„Jst's noch weit?" fragte Morton.
«Eine halbe Stunde," antwortete das Mädchen; „wirwerden bald dort sein."
„Gehst Du oft diesen wilden Weg, liebes Mädchen?"
„So oft mich Großmutter mit Milch und Mehl nach derHöhle schickt."
„Aber fürchtest Du Dich nicht, den wilden Weg allein z»gehen?"
„O nein, Herr," sagte das Kind; „kein lebendiges Wesenwürde einem so kleinen Ding, wie mir, Etwas anhaben, undGroßmutter sagt, man brauche nichts zu fürchten, wenn manauf dem rechten Wege ist."
„Stark in Unschuld, wie im dreifachen Panzer," dachteMorton, als er ihren Schritten schweigend folgte.
Bald kamen sie in ein Dickicht, wo Brombeergesträuche undDorngebüsche die Stellen der Eichen und Birken einnahmen,die einst hier gestanden hatten. Jetzt führte das MädchenMorton von der offenen Haide auf einem von Schafen be-tretenen Pfade nach dem Bache hin. Ein wildes, dumpfesTosen hatte ihn schon zum Theil auf die Scene vorbereitet,die sich ihm jetzt zeigte; doch konnte er sie nicht ohne Erstau-nen, ja nicht ohne Schauder betrachten. Als er aus dem un-wegsamen Pfade herauskam, der ihn durch das Dickicht führte,fand er sich am Rande eines flachen Felsens, der auf einerSeite über eine fast hundert Fuß tiefe Kluft hinausragte, woder finstere Bergstrom wüthend über die Jähe stürzte und einschwarzer, gähnender Abgrund ihn aufnahm. Vergebens strebtedas Auge, den Boden des Falles zu erreichen; es konnte nurdie schäumenden Wogen in dem Hinabsturze auffassen, bis derBlick durch die cmporragendcn Felsenzackcn gehemmt wurde,welche den dunkeln Pfuhl verhüllten, der die brausenden Fluthen