern. Sie zu versuchen, würde Eingeständntß der Schuld sein, und ich warne Euch sehr davor, — der König ist Euer Freund, — seid der Eurige " Nach kurzer Ueberlegung sagte der Herzog finster: „Ich glaube, Ihr habt Recht. Warum sollt' ich fliehen, da ich weiter keine Schuld habe, außer daß ich einige Feuerwerke zur Unterhaltung des Hofes, statt eines musikalischen Con- certS, abschickte?" „Und der Zwerg, der so unerwartet aus der Baßgeige kam „War ein Maskenspicl meiner Erfindung," sagte der Herzog, ob er gleich den Umstand jetzt zum ersten Male erfuhr. „Chisfinch, Ihr werdet mich für immer verbinden, wenn Ihr mir eine Minute lang eine Unterredung mit Christian verschafft." „Mit Christian, gnädiger Herr? — Wo könntet Ihr den finden? — Ihr sehet, wir müssen geradesweges nach Hofe." „Wahr," sagte der Herzog, „aber ich denke, ich kann ihn nicht verfehlen, und Ihr, Herr Chisfinch, seid kein Polizeibeamter, und habt keine Vollmacht, mich als Gefangenen zu- rückzuhaltcn, oder mich zu hindern, mit Jemanden zu sprechen, mit wem mir's beliebt." Chisfinch erwiederte: „mein gnädiger Herzog, Euer Genie ist so groß, und Eure Ausflüchte find so zahlreich, daß es nicht mit meinem Wunsch und Willen geschieht, wenn ich gezwungen bin, einem so talentvollen und so beliebten Mann wehe zu thun." „Nein," sagte der Herzog, „noch leb' ich," und pfiff, da denn aus der kleinen (dem Leser schon bekannten) Mcffer- schmidsbude plötzlich Christian hervortrat, und im Augenblicke an der Seite der Kutsche war. „Alles ist verloren," sagte der Herzog. „Ich weiß es," sagte Christian, „und alle unsere frommen Freunde find auf die Nachricht auseinander. Zum Glück gaben der Oberst und die deutschen Schurken einen Wink. Alles ist wohlbehalten. — Ihr gehet an Hof. — Höret, ich will folgen." »Ihr, Christian? das würde mehr freundschaftlich, als klug sein." „Warum? Was gibt cs denn wider mich?" sagte Christian. „Ich bin unschuldig, wie ras ungeborne Kind, — und Las sind Euer Durchlaucht auch. Es ist nur ein Wesen, daS unsere Schuld bezeugen kann; aber ich hoffe, es zu unscrm Vorthcil auf die Bühne zu bringen. — Ueberdieß, wenn ich nicht ginge, so würde sogleich nach mir geschickt werden " „Der Hausgeist gewiß, von dem ich Euch sprechen gehört habe?" „Laßi's Euch in's Ohr sagen." „Ich verstehe," sagte der Herzog, „und will Herrn Cbif- finch nicht länger aufhalten. Denn er ist mein Führer, müßt Ihr wissen. — Wohlan, Chiffinch, laßt weiter fahren. — Voxue In llslöre!" rief er aus, als der Wagen fortfuhr; „ich bin durch schlimmere Gefahren, als die jetzige, gesegelt." Ehe wir Buckingham in das Audienzzimmcr begleiten, wo er eine so schwere Rolle zu spielen -alte, wird es nicht unschicklich sein, Christian, nach seiner kurzen Unterredung mit dem Herzog von Buckingham, zu folgen. Beim Zurückgehen in das Haus nahm Christian einen Umweg, der aus einer entfernten Allee und durch verschiedene Höfe führte, und eilte in ein niedriges, mit Matten belegtes Zimmer, wo Bridge- north allein saß, und, bei dem Licht einer kleinen, messingenen Lampe, mit der heitersten Miene in der Bibel las. „Habt Ihr die Peveril entlassen?" fragte Christian hastig. „Ja," antwortete der Major. „Und unter welcher Bürgschaft — daß sie nicht zu White- hall wider Euch Bericht abstatten?" „Sie gaben mir freiwillig ihr Versprechen, als ich ihnen k 590 zeigte, daß unsre bewaffneten Freunde entlassen waren. Morgen, glaube ich, wollen sie erst Bericht abstatten." „Und warum nicht heute Abend, ich bitte Euch?" sagte Christian. „Weil sie uns diese Zeit zum Entkommen einräumen wollen." „Warum benutzt Ihr sie denn nicht selbst? Warum seid Ihr noch hier?" fragte Christian. „Oder vielmehr, warum nehmt Ihr denn nicht die Flucht?" sagte Bridgenorth. „Wahrhaftig, Ihr steckt so tief, als ich." „Bruder Bridgenorth, ich bin der Fuchs, der hundert Manieren kennt, die Hunde zu hintergehen; Ihr seid das Reh, das sich bloß durch schnelle Flucht retten kann. Daher verliert keine Zeit — geht auf's Land — oder vielmehr, das Schiff von Zedekia, die gute Hoffnung, liegt im Flusse bereit, nach Massachusets zu gehen — nehmt die Flügel der Morgen- röthe und entfernt Euch — das Schiff kann mit der Fluth nach Gravesend hinabsegcln." „Und Euch, Bruder Christian," sagte Bridgenorth, „soll ich die Aussicht über mein Vermögen und meine Tochter überlassen? Nein, Bruder, meine gute Meinung muß erst wieder hcrgestellt sein, eh' ich Euch wieder trauen kann." „So geht Eure Wege, wie ein argwöhnischer Narr," sagte Christian, in starker Versuchung, sich noch beleidigender auszudrücken; „oder vielmehr bleibt, wo Ihr seid, und laßt es auf den Galgen ankommen." „Es ist allen Menschen bestimmt, einmal zu sterben," sagte Bridgenorth; „mein Leben ist ein lebendiger Tod gewesen. Meine schönsten Zweige sind mit der Axt des Försters abgehauen — der, welcher noch übrig ist, muß, wenn er blühen 591 soll, anderwärts, und in einer Entfernung von meinem bejahrten Stamme, gepfropft werden. Je früher also die Wurzel die Art fühlt, desto willkommner ist der Hieb. ES würde mir freilich gefallen haben, war' ich dazu berufen gewesen, jenen ausschweifenden Hof zu einem reineren Charakter zu bringen, und das Joch des leidenden Volks Gottes zu erleichtern. Auch jener Jüngling — Sohn eines köstlichen Weibes, der ich das letzte Band verdanke, das meinen abgematteten Geist an die Menschheit kettet — hätte Er mit mir an der guten Sache arbeiten können ! — Aber diese Hoffnung, nebst allen meinen andern, ist für immer zerstört, und weil ich nicht würdig bin, ein Werkzeug zu einem großen Werke zu sein, so Hab' ich wenig Verlangen, länger in diesem Thale des Kummers zu bleiben. „So lebt wohl, verzagter Thor!" sagte Christian in verächtlichem Tone. — „Daß das Schicksal mich mit solchen Bundesgenossen behängen mußte," murmelte er, als er das Zimmer verließ; „dieser frömmelnde Narr ist unverbesserlich — ich muß zu Zarah; denn sie, oder Niemand, muß uns durch diese Klippen hindurch führen. Wenn ich nur ihr hitziges Temperament besänftigen und ihre Eitelkeit zu handeln erregen kann, — mit ihrer Gewandtheit, der Parteilichkeit des Königs für den Herzog, Buckinghams beispielloser Frechheit, und meiner eignen Hand am Steuerruder, könnten wir noch dem llngewitter trotzen, das um uns finster heraufzieht. Aber was zu thun ist, muß bald gethan werden." In einem andern Zimmer fand er die Gesuchte — dieselbe, welche den Harem des Herzogs von Buckingham besucht, und nachdem sie Alerie aus ihrer dortigen Gefangenschaft befreit, ihre Stelle eingenommen hatte, wie bereits erzählt oder angedeutet worden ist. Sie war jetzt viel einfacher gekleidet, 592 als damals, da sie den Herzog mit ihrer Gegenwart getäuscht hatte; aber ihr Anzug hatte noch immer etwas von dem morgenländischen Charakter, was ihrer dunkeln Gesichtsfarbe und ihrem feurigen Auge wohl entsprach. Sie hatte ihr Tuch an den Augen, als Christian eintrat; nahm es aber schnell hinweg, und mit einem ihm zugeworfenen Blick der Verachtung und des Unwillens fragte sie ihn, warum er sich hier cindrängte, wo seine Gesellschaft eben so wenig gesucht, als gewünscht wurde?" „Eine Frage, die für eine Sklavin an ihren Gebieter ganz und gar nicht schicklich ist," sagte Christian. „Sagt vielmehr, eine schickliche, und die allcrschicklichste Frage einer Gebieterin an ihren Sklaven! Wisset Ihr nicht, daß Ihr von der Stunde an, in der Ihr mir Eure unaussprechliche Niederträchtigkeit entdecktet, mich zur Gebieterin über Euer Loos gemacht habet? Während Ihr nur ein Dämon der Rache zu sein schienet, flößtet Ihr Schrecken ein, und zu guter Absicht; aber ein solcher schmutziger, kriechender Unhold des Verderbens, wie Ihr seid, kann nichts als Verachtung von einer Seele, wie die meinige ist, erwerben." „Artig gesprochen," sagte Christian, „und mit gutem Nachdruck." „Ja," antwortete Zarah, „ich kann reden — bisweilen — ich kann auch stumm sein; und das weiß Niemand besser, als Ihr " »Ihr seid ein verzogenes Kind, Zarah, und mißbraucht nur die Nachsicht, die ich gegrn Eure grillenhafte Laune hege," ' erwiederte Christian; „Euer Verstand ist zerrüttet worden, sobald Ihr in England gelandet seid, und das Alles bloß um Jemands willen, der sich um Euch gar nicht mehr bekümmert, 593 und Euch verließ, um sich für eine, die er mehr liebt, in einen Streit cinzulaffen. „Darauf kommt nichts an," sagte Zarah, offenbar ein sehr bitteres Gefühl zurückhaltend: „es macht nichts aus, daß er eine Andere mehr liebt; es gibt Keine, — nein, es gibt Keine, die ihn je so wahrhaft liebte, oder lieben kann, als ich." „Ich bedaure Euch, Zarah;" sagte Christian mit einigem Spott. „Ich verdiente Euer Mitleiden," antwortete sie, „wäre cs meiner Annahme werth. Wem anders Hab' ich mein Elend zu danken, als Euch? — Ihr zogt mich im Durst nach Rache auf, ehe ich wußte, daß Gutes und Böses etwas mehr als bloße Namen wären: — um Euren Beifall zu gewinnen, und die Eitelkeit, die Ihr erregt hattet, zu befriedigen, Hab' ich Jahre lang mir eine Buße auserlegt, vor welcher Tausende sich entsetzt haben würden " „Tausende, Zarah!" antwortete Christian; „ja Hunderllausende, und eine Million noch dazu: das Geschöpf ist nicht auf Erden zu finden, das, nur ein sterbliches Weib, den dreißigsten Theil Eurer Selbstverläugnung auf sich genommen haben würde." „Ich glaube es," sagte Zarah, ihre schmächtige, doch zierliche Gestalt emporrichtend; „ich glaube es — ich bin durch eine Prüfung gegangen, die Wenige ausgehaltcn hätten. Einer nur ist es," setzte sie aufwärts blickend hinzu, „der mich nie verhöhnte, Einer, dessen Edelmuth das arme stumme Mädchen selbst wie seine Schwester behandeln konnte; der nie ein Wort von ihr sprach, außer zu ihrer Entschuldigung oder Vertheidigung — und Ihr sagt mir, ich dürfe ihn nicht lieben, und cs sei Tollheit, ihn zu lieben! — So will ich Peveril. zg 594 denn toll sein; denn ich will ihn lieben bis zum letzten Athem- zuge meines Lebens." „Besinnt Euch nur einen Augenblick, daß ich Euch statt des VerlustS dieser hoffnungslosen Zuneigung, eine so glänzende Laufbahn vorgeschlagen habe, daß es nur auf Euch ankömmt, die Frau, die wirkliche Gemahlin des fürstlichen. Buckingham zu werden! Bei meinen Talenten — bei Eurem Witz und Eurer Schönheit — bei seiner leidenschaftlichen Liebe zu diesen Eigenschaften — könnte ein kurzer Zeitraum Euch zu dem Range von Englands Prinzessinnen erheben. Laßt Euch von mir leiten — er ist jetzt in einer gefährlichen Lage — bedarf alles Beistandes, seine Umstände wieder zu verbessern, vor Allem desjenigen, den allein wir ihm leisten können. Unterwerft Euch meiner Leitung, und das Schicksal selbst soll Euch nicht hindern, eine herzogliche Krone zu tragen" „Eine Krone von Distelwolle, mit Distelblättern durchflochten," sagte Zarah. „Ich kenne kein schlechteres Wesen, als Euren Buckingham! Ich sah ihn auf Euer Verlangen — sah ihn, da er, als ein Mann, sich hätte großmüthig und edel zeigen sollen. Was fand ich in ihm? — einen armseligen Wollüstling — sein nächstes leidenschaftliches Unternehmen glich dem Feuer eines elenden Stoppelfeldes, das wohl sengen oder rauchen, aber weder wärmen noch verzehren kann. Christian ! läge seine Krone diesen Augenblick zu meinen Füßen, ich wollte eher eine Krone von vergoldetem Pfefferkuchen auf- hebcn, als meine Hand nach ihr ausstrccken " „Ihr seid toll, Zarah — bei allem Eurem Geschmack und Talent seid Ihr ganz toll! Aber laßt Buckingham bei Seite. — Seid Ihr mir nichts schuldig in dieser Bedrängniß? — mir, der Euch aus den Händen Eures grausamen Herrn, des Lustspringers, befreite, um Euch in Bequemlichkeit und Wohlstand zu versetzen?" „Christian, ich verdanke Euch viel," antwortete sie- „Hätt' ich dieß nicht gefühlt, so würd' ich, wie ich oft zu thun versucht war, Euch bei der stolzen Gräfin angegeben haben, welche Euch auf den Mauern des Schlosses Rushin würde haben aufhä'ngen lassen." „Ich bin herzlich froh, daß Ihr so viel Nachsicht gegen mich gehabt habet," gab Christian zur Antwort. „Die Hab' ich in Wahrheit und Aufrichtigkeit gehabt," er- wiedcrte Zarah — „nicht für Eure Wohlthaten gegen mich — so wie sie waren, war jede selbstsüchtig und aus den eigennützigsten Absichten entstanden. Ich habe sie tausendfältig durch die Ergebung in Euren Willen vergolten, die ich mit der größten persönlichen Gefahr gezeigt habe. Aber bis auf neulich achtete ich Eure Geisteskräfte — Eure beispiellose Beherrschung der Leidenschaft — die Kraft des Verstandes, die ich Euch stets über alle Andere, vom frömmelnden Bridge- north an, bis auf den ausschweifenden Buckingham, habe behaupten gesehen — hierin allerdings Hab' ich meinen Meister anerkannt." „Und diese Fähigkeiten," sagte Christian, „sind unbeschränkt, wie immer; und mit Eurem Beistand sollt Ihr die stärksten Netze, welche die Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft je zur Beschränkung der natürlichen Würde des Menschen geflochten haben, wie ein Spinnengewcbe zerreißen sehen." Sie antwortete nach einer Pause: „Während ein edler Beweggrund Euch anfeuerte — ja, ein edler, doch ungeseß- mäßiger — denn ich war geboren, die Sonne zu sehen, vor welcher die bleichen Töchter Europa's grauet — könnt' ich Euch dienen — ich hätte, während Rache oder Ehrgeiz Euch 596 geleitet Hätte, nur der Liebe des Reichthums folgen können — und durch was für Mittel war er erworben; — Habt Ihr nicht den Kuppler für die Lüsternheit des Königs machen wollen, obgleich der Gegenstand Eure eigene verwaiste Nichte war? — Ihr tackelt? lächelt wieder, wann ich Euck frage, ob Ihr nicht meine eigne Entehrung beabsichtigtet, als Ihr mir auftrugt, in dem Hause jenes elenden Buckingham zu bleiben. — Läckelt auf diese Frage, und beim Himmel, ich durchbohre Euch das Herz!" Und sie steckte die Hand in den Busen und zeigte ihm zum Theil das Gefäß eines kleinen Dolchs. „Und wenn ich lächle," sagte Christian, „so geschieht es nur aus Verachtung einer so gehässigen Beschuldigung. Euch will ich nickt den Grund angeben, aber es gibt auf Erden kein lebendiges Wesen, über dessen Sicherheit und Ehre ich so wachen wollte, als über die Emsige. Euch als Buckinghams Weib zu sehen wünscht' ich freilich; und durch Eure Schönheit und Euren Witz zweifelte ich nicht, die Partie zu Stande zu bringen/' „Eitler Schmeichler," sagte Zarah, die jedoch durch eben die Schmeichelei, die sie verspottete, insgeheim erfreut zu werden schien, „Ihr wollt mich bereden, cs wäre aufrichtige Liebe, die, wie Ihr erwartetet, der Herzog mir antragen sollte. Wie wagt Ihr auf einem so groben Betrüge zu bestehen, wo Zeit, Ort und Umstände die Lüge ausweisen? — Wie wagt Ihr es, der Sache wieder zu erwähnen, da Ihr wohl wißt, daß zu der erwähnten Zeit die Herzogin noch am Leben war? " „Am Leben, aber auf ihrem Sterbebette," sagte Christian. — „Wie nun, wollt Ihr Euch von mir leiten lassen und mir folgen ?" 597 Zarah oder Fenella (denn unsere Leser muffen lange schon die Identität dieser zwei Personen geahnt haben) schlug die Augen nieder, und schwieg eine lange Zeit. „Christian," sagte sie endlich in einem feierlichen Tone, „wenn meine Begriffe von Recht und Unrecht roh und unzusammenhängend sind, so liegt die Schuld für's Erste an dem wilden Feuer, das meine heimathliche Sonne meinen Adern mittheilte; nächstdem an meiner Kindheit, die ich unter dem Treiben, den Streichen und Künsten der Gaukler und Marktschreier zubrachte; und an einer Jugend voll List und Täuschung, nach der Art, die Ihr mir vorschriebt, wobei ich zwar Alles hören, aber mich Niemandem mittheilen sollte- Die letzte Ursache meiner Verirrungen, Christian, wenn es solche waren, liegt in Euch allein; durch Eure Jntriguen kam ich in das Haus jener Dame, und Ihr lehrtet mich, es sei meine erste große Pflicht auf Erden, meines Vaters Tod zu rächen; und ich sei verbunden, diejenige zu Haffen und zu beleidigen, von der ich gespeist oder gepflegt wurde. Ich glaube auch — denn ich will offen mit Euch sprechen — Ihr würdet nicht so leicht in dem Kinde, dessen erstaunliche Gewandtheit das Glück jenes Marktschreiers machte, Eure Nichte entdeckt, noch so leicht ihn bewogen haben, sich von seiner Sklavin zu trennen, hättet Ihr nicht, um Eurer eigenen Absichten willen, mich unter seine Aufsicht gegeben, und Euch das Recht Vorbehalten, mich zurück zu fordern, wann es Euch gefiele." „Ihr thut mir Unrecht, Zarah," sagte Christian — „ich fand Euch in einem außerordentlichen Grade fähig, das zur Rache des Todes Eures Vaters nöthige Unternehmen auszu- führen — ich weihte Euch demselben, so wie ich mein eignes Leben und meine Hoffnungen demselben weihete; und Ihr 5S8 hieltet die Pflicht für -eilig, bis diese thörichte Neigung zu einem Jüngling, der Eure Base liebt —" „Der — meine — Base — liebt," wiederholte Zarah langsam, und als wenn die Worte unbewußt ihren Lippen entschlüpften, „Gut — es mag so sein! Ich will Euch noch weiter folgen, aber nehmt Euch in Acht — plagt mich nicht mit Zurechtweisungen gegen den Schatz meiner geheimen Gedanken — ich meine die fast hoffnungslose Zuneigung zu Julian Pcveril — und braucht mich nicht als Gehülfin zu irgend einer Schlinge, die Ihr ihm legen wollt. Ihr und Euer Herzog werden die Stunde sehr bitter bereuen, in der Ihr mich aufreizt." „Ich kümmere mich nicht um diese Peverils," sagte Christian — „ich kümmere mich nicht einen Strohhalm um ihr Schicksal, außer in wiefern es das Schicksal der bestimmten Frau berührt, deren Hände roth sind von Eures Vaters Blut- Glaubt mir, ich kann das Schicksal dieser Frau und das der Peverile trennen. Ich will Euch später sagen, wie. Der Herzog mag unter den Leuten der Stadt für witzig, und un> ter den Soldaten für tapfer, und unter den Hofleuten für fein und gewandt gelten, warum aber solltet Ihr, bei seinem hohen Range und unermeßlichen Vermögen, eine Gelegenheit wegwerfen, die, da ich sie jetzt benutzen könnte —" „Sprecht davon nicht." sagte Zarah, „wenn Ihr unfern Waffenstillstand — bedenkt, cs ist kein Frieden — wenn Ihr, sag' ich, unfern Waffenstillstand nur eine Stunde lang dauern lassen wollt." „Dieß also," sagte Christian mit dem letzten Versuche auf die Eitelkeit des Mädchens — „dieß ist sie, welche sich einer solchen Ueberlegenheit über menschliche Leidenschaft rühmt, daß sie gleichgültig und ungerührt durch die Säle des Glücklichen, 599 und durch die Gefängnißzellcn des Gefangenen, ohne Bekanntschaft und unbekannt — weder an den Freuden des einen, noch an den Leiden des andern theilnehmend — wandeln könnte, mit sichern, doch stillen Schritten den einen zum Trotz, und von den andern unbemerkt, ihre eigenen Pläne verfolgend!" „Meine eigenen Pläne!" sagte Zarah — „Eure Pläne, Christian — Eure Pläne, den überfallenen Gefangenen Mittel abzuzwingen, um sic zu überführen — Eure eigenen Pläne, die Ihr mit Mächtiger», als Ihr selbst seid, schmiedet, die Geheimnisse der Menschen auszuforschen, um dieselben als Stoff zur Anklage zu gebrauchen, damit die große Täuschung der Nation aufrecht erhalten werde." „Ein solcher Beitritt wurde Euch freilich, als meiner Geschäftsführerin zu Theil, um eine große Nationalveränderung zu befördern," sagte Christian. „Aber welchen Gebrauch machtet J'hr davon? keinen andern, als Eure unsinnige Leidenschaft zu nähren." „Unsinnig!" sagte Zarah — „wäre der, an den ich mich wandte, weniger als unsinnig gewesen, er und ich wären damals weit entfernt von den Beunruhigungen geblieben, dir Ihr uns Beiden zuzoget. Ich hätte für Alles gesorgt; und wir hätten schon die Küsten Britanniens für immer aus dem Gesicht verloren." „Und der elende Zwerg vollends," sagte Christian — „war es Eurer würdig, das arme Geschöpf mit schmeichelnden Erscheinungen zu täuschen? — ihn mit Betäubungsmitteln einzuschläfern ? War das auch meine That?" „Er war mein auscrsehenes Werkzeug," sagte Zarah stolz. „Ich erinnerte mich Eurer Ermahnungen nur zu wohl, ihn nicht als solches zu gebrauchen. Doch verachtet ihn nicht zu sehr. Ich sage Euch, daß ich jenen Zwerg, mit dem ich im Gefängniß meinen Scherz trieb, — jene armselige Mißgeburt der Natur, eher zum Manne erwählen wollte, als Euren Buckingham heirathen; der eitle schwarze Zwerg hat doch das warme Herz und edle Gefühl, worein ein Mann seine höchste Ehre setzen sollte." „Nun so gehet in Gottes Namen Euren eigenen Weg," sagte Christian; „und um meinetwillen mag Niemand wieder einem Frauenzimmer den Gebrauch ihrer Zunge verbieten, weil er ihr es reichlich damit vergüten muß, daß er ihr das Vorrecht, nach ihrem eigenen Willen zu handeln, einräumt. Wer hätte es gedacht? Aber das Füllen hat den Zaum fahren lassen, und ich muß not-wendig folgen, da ich cs nun nicht leiten kann." Unsere Erzählung kehrt nun an den Hof des Königs Carl zu Whitehall zurück. Vierundvierzig st es Kapitel. Zu keiner Zeit seines Lebens, selbst als dieses in bedeutender Gefahr war, schien die natürliche Fröhlichkeit Carls mehr umwölkt zu sein, als da er auf die Zurückkunft Chif- finchs mit dem Herzog von Buckingham wartete- Sein Ge- müth empörte sich gegen den Gedanken, daß der Mann, gegen den er so besonders nachsichtig gewesen war, und den er zum Freunde seiner freieren Stunden und Unterhaltungen erwählt hatte, fähig gewesen sein sollte, sich mit einem Anschläge zu befassen, der, wie es schien, gegen seine Freiheit und sein Leben gerichtet war. Er verhörte den Zwerg mehr als einmal auf's Neue, konnte aber nichts mehr hcrausbringcn, als was seine erste Erzählung enthielt. Die Erscheinung des Frauenzimmers schilderte er mit solchen phantastischen und romantischen Farben, daß der König nicht umhin konnte, den Kopf des armen Mannes für verwirrt zu halten; und da in der Pauke und in den übrigen für das Corps der fremden Musiker des Herzogs hergebrachten Instrumenten nichts gefunden wurde, so nährte er einige Hoffnung, daß der ganze Plan entweder ein bloßer Scherz sein, oder der Gedanke einer wirklichen Verschwörung auf einem Jrrthum beruhen möchte. Während von außen mancherlei Gerüchte umherliefen, und ihr Gehalt von dem Könige und von den Edlen und Staatsmännern, mit denen er sich bei dieser Gelegenheit zu bcrathen gut fand, geprüft wurde, mischte sich eine allmählige Unruhe und Besorgniß in die Fröhlichkeit des Abends, und machte sie endlich verstummen. Alle bemerkten, daß etwas Ungewöhnliches vorging; und die ungewohnte Entfernung, in der sich Carl von seinen Gästen hielt, vermehrte den Mißmuth, und verrieth, daß etwas Ungewöhnliches den Geist des Königs in Bewegung setzte. So wurden die Spieltische verlassen — die Musik schwieg, oder fand keine Zuhörer — die jungen Herren hörten auf, den Damen Höflichkeiten zu sagen, und diese, sie zu erwarten; und eine furchtsame Neugierde verbreitete sich in der Gesellschaft. Die Einen fragten die Andern, warum sie so ernsthaft wären, ohne daß Antwort erfolgte. So war der Zustand des Hofes, als man draußen Räder raffeln hörte, und das entstehende Geräusch die Ankunft einer Person von Bedeutung ankündigte. 6»2 „Hier kommt Chiffinch," sagte der König, „mit seiner Beute in den Klauen." Es war wirklich der Herzog von Buckingham; auch nahetr er dem König nicht ohne innere Bewegung. Bei dem Eintritte in den Hof schimmerten die Wachsfackeln, welche um den Wagen herum getragen wurden, auf die Scharlachkleider, Treffenhüte und gezogenen Schwerter der Leibwache zu Pferde — ein ungewöhnlicher Anblick, der wohl einem Gewissen Schrecken einfagen konnte, das nicht das unbescholtenste war- Der König stand in der Mitte des Zimmers, umgeben von den Personen, mit denen er berathschlagt hatte. Der übrige Theil der glänzenden Gesellschaft sah, in Gruppen zerstreut, in einiger Entfernung zu. Alle schwiegen, als Buckingham eintrat, in Hoffnung, einige Auskunft über die Geheimnisse des Abends zu erhalten. Alle beugten sich vorwärts, ob ihnen gleich die Hoffftte verbot, sich zu nähern, um, wo möglich. Etwas aufzusangen, was zwischen dem Könige und dem Herzoge Vorgehen würde. Zu derselben Zeit zogen sich die Räthe, die um Carl standen, auf jeder Seite zurück, damit der Herzog Sr. Majestät in der üblichen Form seine Ehrfurcht bezeigen könnte- Er vollzog das Ceremoniell mit seiner gewohnten Anmuth, ward aber von Carl mit ungewohntem Ernste empfangen. „Wir haben lange auf Euch gewartet, Herr Herzog. Ich sehe, Ihr seid sehr sorgfältig gekleidet. Dieß war bei der gegenwärtigen Gelegenheit nicht nöthig. Wir wünschten Ew- Durchlaucht über die Bedeutung einer Maskerade zu befragen, welche Ihr uns hier geben wolltet, die aber, wie wir hören, mißlungen ist." „Sie muß in der That ganz mißlungen sein," sagte der Herzog, „weil Ew. Majestät, so ernsthaft dabei aussehen- Ich glaubte Ew. Majestät (da ich Euch immer -um Geschmack an solchen Unterhaltungen herablaffen gesehen habe) ein Vergnügen zu machen, aber ich fürchte, der Scherz ist nicht angenehm gewesen — ich fürchte, die Feuerwerke haben Unglück angerichtet." »Nicht das Unglück, zu dem sie vielleicht bestimmt waren,« sagte der König ernsthaft; „wie Ihr sehet, mein Herzog, sind wir Alle am Leben und unversengt.« „Lange mögen Ew- Majestät so bleiben," sagte der Herzog; „doch ich sehe, daß mir hier Etwas übel ausgelegt worden sein muß — es muß eine unverzeihliche, wenn auch noch so wenig beabsichtigte, Sache sein, weil sie einem so nachsichtsvollen Herrn mißfallen hat." „Einem zu nachsichtsvollen Herrn allerdings, Buckingham," erwiedcrte der König; „und die Frucht meiner Nachsicht ist gewesen, treu ergebene Männer in Verräther zu verwandeln." „Ew. Majestät, ich kann dieß nicht verstehen," sagte der Herzog. „Folgt uns, Herr Herzog," antwortete Carl, „und wir wollen Euch unsre Meinung zu erklären suchen.« Begleitet von den nämlichen Räthen, die um ihn standen, nebst dem Herzog von Buckingham, auf den alle Augen geheftet waren, begab sich Carl in dasselbe Kabinet, wo die wiederholten Berathschlagungen im Verlaufe dieses Abends waren gehalten worden. Hier lehnte er sich mit kreuzweise über einander geschlagenen Armen an den Rücken eines Armstuhls, und fing nun an, de» Verdächtigen zu verhören. „Laßt uns offen gegen einander sein. Redet frei, Buckingham. Mit einem Wort, was war cs für eine Unterhaltung, die Ihr uns diesen Abend zugedacht hattet?" 604 „Ein geringes Maskenspiel, Ew> Majestät. Ich hatte beschlossen, eine kleine Tänzerin aus dem Instrumente kommen zu lassen, die, wie ich glaubte, mit ihrer Geschicklichkeit Ew- Majestät vergnügt haben würde — auch waren einige chinesische Feuerwerke dabei. Ich hoffe, cs werden durch meinen übel ausgcdachten Scherz keine Perücken versengt — keine Damen erschreckt — keine Hoffnungen einer edlen Abkunft gestört worden sein?" „Wir haben keine solchen Feuerwerke gesehen, mein Herzog, und Eure Tänzerin, von der wir jetzt zum ersten Mal hören, kam in der Gestalt unsers alten Bekannten Gottfried Hudson hervor, bei dem die Tage des Tanzcns sicherlich zu Ende sind." „Euer Majestät setzen mich in Erstaunen!" Ich ersuche Euch, lasset nach Christian schicken. — So wahr ich lebe, Euer Majestät, ich trug ihm die Veranstaltung dieser Sache auf, da ihm wirklich die junge Tänzerin angehört. Wenn er Etwas zur Schändung meines Plans oder zur Beeinträchtigung meines Charakters gethan hat, so soll er unter Stockschlägen seinen Tod finden." „Es ist sonderbar," sagte der König, „und ich Hab' es oft bemerkt, daß dieser Christian die Schuld von den Verbrechen aller Menschen trägt — er spielt die Rolle, die in einer großen Familie gewöhnlich jener Unheil stiftenden Person, Niemand genannt, zugctheilt wird. Wenn Chiisinch Etwas versieht, schiebt er es allemal auf Christian. Wenn Sheffield ein Pasquill schreibt, so bin ich gewiß zu hören, daß es Christian verbessert, oder abgeschrieben, oder verbreitet habe — er ist der Sühnbock, der alle ihre Ungerechtigkeiten wegtragen soll; und er wird eine grausame Last in die Wüste zu tragen haben. Aber für Buckinghams Sünden insbesondere ist er der regelmäßige Bürge, und ich bin überzeugt, Euer Durchlaucht erwarten, Christian soll jede Buße leiden, in die er in dieser oder in der künftigen Welt verfallen ist." „Dieß ist nicht der Fall," erwiedcrte der Herzog mit der tiefsten Verbeugung. „Ich habe keine Hoffnung, durch Stellvertretung gehängt oder verdammt zu werden; aber es ist klar, es hat irgend Jemand sich an meinem Einfall vergriffen oder ihn verändert. Wenn ich wegen Etwas angeklagt werde, so lasset mich wenigstens die Beschuldigung hören und meinen Kläger sehen." „Das ist nicht mehr, als billig," sagte der König. „Bringt unfern kleinen Freund hinter dem Kaminschirm hervor." — Nachdem Hudson hervor geführt war, fuhr Carl fort. „Hier steht der Herzog von Buckingham. Wiederholt ihm, was Ihr uns erzählt habt. Laßt ihn hören, worin der Inhalt der Baßgeige bestand, dessen Stelle Ihr einnahmet, fürchtet Euch vor Niemanden, sondern sagt die Wahrheit dreist heraus." „Erlauben Euer Majestät," sagte Hudson, „Furcht ist Etwas, das ich nicht kenne." „Sein Körper hat keinen Raum für eine solche Leidenschaft, oder er ist zu klein, als daß er verdiente, für ihn besorgt zu sein," sagte Buckingham. — „Doch laßt ihn sprechen." Ehe Hudson seine Erzählung beendigt hatte, unterbrach ihn Buckingham mit dem Ausruf: „Ist cs möglich, daß ich bei Euer Majestät auf das Wort dieses armseligen Wichts in Verdacht komme?" „Schändlicher Lord, ich fordere Euch zum Zweikampf!" sagte der kleine Mann, hoch entrüstet über die ihm gegebene Benennung. „Ei ja, seht einmal an!" sprach der Herzog. — „Das kleine Thier ist ganz verrückt, und trotzt einem Mann, der 606 keine andre Waffe braucht, als eine große Stecknadel, um ihm die Lungen zu durchbohren, und der ihn mit einem einzigen Fußstoße ohne Jachtschiff oder Boot von Dover nach Calais schleudern könnte. Und zugegeben, daß die Sache nicht boshaft von ihm erfunden sei, was würde seine Aussage weiter bedeuten? Daß er Raketen und chinesische Schwärmer für Waffen angesehen hat! Er sagt nicht, daß er selbst sie ange- rührt oder in die Hand genommen habe; und, nach dem bloßen Anblick zu urtheilen, so frag' ich, ob das alte schwache Geschöpf, wann ihm eine Grille oder ein Vorurtheil den Schädel eingenommen hat, im Stande ist, eine Muskete von einer Blutwurst zu unterscheiden?" Das Geschrei, das der Zwerg bei diesem Spott erhob, und die Grimassen, mit denen er seine Erzählung zu bekräftigen suchte, reizten nicht nur den König, sondern auch die anwesenden Staatsmänner zum Lachen, und machten den Auftritt noch abenteuerlicher. Der König endigte diesen Streit, indem er den Zwerg hinweg zu bringen befahl. In diesem Augenblick wurden die beiden Peveril gemeldet, und in das königliche Audienzzimmer beschicken- Sie hatten den königlichen Befehl in einem höchst interessanten Augenblick erhalten. Nachdem sie von dem presbyte- rianischcn Aeltesten Bridgcnorth, auf die Art und unter den Bedingungen, welche die Leser aus der Unterredung des letztem mit Christian werden abgenommen haben, ihrer Haft waren entlassen worden, erreichten sie die Wohnung der Lady Peveril, welche sie mit einer Freude, in die sich Furcht und Ungewißheit mischten, erwartete. Die Nachricht von ihrer Befreiung hatte sic durch den treuen Launce erhalten; aber ihr Gemüth war seitdem durch ihr langes Außenbleiben und die Gerüchte von den auf der Fleetstraße und am Strand vorgefallenen Unruhen beängstigt worden. AIS das erste Entzücken des Wiederse-ens vorüber war, sagte Lady Peveril, mit einem unruhigen Blick auf ihren Sohn, als wenn sie ihm Borficht anempsöhle, daß sie nun im Begriff wäre, ihm die Tochter eines alten Freundes vorzustellcn, den er nie (sie legte einen Nachdruck auf dieses Wort) zuvor gesehen hätte. „Dieses junge Frauenzimmer," fuhr sie fort, „ist das einzige Kind des Oberst Mitford in Nord-Wales, der sie hieher geschickt hat, um einige Zeit unter meiner Aufsicht zu bleiben, da er sich selbst unfähig findet, ihre Erziehung zu übernehmen." »Ja, ja," sagte der Ritter Gottfried, „Richard Mitford muß nun alt sein — über die siebzig, sollt' ich glauben. Er war kein Jüngling mehr, als er mit zweihundert wilden Wallisern zum Marpuis von Hertford bei Namptwich stieß. — Bei Georg, Julian, ich liebe das Mädchen, als wenn sie mein eignes Fleisch und Blut wäre! Ohne sie würde Lady Peveril nie durch diese Noth hindurch gekommen sein; und Richard Mitford schickte mir noch dazu eintausend Pfund zu herrlicher Zeit, als es kaum ein Kreuz gab, den Teufel vom Tanzen in unfern Taschen abzuhalten, viel weniger für diese Gerichtssachen. Ich gebrauchte das Geld ohne Bedenken; denn es gibt Holz genug zu fällen in Martindale, wenn wir wieder dort sein werden, und Richard Mitford weiß, ich hätte dasselbe für ihn gethan. Sonderbar, daß er der einzige meiner Freunde sein mußte, der daran dachte, daß ich einige Pfund brauchen möchte." Während der Ritter Peveril sich so ausließ, erfolgte die Annäherung zwischen Alerien und Julian Peveril, ohne eine besondere Bemerkung von seiner Seile, ausgenommen, daß er sagte: „Küsse sie, Julian — küsse sie. — Was zum Teufel ist das die Manier, die du auf der Insel Man lerntest, dich einer Dame zu nähern, als wenn ihre Lippen ein glühendes Hufeisen wären? — Nehmet es nicht übel, meine Schöne; Julian ist von Natur schüchtern, und ist bei einer alten Dame auferzogen worden; aber Ihr werdet ihn in Kurzem so galant finden, als mich. — Und nun, Frau Pevcril, zum Mit- tagSeffen, zum Mittagseffen! — Der alte Fuchs muß sein Futter haben, obgleich die Hunde den ganzen Tag hinter ihm her gewesen sind." Launce besorgte ein einfaches, aber kräftiges Mahl aus der nächsten Garküche, und Julian saß dabei, wie ein Bezauberter, zwischen seiner Geliebten und seiner Mutter. Er begriff nun leicht, daß die letztere die vertraute Freundin war, welcher Bridgenorth am Ende die Aufsicht über seine Tochter übergeben hatte; und ihn beunruhigte jetzt nur noch die Störung, die er als wahrscheinlich bevorstehend befürchtete, sobald die wahre Verwandtschaft des Mädchens seinem Vater bekannt würde. Noch während des Mahls erschien ein Herr, der den Befehl des Königs brachte, daß der Ritter unverzüglich zur Audienz in Whitehall erscheinen und seinen Sohn mitbringen mochte- Lady Peveril war bestürzt, und Alexie erblaßte; aber der Ritter, der nie mehr sah, als was gerade vor ihm lag, schrieb den Befehl des Königs seinem unruhigen Verlangen zu, ihm zu seiner Befreiung Glück zu wünschen; eine Theilnahme von Seiten seiner Majestät, die er keineswegs für übertrieben ansah, weil er sich bewußt war, daß sie von seiner Seite gleichmäßig erwiedert wurde. Dieser Befehl kam ihm allerdings mit desto froherer Ueberraschung, da er, ehe er den Gerichts- Hof verließ, einen vorläufigen Wink erhalten hatte, daß er klüglich handeln würde, erst nach Martindale zu gehen, ehe er sich am Hofe vorstellte — eine Beschränkung, die er den Gesinnungen seiner Majestät eben so sehr, als seinen eigenen widerstreitend fand. Während er mit Launce über die Politur seines Ledergür- t:ls und seines Degengefäßes berathschlagte, hatte Lady Pe- veril Gelegenheit, Julian genauer davon zu unterrichten, daß Alerie in ihres Vaters Aufträge und mit Einwilligung in ihre Verbindung, wenn sie in's Werk gesetzt werden könnte, unter ihrer Aufsicht stände. Sie setzte hinzu, sie wäre entschlossen, die Vermittlung der Gräfin von Derby zu Hülfe zu nehmen, um die Schwierigkeiten zu besiegen, die sich von Seiten des Ritter Gottfrieds vorhersehen ließen- Fünfundvierzigstes Kapitel. Der alte Peveril blieb an der Thüre des königlichen Ca- binets stehen; als ihn aber der König näher treten hieß, warf er sich, mit jedem Gefühl, das in der Erinnerung seines früher» und spätem Lebens in ihm sich regte, vor dem König auf die Kniee, ergriff seine Hand, und brach in lautes Weinen aus. Carl, der überhaupt tief fühlte, so lange er einen rührenden Gegenstand vor Augen hatte, überließ für einen Augenblick den Greis seiner Entzückung. Dann sagte er aber: „Wackrer Ritter Gottfried, es haben Euch harte Umstände betroffen; wir sind Euch Entschädigung schuldig, und werden Gelegenheit finden, unsere Schuld zu bezahlen." Peveril. 39 „Kein Leiden, keine Schuld," sagte der Greis; „es bekümmerte mich nicht, was die Schurken von mir sagten; — ich wußte, sie konnten nie zwölf ehrliche Leute zusammenbringen, die ein Wort von ihren verdammten Lügen geglaubt hätten — aber eine so baldige Gelegenheit zu haben, Euer Majestät meine Ehrfurcht zu bezeigen, belohnt mich über Alles. Die Schurken wollten mich bereden, ich dürste nicht nach Hofe kommen — haha!" Der Herzog von Ormond bemerkte, daß sich der König stark entfärbte; denn in der That war vom Hofe aus dem Ritter Peveril der geheime Wink gegeben worden, auf's Land zu gehen, ohne in Whitehall zu erscheinen; und er argwöhnte Lberdieß, daß der muntre alte Ritter, nach den Beschwerden eines so unruhigen Tages, nicht ganz mit trockenem Munde von seinem Mittagstische aufgestanden sein möchte. „Mein alter Freund," flüsterte er ihm daher zu: „Ihr vergesset, daß Euer Sohn vorgestellt werden muß — wollt Ihr mir diese Ehre erlauben?" „Ich bitte Eure Durchlaucht dcmütbig um Verzeihung," sagte der Ritter; „aber das ist eine Ehre, die ich mir selber zueigne, da ich besorge, daß ihn Niemand dem Dienste seiner Majestät so völlig übergeben und überliefern kann, als der Vater, der ihn gezeugt hat, zu thun berechtigt ist. — Julian, tritt hervor, und kniee. — Hier ist er — erlauben Eure Majestät — Julian Peveril — ein Sprosse von dem alten Stamm, ein tüchtiger, doch kaum so starker Baum, als der alte Stamm, da er am frischesten war. Nehmt ihn auf, Eure Majestät, als einen treuen Diener, s venckrs ei ü penckre, wie die Franzosen sagen; wenn er Feuer oder Stahl, das Beil oder den Galgen, im Dienste Euer Majestät fürchtet, so entsage ich ihm — er ist dann nicht mein Sohn — ich verläugne ihn, 611 und er mag auf die Insel Man, die Insel der Hunde, oder die Insel der Teufel gehen; was kümmert es mich!" Carl winkte dem Herzoge von Ormond, und nachdem er mit seiner gewohnten Huld seine völlige Ueberzeugung versichert hatte, daß Julian die Dicnsttreue seiner Vorfahren und insbesondere seines Vaters, nachahmen würde, setzte er hinzu, er glaube, Ormond werde ihm etwas von Wichtigkeit für seinen Dienst mitzutheilen haben. Der Ritter Peveril machte seine militärische Verbeugung auf diesen Wink, und marschirte im Gefolge des Herzogs ab, welcher in Betreff der Begebenheiten des Tages mit ihm eine Untersuchung vornahm. Carl, der für's erste durch wenige Fragen sich überzeugt hatte, daß der Sohn nicht in derselben eraltirten Stimmung, wie der Vater, war, verlangte und empfing von ihm eine genaue Nachricht von allen auf das gerichtliche Verhör gefolgten Vorfällen. Julian erzählte mit der Offenheit und Genauigkeit, welche der Gegenstand, bei einer solchen Audienz verhandelt, erforderte, Alles, was sich, bis zu dem Eintritt bei Bridgenorth, zugetragen hatte; und seine Majestät war mit der Art und Weise seines Berichtes so sehr zufrieden, daß er Arlington Glück wünschte, zu diesen dunkeln und geheimnißvollen Begebenheiten das Zeugniß wenigstens eines verständigen Mannes gewonnen zu haben. Als aber Bridgenorth in der Erzählung auftreten sollte, trug Julian Bedenken, ihn namentlich anzuführen; und ob er gleich die Kapelle, die er mit bewaffneten Männern angefüllt gesehen, und die heftige Sprache des Predigers erwähnte, so setzte er doch mit Ernsthaftigkeit hinzu, daß, dessen allen ungeachtet, die Männer, ohne es zu einem Gewaltschritte kommen zu lassen, auseinander gingen, 39 °* 612 und alle den Ort verlassen hatten, eh' er und sein Vater in Freiheit gesetzt wurden. „Und Ihr ginget ruhig nach der Flectstraße zur Mittagsmahlzeit, junger Mann," sagte der König ernsthaft, „ohne einer obrigkeitlichen Behörde von der gefährlichen Versammlung Nachricht zu geben, die in der Nähe unsers Schlosses gehalten wurde, und ihre Absicht auf gewaltsame Maastregeln nicht verhehlte?" Der junge Peveril erröthete und schwieg. Der König runzelte die Stirne, und ging seitwärts, um sich mit Ormond zu besprechen, welcher ihm sagte, daß der Vater von der Sache nichts gewußt zu haben scheine. „Und der Sohn — es thut mir leid, es zu sagen," erwic- derte der König, „scheint weniger geneigt, die Wahrheit zu sagen, als ich erwartet hätte. Junger Mann," fuhr er, sich an Julian wendend, fort. „Euer Benehmen ist weniger offen, als ich von Eures Vaters Sohn erwartete. Ich muß wissen, wer dieser Mann ist, mit dem Ihr so vertrauten Umgang hattet. Ihr kennt Ihn doch?" Julian gestand, daß er ihn kenne, bat aber, auf ein Knie niederstnkend, seine Majestät um Verzeihung, daß er seinen Namen verschwiege. „Ich bin," sagte er, „unter dieser Bedingung meiner Haft entlassen worden " „Das war, nach Eurem Geständniß, ein erzwungenes Versprechen," antwortete der König, „und ich kann nicht genehmigen, daß Ihr es haltet; es ist Eure Pflicht, die Wahrheit zu sagen. — Fürchtet Ihr Euch vor Buckingham, so soll sich der Herzog entfernen." „Ich habe keinen Grund, den Herzog- von Buckingham zu fürchten," sagte Julian; „der Vorfall, den ich mit einem sei- 613 ner Diener hatte, war des Mannes eigene Schuld, und nicht die weinige." „Potz tausend!" sagte der König. „Nun sängt mir an, ein Licht aufzugehen — ich glaube, ich erinnere mich Eurer Physiognomie. — Wart Ihr nicht derselbe, den ich an jenem Morgen bei Chiffinch traf? — Die Sache ist mir seitdem entfallen; aber nun besinn' ich mich, Ihr sagtet damals, Ihr seid der Sohn jenes wackern Baronets dort." „Es ist wahr," sagte Julian, „daß ick Eure Majestät im Hause des Herrn Chiffinch traf, und ich bin bestürzt darüber, daß ich das Unglück hatte, Eurer Majestät Mißfallen zu erregen; aber —" „Nichts mehr davon, junger Mann — nichts mehr davon. — Aber ich besinne mich, Ihr hattet jene schöne tanzende Sirene bei Euch. — Buckingham, ich setze Gold gegen Silber, daß sie es war, die aus der Baßgeige herauskommen sollte?" „Eure Majestät haben recht gerathen," sagte der Herzog; „und ich vermuthe, sie hat mir einen Streich gespielt, und den Zwerg an ihre Stelle gesetzt; denn Christian glaubt —" „Verdammt sei Christian!" sagte der König hitzig — „ich wünschte, man brächte ihn her, den allgemeinen Schiedsrichter." — Während er noch sprach, meldete man Christian. „Laßt ihn seine Aufwartung machen," sagte der König. „Doch hört — mir fällt Etwas ein. — Sagt doch, Herr Pe- veril, ist jene Tänzerin nicht in Diensten der Gräfin von Derby?" „Als solche habe ich sie Jahre lang gekannt, Eure Majestät," antwortete Julian. „So wollen wir die Gräfin Herrufen," sagte der König. „Es ziemt sich, daß wir erfahren, wer diese kleine Fee eigent- 614 lich ist; und wenn sie jetzt so unbeschränkt dem Winke Buckinghams und dieses Herrn Christian zu Gebote steht — so denk' ich, es würde nur menschenfreundlich sein, die Gräfin davon wissen zu lassen, weil ich zweifle, daß sie in diesem Falle sie in ihrem Dienste wird behalten wollen. Zudem (fuhr er seitwärts sprechend fort) ist dieser Julian, der sich in diesen Sachen durch sein hartnäckiges Stillschweigen verdächtig macht, auch vom Hofstaate der Gräfin. Wir wollen diesen Dingen auf den Grund kommen, und Allen Gerechtigkeit widerfahren lassen." Die schleunig her beschiedene Gräfin von Derby kam zu einer Thür in das königliche Cabinet herein, gerade als Christian und Zarah, oder Fenella, zu der andern hereingeführt wurden. Der alte Ritter von Martindale, der noch früher in das Audienzkabinet zurückgekommen war, wurde kaum, selbst durch die Zeichen, die ihm die Gräfin gab, zurück gehalten; so sehr begierig war er, seine alte Freundin zu be- willkommen; als aber Ormond ihm freundlich die Hand auf den Arm legte, bewog er ihn still fitzen zu bleiben. Nach einer tiefen Verneigung vor dem Könige, bezeigte die Gräfin auch dem übrigen anwesenden hohen Adel ihre Aufmerksamkeit, lächelte gegen Julian Peveril, und blickte mit Ueberraschung auf die unerwartete Erscheinung Fenella's. Buckingham biß sich in die Lippe; denn er sah, daß die Einführung der Gräfin von Derby wahrscheinlich jede Vorbereitung, die er zu seiner Vertheidigung ausgedacht hatte, verwirren und zerstören würde, und warf einen verstohlenen Blick auf Christian, dessen Auge, als es auf die Gräfin geheftet war, dunkel flammte- »Ist Jemand in dieser Versammlung, den Euer Gnaden 615 wieder erkennen,« sagte der König huldreich, »außer Euren alten Freunden Ormond und Arlington?" „Ich sehe, mein gnädigster König, zwei würdige Freunde von der Familie meines Mannes," antwortete die Gräfin, »Ritter Gottfried Peveril und seinen Sohn; der Letztere war ein ausgezeichnetes Mitglied von dem Hofstaate meines Sohnes." »Sonst Niemand?" fuhr der König fort. „Ein unglückliches Mädchen meines Hauses, das von der Insel Man zu derselben Zeit verschwand, als Julian Peveril in wichtigen Geschäften abreiste. — Man glaubte, sie wäre von einer Klippe in die See gefallen." — „Hatten Euer Gnaden irgend einen Grund — verzeiht mir eine solche Frage —" sagte der König, — „eine unschickliche Vertraulichkeit zwischen Herrn Peveril und derselben jungen Person zu argwöhnen?" „Mein Fürst!" sagte die Gräfin, von Unwillen sich entfärbend, „mein Haus ist von gutem Ruf." „Nein, meine Gräfin, erzürnt Euch nicht," sagte der König ; „ich fragte nur, — solche Dinge fallen auch wohl in den besten Familien vor." „In der meinigen nicht, Sire," versetzte die Gräfin. „Ucberdicß ist Julian Peveril unfähig zu Verständnissen mit einem unglücklichen Geschöpf, das durch sein Unglück fast von der Menschheit geschieden ist." Zarah blickte sie an, und drückte die Lippen zusammen, als wollte sie die Worte, die sich hervordrängen wollten, zurückhalten. „Ich weiß nicht, wie es ist," sagte der König. — „Was Euer Gnaden sagen, kann in der Hauptsache wahr sein; doch hat der Geschmack sonderbare Launen. Dieß Mädchen ver- 616 liert sich von der Insel Man, sobald der Jüngling dieselbe verläßt, und wird im St. James-Park, hüpfend und tanzend wie eine Fee, gefunden, sobald er in London erscheint." „Unmöglich!" sagte die Gräfin; „fie kann nicht tanzen." „Ich vermuthe," sagte der König, „sie versteht sich auf noch mehr Künste, als Euer Gnaden wissen, oder gut heißen würden." Die Gräfin richtete sich empor, und schwieg voll Unwillen. Der König fuhr fort: „Kaum ist Peveril in Newgate, als, nach der Angabe des ehrwürdigen kleinen Herrn, dicß lustige Mädchen sogar da sich befindet. Nun, ohne zu untersuchen, wie sie da hereinkam, glaube ich doch menschenfreundlich, daß sie einen bessern Geschmack hatte, als des Zwergs wegen dahin zu kommen. — Aha! Ich glaube Herrn Julian hat das Gewissen gerührt!" Julian stutzte wirklich, während der König sprach; denn ihm fielen die mitternächtlichen Besuche in seiner Zelle ein- Der König sah ihn scharf an, und fuhr dann fort: „Nun wohl, meine Herren, Peveril wird zu seinem Verhör gebracht, und ist kaum in Freiheit, als wir ihn in dem Hause finden, wo der Herzog von Buckingham seine sogenannte Maskerade veranstaltete. — Wahrhaftig, ich halte es fast für gewiß, daß dieß Mädchen Seiner Durchlaucht den Streich spielte, und den armen Zwerg in die Baßgeige steckte, um unterdessen die Zeit bei Herrn Julian Peveril zuzubringen. — Meint Ihr nicht so, Herr Christian? Ist etwas Wahres an meiner Ver- muthung?" Christian warf einen verstohlenen Blick auf Zarah, und las etwas in ihrem Auge, das ihn verlegen machte. „Er wisse es nicht," sagte er; „er habe allerdings diese unver- 617 gleichlichc Tänzerin angestellt, die vorgefchlagene Rolle bei dem Maskcnspiel zu übernehmen; und sie habe mitten unter einem Schauer von flammenden, und sehr künstlich mit Räucherwerk zur Dämpfung des Pulvergeruchs verbundenen Feuer Hervorkommen sollen; aber sie habe, er wisse nicht, warum — ausgenommen, weil sie sehr eigensinnig und launisch sei — gewiß den Plan durch Unterschiebung des korpulenteren Zwergs verdorben." »Es wäre mir lieb," sagte der König, „dieß kleine Mädchen hervortreten, und ans die Art, wie sie sich auszudrücken vermag, über diese räthselhafte Sache Zcugniß oblegen zu sehen. Versteht sich hier Jemand auf ihre Zeichensprache?" Chiffinch antwortete, er wüßte Etwas davon, seitdem er mit ihr in London bekannt geworden wäre. Die Gräfin sprach nicht, bis sie der König fragte, und erklärte dann trocken, daß sie nothwendig gewisse Mittel zur Mittheilung gegen ein Mädchen habe, das so viele Jahre unmittelbar um ihre Person gewesen sei. „Ich sollte meinen," sagte Carl, „daß eben dieser Herr Julian Peveril, nach Allem, was wir gehört haben, den nähern Schlüssel zu ihrer Sprache haben müßte." Der König sah erst Peveril an, der über die in des Königs Bemerkung liegende Folgerung wie ein Mädchen errö- thetc; dann wandte er seine Augen schnell auf die vorgebliche Stumme, auf deren Wange eine schwache Farbe verflog. Einen Augenblick darauf trat Fenella oder Zarah, auf ein Zeichen der Gräfin, hervor, und nachdem fie knieend die Hand ihrer Gebieterin geküßt hatte, stand sie da mit über die Brust geschlagenen Armen, und mit einer demüthigen Miene, die von der, welche sie im Harem des Herzogs von Buckingham hatte, eben so verschieden war, als die Miene einer Magdalene von der einer Judith. Doch war Ließ die geringste Probe von ihrem Talent zur Gewandtheit, denn sie spielte die Nolle des stummen Mädchens so gut, daß Buckingham bei allem seinem Scharfblick unentschieden blieb, ob das vor ihm stehende Wesen dasselbe sein könnte, das, in einer andern Tracht, einen so tiefen Eindruck auf seine Einbildungskraft gemacht hatte, oder ob sie wirklich das unvollkommene Geschöpf wäre, welches sie jetzt vorstelltc. Sie hatte auf einmal Alles an sich, was den Mangel des Gehörs bezeichnen, und Alles, was die wunderbare Geschicklichkeit zeigen konnte, mit der die Natur so oft den Mangel vergütet. Nach ihrer eigenen Weise befragt, bestätigte Zarah Christians Erzählung in allen Stücken, und gab zu, daß sie den Plan zu einem Maskenspiel durch Unterschieben des Zwergs gestört hatte; die Ursache dieser That aber anzugeben, weigerte sie sich, und die Gräfin drang nicht weiter in sie. „Alles," sagte Carl, „spricht den Herzog von Buckingham von so einer abgeschmackten Beschuldigung frei; das Zeug- niß des Zwergs ist zu fantastisch, und das der beiden Pe- veril's trifft den Herzog nicht im Geringsten; das des stummen Mädchens widerspricht völlig der Möglichkeit seiner Schuld. Mich dünkt, meine Herren Geheimenräthe, wir sollten ihm zu erkennen geben, daß er von einer Beschwerde freigesprochen wird, die zu lächerlich ist, um je eine ernsthaftere Untersuchung zu verdienen, als wir in der Eile bei dieser Gelegenheit angestellt haben " Arlington drückte mit einer Verbeugung seine Genehmigung aus. Ormond aber sprach offen: „Euer Majestät, ich würde in der Meinung des Herzogs von Buckingham, bei seinen bekannten glänzenden Talenten, herabsinken, wenn ich 619 sagte, daß ich in meinem Herzen von dieser Sache völlig überzeugt wäre; ich unterwerfe mich dem Geist der Zeiten, und ich räume ein, es würde höchst gefährlich sein, auf solche Anklagen, als wir zu sammeln im Stande gewesen sind, den Charakter eines so eifrigen Protestanten, als Seine Durchlaucht ist, in Anspruch zu nehmen. — War' er ein Katholik gewesen, unter solchen verdächtigen Umständen würde der Tower noch ein zu gutes Gefängniß für ihn gewesen sein." Buckingham verbeugte sich gegen den Herzog von Ormond, mit einer Bedeutung, die selbst sein Triumph nicht verbergen konnte. — „In me Io paxberm *)!" murmelteer in einem Tone tiefer und unauslöschlicher Empfindlichkeit; aber der alte wackere Irländer, der schon seinem höchsten Ingrimm Trotz geboten hatte, bekümmerte sich wenig um diese Acußerung seines Unwillens. Der König, der nun den andern Edelleuten einen Wink gab, sich in die Gesellschaftszimmer zu verfügen, hielt den Herzog von Buckingham auf, als er ihnen folgen wollte, und als sie allein waren, fragte er ihn in einem bedeutenden Tone, der dem Herzog alles Blut in's Gesicht trieb: „Wann war es, Georg, da Euer brauchbarer Freund, Oberst Blood, ein Musikus wurde? — Ihr schweigt?" fuhr er fort, „läug- net den Vorwurf nicht ab, denn jenen Schurken vergißt man nie, wenn man ihn einmal gesehen hat. Nieder auf die Knice, Georg, und gesteht nur, Ihr habt mein nachgiebiges Temperament mißbraucht. — Sucht keine Entschuldigung, — keine wird Euch zu Gute kommen. Ich sah den Mann selbst unter jenen Deutschen, wie Ihr sie nennt, und Ihr wißt, was ich nothwendig von einem solchen Umstande glauben muß." „Glaubt Ihr, daß ich schuldig gewesen bin, — höchst strafbar mein Fürst und mein König," sagte der Herzog, im Gewissen gerührt niederknieend; — „glaubt, daß ich irre geleitet, — daß ich wahnsinnig war, — glaubet Alles und Jedes, nur nicht, daß ich fähig war, oder als Mitschuldiger Mitwirken konnte, Eurer Person ein Leid zuzufügen." ') Du sollst mir dafür büßen. 620 »Ich glaube eZ nicht," sagte der König, „ich gedenke Eurer als des Gefährten meiner Gefahren und meiner Verbannung, und bin so weit entfernt, zu glauben, daß Ihr es schlechter meint, als Ihr sagt, daß ich vielmehr überzeugt bin, Ihr gesteht mehr, als Ihr zu unternehmen je gesonnen wäret" „Bei Allem, was heilig ist," sagte der Herzog, noch knieend, ,,wär' ich nicht, bis auf Leben und Vermögen, mit dem niederträchtigen Christian verwickelt worden —" „Nein, wenn Ihr wieder Christian auf die Buhne dringt," sagte der König lächelnd, „so ist es für mich Zeit, mich zu entfernen. Wohlan, Villiers, steht auf, ich vergebe Euch, und empfehle Euch bloß eine Handlung der Buße, — Heirath, und Zurückziehung auf Euren Landsitz." Der Herzog stand beschämt auf, und folgte dem König zur Gesellschaft, bei welcher Carl, an die Schulter des reuigen Herzogs sich lehnend, eintrat, und ihm so viel Huld bewies, daß die schärfsten anwesenden Beobachter zu zweifeln geneigt wurden, ob es irgend einen wirklichen Grund zum Argwohn gegen Len Herzog habe geben können. Die Gräfin von Derby hatte sich unterdessen mit dem Herzog von Ormond, mit den beiden Peveril's, und mit ihren andern Freunden besprochen, und wurde durch einmü- thigen Ausspruch, obgleich mit beträchtlicher Schwierigkeit überzeugt, daß es zur Ehrenrettung ihres Hauses hinlänglich wäre, sich selbst so am Hofe gezeigt zu haben, und daß cS, nachdem sie dieß gethan, ihre weiseste Maaßregel sein würde, sich nach ihren Besitzungen auf der Insel zurückzuziehen, ohne die Empfindlichkeit einer mächtigen Partei ferner zu reizen. Sie nahm in gehöriger Form vom Könige Abschied, und bat um seine Erlaubniß, das hülflose Geschöpf mitzunehmen, das so seltsam aus ihrem schütze in eine Welt entwichen war, wo ihr Zustand sie jeder Art von Mißgeschick aussetzte. »Wollen Euer Gnaden mir verzeihen?" sagte Carl. „Ich habe Euer Geschlecht lange studirt, — ich müßte mich irren, wenn das Mädchen nicht eben so wohl fähig wäre, für sich selbst zu sorgen, als irgend Eins von uns." „Unmöglich!" sagte die Gräfin. »Möglich und sehr wahr," flüsterte der König. „Ich will 621 Euch den Augenblick von der Thatsache überführen, wiewohl der Versuch zu delikat ist, um von irgend Jemanden, außer Euer Gnaden, angestellt zu werden. Dort steht sie, und sicht aus, als wenn sie eben so wenig hörte, als der Marmor- Pfeiler, an den sie sich lehnt. Nun, wenn Ihr versuchen wollt, entweder Eure Hand an die Gegend des Herzens oder wenigstens an den Arm des Mädchens zu legen, so daß Ihr die Bewegung des Blutes fühlen könnt, wenn der Puls zunimmt, so winkt dem Herzog von Ormond, Julian Peveril solle sich entfernen, — und ich will Euch im Augenblick zeigen, daß sich ihr Puls auf gesprochene Laute regen kann." Die Gräfin, sehr befremdet und besorgt vor einem beunruhigenden Scherz von Seiten Carl'S, doch unvermögend, ihre Neugierde zu unterdrücken, stellte sich zu Fenella, wie sie ihre kleine Stumme nannte, und versuchte, indem sie ihr Zeichen gab, ihr die Hand an ihren Handknöchel zu legen. In diesem Augenblicke kam der König zu ihnen, und sagte: „Es ist eine gräßliche That geschehen, - der Bösewicht Christian hat den jungen Peveril ersiochen!" Das stumme Zeugniß des Pulses, der so heftig schlug, als wäre eine Kanone am Ohr des armen Mädchens gelöset worden, begleitete ein so lauter Schrei des Entsetzens, daß der gutmüthige Monarch selbst darüber erschrak, und zum Mitleiden gerührt, ausrief: „Ich scherzte bloß, Julian befindet sich wohl, mein schönes Mädchen. Ich gebrauchte nur den Zauberstab einer gewissen blinden Gottheit, Cupido genannt, um einer tauben und siummen Untergebenen seiner Herrschaft den Gebrauch ihrer Fähigkeiten wieder zu verschaffen." „Ich bin verratheu," sagte sie mit niederwärts geheftetem Blick, „ich bin verrathen! — Und es ist Recht, daß die in ihren eigenen Schlingen gefangen wird, die ihr Leben dem Verrathe Anderer widmete. — Aber wo ist mein Lehrer in der Ungerechtigkeit? — Wo ist Christian, der mich die Rolle einer Kundschafterin bei dieser arglosen Dame spielen lehrte, bis ich sie beinahe in seine blutigen Hände überliefert hätte?" „Dieß bedarf," sagte der König, „einer geheimeren Untersuchung. Laßt Alle, die nicht unmittelbar in diese Sache verwickelt sind, sich aus dem Zimmer entfernen, und Christian wieder vor uns bringen. — Elender Mensch!" fuhr er 622 gegen Christian fort, — „was für Betrügereien sind es, die Ihr gespielt habt, und mit welchen außerordentlichen Mitteln" — „Sie hat mich also verrathen?" sagte Christian, — ver- rathen mich, bis zum Kerker und Tode, und bloß wegen einer eitlen Leidenschaft, die nie befriedigt werden kann! — Aber wisse, Zarah," setzte er, mit finsterm Ernst sie anredend, hinzu: „Wenn mein Leben durch dein Zeugniß verwirkt wird, so hat die Tochter den Vater gemordet." Das unglückliche Mädchen starrte ihn mit Erstaunen an. „Ihr sagtet," stammelte sie endlich heraus, „ich sei die Tochter Eures Hingerichteten Bruders." „Dieß geschah zum Theil, um dich für die Rolle zu gewinnen, die du in meinem angelegten Drama der Rache spielen solltest — zum Theil, um das zu verbergen, was die Menschen die Schande deiner Geburt nennen. Aber meine Tochter bist du! und aus dem morgenländischcn Himmelsstriche, unter dem deine Mutter geboren war, Hast du den wilden Strom der Leidenschaft, den ich nach meinen Abfichten zu lenken suchte, der aber, in einen andern Kanal geleitet, deinen Vater zum Verderben geführt hat. — Meine Bestimmung wird vermuthlich der Tower sein?" Er sprach diese Worte mit großer Gelassenheit, und schien kaum die Beängstigung seiner Tochter zu achten, die sich ihm zu Füßen geworfen hatte, und höchst bitterlich weinte und schluchzte. „Dieß darf nicht sein," sagte der König, von dieser traurigen Scene zum Mitleid erweicht. „Wenn Ihr es zufrieden seid, Cbristian, dieß Land zu verlassen, so liegt ein Schiff im Flusse bereit, nach Neu-England abzugeben. — Geht, bringt Eure schwarzen Ränke in andre Länder." „Ich könnte den Urtheilsspruch bestreiten," sagte Christian dreist; „und wenn ich mich ihm unterwerfe, so geschieht es aus eigener freier Wahl. — Eine halbe Stunde hätte mich mit jener stolzen Frau ausgeglichen, aber das Schicksal hat der Wage wider mich den Ausschlag gegeben. — Steh' auf, Zarah, nicht mehr Fenella! Sage der Gräfin von Derby, daß, wenn Eduard Christians Tochter, die Nichte ihres ermordeten Schlachtopfers, ihr als Dienstbote diente, es nur aus Absicht auf Rache geschah, die so jämmerlich, so jämmerlich vereitelt ist. — Nun siehst du deine Thorheit — du wolltest jenem undankbaren Lassen folgen — alle andern Gedanken fahren lassen, um auch nur die geringste Aufmerksamkeit bei ihm zu gewinnen; und nun bist du ein verlorner Wegwurf, verlacht und beschimpft von denen, welchen du auf den Nacken hättest treten können, wenn du dich mit mehr Klugheit benommen hättest! — Aber komm, du bist doch meine Tochter — cs gibt noch andre Himmel, als den, welcher sich über Britannien wölbt." „Haltet ihn zurück," sagte der König, „wir müssen wissen, auf welche Art dieß Mädchen zu jenen Gefangenen in unserm Gefängniß Zugang fand." „Ich verweise Ew. Majestät an Euren protestantischen Kerkermeister und an die protestantischen Pairs, die, um von der Tiefe des papistischen Complots vollkommene Kenntniß zu erlangen, diese künstlichen Oeffnungen erfanden, damit die Gefangenen bei Nacht oder bei Tage besucht werden könnten. Seine Durchlaucht der Herzog von Buckingham kann Ew. Majestät deistehen, wenn Ihr geneigt seid, die Untersuchung anzustellen." „Christian," sagte der Herzog, „Ihr seid der unverschämteste Schurke von der Welt." „Unter den Bürgerlichen kann ich's sein," antwortete Christian, und führte seine Tochter hinaus. „Gebt auf ihn Acht, Selby," sagte der König; „verliert ihn nicht aus dem Gesicht, bis die Schiffe absegeln; er soll es nur auf eigne Gefahr wagen, nach Britannien zurückzukommen. Wollte Gott, wir würden auch so gut alle andere eben so gefährliche Menschen los! Und ich wünschte auch," setzte er nach einer kurzen Pause hinzu, „daß alle unsre politischen Jntriguen und fieberhaften Beunruhigungen eben so harmlos als jetzt aufhörten. Hier ist ein Complot, ohne einen Tropfen Blut, und hier sind alle Bestandtheile eines Romans, ohne seinen Schluß. Hier haben wir eine herum- irrende Jnselfürstin (ich bitte meine Gräfin von Derby um Verzeihung), einen Zwerg, eine Zauberin aus dem Mohrcnlande, einen unbußfertigen Schurken, und einen reuigen Adeligen gehabt, und doch endigt Alles ohne Strang oder Heirath." 624 „Nicht ganz ohne die letztere," sagte die Gräfin, welche während des Abends zu geheimer Unterredung mit Julian Peveril Gelegenheit gehabt hatte. „Ein gewisser Major Brid- gcnorth, der, weil Ihre Majestät, fernere Untersuchungen über diese Umstände aufgeben, die er außerdem abzuwarten gesonnen war, wie wir hören, England für immer zu verlassen beschlossen, hat kraft des Gesetzes das Eigenthumsrecht über die alten Erbgüter Peveril's erlangt, welche er den Besitzern, nebst andern vielen schönen Ländereien, unter der Bedingung zurückzugeben wünscht, daß unser Julian sie als Heirathsgut seines einzigen Kindes annehmen will." „Bei meiner Treue," sagte der König, „sie muß eine schlechte Dirne sein, wenn Julian sie unter solchen schönen Bedingungen anzunehmen genöthigt werden muß." „Sie lieben einander wie Liebende der neuesten Zeit," sagte die Gräfin, „aber der tapfere alte Ritter will nichts von der Verbindung mit einer Puritanerin wissen." „Unsre königliche Empfehlung soll das schon in Ordnung bringen," sagte der König; Ritter Gottfried Peveril würde nicht so oft auf unfern Befehl Beschwerden übernommen haben, um jetzt unsre Anempfehlung auszuschlagen, wenn sie kommt, um ihn für allen seinen Verlust zu entschädigen." Wenige Wochen nachher läuteten die Glocken von Mar- tindale-Moultrasfie zur Verbindung der Familien, von deren Gütern dieser zusammengesetzte Name herstammt; das Feuer des LeuchtthurmS des Schlosses loderte hoch über Hügel und Thal, und ermunterte zur Freude alle Nachbarn des Umkreises. Druck der C, Hoffmann'scheu Officin in Stuttgart.