Mit Anbruch des Tages war er wieder bei der Königs-kanne, besah sic von unten bis oben, umging sie mehr-mals und entdeckte nichts. Indem er aber seinen Wegnach einer andern Waldgegend nehmen wollte, seufzt' cshinter ihm und stöhnte seinen Namen. Rasch sich nmse-hend, fragt' er, wer ihn rufe. „Ein unglücklicher, in denStamm dieses Baumes cingebannter Geists" antwortetedie Stimme, und bat kläglich um Erlösung. „Dazu weißich keinen Rath;" sagte Rudolph. „O du kannst mir sehrleicht helfen!" sprach der Geist. „Siehst du nicht an derNordseite des Stammes ein kleines, mit drei Kreuzen be-zeichnetes Zäpflcin? — Das zieh' heraus, dann ist diePforte meines Kerkers geöffnet, und ich bin dafür ewigLein Schuldner."
Rudolph fand das Zäpflcin, aber die Sache war ihmbedenklich und er nahm kein Blatt vor den Mund. „IchHab' immer gehört," sprach er, „daß man nur böse Gei-ster bannt; also wirst du wohl kein Engel scpn, und soist es denn recht gut, daß du dich in enger Gewahrsambefindest."
„O, wie hart beurtheilst du mich!" ächzte der Geist.„Wird nicht die Unschuld auch unter euch Menschen oftgrausam verfolgt? Und wär' cs nicht ein falscher Schluß,wenn man Jeden, den ein mächtiger Zwinghcrr in de»Staub tritt, deßhalb für einen Taugenichts halten wollte?— Ich, der kein Wasser trübt, fiel jungst — ich weißnicht, warum — bei einem feindseligen Zauberer in Un-gnade, und wie Arglist immer über Arglosigkeit siegt, sogelang es auch dem Böscwicht, mich in diese Falle zu lo-cken. — Darum säume nicht, edler Weidmann, einen Un-terdrückten zu retten."
Rudolph ließ sich bewegen, zog das Zäpflcin heraus