Geschichtliche Bemerkungen zu demNibelungen - Liede.
Geschrieben i. I. 1812.
Von den Nibelungen überhaupt.
Es nimmt der alte, wunderbare Heldensang, genannt der Ni-belungen Lied, unter den Werken deutscher Dichtkunst seine wür-dige Stelle wieder ein. Ich möchte mich hier eben so wenig zudenen reihen, die darin nur die ersten durstigen Versuche einerrohcu Kunst in ungebildeter Sprache erblickten, als die Zahl derschwärmerischen Bewunderer vermehren, welche an den Nibelungenein deutsches Seitcnstück zur griechischen Odyssee gefunden habenwollen. Es steht, nach meinem Gefühl, dies Lied neben denHomerischen Schöpfungen ungefähr wie ein riesenhaftes, altgothi-sches Kirchcngcbäu, aus unzähligen Bogen, Schnörkeln, Thürmenund Thürmlein zusammengebaut, breit und schwer, dennoch durch-sichtig und leicht, den Himmeln cntgegengeführt, neben der Haupt-kirche des heiligen Peters in Rom, der prächtigsten und weit-läufigsten der Welt.
Wie die uralten Münster und Dome, welche hin und wiederin deutschen Städte» gefunden werden, noch heut der Stolz desLandes und das Erstaunen der Freunde sind: so unser Nibelungen-Lied. Jedes Land hat seine ihm eigenthümliche Kunst, wie seineNatur; der Süden Palmen, der Norden Eichen.
Zsch. Gcs. Schr. 31. Thl.
16