Heinrich Zschokke's Gesammelte Schriften. Vierunddreißigster Theil. Aarau. Druck und Verlag vo» H. R. Sauerländer. L8S4. Dritte Abtheilung. Vermischte Schriften In acht Bändchen. Siebenter Theil. Inhalt. Geschichtliche Zeitbilder (Fortsetzung): Seite Geschichte vom Kampf imd Untergang der schweizerische» Berg- und Waldkantone, besonders des eidgenössischen Kantons Schwyz, im Jahre 1798 1 Der Aufruhr von Stans und der Nrkantonc im Sommer 1799 204 Metapolitische Ideen. (Ein Bruchstück) ... 340 Bemerkungen znm Nibelungen-Liede .... 361 Geschichtliche Zeitbilder. Geschichte vom Kampf und Untergang der schweizerischen Berg- und Waldkantone, besonders des eidgenössischen Kantons Schwyz, im Jahre 1798. Der Inhalt nachfolgender geschichtlichen Darstellung ist unmittelbar aus schriftlichen oder mündlichen Berichten von Augenzeugen, oder ans urkundlichen Zeugnissen geschöpft. Langer Aufenthalt in den Waldstättcn (Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug) und freundschaftliche Verbindung oder persönlicher Umgang des Verfassers mit Urhebern oder Theilnehmern der wichtigsten Ereignisse, erleichterten ihm Sammlung und Sichtung der Stoffe. Znm crstenmale erschien diese Geschichte im Jahre 180t öffentlich. Sie ward bald darauf ins Französische (Ui8ioirs Se Is Se- struetiou Se8 repul>Iil>us8 Seiuoersiillue8 Os 8cinvxr, Uri et VuterrvsISen. ksr>8 st Lern, -tu X 1802) von I. B. Briatte übersetzt, wenige Jahre später auch durch Giam-Menico Cetti ins Italienische (>8toria Ue»a xuerrs e Seils Si8trurrions Ss' esntoni Sswovrstie! Seils 8uirrsrs Si Xrrixo r^vdoliLs. I.U- Agno, 1805.) Noch im Jahre 1823 erschien abermals eine Ueber- setzung in französischer Sprache zu Genf. Eine englische war von Herrn Aikin in London herausgegeben Zsch. Ges. Schr 34. Thl. 1 Erstes Buch. Ich will den ungleichen Kampf eines kleinen Freistaates im Schoose der helvetischen Alpen schildern, geführt für die von den Vätern ererbte Freiheit, gegen liebermacht eines großen Nachbarreiches. Nicht Gebiet, Macht und Einfluß auf des Welttheils Schicksal wurden dem Volke zu Theil,- dessen Unglück ich beschreibe; aber Tugend, Männlichkeit und erhabener Sinn machen es des Griffels der Geschichte wcrth. Unter jenen Völkerschaften Helvctiens, welche zuerst in Europa die verlorne Freiheit wiederfanvcn, und mit glücklicher Kühnheit behaupteten, standen einst auch die Schwyz er. Tapferkeit erhob derselben Namen zum gemeinschaftlichen der Helvetier. Und von allen Bundesvölkern zuletzt, sank das Volk von Schwyz, und opferte, erst nach nicht unrühmlichem Kampfe, unter erschöpften Kräften, die vvrweltlichc Verfassung auf, in der es während eines Jahrtausends Hälfte glücklich gepriesen wohnte. Bald wurde es durch Elend, wie ehemals durch sein Glück, berühmt. Schon darum verdienen die letzten Schicksale der kleinen Hirtenrepublik unsere Aufmerksamkeit. Bieten gleich ihre eingeschränkten Kräfte keinen glänzenden Stoff, wird doch der Geist, mit dem sie litt und unterging, des Forschers Hochachtung oder Mitgefühl rege machen. Der Schilderung dieser Ereignisse gehe ein flüchtiges Gemälde vom Zustand des Freistaats voraus, wie er vor seiner Vernichtung war. 2 . Das gesammte Gebiet von Schwyz zählte kaum mehr als einundzwanzig Geviertmeiicn Flächcnraums. — Nordwärts wurde es 3 (entlang von Bäch und Wollcrau an den Zürchcrgrenzen bis znm Schlosse Grynau an der Linth) von den Wellen des Zürichsees bespült. In Osten stieg zwischen ihr und dem Lande Gastcr und Glarus die Scheidewand einer langen Vergreiste, welche stufenweis vom wilden Zlndlen und Köpfen empor znm rausten Pragel und dem noch höhern Saßberg bis zum Silberstock rückte. Eine schauerliche Felsenkette umschlang das Land im Süden. Hier trennten der unwirthbare Griffet, der alpenreiche Wasserberg und Goldblangg Schwyz von Uri, bis znm Dörflcin Sisikon letztem Kantons, im Gebirgswinkel am Waldstätter-See. Gegen Abend zog dieser See die Grenze, doch nur kaum zwei Stunden lang, von Sistkon bis Kindlismord, am Fuße des prachtvollen Rigibergs. Mit Ausnahme seiner westlichen Halden setzte der Rigi die Grenze gegen das Gebiet des ehemaligen Freistaates Gersau und dreier Luzernischcn Seegemeinden fort, bis Küßnacht am Waldstätter-See. Dann schieden die Berghohen von Mörlischachcn bis Jmmisee das Schwyzergebiet vom Kanton Luzern; und vom Zugersee bei der Kapelle St. Adrian über den waldreichen Nufiberg und Roßberg, durch die Mitte des hohen Morgarten in gerader Linie bis zum hohen Nonnen, trennten stch Z»g »nd Schwyz. Auf der letztgenannten Anhöhe zeigte ein Grenzstein der drei Orte March; denn von hier an bis zum Zürichsee hinab berührten sich wieder die Gebiete von Zürich und Schwyz. Das Land genießt einer heitern, gesunden Luft, in welcher Menschen und Pflanzen Wohl gedeihen, obgleich Nebel des Herbstes und Winters oft wochenlang die nieder» Thäler füllen. Das größeste und anmnthigste Thal steigt amphitheatralisch vom Ufer des Waldstättcr-Sces bis zum Fuß des Haggenbergs und den auf ihm ruhenden zwei Felscnpyramidcn des Myten. Zwischen Wiesen und Gärten, im Schatten fruchtbarer Bäume, ruhen zerstreut unzählige Hütten und Häuser, bin und wieder enger in 4 Dörfern vereint. Im Hintergründe erhebt sich mit schönen Gebäuden der Hauptflecken Schwyz. Mitte» durch die Breite des Geländes schweift in weiter Krümmung der Strom der Mutta. Er rauscht aus einem Nebcnthale, dem er seinem Namen leiht, und welches fast vier Stunden lang in das Innere der Hochgebirge ostwärts dringt. Mit dem Mutta- thale verbindet sich in der Tiefe desselben, mit südöstlicher Richtung das Bisith al. Beide sind von hohen waldigen Bergwänden^ umfangen; aus den ewigen Gletschern entsprungene Bäche stürzen, ln Wasserfällen, herab über die schroffen Felsen, und schwellen die Mutta an. Lächelnder dehnt sich ein ThalgelLnde nordwärts von Schwyz zwischen dem Rigi und Roßberg gegen Küßnacht und Arth am Zugersee. Es umfängt den romantischen Lowerzcrsee mit seinen Inseln. Bon Dörfern und Fruchtbäumcn sind die Ufer dieses Sees umkräuzt. Das Gcbirg ist voll reizender Mannigfaltigkeit; sein Umriß verliert sich mit sanften Schwingungen in der Ferne Ein rauher Bcrgweg führt nordöstlich von Schwyz über Steinen empor, über den Arm des Haggcnbergs, welcher gegen den See von Lowcrz zieht. Droben entfaltet sich ein schönes Hügelland, in der Nähe der Alpe». Dort ruhen in der Mitte ihrer fruchtbaren Matten und Gärten die Dorfschaftcn Sattel und Rothenthurm, im Angesicht des klassischen Bodens von Morgarten, dessen Namen der Sieg der Schwyzcr über Oesterreichs stolzen Herzog verewigte. Die moorigte Ebene von Rothenthurm sinkt zwischen den Höhe» von St. Jost und Samstagercn hinab zum Fuß des Katzcnstricks. Dieser Berg scheidet von hier das ranhe, weite Thal Ein sied eins. Ehe der Einsiedler Mcinradus mit seinen frommen Nachfolgern zu Anfang des neunten Jahrhunderts dies Land anwohnte, lag es im-Schallen eines sinstcrn Waldes, öd und nnwirthbar. Heut sind die Waldungen bis an den Fuß der Berge zurückgedrängt; 5 aber doch herrscht im Thale ein kalter Himmel, unhold dem Anbau der Erde. Der Bodeu ist moorigt, und trägt unerschöpflichen Rcich- thum von Torfen. Im Norden des Thales steigt, von Tannenwäldern bedeckt, der Ezelberg. lieber ihn führt eine enge, rauhe Straße in die fruchtbaren Gefilde der March und der Höfe, welche sich am Zürich- fee ausbreiten. Das wilde Weggithal, welches zwischen finstern Gebirgen in gleicher Linie mit dem Thale von Einsiedeln gegen Norden läuft, öffnet dort gegen die Ebenen der March seine Mündung. Dies sind die Landschaften, ans denen einst der Freistaat der Schwyzer zusammengesetzt war; doch nicht alle genossen gleicher Rechte. 3 . Der eigentliche Kanton Schwyz oder das gefreite Land, welches oberherrliche Macht über die andern Gegenden übte, bestand nur aus den Gemeinden des HauptthaleS Schwyz und denen des Mnttathals, mit Inbegriff der auf den benachbarten Höhen liegenden Dorfschaften Morschach, Jllgau, Jberg, Alpthal, Rothenthurm und Sattel; auch zählten sich zum gefreiten Boden noch Arth und die Ortschaften zwischen diesem Flecken und Schwyz gelegen. Schwyz selbst war des Landes Hanptort. Die Geschichte von den ersten Bewohnern dieser Thäler ist fabelhaft. Eine Sage lehrt, daß im Lande der Dänen und Ostfriesen vorzeiten große HungerSnoth einen mächtigen Thcil des Volks zum Auszuge gezwungen habe. Also seien die Norder aufgcbrochen mit Weib und Kind, und bis in die unbewohnten Gebirgsgegenden HclvetienS gekommen, wo sie die Waldung ausrodeten. Ihre Pflanzstätten 6 breiteten sich aus über die Länder Uri, Schwyz, Unterwalden, auch jenseits des Brünig an den Ufern der Aar im HaSli. Zur selben Zeit soll Schwyz erbaut worden sein von zwei Brüdern, Schwy- ter und Tsch ey, Führer jener ausgewandcrten Haufen. Schwyter aber und Tschey ergrimmten gegen einander über den Vorzug, nach wessen Namen Land und Volk genannt werde. Schwyter habe im Zweikampf den Bruder gctödtet, wie einst Romulus um gleichen Preis den Remus.*) Lange schon hatten sich hier die Menschen unter gesellschaftlicher Ordnung vereinigt, ehe ihr Name, als Volk, gehört ward. Im steten Kampfe mit der Natur, genossen sie des Friedens der Armuth. Kein Eroberer trug seine Waffen her, um den Beneidungs- losen ihre Felsen zu rauben. Zwar drangen die Schaaren der Allemannen bis zu den Seeufcrn der Waldstätte, im fünften Jahrhundert; zwar gewann später Burgund Herrschaft über einen großen Kreis Hclvetiens; und die Monarchie der Franken umschloß im sechsten Jahrhundert die gleichen Gegenden, die dann m zehnten Jahrhundert dem deutschen Reich zugetheilt wurden. Doch scheinen die einsamen Gemeinden der Hochgebirge oft so wenig von ihren Herren, als diese von den Wohnsitzen ihres Volks gewußt zu haben. Die fetten Wiesen des Landes, die kräuterreieben Alpen, deuteten den Einwohnern den zu wählenden Nahrungszweig. Ausschließend widmeten sie sich der Viehzucht; den Ertrag ihres Fleißes führten sie wahrscheinlich gen Welschland, oder in das ebene Hel- vetien, wo die Durchzüge der Heere, der Aufenthalt von Reichsvögten und kriegerischen Besatzungen zum Handel nöthigten. *) So erzählen alte geschriebene Chroniken; in Bezug ans den Brudermord berufen sie sich auf ein uraltes Gemälde in Schwyz, welches aber nicht mehr »orfindlich ist. 7 Das Hirtenlebcn, kunstlos und einfach, stillte die ersten Be- dürfniffe'der Alpenbewohncr. Sie sehnten sich, in ihrer Armnth reich, keinem fremden Gewinn nach. Künste, Handwerke und höhere Wissenschaften blieben unbekannt. Jede Familie verarbeitete selbst den rohen Stoff zur Bekleidung, und wußte ihr einfaches HauS- gcräthe zu bereiten. Die Wohnungen, von in einander gefugten Baumstämmen erbaut, waren in Thälern und an Gebirgshalden zerstreut. Jede Hütte eignete sich die nächstangrcnzcndc Flur zu; die übrigbleibcn- den Striche Landes und die weitläufigen Alpen bcwirthschafteten die Hirten gemeinsam mit den Hccrdcn. So entstanden jene weiten Gemeingüter, oder Allmeinden, an welchen jeder Landsmann, reich oder arm, Genuß hatte. Die einfache Vertheilnng des Bodens, diese Vereinsamung der Wohnungen, und der lange Aufenthalt der Hirten während der milden Jahrszeit auf den Alpen, verminderte den traurigen Streit über das Mein und Dein, welcher in andern Ländern nur allzuschnell das Gewebe der gesellschaftlichen Ordnung verwirren und »erkünsteln mußte. Die Hirten, im gemeinschaftlichen Besitz so vielen Eigcn- thums, konnten nicht einer einzigen Person überlassen, darüber zu verfügen. Vor der Auffahrt in die Alpen und ihrer langen Trennung versammelten sie sich, alle Gemeinden des Landes in eine einzige. Diese Landesgemeinde verband Meinungen und Wünsche der Hirten zu einem Gesetz, dem Jeder gehorche» mußte. Nach hier gegebenen Ordnungen ward das ganze Jahr, und so lange gerichtet, als sie vom gesammtcn Volk genehmigt blieben. Einem erfahrnen Biedermann, welcher des öffentlichen Vertrauens genoß, wurde die Vollziehung der Gesetze übergeben, und ihm ein Rath von einigen Landleuten zugesellt. Er trug de» Namen Landammann, ohne höhere Macht und eigenthümliche Vorrechte. Ein paar Jahre nach ihm übernahm die Bürde des Gemeinwesens ein anderer an seiner Statt. Also die Grundverfassung des Hirtenvolks, welches gegenseitig im Verhältniß einer Familie stand, davon jedes Mitglied mündig und bei ungetheilter Erbschaft Genosse gleicher Rechte war. Als die Waldstättc dem deutschen Reiche zugesprochen, und die Völkerschaften derselben zuerst nahmhaft wurden, lebten ste schon lange in diesem kunstlosen Vertrag, auch änderten sie ihn nicht, da Reichs- Vögte über diese Gebirge, Theile des großen Zürichgau's, Aufsicht empfingen. Das Volk, ungestört bei seinen Nebuugen, war ob dem Namen nicht eifersüchtig, welchen ein entfernter Kaiser, als Oberhaupt, über die Alpengegcnden führte. Vielmehr zufrieden, unter Schutz eines mächtigen Fürsten vor Anfällen der Nachbarvölker geborgen zu sein, begaben sich die Bewohner der Walvstätte freiwillig in des deutschen Reiches Schirm, mit Vorbehalt ihrer Verfassung und Freiheit. Die Kaiser aber, ungelockt von den Wildnissen, begnügten sich, ein treues, tapferes Grenzvolk zu besitzen, welches seine kühnsten Jünglinge zu ihren KriegSschaarcn sandte. Die Herzoge von Allcmannicn oder Schwaben übten, an Kaisers Statt, dessen Hoheit, nach allemannischcm Landrecht. Ein Reichsvogt hielt, jedoch im Lande selbst, das Blutgericht. Als aber im zwölften Jahrhundert unserer Zeitrechnung das Reich von großen Stürmen bewegt ward, und, in einer Kette von Kriegen verwickelt, die Kaiser ohnmächtiger wurden , während deren Vasallen nach unabhängigen Fürstenkronen strebten, blieben die Gebirgsbewohner oft lange ohne des Reiches Pstege und Schirm.— Dann, je nachdem Gefahren drohten, schloffen sie sich enger in Bündnissen mit ihren Nachbarschaften zusammen; denn Schwyz, Uri und Unterwalden beherbergten nur ein ursprüngliches Brudervolk; — oder sie erwählten einen tapfern Mann, reich an Land 9 und Leuten, zu ihrer Gebirge Schirmvogt, wie es geschah inr Jahre 1110, da sie dem Rudolf, Grasen von Lenzburg, die Schirmvogtei antrugen. Es waren aber diese Zeiten allgemeiner Verwirrung und Fehde die goldenen des Mönchthnms. In allen Gegenden entsprangen Klöster, selbst im Innern der Waldtbäler. Kaiser und Fürsten begabten dieselben mit Vorrechten, mit Schenkungen an Land und Leuten. Schon im Jahr 838 hatte in dem rauhen ?halc zwischen den Gebirgen des Myten und Ezel, mitten in schauerlicher Wildniß, Einsiedler Meinradns seine Zelle erbaut. Mehr denn vierzig Jahre später gi"g an deren Stelle ein Kloster auf, unter der Hand eines andern Eremiten, genannt Benno. Bald dehnte, gestärkt durch Gunst der Fürsten, die neue Stiftung ihre Gewalt umher aus, und erweiterte ihr Gebiet durch eine Schenkung der benachbarten Wildniß (vom K. Heinrich II. 1018) über den Boden der Schwhzcrgemeinden, Als diese dagegen ihr väterliches Erbe behaupteten, und, auf Einsiedelns Klage, des Kaisers Spruch (im Jahr 1114) den Schwyzern das strittige Land absprach, verschmähten sie des Kaisers Urtheil. Sie schlossen mit Nri und Unterwalden, ihren treuen Nachbarn, neuen Bund, zum Schirm der Rechtsame. Vergebens schleuderte der Bischof von Konstanz auf die drei Bundesländer den Bann*). Sie hüteten in Frieden ihre Heerdcn; und ihre Priester gehorchten schweigend dem Befehl des Volks. *) Erst gegen das Ende des zehnten Jahrhunderts übten die Bischöfe von Konstanz geistliche Hoheitsrechte über das Land von Schwyz. Wenigstens finden flch keine frühem Spuren davon. Die älteste ist die Einweihung des großen Münsters zu Ein sied ein durch Bischof Konrad, ^.uuo 984. 10 Seit jener Zeit blieben Uri, Schwyz und Unterwalden in steter Bundcsvcrwandtschaft; und, stärker durch ihren Verein, handhabten sie die von den Altvordern empfangenen Freiheiten. Auch leisteten ste dem deutschen Reiche keine Huldigung wieder, bevor ihnen die Ungestörtheit ihrer Verfassung, und daß ste nur, als freie Leute, des Kaisers Schirm erkohren, feierlich verbriefet worden war. Von mehr, als einem Kaiser, wurden ihnen diese Urkunden ausgestellt. So weit hinaus in die Dunkelheit der Vorwelt die Geschichte ihr Licht wirft, nimmt man doch nirgends bei diesem Volke die Spur einer inner« Gährung, oder eines Wandels der Staatsvcr- faffung wahr. So wie dieselbe allmälig durch das Bedürfniß ihre Bildung gewonnen, ging sie unverletzt zu den Enkeln über*), In allen Verträge» mit dem Ausland wurde ste feierlich Vorbehalten. Auch die nachmalige Revolution, welche mit dem Tode des Landvogts Geßler begann und mit der Erklärung der helvetischen Unabhängigkeit im wcstphälischen Friedensschluss endete, bewirkte keine Verwandlung der Staatsform, sondern nur Tilgung fremder Gewalt, unter welcher die alte, freie Verfassung einzufinken drohte. Wenige Völker der Welt mögen stch dieses Glückes rühmen. Ucberall litten die Regimentsformen, sei es in Freistaaten oder Alleinherrschaften, mannigfaltigen, schnellem oder langsamem Wechsel; und die ältesten Monarchien blieben nicht ohne Erschütterungen, in welchen oft der Bürger Leichname den wankende» Thron stützen mußten. *) Schon im Anfang des nennten Jahrhunderts, also in der Zeit Karls deS Großen, hatten die Waldstätte ihre politische Organisation vollendet. Eine Urkunde des röm. K. Ludwig, im Landarchiv von Uri aufbchaltcn, erklärte, daß dieser Ort sich 809 in des Reichs Schutz hegeben, mit Beibehaltung seiner Ordnung und Freiheiten. 11 Sicherheit des EigcnthumS scheint in den helvetischen Gebirgs- ländern die Grundlage der Verfassung gewesen zu sein. Indem jedes Glied des Volks, als Genosse des großen GcmeineigenthnmS der Alpen und Allincindcn, seine Rechte auf dieses schützte, entsprang eine Rechtsgleichheit, minder das Werk des klügelnden Nachdenkens, als der Naturnothwendigkeit, und eben darum un- zerbrüchlicher. Die Hirten, jeder von ihnen an das Beste des Vaterlandes mit gleichen Banden gefesselt, wachten mit gleicher Eifersucht über die Freiheit des gesummten Volks. Der Landammann blieb ohne Auszeichnung und genoß keiner höher« Ehrenbezeugung, als die im Zutrauen des Volks lag. Man nannte ihn und seine Mitarbeiter nur: Die beschiedenen Männer. Seine Amtspflichten mußte er ohne Hoffnung andern Gewinns Vollstrecker!; er konnte ste aber nicht vernachlässtgen, ohne öffentlichen Unwillens gewiß zu sein.— So blieben Ehrgeiz und Gewinnsucht ohne Nahrung; nur die Tugenden des Vorstehers fanden in der Tugend der Bürger ihre Anerkennung. Das einsame Alpenleben, und der Aufenthalt in zerstreuten Hütten, gewöhnte das Volk zur stillen Häuslichkeit; die Flecken und Dorfschaften, allmälig in den Thälcrn anwachsend, konnten nie jenes Ncbergewicht erlangen, welches durch Anhäufung des Neichthums, vermittelst des Handels, erzeugt wird. Die unabänderliche Gleichheit der Bürger zog die Gleichheit der Gemeinden nach; keine trachtete nach dem eiteln Range einer Stadt, der In dieser Verfassung nie Vortheil, wohl Gefahr bringen konnte. Indem der Bürger unter solchem Verhältniß sein Wohl nur In des Vaterlandes Wohl fand, war ihm jeder, Fremdling verdächtig. Schon in den frühesten Zeiten ward aus dieser Ursache kein anderer zum Richter angenommen, so sehr auch Erfahrung, Redlichkeit und Einsicht dazu eigneten, denn nur ein Landmann und Einwohner. Als bei der allgemeinen Verwirrung des deutschen Reichs im dreizehnten Jahrhundert weltliche und geistliche Herrschaften, ihre Macht zu erweitern, mit ihren Vcrgrößerungsentwürfen selbst die Gelände in den Waldstätten berührten, ertheilten sich Schwhz, Unterwalden und Ur! in ihrem Bnndesbriefe 1291 ausdrücklich das Versprechen, nie einen Richter zu genehmigen, der nicht Landsmann sei, oder der sein Amt durch Bestechung oder Kauf erworben habe. Mit ähnlicher Behutsamkeit verfuhr das Volk in der Wahl der Geistlichen. Diese, ohne Eigenthum, Ehe und Vaterland, immer geneigt, Pflichten des Lehrers mit den Rechten eines Herrn zu wechseln, gewaltiger durch himmlischen Binde- und Löseschlüffcl, als der Fürst durch weltlichen Scepter, waren der Ruhe vieler Staaten schon furchtbarer oft, denn ein siegreiches Heer des Feindes. Der Schwyzcr einfache Klugheit, immer auf Sicherheit des EigenthumS znrückschcnd, lähmte die geistliche Gewalt, indem sie solche nur Kindern des Landes anvertrauen wollte. Der vaterländische Priester, umringt von seinen Blutsverwandten und Kind- heitsgespiclen, bekannt mit Grundsätzen und Ernst des Volks, dem er seit früher Jugend Ehrfurcht zollen lernte, trat nicht so leicht in Verbindungen gegen das Heil des heimatlichen Bodens, als der Ausländer, dem Ehrgeiz andere Ziele vorspiegelte, oder Schwärmerei, über den Himmel, das Glück der Erdenbürger vergessen machte. Daher geschah, daß jener Bannstrahl nicht zündete, welcher, wie oben erwähnt, aus der bischöilichen Curie von Konstanz gegen die Völker der Waldstätte fuhr. Die Priester warteten ihres Amtes; die Gunst des Brudervolks war ihnen theurer, als der Zorn des erhabenen Fremdlings an den Ufern des Bvdensecs IS - furchtbar. Auch in spätem Zeiten trugen die Waidstätte jenen Grundsatz. Denn als ihr Gebiet sich in glücklichen Kriegen erweitert hatte, wandten die Schwyzer ihn selbst ans die Kirchen der unterworjenen Lande an und erneuerten ihn für das freie Gebiet.*) Es ist zweifellos, daß eben diese Wachsamkeit wider den Einstuß der Fremden die Ruhe des Landes und die Dauer der Staats- Verfassung nicht wenig geschirmt hatte. 4. Zwei Heiligthümer sind es, über welche das Volk von Schwyz nichts Erhabeneres kennt, Freiheit und Glauben. Für beide trat es mehrmals unter die Waffen; für beide focht es mit gleicher Thcilnahme. Schon früh wurde die Saat des Christcnthums in diesen Gebirgen ansgcstreut. Ein Schüler des Apostelsürstcn Petrus, Namens Beatus, so erzählt die Ueberliefcrnng, soll im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung zu diesen Thälern gekommen sein ihnen den gekreuzigten Gott zu predigen. Ubcrg, eine Schwyzcr- gemeinde auf wilder Anhöhe gelegen, rühmt, in ihrer anmnth- losen Einsamkeit lange jenen Heidenbekehrer beherbergt zu haben. Mehr aber noch, als er, soll der heilige Martinas durch Wort und Wunderkraft im heidnischen Schwpz vermocht haben; dankbar erhoben beide Länder ihn zu ihrem Schirm-Heiligen. *) „Geistliche Pfründen in unserm Land und Botmäßigkeit sollen auf Genehmhaltung einer Maien-Landsgemeinde von unfern Priestern, so in unserm Land crbohren unv erzogen, besetzt werden; es wäre denn Sach, daß dergleichen taugliche Priester in unserm Land nit wären." LandSgem. Erkenntniß v. 3. 1675. Gewisser als jene Sagen sind die Verdienste der fränkischen Könige um die Bekehrung der helvetischen Gebirgsbewohner. Eben so eifrig, ihre weltliche Macht auszubreiten, als das Reich der christlichen Kirche, mußte diese Kirche den Gewaltthatcn der Eroberer gegen friedliche Völker bald Anlaß, bald Heiligkeit geben. Die Christen der Gebirge blieben aber ohne eigentlichen Hirten und Bischof, bis zur Errichtung des Bisthnms Konstanz (I. 570). Da wurden sie in geistlichen Angelegenheiten, so wie der gesummte Zürichgau, diesem einverlcibt. Noch länger verzog sich die Eintheilung des Landes zu Pfarre ien, welche erst im zwölften Jahrhundert zu Stande gekommen zn sein scheint. Vorher waren in den Waldstätten nur wenige Kirchen, wohin das Volk aus dem ganzen Lande zehn- oder zwölfmal des Jahres Zusammenstoß, seiner Andacht zu pflegen. Aus alter Ueberlieferung wissen wir, daß die Länder Unterwalden und Schwhz (wahrscheinlich in den Zeiten des sechsten und siebenten Jahrhunderts) lange nur einen einzigen Priester gemeinsam besaßen , und daß die Christen von Schwyz einmal zur Kirche St. Jakob auf Ennetmoos in Unterwalden, das andcremal die Unterwald- ner zur alten Kirche auf Dberg gezogen sind. Als sich nun in den Thälern das Häuflein der Gläubigen mehrte, vervielfältigten sich im gleichen Verhältniß ihre Andachtsstätten. ES geschah besonders im achten Jahrhundert. Doch blieben ihre Tempel lange ohne jenen äußern Pomp, welche in andern Gegenden den Verfall der Religion verschleiern mußte, den er nicht ab- wchren konnte. Die Kirchen waren meistens von Holz; statt der Glocken diente ein Horn, dessen Schall die Schaaren der Andächtigen versammelte; kein goldener Kelch schmückte den Altar; ein hölzerner genügte, und zu Meßgewand und Fahnen, Linnen. Bei der Seltenheit der Priester in frühern, und ihrer Unwissenheit in spätem Zeiten, konnte es nicht fehlen, daß das Christen- 15 thiim in den schweizerischen Berg- und Waldlanden ohne jene milde Gewalt über die Herzen blieb, welche es in andern Wcltgegcnden unter den Völkern übte. Die ersten Verkünder des Evangeliums in der Alpen-Wildniß rangen mehr nach dem Umsturz abgöttischer Altäre, als nach Veredlung der Gemüther. Die Thorheiten des Heidenthums und die alte Rohheit der Herzen vermählten sich willig mit einem neuen'Gottesdienst, der, ohne das Irdische zu verbittern , dem Anhänger die Pforten des Himmels öffnete. So blieben sich diese Hirtenvölker als Heiden und Christen ziemlich gleich. Mit den Tugenden aller rohen Völker hatten sie deren Laster gemein. Gastfreundlich in ihren einsamen Hütten, unverstellt für Freund und Feind, treu dem dargegcbenen Wort, schweiften sie zur Zeit des Krieges über göttliche und menschliche Rechte hinaus', daß sie bald nicht minder durch Siege, als durch Grausamkeiten berühmt wurden. Nicht selten lag ihr Freiheitsgefühl mit der Ehrfurcht im Zwist, welche sie der Kirche schuldig waren. Aber jenes blieb immer vorherrschend, und die Kirche sah sich untergeordnet. Willig anerkannten sie die Hoheit derselben, und deren Wirkungskreis über die Gefilde des künftigen Lebens; aber in ihren heimatlichen Thä- lern auf Erden traten sie keine Herrschaft ab. Früh genug legten sie diese Denkart in dem Marchcnstreit mit dem Gottcshause Einsiedeln dar; arglos hingen sie nachher Kaisern an, auf welchen der Fluch der Kirche ruhte; und als sie selbst der, andern Völkern so fürchterliche, Bannstrahl traf, zwangen sie ihre Priester zur Haltung des Gottesdienstes, und trauerten nicht. Der Krieg, dem sie Jahrhunderte lang oblagen, milderte die alte Rohheit nicht, und machte sie nicht unterthäniger dem Ansehn der Kirche zu einer Zeit, da Könige und Kaiser ihren Hals vor Priestern bogen. Eben die Hirten, welche mit Andacht ans den Gräbern ihrer Freunde für deren Seelen flehten, oder mit Weib 18 und Kindern knieend unterm freien Himmel auf der Wiese lagen, auf welche sie im Jahr das erstemal ihr Vieh zur Weide trieben (ein Gebrauch, der sich noch in unfern Tagen nicht verloren hat) — eben dieselbe» zerstörten im Kriege Kirchen und Klöster, mißhandelten gottgeweihte Personen am geplünderten Altar, und selbst ihre heiligsten Festtage bezeichnetcn sie nur mit glänzenden Siegen. Der Aberglaube und die Freuden des Heidcnthums, zu theuer dem bilvungslosen Naturmenschen, behaupteten lange Herrschaft über den Gebirgsbewohner. Sie fanden in dessen Gemüths- und Denkart mächtige Schutzredncr gegen des strengen ChristenthumS Glaub' und Lehre. — Manches davon psianzte sich durch die Geschlechter fort bis zu unfern Zeiten, so sehr auch frommer Priester Eifer dagegen zürnte. Dahin gehörte, um bezeichnende Beispiele zu geben, unter manchen andern Hebungen auch das Zu-Kilt-Gehen, oder des Liebenden nächtlicher Besuch bei der Geliebten vor der Hochzeit. Der Jüngling, am Tage mit häuslicher Arbeit beschwert, kann nur die der Ruhe geweihten Stunden zum Umgang mit seiner, in entfernter Hütte wohnenden Freundin erübrigen. Hier lernt er sie kennen; hier werden Entwürfe gesponnen für die Zukunft. Minder gefahrvoll für die Unschuld, als jetzt, scheint ehemals bei einfacherer Lebensweise diese Uebnng gewesen zu sein. Die Aeltern, eingedenk ihrer Jugend, wehrten minder des Freiers nächtlichen Eintritt zum Kämmerlein ihrer züchtigen Tochter, als es der Jünglinge Eifersucht selbst that. Vermummt und mit verstellter Stimme lauerten diese gewöhnlich den Nebenbuhlern auf, die ihnen in gleicher Verkappung begegneten. Unter den Fenstern der Geliebten war gemeinlich der Kampfplatz. Das Mädchen ehrte den von den Jünglingen gefürchteten Sieger. — Noch heutiges Tages kennen die liebenden Mädchen in den Schwyzergebirgen das Getöse der Nachtbuben. 17 Still ist deklinier, düster der Untcrwaldner. Wie an kräftiger Schönheit, übertnfft der Schwyzer seine Nachbarn in Frohsinn und Lebhaftigkeit. Der Tanz wird ihm zur leidenschaftlichen Sache; kein Fest ohne ihn. Mannigfaltiger und getümmelreicher wurden in dem helvetischen Hochlande nirgends die Saturnalicn der Fastnacht gefeiert, nirgends Tanz, Verkleidung der Weiber und Männer und Muthwille reger Jugend ungehinderter gelassen, als hier. Die Kirche gewährte dem Schwhzer keine willkommenere Festzeit. Viele hundert Feuer brannten sonst nächtlich auf allen Anhöhen im Lande; chorweise wurde um die Fastenfeuer getanzt; das Jauchzen der Glücklichen drang in die fernen Thäler; Schmause beschlossen das Fest. Geräuschvoller noch war die Feier des Abends vom heil. Drei- königstag. Männer und Knaben durchschwärmten tobend das heimatliche Thal, mit Glöckleiu und Klappern, und Schellen und aneinander schlagenden Becken. Alles was lärmend war, wurde angewandt zum allgemeinen, lustigen Getöse. Umsonst eiferten lange gegen diesen wilden Taumel oder gegen „das Greiseln" Priester und Seelsorger, von Kanzeln und Beichtbank. Erst nach und nach erlosch der wunderliche Brauch. Eben so ist mancher Aberglaube untergegangcn, welcher ehemals in den schwyzerische» Thälern galt. Man lauschte auf die Gestirne, künftiger Schicksale willen; oder auf das Geschrei der Hunde und Vögel; oder fürchtete gewisse unglückliche Tage im Monat. — Man erinnert sich noch des „Andreselns" am St. Nn- drcasabend. Da entkleidete sich die neugierige Person, welche vorauswiffen wollte, mit wem sie einst durchs Eheband verknüpft werden würde, und zog das weissagende Loos. Zsch. Ges. Schr. 34. Thl. 1 18 5 . Das den Heiden gepredigte Christenthum war ursprünglich einfach und arm. — Die Taufe, Erlernung des Kreuzes und einiger Gebete reichten hin, dem wilden Gebirgsmann den SchooS der Kirche zu öffnen. Aber der fromme Eifer der Mönche und Priester, oder Ehrgeiz und Unwissenheit der Geistlichen schmückten bald mit unzähligen Erfindungen das neue Lehrgebäude aus. Der kindliche Geist des Volks, allzudürftig an Kraft, den hohen Sinn der Religion in Erkenntniß und That zu erreichen, schmiegte sich willig in das kirchliche Gängelband, nahm treuherzig eine Menge von Feierlichkeiten und Hebungen auf, die zugleich seine Sinnlichkeit reizten und herrlichen Lohn in dem unbekannten Lande jenseits des Grabes verhieß. Wir finden, daß in den schwyzerischen Thälern ehemals mehr, denn jetzt, außer den allgemein-üblichen katholischen Gebräuchen noch manche andere statt fanden, welche besonders die Geheimnisse der Religion versinnlichen sollten. Es sei mir erlaubt, einige derselben anzuzeichnen, als Beiträge zur Sittengeschichte des Bergvolks. Am Weihnachtstage wurden in allen Pfarrkirchen des Landes Gliederpuppen in der Größe eines jährigen Kindes, die Geburt Christi und damit verwandte Begebenheiten vorgestellt — ein geistliches Marioncttenspiel. Am Palmtag wurde eine, den Welterlöser verstellende Puppe, auf einem Esel sitzend, im Dorf herumgeführt. Geistliche, Borsteher des Volks und Richter, die Bewohner des Orts und der Nachbarschaften, alles strömte mit Zweigen herbei, und mit dem Hosiannarnf Jerusalems. In ähnlichem Ernst ward am Charsamstag Christi Auferstehung aus dem Grabe gefeiert. Doch lieblicher dem Volk und den Kindern war die Himmelfahrt des Gottmenschen. In der Kirchen Mitte 19 stand sein Bildniß. Es ward, unter dem festlichen Sange der Gemeinde, mit hundert Blumenkränzen behängen von den Händen der Kinder, emporgezogen gegen die Wölbung des Tempels, zur Vcrstnnlichung der Himmelfahrt, unter dem Geläut aller Glocken. Von oben herab schüttelte der gen Himmel Gefahrene Blumenkränze, Oblaten, u. s. f. auf die jauchzende Menge herab. Lange herrschten dergleichen Kirchengebräuche unter den gut- müthigen Bergbewohnern. Noch in unfern Tagen erhält sich ihr Ueberrcst. Der sinnliche Zauber, indem er den ersten Geist des Christenthums verschleierte, fesselte um so stärker des Volkes kindliches Herz an die Kirche. Mit ihm vereinte bald die Gewohnheit ihre wachsende Macht. Hienrit löset sich das Räthsel, daß die Gebirgsbewohner der alten Mutterkirche am getreusten blieben. — Zwingli's Lehre bewog den größten Theil der helvetischen Freistaaten zum Abfall von des Papstes Stuhl, nur die Waldstätte wankten nicht. Eifrig im Glauben, aber oft ruchlos in Thatcn, zogen die Schaaren der Berglande, mehr als einmal, ins Feld gegen die der neuen Lehre holden Kantone. Immer lüpften die Schwyzer das Kriegspanner zuerst für den alten Glauben; nie waren ste verschwenderischer mit Stiftungen, Gelübden, neuen Festtagen, als damals, und nie waren bei ihnen Ueppigkeit, Unmäßigkeit, Raubsucht, Bestechung, und andere Laster in wilderm Schwange. Dies erhellt aus den Verordnungen, so sich von jenen Tagen her erhalten haben. Die Gesetze der Zeiten sind der Spiegel ihrer Gesittung. Inzwischen das Volk mit den Waffen die alte Lehre verfocht, eiferten die Priester mit Wort und Schrift gegen die gewaltsam fortschreitende Kirchenveränderung. Es erbot sich sogar Bruder NiklausZwyer gegen Zwingli's Jünger zum Gottesurthel, für Wahrheit der katholischen Lehre durch Flammen doppelter Scheiterhaufen zu wandern. 20 6 . Die Geistlichen, bekümmert um das Heil ihrer Kirche, mußten noch schwerere Sorge für die Erhaltung eigenen Ansehens tragen, zur Zeit der Reformation. Unwissenheit und Sittenlostgkeit der Diener des Altars hatte die Kirchcntrennung überall entweder her- vorgcrufen oder begünstigt. In den ersten Zeiten des ChristcnthumS umgab die Ehrfurcht des Volks den Verkünder des Evangeliums. Uneingedenk der Gefahren, welche der Grimm des sinkenden Heiden thums gegen ihn bereitete, sich selbst verbannend in die rauhen Thäler ungesitteter Bergvölker, verdiente sein Eifer Bewunderung. Damals lohnten noch keine reiche Pfründen seine Mühe um der Seelen Heil. Gr selbst mußte für seines Lebens Bedürfnisse sorgen, für Nahrung, Kleidung und Schirm gegen die Härte des langen Winters in den Bergen. Er war Pfarrer, und Schmied oder Schreiner oder Taglöhner zugleich. Bald aber stieg der Geistlichen äußere Hoheit. Im Namen ihrer Herrschaften übten sie hin und wieder, wo solche waren, weltliche Rechte, wie zu Arth, zu Morschach, zu Steina geschah. Bald darauf schufen sic eigenmächtig Gesetze für ihre Angehörige, forderten von ihnen Bannschatz und Zehnten, machten sich selbst landstcuernfrei; ernannten sich Helfer »nd Kaplancn, und luden in streitigen Fällen die gefreiten Landleute außer Landes vor Gericht. — Man erlaubte ihnen, in obrigkeitlichen Versammlungen bei weltlichen Geschäften zu sitzen; ja man findet noch bis zn Ende des siebenzehnten Jahrhunderts in den Urkunden ihre Namen vor jenen der Landammanne unterzeichnet. Als aber mit Anbruch des vierzehnten Jahrhunderts in den Waldstätten der Geist der Freiheit erwachte, tastete er auch die weltliche Macht des Clerus an. Ein besonderes Gesetz, der Pfaf- 21 fenbrief geheißen, dämmte die Macht der Kirche in weltlichen D ngen; es ward ihr in letzter« der Richterstab entrissen, und das Recht, Schweizerbürger vor ausländischen Stuhl zu laden. Weltliche Obrigkeit setzte die Pfaffen an und ab, und zwang sic zuletzt, alljährlich um Beibehaltung ihrer Pfründen zu bitten. Im siebcn- zehnten Jahrhundert fing man sogar an, ihnen die Zehnten zu nehmen, sie in die allgemeinen Laudsteuern einzubegreifen, und zu verbieten, den Klöstern, wie ehemals, liegende Güter zu schenken, oder zu verkaufen.*) So handelte das freie Landvolk in den Gebirgen, ehe Zwingli'ö und Luthers Licht schien und Fürsten zu ihnen traten. Aber alle diese Umzäunungen der priesterlichcn Gewalt hinderten nicht, daß die Geistlichen einen, mit jenen Beschränkungen oft kämpfenden Einfluß behauptet hätten. Indem sie allen andern Landleuten gleichgestellt wurden, behaupteten sie auch als solche die Rechte und Vorzüge des Bürgers. Sic hatten ihre Stimme in den Landsgemeiuden, und wurden mit Ehrerbietung gehört. Wenn sie sich zur Rede erhoben, entblößte Jedermann sein Haupt ») Schwyz. Landbuch Vom. I. „Niemand soll den Klöstern Grundstück zu kaufen geben, oder sonst vermachen, bei 5. Pf Buß. Das verkaufte oder vermachte Gut aber soll dem Land hcimfallen." — Item: „Wenn die Klöster in unserm Land nicht wollten helfen tragen Schaden, Gemeinkosten, Steur und andre Gewcrffe mit dem Land, als ein andrer Landmann, sollen sie meiden Holz, Felo, Wasser, Wubr und Wald. zdoi. 1587." Eine öffentliche Landsgemeinde verurtheiltc 1683 die Priestcrschaft bei allgemeiner LandcSauflagc zur Entrichtung der Steuer. Im Jahr 1723 ward dem ClernS auch die Auflage des sogenannten Aygstergeldes gemacht, trotz der bischöfl. konstanzischcn Pro' tcstation dawider. 22 und Stille waltete. Ihre Einsicht und Beredsamkeit lenkte des Volks Entschlüsse, besonders in neuer» Zeiten, da man von den Pfarrern vorzugsweise Kenntnisse forderte. Denn bis zum sechs- zchnten Jahrhundert konnten ihrer die wenigsten schreiben und lesen. Man darf daher nicht erstaunen, wenn in Verordnungen (wie z. B. in alte» Ordonnanzzettcln der Pfarre Werg, Muotta- thal, Morschach u. s. w.) die Bedingung angcfügt ist, daß keiner zum Pfarrer solle angenommen werden, er könne denn lesen und schreiben." Während also der Geistlichen Ansehen in Thatsachen verschwand, suchten sie den Verlust durch Ehrenbezeugungen von Seiten des Volks auszuglcichen. In früher« Zeiten und bis ins siebenzehnte Jahrhundert herab empfingen die Meßpriester und Bischöfe die einfache Benennung: „Ehrwürdiger Vater in Gott!" Acbte und Klö- stcrvorstehcr nannten sich selbst nur „Brüder", — die Pfarrer bezeichnet man mit dem Worte „Lyt-Lipp", d. i. Leutpriester. Aber mit den langen Priestergewändern und Bärten verlor sich jene Einfalt, und blendende Titulaturen traten an deren Stelle. 7 . Da die Gesetzgeber des schwyzerischen Freistaats der Priester Hoffart und Mißbräuche eben so weise als standhaft einschränkten, zeichneten sie zugleich mit fester Hand die Scheidelinie zwischen Staat und Kirche. Der Staat für diese, die Religion für jene Welt wichtig, däuchtcte ihnen die Vermischung beider unnütz. Sie machten die Religion zur besondcrn Angelegenheit aller einzelnen Bürger, den Staat zur öffentlichen Sache des Ganzen. Nicht weil das durch Religion gebildete Sittlichkeitsgefühl Brustwehr der 23 Gesetze und des Familienwohlstandcs sein sollte, sondern wegen ,>der durch Andachtsübungcn erwerblichen Huld der Heiligen und ilder Gottheit für einzelne Menschen, für Dörfer oder für das gelammte Land, war bei ihnen die Beschirmung der Kirche eine Sorge des Staats. — Wie einst in den Zeiten des alten Griechenlands jeder Baum, jede Quelle, jede Sradt seinen Schutzgott besaß, kannte hier jedes Dorf und jedes Gewerb seinen Schirmhci- ligen. Das ganze Land aber hatte den Martinus zum Schutzpatron. In den Tagen der Gefahr nahm man zu den Altären dieser Heiligen Zuflucht; bessere Sitten hingegen waren selten die Frucht öffentlichen Unglücks. Unvermerkt wurde in neuern Zeiten diese Art der Religiosität abermals der Stoff, aus welchem der Geistlichen rastlose Betriebsamkeit das halb zerrissene Band zwischen Staat und Kirche herstellte, und endlich diese mit jenem wiederum so eng und innig zu vereinen tvufite, wie nie in früher» Zeiten geschehen war. Die katholische Religion ward Staatsreligion, in dem Sinne, wie es die mosaische zur Zeit der Israeliten, oder der Polytheismus in Griechenlands und Roms Tagen gewesen. Nie hätte man glauben sollen, daß die römisch-katholische Kirche solcher Biegsamkeit fähig wäre. Auch sind die helvetischen GebirgSrepubliken die einzigen, welche davon das Beispiel aufstellen. Seit dem ruhmvollen Tage von Morgarten athmeten die Schwy- zer nur für Freiheit, Vaterland und Sieg. Ihre Priester begleiteten sie ins Feld, und flehten den Beistand der Heiligen an, wenn sie schlugen. Den Heiligen ward Dank gebracht nach gewonnenen Schlachten. Diese Dankbarkeit währte in der Erinnerung der glücklichen Kämpfe fort. Jährlich erneuerte man die SiegcSfeste. Diese begingen sie in kirchlichem Glanz. So haben die Schwyzcr den Samstag nach St. Martinustag, als an welchem sie bei Morgarten gesieget, ewig zu feiern und zu halten verlobt. Und ist dies Gelübde im Jahr 152t an einer offenen Maien-LandSgemeinde auf der Weidhub bestätigt worden. *) Im Jahr 1443 beschlossen sie, ihren Sieg bei Nagaz über die Ocsterreicher zu feiern am St. Fridolinstage alljährlich; den herrlichen Triumph bei Murten 1476 begingen ste festlich am Zehn- tausend-Ritter-Tag; und daß ste bei Kappel die unkatholischen Orte schlugen, wie ste sagten, unter Maria's besonderm Beistand, gelobten ste für stch und alle ihre Nachkommen ewig an den Tagen Maria's zu feiern. Unvergessen blieb das Andenken der VaterlandSvertheidiger, welche muthvoll in den Schlachten der Freiheit ihr Leben geopfert hatten. Ihre Namen kamen in allen Gemeinden auf die Nachkommenschaft. Die spätesten Enkel beteten noch für das Heil ihrer Seelen, und das Land stiftete ihnen „Jahreszeiten", wo für ste an den Altären Meßopfer gebracht wurden. So finden wir, daß schon 1316 ein Meßopfer gestiftet ward für die Helden, so am Morgarten fürs Vaterland fielen. Ihr Tag ward begangen in den Kirchgängen von Schwyz, Arth, Steina, Mutt.ithal, Sattel und Morschach. — Und 1386 für die, so zu Sempach in der Schlacht umkamen; — im Jahr 1445 für die, welche in den langwierigen Kriegen gegen Oesterreich das Leben einbüßten; im Jahr 1476 den gebliebenen Helden von Laupen, *) Tschndi's Chronik Nscpt. ck. 442 u. '1'. 2. S. 274. Der Vorabend dieses Nationalfestes war ein allgemeiner Fasttag, zum Angedenken der großen Furcht des Landes, welche dem Siege »orherging. Denn, sagt ./l.ü. vialotnran. «r t üro/r 8uitii sustieme», se üello Iacesdten der Kampf, nun einmal begonnen, ließ sich nicht lösen, ohne Schimpf des Bernischen Patriziats. *) Schreiben. Aarau, IS. Jänner. **) Weiß Schreiben an Bern, 24. Jänner. 31 Warnend erschien noch einmal auch Schwyz, und ermahnte, Milde vorzuzichen der Strenge; die Einwohner des Waadtlandes zu befriedigen in ihren Wünschen; keinen Weg der Güte unversucht zu lassen, und dem gemeinsamen Vaterland ein Opfer zu bringen.*) Bern beachtete den Zuruf der Waldstätte nicht. Schwyz rief seinen Abgeordneten zurück, um sich vor den Folgen einer Hartnäckigkeit zu verwahren, welche verheerend auf die ganze Eidgenossenschaft zu stürzen drohten. 3. Zu Aarau, wo seit dem neunten Jänner des JahrS 1798 auch der Geschäftsträger Meng and angekommen war, gab die Versammlung der eidgenössischen Gesandten ein lebhaftes Bild von der Zwietracht, von den widersprechenden Wünschen, von der Zerrüttung, welche zu dieser Zeit Helvetien beherrschten. Viele erkannten die anziehende Gefahr in ihrer wahren Gestalt. Denn die Uneinigkeit und Eifersucht der Kantone gegen einander; die jedes Opfer weigernde Selbstherrlichkeit der Einzelnen, neben dem Mangel einer vollmächtigen, kraftreichcn höchsten Bundcsbe- hördc; die thörichte Sicherheit oder blinde Selbstsucht der Bundesglieder; des untcrthänigen Volkes lautes Pochen um Freiheit überall; der aristokratischen Regierungen Eigensinn dagegen, und ihre Ohnmacht und Unstetigkeit in ergriffenen, bald vom Zorn, bald von Furcht eingegcbenen Maßregel»; — Frankreichs Angriffe auf die alte Ordnung der Schweiz, sein nnvcrhehltes Streben, durch Schrecken die Obrigkeiten, durch Hoffnungen das Volk zur °) Schwyz an Bern, 27. Jänner. Staatsumwälzung zu führen; — des deutschen Kaisers geheimniß- volles Schweigen bei den Umtrieben Frankreichs inHelvetien, des Kaisers, der rwn aiic» Landmächten des Weltthcils allein bei einer Umgestaltung der Schweiz nicht gleichgültig bleiben durfte- alles verkündete die nahe Auflösung der Eidgenossenschaft. Viele aber, welche entweder sich durch Recht und Unschuld vollkommen geborgen glaubten, oder, in ihrer Unwissenheit und abergläubige» Zuversicht auf das Gewohnte und Bestehende, dessen Verschwinden nngedeukbar fanden, schmeichelten sich gutmüthig mit schnellem Uebcrgang des Gewitters. Sie glaubte», daß höchstens eine Vermehrung der Kantonenzahl, durch Freilassung einiger Un- terthauenlande, das Ende aller dieser Unruhen sein werde. Diese Meinung verbreitete sich besonders in den demokratischen Hlrten- staaten. Dieselben hatten zuletzt wenig dawider, wen» die Aristokratie» und die Patriziate der Städte aufhörtcu, und die von denselben beherrschten Landlcnte frei erklärt würden. Sich selbst wähnten sie außer Gefahr dabei, und meinten genug zu thun, ja klug zu verfahren, wenn sie sich nicht tiefer in die Zwiste Frankreichs mit Bern und andern Städten mischen würden, als alte Verträge erheischten. Dies Auseinanderfalle» der Interesse» und Ansichten, in so schwerdrohendcr Zeit, warf ein trauriges Licht auf den Werth des BundeSsystcmS, und bestärkte viele Männer in dem Glauben, daß nur Vereinigung aller großen und kleinen Kantone Helvetiens zu einem einzigen Freistaat dem Ganzen Kraft, Sicherheit, Ordnung und Achtung des Auslandes gewähren könne. Andere aber, überzeugt von den Gefahren einer großen, plötzliche», durch alle Staatszwcigc treibenden Verwandlung, bekannt .mit dem Elend aller ähnlich umgeschaffenen Staate», mit den cigenthümlichen Wünsche» und Bedürfnissen der helvetischen Völ- 53 kerschasten, fürchteten den Gedanken der StaatSumwälzung. Sie strebten nur nach Verbesserung der eidgenössischen BundcSgestalt, »ach Entwickelung der vorhandenen Anlagen. Doch bei weitem die Mehrheit der wirklich freien Länder und Städte der Schweiz, eingedenk des blühenden Wohlstandes ihrer Heimat, der Verbrechen, mit welchen Frankreich besudelt worden war, verabscheute jede Staatsvcrändcrung. Stolz auf die bisher genossene Selbstständigkeit, war ihr es gleich unerträglich, von der Hand übermüthiger Fremdlinge, oder unzufriedener Nutcrthanen, das Gesetz zu empfangen. Sie wollte lieber Vernichtungskrieg, lieber überwunden, als durch Schwäche entehrt sein; lieber den alten Ruhm der Nation vor Europa, als dessen Glück und Wohlstand durch klüglich dargebotcnes Opfer gerettet sehen. Auch siegten die Stimmen dieser Mehrheit in den Bcrathungcn der Tagsatzung. Die aristokratischen Städte riefen das Schweizergefühl ihrer demokratischen Brüder an, und diese nährten mit ihnen gleichen Groll gegen Frankreichs Entwürfe. Nm über die Schwäche und Trennung der helvetischen Staaten einen allcsver- bergcndcn Mantel zu werfen, drangen die Aristokratien auf feierliche, allgemeine Bundesbeschwornng. „Wollen wir den Augen der Welt die Eintracht der Schweizer zeigen," — sprachen aber die demokratischen Orte: „so sei es durch des schreienden Volks Beruhigung und Zufriedenstellung!" Doch leisteten alle Kantone und mitverbündeten Orte den Bun- deöschwur am 25. Jänner zu Aarau. Aber im Kreise der Eidgenossen war schon jetzt der Stuhl von Basel leer, und ein wesentlicher Ring mangelte in der Bundeskette. Basel hatte schon am 21. Jänner seine Verfassung verändert. Dies ist der erste und letzte Bundesschwur der gesammten eidgenössischen Staaten gewesen. — Viele Zuschauer weinten Thrä- neu der Freude wegen vermeinter Rettung; viele, gerechtere vv» bangen Ahnungen der Zukunft erpreßt?) Und schon am Abend desselben Tages liefen Nachrichten ein, daß der Aufruhr längs den Ufern des Lemaner Sees in Hellen Flammen lodere; Landvögte seien cniflohen, oder verhaftet; Berns Wappen zerschmettert; Bäume der Freiheit aufgepflanzt und das Geschütz von Chillon gen Vivis geführt, zum Kampf des Lcman gegen Berns Hoheit. Diese Botschaft zerstreute wie ei» Donnerschlag die Tagsatzung.— General Menard war mit fränkischen Fahne» in die Waadt ein- gezoge»?') Bern forderte die Kantone zum bundesmäßigen Zuzug auf. Am ersten Tag des Hornung versammelte sich das Volk von Schwyz zur Landsgemeinde. Es vernahm nicht ohne Staunen und Unwillen die Ereignisse. Es beschloß mit Freimüthigkeit: „Wiewohl der Bundesfall eigentlich noch nicht eingetrete» sei, wollen wir dennoch unser« lieben Brüdern von Bern, wie ehemals unsere Väter bei Laupen, thätige Hilfe leisten. Zwei Bataillons, jedes sechshundert Mann, sollen zum Aufbruch bereit sein. Das erste wird abgehen, sobald die Truppen der Vororte auSrücken; das zweite folgt, wenn Unterwalden und Zug ihre Schaar senden?'*) Das Volk von Schwyz aber vernahm, daß, wie am Leina», auch im Zürich-Gebiet und in den meisten aristokratisch regierte» Ländern Span zwischen Volk und Regierung und Trachten nach Freiheit sei. — Darum ward von den Männern der Landsgemeinde ") An eben diesem Tage ereignete sich das Unglück bei ThierrenS, welches den Einmarsch fränkischer Truppen in die Schweiz entschied. *') 28. Jänner. *") Siche LandSgemeinde vom 1, Hornung. verordnet: „Es sollen vier Kriegsräthe*) unser« Truppen voran gehen, und auf alle Weise den Hader zwischen Volk und Regierung zu mildern suchen, und sie sollen besonders die Stimmung des Volks von Bern erkundigen, und, wenn sie dasselbe einig und entschlossen sehen, jeden anrückende» Feind abzutreiben, sich aller Orten im deutschen Gebiet der Stadt Bern gebrauchen zu lassen. Im Fall sie aber das Gegentheil wahrnehmen, oder gar die bisherigen Bünde aufgelöst werden, dann sollen sic mit unserm Volk nach Hause zurückkehren." Also wollten die Schwyzer keineswegs den Bernern ihre Waffe» im entscheidenden Augenblick zur Unterdrückung des Landmanns leihen. Ahnung vom Untergang bernerischer Hoheit umschwebte die Landsgcmeinde; ängstlich-treu am Wort des Bundes klebend, nur für eigene Sicherheit wachsam, vergaß sie, daß, mit dem Einsturz des eidgenössischen Vorwalls gegen Frankreich, die übrige Schweiz schirmloser dastand, als jemals. Schwyz verkündete inzwischen die gefaßten Beschlüsse seinen ersten Bundesbrüdern, denen vom gesummten Unterwalden und von Uri, und forderte sie zur drei-örtischcn Zusammenkunft in Brunnen am See auf, Raths zu pflegen über die gen Bern zu sendenden Hilfsvölker, und des „eigenen" Vaterlands Gefahr in diesen Tagen. Da kamen die drei Orte auf Brunnen am Sec zusammen?*) Unterwalden regte zwar vielerlei Bedenklichkeiten an, wegen des Zuges auf Bern, sintemal der Bundesfall noch nicht vorhanden sei; vereinte sich aber endlich mit Schwyz, die Hilfe zu *) Dazu wurden ernannt: Altlandammann Schorno, Altlandvogt La- vcr Weber, Major Jakob Zweyer, und Gesandter Martin Anton Schneller. *') Am 7. Hornung. senden. Und ward, „da sich noch keine so nahe Gefahr zeigte," beschlossen: „es sollen sich beim ersten Ruf des Vorortes Uri sännntliche Abgeordnete schleunig wieder versammeln."*) Desselben Tags hatte .Bern, nun seinen deutschredendcn Untcr- thanen nicht mehr ganz vertrauend, feierlich verkündet, daß binnen Mondesfrist ein Ausschuß von rechtschaffenen Staatsbürgern gebildet werden soll, diejenigen Veränderungen in der Staatsverfas- sung vorznnchmcn, „die das Wohl des Vaterlandes erfordert und dem Geiste der Zeiten angemessen sind." Die Verbesserung der Landesordnnng soll „ohne einige fremde Einmischung" vorge- nommen „binnen einem Jahre" vollendet sein. Dies große Hingcben aller oberherrlichen Rechte kam zu spät, es stürzte nicht die Scheidewand des Mißtrauens, welche Unter- thanen und Obrigkeit trennte. Oft löscht kein Wolkenbruch die Flamme, die ein Wassertropfen im rechten Augenblick vernichtet haben würde. Berns neue, nun einstweilige Regierung, an deren Spitze aber noch immer Schultheiß und Kleiner Rath standen, suchte unter also veränderter Gestalt durch abermalige Unterhandlungen mit den Bevollmächtigten Frankreichs den Frieden. Sie sandte an Men- gaud nach Basel.**) Der fränkische Geschäftsträger aber erklärte: „es sei seiner Regierung daran gelegen, daß in einem Lande, welches von Frankreichs und Cisalpiniens Grenzen zur größer» Hälfte umschlossen sei, die öffentliche Gewalt nicht bei einer Regierung stehe, deren Glieder den Ränken Englands zugänglich wären. Das Direktorium wünsche, daß dieses Land eine Verfassung *) Siehe Abschied der drei-örtischen Konferenz in Brunnen, vom 7, Febr. ") Die Abgeordneten waren: Oberlieutcnant Tillier, Major Bay, Doktor Rengger, Hauptmann Gpgax, sämmtlich Glieder der provisorischen Regierung. 37 erhalte, die mit Frankreichs Verfassung auf einerlei Grundsätzen ruhe. Die Umstände erforderten es, daß diese Veränderung bald und auf eine Art geschehe, bei der sie nicht mehr rückgängig werde. England fürchte die Landung, die gegenwärtig im Werk sei; die Zeit der französischen Nrversammlungen rücke heran, wo England Alles versuchen werde, Unruhen im Innern Frankreichs anzuzetteln, und an dessen östlicher Grenze eine zweite Vendce zu bereiten."*) Mengaud entfaltete wenige Tage darauf in einer Note an den Stand Bern**) die Entschlüsse seiner Regierung noch bestimmter. „Will Bern beweisen", schrieb er, „daß es wirklich eine Ordnung der Dinge, auf der Freiheit und Gleichheit Grundsätzen gebaut, verlange: so ist cs dringend, daß die alte Obrigkeit ihre Entlassung gebe, daß der geheime nnd der KriegSrath anfge- löset werden. — Bis zur Bildung einer neuen Verfassung werde eine einstweilige Regierung gewählt, nach demokratischen Grundsätzen, mit Ausschluß aller alten Regimentsglieder, welche durch Anhänglichkeit an die oligarchische Ordnung bekannt sind; — die Preßfreiheit werde sogleich hergcstellt; — alle wegen politischer Meinungen,-oder wegen ihrer Weigerung, nicht gegen Frankreich ins Feld zu ziehen, verfolgte Schweizer oder andere, müssen entschädigt werden; außer diesen Entschädigungen muß man den Bürgern von Aarau, wegen der von den Bernern erlittenen Beleidigungen, eine angemessene Genngthuung leisten. — Durch diese frcimüthige Darlegung ihrer Wünsche bezeuge die französische Re- - ») Siehe Relation der Abgeordneten, vom 12. Hornung 17S8, an Schult« 'ü heiß, kleine und große Räthe und Ausgeschoffene der deutschen Städte nnd Landschaften des eidgenössischen Standes Bern. **) Datirt Basel den 25. Plnviose Jahr K. seligkeit, und von jedem anmaßenden Vorhaben sei." Zwar fragten die an Mcngaud Abgeordneten: „Wird Frankreich, im Fall unser Stand sich jenen Bedingungen unterwirft, sein Kriegsvolk sogleich von den Grenzen znrückziehen?"*) Doch Mengaud erwiederte zweisinnig: „Eure Antwort auf jene Vorschläge wird bestimmen, was ich zu thun habe." **) Aehnlich dieser war die Unterredung, welche durch den Berner Hauptmann Herrenschwand mit dem General Brune zu gleicher Zeit gepflogen ward. „Das einzige Verlangen des Direktoriums ist," sprach dieser, „an den Grenzen'der fränkischen Republik keine Negierung zu haben, welche der nnsrigen abgeneigt, sondern ihr, durch Aehulichkeit »nd Gleichförmigkeit, Freundin sei." "*) Da bot Bern der andern Kantone Hilfe verzweiflungsvoll auf, um durch Furchtbarkeit den Preis des Friedens zu vermindern f). Aber von mancherlei Umständen gebunden, zögerten die Eidgenossen. Nur Zürich sandte ein Bataillon, auch Schwyz, den ersten Zuzug an Mannschaft, geführt vom Landeshauptmann AloyöRedingff) 4. Bald aber wurde Schwyz selbst in häuslichen Zwist verwickelt. Es schien vergessen zu haben, als sein stiller Tadel gegen Bern *) Note der Abgeordneten an Mengaud. Basel, 13. Hornung, Abends nach 7 Uhr. '*) Mengavd's Antwortschreiben. Basel, 2S. Pluviosc Jahr «. *") HerrenschwandS Bericht an Schultheiß, kleine und große Räthe. Vom 11. Hornung 1738. f) Bern, 7. Hornung, ff) 11. Februar. SS traf, daß es ebenfalls, gleich andern Schweizerstaaten, Angehörige, oder Unterthanen habe, welche nach dem Gcnnß voller Freiheit gelüsteten. Nicht mir herrschte es gemeinsam mit allen Kantonen (außer Appenzell) über die vier italienischen Landvogteien, Locarno, Val-Maggia, Lugano und Mendrisio; — gemeinsam mit den acht alten Kantonen über das Thurgau, Sar- gans, das Rheinthal und die ober» freien Aemter; — mit, Uri und Unterwalden über die Vogteien Bellinzona, Riviera und das Polenzerthal; — mit Glarus über Gaster und Uz- nach, — sondern es übte Oberherrlichkeitsrechte, unverbunden mit andern Eidgenossen, über den Flecken Küßnacht am Waldstätter- See, und über das Thalgelände der Waldstatt Einsiedeln, über die Höfe am Zürichsee und die March. Obgleich diese letzter» Landschaften, Unmittelbar-Angehörige genannt, große Vorrechte genossen, fühlten ste dennoch ihre Abhängigkeit. Bei der allgemeinen Währung glaubten auch sie den Augenblick benutzen zu können, mit den übrigen in gleiche Familienrechte einzutreten. Zuerst und am lauteste» äußerte sich darum gegen Schwyz die March. Dies ist das schöne Geländ, welches sich von dem Rederten und dem Fläschenspitz, den Nachbarbergen des hohen Präget, ans beiden Seiten des wilden Aa-Flusses anfangs in ein enges, rauhes Thal (das Wcggithal) zusammengepreßt, nachher am südlichen Ufer des Zürichsees lachend ausbreitct. Seine Matten und Wiesen ruhen im Schatten nützlicher Fruchtbäume. Ueppige Waldungen bekleiden die Gebirgshalden. Das Volk dieser Gegenden wählte bisher seinen eigenen Landammann, und bestellte seinen besonder» Rath von fünfundvierzig Männern, der zu Lache» am Zürichsee Versammlungen hielt, und in bürgerlichen Händeln richtete. Von ihm ging die Appellation an den Landrath von Schwyz. Ein eigenes Gericht von neun 80 Männer» sprach in Zwisten über Erbe, Ehr nnd Gut; auch von ihm konnte auf Schwyz appellirt werden. Bei großen Verbrechen entschied aber Schwyz zuvor, ob Blntgericht statt haben solle. Wann-der Oberherr cs genehmigte, wurde, unter dem Vorsitz des Landesseckelmeisters von Schwyz, das Blntgericht gehalten, zusammengesetzt aus dem Landamman» und allen NathSgliedcrn der March, von welchen jeder noch einen redlichen Mann ab der Landschaft dazu ziehen mußte. — Wie in Schwyz pflegte auch hier das Volk unmittelbar seines Hoheitsrcchtcs in versammelter Landsgemeinde. Alljährlich ward sie gehalten am ersten Sonntag des Mai'S bei Lachen ans der Allmeinde, unter einer großen Linde. Zwei Landräthe und der Seckelmeister von Schwyz mußten dabei gegenwärtig sein. So hatten die Bewohner der March in milder Abhängigkeit von Schwyz seit beinahe vier Jahrhunderten gewohnt*), als auch sie, vom Geiste der Neuerung ergriffen, mehr wollten. Weit umher, a» beiden Ufern des Sees, tönte schon lange unter dem Landvolk der Ruf um Freiheit, gegen die gebietende Stadt Zürich. Als Schwyz nun, gemäß altem Herkommen nnd Gesetz, von der March Kriegsvolk forderte, zum Zuge auf Bern, fragte der Landmann: „Warum? wohin? und gegen wen sollen wir ins Feld ziehen? Soll's gelten gegen die Nnterthanen von Bern? Wir wollen ihnen die Ketten nicht schmieden helfen!"-Es sammelte sich straks zu Lachen, dem Hauptorte der March, ein Land- und Kriegsrath, welcher das Geschäft der Landsgemeinde vertrug Das Volk, von rüstigen Führern geleitet, erhob sich und rief: „Sollen wir für Vaterland und Freiheit ausziehen, wen» wir selbst ohne *) Schwyz hatte die untere March in dem mit Oesterreich geschloffenen fünfzigjährigen Frieden im Zahr 1412, nnd die obere March im Jahr 1427 von Friedrich, letztem Grafen von Toggenburg, empfangen. 61 Freiheit sind?" Und cs sandle a» Schwyz ein Mahnungsschreiben n,n Freiheit, folgenden Inhalts: „Wir haben nach achter Erdanrung des Menschenrechts n, s. w. gutbefunden, weil 1) „Die Hoheit selbst" (nämlich Schwyz) „andern löblichen Stände» die Befriedigung gegen Untergebene »nt wahrer Vaterlandsliebe uachdrucksamst angerathen, und wirklich solche von aristokratischen Ständen mit Grtheilnng voller Freiheit vollzogen worden; " 2) „Weil der löbliche Stand Schwyz die Landschaft March ohne Kosten und Blutvergießen an sich gebracht;" 3) „Die Landleut in der March mit Verlust ihres Lebens gleich den Landlcuten von Schwyz namhafte Eroberungen gemacht, von welche» das Land zu Schwyz die ergieblichen Früchte bis dahin genossen und den Landleuten in der March nichts zukommen lassen, und weil" k) „Die Landleut in der March um Erleichterung ihrer immer mehr auferlegten Beschwerden und Verschmälerung der Rechte unterm 18. April 1792 vom hochweisen gesessenen Landrath zu Schwyz in aller Nnterthänigkeit gebeten, und statt Milde zu erhalten, mit einem höchst mißbeliebigeu Instrument, dessen Beschluß lautet: „mit und ohne Ursach mindern, mehren, oder des gänzlichen aushebcn zu mögen, " sind abgewiesen worden: " „Daß also billig und gerecht seic, daß die Landschaft March eine vollständige Freiheit und gänzliche Entlassung des hohen Standes Schwyz, ihre Regierung für Land und Leut jetzt und zu allen künftigen Zeiten von Dato an begehren und verlangen könne und solle. Hingegen stehet man in Bereitschaft, für Freiheit, Vaterland und heilige Religion ins Feld zu ziehe», zu streiten und zu kämpfen."*) *) Diese Urkunde ist abgefaßt auf dem Rathhause zu Lachen den 10. Februar 1798, von der Land- und Kriegs-Kommission, nachher in der »er« Diese Sprache erweckte beim Volk von Schwyz Unwillen und große Bestürzung. Es war nicht die Zeit, wo der Oberherr sein Recht mit dem gezückten Schwerte beweisen konnte. Glimpflichere Wege konnten versucht werden, verhießen aber geringen Trost. Darum streute der Landrath von Schwyz eine Druckschrift") aus, ungewissen Erfolgs und folgenden Geistes: „Von jeher, ihr wisset es, Liebe und Getreue, war es unsere erste Sorge, eure Wohlfahrt mit der unserigen zu verbinden; — unzählige Jahre haben wir, und ihr mit uns, die Früchte dieser Sorge genossen; während alle Drangsale des Kriegs benachbarte Länder überschwemmten, ward durch uncrmüdete Anstrengung Ruhe und Frieden in unserm Innern erhalten." „Als aber endlich der Zeitpunkt gekommen, wo Gefahr von außen und von innen auch unser glückliches Vaterland bedroht, und lebhafter, als jemals, die Neberzeugung aufwacht, daß nur ein getreues Zusammenwirken aller Kräfte vor den drohenden Gefahren uns retten könne, da wurden wir von Dank und Rührung für diejenigen unserer Angehörigen durchdrungen, die in diesem Augenblicke der Noth und beinahe allgemeiner Verführung Treue und Anhänglichkeit gegen ihre Obrigkeit und ihr Vaterland auf eine Art bewiesen, die ein rührendes Beispiel für Andere sein sollte. Auch jene unserer Angehörigen, und ihre Wünsche, welche von den Begebenheiten des Zeitalters mögen erzeugt worden sein, sollen und werden ein Gegenstand unserer liebevollen Vatersorge» sein, und wir werden uns unverzüglich und angelegen beschäftigen, die Treue und Angelegenheit der einen zu belohnen, die beschei- sammelten Landsgemeinde einhellig angenommen und bestätigt ans der Allmeinde bei Lachen den 11. Februar 1788 von Landammann, Rathen und gemeinen Landleuten in der March. Schwyz. Proklamation, 13, Februar. 63 denen nnd mit ihren Pflichten immer verbundenen Wünsche der andern durch jede Entsprechung zu befriedigen, die mit der Wohlfahrt des Ganzen sich immer vereinbaren läßt. Wir werden alle unsere Bemühungen dahin richten, ihren Wohlstand zu vermehren, und uns mit ihnen durch noch engere Bande zu verbinden." Der Schluß des Aufrufs bedroht warnend alle Stifter des Aufstands und der Zwietracht mit strenger Strafe, „nnd damit diese unsere landesväterlichen Gesinnungen zu männiglicher Wissenschaft gelangen, sollen sie in unfern getreuen Landschaften Einsiedeln, Küßnacht, und den beiden Höfen Pfäsfikon und Wollrau öffentlich von den Kanzeln verlesen nnd an den gewohnten Orten öffentlich angeschlagen werden." Umsonst ergingen an die March Glimpf und Ernst und die geheimen Winke, aus welchen Hoffnungen floß. Die Zeiten hatten geändert, nnd dem, was noch vor wenigen Wochen Gnade geheißen, heute schon Ansehn der Schuldigkeit verliehen. Den Drohern fehlte jetzt die Furchtbarkeit, den Verheißen: das Zutrauen. Der Landrath von Schwyz ließ es nicht bei jenen ersten Aeuße- rungen. Er schrieb den Vorstehern der March noch folgende Worte: „So wahr es ist, daß Schwyz gegen andere Stände Alles gethan, um zwischen Obrigkeiten nnd Volk Vereinigung zu bewirken; so wahr es ist, daß beinahe alle aristokratischen Stände ihre Verfassung in eine demokratische umgeändert: eben so gewiß find die Marchbewohner das erste Volk, das sich selbst durch empörende Schritte frei und unabhängig erklärt, und von seinem natürlichen Landesherrn gewaltsam losreißen möchte, und zwar gerade in dem Zeitpunkt, wo selbiger beschäftigt war, mit seinen Angehörigen sich ebenfalls noch enger zu vereinigen."*) Auch forderte Schreiben von Schwyz, 16. Februar. der Landrath die Führer der March unter Verantwortlichkeit auf, diesen Brief nebst einem eingebogenen, gedruckten „lande sväter- lichen Zuruf an das irregeführte Volk in unserer Landschaft March"*) den gemeinen Landlenten kund zu machein Dieser Zuruf bewies, wie schwer es auch Demokratien war, auf ihr Herrnrecht über eroberte oder erkaufte Unterthanenlandc Verzicht zu thun und ihnen die Freiheit zu gestatten, die ste selbst genossen.**) „So empörend," lautete es im landesväterliche» Zuruf: „die Auftritte sind, die bei euch vorgingen, — so kann dies alles unsere Empfindungen der Liebe, der Anhänglichkeit und des Mitleidens gegen den biedern Marchbewohner nicht ersticken." „Ja, redlicher, biederer Landmann, öffne ste doch, deine Auge», um das Netz zu sehen, das dir von schlauen Händen gelegt wird : bedenke doch selber mit deinem gesunden Menschenverstände, ob sie werden in Erfüllung gebracht werden können, die eiteln Träumereien von einer völligen Unabhängigkeit, die dir jetzt in einer Art von Berauschung vorgcspiegelt werden. Wenn du kaltblütig und unbefangen nachdenkest, wirst du wohl glauben können, daß dein kleines Land zu einer selbstständigen Republik werde gemacht werden können? Wirst du glauben können, daß diese Republik von de» übrigen Stände» der Eidgenossenschaft, die sich alle in ihrem ganzen Wesen zu behaupten und in Absicht auf ihre Größe unverändert zu bleiben gedenken, werde *) Proklamation. Schwyz, 18. Februar. **) Die oberherrliche» LandSgcmeindcn der freien Hirtenländer waren i« der Thai Aristokratien gegen die ihnen unterworfenen Gebiete; so wie umgekehrt die Bürgerschaften in den aristokratische» Hauptstädte» i« sich selbst mehr oder minder wie wahre Demokratien standen. anerkannt werden? Doch, wir wollen zugeben, daß mitten in unserer großen Staatsveränderung so eine besondere, neue Republik entstehen und bestehen könnte, würde wohl das gute Landvolk Vieles dadurch gewinnen? Würde es nicht zu weit größer» Abgaben angeyalten werden, um die Kosten der neuen Einrichtung und die nachherigen Bedürfnisse nach dem Plan ihrer Führer zu bestreiten? Würde es glücklich nnter der Regierung einiger Ehrgeizigen sein, die cs um so minder schonen würden, als der Landmann dann gegen diesen Druck weder Schutz noch Hilfe mehr finden könnte? Jst's möglich, könnet ihr ein ungewisses Schicksal der Vereinigung mit euer» Landesherren vorziehen?" „Allein auch das ist nicht der Punkt, wohin man euch führen will. — Er, der redliche, stille Landmann kann es nicht wissen. Nur einige Rädelsführer wissen cs, was für ungeheure Pläne wirklich gemacht worden find, unserm gesammten Vaterland eine Gestalt zu geben, mit der sich weder die Religion unserer Väter, noch der bisher genossene Ruhestand vertragen könnte. Einer dieser Pläne liegt wirklich in unfern Händen. Schon ist in demselben die Landschaft March in eines jener sogenannten De- partementer eingetheilt, in die unsere liebe Schweiz Verth eilt werden sollte. Vermuthlich hat man euch darum angegeben, euch von unserm Stand zu trennen, damit ihr dann desto schicklicher einem entlegener» Departement einverleibt werde» könnet, ohne zu achten, ob es dann für euch schicklich oder glücklich sei» möchte" „Eine der ersten Grundlagen der neuen Verfassung würde Freiheit der Religion, der Meinungen und aller Art heutiger Aufklärung sein. Wie lange bei diesen Grundsätzen die Religion eurer frommen Väter bestehen würde, mag auch der Kurzsichtige einsehen, u. s. w." Zsch. G-s. Schr. 34. Thl. 3 66 So schlau nun auch der Zuruf alle bisherige Interessen des Volks jener Gegenden anregcn mochte, blieb er doch ohne Frucht. Schwyz selbst, von der Fluth der Umstände bald hinweggerissen, gab zuletzt den Gedanken auf, die March ferner zu beherrschen, wünschte zuletzt nur, daß sie sich mit Schwyz, in voller Rechtsgleichheit mit den Bewohnern dieses Kantons, vereinigen und seinen Umfang nicht schwächen möchte. Bescheidenere Ansprüche wagten die Einwohner von Wesen am Wallenftattersee, und von Uznach am Ufer des Zürichsees. Wesen im Gasterland, seit dem Jahr 1438 den Ständen Schwyz und Glarus unterthan, da es vom Graf von Toggenburg an diese verpfändet und nie eingelöset ward, heischte nur Abnahme der allfälligen Beschwerden.*) Und Uznach, seit 1469 an dieselben zlvei Kantone verkauft, bat nur um das Recht eigener Regierung, unterm Schirm von Schwyz und Glarus, gegen alljährlich diesen zu entrichtenden Tribut.**) Aber die Ereignisse dieser Tage trafen so schnell und erschütternd auf einander, daß kein Ruhepunkt zu friedlichen Vergleichen und Unterhandlungen gefunden ward. — Die Unterthanenschaften in Helvetien erwachten überall und traten, mehr oder minder schüchtern, vom Geist der Freiheit geleitet, in die Bahn der allgemeinen. Verwandlung. So thaten nun auch die Landschaften, welche jenseits des Gotihardsgebirgs, an den Ufern des Tessins, bisher den Eidgenossen gehorcht hatten. 3. Als unter Bonaparte's Siegen in Italien die Lombardei znm Freistaat Cisalpinien geworden, hatten die Eidgenossen zwei *) Schreiben. Wesen, den 13. Februar. **) Schreiben. Uznach, den 13. Februar, Männer gen Lugano geordnet, gutes Vernehmen mit der neuen Nachbar-Republik und den fränkischen Heeren zu unterhalten, die damals über Welschland herrschten. Felir Stockmann von Obwalden und Bumann von Freiburg hießen die Abgeordneten. Zwar empfingen sie anfangs Bezeugungen der Achtung und Freundschaft vom cisalpinischen Direktorium in Mailand*), aber bald veränderte sich der Ton. Die cisalpinische Regierung, kaum des eigenen Daseins sicher, entwickelte schnell eine Denkweise, wieder warme italienische Himmel und der romantische Umschwung der Dinge erwarten ließ. Geneigter zu glänzen, die Nachbarn zu verwirren und den Staatskörper der jungen Republik durch Eroberungen zu bereichern, als seiner durch weise Leitung zu Pflegen, spann sie in den welschen Vogteicn der Schweiz Parteiungen an. Gern hätte sie das Volk vermocht, sich beim Umsturz der Eidgenossenschaft an Cisalpi- nien zu schließen, wie Bündens Valtelin es gethan. Die Beschaffenheit des Landes, durch die höchsten Gebirgsketten von der übrigen Schweiz abgeschieden, die Armuth der Thäler, welche sich überall nur gegen das fruchtbare Italien öffnen, von woher sie ihr Korn beziehen, die Sprache Italiens, welche einzig hier geführt wird — Alles redete zu Gunsten der Wünsche des cisalpinischen Direktoriums. Es verbreitete sich das Gerücht vom Anzug fränkischer Heer- schaaren, die sich an den Grenzen der italischen Schweiz, von Como bis zum Lago Maggiore, ausdehnen würden; von der nahen Zeit, wo Freiheitsbäume aus den Plätzen von Lugano und Men- drisio gepflanzt werden müßten.**) Schon entwickelte sich der Gährungsstoff. Basel selbst aber *) Relation vom 7. Februar. **),Relation der Deputirten, vom 11. Februar. 68 war es, welches auch dort die Revolution zuerst hervorrief. Nachdem dieser Stand die unveränderlichen Rechte der Menschheit einmal feierlich anerkannt hatte, that er „auf alle jene Oberrhcrr- lichkeitsrechte vollkommen Verzicht, die er bis dahin auf die vier Vogteicn ennet dem Gebirg antheilsweise besessen."*) Dieser, das alte eidgenössische Staatswesen bis zur Zerstörung erschütternde Schlag wurde vom Vorort Zürich mit schwachem Arm aufgefangen. Die Regierung ^dcs Vorortes nämlich gebot den Revräscntanten zu Lugano: „Trachtet vor Allem, fremde Einmischung in dortige Angelegenheiten zu verhüten. Wendet euch, sobald die Umstände fordern, an Ciöalpiniens Regierung und den Finanz-Administrator Haller, welcher der Eidgenossenschaft seine Gefälligkeitsbegierde auf die verbindlichste Art zugestchert hat. Da in dermaliger Lage keine Anwendung der Gewalt Platz findet, so richtet euch mit kraftvollen Vorstellungen an die Regenten und Vorgesetzten der Landschaften, alle Gesetzlosigkeiten zu verwehren, mit Beifügung, daß von den regierenden Ständen allen billigen Wünschen und Bitten dieser Landschaften werde entsprochen werden. Ihr habt euch in unerwarteten Vorfällen übrigens an die benachbarten Kantone Uri, Schwyz nnd Unterwalden nm Rath und Unterstützung zu melden."*) Der Brief kam zu spät. Die Häupter der cisalpinischen Partei in den welschen Vogteien hatten ununterbrochen durch Flugschriften und Reden den Landmann für ihre Absichten bearbeitet. Das Volk, voll Dursts nach Freiheit, aber eben so voll alten Nachbargrolls gegen die Mailänder, entsprach freilich ihren Wünschen nicht ganz; beiweitem'die Mehrheit des Landes sehnte fich, helvetisch zu blei- *) Basel an Zürich. Der Beschluß war zu Basel am 12, Februar 1798 genommen. ') Zürich, 15. Februar. ben. Aber eben dieser Widerstand reizte nur die Thätigkeit der ciSalpinischen Faktion. Junge Männer, mit glühender Einbildungskraft und rohen Talenten, gespornt von Ehrgeiz und Freiheits- schwärmerei, standen an der Spitze derselben. Die Schwäche ihrer Zahl ersetzte Verwegenheit. Die Lähmung der Eidgenossen, und die Unordnungen an den Grenzen schwärmender Truppen Cisalpi- niens und Frankreichs begünstigten abenteuerliche Wagstücke. Sie warben, nicht ohne geheimes Wissen der mailändischcn Regierung müßiges Volk aus dem Bergamascischen und Brcscianischen, bekleideten und bewaffneten cs, und wollten mit diesem ertrotzen, was Beredsamkeit nicht vermochte.") Bald kamen von allen Seiten Nachrichten vom Anrücken italienischer Schaaren. Aus Lugano flog ein Eilbote nach Mailand, Gewachsten zu verhindern. Dies geschah am 14. Februar. Am folgenden Morgen, !n der Frühe um fünf Uhr, stiegen zweihundert und vierzig fremde Soldaten, über den schönen Lugano- See hergeschifft, ans Land be! Lugano, Freiheit und Vereinigung mit der ciSalpinischen Republik zu bringen. Lugancfische Jünglinge führten den Kriegshapfen, welcher nur Vortrad einer größer» Schaar hieß. Sogleich rollte die Trommel den Generalmarsch; die helvetisch-gesinnten Volksführer rüsteten Widerstand; Freiwillige liefen zur Gegenwehr herbei, und die CiSalpinischen fingen an, auf diese zu feuern. — Ein Sekretär, an den feindlichen Befehlshaber zur Vermeidung des Blutvergießens gesandt, wurde nnter der Thür des Hanfes von fünfzehn Cisalpinern angefallen und ") Der Schreiber dieser Geschichte, welcher in dem Jahre 18ÜV die italienische Schweiz verwaltete, hatte nicht nur Gelegenheit, die Häupter der verschiedenen Faktionen kennen zu lernen, sondern auch fich von der Theilnahme des ciSalpinischen Direktoriums an jenen Ereignissen bis zur moralischen Gewißheit zu überzeugen. 70 fortgeriffen. Andere drangen in das Gemach der eidgenössischen Repräsentanten, bewachten sie als Gefangene, inzwischen unter ihren Fenstern das Gefecht hitzig fortgesetzt wurde. Es dauerte eine Stunde. Die Cisalpinlschen wichen in ihre Kähne. Die Bewacher der Repräsentanten wurden gefangen, und den Feinden außerdem noch vier Fahnen und dreißig Flinten genommen. Die Verwundeten sandte man ins Spital zur Pflege; die Gefangenen nach Porlezza. Nur einer von den helvetisch-gesinnten Freiwilligen*) war bei dem Handgemenge erschossen. Ein neuer Eilbote ging mit Anzeige dieser Ereignisse gen Mailand. In Lugano ward ländliche Besatzung gelegt. Die Ruhe schien hergestellt, obgleich der Knoten des Räthsels erst geschürzt, noch nicht gelöst war. Die Stellvertreter der Eidgenossenschaft waren offenbar Fremdlinge in allem, was geschah. Unvertraut mit dem Herzen des Volks, ohne Kraft, sich furchtbar, ohne Vollmacht, sich gefällig zn machen, standen sie in Unentschlossenheit, und erwarteten Alles, ohne Mittel, es zu verhüten. Desselben Tages, um die Dämmerungsstunde, strömte von neuem ungeheure Menge Volks zusammen; denn dje Cisalpinischen oder, wie sie sich nannten, Patrioten rasteten nicht, ihr Werk zu vollführen. Bald umringten zwei- bis dreitausend Mann, ihrer viele bewaffnet, mit wildem Geschrei das Quartier der Repräsentanten. Nach einigem Getümmel lösete sich aus der verworrenen umherwogenden Masse eine Abordnung, welche, den Advokaten Pelle- grini an der Spitze, in das Zimmer der Repräsentanten trat. „Wir fordern," sprach Pellegrini, „wir fordern unsere heiligen Rechte zurück, wir fordern die Freiheit der Schweizer! Endlich, nach hundertjähriger Unterthanenschaft, sind wir, uns selbst zu regieren, wohl reif!" ') Namens Taglioretti. 7t Als die Repräsentanten den Mangel ihrer Vollmachten zu einer genügenden Antwort vorschirmtcn, erhob sich weit umher wildes Getümmel. Man verlangte von ihnen trotzig die schriftliche Freiheitserklärung des Landes. Ohne Geistesgegenwart, ohne den Mnth der Ehre, ohne das Machtgefühl der Pflicht, fügten sich die Stellvertreter der Eidgenossenschaft zaghaft und betäubt dem Gebot, und stellten folgende Urkunde ihrer Verlegenheit aus: „Da sich heute Abends eine große Menge von Lawis (Lugano) zu uns verfügt, und die schweizerische Freiheit verlangt hat, um bei diesen kritischen Zeitumständen bei dem Volk größer« Eifer zu erwecken, das Land zn beschützen,-so haben wir ihnen gesagt, daß dies nicht in unserer Gewalt sei, mithin es auch nicht zugeben können. — Da sie aber solches uachdrucksamst begehrten, antworteten wir, daß wir es auch nicht verwerfen können." Lawis, den 18. Februar 1798. „Im Namen und auf Befehl der Schweizer - Repräsentanten Jmfeld, Sekr." Kaum war dies Werk der bitiern Noth gemacht, als abermals das Gerücht erscholl, dreihundert Cisalpinische seien in Porto") eingerückt, wohin auch von Varese ein Wagen mit Gewehren abgegangen. Der Nachricht folgten unmittelbar zwei Offiziere, ein Franzose und ein Cisalpiner. Diese eilten zu den Repräsentanten, forderten sie auf, binnen zwei Stunden das Volk zu versammeln, auf daß es sich erkläre, „ob es mit der Schweiz, oder mit Cisalpinien vereint sein wolle?" — Dabei überreichten sie folgende Note: ") Ein Dorf an der südlichen Spitze dcS Luganersees, ciSalpinischen Gebiets. — 72 — „Au die Herren Repräsentanten der schweizerischen Kantone. Den 22. Pluviose, Jahr 6 der Republik. „Die Freiheit, welche das Herz eines jeden Patrioten, der seine Menschenwürde fühlt, wie ei» Blitzstrahl entzündet, ist auch in eure Kantoue cingedrungen. Eure Brüder inner den Alpen habe» im Angesicht der ganzen Welt die Demokratie ausgerufe», für die eure Ahnen des Blutes so viel vergossen. Dies heilige Feuer hat auch die Seelen der Patrioten diesseits der Alpen entflammt; sie find entschlossen, entweder frei zu leben, oder zu sterben. Im Namen Aller, die nun bereit sind, für die Demokratie ihr Blut zu verspritze», werdet ihr aufgefordert, alle jene Rechte auf der Stelle abzulcgcn, die ihr ans diese schweizerischen Landvogteien zu habewglaubet; die Schaaren eurer Freiwilligen hier zu entwaffnen*), und jenem Volke gänzliche Freiheit zu er- theilen, welches euch Brüderschaft und Freundschaft anbeut. Nach dem Empfang dieser Schrift entschließet euch binnen einer Stunde. Wenn ihr hartnäckig beharret, dieses Volkes Oberherrlichkeit zu behaupten, dieses Volkes, welches frei zn werden geschworen: so klaget nicht, wenn ihr seines Grimmes Opfer werdet. Ersparet das Blut eurer Brüder! — Seid ihr denn aber dessen begierig: so werden die Bajonette der Republikaner sich in dem Blute ihrer Feinde zu sättige» wissen. — Gruß und Freundschaft, wenn ihr diese wollet. Unterzeichnet: Steffano Riva, Kommandant. Giov. Batt. Quadri, Adjunkt. Antonio Fontano. _ Sekretär." *) Die Freiwillige» waren meistens von der Partei der Helvetisch-Gesinnten, als» entschiedene Anti-Eis alpiner. 73 Bumann, unter den Drohungen der jungen Luganesen, die dies Schreiben mit ihren Namen bezeichnet hatten, deutete auf .seine Vollmacht und deren enge Schranken, Bestürmt aber von allen Thcilen, versprach er mit dem Amtsgenoffen in Berathung zu treten. Doch Stokmann hatte sich schon in aller Hast entfernt durch heimliche Flucht. Die Wildniß und Nacht des Monte Cenere*) schien ihm minder schreckcnvvll, als das Toben des Volks. — Da verlangte Bumann Frist bis zur Heimkunft eines nach Mailand an den Minister Test! gesandten Eilboten. Sie ward ihm gewahrt. Als StokmannS Entrinnen ruchbar geworden, empfing der zurückgebliebene Repräsentant zwölf Mann Wacht. Die Freihcits- bäume wurden gepflanzt, inzwischen sich eine einstweilige unabhängige Negierung gebildet hatte, die feierlich verkünden ließ, daß das Volk, unter Genehmigung der eidgenössischen Stellvertreter, Freiheit und Gleichheit beschlossen habe, daß Vergessenheit erklärt werde über jedes Vergangene, um allgemeine Eintracht zu befördern. Dies alles war die Geschichte eines einzigen Tages gewesen.**) Die helvetische und cisalpinische Partei lagen in offenem Kampf. Das Blut Taglioretti's schrie um Rache und heischte Blut. — Die Führer der helvetischen Partei, an Zahl und Einsicht überlegener, hätten vielleicht die Revolution noch nicht gemacht, wenn das Treiben der Cisalpinischen sie nicht unverhinderlich zu großen Gegenentschlüssen sortgerissen. Um den Zweck der Cisalpinischgesinnten zu vereiteln, mußte sie in die unvermeidliche Staatsumwälzung ein- *) Der nronle cenere, oder Mont Kennel, ist der Berg, welcher Lugano von Bellinzona trennt. **) DeS IS. Hornung. Zsch. Ges. Schr. 34. Thl. 4 gehen und das Spiel derselben zu Gunsten der Schweiz gestalten. Man pstanzte den Freiheitsbaum; aber der Triumph der Cisalpiner war nur halb; statt der lombardisch en Kappe erhöhte das Volk den Hut Wilhelm TellS. Der Eilbote kam folgenden Tages zurück von Mailand. Sobald er aus dem Schiffe trat, wurde er von der zusammenströmen- den Menge umgeben, welche vor Einverleibung in Cisalpinie» zitterte, und zum Repräsentanten begleitet. Bumann eröffnete vor dem Volke das Schreiben. Der Minister des Auswärtigen an die helvetischen Repräsentanten in Lugano. Mailand, 27. Pluviosc, Jahr 6. Meine Herren! Das Vollziehungsdirektorium, dem ich heute eure bald nach einander empfangenen Briefe vom 14. und 15. Hornung mitgetheilt, war sehr über die unangenehmen Nachrichten befremdet. Das Vollzichungsdirektorium läßt euch, meine Herren, durch mich versichern, daß ihm alles in Lugano Vorgefallene unbekannt war, und cs nicht die mindeste Wissenschaft von jener Zusammenrottung der Cisalpiner hatte, die sich erfrechten, durch einen ruchlosen Einfall das Land einer mit uuserm Freistaat in freundschaftlichem Verhältniß stehenden Macht feindselig zu betreten, mit welcher das Direktorium das aufrichtige Wohlvernchmen ferner beizubehalten entschlossen ist. Die cisalpinische Regierung wird, beim Ausbruch einiger Unruhen in den Grenzstaaten, sich mit Deckung der eigenen Grenzen, ohne Mischung in fremde Angelegenheiten, begnüge». Dies Benehmen wird sie beständig beobachten. Das in Lugano Vorgefallene beleidigt ihre Grundsätze so sehr, daß das Direktorium mir auf- - ,7S - trägt, Sie, meine Herren Repräsentanten, zu ersuchen, uns Namen und Beschreibung jener CiSalpiner mitzutheilcn, welche, ihren schändlichen Anfall zu beschönigen, sich frecher Weise ans einen Befehl der hiesigen Regierung berufen haben. Unterdessen wird das Direktorium unverzüglich an den Grenzen die zwcckmäßigsien Anstalten treffen, um allen Ernstes zu verhindern, daß keine bewaffnete Macht die Grenzen der Republik überschreite, nnd nöthige Kundschaften über jene» Vorfall einzuziehe», damit die entdeckten Schuldigen beispiclmäßig bestraft werden. Ich habe das Vergnügen, euch durch euer» letzten Boten diese Antwort zu übermachen, die euch von den aufrichtigen Gesinnungen hiesiger Regierung gegen die eure überzeugen, und in Stand setzen wird, sie euer» boben Kommittenten mitzutheilcn. Testi. Als dies Schreibe» gelesen und abschriftlich mitgethcilt war, glich der Freude des Volks nur dessen Zorn gegen die ciSalpini- schen Urheber des stürmischen Tages. Das Geschrei verlangte Auslieferung des französischen Offiziers und des ciSalpinischcn, Namens Pelasio. Letzterer hatte an der Spitze des gestrigen Uebcrfalls gestanden. Bumann, um diese Leute der Wuth des Volks zu entreißen, bedeutete den rasenden Haufen, daß Mißhandlung eines französischen Offiziers das Land in Krieg und Unglück verwickeln könne. Mühsam willigte das Volk ein, den Franzosen losznlassen. Er wurde von einer Wacht zum Schiff geführt. — Nun aber auch den Pelasio vom Tode zu retten, schlug der Eidgenoß dessen einstweilige Verhaftung im Quartier der Repräsentanten vor. Bltmann fand es der Würde schweizerischer Nation unanständig, länger in einem Lande zu verweilen, in welchem das Recht der regierenden Stände zertreten, sein Ansehen verachtet war. Durch Gegenwart konnte er nur die Schmach der fallenden Eidgenossenschaft vergrößern. Er reifete ab. Noch ehe er aber den Monte Cenere überstiegen hatte, war das ganze Land zwischen diesem und der Lombardei schon in Hellem Aufstand. Schon am 15. Hornung hatte das Volk von Mendrisio, nach dem Beispiel Lugano'S, den helvetischen Freiheitsbaum erhöht, und am 20. unter freiem Himmel geschworen, schweizerisch zu bleiben, und die katholische Religion zn behaupten. Die höchste Gewalt war einem vorläufigen Negierungsausschuß anvertraut, welcher mit CiSalpinien. und den kleinen Freistaaten unterhandeln sollte, die in den Gebirgen aus den ehemaligen Schweizerlandvog- teicn diesseits des Gotthards zu entstehen anfingen. Denn jede Landvogtei bildete nun eine eigene Republik. — Auch war es weder Neigung des Volks noch der Führer, unselbstständig nur als verschwindende Theile in einem einzigen allgemeine» helvetischen Freistaat aufgelöst zu werden. Der Hang zum Föderalismus ist den Völkerschaften der Alpen gleichsam erblich mit ihren Gebirgen, von denen fie unter einander getrennt find. Nur stolz auf ihre Heimat, verlangen sie in andern Gelände» weder Vaterlandsrecht noch Mitregierung, sondern nur Bundesgcnoffenschaft. Sie verlieren gleichsam ihr Selbst in jedem größer» Kreise, der nicht dem engen Kreise ihrer Vorstellungen angemessen ist. Die meisten Völkerschaften der Schweiz ergriffen daher gerade, da die Zerstörung des alten Eidgenoffenwesens begann, diesen Umsturz, als Mittel, unabhängig unter einander, sich in noch kleinere selbstherrliche Freiländchcn zu lheilen. Auch in Mendrisio waren, wie in den andern welschen Vog- teien, die Gemüthcr getrennt zwischen CiSalpinien und Helvetie». Am 22. Hornung erschienen vor dem RegicrungsaiiSschuß drei junge Männer, Joh. Baptista Ouadri (von Lugano), Feliciano Pasta (von Mendrisio), und Biondi (von Blenio), als Abgeordnete der Patrioten (oder der ciSalpinischen Partei), welche nach dem unglücklichen Angriff auf Lugano mit ihrer Mannschaft sich 77 .am Seeufer zu Campiglione*) niedergelassen hatten. Sie verlangten, daß Mendriflo an das cisalpinische Direktorium sende, 'Einverleibung in Bonaparte's neugeschaffene Republik zu erbitten. ^„Verbunden seid ihr schon mit derselben/' sagten sie, „durch ^Sprache, Boden und Interesse. Getrennt seid ihr von Helvetien auf ewig durch die rauhen, fast unübersteiglichcn Gebirge; auf ewig durch die kaum vernarbten Wunden, so euch von den schweizerischen Prokonsuln schandlicherweise geschlagen worden sind; auf ewig durch Interesse, Sitten, Gesetze, Religion und Zunge." — Ihren Bortrag theiltcn sie dem Ausschuß schriftlich mit.**) „Erinnert euch," hieß es am Schluß desselben, „daß ihr Brod empfanget von Cis- alpinien, da ihr von Helvetien nichts zu erwarten habt, als — Steine!" Der Ausschuß erwiederte, daß nur das versammelte Volk über diesen Gegenstand absprechen könne, welches binnen drei Tagen geschehen werde. Den Patrioten ahnte, daß ihre Hoffnungen hier, wie in Lugano, vereitelt werden würden. Sie eilten zurück zu ihren rüstigen Waffenbrüdern, und erschienen in wenigen Stunden wieder, unter fliegenden Fahnen und schlagender Trommel. Sie zogen auf den Platz, umringten den Freiheitsbaum. Einer der Ihrigen, Namens Carabelli, kletterte hinauf, hob den Schweizerhut hinweg, und setzte die lombardische Kappe hin. Der Schwarm der CiSalpinischen nahm den Hut, zertrat ihn mit Füßen, und *) ES ist ein Dorf am östlichen Ufer des LuganersceS, welches als kaiserliches Lehen zur Abtei St. Ambrosi» in Mailand gehörte, aber unter Schirm der Eidgenossenschaft stand, der cS auch in KrtegSzeiten Mannschaft stellen mußte. Im ciepulari clai pstriotti ckei LsIIigM ilslinai »I oowilsto politia» flel sovrano ;>(g>oIo >li üleacirisio. (3m Archiv von MendriS.) warf ihn, nachdem Jeder daran seinen Mnthwillen geübt, in den nahen Bach, während cisalpinische Kokarden und Mützen in Menge vertheilt und Proklamationen zur Vereinigung mit Mailand angeschlagen wurden. Aber am folgenden Tage tönte Sturmgeläute durchs Land. Die Gemeinden Stabio, Ligornetto und Genestre vereinten sich bewaffnet, »m die Beschimpfungen der helvetischen Zeichen zu rächen, und die Lombarden zu verjagen. Sie zogen auf Mendrisio. ES kam zum Schlagen. Aber ein heimtückisches Feuer, von Dächern und Fenstern ans sic gerichtet, zwang sie znm Rückzug mit Hinterlassung ihrer Verwundeten und Todten. Die cisalpinische» Banden, im Genuß des Triumphes, brandschatzten als Sieger das Land. Der Ausschuß, um die Gemeinden vor diesen gewaltthätigen Erpressungen zu schirmen, ohne Hilfe von Hclvetien, in Furcht vor CiSalpinicn und Frankreich, bequemte sich endlich, das Volk zur Vereinigung mit Mailand zu bewegen. Es eilten Abgeordnete nach Mailand, sowohl um die Vereinigung, als um Schutz gegen die Bedrückungen der sogenannten Patrioten zu erstehen. Der Erfolg war die Sendung eisalpinischer Truppen nach Mendrisio. Aber ehe sie erschienen, waren die schweizerischgesinnten Luganeser Schaaren gegen den Hansen der Cisalpinische» vorgerückt. Diese standen bciBissonc amSeeüfer, anderthalbhundert stark. Die Luganesen dagegen kamen mit hundert Mann, um den Berg Capriano, ihnen im, Rücken, während andere zu Schiffe, mit zwei Kanonierbarke», sie von der Stirnseite angriffen. Nach zweistündigem Kampfe wurden die Cisalpinische« geschlagen. Sie ließen bei 30 Gefangene und Verwundete, 5 kleine Kanonen, 2 Fahnen, allen Mund - und Kricgsvorrath zurück und flohen über Mendrisio zurück. Die Luganesen rückten in den Flecken ei», ') 23. Hornung. 79 schafften den cisalpinischen Freiheitsbaum hinweg und warfen einige der vornehmsten FaktionSmänner in die Gefängnisse. In demselben -Augenblick*) trafen die mailändischen Truppen zu Mendristo ein. -.Die Luganesen zogen sich in ihr Gebiet zurück, nach einer Unterredung mit dem lombardischen Kommandanten. Der cisalpinische Baum ward neuerdings erhöht,**) und jeder der Eingekerkerten loSgelafsen. Durch die Klagen der schweizerischgesinnten Luganesen bewogen, sandte der Oberfeldherr Berthier einen seiner Generale***) auf Lugano, die Stimmung des Volks zu erforschen. Als Berthier nachmals durch den Oberfeldherrn Brüne in Italien ersetzt ward, wandte Lugano sich auch an diesen, schilderte ihm die Leiden der Gemeinden und den Schmerz derselben, vom Herzen der helvetischen Republik, ihrer Mutter, losgerissen zu werden. Brüne befahl, die Gemeinden zu versammeln, und über die Vereinigung mit Cisalpinien oder Helvetien abzustimmcn. Da war das Schicksal der welschen Vogteien entschieden. Mit einem Herzen und mit einem Ton rief Alles um Helvetien. Und die cisalpinischen Truppen zogen aus dem Lande. Unterdessen hatte in der Heimat der Eidgenossen selbst überall und binnen wenigen Tagen Verwirrung und Zwietracht überhand genommen. Schon hatte das Waadtland den Entwurf der neuen helvetischen Staatsverfaffung cingeführt-f); schon hatten die Ge- *) Abends, 4, März. **) 6. Marz. '**) General Chevalier. f) Den 15. Februar. 80 meinden in Toggcnburg, in Thurgau, und die von Schaffhausen, vom Nhcinthal, in Werdenbcrg und Sargans ihre Stimmen in den allgemeinen Nus um Freiheit und Unabhängigkeit gemischt; schon hatten die Regierungen von Luzern und Zürich, von Schaffhausen und Bern und Solothurn, dem ungestümen Drange des Zeitgeistes gewichen, die Souveränetät des Volks anerkannt, und sich nur bis zur Anstellung neuer Regierung und Ordnung für einstweilige erklärt. Die Schrecken der großen Wiedergeburt Hel- vetiens traten herein. Das Alte stürzte zusammen, und vor den Trümmern der Eidgenossenschaft erschien ein fränkisches Heer, mit Bern zu rechten. Die Geschäftsführer der Waldkantone erkannten jeht erst die Unvermeidlichkeit der großen Veränderung und die Freilassung aller Unterthanen. Stärke zu gewinnen, mußten sie die Untergebenen in freie Mitbürger verwandeln, und ans den Altar öffentlicher Wohlfahrt das als Opfer legen, dessen Verlust ohnedem unab- käuflich war. Es geschah. Das Volk von Schwyz versammelte sich am 18. Februar, und hörte das Verlangen der „Unmittelbar-Angehörigen.") Es bedurfte keiner Kunst der Ucberrednng; unter frohem Jubelgeschrei erhoben viertausend freie Landlente ihre Hand, dreitausend Angehörigen gleiche Rechte zu erthcilcn. *) **) Jeder war gerührt und glücklich. Auch dem bittenden Gaster und Uznach wurde Hoffnung zu Theil. Ein Ausschuß empfing den Auftrag, mit GlaruS und jenen zwei Landschaften über Freilassung und Auslösung *) Die Einwohner der Höfe, die Angehörigen deö Stifts Einsiedel», und die Insassen des Kantons. —) Am folgenden Tage wurde die Freiheitsurkunde ausgestellt, als am 19. Hornung. Eben so wurde die Geschichte des 18. HornungS brieflich den übrigen Eidgenossen kund gethan. 81 des alten Pfandbriefes zu unterhandeln. — Nur die March wurde mit kaltem Stillschweigen übergangen. Ein Trauerbote von Uri kam und siörte die Heiterkeit des Festes. Auch die Landvogtei Bellinzona, jenseits des St. Gotthardsberges, war vom Geist des. Aufruhrs und der BcfreinngS- lnst ergriffen worden. Bizener, der Landvogt, stand in großer Gefahr. Fremdes Volk war, wiederholten Berichten zufolge, in Bellen; und die dortigen Gegenden eingefallen. Diese besonders für Uri bedenklichen Ereignisse hatten das Volk daselbst sehr erschüttert. Es wollte, um sich zu decken, seine gen Bern gesandte Mannschaft wieder zurückziehen — es theilte den Schwhzern Klagen und Sorgen mit. Schwyz war in Bestürzung. Es entstand ein Augenblick des Schweigens, oder stiller Berathung. Bald offenbarte sich die allgemeinste Theilnahme am Schicksal seiner ältesten Bundesgenossen, so wie an dem der gesammten Eidgenossenschaft. Man beschloß, Uri zu bitten, seine Truppen nicht von Bern abzurusen, um Übeln Eindruck zu meiden, welchen dies auf alle eidgenössische Hilfsvölker machen könne; statt dessen wolle Schwyz den Mangel jener Mannschaft durch sein zweites Bataillon ersetzen, und ihm den Oberstlieutenant Rlovs ab Pb erg, als Standesrepräsentanten, zugesellen. Mit diesem Entschlüsse wurde der Trauerbote von Uri heimgesandt, einem Entschlüsse, so edel als klug. 7 . Das Waadtland lief unaufhaltsam in der Bahn der Revolution fort. Die Güter der Berner wurden in Beschlag genommen, und die Gemeinden des welschen Fröiburg rüsteten sich, dem Beispiel zu folgen. 82 Freiburg, die regierende Stadt, unfähig, dem wüthenden Waidstrome der Verwirrung entgegen zu bauen, ohne Bertheidi- gungsmittel, und von einem nur zwei Stunden entfernten Frankenheer bedrohet, sah nach Hilfe. Von Bern wurden aus der Mitte des Kriegsraths zwei Männer dahin gesandt, Statthalter Whß von Zürich und Müller von Uri, eidgenössischen Nath zu crtheilcn. Noch immer mangelte den Kantonen Einheit der Kraft und des Willens. Jeglicher folgte nur gezwungen, wohin er, sich zu retten, freiwillig voraus eilen sollte; jeglicher berechnete mir den eigenen Vorihcil ünd handelte ihm gemäß, in dem Plane des Ganzen. Die Angehörigen der Vogteicn von Baden und der ober» und untern freien Aemter äußerten den Obcrherrcn ihre treuen Gesinnungen, und sic wurden aufgefordert, zur Vertheidigung des gemeinsamen Vaterlandes die Waffen zu erheben. Auch Sargans, welches den Wink zur Freiheit benutzte, rührte sich, und wünschte, als freier Stand der acht alten Orte Bundesgenvß zu werden, und mit seinen Kriegern dann freudig ins Schlachtfeld fürs Vaterland zu gehen. Nun war in ganz Helvetien kein Ort mehr, der nicht zum Kampfe für oder wider in Waffen gestanden, oder aufgemahnt wäre, oder der Hilfe bedürfe, außer Wallis. Schwyz bezeugte dem Stande Bern seine Verwunderung, daß während des allgemeinen Getümmels dieser zur Unterstützung der Eidgenossenschaft so wichtige Freistaat schier vernachlässigt worden sei. *) Luzern, welches sich seiner Hoheitsrechte freiwillig begebe», sprach noch einmal zu Bern das Wort der Warnung, um den Frieden der Schwei; zu retten. Die provisorische Regierung *) 28. Februar. 83 jenes Kantons zeigte zugleich denen der Waldstättc an: daß Ihre Hilfstruppen keineswegs bestimmt wären, für mittelbare oder unmittelbare Beibehaltung irgend einer aristokratischen Regimentsform einen bewaffneten fremden Angriff abzutreiben; wohl aber wäre sie, wie ihr ganzes Volk, entschlossen, für die Integrität des gemeinsamen Vaterlandes, für Freiheit und Unabhängigkeit alle Kräfte ^ufznbieten, und dafür weder Gut noch Blut zu schonen. Sie hätte daher ihrem Obersten Befehl eriheilt, so lange mit seinem Ncgimente zu Langenthal und den übrigen Standpunkten zu verbleiben, bis man oernommen habe, unter welche» Bedingungen die Schweiz den Frieden mit der fränkischeirRepublik beibehaltcn könne. Luzern drückte in eben diesem Schreiben seine Gessnnungen gegen den Kanton Schwyz sehr zweifellos aus: „es sei überzeugt, daß das gesammtc schweizerische Volk nur dann für die Vertheidigung der bedrohten Stände mit wahrer Einmüthigkeit gegen das Ausland stehen würde, wenn demselben in allen aristokratischen Ständen durch unverzügliche Errichtung der Volksregierung unzweideutig dargethan wäre, daß dasselbe nicht mehr weder für verhüllte noch unverhüllte Aristokratie, sondern für Freiheit, Vaterland, Sicherheit der Person und des Eigenthums streite." „Beim Heil des Vaterlandes", fuhr Luzern zu den Schwyzern fort, „beschwören wir euch, eine der »nserigen ähnliche Erklärung an jene Stände zu thu», wo es nöthig sein möchte, damit endlich das bewirkt werden könne, was die Noth fordert, und wodurch aller scheinbare Vorwand zu fremden Angriffen wegfalle. Denn so. lange dies nicht geschieht, bleiben Volk und Regierung in Gesinnungen und Interesse getrennt, und das Vaterland würde von innerer Zwietracht und äußerm Kriege unfehlbar zerrüttet werden." 84 8 . Es scheint hier der Ort zu sein, cinschaltungsweise dasjenige zn erzählen, was in Bern und bei dessen verschiedenen Heerabtheilungen geschah?) Schon im Christmond 1797 hatten die Franzosen unter dem Brigadegeneral St. Chr das St. Jminerthal oder Erguel des Bischofs von Basel besetzt, und dies hatte Bern bewogen, einige Tausend Mann zur Beobachtung der Grenzen daselbst, in Arberg, Buren, Nidau und Erlach, aufzustellen, über welche der General von Erlach den Oberbefehl empfing. Bald nach diesem wurde» sechs Bataillone anfgeboten und dem Obersten von Grafenried anvertraut, um dem Obersten Weiß zur Zähmung des Waadtlandes hilfreich zu werden. Aber schon war dagegen eine französische Macht von 15,009 Mann unter dem General Mcnard in die Landschaft Ger vorgerückt. Grafenried hatte sei» Hauptgelager zu Avenches (Wifflis- burg) genommen. Oberst Weiß befand sich zu Jferten. Sobald Grafenried in Avenches ankam, schickte er dem Oberste» von Weiß zwei verschiedene Eilboten nach Jferten mit umständlichem Berichte über die ihm aufgetragenen Befehle; er bekam aber keine Antwort, und blieb in gänzlicher Ungewißheit. Nach.drei Tagen langte Weiß selbst in Wifflisburg an; die Ursache seiner unvcrmutheten Erscheinung war folgende: General Menard hatte den 25. Jänner seinen Adjutanten Anti er nach Jferten, an den Obersten Weiß mit der Anzeige gesandt, daß, wenn er nicht Plötzlich die zusammengezogenen Trup- *) Die Erzählung dieses Abschnittes ist aus den Berichten einiger Augenzeugen gesammelt, welche in denselben Begebenheiten Hauptrollen gespielt habe». SS gen entlassen, und das unabhängig erklärte Waadtland räumen wurde, werde er ihn an der Spitze seiner Division dazu zwingen. Der Adjutant fuhr in einer Kutsche, begleitet von zwei fränkischen Husaren und einem Paar waadtländischcn Dragonern, durch das Dorf ThierrcnS, unfern LucenS, des Nachts gegen zehn Uhr. Dort war eine Dorfwache von Einwohnern, welche die Begleitung des Adjutanten anrief, und auf nicht erhaltene Antwort dessen Wagen anhälten wollte. Die Husaren zogen den Säbel, die Bauern gaben Feuer. — Beide Husaren fielen todt zur Erde, und ein waadtländischer Dragoner ward verwundet. — Der Adjutant Autler sprang aus seinem Wage», flüchtete zu Fuß nach Milden, schickte von da aus seine Depeschen an den Obersten Weiß, und kehrte zum Generäl Menard zurück, der Tags darauf mit seiner Division in die Landschaft Waadt einrückte. — Diese Begebenheit ist nicht ganz richtig in französtschen Blättern «»gezeigt worden. In denselben heißt es, cs sei in diesem Dorfe ei» Piguet Bernertruppen gewesen, die de» unerwartete» Angriff, ohne das Begleit vorher auzurufen, verübt hätten. Dies ist aber fasch, denn die Berner waren nicht weiter als bis Avenches vorgerückt, »vd die Thäter dieses unglücklichen Angriffs-, als sie ihren Jrrthum erkannten, stellten sich freiwillig sogleich in die Gefangenschaft von Lausanne, damit dem Dorfe Thierrens kein Unglück zugesügt werde. Diese Ereignisse und Menards drohender Ton machten solchen Eindruck auf den Obersten von Weiß, daß er für gut fand, Jferten auf das schnellste zu verlassen. Er kam also ganz allein in Avenches an, und gab Befehl, daß alle vorgerückte Truppen auf das deutsche Bernergebiet zurückkehren sollten. — Er selbst nahm seinen Weg nach Bern. Grafenried traf also die nvthigen Anstalten zum Abmarsch, und da er noch gleichen Abends ein Schreiben vom Kriegsrathe zu Bern erhielt, der ihm dasselbe befahl, zog er in der Nacht ab. 86 Die Truppen verlegte er in und bei Murten. Er selbst ward auch nach Bern berufen, um fernere Befehle zu erwarte». Die Ursache, derentwillen auch der Kriegsrath von Bern den Abmarsch befohlen hatte, war ein Schreiben der Tagsatzung zu Aarau an die Zweihundert von Bern gewesen, worin inan das Verlangen äußerte, daß Bern keine Gewaltthätigkeit zur Wiedererlangung der alten Ordnung der Dinge im Paps de Vaud verüben, sondern alles der Zeit und den Umständen überlassen sollte. Dieses Schreiben von Aarau war durch die Schilderung bewirkt worden, welche die zwei eidgenössischen Repräsentanten zu Lausanne, Statthalter Weiß von Zürich und Landammann Weber von Schwyz, der Tagsatzung über das Waadtland mitgctheilt hatten. Meng and wohnte der helvetischen Tagsatzung bei. Sobald dieselbe den 1. Hornung aus einander gegangen war, errichtete Aarau die Freihcitsbäumc; dasselbe thaten auch die nächstgelegenen sogenannten freien Remter und das Thurgau. Zwischen dem 18. und 31. Jänner nahm der ganze Kanton Basel freiwillig die repräsentative demokratische Verfassung an. Indessen vermehrten sich von Tag zu Tag die fränkischen Truppen im Er- gucl und Bisthum Basel. Bern verstärkte seine Macht ebenfalls in dieser Gegend, und gab dem B. Grafenricd, der als Mann von Entschlossenheit bekannt war, Befehl, sich nach Büren zu begeben, und die Leitung der in diesen Gegenden stehenden Truppen zu übernehmen. Der Monat Hornung verstrich mit Verhandlungen zu PSterlingen und Basel, und mit Truppenvermehrungen ans den beiderseitigen Grenze». Zu Peterlinge» war General Brüne angekommen, sowohl als Obcrgeneral der fränkischen Truppen, als auch mit aller politischen Vollmacht vom fränkischen Direktorium versehen. In Basel war Mcngaud, der gleiche Vollmacht zu haben schien, und an den man auch, besonders wegen Aarau, Ab- 87 geordnete sandte. Diese Stadt nämlich war einige Tage später, nachdem sie die Freiheitsbäume errichtet hatte, von dem Berner- Oberst von Büren mit einem Paar Bataillons besetzt worden, und die Einwohner wurden entwaffnet. Von diesen flüchteten einige nach Basel, und baten Mengaud um Hilfe. Derselbe ergriff de» Anlaß, nicht nur eine gänzliche Genugthunng von der Regierung von Bern zu fordern, sondern auch, daß sie ganz unbedingt ihre Gewalt niederlege. — Merkwürdig ist es, daß zu eben der Zelt Grafenried ein Schreiben von dem Kriegsrath von Bern erhielt, mit dem Berichte des Geschehenen, und dem Beifügen, Oberst von Büren habe Alles ohne Vermissen und Befehl des Krtegsraths verrichtet, man habe deswegen an seine Stelle den Obersten von Wattenwyl gesetzt. Nichts desto minder führte Oberst von Büren seine gehabte Befehlshaöerschaft immer fort. Unter diesen Umständen fand die Regierung von Bern gut, die Landesausschüsse den 1. Hornung zusammenzuberufen, um gemeinschaftlich mit dem ganzen Lande über die Lage desselben zu berathen, und zugleich an einer Abänderung in der Regicrungs- form zu arbeiten. Es geschah auch den 3. Hornung eine feierliche Eröffnung an das Volk, daß diese Abänderung binnen Jahresfrist vor sich gehen werde, daß die Negierung von Bern ihre Gewalt niederlegen, und eine demokratisch-repräsentative Verfassung annehmen würde. Allein htcmtt waren die fränkischen Bevollmächtigten nicht zufrieden. Sie begehrten, daß die Nicderlegung aller Gewalt sogleich geschehe. Dies war cs, was Bern nicht konnte, nicht wollte, nie zu thun gesinnt war. Das Patriziat bcharrte aufseine Rechte und rief die übrigen Kantone nm bundesmäßige Hilfleistung an. — Ihrer inner» Stürme ungeachtet kamen auch um die Mitte Hornungs 1400 Zürcher, 400 Glarner, 300 Urner, 800 Schwy- zcr, 600 Unterwaldner und 100 Mann von der Stadt St. Gallen auf deutschem Berncrgebiet an. — Gegen das Ende des Monats stellte auch Luzer» 1200 Mann aus die Grenzen; die Hilfstruppen von Schaffhausen und Appenzell hingegen waren erst im Anzuge, als der Schlag, der Bern stürzte, schon geschehen war; Solothurn und Frei bürg bewaffneten sich so gut sie konnte», doch waren die deutschen und welschen Freiburger nicht einig; — die Letzter« thciltcn schon mit den Waadtländern den Wunsch zur Freiheit. Unvermuthct nahm General Schauenburg, der nun das Kommando über die französische Armee im Bischof-Baselische» führte, den 8. Hornung Besitz von Biel; — diese Stadt war ein zugewandter Ort der Eidgenossenschaft, hatte Sitz und Stimme auf Tagsatzungcu, auch noch durch Abgeordnete zu Aarau die Erneuerung des Schweizerbundes beschwören lassen. Einige Tage nach diesem Ereignisse ward dem geheimen Rath und dem Kriegsrath zu Bern von seinen einsichtsvollsten Diener» ein Entwurf vorgelegt, mit der Deutung, daß wenn man wider Vermuthen keine Nebereinkunft mit den Franzosen abschließen könne, man nicht länger zögern, sondern angriffsweise zu Werk schreiten solle; — noch scie Schauenburg nicht über 8000 bis 9000 Mann stark, vermehre sich aber täglich, und wenn man seinen Angriff abwarten wolle, würde Alles verschlimmert werden. Die Berner sollten unter dem Obersten von Büren, die Solothurner unter dem General Altermat auf verschiedene Standpunkte vorrücken; sobald sie an ihrem Bestimmungsorte angekommen wären, sollte eine letzte Aufforderung an den General Schauenburg ergehen, den Schweizerboden binnen vierundzwanzig Stunden zu räumen. — Würde er solche abschlagen, sollte er plötzlich auf allen Seiten, von hinten durch das St. Joseph- oder Ballstallerthal, gegen Pierre Pertuis — über den Fallern und Tessenberg gegen Rüchenette, von Grenchen und Lengnau gegen Peterlin- 89 gen, und, von Büren, Gottstadt und Nidau aus, gegen Peterltngcn, Biel und Bötzingcn gedrängt werden. Der Landsturm sollte ergehen, um die vorgerückten Truppen zu ersetzen, oder bei einem Rückzug zu unterstützen. Der Kriegsrath legte den Plan bei Seite. Die Unterhandlungen hatten ihren Fortgang; Alles schwebte zwischen Furcht und Hoffnung. Doch schien es, als ob die Regierung von Bern niemals von Erfüllung der fränkischen Drohungen überzeugt war. Den 15. Februar schloffen ihre Abgeordneten förmlichen Waffenstillstand mit General Brüne für vierzehn Tage, um während dieser Frist Alles, wo möglich, noch gütlich beizulegen. Die Grundlage von Brüne's Begehren war die ungesäumte Annahme der schon entworfenen Verfassung einer helvetischen Republik. Die Antwort der Abgesandten war: man glaube, die am 3. Hornung an das deutsche Berngebiet erlassene Verkündigung entspreche genugsam den fränkischen Forderungen, weil kraft dieser die repräsentative Verfassung in Jahresfrist solle angenommen werden. In dieser Zeit, und zwar am 21. Hornung, erschien eine Abordnung von der Nationalversammlung in Basel; Wernhard Huber und Lukas Legrand waren Glieder derselben. Ihre Abficht war, durch ernste Vorstellungen Bern zu bewegen, die Herrschaft niedcrzulegeu, und einen verderblichen Krieg von den Grenzen HelvetienS zu entfernen, da, was Frankreich forderte, Wunsch jedes freien Schweizers sein müsse — Freiheit und Gleichheit. Allein umsonst waren die Vorstellungen der Basler. Mit größerer Begeisterung wurde am 26. Hornung der Oberbefehlshaber von Erlach empfangen. Er erschien mit kriegerisch-prangendem Gefolge von Offiziere» vor dem Rathe der Zweihundert und den Ausschüssen der Landschaft. Er schilderte mit Beredsamkeit die Lage des Kantons, die Kampflust der Soldaten, und begehrte, für das Wohldes Ganzen, unumschränkte Vollmacht, beim Auslaufe des Zsch. Ges. Schr. 31. Thl. 4* 9 » Waffenstillstandes nach Gutbcfindcn handeln zu können. Von denen der Zweihundert blieb keiner, der ihm nicht Beifall gab; allein von den Landesausschüssen waren die Bürger Strauß von Lenzburg und Schnell von Bnrgdorf anderes Sinnes. Strauß sagte: Er werde niemals zu Krieg stimmen, bis dse Regierung von Bern ihre Gewalt niedergclegt habe; wenn nach dieser Handlung Frankreich noch mehr verlange, so werde er sich zu Allem willig, und bereit finden lassen; dies sei seine Instruktion, die auch abgclesen wurde. Ihm folgte Schnell von Burgdorf in der gleichen Meinung. — Als abgestimmt werden sollte, entfernten sich Strauß und Schnell. — Es wurde von der ganzen Versammlung mit einhelligem Stimmenmehr dem Obergeneral von Erlach die verlangte Vollmacht zugesprochen. Erlach eilte nun mit seinem Gefolge nach Aarberg zurück. Ehe aber noch die versammelten Näthe aus einander gegangen waren, trat ein Adjutant des Generals Brüne vor die Versammlung, und sagte: Brüne habe erweiterte Vollmacht von Paris erhalten, und wenn man noch unterhandeln wollte, solle man mit unumschränkter Vollmacht versehene Männer nach Peterlingen senden. Diese wurden auch folgenden Tages gesandt. — Nach einigem Hin- und Hcrreden gab aber Brüne sein letztes Wort: Daß ohne Verzug die bestehende Regierung ihre Staatsgewalt in die Hände einer sogleich niederzusetzendcn provisorischen Regierung ablegen solle. — Die künftige Staatsverfassung sei gänzlich nach den Grundsätzen der Freiheit und Gleichheit einzurichten. — Alle wegen politischer Meinung Verhaftete-sollen losgelaffen werden. — Zurückziehung und Entlassung aller Schweizer-Hilfstruppen und der bewaffneten Miliz. Wären diese Bedingungen erfüllt, würden sich die Franken vom Schweizerboden zurückziehen und ihn nicht mehr betreten, insofern ihre Hilfe von der neuen Regierung nicht begehrt werden würde.— Für Ja oder Nein hierüber gab er den Abgeordneten Zeitfrist von 9t — sechsunddreißig Stunden — oder bis den 1. März des Nachts um zehn Uhr. Gleich nach ertheiltcr Vollmacht an den Obergeneral von Erlach, hatte indeß die Regierung eine Kommission niedergesctzt, die, im Fall des Kriegsausbruchs und unglücklichen Erfolgs, mit den Franken kapituliren solle, damit die Stadt nicht im Sturme übergehe. Bei diesem Anlässe sagte der stark- müthige Schultheiß Steiger: „Ihr wißt alle, daß seit dem Anfänge der französischen Revolution ich den Charakter, die Grundsätze und Thaten der Neusranken verabscheut habe; ich begehre weder Gnade noch Ungnade von ihnen. Ich begehre von solcher Kapitulation gänzlich ausgeschlossen zu sein, und daß dies mein Begehren dem Rathsbuche eingezeichnct werde." Sobald inzwischen der Obcrgeneral Erlach in seinem Haupt- gelagcr Aarberg angekommen war, berief er (den 27. Hornung) die Kommandanten der drei Berner Divisionen, nebst ihren Adjutanten zu sich. — Die Division vom rechten Flügel befehligten General Altermat und Oberst von Büren, doch unabhängig von einander; der erstere die Solothurner, bei welchen auch einige Berner Bataillone standen, der letztere die Berner, so in den Gegenden von Wangen, Aarwangen und Aarburg waren. Grafenried führte die Division der Mitte; und Wattenwyl die des linken Flügels, so bei Güminnen stand und sich bis Freiburg erstreckte. Diese drei Divisionen konnten höchstens 20,000 Mann stark sein. Als nun die Befehlshaber, ausgenommen General Nlter- mat und Oberst von Büren, versammelt waren, theilte ihnen Erlach seinen Angriffsplan mit, nach welchem den 2. März des Morgens um 4 Uhr die Franken in allen ihren Stellungen sowohl gegen das Waadtland, als gegen das Bisthum Basel angegriffen werden sollten. Der Angriff der Divisionen vom rechte» Flügel und des Zentrums war nach dem nämlichen Plane geordnet, welcher 82 dem Kricgsrathe früher schon vorgelegt worden. Die vom linken Flügel sollten in drei Kolonnen angreifcn, — auch von Freiburg aus sollte eine Kolonne verrücken — und Oberst Tscharner, der zu Ormont ei» abgesondertes Korps kommandirtc, von da aus gegen die Franken in Achlen ziehen, alles um die nämliche Zeit und Stunde. — Da nun aber Niemand von der Division des rechten Flügels zugegen war, so gerieth der Kriegsrath in Verlegenheit. — Doch ehe er noch aus einander ging, traf Nachmittags der Oberst Wattenwhl als Abgeordneter des Obersten von Büren ein. Nachdem er Plan und Zeit seiner Ausführung erfahren, erklärte er: seine Division liege allzu zerstreut hin und her, um " sie in so kurzer Frist zusammenziehen und an ihre Bestimmungsorte bringen zu können. — Dennoch werde er das Möglichste thun. Man solle aber erwägen, daß Aarberg neun bis zehn Stunden von dem Standpunkte entfernt liege, und wie vieler Zeit es noch bedürfe, um bei seiner Rückkehr die nöthlgen Befehle auszufertigen. Auffallend ist, daß der General von Erlach nicht einmal ein Verzeichniß von der Vertheilung des gesummten Kriegsvolkes in den verschiedenen Ortschaften besaß; sonst hätte er Zeit und Umstände besser berechnen können. Inzwischen wurde aber noch zu Bern über das Ultimatum des Generals Brüne berathschlagt. Man wollte es mit einigen Milderungen annehmen; schickte demnach Befehl an Erlach, alle Feindseligkeiten zu vermeiden, und ließ dem General Brüne melden, daß Abgeordnete von Bern bet ihm anlangcn würden, um alles zu beendigen.— Die Vorbehalte der Berner bestanden darin, daß die gegenwärtige Negierung sich als provisorisch erklärte; daß die Urversammlungen binnen Monatsfrist, vom Rückzüge beiderseitigen Truppen an gerechnet, zusammenberufen werden sollen; — daß man den Grundsätzen der Freiheit und Gleichheit, und der Vereinigung der ganzen Schweiz beitrete, jedoch ohne fremde Einmischung. 93 'H Die Abgeordneten reifete» nach Peterlingen, kamen aber, von den Vorposten aufgehalten, spät daselbst an. Zwar die Waffcn- stillstandsfrist war noch nicht ganz verstrichen, noch war es nicht zehn Uhr Nachts, aber Brüne weigerte sich, die Berner jetzt vorzulassen. Die Gesandten sahen die fränkischen Truppen überall in Bewegung, und kehrten über Aarberg unverrichteter Sachen nach Bern zurück. — Als an diesem letzten Tage des Friedens (am 1. März) der Obergeneral von Erlach den Befehl von Bern erhalten hatte, alle Feindseligkeiten einzustellcn, theilte er denselben durch Eilboten an die Anführer der drei Divisionen mit; aber die Feldherren erhielten ihn erst spät Abends, besonders die in den entfernter» Gegenden. Uebcrall waren schon Anstalten zum Angriff geordnet; viele Truppen in Bewegung. Man sandte nun Eilboten umher, Erlachs Gegenbefehl kund zu thun. Viele Schaaren mußten Halt machen, viele sich znrückziehen. Ucberall ward Unordnung. Was die Verwirrung vergrößerte, war die Uneinigkeit oder das Mißverständniß verschiedener Befehlshaber selbst unter einander, indem entweder ihre Eilboten zn spät oder gar nicht eintrafcn. Ein unglückliches Beispiel dieser Art liefert der Vorfall zwischen dem Obersten Büren und dem Kommandanten Grafcnried. Letzterer empfing des Vormittags um 11 Uhr ein Schreiben von jenem aus Solothurn, mit Anzeige, er habe gehört, es sei ein Geplänkel im St. Josephsthal vorgcfalien, deswegen habe er zwei Bataillone auf den Weißenstein steigen lassen. Grafcnried, unwillig, schrieb soleich zurück, daß folgender Tag zum allgemeinen Angriff bestimmt sei, und diese zwei Bataillone die Angriffskolonne von Lengnau zu unterstützen unumgänglich nvthig wären; er bitte also, sie plötzlich zurückzuberufen. — Büren that aber nichts von diesem, sondern ließ die Mannschaft auf dem Weißenstein im tiefen Schnee stehen. Der Weißenstein ist einer der hohen Gipfel des Jura oder Leberbergs, und liegt in paralleler Linie mit Solo- 94 thurn. Auch zog keineswegs Büren, dem Angriffsplane gemäß, seine Division zusammen. Den nämlichen Tag, Abends um sechs Uhr, schickten die in der Stadt Büren gelegenen drei Kompagnien Infanterie und eine Kompagnie Jäger Abgeordnete an Grafenried: sie vermuthen, er habe Angriff im Sinne, erklären also, daß keiner von ihnen einen Schritt auf das bischof-ba- selische Gebiet thun werde. Grafenried antwortete: er sei ihnen nicht schuldig zu sagen, was er im Sinne habe; er hoffe, daß sie Gehorsam leisten werden, sonst müsse er sie als Verräther des Vaterlandes ansehen. Da eigentlich die Besatzung zu Büren nur bestimmt war, eine Diversion gegen Reiben zu machen, die fränkischen Truppen dort durch heftiges Feuer zu beunruhigen, und an die Aar zu ziehen, damit den von Lengnau aus angreifenden Kolonnen eine Erleichterung verschafft werde, scheint Grafenried erwartet zu haben, daß, wenn sie ihre Waffenbrüder vorgerückt, und mit den Franken im Gefecht sähe, sie auch ihrerseits dennoch vorrücken werde. Inzwischen war der Befehl bei dem Berner Heere verbreitet, wegen neu begonnener Unterhandlungen die Feindseligkeiten zu unterlassen. Niemand erwartete also Angriff von den Franken. Wenn vom Hauptquartier zu Aarbcrg, bei der Zurückkehr der Abgeordneten aus Peterlingen, sogleich an die Befehlshaber in Nidau und Büren Eilboten abgesandt worden wären, würde vielleicht noch Zeit gewesen sein, die Stellungen von Lengnau bis Solothurn zu unterrichten, daß sie nicht unvermuthet überfallen würden. Den 2. März, gegen drei Uhr Morgens, hörte man aber in Büren schon die Kanonen und das kleine Gewehrfeucr in der Gegend von Lengnau. Die Besatzung von Büren trat sogleich unter Gewehr. Der Artilleriekommandant Koch ließ zehn bis zwölf Lärm- schüffc thun, alle in den benachbarten Ortschaften stehende Truppen aufmerksam zu machen. Grafenried schickte Eilboten ins Haupt- 85 quartier zu Aarberg / Verhaltungsbefehle zu fordern. Weil indeß die im Dorfe Reiben stehenden Franken keinen Schuß auf Büren richteten, glaubte Grafenried, dem empfangenen Befehle gemäß, keine Feindseligkeiten ausüben,zu dürfen, bis er Aufschluß wegen des Gefechtes bei Lengnau erhalten haben würde, welches - aus Mißverständniß entstanden sein konnte. Deswegen sandte er auch den Adjutanten Wyß, mit einem Trompeter, in Begleitung fränkischer Husaren, die zu Reiben standen, an den General Schauenburg. Bis zu seiner Rückkehr schlug der fränkische Befehlshaber von Reiben Waffenstillstand vor, den Grafenried annahm, in der Hoffnung, indessen Verhaltungsbcfehle zu erhalten. — Diese Zwischenzeit benutzten aber die Franken zu Reiben zum Aufwerfen von Brustwehren und Batterien; dies und die Einstellung der Feindseligkeiten beunruhigte die Berner Truppen um so mehr, da man durch die allmälige Entfernung des Kanonenfeuers gewahren konnte, daß die Schweizertruppen wichen und sich gegen Solothurn zurück- zogcn. Als nun der Adjutant zurückkam, brachte er die Antwort: Der Kommandant zn Nidau, Oberst Groß, habe dem fränkischen Obergeneral Schauenburg kund thun lassen, der abgeschlossene Waffenstillstand sei den 1. März des Abends um 10 Uhr zu Ende, und die Feindseligkeiten werden Anfang nehmen; dem zufolge habe Schauenburg gut befunden, zuvorzukommen, und selbst anzugreifen. Daß aber der Angriff der Franken schon voraus bestimmt war, beweiset der zu gleicher Zeit geschehene Angriff des Generals Brüne auf Freiburg. Gleich nach der Ankunft jener Nachricht in Büre», begann das Gewehr- und Kanonenfeuer von beiden Seiten sogleich. Das Dorf Reiben, welches die Franken besetzt hielte», steht an der linken Seite der Aar, die Stadt Büren auf der rechten Seite, von jenem nur durch den Fluß gesondert, über welchen eine hölzerne Brücke führt. Die Franken hatten weit mehr Fußvolk, die Berner hingegen mehr schweres Geschütz; die Lage von Büren ist anch vor- theilhaftcr als die von Reiben, weil ste dieses Dorf beherrscht, so daß das Kanonenfeuer der Berner wirksamer war, als das der Franken. Diese litten starken Verlust, die Berner zählten nur wenige Todtc und Verwundete. Der Artilleriekommandant Koch gab bei dieser Gelegenheit Proben von Tapferkeit nnd Kenntniffen, welche den Mnth der Berner erhoben. Gegen 10 Uhr kam Nachricht, daß die Schweizer ans der linken Aarseite gänzlich geschlagen, die Solothurner in Uebergabe ihrer Stadt begriffen, die Franzosen Meister der Schiffbrücke zu Leusligcn, zwei Stunden unterhalb Büren, wäre». — Weil Büre» hierdurch rechts bedrohet Wurde, zog Grnfenricd ein zn Dotzigen gestandenes Bataillon, und die zu Rrch nnd Nüti ausgestellten Kompagnien an sich — nnd nahm Stellung bei Oberbüren, weil dort ajlc Wege aus den rechts und links gelegenen Dorfschaften zusammenlaufen, und durch Besetzung dieses Punktes die Verbindung der im Rücken liegenden Truppen gesichert wurde. Zu Büren ließ er zwei Kompagnien Fußvolks zurück, nebst Artillerie. Da er von dem Kriegsrath von Bern einen Wagen mit Brcnnzeug erhalten hatte, um im Nothfall zur Beschirmung der Stadt und der umliegenden Gegend die Aarbrückc in Brand zu stecken, ließ er denselben bei seinem Abzug auf die Brücke stellen, mit Befehl, ihn anzuzünden, wenn Noth vorhanden sei; denn noch hatten die Franzosen keinen Stnrm gegen die Brücke gewagt. Einen Ausfall zu thun, wäre nicht rathsam gewesen, weil die Franken, zweiundzwanzig Kompagnien stark, hinter den Häusern von Reiben darauf zu warten schienen, und in einer kleinen Entfernung ein Korps Kavallerie stehen hatten. Als Adjutant Whß, dem das Geschäft wegen Abbremiung der Brücke anvertraut war, sah, daß die Franken sich vermehrten, 97 D und anrückten, ließ er die Brücke »»zünden. Die Abbrennung der Brücke von Büren hat nachmals viele Klagen veranlaßt. Allein hätte der Adjutant den Sturm abgcwartet, um erst alsdann' anzuzünden , wäre dieses durch das von beiden Seiten auf die Brücke gerichtete Kartätschen- und Flintenfeuer unmöglich worden. Während die Brücke aufloderte, fingen auch einige Gebäude in Reiben an zu brennen. Sie hatten alle, ausgenommen zwei, Strohdächer. Die Franken schossen aus den Häusern und unter den Strohdächern hervor. Auch in diese bohrten sie Schießlöcher. Das Kanonen- und Gewchrfeuer ging indessen äußerst lebhaft ununterbrochen ans beiden Seiten fort. Zu verwundern war cs, daß die Franzosen mit ihrer Reiterei nicht oberhalb Büren über die Aar setzten, da das Wasser sehr klein war. Auf der rechten Seite der Aar zeigten sich nur in der Ferne von LeuSligen her feindliche Streifwachten. In dieser Stellung bekam Grafenried erst (gegen 3 Uhr Nachmittags) Antwort vom General Erlach, der an demselben Morgen nach Bern gerciset, und nun nach Nar- berg zurückgekommen war. Diese Antwort, auf einem Blättchen Papier, war der letzte Befehl des unglücklichen Feldherrn. Sie enthielt den Wunsch, daß Grafenried eine Diversion gegen Solothurn machen sollte. Aber Solothurn war längst schon von den Franken besetzt; alle Schweizertruppen auf der linken Aarseite waren geschlagen, gefangen, zerstreut, und — wenn Grafenried alle unter seiner Anführung stehende Mannschaft zusammenzog, konnte er höchstens 2000 bis 3000 Mann sammeln. Diese Bemerkungen sandte der Befehlshaber an den General Erlach. Zu bedauern waren an diesem Tage besonders die Truppen zu Leng- nau, meistens Fußvolk und Jäger aus dem Kern der oberländischen Mannschaft, angeführt durch die erfahrensten Offiziere der bernerischen Landwehr. Sie sollten die Angriffskolonne von Lengnau und Nomont bilden. Zsch. Ges. Schr. 34. Thl. S Im Dorf Lcngnau selbst konnte man sich unmöglich verthcidi- gen. Es ist ein großes, an dem Fuß eines Berges und an den bischof-baselischcn Grenzen liegendes Dorf, also nur dienlich, Trust- Pen dahin zn verlegen, die nach Erlachs Plan zum Angriff bestimmt waren. Der des Nachts (vom t. auf den 2. März) dahin gekommene Gegenbefehl verursachte zu viele Sicherheit, so daß dieses Dorf von den Feinden nmgangen, und die auf den Anhöhen zu seiner Sicherheit stehende Solothurner Mannschaft aufgehoben ward, ehe ein Schuß geschah. Die Berner waren dort also umzingelt, unvermnthct mit der überlegensten Macht ans allen Seiten angegriffen, und nirgends unterstützt worden. Lange vertheidigten sie sich mit der ausgezeichnetsten Tapferkeit, und konnten sich auch an einigen Orten durchschlagen. Nach diesem Postengefecht hatten die Franken bis Solothurn nur geringen Widerstand. Alles, wenige Bataillone ausgenommen, befand sich in voller Unordnung. Als die Franzosen vor der Stadt Solothurn erschienen, unterhandelte sogleich der Solothurner General Altermat. Das Kanonen- und Gewehrfeuer dauerte indessen noch zwischen Büren und Reiben fort, bis dieses Letztere fast gänzlich abgebrannt war, und sich die Franken zurückzogen. In Büren selbst wurden noch durch die Flammen der Brücke fünf Häuser eingeäschert. Gegen 5 Uhr bekam der Befehlshaber von Büren Aufforderung vom General Nonvion, er solle die Stadt übergeben, sonst würde kein Stein auf dem andern bleiben. Grafenried antwortete: Er werde Büren vertheidigcn, so lange er könne und solle. Indessen war die Stellung zu Büren, nach der Einnahme Solothurns, mißlich geworden; die rechte Seite nicht mehr durch Schweizertruppen gedeckt. Es ward dem Feinde leicht, den Punkt ganz zu umgehen. Die Stadt selbst war theils zu klein, um alle Truppen zu fassen, theils auf beiden Seiten offen. Grafenried konnte also im Ernst nicht daran denken, sich hier zu behaupten, gg ohne alle Mannschaft dabci aufzuopfern. Er ließ daher Geschütz und Gepäck rückwärts nach Schüpfen ziehen und machte sich fertig, demselben folgen zu können. Am Abend aber erhielt er von der Kriegskanzlei Befehl, mit seinen Truppen eiligst auf Bern zu ziehen. Da Freiburg und Solothurn von den Franken besetzt, deren Vorposten schon bei Neuenegg und diesseits Solothurn standen, war man eines Angriffs auf den folgenden Tag gewiß. Grafenried kam den folgenden Morgen um 3 Uhr bei Bern an. Seine Truppen wurden um die Stadt herum verlegt; — die meisten aber nach dem Grauholz beordert, den General von Erlach zu verstärken, der sich jetzt mit einem Theil des Kriegsvolkes aufgestellt. Sonntags den 4. März legte die Regierung von Bern endlich ihre Staatsgewalt nieder, und es wurde eine provisorische ernannt. Sin demselben Tage wurden die zwei Obersten Stettler und Rhchener bei Bern von ihren eigenen Leuten, die bei Neuenegg und Laupen standen, und in großer Unordnung umherschwärmten, erschossen. Die Soldaten schrien über Verrätherei, und ermordeten in ihrer Wuth jene Unglücklichen, als dieselben nach Bern eilen wollten, Verhaltungsbefehle einzuholen. An die Stelle des ermordeten Rhchener wurde Grafenried ernannt, mit Befehl, sich dem Feinde bei Neuenegg entgegen zu stellen. Er ging dahin ab an dem nämlichen Tage. Abends um 4 Uhr fand er seine Truppen, aber in einer Lage, daß er schwerlich von Siegen träumen durfte. Die meisten Soldaten hatten sich in Wein und Branntewein berauscht; schwärmten unter einander umher; Niemand konnte hier befehlen, Niemand gehorchen. Da aber noch eine wackere Kompagnie Freiwilliger von Zofin- gen, und eine von der Bürgerschaft von Bern ankamen, so stellte er diese nebst einer Grenadierkompagnie zu Bewachung der Brücke »nd längs den Ufern der Sense auf. — Neuenegg selbst besteht 100 aus wenige» Häusern, die in der Tiefe des Thals au der Sense- brücke liegen. Die Sense machte die Grenzscheide zwischen den Kantonen Bern und Freiburg, und konnte damals leicht durchwatet werden. Da übrigens das Land ans der Bernerseite sehr offen ist, war dieser Punkt mit so wenigen Truppen, nngefähr 2000 Mann, schlecht zur Bertheidigung gewählt. Dem Befehlshaber blieb daher nichts übrig, als eine bessere Lage zu wählen, und zwar vorwärts zu gehen, um dem Mißvergnügen der Soldaten vorzubeugen, welche in jeder Verzögerung Verrätherei erblickten. Die vornehmsten Ursachen, derentwillen sich die meisten Soldaten über ihre Befehlshaber beklagten, waren, daß den 2. März bei dem Angriff ans Lengnau verschiedene Bernerschaaren nnthätig blieben, weil sie keinen Befehl hatten. Eben so mußten die zwei Berner Bataillons, die auf dem hohen Weißcnstein im tiefen Schnee standen, unthätig sehen, was ihren Waffenbrüdern in der Tiefe geschah, ohne helfen zu können. — So waren noch zwei andere Berner Bataillons in guter Ordnung bei Solothurn, als Solothurn schon kapitnlirte. So sahen einige Bernertruppen, die sich durch Solothurn zurückzoge», daß man sie nicht nur beschimpfte, sondern sogar auf sie schoß. — Ein anderer Hauptgrund des Unwillens war die Unthätigkeit seit Einnahme von Solothurn und Freiburg, da die Truppen, drei Nächte bei kaltem Wetter unter freiem Himmel gestanden, ohne zu wissen, was vorging, oder noch Vorgehen solle. — Grafenried entwarf mit seinen Stabsoffizieren, am folgenden Morgen vorzurücken, alle Truppen von Neuenegg und Laupen in einem freiburgischen Dorfe zu vereinen, und gemeinschaftlich gegen Freiburg zu gehen. Auch die Mannschaften von Gümminen sollten angriffsweisc verfahren, und gegen Murten Vordringen. In der Nacht wurde dieser Plan nach Laupen geschickt, eine Stunde unterhalb Neuenegg, und von da nach Gümminen, um 101 —— die Kommandanten zu bewegen, den Angriffsplan zu genehmigen und zu befolgen. Nm halb zwei Uhr Morgens brachte eine Streifwache Bericht: sie habe großes Geräusch, das sich nähere, und Gewehrfeuer gegen Laupen gehört. Alle Offiziere verfugten sich plötzlich an ihren Bestimmungsort, und wenige Minuten darauf fiel schon eine Haubitzgranate auf ein Hans zu Neuenegg; dies war das Losungszeichen zum Angriff. Die Feinde waren mit zwei Bataillonen eine halbe Stunde oberhalb Neuenegg, und mit zwei Bataillonen unterhalb Neuenegg über die Sense gegangen, indem sie zu gleicher Zeit mit zwei Bataillonen den Ort selbst über die Brücke anfielen, so daß die Berner auf beiden Flügeln und vorn mit Uebermacht angegriffen waren. Ueberdies wurde von den jenseitigen Anhöhen des Freiburgergebiets ein starkes Haubitzen- und Kartätschenfeuer gegen das bernerische Lager gerichtet. Grafenried ließ die auf den Flügeln gelegenen Truppen rechts und links aufstellen und Neuenegg verstärken. Er selbst stellte sich mit einiger Mannschaft in die große Straße, die von diesem Ort nach Bern geht. In dieser Stellung vertheidigten sich die Berner eine kleine Stunde; die Freiwilligen von Zofingen und Bern, und die Grenadierkompagnie des Bataillons Sternenberg thaten Wunder der Tapferkeit und hielten die Kolonne der Franken an der Brücke lange Zeit auf, bis die Feinde mit einem Reitergeschwader links und rechts durch das Wasser setzten. — Die Gegenwehr auf den Flügeln dauerte kürzer. Die Mannschaft war erst aus dem Schlaf erwacht, meistens noch von der Berauschung des vorigen Tages verdüstert, überdem viel schwächer als Tags vorher, da sie meistens aus den benachbarten Landgerichten gesammelt war. Viele Offiziere und Soldaten waren in der Nacht, anstatt auf hartem Boden und unter freiem Himmel zu schlafen, in ihr gutes Bette nach Hause gegangen; kein Wunder, daß nach kurzer Gegenwehr sich Alles in den, im Nücke» gelegenen, großen Forst flüchtete, von wo dann die meisten nach Hanse eilten. — Indessen hatten die Franzosen die Hauptstraße nach Bern noch nicht errungen; Grafenried behauptete sich in dieser Stellung, bis alles ans den Hinterseiten geflüchtet war, und eine fernere Gegenwehr nichts mehr nützte. Er zog sich zurück. Der tapfere Artilleriekommandant, Hauptmann Koch, der auch hier mit gleichem Heldenmuth wie in Büren focht, machte mit einem Paar Kanonen die Nachhut und zog sich Schritt für Schritt unter beständigem Feuern zurück. — Als der Tag angebrochen war, suchte Grafenried die Flüchtlinge zu sammeln, ließ nach Bern von dem Vorgefallenen Meldung thun, und traf auch einige Vorkehren, um die Stadt von dieser Außenseite zu vertheidigcn, und die anrückenden Feinde aufzuhalten. Neuenegg liegt nur zwei und eine halbe Stunde von Bern. Die Franken verfolgten aber nicht weiter als eine Stunde lang. Gegen neun Uhr Morgens erhielt Gra fenried Verstärkung. Sie bestand aus dem Regiment Thnn , dessen Scharfschützenkompagnic, die Scharfschützcnkompagnie von Tscharner, die Jägerkompagnic von Aarau und Brugg, und das Hausleutcnbataillon von Bern. Sogleich setzte sich Alles wieder in Bewegung, vorzudringe» und de» Franken den Sieg zu entringen. Offiziere und Soldaten dürsteten nach Rache. Als Alles im Marsch begriffen war, hörte man die Kanonade auf der andern Seite der Stadt gegen das graue Holz, zwischen Schauenburg und Erlach. — Sobald die Stellung des Feindes entdeckt war — noch etwa ein und eine halbe Stunde fern von Bern — bildete Grafenried sogleich eine schiefe Schlachtordnung nebst zwei RescrvekorpS, griff mit seinem rechten ihre» linken Flügel an, überstellte denselben und schlug ihn in die Flucht. — Er ließ ihn durch einen Theil seines rechten Flügels verfolgen, zugleich seinen linken vorziehen und den rechten der Franken angrcifen, die durch diese Be- 103 wegung zwischen zwei Feuer kamen, und nach kurzer Gegenwehr geschlagen wirrden. Nach einer halbstündigen Flucht hatte sich der linke Flügel der Franken wieder gesetzt, bei welchem sich endlich auch der rechte sammelte. — Das Treffen begann von neuem auf der ganzen Schlachtlinie — war lange hartnäckig und zweifelhaft. Endlich ließ Grafenried die zwei Rescrvekorps anrücken; diese mußten dem Feind zugleich rechts und links in die Seiten fallen, welches den Sieg entschied. — Die Franzosen zogen sich unter beständigem Feuern zurück, bis auf die Höhen oberhalb Neuenegg, wo alle Waldungen aufhörcn. Da bildeten sie sich wieder in vierfacher Schlachtlinie, mit Reiterei auf den Flügeln, und richteten ein heftiges Kartätschcnfener auf die anrückende Linie der Berner. Die Franken hatten in dieser Stellung ein frisches Bataillon empfangen, so daß sie um ei» Drittheil stärker wurden, als die Berner. Diese bildeten nun Winkel auf den Enden ihrer Linie, um nicht überflügelt und von der fränkischen Reiterei in die Seiten genommen zu werden. So stürmten sie, trotz des heftige» Kanonen- und Flintenfeuers, mit gefälltem Bajonet bergan, schlugen die Franzosen ans ihren Stellungen und von allen Höhen hinunter, ohne daß diese sich wieder setzen konnten, bis in die Tiefe des Thals Neuenegg. Zu Neuenegg selbst wollten die Franken noch einmal Stand fassen, aber vergebens. Sie mußten in großer Unordnung über die Sense, und sammelten sich erst auf den jenseitigen Anhöhen des Freiburgcrgebiets. — Bei diesem letzten Gefecht eroberten die Berner 18 Kanonen. Einen Thcil derselben hatten aber die Berner im letzten Gefecht verloren gehabt. Auch wurden einige Gefangene gemacht. Aber in den folgenden Gefechten des Tages sind keine Gefangene gemacht worden; die Erbitterung war zu groß. Da, wo man handgemein werden konnte, entschied Bajonet oder Gcwehrkolbe. An Todtcn hatten die Berner, so viel man damals, obschon sehr ungewiß, wissen konnte, hundert 104 und dreiundsiebenzig Mann nnd viele Verwundete. Von den Franken weiß man die Anzahl nicht bestimmt. Sie muß'größer gewesen sein. Ihre Leichname lagen an manchen Orten doppelt über einander. Den folgenden Tag hatten ste in dem Spital zu Freihurg über tausend Blessirte. Ein Theil derselben kam jedoch auch ans dem Gefecht bei Laupen, welches die Franken in der gleichen Nacht und um die nämliche Zeit angegriffen hatten, wo sie aber zurückgetrieben worden waren. Bei dieser Gelegenheit hatte der Hauptmann Kuhn, mit seiner tapfern Kompagnie vom Bezirk Saanen, und ein Theil der Kompagnie von Hauptmann Schweizgäbcl ein ganzes Bataillon Franken zersprengt. Das nämliche war auch bei dem Punkt Gümminen geschehen, den die Franken mit nicht bessern, Erfolg angegriffen hatten. Es war drei Uhr Nachmittags, als jenes letzte Gefecht bei Neuenegg vorfiel. Schon rüstete sich der tapfere Grafenried, die Sense zu passiren, um die Franken zu verfolgen, als eine unerwartete Nachricht Alles vereitelte. Es kam ein Eilbote der Kriegskanzlei, mit Anzeige: General Schauenburg habe in verschiedenen Gefechten die Berner gänzlich geschlagen und zerstreut, sei vor die Stadt gerückt, welche kapitulirt habe, und nun von den Franzose» schon besetzt sei. Diesemnach ergehe der Befehl, alle Feindseligkeiten sogleich einznstcllen, die Mannschaft zu entlassen, und still nach Hause znrückzukehren. Erschrocken, betäubt nnd gelähmt vernahm die Siegesschaar »nd ihr Feldherr diesen Befehl. Grafenried ließ die Nachricht dem französischen General Pigeon, der jenseits befehligte, bekannt machen, und dieser stellte sein Kanonenfeuer ein. Aber unsägliche Mühe kostete es dem Obersten Grasenried, seine Krieger zu besänftigen. Ungläubig umringten ihn die großen, zürnenden Haufen. Sie schalten ihn bald Verräther, bald beklagten sie sich mit ihm, bald mußte er ihnen den eingelaufenen Be- 105 -.fehl noch einmal vorlesen, inzwischen andere mit Bajonet und gespanntem Hahn droheten. Endlich gelang es, sie z>, beruhigen, und nachdem man sich zu Neuenegg mit Brod und Wein erlabt .hatte, zog Zeder mit beklemmtem Herzen der Heimat zn. < Auch die Franken hielten sich jenseits sehr still; — sie schickten ein Dutzend Reiter, die ihre Fläschchen von Branntewein angefüllt hatten, und den Bernern aufs srenndschaftlichste den Versöhnnngs- trunk anboten. Sieger und Ueberwundene lagen freundlich beisammen; — der alte Groll erstarb, und Menschen, die noch vor einer Stunde sich den Tod zu geben suchten, koseten mit einander, als wären sie nie Feinde gewesen. Als nun alle Berner von Neuenegg abgezogen waren, rückten Abends die Franken da ein, so wie auch zu Laupen und Gümmi- nen. Brüne zog in Bern, Schauenburg in Solothurn ein. 9 . Nicht geringere Nnschlüssigkeit und Verwirrung hatte mittlerweile unter den Kriegsvölkern der übrigen Eidgenossenschaft geherrscht, welche der Stadt Bern zum Beistand eilen sollten. Nichts war vorbereitet, nichts geordnet; das Volk zum Kriege ungeübt; oft übel und bunt bewaffnet; zuweilen in langen Schaaren Rosenkränze abbetend, unwissend über Alles. Das waren die furchtbaren Früchte jener Grundsätze, in welchen sich die Negierungen bisher gefallen hatten, eine weiland freisinnige, regsame, kriegerische Nation zu beherrschen, oder vielmehr zur Behauptung der Selbstständigkeit zu lähmen. Wir begnügen uns, noch die Erzählung eines Augenzeugen mit- zntheilen, welcher diesen kurzen Feldzug mit demjenigen Kriegs- 106 haust» machte, welchen der Kanton Schwyz zur Hilfe von Bern ausgcschickt hatte. Also lautet der Bericht des Augenzeugen: „Am zweiten März wurde unser Befehlshaber, AloysRcding, vom Obersten Grafenried anfgefordert, mit seiner ganzen Mannschaft gen Ob er weil bei Büren z» eilen, wo wir auch die Hilfs- Völker von Uri und Glarus antreffen sollten. Nach einer halben Stunde traten wir den Weg an. Unterwegs begegneten uns nicht nur verschiedene Gepäck- und Munitionswagen, die sich zurückzogen, sondern auch eine große Menge wild umhcrstreifender Flüchtlinge von den bei Solothurn und Lengnau gestandenen Bernern, die, gegen ihre Offiziere aufgebracht, fürchterliche Flüche ausstießcn, und nur darin übereinstimmtcn, daß Alles verrathen und verkauft sei. Umsonst bemühten sich unsere Offiziere, sie zu bereden, wiederum mit uns gegen Oberweil vorzurücke». „Wir kamen gegen Nacht in diesem Ort an. Die meisten Einwohner waren mit ihrem Geräthe schon geflüchtet. Die Zurückgebliebenen gaben »ns zu verstehen, wir sollten weiter ziehen, sie würden sich nicht gegen die Franken wehren. „Unterdessen kam der Aide-dc-Camp Ans der Maur, welchen unser Anführer nach Büren geschickt hatte, um Verhaltungsbe- fehle zu begehren, mit dem Bericht zurück, Grafcnried habe für jetzt keine bestimmtern Befehle mitznthcilcn; würde sich etwas ereignen, sollten wir berichtet werden. Ans der Maur erzählte sogleich, daß er überall große Unordnung und die fast gänzliche Zerstreuung des Berncrhecrs gesehen, von dem Hilfsvolk aber von Glarus und Uri keine Spur entdeckt habe. „Diese Nachrichten stürzten den frohen Geist unsers Volks nieder. Ein dumpfes Murmeln durchlief die zusammentrctendcn Haufen. Man umringte die Hauptleute; man rief: laßt uns umkeh- rcn! wer mag Theil nehmen an der Vertheidigung eines Landes, dessen Einwohner sich selbst bekriegen, oder zur Gegenwehr unentschlossen, oder mißtrauisch wider die Befehlshaber sind? So sprach unser Volk. „Die düstere Stimmung vermehrte sich. Wir standen einsam. Die Auszüge von Glarus und Uri waren nicht zu erforschen. Wir waren ohne Verbindung, ohne Verhaltungsbefehle. Unsere Hanpt- leute traten zusammen. Sie erwogen den Befehl der Landsgemeinde, im Fall die Berner uneinig oder zur Gegenwehr unentschlossen sei» würden, das Volk zurückzuführcn. Und wir gingen nach Buchsee zurück noch in derselben Nacht." -In eben dieser Zeit hatte Luzern beschlossen, seine Truppen wirklich gegen die Franzose» vorrkcken zu lassen. Die über- brachtc Botschaft von Brüne's strengen Forderungen, und den schon an vielen Orten begangenen Feindseligkeiten, hatte die Volks- repräscntanten zu Luzern in Bewegung gesetzt. Sie empfanden die Noth eines festen Entschlusses in diesem Augenblicke. So sehr sie auch Berns hartnäckigen Stolz tadelte», der sich der Wohlfahrt des Vaterlandes nicht opfern wollte, glaubten sie doch, der Schweizerchre willen, und ihren Bnndespstichten gemäß, der Stadt Bern beispringen zu müssen, ohne Schuld oder Unschuld lange zu untersuchen. Sie befahlen dem Obersten Mohr, welcher mit den Luzernen, bei Langenthal stand, diese vorrücken zu lassen, wo cs Noth der bedrohten Bundcsbrüder und des ganze» Vaterlandes irgend heischen könne. „Sie wären übrigens der sichern Uebcrzeugung, daß die Luzernertruppcn, nach dem rühmlichen Beispiel ihrer Väter und der Stifter ihrer Freiheit, fürs Vaterland siegen oder sterben würden." Kaum war aber dies Schreiben, welches auch den Soldaten vorgelese» werden sollte, abgcgange», als ein Brief des Obersten Mohr den Schleier von der traurigen Lage der Dinge weghob. 108 „Die Verwirrung ist am größten," lautet es im Briefe:*) „Alles flüchtet. Wir liegen in St. Nrban, Pfaffna», Rotwyl, Altbüren, Großdietwpl. An uns haben sich die Unter- und die Obwaldner und Zuger angcschloffcn; und eben jetzt sind noch dreihundert Berner, die seit zwei Uhr Morgens im Feuer gestanden, angelangt, welchen wir wegen ihrer Mattigkeit in den umliegenden Scheuern Platz geben müssen. Wir halten außerordentliche Patrouillen, weil wir nicht wissen, was sich diese Nacht ereignen dürfte. Ich bitte »m die schleunigste Weisung, wie wir uns zu verhalten haben." Die Regierung von Luzern wiederholte den schon gegebenen Befehl; und fügte hinzu, daß, wenn die Berner auch gänzlich zerstreut sein sollten, man die Hilfsvölker der eidgenössischen Stände zusammenziehen . . . und eine neue Vertheidigungslinie bilden sollte, an welche sich der bereit gehaltene Landsturm schließen werde. Inzwischen wolle man alle Stände der Schweiz zu neuen Anstrengungen aufbieten. Wir setzen jetzt die unterbrochene Erzählung des Augenzeugen fort, welche uns vom Zustand der Dinge ein anschauliches Gemälde liefert. „Als unsere Truppen in Buchsee angekommen waren, erschien wenige Stunden nachher auch der Berner General Erlach, mit dem Stab seiner Armee und verschiedenen Neberbleibseln bcrnischer Bataillone, weil sie Befehl erhalten hatten, ihre erste Linie z» verlassen. Wir waren froh, endlich Soldaten zu sehen, und entschlossen, mit ihnen zu kämpfen. Es war Mittags (3. März), als der Nus zu den Waffen erging. Schon standen dem Gerücht nach die Franken bei Schupfen, eine Stunde von uns. Aloys Reding, unser Anführer, hatte sich schon einmal zum General Erlach begeben, aber ihn, von Strapazen ermüdet, schlafend ge- *) St. Nrban, 2. Mar,. 109 funde». Er verlangte mm Verhaltungsbefehle vom Oberst Gra- fenried, welcher aber antwortete: „Ich kann keine gebe», da ich selbst nicht weiß, was ich zu thun habe. Was denke» Sie aber zu thun?" — „Ich vereine mich mit den Urnern und Glarner«, so in Bern liegen!" antwortete Reding. „Wirklich zogen wir nach Bern. Rechts und links der Straße sahen wir Alles von Flüchtlingen wimmelnd, die von verschiedenen Orte» her ihrer Heimat wieder zueilten. Bei der Papiermühle zog sich unser Anführer links auf Worb, und berichtete unser» KriegSräthen in Bern, daß er seinen Sin» geändert, und nicht mit den Truppen in die Stadt einrücken wolle, weil Bern nicht im Vcrtheidigungsstand sei. Er wünsche hingegen, daß sich die Urner und Glarner mit uns verbänden bei Worb. „Die KricgSräthe kamen in der Nacht zu uns. Sie hießen den Entschluß des Anführers gut. Am folgenden Morgen*) begab sich Reding nach Bern, um mit den Urnern und Glarner» Raths zu pflegen. Die Anführer derselben kamen gerade vom Rathhause, wo sie von der Regierung schon um freien Abzug aus der Stadt angehalten hatten. Aloys Reding stimmte nicht nur bei, sondern eilte selbst mit dem Kricgsrath Müller (von Uri) auf das Nathhaus, und stellte der Negierung hier mit wenigen Worten den verworrenen Zustand des Ganzen dar. „Unordnung lähmt Alles!" sagte er: „des Volkes Uneinigkeit, das allgemeine Mißtrauen gegen die Obrigkeiten im Zivil- und Kriegswesen, die Aeußerungcn der Flüchtlinge, die ich gestern in großen Schaaren auf den Straßen verstreut fand, und die Uebcrzeugung, daß bei solchem Wirrwarr von Meinungen unmöglich sei, einen anrückendcn Feind abzutrci- ben, hat auch auf unsere Truppen Eindruck gemacht, daß wir mit Mühe nur Aufstand verhinderten. Diese Gesinnungen werden bald ") ä. März. 110 auch unter andern Hilfsvölkern erscheinen. Und wie kömmt's, daß die Zuzüge von drei andern Ständen in diesen Tagen der Gefahr ferne stehen, an den Lnzerner Grenzen?-Da ich also von meinem Stand befehligt bin, unter solchen Verhältnissen nicht umsonst Volk aufzuopfern, so ist's nothwendig, den Rückzug auf Worb zu nehmen, wo sich Urner, Glarner und St. Galler mit uns vereinigen werden." „Wirklich zogen diese wenige Stunden nachher aus den Thoren von Bern gen Worb. Am folgenden Morgen (5. März) um 4 Uhr überbrachte uns ein Berner Offizier von seiner Regierung die Aufforderung, gegen das graue Holz zu eilen. Die Kriegsräthe und Befehlshaber der Truppen von Uri, Schwyz, Glarus und St. Gallen traten zusammen. Man pflog Raths und beschloß, nicht dahin zu gehen. Denn wir kannten nicht des Feindes und nicht der Berner Stellung; wir wußten aber, daß die Franken von jener Gegend überall in großen Schaaren vordrangen ohne bedeutenden Widerstand, und daß, dem Gerücht zufolge, Bern sich schon zur Uebergabe bereite. „Wir säumten nicht länger, und traten unsern Rückzug an, der Heimat zu. Nach zwei Stunden sprengten einige von uns zurückgelassene Offiziere heran. Sie brachten die Nachricht vom Siege der Berner unter Grafenricd bei Ncuenegg. Die Regierung von Bern beschwor uns aufs neue zu verbleiben. Als diese Botschaft dem Volk kund gemacht ward, erhob sich das Jn- belgeschrci desselben zu den Wolken. Wir gelobten, bis auf de» letzten Mann zu kämpfen, wenn noch Hoffnung zur Rettung Berns und zum Widerstand sei. „In fünf Viertelstunden waren wir in Worb zurück. Kaum traten wir hinein, als alle unsere Hoffnungen mit einem Schlage vernichtet wurden. Bern war schon in die Gewalt der Franken 11t gefallen; uns blieb keine andere Wahl übrig, als Worb abermals zu verlassen, und die Rückreise anzuireten. Es geschah." So sank Bern, »»beschützt von seinen Bundesgenossen, die herbeigeeilt zu sein schienen, mehr um Zuschauer vom Untergang dieses Frcistandes, als Vertheidiger desselben zu sein. Sie hatten den Donner der Schlacht am Gebirge, sie hatten das Hilfsgeschrei des zagenden Berns gehört, und doch war von ihnen kein Schuß für die Rettung des mächtigsten der eidgenössischen Kantone geschehen. So bereitete furchtsame Klugheit, die einem Kriege mit Frankreich ausweichcn und für Bern den Schein der Bundestrene bewahren wollte, nur schnellere Zertrümmerung des Ganzen. 10 . In den Waldstätten ähnete man das Schicksal Berns noch nicht. Wohl drangen mancherlei dumpfe Gerüchte von verlornen Treffen in die Bergthäler; aber diese entstammten nur die Wuth des Volkes. Es sammelte sich zn Uri und Unterwalden zn den LandS- gemcinden; es bot die benachbarten Stände zu ungesäumter Hilfe für Bern auf, und schickte sich selbst zu kraftvoller Unterstützung. Schwyz that desgleichen (4. März); hundert und fünfzig Mann unter dem Hauptmann Hediger, und das zweite Bataillon, unter den Befehlen von Aloys Gwerder, sollten gen Luzern ziehen, und sich gebrauchen lassen, wo es Noth erheische. Ein Landsturm sollte sich rüsten. Alle Fremdlinge, welche für den Staat, der sic nährte, die Waffen zu erheben sich weigerten, wurden des Landes verwiesen. Wer verdächtige Reden ausstreute, sonder Beweis, sollte, wie jene, die wider Vaterlands Wohl oder Ruhe reden, gestraft werden. Die Weiland-Angehörigen, besonders die Einwohner der Landschaft March, wurden von derselben Schwyzer-Landsgemeinde durch Eilboten angefragt: ob sie bei der allgemeinen drohenden Gefahr sich an die Waldstätte anschließen wollen oder nicht? Den Kriegsräthcn, welche man »och ln Bern glaubte, wurde befohlen, allen Städte» und Oertern kund zu machen, daß man jegliche Gegend feindselig behandeln werde, welche den Franke» irgend hold wäre. So die Landsgemeinde von Schwyz. Furcht, Hoffnung, Zorn und Stolz, und alle Gerüchte, welche wie ein Sturm politischen Gewittern voraneilen, und verwegene Entschlüsse vorbereitcn, tobten nun in allen Gemüthern. Das längst Erwartete schien noch immer unerwartet. Durch alle Thäler verbreitete sich wilde Regsamkeit. Die verworrensten Sagen, gehässige Verleumdung einzelner Männer und ganzer Gegenden trieben jetzt ihr freies fürchterliches Spiel. Eine Schreckensbotschaft folgte der andern auf dem Fuße. Es erschien der Bericht: Freiburg und Solothurn wanken! — Luzern meldete: „Der Feind hat schon Hutwhl und Aarwangen angegriffen; darum eilet unser Landsturm dahin über Hutwhl und St. Urban. Machet euch auf; denn nur durch Schnelligkeit und große Masse» kann der Feind zurückgeworfen werden!" Uri, Unterwalden, Zug und Schwyz säumten nicht. Sie beschlossen, die schleunigste Hilfe zu senden. Uri forderte Schwyz an dem gleichen Tage auf, noch einmal die widerspenstigen Bewohner der March gütlich zu ihren Pflichten anzumahnen; im Fall dieselben aber ihren raschen Schritt nicht durch baldige Rückkehr bessern wollten: so wäre Uri bereit, die Landsleute von Schwyz bundesbrüderlich mit den Waffen zu unterstützen. Die Landschaften Thurgau und Rheinthal hatten inzwischen dringender, während der steigenden Gefahren, ihre Freiheit gefordert. Schlau zögerten die eidgenössischen Gesandten zu Aarau in der Willfahrung. Noch immer hofften sie, daß das Glück den Waffen der Oligarchie hold sein werde. Als sie aber Alles ver- IIS loren sahen, widerstanden sie nicht länger, und nahmen als Brüder in den Bund die ehemaligen Nnterthanen. Mit gleicher Ungeduld harrten die Einwohner der Landschaft Gaster der Stunde ihrer Befreiung. Dort saßen die Abgeordneten der herrschenden Stände, und die Ausschüsse, um die alten Rechte aus einander zu sondern, und über die neuen Freiheiten zu handeln. Aber die Bewohner vom Gaster argwöhnten Hinterlist in diesem langsamen Gange. Die Vollmachten und Aufträge der Abgeordneten schienen zu eng. Sie versammelten sich; mit Gewalt wollten sie die Erfüllung ihrer Wünsche erstürmen. Sie drangen um die Mittagsstunde (5. März), mit Knitteln bewaffnet, in das Stiftsgebäu von Schännis, wo die Abgeordneten mit den Stiftsfrauen speiseten. Vom Schrecken übermannt, ertheilten die Gesandten von Schwyz und Glarus, unter Vorbehalt der Genehmigung dieser beiden Stände, den Stürmenden die gänzliche Freiheit, und das Versprechen, ihnen den alten Pfandbrief auszuliefern. Der Landrath von Schwyz gehorchte dem eisernen Gesetz der Noth. Die Unabhängigkeit der Landschaft Gaster, Uznach und Wesen wurde feierlich anerkannt *), und die Auslösung des Pfandbriefes zwar gestattet, doch unter den merkwürdigen Bedingungen, „daß die Befreiten bei ihrer alten Religion bleiben, das Eigenthum des Stifts in Ehren halten sollten, und daß, im Fall eines Auszuges, kein Theil den andern mit Kosten beladen, noch einer den andern mit Zöllen und Weggeldern beschweren müsse." Jetzt erscholl in den Gebirgen der Waldstätte die erschütternde Nachricht vom Falle Berns. ES war am 6. März. — Die Gefahr trat näher. Nidwalden schien unentschlossen, ob man die nach Bern gesandte Mannschaft zur Vertheidigung des eigenen Herdes Heimrufen, oder sie andern, noch unmittelbarer bedrohten *) k. Mär,. Zsch. Ges. Schr. 31. Thl. 5 - -- 114 Gegenden überlassen sollte? — Schwyz entschied für das letztere. Denn Luzern hatte vor den Waldstätten darum angesucht. „Ungewiß, ob die Franzosen auch unsere Grenzen feindlich berühren werden," sprach Luzern, „haben wir einmüthig beschlossen, und wirklich Anstalten getroffen, mittelst des Landstnrmes unser Land zu vertheidigen. Wir ersuchen euch daher, eure Hilfsvölker (die jetzt auf Luzerner Boden standen) einstweilen, bis die Gefahr vorüber ist, zum Schirm der Grenzen und zur Bildung neuer Ver- theidigungslinien zurückzulaffen." Der Landrath von Schwyz glaubte noch mehr thun zu müssen. Er ertheilte auch den zwei Bataillonen, die aufs Neue für Bern ausgerüstet waren, Befehl, nach Luzern zu Hilfe zu eilen. Er gesellte den Kriegern verschiedene Personen bei, welche sich um die Stimmung des Luzerner Volks erkunden, und forschen sollten, ob dasselbe entschlossen sei, für Vertheidigung seiner heimatlichen Grenzen zu siegen, oder zu sterben. Uri und Nidwalden hatten zu gleichem Zweck Abgeordnete und bewaffnete Mannschaft ausgesandt. Denn es war im Sinn der Waldstätte, nur dann bis in den Tod für ihre Nachbarn zu streiten, wenn diese selbst von gleichem Muthe beseelt sein würden. Aber Obwalden konnte sein zweites Aufgebot den Luzerner» nicht senden, weil cs schon für eigene Sicherheit wachen mußte. Schon waren, zuverlässigen Berichten gemäß, die Franzosen über Thun gegen das Gcbirg des Brünig, Obwalden, statt Hilfe zu senden, sprach daher selbst bundesgenössischen Beistand an. Eben so wandte sich die Regierung von Zürich, welche noch immer mit dem Volke des Lande« um Recht und Freiheit haderte, an die Bewohner der Waldstätte. Zu Maila, einem großen Dorfe am Zürchersce, hatte sich eine Nationalversammlung gebildet, im Angesichte der herrschenden Stadt. Maila führte gegen Zürich die Sprache, nicht mehr der Unterthanin, sondern der gleichberechtigten Ebenbürtigen. Darum forderte der Vorort von den Waldstätten, 115 „weil Bürgerkrieg nahe und fast unvermeidlich schiene, daß die Waldstätte nicht nur getreues Aufsehen halten, sondern auch Hilfsvölker an die Grenzen Zürichs senden sollten, um nöthigen Beistand zu leisten, und in die Stadt selbst Repräsentanten, eidgenössischen Rath zu ertheilen." Den Wünschen Aller zu entsprechen, die Hilfe verlangten, fehlte es den Gebirgsvölkern an Kraft. Schwyz fand nun sogar räthlich, sich mit den ungestümen Marchern, den ehemaligen Unterthaucn, auszusöhnen, die noch einmal in drohenden Worten offene Erklärung der Freiheit ansprachcn*). Schwyz stellte wirklich der Landschaft March die Befreiungsurkunde aus, worin auf alle Rechte über Land und Leute für jetzt und künftige Zeiten Verzicht gethan ward**). Zwei Abgesandte mußten den Marchern den Brief der Freiheit überbringen; die hatten den Auftrag, „auf geziemende Weise zu trachte», jene Landschaft zu einer Vereinigung mit dem Kanton Schwyz zu bewegen, auf daß durch die engen Bande der Freundschaft beiderseitiges Wohl befördert werde. Zudem nun die Gebirgsbewohner, enger an einander gedrängt, und mit ihren gewesenen Unterthanen verbrüdert, zum Kampfe bereit standen, empfingen sie unverhofft heitere Botschaft, daß Frankreich friedlichen Sinn für die übrigen Kantone der Schweiz hege. General Brüne hatte nämlich den Abgeordneten Luzerns mündliche und schriftliche Versicherung ertheilt, daß er keinen Auftrag habe, über die Grenze» der eroberten Gebiete von Freiburg, Bern und Solothurn zü ziehen. Eben so hatte, im Namen des fränkischen Vollziehnngs - Direktoriums, dessen Minister T alley- fiand dem Stande Lnzern Glück gewünscht zu der freiwilligen Staatsumschaffung am 31. Jänner. Diese Friedens- und ' *) 7. März. i**1 8. März. Freundschaftsversicherungen wurden unter Trompetenschall und Zu- belgeschrei sogleich in der Stadt Luzern verkündet; die Regierung entließ die noch anwesenden Hilfsvölker der Waldstätte und anderer Landschaften mit Dank und Rührung und dem Bezeugen, „daß ihr Vortheil nie von dem anderer Kantone getrennt werden solle, und daß sie, obgleich im vollen Vertrauen auf die Versicherung der fränkischen Regierung, nie anfhören werde, aufdie gemeinsame Sicherheit ihr sorgfältigstes Augenmerk zu richten." Die Mannschaft aus den Waldstätten kehrte also in ihre Hütten zurück, doch mit Befehl, auf ersten Wink zum Aufbruch gefaßt zu sein. _ Drittes Buch. i. Die Hirten der schweizerischen Alpen, im Gefühle ihrer Unschuld, glaubten anfangs sich wirklich vor Frankreichs Ansprüchen geborgen. Zwar nährten sie geheimen Abscheu vor jenem Volke, welches seine Freiheit mit namenlosen Gräueln besudelt hatte, aber sorgfältig vermieden sie, den furchtbaren Nachbar zu reizen. Die Geschäftsführer der Berg- und Waldkantone hofften indeß, indem sie sich, so wenig als möglich, in Frankreichs Hader mit den Aristokratien mischten, daß der Untergang von diesen das Ende des traurigen Spieles werden würde. — Doch gab ihnen der Anblick der fränkischen Uebermacht und die Leichtigkeit, mit welcher durch Waffengewalt auch der übrige Theil der Schweiz unterjocht werden könnte, so wie das bedeutungsvolle Ausstreuen einer neuen helvetischen StaatsverfaffungS - Urkunde, schauderhafte Ahnungen. Schwyz blieb nicht länger gleichgültig. Es wollte Beruhigung über sein Schicksal. ES räumte freiwillig in offener Landesgemeinde den letzten Anstoß hinweg, welcher ihm Gefahr bringen 117 konnte, nnd erklärte alle Angehörige, die noch nicht ausdrücklich freigelaffen worden waren, unabhängig.*). Es lud die Nachbarn von Uri, Unterwalden und Glarus zu einer Unterredung in Brunnen ein**), sich über eine Gesandtschaft an den fränkischen Oberbefehlshaber, und über anfällige Rüstung zur Vertheidigung z» berathen. Schon hatten Unterwalden ob dem Wald und Luzern für sich an den französischen Feldherrn die Frage ergehen lassen: ob sie von Seite Frankreichs Anmuthungen zu befürchten hätten? Hier folgen die ziemlich gleichlautenden Antworten, welche der bevollmächtigte General beiden Ständen gab: An Luzern schrieb er: „Die große Nation hat nicht anfgehört, Beweise zu geben, wie sehr sie die Bande schätze, welche sie mit dem Kanton Luzern vereinigen. Sie hat keine Befehle zu Feindseligkeiten gegen denselben ertheilt; im Gegentheil wünscht die große Nation ihre alten Verbindungen mit dem Kanton Luzern zu erhalten, überzeugt, daß selbiger durch seine Liebe zur Freiheit stets würdig sein werde, den Namen: Nachkommen Wilhelm TellS, zu führen"***). An Obwalden schrieb er: „Die große Nation hat noch nicht unterlassen, die Bande zu ehren, wodurch sie mit dem Kanton Unterwalden verknüpft ist. Auch hat sie zu keinen Feindseligkeiten gegen diesen Kanton Befehl gegeben. Die große Nation wünscht vielmehr, ihre alten Verbindungen mit dem Kanton Unterwalden beizubehalten"-)). ') Landsgemeinde. Schwyz, 10. Marz. ") Den 9. März. "*") Bern, rv.Bentose VI. 7) Bern, 20. Ventose Vl. 118 Unter diesen Zusicherungen des Obcrfeldherrn Brüne erwachte die Hoffnung der Eidgenossen noch einmal. Es versammelten sich die Gesandten der vier obenerwähnten GebirgSkantone zu Brunnen am See. Auch Zug trat ihnen bei.— Schwyz legte den Entwurf einer Zuschrift an Brüne vor, welcher genehmigt, und nach Bern getragen, dem Feldherr« überreicht wurde. Folgendermaßen lautet die Zuschrift: „Bürger General! Die Repräsentanten der demokratische» Stände Uri, Schwyz, Unterwalden nid dem Wald, Zug nnd Glarus geben sich die Ehre, nach dem Auftrag ihrer Kommittenten, nämlich ihrer Landsgcmeinden, folgende ehrerbietigen Vorstellungen zu überreichen. Obwohl keiner aus uns sich jemals vorstellen könnte, daß es in den Grundsätzen der französischen Republik liegen möchte, die demokratischen Stände in jener Freiheit zu beeinträchtigen oder zu stören, welche die französische Nation auch der übrigen Schweiz zum Muster geben zu wollen scheint, so können wir Euch, Bürger General! dennoch nicht bergen, daß die Annäherung der französischen Truppen, die Ungewißheit ihrer Bestimmung, die Nachrichten, die sich verbreiten, auch unter nns wichtige Besorgnisse erregten; und wirklich würden wir die Schätzung der französischen Nation nicht verdienen, wenn wir einen geringer» Werth ans jene Freiheit setzten, die uns das Blut unserer theucrn Väter erworben, deren Andenken die französische Nation in ihren Schriften heute noch ehrt. Mithelfer und Zeuge der siegreichen Bestrebungen Eurer großen Nation, wisset Ihr, Bürger General! am besten, was der Enthusiasmus der Freiheit bei einem freien Volke zu wirken vermag. Indessen haben alle diese Gerüchte, alle diese Besorgnisse das 119 Zutrauen nicht schwächen können, das wir immerfort in die Gesinnungen der Gerechtigkeit der französischen Republik setzen. Diese Gesinnungen sind es, die unsere Landsgemeinden bewogen, Repräsentanten an Euch, Bürger General! abzuordnen, um Euch zu ersuchen, unsere Besorgnisse durch die aufrichtige und beruhigende Versicherung zu heben, daß die französischen Truppen unser Gebiet nicht betreten werden, und daß das französische Direktorium nicht gesinnt sei, die Religion, die Unabhängigkeit, die Freiheit und die Verfassung unserer demokratischen Stände zu stören; eine Verfassung, die wir alle wie eine gute Mutter lieben, die uns seit Jahrhunderten glücklich machte; eine Verfassung, welcher die Sou- verainetät des Volkes und das Menschenrecht in all ihrer Reinheit und Kraft zum Grunde liegen, und welche daher mit den Grundsätzen der französischen Republik gänzlich übereinkömmt. Ein einziges Verhältniß, worin vielleicht die französische Nation eine Abänderung hätte wünschen mögen, war, daß einige demokratische Stände unter ihrem Volke noch Untergebene oder Angehörige zählten; allein unsere Stände haben keine Untergebene mehr. Sie sind frei, wie wir frei sind, so daß in unserer Verfassung kein Verhältniß mehr besteht, welches den Grundsätzen der französischen Republik widrig sein könnte. Geruhet demnach, Bürger General! uns über die friedlichen und wohlwollenden Gesinnungen des französischen Direktoriums eine beruhigende Versicherung zu ertheilen, und überzeugt zu sein, daß wir sämmtlich nichts sehnlicher wünschen, als mit der großen Nation im Frieden und gutem Wohlverständniß zu leben. Empfanget von einem getreuen Bergvolke, das kein anderes Gut, als seine Religion nnd seine Freiheit, keinen andern Reichthum, als seine Heerde» besitzt, die aufrichtige Versicherung, daß dies Volk sich eifrigst bestreben werde, der französischen Republik ISO von seiner Anhängigkeit alle jene Beweise zu geben, die immer mit seiner Freiheit und Unabhängigkeit vereinbar sind. Bürger General! genehmiget auch noch die feierliche Gelobung, daß unsere Stände niemals die Waffen gegen die französische Republik ergreifen, nie sich mit ihren Feinden verbinden werden. Unsere Freiheit wird unser Glück sein, und nur Pflicht, dieselbe zu vertheidigen, wird unsere Arme bewaffnen. Möchten diese feierlichen Versicherungen uns jene gegenseitige Versicherung erwerben, die wir uns von Euch, Bürger General! ehrerbietig ansbitten; dann werden unsere Unruhen und Sorgen sich in jene Empfindungen der Freude und der Anhänglichkeit verwandeln, die wir der Negierung der französischen Republik und ihrem würdigen General unablässig widmen werden*)." Brüne empfing die Abgeordneten der Waldkantone nicht nur mit ausgezeichneter Achtung, sondern löschte durch seine Antwort jeden Argwohn im Herzen der Besorgten aus. Er erwiederte: „Ich versichere die Repräsentanten der demokratischen Stände, daß bei den Ereignissen, welche die fränkische Armee, von den Berner Oligarchen gereizt, in die Schweiz zogen, die demokratischen Stände nicht ausgehört haben, die Freundschaft der fränkische» Republik beizubehalten, in deren Absichten es nicht gelegen, ihre Waffen auf euer Gebiet zu übertragen."**)- Die Waldstätte überließen sich der angenehmen Täuschung, daß das Gewitter vorbeigezogen, und nur den Stolz der Aristokratien zu beugen, hergekommen wäre; um so mehr, da auch Zürich endlich durch den Vergleich zu Küßnacht am Zürichsee***) seiner *) Bern, den 16. März 1798. -) Bern, 28.Bent°se VI. ***) Den 10. März. 121 Alleingewalt förmlich entsagt hatte. Denn die Waldstätte, besonders Schwyz, würden, sobald Zürich den äußersten Widerstand z» wagen entschlossen gewesen, der Stadt einen Beistand nicht haben weigern können, welchen sie ihr noch einige Wochen vorher*) freundnachbarlich zugesichcrt hatten**). Der einzige Gegenstand ängstlicher Besorgnisse konnte vielleicht noch der »mhergebotene Entwurf zu einer einen und untheilbaren Republik in der Schweiz sein. Aber auch diese Furcht erlosch, als Brüne selbst eine rhodanische und eine helvetische Republik, und einen dritten Staat, Telkgan genannt, aus den Trümmern der Eidgenossenschaft zu bilden verkündete. Zum Tellgau sollten die Gebirgskantone gehören, in ihrer alten Form und Weise. Ehrfurcht gegen jene Gegenden, welche die Wiege der europäischen Freiheit, das Vaterland der Helden war, welche Frankreich selbst in seinen Tempeln, öffentlichen Denkmälern und Gesängen ehrte; — gegen jene Gegenden, welche glücklich und muthvoll in uralter Freiheit lebten, schien den Gedanken an einen Tellgau geboren zu haben. Doch nicht lange lebte dieser Gedanke. Mehrere Männer, welche die verlorne Stärke der Schweiz nur in ihrer unbedingtesten Einheit wieder zu finden hofften, bestritten den neuen Föderalismus. *) Den 1. März. **) Die Abgeordneten Abegg und Balth, Holdencr von Schwyz, welche in die March gesandt waren, sie frei zu erklären und mit dem Kanton Schwyz zu vereinigen, hatten dabei durch einen eben so eigenmächtigen Schritt ihren Stand gegen Zürich sehr bloßgestellt, indem sie der Marcher LandeSkommiffion vortrugcn, daß Schwyz entschlossen sei, Zürich zum Einwilligcn in die Begehren seines Landvolks zu bewegen, widrigenfalls aber die Stadt zum Wohl gesammter Schweiz mit den Waffen zu demüthigcn. — Nie hatten die Abgeordneten zu solcher Erklärung Auftrag empfangen, Zsch. Ges, Schr, 34, Thl. 6 12S Brüne wankte. Als, bald nach bekannt gemachtem SchcidnngS- entwurf, ein aufgeklärter Helvetier zu ihm trat mit gründlichen Erinnerungen wider diese Trennung, hielt der Feldherr ihm lächelnd auf einem Teller zwei Wassertropfen dar. Durch eine Erschütterung von seiner Hand flössen sie beide zusammen. Unerwartet daher für die Gcbirgsstaaten erfolgte der Schlag- welcher sie in die eine und untheilbare Republik anflösen sollte.*) Brüne erließ folgende Verkündung: „Kaum war die Trennnng Helvetiens in zwei Republiken entschieden, welche mitten in den letzten Zuckungen der Oligarchie gegen die Freiheit und in der Währung entgegengesetzter Leidenschaften verlangt wurde: so äußerte sich der Schmerz in allen Ge- müthern, und der lebhafte Wunsch für die Vorzüge der republikanischen Einheit. „Gerührt durch die mannigfaltigen Zeugnisse derjenigen, welche selbst diese Trennnng begehrt hatten, stimme ich mit völligem Zutrauen zu den Wünschen für Einheit, da ich versichert bin,'daß dieses Begehren aufrichtig sei. . „In Folge dessen werden die Deputirten, welche sich zu Lan- sanne in ein gesetzgebendes Korps vereinigen sollten, sich sogleich nach ihrer Erwählung gen Aarau begeben, um mit den Abgeordneten der übrigen Kantone das gesetzgebende Korps der einen und untheilbaren helvetischen Republik bilden zn helfen." 2 . Diese Verkündung führte die Völker des schweizerischen Hochlandes Plötzlich in den alten Sturm zurück, dem sie entronnen zn ') Proklam. Bern, 22. März 1798. Bald nachher erfolgte deS Re- gierungSkommiffär LccarlicrS Proklam, gleichen Inhalts. 123 sein glaubte«; sie ward das allgemeine Lärmzeichen zur kriegerischen Rüstung der fünf alten eidgenössischen Stände von Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug und Glarus. Und obwohl sie das Mißverhällniß ihrer Kraft zu der Uebcrmacht des fränkischen Kolosses fühlten, erschien ihnen ihr Recht doch immer größer, denn jede Gewalt. Nichts aber kann den beugen, der für sein Heiligthnin zu sterben entschlossen ist. Alles gibt dem edeln Stolze gleiche Nahrung, und entflammt die Sehnsucht, wenn auch verkannt von unwürdiger Zeit- genvffenschaft, doch nicht ohne Werth nnterzugehen vor den Augen einer gerechter» Nachwelt. Nun sich Frankreichs Brigaden den Seen und Vorbergen der hohen Alpen feindlich näherten, konnten die Hirten des nnbezwnn- genen Gebirgs dem fremden Krieger sagen, wie der alte Scythe an den Ufern des Tanais dem Alexander von Makedonien: „Was haben wir mit dir? Nie betraten wir dein Land. Wer du seist, von wannen du kömmst, ist, dessen unkundig zu bleiben, dem Wald- ünd Oedenbewohner nicht gegönnt? Wir können weder irgend Einem nntcrthänig sein, noch mögen wir herrschen. Damit dn aber die Scythen kennst, wisse: wir haben, als Gabe, empfangen Jvchstier, Pflug, Pfeil und Trinkschaale. Deren bedienen wir nnS mit Freunden und Wider Feinde."*) Uri rief zuerst seinen Bundesverwandten in den Gebirgen zu, Alles eher dahinzugeben, denn die alte StaatSverfaffung, „dies thenre Erbtheil von den Vätern." Schwyz, von gleichen Empfindungen beseelt, ermahnte den Vorort Uri, ohne Zeitverlust, Unter- und Obwalden, Zug und GlarnS, selbst, wenn man es gut finden sollte, Appenzell und die alte St. Gallische Landschaft, welche durch eigene Boten an Schwyz schon ähnliche Wünsche zu erkennen gegeben, zu einem eidgenössi- *) t^. LaiUuz. U. 8. o. 8. 124 scheu Zusummentritt einzuladcn*). Es war die Frage: ob man, von Fremdlingen befehligt, die alte, durch das Blut der Väter eingeweihte, Verfassung ohne Widerstand dahingebcn, oder die Ehre des bisher »»geschändeten Schwcizernamens bis zum Tode behaupten wolle? Das Einladungsschreiben des Vororts lief durch die hohe Schweiz. Alle Völkerschaften regten sich. In allen Gebirgswin- keln ward es laut. Greise und Kinder dürsteten nach Streit. Der Eifer war so groß, daß selbst die Weiber, ihres Geschlechtes Schwäche uneingedcnk, sich zum Kampf erboten. ES war am ersten Tag des Aprilmonds, da erschienen die Abgeordneten der fünf alten Orte (Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug und Glarus) im Flecken Schwyz. — Nur Unterwalden kam am spätesten. Denn das Volk nid dem Walde war durch Parteiungen getrennt. Ein Schreiben von Luzern, reich an großen Beweggründen , hatte hier die Gemüther eine Zeit lang wankend gemacht zwischen Annahme des Neuen, oder Vertheidigung des Alten. — Schwyz, kaum von seiner Bnndcsbrüder Unentschlossenheit belehrt, sandte sogleich Boten dahin, die „ältesten Mit-Landleutc und Brüder zu beschwören, daß sie in diesen über alles wichtigen Tagen nicht jene heiligen Bande der Bruderliebe zerreißen möchten, durch welche ehemals die seligen Vorväter beider Völkerschaften so fest und glücklich vereinigt waren." Doch die Boten von Schwyz hatten noch nicht die Ufer Unterwaldens berührt, als sie schon erfuhren, daß sich auch dieser Stand, nach einigem Zweifeln, entschlossen habe, dem Kriegsblind der Berg- und Waldkantone bei- zutrcten, und brüderlich mit denen nntcrzngehcn, mit welchen sic so lange das Glück-der vorige» Zeiten getheilt hatten. Ein besonderer Umstand machte die erste Sitzung der fünf alten ) Schwyz an Uri, den 28. März. 125 demokratischen Orte noch wichtiger, und wehte die Flamme der Begeisterung höher. Nneingeladen kamen auch Abgeordnete vom -Toggenburg, Nheinthal undSargans, welche alle die Begierde ihres Volks äußerten, sich an die.fünf Stände fest anzu- schlicßeu, zur Vertheidignng des Vaterlandes. Eben so trafen mit gleichen Wünschen die Abgeordneten von Appenzell Inner- und Anßer-Rhode», der Landschaft und Stadt St. Gallen ein. Die fünfortische Tagleistung aber, obgleich gerührt von diesen Zengnissen hohen GemcingeistcS, wagte es doch, wegen mangelnder Bevollmächtigung, nicht, den Deputaten jener Völkerschaften in ihrer eigenen Mitte Sitz und Stimme zu geben. Auch wollte sic auf keine Weise dem fränkischen Heerführer, der jene Kantone schon namentlich zur neuen Republik eingetheilt hatte, den leisesten Vorwand zu Kränkungen gewähren. Man ließ sie also abgesonderte Sitzungen halten, und es ward beschlossen, daß jeder Thcil eine eigene Denkschrift an das fränkische Direktorium abfassen sollte, welche aber dann in einerlei Ucberschlag und auf gleiche Weise nach Paris zu bringen wäre. Außerdem ward Alles einig, die gegenwärtige Staatsverfassung mit Gut und Blut zu verfechten, wenn Gewalt für Recht ergehen würde. Da die Taglcistung schon geschlossen war, meldeten sich auch Abgeordnete der Landschaft March, beauftragt, mit den fünforti- schen Gesandten gemeinschaftliche Sache zu. machen. Sie erhielten aber, da die Beschlüsse einmal gefaßt waren, keinen Zutritt. Die Nuterwaldner ob dem Walde, während ihre Boten noch in der Reihe der Eidgenossen zu Schwyz saßen, änderten aber plötzlich ihren Sinn. Das Volk von Obwalden, zwar im starken Gefühl seines Rechts, erkannte auch die unwiderstehliche Noth- wendigkeit, früher oder später der überlegenen Macht weichen zu müssen. Bei der zärtlichsten Theilnahme am Schicksal der ältesten Bundesverwandten empfand es zugleich die Pflicht, sich c»i die Mehrheit der schweizerische» Völkerschaften zu schließen, und seine Selbstständigkeit (als kleiner Freistaat) de», Wohl des Ganzen zu weihen, und Bürgerkrieg zu meiden. Umsonst sandte das Volk nid dem Kernwald, umsonst Schwyz, ab- mahncnde Botschaften an die Landesgemeinde von Sarnen.*) Die Deputirten beider Stände wurden standhaft zurückgewiesen. Als Obwalden seine Boten gen Bern sandte (wo Schauenburg nun, statt Brüne's, den Oberbefehl über die Frankenarmec führte), um die Annahme der neuen Staatsverfassnng anzuzeigen, that auch Engelberg desgleichen. Dies hohe, von majestätischen Eis- und Schneegebirgen umschlossene Alpenthal, durch eine lange, wilde Felscnschlncht mit Nidwalden verbunden, war seit dem Ende des eilften Jahrhunderts Eigenthnm einer dort gestifteten Abtei. Des Thales Einwohner, kaum mehr, als zwölfhundcrt Seelen, obwohl sic ihr Gericht für bürgerliche Händel aus eigener Mitte besetzen durften, erkannten als Unterthanen von jeher die Oberherrlichkeit der Abtei. Glücklich in der einfachen Befriedigung ihrer Bedürfnisse, selbst ungereizt vom Beispiel der sic umringenden freien Völker, hatten die Thalleute nie den Versuch gewagt, jener milde» Abhängigkeit zu entgehen. Aber Abt Leodegarius Salzmann, ein weiser, menschenfreundlicher Prälat, stand in diesen Zeiten nicht an, sich freiwillig seiner Hoheit zu begeben, und machte zur Krone seiner tausend Wohlthaten die Befreiung des Thales, welches ihn als Vater und Schutzengel zu ehren ge- . wohnt war.**) Der Abfall Obwaldens erbitterte zwar die vereinten Gcbirgs- staaten, aber schreckte sie nicht von der erwählten Bahn zurück. *) Sarnen ist der Hauptflecken iil Obwalden. **) Schreiben Abt LeodegarS an Mcngaud. Engclberg den 1. April. Mochte diese auslaufen z»m Siege oder Tode, gleichviel, da Leide Lorbeeren trugen. Schon am fünften April zogen die Gesandten der Eidgenossen nach Bern, um von da nach Paris, der weltgebietenden Stadt, zu eilen.*) Als sie zum General Schauenburg und dem Ncgie- "rungs-Kommissär Lecarlier gekommen-waren, forderten sic die nothwendigen Pässe zur Fortsetzung ihrer Reise, und baten um Fürsprache und Unterstützung. Es war zu spät. Lecarlier und Schauenburg hatten schon Auftrag, den halbzerstörten eidgenössischen Staatskörper in eine unzertheilte Republik zu verwandeln. Es war also nur darum z» thun, Gründe zu finden, den Befehl zu vollziehen. Daran mangelte es nicht lange. Die Schwyzcr Landleute nährten Groll gegen Luzern, welches sich zur Untheilbarkeit der Schweiz bekannt, und den helvetischen Freiheitsbaum errichtet hatte in allen Dörfern. Die Grenzortc des Schwyzcr und Luzerner Kantons, in täglichem Verkehr mit einander, blieben bei der Gcschiedenheit der Meinungen über das Schicksal der Schweiz nicht ohne lärmende Auftritte. Zu Greppcn im Kanton Luzern wurde der Frciheits- baum aus dem Boden gerissen, und das dreifarbige Fähnlein der werdenden helvetischen Republik in wildem Triumph nach Küß- nacht, am Waldstätter-See, entführt. In andern Gegenden vereinte der Luzerner Landmann seine Stimme mit dem Schwyzcr gegen die Stadt Luzern. Es war umsonst, daß Schwyz dagegen Warnung und Strafe verkünden ließ. Allzu unbändig war des *) Es waren Statthalter AloyS Müller von Uri, Landannnann Ludwig Weber von Schwyz, Landammann Zweifel von Glarus, wie auch die von Appenzell und übrigen Landschasts-Dcpntirtcn, Landshanptmann Jos. Blum von St. Gallen, und Pannerherr Joh. Jak. MeSiner von St. Gallen. Volkes Grimm. Schauenburg und Lecarlicr aber nahmen daraus Vorwand, die der helvetischen Vereinigung abgeneigten Kantone als feindlichgesinnte zu erklären. Sie verweigerten daher den Abgeordneten in Bern die Pässe ans Paris, und wiesen sie mit Kälte zurück. — Die Denkschriften erreichten also Paris nicht. Verloren aber sollen sic darum nicht der Nachwelt sein. Sie bezeichnen den Geist des Eidgenossen, der ans sein Recht mit gerechtem Stolz gelehnt, die Sprache brüderlicher Zuversicht zu den Häuptern eines neuen, übermächtigen und übermüthigen Freistaates redete. Also lautete das Schreiben an Lecarlier, den französischen Geschäftsträger: Die Volksrcpräsentanten der ältesten demokratischen Stände der Schweiz, einerseits durch die wichtigen vergehenden Veränderungen in bange Sorgen gesetzt, anderseits durch die großmüthigen Gesinnungen, welche die französische Republik gegen die freien Volks- regiernngen immer geäußert hatte, wieder aufgemuntert, hatten eben in dem Hauptflecken Schwyz sich gesammelt, einander ihre Gedanken mitzutheilen, sich brüderlich über Mittel und Wege zu berathen, die sie anzuwenden und einzuschlagen haben möchten, um ihre freie Volksverfassung beibehalten zu können, deren Verlust das gute Volk dieser friedlichen Thäler in einen Zustand von Trostlosigkeit und von Verzweiflung versetzen würde; in unser» Bcra- thungen vorzüglich durch unser unbegrenztes Vertrauen auf die gerechtigkeitsvollen Empfindungen des Vollziehungs - Direktoriums der französischen Republik geleitet, war das Resultat derselben beinahe schon dahin entschieden, ihre dringlichen Vorstellungen über diese wichtige Angelegenheit durch Abgeordnete aus ihrer Mitte dem Vollziehungs-Direktorium überreichen zu lassen, als zu eben dieser Zeit auch die Volksrepräsentanten der schweizerischen Stände und Orte, Appenzell, Stadt und Landschaft St. Gallen, Toggen- 129 bürg beider Religionen, des Rheinthals »nd Sargans, an dem Ort unserer Zusammenkunft cintrasen, über den gleichen Gegenstand sich mit uns zu berathcn. Obwohl ihre Verfassungen der unseligen ähnlich sind, und gleiche Besorgnisse sie zu uns herführte, hielten uns doch Verschiedenheit der Beweggründe und andere Betrachtungen ab, unsere Vorstellungen mit den ihrigen in eine Bitschrift zu fassen. — Billig aber würden wir den Tadel eines jeden Rechtschaffenen zu verdienen besorgt haben, wenn wir eidgenössische Brüder von eben dem Schritte Hütten abwendig machen wollen, durch den wir das Ziel unserer Wünsche anr sichersten zu erreichen hofften. Auch sind wir überzeugt, daß weder Ihr, Bürger Geschäftsträger, noch das Direktorium es uns nicht verdenken werden, wenn wir diese Stände nicht zu hindern suchten, ihre Vorstellungen mit der unseligen der hohen Behörde überreichen zu lassen. Unterdessen machten wir es uns zur Pflicht, Euch, Bürger Geschäftsträger, auch von dem Umstand bei diesem Anlaß zn benachrichtigen, wo wir uns die Ehre geben, Euch die Vorstellungsschrift mitzuthcilen, die wir an das französische Direktorium zn erlassen die Freiheit nehmen. Die Empfindungen der Menschenliebe und Gerechtigkeit, die vielen Beweise, die Ihr unserer Nation bereits hiervon gegeben, und Eure Kenntnisse von den Verhältnissen unserer demokratischen Stände sind uns so viele Bürgen, daß Ihr unsere ehrerbietigen Wünsche bei dem Direktorium zu unterstützen belieben, und Euch dadurch neuen Anspruch auf unsere Dankbarkeit erwerben werdet, die unauslöschlich sein wird, wie die Empfindungen der Verehrung, die wir Euch gewidmet haben. Gegeben Schwyz den 5. April 1798. Gruß und Hochachtung. Unterzeichnet im Namen der Repräsentanten der Gemeinden 130 und Näthe der demokratischen Stände Uri, Schwyz, Unterwalden unterm Wald, Zug und Glarus: Weber, Landammann und Pannerherr. Mod. Schneller, Alt-Landammann. Joh. Anton Ulrich, Landschreiber des Kantons Schwyz. Sendschreiben der fünf alten demokratischen Stände an das fränkische Vollziehungs-Direktorium in Paris. Da sich die fränkische Republik als Freundin und Beschützerin des schweizerischen Volkes erklärte, und die Souveränetät desselben zu respektive» gelobte, schien ihre Absicht einzig dahin zu gehe», die Bestrebungen zu unterstützen, welche die Einwohner der aristokratische» Stände machen dürften, um in der Schweiz die Wiedergeburt jener ursprünglichen Freiheit zu bewirken, zu der unsere demokratischen Kantone den ersten Grund gelegt hatten. Durch diese von der fränkischen Republik so laut geäußerte» Grundsätze beruhiget, waren wir weit entfernt, auch nur zu ver- muthcn, daß cs in den Gesinnungen der fränkischen Republik liegen möchte, in ihrer Freiheit und Unabhängigkeit jene Volks- regierungcn zu stören, die sie den übrigen Völker» der Schweiz als ein ihren Wünschen und Bestrebungen würdiges Gut angepriese» hatte. Unterdessen hatten doch die Annäherungen der fränkischen Truppen, die Ungewißheit ihrer Bestimmung, die Nachrichten, die uns zukamen, die Gerüchte, die sich verbreiteten, auch uns, die Bewohner dieser friedlichen Thäler, in nicht geringe Sorgen gesetzt. Allein unser lebhaftes Vertrauen auf Eure gerechtigkeitsvollen Gesinnungen, Bürger Direktoren, unser fester Glaube an die Uebcreinstimmung Eurer Handlungen mit Euer» Grundsätzen und Versicherungen, hatten unsere Besorgnisse wieder gemildert. 131 Von Eurer Zuversicht belebt, ordneten wir aus der Mitte unserer Volksversammlungen Repräsentanten an Euern kommandircn- den General Brüne nach Bern ab; derselbe» gefällige Aufnahme, die schriftlich und mündlich erhaltenen beruhigenden Zusicherungen, stillten vollends unsere Sorgen. Kaum aber waren unsere Bekümmernisse gehoben, kaum hatten wir uns wieder der tröstlichen Hoffnung überlasten, als wir von der provisorischen Negierung in Solothurn den Entwurf der neue» helvetischen Konstitution und die Einladung zur Annahme derselben crbielten, und zugleich die Sage durch unser Land ging, daß alle Stände der Schweiz zur Annahme derselben sich zu bequemen hätten. Wir finden keine Worte, die Bestürzung zu schildern, die diese auf den Zusammenfluß so vieler Wahrscheinlichkeiten gegründete Nachricht unter uns verbreitete. Vergeblich würden wir Ausdrücke suchen, die Schmerzen zu beschreiben, mit denen uns diese Besorgniß erfüllte, die von unser» Vätern gestiftete Verfassung zu verlieren, die unserer Gemüths- art und unserer Lage so angemessen ist, daß wir seit Jahrhunderten unter ihrem Schutze jenen Grad von Wohlstand genießen, dessen unsere friedlichen Thäler empfänglich sind. Erlaubt, Bürger Direktoren, dass wir Euch über den Entwurf, auch dieser unserer Volksregierung eine andere Form zu geben (wenn solcher in Euer,» Vorhaben liegen sollte), in der ungekünstelten Sprache der Freiheit unsere Vorstellungen machen dürfen. Erlaubet, daß wir freimüthig Euch fragen, was Ihr denn in dieser unserer Verfassung findet, das gegen die Grundsätze der -Enrigen anstoße? Könnte wohl ein Rcgierungsplan entworfen werden, nach welchem die Souveränetät so ausschließlich in den Händen des Volks läge? wo zwischen allen Ständen eine vollkommenere Gleichheit herrsche? wo jedes einzelne Glied eine ausgedehntere Freiheit 132 genicßc? — Wir trugen keine andern Fesseln, als die sanften Fesseln der Religion »nd der Sitten lehre; kein Joch drückt unsere Nacken, als das süße Joch der Gesetze, die wir nns auf- legen. Anderwärtig mag dem Volk hierüber manches zu wünschen übrig gewesen sein. Aber bei uns, bei den Abkömmlingen W il Helm Teils, dessen Thaten für die Freiheit Ihr heute noch preiset, bei nns, die wir bis ans diesen Tag in ungestörtem Genuß dieser Verfassung geblieben sind, und für deren Beibehaltung wir, mit allem Nachdruck des Gefühls einer gerechten Sache, zu Eurer Gerechtigkeit reden, bei nns ist nur ein Wunsch, nur der einstimmige Wunsch — bei der Verfassung bleiben zu können, die uns Vorsicht und Muth unserer Väter gegeben, — und welche Verfassung könnte Wohl richtiger mit der Eurigen übereinstimmen? Wir, das gcsammtc Volk dieser Länder, dessen Souveräneiät zu rcspektiren Ihr so oft versprächet — wir machen den Landesherrn unserer kleinen Staaten aus; wir setzen und entsetzen nach unserer Willkür unsere Vorgesetzte; die Nbthcilungcn unserer Kantone erwählen unsere Räthc, die unsere Stellvertreter, die Stellvertreter des Volkes sind. Dieses ist, Bürger Direktoren, in Kurzem der Inbegriff unserer Regierungsform — ruhet ste nicht eben auf der Grundlage, auf welcher die Eurige erbauet ist? Wie solltet Ihr denn den Willen, oder je einen Beweggrund, je einen Vorthcil haben können, diese unsere Verfassung und damit unser Glück zu zerstören? Wenn auch die Macht dazu in Euern Hände» liegt, wird wohl Eure Gerechtigkeit Euch gestatten, von derselben Gebrauch zu mache», um bei uns an der Stelle unserer Verfassung eine Negierungsform cinzuführen, deren Bestandtheile kaum der Hundertste unter uns zu begreifen im Stande ist? 133 Ein Berg- »nd Hirtenvolk, in nnserm Ursprung immer den Einrichtungen und der Sittcneinfalt unserer Väter getreu, glücklich in nnserm Mittelstand, zufrieden bei wenig Bedürfnisse», würden wir aus den beschränkten Einkünften unserer Länder kaum die Besoldung unserer »ach der neuen Konstitution zu gebenden Stellvertreter zu bestreiten vermögen. Die Eingriffe !n das Privateigenthum, und auch dieses würde !» wenigen Jahren erschöpft sein, müßten in unfern Ländern allgemeine Verarmung erzeugen, und nie versiegende Quelle von Unruhen und Plagen werden. Wundert Euch demnach nicht, Bürger Direktoren, wenn diese traurige Gewißheit, wenn diese düstern Aussichten uns von der Annahme einer neuen Ordnung der Dinge zurückschrecken, die uns als eine Last vorkommt, deren Gewicht unsere Kräfte übersteigt. Eure tiefe Politik, Eure genaue Kenntniß der Gemüthsart, der Lage uüd der Kräfte der Völker, die Eltch umgeben, werden die Wahrheit unserer Vorstellungen unterstützen, und beredter als wir wird Eure Menschenliebe für uns sprechen. Eure große Nation, die ihre größte Ehrbegierde darein setzet, durch erhabene Thatcn der Gerechtigkeit und des Edelmuths ihre Jahrbücher zu verherrliche», könnte sie Wohl ihre glänzende Geschichte durch den düstern Zug verdunkeln wollen, daß sie die Verfassung und das Glück eines friedlichen Volks zerstörte, welches ihr nie etwas Leides gethan, das weder den Willen noch die Kraft hat, ihr jemals schaden zu können? Ferne, dieses zu fürchten, gewähren uns vielmehr Eure ge- säußcrten Grundsätze die tröstliche Hoffnung, daß Ihr die entworfene -neue Verfassung nur jenen Völkern der Schweiz geben werdet, chie solche verlangten, und daß Ihr mitten unter den Veränderungen, die Ihr zu treffen im Begriffe stehet, jene Volksverfaffung, welche die von Euch so oft gepriesenen Schweizerhelden gestiftet, 134 als so viele bleibende Denkmäler Eurer Gerechtigkeit, ungestört zu lassen gestnnet seid. Geruhet, Burger Direktoren, »ns noch einen holden Beweis Eures den Volksregierungen günstigen, großmüthigen Schutzes durch die Verfügung zu ertheilen: daß nnsern Ländern die Verkehre mit der übrigen Schweiz frei, offen und ungehindert bleiben. Geruhet besonders, durch die trostvolie Zusicherung Eurer wohlwollenden Gesinnungen uns bald aus der quälenden Ungewißheit zu ziehen, in die wir versetzt sind; dann werden unsere friedlichen Thäler von den Ausdrücken der Dankbarkeit und der Verehrung erschallen, die wir Eurer großen Nation — dieser mächtigen Freundin aller Völker, und ihren würdigen Vorstehern unabläßlich widmen werden. Gegeben zu Schwyz den 5. April 1798. Gruß und unbegrenzte Hochachtung. Im Namen der Gemeinden und Näthen der demokratischen Stände, Uri, Schwyz, Unterwalden nid dem Wald, Zug und Glarus- Schmid, Altlandammann. Schmid, Landshauptmann. < Weber, Landammann Panncrherr. l Schneller, Altlandammann. > Franz Ant. Würsch, Landammann. 'Zeiger, Landshauptmann. Franz Joseph Andermatt. ^ Karl Franz Kaiser. Anton Heß. Aloys Staub. Joseph Baumgarten. Zweifel, Landammann. Felix Müller, Landsstatthalter. Dom. Anton Ulrich, Landschreiber des Kantons Schwyz. Uri Schwyz. Unterwalden unterm Wald Zug von Stadt und gelammten Land. Gemeinsamer Stand Glarus. 135 Schreiben des Volks von Appenzell, St. Gallen, Tog- genburg, Rheinthal nnd Sargans an das fränkische Direktorium. Bürger Direktoren! Euer Beispiel hat die Völker ans ihrem Schlummer geweckt. Seitdem die große Nation die Freiheit wieder auf Erden zurückbrachte, ließ eine Völkerschaft nach der andern sich von diesem heiligen Feuer entzünden. Und welche Empfindungen der Freude müssen nicht das Herz eines schweizerischen Patrioten durchströmcn, wenn er daran denkt, daß die große Nation selbst den ersten Funken ihres Feuers sich vom Altar nnsers Vaterlandes holte, da unsere Väter durch ihre Heldenthaten den ersten Stoß dem sklavischen Europa gaben. Wir sind die Nachkommen dieser Väter, Bürger Direktoren, und, wie wir hoffen, nicht ganz unwürdige Nachkommen, da wir in diesen Tagen der allgemeinen politischen Wiedergeburt auch durch ein rühmliches Bestreben jene alte Freiheit herstellten, die unsere durch den Geist der damaligen Zeiten irrcgeführten Brüder uns einst Wegnahmen; doch jetzt haben eben diese Brüder, die würdige» Söhne der Tellen, ihrer Väter, gewarnt vom Geiste unserer Zeit, sich selbst vor den Augen der Nachwelt dadurch geehrt, daß sie freiwillig einer Herrschaft über Brüder, die ihnen gleich an Rechten sind, entsagten. Mit einem Wort, Bürger Direktoren, wir sind nun alle frei, nach dem Beispiel des demokratischen Kantons Appenzell, nnsers Vorgängers auf dem Pfade der Freiheit, der schon über viert- halbhundcrt Jahre alle Vortheile der unveräußerlichen Menschenrechte genießt, und sich hier an unserer Spitze unterzeichnet, denn auch er wünscht mit uns in der alten demokratischen Verfassung bleiben zu können. 136 Aber wie wurden wir überrascht, als auf einmal eine uns bisher unbekannte Konstitution erschien! Erlaubet nnS, Bürger Direktoren, daß wir Euch hierüber un- > scre Empfindungen mit derjenigen Offenheit anzeigcn, die sich für freie Menschen so wohl schickt. Vor allem aus müssen wir fragen: warum will man »ns de- mokratisiren? Ist unsere Verfassung nicht schon demokratisch genug? Ist unser Volk nicht der einzige Souverän, der die Gesetze macht, und seine Obrigkeiten erwählt nach einem repräsentativen System, das schwerlich reiner ausgcdacht werden könnte? Das sind Wahrheiten, die nicht zu widerlegen sind; wir hoffen daher, Bürger Direktoren, Ihr werdet unser» einzigen, unschuldigen Wunsch billig finden, daß wir in unscrm Ruhestand bleiben, und uns regieren können nach dem Muster der Urväter, die Ihr so hoch schätzet, und unserer Brüder in den demokratischen Kantonen, die Ihr nicht weniger schätzet. Ueberdies verträgt sich diese Konstitution allerdings nicht mit unser» Lokalverhältniffcn, Naturanlagcn, Charakter, und besonders jener einfachen Armuth, die für ein Hirtenvolk ein wahrer Rcich- thum ist; denn sie ist eigentlich nur eine Einschränkung der künstlichen Bedürfnisse und die Zufriedenheit mit seinem Schicksale. Hingegen diese Konstitution, vielleicht anwendbarer auf reichere Länder, würde in wenigen Jahren unsere ländliche Haushaltung zu Grunde richten. Und wäre dies nicht unser größtes Unglück, und das unverträglichste Leid, das man uns anthun könnte? Und Ihr solltet uns ein solches Unglück und den Ruin unserer Kinder durch eine gezwungene Annahme derselben Konstitution bereiten wollen? Nein, das könnet Ihr nicht, Bürger Direktoren! Eure aufrichtigen und, daß wir so sagen, alt-fränkischen Gesinnungen (wir finden kein besseres Wort, uns angemessen auszudrücken), Eure republikanischen Grundsätze, Eure gerechten Maßregeln, Eure un- 137 verletzliche Geradheit, Alles schützt uns vor dergleichen Zumuthungen, die man uns in Zukunft machen könnte. Hier in diesen wenigen Zeilen leset unser Verlangen, unsere ' Wünsche und unsere Hoffnungen.-Werdet Ihr uns erhören? .Ja, Ihr werdet cs-und dann werden auch wir nicht auf- hören, in Euch und in der großen Nation, deren Stelle Ihr so würdig vertretet, die unerschütterliche Stütze der schweizerischen Freiheit zu verehren. Schwyz, de» S. April 1798. Republikanischer Gruß und Achtung. Die Kantone, Landschaften und das Volk von Appenzell Jnner- uud Außer-Rhoden, Landschaft und Stadt St. Gallen, Toggenburg, Nhcinthal und SarganS, und in deren Namen die Repräsentanten: Bischofberger, Spieß, Künzle, Meyer, Volt, Dudly, Gschwend, Bernold. 3. Als die Abgeordneten der verbündeten Eidgenossen unverrichteter Sache zu ihren Heimaten zurückgekommcn waren, nahm die Wnth des Volks überhand. Vom Waldstätter- bis zum Boden-See, durch die ganze Kette der Hochgebirge wildes Geschrei. In furchtbarer Begeisterung predigten Väter und Mütter ihren Kindern den Tod fürs Vaterland. Mönche verließen ihre Zellen, Hirten ihre Heerden. Jene riefen den Fluch des Himmels über die Mörder der Freiheit und Religion; diese sprachen Prophezeiungen. Die erhitzte Einbildungskraft sah Wunder und Zeichen. Die Tage von Morgarten und Näfels schienen wieder angebrochen zu sein; Frankreich stand nun an der Stätte Oesterreichs; der Freiheitsbaum war es wieder, vor welchem sich die Tellen beugen sollten, wie vor Zsch. G-s. Schr. 34, Thl. 6* 138 Jahrhunderten geschehen, und der fränkische Heerführer mit seinen Gefährten war der verabscheute Geßler mit den tirannischen Landvögten. * **) ) Lecarlier und Schauenburg, unbekümmert um die Verzweiflung der Gebirgsvölker, eilten ihr Werk zu vollenden. Der Regierungs-Kommissär schrieb an die Bewohner der Kantone Schwyz, Zug, Uri, Glarus, Appenzell, Nidwalden, und an die Bewohner der Stadt und Landschaft St. Gallen, so wie auch an die Distrikte, welche den neuen Kanton von Sargans auSmachen sollten: „Bürger, ich habe Euer» Abgeordneten den ausdrücklichen Willen des fränkischen Direktoriums zu erkennen gegeben. Sie werden Euch denselben mittheilen. Ihm widerstreben zu wollen, wäre Euerm Interesse, wäre der Klugheit entgegen gehandelt. Euer Wohl, Eure Ruhe erfordern die innigste Vereinigung mit den übrigen Theilen der Schweiz; der gesellschaftliche Vertrag, der Euch an denselben anschließen soll, ist Eurer Lage angemessen. Sollte er auch hin und wieder einiger Berichtigungen bedürfen, so wird die neue gesetzgebende Versammlung dieselben ausführen. Bürger! Man hat Euch gegen die neue schweizerische Verfassung einzunehmen, man hat sie Euch mit den häßlichsten Farben zu *) In den Gemälden, weit älter als die fränkische und helvetische Revolution, ist Wilhelm Tell immer in die helvetischen Nationalfarben (grün, roth und gelb) gekleidet. Aber seltsam ist'S, daß dabei der verhaßte Landvogt Geßler mit seinen Gesellen in der fränkischen Nationalfarbe (roth, blau und weiß) erscheint. In Wilhelm Teils Kapelle zu Biirglen in Uri und an andern Orten steht man dies noch jetzt; vielleicht daß mancher Landmann daraus böse Deutung gezogen. **) Bern, Hauptquartier, 22. Germinal VI. (11. April 17S3.) 13S schildern gesucht. Menschen, die ihrem Privcitintereffe bas Glück und die Ruhe des Vaterlandes aufopfern wollen, haben Euch gesagt, diese Verfassung benehme Euch Eure Freiheit, schränke Euer« Handel, Eure Viehzucht ein, überlade Euch mit öffentlichen Abgaben, und zerstöre die Gewissensfreiheit. Ich will Euch mit Wahrheit und Offenherzigkeit über alle diese Punkte belehren. „Die. Souveränctät bleibt immer in den Händen des Volks, weil die Wahlmänner, welche die öffentlichen Beamten ernennen, durch dasselbe gewählt werden müsse». Diese Regierungsform, indem sie dennoch demokratisch sein wird, hat unter andern den Vor- thcil, Unordnungen und Zügellosigkeiten zu verhindern. „Die neue Verfassung, weit entfernt, Euer» Handel und Eure Viehzucht einzuschränken, wird Euch neue Ansprüche ans Frankreichs Freundschaft geben, und Euch mit der großen Republik neue Hilfsquellen eröffnen. Die Abgaben werden nicht im Verhältniß mit den öffentlichen Beamten, die Ihr zu ernennen habt, und die aus dem allgemeinen Schatz bezahlt werden, sondern nach Eurer Lage und Euern Hilfsmitteln erhoben. Da ferner die Verfassung ausdrücklich die Gewissensfreiheit fcstsetzt, so ist jeder Zusatz in diesem Betreff überflüssig. „Ich glaube nun die Haupteinwürfe gegen die neue schweizerische Verfassung auf eine Art beantwortet zu haben, die mich hoffe» läßt, Ihr werdet durch ihre Annahme Euch die unzählbaren Nebel ersparen, die im entgegengesetzten Fall Euch bedrohen, und eine längere Weigerung Euch unfehlbar zuziehen würde. Lecarlier." Schauenburg, als Krieger, begleitete mit dem Schwerte diese Lehre. Am gleichen Tage verkündete er in einem Flugblatt: daß Priester und Obrigkeiten der Landschaften St. Gallen, Toggenburg und Appenzell, so wie auch der Kantone Zug, Glarus, Uri, Schwyz und Nidwalden, mit ihren Köpfen für die öffentliche Sicherheit haften sollten, und daß, wen» binnen zwölf Tagen nicht in diesen Ländern die Urversammlungen über Annahme der neuen Verfassung znsammengerufcn sein würden, die Priester »nd die Regierungen als Mitschuldige der schon gestürzten Oligarchen angesehen und behandelt werden sollten. *) Des Zweckes aber nock- gewisser zu sein, und den Gebirgen ihre Abhängigkeit von der Ebene, bei jedem Versuch einer Trennung, fühlbarer zu machen, verord- ncten die französischen Machthaber zugleich eine strenge Sperre gegen das Hochland. Weit entfernt, den Trotz der Bergbewohner zu beugen, reizten alle Drohungen nur derselben Wuth und Stolz. Seit Jahrhunderten von den europäischen Mächten, als selbstständige Freistaaten, mit Würde behandelt, hörten sie sich hier von einem Geschäftsträger der fränkischen Regierung Rebellen und Schwärmer genannt. Frankreich, welches selbst »ach dem Vorbilde der schweizerischen Republiken Freiheit und Rechtsgleichheit verkündet hatte, kam, das Vaterland Tells zu verwüsten, welches seine Freiheit nicht auf einen Machtspruch des Fremdlings hingeben wollte; Frankreich, welches nur Krieg den Thronen, Friede den Hütten gepredigt hatte, erschien mit gewaffneter Faust vor den armen Dörfern jener Hirten, deren Glückseligkeit längst bcneidens- würdig hieß; — Frankreich, welches noch vor wenigen Wochen den Demokratien Frieden und Dauer der Freundschaft verhieß, und daß es die Bande nicht brechen wolle, welche die schweizerischen Hirtenstaaten mit der großen Republik vereinten, fiel die Getäuschten an, welche, wenn nicht vom Sittlichkeitsgefühl der fränkischen Machthaber, doch von ihrem Stolze erwartet hatten, daß sic neben Waffenübermacht sich niedriger List schämen würden. Nicht weit von da, wo der Mnttastrom zwischen hohen Ufern I Hauptquartier Bern, 22. Terminal Vl. 141 -aus dem rauhen Waldthale hervorrauscht, in einer romantischen Gegend unter niedrigen Hügeln, im Angesichte des ungeheuer» iGebirgskranzcs, welcher das Hanptthal von Schwyz umrankt, ist ein erhabenes Plätzchen, von den Zweigen uralter Bäume überschattet. In der Nähe liegen die Hütten von Ibach und seine Brücken über den Strom. Eine Viertelstunde ferner der Hauptort des Freilandes am Fuße des prächtigen Haggcn-Bergs. Dort war der Ort, wo sich seit Jahrhunderten alljährlich das freie Hirtenvolk von Schwyz zu versammeln gewohnt war, in offener Lands- gemcinde über des Vaterlandes Angelegenheiten zu sprechen; dort hatte die Vorwelt ihren Freiheitsschwur geschworen unzähligemal; dort fühlte sich der Schwyzer in seiner Kraft, in seinem Stolze, in seiner Glückseligkeit, — und dort war es, wo nun am 16. April des Jahres 1798 die Staatsbürger über Auslösung ihrer alten Verfassung befragt wurden. Sie hörten den mündlichen Bericht ihrer nach Paris verordnet gewesenen Gesandten; sie hörten die Proklamationen der gebieterischen Befehlshaber der Franken. Das Entsetzen schien einen Augenblick alle Zungen zu lähmen. Eine fürchterliche Stille herrschte über den Tausenden. Keiner konnte den Gedanken fassen, daß es möglich sei, so zu fordern, noch weniger, solcher Forderung zu entsprechen. Seit einem halben Jahrtausend des Glücks unbeschränkter Freiheit genossen haben, und es aufopfern sollen in einem Augenblick, auf das Zürnen eines Ausländers hin — sich entschlagen einer Landesverfassung, die jeder als den Quell seines Wohlstandes, seines Lebensgenusses, als das schönste Erbthcil seiner Ahnen ansah, welches einst auch wieder die beste Hinterlassenschaft für den Enkel sein sollte, — ein Kleinod vertauschen, schon lieb und heilig, weil es, mit Heldenblnte errungen, von den Vätern stammte; vertauschen, unter Bedrohung von Waffen- und Hungertod, gegen ein Gut, so Niemand kannte, und das in den blutigen Händen des schreck- — 142 — * lichcn Gebers am wenigsten leckte — dies hätte das schlaffeste Volk nicht ertragen. Eine furchtbare Raserei bemächtigte sich der Versammelten. Das Geschrei der Menge stieg gen Himmel. Jeder redete, keiner hörte mehr. „Wie/'-rief man, „sind das jene so oft, so feierlich wiederholten Versicherungen von Freundschaft und Frieden? — Ist das die Freiheit, um welche wir die unsere dahingeben sollen? — Was haben wir dem Franken gcthan, daß er uns an will? — Das Blut unserer Väter, ist'S vergebens geronnen?— Haben wir nicht Blut, haben wir nicht Arme, nicht Herzen? —" Mitten in diesem Sturme erhob sich die ganze Landsgemeinde. Das Volk schwur unter freiem Himmel zu Gott und allen Heiligen den feierlichsten Eid: „Gott allein sei unser Herr! wir dienen keinem andern! und wollen für Religion, Freiheit und Vaterland mit Freuden Leib und Leben, Gut und Blut aufopfcrn; wolle» lieber als Christen und freie Schweizer sterben, denn fremdes Joch unfern Kindern aufladen!" In den Augen der Greise und der Jünglinge funkelten Thränen der Wnth und des Schmerzens. — Solche Thräne entehrt die Wange des freien Mannes nicht. Das Volk warf seinen Fluch auf das „Büchlein von der neuen helvetischen Konstitution", und befahl, jeden, geistlichen oder weltlichen Standes, welcher öffentlich oder in geheimen Zusammenkünften diese Konstitution anrathcn, loben, oder als gut auslcgcn würde, wie einen Staatsverbrecher zu greisen und dem Gerichte zu überantworten. Das Land in Vertheidigungsstand zu setzen, ward ein Kriegsrath ernannt aus sechs Gliedern, bevollmächtigt, sich sechs andere Landleute, als Miträthe, bcizuordnen. — Beim Vaterlandseid war Jedermann verbunden, den Befehlen des Kriegsraths zu gehorche» in Allem. — Es ward ferner verordnet, daß alle streitbare Mann- 143 schaft täglich in den Waffen geübt werden solle; daß die Uebrigcn sich zum Schanzen bereit halten müssen. Allen Schwyzern außer der Heimat, aber doch inner den Grenzen der Eidgenossenschaft, wurde geboten, bei Verlust des Vaterlandes, nach Hause zu kommen. Diese Landsgemeindenbeschlüsse wurden sofort vollzogen, und durch Eilboten an alle Stände und Landschaften versandt, welche bei der letzten Zusammenkunft in Schwyz ihr Wort der Treue und des Beistandes gegeben hatten. Sie wurden anfgefordert, sich zum Kampf zu rüsten, und Mitglieder znm schwyzerischen Kriegsraty zu senden. Noch an demselben Tage erschienen mehrere Abgeordnete von dem obern und untern freien Amt, nnd aus dem Luzerner Kanton, die, laut Auftrag ihrer Gemeinden, den Wunsch äußerten, mit Schwyz gemeinsame Sache zu machen. Der heilige Eifer schien die ganze Schweiz zu beseelen, welche noch nicht von fränkischen Heeren gelähmt war, und das Schicksal der Eidgenossenschaft nur von einem großen, glücklichen Schlage abzuhängen, durch welchen alle Völkerschaften geweckt, zu gleicher Stunde gegen die Macht der Fremden auf vaterländischem Boden sich erheben würden. Luzern hatte inzwischen, gemäß dem Befehle Lecarliers, gegen die Schwyzergrenzen zur verordnetcn Sperre Mannschaft ausgestellt, und ließ aus dem See zu gleichem Zweck ein bewaffnetes Schiff segeln. Darum sandte Schwyz das dritte Bataillon, nebst hundert Scharfschützen, unter Anführung des Hauptmanns Karl Fäßler, gegen die Grenzen bei Küßnacht.*) — Luzern fürchtete den Bürgerkrieg. „Wir haben nicht aufgehört, eure Freunde und gute Nachbarn zu sein, schrieb es an Schwyz: wenn wir uns gleich nicht dem Anfinnen des fränkischen RegierungSkommiffärs Lecarlier entziehen konnten, unsere Grenzen zu besetzen." a:_ -) Den 1ö. April. 144 Schwyz antwortete: „Es kann die Ruhe bei nns nur hergesteltt und befestigt werden, wenn ihr nn'twirkct, dasi die Bande der eidgenössische» Freundschaft nicht nur nicht anfgelösct, sondern durch Beibehaltung unserer Verfassung noch enger geknüpft werden." 4 . Die Seele des neuen Kriegsbundes gegen Frankreich war Schwyz. Hier war kein Wankens mehr in der Wahl zwischen Tod und Schande; hier kannte Niemand mehr die Furcht, welche Frankreich der halben Welt für sich cinzuflößen gewußt hatte; hier wog Niemand die Macht des Feindes gegen dessen Unrecht. — Hätte gleicher Heldengeist, gleiche Eintracht alle Eidgenossen beseelt, so würde Schauenburgs Heer sein unvermeidliches Grab in den Alpe» gefunden haben. Aber kaum alle diejenigen Landschaften und Kantone, welche noch vor wenigen Tagen zu Schwyz die feierlichsten Gelübe des Beistandes in Noth und Tod gethan, blieben dem Worte tre». Selbstsucht, Nebenvortheile, Eifersucht, Ortsgeist iind alle andere Erbfehler des Bnndeswescns trennten bald Kanton von Kanton, Dorf von Dorf. Nicht Schauenburgs Brigaden, sondern die Gebrechen der Eidgenossenschaft zerstörten die Eidgenossenschaft; auch ohne Frankreichs Zuthun war ihr Untergang gewiß. Die Männer von Schwyz, ausgesandt, die Stimmung der Gemeinden in den ober» und untern freien Aemtern zu erforschen, kamen mit frohen Botschaften heim. Sie brachten von de» meisten Gegenden schriftliche Zusage, daß sie mit den fünf alte» demokratischen Kantonen halten, und Wohl und Weh, wie Brüder, theilen wollten. Nicht so aufmunternd lauteten die Botschaften von St. Galle» und Rheinthal, Toggenburg und Appenzell. 145 Die alte Landschaft St. Gallen erklärte, daß sie mit Freuden dem bundesinäßigen Ansuchen von Schwyz entsprechen würde, wenn sie nicht durch eigene Gefahr gebunden wäre. Denn es hätte das benachbarte Thurgau die neue Verfassung angenommen, und mehrere hundert Mann gegen die St. Gallischen Grenze» ausgestellt. Sie selbst wäre kaum stark genug, ihr zehn Stunden langes Gebiet hinreichend zu schirmen. Die Stadt St. Gallen stimmte ähnliche Klage an. Ihre eigene bedenkliche Lage mache ihr unmöglich, entfernten Freunden Hilfe zu widmen. ^ Das Nheinthal hatte in offener Landsgemeinde zwar dem Gemciudsbeschluß von Glarus beigestimmt, Freiheit und Unabhängigkeit mit Gut und Blut zu schirmen; aber einen Zuzug von Hilfstruppen konnte es den fünf Bergkantonen nicht senden, so lange es in Gefahr stände, von den Thurgaucrn überfallen zu werden; andererseits im Dunkeln wäre über den Entschluß von Appenzell, von Toggcnburg, von der alten Landschaft und St. Gallen, dem Sarganserland, Gaster, Uznach und der Landschaft March. Wenn es für sich selbst beruhiget sein würde, wolle es gern den fünf Orten seine Völker senden; inzwischen begnüge es sich, zum Kriegsrath nach Schwyz zwei Hauptleute, als Mitglieder, abzuordnen.*) Das katholische Toggcnburg berichtete, es könne nicht entscheiden, ob Beistand sende», bis seine Gemeinden bestimmt über Annahme oder Verwerfung der neuen Konstitution abgemehrt haben würden. **) Appenzell schrieb: es habe mit Entschlossenheit wider den k*) Diese kamen zwar; der Kriegsrath der fünf Orte entließ sie aber sogleich wieder. **) Es nahm die Konstitution an. Zsch. Ges Schr, 34. Thl. 7 146 Wechsel der Staatsverfassung entschieden. Demnngeachtet könne es an dem gemcinschaftlichc» Kriegsentwurfe nicht Theil nehmen, theils weil es seiner Hauptlente keinen, znr Sendung in einen entfernten KriegSrath, entbehren könne, theils vorher wissen möchte» wie Toggenbnrg gegen Appenzell gesonnen sei. Zudem hätten vier Gemeinden des Appenzells die neue Verfassung angenommen, und damit Zwiespalt und Verwirrung ins Innere gebracht. So waren Plötzlich viele der sichersten Hoffnungen der Waldstätte vereitelt. Nur die kleinen Gelände von SarganS und Uznach, Gaster und March blieben standhafter. SarganS eröffnete, es wolle nicht lassen vom Bunde der Eidgenossen, und mit seinen geringen Kräften die Sache des Vaterlandes vertheidigen helfen. — Uznach machte sich anheischig, einen Zuzug von 800 Mann zu schicken. — Gaster sandte wirklich, statt aller Antwort, seine vier ersten Aufgebote gen Schän- nis, sich dem Heer der Bergkantone anzuschließen. So blieben sich im Augenblicke der großen Gefahr die fünf alten Orte von Uri, Schwyz, Unterwalden (nid dem Kernwald), Zug und Glarus ziemlich allein überlassen. S. Aber auch diese, mehr einzeln, für sich, als für das Ganze in Sorgen, schienen kein Verbindungsmittel ihrer Vortheile zu kennen. Es war ihnen mehr darum, Hilfe zu begehren, als zu leisten. Kein allumfassender Geist leitete sie. Sie fühlten nur das Bedürfniß ihrer Heimat. Noch ehe der Krieg wirklich begann, bot Nidwalden schon den Beistand von Schwyz aus*), um gegen Obwalden gedeckt zu ) Den 17. April. 147 sein, welches, wie wir erzählt haben, der helvetischen Republik beigetreten war. Schwyz indessen ließ nicht vergebens rufen. Es sandte zwei Glieder des Kriegsraths, die Lage der Dinge zu erkunden; verordnete das zweite Bataillon, so Aloys Gwerder anführte, nach Brunnen, am See, um bei jedem Wink gen Unterwalden schiffen zu können, und bot außerdem noch Uri auf, für Unterwalden das Gleiche zu thun. Uri zauderte. Dort waren die Führer des Volks zwistig, und in ihren Entschlüssen wankend. Dies Land, rings von ungeheuer,, Schneegebirgen und einem unsicher« See begrenzt, schien, gegen jeden feindlichen Ueberfall verrammelt, durch eine Handvoll Helden gedeckt, sich selbst genug sein zu können. Darum zweifelte es lange, ob es eintretcn solle in den außerheimatlichen Krieg. Diese Unentschlossenheit der ältesten Bundesgenossen verdroß dem Feuergeist der Schwyzer, welcher, seiner eigenen Schwäche nnein- gedenk, die ganze Eidgenossenschaft zu schirmen beschlossen. Er ließ keine Zwietracht im Innern reifen; sah kein Opfer mehr an, um Stärke gegen den Zerstörer der Eidgenossenschaft zu gewinnen. Denn als die Bei- und Insassen von Schwyz den Wunsch blicken ließen, daß auch sie künftig mit den alten, eingebornen Staatsbürgern von Schwyz gleicher Landesrechte theilhaftig sein möchten, indem sie doch jetzt gerüstet da ständen, für die Erhaltung derselben ihr Leben zu wagen, ward ihr Begehren unmittelbar erhört. Die vereinte Landesgemeinde*) selbst erklärte: „Alle Beisaßen, welche zu den schwyzerischcn Freifahnen schwören, mit ihnen für's Vaterland schon auSgczogen sind, oder noch ausziehen werden, sollen, nebst Kindern und Nachkömmlingen, als gefreite Landleute angesehen sein. Die aber nicht mitziehen, sollen um billige» Einkauf an die Kommission gewiesen werden, welche das ) Den 18. April, 148 Abgeschlossene der Maien-Landsgemeinde znr Bestätigung vorlcgen wird. Auch die armen, gebrechlichen und unmündigen Beisaßen sollen seiner Zeit billig bedacht werden." Inzwischen waren von den Berg- und Waldkantoncn die berufenen Mitglieder zum eidgenössischen Kriegsrath in Schwyz erschiene». Unterwalden hatte den Meinrad Füller und Joseph Maria Christen gesandt; Zug den Haupimann Aloys Staub und Hauptmann Hürlimann von Walchwylen; Glarus den Oberst Paravicini und seinen Sohn Emil. — Nur Uri beharrte in gefährlichem Schweigen — Niemand erschien von daher, »nd selbst ein dahin gesandter Eilbote brachte nur ungewisse» Trost'). Mit Unwillen gemischtes Erstaunen füllte den Kriegsrath; doch Uri's Hand war ihm zu wichtig. Es eilten aus seiner eigenen Mitte mehrere Glieder dahin, das Volk zu bewegen, nicht länger in Abwehrung der Gefahr zu säumen, sondern Hilfe z» senden auf Unterwalden, und bevollmächtigte Abgeordnete zum gemeinsamen Kricgsrathc. — Der Schritt war nicht ganz vergebens. Wirklich befehligte die Urner Landesgemcinde einige Mannschaft nach Nidwalden, und zwei Männer") nach Schwyz, dem KriegSrathe beizuwohnen. Jetzt glaubte» die vereinte» Eidgenossen, ihr Werk beginnen, ihren Plan zur Rettung der schweizerischen Hochgebirge entwerfe» zu können. Alle Stimme» entschieden sogleich für Angriffskrieg. Da weigerten sich die Gesandten von Uri abermals, aus Mangel an nöthigcr Bevollmächtigung von Seiten ihres Standes. Nochmals war also der Kriegsrath gezwungen, Boten ge» Altorf zu schicken. — Der Landrath von Uri aber antwortete: „Da er vernehme, daß man einen weitaussehenden, auf das ') Den 19. April. ") Landeshauptmann Schmid und Statthalter Aloys Müller. 149 Wohl oder Wehe des gemeinsamen Vaterlandes mächtigen Einfluß habenden Operationsplan entwerfen wolle: so habe er gefunden, daß man die begehrte Vollmacht nicht wohl ertheilen könne, um so weniger, da das von letztgehaltener Landesgemeinde dem Stand Unterwalden bewilligte Hilfsvolk nur zur Vertheivigung dieses Landes und zu keinen weitern Schritten bestimmt sei. Zugleich müsse er dem Kriegsrath zu Schwyz den Wunsch eröffnen, daß die Mitglieder von Uri in demselben so bald als möglich wieder entlassen werden möchten, da sie zur höchstnöthigen Veranstaltung eigener Verteidigung in Uri fast unentbehrlich wären. Die Eidgenossen lasen das Schreiben, und entließen mit kummervollem Herzen die Mitglieder von Uri. Welche Ahnungen, welche Aussichten in die Zukunft, da, das Schwert der Gefahr über ihren Scheiteln, nichts die ältesten Bundesbrüder zur Einheit bewegen konnte! 6 . Der große Tag, welcher das Verhängniß der Schweiz enthüllen sollte, rückte näher. Die fränkischen Brigaden sammelten sich, und zogen in verschiedenen Richtungen gegen das Hochland der Schweiz, es anfzunehmen im Kampfe mit den Nachkommen Telss. Erst jetzt empfanden die Eidgenossen ihre Schwäche. Muth der Einzelnen mußte die Zahl ihrer Streiter, natürliche Gewandtheit ihren Mangel in Waffenübung, Begeisterung ihre Unkunde in Kriegskunst ersetzen. Der Beredsamkeit der Priester ward freie Bahn gelassen. Freifahncn wurden emporgepfianzt; der Tod unter ihnen verhieß der gläubigen Menge offene Pforten des Parodie- 150 fts?) Vaterlandsliebe,,', von kriegerischer Musik begleitet, wurde» in Hütten und Feldern gesungen. Alles athmete Rache und Todeslust fürs Vaterland. Das gesammte Heer der Eidgenossen aber, welches sich de» Franken entgegcnstellte, stieg kaum über die Zahl von zehntausend Mann. Mit dieser Macht wollte man es wagen, nicht nur die eigene Heimat gegen einen an Kunst nnd Stärke überlegenen Feind zu schirmen, sondern selbst die ganze Schweiz zu erschüttern, die Völker derselben aufzurühren, die neu-helvetische Republik zu zertrümmern, und die alte Eidgenossenschaft herznstelicn. — Und wahrlich, ein einziger allgemeiner Sieg von ihrer Seite, eine einzige Niederlage der Franken, die damals vielleicht nicht dreißigtausend Mann anwendbarer Truppen in der Schweiz hatten, würde hingereicht haben, den verwegenen Plan anszuführen. Ueberall herrschte Mißmuth und Gährung gegen die Fremdlinge; überall wünschte man ihren Untergang. Nie fühlten die helvetischen Völkerschaften ihre Blutsvcrwandschast und den alten Nationalstolz lebhafter, als in dem Zeitpunkt, da die Urkantone unerschrocken gegen die Franke» auszogen. Selbst in vielen Freunden der Staatsveränderung glühte noch stärker die Liebe für Nationalehre, als für Staatsveränderung. Eine Umschaffnng der Eidgenossenschaft ohne fremde Einmischung war der Wunsch der größer» Hälfte auch des schon umgeänderten HelvetienS. Die Flucht der Besieger Berns wäre *) Frcifahnen hießen solche Panncr, unter denen sich allerlei Volks, so für die gleiche Sache dienen wollte, dem Heere anschließcn konnte. Sie waren meistens mit Heiligenbildern geziert, und mit Inschriften, welche den katholischen Landmann znm Krieg ermuntern konnten, wie z. B.: Wer unter dieser Fahne streitet, hat vollkommene Absolution », s. w. 151 das Lärmzeichen zum allgemeinen Aufstand der Landschaften und zur Vernichtung der Franzosen in allen Dörfern und Städten geworden. So sehr auch den Eidgenossen am glücklichen Erfolg ihrer ersten Schritte gelegen sein mußte, versäumten sic dennoch gleich Anfangs diejenigen Maßregeln, welche ihnen allein Bürge des Wassenglücks werden konnten. Während die Franken ihre Truppen von Bern ausdehnten bis an die Ufer der Thur, wäre es den Eidgenossen leicht gewesen, mit Ueberlegenheit sich gegen einzelne Kolonnen des Feindes und in diejenigen Kantone zu werfen, welche »nr ihre Ankunft erwarteten, um zu den Waffen zn greifen, und den Fahne» der Waldstätte zu folgen. Sie hatten dabei de» offenbaren Vortheil der Gebirgskunde und sicherer Kundschafter voraus. Statt dessen aber, wieder vom selbstsüchtigen Geist des Bundeswesens verführt, welcher die heimatliche Grenze gedeckt sehen wollte, mußte sich das Heer der kleinen Kantone i» einer Linie von beinahe zwanzig Stunden ansgestreckt, auf allen Theilcn schwach, der Ncbermacht des Feindes cntgegenstellen. Der rechte Flügel, unter Anführung des Obersten Paravi- eini, stand an den Ufern der südlichen Spitze des Zürichsees.*) Er sollte in den Kanton Zürich Vordringen, so wie der Zuger Oberst Andermatt zugleich die freien Aemter besetzen würde. Beide hatten nachher bei Zürich und Bremgarte» ihre Vereinigung zn bewirken. Den Mittelpunkt des Heeres befehligte der schwyzcrische Lan- *) Diese Kolonne bestand aus 800 Glarncrn, 100 Mann von Sar- ganS, 600 Mann von der March, 102 Mann aus dem Gaster, 200 Mann von Uznach, 500 Mann von Schwyz, und 800 Mann von andern Orten und den Höfen, 152 deshauptmann Alohs Rcding. Er sollte, um die beiden Flügel zu vereinen, die Stadt Luzern nehmen, und sich dieses ganzen Kantons versichern. Unter ihm standen 2400 Mann Schwyzer, 750 Zuger und 500 Unterwaldner. Der hohe, mit Waldung und fruchtbaren Wiesen bekleidete Brünig, das Grenzgebirge zwischen dem bernischen Oberlande und Obwalden, war zur Stütze des linken Flügels bestimmt. Dieser bestand aus 800 Nidwaldncrn, 600 Urnern, 400 Schwhzern, 54 Gersauern, 400 Glarncrn, und späterhin gesellten sich auch 600 Obwaldner dazu. Major Hauser befehligte die gesammten Schaa- ren des linken Flügels. Er hatte den Auftrag, vom Brünig hinab ins Berner Haslithal einzufalien, und Bricnz und Thun zu nehmen. Die Eidgenossen schickten sich zum Angriffe. Nicht müßige Zuschauerin wollte die reiche Abtei Maria-Ei »siedeln bleiben. Aengstlich brütete sie über seit Jahrhunderten eingcscharrtcn Schätzen, die bei der Niederlage des Waldstätterheeres ein Raub der Fremden zu werden drohten. Bisher hatte sic sich begnügt, den Kämpfern des Vaterlandes geistlichen Segen, Ablaß von Sünden, und Zeichen und Wunder z» spenden. Umsonst hatte Schwyz noch vor Kurzem Beistand aus den wohlgcfüllten Kisten der Abtei gefordert. Jetzt, beim Anzug der Noth, entschloß sie sich freiwillig zu einer Kricgssteuer von tausend Louisd'or für die muthigen Vcr- theidiger des Altars. Sie bot all ihr Silbergeschirr dem Stande Schwyz, und die Vollmacht, Gelder nach Belieben gegen Verpfändung der Klostergüter zu entleihen. Das ebene Helvcticn, welches der neuen Verfassung gehuldigt hatte, sah unterdessen voll banger Erwartung die gegenseitigen Rüstungen, und den Ausbruch eines Krieges, der, beim Siege oder Untergange der kleinen Kantone, nur thränenwürdige Folgen haben konnte. Darum wandte sich das helvetische in Aarau versammelte Vollziehungs-Direktorium noch einmal mit ernstlicher Mahnung an die gewaffneten Waldstätte, vor Eröffnung des traurigen Schauspiels. Also lautete des Direktoriums Zuruf: „Es kann Euch nicht unbekannt sein, daß weitaus die größere Anzahl der vormaligen eidgenössischen Staaten eine Verfassung, welche dieselben zn einer einzigen Nation vereinbart, augeuommen, und in ihren wichtigsten Bestandtheilen schon wirklich in Ausübung gebracht hat; die eine und unzertheilbare Republik ist feierlich anerkannt und öffentlich verkündet; ihre ersten Gewalten sind in voller Thätigkeit, und die lebhaftesten Wünsche werden erfüllt sein, sobald die noch nicht vereinten Kantone sich zum brüderlichen Beitritte entschlossen haben. — Allein statt diese gehoffte Vereinigung nahe zu sehen, hat vielmehr das helvetische Direktorium mit innigem Bedauern erfahren, daß die Einwohner jener Kantone nicht nnr für sich gegen die Einführung der neuen Staatsverfaffung den lebhaftesten Widerstand äußern, und ihre Ohren aller Belehrung eines Bessern verschließen, sondern daß sie sogar die angrenzenden Kantone, die der helvetischen Republik beigetreten sind, an diesen mit Weisheit gethanen Schritt durch die entehrendsten Künste der Volksverführung, und nun auch selbst durch gewaltsame Mittel zurückzubringe», und in den Abgrund, den sie sich selbst bereiten, mit hineinzuziehen versuchen. „Das Vollziehungs-Direktorium, von dem Zutrauen des Volkes, durch dessen Stellvertreter es gewählt ist, umgeben, macht cs zu seiner ersten und dringendsten Angelegenheit, die ehemaligen Bundesgenossen desselben von ihrer verderblichen Verirrung znrück- znführen, und wird nicht müde werden, alle Mittel zu erschöpfen, wodurch dieselben über ihren wahren Vortheil belehrt, von der Nothwendigkeit ihres Beitritts überzeugt, und über die Mißver- 154 ständniffe, welche im Wege stehe», aufgeklärt werden könne». — Aber die Zeit ist dringend, und der Augenblick kostbar. — Eine furchtbare fränkische Armee rückt gegen die Grenzen der nicht vereinten Kantone, und bald werden fünfnndzwanzigtanscnd dieser kriegSgcübtcsten Truppen, die halb Europa bezwungen haben, und denen keine Berge nncrsteiglich, keine Thäler unzugänglich sind, bereit stehen, dasjenige durch Gewalt durchzusetzcn, was Klugheit und Vaterlandsliebe mit so mächtigen Gründen von selbst zu thun rathen. „Das Vollziehungs-Direktorium ladet daher den Landrath des Kantons Unterwalden nid dem Wald gleich den Landräthen der übrigen nicht vereinte» Kantone aufs dringendste und nachdrücklichste ein, unverzüglich Abgeordnete aus ihrem Mittel zu ihm nach Aarau abzuscnden, damit das Heil ihres Vaterlandes mit denselben berathen, und die ob ihnen schwebende Gefahr noch abgewandt werden könne. Sic werden offene Arme antreffcn, um ehemalige Eidgenossen zu einer wahren brüderlichen Vereinigung zu empfangen, und den schwachen Zusammenhang, welche eine verjährte Bundesgestalt gewährte, in ein festes und ewiges Band zu verwandeln; während dem hingegen das Herz jedes helvetischen Bürgers durch den Gedanken zerrissen wird, daß in eben den Thälern, wo für den Anfang der Freiheit so inuthig gestritten worden, das Blut eines irrgcführten und schrecklich mißleiteten Volkes für die Sache des Fanatismus nnd einer nbelv erstandenen Freiheit fließen, und unübersehbares Elend im Gefolge des Kriegs über dasselbe gebracht werden sollte."*) Der kalte Ton dieses Schreibens, verschieden von der Eidgenossen herzlicher Sprache; — das Drohen der Schweizer gegen Landsleute mit einer fremden Macht, nnd gegen ein Volk, Z Aarau, den 24. April 17S8. 155 welches seinen ganzen »»versöhnlichen Groll Wider eben diese Fremdlinge wälzte; — die Vorwürfe gegen die Führer der Berg- »nd Waldkantone, die es doch nnr allein waren, welche durch de» Zuruf umgcstimmt werden sollten — Alles schien mit berechnet zn sein, das Direktorial-Schreiben wirkungslos zu machen. „Wenn zwar dessen Inhalt/' schrieb Nidwalden an den Kriegsrath von Schwyz (28. April), „uns ein banges Schrecken einjagen sollte, so kann er uns doch nicht im mindeste» von unser»,, zur Vertheidigung der gerechtesten Sache, für Gottes Ehre und das Wohl der Menschen so heilig gefaßten Vorsatz abwendig machen." 7. Am 22. April, da kaum der Tag graute, brachen ungefähr dreizehnhundert Mann ans von Unterwalden. Sic zogen in das Land ob dem Kernwald, welches vom Verein der Waldstätte abtrünnig worden. Ludwig Auf der Maur, ei» junger Schwy- zer, de» Neapel gebar, fenervoll und unternehmend, und Emil Paravicini, der Glarner, führten den Zug, der Obwalden in den Bund der Waldstätte znrückbringen, und die vortheilhaften Bergpäffc des Brünig dem eidgenössischen Heere gewinnen sollte. Im Walde, nahe vor dem Dorfe Kerns, standen obwaldische Haufen. Sie bezeichncten die Ankunft der Waldstättcr mit einigen Lärmschüssen, welche der Kanonendonner ans Landenberg dem ganzen Thal wiederholte. Den Eingang des Dorfes schienen dreihundert Kernscr wehre» zu wollen. — Man rückte gegen einander. Der Augenblick schien gekommen zu sein, wo Bruderblut vergossen werden sollte. Aber die Stimme der Natur siegte. Das obwaldische Volk 188 .... ^ wollte nicht streiten z» Gunsten eines gebieterischen Fremdlings gegen das Volk, mit welchem cs seit Jahrhunderten in enger Verwandtschaft zu leben gewohnt war. Es sehnte sich versöhnt zn sein mit den Brüdern. Man sah hin und wieder Thränen zittern in den Augen derer, die sich einst als Freunde liebten und erkannten, nnd jetzt einander den Tod rüsteten. Die Anführer der Truppen von beiden Theilen traten in Unterredung. Die Waldstätter forderten freien Durchzug über Sarnen gegen den Brünig. Ein Standslänfer flog mit dieser Forderung zu der obwaldischen Negierung im Hauptorte Sarnen, und noch ehe er heim kam, war zwischen den Truppen schon die alte Brüderschaft hergestellt. Die vorher Kampffertigen drängten sich freundschaftlich unter einander. Es war nicht mehr an Widerstand zu gedenken. „Wir fechten an eurer Seite, liebe Brüder," riefen die Obwaldner, „nnd behalten unsere alte, liebe Verfassung!" Die Regierung in Obwalden, welche, ihr Land vor den Gräueln des Kriegs zu bewahren, beim Anblick der Uebermacht Frankreichs nnd der stürmischen Auflösung, der Eidgenossenschaft, das Volk zur Annahme der neuen Verfassung hatte bereden können, sah jetzt, bei der allgemeinen Stimmung des Volkes, ihre Entwürfe eitel. Sie sandte den Waldstätter» entgegen, und bewilligte den Durchzug zum Brünig, welchen sie nicht wehren konnte. Aber die Waldstätte, damit nicht zufrieden, forderten das Volk zur LandSgcmeinde, daß es sich frei erkläre, ob es geneigt sei, den Franken nnd der neuen Konstitution, oder der alten Verfassung nnd den Schweizern beizustehen. Die Antwort des Volkes war vorauszusehcn. Während sich die Eidgenossen beschäftigten, die Gcbirgsschlüchte des BrünigS zu besetzen, sprach das Volk von Obwalden in der Landsgemeinde seine Verwerfung der neu-helvetischen Konstitution aus. 157 In folgender Urkunde* **) ) ward diese schnelle Revolution dem Rache von Nidwalden gemeldet: „Wir eilen, euch, unfern getreuen, liebe», alten Eidgenossen die freundeidgenössische Anzeige zu machen, daß wir bei unserer heut abgehaltenen Landsgemeindc den Entschluß gefaßt, die letzthin angenommene neue helvetische Konstitution nnn- mehro wieder zu verwerfen, und mit euch, unser» getreuen, lieben, alten Eidgenossen, und übrigen lobl. Ständen und Orten, welche dieselbe nicht angenommen haben, gemeinschaftliche Sache zu machen. Wie wir nun sehnlichst wünschen und hoffen, daß wir nun so vereint, alle unserm thencrn Vaterlande drohende Gefahren abwenden, und dessen fernere Ruhe und Wohlstand befördern mögen, so bleibt uns dermalen nichts übrig, als schließlich den Allerhöchsten zu bitten, daß er seinen reichsten Segen hiezu ange- dcihcn lasse, dessen mächtigster Obsorge wir uns sämmtlich per Usrisw eifrigst empfehlen. — Geben den 23. April 1798." „Landammann, Räth und gesammte Lands- gemeind zu Unterwalden ob dem Kcrnwald." Bald darauf standen auch sechshundert Mann von Obwalden unter den Waffen, zur Verstärkung des Hccrhanfens am Brünig. Hier blieben die Truppen einige Tage lang müßig. Jeder verlorne Tag galt ein verlornes Treffen?*) Eine große Menge Volks im bernischen Oberland begehrte mit Sehnsucht die Ankunft der *) 34 gebe diesen Brief nicht nur seines merkwürdigen Inhalts willen umständlich, sondern zugleich auch als Probe des ehemaligen eidgenössischen Kanzlcistyls. **) ES war untersagt, den Brünig zu überschreiten. Siehe das Schreiten des Landammann und Rath von Nidwalden an den LandShaupt- mann Zelger vom 23. April. 1S8 Eidgenossen. Nichts wäre leichter gewesen, als die Einnahme des Hasli und der damit verwandten Nebenthälcr. Nicht Gewalt, sondern Liebe würde die tapfern Gebirgsvölker zwischen der Grim- sel und dem Brünig, und die, welche am Fuß des Eigcr und Stockhorn, und an den Ufern der Kander und Simmen wohnen, um die Panncr der Waldstätte gesammelt, und ihre Schrecken rächend bis vor die Thore des gefallenen Berus getragen haben. ' Denn als die Kricgsschaar am Brünig Befehl empfing, sich des Hasli zu bemächtigen, und vom Gebirg hinab in das große romantische Thal stieg, durch welches die junge Aar schweift, verwarf sogleich Meh rin gen, die volkreichste Gemeinde im Hasli, die neu-helvetische Verfassung, und erklärte einhellig, in den Krieg für Eigenthum und Freiheit zu ziehen?) Aber da war es schon zu spät, dem Feind eine Zerstreuung zu machen; versäumt war die Zeit, in welcher der Aufstand aller Thäler, ihre Bewaffnung, ihre Bildung in größere und kleinere streitfähige Kolonnen oder Landstürme hätte ausgeführt werden können. Fast zu gleicher Zeit, als der linke Flügel seinen Stand an die Berner Grenzen genommen, war auch der rechte Flügel vorgezogen. Der Zuger Oberst And ermatt hatte sich mit fünfzehnhundert Mann und einer von den Freifahnen in die freien Aemter geworfen, und Meienberg, Muri und Boswhl besetzt?*) Sich weiter auszndehnen, fürchtete Andermatt, um nicht die Grenzen des Zugergebicts zu entblößen. Die Franken rückten ihm zuerst von allen Seiten entgegen. Er erwartete indessen das Vordringen der Eidgenossen am Zürichsee unter Paravicini, und die Besetzung Luzerns durch Reding. Zn ihm sammelten sich aus allen Gcmein- *) Am 28. April. *') Den 24. April. 159 den der freien Aemter streitlustige Männer, landsturinartig mit Keulen, Sperren und Hellebarden bewaffnet. Die fränkischen Vorposten streiften schon bis Dotikon und HLglingen. Andermatt rückte bis Wohlen, und schickte den Major Hotz mit zweihundert Mann gen Niederwyl, des Feindes weiteres Vordringen zu hindern.") Er selbst besetzte am folgenden Tage die Anhöhe bei Häglingen, im Angesicht des Feindes. ES kam zum Gefecht. Die Zuger Scharfschützen zeichneten sich durch Muth und Geschicklichkeit gleich vortheilhaft aus. Jauchzend drangen die Eidgenossen vor. Der Kampf ward blutiger. Die Franken wurden geworfen, und suchten ihren Schutz hinter der vorrückenden Reiterei. Andermatt befahl den freiämtischen Heliebardirern, dieser entgegen zu gehen. Sie aber ergriffen muthlos die Flucht. Verstärkt zogen die Franken zum neuen Angriff vor. Andermatt war gezwungen, in Eil und Verwirrung, so gut er konnte, nach Muri zu ziehen mit seinen Leuten. So groß der Verlust der Feinde durch die Scharfschützen gewesen, so gering war die Zahl der gefallenen Eidgenossen."") Der Kriegsrath der Waldstätte hatte sich, um dem Heere näher zu sein, nach Küßnacht am Luzernersee begeben. Sobald er Andermatts Rückzug vernahm, sandte er ihm ein frisches Bataillon zu Hilfe, welches die Flüchtlinge sammeln und den Muth der Zuger Schaar beleben sollte. Auch Paravicini am Zürichsee war in Bewegung. Dort hatte die Stadt Napperswyl die helvetische Konstitution angenommen, und den Verbündeten mithin einen festen Punkt, und die Verbindung beider Ufer durch die Brücke über den See geraubt. Die ") Den 2S. April. '") Schreiben des Oberst Andermatt an Ammann »nd Rath deö Standes Zug. Hauptquartier Muri, LS. April 1788. 160 erste Unternehmung der Eidgenossen war daher nothwendig Einnahme dieser Stadt und Verbindung der See,- Ufer. Sie gelang ohne Schwierigkeit. Rapperswpl, schlecht vertheidigt, öffnete seine Thore den Waldstätten, welche siebenhundert Mann Besatzung hineinwarfcn, und damit, so wie hier, auch auf der südlichen Seeseite bei Pfäffiko» und Wolle rau in den Höfen, hart an den Grenzen des Kantons Zürich, streitfcrtig standen. Jetzt fehlte noch die Einnahme Luzerns durch die Mittel-Kolonne des Heeres, um beide Flügel in der vorgeschriebenen Linie zu verbinden. Alohs Reding, der Landeshauptmann, stand mit seinen Schwyzern zu Küßnacht. Ungestüm erwarteten die Schwyzer den Tag des Angriffs. Alles verkündete ihren Unternehmungen Glück. Aus den Gemeinden des Kantons Luzern strömte alltäglich Volk herbei, welches ihnen Beifall rief. „Kommet, kommet!" schrie man: „Euer erster Schritt gegen die Stadt wird die Glocken des Aufruhrs laut machen durch alle Thäler. Wir wollen an Eurer Seite in den Kampf ziehen!" Mehr »och, als dieser Ruf, entflammte die fürchterliche Beredsamkeit einiger schwärmerischen Geistlichen das Kriegsvolk. Längst schon hatten ihrer zwei vor allen andern in de» Waldstätten des Landmanns blinden Glauben erworben. Ihr Name ist Marianus Herzog, Pfarrer zu Einsiedeln, und Paul StygervonRothenthurm, ein Kapuziner. Von diesen Mönchen galt Nestors Rede: Ohne Geschlecht und Gesetz, oh»' eigenen Herd ist Jener, Wer deö heimischen Kriegs sich erfreut, dcö entsetzlichen Scheusals.*) Paul Styger besonders wüthete zu Küßnacht mit seiner Zunge. Er hieß das aufgepstanzte Kreuz den wahren Freiheitsbaum, und den Kampf gegen die Franken den Streit mit der Hölle. Zu Pferde *) Homers JliaS IX. K2. KL. nach Vossens Uebersetzuug. 1kl sitzend, im Kapuzincrrock, Pistolen im Gurt, und Kreuz und Schwert in der Faust, begleitete er den Hecrzug überall. Verschmitzt, stolz und kriechend, geübt im Reden, Menschenkenner und Selbstsücht- ling, wußte er sich bald aus die Krieger und ihre Befehlshaber gleichen Einfluß zu verschaffen. Als nun nicht mehr länger ohne Nachtheil gezögert werden konnte, schickten sich die Anführer zum Aufbruch gegen Luzern, und ließen folgende Verkündung vorausgehen: „ Noch können wir uns nicht mit dem Gedanken vertraut mache», daß die französische Nation, wenn sie gerecht, wenn sie ihren ge- offenbarten Grundsätzen getreu sein will, sollte einen Versuch machen wollen, der sie selbst durch den Widerspruch ihrer Handlungen mit ihren Grundsätzen entehren würde, den Versuch, die freie Volks- verfaffuug der Schweiz umzustürzen; jene Verfassungen, deren Stifter die Franken in den Tempel der Freiheitshelden versetzten; jene Verfassungen, die sie selbst zum Modell der ihrigen sich wählten. Welch ein abenteuerlicher Widerspruch! Ja, Schweizer; — ja, Brüder! nur bei unserer Verfassung ist wahre Volksfreiheit; wir erkennen keinen Oberherrn, als jenen Gott, der über uns ist; wir tragen keine Fesseln, als die sanften Fessel» der Religion und der Sittenlehre; kein Joch ruht ans unserm Nacken, als das süße Joch der Gesetze, die wir uns auflegeu; — in unserer Verfassung, nur in unserer Verfassung liegt nach den Urgesetzen der Natur die höchste Gewalt in den Händen des Volks, dessen Oberherrschaft die französische Republik so oft — so feierlich zu ehren versprochen hat. „Nun mögen große Nationen ihren Verheißungen zuwider handeln. Wir biedern Schweizer bleiben den unsrigen getreu. „Er ist gethan, der feierliche Schwur,— gethan zudem Gott unserer Väter, zu dem Gott, der das Schicksal der Nationen nach seiner Willkür lenket. „Von dem Gefühl unserer gerechten Sache durchdrungen, haben Zsch. Ges. Schr. 31. Thl. 7* 162 wir ihn gefaßt, den festen Entschluß, sie bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen, — die glückliche Urverfaffung unserer Länder, dafür zu kämpfen, zu siegen, oder zu sterben den schönsten Tod, den Tod für Religion, für Freiheit und Vaterland. „Brüder! Schweizer! Wer aus Euch von dem gleichen Feuer begeistert ist, — und gewiß seid Ihr es Me, — oder unwürdig, Schweizer zu sein; — wer von diesem Feuer begeistert ist, vertrete unter unsere Fahne, die Fahne der Freiheit; — der reihe sich an unsere Reihen; — der schließe sich an unsere Glieder an, und Freiheit — wahre Freiheit wird die süße Frucht seines helden- müthigen Entschlusses sein. „Nur der bleibe zurück, der feig, der niederträchtig, der unschweizerisch genug denkt, um seinen Sklavennacken unter ein Joch zu beugen, das schlaue Herrschsucht mit dem Zaubernetze der Freiheit umwand; und der Herrschsüchtige, und der Feigherzige werden zugleich unter dem eisernen Drucke, wie der kriechende Wurm unter dem tretenden Fuße, zerbersten: — uns aber, uns Alle, die wir für wahre Freiheit kämpfen, — wahre Freiheit lieben, wünschen, suchen, — uns laßt streiten, siegen. Ja, theucrste Brüder! siegen werden wir, — wie unsere Bäter über mächtige Heere siegten; denn auch unsere Sache ist gerecht, und der Gott der Gerechtigkeit wird sie schützen. Das sei unser Losungswort, welches uns auf- rnfcn, hinführen soll zum Kampf und zum Siege." Dieser Aufruf, geeignet, sowohl die Menge des Landvolks, als die Mißvergnügten zu gewinnen, so ln den Städten wohnten, ward überall mit geschäftiger Hand verbreitet, und vergrößerte im Kanton Luzern die hochgestiegene Währung. Mehr, als vorher, strömten nun Abgeordnete herbei aus den Thälern Luzerns, die Waldstätte zum schnellen Einzug ins Land zu bewegen. Man nannte die Soldaten der Verbündeten Freunde, Brüder, Retter des Vaterlandes, Schirmengel der Kirche; man 163 wiederholte die feierliche» Schwüre, mit ihnen Gut und Leben fürs gemeinsame Ziel zu opfern; man umringte schaarenweis das Haus, worin die Frcifahne stand, und bot Geld, nur für ihren Anblick. Man hing sie endlich öffentlich zu Küßnacht aus. Sieg oder Tod wollte Jeder unter ihr. In der Nacht vom 28. und 29: April zogen die Waldstätte gegen Lnzern. Reding befahl, daß die von Zeiger in Stanz- staad befehligten Untcrwaldncr, und die an ihrem Sec stehenden achthundert Zuger zu gleicher Zeit vor den Thoren der Stadt erscheinen sollten. Die letzter» jedoch kamen nicht; denn die Franken waren schon über die Neuß gegen Zug im Anzuge. Der Morgen brach an. Die Schwyzer zeigten sich auf dem Wescmli und der Muffcgg, unter den Stadtmauer»; auch von der andern Seite die Nidwaldner. Aber weit umher waren für sic keine der erwarteten Hilfsvölker aus den Lnzcrner - Thälcrn zu sehen. Ihrer Dreitausende wenigstens wollten diesen Morgen zu den Waldstätte» stoßen; kaum so viele Hunderte stände» jetzt in der Ferne. Neding sandte den Emil Paravicini an die Stadt mit folgender Aufforderung: ,Flock, können wir der angenehmen durch unsere Bünde geheiligten Gewohnheit nicht entsagen, Euch mit dem süßen Namen Eidgenoffen anzureden und zu grüßen. — „ Noch hatten wir uns nie überzeugen können, daß Ihr, unsere ältesten Bundesgenosse», wenn Ihr gleich eine neue Verfassung kleinmüthig Euch aufdringen ließet, die eidgenössischen Bande und Verhältnisse, die »ns seit Jahrhunderten zusammenhielten, gewaltsam zerreißen würdet. „Desto tiefer muß es uns schmerze», daß Schweizer, daß Eidgenossen , daß Brüder schwach genug waren, sich durch eine fremde Schreckenssprache verleiten zu lassen, gegen uns, gegen Eure ältesten, getreuesten Bundesbrüder eine Sperre zu verhängen, die keine 164 andere Absicht haben kann, als nns durch HungerSnoth zu zwingen, die glückliche Verfassung unserer Väter gegen eine neue zu vertauschen, die uns alten, biedern Schweizer» in jeder Hinsicht unerträglich scheint. — Und da auch Euer freies, noch schweizerisch- gesinntes Volk gegen uns laut den Wunsch geäußert, zu männlicher Verteidigung der Verfassung unserer Väter sich mit uns zu vereinigen: so hatten diese Eure feindliche Handlung Eurer dermaligen Regierung und die geäußerten Wünsche Eures Volks bei nns theils alten, theils neuen, demokratischen Völkern,, in deren Adern noch das Blut unserer Väter wallt, die Stimmung aufs höchste, und den manniglichen Entschluß zur Reise gebracht, Euch und nns von der Schande dieser von Brüdern gegen Brüder verhängten Sperre zu befreien, und den Wünschen Eures Volks bundesmäßig zu entsprechen. „Wir fordern Euch demnach mit dringlicher Stimme auf, Eure Thore zu öffnen, uns als Eidgenossen, als Freunde, als Brüder aufzunehmen, und unserer bnndeSmäßigen Vereinigung mit Enerm Volke, das, wie das »nsrige, der Landesherr seines Landes ist, keine Hindernisse in den Weg zu legen. „ Entschließet Euch — zaudert nicht; — in einer Stunde würde durch die Gewalt der Waffen erzielt werden, was wir so gerne Euern brüderlichen Empfindungen, und unserer dringlichen Aufforderung — verdanken möchten. — Für jeden Tropfen Brüder- Bürgcrblut, der stießen würde, werdet Ihr allein verantwortlich sein; öffnet uns denn Eure Thore, vereinigt Euch lieber mit uns, — wendet lieber Euer Vermögen zur Vertheidignng des Vaterlandes an, und überzeugt Euch als Eidgenossen und Christen, daß der Gott der Gerechtigkeit unsere gerechten Sachen unterstützen, und die getreue Zusammensetzung unserer Kräfte segnen werde, wie er solche dortmals gesegnet hat, wo unsere Väter als Christen, Männer, Helden für Religion, Freiheit und Vaterland stritten. ISS „In dieser frohen Hoffnung empfehle» wir Euch nebst uns dem Gott unserer Väter per Msriaiu getreulich."*) Die Bestürzung der Stadt war groß; die Zahl der unter den Waffen stehenden Bürger zu klein, Widerstand zu leisten. Der vor wenigen Tagen durch das helvetische Direktorium ernannte Regierungs-Statthalter des Kantons, Vinzenz Rütti- mann, ging mit einigen Beamten hinaus, um die Stadt vor Verheerung und Wnth eines erhitzten Volkes zu retten. Als ihm Sicherheit des Eigenthums und der Personen verheißen worden, und dies dem Heerhanfen verkündet war, ließ er die Thorc öffnen. Die Schwyzer und Nntcrwaldncr besetzten dieselben, und verbreiteten sich mit wildem Getümmel durch die Straßen. Die Anführer der Verbündeten aber begaben sich auf das Stadthaus, und schloffen folgende Uebereinkunst: „Die Sperre soll aufgehoben, und der freie Handel und Wandel wieder eingeführt werden. — Die Stadt Luzern soll mit Entli- bnchern und andern Bauern, aus ihrem Kanton, besetzt werden.— Kein Mann, weder im Entlibuch, noch anderswo, soll entwaffnet werden. Auch soll das Zeughaus und die Garnison dem Volk zur Bewachung überlassen, und ihm zur Vertheidigung des Vaterlandes die nvthigen Waffen gegeben werden. — Dem Volk soll freigestellt sein, sich eine Verfassung zu wählen, und zur Vertheidigung derselben sich mit andern Eidgenossen zu verbinden. — Die Stadt Luzern soll keine Truppen Wider uns und unsere Eidgenossen an- rufen; auch sollen keine Hilfstruppen gegeben werden, als alten Eidgenossen, die die Konstitution nicht angenommen. — Die Emissärs , die allenfalls um fremde Hilfe ausgeschickt worden sind, sollen eilends zurück berufen werden. — Den bcmeldten lobt. Ständen sollen diejenigen Kanonen, Munition und dazu gehörige» Gcräthschaften ') Geben den 28. April 1788. 166 laut Verzeichnis,, welches dem Herrn Stuckhauptmann Hedlinger zugestellt worden, aus dem Zeughaus abgegeben werden. — Den Eingangs benannten löbl. Ständen soll für ihre gehabten Kriegs- nnkosten zehntausend Gulden baares Geld, und für eine gleiche Summe Früchte verabfolget werden. — Schließlich soll diesen be- mcldtcn, und andern mit ihnen verbündeten Ständen, der freie Durchpaß, zu allen Zeiten, durch Stadt und Land gestattet sein." Ein merkwürdiger Zug der vereinten Kricgsvölker der Wald- stätte» darf nicht mit Stillschweigen übergangen werden. Sie sammelten sich bald nach dem Eintritt in die Stadt ui» die Kirche, überließen sorglos ihre Waffen einigen Schildwachten, und traten in den Tempel, um dem Himmel für das Gelingen ihrer Werke Dank zu bringen, und mit gebührender Andacht Messe zn höre». Ei» rascher Entschluß der Luzerncr, und das fromme Heer wäre in die Kirche eingesperrt, gefangen, entwaffnet worden. Doch Niemand störte die Beter. Nach vollzogener Andacht strömten die Krieger vom Altar wilden Getöses zu den Wirths- und Trinkhäusern, und von dadurch alle Straße». Umsonst eiferten die Hauptlcute gegen Unordnungen. Mit Hohn und Jubelgeschrei wurde der Freiheitöbaum nicder- gehauen, Hut, Fähnlein und Kränze abgerissen und im Feicrzug durch die Gassen geführt, unterm Gesänge des Volksliedes: Wilhelm, wo bist du, der Telle? von Lärmen und Gelächter oft unterbrochen. Andere bestürmten das Stadthaus, die Schlüssel des Arsenals zu fordern. ES war vergeblich, daß die Befehlshaber ihren Soldaten die Ungerechtigkeit der Plünderungen und die abgeschlossene Kapitulation verstellten. Der Kapuziner Paul Styger stieg auf die Kanonen, und rief: „Nehmt, Kinder, nehmt! Alles ist Euer! Alles! Ihr seid die Sieger!" 167 So wurde das Zeughaus geplündert. Jeder nahm, was ihm zufiel. Viele verkauften ihren Raub wieder; andere schleppten Geschütz, Sabel, Munition u. s. w. in die Schiffe am Seeufer, und sandten die Bcnte ans Brunnen. Aber zwei schreckenvolle Botschaften löseten urplötzlich den Rausch, und setzten dem Schwärmen ein Ziel. Der am Morgen mit der Nachricht von Einnahme der Stadt Luzern nach Zug gesandte Eilbote kam zurück. Nicht einmal bis Zug hatte er die Freudenpost bringen können; denn die Franken, ohne Widerstand zu finden, waren schon dort eingerückt, und drohten nun folgenden Tags ins Schwyzergebiet einzubrechen. Am Zürichsce hatten sich die Verbündeten durchaus unthätig gehalten in ihren Stellungen; inzwischen die feindlichen Brigaden auf beiden Seeufern heranrauschten. Alle diese Anzeigen, und die muthlose Unentschlossenheit der Luzerner Landleute, zwangen den Kricgsrath der Schwpzer zur Aenderung des Plans. Man trat zusammen. Bald war'S ent- - schieden, daß der Angriffskrieg in bloße Vertheidigung heimatlicher Grenzen verwandelt werden müsse. Der rechte Flügel bei Wollerau und Rapperswyl erhielt Befehl, seine Stellung zu behaupten, und der linke Flügel bei Meyringen und Brienz, sich an die Obwaldner Grenzen zurückzuziehen. Der in Luzern eingedrungene Heerhaufe eilte sogleich am Abend desselben Tages in das Gebiet von Schwyz zurück. Am folgenden Tage wurde Luzern schon von den Franken besetzt*). I Den 30. April. 168 Viertes Buch, i. Als in Themistelles Tagen die Athenienser den großen Kampf um ihres Vaterlandes Freiheit bestehen wollten, opferten ste die eigene Stadt auf, sorgloser und sicherer den Krieg zu führen. So nicht die Waldstätte. Obgleich sie für einerlei Ziel verbunden waren, dachte doch jeder Theil zuerst an die Hut seiner Heimat; — obgleich sie alte die Sache der ganzen Eidgenossenschaft führen zu wollen schienen, ja mehr, als einmal, mit Stimmen der Verzweiflung das Aeußerste zu wagen schwuren: wagten sie doch nicht, mit Hingebung gesammterHabe, ihreKräfte zu vereinen. Schwach überall, war ihr Untergang gewiß. Furchtbar nur wären sie gewesen, wenn in zusammengedrängter Masse, ohne Rückblick auf das Schicksal ihrer Kantone, sie die Stimmung der Wankenden entschieden, und die Fahnen des Aufstandes weit umher durch einzelne Siege in ihr Gefolge gezogen hätten. Der Kriegsrath von Schwyz begab sich nach Arth, und deckte mit den vorhandenen Truppen des Landes offene Seiten. Arth, in einer lieblichen Gegend, zwischen dem hohen, waldigen Rigi und den Wellen des Zugersees, wurde von beiden Seiten, gegen das Gebiet von Luzern und von Zug, mit Truppen umzogen. Die Straße gegen Luzern hütete der Hauptmann Dominik Felklc mit sechshundert Mann. Hundert freiwillige Scharfschützen standen, als Vorwacht, im Dorfe Küßnacht. Gegen Zug hin übernahm Hauptmann Fäßler den Grenzpaß bei St. Adrians Kapelle zu vertheidigen; ihn unterstützte Felir Ab-Uberg, welcher mit seinem Bataillon sich des Rüfiberges und der Anhöhen versicherte, welche Arth scheiden vom Aegerisee. Da, wo dieser See an die Grenzen von Schwyz rührt, waren die Pässe von Schorno, Morgarten und St. Jostenberg, nahe 189 am rothen Thurm. Dieses Hügelland wurde durch zwei Bataillone besetzt; ihre Anführer waren Nychenbachcr und Joachim Hediger. Am stärksten geschützt waren die Seiten von Schwyz gegen den Kanton von Zürich. Dort standen die Glarner unter ihrem erfahrnen Oberst Paravicini; die muthigen Einwohner der Höfe; die Hilfstruppen von Sargans, Uznach, Gaster und die ans der March, ein Bataillon von Schwyz, und ein anderes von Einsiedel». Als dies glles angeordnet war, erschien vom Oberbefehlshaber der Franken die letzte Aufforderung'). „Ich hätte glauben sollen, daß mein freundliches, friedliches Benehmen, daß meine Sorgfalt, euch aus der Blindheit zu reißen, in der euch unversöhnliche Feinde der Freiheit gefangen halten, euch endlich einmal von der fränkischen Großmnth überzeugen würden. Mit welchen Schmerzen habe ich daher nicht vernehmen müssen, daß eine Handvoll. Fanatiker sich habe beigchen lassen, sich dem Truppenmarsch der großen Nation entgegen zu setzen! Aber mit der Schnelligkeit des Blitzes hat auch die Strafe dieses verwegenen Unternehmens geeilt; die Rebellen liegen im Staube! „Einige von ihnen sind in unsere Hände gerathen — ich war Herr ihres Schicksals; aber ferne war von mir die Empfindung der Rache; nur in der Schlacht ist der Franke fürchterlich; der Sieg macht ihn wieder zum Menschenfreund; — der Freiheit wurden sie wieder zugestellt, diese unglücklichen Schlachtopfer der Unwissenheit und des Aberglaubens — sie werden zu euch zurückkehren und euch sagen, wie sie seien behandelt worden. „Sie wurden bei den vornehmsten Behörden Helveticas vorge- laffen; überall haben sie nur die Stimme des Friedens und der Brüderlichkeit vernommen; mit welchem Vorwände können denn ') Schreiben Schauenburgs an die Bewohner der Kantone, welche der helvetischen Mehrheit noch nicht beigetreten find. Aaran, 27. April 1798. Zsch. Ges. Schr. 81. Thl. 6 170 heut zu Tage sich noch die Apostel des Fanatismus und des Aufruhrs brüsten? „Die überlegenste Mehrheit der helvetischen Nation hat die Konstitution angenommen; ihre Gesetzgeber beschäftigen sich unaufhörlich mit den Mitteln, sie in Thätigkeit zu setzen. Das Voll- ziehungsdirektorium ist eingesetzt — Ehrfurcht und allgemeines Zutrauen haben es umrungcn — seine Stütze ist die fränkische Regierung, und Vollmacht ist ihm gegeben, über Truppen zu schalten, welche ganz Europa besiegt haben. Was vermochte Wohl so großen Vorkehren die Minderzahl unmächtiger Aufrührer entgegen zu setzen? „Bürger, höret einmal die Stimme der Vernunft! Vereiniget euch unter die Fahne der helvetischen Konstitution! Kehret zurück in den SchooS einer Brüderfamilie, die die Arme nach euch auS- streckt! Euer Eigenthum, eure Religion sollen unangetastet bleiben; die Duldung ist die erste Tugend eines freien Volkes. „Wenn ihr aber in eurer Blindheit verharret, wenn ihr auf die Lügenstimmen des Fanatismus zu achten fortfahret, so stürzet ihr euch nothwendig in einen Abgrund von Uebeln. Aber zittern sollen sie, die Urheber eurer Blindheit, diese stirnloscn Heuchler, die selbst an die Mährchen nicht glauben, die sic euch vorschwatzen; eine eremplarische Strafe wartet aus sie. „Auf der einen Seite Freude und Glück, — auf der andern Seite Krieg und alle Qualen, die ihn begleiten! Wählet, noch habt ihr Zeit dazu! wählet! aber — geschwind!"*) Das Volk der schwyzerischen Thäler, nur unter dem Gebot der Kirche kindlich-zahm, sonst trotzig-kühn, kaltblütig in Gefahren, unbändig, mehr bisher von Sitte und Brauch, als vom Gesetz geführt, vernahm die Worte Schauenburgs mit Unwillen. Wer ein- ') Aarau, den 27. April 1793. 17t mal für sein Recht den Tod ruhmwürdig hält, dem ist kein Kampf, kein Feind, kein Schicksal furchtbar. Wie die Scythen einst dem Alerandcr antworteten, da er mit sieggewohntem Heere vor ihren Einöden erschien, hätten die Schwyzer dem fränkischen Feldherrn antworten können. Aber ihre Erwiederung auf sein Drohen war Schweigen und Sich-rüsten. Scho» am folgenden Morgen griffen die Franken an, und zwar in der Gegend, wo man es am wenigsten erwartete, bei Wollerau, am Zürichsee?) Von beiden Seiten ward das Gefecht lebhaft. Die Franken wurden bis auf Richter sw hl zurückgcwor- fen; doch verstärkt erneuerten sie dort die Gegenwehr, und zwangen die Eidgenossen durch eine glückliche Wendung, indem sie denselben in die Seite fielen, sich bis Wollerau zurückzuziehen. — Am Nachmittag begannen die Franken das Feuer von neuem. Sie schienen auch diesesmal nicht glücklicher zu sein. Sie wankten. Hauptmann Hauser von Näfels war mit einer Schaar Freiwilliger schon wieder bis nahe an Richterswyl vorgedrungen. Da änderte sich das Glück. Hauser sank von zwei fast tödtlichen Wunden nieder; seine Schaar zog alsbald zurück mit ihrer Fahne, welche während des Gefechtes schon zum drittenmal ledig, und immer durch Freiwillige wieder emporgehoben worden war. Als, von den Franken verfolgt, die Schaar gegen Wollcrau kam, fand sie, statt frischer Unterstützung, Verwirrung, Muthlosigkeit und Flucht, durch den Oberst Para- vicini veranlaßt, welcher, wegen empfangener Wunden, sich vom Kampfplatz zurückgezogen hatte. Die Franken benutzten diesen Umstand. Bei überall erschlafftem Widerstande verdoppelten sie ihren Angriff. Die Glarner mit allen Hilfstruppen verließen das Schlachtfeld, und'die Sieger besetzten noch an selbigem Abend die Höfe Wollerau, und Pfäffikon am Fuß des rauhen Ezel. Die *) Den 30. April. 172 Schwyz er selbst, vom Oberst Paravicini befehligt, gegen Hütten die Höhen zu decken, Hutten an den Vorfälle» keinen Theil. Unter de» Kämpfern »nd Schicksalen dieses Tages verdient die Standhaftigkeit und Geistesgegenwart des Hanptmann Hauser bemerkt zu werden. Als dieser vom Blutverlust entkräftet unter den Todten lag, wurde er von einem vorbeigehendcn fränkischen Offizier*) erblickt, und für einen Franken gehalten. Menschenfreundlich hob ihn derselbe auf, und da er noch Leben in ihm fand, rief er ihm zu: „Muth, Kamerad, Muth!" Hauser, gleichsam vom Todesschlummer erwachend, starrte ihn an mit trübem Blick und antwortete: „Nicht Muth; nur Kraft!" Der Franke, davon gerührt, befahl, für die Verpflegung des Verwundeten alle Sorge zu tragen. Er wurde nach Wädenschwyl gebracht, aufs beste versorgt, und nach einiger Zeit von seinen Wunden völlig hergestcllt. Am nämlichen Tage des Abends machte ein fränkisches Korps de» ersten Angriff über das waldige Vorgebirg, die Kiemen genannt, am Zugersee, gegen das Dörflein Im men fee. Eine geringe Mannschaft stellte sich ihnen entgegen. Da man sich nur kaum im Dunkel der Nacht am Feuer der Schießgewehre erkennen mochte, zogen mm 11 Uhr die Franken mit einigem Verluste zurück. Ein lebhafteres Gefecht entglühte an diesem Abend auf der andern Seite von Arth, beim Flecken Küßnacht. Die dort ausgestellten Scharfschützen der Schwhzer nöthigten ihre Feinde mit ziemlichem Verlust zum Rückzug. Am folgenden Morgen, da die Einwohner von Jmmensee, um ihr Vieh zu besorgen, den ungemein vortheilhaftcn Posten auf den Kiemen verlassen hatten**), kamen die Franken mit verstärkter Macht, und rückten bei mattem Widerstande bis in'das kleine *) General Fresstnet. **) 1. Mai. 173 Dorf Immenser, und in die bekannte hohle Gasse von Küß- nacht, wo der erste Schuß für Freiheit geschehen war und Tel! mit einem Pfeile Gcßlcrs Tirannei gestraft hatte. Hier erhob sich ans dem berühmten Boden heißer Kampf. Ein nahe stehender Hcerhanfen von Schwyzcrn hörte das Getöse und stürzte herbei. Da ward das Gefecht schnell entschieden. Die Franken flohen durch Jmmensee, und über den jähen Kiemen gegen Meiers Kapelle, und gen Rpsch im Lande Zug. Aber Küßnacht, von dieser Seite gesichert, ward ungleich mehr von den Luzerner Grenzen bedroht; nicht nur Franken, sondern auch ansehnliche Mannschaft von Luzern, aufgeboten von der Stadt und gerüstet, drohten den Flecken cinzunehmen. Die Küß- nachtcr forderten Hilfe von Schwyz; aber ste konnte ihnen nicht, ohne Entblößung ungleich wichtigerer Punkte, werden. Da ergaben ste sich den Franken *) **), nachdem ihnen Schonung und Sicherheit des Eigenthnms versprochen war. Schändlicher Weise wurde ans einigen Häusern auf die einziehcnden Franken geschossen, welches die Sieger erbitterte und Plünderung veranlaßte. Kampfbcgierig hatten inzwischen auf den Höhen des Rüfi oder Noßbcrges die Schwyzcr gestanden, und nnthätig dem Gefecht in den Höfen vom 30. April zusehen müssen. Mißtrauisch wegen des gänzlichen und schnellen Rückzuges der Glarner nnd anderer Hilfstruppcn, begehrten sic durch Abgeordnete an den Kricgsrath (in Arth), daß ihnen der Landeshauptmann Reding gesandt werde, damit er sic gegen den Feind führe. Aloys Neding, damals der SchwyzerOberbefehlshaber, nnd die Seele des Heeres, hatte als Oberster in spanischen Diensten die Kunst des Krieges erlernt, nachher sich in die Einsamkeit des *) Schreiben von Ignaz Trutmann, den 1. Mai, an den KriegSrath, ") 2. Mai, des Morgens. 174 Vaterländischen Thales begeben, »nd dort der Freundschaft, den Musen und dem Anbau seiner Güter gelebt. Schon längst hatte er Verbesserung des eidgenössischen Staatswesens gewünscht, und daß das Vaterland einer wahrhaften und fruchtbringenden Freiheit genöße; aber cs empörte sein Herz, von Fremdlingen die Umwälzung gemacht, und Helvetien vielleicht, wie damals Viele fürchteten, zu einer Magd Frankreichs werden zu sehen. Darum ergriff er sein Schwert, entschlossen, als freier Schweizer, der Vorwelt Werth, zu leben und zu sterben. Der Verlust seiner jungen, heißgeliebten Gattin hatte noch tiefe Schwermuth in seinem Herzen zurückgelaffen, und ihm vielleicht die Gefahren der Schlachten wüuschenSwürdigcr gemacht. Bieder, entschlossen, kaltblütig und treu, ward er der Günstling und die Zuversicht seines Volks. Noch in der gleichen Nacht verließ Neding Arth, und erschien am ersten Mai in der Morgenfrühe an der Schorno, wo fünfhundert angekommenc Urner im Begriffe standen, sich mit de» Schwyzern*) zu verbinden, um diesen wichtigen Grenzpaß und die Anhöhen von Morgarten zu besetzen. Von da ging er den Posten vom St. Iostenberg zu besichtige», welchen das erste Bataillon von Schwyz, nebst einer Kompagnie Freiwilliger von Aegeri und Meuztngc» aus dem Zugerlande unter ihrem Hauptmann Trarler vertheidigen sollten. — Endlich eilte er hinab in das rauhe Thal vom Dörflein Schindellcgi, wo in gleicher Zeit mit seinem Bataillon der Hauptmann Schilt er cintraf. Hier überraschte ihn ein freudiger und schmerzlicher Anblick. Die Einwohner von den schwyzerischen Höfen Wollerau und Bäch, unten am Ufer des Zürichsees, waren heraufgezvgen, noch ferner im Kampfe gegen die Franken auszuharren. Die unglück- ') Das vierte Bataillon. 175 lichen Ereignisse des 30. Aprils, der Tod und die Wunden ihrer vielen Brüder, der Brand und die Plünderung ihrer Hütten, die Flucht ihrer Kinder und Weiber in unwegsame Wälder, das Beispiel der flüchtigen Hilfstruppen — nichts hatte ihre Entschlossenheit erschüttern können, treu mitzustrciten bis auf den letzten Mann. Gerührt sahen die Schwhzer ans sie und drückten ihnen die Hand. Neding, immer noch in der Hoffnung, daß die Glarner mit ihren Gehilfen sich irgendwo in der March wieder gesammelt haben würden, schrieb an Paravicini. Der Eilbote kam nach drei Stunden zurück. Glarner, Nz- uachter, Gastier und Sarganser, alle waren sie auseinander und in ihre Heimat zurückgegangcn. In Lachen standen schon die Franken. Nun war der letzte Glaube au Hilfe verloren; der Kanton Schwyz, außer den Zuzügern von Uri und den wenigen Zuger», eigenen Kräften überlassen. Nidwalden, bedroht von Luzern, entschuldigte sich, keine Hilfe senden zu können, hatte aber Obwalden um 300 Mann gemahnt. Statt solche zu schicken, bezeugte Obwalden Bedauern, nichts zu vermögen, da cs aus drei Seiten vom feindlichen Einfall bedroht wäre. 2 . Alle Grenzen des alten Kantons Schwyz, eine kleine, südliche Strecke gegen das Muttaihal ausgenommen, waren der Gefahr des feindlichen Angriffs preisgegeben. Weniger, als 4000 Man», mußten nun eine Linie von zehn deutschen Meilen gegen eine ungeheure Uebermacht fränkischer Brigaden Lecken, die von allen Seiten daherranschten. Jeder Funken Hoffnung losch aus. „Was bleibt uns?" murmelte man durch die Glieder. „Unserer Väter Tod!" ging die Antwort zurück. 176 So viel Unglücksfälle erhöhten die allgemeine Begeisterung. Hinfällige Greise und nnmündige Knaben wollten an dem Ruhme Theil nehmen, unterzugehen mit dem Vatcrlande. Frauen und Mädchen spannten sich vor die von Luzern entführten Kanonen in Brunnen, und zogen sie hinauf ins Gebirg, über Steinen und Sattel gen Nothenthurm. Fast alle Weiber des Landes waren bewaffnet; die mehrsten mit Keulen. Ihrer viele waren gleichförmig ausgezeichnet, durch weiße Binden ums Haupt und Hirthemden über den Schultern. Wo ein Feiger zu entschlüpfen wagte, faßten sie ihn mit Gewalt, und schickten ihn zum Kampf an die Grenze. Also bewachten Mütter und Töchter das Land, während ihre Väter, Gatten, Söhne, Brüder, im Angesicht des Todes standen ans dem Gebirg. Und sie standen kalt und fest, wie ihre ewigen Felsen da, und entschlossen, ihr Leben nun dem Vaterlande zum Opfer zu bereiten. Ans den grünen Höhen von Morgarten wollten sie das heilige Denkmal altschweizerischer Tapferkeit erneuern, nnd ihren Enkeln, wenn auch nicht die Freiheit, doch die feierliche Lehre im Jahrbuch der Welt hintcrlassen, was man um Freiheit opfern müsse,*) So standen sie da, an der Schindellegi, der Tod ihre Erwartung, und die nie von einem glücklichen Feind betretene Erde zn rächen, ihr Wunsch. Wie sie und Reding, erwartete kalt und kühn einst Leonidas mit seinen Spartern bei Thermopylä den Untergang. Als Aloys Reding die Stimmung seines Volks währnahm, wandte er sich zu demselben und sprach: „Liebe Landsleute nnd *) Wirklich glaubten die Meisten, daß sie mit dem Verlust ihrer von den Vätern ererbten Ordnung auch alle Freiheit in weltlichen und geistlichen Dingen verlieren und Frankreichs Nnterthanen werden müßten. 177 Kameraden! bald find wir am Ziel. Von Feinden überall umschlossen, von Freunden verlassen, ist's nur noch die Frage: ob wir Zusammenhalten wollen standhaft, bieder, in der Gefahr jetzt, wie unsere Väter am Morgarten ? Unser Loos ist der Tod. Bangt'S Einem noch von »ns, der gehe zurück; kein Vorwurf von uns wird ihm folgen. Wir wenigstens wollen in dieser Stunde einander nicht betrügen. Lieber ist mir's, hundert Mann zu haben, auf die ich mit Zuversicht zähle, als fünfhundert, die beim Gefecht da- vonlaufcn, Verwirrung anrichtcn, und durch ihre Flucht die rechtschaffenen Leute zum unnützen Opfer machen. Ich aber gelobe Euch, in keiner Gefahr, und im Tode nicht, von Euch zu scheiden. Wir fliehen nicht, wir sterben. Gefällt Euch dieser Vorschlag, so laßt zwei Männer aus der Schaar treten, und mir in Euerm Namen das Gleiche geloben/") Ticfschweigend, horchend standen fic da, an ihre Flinten gelehnt. Hin und wieder sah man eine Thräne stürzen über die männliche Wange. Ein wildes Geschrei, tausend Stimmen stiegen genHimmcl: „Ja, ja! wir wollen halten, und Euch auch nicht verlassen!" Darauf traten zwei Krieger aus den Reihen znm Landeshauptmann. Sic streckten ihm ihre Häude dar, und also beschworen unter freiem Himmel der Feldherr und sein Volk den gegenseitigen Bund „ nach der alten Weise der Väter. Die Nacht brach herein.") Hin und wieder flammte ei» Wachtfeuer. Die Krieger schliefen unter dem Gewehr. Alohs Neding begab sich in das Dorf Rothcnthurm, dessen zerstreute Hütten an *) Der Ncberlieferer dieser Geschichte gibt die obige Rede treu und einfach, wie sie gehalten ward. Weder diese noch eine künftige sind folglich Dichtung, im Geschmack des Cnrtius. ") Vom 1. zum 2. Mai. 178 der Landstraße liegen zwischen Schwyz und der Waldstatt Einste- dein. Dort fand er den Kricgsrath, welcher, ihm näher zu sein, Arth verlassen hatte. Der Kommandant wollte stch noch einmal über die Vertheidignng der zweiten Linie berathen, bei etwaniger Räumung der ersten. Was diese nächtliche Zusammenkunft besonders merkwürdig machte, war die Gegenwart des berüchtigten Pfarrers von Ein- siedcln, Marianns Herzog. Wie Paul Styger im südlichen Theilc des Kantons Schwyz, war Marianus, ein Luzerner von Geburt, im nördlichen; ihm gleich an Stolz, unbändiger Herrschsucht, Gewaltthätigkeit und Tücke, übcrtraf er den Nebenbuhler in Heuchclknnst und Schwärmer- ton. Kein Verbrechen blieb von ihm «»begangen; doch die bezauberte Menge sah an ihm nur Tugend, und in dem Entweiher des Vaterlandes und der Kirche den Märtyrer. So in seiner Gegend der Bolksgunst mächtig, benutzte er ste ans pfäffische Weise. Er stellte stch an die Spitze des Regiments der Waldstatt Einstedeln; er ordnete mit »ngezänmtcr Willkür, und brachte cs so weit, daß die Hauptlcute es nicht, ohne Gefahr, von verblendeten Bauern erschossen zu werden, wagen durften, seinen Befehlen zu widerstehen. Noch damit nicht zufrieden, sandte er auch in den Sprengel von Schwyz Ausläufer, das Volk zu verwirren, um dann über die Truppen dieser Thälcr gleicher Herrschaft theilhaftig zu werden. Besonders bot er seine Künste auf, die Einsichtsvollen und Geehrten zu stürzen; Verdacht anzuzünden gegen die sogenannten Herren und Alles, was Perrücken trug und Haarzöpfe; und endlich aller Pfeile Ziel war ihm der Kricgsrath selbst. Er hatte mit sechshundert Einsiedlern am 1. Mai die Bergschluchten des Ezel besetzt, dieses mächtigen Vorwalles vom Kanton Schwyz gegen das Land Zürich, dessen See seinen Fuß bespült. Marianus forderte dort vom Landeshauptmann Reding wieder- 179 holt einen Befehlshaber. Doch kein Offizier von allen Schwyzer Bataillons wollte mit dem Mönche das Kommando theilen, überzeugt, daß keiner ihrer Befehle vollzogen werden würde, so mit dem Eigensinn des Pfaffen tm Widerspruch stände. Darum antwortete Nedüig den Einsiedlern: „Da ihr einmal den Ezel besetzt haltet unter euerm Pfarrer, so traget Geduld. Obwohl ich von ihm selbst, als einem Schwärmer, des Guten wenig erwarte, so tröstet mich der Gedanke an Treu und Muth der Hauptleute und Soldaten von Einsiedeln." Als der geistliche Ritter um Mitternacht beim Kriegsrath gemeldet wurde, wagte man nicht einmal, ihm den Zutritt zu verweigern. Als die Verthcidiguug einer zweiten Linie zur Sprache kam, ergrimmte er und rief: „Diese Berathung ist unnütz und verräth unnöthige Furcht. Wenn Schindellegi und andere Posten so vertheidigt werden, wie ich mit den Einsiedlern den Ezel schirmen mag, so sind wir Sieger. Und ich betheure euch bei allen Heiligen, alle Einsiedler werden, wie ich, jenen Grenzposten bis zum letzten Blutstropfen verfechten!" Eben so schwur er noch einmal dem Landshauptmaun beim Abschiede, und versprach demselben durch Eilboten alle wichtigen Vorfälle zu melden. Am 2. Mai, des Morgens um zehn Uhr, erschienen die Franken, zweitausend Mann stark, vor Schindellegi. Die Scharfschützen kamen zuerst mit dem Feinde ins Gefecht, und hielten ihn fast zwei Stunden lang auf, ehe das Bataillon und die zwei Kanonen der Schwyzer wirksam werden konnten. Gegen ein Uhr verminderte sich das Feuer, und hörte endlich ganz auf. Die Schwyzer stritten an diesem Morgen nicht wie Hirten, welche von den Alpen gekommen, sondern wie Soldaten, die in Feldlagern ergraut waren. Jeder von ihnen drängte sich vor, handgemein zu werden. Mehrere Verwundete wollten das Schlacht- 180 selb nicht verlassen. Einer von ihnen, der des Morgens eine starke Wunde im Schenkel, am Nachmittag eine in dem Leib empfangen, kämpfte mit gleichem Muth fort, bis ein dritter Schuß durch seinen Arm ihn außer Stand setzte, sich des Gewehrs zu bedienen. Dann ging er nach Haus, noch ungefähr acht Stunden weit. Paarweis stritten sic, zerstreut zwischen Felsen und Bäumen; paarweis fielen sie, bis zum Tode sich und der Muttererde getreu, für die sie fochten. Keiner beklagte seine Wunden, Keiner seinen gefallenen Freund. Keiner, als der fürs Vaterland erblaßte, schien an diesem festlichen Bluttage bencidenswürdig zu sein. 3 . Odemlos, von Staub und Schweiß bedeckt, kam aus freiem Trieb im vollen Lauf ein redlicher Mann von Einsiedeln, genannt Meinrad Käly; er übcrbrachte dem Landeshauptmann die unerwartete Nachricht, daß die Franken schon über den Ezel heranziehen. Er erzählte, daß der Pfarrer Marianus am Morgen um acht Uhr auf den Ezel gekommen und gesagt habe: „Ihr lieben, guten Leute, ich halte fürs Beste, daß ihr nach Hause gehet, und die Waffen nicderlegct. Das Wehren hilft uns' hier doch nichts, weil man an den übrigen Posten auch nicht zu widerstehen gedenkt!" Auf dieses sei er gen Einsiedeln zurückgeritten, und die Mannschaft dem Beispiel des geflüchteten Vcrräthers gefolgt. Einsiedeln und Schwyz waren so durch den Streich des Priesters den Franken offen. Die Truppen an der Schindellegi, um nicht umgangen zu werden, und noch eine Verbindung mit Ein- stedeln und St. Jost zu unterhalten, mußten sich zurückziehcn. Es geschah in aller Ordnung. Scharfschützen und Grenadiere deckten den Zug. Um drei Uhr Nachmittags erreichten die Schwyzer No- 18 t thcnthurm; viele der treuen Hofer waren ihnen auch bis dahin gefolgt. In den Gefechten dieses Tages bei Schindellegi zahlten die Schwyzer vierundzwanzig Todte und fünfzig Verwundete. Unter den Letztem befand sich auch der wackere Hauptmann Schiltcr, welcher an seinen Wunden den Geist aufgab. Schauenburg aber ließ sofort den General Nouvion mit einer Kolonne von sechstausend Mann, versehen mit Artillerie und Reiterei, über den Ezel rücken. Inzwischen war auch auf dem St. Jostenberg der Hauptmann Hediger von den Franken mit überlegener Macht angegriffen worden. Sie waren von Aegeri und Hütten hcraufgckommcn, zwei- bis dreitausend Mann stark. Hediger, im Zweifel, diese» Paß behaupten zu können, hatte sich ebenfalls gegen den rothen Thurm gezogen. Der ganze St. Jostenberg, und von daher alle Anhöhen bis auf den Morgarten, waren ununterbrochen von den Franken besetzt. Reding ließ alsbald durch das Bataillon Hediger die Anhöhen von Morgarten wieder stürmen; er selbst blieb mit zwölf- hnndert Mann im Dorfe Nothenthurm. Unterdessen wälzten sich die feindlichen Schaaren langsam, in furchtbarer Anzahl, und weite» Linien, vom Gebirge herab gegen das Dorf. Schon standen sie, sich entwickelnd, auf der Ebene; schon nahe genug zum kleinen Gewehrfeuer. Da erst donnerten ihnen die Schwyzer-Ka- nonen einigemal entgegen. Es erfolgte eine Stille. Aloys Ne- ding flog durch die Reihen; führte sie gegen die Ebene vor, und nach dem ersten Abseuern beider Bataillone ließ er das sehnlich erwartete Sturmzeichen schlagen. Mit einem Muth, der beinah an Raserei grenzte, brach nun Alles auf, mit gefälltem Bajonette, jauchzend dem Feinde entgegen. Weder die Menge, noch die vortheilhafte Teilung, noch die Kriegserfahrenheit konnte die Schwyzer zurückschrecken. Die Begierde, mit den Besiegern En- 182 ' — ropcns handgemein zn werden, war so groß, daß fle dem fürchterlichsten Feuer aus tausend Rohren und Schlünden zum Trotz, durch eine Ebene von mehr als achthundert Schritten festgeschlossen vordrangen, ehe sie ihren Feind in seiner überaus günstigen Stellung am Fuße des Berges ergreifen konnten. --Ihr Schritt-wurde zum Lauf, ihr Lauf zum Flug. — In Jedem rief's: es ist ums Vaterland! Der Tod oder der Sieg waren ihnen gleich reizend. Soldaten und Befehlshaber wetteiferten, wer zuerst den entweihten Boden der Freiheit mit Feindcsblnt heiligen sollte. Die Franken schienen bei diesem Anblick einen Augenblick unschlüssig, ob Flucht, ob Widerstand? Als aber die Schwyzer von allen Seiten mit gleich festem Schritte und gleicher Kaltblütigkeit so nahe herankamen, naß man einander in die Augen sah, war's entschieden. Das Bajonett der Schwyzer brach die feindlichen Reihen. Ein viertelstündiges Gemetzel, und die Franken ergriffen von allen Seiten die Flucht, so schnell, daß von ihrer Seite kaum noch ein Schuß fiel. Binnen einer halben Stunde waren die Schwyzer Meister von den Anhöhen, auf Wegen, die in so kurzer Zeit sonst vom besten Fußgänger nicht gemacht werden. Die Franken büßten viel Volks. In der Gebirgskette auf den Grenzen von Zug und Schwyz, zwischen dem stillen See von Aegeri und dem Berge, genannt Sattel, schweift auf den Alpenhöhen in milden Biegungen ein grünes Thal hin — dies ist Morgarten. Dort hinan klimmten, von Aegeri herauf, die fränkischen Kolonnen. Unbesetzt von den Schwyzcrn waren jene Höhen, seitdem Rückzüge von der Schindellcgi. Alles kam darauf an, auch diesen Posten wieder zu gewinnen. Zum Glück waren am gleichen Tage des Morgens am Sattel dreihundert Mann frischer Hilfstruppen von Uri erschienen, geführt vom Urner Landeshauptmann Schmid. Sogleich eilten fünfzig Urner Scharfschützen gegen den Mor- 183 garten; ihnen folgten langsamer hundert und fünfzig ihrer Landsleute, und viele aus dem Landsturm von Steinen*). Das von Reding abgesandte Bataillon zog zugleich von der Seite des rothen Thurms dahin. Die Franken aber hatten das Alpenthal von Morgarten erstiegen, sie rückten schon über die Anhöhe abwärts bis in die gegen den Sattel gelegenen Waiden. Als sie den Anzug der fünfzig Scharfschützen wahrnahinen, machten sie auf dieselben ein ununterbrochenes Feuer. Die Scharfschützen aber, wenig davon geschreckt, stellten sich zur Gegenwehr, und hielten die Franken so lange zurück, bis auch jenes. Bataillon vom rothen Thurm die Höhe erstiegen hatte, und von der Morgenseite her unvermuthet dem Feinde in die Flanken fiel. Das Feuer erglimmte nun von allen Seiten heftiger. Die nacheilcnden hundert und fünfzig Urner und Schwy- zer, als sie solches sahen, verdoppelten ihre Schritte, um an dem Kampfe der Brüder Theil nehmen zu können. Sobald sie alle vereint waren, hieß cs: „machen wir's kurz, nehmen wir sie unter die Kolben!" Da rollte der Sturmmarsch, und blitzschnell brachen mit gefälltem Bajonett die Schweizer in des Feindes Glieder. Bald war auch hier der Franken Flucht entschieden. Die zwei Bataillone von Rothenthurm hatten den Feind inzwischen noch bis auf die Berghöhen getrieben. Zweimal stellten sich die Weichenden wieder; zweimal entbrannte der gleiche Kampf; aber der Morgarten, nur den Siegen der Schweizer heilig, sah bald überall ans seinem stillen Gelände den Feind geschlagen. Der Plan der Franken, zur nämlichen Zeit von zwei Seiten einen Angriff zu machen, veränderte sich also in gleichzeitige Flucht. *) Ein Pfarrdorf, nur eine Stunde von Schwyz, bekannt dnrch Landvogt GeslerS Spruch, als er daselbst Werners von Stauffach Haus erblickte! „Kann man leiden, daß Landvolk so schön wohne!" 184 In eben dieser Gegend besiegten im Jahre 131S am 15. November die Schwyzer Oesterreichs Uebermacht. Die Franken wurden bis in die Tiefe des Dorfes Aegeri im Zugerlande verfolgt, wo sie sich vergebens znm drittenmal zu stellen suchten. Man würde sie noch weiter getrieben haben, aber der entblößte Ezel ließ die Schwyzer fürchten, von andern Seiten überrascht zu werden. Zufrieden, die Franken vom Morgarten und St. Jostenberg zurückgeworfcn zu haben, endeten sie mit anbrechender Nacht das glückliche Treffen. An demselben Tage in der Mittagsstunde war das unter dem Oberstlieutenant Aloys Gwerder zu Meyringen im Haslithal gestandene Schwyzcrbataillon im Flecken Schwyz angekommen, und da es von der Räumung des Ezels gehört hatte, sogleich weiter geeilt, die Haggen-Egg zwischen Schwyz und Einsiedeln zu besetzen, um sich dem audringeudeu Feinde entgegen zu stammen. Ohne eine Erfrischung zu nehmen, erstiegen sie diesen hohen Berg so behend, daß sie um drei Nhr schon die Höhe erreicht, und folglich binnen vierundzwanzig Stunden einen beschwerlichen Weg von zwanzig Stunden zurückgelegt hatten. 4. Am folgenden Tage*), Morgens drei Uhr, näherten sich die Franken den Schwyzern, welche Arth gegen das Zugerland hin deckten. Bei der Kapelle St. Adrian geschah der wildeste Anfall. Der Strich vom Seeufer bis zum höchsten Gipfel des Rüfiberges, die Länge einer halben deutschen Meile, war von beiden Heerhaufen mit einzelnen Posten besetzt. Die Franken benutzten augenblicklich jeden Vortheil, welchen ihnen der von den Schwyzern nicht zum ') Den 3. Mai. ISS Besten für Vertheidigung gewählte Platz bot. Die Schwyzer empfanden Unordnungen; einige Scharfschützen, die, bei noch unvollkommenem Tageslicht, zu weit vorgeeilt waren, kamen zwischen zwei Feuer, und fielen sowohl durch Schwyzer- als Frankenkugeln. Ueber anderthalb Stunden währte das Gefecht ununterbrochen fort. Die Franken wankten zuerst. Das lebhafte Feuer der Scharfschützen erfüllte ihre Reihen mit Todten. Sie zogen sich mit Eile zurück. Aber die Schwyzer, zu schwach, konnten sie nicht verfolgen. Einige Freiwillige von Walchwylen, Kanton Zug, hatten in diesem Treffen sehr gute Dienste gegen die Franken geleistet. Sie bedauerten sechs Todte; die Schwyzer aber zwanzig, und eben so viele Verwundete. Kaum war hier der letzte Schuß gefallen, als die Stellung von Arth auf der Luzerner Seite bestürmt ward. Eine beträchtliche Abtheilung der achtunddreißigsten Halbbrigade näherte sich dem Flecken bis auf eine kleine halbe Stunde. Allzuvoreilig brannten die Schwyzer auf der Höhe ihre mit Kartätschen geladenen Kanonen ab. Augenblicklich verschwanden die Franken von der Landstraße und der Ebene; sie verloren sich in einen seitwärts gelegenen Berg- tobel (Gebirgsspaltung), um von dort her die Anhöhe zu gewinnen. Die Schwyzer, auf dem Gegenrande des Tobels, in leichten Verschanzungen von Holz und Stein gestellt, konnten anfangs diese Wendung der durch ein Wäldchen verhehlten Franken nicht wahrnehmen. Sie entdeckten erst die Gefahr, als der Feind schon ziemlich weit gekommen war. Da dies die Schwyzer sahen, rannten sie in vollem Lauf, die obersten Höhen zu erreichen. Doch zu spät, die Franken hatten den Vorsprung. — Andere nun wagten sich in den finstern Tobel, um da hindurch gegen die Seite von Arth hinüber zu dringen; die übrigen endlich besetzten die untere Erhöhung am Tobel, um die Ihrigen, welche hinübergehen, oder Zsch. Ges. Schr. 34. Thl. 8' 186 sich schon jenseits befinden würden, zu unterstützen. Zu dem Ende warfen sie eilfertig kleine Schanzen von Holz und Steinen auf, oder wählten Tiefen und Felsenhänge, um sicherer laden und schießen zu können. Mancher Schütze unterhielt ein anhaltendes Feuer, aus mehrern ihm von Knaben nachgetragenen und geladenen Flinten. Die Franken schossen mit außerordentlicher Geschwindigkeit; aber ihre Kugeln hatten keine sichere Richtung. Die Schwyzer feuerten langsam; aber jeder Schuß stürzte unfehlbar seinen Mann. Nachdem ein Theil der schwyzerischen Mannschaft über den Tobel unerschrocken aufwärts gegangen war, durch den ober» Wald, donnerten sie von den Felsenhöhcn auf die Franken herunter. Diese zogen sich seewärts mit großer Eile aus der Schußweite. Als dort ihre Anführer in kleinen Haufen zusammentraten, vermuthlich um zu berathen, was zu thun sei, nahm der Scharfschützen von Schwyz einer dreifache Ladung Pulver, und sprach zu seinen Gefährten: „was gilts, ich reiche den Mittlern von jenen Hauptleuten?" Die Entfernung war außerordentlich; man mochte nur kaum die Offiziere an ihren langen Ueberröcken von andern unterscheiden. Und der Erzielte stürzte getroffen, in der Mitte der Seinigen, zu Boden. Dieser Schuß ward das Zeichen zum allgemeinen Rückzug der Franken. Sie bezogen wieder bei Oberimmensee die Allmeind, wo sie eine Art Lagers hatten. Der Verlust fränkischer Seits war bedeutend; aber man hat ihn nicht erfahren. Biele der Gctödteten wurden von den Franken selbst in den See geworfen; andere fand man zwischen Klippen und Gesträuchen zerstreut umher; andere aber nebst allen Verwundeten nahmen sic, nach ihrer Gewohnheit, mit sich fort. Die Schwyzer büßten in diesem glücklichen Gefecht wenig ein. Sie hatten nur drei Todte und zwölf Verwundete. Als sich das Gerücht verbreitete, daß es an Pulver und scharfen Patronen gebrechen könne, ehe Unterstützung aus Schwyz an- 187 lange, wurde sogleich alles in den benachbarten Häusern befindliche Pulver, Blei und allerhand Zinngcschirr von den Eigenthümern mit Freuden herbeigebracht; und obgleich in großer Anzahl Kugeln gegossen wurden, war dennoch eine so große Menge Zinn und Blei vorräthig, daß noch vieles Zinngcräth zurückgenommen werden mußte. Die Truppen am rothcn Thurm waren in der Nacht vom zweiten zum dritten Mai ebenfalls beständig unter dem Gewehr, eines Ueberfalls gewärtig. Dies war also die vierte Nacht, welche sie nach fast unglaublichen Mühseligkeiten, eine nothwendige Wirkung des Mangels an Mannschaft, und der Strenge des Dienstes, ungeduldig durchwachten. In dieser Nacht hing Jedermann in finsterm Stillschweigen seinen Gedanken nach. Jeder übersann die neuern Begebenheiten. Neberall mit Glück gefochten, kosteten die einzelnen Siege dennoch im Ganzen an jedem Tage schier hundert Todte »nd der Verwundeten viele. Es ließ sich berechnen, daß binnen vierzehn Tagen bei gleichem Glück die Schwyzer an ihren Siegen sterben müßten. Zwar waren die Pässe beim rothen Thurm, auf der Schorno und in Arth wohl beschirmt; aber wer konnte die Franken, seit der Räumung des Ezels Meister von Einsiedel«, abhalten, über die Haggen-, Uberger- und Holz-Egg, nur von Weibern bewacht aus Mangel an Männern, vorzudringen gegen Schwyz, und das ganze Land mit ihren Schaaren zu überschwemmen? 5 . Diese Betrachtungen beschäftigten das Volk in der Nacht; einer theilte sich dem andern mit, als der Morgen dämmerte, und, wie die Gebirgslandschaft aus ihren Nebeln, auch jedes Gemüth aus schweren Träumereien stieg. Bald ward Frage: ob nicht unter 188 solchen Verhältnissen durch ehrenvolle Kapitulation mehr, als durch fruchtlosen Widerstand gewonnen werden könnte? Es ist unmöglich, zu beschreiben, wie heftig, wie verschieden die Meinungen über diese Fragen fielen. Alles gericth in stürmische Bewegung. Indem keiner diesen Morgen und diese Frage unter dem Schwyzcrheer erlebt zu haben wünschte, fürchtete jeder die Stimmenmehrheit für Kapitulation und sich ihr unterziehen zu müssen, jeder die Gewalt der Liebe und Lebenslust über seinen heldenmüthigen Entschluß. „Nein, schrien Hunderte: laßt uns sterben! sterben! — alle einmnthig in den süßen Tod ums Vaterland gehen!" — Andere, welche nach gleichem Ziele strebten, aber durch mildere Darstellung desselben leichter dafür zu bereden hofften, riefen: „Wir wollen so lange gehörlos sein für Unterhandlung, bis zwei Drittel von uns da am Morgarten hingestreckt liegen, wo unsere Väter ruhen. Dies Opfer ist ja nicht zu groß für ihr Andenken, für unsere Nachkömmlinge und für die Freiheit!" — Viele Hausväter sanftern Sinnes, ihre Gattinnen und Kinder im Herzen und Gedächtniß, sprachen: „Brüder, überleget wohl, was ihr thut! Der Tod unserer Ahnen an diesem Orte war freilich Sieg für Vaterland und Freiheit; aber jetzt wären bei gleichem Muth und Zweck Sieg und Tod vergebens. Und würden wir alle Leichen, so würden die noch von uns unbesiegten übrige» Franken, — und ihre Zahl ist groß! — über unsere und ihrer Brüder Leichname gehen, und unsere Heimat mit doppelter Wnth zerstören, Weiber und Kinder mißhandeln, und die Thäler mit Mord und Brand füllen. Unser Tod hätte nicht das Unglück gemindert, aber gemehrt!" Andere, obschon sie die Staatsumwälzung längst für unvermeidlich, doch durch die Hand eines fremden Volkes für schändlich gehalten, erhoben ihre Stimmen mit freierm Muthe: „Sichert die 189 Unterhandlung uns Religion und Eigenthum, schirmt sie unsere Heimat für Brandschatzung, so mögen wir uns getrost mit unfern andern Schweizerbrüdern vereinen zu einer Familie und einem Freistaat. Dann büßen wir nicht unsere Freiheit ein, sondern wir vertauschen nur die alte Ordnung gegen eine neue; wir bleiben dieselben. Kein Fürst, kein Vogt beherrscht uns; wir sind Keines Unterthan; wir setzen uns unsere Obrigkeit, nach wie vor. Bedenket es wohl!" Nach vielem Widerspruch und Lärmen neigten sich die meisten den Gesinnungen der letztem an, und die Mehrheit des Volkes begehrte, erschöpft an Kraft, und lm wehmüthigen Gefühl von Wünschen, für ihre Macht unstillbar, Schauenburgs Anträge zn hören. AloyS Reding, der Landshauptmann, schrieb, da sich das Volk erklärt hatte, durch den Hauptmann B üeler an den fränkischen Generäl Nouvion, im Kloster zu Einsiedel», und verlangte Waffenstillstand. Gegen Abend kam Büeler mit folgender Antwort zurück: Ich habe, Herr Kommandant, Enern deutschen Brief erhalten, und solchen mir übersetzen lassen. Um Euch zu beweisen, wie sehr die Franken Menschlichkeit lieben, so sendeich Euch Euer« Offizier zurück, damit Ihr meine Bedingungen vernehmet. Eine halbe Stunde nach Empfang dieses Briefes werden die Truppen des Kantons Schwyz die Waffen niederlegen, solche an einen französischen Offizier abgeben, der hierzu ernannt ward, mit mündlicher Versicherung vom General, daß dieselben im Lande an einem Orte sollen zusammengestellt werden. — Das Volk des Kantons Schwyz wird ohne Zweifel die helvetische Verfassung annehmen. Ich gebe dem Obergeneral den Bericht über den Empfang Eures Briefes, und der Antwort, so ich Euch ertheile. — Die Stellung der fränkischen Armee und die Eurige werden Euch, ohne ISO Zweifel, cs dringend machen, daß die Vorschläge angenommen werden, die ich Ench thue. Der Brigade-General Nonvion. Ehe noch Büeler dies Schreiben gebracht hatte, waren am Nachmittage plötzlich die Hilfsvölker von Nri zum Rückzug in ihre Heimat aufgebrochen. Sie hatten die Grenzposten bei Schorno bisher besetzt, und nun ganz wehrlos gelassen. Die Schwyzcr beim rothen Thurm mußten durch eine starke Abtheilung jene Stellen decken und sich selbst schwächen. Dieser nnvermnthete Abzug trug nicht wenig bei, das Volk geneigter zum Unterhandeln zu machen. Sobald den Truppen Nonvions Brief verlesen war, begehrten ste, daß man den Waffenstillstand nnmlttclbar vom Oberbefehlshaber für viernndzwanzig Stunden verlangen sollte, damit sich das gesammtc Volk zur Landö- gemeinde versammeln könne; auch solle dem Oberbefehlshaber der allgemeine Wunsch geäußert werden, daß den Schwyzern neben Sicherheit der Religion, der Personen und des Eigenthums, auch Schonung von fremden Besatzungen zugestandcn werde. Darauf schrieb der Landeshauptmann an Schauenburg: Es kann Eurer klugen Einsicht nicht entgehen, daß alle Gewalt dieses Kantons in den Händen des Volks liegt; und folglich die Berathschlagung über den Gegenstand Eures heutigen Schreibens vor unsere Volksversammlungen kommen muß. Da aber der kurze Termin uns nicht genug Zeit gestattet, eine solche Volksversammlung zusammen zu berufen, so geht mein Ansuchen im Namen meiner lieben Landsleute dahin, daß Ihr uns den Termin um vierundzwanzig Stunden verlängern und dieses arme Land mit Besatzung verschonen möchtet. 3. Mai 1798. Zum andernmal ging Hauptmann Büeler mit diesem Schreiben und mündlichen Aufträgen nach Einsiedeln. Dort war inzwischen 181 der Oberbefehlshaber Schauenburg angekommeu. Folgende Punkte wurden abgefaßt, und zurückgcbracht: Der Obergeneral der Armee in der Schweiz hat durch Gegenwärtiges an Herrn Aloys Neding, Kommandant von den Truppen des Kantons Schwyz, erklärt: daß die katholische Religion, welche der Kanton bekennt, unbetastet verbleiben soll, weil die helvetische Verfassung, welche durch die Mehrheit von der Schweiz angenommen worden, ausdrücklich die Freiheit des Gottesdienstes zustchert. Von seiner Seite verpflichtet sich der Kanton Schwyz, die Verfassung in vicrundzwanzig Stunden anzunehmeu. Mittelst dieser Verpflichtung verspricht der Obergeneral, mit allen Feindseligkeiten während diesen vierundzwanzig Stunden einzuhaltcn, und in allen Theilen des Kantons, welche durch die fränkische Armee noch nicht eingenommen worden, diejenigen Waffen, die sie besitzen, zu lassen. Der Kommandant der Truppen des Kantons Schwyz verpflichtet sich hingegen, sich in das Innere zurückzuziehen, und keine Feindseligkeiten zu unternehmen, bis das versammelte Volk seine Stimme über die Verfassung gegeben. Der Beschluß dieser Volksberathung soll sogleich dem Obergeneral der fränkischen Armee mitgethcilt werden. Gegenwärtige Uebereinkunft ist doppelt verfasset, und wechselseitig durch den Obergeneral, und durch Herrn Büeler, welcher von dem Kommandanten von Schwyz hiezu bevollmächtiget, unterschrieben worden. In der Nacht vom 3. zum 4. Mai wurden diese Artikel dem unter den Waffen stehenden Volk beim rothen Thurm vorgelcsen, daun dem ganzen Land in möglichster Eil kund gethan, mit dem Beifügen, daß um 11 Uhr Mittags jeder bei seinem Eid zur Landsgemeinde gen Schwyz aufgeboten sei. Gegen Mittag erschienen die Krieger von Morgarten, vom rothen Thurm und der Schorns in Schwyz. Nur die von Arth, ISS welche die beiderseitigen Seeufer von Zug und Luzern besetzt hielten, wollten ihren Posten nicht verlassen, auch konnten sie sich außerdem nicht zur bestimmten Zeit einstnden. 6 . Es ward der gewöhnliche Landsgemeindenkreis gezogen. Ein fürchterlich-feierlicher Anblick. Alles bewaffnet, wie jedes so eben vom Schlachtfelde kam; die einen mit Kriegsröhrcn, die andern mit Stutzern, viele mit Speeren, viele mit Morgensternen und Keulen. In jedem Angesicht las man die Empfindungen der Seele; man sah, wie gekränkter Stolz, Wehmuth, furchtlose Entschlossenheit, kaltblütige Ueberlegung, wilde Verzweiflung in Allen wechselte und haderte. Nach einer kurzen Rede des Alt-Landammann Schneller, der diesmal die Gemeinde führte, wurde das gewöhnliche Gebet verrichtet, zu Gott um Gnade und Erleuchtung. Welch ein Anblick, dieser Kreis von bewaffneten Betern, mit den stürmischen Herze», und bleichen Gesichtern! Dann wurde die Kapitulation vorgelesen. Hauptmann Büeler erzählte zugleich, daß Schauenburg mündliche Versicherung gegeben, aus dem Kanton Schwyz keine Mannschaft ausheben, und keine Brandschatzung fordern zu wollen. Darauf nahm der Landeshauptmann Aloys Reding das Wort. Er schilderte die bisherigen Vorfälle, die Stellung der fränkischen Armee, und die der Schwy- zer, den Rückzug der Urner, und das Ausbleiben von vierhundert Unterwaldnern, welche zwar an diesem Morgen nach Brunnen schon zur Hilfe von Schwyz gekommen, aber nach erhaltener Nachricht, daß man im Unterhandeln begriffen sei, wieder nach Hause gezogen wären. Er schloß also mit der Ermunterung, die Kapitulation anzunehmen. 193 Jetzt erschien ein Brief, geschrieben an bas Volk von einem seiner ehrwürdigsten Hirten, dem Dekan Tanner, in welchem dieser rechtschaffene Greis seine Gesinnungen folgendermaßen ausdrückte : Getreue, herzliebe Mitlandsleute und Brüder! In gegenwärtigen so gefährlichen Umständen meines und Eures lieben Vaterlandes, da ich wegen Alters und schwachen Kräften außer Stande bin, vor Euch persönlich zu erscheinen: so finde ich mich durch mein Gewissen verbunden, mit Euch schriftlich zu sprechen; vernehmet also die Gesinnungen eines zwar unwürdigen Priesters, der aber schon zweiundfünfzig Jahre in diesem Lande ver- pfründet, und, wie den meisten aus Euch nicht unbewußt, für Religion und Vaterland immer gethan hat, was in seinem Vermögen war. Herzliebe Brüder, lasset doch um Gotteswillen in dieser mißlichen Lage gesunde Vernunft und Geduld walten; wollt Ihr denn, von allen unser» Brüdern verlassen, durch fernern blutigen Widerstand Euch Euer» Weib und Kindern, und mit Euch denselben Trost und Erziehung entreißen? folglich Euch und das Vaterland noch unglücklicher machen? Ach liebste Brüder, von zwei anscheinenden Nebeln ist das kleinere zu wählen. Seid Ihr für Eure Religion, für Person und Eigenthnm so viel möglich versichert: so thut und schließt nach jetzigen Umständen. Hoffet und vertrauet auf Euer» Gott und noch waltende Menschenliebe. Seid einig und verschaffet Euch Ruhe und Frieden. Dieses rathe und bitte ich Euch auf mein Gewissen und Leben. Seb. Anton Tanner, unwürdiger Decan und Pfarrer. Muottathal, den 4. Mat 1798. " Bisher war das Volk ruhig geblieben; als man aber zum Abstimmen schreiten wollte, erhob sich umher ein dumpfes Murmeln, Zsch. Ges. Schr. 34. Thl. 9 ' 194 welches mit jedem Augenblicke steigend znm wildesten Getöse überlief. Die Meinungen waren im Kampf. Es war das letzte, gewaltsame Ringen zwischen Nothwendigkeit und Neigung, Neuerung und Alterthum in jeder Brust; die letzte Krisis eines mehr als dreihnndertjährigen Staatskörpcrs, der nun der Auflösung nahe war. Man sprach von dem, was die Borwelt gcthan für Freiheit; was Pflicht noch jetzt heische; man berechnete, was man verlöre mit einer Landesverfassung, die seit Jahrhunderten Freiheit und Frieden gewährte, gegen den Gewinn einer Verfassung, die man nicht kannte; man verglich das Vergangene mit dem Künftigen, das Gewisse mit dem Ungewissen. Einige fürchteten den Untergang aller Religion; andere erinnerten an den feierlichen Eid, lieber zu sterben, als die Verfassung zu ändern; andere gedachten der bisher erfochtenen Siege; andere, daß man den Franken nicht vertrauen dürfe. Die Verschiedenheit der Gründe und Begriffe vermehrte die Hitze. Das Schreien und Toben dafür und dagegen ward allgemein. Umsonst suchten die Gelassener» Herstellung der Ruhe. Man wollte keinem Rath, keiner Vorstellung weiter Gehör geben. Viele gingen von der Gemeinde, um ihren Schmerz freier austoben zu lassen. Diese Verwirrung, dieser Sturm, der alle Berathschlagnng hemmte, hatte schon eine halbe Stunde gedauert. Viele drohten einander mit geschwungenen Säbeln, andere zielten mit geladenen Gewehren. Rings von Feinden umgeben, schien das erbitterte Volk jenen die Mühe erleichtern und sich selbst vernichten zu wollen. Endlich erhob sich auf der Bühne der Chorherr Schneller, ein Mann, geachtet beim Volk, wegen seines Biedersinns und untadelichen Wandels. Es war aber die Sitte dieses Volks, daß, wenn ein Geistlicher zu ihm redete, Jedermann das Haupt entblößte. Also geschah es von den Nächststehenden, und pflanzte sich fort; Schneller benutzte di? beginnende Stille, und sprach mit Ernst und Schmerz: „Meine herzliebe Mitlandsleute, wenn jemals brüderliche Eintracht und gelassene Ueberlegung nöthig gewesen, so ist es gewiß jetzt. Aber es ist hier nicht die Frage: ob die alte oder neue Schweizcrverfaffung besser sei, sondern ob man ferner» Krieg, oder die Kapitulation wähle? Ihr kennt unsere Lage; ihr wisset, Muth und Tapferkeit mögen unsere Verfassung nicht mehr retten, der Mangel an Mannschaft machte die anhaltende Verteidigung un- sers Vaterlandes unmöglich. Dies war die Ursache, warum ihr selbst gestern Unterhandlung begehrt habt. Der fränkische Oberbefehlshaber gab sie und ehrenvoll für euch. Religion und Eigcn- hnm sind durch sie behütet." „Ihr sagt: wir haben geschworen, lieber den Tod, als die Konstitution! Fern sei Meineid! — Wir haben aber geschworen, im Glauben, daß die neue Verfassung unserer Religion gefährlich sei. Seitdem die Kapitulation uns unsere Religion unverletzt zusichert, fällt jener Grund, deswillen wir schwuren, hinweg. Denn sagt die neue Verfassung das Gleiche, so dürft ihr sie ohne Gewissensbeschwerde annehmen. Redet sie anders, so bleibt ihr bei der Kapitulation. „Ihr sprecht: man darf den Franken nicht trauen! — Ist dies euer Ernst? Leget ihr nicht in eben diesem Augenblick den größten Beweis eures Vertrauens gegen die Franken ab, indem ihr, auf ihr Ehrenwort bauend, hier bcrathschlaget, inzwischen eure Grenzen nun von allen Seiten unvertheidigt offen stehen, und eure Kanonen und eure Munition nur von kleinen Wachten behütet, binnen wenigen Augenblicken genommen sein könnten? Ein solches Zutrauen auf sein Versprechen hat das fränkische Volk gewiß noch nie em- pfahen. Wenn ihr nun euch mit so vieler Zuversicht auf ihr Versprechen verlasset, da sie noch Feinde und so nahe an unfern Grenzen sind: warum solltet ihr ihnen nicht vertrauen, wenn sie von »ns entfernt, und unsere Freunde sind? 196 „Es sind nur noch wenige Stunden vom Waffenstillstand übrig. Hinweg mit Leidenschaft und Partcigeist; Vernunft und Gelassenheit dafür. Wollet ihr Krieg: wohlan, so verliert keine Zeit! Jeder eile an seinen Posten, das Vaterland zu verthcidigen. — Wollt ihr aber dem Blutvergießen ein Ende, wollt ihr durch die Kapitulation eure Religion, Person und Besitzung schirmen, so zögert nicht, dem fränkischen Befehlshaber die Anzeige zu machen, auf daß alle Feindseligkeiten eingestellt, die Hausväter ihren Kindern, die Kinder ihren Aeltern, die Männer ihren bekümmerten Ehefrauen wicdergegeben werden. Der Allmächtige leite eure Gesinnungen, segne eure Beschlüsse!" Dreimal wurde Schneller, indem er also redete, vom Getümmel des Volks unterbrochen, und immer wieder zur Fortsetzung aufgefordert. Endlich ward Alles still; Jeder hörte aufmerksam den Vorstellungen zu. Man schritt zur Entscheidung der großen Frage, und die Kapitulation wurde mit großer Einmüthtgkeit angenommen. Nur kaum hundert Männer stimmten dagegen. Man erwählte sogleich vier Abgeordnete, welche folgenden Morgens zum General Schauenburg reisen sollten. Die fernem Geschäfte zu berichtigen, übertrug man einem Ausschuß. Noch an demselben Abend ward folgendes Schreiben an Schauenburg gesandt: „Wir haben aus dem an unser» Mitbürger Aloys Reding von Euch erlassenen Schreiben die feierlichen Zusicherungen von der freien Ausübung unserer Religion^ Sicherheit der Person, Beibehaltung der Waffen und des Eigenthums zu unserm Vergnügen bei unserer allgemeinen Versammlung ersehen. „Ucberzeugt und vergewissert von den menschlichkeitsliebenden Gesinnungen, die Euch und die ganze französische Nation auszeichnen, haben wir auf diese Bedingnisse die helvetische Verfassung anznnehmen beschlossen; und die Bürger Aloys Reding, Jakob 197 Castell, Major Büelcr und Sekretär Anton Ulrich aus unserer Mitte ernamset, welche sich Morgens bei Euch, Bürger General, etnfinden, unser» Beschluß mündlich anzeigen, und sich mit Euch noch weiter besprechen sollen. Euerm Auftrag zufolge haben wir dem Kanton Uri Eure Willensmeinung zu wissen gethan; nur ersuchen wir Euch, alle Feindseligkeiten gegen unser Land einzustellen, und die Truppen ab unfern Grenzen zurückzuziehen, so wie wir es bereits gethan und befohlen haben. Wir schmeicheln uns mit der gütigen Ausnahme unserer Abgeordneten, und unter srenndschaft- licher Begrüßung verbleiben wir mit aller Hochschätzung, Schwyz, den 4. Mai 1798. Im Namen des Volks vom Kanton Schwyz, Unter;.: Büelcr, Landesstatthalter. Ulrich, Sekretär." Das Schreiben des Generals Schauenburg, betreffend den Kanton Uri, von welchem in obstehendem Briefe Meldung geschieht, und welches während der Landesgemeinde eintraf, lautet so: Im Hauptquartier zu Einstedelu, den 15. Floreal, im b. Jahr der fränkischen einen und untheil» baren Republik. Der Oberbefehlshaber der Armee in H elvetien an Herrn Aloys Reding. Mein Herr! Ich bin vergewissert, daß die Truppen des Kantons Uri mit den Enrige» vereinigt waren, um sich mit den fränkischen Truppen zu schlagen, und da ich mit Euch unterhandele, so habe ich annehmen müssen, daß das, was mit Euerm Kanton abgethan wurde, auch für die andern gemacht sein soll. Ich bilde mir nicht ein, daß der Kanton Uri sich einzeln geben, und ver- drüßliche Ereignisse zuziehen wolle; ich bitte Euch also, mein Herr, ihm diese Erklärung zu wissen zu thnn, die auch ans den Kanton 198 Uri anwendbar ist; nnd im Fall, welches ich nicht versehen kan», daß derselbe es abschlagcn würde, sich der Vollziehung der von Euch angenommenen Bedingniffe zu unterziehen: so muß ich Vorbehalten, daß die unter meinem Befehl stehenden Truppen sich in den Kanton Schwyz begeben werden, um dorthin zu gelange». Der Durchzug derselben soll Euch aber nicht bcnnruhigen. Mein Herr, Person und Eigenthum sollen geehrt und dieser Vertrag heilig beobachtet werden. Ich bitte Euch, mir alsobald Euer» Beschluß wifscnhaft zu machen; ich wünsche nur, daß der Menschlichkeit, nnd des größten Glücks des schweizerischen Volks willen, der angefangene Krieg aufhören möge. Ich bin, mein Herr, mit vollkommener Achtung Ihr gehorsamer Diener Schauenburg. 7 . Uri, bewogen durch die Vorstellungen von Schwyz und den Anblick unabwendbarer Gefahr, nahm die zwischen den Franken und Schwyzern geschloffenen Bedingungen nnmuthig an. Die feindlichen Heere, ihres Vertrages eingedenk, zogen sich von den Grenzen von Schwyz zurück. Auch Obwalden, wo die Stimme der Weiser» wieder gehört ward, nachdem Furcht den Rausch der Leidenschaft gelöset hatte, unterschrieb fast zu gleicher Zeit (am 5. Mai) die neue Staatsverfassung zum andern Male. Nur das Volk von Nidwalden, trunken von Eingebungen seiner Priester, blieb zögernd stehen. Es besetzte noch mit Kriegern die Grenzen bei EnnetmooS gegen Obwalden, bei Stansstaad und Hergiswyl am Secufer, bei Emmeten ans der 19S Berghöhe gegen das Land Uri, und dem darunter liegenden Bergstuß, welcher, die Naas geheißen, sich im See. vorstreckt gegen Brunnen im Schwyzer Land. Aber das Beispiel der benachbarten Gegenden; die erlöschende Hoffnung, siegend aus dem Kampfe hcrvorzutreten; die Zwietracht der Meinungen im Innern — Alles erleichterte den im Stillen wirksamen Freunden des Friedens die Mühe, den Landmann milder zu stimmen. Die Gemeinden zeigten endlich Neigung, mit den Franken zu unterhandeln. Die Priesterschaft ward um Nath befragt. Eine Versammlung derselben, bei welcher aber die wüthcndsten Kriegs- Priester nicht erschienen, gab ihr Gutachten, daß sonder Gewiffens- beschwerde die neue Verfassung angenommen werden möge, mit Vorbehalt der am 7. April beschwornen Punkte. Es wurden demnach Abgeordnete an den General Schauenburg nach Zürich gesandt, die Uebereinkunft zu schließen. Sie brachten folgende Erklärung des Feldherrn, von ihm unterzeichnet, zurück: Hauptquartier Zürich, 26. Floreal, Jahr VI. der fränkischen einen und nntheilbaren Republik. Der Oberfeldhcrr der Armee in Helvcticn versichert das Volk von Unterwalden nid dem Walde des Schirmes und der Freundschaft der fränkischen Republik, und ersucht es, seine Unruhe zu besänftigen, die man ihm über die Freiheit seines Gottesdienstes, über die Sicherheit der Personen und des Eigenthumcs u. s. w. eingeflößt hat. Dem Oberfeldherrn liegt nichts näher am Herzen, als die Einwohner von Helveticn über die wirklichen Gesinnungen der fränkischen Regierung aufznklären; er eilt, dem Volke von Unterwalden nid dem Walde zu bekräftigen, daß seine Personen und Eigenthum geachtet, daß keine fränkischen Truppen dahin einrücken sollen, als im Falle, daß die öffentliche Ruhe gestört wäre; 200 daß ferner Unterwalden nicht werde entwaffnet werden, und Frankreich nie daran gedacht habe, die junge Mannschaft der Schweiz seinen Bataillonen einzuverleiben. Im Betreff der Religion, will die fränkische Republik die Gewissen nicht beengen, sondern überläßt Jedem, Gott nach seiner Weise zu verehren. Der Oberfeldherr Schauenburg. So versammelte sich das Volk am 12. Mai zur Landesgemeinde. Die Frage über Auflösung der alten und Huldigung einer neuen Landesordnung sollte entschieden werden. Einige Geistliche erhoben ihre Stimme für die Annahme. Zwar lärmten dagegen Haufen versammelter Weiber. Aber der schwärmerische Priester Lüssi, Helfer zn Stans, bisher Führer und Seele des Volks, der unerbittlichste von den Feinden der Staatöänderung, fehlte. Der Weiber Gelärm verscholl leicht. Der Kriegsrath selbst rieth zur Ergebung, und so ward in trauriger Stille, und. beinahe ohne einiges Handmchren, die helvetische Verfassung ausgenommen. Selbst Derjenigen Muth und Eifer schien erkaltet zu sein, welche an den Grenzen in Waffen standen, und zu sterben fürs Vaterland geschworen hatten. Während sich das übrige Volk leidend verhielt, waren die Krieger zur Uebcreinkunft die geneigtesten, als sie ihre Meinung schriftlich einsenden mußten. 8 . Weit entfernt, Erbitterung gegen diese Bergvölker zu nähren, ehrten die Franken die Tapferkeit derselben. Selbst Schauenburg, welcher anfangs die Sprache der Verachtung angenommen, und die Führer des Volks mit Leben und Gut für alle Folgen der 201 Widersetzlichkeit verantwortlich erklärt hatte, war gezwungen, ihnen ungeheuchelte Achtung zu weihen. Er bekannte dies in öffentlichen Briefen; er wurde der persönliche Freund des schwyzerischen Landeshauptmanns Aloys Neding, des Feldherr» der Hirtenkrieger, den er nicht besiegt hatte. Der Verlust der fränkischen Truppen in dem Kampf gegen die Waldkantone war verhältnißmäßig ungemein groß. Wie die letzter« ihre Todten zu Hunderten zählten, zählten die Franken die ihrigen zu Tausenden. Wie man aus bestimmten Nachrichten von Luzern erfahren, belief sich ihr Verlust auf die Summe von 2754 Todten, Die Zahl ihrer Verwundeten hat man nie mit Gewißheit entdeckt. Sie muß wahrscheinlich die der Todten überstiegen haben. Die Truppen der Waldkantone büßten, wie man genau aus den umständlichen Gemeindsregistern weiß, in allem 236 Todte ein, und zählten nur 195 Verwundete. Dies Mißverhältniß der Verwundeten zu den Todten Von Seiten der Waldstätter läßt sich nur aus der Wuth erklären, mit welcher die Eidgenossen fochten. Die Verwundeten achteten ihrer Wunden nicht; sie blieben im Kampfe, gaben und forderten keine Gnade, und fochten noch halb sterbend am Boden, um nicht ihre Schmach zu überleben. Frei geboren, wollten sie frei sterben. Es war ihnen süß, mit ihrem Blute die unbezwungene vaterländische Erde zu netzen, und da ihr Sterbebette zu wissen, wo ihre Heldenvätcr glorreich gestorben waren. Kein Denkmal verewigt ihre Namen. Aber so lange die rauhen Felsen der Schindellegi stehen, so lange die Fluren von Morgarten grünen, wird man derThaten eingedenk sein, welche die Nachkommen Wilhelm Teils ihrer Altvordern Werth machten. Die Schwyzer blieben bei den Bezeugungen der Achtung nicht unempfindlich, welche ihnen die fränkischen Feldherren gaben. Die aus sieben Gliedern bestehende provisorische Regierung von Schwyz machte es zu ihrer ersten Beschäftigung, dem General 202 Schauenburg ihre Erkenntlichkeit im Namen des Volks zu äußern. Ihre zweite Sorge aber war'S, den verwundeten Brüdern, den Wittwen und Waisen, oder den armen Aeltern der umgekommenen Vatcrlandsverthcidiger Hilfe und Erquickung zu schaffen. Es wurde zu dem Ende schon am achten Mai eine allgemeine Steuer ausgeschrieben, welche freiwillig gegeben werden sollte, und nachmals verhältnißmäßig an die Hilfsloscn vertheilt wurde. Einen rührenden Beweis der Anhänglichkeit und Liebe gaben »och jetzt, da auch das Schicksal des Kantons Schwyz entschieden war, die Ehcmals-Angehörigen von der Landschaft der beiden Höfe Pfäffikon und Wollerau. Wiewohl sie von Schwyz, ihrem ehemaligen Obcrhcrrn, nichts mehr zu hoffen und zn fürchten hatten, gingen sie doch den Oberbefehlshaber Schauenburg inständig an, daß sie noch ferner mit Schwyz vereinigt bleiben möchten. Eben dies baten sie mit Herzlichkeit von Schwyz selbst. — Die Schwyzer, bewegt durch so viele Treue, verwandten sich um die Erfüllung solches Wunsches sowohl beim Franken-General, als bei dem helvetischen Direktorium. Schauenburg fand die Bitte edel, aber es war nicht in seiner Gewalt, zn willfahren. Schwyz genoß also in den letzten Stunden seiner Selbstständigkeit eines Trostes, dessen sich vielleicht kein anderer Stand der zerstörten Eidgenossenschaft rühmen konnte, daß nämlich zur Zeit der äußersten Gefahr die Ehcmals-Angehörigen sich ihrem bisherigen Herrn anschlossen, um von ihm das Schwert des Feindes abzufangen , und mit Blut den Beweis der Dankbarkeit und Zufriedenheit zn besiegeln. Küßnacht hatte sich verthcidigt, so lange Schwyz nur immer noch eine Hoffnung von Unterstützung geben konnte. Die Landschaft March hatte mit achthundert Mann die Grenzen gegen Zürich treu gedeckt. Die Einwohner der Höfe hatten sogar ihre Habschaft und Heimat verlassen, um noch in dem Augenblicke mit ihren alten Obcrherren vereint zu bleiben, da die 203 Franken schon Meister ihrer Landschaft waren. — Die Einsiedler, vielleicht unter allen das entschlossenste und muthigste Volk, würden gewiß für Schwyz das Aeußerste gewagt haben, wären ste nicht durch Furcht oder Bosheit ihres schändlichen Führers am Ezel verführt worden. Dies ist die Geschichte vom Kampf und Untergang der schweizerischen Berg- und Waldkantone im Jahre 1798. Da, wo vor einem halben Jahrtausend die alte Eidgenossenschaft zuerst ihren Ursprung genommen, unterlag sie auch einer völkerrechtsmördcri- schen Macht am letzten. Frankreich hatte über die Bundesstaaten Helvetiens, wie der schlaue Mazedonier Philippus über den Bund der Griechen, gesiegt. Auch die dreizehn alten Orte der Schweiz mußten ihr Chäronea finden, weil ste die großsinnige Staatsklugheit, Freiheitsliebe und Eintracht der Alten verloren hatten. Europa bewunderte den edeln, wenn auch unbeglückten Muth der Hirtenvölker, und wird, so lange Tugend mehr, denn Glanz der Gewalt gilt, die Helden im Hirtenkleide ehren, welche mit der Selbstständigkeit ihres freien Vaterlandes in den Tod gingen. Der Aufruhr von Stans und der Urkantone im Sommer 17KS. Die folgende- Darstellung erschien zuerst im Jahr 1804 im zweiten Band der „historischen Denkwürdigkeiten der helvetischen Staatsumwälznng", wo auch mehrere Belege und Urkunden im Anhänge beigcdrnckt waren, die hier, so wie die häufigen Hinweisungen auf Prozeßakten u. dgl. weggelaffen werden, aus denen der Verfasser manche Einzelnheit schöpfte. Erster Abschnitt. i. Weltkundig ist die Zerstörung des schönen Hirtenlandes Unterwalden in Helvetien durch fränkische Waffen. Die Klage um den blutigen Fall dieses kleinen Freistaats war so allgemein, daß selbst die Ueberwinder sich nicht ihres Sieges zu rühmen wagten. Die öffentliche Stimme Europens, man darf sagen die Stimme der Menschheit, hatte sich einmal gegen die Verbrechen der französischen Regierung, damals Direktorium geheißen, laut angekündet; Frankreichs Waffenthaten in Helvetien empfingen den Schein der Mordbrennerei, und die besiegten Hirten wurden in den Glanz der Helden gestellt. 205 Ich ergreife die Feder, um dies traurige Ereigniß zu beschreibe«, wie ich es aus dem Munde der Augenzeuge», aus amtlichen Berichten und gerichtlichen Verhören vernahm. Ich lebte lange genug unter jenem beklagten Volke, um seine Tugenden und Fehler zu erkennen; und sehe keinen Gewinn darin, der Nachwelt eine Lüge zu überliefern, oder Gefahr darin, einem Theile meiner Zeitgenossen zu mißfallen. Ehe ich die Erzählung des fürchterlichen Schicksals beginne, welchem Unterwalden erlag, werde ich ein Gemälde von dem Zustande dieses Ländchens voransenden, dessen es sich rühmte, ehe es in den allgemeinen Untergang der Eidgenossenschaft verwickelt wurde. 2 . Die meisten Geschichtsschreiber haben den Fehler gemein, daß sie das Volk, dem sie ihren Griffel weihen, unvermerkt liebgewinnen, und ihm mit aller Kunst der historischen Muse, selbst auf Unkosten der Wahrheit, Interesse zu erwerben suchen. Bald hören wir eine kriegerische Nation rühmen, welche, umringt von Triumphen, Feinden Frieden gebietet; bald ein Volk, welches seit Jahrhunderten, unter seinen Oelbäumen ruhend, kein Waffengeräusch vernahm; bald ein Reich, welches durch Handel und Gewerbsfleiß die Schätze aller Indien sammelt, und mit seinem Golde die halbe Welt fesselt ; bald einen Staat, der in Vergessenheit, ohne Reichthum und Kultur, an häuslicher Genügsamkeit eine Gesellin seiner Armuth und Bildungslosigkeit hat. Der Weltweise beurtheilt im Volke die Menschheit, in wie fern sie mehr oder minder veredelt erscheint; er kennt das Ziel, dem nachgeeilt werden muß, und untersucht die gegebenen Bedingungen des Polks, unter welchen es sich dem Ziele nähern könne. 206 Für ihn ist diejenige Nation Ruhmes Werth, welche geachtet von Nachbarn, unabhängig, frei, durch innere Verfassung jedem Bürger die meisten Gelegenheiten zur Vergrößerung des Wohlstandes, der Geistesbildung und Sittlichkeit gewährt. Für ihn ist, auch ohne Thatengeräusch, jenes Volk auf'den hohem Stufen der Vollkommenheit, welches mit wachsendem Wohlstand fortschreitende Kultur und Sittcneinfalt verknüpft. Kriegerische Tapferkeit und Größe, ohne Rechtlichkeit und Großmuth, verdienen in Europa keines Lorbeers mehr, da auch die barbarischen Horden Indiens sich solcher Tugend rühmen können. Lurns und Reichthnm ohne Sitteneinfalt adeln kein Volk, weil jeder reiche Wollüstling öffentlichen Lobes Werth sein müßte. — Einfalt der Sitten, liebenswürdig an sich, ist bei Barbaren ohne Verdienst, nur Kind der Noth; wohl gebührt ihr die Palme bei gebildeten, in geselligem Zusammenhang wohnenden Menschen, und im Schoose des Ueberstusses. — Zufriedenheit mit seinem Zustande ist kein Beweis wahren Völkerglücks; denn also hat jeder Mensch, in allen Lagen seines Lebens in jeder Zone und Zeit, sein bestimmtes Maß Glücks und Unglücks; so wären die rohesten Nomadenstämmc die glücklichsten, weil sie, unkundig des Bessern, mit ihrem Treiben die Zufriedensten sind; so wären zur Thierheit hinabgesnnkene Sklaven glücklich, weil sie, zufrieden mit ihrem Loose, die angebotene Erlösung von den Ketten der Leibeigenschaft verschmähe». 3 . Der alte Freistaat Unterwalden, von holzreichen Gebirgen umfangen und durchzogen, im Herzen der Schweiz und den Vierwaldstättersee von Mittag begrenzend, hatte kann, die mäßige AnSdeh- 207 nung von zwölf Geviertmeilen. Die gestimmte Volksmenge auf diesem engen Bezirk erreichte ungefähr die Zahl von zwanzigtan- send Seelen, war mithin nur der Bevölkerung einer Stadt von kaum mittlerer Größe gleich. Er übte aber Herrscherrechte gemeinsam mit andern Kantonen der Schweiz über verschiedene Gegenden des unterthänigen Helveticas, über die Vogteien des Rheinthals, der obern freien Acmter, der Landschaft Sargans, des Thurgau, in der italienischen Schweiz zu Lugano, Locarno, Mendrisio und Vallemaggia, auch über Bellinzona, Po- lenza und die Riviera ). Ich will hier nicht die ältere Geschichte der kleinen Hirtenrepublik wiederholen, da sie aus den Werken ausländischer und einheimischer Schriftsteller bekannt genug ist*) **). Eben so wenig ist es meine Absicht, ihre einfache Staatsverfassung und deren Geist zu schildern. Es genügt zu wissen, daß dies Bergvolk seit uralten Zeiten einer »«gemessenen Freiheit genoß. Es übte unmittelbar in Landesgemcinden sein Hoheitsrecht; ernannte seine Vorsteher; gab und vernichtete Gesetze und ließ sich weniger von der Bestimmtheit und Strenge der letzter», als von seinem natürlichen Gefühl des Rechts und Unrechts leiten. *) lieber die drei letzter» eigentlich Nidwalden allein mit Uri und Schwyz. **) Abbe Joseph Businger, nachmaliger Pfarrer von Stans, nnd Lieutenant Zclger, nachmaliger Oberlichter, bearbeiteten gemeinschaftlich ans Urkunden die Geschichte ihres KantonS: „Kleiner Versuch einer Geschichte des Freistaats Unterwalden, ob und nid dem Kernwaldc". 2 Bände. 8. Luzern. 1789 nnd 1791. Sie führten ihre Erzählung nur bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Sinn für Toleranz, Sittlichkeit und Industrie einzuflößen, ist einer der ersten Zwecke ihrer Arbeit gewesen. SOS Diese einfache Staatsverfaffung, welche im Wesentlichen denen der übrigen Hirtenstaatcn der alten Schweiz sehr verwandt war, ist älter, als der Freiheitsschwnr der Eidgenossen im Grütli, nnd als Teilens Tirannenmord. — Sie erbte seit einem Jahrtausend von Enkeln zu Enkeln, und indem sie den mäßigen Bedürfnissen, de» unverwickelten Verhältnissen der Bürger angemessen war und blieb, gewann sie durch den Zauber des Gewohnten und das Heilige des Alterthums eine unerschütterliche Festigkeit. Nur eine einzige, vom Volke ausgemachte, große Staatsver- ändcrung kennt die Geschichte von Unterwalden. Aber auch sie fällt in frühe Zeiten und wahrscheinlich schon in die Mitte des zwölften Jahrhunderts. Ehe nämlich diese Gebirge nnd Thäler reich bevölkert waren, hatten sie im Flecken Stans ihre gemeinschaftliche Richtstätte, nnd zu Wyserlen, einem Orte in der Mitte des Landes, die Versammlungen der Landcsgemeinde. Stans, in einem anmuthi- ge» fruchtbaren Thale gelegen, wenige Stunden von der Stadt Luzern, und nahe am Ufer des Sees, behauptete eben sowohl durch die Bequemlichkeit seiner Lage das Ansehen des Hauptortes, als dadurch, daß alle Niederlassungen in entferntem Gegenden und Wildnissen in ihm ihre erste Heimat und Geburtsstätte zu ehren gewohnt waren. Daher wurden die Bewohner jener Gelände vor Zeiten nur „die Leute von Stannes" geheißen. Da aber die Volkszahl sich mehrte, und viele reiche und angesehene Leute die entlegenen Thäler verließen, um dem Hauptort näher zu wohnen; auch die Klagenden viel Zeit und Aufwand den Reisen zur entfernten Gerichtsstätte widmen mußten, erhob sich mancherlei Zwist. Die Folge desselben war eine Trennung des ober» Thales von dem untern in innern Angelegenheiten. Ein langer Gebirgsstreif von der Nachbarschaft des cwigbeeiseten Titlis bis zur Ebene von Stans, und im Boden des Thales ein — SOS — dichtes Gehölz, genannt der Kernwald, ward dle Grenzscheide der Getrennten. Das Volk ob dem Kernwald (Obwalden) bildete von da an eine eigene Republik, dessen Hauptort Sarnen wurde, so wie Stans cs für Unterwalden nid dem Kernwald (Nidwalden) blieb. Ungeachtet dieser Scheidung und getrennten Haushaltung, betrachteten sich doch die Einwohner der zwei Unterwalden immer noch als ein gemeinsames, blutsverwandtes Volk. Sie hatten gleichen Ursprung, gleiche Sprache, gleichen Glauben, gleiche Erwerbsquellen. Im Kriege fochten sie unter einerlei Panier und Hauptmann. Gegen das Ausland waren sie nur ein Staatskörper, auf den gemeineidgenössischen Tagsatzungen nur eine Stimme. Es konnte inzwischen nach dieser Trennung doch nicht an mancherlei Zwisten fehlen, welche unter Nachbarn gewöhnlich sind; Zwiste, welche Quellen des sogenannten Nationalhaffes werden können. Eine gewisse Nebenbuhlerei vererbte bis in die spätesten Zeiten, und äußerte sich zuweilen mit einer Heftigkeit, die selbst den Bürgerkrieg drohte. Die Eifersucht zu vermehren, trug gewiß auch die Verschiedenheit der Gemüthsarten beider VLlkerchen bei. Nur in Gebirgs- ländern findet man Beispiele von so auffallenden Abweichungen der Bewohner eines engen Landbezirks, wovon man in Ebenen keine Vorstellung besitzt. Das Thal von Obwalden, höher gelegen, heiterer und freier, als Nidwalden, sicht den Schnee früher auf den Matten und ihn später zu den Berggipfeln zurückkehren. Die Luft ist reiner, unbeengter. Im Lande nid dem Kernwalde ziehen die Berge enger zusammen, in ihren Schlünden Nebel und Regengewölke gern nährend. Von hier aus schweifen an den waldigen Halden der Ge- Zsch. Ges. Schr. 34. Thl. S" 210 birge düstere Regenschauer hervor, während über Schwyz und Luzern am entgegengesetzten Sceufer noch Heller Himmel lächelt. Der Körperbau der Obwaldner ist schöner, fleischiger, die Gesichtsfarbe blühender, lebhafter. Der Körperbau der Nidwaldner ist gedrängter. Sie sind stark, knochigt, hager, von minder frischer Farbe. Obwalden beherbergt ein heiteres, freundliches Volk, es ist gewandter, friedlicher. Nidwalden beherrscht ein ernsterer Geist, das Volk ist gut- müthig, aber finsterer, zurückhaltender in seinem Wesen; minder lebhaft, schwärmerisch-eifrig in seinem kirchlichen Glauben; kriegslustig und kaltsinnig in der Gefahr. 4 . Es gehörte dieser kleine Freistaat zu denjenigen, in welchen seit Jahrhunderten kein Fortschreiten der Kultur wahrgenommen wurde. Das Volk behielt mit den Gebräuchen der Vorwelt deren Unwissenheit, wie dies der Fall in den meisten demokratischen Kantonen der Schweiz war. Obgleich Unterwalden weniger berühmte Staatsmänner, Gelehrte, Dichter und Künstler hervorbrachte, als fast alle andern Kantone der Schweiz, so fehlte es ihm doch an solchen nicht gänzlich. Auch bemerkte man immer da, wo das Volk nicht durch einseitiges Interesse oder durch Vornrtheile gebunden war, kraftvollen Mutterwitz, Schnelligkeit im Begreifen, Geistesgegenwart, und gesundes Urtheil, wodurch es vortheilhaft, wie das Volk jedes herrschenden Kantons, von dem mehr oder minder niedergedrückten, an Nahrungssorgcn klebenden Geist untcrthäniger Landschaften abstach. Nur von den Händen der Geistlichkeit, welche unter den Hirten allein im Ruf und Besitz der Wissenschaft war oder sein sollte, 211 konnten diese einige Veredlung empfangen. Allein die Ernennung der Geistlichen zu Pfarreien lag in der Macht des Volks. Unfähig, deren Tugenden und Kenntnisse zu prüfen, gab es meistens demjenigen die Stimme, der durch Familicnverbindungen bedeutendem Einfluß hatte, oder die Kunst verstand, durch Schwänke den künftigen Pfarrkindern beliebt zu werden. Bei diesen Pfarr- wahlcu geschahen nur zu oft die unwürdigsten Umtriebe; und es ereignete sich nicht selten, daß, besonders in neuern Zeiten, der Kandidat durch Ausgelassenheit bei Trinkgelagen, oder durch Scherze im Baucrngeschmack seiner Wahlmänner Huld und Zutrauen und Spannzcttcl gewann*). Der Lehrer des Volks blieb aber auch nach der Wahl noch immer von der Gnade seiner Gemeinde abhängig, indem diese die Wahl alljährlich bestätigte, oder bei eingehenden Klagen vernichtete. Solche Verhältnisse beschränkten die nützliche Wirksamkeit des Geistlichen. Es mußte ihm, bei gewöhnlich sehr mäßigem Einkommen, mehr darum zu thun sein, sich im Amte zu erhalten, seine Einnahmen durch allerlei Mittel zu vergrößern, denn für Aufklärung und Veredelung zu wirken, selbst wenn er dazu Eigenschaften besessen hätte. Er verwandte außer der Zeit, welche er kirchlichen Pflichten schuldig war, die meiste Sorge aus Gewinnung größer« Einflusses. Er schmeichelte Launen und Meinungen der ungebildeten Menge, trat in ihre Familiengeheimnisse, unterhielt Parteien, und erkünstelte so allmälig eine Obergewalt, welche seinen Stuhl sichern konnte. Hieraus erklärt sich die ziemlich allgemeine Neigung der Geist- *) Spannzcttcl oder Spannbriefe hießen in den kleinen Kantonen die Bestallungsbriefe der Pfarrer, welche ihnen nach geschehener Wahl vorgelcgt wurden, nnd die Wahlbedingungen, Gerichtsbarkeit, Lasten und Einnahmen der Pfarrei erzeigten. 212 lichen, besonders in katholischen Demokratien der Schweiz, zum Leiten des Volks. Herkommen, Religion, Beichtstuhl und selbst das Recht, in politischen Volksversammlungen die Stimme erheben zu dürfen, öffneten ihnen die Bahn. In Landcsgemeinden hörte man den Vortrag der Weltgeistlichen und selbst der Kapuziner, auch wenn sie Ausländer waren, zuerst. Sie hatten sogar Erlaubniß, bei Wahlen mitzustiinmen, und machten sich durch dieses Vorrecht, so wie durch Beredsamkeit, selbst den Gebildeter» wichtig. Von Vorurtheilen befangene Menschen sind furchtsam bei Neuerungen. Sie lieben betretene Bahn, und. erblicken in jeder Abweichung eine Verirrung. Daher durfte auch kein Geistlicher, ohne Gefahr seines Ansehens, der Einführung nützlicher Anstalten und Einrichtungen das Wort reden, welche von dem Gewohnten abwichen. Seine Feinde oder Neider wußten es schnell zu benutzen, um ihn zu stürzen. So ward der Unterricht der Jugend vernachlässigt. Die Kinder der Landleute wurden, wie ihre Vorfahren waren, und ihre Nachkommen konnten nicht besser werden. Es lag sogar zuweilen in der Hauspolitik der reichern Geschlechter, deren Glieder durch Handel, durch Reisen, durch ausländische Kriegsdienste einen höhern Grad von Bildung gewonnen hatten, das Volk in moralischer Verwilderung zu lassen, um der ersten Staatsämter und des Einflusses sicherer zu sei». S. Wirklich war in Unterwalden immer der Armuth viel, und selten Bestreben, sie zu mindern. Sehr reiche Privatleute hatte das Land nie, sondern nur wohlhabende, bemittelte und eine große Zahl höchstdürftiger Bürger. Unwissenheit, Trägheit und Mangel sind unzertrennliche Gesellen. 213 Außer der dem Hirtenstab anklebenden Lust am Nichtsthun, hatte das Land noch einige andere Ursachen der Verarmung seiner Bürger. Dahin gehörte die Leichtigkeit, sich zu verheirathen. Gewöhnt dürftig zu leben, fiel es einem neuen Ehepaar nicht schwer, sich zu erhalten. Schon tm fünfzehnten Jahre hatte der Knabe das Recht, als eingesessener Landmann, den Landesgemeinden beizuwohnen. Als Taglöhner, Hirt und Knecht war er bald tm Stande, sich zu ernähren; er heirathete und konnte, wenn er kein eigenthümliches Vieh besaß, seinen Antheil an den Allmeinden gegen baares Geld Andern überlassen. Diese Sicherheit machte ihn unbesorgter für die Zukunft. Vermehrte sich seine Familie durch Kinder, daß sein Gewinn nicht für den Unterhalt derselben ausreichte, so wurden sie zum Betteln angehalten. Die Freigebigkeit der vielen Reisenden begünstigte den unedeln Erwerb an Straßen und Wegen. Traten Krankheiten und andere Unglücksfälle ein: Waren die reichern Verwandten verpflichtet, Unterstützung an Geld und Lebensmitteln zu gewähren. Diese Ausgabe war oft für wohlhabende Personen sehr beträchtlich. Eine andere, nicht minder wirkende Ursache an Verhinderung allgemeiner» Wohlstandes war die Zeitverschwendung, welche allzugroße Kirchenfrömmigkeit nach sich zog. Nicht ohne Ursach schmückte man dies Bergvolk mit dem Namen der frommen Unterwaldner. Ihr natürliches Ueberneigen zur Schwermuth und Klage, zum traurigen Anschauen der Dinge, machte ihnen den düster» Pomp der Religion, die trostverkündenden Geheimnisse der Kirche, und die unbeschwerliche Beobachtung eines Kultus, welcher auf Einbildungskraft und Empfindung jedes Alters zauberhaft anschlägt, unentbehrlich. Man sah daher die Kirchen selten von Betern, die Straßen von Wallfahrenden, die Gräber von htnknienden Verwandten leer. Mit einer kirchlichen Handlung ward jeder Tag begonnen und geendet, jedes wichtige 214 bürgerliche Geschäft, das erste Auswandcrn des Viehes in die FrühlingSmattcn, das freundliche Gastmahl und der Sturm politischer Versammlungen eröffnet. Die Menge der Festtage und kirchlichen Hebungen, während sic den arbeitsamen Händen einen wichtigen Theil vom unerkauf- lichen Schatz der Zeit entrissen, begünstigten die Entspannung und Thateulosigkeit des Müßiggängers. Werkheiligkeit ist keine Frömmigkeit; und Armuth seltener die Mutter der Tugend, als schädlicher Entwürfe, neidischer Empfindungen und der Begier, in groben Ausschweifungen Entschädigung zu suchen. Allerdings mußte Dürftigkeit des Volks die Sitten verschlimmern. Schadenfreude beim Verlust der Großen, Neid und Verleumdung gegen die Neichen, Undankbarkeit und Treulosigkeit, üble Haushaltung und Schlemmerei mitten in der Armuth waren die ersten Folgen. Nur die allmächtigen Bande der Gewohnheit, nur das in allen Schweizern unauslöschliche Ehrgefühl im Kreise ihrer Heimat, verhütete größeres Verderben. Es war indessen im frommen Unterwalden groß genug, daß die edelsten Männer, die redlichsten Freunde des Vaterlandes laut dagegen klagten. Aber nicht mit trockenen Lehren wird Un- sittltchkcit zerstört, sondern daß man dem Ucbel die Wurzel nehme. Auch die Staatsverfaffung, so ehrwürdig sie durch ihr Alterthum stand, ward durch Einfluß der Armuth und des bettel- haftcn Eigennutzes angegriffen. Die Mehrheit der Landsgemeinden war eben dadurch nicht mehr frei. Hoffnung geringen Gewinns überwog die Gründe der Vernunft, die Wahrheiten des weisen Redners. — Bei Besetzung der Aemter in Untertha- nenlanden wurden solche von der Landsgemcindc den Meistbietenden verkauft, und die für Ertheilung der Ehrenstellcn gelöststen Geldsummen unter die Stimmenden vertheilt. Dies ge- 218 schah in Nidwalden; nicht also in Obwalden. Hier wurden nur zwei Landvogtcien im eigentlichen Sinne verkauft; aber das dafür empfangene Geld verlor sich nicht in den Händen der Stimmgebenden, sondern floß in den öffentlichen Schatz. Es wagte auch Wohl dann und wann ein treuer Patriot, gegen die Entehrung des Volks zu reden. Es ward der Vortheil ins Licht gestellt, statt die erlöseten Summen an Landleute, unter den Namen der Gaben, zu vcrsplittern, sie zu öffentlichen Anstalten zu sammeln — aber gewöhnlich ward er zurückgewiesen, und mußte fürchten, Feind des Volks geheißen zu werden, weil er sein Volk liebte. 6 . Der allgemeinste und vorzüglichste Nahrungszweig Nidwaldens ist die Viehzucht. Diese wird mit der den schweizerischen Hirten eigenen Sorgfalt betrieben. Ihr sind die weiten Alpen in den Höhen, und die fruchtbaren Matten in den Thalungen ausschließend gewidmet. Eine Kuh verzinsete sich jährlich mit fünfzig bis achtzig, ja selbst, doch selten und nur in den ergiebigsten Gegenden, mit hundert Gulden. Nach einer im Jahre 1794 von der Kommission der Eilfer*) in Nidwalden vorgenommenen Aufnahme des gesammten Heu- und Viehstandes, betrug die vorhandene Summe des Heues an Klaftern 27,714, und an „Kupschwer" oder Stücken Hauptvieh 4994. *) Nidwalden war politisch in cilf Urtinen gctheilt. Ein NathSglicd aus jeder llrti, verbunden mit den Landräthen der Urti Stans, bildeten unter Vorsitz des Landammanns den Wochenrath, welcher wöchentlich zweimal gehalten ward. 216 Nach der Verheerung des Landes durch die Franken im Jahre 1798 waren die Gemeinds-Alpen nicht mehr ganz mit Vieh besetzt, so daß 1799 wegen Mangel des Heues und Verbrennung der Scheu- Aen 400 Stück Vieh weniger berechnet wurden, und zwei fremde Senten*) aus Obwalden und Luzern in die Nidwaldner Alpen traten. Die jährliche Ausfuhr von Vieh, Käse, Anken oder Butter, Felle, Nnschlitt u. dgl. mehr, war daher beträchtlich und machte die größte Einnahme des Landes. Hingegen Heu aus dem Lande zu führen, blieb gesetzlich verboten; eben so wenig wurde die Milch auswärts verkauft. Der reiche Gewinn, welchen, bei geringerer Arbeit, Viehzucht gewährt, verdrängte den Ackerbau. Es.fehlte nicht an Versuchen, Kornbau zu treiben; aber die damit verknüpfte Beschwerlichkeit schreckte bald wieder zurück; und da das Vorurtheil sich selbst im minder fruchtbaren Boden der Anpflanzung der Futterkräuter ent- gcgenstämmte, wurde das Land nie in dem Grade benutzt, als es sich vortheilhaft darbot. Das nöthige Korn bezieht man von den Luzerner Märkten, und begnügt sich allenfalls in einzelnen Gärten Gemüse und Erdäpfel zu ziehen. Flachs wird fast gar nicht, Hanf nur wenig, und kaum für die Bedürfnisse des Landes hinreichend gebaut. Dagegen ist der Obstbau vorzüglicher. Das ganze schöne Stanserthal gleicht einem Garten, worin, zwischen üppigen, mit Fruchtbäumen bepflanzten Matten, Hütten und Dörfer zerstreut liegen. Das Obst ist ein bedeutender Theil vom Reichthum wohlhabender Familien. Es wird theils gebacken, theils zu Most gebraucht. Auch gebricht es nicht an einer Menge zahmer Kastanien- *) Eine gewöhnliche Sente in den Unterwaldner Alpen begreift vier- undzwanzig Kühe und einen Stier. 217 bäume, welche besonders die Seeufer bei Kersiten beschatte», und deren Früchte i» Nachbargelände verführt werde». Die reichen Waldungen der Gebirge gehören zum Schatz des Landes, und noch immer werden ansehnliche Geldsummen für ausgeführtes Bau- und Brennholz bezogen. Aber wegen gänzlicher Unkunde in der Forstwirthschaft verdünnen sich die nutzbarsten Gehölze., Indem man die nächstgelegencn Waldreviere nach Bequemlichkeit abtrieb, ohne an Gehau und Schonung zu denken, veröden dieselben und zwingen zu den entfernter» Zuflucht zu nehmen. Eine Klafter Schcitcrholz, welche noch vor zwanzig Jahren zu drei Gulden verkauft ward, gilt jetzt schon acht Gulden. Diese Verspürung des Holzmangels vermochte die Obrigkeit vor der Revolution, die Ausfuhr des Holzes in andere Kantone cinznschränken. Ein großer Theil, vielleicht der größte von den Hochwäldern, liegt so hoch in den Gebirgen, daß der Transport des Holzes beschwerlich, kostbar, oft fast unmöglich ist. Unbekannt mit den Vortheilen der Holzflößen und Niesen der Tyroler, Salzburger und Pontironen der italienischen Schweiz, verdirbt jährlich eine ungeheure Menge des besten Holzes. An Kunstfleiß fehlt es den Unterwaldnern. Statt ihre rohen Materialien selbst zu verarbeiten, verkaufen sie dieselben und nehmen solche verarbeitet um den doppelten Preis zurück. Wenige Weber arbeiten nur für das Land, und man läßt noch auswärts weben. Tuchmacher, Töpfer, Hutmacher u. s. f. fehlen gänzlich. Inzwischen nimmt doch auch hier Sinn für größere Bequemlichkeit zu. Man kleidet sich minder in halbwollenes Landtuch, wie ehemals, sondern begehrt ganz wollenes, auch wohl feine Zeuge. Vor fünfzig Jahren hat der Tuchhandel im ganzen Lande nicht so viel abgeworfen, als jetzt von vier bis fünf Kaufleuten einer allein absetzt. In gleichem Verhältnisse ist das Bedürfniß von baum- Zsch. Ges. Schr. 34. Thl. 10 — 2l8 — wollenen und Seidenjeugen, Gewürzen, Kaffee, Tabak ». s. w. gestiegen. 7 . Das Volk blieb, was es von jeher gewesen, ein einfaches, braves Hirtenvolk, unwissend, werkheilig, ohne Wetteifer, es sei denn in kriegerischer Tapferkeit, worin es keinem Volke der Schweiz wich. Es liebte sein Vaterland mit jener edeln Schwärmerei, welche das süße Gefühl der Freiheit und die Erinnerung an die Thaten der Vorwelt, durch welche ste errungen ward, erzeugen muß. Es war zufrieden mit seinem Zustande; zufrieden mit einer Verfassung des Landes, worin jede Abänderung nur eine Schmälerung der Volksrcchte werden könnte; zufrieden mit dem kirchlichen Kultus und dessen Wirkungen. Es sehnte sich nach keinem Ruhme, nach keinem Vorzüge. Sein Vaterland war ihm die Grenze alles Erdenglücks. Freiheit sicherte ihm sein Loos diesseits und Religion jenseits des Grabes. Eins oder das andere angreifen, war Hochverrats; und Majestäts- Verbrechen. Zweiter Abschnitt. i. So war Unterwalden, als das verhängnißvolle Jahr erschien, in welchem es dem französischen Vollziehungsdirektorium gefiel, durch seine Feldherren Brüne und Schauenburg die Eidgenossenschaft zerstören zu lassen. Unterwalden glänzte im Anfänge des großen Kampfes nicht durch eigeneThätigkeit. Es folgte, verbunden mit seinen ältesten Schicksalsgenossen, Uri und Schwyz, den Beispielen derselben. 219 Verschiedene Ursachen vereinten sich, die Thätigkeit Unterwaldens zu lähmen, und zwar in einem Zeitpunkte, wo sie am rühmlichsten erschienen sein würde. Das Volk, wiewohl es de» Anzug fetndlichgestnnter Heere gegen die abendliche Schweiz vernahm, und von den Gährungcn aller Unterthanen-Lande, und von den Ansprüchen des stolzen Frankreichs, und von der Selbstvernichtnng der alten Basler Regierung hörte*), verharrte in dumpfer Betäubung. An seine Verfassung gewöhnt, unfähig, sich ein Bild von Zerstörung bisher bestandener Verhältnisse, von Schöpfung neuer zu entwerfen, dünkte ihm der Untergang seines kleinen Staats Unmöglichkeit. ES hielt die Gefahr, welche den Umsturz der Eidgenossenschaft drohte, für sich selbst so entfernt, daß seine Abgesandten noch am 7. Hornung zn Brunnen am See Hilfe an Bern verweigerten, „weil der Bundesfall noch nicht dazu vorhanden sei". Im Gefühle seiner Unschuld wähnte cs sich geborgen. Es sah, wenn alles Unglück znsammenströmcn sollte, endlich im Felsenring seiner Gebirge eine unüberwindliche Festung, deren Inneres noch kein siegender Feind berührt hatte seit Jahrtausenden; es fühlte in seinen Adern noch das Blut der Altvordern und die Kraft, für Freiheit in den Tod zu eile»; es sah mit hoffnungsvollem Bltck auf den Beistand des Himmels und seiner Heiligen, und fürchtete in einem so machtvollen Bündnisse nicht die Waffen aller Völker. Während die Hirten in stolzer Sicherheit unter dem Schuhe der Himmlischen ihre Heerde» pflegten, traten auch ihre Obrigkeiten nur gezwungen zum Kampfplatze. Keiner stand unter ihnen, der das gefährliche Gewebe ganz überschaut hätte, welches Frankreichs Staatskunst über die gesammte Eidgenossenschaft ans- *) Den 21. Jänner 17S8. 220 dehnte. Was die Thätigkeit der Vorgesetzten noch mehr lähmte, war der Zwiespalt unter ihnen selbst, welcher sich in allen seinen sürchterlichen Wirkungen enthüllte, als Bern und Solothurn und Freiburg schon unter Frankreichs Waffen gefallen waren, und die Noth am höchsten stieg. Frieden und die Freundschaft, welche der Oberfeldherr Brüne noch im Namen seiner Republik den demokratischen Ständen der Schweiz zugcsichert hatte, hob er endlich durch seine Verkündung einer Einen und untheilbaren Republik bald wieder auf, und sein Nachfolger im Oberbefehle der französischen Armee, Schauenburg, vollendete das Begonnene. So war cs entschieden, daß auch die Hirtenkantone aufgc- löset, und in die Form eines neuen Freistaates verschmolzen werden sollten. Sich selbst überlassen waren schon die mächtigsten Bundesglieder der Eidgenossenschaft im ungleichen Kampfe gefalle»; jetzt mußten die Hirtenländer entweder allein für ihre Selbstständigkeit in den Streit gehen oder degi Gebote des Neberwinders gehorchen. Hcllsehendere Männer beider Unterwalden aber verkannten nicht die Große der Gefahr, und das Vergebliche in dem Ungeheuern Wagestücke, mit einer Handvoll der neuen Kriegskunst unerfahrncr Aelpler, den Besiegern der europäischen Könige Stirn zu bieten. Es schien Weisheit, sich dem Schicksal mit Gelassenheit zu unterwerfen, nnd für die Menschheit da Gewinn zu ziehen, wo für den kleinen Staatsvercin Verlust sein sollte. Jenseits der Stürme, in welchen die Bande vieler kleinen, in sich selbst kraftlosen Republiken zerrissen, lächelte eine trostvollere Zukunft — da zeigte die Hoffnung alle Schweizer als ein einziges und darum zum Schutz der Freiheit stärkeres Volk; da galten nicht mehr die Schranken der Geburts- und Ortsvorrechte; da konnte bessere Gerechtigkeitspflege aufgehen; da wurden Vorurtheile zerstört, welche sich 221 der Aufnahme des Handels, des Ackerbaues, der Wissenschaften und nützlichen Künste bisher unüberwindlich cntgegengebäumt hatten; da sah man die Majestät des Aberglaubens erblassen, und Tugend und Talent in den Wettkampf gehen, wo sonst Umtriebe, Leidenschaft und barbarische Unwissenheit um den Preis gestritten hatten. Solches waren die Ansichten und Hoffnungen der gebildeter« Männer, nnd hiemit beschwichtigten sie ihren eigenen Kummer um den Verlust einer Staatsverfassung, welche ihnen minder durch innere Güte, als durch ehrwürdiges Alterthum und durch die beispiellose Ungerechtigkeit der anrückenden Zerstörer thcuer war?) Als nun die Frage durchs erschütterte Volk lief: ob Kampf bis zum Tode, ob freiwilliges Eintreten in die neue Landesverfassung der Schweiz? riethen sic vom fruchtlosen Widerstande ab, und zur Theilnahme an dem Schicksale der übrigen Kantone. Ihr Wort siegle in den Versammlungen z» Obwalden. Des frommen Nikolaus von der Flüe Enkel schirmten in ihrer Heimat Friedenssinn und Eintracht; weltliche Obrigkeit und Geistliche handelten in freundlicher Verbindung; nnd zu eben der Zeit, da Uri, Schwyz, Nidwalden, Zug und Glarus zusammengetreten waren im Hauptsiecken Schwyz, den Kriegsblind gegen Frankreich zum Schirme des alten Regiments zu schließen"), nahm das Volk von Obwalden, und mit ihm die Abtei Engelberg im Hochgebirge, die neuhclvctische Staatsverfaffung feierlich au. Vergebens mahnten Abgeordnete Nidwaldens von diesem Schritte ab; vergebens zürnten die andern kriegslustigen, demo- ") Solche Männer wurden von der Parteiwuth nachmals Revolutionärs, Jakobiner, Metapolitiker, Metaphusiker, Philosophen genannt. ") Den 1. April 1788. 222 kratischen Stände gegen Obwaldens Abfall vom ewigen Bunde — mächtiger sprach die Nähe fränkischer Schaaren, welche über Thun gegen den Brünig, Obwaldens mittägliches Grenzgebirg, im Zeitranmc weniger Stnnden ziehen konnten. 2 , 2» Nidwalden war die Zahl der Einsichtsvoller» nicht groß, oder deren Stimme nicht mächtig genug gegen die Leidenschaft Aller, nnd gegen den Einstnß der Geistlichkeit. Im lebendigen Gefühle seiner Kraft, seiner Freiheit, seiner Unschuld wollte man nun und nie von Unterwerfung hören. Der heroische Geist Arnolds von Winkclried flammte in allen seinen Enkeln. Die Hirten stiegen nieder von ihren Bergen , sahen himmlische Erscheinungen nnd sprachen mit Prophetenznngen. Die Geistlichen fachten mit Worten heiligen Eifers den grenzenlose» Zorn gewaltiger an. Sie deuteten im Geiste auf die öden Tempel Gottes, ans die zerbrochenen Altäre, auf die geschändeten Heiligthümer der Kirche. Es war nicht mehr um die alte Staats- verfassnng nnd ihren Tausch gegen eine neue, nicht mehr um das zeitliche Wohl Unterwaldens, sondern um die alleinseligmachende Religion, um den Preis der Ewigkeit zu thnn. Und Alles schwor, eher Leib und Leben, als den Himmel zu verlieren; eher allem Elende, als dem neuen Heidenthume Hand zu reichen. Es ward eine Landsgemcindc auSgekündet. Sie sollte, gegen die Bedachtsamkeit der etwanigen Hellseher im Lande, der Triumph der Pricstcrschast werden. Von dieser geleitet, und das Bild des Gekreuzigten vorangetragen, zog am 7. April des Jahres 1798 das Volk gen Wyk an der Aa zur Landsgemeindc. Hier unter freiem Himmel, um- 223 schlossen vom ehrwürdigen Kranze tausendjähriger Linden und Buchen, welche noch von der Hand der ersten Freiheitsstifter gepflanzt zn sein schienen, sank es betend auf die Kniee, den Himmel um Erleuchtung anstehend. Dann forderten hundert Stimmen vor Allein des Landes Scelenhirten auf, über die neuhelvetische Staatsver- faffung zu reden. Da erhoben sich im Kreise der Landleute die Priester. Der Vornehmsten ihrer einer rief: „Was den Ursprung der Konstitution betrifft, so kömmt sie aus Paris — diesem gottlosen Babylon! Ihre Urheber sind weltbekannt. Man nennt sie Jan- seuisten, Deisten, Naturalisten, Atheisten, Philosophen, Freidenker, Aufklärer, Freimaurer, Jlluminateu, Jakobiner u. s. w. — Irrende Sterne sind sie, denen die ewige Finsterniß Vorbehalten ist; ungestüme Meercswellen, die ihre eigene Schande anSschäumen; — Bösewichte, die Kains Wege wandeln, Balaams Verführung um den Loh» ansschütten, und durch Kores Widerspruch endlich zu Grunde gehen"*). Er erklärte nach diesem bündigen Eingänge die Hauptgruud- sätze der neuen helvetischen Staatsverfassung. „Wenn man, sagte er, wenn man das Volk mit französischen Grundsätzen aufklärt, so darf man zur Belohnung den Kirchen und Klöstern den Reichthum ihrer Stiftungen und die Pracht ihres Gottesdienstes hinwcg- nehmen! — Die natürliche Freiheit des Menschen ist un- *) Diese und folgende Stellen aus den damals gehaltenen Reden der Unterwaldner Priester sind acht und wörtlich-treu aus denselben gezogen, wie sie von ihnen selbst in eine Flugschrift folgenden Titels wieder eingerückt sind: „Der schröckliche Tag am S. September des Jahres 1788 in Unterwalden von wirklichen Augenzeugen acht beschrieben." Ohne Anzeige des Druckorts. 8. 17ÜS. 88 Seiten. Treffender, als durch ihre eigenen Worte, kann der frommen Redner Geist und Borstellungsart unmöglich charakteristrt werden. 224 veräußerlich, spricht die Konstitution, Dies will sagen: die Freiheit des Menschen kann und darf nicht eingeschränkt, gehemmt oder gebunden werden! Hiermit sind die Ordcnsgelübde, das Priestercölibat, die Nnzertrcnnlichkeit des Ehestandes n. s. w. lanter unzulässige Dinge, Es dürfen also kraft dieses Grundsatzes die Ordcnsgcistlichen Wider alles Gott gcthane Gelübde nach Belieben austrctcn, die Priester wider alles Verbot der Kirche heirathcn, und die Männer wider das Gebot des Herrn Weiber tauschen. Die Gewissensfreiheit ist uneingeschränkt, spricht die Konstitution. Wenn dieser Satz wahr ist, so gelten das neunte und zehnte Gebot Gottes, und alle Gesetze, die der Freiheit des Gewissens Schranken setzen, nichts mehr. Daher find alle Gedanken zollfrei, und Jeder darf in seinem Herzen denken, verlangen, argwohnen, urtheilen und glauben, was ihm beliebt. Heißt aber dies was anderes, als die Freidenkerei vollkommen erlauben, begünstigen und allgemein einführen? — Jeder Gottesdienst, sagt die Konstitution, ist erlanbt, wenn er die Ordnung nicht stört, und keinen Vorzug oder herrschende Gewalt an Tag legt. Laut diesem Artikel sind entweder alle Religionen, auch die mahomedanische nicht ausgenommen, gut, seligmachcnd, oder auch die Sekte, welche zur Hölle führt, ist eben so zuverlässig, als die Religion Jesn Christi, welche den Weg zum Himmel zeigt. Die Wahrheit darf demnach vor dem Jrrthume keinen Vorrang fordern? und Jesus, der Lehrer der Wahrheit, muß ans hohe Verordnung der französischen Konstitution mit allen Irrlehren, und Freidenkern in gleicher Reihe stehen. Heißt dies aber nicht den Sohn Gottes lästerlich beschimpfen und auf ein Neues zwischen Mörder ans Kreuz hängen?" Der Redner schloß, nachdem er mancherlei noch in diesem Geiste gesprochen, mit warnungsvollem Blick auf das unglückliche Frankreich, Italien und Belgien. „Ihr werdet, schrie er, da nicht 225 bloß die gewöhnlichen Folgen des Kriegs erblicken; sondern auch die schrecklichsten Folgen der Konstitutionssätze, die wir euch, thenre, liebe Landleute, erklärt haben, in Menge antreffen." Andere traten nach diesem aus. Sie wetteiferten in Furchtbarkeit der Weissagungen. „Fromme Stiftungen, hieß es, werden aufgehoben, die Kirchengüter geraubt, die Tempel geplündert, die Altäre niedergestürzt, das Heiligthum mit Füßen getreten, die Unschuld geschändet, das Laster begünstigt, die Tugend verhöhnt, das Eigenthum konfiszirt" u. s. w. Schaudernd vom Greise bis zum Knaben, welcher zum erstenmal inner den Schranken der Landsgcmeinde stand, hörte Jeder solche Worte. Der Glanbenseifer entzündete die Gemüther. „Verwerfet, schrien die Priester, verwerfet die Konstitution! — Seid ihr nnsers Sinnes, liebe Landlente, so rufet heute mit einer Stimme: Es lebe die Freiheit der Kinder Gottes, die Gleichheit mit Jesu Christo, die Einheit und Unth eilbarkcit unsers heiligen, christkatholischen Glaubens." " Der Landammann des Hirtenstaats, gelehnt an das entblößte Landesschwert, nahm noch, aber zum Ueberstuß, das Wort, der Priester Lehre mit weltlichem Ansehen zu befestigen. Das begeisterte Volk erhob sich und schwor mit entblößtem Haupt und emporge- strecktcn Händen, im Angesicht des Gekreuzigten, „für Erhaltung der heiligen christkatholischen Religion und Rettung der theucrn Freiheit im Fall der Noth, nach dem Beispiele der in Gott ruhenden Väter, Gut und Blut, Leib und Leben aufznopfern. „Die Religion unserer Väter sei, wie bis dahin, unsere Konstitution! und das Kreuz Jesu Christi unser Freiheitsbaum!" Mit diesem Geschrei zogen Priesterschaft und Volk zu ihren Hütten heim, den Rosenkranz betend. Jetzt war Haß der helvetischen Staatsverfassung Volksgesetz; Empfehlung ihrer Annahme, zur Verhütung größer» Unglücks, 22k Hochverrath; Schweige», Nichteinstimmen in das allgemeine Zürnen, verdächtig. Wer zufällig, oder mit Vorbedacht, nicht an der Landesgemeinde vom 7. April erschienen war, geistlichen oder weltlichen Standes, ward gezwungen, den Eid, in Gegenwart eines Priesters und eines weltlichen Beamten, in seiner Pfarrei nachzuschwören. Nüchterne Ueberlegung schwieg von nun an; Schrecken herrschte; die wilden Haufen geboten, die Weisen gehorchten. Eine neue Landsgemeinde (am 13. April) ernannte einen vollständigen Kriegsrath, zur Wirksamern Führung der Geschäfte. Dieser bestand aus sämmtlichen Vorgesetzten, Hauptleuten und einem zugezogencn Landmann aus jeglichem Kirchgang. Er empfing Vollmacht, alle den Umständen entsprechende Maßregeln zu ergreifen, die Truppen in Waffen zu üben, und bei Stansstaad am See, und auf der Unterwaldncr Uferspitze, die untere Nas genannt, welche die Mitte des Waldstätter-Sces beherrscht, wo er zwischen den Gebirgen am engsten wird, Vertheidigungswerke auzulegen. Reich war der neue Kriegsrath an Männerzahl, nicht so reich an Sachkunde und Scharfblick. Es fehlte ein Alles durchschauender, nach gleichen Zielen leitender Geist, der die Summe der vorhandenen Mittel kannte, würdigte, anwandte, und da neue hervorrief, wo sie mangelten. Und wie in dieser Versammlung, gebrach gleiche Einheit des Willens und der Kraft überall den zum Krieg verbündeten Bergkantonen. Der Augenblick war vor der Thür, wo im offenen Schlachtfelds das Schicksal der Hirtenländer entschieden werden sollte; langsam wälzten sich Frankreichs Heerschaa- rcn aus der Ebene gegen die helvetischen Hochgebirge heran, aber noch hatten diese zum Streite entschlossenen Eidgenossen weder gemeinsamen Oberfeldherrn, noch gemeinsamen Krtegs- plan. 227 Nidwalden sprach die Hilfe seiner Verbündete» an, indem ihm dnrch die unbesetzten Engpässe des hohen Brünig und durch den Abfall Obwaldens die größere Gefahr drohte. Uri weigerte Theilnahme; es schien, wie Glarus, sich auf Verfechtung seines eigenen Herdes beschränken zu wollen. Zug war zu schwach, und mußte dem Feinde entgegengehen, welcher durch die freien Aemter vordrang. Nur Schwyz erkannte die Wichtigkeit, sich des Brünig zu be- meistern, durch einen kühnen Streich die Stimmung Obwaldens zu gewinnen, und so der weitläuftige» Vertheidigungslinie der Bergkantvne auf der Abendseite ein starkes Bollwerk zu erwerben. Es sandte gen Unterwalden über den See eine Schaar von 338 Männern; auch die Waldstatt Einsiedeln schickte Streiter, und selbst der kleinste von den alteidgenössischen Freistaaten, Ger- sau, am Fuß des steilen Rigi, ordnete 54 seiner Bürger zum Mitzuge gegen den Brünig. Am 22. April brach das kleine Heer auf gegen Obwalden. Die Hauptmacht desselben bestand ans 900 Mann Nidwaldnern, zum Theil mit Fcuerröhren, zum Theil mit Knütteln bewaffnet. Ihr Führer war der Landeshauptmann Zelger. Sie fanden in Obwalden keinen Widerstand; die Negierung dieses LändchcnS, zitternd vor Gräueln des Bürgerkriegs, gestattete den Eidgenossen sogleich bei erster Aufforderung Durchzug. Die Erscheinung dieser Schaaren, ihr Nus für Kirche und Vaterland, die Gerechtigkeit ihrer Sache, die Erinnerung an alle ehrwürdigen Bande, mit welchen Obwalden an sie seit Jahrhunderte» geschloffen war, verwandelten schnell die Stimmung des zusammen- strömenden Volks. Wie ein elektrischer Schlag zuckte Enthusiasmus von Dorf zu Dorf. Inzwischen die Eidgenossen den leeren Gebirgspaß des Brünig an Berns Grenzen besetzten, verwarf am 23. April — 228 — die Landcsgemeindc Obwaldens einmüthig die angenommene Verfassung. Ungeduldig harrten die Schweizer ans den Höhen des GebirgS dem Befehl entgegen, hinabzndringen ins Haslithal, welches sich unter ihren Füßen ausdehnte; zusammenschmelzcnd mit den bernischen Gcbirgsvölkern dieser Gegenden, in wilder Masse über die Seen von Brienz und T h u n hervorzuströmen gegen die Mancrn des gefallenen Berns, und an eben der Stätte den stolzen Feind zu bekämpfen, wo er noch von seinem ersten Siege ruhte. Aber beim Mangel eines festen Entwurfs, schwankend zwischen Lnst zum Angriff und zur Verthcidigung, hatte der Nidwaldner Kriegsrath dem Landeshauptmann Zeiger bestimmt verboten, die Berner Grenzen zu überschreiten. Vergebens mahnte er, als ihn Obwaldner, Urner und Glarner Kriegshanfcn verstärkt hatten, um Vcrhaltnngsbefchle. Selbst als der Major Hauser erschien, die vereinten Völker am Brünig unter seinen Befehl zn nehmen, ward die Verlegenheit der Anführer nicht gelösct. Unterdessen war der Zuger Oberst And ermatt dem anrückenden Feind in die freien Aemter cntgegengezogen; der Glarner Pa- ravicini hatte sich am Zürichsee über Rapperöwyl ausgedehnt; Alohs Rcding, der Schwyzer Landeshauptmann, hatte Luzern besetzt, wo 300 Mann von Unterwalden ihm bcistanden. Allein im Zeitraum weniger Tage war das Heer der Eidgenossen durch Uebermacht und Waffenkunst der fränkischen Brigaden zersprengt, daß nur noch Uri, Schwyz und Unterwalden mit geringen und. übelgeordneten Kräften um die Bertheidigung ihrer heimatlichen Fluren zu sorgen hatten. Dieser Wechsel der Dinge, welchen Jedermann bei der allgemeinen Unordnung und Planlosigkeit ahne» konnte, zerstörte den letzten, losen Zusammenhang der Kriegsverbündeten. Niemand 229 wußte um den andern; jegliches rüstete sich, nun nach seinen eigen- thümlichen Strich Landes zu verfechten. Die Truppen am Brünig, als sie das Vordringen feindlicher Macht vernahmen, zogen theilö aus eigenem Triebe, theils abgerufen, wieder der Heimat zu. Die Mannschaft von Uri vertraute nicht mehr der Sicherheit von Unterwalden. Darum bahnte sie sich vom Brünig hinweg durch die wildesten Hochgebirge eine» neuen Hcerweg in den vaterländischen Kanton. Doch weder Uri, »och Unterwalden, standen in ähnlicher Gefahr, als Schwyz. Dahin zogen sich gedrängt die fränkischen Heersäulen zusammen. Schwyz rief um Hilfe gegen die Uebermacht eines Feindes, dessen Heer allein stärker, als die Zahl der gestimmten Landeseinwohner war. Allein die Obrigkeit Nidwaldens, vor eigenem Unfall zagend, zauderte, Beistand zu senden. Verlassen von allen Bundesgenossen, nur von einigen hundert Urnern nnterstützt, stritten, ihrer Vorfahren Werth, die Schwyzer siegreich aus den Höhen von Morgarten und am St. Jostenberg. Als endlich 500 Freiwillige von Unterwalden den Helden zu Hilfe eilten, hatten diese schon, entkräftet durch ihre Siege, dem geschlagenen Feind Unterhandlung geboten. Uri, bewogen vom Anblick unabwendbarer Gefahr, nahm nn- muthig die zwischen den Schwyzern und Franken geschlossenen Bedingungen an. Die feindlichen Heere, in Folge des geschlossenen Vertrags, verließen die Grenzen von Schwyz. Auch Obwalden, nachdem Furcht den Rausch der Leidenschaft gelöset hatte, unterschrieb am 5. Mai die neue Staatsverfaffung zum andern Male. _ 3. Einsam stand »och das Volk Nidwaldens auf dem Schauplatz der Verwandlungen, von Feinden und überwundenen oder 23N abgefallenen Bundesgenossen umgeben. Doch legte cs die Waffen nicht nieder. Es besetzte mit seinen Kriegern die Grenzen bei Ennetmoos gegen Obwalden, bei Stansstad und HergiS- wyl am Secnfcr, desgleichen an der Nas, nnd bei Emmetten auf der Höhe des Gebirgs gegen das Land Uri. Inzwischen verlor sich aber allmälig die brausende Wuth, je mehr man die Vereinzelung des Landes und die Ermattung der überspannten Kräfte fühlte. Das Beispiel aller Nrkantone gab de» Besonnener» im Volke Mnth, besänftigende Worte zu wagen. Es wurde wieder wahrscheinlich, was noch vor wenigen Tagen unmöglich schien, daß der Rosenkranz der betenden Alpcnhirten die Brigaden Frankreichs nicht besiegen würde. Man wagte sogar endlich das Wort Kapitulation zu sprechen, und glaubte sich nicht schämen zu dürfen, ohne blutigen Kampf anznnehme», was Schwyz nach glücklichen Treffen nicht zurückgcstoße» hatte. Das Haupt des Nidwaldner Freistaates war damals der Landammann Würsch von Buochs. Konnte er gleich beim Mangel ausgebreiteter Kenntnisse nnd Geistesgaben nicht in den traurigen Staatshändeln seines Vaterlandes glänzen, so wußte er doch bei Volk und Pricsterschaft den Ruhm eines fromme» Vcrtheidigcrs der Kirche zu gewinnen. Er war es, der bisher unermüdlich gegen das „höllische Büchlein" (so nannte man in den Bcrgkantonen die neuhelvetische Staatsverfaffnng) gedonnert hatte. Jetzt aber, da jeder Tag, jede Stunde den gewissen Untergang seiner Würde näher führte, hielt er cs rathsam, die Rache dem Himmel zn überlassen, und mit christlicher Gelassenheit die Vernichtung seines Staates als Strafe Gottes zu ertragen. Er schwieg. Sein Schweigen entnervte auch bald die Beredsamkeit der geistliche» Führer, unter welchen Käßli, Pfarrer von Beggenricd, Kaspar Joseph Lüssj, Helfer zu Stans, und der Kaplan Kaiser von Stans, die bedeutendsten waren. Doch weder Pfar- LSI rer Käßli, ein trockener, eifriger Seelsorger, welcher vielleicht mir dnrch geistlichen Stolz und Familienverhältniffe verleitet werden konnte, noch Kaplan Jakob Kaiser, ein frommer, unwissender Mann, glichen in leidenschaftlicher, Alles zerstörender Thätigkeit ihrem Anführer in der politischen Bahn, dem Helfer Lüssi. Erzogen im Coliegio zu Mailand, hatte dieser erst die Kaplanei von Ennetmoos, dann die Helferei von Stans erhalten, »nd durch Rastlosigkeit seines Ehrgeizes mehr Furcht denn Liebe gewonnen. Das hohe Alter des achtzigjährigen Pfarrherrn von Stans liest ihm Hoffnung fassen, dessen Stelle zu erhalten. Seine» einstigen Mitwerbern den Rang abzulaufen, schmeichelte er dem spröden Geist des Volks. So waren immer geringe Ursachen großer Dinge Quellen. Der Kriegsrath entschloß sich zum ersten Friedensschritt. Erlegte der Priesterschaft die wichtige Frage vor: „Ob der am siebenten April zu Gott geschworene Eid, Religion, Freiheit »nd Eigenthum mit Gut und Blut zu beschützen, auch in den gegenwärtigen Umständen noch wirklich verbinde?" Der hochwürdige Klerus ward versammelt, die Gewissenszweifel zu lösen. Man ahnte die Antwort. Darum weigerte sich der Helfer Lüssi, einer Versammlung beizuwohnen, deren Ausspruch nur Widerspruch seiner Neigungen und Grundsätze werden konnte. Die Priesterschaft entsprach den Wünschen der Friedensfreunde. Sie erkannte, daß der Eid vom siebenten April nicht mehr verpflichtend sei, weil man ihn „niemals geschworen haben würde, wenn man vorausgesehen hätte, daß das Land Nidwalden einstens ganz allein stehen würde; weil es ferner eine gänzliche Unmöglichkeit wäre, das Ziel und Ende besagten Schwurs zu erreichen. Zudem sichere ja Frankreich den Kantonen die freie Ausübung der heiligen römisch-katholischen Religion zu; und sollte diese Zuficherung nicht gehalten werden, so bliebe 232 ja der Eid noch immer in Kraft. — Uebrigens werde Gott diesmal den gnten Willen fürs Werk annehmcn." Diese merkwürdige, winkelvolle Erklärung von Seite» der Gewalt, die den Binde- und Löseschlüffel führt, veranlaßte nnn Zusammenberufung einer Landsgcmeinde, um den Willen des Volkes zu hören. Es versammelte sich am 12. Mai zu Wyl an der Aa. Der Kreis ward geschloffen, und den Anwesenden die Kapitulation von Schwyz und das Gutachten der Nidwaldner Geistlichkeit vorgelegt. Düsteres Schweigen herrschte. In allen Mienen sprachen Unwille und Wchmuth. Die Weiber von Buochs, Beggenried und andern Dorfschaften, bewaffnet auf mancherlei Weise, waren ihren Vätern, Brüdern und Söhnen hieher gefolgt. Von Zeit zu Zeit erhoben sie gräßliches Geheul: „Krieg! Krieg!" während einige würdige Geistliche, besonders Pfarrer Kaiser von Emmetten und der Pater Prediger des Kapuzinerklosters, in langen Reden die obwaltenden Besorgnisse wegen Neligionsgefahr zu zerstreuen suchten. Auch der Landammann Würsch sogar, von dessen Lippen man nur gewohnt war, die Verwünschungen der helvetischen Konstitution, zu hören, öffnete den Mund, ihre Annahme zu empfehlen. Noch wankte das betäubte Volk in der Wahl blutigen Untergangs, oder stiller Ergebung. Doch einer fehlte, dessen Beredsamkeit gewiß alle Wünsche des Friedens zerschlagen und Tod und Krieg zur allgemeinen Losung gemacht haben würde — Lüssi, der Helfer, fehlte. Gewiß nur ans das Bitten seiner eigenen Freunde war er in Stans zurückgeblieben; denn sein unbeugsamer Sinn würde sich auch dort nicht verläugnet, und alle Gcmüther überwältigt haben. So ward, beinahe ohne einiges Handmehren, die neue StaatS- verfaffung angenommen. Laut Beschluß der Volksversammlung wurden Abgeordnete an demOberfeldherrn Schauenburg in Zürich gesandt, nm mit ihm den Friedensvertrag abzuschließen. Man behielt sich beim Eintritt in die helvetische Republik vor, daß Nidwalden die katholische Religion unverletzt bewahren könne, daß Personen und Eigenthnm gesichert seien, keine französische Truppen ins Land gelegt, oder junge Mannschaft auSgchoben, oder Waffen abgcfordert werden. Schauenburg, zufrieden des blutlosen Sieges, empfing die Boten des Freistaats mit Güte, und sicherte die begehrten Gegenstände in schriftlicher Antwort feierlich zu. Die alte Landesregierung legte die Gewalt nieder, verwandelte sich in eine provisorische, um den Nebergang von der alten zur neuen Ordnung mit eigener Hand zu bereiten, und meldete dies Ereigniß dem seit vier Wochen in Aara» bestehenden Vollziehungsdirektorium. 4. Es läßt sich nicht läugnen, daß der fränkische Feldherr, welcher die Sache der Ungerechtigkeit gegen die Sache der Unschuld und gegen die Heiligkeit des Völkerrechts zu führen hatte, gezwungen war, den Nidwaldnern, wie andern demokratischen Kantonen, eine Kapitulation zu gestatten, wie die oben erwähnte. So rettete er seiner Regierung in den Augen Europens noch den Schein der Billigkeit und der natürlichen Ehrfurcht für Unschuld und Recht. Aber eben dieser den Bergvölkern gestattete Vertrag ließ über ihre Gesinnungen keinen Zweifel, früher oder später die an der Spitze blutiger Bajonette gereichte Staatsform wieder znrückstoßen und das alte Regiment Herstellen zu wollen. Frankreich, seit dem Frieden von Campo-Formio (17. Oktober 1797) gefürchtet, noch mehr gehaßt von den Königen des festen Landes, schien durch empörenden Uebermuth alle Völker und alle Fürsten trotzend in die Schranken zu fordern. Frankreich hatte nicht nur die Schweiz unterdrückt, sondern, wie diese, auch Ge- Zsch. Ges. Schr. 34. Thk. 10* uua von ihrer Gewalt abhängig gemacht. Der römische Kirchenstaat war zn einer Marioncttenrepublik nmgestaltct, der König von Sardinien aus seinem Piemont verjagt; Malta genommen und seine Orden zerstreut; Aegypten der bundesverwandten hohen Pforte entrissen. Es war zweifellos, daß Europa nicht länger geduldige Zuschauerin so vieler und entehrender Mißhandlungen bleiben werde. Von allen Seiten erblickte man im Schatten der FriedenSpalmeu Kricgsrüstungen. Diese Rüstungen wurden die traurige Hoffnung aller Bergvölker Helveticas. So fest und sehnlich aber auch der Wunsch der Gebirgs-Kau- tonc zur Aufrichtung ihrer alten Ordnungen war, hatte doch selbst das Unglück, unter dessen Paniere sich sonst wohl Todtfcinde versöhnen, nicht Macht genug, die Völkerschaften der Alpen für das gemeinsame Ziel zu verbinden. Jede handelte, wünschte und sorgte für sich allein, unbekümmert um die Nachbarn. Ohne Einheit des Plans und der Mittel brach sich ihre Wuth daher in vereinzelten, unzeitigen, unberechneten Aufrühren, deren jeder die Last drückender machte, welche sie abzuschütteln gemeint waren. Eben jene Volksversammlung Nidwaldens, welche am 8. Mai feierlich die Einverleibung ihres bisherigen Staats in die neue helvetische Republik erklärt hatte, ließ, ohne ihn auszusprechen, den Willen deutlich vorblicken, daß sie ihrem Worte nicht treu bleiben werde. Sie dankte zwar ihre Krieger ab, aber befahl jeglichem, sein Gewehr nebst viernndzwanzig Patronen mit sich zu nehmen, wo dann alle Monat von den Trkllmeistern oder Unteroffizieren Nachsuchung gemacht werden sollte. Der Geist, welcher diese Gegenden bewegte, war kein Ge- heimniß. Die, welche Einheit Helveticns wünschten, mußten ihn fürchten. Daher erhob sich schon früh im helvetischen Staatsrathe Peter Ochs, ein Glied desselben, und schlug vor, sämmtliche 238 kleine Kantone Uri, Schwyz und Unterwalden in einen einzigen zu verwandeln, um dem Gefährlichen vorznbeugen, was von sechsunddreißig Abgeordneten dreier Kantone, welche sich der Annahme der Konstitution so heftig widcrsetztcn, zu befürchten sein dürfte. Sein Gedanke fand Eingang. Wirklich wurden die drei Ur- kantone nebst dem von Zug in einen einzigen zusammengeschmolzen, welcher von nun an unter dem Namen Wald statten erschien. Zwar 'gelang es durch diesen Schritt, welcher die Stimmen der Stellvertreter von achtundvierzig auf zwölf einschränkte, den Einfluß derselben in der Gesetzgebung zu schwächen; allein auf der ander» Seite hatte man unbehutsam genug die Masse der mißvergnügtesten Völkerschaften so innig unter einander verbunden, wie sie es vorher nie waren, und ihnen eine Stärke verliehen, welche sie selbst nicht erwartet hatten. Zugleich hatte dieses Gesetz noch den Stolz der Urkantone verwundet, die sich, laut Ausspruch der Verfassungs-Urkunde, wenigstens geschmeichelt hatten, auch fernerhin als besondere Glieder der helvetischen Republik zu glänzen, und so — einen Schatten der ehemaligen Selbstständigkeit zu bewahren. Es traten ihre Repräsentanten am 8. Juni in die gesetzgebende Versammlung der helvetischen Republik ein. Von Nidwalden erschien daselbst Franz Anton Würsch, um diejenige Landesverfassung handhaben zu helfen, wider welche er noch vor wenigen Wochen der Unversöhnlichste gewesen war. Sei» ehemaliger Kanton, noch vor Kurzem unter den Waffen gegen Frankreichs Heere, erschien nun in einem Bezirk des Kantons Waldstätten zusammen- geschrumpft, Distrikt Stans geheißen. ^ Ein Bürger des HanptfleckenS, Aloys Von Matt, wurde vom helvetischen Direktorium zum Regierungsstatthalter des ge- sammten Kantons ernannt; dieser wählte zu seinem Untcrstatthalter 23k in Nidwalden den als Hauptmann in spanischen Diensten gestandenen Bürger von Stans, Ludwig Kaiser. Beide Männer eröffneten ihre politische Laufbahn unter den gefährlichsten Verhältnissen. Als unmittelbare Beamte der vollziehenden Gewalt konnten sie keinen Befehl derselben vollstrecken, ohne sich in den Augen des leichtgläubigen, von schwärmerischen Priestern gestimmten Volks, als Mitschuldige aller wirklichen oder scheinbaren Bedrückungen und des Raubes uralter Nechtsame verdächtig zu machen. — Als Bürger Nidwaldens, als Blutsverwandte des Volks rechnete man ihnen jede Handlung, die mißfiel, zu doppelter Schuld an. Selbst ehevorige Verbindungen und Familien-Verhältnisse wurden Anlaß zweideutiger Auslegungen ihrer Thatcn. Alohs Von Matt besaß nicht die wissenschaftliche Ausbildung seines Nnterstatthalters, ersetzte sie aber durch Erfahrung und Thätigkeit eines Hellen Geistes, welcher die Fesseln der Vorurtheile abgcschüttelt hatte. Er kannte sei» Volk, und hatte die Gaben, welche den Demagogen Noth sind. Wäre er zur Seite der Föderalisten gestanden, er würde ohne Mühe Günstling und Held des großen Hansens geworden sein. Der ewige Widerstand und Groll der Gegner erzeugten in seinem Herzen jene leidenschaftliche Bitterkeit, welche im Parteikampfc endlich auch dem gelassensten Manne selten zu fehlen pflegt. Ludwig Kaiser, ein junger, talentvoller Man», voll Liebe des Vaterlandes, dem er seine Mühe und sein Schwert geweiht hatte, redlich, unverhohlen, standhaft, war minder geschmeidig und völkisch, als jener. Gewohnt unter Kriegern z» leben, rauh, ernst, buchstäblich und streng in Pflichten, gewann er die Hochachtung derer, die ihn kannten, aber auch den mit Furcht gemischten Haß des Pöbels und der Pfaffen. Es war einer der ersten und der verderblichsten Fehltritte der 237 Zentralregicrung, daß sie die höchsten Kantonsbeamte» aus der Mitte der Kantonsbürger wählte. WaS dem unbekannten Fremdling verziehen worden wäre, ward dem Manne, der durch tausend kleine Nebendinge, durch stärkere und zartere Bande an seine Hei- matsgenossen geknüpft war, zum Vorwurf; was man vom Fremdling als Wöhlthat empfangen hätte, sah man vom Mitbürger als Schuldigkeit an. So gebrach fast überall in der Schweiz den öffentlichen Beamten das Zutrauen der Menge; und Furcht mußte nur zu oft die Stelle der Liebe ersetzen. 5 . Napinat, Frankreichs Kommissär, und seine Gefährten entführten die Schätze der Städte. Die Schweiz lag mißhandelt, wie ein erobertes Land. Nicht nur, daß Feldherren nnd Kommissäre bald hie, bald dort bedeutendere Gegner der Revolution deportiren ließen, nnd Jammer stifteten in zahllosen Familien, verfuhren sie selbst gegen die von ihnen eingesetzten höchsten Gewalten der jungen Republik nnd deren Beamten ohne Achtung. Die beschimpften nnd verhöhnten Obrigkeiten, welche mit ohnmächtiger Kraft den Räubereien und Gräueln französischer Diktatoren entgegenrangcn, fanden im Volke, welches sie zu schirmen nicht Macht hatten, keine lohnende Gesinnung der Dankbarkeit.— Frankreich, dessen Grundsätze ehemals siegreicher, denn seine Waffen, Europens Völker durchdrungen hatten, verlor hier das öffentliche Vertrauen eines Welttheils durch gewissenloses Spotttreiben mit den heiligsten Rechten der Menschheit. Mnthig ertrug man indessen alle Leiden im ebenen Helvetien, wo die Freiheit gewonnen war. In den Bergkantonen ward die Tirannei der französischen Machthaber minder empfunden, weil in 238 diese Heimat natürlicher Armuth nicht Schätze lockten, und unter den Waffen geschlossene Verträge die Staublust fesselten. Während jene also für das kostbare Geschenk duldeten, und jeden Verlust als Opfer betrachten mußten, gährte in den Thälern der Alpen unaufhörlicher Mißmuth. Zurückgestoßen, wie durch einen Zauberschlag, aus uraltge- wvhnten Verhältnissen, und hineingeworfen in unbekannte Formen, ward stch der Nelpler in eigener Heimat fremd. Betäubt durch die Ereignisse der letzten Monde, unvertraut mit neuen Vorgesetzte», Ordnungen, Namen und Gesetzen, wähnte er Gefahr, wohin er trat, sehnte er sich nach dem, was ihm durch Verlust wüuschens- werther geworden. Eine ungeheure Zahl neuer Gesetze und Beschlüsse, mit Redensarten und Wörtern fremder Sprachen gemischt, flutete ins Land. Er verstand ihren Sinn nicht. Leicht war es, unter solchen Verhältnissen, diese rohen Kinder der Natur zu täuschen, ihr geängstetes Gemüth mit Schreckbildern zu verwirren. Ihr Mißtrauen verachtete ohnehin alle Belehrung; ihre Furcht hing jedem Mährchen an, was durchs Land lief; ihre Sehnsucht nach Zurückkunst des Ehemaligen verwandelte sich in Erwartung desselben. Und doch würden sich die gutmüthigen Hirten an die veränderte Gestalt der Verfassung gewöhnt haben, wenn die abenteuerlichen Gefahren, welche ihre Einbildungskraft fürchtete, nicht erschienen wäre»; sie würden sogar den Tausch licbgewonncn haben, wen» ihnen statt des vermuthetcn Elendes Vortheile erwachsen wären — aber sie sollten diese nicht sehen. Ihre Leichtgläubigkeit selber zog die fürchterlichsten Schicksale auf sie herab. Die Geistlichen nämlich blieben der Staatsvcränderung nnver- / söhnlichste Feinde. Sie fürchteten nicht so sehr den Untergang des Ehristenthums, als ihrer Pfründen, Aufhebung der Klöster, Verbreitung der Wissenschaften, Vernichtung der Gewalt des Klerus. 239 Schon hatten die gesetzgebenden Räthe der Republik das sämmtlich« Vermögen aller Klöster, Stifter und Abteien mit Beschlag belegt, und Besitzern und Verwaltern untersagt, von denselben zu vmd Fer- rier, Gebrüder, und besonders Lautcrburg, Gebrüder, und Pfarrer Müßli. Solche Namen darf di- Geschichte nicht den nachkom- uienden Geschlechtern verhehlen. Ihre Aufforderung in Hallers helvetisch. Annalen, 49. Stück. In Zürich zeichnete sich besonders durch menschenfreundliche Thätigkeit der DiakouuS Gcßncr aus. *') Der Ertrag der Käutonalsteuer belief sich, nebst den bei der Negierung eingegangenen Partikularste»«», auf 89,477 Frank. IS. 11D.— 275 Die gesetzgebenden Räthe zu Aarau, als ihre Verhandlungen de» trauervollen Gegenstand berührten (es war in der Sitzung vom 1?. Herbstm.,) theiltcn die Empfindungen des Schmerzes und Unwillens mit allen Schweizern. ^ Im Großen Nath erglühte vor allen Rüzets Zorn. Er forderte, daß „alle Vipern und Schlangen, die den Namen eines 'Geistlichen und selbst den eines Menschen entehren, und die das lVolk verführen, vor ein Tribunal gezogen, und selbst die Abwesenden durch Anheftung ihres Bildnisses an Rad und Galgen, gestraft werden; daß die Mpernnestcr zerstört werden möchten, von denen alles Unheil auSzog, die Kloster Einstedcln und St. Gallen?' — „Nein," entgegnetc Huber von Basel, „das Unglück, das bewirkt wurde, soll unsere Rache stumm machen!" — Blattmann von Zug, welcher schon vor mehrern Tagen darauf gedrungen hatte, die unruhigen Gegenden mit Waffengewalt unter das Gesetz zu beugen, seufzte jetzt: „Möge dies das letzte Bruchstück der scheußlichen Wirkungen des Fanatismus sein!" Mehrere Glieder dieser Versammlung hatten begehrt, dem Sieger und seiner Armee, die gegen Rebellen für die gerechte ^Sache gestritten, Dank zu bezeugen, und öffentlich zu erklären, daß beide sich um das Vaterland verdient gemacht hatten. Dagegen erhob sich Esch er von Zürich mit männlichem Edelsinn. „Auch ich," sprach er, „ehre den Mnth, womit Schauenburgs Heer den Aufstand in Unterwalden unterdrückt hat, und fühle ganz die schrecklichen Folgen, welche entstanden waren, wenn ? sich die fränkische Armee durch den hartnäckige» Widerstand hätte > zurückschrccken lassen. Aber so sehr ich diesen Mnth ehre: so lcb- Dazu kamen noch aus Partikularsteuern für kriegöbeschädigte Kantone überhaupt 4,200 Fr. und von Seiten veS Staats aus dessen Kassen 21,131 Franken. 276 hast verabscheue ich die unmenschlichen Grausamkeiten, welche unmittelbare Folgen des Siegs waren, und nie werde ich dazu meine Stimme geben, daß man von einer Armee erkläre, sie habe sich um unser Vaterland verdient gemacht, wenn sie solche Gräuelthatcn verübte, wie in Unterwalden vorgefallen sind! Gern hingegen trage ich darauf an, daß wir erkennen, diejenigen fränkischen Offiziers, welche sich mit Muth nnd selbst mit Gefahr ihres Lebens der Wuth ihrer Soldaten widersctztcn, und den Unmenschlichkeitcn Einhalt zn thnn trachteten, haben sich nicht nur um unser Vaterland, sondern nm die Menschheit selbst verdient gemacht!" Man fühlte inzwischen, wie schwierig es sei, nur einem Thcil der fränkischen Macht Dank zn bezeugen, nnd weihete daher das höchste Lob dem ganzen Heere. Der Wahnsinn des Partcigcistes, welcher Helvetien zu dieser Zeit berauschte, und zn immer grenzenloserm Unheil hinriß, fand nicht sein Grab unter den Aschenhügeln von Stans. Wie ein verjüngtes Gespenst stieg er vielmehr aus denselben hervor. Diejenigen, welche laut oder heimlich den Untergang der neuen Republik wünschten, beklagten den Fall Nidwaldens nur als mißlungenen Versuch, nnd gesellten die Manen derer, welche von der Furie des Priesterstolzes zum Tode geführt waren, zu den Schatten jener bencidcnswürdigen Helden, welche bei St. Jakob und Thcr- mopylä einst für Freiheit, Vaterland nnd Menschenrecht sich dem erhabenen Untergang gewidmet hatten. Andere, welche mit Stärke der Leidenschaft noch Staatskunst und Hellen Blick vereinten, bedauerten jenes Ereigniß mit einem Verdruß, welchen jeder übel- berechnete, unbesonnene Schritt, zu falscher Zeit gethan, erregt. Die leidenschaftlichen Feinde der ehemaligen Staätsverfassnng hingegen crrötheten, eine Thräne ans das Grab ihrer verblendeten Mitschweizer z» vergießen. Sie sahen nicht die Menschheit, sondern nur die politische Partei. Ihre Rache, hätte sie die Pforten 277 der dunkeln Ewigkeit entriegeln können, würde vielleicht den Geistern der Unglücklichen noch dorthin gefolgt sein. Selbst die damalige Negierung der Republik, weit entfernt über der Leidenschaften stürmischen Drang erhaben zn sein, ließ sich von ihnen zn würdelosen Entschlüssen hinfluten. Ihre Wohlthätigkeit, ihr Mitleiden war nicht allen Unglücklichen, sondern ausschließcnd den Patrioten geweiht; nur deren Verlust wollte sie entschädige», nur deren Waisen erziehen. Ja, als sie vernahm, daß Schauenburg in dem ihm nun unterworfenen Bezirk von Schwyz eine erzwungene Steuer von 60,000 Franken erhob, trug sie, statt solcher Willkür zn wehren, oder vom Feldherrn die Bestimmung einer Brandschatzung zn erfragen, ihm und seinem Heere den Gewinn davon als belohnendes Geschenk an. War bei des Vaterlandes bedrängten Umständen dieses verschwenderische Anerbieten einer dürftige» Regierung unrühmlich an sich: so ward durch Schauenburgs edle Antwort die Schmach davon noch fühlbarer. „Mein und meines Heeres innigstes Verlangen ist," schrieb er, „daß jene eingctriebenen Summen nicht anders, als zur Tröstung der unglückseligen Werkzeuge des Fanatismus und des Aufstandes verwandt werden/' Von einem schrecklichen Rausche genesen, sahen die Einwohner Nidwaldens auf ihren kläglichen Zustand, und empfingen sie die herbeiströmenden Wohlthaten. Mehrere Dörfer, wie StanS- staad, Kersiten und Buochs, waren »icdergebrannt, andere nur zum Theil, wie der Hauptflecken Stans, alle aber geplündert und verwüstet. Zwischen den Trümmern ihrer ehemaligen Wohnungen, ihres ehemaligen Glückes suchten sich die zerstreuten Glieder der Familien wieder auf. Manche waren geflüchtet, manche unter den Todten; dunkel waren noch lange die Schicksale der Vermißten. Das Kind schrie umsonst nach der Mutter, die Mutter vergebens nach dem Kinde; die Braut ohne Trost um den Geliebten. 278 Zn dieser Lage, und umgeben von den schanerlichcn Denkmälern der Schwärmerei und der Rache, schwor Nidwalden am 7. Oktober, in Gegenwart des Negierungsstatthalters, den abgeforderten Bür- gcreid. Früher schon (24. August) hatten ihn die beiden Gemeinden Hcrgiswyl und Engelbcrg, ebenfalls zu Nidwalden gehörig, abgelegt, freier vom Einstuß mönchischer Macht. II. Als Luzern, die im Herzen der Schweiz an den Ufern des klassischen Sees ansgebrcitcte Stadt, Wohnort der höchsten Staatsgewalten geworden war — es geschah im Wcinmonat desselben ver- hängnißvollcn Jahres —, schien die Wiedcraufrichtung des verödeten Unterwaldens LieblingSsorgc der Negierung zu werden. Sie sandte zur Untersuchung des erlittenen Kricgsschadens und zur Vorkehrung der dringenden Hilfsanstalten die Kommiffarien Ignaz Druttmann von Küßnacht und Mayr von Luzern in den leidende» Bezirk. Beide Männer erfüllten mit Eifer und Einsicht die schöne Pflicht, welche bald darauf Trnttmann, damals Unter- statthaltcr des Bezirks Arth, allein übernahm. Dieser Mann, dessen Geist von Vorurtheilcn geläutert, und durch Sclbstthätigkeit und Erfahrungen zu seltener Kraft gereift, mit Hellem, zergliederndem Blick seine Gegenstände durchdrang, die Quellen entdeckte, aus denen der trübe Strom des bürgerlichen Elends floß, und mit geübter Hand in Zweck und Mitteln immer das Wesentlichste ergriff, war unstreitig einer der ausgezeichnetsten Söhne Waldstättcns. Er schien der Olavides Unterwaldens werden zu wollen. Ein anderer Mann, reicher noch, denn jener, an Kenntnissen und Gewalt, Alb recht Nengger, Minister des Innern, weihte S79 seine zärtlichste Sorgfalt den verheerten Gegenden, prüfte Trntt- manns Entwürfe, nnd schuf ihm Mittel, ste zur Wirklichkeit umzubilden. Bald füllte reger Fleiß das verwüstete Thal. Gegen hundert verwaisetc Kinder desselben wurden durch Privatwohlthätigkeit in andern Kantonen versorgt; die eingegangcnen freiwilligen Stenern zur Unterstützung der verarmten Familien wurden, ohne Rücksicht auf politische Meinungen, nach dem Maßstabe des wahren Bedürfnisses vertheilt. Die weitläufigen Waldungen des Landes wurden von Sachkundigen für das benöthigte Bauholz zur Aufrichtung der Scheunen, Ställe und menschlichen Wohnungen durchforschet. Steinbrüche wurden eröffnet, Kalkbrennereien angelegt. Stansstaad, ein für die Schifffahrt dieser Gegenden unentbehrlicher Landungsplatz, erhielt seine verlornen Fahrzeuge zurück, und statt des abgebrannten Gebäudes zur großen Waarenniederlage, erhob sich am Ufer ein neues. Doch nicht so sehr die Größe des unternommenen Werkes, nnd der Mangel der Hilfsmittel konnten den Eifer zur Heilung jener tausend Wunden beschränken, als vielmehr eine Menge unerwarteter Hindernisse, so aus der Denk- nnd Lebensweise des seit Jahrhunderten sittlich verwahrloseten Volkes entsprangen. „Einerseits die Leichtigkeit," klagte der Minister Rengger in seinem Berichte über den Zustand des Distrikts Stans, „ohne eigene Anstrengung seinen Lebensunterhalt zu erwerben, welche ihm die Beschaffenheit des ausschließend zur Viehzucht benutzten Bodens darbictct, nnd anderseits die von jeher begünstigte Straßenbettelei, so wie das gesetzlich eingeführte Unterstützungs-System, das die Erhaltung jedes Dürftigen, ohne Rücksicht auf seine Arbeitsfähigkeit, den nähern oder entfernten! Verwandten desselben zur Pflicht machte, haben diesem Volke einen Hang zum Müßiggehen und zur Unthätigkeit eingepflanzt, den selbst 280 die Noth des gegenwärtigen Augenblicks nicht zu überwinden vermag, der für die dringendsten Arbeiten, welche die Bedürfnisse des Landes erheischen, die unentbehrlichen Arme versagt, und so alle wahren Hilfsvorkehrungen entweder ganz, oder zum Theil vereitelt. Noch größer werden die Schwierigkeiten durch den Geist der Gesetzlosigkeit und Anarchie, der, als eine unausbleibliche Folge rein- demokratischer Berfassungen, dem Volke von seinem vorigen Zustande, den man kaum eine Staatsgescllschaft nennen konnte, noch anhängt, und der sich an den heilsamsten Verfügungen, sobald sie durch die öffentlichen Autoritäten geleitet, und nicht der Willkür eines jeden überlassen sind, mit nnbiegsamcm Starrsinn widersetzt. Die geträumte Unschuld des Hlrtcnlebens findet sich hier so wenig, als irgendwo in der wirklichen Welt; vielmehr läßt Selbstsucht und Eigennutz die Nothwendigkeit gemeinnütziger Anstalten und die Vereinigung zu gegenseitiger Hilfe nicht einsehen, und bcurtheilt auch jetzt die dahin cinschlagenden Maßregeln der Regierung nicht nach den Absichten, die ihnen zum Grunde liegen, sondern schreibt dieselben lediglich dem Besorgnisse neuer Unruhen und Volksbewegungen zu." Die frühe Klage des Ministers ward vom fruchtlosen und langsamen Erfolge der überlegtesten und heilsamsten Bemühungen in der Zukunft nur zu laut bestätigt. Truttmann erwartete von der Noth-, daß sie die beste Lehrerin des Volkes werden würde. Statt durch unbesonnene Ausspendung einlaufcnder Wohlthatcn den Bettel zu begünstigen, und das träge Volk im „frommen Nichtsthun" zu erhalten, schaffte er Arbeitsstoffe und Werkzeuge, namentlich zur Baumwollen- und Seidenspinnerei an, den Erwerbsstciß zu reizen. Wenige mochten aber seine Anstalten benutzen, und fanden es am Ende gemächlicher, zu hungern, und ihr Dasein aufs Kärglichste zu unterhalten, als zu arbeiten. L81 Er versuchte cs, die Landeskultur durch Einführung der Getreidepflanzung zu verbessern. Glückliche Beispiele mehr, denn alle Worte und Lehren, ermuntern des Volkes Wahl und Liebe des Nützlichen. Er widmete daher einen Theil der Gemeindweiden von Stans zum Kornbau. „Der Tag," sagte Renggcr in seinem Berichte über Stans, „an dem nach Jahrhunderten wieder der erste Pstug in den Distrikt Stans gebracht worden ist, wird für die Bewohner desselben, die dieses wohlthätige Werkzeug nur aus einem, in ihrem Zeughause zum Andenken aufbewahrten Bruchstücke kannten, in Zukunft ein Tag der dankbaren Erinnerung sein. In dem Gebrauche des Ackerpssuges, wozu die Natur des Bodens sichtbar auffordert, muß ein vorzügliches Mittel zur Wiederherstellung und Belebung des Wohlstandes für ein nunmehr verarmtes Volk liegen, durch dessen Gctreidekonsumtion bis dahin zweitausend Gulden wöchentlich, nicht etwa in andere Kantone, sondern ins Ausland gegangen sind." Doch auch diese Hoffnungen des gemeinnützigen Staatsmannes erwahrten sich schlecht. Ungeachtet der ergiebigen Ausbeute des Saatkornes schon nach dem ersten Versuche, verschmähten eingewurzeltes Vorurtheil und Alles erschlaffende Gewohnheit das edle Hilfsmittel. Was die schadenfrohe Hand des Haffes nicht verdarb, wurde durch diebische Entwendung der Frucht geschadet, da sie kaum Reife gewonnen; genug, um von ausgedehnter» Versuchen abzuschrecken. Eine sittliche Verbesserung der Volksmaffe mußte der bürgerlichen die Hand bieten. Ohne Erkenntniß des Guten ist kein Gefallen an ihm, kein Streben zu ihm, keine Thätigkeit, kein Wohlstand. Die Regierung ernannte daher den Bürger Businger, den Geschichtschreiber seines heimatlichen Kantons, zum Pfarrer des Hauptfleckens Stans. An die Hellen Einsichten, an die menschenfreundliche Betriebsamkeit dieses Mannes, der sein Volk kannte, Zsch. Ges. Schr. 31. Thl. IS* und unter den schwersten Aufopferungen liebte, knüpfte sic ihre schönsten Erwartungen. Verbunden mit den redlichsten Geistlichen seiner Heimat, lenkte sich sein Wirken vorzüglich auf Vervollkommnerung des öffentlichen Unterrichts, und auf Verbreitung jener sanften Gesinnungen des Friedens, der Eintracht, der Ordnung und Duldsamkeit, welche das Christenthum zu allen Zeiten und bei allen Völkern durch stille und tiefe Wohlthätigkeit ehrwürdig machten. Noch nicht damitzufrieden, gründete die Regierung ein Waisenhaus in Stans zur Erziehung und zum Unterrichte der ärmern Jugend. Ein geräumiges Nebengebäude des Fraucnklosters ward dieser Anstalt gewidmet, und Heinrich Pestalozzi, der berühmte Verfasser von Licnhard und Gertrud, an ihre Spitze gestellt. Dieser außerordentliche Mann, welcher mit unglaublicher Sclbstverläug- nung sein ganzes Leben nur dem einzigen Ziele: Veredlung des Menschengeschlechts durch Verbesserung des Volksunterrichts, zum Opfer brachte; der, um mich seiner Worte zu bedienen, „wie ein Bettler lebte, um zu lernen, Bettler wie Menschen leben zu machen," eilte nach Stans, und sah sich bald von fast hundert Kindern umringt, die ihn alle mit Herzlichkeit, wie einen Vater, liebten. Männer von solchem Geiste und Herzen und solcher Kraft, im festen Bunde zum gleichen Zwecke; — so viel Streben, welches langsamen aber sichern Wirkens, jeden Unfall ausdaucrte, jedes Hindernisses spottete; so mannigfaltige Anstalten und Mittel, die von den verschiedensten Seiten doch auf einerlei Ziel zusammenspielten; — Einrichtungen, welche, das Verderben zu mindern, auf Zerstörung seiner alten, dunkeln Quellen, und, zur Ausbreitung alles Guten, ans zarte Pflege seines ersten Keims dachten — Alles ließ den Aufgang eines schöner» Zeitalters über den Trümmern Unterwaldens ahnen, und daß durch eine Reihe heilsamer Folgen die später» Geschlechter versöhnt werden würden mit dem schrecklichen Schicksale des Jahres 1798. 283 Getäuschte Hoffnungen! — vergebens rang mcnschensreuMiche Weisheit, den Nebeln der Staatsnmwälzung eine Frucht für die Nachwelt abzugewinncn. Vergebens kämpfte in Nidwalden Ge- meinsinn gegen thierische Selbstsucht, Beförderung der Industrie gegen Trägheit nnd Bettelei, Belebung thätiger Sittlichkeit gegen werkheiliges Prunken, Belehrung gegen rohe Unwissenheit. Der immerwährende Nnbcstand der Dinge, der immerwährende Sturz der Verfassungen nnd Regierungen in der Schweiz, der nn- aussöhnbare Groll der wechselnd siegenden Faktionen, zertrat mit der zarten Saat des Guten alle Hoffnung des Bessern. Auch das Edelste nnd Nützlichste ward des Argwohns und des Hasses Gegenstand, weil es von den Händen einer politischen Partei gestiftet war. Wenn eine Lauwine, zermalmend vom Gebirge herab ins Thal, ein frohes Dorf auf immerdar begräbt; wenn ein Erdbeben den festen Boden spaltet, nnd Städte nnd Flecken verschlingt, und die Arbeiten thätiger Jahrhunderte, und das Glück von tausend Familien: so folgt dem ersten starren Entsetzen des Zuschauers stille Klage nnd ein zweifelhafter Hinblick auf das weltregicrende Schicksal. Doch versöhnt sich der forschende Geist bald mit der furchtbaren Natur, deren Gesetze und wandellose Ordnung er erkennt. Aber wenn nicht Naturnothwendigkeit, wenn Menschenwillkür ganze Länder mit ihren Bewohnern an die alte Barbarei aus- liefcrt; wenn Klugheit lächelnd Rechte, Kräfte und Aussichten der bessern Menschheit, und die Wünsche der Tugend und Vernunft erstickt: dann wird der Geist an sich selbst irre. Vergängliche Kon- venienz scherzt mit den ewigen Heiligthümer» nnsers Geschlechts, wie die Laune des Kindes mit den Qualen des schwächern Wurms. Die Begriffe verkehren nnd verwirren sich. Das Kleinliche wird preisenswerth, das Große kleinlich; die Wahrheit wird albern, die Heuchelei bewundernswürdig; die Tugend Romanenschwärmerei, die 284 kalte Hinterlist stiehlt ihr den Rang ab; nicht der innere Werth, sondern der Ansgang wird die Krone oder das Krenz jeder That! 12 . Wie zwischen Frankreich und Oesterreich der Winter von 1798 bis 1799 unter fruchtlosen Verhandlungen und kriegerischen Rüstungen verstrich, ward er in Helvetleu von den mißvergnügten Parteien zur Aufwiegelung des Volkes angewandt. Das Schicksal Unterwaldens reizte mehr ihre Rache als ihre Besonnenheit. Die Zentralregierung der Schweiz, in sich selbst entzweit, setzte den Umtrieben der Gegenrevolutionärs nur Strenge entgegen, ohne das Vertrauen des Volkes zu erobern, dessen Schwächen ste kannte, ohne solche zu schonen. Sie hatte zwar die Lehenslasten aufgehoben, und Zehnten und Bodenzinse loskäuflich erklärt, aber ste selbst grub damit zu früh die reichste Quelle öffentlicher Einkünfte in einem Zeiträume ab, wo ste dem Staate noth- wendiger waren, denn jemals. Indem ste durch solche Verfügungen stch selbst entkräftete, um einem Theile des Volks zu schmeicheln, erbitterte ste um so mehr einen andern, der da verlor. Ja, ste büßte auch den kurzen Beifall der ersten ein, da ste, zur Bestreitung der dringendsten Bedürfnisse, vorher unbekannte Auflagen ausschreiben mußte. Der schweizerische Landmann hatte in vielen Gegenden der Staatsumwälzung gehuldigt, weil er durch ste mancher Abgaben enthoben und reicher zu werden hoffte. Die Entdeckung seines Jrrthums warb ihn zur Zahl der Mißvergnügten im Lande. Den Klöstern wurde die Annahme neuer Ordensjüngcr untersagt; den protestantischen Pfarrern entfiel der beträchtlichste Theil der Besoldung, indem ihnen die Bauern weder Zehnten noch Bodenzinse entrichteten. Priester beider Religionen traten zur großen, stillen Verschwörung für die Herstellung des Ehemaligen über, wo ihnen wohl war. Zu ihnen gesellten sich Handwerker »nd Kaufleute in den Städten, wo nach Aufhebung alles Zunft- und Monopolzwanges jeder Helvetier durch das Gesetz vom 8. Oktober 1798 sich niederlaffen, und mit den alten Bürgern gleicher Rechte in Handel und Wandel thcilhaftig geworden war. Das Schutz- nnd Trutzbündniß der Schweiz mit Frankreich, welches die werdende Republik gegen Europa stärken sollte, enthüllte nur derselben Ohnmacht vor der ganzen Welt,, und verwundete des Schweizers Ehrgefühl, statt es zu schmeicheln. Die durch das Bünduiß veranlaßte Tr uppen Werbung, und die Strenge, mit welcher sie betrieben ward, erfüllte die junge Mannschaft mit Furcht nnd verzwciflungsvollcn Wünschen. Der Ausbruch des Krieges zwischen dem französischen Direktorium und Oesterreich im Frühjahr 1799 bewaffnete schnell den allgemeinen Verdruß. Thätiger ward der Verkehr der Flüchtlinge und Ausgewanderten mit den Häupter» der Mißvergnügten im Lande. Lauter eiferten die Priester aller Kirchen. Verheißungsvoller wurden die ämtcrlosen Glieder ehemaliger Regierungen; nnd ein dunkler Schwarm von aufwiegclndcn Sagen floß von Mund zu Mund. Zwar hatte Masse na durch Ucberfall Graubünden erobert, aber am Bodensee siegte des Kaisers Heer, und trat in die Schweiz. Jetzt schien der Augenblick gekommen, Frankreichs Gewalt zu brechen, Altes zu erneuern, nnd Hoffnungen der Rache zu sättigen. Aber auch die Zcntralrcgieruug Helveticas, da sie die großen Bewegungen der Widersacher vernahm, hatte die äußersten Mittel ergriffen; allgemeine freiwillige Kriegssteuer verordnet; Milizen organistrt, gesetzliche Todesstrafe gegen diejenigen verhängt, welche sich weigern würden, mit den Milizen ins Feld zu gehen, Todesstrafe gegen Urheber und Mitwirker gegcnrevolu- tionärer Bewegungen, nnd Todesstrafe gegen den bloßen Vor- 286 schlag, sich einer fremde» Macht z» unterwerfen. Um aber nicht länger das Verborgene Treiben ehemaliger Regiernngsgliedcr zu gestatten, dcportirtc man mehrere derselben, welche die gefährlichsten schienen, ans allen Gegenden der Schweiz, nach Bafel oder in den Kanton Leman. Doch die Schrecken des Todes und der Deportation hfmmten dle Thätigkeit innerer und äußerer Feinde der Revolution nicht. Wo man sonst Schwäche verspottete, verabscheute man nun Ti- rannci. Fast in allen Kantonen brachen einzelne, mehr oder minder blutige Aufrühre aus. Jene Gesetze konnten nicht vollzogen werden, ohne die Hälfte der Schweiz mit Blutgerüsten zu bedecken, und alle Gränel des Robespierreschcn Frankreichs im Schoose der Alpen zu erneuern. Auch am Ufer des Sees der Vierwaldstkttc erhob sich abermals das rüstige Volk; und zwar in Schwyz zuerst, »«geschreckt durch die vorigen mißlungenen Versuche. Dort waren seit dem August des verwichencn Jahres Thcilhaber an damaligen Unruhen ins Ausland geflüchtet. Während die Gerichtshöfe Wider sic verfuhren, bearbeiteten sie durch Boten »nd Briefe'das Volk. Im Gcbirgsthale, am Sattel, versammelten sich heimlich die eifrigsten Freunde der Wiederherstellung im Hanse des Nltraths Franz Schüler, eines Landmanns. Dort traten des Nachts Männer vom Lande Zug, Schwyz, Uri zusammen, und schworen, wie die Tellen einst im Grütli, Befreiung ihres Vaterlandes von der Gewalt Frankreichs. Der 28. Aprll, der letzte Sonntag dieses Monats, an welchem ehemals der Kanton Schwyz zur großen Landesgcmeinde zu erscheinen Pflegte, ward zur Vertilgung der Franken inner den Grenzen des Bezirks von Schwyz bestimmt. In der Morgenfrühe zogen einige Tausend bewaffneter Bauern, 287 alle in ihren Hirtenhcmdcn*), gegen den Flecken Schwyz, dessen Einwohner, unbekannt mit den Entwürfen der Landleute, in voller Sicherheit schliefen. Die Franzosen, einige hundert Mann stark, wurden anfgefordert, den alten Boden des Kantons Schwyz zu verlassen. Diese weigerten sich. Die Haufen der Landleute, angeführt von Balthasar Holdener und Felir Nichmuth, drangen sogleich in den offenen Flecken. Gewehrfeuer begann in allen Straßen, übernimmt wichen die bestürzten Franken, und zogen gegen Brunnen, wo sie sich einschifften. Sie hinterlicßen in der Eile ihrer Flucht viele Todte. Auch die Kricgskasse fiel in die Gewalt der Aufrührer, und mehrere Soldaten und Offiziere, als Kriegsgefangene. Nach dieser That versammelte fich das Volk und berief die Vornehmsten des Landes. „Wir Bauern haben jetzt Bahn gebrochen;. jetzt müsset ihr Herren das Werk ausmachen!" riefen die Empörer und ernannten sogleich aus jenen eine provisorische Negierung. Die Einsichtsvoller», zu schwach, dem Nebel zu wehren, reichten den Stiftern des Aufruhrs mit Unwillen die Hand, um Ausgelassenheit der rohen Haufen zu bändigen, welche durch alle Gassen schwärmten, Gefängnisse eroffneten, Kanzleien des Regiernngs- und Unterstatthaltcrs erbrachen, die fränkische Kriegskasse zu plündern und die gefangenen Soldaten zu ermorden drohten. Der ernannte Ausschuß beschäftigte sich sogleich mit Herstellung der Ordnung. Die Gefangenen und Verwundeten wurden mit Menschlichkeit behandelt, die Kassen bewacht, und Unterhandlungen mit dem Vollziehungsdirektorium in Luzern angeknüpft. Das Volk forderte, daß seine Heimat jederzeit von fränkischen Be- *) Dieser Aufruhr hat beim Landvolkc von Schwyz daher den Namen des „Hirthcmdlikriegs" erhalten. satzungen frei bleibe, daß kein Schwyzer zum Kriegsdienst gezwungen, und jeder Ausgewanderte, jeder Gefangene und Deportirte der ehemaligen kleinen Kantone frei und heimgelassen werde. Bei Erfüllung dieser Begehren und unter feierlicher Vergeffenheitser- klärung alles Geschehenen, versprach man die Waffen nicderzu- legcn. Um dieser unter den Fahnen des Aufruhrs ausgesprochenen Bitte höher» Werth zu geben, wurden der Unterstatthalter von Schwyz, Businger, und die VerwaltuugSkammer des Kantons Waldstätten genöthigt, dieselbe zu unterstützen. Die Regierung nahm auf das Verlangen keine Rücksicht, sondern ließ rings die Pässe besetzen, um die Waldstätte von andern Kantonen abzuschneidcn. Die Milizen des Kantons Zürich, welche durch Entschlossenheit und Mnth in Verthcidigung der jungen Freiheit glänzten, bemächtigten sich, unter Anleitung des Repräsentanten Billeter von Stäfa, der Anhöhen bet Horgen und der Schindellegi. Auf der Seite von Einsiedel» erschien an der Spitze eines Heers der fränkische Feldherr Soult, und rückte in das Gebiet von Schwyz ein. Die ehemaligen Führer des Landes hatten zu keiner Zeit einen Aufstandwie diesen gebilligt. Der greise Schüler, des alt-eidgenös- stschen Kantons Schwyz letzter Landammann, überschüttete die Urheber desselben mit seinen Vorwürfen, und Aloys Neding, der letzte Landeshauptmann, wollte die Rebellen nicht zum Kampfe führen, so laut und stürmisch er auch aufgefordert worden war. Am 3. Mai zog Soult mit seinen Schaaren in Schwyz ein. Die Bauern streckten das Gewehr. Nur ihrer einige Hundert flohen mit den Waffen über Morsch ach und das Hochgebirg ins Land Uri. Aehnlicher Aufstand war zu gleicher Zeit in den Bezirken von Arth und Zug angerichtet worden. Im Flecken Arth, wo ein kleiner französischer Posten stand, 289 wurde» die Händel schon am Abend des 27. April begonnen. Alle streitbare Mannschaft des Ortes hatte die Waffen ergriffe». Die Franzosen wurden überniannt; manche getödtct, andere verwundet, oder gefangen genommen. Die Gegend von Küßnacht am Waldstättersee wurde um Mitternacht mit dem Geschrei geweckt, daß die junge Mannschaft in Knßnacht von den Franken entführt werde; daß man zu Hilfe eilen solle. Oberhalb Walchwylen am Zugersee, wo nur ein schmaler Fußsteig an schroffer Felswand neben dem Gewässer hinzieht, wurde von den Empörten ein Verhau gemacht; eben so jenseits desselben Sees, am Fuß des Rigi, zwischen Arth nnd Jmmtsee. An andern Orten, wie bei St. Adrian, zwei Stunden von Zug, warfen sie Schanzen auf, und von dem Posten Beenstanden wurden die von Zug ans streifenden Wachten der Franken mit Flintenschüssen zurückgewiescn. Inden Ortschaften Menzingen, Egcri und Nenenheim des Zugerlandes erhoben sich mit der Nacht vom 27. zum 28. April die Unruhigen wie überall. Einer der Verschwornen verrieth in der Trunkenheit: „daß in dieser Nacht alle, die nicht für Religion kämpfen wollten, niedergehauen werden sollten!" Die Bedrohten flüchteten vor des Pöbels Mordlust. Zug selbst, des Ländleins Hauptstadt, ward bedroht, verbrannt und geplündert zu werden. Die Bürgerschaft versammelte sich, entschlossen ihre Mauern gegen die schwärmerischen Mordbrenner zu vertheidigen. An sie reihte sich eine kleine Besatzung von fünfzig fränkischen Dragonern. Die Statthalter angrenzenderBezirke sandten Waffen und Kriegsvorrath. Es war inzwischen unter den Bauern weder Ordnung noch Plan. Der eine trieb, die Vermögenden zu plündern; der andere, seine Rache am friedlichen Nachbar zu nehmen. Ihre Wuth schonte der Zsch. Gks Schr. 34. Thl. 13 290 Wehrlosen nicht. Eine einzige Szene, ans gerichtlich angestellten Verhören gezogen, gibt ein treues Bild von der Denkart des zügellosen Landmanncs, nnd von dem Geist dieses Aufstandes'). „Fra» Maria Anna Meyenberg, scchsnndzwanzig Jahr alt, seit vierzehn Tagen Kindbetterin, z» Wenzingen, lag den 28. April,. Nachts in» zehn Uhr, zu Bette. Ihr Gatte, welcher an dem Aufruhr nicht Theil nehmen wollte, hatte sich schon entfernt. Sie sah Bauern das Haus des Nachbars stürmen; Thürc» und Fenster erbrechen. Bald hörte sic das Getümmel ihrer eigenen Wohnung nahen. Mit Gewalt ward an die Thürc geschlagen. Man öffnete, nm die Barbaren mit Güte zu zähmen. Aber sie schalte» nnd wüthcten. Joh. Staub eilte mit bloßem Säbel gegen die Schwester der jungen Wöchnerin; dann Pflanzte Karl Joseph Nöllin das Bajonett auf, nnd drohte, sie zu erstechen. Eben so that Clemens Blnmbacher, ein Knecht. Sicriefcn: „Wo ist dein Vaterlandsverräthcr?" Zitternd antwortete die junge Frau: „Mein Gott, das weiß ich nicht, ob er im Blut, oder im Wasser, oder sonst wo schon todt liegt." Hierauf klirrten sie mit den Waffen, nnd brüllten, als wollten sic Alles niedermachen: „Ihr wißt gewiß, wo der Schelm ist." Als sie es verneinte, drang Röllin noch einmal mit dem Bajonett ans sie ein. Die Frau nahm weinend und in Todesangst ihr Kindlein ans den Arm, und rief: „Stechet auch diese Unschuld mit mir nieder, so kann ich vor Gottes Angesicht himmelschreiendes Blut mit mir hinbringen!" Sie rief Clemens Oswald Bachmann unter den Wütherichcn um Hilfe. Er reichte ihr die Hand und tröstete sie. Clemens ') Die Erzählung von den Unruhen im Bezirk von Arth und Zug ist, so wie die nachfolgende Begebenheit des jungen Weibes Meyenberg aus amtlichen Berichten gezogen, davon das helvetische Tageblatt, 1798, 11 — 19. Stück den Auszug lieferte. 291 Züricher im Erlimoos stand ihr auch bei und sagte: seine Kameraden würden sich auf solche Weise versündigen und nichts gewinnen. Baptist Arnold drang gleichfalls zu ihr und versicherte sie: es müsse Niemand sterben. Aber die übrigen stießen die Frau von einer Stube zur andern, und zum Viertenmale aus der Hütte hinaus in die Nacht, bis sic endlich ihr fünfjähriges Töchterlein, das im Bette lag, zunächst an der Ermordung erblickte und in Ohnmacht sank. Endlich zogen die Rasenden ab, führten die Schwester der verlassenen Frau aufs Nathhaus und mißhandelten sie. Dennoch sagte ihr Karl Schon, sie müßte sich nun an ihn halten, denn der Mann ihrer Schwester werde erschossen, oder verbannt werden, weil er nicht mit ihnen halte. — Als die Frau Meyenberg folgenden Morgens am Fenster saß, ging Addrich Staub, ein Knecht in der Schwend, vorüber und rief: „Schau nur heraus, du Erzvaterlandsschelmenhere! heute Nacht will ich dir den Kopf spalten!" Das Vordringen der fränkischen Truppen unter Soult machte, wie in Schwyz, auch in diesen Gegenden den Rasereien Ende. Aber die Eifrigsten, welche, ohne Eigenihum, aus der öffentliche» Verwirrung Beute zu machen hofften, flohen ins Land Uri, wo der Sammelplatz aller Flüchtlinge dieser Art war, und die aufge- wiegclten Landleute ebenfalls zum Schirm der Religion und alten Ordnung die Waffen genommen hatten. Schon früh im Monat März waren hier Sagen gegangen, vom Anrücken eines kaiserlichen Heeres, von Rettung und Wiederbelebung des kleinen Freistaats Uri unter den Flügeln des Reichsadlers. Einige Geistliche, besonders in den Gemeinden von Erst- felden und Secdorf, athmeten kriegerischen Geist. Verbunden mit ihnen wirkten einige weltliche Herren, welche durch die Revolution ihres Einflnsscs und Ansehens und mancher Hoffnung beraubt worden waren. Doch am wenigsten geneigt Ware» zur Unterstützung solcher Wagstücke die begüterte» Einwohner des großen Renßthales, und besonders des schönen Fleckens Altorf, des Ländleins Hanptort. Sie ermahnten und sprachen: „Noch haben wir durch die Staats- Verwandlung weder an unserer Religio» noch an unfern Gütern Schaden gelitten. Erwarten wir mit Mnth jedes Nebel, doch rufen wir cs nicht durch eigene Thvrheit über uns!" Durch Speditionshandel an der großen Straße, die ans der Schweiz über den Rücken des St. Gotthard gen Italien führt, war Aktors einer der reichsten Flecken im Schoose der Alpen, mit schönen Gebäuden, Kirchen und Klöstern. Aber die Landleute der Nachbarschaft, voll Neides gegen den Wohlstand des Ortes, dem ste einen großen Theil ihrer Nahrung und Unterstützung zu danken hatten, sahen in seinen Bewohnern nur Feinde der alten Freiheit. Manche Seelenhüter, um die Huld ihrer Heerde zu gewinnen, stimmten in den Ton derselben, und verglichen im unbe- dachtsamcn Kanzelciscr den Hanptort wohl gar mit Sodom und Gomorrha. Andere erkannten in den Leiden des Vaterlandes die Zornruthc Gottes wegen der Pracht und Hoffart und der eiteln Weltlust der Söhne und Töchter Altorss. Man verkündete nahes Unglück. Landleute warnten wohl ihre Freunde im Flecken, es heiße: Altdorf werde verbrannt werden.— Doch wenige konnten der Drohung Glauben schenken. Aber am 5. des Aprilmonds, Abends um 4 Uhr, als ein starker Föhn durchs Land blies, ging plötzlich in einem Winkel des Fleckens, am Fuße des Bannbergs hinter der Hauptkirche Feuer aus. Brennende Schindeln, vom Wirbelwinde getragen, stürzten wie Feuerregen auf alle Gegenden des Ortes nieder. Bald stand die Kirche in Flammen. Der Befehlshaber der französischen Besatzung wollte Mauern und Thurm derselben nicdcrschießcn lassen, weil der Sturm Flammen an Flammen abriß und über den Flecken ausstreute. Aber durch die flehentlichen Vorstellungen des Unterstatthaltcrs bewogen, der dom Niederschieße» einer Kirche plötzlichen Aufstand der Bauern besorgte, unterließ er sein Vorhaben. So ward ganz Mors in wenigen Stunde» ein Raub der Brunst. Von der Seeseite konnte Niemand den Nothlcidendcn zu Hilfe eilen, weil die Wuth des Föhns Schifffahrt unmöglich machte. Doch ans den benachbarten Dorfschaftcn des ThalcS strömten Landlente genug herbei. Sie kamen zu dem Brande, sahen die Flammen, sahen die bleichen Gesichter stummer Verzweiflung, horten Geschrei und Wehklagen der Alten und Jungen — und halfen nicht. Kaltblütig zündeten manche Bauern ihre Pfeife an beim Feuer, das Hab und Gut ihrer Brüder wegfraß. Manche ließen sich don den Kaufleuten mit harten Thalern zahlen, einen Ballen Waare zu retten. Mancher nahm das dargcbotene Geld, lachte und ging davon. Mancher versuchte, sich zwischen den Flammen etwas zu crstehlen. — Nur die vier Kompagnien der fränkischen Besatzung standen den Nothleidenden männlich und am treusten bei. Sic gaben ihr ganzes Mehlmagazin, das sie retteten, und all ihr Brod den Mörsern, und verließen erst die Brandstätte, um nicht selbst Hunger zu leiden. Der Mensch, in Rohheit und thierischem Bedürfniß erwachsen, kann hart und im Zorne grausam sein. Doch nicht lange, und die zarten Gefühle der Menschlichkeit erwachen wieder unter der stehenden Stimme des Unglücklichen. Er überläßt sich dem Zuge der schöner» Natur, und wird barmherzig. Aber sendet ihm Männer, welche die Gefühle der Natur mit dem Gifte der Meinungen tödten und todte Werkheiligkeit pflanzen an deren Stelle; verwirret mit Blendwerk die wenigen Begriffe des Halbwilden, und setzet ihm frommes Vorurtheil an die Seite unbändiger Leidenschaft: er wird schrecklicher, als Wolf und Bär des Waldes. 294 13. Sobald Stille in die Wellen des Sees trat, eilte Von Matt, der Regierungsstatthalter, gen Uri. Auch aus entlegenen Gegenden zog die Macht des Mitleids Beistand dahin. Die Negierung weihte ihre Sorgen dem Tröste der Urner. Es wurden Maßregeln zur >Wiedererban»ng des eingcäschcrte» Fleckens ergriffen. Viele sammelten Geld unter sich, den Elenden zu helfen, und durch ihr Beispiel die Nation zu ermuntern. Aber über Altorfs Schutthügeln ward die Fahne des Aufruhrs erhoben. Der Erzherzog Karl hatte schon in den letzten Tagen des Märzes den französischen Feldherrn Jourdan geschlagen, und im Verfolg seiner Siege Schaffhausen erobert, Eglisau im Kanton Zürich besetzt. Gleiche Niederlagen erfuhren die fränkischen Heerein Italien, wo die kaiserlichen Feldherren Kray, Melas und der russische Oberbefehlshaber Suwarow bis Mailand siegreich vorgedrungen, mit dem rechten Flügel ihrer Heere, an die südliche Schweiz streiften. Schon am 25. April erschienen Bauern des Neußthales mit der alten Urnerkokardc, schwarz und gelb, und liefen bewaffnet in Soldatenkleidern mit gelben Aufschlägen zusammen. DerNegierungs- statthalter Von Matt, welcher zur Dämpfung des Aufstandes herbeigeeilt war, ward mit Steinen geworfen. Die Bauern hielten am 26. April Landsgcmeinde. Laien und Priester forderten das Volk zum Krcuzzug gegen die Franzosen auf. An die Spitze der Urner schwang sich ein junger, fantastischer Mann, Namens Vincenz Schmid. Mit einigen doch wenig gebildeten Anlagen des Geistes verband er einen Familienstolz, dessen Ansprüche ans Abenteuerliche rührten und Gemüthsverwirrung ahnen ließen.*) Retter des Vaterlandes zu werden, ermahnte er in hoch- *) Zn schwülstigem Style hat er die Geschichte von Uri beschrieben. 295 trabenden Worten, die Waffe» zu ergreifen, und mit „den sieggewohnten, alten nranischen Harste» die Bezwinger Enropens zn strafen Die unbedeutende Zahl der Franken, in den Dorfschaften des Thals, ward mit leichter Mühe gegen die Ufer des Sees getrieben, wo sie, mit einer Kompagnie waadtländischcr Milizen vereint, den Hafen von Flüclen besetzte. Die Landlcute sahen sich Meister des Landes. Ihr Drohen mit Mord und Brand zwang alle Gemeinden, auch solche, welche der Regierung treu zn bleiben beschlossen hatten, znm Panier des Aufstandes überzutrctcn. Vincenz Schmid nahm mit hohem Gefühl die Würde des Feldherr», besetzte die von de» Franken und Waadt- ländcrn endlich verlassenen Seenscr, und sandte Boten gen Schwyz und Glarus, Wallis und Levcntina, seine Siege zu verkünden. Aber Zug und Schwyz waren schon durch die Erscheinung des Soultschen Heeres zum Gehorsam zurückgcführt. Auch in Waliis wurde von fränkischen und waadtländischcn Schaaren glücklich gegen die regellosen Haufen der Empörer gestritten/ Vincenz Schmid, berauscht von der Hoffnung hohen Ruhmes, wich aber von der gefährlichen Bahn nicht, wiewohl seine „ manische Armee", deren Glieder weder Gehorsam »och Ordnung kannten, ihm das Glück des Wagestücks zweifclvoll genug machte. Schwyz sandte eine feierliche Ermahnung an Uri, die Waffen zn strecken. Es meldete den Urnern, daß die Franken, vergessend des vergossenen Bluts ihrer Brüder, ick» Boden von Schwyz betreten hätten. „Kein Blut", spricht der Aufruf, ward fürder vergossen. Religion und Menschlichkeit hatte unfern Rausch verdrängt; und die beleidigten Franken nahmen, als Freunde und Brüder, wieder Besitz von den Posten, ans denen sie nicht Feindschaft und Bosheit, sondern Unsinn vertrieben hatten. — Ihr, unsere Freunde nnd Brüder! ihr seid nun der Gegenstand nnsers Kummers, nn- rs6 serer ängstlichen Besorgniß. Wir sind durch die wundervollste, ewig- gepricsene Wirkung der Vorsehung gerettet, aber ihr schmachtet noch unter dem eisernen Sceptcr eines Vorurthcils und einer Hoffnung, die euch zum Untergänge führen muß!" Um dieser Ermahnung Kraft z» geben, war sie von den angesehensten Männern des Schwhzerlandcs (außer dem Unterstatthalter Businger, vom Altlandamniann Schüler, Altlandammann Weber, und Altlandshauptmann Aloys Reding) unterzeichnet, deren Namen auch das Volk von Uri ehrte. Doch erreichte sie ihr Ziel nicht. Die Widerspenstigsten Von Zug und Schwyz waren in Hansen hicher geflüchtet. Ihre Rotte» vermehrten die Wildheit des Volks, welches sich von den Wellen eines unsicher» Sees, und den höchsten Gebirgen umgeben, nnüber- windlich wähnte. Am 8. Mai erschien Sonlt mit seinem Heere auf einer kleinen Flotte vor den Gestaden von Uri. Vincenz Schmid, düster und sich selbst widersprechend, eilte dahin, die Vertheidigung zu übernehmen. Am Fuß des Gebirges, zwischen Flüelen und der Kapelle Wilhelm Tcll, stand sein Vorposten. Der erste Kanonenschuß, welcher von den fränkischen Schiffen gegen das Ufer rauschte, endete Leben und die kriegerische Laufbahn des jungen Mannes. Die Franken landeten. Fechtend zogen sich die Aufrührer durchs Thal zurück gegen den Fuß des Gotthard. Immer kämpfend folgte der Sieger. Beim Dorfe Wasen, inner den Schluchten, durch welche die Bergstraße zwischen Felsen und Ungeheuern Wäldern zum St. Gotthard hinanschlängelt, sammelten sich die Flüchtigen. Sie thatcn den Schwur der Verzweiflung, bis auf den letzten Mann Gegenwehr zu leisten. Ihrer aber, nebst allen Ausgewanderten von Zug, Arth, Schwyz und Unterwalden, und zweihundert Landlenten des Livinerthals, waren nicht mehr denn gegen 900 Mann. 297 Soult griff sie am folgenden Tage (den 9. Mai) in der Ge- birgsenge bei Wasen an. Während des Gefechts kamen 490 Walliser mit fliegenden Fahnen den Urner» znm Beistand, doch siegte der Franken Tapferkeit nnd Kriegscrfahrung Die Insurgenten flohen, nach hartnäckigem Gefecht, bergauf, nnd mit dem Entschlich, die Teufels-Brücke, welche 'zwischen schroffen Felsenwänden über der schänmcnden Reich schwebt, abzuwcrfen. Aber bewaffnet erschien hier das Volk des in jenen Höhen befindlichen rauhen Thales von Urscren, nnd wehrte die That ab. Die Empörten, welche nach so viel unglücklichen Gefechten kanin noch 500 Streiter zählten — denn die Walliser hatten mnth- loS de» Rückweg in ihre Heimat genommen — verschanzten sich eine halbe Stunde über Hospital, noch an den äußersten Höhen des wegsamen Gotthard, zwischen Seiden- und Baiimwollenballeii und andern Kanfmannsgütern, welche daselbst der Unruhen willen liegen geblieben waren. Aber auch aus dieser kostbaren Umwallnng wurde der verzweifelte Haufen, nach langem Widerstande, vertriebe»; es war am 12. Mai. Die Flüchtlinge zerstreuten sich in die Thäler der italienischen Schweiz, wo sie sich, doch mit gleichem Unglück, z» den Rotten dasiger Empörer gesellten. Des kaiserlichen Heeres fortdauerndes Kriegsglück, das Getümmel der Empörung weit umher im Hochlande, reizte auch in Nidwalden, mitten unter Ruinen, das Landvolk noch einmal z» Versuchen der Rache. Ein armer Kerl, welcher ehemals als Soldat, nachher mit Aeuerschwamm nnd Schwcfclhölzern, als Landstreicher sein Leben gefristet hatte, gemeinlich Znndel-Nazi geheißen, ward jetzt der Held der Bühne.*) Er hatte schon am 9. Herbstmond bei Stans- *) Sein wahrer Name war Ignaz Odermatt; sein Geburtsort Th al» wyl in Nidwalden. 298 staad den Nidwaldnern Beweise kriegerischer Geschicklichkeit gegeben. Er war's, der damals das Feuer ihrer Batterien gegen die Franken glücklich geleitet, und den Kampf zum großen Nachtheil des Feindes verlängert hatte. Jetzt, als in den Gebirgen das Horn des Aufruhrs überall scholl, faßte erden Gedanken, Stans in das blutige Abenteuer des allgemeinen Aufstandes zn verwickeln. Gerüchte, welche finstern Ereignissen, wie Wirbelwinde an schwülen Tagen den Nngewittcrn, voranznziehen pflegen, bereiteten die Gemüthcr vor. Viele junge Leute waren geflüchtet, weil man sagte, sie würden ansgchoben, und unter die fränkischen Truppen gemischt werden. Andere hatten sich ihnen in Hoffnung ergiebiger Beute und glänzender Rache zn- geseltt, weil es hieß: die Franzosen würden überall geschlagen, überall verjagt, und so müsse Jedermann aufstehen und wider sie. streiten. Znndel-Nazi sammelte aus diesen Flüchtlingen eine kriegerische Rotte auf der Höhe des Gebtrgs, im Dorfe Emmeten an den Urner Grenzen. Man lebte lustiges Leben, stellte Posten aus und beobachtete die Bewegungen freundlicher und feindlicher Schiffe ans der weiten Fläche des Waldstättcr-Sees. Viele stiegen ans Nidwalden hinauf gen Emmeten, von Neugier gereizt, die „Zundelarmee" zn sehen, und wurden geworben, Waffen zn tragen, oder den Aufstand im Thale zn bereiten durch Verheißung und Drohung. Der Befehlshaber selbst hatte sich an Vtncenz Schund in Nrt geschloffen, um durch solche Verbindung sein eigenes Ansehen bei der Bande zu stärken, welche er beherrschte. Ans dessen Geheiß hielt er die Höhen von Emmeten ferner besetzt. Doch drohte er oft gen Stans hinab, daß er den Flecken cinnehmcn und die Obrigkeiten „ans andere Gesinnungen" bringen würde. Die Keckheit dieses Mannes flößte den Nidwaldnern Vertrauen et», und Trotz gegen die Beamten, welche die alte Anarchie wieder »i 299 zurückkehren sahen. Nur Ludwig Kayser, der Nnterstatthalter, blieb sich in seiner Entschlossenheit gleich. Er vernahm von nächtlichen Zusammenkünften in den Häusern der Mißvergnügten, in abgelegenen Ställen und Hütten. Er vernahm von ihren mörderischen Anschlägen, und wie die Landleute in den höchsten Alpen verborgen gehaltene Gewehre und Munition hervorsuchten. Um neuen Gräueln vorzubcugen, griff er zu den letzten Mitteln. Er ließ Verhaftungsbefehle gegen diejenigen ergehen, welche durch aufrührerischen Ton sich am meisten auszcichrieten; und, von höher» Gewalten bevollmächtigt, proklamirte er die Todesstrafe gegen Alle (1. Mai), welche ihre verheimlichten Waffen nicht binnen 24 Stunden abliefern würden. Die Verhaftung eines gewissenJohannes Waser und seiner Magd, wegen meuterischer Reden und Aufmahnungcn, hätte den Aufstand fast zu gleicher Zeit, als er in Schwyz ausbrach, in Nidwalden erneuert, wenn der Unterstatthalter nicht durch Nachgiebigkeit den Sturm abgeleitet haben würde. Es versammelten sich in der letzten Nacht Aprils zuBeggcn- ried die vcrschwornen Landleute bewaffnet. Hier ward beschlossen, gen Buochs zu ziehen, wo ähnliche Versammlung gehalten ward, und vereint mit derselben in der Morgenfrühe ,,Stans zn überfallen, den gefangenen Johannes Waser zu befreien, die republikanischen Beamten zn zwingen, ihre Stellen niederzulegen, und im Falle sich die Einwohner von Stans ihnen zur Wehre stellen würden, den durch die Franken verschonten Ueber- rest des Fleckens in Brand zu stecken."*) *) Die Erzählung von den Nidwaldner Unruhen im Frühjahr 1799 ist aus den Akten des Distriktsgerichtö StanS gezogen. Die Wahrheit des VerschwörungSplanS zn Beggeuried ward durch zwei übereinstimmende eidliche Zeugsame bekräftigt. 300 Mit diesem gräßlichen Vorsatz eilten die Vcrschwornen gen BnvchS. Hier aber hatte man schon erfahren, daß der Unter- statlhaltcr den Johannes Waser in Freiheit gesetzt habe. Die Ver- saminlnng war darauf auseinander gegangen mit dem Beschluß, daß wenn jemals eine ähnliche Verhaftnehmung geschehen sollte, man sich widersetzen, Sturmzeichen geben und den Flecken Stans verheeren werde. Das Nämliche solle geschehen, falls fränkische Truppe» ankommcn würden. Auch verband man sich feierlich, nicht nur die Angreifenden, sondern selbst diejenigen niederzumacheu, welche sich nicht thätig zeigen würden. *) Die von Beggenried, da sie sich allein sahen, kehrten wieder zurück. Eben so lösete sich, ans gleichen Ursachen, eine Versammlung Bewaffneter im Tabletenstall zu Thalwyl ans. Der Unterstatthaltcr Ludwig Kayser hatte durch Entlassung der Gefangenen zwar die Landschaft gerettet; aber die Ruhe war nur scheinbar. Er unterrichtete die Regierung und forderte schleunigen Beistand. Dem Vollziehnngsdirektortum war an der Sicherung Nidwaldens Alles gelegen. Es eilten Truppen ans Stans, theils um den Gehorsam dieses Bezirkes herzustellen, theils um den Angriff des Generals Sonlt auf die Insurgenten in Uri zu unterstützen. Zundel-Nazi verließ mit seinen Freiwilligen das Hochgcbirg, stieß zu dem Heerhaufen des Vinccnz Schmid, und verlor sich ruflos in der Menge der übrigen Flüchtlinge. Lndwtg Kahser, der Unterstatthalter, aber, sobald er seinen Befehlen durch bewaffnete Macht Wirksamkeit geben konnte, säumte keinen Augenblick, sich der Widerspenstigen, wo er sie erblicken ") A»ö den von der GerichtSkommisston zu Stans im Mai 17SS auf« genommene» Verhören geschöpft. mochte, zu versichern. Binnen wenigen Tagen waren alle Gefängnisse mit Lenten angefüllt, welche entweder Glieder geheimer Verschwörungen, oder mit Waffen erblickt worden waren, nachdem schon Todesstrafe auf ihre Nichtabliefcrung gesetzt gewesen. Die Lage der helvetischen Republik ward inzwischen mit jedem Tage bedenklicher. Schon war das fränkische Hauptquartier bis t Zürich zurückgezogen. In den Gebirgen schlug man noch fortdauernd ' mit den Empörten; und die unzähligen Verhaftungen schiene» das llebcl mehr zu erweitern, als zu heilen. - Unter diesen Umständen ernannte mich das Vollziehuugsdirck- torium am 14. Mai zum Regicrungskommissär, mit Befehl: „in ' Nidwalden durch kraftvolle Vorkehrungen den Gesetzen die gehörige s Achtung zu verschaffen, den Mnth der Patrioten zu unterstützen, i und dadurch den Uebelgcstnntcn jede Hoffnung zu benehmen, jemals s zum Zweck ihrer Anschläge zu gelangen." Dritter Abschnitt, i. Ehe ich die Erzählung von dem beginne, dessen Augenzeuge ich in einem Thcil der gebirgischen Schweiz selbst ward, sende ich ein kurzes, doch treues Gemälde des Geistes voraus, welcher die junge Republik des nmgeschaffencn Hclveticns beherrschte, nachdem sie kaum ihr erstes Jahresfest feiern konnte?) Der Leser, indem er die Stimmung aller Schweizerkantone vor dem Einmarsch des *) Dies Gemälde ist meistens wörtlich aus den Amtsgerichten der obersten KantonSbchörden an das Vollziehungsdirektorinm, am Schluffe des Jahres 1798, gehoben worden. 302 kaiserlichen Heeres in Helveticn erkennt, sicht den Nebel von den Quellen vieler Ereignisse verschwinden, welche nachmals den Blick des Beobachters verwirrten, »nd die Welt mit falsche» Urtheilcn erfüllte». Im Ganzen war die große Masse des Volks gleichgültig gegen die alte nnd gegen die neue Staatsverfassnng, weil es beider Zweck nnd Werth zu wenig kannte, nnd nur einzelne Theile derselben, auf seine cigenthümlichen Verhältnisse beziehend, würdigte. Derer? welche aus Grundsätzen, oder unedler» Rücksichten, die alte Ordnung, oder die neue, mit Geräusch verfochten, waren bei weitem der geringere Thcil der Nation. Ihre Thätigkeit setzte die trägen Massen nur von Zeit zn Zeit in Bewegung. Welche den rohe», auf das augenblickliche Bcdürfniß gewandten Neigungen, nnd den Vornrtheilcn nnd dem Lieblingswahn des großen Haufens am besten zn schmeicheln verstanden, hatten den zahl- reichern Anhang?) . Im Kanton Luzern wünschte der Landmann auf keine Weise die ehemalige Verfassung zurück. Einem guten, aber unerzogenen Kinde ähnlich, hatte er die häuslichen Tugenden seiner Vorfahren, ohne deren republikanischen Sinn und hcldcnsinnige Liebe des Vaterlandes, geerbt. Religionskultus und Eigennutz, Furcht vor Umsturz der Altäre, Abgaben an den Staat, lähmte die Theil- nahme der Menge an Begünstigung der neuen Staatseinrichtung?* **) ) Auch der Landmann des Kantons Solothurn hatte gleiche Furcht vor Auflagen. Die stattlichen Gehalte, so die höchsten Behörden der Republik sich selbst mit freigebiger Hand bestimmt hatten, schienen die Sorgen des Volks zn bestätigen. Indem also *) Nenggcr, Minister der inner» Angelegenheiten, in seinem Bericht an die Regierung, über die Lage der Republik, Monat November 1798. **) Bericht des NegimmgSstaithalters Nüttimann. Monat Oktober. 303 viele den ehemaligen Zustand hcimwünschten, forderten von der andern Seite die Gemeinden in der Nähe der vormals herrschenden Stadt strengere Gleichheit mit deren Bewohnerin Schwer hielt es, das Volk überall gehörig zn belehren. Der größte Thcil der Agenten (vom Nnterstatthalter ernannte Beamten der vollziehenden Gewalt in den einzelnen Gemeinden) arbeitete mit Schlaffheit und Unwillen, weil keine Besoldung für seine Bemühungen stattfand?) Im Kanton Linth, zn welchem das Land Glarus, und die Bezirke von NapperSwhl, Werdcnbcrg, Mels, Neu St. Johann und Schännts gezählt wurden, fehlte fast gänzlich ein der neuen Verfassung zugewandter Sinn. Die vornehmsten Ursachen davon waren (Heils Verdruß über Verlust aller Hoheiten, Gerechtsame und Landesgemeindcn, thcils Gewohnheit an vormaligen Einrichtungen, Ortsgeist, gekränkter Stolz reicher Geschlechter, Zunftgeist und Monopoliensucht der Kauf- und Handelsleute, dabei gänzlicher Mangel der Industrie und guter Erziehungsanstalten?* **) ) Den Kanton Säntis, welcher die Rhoden des Appenzell, die Landschaften von St. Gallen, Toggcuburg und Nhcinthal umfing, sah man von Parteien zerrissen, welche aus der ehemaligen Verfassung in das Gewühl der Revolution mit verdoppeltem Grimm übcrgegangen waren. Die refvrmirten Gegenden waren beinahe durchaus für die neue Konstitution, aber die katholischen zitterten noch vor den nachtheiligcn Folgen des Bürgereides auf ihre Seligkeit. Ihren Priestern getreu, und meistens so unwissend, daß von mehrern hundert Landleutcn kaum einer selbst lesen konnte, mußten ihnen die Geistlichen Vorleser und Ausleger der neuen Gesetze *) Zcltnerö, Negicrungsstatthaltcrö von Solothurn, Bericht. Monat Oktober. **) Heer, NegierungSsiatthaltcrö vom Kanton Linth, Bericht vom Oktober und Dezember. 304 werde». Wie nun diese, so mannigfach gekränkten, Diener der Kirche erklärten, glaubten die gntmüthigen Laien?) Im Waadt kan de weihcte man seinen Gehorsam alle» Verordnungen. Doch lebhafter Enthusiasmus für die Konstitution gebrach auch hier, und zwar aus Ursachen, welche denen in andern Theilen Helveticas ganz entgegengesetzt waren. Man forderte un- cntgeldliche Aufhebung aller Fcndallasten, und hatte sie von der Revolution als eine der ersten Früchte erwartet. Die Loskäuflichkeitserklärung der Lasten, welche noch vor Kurzem als Wohl- that angesehen worden wäre, galt nun einer Tirannei gleich. Dazu kam Unzufriedenheit derer, welche sich durch die Aushebung der kleinen Ortsvorrechte verwundet fühlten, oder den Werth ihrer Gemeindsbürgerschaften sinken sahen?*) Basel, die Stadt, welche nur aus Furcht in den Strom der Revolution getaucht hatte, theiltc nicht mit dem Volke ihrer Landschaft die Freude an den großen Umwandlungen. Zwar zählte sie auch in ihren Ringmauern manchen entschiedenen Republikaner, aber mehrere noch erblickten in dem Waffenglanz der neuen Koalition und der aus dem tiefsten Norden durch Europa ziehenden Russen die Morgenröihe ihrer alten Herrschaft wieder. — Unter der Mittlern und ärmern Klaffe der Handwerker aber entspann sich vorzüglich Furcht wegen gänzlicher Aufhebung der Innungen und Zünfte, und Einführung der Gewerbsfreihcit?** ***) ) Der Kanton Bern seufzte vornehmlich über Druck vom fränkischen Kriegsvolk. Die Stadt bedauerte ihre verlorene Hoheit. *) Bericht des RcgiernngSstatthalterS Bott, vom September. **) Polier, Negtcrnngsstatthaltcr vcS Kantons Leman, Berichte vom Monat Oktober und November. ***) Schmid, Regierungsstatthalters von Basel, Bericht vom Oktober und November. 308 Viele schwebten in Angst vor dem nahen Kriege; viele hingegen erwarteten von seinem Ausgang zuversichtliche Herstellung der alten Rechte des Patriziats?) Das Volk des Berner Oberlandes fing an, sich dem Neuen anzuschließen. Doch mit den Schildworten Freiheit und Gleichheit knüpften die Landleute gar fremdartige Begriffe zusammen. An manchen Orten war ihnen Freiheit die Erlaubniß aller Will- kühr, und Gleichheit die Vertheilung des Staats- und Gemeinds- Vermögens. Der Bürger, welcher nun seine Vorsteher aus eigener Mitte wählen konnte, und sie nicht mehr von Gott eingesetzt glaubte, fand, daß er über sie erhaben, und berechtigt sei, ihnen nur dann z» gehorchen, wann ihre Befehle eben mit seinen Meinungen und Bedürfnissen zusammenträfen?*) Im Aargau war des Volkes Abneigung gegen die neue Ordnung der Dinge durch die unaufhörlichen Durchmärsche, Requisitionen und harten Behandlungen vom fränkischen Kriegsvolk fast allgemein worden. Die Gemeinde Lenzburg allein hatte binnen sieben Monaten 80,000 Mann Einquartierung gehabt. Daher fanden die Volksaufwiegler Gehör und Glauben, die Worte der Regierung verschlossene Herzen. Doch mehr, als auf dem Lande, wehte noch in den Städten republikanischer Geist. Aarau, Aar burg und Brugg inzwischen übertrafen Lenzburg und Zofin- g en in Kraft und Dauer freier, nicht nach dem vergangenen Zustand zurückschmachtender Gesinnungen?** ***) ) Des Wallis fünf deutsche Bezirke, deren Volk ehemals bei *) Bericht des RegierungSstätthalterS von Bern, vom Dezember. **) Joneli'S Negierungsstatthalter vom Kanton Oberland, Bericht vom Oktober. ***) Bericht des Regierungsstatthalters Feer vom Aargau. Vom November. Llch. Ges. Schr. 34. Thl. 13* 306 demokratischer Verfassung über Unterwallis gebot, beklagten die eingebüßtc Majestät und Ungebuudcnheit. So schmerzlich ihnen die Trennung von alten Ucbungen gewesen, eben so lebhaft war nach denselben das Heimweh, stilles fürchtete man von der Fortdauer der helvetischen Republik: Zerstörung der Religion, Entführung der jungen Mannschaft zu fernen Kriegen, Verarmung durch Uebermaß der Abgaben. Nnr die Söhne reicher und gebildeter Geschlechter fanden mit Vergnügen in der stellvertretenden Regierungsart Schirm gegen der Geistlichen Gewalt und gegen die souveränen Launen des Volks?) Die Gelände von Baden und Schaffhansen theilten aller andern Kantone Besorgnisse und Hoffnungen, ohne sich durch Thä- tigkeit weder für noch wider die Sache der Staatsverwandlung zu bezeichnen. Stilles Ergeben in den Gang der Schicksale schien in diesen Gegenden aller Bürger Wahlspruch zu sein, so daß weder die Umtriebe der Priester inner den Grenzen Badens, noch die Eifersucht der Landleute gegen die Stadt Schaffhausen, auffallende Ereignisse bewirken konnten. Ein rüstigeres Volk, voller Währung und wilden Zwietracht, beherbergte der Kanton Zürich. Der Landmann, in alter Fehde mit der sonst gebietenden Stadt, wachte hier eifersüchtiger über die ncuempfangenen Rechtsame; die Stadt äußerte unverhohlener ihnen Zorn gegen die Staatsumwälzung. Beider Theile Erbitterung schlug jeden Tag tiefere Wurzeln. Wenn aber auch die Bewohner des Landes zuweilen ihre Klagen in die der Stadt gegen die Negierung mischten, so geschah es wegen Unverständlichkeit der Gesetze; oder gegen allzugroße Kriegslasten, oder gegen Sorglosig- *) Dcrivaz, RegicrungSstatthalter dcS Wallis, vom Oktober und Dezember. 1 — 307 — keit der Regierung, wenn sie „Aristokraten" oder Feinde der nun- mehrigen Staatsordnung in Acmter und Würden hob?) In de» italienischen Kantonen Lugano nnd Bellinzona dauerte noch immer, wiewohl schwächer, der in den ersten Monden der Resolution entstandene Parteizwist zwischen denen fort, welche das Land jenseits der hohen Alpenkettc an den jungen Freistaat Cisalpiuicn schließen, und denen, welche der helvetischen Republik angehören wollten. Das Volk selbst nahm an den Umtrieben der Parteiführer freilich nur geringen Antheil. Bei des Landes großer Armuth fühlte es nur den harten, ungewohnten Druck des fränkischen Militärs. — Laut erhob es seine Klagen, wozu sich, wie überall in Helvetien, die Furcht vor gewaltsamer Aushebung der jungen Mannschaft zum Kriegsdienst mischte, und der Priester schreckliche Weissagung vom nahen Untergang der Religion. So herrschte in Helvetien kein Gemeingeist, kein allgemeines Sehnen zur Rückkehr »ach dem nutergcgangenen Staatsverhältniß, aber auch keine Liebe für die neue Verfassung. Was die Völkerschaften seit einem Jahre verloren, und was sie empfangen hatten, war nicht ihres Willens gewesen. Nur in dem Einzigen stimmten alle überein, daß die Beherbergung eines fränkischen Heeres unerträglich sei, und daß die Zentralregierung, unvertraut mit dem Geist der Nation, allzuschouungslvö deren Vorurtheile nnd Meinungen verwunde. s ' ^ *) Pfenninger, NegierungSstatthalter des Kantonö Zürich, Bericht vom Oktober und November. i^ 3N8 2 , Von einem meiner ehemaligen Zöglinge, Johannes Denz von Chnr, als Sekretär begleitet, trat ich am 15. Mai ans Ufer von Stansstaad, und unter die Ruinen dieses Dorfes. Man war schon mit dem Bau des obrigkeitlichen Waarenhauses und der zwischen hier und Stans zerstreuten Heuställe ziemlich vorgerückt. Hi» und wieder sah man Leute im Schutte der Haustrümmer wühlen. Im Sommer 1796 hatte ich diese Landschaft in ihrer ganzen Lieblichkeit erblickt, jetzt in ihrer Verödung. Links und rechts Aschen- und Steinhaufen, vielleicht Gräber der Unglücklichen, welche das Opfer ihrer Unwissenheit und Schwärmerei geworden waren. Während wir mit Schmerz bei jenen traurigen Gegenständen verweilten, konnten wir doch nirgends in den Gesichtern, die uns begegneten, Spuren einer Schwermuth wahrnehmen, wie wir sie erwarteten. Auch späterhin hatte ich oft Gelegenheit, die gefühllose Gleichgültigkeit der Landlcute beim Anblick ihres Elendes zu bemerken. Aber dieser Stoizismus, weit entfernt, die Folge stolzer Seclen- grvße oder gewaltiger Leidenschaft zu sein, wie Dichter und hochherzige Flugblätter gern glauben machen wollten, schien mir selbst nicht einmal Frucht der Gewöhnung an den Bildern des Elends zu sein. Abwesenheit jenes Gefühls, welches an fremder, wie eigener Noth mit Wärme Theil nimmt; Unbehilflichkeit des Vorstellungsvermögens, welches nicht mit Gewandtheit Ursachen und Folgen, Vergangenheit und Zukunft verknüpfen, noch die Masse des Uebels in allen seinen Theilen, als erschütterndes Ganze, überschauen kann; Kleben am Bedürfniß des Augenblicks — bewirken bei ungebildeten Völkern, was wir an veredelten Menschen als erhabene Kraft bewundern. 309 So sehr können Rohheit und Armuth für die schönsten Empfindungen der Freundschaft, Liebe und Dankbarkeit den Sinn ab- stnmpfen, daß man gelassener,! Muthes den Verlust geliebter Verwandten, als den Verlust einiger Geldstücke erträgt. In mancher Hirtenfamilie wird der Tod der einzigen Milchkuh lebhafter und länger beklagt, als der Tod einer Mutter oder Hausfrau; in mancher wird der Reinlichkeit und Gesundheit des Viehes bei weitem mehr Sorgfalt, als dem Wohle der eigenen Kinder gewidmet. Bei Halbwilden steht das thierische Bedürfniß höher, als das Heiligste des Herzens; das Nützliche höher, als das Sittliche; der Gewinn des Augenblicks höher, als die Tugend. „Und wären noch zweimal mehr Mensche» drauf gegangen, wenn die Franken nur nicht Feuer angelegt hätten!" sagten mir zuweilen die Landleute in Nidwalden, wenn ich mit ihnen über die Folgen des Aufruhrs sprach. Vielleicht trugen ihre religiösen Meinungen über die Seligkeit der Verstorbenen auch zur Gleichgültigkeit gegen das Schicksal derselben bei. Inzwischen herrschte zu meiner Verwunderung unter den noch lebenden Unglücksgefährten weniger Eintracht, als ich zu finden hoffte. Statt brüderlicher Unterstützung entdeckte ich Mißgunst von Mann zu Mann, von Gemeinde zu Gemeinde. Man verkleinerte sich gegenseitig; man weigerte sich oft lieblos, die Hand zu leihen, wo sie dringend nothwendig war. Sobald ich in Stans mich mit den Obrigkeiten des Bezirks in Verbindung gesetzt hatte, war das erste Geschäft, auf die Gefangene» Rücksicht zu nehmen, welche alle Gefängnisse füllten. Es waren ihrer über dreißig Personen, von welchen der größte Theil, wegen politischer Verbrechen, an das zu Rapperswyl niedergesetzte Kriegsgericht abgeführt werden sollte. Die meisten derselben waren unbeweibte, vermögenslose Mensche», welche den Aufstand als Erwerbsmittel behandelt zu haben schienen. Ich ließ 310 die Wegführung dieser Menschen verzögern, bnrchlciS die über ihre Vergehen vom Gericht angcfertigtcn Akten, und das Vollziehungs- Direktorium verwandelte nicht nur auf meinen Vorschlag die gesetzliche Todesstrafe der Aufrührer in Kriegsdienst unter den helvetischen Hilfstruppen, sondern gestattete auch den unter ihnen befind-, liehen Hausvätern, in der Heimat zu verbleiben. Noch aber befanden sich im Lande über hundert andere Verbrecher gleicher Art, welche, bewaffnet oder unbewaffnet, mehr oder minder thätig, den geheimen Zusammenkünften der Ver- schworncn zu Buochs, Bcggenried, Emmetten, Thalwyl, in der Kuyri, zu Enuetbürgcn und z» Wolfcnschießcn auf Alzelen bcigcwohnt hatten. Die Regierung bewilligte, daß diese Strafwürdigen mit so geringen Geldbußen durch das Distriktsgericht belegt wurden, daß der am schuldigsten Befundene nicht mehr denn 30 Gulden, und die minder Strafbaren nur 6 Gulden > zu erlegen hatten. Ihrer waren 119 Personen. Indem sie durch die ausgesprochene Strafe von der Furcht wegen des noch bevorstehenden Schicksals befreit wurden, hoffte ich diese durch unerwartete Gelindigkeit zu freundlicherm Sinn zu leiten. Sie legten in meine Hand das Versprechen ab, gehorsam, friedfertig und still zu leben; und so viel ich mich erinnere, blieb jeglicher seines Gelübdes mit Dankbarkeit eingedenk, und gab mir späterhin keinen Anlaß zu Klagen. Manche derselben waren durch diese Milde so bewegt, daß sie mit Thränen im Auge vor mir uiederfielen, meine Hände küßten und ihre Neue bezeugten. Ich würde dieser Selbstdemüthignng hier nicht gedenken, die ich von keinem freien Landmanne Unterwaldens erwartet hätte, wenn solche Züge nicht wesentlich zur Bezeichnung dieses Gebirgsvolkcs dienten. Zwar wurde mir von verschiedenen Seiten solche Milde als unkluge Schwäche vorgeworfcn. Zwar drohte man, daß eben diese Leute die ersten sein würden, welche die alten, blutigen Händel erneuern, und undankbar meine Nachsicht M Quelle unsäglicher Nebel verwandeln würden. Allein ich hatte niemals Ursache, mein Verfahren zn bereue». Ich begnügte mich, nur gegen sehr Wenige Strenge zu üben; aber diese Wenigen waren solche, deren sittlicher Lebenswandel, auch ohne Rücksicht auf politische Meinung, rügenswerth war. Rohe, kraftvolle, durch harte Schicksale zn leidenschaftlicher Verwilderung hingerissene Gemüthcr können durch Druck und Verfolgung mir erbitterter und vcrzweiflnngsvoller werden; menschenfreundliche Theilnahme an ihrem Verhängnisse kann sic allein zur Versöhnung und Ruhe zurücklcitcn, wenn von der andern Seite Klugheit und Stärke gepaart, Empörungsvcrsuche im ersten Keime tilgen. Pta» muß die größte Behutsamkeit in Wahl der Strafakten sogenannter revolutionärer Verbrechen anwendcn. Der machthabende Staatsmann vergißt gar oft, daß er, durch einen leichten Fingerdruck im Mittelpunkte der Ungeheuern Staats- maschinc, Zentner emporschncllt; und daß unter dem sanften Zuge seiner Feder Geschlechter weinend an den Bettelstab stürzen. Er aber sieht nicht die Zentnerlasten, nicht die Thräncn und Bettelstäbe, und hält sich selbst für mäßig, weise und gerecht! Niemand, der seiner Meinungen willen duldet, glaubt Verbrecher zn sein. Denn so lange er für dieselben duldet, hält erste noch für Wahrheiten und jeder Aufopferung würdig. In seinen Augen ist derjenige der Verbrecher, welcher ihn leiden läßt; der Duldende ist Märtyrer. Alle Strafen der Welt können keine Ueberzeugungen ändern. Der Arm des weltlichen Richters reicht nicht hinüber in das Gebiet des Gewissens; dahin erstreckt sich nur Lehre des Bessern. Es ist also zwecklos, irgend einen Bürger wegen seiner politischen Meinungen zu strafen, oder gar (ungesetzlich) zu verfolgen. 312 — Der Verfolger ist ejz, Narr oder Bösewicht. Der° Staatsmann hat nur dafür zu sorgen, daß der Jrrthum des Bürgers die öffentliche Ordnung nicht zerstöre. Er darf nur Handlungen strafen. Aber kaum wird man behutsam genug in AuSsindung glücklicher Strafmittel für diese sein können, weil der Märtyrer sich nie so sehr wegen seiner Handlungen, als vielmehr um deren Ursachen, der Meinungen willen, gestraft glaubt, und weil jeder MeinungS- genoffe des Märtyrers sich in ihm mitgestraft sieht, ob er gleich nicht dessen Handlungen begangen hatte. Eine unvorsichtig ausgefällte Strafe erbittert daher nicht nur den Duldenden, sondern alle seine Glaubensgescllen; und stiftet des Nebels mehr, als sic vernichtet. Noch weniger darf eine Strafe mehr Personen verwunden, als Verbrecher sind. Alle Verurtheilungen in Masse sind wahrhafter Bürgerkrieg mit den Waffen der Justiz geführt, von der Vernunft mißbilligt, vielleicht aber leider in dieser Welt voller Mängel eben so unausweichlich, als jeder andere Krieg. Zuweilen ist nichts so fähig, die Schwärmerei in ihren Wirkungen zu entkräften, als Anwendung des Lächerlichen. Ich bediente mich desselben, und jedesmal mit glücklichem Erfolge, gegen die geläufigen Zungen mancher Bäuerinnen von Unterwalden, deren Einfluß auf die Staatsverhandlnngen dem Leser dieser Denkschrift nicht mehr unbekannt sein kann. Als einstmals, während die Kaiserlichen schon in Uri Fuß gefaßt hatten, und Nidwalden ohne Besatzung war, mehrere zank- lustige Weiber auf dem Platze von Stans über die nahe Ankunft der yesterreicher und Russen jubelten, und ohne Rückhalt die künftigen Gegenstände ihrer Rache bezeichnet,:», ließ ich sie vor mich bringen. „Ihr wünscht," sagte ich, „die Ankunft der russischen und kaiserlichen Soldaten. Ich bcdaure euch; sie kommen so bald nicht. Um aber eure Ungeduld zu befriedige», will ich euch von 313 Posten zu Posten bis zu ihrem Lager schicken. Ihr habt eine halbe Stunde Zeit, euch mit dem Röthigen zu versehen." Anfangs hielten sic meinen Einfall für Scherz. Als aber mehrere junge Leute von der Landwacht reisefertig und bewaffnet erschienen, sie zu begleiten und von mir scheinbar VcrhaltuiigSbcfchle erhielte», verwandelte sich der vorige Muthwillc in Bestürzung und Wehklagen. Sie schworen unter Thränen, daß sic weder Ocstcrreichcr noch Nüssen liebten. Ihr Geheul versammelte einen Haufen lachenden Volkes. Ich entließ die bekehrten Weiber endlich ihrer Angst. Verspottet kehrten sic heim, und wurden nie wieder laut. Eine Bauersfrau von Emmetcn, welche durch Lobgcdichte auf die Empörung und durch Schmählieder gegen die neue Staatsvcr- sassnng den Zorn des Untcrstatthaltcrs verdient zu haben glaubte, und aus Furcht vor dem Gefängnisse lange in den Wäldern gelebt hatte, von ihrer Familie getrennt, ließ durch ihren Gatten bei mir um Verzeihung anhaltcn. Ich nahm keinen Anstand, die unglückliche Dichterin den Ihrigen zurückzngebcn, nachdem sie in Versen die neue Ordnung gerühmt und den Aufruhr getadelt haben würde. Die dienstbare Muse gehorchte; der Hymnus erschien. Man lachte. Spott lähmte den Einfluß der Nidwaldncr Sappho; und eine von Versen unglücklich gewordene Familie wurde wieder durch die Gefälligkeit der Muse gerettet. 3. Die helvetische Regierung, welche zur Erhaltung dcrStaats- einhcit geschworen hatte, bewies durch Planlosigkeit ihres Verfahrens, daß sie weder Fähigkeit besaß, solche zu gründen, noch zu handhaben. Ohne hier die Ursachen solcher Unfähigkeit zu eirthüllen, begnüge ich mich, nur auf dasjenige hinzudcuten, was Zsch. Gcs. Schr. 34. Thl. 14 314 sie bei den so geheißenen kleinen Kantonen, zn welchen auch Unterwalden gehörte, verabsäumte, Staatseinheit zn befördern. Schon oben berührte ich (Abschnitt II. 4.) das Nachthetlige der Znsammenschmclzung der vier Kantone Zug, Schwyz, Uri und Unterwalden in einen einzigen. Hätte man diese Gegenden, deren Einwohner gleiche Schicksale, Sitten, Knltnrverhältnisse und Interessen hatten, nie als Ganzes beisammen gelassen, sondern getrennt, und mit andern Kantonen frühzeitig vermischt: sie würden minder der blutige Schauplatz aller Verheerungen geworden sein. Das Volk der Waldstätte wäre durch solche Trennung zu Aufrühren geschwächt; dem Direktorium die Wahl der Beamten erleichtert, nnd den Kantonalinagistratcn und Gerichten der Orts - und Kan- tonsgeist entzogen worden. Ein anderer Fehler der Regierung war, daß sie die höchsten Beamten der vollziehenden Gewalt in den Kantonen aus der Mitte dasiger Bürger wählte. Unzufrieden mit der neuen Verfassung, trug das Volk gegen die Vollstrecker derselben ungleich tiefer» Haß gegen Einheimische, als gegen Bürger anderer Kantone. Der Fremdling, der keine andern Pflichten, kannte, als diejenigen, so ihm das Gesetz gab, nnverflochtcn in Familien- nnd Privatverhältnisse, welche den Einheimischen umspannen, nngc- kränkt von Vornrtheilen, welche gegen Ortsbürgcr rangen, konnte freier handeln, leichter Gehorsam »nd Achtung finden, und mit geringer»» Aufwande von Kraft und Mühe nützlicher werden. Von Matt hatte, als Unterwaldner, mit der Ernennung znm Statthalter zugleich eine bedeutende Gegenpartei von verschiedene» Familien empfangen, welche ihm überall entgegenarbeitetcn, und »hm, seines besten Willens ungeachtet, alle Uebcl, welche das Land drückten, in Rechnung zn bringen suchten. — Ignaz Trntt- mann, welcher ihm in dieser Würde folgte, hatte als ehemaliger Unterthan des Standes Schwyz den Groll derjenigen Wider sich, 315 die er, als seine ehemaligen Obern, jetzt regieren sollte. — Wie in den Waldstätten, war dies fast in allen Kantonen der Fall. Von gleicher Zweckwidrigkeit waren auch die, wegen revolutionärer Vergehungen, angewandten Strafmittel. Immer zwar wird es den helvetischen Zentralregierungcn ehrenvoll bleiben, daß ste ihr Vaterland nicht mit jenen Abscheulichkeiten befleckten, welche Frankreich geschändet haben. Selbst die mit dem Tode drohenden Gesetze wurden nie vollstreckt. Dem ungeachtet kann man andere Arten der Bestrafung, welche die Stelle von jenen ersetzten, nicht loben. Dahin gehörten die sogenannten Deportationen, und die Verbannungen in den heimischen Distrikt. Die Deportation entfernte den Sünder von seiner Heimat, in welcher er durch sein Betragen gefährlich zu werden drohte; die Einbannung schloß ihn in deren engen Bezirk, wie in ein geräumigeres Gefängniß. Diese beiden Nebel, in ihrer Art ganz entgegengesetzt, hatten dennoch einerlei üble Wirkungen. Beim Antritte meiner Sendung schollen mir die bittersten Klagen unzähliger Familien entgegen, deren Väter, Brüder u. s. w., als Geisel für die innere Ruhe des Landes, hinweggeführt waren. Nach genauer Untersuchung ergab sich, daß die Regierung schon vor meiner Ankunft Männer in diese Gegenden gesandt hatte, welche im Eifer, ohne allzuängstlichc Wahl, alles deportirt hatten, was ihnen gefährlich geschienen haben mochte. Der Gebirgsbewohner scheut die Deportation wie den Tod selbst. Sie setzt ihn in eine fremde Welt. Erinnerung seiner leidenden Familie begleitet ihn. Seine häuslichen Umstände gehen zu Grunde. Ich selbst bin Augenzeuge von dem Elende und der zerrütteten Wirthschaft mehrerer Familien gewesen, deren Häupter entführt waren. Der Staat schlug mit dieser Strafe nicht den Strafbaren allein, sondern weit mehr noch viele Unschuldige, und sich selbst, 3lki indem er die Armuth seiner Bürger vergrößerte, und ganze Familien, die vorher nnpartcisam waren, gegen sich auswiegcltc. Ich machte der Negierung den Vorschlag, die in Basel verhafteten Geisel», gegen Bürgschaft für ruhiges Betragen, nach Nidwalden zurückkchrcn zu lassen. Gefährlich für die öffentliche Ordnung hätte Plötzliche, gleichzeitige LoSlassung aller werden können. Ich verwandte mich daher nur von Zeit zu Zeit bittend für einzelne. Die Negierung entsprach gern, und in kurzer Zeit befanden sich die Geiseln von Basel wieder in den Armen der Ihrigen. Da die meisten derselben mehr Verdachtes, als wirklicher Vergehungen willen, fortgcführt worden waren, theilte ich um so ruhiger mit ihren Familien die Freude ihrer Heimkunft; und die Thränen, welche hier meine Hand trocknete, wurden mir Entschädigung für tausend andere Unruhen. Durch Liebe »nd Dankbarkeit der Erlöscten hoffte ich den Frieden des unglückliche» Nidwaldens sicherer zu stellen, denn durch Schreckmittel, und ich betrog mich nicht*). Mitten unter den traurige» Erinnerungen, welche mich aus jenen Tagen umschweben, labt mich noch der Rückblick ans jene Wehmuth und zärtliche Freude, da Gattinnen, Mütter, Brüder, Kinder die Heimkehrcndcn nach langer Trennung wieder an die Brust drückten. Und du, edler Businger, menschenfreundlicher Pfarrer von Stans, der du so oft für die unglücklichen Deportirten bei mir sprachst, nimm von mir öffentlich den Dank für deine Tugend! Verkannt und »»belohnt von deinen Mitbürgern in der Heimat, genüge dir das Bewußtsein deiner Bemühungen um ihr Wohl. Hätte die Tugend keinen andern Genuß zu gewähren, als den, *) Die sämmtlichen vor meiner Geschäftsführung nach Basel Deportirten waren bis zum August, also acht bis zehn Wochen nach meiner Ankunft in Stans, wieder befreit. 317 welchen Erkenntlichkeit der Sterblichen bereiten sollte, o so würde sie keine Bekenner mehr nnterm Himmel zählen. Mitten in Beschäftigungen nm Nidwaldens Beruhigung, ereignete sich ein Vorfall, welcher die traurigsten Folgen hätte wirken können. In den Kerkern der Festung Aarbnrg schmachteten zweihundert und fnnfnndfnnfzig Gefangene aus den kleinen Kantonen. Die mchrsten waren als Empörer auf der Thal ertappt, andere wegen mordbrennerischer Anschläge, andere, weil sie obrigkeitlichen Personen nach dem Leben getrachtet, andere nur allgemeinen Verdachts willen, gefänglich cingezogen, und meistens den Kriegsgerichten zur Benrtheilung bestimmt. Alle diese Leute, meistens ohne Grundsätze, ohne Sitte, ohne Eigcnthum, überschwemmte» plötzlich den Kanton Waldstätten, ohne daß irgend eine Behörde von ihrer Befreiung benachrichtigt war. Durch die Kerker von Aarbnrg gewiß nicht ansgesöhnt, erbitterter denn vorher, traten sic ins Land. Einen Theil der kleinen Kantone hatten die damals siegenden Waffen der Kaiserlichen besetzt; die Negierung hatte Luzern verlassen und Bern zum Wohnsitz gewählt; der Rcgierungsstatthalter Von Matt und einige andere Beamte waren ihr nachgcflüchtet. Sowohl die Loslassnng der Gefangenen zu einer solchen Zeit ncenz Nütti m ann von Luzern Nachricht über die Lage von Uri, und die Abschrift eines Briefes von Leconrbe ans Aktors an General Voivin, welcher den Grund aller jener Gerüchte enthüllte. „Vorgestern, Bürger General," so schrieb Leconrbe am 12. Prai- rial, „gab'S in der Kolonne, die ich zu Urseren hatte, eine kleine Unordnung. Sie warf sich bis ans Altorf zurück. Die Lärmer flüchteten, und verbreiteten falsche Gerüchte. „Geben Sie, ich bitte Sie, den Einwohnern von Luzern wieder Zuverficht über meine Stellung. Jener fatale Streich kam nur 3L5 daher, daß ich ins Muottathal gegangen war, wo ich de» Feind zurückgcstoßen, ihm zwei Kanonen und zwei - bis dreihundert Man» genommen habe. Meine Gegenwart hat die Gcmuthcr wieder beruhigt. In diesem Augenblick sind die Ocstcrreicher in vollem Rückzug. Sie haben selbst die Brücke bei Wasen abgcworfcn, was mich noch daran hindert, sic zu erreichen. Sie haben sich auch aus allen Pässen des Schächenthalü und Maderaucrthals zurückgezogen." Ich las diesen Brief auf öffentlichem Platze vor; drang auf schleunige Wicdcrbesetzung der verlassenen Posten; ließ Wein und Lebensmittel unter die ermüdeten Truppen austheilen, streckte ihnen, um den Muth zu beleben, Geld auf Rechnung ihres Soldes vor, de» sie schon seit Monaten nicht empfange» hatten, und brachte es endlich dahin, daß sic noch in derselben Nacht wieder an die Grenzen eilten. Das Vollziehungsdirektorium crtheilte mir Vollmacht, in den Gebirgen, welche Waldstättcn mit dem Berner Oberland und besonders mit dem Haslithale verbinden, alle Vorkehrungen zur Ver- theidigung dieser Gegenden wider de» Einbruch des Feindes zu treffen. Allein bald übernahmen die Franken selbst dies Geschäft, als sie, von der Uebermacht ihrer Gegner und vom Mangel an Lebensmitteln gedrängt, Nri verlassen und sich in die Unterwald- ner Gebirge, unter Anführung des Generals Loison, zurückziehc» mußten. Das letzte Treffen, welches er und Lecourbe den Kaiserlichen geliefert hatten, war eins der gräßlichsten. Zwei von Hunger entkräftete Heerhaufen schlugen sich in den Klüften des Gotthard, dessen öde Felsen, von Blut und Leichnamen bedeckt, das scheußlichste Bild darstcllten. Von Klippe zu Klippe ward mit Verzweiflung gefochten; zuletzt fast ohne Schuß, nur mit dem Bajonett, Mann gegen Mann, gearbeitet. Unzählige Ermordete stürzten in 326 die Tiefe der schäumenden Neuß hinab. Die Franken machte» in den Gebirgsspalten des Gvtthard diese» Tag 1800 Gefangene, und überließen als Sieger, unverfolgt vom Feinde, ihm das traurige Schlachtfeld. Loison kam mit erschöpften Truppen am 8. Juni in Stans . an. Die Leiden dieses unglücklichen, meiner Sorgfalt anvertrauten Landes schienen noch immer nicht ihre ganze Höhe erreicht zu haben. 5. Eine der ersten unangenehmen Folgen vom Rückzug der Franken nach Unterwalden war, beim Mangel anderer Wohnungen zur Einrichtung des verlangten Militärspitals, die Einräumung eines beträchtlichen Theils derjenige» Nebengebäude des Stanser Frauenklosters, worin der edle Pestalozzi mit den Waisenkindern lebte. Hätte ich auch, zur Schonung des Waisenhauses, die von dem Brande übriggebliebencn Bürgerhäuser des Fleckens, worin mehrere Familien gedrängt beisammen wohnten, zur Aufnahme der kranken und verwundeten Soldaten vernrtheilen wollen: würde dennoch der Gencralstab in meinen Vorschlag nie gewilligt haben. Pestalozzi fühlte die Nothwendigkeit, und gehorchte, wenn gleich nicht ohne Schmerz, ihrem Gebot. Dazu kam, daß die Franken selbst, von einer Stunde zur andern, den erneuten Angriff der Ocsterreicher erwarteten, und mir nichts weniger, als Sicherheit ihres Bleibens verbürgen wollten und konnten. Es wurden demnach alle diejenige» Waisenkinder mit einem Geschenk entlassen, welche von ihren Aeltern und Verwandten selbst abge- sordert wurden, und, nach dem Zcugniß rechtschaffener Männer, von ihnen wohl unterhalten werden konnten. Von achtzig Waisen blieben noch ungefähr zwanzig in der Anstalt zurück. Pestalozzi ließ die dem Hause zugehörigen Vorräthe, bis auf ruhigere Zeiten, 327 nach Luzern bringen, um die Früchte öffentlicher Wohlthätigkeit nicht der Raubgier der Soldaten preiszngeben, welche das Land überschwemmten. Er selbst aber wollte unter den Umständen nicht länger in Stanz bleiben. Er verließ diesen Ort, und legte bald darauf die Erziehungsanstalt zu Bnrgdorf an, deren Ruhm sich schnell durch Europa verbreitete*). Dieser merkwürdige Mann lebte bei meiner Ankunft in Unterwalden verkannt und verachtet von allen, nur geliebt von seinen Zöglingen. Die Einwohner von Stans verstanden seine Sprache, seine Wünsche nicht, begriffen seine Ungeheuern Aufopferungen nicht, und beurtheilten ihn bald wie einen Halbnärrischcn, bald wie einen gemeinen Schulmeister, der durch mürrisches Betragen den Umgang der Vornehmern und Gebildeter» verscherzte, dessen sic sich ohnedem schämten. Manche erstaunten über die Achtung, welche ich ihm bewies; manche spottlächeltcn verstohlen, wenn ich ihn mit Bewunderung ehrte. Unfähig, die Größe seiner Tugend und die Kraft seines Genies zu umfassen, würdigten sie ihn nur nach seinem vernachlässigten Aeußern. Doch nicht die Stanser allein, auch wohl in andern, in gröfern Schweizcrortcn ließen Männer, die sich durch Gelahrtheit oder Stand bedeutsam dünktcn, dem armen Pestalozzi, dessen Name unter den Wohlthätcrn des menschlichen Geschlechts unauslöschlich glänzt, damals nur schlechte Gerechtigkeit in Würdigung seines Wertstes widerfahren. *) Mit vieler Geflissenheit suchte man damals in öffentlichen Blättern jenes Ereigniß zum Nachtheil Pcstalozzi'S oder meiner, oder der Negierung, zn entstellen, indem man das Stanser Waisenhaus aufgehoben erklärte. Selbst in einem Bericht von Nenggcr, Minister des Innern, wurde durch Jrrthum dies Gerücht bestätigt, während doch der Minister die bestimmtesten Nachrichten von der Fortdauer jener Anstalt hatte. 328 — Nie habe ich eine» Menschen gesehen, der so außerordentliche Geistesstärke mit stiller Einfalt eines kindlichen Gemüths gepaart hätte, wie er. Verkannt und zertreten immerdar, und von häuslichen Uuglücksfälleu gebeugt, schic» sein Herz durch jede neue Wunde nur liebender und zartfühlender gegen die Menschheit zu werden. Mißtrauisch auf die Tücke, die ihn so oft betrogen, schmiegte er sich doch mit unbegreiflicher, leichtgläubiger Gutmüthigkctt au jeden, der ihm zulächelte. Niemand kannte das menschliche Herz und zeichnete dessen Schwächen und Stärken so genau, und war zugleich so wenig Menschenkenner in besonder» Verhältnissen, wie Pestalozzi. Indem er scharfen Blicks sich selbst durchforschte, erkannte er das Gemüth der Menschheit bis zu dessen leisesten Bewegungen ; indem er mit lebhafter Phantasie und hoher Gutmüthig- setne innere Welt auf die äußere übertrug, ward er beständig irre an ihr. Diese seine Achulichkcit mit Jean Jacques Rousseau, und sein Stolz gegen den Stolz der Neichen oder Gelahrten, erwarben ihm mit dem Genfer Weisen gleiches LooS. Eigentlich war das Waisenhaus pon Stans für Pestalozzi nur eine seiner ersten Werkstätten für den*erstcn Jugendnnterricht. Mit der Erhabenheit seines Zwecks wetteiferte nnr sein Muth. Ich sah ihn im Getümmel unzähliger Kinder allein stehen, sie alle unterrichten, indem er sie anleitete, sich selbst unterweisen und durch Ucbung ihrer kleinen Kräfte in einem gegebenen Verhältnisse dieselben vervollkommnen: zu können. Das angenehme Gefühl, welches die stufenweise Entfaltung der Gcistesgaben begleitet, erweckte in allen Kindern unglaubliche Lcrubegier und Freudigkeit. Auf nachmittäglichen Spaziergängen unterhielten wir uns gewöhnlich über diesen großen Gegenstand. Pestalozzi sprach oft mit Begeisterung, nie ohne mich besser und belehrter von sich zu entlassen. Demuugeachtct schien er über das Wesen dessen, was er in Verbesserung des Volksunterrichts wollte, damals durchaus 329 noch im Dunkeln zu sein, weil er mir nie darüber Helle Begriffe zu geben im Stande war. Auch hat ihn der Vollziehungsrath Glahre wohl eben so wenig verstanden, wenn er ihm antwortete: »Vous voulor «loov möeanisor l'eäuoation!«, als Pestalozzi Glahrens Meinung ganz faßte, indem er diesen Worten Beifall gab, welchen er aber seine Begriffe unterlegt hatte. Mit Pcstalozzi's Verschwinden aus Stans verlor sich zwar sein Geist vom Unterricht der dortigen Waisenkinder; sie wurden aber dennoch mit Sorgfalt unterwiesen, und zu einer bisher mangelnden Ordnung und Reinlichkeit angehalten. Ein Mitglied der Munizipalität, Von Matt, übernahm mit rühmcnswerthem Eifer die unmittelbare Aufsicht über das Waisenhaus, unterstützt von dem menschenfreundlichen Pfarrer Businger. 6 . Ein Land, ohne Gewerbsfleiß und Handel, erschöpft durch Krieg, verarmt durch Aufruhr, Brand, Plünderung, Auswanderungen, Deportationen u. s. w., darauf durch Besatzungen lange Zeit gedrückt, ohne öffentlichen Kredit, ohne andere Einnahmen, als die Almosen fremden Mitleides, mußte endlich der Verzweiflung nahe kommen, da seine Thäler abermals von Truppen überschwemmt wurden, deren Jndisciplin und Gewaltthätigkeit bekannt waren. Dies war der Fall in Nidwalden bei der Ankunft des Generals Loison. Die Schiffleute von Stansstaad, Hergiswhl, Buochs und Beggen- ried, meistens arme, nur vom täglichen Erwerb lebende Menschen, waren seit dreiviertel Jahren unbezahlt, ihrer meisten Fahrzeuge durch Requisitionen beraubt, und auf den wenigen, ihnen gebliebenen gezwungen, dem fränkischen Militär Tag und Nacht zu dienen. — Die vom Brande verschonten, und den Stellungen des Zsch. Ges. Schr. 34. Thl. 14* Heers am bequemsten gelegenen Dorfschasten hatten die ganze ungeheure Last der Beherbergung des Kri'egsvolks allein zu tragen, weil in zerstreuten Höfen keine Mannschaften verlegt wurden. Stündlich von diesen Bildern des Jammers umgeben, bestürmte ich das Vollziehungsdirektorium wiederholt mit den dringendsten Bitten um Hilfe. Aber bei der Ohnmacht desselben zu jener Zeit, da eine Hälfte der Schweiz von Feinden erobert, die andere Hälfte von fränkischen, an Allem Mangel leidenden Armeen überschwemmt war, blieben meine Vorstellungen meistens fruchtlos. Während unzählige Familien um Nahrung jammerten, herrschte Ueberflüß an der Tafel des Generals und seiner Offiziere. Die Munizipalitäten mußten seiner Küche Weine, Speisen und Gewürze von Luzern herbeischaffen. Seine Unzufriedenheit mit dem Gast- mähl hatte gewöhnlich Gefühllosigkeit bei einlaufenden Klagen der Landleute, Straflosigkeit ausschweifender Soldaten und Angestellten zur Folge. Um das größere Uebel zu verhindern, sahen sich die Vorsteher der Gemeinden gezwungen, keinen Aufwand für das Hauptquartier zu achten, mitten im schreiendsten Mangel der Ihrigen. Mehr oder minder ist diese Leckerhaftigkeit den Feldherren aller Armeen eigen, wodurch sie sich die Mühseligkeiten des Kriegs versüßen zu wollen scheinen. Der Krieg, am Ende auch der heiligste, führt zur Entheiligung der Menschenwürde, zur Verthierung unsers Geschlechts. Der Abgeordnete einer kraftlosen Negierung, welcher damals das Unglück hatte, fränkischen Generalen beigegeben zu werden, glich einem Gesandten am Hofe eines despotische» Tartarfürsten. Er mußte die Laune desselben studiren, und sich derselben zu be- meistern suchen, um Gutes stiften, oder Böses verhindern zu können. Er mußte sich persönliche Achtung und Freundschaft gewinnen, weil die Regierung, deren Stellvertreter er war, von den meisten srxmden Befehlshabern nur mit Verächtlichkeit betrachtet wurdp, 33l Man kann denken, wie bitter jedem Manne von Ehre und Selbstständigkeit solche Nolle werden mußte; und ich bekenne es, von allem, was ich jemals für meine Mitbürger gcthan, ist diese Arbeit, in welcher ich mich unaufhörlich in Geduld, Selbstüberwindung und Verstellung-üben mußte, die schwerste gewesen. Oft geriethcn wir in lebhafte Wortwechsel; oft stießen wir die fürchterlichste» Drohungen wider einander aus. „Sie sind allein schuldig", sagte ich einst zum General, „wenn dies unglückliche Volk zur Verzweiflung getrieben wird, und Aufstand macht. Hüten Sie sich vor den Folgen. Ich habe Sie gewarnt." „Hüten?" schrie er gleich einem Besessenen: „Bei der leiseste» Bewegung, die man wage» wird, laß ich Alles uiedermachc», und eure Nester abbrennen bis zu den Spitzen der Berge." „Dann bin ich der Erste, General, der das Land wider Sie führt. Und ich schwöre es, kein Franzose soll lebendig aus Unterwalden komme»! Ihre Drohungen erschrecken nicht mehr, wenn es das Aeußerste gilt. Aber dann verantworten Sie sich vor Ihrer Negierung." Der General verstummte düster und verließ mich. So that er gewöhnlich. Er schien seinen Jähzorn zu kennen, und fürchtete Uebercilnngcn. Wir zürnten dann gewöhnlich einen halben Tag gegen einander, bis uns der vom General und mir gleich sehr geschätzte Pfarrer Businger wieder aussöhnte. Loison, welcher sich im GebirgSkrieg einen Namen durch Tapferkeit gemacht hat, ist ein Mann von Kenntnissen und vielen liebenswürdigen Eigenschaften. Wir gewannen uns nach mancher Fehde gegenseitige Achtung ab. Unsere Freundschaft ward nach einigen Monaten inniger, und selbst nach unserer Trennung durch Briefwechsel und persönliche Besuche unterhalten. Ich will nur einen Zug mittheileu, der die damalige Stellung französischer und schweizerischer Behörden schildert. 33S Ein Bauer von Kerns in Obwalden, Namens Andreas Windly, der seines Wegs ruhig ging, ward gewaltthätigerweise von einem französischen Korporal bei Ennetmoos gezwungen, ihm zum Wegweiser nach Sarnen zu dienen. Drei andere Bauern, worunter ein Maria Odermatt, liefen jenem nach, um ihn von dem Korporal, der betrunken zu sein schien, zu erlösen. Odcrmatt entwaffnet«: den Soldaten; Windly warf ihn zu Boden; jener stieß ihm den Säbel durch den Leib; dieser zerschlug den Kopf des Sterbenden mit einem Knittel. Sie begruben den Leichnam heimlich, nnd beraubten ihn seiner Baarschaft?) Odermatt entkam durch Flucht; Windly wurde auf Befehl des Generals, der den Vorfall früh erfuhr, in seinem Hause des Nachts gefangen. Loison hatte zugleich Nachricht, daß der Unterstatthalter Kayser von diesem Ereigniß wußte, ohne Anstalten zur Verhaftung der Mörder gemacht zu haben. Er beklagte fleh bei mir gegen die Beamten des Bezirks, erzählte mir den Meuchelmord und zeigte mir an, daß er die Beamten in der bevorstehenden Nacht gefänglich einziehcn lassen werde, weil sie solche Thaten begünstigen zu wollen schienen. Seine und seines Heeres Sicherheit fordere diese Maßregel, setzte er hinzu, und erinnerte mich an hin und wieder gehaltene heimliche Zusammenkünfte der Bauern, welche mir vcrrathen worden waren, und worin sie, bei der geringen Truppenzahl in Stans, gedroht hatten, den General, den Statthalter, den Pfarrer und mich zu ermorden. Indem ich durch die schleunigste Verhaftung einiger Mitschnl- *) Nach diesem warfen sich die Mörder (so lautet in den Prozeßakten ihre Aussage) ans ihre Knie nieder, und beteten für die abgeleibte Seele ihres Erschlagenen fünf Vater Unser nnd eben so viele Ave Maria, und gingen dann, auö dem geraubten Geld einige Messen lesen zu lassen. digen an jener Mordthat Beweise schneller Gerechtigkeitspstege gab, nnd den General von der Nothwendigkeit überzeugte, öffentliche Beamten gehörigen Ortes zu belangen, erhielt ich die Sachen im Gange des Rechtens. Der Unterstatthaltcr Kahser empfing um dieselbe Zeit seine mehrmals verlangte Entlassung; an seine Stelle wurde Wammisch er, ein biederer, geachteter Mann, ernannt. Diese Veränderung trug ebenfalls bei, den General auSzusöhnen. Er wollte aber den gefangenen Windlh, als Mörder eines fränkischen Soldaten und Theilnehmer an einem Zusammenlauf, dem fränkischen Kriegsgericht übergeben. Windly war unstreitig der Minderschuldige; viele Umstände sprachen für ihn. Beim Kriegsgericht erwartete ihn das unfehlbare Todesnrtheil. Zch versuchte ihn zu retten, nnd rcklamirtc ihn als Schweizer für das vaterländische Tribunal. Mein Entschluß war genommen, für das Recht unsers Volks das Aenßerste zu wagen, und im Fall einer gewaltthätigen Wegführung des Miffethäters mich den Bajonetten der Franzosen entgegenznstellen. Loison ricth, zur Becndigniig nnsers Zwistes den Ausspruch des Obcrgcnerals Massen« nnd des helvetischen Vollziehungs-Direktoriums zu verlangen. Beide sandten wir Eilboten ab. Noch ehe Antworten znrückkamcn, trat ich eines Morgens vor das Bett des Generals, mit dem Vorgeben, Befehl zur augenblicklichen Hinwcgführnng des Beklagten vor das Kantonsgericht Luzern empfangen zu haben. Zch forderte Mannschaft zur Begleitung desselben. Der General glaubte mir, stellte mürrisch die nöthigcn Befehle aus, nnd so rettete ich durch List, was durch Gewalt nicht erreicht werden konnte. Massen« hat wirklich, wie ich nachher erfuhr, den Verbrecher vor das Kriegsgericht verlangt, gab aber nach, da dessen Prozeß vor dem Kantonsgcricht schon zu weit gediehen war, wo die Theilnahmc am Morde mit mehrjähriger Kettenstrafe belegt wurde. 334 7 . Je mehr es mir gelang, die Freundschaft des Generals zu gewinnen, je thätigcr wurde er selbst, bessere Kriegszucht zu handhaben und die Beschwerden des Landes zu mildern. Dies reichte hi», zwischen Bauern und Soldaten baldige Eintracht zu bewirken, Diebstähle aller Art zu mindern und Willkürlichkeiten der Untcrbefehlshabcr Schranken zu setzen. Am 19. Juli 1799 griff der in Nri kommandirende kaiserliche Generalmajor Graf von Bcy die fränkischen Posten in den Gebirgen bei Jsithal und Banen an. Er hatte zu dem Ende schon einige Tage vorher eine Kolonne abgeordnet, de» Posten von Jsithal zu umgehen. Seine Absicht war, diesen aufzuhcbe», sich der Batterien ans der Treib, welche den Eingang zum Urnersee beherrschten, zu bemächtigen, über die Gebirge gegen Nieder- Rickcnbach vorzudringen und die Höhen des Thals von Stans zu gewinnen. Das Treffen war hartnäckig, und dauerte, ungeachtet des Regens und Gewitters, vom Morgen bis gegen Abend, wo die Kaiserlichen in voller Unordnung die Flucht ergriffen. Die Franzosen machten an diesem Tage ungefähr 800 Mann Gefangene, worunter sich mehrere Offiziere und der bcfchlshabende General Bcy selbst befanden. In Abwesenheit Loisons empfing ich den unglücklichen Feldherr» des Kaisers, der, von einem Fall geschädigt, und vom kalten Regen halberstarrt, sein Schicksal mit großer Niedergeschlagenheit trug. Wir suchten ihm alle Bequemlichkeit zu verschaffen und ihn mit seinem Loose anszusöhnen. Dies Ereigniß war für die innere Ruhe des Landes ungemein wohlthätig. Ich hatte dabei Gelegenheit zu bemerken, daß bei weitem der größere Theil der Landleute nicht mehr mit jener un- 335 gestümen Sehnsucht die Ankunft der Oesterreicher wünschten, wie vormals. Nicht nur blieben, während des Treffens, alle Einwohner in stiller Ordnung, sondern die von Seelisberg und Em- metten zeichneten sich sogar durch Dienstfcrtigkcit in Unterstützung der fränkischen Truppen wider meine Erwartung sehr aus. Der Divisionsgeneral Leconrbc, welcher den rechten Flügel der fränkischen Armee in der Schweiz befehligte, brach endlich die lange Waffenruhe in diesen Gegenden ab. Indem er am 17. August Uri selbst angriff und das Land von Schwyz, mußten die Generale Loison und Güdin sich im Berner Haslithale zu Meiringen vereinigen, jener über das Gadmenthal, durch Maienthal, Wasen anfallen, und dieser über die Gr im sei und Fnrka in Urseren eindringen. Der glänzende Erfolg dieser kühnen Unternehmung, welche das Vorspiel der Schlacht von Zürich ward, ist bekannt. Ich begleitete den General Loison durch die Thäler von Ob- - walden, über den Brünig bis in das rauhe, entlegene Gadmen- thal, um den Transport der nothwendigsten Lebensmittel und der Munition und des schweren Geschützes zu beschleunigen und zu erleichtern von Dorf zu Dorf. Denn alles, was durch dieses Berglabyrinth geführt werden mußte, konnte nicht durch Rosse, sondern nur auf den Achseln starker und gewandter Männer über Felsenhänge und Abgründe getragen werden. Das Volk schien mit Freudigkeit sich diesem mühsamen Dienste hinzugeben. Es war ein frohes Gedränge; die letzte Anstrengung, wie Jeder hoffte, am Ziele unzähliger Leiden. Jenseits des Kirchethügels, am Dörflern JmGrund, schied von uns der General Güdin, ein sanfter, gefälliger Mann. Seine Brigaden zogen die Bergstraße an der Grimsel, auf deren unwirthbaren Höhen, hinter Wällen von Felstrümmern, der Feind ihn erwartete. Man muß mit eigenen Augen jenes grausenyolltz 336 Chaos von steilen, schlüpfrige» Klippen gesehen habe», und die Ermattung kennen, welche das Besteigen der Gebirge in heißen Tagen gibt, wo Genuß bittcrn Schneewassers den Durst mehr reizt, denn stillt; man muß den Kranz von schroffen Felsen kennen, welchen droben die Kaiserlichen überall vortheilhaft besetzt hielten, um das Ungeheure des Wagstücks würdigen zu können, welches hier die fränkischen Truppen bestanden. Sie siegten, und fegten im Sturmmarsch das Gcbirg am folgenden Tage. Mitten in der Wildniß des Nesselthals überfiel uns des Abends Dunkelheit und fürchterliches Gewitter. Die Wege waren zerstört vom Regen, und nur am Leuchten der Blitze sichtbar. Spät und durchnäßt erreichten wir die Hütten des Gadmcnthals. Doch der andere Morgen enthüllte nur noch größere Gefahren zur Fortsetzung des Heerznges. Der Weg desselben, welcher aus dem Felsenkesscl des wilden Gadmen zur Höhe des Maienthals leitet, war nur ein schmaler Hirtenpfad, jäh, und neben einem Abgrund, aus dessen Tiefe hervor ein wüthender Bergstrom brüllt. Hätten die Kaiserlichen an die Möglichkeit eines Ueberfalls geglaubt, eine Handvoll der Ihrigen würde vielen Tausenden den Paß versperrt haben. Ein Mann nach dem andern klimmte bergauf; Kanonen wurden mit Seilen über die Klippen gezogen, oder auf der Schulter eines Mannes über die gefährlichsten Stellen gehoben. Die wenigen Rosse, welche beim Zuge waren, wurden aller Bürde entladen, und sich selbst überlassen, ohne Leitung, aufwärts getrieben. Einige derselben verloren dennoch das Gleichgewicht und stürzten zerschmettert in die Tiefe. Das Gewühl dieser kletternden Armee, welche droben vernichtet werden oder siegen mußte, weil der Rückzug unmöglich war, dauerte in voller Unordnung den ganzen Tag. Von Menschen verunglückte indessen keiner, als ein Landmann aus dem Gadmenthale, dessen Hand vom Fall einer Kanone zerschmettert wurde. General Loison, als er davon erfuhr, wollte dem Un- 337 glücklichen eine Pension aus Frankreich erwirken, und wandte sich dessalls nnanfgcfordert an mich. Der Name dieses Mannes ist mir aber nie bekannt worden. *) Sobald ich nach Stans zurückgckommen war, ward meine erste Sorge, die allgemeine frohe. Stimmung des Volkes zu benutzen, und zur Handhabung fester Ordnung und Sicherheit gegen die Umtriebe einzelner Friedensstörer in allen Gemeinden Land- wachten (Milizen) zu errichten. Willig ward mir Hand geboten. Der traurige Anblick, welchen die durch Unterwalden geführten kaiserlichen Kriegsgefangenen gewährt hatten, meistens Hungarn, zerlumpt, unreinlich und kriechend bettelhaft, hatte dem größten Theil. des Volks noch mehr, als das fortdauernde Glück der srän/ kischen Waffen, die Lust zur Beherbergung österreichischer Truppen genommen. Man sehnte sich nach Sicherheit und Ordnung und gesetzlichem Zustand heim, und schmeichelte sich, fremder Besatzung entbehren zu können, wenn man sich selbst z» bewachen fähig wäre. Alle Bürger wurden zur Miliz oder Landwacht eingeschrieben, eingetheilt und aus dem Arsenal von Luzern bewaffnet. Jede Gemeinde unterhielt täglich eine Wacht von vier Mann, bereit, auf jeden Augenblick dahin zu marschiren, wohin sie befehligt ward, und wurde zu gleicher Zeit von einer andern Wacht ergänzt. Durch sie wurden schnell die amtlichen Berichte und Befehle nach allen Gegenden hin befördert; und Deserteurs, Verdächtige, Landstreicher u. s. w. von Posten zu Posten eskortirt. So standen alle Tage allein in Nidwalden fünfzig Mann unter Waffen, welche binnen wenigen Stunden auf einen beliebigen Punkt zusammengezogen *) I« einem Schreiben, datirt von Altorf in Uri, 16. Oktober 17SS, an den B. Jsneli, damaligen Regicrnngöstatthalter des KantonS Oberland, lud ich denselben ein, den Namen des Verstümmelten zu erforschen, empfing aber keine Antwort. Zsch. Ges. Schr. 31. Thl. 15 338 werden konnten, wo es die Umstände erheischten. Das Direktorium genehmigte meinen Entwurf. Im Zeitraum weniger Tage ward er vollzogen, und von mir ein gedienter Offizier von Stans, B. Maurus Lussi, zum Obcrkommandant des Distrikts ernannt. Dieselbe Einrichtung ward auch in Obwalden und im Bezirk von Arth eingeführt. Als späterhin (Ende Herbstmonds 1799) Snwarows Macht Uri für kurze Zeit überschwemmte, und Loison mit seinen Brigaden in die Gebirge von Unterwalden zurückgedrängt ward, bezogen die Landwachtcn vereint mit den fränkischen Soldaten ihre Posten, und verhüteten dadurch besonders die gewöhnlichen Ausschweifungen und Diebstähle des Militärs. Der fränkische Feldherr ward durch diese Ordnung und den Beistand, welchen ihm Unterwalden leistete, so gerührt, daß er das Land nicht eher verließ, bis er in einer allgemeinen Versammlung der gesammten Munizipalitäten seinen feierlichen Dank bezeugt hatte. So war der Geist des Volks seit einem Jahre verändert, daß eben dieselben Menschen, welche noch vor zwölf Monaten gegen die Franken mit unerhörter Wuth gekochten, und durch schwärmerischen Widerstand die Verwüstung ihres Landes veranlaßt hatten, während sie weit umher keine Hilfe sahen, — jetzt an der Seite der Franken ohne Zwang dienten, inzwischen die Russen siegend an ihren Grenzen standen, täglichen Einfall drohten, alle Deportirte wieder in ihrer Heimat, und alle Gefangene wieder befreit nmherwandelten. Um eben diese Zeit schrieb ich dem Vollziehungsdircktorium (25. September) über den Zustand dieser Gegenden, welche ich damals für halb gerettet ansehen konnte: „Nicht ohne ein lebhaftes, freudiges Gefühl kann ich meiner Regierung die Versicherung ertheilen, daß gegenwärtig im Distrikt Stans die strengste Ord- 339 nung »nd eine heitere Ruhe herrschen, wie seit Beginnen der Revolution hier noch nie stattfand. Der Bezirk ist auf dem Wege, bald der Republik ganz anzugehören; selbst der Geist der Freude fängt sogar an, sich auf diese Ruinen allmälig niederzulassen. „Das größte aller Volksfeste iin ehemaligen Nidwalden war die Kilbi. Zwei Lage lang wurde dies Fest der Aernte, dies Willkommen der Hirten bei ihrer Wiederkunft von den hohen Alpen gefeiert. Der Gottesdienst mit einer Predigt über Freiheit, Vaterlandsliebe n. dgl. eröffnetcn das Fest. Dann ward ein feierlicher Umgang, von Tausenden begleitet, von Obrigkeiten nnd Pfarrern angeführt, gehalten. Voran wehte die weiß-rothe Landesfahne. Von allen rüstigen Jünglingen wurde sic kunstvoll umher geschwungen. Auch am andern Tage noch spielte die Fahne ihre Rolle. Ansgesteckt wehte sie vor dem Hanse, in welchem die Glücklichen ihre Gastmählcr und Tänze hielten. „Seit der Revolution ist dieses Fest, über welches man sich ein Jahr lang voraus und nachher freute, nicht mehr gefeiert worden. Schon entsteht jetzt ein zweifelhaftes Befragen darum. Ich benutze die glückliche Stimmung des Volks. Nicht nur habe ich den Distriktsstatthalter eingeladen, allen Gemeinden anzuzeigen, daß unsere Regierung die Feier der Kilbi gern sehe, sondern ich bitte sie auch, Bürger Direktoren, mir zu erlauben, daß ich dem Distrikte eine dreifarbige Fahne, nebst einem Belobungsschreiben der Bürger wegen ihres jetzigen Verhaltens, verehre. — Um das Volk- ganz an die neue Landesverfassung zu schließen, müssen wir die schönsten Tage der alten Verfassung in die neue herüberziehen, und alle Feste und Spiele genau mit der neuen Ordnung verweben." Bald nachdem verließ ich diese Gegenden, durch die Regierung z» andern Sendungen berufen. Metapolitische Ideen. Ein Bruchstück. Der Verfasser schrieb dieses Bruchstück schon im Jahre 179S, während seines Aufenthaltes zu Paris. Es ward im gleichen Jahre in der damals zu Zürich erschienenen Zeitschrift „Humaniora" ausgenommen. ES gereicht unsern Staatsmänner» gewöhnlich zum Aergerniß, wenn ein Unberufener über Staatssachen, Bolksrechtc und Re- gicrnngsformen ein Wörtchen fallen läßt. Es beleidigt ihre» Stolz, Gegenstände zum Stoff gesellschaftlicher Unterhaltungen werden zu sehen, welche bisher, wie ein ehrwürdiges Heiligthum, dem Volke nur ans der Ferne gezeigt wurden. Sie spotten der unberufenen Staatsweisen (man muß diese von Staatskünstlern unterscheiden); und meinen nach ihrer Art, es sei leichter, gute Verse zu schreiben, als mit Glück über Gesetzgebung und Verwaltung zu sprechen. Ich habe nun gerade die entgegengesetzte Meinung; glaube, es sei leichter über Staatsverhäktniffe gut zu urtheilen, als gute Verse zu dichten; denn zu jenem Geschäfte wird nur gesunder, ungelähmter Menschenverstand, zu diesem ein selteneres Geschenk der sparsamen Natur erfordert. Dem sei, wie ihm wolle, so halte ich es wenigstens für sehr erlaubt, und sogar für sehr nützlich, in der Politik so wenig, als in der Religion, am Arm des blinden Glaubens zu schleiche». Wer sich stark genug fühlt, diesen Arm zu entbehren, erkennt in dem Gefühle seinen Beruf znm Selbstgehcn. Eben so wichtig dem einzelnen Menschen Berichtigung seiner Vorstellungen vom höchsten Wesen, von Unsterblichkeit der Seele und einer moralischen Weltregierung ist, so wichtig und wohlthätig ist ihm das Nachdenken über die Lehre von der besten, das heißt der vernunftmäßigsten Einrichtung des menschlichen Gesellschaftskörpers. Gleichwie cs eine höhere Wissenschaft gibt, in welcher wir den Grund aller positiven Gesetze nnd Rechte erkennen, — nämlich das Naturrecht; — oder eine Wissenschaft, welche uns den Grund aller Erscheinungen der Physik geben will, — nämlich die Metaphysik: so sollte auch eine Wissenschaft werden könne», in welcher dem Grunde aller Erscheinungen der Politik (Staatskunst) nachgewiesen wird, — nämlich Metapolitik. Unvertraut mit den Systemen der älter», uneingeweiht in die Geheimnisse der neuern Staatskunst, habe ich mir, zu meiner eigenen Belehrung, vorgenommen, diesem Gegenstände meine nächsten Stunden zur Betrachtung zu widmen. Ich will, selbst wo sich mir Staaten als glückliche Muster darstcllen, nicht auf sie Hinschauen, sondern nur auf das Urtheil der Vernunft allein horchen; will nicht anfsuchcn das was ist, sondern was nach den Gesetzen der Vernunft sein sollte, und — wenn der Glauben an die Fortschritte der menschlichen Gesellschaft in ihrer Kultur nicht Träumerei ist — künftig einmal sein wird. 34S I. Freiheit. 1. Der Robinson auf seiner unbewohnten Insel ist wie der Weise im Horaz, Schuster und König — er ist durchaus frei. Die Grenzen der Natur sind die Grenzen seiner Willkür, seiner Launen. Das gesellschaftliche Leben ist dem Menschen aber Bedürfniß durch seine eigene Organisation. Ausgesteuert von der Natur mit einer Menge von Anlagen und Trieben, welche Ausbildung und Befriedigung fordern, und sic unmöglich in der Einsamkeit gewinnen können, schmachtet er nach Unterstützen, und Gehilfe». Mit dem Uebergang aus dem Einzelnsein in den gesellschaftlichen Zustand, opfert er freiwillig einen Theil seiner Willkür auf; er leidet Einschränkungen, um die Vortheile der Gesellschaft zu empfangen. 2 . Diese Einschränkungen sind keine Vernichtungen, seiner Freiheit, sonder» nur Bestimmungen in der Wahl seiner Mittel, jene (Freiheit) wohl zu genießen. 3. Das Wort, und der in der Schaale desselben wohnende Begriff Freiheit, hat das Schicksal einer Münze, welche lebhaft umläuft, und in tausend Händen und Taschen endlich Form und Gepräge cinbüßt. Eben deswegen wissen so viele, selbst Kaufleute/ welche mit derselben starke Geschäfte treiben (denn sie sind darum nicht immer gute Münzkenner), Freiheit nicht leicht von Unabhängigkeit, Ungebundenheit, Selbstbestimmung u. dgl. m. zu unterscheiden. 343 Worin besteht des Menschen Freiheit?-Sie besteht in der harmonischen oder vernunftgemäße» Befriedigung der Triebe unserer dreifachen Natnr. 4 . Der Mensch vereinigt in sich gleichsam dreifaches Leben, — ein sinnliches, ein sittliches und ein denkendes. Der nächste Zweck, welcher vor ihm liegt, und dem er schon mit aller Kraft entgegenstcuert, ehe er ihn deutlich erkennt, ist — zu leben, — zu entfalten die Anlage», welche ihm beiwohnen,— das zu werden, was er nach seiner Organisation werden kan». Dahin lenken ihn unwillkürlich alle Triebe. Er gleicht der Pflanze, welche, organisirt zur Blume, mit immerwährendem Drange dieser Bestimmung cntgegenkeimt. .' Haben die Triebe unsers dreifachen Lebens volle Befriedigung, das heißt, setzen sich unserer sinnlichen, sittlichen und intellektuellen Vervollkommnerung keine andere Schranken, als die noth- wendigen der Natur selbst, entgegen, sind wir in der Lage, ungehindert aufznblühe» und zu dem zu reifen, was wir nach unserer Organisation sein-können: so sind wir frei. Wir sind Pflanzen im Garten der Natur, welche ungclähnit in ihren Kräften, Schönheit, Stärke und Höhe gewinnen. 5 . Diese Freiheit empfängt nach besonder» Beziehungen besondere Bezeichnungen. — Verhältnisse, welche den Forderungen uuserer sinnlichen Natur Erfüllung gewähren (Sicherheit des Lebens, des Eigenthums, der Nahrung, Begattung u. s. f.), mache» uns sinnlich frei. Werden die Triebe unserer moralischen Natur gestillt, das heißt, vollstrecken wir das Sittengesctz der Vernunft, entreißen 344 wir uns der Herrschaft aller sinnlichen Begierden: so sind wir sittlich frei. Lähmen keine willkürliche (also nicht durch die Naturnothwcn- digkeit gegebene) Fesseln unsers Geistes Kraft, zur Entwickelung seiner Anlagen zum Nrthcilen, Denken, Glauben; werden wir nicht durch willkürliche Gewalten an gewisse Formen und Meinungen und ein non plus ultra des Forschens gebunden: so genießen wir Denkfreiheit. 6 . Hieraus ergibt sich, daß die Freiheit nicht nur in sich Verschiedenheiten trägt, sondern auch eben so relativ ist, als die Ausbildung der Triebe des dreifachen Lebens bei den Sterblichen überhaupt ist. Der Wilde, welcher nichts von den Forderungen seiner (in ihm vorhandenen, aber schlummernden) Hähern Natur ahnet, lebt frei, sobald er nur in sinnlicher Behaglichkeit leben kann. Ein Europäer hingegen, der Alles, was Sinnlichkeit schmeichelt, so gut wie jener Wilde, besitzt, aber durch willkürliche Gebote in Rücksicht der unerfüllten Triebe seiner Hähern Natur darben und schmachten muß, ist nichts weniger, als frei zn nennen. Im Nrtheile über die Freiheit der Völker müssen wir diese mit keinem andern Maßstabe, als dem ihrer eigenen Entwickelungsstufe, messen. 7 . Ungehemmte, vernunftgemäße Befriedigung der Triebe unserS gesammten dreifachen Lebens setzt vollkommene Freiheit voraus. Ein Staat, welcher dem Volke das Vermögen läßt, die Forderungen der dreifachen Natur so weit zn beruhigen, als es der Kultnrzustand des Volkes möglich macht, oder znläßt, gewährt bürgerliche Freiheit. 345 Ein Staat, welcher die eine oder die andere Art der Freiheit (5) vernichtet durch seine Gesetze, vernichtet damit Plan und die Ordnung der Schöpfung, verkrüppelt die Menschheit, ist widernatürlich und der Auflösung Werth. 8 . Vollkommene Freiheit (7) ist ein Begriff, der mit sich absolute Allgemeinheit verbindet, ist das Ideal, dem wircntgegen- ringen, die Basis der vernünftigen Gesetzgebung. Bürgerliche Freiheit ist abhängig vom Grade der Kultur des Volks. Eine Nation, welche noch vor hundert Jahre» frei war, kann, selbst wenn sie noch immer die damaligen Verfassungen, Gesetze und politischen Verhältnisse unverändert bcibehalten hat, in unscrn Zeiten aufgehört haben frei zu sein, durch'ihre Fortschritte in der Geistesbildung. Die Kleider, in welchen sich einst das Kind frei regen und bewegen konnte, werden dem wachsenden Jüngling zn enge, folternd und unnatürlich. 9. Der Mensch in der Einsamkeit ist nicht fähig, allein und für sich selbst alle Anlagen zur Vollkommenheit zu entwickeln (1): um also vollkommene Freiheit (7) zn erhalten, bedarf er der Unterstützung von mchrern Sterblichen. Er opfert der Gesellschaft, um ihrer Hilfe theilhaftig zu werden, von seiner Willkür und Ungebnn- denheit ans. Die Einschränkungen, welche er freiwillig leidet, heben seine Freiheit (4, 5) nicht ans, sondern geben ihm bestimmtere Mittel, sich der vollkommenen Freiheit (7, 8) anzunähern. 10 . Willkürlich und nach Laune etwas thu» oder lassen können, was nicht unmittelbar mit den Triebesforderunge» der dreifachen Natur verknüpft ist, heißt nur Ungebundenheit. 346 Etwas Unvernünftiges wollen und thun könne», heißt wahnsinnig oder thierisch sein können. II. Zweck desStaates. 11. Der Zweck, auf welchen in uns alle Anlagen und Triebe hin- dentc», und mit dessen Vernichtung sich auch unser menschliches Dasein schließen würde, nämlich zu leben, und sich als Das zu erhalte», was man nach der Natur aller beiwohnenden Anlagen ist, und, der Vernunft gemäß, sein soll — dieser Zweck, sage ich, ist im Stande der Gesellschaft so heilig, als im Stande der Einsamkeit. Den» um dieses Zweckes willen tritt der Einsame in die Gesellschaft. IS. Dieser Zweck, dieses natürliche (also nothwendige, nicht selbstcrsonncne) Befugniß, zu bleiben und zu werden, was der Mensch durch seine Organisation ist und werden soll, ist das große Grund - und Urrecht des Menschen. Er hat also das unveräußerliche Recht zur Erhaltung und Ausbildung seiner Sinnlichkeit, das Recht, Leben, Eigenthum, Wohlsein u. s. f. zu erhalten, zu befördern. Zweitens, Stecht zur Erhaltung und Ausbildung der moralischen Natur, Freiheit der Tugend, Ausübungsrecht der Sittlichkeit. Drittens, Erhaltung und Ausbildung seiner intellektuellen Natur, Freiheit des Denkens, Glaubens u. s. w. In so fern jedem vernünftigen Wesen auf Erden diese Rechte angehören, sind sie Ei'gcnthum der ganzen menschlichen Gesellschaft — Rechte der Menschheit. 347 13. Weder das Individuum, noch die Gesammtheit der Menschen kann in der Gesellschaft die Bedingungen aufopfern, unter welchen ihr physisches, moralisches und intellektuelles Dasein möglich ist. Nur die Wahl der Mittel, jene Rechte z» üben und zu nutzen, empfängt Bestimmungen. Da jeder einzelne Mensch für sich kein höheres Ziel kennt, als das erwähnte (4, 5, 11,) so hat auch die Gesellschaft an und für sich kein höheres. Der Staat ist nur Mittel, das Geschäft und Streben des dreifachen Lebens zu erleichtern und zu befördern. Unsere Menschheitsrcchte haben wir also nicht für den Staat, sondern der Staat ist erschaffen für sie. Eine Gesetzgebung, welche die Rechte und Ziele der Menschheit zerstört, ist unvernünftig, unnatürlich, hebt die Ursachen der menschlichen Gesellschaft auf, und verdient, als ein untaugliches Mittel, Vernichtung. 14. /' Der Zweck des Menschen und der Menschheit ist also auch Zweck des Staates, nämlich Erhaltung unserer Urrechte (12), oder Erhaltung und Ausbildung unsers dreifachen Lebens (4), oder Hinleitung zur vollkommenen Freiheit (5, 7), welches alles eins und dasselbe ist. III. Anordnung des Staats. 15 . Da alle Menschen sich im Bezug auf de» Menschenzwcck (11, 12) gleich organisirt sind (die Grade der Anlagen ausgenommen), so sind sie sich im Bezug auf ihre Rechte, oder auf ihre r,,',» 348 Anforderungen an das, was der Staat ihnen gewähren muß »nd soll, vollkommen urrechtlich gleich. Jedes Mitglied des Staats mnß folglich durch den Staat mit allen übrigen Gliedern in gleichen Stand gesetzt werden, seinen Zweck, als Mensch (11), z^u erreichen. Zn den Vortheilcn, welche hieraus, und durch die Verbindung der Gesellschaft überhaupt entspringen, dürfe» nicht gezählt werden solche, welche von einzelnen Personen durch besonder» Fleiß, oder besondere Talente und Fertigkeiten, ohne Nachtheil der andern Individuen gewonnen werden (als Vermögen, Ehre u. s.. f.). denn diese gewährt nicht der Staat an und für sich, sondern das verschiedene Talent der Menschen. 16. Jedes Beisammenleben und Gemeinsamhandcln einer Menge macht eine Ordnung in demselben nothwendig; nothwendig, daß die Gesellschaft, zur Erreichung ihres Zwecks, ein friedliches, har- monirendes Ganze sei. Denn wenn viele Menschen unter einander wohnen, als lebten sie mit keinen Menschen, oder mit sich in keiner Verbindung, befinden sie sich sämmtlich in der Einsamkeit im Stand der Anarchie. 17. Da der höchste Zweck der Gesellschaft ist, Erhaltung, Erleichterung und Vervollkommnerung des dreifachen Lebens (4), da das Ganze für einen, und einer für das Ganze arbeitet, — da einer allein jenen Zweck nicht ganz erreichen, sondern nur einzelne Bcfriedigiingsmittel der Bedürfnisse vollkommen bearbeiten und liefern kann: so theilen sich die Glieder der Gesellschaft in ihren Beschäftigungen; es entsteht Umtausch ihrer Arbeiten, ihrer Schöpfungen. 349 Aus eben dem Grunde kann nicht das Ganze, oder jedes Individuum die Verwaltung der Gesellschaftsordnung besorgen; die Staatsführnng wird einem Th eile der Glieder übertragen. Eine Panarchie, wo die größte Masse des Volks, oder gar jedes Individuum die Ordnung des Ganzen unmittelbar verwaltet, ist wieder Anarchie. 18. Drei von einander unabhängige Gewalten, die nur durch den gemeinschaftlichen Zweck mit einander verwandt sind, werden nothwendig zu einer vernünftigen Staatsführung, das heißt, zu einer Regierung, deren Basis urrechtliche Gleichheit (15), deren Ziel vollkommene Freiheit (5, 7) der Gesellschaft ist: — eine gesetzgebende, eine richtende, und eine vollstrcckende Gewalt. 19. Die gesetzgebende Gewalt ist nothwendig, nach den Bedürfnissen der Gesellschaft Ordnungen zu veranstalten. Ein gesetzloser Staat ist kein Staat. 20 . Die gesetzgebende Gewalt ist selbst den Gesetzen unterworfen. Nm die Glieder der Gesellschaft nach den gegebene» Vorschriften zu richten, um zu verhüten, daß keine Ausnahmen vom Gesetz (Privilegien) entstehe», welche der Freiheit des Ganzen nachtheilig wären, ist nothwendig eine richtende (oder beurtheilende) Gewalt. 21 . Die Gesetze endlich selbst anzuwenden, nm durch sie öffentliche Ordnung oder Sicherheit des Staatszwecks zu erhalten und zu befördern, ist nothwendig eine vollstreckende Gewalt. 35» 22 . Die richtende Gewalt steht also zwischen dem Gesetz nnd Gesetzgeber, zwischen dem Gesetz nnd Gesetzvollstrecker. Ist das Gesetz die Aegide der Bolksfreiheit nnd Landeswohlfahrt, ist die voll- streckende Gewalt der Arm, welcher die heilige Aegide trägt: so ist die richtende Gewalt die Seele, welche den Arm nnd die Aegide gegen den Feind des Staatszwecks lenkt. In einem Staate, in welchem die gesetzgebende und richtende Gewalt »»zertrennt sind, stehen dem Herrscher die Thore zur unbeschränkten Tirannei offen. Er kann Gesetze geben für das Volk, nnd sich selbst von ihrer Verbindlichkeit lösen. Niemand kann ihn hindern, auch seine Laune zum Gesetz zu machen, oder den Gesetzen zu unterwerfen und zu entziehen, was denselben nicht unterworfen und entzogen werden darf. In einem Staat, in welchem die richtende und vollstreckende Gewalt verbunden sind, können die beklagten Vollstrecker nicht nur in ihrer eigenen Sache richten: sondern auch Fälle den vorhandenen Gesetzen unterwerfen, nnd darnach aburtheln, die nicht dahin gehören. 23. Die beste Regierungsform ist diejenige, durch welche das Volk am sichersten der vollkommenen Freiheit (7) und dem Zweck des Menschen und Staates (11, ff.) entgegengeführt werden kann, und durch welche es am schwersten aus einem Unterthan der Ordnung und Gesetze zum Nnterthan und Hab und Gut eines, oder einigerMen- schen wird, welches der nrrechtlichen Gleichheit (15) widerstreitet. Die Beweise, welche für die vorzügliche Güte der monokratischen oder republikanischen Staatsform *) aus der Geschichte der *) Der Herr herrscht (x^cerrr), das heißt, gibt das Gesetz, und zwar iibev das, worüber er herrschen kann, nämlich über sein Eigen- Borwelt gezogen werden, entscheiden nichts, als die Schwach- gcistigkeit, oder Bestochcnheit des Bewcisgebers. Denn die Vernunft allein lehrt, was sein soll, die Geschichte nnr, was gewesen ist. Aber nicht Alles, was gewesen ist, soll sein; und was sein soll, ist leider nicht stets vorhanden gewesen. Eben so nichtssagend ist der elende Weidsprnch: die beste Regierungsform ist die, welche am besten verwaltet wird. Man will damit nnr eine Aufgabe abdrängen, welche man aufznlösen nicht Kopf oder Herz genug fühlt. thum. Der Beamte ist, dem Gesetz gemäß, Führer der Geschäfte (ä'^cor/), Verwalter, Richter. Ist der Grundcigenthiimer, der Landesherr, eine Gottheit, so wird Theokratie; ist'S ein einzelner Mensch, so-ist Monokratie; sind Mehrere in Gesellschaft Eigenthümer von Grund und Boden, ist'S Aristokratie; ist das gcsammte Volk Eigenthumer dessen, was es hat und baut, so besteht Demokratie. Das ist die mannigfaltige Form der eigentlichen Landeshcrrschaft. Liegt aber die Geschäftsführung (Regierung) statt in der Hand des landesherrlichen Gottes, in der Hand von dessen Dienern (Priester), so hat man Hierarchie; liegt sic in der Hand eines Einzelnen, er sei der Grundherr selbst oder ein Beamter: so wird'ö Monarchie (ursprünglich war'ö Patriarchie). Ist die oberste Staatsführung Wenigen übergeben, wird Oligarchie: Vielen: Polyarchie. Vernichtung aller gesetzlichen Ordnung durch die Regierung selbst ist Despotie, durch die Regierten, ist Anarchie. Durch Verwechselung jener Grundbegriffe von Landesherrlichkeit und Regierung entstand Verwirrung in den Sachen selbst, die den Begriffen unterzuordnen waren. Durch Sonderung der Begriffe, wie oben, wird sehr deutlich, daß eine demokratische Monokratie Unsinn wäre, aber eine monarchische Demokratie ganz vernunftgemäß bestehen könne. England ist dem Wesen nach eine Aristokratie, der Regierungöform nach eine Monarchie, 3S2 IV. Gesetzgebung des Staats. 24. Das Kriterium aller Gesetze und ihres Wertstes findet sich allein in dem Zweck des Staates (11, ff.). Jedes Gesetz, wodurch die Rechte der Menschheit (12) vernichtet werden, ist der menschliche» Gesellschaft unwürdig und sie zerstörend. Die Gesetzgebung bezieht sich entweder auf das Innere des Staats, auf die Ordnung der Gesellschaft, des Volkes unter sich selbst, — oder auf das Aenßere, ans die Verhältnisse des Staats zu andern Staaten. 25. 1. Im Bezug auf das Innere,. Die Gesetzgebung ertheilt den Gliedern des Reichs, nach den besonder» Verhältnissen, besondere Pflichten, nach dem allgemeinen Verhältniß aller Glieder zum Ganzen, gleiche Pflichten; — eben so in den bcsondern Verhältnissen besondere Rechte, im Verhältniß zum Ganzen des Staats und seines Zwecks durchaus gleiche Rechte. 26. Auch in der Mittheilung der besonder» Pflichten und Rechte muß ein sicheres Gleichgewicht herrschen, theils erstlich, daß die Pflichten des einzelnen Gliedes nie schwerer, als die Summe seiner Rechte sind (außerdem wäre er nur das lasttragendc Thier der Gesellschaft), oder daß die Rechte eines Individuums nicht über die Summe seiner Pflichten gegen alle steigen; — theils zweitens, daß die Pflichten und Rechte besonderer Volksklassen in Gleichheit mit den Pflichten und Rechten anderer Volksklaffen ruhen mögen. 333 Der Mangel dieses Gleichgewichts macht die Regierungs- form fehlerhaft; je mehr sich das Gleichgewicht verliert, je näher steht die RcgierungSform an ihrer Zertrümmerung. Wer Revolutionen befördern will, befördere z. B. mir das falsche Verhält- niß zwischen der ernährenden »nd verzehrenden Klaffe. 27. Dieses Gleichgewicht der Pflichten und Rechte der einzelne» Staatsgliedcr oder ganzen Volksklaffen gegen einander ist die Basis einer vernünftigen und vollkommenen-Gesetzgebung (15), also das wichtigste, aber auch schwerste Kapitel in der Lehre von der Staats- knnst. — Der Unterschied zwischen Freien und Sklaven, Edcln und Unedel» in einer Nation wird durch dieses Gleichgewicht erdrückt; es gibt dann überall nur Unterthanen der Gesetze; wer die meisten Rechte genießt, trägt auch die meisten oder schwerste» Pflichten. Eben diese Gleichheit der Rechte und Pflichten schließt auch in sich die Gleichheit aller Bürger vor dem Tribunal des Gesetzes, so daß dieses Jeden mit gleicher Kraft vor dem Unrecht schützt, als wegen Unrechts straft. 28. Die Gleichheit der Rechte und Pflichten zu befördern, muß nicht ein Theil der Gesellschaft zum Schaden eines andern Vorrechte behaupten (15). Der Staat darf, als Staat, keinem Gliedc, keiner Volksklaffe mehr oder weniger Mittel und Gelegenheit geben, den Menschenzweck (11, 12, ff.) zu erreichen, denn den andern. Es ist also dem Staatszweck entgegen, wenn z. B. durch gesetzliche Institutionen die vorzüglichsten Besitzungen und Rechte zum Eigenthum einer gewissen Volksklasse werden, woran kein anderer Bürger Theil nehmen darf; wenn der Reichthum gesetzlich nur Zsch. Ges. Schr. 31. Thl. , 15* 384 einer einzigen Klaffe des Volks ans offenen, weiten Quellen zufließcn kann, inzwischen der andere Theil kaum die ersten Bedürfnisse zn stillen Mittel behält. Es ist unbillig und grausam, die Rechte ungleich auszutheilen, aber noch grausamer, eben so auch mit den Pflichten zu verfahren; — znm Beispiel, den Armen wie den Neichen mit gleichen Abgaben zu beschweren; oder die Lasten des Staates allein auf die Schultern der arbeitenden Klaffe zu wälzen, und einen privilegirten Stand von allen Beschwerden auszunchmen, L9. Der Staat muß so konstituirt werden, daß er jedes Individuum, in diejenigen Verhältnisse leicht einzurücken, in den Stand setzt, von welchem aus dasselbe dem Ganzen am meisten nützen kann (17). Hierin ruht die Freiheit und das Recht jedes Bürgers zu irgend einem Gewerbe, oder Amt, wenn er demselben mit seiner Kraft gewachsen ist. Kein Gewerbe, kein Amt ist daher auch in bürgerlicher Hinsicht edler oder unedler, keines ehrlicher oder unehrlicher, als das andere, weil jedes, sobald es dem gemeinen Wesen nützlich oder nothwendig ist, eben dadurch geheiligt wird. Die Professton des Schusters, des Künstlers, des Feldherrn, des Staatsmannes sind gleich ehrwürdig; keine ist in bürgerlicher Hinficht verächtlich. Es ist also unnatürlich, einem fähigen Bürger um seiner Herkunft willen den Eingang zur Bekleidung gewisser öffentlichen Staatsämter zu verriegeln; den Glanz der Geburt dem der Tugend und Geistestalente vorzuziehen. — Es ist albern und die Würde der arbeitenden Volksklaffe entehrend, jemanden seiner angesehenen Herkunft willen, im Fall er arm und talentlos ist, zn verhindern, ein Handwerk zu lernen und zn treiben. 30. Keine Ehre, keine Schande, einem verdienstvolle» oder verbrecherischen Mitglieds ertheilt, kann vernunftgemäß erblich sein. Ehre und Schande der Väter darf nicht auf Kinder fortgepflanzt werden. Wenn hier Ausnahmen erlaubt sei» dürfte»: sv fänden sie allein bei denjenigen Wohlthaten oder Belohnungen statt, die der Staat dem Verdienste weiht, ohne daß sie die Rechte Anderer kränken, oder Vorrechte enthalten. Ist es etwas mehr, denn blödsinnige Barbarei, die Verdienste der Vorfahren den Enkeln anzurechncn, und die Belohnungen von jenen durch Vorrechte für diese zu vererbliche»? Ist es mehr, denn ein schändlicher Diebstahl am Eigcnthnm der Familien, wenn Verbrecher mit Konfiszirung ihres Vermögens bestraft, und die schuldlosen Kinder und Verwandten dessen beraubt werden, was ihr rechtmäßiges Eigenthum war und bleiben, oder werden sollte? 31. Die bürgerliche Freiheit (7, 8) darf durch die Gesetzgebung schlechterdings an keinen bestimmten Grad festgebunden werden, sondern soll eine fortschreitende Annäherung zur vollkommenen Freiheit (7, 8) sein, und dieser Vollkommenheit, vermöge der Verfassung, entgcgenreifen können. Wird die bürgerliche Freiheit bis zu einem gewissen Grad vor- gclaffen, und dann durch Gesetze gehemmt, so sinkt die Nation eben so sehr in die Sklaverei unter, als sie in der Kultur emporsteigt (8). Der Freiheit zur Selbstentwickelung lassen sich keine Grade bestimmen, ohne sie zu vernichten. Ein anderes ist es mit der Wahl der Mittel, zur Befriedigung der Bedürfnisse des dreifachen Lebens. Diese können allerdings bestimmt werde». Die Freiheiten und Rechte der Jndivi- 356 duen im Stande der Gesellschaft dürfen einander nnr begrenzen, aber nie einander zerstörend durchkreuzen. Wenn eine Regierrnng die Denkfrciheit oder Glaubensfreiheit des Volkes durch Edikte oder symbolische Vorschriften einschränkt: so verletzt sie, mit dem Urrecht der Menschheit, den Zweck des Staats. Sie war nur befugt zu sorgen, daß keine dem Zweck des Menschen und des Staats widerstreitende Meinung oder Religion thätig werde. 32. Staaten, in welchen man eine herrschende Religion (eeolssia triuinplraos, ckoruiilans) und eine unter lästigen Bedingungen (soolssia prass») wahrnimmt, sind in dieser Hinsicht barbarisch geordnet, das heißt vernunftwidrig und unsittlich. Denn Gesetze sind unsittlich, wenn sie zur Unsittlichkeit (zur Heuchelei in Glaubenssachen) zwingen, oder das an einem Menschen strafen, wofür er nichts kann und wodurch er weder sich noch Andern schadet (z. B. seine Ueberzeugung). Gesetze sind vernunftwidrig, wenn sie etwas gebieten, was Beamte nicht vollziehen können (z. B. Aenderung des Fürwahrhaltens und Wissens). 33. Das Volk, als Unterthan selbstbewilligter, vernunftmäßiger Gesetze, ist verpflichtet, diesen zu gehorchen, und die verordneten Gewalten (18, ff.) in ihrem Geschäft zu unterstützen. Es hat aber von der andern Seite allerdings das Recht, seine Meinungen über Mängel der Regierung, oder Ausbesserung erwiesener Fehler zu offenbare», doch immer mit derjenigen Achtung, welche die Nation sich selbst schuldig ist. 34. Der Landesherr (Fürst, Volk u. s. w.) hat das Recht, die Regierung zur Rechenschaftsablegnng zu fordern, weil die Zndi- 357 viduen der öffentlichen Verwaltung nicht Herren oder Eigenthümer des Landes, sondern Diener, Verwalter der herrschaftlichen Rechte sind. Gesetzgeber, Richter und Vollstrecker der Gesetze müssen die Gründe ihrer Handlnngen, in so fern diese nicht von der Art sind, daß ihre Bekanntwerdnng vor der Zeit dem Guten der Sache schadet, mit jeder Handlung zugleich entwickeln; ein onr lei esl notrk don pisisir ist ein zureichender Grund für Sklaven, das ist, Halbmenschen. 35. Der Landesherr hat das Recht, die Staatsform, sobald diese den Zweck der Gesellschaft (11 —14) nicht erreicht, oder ihn wohl gar zerstört, zu verwandeln. 36. II. Im Bezug auf das Aeußere- oder auf die Verhältnisse des Staates zu andern Staaten. Mehrere größere oder kleinere, von einander unabhängige Reiche, eristiren außer und neben einander. — In so fern sie alle einen gleichen Grad der Kultur genössen, würden sie auch alle einen und denselben Staatszweck (11), mithin auch, dem Wesentlichen nach, einerlei Gesetzgebung haben (24). Inden Rechten der Menschheit sind immer auch die Rechte der Völker. Weil aber die verschiedenen Nationen schwerlich auf gleichcrha- benen Stufen der Bildung stehen dürften, und, wenn dieses auch wäre, demungeachtet das Interesse der Nationen feindselig Zusammentreffen kann; weil ferner in dergleichen Kollisionen nicht immer der Ansspruch eines Schiedsrichters genehmigt werden, oder auch nur vorhanden sein würde: so leben die Staaten gegen einander, wie Individuen im ungesellschaftlichen Zustande, wo jedes für eigene Sicherheit wachen und handeln muß. Wenn barbarische Völker unvernünftig Handel», so berechtigt dieses keine gesittete Nation, ebenfalls wider Vernunft zu sündigen. Ein gebildeter Mann wird unter Narren oder Bösewichten weder zum Narren noch Böscwicht werden, aber darum auch nicht ihr Spielball, oder Sklav sein. 38 . Jeder Staat ist ein für sich bestehendes Ganze, ein Selbstzweck, ist für sich frei. Kein Staat' darf daher das rechtmäßige Eigcnthum eines andern an sich reißen, oder sich in die Ordnung desselben ungebeten mit Richtcrgewalt einmischen. Jenes ist Diebstahl, oder Raub, dessen Schändlichkeit Diplomatiker umsonst mit Manifesten und Rechtfertigungen überklebe»; dieses ist vernunftwidrige Anmaßung, rechtswidrige Gewaltthat. Es gibt im natürlichen Recht keine Verjährung (wie im positiven). Widerrechtlich behandelte Völker bedürfen daher keiner Nechtsverwahrung. Sie vindizircn ihr geraubtes Recht, sobald sie gegen den Räuber oder Anmaßcr die Stärke haben. 39 . Kein Volk kann von einem Andern, als Eigenthum, geerbt, verschenkt oder verkauft werden. Denn Menschen sind keine Sachen, können also kein Eigenthum sein. 40 . Völker können aber freiwillig mit andern in Bündnisse treten, oder sich mit einander unter einer Negierung vereinen. Sobald Staaten mit Staaten Freundschaftsbündnisse schließen, geben sie damit zn erkennen, daß sie zur wechselseitigen Hilfe, wie hilfsbedürftige Individuen im Stande der Gesellschaft leben wollen. Sie machen sich folglich anheischig, mit den Vortheilen dieses Standes auch die Pflichten desselben zu übernehmen. Alle Bündnisse, selbst mit den rohesten Nationen (38), müssen den Rechten der Menschheit und dem höchsten Staatszweck (11, ff.) gemäß geschloffen und gehalten werden. 41. Der Landesherr ist Landes-, aber nicht Menschen-Eigenthü- mer, er hat also kein Recht, einen Theil seiner Bürger — etwa Soldaten — an einen ander» zu verkaufen; es ist dieses ein Verbrechen wider den Staatszweck, welcher den Bürgern vollkommene Freiheit zusichern soll. Eben so wenig ist ein Landesherr befugt, Menschen zum Dienste (besonders zu Kriegen) anderer Staaten zu vermiethen; cs wäre denn, daß sich der Bürger freiwillig dazu anböte. 4L. ES kann keinem Individuum verweigert werden, wenn es die erwarteten Vortheile der Gesellschaft oder des Staates für sich nicht findet, aus der Gesellschaft zu treten, und einem andern Staate sich einzuverleiben. — Nur wenn der Austritt solches Individuums dem Ganzen zum Nachtheil gediehe, ist er unerlaubt. 43. Es darf kein Krieg unternommen werden, als allein für die Rechte des Volks oder der Menschheit (36), oder, welches eben so viel sagt: zur Beschirmung des höchsten Staatszwecks. — Eroberungskriege u. dgl. sind daher vernunftwidrige Gräuel. 44. Der Krieg ist die alleinige Sache des Volks, und die Sache desselben muß daher nothwcndig unterschieden werden vom Interesse 360 der Regierenden. — Vergehungen der Regierung dürfen nicht den Völkern aufgebürdet, oder diese für jene gestraft werden. 45. Nationalstolz und Nationalhaß sind Bastarde der Vaterlandsliebe und Barbarei. — Gegen das Ausland gilt kein Patriotismus, sondern nur Kosmopolitismus. Ein Geburtsland hat jeder Mensch; der freie Mensch ein Vaterland; aber der Leibeigene bloß ein Herrenland. Geschichtliche Bemerkungen zu dem Nibelungen - Liede. Geschrieben i. I. 1812. Von den Nibelungen überhaupt. Es nimmt der alte, wunderbare Heldensang, genannt der Nibelungen Lied, unter den Werken deutscher Dichtkunst seine würdige Stelle wieder ein. Ich möchte mich hier eben so wenig zu denen reihen, die darin nur die ersten durstigen Versuche einer rohcu Kunst in ungebildeter Sprache erblickten, als die Zahl der schwärmerischen Bewunderer vermehren, welche an den Nibelungen ein deutsches Seitcnstück zur griechischen Odyssee gefunden haben wollen. Es steht, nach meinem Gefühl, dies Lied neben den Homerischen Schöpfungen ungefähr wie ein riesenhaftes, altgothi- sches Kirchcngcbäu, aus unzähligen Bogen, Schnörkeln, Thürmen und Thürmlein zusammengebaut, breit und schwer, dennoch durchsichtig und leicht, den Himmeln cntgegengeführt, neben der Hauptkirche des heiligen Peters in Rom, der prächtigsten und weitläufigsten der Welt. Wie die uralten Münster und Dome, welche hin und wieder in deutschen Städte» gefunden werden, noch heut der Stolz des Landes und das Erstaunen der Freunde sind: so unser Nibelungen- Lied. Jedes Land hat seine ihm eigenthümliche Kunst, wie seine Natur; der Süden Palmen, der Norden Eichen. Zsch. Gcs. Schr. 31. Thl. 16 36S Das Lied der Nibelungen schließt nnS das Wunderland deutscher Vorwelt auf, wie es einst in den Träumen und Sagen des Volks blühte; läßt, wie durch Nebel, Schicksale eines untergegangenen Weltalters erblicken, von welchem keine Geschichte mehr urkundet; und steht mit seinen Sittcngemäldcn eines fremden Jahrhunderts für den Freund der Dichtkunst, Sprache und Geschichte, für ewige Zeiten als Urbild reiner Deutschheit da. Aber noch ist uns Vieles darin räthsclvoll. Wer war der Dichter des Nibclungen-Sanges? — Welchem Zeitalter ist er entstammt? — Welche geschichtliche Thatsachen liegen ihm znm Grunde? Nicht, daß ich die Näthsel lösen will, aber einige Hilfe dazu darzubieten, schrieb ich folgende Anmerkungen nieder, denen ich freundliche Ausnahme wünsche. Selbst der Name des Gedichts ist räthselhaft. Es wird von einem Lande der Nibelungen gesagt, deren Riesen Siegfried zwang. Dann werden die Helden vom Rhein zuweilen selbst die Nibelungen geheißen. Der Name und das Geschlecht der Nibelungen war noch im achten Jahrhundert nicht am Rhein erloschen, und den austrasischen Königen verwandt. Jener Graf Nibelung, welcher die Chronik des Fredegar bis zum Jahr 7K8 fortsctzcn ließ* **) ), war ein Vetter Karls des Martellen. Denn Graf Childebrand, des Nibelungen Vater, war Karls Oheim ^*). Mit dieser Nachweisung habe ich freilich wenig geholfen; doch kann sie auf eine verwischte Spur leiten. Schon der erste Blick auf das Lied lehrt, daß es aus zwei Hanpttheilen besteht, davon jeglicher für sich selbst ein Ganzes bildet. Der erste umfaßt die neunzehn ersten Abenteuer, ich *) kreäeAsrii cüron. sussu Nibelungi comius conrininwum; siehe Ducüesrie Ins!» tdunc. scrizit. I, 740, 773. **) Oudiesue liisr. li-uw. sl. l, 772 i,. 383 will ihn, der Kürze willen, künftig Chricinhildens Liebe nennen; der andere Theil begreift die übrigen zwanzig Abenteuer, oder die Geschichte von Chricinhildens Rache. Dieser kann unabhängig vom ersten gelesen werden, welcher ebenfalls auf frühere Sagen und Lieder hindentet, durch die er noch deutlicher sein würde, wenn wir sie besäßen. Wohl möglich, daß beide Theile einerlei Verfasser haben; wahrscheinlicher aber, daß Chriemhildcns Liebe von einem ältern Dichter gesungen worden, dem norddeutsche Sagen vertrauter waren; daß Chricinhildens Rache von einem andern Sänger stammt, dem süddeutsche Sagen die bekanntesten gewesen sind. Vielleicht daß der Süddeutsche Chricinhildens Liebe nur überarbeitete, um daraus mit dem Seinigen ein großes Ganze zu schaffen. Denn das ganze Gedicht ist nur als dichterische Zusammen- reihung von Sagen anzusehen, unter denen die des ersten Thcils mehr dem Norden, die des zweiten mehr dem Süden Deutschlands angehörten So ward ja auch das älteste große Gedicht der Franzosen, der bekannte „Roman von der Rose", mit dem Nibelungenliede gleichen Alters, im dreizehnten Jahrhundert, von'verschiedenen Verfassern zusammengesetzt. Bekanntlich sing Wilhelm von Lor- ris den Roman von der Rose an, und Johannes von Meun endete ihn; beide lebten um einige Menschcnalter von einander entfernt. Den geschichtlichen Dichtern Frankreichs hatten in einem vorhergehenden Jahrhundert die provenzalischen, und den deutschen gleichzeitig die schwäbischen Minnesänger Bahn gebrochen. Daher wird es um so schwerer sein, den Namen des wahren Nibelungendichters zu ergründen. Mehrere können ans den Ruhm Ansprüche machen. Ich will, um meine Vermuthung zu rechtfertigen, ans den verschiedenen Inhalt beider Theile hinzeigen. 364 lieber Chriemhildens Liebe. Die neunzehn ersten Abenteuer des Gedichtes enthalten nur nordische Sage». Der Schauplatz ist am Rhein. Die Begebenheiten spielen im fünften Jahrhundert Der Held des Liedes ist vor allen Siegfried. Siegfried, dessen Bater, König der Niederlande, zu Sande» (Lautsten) sitzt, komint gen Worms an den burgundischen Hof, um die schone Fürstcntochtcr Chriemhilde zu minnen. Aber er sicht sie nicht; doch liebt er sic, und dient um die Huld der Niccrblicktcn mit ritterlicher Treue. Durch Großthaten verdient er sie. Er streitet Wider die Sachsen; erwirbt König Günthern von Burgund, dem Bruder Chriemhildens, die Königin von Jsenland, Brunihilden, nachdem er die Nibelungen bezwungen und ihren Hort oder Schatz erbeutet hat; »nd wird endlich, als sich Bruni- hilde mit Chricmhilden entzweite, hinterlistig auf der Jagd ermordet. Mit dein Tode des Helden und Chriemhildens Trauer an seinem Grabe ist das Ganze in sich abgeschlossen. Es liegt nichts mehr daran, die Schicksale der übrigen zu wissen. — Dies der Inhalt. Schon der große Geschichtskundige Johannes Müller hat erwiesen*), daß die Geschichte von Chriemhildens Liebe dem fünften Jahrhundert angehöre. Günther ist kein anderer, als der burgundische König Gunthachar, welcher um das Jahr 436 von Attila'S Hunnen, mit seinem ganzen Geschlecht, vertilgt ward. Den Namen seines Bruders Giselher fand Müller noch in den von Lindenbcrg hcrausgegebenen Gesetzen der Burgunder. Etzel oder Ctzelin ist der alte Name Attila'S. Unter Volcher von Al- zye vermuthet Müller einen der burgundischen Dienstmannen im *) Dessen lammMche Werke, zehnter Theil, S. 48 ff. 365 Elsaß (Alesatio, Alcracis, wie es in lateinischen Urkunden des Mittelalters hieß); unter Hägens Herrschaft Thron eg das alte Tonrnns (oder Torniacuni); unter Jsenland, wo Brnnihilde herrschte, wo nicht das erst im eilften Jahrhundert bekannter ge- wordene Island, doch die karlingische Isenburg. Norwegen war das Land der wunderbare» Dinge, nur ans Sagen bekannt, wo die Zwerge mit Schätzen und unsichtbar machenden Tarnkappen wohnten. Der Amelungen Land ist, wo das Hans der Amaler die Ostgothen beherrschte. — So Johannes Müller. Aber Jsenland ist wohl schwerlich die Insel Island, nnd die Sage von Brnnihildens wunderbarer Kraft, die Siegfried bezwang, ist gewiß älter, als die Reisen isländischer Bürger ins südliche Europa sind. Eben so wenig war es eine Burg der Karlingen. Denn Siegfried und seine Begleiter, so wird im Liede gesagt, schifften dahin den Rhein hinab, an den See (das Meer), »nd nach zwölf Tagen ihrer Fahrt erreichten sie das Jsen- land. Bermuthlich sagt Jsenland nichts anderes als Jnselland, »nd mag das heutige England sein. Seit dem Anfänge des fünften Jahrhunderts lebte England schon in den Sagen der norddeutschen Völkerschaften dnrch die Abenteuer sächsischer Seeräuber, welche ans dem Eilande, wo noch römischer Anbau und römische Kunst blühte, große Beute machten nnd heimführten. Endlich faßten sie daselbst sogar festen Fuß. Das Glück des Hengist, sagt Humc in seiner Geschichte Englands, erweckte die Begierde anderer im Norden von Deutschland wohnender Stämme, die nun zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Anführern das Eiland mit zahllosen Haufen überschwemmten. Vom fünften bis zum neunten Jahrhundert war England ein beständiger Gegenstand der Raublust norddeutscher nnd dänischer Küstenbewohner. Wie viel Abenteuer erfuhren sie da, wie viel Mährchen mögen davon im Volke geherrscht haben! — 36li — Und so mochten diese denn auch wohl in das Nibelungenlied ein- dringcn. Daß aber ein König aus Burgund sich eine Fürstin aus England zur Ehe gewählt, war vom Dichter kein Einfall, der außer der Bahn gewöhnlicher Dinge lag. Denn mehrmals, während der angelsächsischen Siebcnhcrrschaft, vermählten sich Fürsten derselben mit fränkischen Königstöchtern, wie z. B. im sechste» Jahrhundert Ethelbcrt, König vonKent, Berthen, die Tochter des austrasischen Königs Charibcrt, zum Weibe genommen. — Vielleicht, diese Spur weiter verfolgend, würde man selbst zu Brunihildcns wunderbarer Stärke und ihrer männlichen Tapferkeit geschichtliche Winke in den ältesten Schicksalen angelsächsischer Fürstinnen entdecken. Die kühnsten Seeräuber jener Tage waren aber die Nor Männer, die schon im achten Jahrhundert das furchtbarste Schrecken der Küstcnbewohner von England, Frankreich und Niedcrland gewesen sind. Auf ihren zahllosen kleinen Schiffen wagten sie sich weit über das Weltmeer. Sie überfielen, wo man sie nicht erwartete; raubten mit Schnelligkeit, was sie fanden, und waren verschwunden, wenn man sic mit gewaffneter Faust suchen wollte. Daher vielleicht die Sage von der unsichtbar machenden Tarnkappe, und von den ungeheuer» Schätzen, die in den bekannten Heimaten der Zwerge und Riesen äufgethürmt liegen sollten. lieber Chriemhildens Rache. Die zwanzig letzten Abenteuer des Nibelungenliedes stellen eine ganz andere Welt dar. Sie enthalten nur süddeutsche Sagen. Der Schauplatz ist auf den Grenzen des heutigen Oesterreichs und Ungarns. Die Begebenheiten spielen im zehnten Jahrhundert. Unter den Helden glänzt vor allen Marchgraf Rüdiger vo» Bechelaren. 367 Zu Gran hält Etzelin, der mächtige König der Hunnen, Hof. Seine Gemahlin Helche ist gestorben. Er schickt den Marchgraf Rüdiger von Bechelaren gen Worms, für ihn um die verwitiwcte Chricmhilde zu werben. Diese ist nun PiligrinS des Bischofs von Pazzowe (Passau) Nichte. Sie, durch ihre Verwandte um den ersten Gemahl und den Nibelnngenschatz betrogen, vermählte sich, obwohl eine Christin, dem Heiden; lud rachsüchtig darauf die Mörder Siegfrieds zu einem Feste nach Ungarn, wo im allgemeinen Kampfe alle nntergehen. Auch Rüdiger verliert das Leben. Chricmhilde schlug mit eigener Hand dem Hagen von Throneg, dem vornehmsten Mörder Siegfrieds, das Haupt ab. — Dies der Inhalt von Chriemhildcns Rache. Der Dichter dieses Theils der Nibelungen war ohne Zweifel im Lande an der Ens heimisch. Denn keine Gegenden im deutschen Lande kannte und beschrieb er genauer, als diese. Es läßt sich noch heut auf der Landkarte der ganze Weg der Chricmhilde von Worms bis zur ungarischen Grenze Nachweisen; eben so der Burgunden Weg. Von Osterfranchen kamen sic gen Swan evelde (Vers 6113)*). Dies ist das alte in den Geschichten des Mittelalters berühmte Sualefeldt, oder Saulifelt, wie es beim Regino heißt**), wo öfter Fürsten- und Kirchenversammlnngcn gehalten wurden. Es war ebenfalls hier, wo die Söhne Ludwigs des Deutschen nach seinem Tode das Reich unter sich theiiten. Hier stand in der Karlingen Zeiten eine ihrer Pfalzen im Rießgau (paxo rdastise). Im zehnten Jahrhundert hieß das Schloß im Sualefeldt Altheil» *) Die Verse sind nach der Ausgabe des Nibelungenliedes von Herrn Hcinr. von der Hagen, Berlin 1810, angegeben. **) Ue^inonis L/rnon. znm Jahr 376. 368 (bei Nördlingen). Wenigstens ist sehr wahrscheinlich, daß das Sualcfeldt in dieser Gegend gewesen sei?) Unbekannt ist mir freilich Gelpfratc's Land, am rechten Donannfcr (V. 613g). Es war ein Theil Bayerns; aber in der gesammten bayerischen Geschichte ist kein Marchgraf Gelpfrate, noch sein Bruder Else ausgezeichnet. Der Dichter war den Bayern nicht wohl an; es scheint aus ihm schon Nationalhaß gesprochen zu haben. Denn er lebte im Lande an der EnS, im Oesterreich. Bei Moringen, vermuthlich Gegend und Schloß des nachmaligen Pfleggcrichts Moringen, Ware» die Burgunder über die Donau gekommen. Passau hatte den Namen Pazzowe erst in der Karlingen Tagen. In der Urzeit hieß es Bojodurum; znr Zeit der Römer, die in dortiger Gegend einen Theil der batavischen Kohorte als Besatzung hielten, Batavis; und im fünften Jahrhundert, zur Zeit des heiligen Severin, lag da Boitro, wie man aus dem Leben dieses Heiligen weiß, das einer seiner Schüler schrieb?") Chriemhilde mit Rüdiger» zog von Passau, wo sie vom Bischof Piligrin (V. 5200) empfangen war, der Ens entgegen in Rüdigers Land (5211), über Everdingen (dem Städtchen Esser- ding im Lande ob der Ens), über die Trnne (Traunflnß) zu Rüdigers Burg Bechelaren (Pechlarn an der Arlaphe). Dann ging'S gen Medeliche (V. 5326), wo heut Molk (in den ältesten Urkunden heißt es NeOlivuiu) und oft der Hauptsitz der Marchgrafen von Oesterreich lMslria) gewesen, nach Mutaren (Man- tern), wo Piligrin, der Bischof, von Chriemhilden, seiner „Niftel", schied. An der Treisem (V. 5337) hatte der Hnnncnkönig eine *) Wie Falkenstein in seiner Geschichte des Königreichs Baiern (Angsb. 1763 Fol.) im ersten Band, S. 155 f, und 513 f. zeigt. "") kern auet-, 1, 79. 369 Burg, Namens Zeizenmüre; es ist Zeislmaur, und der Flufi die Trasem. Von da führte Etzel seine Braut nach Tulua (Tnlln) und Wiens der Stadt (V. 5458), wo das Beilager gehalten ward. Richtig merkte schon Johannes Müller an, daß man von Wien erst im dreizehnten Jahrhundert, höchstens im zwölften, so sprechen konnte, wie hier; und Everdingen und Mantern ließ erst Kaiser Rudolf l. im Jahr 1274 mit Mauern und Graben umgeben. *) Nach achtzehn Tagen ward die Reise fortgesetzt von Wien nach Huniburch der alten (V. 2517), dem jetzigen Heimbnrg. Von Miscnbnrch der reichen schifften sie sich ein nach Ezele Bnrch (V. 5529). Zwar weiß ich sehr gut, wo die Misanpurch (»losäpurxnm pannonicum) und die Burg des Ezelin (Oasirum 6tle/.ilon>8) gelegen ; aber man merkte es dem Dichter von Chriemhildens Rache bald an, daß ihm alle Erd- und Länderkunde abgeht, sobald er sich jenseits Wien im Ungarlande, oder jenseits Paffau in Bayern oder hinter die Donau denkt. Er nennt keine Orte mehr; seine Vorstellungen werden verworren. Es gab ein Misenburg oder Moosbnrg in Ungarn, von Priwina, dem Ostmähren, im Anfänge des neunten Jahrhunderts (im heutigen Untersteiermark) gebaut.**) Es gab eine Hezil- Bnrg (cissrum cirvrilonls), welches aber nichts anderes als der ältere Name von Mosebnrch war***), seit Hezhil, der Sohn Priwina's, da gewohnt hatte; auch ist gewiß, daß die Hunnen im Anfänge des zehnten Jahrhunderts in diesen Gegenden Herren *) 8l.Liiiert Oomlilac. zum Jahr 914. s) Han siz a. a. O. Daher scheint auch erklärbar zu sein, daß Arnolf nachmals keine Kriege mehr wider die Ungarn führte, ungeachtet sic sich Herrschaft in Oesterreich angcmaßt hatten. Sie hatten für ihn in einer Schlacht geblutet, aus der Konrad zwar als Sieger, aber doch tödtlich verwundet gegangen war. 372 Durch diese Freundschaft mit den Heiden machten sich weder Aruols noch Rüdiger unter den Geistlichen Freunde. Rüdiger hatte mehrmals Händel mit ihnen. Zum Beispiel einst mit den Mönchen von Tegernsee, deren Gut er verkürzt hatte. *) Seine Klugheit und tapfere Faust bewunderte dagegen Jeder desto mehr. Kein Wunder, wenn sich von den Thaten dieses Mannes, und seinem Ansehen bei den vor- und nachher so sehr gefürchteten Ungarn, lange mancherlei Sage im Volk bewahrte, die der Dichter gern empfing. Zu Attila's oder Etzels Zeiten waren zwar noch keine Marchgrafen an der Ens, kein Bischof Piligrin in Passa»; das focht aber auch den Dichter wenig au. Er fand den Hunncnkönig Etzelin aus Chrieinhildens Liebe noch einmal im zehnten Jahrhundert. Noch waren viele Sagen von diesem und seiner Macht vorhanden; wie er, obgleich ein Heide", eine christliche Fürstin zur Gemahlin gehabt, deren seltene Schönheit zu ihrem Namen geworden**). Noch ging die Sage, daß sie tapfer gewesen, wie ein Mann, zu Pferde gesessen und einst in der Wuth des Zorns einen gewissen Helden getvdtet***). Wer konnte diese sch-nc christliche Hun- nenkvnigin anders sein, als Chricmhilde? Wen würde sie lieber gelobtet haben, als den Hagen, ihres Siegfrieds Mörder, um *) Als er aber, aufgefordert, erschien, sich vor dem Oeconomus des Klosters zn verantworten, warf ihn sein Pferd vom Sattel, und trat ihn mit dem Huf, daß er alles bereuetc und dem heil. Quirin die entrissenen Güter zustellte. .-Vnon)-mi inormeln D-^uri»! Iiisl. (bei Oefele 2, «2.) **) Ikxor Lelvleneßiai, ist est, pulcra stornina, xlavonieo stieta. So Dithmar von Merseburg im 8. Buch seiner Kronik (bei Leib- nitzens scri^t. rer. bruvsuic. 1, 420). *") Virnin ^uenstava occistit. Dithmar a. a. O. 373 Rache zu üben? Diese Sagen lebten; wie leicht ließ sich alles daraus zur Fortsetzung von Chriemhildcns Liebe bilden? Eben diese schöne Frau war zugleich eine Gönnerin, Freundin »nd geistliche Tochter des Bischofs Piligrin von Passa». Er sandte aus seinen Klöstern Verkünder des Evangeliums nach Ungarn; und ward selbst von der Königin dahin eingeladen*). So mochte der Dichter von Chriemhildcns Rache sie wohl des frommen und weit berühmten Bischofs „Niftel" heißen. Ihr Gemahl, der Ungarkönig, so grausam er auch über die Seinigen herrschte, wird doch wegen der Milde gerühmt, mit der er den Christen an seinem Hofe und in seinen Landen begegnete. **) Vermnthlich trug dazu die Freundschaft der Königin mit Piligrin nicht wenig bei. Doch dieser Ungarkönig war nicht Etzel, sonder» Gilzo oder Gelzo, oder Geisa***); vermnthlich hat man ihn im Volk auch wohl Chetzilo genannt, und der Dichter hielt sich um so berechtigter, das Lastruur Ulrariionis, die „Ezele Burch", für dessen Sitz zu halten, und ihn mit dem fast gleichnamigen Etzelin des fünften Jahrhunderts zu verwechseln. So gut er Theodorich den König der Ostgothen (Dietrich von Bern) und Hawart den König der Dänen und Helden aller Völker und Zeiten zum Fest nach Ungarn zusammenführte, machte er auch den Bruder Attila's, Blödelin-s), wieder zum Genoffen des zehnten Jahrhunderts. *) Wie man in Piligrins Leben (bei Hansiz a. a. 0.1, 2SS) findet. **) Beim Hansiz, 1, 207) ***) Geisa, der Vater des Königs Stephan des Heiligen. Giso und Gitzo wird erJn mehrcrn alten Kroniken geheißen; Dithmar a.a.O. nennt ihn Dcjur. Man sieht daraus, wie verschieden damals der gleiche Name gesprochen und geschrieben werden konnte, //onro ^o- ro/il»L!»ru», nonu»e perii ausl?'. 1, 10t. 's) Attila tödtete seinen Bruder Bleda schon im I. 444. 374 Kroniken in lateinischen oder deutschen Versen zn schreiben, war im dreizehnten Jahrhundert nichts Ungewöhnliches. Aber der Erzähler der Nibelungen sammelte Sagen von Wundern und Groß- thaten zn einem Gedicht. In seiner Welt gab cs kein Gesetz für Raum und Zeit. Alle Helden, deren Namen noch im Munde des Volks lebten, vereinte er zum gleichen Spiel. Er machte sie zu Zeitgenossen; er schilderte, wie sie in großen Leidenschaften nntergingen. Damit endete die alte Heldenwelt. 'Man bemüht sich daher vergebens, für der Nibelungen Lied eine große, dnrchherrschende geschichtliche Thatsache aufznfinden. Es ist darin keine Einheit, als welche der Dichter selbst schuf; alles ist nur freie Vermählung von damals noch unverklnngenen Sagen. Ohne Zweifel waren von Rüdigers Leben und Thaten schon mehrere Sänge vorhanden in deutscher, wie in lateinischer Sprache. Herr von der Hagen in seiner Ausgabe der Nibelungen schaltete so vier Verse ans (Seite I.XXIV), welche offenbar nicht znm Gedichte gehörten, und aus irgend einem andern Liede hineingekommen sein mochten*). In dem den Nibelungen angehängten Gedicht „dü Chlage" wird ausdrücklich (V. 4541) gesagt: Von Pazzowe der Bischof Pilgerin Durch Liebe der Neven sin Hicz er schribcn dizzc More Wie ez ergangen wäre, In latinische» Buchstaben. Der Dichter von Chriemhildcns Rache, unbekümmert um die Zeitrechnung und Erdbeschreibung, setzte Städte, die offenbar erst *) Das Gedicht, wovon LazinS im siebenten Buche seiner migrst. -;en- rium Bruchstücke lieferte, war, nach HundinS Zengnist, ans Pergament geschrieben, und befand sich im Schlosse Prunn bei Altmühl, 375 ums zwölfte Jahrhundert bekannt wurden*), Sitten, die erst dem dreizehnten Jahrhundert eigen waren, eben so harmlos in seine Schöpfungen hinüber. Daher läßt sich aus dem Liede der Nibelungen auch wenig Znverlässtges zur Erläuterung der Geschichten des fünften und zehnten Jahrhunderts schöpfen. Doch fand ich in den Sagen von Rüdigers Verhältniß zu den Ungarn Winke über die Verhältnisse Bayerns und besonders des Herzogs Arnolf zn diesem Volk. So wiederhole ich zum Schluffe meiner Abhandlung, was ich im Anfänge derselben sagte: Möglich, daß ein Dichter die gesummten Nibelungen sang; wahrscheinlicher aber, daß ein Anderer Chriemhildens Liebe, ein Anderer Chriemhildens Stäche gedichtet. Vielleicht daß der Letzte, ein Süddeutscher, aus den Ens- gegenden, Chriemhildens Liebe überarbeitete, um daraus mit dem Scinigen ein großes Ganze zu schaffen. Noch Manches könnte ich hinzusetzen, um dem Gedanken Empfehlung zu geben. Ich dürfte nur an den ganz verschiedenen Geist Durch den Grafen Joachin von Ortenberg empfing Hundiuö den Codex, der ihn im"J. 1S7S der Bibliothek des Herzogs Albert von Bayern schenkte. Man hat ihn später dort gesucht, aber nicht wieder gefunden. Hansiz 6erm, sscr. 1, 20K. — In jenem Gedichte, sagt HnndiuS, wären beschrieben gewesen; Oesta J.vurorum er Luonorurn J.ustriam super J,n;>zum tune teneoriuili er omnerll vieimam late