A. F. E. Langbein's Neue Auflage in zwölf Bänden. Zwölfter Band enthält: Schwäir?e. — Mährchen und Erzählungen. Mit sechs Stahlstichen. - -- Stuttgart: Verlag von Scheible, Uieger sl Sattler. 1847. S ch wank e. Dier bring' ich Dir zum Meßgeschenke Ein Büchclchen voll Nänk' und Schwänke. Ich geb' cs mit Bescheidenheit, Wie ihren Scherf die Wittwe brachte, Weil ich's für eine Kleinigkeit, Die kaum des Nehmens wcrth ist, achte. Darf meine Mährchenmusc gleich Zu Dir sich unentschuldigt wagen, So kann im hcil'gcn, deutschen Reich Doch mancher weise Mund sie fragen: Warum sie nicht was Klügcr's sang? In diesem Falle mag sie sagen: 6 >§o- „Gelingt mir's nur ein Stündchen lang, Ein Menschenantlitz von den Falten Des Mißwuchs frei und rein zu halten, Schon dann ist hoffentlich mein Gang Jn's Publikum nicht ganz zu schelten." — Was meinst Du, wird das Schutzwort gelten? Langbein. Die schöne Jägerin. ^^in Weibchen, wie ich mir wünschte, war die Frau eines Försters. Jugend, Schönheit und Treue schmückten sie. Man wende mir nicht ein, daß es in dem Dörfchen, wo sie einsam blühte, vielleicht nur an Gelegenheit zur Untreue gefehlt habe. Nichts weniger. Ein glänzender Irrwisch suchte sic vom Wege der Tugend abzulocken; eine hohe Standesperso» des Orts — der Herr Schulmeister Niklas — machte ihr den Hof. Kau», flog der Jugend wilde Schaar, Gleich Wespen, aus der Schule, Sich, da verjüngte, wie ein Aar, Sich schnell der alte Buhle. Er fegte seinen Bratenrock Und langte vom Perückcnstock Die Königin der Atzeln. Zwar glich er, lang und klapperdürr, Schier einem Windmühlflügel, Doch fand er sich, wenn dieß Geschirr Ihm anflag, schön im Spiegel. Und so trieb ihn tagein tagaus Der Liebesgott ins Jägerhaus, Den Stutzer dort zu spielen. 8 Umsonst! — von ihm das Abc Dcr Liebe zu erlernen, Vermochte nicht der Atzel Schnee, Das Weibchen nnzukörnen. Auch nicht die rnbenschivnrze Nacht DeS Kleides, mit der Sternenprachr Dcr glasgeschliffnen Knöpflein, Die tugendsame Jägerin gab ihm oft mit Höflichkeit zu verstehen, daß er bei ihr vergebens seufze. Dennoch schliff er durch unzählige Visiten seine Storchbeine schier eben so ab, wie sich der Windhund des Herrn von Münchhausen, lügenhaften Andenkens, zu einem Dachs hcrunter- gelaufcn hatte. Die Neuigkcitskrämcr des Dorfs fingen schon an, die Augen aufzureißen und die Ohren zu spitzen; die schöne Jägerin sah aber kaum das böse Gesindel auf ihren guten Namen lauern, als sie sich entschloß, die Herzcnsbefähdungcn des Ritters von der Stutzperücke, Welche die Klatschunion gegen sie aufgeregt hatten, ihrem Manne zu klagen. „Der verdammte Schwarzkittel!" sagte der Förster, der ein lustiger .Kumpan war. „Ich könnte," fuhr er fort, „mein Hausrecht brauchen und den ungebetenen Gast die Treppe hinabwerfen; aber diese Methode ist mir zu alt. So leicht soll mir der Bursche gar nicht wegkommen; ich will mir eine ganz fnnkelncue Manier, ihn los zu werden, erdenken, und auch dabei für uns sorgen, daß wir auf seine Unkosten lachen können. Laß mir nur einen Augenblick Zeit!" Nachdem er sein Stübchen einige Minuten lang sinnend durchstrichen hatte, war der Plan zn einer schnurrigen Abfertigung des Schulmeisters fertig und wurde mit großem Jubel der treuen Hausfrau mitgetheilt. Ich verschweig ihn aber meinen Lesern, um cs nicht wie die Prinzipale herumzichender Schauspiclerhorden zu machen, die auf ihren Komödienzetteln den Inhalt des angckündigten Stücks ausposannen. Die schöne Jägerin suchte zwar die Nolle, die sie bei diesem Poffenspicl übernehmen sollte, von sich abzulehncn; da aber ihr Männchen darauf bestand, so war sie nach- gebender, als cs manche eitle Aktrice in ähnlichen Fällen ist. Nach geschehener Verabredung ging der Förster gegen Abend in den Wald. Der schwarze Ritter kam, wie gewöhnlich, und ließ seine Belagerungs-Artillerie spielen. Dießmal thaten die Bomben seiner Seufzer erstaunliche Wirkung. Das bestürmte Herz zeigte sich zur Ucbcrgabe geneigt. Wie cs sich mit ihm über die Kapitulations- Punkte vereinigte, wollen wir hören. Förster in. Keine Vorwürfe weiter, lieber Herr Niklas! Ich mache mir sie selbst, und gestehe, daß ich Sie bisweilen etwas unfreundlich behandelt habe. Allein das 'eifersüchtige Aufpasscn meines Mannes, vor dem ich keine Stunde sicher war, zwang mich dazu. Morgen habe ich endlich einen ganz freien Tag. Mein gestrenger Herr geht auf eine Jagd, von der er schlechterdings vor Mitternacht nicht zurückkommcn kann. Diese schöne Gelegenheit will ich nutzen, Alles wieder gut bei Ihnen zu machen. Niklas. Englisches Weibchen, diese holden Worte heben mich zu den Sternen empor! Förste rin. Ei, bleiben Sie hübsch auf der Erde, damit Sic morgen Mittag mein Gast sepn können. Soll ich die Ehre haben ? Niklas. Wer könnte die Einladung zu einem Götter- mahl abschlagcn? Ja, ich komme, komme gewiß, und wenn das ganze Consistorium sich mir in den Weg stellte, Förste rin. Sic werden dock nichts versäumen, und sich Verdruß machen? Niklas. Zärtliche Bcsorgniß! — Nein, ich habe Zeit und Muse, den glücklichsten Tag meines Lebens zu feiern. Die wohlthätigen Hundstage entbinden mich der Pflicht, meine barfüßigen Unterthancn mit dem Birkensccptcr zu regieren. Forst er in. Das paßt ja vortrefflich! Niklas. Möchten doch unsere Herzen immer so harmo- nirt haben! Möchten sie — Försterin (emüille»d>. Sagen Sie mir die schönen Sachen morgen! Ich befürchte jeden Augenblick die Rückkunft meines Mannes. Niklas. Uh! da muß ich meine Wenigkeit den neidischen Argusaugcn entrücken. Gute Nacht, Blume des Himmels! Im Frcutentaumel, der ke nah' , Dem besten Weinrauich ähnlich sah, Der Abc-Professor nun Nach Hanse rrollc, um auSzuruhn. Allein der Schlaf, der liebe Gast, Kam nicht in seinen Holzvalast; Im Bett sich kugelnd, wie ein Ball, Vernahm cr jeden Glockenschall, Und dreht' er wo die Augen hin, Da stand die schöne Jägerin. Er warf des Armes Angel frisch Zwar ans nach diesem schmucken Fisch, Doch hascht' er Luft; und fing er viel, So war'S sein Deckbett oder Pfühl; Die küßt' er dann ganz licvetvll, Daß eS durch'S halbe Dorf erscholl. ^ 11 Bis an den Hellen Morgen wälzte er sich so in dem Feuerofen scincr Brunst. Nie sah er den Aufgang der Sonne mit größerem Entzücken, als heute, da sie die so lang ersehnte Schäftrstuude beleuchten sollte. Er that einen freudigen Bogcnsprung aus dem Bette, und ließ seinen ganzen Leichnam von der Fußsohle bis zum Scheitel eine strenge Musterung passircn. Wo er nur die häßliche Natur durch Kunst verschönern konnte, wandte er eisernen Fleiß an. Der ganze Vormittag ward der Toilette gewidmet. Jetzt schlug die Glocke zwölf, und ehe noch ihr Ton ganz verhallte, erschien der adonisirte Pedant mit dem zierlichste» Kratzfuß, der je einem Schulmeister geglückt ist, vor der schönen Jägerin. Ein kleiner Tisch, drei Svannen breit, Stand schon zum Liebesschmauö bereit; Hier mußte, zum Vergnügen DeS GasteS, Knie an Kme Und Fuß an Fuß sich schmiegen. Verliebter, als jetzt er, mar nie Ein barr'ger Mann der Ziegen. Recht gcflissen vermehrte er noch die Feuersbrunst, die in seinen Adern wüthete, indem er mit geschäftiger Hand Oel des Weins hinein goß. Sie »ahm dadurch so überhand, daß sie die Schranken der Bescheidenheit bis auf den Grund verzehrte. Der bisher platonische Liebhaber verwandelte sich in einen wollüstigen Faun, und muthete seiner schönen Wirthin mit dürren Worten an, ein wenig Mittagsruhe mit ihm auf dem Bette zu halten. Zu einer andern Zeit würde sie sehr barsch geantwortet haben; jetzt aber verfuhr sie aus guten Gründen säuberlicher mit dem alten Knaben. Sie suchte zwar ihren Mund von der Überschwemmung seiner Küsse zu retten und entfloh seinen -»D 12 Oo- Armen, die er immer, wie ein Krebs seine Schccrcn, nach ihr ausstreckte, so oft sie konnte; dagegen machte sie ihm zu einem gesellschaftlichen Schläfchen Hoffnung, und verlangte bloß, daß er vorher — baden solle. Dieser Aufschub war ihm höchst ungelegen, und er erschöpfte ganz den Quell seiner Bercdtsamkcit, sie von dieser seltsamen Grille abznbringen. Allein sie öffnete die Thür einer Kammer, zeigte ihm darin eine mit Wasser schon «»gefüllte Wanne, und erklärte kurz und rund, daß er sich keine Rechnung machen dürfe, nur eine Sekunde an ihrer Seite zu liegen, wenn er nicht zuvor ein halbes Stündchen in diesem Bade verweilt habe. Was war zu thun? Er mußte zum bösen Spiel eine gute Miene machen und sich bequemen. Nun verließ ihn die schöne Jägerin, um ihrem Manne, der nicht auf der Jagd, sondern heimlich im Hause war, die Lage der Sache zu berichten. Vergnügt schlich der Förster am Arme seines treuen Weibchens auf den Zehen heran und belauschte den gezwungenen Badegast durch's Schlüsselloch. O wunderschöne Naritat: Nackt wie ein Fröi'chlein in der Pfütze, Saß in der Wanne Schoos die schwarze Majestät, ttmwafferr dis zur Nasenspitze. Indem nun der Schulmonarch recht lustig plätscherte und sogar sein ehrwürdiges Haupt nntertauchtc, gab der Jäger seiner Frau, die einige Schritte zurück stand, einen Wink. Sie flog herbei, donnerte schrecklich an die Kam- merthürc, und rief mit ängstlicher Stimme: „Um's Himmels Willen, Herr Schulmeister, retten Sie sich! Ein böser Geist führt meinen Mann schon wieder zurück! Er spießt Sie an den Hirchfänger, wenn er Sie findet. Stei- 13 - gen Sie so geschwind als möglich in das große Schlagfaß, das dort im Winkel steht! Verlieren Sie keinen Augenblick, sonst sind Sie ein Kind des Todes!" Das Leben war sehr lieb dem armen Wassermann. Und angeboren rinn die Furcht vor bloßen Klingen i Daher er sich denn kurz besann. Jus riesenhvhe Faß zu springen. Wo ihn umwallten und umfingen Die Federn aller Vogel, die Des zarren Weibchens vlutgewohnter Gatte Durch Schling' und Feuerrohr in die Menagerie Des Todes abgclnfert harre. Der Waidmann wcir indessen etwas zurückgeschlichen, und kam nun so derb, daß der Boden dröhnte, wieder auf die Kammer losgestiefelt. » „Guten Abend, lieb Weibel!" rief er laut. „Hättest mich wohl nicht so bald vermnthet? Ein glücklicher Zufall hat meine Rückkunft beschleunigt. Da traf ich bei der Jagd einen Mann, der unsere Vogelfedern kaufen will. Ich versprach, sic morgen zu liefern; er verlangte sic aber schlechterdings heute. Um das Zeug los zu werden. ließ ich ei» Paar Häschen, die ich etwa noch geschossen hätte, bis morgen leben, und ging mit." Die schöne Heuchlerin antwortete: „Schon jetzt, lieber Mann, willst Du die Federn verkaufen? Uebercile Dich doch nicht damit! Wir warten, dächt' ich bis gegen Weihnachten, wenn der Vogelfang vorbei ist. Dann wird sich unser Vorrath so ansehnlich vermehrt haben, daß wir ihn vortheilhaftcr verkaufen können." „Nein, nein; Hab ich, ist besser, als hätt' ich!" entgegnen der Mann. „Wir finden nie einen so guten Kunden, als den heutigen. Er zahlt tüchtig und baar. Ich l! habe nur jetzt nicht Zeit, Dir zu sagen, was für einen Schlag wir bei ihm machen; er paßt schon unten im Dorf auf mich." Hierauf ging er stracks in die Kammer. „Ah!" sagte er lachend: „hat sich mein Mäuschen gebadet? Recht so; der Tag war schwül! Ich thu's auch, wenn ich wicdcrkomme, und dann, Weibchen, wollen wir eine Nacht feiern, die der Hochzcitnacht nichts nachgebcn soll." Halb von Sinnen, wie ein Verurthcilter, der den Schwertstreich erwartet, hatte sich Ncklas auf dem Boden des Fasses gleich einem Sprenkel zusammengebogen. Mit jedem Pulsschlagc stieg seine Furcht, daß der blutgierige Hirschfänger wie ein Blitzstrahl auf ihn hcrabschießcii und seinen Lebensfadcn zerschneiden würde. Aber cs war anders im Rathc des Jägers beschlossen. Blind gegen die am Fenster aufgchangcnc Aßcl und die übrigen frei umher liegenden Kleidungsstücke des schwarzen Herrn, fing er an, das Faß reisefertig zu machen- Er schlug den Deckel drauf, schob einen tüchtigen Querriegel vor, und drehte es, ohne die ungewöhnliche Schwere zu bewundern, aus seinen vier Pfählen hinaus. Der inwendige Passagier gab bei dem allen so wenig einen Laut von sich, als ein gefangener Fisch. Von seinem Herzen hatte sich nun schon der schwere Stein der Todesfurcht abgewälzt, und die süße Hoffnung cingcfundcn, daß ihn der künftige Besitzer seines Käfigs gegen ein geringes Lösegeld entwischen lassen würde. Das Förstcrhaus stand auf einem Berge. Hinab in'S Gebüsch lief ein steiniger Weg. Bis dahin, wo er anfing, hatte der Waldmann das Faß aufrecht fortgcwälzt. Jetzt , kippte er es um, daß es auf dem Bauche zu liegen kam, -c>D 13 E»- gab ihm mit der vollen Schnellkraft seines Armes einen Abschiedsstoß, Und ließ eS, hopp! hopp! über Stein und Schollen, Mit dumpfem Gerossel yinlinrcrrvllen. Er selbst trabte mit der Garderobe des Ludimagistcrs, welche die schöne Jägerin hurtig in ein Tuch zusammen- gerafft hatte, hinterdrein. Seine Absicht war, daß der cingespindcte Buhler, um seinen Muthwillen abzubüßen, auf dem holprigen Weg brav durchschüttelt werden sollte. Unten im Gebüsch wollte er ihn cntkcrkcrn, ihm seine sieben Sachen wieder zustellen, und ihn — vielleicht noch mit einem Zchrpsennig von einigen Jagdhicben begabt — seine Straße ziehen lassen. Dicß alles wäre, von keinem Menschen bemerkt, hinter dem undurchsichtige» Vorhänge stark belaubter Zweige geschehen, und Herr Niklas immer noch erträglich aus der traurigen Geschichte gekommen: aber sein Unstern wollte, daß ein schlimmer Zufall die Kette seiner Leiden um ein neues Glied vermehren mußte. Der Edelmann des Dorfs und der Pastor loci hatten sich auf einem Spaziergange begegnet und ihn gemeinschaftlich fortgesetzt. Sie wollten just unten am Stein- wegc vorübcrwallen, als der Förster, ohne sic zu bemerken , den armen Niklas herabkollerte. In einem ernsthaften Gespräch über Doktor Bahrdt's Ketzereien, die der geistliche Herr mit Farbe» der Hölle schilderte, wurden sie das ihnen entgegenhüpfendc Faß nicht gewahr, bis es, nur noch einen Schritt entfernt, sie umzurcißen drohte. Wie scheue Nüsse Ware» sic Senat! neschwindc Preltcr. Des Pfarrers 'Ayelchen, »och »ic Kewölmr an solche Schneller, Empfahl sich, u», auf festen Grund 16 ^ Und Boden zu gelangen. Ward aber von des Junkers 5^und 2m Fließen aufgefmgen. Erzürnt riß zwar sein .Herr sofort Die Beut' ihm ans dem Nachen, Doch war der Lockenheerde Mord Nicht nngeschehn zu machen. Die beiden Herren waren, mit bestmöglichster Wiedereinsetzung des zerzausten Stutzes in vorigen Stand, so eifrig beschäftigt, daß ste den Jäger nicht sahen, der auf halbem Wege schnell wieder umkchrtc, um ihnen nicht Rede stehen und den schon genug bestraften Dulder an sie ver- rathen zu müssen. Dicß hätte, wenn auch seine Zunge schwieg, doch der Kleiderbündcl gcthan, und das wollte der gute Man» nicht. Aber sein menschenfreundlicher Wunsch, daß sie sich um das Faß nicht bekümmern, sondern ihren Stab weiter setzen möchten, ward durch des Edelmanns ansehnliche Begleitung von Hunden vereitelt. Die Kocher verfolgten Ins Dickicht die Bahn Des rollenden Fasses, Und schnüffelten's an. Sie witterten, lag es Gleich stumm wie ein Sarg, Doch bald, daß sich Leben Und Athem drin barg. Mit wedelndem Schwänzlein Und spitzendem Ohr Umkreisten sie'S gierig Und bellten ein Chor. Der Junker verstand die Sprache seiner Hündlein besser, als mancher Uebersetzcrling sein Original. „Ha," rief rr lustig; „da wird's was zu Hetzen geben! Kommen Sie, 17 Oo- Herr Pastor, wir wollen sehen, was für ein Thier im Fasse steckt. Meine Hunde belle» nicht aus langer Weile." Der Pfarrer ging ungern mit. Er liebte keine andere, als die Ketzerzagd, und ahnete überdieß, so wenig er sich sonst vor Fässern, besonders wenn sie »nt gutem Wein gefüllt waren, scheute, bei dem gegenwärtigen ein neues Schrecke». Je näher sie kamen, je lauter ward die Rotte der Kläffer und je hetzlustigcr der Edelmann. Begierig schlug er den Faßdcckel ab, duckte sich, sah hinein, und — fiel rücklings auf die Erde, daß er die Beine gen Himmel streckte. Denn wie ein wilder Eber fuhr Ein Unrhier l»S auf i!iu, DaS in dnn Reiche der Natur Sv gräßlich nie erschien: Ein Scheusal, wie ein Mensch gebaut. Mit einer buntbefleckten Haut. Wir kennen das Mcerwundcr, wissen seine Geschichte, und würden nicht so erschrocken sepn. Der Junker aber vermuthetc höchstens ein wehrloses Kätzchen im Fasse, und mußte daher natürlich zurückschaucrn vor einem zottigen Ungeheuer, das aus dem schönen Niklas, durch Millionen Vogelfcdcrn, die an seinem nassen Körper klebten, wirklich geworden war. Angst und Verzweiflung, die oft das furchtsamste Hasenherz zu einem raschen Entschluß bringen, spornten auch jetzt den Märtyrer der Liebe, wie eine Furie aus seinem engen Gehäuse zu stürzen. Er hätte den heiligen Vater Pabst eben so, wie seinen Kirchcnpatron, niedergcsctzt, um die Flucht ergreifen zu können. Allein er war kaum über einige Acckcr hinweg, da erholte sich der Edelmann von seiner Bestürzung und brüllte wie ein Löwe: „Huffah!" Langbein'S stmmtl. Schr. xvl. Bb. 2 -»§> 18 <§<> 5^in schnoubte d!e Kuppel gestreckt, daß ihr Bauch Das jüngste der Gräschcn zcrkiuckke, Vorn sprang, wre ein Heupferd, der fliehende Gauch, Den bald in die Waden sie zwickte. Kliff! klaff! ward im Dörfchen hinunter gehetzt. Da stoben die Lenre mit Grauen, Und dachr-m nicht anders, es lasse sich setzt Das würhende Iägerhecr schauen. Viele Hunde sind aber nicht immer des Hasen Tod; das sah man hier. Der Ludimagistcr war so schnellfüßig, daß er seinen Verfolgern, che sie ihn recht packen konnten, die Thüre seiner Hütte vor der Nase zuschlug. Blutend und athemlos warf er sich nun aufs Bett, und nahm in einem erbaulichen Selbstgespräch ewigen Abschied von der Liebe, wie wir — von ihm. Der Kammerdiener Die Sehnsucht, fremde Länder zu sehen, — die oft, nach einem alten Sprichworte, bewirkt, daß eine Gans fliegt über den Rhein und eine Gans kömmt wieder heim, — diese Sehnsucht befiel anch eine» jungen Edelmann, den ich Ferdinand nennen will. Er verließ seine Vaterstadt und ein geliebtes Mädchen. Jene fand er zwar nach zwei Jahren wieder, dieses aber hatte sich indessen, von harten Eltern gezwungen, mit einem ausländischen Grafen vermählt, und war ihm auch schon auf ein weit entlegenes Schloß gefolgt. Ferdinand eilte dahin. Dvcb schier vergebens War dieser Nirt. Der Graf durchschritt Die Flur des Lebens Mit ßillem Tritt Als Eremit. Auf seiner Beste Kurschirten Gaste Zu Ball und Schmaus Nicht ein und aus. D« n süßen Herren Ließ er sein .Hans Vorzüglich sperren; Er dachte fein: Sv einem schlauen Blitzrvgelein Ist nie zu trauen ; Still angerückr Kömmt':-, gleich dem Diebe, Und pickr und pickt Ein Körnchen Liebe, Wv'S chm nur glückt. Bei diesen Umständen war keine Hoffnung, sich auf der öffentlichen Heerstraße frcnndschaftlichcr Besuche der Gräfin zu nähern. Der verliebte Jüngling betrat daher einen Schlciswcg, den ihm der Zufall öffnete. Er hatte nämlich erfahren, daß der Graf einen Kammerdiener suche; er meldete sich hierzu unter erdichtetem Namen, und der gute Herr, der ihn nicht kannte, schloß mit ihm ab. Die empfindsame Scene des Wiedersehens der Liebenden paßt nicht in mein komisches Gemälde. Also nur so viel davon, daß die Gräfin am Schluß derselben ihrem Freund den Nath gab: „Bemühe Dich, des Grasen Vertrauen zu gewinnen, und überlaß cs mir ganz, uns in der Folge vergnügte Tage zu bereiten." Nach einigen Wochen lenkte sie ein trauliches Gardinen- gcspräch auf die Sitten ihrer Dienerschaft, und wünschte von ihrem Gemahl zu wissen, wen er für seinen treuesten Bedienten halte? Ohne Bedenken erklärte der Graf, zu ihrer heimlichen Freude, den Kammerdiener dafür. „Diese Antwort Hab' ich vermuthct!" rief die Gräfin: „aber ich sag' Ihnen, daß Sic sich eine Schlang' im Busen erziehe». Dieser Unverschämte hat mich seit der ersten Stunde seines Hicrsepns durch zudringliche Blicke belci- 2i <§o- diget, und mir heute sogar einen höchst strafbaren Antrag gcthan." — Der Graf schüttelte mit zweifelnder Miene den Kopf. „Sie glauben mir nicht?" fuhr die Gräfin fort. „Auch das Hab' ich voraus gesehen, und in der Absicht, Sie zu überzeugen, dem Nichtswürdigen eine nächtliche Zusammenkunft, die er sich ausbat, versprochen. Er wird mich auf den Abend um zehn Uhr im Gartensaal erwarten. Wollen Sie nun Ihren lieben Getreue» ganz kenne» lernen, so hüllen Sie sich in meinen Nachtmautel und gehen an meiner Statt hin. Er hält Sie im Dunkeln zuverlä- ßig für mich, und beträgt sich gewiß so, daß Sie ihn stehenden Fußes aus dem Hause jagen werden." Der schwache Graf, der einen höheren Rang unter den Körpern, als unter den Geistern hatte, fand nach und nach die Sache wahrscheinlicher, und ließ sich endlich auch zur Verkleidung bereden. Als nun heran im Sternenkleide Der Abend schlich, Warf er ein Mäntelchen von Seide Behend um sich; Ein Hütchen, welches Federn zierten Vom Vogel Strauß, Und Sammtpanröffelchen ftaffirten Ihn vollends aus. Indem er, so geweiht, den Garten Hinunter ging. Sah er vvn fern im Saal schon warten Den Kämmerling. Da stieg zwar Wuth ihm in die Krone; Doch faßt' er sich Und rief im zartsten Madchentvne: »Herz, find ich Dich?« W ff Iß , s .- !'/ !ü ' ';', »7 -'' !> :^. Ä > !D. ' -o-§> 22 ^->- „Schlimm genug, Gräfin!" sagte Ferdinand, seiner ihm zugetheilten Nolle gemäß, mit rauher Stimme: „Schlimm genug, daß ich Sic finde! — Schämen Sie hch nicht des bösen Willens, Ihrem Gemahl, dem bravsten Herrn unter der Sonne, treulos zu werden? — Bios aus Diensteifer für ihn prüft' ich Sic. Wehe, wehe, dem edcln Grafen, daß Du, leichtsinniges Weib, so schlecht bestanden hast! Du verdientest Dein Leben im Thurmc zu beschließen, und das wäre Dein Schicksal, wenn ich Dich verrathe» wollte. Dicßmal soll's ans Mirlciden noch unterbleiben; aber einen kleinen Denkzettel will ich Dir geben." Schnell fuhr eine sausende Peitsche dluS Ferdinands Busen heraus, Und zahlte, schwipp! schwapp! ein paar deutsche Krafrhiebe dem Mäntelchen aus. Erschrocken wollt' eS aus dem dichten Platzregen sich ins Trockne fluchten, Und kam nun in die Traufe gar; Der rasche Geißelschwlnger war Gelaunt, eS langer zu kuranzen. Er hielt's im F-lieh'n mir fester H»nd, Und lies; cs im stäubenden Sand Ein lustiges Walzerchen tanzen. Der stolze Federhur Und die Pautoff'lein flogen Umher in weiten Bogen; Barhaupt und unbeschuht Ward nun nach Peirschentakt und Klang Geschwungen, gesprungen den Garten entlang. An der Thürc war Ferdinand endlich de» Affcntanz satt. In der Ucberzcugung, seine Treue und Ergebenheit dem Grafen fühlbar genug bewiesen zu haben, ließ er ihn hier 23 los und sputete sich in seine Kammer. Der keuchende Solotänzer aber hinkte zurück, sammelte die im Garten zerstreuten Fragmente seiner weiblichen Garderobe, putzte sich wieder damit so gut als möglich, und trat lächelnd in seiner Gemahlin Zimmer. „Nun, wie lief das Abenteuer ab?" rief sie ihm entgegen. „Recht gut," antwortete der Graf, und rieb sich verstohlen den Rücken. „Doch bitte ich, setzte er hinzu, mich mit weiteren Fragen zu verschonen und überhaupt die Sache nicht mehr zur Sprache zu bringen. Kurz, ich bin jetzt mehr als jemals überzeugt, daß mein Kammerdiener ein grundehrlicher Mann ist." Aus der reichlichen Saat von Keruhicbcn, die Ferdinand ausgcstreut hatte, keimte nun die süße Frucht, daß ihn der Graf für einen Spiegel der Keuschheit hielt, und bald darauf einige, bisher aus Eifersucht verschobene Reisen jhat, weil er ihm die Oberaufsicht über das ganze Haus, mit Einschluß der Gräfin, sicher übertragen zu können glaubte. So ward denn hier, wie mehrmals in der Welr, Der Bock zum Gärtner angestellt. Der Kammerdienst bei der Gräfin war Ferdinand ganz behaglich; desto lästiger aber ward er ihm mit der Zeit bei dem Grasen. Zum Glück ließ sich ganz unverhofft, Gleich einem geflügelten Boten, Das dürre Männlein, das schon oft Des Schicksals verworrenste Knoten Mit seiner Sichel hat zerhau'n, Im Schlöffe schau'n. Des Grafen Herz schlug wie ein Hammer, Ob Klapperbein gleich sanft und mild Die ausgelaufne Uhr ilim vor die Augen hielt. Ihm graute vor der düstern Kammer, Wo der bequemste reichste Maien Den Kammerdiener missen kann. Aber Klapperbein nahm keine Notiz davon, und in drei Tagen lag der arme Graf auf der Bahre. Ferdinand warf nun die Hülle der Dienstbarkeit wieder ab, und nach zwölf Monden war er der schönen Wittwe Gemahl. , -o§> 2 8 Die Wette. Ern Husarenrittmcister, ein Jäger, und ein junger, geschäftloser Guckindiewelt, — der sich in der Schellenkappe jeder neuen Mode gefiel, und jetzt mit dem Glücklei» des Magnetismus herumlief, — waren unzertrennliche Freunde und lebten alle Tage herrlich und in Freuden. Hätten doch die leichtsinnigen Herren lieber ihr gemeinschaftliches Unglück bcseufzt, daß man den zu Nutzen und Frommen der männlichen Jugend neuerlich empfohlenen drähternen Bcgierdenzaum" damals noch nicht kannte, als bet ihnen der Licbestrieb erwachte. Denn dieses ungcbändigte Füllen war ein hartmäuliges Noß geworden, das gewöhnliche Zügel und Sprungriemen nicht achtete. Vielleicht wäre es noch durch das scharfe pädagogische Stangengebiß zu bezähmen gewesen; allein cs schien dem Kleeblatt lustiger Brüder kein rechter Ernst zu scpn. Sie ergötzten sich vielmehr an seinen muthwilligen Sprüngen und pflegten sich oft unter sechs Augen davon zu besprechen. Diese Lieblingsmateric ward auch einmal bei einer fröh- " Die Jnfibulatiou. Men sehe: Revision des gerammten Schul- und ErziehnugSuiesens, herausgcgebcu von Campe, Thl. 6, S. 218. lichcn Zeche abgchandelt. Der Wein, die Quelle der Wahrheit, machte sic offenherzig. Sic gestanden einander ihre Buhlschaften, und cs ergab sich, daß alle Drei die wohlerworbene Gerechtsame des Ehebettes eben so diebisch antastetcn, als die Nachdrncker das Eigcnthum der rechtmäßigen Verleger. Einstimmig beklagten sic nur, daß sic diese Freibeuterei nicht so bequem, als die literarischen Manscköpfc die ihrige, bei Hellem lichten Tage treiben dürften , sondern immer, wie Schleichhändler, auf der Flucht seyn müßten. Freund Gelbschnabel rückte jedoch mit der Prahlerei heraus: „Einem Genie scp kein Ding unmöglich. Zhm z. E. sollte wohl, wenn etwas darauf ankäme, mehr als eine List zu Gebot stehen, seine Schöne in Gegenwart ihres Mannes ungestraft zu umarme n." Anfangs schüttelten seine älteren Konsorten, deren viel- jährige Praris mit keiner so kecken That glänzte, hierüber gewaltig den Kopf; da sich aber der junge Windflügcl zu einem Pröbchen erbot, so fingen sie an, sich ihres Klcin- muths zu schäme» und erklärten herzhaft: „Die Nuß, die er mit seinen Milchzähncn aufzuknackcn denke, würde wohl auch ihnen nicht zu hart scpn, und sic wollten ihn hiermit auf einen Wettstreit hcranssordcrn." Er schlug ihn nicht aus, und die drei Herren machten nun durch Wort und Handschlag einen Bund, der schier so feierlich war, als die Verschwörung eines Häufleins deutscher Gelehrten wider den Ritter von Zimmermann, wie in dem Schimpf- und Schandbüchlein: Doktor Bahrdt mit der eisernen Stirne re. betitelt, des brcitern zu lesen ist. Unsere Verbündeten setzten noch fest: „Wer von ihnen binnen acht Tagen mit dem Schifflcin des Versuchs entweder gar nicht auszulaufcn wage, oder damit an der 27 Klippe der ehcmännlichen Wachsamkeit scheitere, der solle gehalten sepn, jeden seiner Bundsgenossen, der glücklich in Len Hafen gekommen, mit einem Dutzend Flaschen Champagner zu bewirthen." Nachdem auch dieser Punkt in Nichtigkeit gebracht' war, tranken sie noch ein Glas auf das Wohl ihrer Damen, und trennten sich dann, um Operationsplanc zu entwerfen. Der Rittmeister minnte die minniglichc Frau eines ehrsamen Nathshcrrn. Ein Kandidat der Krücke War schon der Akrenmann, als sich Noch nnrer seine Zivfelperücke Dev unhochweise Euifatl schlich, Mir einem Kinde oon sechszehn Jahren Das klippenvolle Meer deS EystandS zu befahren. Sein Mammon, hell umglanzt vom sanften Hoffnungs-- schein, Es werde doch wohl bald Freund Hain Zu seiner Väter Schaar das graue Männchen betreu, War süße Lockung für Noserren. Drum schmiegte sich an diesen alten Gauch Der schone, jugendliche Engel, Wie vkr an einen morschen Stengel Der blühende Nofenstrauch. Der Freund mit der Hippe kam jedoch nicht so geschwind, als die junge Frau wünschte. Indessen vertrieben ihr die tröstenden Besuche des Freundes mit dem Säbel die Zeit. Sie empfing ihn fast täglich, wenn ihr Ehcherr sei» gelehrtes Ja auf dem Rathhause von sich gab, in einem wohlvcrriegeltcn Kämmerlein, und betrug sich gegen ihn als eine ächte, würdige Rathsfran, indem sie zu keinem seiner Anträge Nein sagte. -o^> 28 Das war also das Weibchen, mit dem der Schnurrbart seine Wette gewinnen wollte, und in dieser löblichen Absicht ging er setzt ans. Der Nathsherr bewohnte während des Sommers den Erdstock eines Gartenhauses, dessen Fenster die Aussicht auf einen ziemlich besuchten Spazierplatz hatten. Hier saß er an dem Schrcibetisch Und laS Registraturen: So froh durchplarschert nicht ein Fisch Die blauen Wasserfluren. Er sah nicht Nörchen an, die fein . Und niedlich für sein Spindelbein Im Svpha Strümpfchen strickte. Wie Meister Fuchs um Mitternacht Zum Schlafgemach der Hühner, Schlich jetzt an's Fenster leis' und sacht Noserren's Liebesdiener. Auch ward das fleiß'ge Bienenpaar Den stillen Lauscher nicht gewahr, Bis er die Scheiben rrillre. Rittmeister (<«n,r). Ei, ei, Herr Senator, Herr Senator! Raths Herr <>iuf>'priii-,c»d). Was Sic mich erschrecken! Rittmeister. Verzeihen Sie! Freundschaftliche Be- sorgniß — Nathsherr. Warum? Rittmeister. Sic fragen noch? Wenn Sie nun ein Anderer in dieser Stellung gesehen hatte! Rathsherr. Ich that ja nichts Unrechtes. Rittmeister. Wohl wahr. Sie haben ein vollkommenes Recht dazu; man bedient sich aber doch gewisser Befugnisse nicht gern so öffentlich, so — Raths Herr. Ich begreife gar nicht, wie Ihnen das auffallen kann. Mag's doch die ganze Welt sehen, wenn ich meiner Pflicht Genüge leiste. Rittmeister. Sonderbarer Mann, cS ist freilich Ihre Pflicht; Sie sind aber gewiß weit und breit in gesitteten Ländern der Einzige, der nicht erst die Vorhänge zuzicht und die Thüre verriegelt. Raths Herr. Hahaha! wenn ich Men lese, soll ich — Rittmeister. Wie? Akten hätten Sie gelesen? — Bei meiner Ehre! solchen Akten zu Gefallen möcht' ich selbst noch Nathsherr werden. Nein, nein, Herr Patron, was meine Augen sehen, das sehen sie recht. Rathshcrr. Nun so sagen Sic doch, was Sie — Rittmeister. Welche Zumnthung für einen Junggesellen, eine Ehcstandssccne zu beschreiben! Nathsherr. Wer verlangt das? Rittmeister. Wer sonst als Sic? Rathsherr. Ich? Rittmeister. Sie! — Sic! — Eure Hochweisheit scheinen Ihr Gedächtniß bei der Frau Gemahlin auf dem Sopha gelassen zn haben. Nathsherr. Allen Respekt, Herr-Rittmeister! Sie mögen aber wohl ein Gläschen über den Durst — Rittmeister. Donner und Wetter! ist das mein Dank? — Ich gehe hier vorbei, sehe Sie mit Ihrer Frau ein ehrliches Duodrama auf dem Privattheatcr Ihres Sopha's spielen; hinter mir her zieht eine Wolke von Spaziergängern; schon ist sie Ihrem Hause nahe; mir wird kalt und warm, weil ich befürchte, daß diese Leute Sie belauschen und zum Mährchen der Stadt machen werden; das zu verhindern, klopfe ich an's Fenster und denke Wunder, was ich für ein gutes Werk thue: aber oZ> 30 statt sich zu bedanken, nennt mich der höfliche Herr einen Trunkenbold. Schon gut, schon gut! Komm' ich nur wieder einmal dazu, wenn Sie sich, blind und taub, wie ein brünstiger Auerhahn - auf die nämliche Art amüsiren, da will ich mich wohl hüten, Sie zu warnen.. Ich will — Rathshcrr (bittcne). Herr Rittmeister! Rittmeister (hastig wrismechc»»). Alt und Jung her- bciruscn — Rathshcrr. Erlauben Sic — Rittmeister. Lärm schlagen lassen — Rathshcrr. Nur ein Wort! Rittmeister. Ein Bänkclsängcrlicd aus der Geschichte machen — Rathshcrr. Ach! Rittmeister. Und am nächsten Jahrmarkt soll cs vor Ihrer Thüre abgesungcn werden. Rathshcrr. Bester Herr Rittmeister! Rittmeister. Lassen Sic mich — Rathshcrr. Es muß ein Blendwerk des Teufels gewesen scyn. Rittmeister. Schwacher Mann! Rathshcrr. Nun ich versichere hoch und thcucr, daß ich wie angcmaucrt bei meinen Akten gesessen — Rittmeister. Und ich versichere dreimal höher, dreimal thcurer, daß ich Sic bei Ihrer Frau Gemahlin auf dem Sopha gesehen, durch diese Scheibe gesehen habe. Rathshcrr. Durch diese Scheibe? Rittmeister. Ja. Haben Sie sich etwa den Spaß gemacht und ein Verirglas cinzichen lasse»? Rathshcrr. Was ist das? Rittmeister. Sic thun, als wüßten Sic nicht, daß -OZ» 31 eine gewisse Art von Glas alle Gegenstände falsch und die ernsthaftesten lächerlich darstcllt. Raths Herr. Das Erste, was ich höre. Nein, für solche Possen bin ich zu alt. Rittmeister. Nun, so hat vielleicht der vorige Besitzer des Hauses gctändelt. Raths Herr. Das wäre möglich; denn der war ein Harlekin von Haus aus. Rittmeister. Dahinter wollen wir gleich kommen. Setzen Sic sich einmal wieder an Ihren Arbeitstisch! Raths Herr esipt). Rittmeister. Richtig! Alles wie vorhin! Das vollkommenste Schauspiel einer Brautnacht! Rathsherr. Wirklich? (zu seiner Frau) : Da sich einmal, Röschen, wie man in den Mund der Leute kommen kann. Rosette (von des Rittmeisters Plan schon unterrichtet). Ja, wie unschuldig! Nathshcrr (noch der Thüre lausend). Ich muß das Spektakel selbst sehen. Rittmeister. Wie können Sie das? Sobald Sic die Stube verlassen, fehlt der Hauptaktcur. Die Zauberkräfte des Verirglascs gehen nicht so weit, ganz neue Wese» zu schaffen; sic versetzen nur wirklich vorhandene Gestalten in komische Situationen. Nathshcrr. O das ärgert mich! Ich brannte vor Begierde — Rittmeister. Still! Sie sollen nicht umsonst gebrannt haben; cs kam mir da gleich ein guter Einfall. Ich will mich an Ihren Platz in der Stube setzen; Sie kommen heraus, gucken durch dieselbe Scheibe, und ich -OZ» 32 <§o- wctte meinen Kopf, daß cs Ihnen Vorkommen wird, als ob ich Ihr keusches Weibchen umarmte. Raths Herr. Ein scharmanter, ein ganz scharmanter Gedanke! Goldmann, dafür muß ich Sic küssen! Rathsherr. Soll mich sehr freuen. Ieht trippelte Dieser Zum Zimmer hinaus, Husch! husch! verließ Jener Das lederne .Haus. Sein harrr auf dem Sopha Ein milchweißer Arm; Der schlang um den Trauten Sich zärtlich und warm. -2-Z> 33 Die Wellen des SchtafrvckS llmflukhercn schvn Die Liebenden, eh' noch Oer arte Patron Mit Tr'ppcln und Trappeln Um'S Haus herum kam, Und draußen am Fenster Sein Standvrtcheu nahm. Wie klatschte der Dummbart Mit knöcherner Hand, Wie jubelt er kindisch: Scharmant, v scharmant'. Jetzt schwand er vom Fenster, Und schnell, wie ein Blitz, Flva wieder sein Schlafrock Zum Grvßvatersitz. Vergnügt, wie ein Gassenbube vom Raritätcnkasten, kam der hochwcise Herr zurück, dankte dem Rittmeister für die Entdeckung der lügenhaften Fensterscheibe und sprach dieser Verbrecherin sogleich das Urthcil: „Daß sie, wegen überwiesenen Betrugs, durch seinen Pantoffel vom Leben zum Tode gebracht werden solle." Stracks vollzog er es auch. Die arme Unschuldige klirrte zum Erbarmen; doch erhielt sie ein ehrliches Begräbnis), indem Noscttens schöne Hand ihre Gebeine sammelte und sie zur Ruhestätte auf den Schutthaufen brachte. Der Kriegsmann blieb bet diesem von ihm vcranlaßten Justizmorde ganz ungerührt und versprach sogar beim Abschiede, daß er nächstens den Lebenswandel der übrigen Fensterscheiben auch untersuchen, und sie, nach Befinden, den Händen der strafenden Gerechtigkeit überliefern wolle. Er eilte hierauf zu seinen Alliirtcn, erzählte den glücklichen Gewinn seiner Wette, und wünschte dem Jäger, Lanal'ein'S sümmtl. Schr. XVl. Bd. 3 34 der schon dcn Entwurf zu einem ähnlichen Wagestück im Kopfe hatte, gleichen Erfolg. Der grüne Mann rechnete zu seinem Jagdrevier nicht allein die Thiere des Waldes, sondern auch eine junge Edelfran. Wie beschreib' ich fie doch gleich? — Bei meiner blntwcnigen Kenntniß von den Reizen der Tochter Evens, werde ich am Besten thun, wenn ich mich, wie die arme Krähe in der Fabel, mit einer fremden Feder schmücke und aus einem neue» Roman, mit dem uns wohl ein ehrlicher Noßkamm beschenkt haben mag, die Schilderung einer schönen Dame entlehne. Der witzige Verfasser sagt von ihr, und ich sage es ihm von der Geliebten unsers Jägers wörtlich nach: „Ihre Gestalt war nicht übrig flcischigt; doch stark von Brust und Kreuz."'" Wen lacht nicht das liebliche Bild an ? Es ist eine Zierde meines Buchs, und ich will dem unbekannten Noßgcnic, wenn es sich mir zu erkennen gibt, aus Dankbarkeit gern ein Ercmplar auf holländischem Papier verehren. Mit dem Konterfei des bejahrten Gemahls der starken Brust- und Krcuzdame denke ich nun selbst fertig zu werden. Die Felsenburg der Väter war Die Welt deS Freiherrn Max; Hier lebt' er still durchs ganze Jahr, Wie in dem Bau der Dachs. Gebeugt vom Druck des Alters, stand Die Veste schief und krumm, Und war den Natten langst bekannt Als ern Elysium. * Seite 19 des Nvmans: Der Seelenwanderer, oder der polnische Fündllng. Eine Gnvmengeschichte. -o§> 38 Von seiner ManuSkraft wnren auch Nur noch Nuinen da; Doch baut' er sich nun einen Bauch Den man mit Staunen sah. Das Werk kam ihm sehr hoch zu stehn; Denn er verschrieb sich, traun! Zu Baumaterialien Fasanen und Kapaun. DaS aber ist mir doch zu rund : Es löschre gar der Schalk Mit Wein aus Ungarn und Burgund Bei diesem Bau den Kalk. Der Erker, den er mit so schweren Kosten an seinem Körper anbaute, war bereits so groß, daß er schon seit einigen Jahren nicht mehr sehen konnte, ob sein Kammerdiener die zwei Säulen des Hauptgebäudes schwär; oder roth bekleidet hatte. Mit diesen Stützen hätte sich zwar ein Elephant zur Noth behelfen können; sie waren aber dennoch zn schwach, jene übermäßige Last zu tragen. Im Zimmer kroch der dicke Herr, wie eine Schildkröte, von einem Stuhle zum andern. Allein wenn er bei der Tafel an seinem Licblingsbau wieder tüchtig gearbeitet und alsdann Lust hatte, sich im Garten eine kleine Bewegung zu machen, so bediente er sich einer hierzu bcsoudeis erfundenen Maschine. Sic bestand in einem weiche» Faul- bettchen, das auf einem zierlichen Schicbebock rubte. Ais er es einwcihen wollte und sich recht behaglich darauf ausgestreckt hatte, versuchte seine ganze männliche Dienerschaft vergebens, ihn von der Stelle zu bringen. Die Reihe kam endlich auch in aussteigendcr Linie an den Schulmeister und den Gcrichtshalter. Jener arme Hun- gerleider mußte wie die Andern mit Schimpf und Schande abziehen. Doch dieser wir von Bnuernmark Unv Sporrclnmaslung riesenstark: Er lachte jener Zwerge, lind rollte den gnädigen Klumpen Vtei So frank und frei, Als hatt' er geladen ein Bündel Heu, Fort über alle Berge. Wenn sich ja ein Mann von Kopf und Ehre in einem Anfall von lustiger Laune zu diesem Versuch erniedrigte, so blieb cs wenigstens beim ersten, und er würde lieber seine Stelle verloren, als das Amt eines wirklichen, wohlbestallten Karrenschiebers damit verbunden haben. Allein der Herr Gcrichtshalter, der blos auf's liebe Brod los- studirt, sein Corpus juris immer für den Urborn aller Weisheit und Wahrheit gehalten, und nach Quellen hoher Gefühle nie gefragt hatte, war und blieb sein Lebelang eine kriechende Raupe, die sich an Alles, was nach Brod roch, begierig anhing. Da er nun diesen Labedust auch an dem sreiherrlichen Spatzicrkarren witterte, so erbot er sich unterthänigst, ihn täglich ei» Stündchen zu händha- bcn. Hierauf ward ihm sogleich der Ehrenposten eines Leibkarrenschicbers in Gnaden übertragen, und wöchentlich zweimal freie Tafel als Gehalt zugesichert; süße Worte, wobei ihm der Mund wässerte. Der Baron fühlte bei dem allen doch, daß Karrcnschic- ben unter der Würde eines sogenannten Gelehrten ftp, und befürchtete, was bei dem Speichellecker gar nicht zu befürchten war, daß er sich diesem Handlangerdienste bald wieder mit Scham entziehen würde. Um nun diesen Gedanken bei ihm nicht aufkommcn zu lassen, suchte er die Sache selbst zu ehren; er lud deshalb seine Gemahlin, der er ohnedem mit andern Vergnügungen nicht dienen sonnte, bisweilen ein, sich auf dem Rollbcttchen zu lagern, und unternahm mit hoher Hand, sie zu kutschiren. Das war nun freilich eine langwellige Schneckenpost. Der Karren schwankte langsam wie eine Wiege, bei der die Amme nickt, von einer Seite zur andern, rückte wenig vorwärts und ward auch immer bald wieder zur Ruhe gesetzt. Die längste Station waren dreißig Schlitte in zehen Minuten, wie man in den Jahrbüchern des Schlosses von dem Leibkarrenschieber ausgezeichnet findet. »Wird denn der Jäger nicht bald kommen?" hör' ich fragen. Zu dienen! Jetzt trat er eben in den Marten. Indem der Herr Baren die Frau Gemahlin karrten. „Armer Herr Baron!" rief er schon von Weitem; „Sic thun ja so gefährlich, als ob Sic einen Berg fortwälzcn müßten. Sollte wohl das Fuhrwerk so schwer scpn? Ich getraue mir's, sammt Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin unter den Arm zu nehmen und eine gute Strecke zu tragen." „Das nenn' ich Wind!" cntgcgnctc der Freiherr mit schallendem Gelächter. „Er komme mir wie gerufen, mich abzukühlcn; denn ich bin sehr erhitzt. Nein, nein, mein Guter, das werden Sie mir wohl bleiben lassen." „Um Verzeihung, Herr Baron," erwiederte der Jäger; »schelten Sic nicht Wind, was keiner ist! Ich kenne meine Kräfte und muß nun ernstlich bitten, mir einen Versuch, als Ehrenrettung, zu erlauben." „Recht gern, recht gern;" antwortete der runde Herr. „Sie erlauben mir aber auch, mich auf Ihre Unkosten recht satt zu lachen, wenn Sie sich umsonst bemühen. Und das -»D 38 <§o- wcrdcn Sic, das werden Sie! Der Riese Goliath, mein Gcrichtshaltcr, gegen den Sie nnr ein armes Davidchen sind, würde dieser herkulischen Arbeit nicht gewachsen scpn. Nun, ich will mich immer zur Ncisc schicke»; bitte mir aber nur aus, daß Sic uns nicht weiter als zwei Meilen tragen, damit wir auf den Abend hübsch wieder zu Hause sind." Nachdem er seinem eigenen Witz die Ehre gcthan und ihn sattsam bekichert hatte, legte er sich, so knapp als möglich, auf die eine Seite des Bcttchens, um die andere seiner Gemahlin zu lassen. Es blieb aber kaum für einen Strohhalm Platz übrig. Auch protestirte der Jäger gegen diese Lage, weil sie seiner Mcpnung ganz entgegen sey und die Ausführung seines Riesenwerks unmöglich machen würde. „Wenn ich mein Wort halten soll," sagte er, „so müssen der Herr Baron Ihrer Frau Gemahlin ein Plätzchen nicht neben, sondern auf sich vergönnen." „Gehorsamer Diener!" rief Jener; „was würde mein Bauch dazu sagen?" „Für dessen Schonung Hab' ich schon in Gedanken gesorgt," war die Antwort des jungen Nimrods. „Wenn der Herr Baroi^ meinem unmaßgeblichen Rath folgen, und sich mit dem Gesicht unterwärts legen, so wird sich Dero schönes Vorgebirge in die nachgcbenden Kissen behaglich cinsenkcn und nicht die geringste Pressung leiden." Die Baronin mußte bei dem Worte Vorgebirge heimlich lachen. Für mich ist es wenigstens nicht das Vorgebirge der guten Hoffnung, dachte sie. . Der gute arglose Mar ließ sich endlich beschwatzen. „Sind wir nicht Kinder!" rief er, und wälzte sich um. Bittende Winke und heimliches Zuflüstern ihres Sela- -»-V 39 ^>- dons bewegten die Freifrau nun leicht, den breiten Rücken ihres Gemahls zum Kanapee zu brauchen. Der Waldmann bedankte sich für diese Gefälligkeit Mund an Mund, mnspannte mit seinen Armen das aufgeschichtcte Paar, das dem doppelten Adler glich, und packte das Gestell des Rollbcttes mit beiden Händen, als wäre es sein baarer Ernst, ein neuer Simsen daran zu werden. 'Der Rundbauch unten stöhnte laut- „Gemach! Die Seele fährt mir aus der Haut! Ach! ach!« Dach trieben die vcrliebren Zwei Auf feinem Rücken Tändelei, Wie Täubchen auf dem Dach. Ats nun nach einigen süßen Minuten der befriedigte Liebhaber sein Unvermögen — den schweren Karren auf- zuhebcn — bekannte, da kugelte sich der entlastete Baron in eine bequemere Lage, und brauchte die ersten freien Athemzüge zu einem schreckbarcn Spott - und Hohngelächter , wobei er den grünen Mann ein windiges Davidchen über's andre hieß. Dieser gönnte das kleine Vergnügen ihm gern, da er ein größeres genossen hatte, und so schieden sic als gute Freunde von einander. De6 Lustspiels dritter Akt hebt cm; Der luft'ge Magnerist Tritt, wie sein Bruder Charlatau, Voll Keckheit auf'S Gerüst. Unser Geniemännchen, — das noch nie einen Barbier in Nahrung gesetzt und von dem gewöhnlichen Eigendünkel der Glattschnäbel ein vollgerütteltes Maß hatte — lächelte geringschätzig über die Berichte seiner Spießgesellen, -c-D 40 und beliebte folgendergestalt und also ihre Thaten zu wackeln und zu meistern: „Hum! wenn ich Eure Geschicht- chen glaube, so ist cs Helle, blanke Gefälligkeit, wofür Ihr Euch schönstens zu bedanken habt; denn wessen Ohr hat gehört, wesse» Arge gesehen, was Ihr mir da erzählt? — Nehme ich aber auch Alles für baare Münze, so war es doch nur ein Kinderspiel, ein Paar alte, einfältige Saalbader zu betippcn. Ei, wie anders werde ich mich satteln müssen! Der Feind, mit dem ich anbindc, ist ein junger rüstiger Gesell und steht bei seinem Weibchen Tag und Nacht Schildwache. Dennoch will ich ihn überrumpeln, und er soll mich sogar — damit ich Euch, Ihr Herren, einen Rang ablaufc — an das Bette seiner Frau tragen müssen. Zu dieser Haupt- und Staatsaktion lade ich Euch hiermit ein. Der Anfang ist gleich nach Mitternacht, und der Schauplatz vor meiner Hausthüre." Hierauf eilte er davon, um mit der jungen Frau des Commissärs Wilibald, die er mit seiner Liebe beehrte, das Nöthigc zu verabreden. Der Tag verging; es ward Schlafenszeit; der Herr Commissär und Frau Gemahlin legten sich frisch und gesund zu Bette. Er schlief nach wenigen Minuten so fest als ein Siebenschläfer; Madame aber lag mit Hellen Augen an seiner Seite. Es schlug zwölf. Urplötzlich ward die arme Frau Commissärin krank und weckte mit Wimmern und Aechzen de» ruhigen Schläfer. Er. Was gibt's? Sie. Ach, mir ist schlimm, zum Sterben schlimm! Er. Arme Frau! Ich will zum Doktor schicken. Sie. Nein, lieber Mann! Ich habe zu ihm und seinen Arzneien kein Vertrauen. Er. Was soll Dir aber helfen? 4l -Z->- Sie. Magnetismus. Er. Schwärmerin! Wie kannst Du Hülfe daher erwarten? Klügere Leute, als ich, Hallen die ganze Sache für ein Hirngespinst. Sie. Kluge Leute können sich doch auch irren. Er. Zugegeben; was sind wir gebessert? Ich kann Dich doch nicht magnetisiren. Sie. Will ich das? — Wenn Du aber Dein armes Weib liebtest, so wäre dir längst bcigefallen, daß wir so glücklich sind, in unserer Stadt einen Magnetiseur zu haben. E r. Wahrlich, an das Wundermännchcn dachte ich nicht. Dieser Fantast soll Dich also heilen? Sie. Wie schon viele Kranke. Spotte, wie Du willst; wahr bleibt wahr. Er. Nun, nun, wir wollen ihn morgen rufen lassen. Sie. Morgen? Unbarmherziger Mann, morgen? — Willst Du vielleicht, daß Dich mein Tod einer kleinen Mühe überhebcn soll? Diese Stachelrcden thaten Wirkung, und spornten unfern Commiffär, der keine List ahnctc, aus dem Bette, in die Kleider und zum Magnetiseur. Der lose Herr ließ sich lange rütteln und schütteln, so wenig er schlief, und wieß endlich gar die dringende Bitte, der Kranken sogleich zu Hülfe zu eilen, rund ab. „Morgen soll cs mein erster Gang sepn." Das war die Antwort, bei der es blieb. Der unglückliche Supplikant ging mit schwerem Herzen in sein Haus zurück. Hilf Himmel, wie ward er empfangen! „Du bei ihm gewesen? Auf der Gaffe wirst Du gestanden haben. Der gute, gefühlvolle Mann, der zum Besten der leidenden Menschheit lebt, hätte sich wahrlich -<>Z> 42 S-o-, nicht zweimal bitten lassen. Pfui, schätite Dich, Deine todtkranke Fra» so zn hintcrgehcn!" Der Unschuldige wartete gar nicht ab, bis der Fluß dieser Bcrcdtsamkcit versiegte, sondern machte sich wieder fort, und schwur, den Magnetistcn herbcizuschaffcn, es koste, was cs wolle. Mit unglaublicher Mühe ward der-verstellte Schläfer zum zweiten Mal ermuntert. Commissär. Bitte sehr um Verzeihung, daß ich Ihre Ruhe nochmals störe. Die d'iebe für meine Frau macht mich so zudringlich. Uebcrwindcn Sie doch, bester Herr, eine kleine Unbequemlichkeit aus Menschenliebe — Magnetiseur. Guter Mann, ich bedaure, daß Sic wieder vergebens kommen. Ich habe den besten Willen, mit Ihnen zu gehen, kann aber nicht. Halten Sie meine Weigerung nicht für Eigensinn; ich will Ihnen die wahre Ursache bekennen. Mein einfältiger Bedienter ist Schuld. Er hat gestern Abends alle meine Stiefeln und Schuhe der Musterung des Schumachers übergebe», und mich dadurch ganz außer Stand gebracht, bei gegenwärtiger nassen Witterung einen Fuß vor die Thüre zu setzen. Commissär. Ein fataler Umstand! Magnetiseur. Der mich selbst ärgert. Es ist eine wahre Noth, wenn man einen solchen Strohkopf im Dienst hat. Wäre der Junge nur so stark als er dumm ist, er sollte mich zur Strafe den Augenblick in Ihr Haus auf dem Rücken tragen müssen. Commissär. Ah, mein Theuerster, wenn ich nun — Doch nein, ich treibe meine Zudringlichkeit wirklich zu weit. Magnetiseur. Reden Sie frei! Was wollten Sie sagen? Commissär. Aus Mitleid?» gegen meine arme kranke Frau, lief mir der seltsame Gedanke durch den Kopf, mich Ihnen znm Träger anzubietcn. Magnetiseur. Ein schöner Zug Ihres Charakters, ein herrliches Beispiel ehelicher Zärtlichkeit! Aber Sic zvür- den mich fühlen. Commissär. Wäre das Ihr einziges Bedenken? Magnetiseur. Mein einziges. Commissär. Nun wohlan, so sitzen Sie ans! Ich will Sic wohlbehalten hin und her tragen und Ihre nach- gebendc Gefälligkeit nie vergessen. So ward denn das ehrliche Schaf vom schlauen Fuchs überlistet. Er schwang sich auf seinen Rücken und trabte wie unsere jungen, in Deutschland geborenen und erzogenen Engländer, in seidenen Strümpfen davon. Diese drollige, vom Monde schön beleuchtete Cavalcade sahen die cingeladenen Zuschauer mit neidischen Augen. Der glückliche Ritter gewahrte die Lauerer und warf ihnen possierliche Kußhändchcn zu. „Sieh, der listige Vogel hat seinen Streich doch ausgeführt!" sagte der Jäger und wollte heim. „Bleib, Bruder!" entgegncte der Rittmeister; „laß uns das Ende der Geschichte abwartcn ! Ich habe manchmal gesehen, daß eine Komödie im ersten Akt beklatscht und im letzten ausgepocht ward." — Sie folgten also mit leisen Tritten dem zweibeinigen Lastthiere bis zu seinem Hause. Nun gibt cs Wunderdinge zu berichten. Ich hatte mir zwar fest vorgcnommcu, das Abenteuer des Magnetmännchens ganz schlecht und recht, ohne Sing und Sang zu erzählen; allein die Begebenheit, die noch auf meinen Lippen schwebt, ist so wichtig, daß sie mich zu meiner alten Sünde, Verse zu machen, unwiderstehlich verleitet. Vorher aber will ich allen weichherzige» Schönen, die der Schmetterlingsbrut der süßen Herrchen hold und gewärtig sind, wohlmeinend rathcn, sich einige Thränentuchcr zur Hand zu legen, denn ich fürchte, sie werden nöthig seyn. Nun ein wenig Aufmerksamkeit, wen» ich bitten darf. Der Magus ritt in sanftem Trab Bis an der Patientin Berre, Und stieg von seinem Nvßlein ab, Das er nun gern zum Stall hinab Geführt, und da mir Strick und Kette Ein Stündchen lang gefesselt harre. Auf Einsamkeit, von keinem Blick bewacht, War seine Rechnung stark — doch ohne Wirth gemacht. Die Pfcrdervlle lief beim .Commissar zu Ende, DaS Ehmaunsspiel ging wieder an: Er schritt nun keck herum im Reiche seiner Wände, Wie im Serail der Grostsulrau. Die Stubeumajestät vom Throne Zu jagen, und in sichrer Ruh Ihr eine unsichtbare Krone Zu schaffen, war der Wunsch des Männchens ohne Schuh. Drum Hub der Schlaukopf au: „Freund, seyn Sie ohne Kum mer, Ihr liebes Frauchen wird gesund! Manipulirt von mir bis zum magnrt'schen Schlummer, Thut unH alsdann ihr eigner Mund Die besten Heilungsmirtel kund. Sie wissen doch wolil das Mirakel Von Madam Lavater, die einst auch so genas, Wie man vom Zürcher Freund gar schon beschrieben las? — Zwar machte drob das Volk der Satyrn viel Spektakel, Und raiionnirte laut und schrieb und druckte frei: Es ipuke machriglich im vbern Tabernakel Des guten Lavater'S der Kvbvld, Schwärmerei; Doch, trotz dem dummen Kikeikakel, Fst er ganz ohne Fehl und Makel, Und übertrieb gewiß das Wunder um kein Haar; Denn seine Feder schreibt — ich gebe Brief und Siegel — Sv cngelrein, sv himmlisch wahr, Als wäre sie gerupft aus einen: Seraphsflügel. — Doch — wir vergessen ganz und gar Der armen Kranken, die dort ächzec Und dem magnet'schcn Schlaf schon matt entgegen lechzet. Die öde, todte Mitternacht Ist für Manipulationen Die goldne Zeit; denn nicht um eineu Preis von Kronen Hält' ich zu Operationen DeS Magnetismus Kraft und Macht, So lange das Gewühl des Tages mich umkracht. Wie scheue Vögel schnell entfliegen, Wenn durch den unwegsamen Wald Der seltne Tritt von einem Wandrer schallt, Sv flieht der Zauberschlaf sogar vor Arhemzügen, Und keine magische Gewalt Vermag, die Kranken einzuwiegen, Wenn Jemand — wär'6 auch nur ein Kind, das noch nicht lallt — Im Kreis von dreimal sieben Schritten Zugegen ist. — Drum, lieber Wilibald, Muß ich S:e jetzt, sich zu entfernen, bitten. — So unter Blumen suchte fein Die Schlange, Hinterlist, zusammen sich zu ringeln, Und dachte, schlau versteckt zu senn; Allein Herr Wilibald sah doch hindurch sie züngeln, Und schnell fiel der Verdacht ihm ein. Sie möge wohl, wie die in Edens Garten. Auf ähnliche Geschäfte warten. Um sich darüber Helles Licht Zu schaffen, that er nun, als ob er jene Gründe, Das Zimmer zu verlassen, nicht Ganz auS der Luft gegriffen finde, Und ging hinaus. — Heidi! da war der junge Wicht Geschwinde, geschwinde -O-D 46 s§-c> _Ä Bei seinem Lieb, und nahm zum Gruß Sich einen süßen, süßen Kuß. Der ganze Raub, den er non dannen brachte! Denn, nngehvrt und ungesehn, Kam — sachre — sachte — Herr Wilibald zurück und blieb von weitem ftehn. Wer weiß nun, was der Fant, der an ihn nicht mehr dachte, Für bösen Hokuävvkus machte? Sollt' etwa gar, wie ich erachte, Ein kühner Eingriff in das Lehn Des Traualtars von ihm geichehn? Genug, Herr Wilibald geriet!) in wildes Feuer, Und stürzte schnell — wie aus der Wolken Schoos Auf arme Vögelchen der Geier — Auf Püysegnr's* erschrocknen Jünger los. »Ha, Bube! nennst Du daS magnekistren? 'Sv kann ich's selbst." — Kein Wörtchen sprach er mehr; Doch ließ er nun den braunen Spanier Nasch auf der Nückenffur des Arztes galvppiren. Ein häßlicher Minncsold, der dem Empfänger so schnelle Beine machte, daß er einen Salto mortale die Treppe hinunter that, und sich eben so wenig Zeit auf der Gasse nahm, breite Steine zu suchen, um trockenen Fußes nach Hause zu kommen. Doch trotz dieser Behendigkeit, um die ihn die Franzose» bei Roßbach beneidet haben würden, fühlte er noch an seiner Thürschwcllc die Gegenwart des verwünschten Braunen, der seine Galopade dis dahin un- crmüdet fortgesetzt hatte und ihm verschiedene buntstreifige Andenken der miteinander gemachten nahen Bekanntschaft hinterließ. Als der zudringliche Gcleitgcbcr endlich zurück blieb, traten andere Plaggcistcr an seine Stelle. Es waren die - Marquis von Püysegür, der Erfinder des Somnambu- -O-D 47 beidcn glücklicheren Abenteurer, die bis jetzt auf der Gasse patrouillirt und die Erckution des Staupenschlags und der Hausvcrweisung schadenfroh angesehen hatten. Sie drängten sich hinter dem Flüchtling in das Haus und spotteten grausam ihres armen Freundchens, das, außer aller Fassung, mit Ticgcrflcckcn von der damaligen Modefarbe des Straßenkothcs übcrsat, zitternd und zähneklappernd vor ihnen stand. „Bist Du auch einmal manipulirt geworden?" riefen sie. „Wohl bekomme Dir cs! Wer wollte denn Alles besser wissen, Alles besser machen? — Nun hast Du Deine Wette total verloren, und kannst also nur gleich ein halbes Dutzend Flaschen abschläglich auftrcten lassen." Sie erschienen, und ehe noch der Kork der vierte» knallend an die Decke flog, hatte der Magnetist seine Leiden vergessen, und legte sich mit einem fröhlichen Rausche zu Bette. Als ihn aber beim Erwachen unangenehme körperliche Gefühle an den groben Spanier wieder erinnerte», da gelobte er sich heilig, nie wieder eine Ehefrau zu mag- netisiren, und überhaupt etwas solider zu werden. So schaffte denn ein verachteter Stock in fünf Minuten mehr Nutzen, als vom abgöttisch verehrten Magnetismus und ähnlichen Schwindeleien vor der Hand noch in Jahrhunderten D erwarten ist. Der Sturm zu Konstantinopel. I» dem Oestcrreichischen Heere. das vor einigen Jahren mit einem mcilenlaiigcn Schweife von Rossen und Wagen zum Kriege wider die Türken auSzog, ritt ein Körnet, fang und schön wie der Liebesgott, aber höchst mißmuthig, bei seinem Fähnlein. Die fröhlichste Fcldmnsik vermochte nicht, ihn aufzuhcitcrn; denn er sehnte sich nach den Fleischtöpfen Wiens nnd den weltberühmten, artigen Stubenmädchen zurück, denen einmal ein lands- männischcr schöner Geist mit einem eigenen Almanach anf- wartetc. Wir wollen billig scvn nnd dem armen Jungen sein Heimweh nicht verargen. Wer von »ns hätte nicht selbst ein Tete a Tete mit einem reizenden Mädchen lieber, als mit einem mohnbcrauschtcn Muselmann, der Alt und Jung, wie Freund Hain, mit seiner Damasccncrklingc nicdcrsä- belt? Klcist's erfüllter Wunsch, den Tod für's Vaterland zu sterben, ist nicht Jedermanns Sache. Auch unser Körnet empfing daher ein Ficberchcn. das sich just, als man zu einem Gefecht Anstalten machte, bei ihm einfand, wie ein angenehmer Gast. Seine Kameraden munkelten zwar, daß nicht er. sondern blos das zur Entschuldigung seines WegbleibenS vom Schlachtfclde beigebrachte mcdicinische Attestat mit dem Fieber behaftet sey; allein — es mochte nun hier oder dort sitzen — genug, cs war da und blieb da, bis er sein junges Leben unverletzt in die sichern Winterquartiere gebracht hatte. Hier fand sich aber ein anderes, und zwar das Liebes- fieber, bei ihm ein. Das süße Bild der Wiener Stuben- graticn, das ihn wachend und träumend umschwebte, hatte ihn jedoch so verwöhnt, daß ihm das ganze schöne Geschlecht an der türkischen Gränze häßlich vorkam, und er lange keine Gespielin finden konnte, wie er sie suchte. Doch, wenn Nosen mangeln, pflückt man Feldblumen. Die rasche, junge Fran eines Ncgimcnttrompeters fand endlich Gnade vor seinen Augen, und er besuchte sie gewöhnlich Abends, Wenn ihr Mnnn das HnnS verliest Und zum Hvpsnsn der Hnnse Und der jungen Schnnttcrgnnse Aus dem Dorf im Schenkl'nnl blieS. Die Leckerei der Küsse war jedoch dem jungen Wiener nicht nahrhaft genug. Er liebte, wie alle seine Landsleute, eine reichlich besetzte Tafel. Die Frau Trompeterin mußte daher zu jedem Minncabcnd Halter ä gut Brätel oder Ein- geschneitzcl* zurichten. Ihre Kochkunst erhielt den. völligen Beifall des feinen Zünglers; allein desto weniger war er mit dem Tischgeräth zufrieden. Ihm schmeckte von dem thöncrncn Service, worauf die Trompeterfamilie in Ermangelung eines bessern zu speisen pflegte, kein Bissen. Diesem Nebel abzuhclfen, ließ er das Silbergeschirr und Tafelzcug, womit ihn die gnädige Mama zum Feldzug ausstattcte, herbcischaffcn, und war nun in seinem Elemente. ^ Nngonl. Lnngbcin'S snmmtt. Schr. XVI. Bd. 4 öO 83 verts an den Ehrenplätzen der Gevattern warf? Er entdeckte sogleich an ihnen alte Bekannte; denn sie waren aus den mütterlichen Spenden, die er seit jener, ihm unvergeßlichen Sturmnacht vermißte, und noch immer in den Räuberklauen eines Poltergeistes vermuthete, prachtvoll erbaut. Schauernd wich er mit leichenblassen Wangen vom Tische zurück, Wie König Mockbetli, als der Geist Des edlen Bnnqno, welchen er Durch Meucheldube» morgen ließ, Auf feinen. Sinkst beim Gnstmnlst saß, Und gegen ihn mit starrem Blick Die lstut'gen Locken schürlclte. Der Kindtaufvater labte sich inniglich an seinem Entsetzen, that jedoch, als ob er nichts bemerke, und ersuchte die Gesellschaft mit vieler Redseligkeit, Platz an der Tafel zu nehmen. Die übrigen unerschrockenen Gäste lagerten sich; der Zittcrfisch aber führte mit hastiger Unruhe den Wirth bei Seite und fragte, wie er zu solchem schönen Hausrath gekommen scp? „Ein guter Freund von mir," versetzte lächelnd der Schalk, „ein Trompeter hat ihn erbeutet, als Constantino- pel einmal gestürmt werken sollte. Da blies er Allarm, und der Feind zog sich mit Verlust seiner Equipage zurück." Schamroth faselte das Kriegsmännlcin davon, fragte gern nicht weiter, ließ sich das Essen nun wohl schmecken, und verehrte beim Abschiede seinem Pathchcn ein so ansehnliches Geschenk, daß sich der Trompeter bewogen fand, die gemachte Beute dagegen auszuliefern. Seitdem schlich er auch nie wieder in den Kamin, um Allarm zu blasen, ob er gleich in der Folge noch oft die sicherste Muth- maßung hatte, daß Constantinopcl bestürmt werden würde. 54 O-o- Das Schlffcrmädchcn In einem Hüttchcn am Ufer der Donau wohnte einmal ein Schiffer, dessen Lebcnskahn durch langes Herumtreiben auf dem Strome der Zeit leck geworden war. Der ehrliche Greis konnte nicht mehr arbeiten; seine Tochter, ein braves Mädchen, mußte nun Brod für ihn verdienen. Bärbel that's gern. Im Hü Huer st all krähte Sv früh kaum der Hahn, Da lenkte, da drehte Schvn Bärbel den Kahn; Da lud sie schon Leute Zur Überfahrt ein : „Wer mit will, der schreite Fein hurtig herein!" Und sah sie entfalten Die Schwingen der Nacht, Nasch wurde dem Alten Das Fahrgeld gebracht. Man aß vor dem Schlummer Ein mag'res Gericht; Dvch Mißmuth und Kummer Versalzten eS nicht. -o-§> 5 5 <§-c> Bärbel war gut. Bärbel war aber auch hübsch. Den jungen Herren zu Gefallen will ich sie doch ein wenig beschreiben. Einige alte Herren, die ich kenne, werden auch nicht böse darüber seyn. Sie wtir erst achtzehn Sommer alt, Schlank wie ein Bäumchen aufgeschossen, Und ihre liebliche Gestalt Mit Zauber der Narur umflossen; Ihr Angesicht war apfelruud, Schön rosig blühten Wang' und Mund; Und wer fleißig in den Spiegeln Der blauen Augen sich besah, Dem war das lose Kind mit Flügeln, Daö drin sein Wesen hatte, nah. Wohl gab'ö mehr wunderschöne Sachen Noch an dem Mädchen ohne Zahl; Doch eS verbietet die Moral, Den Catalvg davon zu machen. Bärbel war also gut und hübsch. Bärbel war aber auch klug. Das erfuhren einmal zwei Mönche. Ich weiß die Geschichte und will sie jetzt erzählen. An einem schönen, stillen Sommcrabcnde saß Bärbel im Kahn und guckte mit ihren blauen Augen links und rechts, ob noch Jemand Lust habe, sich von ihr über die Donau rudern zu lassen- Sie erblickte aber weiter keinen Menschen, als Zwei wohlgenährte Klosterbrüder, Die wackelten am User auf und nieder. „Ehrwürdige Herren!" rief sic ihnen zu: „Schonen Sie doch Ihre werthcn Füße! Wollen Sic sich nicht lieber ein Bischen von den Wellen schaukeln lassen? Die Bewegung -<>D 86 Wird Ihnen wohl thun. Sie haben keine Gefahr zu besorgen. Es regt sich kein Lüftchen, und der Strom ist glatt, wie ein Spiegel." Die Mönche glotzten die kleine Schwätzerin an. „Lb! puella umabilis, MI fratercule sprach Bruder Franz zum Bruder Anselm, und sogleich ward die angcbotcne Wafserpromenade, in Rücksicht der liebenswcrthen Schif- serin, beschlossen. Schwerfällig-langsam walzten sich, wie volle Tonnen, Die braunen Kutten nun in den tief ächzende» Kahn, Und als sie »lühfam Raum darin gewonnen, Stach Bärbel hinaus in die Wellenbad». „Puh!" ächzte sie nach einem Weilchen: „die' Herren machen mir warm! Sic mögen nicht von der Luft leben. Ich wüßte wahrlich nicht, wenn ich so schwere Ladung gehabt hätte. Das haben die guten Tage voraus, daß man dabei in's Gewicht fällt. Aber Küchenmeister Schmalhans erzieht lauter Windhunde." Die Mönche schmunzelten und saßen übrigens da, wie Bilder der Unthätigkeit. Blos ihre Angen waren geschäftig, die schöne Aussicht — unter das Halstuch der jungen Schiffen« zu genießen, die ihnen der gefällige Wind bisweilen eröffnete. Bald aber zog der Abend seinen Flor De» jungfräulichen Reizen vor Und machle dem Gaffen ein Ende. Die Mönchlein dachten l Das mag er thun! Sie halfen sich, und nahmen nun Die Augen in die Hände. Bärbel (die ein leises Krabbeln in der Gegend des Strumpfbandes spürt, schnell hiubllckt und eine geistliche Hand ertappt). Fy! was ist das? -»§> 37 Franz. Hä, hä! weich wie Sammt. Anselm. Wirklich, Brüderchen? (will sich auch hin- bemülien.) Bärbel. Ehrwürdige Herren, ich bitte mir aus, mich mit solchen unchrwürdigen Späßchen zu verschonen. Franz. Wie witzig! Das verdient ein Osuulum. Anselm. Ein Oücuium! re»de M,c»e annclimend). Du verdienst hohes Lob, daß Du Dich sträubst, weil Dir der Unterschied, der in solchen Fällen zwischen Priestern und Laien zu machen ist, nicht bekannt zu scy» scheint. Der vertraute Umgang des weiblichen Geschlechts mit Kindern der Welt ist allerdings große Sünde, und wir Lehrer können nicht genug dagegen warnen. Allein ganz anders verhält es sich mit geistlichen Personen. Diese sind rein, wie die Engel, und ein Mädchen kann sich ihnen ohne Rückhalt überlassen. Es entgeht dadurch der weiblichen Tugend kein Stäubchen; denn was dem Himmel und seinen Dienern geschenkt wird, ist nicht verloren, sondern bringt hundertfältige Früchte. Anselm. Bruder Franz hat Recht, hat den Satz gar schön ausgcführt. Bärbel (lür sich). Gottlose Menschen! (Nach einigen, Nachdenken freundlich verschämt). Ist das Wirklich so, wie Sie sagen? Franz. So wahr, als — Bärbel. Schwören Sie nicht! Ich glaube Ihnen, und — Anselm. Nun? Bärbel. Und muß gestehen, daß die Sache dadurch freilich eine andere Gestalt gewinnt. Franz. Gelt, Herzchen? (Droht mit einer Umarmung.) Bärbel (launig). Geduld! Es ist noch ein Bedenken zu heben. Franz. Welches? -»§> 89 S-o- Bärbel (vertraulich). Ihr fcpd Beide hübsche, feine Herren; Ihr möchtet aber auch leibhaftige Engel scyn, so könnte ich mich Loch nicht von Einem, in Gegenwart des Andern, mir mit der Spitze des Fingers berühren lassen. Franz. Possen! Anselm. Da sind wir wieder auf dem alten Flecke. Bärbel. Wir können davon wcgkommen, wenn Ihr einen Vorschlag annchmt. Franz. Laß hören! Bärbel. Seht einmal, hier rechts ist eine Sand- Horst", dort links wieder eine. Nun habe ich den Einfall, Einen von Euch dahin, den Andern dorthin zu bringen, und Jeden ein Weilchen, aber nur ein kleines, kleines Weilchen zu besuchen. Franz. Allerliebst! Anselm. Bravo! Bärbel. Vorher ist nur unter Euch auszumachen, wem ich die erste Visite geben soll? Franz. Höre, Bruder Anselm, die gebührt mir. Ich habe durch mciue Beredtsamkeit die Sache so weit gebracht. Dir, Du einsilbiger Jaherr, wäre es nicht gelungen. Anselm. 6onc-- 60 abzuholen. Dann steuern wir an's Land, und Sie kommen heim, ehe das Klosterpförtchen geschloffen wird. Da glühten die Mvuchlein im Feuer Der Wollust und judelren laut. Schon Bärbel saß schelmisch am Steller Und glich der zufriedensten Braut. Schnell fuhrt' an die zwerghafte Insel Den Bruder Anlelmus der Kann; Hier huschte der schmachtende Pinsel, Gleich einer Kröte, hinan. Zum zweiten Sandbett der Liebe Kam jetzt auch der glühende Franz. „Nun. Liebchen, steig' aus und verschiebe Nicht langer den fröhlichen Tanz!" — »Ich halte stets, was ich versprochen^" Nicf Bärbel. „Gehn Sie nur voran!" — Doch war er ans Land kaum gekrochen, Da stieß sie vom Häger den Kahn. Bärbel. Ade, ehrwürdiger Herr, ade! Franz. El, so scherze doch nicht! Die Zeit ist edel. Bärbel. Mir allerdings. Ich will gern nach Hause. Franz. Heißt das Spaß oder Ernst? Bärbel. Fuchsprcllen heißt es. Adc! Franz. Mädchen, höre doch! Pst! pst! Ha, schändliche Betrügerin, der Himmel wird Dich strafen! Bold flucht' er und sprudelte Galle, Bold joiuniert er kniend und bot; Und lief, gleich der Maus in der Falle, Den Häger ringsum, wie ein Nad. In Fluthen vb» Angstschweiß sich baden Ließ Bärbel den geistlichen Schelm, Und lchiffic, von Sorge» entladen, Hinüber zum Bruder Anselm. -C-D 61 - Ansel m. Bärbel. Anselm. Bärbel, fahre heim. Anscl m. schuldig. Bärbel, hangen! Ansel m. Kommst Dn schon? Ja, um mich Ihnen zu empfehlen. Wie? was? Nun, Sie bleiben diese Nacht hier, und ich O thue das nicht an mir! Ich bin un- Was da! was da! Mit gefangen, mit ge- Erbarme Dich! Ihr schlupften die Bitten um Gnade Die Ohren hinein und lünaus: Sie ruderte rasch zum Gestade Und eilt' in ihr friedliches Haus. Der alte Vater hatte Gesellschaft. Bärbels Liebhaber, ein wackerer, junger Schiffer, war bei ihm. Sie erzählte lachend das bestandene Abenteuer, und bat ihren Trauten, daß er doch einen Kahn nehmen und die beiden Insulaner erlösen möchte. Allein der Jüngling antwortete: „Deine Gutherzigkeit lobe ich zwar; doch will ich lieber für Dich durch ein Feuer laufen, als das thun. Solche Zeisige dürfen nicht mit der bloßen Angst wegkommen, sondern müssen härter gezüchtigt werden. Diese Nacht mögen sic ihre Liebcsglut unter freiem Himmel abkühlen. Morgen, wenn der Tag graut, gehe ich in's Kloster und melde die Sache dem Abt." Das miileidige Mädchen bat vergebens für ihre Verfolger. Den jungen Schiffer hatte das Lüstchcn der Mönche, seine Geliebte zu verführen, so erbittert, daß er schlechterdings bei seinem Entschluß blieb, und das von Rechtswegen. Nun sah die Nackt ein Trauerspiel Auf jenen wüsten Häqern, Ein Häufchen FluNu'and dient' als Pfühl Den braunen Liebeejäqcrn. Sie riefen sich wie Wacken an: »F r a n ; i S k e, schaust Du keinen Kahn?« — „Bist Du neck luer, Anselme?" — Das Echo rief: „Ihr Schelme!" Früher als die Sonne war der Ankläger im Kloster- Hofe und verlangte den Abt zu sprechen. Der Pförtner bcschied ihn um zehn Uhr wieder, weil der geistliche Herr erst um diese Zeit aufzustehcn pflege. Da aber der Schiffer darauf bestand, daß er, zur Ehre des Klosters, noch vor dem völligen Tagesanbruch bei ihm Audienz haben müsse, so ward er geweckt. Sein glimmender Zorn, daß man ihn so früh von seinen weichen Federn trennte, brach in schreckliche Flammen ans, als er das Ungcbührniß der beiden räudigen Schafe vernahm. Er beorderte sogleich einige handfeste Kloster- verwandte , sie zu fangen und in Gewahrsam zu bringen. Als nun der Häschertrupp die Dona» herab kam, und die Nachtwächter auf den Sandhorsten das Fahrzeug mit der furchtbaren Fracht erblickten, Hu ! da zerrissen sie dar Schrecken Kutt' und Kraust, Schrien laut: „Maria, hilf!" Und bargen sich in Ruhr und Schilf, Wie Adam nach dem Äpfelschmaust. Allein das Commando ließ nicht lange Verstecken mit sich spielen, sondern zog sie aus ihren Schlupfwinkel» hervor und stellte sic vor den Abt. Der fromme Herr wusch ihnen zuvörderst mit der schärfsten Lauge der Moral tüchtig die Kopse, und ließ dann 63 ein Hansmittclchcn brauchen, das man schon oft wider die Anfechtungen des Liebesgottes probat gefunden hat. Das weichliche Kind kann Hunger und Schlage nicht wohl vertragen; daher entfloh es auch jetzt, als der erste Gei- stelhieb auf die Rücken der beiden Unholde fiel, und hütete sich fein, sie im dunkeln Klosterverließ bei Wasser und Brod wieder zu besuchen. 6 4 Der Wechsel. In D*" lebte noch vor kurzer Zeit ein jovialisches Doktorche» der Rechte, dessen Figur aber das unrechtlichste, schiefste Ding von der Welt war. N»r fünfzig Zoll und einen Strich Maß er non Kopf zu Fnß, Und sein verioachs'ncr Leichnam glich Der schönsten Srachclnuß. Ob er nun gleich als ein wahres Memento mori her- nmwandeltc, so gab cs doch keinen fröhlichcrn Lebemann, als ihn. Bacchus und Venus waren seine liebsten Götter. Wenn in itzr Aktcnzinnncrchen Die Herrn College» sorgen, Und auf Klienten lauerten, Wie Spinnen auf die Fliegen: Dann setzte sich das Männchen fein Zu einer vollen Hnmpe Wein, Und batte schwere Sachen Mit Mädchen anSjumachen. Der Unterschied dabei war, daß jene rechtlichen Orakel kein unbezahltes Wort sprachen, er hingegen immer starke Sporteln seinen schönen, gefälligen Klientinnen erlegen mußte. E-D 63 <2--- Dic unbilligste Liquidation aber ward ihm bei folgendem Liebeshandel gemacht. Er musterte gewöhnlich Abends mit gcwaffnetem Auge die lustwandelnden Töchter der Stadt. Einst wollte er fich schon, mit der heutigen Jungfrauen- und Wciberschau sehr zufrieden, in sein Hauptquartier, einen Jtalicnerkeller, begeben, als ncch ein schönes, jüdisches Mädchen, schlank, wie die Zedern Libanons, auf dem Mnstcrplatz erschien, und alle, die vor ihr da gewesen waren, verdunkelte. Das Zundermännchen brannte vor Sehnsucht, die Bekanntschaft der reizenden Israelitin zu machen, und es gelang ihm bald. Aber die stolze Schöne sah den Wurm, der sich zu ihren Füßen krümmte, verächtlich an, und neigte fich so wenig zu ihm herab, daß er ein Gerüst von goldenen Uhren und andern Geschenken erbauen mußte-, um zu ihren Lippen hinaufzuklimmcn und den ersten Kuß zu empfangen. Zwar wollten die Händchen auch wagen, Zu schlüpfen unrer des Busens Zeit; Doch mit dem Facher zurückgeschlagen Ward unser Held. Als er aber eines Tages den Angriff erneuerte, sprach die Tochter Israels: „So geht es nicht, liebes Männchen! Allein wenn Sic fich gefallen lassen, dieses Blättchen mit Ihrem werthen Namen zu unterzeichnen, so sollen Sie meinen Fächer nicht mehr zu fürchten haben." Mit diesen Worten überreichte sie chm ein Papier, worauf geschrieben stand: Gegen diesen meinen Solawechsel zahle ich an " binnen dato und drei Monaten „Eintausend Neichs- thaler. Valuta habe ich baar erhalten re." Laiigbeiu'S süinmtl. Sehr. XVI. Bd. 5 66 Vergnügt, wie ein König, der einen vortheilhaften Friedenstraktat vollzieht, unterschrieb er schnell, nahm alsdann die schöne Valuta mit Wollust in Empfang, und übereilte sich bei diesem Geschäft so wenig, daß er eine volle Stunde damit zubrachtc. „Ueber den unsinnigen Menschen! Der Spaß kostet ihm wenigstens neun hundert, neun und neunzig Thaler zu viel." So höre ich im Geiste die Kenner der Marktpreise solcher Maaren ausrufen. Aber die Herren irren sich; der schlaue Doktor kam wirklich noch wohlfeiler weg. Denn che die Vcrfallzeit der drei Monate um war, theil- ten sich die Inhaber mehrerer, von ihm unterschriebenen Blättchen so rein in sein Haab' und Gut, daß die schöne Jüdin das Tausendthalcrdokumcut der armen Kirchenmaus zu nichts als Papilloten brauche» konnte. Die neue Sündfluth Um die Mitternachtsstunde des 11. Juni, im Jahr 1785, begab sich in Dresden eine wunderbare, tragi-komische Geschichte. Man finde sie glaublich oder nicht; ich weiß, was ich weiß, darf aber meinen Gewährsmann nicht ver- rathcn, der mir die Sache so erzählt hat: Es lebte dazumal in belobter Stadt ein ehrsamer Bürger, der in seinen jünger» Jahren durch die einzige, wahre Goldmacherkunst, durch Arbeitsamkeit, ein artiges Vermögen mit Art und Hobel zusammcngczimmert hatte. Jetzt, am Abende seines Lebens, hing er das ermüdende Werkzeug an den Nagel und legte die Hände ruhig in den Schoos. Er that denn auch, weil ilm das Glück Sn freundlich ansah, etwas dick. Und trug ein Nest von Ziegenhaar, Das wie ein Ei gestalret war; Dvch viele Herrn, die mit Perücken Ihr Kästchen des Verstandes schmücken, Sind nicht gelehrt, — und so war auch Der Zimmermann ein schwacher Gauch: Denn unter seiner harnen Haube Saß fest ein alter Nlesenglauve An Wunderlichen. Herenpack, Gcistvannerei und andern Schnack. 68 ^ In seinem sechzigsten Jahre beging er noch die Thor- hcit, eine zweimal jüngere Dirne zu heiraihcn und schmeichelte sich, sie werde, trotz der großen Kluft zwischen ihrem Wollen und seinem Vollbringen, so gütig scpn und ihm Farbe halten. Das war ein achter Wunderglaube, da besonders die unparteiische Mutter Natur, die bei Austhei- lung ihrer Gaben nicht auf Rang und Stand sicht, der armen BürgerStochtcr ein allerliebstes Gesichtchcn gegeben hatte. ES war so weiß und rvrh und glatt, Der Neid selbst nannt' es schon, Und ans so schwarzen Angen har Kein Mädchen noch gesehn. Das schöne Lärvchen gränzte au einen noch schönern Busen, und dieser — doch ich will mich in eine weitere Gränzbezichung der Reize des Wciblcins nicht cinlafsen. Es ist mir auch schon ein junger Herr, der in dem Hause des ungleichen Paares wohnte — zwar nicht schriftlich, doch thätlich — darin zuvorgckommcn. Der Micthmann war ein niedliches Produkt Vom jüngsten Leipziger Magister - SchöpfungStage. Er sprach so zierlich, wie gedruckt, Ging, wie das Zünglein einer Wage, Gerad' und steif einher, und that So ehrbar, alS ein Kirchenrath. Doch schlug er bloS das feine Btendgewebe Von Frömmelei um sich herum, Damit das Conststorinm Ilnn einen Hirtenstab bald in die Hände gebe. Wenn aber kein Verspender solcher Stäbe Sich blicken ließ und auf ihn Achtung gab, Da warf er schnell den Heuchlcrmantel ab Und war nickt minder Ein loser Sünder, AIS andre schwache Menschenkinder. Besonders im Punkt der Liebe kam er oft ans dem Takte der theologischen Sittsamkcit. Er tändelte gar zu gern zwischen verschwiegenen Wänden mit hübschen Mädchen oder Weibern, und seine blühende Wirthin stach ihm vorzüglich in die Augen- Er grüßte freundlich her, sie dankte freundlich hin, Und macht' auch oft durch Spende» süßer Kuchen Dem Elegant beherzten Sinn, Sein Liebesbeil noch weiter zu versuchen. Doch leider fand dazu sich weder Zeit noch Ort; Der alte Hauepapa stand immer auf der Lauer Und hütete sei» Schätzchen fort und fort, Wie einen Vogel in dem Bauer. Magister Schlaukopf sah bald, wo die Zäume hingen, und spielte gegen den einfältigen Spießbürger, um ihn sicher zu machen, den gcschworncn Weiberfeind. Uebrigens ließ er kein Mittel unversucht, sich in seine Gunst einzuschmeicheln. Er weidete sein Ohr mit schauerlichen Ge- spenstermährchen und erzählte ihm Geisterbeschwörungen des berüchtigten Grafen Cagliostro und seiner Jünger. Bei dem Allen aber blieb der mißtrauische Keuschheits- Wächter selbst ein so hartnäckiger Geist, daß er sich nicht auf fünf Minuten aus seinem Hause verbannen ließ, ohne den Schatz, den er bewachte, mitzunehmcn. Er blickte sogar, wenn ihn sein sternkundiger Hausgenosse auf ein angebliches Wunderzeichen in den Wolken oder ein Gestirn aufmerksam machte, nur mit einem Auge'gen Himmel und 70 behielt das andere auf der Erde, um nicht selbst unter die Himmclszcichen als Widder versetzt zu werden. Aber seine Wachsamkeit konnte doch nicht verhindern, daß man in einer geheimen Correspondenz über diese Standcserhöhung berathschlagte. Der verliebte Gelehrte klagte seiner Dame, daß die Brcnnspiegel ihrer Augen sein Herz in Brand gesteckt hätten. Sie bedauerte das höchlich und ermahnte ihn: Er möge nur selbst die ersten Feucranstalten treffen, und den Klotz, der ihr den Weg zur Brandstätte versperre, mit guter Manier aus die Seite schaffen. Dann setz sie bereit, eine ganze Nacht an Löschung der von ihr verwahrlosten Flamme zu arbeiten. So lange die Welt steht, war wohl Niemand in einem brennenden Hause so vergnügt, als jetzt der selbst brennende Magister. Er durchsuchte jeden Winkel seines Gehirns, um einen Hebel zu Wcgwälzung des anstößigen Klotzes zu finden; oder — um deutlicher zu reden — er zerbrach sich den Kopf, wie er es anfangcn wollte, den Zimmermeister auf eine Nacht aus dem Ehebette zu verdrängen. Das geschah just um die Zeit, als ein lächerliches Angstfieber, womit der Stolpner Chroniken- und Historienkalender auf das Jahr 1785 mein liebes Vaterland, besonders dessen Haupt- und Residenzstadt angcsteckt hatte, auf den höchsten Grad gestiegen war. Er enthielt nämlich, unter andern Lügen von Wind und Wetter, Krieg und theurer Zeit, die einfältige Prophczeihung: „Daß die den 12. Juni erfolgende Zusammenkunft des Jupiters mit dem Mars eine merkwürdige, entscheidende Begebenheit bedeute, die allem Elend ein Ende machen solle.« Darunter verstanden nun die ländlichen und städtischen -O-D 71 Go- Kalendergläubigcn, — welche, wie der hypochondrische Karl von Carlsberg, dessen Abenteuer damals stark gelesen wurden, die Welt für ein finsteres, von dem Wurme des menschlichen Elends ganz durchnagtes Gebäude hielten, — nichts geringeres, als den jüngsten Tag. Wenigstens besorgten sie eine große Revolution der Erde, bei der es nicht minder an Haut und Haar gehen könne. Potz Hagel; da entfiel der Muth Den schwachen Köpfen. schlecht und gut Bedeckr mit Ayeln. Mütz' und Hut, Mit Hauben und Kornetten. Sie kollerten, voll HerzenSdrang Und Furcht vor Weltennnrergang, Sich schlaflos in den Betten. Viel gute Leute zagten stumm Und gaben nicht heraus: warum? Doch Andre hielten, herzlich dumm, Die ehrlichen Planeten Für Niesen, mcilenlang und dick, Die sich mit Nenvmmistenbiick Den Himmelsweg verträten. Nun glaubten sie: Wenn keinen Strich Der Eine vor dem Andern wich, So baxren wohl am Ende sich Die störrischen Herrn Vettern; Dann fiel der schwächst' uns auf den Kopf, Und würde, klirr! wie einen Topf, Das Erdenrund zerschmettern. — Je näher nun der Tage Flug Die Zeit der Niesenfehde trug, Je heftiger und banger schlug Das Tiktak vieler Herzen. Still, wie ein Grab, ward manches HauS, Wo sonst ertönte Saus und Braus Von Saug und Klang und Scherzen. -o§> 72 Hinans auf Dörfer floh sogar Von Städtern eine große Schaar; Kein Miethgeschirr, kein Postpferd war Mehr in der Sradt zu haben, Und mancher Waghals, der noch blieb, Ließ seines Herzens Lieblingsrrieb Nasch ohne Zügel traben. Der Freßling A fraß noch einmal Sechs hvchgetbürmte Teller kalst, Und seinen Wanst so hart wie Stahl. In der Allee von Linden Schlich B bei düstrer Lampen Schein Um ein mitleidig Schwesterlein Zur letzten Nacht zu finden. Frau C, von Todesangst gedrückt, Doch schön wre eine Fee geschmückt, Nahm Abschied, neidisch angeblickt, Bei jeder Promenade. Am Arm hing ihr, schlank wie ein Aal, Herr D mit, ach! zum letztenmal Derb ausgestopfrer Wade. Die Jüngfernchen E, F, G, H, Die strrsam wie Lukrezia Sich keinen Spinginefeld zu nah In Liebe kommen ließen, Ergaben sich — und dachten: Hum! Wird Alles ans, wer kann den Nuhm Der Keuschheit noch genießen? Herr I, das kriechende Insekt, DaS Hochgeschmack darin entdeckt. Wenn eS der Großen Speichel leckt, Bat mit gekrümmtem Leibe Und Westenkuß den Grafen K, Daß er in jener Welt doch ja Sein gnäd'ger Gönner bleibe!* — Diese Verse werden vielleicht manchem Leser bekannt scheinen und mich bei ihm in den Verdacht eines gelehrten -c»^> 73 In dem Hause des Zimmermcisters waren die Stimmen über die Drohung des Kalenderfabrikanten sehr getheilt. Der Magister, ein arger Freigeist, spöttelte darüber; die junge Frau war ohne Sorgen, da sie ihren Liebling so heiter sah; aber der Hausherr wartete mit Furcht und Zittern der Dinge, die da kommen sollten. Das brachte den losen Vogel, der bei ihm nistete, auf die Idee, ihn in derselben Nacht, da er unter die himmlischen Hcerschaaren ausgenommen zu werden hoffte, unter die Legion der betrogenen Eifersüchtigen zu versetzen. In dieser Absicht nahm er ohngefähr eine Woche zuvor ein ganz besonderes Wesen an: enthielt sich aller Spöttereien über den Almanachsprophetcn, und stieß tief geholte Seufzer aus, wenn sein muthloser Wirth davon zu reden anfing. Diese Nolle spielte er drei Tage; daun ruckte er seinem Ziele näher, verschloß sich, wie ein Einsiedler, in sein Stübchen, und ließ sich nicht hören und sehen. Der Zimmermann vermißte seinen lieben Mahrchener- zähler in den erste» vier und zwanzig Stunden, und fragte seine Hausehrc, ob sie nichts von ihm wisse? „Was geht mich der Magister an?" antwortete sie schnippisch: „Soll ich ihn hüten? die Magd hat ihm heute früh Thee bringen wollen, aber seine Thüre fest verriegelt Diebstahls bringen. Aber ich habe nur mich selbst geplündert; denn sie sind wirklich mein Machwerk, ob sie gleich in der Quarralschrifc für altere Literarur und neuere Lektüre im dritten Hefte des dritten Jahrgangs ohne meinen Namen gedruckt sieben, ttebrigens wird mich die daselbst von einer andern Feder brigefügte, historische Erläuterung gegen den Vorwurf, als ob ich meinen Landsleuten eine kleine Lächerlichkeit bloS angedichtet habe, sattsam vertheidigen. gefunden. Sie hat geklopft, er hat nicht aufgcthan; das ist Alles, was ich weiß. Ilcbrigcns mag er schlafen, oder todt sep», was kümmert's mich? —" „Aber mich kümmert's," entgcgncte er, und eilte nun selbst an die Thüre des verschlossenen Museums. Er klopfte — Niemand ließ ihn ein; er rief — Niemand antwortete; endlich bediente er sich der haushcrrlichcn Macht des Hauptschlüssels, aber ein inwendiger Riegel verwehrte ihm den Emgang. Da lief ihm ein eiskalter Schauer über den Nacken. Er glaubte nun nichts gewisser, als einen Selbstmörder im Hause zu haben, und hob sofort mit einer Brechstange die Thüre aus den Angeln. Welch Schauspiel! In der Diele Staub Saß der Magister, stumm und raub, Und starrte bald die Wvlkrnbabn Und bald den Zimmermeister an; Das Haar hing mild chm um die Stirn, Als rappelt' eS in seinem Hirn. Der Alte schrie ihm in das Ohr Und hob ihn vpn der Erd' empor; Er schüttelt' ihn wie einen Baum, Um ihn zu wecken aus dem Traum; Er spritzt' chm Wasser ins Gesicht: Doch nichts verfing bei'm armen Wicht. Er blieb im Tiefsinn ganz verloren, Und starr und steif, alS wie gefroren. Doch endlich zog des NappierS Mund Sich wellenförmig, schief und rund, Und diese TollhauSmiene war Vorläuferin von einem Paar Pfunoschweren Seufzern, die nun schallten, Und wie Pistolenschüsse knallten. Zimmermeister. Armer Herr Magister, besinnen Sie sich doch! was fehlt Ihnen? Magister (löst wieder ei» Piste». Zimmermeister. Habe» Sie ganz Sinn und Sprache verloren? Vertrauen Sie mir Ihren Zustand! — Nun? Magister. Wehe! Wehe! Z immc rmeiste r. Das erste Wort, das Sie sagen, ist ein Donnerwort. Rufen Sie cs über sich oder mich? Magister. Ucber Sic, über mich, über das ganze Land. Zimmermcister. Ach, warum? Magister. Ich bin leichtsinnig gewesen, habe der Weissagung des Kalenders gespottet, aber — aber — Zimmermeister. SindSie nun endlich zurErkennt- niß gekommen? Magister. Das bin ich. Zimmermcister. Gort Lob! Magister. Nun hören Sic, wie es zuging. Vor einigen Tagen hatte ich einen schweren Traum. Ich sah die Fenster des Himmels aufgcthan und ein grenzenloses, wogendes Meer. Am Ufer standen tausend und aber tausend Engel, mit kristallenen Kannen in den Händen. Sie schöpften damit Wasser des Meeres, und gossen es herunter auf die Erde. Hier schwoll es an zu einer Flnth, die Häuser und Bäume niederriß. Endlich brauste sie auch zu mir herein, hob mein Bette, und heulende Wellen führten es davon. Jetzt weckte mich die Todesangst; aber ich lachte mich selbst darüber aus, und dachte: Träume sind Schäume. Zimmermcister. Ei, wer wird Alles so aus die leichte Achsel nehmen? Das ist Freigeistern. Sie hätten ein Traumbuch nachschlagen sollen. Magister. Das that ich freilich nicht; doch standen mir die geschäftigen Engel mit den Wasscrkannen immer v-D 76 <§<>- vor Augen, und ich war daher, wie Sie werde» bemerkt haben, ernsthafter, als sonst. Endlich weckte mich gestern um Mitternacht eine Geisterstimme, die mir znrief: „Wache auf, wache auf, der Du so leichtsinnig schläfst, und lies Dein und Deiner Brüder Schicksal in den Sternen!" Zimmermeister. Hu! mir schauert die Haut. Magister. Auch ich verließ zitternd mein Lager und blickte furchtsam hinauf zum Himmel. O Freund, was sah ich? Eine schreckliche Stellung der Gestirne, die den unvermeidlichen Untergang der Welt durch eine neue Sünd- fluth ankündigte. Zimmer mcister. Ach, daß sich Gott erbarme! Magister. Der ehrliche Kalcnderschreibcr hat Recht. Es werden auf den zwölften dieses Monats plötzliche Wol- kenbrüchc fallen, gegen welche die Sündfluth der Vorzeit nur ein Fingerhut voll Wasser war. Binnen einer Stunde wird die ganze Welt, wenigstens unser thcures, werthcs Land, mit Mann und Maus untcrgehen. Zimmcrmcistcr. Das haben wir mit unfern Sünden verdient. Magister. Wohl wahr. Zimmermeister. Da gibts nichts, als Bälle, Komödien und Opern — Magister. Und obendrein noch etliche Privattheater. Zimmermcistcr. Gegen welche die liebe Geistlichkeit Anfangs genug geeifert hat. Aber man achtet die ehrwürdigen Herren nicht mehr. Magister. Leider! Zimmcrmeistcr. Sie können jetzt über ganze, lange Straßen im Priesterrocke gehen, ohne daß ein Mensch vor ihnen den Hut zieht. Magister. Alles wahr. ^ 77 Zimmermerster. Ich bücke mich vor Küstern, Glöcknern und Balkcntrctcrn, weil sie zur Kirche gehören. Magister. Eine lobcnswürdige Devotion. Zimmermeister. Durch die ich mir gewiß eher eine Treppe in den Himmel gebaut habe, als Andere, die schönen Frauenzimmern zunicktcn. Magister. Jetzt trafen Sic den Nagel auf den Köpf. Das ewige Schnäbeln, Liebeln und Bübeln zieht uns hauptsächlich das schreckliche Strafgericht auf den Hals. Zimmcrmeistcr. Und hiezu kommen die neuen, abscheulichen Moden. Gehen nicht Männer und Weiber mit wollüstig fliegenden Haaren, und buntscheckig gekleidet, wie Harlekine? Lacht man nicht über gesetzte Leute, die in der bescheidenen Tracht der frommen Urgroßväter ein- hcrgehcn und sich durch Perücken den Dienern Gottes gleich zu machen suchen? Lacht man nicht laut über sie ? Magister. Das habe ich hundertmal gesehen und gehört. Dafür werden aber auch jene Modepüppchen von der Fluth zuerst ergriffen, und sammt ihrer lustigen Garderobe in den Abgrund der Vernichtung hinabgcschweinnit werden. Z im in er in eist er. Kein Prophet wird mehr geachtet, keine Hexe mehr verbrannt; Teufel und Gespenster werden geläugnct; die heutige Welt weiß das Alles besser, das Ei ist klüger, als die Henne. Sogar den Schöpfer meistert man. Er gab uns nicht Flügel, wie den Vögeln; aber dennoch wollen wir fliegen, bauen uns Luftschiffe, und — Magister. Still! cSr hasche eine Fliege, hält sie ein Weilchen a»'S Ohr, lägt sic dann wieder fliegen, und klatscht freudig in die .Hände., Triumph! Wir sind geborgen! Zimmcrincistcr (mitleidig). Armer Herr! Ihr Raps kommt wieder. -»D 78 Magister. Nichts weniger. Zimmermeister. Aber die plötzliche Freude — Magister. Ist eine Folge der jetzt erhaltenen angenehmen Nachricht, daß unsere beiderseitige Rettung von dem allgemeinen Waffertode nicht allein möglich und wahrscheinlich, sondern völlig gewiß ist. Z i m in e rm eister. O bester Freund, wie? Magister. Erinnern Sie sich noch, daß ich manchmal ein Wörtchen von der Möglichkeit des Umganges mit Geistern gegen Sie habe laufen lassen? Z i m inermeistc r. Recht wohl; und Sie werden auch wissen, daß ich Sie oft bat, mir das Gchcimniß der Ci- tation zu entdecken; allein Sic gaben vor, Sie wüßten cs selbst nicht. Magister. Damals war diese Vcrlängnnng nöthig. Wie leicht hätten Sie es nicht weiter gesagt, und dadurch verursacht, daß alle Menschen vor mir, als einem Schwarzkünstler, geflohen wären? Nun aber bedarf ich dieser Vorsicht nicht mehr; ich gestehe Ihnen also, daß ich wirklich einige Macht über Geister besitze, und eben jetzt zu Ihrem und meinem Vortheile davon Gebrauch gemacht habe. Zimmermeistcr (sich bekreuze»!». Alle gutenGcister — Magister. Loben Gott den Herrn; die meinigen auch. Fürchten Sie sich nicht! Es soll Ihnen kein Haar gekrümmt werden, ob Sie gleich in diesem Augenblicke mitten im Zirkel der Geister stehen. Zimmermeistcr ibckrcujt sich wieder, und macht mit schüchternem Umbliesen einen krebsartigen Rückzug nach der Thüre). Magister. Gut! dort sind Sic am sichersten, und können die Fortsetzung meiner Geschichte ruhig anhörcn. Ich blieb bei der gehabten nächtlichen Offenbarung von -»D 79 Kötzer neuen Sündfluth stehen. Nun werden sic wohl glaube», daß mich die Furcht vor einem so nahen Tode schrecklich peinigte: daher entschloß ich mich, das Heer meiner dienstbaren Geister hcrbeizurufen und von denselben ein Rettungsmittel zu erforschen. Damit war ich noch beschäftigt , als Sie bei mir — im eigentlichen Wortverstand — mit der Thüre in's Haus fielen, und Sie wer- sich nun den Zustand, in dem Sie mich antrafen, erklären können. Ans meinen Wink verwandelten sich sogleich die anwesenden Geister in die Gestalt gemeiner Stubenstiegen, und sind »och unter dieser körperlichen Hülle gegenwärtig. Zimmermcister (steht starr wie eine Bildsäule, und wagt nicht, Athen, zn hole», weil sich ihm inst eine Fliege auf die Nase setzt). Magister (es bemerkend). Hah! der Oberste meiner Geister, der mächtige Fitzliputzli, macht Ihnen seinen Besuch. Scheuen Sie sich nicht vor ihm! Er ist sehr gut gegen Sie gesinnt, und war cs, der mir vorhin die angenehme Nachricht von unserer Erhaltung brachte. Zimmermeister (nachdem Ihn die Fliege wieder verlasse» hat). Puh! Es war, als ob mir eine glühende Kohle auf der Nase läge. Nun, worin bestand seine Botschaft? Magister. Er sprach: „Herr und Meister zage nicht! Dich zu retten, ist uns Pflicht. Dir und noch zwei Indern Seelen, Die Du selber kannst erwählen, Netzt kein Haar die Tvdesflnrh, Wenn Ihr, was ich sa^e, thut. TaczS vorher, eh' die Gewässer Kommen, — dem Kalender nach, — 80 Hängt drei wohl gepichte Fässer Unter dieses HauseS Dach, Und besteiget sie gemach, Olm' ein Wort ans Euerm Munde Und vhn' eines Menschen Kunde, Fn der zehnten Abendstunde. Doch vergesset in der Eil' Nicht ein scharf gei'chliff'neS Beil, Um damit im Augenblicke. Wenn der Wvgcndrang Euch hebt, Zu zerlmuen alle Stricke, Woran Euer Schifflein schwebt. Habt Jkr Euch so flott gemacht, Dann ist Alles gut vollbracht. 2ch und meine Geisterlcin Werden Nuderknechte seyn, Und Euch sorgsam gondelircn, VrS die Fluchen sich verlieren." Zimmermeister. Ei, ei, diese Schifffahrt ist mir bedenklich ! Magister. Sorgen Sic nicht! Mein Fitzliputzli ist gewiß ein vortrefflicher Steuermann, und scheint mit dem Wasser schon lange bekannt zu seyn; wenigstens schmecken seine Verse sehr nach diesem Elemente. Zimmermeister. Ich armer Mann! Was soll ich anfange»? Da kein anderes Nettungsmlttcl vorhanden ist, so muß ich mich freilich auf Sic und den Herrn ff ff ff Fitzliputzli verlassen. Magister. Nun eilen Sic, Freund, und schaffen Sie ganz in der Stille drei tüchtige Wannen herbei, welche zu unserem Behuf brauchbarer seyn werden, als Fässer, die der Geist — vcrmuthlich nur des Reims wegen — verordnte. Die Gcfäfse müssen aber Wasser Hallen, und so lang scpn, daß man bequem darin liegen kann. Also — verstehen Sie mich recht; — drei Wannen. Eine für Sie, eine für mich, und eine — für den Kalcndermacher. Zimmer Meister. Wie? Für den Kalendermacher? Magister. Za, um das ihm angethane Unrecht, indem ich ihn für ciiiA Narren und Lügenpropheten erklärte, durch Rettung seines Lebens zu vergüten. Ich kenne den ehrlichen Mann ganz und gar nicht, weiß nicht einmal seinen Namen; daher will ich stracks eine Stafette nach Stolpcn an den Verleger des Kalenders abfertigen und mich bei ihm nach dem Autor erkundigen. Zimmermeister. Liebster Herr Magister, warum wollen Sie nicht die dritte Wanne meiner armen Frau gönnen? Ich weiß, Sie find ein Weiberfeind, aber ich bitte Sie, so schön ich bitten kann, erbarmen Sie sich meines guten Hannchens. Ich kann und mag ohne sie nicht leben. — Bedenken Sie doch auch Ihr Gewissen? Wollen Sie denn, daß das ganze weibliche Geschlecht aus- sterbcn und nicht Eine übrig bleiben soll? Magister. Würde wohl viel dabei verloren sepn? * Zimmermeister. O! Sic haben ein steinernes Herz, wollen mich martern — Magister. Gut; Ihr Wille geschehe! Die Neue wird aber Nachfolgen. Wenn Sie einst nach wieder vertrockneter Fluth in gemeinschaftlicher Regierung mit mir und dem Kalendermacher über die ganze ausgestorbene Welt als Kaiser herrschen könnten, dann werden Sie — Sie allein — unter dem Pantoffel eines Weibes stehen. — " Hier übertreibt der Herr Doktrr der Philosovliie seine Noile, und ich glaube nun fast, daß es wirklich ein wenig mit ihm rappelt. Langbcin'S sämrntl. Schr. XVI. Bd. 6 Daß Jhro Majestät nur alsdann nicht kommen, »nd mir Ihr Hauskreuz klagen wollen! Zimmermeister. Nein, nein. Magister. Nun so gehen Sie und setzen unsere Barken in scgelfertigen Stand! Der künftige Kaiser mit der Kr^f von Hobclspähnen lief jetzt zu seiner Gemahlin und crzähllc ihr, was sie lange schon wußte, aber mit dem größten Erstaunen erst diesen Augenblick zu hören schien. Sic machte tausend Einwendungen gegen die Seereise, entschloß sich erst auf dringendes Billen dazu, und versprach, für Schiffsproviant auf etliche Tage zu sorgen. Er rüstete nun unter Bete» und Singen die Flotte aus, und zimmerte in dem Giebel seines Hauses, das in der Vorstadt lag und nur ein Stockwerk hoch war, ein geräumiges Loch, wodurch sie auslaufen sollten. Der Magister durfte nicht einen Augenblick von seiner Seite, um ihm die Fliegen abzuwehren, die er noch immer für Geister hielt. Sobald sich eins dieser unschuldigen Thierchen auf den oder jenen Theil seines Körpers nicderlicß, erstarrte er, wie von einem Zaubcrstabe berührt, und ward nicht eher wieder lebendig, bis der Magister den geflügelten Kobold verscheucht hatte. Am Mittage des eilften Juni hing die Flotille segelser- tig am Anker. Jetzt schlug der pfiffige Fliegenvogt seiner Reisegesellschaft vor, den verlornen Muth im Wcinglase wieder zu suchen. Der Alte wollte nicht daran, weil er cs für unschicklich hielt, diesen wichtigen Tag durch den Becher der Freude zu entheiligen. Der bibelfeste Theolog hob aber seine Bedenklichkeit bald, indem er ihm vorstclltc: Da der Archenbauer, Vater Noah, dem er so ganz gleiche, de» ersten Weinstock gepflanzt habe, so scy cS ihm, Noah -O-A 83 Ordern Zweiten, nicht unanständig, von diesem Gewächs zu trinken. M.in setzte sich, um mit bescheidnen Lippen Ein Fläschchen Meißner auSzuuippeu. Das alte Weinchen war so mild, Daß Noali sich mir ihm bekannter machte Und an die Snnvflntch kaum noch dachte, Als er daS zehnte Glas in zitternden Händen hielt. Beherzt trank nun der gute Meister, Bis er von aller Furcht genaß, Und gar am Ende gegen G«>jster Den schuldigen Respekt veraaß. Selbst Fitzuputzii, der auf seinem Nasenthurme Sich noch einmal zu lagern unter,'tand, Ward jetzt. aiS war' er nur ein Lump von einem Wurme, Erschlagen durch des Zechers Hund. Nun war es hohe Zeit, ihn einzuschiffen. Stand inan länger damit an, so würde cs ihm cntwedcr an körperlicher Kraft gefehlt haben, mittelst einer Treppenleiter an Boro zu gelangen, oder — was noch mehr zn befürchten war — die Aulklärung des Weins wäre vielleicht so hoch gestiegen, daß er die ganze Sündfluth für eine Fabel gehalten und sich gar nicht zur Einschiffung bequemt hätte. Indem cs ihm also am besten schmeckte, wurden Flaschen und Gläser weggeräumt, und die Gesangbücher geholt, um durch einige Kreuz-, Anfechtungs- und Stcrbe- lieder seinen Ucbcrmuth wieder zn demüthigen. Das Mittel schlug an. Er weinte wie ein Kind, und stieg die Treppe zn seiner Gondel mit eben so zerschlagenem Herzen hinauf, als ein armer Sünder die Leiter zum Hochgerichte. Seine Gefährten krochen nun auch mit schwer und müh- sam unterdrücktem Lachen in ihre Fahrzeuge. Alles war todt und stille. Der erste Laut, der sich nach Verfluß einer Stunde hören ließ, war die Stimme des Schlafs, der den berauschten Noah überwältigt hatte. Dieser sonst widerliche Ton gab dem lauschenden Magister ein längst erwartetes, angenehmes Signal, seine Kajüte wieder zu verlassen. Er stieg auf leisen Socken die bet ihm stehen gebliebene Treppenleiter herab und trug sie unter den schwebenden Aufenthalt seiner Geliebten, die auf diesem Wege zärtlich in seine Arme flog. Das glückliche Paar hielt sich nun nicht länger unter dem Sparrwerkc des Hauses auf, sondern schlich in ein Kämmerlein des Erdstockö herab, um in dem dastehenden Bette ein bequemeres Plätzchen zu Umarmungen zu finden. Bis gegen Mitternacht pflegten sie ungestört der Liebe. Doch schnell zerreißt der Küsse Faden Durch ein Geräusch am Fensterladen, Und eine Stimme girrt herein: „Schön Weibchen, find' ich Dich allein?" Frau (leise zuni Magister). Q Himmel! das ist der unausstehliche Advokat Blasius, der mir auf allen Tritten und Schritten nachgeht. Magister. Der verdammte Kerl! Heißen Sie ihm, er soll sich packen. Blasius (klopft wieder an den Laden): Du holdes Täubchen, Du süßes Weibchen, Hörst Du mich nicht? Frau (laut,. Ich habe nichts mit Ihnen abzuthun, Herr Advokat! Hüten Sie sich, daß Sie nicht von meinem Manne, der bei mir schläft, gehört werden, sonst möchte Ihnen diese nächtliche Störung nicht zum Besten bekommen. -<-§> 88 Blasius- Nur einen Kuß, mein zweites Leben! Ich will dann gern zur Ruhe mich begeben. Magister «eise). Wahre Advokalcnvcrse. Frau. Begeben Sie sich nur jetzt gleich zur Ruhe, mein Herr, und lassen Sie mich auch schlafen. Blasius. O Engclsweib, nur -inen Kuß! Weil sonst der arme Blasius Vor Deiner Thürc sterben muß. Magi stcr (brummend). Wenn'sdoch schon geschehen wäre- Frau. Gehen Sic, Herr Advokat, oder ich wecke meinen Mann! Blasius. Und wolltest Du den Donnergott erwecken, Mich würde traun sei» Blitz nicht schrecken, Könnt' ich von Dir ein Küßchen schmecken. Magister «eise). Ei, so wollte ich, daß der Teufel Dich und Deine schlechten Verse holte! Frau (zum Magister). Ich werde dem Narren wohl den Mund mit einem Kusse stopfen müssen. Magister. Nein, das gebe ich nicht zu. Blasius. Ach! — ach! — ich liege nun schon in den letzten Zügen, O Tigerherz, macht Dir mein Tod so viel Vergnügen? Frau «e,se). Wir werden ihn wahrlich die ganze Nacht nicht los, wenn ich ihm nicht seinen Willen thue. Magister. Den soll er durchaus nicht haben; ich will ihn aber gleich abseitigen. Rufen Sie ihm jetzt zu, daß Sie ihm einen Kuß erlauben wollten, wen» er verspräche, nichts weiter zu verlangen, und sich dann gleich fort zu packen. Blasius. Auf Deinen Lippen purpurroth Blüht schön ein Kräutlein wiker'n Tod. O spend' es mir in meiner Noth! Frau «aut,. Sepn Sie nur ruhig, Sie erbärmliche Wehklage! Ich will Ihr Verlangen erfüllen; doch müssen Sie mir erst Ihr Wort geben, daß Sie alsdann ohne weitern Senf mein Hans verlassen wollen. Blasius. Ich schwör's bei Deiner Augen Sternen, Mich angenblicklich zu entfernen. Nun entstieg der boshafte Magister dem Bette, und reckte unter Begünstigung einer cgpptisch 7 finstern Nacht dasselbe Gesicht zum Fenster hinaus, das jene holländische Mithin zum schwarzen Dock in Harlem ihren treulos gewordenen Kunden und der ganzen Welt bei Trompetenschall zeigte* Der schmachtende Blasius, der gar nicht an die Möglichkeit einer so häßlichen Täuschung dachte und überdieß ein wenig benebelt war, drückte den zärtlichsten Kuß darauf und eilte seinem Versprechen treu von dannen. Schon mancher weite Mann rierh seinen Ervcnbrüder», Nicht mit dem Messer der Grübelei DeS Lebens Freuden zu zergliedern, Weil ihr Skelett ein ekler Anblick sey. — Herr BlastuS hätt' auch sehr klüglich gehandelt, War' er, zufrieden mit dem Kuß, lind ohne darüber den KrinkuS Zu spielen, seine Straße gewandelt; Allein er kettete Schluß an Schluß, Und so vereinten sich hundert Sachen, Ihm den gehabten Lippengenuß Im höchsten Grade verdächtig zu machen. „Ha!" rief er endlich aus: „was du ein Esel bist! Du hast ein L für ein ii geküßt!" * Herr Penzet hat davon, der stachen Physiognomie ungeachtet, zu dem ersten Theile der Neise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich ein geistreiches Kupfer geliefert. 87 Er war so aufgebracht, daß er sich selbst mit einem Backenstrcich bediente. Nun aber dürstete er auch nach Rache gegen den schamlosen Betrüger, der ihm diese falsche Waare untergeschoben hatte. Ich will Dich brandmarken, Du magst sehn, wer Du bist! dachte er, und eilte zum flammenden Herde eines fleißigen Sckmids, den er in der Nachbarschaft arbeiten sah. „Geschwind, lieber Meister, geschwind einen glühenden Stab Eise»! Frag' er nicht lange, wozu? Nur geschwind, geschwind!" Der gefällige Vulkan stieß eine tüchtige Stange in die Kohlen, zog sie nach wenigen Minuten flammenroth und funkensprühend wieder heraus und übergab sie ihm. Er lief damit an's Fenster der Frau Zimmermeisterin zurück, klopfte und rief: „Noch einen Kuß, du kleine Maus: Ich sturme sonst das Haus." Der Magister, dem es herzlichen Spaß machte, seinen ^ schmutzigen Nachdruck noch einmal als Originalausgabe zu verkaufen, ließ ihn nicht lange warten, sondern reichte geschwind das vorige Ercmplar wieder zum Fenster hinaus. Aber der Advokat fuhr mit dem glühenden Eisen so derb über das Titelblatt hinweg, daß der Nachkrucker vor Schmerzen laut aufschrie: „Hülfe! Wasser! Wasser!" lieber diesen Nothschrei erwachte der Zimmcrmeister, und glaubte, das Wasser der Sündfluth komme. Daher hieb er rasch, um sich flott zu machen, die Ankerseile seines Fahrzeugs entzwei, und es strandete krachend auf dem Boden. Der gesengte Magister wünschte sich jetzt nur ein Paar kühlende Tropfen von der Sündfluth vergebens. Er muß aber doch bei aller Pein, die ihm sein Brandschaden verursachte, noch Gegenwart des Geistes behalten haben, die Verwirrung im Hause, welche schon die Nachbarn herbeilockte, auf eine gute, mir jedoch unbekannte Weise zu schlichten) denn er hat nun eine Pfarre bekommen, und zwischen seinen Wirthsleutcn ist keine Ehescheidung erfolgt. -»§> 89 Oo- Klärchen. Ein verliebtes Pfäfflein ward jüngst von einer der zwölf klugen Jungfrauen, die in der kaiserlichen freien Reichsstadt Goslar einen Almanach für Liebende und Nichtliebende herausgeben, lustig angeführt- Die Correktnrbo- gen des Mnncbüchleins haben eine weite Reise zur schönen Schriftstellerin, von der wir sprechen. Denn Klärchen wohnt im Baierland, Im Paradies der Pfaffen, Die gern, wie aller Welt bekannt, Nach hübschen Mädchen gaffen. Ein solcher Wicht mit Doppelkinn Und Schmeerbanch fand Behagen, Der AlmanachSverfasserin Bon Liebe vorzulagen. Die kluge Jungfrau aber schrieb An ihrem Werkchen fleißig, Und that oft, wenn der Tagedieb Sie störte, wild und beißig. Ihr folgte dennoch auf der Spur Der brünstige Geselle; Denn ihn beschenkte die Natur Mlt einem BüffelSscllc. -C-A 90 ^ Der schnödesten Verachtung Dolch Drang nicht zu seinem Herzen; Bei HauSoeeboten rief der Malch: „Ei, ei, Mamsellchen scherzen!" — Die junge Federheldin sann Auf Schwanke nun, den Pfaffen, Der fühllos war bei Fluch und Bann, Vom Halse sich zu schaffen. Sie dachte: Ließ ich eine Nacht Ihn auf der Waffe frieren, So wurde wohl sich sacht und sacht Sein Liebesmuth verlieren. AlS nun daS Pfäfflein wieder kam Und dreß und das begehrte, Da sprach mit jungfräulicher Scham Die listige Gelehrte: „Herr Pater, Hausbesuche muß Ich mir im Ernst verbitten; Ich habe köstlichen Verdruß Darüber schon gelitten. Die lauschende Verläumdung macht Von mir gar bittre Glossen: Drum Hab' ich mich vor ihr in Acht Zu nehmen, fest beschlossen. Wir wollen vor dem Angesicht Der Welt uns nie mehr sprechen, Es gibt ein Oertchen, wo uns nicht Der Schmähsuchr Wespen stechen. Der Weg ist Ihnen doch bekannt Zu Augustins Kapelle? — Nun auf dem Kirchhof linker Hand Ist die gemeinte Stelle. 91 O-o- Dort sollen Sie mich ohne Zorn Und ganz gefällig finden. Sobald des Wächters Nus und Horn Wird Mitternacht verkünden. Mannshohe Fässer liefen da, Worin man anr kann filzen, Um sich im Notl'fall, so etwa Ein Schnecchen fiel, zu schuhen. Wenn dieses Plätzchen nicht gefällt, Kann ich kein andres drechseln, lind maq sonst nirgends in der Welt Kein Wort mit Ihnen wechseln." Das Pfäfflein erstaunte nicht wenig ob dieser Rede. Ein züchtiges Mädchen, das bisher immer die Vestalin spielte, lnd ihn auf einmal zu einer nächtlichen Zusammenkunft in ein Faß ei», wo man sich doch wahrlich sehr nahe znsammenfügen mußte. — Was sollte er von diesem Einfälle denken? Bald aber besann er sich, daß er mit einem weiblichen Genie, mit einer Schriftstellerin, zu thnn habe, und nun kam ihm der Antrag nicht mehr wunderbar vor. Dergleichen Leute — dachte das einfältige Klosterschaf — suchen manchmal Ehre darin, Sonderlinge zu machen; du wirst also wohl, wenn du eine wollüstige Nacht genießen willst, der Gcnielaune nachgeben muffen. Das that er denn auch, und empfahl sich unter der Versicherung, mit dem Schlage der zwölften Stunde auf dem Kirchhofe zu erscheinen. Die Jungfrau versprach es nicht minder; bat ihn aber, er möge sich nicht verdrießen lassen, ein oder zwei Stündchen auf sie zu warten, im Fall ihr etwa eine Verhinderung zustoßcn sollte, pünktlich zu kommen. -o-V 92 ^ Worthaltcn war, wie wir schon wissen, nicht ihr Ernst. Sie ging aber Abends zu einer vertrauten Freundin, die bei der Augustincrkapcllc wohnte und auch mit am Liebes- almanach arbeitete. Hier brachten die Töchter der Musen erst einige Hefte ihres Mannscripts in Ordnung und lauschten dann hinter dem Vorhänge, ob der Pater kommen und was er beginnen würde. Sanft flimmerten oben die Lämpchen der Sterne, Auch brannte des freundlichen Vollmonds Laterne; Sv war, wie am Tage, das einsame Feld Der schlummernden Todren bestrahlt und erhellt. Kaum hatte die Glocke der Geister geklungen, Da kam schon der pünktliche Pfaffe gesprungen; Er wackelte zwischen den Gräbern herum Und sah nach der schönen Scribentin sich um. Bald fand er sechs umgestürzt liegende Tonnen. Ha, dachte die Einfalt, nun Hab' ich gewonnen; Das schäkernde Mädchen, das liebend mich neckt, Hat sicher und heilig darin sich versteckt. Er säumte nun gar nicht, von einer zur andern, Mit klopfendem Finger am Boden, zu wandern. Er horchte; doch nirgends scholl Antwort heraus, Kein Seelchen war in den fünf ersten zu HauS. Schier sank nun die Hoffnung. Allein ihm ward besser Beim Klopfen und Horchen am sechsten der Fässer; Hier krabbelte was an der inneren Wand Und sprach auch ein Wörtchen, das er nicht verstand. Das Wörtchen, im Bauche des Fasses gesprochen, War einem fchwarzborstigen Nüßel enrkrochen; Es grunzte verdrießlich ein Schwein, das hier schlief, Nachdem es sich Abends vom Stalle verlief. 93 Doch weil Phantaseicn oft Buhler bethören, So glaubte der Pfaffe, sein Liebchen zn hören. „Ich kenne Dich/' rief er, „trotz Deinem Gebrumm!" — Und sprang zu der Mündung des Fasses herum. Er bog sich zusammen, »m ohne Verweilen Die enge Kajütte mit Liebchen zu the,len; Da hob sich vom Lager das Mastschwein empor Und stürzte mit zornigen, Grunze» hervor. Schnell fuhr eS ihm zwischen die Sicheln der Beine Und trug ihn davon über Stock, über Steine: Wie einst man ans Hirsche die Wilddiebe band. So ritt er, das Schwänzlein der Sau i» der 5/and. Vergebens war Streicheln und Schmeicheln und Kosen; ES diente nur, mehr noch die Sau zu erbosen. Sie wirbelte blindlings herum sich in, Ring, Weil ihr auf dem Nüßel der Pfaffenrock hing. Nun mußte zuletzt durch die offenen Thnren Des Kirchhofs sie gar noch Beelzebub führen, Und hin auf die Gasse, wo eben das Paar Schöngeistiger Mädchen im Hinterhalt war. Sie stemmten vor Lachen die Hand' in die Seiten, Als sie das unglückliche Pfäffchen sahn reiten. Schön Klärchen rief auch, als die Errrapost knapp Am Hause vorbeiflog, vom Fenster hinab: „Herr Pater, Herr Pater, wohin so behende? Nun traben Sie immer bis an der Welt Ende! Die zärtliche Dame, die jetzt Sic entführt, Ist eine Gesellschaft, die Ihnen gebührt." — Drauf wälzte das Schwein sich zum Schluß der Geschichte Im Straßenkoth weidlich herum mit dem Wichte, Er floh nun, alS jagt' ihn das höllische Heer, Und störte die Töchter der Musen nicht mehr. 94 Ko- So entging Klärchen den Nachstellungen des Pfaffen, und erhielt dadurch rein und unbefleckt ihre jungfräuliche Keuschheit, die eine wesentliche Eigenschaft bei den Verfasserinnen des Almanachs der Liebe zu sepn scheint, weil sic sich derselben so laut auf dem Titel gerühmt haben. Wäre Klärchen »m dieses Kleinod gekommen und dadurch zu einer Mitarbeiterin am Kalender untüchtig geworden, so gab cs doch immer noch eine schöne Gelegenheit, ihre schriftstellerische Laufbahn zu verfolgen. Sie konnte sich alsdann, wenn sie sich noch mit Ehren unter die Haube gebracht hätte, zu den zwei und vierzig deutschen Frauen schlagen, die ein Archiv weiblicher Haupt- kcnntniffe, unter dem Vorsitze Herrn Gcißler's des Jüngern, herausgeben. Wenn aber auch keine der zwölf Jungfrauen auf dem Wege der Keuschheit strauchelt, so fürchte ich dennoch, wir werden die Fortsetzung ihres Almanachs einbllßen. Denn es ahnet mir, daß Herr Magister Meese, der sich des Wohlklanges halber Doktor Masius nannte, und mit der Kllngsöhrischen Buchhandlung zu Goslar, die das Handbüchlein der Liebe verlegt, zuletzt noch sehr vertraut war — es ahnet mir, sage ich, daß dieser berühmte Mann bei den zwölf Jungfrauen dieselbe Ehrenstelle bekleidet hat, die Herr Geißler noch fetzt bei den zwei und vierzig Frauen mit Ruhm verwaltet. Nun aber ist Herr Meese tobt. Es gibt zwar Leute, die mir cinstreilcn wollen, er lebe noch im besten Wohl- seyn zu Goslar; allein ich glaube meinen Augen mehr, als ihren Worten. Ich habe sei» urschriftliches Testament gesehen, und Testamente weben doch, wie bekannt, vor des Eiblaffers Tode nicht pnblicirt. Der brave Mann hat vielen Leuten, die ihn gar nicht kannten, schöne Legate vermacht, wovon ich einige Beispiele weiß. Man denke sich die Freude dieser Glückskinder ! Sie erhielten auf einmal Briefe aus Goslar, mit der angenehmen Nachricht, daß bei einem dasigen Comptoir ein Testament liege, in dem sie mit einem ansehnlichen Kapitale bedacht wären; es scy aber ein Louisd'or zu Ablösung des Dokuments erforderlich. Mit Vergnügen ubcrschickten sie das Bagatell, und erhielten hierauf eine vom Testator, Doktor Gottfried Lcbrecht Masius, und drei Zeugen unterschriebene Urkunde, worin sich ein Gehcim- niß wider die Drehkrankheit der Schafe und folgende Erklärung befand: „Die Nutzungen dieses Geheimnisses wären jährlich so hoch, als die Interessen eines ausgeliehenen Kapitals von lausend und mehreren Thalcrn zu bringe»; das Geheimniß scp daher als das Kapital selbst zu betrachten." Schluß und Rechnung sind richtig. Sollten sich nun die Herren Erbnchmcr — wie doch billig wäre — aus Dankbarkeit vereinigen, ihrem WohlthLter ein Monument setzen zu lassen, so habe ich unmaßgeblich folgende Inschrift dazu entworfen: Hier ruht Herr Messe, der bei allen Drehkranken Schafen sich als Leibarzt Nnlnn erwarb; Dach von der Drehkrankheit war er selbst so befallen, Daß er nun endlich daran starb. Stille Racke Die süßesten Freuden des Erdcnlebens, die Freuden der Liebe, genoß Graf Guido zu Neapel in den Armen einer schönen, tugendhaften Gemahlin, um die ihn alle Männer beneideten. Aber wie oft ein Paar Tauben, indem sie sich zärtlich schnäbcln, durch einen Raubvogel getrennt werden, so ging es auch dem Grafen, bevor noch der dritte Monat seiner glücklichen Ehe verfloß. Es war Faschingszeit. Halb Neapel cutschlug sich seinen Geschäften, und lief unter tausendfältigen Mummereien der Freude nach. Selbst der König Alphons, der verliebteste Prinz seiner Zeit, fand jetzt nicht für nöthig, mit ernsthaften Kabiuctsräthen in seinem Palast zu arbeiten, sondern durchstreifte in arkadischer Schäsertracht die Gassen, und beehrte sogar verschiedene Häuser, in denen er liebenswürdige Bewohnerinnen wußte, mit seinem Besuch. Auf dieser empfindsamen Reise kam der Arkadicr denn auch in das Haus des Grafen, der ihn mit einem köstlichen Bankett bewirthcte. Der dicke, gräfliche Koch dampfte wie der Vesuv; denn er hatte schleunig alle Leibes- und Scclenkräste — so viel nämlich von den letztem in der Küche nöthig sind — aufgeboten, um für den hohen Gast ein recht leckeres Mahl zu bereiten. Allein, indem er sich jeden Augenblick der feierlichen Ernennung zum königlichen Mundkoch dafür gewärtigte, kamen von Zeit zu Zeit die bei der Tafel aufwartendcn Bedienten als Courierö mit den traurigen Depeschen an: Daß Jhro Majestät fast jede Schüssel unberührt vorbei gelassen, und selbst in der Aalpastete, — durch die Meister Koch unsterblich zu werden dachte, — nur gestochert habe. Vcrzweiflungsvoll ergriff er einen Bratspieß, um sich damit in den Biographien der Selbstmörder unter der Rubrik: „wegen nicht erkannter Verdienste," einen Platz zu verschaffen. Seine Wuth war groß, aber nicht blind; denn er schielte gar wohlbedächtig unter dem Dache seiner Augenbrnnnen hervor und herum, ob denn Keiner der gegenwärtigen Gaffer das Unglück verhüten und ihm in den Arm fallen würde. Da ihm nun Niemand die Gefälligkeit that, so stellte er das Mordeisen langsam wieder an seinen Ort und murmelte blos in den Bart: „Der liebe Herr weiß nicht, was gut schmeckt." — „Weiß nicht, was gut schmeckt," war der Wicdcrhall von den Lippen der Küchcnsubaltcrncn; und sicher würde das Urtheil der Topf- und Tiegelfakultat über den armen Alphons »och härter ausgefallen sepn, wenn sie gewußt hätte, was wir wissen: daß nämlich ein ganz anderer König, als er, daß Friedrich der Große, eine gute Tafel, vorzüglich die Aal- Pasteten , bis an seinen Tod liebte, und durch der letzter» übermäßigen Genuß sogar die Heilkräfte des berühmten Löwenzahns schwächte *. Unsere Erzählung hat sich fast zu lange beim Heerde verweilt; allein die Reise um den dicken Bauch des Pastetenkönigs war nicht eher zu enden. Wir wollen nun " Laut der Fragmente des Ritters von Zimmermann über Friedrich den Großen, im dritten Bande. Langbein'S sämmtl. Schr. XVI. Bd. 7 gleich seinen räucherigen Staat auf immer verlassen, wenn wir ihm vorher kund und zu wissen gcthan haben, daß er sehr windschief urthciite, indem er Alphonsen eines schlechten Geschmacks beschuldigte. Eben sein feiner, gelauterter Geschmack war die Ursache des Mangels an Eölust. Bei der freien Wahl, unverwandt auf den Teller oder einer schönen Frau in die Augen zu sehen, zog der königliche Schäfer das geistige Vergnügen dem körperlichen vor. Angehende Verliebte brauchen, wie bekannt, so wenig Nahrung, als eine Grille, die ein Thautropfcn sättiget; und das war der Fall beim Könige, den die Gräfin bezaubert hatte. Sein Herz, das gewöhnlich schnell Feuer fing, aber auch oft in der nächsten Stunde wieder kalt ward, fühlte jetzt das Entstehen einer mächtiger» Glut. So hatte »och kein Weib ihm gefallen; die Hälfte seines Königreichs wäre ihm um einen Kuß feil gewesen. In der folgenden, schlaflosen Nacht war sie sein einziger, langer Gedanke, ihre Gegenliebe sein höchster Wunsch; und er beschloß, um sie bald auf eine schickliche Art wieder zu sehen, dem Adel der Stadt an einem der nächsten Tage eine Feste zu geben. Es geschah. Hundert Reifröcke rauschten zur Thüre herein, ohne vom Könige bemerkt zu werden. Er hatte nur Augen für seine schöne Gräfin, cröffncte mit ihr den Ball und glaubte — wie denn Liebhaber immer mit Luchsen um die Wette sehen — das Aufglimmcn eines Fünkchens Gegenliebe bei ihr zu entdecken. Nachdem er den ganzen Tag jeden Zug ihres Angesichts studirt hatte, schmeichelte er sich, diese etwas unleserliche Schrift ganz und so zu verstehen, daß man ihn erhören würde, wenn der Graf nicht im Wege stünde. Einen lästigen Mann auf die Seite zu schaffen, ist den Königen ein Spiel. Doch macht es Alphonscn Ehre, daß er den Grafen nicht durch einen Uriasbricf, sondern durch den Auftrag einer ehrenvollen Gesandtschaft nach Rom entfernte. Die Gräfin war über die Abreise ihres Gemahls in der That betrübt. Der König ermangelte jedoch nicht, die junge Strohwittwc fleißig zu trösten, und sie — ließ sich trösten. So sind die Weiber! Auch den Besten schmcichelt's, wenn ihnen ein Großer den Hof macht. In Kurzem dachte die Gräfin eben so ungern an die Rückkunft ihres Gemahls, als vorher an seine Abreise. Ihr königlicher Liebhaber war ihr so unentbehrlich geworden, daß sie tausend Planchen entwarf, wie sie künftig auch die kürzeren Abwesenheiten ihres Mannes benutzen wollte. Von diesen schönen Dingen verrietst nun freilich das Gesicht der listigen Frau nichts, als der Graf wieder aus seinem Neiscwagen in ihre Arme flog. Unter ihren Küssen fast erstickend, hielt er sie für das treueste Weib unter der Sonne. Einige Freunde, die für seine Ehre besorgt waren, gaben ihm in der Folge wohlmeinende Winke. Er lachte, schalt sie leichtgläubig, und erklärte die ganze Sage für ein neidisches Wcibcrmährchcn. Dennoch blieb ihm ein Stachel im Herzen, der ihn aufmerksam machte. Seine stillen Beobachtungen überzeugten ihn auch bald, daß er — ein Mann wie andre Männer scy. „Hum!" sprach er mit sich selbst: „Jhro Majestät jagen also in meinem Gehege? Was soll ich thu»? Etwa den Tollkühnen spielen, dem Naubschützcn auf den Leib gehen und mein Leben gegen ihn wage»? Ha, das wäre auch ein treuloses Weib Werth! Nein, nein, man lebt nur einmal, und ich will leben, um mich zu rächen. Also 10V So- Krieg, Herr König, Krieg! Und meine Losung ftp: Gleiches mit Gleichem." Die Königin war ein junges, schönes, herrliches Weib, und es ist zu bedauern, daß sie nicht eine Deutsche war und in unser» Tagen lebte, weil ihr dann gewiß der Herr Gallericinspektor, Geißler der jüngere, einen Ehrenplatz in seiner Gallerie edler deutscher Frauenzimmer angewiesen und ihren Schattenriß, wo nicht auf die Nachwelt, doch wenigstens in einen Krämerladen gebracht hätte. Seit sich der Graf von der Untreue seiner Gemahlin — deren Reize Lberdieß die Kraft der Neuheit für ihn verloren hatten, — überzeugte, wurden die Vollkommenheiten der Königin ihm immer Heller und Heller, und er war ganz mit sich einig, daß bei diesem Tausche mehr zu gewinnen, als zu verlieren ftp. Aber wie die Sache anfangcn? Das war der Hauptknoten. Ihn durchzuhaucn und mit einer unvorbereiteten Liebeserklärung gegen die Königin hervorzutretcn, war kitzlich. Sicherer schien ihm der Weg, ihr vorher in einem namenlosen Briefe die Ausschweifung des Königs zu entdecken. Er that cs. Leichter Sinn und froher Muth waren vorzügliche Bcstandtheile ihres Charakters. Die Nachricht von der Galanterie ihres Gemahls brachte sie weder um Appetit noch Schlaf, und hatte die einzige, allerdings sehr glückliche Wirkung, daß sie den Grafen, über den sonst ihr Blick unter dem Getümmel der übrigen Hofleute nur flüchtig wegglitt, von nun an schärfer in's Auge faßte, weil er ihr, als der Gatte ihrer Nebenbuhlerin, wichtiger geworden war. Sie sah einen jungen, blühenden Mann, dessen Gestalt eine Vergleichung mit dem Könige sehr wohl aushalten konnte; und fand in einer vier- -o-V 101 telstündigen Unterhaltung mit ihm mehr Geist und Leben, als ste ein ganzes Jahr lang bei ihrem Gemahl bemerkt hatte. Der Graf spannte freilich alle Segel seines Witzes auf, um zu gefallen, und es gelang ihm so, daß die andern Hofhcrren über die ausgezeichnete Aufmerksamkeit, die ihm die Königin bei jeder Gelegenheit bewies, vor Neid bersten wollten. Im Verlauf einiger Wochen sprachen die Augen über den Hauptpunkt von Tag zu Tag verständlicher, ohne daß der Mund ei» Wörtchen dazu sagte. Endlich kam auch an ihn die Reihe, sich in das Spiel zu mischen. EinSmals ward der Graf unvermuthct zur Königin gerufen und in ein Kabinct geführt, das die Liebe für ihre Geheimnisse angelegt zu haben schien. Die Königin hatte keinen Zug von Hoheit in dieses Feenzimmcrchen mitgebracht, und empfing den Grafen in der besten, traulichsten Laune. Königin. Ich wollte Ihnen nur sagen, Herr Graf, daß ich erst kürzlich eine etwas alte Neuigkeit erfahren habe, die uns Beide gleich stark intercssirt. Rathen Sie! Graf. Ich sinne vergebens. Geruhen Sie, Königin, mir das Nathsel zu lösen. Königin. Sie wüßten also wirklich nicht, daß Ihnen der König die undankbare Ehre erzeigt, Ihre Gemahlin zu lieben? Graf. Unmöglich! Wie könnte der glückliche Monarch, der seinen Thron mit der Königin der Schönheit theilt — Königin. O des Schmeichlers und Heuchlers! Sie stellen sich so fremd und haben doch gewiß schon längst ihren Kummer in Elegien ausgehaucht z denn Sie sind Dichter, wie ich höre. Graf. Zu ehrenvoll ist dieser Name für mich. Wenn 102 ich mir ihn anmaßte, müßte ich die zürnende Erscheinung von Homers beleidigtem Schatten fürchten. Königin. Wortstreit, den sich die Gelehrten gar nicht abgewöhnen können. Aber Verse machen Sie doch? Graf. Diese Tändelei gestehe ich. Königin. Nun, lieber Tändler, so geben Sie mir etwas zum Besten! Graf. Verzeihen Sie, Königin, noch nie ist mir ein Vers so geglückt, daß ich ihn für würdig achten könnte, von Ihnen angehört zu werden. Königin. Die Bescheidenheit kennt man. Ihr Dichter macht es just wie ein junges Mädchen, das sich von seinem Liebhaber herzlich gern küssen läßt, doch allemal erst das Schürzchen vorhält. Keine Ziererei weiter, Herr Graf! Graf. Ich gehorche; mein Gcdächtniß bietet mir aber just nichts dar, als eine lustige Schnurre, die ich neulich gehört und in Reime gebracht habe. Königin. Recht gut; ich liebe Schwänke. Graf. Damit kann ich aufwartcn. Der mcinige heißt: Der Vergleich. Herzgute Freund' und treue Nachbarn waren Sebastian und Veit, Und beide so gescheidt, Mit jungen Weibchen sich zu paaren. Bei freundlichen Besuchen her und lin Liebäugelte Herr Veit stark mit der Nachbarin, Und Bastcl lauerte, den Vogel zu erhaschen, Oft an der Thüre Spalt; Da sah er ihn denn bald Verbot'ne Früchte naschen. 103 Halt, dacht' er, halt, Ich will mich rächen; Doch nicht mit Schießen, Hanen, Stechen, Das gäbe nur der Stadt ein Weilchen Stoff jUM Sprechen. Er zog sich, schwebend auf den Zehn, Weg von der Thur und ließ sperr Beiten Ganz ungcneckr nach Haule gehn. Dann sagt' er's seiner Frau, daß er die Zärtlichkeiten Des Nachbars hell und klar »eich» ; „Doch.« fuhr er fort, „der Streich soll nichts bedeuten, Wenn Du mir folgst. Bestelle Beiten Punkt zehn Uhr morgen früh zu Dir, Verbirg ihn, wenn 2» mich hörst an die Thüre schlagen, FlugS in den großen Kasten hier, Und thue dann, was ich Dir werde sagen.« — Die Fra» gelobte zitternd an, Das Alles rreulich zu besorgen, lind vor zehn Uhr am andern Morgen Verließ sein .Haus Sebastian. Um Fenster stand Herr Beit, schon angcthan Mit einem nerren Mvdeklcide, Und Bastei rief zu ihm hinan: „So zeitig schon in Gold und Seide?« Ja, liebes Nachbarchen, ich will den Augenblick Aufs nächste Rittergut verreisen, Um in Gesellschaft da zn speisen. — „So, so! Ich wünlche Glück! Auch ich geh' aus der Stadt und komm' erst spät zurück.« — Auf wessen Grundgebiet gelegen Das Landgut war, das wissen wir. Der Eigenthümer ließ den guten Veit nun hier Der Minne nicht gar lange pflegen, Und meldete mit lauten Schlägen Sehr bald sich wieder vor der Thür. -r .1 4 Fl Ei, wie war Holland da in Nöthen! Da half kein Fluchen, half kein Beten i 104 Äl« Der Minner mußte krumm und klein Sich in den engen Kasten drücken, Und Bastel trat mit unbefangnen Blicken, Als müßt' er nur ein Wort, in? Zimmer nun herein: „Wie fteht's, mein Kind, mit Deiner Küche? Sie laßt mich doch wohl nicht im Stiche, Wenn ich ein Gastchen bitten will? Beit ging aufs Land, — er hat so immer seine Schliche — Daheim sitzt seine Frau allein und mäuschenstill. Und möchte doch vielleicht auch lieber Ein wenig in Gesellschaft gehn; Drum eil' und bitte sie herüber Auf ein Gerichtchen Gerngcsehn!" Sie kam und ward mit einem Kusse Bon Basteln gleich begrüßt. „Ei, ei. stehn wir auf so vertrautem Fuße? Wie gut gelaunt doch heut Herr Bastel ist!" — Indem verriegelt' er die Tbüre. „Herr Nachbar, pfui! was soll das scyn?" — „Lieb' Weibel, still, laß Dein Geziere! Ich bin Dir gut, und sieh, wir sind allein." — „Was muthen Sie mir an?" — „BloS das, was meinem Weibe Dein Mann — und zwar mit Glück — langst angemuthet bat." — „Herr, Ihrer Frau mein Mann? Bei Leibe!" „Ja, zehnmal ja! Dein Fragen bin ich satt. Kurz, Du kommst nicht aus diesem Zimmer, Bis Du — et cätera." Umarmend bracht' er sie nun immer Je mehr und mehr des Mannes Kerker nah, Der Alles hört' und durch ein Luftloch sah. Die gute Frau, wie leicht zu denken, Ward durch den langen Kampf am Ende matt und schwach Und gab dem Tugendstürmer nach, Da er besonders noch mir Hand und Mund versprach, Ihr einen Edelstein für seinen Sieg zu schenken. ^>D 108 Der dickbcnannte Kasten war Der Schauplatz dieser süßen Rache, Und Belten trieb der Lärm, der seinem Dache Den Einsturz droht', empor das Haar. Sr hielt sich ruhig, weil er glaubte, Darunter ganz iueognlto zu scyn; Allein auch diese Hoffnung raubte Die Frage seiner Frau: »Wo ist mein Edelstein?« — »Hier!« sprach Sebastian, »ud öffnete den Kasten, Veit schoß heraus und fiel die Stub' entlang: Die Wangen seiner Frau erblaßten, Und Bastel sickerte, daß schier der Bauch ihm sprang. Sein Nachbar wollte nun aufs große Pferd sich schwinge» Und drohte stark mit hoher Obrigknt; Doch er eutgegncte: »Sey klug! Bei solchen Dingen Erwirbt man nicht viel Lorbeeru durch den Streit. Vergleichen wir uns den» : Daß Jeder nun zwei Weiber, Und jede Frau zwei Männer habe» mag; So schnappt von uns das Volk der Pfaffen und der Schreiber Nicht eine Prise Schnnpftavak.« Beit fand den Vorschlag gut. Sie gaben sich die Hände Und hielten den Vergleich bis an ihr scl'gcS Ende. Königin. Schalk! Warum just diesen Schwank? Graf. Bloßer Zufall, gnädigste Königin! Aber sic hatte ganz Recht, ihn einer Schalkheit zu beschuldigen; denn was er jetzt mit treuherziger Miene für ein Ungefähr ausgab, war ein listig angelegter Plan. Er wußte, daß der Hof seinen Verkehr mit den Musen kannte; es war ihm also höchst wahrscheinlich, daß die Königin, die sich seit dem Empfange des oben erwähnten Briefes täglich mehr mit ihm zu schaffen machte, über lang oder kurz ein Pröbchen seiner Pocterei verlangen würde. Um nun diese Gelegenheit zu einer maskirten Liebeserklärung -»D 106 zu benutzen, trug er jenen Schwank immer im Kopf und i» Abschrift mit sich herum, damit er ihn, den Umständen nach, auf diese oder jene Art sogleich anbringcn könne. Es ging auch, wie wir gesehen haben, Alles nach Wunsch, und er ward für seine Haiidvoll Verse ganz anders belohnt, als ihr armen Dichterlinge, die ihr volle zwölf Monden schwitzt, um dem oder jenem poetischen Blumcn- sammlcr ein paar mattherzige Strophen mit der Morgen- röthe des Johannistages " in's Haus zu schicken. Wie oft stürzten nicht diese gestrengen Herren Eure ganze, theuer frankirte Fracht hinab in den Abgrund ihres Schofelarchivs, aus dem keine Erlösung ist? Und entgeht ja eins Eurer lieben Kinder diesem schmählichen Tode, so ist die väterliche Freude, die Ihr an diesem armen Würmchen habt, doch der einzige Lohn für Euer» Schweiß. O ein armseliger Loh» gegen den herrlichen Sold, den der glückliche Graf empfing! Eine Fürstin, schön, wie die Göttin der Liebe, krönte ihn mit ihrem Beifall, und krönte zugleich ihren Vermählten zum zweitenmal, indem sie dem verliebten Dichter durch Wort und That bewiest, daß sie den von seinem Herrn Sebastian vorgeschlagencn Vergleich in dergleichen kritischen Ehcfälle» für den klügsten halte. Seit diesem Tage machte Guido, öfter als sonst, kleine Reisen über Land. Kaum war er zum Thore hinaus, so besuchte der König die Gräfin; in der Dämmerung kam der Graf zurück und eilte zur Königin. So war immer zu gleicher Zeit Einer des Andern Stellvertreter. DaS Verständlich des Grafen mit der Königin wußten nur wenig Vertraute: die Liebschaft des andern Paares hingegen " Der gewöhnlich angesthtc Termin zur Blumcnlieferung. -»-D iü7 ^o- war das öffentliche Geheimniß. Je mehr Guido mit Bedacht die Augen zudrückte, je uubehutsamer und kecker ward Alphons. Beinahe wäre cs aber einmal zwischen ihnen zu Erklärungen bei folgender Gelegenheit gekommen. Der König ging einst mit dem Grafen in einem kleinen Gehölz spatziereu, das an des Letzter» Haus stieß und der Aufenthalt eines zahmen Hirsches war. Dieser begegnete den Lustwandlern, und der König machte die boshafte Anmerkung: „Das Hirsckgchölz sammt seinem Bewohner paffe gut zu diesem Haute." Der Graf schwieg, hing aber noch denselben Tag über der Pforte des Parks ein Täfelchen auf mit der Inschrift: Ich weis es, Hbrner rrägt mein Haupt! Dach Mancher trägt sie, dcr'S »ichr glaubt. „Das ist lustig!" sagte der König, als er diese Worte las. „Wer sagt das?" „Der Hirsch," entgegnetc der Graf ganz trocken. „Was meint er damit?" „Darüber hat er sich nicht erklärt. Das gute Thier bekümmert sich nicht um Anderer Geheimnisse, sicht es aber auch gern, wenn man ihm die seinigcn laßt." Der König brach das Gespräch ab, weil er merkte, daß der Graf Grillen hatte und er ihn doch gern zum Freunde behalten wollte. Den wahren Sinn der Hirschpoesie zu errathen, ließ sein Stolz nicht zu. Er hielt es nicht für möglich, daß ein Sterblicher wagen könne, das Vergeltungsrecht gegen einen Gott der Erde zu brauchen. Und so lebte das Doppelpaar einträchtig in ungetheil- ten Ehebetten, bis der Tod wieder Ordnung machte, und auf ewig zusammenbettete, was zusammen gehörte. Das Feuerwerk Vor den Fenstern eines fürstlichen Lustschlosses am Ufer eines schiffbaren Stroms ward einmal ein Feuerwerk abgebrannt. Als sich acht Tage vorher der Ruf dieses prachtvollen und seltenen Schauspiels in der benachbarten Residenz verbreitete, entstand ein allgemeiner Jubel. Der Gesunde rief: „Ich muß es sehen!" Der Kranke scufte: „Würde ich doch indessen gesund!" Und nur hier und da sprach ein eingebildeter Philosoph: „Ich gehe keinen Schritt darnach." Der sehnlich erwartete Tag, ein lieblicher Maitag, erschien, und es begann ein förmlicher Auszug der Kinder Israels aus Egypten. Die Schuppen thaten sich »in. Es wurde» Greise von Wagen, Die vor Jahrhunderten man schon rollen und rasseln gehört, In ihrer staubigen Ruhe gestört, UM BürgerfamUien zum nächtlichen Feste z» tragen. Gerippe von Pferden, so steif als ein Bock, Nwschenkelten Stutzer im englische» Rock, Und peitschten und spornten wie besessen, Ilm von der Mähre Galopp z» erpressen. 1VS WachSzortc Tvchtcrchen von geizigen Müttern, die gern Bei aller Gelegenheit den rothen Heller ersparten. Und wider Fuhrlohn sich, als man nur Anfangs noch fern Boni Feuerwerke sprach, gleich protestando perwahrten, — Die armen Kinderchen ergriffen den Wanderstab, Und trippelren Sie oom Fuchs gemessene Meile Zum Schauplatz seufzend bergauf und ab. DcS Stromes Nucken war mit einer endlosen Zeile Bon Schiffen beschriebe». Welch' lustige Fahrt! WaS gern sich hatte, saß in bunten Grnppen gepaart, Und Amor verschoß unzählige Pfeile. Besonders geschäftig war er auf einer Gondel, wo sich ein Winkelschulmeister befand, der nur vor wenigen Tagen geheirathet, und die alte Sage, daß Gleich und Gleich sich gern geselle, Lügen gestraft hatte. Der kleine fäbelbcin'ge Zwerg Trug auf dem Nucken einen Berg, Und einen Hügel auf der Brust; Und doch bekam sein Herzchen Lust, Sich eine Hälfte zu erkiesen, Die alle Schvnhcitskenner priesen. Ihr Wuchs war edel, hoch und hehr, * Schlank und gerade, wie ein Speer, Und ihre Augen sprühten Flammen. Wenn dieses Wnnderpaar zusammen Lustwandelte, ging wahrlich er Wie ihr Spazierstvck nebenher. In dem Noviziat der Ehe sind alle Männer gefällig und suchen ihren Weibchen Vergnügen zu machen. Dcm Zwerglein kam daher das fürstliche Lustfeuer wie gerufen. Seine größte Sorge war nur, sich und den Liebling seines Herzens an Ort und Stelle zu bringen. Bei dcm ersten Gedanken einer Genicreise zu Fuß ging 11V ^ ts ihm wie dem Pfau, von dem man fabelt, daß er den stolz entfalteten Fächer seines Schweifs dcmüthig zusammen- legc, sobald er einen Blick auf sein häßliches Fußgcstell werfe. Er traute sich nicht, die Wanderung einer Meile mit seinen Dachebcinen auszuhaltcn, und eilte daher zu einem Wagenvcrlcihcr, der die Altmuttcr aller Kutschen besaß. Aber seine Hoffnung, diese Antiquität um einen billigen Preis zu micthen, schlug fehl. Der Bescher forderte so viel, daß sich der Kleine nicht enthalten konnte, zu sagen, der ganze Kasten scp das nicht werth. Da kam er aber schön an. „So schlimm ist's nicht!" rief der grobe Lvhnkutscher: „Ganz andere Leute, als Er, werden noch in dem Kasten zum Feuerwerke fahren. Versteht er mich?" So zerschlug sich rer Handel. Da ihm nun das Fortkommen auf der Erde so schwer gemacht ward, wollte er sich dem Wasser änvertraucn. Aber auch die Schiffer wucherten so sehr, daß die Schul- revcnuen eines ganzen Monats nicht hingercicht hätten, eine Gondel allein zu befahlen. Da war nun kein anderer Nath, als Reisegefährten zu suchen und sie zur Mit- leidenhcit zu ziehen. Das betriebsame Männchen cröffncte sogleich eine Subscription zu einer Schiffsgescllschaft, und lief unermiidet, wie mancher gelehrte Pränumcrantensamm- ler, mit seinem Zettel Gassen auf, Gassen nieder. Der erste Unterzeichner, der sich freiwillig meldete, war Moritz, ein heimlich begünstigter Liebhaber seiner Frau. Eni Neck, ver schier zu allen Zeilen Das Inventarn,,,» ver Kaff, evauser war, ES lurrre Ners an ''einen weiten Dnn Lpcnen. alt tunt' er unwahr! Deö ganzen Laaves Nisse zu vereuerr. -o§> 111 Aber sein Gcständniß vom Gegenthcil erzwang ein Spottvogel, der ihn cinmals, als er ganz ruhig aus rer Gasse schleuderte, beim Arm ergriff, vor sich hinschob, und ängstlich dabei rief: „Machen Sie sich aus dem Staubs Das Kind, das Sie vorhin übcrrittcn haben, ist todt, und die Wache sucht Sie schon aus" — „Ich?" versetzte der Stieselheld ruhig: „Ich soll ein Kind überritten haben, und bestieg in meinem Leben kein Pferd?" — „Nun so legen Sie wenigstens die verdächtigen Sporen ab!" sagte der Andere, und ließ den Narren beschämt stehen, der aber dennoch nicht so klug ward, sich der täglichen Wappnung seiner Fersen zu entwöhnen. Er war es also, der zuerst subscribirle. Mehrere folgten, und die Unternehmung kam endlich zu Stande. Als die Gondel das Ufer verließ, holte der kleine Schulmann seit acht Tagen zum erstenmal freien Athem und rief aus : „Gott Lob, daß wir so weit sind! In meinem Leben ist mir nichts so blutsauer geworden, als uns hier in dem Wasscrstübchen znsammenzubringen. Drei Paar Schuhe habe ich darüber zerlaufen, und bin alle Abende matt, wie eine Fliege gewesen. Nun will ich aber auch recht lustig sepn. Ich freue mich unaussprechlich, ganz unaussprechlich aus's Feuerwerk, und bitte Euch, Ihr Gönner und Freunde, meiner Wenigkeit, über die Ihr Alle bequem hinweg seht, den besten Platz zu gönnen, damit ich nicht um den Anblick eines einzigen Schwärmers komme." Sie versprachen ihm das einmüihig. Er umarmte nun freudetrunken seine Frau, die zwischen ihm und ihrem Liebhaber saß, und that einen guten Schluck gebranntes Lebenswasser. Kurz, er war scclenfroh. -oV 112 Doch uks der junge Fant, Mit Stacheln an den Füßen, Bald drauf sich unterstand, Sein Weiblein frech zu küssen, » Nief er das erstemal: „Ei, ei, Mein Herr, ich bin dabei!" Allein mit Hitze Fuhr er vom Sitze Beim zweiten Kuß, Und maulschcllirte, Wie sich's gebührte, Den Herrn Mauritius. Dieser machte natürlich dem eifersüchtigen Händelsucher ein so kräftiges Gegcnkompliment, daß er rücklings zu. Boden stürzte. Nun entstand Lärm von allen Seiten. Die Gondel, vor wenigen Minuten noch die Wohnung der Eintracht, ward ein Kampfplatz gecheckter Partheien. Einige halfen dem Kleinen, Andere dem Großen. Ein allgemeiner Krieg war zu befürchten. Zum Glück traten noch zu rechter Zeit ein Paar ehrsame, neutrale Bürger als Vermittler auf, und brachten einen Friedensschluß glücklich zu Stande. Doppelte, schreckliche Rache brütend, saß Moritz nun still; that gegen seinen Beleidiger versöhnt, und zog eine Weinflasche hervor, um sie mit ihm auf neue Freundschaft zu leeren. Der Schulmeister langte zu. Es war aber sein Fehler, daß ihn der Wein zu einem Erzkrittelkopf und Zänker machte. Das wußte Moritz, und wollte ihn so haben. Man stieg ohne weiteres Gezänk an's Land, weil der Spornträger aller Gelegenheit zum Unfrieden ausgewichen war. Die Gesellschaft zog sich nun in die Gegend des -oD 113 fürstlichen Schlosses, um einen bequemen Lagerplatz zn suchen. Hier fing Moritz wieder an, den kleinen, etwas betrunkenen Eifersüchtigen durch Schönthun mit seiner Frau zum Zorne zu reizen. Das Kerlchen ward wild, that einen Luftsprung und gab ihm abermals eine derbe Tachtel. Nun war sein Unglück gemacht. Den», ohne Gegenwehr, lief Moritz in die nahe dabei befindliche Grenadier-Wache und rief um Hülfe. Da rückten sofort drei gewaffncte Halbricsen aus, und kamen gleich dazu, als das wüthendc Männlein auch seine Frau schlug, und dann taumelnd in'ö Gras fiel. Was brauchten sie weiter Zcug- niß. Sie nahmen den trunkenen Friedensstörer in ihre Mitte, und führten ihn, taub und stumm bei seinem Flehen, in die Wache. Hier saß er nun in einer düstern Höhte, Gemartert von der Höllenpein, 2n eines Buhlers Arm den Abgott seiner Seele Zu missen, und beraubt des Feuerwerks zu scyn; Denn seines Kerkers Fenster gingen 2n einen Hof, den Mauern rund umfingen, Und Niemand kam, Um zu befrei'n. Schon donnert' cS aus zwanzig Feuerschlünden, Des Schauspiels Anfang zu verkünden. Der Arrestant verzweifelte nun schier. „Herr!" sagte kalt ein Grenadier: »Er soll bei uns um kein Vergnügen kommen. Hat Er nicht die Kanonen hier Sv gut als Andre dort vernommen.? Nun will ich gleich auch hintendrein Auf meine Kosten 2bn mir Feuerwerk erfreun." — Er ging hierauf — ein Pfeifchen sich zn stopfen, Und hüllte dann den armen Trvpfcn In dicke Tabakswolken ein. Langbcin'S sämmtl. Schr. -XVI. Bd. 6 »§> 114 L-» Herr Moritz und die Frau Schulmeisteren saßen indessen ruhig am Ufer des Stroms und betrachteten in traulicher Umarmung die Wunder der Fcucrwcrkskunst zu Wasser und zu Lande. Nachdem Alles vorbei war, entfernten fie sich von der Gesellschaft, unter dem Vorwände, den Gefangenen loszubittcn. Sie machten aber, ehe sic aus die Wache gingen, einen kleinen Abstecher i» ein Wäldchen, um vermuthlich über die beste Art und Weise seiner Erlösung zu berathschlagcn. Nach einer halbstündigen Ueber- legung kamen sie wieder heraus, und erbaten sich die Freiheit des kleinen Mannes, der ihnen aber, da sie es erst post sestum thaten, schlecht dafür dankte. 115 Pudel Schnips. Es war einmal ein Landjunker, der Caspar hieß und nie in den Verdacht kam, dieß oder jenes seine Buch geschrieben zu haben. Bei seiner Lebensweise ließen Witz und Gelehrsamkeit sich auch füglich entbehren. Er rauchte Vom Morgen bis zum Abeud sein Pfeifchen in einem freundschaftlichen Zirkel, dem ein Knöchlein lieber war, als die Weisheit der ganzen Welt. Doch diese zottigen und glatten Gespielen Patten Nicht gleichen Rang. Sic standen alle tief im Schatten, Wenn Pudel Schnips in die Gesellschaft sprang, Der bei dem Junker sich des Herzens Oberstelle Durch hundert Kunst' errang, Und für und für sein Schlafgcselle Und sein Begleiter war, wenn er zu Roß sich schwang. Der einzige Ritt zur Fräulein Braut blieb ausgenommen. Da mußte Freund Schnips nicht allein das Haus hüten, sondern ward sogar, um sein treugehorsamstes Nach- hetzeu zu verhindern, in engen Gewahrsam gebracht. Diese Verhaftung geschah Fräulein Zulchen zu Gefallen, weil der kleine Eigensinn dem Geschlechts der Hündlein sehr O-D 116 S» abhold war. Herr Caspar versuchte zwar oft, eine Aussöhnung zu bewirke»; allein Julchen gab ihm dann immer das alte Sündenregister seiner Lieblinge von Neuem zu hören : „Sie heuten und bellen, Dnß die Ohren mir gellen; Erwürgen die Katzen; Zerscharren, zerkratzen Die Stuhl' und Matratzen, Und traben mit Bissen, Wenn Liebende küssen." Der letzte, sonderbare Klagepunkt betraf Schnipsen allein. Das ganze Hiindcvolk damit anzugreifen, wäre sehr ungerecht vom Fräulein gewesen, und Beklagte hätten durch tausend und aber tausend Zeugen beweisen können, daß sie den Küssen und Umarmungen der Liebe gewöhnlich sehr gelassen Zusehen. Aber Schnips hatte sich wirklich einmal bei einer solchen Gelegenheit unartig aufgcführt. Die Sache — »m sie beiläufig zu erzählen — verhielt sich so. In den ersten Flitterwochen der Liebe bediente sich Fräulein Julchen der Kriegslist vieler anderer Mädchen , die einen jungen Ritter ans dem freien Felde der Liebelei in den engen, aller Rückkehr verschlossenen Paß der Verlobung locken wollen: sie war saust wie ein Lämmchen und ließ keine» Schatten von Eigensinn blicken. Daher hielt sie auch mit ihrer Abneigung gegen die treuen, vom Junker so sehr geliebten Hansthierc hinter dem Berge, und that wgar, wenn Schnips mit seinem Herrn geschwänzt kam, als ob ihr sein Besuch viel Vergnügen mache. Er seiner Seits betrug sich nicht minder als ein höflicher Hund, der Lebensart versteht, und lag still im Winkel, wenn die Liebenden zusammen kosten; doch verwandte er 117 S-» kein Auge von seinem Herrn. Nun begab es sich einmal, daß Julchen rascher und seuriger als sonst ihren Trauten umarmte. Diesen zärtlichen Ueberfall hielt der einfältige Pudel für einen feindlichen Angriff, und sprang auf das gute Mädchen so wüthcnd zu, dag es beinahe darüber ohnmächtig ward. Der Junker wieg zwar den unverlangten Succurs mit dem Stocke zurück; Julchen ließ es aber dabei nicht bewenden, sondern bat sich aus, den beißigen Köter nie wieder mitzubringen. Das unterblieb nun auch- llcbrigens ging die Liebesgeschichte ihren Gang, und der Vcrlobungstag ward endlich angesetzt. Schön trat aus seinem Kämmerlein Iler Bräutigam hervor; Sa schön stieg hinter'», Tanncnhain Die Sonne kann, empor. Sein Hengst stand wiehernd vor dem Schloß An eines Knappen Hand, Geschmückt w,e eines Königs Roß, Und hieb stolz in den Sand. Er schwang sich auf das brave Thier Und jagte weg von HanS; Rief aber noch zurück: »Laßt mir Den Pudel nicht heraus!" — Der Morgenwind wehte kühl, und' der Junker war leicht und stutzerhaft gekleidet. Kein Wunder also, daß er sich erkältete und ein Aufruhr in seinen Eingeweide» entstand. Er wollte die unangenehmen Folgen davon hinter einem Strauche abwarten und trabte frisch drauf zu; aber geschwinder, als er sich aus dem Sattel heben konnte, half sich die Natur, und er — war außer sich vor Schrecken. 118 Was sollte er machen? — Zurückreitcn und sich umkleiden? Das ging nicht. Er hatte schon den halben Weg hinter sich, und wäre dann zur Verlobnngsfeier zu spät gekommen. Daher entschloß er sich, den statum causae zu untersuchen, ob nicht vielleicht ans der Stelle dem Ucbcl abzuhelfen scp? Und wie groß war seine Freude, als er bei genauer Beaugenscheinigung fand, daß nur die untere, leinene Hülle seiner Schenkel gelitten hatte, und die ober» gcms- ledernen Beinkleider unberührt geblieben waren. Wie oft, wo sich das Wetter schied, Ein Ackerfeld in Nuhe blüht, Indessen Schlossen die Ähren Benachbarter Fluren verheeren. Geschwind warf er den verunglückten Theil seiner Garderobe hinweg und ritt fröhlich weiter. Einige Stunden später war Pudel Schnips durch die Unachtsamkeit des Hausgesindes dem Gefängniß entsprungen. Er verfolgte stracks die Spur seines Herrn, fand dessen weggeworfencs Eigcnthum, packte cs zwischen die Zähne, und eilte damit wie ein Courier zum Landsitze der Fräulein Braut. Indem nun dort Herr Caspar an einer glänzenden Tafel seiner Verlobten zur Seite saß und ihr tausend Süßigkeiten vorsagte, stürzte der kraushaarige Eilbote keuchend zur Thüre herein, drängte sich hastig zwischen den Stühlen des Brautpaars empor, und legte den cckelhaften Fund seinem Herrn auf den Teller. Julchen sank in Ohnmacht. Der Junker verging fast vor Scham, und protestirte stammelnd, daß ihm der Lap- ^ 119 pcn nicht gehöre. Die lachende Tischgesellschaft sah der Geschichte Zusammenhang ein, und stellte sich blos aus Höflichkeit, als ob sie seinen Worten glaube; Schnips aber fiel von Stund' an in Ungnade, und ward ein lebendiges Beispiel von schlechter Belohnung treuer Dienste. -OZ» 120 Der Bieresel. Ein sächsisches V o l k ö »n ä h r ch e n. Landgraf Ludwig der Eiserne, der im zwölften Jahrhunderte Thüringen beherrschte, war ein edler Fürst. Ihm sagte sein Herz, daß der hohe Standpunkt, auf den ihn das Schicksal gestellt hatte, von der allgemeinen Mcnschcn- xflicht, ein Biedermann zu sepn, nicht entbinde. Aber zum Unglück für sein Land, hielt er sich schon dcßwegen für einen guten Landesvater, weil er selbst sei» Volk nicht drückte. Es war in der That sein höchster Wunsch, Bürger und Bauern im blühenden Wohlstände zu sehen; nur ließ er es leider! dabei bewenden. In der bequemen Hoffnung, daß sein Gebiet die beste Welt sey und Alles fein und löblich darin zugehe, aß und trank er ruhig, pflegte des Waidwerks, und gab sich mit Negierungsgeschäften wenig ab. Nichts sah er mit eigenen Augen und traute blindlings seinen Rathen. Keinem Bedrückten war cs möglich, die gerechtesten Klagen bis'an den Thron zu bringen. Schösser und Vasallen hatten freies Spiel, die Untertha- nen nach Willkühr zu behandeln, und die Meisten schienen miteinander zu wetteifern, wer die höllische Kunst der Plackerei am besten verstehe. -o§> 121 <§-o Unter diesen Barbaren hob sich Wenzel von Tollenstein, ein Besitzer mehrerer Dörfer, besonders hervor. Aus ahnenftvlzer Eltern Mund Sog mit der Muttermilch den Grundsatz seine Seele: „Der Bauer athme bivS auf dieiem Erdenrund, Als Zwitterthier von Meilsch und Hund, Damit der Ritterschaft es nicht an Sklaven fehle." — Der kleine Wenzelmann war sanft zwar kein Genie; Sein Köpfchen schien ein Beet vvll dürren, todten Sandes, In dem die Blume des Verstandes Nicht Wurzel schlug und nur der Dummheit Pilz gedieh; Allein — gesagt zu seiner Ehre'. — Der Same jener guten Lehre Fiel auf kein unfruchtbares Land. Was eine Nessel ift, hat immer früh gebrannt. Sv lief auch gern, nvch an der Amine Hand, Der Junker in des Dvrfes Hüllen, Und trat, wenn svnft kein Weg zum Unheil sich ihm bot» Mit raschen, tückevollen Tritten Die junge Brut der Gans' und Hühner tvdt. Als ihm mehr Nervenkrafr die spärern Jahre gaben, Schlug er zum Zeitvertreib wehrlose Bauernknabcn, Entriß den Hungrigen ihr Stückchen schwarzes Brvd Und ließ von Hunden eS verschlingen, Die stets zu Schutz und Trutz an seiner Seite gingen. Des wilden Buben Eltern sahn Den Aufgang ihrer Herzenesaarcn In dielen ritterlichen Lharen Mit hvchftem Wohlgefallen an, Und schufen manchmal selbft ihm einen Bosheiteplan. Dann lächelten sie von dem Söller Der Bnrg herab aufs Dorf mit wahrer Seelenruh', Uns klatschten, wenn ihr Prinz das Bubenftückchen schneller Vvllführt', alS sie gedacht, ihm lauten Beifall zu. -c-D 122 Eine treffliche Erziehung! Es wurde wahrlich ein Wunder gewesen sepn, wenn der Hnnker nicht Allen, die in der Folge bei Besitznehmung der väterlichen Güter unter seiner Hand fielen, zur Geißel ausgewachsen wäre. Nie gab es vielleicht einen Menschen, der so mit Wollust Menschen quälte, wie er. Es war ihm nicht genug, unerschwingliche Schatzungen von seinen Nutcrthanen zu erpressen; nicht genug, Frohndieuste zu fordern, die seinem Haus- und Wirthschaftswesen zum wirklichen Nutzen gereichten; nein, er trieb damit boshaften Muthwillcn. Er belastete manchmal zum Beispiel ein halbes Dorf mit Säcken voll Steine, die er zum Scherz einem Buben seines Schlags meilenweit überschickte, der alsdann eben so schwer wiegende Proben von seinem Fclscnbruche zurücksandte. Oder er ließ den Schnee von diesem Felde weg lehren und auf jenes hin karren. Das Alles that er, um nur, wie er sagte, die Kerls im Athen; zu erhalten. Hierzu war auch seine tägliche Beschäftigung, die Jagd, ein sehr dicnsames Mittel. Wenn Sterne noch vom Himmel sahn, Stieg er oft schon zu Roß. Wie Poltergeister zog vorn» Sein wilder Jögertrrß. Der schlug im Dorf, dos ruhig schlief, An Fenster, Thur und Thor; Und stieß ins Horn und flucht und rief: „Holloh, holloh, hervor!" Halbnacktes Volk, von Gram und Nvth Gerippen gleich genagt, Befolgte seufzend dos Gebot Zum Frohudienst bei der Jagd. -O-A 123 Go Und hussoh! cmf des Wildes Spur Ging'S über Wies', und Saat, Wo alle» Segen der Natur Der Rosse Huf zertrat. Man denke sich die Empfindungen der armen Leute! Sie lnußtcu nicht allein die dringendsten Arbeiten ihrer eigenen Wirthschaft versäumen, um des Junkers Hunde zu führen, sondern auch ihre blühenden Fluren verwüsten sehn. Mit nassen Augen standen sie dabei, wagten aber nicht, um Verschonung zu bitten. Wehe dem, der cs that! Der Junker schlug ihm die Peitsche um den Kopf, tummelte sein Noß desto wilder, und trieb es so lange, bis kein Halm des Feldes mehr aufrecht stand. Wenn er cs dabei bewenden ließ, war er bei guter Laune. Ost wurden die Unglücklichen in's Burgverlicß geworfen, damit sie dort unter Schlangen und Molchen bei Wasser und Brod Zeit und Muse hätten, die Verwegenheit ihrer Bitte zu bereuen. Doch, was sage ich bei Wasser und Brod? Diese gewöhnliche Strafkost der Gefangenen war es ihnen nicht, weil ihre tägliche Nahrung darin bestand. Konnten sie cs einmal an einem Festtage möglich machen, sich mit einem Gerichte Fleisch und einem Kruge Dünnbier gütlich zu thun, so mußten sie diese Leckerei heimlich und bei verschlossenen Thürc» genießen. Sobald ihr gestrenger Herr einen Schornstein rauchen sah, oder seine Lauerer und Schnüffler einen so armseligen Schmaus witterten, dann ward gewiß die Mahlzeit der armen Leute durch eindringende Schergen gestört, die ihnen unter dem Vorwand schuldiger Steuern und Zinsen das unentbehrlichste Hausund Ackergeräth abpfändcten. So nachdrücklich aber Herr Wenzel auf diese Weise die Tugend der Mäßigkeit lehrte, so wenig gefiel es ihm, sie o^> 124 Woselbst zu üben. Seine Tafel war täglich mit den köstlichsten Gerichten besetzt und von Gästen umlagert. Es lebt' und webte damals schon Die Mrnscheugattung, welche mir Ein Abscheu ist, und die noch einst Mein letzter Hauch verachten wird. Schmarotzer neuner man die Brut. Der Magen ist ihr Erdeugorr. Wie dem Magnet das Elsen folgt, Sv folgen sie der Küche Duft! Ein Braten lockt sie meilenweit. Korkzieher, Messer klein und groß, Und mehrere, bei Gasterei'n Brauchbare Waffen tragen sie Stets bei sich alö ihr Handwerkszeug. Auch Magentröpssein wohl, zum Sporn Für den erschlafften Appetit. Wer sie zur Tafel bittet, heißt Ein edler, guter, lieber Mann. Wer'S nicht thur, ist ein schlechter Wicht. Scharrfüße, Beifallslachelei Und krumme Kahenrücken sind Die Künste, welche sie verstehn. Ihr Mund ist in Gesellschaft stumm, Vis nach und nach das Ohr erlauscht, Woher der Wind bläst und wohin? In jedem Zimmer wechseln sie Die Farve, wenn'ö ihr Vortheil heischt. So schnell, wie das Chamäleon. Sie beten mit der frommen Frau Und fluchen mir dem wilden Mann. Solche Schlangen hatten sich auch in Wenzels Burg eingcnistct und zerstörten den letzten Keim von Gutmü- thigkcit in seiner Seele. Sie verhetzten ihn, den Unter- thanen das Brod aus dem Munde zu nehmen, denn die Schlauköpfe besorgten, ihr gastfreier Gönner möchte durch »I - " 123 Erlaß und Nachsicht seine Renten schmälern, »nd dann ans den unseligen Gedanken kommen, eine Schussel weniger anstragen zu lassen. Jeden tollen Streich, der ihm durch den Kopf fuhr, priesen sie als einen glücklichen Einfall, und halfen ihn ausführen. Dem Wüstling that cs wohl, so gefällige Freunde um sich zu haben, und er war nicht undankbar gegen sie. Ein unversiegendcr Wcinstrom rann aus seinem Keller über die durstigen Lippen des fnchsschwänzendcn Gesindels, und der Herr Wirth vergaß sich selbst so wenig dabei, daß er gemeiniglich bei Anbruch des Morgens nebst seinen Gäste» sinnlos unter dem Tische hcrvorgczogcn und zu Bette getragen werden mußte. So vergeudete er jeden blutigen Heller, den er in seinem Gebiet erpreßte. War es zuweilen ganz ansgesaugt, dann wußte er sich weiter zu helfen. Er griff zum Fanst- nnd Kolbenrcchte, und füllte seinen Seckel durch Wcgela- gernng und Straßenraub. Ein löblicher NahrnngSwcg, der jetzt zum Nabenstcine führt, den aber viele Ritter der Vorzeit ungestraft und ohne Schamrölhe betraten. Einst gegen Mitternacht hielt Wenzel zu Roß mit zwei reisigen Knechten im Walde, weil er Kundschaft hatte, daß ein begüterter Kaufmann, dem er schon längst anflaucrtc, die nahe Heerstraße bereisen würde. Sie lauschten, sprachen kein Wort, und der ganze Forst war rings herum still und öde. Urplötzlich rauscht' cm Schwarm von Eulen, Hnrr! über ihre Kopfe hin. Im nahen Strauch begann'« zn henlc» »nd Kette» rasselten darin. Die Ränder horchten auf und klappte» mit den Zähnen, Von TodcSfchrecken kalt dnrcharanst; Ans die empvrgcstränbtcn Mähnen Der Rosse fiel der Zanm ans ihrer starren Faust; -»L> 126 G--- Wild bäuinten schnaubend sich die Ruppen Der beiden halb entseelten Knappen, Und stürzten über Stock und Stein Mit ihren Reitern aus dem .Hain. Doch, wie in FclS gewurzelt mir den Husen, Stand unbewegt das dritte Roß, Der Junker, der im Schweig zerfloß, Versucht' umsonst, die Fliehenden zu rufen. Ihm war'S, als hing au seinem Mund ein Schloß. Und seht erschien, mit stärkrcm Kertentoben, Ein unerwarteter Besuch: Ein grosses Niesenbild, von unten auf bis oben Gewickelt in ein Leichentuch, „Willkommen! rief'S: Wir haben in die Ferne Noch heur selbander einen Gang, Die Nacht ist höllcuschwarz; cs funkeln keine Sterne Und unser Weg ist rauh und laug. Um sonder Jrrgchn ihn zu finden, Muß ich mein Handlarcrnchen zünden," — Sieh da, der schreckliche Gesell Zog einen Todtcnkopf aus seinem Uebcrrocke, Bcsestlgt' ihn an eine», Stocke, BlieS auf ein Licht, es brannte schnell, Und schimmerte durch Mund und Augenhöhle» Des Schädels weit und breit so hell. Daß man die Steinchen konnte zählen. AlSdann ergriff das Ungethüm DeS Pferdes Zaun, und zog'S von dannen. Enrarhmet keuchte» Roß und Reiter hinter ihm; Denn jeder Schritt maß fünfzig Spattuen. Die Reise ging durch Felseuklüfte fort, Wo Herr» spazierten, die den Kopf im Arme trugen, Und Kobolde sich hier und dort Herum mit Mcnschenbeinen schlugen. „Hier bleiben wir!" rief endlich das Gespenst Am Eingang einer schwarzen Höhle. -o§> 127 »Ich führe Dich, zur Rettung Deiner Seele, In einen Kreis von Lenken, die Du kennst." — Drauf stampft' eS mit dem Fuß. Dumpf zitterte die Erde. Ein Schwarm von Dienern sprang herbei In flammenrother Liverci Und Hub den Edelmann vom Pferde. Verfallne Stiegen, ohne Zahl, Ging'S dann hinab in einen weiten Saal, Wo sieben alte Herrn an einer Tafel saßen Und fürstlich becherten und aßen. Der Junker war des Todes schier. Sechs seiner Ahnen sah er hier, Ihm wohl bekannt durch Koutcrfcye. Sein Vater, der vor einem Jahr Erst in das Grab gesunken war, Beschloß, als Siebenter, die Neihe, Und sah betrübt und unverwandt Auf einen leeren Stuhl, der ihm zur Seite stand. Die andern Greise starrten alle Still vor sich hin und blickten gar nicht um. DeS tiefsten Schweigens Heiligthum Schien ganz die öde Gelsterhalle. Was sonst sich laut macht, war hier stumm. Kein Fußtritt schallte, trotz der Läufer Und Pagen Auf- und Niedergang. In einer Ecke spielten Pfeifer Und Geiger rasch — doch ohne Klang. »Hier siehst Du Deine braven Ahnen!" Sprach seht der Geist mit bittrem Ton: »Dort oben fraßen sie das Mark der Unterthanen, Hier unten ward dieß Trauermahl ihr Lohn." Du wähntest wohl, die Alten schliefen, Wie edle Tvdte, sanft in ihrem Kämmerlein? — O Thor, in dieses Abgrunds Tiefen, Wohin sie auf dem Pfad der Missethaten liefen, Entschlummert nimmer ihr Gebein. 128 Das Nad der Zeit schleppt sie mit trägem Schwünge Von Strafgericht zu Strafgericht. Der Stunden schrecklichste beginnt, sobald die Zunge Der Glocke Zwölfe spricht. AlSdann durchschweifen sie in gräßlichen Gestalten Kirchhöfe, Wüsten, Wald und Feld. Ich selbst nnist diesen Umzug halten; Denn ich war einst von Einem dieser Alten AlS Schösser seines Guts bestellt, Und drückt' und drängle baß, zum Beifall Fhro Gnaden; Doch, mit der Dauern Fluch beladen, Fuhr ich hinab zur Unterwelt. Damit ich Dich vor gleichem Schicksal warne, Har mich ein Freund von Dir gesandt. Unglücklicher, entflieh dem Garne, Womit der Geist der Hölle Dich umwand! Sonst wirst Du einst den Stuhl, der noch —" Jetzt schlug ein Seiger, Und plötzlich brach der Boden krachend auf, Ein Meer von Flammen wogt' herauf, Verschlang Bedienten, Herrn und Geiger, Sammr dem Gespenst, das mit dem Funker sprach, Und Deck' und Wände stürzten nach. Die ganze Höhle war verschwunden. Der Nirrer stand allein in einer Wüstenei, Und heulend lief ein Trupp von schwarzen Hunden Mir Feueraugen ihm vorbei. Er wankte fort auf Füßen, schwer wie Blei, Und fand an einem Baum sein Noß gebunden. Mart klettert' er an ihm empor, Ließ ihm beraubt den vollen Zügel, Und so trug'S ihn, als hätr' es Flügel, 2>n Nu an seines Schlosses Thor. Dic Thurmglocke schlug eben ein Viertel auf Eins. Zerknirscht au Leib und Seele, schleppte sich Wenzel zu Bett; 129 Sonn Fieber legte sich mit ihm hinein und warf ihn schlaflos herum. Die schreckliche Erscheinung war sein einziger Gedanke. Immer stand ihm die Geistertafel vor Augen; immer der leere Sessel, den sein Vater so wehmiithig betrachtet hatte. Sollte wohl — sprach er in der höchsten Angst laut und mit sich selbst — sollte wohl dieser grauenvolle Sitz für mich Unglücklichen aufgehoben und keine Rettung mehr möglich sepn? — „Noch möglich !" — antwortete sanft eine fremde Stimme. Hoch fuhr im Bett der Krank' empor; Sein Auge folgte schnell dem Ohr, Und grauseud stieg sein Haar, Als er jetzt sah ein Männchen stehn, DaS von dem .Haupt bis zu den Zehn Drei Spannen hoch nur war. Es schien so eingeschrumpft und alt, Als harr's auf Erden schon gewallt Zu Vater Adams Zeit. In seinem Mauschelbärtchen war Vom Schnee des Alters jedes Haar Mlt Silberglanz bestreut. Ein schwarzer Trauermantel floß Die Schultern weit herab und goß Sich schleppend in den Staub. Des Kopfes Dach, ein runder Hut, War ein dem Zahn der MvttenbruL Schwer abgekämpfter Naub. Gleich einem Fremden, der nicht weiß, Ob man ihn gern sieht, stand der Greis Bescheiden an der Thür, Und rief mit holdem Angesicht Und sanfter Stimme: »Zage nicht! Dein bester Freund ist hier!« — Langbein'S sammtl. Schr. XVI. Bd. 9 Der zitternde Kranke hätte gern diese neue Bekanntschaft entbehrt; allein er merkte wohl, daß er mit einem Patron zu thun habe, der sich nicht durch Stillschweigen abfertigen lasse, und raffte daher allen Muth zusammen, um ein leises: „Wer bist Du?" hcrauszustammeln. Das Zwerglein nahte sich hierauf mit spanischen Schritten seinem Bette und sagte scherzend: „Was doch der barsche Herr, der sonst gegen alle Welt pocht und trotzt, vor einem so kleinen Wesen, als ich, erschrecken kann! Ich sage Dir nochmals: Fürchte Dich nicht! Ich bin ein guter Hausgeist, aus dem Geschlechte der Erdgnomen, oder sogenannten kleinen Leutchen, und bewohne schon seit vielen Jahrhunderten den unterirdischen Raum dieses Schlosses. Hast Du nie etwas von mir, von Freund Hütchen, gehört?" — Wenzel. Mich dünkt, man hat mir als ein Mähr- chcn erzählt — Hütchen. Was Mährchcn, was Mährchen! Ich bin Freund Hütchen, und spielte vor zwei- und dreihundert Jahren den Einsiedler nicht so, wie jetzt. Da war ich immer hier oben auf dem Platze und half Deinen Voreltern wacker in der Wirthschaft. Ich striegelte Pferde, scheuerte Topf' und Schüsseln, lief Botschaft, kurz, ich war hinten und vorn. Man sah mich gern, und nannte mich wegen meines Hütleins, das ich schon damals trug, Freund Hütchen. Anfangs wollte mir dieser Name nicht sonderlich gefallen, und ich warf tüchtig mit Steinen um mich herum. Endlich aber schickt' ich mich darein, weil ich sah, daß man's nicht böse meinte. O Wenzel! Wenzel! Deine Ur-Urväter waren kreuzbrave Männer, waren — nimm mir's nicht übel! — besser als Du! -»-D 131 Hütchen. Daß Du noch so keck fragen kannst! Wahrlich, Du geberdcst Dich, als ob du übrig Recht hättest! Ich nehme mein Wort nicht zurück: Sie waren besser als Du; denn sie lebten sittlich und fromm und verfuhren nicht hart mit ihren Unterthanen. Erst seit sechs oder sieben Menschcnaltcrn ist Dein Geschlecht in Wuthriche aus- gcariet. Da fingen die stillen Mauern Deines Stammhauses an, von ewigem Saus und Schmaus und Klage- tönen unglücklich gemachter Leute wiederzuhallcn. Ich warnte wohlmeinend, aber vergebens, und floh endlich mit Verdruß die Gesellschaft dieser verwilderten Menschen. Zwei Jahrhunderte sind nun schon vorüber, seit ich in meiner Felscnwohnung einsam Hause und das Verderben einer sonst so glücklichen, so herzlich von mir geliebten Familie, in dieser Trauerkleidung beweine. Sieben Deiner Väter lebten und starben, ohne mich zu sehen. Es befremdet mich daher nicht, daß man die Sage von meinen ehemaligen Erscheinungen nach und nach für ein Mährchen gehalten und Dir als ein Mährchen erzählt hat. Beinahe hätte ich Dich auch in dieser irrigen Meinung bis an Deinen Tod gelassen; denn es war mir lange nicht gcmüthlich, mit Dir, der Du siebenmal roher bist, als Deine Väter, in Verkehr zu treten. Aber endlich besiegte Mitleidc» meinen Zorn. Ich sah, daß Deine zügellosen Ausschweifungen Dich zeitlich und ewig unglücklich machen müßten, und beschloß, einen einzigen Versuch zu Deiner Besserung zu wagen. Das ist gejchchn. — Ob Du mir danken wirst, weiß ich nicht; ich verdiene aber Dank, weil ich es war, der das heutige mitternächtliche Schauspiel, das Dich so heilsam erschüttert hat, veranstaltete. Wenzel. Grausamer Geist, ich soll Dir danken? Da- für danken, daß ich hier in den Flammen eines Fiebers schwitze, das mich verzehren wird? Hütchen. O, diese Flammen sind kühl gegen jene, die Dich einst jenseits des Grabes nmlodern werden, wenn Du nicht bald durch gänzliche Sinnesänderung für das Heil Deiner Seele sorgst! Der Tod wird noch viele Jahre Deine Schwelle vorübergehcn und Dir Zeit dazu lasten. Wohlan, wirf Dich in die Arme der belohnenden Tugend! Schweife nie wieder außer den Schranken guter Sitten! Scp barmherzig gegen Deine Unterthanen! Sie sind Deine ärmern Brüder! Brauche Deine Gewalt nicht zur Unterdrückung, sondern zum Wohlthun! Und denke fleißig an den Tod, der mit einem Striche seiner Hand die Ahnentafel auslöscht, und Bettler und Fürsten gleich wacht! — Wie ein Wölkchen verschwand jetzt der kleine Sittenprediger , und Wenzel sah in tiefen Gedanken starr ans den Platz, wo er gestanden hatte. Ihm war leichter ums Herz und mit jeder Minute fühlte er sich gesünder. Der gute Gnom hatte zur ersten Freundschastsprobe sein Fieber hinwcggenommcn und ihm einen sanften Schlummer zugcsandt, von dem er erst spät am Morgen wie neugeboren erwachte. Mit ruhigem Blick übersah er nun die Begebenheiten der letzten Nacht, und beschloß ernstlich, die doppelte Geisterwarnung nicht in den Wind zu schlagen. Deßhalb befahl er seinen Dienern, den Frohnarbcitern sogleich für diesen Tag Feierabend anzukündigen und alle fremden Besuche mit der Entschuldigung, daß er krank sey, abzuweisen. Der erste Befehl ward vollzogen. Die Bauern jubelten; aber der Frohnvogt schüttelte mürrisch den Kopf und verbot ihnen, nicht von der Stelle zu gehen, bis er selbst mit dem Junker gesprochen hätte. Seine Gegenvorstcl- -o§> 133 S--> lungen fanden jedoch kein Gehör. „Ich will's so haben!" fuhr ihn Wenzel an: „Und ich rathe Dir, nicht den geringsten meiner Unterthanen zu mißhandeln, sonst mache ich Dich zum Fröhner und den Dorfhirtcn zum Vogt! Jetzt gehe stracks, schicke die Bauern heim nnd zahle Jedem , weil Du sie wider meinen Befehl anfgchaltcn hast, einen Krug Bier aus Deinem Beutel!" Betrübt schlich der Vogt davon. Ein fröhlicher Geber war er nicht. Mit einer so säuern Essigmicne ward wohl noch nie ein Geschenk ausgctheilt. Indessen kam der Mittag heran und das Völkchen der Schmarotzer klepperte lustig und guter Dinge zum Thor herein. Ehe sic sich aber noch aus dem Sattel hoben, gingen Wenzels Diener ihnen entgegen und brachten die Hiobspost, daß der Herr krank und deswegen keine Tafel sep. — O weh, das war in die bellenden Magen Der Krippenreiter ein köstlicher Such! Hochtönend fingen sie an, den kranken Freund zu beklagen, Bedauerten aber im Herzen nur sich, Weil jetzt im Vogelflug die goldne Hoffnung entwich, Den Erbfeind, Hunger, hier mit Bratenschwertern zu schlagen. Sie setzten geschwind ihren Eäulchen den Sporn Mir knirschendem Zahn in die schlotternden Seiten, Und sprengten davon über Korn und Dorn, Um irgendwo anders ein freies Mahl zu erbeuten. Wenzel sah hinter dem Vorhang seine theucrn Zechbrüder wieder abtrollen und hätte sie gern zurückrufen lassen, wenn sic nicht so schnell über alle Berge gewesen wären. Die Zeit ward ihm bitterlich lang. Ucberdicß fiel ihm ein, daß Freund Hütchens moralische Vorlesungen kein ausdrückliches Verbot des Umgangs mit seinen Freunden 1Z4 enthaltcn hätten. Er bereute daher, daß er die armen Schlucker um eine Mahlzeit und sich um Zeitvertreib gebracht hatte. Als der Abend endlich herbeischlich und er sich und seine lange Weile in die Federn vergraben konnte, war er herzlich froh. Ehe er aber noch einschlief, besuchte Freund Hütchen ihn wieder und hielt ihm eine Lobrede wegen seiner guten Aufführung am vergangenen Tage. Der Kleine war besonders über das Abweiscn der Tafelrittcr höchlich erfreut und erzählte triumphirend, daß er sie mit einem unsichtbaren Steinhagel zum Dorfe hinaus begleitet und sich über ihr Ach und Weh ein drolliges Ducken und Krümmen bei Empfang der Püffe halb todt gelacht habe. Aus diesem Berichte sah Wenzel nun deutlich, wie wenig seine Gesellen in Hütchens Gnade standen. Er gab dcßhalb am Morgen neuen Befehl, ihn ferner vor ihnen zu vcrläugnen. Heute ritte» die vorsichtigen Herren ein Stündchen früher ein, um noch, im Fall sic hier wieder mit trocknem Munde abziehen müßten, ein anderes gastfreies Dach bei rechter Tischzeit zu erreiche». Tags zuvor hatte der Unstern über ihnen gewaltet, daß sic auf einer Burg, wo sic erst spät nach der Tafel wie ein hungriges Heuschreckcnhccr einfielen, blos kalte Küche von der Hand speisen mußten, und also nur dürftigen Balsam für ihre Stcinwunden fanden. Da sic sich nun dicßmal früher auf's Gleis gemacht und dadurch einem ähnlichen Schicksal voigebeugt hatten, so eilten sie weniger bestürzt davon, und hielten sich nicht einmal damit auf, nach dem Befinden ihres krank gemeldeten Freundes zu forschen. Die Zeit war ihnen edel. Wie leicht hätte» sic nicht dort, wohin sie wollten, einen Löffel voll Suppe versäumen können! o-D 138 <§«- Das kaltherzige Betragen dieser Bursche kränkte Wenzeln tief und machte cs ihm etwas leichter, ihre Gesellschaft zu entbehren. Sie ließe» sich nun auch eine ganze Woche lang in seinem Schloßhosc nicht blicken, weil sie bei einem andern wohlhabenden Ritter gute Schnabclwcide getroffen hatten. Indessen fuhr der Neubekehrte fort, seine Unterthanen menschlich zu behandeln, und ward nicht allein von ihnen bis in den Himmel erhoben, sondern auch alle Nächte von Freund Hütchen mit Lobsprüchen überhäuft. Der gute Gnom trat jetzt, zum Zeichen der völligen Aussöhnung, sein ehemaliges Amt als Hausknecht wieder an und war dem Gesinde, das freilich anfangs vor ihm erschrack, ein willkommener Gehülfe. Unser Junker wäre nun mit sich und der ganzen Welt zufrieden gewesen, wenn ihn nicht der Wurm Langeweile genagt und neue Sehnsucht nach dem Umgänge mit seinen lustigen Kompancn erweckt hätte. Reiten und Jagen gewährte ihm ohne Begleiter kein Vergnügen, und die nächtlichen Unterhaltungen mit dem Schwarzmantel waren ihm mehr lästig, als angenehm. Eines Morgens, als ihn eben die Einsamkeit seines Zimmers am schwersten drückte, sprengten Reiter in den Hof, und siehe da, die säubern Mittagsvögel zogen wieder ein. Sie waren von dem Edelmanne, der ihnen seit Wenzcl's Ercmitcnschaft Atzung gereicht hatte, wegen ihrer täglichen Zudringlichkeit fortgcscheucht worden, und kehrten nun auf ihren vorigen Futtcrplatz zurück. Mit der scheinbarsten Theilnahme fragten sie jetzt nach des Herrn von Tollenstcin Gesundhcitsumständen. Der Thorwärter sang das alte Lied, der Herr sep immer noch krank. Dieser aber strafte ihn auf der Stelle Lügen, indem er hastig -c-D 136 <§--> das Fenster aufriß und hinabrief: „Nicht mehr krank! Gesund, wie ein Fisch! Herauf, brave Jungen, herauf!" Flink waren sie von den Gäulchcn herunter, lustig die Treppen hinauf und spielten ein halbes Stündchen mit ihrem lieben Wirth Fangeball. Einer warf ihn des Andern Umarmung zu. Diese Heuchlerposscn hätte» sic wahrscheinlich noch länger getrieben, wenn ihnen nicht bange gewesen wäre, den Hausherrn dadurch von der Anordnung des Schmauses abzuhalten. Man setzte sich zu Tisch und Wenzel wich anfangs einem Strome von Fragen über seinen neulichen Krankheitsanfall klüglich aus, indem er nur in allgemeinen Ausdrücken antwortete. Als ihm aber der Wein nach und nach die Zunge löste, beging er den schwachen Streich, die ihm aufgestoßcnen Abenteuer lang und breit zn erzählen, und treuherzig bcizufügeu, daß er von nun an ein stilles, klösterliches Leben zu führen entschlossen sey. Die Gesellschaft schlug ein Helles Gelächter auf. Die armen Krippenrciter glaubten zwar stimmt und sonders Gespenster; glaubte» sie um so mehr, da sie nun die Hand erriethen, die sie neulich mit steinernen Bomben beschossen hatte: dennoch lachte» sie laut. Ihr Mage» zwang sie zur Starkgcistcrei. Sie sahen voraus, daß Mönch Wenzel ihnen nicht mehr aufschüsscln würde, und folterten daher ihre Köpf und Zungen, ihm die gehabten Erscheinungen als bloße Spiele der Einbildungskraft vorzustcl- ken. Mit Erklärung der Begebenheiten im Wald und der Geistcrhöhle wollte es ihnen nicht sonderlich glücken. Desto geschwinder wurden sie mit dem armen Hausgciste fertig. Er ward ohne Gnade, weil er den Junker nur bei Nacht und im Bette besucht hatte, ein lustiges Traumbild gescholten und wacker ausgehöhnt. Daß er sich auch bei Hellem -<>Z> 137 Go- Tage sehen lasse, wollten sie durchaus und durchum nicht glauben. Sic erklärten das Hausgcsind für abergläubiges Volk, und dessen Zcugniß aus diesem Grunde für ungültig. Kurz, das Zwergmännchen mußte den stumpfen Pfeilen ihrer Witzelei lange zur Scheibe dienen. Wenzeln war nicht wohl dabei. "Er sah sich schüchtern um, und befürchtete jeden Augenblick, der beleidigte Gnom möchte zu seinen gewöhnlichen Waffen greifen und sein wirkliches Dasepn durch einen Kieselschauer beweisen. Doch begab sich nichts. Dennoch hielt er seinen philosophischen Gästen noch Widerpart, bis endlich Junker Hans, der wildeste Polterer unter allen, mit der Faust auf den Tisch schlug und ausrief: „Wohlan, Bruder, laß es auf einen neuen Versuch ankommcn! Wir reiten, wie wir sind, Heute Nacht mit Dir in den Wald, und auf denselben Platz, wo der Riesenkerl mit der neumodischen Laterne gespukt haben soll. Ist er so keck, wieder zu kommen und sich uns Allen zu zeigen, nun gut! Dann wollen wir vor ihm Respekt haben, auch den Kobold mit dem Schleppmantel in Ehren und Würden lassen, und Dir weiter nicht wehren, als Duckmäuser zu leben und zu sterben. Läßt sich aber, wie ich schon voraus weiß, kein Popanz blicken, dann würdest Du ein Narr sepn, wenn Du Dich in der Blüthe Deiner Jahre den Freuden des Lebens entziehen wolltest. Dieser Vorschlag ward von der sämmtlichen Tafclritter- schaft mit lautem Beifall ausgenommen. Selbst Wenzel mußte ihn billigen, um nicht den Verdacht einer feigen Memme, den höchsten Schimpf jenes nervigen Zeitalters, auf sich zu laden. -»S> 138 <§«- r» ^ - «Ü!« «r . * ^ Sie zechten nun und zechten sich Mit jeder Stunde dreister; Und als der Seiger Eilfe schlug, Begannen sie den Fehdezug Ins Waldgebiet der Geister. Wohl Mancher faßte statt deS Kelchs Ungern des Kleppers Zügel. Die meisten Herrn befahrten sehr Ein rächendes Gespensterlreer Und schlotterten im Bügel. Durchtrabt ward schweigend her und hin Die grauenvolle Haide, Bis Wenzel sich zur Stelle fand, Und leise, leise sprach: »Hier stand Der Mann im Todtenkleide!" >— Wie Schafe, die ein Wolf umschleicht, Sich bang zusammendrücken, So drängten sich die Nitter dicht In einen Kreis und wagten nicht, Vom Sattelkopf zu blicken. Doch kein Gespenst befand dießmal Für nothig. sie zu necken. Der Wurd war selbst so wundermild, Daß er den Athem an sich hielt. Um sie nicht zu erschrecken. Nun fühlten sie ein Flammchen Muth Im Herzen wieder lodern. Hans übte gar den Heldenstreich, Das hasenhafre Geisterreich Durch Schimpf herauszufordern. »Heh da! Herr Nies' im Leichenhcmd! Führt Er nicht heut zu Schmause? — Auch Du, Freund Hütchen, bist nicht hier? Komm her, komm her, damit ich Dir Dein Bärtchen brav zerzause!" — -»§> 139 O weh, wie häßlich hotte sich Herr Naseweis die Lippen An dieser Poltcrci verbrannt! Er ward vvn unsichtbarer Hand Geohrfcigt und gekmppen. De» Schmerz verhehlend, rief er aus >,L>üt unS vvn dannen reiten! Die braven Tvdtcn mögen ruh»! Wir wollen, da sie uns »ichiS thuu, Auch nicht mit ihnen streiten!" — So dacht' er seinem Plagegeist Versöhnung abzuschmeichein; Doch dieser fuhr geschäftig fort, Den armen Ritter hier und dort Plump, wie ein Bär, zn streicheln. Er schwang sogar sich hinter ihm Auf'S Pferd, beim Ritt nach Hanse, Und lispelt' ihm in's Ohr: „Haha! Freund Hütchen mit dem Barr ist da! WaS säumst Du? Zause, zause!« — Der Märtyrer hielt sich so brav, Daß ihm kein Ach enlsmlüpstc, BlS endlich Junker Wenzels «schloß Erreicht war und herab vom Roß Der kleine Teufel hüpfte. Die Andern sahn und hörten nichts Bon Hansens Abenteuer. Auch er vergaß bald Furcht und Graus Und setzte sich mit hin zum Schmaus Bon Braten und Tokaycr. Doch unter seine» Händen fing Schnell ein Kapauneuflügcl Zu flattern au, — flog durch die Thür, Und auf dem Teller lag dafür Ein wohlgebratucr Igel. Ihm schauerte vor dem Gericht, Und rasch griff er zum Glase. Allein der Wem sah aus wie Blut, Und dünstete wie Schwefelgluth Ihm stinkend in die Nase. Der Wirth bat fleistig: »Lange zu, Will Dir heut nichts behagen?" — »Nein, sagte Hans, mir ist nicht fein, Im Betre wird mir schmucker seyn, Ich will nach Hause jagen." —s Gr stieg zu Noß, und hoffte nun, Das Necken sey zu Ende. Gefehlt! — Im Sattel säst er kaum, Da sprang für den entwischten Zaum Gin Horn ihm in die .Hände. Verschwunden war der Gaul. GS trug Gin Bdckiein, rasch und munter, Durch Busch und Moor den armen Tropf, Und warf zuletzt HalS über Kopf Am Galgen ihn herunter. Diesen bedenklichen Ruheplatz verließ er so schnell, als ihn seine zitternden Fuße tragen konnten, nnd sputete sich heim, wo sein alter Schimmel kopfhängcnd an der Thüre stand, und über das Unglück seines Herrn nachzudenkcn schien. Indessen hatten auch die übrigen Gäste Wenzels Burg, auf unvcrwandelten Pferden und ohne die geringste Widerwärtigkeit verlassen. Der einsam gebliebene Junker ging nun mit schwerem Herzen in sein Kämmerlein, weil er ein scharfe Gesctzpredigt von Hütchen befürchtete. Doch es schlug eine Stunde nach der andern, und das Männlein kam nicht. Das war dem Junker nicht lieb. Er -»D 141 hätte gern seinen verdiente» Verweis wcggchabt, um ihn nicht mehrere folgende Nächte besorgen zu dürfen. Hin und her sinnend, wußte er sich des Gnoms Aus- senbleiben nicht zu erklären. Es litt eine doppelte Deutung. Hielt vielleicht der Trotzkopf streng sein Wort, ihn nur Ein Mal zu warnen? Oder war er ein armseliger Poltergeist, der blos mit Blendwerken schreckte, und sich furchtsam wieder verkroch, wenn man ihm muthig die Stirne bot? — Diese Zweifel hätte freilich Niemand besser, als Hütchen selbst lösen können) aber der Morgen kam, und er nicht. Desto pünktlicher fand sich zur Essenszeit die lustige Gesellschaft wieder ei», die sich erst einige Stunden nach Mitternacht empfohlen hatte. Rur Hans blieb wegen uns bekannter Ursachen ans. Ihre erste Frage war: Ob sich noch in voriger Nacht etwas Unheimliches ereignet habe? Wenzel sprach aufrichtig: Nein! Treffliches Wasser auf ihre Mühle! Sie pochten nun stärker daraus, daß alles ein Traum gewesen scy, fanden etwas mehr Glauben, und der Tag ward mit einer fröhlichen Zeche beschlossen. Auch in dieser Nacht hatte Wenzel nicht die Ehre, von Hütchen besucht zu werden. Nun war es ihm schon gleichgültiger. Am Morgen fragte er seine Diener: Wann und wo sie den kleinen Hausknecht zuletzt gesehen hätten? und erfuhr, daß er sich seit zwei Tagen weder in Küche noch Stall, überhaupt nirgends finden lasse. Kann ich den Kobold doch entbehren! dachte er, und bestimmte bei sich eine gewisse Zeit, wie lange er noch dessen Rückkehr erwarten und seine Lehren oberflächlich befolgen wolle. Für den Fall, daß der Abwesende diese Frist, ohne sich zu melden, verstreichen ließe, ward beschlossen, ihn alsdann für todt und verschollen zu achten, seiner nicht mehr zu denken, und alle von ihm herrührendcn Schrcckbilder und Drohungen als leere Gaukeleien anzusehen. Der anbcranmte Termin kam, und lief ab. Hütchen erschien weder selbst, noch durch einen Bevollmächtigten. Urthcil und Recht ward an ihm vollzogen, und er sowohl, als die von ihm veranstaüete Geistcrtafcl rein vergessen. Was hätte nun Wenzeln noch abhaltcn sollen, seine scharfen Klauen, die er nur einige Wochen lang aus Furcht, daß ihn Gespenster darauf klopfen möchten, etwas eingezogen hatte, neuerdings auszustrecken? Er'ward ganz der Alte. Seine Bauern wurden, wie zuvor, von Schossern und Schergen geplündert, und seufzten mehr als sonst unter des Frohnvogts Geißel, weil dieser sie nun aus Rache mit verdoppelter Grausamkeit brauchte. Der Junker selbst hielt weniger, als jemals, seine Lüsten und Begierden im Zügel. Das Volk der Tisch- und Krippenreiter — zu denen sich auch Herr Hans nach cingezogcner Kundschaft, daß der Weg rein sep, wieder gesellt hatte — war sein täglicher Umgang. Sic führten ihn immer höher und höher auf der Leiter der Sittenlosigkeit, bis er endlich die letzte Staffel erstieg. Ihn von diesem Schwindclvlatz zu leiten In der Tugend ruhiges Kefild, Unternahm mit tausend Zärtlichkeiten Jetzt ein Weib, wie Engel, schön und mild. Agnes war'S — die Tochter eines bösen, Alten Ritters, der, m» sich vom Drang Seiner ArmnthSsvrgen zu erlösen, Sie jllm Ehebund mit Wenzeln zwang. -o-D 143 S-»- Einen Wüstling ans Befehl zu minnen, Ging der sanften Mädchenseele nah. Nur die Hoffnung, cinft ihn zu gewinnen, Daß er bester werde, sprach das Ja. Mächtig wirken schöner Seelen Bitten, Wenn ein schöner Mund sie zärtlich spricht; Dieses Fcli'enmanneS rauhe Sitten Wichen nur dem holden Zauber nicht. Bald, ach bald war nach der Hochzcitfeier Seiner Lüste Fackel ausgebrannt, Und nun hätte gern bas Ungeheuer Weit von sich daö gute Weib verbannt. »Fort, Du Närrin!" brüllt' er oft der Armen Wild entgegen, wenn sie zu ihm trat Und mit süßen Worten um Erbarmen Für gequälte Unterrhancn bat. Ihre Taubenseele zu erschüttern, Niß er sie zu grauser Thaten Schau, Und verhöhnte vor den Krippenrittern Die Empfindungen der edeln Frau. Wie ein Dolch dnrchschnitt sie jedes Leiden, Das sie in deS Dorfes Hütten fand. Hungrige zn speisen, Nackende zu kleiden, Ward ihr ganzes Nadelgeld verwandt. Eigne Noth entpreßt' ihr keine Klage. Nur im Stillen seufzte sie gelind: „Kindlein, das ich unter'm Herzen trage, Werde wie Dein Vater nicht gesinnt!" — Sie gebar, nach einer Nacht voll Schmerzen, In dem zehnten Ehmvnd einen Sohn Doch bevor sie noch das Kind am Herzen Wiegen konnte, war ihr Geist entflvhn. -o-§> 144 . «» Das ganze Dorf weinte, nur Wcnzcl's Augen blieben trocken, die vielleicht dem Tode seines geringsten Jagdhundes ein Thräncnopftr gebracht hätten. Heimlich freute er sich sogar, einer lästigen Gefährtin los zu sepn, die nicht mit ihm auf seinen Licblingswcgcn wandeln wollte. Kaum konnte er sich entschließen, sie anständig begraben zu lassen. Endlich geschah es doch. Er hätte gern gesehen, wenn das neugeborene Kind seiner Mutter nachgc- solgt wäre; doch Freund Hain war nicht so gefällig, ihm diese doppelte Freude zu machen. Leopold (so hieß der Knabe) war ungefähr drei Jahre alt, als er einmal an einem Wintertage, mit einem silbernen Körbchen voll Kirschen in der Hand, zum Vater gelaufen kam. „Sich, Vater!" lallte er fröhlich: „Klein, klein Männcl hat mir gegeben. Hat mich gestreichelt, hat mir gesagt, soll fromm und fleißig sepn; will mehr schöne Sachen bringen." — Aha! dachte Wenzel: Fangt der kleine Freund wieder an sich zu regen und freigebig zu werden? — — Der alte Knabe mag ein herrliches Gewächshaus und schönes Silbcrwcrk haben! Mußt neue Freundschaft mit ihm machen, um ihm auch dann und wann ein Geschenk abzulockcn. — Er veranstaltete hierauf, daß sich Poldchen am folgenden Tage wieder einmal allein in der Kinderstube befinden mußte, und lauschte durch'S Schlüsselloch. Mit unterdrückten Atstenijügen, Stund er nicht zwei Minuten hier, Da kam schon durch die Wand, der Geister LieblingSthür, Freund Hütchen angcstiegen, Und bot dem kleinen Leopold Ein neues Labsal für den Gaumen. Ei» Dnhend wunderschöner Pstaumen, In einem Körbchen oo» gediegnem, blankem Gold. -->D 145 Jetzt trat mit honigsüßen Blicken Und traulichem bntgegennickcn Keck ins Gemach der Herr Papa. Ihm aber wies der Geist, sobald er ihn nur sah, Doll Zvrnwuth im Gesicht, den Nucken, Und schnitt — indem der Schalk sein Mäntelchen behend Von hinten lüftete — dem kübnen Belchleicher solch ein Kompliment, Womit sich aerii j„> Zank die Häringsweiber dienen. Dabei hobnlacht' er laut, daß Wand Und Fenster dröhnten, und verschwand. Znm Glück war das Geschenk der kleinen bösen Sieben, DaS Pstaumenkbrbchcn, da geblieben. Herr Wenzel war darob nicht wenig froh, Und griff geschwind darnach, NM es hinwcgzutrage». Doch weh l o weh l das Gold war hni ein Wischlcin Stroh, Ans welchem Pstaumenkcrne lagen. Seitdem hörten auch die Obstgcschenke völlig auf. Wenzel schickte zwar Leopolden hier und dort an einsame Orte, um Hütchen Gelegenheit zu ungestörte» Besuchen zu geben; der Knabe mußte sogar allein schlafe», weil es vielleicht dem Obstmännchen beliebiger sepn möchte, bei Nacht zu kommen; allein diese gold- und silberbegierigen Anstalten waren fruchtlos. Hütchen ließ überall vergebens auf sich lauern, und nichts mehr von sich hören und sehen. Wenzel ward darüber seinem ganz unschuldigen Sohne spinnefeind. Ueberhaupt konnte er den armen Jungen nicht leiden, weil er Bcttclkindern lieber gab, als nahm, sich manchmal wegwarf, mit der Dorfjugcnd zu spielen, nicht die geringste Lust und Liebe zur Jagd zeigte, und kaum Blut sehen konnte. Uebrigens ging Wenzcl's Leben den alten Gang. Die Verwandlung des Pflaumenkörbchens war in einer Reihe Langbeln'S sämmtl. Schr. XVI. Bd. 10 von zwölf Jahren die wichtigste Begebenheit, die sich auf seiner Burg ereignete. Nach Ablauf dieses unmerkwürdigen Zeitraums kam an einem trüben Herbstabcnd ein unbekannter Reiter in Wen- zel's Dorf und fragte nach dem Wirthshausc. Ein eigentlicher Gasthof war nicht da; man wies ihn aber zu dem Schmid Martin, der immer ein Fäßchen Bier und eine Schütte Stroh für durchfahrende Frachtführer bereit hielt. Der Reiter eilte dahin und bat um ein Nachtlager. „Wer stpd Ihr?" fragte Martin. Der Fremde. Ein Hofjunker des Landgrafen. Wir jagten in dieser Gegend, und ich verirrte mich. -Martin. Schlimm für Euch! Ihr werdet bei mir schlechte Bequemlichkeit finden. Der Fremde. Doch ein Bett? Martin. Guter Herr, im ganzen Dorfe trefft Ihr keine Feder. Beliebt es Euch nicht, auf Stroh zu schlafen, so müßt Ihr auf dem Schlosse beim Herrn von Tollenstein Quartier machen. Der liegt weich genug. Der Fremde. Ihr scherzt, mein Freund! Es ist unmöglich, daß kein einziger Bauer ein Bett, ein so unentbehrliches Bedürfniß für ermüdete Feldarbeitcr, haben sollte. Martin. Doch ist eS so. Euch zarten Hofhcrren mag das freilich wunderbar Vorkommen. Ihr denkt, Ihr könntet nicht leben. Ach, die Armuth ist froh, wenn sie nur immer noch Stroh hat. Der Fremde. Ich beklage Euch, und will diese Nacht nicht besser schlafen, als Ihr; ob mir gleich mein Name bei dem Herrn von Tollcnstein einen guten Empfang verschaffen würde. Hierauf stieg er vom Gaul, bezog ein niedriges Kämmerlein neben Martins Werkstätte, und warf sich auf das -->§> 147 für ihn zugerüstete Lager. Man hatte zwar ein reines Tuch darüber gebreitet; dennoch stachen die unhöflichen Strohhalmen so empfindlich durch, daß der arme Herr die ganze Nacht kein Auge schließen konnte. Höchst erwünscht war cs ihm daher, als er den Morgen grauen sah und seinen Wirth den Blasebalg handhaben hörte. Ihn belustigte das Gemisch von Geschäften, das Martin trieb. Jetzt sang er einen Vers aus einem Morgcnliede, fluchte dazwischen auf seine Leute, die nicht aufstchen und auf Feuer und Kohlen, die nicht geschwind genug in Gluth kommen wollten, und dann sang er wieder andachtiglich. Endlich brachte er einen Stab Eisen auf den Ambos und brummte bei jedem Hammcrschlage: „Landgraf, werde hart! Landgraf, werde hart!" — Der Fremde horchte hoch ans. Martin fuhr fort, den Landgrafen hart zu hämmern, und ließ nicht eher nach, bis der Passagier aus seinem Kämmerlein trat. Der Fremde. Guten Morgen, Martin! Ist der Landgraf bald hart? Martin. Meiner cauf den Snciisidb zeigend) ist's nun genug. Wollte Gott, Eurer wäre auch so! Der Fremde. Seltsamer Wunsch, einen harten Fürsten zu haben! Martin. Zu rechter Zeit und am rechten Orte hart seyn ist eine köstliche Sache. — Doch verzeiht, es geziemt mir nicht, davon zu sprechen. Ich wünschte, daß Ihr mein einfältiges Selbstgcschwätz gar nicht gehört hättet. Denn so Ihr mich bei dem Herrn Landgrafen vcrrathet, kann ich darüber in Strafe kommen. Der Fremde. Deswegen sepd unbesorgt und redet frei von der Brust! Ich verspreche Euch als ein Biedermann, daß Ihr über kein Wort zur Rechenschaft gezogen werden sollt! Nun sagt an, wann und wo wäre der Landgraf härter zu wünschen? Martin. Ei, geht mir mit Euern kitzlichen Fragen! Doch — ich will antworten. Erzählt Ihr eS auch Euerm Herrn wieder, so kann ich doch darauf leben und sterben, daß ich Wahrheit gesprochen habe. Der Fremde. Das ist brav! Nur weiter! Martin. Ihr kennt das gute Herz des Landgrafen. Mit der ganzen Welt meint er cs wohl und thut keinem Kinde Leid. Nun schließt der brave Herr von sich auf Andere, und denkt, die Gewaltigen in seinem Lande machen es auch so. Da irrt er sich aber sehr. Der Fremde. Also die Edclleute, Näthe und Beamte — denn darunter versteht Ihr doch wohl die Gewaltigen? — drücken das Volk? Martin. Nennt's, wie Ihr wollt! Sie verfahren freilich nicht säuberlich mit uns armen Geschöpfen. Abgaben und Frohndienste haben kein Ende. Man wird seines Lebens nicht' froh. Der Fremde. Und Euer Herr? Martin. Verzeiht mir, daß ich hierauf nicht antworte, eben weil er mein Herr ist. Der Fremde. Antwort genug! Hier nehmt! D 180 schützer. — Könnt Ihr nicht leben, ohne Dauernblut zu sangen, so räumt mein Land! Ich gestatte, beim allmächtigen Gott, keine Tyranneien mehr! Was geschehen ist, sey vergessen und vergeben! Aber, so wahr ich Ludwig heiße, den Ersten von Euch, der sich wieder dergleichen Mißhandlungen der Menschheit erlaubt, den will ich, zum Schrecken Aller, so empfindlich züchtigen, daß er das Kum- mcrlcben seines ärmsten Bauers beneiden soll!" Ucbcr diese Rede staunten die Ritter nicht wenig. In einem solchen Tone hatte der Landgraf noch mit Keinem von ihnen gesprochen. Endlich nahm Wenzel das Wort. „Herr Landgraf, sprach er trotzig, ich verfahre mit meinen Unterthanen nicht schlimmer, als ich Fug und Macht habe. Wäre es aber auch, so würde ich doch nicht Euch, sondern blos kaiserlicher Majestät darüber Rede stehen." „Ja, riefen Alle: nur dem Kaiser sind wir Antwort schuldig!" — Hierauf stürmte der ganze Haufe unter Anführung des Sprechers die Treppen hinab, und eilte auf fliegenden Rossen aus Naumburgs Thoren, ehe des Landgrafen Befehl, die Rebellen zu verhaften, ausgcführt werden konnte. Wenzel tobte wie ein Besessener bei der Rückkunft auf seine Burg. Er hatte schon vor dem Verhör den Zusammenhang der Geschichte von einem vertrauten Höfling des Landgrafen herausgelockt, und stieß dcßhalb die schrecklichsten Verwünschungen gegen seinen Ankläger, den armen Martin, aus. „Werst den Hund in Ketten und schleppt ihn her!" brüllte er zu seinen Dienern, und es geschah. Wie ein Tiger auf den Raub, stürzte er sich über den Gefangenen, und labte seine Rachgier durch Mund und Stock. Alsdann befahl er, den Elenden in den tiefsten Schloßkerker zu werfen, wo ihn weder Sonne noch Mond bescheine. Vergebens flehte Martin um Gnade z vcrge- -öS» 1S1 Kobens umschlang dessen Tochter, cm kleines hülfloses Kind, mit schluchzender Bitte die Kniee des Tyrannen. Sein Befehl ward vollstrcckt. Doch hundert Stunden drauf erschien ' Der SchreckenStag der Rache. Herr Wenzel saß gar keck und kühn, AlS hätt' er Me Sache, Mit seinen Freunden beim Pokal, Horch, da erhol, sich vor de», Saal Ein tosendes Gewirre Von Spieß- und Schwertgeklirrc. Herein zur Thüre strömten bald Hierauf, gleich wilden Wogen, Gewaffnete, die wie ein Wald Sich um den Ritter zogen. Die Zecher floh» und er fuhr aus: „Was kommt Ihr Schurken so zu Hanf? Wie könnt Ihr Euch erfrechen, Burgfriede» hier zu brechen?" „Herr!" rief der Oberste der Schaar, „Sprecht mehr mit Glimpf und Ehre! Den» Landgraf Ludwig hat fürwahr Kein Schurkenherz im sperre. Von ihm befehligt, kommen wir, Und sein Gefangener seyd Ihr! Nach Naumburg, ohne Plaudern! Wir können hier nicht zaudern. Doch muß, eh' wir von hinnen gehn, Der Mann in Freiheit kommen, Dem Ihr, um Euch gerächt zu sehn, Habt Luft und Licht benommen. In welcher Höhle seufzet er? Geschwind die Kerkerschlüffel her! Sonst sollen Thurm und Hallen Zerstört znsanimenfallcn!" — i >ii-^ -->§> 152 ^>- Auf Martin's Herzen lag wie Blei Sein hoffnungsloser Jammer, Da scholl der Machtruf: Ihr seyd frei! Hinab zur Felsenkammer. Mit lichtentwvhnren Auaen ging Er ans der Nacht, die ihn umfing, Und sah, wie man von dannen Abführte den Tyrannen. In Naumburg war dem edeln Herrn Schon ein Quartier erkoren. Wohin sich Sonne, Mond und Stern Mit keinem Blick verloren. Ein matres Lämpchen in der Hand, Zeigt' ihm der Schließer an der Wand, Zum Schrecken seiner Seele, Das Wort: V e r g e l t n n g S h o h l e. Vier Tage lang, wie Martin dort. Lag hier auf Stroh der Prasser, Und ward bewirrhet fort und fort Mit trocknem Brod und Wasser. Das war, so schlecht es ihm gefiel, Der Anfang nur vom Trauerspiel. Denn Ludwig sprach dein Nirter Dieß Urtheil, ernst und bitter: »Ihr trotztet, Mann, mit frechem Spott, Dem Himmel und der Erde; Ein Uebermnth, den ich, bei Gott! Nicht länger dulden werde! Für Marrin'S Leiden habt Ihr schon Empfangen den gerechten Lohn. Nun will ich das Emporen Euch und Consorten lehren. Zur Strafe'sey Euch zuerkannt: Mit Euern Mitgesellen, An einen Ackerpfiug gespannt, Ein Feldstück zu bestellen. Ich selbst will lenken Euern Pflug, Und durch der (Neißel Schwung und Zug Die Pflichten der Vasallen Euch «nS Gedächtnis; knallen." — Der Landgraf schwieg. Auf seinen Wink Erschienen dann Soldaten, Die bei dem Junker rasch nnd flink Den Kammerdienst vertraten. Sie schatten bis ans Hemd ilm aus, Und führten ihn auf's Feld hinaus, Um ihn mir Strang und Stricken Zum Ackergaul zu schmücken. Ein alter Nitter, stolz und hart Wie er- stand hier zum Zuge Schon fertig angeschirrt, und ward Mit ihm gepaart am Pfluge. Der Fürst ergriff das Lenkseil nun, Die Nöstlein wollten stätig thun, Er aber trieb dre Tragen Feld auf, Feld ab mit Schlagen. Wohl durchgeheht, lies; er sie frei Mit diesem Anermahnen: „Lebt künftig den Gesetzen treu, Und schont die Unrerthanen! Sonst schleppt Ihr einst, wenn dieses Feld, Das Ihr zur Einsaar habt bestellt. Im Herbst wird Früchte tragen. Auch hier den Erndtewagen!" — So war denn Herr Wenzel für dicßmal von seiner Verwandlung in einen Ackergaul wieder erlöst und kam in seine Heimath zurück. Furcht und Schrecke» gingen da Vor ihm her. Alles floh ihn wie Feuer. Allein er war ganz verändert, schien stumm geworden zu seyn, blickte starr und steif zur Erde, nnd sein Angesicht war mit me- lancholischen Wolken umzogen. Die stolzen Wellen hatten sich gelegt. Sein voriger wilder Troß war so schnell und ties zur Mnthlosigkcit hcrabgcsnnken, wie in unfern Tagen und vor unfern Augen Das süße, liebe Kinderspiel, Ivujou de Normandie, das ach! so herzergöhlich Für Herrn und Damen war, urplötzlich In Gassenbnbenhande fiel. Einem innerlich kochenden, feuerspeienden Berge glich sein Herz. Der Erndtewagcn des Landgrafen dämmte blos seinen verschlossenen Ingrimm, der sich sonst wie ein glühender Lavastrom über Martin's Haus und das ganze Dorf schrecklich ergossen hätte. Ein Dammbruch geschah endlich doch, und die Ucbcr- schwemmung traf (wer hätte das denken sollen?) seine ehemaligen Busenfreunde. Es war ungefähr am zweiten Tage nach seiner Rückkunft, als sie in ihr Kanaan, wo weißer und rother Wein floß, wieder cinzichen wollten. Sie kamen, wie gewöhnlich, miteinander angckleppert und flogen mit offenen Armen in's Zimmer, um ihren so lange vermißten Freund zu umfangen. Er aber hatte dieß- mal keine Lust dazu, sonder» wies sic zornig mit der Hand zurück und sprach im Ton des Gebieters: „Keinen Schritt weiter in meinen vier Pfählen! Keinen Schritt weiter, Ihr feigen Memmen, die ihr nur bei Tische tapfer sepd! Rührte wohl, als ich neulich hier gefangen genommen ward, ein nichtswürdiger Bube zu meiner Verthcidigung die Hand? Nein, Ihr flöhet, wie die Hasen! Einer kroch unter den Tisch, der Andere hinter den Ofen, der Dritte wollte gar vor Angst die Wand hinauf laufen- Pfui, pfui! Habe ich das an Euch, Ihr Undankbaren, verdient? An Euch vcr- -OZ> ISS 189 O-->- Leinenzeug gab zum Gewände Ihr die F^and der Armuth nur; Doch kein Mädchen ward im Lunde So beschenkt von der Natur. In der Unschuld Silberschleier, Der des blauen AugeS Feuer llnzcrrissen noch umfloß, Eilte sie getrost auf's Schloß. Schluchzend warf sic da sich nieder. Leopold erhob geschwind Sie mit sanfter Frage wieder: „Was begehrst Du, liebes Kind?« — „Meinen Vater!" rief Johanne, „Der im strengsten Kerkcrbanne Nun schon über Jahr und Tag Wie ein Dieb und Mörder lag. Ach, entledigt ihn der Kette», Schmiedet mich dafür hinein! Ich will gern, um ihn zu retten, Ewige Gefangne scyn. Sonst kann ich im Blut und Leben Nichts zum Löscgclde geben. Nehmt eS an und schenket mir Seine Freiheit nur dafür!" — Der bewegte Jüngling blickte Hannche» an mit Lieb' und Huld: „Kind, am Kummer, der Dich drückte, „Hab' ich, wie Du weißt, nicht Schuld. Meinem Herzen war' eS Schande, Löst' ich nicht des Elends Bande Gern und willig, wo ich kann. Er sey frei, der arme Mann!" — Heißer Thränendank und Fliegen Zu des Vaters Kerkcrthür War, im Taumel von Vergnügen lind Entzücke», Eins bei ihr. ki '»--x -o§> 160 <^o- „Vater!" rief sie durch die Spalten, „Lebt Ihr? Har Euch Gott erhalten? Weint nicht mehr! — Im Augenblick Geht Ihr frei mit mir zurück!" — Jetzt stieg auch durch Dorn und Nessel Leopold zum Burgverließ, Wo er des Gefangnen Fessel Abzuthun dem Schergen hieß. Martin, den zum bleichen Schatten Gram und Nvth gestaltet hatten, Glaubte seinen Sinnen kaum. Alles dünkr' ihm nur ein Traum. Hin zu seines NettcrS Füßen Sank er, vor Empfindung stumm. Hanncheu schlang mit heißen Küssen Um den Alten sich herum. Ihres Purpurmundes Hangen An den abgegrämren Wangen Schien so, alS umarmren sich Tod und Leben brüderlich. O wie strahlte dem die Sonne, Der nun, los vom Eisenring, Mir der süßen Freiheirc-wonne Hochgefühl nach Hause ging! Voll mitleidiger Gedanken Sah der Junker fort ihn wanken, Und ein Blick, der Liebe sprach, Flog dem schönen Hannchen nach. Es war nicht anders; das niedliche Landmädchen hatte tiefen Eindruck auf Leopolden gemacht. Hannchen war ihm. vorher wenig oder gar nicht zu Gesicht gekommen, weil er, um des Verstorbenen Ungnade zu vermeiden, in keine Bauernwohnung ging, und sie selten ihr Haus verließ. Am Todestage seines Vaters schlug ihm also die -oZK 161 L> 162 -NH- j L'«- 'l Leopold. Unglücklicher Mann! Wo ich bei Euch Hinblicke, sehe ich Mangel. Das Stroh dort im Winkel — Martin. Ist mein Lager. Leopold 163 Euch vorher etwas sagen zu lassen. Gute Nacht, Martin! Gute Nacht, liebes Hannchen! Er eilte fort und hinterließ den beiden Leutchen viel Stoff zum Gespräch und Nachdenken, was fie noch heute von ihm erfahren würden. Nach einer halben Stunde ward geklopft. Es war Einer von Leopold's Dienern, der einen Wagen voll Betten und Hausgeräth, einen Korb mit Eßwaaren und ein ziemlich schweres Päckchen Geld zum Geschenk von seinem Herrn überbrachte. Vater und Tochter staunten, weinten und stammelten Dank. Indessen verschwand der Bote mit einem ehrlich gemeinten: „Braucht's gesund!" Die Beschenkten kosteten von den Seltenheiten der herrschaftlichen Küche, und schlummerten dann auf den weichen Federn fröhlich ein. Auch Leopold wollte sich nun in die Arme des Schlafs werfen, der ihn aber diesmal floh. In der.zwölften Stunde der Nacht war or noch munter. Jetzt hörte .er auf einmal die verriegelte und verschlossene Kammerthür öffnen. Wer konnte das thun, als unser alter, lange nicht gesehener Freund Hütchen? Leopold erschrack nicht, als er den Geist, dersich immer noch stein neues Mäntelchen geschafft hatte und immer noch sein rundes Deckelchen trug, im Anmarsch gegen sein Bett erblickte. Er chatte nicht allein oft von ihm sprechen gehört, sondern erinnerte sich seiner sogar noch aus den ersten Jahren der Kindheit. Daher sah er ihn mit Fassung an und fragte: „Was bringst Du?" Hütchen. Meinen Glückwunsch zu dem Antritt Deiner Regierung. Leopold. Ich danke. Warum sprichst Du aber in -o§> 164 E-r>- so hohem Ton mit dem armen Herrn von zwei armen Dörfchen? Hütchen. Weil Du, wie ein König, Gutes und Böses thun kannst. Dein Vater hat das Letztere bewiesen. Leopold. Dazu kann ich nichts sagen. Hütchen. Das mag sepn. Es ist aber Gott und der Welt bekannt. Nun wird er auch dafür büßen. Leopold. O mein unglücklicher Vater! Hütchen. An Warnungen hat cs nicht gefehlt. Ich habe Güte und Strenge versucht, ihn zu bessern. Hat er Dir nie jenes furchtbare Nachtgcsicht erzählt, da er die Geister seiner ruchlosen Väter in einer unterirdischen Höhle bei der Tafel sah? Leopold. Davon hörte ich ihn manchmal, wie von einem Traume, sprechen. Hütchen. Ja, ja, dafür nahm der leichtstnnigc Mensch auf das Einreden seiner nichtswürdigcn Freunde jene Erscheinung. Aber der verachtete Traum wird ihm nun schrecklich ausgchcn. Vielleicht krümmt er sich schon jetzt wie ein Wurm auf dem glühenden Stuhle, der an Deines Großvaters Seite für ihn bereit stand. Leopold. O höre auf, höre auf, mich mit diesen Höllcubildern zu quälen! Sage mir lieber, ob keine Hülfe, keine Erlösung möglich ist? Hütchen. Hierüber darf ich Dir nicht bestimmt antworten. Thue das Deine, und suche den zürnenden Himmel durch einen tugendhaften Lebenswandel und Wohl- thätigkcit zu versöhnen. Leopold. Das soll mir nicht schwer werden. Ich folge dann blos dem Zuge meines Herzens. Auch habe ich schon einen kleinen Anfang gemacht. Der arme Martin, den mein Vater in Fesseln hielt, ist wieder frei. -oZ> 163 Hütchen. Ich weiß es und lobe Dich darum; ob uiir's gleich lieber wäre, wenn Du ihn, noch vor der Fürbitte seiner schone» Tochter, der Gefangenschaft entlassen hättest. Es hat sich dadurch auf den Glanz Deiner edlen Handlung ein gewisser Schatten von Nebcngründcn geworfen, der sie ein wenig verdunkelt. Doch das scp! Du hast- glaube ich, de» Martin auch beschenkt. Leopold. Hum! — Ja. Es waren einige Kleinigkeiten, die ich entbehren konnte. Hütchen. Warum sagst Du Kleinigkeiten? — Es scheint, als wolltest Du Deine Freigebigkeit dadurch gegen mich entschuldigen. Sollte sie das bedürfen; wäre sic etwa nicht aus der reinsten Quelle geflossen? Leopold. Ich verstehe Dich nicht. Was ich that, geschah aus Mitleiden. Die armen Leute hatten nichts, als leere Wände. Hütchen. Das ist wahr und freilich erbarmcnswür- dig, wenn ein so ehrlicher Mann, wie Martin, und besonders ein so schönes Mägdlein, wie Hannchen, trockenes Brod essen und auf hartem Stroh schlafen sollen. Ich rathe Dir aber, jnngcr Herr! Schweife nicht etwa auf einer, dem Benehmen Deines Vaters entgegengesetzten Seite aus! Liebe Deine Untcrthanen nicht zu sehr! Leopold. Könnte man das? Hütchen. Ei wohl. Vorzüglich die Töchter der Un- terthanen. Hannchen ist wirklich schön. Leopold. So ziemlich. Hütchen. Heuchler! Wie kalt Dein warmes Herz spricht! Leopold. Sage mir nur, was Du willst. Gestern sah ich das Mädchen zum ersten Mal. Hütchen. Und fingst gleich Feuer. »B» 166 S» Leopold. Du irrst Dich, alter, spaßhafter Freund! Hütchen. Geh, geh! Die Röthc Deiner Wangen zeugt wider Dich. Leopold. Fängst Du es aber nicht recht darauf an, mich roth zu machen? Du scheinst selbst Empfindungen gegen die Tochter der Erde zu hegen. Hütchen. Ha, ha! Ich wäre ein possierlicher Liebhaber! Doch wir wollen jetzt davon abbrechcn. Erinnerst Du Dich, daß ich Dir als Kind einmal Kirschen in einem silbernen Körbchen brachte? Leopold. Recht wohl. Ich trug sic zu meinem Vater. Hütchen. Der gab Dir die zwei kleinsten davon, schmaußte die übrigen und verwandelte das Körbchen in klingende Münze, wofür er ein Faß Wein kaufte. Ihm aber hatte ich mein Geschenk nicht bestimmt. Darum rächte ich mich auch den folgenden Tag, und spielte ihm statt des goldenen Pflaumenkörbchcns, nach dem er so begierig griff, einen Strohwisch in die Hand. Besinnst Du Dich noch? Leopold. Vollkommen. Hütchen. Nun sich, dieses Körbchen habe ich Dir aufgehoben. (Er zieht es, mir Grasstücken licsüllt, unter dem Mantel lierrmr). Die Kirschen haben sich indessen in Gold verwandelt, und gewähren hundertfachen Ersatz für Deine gestrigen Geschenke. Laß' aber Deine Freigebigkeit nicht immer denselben Weg nehmen, sondern sie auch die übrigen Hutten Deiner Dörfer besuchen. Sie wird überall leere Wände finden, denn Herr Wenzel war ein Meister im Ausräumen. Leopold. Ich danke Dir, guter Geist! O wie will ich nun das Elend meiner Unterthanen mindern, wie wohl- thätig will ich seyn! Hütchen. Nun, ich werde scharf Achtung geben. Wendest Du meine Spenden gehörig an, so sollen mehrere folgen; denn ich bin, ohne Ruhm zu melden, ein bischen reich. Leb' indessen wohl, bis auf Wiedersehen! (Cr verschwindet.) Mit der Morgenröthe ging Leopold von Haus zu Haus und verspendcte reichlich die Goldstücke des unterirdischen Münzers. Ucberdicß versprach er den Untcrthanen ein Freijahr von Abgaben und Frohndiensten. Die Freude der Armen war allgemein, war unaussprechlich. Die Gegend, wohin ihn sein Herz am stärksten zog, betrat er zuletzt. Mit Vorbedacht ging er erst am Ende seiner wohlthätigen Wanderung in Martin's Hütte, um sich nicht auf's Neue Hütchcn's Schraubcreien auszusetzen. Man empfing ihn, als ob ein Engel erschiene. Hann- chcn sagte, sie habe auf seine» Betten wie im Himmel geschlafen. Die artige Schmeichelei, die er entgegnet haben mag, findet man in der Geschichte nicht aufgezcichnct. Sic erzählt aber, daß sich hier tiefer, als irgendwo, seine Hand im Goldseckcl verirrt habe. Der übrige Thcil des Tages verfloß unter Anstalten zum Bcgräbniß. Abends ward wieder zur Erholung ein Lustgang bei Mondenlicht gemacht. Er versprach sich's selbst, dießmal nirgends einzukehren; das Halten fiel ihm aber unmöglich. Ein noch flimmerndes Lämpchen aus Martin's Fenstern war der Leitstern, dem er unwiderstehlich folgen mußte. Er fand das Mädchen allein. Die Unterhaltung fing, sich von beiden Seiten sehr schüchtern an. Nach und nach gewann sie mehr Leben. Es ward ein Handdruck, und zur guten Nacht sogar ein Kuß gewagt. Ein Umstand, den Hannchcn allein verschwieg, als sie ihrem zu- -»D 168 pre. !»ä- rückkommenden Vater den gehabten Besuch weitlänftig erzählte. Noch glühte der süße Kuß ans Lcopold's Lippen, als Freund Hütchen den Kopf zur Kammerthür hcreinsteckte. „Alles gut gemacht! Aber, aber" — rief er und drohte dabei schelmisch mit dem Finger, worauf er sogleich wieder verschwand. Leopold verstand das aber, und war froh, daß er mit einem so leichten Verweise wegkam. Der Begräbnißtag brach nun an. Es war ein heiterer, lieblicher Morgen. * V Die Sonne zog im Purpnrkranzc Den blauen Himmelsweg beran. Scheu vor dem königlichen Glanze, Wich jedes Nachtgewölk ans ihrer Strahlenbahn. Kein rauhes Morgenküfrchen större Das kleinste Blart in seiner Nnh. Auf Blumen lagerte sich Zephyr selbst und hörte Dem Lied der Nachtigallen zu. Herab vom Kirchentluirme schallte Jetzt weinerlich die Tvdrenglocke drein, Und steh, in schwarzer Kleidung wallte Das ganze Dorf zur Burg hinein, Wo in des Sarges enger Klause Der trotzige Geselle schlief. Der sonst die Welt mit Schnauben und Gebrause, Als sey sie ihm zu klein, durchlief. Kein herzentguollueö Ach ward laut bei seiner Bahre, Kein Thranentropfen fiel, alS Kind der Wrhmuth, drauf, Die Leichenfrau gab nur ein P.öbchen von der Waare Der Traurigkeit für baaren Kauf. Den Küster trieb allein, den todten Herrn zu loben, Der Geist der Dankbarkeit für doppelte Gebühr; Doch selbst sein C'lstermund verstummte willig hier, Als nun den Sarg die Träger hoben. -»D 169 So Urplötzlich schwand des .Himmels Blau, Und wetterschwangre Wolken ballten Sich schwefelgelb und donnergran Zn Ungeheuern Mißgestalten. Gepeitscht von Winden hin und her, Zerrissen ihre Wasserschläuche. C'S rauschte nieder wie ein Meer, Und höher schwollen Fluss' und Teiche. Indessen ging der stille Leichenzug Dem Grave zu mit bangen Schritten. Doch war, dies; Bad herabzuschütten, Der zürnenden Narur noch nicht genug. Mit Krachen eines DonnerschiageS Verlosch der letzte Schein deö Tages, Und um die Gegend zog sich Nacht, Durch Wetterleuchten nur bisweilen hell gemacht. Ein kalter Sturmwind fuhr auf sausendem Gefieder Hin durch das Land der Finsterniß. Warf Häuser um, schlug Bäume nieder, Und führte Steine fort, die er vom Felsen riß. Am Himmel fiutheten zerstreuter Blitze Flammen In Feucrklumpen nun zusammen, Und schlackerten zur Erd' herab, Und wälzten, Kugeln gleich, sich um das offne Grab. Der Todrenacker borst mit fürchterlichen. Krämpfen Hier, da und dort und rings umher. Aus seinen Schlünden stieg in dicken Nebeldämpfen Ein Gclsterschwarm empor und tanzte kreuz und quer. Im schrecklichsten Tumult der Erd' und Hölle Schritt jetzt mit zitterndem Gebein Der Lcichenzug zur Grabesstelle Und senkte still den Sarg hinein. Kaum aber warf die erste Schosse Von Erd' und Sand der Tvdtengräber drauf, Da hört' im Augenblick das tolle Getöse von Gespenstern auf. -oO 170 - - 1 ^. 1 )- 1 , . Des Sturms Geheul, der Wolkenbrüche Flutheu, DeS Donners Knoll, der Blirze Gluthcn Verloren sich bis auf die kleiner Spur, Und milder Sonnenschein bestrahlte Wald und Flur. „Das war ein Wetter!" sagte Martin zu einigen alten Bauern auf dem Heimwege. „Das war ein grimmiges Wetter!" wiederholte er, und schüttelte bedenklich den Kopf. Andres. Gott scy der armen Seele gnädig, der cs zu Ehren angcstcllt war! Thomas. Gott scy ihr gnädig! Natürlich ging's nicht damit zu. Ich bin nun achtzig Jahre alt, und habe Manchen in sein letztes Haus auf Erden begleitet, aber ein solches Ungewittcr habe ich nie erlebt. Caspar. So hat's wohl auch noch keines gegeben, so lange die Welt sieht. Saht Ihr nicht die Unholde, die im Nebel um's Grab herum wankten? Thomas. Ach, ich wollte sie nicht sehen und drückte die Augen zu. Die Haut schauert mir noch. Andres. Ich stelle mir so in meiner Einfalt vor, daß cs die Geister seiner Vorfahren waren, die ihm entgegen kamen. Es find auch schlimme Herren gewesen. Martin. Laßt das scpn! Man soll von den Todten nichts Uebels reden. Andres. Wenn sich nun aber nichts Gutes sagen läßt? Martin. Dann ist's löblich, zu schweigen. Andres. Hum! Der kleinste Wurm krümmt sich, wenn man ihn tritt, und wir sind doch wahrlich genug getreten worden. Martin. Und haben's nun, Gott Lob! Überstunden. Bedenkt doch nur, Ihr guten Leute, daß wir unmöglich Alle große Herren scpn können. Es ist ja in der ganzen Natur Alles abwechselnd groß und klein. Neben der ho- hen Eiche steht ein niedriger Strauch. Der Adler und der Zaunkönig sind Brüder. So ist's auch bei den Menschen, und so must cs sepn, wenn die Ordnung der Welt bestehen soll. Den» stellt Euch einmal vor, alle Bauern würden plötzlich vornehme, steinreiche Leute. Wer würde dann noch im Schweiß seines Angesichts den Acker bauen und dreschen wollen? Nicht wahr, der liebe Niemand? Ihr bedanktet Euch gewiß sanunt und sonders dafür, und schlieft lieber auf Euern Faulbcttchcn! Nun seht, auf diese Weise ginge die Welt zu Grunde, und wir müßten bei aller unserer Herrlichkeit verhungern, da nun einmal kein Brod mehr vom Himmel fällt. Caspar. Marti» hat Recht. Andres. Ei, wer lauguct das? Es ist nur schlimm für uns, daß just wir zu Plackthieren geboren sind. Martin. Eben weil wir dazu geboren sind, läßt stch's nicht ändern, und wir thun klug, wenn wir uns geduldig drein fügen. Bei allem Kreuz und Elend, das ich in der Welt ausgcstandcn habe, sprach ich immer zu mir selbst: Habe Geduld, Alter, cs kann nicht ewig dauern ! Laß cs nun auch bis an dein Ende so fortgehcn, in jenem Leben wird's gewiß besser. Das, liebe Leute, war der Trost, der mich bisher aufrecht erhalten hat. Denn ich denke mir den Vater im Himmel so gut und gerecht, daß er uns dort die Freuden ersetzen wird, die er uns hier nothwendig entziehen mußte. Andres. THs klingt Alles recht schön; aber ehe wir dahin kommen — Martin. Wird uns unser neuer Herr das Leben erträglich machen. Ihr seht ja, daß er ganz anders denkt, als sein Vater Wie wär's, wen» wir auf den Abend seine Gesundheit tränken? Kommt Alle zu mir, bringt 172 Weiber und Kinder mit, und sagt's auch den übrigen Bauern! Die ganze Gemeinde soll heute vergnügt unter meinem Dache sepn. Mein Stübchen ist zwar nicht groß, der geduldigen Schafe gehen aber viel in einen Stall. Andres. Geduld haben wir gelernt. Martin. Guter, alter Murrkopf, lerne nun auch Zufriedenheit! Leb'indessen wohl, lebt Alle wohl, und vergeht nicht, auf den Abend bei guter Zeit zu kommen. Alle. Wir werden kommen. Martin befand sich noch nicht lange zu Hause, so ward er auf's Schloß gerufen. Leopold suchte von ihm auszu- sorschen, wie man im Dorfe über den Begräbnißstnrm nrthcilc, der ihm selbst sehr bedenklich schien; allein Martin war zu gutmuthig, die reine Wahrheit zu sagen. Er dachte, wenn cs darauf ankomme, Kränkungen zu vermeiden, scy Lügen wohl erlaubt, und versicherte daher dem Junker, daß Niemand das Ungewittcr übernatürlich gefunden habe. Das beruhigte Leopolden. Er gab Martinen einige Hütchcnsd'or, mit der Anweisung, das Dorf dafür zu bc- wirthcn, und billigte sehr, daß Jener bereits diesen Einfall gehabt hatte. Zugleich erhob er den Meister Schund auf der Stelle zum Schulzen oder Dorfrichtcr. Der gute Mann »ahm diese Würde, die man vielleicht damals anders nannte, mit fröhlicher Dankbarkeit an, und merkte nicht, daß er blos, wie viele Herren noch heut zu Ta^e, wegen seiner schönen Tochter befördert wurde. Das fiel ihm auch sogar dann noch nicht ein, als sich Leopold unmittelbar darauf sehr angelegentlich nach Hannchens Befinden erkundigte und ihm einen Gruß an sie mit auf den Weg gab. Der neue Premierminister des Dorfs ging, um einige -«-§> 173 Zoll hoher als gewöhnlich den Kopf tragend, in seinen Palast zurück, und machte die Neuigkeit seiner Standcs- crhöhung der Fräulein Tochter mit heiterer Miene bekannt. Hannchen war ein vernünftiges Mädchen; aber doch ein Mädchen. Das heißt mit andern Worten: Sie war ein wenig eitel. Daher gewann Leopold einen guten Stein bei ihr im Brete, daß er ihren Vater zu einem Ehrenposten erhoben, und ihr dadurch gleichsam Fug und Macht ertheilt hatte, sich etwas glänzender als andere ländliche Dirnen zu kleiden. Der Herr Papa mußte zu diesem Behuf sogleich mit einigen gelben Pfennige» hcraus- riicken, und man bcrathschlagte nun gemeinschaftlich über Putz und bessere Hauseinrichtung, bis sich die Abendgesellschaft einfand. Martin säumte nicht lange, sich der Versammlung als ihr neues Oberhaupt vorzustellen, empfing Glückwünsche, und erthcilte dagegen die huldreiche Versicherung, daß er sein Amt zum Beste» der Gemeinde führen, und Recht und Gerechtigkeit handhaben wolle. Der Abend verfloß geschwind unter traulichen Gesprächen über Vergangenheit und Zukunft. Einstimmig lobte man den jungen Herrn. Nur Hannchen sagte kein Wort dazu, sondern setzte sich weg vom Licht in einen düster» Winkel, um nicht ihr jedesmaliges Erröthen, wenn Leopolds Name genannt wurde, sehen zu lassen. Denn bei aller ihrer Unschuld war sie, in Bemerkung der heran- schleichcnden Liebe des Junkers, nicht so blind als ihr Vater. Sic hatte freilich darüber Urkunden, die dem Alten fehlten. Er würde nicht so in der Dunkelheit getappt haben, wenn sie ihm nur den verschwiegenen Kuß gebeichtet hätte. Gegen cilf Uhr des Nachts gingen die meisten Gäste »D 174 auseinander. Nur einige politische Kannengießer konnten sich noch nicht vom Kruge trennen. Martin empfahl ihnen, die Hausthurc beim Fortgehen zu verschließen, und begab sich nun auch mit seiner Tochter zur Ruhe. Es schlief sich zu schön auf den adelichcn Betten, als daß er sich dieses Vergnügen hätte länger entziehen mögen. Sechs Bäuerlein saßen Am Tisch noch allein, Und schon brach die Stunde Der Mitternacht ein. »Horcht, horcht!" rief jeht Einer: »Was tappt vor der Thür?" — »Ja,« sprachen die Andern, »Das hören auch wir." — Es trappelt' und tappte Bald fern und bald nah, Und schrie, wie ein Esel, V — ah! y — ah! ES poltert' im Hause- Treppnnter, treppauf, Und angclweit rauschte Die Stnbenthür auf. Husch! flohen zum Winkel Die Bäuerlein. Drauf schleuderte langsam Ein Esel herein. Er richtete schnüffelnd Zum Biertisch den Lauf, Und pfeilgerad bäumend Sah er hinauf. Der Kannen und Krüge Buntfarbige Reih' Begrüßt' er mit Hellem Y—ahgeschrei; -o§> 175 Ergriff mit zwei Fußen Den nächsten Krug, Und trank bis zum Boden In einem Zug. So stürzt' er begierig, Als wollt' er ein Meer Von Hvpfensaft trinken, Sechs Krüge leer. Die andern, in denen Kein Tröpfchen sich fand, Bebrummt' er und warf sie Voll Grimm an die Wand. Zufammengefchichtct Wie Häringe, sahn Die Männer im Winkel DaS Unwesen an. Entsetzen verwischte DcS Angesichts Nvth. Sie hielten so still sich, Als wären sie rvdt. Jetzt ward sic zum Unglück Der Graue gewahr. Wie SrachelschweiuSborsten Erhob sich sein Haar. Die Nase spie Wolken Von Feuer und Dampf. Heran auf zwei Beinen Schritt er zum Kampf. Die Bäuerlein schwangen Die Knüttel empor, Und streckten, wie Lanzen, Dem Kämpen sie vor. Doch tief in die Glieder Der feindlichen Schaar Hieb er mir den Hufen Wie ein Husar. . > -iS -V -->§> 176 So- Die 5oolzbojvnctte Zersplitterten schnell, Und Langohr dnrchwnlktc Den Bnnern das Fell, In einer Minnte War Alles vollbracht, Und völlig entschieden Die drollige Schlecht. Die sechs Alliirtcn Ergriffen NcifianS, Und fielen nnd stürzten Zur HanSthnr hinaus, Nachhancnd verfolgte Der Sieger sie »och, Bis nun in sein Hnttchen Sich Jeder verkroch. Morgens drauf erstaunte Martin über das scherbcnvolle Schlachtfeld, und glaubte, die Herren Politiker hätten sich im trunknen Muthe die Krüge an die Köpfe geworfen. Er ließ sie, Kraft richterliche» Amts, zu sich entbieten und setzte sie lächelnd zur Rede. Sie schoben, der Wahrheit gemäß, alle Schuld auf den wunderbaren Esel, in welchem ein böser Geist stecken müsse. Der ungläubige Schulz lachte sic aber mit ihrer Geschichte weidlich aus. »Ja, ja, ein Esel mag wohl die Krüge zerbrochen haben," versetzte er launig. „Doch will ich nicht weiter untersuchen, wer er ist und wie er heißt. Der Junker hat schon dafür gesorgt, daß ich diesen kleinen Schaden übersehen kann." — Die armen Bauern blieben also bei ihm in dem Verdacht einer unter sich gehabten Balgerei, sic mochten sagen, was sie wollten. Allein am folgenden Morgen ward er doch stutzig. Es war Abends vorher kein fremder Mensch in seinem Hause -0-D 177 >» HuuS, Nm ihren Muih zu prüfen. ES lief und nagte keine MauS, Und selbst die Heimchen schliefen. Doch was begab sich, alö sie schlug Die bdle Geisterstunde? Da sank der schon erhabne Krug Von unsrer Wächter Munde. Denn mit dem Klockenschlag begann Ein Poltern und Gesäuse, Als nähme Meister Nrian Besitz vom ganzen Hause. Doch die kam Herr Ziegenbein Nicht Hochselbst her zum Biere. ES trabie nur ein Esclein Durch die gesprengte Thüre. „Das ist, da§ ist daS Ungcthüm!« So lispelte »nt Schauer Ein vor zwei Tagen schon von ihm Brav dnrchgewalkier Bauer. Langbein'S sämmtl. Schr. XVI. Bd. 12 178 Oo- »Still!" sprach der Schulz: »Wir wolle» hier Im Winkel ruhig bleiben Und zusehn, was das Wunderthier Wird heut für Possen treiben!" — Der Graue schien die Flüsterei Der Lauscher nicht zu höre», Blieb wenigstens sehr kalt dabei, Und ließ sich gar nicht stören. Es trat mit gellendem V — ah! Hinauf am Tisch ein Männchen, Und trank so schnell, als man kaum sah, Sechs oder sieben Kännchen. — Viel Krüge waren außer Stand, Mit Bier ihn zu bewirthen. Drum schleudert' er sie an die Wand, Daß sic in Scherben klirrten. Dabei warf er auch manchen Blick Hin auf die armen Tröpfe, Und zielte mit dem lehten Stück Der Krüg' auf ihre Köpfe. Hoch wurmte das den einen Herrn, Der stark beherzt sich fühlte, Und immer für sein Leben gern Den Eisenfresser spielte. »Marsch, Leute!" rief der Renommist: »Greift an! Laßt Euch nicht grauen! Ich will, und wenn'S der Teufel ist, Ihn brav zusammenhanen!« — Der Esel sah sich grimmig um. Und warf dem, der so krähte, Den Krug ans Kavitolium, Daß es rundum sich drehte. -»D 179 T-o- Dieß war das Zeichen zu der Schlacht. Der Eisenfresser rückte Schnell an mit seines Häufleins Macht, Das bang und feig sich bückte. Schon auf den Hinterfüßen stand Zum Kampf der Esel fertig. Und blieb, gelehnt an eine Wand, Des Angriffs so gewärtig. Der General der Feinde schwang Nach ihm den Birkendegen, Der aber thatenloS zersprang Bon Langohrs Hufenschlägen. Sie fielen nun auch hageldicht Auf'S Kapitol des Helden. Von seiner Gegenwehr ist nicht Biel Rühmliches zu melden. Er floh mit seinen Bäuerlein, Wie Mäuse vor der Katze. Der Ritter Bierfust stand allein Als Sieger auf dem Platze. — Im Hintertreffen war beim Streit Der kluge Schulz geblieben, Und suchte jetzt sich uugebläut Zur Thür hinauSzufchieben. Schon war er frei; da mußte doch Ein böser Geist ihn Hetzen, Dem schlimmen Biergast rückwärts noch Ein Klappche» zu persetzen. O Wunder! Statt nun drauf und dran Zu hauen und zu schlagen, Fing unverhofft der Esel an Zu zittern und zu zagen. ' N 7" « 180 Der spitzen Ohren Niesenpaar Begann sich tief zu senken, Und er verkroch sich endlich gar Scheu unter Tisch und Bänken. Herr Martin sah von Weitem zu Und hörte mit Erstaunen: »Pack an! Sonst hast du nimmer Nnh!" Sich in die Ohren raunen. Er blickte hier, er blickte dort, Den NathSherrn ansznspähen. Umsonst, umsonst! An keinem Ort Ließ irgend Wer sich sehen. Er aber, bei dem allen fand Sein Herz von Mnty gehoben, Und sich durch eine sanfte Hand Zum Esel hingeschoben. Je näher Schritt vor Schritt er kam, Je mehr war in dem Wesen Des Graurocks ein Gemisch ^vn Scham, Und Aengstlichkeit zu lesen. Der Schulze drohte muthiglich Ihm mit dem Knotenprügel, Da wand er sich und krümmte sich Zusammen, wie ein Igel. Ha! dachte Jener: Herr Patron, Weiß er sich so zu schmiegen? Ihn Krngverwüster will ich schon Nun wohl noch besser kriegen. Drauf holte der beherzte Mann Sich einen Strick und legte Dieß Halsband keck dem Esel an, Der sich dabei nicht regte. 181 So ließ auch das verzagte Thier Zum Srall sich willig führen, Und ohne Widerstreben hier Fest an die Krippe schnüren. Ein aufgestecktes Bündel Heu Dient' ihm sogleich zum Schmause; Dann warf eL sich hin auf die Streu, Als war' cs nun zu Hause. Martin war sich selbst unbegreiflich. Er wußte nicht, woher er den Muth genommen hatte, den langöhrigen Unhold zu bändigen, und konnte nicht cinsehcn, warum er auch in der Folge so wenig Abscheu vor ihm empfand. Es war ihm beinah eine Lust, das Thierchen zu füttern und zu warten. Man muß aber auch dem Esel nachsagen , daß er sich alle Mühe gab, sein voriges unsittliches Betragen in Vergessenheit zu bringen. Er nahm nicht allein mit der geringsten Stallbcwirthung ohne Murren vorlieb, sondern bezeigte sich auch überhaupt so fromm und nachgebcnd, wie alle seine, zur Duldung gcbornen Brüder. Das veranlaßte Martinen, einen Versuch anzustcllen, ob es ihm auch belieben möchte, sich der gewöhnlichen Amtsverrichtung seines Geschlechts, dem Sacktragcn in die Mühle, zu unterziehen. Die Probe lies trefflich ab. Er trug seine Last so geschickt und ohne Straucheln, als ob er zeitlebens nichts anders gcthan hätte. Ein einziges Mal schien er in seine vorigen Übeln Launen zurückzufallcn. Er und Martin wandelten eines Tages mit einander zur Mühle, und desselben Weges kamen zwei oder drei Krippenritter, schlechten Andenkens. Diese Herren stach der Kitzel, Martinen zu hohnnecken, der es aber nicht der Mühe werth hielt, ihnen zu antworten. Mein desto übler nahm der Esel die Verspottung seines Herrin Er warf seine Bürde hastig ab, trat auf die Hinterfüße und spielte den Rittern eben so mit, wie vormals den Bauern. Nach einer kurzen possierlichen Barerei, worin die Spottvögel eine gute Einnahme von Beulen, und gar keine Ausgabe dagegen hatten, liefen sie davon, was sie konnten; der Ueberwinder verfolgte sie einige Aeckcr lang, kam dann von selbst zurück und ließ sich seine Säcke so geduldig wieder aufladcn, als ob nichts vorgefallcn wäre. Es war auch eine sonderbare Mucke von ihm, daß er den Junker Leopold nicht wittern konnte. Sobald dieser ins Haus trat, um mit Hannchen zu kosen, — welches jetzt nicht selten geschah, — da ward er wild und lärmte fürchterlich im Stalle. Nur dann hörte er auf zu toben, wenn Martin an der Thürc sich zeigte. In dessen Abwesenheit näherten sich einmal Hannchen und Leopold Hand in Hand, um den Lärmer durch Streicheln zu besänftigen. Sic machten aber übel noch ärger. Er stellte sich ungebärdiger als jemals, und schlug und biß so wüthend um sich herum, daß sie ihn für kollrig und rasend hielten und sich mit Schrecken wieder davon machten. Erst bei Martins Zurückkunft legte sich sein Zorn. Leopold ließ sich aber dadurch, daß der Esel ein ungnädiges Mißfallen über seine Besuche bei Hannchen so deutlich äußerte, kcinesweges abhaltcn, sie fortzusctzen. Mag er poltern; was kümmerts mich? dacht' er und tändelte ruhig fort. Aber mehr im Wege war ihm der Vater seines Liebchens. Dieser hatte nach und nach Heller sehen gelernt, und sein Tvchtcrlein oft vor dem Glatteis der Liebe zwischen Personen ungleichen Standes gewarnt. Hannchen 183 war dadurch schüchtern, und wenigstens unter den Augen ihres Vaters, der sich aus Vorsicht immer zu Hause hielt, zurückhaltend geworden. Das wollte Leopolden nicht gefallen. Er suchte nun so oft als möglich sein Mädchen am dritten Ort, im Schatten des Waldes oder sonst wo zu sprechen, und Heinrichen war nicht tanh, wenn er sic um ein geheimes Stelldichein bat. Einsmals hatten sie eine Zusammenkunft im Wäldchen verabredet. Hainichen war früher da und saug ein Liedchen zum Zeitvertreib. Der ankommende Junker hörte nur noch die letzten Töne. Leopold. Schon da, liebes Mädchen! Was sang denn meine kleine Nachtigall? Hannchen. Ich und eine Nachtigall! Der gestrenge Herr belieben zu spotten. Leopold. Wie Du mir nun wieder Unrecht thust! Ich höre Dich wahrlich lieber , als alle Nachtigallen in der Welt. Nur dann ist mir Deine süße Stimme weniger angenehm, wenn sie die häßlichen, eiskalten Worte: Gestrenger Herr! ausspricht. Nenne mich nicht mehr so, nenne mich Leopold! Hannchen. Wie würde das in meinem Munde, — in dem Munde eines so armen Mädchens klingen? Nein, ganz will ich doch den Abstand zwischen uns nicht vergessen. Leopold. Was Abstand! Die Liebe kennt keinen. Sie überspringt die Klüfte, die Menschen von Menschen trennen. Hannchen. Und fällt manchmal darüber in den Abgrund. Leopold. So? Ich höre schon, Dein Vater spricht aus Dir. Mit dem Hab' ich über diesen Punkt nichts zu reden. Also von etwas andern:! Was sangst Du vorhin? -»Z> 184 ^ Hannchen. Es war ein kleines Liedchen. Leopold. Klein oder groß; sing' cs noch einmal! Hannchen. Die Ohren werden Ihnen wehe thun. Leopold. Ziere Dich nicht! Singe, Nachtigallchcn, finge! Hannchen (singt). Ein schönes junges Mädel fuß Am hellen Bach im weichen GraS. Dem Hellen Bach glich AcnnchenS Herz, Noch unbekannt mit Gram und Schmerz. Sie trug im braunen Lockenhaar Ein Kränzchen, das ihr Abgott war. Nicht feil um goldncr Berge Glanz War ihr der liebe, liebe Kranz. Um sie herum im Wiesengrund Gab'S rvthe Blümchen, wie ihr Mund, Und Blümchen, weiß wie ihre Hand, Sie pflückte, was sie Schönes fand. Indessen fuhr mit Saus und VrauS Ein Sturmwind aus dem Wald heraus, Und rasselte so stolz heran, Alö kam' ein Prinz mit Nos; und Mann. Er riß in seinem Wirbeltanz Aus Aennchens Haar den lieben Kranz. Sie griff darnach — weg war er schon, Und weit mit ihm der Sturm entflvhn. O weh, o weh, mein Kranz ist hin! Nief Aennchcn aus mit trübem Sinn. Sie weinte sich die Augen roth, Und weinte sich um's Kränzchen Lvdt. Leopold. Ein artiges Liedchen. Hannchen. Ganz artig, und von sehr nachdenklichem Inhalt- 188 <^o- Leopold, Ja, ja. Hannchen. Ein Mädchen kann viel daraus lernen. Leopold. Das wäre! Hann chen. Kann daraus lernen, sein Kränzchen wohl zu bewahren, wenn ein stolzer Prinz heranrasselt. Leopold. Ei, das ist eine gute Lehre. Vor Prinzen muß sich ein Mädchen hüten. Hannchen. Es könnt' aber auch heißen; „und rasselte so stolz heran, als kam ein reicher Edelmann." Leopold. Hannchen, Hannchen, wirf mir nicht al? Augenblicke meinen Edelmann vor! Ich verkauf' ihn um einen Kuß, um einen Handdruck von Dir! «Z-r umarmt sie.) U ah! und wieder I ah! schallte jetzt plötzlich durch das Gebüsch. Verscheucht fuhren die Liebenden auseinander und erblickten den Herrn Schulzen, den sein verdammter Esel am Kleide herbeizog. Hannchen sah blutroth ins Gras und riß ein Hälmchen nach dem andern ab. Der Junker zwang sich zum Lächeln. Martin aber hatte den ernsten Blick eines Mannes, der gerechten Unwillen aus Schonung unterdrückt. Er sagte nur kurz und kalt: „Hannchen, geh heim!" und folgte selbst dem weinenden Mädchen nach, ohne sich mit dem Junker in einen Wortwechsel ein- znlasscn. Dem ganzen Auftritt sah der Esel mit einer gewissen sonderbaren Thcilnchmung zu, und schüttelte beständig den Kopf. Seitdem hörte Hannchen auf kein zärtliches Stelldichein! mehr. Die Hausbesuche blieben dem Junker zwar noch unvcrwehrt; es waren aber immer zwei Augen zu viel dabei. Er brannte nun je länger je mehr vor Begierde, das Mädchen wieder einmal unter vier Augen allein zu sprechen, und kam endlich, da er cs auf keine andere Art möglich machen konnte, auf den romantischen Einfall, Hann chens Schlafkammer bei Nacht zu ersteigen. Bald breiteten hierauf cinSmalS die Nabenflügel Mondloser Mitternacht sich aus. Man sähe kanm drei Schritt vor sich ein Haus, Nnd jedes Auge band des SchlummergvtteS Siegel. Jn> Felde warf nur noch der Maulwurf kleine Hügel, Im Dorfe schwirrt' allein die scheue Fledermaus. ES war die schönste Nacht, die man zu LicbcSränkcn Sich konnte wünschen, konnte denken. Der Junker fand sie auch dazu ganz fehlerfrei, Nnd forschte nicht erst Zeichcndenter »nd Sterncngucker ans, ob weiter Auf eine bessere zu lauern, räthlich sey? Er schlich, bepackt mit einer Leiter, So leise wie ein Dieb herbei, Nnd kein verschlafnes Hündlcin bellte, AlS er sie sacht an Martins Hütte stellte. Der Sprvssenweg war kurz, und bald gemacht, Das Kammerfcnstcrchen stand offen, Er schlüpfte durch, und nun blieb ihm für diese Nacht Nichts mehr zu fürchten, viel zu hoffen. Im sanfte» Schlaf der Unschuld fand Er Hannchen tief versenkt und ihre Reize deckte Nicht treu genug ein luftiges Gewand, Das mehr verrieth, als eS versteckte. Der zärtliche Nomaneuheld Vergönnt' ein Weilchen seinen Augen Das süfle Vorzugsglück, sich in das Blüthcnfeld Enthüllter Schönheit hier, gleich Bienen, eiuznsaugen. Doch bald empörte sich der andern Sinne Neid, Nnd stürmend forderten sie ähnliche Genüsse. Freund Leopold ward Mittler in dem Streit, Und weckte Hannchen auf durch liebetrunkne Küsse. Erschrocken fuhr sie hoch empor, Und suchte, mit ängstlichem Zieh» und Zerren Am Röckchen und Halstuch, das offne Thor DeS HeiligthnmS der Keuschheit wieder z» sperren. Darüber rang mit ihr der junge Mann, Und wenig fehlte noch, daff er den Sieg gewann, Den Sieg am Hochaltar der jungfräulichen Ehre, Der bald von ihm entweiht geworden wäre. Doch in dem Augenblicke schoß Ei» zischender Schwarm von geschlängelten Blitzen Hervor ans der Wände Spalten und Ritzen, Und donnernd enrkrachte die Thüre dem Schloß. — Der Junker stand vom Zaubcrstabe Des Schreckens ganz vcrsteint, und sah erst, als die Schaar Der Fenerschlangen verflog, daß Hannchcn, wie im Grabe, Verbleicht und fest umstrickt von einer Ohnmacht war. Hinabgebeugt zu ihr, von lüsternem Vergnüge» Bald übermannt und bald vom Mitleid tief gerührt, Hort' er Gepolter auf den Stiegen, Al§ kam' ein Reiter galvppirr; Und sieh, da sprengte so rasch, als ritt er um die Wette, Freund Hütchen auf Martins Esel herauf. Er spornte das Thier mit strampelnden Beinen zum Lauf, Und jagte so hin zu des Mädchens Bette. Hier stand der Esel still, erhob De» rechte» Vvrderfuß und schob Den Junker von Hannchen weg. — Dan» sing er an zu sprechen: „Halt ein! — Du darfst hier nicht der Unschuld Blume brechen! — Willst Du, baß dieses Haus, ans dem ich Böseivicht Einst Glück und Freude stahl, auf's Neu' in Thränen schwimme? — O Leopold, kennst Du nicht meine Stimme? Kennst Deines Vaters Stimme nicht?.— -oZ> 188 Ich bin's — und meiner schweren Sünden Strafurtheil ist, — die Ruh der Tobten nie zu finden. Kaum war mein Leichnam hier erblaßt, So ward ich in der Höste Schlünden Beim Keistermahl, von dem Du ose gehöret hast, Der siebente, verzweiflungSvvste Gast, lind mußte Nachts die Haut von einem Esel tragen. Um, wie ich vormals that, die Bauern baß zu plagen. Im Leben ward cS mir so schwer, Den Arme» nur den Wasserkrug zu gönnen. Daß osr der Wunsch sich hob, ich möchte weit umher Die Quellen all' vertrocknen können. Drum mußt' ich noch alS Geist in NeideSflammcn brennen, Als ich das Biersest tras. — Ich soff die Krüge leer, Und Welt und Nachwelt wird nunmehr Biercsel mich dcßwegen nennen. Jetzt bin ich, nach des Schicksals Schluß, In Martins Sklaverei gerathen, Dem ich so lange dienen muß. Bis Du, — als SöhnnngSwerk für meine Missethaten, — Zum Altar seine Tochter führst. — Doch wenn Du, eh'Dein Mund ihr dort hat Treu'geschworen, Als Unschuldsmörder sie berührst. Bi» ich in Ewigkeit verloren. Freund Hütchen, — der so oft des Undanks Nattcrbiß Bon mir empfand und doch mein Freund noch blieb, — Da vorhin mir die höchste der Gefahren, Durch Deinen Minncburst bcstügclt, nahe stand. Schnell meine Stricke, die nur ihm auflöslich waren, Weil Martin selbst mich damit band. Wir eilten her und sind noch zeitrecht eingetroffen, O Sohn, mein Sohn, was hat Dein Bater nun zu hoffen?" Indessen so der Esel sprach. Und Leopold vor Schmerz und Wehmuth brannte, Stieg auch Herr Hütchen allgemach Bon seiner grauen Nosinante, 189 Und setzte sich in Nednerposttur, Dem Junker recht ans Herz zu dringen; Allein er durfte dießmal nur Das erste Wort zu Markte bringen. Denn Leopold fiel feurig ein: „O Vater, ich will gern von Qualen Euch bcfrein, Die noch im Todestl)al so schrecklich Euch umgrausen. Um diesen Preis wollt' ich bei Scvrpionen Hausen. Gelobt sey cö bei dem, der alles sieht und hört, Dieß Mädchen werde mein Weib, eh' noch zwölf Stunden fliehen, Und halt' ich nicht, was jetzt mein Mund beschwört, So mag in meiner Brust die ganze Hölle glühen!" — Und steh, als kaum deS letzten Wortes Hauch Den Lippen Leopolds entschwebte, Zerfloß die EselSgrstalt in eine Säule von Nauch, Aus welcher Wenzel trat, als ob er leibt' und lebte. Der Jüngling flog entzückt mit offnen Armen hin Zum stummen väterlichen Schatten; Doch er verschwand mir einem Blick, worin Sich Freud' und Dankbarkeit hell abgebildet hatten. Der schwarze Zwerg zog nun den Junker säuberlich Am Aermel fort. „Komm mit! Du hast hier nichts zu schaffen. Das Mädchen wird sich ohne Dich Schon wieder in die Höhe raffen." — So führt' er ihn bis unten vor das Hans, Und schlüpfte hier schnell unter die Erde. Doch steckt' er noch einmal den Kopf heraus, Und rief: »Halt hübsch Dein Wort, daß ich nicht böse werde!" — Leopold hielt es redlich. Hannchcn ward noch an demselben Tage seine Gemahlin. Kein Wort von ihrer Ueber- raschung, kein Wort von Martins Erstaunen. Die Neuvermählten lebten so glücklich, als irgend ein Paar auf Erden. Hütchen besuchte sie fleißig, kam selten mit leerer -s-D 190 S-»- Hand, und vertauschte nun auch seinen düstern Trauermantel gegen ein blendend rothes Kleid, nach damaligem neuesten Modeschnitt, das ihm recht artig stand. So stutzerhaft erschien er schon in der Hochzcitnacht vor dem Bette der Liebenden, um seinen Glückwunsch abzustatten. Dieser ward auch so trefflich an ihnen erfüllt, daß ihren Umarmungen ein wackeres Geschlecht cntsproßte, das Jahrhunderte lang sortblühte. Des unglücklichen Wenzels Geist ließ sich nie wieder sehen. Die von ihm ausgczogene Eselshaut muß aber auf andere Menschenquäler fortgeerbt haben; denn die Rockenstuben wissen von mehrern, hier und dort erschienenen Biereseln zu erzählen. Möchte doch noch jetzt dann und wann ein Jsegrimm zur Strafe seiner Unthaten in diesen ledernen Kerker kriechen und Säcke tragen müssen! Oder — ein noch besserer Wunsch! — Niemand eine vergleiche Züchtigung mehr verdienen, sondern Jeder seine Brüder, über die er Gewalt hat, so sanft und liebreich behandeln, als es den Umständen nach möglich ist! Amen, das werde wahr! Der Beinbruch Bonnard erschien Vormittags allezeit und überall als ein artiger und liebenswürdiger junger Mann, Nachmittags und Abends aber nicht immer. Er war in Rücksicht der den alten Germanen so oft vorgeworfenen Liebe zum Trunk, ein eifriger Deutscher, und kannte kein süßeres Vergnügen, als die beliebten Lieder: Genießt den Reiz des Lebens! und: Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher! in lustiger Gesellschaft zu fingen und eine Flasche Wein dabei auszustechen. War' es nur bei einer geblieben, so würde Niemand etwas dagegen gehabt haben, da es seine Einkünfte erlaubten. Allein es hieß immer: Man steht nicht auf einem Beine, und: Aller guten Dinge müssen drei seyn. Oft wußte er sogar die vierte, fünfte und sechste Flasche mit dergleichen Sprüchwörtern und Beweisstellen zu belegen. Seine Mutter und Geschwister, mit denen er noch gemeinschaftlich zusammen wohnte, hatten fast jede Nacht den Kummer, ihn bezecht nach Hause kommen zu sehen. Ihre dringendsten Vorstellungen blieben fruchtlos, und fie fingen bald an, seine Völlerei für unheilbar zu halten. Eben so dachte Laura, Bonnards Geliebte. Nach unzähligen kleinen Zwisten darüber, kam es endlich zwischen den beiden Liebenden, die fast so gut als verlobt waren, zum völligen Bruch. Seitdem fies er noch tiefer in Bacchus Schlingen. Er hatte bisher, aus Achtung gegen Lanrcn, wenigstens den äußerlichen Schein von ordentlicher Lebensart beibchaltcn; nun aber ward er ein schamloser, stadtkundiger Trunkenbold. Es verging keine Nacht, daß er nicht eine Schlägerei mit den Schaarwachtcrn gehabt oder in einer Wachstube den Rausch ausgeschlafcn hätte. Seine Gesundheit fing dabct sichtbar an zu leiden und sein Vermögen schmolz. Kurz, er stand am Rande des Verderbens. Das schmerzte zwei redliche Freunde von ihm, die zwar oft an seiner Seite tranken, sich aber immer in den Schranken der Mäßigkeit hielten. Sie vereinigten sich, den Zecher durch ein ungewöhnliches Mittel zu bessern. In dieser Absicht gingen sic eines Abends mit ihm in einen Jtalicnerkeller und stellten sich von besonders guter Laune. Bonnards Licblingsweinc wurden anfgetragen. Man ließ ihn trinken, so viel er wollte. Er berauschte sich wacker. Gegen Mitternacht rieben sich seine Gesellschafter die Augen, gähnten und schliefen ein. Ihm war es lieb, daß er nun, ohne von ihnen gescholten zu werden, noch eine Flasche trinken konnte. Eh' er aber damit fertig war, stieg seine Trunkenheit auf den höchsten Grad, und er fiel endlich selbst, von allen Sinnen verlassen, in einen festen Todtenschlaf. Jetzt erwachten seine Freunde von ihrem nur verstellten Schlummer und schüttelten ihn. Zu ihrem Vergnügen ward er nicht munter. Sie rüsten nun einen von der Sache schon unterrichteten und im Nebenzimmer verborgenen Wundarzt herbei. Dieser brachte Schienen und andere bei einem Beinbrüche nöthige Gcräthschaftcn hervor, 193 O-»- und schnürte das gesunde rechte Bein des Schläfers so scharf zusammen, als ob er es höchst gefährlich gebrochen hätte. Hierauf spritzten sie ihm Wasser ins Gesicht und erhoben ein klägliches Geschrei. Er fuhr darüber empor, griff schnell nach dem Beine, das die Schiene» drückten, und wollte vom Stuhl auf. Sie hielten ihn aber fest und schrien ihm zu: „Unglücklicher, rühre Dich nicht! Du hast Schaden genommen! Wir sind vorhin kaum eingeschlummert, so taumelst Du sinnlos herum, stürzest die Treppe herunter, brichst das Bein und fällst zugleich in Ohnmacht. Wir erwachten darüber, hoben Dich auf und ließe» Dich verbinden. Rühre Dich ja nicht! Es ist schon ein Trag- scssel bestellt, Dich nach Hause zu bringen." — Bonnard war ganz außer sich. Seine Einbildungskraft vergrößerte nun den Druck der Schienen zum Schmerz eines wirklichen Beinbruchs; er hatte keinen Gedanken, daß die ganze Geschichte nur ein Mährchcn sep, und ließ sich jammernd heimtragen. Hier empfing ihn seine Familie, wie es verabredet war, weinend und wehklagend. Er ward nun vier Wochen lang vom Wundarzt besucht und sein Bein in einen Kasten gesperrt, wo er sich nicht rühren, und gar nicht zur Ueberzeugung seiner Gesundheit gelangen konnte. Ein so langes Ausharren auf einer Stelle war dem armen Mann unerträglich. Er verwünschte den Wein, als den Urheber seiner Leiden, und that ein Gelübde, sich nie mehr zu berauschen. Nach Vcrfluß eines Monats kündigte der Wundarzt ihm endlich an, daß die Heilung vollendet sep. Es war lustig zu sehen, wie er bedächtig und gleichsam auf Eiern ging, um das zerbrochene Bein zu schonen. Sein erster Weg zu Lauren, die er um Vergessenheit ' Lanabcin'S sämmtl. Schr. XVI. Bd. 13 -»D 194 Rotzes Vergangenen und Wiederschenkung ihrer Liebe bat- Sic versprach beides unter der Bedingung eines nüchternen Probejahrs. Dieses hielt er mannhaft aus, ward alsdann Laurens Gatte, und blieb zeitlebens ein ordentlicher, gesitteter Mann, der niemals mehr trank, als er vertragen konnte. Erst nach vielen Jahren erfuhr er den Streich, der ihm gespielt worden war. Er dankte seinen Freunden herzlich, und fing nun erst wieder an, auf dem rechten Beine, dessen Anstrengung er bis jetzt immer noch mit lächerlicher Sorgfalt vermieden hatte, fest aufzutreten. » 195 Der Prinz. Auf dem sächsischen Lustschlossc Augustusburg lebte vor ungefähr achtzig Jahren ein gewisser Amtshauptmann von Günther, der ein seltsames Abenteuer hatte. So entfernt er vom Hofe sich befand, so wichtig waren ihm doch die unbedeutendsten Begebenheiten der Hauptstadt. Er besoldete daher einen eigenen Geschichtschreiber derselben, der alle möglichen Neuigkeiten aufjagtc und sie ihm wöchentlich zusandte. Der Ankunftstag dieser Zeitung war ihm allemal ein Fest, das er kaum erwarten konnte. Eines Tages enthielten seine Dresdner Novellen folgenden Artikel: Unser Kurprinz (der nachherige König von Polen) befindet sich bekanntermaßen auf Reise». Man sagt sich aber hier ins Ohr, Jhro Hoheit wären still und geheim, selbst ohne Wissen Dero Herrn Vaters königlicher Majestät, wieder zurückgekommcn, und durchreisten in abwechselnden Verkleidungen das Land, um sich von demselben genaue Kenntnisse zu verschaffen. Diese Nachricht fiel dem Amtshauptmann besonders auf, und indem er noch darüber nachdachte, klopfte es au seine Thüre. Ein schöner junger Mann in schwarzer Kleidung trat herein. Jener erblickte ihn kaum, so wich er vor Staunen und Überraschung einige Schritte zurück. Er fand i» der Person des Fremden so viele Aehnlichkeit mit dem Kurprinzen, den er einmal vor mchrcrn Jahren gesehen hatte, daß er nicht wußte, wie tief genug er sich bücken sollte. Er bat zehnmal in einem Athem um die Gnade, Platz zu nehmen, und fragte sich fast heiser, was zu hohem Befehl stehe? Der Fremde. Verzeihen Sic, ich habe nicht zu befehlen, sondern blos zn bitten. Ich bin ein armer vertriebener Schulmeister, den Sie sich durch einen Zehrpfcn- nig sehr verpflichten können. v. Günther (vor sich). Richtig, richtig! (Laut mit schmeichelndem, unrcrwürflaei» Lächeln» Gnädiger Scherz! llcbergnädiger Scherz! ich kenne die Schulmcisterphysiog- nomien ein wenig, und weiß sic von den Zügen einer hohen Geburt recht wohl zu unterscheiden. Der Fremde eerrörhenv). Mein Herr, Sie scheinen mich zu verkennen, scheinen — v. Günther. Halten Sie ein, gnädigster Herr! Ich respektier die Heiligkeit Ihres Geheimnisses und will cS nicht verletzen, so sehr sich auch mein Herz auf die Lippen cmpordrängt, Ihren hohen Namen zu nennen. Der Fremde. Sic setzen mich in die äußerste Verlegenheit, führen eine Sprache, die ich gar nicht verstehe. Warum wollen Sic eines armen Flüchtlings spotten? Sie konnten mir ja die Kleinigkeit, um die ich bat, geradezu mit trocknen Worten abschlagen, und ich wäre dann so willig gegangen, als ich nun gehe. Leben Sie wohl! v. Günther tt ihm höfllch de» Weil». Ich bitte, ich beschwöre Sie, mein Haus nicht zu verlassen. Sollte ich so unglücklich gewesen scyn, Ihnen durch ein unüberlegtes Wort zu mißfallen, so verzeihen Sic huldrcichst einem Manne, der Sitten und Sprache der Höfe nicht genug in seiner Gewalt hat. Der Fremde. Unbegreiflicher Mann! Sie fahren nicht allein in Ihrem höhnenden Tone fort, sondern zwingen mich sogar, ihn anzuhören. Ich versichere Ihnen nochmals, ich bin nichts als ein blutarmer Schulmeister, der sein weiteres Fortkommen und Glück in der Welt sucht. v. Günther. Ueber diese so ganz tiefe Erniedrigung muß ich mit huldreichster Erlaubniß ein wenig lächeln. Der Zweck von Dero Reise ist edel und erhaben. Mein Vaterland wird einst die herrlichsten Früchte davon crndtcn. Doch gestehe ich unterthanigst, ein wenig mehr Glanz würde der Sache nichts schaden. Der Fremde oochenv). Ich weiß fast nicht mehr, ob ich wache oder träume. Sie müssen mich wahrlich für einen Prinzen halten, oder — v. Günther. Ich hege, wie schon gesagt, zu viel Ehrfurcht gegen das Jncognito, das Höchstdiesclbcn zu beobachten geruhen, als daß ich meine srcimüthigcn Gedanken über diesen Punkt sagen sollte. Aber ich bitte nochmals, in hohe Uebcrlegung zu ziehen, ob nicht vielleicht der angenommene Titel eines Grafen der bequemste Mittelweg zu Ausführung Ihrer großen Absicht scyn dürfte. Haben Sie die Gnade, sich einige Zeit bei mir aufzuhalten und sich in gehörigen Stand zu setzen. Mein Vermögen, mein Blut und Leben stehen zu Ihren Diensten. Der Fremde (vornehm kn»). Von diesen Erbietungen will ich vor der Hand nur ein Nachtquartier annchmen; denn schon neigt sich der Tag und ich bin etwas müde. Alles Ucbrige wollen wir morgen weiter besprechen. ».Günther. O ich glücklicher Mann! Sie geruhen also, Herr Graf zu heißen? 198 S-o- Der Fremde. Wie es Ihnen gefällt. v. Günther. Ohnmaßgeblich ein Graf eins Holstein? Damit wären, dünkt mich, die neugierigen Frager am geschwindesten abzufertigen. Der Fremde. Wie Sic meinen. Jetzt sehne ich mich nach Ruhe. Der entzückte Edelmann führte nun den angeblichen Schulmeister in sein bestes Gemach, versah ihn mit einem köstlichen Abendessen, und leuchtete daun ihm eigenhändig zu Bette. Er selbst eilte darauf in sein Zimmer und sprang vor Freude wie unsinnig darin herum. „O ich dreimal Glücklicher !" rief er überlaut: „Der Kurprinz wohnt unter meinem Dache, die ausgehende Sonne des Landes bcschcint mich! — Wie wunderbar sich das fügen mußte! Wären die Dresdner Merkwürdigkeiten nur um eine Stunde später eingelaufen, so hätte ich den Königssohn mit zwer Groschen abgefcrtigct, und bliebe nun zeitlebens, was ich bin. Dafür will ich aber auch meinen aufmerksamen, fleißigen Agenten beschenken, daß er zufrieden sepn soll. Doch ein armseliges Geschenk an Geld ist für ihn, den Schöpfer meines Glücks, wahrlich zu wenig. Nein, er soll eine hohe Beförderung erhalten, soll wenigstens Hofrath werden. Das durchzusetzcn wird mir ein Spiel sepn; denn sobald der Prinz zur Regierung gelangt, bin ich Minister und trage Stern und Ordensband. Ha, wie das klingen, wie mich das kleiden wird!" — Geschwind nahm er Kreide, malte sich einen großen Stern auf den Rock, brüstete sich damit vor dem Spiegel, machte sich tiefe Komplimente, nannte sich Lrcellenz, und rüste mit brüllender Stimme: Gewehr aus! »D 199 <§o- Jn dieser Freude Taumeltanz Traf ihn der Helle Morgen; Nun fing er für des Grafe» Glanz Geschäftig an zu sorgen. Staffelten flogen schneller ab, Als Steine von der Schleuder, llnd holten in, Galopp und Trab Aus Leipzig reiche Kleider. Dann wurden stracks in Livcrei'n Fünf Bäuerchen geschoben, Und gar zum Lauser obendrein Der Hirtensung' erhoben. Da aber der hohe Besuch sehr lange dauerte, so erschöpften endlich die ungewöhnlich hohen Ausgaben des Herrn Amtöhauptmanns Cafse. Er nahm nun seine Zuflucht zu einigen benachbarten Edellcutcn und bat diese um Vorschuß. Sie wunderten sich darüber; der Amtshauptmann vertraute ihnen daher im strengsten Jncognito, daß er solchen für Niemand anders, als für die Unterhaltung des Kurprinzen selbst brauche. Da sprangen denn nun freilich, wie durch einen elektrischen Schlag berührt, alle Geldkasten aus; doch eben so schnell lief auch die große Neuigkeit von Mund zu Mund. Des Herrn von Günther dringendste Bitten um Verschwiegenheit vermochten nicht, dieses Stoppelfeuer zu löschen. Sie bewirkten kaum so viel, daß man den Fremden nicht ins Angesicht Königliche Hoheit nannte. Der Graf aus Holstein war Den sechste» Theil vom Jahr Nu» in AugustnSburg, und schzzute froh und heiter Einst »ach dem MittagSschmauS Mit seinem Wirth zum Fenster heraus. 200 . ^ , V- ' V Da sprengten auf einmal sächsische Netter In einer Wolke von Staub heran, Und hielten hier an. Der Offizier stieg ab und trat ins Zimmer: „Der König will Sie sprechen, meine Herrn! Bereiten Sie zur Neife sich immer; Denn bald sah' er Sie gern. Sie mögen fahren oder reiten, Ich werde Sie mit meinen Leuten Bis Dresden begleiten." — ' Der Graf aus Holstein verlor Die Farbe der Wangen ein wenig; Doch Günthers Herz schlug freudig empvr. Ha, dacht' er, wie wird dich der König Höchst gnädig empfangen! Gib Acht, Der Allerdnrchlauchrigste machr Dich stehenden Fußes zum Lohne, Daß du den Erben der Krone So prächtig als Gast Bewirthet hast, Zum Ersten am Throne. Drauf seht' er in Hast Sich mit dem Fremden zu Wagen, Und trieb ohne Nast Den Kutscher, zu jagen. Sie rollten nunmehr Bei Thau und bei Nebel, Und immer ritten mit blinkendem Säbel Die Netter beiher. Aber in Dresden stand die Sache ganz anders, als der gute Mann dachte. Das Gerücht von des Kurprinzen Aufenthalt bei ihm, das bereits im ganzen Lande herumflog, war endlich dem Könige selbst zu Qhren gekommen. Er erstaunte darüber und sandte sogleich einen vertrauten Diener, der den Prinzen (welcher damals in Wien war) ge- -->§> 201 O-°- nau kannte, nach Augustusburg ab. Dieser kam mit der Nachricht zurück, daß sich allerdings ein Graf dort befinde, der dem Prinzen täuschend ähnlich sehe; doch glaube er nicht, daß er es wirklich stp. Hierauf wurden sofort die Dragoner abgeschickt, welche die beiden Herren abholten und wohlbehalten nach Dresden brachten. Nun entwickelte sich die ganze Geschichte. Im ersten Verhör sagte der Fremdling mit anständiger Freimüthig- keit: „Ich bin weder der Kurprinz, noch ein Graf aus Holstein; bin nicht einmal — ein Mann, sondern die Tochter eines armen Zeugmachers im Erzgebirge. Mein Vater hielt mich so strenge, daß ich endlich den Entschluß faßte, mein Glück weiter zu suchen. Als ei» Mädchen zu wandern, war mir bedenklich; ich zog daher des Vaters Nachtmahlskleid an und machte mich bei Nacht fort. Ganz von Geld entblößt, mußte ich betteln. Unter dem Vorgeben, ein vertriebener Schulmeister zu scyn, erhielt ich auch von einigen mitleidigen Edellcutcn, Beamten und Landpredigcrn manchen Zchrpfennig, mit dem ich mich von einem Orte zum andern hinfristete. Schon wollte ich aus Ucbcrdruß dieser unstäten und flüchtigen Lebensart mich meinem Vater wieder in die Arme werfen, und war wirklich aus dem Heimwege begriffen, als ich unglücklicher Weise zu dem Herrn von Günther kam. Dieser sonst brave Mann hatte den wunderbaren Gedanken gefaßt, daß ich ein Prinz, — und sogar — wie ich eigentlich nun erst erfahre — der Kurprinz sep. Ich mochte sagen, was ich wollte; er blieb dabei und ließ mich nicht von dannen. Was sollte ich thun? Die Aussicht, eine Zeitlang fürstlich bewirthet zn werden, war für einen hungerleidenden Abenteurer, wie ich, eine zu starke Versuchung. Ich unterlag ihr und bin deßwegen strafbar. Allein nie habe ich behauptet, und 202 nicht einmal zugegeben, daß ich ein Prinz, geschweige der Kurprinz sep. Ich berufe mich auf des Herrn von Günther eigenes Zeugniß. Es ist über diesen Punkt nie zu einer bestimmten Erklärung zwischen uns gekommen." — Ließ selbst zu gestehen, war Herr von Günther so ehrlich. Der König entschied hierauf: Die Abenteurerin (welche man seitdem Prinz Lieschen nannte) solle auf einige Jahre ins Zuchthaus zu Waldheim gebracht und daselbst gelind behandelt werden; Günther aber, zur Strafe seiner Voreiligkeit, nicht berechtiget sepn, die ihr gemachten Geschenke zurückzufordern. Beides geschah. Die Körbchen. Aechte Freundschaft unter Damen soll, wie man sagt, «in unmögliches Ding seyn. Das haben alte philosophische Graubärte behauptet und junge gelehrte Papageycn nachgeplaudert. Meiner Wenigkeit ist dieser harte Satz immer ein Aergerniß gewesen, und ich freue mich um so mehr, daß ich ihn durch folgende wahre Geschichte widerlegen kann. Drei junge Fräulein in Wien, die in dem Kloster der Salesianerinncn, oder sogenannten englischen Fräulein, zusammen erzogen wurden, liebten sich so zärtlich, daß man sie allgemein die Unzertrennlichen nannte. Sie hatten auch wirklich einen Bund gemacht, mit einander zu leben und zu sterben. . Als sie aber in die heirathsfähigcn Jahre traten, wurden sie von ihren Eltern aus dem Kloster zurückgcnom- men, und es fanden sich bald von Süden und Norden stattliche Freier, die um sie warben. So angenehm dergleichen Gäste sonst den Mädchen sind, so ungelegen kamen sie den Unzertrennlichen, die auch noch jetzt ihre herzliche Freundschaft fortsetzten, und wohl krank geworden wären, wenn sie sich nicht jeden Tag wenigstens Ein Mal gesehen und gesprochen hätten. Empfindungen der Liebe waren ihren Herzen fremd. Sic kannten des Erjesuiten Matthias von Schönberg christkatholische Handpistolcn *, doch Amors Waffen nicht. Vorzüglich aber erhielten die jungen Herren, die den Fräulein übrigens nicht mißfielen, keine» freundlichen Blick, weil sie als Räuber betrachtet wurden, die sie gewaltsam von einander reißen wollten. Die Väter und Mütter der drei Verbündeten konnten die Abneigung ihrer Töchter gegen so vortheilhafte Anträge nicht begreifen. Sie erschöpften ihre Beredtsamkeit, sie auf andere Gedanken zu bringen, und sangen ihnen täglich das alte Lied, daß Hcirathcn ihre Bestimmung sey. Nun hatten die armen Mädchen sich immer viel Noth zu klagen. Ich wollte gern heirathen, sagte einst Fräulein Julie, wenn es nur anginge, daß sich Ein Mann mit uns Dreien zugleich vermählte. Ja wahrlich, versetzte Josephe, dann würde ich mich auch keinen Augenblick bedenken. Doch leider ist das nur in der Türkei möglich. In der Türkei? — sprach Emilie: Weißt du das gewiß? — Wohl weiß ich's gewiß; antwortete Josephe: Ich hörte oder las einmal, daß der türkische Kaiser etliche hundert Weiber beisammen in einem Palast habe, den man das Serail nenne. Ei, fiel Julchen ein, so wär's ihm ja ein Leichtes, uns noch obendrein zu heirathen. -- Eine bigotte Schrift belobten Herrn Paters, der mehrere dergleichen geschrieben hat; z. B. die geistlichen Leib und Seele zusammenhaltendcn Hosenträger, das ist: andächtige Gebeter zur Wohlfahrt des Leibes lind der Seele re. Ferner: die TeufelSpeitschcn tc. S. Nicolai's Reise durch Deutschland und die Schweiz, B. 6, S. 542. 208 - Ein herrlicher Einfall! rief Emilie: Wären wir doch dort! — Dahin könnten wir wohl kommen! entgcgnctc scherzend Josephe: Ich wette, der Herr Sultan schickte uns Pferde und Wagen, wenn er wüßte, daß wir seine Gemahlinnen werden wollten. Ha! fuhr Emilie lächelnd fort: Was würden unsere Eltern staunen, wenn vor jeder Thür ein goldener, türkischer Staatswagen angerollt käme, uns abzuholen! Sie willigten mit tausend Freuden; denn ein Kaiser ist doch ein ganz anderer Schwiegersohn, als ein Landjunker. Dieser lustige Gedanke gefiel den Fräulein. Sie spannen ihn mit fröhlicher Laune immer weiter und weiter fort, und wurden endlich so vertraut damit, daß sie die Sache nicht allein für möglich und ausführbar hielten, sondern sogar im Ernst beschlossen, mit Seiner großsul- tanischcn Majestät deßhalb in Briefwechsel zu treten. Gesagt, gethan. Die einfältigen Klostermädchen entwarfen folgendes Schreiben: Großmächtigster Herr Sultan! Man spricht hier, Sie hätten entsetzlich viele Gemahlinnen. Ist denn das wahr, und wollen Sie uns nicht auch noch heirathen? Ihnen wird'S darauf nicht ankommcn, und uns thätcn sic einen Gefalle». Denn sehn Sie, unsere Eltern dringen darauf, daß wir uns vermählen sollen. Es haben sich auch drei junge, seine Herren gemeldet; sie wohnen aber zehn und zwanzig Meilen von einander. Das wäre unser Tod, wenn wir uns so weit trennen müßten; denn wir lieben uns ganz unaussprechlich. Drum schönster Herr Sultan, helfen Sie uns aus der Noth, hcirathcn Sie uns! Dadurch werden unsere Eltern zufrieden gestellt, und wir bleiben auch hübsch beisammen- Anbei folgen unsere Schattenrisse. Wir können nicht davon urthcilen; cs haben uns aber viele Ca- valiers gesagt, daß wir recht schön wären. Vielleicht gefallen wir Ihnen auch. Machen Sie mir bald Anstalt, uns abholen zu lassen. Wir verbleiben indessen Ihre dcmüthigsten Dienerinnen Julie von Richard. Josephe von Eichenloh. Emilie von Trimberg. Dieses Brieflcin schrieb Josephe zierlich ab, besiegelte cs mit ihrem Familicnwappc» , und machte die Aufschrift: An den Herrn Sultan zu Constantinopcl, abzugebcn im Serail. Ein vertrautes Stubenmädchen übernahm die Bestellung auf die Post, und erstattete bald von der glücklichen Ue- bergabe Bericht. Nun fühlte» die Fräulein ihre Herzen erleichtert; doch verbanden sie sich, die ganze türkische Liebesgeschichte bis zur wirklichen Anwerbung des Sultans in unverbrüchlicher Verschwiegenheit zu halten. Allein nichts ist so klar gesponnen, cs kömmt doch endlich an die Sonne. Der Postschrciber, dem das listige Mädchen den Brief von der Gasse herein flüchtig zuwarf, ließ vor Schrecken die Feder aus der Hand fallen, als er die Aufschrift erblickte. Um den Ueberbringcr dieses seltsamen Schreibens zu sehen, fuhr er so hastig mit dem Kopfe zum Fenster hinaus, daß er sich seine schöne, locken- reiche Haarhanbe darüber abstreifte; aber umsonst! Das schnellfüßige Mädchen war schon verschwunden. Inn schien es ihm höchst bedenklich, ob nicht dieser Brief wohl gar eine landcsvcrrätherische Corrcspondcnz enthalte? Der damalige Türkcnkrieg veranlaßtc diese lächerliche Mutmaßung, und der gewissenhafte Postbedicnte äußerte sie gegen seine Kollegen. Einer unter diesen kannte das Eichcnlohischc Wappen. Herr von Eichcnloh, der Einzige dieses Namens in Wien, stand allgemein in einem so guten Rufe, daß man ihn keines Hochverrats fähig halten konnte. Man beschloß daher, ihm den Brief zu zeigen, und solchen alsdann, wenn Hand und Siegel richtig befunden würden, ohne weiteres Bedenken abgehcn zu lassen. Der Herr mit der zerquetschten und entpndertcn Atzel machte sich in dieser Absicht auf den Weg-. Eichenloh kannte mit dem ersten Blick die Handschrift seiner Tochter, erbrach den Brief und lachte laut. Der Ucberbringer, dem er einen Dukaten in die schon dazu gekrümmte Hand drückte, fragte nun nicht weiter nach der Bewandtniß der Sache, sondern empfahl sich mit einem so tiefen und untertänigen Bückling, daß seine Perücke beinahe zum zweiten Mal den Staub der Erde geküßt hätte. Eichenloh war sehr vergnügt, daß er nun die eigentliche Quelle des Widerwillens seiner Tochter gegen das Heiraten gefunden hatte. Er theilte die gemachte Entdeckung den Aeltcrn der zwei andern eingebildeten Snltaninncn mit, und man überlegte gemeinschaftlich, wie man die Grillen der einfältigen Kinder ans die klügste Art und Weise vertreiben könnte. Indessen ahndeten die Fräulein nicht einmal das Schicksal ihres Briefs. Qhngefähr zwei oder drei Monate darauf verabredeten die drei Familien eine Lustfahrt, und luden auch die drei Freier, die immer noch geduldig in Wien hofften und harrten, dazu ein. Man speiste Mittags ans dem Lande. -o§> 208 <§-c>- -- '«8 - 2 >» '? 7 ' s- ^ ' ' V Die Gesellschaft war sehr lustig. Selbst die jungen Damen betrugen sich gegen ihre schmachtenden Schäfer freundlich und hold. Sie glaubten sich dadurch nichts zu vergeben, und dachten: Wenn sich der reiche Freier aus Stambul melde, würden die armen Junkerchcn ohnedem zurücktreten müssen. Die Tafel war fast zu Ende und der Nachtisch schon aufgetragen. Da stürzte plötzlich ein Lakai Herein zur Thüre mit Geschrei: „Es sey ein türkischer Gesandter angekommen. Er bitt' um Audienz bei Fräulein Julien, Josephen und Ennlien, Und habe schon im Vorsaal Platz genommen." — Man staunt, springt von den Stühlen auf; Die Fraulein zittern, halb vor Schrecken, halb vor Freude, Und eilen, wie im Werrelauf. Ans Fenster. Sieh, da steht zu ihrer Augenweide Ein ungeheures Prunkgebaude Von einem Wagen vor der Thür, Mit Nerslgen in Türkenrracht umgeben. Jvsephens Vater ruft verwundernd aus: „Was wir Nicht unterm Monde noch erleben! Ein schweres Narhsel ist es nnr, Was will des Sultans Bote hier? — Wir muffen ihn mir allen Ehren Empfangen und den Antrag Horen. Führt ihn herein!" — Auf dieses Wort Flog stracks der Diener wieder fort, Und drauf erschien der Herr Gesandte, Ein alter Muselmann, mit langem, grauem Bart. An seinem Turban und Gewände War Gold und Silber nicht gespart. Ihm folgt' ein Dragoman, * und wieder * Dolmetscher. 209 Ein Türke, der drei Körbchen trug. Sie bückten dreimal lief sich nieder, Und der Gesandte sprach; doch Niemand ward draus klug. Mit seinem Wischiwaschi peitschte Die Obren nur ganz kurz der rürk'sche Cicero, Und alö er fertig war, verdeutschte Auf einen Wink von ihm der Dragoman es so: „Der Großsultan entbietet gnäd'ge Grüße Den schonen Fräulein Julien, Josephen und Emilien, Und würde, hätten nicht zum Unglück seine Füße Besuch vom Zipperlein, jetzt selbst vor Ihnen stehn. Der Brief, worin Sie ihn zum Sponscn auSersehn, Kam richtig bei ihm an; er drückte tausend Küste Darauf und dankt für das Vertrauen schön; Allein es macht ihm vieles Grämen, Daß er nicht kann zu Dero Diensten seyn. Er bittet sehr, ihm zu verzeihn, Und diese Körbchen anzunehmen." — Schnell setzte sich in Marsch der dritte Muselmann, Den Fräulein, die vor Scham und Aerger glühten, Des Sultans Körbchen darzubieten, Sie nahmen sie mit Kaltsinn an. Doch ihre Stirnen wurden heiter, Als Siinge, Perlen und so weiter Sie auf dem Boden schimmern sahn. Und drauf begann der Dragoman In seiner Neve fortzufahren: „Zur Körbchcnsendung har der weise Großsultan Hauptsächlich diesen Grund: Er steht in hohen Jahren,^ Und kann mit Damen nicht mehr schalten und gebaren; Zwar nährt er in» Serail ein hübsches Heerdchen Frau'n, Gar wunderlieblich anzuschau'n: Doch thur er's jetzt nur noch aus Mod' und Etikette. Ihm wär' eS eben das, wenn er nicht Eine härte. Drum fürchtete gar stark der alte Biedermann, * Damals lebte noch der Kaiser Abdul Hamid. Langbein's sämmrl. Schr. XVI. Bd. 14 Die Fräulein würden schlecht dem Invaliden danke», Der nun nicht mehr ins Feld der Minne rücken kann, ' Weil Tod und Aerzte sich beständig um ihn zanken, — Er gibt deßhalb de» guten Nath: Oie Fräulein möchten doch bas Ritrerklceblatt wähle». Das, wie Sie meldete», um ihre Liebe bat. Dann würd' es Ihnen nie an Ehefreuden fehlen. Der Stein der Hiubcruiß, daß sie ans Freundschaft gern Beisammen sind und sich nicht trenne» wollen, Sey durch Vergleich hiuwegzurollen. Wenn Ihnen seht die jungen Herrn Mit Hand und Mund Versich'rung gäben, Die Winterzeit des Jahrs vereint in Wien zu leben." — „Ja, das versprechen wir!" riefen einmüthig die drei Liebhaber, und Jeder bot seiner Schönen die Hand. Die Fräulein verbargen sich hinter dem Fächer, dem gewöhnlichen Schilde der Frauenzimmer, die sich in Verlegenheit befinden. Ihre Händchen zuckten und zuckten. Diese Ziererei würde wahrscheinlich noch ein feines Weilchen gedauert haben, wenn nicht Jhro Ercellenz, der türkische Minister, die Sache durch einen Machtstreich zum Ziele gefördert hätte. Er ging hin, ergriff die einander bestimmten Hände und fügte sie ohne weitere Umstände zusammen. Josephen paart' er zuletzt, und o Wunder! der Maho- medaner, der vorher einen Dollmctscher gebraucht hatte, sing jetzt auf einmal an, deutsch zu reden. „Glück und Segen, lieb Nichtchen!" rief er, warf Bart und Turban ab, und Josephcns leibhaftiger Oheim stand da. Eben so schnell entlarvten sich der Dragoman und der Körbchenträger. Beide waren alte Bekannte. Ein allgemeines Gelächter erschütterte den Saal. Nur die Fräulein stimmten etwas später mit ein, und mußten sich noch oft darüber necken lassen, daß sie die Körbchen, welche sie aus- theilen wollten, selbst empfangen hatten. Die Wahrsagerin. Meister Hopp, — aus dessen Eh - und Wehstandsgeschichte wir uns jetzt erbauen wollen, — war ein Mann, der die Kunst verstand, kleine, nichtsbedeutende Menschen groß und wichtig zu machen. Sein Gewerbe läßt sich nun leicht crrathen. Was gibt wohl sonst der Kinderschaar Der Dummheit Glanz und Werth, als Kleider? — Mein Schöpfer großer Männer war Daher ein braver Schneider. Er selbst bedurfte keines so unwesentlichen Schmucks, um ein ganzer Mann zu seyn. An ihm hatte schon die Natur ein flinkes Kerlchen zngeschnitten und ansgearbeitct. Schlank, wie eine Elle, geschmeidig, wie ein seidener Faden, und immer glatt und blank, wie seine Schecre, überglänzte er in den heitern Tagen seines eheloscn Standes alle Brüder der Gilde. Es war eine Lust, ihn tanzen zu sehn. In der Menuet gnügte ihm nicht das bescheidene Feuer, das uns unsere Tanzmeistcr gelehrt haben: Nein, seine schlanken Arme Durchfächerten die Luft, Wie eines Hahnes Flügel, Der reisen will nuf'S Dach. ^ 212 ^o- Die netten Füßchen drehten, Der Erde Sraub verlassend, Wie Fcuerräder sich. Und seine Wendung hinter Der Tänzerin war rauschend, Als vb sich WindeSwirbcl In, Saale tummelten. In der Gasse des englischen Tanzes war er vollends ganz zn Hause. Wie eine Schwalbe flog er sie auf und ab. Der flinkste Ritter am Hofe zu St. James wäre mit ihm nicht ausgekommen und an Leichtigkeit und An- muth weit hinter ihm geblieben. So spielte er bei allen bürgerlichen Gelagen ohne Widerspruch den Ballkönig, und es war in der Ordnung, daß er sich immer die schönste Dame als Tänzerin zu- rignete. Lottchen, die Tochter einer reichen Wittwe, ward von Meistern, Gesellen und Jungen dafür erkannt. Herr Hopp führte daher gewöhnlich mit ihr den Nethen, und führte sie endlich (um mit einem Sprung über den empfindsamen Schneidcrroman hinwegzukommen) sogar in die Brautkammer. Damit verfuhr er ein wenig zu rasch; denn er kettete sich auf ewig an ein Mädchen, das er nur von Seiten der Leichtfüßigkeit kannte. Alle übrigen Tugenden oder Untugenden seines Liebchens waren ihm Fremdlinge, und er bemühte sich so wenig, sie kennen zu lernen, als ich mich um die ungenannten Verfasser schaler Romane bekümmere. Dieser Schwabenstreich bekam ihm sehr übel. Lottchen, das einzige Kind ihrer Mutter, hatte der einzigen Kinder gewöhnliches Schicksal, verhätschelt und verzogen zu werden. 213 Wenn andere wirkliche Mädchen Langst saßen am schnarrenden Rädchen, Und spannen die zierlichsten Fädchen, Da waren bei Lvttchcu die Lädchen Der Augenfenstcr noch zu. Lieb Mütterchen trippelte lange Mit leisem, behutsamem Gange Durch Zimmer und Haus ohne Schuh'. Ihr war, wenn sie arhmete, bange, Zu stören des Töchterlcins Ruh'. Die Siebcnschläferin streckte, Wenn Mutter um neun Uhr sie weckte, Sich langsam (gähnend) in die Höh; 2hr erßeS Wörtchen war: »Kaffee!" Der stand auch, ihrer gewärtig, Auf wärmenden Kuhlen schon fertig. Sie schlürfte gemächlich ihn aus, Und guckre, liebäugelnd nach Buben, Dabei zum Fenster hinaus, Indessen Mamachen die Stuben Aufräumt' und bestellte das Haus. Doch folgt' auch nun Lottchen dem Triebe Des Fleißes und las mit Begier Den in dem Irrgarten der Liebe Numtaumeludeu Cavalier llnd ähnliche geißlose Diebe Der köstlichen Zeit, die schier Zu Tausenden jährlich den Pressen Entßrömen in Leipziger Messen. Alsdann ging die Dame zum Essen, Und fand immer lecker und frisch Ein Lieblingsgericht auf dem Tisch. Doch warb's oft nur wäylich durchstochen. Ein alter, zu seiner Zeit beliebter Roman. Sie konnte nicht Wnsserbrei kochen, Und tadelte Braten und Fisch, Wie manche strohköpsigte Wichte Der Schriftsteller feinste Gerichte. Nach Tische ward modisch frisirt, Der Leib wie ein Schmerlchcn geschnürt, Und flink aus dem Hause spaziert. Bei sinkender Nachr kam sie wieder Mit Mälirchcn der neuesten Zeit. Dann legte sie schläfcrnd sich nieder. Und trieb eS so morgen, wie heut. Dieses wohlerzogene Mägdlein ward also Meister Hopps Frau. In der Flitterwoche nach der Hochzeit befand sich das neue Paar trefflich. Man stand spät ans, speißte aus der Garküche und machte Besuche. Aber am neunten oder zehnten Tage sprach Meister Hopp: „Nun dacht' ich, liebes Weibchen, wir hätten genug gefeiert. Morgen wollen wir anfangen zu arbeiten und zu wirthschastcn, damit wir als ehrliche Leute bestehen." Sie antwortete mit einem leichten Kopfnicken, und man ging zeitig zu Bette, um morgen desto früher thätig zu scpn. Meister Hopp war auch wirklich Punkt sechs Uhr auf dem Platze, und mit Scheere und Bügeleisen geschäftig, einen viereckige» deutsche» Pflastertreter in einen Pariser Stutzer umzuschaffen. Er horchte dabei von Zeit zu Zeit, ob sich nicht seine Hausfrau im benachbarten Kämmerlein rege? Aber er hörte nichts. Endlich gegen acht Uhr nahm er sich die Freiheit, sie zu wecken. „Lottchen," rief er: „Lottchen, erwach' und gedenke der Abrede von gestern!" Lottchen schlug die Augen auf, warf dem frcundlichlächeln- den Ruhestörer den ersten finstern Blick zu, kehrte sich auf die andere Seite und knurrte verdrießlich: „Laß mich, der Kopf thut mir weh." Diese Ausflucht mußte sich der gute Mann nicht allein gefallen lassen, sondern sogar mit zärtlichem Mitleiden beantworten. Einige Stunden später erhob sich die angebliche Kranke; allein in der Küche war weder Feuer noch Rauch; das Wirthshaus mußte daher wieder aushclfen. So fuhr Dame Hopp täglich fort. Unerschöpflich an immer neuen Schutzreden für ihre Trägheit, war Essen, Trinken, Schlafen, Spatziercngehn und Klatschen ihr einziges Geschäft. Der arme Hopp bat sanft und dringend, sich des Hauswesens anzunchmen; aber er predigte tauben Ohren. Darüber grämte er sich nach und nach so, daß sich sein blühendes Ansehen in die gewöhnliche klapperdürre Siechgestalt seiner Nadelbrüder verwandelte. Die Geduld eines Engels hätte bei Lottens immer wachsender Verschlimmerung nicht ausgchalten. Kein Wunder also, daß auch endlich das sanfte Lämmlein, Meister Hopp, derb zu schmälen anfing. Seine liebe Frau, zu allem in der Welt, nur nicht zum Zanken träge, blieb ihm kein Wort schuldig, und reizte durch Knurren und Murren seine Galle so sehr, daß er endlich ihre oft geküßten und gestreichelten Nosenwangcn mit einem unsanften Schlage heimsuchte. El» Unglückshaus, das alle Liebesgötter Verlassen, ist die Eh', in die ein Zornblitz schlug. Denn nch, es nehmen bald mehr selche Dennerwetter In diese Gegend ihren Zug! — Will sich ein junges Weib ein sichres Hüttchen bauen, So leg' eS fein daran Die schönsten Tugenden der Frauen, Als Blitzableiter an! Hätte nur Lottchcn noch jetzt die Wetterstange des Nachgebens und der Besserung ergriffen, so wäre alles gut gegangen. Allein so klug war sic nicht. Der Blitz schlug daher von Zeit zu Zeit immer fürchterlicher bei ihr ein. Welch ein Abstand gegen die Zeiten, da ihr gegenwärtiger Zuchtmcistcr ihr licbeflehcnder Sklave war! Lange sann sie hin und her auf Mittel, sich aus dieser unerträglichen Lage zu retten. Endlich kam sie auf den Einfall, sich an Mutter Brigitten, eine sogenannte kluge Frau, zu wenden, die weit und breit im Rufe stand, daß sie Träume deuten, verborgene Dinge durch Kartenschlagen entdecken, und aus der Hand und Taffe wahrsagen könne, auch mit Geistern in traulichem Vernehmen stehe. Lottchen ging sofort in die Hütte der Alten und hielt folgenden Zweisprach mit ihr. Lottchen. Mutter, ich bedarf Eurer Kunst. Ich habe einen bösen, bösen Mann, der mich schlägt, wenn er mich ansieht. Brigitte. Das ist schlimm, liebes Töchterchcn! Wie lange bist du verheirathct? Lottchen. Erst sechs Monate- Brigitte. Und schon Zank und Streit? (Ei, ei, Kind) nimm mir's nicht übel! Du machst vielleicht selbst durch Worte oder Werke Deinen Mann so barsch und wild? Lottchen (errvthcnd). Nein, Mutter! Aber er ist mich überdrüßig, und nun kann ich ihm nichts recht thun. Brigitte. Alte Klagen, die auf der Stelle, wo Du stehst, schon viele Weiber gegen mich geführt haben. Allein durch meine Kunst brachte ich immer heraus, daß es böse Sieben waren, die ihre Fehler und Untugenden, wo- 217 Wodurch sie den Zorn der Männer reizten , damit bemänteln wollten. — Prüfe Dich! Lottchen. Ich bin unschuldig. Brigitte. Gut! das will ich jetzt glauben. Was verlangst Du nun von mir? Lottchen. Ihr sollt mir durch Eure geheime Wissenschaft einen guten Nach geben, die Liebe meines Mannes so ganz wieder zu gewinnen, daß er mich nicht mehr tyrannisch behandelt. Brigitte. Das hoff' ich zu können; allein in diesem Augenblicke nicht. Kartcnblätter und meine übrigen Hausmittel sind in Deinem Falle nicht hinreichend. Komm morgen wieder! Lottchen ging, und kam am solgenden Tage wieder. Da Hub die kluge Frau ihren Spruch also an: „Willkommen, Kind! Ich habe für Dich in der letzten Mitternacht gearbeitet, und Deinetwegen mit einem Geiste, der dort hinter den Bergen im Busche hauset und das Wald- wcib genannt wird, Unterredung gepflogen. Er ist in allen Dingen, welche Weiber betreffen, mein treuester Rathgeber, und versprach auch Dir zu helfen, sobald Du ihn selbst darum bitten würdest. Geh' also heute gegen Mitternacht auf jenem Fußsteige, der über die Berge führt, auf das dahinter liegende Gehölz muthig, aber stillschweigend zu, wirf in das erste Gesträuch, das Du am Eingänge des Waldes sichst, drei kleine Kieselsteine, und sprich dazu mit lauter Stimme die Worte: Waldweib, Waldweib, sa^mir an, wie gefall' ich meinem Mann? — Der Geist wird Dir alsdann antworten. Uebrigens darf Dir nicht vor ihm grauen. Er läßt sich nie sehen, und ich bürge mit Leib und Seele, und Hab und Gut dafür, daß er Dir kein Haar krümmt." — ->-§> 218 <§»- Demungeachtet hatte Lottchen wenig Lust, ein mitternächtliches Gutachten von der Dame des Waldes einzu- holcn. Endlich entschloß sie sich doch, weil Mutter Brigitte hoch und theucr versicherte, daß ihr nicht anders zu rathen und zu Helsen ftp. Beim Abschiede bot Lottchen der Wahrsagerin ein Geschenk. Sie nahm es aber durchaus nicht an, und behielt sich blos vor, es selbst abzuholen, sobald die Aussprüche des Waldweibes eine glückliche Wirkung gehabt hätten. Gegen Mitternacht ging das junge leidende Weib auf das beschriebene Gehölz zu, warf in das erste Gesträuch drei Kieselsteine, und sprach dazu mit lauter Stimme: Waldweib, Waldweib, sag mir an, wie gefall' ich meinem Mann? Nach einer kleinen, todtenstillen Pause erscholl langsam und feierlich folgende Antwort: „Gefallen willst Du Deinem Manne? — Wohlan, so weiche keine Spanne Vom Wege guter Sitten ab! Sey früh schon fleißig wie die Bienen, Sonst sinkt Dein Hausstand in Ruinen, Und diese sind der Liebe Grab. Gib nie durch Trotz und Stachclredcn Gelegenheit zu Zwist und Fehden! Des WeibeS Schmuck ist Freundlichkeit. Unwiderstehlich macht ihr Zauber Den wildsten Mann zum sanften Tauber, Der seinen Ungestüm bereut. Folg' meinem Rath, wie Dir Dein SchattMi, So wirst Du stets mit Deinem Gatten Dich höchlich wie im Himmel srcun; Doch bist Du trag und zänkisch: Wehe, Weh über Dich! Dann muß die Ehe Dir eine Höll' auf Erden scyn!« Die Stimme schwieg und Lottchcn trollte mißmuthig ab. Sie hatte gewiß erwartet, das Buschorakel werde ihr entweder ein Liebespülverchen zuwerfcn oder die Macht «rtheilen, ihrem Manne, sobald er nur murre, ein Mundschloß anzuheren. Da sie nun dafür eine Handvoll bekannter Lebcnsrcgcln erhielt, deren Befolgung ihr so schwer dünkte, daß sie lieber Schläge duldete, so war sie höchst erbittert, und würde die versteckte Moralistin wie ein Rohrsperling geschimpft haben, wenn sie sich nicht vor ihrer Rache gefürchtet hätte. Besserer Rath kommt oft über Nacht. So auch bei Lottchen, die sich endlich nach reiferem Bedenken vornahm, mit Ausübung der Lehren des Waldweibes einen Versuch zu machen. Diesem vernünftigen Entschluß zu Folge, verließ sie schnell das Bett, als ihr Mann aufstand, der die ganze Nacht fest geschlafen und ihre Auswanderung ins Wäldchen gar nicht bemerkt hatte. Sie bot ihm einen freundlichen guten Morgen, legte sogleich Hand an die Geschäfte der Wirtschaft, und bemühte sich, ein gutes Mittagsmahl zu bereiten. Alles ging, weil sie wollte, so leicht, daß sie sich selbst darüber wunderte. Der ehrliche Meister Hopp war innig froh über die anscheinende Besserung seiner Frau, und kosete so süß und zärtlich mit ihr, als er kaum vor der Hochzeit gethan hatte. Das behagte Lottchen. Sie war Tags darauf eine noch flinkere gute Wirthin, und ihr Mann hörte nicht auf, sie zu loben. So vergingen in Fried' und Eintracht einige Wochen. Lottchcn arbeitete jetzt sogar mit Vergnügen und ohne die geringste Selbstüberwindung, die sic in den ersten Tagen ihres thätigern'Lebens nöthig gehabt hatte. Nun war sie auch mit dem braven Waldweibe völlig -c>D 220 ausgesöhnt, und dachte darauf, die kluge Alte, die ihr zu dieser wichtigen Bekanntschaft geholfen hatte, reichlich zu beschenken. Indem sie einsmals in dieser Absicht zu ihr gehen wollte, kam Frau Brigitte selbst, und ward mit offnen Armen empfangen. „Habt tausend Dank, gute Mutter! rief ihr Lottchen entgegen: Habt tausend Dank! Ich bin nun glücklich." Brigitte. Gelobt sey Gott! Lottchen. Anfangs war ich gar nicht mit Euch, und noch weniger mit dem Waldwcibc zufrieden. Aber nun — Brigitte. Bist Dn es? Lottchen. Ganz. Brigitte. Hat Dir nicht der ehrliche Geist einen guten Rath gegeben? Lottchen. Den besten von der Welt. Seit ich ihn befolge und mich um das Hauswesen bekümmere, habe ich wieder einen freundlichen Mann und lebe froh. Brigitte. Hast Du aber auch wirklich Dein neues Leben so lieb gewonnen, daß kein Rückfall in das alte zu fürchten ist? Lottchen. Lieber ginge ich in den Tod. Brigitte. Wohl gesprochen! Du bist nun, wie ich sehe, stark genug, ein Geheimniß zu erfahren- So wisse denn: Das Waldweib — war ich. Lottchen Machend). Ihr? — Lose Mutter Brigitte, Ihr? — Doch das kann ich beinahe nicht glauben. Brigitte. In der That. Ich will Dir den ganzen Verlauf erzählen. Du kamst zu mir und klagtest über Deinen Mann. Ich fragte Dich: ob Du nicht etwa selbst der Stöhrenfried im Hause sepst? Du läugnetest, wardst aber blutroth dabei. Nun wußte ich, was die Uhr ge- schlagen hatte, und bestellte Dich auf den folgenden Tag wieder, um indessen Zeit zu Erkundigungen zu gewinnen. Lottchen. So? Ist das Eure Art? Brigitte. Freilich, junges Frauchen! Wie wollte ich sonst in meinem Fache fortkommen? Denn Kartenschlagen und Tassen begucken ist Alfanzerei und blauer Dunst, womit ich die Leute blende. Doch das bleibt hübsch unter uns, damit ich nicht meine Kunden verliere. Es kommen manchmal vornehme Herrschaften zu mir. Lottchen. Die ich Euch gar nicht abwendig machen will. Fahrt nur fort! Brigitte. Ich ging also auf Kundschaft aus und erfuhr durch listige Fragen bei Deinen Nachbarn — Lottchen. Still, still! Ich kann mir schon denken, was Ihr erfahren habt und mag es nicht hören. Weiter! — ° Brigitte. Freilich sang manches Bögelchen nicht lieblich von Dir. Doch ich war Dir gut geworden und wollte Dich gern aus dem Grunde heilen. Daher überlegte ich die Sache mit einem alten, verständigen Herrn, den ich bisweilen in wichtigen Fällen zu Rath ziehe. Dieser gab mir den Schwank so ein, wie ich ihn ausgeführt habe, und setzte mir auch die hcrgesagteu Reime selbst auf. Es ward mir blutsauer, eh' ich sie in den Kopf bringen konnte; doch meine Mühe dauert mich nun nicht, da sie an Dir unverloren gewesen ist. Lottchen (drück! Brigitte» Geld i» die H»nd). Hier nehmt eine kleine Erkenntlichkeit dafür! Brigitte. Danke schön. Lebe wohl! Hörst Du etwa -°-D 222 künftig, daß dieß oder jenes Weibchen meinen guten Nach brauchen könnte, so weise cs hübsch an mich! Lottchcn. Das kann geschehen; denn ich glaube, daß cs noch Tausende gibt, die nicht wissen oder nicht wissen wollen, daß Wirklichkeit und gefälliges Betragen glückliche Ehen machen. » Die Verlegenheit In einem Dörfchen mitten aus dem Schauplatze des siebenjährigen Kriegs hatte der Prediger ein junges Weib gehcirathet. Acht Tage nach der Hochzeit berief er den Schulmeister zu sich und sprach also: „Herr Gevatter, ich habe sichere Nachricht, daß wir heute oder morgen einen Besuch von Feinden bekommen. Meine Frau würde vielen Anfechtungen ausgcsetzt sepn, weil sie, wie Er weiß, nicht häßlich ist." Hier machte der Schulmeister Sebal- dus einen bejahenden Bückling, und der Pfarrer fuhr fort: „Ich bin daher Willens, sic ins Städtchen N" zu schicken. Das Haus des dasigen Bürgermeisters, der mein alter Freund ist, wird eine sichere Freistätte für ihre Tugend sepn. Es kommt nur noch drauf an, ob Er, mein lieber Herr Gevatter, mir die Gefälligkeit thun und sie dahin begleiten will?" — „Ja, theuerster Herr Pastor!« rief Gevatter Sebald aus: „Ich thu's mit tausend Freuden.«— Drauf gab der Pfarr'r ihm einen Brief An seinen Freund, und seufzte rief Bei seines Weibchens Scheiden. SebaiduS und die Pastorin Fußwandertcn nun rasch aufs Städtchen zu; doch waren Sie lauge, lange noch nicht hin, Da stieß auf sie ein Trupp von feindlichen Husaren. 224 <§-»- DeS Zuges Führer srug geschwind: »Wer ist des allerliebste Kind?" ScbnlduS zitterte vor Schrecken Wie Espenlaub am ganzen Leib, Und dachte, gar was Kluges auSzuheckcn, Indem er sprach: »Es ist mein Weib." — Offizier. Lüg' Er nicht, Herr Schwarzrock! Wie kam Er zu einer so niedlichen Frau? Es ist gewiß cm Mädchen, das er verkuppeln will? Sebald. Nein, gnädiger Herr! Offizier- Er lugt! Seiner ganzen Jammergestalt seh' ich's an, daß Er lügt, und werde mir daher ohne Umstände das Mädel zu Gemüth ziehn. Schaff Er seinem Kundmann ei» andres! Sebald. Ach, Jhro Gnaden werden nicht so grausam sepn, Mann und Weib zu trennen. Offizier. Herr, wenn ich Ihm glauben soll, so üb' Er gleich sein eheliches Recht aus! Hier vor meinen Augen! Sebald. Barmherzigkeit! Offizier. Die Hab' ich nicht. Er thut entweder auf der Stelle das, was ich Ihm nicht deutlicher sagen will, oder ich nehme das Mädel mit und lass Ihn obendrein, weil Er mir eine Nase drehen wollte, halb todt prügeln. Welche schreckliche Verlegenheit! Hat sich wohl je ein so züchtiger, schamhafter Mann, als Sebaldus war, in einer ähnlichen befunden? Er schwankte, weinend und zagend, zwischen zwei Wegen. Sollte er dem Pastor seine Frau rauben lassen oder selbst an ihm zum Räuber werden? — Der drohend aufgehobene Stock des ungeduldigen Offiziers entschied. Er umarmte seine Gefährtin, zog sie mit sich ins weiche Gras und sagte leise: »Frau Pa- storin, es hilft nichts." Das verschämte Weibchen flüsterte: „Nur zum Schein, Herr Sebald, nur zum Schein!" — „Ei, was zum Schein? Hier geht's auf Tod und Leben !" murmelte SebalduS und machte nun so ernstliche Anstalten zur Ehestandsprobe, daß nur noch ein Schritt zur völligen Ueberzeugung des ungläubigen Kriegers zu thun war. Aber in diesem Moment rief der Offizier — dem guten Schulmeister vielleicht nun zur ungelegenen Zeit — „Pardon!" und sprengte lachend hinweg. Langbein'ö sämmtl. Schr. XVl. Bd. 15 Der Herr im Hause Falk, ein junger Mann, besaß ein so ansehnliches Vermögen, daß er ganz unabhängig von den Launen anderer Menschen leben konnte. Doch er war zu wenig Philosoph, dieses höchste Glück eines Sterblichen zu schätzen. Sein väterliches Erbgut, das in einer paradiesischen Gegend lag, ward ihm zu klein. Er sehnte sich »nch einem Ritterlehn, Mit eignen Dörfern ringS umgeben; Ben armen Pflügern sich als Herr begrüßt zu sehn, Schien ihm ei» neidenSwcrtheS Leben. Unzufriedenheit setzte sich mit ihm zu Tische, bekrittelte seine gesunde, richtig bezahlte Hausmannskost, und schall den reinen, vaterländischen Rebensaft, der ihm sonst so lieblich mundete, säuern Krätzer. Schnell wünscht' er sich ein Faß Vom besten Cypernwein, Seespinnc», AnanaL Und andre Leckerei'». Sein braver Polacke, der ihn in der dunkelsten Nacht ohne Straucheln trug, hieß nun ein schlechter Klepper, und er träumte von nichts, als der Götterlust, -»Z> 227 E->- Mit englische» Pferden und Wagen Durch staunende Gassen zu jagen. Aber seine Kasse war zu arm, alle diese theuern Wünsche zu befriedigen. Da rieth ihm ein böser Geist, sich nach einer reichen Gemahlin umzuschen. Er beherzigte diesen Rath und gab einem berühmten Eheprokurator Auftrag. Der betriebsame Agent war auch bald so glücklich, eine heirathslustige Tonne Goldes auszuwittern. Doch eine häßliche Megäre Bewachte dieses schöne Geld, Sie trug de» Kranz der jnngfräutichen Ehre Schon vierzig Jahr in dieser argen Welt, Wo er so manchem guten Mädchen, Eh' noch der siebzehnte Lenz sich an sein Lebensfädchen Gereiht hat, aus den Locken fällt. Der entzückte Falk verliebte sich in diese goldne Lukre- zia, bevor er sie geschn hatte, und eilte wie geflügelt, ihr seine Aufwartung zu machen. Schier aber starb, — als das Gerippe Von einer Hand sich seinem Kuß Entgegen hob, — ihm auf der Lippe Der zierlich ausstudirte Gruß. Sein Herz sprach: „Des Gespenstes Minne War' aller meiner Sünden Sold." Der Geiz fiel ein: Die hagre Spinne Verstrickt dich in ein Netz von Gold. Sie könnte freilich keinem Maler Zu einem Venusbilde stehn; Doch ihre hunderttausend Thaler Sind allerliebst, sind englisch schön." Und siehe da, Falk entschloß sich zur ewigen Verbindung mit der englischen Schönheit und der häßlichen Zugabe. Ich muß aber der nunmehrigen Frau Falk zum Ruhme nachsagen, daß sie eben nicht knickerte, sondern dem Herrn Gemahl manchen tiefen Griff in ihre Goldtonne zu Befriedigung seiner Eitelkeit erlaubte. Da rollten schön lackirte Wogen Aus London her mit hohem Bock. ' Die halbe Stadt fing an j» klage» l Denn FalkenS Kutscher sah in jeden ersten Stock. Auch lieferte die pferderciche Insel Bald einen raschen braunen Zug, Der den gestutzten Schweif so hoch, als mancher Pinsel Die Nase rrug. Allein Herr Falk hätte sich lieber einen englischen Zank- zanm verschreiben sollen. „Was ist das für ein Ding?'' — Ich werde die Ehre haben, darüber Auskunft zu geben. Vor Zeiten war in England eine sonderbare Sitte, zanksüchtige Weiber zum Schweigen zu bringen. Die damit geplagten Männer legten, mit Bcihülfe guter Freunde, ihren Hausdrachen den sogenannten Zankzanm an l Eine hölzerne Maske, woran sich ein Eisen befand, das in den Mund hineinging und die Zunge unbeweglich erhielt. Mit diesem Beißkörbe wurde die Xantippc auf öffentlicher Straße zur Schau geführt. „Hm! Wozu sollte aber Falk diese Maschine brauchen ?" — Zur Bändigung seiner bösen Frau, die ihm eine alte, von ihm vergessene Wahrheit, daß Geld nicht glücklich macht, nach und nach cinzuzankcn begann. Ein schimmernd Elend wer sei» Leben. Er glich nufs Härchen itzt Dcm Papugei, der hinter goldne» Stäben Gesungen sitzt l ^Z> 22S S--- Denn nicht ein Tchritrchen dürft' er gehen, Sie hinkt' als Wache nebenbei, Und gab oft deutsch ilini zu verstehe», Daß seines Glückes Schnnb sie sey. Ihre kreischende Stimme behielt in den Debatten des ehelichen Parlaments immer die Oberhand. Dadurch ward sie so kühn, daß sie den häuslichen Freistaat endlich gar in eine Monarchie verwandelte, daß sie mit eisernem Sccp- ter regierte. „Das Bild von dem eisernen Scepter ist mir etwas dunkel. Sie wollen doch wohl nicht gar damit sagen, daß die wilde Katze ihren Mann mit der eisernen Elle geschlagen habe?" — Sie crrathcn's, mein Herr! „Unerhört! Und die feige Memme litt cs? — Zeigte sich nicht als Herr im Hause?" — O ja, das that er. Sie sollen gleich hören. Als cinst ein Höllcnznnk entstund, Da griff die Alte risch Zum Eisensccpter an der Wand, Und Falk — kroch unter'« Tisch. Sie. Marsch, hervor! Er. Ich will nicht. Sie. Du willst nicht? Er. Nein, ich will durchaus nicht, um Dir zu zeigen, daß ich Herr im Hause bin. O des armseligen Hausherrn! — Nun, liebe Freunde, habt Ihr noch Lust, nach Geld zu heirathen? Die Bräutigamsprobe Ein junger Engländer war durch Spiel, Liebschaften und andere geldsplittcrnde Belustigungen mit seinem großen väterlichen Erbtheile so auf die Hefen gekommen, daß er die Abschiedsstunde der letzten Guinee berechnen konnte. Eines Abends, als er, matt an Leib und Seele, aus einem Freudenhause zurückkam, warf er den ersten festen Blick auf die Trümmer seines Vermögens, und konnte nicht mit sich einig werden, ob er sich erschießen oder in die Themse stürzen wollte. Indem er aber zwischen Feuer und Wasser schwankte, gerieth er auf den klügern Einfall, nicht Hand an sich zu legen, sondern sich von einer reichen Braut aus dem Labyrinthe der Armuth führen zu lassen. Mit diesem tröstlichen Gedanken ging er zu Bett, und im Traume flogen schon die braven Wettrcnner, hüpften schon die schönen Mädchen bei ihm vorüber, die er künftig von der Aussteuer seiner Gemahlin zu unterhalten gesonnen war. Am nächsten Morgen zog er seinen Plan in neue Ueber- lcgung, und fand ihn ganz vortrefflich, bis auf den kleinen Umstand, daß er nicht wußte, wo er eine reiche Frau -»D 231 finden sollte. In London, wo man ihn als einen Verschwender kannte, war nicht daran zu denken. Er mußte folglich sein Netz anderswo auswcrfen. Nach langem Sinnen und Grübeln fiel er auf einen alten, sehr begüterten Obersten, der zwanzig Meilen von der Hauptstadt auf dem Lande lebte, keine Bekanntschaften in London hatte, und Vater einer einzigen Tochter war. Im Hause dieses Mannes ließ er sich durch einen Unterhändler, dem er einen Theil der Beute versprach, empfehlen und vorstellen. Die Tochter des Obersten war ein steifes Landmädchcn mit runden, rothen Backen, wie ein Posaunen-Engel, und nahm sich vollends in den hin- terlafscucn Kleidern ihrer seligen Mutter, die ihr nicht paßten und ganz aus der Mode gekommen waren, sehr ungeschickt aus. Ihr Geist glänzte eben so wenig. Sie wußte nur von Hühnern und Gänsen zu sprechen. Kamen andere Gegenstände auf die Bahn, so war ihre Rede: Ja, ja! Nein, nein! Was drüber war, schien ihr vom Uebel. Dieses hölzerne Püppchen stach freilich gegen die lebhaften, muthwilligen Nymphen, mit welchen der junge Dritte bisher sein Leben hingetändclt hatte, gewaltig ab; doch die unangenehme Empfindung dieses himmelweiten Unterschiedes verbarg er sorgfältig in seinem Herzen. Des Fräuleins Einfalt nannte seine Schmeichelei himmlische Unschuld, und ihre strotzenden Bausbackcn verglich er mit vollen Rosen. Das Ende vom Liede war, daß er sich an den Vater wandte und feierlich um sie warb. Der Oberste hatte auf seiner sechzigjährigcn Laufbahn so viel Menschenkenntniß eingesammelt, daß er, so schlau sich auch der junge Herr verlarvte, dennoch den Glücks- jä'gcr, der bloß die ansehnliche Mitgift des Mädchens auf dem Korne hatte, durchblicken sah. Er war daher nicht - ^ i -oZ> 232 gemeint, das Anwerbungsgcsuch Statt finden zu lassen. Doch dachte er auf der andern Seite: der junge Mann ist von guter Herkunft! du kannst ihm auch vielleicht Unrecht thun; er verrieth ja noch keinen Gedanken an die Aussteuer. Und was soll das mannbare Mädchen länger im Haufe? Willst's ihm geben, aber seine vorgespiegclte Uneigennützigkcit aus eine entscheidende Probe stellen. Er erklärte hierauf dem Freier, daß er nichts dagegen habe, wenn ihm seine Tochter das Jawort gäbe. Diese sagie: „Was der liebe Vater will, das will ich auch." Also war es richtig. Nach wenigen Wochen war auf dem Landgute des Obersten Hanstranung und Hochzeit, und er machte seinem Schwiegersöhne die Mitgabe bekannt, die nach deutschem Gelde ungefähr dreißig tausend Thaler betrug. Der Meißner that, als ob er gar nichts davon hören wolle, und vermaß sich hoch und theuer, daß er an diese Nebensache noch nicht gedacht, sondern bloß aus die herrlichen Elgenschaften seiner jungen Gemahlin, deren reines Selbst ihm lieber sey, als alle Schätze der Welt, Rücksicht genommen habe. Man setzte sich hierauf zu Tafel, und der Hochzeitvater trieb und drängte, daß sie bald wieder aufgehoben ward. Alsdann schlug er den jungen Eheleute» vor, noch diesen Nachmittag die Reise nach London anzutreten, und erbot sich zur Begleitung. Der Eidam erstaunte darüber und legte sich auf's Bitten, ihm die Freuden der Hochzeitnacht nicht so zu Wasser zu machen. Allein der alte Kriegsmann bestand auf seinem Kopfe, versicherte, daß er besondere Ursachen dazu habe, und was die Brautnacht betreffe, so werde sie sich 233 in London, oder im nächsten Nachtquartier eben so gut feiern lassen. Was war zu machen? Die Reise ging vor sich. Der Alte verwahrte die Mitgabc, thcils in Gold, theils in Banknoten, vor des Bräutigams Augen in einem Kästchen, nahm cs unter den Arm und setzte sich mit den jungen Leuten zu Wagen. Der Weg führte durch einen Wald. Kaum waren sie darin, so sprengten zwei Reiter mit Larven vor den Gesichtern aus dem Gebüsch hervor und hielten den Wagen an. Einer bewachte mit vorgchaltencr Pistole den Kutscher, der andere kam an den Schlag und sagte: „Wir sind Glücksritter, und bitten uns die Mitgabc der Braut aus." — Die Herren im Wagen schalten und fluchten; aber kaltblütig beharrte der Räuber auf seiner Forderung. Nach einigem Wortwechsel neigte er sich zu dem jungen Manne hinab und sagte ihm heimlich ins Ohr: „Damit Sic sehen, daß wir billige Leute sind, so lassen wir Ihnen die Wahl: Geben Sic uns die Braut oder ras Geld! — Uns ist das aus gewissen Ursachen gleichgültig, und Ihre Erklärung soll niemand erfahren." Der Neuvermählte bedachte sich nicht lange; er flüsterte: „Nehmt die Braut!" — „Bruder," rief der Räuber seinem Spießgesellen laut zu, „wir sollen die Braut nehmen." Plötzlich packte der Alte seinen säubern Schwiegersohn an der Brust, schüttelte ihn mächtig, und sagte mit donnernder Stimme: „Ha, Bube! so hat mich meine Muth- maßung, daß es dir nicht um meine Tochter, sondern nur um ihr Vermögen zu thun sey, doch nicht betrogen. Dem Himmel sep Dank, daß mein Kind und mein Geld noch -»V 234 nicht unwiderbringlich in deinen Klauen sind! Denn wisse, der Mann, der dich traute, war kein Geistlicher, war einer meiner Kriegskameraden in Priestcrtracht; und diese Herren sind keine Straßcnräuber, sondern meine Freunde, die mir den Liebesdienst thatcn, dich zu prüfen. Da du nun deine ganze Nichtswürdigkeit an den Tag gelegt hast, find wir geschiedene Leute. Ich fahre mit meiner Tochter und meinem Geldc zurück auf mein Gut, und du gehst nach London oder zum Teufel!" Hiermit verpflanzte er ihn durch einen Fußtritt aus dem Wage» auf die Straße, und ließ umlenken. Der Verwiesene schlich wieder nach London zu, und hatte unter Weges die schönste Zeit und Muße, mit sich einig zu werden, ob er fich nun erschießen oder in die Themse stürzen wollte. Mährchen und Erzählungen. Langmantel. i. 2En einem Herbstabend, da cs eben heftig regnete und stürmte, saß Raimund von Nabenfcls, der Besitzer des Schlosses W eih erb urg in Tyrol, mit seinem Freunde Dollrad von Kahlau behaglich beim Becher. Zwischen ihnen brüstete sich eine Person, die eigentlich nicht an den Herrentisch gehörte. Es war die Schaffnerin Sabine, ein plumpes, alterndes Weib, das Vormittags wie ein gemeiner Aschenbrödel in der Küche wirthschaftete, sich dann mit seidenen Kleidern, goldenen Ketten und Ringen schmückte, mit dem Ritter und seinen Gästen tafelte, und sich überhaupt in allen Dingen, wiewohl sehr ungeschickt, als seine Gemahlin benahm. Indem diese Gesellschaft um die Wette trank und sich mit unfeinen Scherzen erlnstigte, kam ein Diener und meldete seinem Herrn: es sep ein Fremdling da, der ihn sprechen wolle. „Wer ist er? wie heißt er?" fragte Raimund. „Das 'weiß ich nicht," sagte der Diener. „Vermummt und seinen Namen verschweigend, gibt er vor, er scy cm Bekannter von Euch und wolle Euch einen Falken verehren, den Ihr oft bei der Reiherbeitze gelobt und zu besitzen gewünscht hättet." Raimund machte ein halb frohes, halb verdrießliches Gesicht und sprach: „Ich crrathe den geheimen Gast, und es ist mir au seinem Besuch nichts gelegen, doch in Rücksicht des angebotencn Geschenks mag er kommen." Der Fremde trat, mit einem Falken auf der Hand, herein. Raimund erkannte in ihm sogleich seinen jungen Vetter Albert von Weiherburg und sagte hart: „Was willst du hier? was folgst du mir nach ? Um deiner los zu werden, verließ ich meinen alten Wohnsitz, und bezog in aller Stille dieses finstre Waldschloß, wo ich vor dir sicher zu seyn glaubte." „Wie Hab' ich diesen Zorn verdient?" fragte der Jüngling. „Ich war Euch von Jugend auf mit Leib und Seele zugethan, wagte für Euch, wie ein reisiger Knecht, mein Leben in Euren Fehden, und begehrte nimmer Dank oder Lohn." „Welche Großmuth!" spottete Raimund. „Du verlangtest keinen Theil meiner Habe: du wolltest sie lieber dereinst ganz besitzen, und stahlst dich dcßhalb ins Herz meiner Tochter. Aber du machtest deine Rechnung ohne den Wirth. Bertha's Hand ist versagt." „Das kann ich bezeugen, junger Gesell!" fiel Vollrad mit Nachdruck ein. „Ich bin der Bräutigam." Aufgeblasen warf er sich dabei im Stuhle zurück und schlug auf seinen ansehnlichen Bauch. Albert sah den widrigen Menschen, dem Rohheit und Völlerci aus den Augen leuchteten, für einen unbedeutenden Nebenbuhler an, und achtete seiner Zwischcnrede nicht, sondern sagte zu Raimund: „Gebt Hab' und Gut, wem ->L> 23S <§-«- Jhr wollt; nur laßt mir Bertha! Sie hat mir Treue gelobt und wird sie nicht brechen." „Das wollen wir sehen!" rief Raimund. „Es gibt Mittel, sie zu zwingen, und ich werde keins unversucht lassen, meinen Willen durchzusctzcn. Kurz, der Handel mit dir ist ans. Geh deines Weges und komm nicht wieder! Doch zum Zeichen, daß ich übrigens keinen Zorn gegen dich hege, will ich deinen Falken nicht verschmähen." „Nehmt ihn hin!" sprach Albert, und übergab ihm sein liebstes Eigenthum. Raimund dankte mit Kopfnicken und machte dann eine vornehme Bewegung mit der rechten Hand, die andeuten sollte, daß Albert nun gehen könne. Aber der Jüngling, den das verdroß, sagte: Ihr wißt vermuthlich nicht, daß draußen ein grimmiges Wetter tobt; sonst würdet Ihr ohne Zweifel so höflich sepn, mir ein Nachtlager anzubietcn." Schweigend sah der Ritter die ihn ganz beherrschende Schaffnerin an, ob sic wohl Gewährung erlaube. Sie neigte sich nach einigem Bedenken zu ihm hin und flüsterte ihm ein paar Worte ins Ohr. Er lächelte, als hätte sie ihm einen lustigen Einsall mitgctheilt, wandte sich zu Albert und sagte: „Ich will dich diese Nacht beherbergen ; aber ich bitte mir aus, morgen in aller Frühe das Schloß ohne weitern Wortwechsel zu verlassen." Albert schwieg und dachte: das wird sich finden. 2 . Die Schaffnerin stand jetzt auf, nahm zwei Lichter, winkte ihm, ihr zu folgen und ging durch verschiedene Kreuz- und Quergänge, die aus dem bewohnten Flügel des Schlosses in das öde Hauptgebäude führten, stumm vor ihm her. Sic kamen endlich an einen großen offenen Vorsaal. Hier blieb sie stehe», gab ihm ein Licht in die Hand, zeigte ihm gegenüber eine hohe, schwarze Thür und sprach: „Da gehet hinein! Ihr werdet Raum genug finden, und vielleicht auch Gesellschaft." Das gesagt, verließ fie ihn und eilte zurück. Albert, dem bei Anmeldung der Gesellschaft, die er in dieser wüsten Schloßgcgend antrcffen sollte, fast bang' und unheimlich ward, ging langsam über den Vorsaal und horchte vorsichtig an der schwarzen Thür, ob sich innerhalb etwas bewege. Er hörte keinen Laut, alle Furcht wich von ihm, und er öffnete rasch die unverschlossene Thür. Da stand er auf der Schwelle eines Ungeheuern Saales, den er nicht übersehen konnte, weil seine Kerze kaum den dritten Thcil desselben erleuchtete. Fünf oder sechs lebensgroße männliche Bildnisse in Rittertracht, die in der Mitte des Saales an der Wand hingen, sahen ihn, als er mit hochgehaltencm Lichte bei ihnen vorbeiging, finster an, und das erste in der Reihe von oben herab schien sogar wie erschrocken zusammen zu fahren und mit dem Kopse zu schütteln. Er glaubte, seine Augen hätten ihn getäuscht und ging muthig vorwärts. Aber ei» Schauer übcrlicf ihn beim Anblick einer kleinen schwarzen Gestalt, die am Ende des Saales auf einem hohen Gestelle saß und ihn mit feurigen Angen anblitzte. Er wich, ungeachtet er sich zugleich seine Furchtsamkeit verwies, einen Schritt zurück. „Bleib hier!" rief das kleine Wesen mit freundlicher Stimme: „Du bist mir willkommen." Damit erhob es sich von seinem Sessel, und ein altes, zwcrghaftcs Männlein, dessen schneeweißer Bart über die Brust hinab reichte, kam auf ihn zu. Es trug einen hohen, spitzen Hut und langen schwarzen Mantel, den es wie den Schweif eines Frauenklcides hinter sich her schleppte. Albert scheute sich, die ihm dargebotene Hand zu fassen. „Schlag' ein und fürchte dich nicht!" sagte das Männlein. „Ich habe Gutes mit dir im Sinne. — Man wies dich zwar in arglistiger Absicht hieher; man hoffte, ich würde dich mißhandeln oder wohl gar würgen; aber ich lasse mich nicht zum Meuchler gebrauchen. Am wenigsten hast Du von mir Feindseligkeiten zu befahren, da ich deinen Voreltern, als sic noch diese Burg im Besitz hatten, immer treu, hold und gewärtig war. Doch mit dem bösen Geschlechts, das sich vor hundert Jahren durch ein Bubenstück hier einnistete, Hab' ich keinen Verkehr. Ich bleibe nur noch aus alter Gewohnheit hier, bewohne diesen Saal und sitze gern auf jenem alten hölzernen Throne, auf welchem einstmals Kaiser Marimilianus den Abgeordneten von Venedig Gehör gab, als die Streitigkeiten dieses Staates mit Tprol beigelcgt wurden. Doch von solchen Nebendingen ein ander Mal! Ich weiß, du kamst her, um das schone Fräulein zu sehen; das wird aber schwer halten, mein Lieber! Die arme Bertha sitzt im Thurme gefangen." „Gott! was hat sie verbrochen?" rief Albert. „Sic leidet um dich! Deinetwegen hat sie den verhaßten Gespons, den ihr der Vater aufrringen will, unfreundlich empfangen, und ihm ins Gesicht gesagt, daß sic ihn nicht lieben könne." Albert schwankte zwischen Freude und Leid. „Was spendest du mir, wenn ich dich zum Mägdlein führe?" fragte der Kleine. „Mein höchstes Gut, mein Leben setz' ich dran;" sprach der Jüngling. „Ei! was könnte mir das helfen?" entgegncte das Langbein'S sämmtl. Schr. XVI. Bd. 16 Männlein. „Ich will dir umsonst dienen. — Folge deinem Lichte, wohin cs dich, wie den Blinden sein Führer, leitet. Ich habe nicht Zeit, mit dir zu gehen; aber die Thurmpforte wird sich von selbst dir austhun. Nach einer halben Stunde ruf ich dich wieder ab. Ein längeres Gespräch unter vier Augen kann ich für dießmal nicht gestatten." 3. Albert fühlte jetzt an der Hand, die das Licht hielt, einen sanften Zug, als faßte sie ein unsichtbares Kind, um ihn von dannen zu führen. Willig und freudig ließ er sich durch eine lange Reihe wüster Hallen und Gemächer leiten, und kam endlich, als er einige verfallene Stiegen hinab- geklcttert war, in einen mit Gras und Gesträuch überwachsenen Hof, wo Regen und Wind so gewaltig rauschten, daß er jeden Augenblick das Erlöschen des Lichtes besorgte. Aber cs brannte, wie von Glaswänden beschirmt, ruhig fort und zog ihn durch das Gestrüppe hin an einen runden Thurm, dessen Pforte langsam aufging, als er sich nahte. Da ward er innerhalb des Thurmes einer schmalen Wendeltreppe gewahr. Sein Wegweiser gab ihm zu verstehen, daß er sie hinaufsteigen solle, und er hatte kaum einige Stufen hinter sich, als ihm wchmüthige Töne von oben entgegenschalltcn. Es war Bcrtha's Stimme; sie sang: Vergeben« trennt ihr Mauern, Wo Schrecken mich umschauern, Von Licht und Lust mich ab. Jbr svllr mein Herz nicht zwingen, Sollt Dem eS nichr entringen, Dem c§ sich treu ergab. -oZ> 243 O--- Nei», eh' ich von ihm löste, Und liebe, den ich Hesse, Umfangt mich ewig, als mein Grab! Rasch flog er die Schneckentreppe vollends hinan; die Eisenthür eines kleinen Gemachs sprang auf; Bertha, bei einem Lämpchen sitzend, fuhr empor und that einen Schrei, weil sie ein zauberisches Trugbild vor sich zu sehen glaubte. Albert nannte seinen Namen und beruhigte sie mit Worten und Geberden. „So bist du's wirklich?" sagte sie freudig. „Welches Wunder brachte dich hierher? Er berichtete ihr den Austritt in der väterlichen Trinkstube, und rühmte die Dicnstfertigkeit des wunderbaren Männleins, das er im kaiserlichen Thronsaale gefunden hatte. „Ach !" rief Bertha, „das ist der Hausgeist, der sogenannte Langmantel, der dieses Schloß seit undenklichen Zeiten bewohnt, und sich nach alten Sagen bald als ein treuer, behülflicher Diener, bald als ein tückischer Kobold gezeigt hat. „Still, still!" flüsterte Albert. Der kleine Patron möchte horchen und unfreundlich werden. Bis jetzt bin ich ihm Dank schuldig, und ich hoffe, er wird weiter helfen." — Sie erwähnten nun seiner nicht mehr. Bertha erzählte, wie es ihr bisher ergangen war. „Die Urheberin aller meiner Leiden ist Sabine;" sagte sie. „Dieses herrschsüchtige Weib forderte von mir den Gehorsam eines Kindes, und da ich mich ihr, die meine Dienerin scpn sollte, nicht unterwarf, rächte sie sich durch Anschwärzung bei meinem Vater, verhetzte ihn zugleich gegen dich, und versprach ihm, mich mit einem bessern Bräutigam zu versorgen. Als du nun bald darauf deine Freunde in der Schweiz besuchtest, erschien indessen der saubere Freier, den du vorhin gesehen hast. Unmöglich könnt' ich ihm, 244 ^ der dich verdrängen wollte, freundlich begegnen. Haß und Verachtung stiegen noch höher, als ich erfuhr, daß er vormals Sabinens Buhle gewesen sep. Kurz, er war mir ein Abscheu und ich verhehlte das nicht. Dennoch wollt' ihn mein Vater mir aufzwingc» und bezog dieses Schloß, damit Vollrad seine Freier« bequemer fortsetzcn könne, weil er in der Nähe ein Landgut hat, wovon jedoch kein Dachziegel mehr sein ist. Der Unerträgliche kam nun Tag für Tag und stürmte auf mich ein. Entschlossen sagt' ich ihm endlich gestern ins Gesicht, daß ich ihn nimmer lieben könne. „Das magst du im Thnrme lernen!" rief mein Vater, und stieß mich in diesen Kerker, ohne daß Vollrad, vor dessen Augen es geschah, ein Wort dagegen einwandte." Indem Bertha die letzten Worte sprach, klopfte jemand an die Thür. — Doch ehe wir sehen, wer da ist, will zuvor ein lustiges Zwischenspiel nach dem Rechte der Zcit- folgc erzählt seyn. Während der Zeit, als sich die Liebenden weitläufiger und zärtlicher, als zu melden nöthig war, im Thnrme besprachen, ward drüben im bewohnten Schloßflügcl die Thur der Trinkstube ein wenig geöffnet, und die wohlbekannte Stimme eines Dienstmädchens rief die Schaffnerin heraus. „Was gibt's?" fragte Sabine verdrießlich; denn sie wollte die werthe Gesellschaft nicht gern verlassen. Aber die Thür war schon wieder zugedrückt und keine Antwort erfolgte. Zornig sprang sie auf und eilte nach der Küche, um die unangenehme Störung mit Mund und Hand zu bestrafen. Doch- erbebend fuhr sie zusammen, als sic dort den furchtbaren Zwerg, der sie durch Nachäffung der Mädchen- -o§> stimmc hcrausgelockt hatte, am Herde fand und arg wirth- schasten sah. Er hatte alles Geschirr, das ihm im Wege gewesen war, herunter geworfen, und fachte eben das an- gezündcte Feuer mit seinem Mantel an. Sie prallte zurück und wollte hinter seinem Rücken wieder davonlanfen. Er wandte sich aber schnell, ergriff sic am Rocke und hielt sie scsi, ungeachtet sic grimmig mit den Beine» hinter sich ausschlng. „Brr! brr!" rief er, als wäre sic ein unbändiges Pferd. „Laßt ein Wort mit Euch reden, gnädige Kebsfrau! Ihr habt mir eincn Gast zugeschickt; ich kann ihm aber nichts auftischcn: also müht Ihr für seine Be- wirthnng sorgen. Kocht dem armen Menschen, dem Wind und Wetter auf der Straße übel mitspielten, ein gutes Süpplcin, und >^as sonst noch zu einem tüchtigen Abendessen gehört. Ich gehe nicht eher von dannen, bis alles fertig ist; und wenn Ihr nicht stumm wie ein Fisch sogleich Hand anlegt, so dreh' ich Euch auf der Stelle den Hals um." Darauf wollte sie cs denn doch nicht ankommen lassen. Sic machte daher ohne Mucksen schleunig Anstalt zu einer Weinsuppe, die Langmantel ausdrücklich vorschrieb, weil er sie für das beste Labsal eines ermüdeten unk> durchnäßten Wanderers halten mochte. Er begleitete Sabinen wie ein Gefangenhüter in de» Keller, ins Speisegcwölbe und überall hin, wo die Bcstandtheilc der Mahlzeit znsammen- geholt werden mußten. Mürrisch und karg griff sie immer zuerst nach dem schlechtesten Ausschuß ihrer Vorräthc; er aber, ein guter Kenner, zwang sie mit drohender Gebilde des Halsbrcchens, von Allem das Beste zu wählen. So kam in kurzer Zeit ein leidliches Abendessen zu Stande. Sie schob cs dem Geiste hin und wollte zu ihren Freunden zurückeilen. „Wohin? wohin?" rief Lang- mantel. „Ihr scpd noch lange nicht fertig! Deckt erst in meinem Saale den Tisch und tragt auf. Ihr stpd nicht zu vornehm dazu, Frau Köchin!" Welche Beleidigung, daß er sie, die eine Nittersfrau vorstellen wollte, Köchin nannte! Es zuckte ihr in den Fingern, ihm dafür den Bart auszuraufen; doch seine gespenstische Furchtbarkeit schützte ihn, und sie deckte gehorsam für zwei Personen. „Nehmt ein Gedeck zurück!" sagte der Geist. „Ich lebe von der Luft, und es wäre gut, wenn auch Ihr davon lebtet; denn mancher schlechte Streich wird gemacht, um etwas Gutes zu essen." — Indem er diese wclterfahrene Bemerkung anssprach, trappte Sabine davon und hatte schon die SaalHbwclle hinter sich, als er ihr nachgelaufen kam. „Bald hätt' ich das Beste vergessen!" rief er. „Soll mein Gast wie ein Hund aus dem Fußboden schlafen? — Das schönste Bett, das Ihr habt, muß herbei; ich will es hertragen helfen." Höchst ungehalten, doch keine» Widerspruch wagend, ging sie nach der Bettkammer. Langmantel folgte, wählte selbst die besten Pfühle und Kissen, faßte das Bettgestcll, worin sie aufgeschichtet waren, vorn an, Sabine that hinten dasselbe, und so zogen sie beim Lichtschein einer auf den Betten stehende Laterne nach dem Thronsaalc hin. Indessen hatte Naimund seine Traute ungern vermißt, und erhob sich, sic zu suchen. Er fand sie in einem Gange, das Dcttgestell vor sich hcrtragend. Der Geist machte sich unsichtbar, als er den Ritter kommen hörte. Es sah also ans, als trüge Sabine das Bett ohne Gchülfen. „Ei! wo willst du damit hin?" rief Raimund. „Und muttcr- stclen allein! Ich begreife nicht, wie du die Last fortbringst." Sic gab keine Antwort, weil ihr das Sprechen bei Le- bcnsstrafe verboten wcir> „Bist du stumm oder toll worden?" fuhr der Ritter fort. „Wenn das Bett denn durchaus eine Reise machen muß, so will ich mich mit Vorspannen." Er trat vorn ans Gestell, griff mit den Händen rückwärts, um cs anzufasscn, und griff gerade in Langmantels struppigen Bart. „Hu! in was für ein Haarnest kam ich da!" rief er mit Schrecken, und zog die Hände geschwind wie aus Feuer zurück. Er nahm die Laterne, beleuchtete das Gestell und griff, da er nichts Bedenkliches fand, die Sache von neuem und ohne Hinderniß an. Aber kaum hatte er einen Schritt vorwärts gethan, so schrie er: „Wer, zum Teufel! zieht mich am Barte? Alle gute Geister loben Gott den Herrn!" „Ich auch!" rief der Unsichtbare und zog den Schreier unablässig fort, daß er bis in den Thronsaal wie ein Pferd traben mußte. Und als hier das Bett stand, wo cs stehen sollte, schlug der Bartraufcr ein Gelächter auf und sagte: „Nun habt Ihr Eure Abfertigung, Ihr Träger! Den Lohn werd' ich Euch morgen auszahlen." Grausend sah der Ritter umher. Sabine gab ihm einen Wink, sich nicht durch lose Reden den Mund zu verbrennen, und führte ihn eiligst hinweg. 8 . Eben so eilig lief Langmantel in den Thurm, um seinen Schützling dort abzurufen. Er war es, den wir vorhin an die Kerkcrthür klopfen hörten; und als er geklopft hatte, rief er: „Komm zu Tisch, Albert von Weiherburg, die Suppe wird kalt." Die jungen Leute sahen sich erschrocken an, und hatten keine Lust, sich zu trennen. Da jedoch Albert die einladende Stimme kannte, so war an Ungehorsam nicht zu denken, ob er gleich seinem seltsamen Wirthe das unerwartete und gar nicht anlockende Abendessen gern geschenkt hätte. Die Hoffnung baldigen Wiedersehens erleichterte ihm einiger Maßen den Abschied von Bertha, und getrost überließ er sich der Führung seines Lichtes, das ihn auch ohne Anstoß in den Saal wieder zurück brachte. In dessen Mitte sand er einen zierlich gedeckten und mit Wachskerzen beleuchteten Tisch, auf welchem die erpreßte Weinsuppe, nebst kühlem Wein und verschiedenen kalten Speisen aufgetragen stand. Freund Langmantel war nicht da, rief aber, als sich Albert schüchtern nach ihm umsah, aus der Mauer hervor: „Gesegnete Mahlzeit, lieber Junkherr! Ich zog mich in mein innerstes Kämmerlein zurück, um dich nicht durch meine wunderliche Gestalt bei Tische zu stören. Iß und trink wohlgcmuth und lege dich dann ohne Sorgen zu Bette; es soll dir kein Leid widerfahren. Morgen wird's Tänze geben, das weiß ich voraus; verlaß dich aber auf mich, und wank' und weiche nicht aus diesem Saale, wenn man dich auch gröblich mahnt, deines Weges zu gehen. Wird der Lärm zu arg, und dringt man vielleicht sogar in mein Gebiet herein, so werd' ich dich schützen zu jeder Stunde; denn ich bin kein scheuer Nachtvogel, sondern lasse mich, wenn Noth an Manu geht, auch bei Tage sehn. — Hast du mich verstanden?" „Vollkommen, freundlicher Geist, und ich werde thun, wie du gebotst;" sagte Albert. Da rief's aus der Wand, wie aus weiter Ferne: „Gute Nacht!" Mit mißtrauischen Augen besah jetzt Albert das auf- -oD 2 49 getragene Nachtmahl. Das natürliche Ansehen der Speisen widerlegte seinen Verdacht, daß sie in einer Geisterküche bereitet sepn möchten. Er aß daher ohne Bedenken davon, begab sich hierauf zur Ruhe und schlief ungestört bis an den Hellen Morgen. 6 . Raimund, der dagegen kein Auge zugcthan hatte, ließ in aller Frühe den greisen Burgvogt zu sich rufen. „Sage mir, Alter," sprach er, „was für ein Bewandtniß hat es mit dem Gespenst?, das in der Burg umgeht? Ich habe bisher die alten Sagen davon wenig geachtet, und hielt cs nie der Mühe werth, mit dir darüber zu sprechen; da jedoch in voriger Nacht das Nngcthüm mich selbst auta- stete, so verlang ich zu wissen, was dir von ihm bekannt ist." „Gestrenger Herr," antwortete der Greis, „ich kann Euch, ungeachtet ich neunzig Jahre alt bin, nur wenig aus eigener Erfahrung berichten. Was ich aber von Vater und Großvater gehört habe, das will ich Euch treulich erzählen. Seit Menschcngcdenkcn waltet hier ei» Hausgeist, dem man wegen seiner gewöhnlichen Tracht den Namen Lang mantel gegeben hat. Er ist vor alten Zeiten, als noch Schloß und Ländereien den Herren von Wciherburg gehörten, täglich sichtbar gewesen, und hat sich in Stall und Küche als ein frommes, trcufleißiges und geschicktes Kuechtlein bewiesen. Aber ganz verwandelt war er, nach meines Großvaters Erzählung von dem Tage an, da vor hundert Jahren die Wciherburg durch Erbschaft Eurem Geschlechtc zuficl. Er scheint — nehmt das mir altem Manne nicht für ungut! — mit diesem Hcrrcnwechsel nicht zufrieden gewesen zu sepn : denn er hat gleich Anfangs, als die Nachricht davon hier angekommcn, durchs ganze Schloß, wiewohl unsichtbar, gräulich ruinort, hat das über dem Thore ausgestellte neue Wappen mit Koth beworfen, und alsbald darauf Euer Urahn, weiland Herr Kaspar von Rabenfcls, hier'eingetroffcu, um sich als neuer Herr huldigen zu lassen, hat ihn Langmantel gleich in der nächsten Nacht, mit Verlaub zu melden, aus dem Bette gerissen, auf den Dielen hcrumge- wälzt und noch so vielen andern Unglimpf verübt, daß sich der darüber bestürzte Herr gern oder ungern entschlossen hat, alsbald nach eingenommener Huldigung abzureisen und nimmer wieder zu kommen. Auch seine Nachfolger haben sich nie länger als einige Stunden hier aufge- haltcn, aber von Zeit zu Zeit ihre Bildnisse anher gesandt, um sic im großen Saale aufhängen zu lassen. Das erste von oben herein, welches den Herrn Kaspar vorstellt, hat Anfangs der Hausgeist oft in der Nacht herunter geworfen, aber sich endlich, als mau cs immer wieder au der Wand befestiget, nicht weiter daran vergriffen." „Das sind alte Geschichten!" sagte Raimund verdrießlich. „Was weißt du aus neuerer Zeit von dem Haus- gcistc. Hast du selbst ihn jemals gcsehu?" „Nein, gestrenger Herr, ob er gleich einmal, als ich noch ein Knäblcin von acht oder neun Jahren war, mit mir und meinen Brüdern und Schwestern gespielt hat. Unsere Mutter hatte wahrend eines Geschäfts außer dem Hause uns Kinder im Saal eingeschlvsscn und »ns Spicl- werk und Früchte gegeben, daß wir uns die Zeit damit vertreiben sollten. Wir Knaben spielten Ball. Das ging eine Weile ganz ordentlich. Indem wir aber einmal ruhten und Obst aßen, flogen unsere Bälle wie von selbst -OL- 2S1 <§o- ins Kreuz und in die Quere; sogar unsere Aepfel tanzten in der Lust. Wir erstaunten darüber und gcricthen in Furcht, weil sich zugleich dann und wann ein halblautes Lachen hören ließ. Bald nachher schloß die Mutter die Thür auf, stand mit sichtlichem Schrecken ans der Schwelle, rief uns ängstlich heraus,,und drohte dann mehrmals mit geballter Hand in den Saal hinein. Kurz darauf entstand plötzlich in der Küche ein Getöse, als stürzte das ganze Geschirr ans einen Haufen zusammen. Die Mutter lies erschrocken hinaus, fand aber alles unbeschädiget an seiner Stelle und sagte zornig: welcher Narr hat mich bethört? Da erschallte von allen Seiten Händeklatschen und Gelächter. Wir fragten die Mutter, was das scy. Sie gab uns keine Antwort. Erst nach vielen Jahren erzählte sic uns: sic habe bei Eröffnung der Saalthür den Bnrggeist in unserer Mitte gesehen und ihm mit der Hand gedroht; dadurch sep er dermaßen beleidiget worden, daß er sich durch den blinden Lärm in der Küche gerächt habe." „Außer dem weiß ich ihm nichts Böses nachznsagen;" fuhr der Alte fort. „Er bewies sich, seit ich denken kann, bei verschiedenen Vorfälle» als ein treuer und thätigcr Burgwart, schreckte cinbrcchende Diebe zurück, löschte brennende Feueressen, und so weiter. Aber fast zu strenge verfuhr sein Schutzeifcr vor ungefähr fünfzig Jahren, da sich's zwei oder drei Nächte hintereinander begab, daß die schönen Bäume, die in doppelter Reihe um die Burg herum stehen, muthwillig beschädiget und einige derselben ganz umgehanen wurden. Der Frevler blieb uncntdeckt, so viel Mühe sich auch der Gerichtsschreibcr gab, ihn anszufor- schen. Als ich aber eines Morgens untersuchen wollte, ob der Baumschänder während der Nacht neuen Unfug 232 T-s- begangen habe, sah ich mit Entsetzen einen übel berüchtigten Mann ans dem Dorfe an einem nur erst verletzten Baume aufgehangen. Die Werkzeuge seiner Bosheit, Art und Sage, lagen zu seinen Füßen und auf seinem Nucken stand mit Kreide geschrieben: 1,-in^muuteI keeit manu propria. — Welche Worte der Gerichtsschreiber und der Dorfpriester also verdeutschten: Das that Langman- tcl mit eigener Hand. — Seitdem vergriff sich niemand wieder an den Bäumen." Der Greis erzählte noch einige solche Beispiele, wobei cs jedoch den Hals nicht gekostet hatte- DaS merkwürdigste war folgendes: Es werden einmal zwanzig bis dreißig wilde Kriegskncchtc in die Burg eingelegt. Sie sind mit der ihnen gereichten guten Kost nicht zufrieden, drohen Mord und Brand, üben vorläufig ihre Wuth an Thllrcn und Fenstern aus und hauen sie mit ihren Schlacht- schwertcrn in Stücke. Niemand kann die Wüthriche zähmen; aber indem fic am tollsten wirthschaftcn, entwindet eine unsichtbare Hand einem nach dem andern sein Schwert und wirft cs hinab in den Weiher, der sich am Fuße der Burg befindet und ihr den Namen gegeben hat. Die eutwaffnctcn Holzhacker fluchen gräßlich und wollen die Burg in Brand stecken; jetzt aber fährt der Burgwart mit eiuem schallenden Prügclrcgcn unter die ruchlosen Gesellen und koranzt sie so weidlich, daß sie mit Geschrei wie gezüchtigte Schulknaben ans dem Schlosse laufen und sich nicht wieder hinein wagen. 7. Raimund wollte nun von diesen Geschichten, die ihm ähnliche Auftritte vorhersagten, nichts weiter hören. Er 233 So entließ den Burgvogt und hielt Kriegsrath mit Sabinen. ES schien vor alle» Dingen nöthig, Langmantels Gast, den er, als letzten Stammhalter des Geschlechts von Wei- herbnrg, offenbar in Schutz nahm, je eher, je lieber aus dem Schlosse zu entfernen. Sabine nahm es auf sich, ihm den Stuhl vor die Thüre zu setzen. Indessen hatte Langmantel allerhand aus dem Speisc- gewölbe entwendete Leckereien seinem Gaste zum Imbiß vor's Bett gebracht und ihn dabei nochmals alles Ernstes bedeutet, sich nicht aus dem Schlosse vertreiben zu lassen, wenn er nicht seine geliebte Bertha ans ewig verlieren wolle. „Antworte nicht, wenn man dich ruft!" setzte er hinzu. „Man wird sich ans Furcht vor mir nicht unterfangen, den Saal zu betreten; und geschicht's dennoch, so komm' ich aus meinem Versteck hervor, und der Naseweis hat's mit mir zu thnn." Bald darauf klopfte Sabine an die Thur und rief ziemlich sanft: „Jnnkherr! — Junkhcrr Albert! — Ritter Raimund läßt Euch Gluck auf die Reise wünschen." — Albert regte sich nicht. Sie lauerte eine Weile, ob er aufbrechcn würde, und als er nicht znm Vorschein kam, rief sie heftig und mürrisch: „Der Ritter mahnt Euch an sein Gebot, diese» Morgen abznrcisen. Säumet nicht länger! Der Morgen ist vorbei, der Mittag vor der Thür, worauf wartet Ihr noch?" — Und als abermals keine Antwort erfolgte, donnerte sic gewaltig an, lugte durch's Schlüsselloch und schickte durch diesen engen Paß mancherlei spitzige Worte in den Saal. Zum Beispiel: „Potz Faulenzen und kein Ende: So geht's, wenn einer nicht gewohnt ist, in einem guten Bette zu schlafen; da kann er sich, wenn ihm dieß Glück einmal widerfährt, aus den weichen Federn nicht wieder hcrausfindcn." 234 So ging das Spotten nnd Schmähen fort, und Langmantel, der verborgen lauschte, bekam mitunter selbst einen Hieb. Endlich ward ihm die Sache zu arg. Er schlich unsichtbar an die Thür und spritzte Sabinen durch's Schlüsselloch einige Wasserstrahlen ins Gesicht. Sic sprudelte wie eine gebadete Katze, rannte fluchend davon, nnd es schien, als hätte sie alle Lust zu neuen Angriffen verloren, Da sie jedoch dem Burgherrn ihr Wort gegeben hatte, seinen verhaßten Vetter aus dem Hause zu jagen, so kam sie nach einer halben Stunde zurück, schimpfte toller als zuvor, und war allenfalls eines nochmaligen Augenbades, das sie nicht achten wollte, gewärtig. Jetzt aber schoß aus dem Schlüsscllochc ein feuriger Schwärmer heraus, zündete ihre Haube an, und mit brennendem Kopfe stürzte sic, von ihm verfolgt, nach der Küche, wo die Feuersbrunst ohne weitern Schaden gelöscht wurde. Doch erloschen war nun auch Sabinens Muth, sich dem gefährliche» Schlüffellochc, das Wasser und Feuer spie, wieder zu nahen. Ueberdicß hatte sie, da cs indessen Mittag geworden war, alle Hände voll zu thun, die heftige Eßlust der beiden Ritter zu befriedigen, indem schon mehrere Eilboten den Befehl gebracht hatten, daß ohne Verzug aufgctragcn werden solle. Ein Vorgericht von geringer Bedeutung ging glücklich nach dem Speisezimmer ab. Als ihm aber die Krone des Mahls, ein köstlicher Rehbraten, Nachfolge» sollte, verschwand er plötzlich sammt der Schüssel vom Küchentische. Längst hatte Langmantel unsichtbar darauf gelauert und brachte den Raub seinem Schützling. Sabine schrie, daß man cs in der ganzen Burg hörte. Die tafelnden Ritter sprangen ans und erblaßten, als sie das Unglück vernahmen. Besonders Herr Vollrad, ein -o-D 233 Leckermaul und starker Esser, wollte sich gar nicht darüber zufrieden geben. Er schwor, den diebischen Hausgeist zu bestrafen. Vor der Hand fühlte er sich aber zu diesem Unternehmen noch nicht reif: er war noch zu nüchtern. Darum ging er mit seinem künftigen Schwiegervater zur Tafel zurück, und sie becherten so lange, bis sie unter dm Tisch fielen. 8 . Während sie, zu Bette gebracht, den Rausch verschliefen, kam Sabine auf den Einfall, die Fehde, welche Boll- rad gegen den Bratendicb beginnen wollte, von dem Dorfpriester Ehrn Modestus ausfechten zu lassen. Er sollte den Hausgeist bannen oder ihm wenigstens Alberts Auslieferung abzwingen. Sie ließ ihn deshalb ersuchen, sich schleunigst in die Burg zu bemühen, und Weihwasser, Sprengwedel und überhaupt alle zum Geisterbann nöthige Werkzeuge mitzubringcn. Dieser Aufruf zu einem bedenklichen Kampfe war dem friedliebenden Manne sehr unangenehm: allein er mußte gehorchen, um nicht bei der hochgebictenden Frau in Ungnade zu fallen, und in der Folge die lecker» Pfaffenbiß- chen zu entbehren, die ihm bisweilen in der Burg auf- gctischt oder aus derselben zugesandt wurde». Wegen dieser armseligen Genüsse war er immerfort gegen Sabinen ein kriechender Schmeichler, küßte mit Inbrunst ihre rauhe, häßliche Hand, und machte der alten, Lummen Köchin bei jeder Gelegenheit so ausschweifende Lobeserhebungen, als wäre sie Venus und Minerva in Einer Person. Freundlich wie ein Ohrwürmchen erschien er auch jetzt und fragte unterthänigst, was zu Befehl stehe. „Wir wollen einen Zug gegen den berüchtigten Lang- mantel mit einander thun;" antwortete sie. Modestus erschrack nicht wenig, weil er sogleich an den vor fünfzig Jahren gehenkten Baumschänder dachte. Was helfen mir alle Leckerbissen der Welt, sprach er für sich, wenn mir der Geist die Kehle znfchnürt, daß ich nicht mehr schlingen kann? — Doch verbarg er seine Feigheit so gut er konnte, verließ sich ans sein geistliches Rüstzeug und begab sich mit seiner Gebieterin zum Kampfplätze. Langmantcl, dem cs nicht unbekannt war, was man im Schilde führte, versteckte seinen jungen Freund in einem Seitcngcmachc des Saales, und setzte sich dann in sichtbarer Gestalt auf den kaiserlichen Thron. Zitternd öffnete Modestus die Saalthür. Sabine hatte die Hände auf seine Schultern gelegt, und schob ihn vor sich her, weil sie den Bann mit mischen wollte , und hinter der geistlichen Vormauer völlig sicher zu seyn glaubte. Anfangs ließ sich der Priester ohne sonderlichen Widerstand in den Saal hincindrücken; als er aber, was er gar nicht erwartet hatte, den Geist leibhaftig thronen sah, ward er stätig, beugte sich mit dem Oberlcibe zurück und machte zuletzt eine rasche Wendung nach der Thür, um Reißaus zu nehmen. Aber seine stammhaftc Gefährtin schlug alle zehn Finger wie Adlcrsklaucn in seine Schultern und flüsterte: „Verdammte Memme, thnt doch den Mund auf, und sprecht Euren Zaubcrspruch, so wird das Schreckbild verschwinden !" Stammelnd fing der Priester die Beschwörung an; doch schnell fiel ihm Langmantel ins Wort: „Spare deine Mühe, gutes Pfäfflein! Du hast keine Gewalt über mich, denn ich bin kein böser Geist. Aber hinter dir steht einer, den treib' aus, da wirst du ein nützliches Werk thun." Modestus sah sich um, und goß plötzlich, von Zaubcr- macht gezwungen, seiner angebeteten Gönnerin den vollen Wcihkcsscl ins Gesicht. Mit Entsetzen über sich selbst, fiel er ans die Knie und bat uni Gnade. Dann sprang er rasch wieder ans, ergriff den Sprengwedel, schlug heftig damit auf sie los, bat dcmüthig um Verzeihung, schlug in demselben Augenblicke noch derber zu, und jagte sie so unter abwechselnden Streichen und Komplimenten durch's halbe Schloß und zum Thore hinaus. Jetzt aber wandte sich das Blatt. Sabine, deren Zunge und Hände bisher ein Zanberband gefesselt hatte, bekam beide wieder frei, und nun hetzte sie mit allen erdenklichen Schimpfworten und wuthcnden Faustschlägen den fliehenden Geistlichen im Dorfe hinab. 9. Als sie von dieser Jagd zurück kam, waren Raimund und Vollrad wieder leidlich ans den Beinen. Wehklagend erzählte sie ihnen, was während ihrer Mittagsruhe vor- gegangcn war, und forderte den Herrn Vollrad dringend ans, sich tapfer in den Handel zu mischen. „Ihr habt am meisten dabei zn befahren!" sagte sie: „Denn werden wir das Unkraut, den Albert, nicht balv aus dem Hanse los, so entführt er Euch, trotz Schlössern und Riegeln, die Braut. Langmantcl ist sein Spießgcsell; mehr sag' ich nicht." — „Donner und Hagel, sie hat Recht, Bruder Raimund!" rief Vvllrad. „Aber wär' ich auch Roland oder der große Christoph, so könnt' ich allein nichts ausrichten. Ruf' deine Leute zusammen und wappne sie, so will ich mich an ihre Spitze stellen und den Strauß wagen." Lnngbein'S sämmtl. Schr. XVI. Bd. 17 -->Z> 238 S-o- Es geschah, wie er begehrte. Alle Knappen und Knechte die sich in der Burg befanden, wurden eiligst mit Streitäxten, Morgensternen und Hellebarden gerüstet, und folgten herzhaft ihrem Führer, dessen kräftige Gestalt ihnen Mnth cinflößte. Welch' ein riesenhafter Mann er war, läßt sich daraus abnchmen, daß ihn einsmals eine Stra- ßcnbcttlcrin um einen seiner Schuhe bat, den sie zur Wiege ihres neugcborncn Kindes «»wenden wollte. Der gewaltige Held und sein kleines Heer rückten in den Saal ein. Raimund und Sabine folgten als Troß. Voiliads Donnerstimme ermahnte zur Tapferkeit. Aber kaum war die feindliche Gränze überschritten, so rieben sich die gewappneten Knechte die Augen, gähnten einander an, taumelten rechts und links an die Wände, fielen zu Boden und schliefen ein. Vollrad, der allein die Augen offen behielt, sah mit Erstaunen umher. Er brüllte wie ein Löwe auf die Schläfer los; aber sie regten sich nicht. Sie blieben sogar fühllos, als er sic der Reihe nach mit Fußtritten und Schwcrtschlägen begrüßte, um sie munter zu machen. „Heh! was gibt's dort?" rief Langmantcl, indem er vom Throne stieg und mit großen Schritten herbei kam. Dem Rufen graute ein wenig; doch stand er fest ans seinem Platze, blickte stolz auf das Zwerglein nieder, und sprach gebieterisch: „Erwecke diese vom Zauberschlaf und liefere mir den jnngen Albert von Wciherburg aus, so will ich dich in Ruhe lassen." „Großmaul!" sagte Langmantel: „Glaubst du eine so hochmüthige Sprache gegen mich führen zu dürfen, weil ich dir nur bis aus Knie reiche? Trotze ja nicht auf deine Goliathsgestalt, das rath' ich dir!" „Was Rath, was Rath!" rief Vollrad wild. „Wo ist Albert? — Heraus mit dem Knaben! Oder soll ich ihn in seinem Schlupfwinkel aufsnchen?" Er bewegte sich vorwärts. „Keinen Schritt weiter!" sagte Langmantel, und vertrat ihm den Weg. „Laß mich, du Bratendicb!" schrie der Ritter, und hieb nach ihm mit dem Schwerte. Blitzschnell unterlief cs der Zwerg, umfaßte den Niesen mit beiden Armen, trug ihn mit behenden Schritten ans offene Fenster und stürzte ihn in den Weiher hinab. Zn gleicher Zeit erhob sich im Saal ein heulender Sturm, riß die Schläfer empor, wirbelte sie ein Weilchen wie dürre Banmblätter durch einander, und fegte sie dann Wie Spreu zur Thür hinaus. Raimund und Sabine waren schon entronnen, um den theuern Mann aus dem Wasser zu retten. Es ging glücklich von Statten. Aber bärcnwild fuhr er auf die Schaffnerin los und haderte grimmig mit ihr, weil sie ihn zu dem nassen Abenteuer verleitet hatte. Er warf sich, ohne trockene Kleider anzunehmcn, ans sein Pferd und ritt nach Hause. 10 . In der folgenden Nacht lag Raimund schlaflos im Bette. Sein Gemach war spärlich mit einer Ampel erleuchtet. Er versah sich jeden Augenblick einer schauerlichen Erscheinung , und mit dem Schlage der zwölften Stunde that sich die Thür auf. Langmantel schritt herein, und hinter ihm eine lange schwarze Gestalt, die mit gesenktem Haupte an der Schwelle stehen blieb, als hätte sic kein gutes Gewissen. Aber der Hausgeist trat ans Lager des Ritters, zog ihm das Deckbett, unter welches er sich ver- borgen halte, vom Kopfe, und begann: „Herr Raimund, wir haben ein ernsthaftes Wort mit einander zu sprechen. Es betrifft die Wciherburg, die du mit Unrecht besitzest, und noch in dieser Stunde ihrem wahren Herrn wieder abtrete» mußt." „Wer wäre das?" brummte Raimund. „Albert von Wciherburg ist's!" antwortete Langmantcl. „Sein Urältervater, Kunibert von Wciherburg, der heute vor hundert Jahre» starb, hatte einen ausschwei- dcn Sohn, der ihm viel Herzeleid machte. Das war deinen Uraltern, dem Herrn Kaspar von Rabcnfels und seinem räukevollcn Weibe, sehr erwünscht. Sie umschmeichelten de» Greis, und bemühten sich arglistig, ihn immer mehr und mehr gegen den ungerathcncn Sohn zu erbittern, damit er seine Hand ganz von ihm abzichcn, und sie, als nächste Verwandte, zu Erben ciusctzcn sollte. Beides kam dem ehrlichen Kunibert nicht in den Sinn. Doch als sie hörten, daß er sein HauS bestellen wolle, brachten sie den öffentlichen kaiserlichen Notarius Veit Schofel- mann, den er gewöhnlich in seinen häuslichen Angelegenheiten zum Gcheimschreibcr brauchte, auf ihre Seite, und dieser feile Betrüger schob den dunkel» Augen des Sterbenden, der seinen letzten Wille», als versöhnter Vater, zum Besten des reuigen Sohnes ausgesprochen hatte, ei» schon im voraus geschmiedetes falsches Testament unter, worin Kaspar von Rabcnfels zum Erben der Weiherburg und aller Znbehörungc» ernannt war." — „Du lügst!" murrte Raimund. „Mit nichtcn!" versetzte der Geist. „Ich habe hier einen Bekenner der Wahrheit bei der Hand, den ich aus dem Grabe rief, um ihn dir unter die Augen zu stellen. Sieh, dort steht Veit Schofelmann! Frag' ihn selbst! -O-D 261 ^ „Weg mit dem Tobten! Was Hab' ich mit ihm zu schassen?" stöhnte schaudernd der Ritter. Da Raimund das Verhör nicht anstellen wollte, wandte sich Langmantcl gegen die Thür und rief: „Sag' an, Veit, sprach ich Wahrheit oder nicht?" Die schwarze Gestalt senkte den Kopf noch tiefer und seufzte: „Du sprachst sic!" „Berichte nun, wie man dein Bubenstück belohnte;" snhr der Hausgeist fort. „Mit Tod und Grab!" ächzte Veit. „Ich eilte, nachdem ich das Verbrechen begangen hatte, zu den Anstiftern, und meldete, daß es gelungen war. Freudig ward ich empfange». Es war Abend. Man lud mich ein, über Nacht da zu bleiben. Des folgenden Tages sollt' ich den bedungenen Sold erhalten. Wein und Speise» wurden aufgetragen. Aber man hatte, um sich vor möglichem Verrath zu sichern, meinen Becher vergiftet, und ich gab in derselben Nacht, da der betrogene Kunibert starb, unter Höllcnschmcrzcn meinen Geist auf." „Hinweg!" rief der Hausgeist, und das Gespenst verschwand. „Du hast nun gehört, wie die Wcihcrburg in deine Hände kam;" sagte Langmantel zum Ritter. „Ich lege dir daher auf, das geraubte Gut auf der Stelle seinem rechtmäßigen Besitzer zu überantworten, und ihm dein Töchterlein, das er innig liebt, zum Weibe zu geben, damit er dadurch für den bisherigen Vorenthalt seines Eigenthums entschädiget werde." Raimund forderte Bedenkzeit; doch der strenge Schiedsrichter gestand ihm keinen Augenblick zu. Er drohte mit Gewalt, wenn nicht sofort geschähe, was Recht sey. Da er nun seit vier und zwanzig Stunden verschiedene tüch- tige Proben seiner Macht gegeben hatte, so schien es dem Ritter nicht rathsam, sich seinem Ansspruch hartnäckig zn Widerschein Er kroch daher zn Kreuze, und erklärte sich zu Allem, was der Geist gebot, willig und bereit. Indem er das that, stürzte Sabine, die draußen gehorcht hatte, mit wildem Geschrei ins Zimmer und wollte den ganzen Vertrag umstoßcn. „Sie schweigt!" — rief Lang- inantcl sehr ernst: „sonst häng' ich Ihr ein zentnerschweres Schloß an den Mund, das Sie bis ins Grab schleppen muß." — Diese Drohung war der geschwätzigen Elster so furchtbar, daß sie sich ohne weitern Einwand entfernte. Einige Minuten nachher standen Albert und Bertha, von ihrem thätigen Gönner herbeigeführt, vor.NaimnndS nothfreundlichcn Augen, und der frohbestürzte Jüngling hatte das überschwängliche Glück, in Einem Augenblicke das herrliche Gut seiner Väter und ein junges holdes Weib zu gewinnen. Die schwarze Spinne. In einem Walde, dessen Gränzbäume so nahe vor dem Thore eines Städtchens standen, als ob sic hineinschrciten wollte», hörte man vor alten Zeiten einmal drei Nächte hinter einander ein furchtbares Geheul. Martha, die betagte Haushälterin des Försters Nndolph, der im Walde wohnte, trat ihrem Herr», der während der Zeit auf einer fernen Jagd gewesen war, mit Wehklagen über die ausgcstandcnc Angst entgegen, als er in der Dämmerung des vierten Tages zurück kam. „Was wird's sc-n!" sagte der beherzte Jüngling. „Höchstens ein Wolf oder ein anderes Naubthicr, das sich in unfern Wald verirrt hat. Ich wcrd's morgen aufsuchen und, so Gott will, erlegen." Als er sein Gewehr aufgchangen und Martha's umständlichen Bericht über einige Vorfälle in seiner kleinen Wirthschaft angehört hatte, griff er wieder nach dem Hute, um einen Gang in die Stadt zu thuu. Die Alte, die nicht gern allein bleiben wollte, murrte darüber. „Sep ruhig, Müttcrlein!" sagte Rudolph. „Ich sah Lcnoren vier Tage nicht, und sie erwartet mich heute; aber ich komme bald wieder. Laß indessen heulen, was henlcn will. Das Hans ist wohl verwahrt, und d» bist von treuen Hunden beschützt." Lenore, die Tochter des Gewürzkrämcrs Peter Grif- ling, der nahe bei dem Thore sein Lädchcn hatte, flog freudig vom Spinnrade dem Geliebten entgegen. Indem sie sich herzlich begrüßten, und in diesem Augenblicke für nichts Anderes Augen und Ohren hatten, trat die kleine, runde Gestalt des Vaters unbemerkt in die Stube, schlich leise heran und betastete Rudolphs Jagdtasche, um ihren Inhalt zu erforschen. Da sic reichlich gefüllt war, bekam er Lust zum Scherzen, winlte der Tochter, die seiner jetzt ansichtig ward, ihn nicht zu verrathcn, streckte seine kurzen Arme so hoch als möglich, und bedeckte Rudolphs Augen mit beide» Händen. Der Gefangene rang sich behende los und that dem alten Männlein den Gefallen, über das Späßchen weidlich zu lachen. „Nun, legt Eure Tasche ab und nehmt Platz!" sagte Herr Peter, um die Auslieferung der Küchengcschcnkc zu beschleunigen. Rudolph, den Wink verstehend, langte einen Hasen, nebst einigen Rebhühnern und Schnepfen hervor. „Ah! so sch' ich doch, daß Ihr an mich gedacht habt!" jubelte der Krämer. „Gott vcrgelt's Euch!" Dabei wog er immer die Gaben nach einander in der Hand. Lenore wollte sie in die Speisekammer tragen. Aber freundlich, wie er immer war, wenn er ein Geschenk erhalten hatte, sprach er: „Laß nur „ laß! ich will's selbst thnn. Ihr junges Volk trennt Euch doch nicht gern von einander." Als er zurück kam, begann er, von dem Geheul im Walde zu sprechen, und führte weitläufig alle Weiber und Kinder, die ihm bei Gelegenheit eines Einkaufs in seinem Laden davon erzählt hatten, als Zeugen an. Rudolph -»D 265 antwortete ihm, wie seiner Haushälterin: der Ruhestörer sep'vermuthlich ein Wulf, den er morgen anffuchcn und schießen werde. „Hört," sagte Pctermännchcn, „wenn Jsegrimm einen schönen Pelz hat, so bitt' ich mir ihn ans; ich kann ihn zum Winter brauchen." Lenorc war im Stillen unzufrieden mit ihrem Vater, daß er nur seine» Vvrthcil im Auge hatte und nicht die Gefahr einer Wolfsjagd bedachte. Sie äußerte ihre Besorgniß laut und bat den jungen Mann, sein Vorhaben aufzngeben. Der Wolf, meinte sie, werde den Forst von selbst wieder verlassen. „Potz Wischwasch!" fiel der Vater hastig ein. „Rudolph muß ihn schießen; das ist seine Dienstpflicht! Und soll ich mich denn vergebens auf den Balg gefreut haben ?" Auf dem Heimwege hörte Rudolph mit eigenen Ohre» das Geheul im Walde. Es däuchte ihm aber weder die Stimme eines Wolfes, noch eines andern Ranbthiercs. Er wußte sich die gräßlichen Töne, die sich nur tausend Schritte hinter seinem Wohnhansc vernehmen ließen, nicht zu erklären. Waffenlos, folglich sehr verwegen, ging er ihnen in der nächtlichen Finstcrniß nach. Sie führten ihn zur höchste» Tanne des Waldes, die Königstanne genannt, und sic selbst schien der Anfcnthalt des heulenden Unge- thüms zu scpn. Da sich in der stockdunkel» Nacht keine nähere Untersuchung anstelle» ließ, begab er sich nach Hause und lud für den folgenden Tag sein bestes Gewehr, ob ihm gleich ahnen wollte, daß ein schußscstcs Wesen im Walde tobe, und daher für den künftigen Herrn Schwiegervater kein Winterpelz zu erbeute» sepn werde. Mit Anbruch des Tages war er wieder bei der Königskanne, besah sic von unten bis oben, umging sie mehrmals und entdeckte nichts. Indem er aber seinen Weg nach einer andern Waldgegend nehmen wollte, seufzt' cs hinter ihm und stöhnte seinen Namen. Rasch sich nmse- hend, fragt' er, wer ihn rufe. „Ein unglücklicher, in den Stamm dieses Baumes cingebannter Geists" antwortete die Stimme, und bat kläglich um Erlösung. „Dazu weiß ich keinen Rath;" sagte Rudolph. „O du kannst mir sehr leicht helfen!" sprach der Geist. „Siehst du nicht an der Nordseite des Stammes ein kleines, mit drei Kreuzen be- zeichnetes Zäpflcin? — Das zieh' heraus, dann ist die Pforte meines Kerkers geöffnet, und ich bin dafür ewig Lein Schuldner." Rudolph fand das Zäpflcin, aber die Sache war ihm bedenklich und er nahm kein Blatt vor den Mund. „Ich Hab' immer gehört," sprach er, „daß man nur böse Geister bannt; also wirst du wohl kein Engel scpn, und so ist es denn recht gut, daß du dich in enger Gewahrsam befindest." „O, wie hart beurtheilst du mich!" ächzte der Geist. „Wird nicht die Unschuld auch unter euch Menschen oft grausam verfolgt? Und wär' cs nicht ein falscher Schluß, wenn man Jeden, den ein mächtiger Zwinghcrr in de» Staub tritt, deßhalb für einen Taugenichts halten wollte? — Ich, der kein Wasser trübt, fiel jungst — ich weiß nicht, warum — bei einem feindseligen Zauberer in Ungnade, und wie Arglist immer über Arglosigkeit siegt, so gelang es auch dem Böscwicht, mich in diese Falle zu locken. — Darum säume nicht, edler Weidmann, einen Unterdrückten zu retten." Rudolph ließ sich bewegen, zog das Zäpflcin heraus 267 S-2- und trat einige Schritte zurück, um zu sehen, was für ein Wesen erscheinen würde. Da haspelte sich eine ungewöhnlich große, pechschwarze Spinne, mit acht blitzenden Augen, aus der Höhle hervor, kroch am Stamme des Baumes herab, wandelte unten ei» paar Spannen weit hochbeinig im Moose fort, und plötzlich verschwand sie. Aber, wie man eine Hand nmkehrt, that sich an derselben Stelle die Erde auf, ein langer, dürrer Mann, mit spitzem Kinn, krummer Nase und kleinen schielenden Augen, stieg hervor, grinste den Jäger freundlich an, lüftete seinen mit Gold verbrämten Fcderhut ein wenig und sagte vornehm: „Ich danke." — Er trug einen feucrrothen Mantel, mit dem er sich gleich bei seiner Ankunft viel zu schaffen machte, um ihn in Ordnung zu bringen und einen gewissen Uebelstand damit zu verbergen; doch die Hülle war ein wenig zu kurz, und jemchr er sic über einander schlug, desto sichtlicher ward es, daß er Bockfüße hatte. Rudolph entsetzte sich nicht; er hatte Math, es mit dem argen Wichte aufzunchmcn; aber es verdroß ihn, daß sich der Lügner so weiß gebrannt hatte. Darum sprach er mürrisch: „Scpd Ihr die schwarze Spinne, die dort im Baume steckte?" „Ja!" sagte der Bockfüßler mit frechem Lachen. „ES war eine spaßhafte Verwandlung!" „Hält' ich das gewußt," versetzte Rudolph, „so war' ich kein Thor gewesen, Euch hcrauszulasscn." „Daß doch in Eurer elenden Welt immer das Kleid de» Mann macht!" rief Jener. „Du würdest mir höflicher begegnen, hätte mir nicht mein verdammter Schneider den Mantel ^n kurz geschnitten und ein paar Ellen Tuch in seine Hölle geworfen. Aber ich werd' ihn dafür in die meinige holen. — UcbrigenS war die Mühe, die du meinetwegen hattest, sehr nnbcdentend, und ich verlange sie dennoch nicht nmsonst. Womit kan» ich dienen? Beliebt dir ein Scheffelsack voll Dukaten? — Soll ich dein Gewehr zurüstcn, daß cs nie eine» Fehlschuß thnt? — Oder willst du 'wissen, wie man Holzdiebe fest macht, daß sie, indem sic eine» Baum nmhauen wollen, mit der Art in der Lust, erstarren und versteinern, bis du kommst und sie wieder lebendig prügelst? — Das Alles sind brauchbare Dinge für dich. Sprich nur, was begehrst Du?" „Nichts, gar nichts! Ich bin mit dem, was ich habe, zufrieden." „Du bist der erste Mensch, den ich so sprechen höre. Der Glücklichste will immer noch glücklicher werden. Könige beginnen Krieg, um mehr Land zu erobern; der Reiche wuchert, damit sein Goldbcrg täglich wachse; und wer zehn Orden hat, möchte gern den gestirnten Himmel seines Kleides mit zwanzig Sternen erleuchtet sehn. — Nur du, der doch gar nicht im Schooße des Glücks zu sitzen scheint, nur du bist zufrieden! — Hast du vielleicht heimliche Schätze? Oder macht dich die Liebe so genügsam? — Ha! du wirst roth! ich hab's getroffen!" — Indem Meister Valant so sprach, schimmerte von fern eine weiße Gestalt durch die Baume. Es war Lenorc, die sich, von Angst gedrängt, aus dem Hause geschlichen hatte, um zu sehen, ob dem geliebten Wolfsjägcr ein Unglück begegnet sep. Er ging ihr rasch entgegen, damit sie nicht, näher kommend, den Nothmantel und sein häßliches Fußwcrk erblicken sollte. Dieß entging zwar glücklich ihren Augen; doch ihn selbst hatte sic bemerkt und fragte, wer er sep. Rudolph gab ihn für einen reiche» Holzhändler aus, der mit ihm habe Geschäfte machen wollen. „Und wie lief die Wolfsjagd ab?" fragte sie weiter. „Sehr schlecht!" antwortete Rudolph. „Jftgrimm mag erfahren haben, daß sein Pelz deinem Vater ins Auge sticht; drum hat er sich ans dem Staube gemacht." Mit diesen Nothlügen gab er dem Mädchen das Geleit nach der Stadt. Der Rothmantcl schlich ihnen von weitem nach und zog sich erst am Thore wieder zurück, als er ihren Eingang ins väterliche Haus beobachtet hatte. Acht Tage darauf kam ein fremder junger Herr, der, schlank eingcknöpst in einen Reitrock von grünem Sammt. auf einem prächtigen Pferde saß, sich aber ängstlich an den Sattelknopf hielt, zum Thore herein, stieg vor Herrn Peters Hause ab, übergab seinen Schimmel einem stark vergoldeten Reitknechte, und sprang mit gleichen Füßen in den Würzladcn. Herr Peter, der eben eine hoch gestellte Schachtel herab holte, erschrack über den Glanz der blitzschnellen Erscheinung, glitt auf der Leiter aus, verschüttete das Gewürz, zerriß sich den Schlafrock, und kam noch zum Glück auf den Ladentisch zu sitzen, wo er freilich ein da- liegendes Hundert thönernc Tabakspfeifen zermalmte. Er machte sich aber schnell wieder auf die Füße, warf die Nachtmütze vom Kopfe und fragte mit Ehrfurcht, was zu Befehl stehe. Der sammtenc Herr, dessen lange, knöcherne Finger mit Ringen von allen Farben bedeckt waren, setzte eine ungeheuer große, goldene Schnupfdose auf den Tisch und bat in einem etwas gemeinen Sprachtone, sie mit dem besten vorhandenen Tabak zu füllen. „Ehe wir aber Eins ins andere reden," fuhr er fort, „berechnet mir, guter Freund, den Schaden, den ich vorhin airrichtcte, da -»§> 270 sch, nach meiner lebhaften Art, Holter Polter in den Laben hcreinsprang." „O wie billig denkend und gnädig!" rief der vergnügte Krämer. «Doch, wenn ich nntcrthänig bitten darf, keine Rechnung! Herrschaften zahlen nach Belieben." «Alter Fuchs!" sagte der Grüne. „Ihr wißt schon, daß Ihr dabei nicht zu kurz kommt!" Mit diesem seinen Scherze zog er einen schweren Beutel hervor und warf ein Dutzend Dukaten auf den Tisch, als ob cs Rechenpfennige waren. Herr Peter, bis zu Thräncn gerührt, ergriff die wohlthätigc Hand und küßte sic mit Inbrunst. Indessen kam Lcnorc, erschrack über die Pfcifentrümmcr und übersah darüber ganz den vornehmen Kundmann. „Ah! welche Sonne geht auf!" rief Dieser. „Ist das Euer Töchterlcin, alter Herr?" „Zu hohem Befehl, Ew. Durchlaucht!" „Das schöne Kind steht mir also zu Befehl?" versetzte lachend der Prinz. „Guten Morgen mein Liebchen!" Er fuhr ihr mit der Hand nach dem Gesichte, um sie in die Backe» zu kneipen. Aber sic entzog sich der plumpen Liebkosung; und schamroth über des Vaters zweideutige Höflichkeit, die dazu Veranlassung gab, floh sic aus dem Laden. Grimmig sah ihr der Alte nach und bat den Verschmähten Buhler de - und wchmüthig, ihre kleinstädtische Blödigkeit nicht in Ungnaden aufzunehmcn. Der groß- müthige Herr lächelte verzeihend, bezahlte die Füllung seiner Dose mit drei Dukaten und nahm Abschied. Pctcr- männchcn sprang mit Lebensgefahr über den Tisch, um ihn zu begleiten, hielt ihm den Steigbügel, und erwartete nur einen Wenk, ihm beim Aufsitzen den Bock zu stehen. Doch ohne Begehren des lebendigen Fußschemels, half sich der Prinz, wiewohl sehr ungelenk, auf sein hohes Roß und ritt nach dem Gasthofe. Der Krämer sah an den Thüren und Fenstern seiner Nachbarn forschend umher, ob man den stattlichen Kunden bemerkt habe; und da er überall große Augen wahrnahm, ging er mit stolze» Schritten in sein Gewölbe zurück. Hier fand er Lenorcn mit Wegränmung des Pfeifenschuttes beschäftigt. „O du Gans!" fuhr er sie an: „wie dumm führtest du dich vorhin auf! Hätt'st dir's für eine Ehre schätzen sollen, daß ein großer Herr, der mir um nichts und wieder nichts eine Mandel Dukaten schenkte, mit dir tändeln und liebäugeln wollte. Ja, wär's nur ein anderer Grünrock gewesen! Dem groben Tuche läufst du nach, und vor dem Sammt, dem feinsten Sammt, nimmst du Reißaus. O du Gans, du Hauptgans! Wer weiß denn, was sich angcsponnen hätte? Gibts nicht Beispiele, daß sich Fürsten mit Bürgcrstöchtern vermählten? — Gott! zu was für einem Manne könnt' ich noch i» meinen alten Tagen aufwachsen! Und was werd' ich nun? — Von Gottes Gnaden Schwiegervater eines armen Schluckers!" — Indem er so schalt, sammelte das gute Mädchen still duldend die zerbrochenen Pfeifen und entfernte sich mit nassen Augen. Um sich von seiner Aergerniß auf eine angenehme Weise zu erholen, besah der Harpar die schönen Dukaten, legte sie auf die Goldwagc, fand sie alle mehr als vollwichtig und küßte dafür einen nach dem andern. Er prüfte eben den letzten, als sein hoher Wohlthätcr plötzlich wieder in den Laden hereinschoß und ihm, da die Dukaten und die Wage nicht schnell genug versteckt werden konnten, schel- -»§> 272 Seiend zurief: „Was macht Ihr da? Einem geschenkten Gaule muß man nicht ins Maul sehen." — Aber sogleich wieder gut gelaunt, beklagte er sich in einem vertraulichen Tone, daß im Gasthofe kein anständiger Bissen für einen Mann seines Standes zu haben sep. „Bedenkt," sprach er, „man wollte mich, den kaum der beste französische Koch befriedigen kann, mit einem Häring abspciscn." — „Ha, ha, ha! mit einem Schneiderkarpfcn!" — rief Herr Peter. Der Grüne ward roth, und mitten im Laden, wo die beiden Sprechende» allein waren, erscholl ei» wildes Gelächter. „Wer lachte da?" sagte der Krämer bestürzt. „Gelacht hätte jemand?" versetzte der Sammtrock. „ES muß wohl auf der Gasse gewesen sepn." Herr Peter schüttelte bedenklich den Kopf, schlug sich aber die Sache schnell aus dem Sinne, weil sein Dichten und Trachten jetzt darauf gerichtet war, dem Fremden noch mehr Dukaten abzulocken. In dieser Absicht erbot er sich, ihm binnen zwei Stunden mit einer leidlichen Mahlzeit aufzuwarten. Der Sammtrock, der die Armseligkeit des Gasthofcs vorsätzlich übertrieben hatte, um mit Leuoren zu speisen, nahm die erwünschte Einladung huldvoll an. Als er mit dem Versprechen, zu rechter Zeit wieder zu kommen, in den Gasthof zurückgegangen war, lief Petcr- männchen zu seiner Hausehre, verkündigte ihr den hohen Gast, und bat sie um Gottes Willen, sich zu tummeln. Sie crschrack über die Anmeldung, weil sie dem Förster gewogen war und schon die Schwindclgcdankcn ihres Ehc- herrn, der Schwiegervater eines Fürsten zu werden, von Lenoren erfahren hatte. Doch, den Hausfrieden liebend, setzte sie sich ohne Widerspruch in Bewegung, das Beste aufzutischcn, was Küche und. Keller vermochten. Indessen fegte Herr Peter eigenhändig mit Bestimm das Hans, wusch das Silberwcrk, putzte die Messer, deckte den Tisch und zündete Räucherkerzchen an. Lenore wollte ihn dieser unmännlichen Geschäfte überheben; er jagte sic aber in ihr Kämmerlein, mit dem Befehl, ihre besten Kleider anzulegcn. Zur Tischnachbarschaft des Sammtrocks gezwungen, mußte sic, von des Vaters drohende» Blicke» bewacht, die widerlichen Schmeicheleien und Liebeleien des albernen Menschen geduldig ertragen. Er bctheuerte: er habe alle Höfe von Europa besucht, aber nirgend eine Prinzessin gefunden, die mit ihr an Schönheit zu 'vergleichen sep. „Horch, horch!" rief der Vater schmunzelnd: „Aber Ew. Königliche Hoheit sagen damit wohl zuviel!" — „Nein, nein!" entgegnest der Gast: „Doch Ihr, mein Freund, betitelt . mich zu hoch. Ich bin nicht Fürst, bin nur Graf — der Erbgraf von Hahncnfcld — und ich preise mich^glück- lich, daß ich kein Kronprinz bin: denn als solcher könnt ich mich nicht nach meiner Neigung vermählen. Aber mein gnädiger Vater, der regierende Graf, läßt mir darin freie Hand. Er ist überhaupt ein lieber, herrlicher Mann. Ihr sollt ihn kennen lernen. Seine Grafschaft liegt zwar über hundert Meilen von hier; er befindet sich aber jetzt auf einer Reise, die ihn durch dieses Städtchen führt, und ich bin eben im Begriff, ihm entgegen zu reiten. Heute über acht Tage treffen wir mit einander hier ein, und speisen Mittags bei Euch, wenn sich Mütterchen der Mühe unterziehe» will, die Küche für uns zu bestellen." „Mit tausend Freuden!" rief Peterma'nnchen hastig in ihrem Namen. Sie mußte sich denn auch bereitwillig stellen; doch äußerte sie Besorgniß, daß der regierende Herr Lmiabein'S sämmtl. Schr. XVI. Bd. 18 Graf mit ihrer geringen Bewirthung nicht zufrieden seyn würde. „Macht Euch kein Bedenken, liebes Frauchen!" versetzte der Erbgraf. „Ihr bewieset mir schon heute, wie meisterlich Ihr die Kochkunst versteht. Es schmeckte mir in meinem Leben nicht so gut, als an Eurem Tische, ungeachtet mein Vater dem Könige von Frankreich zwei seiner trefflichsten Köche abspänstig gemacht hat und eine Tafel führt, wie kein Fürst in der Welt. Dennoch wird er sich gewiß auch recht dick hier essen, der alte Herr. Er liebt zur Abwechselung tüchtige Hausmannskost, und sie wird ihm doppelt behagen, wenn Ihr ihm Gesellschaft dazu bittet. Ladet auf seine Koste» die Vornehmsten der Stadt zum Mittagsmahl ein, damit sie mit eigenen Augen sehen, wie Grafen Euch schätzen. Auch kann's wohl geschehe», daß Euch mein Vater etwa nach der Tafel eine» gewissen ehrenvollen Antrag thnt, den die mnndanf- sperrenvcn Zeugen wie ei» Lauffeuer durch die Stadt verbreiten werden, wodurch Euch denn die Mühe der öffentlichen Bekanntmachung erspart wird." — Er schielte Lenorcn zärtlich an; sie schlug, betrübt über den ihr bevorstehenden Kampf, die Angen nieder; der Vater aber wußte sich vor Freude und Stolz nicht zu fassen. Als ihm vollends der Erbgraf beim Abschiede die genossene Mahlzeit mit fünfzig Dukaten bezahlte, fuhr ihm ein solcher Nagel in den Kopf, daß kein Auskommen mehr mit ihm war. Er hatte noch Tages zuvor, bei den damaligen^ Spottpreisen der uber's Meer herkommcndcn Maaren, sehr gern für einen Pfennig Gewürz verkauft, und Alle, die ihn so bedeutend in Nahrung setzten, um ferner» Zuspruch gebeten: nun aber trieb er jeden Pfen- nigkundcn mit Hohn aus dem Laven und gab auf der Stelle ein Gesetz, daß sich künftig niemand mehr unter- fange» solle, ih» wegen solcher Kleinigkeiten in seiner Nahe zn stören. Noch patziger war er gegen den Förster, der Abends znm Besuch kam. „Hört," sprach er, „Ihr habt ein Auge ans meine Tochter; aber höhere Blicke wenden sich nach ihr, und sic ist nicht geboren, in Eurer Waldhüite zn versauern. Betretet daher als Liebhaber und Freier meine Schwelle nicht mehr! Ucbrigcns bin ich Euer Freund und bleib' Euch gewogen." Rudolph erstarrte; indem aber der alte Ucbermüthler den Rücken wankte, druckte Lcuore dem bestürzten Jüngling die Hand und sagte ihm in's Ohr: „Dein bis in de» Tod!" — Da ging er getröstet von dannen. Die cingcladcnen Große» der Stadt waren bereits in ihren Feicrkleidern zum Schmause versammelt, als ein sechsspänniger Wagen vorfnhr. Die Grasen von Hahnen- scld saßen darin. Herr Peter, der schon lange auf der Lauer gestanden hatte, riß den Wagcnschlag auf und wollte den regierenden Herrn hcranslangen. „Das geht mit Seiner Hochgräflichcn Gnaden nicht so schnell!" sagte ein Bedienter, indem er ein zierliches Fußbänkchen unter den Tritt setzte. Jetzt bewegte der Graf seine wunderlich bekleideten Füße heraus. Ed trug rothe Halbstiefeln, vorn mit einer ellenlangen silbernen, aufwärts gekrümmten Spitze, auf welcher ein goldener Hahn, in der Stellung eines krähenden, mit ausgebreiteten Flügeln und offenem Schnabel, stand. Diese Fußrüstung, die allenfalls bei einem Faustkampfe wie ein Kosackenspieß brauchbar gewesen wäre, schien zum Gehen nicht bequem. Der Graf humpelte, von zwei Bedienten unterstützt, gar mühsam aus dem Wage» in's Haus. Die dcmüthigcu Kleiirstädtcr bückten sich unmäßig tief und lange vor dem anwackelndcu regierenden Herrn, den jetzt, wie manchen andern Regenten, seine Diener regierten. Als sich die gebeugten Kriechlinge nach und nach wie vernünftige Menschen wieder aufgerichtet hatten, sahen sie starr auf die gewappnete» Füße. Der Gras, daS bemerkend, sagte lächelnd: „Wundern sich die Herren, daß ich auf einem so großen Fuße lebe? — Es ist die neueste französische Mode oder vielmehr die Auferstehung einer alten, die schon seit Jahrhunderten begraben und vergessen war. Als ich mich vor zwei Monaten am französische» Hofe befand, hatte sie der König eben wieder vom Tod erweckt: er erschien mit Schnabelschuhen, die volle zwei Ellen lang waren. Ich scherzte mit Seiner Majestät darüber. Ist eS nicht genug, sagt' ich, daß Könige lange Hände haben? Wollen sie auch mit den Füßen herrschen und erobern? — Nein, lieber Graf! antwortete Seine Majestät und klopfte mich auf die Achsel: Wir brauchen nur dazu einen großen Fuß, damit die Länder, die wir darunter bringen, fein Platz haben. — Aber, wie man den Königen immer nachäfft, so thatcn's auch die Pariser Hofschranzcn, obwohl dergleichen Männlein keine Länder unter den Fuß bringen können, sondern sich mit Eroberung eines günstigen Monarchen - oder FraucnblickS begnügen muffen. Sie storchten nach wenigen Tagen ins- gesammt mit Niescnschuhen herum, und die meisten trugen vorn an der Spitze klingende Schellen, die sich bester an ihre Kappen geschickt hätten. — Der König neckte mich so lange, bis ich mir endlich selbst den Narrentand an- schafftc. Ich ließ, statt der gar zu geckenhaften Schelle», 277 <§-0 mein Wappenbild, den Hahn, darauf setzen, und er ist auch nicht stumm, das sollen die Herren gleich hören." — Die hohe Person beugte sich jetzt zu de» Hahnen hinab, berührte sie mit dem Zeigefinger und sic krähten wie lebendig und schlugen dazu mit de» Flügeln. Den Anwesenden gricseltc die Haut. „Seht, meine Herren," sagten Hochdieselben, „das ist ein französisches Kunstwerk! Das macht mir einmal in Deutschland nach!" Eben trat der Stadtpfarrcr, der sich etwas verspätet hatte, in seiner Amtskleirung herein. Der Graf schnitt ihm, znm Dank für seine ehrerbietige Verbeugung, ein zorniges Affcngcsicht, und bediente sich, wie von einer Uc- bclkeit angewandclt, seines Riechfläschchens. Der Anfall ging indessen vorüber. Als jedoch, nachdem die Suppe aufgetragcn war, der Pfarrer das Tischgebet zu sprechen begann, schien dem Grafen von neuem unwohl zu werden : er verzerrte das Gesicht noch häßlicher, als zuvor, hinkte an's Fenster, riß es ans, steckte den Kopf hinaus und zog ihn nicht eher wieder zurück, bis der Pfarrer das Gebet vollendet hatte. Der Wirth nöthigte nun den erhabenen Gast, der wieder mit ruhiger Miene vom Fenster zurückkam, an die Oberstelle der Tafel, und wollte ihm den Geistlichen, als den vornehmsten der einheimischen Gäste, an die Seite setzen; allein der regierende Herr, dein diese Anordnung nicht beliebte, spielte ohne Umstände, wiewohl er sich ans einem fremden Gebiete befand, den Regenten: er faßte mit der einen Hand seinen Sohn, mit der andern Lenorcn, und zog sie links und rechts auf die Stühle neben sich nieder. Es war sonderbar, daß der Erbgraf. der acht Tage zuvor eine sehr geläufige Zunge besaß und das gute Vernehmen mit seinem Vaier rühmte, jetzt in Gegenwart des- -O-D 278 selben stumm, scheu und blöde war, als ob er nicht drei zählen könnte. Desto besseres Mundwerk hatte der regierende Herr. Nur liest er sich meistens mit so seltsamen Meinungen heraus, daß ihm die ganze Tischgesellschaft hitzig widersprochen haben würde, wenn nicht sein Rang den zaghaften Spießbürgern ein Schloß vor den Mund gelegt hätte. Als unter andern die Rede davon war, daß man einen nahen Krieg befürchte, rief der erlauchte Herr: „Ei, waS befürchten! Der Krieg ist eine fröhliche Menschenfagd, eine wahre Fürstcnlnst!" — Und seht Ihr nicht seine Noth- wcndigkeit ein? Die Menschen wachsen wie Unkraut und würden bald keine» Raum mehr ans der Erde haben, wenn nicht des wohlthätigcn Kriegsgottes eiserne Faust von Zeit zu Zeit den lebendige» Ucbcrflnß unter die Erde schaffte." Ebenso wundersam waren seine Anssprüche, als man nachher über Mißwachs und Thcnrnng klagte und die Kornwnchcrcr verwünschte. „Scheltet mir die wacker» Leute nicht!" fiel er dem Sprecher in's Wort. „Es sind unentbehrliche Frohnvögte, die das trage Menschengeschlecht »>it der Geißel des Hungers zur Thätigkeit treiben. Besonders sind wir Großen ihnen Dank schuldig. Sic sorge» dafür, daß wir uns nicht selbst die Schuhe putzen müssen: denn wer würde für Andere knechten und arbeiten , wenn er sich täglich für ein paar Heller satt essen könnte? — Darum sollte man um jene verdienstvollen Männer eine allgemeine Landtrancr anlcgen, wenn sic bei plötzlichem Fallen der Gctrcidepreise zum Strick greifen und anS dem hänfenen Fenster heraus der Welt, der sie nichts mehr nützen können, Valet sagen." Als der Nachtisch aufgesetzt wurde, lehnte sich der edle Herr gemächlich im Stuhle zurück, legte die Hände gefaltet auf die Brust, ließ die Daumen umeinander hcrum- spiclcn und sagte: „Ich bin heute überaus heiter! Warum haben wir nicht Musik?" „Ew. Hochgräfliche Gnaden verzeihen," antwortete der Wirth, „damit ist's in unserem Neste gar schlecht bestellt. Wir habe» nur drei Fiedler, deren wir überdicß heute nicht habhaft werden können, sintemal sie bei einer großen Bauernhochzeit, die acht Tage dauert, mit ihren Crcmo- ncscr Geigen anfwarten. Wollten aber Ew. Gnaden geruhen, sich mit Zitherspiel und Gesang zn begnügen, so würde mein gegenwärtiger Herr Gevatter, der Cantor Gabriel, nicht ermangeln, sich nnterthanig hören zulasten." Herr Gabriel, der dem bekannten Sprüchwort: Onto- re« nma»t tnmivi-es, nachgclebt und weidlich gezecht hatte, ward noch röther, als er schon war, und winkte dem Herrn Gevatter mit der Hand, ihn in Ruhe trinken zn lassen. Doch der Graf sagte: „Also sitzt ein Namensvetter des berühmten Engels Gabriel mit uns zu Tische? — Nun, die Engel sind vortreffliche Sänger und Harfner; daher bin ich lüstern, den Herrn Cantor singen und spielen zu hören, weil er ohne Zweifel seinem Engclnamen keine Schande machen wird." Der Cantor erhob sich vom Stuhle und lallte mit schwerer Zunge: „Der erlauchte Herr denken zu günstig von meiner Wenigkeit. Ich bin leider ein Stümper und bitte geziemend, mir den Beweis davon gnädig zn erlassen." Da sprang Herr Peter hastig auf, trippelte hin zum Cantor »nd sagt' ihm in's Ohr: „Gevatter, sperrt Euch doch nicht! Es kann Euch eine Hand voll Dukaten ein- bringen und am Trunk sollt Ihr nichts einbüßcn; Ihr -<>D 280 -Dolomit morgen'zwei Flasche» Wcrtheimer gratis bei mir abholen lassen." Das waren Bewegungsgründc, denen Herr Gabriel nicht widerstehen konnte. Er ging mit schwankende» Schritten nach Hanse, holte seine Zither und fragte bei der Rückkunft den Grafen: ob er ein ernstes oder scherzhaftes Lied befehle. „Gebt uns ein lustiges Stück!" sagte der Graf. „Das vom zerbrochenen Satan, Herr Gevatter!" schrie der fröhliche Wirth. „Vom zerbrochenen Satan?" — rief der Graf, hell auflachcnd. „Das will ich hören!" Der Zithcrschläger sang, »ach einem kurzen Vorspiele, folgende wilde Posse: Als der Teufel herunter vom Himmel fiel, Da ging er morsch enrzwci. Seine Glieder wurden der Winde Spiel Und flogen umher wie Spreu. Auf den Boden des Landes Hupauia Ward das Haupt vom Sturm gesa't! Drum wuchs der Kürbis des HvchmuthS allda, Der ohne Verdienst sich bläht. Die Brust und das schwarze Herz darin, Die kamen in Welschland an Port: Drum herrschet dort viel hämischer Sinn, Und Nachgier und Meuchelmord. Der Magen und Bauch znsam,neugesellt, Erreichten in Deutschland ihr Ziel: Drum schmauset man hier so gern und hält Auf volle Becher viel. -oZ> 281 <§-«- Die Beine drehte» sich lnnq' im Ring', Und endlich nach Frankreich hinein: Drum ist der Franzos ein so regsames Ding, Und kann nie ruhig seyn. Nach Algier reis'te die eine Hand, Die andre nach Tunis hin: Drum sticht man dort, von Habsucht entbrannt, Jn's Meer nach Naubgewinn. Die Zunge, vom Teufel zerbissen vor Wuth, Flog stückwcis in alle Welt: Drum schwärmt überall der Lügen Brut, Und Wahrheit räumet das Feld. Der regierende Herr wollte während des Gesanges immer vor Lache» bersten. „Das ist ein erzschnurrigcs Ding!" rief er am Ende. „Der Teufel selbst, wenn er hier wäre, würde sich darüber freue»; denn ungeachtet ihn das Lied unbanstherzig zerbröckelt, befindet er sich doch nach den neuesten Nachrichten im besten Wohlseyn." Hierauf zog er einen schweren, mit Gold gefüllten Beutel aus der Tasche, legte ihn auf einen Teller und sagte zu dem hinter seinem Stuhle stehenden Bedienten: „Bring' das dem wackcrn Sänger zur Erkenntlichkeit für das mir gemachte Vergnügen." — Mit der feurigsten Dankbarkeit küßte der Beschenkte des hohen Gebers Hand und Kleid. „Nehmt fürlicb, mein Freund!" sagte der Graf. „Und sollt' cs Euch über kurz oder lang hier nicht mehr gefallen, so kommt an meinen Hof und sepd der Bestallung zum Tonmeister mit gutem Gehalte gewärtig." Gleich nachher gab er durch Erhebung vom Stuhle das Zeichen zum allgemeinen Aufstande. 282 <§» Nachdem man ihm die Mahlzeit mit den unterwürfigsten Bücklingen gesegnet hatte, führte er Lenorcn und ihre Eltern an ein Fenster, winkte seinem Sohne und sagte: „Nun, Erzgräfchen, fädle deine Sache hübsch ein! Du verstehst fa das Einfädeln!" — Aber der junge Herr schlug erröthcnd die Augen nieder, und gebcrdcte sich eine Weile wie ein Dümmling, der nicht weiß, was er sagen soll. Endlich hob er schwerfällig an: „Jungfer Lenore, die Hellen Strahlen Eurer unvergleichlichen Schönhcii, vereinbart mit Tugcndzier, haben — machen — " Da blieb er stecken und rieb und wand die Hände so ängstlich, daß seine vielen Ringe hätten Feuer geben mögen. „Du bist ja heute ganz verblüfft!" sagte der regierende Herr. „Fängst da eine Salbaderei an, als hätte sie dir ein alter Schulmeister cingctrichtcrt, und auf Einmal stockt dir das Wort im Munde. So muß ich wohl selbst für dich sprechen." — Er that nun Lenorcn im Namen deS Stummen eine förmliche Liebeserklärung, und versicherte seiner Scits, daß er als zärtlicher Vater die etwas starke Mißvcrbindung, die seine hohen Standcsgenosscn freilich sehr tadeln würden, genehmigen wolle. Er forderte nun auch des Mädchens Eltern auf, gleichfalls ihre Einwilligung zu ertheilcn. „O, wir Armen, wir Unwürdigen!" sagte Herr Peter mit Freudenthräncn: „wie könnten wir uns einen Augenblick bedenken, das hohe Glück, das unserer Tochter so herablassend geboten wird, mit untcrthänigstcr Danknchmig- kcit zu empfangen?" Aber die Mutter sprach mnthig: „Gleich und Gleich gesellt sich gern, gnädiger Herr, und nur Gleich und Gleich ist miteinander zufrieden und glücklich. Unsere Tochter -öS 28 3 liebt den jungen Förster, der draußen im Walde wohnt, und ich kenne ihr Gemüth, daß sie ihn um keinen Prinzen vertauschen würde. Was hat auch eine arme bürgerliche Dirne von einem vornehmen Gemahl zu erwaitcn? — Verachtung und Verstoßung, sobald die Röslcin auf den Wangen verblüht sind; und sie verblühen so schnell, als die im Garten. Das ist denn kurze Freud und langes Leid. Also verzeihen Hochdieselben, daß ich mich im Namen meiner Tochter, die zu furchtsam ist, frei von der Leber weg zu sprechen, für die ihr zugcdachte Gnade höflich bedanke." „Thörichte Frau!" schalt der Krämer, mit dem Fuße stampfend: „Du redest so einfältig, daß ich mich vor Seiner Hochgräflichen Gnaden deiner schäme." — Er wandte sich dann zu Lcnoreu: „Ich hoffe, du bist klüger als dein Advokat. Sprich also selbst, ob du die Hand des jungen Reichsgrafen, der einst Land und Leute regiert, ausschla- gen willst?" „Ja Vater!" sagte sie sanft, doch fest. „Ich gelobte Rudolphen ewige Liebe und Treue." „Liebe hin, Treue her!" rief er wild. „Bei Lieb' und Treue kan» man verhungern." Der regierende Herr nickte Beifall. „Ich befehle dir," tobte Jener fort, „als Vater und Hausherr befehl' ich dir, dem Jäger den Korb und dem Herrn Grafen das Jawort zu geben." „Nein, eher ende mein Leben auf der Stelle!" seufzte Lcnore mit einem Blick gen Himmel. „Nun, so ruf' ich denn alle Häupter der Stadt, die mit Erstaune» um mich her stehen, zu Zeugen an, daß ich eine crzungehorsame Tochter habe!" schrie Herr Peter und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen. „Aber 1 - -»-D 284 ich will meine väterliche Gewalt brauchen — ich will züchtigen, einsperrcn, hungern lassen —" „Ruhig, Manulein, ruhig!" sagte der regierende Herr und richtete sehr gelassen und bedächtig au Lcnorcn die Frage: ob sie in dem Falle, daß sie von Rudolph ihres Gelübdes freiwillig entlassen würde, den Erbgrafen heira- then wolle. Sic schwieg einige Augenblicke, weil sie die Frage keiner Antwort werth hielt. Doch da sie nicht befürchten durfte, von dem treuen Jüngling leichtsinnig anfgegeben zu werden, und sie sich wenigstens für jetzt Luft schaffen wollte, so sprachen ihre Lippen ein leises Nothja, indem ihr Herz zugleich Nein sagte. „Vorfahren !" rief der Graf einem Bedienten zu. Seine Prachtkutsche, die in einiger Entfernung noch bespannt hielt, raffelte vor die Thür. Er beurlaubte sich von der Gesellschaft, mit der Versicherung baldiger Rückkunft, ließ den Erbgrafen gleichsam zum Pfände da, setzte sich in den Wagen und befahl, nach dem Forsihause zu fahren. Martha sah neugierig aus dem kleinen, in einen grüne» Rahmen gefaßte» Fenster, als die hohe Herrschaft angerollt kam. Rudolph war eben tiefer in den Wald gegangen, um der Abcndkühle eines heißen Tages zu genießen und in düsterer Einsamkeit seinem Kummer nachzuhängen: denn er wußte, daß die große Gasterei in Peter Griffling's Hanse den Zweck hatte, ihm sein Mädchen abwendig zu machen. Ein gräflicher Bedienter fragte nach ihm. Martha, die steif und fest glaubte, der königliche Landesherr sitze draußen in der Kutsche, warf mit Angst nnd Zittern ihren Sonntagsmantel um, und machte sich 285 S-o schnell auf dic Füße, »m ihren Herrn aufzusuchcu. Des Grafen sechs Rappcnhcngstc trabte» und schnoben hinter ihr her. Zum Glück hatte das alte Weitstem, das mit fliegendem Mantel vorankcuchtc, nicht lange nöthig, die angrcifcnde Rolle eines herrschaftlichen Läufers zu spielen, weil Rudolph schon in der Gegend der Königstanne, dic unweit des Fahrwegs stand, der im Walde so seltenen Erscheinung eines Sechsspänners mit Verwunderung entgegen kam. „Scpd ihr der Förster Rudolph?" rief der Graf, und ließ sich nach erfolgter Bejahung aus dem Wagen heben. Er ging mit dem jungen Manne, den er vertraulich unter den Arm faßte, eine Strecke waldein, um die vorhabcnde Unterhandlung nicht von seinen Leuten behorchen zu lassen. Es war ein beschwerlicher Gang für ihn, weil sich seine langen Schuhschnäbel beinahe von Schritt zu Schritt in dem Gestrüppe verfinge». Da er jedoch dic Mühe, sich immer wieder loszuwickcln, nicht scheute, so ward dic nöthige Entfernung endlich erreicht, und er begann: „Ich bin der regierende Graf von Hahnenfeld. Mein einziger Sohn sah vor acht Tagen des Kaufmanns Griffling artig Tochter, verliebte sich in sie und bestand darauf, das Dirnlcin zu hcirathcn. Ei» toller Einfall; doch ich gab nach. Wir thatcn heute dic Anwerbung. Da erhielten wir von Leno- rcn den Bescheid: sie seh schon mit dir vcrplämpert und müsse dir Wort halten; wen» du aber, um ihrem Glücke nicht im Wege zu stehen, freiwillig zurückträtest, so wolle sie den Erbgrafcn heirathen." „Das hätte Lenore gesagt ?" fiel ihm Rudolph finster in's Wort. „Sie hat's gesagt!" erwiedcrte der Graf. „Vielleicht mit zwei oder drei andern Wörtlcin, die aber denselben Sinn hatten. Nun kommt's darauf an, ob du das Mägdlein zur Gräfin und dich — zum Obcrlandjägcrmeistcr erheben willst. Diesen Posten mit Adclswürdc verspreche ich dir, und kann es mit Sicherheit, weil ich am Hofe deines Königs, wie an allen Höfen, viel gelte, und alles durchsetze, was mir beliebt. Die geheimen Näthe und die Hofnarren, die Beichtväter und die schönen Hofsräulci» — kurz, alle solche Leute, von welchen sich die Herrscher beherrschen lassen, lenk' ich wie Gliederpuppen, und sie tanze», wie ich pfeife. Darum kannst du dich auf die versprochene Beförderung fest verlassen." Rudolph sah ihm scharf ans die Füße und sagte: „Mich däucht, Ihr scpd Derselbe, den ich schon vor vierzehn Tagen hier, wo wir stehen, mit verschiedenen Anerbietungen zurückwics." „Das möchte wohl ein Jrrthum in der Person ftp»;" entgegnete der Graf. „Mit Nichten!" sprach Rudolph. „Ihr sepd, trotz Eurer etwas veränderter Gestalt, der gefährliche Geist, der in diese Tanne gebannt war, und den ich aus gutmüthigcr Einfalt befreite." „Du Vogel, kennst mich noch gut!" rief Jener lachend. „Also thu' auch, was ich verlange; den» ich habe Macht, dir zu schaden." „Ja, wäre nicht Einer über uns, der mächtiger ist, denn du!" versetzte Rudolph. „Du kannst mir eben so wenig ein Haar krümmen, als dem Doctor Luther, der dir vor einigen Jahren sein TintefaZ an den Kopf warf." „Was rührst du die alte Geschichte auf?" gricsgramte der Geist. „Wir haben nichts weiter miteinander zu sprechen. Bleib, was du bist! Lenore hcirathet dennoch den Erbgrafen. Ich verlasse mich auf die feile Seele, den Va- -oD 287 ^o- . ter! Der wird, wenn ich ihm Geld genug biete, dein Liebchen so lange peinige», bis es gehorsamt." Mit dieser Drohung ging er fort; aber so langsam wie eine geizige Frau, die mit einem Kaufmannc nicht Handels eins werde» konnte, und von Schritt zu Schritt erwartet, daß er sie zurück ruft» und ihr die gefeilschte Waare um das darauf gebotene Spottgeld überlassen werde. Indessen überlegte Rudolph die Sache. Ueberzcugt, daß Herr Griffling, mit Höllcngold bestochen, das treue Mädchen grausam mißhandeln werde, sann er ängstlich auf ein Mittel, dem Bestecher die Hände zu binden. Er hatte bald einen klugen Einfall. „Ihr seyd verdammt kurz angebunden !" rief er dem forthinkenden Flicgenmrsten nach. „Worauf trotzt denn ein so ohnmächtiger Geist, den ein Gcistcr- banner zu einer Spinne zusammendrnckcn und in ein Baum- höhlchcu ciuspünden konnte? — Ich wette darauf, Ihr vermögt cs nicht, Euch von selbst in so ein kleines Wesen zu verwandeln und in das enge Behältniß zu pressen." „Ho! ho! das war' mir ei» Spaß!" rief Meister Va- lant mit Hohnlachcn. „Ich glaub's nicht eher, bis ich das Kunststück sehe;" versetzte der Weidmann. „Und die Neugier plagt mich dergestalt, daß ich mich allenfalls, wenn Ihr mir den Ho- kns Pokus auf der Stelle macht, aus Erkenntlichkeit entschließe, etwas nachgiebiger zu werden." Plötzlich verschwand die Grafengestalt; eine schwarze Spinne lief an der Königstannc hinauf und kroch in den alten Kerker. Blitzschnell verschloß ihn der Jäger mit dem dreimal bekreuzten Zäpflcin, das er noch immer, ohne . 5 . - / I Ä kl daran zu denken, mit sich hernmgetragen hatte. Es meldete sich aber selbst, als der Fliegenfürst die Unterhandlung trotzig abbrach. Da bewegt' es sich, seine Dienste gleichsam anbietcnd, lebhaft in der Tasche und leitete damit den jungen Mann auf den Gedanken, den er jetzt glücklich ausführte. „Holla, mach' auf!" rief inwendig der schwarze Kanker. „Was soll das bedeuten?" Des Jägers Antwort waren ein paar Schläge mit dem Flintenkolben, womit er das Zäpflcin fester cinklopfie. Und indem er sich hierauf nach der Straße kehrte, verwandelte sich vor seinen Augen die gräfliche Kutsche in einen Strohwisch, den sechs geflügelte, mit Zwirnfaden angesträngtc Heuschrecken in die Lust führten. „O, ich dummer Teufel!" schrie der Gefangene. „Da ließ ich mich abermals von einem Menschen überlisten! — Was hilft's, ich habe verspielt, und mache dir fördcr dein Liebchen nicht streitig. Zieh' also getrost das Zäpflcin wieder heraus! Ich will dir dann auch erzählen, wie es sich mit dem vorgeblichen Erbgrafen verhält, damit du ihm vhnc Umstände die Thür weisen kannst." „Erzähle nur, erzähle!" sagte Nndolph. „Mit dem Zäpflein hat es noch Zeit." „Mein sogenannter Erbgraf," begann der Unhold, „ist ein armseliger Schneider, und zwar derselbe, der mir, um Tuch zu stehlen, meinen Mantel zu kurz schnitt. Ich wollt' ihm darüber zu Leibe. Da stellte Meister Knopf — so heißt der Schuft — demüthig vor: die begangene Deube ftp so geringfügig und überdieß so gewöhnlich, daß seine wenige Person unmöglich die Hölle damit verdient haben könne. Er wolle sich jedoch mir verschreiben und ergeben, wenn ich seine Neigung zu hübschen Weiblcin be- 289 Oo- friedigte und ihm die schönste Dirne, die ich aufgabeln könne, verschaffte. — Nun weiß ich selbst nicht, warum ich ans das elende Schneidcrlein so versessen war,' da doch tausend fettere Höllenbraten täglich für mich gar werden. Kurz, ich ließ mich in den Handel ein, erniedrigte mich zu seinem Kuppler, und versprach ihm Lenoren, die ich ein paar Tage zuvor, als sie mit dir aus dem Walde nach der Stadt ging, gesehen hatte. Meister Knopf, mit Gelde reichlich von mir versorgt, ritt hierher, gab sich für den Sohn eines regierenden Grafen aus, und ich — als hält' ich sonst nichts zu thun! — beschäftigte mich heute damit, die Rolle seines Vaters zu spielen. Ich sage mich aber, da ich seinetwegen hier in der Tinte sitze, ganz von ihm los. Geh' hin und wirf ihn ans dem Hause! — Nun Hab' ich das Meinige gethan. Thu' jetzt das Dei- nige und laß mich frei!" — „Nein, du undankbarer Geist!" sagte der Jäger. „Du hast mir deine erste Befreiung zu übel vergolten!" „Wie? — du willst nicht Wort halten?" schrie der Unhold. „Ich versprach nichts!" antwortete Rudolph und eilte davon. Der Satan brüllte ihm die gräßlichsten Verwünschungen nach und schüttelte die Tanne so gewaltig, daß der Boden unter ihr bebte und ein herabstürzender Zapfenregen den Umkreis des Stammes bedeckte. „Halt, Meister Knopf!" rief Rudolph, als er, ins Gesellschaftszimmer hastig eintretend, den Windbeutel, der nach Satans Fahrt in den Wald recht lustig geworden Lcmgbcin's sämmtl. Schr. XVI. Bd. 19 war, mit Lenore» um einen Kuß ringen sah. „Was willst du hier? du ungebetener Gast!" schrie dagegen Herr Peter und'sprang dem Förster wüthcnd entgegen. Aber in demselben Augenblicke begab sich zu Rudolphs Rechtfertigung das wunderbare Ercigniß, daß dem Meister Knopf, der beim Rufe seines Namens erstarrte, die gräflichen Prachtklcidcr wie Zunder vom Leibe fielen. Da stand er, ein bleicher, bebender Dürrling, in einem verwitterten grauen Röckchcn, aus dessen Taschen lange Papierstreifen zu Kleidermaßen hervorhingcn. „Greift wieder zur Schccr' und Nadel, Herr Erbgraf!" sagte Rudolph. „Der regierende Herr hat ausregicrt! Er kau» Euch den Beutel nicht mehr spicken, um ehrlichen Leuten damit einen blauen Dunst vorzumachcn." Stumm und geduckt, wie ein feiger Schelm, der Schläge befürchtet, huschte der Schneider zur Thür hinaus. Rudolph erzählte hierauf den Vorgang im Walde. Männig- lich erstaunte darüber. Der Geistliche weniger, als die übrigen Zuhörer. „Ich ahnte," sprach er, „den Wolf im Schafsklcide, weil ich, der Diener des göttlichen Wortes, ihm ein Dorn im Auge war." „Aber, zum Henker! wer bezahlt mir die Kosten des heutigen Gastmahls?" rief Herr Peter. „Und ich will doch nicht hoffen —" Er stürzte, plötzlich abbrcchend, aus dem Zimmer, kam nach einigen Minuten mit einem ganz entstellten Jammcrgesichte zurück und schrie: „Ach, ich unglücklicher, betrogener Mann! Alle meine Teufelsdukatcn, die ich von dem verfluchten Erbgrafen erhielt, haben sich in Kohlen verwandelt." Erschrocken fuhr der Kantor in die Tasche und zog, statt der ihm bei der Tafel verehrten seidenen Golebörse, einen Beutel von grauer Sackleinwand hervor. Er öffnete ihn 291 mit zitternden Händen, und fand, als hämische Anspielung auf seine Trinklust, ein paar Dutzend Korkstöpsel darin. Die Gesellschaft brach in ein unbändiges Gelächter aus. Selbst Herr Peter, der geschlagene Mann, grinste einen Augenblick wie ein vergnügter Affe. Aber seine böse Laune kehrte sogleich wieder zurück, und alle Gäste machten sich fort, da nun doch von dem grämlichen Knauser kein Trunk Wasser mehr zu erwarten war. Die satanische Prellerei hatte übrigens den guten Erfolg, daß er nicht weiter mit dem Gedanken umging, seine Tochter an einen großen Herrn zu vermählen. Er nahm den wackcrn Förster wieder zu Gnaden an und richtete bald hernach ihm und Lenoren die Hochzeit aus. Der Flicgenfürst, mit seinem engen Hoflager in der Königstanne höchst unzufrieden, dnrchtobte die Nächte, bis ihm, da der Lärm unerträglich war, ein zu Hülfe gerufener Geisterbanner einen andern Wohnsitz anwies. Seine Unklughcit, vor seindlichen Augen ins alte Gefängniß zu kriechen, ward weltbekannt, und erzeugte die Redensart des gemeinen Lebens, daß man einen Tropf, der sich auf eine lächerliche Weise überlisten läßt, einen dummen Teufel zu nennen pflegt. Die Hofmeistern» i. Um dieselbe Zeit, als Doctor Faust aus Auerbachs Keller in Leipzig auf einem Weinfasse ritt, lebte dort ein sehr ansehnlicher Kaufmann, Namens Altmaper, dessen schlechteste Waare, die er im Hause hatte, sein einziger chelciblichcr Sohn war. Die väterliche Absicht, einen tüchtigen, Ordnung liebenden Großhändler aus ihm zu ziehen, schlug gänzlich fehl. Er widmete sich zwar dem Merkur, aber nicht dem Gott der Kaufleutc, sondern dem Gott der Diebe: denn der Götterbote ist, wie bekannt, auch Schutz- und Schirmherr der letztem, und hat, wie alte Sagen von ihm erzählen , oft selbst lange Finger gemacht. Das that auch Valentin Altmayer. Doch verfuhr er dabei nach seiner Meinung mit einer gewissen Anständigkeit. Fremdes Gut war vor ihm sicher; er vergriff sich nur an dem Eigenthume seines Vaters, weil er sich schon als Mitbesitzer betrachtete, und heimliche Entwendungen für weiter nichts als einen erlaubten Vorgcnuß der künftigen Erbschaft ansah. Was er auf solche Art wegkaperte, trug er nicht, wie jener Heilige, der Leder stahl, um Schuhe für die Armuth daraus zu bereiten, in die Häuser der Armen, sondern in andere Häuser, wo Leute seiner Gattung selbst so arm werden, daß sie endlich keine Schuhe mehr haben. Er vergeudete und verpraßte den Raub mit liederlichen Gesellen und Buhldirnc». Sein Vater, der diese Streiche bald erfuhr, schlug au dem verhassten Stabe seines Alters manchen Stab entzwei, und verschaffte ihm, da diese Schläge nicht anschlugen, eine Pfründe im Zuchthause, wo er sein durch starke Weine erhitztes Blut mit Wasser kühlte, und den von Torten und Pasteten verdorbenen Magen durch eine heilsame Hungerkur wieder hcrstcllte. Als er ein halbes Jahr laug so gebüßt hatte und Reue und Leid bezeigte, nahm ihn der Vater wieder ins Haus und zu Gnaden au. „Aber was wird nun aus dir?" sprach er. „Zur Kaufmannschaft bist du zu dumm!" Valentin crröthete über diese Beleidigung und murrte. »Ja, ja, zu dumm!" wiederholte der Vater. „Denn cs ist der Dummheit höchster Grad, wenn man nicht sein ganzes Dichten und Trachten darauf richtet, etwas vor sich zu bringen." „Nun, so laßt mich studieren!" rief Valentin trotzig. „Da hast du Recht! Das ist der sicherste Weg, nichts vor sich zu bringen!" versetzte der Vater, und ließ sich dennoch den Vorschlag gefallen, weil er, wie Viele seines gleichen, der Meinung war, daß cm unnützer, zu allem Handel und Wandel unbrauchbarer Mensch immer noch klug genug sey, ein Gelehrter zu werden. Als sich aber Valentin auf die Frage, was er studieren wolle, für die Rechtswissenschaft erklärte, schüttelte Herr Altmaper den Kopf und sagte: „Das ist nichts für dich! Die Geschäfte eines Juristen sind zu wichtig; sie betreffen Hab' und Gut; -o-V 294 und hast du als Advokat einen Prozeß verfaselt oder verpfuscht, so mußt du den Bock bezahlen, und bist dir selbst ein unglücklicher Schadvokat. Drum wende dich lieber zur Medicin; da ist weniger zu verderben. Alle Menschen muffen von hinnen! — Quacksalberst du auch einen und den andern Kranken zu früh aus der Welt hinaus, was th»t das? Kein Hahn kräht darüber, und dein Fehler wird ehrlich begraben." — Valentin, dem es nur um den Titel und die Freiheiten eines Studenten zu thun war, widersprach nicht, und ward in die Liste der Musensöhne eingeschrieben. Er kostete auch Anfangs in verschiedenen Hörsälen ein wenig herum; aber die trockene Gelehrsamkeit wollte ihm nirgend behagen. Bester schmeckte ihm das edle Naß der Weinkeller, und er lebte nach wie vor mehr unter, als über der Erde. 2 . So geschah es, daß er sich auch damals in Auerbachs Keller befand, als Doctor Faust den weltberühmten Nitt auf dem Weinfasse machte. Das bezeugt Goethe in seinem Faust. Unser Altmapcr ist darin genannt und verewigt. Er gehörte zu den lustigen Gästen, die sich an dem Doctor muthwillig reiben wollten, und dafür durch ein Blendwerk der schwarzen Kunst lächerlich getäuscht wurden. Ein Weinberg stieg um ste cmpvr, Mit goldnen Trauben reich behängen. Sie zogen Messer schnell hervor, Die Lese fröblich nnznfnngen. Sieh, da verschwand die Herrlichkeit Wie eine bunte Seifenblase, Und jeder hielt, zum Schnitt bereit, In seiner Hand — dcS Nachbars Nase. Bestürzt sichren die Weinleser aus einander, Faust ritt ans einem Fasse davon. Dem jungen Altmapcr gefiel dieses Zauberstück unge mein. Er dachte, wer solche Dinge zu thu» vermöge, der könne auch Sand und Steine in Gold verwandeln, und diese Kunst scp des Lernens wohl werth. Darum beschloß er auf der Stelle, sich bei dem Wundermann als Schüler zu melden. Er forschte Fausts Wohnung aus und ging dahin. Im Vorgcmache fand er den bekannten Famulus Wagner, und Fausts gewöhnlichen Begleiter, einen großen schwarzen Hund, in welchem, der Sage nach, ein mächtiger Geist, oder gar der Teufel selbst wohnen sollte. Valentin machte ihm deßhalb eine tiefe Verbeugung. Aber der Schwarze nahm diese Höflichkeit nicht sonderlich huldreich auf; er knurrte vielmehr und fletschte die Zähne. Wagner beschwichtigte ihn, mehr bittend als befehlend. Dann fragte er Altmapern, was sein Anbrin- gcn sep. „Ich habe Lust, die Goldmacherkunst zu lernen/' antwortete Dieser, „und wünsche deßhalb mit dem Herrn Doctor zu sprechen." „Wenn du bei meinem Meister nichts anders zu suchen hast," versetzte Wagner, „so findest du kein Gehör. Er gibt sich nicht damit ab, den Stein der Weisen unwürdigen Menschen mitzutheilcn, die nur darum reich werden wollen, um ein müßiges Schlaraffenleben zu führen, lind daß du des Sinnes bist, das steht dir an der Stirn geschrieben !" „Nu, nu, scheltet nur nicht!" sprach Valentin. „Es ist ja kein Verbrechen, nach guten Tagen zu sterben." „Wenn nur nicht Milchbärtc, wie du, von guten Tagen reden wollten!" eiferte Wagner. „Lerne doch erst ein Handwerk oder eine Kunst, und arbeite dich, bis dn alt und grau wirst, durch die Welt: dann magst du mit Ehren das erworbene Gut in Ruhe genießen." „So?" — spottete Valentin. „Mich dünkt's zu spät, dann erst Brod zu haben, wenn einem der Tod bald wieder vom Brodc Hilst. Warum soll ich — eben ich — so lange schmachten? Legen doch tausend Andere, die keinen altern Bart haben als ich, ihre Hände ruhig in den Schooß und schwelgen und prassen. So gut will ich's auch haben!" „Meine Erlanbniß hast du dazu," sagte der Famulus mit frostiger Gleichgültigkeit: „nur erwarte nicht hier bei uns Rath und That! — Doch ja, einen Rath will ich dir geben. Geh' ins Niescngebirg zum Herrn Rübezahl oder in den Schwarzwald, wo ein nicht ganz so bekannter, aber eben so reicher und mächtiger Geist Hausen soll. Das sind Patrone für dich und andere deines Gelichters!" Mit Rübezahl mochte Valentin nichts zu thun haben, weil es schon damals weltkündig war, daß dieses muth- willigc Wesen gewöhnlich mit der einen Hand etwas spende und mit der andern Schläge austhcilc, oder sonst auf irgend eine Art sein hämisches Müthchen kühle. Er fragte daher nach dem Namen des Geistes im Schwarzwalde. Wagner sagte: er wisse von diesem Kobold nichts, als daß er Mummart oder Mumm ela ck heiße, in einer verfallenen Burg wohne, auf de» Ruf seines Namens erscheine , und, wenn er gerade bei guter Laune sey, alles gebe und hcrbeischaffe, was man sich mit geziemender Höflichkeit von ihm ausbitte. 297 §> 303 l!n los zu werden: er sprang und bockte wie ein störrigeS Pferd, das den Reiter absctzcn will, und rannte rillt dem Rücken gegen die Bäume, um den Zanbcrkasteu zu zerschmettern oder von den Schultern zu streifen. Aber mit dem allen gewann er nichts, als daß ihm die Unholdin mit ihrem Sceptcr rastlos auf den Kopf schlug, und der schadenfrohe Zuschauer, der Waldgcist, ein Gelächter ausbre- chcn ließ, das man eine halbe Meile weit hören konnte. Athcmlos stürzte Valentin endlich mit dem Gesichte auf die Erde und wünschte sich ächzend und stöhnend den Tod. „Schäme dich!" sagte die Alte. „Du gcberdest dich wie ein geplagter Ehemann, der sein Hauskreuz schon zwanzig Jahre getragen hat. Ich bin zur Scheidung bereit; sie hängt aber von gewissen Bedingungen ab, die du erfüllen mußt." „Nenne sie mir geschwind!" sprach Valentin. „Ich verstehe mich im Voraus dazu." „Das ist so deine Art! Immer gehst du wie blind und toll ins Zeug hinein!" sagte sie. „Nun, wir wollen im traulichen Kämmerlein einer Herberge weiter von der Sache sprechen. Es beginnt Abend zu werden; die Nachtlust im Freien möchte mir schaden." Valentin mußte, so betrübt er war, hell auflachen. „Ha! findet sich die gute Laune wieder ei» ?" rief das Gespenst. „Ja, ein lustiges Wciblein, wie ich, ist ein Kleinod, das du nicht wegwcrfcn solltest. Auch Hab' ich hier noch etwas, das wenig Männer verschmähen." Das klang ihm wie ein frecher Scherz. Er sah sich nicht um, weil er den widrigen Anblick ihres enthüllten Busens oder anderer Liebreize befürchtete. Aber sie klirrte mit Weingläsern, als stieße sie zu einem Trinkspruch an. Da konnte der durstige Zecher seine Augen nicht länger im Zaum halten. Die Me zeigte ihm eine volle Weinflasche, aus welcher sie ein Glas füllte und ihm zurcichte. Er nippte scheu und trank dann mit Lust und Begierde. Der dargebotene Wein war ihm, trotz seiner auögebrcite- ten Gelehrsamkeit in diesem Fache, völlig fremd; doch hatte ihm nie ein anderer besser geschmeckt. Er forderte ein zweites Glas. Das verweigerte ihm die geizige Mundschenkin, mit der Ermahnung, sich hübsch zur Mäßigkeit zu gewöhnen. Indessen fühlte er sich schon durch den kärglichen Labctrunk gestärkt und mit Muth und Hoffnung beseelt. Er bat nun selbst um eilige Bestimmung eines Nachtquartiers, weil er dort seiner Gefährtin zu entwischen dachte. 6 . „Ich habe hier in der Nähe eine Freundin, da wollen wir einkehrcn;" sagte sie, und leitete ihn zu einem elenden Hllttchcn, das zwischen dichtvcrwachsenem Gebüsch versteckt lag und sich kaum zwei Ellen hoch über den Erdboden erhob. Sie klopfte drei Mal mit der Kelle an die Thür. „Wer ist draußen?" rief eine unfreundliche Stimme. „Deine Freundin Trntta," antwortete die Kastnerin. Das Pförtchcn ward aufgethan, und es erschien ein Zwerghaftes, braungclbes Mütterlcin, das hielt in der Hand einen langen, schwarzen, brennenden Diebsfinger, der ihr als Licht diente. „Ei, liebe Trntta!" mumpfelte sie aus dem zahnlosen Munde hervor: „wie kommst du dazu, dich von einem jungen, hübschen Kerl herumhocken zu lassen? Und welcher Teufel hat dich so winzig klein gemacht?" „Wer anders als mein Gebieter, der Waldgcist?" versetzte Trntta. „Bald dehnt er mich zu einer Niesin aus, -<>D 305 Sobald druckt er mich zu einer Zwergin zusammen: alles, wie'S ihm beliebt und zu seinen Absichten paßt." Während dieses Gesprächs führte das Waldwcib die Gäste ins Bcsuchzimmer. Hier zeigte vieles Hexeuwcsen Ganz offenbar der Wirthiu Stand: In langer Neihe hingen Besen Und Ofengabeln an der Wand. So ließ sie ihren Marsiall prangen, Neirferlig zur Walpurgisnacht, Und ransend Drudenfüße schlangen Sich zwischendurch in greller Pracht. Auch saß ein .Hofstaat schwarzer Katzen In großer Zahl die Stnb' entlang, Und bot die sanft erhabnen Tatzen, Wie Schranzen, freundlich zum Empfang. Der Kasten rutschte jetzt freiwillig von Valentins Schulter herab, setzte sich auf eine Bank, und Trutta, die immerfort wie ein Schornsteinfeger aus einer Feueresse hcraussah, forderte von ihrer Freundin etwas zu essen. „Meine Kiich' ist kalt, mein Keller warm, ich Hab' eine Wirthschaft, daß Gott erbarm!" antwortete die spaßhafte Here. Trutta machte ein verdrießliches Gesicht und erklärte, daß sie bei diesen kläglichen Umständen vom Hunger ge- riöthiget werde, ein besseres Unterkommen zu suchen. „Bleib nur, bleib!" sagte Jene. „Es steckt ein herrlicher Katzenbraten am Spieß, und wird bald gar sepn." „Ha, mein Lcibcsscn!" rief Trutta. „Aber wie konntest du's über dein Herz bringen, aus deinem geliebten Volke ein Schlachtopfer zn wählen?" „Ja, ich bi» eine strenge Negentin!" versetzte Jene. „Es war ein Kater von unvergleichlicher Schönheit, aber ein Lmigdeui'L sämnitl. Schr. XVI. Bd. 20 -»D 306 § '47 ^r - l> lL liederlicher Taugenichts, der immer außerhalb auf die Freith ging und sich weder durch Güte noch durch Strafen zur Ordnung gewöhnen ließ." „Horch, Junker Velten!" fiel Trntta ei». „Du wirst auch endlich gebraten werden, so du dich nicht besserst!" „Was habt ihr denn mit einander?" fragte die Hexe. „Laß dir erzählen!" sprach Trntta. „Da kommt heute der junge Sausewind in unfern Wald, ruft keck meinen Herrn und Meister bei seinem Spitznamen, und fordert dann, als hätt' er sich bestens damit empfohlen, goldene Berge von ihm. Solchen Schimpf steckt aber Herr Mnm- mart nicht ein, ohne sich zu rächen. Er beschenkte daher den zudringlichen Bursche», der sich gar nicht abwcisen ließ, mit diesem Kasten, worin sich kein Schatz befindet, als ich; und ich habe Befehl, den Faulenzer und Bettler so lange zu begleiten und zu züchtigen, bis er ein ordentlicher Mensch wird und sein Brod durch Arbeit verdienen lernt. — Das merke dir, Bursch! Das ist zwischen uuS der einzige Weg zur Scheidung." Valentin schwieg verstockt. Er sann darauf, sich mit leichter Mühe frei zu machen. 7. Der gebratene Verbrecher ward in seiner ganzen abschreckenden Gestalt, und sogar noch in seinem Balge anf- getischt. Die Here zerlegte ihn mit den Fingern, und reichte dem Studenten einen Schenkel, den er mit Grausen verbat. „Der Dümmling weiß nicht, was gut schmeckt!" sagte Trutta. „Wir wollen mit dem köstlichen Braten schon allein fertig werden." — Sie verschlangen ihn wie Wölfe, und nach fünf Minuten war nichts mehr übrig. Valentin knaupelte indessen in einem Winkel an den Ueber- rcstcn des Backwcrks, womit er sich vor seinem Eintritt in den Schwarzwald reichlich versorgt hatte, weil er, wie ein Kind, nichts lieber als Kuchen aß. Nach aufgehobener Tafel bereitete die Hexe ihren Gästen ein Lager, das sie mit einander theilcn sollten. Dem Studenten ward bange, daß Trutta nun aus dem Kasten hcrausschlüpfen, sich neben ihn pflanzen und ihn wohl gar mit Liebkosungen antasten würde. Doch wider alles Erwarten zog sic sich wie eine Schnecke in ihr Hans zurück. Die Here wünschte ihr und ihm eine gute Nacht, und verließ sammt ihrem ganzen schwarzen Hofstaate das Gastzimmer, um sich in ihr Schlafkännnerlein zu begeben. Höchst ermüdet, bedurfte auch Valentin zu seiner vorha- bendcn Flucht der Stärkung des Schluss. Er streckte sich ans das ihm angewiesene Bett; Trutta und ihr Gehäuse blieben, wo sie waren. Indem er aber die Augen zudrückte, sprang der Kasten von der Bank, hüpfte wie eine Elster über die Stube und legte sich ihm zur Seite. Er knirschte leise mit den Zähnen, denn er befürchtete nun jeden Augenblick, die widrige Schlafgcscllin leibhaft neben sich zu sehen. Sie verschonte ihn jedoch mit der Erscheinung ihrer Person, verhielt sich i» ihrem Futterale ganz ruhig und schlief und schnarchte sogar. »Nun ist es Zelt, nun sey's versucht, Mich heimlich zu eurfernen. ES leuchret mir zu meiner Flucht Ein Heer von milden Sternen." So sagte Vnlennn zu sich, Indem er still vom Lager schlich. Er tappte sacht zur Thur hinaus, Sah alles trefflich glücken; Der Hexe schauervolleS Haus Lag hinter seinem Nucken, Und Pfade durch den wüsten Hain Zeigt' ihm des Himmels Lampenfchcin. Nasch lief er über Stock und Block, Mlt jedem Schritte kecker, Doch schrecke' ihn bald ein Zicgenbock Durch nahendes Gemecker, Und endlich Hort' er gar mit Gran'n Unfern ein Katzenvolk mian'n. Er warf die Angen kreuz und quer, Woher die Töne klangen, Und sah sich von der Here Leer Umzingelt und gefangen. Sie sprengte selbst, um ihn zu fahn, Auf einem schwarzen Bock heran. „Wohin, wobin? du wcrlhcr Gast! Was läufst du wie besessen? Sv warte doch, du Schelm, du hast Bei mir etwas vergessen! Frau Trurta kam dir aus dem Sinn; Da ist dein Liebchen, nimm es hin!" Er floh umsonst, sie schleudert' ihm Den Kasten auf den Nucken; Wild fuhr heraus das Ungerhnm, Um strafend ihn zu zwicken. Der Hcxenschwarm zerstob im Hain, Er war mit Trutka jetzt allein. „Kein Auge darf man zuthun, wenn man einen solchen Wildfang zu hüten hat!" eiferte sic. „Nun magst du aber auch mit müden Beinen die ganze Nacht traben, und sollst mir überhaupt wenig ruhen, bis wir in Frankfur am Main sind." -o§> 309 „Was wollen wir den» dort ausheckcn?" knurrte Valentin. — „Glück oder Unglück, nachdem du dich aufführst!" antwortete sic. „Ich werde dich, da ich nun einmal zu deiner Hofmeister!» ernannt bin, ins Haus eines reichen Kaufmanns bringe», wo es auf dich allein ankommen wird, ob du durch Fleiß und Redlichkeit ein glücklicher Man» werden, oder als unverbesserlicher Taugenichts den Galgen zieren willst." Valentin verschluckte den harten Ausdruck, machte jedoch gegen die Sache >elbst den natürlichen Einwand, daß er, der weder einen Lehrbrief, noch empfehlende Zeugnisse auf- zuwciscn habe, wohl schwerlich das Vertrauen eines Kaufmanns, eines Mitgliedes der vorsichtigsten Menschcnklasse, gewinnen werde. „Das ist meine Sorge," sagte Trutta. „Ich habe schon die nvthigen Papiere für dich in Bereitschaft. Du übergibst sie und wirst als Handlungsdiener angcstellt: denn du mußt schlechterdings von unten auf dienen. Auch mich wirst du nicht eher los, bis deine Besserung auf festen Füßen steht. Ich werde mich aber sammt meiner Wohnung unsichtbar machen, damit sich die Leute nicht über mich das Maul zerreißen und dich meinetwegen fliehen und meiden." 8 . Die Reise ging stracks auf Frankfurt zu. Trutta hatte nun unter Weges keine Gastsrcundin mehr, bei welcher sie das Handwerk begrüßen konnte; sic mußte, wenn ihr Träger einiger Ruhe bedurfte, in Wirthshäusecn cinkchrcu. Da war sic meistens so artig, sich nicht zu zeigen. Als sich aber der liederliche Bursch in der einen Herberge in ein Würfelspiel einließ, in der andern sich betrank und mit den Wirthstöchtcrn buhlte, da kam der Zauberkasten wie eine Bombe geflogen, die Hofmeistcrin fuhr heraus und bestrafte den Ausschweifenden mit Verweisen und Schlägen. Dieser Zwistigkeiten ungeachtet beschenkte sic ihn im letzten Nachtlager vor Frankfurt mit einem neuen Kleide, ubergab ihm die versprochenen Beglaubignngsschriftcn, und befahl ihm, sich damit bei dem reichen Großhändler Peter Lntkens, dessen Wohnung sic ihm be,zeichnete, zu melden. Das Hauptstück der Empfchlungspapierc war — ein Brief seines eigenen Vaters, an besagten Kaufmann gerichtet und so täuschend geschrieben, wie es dem ungerathcncn Sohne nie gelungen war, wenn er bisweilen die väterliche Handschrift zu einem falschen Wcchsel- chcn nachzumachcn versucht hatte. Herr Peter, ein alter deutscher Degenknopf, hatte eben einen trcufleißigcn Handlungsbedientcn durch den Tod verloren, und wünschte sehr, den in seiner Schreibstube ledig gewordenen Stuhl recht bald wieder zu besetzen. Es gab zwar um ihn her dicnstlose Leute genug; doch bei Allen war ein Aber. Einer liebte die Mädchen, der andere den Wein und so weiter. Ueberhaupt hatte Herr Peter die Grille, daß er zungen Männern, die in ansgcbreitete Stadt- bckanntschaftcn verflochten waren, nicht gern Geschäfte und Gelder anvertraute. Er wollte sich deshalb einen Cvmp- toristcn aus der Fremde verschreiben. Indem er mit diesem Vorsatz zur Feder griff, erschien Valentin und überreichte den Empfehlungsbrief seines Vaters. Herr Peter, der den angesehenen Kaufmann Altmaper in Leipzig dem Namen und Ruf nach konnte, freute sich höchlich, den Sohn eines so wackern Mannes vor sich zu sehen, und nahm den schlimmen Vogel ohne Bedenken in seine Dienste. 9 . Anfangs kehrte Valentin die gute Seite heraus; er mar ordentlich und fleißig in seinen Geschäften und verrichtete sie mit Geschick, woran cs ihm gar nicht fehlte. Trntta, die unsichtbar ans seinem Rücken in Herr» Peters Haus mit eingezogcn war und sich in einem Winkel des Stübchens, das ihr Zögling bewohnte, niedergelassen hatte, sagte ihm jeden Abend, wenn er zu Bette ging, ei» freundliches Wörtchen. Außerdem blieb sie still, kam nie zum Vorschein und hörte endlich ganz auf, die tägliche Belobung ausznsprcchcn. Als dieses Verstummen einige Wochen gedauert hatte, machte er sich die angenehme Vorstellung, sie habe sich in der Stille entfernt, weil sie cs nicht mehr für nölhig finde, ihn zu Hofmeistern. Er legte das Ohr an den Kasten, klopfte leise mit den Fingern daran; es regte sich nichts darin. Nun schien cs ihm gefahrlos, seinen Untugenden wieder den Zügel schießen zu lassen. Er fing damit an, daß er, als er sich cinsmals in der Schreibstube allein befand, seinen von Leipzig mitgcbrachten Dietrich an der eisernen Geldtrühe seines Herrn versuchte. Die Schlösser ließen sich öffnen; als er sich aber in den hohen Kasten nicdcrbengte, um eine Hand voll Gold hcranszulangen, ward der Deckel mit Gewalt über ihm zugeschlagen. Er steckte wie in einem Fuchseisen; alles Ringen und Streben, sich aus der Klemme zu ziehen, war vergebens. Während er so in der größten Verzweiflung zappelte, kam ein neues Schrecken hinzu. Sein Plagegeist guckte, 312 obcn auf der drückenden Platte sitzend, mit einem grimmigen Gesichte in die Oeffnung hinunter, packte ihn beim Ohre, schüttelte ihn tüchtig und sagte: „Ha, Spitzbube! bist du hier? Soll ich dich augenblicklich wie einen Wurm zerquetsche»? oder willst du mir ernstlich geloben, von nun an ei» braver, ehrlicher Kerl zu werden? — Auf eine oder die andere Art müssen wir auseinander: denn ich bin's endlich satt, deinetwegen immer und ewig in meinem Gefängniß zu sitzen, und auf dich Galgenschwen- gcl ein wachsames Auge zu haben. In Todcsnöthcn versprach er, was die Furie verlangte. Sic begnadigte ihn nun zwar, drohte aber, ihm ohne Barmherzigkeit das Garaus zu spielen, sobald er sich wieder bei einem schlechten Streiche betreffen lasse. Meister Mummart, sagte sie, habe sich'ö nun einmal in den Kopf gesetzt, ihn entweder glücklich zn machen oder zeitlebens zu plagen. Er wolle damit dem übcrmüthigen Famulus Wagner beweisen, daß er nicht der unbedeutende Geist scy, dem mau den ersten besten Abenteurer mit cingcbla- scncn Schimpfnamen auf den Hals schicken und sich dabei verstellen dürfe, daß weder Gutes noch Böses daraus entstehen werde. 10 . So bin ich doch neugierig, was für ein Glück mir blühen wird, wenn ich zu Kreuz krieche! dachte Valentin, da er sah, daß er in seiner alten Laufbahn durchaus nicht weiter sortkam. Er stieß nun seine Schooßsünde, die Trägheit, mit Ernst und Gewalt von sich, ward der fleißigste Schreiber und Rechner in Herrn Peters Gcschäftö- stube, widerstand jeder Versuchung, womit ihn Bacchus 313 S-»- und Venus unablässig verfolgten, gewann durch das alles bei seinem Herrn einen guten Stein im Breie, und erhielt von ihm, nach treuer und kluger Ausführung eines kitzlichen Handels, ein ansehnliches Geschenk. Dieser unerwartete Vortheil, der ihm auf rechtlichem Wege zufloß, that ihm wohl. Es ward ihm allmählig zur Gewohnheit, sich ohne Kniffe und Pfiffe zu behelfen, und nach Verfluß eines halben Jahres bestand er in einer entscheidenden Probe, indem er die schönste Gelegenheit, einen bedeutenden Untcrschlcif ohne Gefahr der Entdeckung zu machen, entschlossen von sich wies, auch sich darüber nicht selbst lobte, sondern die Sache so ansah, als hätte sie nicht anders behandelt werden können. Der leidige Kasten stand indessen unvcrrückt auf seinem vorigen Platze, verricth aber auf keine Weise das Ge- heimniß, ob Trutta noch darin lauschte oder nicht. Erst am Abend des Tages, da der bekehrte Sünder einen un- widersprechlichcn Beweis seiner Besserung abgelegt hatte, hörte er zwischen den verhaßten Bietern eine leise Bewegung, die ihn aufmerksam machte. Und ihm war's ein Schreck und Gräuel; Denn was könnt' er anders denken. Als daß ihm der alte Schenel Seinen Anblick wolle schenken? Lauernd und mit dnsterm Sinne Blickt' er nach der dunkeln Ecke, Wo mit Netze» eine Spinne Trntta's kleines Hans umfing. Und er sah, daß schon die Decke Langsam in die Höhe ging. Aber, Himmel! welcher Tausch Schuf ihm einen Wonncrauscht Wie ei» Engel, schön und mild, Stieg ei» zartes Mädchenbild -v-D 314 <§<> Sanft hervor. Heb sich rebeuschltnik empor, Und im Nu Warf's ihm lächelnd Küsse zu. Liebewarm Wellt' er's fassen in den Arm, Aber munter Taucht' eS plötzlich wieder unter, Und die leer nmarmre Luft Hauchte Nosendufr. 11 . Doch die liebliche Nose war und blieb verschwunden. Valentin stand einige Minuten wie versteinert; dann hob er den Kasten, Len er sonst mit keinem Finger berührte, auf den Tisch, beleuchtete ihn von allen Seiten, spähte durch Nitzen »nd Spalten hinein und sah leider nichts als einen hohlen Nanm. Daß er die ganze Nacht schlaflos zubrachte, versteht sich von selbst. Das schöne Luftge- bild schwebte ihm beständig vor den Augen; wie war cs möglich, sie zu schließen? Auch in den folgenden Tagen war die holde Erscheinung sein immerwährender Gedanke. Er setzte sich's in den Kopf, sie scp die LZorläufcrin eines wirklich lebenden Mädchens, das ihm der versöhnte Geist des Schwarzwal- dcs beschiedcn habe. Dieser angenehme Wahn belebte und spornte ihn, sich fort und fort gut zu betragen. Bei allem, was er that, stellte er sich vor, er werde von seiner geistigen Braut beobachtet. Es vergingen aber Wochen und Monate, ohne daß cs ihr gefiel, sich zu verkörpern oder sich nur in der vorigen wesenlosen Gestalt wieder sehen zu lassen. 318 S-:- Hierüber mißmllthig, machte cs ihm wenig Freude, daß er zum Buchhalter befördert ward. Er dachte bei jeder Zahl, die er schrieb, an seine verdrießliche Glücksnull, die sich noch durchaus nicht in eine gültige, gute Nummer verwandeln wollte. Eines Tages, als er eben auch so kalmäuserte, fuhr ein Wagen am Hause vor. Herr Peter ward ans dem Geschäftszimmer abgeruscn, und kurz nachher brachte ein Markthelfer die Neuigkeit: der Herr habe Besuch erhalten; seine Schwester aus Straßburg sep mit ihrer Tochter angekommen. „Ei, das ist gut!" rief ein lustiger Handlungsdicner: „So sitzt uns der Alte nicht immer hier auf dem Dache, und wir lernen ein Mädchen kennen, das ein Wunder von Schönheit sepn soll." — „Reicht aber dem Bilde, das ich im Herzen trage, gewiß das Wasser nicht!" setzte der schwcrmüthigc Buchhalter in Gedanken hinzu, und folgte bald darauf ganz gleichgültig dem Ruf zu Tische, ungeachtet er wußte, daß er die schöne Straßburgerin dort finden werde. Er trat ins Speisezimmer, sah die schlanke, blühende Fremde und fuhr vor Schrecken zusammen: denn sie und das Luftmädchen glichen sich wie ein Wafsertropfc» dem andern. Auch die junge Straßburgcrin wechselte bei seinem Anblick die Farbe und war unruhig und verlegen. Valentin, der als Buchhalter ein Wort am Herren- tische sprechen durfte und sich auch zu andern Zeiten dieser Freiheit bediente, gab diesmal, wenn er über etwas gefragt wurde, nur ein leises, schüchternes Ja oder Nein Von sich. „Nun, was für Mäusenester hat denn unser Altmaper ' ^ . >'A ^r. r- ^Z> 316 im Köpft?" sagte Herr Peter. „Er ist ja heute so stumm wie ein Fisch!" Käthchen vou Straßburg ward roth, als fühlte sie, daß ihre Gegenwart darau Schuld scp. Der bestürzte Buchhalter wandte Kopfschmerze» vor. ES war ihm wohl und wehe, da die ängstliche Mahlzeit zu Ende ging. Er eilte nach seinem Stübchen, blickte scheu in den unheimlichen Winkel, und Trutta's Wohnkastcn war verschwunden. 12 . Die Damen von Straßburg hatten sich darauf eingerichtet, einen Monat in Frankfurt zu bleiben, und indessen geschah, was der Leser schon vcrmuthet: die beiden jungen Leute wurden vertraut und bekannten einander ihre Liebe. Herr Peter und seine Schwester, die das Gchcimniß bald erlauschten, zogen sie zur Verantwortung, brachten sie ohne viele Muhe zum Gestäudniß, und genehmigten nach einigen Bedenklichkeiten und Emwändcn die stille Verlobung. Der alte wackere Herr ging in seiner Güte noch weiter, indem er den Bräutigam zu seinem Handcls- gcnosscn erklärte. Freudetrunken schrieb der verlorene Sohn an seinen Vater und meldete ihm, mit vorsichtiger Verschweigung der vorangegangenen Abenteuer, sein überschwängliches Gluck. Einige Tage vor der Hochzeit forderte Käthchen ihren Gespouscn scherzend auf, ihr seine bisherige Wohnung zu zeigen. Er führte sie hin. Sic stutzte auf der Schwelle, durchblickte geschwind mit großen Augen den engen Raum und sagte: Das Stübchen sammt allem Geräthe ftp ihr so bekannt, als wäre sic schon irgend einmal zwischen die- -<>D 317 ft» Wänden gewesen und hätte sogar ihn da gesehen. „Es sind einige Monate her," fuhr sic fort, „da fiel ich eines Abends in eine plötzliche, mit Abwesenheit des Geistes verbundene Erstarrung, und als ich wieder zu mir selbst kam, hatte ich die wunderliche Einbildung: ich scp in einem fremden kleinen Zimmer aus einem Kasten gestiegen und ein Jüngling von deiner Gestalt und Bildung, lieber Altmapcr, habe vor mir gestanden. Darum erschrack ich nicht wenig, als ich dich zum erste» Mal sah; und mein Traumgesicht wird mir nun doppelt merkwürdig, da ich auch das Stübchen hier völlig wieder finde. Es fehlt nichts als der Kasten! Hat wohl sonst einer in jenem Winkel gestanden?" Valentin verneinte, etwas betreten, die Frage. Es schien ihm natürlicher Weise nicht rathsam, seinen Verkehr mit Kobolden und Heren zu entdecken. Die Hochzeit wurde glänzend und fröhlich gefeiert. Bei der Tafel weihte der dankbare Bräutigam im Stillen das erste Glas dem Freund im Schwarzwaldc; und als er ein paar Monate später eine Geschäftsreise that, machte er einen weite» Umweg zu Mummarts Burg und rief ihn freundlich beim Namen. Der Geist erschien. Valentin bedankte sich für das ihm geschenkte Glück. „Gut, gut!" sagte Mummart lachend. „Ich habe dich mit lustiger Strenge zu einem ehrlichen Manne gemacht, und das ist besser, als wenn dich Doctor Faust, der Tcufelsbündner, mit Gold überschüttet hätte. — Geh' hin in Frieden!" iE Der entwendete Ring Im Begriffe, die Akademie zn verlassen, beritt ich noch einmal die Gegend, um von ihr Abschied zn nehmen. Ich kam in ein Städtchen, wo ich zn Mitkage essen wollte. Hier stand ein Ncisewagcn mit vier Pferden bespannt vor dem Gasthofe, aus dessen Thur eben zwei Damen hcrans- tratcn. Die eine, ungefähr siebzehn Jahre alt, war engelschön; die andere hochbctagt und stolz von Mienen und Geberden. Sie gingen nach der Stadtkirchc, die ihnen der Küster, den sie hatten rufen lassen, anfschloß. Ich schlich mit hinein. Sie fragten nach der Ruhestätte eines Ritters der Vorzeit, der in der Kirche begraben ftp. Der Küster führte sie ans den freien Platz vor dein Altäre und zeigte ihnen euien Grabstein, auf welchem ein Ritter in Lebensgröße abgebilret war. Die Matrone hielt ihm eine feierliche Standrede, wobei der ehrerbietige Zuhörer, der Küster, fleißig mit dem Kopfe nickte. Indessen kniete daS schöne Mädchen, das ich Helene nennen hörte, am Grabmahle nieder, sprach mit gefaltete» Händen ein leises Gebet, küßte dann den Mund des steinernen Mannes, und legte sanft eine Rose auf seine Brust. 319 S»- Nach dieser Todtenfeier verließen sie die Kirche. Ich drückte mich in einen Winkel, um sie nahe bei mir Vorbeigehen zu sehen, und folgte ihnen, als mir das gelungen war, ans dem Fuße nach. Vor der Kirchthüre strömten uns ein paar hundert Menschen entgegen, die einen tollen Hund vor sich her steinigten. Er schoß, indem ich ihn gewahr wurde, schon auf Helenen zu, und wollte sic eben verletzen, als ich vorsprang und mit einem Knüttel, den ich einem unthätigcn Gaffer ans der Hand riß, das Un- thicr zu Boden schlug. Jubelgeschrci erscholl um mich her. Das erschrockene Mädchen sank der Alten in die Arme. Diese fragte: „Wer sins Sie?" — Ein Student. — „Von Adel?" — Nein. — Sie warf den Kopf zurück, sagte kalt: „Wir danken!" und zog Vas Mädchen mit sich fort. Helene wandte sich aber zurück, reichte mir eine Rose, und legte mit einem seelcnvollcn Blicke, den ich nie vergessen werde, die Hand auf's Herz. Die Matrone schüttelte den Kopf, eilte hastig zum Wagen, setzte sich mit dem Mädchen hinein und fuhr von bannen. Ich forschte bei dem Gastwirthe nach dem Namen und Wohnorte der beiden Damen: er wußte nichts. Ich fragte den Küster: er konnte mir eben so wenig Auskunft geben. So war mir das liebe Kind ohne Hoffnung des Wiedersehens entschwunden. Nur des Engels Bild.blieb i» meinem Herzen zurück. Mtßmüthig ließ ich mein Pferd verführen. Ich wollte bei dem Gastwirthe, auf dessen zunft- mäßige Neugier ich vergebens gerechnet hatte, weder essen noch trinken. Als ich zu Pferde stieg, machte ich noch einen Versuch, etwas von dem Hausknechte zu erfahren; und er wußte wirklich mehr, als die Andern. Er hatte Von dem Kutscher gehört, daß die Reise der Damen nach dem südlichen Deukschlaud gehe. 320 Dahin konnte ich ihnen nicht folgen. Meine Mutter erwartete mich mit Sehnsucht. Als ich zu ihr kam, fand ich sie krank. Der Arzt, den ich über ihren Zustand befragte, gab wenig Trost, ihr Leben noch lange zu fristen. Sie ward von Tage zu Tage schwächer, und schien übcr- dicß an einer Gcmüthskrankheit zu leiden. Es drückte sie offenbar ein Gehcimniß, das sie eben so ungern entdecken, als mit ins Grab nehmen wollte. Einsmals ward ich in der Nacht zu ihr gerufen. „Lieber Sohn," sagte sie, „das Gefühl meines nahen Todes dringt mir ein schmerzliches Bckcnntniß ab. Ich täuschte deinen seligen Stiefvater, als wir uns heirathcten, mit dem Vergeben, daß ich die Wittwe eines im Auslande verstorbenen Beamten ftp: aber ich lebte vorher in keiner gesetzmäßigen Ehe. Du heißest nicht Walland, wie man dich bisher nannte; du bist der natürliche Sohn eines Mannes von Stande, dessen Neichthum du schon aus diesem Ringe bcurthcilen kannst." — Sie öffnete ein kleines Futteral und fuhr fort: „Dieser Ring, der wenigstens tausend Thaler Werth ist, ward mir von deinem Vater für dich anvcrtraut, damit du dich ihm einst dadurch als sein Sohn zu erkennen geben solltest." — Staunend fragte ich nach dem Namen meines Vaters. „Es ist der Graf — —" sagte sie und verlor in diesem Augenblicke, von einem Schlagfluß befallen, die Sprache. Sie gab mir durch Gc- berdcn zu verstehe», daß sie schreiben wolle; aber indem ich ihr eine Schreibtafel reichte, erstarrte sic und verschied. Ihr schneller Tod erschütterte mich doppelt, weil das Licht, das mir eben über meine Herkunft aufkämmertc, plötzlich dadurch wieder erlosch. Als ich etwas ruhiger geworden war, beschloß ich, meinen Vater aufzusuchcn. Ich fand unter den Papieren meiner Mutter den Brief, mit welchem er ihr den Erkennungsring zugcsandt hatte: aber die Stelle der Namensuntcrschnft vertrat ein fluchtiger Federzug, der sich nicht enträthseln ließ. Wichtiger war mir daher ein dabei liegender Beutel mit Gold, der mich mit Reisegeld versorgte, und in den Stand setzte, ein Reitpferd zu kaufen. Meine Mutter war, als sie hcirathete, mit mir aus dem südlichen Deutschland gekommen. Daraus schloß ich, daß mein Vater dort wohne; und dahin zu ziehen, war mir erwünscht, weil ich ans dieser irrenden Nittcrfahrt auch Helenen zu finden hoffte. Getrost nahm ich also meinen Weg nach Süden, und ritt von Schloß zu Schloß, wo ein Graf wohnte, der seinem Alter nach mein Vater scyn konnte. Ich meldete mich als ein Mann, der einen kostbaren Ring zu verkaufen habe. Man ließ mich überall vor; aber nirgend bemerkte ich bei Vorzeigung dieses Kleinods eine Veränderung im Gesichte der Grafen. Deß- wegen bot ich allenthalben meinen Ring, um ihn gewiß zu behalten, für viertausend Thaler an, und da zerschlug sich der Handel sogleich mit Hohlflächen. Nach Helenen forschte ich umsonst. Die Rose, die sic mir schenkte, war mein liebstes Eigenthum. Ich führte sie in der Brieftasche mit mir herum und küßte sie so gern, daß ich mir es ernstlich verbieten mußte, um sie nicht zu zerstören. Als ich ungefähr vierzehn Tage lang ins Kreuz und in die Quere gezogen war, traf ich in einem Gasthausc, wo ich über Nacht blieb, einen jungen Mann, der sich Richard nannte und ebenfalls eine Reise zu Pferde machte. Einander gefallend, wurden wir einig, den folgenden Tag unsere Klepper ruhen zu lassen und uns in der schönen Gegend zu vergnügen. Wir tranken beim Abendessen einen Langbcin'S sämmtl. Schr. XVI. Bd. 21 -->D 322 treffliche» Wein, der mich in einen unvorsichtigen Schwätzer verwandelte. Ich bekannte meine gräfliche Herkunft, zeigte meinem Zcchgescllen den Ring und vertraute ihm die Verfahrungsart, wie ich damit meinen Vater zu entdecke» suchte. Wir scherzten darüber und gingen fröhlich zu Bette. Am Morgen darauf weckte mich schon um vier Uhr die Sonne. Ich forderte meinen Stubcngenosscn auf, mit mir spazieren zu gehen. Es gefiel ihm aber in den Federn; er wollte noch einige Stunden schlafen. „Faulenzer!" sagte ich, und ging allein. Ich erstieg einen Berg, lagerte mich ins Grüne, und weidete meine Augen an den paradiesischen Bezirken des unter mir fließenden Nhcinstroms. Als ich mich so bis gegen sieben Uhr ergötzt hatte, ging ich in den Gasthof zurück. Der Wirth brachte mir den Stubenschlüffel entgegen und sagte: Herr Richard scp aus- gcrittcn und komme erst znm Mittagessen wieder. Das befremdete mich. Ich flog, nichts Gutes ahnend, in unser gemeinschaftliches Zimmer. Da sah ich von meinem Herrn Richard keine Spur mehr. Er hatte sein ganzes Gepäck und meinen väterliche» Ring mitgenommen. Bestürzt ließ ich mein Pferd satteln und setzte dem Räuber nach. Aber sein Vorsprung war zu groß; ich verfehlte wohl auch seinen Fluchtweg; kurz, ich fand ihn nicht und er kam, wie sich von selbst versteht, nicht wieder. Ich mußte nun die Hoffnung anfgebcn, meinen Vater zu erforschen. Auch schien das Glück nicht geneigt, mich Helenen finden zu lassen. Darum entschloß ich mich Nachmittags zur Rückreise. Schon zu Pferde, mit dem Gesichte nach Norden, warf ich noch nach Süden einen Schcidcblick für Helenen. Da fiel mir ein abwärts gelegener, freundlicher Berg in die o-D 323 Alicen, und es war, als geböte mir eine Stimme, hinüber zu reiten. Ich lenkte mein Pferd dahin. Auf dem Gipfel der Höhe erblickte ich gegenüber einen minder hohen Berg mit einem ansehnlichen Schlosse, und unten im Thale ein wohlgebautes Städtchen, dessen äußerste Gebäude und Gärte» den Fuß beider Berge berührten. Seitwärts, doch meinem Standpunkte ziemlich nahe, breitete sich ein anmu- thiger, mit Bäumen und einem weißen Geländer umgebener Grasplatz aus. Dieser zog meine Augen besonders an sich, weil aus demselben zwei dicke Männer, die etwas betrunken zu seyn schienen, ein junges Frauenzimmer, das ihnen immer auswich, schwerfällig und mit Gelächter verfolgten. Es war eine Gestalt wie Helene, und ich jagte über Hals und Kops den Berg hinab, um sie zu schütze». AlS ich näher kam, sah ich freilich, daß ich mich geirrt hatte. Doch das Mädchen war sehr hübsch, und der alberne Mnthwille der beiden zudringlichen Herren mißfiel mir um so mehr, da er zu ihren vierzig bis fünfzig Jahren und ihrer steifen Kleidung mit Haarbcutel und Degen nicht paßte. Sie starrten mich, als ich hcrbeisprcngtc, einen Augenblick an, setzten aber daun ihre Jagd unverschämt fort. Ich stieg vom Pferde, übergab es einem dienstfertigen Knaben und eilte zur nächsten Ocffnnng des Geländers. Hier stand ein bejahrter, unförmlicher, in altdeutsche Tracht gekleideter Zwerg, der freudig iu die Hände klaschte, weil eben die wollüstigen Faunen das Mädchen erhascht hatten und rechts und links nach Küssen rangen. Das kleine Mißgeschöpf schien mir den Eintritt in die Schranken verwehren zu wollen; ich schob es aber ans die Seite, ging rasch auf die beite» Dicken los und sagte: „Ruhe, meine Herren! Ein Kuß ist eine freiwillige Gunst, die kein edler Man» zu erzwingen sucht." — Sic standen 324 Sowie versteinert. Das Mädchen entschlüpfte ihnen, machte mir eine Verbeugung und wandte sich nach der Stadt. Ich bot ihr meinen Arm; sie nahm ihn an; die Dicken und der Zwerg lachten und schimpften hinter uns her. „Wer sind denn diese ungezogenen Herren?" fragte ich leise. „Beide," sagte das Mädchen, „stehen in Diensten des Fürsten von Arenhain, der hier herum ansehnliche Güter und dieses Städtchen besitzt. Dort sehn Sie sein Schloß; da wohnt er mit einem großen Hofstaate und diese Herren gehören dazu. Der dickste von beiden ist Kapellmeister, der andere Leibarzt. Auch der Zwerg ist ein Anhängsel der fürstlichen Dienerschaft, und zieht immer Jenen nach, wenn sie hcrumschweifen. Hätte ich gewußt, daß sie mein Unstern dorthin führen würde, wo ich Schillers Maria Stuart in Ruhe lesen wollte, ich wäre zu Hanse geblieben." So sprach das Mädchen mit einer ungemein lieblichen Stimme und mit gutmüthigcr Freundlichkeit, die das einnehmende Gesichtchcn noch verschönerte. Ich weidete mich »nt innigem Vergnügen an diesem Verein von Anmuth, und es reute mich gar nicht, daß ich über den Berg herüber geritten war. Wir kamen in die Stadt. Das Mädchen stand vor einem ansehnlichen Hause still und sagte: „Hier ist meine Wohnung. Wollen Sie mit herein treten? Mein Vater, der hiesige Pfarrer, wird sich freuen, Ihnen für den mir geleisteten Schutz danken zu können." Es versteht sich, daß ich die Gelegenheit, mit dem lieben Mädchen länger beisammen zu sep», freudig ergriff. Der Vater, ein ehrwürdiger Greis, war mit der Pflege seiner Blumen im Garten beschäftigt. Er kam, ohne den starren, mißtrauischen Mick, der oft Unbekannten entgegenschießt, srcnndlich auf mich zu. Die Tochter erzählte ihm, wie ich sie ans dem Grasplätze gerettet hatte. Er dankte mir; und wie Homer's Griechen jeden Fremdling, der in ihr Hans tritt, gastfreundlich bewirthcn, und dann erst nach seinem Namen fragen, so forschte auch der gute Pfarrer mit keinem Worte nach meinen persönlichen Verhältnissen, sondern lud mich sogleich zum Abendessen ein. Ich »ahm die Einladung an, beurlaubte mich aber auf eine Viertelstunde, um nach meinem Pferde zu sehen, das ich durch den Knaben in den Gasthof geschickt hatte. Indem ich dort das Nöthige besorgte, erschien ein finsterer, großnasiger Mann und fuhr auf mich los: „Sind Sie der Mensch, der sich gegen den fürstlichen Herrn Leibarzt und den Herrn Kapellmeister unartig aufgcführt hat?" Ich lacht«; ihm ins Gesicht und sagte: „Unarten, mein Herr, scheinen hier erlaubt, da Sic selbst eine so unartige Frage thun." „O, spaßen Sic nicht!" sprach er stolz. „Ich bin der hochfürstliche Justiz>Director." „Aber doch wohl nicht mein Hofmeister?" — fiel ich ein. „Ich verbitte dergleichen Anzüglichkeiten!" rief er heftig. „Zeigen Sie mir Ihren Reisepaß!" Ich wartete damit auf. Er fand nichts daran zu mäkeln, bedeutete mich aber dennoch, die Stadt und das ganze hochfürstliche Gebiet des folgenden Tages wieder zu verlassen. „Vielleicht! — vielleicht auch nicht!" antwortete ich. „Ich werde Sic Gehorsam lehren!" rief er wild und stürmte davon. Die kleine Mißlauuc, in die mich dieser Auftritt versetzt hatte, verschwand sogleich im Pfarrhause, wohin ich nun 326 So ließ mich die gestrenge Frau den ersten Druck der Dienstbarkeit empfinden. Ich hätte gern das lästige Joch auf der Stelle wieder abgeschüttclt; doch Helcncns Nähe stärkte mich, cs geduldig zu tragen. Der Fürst selbst ging sehr sanft und wohlwollend mit mir um. Ich ward erst am folgenden Morgen zu ihm gerufen, und als er mir einen kurzen Aufsatz in die Feder gesagt und ich ihm eine halbe Stunde lang vorgclcsen hatte, waren meine Amts- gcschäfte für diesen Tag abgctha». Bei der Tafel sah ich Helenen, aber auch die stolze Tante und die drei Herren, mit welchen ich Tages zuvor Händel gehabt hatte. Die letztem thaten, als kennten sic mich nicht mehr; und sie selbst erschienen so ganz verändert, daß auch ich sic beinahe nicht wieder gekannt hätte. Die gestrigen Wüstlinge waren heute scheinheilige Kopfhänger, und gossen über jeden Gegenstand des Tischgesprächs eine moralische Brühe, die sic mit biblischen Sprüchen und Licderverscn würzten. Der Fürst, dem sic sich durch diese Frömmelei empfehlen wollten, war kein Gleißner, wie sie: er war ein Biedermann von wahrem, gotlesfürchtigcm Sinn »nd Wandel; aber freilich ein frommer Schwärmer und Anhänger der herrnhuthischen Brüdergemeine. Die Werke des Grafen Zinzendorf und seiner Glaubensgenossen waren daher gewöhnlich die Bücher, aus welchen ich verlesen mußte. Doch erquickte sich der Fürst nicht an diesen allein: er besaß noch eine bedeutende Sammlung von ältern übersinnlichen Schriften, deren Verfasser sich eines unmittelbaren vertrauten Umgangs mit Gott und Geistern rühmten. Auch diese Mystiker wurden oft in den Lesestunden zur Hand genommen. Aber die Kirche besuchte der Fürst nie. Seine kühne Einbildungskraft fand die Predigten meines guten Pfarrers, deren er nur zwei oder drei znr Probe gehört hatte, viel z» lau und gemein. Er predigte bisweilen selbst, wenn reisende evangelische Bruder, oder sogenannte Stille im Lande bei ihm cinsprachcn und er ihnen zu Ehren eine geheime gottesdienstliche Versammlung im Schlosse veranstaltete- Bei solchen Feierlichkeiten duckten und schmiegten sich die drei Heuchler, die sich zum Schein als Verehrer und Mitglieder der Serie betrugen, in den heiligen Kreis mit hinein, und waren sogar frech genug, de» Rednerstuhl zu besteigen. Aber ungeachtet ich mich zu dergleichen elenden Kunstgriffen niemals erniedrigte, war mir dennoch der Fürst eben so gewogen, als ihnen, und bewies mir in vielen Fällen ein ausgezeichnetes Vertrauen, dessen sie von ihm nicht gcwürdiget wurden. Darum war ich ihnen ein Dorn im Auge. Sie stichelten, um mich zu verketzern und zu verdrängen, oft bei der Tafel auf Mensche» ohne Religion, und schielten dabei nach mir; doch der hochherzige Fürst nahm von diesen und andern verblümten Reden keine Kenntniß. Mir waren die stumpfen Pfeile, die während der Mahlzeit nach mir flogen, um so weniger empfindlich, da ich immer zu gleicher Zeit Helenen sah und mich manches holden Blickes erfreute. Aber jeder Möglichkeit, uns einmal unter vier Augen zu sprechen, beugte Frau von Bärwald, als Ehrcnhüterin des Fräuleins, sorgsam vor. Ich hielt mich denn auch von selbst in meinen Schranken. Die Kluft zwischen einem Privatsekrctär »nd der Nichte eines Fürsten war zu groß. Meine Leidenschaft lauschte still am Rande, ohne einen Sprung hinüber zu wagen. Jenseits strahlte mir Helene, wie man den Mond und die Sterne mit Vergnügen sicht, ohne daß ein Gedanke sich regt, sie besitzen zu wollen. Friederike hingegen war ein Licht, dem ich mich nahen konnte, ohne mir, wie eine Mücke, die Flügel zn versengen. Ich besuchte sie daher fleißig; nicht als Liebhaber, sondern als Frennd. „Sic kommen wie gerufen!" sprach sic eines TagcS. „Sie solle» mir mit Rath nnd That an die Hand gehen. Eine meiner Freundinnen, ein sehr hübsches Mädchen, befindet sich in der ängstlichsten Verlegenheit." „Charlotte — so heißt sie — liebt einen jungen, braven Mann, den Kaufmann Elbing; aber ihre Base besteht darauf, daß sic den fürstlichen Kapellmeister, der um sie wirbt, hcirathcn soll. Sie haßt ihn, wie billig; und da sie ein eigenes, nicht unbedeutendes Vermögen besitzt, so könnte sie frank und frei nach ihrer Neigung wählen : das alberne Gänschen hat sich jedoch von der Base bereden lassen, die Entscheidung ihres ehelichen Looses einer hier lebenden Wahrsagerin zn unterwerfen. Diese alte Sibylle, der Kapellmeister und die Base stecken unter Einer Decke. Charlotte soll heute Abend den ihr vom Schicksal bestimmten Bräutigam in einem Zaubcrspiegcl zu sehen bekommen. Das ist aber Betrug. Der sogenannte Zau- berspicgel besteht bloS aus einer großen Glastafel, die, in einen Nahmen gefaßt nnd mit Vorhängen umgeben, an die ausgehobcne Thür einer Kammer gestellt wird. Und hinter diesem Glase will der Kapellmeister in Lebensgröße erscheinen. — Das alles weiß ich von einem eben so ehrlichen, als geschcidtcn Mädchen, das bei der Wahrsagerin dient, und von ihr den Auftrag hat, den säubern Herrn heimlich in die Kammer zn führen, während die Alte, zur Vorbereitung auf die Hauptsccnc, das Schicksalöbuch der 334 D 336 Sester, dessen galonirtes Bratenkleid auch in der Dämmerung glänzte, quer über den Hof und eilte hin nach dem Thorc. Herrisch rief er den Pförtner, und wiederholte mehrmals mit verstärkter Stimme den Ruf, während die alte Pförtnerin den von mir entfremdeten Schlüssel suchen mochte. Eine Laterne in der Hand, kam sie endlich, mit kläglichen Worten, die ich nicht verstehe» konnte, aus ihrem Stübchen heraus. Der Kapellmeister begann gräßlich zu fluchen, und mit der Wuth eines Bären, der einen Baum, von welchem der ungeschickte Tölpel hcrabgefallcn ist, dafür züchtigen und »mrcißcn will, lief er Sturm gegen das Thor. Bald darauf ward mein Name genannt. Stracks keuchte der Kapellmeister wieder über den Hof zurück, und ich, seines Besuchs gewärtig, schlüpfte in meine Wohnstube. — Er überfiel mich, ohne Anklopfcn, mit einem heftigen Verweise, daß ich den Mann, der seines Amtes an der Pforte warten solle, nach Osten und Westen versende. Ich antwortete: cs scp Schade, daß er mir das nicht gestern verboten habe, so wäre cs heute nicht geschehen; doch wolle ich ihm den guten Nath geben, sich von der Thor- Wärterin die Pforte öffnen zu lassen. „So klug bi» ich selbft!" fuhr er auf. „Es ist aber kein Schlüssel da; der alte Träumer hat beide mitgenommen." — Froh, daß auf mich kein Verdacht fiel, wies ich dem ungcsiümmen Menschen , als er mich noch weiter ausschclten wollte, ninthig die Thür. Die Thurmglocke schlug eben acht. Er lief, als brennte ihm der Kopf, nach dem Thore zurück. Ich stellte mich wieder auf die Lauer, und hörte, daß er in der Pfört- ncrstube gewaltig tobte. Ein Weilchen nachher entstand eine Stille, die ungefähr fünf Minuten dauerte. Dann aber erheb er ein Zetergeschrei, als wäre sei» Leben i» Gefahr. Die alte Fra» lief ängstlich über den Hof nach der Wachstube, wo von unserer Schloßgarnison, die aus zwölf alten Soldaten bestand, täglich drei Mann aufzogen. Während der Zeit schrie der Kapellmeister noch stärker. Es ward Christenpflicht, ihm zu Hülfe zu eilen. Ich fand ein lustiges Unglück. Mein Gefangener hatte sich durch das einzige kleine Fenster, das die im Erdgeschoß befindliche Wohnung des Pförtners sparsam erleuchtete, in Freiheit setzen wollen , und war wie ein Pfropfen in der Flasche stecken geblieben. Die Beine hingen hinaus in die Luft; das Bruststück war in der Stube. So hielt er sich, auf dem Bauche liegend und auf Rettung harrend, im Gleichgewichte i dicß aber ward, wie oft das politische , auf die feindseligste Weise gestört. Es stand nämlich draußen unter dem Fenster ein Raufbold, der des Kapellmeisters schütz- und wehrlose Rückseite, besonders den erhabensten Thcil derselben, unablässig mit einem Stocke zcrbläute und sich weder durch Strapeln noch Schreien in diesem Geschäfte stören ließ. Ich war außer Stande, dem Leidenden zu Helsen- Er steckte so fest zwischen dein Nahmen, daß ich ihn nicht hcrauszuarbcitcn vermochte. Eben so wenig konnte ich dem rastlosen Zuchtmeistcr Einhalt thun, weil des Züchtlings breite Körpermaße das ganze Fenster verstopfte. Doch bald kam Hülfe. Die Thorwärterin hatte die gcsammte wachhabende Mannschaft aufge- boten, und als diese sich mit vorspanntc, zogen wir den geschlagenen Mann glücklich aus der Klemme. „Wer da?" rief ich schnell zum Fenster hinaus. „Gut Freund!" antwortete die rauhe Baßstimme des Oberbefehlshabers der Garnison. Langbcin'S slimmtl. Schr. XVl. Bd. 22 Diese alte Kricgsgurgel, ein vormals preußischer Unteroffizier, hatte fich in der Stadt gütlich gcthan. Als er Lei Nacht und Nebel — den letztem im Kopfe — ans Schloß zurück kommt, sicht er ein paar Beine aus dem Fenster hängen, und in der Meinung, daß sic einem Un- fugsstistcr gehören, macht er sich das lange entbehrte Vergnügen, seinen Corporalstock, wie weiland in der guten alten Zeit, tüchtig zu handhaben." — Das erfuhr ich nachher von ihm; denn jetzt entfernte ich mich ohne Verzug, um eines neuen Wortwechsels mit dem Kapellmeister nberhobcn zu sepn. Bald darauf kam der Thorwärtcr zu mir uud erstattete Bericht über das ihm aufgctragcne Geschäft. Er klagte sich selbst an, daß er aus Uebereilung beide Schlüssel mitgenommen habe. Ich fand nicht für rathsam, ihm aus dem Traume zu Helsen, erfreute ihn aber durch einen so reichlichen Botenlohn, daß er sich über den Zorn des Kapellmeisters, der sogleich nach Ocffnung des Thores wie ein wilder Eber hiuausgcfahrcn war, lachend hin- wcgsctztc. „Sie sind ein Goldmann!" rief Friederike, als ich sic das nächste Mal besuchte. „Unser Spiel ist gewonnen! Lassen Sic sich erzählen." „Lottchcn und die Base gehen glücklicher Weise noch vor acht Uhr zur Wahrsagerin. Sic schlägt die Karte, und der dicke Mann zeigt sich hinten und vorn als der Gespons, dessen Ehe mit Charlotten im Himmel geschlossen scp. Das arme Kind macht sich nun darauf gefaßt, die verhaßte Gestalt auch im Zauberspicgel zu erblicken. — Jetzt klingelt's im Vorhause. — Das war das zwischen der Wahrsagerin und ihrem Dienstmädchen verabredete Zeichen, daß der Spicgelgcist angekommcn und in 339 Oo- die Kammer gebracht sey. Nun macht die Gauklerin allerlei Firlefanz um den Zaubcrspicgel herum, ergreift endlich zwei Lichter, und ruft mit feierlicher Stimme: Du, der dieser edlen Jungfrau zum Gatten bestimmt ist, er« scheine, erscheine! — Siehe, da steht Elbing! — Charlotte jubelt; die Beschwörcrin läßt vor Schrecken beide Lichter fallen; die Base wird todtcnblcich. Indessen springt Elbing fort aus dem Hause. Bald darauf verlassen auch Lottchcn und ihre Base die noch ganz betäubte Wahrsagerin." „Diese nimmt jetzt ihr Mädchen ins Verhör. Die schlaue Dirne bethcuert: sie habe den Kapellmeister, der bestellter Maßen um acht Uhr gekommen sey, in die Kammer geführt. — Nun, so ist der böse Feind im Spiele; spricht die Alte, und wird so verzagt, daß sie nicht in der Stube allein bleiben will." „Kurz nachher stürzt der Kapellmeister athcmlos herein. Er hört mit Entsetzen, daß die Geschichte vorbei ist und überhäuft die Wahrsagerin mit Vorwürfen. Sie sagt: was kann ich dafür, daß sich der Satan in den Handel mischt, und bald Ihre, bald Elbings Gestalt annimmt? — Er nennt das Flausen, schilt sie eine Betrügerin, schlägt den Zanberspiegcl entzwei; sie aber wirft ihm Töpfe an den Kopf und zwingt ihn damit zur Flucht." — „Meine Freundin ist nun ganz glücklich!" — schloß Friederike ihre Erzählung. „Ich entdeckte ihr heute den Zusammenhang der Sache. Aber die Base hält Elbings Erscheinung noch bis diese Stunde für einen förmlichen Gcisterspuk. Sie muckt daher nicht mehr, und macht schon Anstalt zu Lottchens erwünschter Verlobungsfeier." — Der Kapellmeister konnte mir's nicht verzeihen, daß er durch mich eine reiche Braut verloren und Schläge ge- 340 Wonnen hatte. Er setzte mich zwar darüber nicht weiter zur Rede, weil er die vorgchabte Büberei geheim halten mußte; wo er mich aber sah, funkelten mich seine Augen zornig an. Auch seine Freunde waren mehr als jemals über mich ergrimmt. Darum bat ich den Himmel, mich nicht im Schlosse krank werden zu lassen; denn ich hätte befürchten müsse», daß mir der Leibarzt, um seinen Freund an mir zu rächen, ein Sncccssionspülvcrchcn reichte. Minder gefährlich war der Justizdirektor, der mir, trotz seiner Meisterschaft in Kniffen und Pfiffen, kein Haar krümmen konnte. Am wenigsten aber machte ich mir aus der lächerlichen Ungnade des Zwergleins, das mir, wo wir einander begegneten, eine Faust ballte. Eines Tages, als Frau von Bärwald einmal ausgegangen war, ließ mir Helene durch ihre Kammcrjungfer sagen: ich möchte in den Garten kommen; sie habe etwas mit mir zu sprechen. Freudig und zagend eilte ich hinab. Sic erwartete mich an einem Platze, wo wir aus den Schloßfenstcrn nicht gesehen werden konnten, und mit dem Tone der innigsten Freundschaft sagte sie: „Meine Dankpflicht erfordert cs, Ihnen etwas Unangenehmes zu eröffnen. Sie haben Feinde im Schlosse, die Ihnen bei dem Fürsten zu schaden suchen." „Ich danke Ihnen für diese Warnung, gnädiges Fräulein !" antwortete ich. „Aber mein Leben ist schuldlos, meine Treue gegen den Fürsten unwandelbar; was Hab' ich zu fürchten? Ich bin im Gcgcntheil meinen Feinden sehr dafür verbunden, daß sie mir diesen Beweis Ihres Wohlwollens, mein theuersteS Fräulein, verschaffen." „O, ich bin noch tief in Ihrer Schuld!" sagte sie seufzend. „Sie schützten mein Leben, und ich — gab Ihnen eine halb verwelkte Rose!" Ich bethcuerte, daß diese Rose einen unvergänglichen Werth für mich habe, und, schnell mein Taschenbuch öffnend, bewies ich die heilige Aufbewahrung der zwischen Scidcnpapicr ruhenden Blume der Liebe. Gerührt reichte mir Helene die Hand. „Wir bleiben Freunde!" sprach sie herzlich. „Doch jetzt verlassen Sie mich, lieber Walland! .Es soll und darf niemand unsere Zusammenkunft wissen, denn in solchen Fällen muß man befürchten, daß die Bäume Augen und Ohren haben." Glücklich wie ein Gott zog ich mich zurück. Der Kapellmeister begegnete mir mit seinem gewöhnlichen Dlitz- und Donncrgcsichte auf der Schloßtrcppe; ich aber gr ihn so freundlich, daß er mich stutzig ansah, als ob er mich für wahnwitzig hielte. Einige Tage später ward mir, als ich in den Frühstun- dcn des Fürsten Befehle vernehmen wollte, im Vorzimmer gesagt: er scp krank und lasse niemand vor. Mittags kam er nicht zur Tafel. Auch Helene und die Tante schlossen sich davon aus. Ich spcis'te mit meinen drei Gegnern allein. Ein wahres Gistmahl! Sie sprachen unter sich ein Rothwälsch abgebrochener Worte und lachten unaufhörlich dazwischen. Ich wußte nicht, ob ich vcr- rathcn oder verkauft war. Nachmittags ward ich zum Fürsten gerufen. Ungewöhnlich bleich saß er zwischen Betten in einem Lehnstuhle und sagte mit matter Stimme: „Nehmen Sie Platz an meiner Seite! Das Sprechen wird mir schwer, aber ein wunderbares Ercigniß nöthiget mich, mit Ihnen zu reden." „Ich weiß nicht, ob Sie davon gehört haben, daß dieses Schloß auf den Grundfesten eines vormals hier gestandenen Mönchsklosters erbauet ist. Das letzte Oberhaupt desselben war ein Abt, Namens Nicodcmus, der vom -O-D 342 Go- Papste die Erlaubiüß erhalten hatte, bischöfliche Ehrenzeichen zu tragen. Die Geschichte meldet von ihm, daß er ein Mann von außerordentlicher Strenge und fast riesenhafter Leibesgröße gewesen sep. Darauf gründet sich die alte Sage, daß sein Geist noch bisweilen als Sittcnrich- richter in diesen Mauern umher wandele." „Doch wie kann ich dieß noch Sage nennen?" fuhr er seufzend fort. „Es ist Wahrheit! — Ich hörte seine Donnerstimme in voriger Nacht; sie rief vor der Thür meines Schlafzimmers: Arenhain! der Abt Nicodcmus redet mit dir! — Ich habe Wohlgefallen an deiner Frömmigkeit; aber ein Gräuel ist mir der Unchrist, der vor zwei Monaten, wie aus den Wolken gefallen, in deine Dienste trat und deines Vertrauens genießt. — Wirf morgenden Tages die Schlange aus deinem Busen, schleudere sic über die Gränze deines Gebiets! Sonst erschein' ich dir furchtbar in nächster Nacht, und Tod und Verderben sind mein Gefolge. — So sprach die schreckliche Stimme, und ich möchte mir gern selbst verhehlen, gegen wen sie eiferte." — „Gegen mich, gnädiger Herr!" sagte ich unerschrocken. „Die Zeit meiner Anstellung in Ihren Diensten setzt das außer Zweifel. Aber der Abt Nicodcmus kennt mich nicht, und war' er keine heilige Person, so würde ich ihn einen Vcrläumder nennen." „Gemach! gemach!" fiel ängstlich der Fürst mir ins Wort. „Beantworten Sie mir so treu und wahr, als stünden Sie vor Gott, die Frage: „Sind Sie ein Christ?" „Ich bin es!" sprach ich fest und sah ihm frei in die Augen. „Das beruhigt mich," sagte er. „Ein gutes Gewissen spricht aus Ihrem Gesichte. — Gott allein sieht in unser Herz; selbst Engel und Heiligen ist cs verschlossen. Da- -v-D 343 S<>- rum soll mich des Geistes Wort in meinem Vertrauen zu Ihnen nicht irre machen. Ich werde ihn muthig erwarten und Sie gegen ihn vertreten." Ich verließ den Fürsten mit dem Vorsatze, ihn dieser Bertheidigung zu überhcben, und überhaupt den gedrohten Besuch von ihm abzuwcnden. Leicht crrathcnd, wo der Herr Abt Herkommen würde, entschloß ich mich, ihm den Weg zu verrennen. Da er aber, der Sage nach, ein Riese sepn sollte, so war eine Fehde mit ihm ohne Beistand bedenklich. Ich sah mich daher nach einem tüchtigen Kampfgehülfcn um. Meine Wahl fiel auf den fürstlichen Leibkutscher. Das war ein Kernmann, auf den ich mich verlassen konnte. Gegen Mitternacht besetzten wir in aller Stille den Ausgang einer langen gewölbten Halle, die der Herr Abt nicht umgehen konnte, wenn er im Schlafzimmer des Fürsten spuken wollte. Er ließ uns kaum zehn Minuten warten. Schwere Tritte, die vom andern Ende der Halle her dröhnten, kündigten seine Ankunft an. Jetzt brach ich Plötzlich mit zwei verborgen gehaltenen Lichtern hervor und sah einen Ungeheuern, durch eine hohe Bischofsmütze noch vergrößerten Riesen, dessen gräßliche Larve mich fast erschreckte. Bekleidet mit einem langen schwarzen Priestergcwande, trug er in der linken Hand ein Buch und in der rechten den Krummstab. Er prangte folglich mit allen ihm verliehenen bischöflichen Ehrenzeichen. Ich aber sagte ohne Umstände: „Guten Abend, Herr Abt! Wo spazieren Sie hin?" Brummend wie ein Bär, zog er sich mit kleinen Krebs- schrittcn ein wenig zurück. Als ich ihm aber nachdrang und sein Fratzcngesicht mit hochgehaltenen Lichtern beleuchtete, wandte er sich schnell und ging rascher von dannen. Mein Begleiter, der Kutscher, machte sich den Spaß, hinter ihm her mit einer Peitsche zu knallen. Der Hoch- würdigste crschrack und that einen so gewaltigen Sprung, daß ihm, o Wunder! der Kopf rücklings von den Schultern stürzte, und neben dem fliehenden Rumpfe her eiligst davon lief. Ich konnte vor Lachen den zerfallenen Riesen nicht verfolgen. Aber der Kutscher gab ihm mit klatschender Peitsche das Geleit bis ans Ende der Halle. „Das ist Schelmpack!" rief er, als er zurück kam. „Der Zwerg stand auf des Kapellmeisters Schultern!" Ich bat ihn, die Geschichte zu verschweigen. Und als der Fürst des folgenden Tages gegen mich Verwunderung äußerte, daß der Geist nicht erschienen scp, schwieg ich auch. Die beiden Bruchstücke des heiligen Nicodcmus wichen mir seitdem möglichst aus. Der Kopf, so gut er auch laufen konnte, entlief seiner Strafe nicht. Er gerieth bald nachher bei folgender Gelegenheit in eine höchst verdrießliche Lage. Eine reisende Künstlerin, die sich mit pantomimischen Vorstellungen durch die Welt half, trug dem Fürsten das Vergnügen an, ihre Kunst zu bewundern. Da sic meistens heilige Gegenstände darzustellen versprach, so erhielt sie Erlaubniß, eines Abends ihre Schaubühne im Schlosse aufznschlagen. Der sämmtliche Hofstaat hatte Zutritt, und der Fürst selbst befand sich nebst einigen gerade anwesenden Glaubcnsbrüdcrn unter den Zuschauern. Nach verschiedenen, ganz mißlungenen Auftritten, zeigte sich die Stümpcrin als Jungfrau Maria, und der göttliche Sohn, der ihr auf dem Schooße ruhte, war unser alter, häßlicher Zwerg. Ein unaufhaltsames Gelächter brach aus. Aber im heftigsten Zorne fuhr der Fürst em- -<>D 343 S--» por und befahl den an der Thiir stehenden Soldaten, den kleinen Messias zu ergreifen und in gefängliche Hast zu bringen. Die Madonna mußte sogleich cinpacken und das Schloß verlassen. So kam sie noch glücklicher weg als ihr geborgter Sohn, der viel Leiden zu erdulden hatte. Er saß drei Tage lang, verhöhnt und verspottet, in der Wachstube bei Wasser und Brod, und erst dann gelang es den eifrigen Fürbitten des freundschaftlichen Kleeblattes, den gefangenen Erlöser zu erlösen. Ich übergehe noch andere, thcils lächerliche, thcils ärgerliche Begebenheiten, und wende mich zu dem Vorfälle, durch den das Reich der Heuchelei im Schlosse zu Grunde ging- Der Kapellmeister und seine Partei waren leidenschaftliche Liebhaber des Weines, und hielten oft im Schlosse nächtliche Trinkgelage, wobei sie gern ein kräftiges Zcch- lied sangen. Das mußte freilich mit gedämpfter Stimme geschehen, weil der Fürst zwar ziemlich fern, doch nahe genug schlief, um den Gesang der Bacchanten hören zu können. Das war auch wirklich einmal geschehen. Am Morgen darauf machen der Kapellmeister und der Leibarzt zugleich ihre Aufwartung bei ihm. Er fragt, was die Töne, die er in der Nacht vernommen, zu bedeuten gehabt hätten. „Wir hielten Betstunde;" sagen sic. Das gefällt ihm; er wundert sich nur über die ihm ganz fremden Gesaugsweisen. Die Schlauköpse antworten: die Entfernung möge ihn wohl getäuscht haben; und dabei hat es sein Bewenden. Sie schreiben sich aber das hinter's Ohr, und der Leibarzt, ein behender Poet, kommt auf den Einfall, ein paar lustige Trinklieder nach geistlichen Melodien zu dichten. -->§> 346 S»- um nicht nur damit eine komische Wirkung zu erzielen, sondern auch hauptsächlich den horchenden Fürsten zu hin- tergehcn. Die schnurrigen Dinger find nach wenigen Tagen fertig und mit satirischer Laune reichlich gewürzt. Der Dichter macht mit eigener Hand einige Abschriften davon und geht damit in die Trinkstube. Seine drei Freunde — denn auch der Zwerg war ein Mitglied der Zcchbrüderschaft — jubeln über die herrlichen Lieder, stimmen sie, als ihnen der Wein in den Kopf gestiegen ist, fröhlich au und fingen ohne Furcht und Zwang. Denn hört es auch der Fürst, was thut das? Es wird Betstunde gehalten. Der Fürst hat eben eine schlaflose Nacht. Lauschend freut er sich über die Andacht seiner Getreuen. Die Melodie eines Lieblingsliedcs schmeichelt besonders seinen Ohren. Davon hingerissen, steht er auf. Er will mit den frommen Leuten singen und beten. Sie, die eher des Himmels Einsturz, als diese ungewöhnliche Nachtwanderung vermuthcn, haben die Thür nicht verschlossen, und im lärmenden Rausche hören sie des Fürsten leise Schritte nicht. Plötzlich steht er vor ihnen. Mit Entsetzen springen sie auf, klammern sich, der Füße nicht mächtig, an den Tisch, und die erschütterten Trinkgefäße stürzen durch einander. Der Fürst erstaunt. Alles scheint ihm ein Blendwerk. Als er aber die Trunkenbolde, die ihn mit gläsernen Augen anstarren zur Rede setzt, und sie nun anfangen, heuchlerische Ausflüchte mit schwerer Zunge zu stammeln, da erkennt er an diesem Zuge die Seinen, gebietet ihnen Stillschweigen, bemächtigt sich einiger Exemplare der gesungenen Lieder, und geht in sein Zimmer zurück. Hier liest er die Poesien seines Leibarztes, dessen Handschrift er kennt. Sie strotzen von Unan« -->D 347 S«- ständigkciten und Spott über Pietisten und Betbrüder. Dadurch an der empfindlichsten Seite angegriffen und verwundet, beschließt der Fürst, die entlarvten Heuchler Knall und Fall zu verabschieden. Es war kaum Tag geworden, als er mich ruft» ließ. Mit Betrübniß erzählte er mir, wie er die Falschheit und Nichtswürdigkeit seiner Diener entdeckt hatte, und crtheilte mir dann den unangenehmen Befehl, dem Justiz-Director, dem Leibarzte, dem Kapellmeister und dem Zwerge ihre Entlassung'anzukündigcn. Er übergab mir zugleich vier versiegelte Rollen mit Goldstücken. „Ich schenke hiermit Jedem," sprach er, „den vollen Betrag seines bisherigen Jahrgehaltes. „Gebieten Sie aber, in meinem Namen, den Empfängern, sich binnen drei Stunden aus dem Schlosse zu entfernen und mir nicht wieder vor die Augen zu kommen. Nur den Justiz-Director will und muß ich noch so lange dulden, bis er das Archiv seinem Nachfolger übergeben hat." — Ich vollzog den erhaltenen Befehl mit möglichster Schonung, weil ich Ausbrüche von Verzweiflung besorgte. Aber die Herren erwarteten schon das Urthcil, das ich ihnen eröffnet«:, und fanden die Pille um so weniger bitter, da sie des Fürsten milde Hand vergoldet hatte. „Wir waren längst entschlossen, hier nicht zu versauern;" prahlten sie. „Wir machen mit unfern Wissenschaften und Talenten überall ein besseres Glück." — Nur der Zwerg bekannte, daß er nichts gelernt habe, als Brod essen. „Doch wenn alle Stränge reißen," sprach er, „so lasse ich mich für Geld sehen." Mit diesem Betteltroß ergriffen sie sogleich, mit Ausnahme des Rechtsgelchrtcn, den Ncisestab und wandelten fort. Auch ich mußte des folgenden Tages reisen; doch nicht verwiesen, sondern in Geschäften des Fürsten. Er sandte mich in eine gewisse Hauptstadt des deutschen Reiches, um einen wichtigen Rcchtshandel — der dort wahrhaft anhängig war, indem er wie an Ketten hing — zu betreiben. Zugleich erhielt ich den Auftrag, eine» erfahrenen Arzt und einen geschickten Musikmeister ausfindig zu machen und die Dicnstvcrträge mit ihnen abzuschlicßcn. Ein tüchtiger Justiz-Dircctor war schon in der Nähe gefunden, und der Posten des Zwerges blieb unbesetzt. Kurz vor meiner Abreise gewährte mir noch ein günstiger Zufall die Freude, mit Helenen ohne Zeugen zu sprechen. Dicß Glück dauerte nur fünf Minuten; ich hätte sie aber nicht gegen eben so viel Lebensjahre vertauscht: denn jedes Wort, jeder Blick der Jnniggeliebtcn enthüllte mir unwillkürlich das süße Gehcimniß der Gegenliebe. Wonnetrunken warf ich mich in den Wagen, und der einzige Gedanke meiner langen, einsamen Reise war Helene. Ich war zwei Monate abwesend. Als ich zurück kam und bei dem Pfarrhause vorbeifuhr, riß Friederike das Fenster auf und rief: „Halten Sie einen Augenblick! Ich habe Ihnen etwas Wichtiges zu sagen." Ich sprang ins Haus. Sie hüpfte mir entgegen und sagte: „Ei, welche Veränderung finden Sic im Schlosse! Es ist seit vier Wochen ein junger Herr angckommcn, von dem man sich ins Ohr flüstert, daß er des Fürste» Sohn sey. Wenigstens gilt er Alles in Allem, und man spricht allgemein, er hcirathe Fräulein Helenen." Mich überfiel ein Schrecken, daß ich nmzusinkcn glaubte. Doch ich nahm mich gewaltsam zusammen, erklärte die Neuigkeit für ein leeres Stadtgeschwätz, und eilte, wie durch ein Aprilmährchen geärgert, schnell wieder fort. 349 <§0- „Unglücklichcr Amadis, du hast deine Prinzessin verloren!" rief Friederike lachend mir nach, als ich mich halb sinnlos in den Wagen stürzte. Im Schlosse sah ich weder rechts noch links, und vermied auf dem Wege zum.Fürsten jedes Gespräch, um meine mühsam errungene Fassung wenigstens so lange zu behaupten, bis ich meinen Reisebericht abgestattct haben würde. Das ging anfangs recht gut; doch bald verlor ich den Faden. Meine Stellung vor dem Fürsten war so, daß ich eine Reihe von Zimmern, die hinter seinem Rücken geöffnet waren, übersah. Die Thür des letzten dieser Gemächer ging ans; Helene trat herein und neigte sich gegen mich. Aber kaum hatte sie einige Schritte vorwärts gethan, als durch dieselbe Thür ei» junger Mensch, einen Tanz trällernd, gefesselt kam, Helenen umfaßte und sie, ihres Sträubens ungeachtet, durch zwei Zimmer walzend mit sich fortriß. So mir näher gekommen, erkannte ich ihn — es war Richard! — Mein Ring blitzte an seiner Hand. — Ich zitterte vor Wuth und konnte mich kaum zähmen, über ihn hcrzufallen. In diesem Augenblicke ward er mich gewahr. Er schrack heftig zusammen, ließ das Fräulein los, verhüllte die Tod- tenfarbc seines Gesichts mit dem Taschentuche, ging den Weg, den er tanzend gekommen war, mit bebenden Knien zurück, und verschwand durch die letzte Thür. Der Fürst und Helene sahen ihm mit Verwunderung nach. Dann wandte sich jener zu mir und fragte: „Kennen Sie ihn?" „Ja, gnädiger Herr!" antwortete ich. „Aber noch genauer kenne ich den Ring, den er trägt. — Dieser Ring ward mir entwendet." — „Unmöglich!" — rief der Fürst. „Der Ring, den Sie -»D 380 Pollns die befremdlichste Weise in Anspruch nehmen, war ehemals mein Eigcnthum, und der junge Mann erhielt ihn durch die zweite Hand von mir." — Höchst erstaunt sah ich ihn an und sagte: „Gnädiger Herr, ich gerathe in ein Labyrinth von Näthscln. Den einzigen Ausweg bietet vielleicht meine Lebcnsgeschichte. Wollen Sie geruhen, sic anzuhören?" „Recht gern!" sprach er, und winkte Helenen, uns zu verlassen. Sie zog sich ins dritte Zimmer zurück. Ich erzählte nun, wie ich den Ring von meiner Mutter empfangen und nachher von einem Grafenschlosse zum andern geritten war und ihn fruchtlos vorgezeigt hatte. „Sie.sagen mir nichts Neues," fiel mir der Fürst inS Wort. „Das alles erzählte mir schon jener junge Mann, als seine eigene Geschichte." „Das ward ihm leicht;" versetzte ich. „Denn ich war leider so unklug, ihm meine Geheimnisse zu entdecken. Er bemächtigte sich dann meines Ringes und ergriff die Flucht. Schweigend sann der Fürst der Sache nach. Endlich fragte er, ob ich aus dem Nachlasse meiner Mutter einen Brief besitze, in welchem von dem Ringe die Rede sey. Ich sagte ja und holte ihn geschwind aus meinem Zimmer. Der Fürst that einen Blick darauf, sprang empor, umarmte mich und rief: „Du bist mein Sohn! Jener ist ei» Betrüger." Meine Empfindungen hierbei überstiegen jeden Ausdruck. Ein Paradies that sich mir auf. Doch plötzlich fiel mir ein, und ich erinnerte den Fürsten daran, daß meine Mutter gesagt hatte: mein Vater sey ein Graf. „Ich war noch Graf, als ich diesen Brief schrieb;" erwiderte der Fürst. „Erst später ward ich, bei Gelegenheit der mir übertragenen Gesandtschaft am spanischen Hofe, 381 zum Fürsten ernannt. Während der Zeit hatte deine Mutter ihre Heimath verlassen, und vorsätzlich verschwiegen, wohin sie sich wende. Ich konnte, so viel ich auch forschte, ihren Aufenthalt nicht erfahren; und auch ich war ihr durch meine Standesvcrändcrung, die ihr unbekannt gcbleiben zu sepn scheint, fremd geworden. — Nach meiner Rückkunft von Madrid ward ich tödtlich krank, kam zur Erkenntlich meiner Sünden, und wandte mich zu Gott. — Doch über das alles sprechen wir ein ander Mal. Jetzt wollen wir hören, was der Abentenrer, der meine Vaterschaft beinahe crstohlcn hatte, zu seiner Vcrtheidigung Vorbringen kann." Ein Bedienter ward nach ihm geschickt, kam aber mit der Meldung zurück: der junge Herr habe sich auf ein Pferd geworfen und ftp mit verhängtem Zügel davon geritten. „Was brauchen wir weiter Zcugniß, daß er ein Betrüger war?" sagte mein Vater. Er wollte ihn mit Steckbriefen verfolgen lassen; aber ich bat für ihn. „So nichtswürdig dieser Mensch ist," setzte ich hinzu, „so erwarb er sich doch ein großes Verdienst um mich. Ich selbst hätte meinen Ring nie einem Fürsten gezeigt, weil ich einen Grafen suchte, und so wär' ich vielleicht lebenslang vaterlos geblieben." „Du hast Recht!" sprach mein Vater. „Die Strafe des bösen Mensche» scy der Verdruß, daß er wider seinen Willen etwas Gutes gestiftet hat." Der edle Greis ließ hierauf die ganze Hausgcnofsenschaft zusammenrufen und stellte mich ihr als seinen Sohn vor. Niemand nahm an der erfreulichen Wendung der Sache einen herzlicher» Anthcil als Helene, die den frechen Vagabunden vom ersten Augenblick an gehaßt und geflohen Hatte. Mein würdiger Vater erthcilte mir mit landesherrlicher Bestätigung alle Rechte eines ehelichen Sohnes, und ich ward HelcncnS glücklicher Gatte. Auch die gute Friederike ging nicht leer aus. Der neue, von mir ausgewitterte Hausarzt war ein liebenswürdiger Mann, dem sie, als ich ihn mit ihr bekannt gemacht hatte, keineswegs so auswich, wie seinem häßlichen Vorfahr, der sie auf dem Grasplätze hcrumhetzte. Die Leutchen kamen vielmehr, des rauhen Spätherbstes ungeachtet, oft traulich dort zusammen, und che noch der erste Schnee fiel, waren sie miteinander verlobt. Mein Vater übernahm die Ausstattung der Braut, und richtete seinem Arzte und mir an Einem Tage eine fürstliche Hochzeit aus. Diese Ehrenbezeugung bewirkte ich Friederiken, weil ich ihr in gewisser Hinsicht den Fund meines gegenwärtigen Glücks verdanke. Hätte sie nicht an jenem verhäugnißvollcu Tage, da ich von der Berghohe in mein gelobtes Land hinabsah, den Einfall gehabt, Maria Stuart im Grünen zu lesen, so hätte ich die Schwelle meines Vaterhauses nimmer betreten, und Helene wäre für mich ewig verloren gewesen. 353 'Z-o- Der entscheidende Tag 1 ! § „Das wird ein lustiger Tag werden!" sagte die Berg- räthin Steinfeld zu ihrer Stieftochter. „Ich lese hier im Wochcnblattc, daß Graf Tassilo den Tag nach Johannis seinen Unterthanen im Städtchen Kunkelwiß, wo zugleich Jahrmarkt ist, ein Volksfest gibt. — Wir wollen den Spaß mit ansehcn, Louise! Aber kosten darf cs uns nichts. Hnzelmännchen mag uns begleiten und diese Ehre, wie billig, bezahlen." liebe, sagte sie, solches Getümmel nicht, und liebe noch weniger den Kärgling, der die Anfbürdung dieser Ausgabe als ein neues Befngniß zu Hcirathsgcdankcn ansehen würde. „Du lachst den Narren aus, damit bist du fertig!" entgegnen die Mutter. „Wer wird sich durch dergleichen Bedenklichkeiten von einem Vergnügen abhaltcn lassen?" Indem die unzarte Frau, deren niedriges Herkommen schon ihre Sprache verräth, mit Beredung zur Lustreise L»«nbein'e sännntl. Schr. XVI. Bd. 23 Louise bat um Erlaubnis!, zu Hanse zu bleiben. Sie -o-D 384 fortfuhr, kam das Teufclchcn, von dem man eben sprach, der Kommerzienrath Huzel, den sic wegen seiner kleinen Gestalt Hnzelmännchcn zu nennen Pflegte. Da er die Hauptfigur des gegenwärtigen Charaktcrge- mäldcs ist, so laßt uns vor allen Dingen sein Bildniß in Lebensgröße hier aufstellcn. Er war ein Knabe von vierzig Jahren, und glich, mit Fallstaff zu reden, einem Männchen, das etwa nach dem Essen aus einer Käserinde verfertigt wird. Er selbst hätte freilich keine Rinde so zum Spasse verschnitzelt; er hätte sie lieber verzehrt. — War der Knauser sei» eigener Gast, so aß er sich nie satt. Aber stolz und eitel schmückte er sich mit feinen Kleidern und köstlichen Ringen, die der selige Kauf- und Handelsherr Huzel, ein weiland eben so winziges Männlein als sein Sohn, in Hülle und Fülle hinterlassen hatte. Die Farbe» der Kleider wollten nur heutiges Tages nicht mehr gefallen; sie waren meistens saffrangelb, zinnobcrroth, apfelgrün u. s. w. Auch ihr veralteter Schnitt ward auf allen Straßen verlacht. Doch kein Spott preßte dem Kommerzienrath einen Pfennig Schneiderlohn ab. Er ging, ohne sich irren zu lassen, wie das Gespenst eines vor fünfzig Jahren verblichenen Stutzers herum; und so erschien er auch jetzt in der Tracht und mit dem ganzen zierlichen Wese» eines Seladons der Vorzeit. Die Bcrgräthin nothigte ihn, Platz zu nehmen, und bot ihm scherzend ein gepolstertes Fußbänkchcn zum Sitz an; er schwang sich aber auf den Rand eines Stuhles und stemmte die gestreckten Fußspitzen fest an den Boden, um nicht hinabzugleiten. „Prächtiges Wetterchcn!" hob er an. „Aber die Sonne winkt Ihnen, meine schönen Damen, vergebens, Ihre Füß- -»D 383 Wochen ins Grüne zu setzen; Sie bleiben immer wie Nonnen in Ihrer Klause." „Warten Sie! Diesen Verweis sollen Sie uns nicht umsonst gegeben haben !" sagte die Bergräthin, und lud ihn zur Lustreise nach Knnkelwitz ein. Das war ihm ein Donncrschlag, weil er wußte, daß sie sich, ungeachtet sie reich war, gern frcihalten ließ. Doch nahm er sich zusammen und heuchelte Freude, indeß er Zugleich ängstlich darauf dachte, mit einem blauen Auge davon zu kommen- Er wollte sich wenigstens von den Kosten der Wagcnmiethe und des Mittagsmahles befreien, und sagte: „Nun kann ich Ihnen doch einmal zeigen, meine Verehrtest«,, daß ich ein trefflicher Fußgänger bin, ob mir gleich bisweilen in den Bart geworfen wird, daß ich keine Storchbeine besitze. — Wir machen uns nach dem Mit- tagseffcn, das Sie etwas früher als gewöhnlich cinzuneh- mcn belieben werden, auf den Weg, legen die zwei kurzen Milchen spielend in drei Stunden zurück, sehen die Possen dort an, und wandeln in der lieblichen Kühle der Nacht wieder nach Hause." „Sie sind wohl nicht klug?" — fuhr die Bergräthin auf, indem Louise aus dem Zimmer ging, um bei der unangenehmen Verhandlung nicht gegenwärtig zu fepn. — „Wir sind keine Botenfrauen, Herr Kommerzicnrath! Bestellen Sic also, wenn Sie unser Nciscmarschall seyn wollen, einen bequemen Wagen, bepacken Sie ihn — doch natürlicher Weise alles auf gemeinschaftliche Rechnung — mit Wein und Torte, und kommen Sie damit früh um sieben Uhr vor unsere Thür. Lassen Sie es ;a an nichts fehlen! Es wird für Sie ein entscheidender Tag werden. Verstehen Sie mich?" — Gezwungen lächelnd, versprach er gehorsamste Befolgung I / -»-§> 356 der ihm erteilten Befehle, und eilte fort, um sich zwischen seinen vier Wänden die Haare auszuraufen. Denn ob er gleich Louisen und ihre fünfzigtausend Thaler unfehlbar zu erobern hoffte, so war ihm doch der unmäßige Abzug vom Heirathsgute, den er durch die Fahrt nach Kunkelwitz schon im voraus leiden sollte, äußerst empfindlich. 2 . Der kleine Mann schwankte beständig zwischen zwei Neigungen, die gegen einander die stärkste Abneigung hatten: er liebte hübsche Mädchen und sein Geld. Da er aber für jene kein reizender Liebhaber war, so mußte er mancher Göttin, die er anbetctc, sein geliebtes Gold zum Opfer bringen und jeden Schatten von Gunst damit erkaufen. Daraus entstand oft ein lustiger Krieg zwischen seinen unverträglichen Leidenschaften. Die Liebe behielt — besonders in seinen jüngern Jahren — meistens die Oberhand, und der Geiz mußte wie ein besiegter Fürst von seinem Bcsitzthum etwas abtreten; doch war er immer noch so mächtig, daß er sich nur ein Weniges abzwackcn ließ. Herr Huzel kam daher stets nur mit bettelhaftcn Geschenken bei seinen Liebchen angestochcn, und trug mehr Schimpf und Schande, als freundliche Gesichter und Küsse davon. Es hatte sogar nach schon entschiedenem Zwist der streitenden Mächte noch eine bedeutende Person in die Sache zu reden; und diese Person war vormals ein Gott, der jetzt, nachdem man ihn als solchen abgcdankt und zur Ruhe gesetzt hatte, das Amt eines Schatzmeisters versah. Doch der näher» Bekanntschaft mit ihm muß die Beschreibung des Orts, wo er herrschte, vorangehen. Huzelmännchcn verwahrte seinen Mammon in einem -o§> 387 festen Gewölbe, an welchem über der Thür ein Todten- kopf in Stein gehauen und die Inschrift eingegrabcn war: „Wer sein Leben liebt, der Hute sich hier vor Sclbstschiissen!" — Innerhalb stand ein ungeheurer eiserner Kasten, mit sieben Schlössern behängen und auf allen Seiten umpflanzt mit Feuergcwchren, die in wagcrechter Stellung Jedem, der sich nahe» wollte, ihren furchtbaren Mund zeigten. Der Hahn war gespannt und die Zunge des Abdrucks um- knüpst mit Draht, der sich thcils in Schlangcnwindnngcn auf dem Fußboden herumzog, thcils in darein gebohrte Löcher wie Blitzableiter hinablief. Doch alles war Wind und blauer Dunst. Die Gewehre waren nicht geladen und bewachten nur eine Kiste voll Steine; denn das listige Männlein hatte die tauschende Truhe blos darum hingestellt, damit sich die etwa einbrcchcuden Diebe fruchtlos daran abarbciten und den eigentlichen Versteck des Schatzes nicht bemerken sollten. Dieser befand sich in dem hohlen Rumpfe eines ehernen Püsterichs, den die alten Deutschen als Fcucrgott au- gebetct hatten. Der Himmel weiß, wie er dem zwcrghas- tcn Nachkömmling jener gewaltigen Recken in die Hände gefallen war. Er stand, mit alten Kleidern und Lumpen beworfen, im dunkelsten Winkel des Gewölbes, wie ein unnützes Hausgcräth, womit man nichts anznfaiigen weist. Seine Vogelscheuchen - Tracht, die ihm nur zufällig anf- gcpackt schien, verdeckte den geheimen Weg, auf welchem die goldenen Füchse, die er in der Höhle seines Leibes beherbergte, aus- und cingiugen. Wollte nun Herr Huzel einmal ein seines Liebchen beschenken, und brauchte dazu mehr Geld , als er sich zu seinem täglichen Unterhalte nothdürftig ausgesetzt hatte, so bat er seinen Schatzmeister um ein Darlehn. „Lieber ^ 388 Püsterich," sprach er, „leihe mir so und so viel! Ich will es ehrlich wieder bezahlen." — Püsterich antwortete nicht; doch der Kleine wußte sich Bescheid zu verschaffen. Er nahm zwei Blättchen Papier von gleicher Größe, beschrieb das eine mit Ja, das andere mit Nein, rollte sie wie Lotterieloose zusammen, warf sie beide zugleich dem Schatzmeister an den Kopf, und öffnete das, welches im Abprallen bei ihm, dem Borger, zunächst niederfiel. Fand er das unerwünschte Nein, so zog er mit dieser abschlägigen Antwort still ab, wiederholte jene Anfrage den folgenden Tag, und fuhr bisweilen Wochen lang damit fort, bis ihm das Jablättchen zusprang. Getrost nahm er dann so viel, als er sich erbeten hatte, legte dafür in den ehernen Bauch einen Wechsel, worin eine kurze Zahlfrist bestimmt war, und darbte nach und nach seinem Munde die Schuld ab, um sie zu gehöriger Zeit mit landllblichcn Zinsen zu tilgen. War ihm aber dicß am Zahltage nicht möglich, so gab er sich Wechselarrest und setzte keinen Fuß aus dem Hause, bis er seinen Gläubiger befriedigt hatte. 3 . Kaum war er jetzt einmal schuldenfrei und fühlte sich ganz leicht, als ihn die verwünschte Fahrt nach Kunkelwitz wieder zwang, einen großen Bären anzubinden. Er berechnete vorläufig, was ihm der lange Schmaustag ungefähr kosten könnte, und brachte mit Schrecken zehn Ncichs- thaler und etliche Groschen heraus. Wer stand ihm noch überdieß dafür, daß er damit reichte? Es war sehr zu besorgen, daß der Gastwirth — gleich einer hungrigen Spinne, der selten Fliegen ins Netz fallen — die gute Gelegenheit, sich einmal recht voll zu saugen, nicht vcr- passen würde. Der arme Huzcl mußte sich daher ein Herz fassen, den reichen Püsterich um zwanzig Thalcr anzu- fprechen. Er that es mit Bangigkeit, weil er noch niemals eine so bedeutende Summe zu fordern gewagt hatte; als er aber dem stummen Götzen die gewöhnlichen Looszettel ins Angesicht warf, erhielt er sogleich das Jawort. Bescheiden nahm er die leichtesten Goldstücke, die er als vollwichtig anzubriugcn hoffte, und stellte.dafür einen Wechsel auf vier Wochen aus. „Es ist himmelschreiend!" rief er und rannte wild in der Stube auf und ab. „Die dicke, träge Bcrgräthin, die nicht zu Fuß gehen will, legt es offenbar darauf an, daß ich — ich armer Teufel allein — den Wagen bezahlen, und ihn noch obendrein wie einen Küchcnwagen voll- packcn soll. Aber ich will's wenigstens so einrichten, daß nur der vierte Theil des Fuhrlohns auf mich fällt, wie eS der Gerechtigkeit und christlichen Ordnung gemäß ist." Er hatte einen Vetter, der erst vor einigen Monaten von der Universität gekommen und so glücklich gewesen war, sogleich einen guten Posten zu erhalten. Diesen jungen Mann ließ er zu sich rufen; und nachdem er ihn in einem liebreichen, väterlichen Tone getadelt hatte, daß er zu viel am Schreibtisch hocke und seine Gesundheit damit untergrabe, rückte er mit der gütigen Aufforderung heraus, ihm bei der Fahrt nach Kunkclwitz Gesellschaft zu leisten , um sich einmal eine heilsame Bewegung zu machen. „Mit Vergnügen, lieber Onkel!" sagte Ferdinand, der sich Rechnung darauf machte, freies Fortkommen zu haben und in Kunkelwitz als Gast behandelt zu werden. Er ward jedoch bald eines andern belehrt. «Ich fahre mit -<>D 360 Oo zwei Damen," sprach der Oheim: „der Wagen hat aber bequemen Raum für sechs Personen. Wirb also, damit sich das Fuhrlohn in vier Theilchcn spalte, noch zwei von deinen Freunden zu Beisitzern an. Es müssen aber gute Häuser sepn, die zahlen können; nur nicht so groß und breit wie Häuser: denn ihr drei jungen Fäntchcn müßt auf dem Rücksitze Hausen." Ferdinand ärgerte sich über die geizigen Anstalten, ohne stch's merken zu lassen.- Er versprach mit scheinbar guter Laune, zwei recht dünne Pennale (deutsch: Fedcrköcher oder Fcdcrbüchscn) mitzubringen. „Erwarte mich mit ihnen früh um sieben Uhr vor dem Thorc!" fuhr der Kommcrzienrath fort. „Unser Zusammentreffen auf der Landstraße soll aus gewissen Ursachen Wie ein Zufall aussehen. Spring' also, wenn wir angerollt kommen, an den Wagen, und bitte, wie ein blinder Passagier, um Aufnahme. Ich werde Anfangs keine Ohren dazu haben, werde mich bärbeißig stellen; aber weich' und wanke du nicht, bis die Frauenzimmer, wie ich hoffe, ein gutes Wort für dich cinlegcn, und ich mich endlich erbitten lasse. — UebrigcnS bezahlt jeder von uns in Kun- kclwitz seine Zeche für sich. Es würde dich beleidigen, wenn ich dir, der sein gutes Ein- und Auskommen hat, eine freie Mahlzeit im Gasthofc anbictcn wollte. Das erlaubt man sich nur bei armen Schluckern. Meine Damen schämen sich freilich solcher Dinge nicht. Ich werde fürchterlich blechen müssen. 4. Rastlos durchlief er nun die Stadt, um so wohlfeil als möglich alles zu bestellen und einzukaufen, was die begehr- -oD 361 liche Bergräthin verlangte. Er mußte sich mit zehn ungeschlachten Lohnkutschern hcrumzankcn, che er den wackern Mann trasi der sich um ganze acht Groschen billiger/ als jene Philister, finden ließ. Noch mehr Sorgen und Noch machte dem geplagten Manne die Torte. Er entwarf einen Riß, wie breit und hoch, oder vielmehr wie schmal und niedrig sie scpn sollte, kaufte dann von einem Soldaten ein Commißbrod und trug es Abends unter dem Mantel zu einem Zuckerbäcker mit höflichem Ersuchen, den schwarzen Ballen zu einer Brodtorte zu verarbeiten, aber nur wenig, sehr wenig Gewürz bciznmischen, damit cs der Gesundheit nicht schade. Der Conditor lachte darüber in seinem Laden so entsetzlich, daß ein Bienenschwarm von Naschgästen aus der Ncbcnstube hcrauswimmcltc und ihn fragte, was es gebe. „Ein,Commißbrod, das ich in eine Torte verwandeln soll," sprach er, und wies cs vor; aber Huzel riß es ihm aus der Hand und entfloh dem unbändigen Gelächter, das noch lauge hinter ihm herschalltc. Dadurch gewitzigct, ging er in keinen Laden mehr hinein, sondern rief die Zuckcrkllnstlcr heraus, und verhandelte mit ihnen außen an der Thüre. So ward er doch nur unter vier Augen ausgclacht; und als ihm das noch fünf oder sechs Mal begegnet war, kam er zu einem verarmten, demüthigen Hiob, der das Brod mit Freuden in Empfang nahm, weil er eben kcins im Hause hatte und Frau und Kinder essen wollten. Doch war er so ehrlich, daß er das fremde Gut, woran er sich in der Noth vergriff, den folgenden Tag wieder ersetzte, und eine recht leidliche Torte für ein Spottgeld buk. Mit Wein hatte sich der Reisemarschall schon früher versehen. Er wußte, wo Barthel Most holt. Es war ihm nämlich bekannt, daß einer seiner vornehmen Schuldner ächten alten Malaga, der Bergräthin LicblingSwein, im Keller hatte. Was that der Schlaukopf? Er schrieb an ihn: „ich bin krank, und bitte zur Stärkung um gefälligen Vorschuß einer Flasche Malaga, der bei den Wcin- schenken nicht unverfälscht zu haben ist." — Der Prahl- gcrn schickt wenigstens ein halbes Dutzend, waren seine Gedanken. Aber strenge hielt sich Jener an die Worte des Bettelbriefes und sandte nur Eine. Acrgerlich rief der Guckguck seinen eigenen Namen aus: er nannte den Weinsparer einen Geizhals. — Das Flaschcnfuttcr, das zum Volksfeste mitgenommen werden sollte, hatte vier Fächer, und er wollte sie durchaus ohne Kosten voll haben. Es gelang auch dem erfinderischen Kopfe durch einen neuen Pfiff, der in Kunkclwitz an den Tag kommen wird. 8 . Die Bergräthin und Louise, die sich aus bloßer Gefälligkeit gegen die Mutter zur Mitfahrt entschlossen hatte, standen am Tage nach Johannis schon reisefertig, als Herr Huzcl am Hause vorfuhr, und wie eine Heuschrecke aus dem Wagen hüpfte, um die Frauenzimmer herab zu geleiten. „Sie haben doch Wein und Torte besorgt?" fragte die Mutter beim Einsteigen. „Dicß Kästlein wird für mich antworten," sprach er geziert und zeigte auf den Rücksitz. Sie hob das Polster auf, sah in's Magazin hinein und sagte: „Je nun, wir werden zur Noth damit auskommen." Indessen wanderte schon Ferdinand mit zwei schlanken Kompancn auf der Landstraße voraus, und hielt, wie es verabredet war, des Oheims Wagen an. „Ei, was!" rief scheinzornig das Herrlein: „Du schwänzest — wie ich sehr mißfällig wahrnehme — die Kanzlei, um dich zu belusti- gen, und willst dich noch obendrein mit deinen Gefährten hier einnistcn. — Das muß ich verbitten, mein Söhnchen! Geh' an deine Geschäfte, die dir gut genug bezahlt werden. Willst du aber durchaus Maulaffcn zu Markte tragen, so bediene dich deiner Beine wie die Apostel!" — Ferdinand, außer sich vor Erstaunen, ein Mädchen von seltener Schönheit im Wagen zn finden, hörte wenig oder nichts von dem Gefumsc der Brummfliege. Er wandte kein Auge von Louisen, und vergaß darüber ganz, seine Rolle weiter zu spielen. „Nun, was stehst du da wie ein Träumer?" schnurrte der Oheim ihn an. „PaL dich deines Weges und halt' uns nicht auf!" Jetzt besann sich der junge Mann, daß er mit Bitten fortfahrcn mußte, und er that cs aus der Fülle des Herzens. „Närrischer Kauz!" cntgegnete launig das Hcrrlein: „wie kann ich dir gewähren, wenn ich auch wollte? Ich bin ja, wie du sichest, nicht Alleinherrscher im Wagen." — „O, was uns betrifft," fiel die Bergräthin ein, „wir thcilen gern unser Reich mit Ihnen und Ihren Freunden, mein Herr! Ich nehme das Kommcrzicnräthlein allenfalls auf den Schoß." Dieser Scherz verschnupfte ihn und er sagte hohnlächclnd: „Es wäre in der That der Mühe werth, dieser Gnade wegen wieder ei» Kind zu werden; ich bin aber nun einmal ein Mann und mache gerechten Anspruch auf ein Plätzchen in ihrer Mitte, meine Damen, wenn Sie meinem Vetter mit seinem Gefolge den Zutritt im Wagen gestatten." Die enge Nachbarschaft des Gnomen — wie man ihn füglich nennen kann, weil die Erdgeisterchcn dieses Namens sehr klein sind und Schätze bewachen — ward von der Bergräthen zngestandcn. Louise hätte sie gern abge- lehnt; doch Ferdinand gefiel ihr; sie hoffte, seine Gesellschaft würde ihr den widerwärtigen Tag, den sie vor sich sah, erträglicher machen; darnm sagte fie kein Wort, als fich der Gnom zwischen fie nnd ihrer Mutter cinzwängte. Der Kasten des Wagens, durch der Bergräthin bedeutendes Gewicht aus dem Gleichgewichte gebracht, hing so stark zurück, daß Huzel auf seinem neuen Platze ganz in den Hintergrund versank und die Kleider seiner Nachbarinnen über ihm Zusammenstößen, wie sich, nach einem Stcin- wurf ins Wasser, die getrennten Wellen sogleich wieder vereinigen. Man sah von dem Männlein fast nichts als die Füße, die gar nicht daran denken konnten, den Wa- gcnboden, wohin sie gehörten, zu berühren. Sie ragten kaum eine Hand breit über das Polster hervor, und man hatte vom Rücksitz die nächste Aussicht auf ihre Schuhsolcn. Ferdinand vermied aber den geraden Anblick derselben, indem er den schönsten Eckplatz — Louisen gegenüber — in Besitz nahm. Da fanden seine Augen den ganzen Weg entlang so angenehme Beschäftigung, daß sie für den Oheim, der gleichsam Verstecken spielte, keinen Blick erübrigen konnten. 6 . Der goldene Spinnrocken ist, wie bekannt, der vornehmste Gasthof in Kunkclwitz. Unsere Gesellschaft kehrte folglich da ein. An der Thürc stand ein Heer von Bettlern, die wegen des Jahrmarkts und Volksfestes aus der Gegend umher eingcrückt waren. Ein ehemaliger Bedienter, dessen zersetzten Rock noch der Rest eines Achsclbandcs schmückte, riß dienstfertig die Wagenthür auf. Ferdinand hob die Frauenzimmer und den Oheim heraus. Dieser zeigte sich sogleich als Hauptperson; er gab dem Kutscher allerhand Befehle, ließ die Torte und die versiegelten Flaschen tu's Haus tragen, focht dabei viel mit den Händen, und seine zahlreiche» Ringe fielen, von der Sonne bestrahlt, prächtig in die Augen. Der ganze Bettclordcn stürzte deßhalb auf ihn zu, umzingelte ihn und begehrte Gabe» aus seiner blitzenden Hand. Da warf er sich in die Brust, als war' er regierender Bürgermeister von Kunkclwitz und wetterte los: „Arbeitet, ihr Faulenzer, so habt ihr Brvd! Was steht ihr hier am goldenen Spinnrocken? Jn's SpinnhauS gehört ihr!" Indessen öffnete Louise die Armenkasse ihres Strickbeutels, um Almosen auszuspcndcn. Der Rath ließ cs nicht zu, griff in seine Westentasche, vcrthciltc rechts und links Geld und führte die Frauenzimmer in den Gasthvf. Aber das undankbare -Gesindel schimpfte hinter ihm her: „Seht den Grvßprahler! Er trägt ein Rittergut auf der Hand, und theilt Kupfcrhcllcr damit aus. Pfui über den schäbige» Geizhals!" Er hustete gewaltig, um diese Lobrede den Damen unverständlich zu machen, und sic stellten sich aus Höflichkeit taub. Als die Staubmäntel im Gasthofc abgelegt waren, sah sich die Bcrgräthin nach einem Frühstück um. Das merkte der Gnom und sagte schnell: „Die Gegend um Kunkel- Witz bcdünkt mich sehr schön. Wie wär' es, wenn wir bis zur Tischzeit ein Spatzicrgängclchcn machten?"—„O ja!" antwortete die Bergräthin: „doch vorher wollen wir Chokolade trinken." — „Ei, ei!" sprach er; „ein so erhitzendes Getränk im Sommer? und ein so nährendes kurz vor dem Essen? — Wir werden uns wenigstens die Mahlzeit verderben." — „Ich gewiß nicht," versetzte sie, -c>D 366 ^o- und rief ohne weitere Umstände einem Aufwärter zu: „Chokolade!" Huzcl trat ans Fenster, blickte gen Himmel, knirrschte mit den Zähnen, und ballte die Hände in den Taschen. Als er sich wieder umkchrte, stand eine große, dickbäuchige Kanne mit sechs Tassen auf dem Tische. Die Bergräthin füllte sie alle und bcwirthcte die drei Nücksaffen des Wagens zuerst. Der Gnom griesgramte darüber von neuem. Da jedoch der unbercchncte Riß in seinen Geldbeutel einmal geschehn war, trank er gierig mit, ohne sich vor Erhitzung und Sättigung zu fürchten. Das thcure Frühstück war bald verzehrt. Acngstlich betrieb er nun den Aufbruch ins Feld, um nicht etwa noch ein Gabel-Frühstuck bezahlen zu müssen. Zuvor aber stiftete er, mit zweideutigem Versprechen eines Trinkgeldes, den Hausknecht an, einen Ausfall auf die Belagerer des Gasthofes zu thun, und sie mit der Hetzpeitsche in die Flucht zu schlagen. Der Knecht vollzog den hohen Befehl und machte reinen Weg; doch das Kehrlohn hat er, wie man behauptet, noch heute zu fordern. 7. Ferdinand, von Liebe ganz umnebelt, sah durchaus nicht, daß ihm der Oheim, als er mit den Frauenzimmern ausging, winkte und winkte, zurück zu bleiben. Er schloß sich frisch au die Lustwandlcr an, und bot Luisen den Arm, da Jener sich Ehren halber nicht entbrechen konnte, diesen Ritterdienst der Mutter zu leisten. Sie verschmähte jedoch, beiläufig gesagt, das kurze Acrmchcn, weil es ihr zu beschwerlich war, wegen dieser Kleinigkeit so tief hinunter zu langen. Dennoch mußte das Ehrcnrittcrlein ne- -o§> 367 <§--> ben ihr her trippeln, und sic stützte sich bisweilen auf seine Schultern, wie auf einen Stock. Diese Vertraulichkeit war ein schlechter Ersatz für die Entbehrung des Glücks, mit Luisen zu wandeln- Ferdinand genoß es mit süßem Behagen. Die jungen Leute hatten einen guten Vorsprung vor dem altern Paare gewonnen, und sprachen, scherzten und lachten so vertraut, als kennten sie sich schon Jahre lang. Der Liebesgott hatte mit Geschwindschüssen ihre Herzen für einander erobert. „Sehn Sie nur, sehn Sie, was dort vorgeht!" sagte der Rath zu seiner Gefährtin. „Sie setzten mir wahrlich eine Schlange in den Busen, als Sie mich zur Mitnahme des Gecken bewogen. Fräulein Louise schenkte mir seitdem keinen freundlichen Blick; sic hat nur Augen für ihn. O, wie falsch prophezeiten Sie mir: der heutige Tag würde für mich ein entscheidender Tag werden! — Ja wohl, ja wohl entscheidend! Aber wie?" — „WaS Sie für ein Ncidhart sind!" versetzte die Bcrg- räthin. „Gönnen Sie doch Ihrem Vetter die flüchtige Tändelei! Morgen ist alles vergessen. Sie haben bei Louisen einen guten Stein im Breie. Bauen Sie auf mein Wort!" Dieser Trost griff seiner sinkenden Hoffnung wieder unter die Arme. Doch drang er auf schleunige Umkehr in den Gasthof, um dem leichtfertigen Vogel, der sich unter freiem Himmel zu lustig machte, im Käfich der Stube die Flügel zu beschneiden. Er setzte dort auch sogleich die Schccre an, und schliff und schärfte sie mit einer Lüge. „Die Bergräthin," sprach er, „ist höchst aufgebracht über dein dreistes, hasenfüßigcs Betragen gegen ihre Tochter. Sie verlangte mit Heftigkeit, ich sollte dich aus unserer Gesellschaft verweisen. Von diesem Banne Hab' ich dich V 368 zwar losgebcten; aber führe dich bescheidener auf, und pflanze dich bei Tische nicht etwa neben das Mädchen. Wähle dir vielmehr, um die zornige Frau wieder zu besänftigen, den fernsten Platz, den du finden kannst, und iß und trink dort mit deinen Freunden; was Ihr bezahlen könnt, das geht mich nichts an." Ferdinand, der schon Louise» versprochen hatte, ihr Tischnachbar zu sepn, crschrack über diese Gcsctzpredigt. Er wolle, ohne den abgekarteten Handel zu gestehen, einen Versuch machen, den Onkel zur Duldung in seiner Nähe zu bewegen; aber kaum begann er seine Bitte, so ward sie nicdcrgcdonnert und ihm, wenn er nicht Gehorsam leiste, mit Enterbung gedroht. 8 . Er kehrte dem Herrschcrling, dem gebieterischen Zaunkönig — welches Vögclcin man wirklich in einigen Gegenden das Tprannchcn nennt — schweigend den Nucken, lief hinab in die Schenkstubc und schrieb in diesem gewühlvollen Noahskastcn mit Bleistift folgendes Briefchen an Luisen: „Mein wunderlicher Oheim, dem ich aus Gutmu- „thigkeit nicht trotzen mag, befiehlt mir, mich bei „Tische so weit als möglich von ihm — folglich auch „von Ihnen — zu entfernen. Welche traurige Mahl- „zeit steht mir bevor! Wie vergnügt wollt' ich Was- „scr und Brod an Ihrer Seite genießen! Mir geführt Gcfängnißkost; denn ewig bin ich Ihr Gegangener." Dieses Blättchen schob er Luisen heimlich in die Hand. Verstohlen hatte sic kaum die bitter-süßen Worte gelesen, -o-D 369 <§-->- eils die zahlreiche und sehr gemischte Gesellschaft anfing, sich am Tische zu lagern. Der Zaunkönig schlug zwischen Mutter und Tochter seinen Thron auf. Der Bergräthin Nachbarschaft an der andern Seite war ihm gleichgültig; Luisen hingegen wollte er wie eine» Schatz einmaucrn, und winkte deßhalb einer ehrbaren Matrone, sich zur Mauer zu machen. Doch indem sich das Müttcrlcin an- bancn wollte, rief ein junger Officier: „Nein, Mamachen, das geht nicht! Es muß bunte Reihe werden." — Und sobald er mit lauter Stimme dieses Gesetz ausgesprochen hatte, wollte er auch schon die erste und süßeste Fruchi davon genießen und sich neben Luisen nicderlafsen. Bestürzt sprang der Commcrzicnrath ans und stammelte: „Verzeih» Sie, das ist meines Vetters Platz. — Wo steckt denn der Fasler ? — Ei. zum Guckguck, pack dich doch her!" So mußte das Tpranuchen, um nicht aus dem Regen in die Traufe zu kommen, den Verbannten aus seinem Sibirien znrückrufcn. Die wieder vereinten Liebende» wechselten behutsam mehr Blicke, als Worte. Der eifersüchtige Lauscher war mit ihrer Sittsamkcit zufrieden, ward nach und nach lustig und entsiegelte nach der Suppe zwei Flaschen. Luise trank, wie er wußte, keinen Wein, aber die Mutter desto mehr: er widmete ihr deßhalb, so sehr er auch selbst darnach lechzte, den erschlichenen Malaga ganz, und wünschte nur im Stillen, daß sic daran genug habe. Er selbst konnte weder ein leeres noch ein volles Glas vor sich stehen sehen. Innerhalb einer Stunde war er mit zwei Flaschen fertig, und becherte schon aus der dritten. Männiglich erstaunte über den Zecher. ES war auch sein Vorsatz, Aufsehen zu machen. Er wußte, daß er als ein Filz und Hungerleider verschrieen war; darum wollte er sich einmal als Verschwender und Schwelger zeigen. Langbein'S stimmt!. Schr. XVI. Bd. 24 Indem er dieses Triumphs genoß, ging der Gastwirth gegen das Ende der Mahlzeit von Stuhl zu Stuhl, ließ sich Speise und Trank bezahlen, und erhob auch von denjenigen Gasten, welche selbst Wein mitgebracht hatten, einen in seinem Hause gewöhnliche» Einfuhrzoll von zwei Groschen für die Flasche. Unser Stürzebccher, dem diese Abgabe fremd war, erschrack darüber und setzte geschwind die zwei leeren Flaschen unter den Tisch, um die harte Geldbuße seiner Völlerei um die Hälfte zu mäßigen. Als aber der wandelnde Einnehmer zu ihm kam und für die zwei Flaschen, die noch auf dem Tische standen, den Wcin- zoll erhalten hatte, hob er säuberlich das Tafeltuch auf und sagte mit schalkischcr Freundlichkeit: „Auch für diese Leiden entseelten Körper bitt' ich um meine Gebühren." Der ertappte Knicker ward roth und biß vor Aerger die Lippen zusammen- Er kämpfte schweigend ein paar Augenblicke mit sich selbst, was er thuu sollte. Endlich klaubte er die angefochtenen vier Groschen langsam und einzeln ans dem Geldbeutel heraus, wandte sie zehn Mal um, und als er so von ihnen Abschied genommen hatte, schien er fest entschlossen, sic ausznliefern; doch plötzlich zog er die erhobene Hand wieder zurück und sagte: „Nein, ich war' ein Narr, wenn ich mein Geld so wegwürfe! Ich gebe nichts weiter und fordere sogar von der schon bezahlten Trankstcuer zwei Groschen zurück: denn nur die Frau Bergräthin trank Wein, ich aber Wasser, nichts als Wasser, gefärbtes Wasser." — Der Gastwirth erklärte diese sonderbare Ausflucht für einen Scherz, „llcberzcugen Sie sich von der Wahrheit!" rief der Rath und reichte ihm ein gefülltes Glas. Der Zweifler trank, sprudelte aber das cingeschluckte Naß geschwind wieder aus und betheuerte laut: „So wahr ich lebe! 's ist Gänsewein!" 371 Huzcl hätte nun gern der Gesellschaft irgend einen leidlichen Grund seines prahlhaften Wafferzechens aufgeheftet; doch ihr anhaltendes Gelächter ließ ihn nicht zum Worte kommen. Er tröstete sich mit den vom Wirthe zurücker- haltencn zwei Groschen und lachte mit. 9 . „Sic müssen sich den Magen verteufelt erkältet haben!" rief ein dicker Oberforstmeistcr über den Tisch herüber. „Kommen Sie her und trinken Sie mit mir eine Flasche Burgunder! Ich habe mehr, als ich bedarf." Ein Anderer hätte, um einigermaßen seine Ehre zu" retten, geantwortet: er trinke keinen Wein; aber der kleine Wassermann, der ihn sehr liebte, wenn er ihn umsonst haben konnte, nahm die Einladung nicht nur mit Freuden au, sondern trank sich sogar einen Rausch. Da fiel er ans den tollen Gedanken, die goldene Uhr zu erbeuten, die Graf Tassilo dem bestimmt hatte, der beim Volksfeste die Spitze der Kletterstange erklimmen würde. Es ward bei Tische davon gesprochen; man schätzte den Werth der Uhr auf achtzig Thalcr. Huzel, der damals noch Wasser schluckte, hörte dieses Gespräch gleichgültig au und hatte dabei keinen andern Gedanken, als daß er den Grafen in seinem Herzen für einen Verschwender erklärte: jetzt aber, da er voll süßen Weines war, faßte er in ganzem Ernste den abenteuerlichen Entschluß, den goldenen Preis zu erringen und sich damit für die Kosten des Tages reichlich zu entschävigcn. Dazu waren Vorbereitungen nöthig. Um sie zu machen, schlich er, als des Oberforstmcistcrs Weinflaschen leer waren, heimlich fort auf den Markt, kaufte sich eiserne Stift- chen, ging an einen einsamen Ort und hämmerte sie mit 372 <§<>- cincm Schlüssel so künstlich in den Rand seiner dicken Schuhsohlen, daß sic kanm sichtbar waren. Doch standen sie noch weit genug hervor, sich damit an der glatten Stange anznhäkeln, wie der Specht, den man Baumhacker nennt, mit seinen scharfen Klauen an den Bäumen hinauf und herunter laust. Unser Grünspecht — er trug eben ein grasgrünes, mit Gold besetztes Kleid — war aber damit nicht zufrieden: er wollte auch seine Hände mit Steigeisen waffnen. Nach- denkcnd, wie das zu machen ftp, ging er den Markt ans und nieder. Da fielen ihm Hundchalsbänder mit kurzen Stacheln in die Augen. Scharfsinnig sah er ihre Brauchbarkeit zu seiner Absicht sofort ein, erhandelte zwei Stück und schnallte sic sich um die Arme, zunächst an der Handwurzel, wo sie von den langen Aufschlägen des Nockes völlig bedeckt wurden. So gerüstet, ging er in den Gasthof zurück. Die Bcrg- räthin fragte, wo er gewesen sep. Er antwortete schnell! er habe sich das angenehme Geschäft gemacht, den Damen einen Jahrmarkt zu kaufen. — Dieser bestand in einigen Pfcffernüßchen, womit er zwar ausgelacht wurde, aber seinen Vorwand doch gut genug beschönigte; denn man konnte seiner Kargheit wohl Zutrauen, daß sie ein solches Geschenk der Mühe werth geachtet habe, deshalb über die Straße zu gehen. Ein hoher Wohlthäter, der ihm jetzt, nach dem Beispiele des Obcrforstmeisters, ein paar Gläser Wein spendete, setzte seiner Steigclust neue Flügel an. Nun war der muthige Geist nicht mehr zu bändigen. Er fürchtete, den Wettkampf um die goldene Uhr zu versäumen, und zog die Frauenzimmer mit Gewalt hin zum Schauplätze. Unter Weges rühmte er sich: er sep in seiner Jugend ein -o§> 373 Gerechter Held im Klettern gewesen-, und würde sich allenfalls auch jetzt noch in dieser Kunst als Meister zeigen können. Das sollte eine geschickte Einleitung seines Vorhabens seyn; doch die Frauenzimmer hielten cs für ein windiges Geschwätz und hörten nur mit halben Ohren darauf. Wie ein Sternforscher nach den Gestirnen, sah er nach dem hohen Mastbaume, den seidene Tücher umflatterten, schon in der Ferne starr empor und purzelte mehrmals, weil er auf den Weg nicht Acht gab. Doch immer hitziger drang er durch die Volksmenge vorwärts. Und als er nun vollends den ganzen Stamm, und am Fuße desselben einen Schwarm großer Jungen, die ihr Heil daran versuchen wollten, erblickte, da ließ er plötzlich seine Gesellschaft im Stiche und stürzte sich mit dem Geschrei: „Weg da! weg da!" in die Mitte der Buben. Erstaunt, einen so vornehmen Mitkämpfer anrenncn zu sehen, wichen sic um so williger zurück, da sie ihn für einen Spaßvogel hielten und im schlimmste» Falle nicht befürchteten, daß der alte Knabe i» ihren olympischen Spielen den Sieg davon tragen würde. Allein er umklammerte rasch mit Händen und Füßen den Stamm und arbeitete sich ein paar Ellen hinan. „Schaut, da steigt Zachäus auf den Maulbeerbaum!" rief ein Witzbold, und das umherstehcnde Volk bejauchztc den Einfall. Der Baumreitcr ließ sich nicht stören; seine Sporen thatcn ihm herrliche Dienste; er kam immer weiter. Da wollte de» Burschen, die auch ihr Abscheu auf die goldene Uhr gerichtet hatten, schier bange werden. Der Neid schärfte ihnen die Augen; sie paßten de» gefährlichen Fortschritten des Nebenbuhlers auf, und bald rief einer hastig: „Was die Pestilenz! das alte Männel hat Stacheln an Händen und Füßen!" Und das ganze -»D 374 S-«- Chor fiel ein: „Herunter von der Stange, herunter!" Aber mit Doppclcifer klomm der Steiger hinauf. Diesen Ungehorsam nahmen die jungen Herren sehr übel; einer setzte fluchend ihm nach, ergriff ihn hinten am Nocklcin und fuhr mit ihm blitzschnell herab. Unten gericth er häßlich in die Klemme. Die Buben, zu denen sich noch anderer schadenfroher Pöbel gesellte, schloffen um ihn einen Kreis, spotteten seiner, und hätten sich wahrscheinlich nicht blos mit Worten an ihm vergriffen , wenn nicht zu seinem Glücke der Bürgermeister des Orts, der eben mit einigen bewaffneten Bürgern die Ord- nungsrnnde machte, herbeigceilt wäre. Er war der dickste Mann in Kunkclwitz; sein Ansehen gebot daher schon Ehrfurcht, und der Pöbel, der sich fast allgemein vor Tonncn- gestalten demüthig beugt, zog sich unverzüglich mit verlegenen Gesichtern zurück. Se. Hochwcisheit fragte, was der Auflauf bedeute. Barhaupt traten zwei Buben aus dem Volke hervor und verklagten den Kleinen: er habe sich durch unerlaubte Mittel der goldenen Uhr bemächtigen wollen. „Wie albern und lächerlich!" rief der Commerzicnrath mit stolzen Geberdcn. „Ha, ha, ha! ein Mann, wie ich, trachtet eben nach solchen Kleinigkeiten! Ich habe goldene Uhren in Menge und kann allenfalls ein Dutzend verschenken. Blos eine Scherzwettc, mich bis in die Mitte der Kletterstange hinanfzuhaspcln, war der Grund, warum ich mich unter diese Leute mischte und des Sprichworts vergaß: „Wer Pech angreift, besudelt sich." 10 . Das Alles sah Huzcls Gesellschaft von fern und schämte sich seiner. „Lieber sterben, als diesen Menschen heira- -o-D 375 <§-2- ihcn!" sagte Luise ihrer Mutter ins Ohr und drückte Ferdinands Arm fester an sich. Jener suchte mit dem Fcrn- glase seine Gefährten; sie zogen sich aber tiefer unter das Volk zurück, um sich von ihm nicht finden zu lassen. Indem er weiter nach ihnen herumspähte, kam er auf einen Platz, wo sich die unfeine Welt mit Tanzen bclu- s. stigte. Er ließ die Paare, die sich eben herumschwcnkten, , bei sich vorllberwalzen, und bemerkte darunter ein junges, stämmiges Weibsbild von Grenadicrlänge, und mit einem unmäßig vollen Busen begabt. Dergleichen liebliche Ge- » . stellten bezauberten ihn von Jugend an. Er blieb also stehen, nickte der angenehmen Riesin zu, so oft sie bei ihm vorbcisauSte, und bewarf sie am Ende sogar mit Blumen. Als sic nun das nächste Mal nach dieser offenbaren Liebeserklärung wieder in die Gegend kam, wo ein neuer Blumenwurf ihrer wartete, riß sie sich schnell von ihrem Tänzer los, umfaßte den neckenden Gnom, nahm ihn wie ein Kind auf den Arm und walzte mit ihm herum. Der Hut flog ihm vom Kopfe, und der altmodische Haarzopf — durch den bei der gewaltsamen Entführung aufwärts geschobenen Nock aus seiner Lage gebracht — stand wie ein Spieß in die Luft hinaus. Aber noch lustiger ward die Sache, als der Gnom wie ein störriges Kind mit den Füßen strampelte und sie ihn durch einen derben, schnalzenden Kuß zu besänftigen suchte. Da verwandelte sich seine Liebe in den grimmigsten Zorn, und der Un- hold mißhandelte die schöne Nymphe mit klatschenden Maulschellen. Sie machte sich Anfangs wenig daraus und walzte fort; als aber die Dachteln immer gewichtiger ausfielen und die Musikanten vor Lachen nicht mehr aufspie- lcn konnten, da ward sie selbst böse und warf den groben Gesellen wie einen Frosch in's Gras. ? „Verfluchter Schandbalg!" schrie er mit schäumendem Munde und setzte noch andere Ehrentitel hinzu. Sic stürzte wieder auf ihn los, hob ihm den Rock auf, zog die Beinkleider straff an und züchtigte ihn auf der dazu bereiteten Stelle mit unzähligen Plätzen,. Er erhob ein Mordgeschrei. Keuchend kam der dicke Bürgermeister mit seiner bewaffneten Macht und sagte sehr ernsthaft: „Ich erstaune billig, mein Herr, Sic abermals hier in der Klopfe zn finden. Haben Sie schon wieder Pech angegriffen?" „Schlimm genug, daß cö so viel Pech hier gibt!" versetzte der Gnom. „Enthalten Sic sich, wenn ich bitten darf, solcher Anzüglichkeiten!" warnte der Vater der Stadt. „Berichten Sie mir mit kurzen und gesetzten Worten, was Ihnen widerfahren ist." Schnell und frech trat der Balg vor Gericht und sagte: „Er liebäugelte mit mir und neckte mich, als wär' er in mich vernarrt — ich zog ihn zum Tanz auf und mußte rhu, weil er so klein ist, auf den Arm nehmen — da gab er mir Ohrfeigen nach dem Takte und dafür paukt' ich ihn ein bißchen. Das ist die ganze Geschichte, und Alle, die hier stehen, sind meine Zeugen/" — „Ja, so war's, hochedlcr Herr Bürgermeister!" riefen Viele Stimmen. Der Richter kehrte sich hierauf zu dem geschlagenen Männlein und sagte bcdächtlich: „Bei sothaner Bewandtnis', mein Herr, kan» ich kein anderes Urtheil sprechen, als Dieselben vorhin an der Kletterstange über sich selbst fällten: Wer Pech angreift, besudelt sich." Damit zuckte er die Achseln und ging fürbaß mit seinem Gefolge. „In Kunkelwitz gibt's keine Gerechtigkeit! Sie ist todt! 377 <^- mausetodt! Läutet sie zu Grabe!" kreischte der Rath hinterher und stieß noch mehr dergleichen Verunglimpfungen aus, die ihm leicht neue Händel zuzichen konnten, wenn nicht ein anderer Gegenstand die Aufmerksamkeit der Leute von ihm abgelenkt hätte. Es hatte sich nämlich, von dem Grafen dazu verschrieben, ein Meister der Luftschiffskunst eingesunken, um die Zuschauer mit einer Jagd zu belustigen. Ein Jäger zu Pferde und fünf oder sechs Hunde sollten ein wildes Schwein in die Wolken hincinhetzcn. Diese Jagd ging jetzt loS, verunglückte jedoch ganz: denn die Hetzer wurden gehetzt. Der Weidmann und seine Rüden segelten, vom Winde gejagt und umgeworfcn, mit cmporgestrcckten Beinen voran, und das Schwein, das sich auf den Füßen erhalten und weislich seinen Feinden den Vorsprung gelassen hatte, verfolgte die Krüppel. — Darüber ward viel gelacht und gcwitzelt, und niemand machte sich lustiger, als der mißvergnügte Commcrzicnrath. Er klatschte in die Hände und krähte: „So ist's recht! Ein Stückchen aus der verkehrten Welt! Das paßt für Kunkelwitz! Da geht und steht auch alles auf dem Kopse und keine Gerechtigkeit gilt!" „Bei meiner Seele, das Herrchen hat Recht!" rief ein liederlicher, immer betrunkener Bürger, der einige Tage vorher, wegen schuldiger Steuern ausgcpfändet worden war. „Den Teufel mag's Recht haben, das Ding!" fuhr ein Grobschmid den Trunkenbold an. «Wie kann sich so ein fremder Naseweis unterstehen, unsere wcrthe Stadt und die edle Obrigkeit zu lästern? — Und noch dreimal schlechter ist's, wenn hiesige Bürger es thun. Man lasse mich dergleichen Worte nicht mehr hören; sonst schlag' ich zu!" „Ho! ho! — Bürger gegen Bürger so sträflich? — 3/8 Glcich zuschlagen, wie auf den Amboß? — Das geht nicht, Meister Peter!" — So schallte Mißbilligung von allen Seiten, und Huzel bekam Muth, mit eingestemmtcn Armen vor den handfesten Vulkan hinzutreten und zn fragen: „Bin ich ein Ding? bin ich ein Naseweis? he?" Meister Peter, ein sehr stolzer und deßhalb gar nicht beliebter Mann, der cs nicht der Muhe werth hielt, sich gegen jemand, der kein Hufeisen schmiede» konnte, zu vcr- theidigcn, gab dem Frager keine Antwort, sondern setzte ihm seinen rusigcn Daumen auf die Brust, um das naseweise Ding nach seiner Meinung sanft von sich zu schieben; aber diese GrobschmidSsanfthcit war von so kräftiger Art, daß Huzclmä'nnchen wie ein Kegel umficl. „Gewalt! Gewalt!" schrie der Trunkenbold, und noch viele Andere murrten über diese Anwendung des Faustrechts. Meister Peter sah sich wild um, ging dem nächsten Tadler zu Leibe und drohte ihm mit geballter Hand. Unerschrocken that Jener ein Gleiches. So standen sie eine Minute lang wie ein Paar feindliche Hähne voreinander. Peter glaubte, diesen Trotz bestrafen zu müssen und schlug aus. Plötzlich fiel ein mächtiger Bund über ihn her. Er brüllte und wehrte sich wie ein Löwe. Einige Freunde und Gevattern traten ihm bei und kämpften unter seinem Panier. Es gab mit Stöcken und Fäusten eine lächerliche Bürgerschlacht. Aber Frauen und Kinder, die ihre wcrthen Angehörigen im Getümmel fechten sahen, erhoben ein Jammergeschrei. 11 . „Ruhe! Ruhe! — Im Namen des Königs gebiet' ich Ruhe!" schrie der Bürgermeister, der an der Spitze seiner Trabanten eiligst herbeistapfte. Alsbald legten sich 379 O-o- die wilden Wellen der Schlacht. Der Bürgermeister hob die Hände ausgebrcitet empor und sagte feierlich: „Geliebte und sonst so friedliche Mitbürger! ich frage mit Bctrübniß meines Herzens: wer warf einen Zankapfel unser euch?" „Dieser grüne Frosch!" antwortete Meister Peter, indem er den Commerzicnrath beim Kragen nahm, vor Gericht zog und den ganzen Verlauf haarklein und wahrhaft erzählte. „Haben Sie wirklich die gerügten Schmähungen wider Stadt und Obrigkeit ausgcstoßcn?" fragte der Bürgermeister den Beklagten. „Ich bin nicht verbunden, Ihnen Rede zu stehen;" antwortete Dieser und blähte sich auf. „Wie so?" sagte der Consul- §Jst cs Ihnen vielleicht nicht unter freiem Himmel gefällig, so mögen Sie cs morgen in der Rathsstnbe thun. Ich finde mich vollkommen befugt und berechtiget, einen schmähsüchtigen Ruhestörer , der sich nun schon zum dritten Mal auf dem fahlen Pferde finden läßt, in leidlichen Gewahrsam zu nehmen." „DaS müssen Sie bleiben lassen!" versetzte der kleine Held. „Ein Bürgermeister von Knnkelwitz hat keine Gewalt über mich." Der Consul machte große Augen und fragte: „Wer find Sie denn?" „Ich bin der Commerzienrath Huzel." „Commerzienrath Huzel? — Hm! ich weiß, ohne Ruhm zu melden, den königlichen Hof- und Staatskalendcr ganz auswendig; aber ein Commerzienrath Huzel ist mir noch nicht darin vorgekommcn." „Sehr natürlich! Ich bin Fürstlich-Holzhausenscher Commerzienrath." -o-D 380 „O! wenn das ist/' sagte der Bürgermeister, „so sind Sie in hiesigen Landen jeder Gerichtsbarkeit, wo Sie sich befinden und sich vergehen, unterworfen, und ich nehme mir ohne Bedenken die Freiheit, Sie arrctircn zu lassen." Huzel sträubte sich toll; aber es half nichts, er ward abgeführt in die Stadt. Ferdinand und die beiden Frauenzimmer, die den thcuern Mann immer in der Ferne beobachtet hatten, waren Zeugen davon. Sie hielten eS, so wenig er auch Mitleid Verdiente, für Pflicht, sich seiner anzunchmcn. Als aber Ferdinand den Bürgermeister um Loslassung des Gefangenen ersuchte, empfing er den Bescheid: der Frevler müsse zuförderst des folgenden Tages verhört werden; dann wolle man sehen, was sich thun lasse. — Der gute junge Mann fuhr mit Bitten und Vorstellungen fort. Endlich sagte der Bürgermeister: „Wohlan, aus Achtung gegen Sie will ich so weit nachgeben, daß ich Ihren unartigen Oheim gegen baare Bürgschaft von Einhundert Neichs- thalcrn vor der Hand auf freien Fuß stelle. Melden Sie ihm auf dem Rathhanse, wo er sich im bürgerlichen Gehorsam befindet, meinen Entschluß, und halten Sie das Geld bereit. Ich komme längstens in einer Stunde dahin, cs in Empfang zu nehmen." — Mehr war von dem strengen Manne nicht zu erhalten. Ferdinand führte nun vor allen Dingen die Frauenzimmer in den Gasthof, ging dann aufs Nathhaus und trug die Hiobspost in den Bürgergehorsam. Der Oheim verfluchte den Tag seiner Geburt. Er hatte kaum zehn Thaler bei sich. Man mußte daher einstweilen seine goldene Uhr und zwei Ringe als Bürgen anbietcn. Damit war der Bürgermeister nicht zufrieden, und ward es nicht eher, bis alle sieben Ringe, die Huzel an diesem 381 To- Tage trug, und übcrdieß noch ein spanisches Rohr mit goldenem Knopfe, in die Wagschale der Gerechtigkeit gelegt wurden- Zuletzt mußte der Fürstlich-Holzhausensche Rath dem Nathe von Kunkelwitz mit Handschlag angclo- ben, die Pfänder, bei Verlust derselben, innerhalb drei Tagen einzulösen, und sich auf jedesmaliges Erfordern persönlich vor Gericht zu stellen. 12 . Ingrimmig sprach er auf dem Wege vom Rathhause in de» Gasthof kein Wort, warf sich dort, ohne die Frauenzimmer anzusehen, in eine Ecke und rief wild: „Der Kutscher soll anspanuen!" Die Bergräthin und besonders Luise fürchteten sich vor der Heimreise. Um keinen Preis wollten sie den verächtlichen Menschen wieder in ihrer Mitte dulde». Ferdinand überredete deshalb seine zwei Freunde, ihr Unterkommen in einem andern Wagen zu suchen. Als sie der Commerzieurath vermißte, fragte er nach ihnen. Ferdinand antwortete: sic hätten eine bequemere Gelegenheit gefunden. „Meinetwegen!" sprach Jener laut, und daun leise dem Vetter in's Ohr: „Aber bezahlen müssen sie dennoch ganz. Ich halte mich an dich!" Auf der ersten Meile gab er keinen Laut von sich. Doch auf der zweiten goß er seinen Zorn über die Bergräthin aus und warf ihr vor: sie habe ihn durch ihren Hang zu Lustbarkeiten in ein bodenloses Unglück gestürzt. „Ich bin vcrrathe» und verkauft!" fuhr er fort. „Listig schmeichelte man mir, der heutige Tag würde mein Glück entscheiden; doch diese schöne rothe Lockbeere schnappte mir ein schlimmer Vogel weg und ich gerieth in die Schlinge." — So schimpfte der Rohrsperling immer weiter. Es ward am Ende der Bergräthin so unerträglich, daß sie drohte, ihn mit eigener Hand aus dem Wagen zu werfen. „Wie? was?" fuhr er auf. „Diese Ehre soll mir in einem Wagen widerfahren, den ich aus meinem Beutel bezahle?" „Wer verlangt das?" versetzte sic. „Ich bezahle den Wagen und alles, was Sie und wir heute verzehrten, wenn Sie von diesem Augenblick an Ihr verdammtes Maul halten. Erfüllen Sic diese Bedingung, so können Sie mir morgen die Rechnung schicken, und ich entrichte den Betrag auf der Stelle." — Das wirkte trefflich; er muckte nicht mehr. Die Bergräthin ließ an seinem Hanse Vorfahren. Stumm wie ein Fisch stieg er aus und ging ohne Abschied in seine Wohnung, nachdem er zuvor dem Kutscher zugcrufen hatte: „Die Frau Bergräthin bezahlt den Wagen!" Des folgenden Tages übersandte der Filz seine Rechnung. Der erbettelte Malaga war zu einem Dukaten angeschlagen und sogar die Farbe, womit der Windbeutel sein Trinkwasser i» scheinbaren Wein verwandelt hatte, in Ansatz gebracht. Hunger und Kummer und Wcchselarrest waren nun lange Zeit sein Loos. Er befand sich noch in Püsterichs Schuld und Haft, als Ferdinand und Luise ihre Hochzeit feierten. Damit er aber auch ein Fest habe, beschloß er, dkn Tag nach Johannis Jahr für Jahr als Buß-, Trauerund Fasttag zu begehen. 383 VI. Das Turnier. Unter dem Vorwand einer Lustreisc, eigentlich aber mit Heirathsgedanken, ritt ich im Sommer 1814 nach Eichenberg zum Gutsherrn Freimund, der von Jugend, auf der innigste Freund meines verstorbenen Vaters gewesen war. Er nahm mich mit offenen Armen auf, und schickte sogleich nach Paulinen, seiner Tochter, um sie mir vorzustellen. Ich hatte sie zuletzt als ein zwölfjähriges Mädchen gesehen und das kleine niedliche Bild immer im Kopfe herum getragen; doch wie ward ich überrascht, als eine hohe, schlanke Gestalt, in voller Blüthe der Schönheit, hereintrat und mich wie einen Fremdling begrüßte. Das Blut stieg mir ins Gesicht; ich war um Worte verlegen. Glücklicher Weise ließ sich eben im Hofe ein Getrampel von Pferden vernehmen; Vater und Tochter eilten ans Fenster; ich folgte ihnen. Ein langer, starker, seltsam gekleideter Mann, der einen Reitknecht hinter sich hatte, schwang sich vom Pferde. Er trug eine schwarzsammtne, platte, pilzförmige Mütze mit einer Feder, ein gleichfarbiges kurzes Wamms mit einer breiten Leibbinde, eine» großen weißen, ausgezackten Halskragen, und Halbstiefcln mit weiten, hinten zugcspitzten Schnabelstulpen, die mit goldenen Fransen verziert waren- „Wer ist der abenteuerliche Ritter?" rief Frcimund. „Ei! kennen Sie ihn denn nicht?" sagte Pauline. „Es ist ja der Herr Amtmann Flau von Teutlingen." 384 „Wahrlich, er ist's!" sprach der Vater. „Aber welche Tracht! Er scheint zu einer Maskerade zu reiten, und spricht wohl nur gelegentlich bei uns ein." Hiermit ging er ihm in den Vorsaal entgegen. „Guten Tag, alter Freund!" rief der Amtmann. „Ich komme zu Euch als Gesandter des ehrsamen Städtchens Tentlingcn: ich soll Ench auffordern, gemeinschaftliche Sache mit uns zu machen." „Worin?" fragte Frcimund. „In Allem, was zur Wiederherstellung der alten Dcutsch- heit gehört; vor der Hand in der altdeutschen Tracht. Mau ließ mir nicht Ruhe, ich mußte mit meinem Beispiele vorlcuchtcn. Die ganze Stadt will mir Nachfolgen, und ich hoffe, wir haben bald das Vergnügen, Euch eben so gekleidet zu sehen." „Schwerlich, lieber Amtmann!" versetzte Frcimund. „Sie wissen, ich bin ein Deutscher in Wort und That; doch Neben - und Außcndinge sind mir gleichgültig. Eine Volkstracht ist übrigens in mancher Rücksicht löblich und gut. Man suche sie nur nicht in der Plundcr- kammcr der Vorwelt, sondern erfinde eine, die unserm heutigen Geschmacke nicht widersteht; sonst kommen wir doch aus dem Sclavcnjoche der Nachahmung nimmer heraus." „Ich denke wie ihr!" sprach der Amtmann. „Glaubt Ihr denn, daß ich mir in dem kurzen Käppchen gefalle? Ich sehe darin aus wie ein Wenzel in der deutschen Karte, das weiß ich; aber man ist nun einmal von Gottes Gnaden Amtmann im Städtel und muß bei jeder Gelegenheit vortanzcn." Jetzt ging er auf Panlincn zu, küßte ihr die Hand und sagte mit möglichster Mäßigung und Anmuth seiner Donnerstimme: „Mein schönes Fräulein, wie befinden Sie sich?" „Was Fräulein! was Fräulein!" fiel ihr Vater ein. „Meine Tochter heißt Jungfer Frcimund, und so ziemt flch's, wenn es unser rechter Ernst ist, der ncudentschen Prahlsucht zn entsagen und bescheidene Altdeutsche zu sepn. Jungfrau ist ein edles Wort; wer kann cs tadeln? Hat aber eine junge Bürgerin daran nicht genug, sondern will durchaus Fräulein heißen, so ist sie ein eitles Wesen und kein deutsches Mädchen, wie es sepn soll." „Predigt das ja nicht auf dem Markte in Teutlingcn, werther Freund!" sagte der Amtmann. „Ihr würdet ge- stciniget werden. Ich befürchte ohnedicß nächstens einen Aufruhr, weil der edle Rath im Sinne hat, die Titel Madame und Demoiselle durch ein öffentliches Gebot abzuschaffen, und dafür Frau und Jungfrau in Gang zu bringen. Die Sache ist verrathcn worden, und cs entstehen schon merkliche Währungen darüber. Unsere Frauenzimmer wollen zwar die französischen Titel mit Vergnügen aufgcben, begehren aber dafür Herrin und Fräulein zu heißen." Wir lachten einstimmig und der Amtmann am stärksten. Er wette darauf, fuhr er fort, daß sogar seine alte Haushälterin, die Tochter eines Kesselflickers und Wittwe eines Sudelkvchs, künftig werde Herrin genannt sepn wollen; wenigstens mache sie täglich Versuche, sich der Herrschaft über ihn zu bemächtigen: er werde sie aber bald vom Hausthrone stoßen und eine junge, schöne Gemahlin darauf setzen, die er mit Freuden als seine Herrin anerkennen wolle. — Er blinzelte dabei Paulincn mit kleinen, verliebten Augen.au, und beunruhigte mich nicht wenig damit. Doch war es mir tröstlich, daß sie ernsthaft zur Erde sah, und sich ein Geschäft machte, um sich mit Anstand entfernen zu können. Langbein'S sämmtl. Schr. XVI. Bd. 25 -<>D 386 Eine Flasche Wein, die ihm jetzt aufgetragcn wurde, brachte ihn auf andere Gedanken. Er erzählte mancherlei Geschichten von Teutlingen, und fragte znlctzt, ob sich nicht bisher häufig Bettler auf dem Lande gezeigt hätten. „Ja wohl!" sprach Frcimnnd. Ich bemerkte darnntcr besonders ein Paar höchst unverschämte Gesellen, die mich vier Wochen lang täglich, einer um den andern, heimsuchtcn, und nicht eher wcgblicben, bis ich ihnen drohte, sic ein- steckcn zu lassen." „Und Ihr kanntet die Herren nicht?" „Die Herren?" — „Nicht anders! Denn es waren der Herr Kirchcnvor- stcher Lämmel und der Herr Nathmau» Gimpel, die sich durch Lumpen und bepflasterte Gesichter nnkenntlich gcmacht hatten. Die guten Narren lasen in einem öffentlichen Blatte — wenn ich nicht irre, im allgemeinen Anzeiger der Deutschen — den Vorschlag eines Ungenannten: cs sollten brave Männer, als Bettler verkleidet, Deutschland inS Kreuz und in die Quere durchziehen, und für ihre durch den deutschen Freiheitskrieg unglücklich gewordenen Landsleute — jedoch ohne Angabe dieser Absicht — Tag für Tag und von Haus zu Haus einen Pfennig sammeln, wodurch eine ungeheuere, allen Schaden ersetzende Summe gewonnen werden würde. Das schien den Herren Gimpel und Lämmel ein trefflicher Einfall. Sie machten sich also stracks ans den Weg, sind aber gestern Abend, nach vieler ausgestandcnen Schmach, jämmerlich zerblänt, und mit zwei oder drei Gulden Kupfergcld in der Tasche, wieder nach Hause gekommen.". „Sie haben ihre Schläge verdient;" sagte Frcimnnd. „Jeder Lug und Trug, wenn er auch den redlichsten Zweck hat, ist eines Deutschen unwürdig. — Ich erinnere mich, den weisen Rath gelesen zu haben. Besonders lächerlich war mir des Erfinders Zusatz: es wäre gut, wenn man zu diesem Geschäfte wirkliche Bettler bekommen könnte. Daran, dacht' ich, wäre kein Mangel." „Nein, das weiß Gott!" rief der Amtmann. „Ich selbst kann aus meinen Amtsdörfern ein bedeutendes Heer stellen." Die Flasche war leer; er nahm Abschied. Da bemerkte Freimund, daß er, anstatt einer Reitgerte, eine russische Knute in der Hand batte, und fragte ihn, wie er zu dieser Kosakcnpeitschc komme. „Wißt Ihr nicht, daß cs jetzt Mode ist, damit zu reiten?" versetzte der Amtmann. „O, wir Deutschen! wir possirlichen Deutsche»!" rief Freimund. „Wir sind und bleiben doch die Affen aller Ausländer." Als der Amtmann fort war und ich meine Schüchternheit gegen Paulinen überwunden hatte, wollte ich gern ihr Gemüth gegen ihn erforschen, und sagte scherzend: der altdeutsche Ritter scheine Lust zu haben, ihr als seiner Herrin zu huldigen. „Daran denkt er wohl nicht;" antwortete sie gleichgültig, und brach so geschwind davon ab, daß es mir nicht klar wurde, ob ich einen begünstigten Nebenbuhler hatte oder nicht. In der Frühe des andern Tages stellte ich mich, als wollte ich mein Pferd satteln lassen und weiter ziehen. „Nein, lieber Otto!" sagte Freimund. „Sie haben Zeit, Sie müssen einige Monate bei uns bleiben. Sollte Sie auch hier auf dem Dorfe die Langeweile dann und wann anfcchten, so wird Ihnen doch das Städtchen Tentlingcn, das nur- eine Meile entfernt ist, manche lustige Unterhaltung verschaffen. Man will dort, wie Sie vom Amt- 388 S» mann hörten, mit aller Gewalt der alten Deutschheit wieder ans die Beine helfen, und wenn solche Lcntchen irgend etwas, das über ihren alltäglichen Gesichtskreis hinaus liegt, mit Eiser und Sturm unternehmen, so gibt cs unfehlbar dabei zu lachen." „Ich ergab mich der gastfreundlichen Einladung vor der Hand ans acht Tage. Frcimund führte mich nun in seinen Gebäuden und Gärten herum, ltcberall zeigte sich der denkende Haushälter, der ungezwungen das Nützliche mit dem Schönen verbunden hatte. Gegen Abend machten wir eine» Spaziergang durch'ö Dorf. Es bestand uns lantcr wohlgebauten und meistens mit heitern Farben angcstrichenen Häusern, an deren Thüren und Fenstern uns frohe Menschen freundlich und traulich begrüßten. Freimund hatte alle Taschen voll kleiner Geschenke für sie. In dem einen Hause gab er eine Arznei ab, im andern einen auf Verlangen gefertigten Aufsatz, im dritten Bc- cker's Noth- und Hülfsbüchlcin oder eine Kindcrschrift, und so weiter. Paulinen, die mit uns ging, umringten mehr als zwanzig kleine Landmädchcn, und zeigten ihr, wie fleißig sie das von ihr gelernte Stricken und Nähen fortsetztcn. Sie hatte nach dem Tode ihrer Mutter dieses Lehramt übernommen, und betrug sich wie ein Engel gegen die Kinder. Ich vergaß, daß sie schön war, ich bewunderte nur ihre Herzensgute, und hatte sie anbeten mögen. Des folgenden Tages ritt ich nach Teutlingcn, um diese neue Wiege der alten Deutschheit in Augenschein zu nehmen. Ich kam früh um nenn Uhr ans Thor. Ein kleines, säbelbeiniges Männchen, das mit seiner Flinte ohne Schloß eine Schildwachc verstellen wollte, trat mir in den Weg und sagte: „Halt, der Herr ist ein Fremder; er muß -°-§> 389 fich sogleich vor dem Herrn Stadtrichter Ballhorn gc- stellen." Dann schrie er: „Unteroffizier 'raus!" und cs erschien ein alter Barmarbas, dessen langer schneeweißer Schnurbart gegen seine drähterne Bcutelpriicke drollig abstach. Er sollte mich zum Stadtrichtcr führen; da er aber, wie er mir klagte, mit dem Zipperlein behaftet war, und deßhalb Holzpantoffeln trug, so machte er mir das wunderliche Ansinnen, ihn mit auf's Pferd zu nehmen. Ich erinnerte mich zwar, daß die Ritter der Vorzeit bisweilen schöne Fräulein hinter sich aufsitzcn ließen; ich hatte jedoch zu einer so nahen Nachbarschaft mit dem gichtbrüchigen Männlein keine Lust, und antwortete daher: ich wolle ihm den Sattel allein überlassen, wenn er sich auf's Reiten verstehe. „Das denk' ich!" sprach er stolz. „Ich war schon vor fünfzig Jahren Husar und der beste Reiter im ganzen Regiments. Der alte General Ziethen, der auf dem Wil- helmsplatzc in Berlin in Stein gehauen zu sehen ist, nannte mich nicht anders als: mein liebes Söhnchcn, oder mein kleiner Teufel." So auf den Mund geschlagen, stieg ich ab. Er führte meinen Schimmel an eine Bank und kam glücklich hinaus. Jetzt aber stieß er ihm, um sich als ein gewaltiger Reiter zu zeigen, die Holzpantoffeln heftig in die Seite, und das beleidigte Thier ging auf der Stelle mit ihm durch. Er verlor Pantoffeln, Hut, Perücke, und überhaupt alles, was nicht knöpf- und bandfcst an ihm war. Endlich flog er selbst auf einen der großen, weichen Düngerhaufen, die der wahlweise Rath auf der Straße zu dulden schien, um in solchen Fällen zu einem bequemen Ankerplätze zu dienen. Als sich mein Schimmel so gerächt hatte, blieb er stehen. Der beschämte Prahler drohte ihm mit geballter Faust, wiest dann auf ein nahes Haus und brummte: „Dort wohnt der Stadtrichtcr!" Ich gab ihm ein paar Groschen Schmerzengeld. „Großen Dank!" sprach er. „Der Herr ist höflicher als sein Ganl." Das mir gezeigte Haus war himmelblau und mit silbernen Sternen besäst. Obe» unter dem Dache befand sich eine Mondscheibe, und auf derselben ein altes, finsteres Gesicht, das den sogenannten Mann im Monde Vorsteven sollte, lieber der Thur hing eine Tafel mit der Inschrift: Orduci - Amt. Mit Ehrfurcht trat ich in diesen Himmel auf Erden und klopfte an die mit goldene» Buchstaben bezeichncte Ordnei-Stube. Ein langer, kcrzenstcifcr, feierlicher Mann öffnete mir. Ich erschrack; denn vor mir stand der leibhafte Mann im Monde, der sein vollkommen ähnliches Konterfei dort hatte anbringen lassen. Altdeutsch gekleidet, wich er von seinem Mnsterbilde, dem Amtmann, bloß darin ab, daß er unförmliche, vorn abgestußtc Schuhe mit gelben Bandrosen trug. Ich sagte ihm, daß ich, als Fremder, die Weisung erhalten habe, mich bei ihm zu melden. Er klopfte bedächtig auf seine Tabaksdose und fragte mit einem langsamen, gedehnten Tone: „Haben Sie eine Reiscurkunde, oder, um mich kürzer auszudrücken, einen Bahubrief?" Ich sah ihn an und bekannte, daß ich ihn nicht verstehe. „Ich meine einen Paß," fuhr er fort. „Wir haben uns hier verbunden, durchaus reines Deutsch zu sprechen; folglich ward das Wort Paß, als ein ursprünglicher Ausländer und Sohn des lateinischen kassus, verwiesen. Daher lesen Sie auch an der Thür: Ordnei, statt Polizei, und ich heiße nicht Polizei-Jnspector, sondern Ord- 391 nei-Obsichter, wie ich mich gern nennen höre, damit diese trefflichen Wörter in Umlauf gebracht werden." Das alles lobte ich sehr, um ihn damit zu bestechen, weil ich keinen Bahnbricf aufzcigcn konnte. Ich berief mich auf Frcimunds Bekanntschaft. Er ließ das höflich gelten und fing an, mir das Manuscript eines znm Druck bestimmten Handbuchleins vorzulesen, worin er zum gemeinen Besten der Stadt Teutlingcn alle fremde Wörter, die nach und nach von Schulsüchsen und Zierlingcn in unsere Sprache verpflanzt wurden, gcdollmctscht hatte. Diese Vorlesung ward aber, ehe wir das Ende des Werklcins erreichten, durch eine Hiobspost unterbrochen. Ein athemloscr Eilbote stürzte herein: „Um Gottcswillcn, Herr Stadtrichter, eilen Sic, kommen Sie! Die Weiber sind in Aufruhr; sie stürmen das Rathhaus; der regierende Herr Bürgermeister und die ganze hohe Obrigkeit steckt drin, wie eine Maus in der Falle, und begehrt sehnlich Rath und Hülfe von Ihnen." — Hiermit rannte der Bote wieder fort. „Der Satauas ist in die Weiber gefahren!" sagte Herr Ballhorn mit einem kreideweißen Gesichte. Er nahm (wie cs in seinem Berdentschbüchlein lautet) einen Griff aus seiner Schnnpfbüchsc und fuhr fort: „Ich finde mich fast bewogen, dem Himmel dafür zu danken, daß meine Gattin wegen einiger Unpäßlichkeit das Zimmer hüten muß; sonst wäre sie wohl auch von dem Strome der Empörung mit fortgcriffcn worden." Er erzählte mir nun, was ich schon muthmaßte, daß der Rathsschluß, die französischen Damen und Demoisellcn in deutsche Frauen und Jungfrauen zu verwandeln, den Aufstand errege. „Reiten Sie doch ja aufs friedliche Dorf hinaus!" setzte er hinzu. 392 Oo- „Hier ist Mord und Todtschlag zu befürchten. Wir Obrigkeit geben nicht nach; wir lassen uns eher unter den Trümmern des Nathhauscs begraben." Er machte sich jetzt mit großen Schritten auf den gefährlichen Weg, und ich ging ihm auf dem Fuße nach. Der Markt war mit zahllose», wild durch einander schnatternden Weibern und Mädchen bedeckt. Sie umzingelten sogleich den Herrn Ordnei-Obsichter und wollten ihm den Kopf zurecht setzen. Hundert Hände faßten und hielten ihn; er machte sich aber die langen Arme frei, streifte die Kletten, die sich an ihn hängten, links und rechts von sich ab und erreichte das Rathhaus. Hier sah's kriegerisch aus. Zwanzig wüthcndc, mit Besen, Ofengabcln und Krauthaken bewaffnete Amazonen belagerten die Thür und donnerten mit Holzärten daran. „Geliebte Frauen und Jungfrauen !" begann Herr Ballhorn in einem bittenden, kläglichen Tone und wollte eine rührende Rede halten; aber eine alte, häßliche, etwas vornehmer als die andern gekleidete Furie sprang auf ihn los, packte ihn am Kragen und schrie: „Sagen Sie meine Herrinnen und Fräulein, oder Sic kommen nicht lebendig von der Stelle!" — Er trotzte standhaft dem Tode und sprach den geforderten Gruß nicht ans, sondern drang mit Gewalt hin zur Thür, die von innen ein wenig für ihn geöffnet wurde. Da sie aber, weil die tollen Weiber mit hineinbrccheir wollten, so schnell als möglich wieder zugcdrückt werden mußte, so gerieth sein linker Fuß, den er nicht geschwind genug nachzog, in die Klemme und verlor den Schuh, den die Weiber sogleich mit wildem Geschrei ans einer Stange herumtrugen. Als nun alle Versuche, die Nathhausthür anfzusprcngcn, vergeblich waren, hielt die alte Rädelsführerin Kricgsrath 393 396 -Ao- meister, ein Amtmann und ein Hofrath, als Nebenbuhler mir gegenüber. Mehrere solche Herrschaften lauerten vielleicht noch im Hinterhalte; ich aber, der weder Amt noch Welchen hatte, verlor dennoch den Muth nicht: denn daß mir Panline ein wenig gut war, offenbarten mir wider ihren Willen tausend kleine Kennzeichen von Liebe und Huld. Ich übergehe jedoch das alles jetzt und künftig mit Stillschweigen, weil cs gar nicht meine Absicht ist, eine empfindsame Geschichte zu schreiben. Nach Verlauf einer Woche erhielt ich von Herrn Ball- Horn ein seltsam abgefaßtcs Handbriefchcn, worin er mir meldete: daß Frau Spitzmaus, die Rädelsführern! des nculichen Aufruhrs, auf landesherrlichen Befehl des folgenden Tages am Schandpfahl ausgestellt werde. Zu diesem Schauspiele lud er mich ein, mit freundlichem Ersuchen, zuvor ein Frühstück bei ihm einzunchmen. In Erwartung lächerlicher Auftritte ritt ich nach Teut- lingen, und war schon um acht Uhr im blauen Himmel. Der Herr Ordnei-Obsichter nahm mich sehr wohlwollend ans und fragte sogleich: ob er mir mit einer Schale amerikanischen Fruchtkern-Trank dienen könnte. Ich begriff nicht, was er mir anbot. »Ei, ei!" sagteer, „vergaßen Sic schon, daß ich in meinem Vcrdcutschbüchlein das französische Wort Chokolade so übersetze ? — Ich könnte kürzer und bestimmter sagen: Cacao-Trank, denn Cacao ist wenigstens nicht französisch; aber ich hasse dieses Wort, weil cs mich an die weiland beliebte Farbe lüacs, cku OaujUiin erinnert. — Es war eine hündische Kriecherei des Franzvolkcs, sich in den Unflath seines Kronprinzen zu kleiden. Daß sich aber auch die Deutschen so bodenlos tief erniedrigten und cs 397 ihm nachthaten, das ist uns eine ewige Schande. — Und fast eben so schimpflich wälzte sich auch einmal die ganze seine deutsche Welt im Pariser Straßenkothc, indem sie eine Farbe trug, die man Loue ckv Uaris nannte." — Ich stimmte lebhaft in diesen gerechten Tadel mit ein. Dagegen gestand ich ihm meine Verwunderung, daß er in seinem Brieflcin auch alten, ehrlichen, ächtdcntschcn Worten hart mitgespiclt, und ihnen entweder den Schweif gestutzt oder sic auf andere Weise verstümmelt habe. „Sollte diese Sprachumwälznng," fuhr ich fort, „weiter um sich greifen, so würden dadurch alle bisher geschriebene deutsche Meisterstücke, besonders die poetischen, vernichtet." „Fürchten Sie das nicht!" sprach er. „Bei neuen Auflagen lassen sich die alten Fehler leicht verbessern. Ich selbst erbiete mich, die Werke verstorbener Dichter, z. B. Klopstocks, Bürgers, Schillers n. s. w., bei einer Pfeife Tabak nmzuarbeitcn, und die hier und da nach Ihrem Ausdruck von mir gestutzten Schweife durch geschickte Füllwörtchen zu ersetzen." — Da war's Kunst, das Lachen zu verbeißen! Unter solchen lehrreichen Gesprächen kam die zehnte Stunde heran. Herr Ballhorn mußte nun aufs Nathhans. Ich begleitete ihn bis dahin, und erstaunte nicht wenig, kein weibliches Wesen auf der Straße zu scheu. In den Häuser» rings um den Markt waren alle Fenster geschlossen, und die Vorhänge der meisten dicht zugezogen. An einigen andern zeigten sich zwar Frauen und Mädchen, kehr- den aber der Ehrcnsäulc, an welcher ihre Heldin den Lohn der Tapferkeit empfangen sollte, den Rücken zu. Diese' verächtliche Stellung galt aber auch vielleicht dem an der ^ 398 Postsäulc angehefteten Nathsbefchle: daß künftig keine Herrinnen und Fräulein in Tentlingen herrschen, kontern nur Frauen und Jungfrauen bescheiden wandeln sollten. — Auf Ansuchen des Stadtraths hatte der Amtmann den Landsturm seines Gebiets zu Roß und Fuß cinrucken lassen, um die Weiber, wenn sie etwa auf's neue Sturm laufen wollten, im Zaume zu halten. Ein tüchtiger, gesetzter Forsibedientcr befehligte die Reiterei; der Feldhauptmann des Fußvolks hingegen war ein vorwitziger und überthätiger Schulmeister, der sich mächtig in die Brust warf, entsetzlich viel Worte machte, und nicht anshörcn konnte, sein ungelenkes und widcrspänstigcS Häuflein zu ordnen und zu richten. Zur Abwechselung gab er auch einen lebendigen Beweis, wie leicht cs damals war, jemand in den Verdacht un- vaterländischer Gesinnungen zu bringen. Es lief ein ältlicher, hagerer Mann, den ich Magister Günther nennen hörte, schnell und scheu über den Markt. Er war mit einem verwitterten lederfarbcncu Nocke bekleidet, trug einen platten Hut unter dem Arme, und einen Ungeheuern Haarbcutcl an seinem kahlen Kopfe. „Seht, der ist französisch gesinnt; er trägt einen Haarbcutcl!" sagte der naseweise Schulmeister zu einigen herumschwär- mcnden Straßenjungen. Sogleich verfolgte die Rotte den fliehenden Magister und schrie: „Haarbcutcl - Günther! Französisch-Gesinnter!" Er fuhr in ein Haus, erschien bald darauf an einem Dachfenster, warf den Haarbcutcl auf die Straße und rief: „Da, ihr Belialskindcr! da zerreißt den Franzosen!" — Und das geschah auch sofort. - Indessen hatte die Glocke schon lange eilf geschlagen, und die Feierlichkeit am Pranger verzog sich noch immer. -o§> 399 Da durchlief den Markt das Gerücht: die Herrin Spitzmaus habe in der deutschen National-Frauentracht öffentlich ausstchcn wollen; als cs aber der Rath nicht genehmiget, habe sie den trotzigen Entschluß gefaßt, im Ncifrock zu prunken; und da man ihr dieß, weil der Ncifrock eine widrige französische Erfindung sep, unbedenklich erlaubt habe, so kleide sie sich jetzt um, und daS verursache den Verzug ihres Austritts. Dieses Gerücht hatte Grund. Gegen zwölf Uhr erschien sie wirklich im Ncifrock und Schleppklcide, und bestieg mit kecken Schritten die Bühne, wo man aus Furcht vor ihrer Lästerzunge drei oder vier Fcllraßler (nach uuscrs Johann Ballhorns Tvllmeischung des Wortes ll'amdonc) ausgestellt und'ihncu befohlen hatte, aus Leibeskräften zu raffeln, sobald sie Schmähungen gegen die Obrigkeit ausstoße. Eine Minute lang sah sic frech umher; dann erhob sic ihre Stimme und sagte zu dem sic angaffendcn Volke: „Denkt ihr, ich soll mich schämen? Nein, ich schäme mich nicht. Ich habe für eine gntc Sache gekämpft; aber Undank ist der Welt Lohn, sagte mein seliger Mann. — Ach, lebte der Edle noch ! Er hat's wahrlich nicht um die Welt Verdient, daß man mit seiner Wittwe so umgeht. Die vortrefflichsten Bücher gab er den Leuten um's halbe Geld, und Fürsten schützten ihn gegen seine Neider und Feinde. Aber meiner nimmt sich kein Mensch au. Ich stehe hier wie eine Misscthätcrin, weil ich ein Paar einfältigen Naths- herren die Perücken — —" Hier fielen ihr die Fcllraßler mit einem so gewaltigen und anhaltenden Getöse ins Wort, daß sie, aller Anstrengung ungeachtet, keinen vernehmlichen Laut wieder auf- bringen konnte. Als sic die gehörige Zeit zur Schau gestanden hatte, -WH' i!" ward sic zur Stadt hinaus geführt und bedeutet, sich nicht wieder darin betreten zu lassen. Sie wandte sich, wie man sagt, in ihre alte Hcimath zurück, und hcirathetc dort wieder einen Nachdruckcr, der durch seine Geschäfte geübt war, sich über Ehre und Schande hinwegzusctzcn, und folglich auch kein Bedenken trug, eine vom Pranger kommende Dame zum Altar zu führen. Wenige Tage darauf kam der Hvfraih Bär nach Eichcn- bcrg, um seine Rückkunft zu melden. Ich sah den breiten, wohlgenährten Mann aus dem Wagen steigen und über den Hof gehen. Sein trotziges Gesicht, plumper, schwer aufstampfcndcr Gang und noch mehrere Merkzeichen der ihm nachgcsagten Ungcschliffenheit machten mich nach seiner Bekanntschaft nicht lüstern, und ich nahm keinen Anthcil an seinem Besuche. Das ihm aufgehobene Gastmahl des Bürgermeisters ging bald darauf vor sich. Wir wurden mittelst einer Karte auf deutsche Hausmannskost eingeladen, und diese Worte waren dreifach unterstrichen. Frcimund und Pauline ahnten schon aus diesem Umstande eine gegen den Hofrath angelegte Neckerei; denn sic kannten ihn als einen Lcckcrmund, der es sehr übel nahm, wenn man ihm nur Hausmannskost vorletzte. Der Saal war mit Kränzen von Eichenlaub geschmückt; alle Gäste erschienen in altdeutscher Tracht; nur wir, das Kleeblatt von Eichcnbcrg, machten davon eine Ausnahme, und wurden deßhalb von allen Seiten gescholten. Der Amtmann, der Hofrath, der Obsichtcr, die Vornehmen des Raths, und noch acht oder zehn andere, mir unbekannte Personen, bildeten die Gesellschaft. Der merkwürdigste Mann unter den letzter» war der Doctor Matz, der -»-§> 40t .To- Arzt des Städtchens, eine drollige kleine Kürbisgestalt, mit einem Kupfergesichte. Als wir uns zur Tafel gesetzt hatten, ward ein Stück Rindfleisch mit Meerrettig und anderer gemeiner Zukost aufgctragen. „Keine Suppe?" — murrte der Hofrath. „Nein!" sagte der Bürgermeister. „Ich will heute meine werthcn Gäste mit einer ächt vaterländischen, kerndeutschen Mahlzeit bcwirthen. Rindfleisch ist kräftig und derb, wie der ehrliche Deutsche; aber die flüssige Suppe gleicht dem immer schwankenden, unzuverlässigen Franzmann, und ward auch wahrscheinlich von ihm erfunden." „Der Name ist unstreitig französisch;" sprach der Obsichter. „Doch läßt er sich bequem durch Gelösfel verdeutschen. Man kann sagen: Weingelöffcl, Biergelöffel, Milch- gelöffel und so weiter." „Ich möchte nur," entgegnetc der Bürgermeister, „kein junges, artiges Frauenzimmer auf ein Gelöffcl einla- den. Das würde sehr zweideutig klingen." Es ward gelacht; der Hofrath allein blieb ernsthaft und knurrte: „Eine gute Brühsuppe, deutsch oder französisch, wäre mir lieber, als all' die Wortklauberei." Er rührte, in Hoffnung besserer Zeiten, das Rindfleisch wenig an. Aber auch die zweite Tracht entsprach seiner Erwartung nicht. Sie bestand aus Schinken mit Erbsen, Klößen und ganz alltäglichen grünen Gemüsen. Der unzufriedene Gast aß keinen Dissen davon, ungeachtet ihn der Wirth ermahnte: er möge sich vorsehen, daß er nicht hungrig vom Tische aufstchc. Die dritte Schüssel brachte einen Hecht, der, nach seiner Größe, ein Fürst der Waffcrwclt gewesen war. Aber der Hofrath hatte keine Achtung vor ihm. „Das verdammte Naubthicr," sagte er laut, „hat wohl alle Forellen und Langbein'« sämmll. Schr. XVI. Bd. 26 -»D 402 <§-<> Aale verschlungen, daß wir keine zu sehen bekommen." „Der Fisch ist gut!" rief Doctor Matz. „Er will aber schwimmen, und ei» Deutscher trinkt gern." — Damit stürzte er seinen Pokal aus; denn statt der Weingläser standen große Humpen auf dem Tische, und wurden fleißig mit köstlichem Rheinwein gefüllt. Jetzt erschien ein Harfenspieler in einem langen Gewände. Er setzte sich unweit der Tafel, griff in die Saiten und sang ein Lied zum Ruhm und Preis der alten deutschen Zeit, und ein anderes zum Lobe der Frauen. Das letztere, das höchst wahrscheinlich der verliebte Bürgermeister selbst gedichtet hatte, krönte-Paulinen zur Königin des Festes, und bezeichnete sie, ohne Nennung ihres Namens, so deutlich, daß sie die Augen Niederschlagen mußte, indeß ihre Verehrer dem Sänger Beifall zuklatschtcn und auf ihr Wohl die Humpen leerten. Zu meinem Erstaunen mischte sich auch der Doctor unter das lärmende Chor der Anbeter, und bezeugte sich sogar noch feuriger als die übrigen: denn er trank auf Pauliuens Gesundheit zwei volle Humpen, und die andern weihten ihr nur Eine. Hierauf sang der Harfner folgendes Spottlied: An die Franzmänner. Ei! wie habt ihr Ueberklugen Mit den Deutschen es versehn, Daß sie euch so tapfer schlugen Und sich drob nicht wenig blähn? Denken denn die Undankbaren Keinen Augenblick daran, Was ihr seit viel hundert Jahren Ihnen Gutes habt gethan? Eure Spruche, eure Moden Gabt ihr ihnen, wie bekannt; Sandtet auch vom Vaterboden Große Künstler in ihr Land. Kammerdiener, Gouvernanten, Koch' und Tänzer zogen ein, lind die deutschen Elephanten Lernten leicht und zierlich seyn. Und für diese reiche Spende, Schmückend Körper, Gerst und HauS, Batet ihr euch nichts am Ende Als die deutsche Freiheit aus." — Ja, ein Weilchen gab man Proben Treuer Dienstbefilssenheit; Aber bald begann ein Toben lieber diese Kleinigkeit. Alle Männer, alle Weiber Klagten über Zwang und Drang, lind der Kiel der Bücherschreiber Nannte frech euch kurz und lang. lind indes; man wie besessen In die Lärmtrvmpete stieß, Schlug das Kriegsvolk euch vermessen Bis ins heilige Paris. Aber laßt die Dvnnerwolke Nur getrost vorüberzielm! Euch kann doch beim deutschen Volke Neues Herrscherglück erblühn. Fährt es fort, euch nachznahmen, Bleibt eS eurer Sprache treu, So entsprießt aus diesem Samen Einst ihm wieder Sklaverei. 404 S--- „Das verhüte Gott!" rief Herr Ballhvrn. „Wenigstens an uns sollen sie diese Freude nicht erleben. Wir werfen ihre Sitten und Sprache zur Stadt hinaus, und ganz Deutschland möge sich an uns spiegeln." „Amen, das werde wahr!" fiel der Doktor ein, und bekräftigte seinen Wunsch mit einem tüchtigen Trünke. Diesem poetischen Zwischenspiele folgte der höchst prosaische Auftritt eines Lammsbratcns mit weißen Rüben. „Sehen Sie hier," sagte der Bürgermeister, ein merkwürdiges, acht deutsches Gericht! Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand, der edle Kämpfer für deutsche Freiheit, ward mit LammSbratcn und weißen Rüben von seiner Hausfrau bewirthct, als er einsmals von einem glücklichen Zuge in seine Burg zurück kam und einen gefangenen Gast, den Ritter Weisungen, mitbrachte. „Ich durste nicht Göß sepn!" rief der Hofrath. „Ich hätte das Weib meine schwere eiserne Hand fühlen lassen, wenn mir nichts Besseres aufgctischt worden wäre." Er wandte sich dann zu mir, den das Loos getroffen hatte, sein Nachbar zu sepn, und sagte vertraulich: „Nun haben wir, Gott sep Dank! die Vericrmahlzcit überstanden; nun wird unser spaßhafter Herr Wirth den rechten Schmaus anfangen lassen. Ich freue mich nur, daß ich so klug war, mich mit jenen gemeinen Philisterspeiscn nicht anzufüllen." Er ließ denn auch den ritterlichen Braten mit Verachtung bei sich vorübcrgehen. Wir andern aßen, ohne uns an sein Hohnlächeln zu kehren, unfern Theil davon. Hierauf kam ein Weinmuß für die Frauen, und zugleich der Nachtisch, der nichts enthielt, als Butter und Käse, ein Paar Teller Obst und eine Schüssel mit gebratenen Eicheln, die der Bürgermeister für die llrkost unserer Alt- -»D 405 »ordern ausgab und deutsche Kastanien nannte. Dennoch aber wies Jedermann die herbe Frucht mit Lachen von sich. „Nun Scherz bei Seite, Herr Bürgermeister!" ries mein Nachbar. „Lassen Sie gefällig auftragen, was Sic uns im Ernste bestimmten." „Sie schweben in einem seltsamen Jrrthum, bester Herr Hofrath!" versetzte Jener. „Unsere einfache deutsche Mahlzeit ist völlig vorbei." Er machte große Augen und wollte das nicht glauben; als es ihm aber der Schalk nochmals versicherte, ward er unbeschreiblich grob und forderte gebieterisch die abgetragenen Speisen zurück. Sic wurden gebracht, und er aß wie ein Wolf. Aber auch diesen Nothgcnuß verbitterte ihm der Harfner durch den Gesang nachstehender Romanze. Zaunkönig nnd Bär. Ein Zaunkönig und ein Zvttelbär Das waren verwünschte Prinzen. Sie zvgen vereint in der Welt umher Und hatten nicht Kleider, nicht Münzen. Prinz Bar war grob und bekam dafür Mitunter tüchtige Prügel; Allein das kleine, geflügelte Thier War ganz der Höflichkeit Spiegel. Sie mußten, Kraft der Verzauberung, Die Menschheit so lange missen, Bis eine Prinzessin, schön und jung, Sich frei entschloß, sie zu küssen. Drum wanderten beide sich mud' und matt Und schweiften nach allen vier Winden, Um irgend in einer Königsstadt Entzaubernde Küsse zu finden. 406 Einst sahn sie ein reizendes Fürstenkind, linigeben von Zofen und Schranzen, Im Grünen, umfächelt vom Abendwind, Mit andern Prinzessinnen tanzen. Prinz Bür, gleich verliebt bis über'S Ohr, Thüt sich nicht lange besinnen. Und brach wie ein Sturm uns dem Wald hervsr, Um Minnesold zu gewinnen. Die Tanzgcselischaft hatte nicht Lust, Den wilden Besuch zu erwarten: Sie sioh, mit Geschrei NN» bebender Brust, In einen ummauerten Garten, Der täppische Buhler legte sich kühn Am Kittertbor auf die Lauer. Da stürmte von allen Seiten auf ihn Ein Steinrcgen über die Mauer. Indessen hatte sein kleiner Gesell Sich in den Garten geschwungen, Und sang so munderlieblich und hell, Als nie seines Gleichen gesungen. Die schöne Prinzessin sah empor i Doch zitterte sie vor dem Bären, Und konnte seht kein ruhiges Ohr Dem freundlichen Vvglcin gewähren. ES flog zu dem Brummer hinaus und sprach: „Du hast dich übel empfohlen i« — „Was thut's?« versetzt' er. „In ihrem Gemach Will ich nun Küsse mir holen. Uns soll und muß in künftiger Nacht Ein rascher Ueberfall glücken. Ich dring' ins Schloß durch die fliehende Wacht Und trag' dich hinein auf dem Rücken.« »L 407 E» „Schön Dank!« rief spöttelnd das Königlein l „Da würd' ich zehnmal erschlagen! Den» schrecklich wird man den Bnckel dir bläu'», Beginnst du den Einbruch zu wagen.« — ES wurde Nacht und der lüsterne Bär Ging schnuppernd herum an den Thoren. Er fand bald eins, wo Herz und Gewehr Die feigen Wächter verloren. Und als sie vor ihm mit Hascnlanf Die Flucht ins Weite genommen, Stieg er die Marmortreppen hinauf, Ilm zu der Prinzessin zu kommen. Ach! aber in dem Trabantensaal Bon seinem Unstern gewiesen, Umringte» ihn, starrend von Erz und Stahl, Wohl dreißig gewappucie Niesen. Die Schwerter ziehend, mähten sic schließ Ihm beide Ohren vom Kopfe, Und mühsam bracht' er sein blutendes Fell Durch schleunige Flucht aus der Klopfe. Prinz Zaunkönig suchte während der Zeit Sein Glück auf geschicktere Weise. Er machte sich, unter des MvndcS Geleit, Behutsam und still auf die Ncise. Die warme, ruhige Sommernacht Hielt ihm die Schloßfenster offen; Die Zimmer durchhellte der Ampeln Pracht, Und bald war das rechte getroffen. Er sah die Prinzessin, schön wie ein Bild, 2>n süßesten Schlummer liegen, Und zögerte nicht, von Lieb' erfüllt, AufS seidene Bettchen zu fliegen. -o-D 408 Ao- Er weckte sie mit mnntcrm Gesang; Aufblitzten die Äuglein, wie Sterne. Duck! lauschte sie still drei Minuten lang, Damit er nicht scheu sich entferne. Sein Schnäbekein wagte mit feiner Art Ihr Schwanenhändchen zn tippen. Da faßte sie ihn und streichelt' ihn zart, lind küßt' ihn mit rosigen Lippen. Schnell wuchs das Döglein ihr aus der Hand, Warf sich auf den Fußieppich nieder, Verwandelte sich im Hui und erstand AlS bindender Jüngling wieder. Sie fuhr zusammen mit einem Schrei, Doch war sie ihm plötzlich gewogen; Und kurz, kaum huschrcn acht Tage vckrbei. So ward die Vermählung vollzogen. Sein Unglücksgefährte vernahm die Mähr', lind wollte sich wüihend entleiben. Er ist noch bis henr ein plumper Bär Und wird eS sein Leben lang bleiben. Bei den letzten Worten sprang der Hofrath hastig auf; der Harfenspieler sah sich erschrocken um und machte sich schnell aus dem Staube. „Das rieth ihm Gott, Herr Stadtmusikant!" donnerte der Hofrath ihm nach, und setzte sich mit funkelnden Augen wieder an seinen Ort. „Wie soll ich das verstehen?" fragte derBiirgermeistergclafseu. „Das will ich Ihnen morgen unter vier Augen — und allenfalls unter vier Händen — erklären;" antwortete Jener, und that sich, durch die Romanze gezähmt, augenscheinliche Gewalt an, nicht mehr zu sagen. Es entstand eine bängliche Stille, die jedoch der Amtmann nur eine halbe Minute dauern ließ. Dann fing er an, die Güte zu pflegen, und es kam halb und halb ein Vergleich zu Stande. Als wir vom Tische aufgestanden waren, wurde Warmbier in Kaffecschalen dargeboten. „Wieder ein neuer Eulenspicgelstreich!" rief der Hofrath mit gezwungenem Lächeln. „Warum denn kein Kaffee?" „Weil wir wiedcrgcborene Altdeutsche sind;" sagte der Bürgermeister. „Wir enthalten uns daher eines ausländischen Getränks, das unsere Urväter nicht kannten." „Sehr wahr!" fiel der Doktor ein. „Doch Warmbier tranken sie schwerlich nach Tische. Sie fingen's da beim Becher wieder an, wo sie es bei der Mahlzeit gelassen hatten." Der Bürgermeister verstand den Wink und ließ frischen Wein bringen. Zugleich aber ward uns Eichenbcrgcrn und den Frauenzimmern insgesammt Kaffee gereicht. „Nun, was für ein Vorrecht haben denn Diese ?" brummte der Hofrath. „Die Herren von Eichenberg," entgegncte der Bürgermeister , „zeigen durch ihre Kleidung, daß sie heute noch keine Altdeutsche sind und mit dem schwächer» Geschlechtc, das sich ungern vom Kaffee trennt, muß man Anfangs einige Nachsicht haben." Der Hofrath schüttelte den Kopf und sagte zu den übrigen, vom Kaffee ausgeschlossenen Männern: „Kommt, wir wollen uns am Weine rächen." — Sie becherten nun weidlich. Das empfand der Trinktisch, um den sie sich gestellt hatten. Wer das Gleichgewicht verlor, schob ihn den gegenüber stehende» Zechern auf den Leib, und diese gaben taumelnd den Stoß zurück. Dabei ward der deutschen Freiheit manches Lebehoch gebracht. Aber indem sie so auf Freiheit pochten, waren einige von ihnen gefesselte Sklaven, die mit gläsernen Augen sehr dcmüthig um einen Gnadenblick von Paulinen flehten. Sie hatten auch mit Vater Freimund viel abzumachen. Einer nach dem andern führte ihn in ein Nebenzimmer und keim von der geheimen Unterredung mit heiterem Angesichte zurück. Freimund, dem der Ton der Gesellschaft nicht gefiel, ließ zeitig auspannen. Da erhob sich, als cs ruchbar wurde, ein großer Aufstand. Der Bürgermeister bat dringend, noch länger zu verweilen, und Paulincns Liebhaber brauchten Gewalt, indem sie unsere Hüte, Handschuhe und anderes Eigenthum in Beschlag nahmen, um uns zum Bleiben zu zwingen. Standhaft setzten wir aber unfern Willen durch und brachen auf. Der Abschied zog Paulinen viel ungeschickte Zärtlichkeiten zu; ihr Vater hingegen bekam zu gleicher Zeit neue derbe Verweise, daß er nicht in altdeutscher Kleidung erschienen war, und der Amtmann, des Streifens gewohnt, legic ihm sogar die Buße auf, nächstens ein deutsches Fest zu geben. „Etwa ei» Turnier!" sagte der Bürgermeister. „Ja, ein Turnier! ein Turnier!" rief ein zehnstimmi- ges Echo. „Turnei!" fiel der Obsichter nachdrücklich ein. „Turnier ist wegen seiner ausländischen Endung verwerflich." „Nun, so gebt uns ein Turnei, lieber Freimund!" sagte der Amtmann. „Und der Preis des Sieges — oder, in der Nittersprachc zu reden, der Dank — sei) eine gewisse köstliche Perle! — Ihr wißt schon!" — „Das kann ich nicht versprechen," antwortete Freimund. „Doch eine mit Schranken umzogene Rennbahn steht zu Diensten. Da mag, wer Lust hat, turnicren!" — „Turnen, turnen!" rief der Obsichter, und drohte sträflich mit dem Zeigefinger. Am folgenden Tage sagte Freimund zu mir; „Ich will ans gewissen Ursachen die Narren in Teutlingen zum Nar- 411 ren haben und ihnen ein Kampfspiel veranstalten. Die Herren Flau, Bär, Zaunkönig und Matz sind beritten; sie mögen sich also auf ihre Strcitrosse schwingen und Lanzen mit einander brechen. Es gehört aber in meinen Plan, daß keiner von ihnen am Ende Sieger bleibt und auf den Ritterdank Anspruch machen kann. Irgend ein Anderer muß zuletzt den tapfersten Kämpfer aus dem Sattel heben, und diese Rolle übertrage ich Ihnen, Freund Otto! Ihrer Jugcndkraft und Gewandtheit ist es ein Leichtes, mit den steifen Männern und Männchen fertig zu werden, und der Ihnen bestimmte Dank wird Sic erfreuen." Die letzten räthsclhaften Worte machten mich aufmerksam. Sollte wohl, sagte ich zu mir selbst, Pauline darunter gemeint scp» ? Hat der Vater Euer Vcrständniß belauscht? und will er das Mädchen lieber dir gönnen, als einem jener vier Herren, die vielleicht in der gestrigen Trunkenheit um sie warben? — Diese Möglichkeiten und Ahnungen bewogen mich sogleich zur Erklärung, daß ich die Posse mitspielen wolle. Es war mir auch nicht bange, den Sieg über meine Gegner davon zu tragen, weil ich mich in frühem Jahren, als ich die Reitbahn besuchte , im Ringclrenncn fleißig geübt und manchen pap- penen Türken und Chinesen niedergehaucn hatte. Das Ausscheiden des Turniers, die Anschaffung der Harnische und andern Erfordernisse, die auf der Tummcl- bahn gehaltenen Vorübungen, und überhaupt alle vorläufige Anstalten, worüber ein ganzer Monat verfloß, übergehe ich mit Stillschweigen. Ich rüstete mich in geheim, und ließ niemand merken, daß ich mich mit den obgenannten vier Rittern messen wollte. Im Gcgentheil stellte ich mich, in ritterlichen Turnkünsten ganz unerfahren zu sepn. Am Kampftage erschienen die Ritter folgendermaßen gerüstet: -c^Z> 412 Ritter Flau ragte auf einem großen, stattlichen Rappen wie ein Thurm über die andern hervor. Sein stahlblauer, gefirnißter Harnisch war, gleich den Panzer» der übrigen Ritter, von starker Pappe zusammcngeleimt. Seinen Schild zierte ein finnreichcs Gemälde. Es zeigte die Göttin der Gerechtigkeit in Paulinens Gestalt, mit einer Wage in der Hand. In der rechten Schale thronte sehr kennbar der Ritter, und überwichtig sank sie mit ihm; in der linken Schale hockten seine drei Nebenbuhler jämmerlich aufeinander und schnellten hoch in die Luft. Ritter Zaunkönig, goldfarben geharnischt, ritt ein so hohes Roß, daß er cs nicht anders, als mittelst einer Leiter erstiegen haben konnte. Das Sinnbild seines Schildes war ein kleines Vögelchen , das auf einem Zaune saß und eine im Schnabel haltende Rose einem schönen Fräulein überreichte. Ritter Bär strotzte auf einem Karngaule, der so plump war, als er selbst. Sein Harnisch war ciscngrau, und im Schilde führte er einen schwarzen Bären, auf welchem ein Liebesgott ritt und ihn am Zügel lenkte. Ritter Matz glich ganz dem alten Silenus. Benebelt, wie Dieser, hing er schwankend auf einem kleinen grauen Rößlein, das einem Esel ähnlicher sah, als einem Pferde. Seine Rüstung hatte die Farbe der Nacht, und auf dem Schilde war er selbst, als Befiegcr des Todes, dargestellt. Der Tod kniete vor ihm und schien um sein Leben zu bitten; aber der übermüthige Sieger schlug ihm eine große Arzneiflasche am hohlen Schädel entzwei. Neben ihm stand Pauline und setzte ihm einen Kranz auf. Das waren die vier Ritter, die sich auf der Stechbahn einstellten. Außerhalb der Schranken hatte sich ganz Teut- lingen gelagert. Pauline und die übrigen Frauen saßen -»S 413 - auf einer erhöhten Bühne. Ich aber, mit einem Blechharnisch bekleidet, hielt zu Pferde hinter einem nahen Hügel, wo ich den Kampf sehen konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Trompeten forderten auf, das Ritterspicl zu beginnen. Zaunkönig sprengte zuerst hervor, und band, um das dünnste Brett zu bohren, mit dem dicksten Ritter an. Herr Matz ließ sich eine Weile necken, che er den Rücken- Halt der Schranken aufgab. Als er sich endlich ins Freie wagte, rannte Zaunkönig mit vorgcstrecktcr Lanze gegen ihn an, als wollte er ihn durch und durch stoßen. Das war nicht zu befürchten, weil die Lanzen, dem geschlossenen Vertrage gemäß, keine Spitzen, sondern lederne, mit Baumwolle ausgestopfte Köpfe hatten; dennoch war dem feigen Matz vor dem drohenden grimmigen Stoße so bange, daß er sich rückwärts von seinem Grauchen warf und eilig davon lief. Ein allgemeines Gelächter überschalltc das Geschmetter der siegverkündciiden Trompeten. Der Ausreißer hatte seinen Helm verloren. Zaunkönig häkelte ihn mit seiner Lanze geschickt von der Erde auf und wollte Paulincn dieß Siegeszeichen überreichen. Ritter Bär verrannte ihm aber den Weg und legte die Lanze gegen ihn ein. Zaunkönig nahm die Aussonderung au; sie stürzten aufeinander los; Bär bekam einen ohnmächtigen Puff auf die pappcne Brust und blieb unvcrrückt im Sattel. Aber beim zweite» Rennen ward Zaunkönig mit einem kräftiger» Stoße begrüßt, und saß plötzlich wie ein Frosch im Sande. „Sehn, Sic," sagte Bar, „diese Kraft meines Armes verdank' ich den kernhaftcn Speisen, die ich neulich bei Ihnen genoß." — Zaunkönig sprang mit Rachgier empor und strebte hastig, seinen hohen Gaul zu erklimmen. Bei dieser vergeblichen Anstren- . V4 414 gung Platzte sei» goldener Harnisch an verschiedenen Orten auf und gab ihm das Ansehen einer von Kindern zerrissenen Puppe. Dadurch noch wilder gemacht, zog er sein Schwert, um seinen hohnlachenden Feind damit zu züchtigen. Doch Freimund und einige andere friedliebende Männer eilten herbei, entwaffnctcn ihn durch freundliches Zureden und führten ihn aus den Schranken. „Nun machen wir unfern Tanz!" rief Flau dem Sieger zu. „Das versteht sich!" antwortete Dieser mit einem nbcrmüthigc» Tone, als scp er unüberwindlich. Sic stellten sich in möglichster Entfernung einander gegenüber. Bär schien entschlossen, Roß und Mann zu Boden zu rcn- ren; so stürmend ritt er an. Plötzlich aber stolperte lein ungelenkes Thier über seine eigenen Beine, und er schoß mit der Nase in den Sand. Er raffte sich schnell wieder auf; doch sein Verhängniji hatte ihm diesen Platz bestimmt. Flau, stärker und geschickter als er, stach ihn beim zweiten Angriff vom Pferde, und er fiel eben dahin auf den Rücken, wo er zuvor die Erde geküßt hatte. Ich flog jetzt hinter dem Berge hervor und in die Stcchbahn hinein. Die Zuschauer empfingen mich mit langen Hälsen und frohen Gesichtern; aber Herr Flau sah mich finster an, weil er schon den Kampfprcis gewonnen zu haben glaubte, und ihn nun wieder auf's Spiel setzcu mußte. Ich ritt zu den Frauen hin, senkte den Speer vor Paulincn, tummelte dann meinen Schimmel, und erbat mir von dem scheclsüchtigcn Ritter die Ehre, eine Lanze mit ihm zu brechen. Wild begab er sich au den gehörigen Ort und stürzte wie ein Bergfall auf mich los. Doch der Zorn machte ihn blind; er verfehlte mich, schoß bei mir vorbei, und sein Rappe, der halb und halb mit ihm durchging, hätte beinahe die Plan- ken übersprungen. Die daran sitzenden Zuschauer flohen mit Schrecken und purzelten im Getümmel übereinander. Wir machten hierauf den zweite» Ritt, und gaben und empfingen beiderseits tüchtige Stöße, die jedoch den Wettstreit nicht entschieden. Erst beim dritten Nennen gelang es mir, den tapfer» Kämpen so zu erschüttern, daß er die Bügel verlor, und nach fruchtlosem Ringen, sich auf dem Pferde zu erhalten, hinab mußte. „Hol' der Henker das Kinderspiel!" rief er ans und verließ den Schauplatz. Ich sah mich um, ob jemand vorhanden scp, der des Amtmanns Niederlage rächen und mich aus dem Sattel heben wolle; aber die Rennbahn blieb leer, und bald erschien ein Herold, der ausrief: „Das Turnier ist vorbei! Die Herren Ritter werden geladen, sich im hiesigen Schlosse einzufindcn, und nach erfolgter Austhcilung des Dankes ein Ehrenmahl zu genießen." Mir klopfte das Herz; ich folgte zaghaft dem Rufe. Die andern vier Kämpen stellte» sich, ungeachtet sic keinen Dank zu erwarten hatten, ebenfalls ein. Auch die ganze vornehme Welt von Teutlingcn war zu Frcimunds Tafel geladen und zog vom Turnplätze dahin. Freimund rief mich und meine vier Waffenbrüder in ein abgesondertes Zimmer und sagte zu Diesen: „Meine Herren, Sie cr- öffnctcn mir neulich an Einem Tage und in Einer Stunde einen gleichstimmigen Wunsch, und eben denselben hatte ich schon lange vorher in den Auge» meines hier gegenwärtige» jungen Gastfreundes gelesen. Da gedachte ich vcr biblischen Worte: Das Loos stillet den Hader, und stellte das heutige Turnier an, um die Entscheidung der Sache dem Waffcnglückc zu überlassen. — Es begünstigte meinen Gastfrcund, und er soll vor Ihren Augen den ausgeseßten Preis empfangen." — Mit diesen Worten ging er in ein Ncbcngcmach, kam sogleich, Hand in Hand mit Paulinen, wieder zurück und sagte: „Hier, Otto, ist Dein Dank! — Ich hoffe, mir damit Euren Dank, meine Kinder, zu verdienen." Stumm vor Freude warfen wir uns aus väterliche Herz, und ich hörte, wie im Traume, daß die vier Herren hinter mir verdrießliche Worte ausstießcn und zornig fortgehen wollten. Schnell aber besann sich der Doctor eines Bessern. „Hört, ihr Korbgcscllen!" rief er: „wir wären Thoren, wenn wir Frcimunds herrliche Weine im Stiche ließe». — Nein, wir wollen uns gütlich thun, und wer dann noch schmollen will, der schmolle!" „Ein guter Rath!" sagte Freimnnd. „Es war nicht möglich, daß Sic insgcsammt meine Schwiegersöhne werden konnten. Wollen Sic deßhalb aufhören, meine Freunde Z» sepn?" Die Herren gingen in sich und — zur Tafel, wo selbst der Hofrath, der seinen Mißmuth vorher am härtesten anssprach, duich einen Ueberfluß leckerhaftcr Speisen geschwelgt und versöhnt wnrdc. Ich wohne seitdem in Eichenbcrg als Mitbesitzer des schönen Gutes, und mein junges, liebes Weib zaubert cS mir zu einem Paiadiesc. Vater Frcimund hat sich noch nicht zur altdeutschen Tracht bequcmt, und im Sprechen und Schreiben entwischt ihm noch manchmal ein Bankart oder Bastardwort. Aber bei dem allen ist er der biederste Kcrnmann, den ich kenne, und cs würde, auch ohne der Tcutlinger wohlgemeintes Spiel mit der altdeutschen Puppe, gut um Deutschland stehen, wenn jeder deutsche Mann an Tugend ihm gliche.