^ 398
Postsäulc angehefteten Nathsbefchle: daß künftig keine Her-rinnen und Fräulein in Tentlingen herrschen, kon-tern nur Frauen und Jungfrauen bescheiden wan-deln sollten. —
Auf Ansuchen des Stadtraths hatte der Amtmann denLandsturm seines Gebiets zu Roß und Fuß cinrucken las-sen, um die Weiber, wenn sie etwa auf's neue Sturmlaufen wollten, im Zaume zu halten. Ein tüchtiger, ge-setzter Forsibedientcr befehligte die Reiterei; der Feldhaupt-mann des Fußvolks hingegen war ein vorwitziger undüberthätiger Schulmeister, der sich mächtig in die Brustwarf, entsetzlich viel Worte machte, und nicht anshörcnkonnte, sein ungelenkes und widcrspänstigcS Häuflein zuordnen und zu richten.
Zur Abwechselung gab er auch einen lebendigen Beweis,wie leicht cs damals war, jemand in den Verdacht un-vaterländischer Gesinnungen zu bringen.
Es lief ein ältlicher, hagerer Mann, den ich MagisterGünther nennen hörte, schnell und scheu über den Markt.Er war mit einem verwitterten lederfarbcncu Nocke beklei-det, trug einen platten Hut unter dem Arme, und einenUngeheuern Haarbcutcl an seinem kahlen Kopfe. „Seht,der ist französisch gesinnt; er trägt einen Haarbcutcl!"sagte der naseweise Schulmeister zu einigen herumschwär-mcnden Straßenjungen. Sogleich verfolgte die Rotte denfliehenden Magister und schrie: „Haarbcutcl - Günther!Französisch-Gesinnter!" Er fuhr in ein Haus, erschien balddarauf an einem Dachfenster, warf den Haarbcutcl aufdie Straße und rief: „Da, ihr Belialskindcr! da zerreißtden Franzosen!" — Und das geschah auch sofort.
- Indessen hatte die Glocke schon lange eilf geschlagen,und die Feierlichkeit am Pranger verzog sich noch immer.