Druckschrift 
34 : Abt. 3, Vermischte Schriften ; 7 (1854)
Entstehung
Seite
213
Einzelbild herunterladen
 

213

Außer der dem Hirtenstab anklebenden Lust am Nichtsthun,hatte das Land noch einige andere Ursachen der Verarmung seinerBürger. Dahin gehörte die Leichtigkeit, sich zu verheirathen.

Gewöhnt dürftig zu leben, fiel es einem neuen Ehepaar nichtschwer, sich zu erhalten. Schon tm fünfzehnten Jahre hatte derKnabe das Recht, als eingesessener Landmann, den Landesgemein-den beizuwohnen. Als Taglöhner, Hirt und Knecht war er baldtm Stande, sich zu ernähren; er heirathete und konnte, wenn erkein eigenthümliches Vieh besaß, seinen Antheil an den Allmeindengegen baares Geld Andern überlassen. Diese Sicherheit machteihn unbesorgter für die Zukunft. Vermehrte sich seine Familiedurch Kinder, daß sein Gewinn nicht für den Unterhalt derselbenausreichte, so wurden sie zum Betteln angehalten. Die Freigebig-keit der vielen Reisenden begünstigte den unedeln Erwerb an Straßenund Wegen. Traten Krankheiten und andere Unglücksfälle ein:Waren die reichern Verwandten verpflichtet, Unterstützung an Geldund Lebensmitteln zu gewähren. Diese Ausgabe war oft für wohl-habende Personen sehr beträchtlich.

Eine andere, nicht minder wirkende Ursache an Verhinderungallgemeiner» Wohlstandes war die Zeitverschwendung, welche all-zugroße Kirchenfrömmigkeit nach sich zog.

Nicht ohne Ursach schmückte man dies Bergvolk mit dem Na-men der frommen Unterwaldner. Ihr natürliches Ueberneigenzur Schwermuth und Klage, zum traurigen Anschauen der Dinge,machte ihnen den düster» Pomp der Religion, die trostverkünden-den Geheimnisse der Kirche, und die unbeschwerliche Beobachtungeines Kultus, welcher auf Einbildungskraft und Empfindung jedesAlters zauberhaft anschlägt, unentbehrlich. Man sah daher dieKirchen selten von Betern, die Straßen von Wallfahrenden, dieGräber von htnknienden Verwandten leer. Mit einer kirchlichenHandlung ward jeder Tag begonnen und geendet, jedes wichtige