Walter Scott's sämmtliche Werke» neu übersetzt von I)r. Herrmann, Fr. Richter, Fr. Funck, Velckers, vr. E. Susemihl, vr. Carl Andrä, M. Sauerwein und Andern. Zweite vermehrte Auslage. Eiliger Band. Die Schwärmer. Mit 1 Stahlstich. Stuttgart. Hoffma »n'sche Verlags - Buchhand lnrig. 1851. Die Schwärmer. E i n Rom a n von Walter Scott. Neu übersetzt von »r. Carl Arrdrä. Mit Stah lsti ch. Stuttgart. Hvffmaiiii'sche Verlags-Buchhand lung. 1851. Er ft es Kapitel. Der Mannen hundert biete auf; an, Thor der Burg Sei'» ineiuer sie gewärtig schon bet Tagesanbruch! Douglas. Unter der Herrschaft der letzten Stuarts trat von Seiten der Regierung der Wunsch und das Bestreben sehr deutlich hervor, durch alle ihr zu Gebot stehende Mittel dem strengen oder puritanischen Geiste entgegenzuwirken, welcher ein so hervorstechendes Merkmal der republikanischen Regierung gewesen war, und jene Feudaleinrichtungen wieder in's Leben zu rufen, die den Vasallen an den Lehnsherrn banden, und Beide mit der Krone verknüpften. Es wurden von Staats wegen häufig Musterungen und Zusammenkünfte des Volks veranstaltet, theils um dasselbe in den Waffen zu üben, und theils ihm Zeitvertreib und Lustbarkeiten zu verschaffen. Daß die Regierung sich um diese letzteren bekümmerte und darein mischte, war zum Allerwenigsten unpolitisch; denn wie es bei dergleichen Angelegenheiten zu gehen pflegt, — die Gemü- ther, anfangs blos von Bedenklichkeiten und Zweifeln heimgesucht, verstockten sich immer mehr und mehr in ihren Meinungen, anstatt dem Machtgebote der Gewalt sich zu fügen; und die jungen Leute beiderlei Geschlechts, welche in England den Lockungen und dem Reize der Pfeife und Handtrommel oder in Schottland der Sackpfeife an und für sich gar nicht hätten widerstehen können, setzten nun denselben, in dem stolzen Bewußtsein, daß sie dadurch den Befehlen der Regierung Widerstand leisteten, einen hartnäckigen Trotz entgegen. Der Die Schwärmer. I. I 2 Versuch, die Menschen mit Gewalt zu Tanz und Frohsinn zu zwingen, ist sogar auf den Sclavenschiffen selten gelungen, wo man ihn in früheren Zeiten manchmal angestellt hat, um die unglücklichen Gefangenen während der wenigen Minuten, in denen sie auf dem Verdecke frische Luft schöpfen durften, dahin zu bringen, ihre Glieder zu bewegen und den Blutumlauf wieder herzustellen. In eben demselben Maße, in welchem die Regierung die Strenge der eifrigen Calvinisten gemildert zu sehen wünschte, wuchs dieselbe; eine jüdischstrcnge Beobachtung des Sabbaths, eine hochmüthige Verdammung aller männlichen Zeitvertreibe und unschuldigen Vergnügungen, sowie der für unheilig erachteten Sitte, daß Männer und Weiber zusammen ranzten (— denn wenn beide Geschlechter von einander getrennt blieben, galt ihnen, glaube ich, diese körperliche Bewegung nicht für anstößig —), zeichnete diejenigen aus, welche einen mehr als gewöhnlichen Grad von Heiligkeit für sich in Anspruch nahmen. Auch suchten sie sogar nach Kräften und Möglichkeit ihre Landsleute und Glaubensgenossen von der sogenannten Waffen schau sxrn zu halten, zu welcher das Lehnsgefolge der Grafschaft entboten wurde, und bei der jeder Kronvasall mit einer solchen Anzahl von gewappneten und gerüsteten Leuten, und zwar bei schwerer, gesetzlich bestimmter Strafe, sich einfinden mußte, als er vermöge seines Lehns zu stellen hatte. Die Covenanter waren diesen Versammlungen um so mehr abhold, als die Lordstatthalter und die Scherifs, welche dabei die Oberaufsicht führten, von der Regierung ausdrücklichen Befehl erhalten hatten, nichts außer Acht zu lassen, was sie den auf diese Weise zusammengerufenen jungen Leuten nur irgend angenehm machen könnte. Man ging von der Ansicht aus, daß die Waffenübungen am Morgen und die Lustbarkeiten im 3 Freien, welche bis in die Nacht hinein dauerten, eine verführerische Wirksamkeit haben müßten. Die Prediger und Anhänger der strenger« presbyteriani- schen Ansichten bemüheten sich daher, durch Warnungen, Ermahnungen und Geltcndmachen ihres Ansehens dahin zu wirken, daß diese Versammlungen so wenig als möglich besucht wurden. Sie wußten recht gut, daß sie dadurch sowohl die scheinbare als die wirkliche Macht der Regierung schwächten, indem sie das Weiterumsichgreifcn jenes Genoffenschaftsgeistcs hemmten, der sehr bald junge Männer einigt und bindet, welche öfter zu männlichen Lustbarkeiten im Freien oder zu Waffenübungen zu- sammenkommen. Sie bemühten sich deshalb auf das Nachdrücklichste , alle Diejenigen, welche für ihr Nichterscheinen irgend eine Entschuldigung Vorbringen konnten, abzuhalten, und zeigten sich besonders streng gegen solche unter ihren Zuhörern, welche lediglich aus Neugier, oder um an den später folgenden Spielen und Leibesübungen Theil zu nehmen, sich bei jener Waffenschau einfanden. Viele Landadeligc waren in- dcß, obwohl sie sich zu diesen Lehren bekannten, doch nicht immer im Stande, dieselben streng befolgen zu können. Die Vorschriften des Gesetzes waren ausdrücklich und bestimmt, und der geheime Staatsrath, welcher die vollziehende Gewalt in Schottland ausübte, hielt mit großer Strenge darauf, daß die gesetzlichen Strafen gegen alle Kronvasallen vollzogen wurden, welche bei der regelmäßig wiederkehrenden Wappenschau nicht erschienen. Die Grundbesitzer waren daher genöthigt, ihre Söhne, Pächter und Vasallen mit der ihnen zugetheilten Anzahl von Rossen, Leuten und Waffen an den bestimmten Ort zu senden, und da traf es sich denn oft, daß trotz der ausdrücklichen Gebote ihrer Aeltern, gleich nach beendigter Musterung wieder heimzukehrcn, die jungen Leute der Lockung nicht i" 4 widerstehen konnten, an den späteren Lustbarkeiten Theil zn nehmen. Auch war es nicht immer zu vermeiden, die Gebete mit anzuhören, welche bei solchen Gelegenheiten in den Kirchen verlesen wurden, dadurch aber, wie ihre mißvergnügten Ael- tern meinten, mit der verfluchten Sache in Berührung zu kommen, welche vor den Augen des Herrn ein Abscheu ist. Der Scherif der Grafschaft Lanark hielt die Waffenschau eines wilden und wenig angebauten Bezirks, das obere Ward (Bezirk) von Clpdesdale genannt, auf einer Hochfläche, unweit eines königlichen Fleckens, dessen Name von keiner Bedeutung für meine Erzählung ist. Es war am Morgen des s. .Mai 167 g, und mit diesem Tage hebt unsere Geschichte an. Als die Musterung vorüber, und, dem Brauche gemäß, über dieselbe Bericht abgestattet worden war, sollten, wie gewöhnlich, die verschiedenen Lustbarkeiten beginnen, unter denen ein Vogelschießen das beliebteste war. Dieses alte Spiel wurde früher mit der Armbrust, zu jener Zeit aber schon mit Feuergewehr gehalten. Die Gestalt des Vogels war mit allerlei bunten Federn bekleidet, sah einem Papagei ähnlich, hing an einer Stange und diente zum Ziel, nach welchem die Preisbewerber ihre Musketen oder Karabiner in einem Abstande von sechszig oder siebzig Schritten abfeuerten. Wer so glücklich war, das Ziel durch seine Kugel herabzuschießen, erhielt für den übrigen Theil des Tages den stolzen Titel eines Papageienhauptmanns, und wurde gewöhnlich unter lautem Zubel nach dem angesehensten Gasthause der Umgegend geleitet, wo alsdann der Abend unter seinen Auspicien, und, wenn er es bestreiten konnte, auch auf seine Kosten, mit einem festlichen Mahle beschlossen wurde. Es versteht sich wohl von selbst, daß auch die Frauen aus der Umgegend bei diesen Lustbarkeiten zugegen waren, freilich mit Ausnahme jener, welche die Satzungen des Puritanismus streng beobachteten, und es eben deshalb für eine Sünde gehalten haben würden, den irdischen Vergnügungen übelgesinnter Weltkinder beizuwohnen. Landauer Wagen, Barutschen und Tilburie's gab es in jenen Zeilen der Einfachheit noch nicht. Der Lordlieutenant der Grafschaft, ein Mann von herzoglichem Range, machte ausschließlich Anspruch auf die Pracht und Auszeichnung, ein Räderfuhrwerk zu besitzen, ein Ding, das mit abgeblaßtcr Vergoldung und Schnitzarbeit, etwa einem Kasten gleich, wie man gewöhnlich die Arche Noah darstellt, von acht langschwänzigeu flandrischen Stuten gezogen wurde, und acht innere, sechs äußere Sitze hatte. Im Innern hatten Platz genommen : Seine Gnaden selbst und dessen Gemahlin, zwei Eh- rensräulein, zwei Kinder, ein Kaplan, welcher in einer Art von Seitenverschlage saß, der durch ein Hervorstehen des Kutschenschlages gebildet, und seiner Gestalt wegen der Stiefel genannt wurde; — und endlich Seiner Gnaden Stallmeister, welcher in demselben Sitze auf der andern Seite sich eingerichtet hatte. Geleitet wurde das Fuhrwerk von einem Kutscher und drei Postillonen, mit kurzen Schwertern und dreizöpfigen Knotenperrücken; sie hatten Musketen über der Schulter hängen und Pistolen im Sattel stecken. Aus dem Fußtritte hinter diesem wandelnden Hause standen, oder genauer ausgedrückt, hingen in dreifacher Reihe sechs in reiche Livree gekleidete und bis an die Zähne bewaffnete Lakaien. Der übrige Landadel, einerlei ob Mann oder Weib, jung oder alt, saß, von seiner Dienerschaft begleitet, zu Pferde, aber aus den schon angeführten Ursachen war die Gesellschaft mehr gewählt als zahlreich. Unmittelbar hinter diesem ungeheuren ledernen Fuhrwerke, von welchem wir so eben eine Vorstellung zu gebe» versucht haben, ritt, um ihren Anspruch auf Vorrang vor dem keine Titel führenden Landadel zu behaupten, Lady Margaretha Bellenden auf einem sittsamen, ruhig einherschreitenden Zelter. Sie trug noch immer das Wittwenkleid, welches die gute Dame nicht mehr abgelegt hatte, seit ihr Mann, wegen seiner standhaften Anhänglichkeit an Montrose, hingerichtet worden war. Ihre Enkelin, der einzige Gegenstand aller ihrer irdischen Sorge und Liebe, die schön gelockte Editha, welche allgemein für das schönste Mädchen im ganzen Obern Ward betrachtet wurde, erschien neben ihrer betagten Verwandten, wie der Frühling an der Seite des Winters. Ihr schwarzes spanisches Roß, welches sie mit vieler Anmuth lenkte, ihr waidsames Reitgcwand, und ein mit Franzen besetzter Quersattel, waren sorgsam in Stand gebracht worden, um sie in möglichst vor- theilhaftem Lichte erscheine» zu lassen. Aber die üppige Fülle ihrer Ringellocken, welche, unter ihrem Hute hervorquellend, von einem grünen Bande zurückgehalten wurden, damit sie nicht auf die Schultern herabwallten; die sanften und weiblichen Züge ihres Antlitzes, denen es doch nicht an einem gewissen Ausdrucke von muthwilligcr Schalkhaftigkeit fehlte, welche keinen Gedanken an Beschränktheit oder Einfalt aufkommen ließ, die zuweilen blonden und blauäugigen Schönen zum Vorwurfe gemacht werden; — diese zogen die Bewunderung der jungen Männer des Westens weit mehr an, als der Glanz ihres Aufzuges oder die Gestalt ihres PrunkpfcrdeS- Das Gefolge dieser ausgezeichneten Damen war keineswegs ihrer Geburt, oder dem in jenen Zeiten üblichen Brauche angemessen, indem es nur aus zwei berittenen Dienern bestand. Die gute alte Dame war nämlich schuldig und verbunden gewesen, ihre gesammte Hausdiencrschaft ausrücken zu lassen, um die bestimmte Anzahl von Leuten zusammen zu bringen, welche die Baronie bei der Musterung zu stellen hatte, und dabei hätte sie es um Alles in der Welt nicht an Etwas fehlen lassen- Der alte Haushofmeister, welcher, angethan mit Stahlhaube und Steifstiefeln, den Zug anführte, hatte, wie er sagte, Blut und Wasser geschwitzt bei seinen Bemühungen, um die Bedenklichkeiten, Einwendungen und Ausflüchte der Moorlandpächter zu besiegen, welche schuldig und gehalten gewesen wären, bei dieser Gelegenheit Menschen, Pferde und Rüstung zu stellen. Es kam endlich in dem Streite mit ihnen bis zu einer offenen Kriegserklärung, da der hitzige und erzürnte Episcopale die Widerspenstigen mit allen möglichen Strafen bedrohete, wogegen diese den calvinistischen Bann auf ihn schleuderten. Indessen was war zu thun? Freilich wäre es leicht genug gewesen, Liese widerstrebenden Pächter zu strafen; der Staatsrath würde bereitwillig Geldstrafen zuerkannt, und Reiter abgeschickt haben, um dieselben einzusammeln. Das aber hätte ungefähr so viel geheißen, als den Jäger sammt den Hunden in den Garten rufen, um den Hasen zu erlegen. „Denn," sprach Harrison bei sich, „die Kerle haben ohnehin nicht viel zu brechen und zu beißen, und wenn ich nun die Rothröcke herbeirufe, und diese ihnen das Bischen, was ihre ist, noch nehmen, woher soll denn meine verehrte Herrin die zu Lichtmesse fällige Rente bekommen, die selbst in den besten Zeiten nur mit Mühe und Noth cinzukricgen ist?" So bewaffnete er denn den Vogelsteller und Falkonier, den Bedienten und den Ackerknecht, und einen alten, immer durstigen und trinklustigen Kellermeister, welcher mit dem verstorbenen Richard unter Montrose gedient hatte, und allabendlich die Hausdienerschaft mit der Erzählung seiner Thaten, die er bei Kilsythe und Tippermoor verübt haben wollte, in Erstaunen und Verwunderung setzte. Er war von Men der einzige Mann, dem die Sache einigermaßen am Herzen lag und Ernst war. Auf solche Weise, und indem er noch einige Wilddiebe und andere Gesellen ähnlichen Gelichters, denen nian ein allzuenges Gewissen nicht zum Vorwurfe machen konnte, anwarb, brachte Harrison wirklich die Anzahl von Mannen auf die Beine, welche Lady Margaretha Bellenden, als lebenslängliche Nutznießerin der Baronie Tillietudlem und anderer Besitzungen, zu stellen hatte. Als aber am Morgen des verhäng- nißvollen Tages der Haushofmeister eben seine troupe clorös vor dem eisernen Thore des Schlosses musterte, erschien die Mutter des Äckerknechts Cuddie Headrigg, mit den Steifstiefeln, dem ledernen Koller und anderm Zeug, welches für den Gebrauch an diesem Tage verabfolgt worden war, und legte Alles vor dem Haushofmeister nieder- Dabei versicherte sie ihn ganz ernsthaft, daß, — ob es nun eine Kolik oder eine Bedrängniß des Gewissens gewesen, was sie nicht entscheiden wolle, — so viel gewiß wäre, daß eS ihrem Cuddie in der Nacht sehr schlecht gegangen sei, und ob es heute früh besser mit ihm stehe, wisse sie nicht. Des Himmels Finger sehe man daraus, setzte sie hinzu, und ihr Kind solle zu dergleichen Fahrten sich nicht hergeben. Vergebens waren die Androhungen von Züchtigung, Strafe und Fortjagen aus dem Dienste; die Mutter war und blieb hartnäckig, und Cuddie, über dessen körperliches Befinden man in's Klare kommen wollte, und den man deshalb in seiner Behausung heimsuchte und besichtigte, konnte oder wollte nur mit Aechzcn und Stöhnen antworten. Die alte Mause, früher Dienerin in der Familie, war eine Art Favoritin der Lady Margarethe, und nahm sich folglich auch Etwas heraus. Die Lady selbst war schon seit einer Weile fort, und man konnte sich daher auf ihren Befehl nicht be- rufen. In dieser Bedrängniß nun gab dem alten Kellermeister sein guter Geist ein Auskunftsmittel ein. „Er liabe unter Montrose manchen braven Gesellen wacker fechten sehen, der noch viel kleiner als Goose Gibbie gewesen sei. Weshalb er denn den Goose Gibbie nicht nehme?" Dieser Goose Gibbie war ein knirpfiger, halb blödsinniger Junge, und eine Art von Gehülfe der Alten, welche die Aufsicht über das Federvieh hatte; — denn in einer schottischen Familie jener Tage herrschte eine wundersame Theilung der Arbeit. Dieser Zwerg nun wurde wirklich vom Stoppelfelde abgerufen, in aller Eile in den ledernen Koller gesteckt, man gürtete ihm das Schwert eines erwachsenen Mannes um, oder genauer ausgedrückt, man gürtete ihn an das Schwert, steckte seine kleinen Beine in die Rciterstiefel, und stülpte auf seinen Kopf eine Stahlhaube von solchem Umfange, als wäre es darauf abgesehen gewesen, ihm sein Lebenslicht auszulöschen. So angethan, wurde er seinem dringenden Flehen gemäß auf bas zahmste und sanfteste Pferd gehoben, und da der alte Kellermeister Gudpill ihm hülfreich zur Seite war, so bestand er auch die Musterung erträglich genug. Ohnehin prüfte der Scheriff die Mannen einer so wohlgesinnten Person, wie Lady Margarethe Bellenden, nicht allzugenau. Diese Umstande waren schuld, daß das Geleit der Lady an jenem verhängnißvollen Tage nur aus zwei Lakaien bestand. Bei jeder andern Gelegenheit würde sie sich geschämt haben, mit einem so unbedeutenden Gefolge öffentlich zu erscheinen. Aber für die Sache des Königsthums war sie immer bereit, die größten persönlichen Opfer zu bringen. Sie hatte in den Bürgerkriegen jener unglücklichen Zeit ihren Gemahl und zwei hoffnungsvolle Söhne verloren; sie war aber auch dafür belohnt worden, denn es hatte Karl der Zweite, als er durch das westliche Schottland zog, um Cromwelln bei Worcester die unglücklich für ihn sich entscheidende Schlacht zu liefern, im Schlosse Tillietudlem gefrühstückt. Dieser Vorfall bildete von Anfang an einen wichtigen Zeitpunkt im Leben der Lady Margarethe, und selten nahm sie nachher entweder daheim oder auswärts an einem Frühmahle Theil, ohne umständlich zu erzählen, was Alles beim Besuche des Königs sich begeben; namentlich unterließ sie nie zu erwähnen, daß Seine Majestät ihr zum Gruße beide Wangen geküßt habe. Die Bemerkung indeß machte sie seltener, daß der König dieselbe Gunstbezeigung zwei hübschen, drallen Dienstmädchen, welche hinter ihr standen, und für jenen Tag zu Kammerfrauen erhoben worden waren, gleichfalls hatte angedeihen lassen. Diese Beweise königlicher Gunst waren entscheidend, und wenn Lady Margarethe nicht bereits durch das Bewußtsein ihrer hohen Geburt, durch Erziehung und Haß gegen die andere Partei, von welcher sie so viel Unglück und Ungemach erduldet hatte, eine standhafte Königlichgesinnte gewesen wäre, so würde doch schon der Umstand, daß sie der Majestät ein Frühstück gegeben, und dafür die Begrüßung des Königs empfangen hatte, Ehre genug für sie gewesen sein, um sie für immer an die Geschicke der Stuarts zu knüpfen- Jetzt nun triumphirtcn, allem Anscheine nach, die Stuarts; aber Lady Margarethe war auch in den schlimmsten Tagen deren standhafte und treue Anhängcrin gewesen, und war immer bereit, dieselbe Härte und Ungunst des Schicksals noch ein Mal zu ertragen, wenn dieSchaale ja wieder zu ihrem Nachtheile ausschlagcn sollte- Gegenwärtig erfreute sie sich in vollem Maße an der kriegerischen Entfaltung der Streitmacht, welche zur Unterstützung der Krone bereit stand, und dämpfte, so viel ihr immer II möglich war, den peinigenden Mißmutb und dicKränkung, welche der schmähliche Abfall ihrer eigenen Hintcrsaßen ihr verursachte. Zwischen der Ladp und den Repräsentanten einiger alten loyalen Familien, welche sich auf dem Plane eingesunden hatten, und die ihr große Ehrerbietung zollten, wurden viele Höflichkeiten gewechselt; und während der Dauer der Musterung zog kein junger Mann von Rang an ihnen vorüber, ohne sich höher im Sattel aufzurichten, und sein Pferd etwas mehr zusammenzunehmen, um seine eigene Reitergewandtheit und die vollkommene Abrichtung seines Rosses in den Augen des Fräuleins Editha Bellenden im vorthcilhaftcsten Lichte erscheinen zu lassen- Allein die durch vornehme Abkunft und unbezweifelte Loyalität ausgezeichneten Cavaliere erregten Editha's Aufmerksamkeit gerade nur in so weit, als die Gesetze der Höflichkeit unumgänglich erforderten, und sie hörte die Complimente, die ihr in nicht spärlichem Maße gesagt wurden, sehr gleichgültig an, obschon dieselben absichtlich aus den langweiligen und weitschweifigen Romanen Calprenedes und der Scudery entlehnt waren; jenen Spiegeln, noch welchen die Jugend der damaligen Zeit sich so gern ausstaffirte, bevor die Mode den Ballast derselben über Bord geworfen hatte, und die Schiffe erster Größe, wie die Romane von Cyrus, Cleopatra und andere zu kleineren Fahrzeugen verarbeitete, die so geringen Tiefgang haben, oder um es deutlicher auszudrücken, so wenig Zeit in Anspruch nehmen, als das kleine Boot, in welchem der geneigte Leser sich einzuschiffen gütig genug war. Das Schicksal wollte indeß, daß Fräulein Bellenden diesen Gleichmuth nicht bis zum Schluffe des Tages sich bewahren sollte- Zweites Kapitel. Die schwere Todesqual trifft Noß und Neiter, »ud Waffen, Krieger fall'» mit dumpfem Klang. — Die Freuden der Hoffnung. Die Waffenübungen waren, wenn man den Mangel an Gewandtheit bei Männern und Rossen berücksichtigt, erträglich genug ausgefallen , und nun wurde durch lautes Rufen kund und zu wissen gethan, daß die Preisbewerber bereit standen, das Schießen nach dem schon erwähnten Papagei zu beginnen. Der Mast, oder vielmehr die lange Stange, durch welche ein Querholz lief, an welchem das Ziel sich befand, wurde unter lautem Jubelgeschrei der Versammelten aufgerichtet, und selbst Die, welche den Uebungen der Feudalmiliz mit Spott und Mißbehagen zugeschaut hatten, weil sie der königlichen Sache, welcher sie scheinbar zugethan sein mußten, abgeneigt waren, — selbst diese konnten nicht umhin, an dem jetzt beginnenden Wettstreit einen sehr bedeutenden Antheil zu nehmen. Haufenweis drängten sie sich nach dem Schießstande, kritisirtcn alle der Reihe nach auftretende Bewerber, welche nach dem Ziele schossen, und für ihre Gewandtheit oder Ungeschicklichkeit Gelächter oder Beifall der Zuschauer einernteten. Als aber ein schlankgewachsener, zwar einfach aber zierlich-sauber gekleideter, und vornehm aussehender Jüngling, mit seinem Feuerrohr in der Hand herantrat, dessen dunkelgrüner über die Schulter zurückgeschlagener Mantel, gesticktes Wams und mit Federn gezierte Mütze auf einen 13 Mann von nicht ganz gewöhnlichem Stande und Range deuteten, erhob sich ein von Theilnahme zeugendes Gemurmel unter den Zuschauern; doch war schwer zu erkennen, ob zu Gunsten des jungen Abenteurers. „Ei, muß man eines solchen Vaters Sohn bei dergleichen Thorheilen sehen!" sagten die altern und strengern Puritaner, deren Neugier ihre Bigotterie in so weit zuruckgedrängt hatte, daß fie auf den Schießplatz gegangen waren. Die Mehrzahl jedoch betrachtete den Wettstreit nicht so mürrisch, und begnügte sich damit, dem Sohne eines verstorbenen prcsbyteria- nischen Führers den besten Erfolg zu wünschen, ohne gerade ängstlich zu prüfen, ob cs auch wohl schicklich von ihm sei, sich mit um den Preis zu bewerben. Ihre Wünsche wurden erfüllt. Beim ersten Schüsse aus seinem Feuerrohre traf der grüne Abenteurer den Papagei. Es war dieses an jenem Tage der erste Schuß, welcher wirklich traf; mehrere andere Kugeln waren übrigens nahe am Ziele vorbeigeflogen. Ein lauter Beifallruf erhob sich. Doch war der Erfolg noch nicht entschieden, weil jeder folgende Schütz auch treffen konnte, und alle Die, welchen es wirklich gelang, zuletzt unter einander um den Preis streiten mußten, bis die Ueberlegenheit des Einen über Alle durchaus entschieden war. Aber von allen Folgenden waren nur noch Zwei so glücklich, den Papagei zu treffen. Der Erste war ein junger Mann niedern Standes, von markigem Körperbau; er hielt sein Gesicht in einem grauen Mantel verhüllt; der Andere, ein stattlicher junger Cavalicr, ausgezeichnet durch seine hübsche Gestalt, und sorgfältig für diesen Tag geputzt- Seit der Musterung war er immer in der Nähe der Lady Margarethe und Miß Bellenden geblieben, hatte sie aber mit einer gewissen gleichgültigen Kälte verlassen, nachdem Lady Marga- 14 rethc die Frage aufgeworfen, ob denn kein junger Mann von Familie und loyalen Grundsätzen da sei, welcher den zwei Burschen, deren Kugeln getroffen hatten, den Preis streitig machen wolle? 2» einer halben Minute sprang der junge Lord Evandale vom Pferde, ließ sich von einem Diener ein Gewehr geben, und traf, wie schon gesagt, das Ziel. Diese Erneuerung des Wettstreites zwischen den drei Bewerbern erregte große Theilnahme. Der StaatSwagcn des Herzogs wurde mit einiger Mühe und Schwierigkeit in Bewegung gesetzt und rückte dem Schauplatze der Handlung etwas näher; auch die Reiter, sowohl männliche als weibliche, lenkten ihre Rosse eben dahin, und Alle waren auf den Ausgang in hohem Grade gespannt. Es war Brauch, daß beim zweiten Kampfe die Prcisbe- werbcr darum loosten, wer den ersten Schuß haben solle. Er fiel dem jungen Plebejer zu, welcher, als er sich anstellte, den Mantel etwas von seinem Gesichte zurückwarf, und zu dem zierlich in Grün Gekleideten sagte: „Wenn es an einem andern Tage wäre, Herr Heinrich, so würde ich Euch zu Liebe wohl ein Mal fehl schießen; aber Jenny Dennison schaut auf uns, und da muß ich schon mein Bestes thun " Er nahm das Ziel aus's Korn, und seine Kugel pfiff so nahe am Ziele vorüber, daß dasselbe, wie man von unten deutlich zu erkennen vermochte, wankte und schwankte- Er hatte eS indessen doch nicht getroffen, zog sich daher mit niedergeschlagenem Blicke von der weiteren Bewerbung zurück, beeilte sich aus der Versammlung wegzukommen, und schien gewissermaßen auch zu besorgen, daß ihn Jemand erkennen möge- Darauf trat der grüne Zager vor, und seine Kugel traf zum zweiten Male den Papagei. Alles jauchzte auf, und ganz hinterher erscholl aus der Menge der Ruf einer Stimme: „Die alte gute Sache für immer!" Während die Beamten über diesen Freudenruf der Mißvergnügten die Stirne runzelten, trat der junge Lord Evandale noch einmal hervor, um sein Glück zu versuchen, und es war ihm wieder hold. Nun brach der wohlgesinnte, aristokratische Theil der Anwesenden seinerseits in lauten Jubel aus, doch war immer noch eine weitere Probe der Geschicklichkeit abzulegen. Jetzt nahm der grüne Schütze, um die Sache zu einer Entscheidung zu bringen, sein Roß dem Manne ab, welcher dasselbe bisher gehalten hatte, sah sorgfältig nach, ob Gurt und Sattel auch in gehörigem Stande waren, schwang sich dann hinauf, winkte den Umstehenden Platz zu machen, setzte die Sporen ein, sprengte an der Stelle, von welcher abge- schoffen wurde, im Galopp vorüber, hielt im Vorbeirciten die Zügel an, wandte sich im Sattel zur Seite, feuerte den Karabiner ab, und brachte den Papagei herunter. Lord Evandale folgte diesem Beispiele, obwohl viele Umstehende bemerkten, es sei eine Neuerung, welche gegen den herkömmlichen Brauch verstoße, weshalb auch Niemand dazu verpflichtet sei. Aber der Lord war entweder kein so gewandter Schütze, oder sein Pferd nicht so gut abgerichtet; denn gerade als sein Reiter abfeuerte, scheute und bäumte cs sich, so daß die Kugel den Vogel nicht traf. Diejenigen, welcbe vorher von der Geschicklichkeit des grünen Schützen überrascht waren, freuten sich jetzt in gleichem Maße über dessen Höflichkeit; denn er lehnte alles Verdienst bei dem letzten Schüsse ab, und schlug seinem Gegner vor, denselben nicht als Treffer gelten zu lassen, und den Kampf um den Preis zu Fuß zu erneuern. „Ich würde lieber vom Pferde schießen, wenn ich ein eben 16 so gut abgerichtetes und wahrscheinlich für einen solchen Fall eingeübtes hätte, wie Ihr," cntgcgnete der junge Lord. „Wollt Ihr mir die Ehre erweisen und beim nächsten Schüsse Euch meines Pferdes bedienen, dagegen aber erlauben, daß ich das Lunge reite?" fragte der Andere. Lord Evendale schämte sich in diesen höflich gemachten Vorschlag cinzugehen, weil er wohl wußte, daß dadurch der Werth des Sieges sehr vermindert werden mußte; aber es lag ihm doch viel daran, seinen guten Ruf als Schütze wiederherzustellen, und so fügte er denn hinzu: Obgleich er allem Ansprüche auf die Ehre des Tages entsage, (er legte in diese Worte einen Ton von spöttischer Geringschätzung) so wolle er doch, wenn der Sieger nicht ausdrücklich Etwas dagegen einzuwenden habe, dessen verbindlichen Antrag annehmen und die Pferde mit ihm wechseln, um einen Schuß für die Liebe zu versuchen. Bei diesen Worten warf er einen kühnen Blick auf Fräulein Bellenden, und die Sage will wissen, daß auch die Augen des jungen Scharfschützen, wenn auch mehr verstohlen, sich nach derselben Richtung gewandt hätten. Der letzte Versuch des jungen Lords mißlang indessen ebensowohl wie der frühere, und nur mit Mühe behauptete er jetzt die geringschätzige Haltung, welche er bisher gezeigt hatte. Da er aber recht gut wußte, daß der verlierende Theil sich lächerlich macht, wenn er seinen Verdruß offenkundig werden läßt, so gab er seinem Gegner das Roß, auf welchem er den letzten mißlungenen Versuch gemacht hatte, zurück, und erhielt das seinige wieder; zugleich dankte er dem Mitbewerber, welcher, wie er sich ausdrückte, sein Lieblingöroß in seiner guten Meinung wiederhergestellt habe, denn beinahe sei er in die Versuchung gerathen, den Schimpf, 17 besiegt worden zu sein, dem armen Thiere aufzubürden; während doch jetzt Jeder, so gut wie er selbst, begreife, daß die Schuld lediglich am Reiter liege. Dieses sprach er in einem Tone, bei welchem er den Aerger unter der Gleichgültigkeit zu verdecken suchte, bestieg dann sein Pferd und ritt fort. Dem Gange menschlicher Dinge gemäß wurde nun selbst von Seiten Derer, welche bisher dem Lord Evandale das Beste gewünscht hatten, Beifall und Aufmerksamkeit aus dessen triumphirenden Nebenbuhler übertragen. „Wer ist er denn? wie mag er wohl heißen?" lief es von Mund zu Mund unter dem anwesenden Adel, — denn er war nur Wenigen bekannt. Bald verlautete jedoch sein Rang und Stand, und da er zu jener Klasse gehörte, mit der sich ein vornehmer Mann, ohne sich Etwas zu vergeben, einlaffen kann, so führten vier von des Herzogs Freunden den Sieger vor den Lordstatthalter. Als sie ihn im Triumphe durch die Menge geleiteten und zugleich mit Lobeserhebungen über das errungene Glück überschütteten, kam er dicht vor Ladp Margarethe und ihrer Enkelin vorüber. Des Papageienhauptmanns, wie des Fräuleins Bellenden Antlitz überzog tiefe Rothe, als die Letztere mit verlegener Höflichkeit die tiefe Verbeugung erwiderte, bei welcher das Haupt des Siegers beinahe den Sattelbogen berührte. »Ist der junge Mann dir bekannt?" fragte Ladp Margarethe. »Ich, — ich habe ihn, — gnädige Frau, gelegentlich bei meinem Oheim und — anderswo gesehen," stammelte Fräulein Edith« Bellenden. „Ich höre hier," entgegnete Lady Margarethe, „die Leute sagen, der junge Stutzer sei der Neffe des alten Milnwood." „Der Sohn des verstorbenen Obersten Morton von Miln- Die Schwärmer. I. 2 18 wood, der mit großem Muthe bei Dunbar und Jnverkeithing ein Reiterregiment führte," sprach ein Herr, der neben Lady Margarethe zu Pferde hielt. „Ja, und der schon vor jener Zeit auch bei Marston Moor und Philiphaug für die Covenanter focht," setzte Lady Margarethe hinzu, und seufzte bei den letzten Worten tief auf, weil ste dabei an den Tod ihres Gemahls erinnert wurde- „Ew. Herrlichkeit Gedächtniß ist sehr treu," bemerkte der Edelmann lächelnd; „aber es wäre wohlgethan, jetzt an alles Dieses nicht zu denken-" „Er aber sollte doch daran denken, Gilbertscleugh," erwiderte Lady Margarethe, „und sich nicht in die Gesellschaft Derer eindrängen, bei welchen sein Name nur unangenehme Erinnerungen Hervorrufen muß." „Ihr vergeht, theure Lady," sprach Gilbertscleugh, „daß der junge Mann hierher kommt, um in seines Oheims Namen Gefolge und Dienst zu leisten. Ich wollte, jeder Lehnsitz im Lande schickte so wackere Bursche." „Sein Oheim ist wahrscheinlich auch ein Rundkopf, wie sein Vater einer war," sprach Lady Margarethe. „Er ist ein alter Geizhals," entgcgnete Gilbertscleugh, „bei dem ein gut Stück Geld jederzeit schwerer in die Waage fällt, als politische Meinungen; und darum sendet er, wiewohl vermuthlich ungern genug, doch den jungen Mann zur Musterung- um nicht Geldbuße erlegen zu müssen. Im Nebligen mag wohl der junge Bursche herzlich froh sein, daß er ein Mal für einen Tag der Langeweile des alten Hauses zu Milnwvod entgeht, wo er Niemand als seinen alten Oheim und dessen Haushälterin zu Gesicht bekommt " „Wißt Ihr nicht," fuhr die alte Dame in ihrem Verhör fort, „auf wie viele Männer und Pferde die Güter von Milnwood veranschlagt sind?" „Auf zwei Reiter mit vollständiger Rüstung," gab Gilbertscleugh zur Antwort- „Unsere Güter," sprach Lady Margarethe, sich mit Würde emporhebend, „haben zur Musterung immer acht Mann gestellt, Gilbertscleugh; und diese Zahl ist manchmal aus freiem Antriebe verdreifacht worden. Ich erinnere mich, daß Seine Geheiligte Majestät, König Karl, als er auf Tillietudlem ein Frühstück einnahm, sich ausdrücklich danach erkundigte —" „Da setzt sich eben des Herzogs Wagen in Bewegung," sagte Gilbertscleugh, welcher in dem Augenblicke von dem Mißbehagen heimgesucht wurde, dessen sich alle Freunde der Lady Margarethe nicht erwehren konnten, sobald diese auf den Besuch des Königs zu sprechen kam, — „ich sehe, daß des Herzogs Wagen sich in Bewegung setzt, und vermuthe, daß Ew- Herrlichkeit bei der Abfahrt den Rang einnehmen wird, welcher Euch gebührt- Darf ich Ew. Herrlichkeit und Bellenden heimbegleiten? Es schwärmen ganze Haufen wilder Whigs umher, welche, wie es heißt, in geringer Anzahl beisammenreisende Gutgesinnte beleidigen und entwaffnen." „Wir danken Euch, Vetter Gilbertscleugh," sagte Lady Margarethe; „da meine eigenen Leute uns geleiten, so glaube ich, daß wir weniger als Andere in dem Falle sind, unfern Freunden lästig fallen zu müssen. Wollt Ihr aber wohl so gefällig sein, Harrison anzuwcisen, daß er unsere Leute ein wenig schneller hcraufbringt; er reitet ja auf uns zu, als führe er einen Leichenzug." Gilbertscleugh that dem getreuen Haushofmeister die Befehle seiner Herrin kund. Der ehrliche Harrison hatte seine besonderen Gründe, zu 2» 20 zweifeln, ob dieser Befehl auch der Klugheit angemessen sei, da derselbe aber einmal gegeben und empfangen war, so mußte ihm auch Folge geleistet wertem Also setzte er sich, gefolgt von dem Kellermeister, in kurzen Galopp, und zwar in einer so militärischen Haltung, wie sie einem Manne ziemte, der unter Montrose gedient hatte. Sein trotzig-kecker Blick wurde finsterer und stolzer durch den anregenden Dunst eines Glases Branntwein, den er in einem freien Augenblicke auf des Königs Gesundheit und des Cvvenants Untergang geleert hatte. Unglücklicherweise verwischte diese mächtige Erfrischung auö der Tafel seines Gedächtnisses die Nothwendigkeit, der bedenklichen und bedrängten Lage seines Nachtrabes, Goose Gibbie, einige Aufmerksamkeit zu schenken. Kaum hatten die Pferde in kurzem Galopp angesprengt, als Gibbie's Neiterstiefel, welche die Beine des armen Jungen nicht zu halten und zu regieren im Stande waren, einer um den andern an die Seiten des Pferdes zu schlagen begannen, und da lange Rädersporen an denselben befestigt waren, die Geduld des Thiercs ermüdeten. Also bockte und stolperte es denn, während des armen Gibbie's Hülferufe den sorglosen Kellermeister nicht erreichten, dessen Kopf ohnehin in der Stahlhaube steckte, und der sich das kriegerische Lied vom tapsern Graemes mit großer Anstrengung seiner Lunge vorpfiff. Das Ende von der Sache war, daß das Pferd ungehindert thun konnte, was cs wollte; es sprang bald zur einen und bald zur andern Seite, und rannte dann, zur großen Belustigung aller Zuschauer, in wilder Hast nach der großen Familienkutsche, von welcher wir früher eine Beschreibung gegeben haben. Gibbie's Lanze, die aus ihrem Bande gefallen war, lag in gleicher Richtung mit seinen Händen, welche, wie sich leider nicht in Abrede stellen läßt, eine entehrende Rettung darin suchten, daß sie sich mit aller Kraft, soviel nur die Muskeln hergaben, in der Mähne scstklammerten. Seine Kopfbedeckung war ihm in's Gesicht gerutscht, und er sah demnach vorne eben so wenig Etwas, als hinten. Und wenn er auch hätte sehen können, so würde es ihm doch nur wenig genützt haben; denn sein Pferd rannte, als hätte es im Bunde mit den Uebelgesinnten gestanden, gerade auf die Staatskaroffe des Herzogs zu, welche in Gefahr schwebte, von der vorgc- streckten Lanze von einem Fenster bis zum andern durchbohrt zu werden. Ja, die Lanze hätte dabei wohl eben so viele Menschen aufspießen können, als weiland bei Orlando der Fall war, welcher, zufolge dem italienischen Heldendichter, so viele Mohren aufspießte, wie ein Franzose Frösche. Ein Sctzreckensruf und Zorngeschrei erhob sich von Innen der Kutsche, wie außerhalb, als das Pferd heransprengte, und glücklicherweise wurde auch das drohende Mißgeschick dadurch abgewandt. Denn das eigensinnige Roß Goose Gibbie's stutzte, als das Geschrei sich erhob, stolperte, als cs kurz umwandte, und bockte und schlug aus, als seine Bestürzung sich wieder verloren hatte. Die eigentliche Ursache des Mißgeschickes, die Steifstiefeln, bewahrten sich auch jetzt den guten Ruf, welchen sie erworben hatten, als sie noch von gewandteren Reitern getragen wurden; auf jeden Sprung des Pferdes folgte nämlich ein Stich der Sporen, denn die Stiefeln blieben ihrer Gewichtigkeit halber in den Steigbügeln. Ganz anders aber ging es dem Goose Gibbie, der zum unendlichen Ergötzen aller Zuschauer aus den weiten und gewichtigen Beinbchältern hcr- ausgeworsen wurde, und über des Pferdes Kopf hinüber auf den Boden fiel. Lanze und Stahlhaube waren ihm bei diesem Sturze entfallen, und um sein Mißgeschick voll zu machen, kam gerade Ladp Margarethe Bellenden, die noch nicht wußte, daß 22 einer ihrer Mannen die Ursache dieser allgemeinen Heiterkeit gab, um eS noch mit anzusehen, daß ihr winziger Gewappneter seine Löwenhaut, das heißt, den Koller verlor, in welchen man ihn gesteckt hatte. Da sie von der ganzen Verwandlung nicht das Geringste wußte, und die Veranlassung dazu auch nicht einmal muth- maßen konnte, so war ihre Ueberraschung wie ihr Verdruß heftig genug, und weder die Entschuldigungen des Kellermeisters, noch die Erklärungen des Haushofmeisters vermochten den letzteren zu besänftigen. Mit der größten Hast eilte sie nach Hause zurück, äußerst unwillig über das Geschrei und Gelächter der Gesellschaft, und sehr geneigt, ihr Mißvergnügen an dem widerspenstigen Ackerknechte auszulaffen, dessen Stelle Goose Gibbie auf eine so unglückliche Weise vertreten hatte. Der größte Theil des Landadels zerstreute sich nun hierhin und dorthin, und der ergötzliche Unfall, welcher den Mannen von Tillietudlcm begegnet war, gab auf dem Heimwege zur Unterhaltung den Stoff her. Auch die Reiter verließen, in kleine Abtbeilungen geschaart, wie es eben der Diesen oder Jenen gemeinschaftliche Weg mit sich brachte, den Sammelplatz, und es blieben nur Diejenigen zurück, welche nach dem Papagei geschossen hatten und, dem alten Brauche gemäß, vor ihrem Abzüge mit dem Hauptmanne noch einen Becher leeren mußten. Drittes Kapitel. Wie glänzt er stets bei Fest und Spiel! Wie sicher trof sein Pfeil das Ziel! Wie hell strahlt er in> Waffenkleide Und Stahlgeschmeide! Wer soll nun Preis und Kränze haben. Da er begraben? Elegie auf Habbie Simpson- Der Reiterschaar, welche auf der Straße nach dem kleinen Marktflecken einherzog, trabte Niel Blane, der Stadtpfeifer, voraus. Er saß auf einem weißen Klepper, war mit Dolch und Schwert bewaffnet, und von seinem Dudelsacke flatterten so viele Bänder herab, daß sechs ländliche Schönheiten, die zum Jahrmärkte oder zur Predigt gehen, daran völlig genug gehabt hätten. Niel war ein schmucker, derber und wohlgestalteter, schlanker Bursche, der das Stadtpfeiferamt von *** und alle mit demselben verbundenen Einkünfte durch sein Wohlverhalten sich erworben hatte. Zu diesen Vortheilen gehörte auch das bis auf den heutigen Tag sogenannte Pfeifersfeld, ein Stück Landes, welches etwa einen Morgen hielt, und dazu jährlich fünf Mark an baarem Gelde, und ein neuer, die Stadtfarben tragender Nock. Weiter hatte er Aussichten, ein paar Thaler zu verdienen, wenn Aemterwahl stattfand, voraus- 24 gesetzt, daß der erste Vorgesetzte geneigt oder im Stande war, solch ein Geschenk zu spenden, auch genoß er das Vorrecht, in allen achtbaren Häusern der Umgegend alljährlich zur Frühlingszeit einen Besuch abzustatten, um die Herzen mit Musik zu erfreuen, sich selbst aber mit Bier und Branntwein eine Güte zu thun und obendrein von Jedem etwas Korn zur Aussaat zu erbitten. Neben diesen sehr werthvollen Einkünften und Vortheilen hatten Niels persönliche und Geschäfts-Talente das Herz der schmucken Wittwe gewonnen, welche den Gasthof im Dorfe besaß. Ihr früherer Ehemann war ein strenger Presbyterianer, der in seiner Secte nur unter dem Namen Gajus, der Zöllner, bekannt war. Deshalb nahmen viele derselben ein Aergerniß an dem Gewerbe seines Nachfolgers, den seine hin- terlaffene Ehehälfte zum zweiten Gemahle erkoren Hatte. Da aber dessenungeachtet die Brauerei ihren guten Namen behauptete, so blieben ihr auch die alten Kunden getreu- Der Charakter des neuen Wirths war von jener schmiegsamen Art, daß er durch die brausenden Fluthen des Parteizwistes sein kleines Schifflein glücklich obenauf erhalten konnte. Er war lustig, schlau, eigennützig, gleichgültig gegen alle Streitigkeiten über Kirche und Staat, und nur darauf bedacht, sich das Wohlwollen seiner Kunden jeder Klaffe zu sichern. Aber sein Charakter sowohl, wie der Zustand des Landes, wird dem Leser um so klarer durch die Anweisungen, die Niel seiner Tochter gab, einem Mädchen von ungefähr achtzehn Jahren, das er in die Geschäfte einweihte, die seine Frau lange und treulich besorgt, bis sie ungefähr sechs Monate vor dem Beginn unserer Geschichte auf den Kirchhof getragen wurde. — „Jenny," sagte Niel Blaue, als das Mädchen ihm den Dudelsack abnahm, „das ist der erste Tag, an welchem du das Geschäft deiner braven Mutter übernehmen und das Publikum bedienen sollst. Sie war ein sanftmüthig Weib und war artig gegen die Kunden, und hatte einen guten Namen bei Whigs und Tories, bei Vornehmen und Geringen. Es wird dir schwer fallen, ihren Platz auszufüllen, besonders an so heißen Tagen wie der heutige. Aber der Wille des Himmels muß geschehen. — Jenny, was Milnwood verlangt, das muß er haben; denn er ist der Papageienhauptmann, und alte Sitten muß man aufrecht erhalten. Kann er seine Zeche nicht selbst bezahlen, — denn, wie ich weiß, hält ihn sein Oheim ziemlich kurz, — so werd' ich schon die Mittel finden, mit diesem Alten zurecht zu kommen. Der Pfarrer spielt Würfel mit dem Cornet Grahame, — sei artig gegen Beide; denn Geistliche und Soldaten können uns eine Schlappe versetzen in diesen Zeiten, wenn sie's darauf absehen wollen. Die Dragoner werden nach Bier schreien und sie wollen's haben und sollen'ü haben- Es sind ungeschlachte Gesellen; aber wenn sie nicht auf diese Weise zahlen, so zahlen sie auf eine andere. Ich bekam die ungehörnte Kuh — sie ist die beste im Stalle — vom schwarzen Franz Jnglis und dem Sergeanten Bothwell für zehn Pfund schottisch und das haben sie verdechert in einem Nu/' „Aber, Vater," unterbrach ihn Jenny, „man sagt, die zwei Spitzbuben hätten die Kuh der Pächterin von Bellsmoor weggetriebcn, weil sie am Sonntag Nachmittag zur Feldpredigt ging." „Still, einfältig Ding du," sagte ihr Vater- „Was küm- wert's uns, wie sie zu dem Vieh kommen, das sie verkaufen? Mögen sie das mit ihrem Gewissen abmachen. — Nun, Jenny, merk' auf jenen griesgrämigen, finster blickenden Kerl, der dort im Winkel sitzt und den Andern den Rücken zukehrt. Er sieht aus wie Einer von dem Gebirgsvolk; denn ich sah ihn, wie er stracks wegblickte, als er einen der Nothröcke ansichtig wurde. Mich däucht, er wäre lieber vorbeigeritten, aber sein Pferd — ein stattlicher Wallach ist's — war zu abgehetzt, und so mußte er denn anhalten, gleichviel ob gern oder ungern. Bediene ihn freundlich, Jenny, ohne viel Geschwätz, und bring' ihm nicht die Soldaten auf den Leib durch viel Fragen. Aber gib ihm kein besonderes Zimmer, sonst heißt's, wir wollten ihn verbergen. — Was dich betrifft, Jenny, sei artig gegen alle Leute, und kümmere dich nicht um den Unsinn und das Getratsch, mit dem di« jungen Bursche dich heimsuchen. Im Gasthause kann man's so genau nicht nehmen. Deine Mutter selig konnte so viel vertragen, wie nur irgend ein Weib, aber — weit davon ist gut vor'm Schuß- Wird Einer ungezogen gegen dich, so schreie nur. Merk', wenn das Bier ihnen in den Kopf steigt, so fangen sie an über geistlich und weltlich Regiment zu sprechen, und dann, Jenny, zanken sie gern — laß sie gewähren, — Zorn ist eine durstige Leidenschaft, und je mehr sie disputiren, je mehr Bier trinken sie. Du würdest weislich handeln, wenn du ihnen etwas Dünnbier vorletztest; es wird sie weniger erhitzen und sie werden doch den Unterschied nicht merken." „Aber, Vater," sprach Jenny, „wenn sie, wie neulich, mit einander balgen, soll ich nicht nach Euch schreien?" „Keineswegs, Jenny. Wer an den Kessel streicht, wird schwarz. Wenn die Soldaten ihre Säbel ziehen, rufe du nur nach dem Korporal und der Wache. Wenn das Landvolk nach Zangen und Feuerhaken greift, rufe nach dem Ratbsherrn und den Gerichtsdienern. Aber mich rufe beileibe nicht; denn ich bin müde vom Blasen den ganzen Tag, und ich will mein Brod ruhig in der Speisekammer verzehren. — Und nun fällt rnir'S 27 ein: der Laird von Lidkitup (nämlich der ein Laird war) schmachtet nach einem Glas Dünnbier und einem gesalzenen Häring, zupf' ihn am Aermel und raun' ihm in's Ohr, daß es mich freuen würde, wenn er zu Mittag mein Gast wäre. Er war früher ein guter Kunde, und cs fehlt ihm nur an Geld, um wieder ein guter Kunde zu sein; denn er trinkt noch jetzt so gern wie zuvor. — Und wenn du einen armen Menschen aus unserer Verwandtschaft stehst, dem es an Geld gebricht und der noch weit heim hat, gib ihm einen Schluck und einen Ha- serkuchen, wir haben's ja, und es steht einem Hause wie dem unsrigen wohl an. Und nun, Kind, geh' und bediene die Leute; aber vor Allem bring' mein Essen, zwei Flaschen Doppelbier und ein Kännchen Schnaps." Nachdem er so auf Jenny als den ersten Minister seine Geschäftssorgen gelastet hatte, setzten sich Niel Blaue und sein früherer Patron, der ehemalige Laird, welcher jetzt froh war, sein Tischgenoß zu sein, zum Essen, um sich, fern vom Geräusch der Wirthsstube, des übrigen Abends zu erfreuen- In Jenny's Departement war Alles voll Thätigkeit. Die Ritter vom Vogelschießen nahmen dankbar die gastliche Be- wirthung ihres Hauptmanns an, der zwar selbst wenig trank, aber sich's angelegen sein ließ, daß der Becher mit gehöriger Schnelligkeit unter den Uebrigen kreise; denn diese hätten sich sonst für schlecht bewirthet gehalten. Ihre Anzahl schmolz nach und nach bis auf Vier oder Fünf zusammen, und auch diese begannen schon von Ausbruch zu sprechen. Am andern Tische saßen in einiger Entfernung die zwei Dragoner, deren Niel Blaue Erwähnung gcthan, ein Sergeant nämlich und ein Gemeiner von Claverhouse's berühmtem Leibgardenregiment. Sogar die Unteroffiziere und Gemeinen dieses Korps wurden nicht als gewöhnliche Söldner betrachtet, sondern hatten vielmehr 28 den Rang französischer Musketiere, und man sah sie als Ka- deten an, welche in Reih' und Glied dienten, mit der Aussicht, Offiziere zu werden, sobald sie sich auszeichneten. In diesen Reihen fand man viele junge Leute von guten Familien, ein Umstand, welcher noch viel zum Stolz und Selbstbewußtsein dieser Truppen beitrug. Davon war der eben erwähnte Unteroffizier ein auffallendes Beispiel. Sein eigentlicher Name war Franz Stuart, aber er war allgemein unter dem Namen Bothwell bekannt, da er in gerader Linie vom letzten Grafen dieses Namens abstammte, nicht etwa von jenem schmachvollen Geliebten der unglücklichen Königin Maria, sondern von Franz Stuart, Grafen von Bothwell, dessen unruhiger Geist und öftern Verschwörungen die frühere Regierung Jakobs VI. erschütterten und der endlich in großer Armuth und Verbannung starb. Der Sohn dieses Grasen hatte Karl I. um die Zurückgabe der cingezogenen Güter seines Vaters gebeten, aber die Edelleute, denen sie zugefallen waren, hielten sie viel zu fest, als daß sie ihnen hätten entrissen werden können. Durch den Ausbruch der Bürgerkriege ging er ganz zu Grunde, da die kleine Pension ausblicb, die ihm Karl I. bewilligt, und so starb er in bitterster Armuth. Nachdem sein Sohn theils in fremden, theils in englischen Diensten vielfältige Schicksale erfahren, war er endlich froh, eine Unteroisiziersstelle in der Leibgarde zu erhalten, obgleich er in gerader Linie von der königlichen Familie abstammte, da der Vater des geächteten Grafen von Bothwell ein natürlicher Sohn Jakobs VI. war. Große Körperstärke und Geschicklichkeit im Gebrauch der Waffen hatten diesen Mann der Beachtung seiner Offiziere empfohlen- Allein er nahm auch sehr Antheil an der Zügellosigkeit und an der Untcrdrückungslust, welche durch die Gewohnheit, für die Regierung bei Erhebung von Geldstrafen, Er- Pressung freier Quartiere und andere Mittel die Presbyterianer zu belasten und im Zaume zu halten, nur zu allgemein unter diesen Soldaten wurden. An dergleichen Aufträge waren sie so sehr gewöhnt, daß sie ungestraft jede Zügellosigkeit begeben zu können glaubten, gleichsam als ob sie außer dem Befehl ihrer Offiziere kein Gesetz noch Obrigkeit zu achten verpflichtet wären. Bei solchen Gelegenheiten aber war Both- well meistens voran. Bothwell und seine Kameraden hätten sich wahrscheinlich nicht so ruhig verhalten, wäre nicht der Cornet gegenwärtig gewesen, der das kleine im Flecken liegende Häuflein befehligte und eben mit dem Pfarrer des Orts im Würfelspiel begriffen war. Plötzlich aber wurden Beide von ihrer Unterhaltung abgerufen, um mit der ersten Magistratsperson wegen dringender Geschäfte zu sprechen, und Bothwell säumte nun nicht, seine Verachtung für die übrige Gesellschaft blicken zu lassen." „Jst'S nicht sonderbar, Halliday," sagte er zu seinem Kameraden, «daß diese Zecher den ganzen Abend bechern, ohne des Königs Gesundheit getrunken zu haben?" „Sie haben des Königs Gesundheit getrunken," sagte Halliday; „ich habe gehört, wie der kleine grüne Junge Seine Majestät hat leben lassen." „Wirklich?" sagte Bothwell. „Nun, Tom, jetzt sollen sie auch die Gesundheit des Erzbischofs von St. Andrews trinken, und noch dazu auf ihren Knieen. „Ja, das sollen sie," sagte Halliday, „und wer cs nicht will, den führen wir auf die Wache; dort lehren wir ihn auf einem hölzernen Gaul reiten, mit einem Bündel Karabiner an jedem Fuße, daß er gerade bleibt." „Recht, Tom," fuhr Bothwell fort; und damit Alles in 3V gehöriger Ordnung geschieht, will ich mit jener sauertöpfischen Blaumütze in der Ecke den Anfang machen." Er stand auf, und sein Schwert sammt der Scheide unter den Arm nehmend, um dem beabsichtigten Uebermuth Nachdruck zu geben, stellte er sich vor den Fremden, der von Niel Blane in seinen Ermahnungen an die Tochter aller Wahrscheinlichkeit nach als Einer vom Gebirge, oder als ein widerspenstiger Presbyterianer bezeichnet worden war. „Ich bin so frei, Werthester, Ew. Gestrengen zu ersuchen," sprach der Reiter in einem Tone affectirter Feierlichkeit und indem er das Pusten des Landpredigers nachäffte, „daß Ihr Euch, mein Werthester, von Eurem Sitze erhebet und daß Ihr Eure Beine beuget, bis Eure Kniee den Boden berühren, mein Werthester; dann aber leert dieses Maaß (so von den Weltkindern Nößel genannt wird) des herzstärkenden Geistes, den die Fleischlichen Schnaps nennen, auf die Gesundheit und Herrlichkeit Seiner Gnaden des Erzbischofs von St. Andrews, des würdigen Primas von ganz Schottland." Alle warteten nun auf die Antwort des Fremden. — Seine Gefichtözüge waren streng bis zur Wildheit, sein schielendes Auge, das seinem 'Antlitz einen unheimlichen Ausdruck verlieh, und sein vierschrötiger, starker und muskelkräftigcr Körper, obgleich etwas unter Mittelgröße, kündigten einen Mann an, welcher weder einen rohen Spaß verstehen, noch Beleidigungen ungestraft sich gefallen lassen wollte. „Und was folgt," sprach er, „wenn ich nicht geneigt sein sollte, Euer unhöfliches Begehren zu erfüllen?" „Es folgt, mein Werthester," sagte Bothwell in demselben spöttischen Tone, „daß ich dir erstlich deinen Rüffel oder deine Nase zwacke. Zweitens will ich dir, mein Werihester, diese meine Faust an dein vertracktes Sehwerkzeug appliziren, und 3l schließlich, mein Werthester, will ick meine flache Klinge auf den Schultern des Widerspenstigen herumspazieren lassen." „Wenn Jhr's so meint," sagte der Fremde, „dann gebt Mir den Becher," und indem er ihn in die Hand nahm, sagte er mit eigenthümlichem Ausdruck in Ton und Geberden: „der Erzbischof von St. Andrews und die Stelle, die er jetzt so würdig behauptet; — möge jeder Prälat in Schottland bald das sein, was der hochwllrdige Jakob Sharpe ist!" „Er hat sich geduckt!" rief Halliday jauckzend. „Aber mit Einschränkung," sagte Bothwell; „ich verstehe nicht, was der stutzöhrige Whig meint." „Beruhigt Euch, ihr Herren," sagte Morton, der ihres unverschämten Benehmens überdrüssig wurde. „Wir sind hier als gute Unterthanen und bei einer lustigen Gelegenheit zusammengekommen, und haben darum wohl ein Recht, zu erwarten, daß wir nicht durch solche Streitigkeiten belästigt werden." Bothwell war im Begriff, unhöflich zu antworten, aber Halliday erinnerte ihn leise, daß die Soldaten strenge» Befehl hätten, die Leute, welche zur Musterung gesendet worden waren, dem Willen des Staatsraths gemäß, nicht zu beleidigen. Nachdem er nun Morton mit einem langen und strengen Blick beehrt, sagte er: „Gut, Herr Papagei, ich werde ferner Eure Herrschaft nicht beunruhigen; bis Mitternacht, denk' ich, wird sie ein Ende haben. — Ist cs nicht sonderbar," fuhr er zu seinem Kameraden gewandt fort, „daß sie so viel Wesens machen, wenn sie ihre Vogelflinten nach einem Ziele abschießen, welches jedes Weib, jeder Knabe nach eines Tages Uebung treffen kann? Wenn aber Hauptmann Papagei oder einer seiner Leute einen Gang probiren wollte mit Säbel oder Degen, mit bloßem Stoßdegen, oder mit Stoßdegen und Dolch, und zwar um ein Goldstück für den ersten Blutstropfen, dann wär's noch der Mühe werth, — oder wollten die Bursche nur ringen, oder sonst Etwas der Art, wozu man Arm und Beine braucht, wenn sie — hier berührte er Mortons Degenspitze mit der Zehe — solche Dinge mit sich führen, die sie doch nicht ziehen wollen." Mortons Geduld und Klugheit war jetzt zu Ende, und er war eben im Begriff, Bothwells hochmüthigen Bemerkungen eine zornige Antwort zu erthcilcn, als der Fremde vorwärts schritt. „Das ist mein Streit," sagte er, „und im Namen der guten Sache will ich ihn selbst verfechten. Sprich, Freund," sagte er zu Boihwell, „willst du mit mir einen Gang im Ringen versuchen?" „Von ganzem Herzen, mein Werthester," antwortete Both- well; „ja, ich will mit dir ringen, bis Einer von uns stürzt, oder alle Beide " „Nun, so wahr ich auf Den hoffe, der helfen kann," erwiderte sein Gegner, „auf der Stelle will ich an dir ein Beispiel geben." Bei diesen Worten warf er seinen grauen Reitermantel von den Schultern, und seinen nervigen braunen Arm mit Entschlossenheit ausstreckend, schickte er sich zum Kampfe an. Der Soldat ließ sich nicht durch die muskelkräftige Gestalt, die hohe Brust, die breiten Schultern und den wilden Blick seines Gegners abschrecken, sondern pfiff mit großer Ruhe, löste sein Wehrgehänge und legte seinen Soldatenrock ab. Die Gesellschaft, des Ausgangs harrend, stand um Beide her. Im ersten wie im zweiten Gange schien der Reiter einigen Vortheil zu haben, doch keiner von beiden war entscheidend. Aber offenbar hatte er seine ganze Kraft zu schnell gegen einen Gegner angewendet, der so viel Ausdauer, Kraft und langen Athem besaß. Im dritten Gange hob der Landmann seinen 33 Gegner schnell vom Boden, und warf ihn mit solcher Kraft Hin, daß er einen Augenblick betäubt und regungslos da lag. Sein Kamerad Halliday zog sogleich seinen Degen. „Ihr habt meinen Sergeanten getödlet," rief er dem siegenden Ringer zu, „und bei Allem, was heilig ist, Ihr sollt mir dafür büßen!" „Zurück!" riefen Morton und seine Gefährten; „eS war ein ehrlicher Kampf. Euer Kamerad hat Händel gesucht, und jetzt hat er die Bescheerung." „Das^ist leider nur zu wahr," sagte Bothwell, sich langsam aufrichtend, „stecke Deinen Säbel ein, Tom! Ich dachte nicht, daß ein solcher Rundkopf den besten Federhut aus des Königs Leibgarde in einem verdammten Wirthshause zu Boden setzen würde- — Freund, gebt mir Eure Hand." Der Fremde reichte die Hand hin. „Ich versichere Euch," sagte Bothwell, indem er ihm derb die Hand schüttelte, „daß einst die Zeit kommt, wo wir uns wieder treffen und dieses Spiel auf eine ernstere Weise versuchen." „Und ich versichere Euch," sagte der Fremde, den Händedruck mit gleicher Kraft erwidernd, „wenn wir das nächste Mal wieder Zusammentreffen, soll Euer Kopf just so niedrig liegen, wie er eben gelegen; dann sollt Ihr aber nicht die Kraft haben, ihn wieder aufzurichten." „Gut, mein Werthester," antwortete Bothwell; „wenn Du ein Whig bist, so bist Du ein handfester und braver, und damit gute Nacht. Am besten thätest Du, Du bestiegest Dein Röß- lcin, ehe der Cornet die Runde macht, denn, glaub' mir, er hat schon Leute angehalten, die weniger verdächtig aussahen als Du." Dem Fremden schien dieser Wink nicht Verachtungswerth. Er warf seine Bezahlung hin, ging in den Stall, sattelte, und brachte sein großes schwarzes Pferd heraus, das jetzt durch Ruhe und Futter neu gestärkt war, und sagte dann zu Mor- Die Schwärmer. I. s ton gewendet: „Ich reite gen Milnwood, das, wie ich höre, Eure Heimath ist, wollt Ihr mir nicht den Vortheil und Schutz Eurer Gesellschaft gönnen?" „O ja," sagte Morton, obgleich er fast zurückbcbte vor dem Benehmen deö Mannes, in welchem ein düsterer, strenger Ernst lag. Nach einer höflichen guten Nacht brachen seine Gefährten auf und gingen in verschiedenen Richtungen von dannen; Einige leisteten ihnen ungefähr eine Meile weit Gesellschaft, dann aber entfernte sich Einer nach dem Andern, und jetzt waren die Reisenden allein. Kaum hatte die Gesellschaft das Wirthshaus verlassen, als Trompeten und Pauken ertönten. Bei dieser unerwarteten Aufforderung traten die Soldaten auf dem Marktplatze unter die Waffen, während Cornet Grahamc, ein Vetter Claver- houseS, und der Bürgermeister des Fleckens, von einem halben Dutzend Soldaten und Stadtdienern mit Hellebarden begleitet, mit einem Ausdrucke von Schrecken und Eifer auf den Gesichtern in Niel Blane's Zimmer traten. „Bewacht die Thüren," waren die ersten Worte des Cor- nets; — „Niemand darf das Haus verlassen. So, Bothwell, wie kommt das? Habt Ihr nicht Lärm blasen hören?" „Er wollte eben nach seinem Quartier, Sir," erwiederte sein Kamerad; „er hat einen schlimmen Fall gehabt." „In einem Streite wahrscheinlich?" sagte Grahame. „Wenn Ihr so Eure Pflicht vernachlässigt, dann wird Euer königliches Blut Euch schwerlich schützen." „Worin Hab' ich meine Pflicht vernachlässigt?" sagte Bothwell mürrisch. „Ihr hättet im Quartier sein sollen, Sergeant Bothwell," erwiederte der Offizier. „Ihr habt eine goldene Gelegenheit entwischen lassen- So eben ist die Nachricht eingegangen, daß 35 der Erzbischof von St. Andrews von einem Haufen rebellischer Whigs ermordet worden, welche seinen Wagen auf dem Magus-Moor unweit der Stadt St. Andrews anhielten, ihn Herausriffen und mit ihren Schwertern und Dolchen in Abrahams Schoos beförderten." Bei dieser Nachricht standen Alle erstarrt. „Hier find ihre Signalements," fuhr der Cornct fort und zog eine Proelama- tion aus der Tasche- »Tausend Mark find auf den Kopf eines Jeden gesetzt." „Die Einschränkung! die Klausel!" sagte Bothwell zu Halliday. „Nun versteh' ich'ö! Der Teufel, daß wir ihn nicht angehalten haben! Geht, sattelt unsere Pferde, Halliday. Cornet, war nicht unter ihnen ein stämmiger, vierschrötiger Mann, von breiter Brust, dünnen Seiten und mit einer Habichtsnase?" „Halt, halt," sagte Cornet Grahame, „laßt mich in's Papier sehen — Hackstown von Nathillet, lang, mager; — Haare, schwarz." „Das ist er nicht," sagte Bothwell. „John Balfour, genannt Burley, Adlernase, rotheS Haar, fünf Fuß acht Zoll groß —" „Das ist er! — Das ist er!" sagte Bothwell. „Er schielt furchtbar auf einem Auge?" „Richtig," fuhr Grahame fort — „ritt ein schwarzes Pferd, das dem Primaten beim Morde abgcnommen wurde." „Derselbe Mann! dasselbe Pferd!" rief Bothwell. „ES ist noch keine Viertelstunde, seit er in diesem Zimmer war." Einige hastige Fragen bestätigten außerdem die Meinung, daß der zurückhaltende und mürrische Fremde Balfour von Burley war, der Anführer einer Schaar von Puritanern, die in Wuth und mißleitetem Eifer den Primaten, dem fie zufälliger 3 " Weise begegnet, ermordete», als sic eine andere ihnen verhaßte Person aussuchten. Ihre aufgeregte Einbildungskraft hielt dieses zufällige Zusammentreffen für einen göttlichen Fingerzeig, und sie brachten den Erzbischof mit kaltblütiger Grausamkeit um, in dem Wahne, daß der Herr, wie sie sich ausdrückten, ihn in ihre Hände überliefert habe- „Zu Pferd! Zu Pferd! Nachgesetzt, meine Jungen," rief Cornet Grahame. „Der Kopf des MordhundeS wird Euch mit Gold ausgewogen." Viertes Kapitel. Auf, Jüngling, aus! — Dich ruft nicht Menfchrnfln»; Die Kirche Gottes ruft — schnell zu den Mauern hin! Wo Nedcroß Banner flattert in der Luft, Wo Ehrenlod, wo schöner Sieg Dich ruft. Ja»> es Do ff. Ohne ein Wort zu wechseln, waren Morton und sein Gefährte eine Zeltlang neben einander fortgeritten. Wie schon bemerkt, lag in dem Wesen des Fremden etwas Zurückstoßendes, welches Morton abhielt, eine Unterhaltung anzuknüpfen. Er selbst war zum Reden nicht aufgelegt; plötzlich aber fragte er: „Was hat Eures Vaters Sohn mit solchen profanen Mummereien zn schaffen, wie die, bei welcher ich Euch heute gefunden?" „Ich thue meine Pflicht als Unlcrthan, und gehe meinem Vergnügen nach, wie mir's gefällt," erwicderte Morton etwas beleidigt. 37 „Glaubt Ihr, es sei Eure, oder irgend eines christlichen Jünglings Pflicht, die Waffen für Die zu tragen, welche das Blut der Heiligen Gottes in der Wüste vergossen, als wäre cs Wasser? Over ist cs ein erlaubtes Vergnügen, nach einem Federbüschel zu zielen, und den Abend zu beschließen mit Weinqelagen in Wirthshäusern, indeß Er, der Allmächtige, in's Land kommt mit der Wurfschaufel in der Hand, um den Weizen von der Spreu zu sondern?" „Eurer Rede nach zu urtheilen," sagte Morton, „seid Ihr Einer von Denen, die es für wohlgethan halten, sich gegen die Regierung aufzulehnen. Ich muß Euch erinnern, daß Ihr unnöthigerweise in der Gegenwart eines Euch nicht näher Bekannten eine sehr gefährliche Sprache führt, und daß cs mir in jetziger Zeit nicht sicher scheint, derselben mein Ohr zu leihen." „Du kannst nicht ausweichen, Heinrich Morton," sagte sein Begleiter, „Dein Meister bedarf Deiner, und wenn er Dich ruft, mußt Du gehorchen. Wohl weiß ich, Du hast den Ruf eines treuen Predigers nicht gehört, sonst wärest Du jetzt schon, was Du einst sicher werden wirst." „Wir halten an dem Glauben der Presbyterianer, wie Ihr selbst," sagte Morton. Seines Onkels Familie besuchte den Gottesdienst bei einem der vielen presbyterianischen Geistlichen, welche, da sie sich gewisse Vorschriften gefallen ließen und befolgten, von Seiten der Regierung die Erlaubniß zum Predigen erhalten hatten. Diese Jndulgenz, wie man es nannte, verursachte unter den Presbyterianern eine große Spaltung; Diejenigen nämlich, welche davon Gebrauch machten, wurden von den strengen Anhängern der Sekte bitter getadelt. Der Fremde erwiederte demnach auf Mortons Glaubensbekenntniß mit Verachtung: „Das ist nur eine Doppelzüngigkeit, — eine armselige Doppelzüngigkeit. Ihr Hort am Sabbat- eine kalte, weltliche Predigt von Einem, der seinen hohen Beruf so sehr vergißt, daß er eine Apostelschaft annimmt von der Gunst der Höflinge und falscher Prälaten, und das heißt Ihr Gottes Wort hören? Von allen Lockspeisen, mit welchen der Teufel in diesen blutigen und finstern Tagen nach Seelen gefischt hat, ist diese schwarze Jndulgcnz die verderblichste. Das ist eine schreckliche Begünstigung! Sie schlägt den Hirten und zerstreut die Schafe auf den Bergen, sie reckt ein christlich Banner gegen das andere empor und schürt den Kampf der Finsterniß mit den Schwertern der Kinder des Lichts." „Mein Oheim," sagte Morton, „ist der Meinung, daß wir unter der geduldeten Geistlichkeit uns einer vernünftigen Gewissensfreiheit erfreuen, und ich muß mich, in Beziehung der Wahl des Ortes der Gottesverehrung für seine Familie, nothwendig nach seinen Ansichten richten." „Euer Oheim," sagte der Reiter, „ist Einer von Denen, welchen das kleinste Lämmlein in seiner eigenen Hürde zu Milnwood lieber ist, als die ganze christliche Heerde. Er ist Einer von Denen, die sich willig beugen würden vor dem goldenen Kalb von Bethel, er würde nach dem Staub desselben fischen, ehe cs zu Pulver gebrannt und in's Wasser geworfen würde. Dein Vater war ein Mann von einem andern Schlage." „Mein Vater," erwiederte Morton, „war wirklich ein biederer, tapferer Mann. Und Ihr habt wohl schon gehört, Sir, daß er für die königliche Familie focht, in deren Namen ich heute diese Waffen trage." „Ja, und hätte er gelebt, um diese Tage zu schauen, wahrlich, er würde die Stunde verflucht haben, in der er das 39 Schwert für sie zog. Aber später mehr davon — ich versichere Dich, daß auch Deine Stunde kommt, und dann werden die Worte, die Du eben gehört, in Deinem Busen stecken, wie Pfeile mit Widerhaken. — Mein Weg geht dorthin " Er zeigte nach einem Paffe, der in wilde öde Berge führte; als er aber sein Pferd in den rauhen Pfad hinein lenken wollte, welcher in dieser Richtung vom Heerwege abführte, trat ein altes, in einen rothen Mantel gehülltes Weib, das am Kreuzwege saß, zu ihm hinan, und sprach in geheim- nißvollem Tone: „Wenn Ihr Einer von unfern Leuten seid, so geht heute Nacht nicht den Paß hinauf, so lieb Euch Euer Leben ist. Auf dem Pfade liegt ein Löwe. Der Pfarrer von Brotherstone und zehn Soldaten haben den Paß besetzt, um das Leben zu nehmen Jedem unserer armen Wanderer, der es wagt, sich auf diesem Wege mit Hamilton und Dingwall zu vereinigen." „Haben sich die Verfolgten in eine Schaar zusammengezogen?" fragte der Fremde. „Ungefähr sechzig oder flebenzig Reiter und Fußgänger," sagte die Alte. „Aber ach, sie sind schlecht bewaffnet und noch schlechter mit Lebensmitteln versehen " „Gott wird den Seinen Helsen," sagte der Reiter. „Welchen Weg muß ich cinschlagen, um sie zu finden?" „Heute Nacht ist's unmöglich," sagte das Weib; „die Soldaten halten strenge Wache. Wunderbare Neuigkeiten sollen ringelaufen sein, welche sie wütbender und grausamer machen, als sie je gewesen. Ihr müßt Euch diese Nacht verstecken, eh' Ihr auf die Moore kommt, und Euch still halten, bis der Morgen graut; dann erst könnt Ihr Euern Weg durch das Drachenmoor finden. Als ich die schrecklichen Nachrichten der Unterdrücker hörte, hüllte ich mich in meinen Mantel, und setzte mich an den Hcerweg, um Einen unserer armen Zerstreuten zu warnen, daß er nicht in die Netze der Räuber falle." „Ist Eure Wohnung in der Nähe?" sagte der Fremde, „und könnt Ihr mich dort verbergen?" „Ich habe eine Hütte an der Landstraße," versetzte die Alte, „ungefähr eine Meile von hier; aber vier Belialskinder, Dragoner genannt, sind drinnen, mein Gut zu verprassen, weil ich nicht dem elenden, säst- und kraftlosen Gottesdienst dieses fleischlichen Menschen, des Pfarrers John Halbiert, beiwohnen mag." „Gute Nacht, wackeres Weib, und Dank für Deinen Rath," sagte der Fremde im Wegreiten. „Der Segen der Verheißung über Euch," erwiederte die Alte, „mag Euch Der schützen, der allein schützen kann." „Amen!" sagte der Reisende; „denn wohin ich diese Nacht mein Haupt hinlege, das kann keine Menschenkunst mir verkünden" „Eure Verlegenheit dauert mich," sagte Morton, „und hält' ich ein Haus oder Obdach zu eigen, so würde ich mich lieber der größten Strenge des Gesetzes unterziehen, ehe ich Euch in solcher Fährlichkeit ließe. Aber mein Onkel ist durch die Strafen und Geldbußen, welche das Gesetz den Unterstützend der Geächteten auflegt, so in Angst, daß er uns Allen auf's Strengste untersagt hat, irgend einen Verkehr mit ihnen zu Pflegen" „Das Hab' ich erwartet," sagte der Fremde; „dessenohnge- achtet könnt Ihr mich aber ohne sein Wissen aufnehmen; — eine Scheune, ein Heuschober, ein Schuppen, jeder Ort, wo ich mich hinlegen kann, würde mir bei meiner Lebensweise eben so lieb sein, als ein Tabernakel von Cedernholz mit Silber auSgelegt." „Ich versichere Euch," sagte Morton in großer Verlegen- 41 -eit, „daß ich ohne meines Onkels Wissen und Willen Euch unmöglich Milnwood aufnebmen kann, und könnt' ich's auch, ich würde es nicht über mich zu bringen vermögen, ihn in eine Gefahr zu verflechten, die er am meisten fürchtet und zu vermeiden bemüht ist." „Gut," sagte der Reisende, „ich habe nur noch ein Wort zu sagen. Habt Ihr je schon Euer» Vater den Namen John Balfour von Burley nennen hören?" „Seinen alten Freund und Gefährten, der ihm fast mit Verlust des eignen Lebens das seinige gerettet in der Schlacht von Longmarston-Moore? — Oft, sehr oft" „Dieser Balfour bin ich," sagte sein Gefährte. „Dort steht Deines Oheims Haus; ich sehe das Licht durch die Bäume schimmern. Der Bluträchcr ist hinter mir, und wenn ich hier keine Zufluchtsstätte finde, so ist mein Tod gewiß. Nun wähle, Jüngling; wende Dich ab von Deines Vaters Freund, wie ein Dieb in der Nacht, und gib Den einem blutigen Tode Preis, welcher Deinen Vater gerettet, oder setze Deines Onkels weltliche Güter einer Gefahr aus, wie sie bei diesem verderbten Gelchlechte Diejenigen erwartet, welche einem Christen einen Bissen Brod oder einen Trunk Wasser reichen, wenn er vor Mangel verschmachtet." Tausend Erinnerungen bestürmten zugleich die Seele Mortons. Sein Vater, dessen Andenken er abgöttisch verehrte, hatte sich oft umständlich über die Verpflichtungen ausgesprochen, welche er diesem Manne schulde, und bedauert, daß fie sich nach langer Waffenfieundschaft in Unfrieden getrennt, als sich Schottland in Nevolutioners und Protestcrs theilte. Die Elfteren hingen Karl II- an, nachdem dessen Vater auf dem Schaffst verblutet, während die Protesters sich mehr zu einer Vereinigung mit den triumphirenden Republikanern hinneigten. 42 Burley's düsterer Fanatismus hatte ihn an die Letzteren gekettet, und mißvergnügt schieden die Freunde, um einander nie wieder zu sehen. Diese Umstände hatte der verstorbene Obrist Morton seinem Sohne oft erwähnt, und immer mit dem tiefsten Bedauern, daß er niemals auf irgend eine Weise im Stande gewesen, die Hülse zu vergelten, die er bei mehr als einer Gelegenheit von Burley erhalte». Um Mortons Entschluß zu beschleunigen, trug der Nachtwind den dumpfen Ton einer Pauke herüber, welcher andeutete, daß ein Trupp Reiter sich ihnen nähere. „Das muß Claverhouse mit dem Rest seines Regimentes sein. Was ist die Ursache dieses Nachtmarsches? Geht Ihr vorwärts, so fallt Ihr ihnen in die Hände; kehrt Ihr aber nach dem Marktflecken zurück, so seid Ihr in keiner geringeren Gefahr vor den Leuten des Cornets Gra- hame. Der Weg nach den Bergen ist besetzt. Ich muß Euch zu Milnwood unterbringen oder Euch dem augenscheinlichen Tode auSsetzen; — aber die Strafe des Gesetzes falle auf mich und nicht auf meinen Oheim. — Folgt mir." Burley, der diesem Entschlüsse mit großer Ruhe entgegen gesehen hatte, folgte jetzt schweigend. Das Haus zu Milnwood, von dem Vater des jetzigen Eigenthümers erbaut, war eine anständige Wohnung und der Giöße der Besitzung angemessen, aber etwas in Verfall, seitdem es in Händen des jetzigen Eigenthümers sich befand. In einiger Entfernung standen die WirthschaftSgebäude. Hier hielt Morion an- „Ich muß Euch jetzt ein wenig verlassen," sagte er leise, „bis ich Euch ein Bett im Hause schaffen kann." „Um solche Bequemlichkeiten kümmere ich mich wenig," sagte Burley; „denn seit dreißig Jahren hat dieses Haupt öfter auf dem Boden, oder auf dem nächsten besten harten Steine geruht, als auf Wolle oder Federn. Ein Schluck Bier, ein Bissen Brvd, mein Gebet und dürres Heu, find für mich eben so gut als gemalte Zimmer und eine Fürstentafel." Jetzt fiel es aber Morton ein, daß der Versuch, den Flüchtling in'ö HauS zu bringen, die Gefahr der Entdeckung wesentlich vermehren würde. Er zündete daher im Stalle, wo stets alles Nöthige vorräthig war, Licht an, band die Pferde fest und^wies Burley zur Ruhestatt eine hölzerne Bettstelle auf dem Heuboden an: früher hatte ein Stallknecht darin geschlafen, welchen aber der Oheim in einem Anfalle von Geiz, der von Tag zu Tag sich vermehrte, plötzlich verabschiedet hatte. Hier ließ Morton seinen Gefährten zurück, schärfte ihm aber ein, das Licht so zu stellen, daß kein Schein davon in's Fenster falle, und gab ihm das Versprechen, daß er bald mit Erfrischungen zurückkehren werde, so viel er nämlich zu dieser Stunde noch erhalten könne- Auf diesen letzten Umstand setzte er freilich kein großes Vertrauen, denn die Möglichkeit, nur das Geringste zu bekommen, hing ganz von der Laune ab, in welcher er seines Oheims einzige Vertraute, die alte Haushälterin, fand. Wenn diese sich schon zu Bette begeben hatte, was sehr wahrscheinlich, oder übler Laune, wie nicht minder wahrscheinlich war, so wußte Morton recht gut, daß der Versuch wenigstens sehr problematisch ausfallen mußte. In seinem Herzen den schmutzigen Geiz verfluchend, der überall in seines Oheims Besitzung herrschte, klopfte er an die verriegelte Thüre auf eine bescheidene Weise, durch welche er gewohnt war, Einlaß zu begehren, wenn der Zufall ihn über die frühe zu Milnwood festgesetzte Ruhestunde hinaus entfernt gehalten. In dem Anklopfcn lag ein gewisses Säumen, gleichsam ein Bekenntniß der Gesetzesüberschreitung, durch welches mehr eine Bitte, als ein Befehl um Aufmerksamkeit sich kund gab. Als er einige Male wiederholt geklopft hatte, erhob sich die Haushälterin von ihrem Sitze in der großen Halle, wickelte ihr gewürfeltes Tuch um den Kopf, um sich vor Erkältung zu schützen, schritt über den Steinboden und rief mehrere Male, ehe sie Schlösser und Riegel öffnete, ganz ängstlich: „Wer ist hier in so später Nacht?" „Ei, das ist fürwahr recht fein, Herr Heinrich," sagte die Alte mit der tyrannischen Unverschämtheit einer verzogenen Günstlingin, „ein friedliches Haus in so später Nacht zu stören und ruheliebende Leute auf Euch warten zu lassen. Euer Oheim ist schon an die drei Stunden zu Belte, und Robin hat den Schnupfen und so mußte ich allein auf Euch warten, so sehr mich auch der Husten plagt." Und damit hustete sie einige Male zur Veranschaulichung der Beschwerde, der sie sich so eben unterzogen. „Ich bin Euch herzlich verbunden, und danke Euch viele Mal, Alison.« „Ei, Sir, wie sind wir doch so artig! Viele Leute nennen mich Frau Alison, und Milnwood selbst ist der Einzige, der mich Alison nennt, und oft sagt er auch Frau Alison." „Nun denn, Frau Alison," sagte Morton, „es thut mir in der That leid, daß Ihr meinetwegen so lange aufbleiben mußtet." „Da Ihr aber jetzt hereingekommcn seid, warum nehmt Ihr nicht Euer Licht und macht Euch zu Bette? Laßt mir nur ja das Licht nicht tropfen, wenn Ihr durch'S getäfelte Zimmer geht, ich müßte sonst das ganze Haus scheuern, um die Fettflecken wieder weg zu kriegen." „Aber, Alison, ehe ich zu Bette gehe, müßt Ihr mir noch einen Bissen und einen Schluck Bier verschaffen." „Essen? — und Bier, Herr Heinrich? Meiner Treu, Ihr seid schwer zu befriedigen! Glaubt Ihr, wir haben nicht von Eurem Vogelschießen drüben gehört, wo Ihr so viel Pulver verpufft, daß man damit alles wilde Geflügel hätte kaufen können, das wir bis Lichtmeß brauchen, — dann seid Ihr mit allen nichtsnutzigen Burschen der ganzen Gegend nach des Pfeifers Schenkstube gegangen, und habt dort zweifelsohne auf Eures armen OheimS Kosten geschmaust bis nach Sonnenuntergang, und dann kommt Ihr nach Haus und schreit nach Bier, als ob Ihr hier Herr und Meister wäret." Aengstlich besorgt, seinem Gaste wo möglich einige Erfrischungen zu verschaffen, unterdrückte Morton seine gereizte Empfindlichkeit und versicherte der Frau Alison mit guter Laune, daß er wirklich hungrig und durstig sei, — »und was das Vogelschießen betrifft," sagte er, „so Hab' ich von Euch gehört, daß Ihr sogar sonst selbst dabei gewesen, Frau Lllisvn. Ich wollte nur, Ihr hättet uns zugesehen." „Ach, Herr Heinrich," sagte die Alte, „ich wollte, Ihr lerntet nicht Eure Schmeicheleien den Weibern in's Ohr flüstern! Doch wenn Jhr's nur bei alten Weibern thut, wie ich bin, hat's gute Wege. Aber nehmt Euch in Acht mit den jungen Mädchen, Herr Papageienhauptmann. — Ihr haltet Euch selbst für einen schmucken Burschen, und meiner Treu!" — dabei betrachtete sie ihn von oben bis unten, indem sie den Lichtschein auf ihn fallen ließ — „an der Außenseite fehlt nichts, wenn nur die innere Seite ebenso hübsch wäre. Aber da fällt mir ein, als ich noch ein junges Gelbschnäbelchcn war, sah ich den Herzog, denselben, der in London seinen Kopf verlor — die Leute sagen, es sei nicht viel daran gewesen, für den armen Herrn aber war der Verlust schmerzhaft genug. — Nun, der wurde Vogelkönig; denn Wenige wollten ihm den Rang ablaufen. — Nun, der sah schmuck aus, - - und als alle Edelleute zu Pferde stiegen, war Seine Gnaden mir so nahe, als ich Euch, und er sagte zu mir: „Nimm Dich in Acht, Du gutes Mädchen (dies waren seine eigenen Worte), mein Pferd ist nicht sehr fromm." — „Und nun, da Ihr sagt, Ihr habt wenig gegessen und getrunken, will ich Euch zeigen, daß ich an Euch gedacht; denn ich halt' es nicht für gut, daß junge Leute mit leerem Magen zu Bette gehen." Um Frau Alison Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sei es bemerkt, daß ihre nächtlichen Strafpredigten bei solcher Gelegenheit nicht selten mit diesem Sinnspruch endigten, der immer die Vorrede zu einer bessern Mahlzeit als gewöhnlich war, wie ste denn auch wirklich jetzt eine solche dem Jünglinge vorsetzte. Der Hauptzweck ihres Kelsens war nur, ihre Herrschaft und Macht zu zeigen; denn im Grunde war Frau Alison kein böses Weib, und liebte ihren alten und jungen Herrn, obwohl sie Beide quälte, mehr als irgend Jemand in der Welt. Sie betrachtete nun Herrn Heinrich, wie sie ihn nannte, mit großem Wohlbehagen, als er ihr gutes Mahl zu sich nahm. „Wohl bekomm'S, mein Lieber. Solche Leckerbissen habt Ihr wohl bei Niel Blane nicht bekommen. Seine Frau war ein recht wackeres Weib, und verstand ihre Geschäfte recht gut für eine Person ihres Gleichen; doch eines Gentleman Haushälterin konnte sie es nicht gleich thun. Aber ihre Tochter, glaub' ich, ist ein albern Ding — was hatte sie am letzten Sonntag in der Kirche für einen wunderlichen Kopsputz auf! Nun, viel Aufhebens wird doch nicht davon gemacht werden. — Aber meine alten Augen fallen mir zu, übereilt Euch nicht mein Lieber, löscht behutsam das Licht aus; da ist ein Krug Bier und hier ein Glas Nelkenwaffer; das geb' ich nicht Jedem. Wenn ich Magenschmerzen habe, nehm' ich es manchmal 47 selbst, und für Euer junges Blut ist es besser als Branntwein. Nun gute Nackt, Herr Heinrich. Löscht das Licht fein aus." Morton versprach ihrer Warnung pünktlich zu folgen und bat sie, nicht zu erschrecken, wenn die Thüre aufgehe; sie wisse ja, daß er gewöhnlich nach seinem Pferde sehen, und es für die Nacht versorgen müsse- Frau Aiison zog sich sodann zurück; Morton aber raffte schnell die Lebensmittel zusammen, und wollte eben zu seinem Gaste eilen, als die alte Haushälterin noch ein Mal den wackelnden Kopf zur Thüre hereinsteckte, mit der Ermahnung, Herr Heinrich möge mit sich selbst Abrechnung -alten, bevor er zu Bette gehe, und um Schutz bitten während der nächtlichen Dunkelheit. So waren die Sitten einer gewissen Klasse von Dienstboten, die einst in Schottland nicht zu den Seltenheiten gehörten, und vielleicht noch jetzt in manchen Familien der entlegenen Grafschaften zu finden sind. Sie waren mit den Familien, zu denen sie gehörten, gleichsam verwachsen, und da sie die Entlassung aus dem Dienste gar nicht für möglich hielten, so waren sie Jedem, welcher dem Familienkreise angehörte, aufrichtig zugethan. Sie waren aber auch, wenn die allzugroße Nachsicht ihrer Herrschaft sie verwöhnte, bald launig, eigensinnig und tyrannisch, und zwar in solchem Maße, daß manche Hausfrau, mancher Hausherr wünschen mochte, ihre grobkörnige Treue mit der sanften und fügsamen Unzuverlässigkeit eines neuern Dienstboten zu vertauschen- Fünftes Kapitel. Ja, dieses Mannes Stirne gleicht dem Blatt In einem Trauerspiel, das die Natur Des ganzen Werks enthüllt, Shakspeare. Endlich der Haushälterin entledigt, nahm Morton den Uebcrrest des ihm Vorgesetzten Mahls, und schickte sich an, denselben seinem versteckten Freunde zu bringen. Da er den Weg genau kannte, hielt er es nicht für nöthig, ein Licht mitzunehmen, und das zu seinem Glücke. Denn kaum hatte er den Fuß über die Schwelle gesetzt, als ein dumpfes Pferdegestampfe ihm verkündete, daß der Reitertrupp, dessen Pauken er vorhin gehört, entlang der Straße ziehe, die sich um den Fuß des Hügels windet, auf welchem Milnwoods Haus stand. Er hörte den kommandirenden Offizier deutlich „Halt!" rufen. Dann folgte eine Pause, die nur dann und wann durch das Wiehern oder ungeduldige Stampfen der Rosse unterbrochen ward. „Wem gehört dies Haus ?" fragte eine gebieterische Stimme. „Milnwood, Ew. Edeln," war die Antwort- „Gehört der Besitzer zu den Gutgesinnten?" war die zweite Frage- 49 Er gehorcht den Befehlen der Negierung und besucht die Predigten eines geduldeten Geistlichen," war die Antwort. „Hm! geduldet? — eine bloße Maske für Verrath, die man Denjenigen gestattet, welche -u feige sind, mit offener Stirne ihre Grundsätze zu zeigen. — Sollten wir nicht einen Trupp zur Untersuchung des Hauses absenden? vielleicht, daß so ein Bluthund, welcher bei der heidnischen Schlächterei war, darin verborgen ist." Ehe Morton seine Unruhe über diesen Vorschlag beschwichtigte, erwiderte ein Dritter: „Ich halte dies durchaus nicht nöthig; Milnwood ist ein alter hypochondrischer Mann, der sich nie mit Politik abgibt, und auf der Welt weiter nichts liebt, als seine Wechsel und Geldsäcke. Wie ich höre, war sein Neffe heute bei der Waffenschau und wurde Papageienhauptmann; er ist also gewiß kein Schwärmer. Zuverlässig find die Leute schon zu Bette, und ein Geräusch in so später Nacht könnte den armen Greis leicht tödten." „Gut," erwiderte der Anführer, „wenn dem so ist, so wäre es verlorene Zeit, das Haus zu durchsuchen. Ihr Herren der Leibwache, marsch!" Trompetenstöße, Paukenschläge, Rossegcstampf und Waffen- gcklirr verkündeten den Abzug der Truppe. Der Mond trat eben vor, als die ersten Reiter einen Hügel erreichten, an dem sich der Weg hinauswand; im Dämmerlichte glitzerten die Stahl- Hauben, und die Gestalten der Pferde waren nur undeutlich wahrzunehmen. Als sie über den Gipfel des Hügels -inweg- zogcn, zeigte es sich, daß ihrer eine beträchtliche Anzahl war. Aber erst, nachdem der Letzte von ihnen verschwunden, nahm der junge Morton den Entschluß wieder auf, seinen Gast zu besuchen- Als er den Zufluchtsort betrat, fand er ihn auf seinem nieder« Lager, mit einer Taschenbibel in der Hand, in welcher Die Schwärmer. I. 4 50 er tiefnachdcnkend zu lesen schien. Auf seinen Knieen lag der entblößte Säbel, den er beim ersten Lärm der Hera »nahenden Dragoner aus der Scheide gezogen hatte; neben ihm aber stand aus einer alten Kiste, die auch den Dienst eines Tisches versah, ein kleines Licht, und warf einen unsicher» Schein auf die harten und rauhen Züge, deren Wildheit durch einen Anflug tragischer Begeisterung feierlicher und würdiger erschien. Auf seiner Stirne zeigte sich, daß ein gewaltiger Gedanke alle andere Leidenschaften und Gefühle vernichtet hatte, wie beim Anschwellen einer hohen Fluth alle bemerkbaren Klippen schwinden, und ihr Dasein nur durch den Schaum der Wellen, die sich daran brechen, kund wird. Nachdem Morton ihn einige Augenblicke betrachtet, richtete er sich auf. Ich bemerke," sprach Morton, als er den Säbel erblickte, „daß Ihr die vorbeiziehenden Reiter hörtet; ihr Durchmarsch hat mich einige Minuten aufgehalten." „Ich beachtete sie kaum," sagte Balfour; „meine Stunde ist noch nicht gekommen. Wohl weiß ich, daß ich eines Tages in ihre Hände falle, und ausgenommen werde unter die Heiligen, welche sie hingeschlachtet. Und ich wollte, Jüngling, daß schon herangenahet sei diese Stunde; mir wäre sie so willkommen, wie dem Bräutigam die Vermählung. Ader wenn mein Meister mir noch mehr auferlegt hicnieden, so muß ich mein Werk mit Freuden vollbringen." „Eßt und erfrischt Euch," sagte Morton; „Eure Sicherheit erheischt, daß Ihr morgen diesen Ort verlasset, um die Berge zu erreichen, sobald Ihr die Pfade durch die Moore findet." „Junger Mann," entgegnete Balfour, „ich bin Euch schon lästig, und vielleicht wäre ich es Euch noch mehr, wüßtet Ihr das Geschäft, zu welchem ich jüngst gebraucht worden. Und 51 daß es so ist, nimmt mich nicht Wunder; denn manchmal bin ich meiner selbst überdrüssig. Scheint es Euch nicht eine herbe' Prüfung für Fleisch und Blut, zur Vollstreckung der gerechten Urthcile des Himmels aufgerufen zu werden, so lange wir noch im Fleische wandeln, und jenes blinde Mitgefühl für fleischliche Schmerzen behalten, das unser eigenes Fleisch durchzittert, wenn wir einen Streich auf den Leib eines andern führen? Und glaubt Ihr, daß, wenn ein Haupttyrann von seiner Stelle entfernt wird, die Werkzeuge seiner Bestrafung auf ihren An- theil an dessen Sturz stets mit festen und unerschüttertcn Nerven zurllckschauen können? Müssen sie nicht bisweilen die Wahrheit jener Offenbarung in Zweifel ziehen, die sie gefühlt, nach der sie gehandelt? Müssen sie nicht bisweilen an dem Ursprung jenes mächtigen Antriebes irre werden, womit ihre Gebete um himmlische Leitung unter schwierigen Verhältnissen innerlich beantwortet und bestätigt wurden, und in ihren unruhigen Besorgnissen die Antworten der Wahrheit selbst mit einer starken Täuschung des Widersachers verwechseln?" »Dies sind Dinge, Herr Balfour, über welche ich nicht mit Euch sprechen kann," antwortete Morton; „aber ich gestehe, ich würde gar sehr den Ursprung einer Offenbarung bezweifeln, welche mir ein Betragen vorschriebe, das mit jenen menschlichen Gefühlen in Widerspruch stände, die uns Gott als ein allgemeines Gesetz vorgezcichnet." Balfour schien etwas verlegen, richtete sich plötzlich empor, faßte sich schnell und entgegnete kalt: „Natürlich, daß Ihr so denkt; Ihr seid noch im Kerker des Gesetzes, eine noch dunklere Grube als die, in welche Jeremias gestürzt ward, dunkler selbst als das Gefängniß Malcajahs, des Sohnes Hamelmelcchs, in welchem nur Schlamm und kein Wasser war. Dennoch ist das Siegel des Glaubensbundes auf Eurer Stirne, und der 4 * Sohn des Gerechten, der dem Blutvergießen widerstand, wo das Banner auf den Bergen sich entfaltete, soll nicht wie ein Kind der Finsterniß gänzlich untergehen. Glaubt Ihr denn, daß in diesen Tagen der Bitterniß und des Jammers von uns nichts geheischt wird, als das moralische Gesetz zu halten, so weit es unsere fleischliche Schwäche gestattet? Glaubt Ihr, daß wir nur unseren verderbten Leidenschaften und niedern Begierden obliegen müssen? Nein, wenn wir unsere Lenden gegürtet, so sind wir berufen, kühn in den Streit zu stürmen, und wenn wir das Schwert gezückt, müssen wir die Gottlosen schlagen, auch wenn sie unsere Nachbaren sind, und den Mann der Macht und der Grausamkeit, obgleich er unser Verwandter und Busenfreund ist-" „Das sind die Gesinnungen," sprach Morton, »die Eure Feinde Euch vorwerfen, und welche die grausamen Mittel, die der Staatsrath gegen Euch ergriffen, wo nicht entschuldigen, doch wenigstens bemänteln. Sie bestätigen, daß Ihr Euch auf ein inneres Licht beruft, daß Ihr die Schranken der rechtmäßigen Obrigkeit, der Nationalgeseße, ja sogar die der Menschlichkeit verachtet, wenn sie mit dem in Widerspruch stehen, was Ihr Euern innern Geist nennt." „Man thut uns Unrecht," antwortete der Covenanter, „sie, die Meineidigen sind es, welche göttliche und menschliche Gesetze abgeworfen und uns nun verfolgen, wegen der Anhänglichkeit an den feierlichen Bund zwischen Gott und dem Königreich Schottland, den sie Alle, einige papistische Uebelgesinnte ausgenommen, früher beschworen, und den sie jetzt auf den Marktplätzen verbrennen und hohnlachend mit Füßen treten. Als dieser Karl Stuart in diese Königreiche zurückkehrte, waren es die Uebelgesinnten, die ihn zurückbrachten? Mit starker Hand haben sie cs versucht; aber, wahrlich! es ist ihnen miß- lungcn. Konnten James Grahame von Montrose und seine Hochländischen ihn wieder auf den Stuhl seines Vaters setzen? Ihre Kopse auf dem Edinburger Westthore haben manchen langen Tag etwas ganz Anderes erzählt. Die Werkmeister des glorreichen Werks waren es, die Wiedcrhersteller der Glorie der Stiftshütte, die ihn wieder auf den erhabenen Sessel gerufen, von welchem sein Vater herabgcfallen. Und was war unser Lohn? In den Worten des Propheten: »Wir sahen uns um nach Frieden, aber es kam nichts Gutes; nach einer Zeit der Gesundheit, und wir erblickten nur Zerstörung. — Das Schnauben der Rosse ward gehört von Dan; das ganze Land zitterte bei dem Tone des Wieherns seiner Starken; denn sie sind gekommen und haben verschlungen das Land und Alles was darinnen ist." „Herr Balfour," antwortete Morton, «ich will Eure Klagen gegen die Regierung weder billigen, noch verdammen. Ich habe mich bemüht, dem Waffenbruder meines Vaters eine Schuld abzutragcn, da ich Euch ein Obdach in Eurer Noth verschaffte; aber Ihr werdet mich entschuldigen, wenn ich mich weder in Eure Sache, noch in Eure Zwistigkeiten einlaffe. Ich will Euch nun der Ruhe überlassen und wünsche von ganzem Herzen im Stande zu sein, Eure Lage erträglicher zu machen." „Ader ich glaube, daß ich Euch noch morgen vor meiner Abreise sehe. — Ich bin kein Mann, dessen Herz nach Verwandten und Freunden dieser Welt schmachtet. Als ich meine Hand an den Pflug legte, da schloß ich den Bund mit meinen weltlichen Neigungen, daß ich nicht mehr znrückblicke auf Dinge, die ich hinter mir gelassen. Doch den Sohn meines alten Waffengefährten betrachte ich als den meinigen, und ich kann ihm nicht in's Antlitz blicken ohne die tiefe und feste Ueber- zeugung, daß ich eines Tages noch sehe, wie er sein Schwert umgürtet für die theure und kostbare Sache, für die sein Vater focht und blutete." Mit dem Versprechen, daß er noch den Flüchtling besuchen werde, wenn es Zeit sei, die Reise fortzusetzen, schied Morton von ihm. — Er begab sich auf einige Stunden zur Ruhe, aber seine durch die Begebenheiten des Tages aufgeregte Phantasie gestattete ihm keinen tiefen Schlummer. Ein schreckliches Traum- gesicht stieg vor ihm auf, in welchem sein neuer Freund eine Hauptrolle spielte- Auch die holde Edith« Bellenden mischte sich in diesen Traum, weinend und mit aufgelösten Locken, und schien ihn um Hülfe und Beistand anzuflehen, die er zu verleihen nicht im Stande war. In fieberischer Aufregung erwachte er aus diesem unerquicklichen Schlummer und mit unheilahnendem Herzen. Aus den Gipfeln der fernen Berge lag schon der rosige Morgen in erfrischender Kühle. „Ich habe zu lange geschlafen," sagte er zu sich selber, „und muß mich jetzt beeilen, die Reise dieses unglücklichen Flüchtlings zu fördern." Nasch kleidete er sich an, öffnete leise die Thüre, und eilte an den Zufluchtsort des Covenanters. Morton trat auf den Zehen ein; denn sowohl die Entschiedenheit in Ton und Benehmen dieses seltsamen Menschen, als auch dessen ungewöhnliche Sprache und Denkungsart, hatten ihm fast Entsetzen eingeflößt. Balfour schlief noch. Ein Lichtstrahl fiel auf's Lager und zeigte Morton die Bewegung seiner harten Züge, welche durch innere Unruhe aufgeregt schienen. Er hatte die Kleider nicht abgelegt, seine beiden Arme lagen auf der Decke, die Rechte war fest zusammengeballt und versuchte zuweilen ohnmächtige Streiche zu führen, die man gewöhnlich an heftig Träumenden bemerkt; die Linke war ausgestrcckt und bewegte sich von Zeit zu Zeit, als wollte sie Etwas zurückstoßen. Der Schweiß stand ihm auf der Stirne, und diese Zeichen der Aufregung waren mit abgebrochenen Worten begleitet, die ihm von Zeit zu Zeit entfuhren. „Du bist gefangen, Judas — Du bist gefangen — umklammere nicht meine Kniee — haut ihn nieder! — einen Priester? — Ja, einen Baalspriester, der gebunden und erschlagen werden soll am Backe Kison. — Feuerwaffen -elfen nichts gegen ihn. — Schlagt — stoßt mit dem kalten Eisen, laßt ihn nicht lange dulden, laßt ihn nicht lange leiden, wäre es auch nur seiner grauen Haare wegen." Sehr beunruhigt über die Bedeutung dieser Ausdrücke, die von ihm sogar im Schlafe mit der Anstrengung ausgestoßen wurden, welche die Vollziehung einer Gewaltthat begleitet, schüttelte Morton seinen Gast an der Schulter, um ihn aufzuwecken. Seine ersten Worte waren: „Bringt mich, wohin Ihr wollt, ich will Alles gestehen." Als er um sich geschaut, und völlig erwacht war, nahm er plötzlich seine gewöhnliche finstere Ruhe wieder an, warf sich ehe er mit Morton sprach, auf die Kniee, betete heftig für die leidende Kirche Schottlands, flehend, daß das Blut ihrer gemordeten Heiligen und Märtyrer theuer sein möge in den Augen des Himmels, und daß der Schild des Allmächtigen bedecke den zerstreuten Ueberrest, der, um seines Namens willen, sich in der Wüste verberge. Rache, schnelle und volle Rache an den Unterdrückern war der Schluß seines brünstigen Gebetes, welches er laut und mit begeistertem Nachdruck sprach, und das noch ausdrucksvoller wurde durch den orientalischen Bibclfiyl- Nach vollendetem Gebete stand er auf, nahm Morton am 56 Arm, und sie gingen hinab nach dem Stalle, wo der „Wanderer" — so nannte man häufig seine Sekte — sein Pferd zur Fortsetzung der Reise anschirrte. Als das Thier gesattelt und gezäumt war, bat er Morton, einen Flintenschuß weit mit ihm in den Wald zu gehen und ihm den rechten Weg nach den Mooren zu zeigen. Morton sagte bereitwillig zu und sie gingen einige Zeit schweigend unter dem Schatten schöner, alter Bäume; der Pfad, den sie eingeschlagen, lief ohngefähr eine -albe Meile durch Waldung und führte dann in eine wüste, wilde Gegend, die sich bis an den Fuß der Berge erstreckt. Endlich fragte Burley Plötzlich Morton: ob die Worte, die er gestern Abend gesprochen, Früchte getragen in seinem Gemüthe? Morton antwortete: er beharre bei derselben Meinung, die er früher gehegt, und sei entschlossen, so lange wie möglich die Pflichten eines guten Christen mit denen eines guten Unterthanen zu vereinigen. „Mit andern Worten," erwiderte Burley, „Ihr wollt Gott und dem Mammon dienen, — an einem Tage die Wahrheit mit Euren Lippen bekennen, und am andern Tage, auf Befehl der fleischlichen und tyrannischen Obergewalt bewaffnet, das Blut Derer vergießen, die um der Wahrheit willen Alles verlassen. Glaubt Ihr," fuhr er fort, „Pech anzurühren und unbcsudelt zu bleiben? Euch in die Reihen der Uebelge- finnten, der Papisten, der Papaprälatisten, der Gleichgültigen und Spötter zu mischen, an ihren Belustigungen Theil zu nehmen, die den Götzenmahlen gleichen, vielleicht mit ihren Töchtern Umgang zu pflegen, wie die Söhne Gottes mit den Töchtern der Menschenkinder vor der Sündfluth, — glaubt Ihr, sag' ich, dies Alles zu thun und unbefleckt zu bleiben? Wahrlich, ich sage Euch, daß alle Gemeinschaft mit den Fein- 57 den der Kirche ein verfluchtes, gottverhaßtes Ding ist- Berührt nichts, — kostet nichts, — habt nichts gemein mit ihnen. Und härmt Euch nicht, junger Mann, als ob Ihr allein berufen, Eure fleischlichen Begierden zu unterdrücken, und den Vergnügungen zu entsagen, die ein Fallstrick Euren Füßen sind, — ich sage Euch, der Sohn Davids hat dem ganzen Ge- schlechte der Menschen kein besseres Loos verkündet." Dann bestieg er sein Roß, und zu Morton gewendet wiederholte er den Tert der Schrift: „Ein schweres Joch wurde für die Söhne Adams bestimmt von dem Tage an, da sie hervorgingen aus ihrer Mutter Leibe, bis zu dem Tage, wo sie zurückkehren zur Mutter aller Dinge; von Dem an, der gekleidet ist in blaue Seide und eine Krone trägt, bis zu Dem, der einfaches Linnen trägt, Zorn, Neid, Besorgniß und Unruhe, Strenge, Kampf und Todesfurcht in den Zeiten der Ruhe.« Nach diesen Worten spornte er sein Pferd und war bald unter dem Schatten des Waldes verschwunden. „Lebe wohl, finsterer Schwärmer," sagte Morton ihm nachdlickend; „wie gefährlich wäre die Gesellschaft dieses Mannes in mancher Gemüthsstimmung! Wenn mich auch sein Eifer für abstrakte Glaubenslehren, oder vielmehr für eine eigenthüm- liche Art Gottesverehrung unbewegt läßt," dachte er, „kann ich als Mensch und Schotte gleichgültig auf diese Verfolgung blicken, welche bereits kluge Männer toll gemacht? War cs nicht die Sache der bürgerlichen und religiösen Freiheit, für die mein Vater focht, und ich sollte unthätig bleiben, oder Theil nehmen an einer unterdrückenden Regierung, wenn sich irgend eine vernünftige Aussicht darbietet, den unerträglichen Jammer abzuwenden, der auf meinen unglücklichen Landsleuten lastet? und doch, wer giebt mir die Versicherung, ob nicht diese Leute, durch Verfolgung erbittert, im Siege eben so grausam und unduldsam werden, wie Die, von denen sie jetzt gleich den Thieren des Waldes gejagt sind? Welche Mäßigung, welches Erbarmen läßt sich von diesem Burley erwarten, einem ihrer Hauptkämpfer, der noch jetzt von einer kürzlich begangenen Gewalttat erhitzt ist, und Gewissensbisse zu fühlen scheint, die selbst seine Schwärmerei nicht ganz zu unterdrücken vermag? Ich bin eü müde, nur Raserei und Gewalthat um mich zu sehen, — bald unter der Maske gesetzmäßiger Macht, bald unter dem Mantel des Neligionseifers. Ich bin meines Vaterlandes überdrüssig — meiner selbst — meiner abhängigen Lage — meiner unterdrückten Gefühle — dieser Wälder — dieses Flusses — dieses Hauses — Alles, Alles, nur EdithenS nicht, und sie kann nie die Meine werden! Warum sollt' ich ihren Gängen nachgehen? — Warum meine eigene Täuschung und vielleicht auch die ihrige hegen und pflegen? — Sie kann nie die Meine werden. Ihrer Großmutter Stolz, — die entgegengesetzten Grundsätze unserer Familien, — meine unglückliche Abhängigkeit, — ein armer, elender Sclave, denn ich habe nicht einmal den Lohn eines Knechtes — alle diese Umstände vernichten die thörichte Hoffnung, daß wir je vereinigt werden könnten. Warum also eine so schmerzliche Täuschung verlängern?" «Aber ich bin kein Sclave," sprach er laut und richtete sich in seiner vollen Länge aus — «kein Sclave, in einer Hinsicht gewiß nicht- Ich kann meinen Aufenthalt verändern — meines Vaters Schwert Ist mein, und Europa liegt offen vor mir, wie vor ihm, und hundert Andern meiner Landsleute, die es mit dem Rufe ihrer Heldenthaten erfüllen. Ein glücklicher Zufall erhebt mich vielleicht auf eine Stufe mit unfern Ruth- vens, unfern Lcsley'ö, unfern Monroes, den auserwählten 59 Führern der berühmten protestantischen Glaubenskämpser, und wenn auch nicht — eines Soldaten Leben oder eines Soldaten Grab." Als er diesen Entschluß gefaßt, stand er vor dem Hause seines Oheims, und beschloß, keine Zeit zu verlieren, ihn mit demselben bekannt zu machen. „Noch ein Blick aus EdithenS Auge, noch ein Schritt an Edithens Seite und mein Entschluß würde hinweg schmelzen. Ich will einen unwiderruflichen Schritt thun und dann sie zum letzten Male sehen." In dieser Stimmung trat er in das getäfelte Wohnzimmer, in welchem sein Oheim bereits am Frühstücke saß, nämlich vor einer ungeheuren Schüssel mit Haferbrei und einer entsprechenden Portion Buttermilch. Die begünstigte Haushälterin wartete auf, halb stehend, halb auf einer Stuhllehne ruhend, in einer Stellung zwischen Freiheit und Achtung. In frühern Jahren war der alte Herr ziemlich lang, ein Vortheil, den er jetzt so sehr verloren, daß einst in einer Versammlung, wo man über den Bogen einer Brücke stritt, der über einen beträchtlichen Fluß geschlagen werden sollte, ein spaßhafter Nachbar vorschlug, dem Milnwood eine hübsche Summe für sein krummes Rückengebein zu geben, er verkaufe ja doch Alles, was ihm gehöre- Sädclbeine von ungewöhnlicher Größe, lange, dürre Hände mit Nägeln versehen, die selten von einer Scheere berührt wurden, ein runzeliges faltiges Gesicht, dessen Länge mit seiner übrigen Statur übereinstimmte, ein Paar kleine, durchdringende, gewinngierige, graue Augen vollendeten das höchst unvortheilhafte Aeußere des Herrn Morton von Milnwood. Daes sehr unvernünftig gewesen wäre, eine menschenfreundliche, wohlwollende Gesinnung in solcher Wohnung zu beherbergen, so hatte die Natur seine Gestalt auch 60 mit einer ihr vollkommen entsprechenden, d. h. mit einer niedrigen, selbstsüchtigen, begehrlichen Seele ausgestattet. — Als diese liebenswürdige Person ihren Neffen gewahrte, verschluckte sie erst, ohne ihn anzureden, einen Löffel Haferbrei, den sie eben zum Munde führte, und da derselbe noch sehr heiß war, so vermehrte der Schmerz beim Hinabgleiten durch die Kehle in den Magen die üble Laune, mit welcher der Neffe nun empfangen werden sollte- „Der Teufel hole Den, welcher den Brei gekocht!" war der Ausruf, mit dem er den Haferbrei begrüßte. »Der Brei ist gut genug," sagte Frau Atison, „wenn Ihr Euch nur Zeit beim Essen nehmen wolltet. Ich Hab' ihn selbst gekocht; aber wenn die Leute keine Geduld haben, sollten sie ihre Kehle pflastern lassen." „Stille, Atison, ich spreche mit meinem Neffen. — Was ist das, junger Herr? Auf welchen unordentlichen Wegen geht Ihr? Ihr seid gestern erst um Mitternacht nach Hause gekommen." „So um Mitternacht herum, Sir, glaub ich," antwortete Morton. „So um Mitternacht herum, — was ist das für eine Antwort, Sir? Warum kamt Ihr nicht heim, als andere Leute den Ort verließen?" „Ich glaube, Ihr wißt die Ursache recht gut, Sir," sagte Morton. „Ich hatte das Glück, der beste Schütze des Tages zu sein, und blieb, nach hergebrachter Weise, die andern jungen Leute zu bewirthen." „Das dank' Euch der Teufel, Sir! Und das sagt Ihr mir noch in's Gesicht? Ihr untersteht Euch Leute zu bewirthen, und könnt zu keinem Mittagessen kommen, wenn Ihr nicht einem wirthlichen Manne, wie mir, auf dem Halse liegt? Soll ich es aber einmal bezahlen, so müßt Ihr auch dafür arbeiten. Ich sehe nicht ein, warum Ihr nicht den Pflug -andthieren sollt, jetzt, da uns unser Ackerknecht verlassen hat; es würde Euch besser anstehen, als Euer grünes Kleid, und als daß Ihr Euer Geld in Pulver und Blei verzettelt; das wäre ein rechtschaffener Beruf und brächte Euch zu Brod, ohne daß Ihr Jemand zur Last fielet." „Ich bin sehr begierig einen solchen Beruf zu lernen, Sir, aber ich verstehe mich nicht darauf, den Pflug zu führen." „Und warum nicht? Es ist leichter als Schießen unv mit Armbrüsten umzugehen, was doch Eure Leidenschaft ist. Der alte David versteht es jetzt. Die ersten zwei oder drei Tage könnt Ihr den Ochsentreiber machen, seht nur zu, daß Ihr das Vieh nicht übertreibt, und dann könnt Ihr selbst an den Pflug. Jünger könnt Ihr nicht zum Lernen kommen, ich versichere Euch. Auf dem Haggieholm ist ein schweres Land, und David ist zu alt, um noch angreifen zu können, wie vormals." „Verzeiht, daß ich Euch unterbreche, Sir; aber ich habe mir selbst einen Plan entworfen, der Euch von mir befreit." „So, wirklich? Ein Plan von Euch? Das wird etwas Rechtes sein!" sagte der Oheim mit dem ihm eigenen Hohne- „Laßt doch hören!" „Das ist mit zwei Worten gesagt, Sir. Ich beabsichtige das Land zu verlassen und in fremde Dienste zu treten, wie mein Vater that, che diese unglücklichen Unruhen in der Hei- math auögebrochen. Sein Name wird noch nicht ganz vergessen sein in den Ländern, wo er diente, und wird seinem Sohne wenigstens die Gelegenheit verschaffen, als Soldat sein Glück zu versuchen." „Daß sich Gott erbarme!" rief die Haushälterin. „Unser junger Herr Heinrich will in die Fremde? Nein, nein, nein, das soll nimmermehr geschehen!" Milnwood, der nicht die geringste Absicht hatte, sich von seinem Neffen zu trennen, welcher ihm in vielen Beziehungen nützliche Dienste leistete, war wie vom Donner gerührt, als er diese plötzliche Unabhängigkeitserklärung eines Menschen vernahm, dessen Unterwürfigkeit gegen ihn bisher keine Grenze gehabt hatte. Er besann sich indcß bald wieder- „Und wer wird Euch, junger Mann, die Mittel geben zu einer solchen wilden Gänsejagd? — Ich gewiß nicht! Ich kann mich selbst kaum erhalten. Und wahrscheinlich wollt Jdr auch heirathcn, wie Euer Vater, und Eurem Oheim einen Pack kleiner Kinder heimschicken, daß sie in meinen alten Tagen mein Haus mit Toben und Kreischen erfüllen und davonfliegen, wie Ihr selbst, wenn man von ihnen verlangt, daß sie Etwas thun und arbeiten sollen?" „Ich denke nicht daran, mich je zu verheirathen," antwortete Heinrich. „Hört doch einmal an!" sagte die Haushälterin. „Eine Schande ist's, ein hübsches junges Blut so reden zu hören, da alle Welt weiß, daß sie heirathcn, oder was Schlimmeres thun müssen." „Schweigt, Alison," sagte ihr Herr- „Und Ihr, Heinrich," fügte er in einem sanfter» Tone hinzu, „enischlagt Euch dieses Unsinns, — das kommt daher, daß Ihr einen Tag lang Soldaten gespielt habt, merkt Euch, daß Ihr zu solchen unsinnigen Planen kein Geld habt." „Ich bitte um Verzeihung, Sir; meine Bedürfnisse sind sehr gering, und wenn Ihr mir nur die goldene Kette geben wolltet, die der Markgraf meinem Vater nach der Schlacht bei Lützen umhing —" „Der Himmel sei uns gnädig! Die goldene Kette!" rief der Oheim. „Die goldene Kette!" wiederholte die Haushälterin, erstaunt über die kecke Anforderung. „Ich will einige Glieder davon aufbcwahrenfuhr Morton fort, „um mich an Den zu erinnern, der sie gewann, und an den Ort, wo sie gewonnen wurde. Das Uebrige soll mir die Mittel bieten, derselben Bahn zu folgen, auf der mein Vater jenen Beweis der Auszeichnung erhielt." „Ihr himmlischen Mächte! Mein Herr trägt sie jeden Sonntag," rief die Haushälterin. „Sonntag und Samstag," fügte der alte Milnwood hinzu, „so oft ich mein schwarzes Sammetkleid anziehe, und Wylie Mactrickit ist zum Theil der Meinung, cs sei eine Art Erbstück, das eher dem Haupt des Hauses, als dem unmittelbaren Nachkommen zusteht. Sie hat dreitausend Glieder; ich Hab' sie an die tausend Male gezählt. Sie ist dreihundert Pfund Sterling werth." „Das ist mehr, als ich brauche, Sir; wenn Ihr mir den dritten Theil des Geldes und fünf Glieder der Kette gebt, so ist dies für mich hinreichend, und das Uebrige wird ein kleiner Ersatz sein für die Unkosten und die Unruhe, die ich Euch verursachte." „Der Junge ist toll!" rief der Oheim. „Ach Gott, was soll denn aus Milnwood werden, wenn ich einmal todt bin? Der wärfe die Krone von Schottland hinweg, wenn er sie hätte." „Still, Sir," sagte die alte Haushälterin, „ich muß sagen, zum Theil seid Ihr selbst Schuld daran. Ihr müßt ihn nicht zu sehr drücken, und da er doch ein Mal in's Wirthshaus gegangen, sollt Ihr auch billig die Zeche bezahlen." „Wenn's nicht über zwei Thaler ist, Alison," sagte der Oheim mit großem Widerstreben. „Ich will es selbst mit Niel Blanc abmachen, sobald ich hinabkomme, billiger als Ew. Edeln und Herr Heinrich," sagte Alison, und flüsterte sodann Heinrich zu: Plagt ihn nicht mehr; ich will das Uebrige aus dem Buttergelde bezahlen, und nun kein Wort mehr darüber." Dann fuhr sie laut fort: „Und Ihr müßt dem jungen Herrn nichts mehr vom Pfluge sprechen; es sind arme Whigs genug im Lande, die das für einen Bissen Brod und einen Teller Suppe gern thun — eS schickt sich für sie besser, als für seines Gleichen." „Dann kriegen wir die Dragoner auf den Hals, wenn wir geächtete Rebellen in unser Haus aufnehmen," sagte Milnwood. „Da bringt Ihr uns in eine saubere Geschichte! — Aber nehmt jetzt Euer Frühstück, Heinrich, und legt dann Euern neuen grünen Rock ab, und zieht Euern grauen Hausrock an. Das ist eine haushälterische Kleidung, und paßt für Euch besser, als Pluderhosen und die Bänder " Morton verließ das Zimmer, klar cinschend, daß er jetzt unmöglich seinen Zweck erreichen werde, vielleicht auch nicht ganz unzufrieden über die Hindernisse, die sich seinem Plane, die Nachbarschaft von Tillietudlem zu verlassen, entgegenzustellen schienen. Die Haushälterin folgte ihm in das nächste Zimmer, klopfte ihm auf die Schulter, und bat ihn folgsam zu sein, und seine schönen Kleider abzulegcn. „Ich will Euch den Hut herunterkrämpen, und Bänder und Schleifen aufheben," sagte die dienstfertige Frau; „Ihr müßt aber nie wieder davon sprechen, das Land zu verlassen, oder die goldene Kette zu verkaufen. Euer Oheim hat ein besonderes Vergnügen daran, Euch anzusehen und die Glieder der Kette zu zählen, und Ihr wißt, alte Leute können nicht 65 ewig leben; so wird Kette, Gut und Alles bald das Eure, und dann könnt Ihr eine Dame im Lande heirathen, und ein hübsches Haus zu Milnwood halten, denn an Mitteln ge- bricht's wahrlich nicht; und ist das nicht der Mühe wert-, daß man darauf wartet, mein Täubchen?" In dem letzten Theile der Weissagung lag Etwas, das in Mortons Ohr so angenehm tönte, daß er der Alten herzlich die Hand schüttelte, und sie versicherte, er sei ihr für den guten Rath sehr verbunden, und wolle ihn genau erwägen, bevor er seinen frühern Entschluß auszufllhrcn sich anschicke. Sechstes Kapitel. Bon früher Jugend an bis jetzt, den Achtz'gen nah', War meine Jugend hier, und ist jetzt nicht mehr da. Ein gnnst'ger Wind der Jugend Segel bläht, Mit achtzig Jahren ist es aber allzuspät. Wie'S euch gefällt. Wir müssen unfern Leser nach dem Schlosse Tillietudlem führen, wohin Lady Margaretha Bellenden zurückgekehrt war, und zwar höchst unzufrieden und betrübt über die unerwartete und, wie sie glaubte, unauslöschliche Beschimpfung, dir ihrer Würde durch das ungeschickte Benehmen Gibbie's öffentlich widerfahren. Diesem unglücklichen Waffenmann ward sofort der Befehl, seine gefiederten Pflegebefohlenen auf den entferntesten Theil der Gemeinweide zu treiben, und durchaus nicht den Kummer oder den Zorn seiner gnädigen Frau durch sein Erscheinen Die Schwärmer. I. 5 vor ihr zu erwecken, so lange das Gefühl der Kränkung noch neu bei ihr sei. Am nächsten Morgen ward ein feierliches Gericht gehalten, zu welchem auch Harrison und der Kellermeister gezogen wurden, theils als Zeugen, theils als Beisitzer, um eine Untersuchung über die Weigerung Cuddie Headriggs, des Ackerknechts, einzuleiten, und über den Beistand, den er von seiner Mutter erhalten, da dies als die Hauptursache des Unglücks angesehen wurde, welches die Reisigen von Tillietudlem betroffen. Nachdem die Schuld gehörig auSgemittelt und bewiesen worden, beschloß Lady Margaretha die Schuldigen in Person auszuscheltcn, und wenn sie keine Reue bezeugten, die Strafe bis zur Vertreibung aus der Baronie zu schärfen. Miß Bellenden allein wagte es, Einiges zu Gunsten der Angeklagten zu sprechen, aber ihre Fürbitte, die bei jeder andern Gelegenheit von Gewicht gewesen wäre, war diesmal vergebens. Denn sobald Editha gewiß war, daß der unglückliche Ritter keinen Schaden genommen, so erregte sein Mißgeschick ihre unwiderstehliche Lachlust, welche trotz des Unwillens der Lady Margaretha, oder vielleicht gerade durch den Zwang verstärkt, auf dem Heimwege wiederholt ausbrach, bis ihre Großmutter, keineswegs besänftigt durch die erdichteten Ursachen, welche die junge Dame für ihre Lachlust angab, sie auf's Bitterste wegen ihrer Unempfindlichkeit gegen die Ehre ihrer Familie tadelte. Des Fräuleins Verwendung konnte bei dieser Gelegenheit also nicht füglich berücksichtigt werden. Lady Margaretha hatte, als wolle sie ihre Geneigtheit zur Strenge schon zum Voraus andeuten, das Rohr mit dem elfenbeinernen Knopf, an dem sie sonst gewöhnlich ging, mit einem ungeheuren Stab mit einem goldenen Knopfe vertauscht, der ihrem Vater, dem verstorbenen Grafen von Torwood ge- 67 hört, und dessen sie sich, als eine Art Amtszeichen, nur bei äußerst feierlichen Gelegenheiten bediente. Unterstützt durch diesen ehrfurchterregenden Commandostab, trat Lady Margaretha Bellenden in's Haus der Delinquenten- Aus dem ganzen Wesen der alten Mause ging hervor, daß sie ein böses Gewissen hatte; denn sie stand nicht mit jener herzlichen Freude von dem Strohstuhle in der Kaminecke auf, wie sie es gewöhnlich zu thun pflegte, wenn sie von der Lady mit einem Besuche beehrt wurde, sondern mit einer gewissen Umständlichkeit und Verlegenheit, wie ein Angeklagter bei dem ersten Erscheinen seines Richters, vor dem er aber nichts desto weniger seine Unschuld zu behaupten entschlossen ist. Ihre Arme waren in einander geschlagen, ihr Mund zuckte mit einem Ausdruck von Ehrerbietung und Hartnäckigkeit; kurz, ihr ganzes Wesen bewies, daß sie dieser feierlichen Zusammenkunft mit ängstlicher Spannung entgegenge- sehen. Bis auf den Boden sich verneigend, und mit einer stummen Bewegung der Hand, deutete Mause auf den Stuhl, den Lady Margaretha — denn die gute Dame war so etwas von Älatschschwester — bei frühern Gelegenheiten einzunehmen gewürdigt, wenn sie auf ein halbes Stündchen die Neuigkeiten aus der Grafschaft und dem Marktflecken anhören wollte. Jetzt aber war die Dame zu einer solchen Herablassung viel zu aufgebracht. Sie wies die stumme Einladung mit einer stolzen Bewegung der Hand zurück, warf sich in die Brust, und begann die folgenden Fragen in einem Tone, der darauf berechnet war, die Schuldige zu zermalmen. „Ist es wahr, Mause, was mir Harrison, Gudyill und meine andern Leute gesagt, daß Ihr Euch herausgenommen, der Sreue zuwider, die Ihr Gott, dem König und mir, Eurer natürlichen Gebieterin und Herrin, schuldig seid, Euern Sohn von der auf Befehl des Scherifs gehaltenen Waffenschau zu- rückzuhalten, und seine Rüstung und Waffenstückc in einem Augenblicke zurückzugeben, wo es unmöglich war, einen paffenden Stellvertreter zu finden, wodurch der Baronie von Til- lietudlem in der Person ihrer Besitzerin und ihren Bewohnern eine solche Schande und Unehre zugcfügt worden, wie noch nie seit den Tagen von Malcolm Canmore?" Mause's angeborener Respekt für ihre Gebieterin war sehr groß, sie stockte, und ein zweimaliges Husten verrieth, wie schwierig cs war, sich zu vertheidigen. „Gewiß — Mylady — hm, hm! Gewiß thut mir's leid — sehr leid, daß eine Ursache zu Mißvergnügen vorgekommen — aber meines Sohnes Krankheit-" „Sprecht mir nicht von Eures Sohnes Krankheit, Mause! Wäre er wirklich krank gewesen, Ihr würdet gewiß mit ihm bei Tagesanbruch auf's Schloß gekommen sein, um Etwas für ihn zu holen, das ihm gut gethan hätte. Es gibt wenig Uebel, gegen die ich nicht ein Recept bereit hätte, und das wißt Ihr recht gut." „O ja, gewiß, Mylady! Ich weiß, Ihr habt wunderbare Euren zu Stande gebracht: was Ihr dem Cudie schicktet, als die Kolik ihn quälte, hat wie ein Zaubermittel gewirkt." „Nun denn, warum habt Ihr Euch nicht an mich gewendet, wenn cs wirklich Noth that? — aber cs that nicht Noth, Ihr falsches Weib, Ihr!" „So hat mich Ew- Herrlichkeit noch nie genannt. Oh! daß ich's erleben mußte, so genannt zu werden," fuhr sie heftig weinend fort, „und bin doch eine geborene Dienerin des Hauses Tillietudlem! Glaubt nur, man verleumdet Cud- die und mich, wenn man sagt, er wolle nicht bis über die Stiefel in Blut für Ew. Herrlichkeit und Miß Editha und für das alte Schloß fechten — ja, das sollte er; aber um ihr Reiten und die Waffenschau kümmere ich mich nicht, Mylady. Dazu kann ich nicht die geringste Verpflichtung finden." „Keine Verpflichtung?" rief die hochgeborene Frau. „Seid Ihr nicht verpflichtet, bei allen Jagden, Heerzügen und Wachen treu und gewärtig zu sein, wenn Ihr gesetzmäßig in meinem Namen dazu aufgefordert werdet? Euren Dienst thut Ihr nicht umsonst. Ich denke, Ihr habt Land genug dafür. — Ihr seid gut bestellt, habt ein Haus, einen Kohlgarten, und Gras für eine Kuh auf der Gemeindeweide. Wenig Leute haben's so weit gebracht, und Ihr murrt, wenn Euer Sohn einen Tag Dienst auf dem Felde für mich thun soll?" „Nein, Mylady, nein, das nicht!" rief Mause in großer Verlegenheit; „aber Niemand kann zweien Herren dienen, und wenn die Wahrheit doch herauskommen soll, es ist Einer über uns, dessen Befehle ich vor denen Ew. Herrlichkeit befolgen muß. Gewiß, weder die Befehle eines Königs oder Kaisers, oder sonst eines Menschen, würde ich höher achten, als die Euren." „Was meint Ihr damit, altes einfältiges Weib? — Glaubt Ihr, ich befehle Etwas, das dem Gewissen zuwider liefe? " „Das sage ich nicht, Mylady, in Bezug auf Euer Gewissen ; denn das ist in bischöflichen Grundsätzen auferzogen worden. Aber Jeder kann nur nach dem Lichte seines eigenen handeln, und das meinige," sagte Mause, deren Kühnheit mit der Lebhaftigkeit des Gespräches zunahm — „das meinige sagt mir, daß ich eher Haus, Kohlgarten und den Weideplatz aufgebcn , lieber Alles dulden soll, als die Meinen in einer unrechtmäßigen Sache den Harnisch anlegen zu sehen." „Unrechtmäßig!" rief ihre Gebieterin, „die Sache, wofür Ihr durch Eure rechtmäßige Herrschaft/ — durch den Befehl des Königs, — durch die Verordnung des Staatsraths — durch die Verfügungen des Lordlieutenants und das Aufgebot des Scherifs aufgerufen werdet?" „Ja, Mylady, ohne Zweifel: aber nehmt's nicht für ungut, Ihr wißt in der Schrift, da war einmal ein König, hieß Nebukadnezar, und ließ aufrichten ein goldenes Bild in der Ebene von Dura, ungefähr wie dort am Flusse, und die Fürsten, und die Statthalter, und die Hauptleute, und die Richter, dann die Schatzmeister, die Räthe und die Scherifs wurden zur Einweihung desselben aufgeboten» und es ward ihnen anbefohlen, niederzustürzen und anzubeten beim Schall der Hörner, der Flöten, Harfen, Psalter und aller Art von Musik „Aber was heißt das, Du thöricht Weib? Was hat Ne- bukadnezar mit der Waffenschau auf dem obern Ward von Clydesdale zu schaffen?" „Es soll nur soviel sagen," fuhr Mause mit Festigkeit fort, „daß die bischöfliche Kirche gleichet dem goldenen Bilde in der Ebene von Dura, und daß wie Sadrach, Meschach und Abednego angewiesen wurden, nicht Hinzustürzen und anzubeten: so soll auch Cuddie Headrigg, Ew. Herrlichkeit armer Ackersknccht, wenigstens mit seiner alten Mutter Einwilligung keine Kniebeugung machen im Hause der Prälaten und Pfarrer, noch soll er Waffen tragen, für ihre Sache zu streiten, weder beim Schalle der Pauken, Orgeln und Sackpfeifen, noch irgend einer andern Art von Musik." Lady Margaretha Bellenden hörte diese Schrifterklärung mit dem größten Unwillen und Erstaunen. „Ich merke, woher der Wind bläst," rief sie endlich, „der böse Geist von 1642 wirkt wieder so geschäftig, wie je, und jedes alte Weib in der Kaminecke will mit den Doktoren der Gottesgelahrtheit und den gottseligen Kirchenvätern um die Lehre disputiren." „Wenn Ew> Herrlichkeit die Bischöfe und Pfarrer meint, so weiß ich gewiß, diese sind nur Stiefväter gegen die Kirche von Schottland. Und da es Ew. Herrlichkeit genehm ist, mit uns von Weggehen zu sprechen, so bin ich so frei, Euch über etwas Anderes meine offene Meinung zu sagen- Ew- Herrlichkeit und der Haushofmeister haben vorgeschlagen, mein Sohn Cuddie solle mit der neuen Schwingmaschine arbeiten, um das Korn von der Spreu zu sondern, und so dem Willen göttlicher Vorsehung sündhaft zu widerstreben, indem man für Ew. Herrlichkeit eigenen Gebrauch Wind macht, statt ihn durch Gebet zu erflehen, oder geduldig darauf zu warten, bis ihn die göttliche Vorsehung in ihrer Güte auf die Tenne hätte senden wollen. Nun, Myladp-" „Das Weib könnte einen vernünftigen Menschen um den Verstand bringen," sagte Lady Margaretha, — nahm aber sogleich ihren kalten, gebieterischen Ton an, und schloß mit den Worten: „Gut, Mause. Ich will damit enden, womit ich hätte anfangen sollen, — Ihr seid mir allzugelehrt und zu fromm, um mit Euch zu streiten; darum sag' ich nur das: — entweder Cuddie muß den Musterungen beiwohnen, wenn er durch den Ortsbeamten dazu aufgeboten wird, oder er und Ihr verlasset sobald als möglich meine Güter, es ist kein Mangel an alten Weibern und Ackerknechten, und wäre dies auch der Fall, so wollt' ich doch lieber, die Felder von Tillie- tudlcm trügen nichts als Binsen und Sandgestrüppe, als daß sie von Rebellen gegen den König gepflügt würden-" „Gut, Mylady," sagte Mause. „Hier bin ich geboren, und dachte zu sterben, wo mein Vater starb; Ew. Herrlich- keit war eine gnädige Gebieterin, das will ich nimmer leugnen, und ich werde nie aufhören, für Euch und Fräulein Ediths zu beten, daß Ihr zur Erkenntniß Eurer Jrrthümer gelangen möchtet. Aber noch — " «Meiner Jrrthümer?" — unterbrach Lady Margaretha zornig. „Meiner Jrrthümer, unhöfliches Weib?" „Ja, ja, Mylady. Wir sind Alle blind, die wir leben im Thale der Finsterniß und der Thränen, und haben gar viele Jrrthümer, Vornehme wie Geringe, — aber, wie ich sagte, wo ich auch immer sein werde, ich werde stets für Euch und die Euren beten. Ich werde trauern, wenn ich von Eurem Kummer höre, und froh sein, wenn jch von Eurer Wohlfahrt vernehme, der zeitlichen sowohl, als der geistlichen. Aber ich kann die Befehle eines irdischen Herrn nicht denen des himmlischen vorziehen, und so bin ich denn bereit zu dulden für die gerechte Sache." „Sehr gut," sagte Lady Margaretha, und kehrte ihr höchst mißvergnügt den Rücken; „Ihr kennt meinen Willen in der Sache. Jch will keine Whigs in der Baronie von Tillietud- lem. Sehr bald könnte es sonst kommen, daß man in meinem eigenen Zimmer Cvnventikel hielte." Nach diesen Worten entfernte sie sich mit vieler Würde, und Mause, die jetzt ihren während der Unterhaltung unterdrückten Gefühlen freien Lauf ließ, — denn sie hatte so gut ihren Stolz, wie ihre Gebieterin, — erhob ihre Stimme und weinte laut. Cuddie, dessen wirkliche oder vorgebliche Krankheit ihn noch immer an's Bett fesselte, lag während dieser ganzen Unterredung in seiner Brettcrbettlade znsammengekauert, und in Todesangst, Lady Margaretha, gegen welche er eine angeborene Ehrfurcht hegte, möchte seine Gegenwart entdecken, 73 und ihn selbst mit jenen bittern Vorwürfen überhäufen, welche sie seiner Mutter angedeihen ließ. Sobald er sie aber weit genug entfernt glaubte, sprang er auf in seinem Neste. „Daß Euch der Henker, wenn ich so sagen darf," schrie er seine Mutter an, „was Ihr ein langzüngiges, geschwätziges Weid seid, wie Euch mein Vater immer nannte. Konntet Ihr nicht die Lady mit Eurem whigischcn Geschwätz ungeschoren lassen? Und ich war auch ein rechter Esel, auf Euer Geschwätz hin mich zwischen die Laken zu legen, wie ein Igel, statt auf die Waffenschau zu gehen, wie andere Leute. Aber ich habe Euch einen Streich gespielt und bin zum Fenster hinausgesprungcn, als Ihr Euren alten Rücken umwandtet, und hinunter bin ich zu dem Vogelschießen, und habe mit Zweien um den Preis geschossen. Um Eures Geschwätzes willen Hab' ich die Lady betrogen; aber mein Mädchen wollt' ich nicht betrugen. Jetzt mag sie aber heirathen, wen sie will; denn mit mir ist's aus. Das ist eine schlimmere Geschichte, als die mit Gudyil, als Ihr mir verboten haltet, Rosinenbrei zu essen am Weihnachtsabend, als ob es Gott und Menschen nicht einerlei wäre, ob ein Ackersknecht Pasteten schluckt oder Sauermilch." „Schweig doch, Kind, schweig" crwiederte Mause; „Du verstehst das nicht; das war ein verbotenes Gericht, das nur für Festtage bestimmt war, welche protestantische Christen nicht halten dürfen." „Und jetzt," fuhr der Sohn fort, „habt Ihr uns die Lady selbst auf den Hals gebracht! — Hätte ich nur ein ordentliches Stück Kleid erwischt, ich wäre aus dem Bette gesprungen und hätte ihr gesagt, ich wolle reiten, wohin sie verlange, bei Tag und Nacht, wenn sie uns das freie Haus und den Garten überläßt, in dem der beste Kohl der ganzen Gegend wächst und das Gras für die Kuh." „O weh! mein lieber Sohn Cuddie," fuhr die Alte fort, „murre nicht über die Prüfung, und weigere Dich nicht, für die gute Sache zu leiden." „Was weiß ich, ob die Sache gut oder schlimm ist, Mutter!" cntgegnete Cuddie; „wenn Ihr auch noch so gelehrt darüber schwatzt. Das geht über meinen Verstand. Ich sehe keinen so großen Unterschied zwischen den beiden Wegen, wie die Leute behaupten. Freilich lesen die Pfarrer immer dieselben Worte wieder, und wenn es rechte Worte sind, warum sollten sie es nicht thun? Eine gute Erzählung hörte man gern zwei Mal, und man versteht sie desto besser, glaub' ich. Nicht Jeder kann so leicht begreifen, wie Ihr, Mutter. „O mein lieber Cuddie, das ist das Schlimmste von Allem!" sagte die bedrängte Mutter. — „O, wie oft Hab' ich Dir den Unterschied gezeigt zwischen der reinen evangelischen Lehre und der, -welche verderbt worden von Menschensaßung! O, mein Kind, wenn auch nicht um Deiner Seele willen, doch um meiner greisen Haare-" „Nun, Mutter," unterbrach sie Cuddie, „warum so viel Geschwätz? Ich Hab' immer gethan, was Ihr mich geheißen, und bin immer Sonntags in die Kirche gegangen, wohin Ihr wolltet, und habe an andern Tagen genug für Euch gearbeitet. Und das quält mich am Meisten, wenn ich denke, daß ich Euch jetzt erhalten soll, in diesen bittern Zeiten. Ich weiß nicht, ob ich anderswo eben so gut pflügen kann, wenigstens Hab' ich's noch auf keinem andern Grunde probirt, und es würde mir nicht so leicht werden. Und kein benachbarter Gutsbesitzer wird uns aufnehmen, nachdem uns die Non-Con- formisten vertrieben." 73 „Non-Conformisten, Kiud," seufzte Mause, „das ist der Name, den uns die Weltlichen geben." „Nun, nun, — wir werden wohl recht weit Weggehen müssen, vielleicht zwölf oder fünfzehn Meilen weit. Ich könnte wohl auch Dragoner werden; denn ich kann reiten und mit dem Säbel spielen; aber da werdet Ihr mir wieder vorheulen von der Gnade Gottes und Euren grauen Haaren." (Hier wurden Mause's Ausrufungen stärker.) „Nun, nun, ich sprach nur so davon. Seid Ihr doch schon zn alt, um Euch mit Eppie Dumblane, der Corporalsfrau, auf den Bagagewagen zu setzen. Ich kann also nicht wissen, was aus uns werden soll. Ich werde wohl noch am Ende in die Berge müssen, zu den wilden Whigs, wie man sie nennt, und dann werd' ich todtgeschoffen, wie eine wilde Katze, oder man schickt mich zum Himmel mit einem hänfenen Halstuch." „O mein lieber Cuddie, laß ab von solchen fleischlichen, selbstsüchtigen Reden, das ist ein Zweifel an der Vorsehung. Ich habe noch nie gesehen, daß der Sohn des Gerechten sein Brod betteln muß, sagt die Schrift, und Dein Vater war ein sanfter, frommer Mann, obwohl etwas weltlich in seinem Treiben, und auf irdische Dinge allzusehr bedacht, wie Du, mein Kind." „Nun," sagte Cuddie nach kurzem Nachdenken, „ich sehe nur einen Weg, und da bläst man eine kalte Kohle. Ihr habt gewiß so Etwas gemerkt von einer Zuneigung zwischen Fräulein Editha und dem jungen Herrn Heinrich Morton,— sollte eigentlich der junge Milnwood heißen- Da Hab' ich denn zuweilen ein Buch oder ein Brieflein hin- und hergetragen, und mich gestellt, als wüßt' ich nicht woher es käme; obgleich ich es gar wohl wußte- Manchmal ist's recht gut, wenn man dumm darein steht, — und ich habe sie auch oft zusammen spazieren gehen sehen; aber keine Seele hat je ein Wörtchen von mir gehört. Ich weiß, ich bin etwas vernanagelt; aber rechtschaffen bin ich, wie unser alter Vorspannochse, — das arme Thier, ich soll's jetzt nicht mehr Vorspannen. Ich hoffe, daß meine Nachfolger es eben so gut behandeln, wie ich. Aber, was ich doch sagen wollte: Wir wollen nach Milnwood und dem jungen Herrn Heinrich unser Herzleid mittheilen. Sie brauchen einen Ackerknecht und der Boden dort ist ungefähr wie der unsere. — Gewiß wird sich der junge Herr Heinrich meiner annehmen; denn er ist ein gut- wüthiger Herr. — Es wird wohl wenig Lohn absctzen; denn sein Oheim, der alte Nippte Milnwood, hat eine dürre Hand, wie der Teufel. Aber ein Stückchen Brod werden wir schon verdienen, und ein Kohlgärtchen und Dach und Fach, — und vor der Hand ist das genug. Packt also zusammen, Mutter; denn da wir doch einmal fort müssen, so möchte ich nicht warten, bis Herr Harrison und der alte Gudyill kommen, um uns die Thüre zu weisen " Siebentes Kapitel. Zum Teufel auch, mag er ein Puritaner oder sonst was sein — ein Achselträger ist er gewiß. Was Ihr wollt. Es war Abend, als Herr Heinrich Morton eine alte Frau erblickte, die, in einen bunten Plaid (schottisches Manteltuch) gehüllt und gestützt ans einen stämmigen Burschen mit beschränkter Miene und in einem grauen Rocke, sich dem Hause von Milnwood näherte. Die alte Mause machte ihre Verneigung und Verbeugung, aber Cuddie trat vor, den jungen Morton anzureden- Er hatte mit seiner Mutter vorher abgemacht, daß sie es ihm überlasten solle, die Sachen zu ordnen; denn obgleich er gern seine Einfältigkeit gestand und gewöhnlich seiner Mutter Leitung folgte, sagte er doch diesmal: um einen Dienst zu bekommen, oder sich durch die Welt zu schaffen, habe er viel mehr Verstand als sie, obgleich sie über alle Dinge wie ein Pfaffe predigen könne. Demnach eröffnete er das Gespräch mit dem jungen Morton : „Eine schöne Nacht für's Getreide, weither Herr; die westlichen Felder werden Heuer gut gedeihen-" „Ohne Zweifel, Cuddie; aber was bringt denn Eure Mutter, — es ist doch Eure Mutter?" (Cuddie nickte-) »Was kann sie und Euch so spät zu uns herübergebracht haben?" »Je, Herr, was die alten Weiber immer in Bewegung bringt — die liebe Noch, Herr, — ich suche einen Dienst, Herr!" »Einen Dienst, Cuddie, und in dieser Jahreszeit? Wie kommt das?" Mause konnte sich nun nicht länger halten. Gleich stolz auf ihre Sache wie auf ihre Leiden, begann sie mit erheuchelter Demnth: »Es hat Gott gefallen, edler Herr, uns mit einer Prüfung heimzusuchen-" „Plagt Euch der Teufel?" flüsterte Cuddie seiner Mutter zu. „Wenn Ihr wieder Eure Whiggeschichten auskramt, dann wird man uns keine Thüre öffnen im ganzen Lande." Darauf wandte er sich laut zu Morton: „Meine Mutter ist alt und hat sich ein wenig vergessen, als sie mit unserer Ladp sprach, und die kann keinen Widerspruch vertragen — und Niemand hat's gern, der nicht muß — besonders von ihren eigenen Leuten, und Herr Harrison, der Verwalter, und Gudyill, der Kellermeister, sind uns nicht gewogen, und in Rom läßt sich's nicht gut mit dem Papste streiten, — so dacht' ich denn, besser ist's, Du gehest fort, ehe die Sache noch schlimmer wird, und da sind ein Paar Zeilen von Eurem Freund, die Euch mehr sagen werden." Morton nahm das Billet; und vor Freude und Entzücken bis über die Ohren erröthend, las er folgende Worte: „Wenn Ihr für diese armen, hülflosen Leute Etwas thun könntet, würdet Ihr verbinden E- B-" Erst nach einigen Minuten gewann er Fassung genug, zu fragen: „Und was wollt Ihr, Cuddie, und wie kann ich Euch nützlich sein?" i „Arbeit, Herr, Arbeit und einen Dienst wünscht' ich gern, 79 ein wenig Obdach für meine Mutter und mich. An Hausge- räth fehlt's uns nicht, wenn wir nur einen Karren hätten, es herbeizubringen. Milch, Mehl und Gemüse genug; denn zur Effenzeit bin ich rasch dabei, und meine Mutter nicht minder, Gott erhalte ihren Appetit, — und was den Lohn und das klebrige betrifft, so überlaff' ich das Euch und dem Laird. Ich weiß, Ihr laßt einen armen Burschen nicht zu kurz kommen, wenn Ihr könnt." Morton schüttelte den Kopf. „Speise und Wohnung, Cuddie, glaub' ich Euch versprechen zu können, aber mit dem Lohne wird's hart gehen." „Lieber lass' ich's drauf «„kommen, als hinab nach Hamilton zu gehen, oder noch weiter." „Gut, Cuddie! Geh' in die Küche; ich will sehen, was ich für Euch thun kann." Die Unterhandlung war nicht ohne Schwierigkeiten. Morton mußte zuerst die Haushälterin gewinnen, die, wie gewöhnlich, tausenderlei einzuwenden hatte, und zwar lediglich, um das Vergnügen zu haben, um Hülfe ersucht und angefleht zu werde»; als sie aber gewonnen war, hielt es ver- hältnißmäßig leicht, daß auch der alte Milnwood sich bewegen ließ, einen Knecht anzunehmen, dessen Lohn er selbst bestimmen könnte. Ein Nebengebäude ward demnach der alten Mause und ihrem Sohne zur Wohnung angewiesen, und die Verfügung getroffen, daß sie einstweilen, und bis sie sich völlig eingerichtet batten, an der spärlichen Mahlzeit Theil nehmen sollten, die für die Hausgenossen bereitet ward- Morton selbst erschöpfte seine sehr geringe Baarschaft und machte Cuddie unter dem Namen von Hand- oder Angeld ein Geschenk, welches 80 den Werth bekundete, den er auf die ihm mitgebrachte Empfehlung legte. „So wären wir denn wieder ein Mal untergekommen," sagte Cuddie zu seiner Mutter, „und wenn wir's auch nicht so gut und bequem haben als dort, so kann man ja doch überall leben; hier find wir ja bei schmucken Leuten Eures Glaubens, die ordentlich in die Kirche gehen. Darüber wird's keinen Streit mehr absetzen, Mutter." „Von meinem Glauben, Kind? O, Du bist gleich ihnen mit Blindheit geschlagen. O Cuddie, sie sind noch im Vorhose der Heiden und werden nie weiter kommen; sie sind nur wenig besser, als die Prälatistcn selber. Sie besuchen den Gottesdienst des verblendeten Peter Pfundtert, der einst ein herrlicher Verkündiger des Wortes war, jetzt aber ein abgefallener Priester ist, der um Lohn und Unterhalt den geraden Pfad verlassen und sich der schwarzen Jndulgenz zugewandt hat. O mein Sohn, haben Dir die heiligen Lehren des Evangeliums nichts genützt, die Du im Thale von Bengon- nar aus dem Munde des theuern Richard Rumbleberrp, des lieblichen Jünglings, vernommen, der auf dem Grasmarkte zu Edinburg vor Lichtmeß den Märtprertod hat dulden müssen! .Hast Du ihn nicht sagen hören, daß Erastianismus eben so schlimm sei, als Prälatismus, und Jndulgenz eben so schlimm, als Erastianismus?" „Hat man je dergleichen gehört!" unterbrach Cuddie; «man wird uns bald wieder aus dem Hause jagen, und dann können wir sehen, wo wir bleiben. Ich habe nur noch ein Wort zu sagen, Mutter: wenn ich Euch noch ein Mal so schwatzen höre — vor den Leuten nämlich, denn ich schlafe bei Eurem Geschwätz nur ein, — aber hör' ich'ö nur ein Mal noch vor den Leuten, wie ich eben gesagt, daß Ihr von Pfundtext und Numbleberry sprecht und von göttlichen Lehren und Gottlosen: so werd' ich Soldat, oder Unteroffizier, oder Hauptmann, und dann könnt Ihr und Rumblcberry zum Teufel gehen. Von seinen Lehren Hab' ich noch nichts Gutes gehabt, als eine Kolik, da wir vier Stunden auf dem feuchten Moose sitzen mußten, und die Lady kurirte mich mit ihrer Quacksalberei; hätte sie aber gewußt, wie ich mir das Uebel an den Hals gezogen, sie wäre wahrlich nicht so flink damit bei der Hand gewesen." Obgleich über den verstockten und unbußfertigcn Sinn ihres Sohnes Cuddie seufzend, wagte Mause doch nicht weiter in ihn zu dringen, noch die Warnung zu vernachlässigen, die er ihr gegeben. Sie kannte das Temperament ihres verstorbenen Mannes, dem dieses Pfand ihrer ehelichen Verbindung sehr ähnlich war, und erinnerte sich, daß er wohl in den meisten Dingen sich ihrem überlegenen Scharfsinne unterwarf, bei manchen Gelegenheiten jedoch einen Anfall von Hartnäckigkeit bekam, den weder Vorstellungen, noch Schmeicheleien und Drohungen überwältigen konnten. Schon zitternd bei der bloßen Möglichkeit, daß Cuddie seine Drohung erfüllen könne, bewachte sie ihre Zunge, und selbst wenn Psundtert in ihrer Gegenwart als ein geschickter und fruchtbringender Prediger gelobt wurde, war sie klug genug, den Widerspruch, der ihr auf der Zunge bebte, zu unterdrücken, und ihre Gefühle nicht anders, denn durch Seufzer zu offenbaren, welche die Zuhörer in christlicher Milde so deuteten, als entstünden sie aus der Erinnerung an die rührendsten Stellen seiner Predigten. Wie lange sie ihre Gefühle hätte unterdrücken können, dürfte sehr schwer zu bestimmen sein. Ein unerwarteter Zufall befreite sie indessen von der Nothwendigkeit. Der Laird von Milnwood hielt sehr auf alle alten Gebräuche, durch welche eine Ersparniß erzielt wurde- Daher Die Schwärmer. I. S 82 war es in seinem Hause noch Sitte, wie fünfzig Jahre früher in ganz Schottland, daß die Dienstboten, nachdem sie das Essen auf den Tisch gestellt hatten, sich selbst an das untere Ende hinsetzten und in Gegenwart ihrer Herrschaft von den ihnen Vorgesetzten Speisen genossen. Am Tage nach Cuddie's Ankunft, also am dritten nach dem Anfänge dieser Erzählung, setzte der alte Robin, welcher Kellermeister, Kammerdiener, Laufbote, Gärtner und Gott weiß, was Alles noch in Milnwoods Hause war, eine ungeheure Schüssel Brühe auf den Tisch, die mit Hafermehl und Grünkohl etwas verdickt war. Nur ein höchst genauer Beobachter konnte in diesem Suppenmeere zwei oder drei magere Hammelsrippchen hcrumsegeln sehen- Zwei ungeheure Körbe, der eine mit Brod von Gersten- und Erbsenmehl, der andere mit Haferkuchen gefüllt, standen auf beiden Seiten der Schüssel- Ein großer gesottener Lachs würde heut zu Tage eine reichlichere Haushaltung andeuten, aber damals wurden so viele Lachse in den größeren Flüssen Schottlands gefangen, daß sie die gewöhnliche Kost der Dienstboten ausmachten, die sich's sogar einige Male ausbedungen haben sollen, keine so widerliche, magenverderbende Speise mehr als fünf Mal in der Woche essen zu müssen. Die große schwarze Kanne mit Dünnbier von Milnwoods eigenem Gebräu, so wie Haferkuchen und Brühe wurden den Dienstboten preisgegeben; aber das Hammelfleisch ward für die Familienhäupter, mit Einschluß der Frau Alison, aufbehalten, und ein Maaß Doppelbier, das allenfalls diesen Namen verdiente, wurde für sie zu ihrem ausschließlichen Gebrauche in einem silbernen Kruge seitwärts auf die Tafel gestellt. Ein gewaltiger Kebbock (d. h- ein Käse aus Schaf- und Kuhmilch) und ein Gefäß mit gesalzener Butter standen zu gemeinschaftlichem Gebrauche da. Dieses köstliche Mahl einzunehmen, saß an der Spitze der 83 Tafel der alte Laird selbst, seinen Neffen auf der einen, die liebe Haushälterin auf der anderen Seite. Nach einem breiten Zwischenräume und unterwärts des trennenden Salzfasses, saß der alte Robin, ein magerer, halbverhungerter Bedienter, den die Gicht krumm und lahm gemacht, eine schmutzige Hausmagd, welche die Gewohnheit gegen die leiblichen Uebungen abgehärtet hatte, denen sie unter den Händen ihres Herrn und der Frau Alison ausgcsetzt war; ein Drescher, ein weißköpfiger Kuhjunge und Cuddie, der neue Ackerknecht, mit seiner Mutter, machten die Gesellschaft voll. Die andern Arbeiter, die zu dem Gute gehörten, wohnten in ihren eigenen Häusern, und wenn ihr Mahl auch nicht delikater war, als das eben beschriebene, so waren sie doch wenigstens darin glücklich, daß fie sich satt essen konnten, ohne von den scharfen, neidischen grauen Augen Milnwoods bewacht zu werden, welche genau zu messen schienen, wie viel jeder seiner Untergebenen verzehrte, so daß seine Blicke jeden Bissen auf dem Wege von dem Munde bis zum Magen zu begleiten schienen. Diese strenge Aufsicht fiel gar nicht zu Gunsten Cuddie's aus, der in der Meinung seines Herrn viel verlor durch die Stille und Schnelligkeit, womit er jedes Mal die Speisen verschwinden ließ. Daher wandten sich denn seine unwilligen Blicke von dem Ungeheuern Fresser zu seinem Neffen, dessen Widerwille gegen ländliche Arbeit einen Ackerknecht nöthig gemacht, und auf dessen unmittelbare Veranlassung er diesen Vielfraß gedungen hatte- „Dir noch einen Lohn geben!" sagte Milnwood zu sich selbst, — Du wirst in einer Woche mehr fressen, als Du in einem Monate verdienen kannst." Dieses Gemurmel ward durch ein lautes Klopfen am Hof- thore unterbrochen. Es war allgemeine Sitte in Schottland, daß, wenn die Familie bei Tische war, das Hofthor oder in 6 " 84 Ermangelung desselben, die Hausthüre selbst verschlossen und verriegelt wurde; nur Gäste von Wichtigkeit oder Personen in dringenden Geschäften suchten und erhielten um diese Zeit Einlaß. Die Familie von Milnwood war also überrascht, ja in Erwägung der Jeitumstände sogar bestürzt über dieses wiederholte dringende Pochen. Frau Alison eilte in Person zur Thüre, und nachdem sie die mit so viel Lärmen Einlaß Begehrenden durch eine geheime Oeffnung betrachtet, womit die meisten Thüren in Schottland zu diesem Behuse versehen waren, kehrte sie händeringend zurück und rief in großer Bestürzung: »Die Rothröcke! Die Rothröcke!" „Robin, — Ackerknecht, — wie heißt Ihr denn? — Drescher, — Neffe Heinrich, — das Thor auf! das Thor auf!" rief der alte Milnwood, raffte die zwei oder drei silbernen Löffel, die am obern Ende des Tisches lagen, — die andern unter dem Salzsaffc waren nur von Horn — zusammen und steckte sie schnell in die Tasche. „Sprecht höflich Leute, — um Gottes Willen, sprecht höflich, — sie dulden keinen Widerstand, — wir werden sonst ausgeplündert, — rein ausgeplündert!" Während die Dienstboten die Soldaten hereinließcn, die durch Flüche und Drohungen bereits ihren Zorn über die Säumniß kund gaben, ergriff Cuddie die Gelegenheit, seiner Mutter zuzuflüstern: „Nun, altes Weib, macht Euch 'mal selbst taub, — habt Ihr uns doch sonst oft genug taub gemacht, — und laßt mich für Euch sprechen. Ich habe nicht Lust, mir den Hals brechen zu lassen wegen eines alten Weibes Geschwätz, auch wenn sie meine Mutter wäre." „O Kind, ich will ja schweigen, wenn's Dir sonst schlimm gehen könnte," flüsterte ihm Mause zur Antwort; „aber bedenke, mein Sohn, Diejenigen, so das Wort verleugnen, die wird das Wort wieder verleugnen " — Ihre Ermahnung 85 wurde rasch abgebrochen durch den Eintritt von vier Leibgardisten unter Bothwells Befehl- Mit den großen Hufeisen unter ihren großen Reitstiefeln machten ste ein furchtbares Getöse auf dem steinernen Estrich. Milnwood und seine Haushälterin zitterten aus wohlbegründeter Furcht vor dem Erpreffungs- und Plünderungsspstem, womit soche Haussuchungen verbunden waren. Heinrich Morton aber hatte noch triftigere Gründe bestürzt zu sein; denn er erinnerte sich, daß er wegen der Beherbergung Burley's dem Gesetze verfallen war- Die Wittwe Mause Headrigg, zwischen Furcht für ihres Sohnes Leben und einem überspannten Glau- benscifer schwankend, der ihr Vorwürfe machte, daß sie eingewilligt, auch nur schweigend ihre Glaubensmeinung zu verleugnen, war in sonderbarer Verlegenheit. Die andern Diener bebten, ohne zu wissen, warum. Cuddie allein fuhr fort, mit dem Blicke völliger Gleichgültigkeit und Dummheit, den ein schottischer Bauer zuweilen als eine Maske für ungemeine Schlauheit und List zu gebrauchen weiß, große Löffel voll Brühe hinunter zu schlucken, und indem er die damit gefüllte Schüssel in das Bereich seiner Wirkungskraft geschoben, verhalf er sich bei der allgemeinen Verwirrung zu einer siebenfachen Portion. „Was steht Euch zu Diensten, meine Herren?" sagte Milnwood, sich vor den Trabanten der Gewalt tief verbeugend. „Wir kommen im Namen des Königs," antwortete Both- well; „warum, zum Teufel, habt Ihr uns so lange am Thore warten lassen?" „Wir waren bei Tische," antwortete Milnwood, „und das Thor war verschlossen, wie es hier auf dem Lande gebräuchlich ist. Gewiß, meine Herren, hätte ich gewußt, daß Diener unseres guten Königs vor dem Thore ständen — aber ist Euch nicht Bier — oder Branntwein — oder ein Glas Ca- nariensekt — oder Claret gefällig?" Er machte zwischen jedem Anerbieten eine so lange Pause, wie ein genauer Ausrufer bei einer Versteigerung, der nur zaudernd sein Angebot auf einen Lieblingsgcgenstand erhöht. „Für mich Claret!" rief der Eine. »Mir lieber Bier," sagte der Andere, „wenn's nämlich ein achter Gerstensaft ist." „Besserer ist nie gebraut worden," sagte Milnwood; „den Claret kann ich nicht so loben; der ist dünn und matt, meine Herren." „Dafür ist Branntwein gut," sagte ein Dritter; „ein Glas Branntwein auf drei Gläser Wein verhindert das Magenknurren." „Branntwein, Bier, Wein, Sekt, Claret, — wir wollen Alles Prokuren," sagte Bothwell, „und was am besten schmeckt, dabei bleiben wir. Darin ist Menschenverstand, und wenn's der verdammteste Whig in ganz Schottland gesagt hätte." Hastig, doch mit einem widerstrebenden Zucken seiner Muskeln, langte Milnwood zwei schwere Schlüssel hervor und gab sie der Haushälterin. „Die Haushälterin," sagte Bothwell, indem er einen Stuhl herbeizog und sich darauf warf, „ist weder so jung noch so hübsch, um Jemand in Versuchung zu bringen, ihr in den Keller zu folgen, und da ist auch beim Teufel kein anderes Gesicht, das man statt ihrer schicken könnte. — Was ist das? — Fleisch?" (er suchte mit der Gabel in der Brühe und fischte eine Hammelskotelette auf) — „Ich glaube, ich könnte ein wenig essen — es ist so zähe, als wenn's des Teufels Großmutter ausgeheckt hätte." „Wenn etwas Besseres im Hause ist, Herr," — sagte Milnwood, über diese Symptome von Unzufriedenheit beunruhigt. „Nein, nein," sagte Bothwell, „'s ist nicht der Mühe werth. — Ich muß zur Sache. — Ihr besucht Pfundtert, den presbpterianischen Pfarrer, Herr Milnwood, nicht wahr?" Herr Milnwood eilte zu bekennen und sich zu entschuldigen: „Durch die Jndulgenz seiner gnädigen Majestät; denn ich möchte durchaus nichts gegen das Gesetz thun; — ich habe gar nichts gegen die Einführung eines gemäßigten Episkopats!; allein ich bin auf dem Lande großgezogcn, und die Geistlichen hier find schlichtere Leute; ich kann also ihrer Lehre besser folgen, und mit Verlaub, mein Herr, cs ist keine so kostspielige Einrichtung sür's Land." „Gut, das geht mich nichts an," sagte Bothwell; „es ist Ihnen erlaubt und damit Punktum; aber hätt' ich Gesetze zu geben, mir sollte kein stutzöhriger Hund von diesem Pack auf einer schottischen Kanzel bellen. Indessen, ich muß meinen Befehlen gehorchen. — Sieh, da kommt ja was zu trinken! Nur hingesetzt, gute Alte." Er füllte mit einer halben Flasche Claret einen hölzernen Becher und leerte ihn auf einen Zug. „Ihr habt Eurem guten Weine Unrecht gethan, mein Freund; — er ist besser als Euer Branntwein, obwohl auch dieser gut ist. Wollt Ihr mir auf des Königs Gesundheit Bescheid thun?" „Mit Vergnügen," sagte Milnwood, „in Bier, — ich trinke nie Claret; ich halte nur ein Wenig für liebe Freunde." „Wie ich vermuthlich," sagte Bothwell, und schob dann Heinrich mit den Worten die Flasche hin: „Hier, junger Mann, trinkt auf des Königs Gesundheit!" Schweigend füllte Heinrich ein mäßiges Glas, ohne auf die Winke und Stöße zu achten, durch die sein Onkel ihm zu verstehen gab, daß er, so wie er, das Bier dem Weine hätte verziehen sollen- 88 „Gut," sagte Bothwell, „habt Ihr Alle die Gesundheit getrunken? — Wer ist das Weib dort? Gebt ihr ein Glas Branntwein; fie soll des Königs Gesundheit trinken!" „Mit Ew. Gestrengen Erlaubniß," sagte Cuddie mit einem höchst einfältigen Gesichte, „das ist meine Mutter, Herr- Sie ist stocktaub; aber mit Ew- Gestrengen Erlaubniß bin ich bereit, für sie des Königs Gesundheit zu trinken, und zwar so viel Gläser Branntwein, als Ihr für nöthig findet." „Darauf wollt' ich schwören," antwortete Bothwell. „Ihr seht just so aus, wie Einer, der's mit dem Branntwein hält. Greif zu, Junge! Alles ist frei, wohin ich komme- Tom, gieb auch der Magd einen rechtschaffenen Schluck, wenn sie auch schmutzig genug aussieht. Füllt doch noch ein Mal — auf's Wohl unseres Befehlshabers, des Obersten Grahame von Claverhouse! — Was zum Teufel krächzt denn die Alte? fie sieht wahrhaftig so verstockt darein, wie der ärgste Whig auf dem Berge. — Entsagt Ihr dem Covenant, gutes Weib?" „Welchen Covenant meinen Ew- Gnaden? den Covenant der Werke, oder den Covenant der Gnade?" fiel Cuddie ein. „Jeden Covenant; alle Covenants, die je auSgeheckt worden," antwortete der Soldat. „Mutter," schrie Cuddie, sich stellend, als ob er mit einer tauben Person spräche, „der Herr wünscht zu wissen, ob Ihr dem Covenant der Werke entsagt?" „Von ganzem Herzen, Cuddie," sagte Mause, „und ich bete, daß meine Füße von dieser Schlinge erlöst werden mögen." „Nun," sagte Bothwell, „die alte Frau hat sich freimüthi- ger herausgeholfen, als ich dachte. Noch ein Glas in der Runde, und dann zur Sache! — Vermuthlich habt Ihr Alle 89 von dem am Erzbischof von St. Andrews begangenen Morde gehört, der von zehn oder eilf Fanatikern grausam und barbarisch ausgeführt wurde?" Alle erschraken und sahen einander an; endlich antwortete Milnwood selbst, sie hätten zwar von einem solchen Unglück gehört, indessen gehofft, es sei nicht wahr. „Hier ist der Bericht davon, den die Regierung bekannt gemacht; was denkt Ihr davon, alter Herr?" „Was ich davon denke? — wa — wa— was dem Staatsrath beliebt," stotterte Milnwood. „Ich wünschte Eure Meinung genauer zu wissen, mein Freurd," sagte der Dragoner gebieterisch. Milnwoods Augen durchflogen schnell das Papier, um den heftigsten Tadel herauszulcsen, womit es überflüssig versehen war, und die zum Vortheil des Lesers mit gesperrter Schrift gedruckt waren. „Zch halte es für einen — blutigen und abscheulichen — Mow und Todtschlag — erdacht von höllischer, unversöhnliche Grausamkeit — höchst verabscheuungöwcrth und eine Sümach für's ganze Land " „Gut gesprochen, alter Herr!" sprach der Frager. „Das bnng' ich Euch und wünsche, daß Euch Eure guten Grundsätze gut bekommen. Ihr seid mir ein Glas schuldig, das ich für Euch gelehrt; nun, Du sollst mir Bescheid thun mit Deinem eigenen Sekt, — kein saures Bier für einen loyalen Magen! — Jetzt kommt die Reihe an Euch, junger Mann, was haltet Ihr von der Sache?" „Ich würde nicht anstehen Euch zu antworten, wenn ich wüßte, was Euch zur Frage berechtigt," sagte Heinrich. „Gott sei uns gnädig!" rief die alte Haushälterin; „so was einen Soldaten zu fragen, wo Jedermann weiß, daß sie 90 im ganzen Lande thun, was sie wollen, mit Mann und Weib, mit Vieh und Menschen." Der alte Herr, ebenfalls erschreckt über seines Neffen Keckheit, rief: «Seid doch still, oder antwortet dem Herrn mit Bescheidenheit. Wollt Ihr des Königs Ansehen verhöhnen in der Person eines Sergeanten der Leibgarde?" „Still, Alle!" rief Bothwcll, und schlug heftig die Hand auf den Tisch. — «Still, Jeder von Euch, und hört mich an! — Ihr fragt nach meinem Rechte Euch zu fragen, Herr (zu Heinrich); meine Kokarde und mein Säbel sind mene Bestallung, und eine viel bessere, als je der alte Cromwill seinen Rundköpfen gab; und wünscht Ihr mehr darüber zu erfahren, so könnt Ihr nach dem Befehle des Staatsraths sehen, der Seiner Majestät Offiziere und Soldaten ermächtigt, verdächtige Personen aufzusuchen, zu verhören und gegangen zu nehmen; und deshalb frag' ich Euch noch ein Mal, was ist Eure Meinung über den Tod des Erzbischofs Sharpe? — Das ist ein neuer Probirstein, an welchem wir das Netall der Leute prüfen " Heinrich batte inzwischen bedacht, wie nutzlos er seine Familie der Gefahr aussetzen würde, wenn er der tyrannisqen Gewalt widerstrebte, die in solchen rohen Händen war; darum überlas er die Erzählung und erwiderte gelassen: «Ich nehme keinen Anstand zu sagen, daß diese Mörder eine unbesonnene, böse That vollbracht, die ich um so mehr bedauere, da ich voraussehe, daß sie einen Vorwand veranlassen wird, gegen Viele gewaltsam zu verfahren, die eben so unschuldig an der That sind, als entfernt, dieselbe zu billigen." Während Heinrich dies sprach, blickte ihn Bothwcll scharf an und schien sich plötzlich seiner Züge zu erinnern. „Aha, mein Freund Papageienhauptmann, mich däucht, ich S1 hätte Euch schon früher ein Mal gesehen, und in sehr verdächtiger Gesellschaft." „Ich habe Euch gesehen," antwortete Heinrich, „im Wirths- hause des Städtchens —" „Und mit wem verließt Ihr das Wirthshaus, Junkerchen? — Nicht wahr, mit John Balfour von Bourley, einem der Mörder des Erzbischofs?" „Ich habe das Wirthshaus mit der von Euch genannten Person verlassen," antwortete Heinrich; „ich leugne es nicht. Aber ich wußte eben so wenig, daß er ein Mörder des Pri> maten sei, als ich überhaupt wußte, daß ein solches Verbrechen begangen wurde." „Daß sich Gott erbarme! Ich bin verloren! — verloren und vernichtet!" schrie Milnwood. Der Junge wird sich noch den Kopf vom Hals reden, und mich um Hab und Gut bringen, bis auf den grauen Rock, den ich auf dem Leibe trage." „Liber," fuhr Bothwell zu Heinrich fort, ohne auf des Oheims Unterbrechung zu achten, „aber Ihr wußtet doch, daß Burley ein geächteter Rebell und Verriither ist, und kennt ja das Verbot mit solchen Leuten zu verkehren- Ihr wußtet, daß es Euch als einem treuen Untcrthanen verboten war, irgend eine Gemeinschaft mit diesem Verräther zu haben, weder mündlich noch schriftlich, noch durch einen Boten, oder ihn mit Speise, Trank, Wohnung, Herberge und Lebensmitteln zu versehen, — Ihr wußtet dies Alles, und doch habt Ihr das Gesetz gebrochen." (Heinrich schwieg.) „Wo habt Ihr Euch von ihm getrennt?" fuhr Bothwell fort, „auf der Landstraße, oder habt Ihr ihn gar in diesem Hause beherbergt?" „In diesem Hause?" sagte der Oheim; „so lieb ihm sein Leben, er hätte es nicht gewagt, einen Verräther in mein Haus zu bringen " „Wagt er es zu leugnen?" sagte Bothwell. „Da Ihr mir's als ein Verbrechen auslcgt," sagte Heinrich, „würdet Ihr mir's verdenken, wenn ich Etwas sagte, das mich anklagen könnte." „O die Güter von Milnwood! — Die schönen Güter von Milnwood! Zweihundert Jahre haben sie den Mortons angehört," rief der Oheim; „das soll nun Alles fort, Felder, Wiesen, Holzung, Alles, Alles!" „Nein, Oheim," sagte Heinrich; „Ihr sollt meinetwillen nicht leiden. — Ich gestehe," fuhr er gegen Bothwell gewendet fort, „ich habe diesem Manne, dem alten Kriegsgcfährten meines Vaters, eine Nachtherbcrge gegeben. Aber dies geschah ohne meines Oheims Wissen, ja, sogar gegen seinen ausdrücklichen Befehl- Wenn mein Zcugniß gegen mich gültig ist, wird es doch hoffentlich einiges Gewicht haben, meines Oheims Unschuld zu beweisen." „Hört, junger Mann," sagte der Soldat in etwas milderem Tone, „Ihr seid ein trefflicher Bursche, und es thut mir leid um Euch, und Euer Oheim da ist ein guter Herr, freundlicher gegen seine Gäste, als gegen sich selbst; denn uns gibt er Wein, und er trinkt sein eigenes, dünnes Bier, — sagt mir Alles, was Ihr von diesem Burley wißt, was er sagte, als er sich von Euch trennte, wohin er ging, und wo er jetzt wohl zu finden ist — ich will dann ein Auge zudrückeu, soweit es meine Pflicht erlaubt. Es sind tausend Mark auf des Mörders Kops gesetzt — und man könnte leicht — nun, heraus damit — wo habt Ihr ihn verlassen?" „Ihr werdet mich entschuldigen, wenn ich diese Frage nicht beantworte, Sir," sagte Morton. „Dieselben dringenden Gründe, die mich veranlaßten, ihm mit großer Gefahr für mich und meine Freunde Obdach zu gewähren, würden mir 93 gebieten, sein Gcheimniß zu ehren, wenn er mir wirklich ein'S anvertraut hätte." „So wollt Ihr mir also keine Antwort geben?" sagte Bothwcll. „Ich habe keine zu geben," entgegnete Heinrich. „Vielleicht könnt' ich Euch lehren, eine zu finden, wenn ich Euch brennenden Schwefelfaden zwischen Eure Finger bände," antwortete Bothwcll. „O um des Himmels Willen, Sir!" sagte die alte Alison bei Seite zu ihrem Herrn; «gebt ihnen Geld — fie suchen nur Geld — sie ermorden den Herrn Heinrich, und dann Euch selbst!" Milnwood seufzte vor Verlegenheit und Seelenangst, und rief in einem Tone, als wollte er seinen Geist aufgeben: »Wenn zwanzig Pf — Pf — Pfund der Geschichte ein Ende machen könnten " „Mein Herr" — wandte sich Alison schmeichelnd zu dem Sergeanten — »würde Euch zwanzig Pfund Sterling geben " „Pfund schottisch, Du —" unterbrach sie Milnwoov; denn sein Geiz überwältigte jetzt seine puritanische Genauigkeit und die Achtung, die er sonst gegen seine Haushälterin hegte. „Pfund Sterling," fuhr nichtsdestoweniger die Haushälterin fort, wenn Ihr die Güte haben wolltet, wegen des jungen Menschen Fehler durch die Finger zu sehen; der läßt sich in Stücken reißen, und Ihr bringt doch kein Wort aus ihm heraus, und es würde Euch wenig helfen, wenn Ihr seine hübschen Finger verbrennen wolltet " „Nun," sprach Bothwcll unschlüssig, „ich weiß nicht — die Meisten meines Standes würden das Geld nehmen, und den Gefangenen obendrein; aber ich Hab' ein Gewissen, und wenn Euer Herr sein Versprechen halten, und sich verbürgen will, seinen Neffen zu stellen, und wenn Jeder im Hause den Testeid schwören will, so ist's möglich-" „O ja, ja, Herr," schrie Frau Mson, „jeden Eid, jeden Eid, den Ihr wollt!" dann leise zu ihrem Herrn: „holt doch schnell das Geld, sie stecken Euch sonst das Haus über dem Kopfe an." Der alte Milnwood warf einen schmerzlichen Blick auf seine Ralhgeberin und bewegte sich langsam von dannen wie ein holländisches Uhrwerk, umkseinen gefangenen Goldfüchsen in dieser furchtbaren Noth die Freiheit zu geben. Inzwischen begann der Sergeant Bothwell den Testeid mit solcher Feierlichkeit abzunehmen, wie man sie heut zu Tage nur in Seiner Majestät Zollhäusern erwarten kann. „Ihr — wie ist Euer Name, Frau?" „Mson Wilson, Herr!" „Ihr Mson Wilson, schwört feierlich, bekräftigt und erklärt, daß Ihr es für die Unterthanen unerlaubt haltet, unter dem Vorwände einer Reformation, oder unter sonst einem andern Vorwände sich in Bündnisse und Covenants einzu- laffen —" Hier wurde die Ceremonie durch einen Streit zwischen Cuddie und seiner Mutier unterbrochen, der lange flüsternd geführt, jetzt aber laut wurde. „O still Mutter, still, sie haben dort was vor. Still, es wird schon gehn." „Ich will nicht still sein, Cuddie," erwiderte seine Mutter. „Ich will meine Stimme erheben, und nicht schonen. — Ich will beschämen den Mann der Sünde, selbst den im Schar- lachgewande, und durch meine Stimme soll Herr Heinrich befreit werden von der Schlinge des Vogelstellers." „Jetzt ist das Rad im Gange," sagte Cuddie, „wer kann's 95 noch halten? — ich sehe sie schon hinter einem Dragoner auf dem Wege in's Gefängniß, mich selbst unter einem Pfcrdes- bauch gebunden. Ja, sic hat ihre Rede schon fertig. Und da — nun kowmt'S 'raus, und wir sind verloren mit Mann und Maus." „Und Ihr wollt Herkommen/' sagte Mause, und schüttelte ihre welke Hand, während die scharfen Züge ihres runzlichten Gesichtes durch den heiligen Zorn sich belebten; denn bei der bloßen Erwähnung des Tcsteides vergaß sie alle Klugheit und Cuddie's Ermahnungen, — „kommt Ihr her mit Euren seclen- tödtenden, Heilige verführenden, Gewissen verwirrenden Eiden und Banden — mit Euren Schlingen und Fallstricken? — Doch umsonst spannt Ihr aus das Netz vor dem Angesicht des Vogels." „Ei was, Alte?" sagte der Soldat. „Seht das Wunder, das alte Weib hat mit einem Male Zungen und Ohren wieder bekommen, und nun ist die Reihe an uns taub zu werden. — Seid still, Weib, und bedenkt mit wem Ihr sprecht!" „Mit wem ich spreche? ach, das weiß das gedrückte Land nur allzugut. Gottlose Anhänger der Prälaten seid Ihr, elende Stützen einer schwachen, zerbrechlichen Sache, blutdürstige Raubthiere und eine wahre Last auf Erden." „Meiner Seele!" sagte Bothwell erstaunt, wie ein Bullenbeißer, wenn ihm ein Rebhuhn zur Vertheidigung seiner Jungen um den Kopf fliegt, — „das ist das Prächtigste, was ich noch je gehört! habt Ihr noch Etwas von dieser Art?" „Noch Etwas?" sagte Mause, und nachdem sie ihre Stimme durch Räuspern gereinigt: „Ich will Zeugniß ablegcn gegen Euch ein Mal für alle Mal. — Philister seid Ihr, und Edomi- ten — Leoparden seid Ihr, und Füchse — Nachtwölfe, die bis zur Morgendämmerung Gebeine nagen — elende Hunde, so die 96 Auserwählten umkreisen — stoßende Kühe und tolle Stiere von Basan — stechende Schlangen seid Ihr, dem Namen und Wesen nach verwandt mit dem großen rothen Drachen: Offenb. Joh- Kap. 12- Vers s und 4." Hier hielt die alte Frau inne, mehr um Athem, als Stoff zu holen. „Die verdammte alte Here!" sagte einer von den Dragonern; „packt sie, und in's Hauptquartier mit ihr!" „Pfui, Andrews," sagte Bothwell; „bedenke, die gute Alte gehört zum schönen Geschlecht und bedient sich blos des Vorrechts ihrer Zunge. — Aber hört, Weib, nicht jeder Stier von Basan und jeder rother Drache wird so höflich sein, als ich, oder sich begnügen, Euch dem Constabel und dem Tauchstuhl zu überlassen. Inzwischen bin ich genöthigt, diesen jungen Mann in's Hauptquartier zu bringen. Ich kann es gegen meinen Officier nicht verantworten, ihn in einem Hause zu lassen, wo ich so viel Verräthcrei und Fanatismus vernommen." „Jetzt seht 'mal, was Ihr angerichtet, Mutter," flüsterte Cuddie; „da sind nun die Philister, wie Ihr sie nennt, und führen den Herrn Heinrich weg. Der Teufel hol' Euer vermaledeites Geschwätz!" „Halt's Maul, feiger Lümmel!" sagte die Mutter, „und tadle mich nicht; wenn Du und diese einfältigen Fresser, die da stehen und gaffen, wie die Kühe, die vom Klee bersten, Zeugniß abgelegt hätten mit den Händen, wie ich mit der Zunge, so würden sie nimmermehr den jungen lieben Herrn in's Gcfängniß schleppen." Während dieses Gespräches hatten die Soldaten bereits den Gefangenen gebunden und sich desselben versichert. In diesem Augenblicke kehrte Milnwood zurück, und bestürzt über diese Zurüstungen eilte er, obgleich mit manchem schweren Seufzer, auf Bothwell zu, um ihm das Gold anzubieten, welches er zur 97 Auslösung seines Neffen hervorholen mußte. Der Soldat nahm die Börse mit gleichgültiger Miene, wog sie in der Hand, warf sie in die Luft, fing sie wieder auf, und sagte den Kopf schüttelnd: „In diesem Neste gelber Goldfinken steckt manche lustige Nacht, aber hol' mich der Teufel, ich wag's doch nicht dafür! — Diese Vettel hat zu laut gesprochen, und vor allerlei Leuten. — Hört, alter Herr," fuhr er zu Milnwood fort, „ich muß mit Eurem Neffen in's Hauptquartier, und kann also mit gutem Gewissen nicht mehr, als mein gebührendes Gratial nehmen." Er öffnete die Börse, gab jedem Soldaten ein Goldstück, und nahm drei für sich selbst. „Jetzt," sprach er, „habt Ihr den Trost zu wissen, daß Euer Neffe, der junge Papageienhauptmann, sorgsam und höflich behandelt werden wird, und das übrige Geld stell' ich Euch zurück." Milnwood streckte hastig seine Hand aus. „Aber Ihr wißt," sagte Bothwell, immer mit dem Beutel spielend, „jeder Gutsbesitzer ist verantwortlich für die Treue seiner Hausgenossen, und meine Leute sind nicht verbunden zu verschweigen, was sie für eine schöne Predigt von dem alten Weib da im Tartan-Plaid gehört haben, und Ihr werdet einsehen, daß die Angabe davon Euch eine schwere Strafe von Seiten des StaatSraths zuzichen wird." „Lieber Herr Sergeant — würdiger Herr Capitain!" rief der erschreckte Geizhals; „ich versichere Euch, in meinem Hause ist Keiner, der ein Aergerniß geben könnte." „Nun," antwortete Bothwell, „Ihr sollt selbst ihr Zcug- niß ablegen hören, wie sie es nennt. — Ihr, Bursche (zu Cuddie), tretet zurück und laßt Eure Mutter sprechen, wie ihr's um's Herz ist. Ich sehe, sie hat schon wieder frisch geladen." „Lord, edler Herr," sagte Cuddie, „eine alte Weiberzunge ist doch nicht werth, daß man so viel Aufhebens davon macht. Die Schwärmer. I. 7 Mein Vater und ich haben uns nie viel um ihr Getratsch bekümmert." „Schweig', Junge, rath' ich Dir," sagte Bothwell. „Ich glaube, Du bist schlauer, als Du aussehen willst. — Frisch, gute Frau; Euer Herr will nicht glauben, daß Ihr ein so prächtiges Zeugniß oblegen könnt." Mause'S Eifer bedurfte keines solchen Spornes, um sich wieder in vollen Lauf zu setzen. „Wehe den Willfährigen und fleischlichen Selbstsüchtigen," sagte sie, „die ihr Gewissen betäuben, daß sic den schändlichen Erpressungen nachgeben, und den Mammon der Ungerechtigkeit hingeben den Söhnen Belials, daß sie Frieden mit ihm schließen! Es ist ein sündhaftes Nachgeben, ein schändlich Bündniß mit dem Widersacher! Es ist das Böse, so Mcnahem beging im Angesichte des Herrn, als er tausend Talente gab dem Phul, dem König von Assyrien, auf daß seine Hand mit ihm sei, zweites Buch der Könige, Kapitel fünfzehn, Vers neun. Es ist die Uebelthat Ahabs, als er Geld schickte dem Tiglat-Pilescr — siehe dasselbe Buch im sechszehnten und achten. Und wenn cs selbst dem frommen Hiskiah als ein Abfall angcrechnet wurde, daß er dem Sancherib nachgab, und ihm Geld schickte, und sich erbot zu tragen, was ihm auferlegt würde — siehe abermals im zweiten Buch, im achtzehnten Kapitel, Vers vierzehn und fünfzehn — so ist's auch also mit Denen, welche in dieser abtrünnigen und widerspenstigen Zeit Steuern und Gebühren, Schatzungen und Geldbußen zahlen den gierigen und ungerechten Zöllnern, und Erpressungen und Belohnungen den gedungenen Pfaffen — faulen Hunden, die nicht bellen, sondern kauern und schnarchen — und Gaben spenden zur Hülfe und zum Lohne unserer Dränger und Unterdrücker. Sie sind Alle Denen gleich, so das Loos mit ihnen werfen; gleich Denen, »9 so einen Tisch dem Soldaten, und einen Trunk der Menge anbicten." „Das ist eine schöne Lehre für Euch, Herr Morton! Wie gcfällt's Euch?" sagte Dothwell; „wie glaubt Ihr, daß es dem StaatSrath gefallen wird? Ich denke, wir können das Meiste davon im Kops behalten, ohne Bleistift und Schreibtafel zu gebrauchen, wie Ihr sie in Eure Konventikel mitbringt. Nicht wahr, Andrews, sie will keine Schatzung zahlen?" „Ja, zum Henker!" sagte Andrews, „und sie schwur, es sei sündhaft, einem Soldaten einen Krug Bier zu geben, oder ihn an den Tisch zu lassen." „Da hört Jhr's," sagte Dothwell zu Milnwood gewendet; „aber das ist Eure Sache," und damit reichte er ihm gleichgültig den Beutel mit dem verminderten Inhalt zurück. Milnwood, dessen Kopf durch das gehäufte Unglück wirbelte, streckte mechanisch seine Hand nach dem Beutel aus. „Seid Ihr toll?" flüsterte ihm die Haushälterin zu; „sagt, daß sie ihn behalten, — sie thun's ja doch, so oder so, — das ist der einzige Weg, sie zu kirren " „Ich kann's nicht thun, Ailie — ich kann's nicht thun," sagte Milnwood in der Bitterkeit seines Herzens. „Ich kann das Geld, das ich so oft gezählt, nicht den Schurken in den Rachen werfen." „So muß ich's selbst thun, Milnwood," sagte die Haushälterin, „oder Alles geht drunter und drüber. — Mein Herr, Sir," sagte sie zu Bothwell gewendet, „kann unmöglich Etwas aus der Hand eines so ehrenwcrthcn Herrn, wie Ihr seid, wieder zurücknehmen; er bittet Euch inständigst, das Geld ein- zustccken, und seinen Neffen mit so viel Güte zu behandeln, als Euch nur irgend möglich, und über unsere Gesinnung einen günstigen Bericht an die Regierung zu machen, und laßt uns 7 * Ivo kein Uebel geschehen wegen des albernen Geschwätzes dieser Alten — (hier blickte sie grimmig auf Mause, um sich für den Zwang zu entschädigen, den es sie kostete, ein mildes Benehmen gegen die Soldaten zu zeigen) — ein tolles Weib, ist erst seit gestern Nachmittag hier, soll aber nie wieder über die Schwelle kommen, wenn sie einmal hinaus ist." »Ja, ja," sagte Cuddie, „ja, ja, so ist's! Ich wußte ja doch, daß wir uns bald wieder sortschecren müssen, sobald Ihr nur drei Worte herausbringt. Ich wußte es wohl, das ist das Ende vom Liede, Mutter." „Still, mein Sohn," sagte sie, »trage Dein Kreuz mit Geduld — nicht wieder über die Schwelle? O daß ich sie nie überschritten hätte! hier ist kein Zeichen, daß der Würgengel vorübergehe. Sie werden schon fühlen den Schlag seiner Hand, die da so viel an die Crcatur und so wenig an den Schöpfer denken — so viel an weltlich Gut, und so wenig an den gebrochenen Bund — so viel an ein Paar nichtsnütziger Goldstücke, und so wenig an das reine Gold der Schrift — so viel an ihre eigenen Freunde und Verwandten, und so wenig an die Auscrwählten, die da geprüft werden mit Plagen, Hetzen, Jagen, Suchen, Verfolgen, Fangen, Einkerkcrn, Foltern, Aechten, Köpfen, Hängen, Rädern und Vierthellen nebst den Hunderten, die aus ihren Wohnungen in Wüsteneien, auf Berge, Moore und Haiden zu fliehen gezwungen find, um dort das Wort zu hören, wie heimlich genossenes Brod." „Die gehört zum Covenant, Sergeant; sollen wir sie nicht mitnehmen?" sagte einer der Soldaten. „Rappelt'S bei Dir?" sagte ihm Bothwell leise, «siehst Du denn nicht, daß sie viel besser ist da, wo sie ist, so lange wir hier einen so achtbaren, freigebigen, goldspendenden Gutsbesitzer haben, wie der Herr Milnwood ist, der die Mittel besitzt, ihre Vergehungen mit Geld abzubüßen? Laß die Alte zu einem andern Neste fliegen, sie ist viel zu zähe, als daß sich irgend Etwas aus ihr machen ließe. Nun," rief er, „noch ein Glas auf Milnwood und sein Haus; auf baldiges, frohes Wiedersehen! und damit wird's nicht lange anstehen, wenn er solch' fanatisches Volk bei sich behält." Er befahl hierauf seinen Leuten aufzufißen, und nahm das beste Pferd aus Milnwood's Stall für des Königs Dienst, um den Gefangenen fortzuschaffen. Frau Wilson packte ein kleines Bündel für Heinrichs gezwungene Reise zusammen, und während sie geschäftig umherlief, erhaschte sie die Gelegenheit, ihm ungesehen von den Soldaten eine kleine Summe in die Hand zu stecken. Bothwell und seine Soldaten hingegen hielten ihr Versprechen und waren höflich. Sie banden den Gefangenen nicht, sondern begnügten sich sein Pferd in die Mitte zu nehmen. Unter fröhlichem Gelächter ritten sie von dannen, und ließen die Familie Milnwood in großer Verwirrung zurück. Der alte Laird, durch den Verlust seines Neffen und die fruchtlose Aufopferung von zwanzig Pfund Sterling fast zu Boden gedrückt, wälzte sich den ganzen Abend in seinem großen Sor- gcnscffel, und wiederholte stets dieselbe Klage: „Zu Grunde gerichtet, von allen Seiten zu Grunde gerichtet — Leib und Gut, Leib und Gut!" Frau Alisons Schmerz ward gemildert durch den Strom von Schimpfworten, mit dem sie Mause und Cuddie von Milnwood vertrieb. „Dich soll das Unglück verfolgen. Der schmuckste Junge im ganzen Clydesdale kann vielleicht heut noch den Tod leiden, und das nur wegen Euch und Eures tollen Geschwätzes." „Geht nur," erwiederte Mause; „ich sehe, Ihr seid noch in den Banden der Sünde, und in der Galle der Bosheit, da !!^ .. 102 Ihr murrt, Euer Schönstes und Bestes hinzugeben für die Sache dessen, der Euch Alles gegeben hat. — Ich versichere Euch, ich habe so viel für Herrn Heinrich gethan, als ich für meinen eigenen Sohn thun würde; denn wenn Cuddie würdig befunden würde, Zeugniß auf dem Richtplatz-" „Dazu habt Ihr Hoffnung genug," sagte Alison, „wenn Ihr Euch Beide nicht eines Bessern besinnt " „Und wenn," fuhr Mause fort, ohne die Unterbrechung zu beachten, „die blutigen Doegs und schmeichelnden Zephiten mich suchen sollten, um mich zu fangen, mit dem Versprechen, seiner zu schonen unter sündigen Bedingungen, so würd' ich dennoch beharren in meinem Zeugniß gegen Papstthum, Prä- latisten, Antinoministen, Erastianisten, Lapsarianisten, Sub- lapsarianisten, und gegen die Sünden und Fallstricke der Zeit — schreien würd' ich, wie ein Weib in Kindesnöthen, gegen die schwarze Jndulgenz, so ein Stein des Anstoßes geworden für die Lehrer — ich würde meine Stimme erheben, wie ein gewaltiger Prediger." „Still, still, Mutter," rief Cuddie, sie gewaltsam fortziehend; „macht die brave Frau nicht taub mit Eurem Zeugniß; Ihr habt genug gepredigt für sechs Tage. Ihr habt uns aus dem schönen Freihause und dem Kohlgarten gepredigt, und jetzt aus dem neuen Zufluchtsorte, ehe wir uns den Steiß drin wärmten; und Ihr habt den Herrn Heinrich in's Gefängniß hineingepredigt, und zwanzig Pfund aus des Lairds Tasche, von denen er sich doch nicht gern getrennt; drum könnt Ihr jetzt ein wenig inne halten, um mich nicht zwischen Himmel und Erde zu predigen. Kommt, kommt; die Familie hier hat genug von Eurem Zeugniß gehört, um es nicht so bald zu vergessen." Mit diesen Worten zog er Mausen fort, auf deren Zunge 1 , I»3 noch immer die Worte: Zeugniß, — Covenant, — Gottlose, — Jndulgenz schwebten. „Du tolles, aberwitziges Thier, das Du bist!" rief die Haushälterin der Scheidenden nach; „hält sich für etwas Apartes, und bringt so viel Leid in eine stille, ruhige Familie! Wär'Lich nicht wegen meiner Stellung zu vornehm dazu, ich hätte ihr die zehn Gebote in's Gesicht gezeichnet." Achtes Kapitel. Ich war ein MartiSfohn In manchen Kriegesreigen, Und Narben, Maler kan» ich Wohl aller Orten zeigen: — Die ward mir für 'ne Maid, Und die im blut'gen Streit, Und die in der Tranchce In Flandern vor Turnak. BureS. „Seid nicht so niedergeschlagen," sagte der Sergeant Both- well zu seinem Gefangenen auf dem Wege nach dem Hauptquartier. „Ihr seid ein schmucker, sauberer Bursche von guter Abkunft; das Schlimmste, was Euch begegnen kann, wäre, Hiebe zu bekommen, und das ist das Loos manches ehrlichen Jungen. Ich sag's Euch offen, Euer Leben ist dem Gesetze verfallen, wenn Ihr Euch nicht unterwerft und eine runde Summe auf Eures Onkels Vermögen anweist. Der kann schon blechen." „Das quält mich mehr als alles Andere," sagte Heinrich. „Nur mit Jammer trennt er sich von seinem Gelbe, und da er durchaus keinen Thcil daran hat, daß ich diesen Mann über Nacht beherbergt, so wünsch' ich von ganzem Herzen, daß, wenn ich mit dem Leben davon komme, mir eine Strafe auferlegt würde, die ich zu tragen im Stande bin." „Nun," sagte Bothwell, „vielleicht schlägt man Euch vor, in eins der schottischen Regimenter zu treten, die im Auslande dienen. Das ist kein übler Dienst; wenn Eure Freunde thä- tig sind und an die rechte Thüre klopfen, so könnt Ihr bald Offizier werden." „Ich weiß nicht," antwortete Morton, „ob nicht ein solches Urtheil das Beste wäre, was mir begegnen könnte " „Ei, da seid Ihr am Ende gar kein rechter Whig," sagte der Sergeant. „Ich habe mich bis jetzt mit keiner Partei im Staate eingelassen," sagte Heinrich, „sondern bin ruhig zu Hause geblieben, und habe oft ernstlich daran gedacht, zu einem unserer ausländischen Regimenter zu gehen." „So?" erwiedcrte Bothwell; „nun, allen Respekt! Ich habe selbst lange in der französischen Schottengarde gedient. Blitz, da ist Disciplin zu lernen! Man schcert sich um Euer Treiben nicht, wenn Ihr außer Dienst seid; fehlt Ihr aber 'mal beim Verlesen, so seht zu, wie'S Euch ergeht. Sapperment! ließ der alte Hauptmann Montgomery mich nicht sechs Stunden in einem Ruck oben auf dem Arsenal in Brust- und Rückenharnisch, Armschienen und Sturmhaube in der brennenden Sonnenhitze Wache stehen, daß ich so gebraten ward, wie eine Taube im Port-Ropal. Ich schwor, nie wieder zu fehlen, wenn Franz Stewart aufgerufcn wurde, und sollt' ich die Karten aus dem Trommelfelle liegen lassen. — Ja, Disciplin ist ein herrlich Ding!" „Sonst gefiel Euch der Dienst gut?" fragte Morton- 105 „Par excellenee!" sagte Bothwell. „Weiber, Wein, Gelage — Alles fast umsonst; und bringt Jhr's nur über's Gewissen, einen fetten Pfaffen glauben zu machen, er könne Euch bekehren, so hilft er Euch selbst zu mancher Erquickung, um Eure Zuneigung zu gewinnen. Welcher rundköpfige Whig- pfaff war' auch so gefällig?" ..Gewiß kein einziger, das geb' ich zu," sagte Heinrich; „aber worin bestand denn eigentlich Euer Hauptdienst?" „Des Königs Person zu bewachen," sagte Bothwell, „für die Sicherheit Ludwigs des Großen zu sorgen, mein Junge, und dann und wann Etwas gegen die Hugenotten, d. h. die Protestanten zu thun- Da hatten wir freies Spiel und war mir eine gute Schule für den Dienst hier zu Lande. Doch da Ihr ein buon cameracko seid, wie die Spanier sagen, so muß ich Euch ein Paar von Eures Oheims Goldfüchsen geben. Das ist Soldatenbrauch! Wir müssen keinen rechtschaffenen Burschen darben lassen, wenn wir Geld haben " Hiermit zog er die Börse, nahm einige Goldstücke heraus und gab sie ungezählt unserm Heinrich. Der junge Morton lehnte es ab, und da er es trotz der Großmüthigkeit des Sergeanten nicht für klug hielt, denselben wissen zu lassen, daß er Geld bei sich habe, versicherte er denselben, daß er ohne Schwierigkeit von seinem Oheim Unterstützung erhalten werde. „Gut," sagte Bothwell, „in diesem Falle müssen die gelben Spitzbuben noch ein Bischen als Ballast in meinem Beutel bleiben. Es ist stets meine Regel, die Schenke nie zu verlassen, — es sei denn, daß mich der Dienst ruft, — so lange mein Beutel noch so schwer ist, daß ich ihn über das Schild werfen kann. Wenn er nun so leicht ist, daß ihn der Wind zurückbläst, dann — gespornt und gesattelt, um ihn wieder auf irgend eine Art zu füllen. — Aber, was ist denn das für ein Thurm, der von dem jähen Felsen hinabfieht durch die dichte Waldung?" „Das ist das Schloß von Tillietudlem," sagte einer der Soldaten. »Die alte Lady Margaretha Bellenden wohnt da, eine der wohlgesinntesten Frauen im Lande und eine Soldatenfreundin. Ich habe einen Monat dort gelegen, als ein verdammter Whighund aus einem Versteck auf mich geschossen, und ich möchte noch ein Mal so 'ne Wunde aushaltcn, um wieder so gut einquartiert zu sein." „Wenn das ist," sagte Bothwell, „so will ich ihr im Vorbeigehen meine Aufwartung machen und sie um Erfrischung für uns und die Pferde bitten. Ich bin so durstig, als hätt' ich auf Milnwood nichts getrunken. Aber es ist doch ein gutes Ding in diesen Zeiten," fuhr er zu Heinrich gewendet fort, „daß des Königs Soldat an keinem Hause vorüber zu gehen braucht, ohne Erquickung zu bekommen. In solchen Häusern, wie Tillie — wie nennt Ihr das Ding? gibt man uns aus gutem Willen; in den Häusern der bekannten Schwärmer greisen wir mit Gewalt zu; und bei den gemäßigten Presbyterianern und andern verdächtigen Leuten gibt man uns aus Furcht; so wird stets unser Durst auf diese oder jene Weise gelöscht " „Und in dieser Absicht wollt Ihr Euch also nach dem Schlosse begeben?" fragte Heinrich ängstlich. „Auf jeden Fall," antwortete Bothwell. „Wie könnte ich meinen Vorgesetzten einen günstigen Bericht von den schönen Grundsätzen der würdigen Lady abstatten, wenn ich nicht ihren Sekt gekostet habe? — denn Sekt tischt sie uns ganz gewiß auf; der ist der Lieblingstrost der alten hochadeligen Wittwe, wie der leichte rothe Wein der Trank Eurer Lairds auf dem Lande ist" " „Wollt Ihr durchaus hin," sagte Heinrich, „so bitte ich 107 Euch um's Himmelswillen, meinen Namen nicht zu nennen, und mich nicht den Blicken einer Familie auszusetzen, die ich kenne. Laßt mich in einen Eurer Mäntel hüllen und nennt mich blos im Allgemeinen als einen Gefangenen unter Eurer Aufsicht." „Von ganzem Herzen," sagte Bothwell; „ich versprach Euch höflich zu behandeln und weiß mein Wort zu halten. — Hier, Andrews, schlag' den Mantel um den Gefangenen, und nennt seinen Namen nicht, auch nicht, wo wir ihn gefangen, wenn Ihr nicht auf einem hölzernen Gaul reiten wollt." Sie kamen nun an einen gewölbten Thorweg, der mit Schießscharten versehen und von Thürinen beschützt war, von welchen der eine bis auf den untern Stock ganz zertrümmert war, und dem Bauer, welcher noch den andern Thurm bewohnte, zum Kuhstall diente. Das Thor selbst ward während des Bürgerkrieges durch Monks Soldaten abgebrochen, und da es nicht wieder aufgebaut worden, konnte Bothwell mit seinen Leuten ungehindert durchreiten. Der sehr steile, enge und mit großen, runden Steinen gepflasterte Pfad zog sich an der Seite des jähen Felsens in einem Zickzack hinan und ließ die Burg mit ihren äußeren Bollwerken bald sehen, bald verschwinden. Die Ueberbleibsel der gothischen Befestigungswerke waren von solcher Stärke und Festigkeit, daß Bothwell unwillkürlich ries: „Es ist gut, daß dieser Platz in wackern und loyalen Händen ist. Meiner Seele, hält' ihn der Feind, so könnte ein Dutzend alter Whigweibcr ihn mit bloßen Kunkeln gegen eine Schwadron Dragoner vertheidigen, wenigstens, wenn sie nur halb so viel Feuer hätten, wie die Alte, die wir zu Milnwood zurückgelassen. Bei meinem Leben," fuhr er fort, als sie vor dem großen doppelten Thurme und dessen Bollwerken und Vorsprüngen standen, „'s ist ein herrlicher Platz, gegründet, wie die haldverlöschte Inschrift über dem Thore sagt — wenn nur mein Bischen Latein nicht ganz zum Teufel gefahren — von Sir Ralph von Bellenden im Jahre izso, — ein respektables Alter. Ich muß die Dame mit gebührender Ehrfurcht begrüßen, wenn's mir auch Mühe macht, einige Redensarten hervorzustöbern, in denen ich pfuschte, als ich noch in solche Gesellschaft kam." Während dieses Selbstgesprächs sagte der Kellermeister, der die Soldaten durch eine Schießscharte beobachtete, seiner Gebieterin, daß ein Commando Dragoner, oder, wie er glaube, Leibgardisten mit einem Gefangenen am Thore warte. „Ganz gewiß," sagte Gudyill, „ist der sechste Mann ein Gefangener; denn sein Pferd wird geführt, und die zwei vorreitenden Dragoner haben ihre Karabiner auf die Schenkel gestützt. So bewachten wir immer die Gefangenen in den Tagen des großen Marquis." „Königliche Soldaten?" sagte die Lady, „vermuthlich verlangen sie Erquickung. Geht, Gudpill, heißt sie willkommen, und laßt ihnen Alles reichen, was das Schloß an Vorrath und Futter geben kann. — Sag' meiner Kammerfrau, daß sie mir meinen schwarzen Schleier und Mantel bringe. Ich will sie selbst unten empfangen; man kann ihnen nicht zu viel Achtung beweisen in diesen Zeiten, wo sie so viel für die Aufrechthaltung des königlichen Ansehens thun. Und hört, Gudyill, sagt Jenny Dennison, sie solle sich in ihren Staat werfen, um vor mir und meiner Nichte hergehen zu können; die drei Frauen sollen heiter aussehen, und sagt meiner Nichte, daß sie sogleich komme." In voller Rüstung und begleitet, wie sie angeordnet hatte, segelte jetzt Lady Margaretha mit aller Würde und Feierlichkeit in den Hof hinab. Sergeant Bothwell begrüßte die stolze 109 und ernste Frau mit einer Zuversicht, welche etwas von dem leichten und ungezwungenen Benehmen der Männer von Welt an Karls II. Hofe hatte, und gar keinen Beischmack von den rohen und plumpen Sitten eines DragonerunterofsizierS. Seine Sprache und sein Benehmen schienen sich für diese Zeit und Gelegenheit zu verfeinern; indessen hatte er wirklich in seinem vielbewegten, abenteuerlichen und ausschweifenden Leben bisweilen eines Umgangs gepflogen, der mehr seiner Abkunft als seiner gegenwärtigen Stellung angemessen war. Mit einer tiefen Verbeugung antwortete er, als ihn die Matrone fragte, wie sie ihm dienen könne, daß sie diese Nacht noch einige Meilen weiter marschiren müßten und ihnen die Erlaubniß, ein Stündchen die Pferde hier rasten zu lassen, höchst angenehm sein würde. »Mit dem größten Vergnügen!" antwortete Lady Margaretha, „und ich glaube, meine Leute werden Sorge tragen, daß es weder Menschen noch Pferden an Etwas gebricht." „Wir wissen wohl, gnädige Frau," fuhr Bothwell fort, „daß die Leute im Dienste des Königs innerhalb der Mauern von Tillietudlem stets so empfangen wurden." „Wir haben uns bestrebt, unsere Pflicht bei allen Gelegenheiten in loyaler Ergebenheit zu erfüllen," antwortete Lady Margaretha geschmeichelt, — „sowohl gegen unfern Monarchen selbst, als auch gegen dessen Anhänger und hauptsächlich gegen seine treuen Soldaten. Es ist noch nicht so gar lange, und wahrscheinlich lebt's noch im Andenken Seiner geheiligten Majestät, da er selbst ein Mal mein armes Haus mit seiner Gegenwart beehrte und in einem Zimmer frühstückte, welches Euch, Herr Sergeant, meine Kammerfrau zeigen soll; wir nennen es noch heute das Königszimmer." Inzwischen hatte Bothwell seine Leute abfitzen lassen, und I1N vertraute die Pferde einer Abtheilung und den Gefangenen einer andern; so daß er selbst ungestört die Unterhaltung fortsetzen konnte, welche die Lady zu eröffnen herablassend genug war. „Da der König, mein Herr, die Ehre hatte, sich Eurer Gastfreundschaft zu erfreuen, so wundere ich mich nicht, daß fich dieselbe auch auf Diejenigen erstreckt, welche ihm dienen, und deren Hauptverdienst darin besteht, dies mit Treue zu thun. Und doch stehe ich in näherer Beziehung zu Sr. Majestät, als dieser rothe Rock anzudeuten scheint." „Wirklich, Sir?" sagte Lady Margaretha; „Ihr habt vermuthlich zu seinem Hausstande gehört?" „Nicht so eigentlich zu seinem Hausstande, sondern vielmehr zu seinem Hause, eine Verbindung, durch welche ich die Vewandtschaft der meisten angesehensten Häuser Schottlands ansprechen kann, selbst Tillietudlem nicht ausgenommen." „Wie, Sir?" sagte die alte Lady, sich stolz emporrichtend, da sie das eben Vernommene für einen frechen Scherz hielt, — „ich versteh' Euch nicht." „In meiner Lage ist es wirklich thöricht, davon zu sprechen, Madame," antwortete der Krieger; „aber Ihr müßt von der Geschichte und dem Unglück meines Großvaters, Franz Stuart, gehört haben, dem Jacob I., sein leiblicher Vetter, den Titel Bothwell gab, wie ihn mir meine Kameraden zum Spitznamen geben. Er brachte ihn am Ende eben nicht mehr Vortheil, als mir." „So?" sagte Lady Margaretha mit Theilnahme und Erstaunen. „Ich habe allerdings oft vernommen, daß der Enkel des letzten Grafen in dürftigen Umständen sei, aber ihn in so niederem Dienstgrade zu sehen, hätte ich nimmermehr erwartet. Welch widriges Geschick konnte Euch bei solchen Verbindungen dahin gebracht-" „Gar nichts Ungewöhnliches, Mylady," sagte Bothwell, die begonnene Frage unterbrechend- „Ich habe auch, so gut wie meine Nachbarcn, Augenblicke günstigen Geschickes erfahren, — habe meine Flasche mit Rochester geleert, mit Buckingham lustige Streiche verübt, und vor Tanger an Sheffields Seite gefochten. Aber mein Glück war nicht von Dauer; ich konnte aus meinen Zechgefährten keine nützlichen Freunde machen — vielleicht fühlte ich auch nicht genug" — fuhr er mit einiger Bitterkeit fort, wie sehr der Sprosse der schottischen Stuarts geehrt sei, zu den Gelagen von Wilmot und Villiers zuge- laffen zu werden " „Aber Eure schottischen Freunde, Herr Stuart, Eure so zahlreichen und mächtigen Verwandten?" „Nun ja, Mylady," erwiederte der Sergeant, „ich glaube wohl, daß mich Einige von ihnen zu ihrem Waldmeister gemacht hätten, da ich ein leidlicher Schütze bin — Einige hätten mich wohl auch als ihren Bravo gedungen; denn ich weiß mein Schwert zu führen — und hier und da wäre vielleicht Einer gewesen, der in Ermangelung bessern Umgangs mich zum Gesellschafter gemacht haben würde, da ich meine drei Flaschen Wein vertragen kann. — Aber ich weiß, wie es ist — muß ich einmal Dienste thun, so ist mir der meines Vetters Karl der liebste, wenn der Lohn auch noch so gering und die Livree nicht eben splendid ist," „DaS ist doch Schimpf und Schande!" sagte Lady Margaretha. „Warum wendet Ihr Euch nicht an Seine geheiligte Majestät? Er müßte erstaunt sein, wenn er hörte, daß ein Sprößling seiner erlauchten Familie —" „Verzeiht, Madame," unterbrach der Sergeant, „ich bin nur ein schlichter Soldat, aber es muß doch 'mal heraus, und Ihr werdet mich entschuldigen, wenn ich behaupte, daß Seine geheiligte Majestät mehr daran denkt, selbst Sprößlinge zn setzen, als die zu ernähren, welche seine Ahnen gepflanzt haben." „Gut, Herr Stuart," sagte Lady Margaretha, „Eins müßt Ihr mir versprechen — daß Ihr diese Nacht in Tillie- tudlem bleibt; morgen erwart eich Euren Commandanten, den tapfcrn Claverhouse, dem König und Vaterland so viel schulden wegen seiner Thaten gegen Diejenigen, welche gern die Welt umkchren möchten- Ich will mit ihm in Betreff Eurer schnellen Beförderung sprechen, und gewiß, er fühlt zu sehr, was dem Blute in Euren Adern und dem Verlangen einer Dame gebührt, die von Seiner Majestät so sehr ausgezeichnet wurde, um nicht jetzt für Euch besser zu sorgen, denn früher-" „Ich bin Ew. Gnaden sehr verbunden und will gern mit meinem Gefangenen hier bleiben, weil cs Euer Wunsch ist, und besonders, weil ich ihn dann am ehesten dem Obersten Grahame vorstellen, und seine letzten Befehle in Betreff des jungen Menschen empfangen kann " „Wer ist Euer Gefangener?" fragte Lady Margaretha. „Ein junger Mensch aus der bessern Klaffe hier in der Nachbarschaft, der so leichtsinnig gewesen, einem von des Primaten Mördern Zuflucht zu ertheilen, und dem Hunde das Entkommen zu erleichtern." „O pfui," sagte Lady Margaretha; „ich bin nur allzugeneigt, die Beleidigungen zu vergeben, die mir diese Schurken zugefügt; obgleich einige davon von der Art sind, daß ich sie nicht leicht vergessen kann; aber wer die Thäter eines so grausamen und überdachten Mordes beschützen kann — pfui über ihn! Wenn Ihr ihn, ohne Eure Leute zu belästigen, sicher haben wollt, so soll Harrison oder Gudyill den Schlüssel unseres Hauptgefängniffes suchen. Es ist seit der Woche nach dem Siege bei Kilsythe noch nicht geöffnet worden, wo mein 113 armer Sir Arthur Bellenden zwanzig Whigs hineinsteckte. Es liegt nur zwei Stock unter der Erde, und ist nicht ungesund, besonders da es, wenn ich nicht irre, eine Oeffnung in's Freie bat." „Verzeiht, Madame," antwortete der Sergeant, „ich glaube wohl, daß es ein vortrefflicher Kerker ist; aber ich habe versprochen, den Burschen höflich zu behandeln, und ich will sorgen, daß man ihn so gut bewache, daß ihm das Entrinnen unmöglich gemacht wird. Die Wachthabenden sollen ihn so fest halten, als wären seine Beine in Eisenstiefeln und seine Finger in Daumschrauben." „Gut, Herr Stuart," erwiederte die Lady; „Ihr kennt am besten Eure Pflicht- Ich wünsche Euch vom Herzen guten Abend und empfehle Euch der Fürsorge meines Verwalters Harrison- Ich würde Euch bitten uns Gesellschaft zu leisten, aber ein — ein — ein-" „O Madame, es bedarf keiner Entschuldigung; ich weiß wohl, der grobe, rothe Rock König Karls II- vernichtet alle Vorrechte des rothen Blutes König Jakobs des Fünften." „In meinen Augen gewiß nicht, Herr Stuart, Ihr thut mir Unrecht, wenn Ihr dies denkt. Ich will morgen mit Eurem Obriste» sprechen, und Ihr werdet Euch bald in einem Range befinden, wo es nicht mehr nöthig sein wird, Anomalien auszugleichen." „Ich glaube, Madame," sagte Bothwell, „Eure Güte wird sich getäuscht finden; doch bin ich Euch für Eure Absicht verbunden und will jedenfalls mit Herrn Harrison eine lustige Nacht zubringen." Lady Margaretha nahm einen ceremoniösen Abschied, und zwar mit der Achtung, die sie dem königlichen Blute schuldig zu sein glaubte, sogar wenn dasselbe nur in den Adern eines Die Schwärmer. I. 8 Sergeanten der Leibwache floß, und versicherte Herrn Stuart wiederum, daß Alles, was im Schlosse Tillietudlem zu haben sei, zu seinem und seiner Leute Diensten stehe. Sergeant Bothwell ermangelte nicht, die Lady beim Wort zu halten, und vergaß bald die Höhe, von der seine Familie herabgestiegen war, bei einem fröhlichen Gelage, während dessen Herr Harrison sich bemühte, das Beste aus dem Keller zu bringen, und seinen Gast durch jenes verführerische Beispiel zur Munterkeit anzuregen, welches beim Trinken viel mehr gilt, als irgend eine Vorschrift. Der alte Gudyill schloß sich einer Gesellschaft an, welche so sehr nach seinem Geschmacke war, just wie Davv im zweiten Theilc Heinrichs IV. an den Schwelgereien seines Herrn, des Richters Shallow, Antheil nimmt. Mit Gefahr den Hals zu brechen rannte er in den Keller, um ein geheimes Behältniß zu plündern, welches, wie er vorgab, nur ihm allein bekannt war, und welches während seines Kellermeisteramtes keinem Andern, als einem KönigSfreundc, weder eine Flasche geliefert habe, noch je liefern werde. „Als der Herzog hier speiste," sagte der Kellermeister und setzte sich in einiger Entfernung vom Tische nieder, da ihn Bothwells Stammbaum in eine ehrfürchtige Scheu versetzte; bei jedem Absätze seiner Rede aber rückte er eine halbe Elle näher: — „als der Herzog hier speiste, wünschte Mylady durchaus eine Flasche von diesem Burgunder" — hier rückte er etwas näher, — „aber ich weiß nicht, wie es kam, Herr Stuart, ich traute ihm nicht recht- Ich hielt ihn nicht für einen Freund der Regierung, wie er vorgab, — der Familie ist nicht zu trauen. Dieser alte Herzog Jakob verlor sein Herz, eh' er seinen Kopf verloren, und der Worcester-Mann war nur ein sehr schlechter Schmaus, weder gut gekocht, noch gebraten " (Mit dieser witzigen Bemerkung vollendete er seinH 115 erste Parallele und begann einen Zickzack nach der Art eines geschickten Ingenieurs, um seine Annäherung an den Tisch fortzusetzen). „Ja, Herr, jemehr die gnädige Frau schrie: „Burgunder für Seine Gnaden! — alten Burgunder — vom besten Burgunder — den Burgunder Neununddreißiger!" — desto mehr sagte ich zu mir selbst: Hol' mich der Teufel, wenn ein Tropfen in seine Kehle fließt, eh' ich seine Grundsätze kenne; bis dahin ist Sekt und Claret gut genug für ihn. Nein, nein, meine Herren, so lange ich im Schlosse Tillietud- lem das Kcllermeisteramt verwalte, soll keine Person, deren Treue bezweifelt werden kann, das Beste von unfern Vorrä- then bekommen. Finde ich aber Einen, der dem König und seiner Sache, so wie dem gemäßigten Bischofsthum anhängt; wenn ich, wie gesagt, einen Mann finde, der für Kirche und Krone fechten will, wie ich selbst zu meines Herrn Lebzeiten und so lange Montrose schaltete, gethan, dann ist nichts im Keller so gut, das ich ihm nicht darreichte." Unterdessen hatte er sich in dem Hauptpunkte des Platzes festgesetzt, oder mit andern Worten, seinen Stuhl dicht an den Tisch gerückt. „Und nun, Herr Franz Stuart von Bothwell, Hab' ich die Ehre, auf Eure Gesundheit zu trinken, und ich wünsche Euch eine Offiziersstelle und viel Glück bei Eurem Geschäfte, das Land von Whigs und Rundköpfen, von Schwärmern und Covenantcrn zu reinigen." Bothwell, der, wie leicht zu erachten, längst aufgehört hatte in der Wahl seiner Freunde bedenklich zu sein, die er mehr nach seiner Bequemlichkeit und seinen Umständen, als seiner Abkunft würdig wählte, that dem Kellermeister gern Bescheid, indem er zugleich die Vortrefflichkeit des Weines pries, und Herr Gudyill, bereits ein ordentliches Mitglied 8 " der Gesellschaft, versah sie unablässig mit neuen Stoffen zur Fröhlichkeit, bis der Tag zu dämmern anfing. Neuntes Kapitel. Bin ich mit Dir denn in das Schiff gestiegen. Um ans dem Spiegel mich des See's zu wiegen? Sollt' ich das Schiff verlassen, nach dem Ufer schweifen, Wen» Woge» brausen und die Winde pfeifen? Prior. Während Lady Margaretha mit dem adelentstammten Dragoner-Sergeanten des Gespräches pflog, welches wir im vorhergehenden Kapitel mitgetheilt, beehrte ihre Enkelin, welche ihrer Großmutter Begeisterung für Alles, was vom königlichen Blute entstammte, in einem geringeren Grade theilte, den Sergeanten Bothwell nur mit einem einzigen Blicke, der ihr eine große, gewaltige Gestalt zeigte mit rauhen harten Zügen, denen'Stolz, hoffnungsloser Leichtsinn und Unzufriedenheit den Ausdruck gaben. Die andern Soldaten konnten ihre Aufmerksamkeit noch weniger fesseln; aber von dem Gefangenen konnte sie, obgleich er eingehüllt und vermummt war, unmöglich das Auge wegwenden. Indessen tadelte sie sich selbst darüber, daß sie einer Neugierde nachgab, welche dem Gegenstände derselben offenbar unangenehm zu sein schien. »Ich möchte gern wissen, wer dieser arme Mensch ist," sagte sie zu Jenny Dennison, ihrer Dienerin. „Ich dachte auch eben daran, Miß Editha; aber Cuddie Headrigg kann's nicht sein, der ist nicht so schlank, und viel gedrungener." „Vielleicht," fuhr Miß Bellenden fort, „ist es einer von unfern armen Nachbarn, an dessen Schicksal wir Antheil nehmen müssen." „Ich will bald erfahren, wer's ist," sagte die kecke Jenny, „wenn die Reiter nur erst in Ruhe sind. Denn einen davon kenn' ich recht gut, den hübschesten und jüngsten. „Ich glaube, Du kennst alle jungen, müßigen Bursche in der Gegend," erwiederte ihre Gebieterin. „O nein, Miß Editha, so ausgedehnt ist meine Bekanntschaft doch nicht. Natürlich muß man die Leute kennen lernen , wenn sie immer stehen und Maulaffen feil haben, und einen anglotzen in der Kirche und auf dem Markte. Aber gesprochen Hab' ich noch wenig junge Leute, die hier im Hause ausgenommen, und die drei Stenisons und Tom Rand und den jungen Müller, und die fünf Howisons in NeithersheilS und den langen Tom Gilry und — — " „O ich bitte Dich, kürze Deine Liste von Ausnahmen, die allzulang zu werden droht; sag' mir nur, woher Du diesen jungen Soldaten kennst." „Ei, Miß Editha, es ist ja Tom Halliday, der Soldaten- Tom, wie man ihn heißt; — er ward verwundet von den Leuten im Hügellande beim Conventikel von Outerside, und lag hier in der Kur. Ich kann ihn fragen, was ich will, der Tom schlägt mir keine Antwort ab, dafür steh' ich." „So versuch' es," sagte Fräulein Editha, „ob Du eine Gelegenheit findest, ihn nach dem Namen des Gefangenen zu fragen; dann komm' in mein Zimmer, und sage mir, was Du gehört hast." 118 Jenny Dennison entfernte sich mit dem Aufträge, kehrte aber bald mit einem Gesicht zurück, das deutlich zeigte, wie bestürzt sie war, und daß sie an dem Schicksal des Gefangenen Theil nehme. „Was hast Du?" fragte Ediths ängstlich, „ist's dennoch der arme Cuddie?" „Cuddie, Fräulein Editha? o nein, es ist nicht Cuddie," schluchzte das treue Kammermädchen, das recht gut wußte, wie viel Schmerz die Nachricht ihrer jungen Gebieterin verursachen mußte. „Ach, du lieber Himmel! Fräulein Editha, es ist der junge Milnwood selbst." „Der junge Milnwood!" rief Editha bis auf den Tod erschrocken; „es ist unmöglich — rein unmöglich! — Sein Oheim hält sich zu den vom Gesetz geduldeten Geistlichen, hat nicht die geringste Verbindung mit dem widerspenstigen Volk, und er selbst hat sich nie in diese unselige Spaltung gemischt. Gewiß er ist unschuldig; er müßte denn für irgend ein verletztes Recht sich erhoben haben." „O mein theures Fräulein!" sagte die Dienerin, „heut zu Tage fragt man nicht, was Recht ist, oder Unrecht; wär' er so unschuldig, wie ein neugebornes Kind, sie würden doch, wenn's ihnen einfiele, ein Mittel finden, ihn für schuldig zu erklären; aber Tom Halliday sagt, es könne ihn den Kopf kosten, denn er habe einen von den fünf Männern beherbergt, die den alten Kerl von Erzbischof erschlagen haben " „Den Kopf!" rief Editha, schnell aufspringend, mit bebendem Tone, „das kann nicht sein — darf nicht sein. Ich will mit ihm sprechen — sie sollen ihm nichts Leides zufügen." „O meine thcure, gnädige Lady, denkt doch an Eure Muhme; denkt an die Gefahr und an die Schwierigkeit," sagte Jenny. „Er ist unter strengem Gewahrsam, bis Ela- -Ä»' verhouse morgen kommt, und wenn er sich nicht völlig rechtfertigt, so, sagt Tom Hallivay, werden sie kurzen Prozeß mit ihm machen. Niedergekniet! — fertig! — Schlagt an! — Feuer!" — gerade wie sie's mit dem alten tauben John Mac- briar machten, der keine von den an ihn gerichteten Fragen verstand, und nm's Leben kam, weil er taub war " „Jenny," sagte die junge Lady, „muß er sterben, so sterb' ich mit ihm. Es ist jetzt nicht Zeit von Gefahren und Schwierigkeiten zu sprechen — ich will einen Plaid umwer- fen, und mit Dir hinunter an den Ort schlüpfen, wo sie ihn gefangen halten. — Ich will mich der Wache zu Füßen werfen, und den Menschen beschwören bei seiner Seele — " „Gott behüte," unterbrach das Mädchen, — „unser junges Fräulein zu den Füßen des Soldaten Tom! mit dem von seiner Seele sprechen, mit dem armen Schelm, der kaum weiß, ob er eine hat oder nicht, es sei denn, daß er bei seiner Seele schwört — das geht nimmermehr. Aber was sein muß, muß sein, und ich werde die Sache der treuen Liebe nicht verlassen. Wenn Ihr den jungen Milnwood durchaus sehen müßt — obgleich ich nicht weiß, wozu das gut sein soll; denn es wird Eure Herzen nur schwerer machen — so will ich alle Gefahr auf mich nehmen und Tom Halliday zu bearbeiten suchen. Aber Ihr müßt mich allein gewähren lassen, und kein Wort sprechen — er hält am östlichen Theile des Thurms bei Milnwood Wache " „Geh', geh', hole meinen Plaid," sagte Editha. „Laß mich ihn nur sehen, und ich werde schon ein Mittel finden, ihn der Gefahr zu entreißen- — Eile, wenn Du je in der Zukunft etwas von mir hoffst." Jenny eilte und kehrte bald mit einem Plaid zurück, in welchen Editha sich hüllte, so daß ihr Antlitz völlig, und ihre übrige Gestalt theilwcise bedeckt war. Dies war die Art, wie Damen in dieser und der folgenden Zeit den Plaid trugen, so daß die ehrwürdigen Kirchenväter, wähnend, daß diese Mode auf eine leichte Weise Jntriguen begünstige, mehr denn ein Mal ein förmliches Verbot gegen solche Tracht ergehen ließen. Aber die Mode war auch diesmal mächtiger, als das Gesetz, und so lange Plaids getragen wurden, gebrauchten die Frauen aus allen Ständen sie gelegentlich als eine Art Sckleier. Nachdem Editha sich so eingehüllt hatte, eilte sie am Arm ihrer Dienerin mit wankenden Schritten an den Ort, wo Morton gefangen war. Dieser war ein kleines Gemach in einem der Thürme, das an eine Gallerte stieß, auf welcher die Schildwache auf und ab ging. Denn der Sergeant Bothwell, welcher gewissenhaft sein Wort hielt, und vielleicht auch auf des Gefangenen Jugend und Benehmen Rücksicht nahm, hatte ihm die Unannehmlichkeit erspart, die Wache in das Zimmer selbst zu stellen. Halliday ging daher mit einem Carabiner im Arm in der Gallerte auf und ab, tröstete sich von Zeit zu Zeit mit einem Schluck aus der gewaltigen Merkanne, die an einem Ende des Ganges auf dem Tische stand, und summte das muntere schottische Liedchen: ..Zwischen Johnston und Dundee, da ist ein Platz. Hin gehst Du, das weiß ich, mit mir, o mein Schatz." Jenny Dennison ermahnte das Fräulein nochmals, ihr freie Hand zu lassen- »Ich weiß mit dem Soldaten schon umzugehen," sagte sie; »denn so roh er auch ist — ich weiß schon, wie man's macht. Aber Ihr dürft kein einzig Wörtchen sprechen " Sie öffnete die Thüre der Gallerte, als just die Wache derselben den Rücken zugewendet, und in die Weise einfallend. 121 die er trällerte, sang sic mit dem neckenden Tone bäurischen Scherzes: »Zog' ich hinter dem Soldaten drein, Meine Freunde, meine Mutter, die hätten fast Pein. Ein Laird und ein Lord, die ziemen sich mir, Drum nimmer und nimmer zieh' ich mit Dir." — „Eine hübsche Aufforderung, beim Jupiter!" rief die Wache und drehte sich um, „und gar Zwei auf ein Mal! Aber es ist nicht leicht, den Soldaten mit seinem eigenen Bandelier zu schlagen;" darauf nahm er das Lied wieder auf, wo das Mädchen inne gehalten: „Und folgst D» mir, wirst Du euch glücklich sein; Die Hülste vom Tische, vom Bette ist Dein, Beim Klange der Trommeln mnrschiren wir: Gewiß, o mein Mädchen, Du gehest mit mir." „Nun komm, hübsches Dirnlein, und gib mir ein Schwätzchen für mein Lied." „Das ist mir noch nicht eingefallen, Herr Halliday," antwortete Jenny mit einem Blick und einem Tone, der gerade so viel Verachtung über den Vorschlag ausdrückte, als nö- thig war, „und wahrhaftig, Ihr werdet meiner Gesellschaft nicht lange froh werden, wenn Ihr Euch nicht artiger anlaßt. — Ich kam nicht mit meiner Freundin her, um solchen Unsinn zu hören — Ihr solltet Euch schämen, das solltet Ihr." „Nun, welcher Unsinn hat Euch denn hergeführt, Jungfer Dennison?" „Meine Verwandte hat ein besonderes Geschäft mit Eurem Gefangenen, dem jungen Herrn Heinrich Morton, und ich komme mit ihr, um mit ihm zu sprechen." „Seid Ihr des Teufels?" antwortete die Schildwache. „Nun, wie denkt Ihr denn mit Eurer Base hineinzukommen? Durch das Schlüsselloch zu schlüpfen, seid Ihr viel zu dick, und vom Oeffnen der Thüre kann wohl die Rede nicht sein." «Die Rede braucht nicht davon zu sein; aber geschehen kann es," versetzte die beharrliche Dirne. „Wollen sehen, meine artige Jenny," sagte der Soldat, und sang während er auf und ab ging: „Schaust du in de» Quell hineui, Hannchen, Hannchen! Wirst Du sehn Dein Autlih fein, Mein schmuckes Hannchen." „So wollt Ihr uns also nicht hineinlaffen, Herr Halliday, schon gut. Ihr habt mich und dies hübsche Ding da zum letzten Mal gesehen," sagte Jenny, und hielt zwischen Daumen und Zeigefinger einen Silbcrthalcr. „Gib ihm Gold! Gib ihm Gold!" flüsterte ihr das Fräulein ängstich zu- „Silber ist gut genug für ihn, der sich nichts draus macht, ob ihm ein hübsches Mädchen zuwinkt, oder nicht. Und das Schlimmste wäre, er denkt am Ende, es stecke mehr dahinter, als eine Base von mir. Mein' Seel', wir haben des Silbers nicht zu viel, viel weniger Gold!" Als sie diesen Rath ihrem Fräulein leise zugeflüstert, sagte sie laut: „Meine Base will nicht länger warten, Herr Halliday, also — gute Nacht!" „Haltet ein wenig! haltet ein wenig!" sagte der Soldat; „sagt 'mal, Jenny, wenn ich Eure Base mit dem Gefangenen sprechen lasse, so müßt Ihr mir so lange Gesellschaft leisten, bis fie wieder herauskommt; dann können wir Alle zufrieden sein." „Da müßte mir der Böse in den Beinen fitzen," sagte Jenny; „glaubt Ihr, meine Base und ich wären hergckom- men, unfern guten Namen zu verlieren, daß wir mit Euch 123 oder Eurem Gefangenen schwatzen, ohne daß Jemand sieht, daß es ehrlich zugeht? Ei, welcher Unterschied ist doch zwischen Versprechen und Erfüllen! Ihr wolltet immer den armen Cuddie bei mir herabsetzen, aber hätt' ich ihn um einen Gefallen gebeten, nicht zwei Mal hätt' er sich bitten lassen, und wär's ihm auch an den Hals gegangen." „Der verdammte Cuddie!" rief der Dragoner, „es wird ihm noch allen Ernstes an den Hals gehn, hoff' ich. Ich sah' ihn heute zu Milnwood mit der alten puritanischen Vettel von Mutter, und hätt' ich gedacht, daß er mir hier wieder aufgetischt würde, an meinen Pferdeschwanz hätt' ich ihn gebunden — Ursache genug hätten wir dazu." „Gut, sehr gut — seht nur zu, daß Ihr nicht noch mit dem Cuddie zu thun kriegt, wenn Ihr ihn mit vielen rechtschaffenen Leuten zwingt, auf die Moore zu gehen. Er trifft sein Ziel. Beim Vogelschießen war er der Dritte, und auf sein Versprechen kann man rechnen, wie auf sein Auge und seine Hand, obgleich er nicht so viel Aufhebens davon macht, wie Leute Eures Schlags. Aber mir gilt's gleich — komm', Base, wir wollen fort." „Bleibt, Jenny! hol' mich der Henker, wenn ich mehr Umstände mache, als ein Anderer, Hab' ich einmal mein Wort gegeben," sagte der Soldat in zögerndem Tone- „Wo ist der Sergeant?" „Er trinkt und zecht mit dem Verwalter Harrison und John Gudyill," sagte Jenny. „So, so — nun dann sitzt er fest — und wo sind meine Kameraden?" fragte Halliday. „Die leeren die braunen Näpfe mit dem Vogelsteller, dem Falkner, und mit Andern von der Dienerschaft." „Haben die auch Bier genug?" 124 „Sechs Gallonen, so gut als wir's je gehabt," sagte das Mädchen. „Nun, gut denn, schmuckes Mädel," sagte der nachgebende Soldat; „die sitzen fest, bis zur Ablösung der Wache, und vielleicht noch etwas länger, und wenn Ihr mir versprechen wollt, das nächste Mal allein zu kommen — " „Vielleicht ja, vielleicht auch nicht," sagte Jennp; „aber wenn Ihr den Thaler bekommt, wird's Euch eben so lieb sein." „Hol' mich der Henker, wenn dem so ist," sagte Halliday, und nahm dennoch das Geld; „es ist immer doch etwas für die Gefahr; denn wenn Claverhouse hört, was ich gethan, so baut er mir ein Pferd, so hoch wie Tillietudlem, Aber Jeder im Regiment nimmt, was er kriegen kann, und wahrhaftig, Bothwell und sein königliches Blut gibt uns ein gut Erempel. Und wollt' ich Euch trauen, Ihr kleiner, loser Teufel, ich käme leicht um Mühe und Lohn, während dies Ding da" — auf den Thaler blickend — „treu ist, so lange er aushält. Kommt denn, die Thur ist offen für Euch; greint und flennt nicht zu lange mit dem jungen Whig, sondern haltet Euch bereit, wenn ich rufe: Schnell heraus! als ob's hieß: Aufgesessen, Marsch!" Mit diesen Worten riegelte Halliday die Thüre auf, ließ Jenny und ihre angebliche Base hinein, riegelte dann hinter ihnen wieder zu, und nahm schnell den gleichgültig gemessenen Soldatenschritt an, und pfiff, nach Schildwachenart, um die Zeit zu tödten- Indem sie die Thüre langsam öffneten, sahen sie Morton, die Arme auf den Tisch und den Kopf darauf gestützt, in tiefer Niedergeschlagenheit. Als die weiblichen Gestalten hereintraten, blickte er erstaunt auf. Als wenn Bescheidenheit jenen Muth erstickte, den Verzweiflung angefacht, blieb Edith« einen 125 Schritt von der Thür stehen, ohne sprechen oder vorwärts gehen zu können. Alle Plane zur Hülfe, Rettung oder Unterstützung, welche sie dem Geliebten mitzutheilen gedachte, schienen plötzlich ihrem Gcdächtniß entschwunden, und ließen nur verwirrte Gedanken zurück, zu denen sich die Furcht gesellte, sich in Mortons Augen durch einen Schritt entwürdigt zu haben, der übereilt und unweiblich erscheinen könnte- Regungslos und fast ohnmächtig hing sie am Arm der Dienerin, die sich vergebens bestrebte, sie zu ermuntern, und ihr Muth einzuflößen. „Wir find nun da," flüsterte sie, „und müssen unsere Zeit benutzen; denn ohne Zweifel wird der Corporal oder der Sergeant die Runde machen, und es wäre Schade, wenn der arme Halliday für seine Gefälligkeit bestraft würde." Morton, die Wahrheit ahnend, mar indessen furchtsam näher gekommen; denn welches andere weibliche Wesen im Schlosse außer Editha konnte solch' innigen Antheil an seinem Schicksale nehmen? und dennoch ließ ihn die verhüllende Kleidung und das Dämmerlicht befürchten, einen Jrrthum zu begehen, der dem Gegenstände seiner Neigung nachtheilig sein könnte. Jenny, deren rasches und gewandtes Wesen sie zu dergleichen Dingen sehr tauglich machte, beeilte sich das Eis zu brechen. „Herr Morton, Fräulein Editha ist sehr betrübt wegen Eurer gegenwärtigen Lage und — " Es war nichts weiter nöthig. Er befand sich an ihrer Seite, fast zu ihren Füßen, preßte ihre willige Hand an seine Lippen, und überhäufte sie mit den innigsten Danksagungen- Um die abgebrochenen Worte dem Leser verständlich zu machen, müßten wir den Ton, die Bewegung, die leidenschaft- 126 lichen Aeußerungen seines tief aufgeregten Gefühls beschreiben, von denen sie begleitet waren- Einige Minuten stand Editha bewegungslos wie ein Heiligenbild, das von einem Gottesfürchtige» die Huldigung empfängt, und als sie sich hinreichend erholt hatte, um ihm ihre Hand zu entziehen, vermochte sie nur mit schwacher Stimme die Worte hervorzubringen: „Ich habe einen seltsamen Schritt gewagt, Herr Morton, einen Schritt" — fuhr sie gefaßter und mit geordnetern Gedanken fort — „der mich vielleicht Eurer Mißbilligung aussetzt; aber ich habe Euch lange gestattet, die Sprache der Freundschaft zu reden, vielleicht sollt' ich lieber sagen zu lange, als daß ich Euch verlassen könnte, wenn die Welt Euch zu verlassen scheint. Warum diese Gefangenschaft ? Was kann geschehen? Kann mein Oheim, der Euch so hoch achtet, kann der Eurige Euch nützlich werden? Gibt's keine Mittel? Welchen Ausgang kann dies haben?" „Sei er, welcher er wolle," antwortete Heinrich, und versuchte sich wieder der Hand zu bemächtigen, die nun willig in der seinen blieb — „sei er, welcher er wolle, von diesem Augenblick an ist er mir der willkommenste meines dü- stern Lebens- Euch, theuerste Editha, — verzeiht, ich sollte Miß Bellenden sagen; aber Unglück hat Anspruch auf ein Vorrecht — Euch verdanke ich die wenigen glücklichen Augenblicke, welche mein trübes Dasein erhellten, und muß ich jetzt von demselben scheiden, so wird die Erinnerung an diese Ehre mein Glück sein in der letzten Stunde der Leiden." „Aber ist's denn wirklich so, Herr Morton ?" fragte Fräulein Bellenden. „Seid Ihr, der sich so wenig in diese unseligen Händel zu mischen pfleget, plötzlich so tief in dieselben verwickelt worden, daß nichts Geringeres, als — " 127 Sie stockte unvermögend, das Wort auszusprechen, das zunächst folgen sollte. „Nichts Geringeres, als mein Leben, wollt Ihr sagen?" entgegnete Morton mit gefaßtem, aber melancholischem Tone; „ich glaube, das hängt ganz von meinen Richtern ab. Meine Wachen sprachen von der Möglichkeit, durch Eintritt in fremde Dienste der Strafe zu entgehen. Früher glaubt' ich, mir könne die Wahl nicht schwer fallen; doch Fräulein Bellenden, seit ich Euch wieder gesehen, fühle ich, daß eine solche Verbannung für mich viel bitterer sein würde, als der Tod." „Und ist es denn wahr," fragte Editha, „daß Ihr so entsetzlich unbesonnen gewesen seid, um mit jenen grausamen Frevlern, die den Primaten ermordet, Umgang zu pflegen?" „Ich wußte nicht einmal, daß ein solches Verbrechen begangen worden," crwiederte Morton, „als ich unglücklicher Weise einem dieser unsinnigen und grausamen Männer, dem alten Freunde und Kriegsgefährten meines Vaters, ein nächtliches Unterkommen bewilligte. Doch meine Urkunde wird mir wenig helfen; denn wer außer Euch, Miß Bellenden, wird mir's glauben? Und was noch schlimmer ist, ich kann nicht mit Gewißheit behaupten, daß ich es über mein Herz hätte bringen können, dem Flüchtigen eine Zufluchtsstätte zu verweigern, sogar wenn mir das Verbrechen bekannt gewesen wäre." „Und durch wen, und unter wessen Einfluß wird die Untersuchung über das, was Ihr gethan, stattfinden?" fragte Editha ängstlich. „Unter dem Einflüsse des Obersten Grahame von Claver- house, wie ich gehört," sagte Morton, „eines Mitglieds der Militaircommisfion, welcher der König, der Staatsrath und unser Parlament, das sonst besser unsere Freiheiten schützte, die Entscheidung über Gut und Leben anvertraut haben." „Claverhonsc!" sagte Ediths mit schwacher Stimme, »Gott im Himmel, Ihr seid verloren, bevor noch die Untersuchung beginnt. Er schrieb meiner Großmutter, daß er Morgen früh hier eintreffen werde aus seinem Wege in's Gebirge, wo einige verzweifelte Menschen, angefcuert durch zwei oder drei Theilnehmer an dem Morde des Primaten, sich zusammengerottet zum Widerstande gegen die Regierung. Seine Ausdrücke erfüllten mich mit Schauder, obgleich ich nicht wußte, daß — daß — ein Freund--" „Seid meinetwegen nicht allzusehr betrübt, theucrste Editha," sagte Heinrich, sie in seinen Armen haltend. „Cla- verhouse ist zwar ein ernster, mitleidsloser Mann, doch in jeder Beziehung auch tapfer, offen und biedersinnig. Ich bin eines Kriegers Sohn, iznd will meine Sache als Soldat führen. Er wird vielleicht eine schlichte, ungeschminkte Verthei- digung eher anhören, als ein hinterlistiger, heuchlerischer Richter. Und in der That, in einer Zeit, wo alle Zweige der Gerechtigkeit so gänzlich verderbt sind, will ich lieber mein Leben verlieren durch offene militairische Gewalt, als durch das Possenspiel einiger willkürlichen Rechtsgclehrten betrogen werden, die doch nur die Kenntniß der zu unserm Schutze entworfenen Gesetze zu unserm Verderben mißbrauchen." „Ihr seid verloren — Ihr seid verloren, wenn Ihr gegen Claverhouse Eure Sache verfechten wollt!" seufzte Editha; „mit Stumpf und Stiel ausrotten!" waren seine mildesten Ausdrücke. Der unglückliche Primat war sein vertrauter Freund, und früher sein Gönner. „Keine Entschuldigung, keine Ausflucht," sagte er in seinem Briefe, „soll Diejenigen retten, die an der That betheiligt sind, oder Diesen Vorschub und Schutz gewährt haben, um sie vor dervollenund strengenAhndung des Gesetzes zu schützen, bis so viel Leben den gräßlichen Mord gesühnt, 129 als der Greis Silberhaare auf seinem Haupte getragen." Bei ihm ist weder Hülfe noch Erbarmen zu finden." Jennp Dennison, die bisher geschwiegen hatte, wagte es jetzt, bei dem Uebermaß der Schmerzen, der die beiden Liebenden unfähig machte ein Auskunftsmittel zu ersinnen, ihren eigenen Rath anzudieten. „Mit Eurer Erlaubniß, Fräulein Editha und junger Herr Morton, wir dürfen keine Zeit vertändeln. Herr Milnwood soll meinen Plaid und Rock anziehen; ich will beides dort in der dunkeln Ecke ablegen, wenn er mir verspricht, nicht hinzusehen; er kann dann vor Tom Halliday vorübergehen, der halb blind ist von seinem Bier, und ich kann ihm einen guten Weg aus dem Schlosse zeigen, und Ihr, Mylady, könnt ruhig auf Euer Zimmer gehn; ich hülle mich in seinen grauen Mantel, setze seinen Hut auf und spiele den Gefangenen, bis Alles rein ist, und dann schreie ich nach Tom Halliday und bitte ihn, daß er mich heraus läßt." „Heraus läßt?" sagte Morton; „Ihr werdet dafür mit dem Leben büßen müssen." „Keinesweges!" erwiderte Jenny; „Tom darf um seiner selbst willen nicht sagen, daß er Jemand hereingelassen, und ich will ihm schon was angeben, wie er die Flucht entschuldigen soll." „Willst Du, Here?" sagte die Wache plötzlich die Thüre öffnend; „bin ich auch halb blind, so bin ich doch nicht taub, und Du hättest Deinen Plan zur Flucht nicht so laut machen müssen, wenn er Dir gelingen sollte. Kommt, kommt, Jungfer Jenny, fort, zum Teufel! — Und Ihr, Frau Base, — ich will Euch nicht nach Eurem rechten Namen fragen, obgleich Ihr mir einen so bösen Streich gespielt; aber ich muß hier Die Schwärmer. I. g 130 reine Bahn machen. Blast zum Rückzug, oder ich hole die Wache!" »Ich hoffe," begann Morton ängstlich, „Ihr werdet dieses Umstandes nicht erwähnen, mein guter Freund, und auf meine Ehre vertrauen, daß ich Eure Gefälligkeit nicht vergesse, wenn Ihr zu schweigen versteht. Wenn Ihr unsere Unterhaltung vernommen, so müßt Ihr bemerkt haben, daß wir den voreiligen Vorschlag dieses gutmüthigcn Mädchens nicht angenommen haben." „O ja, verteufelt gutmüthig," sagte Halliday. „Was das Uebrige betrifft, so weiß ich schon, woran ich bin, und mag keinen Groll nachtragen oder Geschichten erzählen, so wenig als irgend Einer. Aber bedanken kann ich mich doch wahrhaftig nicht bei diesem kleinen schlauen Teufel, Jenny Denni- son, die ein paar rechtschaffene Hiebe dafür verdiente, daß sie einen ehrlichen Burschen in die Patsche führen wollte, weil er so albern war, sich in ihr Frätzchen zu vergaffen." Jenny wußte sich nicht besser zu rechtfertigen, als durch die letzte Entschuldigung, auf welche ihr Geschlecht nicht vergebens traut. Sie drückte das Schnupftuch vor's Gesicht, schluchzte heftig und weinte entweder wirklich, oder that nur so. „Und nun," fuhr der Soldat etwas erweicht fort, „habt Ihr noch Etwas zu sagen, so sagt es in zwei Minuten, und macht, daß Jbr fortkommt; denn wenn es dem trunknen Bothwell einfällt, die Runde eine -albe Stunde früher zu machen, so geht's uns Allen schlimm." „Lebt wohl, Edith«," flüsterte Morton mit erheuchelter Festigkeit, „bleibt nicht hier, überlaßt mich meinem Geschicke — es kann nicht unerträglich sein, da Ihr Antheil daran nehmt. — Gute Nacht, gute Nacht! — bleibt nicht hier, bis Ihr entdeckt werdet." 131 Mit diesen Worten übergab er sie ihrer Dienerin, von der sie aus dem Gemache mehr getragen, als geführt wurde. „Jedermann nach seinem Geschmack, das muß wahr sein," sagte Halliday; „aber hob mich der Teufel, wenn ick, so ein hübsches Mädchen hätte kränken können um aller Whigs willen, die je den Covenant beschworen." Als Ediths ihr Zimmer wieder erreicht hatte, überließ sie sich ihrem Schmerze, welcher Jenny Dennison so ergriff, daß sie Alles aufbot, das Fräulein zu trösten. „Quält Euch doch nicht so sehr, Miß Ediths," sagte die treue Dienerin; „wer weiß, was sich noch zur Hülfe des jungen Milnwood ereignen mag? Er ist ein braver, hübscher und angesehener Herr, mit seines Gleichen verfahren sie gewiß nicht so, wie mit armen Whigs, die sie auf der Haide auffangen, vielleicht, daß sein Onkel Etwas für ihn thut: vielleicht legt auch Euer Großoheim ein gutes Wort für ihn ein — er ist ja mit den Rothröcken bekannt genug." „Du hast Recht, Jenny, du hast Recht," sagte Editha, aus der langen Betäubung sich wieder emporrichtend, „es ist keine Zeit zum Verzweifeln, sondern zum Handeln. Du mußt Jemand aufsuchen, der noch heute Nacht mit einem Briefe zu meinem Oheim reitet." „Nach Charnwood, Fräulein? Es ist schon spät und sechs Meilen weit und drüber. Ich zweifle, ob wir einen Boten und ein Pferd noch diese Nacht finden, zumal sie eine Schildwache vor's Thor gestellt haben. Armer Cuddie! fort ist der arme Mensch, der Alles in der Welt für mich gethan haben würde, ohne viel Fragens — ich habe noch nicht Zeit gehabt, mich mit dem neuen Ackerknecht bekannt zu machen; Lberdieß sagen die Leute auch, er wolle die Meg Murdieson heirathen, so garstig sie auch ist." s „Du mußt einen finden, Jenny, Tod und Leien hängt davon ab." „Ich wollte gern selbst gehen, mein Fräulein; ich könnte aus dem Fenster in der Speisekammer und den alten Eibenbaum hinunter klettern — ich habe das wohl schon früher getrieben. Aber die Wege sind jetzt zu unsicher und überall so viel Rothröcke, der Whigs nicht zu gedenken, die auch nicht viel besser sind (ich meine die jungen drunter), wenn sie Jemanden allein finden auf der Haide. Aus dem Gange mach' ich mir nichts — ich kann recht gut zehn Meilen beim Mondlicht gehen." „Fällt Dir Niemand ein, der mir für Geld und gute Worte diesen Dienst erweist?" fragte Ediths in großer Angst. „Ich weiß Niemand," sagte Jenny nach kurzem Besinnen, „als den Gänse-Gibbie. Der kennt aber vielleicht den Weg nicht, obgleich dieser nicht so schwer zu finden'ist, wenn er auf dem Fahrweg bleibt und die Krümmung bei Clappercleugh nicht aus dem Auge läßt, und wenn er nicht in den Whomle- kirn-Psuhl einsinkt, oder wenn er nicht von den Whigs auf die Hügel geschleppt, oder wenn er nicht von den Rothröckcn gefangen wird —" „Wir müssen Alles wagen," sagte Ediths und machte der ganzen Liste von Zufällen, welche Gtbbie'S sichere Ankunft am Ziele seiner Pilgerfahrt verhindern konnten, ein Ende. „Alles muß gewagt werden, wenn Du keinen bessern Boten ausfindig machen kannst. — Geh', sage dem Burschen, daß er sich fertig mache und lasse ihn so heimlich als möglich aus dem Schlosse. Stößt er auf Jemand, so mag er sagen, daß er dem Major Bellenden in Charnwood einen Brief bringe, ohne einen Namen zu nennen." „Ich verstehe, Fräulein," sagte Jenny Denniso». „Der 133 Bursche wird's schon gut ausrichten, und Tib, die Hühnerfrau, wird auf meine Bitte die Gänse unter ihre Aussicht nehmen. Auch will ich dem Gibbie sagen, Ihr wollet Lady Margaretha dahin bringen, daß sie ihm nicht mehr zürne, und wollet ihm obendrein einen Thaler geben." »Zwei, wenn er seine Sache gut macht," sagte Editha. Jenny ging, um den Gänse-Gibbie aus dem Schlummer zu wecken, dem er sich gewöhnlich mit der seiner Obhut vertrauten Heerde nach Sonnenuntergang zu ergeben Pflegte. Während ihrer Abwesenheit nahm Editha ihre Schreibmaterialien zur Hand und schrieb folgenden Brief: „Mein theurer Oheim! Diese Zeilen sollen Euch benachrichtigen, daß ich gern wissen möchte, wie es mit Eurer Gicht geht, da wir Euch nicht bei der Waffenschau gesehen, was meine Großmutter und mich sehr beunruhigt. Wenn Ihr die Reise vertrügt, so würden wir uns herzlich freuen, Euch morgen zum Frühstück bei uns zu sehen, da Oberst Grahame von Cla- verhouse unterwegs bei uns cinspricht und wir Eurer Hülfe bedürfen, um einen so ausgezeichneten Krieger zu empfangen und zu bewirthen, dem wahrscheinlich Frauengcsellschast nicht sehr bchagt. Auch bitt' ich Euch, lieber Oheim, der Frau Carfort, Eurer Haushälterin, zu sagen, sie möchte mir mein doppeltbesetztes, seidenes Kleid mit den Hängeärmeln schicken; es liegt in der dritten Schublade des Nußbaumschranks im grünen Zimmer, welches Ihr das meine zu nennen die Güte habt. Auch bitt' ich Euch, lieber Oheim, mir den zweiten Band des großen Cyrus zu senden. Ich bin erst an der Gefangenschaft des PhilidaspeS aus der 73ssten Seite; vor Allem aber bitt' ich Euch, 134 Morgen vor 8 Uhr hier zu sein, was Ihr, da Euer Pferd so gut ist, leicht thun könnt, ohne früher als gewöhnlich aufzustehcn. Indem ich zu Gott bitte, Eure Gesundheit zu erhalten, verbleibe ich Eure treue und Euch herzlich liebende Nichte Editha Bellenden. Nachschrift: Ein Trupp Soldaten hat heute Abend Euren jungen Freund, Herrn Heinrich Morton, als Gefangenen hergebracht. Ich glaube, Ihr werdet für den jungen Mann besorgt sein, und melde es Euch darum, im Fall Ihr mit Oberst Grahame seinetwegen sprechen wollt. Ich habe seinen Namen der Großmutter nicht genannt, weil ich ihren Widerwillen gegen seine Familie kenne." Als sie diesen Brief zugesiegelt und Jenny übergeben hatte, beeilte sich die treue Dienerin, ihn dem Gänse-Gibbie einzuhändigen, den sie schon bereit fand, aus dem Schlosse zu klettern. Sie gab ihm verschiedene Anweisungen im Betreff des Weges, den er, wie sie fürchtete, leicht verfehlen konnte, da er ihn erst fünf oder sechs Mal gegangen war, und eine eben so geringe Dosis Gedächtniß als Verstand besaß. Schließlich schmuggelte sie ihn aus der Garnison durch das Fenster der Speisekammer auf den ästigen Eibenbaum, und hatte das Vergnügen, ihn wohlbehalten auf den Boden gelangen und den rechten Weg einschlagen zu sehen. Hierauf kehrte sie zu ihrem Fräulein zurück, bewog Editha, sich niederzulegen, und tröstete sie mit Versicherungen, daß Gibbie's Sendung den besten Erfolg haben werde; nur bedauerte sie, daß der zuverlässige Cuddie, der den Auftrag noch sicherer ausgerichtet haben würde, nicht mehr tn der Nähe sei, um solche Dienste leisten zu können. Glücklicher als Bote, denn als Reiter, hatte es Gibbie mehr seinem Glück als seiner Geschicklichkeit zu verdanken, daß er nur neun Mal fehl ging, daß seine Kleider zwar die Spuren jeder Pfütze zwischen Tillietudlem und Charnwood an sich trugen, daß er aber dennoch bei Tagesanbruch vor der Pforte des Majors Bellenden stand, und in wenig mehr als zehn Stunden einen Weg von zehn Meilen zurückgelegt hatte. — Zehntes Kapitel. Nun kommen die Reiter, das Machtwort erschallt, Sie jiehn in den Hof und der Hauptmann ruft: Halt! Swift. Gideon Pike, der alte Diener des Majors Bellenden, legte seines Herrn Kleider vor dessen Bette zurecht, und führte, um sich zu entschuldigen, daß er ihn eine Stunde früher als gewöhnlich wecke, den Grund an, es sei ein Bote von Tillietudlem angelangt. „Von Tillietudlem?" sagte der alte Herr, sich schnell iu seinem Bette aufrichtend und kerzengerade sitzend — „öffne die Schaltern, Pike —ich hoffe, meine Schwägerin ist wohl— zieh' den Bettvorhang bei Seite — nun, was ist das hier? — die Gicht? Sie weiß ja, daß ich seit Lichtmeß keinen Anfall gehabt habe —die Waffenschau? Ich habe ihr schon einen Monat früher gesagt, ich würde nicht dabei sein — seidenes Kleid und Hängeärmel? — Ei, daß Dich der Teufel, kleine Here! — Großer Cprus und Philippdastus? — Philipp Teufel ! — ist die Dirne plötzlich toll geworden? Jst's der Mühe 136 werth, um diesen Trödel einen Erpressen zu schicken?—Aber was sagt das Postscriptum? — Gott sei unü gnädig! — Pike, sattle gleich den alten Kilsyth und ein anderes Pscrd für Dich!" „Doch keine bösen Nachrichten vom Schlosse?" fragte Pike, überrascht von seines Herrn plötzlicher Bewegung. „Ja, — nein, — ja, das heißt, ich muß Claverhouse über eine wichtige Sache sprechen — drum, Pike, sattle so schnell du kannst. — Ach Gott, was sind das für Zeiten! — Der arme Junge — meines alten Kameraden Sohn! — und die dumme Dirne steckt das in die Nachschrift, hängt's an den Schwanz von dem alten Kram und dem neuen Romane!" In wenig Minuten war der gute alle Krieger völlig angezogen, und nachdem er seinen magern Klepper bestiegen, ritt er so nüchtern, wie Mark Anton es gethan haben konnte, säuberlich nach dem Schlosse Tillietudlem. Unterwegs faßte er den vernünftigen Entschluß, der alten Lady, deren eingewurzelten Haß gegen Presbyterianer aller Art er kannte, nichts von dem Stand und Rang des Gefangenen zu sagen, sondern seinen eigenen Einfluß bei Claverhouse für Mortons Freilassung anzuwenden. „Ein so loyaler Mann, wie er ist, wird doch etwas für einen Cavalier thun, wie ich bin," dachte der Veteran bei sich selbst, „und ist er ein so guter Soldat, wie die Welt von ihm rühmt, so wird'S ihn doch wohl freue», dem Sohne eines alten Soldaten einen Dienst zu leisten. Ich habe nie einen Krieger gekannt, der nicht ein offenherziger, wackerer Geselle gewesen; und ich denke, es wäre viel besser, die Vollstreckung der Gesetze (wenn's auch schlimm ist, daß man's für nöthig hält, sie so streng zu machen) ihnen zu übertragen, als den schachernden Rechtsverdrehern oder den dickköpfigen Landjunkern." In diesen Betrachtungen wurde der Major Bellenden durch 137 John Gndyill unterbrochen, der halbberauscht den Zügel des Pferdes faßte und ihm in dem schlechtgepflasterten Hose von Tillietudlcm beim Absteigen half. „Ei, John," sagte der alte Krieger, „was Teufel habt Ihr hier für Disciplin? habt Ihr schon so früh in der Wachholderpostille gelesen?" „Ich habe die Litanei gelesen," sagte John und schüttelte den Kopf in schwerer Trunkenheit, da er von der Rede des Majors kaum mehr als ein Wort aufgcfaßt: „das Leben ist kurz, Sir. Wir find wie die Blumen des Feldes — wie die Lilien im Thale." „Blumen und Lilien? Ei, Freund, solche Kerle, wie Du und ich, können kaum anders als Schierling, verwelkte Nesseln oder verdorrtes Unkraut genannt werden; aber vermuthlich glaubst Du, wir seien noch immer des Begießens werth?" „Ich bin ein alter Soldat, Sir, Gottlob-" „Ein aller Mundschenk, meinst Du, John. Aber laß das gut sein, alter Junge; zeig' mir den Weg zu Deiner Herrschaft." John Gudyill ging nach der Stcinhallc, wo Lady Margaretha umhertrippeltc, Aufsicht führte, ordnete und die Vorbereitungen zu dem Empfange des berühmten Claverhouse traf, den die eine Partei als einen Heros ehrte und rühmte, die andere aber als einen blutdürstigen Unterdrücker verabscheute. „Hab' ich Dir's nicht gesagt," sprach Lady Margaretha zu ihrer ersten Dienerin, „Hab' ich Dir's nicht gesagt, Myfie, daß es mein ausdrücklicher Wille sei, Alles genau in derselben Ordnung zu sehen, wie an jenem Morgen, als die geheiligte Majestät das Frühstück in Tillietudlcm einzunehmen geruhte?" „Freilich, das haben Eure Herrlichkeit befohlen, so viel ich weiß" — war Myfie's Antwort, als sie von Ihrer Herrlichkeit unterbrochen wurde: 138 „Nun, warum ist denn die Wildpretpastete auf der linken Seite des Thrones und die Weinflasche auf der rechten, da Du Dich doch recht gut erinnern kannst, Mpste, daß Seine allergnädigste Majestät mit höchst eigener Hand die Pastete auf dieselbe Seite schob, wo die Flasche stand, und sagte, beide wären zu gute Freunde, um getrennt zu werden?" „Ich erinnere mich dessen recht wohl," sagte Mysie, „und hätt' ich's auch vergessen wollen, ich habe ja seitdem Eure Herrlichkeit oft genug von jenem wichtigen Morgen sprechen hören; aber ich dachte, Alles solle so gestellt werden, wie damals, als Seine Majestät, Gott segne ihn, in das Zimmer kam, mehr einem Engel, denn einem Menschen ähnlich — wenn er nicht so schwarz ausgeschen hätte." „Da hast Du was Albernes gedacht, Mpste; denn die Art, wie Seine Majestät die Schüsseln und Flaschen gestellt hat, soll eben sowohl, wie sein königlicher Wille in größern Dingen, stets seinen Untcrthanen ein Gesetz sein, und als solches in Tillietudlem beobachtet werden." „Gut, gnädige Frau," sagte Mpste und machte die verlangte Aenderung; „das Versehen läßt fich leicht wieder gut machen, aber wenn Alles so sein soll, wie damals, so müßte die Wildpretpastete auch ein großes Loch haben." In diesem Augenblicke wurde die Thür geöffnet. „Wer ist da, Gudyill?" fragte die Lady. „Ich bin jetzt für Niemand zu sprechen. — Ihr seid's, mein lieber Schwager?" fuhr sie überrascht fort, als der Major eintrat; „das ist ein recht frühzeitiger Besuch!" „Auch eben so willkommen, glaub' ich," sagte der Major Bellenden, als er die Wittwe seines seligen Bruders begrüßte- „Ich habe aus einem Briefchen, welches mir Ediths nach Charnwood wegen einiger Kleidungsstücke und Bücher schickte, I3S ersehen, daß heut Morgen Clavcrhouse hier eintreffen wird: da dacht' ich alter Haudegen, ich könnte wohl mit dem angehenden Soldaten ein Bischen schwatzen. So ließ ich den Pike meinen Kilsythe satteln, und da sind wir Beide." „Und herzlich serd Ihr willkommen," sagte die alte Lady; „wenn ich Zeit gehabt hätte, so würd' ich Euch darum gebeten haben. Ihr seht, ich bin mit Vorbereitungen beschäftigt. Alles muß in derselben Ordnung, wie damals, als — —" „Der König zu Tillietudlem frühstückte," unterbrach der Major, der, wie alle Freunde der Lady Margaretha, den Anfang dieser Erzählung befürchtete und sie kurz abzuschneiden wünschte. „Ich erinnere mich dessen recht wohl; ich wartete ja Seiner Majestät auf." „Ja wohl, Herr Bruder," sagte Lady Margaretha, „und vielleicht könnt Ihr mir bei der Einrichtung des Mahls be- hülflich sein." „Beileibe nicht!" sagte der Major; „das verdammte Mittagessen, welches uns Noll ein paar Tage darauf zu Worce- ster gab, hat mir alle Eure guten Gerichte aus dem Kopf gejagt. — Aber was ist das? — Ihr habt ja selbst den großen safianenen Armsessel mit den gestickten Kiffen in Bereitschaft gestellt." „Den Thron, wcnn's beliebt, Herr Vruder," sagte Lady Margaretha ernsthaft. „Nun, den Thron meinetwegen," fuhr der Major fort. „Soll das Claverhouse's Posten sein beim Angriff auf die Pastete?" „Nein, Bruder," sagte die Lady; „da diese Polster einmal der Person unsers geheiligten Monarchen gedient haben, sollen sie auch, so's dem Himmel gefällt, bei meinen Lebzeiten keine minder vornehme Person tragen." 14 « „Dann solltet Ihr sie keinem ehrlichen Cavalier in de» Weg stelle», der schon heut' vor dem Frühstück seine zehn Meilen geritten ist; denn die Wahrheit zu sagen, sie sehen sehr einladend aus. Aber wo ist Editha?" „Auf der Zinne des Wartthurms," antwortete die alte Lady; „sie sieht sich um, ob unsere Gäste bald kommen." „Nun, dahin gehe ich auch, und das sollt Ihr auch thun. Lad- Margaretha, sobald Eure Schlachtlinie hier in der Halle in Ordnung ist. Ich kann Euch versichern, ein Regiment Reiter auf dem Marsch zu sehen, ist ein herrlich Ding." Mit diesen Worten bot er ihr mit altvaterischer Galanterie den Arm, und Lad- Margaretha nahm ihn mit einer dankbaren Verneigung, wie sie die Damen zu Holyrood-House bis zum Jahre IL 42 zu machen pflegten, wo auf eine Zeit lang Höflichkeiten und Höfe aus der Mode kamen- Auf der Zinne des Thurms, wohin mancher gewundene Gang und manche unbequeme Wendeltreppe führte, fanden sie Editha nicht in der Stellung eines jungen Mädchens, welches mit unruhiger Neugierde einer muntern Reiterschaar entgegen sieht, sondern bleich, niedergeschlagen, und mit einem Antlitz, das deutlich verrieth, sie habe verwichene Nacht vergeblich auf den Schlaf geharrt. Der gute alte Krieger war über ihr Aussehen betroffen, welches im Drange der Geschäfte ihre Großmutter völlig unbeachtet gelassen. „Was ist Dir zugestoßcn, Du närrisches Mädchen?" sagte er; „Du siehst ja aus wie eine Ofsizicrssrau, die nach dem Gefecht einen Schlachtbericht liest und ihren Mann auf der Liste der Erschlagenen und Verwundeten zu finden fürchtet. Aber ich weiß die Ursache — Du fährst fort die unsinnigen Romane Tag und Nacht zu lesen, und jammerst über Unglück, das niemals eristirt hat. Wie, zum Teufel, kannst Du glau- den, daß Artamines, oder wie er heißt, allein mit einem ganzen Bataillon gefochten? Einer gegen Drei, das ist das Möglichste, was je gesehen worden, und außer dem Korporal Radd- lebancs, hat noch Keiner darnach begehrt. Aber diese ver- henkerten Bücher stellen alle wackern Thaten in den Schatten- Ich wette, Du würdest nur sehr gering denken von Raddle- banes, wenn er an Artamines Seite stände. — Ich wollte, die Kerle, die Kerle, die solchen Unsinn schreiben, müßten für ihre Lügen mit einem Piket marschircn." Lady Margaretha, die selbst gern Romane las, übernahm die Vertheidigung. „Monsieur Scudery," sagte sie, „ist ein Soldat, und wie ich gehört habe, ein ganz vorzüglicher, und ein solcher ist Sieur d'Ursö auch." „Um so schmählicher; sie hätten besser wissen sollen, was sie schreiben. Was mich betrifft, so habe ich seit zwanzig Jahren Nichts gelesen als die Bibel, die vollständige Pflicht des Menschen, und noch vor Kurzem Turners Pallas Arma- ta, oder Traktat über den Gebrauch der Piken; aber ich kann nicht sagen, daß mir seine Vorschriften besonders gefallen. Er will seine Cavallerie gerade vor der Fronte der Piken aufstellen, statt auf dem Flügel. Hätten wir das bei Kilsythe gethan, statt daß wir unsere paar Reiter in den Flanken behalten, die erste Salve hätte sie wieder zu den Hochländern zurückgebracht. — Aber — Pauken!" Alle blickten jetzt von der Zinne des Thurmes hinab, der eine weite Aussicht auf Thal und Fluß beherrschte. Das Schloß Tillietudlem stand, oder steht vielleicht noch, auf einer steilen Klippe, neben der sich ein großer Bach in den Clyde ergießt. Nahe an der Mündung ist eine schmale Brücke mit einem hohen Bogen, über welche und dem hohen zerrissenen Felsenufcr entlang sich die Landstraße hinzieht. Die Feste, welche auf diese Weise Brücke und Paß beherrscht, war also in Kriegszeiten ein Posten von großer Wichtigkeit, dessen Besitz nothwcndig war, um die Communication zwischen dem höhern und wildern Theile des Landes mit dem untern zu sichern, wo sich das Thal ausdehnt und dann für den Anbau tauglicher ist. Die Landschaft abwärts ist größtentheils Waldung; aber die Ebenen und sanften Abhänge am Ufer find angebaut und bilden mit ihren Hecken und Büschen einen schönen Anblick, da es scheint, als ob die Umfriedungen aus dem naben Walde gehauen wären, der in dichten Massen die steilern Abhänge und entferntern Ufer bedeckt. Der Strom, von einer Hellen, glänzend braunen Farbe, rauscht in Windungen und Bogen durch die romantische Gegend, theils sichtbar, thcilS durch die Bäume verborgen, die seine Ufer bekränzen. Mit einer in andern Thcilen Schottlands unbekannten Sorgfalt haben die Landleute auf den meisten Stellen Obstgärten um ihre Hütten gepflanzt, und die um diese Jahreszeit blühenden Apfelbäume gaben dem untern Theile der Gegend das Aussehen eines Blumengartens. Den Fluß aufwärts nahm die Landschaft einen viel weniger angenehmen Charakter an. Hügeliges, ödes, unangebautes Land zog sich bis nahe an die Ufer; nur wenig Bäume standen an dem Flusse, und die wüsten Moore schwollen in einiger Entfernung zu formlosen, plumpen Hügeln an, über welchen wiederum eine Reihe hoher Berge hervorragte, die sich düster am Horizonte verloren. Der Thurm beherrschte also zwei Aussichten, eine reichlich angebaute und schöne Niederung, eine andere in düsterer Einförmigkeit eines öden, unwirthlichen Moorlandes. Die Augen der Zuschauer waren diesmal auf die untere 143 Seite gerichtet, nicht allein wegen ihrer größer» Schönheit, sondern weil die fernen Töne einer Kriegsmusik von der Landstraße herschallten, die sich das Thal herauf wand, und die Ankunft des erwarteten Reiterregiments verkündigten. Ihre schimmernden Reihen wurden kurz darauf in der Entfernung Wahrgenommen, bald erscheinend, bald wieder verschwindend, je nachdem die Bäume und Windungen des Weges sie verdeckten. Ihre Waffen blinkten in der Sonne, und ihr Zug war lang und imposant; denn es waren ungefähr zwei hundert und fünfzig Pferde, und der Glanz der Waffen und das Wogen der Banner, verbunden mit dem Klange der Pauken und Drommeten, wirkten mächtig und lebhaft auf die Einbildungskraft. So wie sie näher kamen, konnte man die Reihen dieser ausgewählten Schaar unterscheiden, und wie die Krieger, prächtig beritten und vollständig bewaffnet, einander folgten. „Es ist ein Anblick, der mich dreißig Jahre jünger macht," sagte der alte Krieger; „und doch lieb' ich den Dienst nicht, in dem die armen Burschen stehen. Obgleich ich selbst am Bürgerkrieg Theil genommen, so kann ich doch eben nicht sagen, daß ich an dieser Art Dienst so viel Gefallen fand, als an dem Dienste auf dem festen Lande, wo wir auf Kerle mit fremden Gesichtern und ausländischer Sprache einhieben. ES ist hart, eine heimathliche, schottische Zunge um Erbarmen bitten zu hören, und den Armen doch so niederhauen zu müssen , als wenn er misericorüs riefe. — Da kommen sie schon aus dem Walde; herrliche Bursche, meiner Treu, und trefflich beritten! — Der, welcher jetzt vom Nachtrab vorsprcngt, muß Claverhouse selber sein; — ja, er reitet an der Spitze über die Brücke, und in fünf Minuten sind sie hier." Bei der Brücke unterhalb des Schlosses theilten sich die Reiter, und der größere Theil ritt am linken Ufer des Baches 144 herauf, bis sie zu einer Furth kamen, welche zur Scheuer führte (so nannte man nämlich einige große WirthschaftSgebäude, die zum Schlosse gehörten), wo Lady Margaretha für Empfang und angemessene Bewirthung Vorbereitungen hatte treffen lassen. Die Offiziere allein mit ihrer Fahne und einer Eskorte sah man den steilen Weg nach dem Schlosse hinaufziehen. Als sie diesen engen Pfad zurückgelegt hatten, befanden sie sich vor der alten Burg, deren Pforten zu ihrem Empfang gastfreundlich geöffnet wurden. Nachdem Lady Margaretha mit Editha und dem Schwager von dem BeodachtungSpostcn herabgestiegen, bewillkommten sie die Gäste mit einem Gefolge von Bedienten in so guter Ordnung, als die Orgien der verwichenen Nacht es erlaubten. Der tapfere junge Cornet (Claverhouses Verwandter und Namensvetter, mit dem der Leser bereits bekannt ist) senkte die Fahne unter Trompetengeschmetter zu Ehren der Lady Margaretha und ihrer reizenden Enkelin, und die alten Mauern widerhallten von dem Klange der Instrumente und vom Stampfen und Wiebern der Streitroffe. Claverhouse selbst schwang sich von seinem Rappen., vielleicht dem schönsten in ganz Schottland. Er hatte nicht ein einziges weißes Haar am Leibe, ein Umstand, der, verbunden mit seinem Feuer, seiner Schnelligkeit, und weil es oft zur Verfolgung der widerspenstigen Presbyterianer gebraucht worden, diese in dem Glauben bestärkt, daß ihm dies Roß von dem bösen Feind geschenkt worden sei, um ihn bei der Verfolgung der flüchtigen Wanderer zu unterstützen. Nachdem Claverhouse mit militärischem Anstande die Damen begrüßt, und die Unruhe entschuldigt hatte, in welche er das Haus der Lady Margaretha versetze, dagegen aber die Versicherung empfangen hatte, daß sie nicht als Unbequemlichkeit betrachten könne, was einen so ausgezeichneten Krieger in die 145 Mauern Tillietudlems bringe —kurz, nachdem alle Formen gastfreundlicher und ländlicher Ceremonie erschöpft waren, bat der Obrist um Erlaubniß, den Bericht Bothwells zu hören, der schon in Bereitschaft stand, und mit dem er einige Minuten bei Seite sprach. Major Bellenden benutzte die Gelegenheit, seiner Nichte zu sagen, ohne daß es die Großmutter hören konnte: „Was bist Du doch ein närrisches, thörichtes Mädchen, Ediths, mir einen mit Unsinn über Bücher und Kleider gefüllten Brief zu schicken, und das Einzige, worauf ich was gab, in eine Nachschrift zu stecken!" „Ich wußte nicht," erwiederte Ediths zögernd, „ob es sich ganz — ganz für mich schicke, zu —" „Ich weiß, was Du sagen willst — ob es nämlich recht sei, so viel Interesse an einem Presbyterianer zu nehmen. Aber ich habe dieses Burschen Vater genau gekannt. Er war ein braver Soldat, und wenn er auch ein Mal Unrecht hatte, so halt' er auch ein Mal Recht. Ich muß Deine Vorsicht loben, Ediths, daß Du Deiner Großmutter nichts in Betreff dieses jungen Mannes gesagt hast, — daß ich nichts sage, darauf kannst Du Dich verlassen — ich will die Gelegenheit ergreifen, mit Claverhouse zu sprechen. Komm, meine Liebe, sie gehen zum Frühstück; laß uns ihnen folgen." Die Schwärmer. I. 10 Elftes Kapitel. Drauf »ahmen ein tüchtiges Frühstück sie ein, Wie'« Reisenden wahrlich behaglich mag sein. Prior. Das Frühstück der Lady Bellenden hatte eben so wenig Aehnlichkeit mit einem Dejeuner unserer Tage, als die große Steinhalle von Tillietudlem mit einem modernen Gesellschaftssaale. Weder Thee, noch Kaffee, noch verschiedenes Zuckerwerk, sondern solide und kompakte Fleischspeisen — der priesterliche Schinken, der ritterliche Lendenbraten, das freiherrliche Rindfleisch, die fürstliche Wildpretpastete, während silberne Flaschen, mit knapper Noth aus den Klauen der Covenanter gerettet, theils mit Bier, theils mit Meth, und verschiedenen köstlichen Weinen gefüllt zur Seite standen. Die Eßlust der Gäste stimmte zur Pracht und Reinlichkeit der Bcwirthung — kein zimperliches Kosten und Nippen, sondern jene beharrliche und rüstige Kinnladenthätigkeit, welche am besten in frühen Morgenstunden bei harter Kost zu lernen ist. Lady Margaretha sah mit Entzücken, daß die Speisen, die sie hatte bereiten lassen, mit solcher Eile in den Magen der hochverehrten Gäste hinabglitten, und hatte, außer an Claver- house, wenig Gelegenheit, die Gäste zum Essen zu nöthigen, 147 ein Zwang, welchem die Damen jener Zeit ihre Gäste unter- , warfen. Aber der Anführer selbst, mehr darauf bedacht, Miß Bellenden, neben welcher er saß, den Hof zu machen, als seine Eßlust zu befriedigen, schien die guten Schüsseln einigermaßen zu vernachlässigen. Edith« hörte, ohne Etwas darauf zu er- wiedern, manche Artigkeiten, die er mit seiner klangreichen Stimme an sie richtete, welche eben so leicht zur Melodie einer gefälligen Unterhaltung herabschmolz, als sich im Schlachtcnsturm erheben konnte, »laut wie der Drommete Silberklang." Das Gefühl, daß sie in der Gegenwart eines gefürchteten Anführers sei, von dessen Ausspruch Mortons Schicksal abhing, die Erinnerung an das Schreckliche, das in dem bloßen Namen des Obristen lag, raubten ihr für einige Zeit nicht nur die Stimme, sondern sogar die Kraft auf ihn zu blicken. Als sie aber, durch seine sanfte Stimme crmuthigt, die Augen erhob, um eine Antwort an ihn zu richten, zeigte ihr sein AeußereS wenigstens keine der schrecklichen Eigenschaften, mit welchen ihre Furcht ihn ausgestattet. Grahame von Claverhouse war noch in der Blüthe des Lebens, fast kleiner und zarter Gestalt, aber schlank und wohl gebaut. Geberden, Sprache und Mienen waren die eines Mannes, der stets mit feinen und lebenslustigen Leuten Umgang gepflogen. Seine Züge hatten fast eine mädchenhafte Regelmäßigkeit- Ein ovales Gesicht, eine gerade, wohlgeformte Nase, dunkelbraune Augen, eine Gesichtsfarbe genug gebräunt, um nicht weibisch zu sein, eine kurze Oberlippe, aufwärts gebogen, wie bei einer griechischen Bildsäule, und leicht beschattet von einem kleinen, hellbraunen Schnauzbärtchen, und eine Fülle gleichfarbiger Ringellocken, die auf beiden Seiten des Antlitzes herabfielen, bildeten vereint ein Gesicht, wie es Maler io» gern darstellen, und Frauen gern betrachten. Seine Charakter- strenge sowohl, als die höheren Eigenschaften eines unerschrockenen und unternehmenden Muthes, den selbst seine Feinde anerkennen mußten, lagen unter einem Aeußern verborgen, das mehr für den Hof, als für das Feldlager zu paffen schien. Derselbe freundlich heitere Ausdruck, welcher seine Züge belebte, schien auch in seinen Handlungen und Bewegungen zu herrschen, und im Ganzen hätte man ihn beim ersten Anblick mehr für einen Vergnügling, als für einen Ehrgeizigen gehalten. Aber unter diesem sanften Aeußern lag ein Geist verborgen, der unbegrenzt in Wagen und Streben, doch so besonnen und vorsichtig war, wie Macchiavel selbst. Tief cingeweiht in die Politik, und darum mit jener Verachtung individueller Rechte begabt, welche fast immer aus ihren Ränken entspringt, war dieser Anführer kalt und gefaßt in der Gefahr, heftig und feurig in Verfolgung des Sieges, gleichgültig gegen den Tod, und darum ihm ohne Erbarmen Andere weihend. Solche Charaktere bilden sich in den Zeiten bürgerlicher Zwiste, wo die herrlichsten Eigenschaften, durch Partheigeist verderbt, und durch steten Widerstand entflammt, nur allzuoft mit Lastern und Ausschweifungen gepaart find, die ihnen Verdienst und Glanz zugleich rauben. Ediths zeigte bei dem Bemühen, Claverhouses artige, aber nichtssagende Redensarten zu erwiedern, so große Verlegenheit, daß es ihre Großmutter für nöthig erachtete, ihr Beistand zu leisten. »Editha Bellenden," sagte die alte Lady, „hat bei meiner zurückgezogenen Lebensweise so Wenige Eures Standes gesehen, daß sie cs kaum versteht, immer passende Antworten zu erthei- len. Ein Soldat ist bei uns eine so seltene Erscheinung, Obrist Grahame, daß wir, den jungen Lord Evandale ausge- 149 nommen, kaum einen Edelmann in Uniform empfangen. Da ich aber gerade auf diesen vortrefflichen jungen Herrn zu sprechen komme, so erlaubt mir zu fragen, ob ich nicht die Ehre gehabt, ihn diesen Morgen beim Regimente zu sehen?" „Lord Evandale, gnädige Frau, befand sich aus dem Marsche mit uns," antwortete der Obrist; „aber ich war genöthigt, ihn mit einer kleinen Abtheilung zu detaschiren, um ein Conventikel jener unruhigen Schurken zu zerstreuen, welche so unverschämt waren, sich wenig Stunden von meinem Hauptquartier zusammenzurotten." „In der That," sagte die alte Dame, „einer solchen Vermessenheit hatte ich diese fanatischen Empörer nicht fähig gehalten. Aber es sind sonderbare Zeiten! Es ist ein böser Geist im Lande, Obrist Grahame, der selbst Vasallen der Vornehmen zur Empörung reizt, gegen das HauS, welches sie erhält und nährt. Glaubt Ihr wohl, daß einer meiner rüstigsten Leute sich förmlich weigerte, auf mein Geheiß der Wappenschau beizuwohnen? Gibt's denn kein Gesetz gegen solche Widerspenstigkeit, Herr Obrist?" „Ich könnte wohl ein solches finden," sagte Claverhouse mit großer Ruhe, „wenn Ihr mir Namen und Wohnort des Schuldigen nennen wollt." „Sein Name," sagte Lady Margaretha, „ist Cuihbert Headrigg. Von seinem gegenwärtigen Wohnort kann ich Euch nichts sagen; denn Ihr dürft mir glauben, Obrist Grahame, daß er nicht mehr lange in Tillietudlem blieb, sondern wegen seiner Hartnäckigkeit fortgeschickt wurde. Ich wünsche dem Burschen gerade nichts Böses; aber Einsperrung, oder sogar wenige Hiebe könnten ein gutes Erempel für die ganze Gegend sein. Seine Mutter, auf deren Geheiß er handelt, ist eine alte Dienerin meines Hauses, was mich zum Mitleid geneigt macht; obgleich" fuhr die Lady fort, indem sie auf die Bildnisse ihres Gatten und ihrer Söhne blickte, mit denen die Halle behängen war, und tief aufseufzte — „obgleich ich, Obrist Grahame, nur sehr geringe Ursache habe, mit diesen verstockten und aufrührerischen Leuten Mitleid zu fühlen- Sie haben mich zur kinderlosen Wittwe gemacht, und ohne den Schutz unseres geheiligten Königs und seiner tapfern Krieger würden sie mich bald meiner Ländereien und Güter, meines Herdes und Altars berauben. Sieben von meinen Pächtern, deren Grundzins zusammen sich auf etwa hundert Mark belaufen mag, haben sich schon geweigert, Steuer und Pachtgeld zu zahlen, und waren keck genug, meinem Verwalter zu sagen, daß sie weder einen König noch Gutsherrn anerkennen, der nicht den Covenant beschworen." „Ich will sie schon auf's Korn nehmen — das heißt, mit Ew. Herrlichkeit Erlaubniß," antwortete Claverhouse; „es würde mir übel anstehen, das Ansehen des Gesetzes nicht aufrecht zu erhalten, zumal wenn dasselbe so würdigen Händen anvertraut ist, wie denen der Lady Bellenden. Aber ich muß gestehen, es wird täglich schlimmer hier zu Lande, und ich werde nothgedrungen zu Maßregeln veranlaßt, die mehr mit meiner Pflicht, als mit meinen Gefühlen übereinstimmen. Indem ich davon spreche, kann ich nicht umhin, Ew. Herrlichkeit für die freundliche Aufnahme zu danken, die Ihr einigen von meinen Leuten angedeihcn ließet, welche einen Gefangenen eingebracht, den man beschuldigt, den schändlichen Mörder Balfour von Burley beherbergt zu haben." „Tillictudlem," antwortete die Lady, „hat stets den Dienern seiner Majestät offen gestanden, und ich hoffe, so lange noch hier ein Stein auf dem andern bleibt, wird es auch sowohl zu ihrem Befehl stehen, als zu unserm. Und, dies Obrist Grahame, erinnert mich Euch zu sagen, daß der Edelmann, welcher den Trupp befehligt, wohl nicht eine ihm angemessene Stelle in der Armee einnimmt, wenn man berücksichtigt, welch' Blut in seinen Adern fließt, und könnt' ich mir schmeicheln, daß mir eine kleine Bitte gewährt würde, so möcht' ich Euch ersuchen, ihn bei einer günstigen Gelegenheit zu befördern." „Ew. Herrlichkeit meinen gewiß den Sergeanten Franz Stuart, den wir Bothwell nennen?" sagte Claverhouse lächelnd. — „Die Wahrheit zu gestehen, er ist ein wenig zu ungeschlacht hier zu Lande, und den Gesetzen der Mannszucht nicht so gehorsam, wie es der Dienst erheischt- Da ich aber Lady Bellenden damit verbinden kann, so ist diese Erinnerung ein Befehl für mich. — Bothwell," fuhr er fort, und wandte sich an den Sergeanten, der eben an der Thür erschien, „küsset Lady Margaretha Bellenden die Hand; sie verwendet sich für Eure Beförderung, und die nächst erledigte Offiziersstelle soll Euer sein." Bothwell verrichtete die Huldigung, aber nicht ohne deutliche Zeichen des Widerwillens, und begann hierauf: „Einer Dame die Hand zu küssen, kann keinen Edelmann herabsetzen, aber ich würde, außer dem König, keinem Mann die Hand küssen, und sollte ich auch General werden." „Da hört Jhr's," sagte Claverhouse lächelnd, „hier ist der Fels, an dem er scheitert- Er kann seinen Stammbaum nicht vergessen " „Ich weiß, mein edler Obrist," sagte Bothwell in demselben Tone, „daß Ihr Euer Versprechen nicht vergessen werdet, und dann werdet Ihr vielleicht gestatten, daß sich der Cornet seines Großvaters erinnert, den der Sergeant freilich vergessen muß." „Genug davon, Sir," sagte Claverhouse mit dem ihm 152 eigenlhümlichen gebieterischen Tone, „sagt mir, was Ihr jetzt zu berichten habt." „Mylord Evandale und sein Trupp halten auf der Straße mit einigen Gefangenen," sagte Bothwell. „Mplord Evandale?" fragte Lady Margaretha. „Ihr werdet gewiß erlauben, daß er mich mit seiner Gesellschaft beehre, und ein geringes Frühstück hier einnchme, um so mehr, da selbst seine geheiligte Majestät nicht bei dem Schlosse Tillie- tudlem vorbeizog, ohne einige Erfrischungen zu sich zu nehmen." Da dies bereits das dritte Mal im Laufe der Unterhaltung war, daß Lady Margaretha auf jenes merkwürdige Ereigniß anspiclte, so benutzte Obrist Grahame, so schnell als es die Artigkeit erlaubte, die erste Pause, um den Fortgang der Erzählung zu unterbrechen. „Wir sind zwar bereits der Gäste zuviel," sagte er, „da ich aber weiß, wie viel Lord Evandale entbehren würde" — hier blickte er auf Editha — „wenn er des Vergnügens verlustig würde, dessen wir uns hier erfreuen, so will ich's schon wagen, Eurer Gastfreundschaft zur Last zu fallen. — Bothwell, sagt dem Lord, die gnädige Frau ersuche ihn um die Ehre seiner Gesellschaft." „Und Harrison soll Sorge tragen," setzte die Lady hinzu, „daß die Leute und ihre Pferde gehörig verpflegt werden." Editha's Herz pochte gewaltsam während dieser Unterhaltung; denn es fiel ihr augenblicklich ein, daß sie durch ihren Einfluß auf Lord Evandale ein Mittel finden könne, Morton aus seiner gegenwärtigen gefährlichen Lage zu reißen, im Falle ihres Oheims Verwendung bei Clavcrhouse erfolglos sei. Zu jeder andern Zeit wäre es ihr gewiß widerwärtig gewesen, einen solchen Einfluß zu benutzen; denn so unerfahren sie auch war, so sagte ihr doch ihr angeborenes Zartgefühl, welchen Vortheil ein schönes Mädchen einem Manne einräumt, wenn sie ihm Verbindlichkeiten schuldig wird. Ja, sie würde noch abgeneigter gewesen sein, den Lord Evandale um eine Gefälligkeit zu ersuchen, da die Klatschschwestern aus Clydesdale, aus später zu erwähnenden Gründen, ihn zu ihrem Anbeter machten, und weil sie es sich nicht verhehlen konnte, daß auch nur die kleinste Aufmunterung jenen Vermuthungen einen Grund geben könne, dessen dieselben bisher ermangelten- Dies mußte sie um so mehr befürchten, da im Falle einer förmlichen Erklärung Lord Evandale hoffen durfte, durch den Einfluß der alten Lady und ihrer übrigen Freunde unterstützt zu werden, und daß sie ihren Bitten und Befehlen nichts würde entgegen setzen können, als eine Neigung, welche zu gestehen, wie sie wußte, eben so gefährlich als unnütz sein würde- Sie beschloß demnach den Ausgang von ihres Oheims Verwendung abzuwarten, und schlug diese fehl, was sie bald aus den Blicken und Worten des offenherzigen Veteranen entnehmen konnte, als das letzte Mittel ihren Einfluß auf den Lord Evandale zu Gunsten Mortons geltend zu machen. Ueber die Verwendung ihres Oheims blieb sie nicht lange in Ungewißheit. Major Bellenden, welcher an der Tafel die Honneurs gemacht, und mit den militärischen Gästen am Ende des Tisches gelacht und geschwatzt hatte, war jetzt, nachdem das Mahl beendigt, im Stande seinen Posten zu verlassen, und benutzte folglich die Gelegenheit, sich dem Qbristen Claverhouse zu nähern, und seine Nichte zu ersuchen, ihn demselben vorzustellen. Da sein Name und Stand wohlbekannt waren, begegneten sich die beiden Krieger mit gegenseitiger Hochachtung, und Ediths sah klopfenden Herzens ihren alten Oheim mit seinem neuen Bekannten sich an eine Fensterbrüstung zurückziehen. Sie überwachte die Unterhaltung mit stets gespannten 154 Blicken, und ihre durch die innerste Seelenunruhe geschärfte Aufmerksamkeit konnte aus den Geberden, welche das Gespräch begleiteten, leicht crrathen, welchen Fortgang diese Verwendung zu Gunsten Mortons hatte. Anfangs zeigte das Gesicht des Obristcn jene offene und bereitwillige Höflichkeit, welche, noch ehe sic die verlangte Gefälligkeit kennt, zu sagen scheint, daß der Ersuchte sich glücklich suhlt, den Bittenden zu verpflichten. Im Verlauft der Unterhaltung aber wurde die Stirne des Obristen finsterer und strenger, und seine Züge, obgleich sie noch immer den Ausdruck vollkommenster Höflichkeit behielten, nahmen, wenigstens für Edi- tha's geschreckte Einbildungskraft, einen rauhen und unerbittlichen Charakter an. Seine Lippen waren bald wie vor Unwillen zusammengcpreßt, bald leicht auswärts gezogen, gleichsam als ob er in höflicher Nichtachtung die Gründe des Majors Bellenden anhöre. Die Sprache ihres Oheims schien, so viel man aus seinen Bewegungen wahrnahm, eifrig und dringend, unterstützt durch die liebenswürdigste Charaktereinfalt, sowie durch das Gewicht seines Alters und seines Rufs. Aber Alles schien nur einen geringen Eindruck auf den Obristen Grahame zu machen, der bald seine Stellung änderte, als wolle er des Majors lästige Bitten kurz abschneiden, und das Gespräch mit einem höflichen Bedauern abbrechen, welches die entschiedenste Weigerung versüßen sollte. Diese Bewegung brachte Edithen Beide so nahe, daß sie Claverhouse sagen hörte: „Es kann nicht sein, Major Bellenden; Milde ist in diesem Falle außer dem Bereich meines Auftrags, in andern Fällen bin ich gern zu Euren Diensten erbötig. — Doch hier kommt ja Evandale! — Was bringt Ihr uns für Botschaft, Evan- dale?" fuhr er fort, und wandte sich an den jungen Lord, der eben in voller Uniform, jedoch mit etwas nachlässigem An- 155 zug und bespritzten Stiefeln eintrat, als hätte er einen schweren Ritt gethan. „Unerquickliche Neuigkeiten, Sir," war seine Antwort. „Ein starker Haufe Whigs steht auf den Bergen unter Waffen, und in offener Rebellion. Sie haben die Suprematsakte, die, welche das Episcopat begründet, die, welche Karl I. als Märtyrer zu ehren gebietet, nebst noch einigen andern öffentlich verbrannt, und erklärt, unter den Waffen bleiben zu wollen, um das durch dcn Covenant begonnene Reformationswerk zu befördern." Diese unerwartete Nachricht überraschte Alle auf eine sehr unangenehme Weise, Claverhouse allein ausgenommen. „Unerquickliche Nachrichten nennt Ihr das?" begann Gra- hame mit feuerfunkelnden Blicken. „Die besten find's, die ich seit sechs Monaten vernommen. Jetzt, da sich die Schurken in einen Haufen zusammcngerottct, wollen wir kurze Arbeit machen. Wenn die Natter an's Tageslicht kriecht, fügte er hinzu, und stampfte mit dem Absatz, als ob er einen giftigen Wurm zertrete — „dann kann ich sie zertreten; sie ist nur sicher, so lange sie in Höhlen und Sümpfen lauert. — Wo find diese Schurken, Lord Eoandale?" „Ohngefähr zehn Meilen von hier im Gebirge, an einem Ort, der Loudonhügel genannt," antwortete der junge Edelmann. »Ich habe das Conventikel zerstreut, gegen welches Ihr mich gesendet, und nahm einen alten Aufruhrtrompeter gefangen — das heißt einen Prediger, der gerade seine Zuhörer ermahnte, für die gute Sache aufzustehen, nebst einigen seiner Zuhörer, welche besonders unverschämt sich gcberdeten. Von einigen Landleuten und Kundschaftern habe ich erfahren, was ich Euch eben sagte." „Wie stark mögen sie sein?" fragte der Obrist. „Vermuthlich tausend Mann; aber die Angaben find sehr verschieden." 156 „Dann," sagte Claverhouse, „ist es Zeit, daß wir auch Hand an's Werk legen. — Laßt zum Aufbruch blasen, Both- well." Bothwcll, der, wie das Schlachtroß in der Bibel, den Kampf schon von fern witterte, eilte den Mohren Befehle zu ertheilen, welche in weißer, reich gestickter Kleidung und mit silbernen Hals- und Armbändern die Stelle der Trompeter versahen, und bald widerhallten Schloß und Wälder rings von ihrem schmetternden Rufe." „Müßt Ihr uns also verlassen?" sagte Lady Margaretha, deren Herz brach bei der Erinnerung früherer, unglücklicher Tage; „wollt' Ihr nicht lieber erst über die Streitkräfte der Rebellen nähere Erkundigungen einziehen lassen? — O wie manches schöne Angesicht haben diese furchtbaren Töne hinwcggerufen vom Schlosse Tillictudlcm, und ich habe es nie wieder gesehen!" „Ich kann unmöglich bleiben," sagte Claverhouse; „es gibt genug Schurken im Lande, um die Aufrührer um das Fünffache zu verstärken, wenn sie nicht rasch und auf ein Mal gebändigt werden." „Viele," sagte Evandale, „strömen ihnen zu, und verbreiten die Nachricht, daß sie einen starken Haufen der geduldeten Presbyterianer erwarten, welche der junge Milnwood anführt, der Sohn jenes berüchtigten alten Rundkopfs, des Obersten Silas Morton." Diese Worte brachten eine verschiedene Wirkung auf die Zuhörer hervor. Ediths sank fast vom Stuhle vor Schrecken, während Claverhouse einen höhnenden Blick auf den Major warf, der zu sagen schien: — „Ihr seht, welchen Grundsätzen der junge Mann huldigt, dem Ihr das Wort redet." „ES ist eine Lüge! es ist eine verdammte Lüge dieser schuftigen Schwärmer," rief der Major heftig- „Ich stehe für Heinrich Morton, wie für meinen eigenen Sohn. Er ist eben so rechtgläubig, wie irgend ein Herr aus der Leibgarde. Ich will Niemand zu nahe treten. Er ging mehr denn fünfzig Mal mit mir zum Gottesdienst, und nie fehlte ihm eine einzige Antwort beim Gebete. Das kann Miß Bellenden bezeugen, so gut wie ich. Er las stets mit ihr aus demselben Gebetbuch, und kannte den Text so gut als der Pfarrer selbst. Ruft ihn nur; er mag für sich selbst sprechen." „Das kann nichts schaden," sagte Claverhouse, „mag er nun unschuldig oder schuldig sein. — Major Allan," fuhr er fort, sich zu dem Offizier wendend, „nehmt einen Wegweiser, und führt Euer Regiment so schnell als möglich nach dem Londonhügel. Reitet gemach, und bringt die Pferde nicht in Hitze; in einer Viertelstunde haben Lord Evandale und ich Euch eingeholt. Bothwelln laßt mit einigen Reitern zurück um die Gefangenen sortzuschaffen." Allan verneigte sich, und sämmtliche Offiziere verließen mit ihm den Saal, Claverhouse und den jungen Lord ausgenommen. In wenigen Minuten verkündigten die Töne der Musik und der Hufschlag der Rosse, daß die Reiter das Schloß verließen. Bald hörte man nur noch abgerissene Töne, die in kurzer Zeit gänzlich verhallten. Während Claverhouse sich bestrebte, die Angst der Lady Margaretha zu verscheuchen, und den alten Major zu seiner Meinung über Morton zu bekehren, näherte sich Evandale Edithen, die natürliche Schüchternheit überwindend, welche einen unschuldigen Jüngling in der Nähe des Gegenstandes seiner Zuneigung gewöhnlich befällt, und redete sie in einem Tone an, der Achtung und Zuneigung zugleich ausdrückte. „Wir müssen Euch verlassen," sagte er, und faßte ihre Hand, die er in heftiger Bewegung preßte — „wir verlassen Euch, um Austritten entgegen zu gehen, die nicht ohne Gefahr find. Lebt wohl, theures Fräulein; — laßt mich zum ersten und vielleicht zum letzten Male sagen, theure Editha. Wir scheiden von einander, und unter so eigenthümlichen Umständen, daß es zu entschuldigen ist, wenn ich Euch mit einiger Feierlichkeit ein Lebewohl sage, Euch, die ich so lange kannte und die ich so — sehr schätze." Sein Benehmen schien ein tieferes und bewegteres Gefühl auszudrücken, als in seinen Worten lag. Kein weibliches Herz hätte gegen seinen bescheidenen und tiefgefühlten Ausdruck der Zärtlichkeit unempfindlich bleiben können. Auch Editha, obgleich durch das Mißgeschick und die augenscheinliche Gefahr des Mannes betrübt, den fie liebte, wurde doch durch die hoffnungslose und ehrerbietige Leidenschaft des schönen Jünglings gerührt, der fetzt von ihr schied, um sich in Gefahren nicht gewöhnlicher Art zu stürzen. «Ich hoffe, — ich glaube zuversichtlich," sagte sie, „cs ist keine Gefahr vorhanden. Ich hoffe, wir haben keine Ursache zu diesem feierlichen Abschied, — diese unbesonnenen Aufrührer werden eher durch Furcht als durch Gewalt zersprengt werden, und Lord Evandale wird bald zurückkehren, um wieder zu sein, was er immer sein muß, der theure und geschätzte Freund Aller in diesem Schlosse." „Aller?" wiederholte er, einen melancholischen Nachdruck auf das Wort legend- „Aber mag es so sein — was Euch nahe ist, ist mir theuer und werth, und dessen Beifall mir schätzbar. Ich hoffe keinen allzuglücklichen Erfolg. Wir sind unserer zu Wenige, als daß ich diesen unglückseligen Unruhen ein schnelles, unblutiges Ende gemacht zu sehen erwarten dürste. Diese Menschen find schwärmerisch, entschlossen und verzweifelt, und haben Führer, die in Kriegsangclegenheiten nicht ganz unerfahren find. Ich kann mich des Gedankens nichi erwehren, daß der Ungestüm unsers Obersten uns ihnen etwas zu voreilig entgegentreibt. Aber cs gibt Wenige, die mindern Grund haben, Gefahr zu meiden, als ich." Editha hatte nun die gewünschte Gelegenheit, des jungen Edelmanns Verwendung und Schutz für Heinrich Morton zu erbitten, und es schien auch kein anderer Weg übrig, ihn dem drohenden Verderben zu entreißen. Doch fühlte fie in diesem Augenblick, daß sie dadurch Neigung und Vertrauen des Liebenden mißbrauche, dessen Herz so offen vor ihr lag, als ob sein Mund eine ausdrückliche Erklärung gegeben hätte. Konnte fie also schicklicher Weise Lord Evandale auffordern, einem Nebenbuhler zu dienen? oder gestattete es ihre Klugheit, eine Bitte an ihn zu richten, oder sich eine Verbindlichkeit gegen ihn aufzulegen, ohne Hoffnungen zu nähren, die fie niemals erfüllen konnte? Aber der Augenblick war zu dringend für solche Bedenklichkeiten oder auch nur für jene Erläuterungen, mit denen sie sonst ihre Bitte hätte cinleiten können. „Ich will nur erst über das Schicksal des jungen Menschen entscheiden," sagte Claverhouse an der andern Seite der Halle, „und dann, Lord Evandale — es thut mir leid, Eure Unterhaltung wieder zu unterbrechen — aber wir müssen dann gleich auffitzen. — Bothwell, warum bringt Ihr nicht den Gefangenen herauf? und hört, zwei Glieder sollen ihre Karabiner laden" In diesen Worte» glaubte Editha das Todesurtheil ihres Geliebten zu vernehmen- Augenblicklich brach fie den Zwang, der fie bis jetzt am Sprechen gehindert. „Lord Evandale/' sagte fie, „dieser junge Maun ist ein genauer Freund meines Oheims. Euer Einfluß auf Euren Obristen muß groß sein — laßt mich um Eure Verwendung für ihn bitten — Ihr würdet meinen Onkel auf ewig verbinden." „Ihr überschätzet meinen Einfluß, Miß Bellenden," sagte Lord Evandale. »Ich bin in solchen Verwendungen oft unglücklich gewesen, wenn ich sie bloß im Namen der Menschlichkeit unternahm." „Dennoch versucht es noch ein Mal, um meines Oheims willen." „Und warum nicht um Euretwillen?" sagte Lord Evandale. „Wollt Ihr mir nicht erlauben zu hoffen, daß ich dadurch Euch persönlich verbinde? — Traut Ihr einem alten Freunde so wenig, daß Ihr ihm nicht die Freude vergönnen wollt, zu denken, er werde Eure Wünsche erfüllen?" „Gewiß — gewiß," erwiederte Editha — „Ihr werdet mich unendlich verbinden- — Ich nehme Antheil an dem jungen Manne, meines Oheims wegen — Verliert keine Zeit, um Gotteswillen." Ihre Bitten wurden kühner und dringender; denn sie hörte die Schritte der Soldaten, die sich mit ihrem Gefangenen näherten. „Beim Himmel!" sagte Evandale, „er soll nicht sterben, und müßte ich an seiner Statt das Leben lassen- Aber wollt Ihr nickt," sprach er, indem er ihre Hand ergriff, welche sie im Drange ihres Gefühls zurückzuziehen nicht Muth genug hatte, „wollt Ihr mir nicht zur Belohnung meines Diensteifers ein Gesuch gewähren?" „Alles dürft Ihr fordern, Lord Evandale, was schwesterliche Zuneigung gewähren kann." „Und ist dies Alles," fuhr er fort, „was Ihr meiner Liebe im Leben, meinem Andenken im Tode widmen könnt?" »Sprecht nicht so, Mylord," sagte Editha; „Ihr betrübt mich und thut Euch selbst Unrecht. ES gibt keinen Freund, den ich höher schätze, oder dem ich bereitwilliger jeden Beweis der Hochachtung — wenn — aber — " Ein tiefer Seufzer verursachte, daß sie sich schnell umsah, ehe sie das letzte Wort hatte aussprcchen können, und als sie noch nachdachte, wie sie die Ausnahme einkleiden könne, die ihren Saß beschließen sollte, gewahrte sie, daß Morton sie gehört hatte, der gefesselt und von Soldaten bewacht hinter ihr vorbei ging, um Claverhouse vorgestellt zu werden. Als ihre Augen sich begegneten, schien der düstere und vorwurfsvolle Blick Mortons ihr anzudeuten, daß er einen Theil ihres Gesprächs gehört und gänzlich mißverstanden habe- Dies fehlte noch, um Edithens Kummer und Bestürzung zu vollenden. Das Blut trat ihr auf die Stirn und plötzlich zum Herzen zurück, so daß sie todtenbleich dastand- Diese Veränderung entging der Aufmerksamkeit Evandale's nicht, dessen schneller Blick leicht entdeckte, daß zwischen dem Gefangenen und dem Gegenstände seiner eigenen Zuneigung eine seltsame, ungewöhnliche Verbindung obwalte. Er ließ das Fräulein los, blickte den Gefangenen noch schärfer an, sah wieder auf Edithen, und gewahrte deutlich die Bestürzung, die sie nicht länger verbergen konnte. „Das ist, glaub' ich, der junge Mann, der beim Vogelschießen den Preis gewonnen," sagte er nach einem Augenblicke düstern Schweigens. „Ich weiß es nicht gewiß," stammelte Ediths, — „aber — nein, ich glaube nicht" — sagte sie, ohne zu wissen, was sie sprach. „Er ist es," sagte Evendale entschieden. „Ich kenne ihn genau. Ein Sieger," fügte er stolz hinzu, „sollte einer schönen Zuschauerin doch mehr Interesse einflößen." Die Schwärmer. I. 11 Er wandte sich hierauf von Edithen ab. Zu dem Tische tretend, wo Claverhouse sich niederließ, stand er in einiger Entfernung auf sein Schwert gestützt, ein stiller, aber nicht gleichgültiger Zuschauer bei dem, was vorging. Zwölftes Kapitel. O Mylord, hütet Euch vor Eifersucht! Othello. Um den tiefen Eindruck zu erklären, welchen die wenigen abgerissenen Worte aus der so eben mitgetheilten Unterredung auf den unglücklichen Gefangenen machten, ist cs nö> thig, über seinen frühern GemüthSzustand und über den Ursprung seiner Bekanntschaft mit Ediths Einiges mitzutheilen. Heinrich Morton war einer von jenen reichbegabten Menschen, welche herrliche, sich selbst unbewußte Anlagen besitzen. Er hatte von seinem Vater einen unerschütterlichen Muth und einen entschiedenen, unversöhnlichen Abscheu gegen Unterdrückung sowohl in politischer als religiöser Beziehung geerbt. Aber seine Begeisterung war unbefleckt von Fanatismus und rein von der mürrischen Strenge puritanischen Sektengeistes. Hiervon war er frei geblieben, und zwar theils durch die Thätigkeit seines eigenen trefflichen Verstandes, theils durch seine häufigen und langen Besuche bei Major Bellenden, wo er Gelegenheit hatte, viele Gäste kennen zu lernen, durch deren Unterhaltung er belehrt wurde, daß Güte und Menschenwerth sich nicht an eine bestimmte Religions- Meinung binden. Der Geiz seines Oheims war seiner Entwickelung vielfach hinderlich; aber er hatte jede Gelegenheit, die sich ihm darbot, so gut benutzt, daß sowohl Lehrer als Freunde über seine Fortschritte unter so ungünstigen Umständen erstaunten. Die freie Geistesregsamkeit war aber immer noch gefesselt durch das Bewußtsein seiner Abhängigkeit und Armuth, besonders aber durch seine lückenhafte und beschränkte Erziehung. Diese Gefühle bewirkten, daß in ihm ein Mißtrauen und eine Zurückhaltung waren, welche Jedem, außer seinen vertrautesten Freunden, den Umfang seiner Talente und seine Charakterfestigkeit verbargen. Die Zeitverhältniffe gaben jener Zurückhaltung das Ansehen von Unschlüsssgkeit und Indifferenz; denn da er keiner der Parteien huldigte, hielt man ihn für stumpfsinnig, und unempfindlich für Religion und Vaterlandsliebe. Keine Folgerung aber hätte ungerechter sein können, und die Neutralität, die er bis jetzt behauptet, hatte ihren festen Grund in ganz andern und gewiß löblichen Motiven. Er hatte mit Einigen der Verfolgten eine genauere Verbindung angeknüpft, und fühlte gar wohl das Abstoßende in ihrem engherzigen und selbstischen Parteigeist, in ihrem lodernden Fanatismus, in ihrer abscheulichen Verdammung schöner Wissenschaften oder unschuldiger Leibesübungen, und in dem giftigen Groll ihrer politischen Ansichten. Aber sein Ge- müth war noch mehr empört über das tyrannische Unter- drückungsspstem der Regierung, über die Unordnung, Zügellosigkeit und Rohheit des Kriegsvolks, über die Hinrichtungen auf dem Schaffst, über die Metzeleien auf offenem Felde, die gewaltsamen Einquartierungen und Erpressungen, wobei Leben und Eigenthum eines freien Volkes beeinträchtigt wurden, gleichsam als bestehe es aus asiatischen Sclaven- Jede Partei also wegen ihrer Ausschweifungen verdammend, des Anblicks von Nebeln satt, die er nicht lindern konnte, abwechselnd Klagen und Jauchzen vernehmend, ohne weder in jene noch in dieses einstimmen zu können, würde er ohne 164 seine Neigung für Editha Bellenden langst Schottland verlassen haben- Das frühere Zusammentreffen der jungen Leute hatte zu Charnwood stattgefundcn, wo Major Bellenden, der bei solchen Gelegenheiten eben so wenig als Onkel Tob- in Tristram Shandy mißtrauisch war, sie ermunterte, einander Gesellschaft zu leisten, ohne über die natürlichen Folgen die geringste Be- sorgniß zu hegen. Als Editha Bellenden in ihrer Großmutter Schloß zurückgekehrt war, war es ganz erstaunlich, durch welche sonderbare und wiederkehrenden Zufälle sie immer dem jungen Morton auf ihren einsamen Spaziergängen begegnete, besonders wenn man die Entfernung bedenkt, in welcher ihre beiderseitigen Wohnungen von einander lagen. Noch auffallender aber ist es, daß sie niemals ihr Erstaunen über dieses häufige Zusammentreffen äußerten, daß ihr Umgang allmälig einen zarten Charakter annahm, und ihre Zusammenkünfte den Anschein von Verabredungen trugen. Bücher, Zeichnungen, Briefe wurden getauscht, und jeder unbedeutende Auftrag gab zu einem neuen Briefwechsel Veranlassung. Zwar ward Liebe nicht bei ihnen mit Namen genannt, aber Jedes kannte seines Herzens Regung, und ahnte, was in dem Busen des Andern vorging. Unfähig, einen Umgang abzubrechen, der für Beide so viel Reiz hatte, und dennoch vor den nur zu wahrscheinlichen Folgen zitternd, hatten sie ihn ohne besondere Erklärung bis jetzt fortgesetzt, wo nun das Schicksal die Lösung in seine eigenen Hände genommen zu haben schien Es war eine nothwendige Folge dieser Lage der Dinge und des Mißtrauens, welches Morton zu dieser Zeit gegen sich selbst fühlte, daß sein Vertrauen auf Editha's Gegenliebe oft erschüttert ward- Ihre Lage war so viel glänzender als die seinige, 165 ihr Wcrth so hervorstechend, ihr Aeußeres so reizend ihr Betragen so bezaubernd, daß er nicht umhin konnte zu fürchten, es möchte zwischen ihn und den Gegenstand seiner Neigung ein Nebenbuhler treten, der vom Glücke mehr begünstigt als er selbst, und Editha's Familie angenehmer wäre. Ein allgemein verbreitetes Gerücht stellte ihm diesen Nebenbuhler in Lord Evandale entgegen, den Geburt, Vermögen, Verbindungen und politische Grundsätze, so wie seine häufigen Besuche zu Tillietudlem und der Umstand, daß er beide Damen an alle öffentlichen Orte begleitete, natürlich als einen Bewerber um ihre Gunst bezeichneten- So traf es sich oft und unvermeidlich, daß manche Lustbarkeiten, an denen der Lord Theil nahm, die Zusammenkünfte der Liebenden störten, und Heinrich bemerkte nur zu deutlich, daß Edith« entweder absichtlich vermied, von dem jungen Edelmann zu sprechen, oder dies nur mit sichtlicher Zurückhaltung und Verlegenheit that. Diese Anzeichen, welche in der That nur in den zarten Gefühlen für Morton ihren Grund hatten, wurden von seinem Mißtrauen falsch gedeutet, und die Eifersucht, die sie in ihm erweckten, wurde durch einige Bemerkungen von Jenny Dennison noch verstärkt. Diese treubewährte Zofe war eine ganz vollständige ländliche Kokette, und wenn es ihr an Gelegenheit fehlte, ihre eigenen Liebhaber zu necken, so suchte sie gern eine Gelegenheit auf, die ihres Fräuleins zu plagen. Dies that sie nicht etwa aus Abneigung gegen Heinrich Morton, der sowohl um ihres Fräuleins willen, als seiner eigenen Schönheit wegen, hoch in ihrer Gunst stand. Aber Lord Evandale war auch schön. Er war viel freigebiger, als es Morton sein konnte, und noch überdies ein Lord; und wenn Fräulein Bellenden seine Hand annehmen wollte, ward sie 166 eine Freifrau, und was noch mehr war, die kleine Jenny Dennison, welche von der furchtbaren Haushälterin zu Tillie- tudlem nach Belieben auSgezankt ward, wurde dann der Lady Evandale Kammerfrau oder gar Ehrenfräulein der gnädigen Frau. Jenny Dcnnisons Unparteilichkeit ging nicht so weit, daß sie wie Frau Hurtig in den lustigen Weibern von Windsor hätte wünschen sollen, daß beide Bewerber ihre junge Lady heirathen könnten; denn man muß gestehen, daß die Wagschale ihrer Achtung zu Gunsten Lord Evandale's sank, und ihre Wünsche für ihn äußerten sich oft auf eine für Morton höchst qualvolle Weise. Bald warnte sie ihn freundschaftlich, bald scherzte sie muthwillig darüber; immer aber hatte sie die Absicht, den Gedanken zu bestätigen, daß sein romantisches Verhältnis« mit ihrer jungen Gebieterin über kurz oder lang ein Ende nehmen müsse, und daß Editha Bellenden trotz aller Spaziergänge, trotz des Austausches von Versen, Zeichnungen und Büchern, am Ende doch noch Lady Evandale werden müsse. Diese Winke trafen so genau mit seinem Argwohn und seinen Befürchtungen zusammen, daß Morton sehr bald jene Eifersucht empfand, welche jeder wahrhaft Liebende empfindet, der aber diejenigen am meisten ausgesetzt sind, deren Liebe die Billigung der Freunde fehlt, oder denen sich sonst ein mißgünstiges Geschick entgegenstcllt. Editha selbst trug unwillkürlich in ihrer edelmüthigen Offenherzigkeit zu dem Jrrthum bei, in den ihr Geliebter zu fallen im Begriffe stand. Ihre Unterhaltung lenkte sich einst auf die Ausschweifungen, welche die Soldaten kürzlich begangen hatten, deren Anführer, wie man mit Unrecht behauptet, Lord Evandale gewesen sein sollte. Editha, so treu in der Liebe wie in der Freundschaft, fühlte sich über de» strengen Tadel verletzt, den Morton bei dieser Gelegenheit äußerte, und den vielleicht die Eifersucht noch einigermaßen schärfte. Sie vertheidigte Lord Evandale mit einem Feuer, das Morton bis in die innerste Seele verwundete, was Jenny Dennison, die gewöhnliche Begleiterin auf ihren Spaziergängen, nicht wenig ergötzte. Editha bemerkte ihren Jrrthum, und wollte ihn verbessern ; aber der Eindruck war nicht so leicht verwischt, und trug nicht wenig dazu bei, in ihrem Freunde den Entschluß, die Heimath zu verlassen, zur Reife zu bringen. Der Besuch, welchen er von Editha im Gefängniß empfing, die tiefe und innige Theilnahme, welche sie für sein Schicksal an den Tag legte, hätten freilich seinen Argwohn zerstreuen sollen; aber erfinderisch im Selbstquälen, redete er sich ein, auch dies könne ja wohl auf Rechnung ihrer alten Freundschaft oder höchstens einer fluchtigen Neigung geschrieben werden, welche bald den Umständen, den Bitten ihrer Freunde, dem Ansehen der Lady Margaretha, und endlich den Bewerbungen Lord Evandale'S weichen würde- „Und was ist Schuld," sagte er, „daß ich nicht aufstehen kann, wie ein Mann, um meine Ansprüche auf sie geltend zu machen, ehe ich darum betrogen werde? — Was anders, als diese fluchwürdige Tyrannei, welche zu gleicher Zeit Leib und Seele, Gut und Wille zerstört? Und einem dieser besoldeten Gurgelabschneider der drückenden Zwingherrschaft soll ich meine Ansprüche auf Editha Bellenden abtreten? — Beim Himmel, nein! — Eine gerechte Strafe ist es für mich, der ich taub war gegen das allgemeine Elend, daß ich nun mit solchen Beleidigungen heimgcsucht werde, die ich am wenigsten dulden und ertragen kann." Als diese heftigen Empfindungen in seinem Busen brausten, und er die manchfachcn Beleidigungen und Kränkungen erwog, welche er in seiner eigenen Sache und in der seines 168 Vaterlandes erduldet hatte, trat Bothwell in den Thurm, von zwei Dragonern begleitet, von denen der Eine Handschellen trug. „Ihr müßt mir folgen, junger Mann," sprach er; „aber erst muffen wir Euch anputzen." „Anputzen?" fragte Morton. „Was meint Ihr damit?" „Ei, wir muffen Euch diese harten Armbänder anlegen. Ich darf nicht — nein verdammt! — ich darf schon Manches; aber nicht um dreistündige Plünderung einer erstürmten Stadt macht' ich einen Whig ungcfeffelt vor meinen Obersten bringen. Kommt, kommt, junger Mann, und seht mir nicht so finster drein." Er schickte fich an, ihm die Eisen anzulegen; aber Morton ergriff den eichenen Stuhl und drohte, dem Ersten, der fich ihm nähern würde, das Gehirn einzuschlagen. „Ich könnte Euch wohl im Augenblick bändigen, mein Junker," sagte Bothwell; „aber es wäre mir lieber, wenn Ihr ruhig die Segel streichen wolltet." Hier sprach er in der That die Wahrheit; denn er empfand nicht etwa Furcht oder Widerwillen gegen gewaltsame Maßregeln, sondern er scheute die Folgen eines geräuschvollen Streites, wodurch es wahrscheinlich an den Tag gekommen wäre, daß er, ausdrücklichem Befehle zuwider, seinen Gefangenen die ganze Nacht ohne Eisen gelassen. „Ihr thätet besser, Vernunft anzunehmen," fuhr er in einem Tone fort, der besänftigend sein sollte, „und Euch nicht selbst das Spiel zu verderben. Man sagt hier im Schlosse, daß der Ladp Margaretha Nichte sich in Kurzem mit unferm jungen Capitain, dem Lord Evandale, verheirathen werde. Ich sah sie Beide in der Halle zusammen stehn, und hörte, wie sie ihn bat, daß er sich für Euch verwenden solle. Sie sah ihm so verteufelt schön und freundlich in's Auge, daß, mein Seel' — Aber was zum Henker ist Euch denn? — Ihr seid ja bleich wie ein Laken. — Wollt Ihr etwas Branntwein?" »Miß Bellenden erbat mein Leben von Lord Evandale?" fragte der Gefangene mit schwacher Stimme. „Ja, ja, die Weiber sind die besten Freunde — die gelten Alles bei Hof und im Felde. — Nun, jetzt seid Ihr vernünftig. Ich dachte gleich, daß ich Euch herumbringen würde." Hiermit legte er ihm selbst die Fesseln an, und Morton, durch jene Nachricht wie vom Donner gerührt, leistete nicht den geringsten Widerstand. »Mein Leben von ihm erbettelt, und durch sie! — ja, ja — legt die Fesseln an — meine Glieder werden sich gegen die Qual nicht sträuben, die mir in die tiefste Seele gedrungen ist. — Mein Leben von Evandale erbettelt, und — durch Editha!" „Ja, der kann's auch gewähren," sagte Bothwell; — „er vermag bei dem Obersten mehr als irgend ein Anderer im Regimente." Mit diesen Worten führte er und seine Leute den Gefangenen in die Halle. Indem sie hinter Edithens Stuhl vorbei- gingcn, vernahm der unglückliche Gefangene genug von den abgerissenen Worten, die zwischen Editha und Lord Evandale gewechselt wurden, um Alles, was ihm Bothwell gesagt, bestätigt zu finden. Dieser Augenblick brachte eine plötzliche Veränderung in seinem Charakter hervor. Die bodenlose Verzweiflung, zu der seine Liebe und sein Geschick gebracht ward, die Gefahr, in welcher sein Leben zu sein schien, Edithens Sinnesänderung, ihre Verwendung für ihn, welche ihren Wankelmuth noch schmerzlicher machte, — dies Alles schien jedes Gefühl zu zerstören, dem er bis jetzt gelebt hatte, und erweckte zugleich diejenigen Empfindungen, die bisher durch 17V sanftere, obgleich selbstsüchtigere Regungen in den Hintergrund getreten waren. An sich selbst verzweifelnd, entschloß er sich, die Rechte seines Vaterlandes, die in seiner Person verletzt waren, zu vertreten und zu unterstützen. Sein Gemüth war in diesem Augenblicke gerade so verwandelt, wie das Aeußere einer Billa, die, lange ein Sitz der Ruhe und häuslichen Glückes, plötzlich durch das Eindringen bewaffneter Macht in einen furchtbaren Vertheidigungsposten umgewandelt wird. Wir haben bereits erwähnt, daß er auf Edith« einen Blick warf, aus welchem Vorwurf und Schmerz zugleich sprachen. Es war, als wollte er ihr ein einziges Lebewohl sagen. Hierauf ging er festen Schrittes auf den Tisch zu, an welchem der Oberst Grahame saß. »Mit welchem Rechte," sagte er fest und ohne eine Frage abzuwarten — „Mit welchem Rechte haben diese Soldaten mich meiner Familie entrissen, und einen freien Mann in Fesseln geschlagen?" „Auf meinen Befehl!" antwortete Claverhoufe, „und jetzt beseht' ich Euch zu schweigen, und auf meine Fragen zu hören." „Ich will nicht," antwortete Morton in einem entschiedenen Tone, während seine Kühnheit alle Umstehenden zu elek- trisiren schien. „Ich will wissen, ob ich in gesetzmäßigem Verhaft bin, und vor einer bürgerlichen Obrigkeit stehe, ehe der Freiheitsbrief meines Vaterlandes in einer Person verletzt werden soll." „Auf meine Ehre, ein schöner Springinsfeld!" sagte Cla- verhouse. „Seid Ihr toll?" sagte Major Bellenden zu seinem jungen Freunde. „Um Gotteswillen, Heinrich Morton," fuhr er halb tadelnd, halb bittend fort, „bedenkt doch, daß Ihr mit einem Oberoffizier des Königs sprecht!" 171 „Eben darum, Sir," entgegnete Heinrich fest, „eben darum wünsche ich zu wissen, welches Recht ihm zusteht, mich ohne gesetzlichen Verhaftsbesehl festzuhalten. Wäre er ein Civilbe- amtcr, so wüßte ich, daß Unterwerfung meine Pflicht sei." »Euer Freund hier," sagte Claverhouse kalt zu dem Veteranen, „gehört zu jenen bedenklichen Herren, die, wie der Narr in der Comödie, ihr Halstuch nicht umbinden wollen ohne Befehl des Herrn Friedensrichters Ovcrdo; aber ehe wir uns trennen, will ich ihm zeigen, daß mein Achselband ein eben so gesetzliches Zeichen ist, als der Stab des Friedensrichters. Also, ohne Umschweife, sagt mir gefälligst, junger Mann, wann Ihr Balfour von Burley gesehen." „Da Ihr, so viel ich weiß, kein Recht habt zu fragen, so bin ich nicht geneigt zu antworten." „Ihr habt doch meinem Sergeanten mitgetheilt, daß Ihr ihn gesehen und bewirthet, obgleich Ihr wußtet, daß er ein geächteter Verräther ist. Warum seid Ihr nicht auch gegen mich so offen?" „Weil ich vermuthe," entgegnete der Gefangene, „daß Ihr durch Eure Erziehung die Rechte kennen gelernt, die Ihr jetzt mit Füßen zu treten geneigt seid, und weil ich Euch zeigen will, daß cs noch Schotten gibt, welche Schottlands Freiheit zu behaupten wissen." „Und diese vermeintlichen Rechte wollt Ihr vermuthlich mit Eurem Schwert vertheidigen?" fragte Obrist Grahame. „War' ich bewaffnet wie Ihr, und wir stünden allein auf den Bergen draußen — Ihr solltet diese Frage nicht zwei Mal an mich richten." „Genug," antwortete Claverhouse gelassen, „Eure Sprache stimmt völlig mit dem überein, was ich von Euch gehört habe; aber Ihr seid der Sohn eines Kriegers, wenn auch eines rebellischen, und sollt nicht sterben wie ein Hund; diese Schmach will ich Euch sparen." „Wie ich auch sterben mag," crwiederte Morton; „ich werde wie der Sohn eines Biedermannes sterben; und die Schmach, von der Ihr redet, wird auf die fallen, welche unschuldig Blut vergießen." „Nun, so schließt Eure Rechnung mit dem Himmel binnen fünf Minuten. — Bothwell, führt ihn in den Hof; Eure Leute sollen sich bereit halten." Diese schreckliche Unterredung und ihr Ausgang hatte allen Anwesenden ein stummes Entsetzen eingeflößt. Bald aber brachen sie in Geschrei und Klagen aus. Die alte Lady, welche, trotz aller Vorurtheile ihres Standes und ihrer Partei, die Gefühle ihres Geschlechts nicht abgelegt hatte, erhob eine laute Fürbitte. „Ach, Obrist Grahame," rief sie, „schont sein junges Blut! Ueberlaßt ihn dem Gesetze — aber vergeltet nicht meine Gastfreundschaft damit, daß Ihr Menschenblut auf meiner Schwelle vergießet." „Obrist Grahame," sagte Major Bellenden, „Ihr werdet diese Gewaltthat verantworten müssen. Glaubt nicht, weil ich so alt und kraftlos bin, daß ich ungestraft den Sohn meines Freundes vor meinen Augen hinmorden lasse. Ich kann Freunde finden, die Euch dafür zur Rechenschaft ziehen " „Seid ganz ruhig, Major Bellenden; ich werde es verantworten," entgegnete Claverhouse ohne die mindeste Bewegung, „und Ihr, gnädige Frau, erspart mir die Unannehmlichkeit, diese dringende Verwendung für einen Verräther unbeachtet zu lassen, und bedenkt das edle Blut Eures Hauses, das durch solche Menschen, wie er, geflossen ist." „Obrist Grahame," crwiederte die Lady vor Angst zitternd, „ich überlasse die Rache Gott, die er sein nennt. Das vergossene Blut dieses jungen Mannes wird die, so mir theuer waren, nicht wieder in'S Leben rufen- Und wie kann mich der Gedanke trösten, daß es noch eine andere Mutter gibt, kinderlos gleich mir, in Folge einer blutigen That, die an meiner Schwelle verübt wurde?" „Das ist reine Tollheit!" rief Claverhouse. „Ich muß meine Pflicht erfüllen gegen Kirche und Staat. Ganz in der Nähe stehen tausend Schurken in offener Rebellion, und Ihr begehrt, daß ich einen jungen Schwärmer begnadige, der allein hinreicht, ein ganzes Königreich in Flammen zu setzen? — Es kann nicht sein — führt ihn weg, Bothwell." Sie, die bei dieser furchtbaren Entscheidung am meisten betheiligt war, hatte zwei Mal zu sprechen versucht, aber ihre Stimme versagte ihr gänzlich. Ihre Seele konnte keine Worte finden; ihre Zunge keine aussprechcn. Jetzt sprang sie auf, und suchte vorwärts zu eilen; aber ihre Kräfte verließen sie, und sie wäre der Länge nach hingestürzt, wenn sie von ihrer Dienerin nicht aufgefangen worden wäre. „Hülfe!" schrie Jenny — „Hülfe, um Gotteswillen! Mein Fräulein stirbt!" ' Bei diesem Aufruf schritt Evandale vor, der während der ganzen Scene regungslos aus sein Schwert gelehnt dagestanden hatte, und sagte zu seinem Befehlshaber: „Obrist Gra- hame, wollt Ihr mir nicht ein Wort im Geheim gönnen, ehe Ihr weiter in der Sache geht?" Claverhouse sah ihn erstaunt an, stand aber sogleich auf, und zog sich mit dem jungen Edelmann in eine entfernte Nische zurück, wo folgendes kurze Gespräch zwischen ihnen gehalten wurde: „Ich brauche Euch wohl nicht zu erinnern, Obrist, daß das Ansehen unserer Familie Euch im vorigen Jahre in der Angelegenheit vor dem Staatsrathe gute Dienste geleistet, und daß Ihr glaubtet, uns einigermaßen verbindlich zu sein " „Gewiß, mein thcurer Evandaleantwortete Claver- -ouscz „ich bin nicht der Mann, der solche Schulden vergißt. Ich werdet mich erfreuen, wenn Ihr mir sagt, wie ich meine Dankbarkeit bezeugen kann." „Die Schuld sei vernichtet, wenn Ihr dieses jungen Mannes Leben schont," sagte Lord Evandale. „Evandale," erwiederte Grahame höchst überrascht, „Ihr seid toll — rein toll! Was kan» Euch an der Brut des alten Rundkopfs liegen? — Sein Vater mar der gefährlichste Mann in ganz Schottland, kalt, entschlossen, kriegslustig und unbeugsam in seinen fluchwürdigen Grundsätzen. Der Sohn scheint sein vollkommenes Ebenbild. Ihr begreift nicht, welch' Unheil er anrichten kann. Ich kenne die Menschen, Evandale — wäre er ein unbedeutender, schwärmerischer Bauerntölpel, glaubt Ihr, daß ich dann der Lady und ihrer Familie eine solche Kleinigkeit, wie sein Leben, abgeschlagen haben würde? Aber der Bursche hat Feuer, Eifer und Bildung, und jene Buben brauchen nur einen solchen, der ihre blinde, schwärmerische Kühnheit leitet. Ich erwähne dieß nicht, um Eure Bitte abzuschlagen, sondern um Euch auf die etwaigen Folgen aufmerksam zu machen, — ich werde nie mein Wort zu umgehen suchen, oder cs vermeiden, eine Gefälligkeit zu erwiedern — wenn Ihr sein Leben begehrt, soll er's behalten." „Haltet ihn in enger Haft," antwortete Evandale, „aber wundert Euch nicht, wenn ich auf der Bitte beharre, ihn nicht tödten zu lassen- Ich habe die triftigsten Gründe dazu." „So sei's denn'" erwiederte Grahame-, — „aber junger Mann, solltet Ihr in der Zukunft wünschen, in dem Dienste 175 Eures Königs und Vaterlandes zu steigen, so sei es Eure erste Sorge, alle Eure Leidenschaften, Neigungen und Gefühle dem allgemeinen Wohle und der Erfüllung Eurer Pflicht aufzuopfern. Das find keine Zeiten, wo man dem Geschwätz der Graubärte, oder den Thränen alberner Weiber heilsame strenge Maßregeln opfert, welche zu ergreifen uns manchfache Gefahr antreibt. Und bedenkt, daß wen» ich auch in Rücksicht auf Euren dringenden Wunsch Euch in diesem Pnnkte nachgcbe, meine jetzige Gefälligkeit mich von künftigen Gesuchen ähnlicher Art befreien muß " Mit diesen Worten trat er an den Tisch, und heftete seine Augen fest aus Morton, als ob er beobachten wolle, welche Wirkung die Pause eines schrecklichen Schwankens zwischen Tod und Leben, das alle Umstehenden mit Schauer und Entsetzen erfüllte, auf den Gefangenen selbst hervorgebracht. Morton behauptete eine Standhaftigkeit, welche nur ein Gemüth, das auf Erden nichts mehr zu lieben oder zu hoffen hat, in einem solchen Augenblicke zeigen kann. „Seht Ihr ihn?" sagte Clavcrhouse halb leise zu Evan- dale; „er schwankt auf der Grcnzscheide zwischen Zeit und Ewigkeit, in einer Lage, die gräßlicher ist, als die schrecklichste Gewißheit, und doch ist seine Wange allein nicht erbleicht, sein Auge das einzig ruhige, sein Herz allein das feste, seine Nerven die einzigen, die nicht beben. Betrachtet ihn genau, Evan- dale. — Wenn dieser Mensch einst an der Spitze eines Re- bellcnheeres steht, seid Ihr schwer verantwortlich für das heutige Morgenwerk." Darauf sprach er laut: „Junger Mann, auf die Fürbitte Eurer Freunde seid Ihr für den Augenblick gerettet. - Bringt ihn fort, Bothwell, laßt ihn gehörig bewachen, und mit den andern Gefangenen weiter schaffen." „Wenn mein Leben," sagte Morton, durch den Gedanken 176 verletzt, daß er seine Rettung der Verwendung seines glücklichen Nebenbuhlers zu verdanken habe, „wenn mein Leben auf Lord Evandale's Bitten gewährt ist — —" „Schafft den Gefangenen fort, Bothwell," sagte Obrist Grahame ihn unterbrechend, „ich habe weder Zeit, empfindsame Reden zu halten noch zu beantworten." Bothwell zog Morton mit Gewalt fort, und sagte, als er ihn in den Hofraum führte: „Habt Ihr drei Leben in der Tasche, außer dem in Eurem Leibe, Junker, daß Ihr mit ihnen Eure Zunge fortlaufen laßt? Kommt, kommt; ich will sorgen, daß Ihr dem Obristen nicht in den Weg lauft; denn wahrhaftig ! Ihr würdet nicht fünf Minuten bei ihm sein, so hieß es schon: „An den nächsten Baum, in den nächsten Graben!" So kommt zu Euren Mitgefangenen!" Mit diesen Worten zog der Sergeant, dem es nicht an Mitgefühl für einen hübschen jungen Mann gebrach, Morton in den Hof, wo drei andere Gefangene (zwei Männer und ein Weib), welche Lord Evandale aufgegriffen, von einigen Dragonern bewacht, warteten. Inzwischen nahm Claverhouse Abschied von Lady Margaretha. Aber cs fiel der guten Dame schwer, ihm die Vernachlässigung ihrer Bitte zu verzeihen. „Ich habe bis jetzt geglaubt," sagte sie, „daß Tillietudlem Jedem, der in Lebensgefahr ist, eine sichere Zufluchtsstätte biete, selbst wenn er auch noch so sehr den Tod verdient hätte — aber ich sehe, alte Früchte munden nicht — unsere Leiden und Verdienste sind schon alt." „Ich versichere Euch, gnädige Frau, daß ich sie nie vergessen werde," sagte Claverhouse- „Nur die heilige Pflicht konnte mich abhalten, Euch und dem Major eine Bitte abzu- schlägen. Kommt, theure Lady, laßt mich hören, daß Ihr 177 mir verzeiht, und wenn ich heute Abend zurückkehre, bring' ich Euch zweihundert Whigs mit, und begnadige fünfzig derselben um Euretwillen." „Es soll mich freuen, von Eurem Erfolg zu hören, Obrist," sagte Major Bellenden; „aber nehmt den Rath eines alten Kriegers an, und schont Blut, wenn der Kampf vorüber ist, und laßt mich noch ein Mal Bürgschaft leisten für den jungen Morton." „Das soll sich finden, wenn ich zurückkehre," sagte Claver- house- »Bis dahin seid überzeugt, daß ihm kein Leids geschieht." Während dieses Gesprächs hatte sich Evandale ängstlich nach Edith« umgesehen; aber Jenny Dennison hatte ihr Fräulein vorsichtig auf ihr Zimmer bringen lassen. Langsam und zögernd gehorchte er Claverhouse's Aufforderungen, welcher, nach einem höflichen Abschiede von der Lady und dem Major, in den Hof geeilt war. Die Gefangenen waren bereits mit ihrer Wache aufgebrochen, und die Offiziere und ihre Eskorte saßen auf und folgten. Alle eilten das Hauptcorps einzuholen; denn man glaubte in etwa zwei Stunden dem Feinde gegenüber zu stehen. Die Schwärmer. I. 12 Dreizehntes Kapitel. Nennt, meine Hunde, herrenlos! Fliegt, meine Fnlken, hin und her! Mein Lehnsherr nehme mir mein Land, Den» nie kehr' ich zur Heimath mehr! Alte Ballade. Wir verließen Morton, als er nebst dreien Mitgefangenen unter der Bedeckung eines Reiterhausens fortzog, der den Nachtrab der Colonne unter Clavcrhouse bildete, und unter dem unmittelbaren Befehle des Sergeanten Bothwell stand. Ihr Weg ging nach den Bergen, wo die aufrührerischen Presbyterianer unter Waffen sein sollten. Kaum hatten sie eine Viertelmeile zurückgelegt, als Clavcrhouse und Evandale, von ihren Ordonnanzen gefolgt, vorübersprengten, um ihre Stelle in der vorausmarschirenden Colonne cinzunehmen. Sie waren kaum vorüber, als Bothwell seinen Trupp halten, und Morton die Fesseln abnehmen ließ. „Königsblut muß Wort halten," sagte der Dragoner. „Ich versprach Euch höflich zu behandeln, so weit es von mir abhängt. — Hier, Corpora! JngliS, laßt diesen Herrn an der Seite des andern jungen Gefangenen reiten. Ihr könnt ihnen -H»- 179 erlauben, sich leise mit einander zu unterhalten; aber sorgt dafür, daß sie durch zwei Glieder mit geladenen Karabinern bewacht werden. Wenn sie einen Versuch zur Flucht machen, schießt sie nieder. — Ihr könnt das nicht unhöflich nennen," fuhr er zu Morton gewendet fort, „Ihr wißt, das ist Kriegsgebrauch. — Und, JngliS, koppelt mir auch den Pfarrer und das alte Weib zusammen; 's ist die passendste Gesellschaft, hol' mich der Teufel! Ein einzig Glied ist hinlänglich, sie zu bewachen. Schwatzen sie nur ein Wort von ihrem fanatischen Unfinn, so tränkt's ihnen mit der Degenkoppel ein- Ein stiller Pfaff' muß leicht bersten, und wenn er seiner Galle nicht Luft machen kann, krepirt er." Nach diesen Befehlen stellte sich Bothwell an die Spitze seiner Schaar, und JngliS bildete mit sechs Dragonern die Nachhut. Sie setzten sich hierauf in Trab, um das Regiment einzuholen. Morton, von einer Menge verwirrter Gefühle bestürmt, war gegen die verschiedenen Anordnungen, die zu seiner Bewachung getroffen wurden, und selbst gegen die Befreiung von den Fesseln, ganz gleichgültig. Es war jene Oede und Leere des Herzens in ihn eingezogen, welche auf den Sturm der Leidenschaft folgt, und seine Brust war nicht mehr von dem Stolze und sich selbstbewußtem Rechte geschwellt. Mit tiefem Unmuthe betrachtete er die Gegenden, durch welche er reiste, und wo jede Wendung ihn an ein entschwundenes Glück, an getäuschte Liebe erinnerte- Von der Höhe, welche sie jetzt hinan geritten waren, pflegte er, wenn er kam oder schied, den ersten und letzten Blick nach dem Schlosse zu richten, und es ist unnöthig, hinzuzufügen, daß er gewöhnlich hier verweilte, und mit dem Entzücken eines Liebenden nach jenen Mauern hinabsah, welche in einiger Entfernung aus 12 " 180 dem Walde hervortauchten, und Diejenige umschlossen, welche er bald zu sehen hoffte, oder die er so eben verlassen hatte. Unwillkürlich wendete er sich um, den letzten Blick auf einen so theuern Ort zu werfen, und eben so unwillkürlich seufzte er tief auf. Dieser Seufzer ward von einem seiner Unglücksgefährten beantwortet, dessen Blick vielleicht aus ähnlichem Grunde dieselbe Richtung genommen. Dies Zeichen des Mitgefühls ward freilich mehr auf rohe, denn auf empfindsame Weise geäußert, dennoch war's der Ausdruck eines betrübten Gemüthes, und stimmte in so weit mit Mortons Seufzer überein. Beide Blicke begegneten sich, als sie den Kopf umwendeten, und Morton erkannte Cuddie Headriggs einfältiges Gesicht, dessen klägliche Miene Kummer über sein eigenes Loos, und Theil- nahme an der Lage seines Gefährten an den Tag legte. „Ach," sagte der ehemalige Ackerknecht des Guts Tillictud- lem, „es ist traurig, daß ehrliche Leute durch's Land geschleppt werden, wie Wunderthiere." „Es thut mir leid, Euch hier zu sehen, Cuddie," sagte Morton, der in seinem eigenen Schmerz das Mitgefühl für Andere nicht vergessen hatte. „Mir thut's auch leid, Herr Heinrich," antwortete Cuddie, „um mich und um Euch. Aber wahrhaftig, der Kummer wird uns wenig nützen. Freilich," fuhr er fort, und schien sein Herz durch Sprechen zu erleichtern, obgleich er wußte, daß dies wenig verfangen würde, „freilich Hab' ich, was mich betrifft, gar kein Recht hier zu sein; denn ich habe nichts gethan und nichts gesprochen gegen einen König, oder gegen einen Pfarrer; aber meine Mutter, das arme Weib, konnte das Maul nicht halten, und da müssen wir's Beide ausbaden, wie's scheint." „Eure Mutter ist auch gefangen?" sagte Morton, der kaum wußte, was er sprach. 181 „Freilich, und hinter Euch reitet sie, wie eine Braut, mit dem alten Flegel von Pfaffen, dem Gabriel Pauker. Möchte er doch zum Teufel in einer Trommel oder Pauke gesteckt haben! Seht, wir waren bald in Milnwood aus dem Hause gejagt, und Euer Oheim und die Haushälterin schlugen die Thür hinter uns zu, als hätten wir das döse Uebel am Leibe; da sagt' ich zu meiner Mutter: Was ist jetzt anzufangcn? Nun wird uns im ganzen Lande gewiß jedes Loch verstopft; denn Ihr habt die alte Lady beleidigt, und dem jungen Milnwood die Soldaten auf den Hals geschafft. Drauf sagte sie: Sei nicht niedergeschlagen, sondern gürte Dich zu dem großen Werk des Tages, und lege wie ein Mann Zeugniß ab auf dem Berge des Covenants." „So seid Ihr denn wahrscheinlich in ein Conventikel gegangen?" fragte Morton. „Ihr werdet's gleich hören," fuhr Cuddie fort. — „Nun, da ich nicht viel Besseres zu thun wußte, so ging ich mit ihr zu einem alten, närrischen Weib, wie sie selbst ist; da bekamen wir ein wenig Wassersuppe und Haferkuchen, und da leierten sie viel Psalmen ab, das sollt' ich auch mitmachen, und bin bald vor Hunger gestorben. Als der Morgen graute, nahmen sie mich mit zu einer großen Versammlung ihrer Leute auf Mirysikes, und dieser Bursche da, Gabriel Pauker, predigte ihnen vor, sie sollten ihr Zeugniß ablegen, und hingehen nach Namot Gilead, oder sonst wohin. Ach, Herr Heinrich, der Kerl legte Euch los! Ihr hättet ihn eine halbe Meile unter dem Wind hören können. — Er brüllte wie eine Kuh im fremden Stall. Ei, dacht' ich, hier zu Lande ist kein Ort, der Ramot Gilead heißt — 's wird wohl im westlichen Moor- lanbe sein, und sind wir dort, will ich schon sehen, wie ich mich mit meiner Mutter aus dem Staube mache; denn um 182 keinen Pauker in der ganzen Welt setz' ich meinen Hals auf's Spiel. Nun," fuhr Cuddie fort, sich durch die Erzählung seines Mißgeschicks erleichternd, ohne sich sonderlich darum zu kümmern, ob sein Gefährte der Erzählung die ihr gebührende Aufmerksamkeit schenke, „eben als mich der Schwanz der Predigt langweilte, hieß es, daß die Dragoner auf uns loskämen. — Einige liefen davon; Andere schrieen: Halt! und wieder Andere schrieen: Nieder mit den Philistern; — Ich machte mich an meine Mutter, um sie fortzubringcn, bevor die Roth- röcke kämen; aber ich hätte eben sowohl unsere Vorspann- Ochsen ohne Peitsche soribringen können — nicht einen Schritt wollte sie sich rühren. — Nun, das Thal in dem wir waren, war enge, und der Nebel war dick, die Dragoner hätten uns verfehlt, wenn wir das Maul gehalten hätten; aber, als wenn der alte Pauker nicht schon genug Lärmens verführt hätte, fingen sie Euch noch an einen Psalm abzuorgeln, daß man's bis Larrick hätte hören können. — Nun, um die Sache kurz zu machen, da kam auf einmal mein junger Lord Evandale herangesprengt, hast du nicht, sprengst du nicht, mit zwanzig Rothröcken hinterdrein. Zwei oder drei Bursche wollten fechten, Pistol und Degen in der einen, und die Bibel in der andern Hand; aber bald ward ihnen der Pelz gewaschen. Viel Schadens geschah ihnen jedoch nicht; denn Evandale rief immer, sie sollten unü zerstreuen, aber unser Leben schonen." „Und wehrtet Ihr Euch nicht?" fragte Morton, der wahrscheinlich fühlen mochte, daß er es in diesem Augenblicke um viel geringerer Ursache willen mit Lord Evandale ausgenommen haben würde. „Nein, wahrhaftig nicht," antwortete Cuddie; „ich trat vor die Alte hin, und schrie um Gnade und Barmherzigkeit; aber zwei von den Rothröcken kamen herbei, und einer wollte 183 meine Mutter mit der flachen Klinge hauen — da hielt ich ihnen meinen Knüppel vor und sagte, ich wollt' eS ihnen schon zeigen. Nun wendeten sie sich zu mir, fuhren auf mich los, und ich wehrte mich meiner Haut so gut ich konnte, bis Lord Evandale herbei kam. Da schrie ich, ich sei ein Dienstmann von Tillietudlem — Ihr wißt, man sagt, er habe ein Auge auf's junge Fräulein geworfen — der gebot mir den Prügel wegzuwerfen, und mich mit meiner Mutter gefangen zu geben. Ich denke, man hätte uns davon laufen lassen; aber der Pauker ward dicht neben uns gefangen; denn Wilsons Pferd, das er ritt, hatte früher einem Dragoner gehört, und jemehr der Pauker davon traben wollte, desto schneller lief die dumme Bestie auf die Dragoner zu, als fie dieselben aufsitzen sah. — Nun, als er und meine Mutter zusammen trafen, da ging's über die Soldaten her, und machten ihnen die Hölle heiß. Das war nun Oel in's Feuer gegossen. So führten sie uns denn alle Drei fort, um ein Erempel zu statuiren, wie sie sagten." „Ist das nicht ein schändlicher, unerträglicher Druck?" sagte Morton halb zu sich. „Da ist nun ein armer friedfertiger Knabe, der blos aus kindlicher Liebe einem Conventikel beigewohnt hat, und den haben sie gefesselt, wie einen Räuber oder Mörder, und wird auch wahrscheinlich so sterben, ohne gerichtliches Verhör, das unser Gesetz auch dem ärgsten Miffethäter gewährt. Nur Zeuge solcher Tyrannei zu sein, und noch mehr, selbst unter ihr zu leiden, ist hinreichend, das Blut des feigsten Sklaven zu empören." „Still," sagte Cuddie, der zum Theil gehört und verstanden hatte, was Morton in der Ueberwältigung seines Unwillens ausgestoßen, „es ist nicht recht, vornehmen Herrschaften Uebles nachzusagcn; das sagte auch immer meine alte Herrschaft, und dazu hatte fie doch gewiß Recht, fie war ja selbst eine 184 hohe Person; ich hörte ihr auch immer geduldig zu, denn fie ließ uns immer einen Mehlbrei geben, oder eine Kohlsuppe, oder sonst was, wenn sie uns über unsere Pflichten vorgepredigt hatte. Aber der Teufel hole den Brei und die Kohlsuppe! nicht einmal ein Glas Wasser geben uns die Herren zu Edinburg. Und doch köpfen und hängen sie uns, lassen uns von den schuftigsten Soldaten fortschleppen, und Hab und Gut nehmen, als wären wir vogelfrci. Ich kann nicht sagen, daß mir das von ihnen gefällt." „Das wäre auch sonderbar!" sagte Morton mit unterdrückter Bewegung. „Und was noch das Schlimmste ist," fuhr der arme Cud- die fort, „die großprahlerischen Rothröcke kommen unter die Dirnen, und schnappen uns die Liebsten weg. Es war mir weh um's Herz, als ich diesen Morgen durch die Felder von Tillietudlem ging, und den Rauch aus meinem eigenen Schornstein steigen sah, und wußte, es säße Jemand anders, als meine Mutter, am Kamine. Aber wahrhaftig, es war mir noch bitterer zu Muthe, als ich den verfluchten Reiter, den Tom Halliday, Jenny Dennison vor meinen Augen küssen sah. Mich wundert's, daß Weiber so unverschämt sein können; aber sie haben'S Alle auf die Rothröcke abgesehen. Ich habe oft daran gedacht, selber ein Soldat zu werden, wenn ich sah, daß ich mit Jenny nicht anders fertig werden konnte — und doch darf ich fie nicht sonderlich tadeln; denn am Ende geschaht doch nur meinetwegen, daß sie den Tom ihre Bandschleifen so zerknittern ließ." „Euretwegen?" fragte Morton, der nicht umhin konnte,' an einer Geschichte Antheil zu nehmen, welche sonderbarer Weise sehr viel Aehnlichkeit mit der seinigen hatte. „Ja, ja, Milnwood," erwiderte Cuddie; „denn so bekam 185 das arme Mädchen die Erlaudniß, mir nahe kommen zu dürfen, weil sie so schön that mit dem Lümmel — hol ihn der Teufel! — und da sagte sie denn: „geh' mit Gott!" und steckte mir Geld in die Hand; —ich glaub', eS war die Hälfte von ihrem Lohn und Trinkgeld; denn die andere Hälfte hat sie für Putz und Geflunker verzettelt, um uns beim Vogelschießen zu sehen." »Und Ihr habt es genommen, Cuddie?" fragte Morton. „Gott behüte, Milnwood; ich war so albern, es ihr wieder hintennach zu werfen — ich war voll Aerger, als der Bube sie küßte, und mit ihr schleckte. Aber ich war ein großer Narr, denn es hätte meiner Mutter und mir gut gethan, und sie wird's in lauter Geflunker und Tand vergeuden." Hier folgte eine lange tiefe Pause. Cuddie bereute cs wahrscheinlich, daß er seiner Liebsten Geschenk zurückgewiesen, und Heinrich Morton dachte über die Beweggründe und Bedingungen nach, unter welchen es Edithen gelungen sein mochte, Lord Evandale zu seiner Fürsprache zu verwenden. War cs nicht möglich, flüsterte ihm die erwachende Hoffnung zu, daß er ihren Einfluß auf Lord Evandale vorschnell und ungerecht beurtheilte? Sollte er sie so strenge tadeln, daß sie um seinetwillen in dem jungen Edelmanne Hoffnungen nährte, die zu erfüllen siekeine Absicht hatte? Oder wie, wenn sie sich gar an Lord EvandaleS bekannte Großmuth wandte, und sein Ehrgefühl aufforderte, den begünstigten Nebenbuhler zu schützen? Immer aber fielen ihm die Worte wieder ein, die er gehört, und verletzten ihn wie Natterstiche. Nichts könne sie ihm verweigern! war cs möglich, eine unumwundenere Erklärung zu geben? Die Sprache der Liebe selbst hat in den Grenzen mädchenhafter Verschämtheit keinen stärkern Ausdruck. Auf ewig ist sie nun für mich verloren, und es bleibt nichts übrig, als das Unrecht zu rächen, welches ich erduldet, und mein Vaterland noch stündlich leidet." Cuddie folgte offenbar, wenn auch minder zart, einem ähnlichen Jdeengang; denn plötzlich fragte er Morton ganz leise: „Wär's denn so übel, wenn wir uns von den Kerlen hier losmachten, wenn'S gelingt?" „Nicht im Geringsten," sagte Morton, „und wenn sich eine Gelegenheit darbietet, lass' ich sie gewiß nicht unbenutzt." „Es freut mich, daß Ihr so sprecht," antwortete Cuddie; „ich bin nur ein armer, einfältiger Bursche; aber ich kann's für kein großes Unrecht halten, uns mit Gewalt loszumachen, wenn'S möglich ist. Ich fürchte nichts, wenn Noth am Mann ist; aber die alte Lady würde sagen, das sei Widerspenstigkeit gegen die königliche Gewalt " „Jeder Gewalt auf Erden will ich mich widersctzen," sagte Morton, „die willkürlich meine verbrieften Rechte als freier Mann angreift, und ich bin entschlossen, mich nicht ungerechter Weise in ein Gefängniß oder an den Galgen schleppen zu lasten, wenn ich durch List oder Gewalt diesen Menschen entgehen kann." „So denk' ich auch; vorausgesetzt, es bietet sich die Gelegenheit dazu. Aber Ihr sprecht von verbrieften Rechten- Das sind nun Dinge, die Euch und Euresgleichen, die Edelleute, angehen; ich armer Landmann aber komme damit nicht durch." „Die verbrieften Rechte, von denen ich spreche," sagte Morton, „sind auch den geringsten Menschen in Schottland gegeben. Es ist die Freiheit von Schlägen und Banden, die Freiheit, welche, wie Ihr in der Schrift findet, vom Apostel Paulus selbst in Anspruch genommen ward, und welche jeder 187 Freigeborene vertheidigen muß, um seiner selbst und seiner Landsleute willen." „Meiner Seel'!" erwiderte Cuddie, „das hätte lange gedauert, ehe Lady Margaretha oder meine Mutter eine solche Stelle in der Bibel gefunden hätten! Die Eine brummt immer: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und die Andere ist eben so toll mit ihrer Whigerei. -Mir ging's wie ein Mühlrad im Kopf herum, als die beiden Lilien losschwatzten. Könnt' ich aber einen Herrn finden, der mich -um Diener nähme, so würde ich gewiß ein ganz anderer Kerl, und ich hoffe, Ew. Edeln werden daran denken, was ich gesagt habe, wenn wir glücklich aus diesem Haus der Knechtschaft befreit sind, und mich dann zu einem Fallet-de-Schamle —" „Valet de clmmbre?" fragte Morton; „ach, das wäre eine schlechte Beförderung, auch wenn wir uns in Freiheit befänden." „Ich weiß, was Ihr meint — Ihr denkt, weil ich vom Lande bin, würd' ich Euch Unehre bringen vor den Leuten; aber Ihr müßt wissen, ich bin nicht so vernagelt. Es ist keine Arbeit, die ich nicht leicht gelernt hätte, außer etwa Schreiben, Rechnen und Lesen. Aber im Ballspiel reicht mir keiner das Wasser, und ich kann mit dem Säbel handthieren, so gut wie Corpora! Jnglis hier. Ich wollte ihm gleich einen Wischer versetzen, so breit er auch hinter uns herreitet. — Aber Ihr wollt doch wohl nicht im Lande bleiben?" setzte er, sich selbst unterbrechend, hinzu. „Höchst wahrscheinlich nicht," antwortete Morton. „Nun, daraus mach' ich mir eben nichts. Seht, meine Mutter, die könnt' ich schon unterbringen, bei der alten Muhme Meg in Glasgow; da würde man sie vermuthlich weder als Here verbrennen, oder gar als altes Whigweib aufhängen; 188 denn der Prosoß soll recht gutmüthig sein gegen solche arme Leute. Und Ihr und ich, wir gingen dann, um unser Glück zu probiren, wie in den tollen alten Mährchen von Jock, dem Ricsentödter, und Valentin und Orson, und wir kämen zurück in's lustige Schottland, wie'S im alten Liede heißt, und ich griff wieder zur Pflugschar, und machte Furchen in den schönen Boden von Milnwood, daß cs eine Herzenslust sein sollte, ste anzusehcn." „Ich fürchte," sagte Morton, „es ist nicht sehr wahrscheinlich, mein lieber Cuddie, daß wir je zu unserer alten Beschäftigung zurückkehren." „Ei, Herr," versetzte Cuddie, „es ist immer gut, wenn man die Hoffnung nicht sinken läßt; — ein zcrbrochncs Schiff kommt auch an'S Land. — Aber was hör' ich? — Hol mich der Teufel, wenn meine Mutter nicht wieder am Predigen ist! Ich kenne schon ihren Text — er tönt wie der Wind, der durch ein leeres Zimmer peift, und der Pauker macht sich auch wieder an die Arbeit, — der Himmel erbarme sich! Wenn die Soldaten ärgerlich werden, so schlagen sie Beide todt, und uns obendrein." In der That wurde ihr ferneres Gespräch unterbrochen; denn hinter ihnen blökte es gleich einem Kalbe, und die Stimme des Predigers klang zwischen der des alten Weibes, wie das Brummen einer Baßgeige neben dem GequieS einer zerbrochenen Fiedel. Anfangs hatte das alte Leidenspaar mit einander sich begnügt in leisen Ausbrüchen des Jammers und Unwillens; aber das Gefühl des erlittenen Unrechts wurde schärfer und drückender durch gegenseitige Mittheilung, und endlich vermochten sie nicht mehr ihren Zorn zurückzuhalten. „Wehe, Webe, dreifaches Wehe über Euch, Ihr blutigen und grausamen Verfolger!" rief der ehrwürdige Gabriel Pauker. — „Wehe, dreifaches Wehe über Euch, bis zum Brechen der Siegel, bis zum Blasen der Trompeten, bis zum AuSgießen der Schalen!" »Ja, ja, der schwarze Blick treffe ihre abscheulichen Angesichter, und mögen sie draußen stehen am jüngsten Tage!" rief die alte Mause mit gellender Stimme einfallend, wie die zweite Stimme in einem Canon. »Ich sag' Euch," fuhr der Geistliche fort, „daß Euer Auf- marschiren und Reiten — Euer Wiehern und Aufbäumen — Eure blutigen, barbarischen und unmenschlichen Grausamkeiten — Euer Betäuben, Ersticken und Verführen der Gewissen armer Leute durch Eide, so die Seele verderben und sich selbst widersprechen — sind von der Erde aufgestiegen gen Himmel wie ein gräßlich-schrecklicher Ruf des Meineids, auf daß die Rache komme über" — ein heftiger Husten erstickte seine Stimme. „Und ich sage," schrie Mause in demselben Tone, und fast zu derselben Zeit, „ich sage mit diesem meinem alten Athem, und er ist mir benommen durch meine Engbrüstigkeit und diesen heftigen Ritt —" „Der Henker! ich wollte, sie müßten galoppiren," sagte Cuddie, „da würde sie doch das Maul halten." „Mit diesem alten, kurzen Athem," fuhr Mause fort, „will ich Zeugniß ablegen gegen den Abfall, die Abweichung und Abtrünnigkeit des Landes — gegen die Bedrängnisse und Ursachen des Zornes." „Still, ich bitte Dich, still, gutes Weib," sagte der Prediger, der sich eben von seinem heftigen Hustenanfall erholt hatte, und sein eigenes Anathem durch Mauses bessere Lunge zum Schweigen gebracht sah, „still, und nimm nicht das Wort aus dem Munde eines Dieners des Altars. — Ich sage, ich erhebe meine Stimme, und verkünde Euch, daß ehe das Spiel ausgespielt ist — ja, ehe noch die Sonne untergeht, sollt Ihr erfahren, daß kein verzweifelter Judas, wie Euer Prälat Sharpe, der an seinen Ort gebracht ist, daß kein Heiligthum schändender Holofernes, wie der blutdürstige Claverhvuse, daß kein ehrgeiziger Diotrephes, wie der Knabe Evandalc, noch ein habsüchtiger, weltlichgcsinnter Demas, wie der, den sie Sergeant Bothwell nennen, der jedes Weib schändet, und ihre Mehlkasten ausleert; weder Eure Karabiner, noch Eure Pistolen, weder Eure Säbel, noch Eure Pferde, Sättel, Zäume, Decken und Gurte widerstehen werden den Pfeilen, welche geschärft, und den Bogen, so gegen Euch gespannt sind!" „Nein, nimmermehr werden sie ihnen widerstehen," wiederholte Mause- — „Verworfene find sie allesammt — Besen der Verheerung, nur gut, um in's Feuer geworfen zu werden, wenn sie den Unrath aus dem Tempel gefegt — Peitschen mit kleinen Stricken, so zusammengeknotet zur Geißel Derer, welche weltlich Gut und Habe mehr lieben, als das Kreuz oder den Covenant; aber wenn das Werk vollbracht ist, dienen sie bloS zu Riemen für des Teufels Schuhe." „Gott verdamme mich," sagte Cuddie zu Morton gewendet, „wenn meine Mutter nicht so gut wie der Geistliche predigt! — 'S ist Schade, daß er so den Husten hat; denn der kommt ihm immer, wenn er gerade im Zug ist, und das lange Reden von heut Morgen ist ihm auch nicht zuträglich gewesen. — Beim Teufel ja, ich wollte, er schwatzte sie stumm; dann hätte er Alles allein zu verantworten. — Zum Glück ist der Weg holperig, und vor dem Pferdegetrappel können die Soldaten nicht Acht auf ihre Reden geben; sind wir aber 'mal auf ebenem Boden, dann werden wir andere Dinge hören " Cuddie's Vermuthungen waren nur allzu gegründet. Die Worte der Gefangenen waren übertönt worden von dem Lärm 191 der Hufschläge auf dem rauhen, steinigen Boden; aber nun kamen sie auf Moorgrund, wo das Zeugniß der zwei gefangenen Eiferer dieses rettenden Accompagnements entbehrte. Kaum hatten daher die Pferde den Haidegrund und Rasen betreten, als Gabriel Pauker wiederum seine Rede mit den Worten begonnen: „Ich erhebe meine Stimme wie ein Pelikan in der Wüste —" „Und ich," batte Mause hinzugesetzt, „wie ein Sperling auf dem Dache" —als der Corpora! von hinten rief: „Holla ho! haltet Eure Mäuler! Wenn sie Euch der Teufel nicht verklebt, komm' ich mit dem Sprungriemen!" „Ich will nicht schweigen auf Befehl des Unhciligen," sagte Gabriel. „Auch ich nicht," sagte Mause, „auf das Geheiß eines irdenen Scherben, obgleich er rothgefärbt ist, wie ein Ziegel des Thurmes zu Babylon, und sich Corpora! nennt." „Halliday," rief der Corpora!, „hast Du keinen Knebel bei der Hand? — Wir muffen ihnen die Mäuler stopfen, sonst schwatzen sie unS Alle todt." Ehe eine Antwort erfolgen, oder eine Maßregel des Cor- porals ausgeführt werden konnte, sprengte ein Dragoner an Bothwell heran, der sich weit von dem Trupp befand, welchen er befehligte. Als er die überbrachtcn Befehle vernommen, ritt er sogleich an die Spitze seiner Truppen, befahl ihre Reihen zu schließen, und still und behutsam vorwärts zu reiten, da sie bald im Angesicht des Feindes sein würden. Ende des ersten Theils. .»> ü > tör Lot! r: i ^it'^8 Ä»r jwa »LrrW«,«- ^rr r-il V« . ?»uchv„i5tz -r.-« '»st mchtz» tz!-:i!!.:>n>':!i^:^ ^'^,5 . cW ML-?g^rk»S LL7Ä^ ri" «zi75,§ MrikL rr^ s-rik s««L»' mi -^7 7 : r-luv^ Ä- , k.::7-,^-s --tt- ^ ''i7r-r«OrrÄ.i-L-^k» 'HL- :.---«»»grs -«»n^S > ' ''-- --SE 7S7 ,.-i 7?lk H «:»'. Z!<7!,. L!!^ ' ", K. E-, - . :'«7N 5»4U,:; !it> 1.».-. >»"Ätz'üH! ws: '.«'- . ,:. i ,.xx.«L" !^»;-4^,T.'-x!->,7 >.><-.':> ,'.!'«: 5!:77 ä^^kxi»«v5 , läüttrZS . ^ ->-',77 ^>7, . !!k"! ch^.. > § 7° ' . >-7r? ' !,., L! !^!!l 4 ':!/>> ' - 77> 7-. .-. 7-'^7' 17 7:77!j:§4^ , 77 >,7 " :-7 e:,e.':>'.^ -7 7 ! 7,7- L!>77:-'7 '!77-ii7 ", tz-i.?N'c'77 ,. ' .,- , 7-?. 7 V»!5 ' '.7 . . - ' ' ----,7 4-!:" ^7 77 , - 7 ^ -7"?) ^ ^'7. v<7, ,!?,,, -77 7:4777^ :,'!!> ,:>>§ ' 47 :'77 . 7 : 7. . 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Aber auch diese schwanden all- mälig, und eine weite, wüste Gegend lag vor ihnen, die zu mageren Hügeln mit dunkelm Haidekraut anschwellend, von tiefen Schluchten durchschnitten war, durch welche im Winter Waldströme sich gewaltsam Bahn brachen; im Sommer aber dienten sie kleinen Bächen zum weiten Bette, die sich träge über Steinhaufen und Kies, den Nachlaß winterlichen Wüthens, hinwegwanden. Diese öde Gegend schien sich weiter zu er- Die Schwärmer. II. ! strecken, als das Auge reichte, ohne Großartigkeit, sogar ohne die Würde gebirgiger Wildniß, dennoch durch das ungeheure Mißverhältnis ergreifend, in welchem sie mit den begünstigten Thcilen des Landes stand, die sich zum Anbau und Unterhalt des Menschen eigneten. Darum drängten sie auch dem Betrachtenden das Gefühl der Naturallmacht aus, und die Ueberzeugung, wie unzulänglich die gerühmten Verbesserungsmittel sind, welche der Mensch besitzt, wenn sie ungünstiges Klima und Erdreich besiegen sollen. Eine auffallende Wirkung solcher ausgedehnten Wüsten ist es, daß sich selbst Denen, die in großer Gesellschaft dieselben durchreisen, das Gefühl der Einsamkeit aufdrängt; so sehr wird die Einbildungskraft von dem Mißverhältniß zwischen Ler Oede rings umher, und der Zahl der Gesellschaft ergriffen, die sie durchzieht. So mögen die Glieder einer Caravane von tausend Seelen in den Wüsten Afrikas oder Asiens von einem Gefühl der Einsamkeit ergriffen werden, welches dem einzelnen Reisenden unbekannt ist, der durch ein fruchtbares, angebautes Land wandert. Nicht ohne seltsame Aufregung sah Morton in der Entfernung von ungefähr einer halben Meile den Reitertrupp, zu dem seine Eskorte gehörte, einen steilen, gewundenen Pfad hinziehcn, der sich von der Ebene in die Berge hinaufschlang. Ihre Anzahl, die furchtbar schien, wenn sie sich in Hohlwegen zusammendrängte, und zwischen den Bäumen bald erscheinend, bald verschwindend, sich vervielfältigt gezeigt hatte, schien jetzt zusammengeschmolzen, da sie sich ganz dem Blick zeigte, der sie in einer Landschaft von unermeßlicher Ausdehnung übersehen konnte. Sie glichen mehr einer Heerde Hornvieh, denn einem Truppencorps, als sie so langsam den Hügel hinankrochen. »Gewiß," sagte Morton zu sich selbst, „eine Handvoll 3 entschlossener Männer vermag jeden Engpaß in diesen Bergen gegen eine so geringe Macht wie diese zu vertheidigcn, wenn ihre Tapferkeit nur ihrer Begeisterung gleicht." Während er diese Betrachtungen anstellte, hatten die Reiter, die seine Bewachung bildeten, schnell den Raum zurück- gelegt, welcher sie von ihren Gefährten trennte, und ehe die Fronte der Colonnen die Spitze des Hügels erreichte, hatte sich Bothwcll mit seinen Gefangenen und dem Nachtrab der Hauptmacht und des Obersten Befehlen angcschlvssen. Die großen Schwierigkeiten des Weges, der bald steil, bald sumpfig war, hielt die Colonne und besonders den Nachtrab auf; denn die Pferde der Ersten wühlten den sumpfigen Boden dergestalt auf, daß die Hintersten gezwungen waren, den gebahnten Pfad zu verlassen, um wo möglich einen bessern zu finden. Bei dieser Gelegenheit wurden die Leiden des ehrwürdigen Gabriel Pauker und der alten Mause Headrigg nm ein Erkleckliches vermehrt, da die rohen Soldaten, von denen sie bewacht wurden, trotz aller Gefahr, welcher ungeübte Reiter ausgesetzt sind, sie zwangen, über Gräben und Gewässer zu setzen, oder ihre Pferde durch Moräste und Sümpfe zu treiben. „Mit Hülfe des Herrn bin ich über eine Mauer gesprungen," rief die arme Mause, als die rohen Begleiter das Pferd gezwungen hatten, über die Rascnumfriedung einer verlassenen Hürde zu springen, wobei ihr die Haube vom Kopfe flog, und ihr graues Haar unbedeckt ließ. „Ich bin gesunken in tiefen Schlamm, wo kein Grund ist — ich bin gekommen in tiefes Wasser, wo die Wogen mich überfluthen," rief Pauker, als sein Pferd bis an den Sattelgurt in einen Brunnenkopf versank, (wie man Quellen nennt, deren Wasser die Sümpfe bildet,) und der schwarze Koth dem gefangenen Geistlichen Kopf und Kleider besprühte. i" 4 Diese Ausrufungen erweckten ein schallendes Gelächter ihrer Begleiter; aber bald traten Ereignisse ein, welche Allen Ernst einflößten- Die ersten Reihen des Regiments hakten kaum die Spitze des steilen Hügels erreicht, als einige Reiter, die man bald für einen Theil der eigenen Vorhut erkannte, in vollem Galopp herangesprengt kamen. Ihre Rosse schnaubten, und die Reiter schienen eiligst zu fliehen. Ihnen auf dem Fuße folgten fünf oder sechs Reiter, mit Säbeln und Pistolen wohl bewaffnet, welche auf der Spitze des Hügels Halt machten, und die herannahende Leibwache betrachteten. Einige, die Karabiner hatten, saßen ab, und schossen gemächlich zielend auf die vordersten Glieder des Regiments, wovon zwei Soldaten, und zwar Einer schwer, verwundet wurden. Sie stiegen dann wieder zu Pferde, und verschwanden hinter dem Berge. Dabei zeigten sie so viel Kaltblütigkeit, daß leicht zu ersehen war, die Annäherung einer so beträchtlichen Macht schrecke sie nicht, und daß sic von einer hinlänglichen Macht in ihrem Rücken beschützt wurden. Dieser Vorfall veranlaßte, daß der ganze Reiterhaufen Halt machte, und während Claverhouse selbst den Bericht des Vorpostens anhvrte, welcher auf die Hauptmacht zurückgctricben ward, ritt Lord Evandale auf die Berg- spitze, hinter die sich die feindlichen Reiter zurückgezogen, und der Major Allan, Cornet Grahame und die übrigen Offiziere waren beschäftigt, das Regiment von dem ungünstigen Boden wegzubringen, und es zu gegenseitiger Unterstützung in zwei Reihen auf der Seite des Hügels aufzustellen. Der Befehl zum Vorrücken erfolgte, und in wenigen M- ' nuten stand die erste Linie auf der Spitze mit der Aussicht auf die andere Seite des Berges. Die zweite Linie und der Nachtrab mit den Gefangenen stand dicht hinter ihr, so daß Morton und seine Mitgefangenen gleichfalls beobachten konnten, welcher Widerstand sich den weitern Fortschritten der Truppen entgegensetzen würde. Die Anhöhe, auf der die königlichen Leibwachen jetzt hielte», senkte sich jenseits in einen sanften, mehr als eine Vier- telincile tiefen Abhang, und zeigte einen Boden, der, obgleich an einigen Stellen uneben, doch der Reiterei nicht ungünstig war, bis dahin, wo der Abhang in eine sumpfige Ebene ans- lief, die in ihrer ganzen Ausdehnung von einem natürlichen oder künstlichen Graben durchschnitten war, dessen Seiten durch Quellen, und mit Wasser gefüllte Einschnitte unterbrochen waren, woraus man Torf und Braunkohlen zu stechen pflegte; hier und dort stand auch zerstreutes Erlengehölz, welches die Feuchtigkeit so sehr liebt, daß es als Gebüsch da fortwuchert, wo der ungünstige Boden ihm nicht »erstattet, als Baum in die Höhe zu schießen. Jenseits dieses Grabens hob sich der Boden wieder zu einem Hügel empor, an dessen Fuß, als sollte der unebene Boden und der die Fronte deckende Graben vertheidigt werden, das Corps der Aufrührer sich aufgestellt hatte. Ihre Infanterie war in drei Linien abgetheilt. Die erste, leidlich mit Feucrgewehr versehen, stand dicht am Rande des Sumpfes, so daß ihr Fencr nothwendig der königlichen Reiterei schaden mußte, wenn sie die andere Seite des Hügels hinabritt; wollte sie aber durch den Morast, so mußte es ihr noch weit verderblicher werden. Hinter dieser ersten Linie stand eine Abtheilung Pikenträger zur Unterstützung bestimmt, im Falle die Dragoner den Durchgang durch den Morast erzwingen sollten. Hinter diesen stand die dritte Linie, die ans Landleuten bestand, welche mit Sensen, Heugabeln, Aexteu, Keulen, Ochsenziemern, Fischspeercn und dergleichen ländlichen Geräthen bewaffnet waren, die jäher Zorn in Kriegswaffen umgewandelt hatte. Ans jeder Flanke der Infanterie stand ein kleiner Haufe Reiter, ein wenig hinter dem Sumpf, um trockenen und festen Boden zu haben. Im Ganzen waren sie schlecht bewaffnet, und noch schlechter beritten, aber voll Begeisterung für ihre Sache. Größtentheils bestanden sie aus kleinen Landeigenthümern oder Pächtern der bessern Klasse, die durch ihr Vermögen im Stande waren, zu Pferde zu dienen. Einige von denen, welche die königliche Vorhut zurück- getrieben hatten, ritten jetzt langsam zu ihrer Schwadron zurück- Nur sie schienen in Bewegung; alle Andere standen bewegungslos, wie die grauen Steine, welche zerstreut auf der Haide umherlagen. Die ganze Zahl der Aufrührer mochte ungefähr tausend Mann betragen; doch waren unter diesen kaum hundert Reiter, und kaum die Hälfte leidlich bewaffnet. Aber ihre vor- thcilhafte Position, das Bewußtsein, einen verzweifelten Schritt unternommen zu haben, ihre überwiegende Zahl, und vor Allem ihr glühender Feuereifer, ersetzte in den Augen ihrer Anführer den Mangel an Waffen und kriegerischer Uebung. Am Abhange des Hügels, der sich hinter ihnen erhob, sah man die Weiber und selbst die Kinder, welche der durch die Verfolgung angefachte Glaubenseifer in die Wildniß geführt hatte. Sie schienen dort zu stehen, um dem Kampfe beizu- wohneu, der über ihr eigenes Geschick, und über das ihrer Eltern, Gatten und Söhne entscheiden sollte. Wie die Weiber der alten Deutschen, sollte das gellende Geschrei, das sie beim Anblick der glänzenden Reihen ihrer Feinde erhoben, ihren Verwandten als ein Sporn dienen, bis zum Aeußersten für das zu fechten, was ihnen das Theuerste war. Diese Ermahnung schien auch von dem besten Erfolg gekrönt; denn ein 7 wildes Halloh, das beim Anblick der Soldaten von Reihe zu Reihe lief, bekundete den Willen der Insurgenten, bis auf den Tod zu kämpfen. Als die Reiter auf der Spitze des Berges Halt machten, erschallten ihre Trompeten und Pauken drohend und herausfordernd in kriegerischen wilden Tönen, die wie der schmetternde Ruf des Würgengels durch die Wüste fuhren. Zur Antwort vereinigten die Wanderer ihre Stimmen, und sangen in feierlicher Melodie die zwei ersten Verse des sechsundsicbenzigsten Psalms nach der metrischen Ueberseßung der schottischen Kirche: „In Juda'S Land ist Gott bekannt. Dort ist fein Name groß, In Salem ist sein Zelt gespannt; Sein Sitz ist ZivnL Schovß. Den Kriegspfeil brach er in den Staub, Den Schild, das Schwert, den Streit, Du, herrlicher als Beut' und Raub, Du übertriffst sie weit." Ein Geschrei, oder vielmehr ein feierlicher Zuruf begleitete den Schluß des Verses, und nach einer Todtenstille begannen die Insurgenten die folgenden Verse, und bezogen prophetisch die Vertilgung der Assyrer auf den Ausgang ihres eigenen Kampfes: — „Die stolzen Herzen sanken hin, Hin in die Todesnacht, Bon asten Männern der Gewalt Fand keiner seine Macht. Und als dein Zorn, o Jakobs Gott, Geflvh'n in ihren Bund, Da sanken Roß und Reiter bin, In tiefen, tiefen Schlund." l - > -i " > 1 '' 8 Abermals erscholl ein Zuruf, auf welchen tiefe Sülle folgte. Während diese feierlichen Töne von tausend Stimmen in den öden Bergen »achhallten, -lickte Claverhouse mit großer Aufmerksamkeit in den Grund hinab, und auf die Schlachtordnung, welche die Wanderer eingenommen hatten, und in welcher sie den Angriff zu erwarten schienen. „Die Kerle," sagte er, „müssen einige Soldaten bei sich haben; kein Bauer kann diese Stellung gewählt haben." „Man sagt für gewiß, daß Burley unter ihnen sei," sagte Lord Evandale; „auch Hackston von Rathillet, Paton von Meadowhead, Cleland und andere kriegserfahrene Männer." „Das Hab' ich gleich aus der Weise geschlossen, wie die abgeschickten Reiter über den Graben sprengten, als sie auf ihren Standort zurückkehrten," erwiederte Claverhouse. „Es war leicht wahrzunehmen, daß einige rnndköpfige Soldaten, ächte Söhne des alten Bundes, unter ihnen wären. Wir müssen die Sache eben so klug als kühn anfangen. Evandale, laßt die Offiziere auf diese Spitze kommen." „Ich habe Euch nicht zu mir berufen, Ihr Herren," sagte Claverhouse, „um einen förmlichen Kriegsrath zu halten; denn ich will durchaus nicht die Verantwortlichkeit, welche mein Rang mir auferlegt, auf Andere wälzen. Ich möchte nur Eure Meinungen wissen, und, wie die meisten Menschen zu thun pflegen, wenn flc um Rath fragen, dann meiner eigenen Ansicht folgen. — Was sagt Ihr, Cornet Grahame? Sollen wir die Kerle angreifen, die dort unten brüllen? Ihr seid der jüngste und hitzigste, und werdet desalb zuerst sprechen, ich mag wollen oder nicht." „Nun denn," sagte Cornet Grahame, „da ich die Ehre 9 habe, die Fahne der Leibgarde zu tragen, so soll sie mit meinem Willen sich nie vor den Rebellen zurückziehcn- Ich sage: Drauf! in Gottes und des Königs Namen!" „Und was sagt Ihr, Allan?" fuhr Claverhouse fort; „denn Evandale ist so bescheiden, daß er gewiß nicht sprechen wird, bis Ihr Eure Meinung mitgethcilt." „Diese Burschen," sagte Major Allan, ein alter erfahrener Kavallerievffizier, „verhalten sich gegen uns wie Drei oder Vier gegen Einen — daraus würd' ich mir nun nichts machen, wenn es auf offenem Felde wäre, aber sie stehen in einer furchtbar festen Position, und sind nicht geneigt, dieselbe zu verlassen. Darum denk' ich — bei aller Achtung vor Cornet Grahamc's Meinung, wir ziehen nach Tillietudlem zurück, besetzen den Paß zwischen den Bergen und dem offenen Lande, und bitten den Lord Roß, der zu Glasgow mit einem Infanterieregiment liegt, um Verstärkung. Auf diese Weise schneiden wir sie vom Thale des Clyde ab, und zwingen sie, entweder aus ihrer festen Stellung zu weichen, und uns auf ebenem Boden eine Schlacht anzubietcn, oder sie bleiben hier, und wir greifen sie au, sobald die Infanterie zu uns stößt, und uns in den Stand setzt, mit Erfolg zwischen diesen Gräben, Sümpfen und Pfühlen zu agiren." „Pah!" rief der junge Cornet, „was hilft eine feste Stellung, wenn sie nur von einem Schwarm singender, Psalmen orgelnder alter Weiber beseht ist?" „Ein Mann ficht darum nicht schlechter, wenn er auch Bibel und Psalmen ehrt," entgegnete Major Allan. „Diese Burschen werden hartnäckig sein wie Stahl; ich kenne sie von Alters her." „Ihr näselndes Psalmodiren," sagte der Cornet, „erinnert unfern Major an das Rennen von Dunbar." „Wäret Zhr bei jenem Rennen gewesen, jnnger Mann," versetzte Allan, „Ihr hättet nicht nöthig gehabt, daß Euch Jemand daran erinnerte, so lange Ihr lebt " „Still, still, meine Herren," sagte Claverhonse; „das sind unzeitige Witzeleien. — Mir würde Euer Rath gefallen, Major Allan, hätten unsere verdammten Kundschafter, die dafür gehörig gezüchtigt werden sollen, uns bei Zeiten Nachricht von des Feindes Stärke und Stellung gegeben. Da wir uns ihnen aber einmal in Schlachtordnung gezeigt haben, so würde der Rückzug der Leibwachen große Furcht vcrrathen, und das Signal zum allgemeinen Aufstand im Westen geben. Und in diesem Falle würde uns Lord Roß wenig Hülfe leisten können, da er leicht von uns abgeschnitten werden könnte, bevor wir mit ihm zusammenstoßen, oder er uns erreicht. Ein Rückzug würde denselben unglücklichen Erfolg für des Königs Sache haben, wie eine verlorene Schlacht, und was unsere eigene Sicherheit betrifft, so wird gewiß kein Edelmann nur einen Augenblick daran denken. Es muß doch in den Morästen irgend eine Stelle zu finden sein, durch welche wir uns den Weg erzwingen können, und find wir einmal auf festem Boden, so wird hoffentlich kein Einziger in der Leibgarde glauben, daß unsere Schwadronen, obgleich so gering an Zahl, unfähig wären, die doppelte Menge solcher ungeschickten Bauern in den Staub zu treten. — Was sagt Ihr, Mylord Evandale?" „Meine bescheidene Meinung ist," erwiederte dieser, „mag der Tag enden, wie er wolle, er wird blutig werden; wir werden manchen wackern Burschen verlieren, und wahrscheinlich genöthigt sein, eine große Anzahl jener mißleiteten Menschen hinzumordcn, welche bei Allem doch Schotten und Un- terthanen Königs Karls sind, so gut als wir. „Rebellen! Rebellen! die nicht verdienen, Schotten oder 11 Unterthancn zu heißen," sagte Claverhousc; „doch Mylord, was bezweckt Eure Meinung?" „Einen Vergleich mit diesen unwissenden und mißleiteten Menschen einzugehcn." „Einen Vergleich, und mit Rebellen, die unter Waffen stehen? Nimmermehr!" antwortete der Befehlshaber. „Schickt wenigstens einen Trompeter mit einer Waffcnstill- standsfahne," fuhr Lord Evandale fort, „und laßt sie auf- forderv, die Waffen niederzulegen, und auseinander zu gehen, gegen das Versprechen der Begnadigung. Ich habe immer gehört, wäre dies vor der Schlacht bei den Pentlandshügeln geschehen, so wäre viel Blut gespart worden." „Gut," sagte Claverhousc; „aber wer Teufel, glaubt Ihr denn, wird diese Aufforderung den tollen, verzweifelten Schwärmern bringen wollen? Sie anerkennen keine Kricgsgesetze. Ihre Anführer, die alle großen Antheil an dem Morde des Erzbischofs von St. Andrews hatten, fechten mit dem Stricke um den Hals, und tödten wahrscheinlich den Abgesandten, blos um ihre Anhänger mit unschuldigem Blute zu beflecken, damit diese wie sie selbst an der Begnadigung verzweifeln." „Wenn Ihr erlaubt, geh' ich selbst hin," sagte Evandale. „Ich habe oft mein Leben gewagt, um es Andern zu nehmen, laßt es mich jetzt wagen, um es Andern zu retten." >,Jhr sollt nicht diese Botschaft verrichten, Mylord," sagte Claverhousc. „Rang und Stellung machen Eure Sicherheit allzuwichtig für das Land in einer Zeit, wo gute Grundsätze so selten sind. — Hier ist meines Bruders Sohn, Richard Grahame, der fürchtet Schuß und Hieb so wenig, als wenn ihm der Teufel die Rüstung gefeiet hätte, wie es die Schwärmer von seinem Oheim wissen wollen. Er soll eine Stillstandsfahne nehmen, und mit einem Trompeter nach dem 12 Rande des Sumpfes hinrcitcn, um flc aufzufordcrn, die Waffen niederzulegen, und sich zu zerstreuen." „Herzlich gern, Herr Oberst," antwortete der Cornet. „Ich will mein Halstuch auf eine Picke stecken, daß sie statt der weißen Fahne diene — die Schurken haben in ihrem ganzen Leben noch keine Flagge mit flandrischen Spitzen gesehen." „Oberst Grahame," sagte Evandalc, während Jener sich zum Aufbruch anschicktc, „dieser junge Edelmann ist Euer Neffe und wahrscheinlicher Erbe. Um Gotteswillen, laßt mich gehen! Mein Rath war es, und ich muß diese Gefahr auf mich nehmen." „Und wäre er mein einziger Sohn," sagte Grahame, „dies ist weder die Zeit, noch die Sache, ihn zu schonen. Ich hoffe, meine persönlichen Neigungen werden nie meine Dienstpflicht hindern. Wenn Richard Grahame fällt, so trifft der Verlust fast nur mich allein; fielet Ihr aber, Mylord, so litten König und Vaterland. Nun, meine Herren, Jeder ans seinen Posten! Wenn unsere Aufforderung ungünstig ausgenommen wird, so greifen wir gleich an, und — wie das alte schottische Wappen sagt: Gott schütze das Recht!" Zweites Kapitel. Wie manchen Stoß, wie manchen Schlag Mit La»;' und Schwert sah dieser Tag! Hud ibraS. Cvrnet Richard Grahame ritt mit der ertemporirten Frie- dcnSfahne in der Hand den Hügel hinunter, und tummelte sein Pferd nach dem Liedlein, das er pfiff. Der Trompeter folgte. Fünf bis sechs Reiter, die einigermaßen das Ansehen von Offizieren hatten, ritten von den Flanken des presbyteria- nischen Heeres herbei, und im Centrum angelangt, näherten sie sich dem Graben, der sich durch die Tiefe zog, so weit es der Morast gestattete. Gegen diese Gruppe, aber auf der entgegengesetzten Seite des Sumpfes, lenkte Cvrnet Grahame sein Pferd, und seine Bewegungen wurden der Hauptgegenstand der Aufmerksamkeit für beide Heere; ohne ihren Muth herabsehen zu wollen, ist es doch wahrscheinlich, daß auf beiden Seiten der Wunsch gehegt ward, diese Gesandtschaft mochte Gefahr und Blutvergießen des bevorstehenden Kampfes verhüten. Als er sich Denen gegenüber befand, die durch ihr Hervvr- treten zum Empfang seiner Botschaft sich als die Anführer zu erkennen zu geben schienen, befahl Cornet Grahame seinem Trompeter, ihn als Parlamentair anzukünden. Da nun aber die Insurgenten kein Instrument zu mili- tairischer Musik besaßen, um gebührend zu antworten, so fragte Einer mit lauter, starker Stimme: Warum er sich ihrem Lager nähere? „Euch aufzufordern im Namen des Königs und des Obersten John Grahame, der von dem hochverehrten Staatsrath von Schottland besonders beauftragt ist, Eure Waffen nieder- zulegen, und das Volk zu entlassen, das Ihr zum Aufruhr verleitet gegen die Gesetze Gottes, des Königs und des Vaterlandes." „Kehre zurück zu Denen, die Dich gesendet," rief der Re- bcllenanführer, „und sage ihnen, daß wir heute unter Waffen sind wegen des gebrochenen Covenants und der verfolgten Kirche; sage ihnen, daß wir uns lossagen von dem leichtsinnigen und meineidigen Karl Stuart, den Ihr König nennt, gleich wie er sich losgesagt vom Covenant, obgleich er einmal und abermal beschworen, denselben zu vollziehen, mit allen Kräften wahrhaft, treulich und aufrichtig alle Tage seines Lebens, und keine Feinde zu haben, als die des Covenants, und keine Freunde, als die Freunde desselben. Da aber, weit entfernt seinen Eid zu erfüllen, zu dessen Zeugen er Gott und seine Engel angerufen, es sein erster Schritt war, nach seiner Rückkehr in dieses Königreich das göttliche Vorrecht des Allmächtigen an sich zu reißen, durch jene scheußliche Akte, und ohne Vorladung, Anklage oder Prozeß, Hunderte von berühmten, gottesfürchtigen Predigern zu verjagen, das Brod des Lebens aus dem Munde hungriger, armer Geschöpfe zu nehmen, und ihnen dafür gewaltsam den leblosen, saftlosen, kraftlosen, lauwarmen Trank der vierzehn falschen Prälaten und ihrer syko- 15 phantischcn, fleischlichen, abscheulichen Pfaffcncreaturen in die Kehle zu gießen — „Ich bin nicht hcrgckommen, Eure Predigt zu hören," sagte der Offizier, „sondern, mit einem Wort, um zu erfahren, ob Ihr auscinandcrgchen wollt, unter der Bedingung einer Begnadigung für Alle, die Mörder des Erzbischofs von St. Andrews ausgenommen, oder ob Ihr den Angriff der königlichen Truppen erwarten wollt, die augenblicklich gegen Euch anrücken werden." „Mit einem Worte denn," antwortete der Sprecher, „wir sind hier mit unfern Schwertern an der Hüfte, wie Männer, so da wachen in der Nacht. Wir stehen Alle für Einen, wie Brüder der Gerechtigkeit. Das Blut dessen, der uns angreift in unserer guten Sache, komme über sein eignes Haupt. Drum kehre zurück zu Denen, so Dich geschickt, und Gott gebe Dir und ihnen die Einsicht, daß Eure Wege übel sind." „Ist nicht Euer Name John Balfour von Burley?" fragte der Cornet, der sich jetzt erinnerte, den Mann, mit dem er sprach, schon gesehen zu haben. „Und wenn cr's ist," cntgegnete der Sprecher, „hast Du Etwas dagegen einzuwenden?" „Nur dies," erwiederte Cornet, „daß Ihr ausgeschlossen seid von der Begnadigung im Namen des Königs und meines Obersten. Nur dem Landvolk biet' ich sie an, und nicht mit Euch oder Euresgleichen habe ich hier zu unterhandeln." „Du bist ein junger Soldat, Freund," sagte Burley, „und in Deinem Gewerbe kaum erfahren, sonst würdest Du wissen, daß der Träger einer Waffenstillstandsfahne nur durch die Offiziere mit einem Heere unterhandelt, und daß er sein sicheres Geleit verwirkt, wenn er dagegen handelt." 16 Nit diesen Worten nahm Burley seinen Karabiner aus dem Riemen und spannte den Hahn." „Die Drohungen eines Mörders sollen mich nicht von der Erfüllung meiner Pflicht abschrecken," sagte Cornet Grahame. — »Hört, Ihr guten Leute, ich verkündige im Namen des Königs und meines Obersten volle Begnadigung Euch Allen, außer-" „Ich warne Dich abermals," sagte Burley und legte an. „Volle Begnadigung Euch Allen," fuhr der junge Offizier fort, immer noch zu den Insurgenten gewendet — „Allen, außer —" „So sei der Herr Deiner Seele gnädig — Amen!" sagte Burley. „Mit diesen Worten drückte er ab, und Cornet Richard Grahame stürzte vom Pferde. Der Schuß war tödtlich. Dem jungen Manne blieb nur noch Kraft genug, sich auf dem Boden umzuwenden, und die Worte zu lallen: „Meine arme Mutter!" und so verschied er- Sein erschrecktes Pferd floh in vollem Lauf zum Regiment zurück, und kaum weniger bestürzt, folgte ihm sein Begleiter. „Was habt Ihr gethan?" rief Einer von Balfvurs Waf- fengcfährten. „Meine Pflicht!" sagte Balfour fest. „Steht nicht geschrieben: Du sollst erschlagen in Deinem Eifer? Laßt sie jetzt wagen, von Waffenstillstand oder Verzeihung zu sprechen!" Claverhouse sah seinen Neffen fallen. Er richtete sein Auge auf Evandale, während eine unbeschreiblich schmerzliche Bewegung auf einen Augenblick seine heitern Züge durchzuckte, und sagte kurz: „Ihr seht den Ausgang." „Ich will ihn rächen, oder sterben!" rief Evandale aus, spornte sein Pferd, und ritt wüthend den Hügel hinab, ge- folgt von seinen Leuten, und denen des Gefallenen, die, ohne Befehl zu erwarten, hinunter eilten. Da aber Jeder der Erste sein wollte, den jungen Offizier zu rächen, so kamen die Reihen bald in Unordnung. Diese Schaar bildete die erste Linie der Royalisten. Vergebens rief Claverhouse: „Halt! halt! dieser Ungestüm wird uns verderben!" Alles, was er bewirken konnte, war, vor die zweite Linie hinzusprengen, und durch Bitten, Befehle und Drohungen sie abzuhalten, einem so ansteckenden Beispiele zu folgen. „Allan," sagte er, sobald er die Leute etwas zur Ruhe gebracht, „führt sie langsam den Hügel hinab, zu Lord Evan- dales Unterstützung; er braucht sie nvthig. — Bothwell, Du bist ein kaltblütiger, kühner Junge —" „Ja," murmelte Bothwell, „daran denkt Ihr in diesem Augenblicke." — „Führe zehn Rotten den Hohlweg hinauf zur Rechten," sagte der Oberst weiter, „laß kein Mittel unversucht, durch den Sumpf zu kommen. Dann formirt Euch, und nehmt die Rebellen in Flanke und Rücken, während sie auf der Fronte mit uns im Gefecht sind." Bothwell verbeugte sich, und brach eiligst mit seiner Schaar auf. Unterdessen war das Unglück, welches Claverhouse befürchtete, eingetroffen. Die Reiter, die mit Lord Evandale auf den Feind lossprengten, wurden in ihrem ungeregelten Vvr- stürmen durch den unwegsamen Boden aufgehalten. Einige blieben im Moraste stecken, als sie sich durchzuarbeiten bestrebten, Andere scheuten den Versuch und blieben am Rande, und wiederum Einige zerstreuten sich, um eine günstigere Stelle zum Uebergang zn suchen. In dieser Verwirrung Die Schwärmer. II. 2 18 rückte die erste Linie des Feindes vor, die vorderste Reihe kniete, die zweite bückte sich, und die dritte stand aufrecht, ihr Feuer wirkte so zerstörend, daß wenigstens zwanzig Sättel leer, und die Unordnung der Reiter vermehrt wurde. Unterdessen ward Lord Evandale an der Spitze einiger wohlberittenen Soldaten in den Stand gesetzt, über den Graben zu kommen, aber auch sogleich von dem linken Flügel der feindlichen Kavallerie angegriffen, welche, durch die kleine Anzahl ihrer Gegner ermuthigt, wüthcnd mit dem Geschrei auf sie losstürzte: „Wehe, wehe über die unbcschnittenen Philister! Nieder mit Dagon und allen seinen Anbetern!" Der junge Edelmann focht wie ein Löwe; aber die meisten seiner Begleiter fielen, und er selbst würde kaum demselben Schicksal entgangen sein, wenn nicht Claverhonse, der indessen mit der zweiten Linie bis an den Graben gekommen war, durch ein furchtbares Karabinerfcuer so verheerend in den feindlichen Reihen gewüthet hätte, daß Reiter und Fußvolk einen Augenblick zu weichen anfingen, und Lord Evandale sich dem ungleichen Kampfe entziehen, und, indem er wieder allein war, über den Sumpf setzen konnte. Aber trotz des Verlustes, den sie durch Claverhonses erstes Feuer erlitten, nahmen die Insurgenten bald wahr, daß sowohl durch die Mehrzahl, als durch die vortheilhafte Stellung der Sieg entschieden auf ihrer Seite bleiben, und die Leibgarde nothwcndig unterliegen müßte, wenn sie nur einen kurzen, aber entschlossenen Widerstand leisteten. Die Anführer flogen durch ihre Reihen, ermahnten ihre Leute, die Stellung zu behaupten, und zeigten ihnen, wie wirksam ihr Feuer sein müsse, da Roß und Mann demselben zugleich ausgesetzt seien; denn die Reiter schossen, wie es bei ihnen üblich war, ohne abzusitzen. Claverhonse sah seine besten Leute durch ein Feuer Zusammenstürzen, das sie nicht nach- IS drücklich erwidern konnten, und machte wiederholte verzweiflungsvolle Versuche, an verschiedenen Punkten durch den Sumpf zu kommen, und den Kampf auf festerem Boden kräftiger zu erneuern. Aber das nahe Feuer der Insurgenten, verbunden mit den natürlichen Schwierigkeiten des Ueberganges, vereitelte alle Bestrebungen. Wir müssen uns zurückziehen," sagte er zu Evandale, „wenn Bothwell uns nicht eine günstige Diversion bewirken kann. Inzwischen bringt die Leute aus dem Feuer, und laßt Plänkler hinter diesem Erlengebüsch stehen, um den Feind im Schach zu halten." Diese Befehle wurden ausgcführt, und man sah ungeduldig Bothwells Erscheinen entgegen. Aber Bothwell hatte eigene Schwierigkeiten zu überwmdcn. Seine Bewegung rechts war dem scharfen Blicke Burley's nicht entgangen; er machte eine entsprechende Bewegung mit dem linken Flügel der berittenen Insurgenten, so daß Bothwell, nachdem er eine beträchtliche Strecke thalaufwärts geritten war, und einen Punkt gefunden hatte, wo der Sumpf mit einiger Schwierigkeit überschritten werden konnte, sich immer noch vor der Fronte eines überlegenen Feindes sah. Sein kühner Muth aber ließ sich dadurch nicht Niederschlagen. „Folgt mir, Kinder," rief er seinen Leuten zu; „man soll nicht sagen, daß wir diesen plärrenden Rundköpfen den Rücken zeigten." Und wie entflammt vom Geiste seiner Ahnen rief er: „Bothwell! Bothwell!" stürzte sich in den Morast, arbeitete sich an der Spitze seiner Leute durch, und griff Burley mit solcher Wuth an, daß er ihn auf Pistolenschußweite zurücktrieb, und drei Mann mit eigener Hand tödtete- Burley, der schnell die Folgen einer Niederlage auf dieser Stelle voraus- 2 * sah, und wohl wußte, daß seine Mannschaft, obgleich größer an Zahl, sich in Führung der Waffen und im Reiten nicht mit Jenen messen konnte, warf sich Bothwell in den Weg, und griff ihn persönlich an. Jeder der Kämpfenden ward als Verfechter seiner eigenen Partei angesehen, und cs gab eine Scene, die sich mehr in Romanen, als in der wirklichen Geschichte findet. Die Reiter von beiden Seiten stellten nämlich das Gefecht ein, und sahen auf die Anführer, als ob das Schicksal des Tages von dem Ausgange dieses Zweikampfes abhinge. Die Kämpfenden schienen selbst dieser Meinung zu sein; denn nachdem sie einige heftige Stöße und Hiebe gewechselt, hielten sie, wie in Folge einer Abrede, an, um Athem zujjholen und sich wieder zu dem Zweikampf zu rüsten, wobei sich Jeder seinen Mann gefunden zu haben bewußt war. „Ihr seid der mörderische Schurke Burley," sagte Bothwell, sein Schwert kräftig fassend und die Zähne zusammenbeißend — „ein Mal bist Du uns entgangen, aber — (hier that er einen Schwur, zu furchtbar, um niedergeschrieben zu werden) — Dein Kopf wird mit Silber ausgewogen, und ich bringe ihn an meinem Sattelknopfe heim, oder mein Sattel kommt ohne mich." „Ja," erwiederte Burley mit ernststrenger Fassung, „ja, ich bin jener John Balfour, der versprach, Deinen Kopf dahin zu legen, wo Du ihn nicht wieder anfheben sollst, und Gott thue mir desgleichen, und noch mehr, wenn ich nicht mein Wort löse." „Also ein Bett auf der Haide, oder tausend Mark!" sagte Bothwell, mit voller Kraft einen Hieb auf Burley führend. „Das Schwert des Herrn und Gideons!" antwortete Balfour, indem er den Hieb parirte und ihn erwiederte. Selten sind wohl zwei Kämpfer aufeinander gestoßen von 21 so gleicher Körperkraft, Geschicklichkeit in der Führung der Waffen und der Pferde, von so entschlossenem Muthe und unversöhnlicher Feindschaft. Nach langem verzweifelten Kampfe, wobei jeder von ihnen einige unbedeutende Wunden empfing, begannen sie mit einander zu ringen mit der ungeduldigen Hast tödtlicher Feindschaft. Bothwell faßte seinen Feind am Wehrgehänge, Burley ihn aber am Kragen, so daß Beide der Länge nach auf de» Boden stürzten. Burley's Gefährten eilten zu seinem Beistände herbei, wurden aber von den Dragonern zurückgetricben, und der Kampf ward wieder allgemein. Aber nichts war im Stande, die Aufmerksamkeit beider Ringenden von einander abzulenkcn, oder sie zu vermögen, abzulaffen von der verderblichen Umarmung; sie wälzten sich auf dem Boden herum, rissen, zerrten und schäumten mit dem Grimm zweier wohlabgerichteter Doggen. Mehrere Pferde gingen während des Gefechts über sie weg, ohne daß sie einander losließen, bis endlich Bothwells rechter Arm durch den Huftritt eines Rosses zerschmettert wurde. Jetzt ließ er seinen Gegner mit tiefem, unterdrückten Stöhnen los, und beide Kämpfer standen wieder auf den Beinen. Bothwells rechte Hand hing kraftlos an seiner Seite herunter, aber seine Linke griff nach der Stelle, wo sein Dolch hing; dieser war im Ringen ans der Scheide gefallen, — mit einem Blick voll Wuth und Verzweiflung stand er ganz wehrlos da, als Burley, mit wilder Freude lachend, sein Schwert schwang und es dem Gegner in den Leib rannte. Bothwell empfing den Stoß, ohne zu fallen — er hatte nur die Rippen gestreift. Er versuchte keine fernere Gegenwehr, sondern blickte auf Burley mit grimmigem, tödtlichen Haß, und rief: — „Schmählicher Bauernlümmel, Du hast das Blut eines königlichen Sprößlings vergossen!" 22 „Stirb, Elender! — stirb!" rief Balfour, Len Stoß mit bessern: Erfolg wiederholend, setzte dann seinen Fnß auf den Leib des Gefallenen, und durchstach ihn zum dritten Male. — „Stirb, Bluthund! Stirb, wie Du gelebt hast! — Stirb, wie ein Thier, das umkommt — nichts hoffend — nichts glaubend — " „Und nichts fürchtend," sagte Bothwell mit der letzten Lebenskraft, und verhauchte. Ein flüchtiges Pferd am Zügel ergreifen, sich darauf werfen, und zum Beistand seiner Gefährten eilen, war bei Burley das Werk eines Augenblicks. Da Bothwells Tod die Insurgenten eben so crmuthigt, als dessen Kameraden niedergeschlagen hatte, so blieb der Ausgang dieses Streites keinen Augenblick unentschieden. Viele Soldaten wurden erschlagen, die übrigen über den Sumpf zurückgetricben, auseinander gesprengt, und der siegreiche Burley setzte nun selbst hinüber, um gegen Claverhouse dieselbe Bewegung auszuführen, welche auf dessen Befehl Bothwell gegen ihn hatte bewerkstelligen sollen. Er ordnete seine Schaar in der Absicht, den rechten Flügel der Königlichen anzugreifen, schickte der Hauptmacht die Nachricht von seinem Siege zu, und ermahnte sie, in des Himmels Namen über den Sumpf zu gehen, und das glorreiche Werk des Herrn durch einen allgemeinen Angriff auf den Feind zu vollenden. Inzwischen hatte Claverhouse einigermaßen der durch de» ersten unregelmäßigen und unglücklichen Angriff entstandenen Verwirrung abgeholfen, und den Kampf auf der Fronte in ein Geplänkel umgewandelt, das hauptsächlich von einigen abgefessenen Reitern unterhalten ward, die er hinter dem Erlengebüsch aufgestellt hatte, welches den Rand des Sumpfes an einigen Punkten deckte, und die durch ein dichtes, nach- 23 drückliches Feuer dem Feind großen Schaden zufügten, und ihm ihre eigene Schwäche verbargen. Während Claverhouse noch hoffte, daß eine von Bothwell und seiner Truppe auS- geführte Diversion einen allgemeinen Angriff erleichtern würde, kam ein Dragoner auf ihn losgesprengt, dessen blutiges Gesicht und ermattetes Pferd bezeugten, daß er von schwerem Dienste komme. „Was gibt's, Halliday ?" sagte Claverhouse, der jeden Mann seines Regiments beim Namen kannte — „wo ist Bothwell?" „Bothwell liegt danieder, und mancher wackere Kamerad ueben ihm," antwortete Halliday. „Dann hat der König einen tapfer« Soldaten verloren," sagte Claverhouse mit der ihm gewöhnlichen Ruhe- — „Vcr- muthlich hat der Feind den Sumpf passirt?" „Mit einer starken Rciterschaar, befehligt von dem eingefleischten Teufel, der Bothwell« erschlug," antwortete der erschrockene Soldat. „Still, still!" sagte Claverhouse, seinen Finger auf den Mund legend, — „kein Wort zu Jemand, außer mir. — Lord Evandale, mir müssen weichen. So will's das Schicksal. Zieht die Plänkler zusammen- Laßt Allan das Regiment formiren, und zieht Euch in zwei Haufen auf den Hügel zurück, so daß der eine Halt macht, während der andere weiter zieht. Ich will die Schurken mit dem Nachtrab im Schach halten, und ihnen von Zeit zu Zeit die Stirne bieten. Sie werden sogleich über den Graben sein, denn ich sehe ihre ganze Linie in Bewegung. Darum keine Zeit verloren!" „Wo ist Bothwell mit seiner Schaar?" fragt Lord Evandale , erstaunt über die Kaltblütigkeit des Befehlshabers. „Gut aufgehoben!" flüsterte ihm Claverhouse in's Ohr — „der König hat einen Diener verloren, und der Teufel einen gewonnen. Aber auf, zum Werk, Evandale! braucht die Sporen, und bringt die Leute zusammen- Allan und Ihr müßt sie in Ordnung halten. Dieser Rückzug ist etwas Neues für uns Alle; aber die Reihe kömmt euch bald an uns." Evandale und Allan machten sich sogleich an ihr Geschäft; doch bevor sie noch das Regiment geordnet hatten, um sich in zwei Haufen zurückzuzichcn, war der Feind schon in großer Anzahl über den Sumpf gesetzt. Claverhonse, der einige der tapfersten und bewährtesten Leute bei sich behalten, griff in eigener Person die Herübergekommenen an, ehe sie sich noch auf dem unsicher» Boden in Ordnung gestellt hatten. Einige wurden getödtet, Andere in den Morast zurückgeworfen, die Uebrigen wurden aufgehalten, so daß jetzt ein Haupttheil des Regiments, wiewohl geschwächt und cntmuthigt durch den erlittenen Verlust, den Rückzug nach dem Hügel beginnen konnte. Aber bald erhielt der feindliche Vortrab Verstärkung, und zwang Claverhonse seiner Schaar zu folgen. Nie hat noch Jemand den Namen eines Soldaten besser behauptet, als er an diesem Tage. Ausgezeichnet durch sein schwarzes Roß und seine weiße Feder, war er stets der Vorderste bei den wiederholten Angriffen, die er bei jeder günstigen Gelegenheit machte, die Fortschritte der Verfolger zu hemmen und den Rückzug seines Regimentes zu decken. Der Zielpunkt für jeden Feind, schien er gegen jeden Schuß gesichert zu sein. Die abergläubigen Schwärmer, welche auf ihn als einen vom Erzfeind mit übernatürlichen Vertheidigungsmitteln begabten Mann sahen, behaupteten, sie hätten die Kugeln von seinen Stiefeln und Büffelwams abprallen sehen, wie Hagel von einem Gra- nitfelscn, als er im Schlachtensturm hin und her sprengte. Mancher Whig lud au diesem Tage sein Gewehr mit einem zerhackten Silberthaler, in dem Wahne, nur eine silberne Kn- 25 gcl könne den Verfolger der heiligen Kirche niederschmetternd über welchen Blei keine Macht habe. „Versucht's mit dem kalten Stahl!" hieß es bei jedem erneuerten Angriffe — „Pulver verschlägt nichts bei ihm. Es ist, als ob Ihr auf den alten Erzfeind selbst schösset." Allein trotz dieses lauten Rufes war der Schrecken in den Gcmüthern der Insurgenten so groß, daß sie vor Claverhouse wie vor einem übernatürlichen Wesen flohen, und nur Wenige wagten mit ihm handgemein zu werden. Dennoch focht er immer mit allem einen Rückzug begleitenden Nachthcil. Die Soldaten hinter ihm bemerkten, wie die immer mehr anwachsende Zahl der Feinde über den Sumpf setzte, und wurden unruhig; Major Allan und Lord Evandale fanden cs bei jedem ferneren Vordringen unmöglicher, sie aufzuhalten und eine regelmäßige Linie zu bilden, während auf der andern Seite der Rückzug allmälig rascher wurde, als sich mit einer guten Ordnung vertragen wollte. Als sie sich dem Bergrücken näherten, von welchem sie zur unglücklichen Stunde hinabgestiegen waren, vermehrte sich der panische Schrecken. Jeder wollte zuerst durch den Bergrücken vor dem unausgesetzten Feuer der Verfolger geschützt sein, auch konnte Niemand einsehen, warum gerade er der Letzte im Rückzuge sein und so sein eigenes Leben Anderen ausopfern solle. So geschah es denn, daß einige Soldaten ihren Pferden die Sporen gaben und davon flohen, die Andern wurden so verwirrt in ihren Bewegungen, daß ihre Offiziere jeden Augenblick fürchteten, sie würden dem Beispiele folgen. Mitten unter diesen Scenen von Blut und Verwirrung, dem Gestöhne der Verwundeten, dem Stampfen der Rosse, dem steten Feuer des FcindcS, der bei jeder Kugel, die einen Soldaten niederwarf, in ein Freudengeschrei ausbrach — unter 26 allen Schrecken einer solchen Scene, als kaum noch zu bezweifeln war, daß sie von ihren entmuthigten Kriegern gänzlich verlassen werden würden, konnte Evandale nicht umhin, die Fassung seines Befehlshabers zu bewundern. Sein Auge war an diesem Morgen bei Lady Margaretha's Tafel nicht heiterer, sein Benehmen nicht ruhiger gewesen. Er hatte sich Evandale genähert, um ihm einige Befehle zu ertheilen, und einige Leute zur Verstärkung seines Nachtrabs zu beordern- „Wenn dieser Tanz noch fünf Minuten dauert," sagte er leise, „so werden die Schurken Euch, Allan und mir die Ehre überlassen, den Kampf mit eigener Hand auszufechten. Ich muß doch Etwas thun, die Musketiere zu zerstreuen, oder wir gehen zu Grunde. Versucht nicht mir zu Hülfe zu kommen, wenn Ihr mich in Gefahr seht, sondern bleibt an der Spitze Eurer Leute; geht in Gottes Namen fort, und sagt dem König und dem Staatsrath, daß ich in der Erfüllung meiner Pflicht gefallen sei." Und als er dies gesprochen, gebot er etwa zwanzig rüstigen Soldaten, ihm zu folgen, und machte mit dieser kleinen Schaar einen so verzweifelten und unerwarteten Angriff, daß er die Vordersten der Verfolger in eine beträchtliche Entfernung zurücktrieb- In der Verwirrung des Gefechts faßte er Burley in's Auge, und von dem Verlangen beseelt, Schrecken unter dessen Leuten zu verbreiten, versetzte er ihm einen so heftigen Hieb auf den Kopf, daß die Klinge durch die Stahlhaube ging, und ihn, obgleich unverwundet, doch betäubt vom Pferde stürzte. Man hielt es nachher für wunderbar, daß der überstarke Balfour von dem Hiebe eines Mannes gesunken, der anscheinend so schwächlich war, wie Claverhouse, und der Pöbel schrieb also die Wirkung, die ein entschlossener Geist auch einem minder starken Arm verleihen kann, einem über- natürlichen Beistände zu. Claverhousc hatte sich indessen bei diesem letzten Angriffe mitten unter die Rebellen gewagt, und war völlig umringt- Lord Evandale sah die Gefahr seines Obersten, da sein Dragonerhaufen gerade Halt machte, während der von Allan befehligte sich znrückzog. Ohne auf Claverhouse's uneigennützigen Befehl zu achten, befahl er dem Trupp, an dessen Spitze er sich befand, hinabzusprengen und den Obersten zu retten. Einige begleiteten ihn, — die Meisten standen unentschlossen, Viele flohen. Mit den Wenigen gelang es ihm, Claverhouse zu befreien. Sein Beistand kam zu rechter Zeit; denn ein Bauer hatte mit einer Sense sein Pferd auf eine schreckliche Weise verwundet, und war im Begriff, den Streich zu wiederholen, als ihn Lord Evandale niederhieb. Nachdem sie aus dem Gedränge waren, blickten sie zurück. Allans Abtheilung hatte sich hinter den Berg zurückgezogen; das Ansehen dieses Offiziers vermochte sie nicht zurückzuhaltcn. Evan- dale's Schaar war zerstreut und in gänzlicher Verwirrung. „Was ist nun zu thun, Oberst?" fragte Lord Evandale. „Ich glaube, wir sind die Letzten auf dem Schlachtfelde," sagte Claverhouse, „und wenn ein Mann so lange ficht, als er kann, so ist die Flucht keine Schande. Hektor selbst würde sagen: „der Teufel mag der Hinterste sein, wenn nur Zwanzig gegen Tausend sind." — Rettet Euch, Kinder, und sammelt Euch sobald Ihr könnt. Kommt, Mylord, wir müssen dasselbe thun." Mit diesen Worten spornte er sein verwundetes Pferd an, und das edle Thier eilte, ohne auf Schmerz und Blutverlust zu achten, schnell davon, gleichsam als wäre es sich bewußt, daß seines Reiters Leben von ihm abhing. Wenige Offiziere und Soldaten folgten ihm, aber auf eine sehr regellose und 28 verwirrte Weise. Claverhouse's Flucht galt allen Nachzüglern als Signal, so schnell als möglich zu fliehen, und das Schlachtfeld den siegenden Empörern zn überlassen. Drittes Kapitel. Doch sieh! durch des Krieges blitzend Geschoß Stürmt muthig zur Wüste ein flüchtiges Roß. Campbell. Während des hitzigen Gefechtes, das wir so eben geschildert, blieben Morton, Cuddie, dessen Mutter und der ehrwürdige Gabriel Pauker auf der Anhöhe, nahe an dem Steinhügel, neben welchem Claverhouse Kriegsrath gehalten hatte, so daß sie von hier aus das Gefecht zu ihren Füßen übersehen konnten. Sie wurden vom Corporal Jnglis und vier Soldaten bewacht, die, wie man sich leicht denken kann, mehr auf das wechselnde Schlachtengeschick, als auf ihre Gefangenen achteten. „Wenn die Kerle Stich halten," sagte Cuddie, „so können wir vielleicht wieder unfern Nacken ans der Schlinge ziehen. — Daran zweifle ich aber; sie wissen nicht recht mit den Waffen umzugehen." „Viel ist auch nicht nöthig, Cuddie," antwortete Morton, „sie haben eine feste Stellung, haben Waffen in Händen, und sind den Angreifenden dreifach an Zahl überlegen. Wenn sie jetzt ihre Freiheit nicht vertheidigen können, so verdienen sie und die Ihrigen, dieselbe auf immer zu verlieren." „O, Ihr Herren," rief Mause, „das ist in der That ein herrlicher Anblick! Mein Geist ist wie der des gesegneten Elihu, er brennt in mir. — Meine Eingeweide sind wie Wein, der Luft begehrt — sie wollen zerspringen, wie neugefüllte Flaschen. O, daß er ans sein Volk sehe, am Tage des Gerichts und der Erlösung! — Und nun, was fehlt Dir, Du köstlicher Gabriel Pauker? Ich sage, was fehlt Dir nun, der Du ein Nazarener warst, reiner denn Schnee, weißer denn Milch, röthlicher als Sulphir (vielleicht meinte sie Saphir) — Ich sage, was fehlt Dir jetzt, daß Du schwärzer bist als eine Kohle, daß Deine Schönheit hingeschwunden, und Deine Lieblichkeit dahin gewelkt, wie ein dürrer Scherben? Wahrlich, jetzt ist es an der Zeit, aufzustehen und zu handeln, laut zu schreien, und nicht zu schonen, und zu kämpfen für das arme Volk da unten, das da Zcugniß ableget mit seinem eigenen Blute uud dem Blute seiner Feinde." Diese Aenßerung enthielt einen Vorwurf gegen Herrn Pauker, der, zwar ein achter Donnerer auf der Kanzel, fern vom Feinde, und wie wir gesehen haben, auch wenn er sich in ihrer Gewalt befand, hartnäckig sein konnte, — aber jetzt war er durch das Schießen, Geschrei und Getöse, das aus dem Thal schallte, ganz betäubt, und, wie mancher andere rechtschaffene Mann in einer Lage, wo er weder fechten noch fliehen konnte — zu sehr niedergeschlagen, um die günstige Gelegenheit zu benutzen, und die Schrecken des Presbyteriums zu entwickeln, wie die muthige Mause sich zu ihm versehen hatte, oder nur für den glücklichen Ausgang des Kampfes zu beten. Indessen war seine Geistesgegenwart eben so wenig gänzlich verschwunden, als die Sorge für seinen Ruf als reiner und gewaltiger Prediger des Wortes. „Schweigt, o Weib!" sagte er, „und stört nicht meine 3V inner» Betrachtungen und den Kampf, den ich kämpfe. — Aber wahrhaftig, das Schießen wird heftiger! vielleicht könnte gar eine Kugel bis hieher fliegen. Ich will mich hinter dem Steinhügel verbergen, wie hinter einem starken Bollwerk." „Im Grunde ist er doch nur eine Memme!" sagte Cnddie, welchem es keineswegs an jenem Muthe gebrach, der nur in der Unempfindlichkeit gegen die Gefahr besteht; „er ist nur ein feiger Wicht, er wird nimmermehr Rumblebcrry's Mütze ausfüllen. — Potz Blitz! der focht wie ein Dragoner. Jammerschade, daß der arme Mann dem Galgen nicht entgehen konnte; aber er soll so kreuzfidel hingcgangen sein, wie ich zur Schüssel, wenn ich hungrig bin, wie eben jetzt. — Aber schaut, da unten sieht's ja schrecklich aus, und doch kann man die Augen nicht wegwenden!" So hielt Morton und Cnddie lebhafte Neugierde, und die alte Mause glühender Enthusiasmus an die Stelle gefesselt, von welcher sie am besten den Ausgang der Schlacht beobachten konnten, und ließen Pauker allein seinen Zufluchtsort einnehmen. Alle Wechsel des oben beschriebenen Kampfes wurden von unfern Zuschauern von der Anhöhe herab bemerkt, ohne daß sie jedoch im Stande waren, zu unterscheiden, wohin sie führten. Daß sich die Presbyterianer hartnäckig vertheidigten, ließ sich aus dem dicken Rauche abnehmen, der, durch das häufige Blitzen der Gewehre erleuchtet, über das Thal empvrwirbelte und die Kämpfenden verhüllte. Auf der andern Seite aber verkündigte das unablässige Feuern an dem diesseitigen Rande des Morastes, daß der Angriff erneuert, der Kampf hitziger wurde, und daß Alles von einem fortgesetzten Treffen zu fürchten sei, in welchem sich nndisciplinirte Bauern gegen wohlgeordnete und trefflich bewaffnete Truppen zu vcrthcidigcn halten. 31 Endlich begannen Pferde, deren Geschirr zeigte, daß sie der Leibgarde gehörten, herrenlos aus dem Gewirre zu fliehen. Bald darauf zeigten sich unbcrittene Soldaten, die nicht mehr kämpfen wollten, und über den Berghügel flohen, um dem Kampfplatze zu entgehen. Die Zahl dieser Flüchtlinge nahm zu; das Schicksal des Tages schien nicht länger zweifelhaft. Darauf ward ein großer Haufe sichtbar, der aus dem Rauch hervorkam, sich am Abhänge des Hügels regellos aufstellte, und nur mit Mühe so lange von seinen Offizieren aufgehalten wurde, bis Evandale's Corps in vollem Rückzug erschien. Der Ausgang des Gefechts war entschieden, und die Freude der Gefangenen so groß, als die Hoffnung der baldigen Befreiung. „Ein Mal haben sie den Spaß versucht," sagte Cuddie, „aber sie werden ihn nicht noch ein Mal versuchen." „Sie fliehen! — Sie fliehen!" rief Mause voller Begeisterung- „O die grausamen Tyrannen! jetzt reiten sie, wie sic nie vorher geritten sind. O die falschen Aegyptier — die stolzen Assyrier — die Philister — die Moabiter — die Edo- miter — die Jsmaelitcr! — Der Herr hat scharfe Schwerter über sie gebracht, um sie zur Speise zu machen für die Vogel des Himmels, und für die Thiere des Feldes. Siehe, wie die Wolken rollen, und das Feuer hinter ihnen blitzt, und vor den Auserwählten des Covenants hergeht, wie die Wolkensäule und die Flammensäule, so da geleitet die Kinder Israels, als sie aus Aegypten zogen! Das ist ein Tag der Befreiung für die Gerechten, ein Tag der Ausgießung des Zornes über die Verfolger und Gottlosen!" „Gott sei uns gnädig, Mutter!" sagte Cuddie; „haltet doch Ener ungewaschenes Maul, und steckt Euch hinter den Steinhaufen, wie Pauker, der Ehrenmann! Die Whigkugeln machen wenig Unterschied, und zerschmettern eben so gut das Gehirn eines psalmsingenden alten Weibes, wie das eines fluchenden Dragoners." „Fürchte nichts für mich, Cuddie," sagte die alte Frau, begeistert durch das Glück ihrer Partei, „fürchte nichts für mich! Wie Deborah will ich stehen auf der Spitze des Steinhügels, und meinen Strafgesang erheben gegen diese Männer von Haroschct unter den Heiden, deren Rosse gebrochen unter ihrem stolzen Bäumen." Die begeisterte alte Frau würde wirklich ihren Vorsatz ausgeführt, den Steinhügel bestiegen haben, und, wie sie sagte, dem Volke ein Zeichen und Banner geworden sein, hätte nicht Cuddie mit mehr kindlicher Liebe als Achtung sie mit aller Gewalt, die ihm seine Fesseln erlaubte», zurückgehalten. „Meiner Treu!" sagte er, als er damit zu Stande gekommen, „seht 'mal dort, Milnwood, habt Ihr je einen Menschen so fechten sehen, wie diesen Teufel, den Claverhonse? — Drei Mal hatten sie ihn schon in den Klauen, und drei Mal hat er sich losgemacht. — Aber ich glaube, wir werden bald selbst los und ledig sein, Milnwood. Jnglis und seine Soldaten sehen oft über die Schulter, als hielten sie den Weg rückwärts sicherer, als den vorwärts." Cuddie hatte Recht; denn als die Hauptmasse der Flüchtigen in geringer Entfernung von ihnen vorüberzog, feuerten der Corpora! und seine Leute ihre Karabiner auf's Gerathewohl gegen die Insurgenten ab, gaben die Bewachung der Gefangenen auf, und schlossen sich dem Rückzuge ihrer Kameraden an. Morton und die alte Frau, deren Hände frei waren, verloren keine Zeit, die Bande Cuddie's und des Geistlichen zu losen, denen man die Arme über dem Ellenbogen mit einem Strick zusammen gebunden hatte. Inzwischen jagte der Nachtrab der 33 Dragoner, der noch einigermaßen Ordnung hielt, unterhalb der Anhöhe hin, auf deren Spitze sich der erwähnte Steinhügel befand. Sie verriethen alle Hast und Verwirrung eines erzwungenen Rückzuges, hielten sich aber immer noch zusammen. Claverhouse führte den Vortrab; sein entblößtes Schwert, sein Gesicht und seine Kleidung waren mit Blut befleckt. Sein blutbesprihtes Pferd drohte vor Schwäche nmzusinken. Lord Evandalc, der sich in nicht viel besseren Umständen befand, war beim Nachtrab, und ermahnte noch immer die Soldaten, zusammenzuhaltcn und nichts zu fürchten. Mehrere waren verwundet und Einige stürzten vom Pferde, als sie den Hügel hinan ritten. Mauses Eifer brach bei diesem Anblick noch ein Mal aus, und wie sie so auf der Haide unbedeckten Hauptes stand und ihre grauen Haare im Winde flatterten, war sie kein schlechtes Bild einer alten Bacchantin oder einer theffalischen Hexe in den Verzückungen der Seherkraft. Sie entdeckte bald Claverhouse an der Spitze der Flüchtigen und rief mit bitterem Hohn: „Wartet! Wartet! Ihr wolltet ja immer sein bei den Versammlungen der Heiligen und auf jedem Moor von Schottland herumreiten, um ein Conventikel aufzufinden. Willst Du jetzt nicht warten, da Du ein solches gefunden? Willst Du nicht warten und noch ein Wort hören? Willst Du nicht die Nach- mittagsprcdigt hören? — Wehe über Euch!« sagte sie mit plötzlich verändertem Tone, „mögen die Sehnen des Rosses zerschnitten werden, dessen Schnelligkeit Du vertrauest. Fort! — Fort! Du hast so viel Blut vergossen und jetzt willst Du das Deinige retten — fort mit Dir, Du spottender Rabsakeh, Du fluchender Simei, Du blutdürstiger Doeg, — das Schwert ist gezückt und wird Dich dald erreichen, reite so schnell Dn willst!" Die Schwärmer. II. Z 34 Claverhousc war, wie man sich leicht denken kann, zu beschäftigt, um auf ihre Vorwürfe zu achten; er eilte über den Hügel, begierig, den Rest seiner Leute aus dem Feuer zu bringen und in der Hoffnung, die Flüchtlinge wieder unter seiner Fahne zu sammeln. Als aber der Nachtrab vorüberritt, traf ein Schuß Lord Evandales Pferd, welches sogleich unter ibm zusammensank. Zwei Reiter der Whigs, welche an der Spitze der Verfolger waren, sprengten herbei, um ihn zu tödten; denn bis jetzt war noch kein Pardon gegeben worden. Morton aber eilte voran, um wo möglich sein Leben zu retten, theils aus angeborenem Edelmuth, theils um die Verbindlichkeit auszugleichen, die ihm Lord Evandale diesen Morgen anferlcgt hatte und die ihm so empfindlich geworden war- Gerade als er dem schwerverwundcten Evandale unter dem Pferde her- vorgehvlfen, kamen die zwei Reiter herbei, vor denen der Eine rief: »Nieder mit dem rothröckigen Tyrannen!" Damit führte er einen Hieb auf den jungen Edelmann, den Morton mit Mühe parate, indem er dem Reiter zurief, der kein Anderer war als Burley selbst: „Gebt diesem Herrn Pardon um meinetwillen!" — und da er sah, daß in Burley nicht sogleich erkannte — fügte er hinzu „um Heinrich Mortons willen, der Euch kürzlich Zuflucht gewährte." „Heinrich Morton?" erwiederte Burley, indem er die blutige Stirne mit der noch blntigern Hand mischt; „sagte ich's nicht, daß der Sohn des Silas Morton kommen würde aus dem Lande der Knechtschaft und nicht lange wohnen in den Zelten Hams? Du bist ein Brand aus dem Feuer gerissen — Aber was diesen bestiefelten Apostel des Bischofthums betrifft, er soll des Todes sterben! — Hüften und Lenden müssen wir ihnen zerschmettern vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang. Es ist unsere Sache, fle zu schlagen wie Amalek, und 35 Alles zu verwüsten, was sie besitzen, und nicht zu schonen, weder Manu noch Weib, weder Kind noch Säugling; darum halte mich nicht ab," fuhr er fort und versuchte von Neuem Lord Evandale »iederzumachen; „denn dieses Werk darf nicht lässig gethan werden!" „Ihr sollt nicht, Ihr dürft ihn nicht tödten, besonders da er sich nicht wehren kann," sagte Morton uud stellte sich vor Lord Evandale, um jeden Streich aufzufangcn, der etwa auf ihn gerichtet würde; „ich verdankte ihm diesen Morgen mein Leben, welches nur darum gefährdet war, weil ich Euch Zuflucht gewährte. Des Wehrlosen Blut zu vergießen ist nicht nur eine schreckliche Grausamkeit vor Gott und Menschen, sondern auch eine nichtswürdige Undankbarkeit gegen ihn und mich." Burley schwieg eine Weile. — „Du bist noch," sagte er dann, „im Vorhof der Heiden und ich bemitleide Deine menschliche Blindheit und Schwäche. Starke Speise taugt nicht für Kinder, noch der gewaltige, zermalmende Rathschluß, unter dem ich mein Schwert ziehe, für die, deren Herzen noch wohnen in Hütten von Thon, deren Füße noch verwickelt sind in den Netzen sterblichen Mitleids, und die sich kleiden in ihre eigene Gerechtigkeit, die da gleicht den elenden Lumpen. Aber eine Seele für die Wahrheit gewinnen, ist besser, als eine nach Tophet zu senden- Deßhalb geb' ich diesem Jüngling Pardon, vorausgesetzt, daß dieser bestätigt wird durch den allgemeinen Rath des Heeres Gottes, das er an diesem Tage gesegnet mit herrlichen Erlösung. — Du bist unbewaffnet. — Harre hier meiner Rückkunft. Noch muß ich diese Sünder, die Ama- lekiter, verfolgen und sie vernichten, bis sie gänzlich vertilgt sind vom Angesichte des Landes, von Havila bis gen Schur." Mit diesen Worten spornte er sein Pferd und setzte den Flüchtigen nach. 3 36 „Cuddie," sagte Morton, „um Gotteswillen fangt ein Pferd auf, so schnell Ihr könnt. Ich will Lord Evandales Leben nicht diesen hartherzigen Menschen anvertrauen. — Ihr seid verwundet, Mytord? — Seid Ihr im Stande, Euren Rückzug fortzusetzen?" fuhr er fort, gegen den Gefangenen gewendet, welcher, halbbctäubt durch den Sturz, sich jetzt allmalig erholte. „Ich denke wohl," erwiederte Lord Evandale- „Aber ist's möglich? — Verdanke ich Herrn Morton mein Leben?" „Schon ans bloßer Menschlichkeit hätte ich mich für Euch verwenden müssen," entgegnete Morton; „gegen Euch aber war cs eine heilige Schuld der Dankbarkeit." Jetzt kehrte Cuddie mit einem Pferde zurück. „Um Gotteswillcn, sitzt auf! sitzt auf! und reitet so schnell wie ein fliegender Falke," rief der gutmüthiqe Bursche; „denn wahrhaftig, sie tödten jeden Verwundeten und Gefangenen." Lord Evandale bestieg das Pferd und Cuddie hielt ihm dienstbeflissen den Steigbügel- „Laß das, guter Bursche; Deine Dienstfcrtigkeit könnte Dich das Leben kosten. — Herr Morton," fuhr er zu Heinrich gewendet fort, „jetzt ist cs mehr als ausgeglichen. — Verlaßt Euch darauf, ich werde nie Eure Großmuth vergessen. — Lebt wohl!" Er wandte sein Pferd und ritt rasch nach einer Richtung, wo er am wenigsten der Verfolgung ausgesctzt war. Kaum aber war er fvrtgesprengt, als mehrere Insurgenten, welche zu den Vordersten unter den Nachsetzenden gehörten, herankamen, und Morton und Cuddie Rache drohten, weil sie die Flucht eines Philisters — wie sie den jungen Edelmann nannten — begünstigt hatten. „Was hätten wir thun sollen?" schrie Cuddie. „Hätten 37 wir einen Mann aufhalten sollen, der zwei Pistolen und einen Säbel hatte? Hättet Ihr selbst nicht schneller herbeikommcn können, anstatt jetzt mit uns zu zanken?" Diese Entschuldigung hätte schwerlich genützt; aber Pauker, der sich nun von seinem Schrecken erholt hatte und von den meisten Wanderern gekannt und geachtet war, und Mause, welche so gut als der Prediger die paffende Sprache verstand, verwendeten sich emsig und wirksam für sie. „Rührt sie nicht an! Fügt ihnen kein Leid zu!" rief Pauker in seinen stärksten Baßtöncn; „dies ist der Sohn des berühmten Silas Morton, durch welchen der Herr gewaltige Dinge verrichtete in diesem Lande beim Anfänge der Reformation, als hier die Fülle des Worts sich ergoß und der Bund sich erneute; ein Held und Kämpe jener gesegneten Tage, da noch Macht war und Stärke, und Ueberzeugung und Bekehrung der Sünder, und Herzensübungen und Gemeinschaft der Heiligen, und eine gedeihliche Fülle der Spezereien des Gartens von Eden." „Und dies ist mein Sohn Cuddie," rief Mause, „der Sohn seines Vaters, Juddas Headrigg, welcher ein sanstmüthiger, wackerer Mann war, und von mir, Mause Middlemas, einer unwürdigen Bekennerin und Nachfolgerin des reinen Evangeliums und Eine von den Eurigcn. Steht nicht geschrieben: Ihr sollt nicht verderben das Geschlecht der Kohatither unter den Leviten! Viertes Buch Mosis, vier, achtzehn? — Ach, steht nicht da wie müßige Schwätzer, da Ihr doch verfolgen sollet Euren Sieg, mit dem die Vorsehung Euch gesegnet hat." Kaum war dieser Trupp vorüber, als ein anderer kam, dem man dieselbe Erklärung geben mußte. Pauker, dessen Furcht sich sehr gelegt hatte, seitdem das Feuer aufgehört, nahm wieder das Amt eines Fürspreches und ward, im Be- 38 wußtsein, wie sehr seine ehemaligen Mitgefangenen seines Schatzes bedurften, so dreist, sich selbst keinen geringen Theil an dem Verdienste des Sieges beizulegen, und berief sich auf Morton und Cuddie, ob nicht die Schlacht sich gewendet, als er, wie Moses auf dem Berge Jehova-Nissi, gebetet, daß Israel dem Amalck obsiege; dabei gestand er ihnen das Verdienst zu, daß sie seine Hände empor gehalten, als sie matt wurden, so wie die des Propheten emporgehalten wurden von Aaron und Hur. Wahrscheinlich schrieb Pauker dieses Verdienst seinen Ungliicksgefährtc» darum zu, daß sie nicht in Versuchung gerathcn sollten, seinen fleischlichen, selbstsüchtigen Abfall zu vcrrathcn, durch welchen er zu sehr die persönliche Sicherheit im Auge hatte. Diese starken Zeugnisse zu Gunsten der befreiten Gefangenen verbreiteten sich mit manchen Uebertreibungen sehr schnell unter dem siegreichen Heere. Die Berichte lauteten verschieden; allgemein aber ward behauptet, daß der junge Morton von Milnwood, der Sohn des tapfer» Bundeskriegcrs Silas Morton, begleitet von dem herrlichen Gabriel Pauker und einem vorzüglich gottesfürchtigen christlichen Weibe, die eben so fähig wie Jener, die Worte des Schreckens und des Heils zu lehren, angelangt sei, der guten alten Sache beizustehen mit einer Verstärkung von hundert wohlbcwaffncten Jünglingen aus dem mittler» Wörd- > Viertes Kapitel. Als die Kanzel, die geistliche Trommelart, Mt Fäusten, statt Schlägeln, geschlagen ivard. HudibraS. Die Jnsurgenten-Reiterei kam inzwischen, ermüdet und erschöpft durch die ungewohnte Anstrengung, von der Verfolgung zurück, und das Fußvolk, durch Hunger und Arbeit ermattet, sammelte sich ans dem eroberten Schlachtfelde. Ihr Sieg war indeß für sie Alle eine Herzcnsstärkung und ersetzte ihnen Nahrung und Erfrischung. Er war auch wirklich glänzender, als sic zu hoffen berechtigt waren; denn ohne großen Verlust auf ihrer Seite hatten sie ein Regiment auserlesener Mannschaft, welche noch dazu von dem ersten Offizier Schottlands befehligt wurde, dessen Name ihnen lange ein Schrecken war, völlig vernichtet. Sie schienen auch wirklich im höchsten Grade über den Sieg erstaunt, so sehr hatte vielmehr die Verzweiflung als Hoffnung sie vermocht zu den Waffen zn greifen. Ihre Vereinigung war gleichfalls zufällig und sie hatten sich in aller Eile unter solche Befehlshaber gestellt, die durch Eifer und Muth hervorragten, ohne andere Eigenschaften zu berücksichtigen. Dieser ordnungslose Zustand hatte zur 40 Folge, daß das ganze Heer sich in einen allgemeinen Aus- schnß bilden zu wollen schien, um zu erwägen, welche Schritte jetzt gethan werden sollten, und keine Meinung war so absnrd, die nicht ihre Vertreter und Vcrtheidiger gefunden hatte. Einige riethen, nach Glasgow, Einige nach Hamilton, Einige nach Edinburg, und Andere nach London zu marschircn. Einige waren dafür, eine Deputation aus ihrer Mitte nach London zu senden, um Karl II. zu bekehren, daß er seine irrigen Maaßregeln erkenne; Andere, von weniger Milde, schlugen vor, entweder einen neuen Thronfolger zu berufen, oder Schottland für eine Republik zu erklären- Ein freies Nationalparlament und eine freie Kirchenversammlung wünschten die Gemäßigtsten und Verständigsten. Inzwischen schrieen die Soldaten nach Brod und anderen Bedürfnissen, und während sich Alle über Hunger und Ungemach beklagten, ergriff doch Niemand die geeigneten Maßregeln, der Nothdurft abzuhclfen. Kurz, das Lager der Covenanter schien sich selbst im Augenblicke des Sieges, wie ein Haufen Flugsand, aus Mangel an nothwendiger Ueberlegnng und Einigkeit, auflösen zu wollen. Burley, der jetzt von der Verfolgung zurückkehrte, fand seine Anhänger in diesem Zustande der Auflösung. Mit dem behenden Talente eines Mannes, der gewohnt ist, Verlegenheiten abzuhclfen, schlug er vor, daß hundert der rüstigsten Leute zum Dienste gezogen werden sollten, — daß eine kleine Anzahl der bisherigen Anführer einen Ausschuß zur obersten Leitung bilden solle, bis man Offiziere gewählt haben würde, und daß, um den Sieg zu krönen, Gabriel Pauker aufgefordert werden möge, durch ein zeitgemäßes Wort an das Heer das von der Vorsehung bescheerte Glück zu erhöhen. Nicht ohne Grund rechnete er sehr viel auf dies letzte Mittel, da er dadurch die Aufmerksamkeit des gemeinen Haufens zu beschäf- 41 tigen hoffte, während er mit einigen der Anführer einen geheimen Kriegsrath hielte, ungestört durch die widerstrebenden Meinungen und das unverständige Geschrei der Menge. Pauker entsprach Burleys Hoffnungen über alle Erwartung. Zwei tödtlich lange Stunden predigte er in einem Athem fort, und gewiß wäre keine Lunge, keine Lehre als die seinige im Stande gewesen, die Aufmerksamkeit der Leute so lange in solchen ungewissen Umständen zu fesseln. Aber er besaß in hohem Grade jene rohe und leichtfaßliche Beredtsamkeit der Prediger jener Zeit, welche, obgleich sie von einer Versammlung von einigem Geschmack mit Verachtung verworfen worden wäre, doch für den Gaumen derer, denen ste angeboten ward, ein Kuchen von ächtem Sauerteig war- Sein Text war aus dem assien Kapitel des Jesaias: »Nun sollen die Gefangenen dem Riesen genommen werden und der Raub des Starken los werden; und ich will mit deinen Haderern hadern und deinen Kindern helfen; und ich will deine Schinder speisen mit ihrem eigenen Blute, daß sie wie mit süßem Weine trunken werden, und alles Fleisch soll erfahren, daß ich bin der Herr, dein Heiland und dein Erlöser, der Mächtige in Jakob." Die Rede, welche er über diesen Gegenstand hielt, bestand in fünfzehn Hauptstückcn, von denen jedes mit sieben Nutzanwendungen, zwei Tröstungen und zwei Strafen ausgestattet war; zwei andere erklärten die Ursachen des Abfalls und des Zornes, und eins verkündigte die verheißene und erwartete Erlösung. Den ersten Theil wendete er auf seine eigene und seiner Gefährten Befreiung an, und benutzte die Gelegenheit, einige Worte des Lobes dem jungen Milnwood angedeihen zu lassen, von dem er, als von einem Helden des Covenants, große Dinge weissagte. Im zweiten Theile verbreitete er sich über die Strafen, welche auf die verfolgende Regierung fallen würden. Bisweilen ward er vertraulich und behaglich-gesprächig; dann wurde er laut und hipig — einige Theile seiner Rede konnten erhaben genannt werden; andere sanken bis unter das Burleske herab. Bisweilen verfocht er mit großer Lebhaftigkeit das Recht jedes freien Mannes, Gott nach eigenem Gewissen zu verehren, und jetzt schob er die Schuld und das Elend des Volkes auf die entsetzliche Nachlässigkeit ihrer Obern, die nicht nur unterlassen hätten, den Presbyterianismus als Nationalreligion festzuschen, sondern auch geduldet hätten die Sektircr verschiedener Art, Papisten, Prälatisten, Erastinianer, die den Namen von Presbyterianern annähmen, Independenten, Svcinianer, Quäker, welche Alle Pauker vorschlug mit einem Male aus dem Lande zu vertreiben und so die Schönheit des Heiligthums in seiner Reinheit wieder her- zustellcn. Darauf verhandelte er aufs Nachdrücklichste die Lehre vom Vertheidignngskriege und vom Widerstande gegen Karl II. und bemerkte, daß der Monarch, statt ein ernährender Vater der Kirche zu sein, nur ein nährender Vater seiner Bastarde gewesen. Dann breitete er sich über das Leben und Treiben dieses lustigen Fürsten ans, von dem allerdings nur wenig geeignet war, der rohen Behandlung eines so plumpen Redners Stand zu halten, der ihn mit den harten Namen Jero- beam, Amri, Ahab, Sallnm, Pekah und jedes andern in der Chronika erwähnten schlechten Fürsten überhäufte, und mit einer unumwundenen Schriftanwendung schloß: „Und das Thal Tophet, so da heißen soll „das Würgethal," ist bestimmt seit lange; und es ist ausersehen für den König; er hat es tief gemacht und weit, und die Säulen darin sind Feuer und viel des Holzes, aber der Athen; des Herrn entzündet sie gleich einem Strome von Schwefel." Pauker hatte kaum geendet und den mächtigen Felsen, der 43 ihm zur Kanzel gedient, verlassen, als sein Posten durch einen Geistlichen ganz anderer Art eingenommen ward. Der ehrwürdige Gabriel war schon bei Jahren, etwas wohlbeleibt, besaß eine sonore Stimme, ein viereckiges Gesicht und einfältige, starre Züge, worin der Körper mehr über den Geist vorherrschte, als es sich für einen rechten Geistlichen ziemte. Der Jüngling, der ihm mit der Erbanungsrede folgte, war kaum zwanzig Jahre alt; doch verkündeten seine Züge, daß seine schon von Natur hektische Constitution durch Nachtwachen, Fasten, harte Gefangenschaft und die Beschwerden eines unsteten Lebens gänzlich zu Grunde gerichtet war. So jung er auch war, hatte er doch schon zwei Mal mehrere Monate im Kerker gelegen und viel Ungemach erfahren, was ihm einen großen Einfluß bei seiner Sekte gab. Er warf seine matten Augen auf die Versammlung und über das Schlachtfeld, sein Blick erglänzte von freudigem Triumphe und sein bleiches, aber ausdrucksvolles Gesicht wurde durch einen Anflug hektischer Rothe gefärbt. Er faltete die Hände, erhob sein Antlitz gen Himmel und schien in stilles Dankgcbet versenkt, eh' er das Volk anredcte. Anfänglich schien seine schwache, gebrochene Stimme unfähig, seine Gedanken auszudrücken. Aber das tiefe Schweigen der Versammlung, die Begierde, mit welcher jedes Wort eingesogen ward, wie von den Israeliten einst das himmlische Manna, hatte auf den Redner eine anregende Wirkung. Seine Worte wurden deutlicher, sein Vortrag ernster und nachdrücklicher, und sein religiöser Eifer schien über seine körperliche Schwäche und Gebrechlichkeit zu siegen. Seine natürliche Beredtsamkeit war zwar nicht rein geblieben von der Rohheit seiner Sekte; aber sein angeborner Geschmack bewahrte ihn vor den plumpen und lächerlichen Fehlern seiner Zeitgenossen, und die Sprache der Schrift, welche in ihrem 44 Munde durch üble Anwendung erniedrigt war, hatte in Mac- briars Ermahnungen eine volle, feierliche Wirkung, gleich den Sonnenstrahlen, welche sich durch die mit Heiligen und Märtyrern bemalten Fenster einer alten gvthischcn Kathedrale brechen. Er malte die Zerstörung der Kirche während der letzten Periode ihres Elends mit den lebendigsten Farben ans. Er verglich sie mit Hagar, die in wasserloser Wüste über das verlöschende Leben ihres Kindes wacht; mit Zudah, die unter ihrem Palmbaume über die Zerstörung ihres Tempels klagt; mit Rahel, die um ihre Kinder weint und den Trost von sich weist. Aber er schwang sich zur wilden Erhabenheit empor, als er die noch vom Schlachtenblnt triefenden Männer anredete: „Eure Kleider sind gefärbt — aber nicht vom Safte der Kelter; Eure Schwerter sind mit Blut getränkt, aber nicht mit dem Blute der Ziegen und Lämmer; der Staub der Wüste, auf der Ihr steht, ist gedüngt mit Blut, aber nicht mit dem Blute der Stiere; denn der Herr hat ein Opfer in Bozrah und ein großes Blutbad im Lande Jdumäa. Das waren nicht die Erstlinge der Heerde, das kleine Vieh zum Brandopfer, deren Leiber da liegen, gleich dem Dünger auf dem gepflügten Felde des Landmanns; dies ist nicht der Geruch von Myrrhen, von Weihrauch oder von süßen Kräutern, der aufsteigt in Eure Nasen: nein, diese blutigen Leichen sind die Körper derer, so den Bogen hielten und die Lanze, so da grausam waren und kein Erbarmen zeigten, deren Stimme geheult wie das Meer, und die auf Rossen ritten, ein Jeglicher zur Schlacht gerüstet — das sind die Leichname der gewaltigen Kricgsmänner, so da zogen gegen Jakob am Tage der Befreiung, und der auf- steigende Ranch ist der des verzehrenden Feuers, das sie vernichtet hat. Und diese wilden Berge, die Euch umgeben, sind kein Hciligthum, getäfelt mit Cedern und ausgelegt mit Sil- ber; noch seid Ihr dienende Priester am Altäre mit Rauchfaß und Fackeln, sondern Ihr haltet in Euren Händen das Schwert und den Bogen und die Waffen des Todes. Und dennoch, wahrlich ich sage Euch, als noch der alte Tempel stand in seiner ersten Herrlichkeit, ward kein angenehmeres Opfer darge- Lracht, als das, so Ihr an diesem Tage dem Herrn geweiht, indem Ihr niedergemetzelt den Zwingherrn und Bedrücker, da der Felsen Euer Altar war und der Himmel Euer gewölbtes Heiligthum und Eure guten Schwerter die Opfermesser. Darum lasset nicht stehen den Pflug in der Furche, — wendet Euch nicht ab von dem Pfade, den Ihr betreten, gleich den berühmten Helden der Vorzeit, die Gott erhob zur Verherrlichung seines Namens und zur Erlösung seines betrübten Volkes, — haltet nicht an auf der Bahn, die Ihr laufet, auf daß das Ende nicht schlimmer sei, denn der Anfang. Darum pflanzet auf ein Banner im Lande; stoßet in die Trompete auf den Bergen, lasset den Schäfer nicht länger säumen in der Hürde, oder den Säemann fortgehen auf dem gepflügten Felde, sondern macht scharf die Wacht, wetzet die Pfeile, glättet die Schilde, ernennet Hanptleute von Tausenden und Hauptleute von Hunderten, von Fünfzigen und von Zehnen; ruft zusammen das Fußvolk, gleich dem Rauschen des Windes, und lasset herbeikommen die Reiter, gleich dem Getöse vieler Gewässer; denn die Pfade der Verwüster sind gehemmt, ihre Ruthen sind verbrannt und das Angesicht ihrer streitbaren Männer hat sich zur Flucht gewendet- Der Himmel ist mit Euch gewesen und hat zerbrochen den Bogen der Gewaltigen; darum sei das Herz eines Jeglichen wie das Herz des Maccabäus, die Hand eines Jeglichen wie die Hand des gewaltigen Simsen, das Schwert eines Jeglichen wie das Schwert Gideons, das sich nimmer gewendet von der Schlacht; denn das Ban- 46 ner der Reformation ist nun ausgebreitet auf den Bergen in seiner ersten Lieblichkeit und die Pforten der Holle werden es nicht überwältigen." „Wohl dem, der an diesem Tage vertauscht sein Haus für einen Helm und sein Kleid verkauft um ein Schwert, und sein Loos wirft mit den Kindern des Covenants, selbst bis zur Erfüllung der Verheißung; und wehe, wehe dem, der um fleischlicher, selbstsüchtiger Zwecke willen zurückbleibt von dem großen Werke; denn der Fluch wird ihn treffen, ja, der grimmige Fluch des Meroz, weil er nicht kam, dem Herrn beizustchen gegen die Gewaltigen. Auf denn, an'S Werk! Das Blut der Märtyrer, das auf den Richtstätten raucht, schreit um Rache; die Gebeine der Heiligen, welche auf den Heerstraßen bleichen, fordern Vergeltung; die Seufzer der unschuldigen Gefangenen auf wüsten Inseln des Meeres und aus den Kerkern der festen Schlosser der Zwingherre» flehen um Befreiung; die Gebete der verfolgten Christen, die sich in Einöden und Höhlen vor dem Schwerte ihrer Verfolger verbergen, erschöpft vor Hunger, sterbend vor Kälte, ohne Feuer, Obdach und Kleidung, weil sie Gott mehr dienen, als den Menschen, — Alle find mit Euch, bitten, wachen, pochen und stürmen die Pforten des Himmels für Eure Sache. Der Himmel selbst wird für Euch streiten, wie die Sterne in ihrem Laufe stritten wider Siffera. Laßt also Alle, welche unsterblichen Ruhm in dieser Welt und ewige Seligkeit in der zukünftigen gewinnen wollen, eintretcn in den Dienst Gottes und Handgeld nehmen von seinem Diener, — einen Segen nämlich über ihn und sein Hans und seine Kinder bis in's neunte Glied, ja, den Segen der Verheißung für immer und ewig! Amen." Die Beredtsamkeit des Predigers wurde durch das tiefe Beifallsgemurmel belohnt, das durch die bewaffnete Versamm- kling am Schluffe einer Ermahnung tönte, die sich so gut eignete für das, was sie bereits gethan, und für das, was ihnen noch zu thun übrig blieb. Die Verwundeten vergaßen ihren Schmerz, die Schwachen und Hungrigen ihre Ermattung und Entbehrung, als sle den Lehren horchten, welche sie über das Elend und die Bedürfnisse dieser Welt erhoben, und ihre Sache zur Sache Gottes machten. Viele drängten sich um den Prediger, als er von der Anhöhe stieg, reichten ihm die Hände, au denen jetzt das Blut kaum geronnen war, und gelobten aufs Heiligste, sich als die wahren Krieger des Himmels zu betragen. Erschöpft durch seine eigene Begeisterung und durch den Feuereifer, mit dem er gesprochen, konnte der Prediger nur in gebrochenen Tönen antworten: „Gott segne Euch, meine Brüder, — es ist seine Sache, — stehet fest zusammen und seid Männer, — das Schlimmste, was uns begegnen kann, ist nur ein kurzer und blutiger Weg zum Himmel." Balfour und die anderen Führer hatten nicht die Zeit verloren, welche diesen geistlichen Hebungen gewidmet war. Wachtfeuer wurden angczündet, Posten ausgestellt und Anordnungen getroffen, die Krieger mit den Lebensmitteln zu stärken, welche von den nächsten Pachthäusern und Dörfern in der Eile hcrbcigcschafft werden konnten. Nachdem nun dem gegenwärtigen Bedürfnis; abgcholfen war, richteten sie ihre Gedanken auf die Zukunft. Sie hatten Streifwachcn ausgesendet, die Nachricht von ihrem Siege zu verbreiten und mit Güte oder Gewalt diejenigen Unterstützungen zu erhalten, deren sie am dringendsten bedurften. Dies glückte ihnen über alle Erwartung, da sie in einem Dorfe ein kleines Magazin von Lebensmitteln und Munition erbeutet hatten, das für die königlichen Truppen angelegt worden. Dieser Erfolg gewährte ihnen nicht nur angenblickliche Hülfe, sondern erweckte auch 48 solche Hoffnungen für die Zukunft, daß, wenn auch Manche in ihrem Eifer anfangs nachgelassen, ffe sich jetzt einmüthig entschlossen, unter den Waffen zu bleibe» und sich und ihre Sache der Entscheidung des Kampfes zu überlassen. Und was man auch von der Ueberspannung und engherzigen Bigotterie vieler ihrer Glaubenssätze denken mag, so kann man doch den Ruhm eines gottergebenen Muthes diesen paar hundert Landleuten nicht versagen, welche ohne Führer, ohne Geld, ohne Magazine, ohne festen Entwurf ihrer Handlungsweise und fast ohne Waffen, nur von ihrem glühendem Eifer und Abscheu gegen den Druck der Machthaber bewogen, einer wohlbefestigten Regierung Krieg anzukündigen wagten, einer Regierung, die von einem regelmäßigen Heere und der ganzen Macht von drei Königreichen unterstützt ward. Fünftes Kapitel. Fürwahr, ei» alter Mail» kann auch was thun. Heinrich IV. II. Wir müssen nun nach dem Schlosse Tillietudlem zurück- kehrcn, wo seit dem Abmarsch der Leibwachen, am Morgen dieses verhängnißvolicn Tages, tiefe, stille Angst geherrscht hatte. Die Versicherungen Lord Evandales konnten Edithens Besorgnisse nicht unterdrücken. Sie wußte, daß er, der Großmüthige, sein Wort halten würde; aber es schien zu klar, daß er Denjenigen, für welchen sie sich verwendete, für einen begünstigten Nebenbuhler hielt, und hieß es nicht eine übermenschliche Anstrengung von ihm erwarten, wenn sie hätte glauben sollen, er würde über Mortons Sicherheit wachen und ihn aus allen Gefahren retten, denen ihn seine Gefangenschaft und der gegen ihn erregte Argwohn wiederholt aussetzen mußte? Sie überließ sich also herzbrechenden Besorgnissen, ohne der mannigfachen Trostgründe zu achten, die Jenny Dennison nach einander vorbrachte, wie ein geschickter Feldherr, der mit seinen verschiedenen Divisionen einen regelmäßigen Angriff bewirkt. Erstlich war Jenny moralisch überzeugt, daß dem jungen Milnwood nichts Leides geschehen würde, und wenn es geschah, so lag ja ein Trost in dem Gedanken, daß Lord Evandale eine bessere und geeignetere Partie sei; dann war alle Wahrscheinlichkeit für eine Schlacht, in welcher besagter Lord Evandale umkommen könnte, und dann hätte der Spaß ein Ende, — dann, wenn die Whigs siegten, so konnten Morton und Cuddie in's Schloß kommen und die Geliebten ihres Herzens mit Gewalt entführen. „Ich vergaß Euch zu sagen, gnädiges Fräulein," fuhr das Mädchen fort, indem sie das Schnupftuch vor die Augen hielt, „der arme Cuddie ist in den Händen der Philister, so gut wie der junge Milnwood, und ward diesen Morgen als Gefangener hergebracht, und ich that dem Tom Halliday schön, daß er mich zu dem armen Burschen gehen ließ; aber Cnddie war nicht so dankbar, als er hätte sein sollen, doch," setzte sie mit verändertem Tone hinzu und nahm schnell das Schnupftuch von den Augen, „ich will mir die Augen auch nicht länger dcßhalb verderben. Es bleiben noch junge Burschen genug übrig, wenn man auch die Hälfte davon aufhängte." Die übrigen Bewohner des Schlosses waren ebenfalls miß- muthig und ängstlich. Lady Margaretha glaubte, daß Oberst Grahame, als er eine Hinrichtung vor der Thür ihres Hauses befohlen und ihren Vorstellungen kein Gehör gegeben, die Die Schwärmer. II. 4 50 ihrem Range gebührende Achtung verletzt, ja, sogar ihre guts- hcrrlichcn Rechte angegriffen habe. „Der Oberst," sagte sie, „hätte sich erinnern sollen, Bruder, daß die Baronie Tillictudlem auch das Recht des Galgens und des Rades hat, nnd wenn der junge Mensch auf meinem Gebiete hingerichtct werden sollte — was ich jedoch für unziemlich halte, da dieses im Besitz von Frauen ist, denen solche Trauerspiele nicht angenehm sein können — so hatte er nach gemeinem Rechte meinem Gerichtsvogt überliefert und in seiner Gegenwart gerichtet werden sollen." „Kriegsrecht, Schwester," antwortete Major Bellenden, „geht über Alles. Aber ich muß gestehen, der Oberst Grahame ließ es sehr an Aufmerksamkeit gegen Euch fehlen, nnd ich selbst fühle mich just nicht sehr geschmeichelt, daß er dem jungen Evandale — wahrscheinlich weil er Lord ist und Einfluß im Staatsrath hat — eine Bitte gewährte, welche er mir, einem alten Diener des Königs, abschlng. Aber so lange das Leben des jungen Menschen in Sicherheit ist, kann ich mich mit dem Ende eines Liedchens trösten, das so alt ist wie ich selbst." Und hiermit brummte er einen Vers: ..Und weht der Winter grimmig kalt, Durch grau Geleck und Mantel alt; Nur Herz gefaßt, du NitterSmann, Ein Becher Sekt erwärmt dich dann." „Ich muß heute Euer Gast sein, Schwester; denn ich möchte gern den Ansgang des Gefechts bei Lvudonhill hören, obgleich ich nicht begreifen kann, daß sie sich gegen ein solches Rciter- korps, wie unsere Gäste von heute Morgen, halten können. — Ach, die Zeiten sind hin, wo cs mir unangenehm gewesen sein würde, auf den Ausgang eines Gefechts zu warten, das einige Meilen von mir vorfiel! Aber wie das alte Lied sagt: 51 »Die blankste Klinge rostet mit der Zeit, Die stärksten Bogen bricht die Macht der Stunden; Nichts ist so fest, daß es nicht in dem Streit Mit Zeit und Jahren endlich Überwunden." „Es freut uns sehr, daß Ihr bleibt, Bruder," sagte Lady Margaretha; „ich will mein altes Vorrecht gebrauchen und nach der Haushaltung sehen, die durch das Frühstück etwas in Unordnung gerathen, obwohl es unhöflich ist, Euch allein zu lassen." „Umschweife sind mir so verhaßt, wie ein stolperndes Pferd," antwortete Major Bellenden. „Uebrigens würde Eure Person bei mir, Euer Sinn aber bei Eurer kalten Küche und den übriggebliebenen Pasteten sein. - Wo ist Edith« ?" „Auf ihrem Zimmer. Sie ist etwas unwohl, wie ich höre, und hat sich auf einen Augenblick in's Bett gelegt," sagte die Großmutter. „Sobald sie erwacht, soll sie einige Tropfen nehmen." „Pah, Pah! sie ist blos soldatenkrank," antwortete Major Bellenden. „Sie ist nicht gewohnt mit anzusehen, daß ein Bekannter weggeführt wird, um erschossen zu werden, und ein anderer ausrückt mit der Möglichkeit, den Heimweg nicht wieder zu finden. Sie würde sich bald daran gewöhnen, wenn der Bürgerkrieg wieder ausbräche." „Gott behüt' uns, Bruder!" sagte Lady Margaretha. „Ja, wie Ihr sagt, Gott behüt' uns — unterdessen will ich mit Harrison eine Partie Tricktrack spielen-" „Er ist ausgcrittcn, Sir," sagte Gudyill, „um Etwas von der Schlacht zu hören." „Die verdammte Schlacht!" sagte der Major; „sie bringt die Familie so aus der Ordnung, als wenn man so EtwaS noch nicht hier zu Lande erlebt hätte — und doch gab es einen Ort wie Kilsythe, John." 4 " „Ja, und wie Tippmuir, Eure Gnaden," erwiederte Gu- dyill, „wo ich meines gnädigen Herrn, seligen, Flügelmann war." „Und Alford, .John," fuhr der Major fort, „wo ich die Reiterei kommandirte, und Jnnerlochy, wo ich Adjutant des großen Marquis war, und Auld Eare und Brig v'Dee." „Und Philipphaugh, Eure Gnaden," fügte John hinzu. „Hm!" brummte der Major, „je weniger wir davon sprechen, John, desto besser." Da sie aber einmal in Montroses Feldzüge hineingeschifft waren, so führten der Major und Gndyill den Krieg so rüstig fort, daß ste einige Stunden den furchtbaren Feind, Zeit genannt, in Respekt hielten, mit welchem alte Krieger am Ende eines unruhigen Lebens meistens in unversöhnlicher Feindschaft leben. Es ist oft bemerkt worden, daß die Nachricht von wichtigen Ereignissen mit einer unglaublichen Schnelligkeit sich verbreitet und daß Gerüchte, die im Allgemeinen richtig, in den Nebenumständen aber falsch sind, dem sichern Berichte voran- eilcn, als würden sie von den Vögeln in der Luft fortgetragen. Solche Gerüchte über den Ausgang der Schlacht waren Harrison auf seinem Ritte zugekommcn, und höchst bestürzt wendete er sein Roß gen Tillictndlem. Sein erstes Geschäft war, den Major zu suchen, den er mitten in einer weitläufigen Erzählung der Belagerung und Erstürmung von Dundee mit den Worten unterbrach: „Gott gebe, Herr Major, daß wir nicht eine Belagerung von Tillictndlem erleben, ehe wir UM einige Tage älter sind!" „Was ist das, Harrison? — Was zum Teufel meint Ihr damit?" fragte der erstaunte Veteran. „Wahrhaftig, Sir, man ist sehr stark der Meinung, daß Claverhouse völlig geschlagen, ja er selbst geblieben sei, daß 53 die Soldaten sämmtlich zerstreut und die Rebellen eiligst hierher kommen werden, Allen Tod und Verderben drohend, die nicht den Covenant annehmen." „Das mag ich nimmermehr glauben," rief der Major aufspringend, — „ich will nimmermehr glauben, daß die Leibgarden vor Rebellen fliehen, und doch — Hab' ich nicht selbst dergleichen gesehen? — Schickt meinen Pike und noch ein Paar andere Diener um Nachrichten aus und laßt alle zuversichtlichen Leute im Schloß und im Dorfe die Waffen ergreifen. Dieser alte Thurm kann sie schon ein wenig aufhaltcn, wenn er nur gehörig verproviantirt und besetzt ist; er beherrscht den Paß zwischen dem Ober- und Unterlande. — ES ist ein Glück, daß ich gerade hier bin. — Geht, Harrison, mustert die Mannschaft, — Ihr, Gudyill, seht, welche Vor- räthc da sind, oder herbcigeschafft werden können, und haltet Euch fertig, wenn sich die Nachrichten bestätigen, so viel Ochsen zu schlachten, als Ihr cinsalzen könnt. — Der Brunnen läuft immer. — Oben auf den Mauern sind noch einige alte Kanonen; wenn wir nur Munition hätten, dann könnten wir schon das Unsrige thun." „Die Soldaten haben diesen Morgen einige Fässer mit Munition in der Scheune zurückgelaffen, bis zu ihrer Rückkehr," sagte Harrison. „So eilt denn," sagte der Major, „und bringt sie in's Schloß mit allen Piken, Säbeln, Pistolen und Flinten, die nur aufzutreiben sind; keine Stecknadel laßt mir liegen! — Ein Glück, daß ich hier bin! — Ich will sogleich mit meiner Schwester sprechen." Lady Margaretha Bellenden war bestürzt über die eben so unerwartete als traurige Nachricht. Sie hatte geglaubt, daß die ansehnliche Schaar, welche heut Morgen ihre Mauern ver- lassen, hinreichend sei, alle Mißvergnügten in ganz Schottland in die Flucht zu schlagen, wenn fle sich in eine Masse gesammelt hätten, und ihr erster Gedanke war, wie unzulänglich ihr Widerstand gegen ein Heer sein mußte, das stark genug war, Claverhouse und so auserlesene Truppen zu schlagen. „Weh' mir! Weh' mir!" rief sie, „was wird uns das Alles nützen, was wir thun können, Bruder? — Was kann uns Lurch Widerstand Anderes widerfahren, als ein sicherer Untergang dieses Hauses und der armen Edith«? denn Gott weiß, ich denke nicht an mein eigenes, altes Leben." „Kommt, Schwester!" sagte der Major; „seid nicht so niedergeschlagen. Der Platz ist fest; die Rebellen sind unwissend, und schlecht versorgt. Meines Bruders Haus soll keine Diebesund Rebellenhöhle werden, so lange der alte Bellenden darinnen ist. Meine Hand ist zwar schwächer, als ehemals; aber ich danke es meinen grauen Haaren, daß ich noch Etwas vom Krieg verstehe. — Hier kommt Pike mit Nachrichten. — Nun, was gibt's, Pike? Einen Streich, wie Philipphaugh, he?" „Ja, ja," crwiederte Pike gefaßt; „Alles auseinanderge- sprcngt! — Ich dachte diesen Morgen gleich, es werde nicht viel Gutes herauskommen bei ihrer neumodischen Art die Gewehre umzuhängcn." „Wen hast Du gesehen? — Wer gab Dir denn die Nachricht?" fragte der Major. „O, mehr als ein halb Dutzend Dragoner, die alle spornstreichs Hamilton zucilten. Im Wettrennen werden sie's gewinnen, das glaub' ich; die Schlacht mag gewinnen, wer da will." „Setzt die Vorbereitungen fort, Harrison," sagte der lebhafte Veteran; „schafft das Pulver herbei und laßt das Vieh schlachten. Schickt hinunter in den Flecken und laßt so viel Lebensmittel holen, als Ihr bekommen könnt. Wir dürfen keinen Augenblick verlieren- — Thätet Ihr nicht besser, mit Edith» nach Charnwood zu gehen, Schwester, so lange wir Euch noch dahin senden können?" „Nein, Bruder," sagte Lady Margaretha sehr bleich, aber mit großer Fassung; „weil Ihr denn dies alte Schloß ver- theidigen wollt, so will ich mein Schicksal darin erharren. Zweimal in meinem Leben bin ich daraus entflohen und Hab' es immer von den Besten und Tapfersten verlassen wiedcrge- funden; darum will ich jetzt hier bleiben und meine Pilgerschaft darin enden." „Am Ende ist es auch das Sicherste für Edith« und Euch," sagte der Major; „denn die Whigs werden wohl auf der ganzen Strecke zwischen hier und Glasgow aufstehen, und so würde Eure Reise oder Euer Aufenthalt zu Charnwood unsicher sein." „So sei es denn," sagte Lady Margaretha, „und ich übergebe Euch, mein thcurer Bruder, als dem nächsten Verwandten meines seligen Ehemannes, durch dieses Sinnbild — (hiermit übergab sie ihm den ehrwürdigen Stock mit goldenem Knopfe des verstorbenen Grafen von Torwood) — die Herrschaft, Regierung und das Seneschallamt meines Schlosses Tillietudlem sammt allen Zubchörungen, mit der vollen Gewalt zu tödten, zu schlagen und zu verdammen diejenigen, so dieselben angreifen, gleichwie ich selbst die Macht dazu habe. Und ich versehe mich zu Euch, daß Ihr es so vertheidigen werdet, wie ein Haus es werth ist, in welchem Seine Allergnädigste Majestät nicht verschmäht hat-" „Still, Schwester," unterbrach der Major, «wir haben jetzt wahrlich keine Zeit, von dem König und seinem Frühstück zu sprechen." Mit diesen Worten verließ er schnell das Zimmer und eilte 56 mit aller Lebendigkeit eines fünfundzwanzigjährigen Mannes hinab, um den Zustand der Besatzung zu untersuchen und die Maßregeln zu beaufsichtigen, welche zur Vertheidigung des Platzes nothwendig waren. Da das Schloß von Tillietudlem sehr dicke Mauern und sehr enge Fenster hatte, da auch eine sehr starke Mauer den Hofraum umgab, mit einem Thürmchen auf der einzig zugänglichen Seite: so war es wohl gegen jeden Angriff zu vertheidigen, schwere Artillerie etwa ausgenommen. Hunger und Sturm hatte die Besatzung hauptsächlich zu fürchten. Was das Geschütz betraf, so befanden sich auf dem Thnrme einige alte Stücke, welche die veralteten Namen: Feldschlangen, Falkonette und Falkonettchen führten. Diese ließ der Major mit Hülfe John Gudyills reinigen, laden, und so richten, daß sie den Rücken des gegenüberliegenden Hügels bestrichen, wo die Rebellen Herabkommen mußten. Zugleich ließ er einige Bäume niederhauen, welche die Wirkung des Geschützes verhindert haben würden. Aus diesen Baumstämmen und andern Materialien ließ er Barrikaden auf dem Wege von der Landstraße zum Schlosse anlegen, und zwar der Art, daß eine die andere beherrschte. Das große Hofthor ließ er noch stärker verrammeln, und nur ein Pförtchen zum Durchgang offen- Was er am meisten zu befürchten hatte, war die schwache Besatzung; denn alle Bemühungen des Verwalters waren nicht im Stande, mehr als neun Mann, ihn und Gudyill mit gerechnet, unter Waffen zu bringen; so sehr mar die Mehrzahl für die Insurgenten gestimmt. Major Bellenden und sein zuvcrläßiger Diener Pike vermehrten die Zahl auf eilf, wovon die Hälfte aus alten Männern bestand. Man hätte es zum Dutzend bringen können, wenn die alte Lady erlaubt hätte, daß Gänse-Gibbie wieder die Waffen ergriffe. Als aber 57 Gudyill den Vorschlag dazu machte, erschrak sie so sehr davor, daß sie erklärte, sie wolle lieber das Schloß verloren sehen, als daß dieser zur Vertheidigung desselben geworben werden sollte. Mit eilf Mann, sich selbst mit eingeschloffen, war also Major Bellenden Willens, das Schloß bis auf's Aenßcrste zn vertheidigen- Die Vertheidigungsanstalten wurden nicht ohne den bei solchen Gelegenheiten üblichen Lärm getroffen. Die Weiber schrieen, das Vieh brüllte, die Hunde bellten, die Menschen liefen schwörend und fluchend durch einander, das Hin- und Herschleppen des alten Geschützes erschütterte die Zinnen; der Hof ertönte von dem Huffchlag eilender Boten, welche mit wichtigen Sendungen gingen und kamen, und das Getöse kriegerischer Zurüstnngen vermischte sich mit den Klagetönen der Frauen- Eine solche babylonische Verwirrung hätte die Todten aufwecken können; es dauerte daher auch nicht lange, daß Editha Bellenden aus ihren Träumereien aufgeschreckt wurde. Sie schickte Jenny ab, um sich nach der Ursache des Lärms zu erkundigen, welcher das Schloß bis in seine Grundpfeiler erschütterte; als aber Jenny vom brausenden Strubel ergriffen war, hatte sie so viel zu fragen und zu höre», daß sie ganz vergaß, in welchem Zustande ängstlicher Ungewißheit sie ihre junge Gebieterin znrückgelassen. Da sie keine Taube nach Kunde auszuschicken hatte, als ihr Rabe nicht znrückkam, so war Editha genöthigt, sich selbst aus der Arche ihres Kämmerleins in die Sündflnth der Verwirrung zn wagen, welche das Schloß überschwemmte. Sechs Stimmen beantworteten ihre erste Frage auf einmal, daß Claverhouse mit seiner ganzen Mannschaft getödtet sei, und daß zehntausend Whigs zur Belagerung des Schlosses herbeieiltcn, angeführt von John Balfour von Burley, dem jungen Milnwvod und Cuddie Headrigg. Diese sonderbare Zusammenstellung schien die Lüge der ganzen Geschichte zn beknnden, und dennoch zeigte der allgemeine Lärm im Schlosse, daß man wirklich Gefahr befürchte. „Wo ist Lady Margaretha?" war Editha's zweite Frage. „In ihrem Betzimmer" war die Antwort. Dies war ein an die Kapelle anstoßendes Gemach, in welchem die gute alte Dame gewohnt war, den größeren Thcil der Tage zuznbrin- gcn, welche nach den Vorschriften der bischöflichen Kirche zu gottesfürchtigen Hebungen bestimmt waren, sowie die Todestage ihres Gemahls und ihrer Kinder darin zngebracht wurden und überhaupt alle Stunden, die durch allgemeines oder häusliches Unglück zu einer innigem und feierlicher» Anrufung Gottes anfforderten. „Wo ist denn Major Bellenden?" fragte Edith« höchst bestürzt. „Auf den Zinnen des Thurms, Fräulein; er richtet dort die Kanonen," war die Antwort. Dahin ging sie nun, unterwegs von tausend Hindernissen anfgehalten, und fand den alten Herrn ganz in seinem Elemente, befehlend, verweisend, ermunternd, belehrend und unterrichtend, kurz, alle Pflichten eines guten Commandanten ausübend. „Um Gotteswillen, was gibt cs, Oheim?" rief Edith«. „Was es gibt, Kind," erwicderte der Major ganz ruhig, als er mit der Brille auf der Nase die Richtung einer Kanone untersuchte. — „Was es gibt — Ei — John, den Brohk etwas höher! — Was es gibt —, nun, Clavcrhouse ist geschlagen, mein Kind, und die Whigs kommen mit Macht gegen uns, das ist Alles." „Allmächtiger Gott!" sagte Editha, welche in diesem Au- 5S genblicke auf den Weg blickte, der an dem Fluß herauf lief: „dort kommen sie ja schon!" „Dort? Wo?" rief der Veteran, und indem seine Augen dieselbe Richtung nahmen, bemerkte er eine große Schaar Reiter den Weg hcrabkommen. „Zu den Kanonen, Leute!" war sein erster Ansrnf. „Sie sollen uns Zoll bezahlen, wenn sie da durchwollen. — Doch halt, halt, das sind gewiß die Leibwachen!" „O nein, Oheim, nein!" erwiederte Edith«; „seht nur, wie unordentlich sie reiten und wie schlecht sie sich in den Gliedern halten, das können unmöglich die hübschen Soldaten von heute Morgen sein." „Ach, liebes Mädchen!" antwortete der Major, „Du kennst den Unterschied noch nicht zwischen Kriegern vor der Schlacht und nach einer Niederlage; aber die Leibgarden sind's, ich sehe das Roth und Blau und die königlichen Fahnen. Es freut mich nur, daß noch diese davon gekommen." Seine Meinung ward bestätigt, als die Reiter näher kamen und endlich an dem Wege unter dem Schlosse Halt machten. Während sie hier verschnauften und die Pferde fütterten, ritt der commandirende Offizier eilends den Hügel hinauf. „Wahrlich, das ist Claverhouse selbst," sagte der Major- „Es freut mich, daß er entkommen ist, aber er hat seinen berühmten Rappen verloren. Sagt's der gnädigen Frau, John Gudyill, besorgt Erfrischungen und Hafer für die Pferde der Soldaten; und wir, Edith«, wollen zur Halle, ihn zu empfangen. Ich fürchte, wir werden nicht die angenehmsten Neuigkeiten hören." 4 Sechstes Kapitel- Sorglosen Blicks und unbewegt Nitt nordwärts er durch'S Thal: So sah er aus in wilder Schlacht, Sv sah er aus im Sieg. H a r d y k n u t e. Der Oberst Grahame von Claverhouse begrüßte die Familie, die in der großen Halle versammelt war, mit derselben Heiterkeit und Höflichkeit, die sein Benehmen am Morgen so liebenswürdig scheinen ließ. Er hatte sogar die Besonnenheit gehabt, seinen Anzug wieder zu ordnen, Gesicht und Hände vom Blute der Schlacht zu waschen, so daß sein Aeußeres kaum anders erschien, als wenn er von einem Morgenritte zurückkehrte. „Es thut mir leid, Oberst Grahame," sagte die ehrwürdige alte Dame mit thränenfeuchten Augen, — „sehr leid." „Und mir thut cs leid, meine thcure Lady," crwiederte Claverhouse, „daß dieses Unglück Euren Aufenthalt in Tillie- tudlcm gefährlich machen kann, besonders in Betracht Eurer Gastfreundschaft, die Ihr noch eben den königlichen Truppen angedeihen ließet, und Eurer wohlbekannten Loyalität. Ich komme hauptsächlich hierher, Miß Bellenden und Euch zu bit- 61 ten, meine Begleitung nach Glasgow anzunehmen, wenn Ihr anders den Schutz eines armen Flüchtlings nicht verschmäht. Von dort ans kann ich Euch sicher nach Edinburg oder Schloß Dunbarton senden, wie'S Euch am besten scheint." „Ich danke Euch sehr, Oberst Grahame," crwiederte Lady Margaretha; „aber mein Bruder, Major Bellenden, hat es auf sich genommen, dies Hans gegen die Rebellen zu verthei- digen, und so Gott will, werden sie nie Margaretha Bellenden von ihrem eigenen Herde treiben, so lange noch ein braver Mann behauptet, er könne ihn vertheidigen." „Und Major Bellenden will dies unternehmen?" fragte Claverhouse hastig, und ein Strahl von Freude glänzte in seinem dunkeln Auge, als er auf den alten Krieger blickte. — „Doch wie kann ich noch fragen? War er doch heldenmüthig von jeher! — Aber habt Ihr auch die Mittel dazu, Major?" „Alles, bis auf Mannschaft und Lebensmittel, mit denen wir schlecht versehen sind," antwortete der Major. „Was die Mannschaft betrifft," sagte Claverhouse, „so will ich Euch ein Dutzend oder zwanzig Bursche zurücklassen, die sich mit dem Teufel raufen. Es ist von höchster Wichtigkeit, wenn Ihr den Platz nur eine Woche laug vertheidigen könnt, und in dieser Zeit werdet Ihr gewiß entsetzt." „Für so lange steh' ich gut, Oberst," crwiederte der Major; „mit fünfundzwanzig guten Soldaten und hinreichender Munition halt' ich ihn, und sollten wir auch vor Hunger an unfern Schuhsohlen kauen; aber ich hoffe, wir werden Lebensmittel aus der Umgegend bekommen." „Und wenn ich eine Bitte wagen dürfte, Oberst Grahame," sagte Lady Margaretha, „so möchte ich Euch ersuchen, daß der Sergant Franz Stuart die Hülfsmannschaft kommandire, mit der Ihr unsere Leute zu verstärken die Güte habt; es 62 kann ihm zn seiner Beförderung dienen und ich habe ein Vor- urthcil für ihn wegen seiner Geburt." „Die Feldzüge des Sergeanten sind geendet," sagte Gra- hame in unverändertem Tone, „und er bedarf jetzt keiner Beförderung mehr, die ein irdischer Herr gewähren kann." „Verzeiht," sagte Major Bellenden, indem er Claverhouse beim Arm nahm und ihn von den Damen abseits führte — „allein ich bin besorgt um meine Freunde; ich fürchte, Ihr habt noch andere, wichtigere Verluste erlitten. Ich bemerke, daß ein anderer Offizier Eures Neffen Fahne trägt." „Ihr habt Recht, Major Bellenden," antwortete Claver- honse gefaßt, „mein Neffe ist nicht mehr. Er starb in seiner Pflicht, wie ihm ziemte." „Großer Gott!" rief der Major. „Welch ein Unglück! — Der schöne, tapfere, muthigc Jüngling!" „Er war wirklich Alles das," crwicderte Claverhouse; „der arme Richard war mir so theuer wie ein ältester Sohn, mein Augapfel und mein bestimmter Erbe; aber er starb in seiner Pflicht, und ich — ich — Major Bellenden" — hier drückte er des Majors Hand fest in der seinigen — „ich lebe, ihn zu rächen." „Oberst Grahame," sagte der gerührte Veteran mit feuchten Augen, „es freut mich, daß Ihr Euer Mißgeschick mit solcher Standhaftigkeit ertragt." „Ich bin kein selbstsüchtiger Mensch," entgegnctc Claverhouse, „obgleich die Welt es von mir sagt; ich bin nicht selbstsüchtig, weder in meinen Hoffnungen und Befürchtungen, noch in meinen Freuden und Leiden. Für mich selbst war ich weder streng, noch ehrgeizig und habsüchtig. Den Dienst des Herrn und das Wohl meines Landes habe ich stets zum Ziele gehabt. Ich mag wohl strenge bis zur Grausamkeit gewesen sein; allein 63 es geschah zum allgemeinen Besten, und jetzt will ich meinen eigenen Schmerzen nicht mehr nachgcben, als den Schmerzen Anderer." „Ich bin erstaunt über Eure Standhaftigkeit bei allen diesen unangenehmen Zufällen," fuhr der Major fort. „Ja," cntgegnete Claverhoufe, „meine. Feinde im Staats- rathe werden mir dies Unglück zur Last legen — ich verachte ihre Beschuldigungen. Sie werden mich bei meinem Fürsten verleumden — ich kann ihre Beschuldigung zurückweisen. Der Feind des Staats wird frohlocken ob meiner Flucht — ich werde die Zeit finden, ihnen zu zeigen, daß sie zu früh ge- frvhlvckt. Dieser gefallene Jüngling stand zwischen einem habgierigen Verwandten und meiner Erbschaft, denn Ihr wißt, meine Ehe ist kinderlos — aber Friede mit ihm, das Vaterland kann ihn eher missen, als Euren Freund Lord Evandale, der nach einem höchst tapfer» Kampfe gefallen ist, wie ich fürchte." „Welch ein Unglückstag!" rief der Major. „Ich habe wohl davon gehört, aber dem Gerücht ward widersprochen. Es wurde hinzngefügt, daß der Ungestüm des jungen Mannes den Verlust des Gefechts hcrbeigeführt." „Nicht doch, Major," versetzte Grahame, „die lebenden Offiziere mag der Tadel treffen, wenn hier ein Tadel ist, und laßt die Lorbeeren unentweiht auf dem Grabe der Gefallenen. Indessen weiß ich nicht gewiß, ob Lord Evandale tvdt ist; aber ich fürchte, getödtet oder gefangen muß er sein. Er hatte sich eben aus dem Getümmel gerettet, als wir uns das letzte Mal sprachen. Wir waren just im Begriff, das Schlachtfeld mit einer Nachhut von zwanzig Mann zu verlassen; dieUebri- gen waren fast alle zerstreut." „Sie haben sich bald wieder gesammelt," sagte der Major 64 und blickte aus dem Fenster auf die Dragoner, welche unten am Bache ihre Pferde fütterten und sich selbst erfrischten. „Ja," antwortete Claverhouse, „meine Schufte haben wenig Versuchung auszureißen oder sich weiter zu zerstreuen, als der erste Schrecken sie treibt. Es ist just nicht viel Freundschaft und Höflichkeit zwischen ihnen und den Bauern dieses Landes; jedes Dorf, durch welches sie kommen, ist bereit, gegen sie aufzustchen, und so werden die Schurken durch eine heilsame Furcht vor Spieße», Piken, Heugabeln und Besenstielen zu ihren Fahnen zurückgetrieben. — Doch laßt uns jetzt von Euren Planen und Bedürfnissen sprechen, und von den Mitteln, mit Euch in Verbindung zu bleiben. Um Euch die Wahrheit zu sagen, ich zweifle daran, mich lange in Glasgow halten zu können, selbst wenn ich mich mit Lord Roß vereinigt habe; denn dieser vorübergehende und zufällige Erfolg der Schwärmer wird den Teufel in allen westlichen Grafschaften losmachen." Sie besprachen sich nun über den Vertheidigungsplan gemeinschaftlich und verabredeten einen Briefwechsel im Fall eines allgemeinen Aufstandes, der zu erwarten war. Claverhouse erneuerte sein Anerbieten, die Damen nach einem sichern Orte zu geleiten; aber, Alles wohl erwogen, glaubte Major Bellenden, sie würden auf Tillietudlem eben so sicher sein." Der Oberst nahm dann einen höfliche» Abschied von Lady Margaretha und Miß Bellenden, und versicherte ihnen, daß er zwar jetzt wider Willen sie in Gefahr zurücklaffen müsse; cs solle jedoch seine erste Sorge sein, sich in ihrer Meinung als guter und treuer Ritter wieder hcrzustellcn, und sie könnten darauf rechnen, ihn bald zu sehen, oder von ihm zu hören. Voll Furcht und Zweifel, war Lady Margaretha kaum im Stande, auf eine Rede zu antworten, die mit ihrer Art zu fühlen und sich auszudrücken so sehr übereinstimmte; sondern 65 begnügte sich, Claverhonse Lebewohl zu sagen und ihm für den Beistand zu danken, den er ihnen znrückzulassen versprochen. Gern hätte Edith« nach Heinrich Mortons Schicksal gefragt; sie konnte aber keinen Vorwand dazu finden, und tröstete sich nur mit der Hoffnung, daß ihr Oheim in der langen Unterredung mit Claverhonse davon gesprochen habe. Hierin sah sie sich aber getäuscht; denn der alte Ritter war so sehr mit den Pflichten seines neuen Amtes beschäftigt, daß er kaum ein anderes Wort mit Claverhonse gesprochen hatte, als über militärische Angelegenheiten, und wahrscheinlich hätte er unter diesen Umständen ebensowohl das Schicksal seines eigenen Sohnes, als das seines Freundes vergessen. Claverhonse ritt jetzt den Hügel hinab, auf welchem das Schloß lag, nm seine Truppen wieder in Bewegung zu sehen, und Major Bellenden begleitete ihn, um das Detachement in Empfang zu nehmen, welches auf dem Schlosse bleiben sollte. „Ich werde Euch Len Jnglis hier lassen," sagte Claver- house, „denn in meiner Lage kann ich keinen Offizier entbehren; Alles, was wir durch vereinigte Kräfte thun können, ist, unsere Leute zusammenznhalten. Doch, sollte einer der vermißten Offiziere sich zeigen, so ermächtige ich Euch, ihn zurückzuhalten; denn meine Burschen unterwerfen sich nicht leicht dem Befehle eines Andern." Die Reiter waren nun anfmarfchirt; er rief sechzehn Mann bei Namen und stellte sie unter Befehl des Corporals Jnglis, den er auf der Stelle znm Sergeanten beförderte. „Und laßt Euch noch gesagt sein," schloß er, „ich lasse Euch hier zurück, das Hans der Lady zu vertheidigen, unter dem Befehl ihres Bruders, des Majors Bellenden, eines getreuen Dieners des Königs. Ihr habt Euch tapfer, mäßig, ordentlich und gehorsam zu betragen, dann wird auch Jedem eine schöne Be- Die Schwärmer. II. 5 66 lohnung, wenn ich zurückkomme, das Schloß zu entsetzen. Im Falle einer Meuterei, Feigheit, Pflichtversäumniß, oder beim geringsten Exccß im Hause gilt der Profoß und der Strick. — Ihr wißt, ich halte mein Wort im Guten und Bösen." Er berührte seinen Hut, als er Abschied von ihnen nahm, und schüttelte dem Major herzlich die Hand. „Lebt wohl, mein tapferer, alter Freund," sagte er; „Glück für Euch und bessere Zeiten für uns Beide!" Seine Reiter waren durch die Bemühungen des Majors Allan noch einmal in erträgliche Ordnung gebracht, und obwohl ihres Glanzes beraubt, hatten sie doch wieder ein weit besseres und kriegerisches Aussehen bekommen, da sle das Schloß Tillictudlcm znm zweiten Male verließen, als da sie nach ihrer Niederlage dahin zurückkchrten. Major Bellenden, jetzt sich selbst überlassen, schickte mehrere Vedetten aus, um Lebensmittel, besonders aber Mehl, herbeizuschaffcn und Erkundigungen über die Bewegungen des Feindes cinzuziehcn. Alles, was er in dieser Beziehung erfuhr, war, daß die Insurgenten diese Nacht auf dem Schlachtfelde bleiben wollten. Allein auch sie hatten Streifwachen und Vorposten ausgeschickt, und groß war die Verlegenheit und das Unglück Jener, welche entgegengesetzte Befehle, hier im Namen des Königs und dort im Namen der Kirche, empfingen; Jene geboten, Lebensmittel nach dem Schloß Tillietudlem zu senden, die Andern aber befahlen, mit den Vorräthen das Lager der gottseligen Bekenner der wahren Religion zu versehen, die jetzt für die Sache der Reformation und des Covenants aufgcstanden seien, und in Drumclog am Loudonhügel ständen. Jede Aufforderung schloß mit der Drohung, die Nichterfüllung mit Feuer und Schwert zu strafen; denn keine Partei konnte sich 67 auf die Loyalität oder den Glaubenseifcr der Aufgeforderten so fest verlassen, daß sie hätte hoffen können, die Leute würden sich freiwillig ihres Eigenthums begeben. So wußten die armen Leute nicht, auf welche Seite sie sich neigen sollten, und die Wahrheit zu sagen, Manche wandten sich auf mehr denn eine Seite. „Diese kitzlichen Zeiten können den Gescheidtesten von uns aus dem Concepte bringen," sagte Niel Blaue, der kluge Bier- wirth; „aber nur hübsch ruhig, hübsch ruhig. — Jenny, wie viel Mehl ist auf dem Speicher?" „Vier Scheffel Hafermehl, zwei Scheffel Gerstcnmehl und zwei Scheffel Erbsenmehl," war Jenny's Antwort. „Gut, Kind," fuhr Niel Blane mit einem tiefen Seufzer fort; „Bauldin soll das Erbsen- und Gerstenmehl in'S Lager von Drnmclog bringen — er ist ein Whig und war der alten Meierin Ackerknecht — die Kuchen von solchem Gemengsel werden ihren bäurischen Magen schon bekommen. — Er muß sagen, es sei die letzte Unze Mehl im Hause, oder, wenn er's nicht über's Gewissen bringt, zu lügen, — doch das ist nicht wahrscheinlich; denn es geschieht ja zum Besten des Hauses, — so mag er warten, bis Duncan Glen, der alte versoffene Reitknecht, das Hafermehl nach Tillietudlem bringt, nebst meinem unterthänigsten Empfehl an die Lady und den Major, und ich hätte nicht mehr so viel, um mir eine Suppe davon zu kochen; und wenn Duncan seine Sache gut macht, so kriegt er ein Glas Whisky, daß ihm die blaue Flamme aus dem Munde schlagen soll." „Aber was sollen wir denn selbst essen, Vater," fragte Jenny, „wenn wir alles Mehl fortschicken, das im Kasten und auf dem Speicher ist?" „Wir müssen uns ein Weilchen mit Weizenmehl begnü- 68 gen," sagte Niel mit ergebungsvollem Tone; „cs ist keine üble Speise, obgleich nicht so stärkend für einen schottischen Magen, als Hafermehl; die Engländer leben fast ganz davon; aber freilich, die Puddings-Menschen kennen nichts Besseres." Während die Klugen und Friedfertigen, wie Niel Blane, es mit beiden Parteien zu halten suchten, griffen Diejenigen überall zu de» Waffen, welche mehr Gemein- oder Parteigcist hatten. Die Royalisten im Lande waren nicht zahlreich, aber diese waren durch Vermögen und Einfluß angesehen, da sie aus Landcigenthümern von alter Herkunft bestanden, die mit ihren Brüdern, Vettern und Angehörigen bis in's neunte Glied, sowie mit ihrem Gesinde, eine Art von Militz bildeten, die cs wohl vermochte, ihre eignen Besitzungen gegen einzelne Jnsurgentenhaufen zu vertheidigen, ihnen Kriegsvorräthe zu verweigern und diejenigen anfzufangen, welche von Andern in's presbyterianische Lager geschickt wurden. Die Nachricht, daß das Schloß Tillietudlem vertheidigt werden solle, ermu- thigte die Anhänger des Königs, denn sie betrachteten es als einen festen Punkt, in welchem sie Zuflucht finden könnten, wenn es ihnen unmöglich werden sollte, den kleinen Krieg fortzusetzen, den sie jetzt begannen. Dagegen stellten die Städte, Dörfer, Pachthäuser und kleine» Landgüter zahlreiche Verstärkungen für die presbyterianische Sache. Diese hatten durch den Druck der Zeit am meisten gelitten. Sie waren erbittert und zur Verzweiflung getrieben durch vielfältig erlittene Erpressungen und Grausamkeiten, und obgleich sie keineswegs unter sich einig waren, weder über den Zweck dieses furchtbaren Aufstandes, noch über die Mittel, durch welche dieser Zweck erreicht werden sollte, so sahen doch die Meisten in ihm einen von der Vorsehung eröffnten Ausweg, um die langentbchrte Gewissensfreiheit zu erhalten und 69 das Joch einer Zwingherrschaft abzuschüttcln, die Leib und Seele zugleich fesselte. Viele dieser Leute griffen also zu den Waffen und rüsteten sich, nach der Redensart ihrer Zeit und Partei, ihr Loos zu werfen mit den Siegern von Loudvnhill. Siebentes Kapitel. AnuniaS- Der Mon» gefällt mir nicht. Sr ist ein Heide Und spricht gewiß die Spreche Caixmns. Trübsal. Du mußt den Ruf abwarten und das Nahen Des guten Geist's. Nicht recht mar'S, ihn zu tadeln. Der Alchymist. Wir kehren zu Heinrich Morton zurück, den wir auf dem Schlachtfclde verließen. Au einem Wachtfeuer verzehrte er seinen Antheil an den Lebensmitteln, die man unter dem Heere vcrthcilt hatte, und war in tiefes Nachdenken versunken über den Weg, den er nun einzuschlagen habe, als Burley plötzlich zu ihm trat, begleitet von dem jungen Prediger, dessen Ermahnung nach dem Siege eine so gewaltige Wirkung hervorgebracht. „Heinrich Morton," sagte Balfonr kurzweg, „der Kriegs- rath hat, im vollen Vertrauen, daß der Sohn Silas Mortons kein lauer Laodiceer, kein gleichgültiger Gallio ist, Euch an diesem großen Tage zu einem Hauptmann ernannt, mit dem Stimmrecht im Kriegsrath nebst aller Gewalt, die einem Offizier ziemt, der christliche Krieger anführt." 70 „Herr Balfour," crwiederte Morton ohne Zögern, »ich weiß dieses Vertrauen zu schätzen, und cs ist nicht zu verwundern, wenn ein natürliches Gefühl für die erduldeten Leiden meines Vaterlandes, der eigenen nicht zu gedenken, mich nicht abgeneigt machen, für Gewissensfreiheit mein Schwert zu ziehen. Aber ich gestehe Euch, ehe ich eine Befchlshaberstelle unter Euch annehme, muß ich erst über die Grundsätze, auf die Ihr Eure Sache stützt, besser befriedigt werden " „Und könnt Ihr an unfern Grundsätzen zweifeln," antwortete Burley, „da wir nur die Reformation des Staats und der Kirche, den Wiederaufbau des verfallenen Hciligthums, die Sammlung der zerstreuten Frommen und die Vertilgung der Sündigen bezwecken?" „Ich muß offen gestehen, Herr Balfour," crwiederte Morton, „diese Sprache, die bei Andern so wirksam, ist an mir gänzlich verloren. Es ist nöthig, daß Ihr das wisset, bevor wir uns irgend mit einander einlasscn." (Hier seufzte der junge Geistliche tief auf.) „Ich thue Euch wehe, Sir," sagte Morton, „aber vielleicht nur, weil Ihr mich nicht ausgehört habt. „Ich verehre die Schrift, so gut als Ihr oder irgend ein Christ. Ich lese sie mit der demüthigen Hoffnung, eine Vorschrift für mein Handeln und heilsame Lehren aus ihr zu schöpfen. Aber dies hoffe ich durch Erforschung ihres Inhalts im Allgemeinen und des Geistes, der darin athmct, zu finden; nicht aber, indem ich Stellen ans ihrem Zusammenhänge reiße, oder Ausdrücke der Schrift auf Umstände und Ereignisse anwende, mit denen sie oft nur in sehr geringem Bezug stehen." Der junge Geistliche schien durch diese Erklärung wie vom Donner gerührt, und war im Begriff, Einwendungen zu machen. „Still, Ephraim!" sagte Burley; „bedenkt, es ist unrein Knabe in Windeln- — Höre auf mich, Morton; ich will mit Dir reden in der weltlichen Sprache jener fleischlichen Vernunft, welche bis jetzt noch Deine blinde, unvollkommene Führern; ist. Was ist's, wofür Du Dein Schwert zu ziehen bereit bist? Ist es nicht, daß Kirche und Staat verbessert werden durch die freie Stimme eines freien Parlaments, und durch solche Gesetze, die in Zukunft die ausübende Gewalt hindern, Blut zu vergießen, die Menschen zu martern und einzukerkern, Güter einzuzichen und das Gewissen der Bürger mit Füßen zu treten nach sündhafter Willkür?" „Allerdings" — versetzte Morton — „halte ich das für rechtmäßige Ursachen zum Kriege, und dafür will ich fechten, so lange ich noch ein Schwert lenken kann." „Ja," sagte Macbriar, „aber Ihr behandelt diese Sache zu gelind, und mein Gewissen erlaubt mir nicht, die Ursachen des göttlichen Zornes zu schminken oder zu übertünchen-" „Still, Ephraim Macbriar!" unterbrach ihn Burley abermals. „Ich will nicht still sein," sagte der junge Mann. „Ist es nicht die Sache meines Meisters, der mich gesandt hat? Ist es nicht eine profane, erastinianische Zerstörung seines Ansehens, eine Anmaßung seiner Gewalt, eine Verleugnung seines Namens, den König oder das Parlament an seine Stelle zu sehen, als Meister und Lenker seines Haushalts, als den ehebrecherischen Gemahl seiner Verlobten?" „Ihr sprecht gut, aber nicht klug," sagte Burley, ihn auf die Seite ziehend. „Eure eignen Ohren haben diese Nacht im Rathe vernommen, wie dieser zerstreute Ueberrest zertheilt und zerrissen ist, und Ihr wollt nun einen Vorwand der Trennung zwischen sie bringen? Wollt Ihr eine Mauer aufführen mit 72 ungelöschtem Kalk? — Wenn ein Fuchs dagegen anrcnnt, wird sie Zusammenstürzen." „Ich weiß," erwiederte der junge Geistliche, „Du bist getreu, redlich und eifrig bis zum Tobten; aber glaube mir, diese weltliche List, dieses Fuchsschwänzen mit den Sündigen und Schwachen ist an sich selbst ein Abfall, und ich fürchte, der Himmel wird uns nicht würdigen, noch mehr zu seinem Ruhme zu thun, wenn wir zu fleischlicher List, zu einem fleischlichen Arm Zuflucht nehmen. Der heilige Zweck muß erreicht werden durch heilige Mittel." »Ich sage Dir," antwortete Balfour, „Dein Eifer ist zu streng in dieser Sache; noch können wir nicht handeln ohne Hülfe der Laodicccr und Erastinianer; wir müssen noch einige Zeit die Lauen und Weltlichgesinnten unter uns dulden. Die Söhne Zerujahs sind noch zu stark für uns." «Ich sage Dir, das gefällt mir nicht," sagte Macbriar. »Gott kann die Befreiung bewirken durch Wenige, wie durch Viele. Das Heer der Getreuen, das auf den Pentlandshü- gcln geschlagen ward, litt nur die gerechte Strafe dafür, daß cs die fleischliche Sache des Zwingherrn und Unterdrückers, Karl Stuart, anerkannt hatte." „Nun denn," sagte Balfour, „Du kennst de» heilsamen Entschluß, den der Kriegsrath gefaßt hat, eine Erklärung ergehen zu lassen, die zarten Gewissen aller Derjenigen zu befriedigen, welche jetzt unter dem Joche der Unterdrücker seufzen. Kehre in den Kriegsrath zurück, wenn Du willst, und bewirke, daß sie den Beschluß zurücknehmen und einen beschränktem ausschickcn. Aber verweile nicht länger hier, um mich zu verhindern, diesen Jüngling zu gewinnen, für welchen meine Seele arbeitet; sein Name allein wird Hunderte zu unfern Bannern rufen." 73 „Thue, wie Du willst," sagte Macbriar; „aber ich will nicht helfen, den Jüngling zu verleiten, noch ihn in Lebensgefahr bringen; es sei denn unter solchen Bedingungen, die ihm ewige Belohnung zusichern." Der listige Balfour entließ hierauf den ungeduldigen Prediger und kehrte zu seinem Proselyten zurück. Um uns in den Stand zu setzen, die weitläufigen Gründe zu übergehe», durch welche er in Morton drang, sich den Insurgenten anzuschließen, wollen wir diese Gelegenheit benutzen, eine kurze Skizze des Mannes zu entwerfen und die Beweggründe zu entfalten, wcßhalb er sich so sehr bemühte, Morton für seine Sache zu gewinnen. John Balfour von Kinloch, oder Burley — denn unter beiden Namen wird er in den Geschichtsbüchern und Urkunden jener unglücklichen Periode erwähnt — war ein Edelmann von einigem Vermögen und guter Familie in der Grafschaft Fife, und Soldat von Jugend auf. In früher» Jahren hatte er ein wildes, zügelloses Leben geführt, doch bald sich offenkundiger Ausschweifung abgewandt und die strengsten Lehren des Calvinismus angenommen. Unglücklicherweise ließen sich Ausschweifung und Unmäßigkeit eher aus seinem finstern, mürrischen und unternehmenden Gemüthe ausmerzen, als Rachgier und Ehrgeiz, welche trotz seiner frommen Bekenntnisse fortdauernd seine Seele beherrschten. Kühn in seinen Entwürfen, rasch und ge- waltthätig in der Ausführung, wagte er das Aeußerste in der Widerspänstigkcit gegen die Regierung und hegte den Ehrgeiz, sich an die Spitze der Presbyterianer zu stellen. Um dahin zu gelangen, hatte er häufig die Versammlungen der Whigs besucht und sie mehrmals befehligt, wenn sie unter Waffen erschienen, und die zu ihrer Zerstreuung ausgeschickten Truppen geschlagen. Endlich stellte ihn seine eigene 74 wilde Schwärmerei, verbünde», wie man sagt, mit Beweggründen von Privatrache, an die Spitze jenes Hansens, der den Primas von Schottland, als den Urheber aller Leiten der Presbyterianer, ermordete. Die gewaltsamen Maßregeln, welche die Regierung ergriff, um diese That nicht allein an den Urhebern derselben, sondern auch an allen Glanbensverwandten zu rächen, so wie die langen, vorhergehenden Leiden, von denen keine andere Befreiung als durch Waffengewalt zu hoffen war, veranlaßten den Aufstand, der, wie wir bereits erzählt, mitCla- verhouses Niederlage im blutigen Gefecht bei Loudonhill begann. Burley aber war, trotz seines Antheils am Siege, weit entfernt von jener Höhe, nach der sein Ehrgeiz strebte; woran vorzüglich die Verschiedenheit der Meinungen schuld war, welche unter den Insurgenten über die Ermordung des Erzbischofs Sbarpe herrschten. Die Heftigern billigten die That als eine Handlung der Gerechtigkeit, vollbracht an einem Verfolger der Kirche des Herrn durch unmittelbare Eingebung der Gottheit selbst; aber der größere Theil der Presbyterianer betrachtete die That als ein höchst strafbares Verbrechen, obgleich ste Zugaben, daß die Strafe des Erzbischofs keinesweges unverdient gewesen- Die Insurgenten waren noch über einen ändern Punkt uneinig, der bereits berührt worden. Die feuriger» und ausschweifenden; Fanatiker verdammten diejenigen Prediger und Versammlungen, die sich auf irgend eine Art begnügt hatten, ihre Religion mit Erlaubniß der herrschenden Kirche anszuüben, als hätten ste stch einer kleinmüthigen Aufopferung der Kirchen- rechtc schuldig gemacht. Dies, sagten sie, sei absoluter Erastinia- nismnS oder Unterwerfung der Kirche Gottes unter die Anordnungen einer irdischen Regierung, und darum wenig besser als Pralatismus und Papstthum. — Eben so wollten auch die Gemäßigten; des Königs Rechte auf den Thron zugeben und in 75 weltlichen Angelegenheiten seine Obergewalt anerkennen, so lange sie mit gebührender Rücksicht auf die Freiheit der Unterthanen und im Einklang mit den Reichsgesetzen ausgeübt werde. Aber die wildere Sekte, von ihrem Führer Richard Cameron, Came- roniancr genannt, verwarfen den regierenden Monarchen, so wie jeden seiner Nachfolger, der nicht den feierlichen Bund oder Covenant anerkennen würde. In dieser Partei war also der Samen der Zwietracht dick ansgesäet, und Balfour, so schwärmerisch er auch war und so sehr er auch den heftigsten Lehrsätzen anhing, sah im Voraus das Verderben der allgemeinen Sache, wenn man auf jenen Grundsätzen beharrte in einer Zeit, wo Einigkeit so nöthig war. Darum mißbilligte er den redlichen, graden Eifer Macbriars und wünschte eitrigst den Beistand der gemäßigten Partei der Presbyterianer beim Umsturz der Negierung zu gewinnen, hoffend, ihr bald vorschreiben zn können, was an deren Stelle treten solle. Er war also besonders bemüht, sich Heinrich Mortons Beitritt zur Sache der Insurgenten zu sichern. Das Andenken seines Vaters war allgemein geachtet unter den Presbyterianern, und da nur wenige von gutem Stande sich den Insurgenten zugcsellt, so konnte der junge Mann bei seiner Familie und seinen Aussichten sicher sein, zum Anführer gewählt zu werden. Durch Morton, den Sohn seines alten Äriegsgefährten, hoffte Burley einigen Einfluß auf den gemäßigter« Theil des Heeres zu gewinnen und sich bei ihnen endlich so in Gunst zu sehen, daß er zum Oberbefehlshaber ernannt würde, was das Ziel seines Ehrgeizes war. Er hatte also, ohne abzuwarten, bis ein Anderer den Gegenstand anregte, dem Kriegsrathe die Fähigkeiten und Gesinnung Mortons gerühmt und leicht dessen Erhebung zu dem beschwerlichen Posten eines Anführers in diesem uneinigen und undisciplinirten Heere erreicht. Schlau und triftig waren die Gründe, durch welche Bal- fonr, sobald er seines minder listigen und starrköpfigen Gefährten, Macbriar, los war, Morton zur Annahme der gefährlichen Beförderung zu bewegen strebte. Zwar suchte er weder zu leugnen noch zu verhehlen, daß die Ansichten, die er selbst in Bezug auf Kirchenrcgiment hege, mit denen des Predigers, der sie so eben verlassen, vollkommen übereinstimmteu. Allein er behauptete, da die Angelegenheiten des Volkes in einer so verzweifelten Lage seien, so sollten kleine Meinungsverschiedenheiten Diejenigen, welche im Allgemeinen das Wohl ihres bedrückten Vaterlandes wünschten, nicht abhalten, das Schwert für dasselbe zu ziehen. Manche Streitpunkte, wie zum Beispiel der über die Jndulgenz, entsprängen ans Umständen, welche anfhören würden, sobald ihr Versuch gelänge, das Land zu befreien; denn die siegreichen Presbyterianer würden dann nicht nöthig haben, einen solchen Vertrag mit der Regierung abzuschließcn, und mit Abschaffung der Jndulgenz werde aller Streit über die Rechtmäßigkcit derselben ein Ende haben. Besonders nachdrücklich sprach er über dieNvthwcndigkeit, den jetzigen günstigenZeltpunkt zu benutzen, bei der Gewißheit, daß die ganze Macht der westlichen Grafschaften auf ihrer Seite sein werde, sowie über die schwere Schuld, welche Diejenigen auf sich laden würden, welche bei der Noth des Vaterlandes und der wachsenden Tyrannei aus Furcht odcrGlcich- gültigkeit ihre thätige Hülfe der guten Sache entzögen. Morton bedurfte dieser Gründe nicht, um sich einer Verbindung anzuschließen, die nur irgend cineAnsflcht znrBefreinng seines Vaterlandes bot. Er zweifelte indessen sehr, ob der jetzige Versuch durch die gehörigen Strcitkrä'fte unterstützt werden, und ob man die errungenen Vorthcilc mit Weisheit und Mäßigung benutzen würde. Indem er aber die Unbilden erwog, die er selbst erfahren und seine Mitbürger täglich erduldeten, und die gefährliche Stellung bedachte, in welcher er sich bereits der Regierung gegenüber befand: suhlte er sich in jeder Hinsicht berufen, den bewaffneten Presbyterianern sich anzuschließen. Indem er aber gegen Burley seine Zustimmung gab, ein Anführer der Insurgenten und ein Mitglied des Kriegsraths zu werden, machte er doch eine gewisse Einschränkung- „Ich bin bereit," sagte er, „alle meine beschränkten Kräfte zur Befreiung meines Vaterlandes anzuwcndcn. Aber Ihr dürft mich nicht mißverstehen. Ich mißbillige im höchsten Grade die That, welche zu diesem Aufstande Veranlassung gegeben, und keine Gründe würden mich je bewegen, daran Theil zu nehmen, würde er noch nach solchen Maßregeln fortgeführt, wie diejenigen, mit denen er begonnen worden." Ueber Burley's gebräunte Stirne verbreitete sich eine düstere Gluth. „Ihr meint," sagte er mit einer Stimme, die seine Aufregung nicht verrathen sollte — „Ihr meint den Tod des James Sharpe?" „Offenherzig gestanden,"antwortete Morton,„den mein'ich." „Ihr glaubt also," sagte Burley, „daß der Allmächtige in Zeiten der Noth keine Werkzeuge gebraucht, seine Kirche zu befreien von den Drängern? Ihr seid der Meinung, daß die Gerechtigkeit einer Hinrichtung nicht in der Größe des Verbrechens Dessen bestehe, der sie erduldet, nicht in der heilsamen Wirkung, welche ein solches Beispiel auf andere Uebelthäter Hervorbringen muß; sondern Ihr meint, sie hange von dem Kleide des Richters, der hohen Bank und der Stimme des Urtheilsspre- chers ab? Ist eine gerechte Strafe nicht gerecht vollzogen, sei es nun auf dem Schaffet, oder auf der Haide? Und wo die bestallten Richter aus Feigheit, oder weil sie mit den Uebertrc- tern des Gesetzes selbst das Loos geworfen, dulden, daß diese frei im Lande herumziehen, und hohe Stellen cinnchmen, und ihr Gewand färben mit dem Blute der Heiligen, ist cs da nicht wvhlgethau, daß jeder Tapfere sein Schwert zieht für die allgemeine Sache?" „Ich bin nicht gesonnen," sagte Morton, „über diese einzelne Handlung meine Meinung weiter zu erläutern, als noth- wendig ist, Euch mit meinen Grundsätzen bekannt zu machen. Ich wiederhole demnach, daß Eure Vertheidigung mich nicht befriedigt. Daß der Allmächtige in gehcimnißvollem Walten einem blutdürstigen Menschen ein blutiges Ende bereitet, rechtfertigt die nicht, welche ohne irgend eine gesetzliche Autorität sich vermessen, als Vollstrecker der göttlichen Rache sich aufznwerfen." „Und waren wir Las nicht?" sagte Burley in einem Tone wilder Begeisterung. „Waren wir nicht — mar nicht Jeder, dem der Vortheil der durch den Cooenant befestigten Kirche Schottlands am Herzen lag, eben durch jenen Covcnant verpflichtet, den Judas hinwegzuraffen, der die Sache Gottes verkauft um ein Jahrgeld von fünfzigtausend Mark? Hätten wir ihn auf dem Wege von London her getroffen und ihn dort erschlagen mit der Schärfe des Schwertes, so hätte» wir nur unsere Pflicht gethan als Männer, die ihrer Sache und ihren im Himmel ausgeschriebenen Eiden getreu sind. War nicht die Hinrichtung selbst ein Beweis unserer Vollmacht? Hat ihn nicht der Herr in unsere Hände überliefert, als wir uns um- schanetcn nach einem geringeren Werkzeuge der Verfolgung? Beteten wir nicht um eine Entscheidung, wie wir handeln sollten, und ward es nicht in unsere Herzen gegraben, wie mit diamantnem Griffel: „Ihr sollt ihn greifen und erschlagen!" — Dauerte das Trauerspiel nicht schon eine volle halbe Stunde, ehe das Opfer vollendet war? und zwar auf offener Haide, mitten unter den Streifwachen der Besatzungen — und doch, 79 wer hat das große Werk gestört? — Hat auch nur ein Hund uns angcbellt, wärend wir verfolgten, ergriffen, schlugen und zerstreueten? Wer also will, wer kann behaupten, daß nicht ein mächtigerer Arm, als der unsere, sich hier offenbart habe?" „Ihr täuscht Euch selbst, Herr Balfour," sagte Morton. „Eine so leichte Ausführung und glückliche Flucht waren oft von den entsetzlichsten Verbrechen begleitet. — Aber nicht meine Sache ist's, Euch zu richten- Ich habe nicht vergessen, daß auch zu der früheren Befreiung Schottlands der Weg durch eine Gcwaltthat eröffnet wurde, die Niemand rechtfertigen kann: es war die Ermordung Cummings durch die Hand von Bruce; und wen» ich daher auch die That verdamme, wie ich thun muß, so will ich doch glauben, daß Ihr Beweggründe gehabt haben könnet, welche dieselbe in Euren Augen rechtfertigen, obgleich nicht in den meinen, oder in denen der gesunden Vernunft. Dies führ' ich blos an, um Euch bemerk- lich zu machen, daß ich mich Männern anschließe, welche ihre Sache in offenem Kampfe verfechten wollen, nach den Kriegs- gcsctzen civilisirter Nationen, ohne irgend eine Gcwaltthat zu billigen, welche unmittelbare Veranlassung des Aufstandes war-" Balfonr biß sich in die Lippen und unterdrückte mit Mühe eine heftige Antwort. Unmnthig bemerkte er, daß sei» junger Waffenbruder in den Grundsätzen eine Klarheit des Urtheils und eine Festigkeit des Geistes besaß, die ihm wenig Hoffnung gewährten, jenen mächtigen Einfluß auf ihn zu erwerben, den er zu gewinnen sich geschmeichelt- Nach kurzem Schweigen sagte er ruhig und gefaßt: „Mein Benehmen liegt offen vor Gott und Menschen. Die That ward nicht in einem Winkel vollbracht; ich bin hier in Waffen, sie einzugestehen, und es gilt mir gleich, wo, oder von wem ich dazu aufgefordert werde, ob vor dem Staatsrath, oder auf dem Schlachtfelde, ob auf dem Richtplatze oder am jüngsten Tage. Ich mag jetzt nicht weiter mit Einem streiten, der noch außerhalb des Vorhanges steht. Wollt Ihr aber als Brnder Ener Loos mit uns werfen, so kommt mit mir in den Kriegsrath, der noch versammelt ist, um den künftigen Weg des Heeres zu bestimmen und unfern Sieg zu benutzen." Morton stand auf und folgte ihm schweigend, nicht sehr erbaut von seinem Verbündeten und mehr beruhigt über die Gerechtigkeit der Sache, die er ergriffen, als über die Maßregeln undBcwegungsgründe so Mancher, die sich ihr widmeten. Achtes Kapitel. und sieh, so viele Griechcnzelte stehe» Dort auf der Ebene — so viel Parteien. TrviluS und Cresfida. In einem engen Thale, ungefähr eine Viertelmcile vom Schlachtfeldc, war eine ärmliche Schäferhüte, die, als der einzig cingeschlossene Ort in der Nähe, den Führern der Presbyterianer zum Versammlungsorte diente. Dahin wurde Morton von Burley geführt, der, als er näher kam, nicht wenig erstaunte über die verworrenen Töne, die ihm entgegenschallten. Der ruhige, sorgenvolle Ernst, der bei der Berathung über so wichtige Angelegenheiten und in einer so gefahrvollen Zeit hätte herrschen sollen, schien wilder Zwietracht und lautem Aufruhr gewichen zu sein, worin der neue Bundesgenoß eine üble Vorbedeutung sah- Bei ihrer Ankunft fanden sie zwar die Thüre offen, aber durch viele Landleute beseht, welche, obgleich keine Mitglieder des Nathes, doch ohne Weiteres sich zu den Berathungen drängten, bei denen sic so sehr betheiligt waren. Burley, dessen finstres, strenges Gemüth ein gewisses Uebergewicht über diese unharmonischen Kräfte behauptete, nvthigte endlich durch Schelten, Drohungen und selbst durch Gewalt die Eindringenden zum Rückzuge, ließ Morton ein und sicherte dann die Thüre vor der zudringlichen Neugier. In einem ruhiger» Augenblicke würde diese eigenthümliche Scene, von der er eben Zeuge gewesen, den jungen Mann unterhalten haben- Das Innere der düster«, verfallenen Hütte ward etwas erhellt durch Reißig, das auf dem Herde flackerte; da aber der Rauch keinen gehörigen Ausweg hatte, wirbelte er umher und bildete über den Häuptern des Raths einen Wolkenhimmel, so finster wie ihre metaphysische Theologie, durch welchen, wie Sterne durch Nebel, wenige Lichter, oder vielmehr in Talg getauchte Binsen, düster schimmerten, ein Eigenthum des armen Hüttcnbesitzers, der sie mit nassem Thon an die Wände befestigt hatte. Bei diesem gebrochenen, Küstern Lichte sah man so manches von geistlichem Stolze aufgeblähtes, oder von wilder Schwärmerei verfinstertes Gesicht, und Einige, deren ängstliche, nmherirrende Blicke verriethen, daß sie sich zu unvorsichtig in eine Sache eingelassen, zu deren glücklicher Durchführung sie weder Muth noch Haltung genug besaßen, und die sie doch aus Scham nicht anfgeben mochten. Es war wirklich eine unentschlossene, uneinige Versammlung. Die Thätigsten waren Diejenigen, die mit Burley an der Ermordung des Primas Theil genommen, von denen vier oder fünf ihren Weg nach Loudonhill eingeschlagen, nebst einigen Andern von eben so Die Schwärmer. II. 6 82 beharrlichem, unbeugsamem Eifer, die sich bei verschiedenen Gelegenheiten unverzeihliche Beleidigungen gegen die Regierung zu Schulden hatten kommen lassen- Unter diesen befanden sich ihre Prediger, Menschen, welche die ihnen von der Regierung angebotene Duldung verschmäht hatten, und ihre Heerde lieber in der Wildniß versammelten, als in Tempeln von Menschenhände» erbaut, da man ihnen dies hätte deuten können, als räumten sie ihren Beherrschern das Recht ein, sich in's Kirchcnregiment zu mischen. Die andere Klasse bestand aus Edelleuten von geringem Vermögen und aus wohlhabenden Pächtern, die durch den unerträglichen Druck dahin gebracht waren, die Waffen zu ergreifen und sich den Insurgenten anzureihen. Auch diese hatten ihre Geistlichen bei sich, von denen viele die Jndnlgenz benutzt hatten und deßhalb geneigt waren, sich den Maßregeln der Heftigen zu widersetzen, welche eine Erklärung verschlugen, worin sie Zeug- niß ablcgten gegen die Verordnungen und Befehle hinsichtlich der Jndnlgenz, als gegen sündliche und ungefetzliche Beschlüsse. Diese delikate Frage war in dem ersten Entwurf des Manifestes, welches sie zur Rechtfertigung ihres Aufstandes zu veröffentlichen beabsichtigten, mit Stillschweigen übergangen worden, aber während Balfonrs Abwesenheit hatte man sic wieder angeregt, und er fand nun zu seinem großen Leidwesen beide Parteien in heftigem Streite darüber. Macbriar, Pauker und einige andere Lehrer der Wandernden befanden sich auf der Flut ihrer polemischen Discnssion mit Peter Pfundtcxt, dem geduldeten Pfarrer des Kirchspiels von Milnwood, der, wie cs schien, sich ebenfalls das Schwert umgürtct, aber ehe er berufen war, für die gute Sacke der Presbyterianer im Felde zu fechten, seine Dogmen herzhaft im Rathe vertheidigte. Dieser lärmende Streit, den hauptsächlich Pfundtext und _ 83 Pauker führten, war cs, der, verbunden mit dem Geschrei der Anhänger, in Mortons Ohr drang, als er sich der Hütte näherte- Da beide geistliche Herren mit Worten und Lungen erklecklich versehen waren, und jeder von ihnen sich hitzig, stolz und unduldsam in der Verfechtung der eigenen Lehre bewies; da ihnen die Texte vollkommen geläufig, womit sie sich schonungslos be-. kämpften, und jeder vollkommen von der Wichtigkeit des Streites überzeugt war: so war ihr Wortstreit nicht weniger geräuschvoll, als ein wirkliches Handgemenge. Burley, den die Uneinigkeit empörte, die sich in diesem Zungcnkriege kund gab, trat sogleich zwischen die Disputanten, und cs gelang ihm endlich durch allgemeine Bemerkungen über die unzeitige Zwietracht, durch Aenßerungen, wodurch sich beide Parteien geschmeichelt fühlten und durch das Ansehen, welches ihm sein Antheil am heutigen Siege verschaffte, sie zur Vertagung des Disputs zu vermögen. Obgleich nun aber Pauker und Pfundtext auf einige Zeit zum Stillschweigen gebracht waren, blickten sie sich doch an wie zwei Hunde, die, durch den Befehl ihrer Herren getrennt, sich jeder unter den Stuhl des seinigen zurückgezogen; aber einer bewacht die Bewegungen des andern und sie bekunden durch ein abgebrochenes Knurren, durch die aufgesträubten Haare ans Rücken und Ohren und durch den dunkeln Glanz der Augen, daß ihr Zwist noch nicht beigelegt und daß sie nur auf eine Gelegenheit warten, um sich nochmals an der Kehle zu packen. Balfour benutzte die augenblickliche Stille, dem Rathe Heinrich Morton von Milnwood vorzustellen, als einen Mann, der von den Wirren der Zeit ergriffen, bereit sei, Gut und Leben für die herrliche Sache zu wagen, für welche sein Vater, der berühmte Silas Morton, seiner Zeit ein herzerschütterndes Zeugniß abgelegt. Augenblicklich ward nun Morton von seinem 6 * 84 ehemaligen Pfarrer, Pfundtcxt, und von den Insurgenten der gemäßigten Partei mit brüderlichem Handschlag begrüßt. Die Ändern murmelten Etwas von Erastinianismus und flüsterten sich zu, daß Silas Morton, weiland ein tapferer und würdiger Diener des Covenants, ein Abtrünniger geworden an dem Tage, als die Resolutioncrs den Grund legten zu Anerkennung Karl Stuarts und dadurch einen Riß gemacht, durch welchen der jetzige Tyrann eingedrungen zur Unterdrückung der Kirche und des Landes. Doch setzten sic hinzu, sie wollten an diesem großen Tage des Aufrufs nicht die Gemeinschaft zurückwciscn mit Einem, der die Hand an den Pflug legen wolle; so ward denn Morton in sein Amt als Führer und Nathsmitglied eingesetzt, wenn auch nicht mit allgemeiner Zustimmung, doch ohne förmlichen, offenen Einspruch. Auf Burlcy's Antrag schritten sie nun dazu, sich in den Befehl über die Mannschaft zu theilen, die sich bereits versammelt und noch täglich anwuchs. Bei dieser Vcrtheilung wurden natürlich die Insurgenten aus Pfundtcxts Kirchspiel und Gemeinde unter Mortons Befehl gestellt, eine Verfügung, die beiden Theilen genehm war, da er sowohl durch seine persönlichen Eigenschaften ihr Vertrauen besaß, als auch durch den Umstand, daß er unter ihnen geboren. Nach Beendigung dieses Geschäftes mußte erwogen werden, wie der Sieg zu benutzen sei. Gewaltig schlug Mortons Herz, da das Schloß Tillietudlem als einer der wichtigsten Punkte genannt ward, dessen man sich bemächtigen müsse. Es beherrschte, wie bereits erwähnt, den Paß zwischen dem rauhcrn und fruchtbarem Landstrich und mußte, wie leicht einznsehcn, den Adlichen und Uebclgeslnnten der Gegend einen festen Anhaltspunkt gewähren, wenn die Insurgenten, ohne es anzugreifen, weiter marschirten. Dieser Schritt ward besonders 85 von Pfundtext und denjenigen seincx Anhänger empfohlen, deren Wohnungen und Familien jeglicher Gefahr ausgesetzt waren, wenn dieser feste Platz im Besitz der Royalisten blieb. „Meine Meinung ist," sagte Pfundtext, — denn wie die andern Geistlichen jener Zeit, stand er nicht an, auch über militärische Angelegenheiten, trotz seiner gänzlichen Unwissenheit in denselben, seinen Rath zu ertheilen, — „meine Meinung ist, daß wir nehmen und uiederrcißen diese Veste des Weibes Lady Magaretha Bellenden, und müßten wir auch eine Veste dagegen bauen und einen Berg dagegen aufführen; denn das Geschlecht ist ein rebellisches, blutiges Geschlecht und ihre Hand hat schwer gelegen auf den Kindern des Covenants in frühem und in später» Zeiten. Ihre Haken sind gewesen in unfern Nasen und ihr Zaum zwischen unfern Kinnbacken." „Was für Mittel und Mannschaft haben sle, sich zu ver- theidigen?" fragte Burley. „Der Platz ist fest; aber ich begreife nicht, wie ihn zwei Weiber gegen ein Heer behaupten können." „Dort befindet sich auch noch," sagte Pfundtext, „Harrison, der Verwalter, und John Gudyill, der Lady Oberkellermeister, der sich rühmt, ein Kriegsmann gewesen zu sein von Jugend auf, und der das Banner entfaltet gegen die gute Sache mit dem Belialssohne, Jakob Grahame von Montrose." „Pah!" crwicderte Balfour verächtlich, «ein Kellermeister!" „Auch ist dort ein alter Uebclgestnnter," fuhr Pfundtext fort, „Miles Bellenden von Charnwood, dessen Hände sich gebadet im Blute der Heiligen." „Wenn es Miles Bellenden, der Bruder Sir Arthurs ist," sagte Balfour, «so ist cs Einer, dessen Schwert sich nicht abwendet vom Kampfe; aber der muß jetzt schon sehr bejahrt sein." 86 „Es ging ei» Gerücht im Lande, als ich vorbei ritt," sagte ein Anderer, „sie hätten auf die Nachricht von dem Siege, der uns gewährt worden, sogleich die Thore schließen lassen, Mannschaft einberufen und Munition cingcsammelt. Es war von jeher ein schlimmes, bösgesinntcs Haus." „Mit meinem Willen," sagte Burley, „werden wir uns in keine Belagerung einlassen, welche Zeit erfordert. Wir müssen schnell vorwärts und unfern Borthcil verfolgen, indem wir Glasgow besehen; denn ich fürchte nicht, daß die Truppen, die wir heute geschlagen, selbst wenn das Regiment des Lord Roß sich mit ihnen vereinigt, es für sicherer halten, unsere Ankunft abzuwartcn. „Wie dem auch sei," sagte Pfundtext, „wir müssen ein Banner aufpflanzcn vor diesem Schlosse, in die Trompete blasen und sie auffordern, herauszukommen. Vielleicht übergeben sie den Platz auf Gnade und Ungnade, obwohl sie ein aufrührerisch Volk sind. Und wir wollen die Weiber auffordern, hervorzukommen aus ihrer Veste, nämlich Lady Margaretha Bellenden und ihr Enkel und Jenny Dennison, welche ein Mädchen ist mit verführerischen Augen, und die andern Mädchen, und wir wollen ihnen sicheres Geleit geben und sie in Frieden nach der Stadt schicken, oder auch nach Edinburg. Aber John Gudyill und Hug Harrison und Miles Bellenden wollen wir halten in ehernen Banden, so wie er selbst weiland gethan mit den heiligen Märtyrern." „Wer spricht von sicherem Geleit und von Frieden?" rief eine gellende, gebrochene Stimme aus der Menge. „Still, Bruder Habakuk," sagte Macbriar zum Sprecher in begütigendem Tone. „Ich will nicht still sein," wiederholte die seltsame unnatürliche Stimme „ist es Zeit, von Frieden zu sprechen, wenn die 87 Erde bebt und die Berge klaffen und die Flüsse sich wandeln in Blut und das zweischneidige Schwert gezogen ist aus der Scheide, um das Blut zu trinken, als war' es Wasser, und Fleisch zu fressen, gleichwie das Feuer frißt die dürre Stoppel?" Unter diesen Worten drängte sich der Redner in die Mitte des Kreises und vor Mortons erstaunten Augen stand eine Gestalt, die einer solchen Stimme und einer solchen Sprache würdig war. Die Fetzen einer Kleidung, die einst schwarz gewesen, verbunden mit den zerlumpten Ueberresten eines Schäferplaids, gewährten eine Bedeckung, die kaum den Forderungen des Anstandes, noch weniger aber für Wärme und Bequemlichkeit genügten. Ein langer, schneeweißer Bart hing ihm bis über die Brust und mischte sich mit struppigem, ungekämmtem, greisem Haupthaar, das in zerzausten Zotteln um das wilde, starre Gesicht hing. Seine Züge schienen durch Hunger und Entbehrungen so ausgemcrgelt, daß sie kaum denen eines Menschen glichen. Die grauen, wilden und unstäten Augen verriethen deutlich eine zerstörte Einbildungskraft. In der Hand hielt er ein rostiges Schwert, das mit Blut gefärbt war, wie seine langen, dürren Hände, an deren Fingerspitzen die Nägel wie Adlersklauen hervorragtcn. „Gott im Himmel, wer ist das ?" sagte Morton leise zu Pfund- tcxt; entsetzt über die gräßliche Erscheinung, welche mehr einem grabentstiegenen Kannibalenpriester, einem von Menschenopfer dampfenden Druiden glich, als einem irdischen Sterblichen. „Es ist Habakuk Mucklewrath," antwortete Pfundtext eben so leise, „den der Feind so lange in Festungen und Burgen gefangen gehalten, bis sein Verstand von ihm gewichen und er, wie ich fürchte, von einem bösen Geiste besessen worden. Dessen ungeachtet behaupten unsere heftigen Brüder, der Geist spreche aus ihm und sie würden von seinem Ausguß befruchtet." Hier ward er von Mucklewratl) unterbrochen, der mit einer Stimme, welche das Dach zittern machte, ausrief: Wer spricht von Frieden und sicherm Geleite? Wer spricht von Gnade gegen das blutige Haus der Bösen? Ergreift die Kinder, sag' ich, und schleudert sie an die Steine; die Töchter nehmet und die Mütter des Hauses, und werft sie von den Zinnen, daß sich von ihrem Blute die Hunde mästen, wie einst von dem Blute der Jesabel, der Gattin Ahabs, und daß ihre Gebeine die Felder düngen, selbst auf dem Erbtheil ihrer Väter.« „Er hat Recht," riefen mehrere dumpfe Stimmen ans dem Hintergründe; „wir werden mit geringem Dienste geehrt werden in der großen Sache, wenn wir jetzt schon säuberlich verfahren mit den Feinden des Himmels." „Das ist abscheulich, das ist gottlos," sagte Morton, unfähig, seinen Unwillen zu unterdrücken. „Welch Heil könnt Ihr erwarten in einer Sache, in welcher Ihr auf die Raserei eines Wahnwitzigen hört?« „Still, junger Mann,« sagte Pauker, „und spare Deinen Tadel, bis Du einen Grund dafür weißt. Dir ziemt es nicht, zu beurtheilen, in welche Gefäße der Geist ausgegossen werden mag.« „Wir beurtheilen den Baum nach seinen Früchten,« sagte Pfundtext, „und wollen nicht als göttliche Eingebung erkennen, was den göttlichen Gesetzen widerspricht-" „Ihr vergesset, Bruder Pfundtcxt,« sagte Macbriar, „daß dies jene letzten Tage sind, da Zeichen und Wunder vervielfältigt werden sollen.« Pfundtext wollte antworten; aber bevor er noch ein Wort hcrvorbringen konnte, brach der wahnsinnige Prediger mit einem Geschrei aus, das jeden Widerspruch übertönte. 89 „Wer spricht von Zeichen und Wundern? Bin ich nicht Habakuk Mucklewrath, deß Name umgewandelt worden in Magor-Mißabib, weil ich zu einem Schrecken gemacht worden bin für mich selbst und Alle, die um mich sind? — Ich Hab' es gehört — Wann Hab' ich es gehört? — War es nicht in der Burg Baß, die da hinausragt über die weite, wilde See?" — Und es heulte in den Winden, und es brüllte in den Wogen, und es schrie und es pfiff und es klang mit dem Geschrei und dem Pfeifen und dem Klingen der Seevögel, da sie schwammen und flogen und sanken und untertauchten in den Busen der Gewässer. Ich sah es — Wo sah ich es? — War es nicht von den hohen Felsen von Dumbarton, als ich westwärts blickte auf das fruchtbare Land und nordwärts auf die wilden Hochlandshügel; als sich die Wolken sammelten und der Sturm näher kam und die Blitze des Himmels zuckten, breit wie eines Heeres Banner? — Was Hab' ich gesehen? — Leichname und verwundete Pferde, tobendes Schlachtgewühl und bluttriefende Gewänder. — Was hörte ich? — Die Stimme, die da rief: schlage, schlage, — zerschmettere — schlage Alles nieder, laß dein Auge nicht Erbarmen haben! Erschlage Alles, Alt und Jung, die Jungfrau, das Kind und das Weib, dessen Haupt greis ist. Verderbe das Haus und fülle die Höfe mit Erschlagenen!" „Wir empfangen den Befehl," riefen Mehrere aus der Versammlung. »Sechs Tage hat er nicht geredet, noch Brod gebrochen; nun aber ist seine Zunge gelöset. — Wir empfangen den Befehl! Wie er gesprochen, also wollen wir thun!" Erstaunt, empört und entsetzt über das, was er gesehen und gehört, entfernte sich Morton aus dem Kreise und verließ die Hütte. Ihm folgte Burley, der seine Bewegungen beobachtete. 9« „Wohin geht Ihr?" fragte er, ihn beim Arme fassend. „Wohin es sei, gilt mir gleich; aber hier bleib' ich nicht länger." „Bist Du so bald müde, junger Mann?" sagte Burley. „Kaum daß Du die Hand an den Pflug gelegt, willst Du ihn schon wieder verlassen? Ist das Deine Anhänglichkeit an die Sache Deines Vaters?" „Keine Sache," erwicderte Morton unwillig — „keine Sache kann gelingen, die so geleitet wird. Die eine Partei erklärt sich für die Rasereien eines blutdürstigen Wahnwitzigen ; ein anderer Führer ist ein scholastischer Pedant; ein dritter" — hier hielt er ein und sein Gefährte ergänzte den Satz — „ist ein verzweifelter Mörder, wie John Balfour von Burley, wolltest Du sagen. — Ich kann Mißdeutung ohne Zorn ertragen. Du erwägst nicht, daß es keine Menschen von nüchternen, selbstsüchtigen Gemüthcrn sind, die da aufstehen in diesen Tagen des Zornes, Gericht zu halten und die Befreiung zu bringen. Hättest Du nur die Heere von England gesehen während des Parlaments von 1642 — ihre Reihen waren gefüllt mit Sektirern und Schwärmern, unbändiger als die Wiedertäufer von Münster — und Du würdest mehr Ursache gehabt haben, Dich zu verwundern; und doch waren diese Leute unbesiegbar im Felde und ihre Hände haben Wunder vollbracht für die Freiheit des Landes." „Aber ihre Angelegenheiten," erwicderte Morton, „wurden klug geleitet, und ihr glühender Eifer verzehrte sich in ihren Ermahnungen und Predigten, ohne Spaltungen in ihren Rath, oder Grausamkeit in ihre Handlungen zu bringen. Ich habe oft meinen Vater behaupten hören, über nichts habe er sich mehr gewundert, als über den Contrast zwischen ihren ausschweifenden Religionsbegriffen und der Weisheit und Mäßi- 9l gung, mit welcher sie häusliche und militärische Angelegenheiten leiteten. Aber unsere Rathsversammlungen scheinen nur ein wildverwirrtes Chaos." „Du mußt Geduld haben, Heinrich Morton," antwortete Burley; „Du mußt nicht die Sache Deiner Religion und Deines Vaterlandes verlassen wegen eines wilden Wortes, oder einer ausschweifenden Handlung. Hör'mich an! Ich habe bereits die Bedächtigen; unserer Freunde überzeugt, daß der Rathgeber zu viel sind, und daß wir nicht erwarten können, die Midianiter würden durch eine so große Anzahl uns überliefert werden. Sie haben auf meine Stimme gehört, und bald werden unsere Versammlungen auf eine solche Zahl beschränkt sein, daß man gemeinsam berathschlagen und handeln kann; darunter sollst Du nun eine freie Stimme haben, sowohl über die Kriegsangelegenheiten, als in derBeschützung Derer, denen Gnade erzeugt werden soll. — Bist Du nun zufrieden?" „Ohne Zweifel wird es mich freuen," antwortete Morton, „beizutragen zur Milderung des schrecklichen Bürgerkrieges, und ich werde den Posten, den ich übernommen, nicht verlassen, bis ich Maßregeln ergreifen sehe, die mein Gewissen empören. Aber zu keinen blutigen Hinrichtungen nach erflehter Gnade, zu keinen Metzeleien ohne Verhör werde ich je meine Zustimmung geben, und Ihr könnt darauf rechnen, daß ich mich auf's Nachdrücklichste widersetzen werde, mögen sie von unfern eigenen Leuten begangen werden oder das Werk des Feindes sein." Balfour bewegte ungeduldig seine Hand. „Du wirst finden," sagte er, „daß das widerspenstige, hartherzige Geschlecht, mit dem wir es zu thun haben, mit Skorpionen gezüchtigt werden muß, ehe sein Herz gedemüthigt wird und ehe es die Strafe für seine Ungerechtigkeit empfängt. Das Wort ist gegen sie ergangen: „Und ich will ein Schwert über Euch bringen, das rächen soll den Streit meines Bundes." — Aber was gethan wird, soll gethan werden mit Ernst und Vorsicht, wie der würdige Jakob Melrin that, der Gericht hielt über den Tyrannen und Unterdrücker, den Kardinal Beaton." „Ich gesteh' Euch," erwicdcrte Morton, „daß ich noch mehr Abscheu gegen kaltblütige, vorherbedachte Grausamkeit fühle, als gegen das, was in der Glut des Eifers und des Zornes ausgeführt wird." „Du bist noch ein Jüngling," entgegncte Balfour, „und hast noch nicht gelernt, wie leicht in der Wagschale einige Tropfen Blutes sind im Vergleich mit dem Gewicht und der Bedeutung dieses großen Volkszeugnisses. Erschrecke nicht; Du selbst sollst in diesen Dingen stimmen und richten; und vielleicht werden wir wenig Veranlassung finden, darüber zu streiten." Mit diesem Versprechen mußte sich Morton einstweilen begnügen, und Burley verließ ihn mit dem Rathe, sich nieder- zulcgen, da das Heer wahrscheinlich früh aufbrechen werde. „Und Ihr," sagte Morton, „geht Ihr nicht auch zur Ruhe?" „Nein," sagte Burley, „meine Augen dürfen noch keinen Schlummer kennen. Dies ist kein leicht zu vollbringendes Werk. Ich muß noch den Ausschuß der Führer wählen lassen und will Euch bei Zeiten am Morgen rufen, damit Ihr der Bcrathung beiwohnt." Er ging und überließ Morton der Ruhe. Dazu war der Ort nicht ungeeignet; denn cs war ein gegen den Wind gedeckter Winkel unter einem großen Felsen. Dichtes Moos, welches den Boden bedeckte, bildete ein Lager, weich genug für Len, der so viel Drangsal und Kummer erduldet. Morton 93 hüllte sich in seinen Reitermantel, streckte sich nieder, und hatte noch lange melancholischen Betrachtungen über den Zustand des Landes und über seine eigene Lage Raum gegeben, als ihn ein tiefer und gesunder Schlaf davon befreite. Die übrigen Krieger schliefen in zerstreuten Gruppen auf dem Boden und hatten sich auf dem Schlachtfelde Betten gewählt, wo sie am besten Schutz und Bequemlichkeit fanden. Einige der vornehmsten Anführer hielten noch Bcrathung mit Burley, und einige Wachtposten waren ausgestellt, welche sich dadurch munter erhielten, daß sie Psalmen sangen, oder den fromme« Reden Derjenigen zuhvrten, welche mit hohern Gaben ausgerüstet waren. Neuntes Kapitel. Mit leichter Müh' gewonnen — lustig nun zu Pferd! Heinrich IV., erster Theil. Heinrich erwachte mit dem frühesten Sonnenstrahl und fand den treuen Cuddie an seinem Lager, mit einem Mantelsack in der Hand. »Ich habe schon Euer Edeln Sachen in Bereitschaft gehalten, ehe Ihr aufwachtet," sagte Cuddie, „wie's auch meine Schuldigkeit ist, da Ihr so gut wäret, mich in Eure Dienste zu nehmen." „Ich Euch in meine Dienste nehmen, Cuddie?" sagte Morton. »Ihr träumt wohl?" 94 „Nein, nein, Sir," antwortete Cuddic; „sagt' ich Euch nicht, als ich damals an's Pferd gebnndcn war, daß ich Euer Diener sein wolle, wenn ich je wieder los käme? und Ihr sagtet nicht Nein! dazu. Nun, wenn das nicht dingen heißt, so sag' ich nichts. Ihr habt mir freilich kein Handgeld gegeben; aber Ihr habt mir doch genug gegeben in Milnwood." „Gut, Cuddic! wenn Du darauf bestehst, es auf mein ungünstig Geschick zu wagen." >,O ja, das wird schon wieder günstig für uns Alle, dafür bin ich gut," antwortete Cuddic fröhlich; „wenn nur erst meine alte Mutter gut untergebracht wäre! Ich Hab' das Kriegshandwerk beim rechten Ende angefangen." „Mit Plündern vermuthlich?" sagte Morton; „denn wie hättest Du sonst zu diesem Mantelsacke kommeu können?" „Ich weiß nicht, ob das Plündern heißt," entgcgnete Cuddic; „aber man kommt ganz natürlich dazu und ist ein profitables Gewerbe. Unsere Leute hatten schon die todtcn Dragoner ausgczogen, ganz splittcrnackend, noch eh' wir los- kamcn. — Als ich aber merkte, daß die Whigs dem Pauker und den Andern zuhörten, da macht' ich mich auf die Beine, um fütz mich und Euch was zu erschnappen. So ging ich nun etwas rechts den Sumpf entlang, wo ich Pferdespuren bemerkte, und kam auch richtig an einen Platz, wo's ziemlich kunterbunt hcrgegangen sein muß; denn die armen Schelme lagen noch da in ihren Kleidern, just wie sie dieselben am Morgen angezogen hatten. — Niemand hatte die Leichen aufgefunden — und wen fand ich in der Mitte liegen? Unfern alten Bekannten, den Sergeanten Bothwell." „So, ist er gefallen?" fragte Morton. ,Ei freilich!" antwortete Cuddie. „Seine Augen waren offen, seine Stirne gerunzelt und seine Zähne zusammengeklemmt, 95 wie eine Mardcrfalle, wenn die Klappe zngeschnappt ist, — ich hatte ordentlich Angst, ihn anzusehen, dacht' aber doch, gib dich d'ran, und so leert' ich ihm die Taschen, wie cr's selber mit manchem rechtschaffenen Manne gethan, und hier ist Euer Geld wieder (oder Eurem Oheim sein's, was das Nämliche ist), das er zu Milnwood bekommen hat an jenem unglücklichen Abend, der uns Beide zu Soldaten gemacht hat.« „Davon können wir ohne Skrupel Gebrauch machen, Cuddie," sagte Morton, „da wir wissen, wie er dazu gekommen ist. Aber Ihr müßt mit mir thcilen." „Wartet ein Bischen! wartet ein Bischen!" rief Cuddie. „Seht, da ist auch ein kleiner Ring, der ihm an einem schwarzen Bande auf der Brust hing. War wohl ein Liebesangc- dcnken — armer Schelm — 's ist doch Niemand so hart, den nicht die Mädchen weich machten — und da ist auch ein Buch mit etlichen Papieren; sonst Hab' ich noch allerlei Sachen, die ich für mich selbst behalten will." „Auf mein Wort," sagte sein neuer Herr, „für einen Anfänger hast Du gute Prise gemacht." „Nicht wahr?" sagte Cuddie mit großer Freude. „Sagt' ich' nicht, wenn's auf's Nehmen ankommt, bin ich nicht auf den Kopf gefallen. Und außerdem Hab' ich noch zwei schmucke Pferde gekriegt; ein armer Kerl von Leinweber, der Webstuhl und Hans verlassen hat, um da auf dem kalten Hügel zu plärren, hatte zwei Dragonerpferde aufgefangen, der wußte sie weder zu füttern noch zu lenken, so gab er mir beide für ein Goldstück. Ich hätt' ihn wohl mit der Hälfte 'rum gekriegt, aber man kann an dem vertrackten Ort nichts wechseln lassen. — Das Geld fehlt in Bothwclls Beutel, wie Ihr finden werdet." „Du hast einen trefflichen, nützlichen Handel gemacht, Cuddie; aber wie steht's mit diesem Mantelsack?" „Der," antwortete Cuddie, „gehörte gestern dem Lord Evandale; heut' aber gehört er Euch. Ich fand ihn hinter dem Busche dort. — Ein Blinder hat ein Hufeisen gefunden — Ihr wißt, wie's im alten Liede heißt: „Sleh dich nur um, Mutter, sprach Thomas von der Lin»," Dabei fällt mir ein, daß ich doch nach der Mutter sehen muß, das arme, alte Weib, wenn Euer Edeln sonst nichts zu befehlen haben." „Aber Cuddie," sagte Morton, „ich kann doch diese Sachen nicht ohne Belohnung von Dir nehmen," „Ei, ei, Sir," antwortete Cuddie, „nehmt's nur immerhin — was die Belohnung betrifft, so hat's gute Zeit — Hab' mich auch schon mit Etwas versorgt, das besser für mich paßt. Was sollt' ich mit Lord Evandale's schönen Kleidern machen? Die vom Sergeanten Bothwell sind gut genug für mich." Da Morton seinen uneigennützigen Diener nicht bewegen konnte, von dieser Beute Etwas für sich selbst zu behalten, so war er entschlossen, bei der ersten Gelegenheit dem Lord Evandale dessen Eigenthum zurückzugeben, vorausgesetzt, daß er noch lebe; trug jedoch kein Bedenken, von Cuddie's Beute insofern Nutzen zu ziehen, daß er sich unter den Sachen von größerm Werthe einige Wäsche und andere unbedeutende Dinge zueignete. Dann durchlief er schnell die Papiere, die sich in Both- wells Taschenbuche vorfanden. Diese waren von sehr verschiedener Art. Das Nainensverzeichniß seiner Mannschaft und der Beurlaubten, Wirthshausrechnungen, Delinquentenlisten, die mit Geldstrafen belegt, oder gerichtlich belangt werden sollten, waren, nebst der Abschrift eines Verhaftsbefehls vom Staats- 97 rath gegen einige angesehene Personen, die ersten Papiere, die sich zeigten. In einer andern Tasche befanden sich einige Patente und Dienstzeugnisse, die seinen Muth und seine militärischen Talente sehr rühmten. Aber das merkwürdigste unter diesen Papieren war ein sorgfältig ausgcarbeiteter Stammbaum mit Beziehungen ans mehrere Urkunden, dessen Aechtheit zu beweisen, nebst einem Verzeichniß der großen Besitzungen der geächteten Grafen von Bothwell, und eine besondere Angabe der Hofleute und Adligen, denen Jakob der VI. dieselben verliehen und deren Nachkommen noch in ihrem Besitze waren. Unter dieser Liste waren mit rothen Buchstaben von der Hand des Verstorbenen geschrieben: Ilauä Immemor, 8. 8. 8. 8., wahrscheinlich die Initialen von kraur 8tusrt 8arl (Graf) UotlnveU. Bei diesen Urkunden, welche den Charakter und die Gesinnung des verstorbenen Eigenthümers scharf bezeichneten, lagen noch andere, die diesen in einem ganz andern Lichte darstellten, als ihn der Leser bis jetzt kennen gelernt. In einer geheimen Tasche des Buches, welche Morton nicht ohne Mühe entdeckte, waren einige, von schöner Frauenhaud geschriebene Briefe. Ihr Datum wies auf ungefähr zwanzig Jahre zurück, sie hatten keine Adresse und waren nur mit Anfangsbuchstaben unterzeichnet. Morton hatte keine Zeit, sie genau durchzulesen, bemerkte aber, daß sie zarte Ausdrücke weiblicher Zuneigung enthielten, an einen Mann gerichtet, dessen Eifersucht dadurch beschwichtigt werden sollte, und dessen ungestüme, argwöhnische und heftige Gemüthsart die Schreiberin sanft anklagte. Die Schrift war durch die Länge der Zeit fast verlöscht, und ungeachtet der großen Sorgfalt, welche auf ihre Erhaltung verwendet worden, war sie an einigen Stellen fast unleserlich. »Es thut nichts!" stand auf dem Umschlag des Briefes, der am meisten gelitten; „ich weiß sie auswendig." Die Schwärmer. II. 7 98 Bei diesen Worten lag auch eine Haarlocke, in eine Abschrift von Versen eingewickelt, welche nach Mortons Meinung so viel Empfindung bekundeten, daß sie für die ungefügte Poesie, und die absonderlichen Wendungen entschädigte, die dem damaligen Geschmack eigen waren: Du glänzest, theures Pfand, in reiner Pracht, So schön, wie in der »nvergessnen Nacht, Da dn die holde Braut hast umkräuselt Und Agnes mir „ich liebe Dich" gesäuselt. Wie oft seitdem hast du gedrückt mit Lust Die heiße Zone dieser wilden Brust, Drin, mit der ersten Sünde, so die Hölle Bevölkert, Zorn und Haß sich ihre Stelle Gekührt; wo gleich »ein Meere tobt das Blut, Wo jeder Schlag gleicht wilde» Donners Wuth! — Wenn dich solch Klima nicht vernichtet, Bleibt hier dein Glanz auch bell gelichtet. In diesem wilden Reich, mit welcher Macht Beherrschte AgneS, waS ich je gedacht! Nicht hätt' ich unstät mich umhergetrieben, Wär' solch ei» Engel Führer mir geblieben! Ich wäre nicht von Gott und Mensch vertrieben, Hätt' sie gelebt, gelebt, UNI mich zu lieben. Nicht wäre mir der Erde wüstes Wesen Nur eine rohe, wilde Jagd gewesen. Dann wäre nicht mein einziges Ergötzen Das tolle Nennen, Lärmen, Hetzen, Daß, war die arme Beute mir geworden, Ich sie zerriß in gräßlich-wildem Morden: Die Sanstmuth hält' mein zornig Herz gemildert, Den Schmerz besänftigt, den der Stolz verwildert; Mir wären Gott und Menschen hold geblieben, Hätt'st Du gelebt, gelebt, um mich zu lieben! Als Morton diese Zeilen gelesen, konnte er sich nicht des Mitleids erwehren ob dem Schicksal dieses seltsamen, höchst un- 99 glücklichen Mannes, der, in dem niedrigsten Zustande und fast am Ziele der Verachtung, doch nie vergaß, die Berechtigungen seiner Geburt anzusprcchcn, und während er sich zu den gröbsten Ausschweifungen preisgab, in der Einsamkeit immer noch mit bitterer Reue an seine Jugendzeit dachte, wo er eine tugendhafte, obgleich unglückliche Neigung genährt. „Ach, was sind wir," sagte Morton, „daß unsere besten und edelsten Gefühle so entwürdigt und entweiht werden können — daß rühmlicher Stolz sinken kann bis zu -vchmüthi- ger, verzweifelter Gleichgültigkeit gegen die öffentliche Meinung, und Gram über unglückliche Liebe in demselben Busen wohnen können, wo Ausschweifung, Rachsucht und Raubgier weilen? Aber so ist's überall; die freisinnigen Grundsätze eines Menschen schrumpfen zusammen in kalte Gleichgültigkeit, und einen Andern reißt der religiöse Eifer zu wilder, toller Schwärmerei. Unsere Entschlüsse, unsere Leidenschaften gleichen den Meeres- wvgen, und ohne den Beistand Dessen, der die Menschenbrust gebildet, können wir den Wogen nicht sagen: Bis hieher und nicht weiter!" Als er während dieser ernsten Betrachtung die Augen aufschlug, sah er Burley vor sich stehen, „Schon wach?" sagte dieser. — „Das ist brav, und zeigt Euren Eifer, die Bahn zu betreten, die vor Euch liegt. — „Was sind das für Papiere?" Morton berichtete ihm in gedrungener Kürze von Cuddie'S glücklichem Fang und überreichte ihm Bothwells Taschenbuch nebst dessen Inhalt. Der cameronianische Führer betrachtete mit einiger Aufmerksamkeit die Papiere, welche sich auf militärische oder öffentliche Angelegenheiten bezogen; als er aber auf die Verse stieß, warf er sie mit Verachtung weg. 7 ^ Ivn „Ich hätte nicht gedacht/' sagte er, „als ich mit Gottes Beistand diesem Hauptwerkzcnge der Grausamkeit und Verfolgung mein Schwert drei Mal durch den Leib stieß, daß ein so verzweifelter und gefährlicher Mensch sich mit einer eben so gemeinen als erbärmlichen Kunst abgebcn konnte. Aber ich sehe, Satan kann in seinen geliebtesten und auserwählten Gehülfen die verschiedensten Eigenschaften vereinigen, und diejenige Hand, welche eine Keule oder sonst eine Mordwaffe gegen die Frommen im Thale der Zerstörung schwingt, kann auch auf klingender Laute oder Zitter klimpern, um die Ohren der tanzenden Töchter der Vcrdammniß in ihrer eitlen Schöne zu kirren." „Eure Ansichten von Pflicht," sagte Morton, „schließen also die Liebe zu den schönsten Künsten aus, von denen man doch allgemein glaubt, daß sie die Seele läutern und erheben?" „Mir, junger Mann," antwortete Burley, „und Allen, welche gleich mir denken, sind die Vergnügungen dieser Welt, wie sie auch heißen mögen, lauter Eitelkeiten, und Größe und Macht dieser Welt nur ein Fallstrick. Wir haben auf Erden nur Ein Ziel, und das ist, den Tempel des Herrn zu bauen." „Ich habe meine» Vater sagen hören," erwiederte Morton, „daß Viele, welche sich im Namen des Himmels Gewalt anmaßten, eben so streng in deren Ausübung waren, als sie sich unwillig davon trennten, als ob nur irdische Eitelkeit sic an- getriebcn — doch davon ein ander Mal! Jst's Euch gelungen, daß ein Ansschuß des Kriegsraths ernannt werde?" „Ja wohl!" antwortete Burley. „Die Zahl ist auf Sechs beschränkt, wovon Ihr Einer seid, und ich komme, Euch zur Berathnng zu holen." Burley begleitete ihn zu einem abgelegenen Rasenplätze, wo ihre Collegen sie erwarteten. Bei dieser Uebertragung der IUI Gewalt hatten beide Hauptfactionen des ordnungslosen Heeres Sorge getragen, daß jede Drei von ihrer Zahl sandte. Auf Seiten der Cameroniancr waren Burley, Macbriar und Pauker, und ans Seiten der Gemäßigten, Pfundtext, Heinrich Morton und ein kleiner Gutsbesitzer, der Laird von Langcale genannt. So hielten sich beide Parteien im Ausschuß das Gleichgewicht, obwohl es wahrscheinlich war, daß die heftige Partei, wie gewöhnlich in solchen Fällen, mit der größten Kraft handeln würde. Sie führten indessen ihre Verhandlungen mehr wie Menschen dieser Welt, als man von ihrem Benehmen am vorigen Abend hätte erwarten sollen. Nach reiflicher Erwägung ihrer Mittel und Lage, und ihrer wahrscheinlichen Verstärkung, kamen sie überein, für diesen Tag in ihrer Stellung zu verbleiben, um die Mannschaft gehörig ansruhen zu lassen und die Verstärkung abznwarten; am nächsten Tage sollte aber nach Tillictudlem anfgebrochen und diese Veste der Bosheit, wie sie sich ausdrückten, zur Uebergabe aufgefordcrt werden. Ergäbe sie sich nicht, so solle ein Sturm versucht werden, und wenn dieser mißlänge, solle der Platz von einem Theile des Heeres blokirt und womöglich durch Hunger bezwungen werden, während die Hauptmacht weiter vorrückcn sollte, um Claverhouse und Lord Roß aus der Stadt Glasgow zu verjagen. Dies war der Beschluß des Kriegsraths, und Mortons erste Unternehmung im thätigen Leben war also wahrscheinlich der Angriff eines Schlosses, das der Großmutter seiner Geliebten gehörte, und von ihrem Verwandten, dem Major Bellenden, vcrthcidigt ward, dem er persönlich so viel Verbindlichkeiten schuldete. Er selbst fühlte das Drückende seiner Lage, tröstete sich aber mit dem Gedanken, daß seine neu- crworbene Gewalt ihm jedenfalls die Mittel geben werde, den Bewohnern von Tillictudlem einen Schutz zu gewähren, des- 102 sen sie außerdem gewiß hätten ermangeln müssen. Auch durste er hoffen, einen Vergleich zwischen ihnen und dem presbyteria- nischen Heere zn Stande bringen zn können, der ihnen während des bevorstehenden Krieges sichere Neutralität gewähre- Zehntes Kapitel. Ein Ritter von dem Schlachtfeld zeucht, Deß Noß von Blut und Regen feucht. Finlay. Wir müssen nun zu der Veste Tillietudlem und deren Bewohner zurückkehren. Der erste Morgen nach der Schlacht von Loudonhill dämmerte über deren Zinnen, und die Ver- thcidiger hatten bereits die Arbeit begonnen, durch welche sie den Platz haltbar zu machen hofften, als der Wärter auf der Warte das Zeichen gab, daß ein Reiter sich nähere, und bald verrieth dessen Kleid den Offizier der Leibwache. Die langsamen Schritte des Pferdes, wie die vorgebeugte Haltung des Reiters, bekundeten deutlich, daß dieser krank oder vorwundet sei. Das Pförtchen ward sogleich zu seinem Empfange geöffnet, und Lord Evandale ritt in den Hofraum, so sehr von Blutverlust erschöpft, daß er ohne Beistand nicht abzusitzen vermochte. Die Damen schrieen auf vor Erstaunen und Schrecken, als er auf einen Diener gelehnt in die Halle trat; denn, bleich wie der Tod, von Blut befleckt, die Uniform beschmutzt und zerrissen, das Haar in wilder Unordnung, glich er mehr ei- 103 nein Gespenst, als einem menschlichen Wesen. Aber der nächste Ausruf war der Ausdruck der Freude über seine Rettung. „Gott sei Dank," rief Lady Margaretha, „daß Ihr hier seid aus den Händen der blutdürstigen Mörder, die so viel treue Diener des Königs hingewürgt." „Gott sei Dank," fügte Edith« hinzu, „daß Ihr hier sicher seid! Wir haben das Schlimmste gefürchtet. Aber Ihr seid verwundet, und ich fürchte, wir haben nur wenig Mittel, Euch beizustehen-" „Das sind nur Hiebwunden," antwortete der junge Edelmann, indem er sich niederließ; „der Schmerz ist nicht der Rede wcrth und nur der Blutverlust hat mich erschöpft. Aber cs war nicht meine Absicht, Eure Gefahr und Noth durch meine Schwäche zu vermehren, sondern womöglich Euch Erleichterung zu verschaffen. Was kann ich für Euch thun? — Erlaubt mir, Lady Margaretha, als Euer Sohn zu denken und zu handeln, und Ihr, Edith«, als Euer Bruder!" Die letzten Worte sprach er mit einigem Nachdruck, gleichsam fürchtend, seine Ansprüche als Bewerber möchten seine angebotenen Dienste für Edith« lästig machen. Sie war zwar nicht unempfindlich gegen sein Zartgefühl; aber der jetzige Augenblick gestattete keinen Gefühlsaustausch. „Wir rüsten uns zur Vertheidigung," sagte die alte Lady mit vieler Würde; „mein Bruder hat den Befehl über die Besatzung übernommen, und so Gott will, werden wir die Rebellen nach Gebühr empfangen." „Wie gern," sagte Evandale, „würde ich an der Vertheidigung des Schlosses Antheil nehmen! Aber in meiner jetzigen Lage wäre ich Euch nur eine Last, wo nicht noch etwas Schlimmeres; denn die Nachricht, daß ein Offizier der Leibgarden im Schlosse sei, wäre für die Schurken genug, sich dessen mit desto größerer Verzweiflung zu bemächtigen. Finde» sie aber das Schloß nur von den Hausgenossen vertheidigt, gehen sie vielleicht viel eher nach Glasgow, als daß sie einen Sturm wagen." „Und könnt Ihr so klein von uns denken, Mylord?" sagte Editha mit jener edeln Frauen so eigenthümlichen und schönen Aufwallung, indeß ihre Stimme bebte und ihre Wange jene Glut färbte, welche ihr die Worte verlieh. — „Könnt Ihr so klein von Euren Freunden denken, daß fle solchen Betrachtungen Raum geben, wenn es darauf ankommt, Euch Schutz und Obdach zu geben in einem Augenblicke, wo Ihr unfähig seid, Euch zn vertheidigcn, und wo das ganze Vaterland mit Feinden angefüllt ist? Giebt es wohl eine Hütte in Schottland, deren Besitzer einem werthen Freunde erlauben würde, dieselbe in solchen Umständen zu verlassen? Und könnt Ihr glauben, wir würden Euch aus einem Schlosse scheiden lassen, welches wir für unsere eigene Vertheidigung stark genug halten?" „Lord Evandale darf nie so von uns denken," sagte Lady Margaretha. „Ich selbst will seine Wunden pflegen; das ist Alles, was eine alte Frau in Kriegszeiten zu thun vermag; aber das Schloß Tillietndlem verlassen, da das Schwert des Feindes gegen ihn gezückt ist — das dürfte der geringste Soldat nicht, der je des Königs Rock getragen, vielweniger also Lord Evandale. — Unser Haus darf nicht solche Schmach dulden. Das Schloß Tillietndlem ist zu sehr ausgezeichnet worden durch den Besuch Seiner allergnädigsten-" Hier ward sie durch den Eintritt des Majors unterbrochen. „Wir haben einen Gefangenen gemacht, lieber Oheim," sagte Editha — „einen verwundeten Gefangenen; aber er will uns entfliehen. Ihr müßt uns helfen, ihn mit Gewalt zu halten." „Lord Evandale!" rief der Veteran. „Ich freue mich so sehr, wie damals, als ich mein erstes Patent bekam. Claver- house berichtete, Ihr wäret gefallen oder würdet wenigstens vermißt." „Gewiß würd' ich auch geblieben sein, wenn nicht Euer Freund gewesen wäre," sagte Lord Evandale, mit einiger Bewegung und niedergeschlagenen Blicken, als wünsche er den Eindruck nicht zu sehen, den seine Worte auf Edithen machen würden. „Ich war ohne Pferd und wehrlos, und schon das Schwert über mich geschwungen, als der junge Morton, der Gefangene, dessen Ihr Euch gestern Morgen so sehr annahmt, auf die edelmüthigste Weife dazwischen trat, mir das Leben rettete und die Mittel zur Flucht verschaffte." Als er geendet, konnte er der peinlichen Neugier nicht widerstehen; er blickte auf Editha und glaubte in der Gluth ihrer Wange und ihrem glänzenden Blicke die Freude über ihres Geliebten Rettung, und den Triumph zu lesen, daß er in dem Wettstreite des Edelmuths nicht zurückgeblieben. Dies waren auch wirklich ihre Gefühle; aber sie waren vermischt mit der Bewunderung über die offene Freimüthigkeit, mit der Lord Evandale sich beeilte, dem Verdienste eines begünstigten Nebenbuhlers Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, und eine Verbindlichkeit anzuerkennen, die er doch wahrscheinlich gegen jeden Andern lieber, als gegen Morton gehabt hätte. Major Bellenden, der die Regungen Beider nicht bemerkt haben würde, selbst wenn sie sich noch viel unzweideutiger bekundet hätten, begnügte sich zu sagen: „Da Heinrich Morton Einfluß auf die Schurken hat, so freut's mich, daß er ihn so benutzt hat; aber ich hoffe, er wird sich von ihnen losmachen, 106 sobald er kann. Daran zweifle ich gar nicht. Ich kenne seine Grundsätze und weiß, er verabscheut ihr Geplärre und ihre Heuchelei- Ich Hab' ihn oft über die Pedanterei des alten presbyterianischcn Schurken Pfundtext lachen hören, der die Jndulgenz der Regierung jahrelang genossen, und jetzt beim Angriff sich in seiner wahren Gestalt zeigt und sich mit drei Viertheilcn seiner ftutzöhrigen Gemeinde auf den Weg gemacht hat, um zu dem Heere der Fanatiker zu stoße». — Aber wie seid Ihr entkommen, nachdem Ihr das Schlachtfeld verlassen?" „Ich ritt aus Leibeskräften, wie ein abtrünniger Ritter," antwortete Evandale lächelnd. „Ich schlug den Weg ein, ans welchem ich einen Feind zu treffen am wenigsten fürchten durfte, und fand mehrere Stunden Obdach — Ihr werdet schwerlich errathen, wo?" „Im Schlosse Bracklam vielleicht," sagte die Lady, „oder im Hause eines andern loyalen Edelmanns?" „Nein, gnädige Frau. Ich ward in mehr als einem Hause dieser Art unter manchem erbärmlichen Vorwände abgewiesen, aus Furcht, der Feind möchte meiner Spur folgen; aber ich fand Zuflucht in der Hütte einer armen Wittwe, deren Gatte vor kaum drei Monaten von einer Abtheilung unserer Schaar erschossen worden und deren beide Söhne sich in diesem Augenblicke unter den Insurgenten befinden." „Wirklich?" sagte Lady Margaretha Bellenden; „war ein fanatisches Weib solcher Großmuth fähig? Mißbilligte sie vielleicht die Glaubensmcinungen ihrer Familie?" „Durchaus nicht, gnädige Frau," fuhr der junge Edelmann fort; „sie war in ihren Grundsätzen eine strenge Presbyterianerin; aber sie sah mein Unglück und meine Gefahr, erblickte in mir nur den Nebenmenschcn und vergaß, daß ich Ritter und Soldat bin. Sie verband meine Wunden, ließ mich auf ihrem Bette ruhen, verbarg mich vor einer Abthcilung Insurgenten, welche Nachzügler aufsnchte, gab mir Speise und duldete nicht, daß ich eher den Zufluchtsort verlasse, bis sie erfahren, daß ich ohne Gefahr mich nach diesem Schlosse begeben könne." „Das war schön gehandelt!" sagte Fräulein Bellenden, „und ich hoffe, Ihr werdet Gelegenheit haben, solche Groß- muth zu belohnen." „Ich lade mir in diesen unglücklichen Verhältnissen überall Verbindlichkeiten ans, Fräulein Bellenden," versetzte Lord Evan- dale; „aber ich werde im günfligen Augenblicke gewiß nicht ermangeln, meine Dankbarkeit zu bezeugen. Alle drangen nun in Lord Evandale, nur ja nicht das Schloß zu verlassen; aber der Grund des Majors Bellenden war der wirksamste. „Eure Gegenwart im Schlosse wird äußerst nützlich, wo nicht gar unumgänglich nöthig sein, Mylord, um durch Euer Ansehen die gehörige Mannszucht unter den von Claverhouse zurückgelassenen Leuten zu halten, die wirklich schon gezeigt haben, daß sie nicht die besten Hausgenossen sind. Ueberdies haben wir auch noch Vollmacht, jeden Offizier anzuhalten, der etwa hieher kommen möchte." „Nun," sagte Lord Evandale, „das ist ein unwiderlegbarer Grund; denn er beweist mir, daß ich selbst in meinen jetzigen Zustande hier von Nutzen sein kann." „Was Eure Wunden betrifft, Mylord," sagte der Major, „wenn meine Schwester es übernimmt, einem etwaigen Fieberanfall entgegenzukämpfen, so steh' ich dafür, daß mein alter Knappe, Gideon Pike, eine Fleischwunde so gut verbindet, wie irgend Einer aus der Barbiergilde. An Uebung hat's ihm zu Montroses Zeit nicht gefehlt; denn wir hatten wenig ordent- 108 liche Negimeutschirurgen, wir Ihr leicht denken könnt- — Also, Ihr bleibt bei uns?" „Meine Gründe das Schloß zu verlassen," sagte Lord Evandale auf Edith« blickend, — „waren zwar ziemlich wichtig, müssen aber nunmehr weichen, da stch's darum handelt, Euch zu dienen. — Darf ich Euch nach den Mitteln und dem Vertheidigungöplanc fragen, Major? oder darf ich in Eurer Gesellschaft die Festungswerke untersuchen?" ES entging Edithen nicht, daß Lord Evandale körperlich und geistig sehr erschöpft war. „Ich denke, da Lord Evandale eingewilligt hat, ein Offizier unserer Besatzung zu werden," sagte sie zum Major, „so müßt Ihr ihn zuvörderst Eurer Autorität unterwerfen und ihm befehlen auf sein Zimmer zu gehen, um einige Erfrischungen zu nehmen, eh' er sich in militärische Angelegenheiten einläßt." „Editha hat Recht," sagte die Lady, „Ihr müßt sogleich zu Bette, Mylord, und Etwas gegen das Fieber einnehmen, was ich selbst zubereiten will, und meine Kammerfrau, Frau Martha Wedell, soll Euch ein Hühnchen oder sonst was zurichten. Zu Wein möcht' ich nicht rathen. — John Gudyill, laßt die Haushälterin das Baldachin-Zimmer Herrichten; Lord Evandale muß sich sogleich niederlegcn. Pike soll den Verband abnehmen und die Wunden untersuchen." „Das sind traurige Vorbereitungen, gnädige Frau," sagte Lord Evandale, indem er der Lady dankte und im Begriff war, den Saal zu verlassen, — „aber ich muß mich Euren Anordnungen unterwerfen und ich hoffe, Eure Geschicklichkeit wird mich bald zu einem tauglichem Vertheidiger Eurer Burg machen. Ihr müßt meinen Körper so bald als möglich dienstfähig machen, denn meines Kopfes bedürft Ihr nicht, so lange Major Bellenden bei Euch ist." 1N9 Mit diesen Worten verließ er das Zimmer. „Ein trefflicher und bescheidener Jüngling!" sagte der Major. „Gar nicht so eingebildet," sagte die Lady, „wie junge Leute oft sind, welche glauben, sic wüßten besser Krankheiten zu behandeln, als erfahrene Leute." „Und so ein edelmüthiger, schmucker, junger Herr," sagte Jenny Dennison, die während des letzten Thesis der Unterhaltung eingetretcn war und nun mit ihrer Gebieterin allein gelassen wurde, da sich der Major zu seinen militärischen Geschäften, und Lady Margaretha zu ihren medicinischen Vorbereitungen wegbegeben hatten. Editha beantwortete diese Lobeserhebungen mit einem Seufzer; aber trotz ihres Schweigens wußte sie doch besser, als irgend ein Anderer, wie sehr das Lob verdient sei. Jenny versäumte indessen nicht nach ihrer Weise fortzufahren. „Am Ende hat die gnädige Frau doch Recht, wenn sie sagt, den Presbyterianern sei nicht zu trauen — treuloses, nichtsnutziges Gesindel. Wer hätte denken sollen, daß der junge Milnwood und Cuddie Headrigg sich zu den schurkischen Rebellen schlagen?" „Was meinst Du mit diesem unsinnigen Geschwätz, Jenny?" sagte das Fräulein höchst unwillig. „Ich weiß, Ihr hvrt's nicht gern," antwortete Jenny dreist, „und ist mir auch just nicht angenehm davon zu sprechen; aber am Ende kommt's Euch ja doch zu Ohren, denn das ganze Schloß ist voll davon." „Voll, von was, Jenny? Willst Du mich toll machen?" sagte Editha ungeduldig. 110 „Davon, daß Heinrich Morton von Milmvood bei den Rebellen, und einer der Anführer ist." „Das ist eine Lüge!" sagte Edith« — „eine unverschämte Vcrläumdung! Und Du nimmst Dir viel heraus, mir das wieder zu erzählen. Heinrich Morton ist unfähig, eine solche Verrätherei zu begehen an König und Vaterland — solche Grausamkeit gegen mich — gegen — alle unschuldige, wehrlose Opfer, wollt' ich sagen, die im Bürgerkriege leiden müssen. Ich sage Dir, er ist dessen ganz und gar unfähig. „Ach, theures Fräulein," erwiderte Jenny, immer noch auf ihrem Text beharrend, „man muß besser bekannt sein mit jungen Leuten, als ich es bin, oder je werden mag, um genau zu wissen, zu was Allem sie fähig sind. Aber da ist der alte Tom und ein anderer Geselle dagcwesen in Mützen und grauen Plaids, wie Landlcntc, um zu recog — rccognosciren — wie's John Gudyill nennt; diese sind unter den Rebellen gewesen und haben ausgcsagt, sie hätten den jungen Milnwood auf einem erbeuteten Dragonerpferd reiten sehen, bewaffnet mit Schwert und Pistolen wie die Andern, Hand in Hand mit den Rebellen, und er habe die Leute einexercirt und comman- dirt; der Cuddic immer hinterdrein in einer gestickten Weste Bothwells und einem aufgckrämpten Hut mit blauer Schleife daran, wegen der Covenantsgeschichte (Cuddie hatte aber sonst die blauen Bänder gern) und in einem gefältelten Hemde, just wie ein Edelmann — das ziemt sich für Seinesgleichen, freilich!" „Jenny," sagte Editha hastig, „der Bericht dieser Leute kann unmöglich wahr sein; mein Oheim hat ja bis auf diesen Augenblick noch nichts davon gehört." „Weil Tom Halliday," antwortete die Zofe, „fünf Minuten später als Lord Evandale in's Schloß kam, — und als 111 er hörte, Seine Herrlichkeit sei da, vermaß er sich hoch und theuer, der gottlose Wicht, er wolle dem Major keinen Rapport bringen, wie er's nannte, da ein Offizier von seinem eigenen Regimente da sei. So wollt' er durchaus nichts sagen, bis Lord Evandale am nächsten Morgen erwachte; nur mir hat er was davon gesagt — " (hier blickte Jenny zu Boden), „um mich wegen des Cuddie zu kränken." „Sichst Du, einfältig Ding," sagte Edith«, wieder Muth fassend, „das ist ein Kniff von dem Burschen, um Dich zu necken." „Nein, nein, gnädiges Fräulein, das kann nicht sein; denn John Gndyill nahm den andern Dragoner — (s' ist ein alter garstiger Kerl, ich weiß nicht, wie er heißt,) — mit in den Keller und gab ihm ein Glas Branntwein, um ihn sich ausschwatzen zu lassen, und da erzählte er denn Alles, so wie's der Tom Halliday gesagt hat, Wort für Wort, und Herr Gudyill war in solcher Wnth, daß er's uns gleich wieder erzählte und sagte, die ganze Rebellion komme nur von der Dummheit der Lady, des Majors und Lord Evandales her, die gestern Morgen den jungen Milnwood und Cuddie losgebettelt hätten-, denn wenn diese ihre Strafe erlitten, wäre Ruhe ihm Lande — und wahrhaftig, ich glaub's selbst." Diese letzte Erklärung setzte Jenny aus Unwillen über die äußerst hartnäckige Ungläubigkcit ihrer Gebieterin hinzu, ward aber augenblicklich durch die Wirkung beunruhigt, die ihre Nachricht auf das Fräulein hervorbrachte, eine um so heftigere Wirkung, da Edith« in den Grundsätzen und Vorurtheilen der bischöflichen Kirche erzogen war. Sie ward plötzlich leichenblaß, ihr Athem stockte, ihre Glieder bebten, und so sank sie halb ohnmächtig auf den Sessel. Jenny versuchte es mit kaltem Wasser, verbrannte Federn, löste das Schnürband und 112 wandte alle in solchen Fällen gewöhnliche Mittel an, doch ohne merklichen Erfolg. „Gott sei mir gnädig, was Hab' ich gethan!" rief die reuige Zofe. „Wäre mir doch die Zunge ausgeschnitten gewesen! — Wer hätte geglaubt, daß fle's so aufnimmt, und das Alles um eines jungen Menschen willen? — Ach, liebes Fräulein, fasset Muth, am Ende ist doch nichts dran. — Wäre mir doch die Zunge verdorrt — die Leute sagtcn's immer, sie brächte mich in's Unglück. Wenn nun die Lady käme, oder der Major? und sie sitzt noch dazu auf dem Throne, wo keine Menschenseele gesessen hat, seit dem leidigen Morgen, da der König hier war. — Ach, was soll ich thnn? Was wird aus uns werden?" Während Jenny so jammerte, erholte sich Edith« langsam von dem Anfall. „Wäre er unglücklich gewesen," sagte sie, „ich Hätte ihn nie verlassen. Ich that's auch nie, selbst als es Gefahr und Unglück brachte, seine Sache zu führen. Wäre er gestorben, ich hätte ihn bedauert, wäre er treulos geworden, ich hätte ihm vergeben, aber ein Empörer gegen seinen König, — ein Verräther an seinem Vaterlande — ein Gefährte und Spießgeselle von Meuchelmördern und Banditen — ein offener, höhnender Feind alles Heiligen — ich will ihn aus meinem Herzen reißen und sollt' ich auch darob verbluten!" Sie trocknete die Augen und erhob sich hastig von dem großen Sessel (oder Thron, wie ihn die Lady zu nennen pflegte), während das erschrockene Mädchen die Kissen aufrüttelte und jede Spur zu vertilgen strebte, daß Jemand diesen heiligen Sitz eingenommen; obgleich ihn König Karl selbst nicht für entweiht gehalten hätte, wenn er die Jugend und Schönheit Derjenigen gesehen, die seinen heiligen Stuhl in kummervollem 113 Augenblick sich angemaßt; darauf eilte sie dienstfertig hin, Edithen zu unterstützen, als diese anscheinend in tiefen Gedanken durch die Halle schritt. „Nehmt meinen Arm, Fräulein; nehmt lieber meinen Arm; der Kummer will sich aussprechen und ohne Zweifel-" „Nein, Jenny," sagte Edith« fest, „Du hast meine Schwäche gesehen; nun sollst Du auch meine Stärke sehen." „Aber Ihr stütztet Euch doch jüngst auf mich, als Ihr so betrübt wart." „Uebelangebrachte, verirrte Neigung mag der Stühe bedürfen, Jenny, — die Pflicht bedarf keiner; doch ich will nicht zu schnell handeln. Ich will den Grund seines Benehmens erwägen und dann — ihn für immer aufgeben." Betroffen über ein Benehmen, dessen Gründe sie nicht begriff und dessen Adel sie nicht zu würdigen verstand, murmelte Jenny zwischen den Zähnen: „Mein' Seel', wenn die erste Hitze verfliegt, nimmt's das Fräulein eben so leicht, wie ich, und noch leichter, vbschon ich mir nie halb so viel aus Cud- die gemacht habe, als sie sich aus dem jungen Milnwood. Außerdem ist's noch gut, auf beiden Seiten einen Freund zu haben; denn wenn die Whigs das Schloß einnehmen, wie's wohl geschehen kann, da wir so wenig Lebensmittel besitzen und die Dragoner so rechtschaffen einbeißen: nun, dann haben Milnwood und Cuddie die Oberhand und ihre Freundschaft ist dann Goldes werth — daran Hab' ich schon heute Morgen gedacht, als ich die Nachricht hörte." Mit diesen Trostgedanken ging die Zofe an ihre Beschäftigung und überließ es ihrer Gebieterin, sich zu beherrschen und die Gefühle zu unterdrücken, die sie bis jetzt gegen Heinrich Morton gehegt hatte. Die Schwärmer. II. 8 Eilftes Kapitel. Noch ein Mal stürmt, »och ei» Mal, lieben Freunde! Heinrich V. Alle Nachrichten, welche man am Abende dieses Tages cin- ziehen konnte, ließen vermuthen, daß die Insurgenten mit Tagesanbruch gegen Tillietudlem rücken würden. Lord EvandaleS Wunden waren von Pike untersucht und für gefahrlos gehalten worden. Sie waren zahlreich, aber keine von Bedeutung, und der Blutverlust hatte vielleicht eben so sehr als das gerühmte Specificum der Lady Margaretha den Eintritt des Fiebers verhindert, so daß der Kranke trotz einiger Schmerzen und großer Schwäche behauptete, er könne mit Hülfe seines Stockes umherschleichen. Unter diesen Umständen wollte er nicht das Zimmer hüten, theils um die Soldaten durch seine Gegenwart zu ermuthigen, theils um noth- wendige Ergänzungen zu dem Vertheidigungsplan zu machen, den der Major nach einer veralteten Theorie entworfen haben mochte. Lord Evandale war wohl fähig in solchen Dingen Rath zu ertheilen, da er in früher Jugend in Frankreich und den Niederlanden gedient hatte. Indessen fand sich nur wenig oder nichts an den getroffenen Anstalten zu ändern, und den Punkt der Lebensmittel 115 ausgenommen, schien bei der Vertheidigung eines so festen Platzes gegen solche Angreifer fast nichts zu fürchten. Mit Tagesanbruch waren Lord Evandale und Major Bellenden wieder ans den Mauern, untersuchten genau die getroffenen Anstalten und erwarteten höchst gespannt die Annäherung des Feindes. Es muß noch bemerkt werden, daß inzwischen die Berichte der Kundschafter regelmäßig erstattet worden. Aber der Major nahm den Bericht, daß Morton gegen die Regierung die Waffen ergriffen, mit wegwerfender Verachtung auf. „Ich kenne den Jungen besser," war die einzige Antwort, deren er die Nachricht würdigte. „Die Bursche haben sich nicht nahe genug gewagt, haben sich durch irgend eine Aehn- lichkcit täuschen, oder sonst ein Mährchen aufbinden lassen." „Da bin ich nicht Eurer Meinung, Major," antwortete Lord Evandale; „ich glaube, Ihr werdet den jungen Mann an der Spitze der Insurgenten sehen, und obgleich es mir herzlich leid ist, werd' ich doch eben nicht darüber erstaunen." „Ihr seid just,so schlimm wie Clavcrhouse," sagte der Major; „der behauptete mir gestern früh in's Gesicht, der junge Mensch, der so hoch- und edelgesinnt ist, als ich je Einen gekannt, brauche nur eine Gelegenheit, um an die Spitze der Rebellen zu treten." „Erwägt man die Behandlung, die er erduldet und den Verdacht, der auf ihm lastet," sagt: Lord Evandale, „welcher Weg bleibt ihm noch offen? Was mich betrifft, so weiß ich nicht, ob er mehr Tadel oder Mitleid verdient." „Tadel, Mylord? — Mitleid?" wiederholte der Major erstaunt. „Er verdiente den Galgen, das ist Alles; und wäre er mein eigener Sohn, ich würde ihn mit Vergnügen hangen sehen. — Tadel? Wahrhaftig! Aber das kann unmöglich Eure Meinung sein, Mylord." 8 116 „Auf Ehre, Major Bellenden, es hat mir schon oft geschienen, daß unsere Staatsmänner und Prälaten die Sache in unserem Lande bis auf's Aeußerste getrieben und sich durch viele Gewaltthätigkeitcn nicht bloß die niedern Klaffen entfremdet haben, sondern auch Diejenigen in den hoher« Ständen, welche weder Parteigeist noch das Streben um Hofgunst an ihre Fahnen fesselt." „Ich bin kein Politiker," antwortete der Major, „und verstehe nichts von spitzfindigen Distinctionen. Mein Schwert gehört dem König, und wenn er befiehlt, so zieh' ich es für seine Sache." „Hoffentlich werdet Ihr finden, daß ich nicht hinter Euch zurückstehe," antwortete der junge Lord; „obgleich ich herzlich wünsche, daß die Feinde Ausländer wären. Indessen ist jetzt nicht Zeit, die Sache zu besprechen; denn dort kommen sie und wir müssen uns nach Kräften vertheidigen." Bei diesen Worten zeigte sich der Vortrab der Insurgenten auf dem Wege, der sich über den Hügel zog und dem Schlosse gegenüber herabsenkte. Sie kamen jedoch nicht herab, denn es entging ihnen nicht, daß sich ihre Reihen dadurch dem Geschütz der Veste aussehen würden. Aber ihre Anzahl, die Anfangs nur gering schien, vergrößerte sich immer mehr, und wenn man die Masse, welche auf dem Wege hinter dem Hügel stand, nach der Dichtigkeit der Fronte schätzte, die sich auf der Spitze des Hügels zeigte, so mußte ihre Stärke beträchtlich sein. Auf beiden Seite» entstand eine ängstliche Panse, und während die unstätcn Reihen der Covenanter in Bewegung geriethen, als würden sie von hinten gedrängt, oder als wüßten sie nicht, wohin sie sich zu wenden hätten, gewährten ihre in der Sonne blitzenden, mannigfaltigen Waffen einen malerischen Anblick. Die mit Piken, Hellebarden, Musketen und Streitäxten bewaffnete Masse verharrte einige Minuten in dieser schwankenden Stellung, bis endlich drei oder vier Reiter, welche Anführer schienen, sich von der Fronte weg auf eine Anhöhe begaben, die dem Schlosse etwas näher lag. John Gudyill, der kein ungeschickter Artillerist war, wollte eine Kanone auf die abgesonderte Gruppe richten. „Ich wist den Falken fliegen lassen, wenn's Eure Gnaden befehlen. Mein' Seel', er soll ihnen den Federbusch zerknicken!" Der Major sah Lord Evandale an. „Wartet einen Augenblick!" sagte der junge Edelmann; „fle senden »ns eine Waffenstillstandsflagge." ' Wirklich stieg auch einer der Reiter ab, befestigte ein weißes Tuch an die Pike und näherte sich dem Schlosse, während der Major und Lord Evandale von dem Hauptfort herunterstiegen und ihm bis zur Verschanzung entgegen gingen; denn sie hielten es für unklug, ihn innerhalb des zu vertheidigenden Bezirkes kommen zu lassen. Zu derselben Zeit, als der Abgesandte sich näherte, zog sich die Reitergruppe zurück, als ahnte sie, welche Anstalten zu ihrem Verderben John Gudyill gemacht. Nach Haltung und Benehmen zu nrtheilen, schien der Abgesandte ganz von jenem Stolz erfüllt, der seine Sekte auszeichnete. Seine Züge waren zu hochmüthiger Verachtung heraufgeschranbt und sein halbgeschlossencs Auge schien es zu verschmähen, auf die ihn umgebenden irdischen Gegenstände zu blicken, während er bei jedem Schritte die Fußspitzen feierlichst auswärts setzte, als verachtete er den Boden zu betreten. Lord Evandale konnte sich beim Anblick dieser absonderlichen Gestalt kaum des Lächelns erwehren. „Habt Ihr je einen solchen abgeschmackten Gliedermann gesehen?" sagte er zu dem Major. „Man sollte schwören, 118 er ginge auf Sprungfedern. Glaubt Ihr wohl, daß er sprechen kann?" „O ja," sagte der Major; „das scheint einer meiner alten Bekannten zu sein, ein Erz-Puritaner von ächtpharisäischem Sauerteig. — Halt! — er hustet und räuspert sich. Erwirb bas Schloß mit einem Stück Predigt statt mit der Trompete auffordern wollen." Der Veteran, der seiner Zeit so manche Gelegenheit gehabt, mit den Sitten dieser Sekte bekannt zu werden, hatte sich in seiner Vermuthung nicht getäuscht, nur daß der Laird von Langcale, denn es war keine geringere Person, statt einer Einleitung in Prosa mit seiner Stentorstimme einen Vers aus demZvierundzwanzigsten Psalm hersagte: „Machet die Thore weit auf und die Thüren in der Welt hoch, daß der König der Ehren cinziehe"- „Sagt' ich's Euch nicht?" sprach der Major zu Evandale, ging dann zum Eingang der Verschanzung und verlangte zu wissen, warum er ein solch jämmerliches Geschrei erhebe unter den Thoren des Schlosses, wie ein Eber im Sturmwind? „Ich komme," entgegnete der Abgesandte mit gellender Stimme und ohne die übliche Begrüßung und Höflichkeit — „ich komme von dem gottseligen Heere des feierlichen Bundes und Covenants, um mit den beiden fleischlichen Uebelgeslnn- ten, mit William Maxwell, genannt Lord Evandale, und Mi- les Bellenden von Charnwvod zu sprechen." „Und was habt Ihr an Milcs Bellenden und Lord Evandale auszurichten?" fragte der Major. „Seid Jhr's?" sagte der Laird von Langcale in demselben scharfen, hochmüthigen und unehrerbietigen Tone. „Wir slnd's!" entgegnete der Major. „So ist hier eine öffentliche Aufforderung," sagte der Ab- gesandte und stellte dem Lord Evandale ein Papier zu, „und hier ist auch ein Privatschreiben an Miles Bellenden von einem gottseligen Jüngling, der die Ehre hat eine Abtheilung unseres Heeres zu führen. Leset schnell, und Gott gewähre Euch die Gnade, daß der Inhalt Euch gute Früchte bringe, obgleich dieses sehr zu bezweifeln ist." Die Aufforderung lautete: „Wir, die ernannten und bestallten Anführer der Edelleute, der Geistlichen und Anderer, gegenwärtig in Waffen für die Sache der Freiheit und des wahren Glaubens, warnen und fordern Euch auf, Euch William Lord Evandale und Miles Bellenden von Charnwood und Andere, die jetzt unter Waffen stehen und das Schloß Tillietudlem besetzt halten, besagtes Schloß zu übergeben unter annehmlichen Bedingungen des Pardons und freien Abzugs mit allem Gepäcke, oder jeglicher Verwüstung mit Feuer und Schwert gewärtig zu sein, wie es nach den Kriegsgesetzen denen gebührt, so einen unhaltbaren Posten vertheidigen. Und so möge Gott seine gute Sache beschützen!" Diese Aufforderung war von John Balfour von Burley als Generalquartiermeister der Covenanter, für sich und im Namen der andern Führer unterzeichnet. Der Brief an Major Bellenden war von Heinrich Morton und lautete folgendermaßen: „Ich habe einen Schritt gethan, mein verehrter Freund, der, unter manchen Übeln Folgen, mir auch, fürcht' ich, Eure entschiedene Mißbilligung zuziehcn wird. Aber ich habe meinen Entschluß ehrenhaft, redlich und mit völliger Zustimmung meines Gewissens gefaßt. Ich kann nicht länger dulden, daß meine eigene» Rechte und die 120 meiner Mitunterthanen mit Füßen getreten werden, daß man unsere Freiheit verletzt, unsere Personen beschimpft und unser Blut verspritzt ohne gerechte Ursache und gesetzliches Verfahren. Die Vorsehung scheint durch die Gewaltthätigkeit der Unterdrücker selbst jetzt den Weg zur Befreiung von dieser unerträglichen Tyrannei geöffnet zu haben, und ich halte den nicht des Namens und der Rechte eines freien Mannes würdig, der, mit meinen Ansichten, seinen Arm der Sache des Vaterlandes entzieht. Aber Gott, der mein Herz kennt, sei mein Zeuge, daß ich die Wuth und die heftigen Leidenschaften der gequälten Dulder nicht theile, mit denen ich jetzt Gemeinschaft gemacht. Ich hege kein innigeres Verlangen, als diesen unnatürlichen Krieg bald beendigt zu sehen durch die Vereinigung der guten, weisen und mäßigen Männer aller Parteien, und daß ein Friede hergestellt werde, welcher, ohne des Königs verfassungsmäßige Rechte zu verletzen, das Ansehen strenger Gesetze, statt militärischer Gewaltthätigkeit -erstellt und Jedermann gestattet Gott zu verehren nach seinem eigenen Gewissen, damit die fanatische Schwärmerei durch Vernunft und Milde besiegt und nicht durch Verfolgung und Unduldsamkeit zur Raserei entflammt werde." „Ihr könnt Euch denken, mit welch schmerzlichen Gefühlen ich bei solchen Empfindungen vor dem Hause Eurer ehrwürdigen Verwandten erscheine, das Ihr, wie wir hören, gegen uns vertheidigen wollet. Erlaubt mir. Euch aufs Bestimmteste zu versichern, daß Gegenwehr nur zu Blutvergießen führen wird, — daß, wenn auch der Sturm mißlingt, wir doch noch stark genug sind, die Beste einzuschließen und sie durch Hunger zur Uebcrgabe 121 zu zwingen, da uns Eure unzulänglichen Mittel, eine langwierige Belagerung auszuhaltcn, hinlänglich bekannt sind. Der Gedanke, welche Leiden dann bevorstehen und wer sie dulden muß, zerreißt mir das Herz." „Glaubt nicht, mein verehrter Freund, daß ich Euch Bedingungen vorschlagen könnte, die Euren würdevollen und ehrenhaften Namen, den Ihr so lange nach Verdienst behauptet, verletzen. Wenn die königlichen Soldaten, denen ich einen freien Abzug zusichern will, aus der Beste entlassen werden, so wird man gewiß nichts von Euch verlangen, als während dieses unglückseligen Streits neutral zu bleiben; auch will ich Sorge tragen, daß der Lady Margaretha Eigenthum und Euer eigenes gebührend geachtet und Euch keine Besatzung aufgedruugen werde. Ich könnte viel zu Gunsten dieses Vorschlages sagen, aber da ich in Euren Angen jetzt als Verbrecher erscheine, so furcht' ich, daß auch gute Gründe ihre Wirkung verlieren, wenn sie aus unwillkommener Quelle fließen. Ich breche also mit der Versicherung ab, daß, wie auch Eure Gesinnungen gegen mich in Zukunft sein mögen, nie mein Gefühl der Dankbarkeit gegen Euch sich vermindern wird, und es würde der glücklichste Augenblick meines Lebens sein, Euch dessen durch mehr als bloße Worte zu versichern. Wenn Ihr also auch in dem ersten Augenblicke der Erbitterung den Vorschlag verwerft, den ich Euch eben mache, so laßt Euch das nicht hindern, die Sache nochmals zu erwägen, wenn künftige Ereignisse dieselbe annehmbarer machen; denn wann und wie ich Euch dienen kann, mir wird es stets die größte Freude gewähren. Heinrich Morton/ 122 Nachdem Major Bellenden diesen langen Brief mit allen Zeichen des Unwillens gelesen hatte, überreichte er ihn dem Lord Evandale. „Das hätte ich von Heinrich Morton nicht geglaubt," sagte er, „und wenn es die halbe Welt beschworen hätte. Der undankbare, rebellische Verräther! rebellisch mit kaltem Blute, und selbst ohne Borwand einer Schwärmerei, die dem verrückten Herrn Gesandten, unserem Freunde, das Gehirn verbrannt. Aber ich hätte bedenken sollen, daß er ein Presbyterianer ist; — ich hätte bedenken sollen, daß ich einen junge» Wolf nährte, dessen teuflische Natur ihn antreiben würde, mich beim ersten Anlaß zu erwürgen. Wäre der heilige Paulus wieder auf Erden und würde ein Presbyterianer, er würde in drei Monaten ein Rebell, — es liegt ihnen einmal im Blute." „Ich," sagte Lord Evandale, „werde der Letzte sein, der zur Uebergabc räth; aber wenn unser Vorrath ausgeht und wir keinen Entsatz von Edinburg oder Glasgow erhalten, dann denk' ich, benutzen wir dies Anerbieten, um wenigstens die Damen sicher aus dem Schlosse zu bringen." „Sie würden lieber Alles erdulden, ehe sle den Schutz eines so glattzüngigen Heuchlers annehmen," erwiederte der Major unwillig; „ich würde sle nicht mehr für meine Verwandten anerkennen, wenn sie anders dächten. Aber laßt »ns den würdigen Abgesandten entlassen! — „Mein Freund," sagte er zu Langcale, „sagt Euren Anführern und dem Gesindel, daß, wenn sie nicht eine besondere Meinung von der Härte ihrer Schädel haben, ich ihnen rathen möchte, sie nicht an diesen alten Mauern einznstoßcn. Auch sollen sie keine Waffenstill- standsffaggen mehr senden, oder wir knüpfen den Boten auf zur Wiedervergeltung für die Ermordung des Cornets Grahame." Mit dieser Antwort kehrte der Abgesandte zu den Seinigen 123 zurück. Kaum hatte er das Hauptcorps erreicht, als sich ein Gemurmel unter der Menge hören ließ und vor ihrer Fronte eine große rothe, blau eingefaßte Fahne aufgerichtet wurde. Als dieses Zeichen zu Kampf und Angriff im Morgenwinde sich entfaltete, wurde auch das alte Familien-Banner der Bellenden nebst der königlichen Fahne auf den Mauern des Schlosses aufgepflanzt und zu gleicher Zeit eine Artillerie- Salve gegen die vordersten Reihen der Insurgenten abgefeuert, wodurch sie einigen Verlust erlitten. Ihre Anführer zogen sich sogleich hinter den schützenden Hügel zurück. „Ich denke," sagte John Gudyill, während er seine Kanonen wieder lud, „sie haben den Schnabel des Falken ein bischen zu hart gefunden — ja der pfeift auch nicht umsonst." Kaum aber daß er diese Worte gesprochen, als auch die Anhöhe noch ein Mal mit den Reihen der Feinde bedeckt war. Alle feuerten nun ihre Gewehre gegen die Vertheidigcr des Schlosses ab und unter der Hülle des Dampfes eilte ein Haufen Pikenträger entschlossenen Muthcs den Weg hinab und drang trotz allen Widerstandes, unter dem heftigen Feuer der Besatzung, bis zur ersten Verschanzung, durch welche der Eingang gedeckt war. Er ward von Balfour selbst angeführt, der einen seiner Schwärmerei entsprechenden Muth zeigte. Trotz allen Widerstandes erstürmte er die Verschanzung, verwundete und tödtete viele der Vertheidigcr und drängte die übrigen hinter die zweite Schntzwchr zurück. Die Vorsichtsmaßregeln des Majors indessen machten dieses Vordringen unnütz; denn kaum befanden sich die Covenanter im Besitze dieses Postens, als sie ein mörderisches Feuer vom Schlosse und von den hintern Posten begrüßte. Da sie sich weder vor diesem Feuer schützen, noch es nachdrücklich gegen die durch Verschanzungen und Palissaden Gedeckten erwiedcrn konnten: 124 so waren sie gcnöthigt sich zurückznzichen, doch nicht, ohne vorher mit ihren Aexten das Pfahlwerk niederznschlagen, damit die Vertheidiger es nicht wieder besehen könnten. Balfonr war der Letzte, der sich zurückzog. Er blieb sogar noch eine Weile allein zuruck und arbeitete mit der Art in der Hand, wie ein Pionier, mitten unter einem Regen von Kugeln, von denen viele eigens gegen ihn gerichtet waren. Nicht ohne beträchtlichen Verlust erstrebte er den Rückzug seiner Schaar und die localen Bortheile der Belagerten dienten ihm so zur strengen Belehrung. Der nächste Angriff der Covenanter wurde mit mehr Vorsicht gemacht. Eine starke Abtheilung Schützen (von denen sich viele beim Vogelschießen um den Preis beworben) schlich sich unter Heinrich Mortons Befehl durch das Gehölz, wo sie den besten Schutz fand, vermied die offene Straße, bahnte sich durch Busch und Bäume und irber Felsen hin den Weg nach einer Stellung, von der sie, ohne allzusehr dem feindlichen Feuer ausgesetzt zu sein, die zweite Verschan- zung von der Seite bestreichen konnte, während Bnrley sie mit einem zweiten Angriff in der Fronte bedrohte. Die Belagerten sahen die Gefahr dieser Bewegung und suchten die Annäherung der Schützen zu verhindern, indem sie auf jeden Punkt, wo sie sich zeigten, heftig feuerten. Die Angreifcndcn dagegen verrie- thcn große Kaltblütigkeit, Mnth und Einsicht in der Art, wie sie sich den Verschanzungcn näherten. Dies war hauptsächlich der Standhaftigkeit und umsichtigen Leitung ihres jungen Anführers zuznschrciben, der eben so viel Geschicklichkeit zeigte, die Seinigen zu decken, als dem Feinde zu schaden. Er schärfte unablässig seinen Schützen ein, hauptsächlich auf die Rothröcke zu schießen, die übrigen Vertheidiger aber und besonders das Leben des alten Majors zu schonen, der in seinem Eifer sich mehr als ein Mal so der Gefahr aussetzte, daß 125 er ohne diese Großmuth des Feindes gewiß den Tod gefunden hätte- Ein Fenerregen blitzte nun von allen Seiten des steilen Berges, auf dem das Schloß stand. Bon Busch zu Busch, von Fels zu Fels, von Baum zu Baum rückten die Schützen vor, klimmten sie an Wurzeln und Zweigen hinan, und hatten zugleich mit ungünstigem Boden und feindlichem Feuer zu kämpfen. Endlich waren sie so hoch gekommen, daß mehrere von ihnen im Stande waren, in die Verschanzung gegen die Belagerten zn feuern, die von dieser Seite nicht gedeckt waren, und Burley benutzte die Verwirrung des Augenblicks und drang von vorn auf sie ein- Sein Angriff geschah mit derselben Wutb, wie das erste Mal, und fand mir wenig Widerstand, da die Vertheidiger über das Vordringen der Scharfschützen bestürzt waren, welches diese in ihrer Flanke bewirkten. Entschlossen, seinen Vortheil zu benutzen, verfolgte Burley, mit der Axt in der Hand, den Trupp bis zur dritten und letzten Verschanzung und drang zugleich mit ihm ein. „Nieder! Nieder mit den Feinden Gottes und seines Volkes! — Kein Pardon! — Das Schloß ist unser!" rief er, seine Freunde zu ermuthigen. Die Unerschrockenen unter diesen folgten ihm auf dem Fuße, während die Andern mit Aex- ten, Spaten und anderen Werkzeugen die Erde aufwarfen, Bäume fällten und so in aller Eile bemüht waren, hinter der zweiten Verschanzung eine Schutzwehr zu errichten, um sich den Besitz derselben sichern zu können, im Fall das Schloß nicht durch diesen raschen Angriff genommen würde. Lord Evandale konnte seine Ungeduld nicht länger zügeln- Er griff mit einigen Kriegern an, die man im Schloßhofe zurückgehalten hatte, und obgleich er noch den Arm in der Schlinge trug, ermuthigte er sie auf jede Weise, ihren Gefährten bei- znstehen, die im Kampfe mit Burley begriffen waren. Das 126 Gefecht ward jetzt verzweifelt. Der enge Weg war mit Bur- ley's Leuten gefüllt, die zur Unterstützung ihrer Gefährten vordrangen. Durch Lord Evandale's Zuruf und Gegenwart ermuntert, fochten die Soldaten wie rasend. Ihre geringe Anzahl ward einigermaßen durch ihre größere Geschicklichkeit und höhere Stellung ersetzt, die sie theils mit Piken und Hellebarden, theils mit Flintenkolben und Schwertern verthei- digtcn. Di« innerhalb des Schlosses suchten ihren Kameraden zu helfen, so oft sie nämlich ihre Kanonen so richten konnten, daß ihre Freunde nicht gefährdet wurden. Die rings zerstreuten Scharfschützen feuerten unablässig auf Alles, was sich auf den Zinnen zeigte. Das Schloß war in Dampf gehüllt und die Felsen widerhallten vom Geschrei der Kämpfenden. Mitten in dieser Verwirrung hätte ein sonderbarer Zufall die Veste beinahe in die Hände der Belagerer gebracht. Cuddie Headrigg, der mit den Scharfschützen vorgcdrungen war, kannte jeden Fels und Busch in der Nähe des Schlosses, wo er' so oft mit Jenny Denuifon Nüsse gesammelt, und war durch diese Ortskenntniß im Stande, viel weiter vorzudringen, als die meisten seiner Gefährten, drei oder vier ausgenommen, die ihm auf der Ferse folgten. Nun war Cuddie, obgleich im Ganzen ein wackerer Bursche, durchaus kein Freund der Gefahr, weder um ihrer selbst willen, noch wegen des mit ihr verbundenen Ruhmes- Er hatte daher bei seinem Vordringen, wie man zu sagen pflegt, den Stier keineswegs bei den Hörnern gepackt, oder sich dem feindlichen Feuer allzusehr ausgesetzt. Im Gegentheil hatte er sich allmälig von dem Schauplätze des Kampfes zurückgezogen und sich dann links gewandt, bis er an eine Seite des Schlosses kam, wo kein Gefecht war und welche die Vertheidiger, im Vertrauen auf die Unzugänglichkeit des steilen Felsens, unbesetzt gelassen. Auf dieser Seite war aber ein gewisses Fenster, das zu einer gewissen Speisekammer gehörte und in Verbindung mit einem gewissen Eibenbaum stand, der aus einer Felsenspalte empor wuchs. Das war eben der Paß, durch den der Gänse-Gibbie aus dem Schloß geschmuggelt wurde, um Editha's Botschaft nach Charnwood zu befördern, und der seiner Zeit wahrscheinlich auch zu andern Contre- bandgeschäften gedient hatte. Cuddie stützte sich auf sein Gewehr, guckte zum Fenster hinauf und bemerkte gegen einen seiner Gefährten: — »Den Ort da kenn' ich recht gut; oft Hab' ich der Jenny Dennison aus diesem Fenster geholfen, bin auch manchmal selbst hineingekrochen, um mit ihr anzubinden, Abends, wenn der Pflug ruhte." „Und was hält uns ab, jetzt hineinzukricchen?" sagte der Andere, ein kecker, unternehmender Bursche. „Freilich hält uns nichts ab," antwortete Cuddie, „wenn's damit gethan wäre. Aber was fangen wir denn hernach an?" „Wir wollen das Schloß nehmen," schrie der Andere; „wir sind unserer Fünf oder Sechs und die Soldaten sind alle am Thore beschäftigt." „So kommt denn," sagte Cuddie; „aber — nicht anrühren dürft Ihr mir die Lady Margaretha, oder Fräulein Editha, oder den alten Major, oder Jenny Dennison, oder sonst Einen; aber den Soldaten könnt Ihr den Garaus machen, oder auch Quartier geben, das geht mich nichts an." „Ja, ja," sagte der Andere, „erst laß uns drinnen sein, dann wollen wir schon mit ihnen Allen fertig werden." Leise und als ob er auf Eiern ginge, klimmte Cuddie den wohlbekannten Pfad hinan, jedoch mit einigem Widerstreben; denn außerdem, daß er den Empfang scheute, der ihm etwa drinnen zu Theil würde, beunruhigte ihn noch sein Gewissen, daß er der Lady Margaretha früheres Wohlwollen gar crbärm- 128 lich erwiedere. Dennoch stieg er auf den Eibenbaum, und seine Gefährten folgten ihm Einer nach dem Andern. Das Fenster war klein und früher mit eisernen Stäben gesichert gewesen, aber diese waren längst von der Zeit zerstört, oder von der Dienerschaft herausgebrochen, um zum gelegentlichen Gebrauch einen freien Ausgang zu haben. Es war daher leicht hinein- znkommen, wenn sich gerade Niemand in der Speisekammer befand, was Cnddie erst genau untersuchen wollte, ehe er den letzten und gefahrvollen Schritt wagte. Während ihn seine Gefährten von hinten drängten und bedrohten, und er zögernd seinen Hals ausstreckte, um in die Kammer zu sehen, wurde sein Kopf der Jenny Denniso» sichtbar, die sich selbst darin versteckt hatte, um von diesem sichern Ort aus den Ausgang des Kampfes abzuwarten. Bei diesem Schreckensanblick erhob sie ein gellendes Geschrei, floh in die anstoßende Küche und ergriff in der Verzweiflung einen Topf mit Kohlsuppe, den sie selbst vor Anfang des Kampfes aufgesetzt hatte, um dem Tom Halliday das versprochene Frühstück zu bereiten. Mit dieser Bürde kehrte sie zum Fenster zurück, und mit dem Geschrei: „Mörder! Mörder! — Wir werden geplündert und beraubt — das Schloß ist genommen! — Theilt's unter Euch!« schüttete sie den ganzen siedenden Inhalt des Topfes über den unglückseligen Cnddie aus. Sv willkommen ihm auch diese Gabe gewesen wäre, wenn er sie auf eine ordentliche Weise erhalten hätte, so würde sie ihn in der Art, wie sie ihm Jenny darbot, für immer vom Soldatendicnst befreit haben, hätte er gerade aufrecht gesehen, als die Bescherung über ihn kam. Zum Glück aber war unser Krieger schon bei Jenny's erstem Geschrei erschreckt worden; er blickte abwärts und stritt mit seinen Kameraden, die seinen ängstlichen Rückzug verhindern wollten, so daß die Stahlhaube und das Büffelwams, welche früher dem Sergeanten Bothwell gehört hatten und sehr dauerhaft waren, ihn gegen den größten Theil der kochenden Suppe schützten- Indessen hatte er doch genug bekommen, um verletzt zu werden, so daß er voll Schmerz und Schreck schnell vom Baume über seine Gefährten wegsprang, mit augenscheinlichster Gefahr für deren Glieder, und ohne ferner auf Gründe, Bitten und Befehle zu achten, eilte er auf dem sichersten Wege zum Hauptcorps zurück, zu dem er gehörte, und weder Drohung noch Ueberredung vermochten ihn wieder zum Angriff zurückzubringen. Als Jenny so auf den Leib des einen Anbeters die Speise geschüttet, welche ihre schönen Hände für den Magen des andern bereitet, setzte sie ihr Allarmgeschrei fort, und nannte alle Verbrechen, die je in einem Strafgesetzbuch erwähnt worden. Diese gräßlichen Töne verbreiteten so viel Unruhe im Schlosse, daß Major Bellenden und Lord Eoandale cs für's Beste hielten, den Kampf außerhalb der Thore einzustellen, dem Feinde alle Außenwerke zu überlassen und sich nach dem Schlosse zu begeben, aus Furcht, dieses möchte an einer unbeschützten Stelle überrumpelt werden. Ihrem Rückzug stand nichts entgegen; denn der panische Schrecken Cuddie's und seiner Gefährten hatte unter den Belagerern fast eben so viel Verwirrung hervorgebracht, als Jenny's Geschrei unter der Besatzung. Auf beiden Seiten wurde an diesem Tage kein fernerer Versuch gemacht, den Kampf zu erneuern. Die Insurgenten hatten einen beträchtlichen Verlust erlitten, und bei der Schmierigkeit, die sie in der Einnahme der Verschanznngen außerhalb des Schlosses gefunden, hatten sie wenig Hoffnung, die Veste selbst zu erstürmen. Indessen war auch die Lage der Verthei- diger übel genug. Im Gefecht hatten sie zwei oder drei Mann verloren, mehrere waren verwundet, und obgleich ihr Verlust Die Schwärmer. II. 8 130 verhältnißmäßig geringer war, als der des Feindes, welcher zwanzig Mann todt auf dem Platze gelassen, so empfanden sie ihn bei ihrer geringen Anzahl doch mehr, und die verzweifelten Angriffe der Gegner vcrriethen deutlich, wie ernstlich es den Anführern darum zu thun war, sich des Platzes zu bemächtigen, und wie sehr sie hierin von dem Eifer ihrer Leute unterstützt wurden. Besonders aber hatte die Besatzung Hunger zu fürchten, im Falle der Feind die Zuflucht zur Blokade nahm, nm so «ine Uebcrgabe zu erzwingen- Des Majors Befehle in Bezug auf Vcrproviantirung waren nur unvollkommen befolgt worden, und die Dragoner gingen doch aller Warnungen ungeachtet verschwenderisch damit um. Mit schwerem Herzen also erthcilte der Major Befehl, das Fenster, wodurch das Schloß beinahe überrumpelt worden wäre, so wie alle andern zu bewachen, die nur im Entferntesten die Erneuerung solcher Angriffe zuließen. Zwölftes Kapitel. — Der Kbnig hat Des Landes ganze Macht an sich gezogen. Heinrich IV., zweiter Theil.' Die Anführer des presbyterianischen Heeres hielten am Abend des Tages, an welchem Tillietudlem angegriffen worden, eine ernstliche Bcrathung- Es entging ihnen nicht, daß ihre Leute durch den erlittenen Verlust entmuthigt waren, der, wie gewöhnlich in solchen Fällen, die Muthigsten und Tapfersten betroffen hatte. Wenn man ihren regen Eifer bei einem so untergeordneten Unternehmen, als die Einnahme dieses unbedeutenden Platzes war, erschöpfen ließ: so stand zu befurchten, daß ihre Anzahl allmälig zusammenschmelzen und man alle Vortheile verlieren würde, die aus der gegenwärtigen unvorbereiteten Lage der Regierung erwachsen mußten. Aus diesen Gründen kam man überein, daß die Hauptmacht gegen Glasgow ziehen und die Truppen dieser Stadt vertreiben sollte. Der Kriegsrath ernannte Heinrich Morton nebst Andern zu diesem Geschäfte, und bestimmte Burley mit einer Abthcilung von fünfhundert Mann zur Blokade des Schlosses von Tillietudlem zurückzuhalten. Morton zeigte den größten Widerwillen gegen diese Anordnung. „Er habe," sagte er, „die stärksten persönlichen Gründe, zu wünschen, in der Nähe von Tillietudlem zu bleiben, und wenn man die Leitung der Blokade ihm übertrage, so zweifle er nicht, einen solchen Vergleich zn erwirken, der, ohne für die Belagerten allzuhart zu sein, den Absichten der Belagerer vollkommen entsprechen würde." Burley errieth leicht die Ursache, weßhalb sein junger Kampfgenosse so ungern mit der Armee aufbrach; denn da ihm Alles daran lag, die Gemüthsart Derer kennen zu lernen, mit welchen er umging, so war es ihm leicht, ans dem einfältigen Cuddie und der schwärmerischen Mause hinreichende Nachrichten über Mortons Verhältniß zur Familie von Tillietudlem herausznbringen. Er benutzte also die Gelegenheit, da Pfundtcxt sich erhob, um, wie er sagte, eine kurze Zeit von Geschäften zu sprechen, was aber, wie Burley richtig vermnthetc, wenigstens eine Stunde dauerte, zog Morton auf die Seite und begann folgendermaßen: 132 „Du bist unweise, Heinrich Morton, wenn Du wünschest, diese heilige Sache der Freundschaft für einen unbeschnittenen Philister, oder der Lust an einem moabitischen Weibe aufzuopfern." „Ich verstehe Euch nicht, Herr Balfour, noch gefallen mir Eure Anspielungen," erwiederte Morton unwillig; „auch weiß ich nicht, was Euch zu solcher plumpen Beschuldigung, oder zu so unhöflicher Sprache berechtigt." „Gestehe aber die Wahrheit," sagte Balfour, „daß Du lieber über Jene in der finstern Burg, wie eine Mutter über ihre Kleinen wachen möchtest, als daß Du das Banner der Kirche Schottlands über den Nacken ihrer Feinde aufpflanzcst." „Wenn Ihr meint," antwortete Morton, „daß ich diesen Kampf ohne einen blutigen Sieg beendigen möchte, und daß ich dieses inniger wünsche, als mir Ruhm und Gewalt zu erringen, so habt Ihr vollkommen recht." „Und nicht ganz unrecht," erwiederte Burley, „wenn ich glaube, daß Du von dieser allgemeinen Friedensstiftung Deine Freunde unter der Besatzung von Tillictudlem nicht ausschließen möchtest." „Gewiß nicht," cntgegnete Morton; „ich bin dem Major Bellenden zu sehr verbunden, um ihm nicht jeden Dienst leisten zu wollen, der sich mit dem Interesse der Sache verträgt, die ich ergriffen. Ich habe aus meiner Achtung gegen ihn nie ein Geheimniß gemacht " „Das weiß ich wohl," sagte Burley; „aber hättest Du sie auch verheimlicht, ich würde doch Dein Räthsel gelöst haben. Nuu, höre auf meine Worte! Dieser Miles Bellenden hat Mittel, seine Besatzung noch einen Monat zu unterhalten." „Das ist nicht der Fall," antwortete Morton; „wir wissen, daß seine Vorräthe kaum eine Woche ausreichen." „Ich aber/' fuhr Burley fort, „habe die stärksten Beweise, daß dies Gerücht von dem verschmitztesten Graukopf unter der Besatzung ausgesprengt worden, thcils damit sich die Soldaten eine Verminderung der Ration gefallen lassen, theils um uns so lange vor den Mauern der Veste aufzuhalten, bis das Schwert geweht ist, um uns zu schlagen und zu vernichten." „Und warum ward dies nicht dem Kriegsrath rorgelegt?" fragte Morton. „Zu welchem Ende?" fragte Balfour. — „Warum sollen wir Pauker, Macbriar, Pfundtext und Langcale über diesen Punkt aufklären? Weißt Du doch, daß diese Prediger Alles, was man ihnen sagt, bei der nächsten Gelegenheit dem Heere mittheilen. Sind sie ja schon durch den Gedanken entmu- thigt, eine Woche vor der Veste zu liegen! Was würde nun gar daraus entstehen, wenn man ihnen andeutcte, sie sollten auf eine Belagerung von einem Monate gefaßt sein?" „Aber warum es mir verbergen, oder warum es mir jetzt mitthellen? Vor Allem aber, welche Beweise habt Ihr für Eure Behauptung?" fuhr Morton fort. „Der Beweise sind viele," erwiedcrte Burley, und übergab ihm eine Menge von Major Bellenden ausgeschriebene Requisitionen an Vieh, Korn, Mehl u. s. w.; auf der Rückseite war der Ertrag bescheinigt und belief sich so hoch, daß jede Möglichkeit, die Besatzung bald anszuhungcrn, verschwinden mußte. Aber Burley unterrichtete Morton nicht von einem Umstande, der ihm selbst genau bekannt war, daß nämlich die meisten dieser Vorräthe nie in's Schloß kamen, da die raubsüchtigen Dragoner, die sie eintreiben sollten, häufig an den Einen verkauften, was sie dem Andern abgenommen, und so den Major fast eben so hintergingen, wie Sir John Falstaff den König beim Anwerben von Soldaten. 134 „Und jetzt Hab' ich Dir noch zu sagen/' fuhr Balfour fort, als er sah, daß er den gewünschten Eindruck hervorgebracht, — „daß ich Dir dies nicht länger verbarg, als es mir selber verborgen gewesen ist; denn diese Papiere sind mir erst diesen Morgen zugckommen, und ich sage Dir jetzt, daß Du freudig Deines Weges wandeln und willig das große Werk zu Glasgow vollbringen mögest, da Du sicher bist, daß Deinen Freunden unter der übelgeslnnten Partei nichts Böses widerfahren kann, indem ihre Veste reichlich mit Lebensmitteln versehen ist, und ich nicht genug Streitkräfte besitze, um mehr zu thnn, als Ausfälle zu verhindern." „Und warum" — fuhr Morton fort, der ein unaussprechliches Widerstreben fühlte, sich bei Balfours Gründen zu beruhigen, — „warum gestattet Ihr mir nicht, diesen kleinen Trupp vor der Veste zu befehligen, während Ihr selbst gen Glasgow marschirt? Es ist ein ehrenvolleres Geschäft." „Eben deßhalb, junger Mann," antwortete Burley, „Hab' ich mich bemüht, diesen Auftrag dem Sohne des Silas Morton zu ertheilen. Ich werde alt, und dieses graue Haupt hat Ehre genug gehabt, wo diese durch Gefahr errungen werden konnte. Ich spreche nicht von jener Seifenblase, welche die Menschen irdischen Ruhm nennen, sondern von der Ehre, die dem gebührt, der nicht lässig ist im großen Streben. Aber Deine Laufbahn soll sich erst eröffnen. Du hast das hohe Vertrauen zu rechtfertigen, das auf meine Versicherung, cs sei wohl verdient, Dir gewährt worden. Zu Loudonhill warst Du ein Gefangener, und bei dem letzten Angriffe konntest Du in gedeckter Stellung fechten, während ich den offenen und gefährlichen Angriff leitete, und bleibst Du jetzt vor diesen Wällen, da Du Dich anderswo thätig zeigen kannst, so werden die Leute gewiß sagen: der Sohn des Silas Morton ist abgewichen von dem Pfade seines Vaters." Ergriffen von dieser letzten Bemerkung, gegen welche er als Soldat und Edelmann nichts Triftiges zu erwiedern vermochte, willigte Morton hastig in die vorgeschlagene Anordnung. Doch konnte er sich nicht eines gewissen Mißtrauens erwehren, das er unwillkürlich gegen den hegte, der ihm diese Mittheilung gemacht hatte. „Herr Balfour," sagte er, „wir müssen uns gegen einander deutlich erklären. Ihr habt es der Mühe werth gehalten, meinen Privatangelegenheiten und persönlichen Neigungen Eure besondere Aufmerksamkeit zu schenken; seid überzeugt, daß ich ihnen eben so treu sein werde, als meinen politischen Grundsätzen. Es ist möglich, daß Ihr während meiner Abwesenheit in den Fall kommt, diese Gefühle zu schonen oder zu verletzen. Was nun auch der Ausgang unseres gegenwärtigen Unternehmens sein mag, seid versichert, daß meine stete Dankbarkeit oder mein unablässiger Groll dem Betragen folgen wird, das Ihr bei dieser Gelegenheit beobachtet, und so jung und unerfahren ich auch bin, ich werde gewiß Freunde finden, die mir beistchen, meine Empfindung in beiden Fällen auszudrücken." „Wenn in dieser Rede eine Drohung liegen soll," antwortete Burley kalt und stolz, „so hättet Ihr sie sparen können. Ich weiß die Achtung meiner Freunde zu schätzen, und die Drohungen meiner Feinde von ganzem Herzen zu verachten. Indessen soll mich dies nicht beleidigen. Was sich auch in Eurer Abwesenheit ereignet, es soll mit Rücksicht auf Eure Wünsche geschehen, so weit, als es nur meine Verpflichtung gegen eine höhere Macht erlaubt." Mit diesem bedingten Versprechen mußte sich Morton zufrieden stellen. 136 ! „Unsere Niederlage wird die Besatzung befreien," dachte er, „ehe sie gezwungen wird, sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Im Falle unseres Sieges aber ist vorauszusehen, daß ich bei der wachsenden Anzahl der gemäßigten Partei hinsichtlich der Benutzung desselben eine so mächtige Stimme haben werde, als Burley." Er begleitete Balfour in die Rathsversammlung, wo Pauker eben seinem „Schlicßlich" noch einige Worte von praktischem Nutzen hinzufugte. Als dies zu Ende war, bezeugte Morton seine Bereitwilligkeit, der Hauptmacht des Heeres zu folgen, welche die königlichen Truppen ans Glasgow vertreiben sollte. Die übrigen Hauptlcute wurden ernannt, und Alle empfingen eine stärkende Ermahnung von den Predigern. Am nächsten Morgen brach das Heer der Insurgenten aus dem Lager auf und marschirte gegen Glasgow. Es ist nicht unsere Absicht, Vorfälle umständlich zu erzählen, die man in der Geschichte jenes Zeitraums Nachlesen kann. Es reicht hin, zu bemerken, daß Clavcrhouse und Lord Roß, als sie erfuhren, daß eine überlegene Macht gegen sie hcran- rücke, sich in dem Mittelpunkte der Stadt, wo das Stadthaus und das alte Gefängniß lag, verschanzten, und beschlossen, lieber den Angriff der Rebellen ausznhalten, als die Hauptstadt des westlichen Schottlands preiszugeben. Die Presbyterianer griffen in zwei Haufen an, wovon der eine in der Gegend des Collegiums und der Cathedralkirche in die Stadt drang, während der andere auf das Galgcnthor oder die südöstliche Seite loszog. Beide Abtheilungen wurden von entschlossenen Männern geführt und benahmen sich höchst muthig. Aber ihre ungeregelte Tapferkeit scheiterte an der Kriegszucht und der festen Stellung der Königlichen. Roß und Claverhonse hatten, wohl- bedacht, Trnppenabtheilungen in die Häuser am Eingänge der Straßen und Gäßchen gelegt, außer denen, welche hinter den Brustwehren standen, die sich quer über die Straßen zogen. Die Eindringenden sahen ihre Reihen durch unsichtbare Feinde gelichtet, deren Feuer sie nicht wirksam crwicdern konnten. Umsonst setzten sich Morton und die andern Anführer der größten Gefahr aus, und strebten mit ihren Gegnern handgemein zu werden. Ihre Leute wichen überall, und obgleich Heinrich Morton einer der Letzten beim Rückzug war und Alles that, um den Nachtrab in Ordnung zu erhalten und jeden Versuch des Feindes zu vereiteln, den errungenen Vorthcil zu benutzen, so hatte er doch den Verdruß, Viele in seinen Reihen murmeln zu hören: „Das kommt davon, daß man freigeisteri- schcn Knaben vertraut! Hätte man den redlichen, treuen Burley an der Spitze gehabt, wie bei den Verschanzungen von Tillietndlcm, der Ansgang wäre ganz anders gewesen." Morton hörte mit glühendem Zorn diese Bemerkungen gerade von Denjenigen, die sich zuerst feige bewiesen hatten. Indessen hatte jener ungerechte Vorwurf die Wirkung, sein Gefühl zu entflammen, und ihm fühlbar zu machen, daß ihm in seiner gefährlichen Lage nichts übrig bleibe, als Sieg oder Tod. „Ich kann nicht mehr zurück," sagte er zu sich selbst. „Alle sollen gestehen — Alle, selbst Major Bellenden — selbst Edith« — daß wenigstens an Muth der Rebell Morton seinem Vater nicht nachsteht." Das Heer war nach diesem mißlungenen Angriffe in solcher Unordnung und Auflösung, daß cs den Führern gerathen schien, sich einige Meilen von der Stadt zurückzuziehen, um Zeit zu gewinnen, bei den Leuten die bestmöglichste Ordnung wieder herznstcllcn. Neugeworbene Soldaten kamen inzwischen herbei, mehr durch ihre eigene harte Lage und durch den Sieg bei 138 Loudonhill ermuthigt und gelockt, als durch die letzte unglückliche Unternehmung zurückgeschreckt. Viele von diesen schlossen sich hauptsächlich an Mortons Abtheilung. Zu seiner Kränkung aber mußte er bemerken, daß das Mißtrauen der Partei der Schwärmer immer mehr gegen ihn zunahm. Er verbesserte die Kriegszucht und die Ordnung seiner Leute mit einer in seinem Alter ungewöhnlichen Klugheit; das aber nannten sie Vertrauen auf den fleischlichen Arm, und wegen seiner großen Duldsamkeit gegen die religiösen Meinungen und Gebräuche Anderer gaben sie ihm den Spitznamen G allio, als Einem, dem Alles gleichgültig sei. Was aber noch schlimmer war, der Pöbel der Insurgenten, der stets Denen den lautesten Beifall zollt, welche ihre religiösen und politischen Meinungen auf's Aeußerste treiben und Diejenigen haßt, die ihn dempJoche rer Kriegszucht unterwerfen wollen, zog entschieden die schwärmerische» Anführer, in deren Reihen die Begeisterung für die Sache den Mangel an Ordnung und Gehorsam ersetzte, Morton vor, der sie diesen Beschränkungen unterwerfen wollte. Kurz, während er die Hauptlast des Befehlshabers trug (denn seine College» traten ihm willig Alles ab, was mühsam und beschwerlich war), hatte er doch nicht das Ansehen, das seine Anordnungen allein wirksam machen konnte. Trotz aller dieser Schwierigkeiten hatte er während einiger Tage einen solchen Grad von Disciplin in der Armee eingeführt, daß er glaubte, Glasgow zum zweiten Male mit der Hoffnung des glücklichsten Erfolgs angreifen zu können. Es ist nicht zu zweifeln, daß Mortons inniger Wunsch, sich mit Oberst Grahame von Claverhouse zu messen, von dem er solche Unbill erlitten, Antheil an diesen ungewöhnlichen Anstrengungen hatte. Aber Claverhouse vereitelte diese Hoffnung; denn zufrieden mit dem Vvrtheil, den ersten Angriff auf Glas- gow zurückgeschlagen zu haben, wollte er nicht mit seinen wenigen Truppen einen zweiten Angriff der Insurgenten ab- warten, da diese jetzt zahlreicher und geregelter waren, als beim ersten Unternehmen. Er räumte daher den Platz und marschirte an der Spitze seiner Truppen auf Edinbnrg zu. Ohne Widerstand rückten demnach die Insurgenten in Glasgow ein und Morton hatte also nicht die so sehnlichst gewünschte Gelegenheit, sich nochmals mit Clavcrhouse persönlich zu messe». Aber obgleich er nicht Gelegenheit fand den Schimpf abzuwaschen, der auf seiner Heeresabthcilung ruhte, so dienten doch Claverhouse's Rückzug und der Besitz von Glasgow dazu, die Armee der Insurgenten zu ermnthigen und ihre Zahl zu verstärken. Die Nothwendigkeit, neue Offiziere zu ernennen, neue Regimenter und Schwadronen zu organisiren, und sie wenigstens mit den nothwendigsten Regeln der Kriegszucht bekannt zu machen: dies war eine Arbeit, welche mit allgemeiner Zustimmung Heinrich Morton übertragen wurde und der er sich um so bereitwilliger unterzog, da ihn schon sein Vater mit der Theorie der Kriegskunst bekannt gemacht und er deutlich sah, das; diese unangenehme, aber höchst nothwendige Arbeit unverrichtet bleiben würde, wenn er sie nicht übernähme. Das Glück schien indeß das Unternehmen der Insurgenten mehr zu begünstigen, als man je erwartet hätte. Ueber die Gewalt des Widerstandes erstaunt, den seine willkürlichen Maßregeln hervorgcrufen, schien der Staatsrath von Schottland von Schrecken betäubt und unfähig wirksame Schritte zu thun, um den Haß zu bewältigen, den seine Maßregeln entzündet hatten. Es waren nur wenig Truppen in Schottland und diese wurden nach Edinbnrg gezogen, als wollte man zum Schutze der Hauptstadt eine Armee bilden. Die 140 Kronvasallen wurden mit ihrer Lehnsmannschaft in das Feld entboten, um die dem Könige schuldige Lehnspflicht zu versehen- Diesem Aufgebot aber ward nur ein lauer Gehorsam. Der Landadel war nicht allgemein für diesen Krieg, und selbst Diejenigen, welche für ihn gewesen wären, wurden durch die Abneigung ihrer Frauen, Mütter und Schwestern abgehalten, sich einer solchen Sache anzuschließcn. Da die schottische Regierung sich selbst zu vertheidigcn nicht im Stande war und die Rebellion nicht zu unterdrücken vermochte, die anfangs so unbedeutend schien, begann man am englischen Hofe an ihrer Fähigkeit, und an der Klugheit der strengen Maßregeln zu zweifeln, die sie gegen die unterdrückten Presbyterianer ergriffen. Man beschloß daher, zum Oberbefehlshaber der schottischen Armee den unglücklichen Herzog von Monmouth zn ernennen, der durch seine Heirath sehr viel Einfluß im südlichen Theile des Königreichs besaß. Das militärische Talent, Vas er bei verschiedenen Gelegenheiten im Auslande an den Tag gelegt, schien mehr als hinreichend die Insurgenten im Felde zu besiegen, und zugleich erwartete man, daß seine milde Gesinnung und günstige Stimmung gegen die Presbyterianer die Gcmüther versöhnen und für die Regierung gewinnen würden. Demnach erhielt der Herzog eine umfassende Vollmacht, die zerrütteten Angelegenheiten Schottlands wieder zu ordnen, und er verließ London mit einer starken Kriegsmacht, um den Oberbefehl in jenem Lande zu übernehmen. Dreizehntes Kapitel. — Ich bin gebunden an de» Bvthwellberg, Wo ich siegen, oder sterben muß. Alte Ballade. Auf beiden Seiten trat jetzt eine Panse in den militärischen Bewegungen ein. Die Regierung schien zufrieden, die Rebellen von ihrem fernem Vordringen gegen die Hauptstadt abzuhalten, während die Insurgenten auf die Vermehrung ihrer Streitkräfte bedacht waren. Deßhalb errichteten sie in dem zum herzoglichen Wohnsitz in Hamilton gehörigen Parke eine Art von Lager. In diesem Mittelpunkte konnten sie die Neugeworbenen an sich ziehen und waren gegen einen plötzlichen Ueberfall gesichert, da der Clyde, ein tiefer und reißender Fluß, ihre Fronte schützte und nur vermittelst einer langen, schmalen Brücke nahe am Schloß und Dorf Bothwell zu passtren war. Morton blieb hier ungefähr vierzehn Tage nach seinem Angriff auf Glasgow, ganz seinen militärischen Pflichten obliegend. Er hatte mehrmals Nachrichten von Burley erhalten; diese enthielten aber nur im Allgemeinen, daß sich das Schloß Tillietudlem immer noch halte. Ungeduldig über die Ungewißheit in einer für ihn so wichtigen Angelegenheit, theilte er endlich den übrigen Hauptleuten seinen Wunsch oder 142 vielmehr seine Absicht mit, — denn er sah nicht ein, warum er sich nicht eben so gut wie die Ucbrigen in diesem ungeordneten Heere eine Freiheit nehmen sollte — ans einige Tage nach Milnwovd zu gehen, um einige wichtige Privatangelegenheiten zu ordnen- Der Vorschlag wurde durchaus nicht gebilligt; denn sie waren von der Wichtigkeit seiner Dienste zu sehr überzeugt, um nicht deren Verlust zu empfinden, und fühlten gar wohl ihre eigene Unfähigkeit, seine» Platz auszu- füllcn. Indessen konnten sie ihn keinem strengeren Gesetze unterwerfen, als die waren, denen sie selbst gehorchten, und er durfte also ohne ausdrücklichen Widerspruch abreisen- Der ehrwürdige Herr Pfundtext ergriff ebenfalls die Gelegenheit, seinen Wohnort in der Nachbarschaft von Milnwood heimzu- suchen und gönnte Morton seine Gesellschaft auf der Reise. Da die Gegend umher ihrer Sache geneigt und bis auf einige Ritterburgen von ihren Truppen besetzt war: so reisten sie ohne andere Begleitung, als die des treuen Cuddie. Gegen Sonnenuntergang erreichten sie Milnwood, wo Pfundtext seinen Gefährten Lebewohl sagte, und allein nach seinem Pfarrhause weiter reiste, das eine halbe Meile über Tillietudlem hinaus lag. Als Morton seinen eigenen Gedanken überlassen war, mit welchen gemischten Empfindungen sah er die ihm so bekannten Wälder, Ufer und Gefilde wieder! Sei» Charakter, seine Gewohnheiten, Gedanken und Beschäftigungen hatten sich in einem Zeiträume von wenig Wochen gänzlich verwandelt; ja, diese Zeit hatte mehr an ihm bewirkt, als viele Jahre. Ein sanfter, romantischer, weichgesinnter Jüngling, in Abhängigkeit erzogen und sich der Aufsicht eines geizigen und tyrannischen Verwandten willig fügend, war plötzlich durch die Zuchtruthe der Unterdrückung und den Stachel verletzten Gefühls aufgereizt, der Anführer bewaff- 143 neter Schaaren zu werden, war in öffentliche Angelegenheiten ernstlich verwickelt, hatte Freunde zu ermuntern, Feinde zu bekämpfen und fühlte sein eigenes Geschick mit einem Volksaufstande und mit Empörung verknüpft. Er schien plötzlich aus den romantischen Träumen der Jugend in die Sorgen und Bestrebungen des Mannes versetzt. Alles, was ihn früher gefesselt, war jetzt seinem Gedächtniß entschwunden, und selbst seine Liebe zu Edith» schien einen Mannlichern und uneigennütziger» Charakter angenommen zu haben, da sie mit andern Pflichten und Gefühlen vermischt und in Contrast getreten war. Als er diese plötzliche Veränderung, die Umstände, unter denen sie eingetreten war und die möglichen Folgen seiner jetzigen Laufbahn erwog, wich die seine Seele durchbcbendc Acngstlichkcit der Glut einer hochherzigen Zuversicht. „Wenn ich fallen muß," sagte er, „so wcrd' ich jung fallen; meine Absichten werden mißdeutet, meine Handlungen von Denen verdammt werden, deren Beifall mir über Alles ging. Aber das Schwert für Freiheit und Vaterland ist in meiner Hand, und ich werde nicht unedel, nicht ungerächt fallen. Mögen sie mich beschimpfen, mögen sie meine Gebeine dem Galgen preisgeben: einst kommt die Zeit und die Schmach fällt auf das Haupt Derer, die mich geschmäht! Und der Himmel, dessen Name während dieses unnatürlichen Krieges so oft entweiht ward, wird für die Reinheit meiner Absichten zeugen, die mich geleitet." Als Heinrich zu Milnwood ankam, verkündete sein Pochen an der Pforte nicht mehr das unruhige Gewissen des unbedachtsamen Jünglings, der kein Maaß kannte, sondern die Zuversicht eines Mannes, der im Vollbesitz seiner eigenen Rechte und Herr seiner Handlungen ist, — kühn, frei und 144 entschieden. Die Thiire ward vorsichtig geöffnet von seiner alten Bekannten, Frau Alison Wilson, die erschrocken zurück- fuhr, als sie die Stahlhaube und den nickenden Busch des kriegerischen Gastes gewahrte. „Wo ist mein Oheim, Alison?" fragte Morton über ihre Bestürzung lächelnd. „Um Gotteswillen, Junker Heinrich, Ihr seid's?" erwie- derte die Alte. „Wahrhaftig, das Herz kam mir gleich auf die Zunge, — aber Ihr könut's nicht selber sein; denn Ihr seht größer und männlicher aus, als ehedem." „Ich bin es aber doch!" sagte er seufzend und lächelnd zugleich. „Ich glaube, diese Tracht macht mich größer, und diese Zeit macht aus Knaben Männer." „Traurige Zeiten, wahrlich!" wiederholte die Alte, „und schlimm genug, daß Ihr dabei in Gefahr kommen müßt! Aber was hilft's? — Ihr seid schlecht genug behandelt worden, und, wie ich Eurem Oheim sagte: ein Wurm krümmt sich, wenn man auf ihn tritt." „Ihr habt mich immer vertheidigt, Ailie, und keinen Tadel auf mich bringen lassen, als von Euch selbst; das weiß ich. — Aber wo ist mein Oheim?" „In Edinbnrg," erwiedertc Alison; „der brave Mann hielt's für das Beste, sich an's Kamin zu setzen, wenn der Rauch aufsteigt, — ein geplagter Mann ist's und ein furchtsamer Mann. — Doch Ihr kennt ja den Herrn so gut als ich." „Seine Gesundheit hat doch hoffentlich nicht gelitten?" fragte Heinrich. „Nicht der Rede werth!" antwortete die Haushälterin; „auch sein Vermögen nicht. Wir wahrten uns, so gut wir konnten; und obgleich uns die Reiter von Tillictudlem die rothe Kuh und die alte Hackie genommen, (Ihr werdet Euch ihrer wohl noch erinnern), ließen sie uns doch noch vier andere ab, die sie nach dem Schloß treiben wollten, zu gutem Preise." „Ablassen?" fragte Morton, „wie meint Ihr das?" „Je nun, sse waren ausgezogen, Lebensmittel für die Besatzung zu holen," antwortete die Haushälterin; „aber bald trieben sse wieder ihr altes Handwerk, ritten im Lande umher und feilschten und trödelten mit Allem, was sie kriegten, wie die westlichen Viehtreiber. Meiner Seel', der Major Bellenden hat das Wenigste bekommen von dem, was sie eintrieben; obgleich Alles in seinem Namen geschah." „So muß die Besatzung wohl sehr an Mangel leiden?" sagte Morton hastig. „Mangel genug," erwiederte Ailie, — „daran ist nicht zu zweifeln." Jetzt ging ihm plötzlich ein Licht auf. „Burley muß mich hintergangen haben, — sein Glaube gestattet ihm List und Grausamkeit. Ich kann nicht länger bleiben, Frau Wilson; ich muß sogleich weiter gehen." „Aber nehmt doch erst einen Bissen zu Euch," bat die sorgsame Haushälterin. „Ich will's Euch zubereiten, wie ich früher gethan, vor diesen traurigen Zeiten." „Es ist unmöglich," antwortete Morton. — „Cuddie, halte die Pferde bereit!" „Sie sind just am Fressen," sagte dieser. „Cuddie?" rief Ailie; „warum habt Ihr diesen garstigen, unglückseligen Jungen mitgebracht? — Er und seine zänkische Mutter sind an allem Unglück in unscrm Hause schuld." „Still, still!" erwiederte Cuddie, „Ihr müßt vergessen und vergeben. Die Mutter ist in Glasgow bei ihrer Base und wird Euch nicht wieder plagen, und ich bin jetzt des Hauptmanns Kammerdiener und halt' ihm seine Sachen besser zurecht, Die Schwärmer. II. 10 als Ihr je gethan — habt Ihr ihn schon so schmuck gesehen, wie jetzt?" „Freilich, das ist wahr," sagte die alte Haushälterin und blickte mit großem Wohlgefallen auf ihren jungen Herrn, dessen Acußercs durch den Anzug ihr vortheilhaft verändert schien. Wahrhaftig, eine solche Spitzenkrause habt Ihr zu Milnwood nie gehabt. Die Hab' ich nicht genäht." „Nein, nein, Frau!" erwiederte Cuddie, „die ist durch meine Hände gegangen — das ist Etwas von Lord Evan- dales Schmuck." „Lord Evandale?" fragte die Alte, „das ist ja der, den die Whigs diesen Morgen hängen wollen, wenn ich recht gehört." „Die Whigs wollen Lord Evandale hängen?" fragte Morton höchst erstaunt. „Freilich," sagte die Haushälterin; „gestern Abend machte er einen Ausfall, um sich Lebensmittel zu verschaffen; aber seine Leute wurden zurückgetrieben, und er ward gefangen. Der Whighauptmann Balfour hat einen Galgen ausrichten lassen und geschworen (oder bei seinem Gewissen betheuert, denn diese Leute schwören nicht), daß er, wenn sich die Besatzung nicht bis zum nächsten Morgen ergebe, den jungen Lord, die arme Creatur, hängen lassen wolle, so hoch wie Hawaii. — Das sind bitterböse Zeiten! — Aber da kann Niemand helfen; darum seht Euch hin und eßt Brod und Käse, bis was Besseres kommt. Ich hätte Euch kein Wort davon gesagt, hätt' ich gewußt, daß es Euch den Appetit verderbt." „Sattle die Pferde, Cuddie, sie mögen gefressen haben, oder nicht; wir dürfen nicht eher ruhen, bis wir das Schloß erreicht." 147 Aller Bitten Ailies ungeachtet, setzten sie sogleich die Reise fort. Morton ermangelte nicht bei Pfundtexts Wohnung anzuhalten und diesen auszufordern ihm in's Lager zu folgen. Der ehreuwerthe Geistliche hatte für einen Augenblick wieder seine friedlichen Gewohnheiten angenommen; er las just einen theologischen Tractat, zu dessen Verdauung ihm eine Pfeife und ein kleiner Krug Bier behülflich waren. Mit großem Widerwillen verließ er diese Behaglichkeit, die er seine Studien nannte, um wieder einen säuern Ritt auf einem harttrabenden Pferde zu beginnen. Als er aber von der Sache unterrichtet war, verzichtete er mit einem tiefen Seufzer auf die Hoffnung, einen ruhigen Abend in seinem kleinen Stübchen verbringen zu können; denn er stimmte Morton völlig bei, daß, welches Interesse auch Burley haben mochte, den Bruch zwischen den Presbyterianern und der Regierung durch die Hinrichtung des jungen Edelmanns zu erweitern, die gemäßigte Partei niemals eine so grausame Handlung Massen dürfe. Auch widerfährt dem Herrn Pfnndtext blos Gerechtigkeit, wenn man hinzufügt, daß er, wie die Meisten seiner Partei, solcher unnöthigen Grausamkeit entschieden abgeneigt war; außerdem stimmten ihn schon seine jetzigen Gefühle dazu, mit großem Wohlwollen Morton zuzuhören, der ihm bewies, daß Lord Evandale ein Vermittler werden könne, um den Frieden auf billige und gemäßigte Bedingungen wieder herzustellen. Bei diesen übereinstimmenden Ansichten beschleunigten sie also ihre Reise und kamen gegen eilf Uhr Abends in ein kleines Dorf unweit Tillictndlem, wo Burley sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Sie wurden von der Schildwache angernfen, und dann erst eingelassen, als sie ihren Namen und Rang im Heere angaben. Eine andere Wache stand vor einem Hause, das sie für Lord Evan- dales Gefängniß hielten; denn ein Galgen von solcher Höhe 10 '' 148 war davor errichtet, daß er von den Mauern des Schlosses gesehen werden konnte, wodurch der Bericht der Frau Wilson eine traurige Bestätigung erhielt. Morton verlangte sogleich mit Burley zu sprechen und wurde in dessen Quartier gewiesen. Sie fanden ihn in der Bibel lesend; seine Waffen lagen ihm aber zur Seite, als sei er eines plötzlichen Angriffs gewärtig. Als seine Gefährten eintraten, fuhr er auf. „Was hat Euch hergeführt?" sagte er hastig. „Habt Ihr schlimme Nachrichten vom Heere?" „Nein," erwiederte Morton; „aber wir hören, daß hier ein Schritt geschehen soll, der ssch mit der Sicherheit des Heeres nicht wohl verträgt. — Lord Evandale ist Euer Gefangener?" „Der Herr hat ihn unfern Händen überliefert," antwortete Burley. „Und Ihr wollt diesen vom Himmel gewährten Vortheil benutzen, um unsere Sache in den Augen der Welt zu entehren, indem Ihr den Gefangenen einem schmachvollen Tod preisgebt?" „Wenn ssch das Schloß Tillietudlem uns nicht mit Tagesanbruch ergibt," entgegnete Burley, „so thu' mir Gott dasselbe und noch mehr, wenn er nicht den Tod stirbt, den sein Anführer und Vorbild, John Grahame von Claverhouse, so viel Heilige Gottes hat dulden lassen." „Wir sind in Waffen," erwiederte Morton, „um solche Grausamkeiten zu vertilgen, nicht sie nachzuahmen, noch weit weniger die Thaten der Schuldigen an dem Unschuldigen zu rächen. Durch welches Gesetz könnt Ihr die Grausamkeit recht- fertigen, die Ihr zu begehen im Begriff seid?" „Wenn Dn cs nicht weißt," antwortete Burley, „so wird doch wohl Dein Gefährte das Gesetz kennen, das die Männer von Jericho dem Schwerte Josua's, des Sohnes Nun, preisgab." „Aber wir" — antwortete der Geistliche — „leben unter einem bessern Gesetze, welches uns lehrt, Böses mit Gutem zu vergelten und für Diejenigen zu beten, die uus verachten und verfolgen." „Das heißt," sagte Burley, „Du willst Dein graues Haar mit seiner grünen Jugend vereinigen, um mir in dieser Sache zuwider zu handeln?" „Wir sind zwei von Denen," entgegnete Pfundtext, „welchen mit Dir zugleich Gewalt über dieses Heer gegeben ist, und wir werden nicht dulden, daß dem Gefangenen ein Haar gekrümmt werde. Es kann Gott gefallen, ihn zum Werkzeug zu wählen, diesen unglücklichen Bruch in unserm Israel zu heilen." „Dacht' ich's doch, daß es so weit kommen würde," antwortete Burley, „wenn Leute wie Du in den Rath der Ael- tcsten berufen werden." „Leute, wie ich?" fragte Pfundtext. — „Und wer bin ich denn, daß Ihr mich mit solcher Verachtung nennt? — Hab' ich nicht die Heerde dieser Hürde vor Wölfen geschützt dreißig Jahre lang? Ja, just als Du, John Balfour, in den Reihen der Unbeschnittenen fochtst, selbst ein Philister von frecher Stirn und blutiger Hand. — Wer bin ich? —" „Da Du es so gern wissen möchtest, so will ich Dir's sagen," sprach Burley. „Du bist Einer von Denen, die da ernten wollen, wo sie nicht gesäet, und die Beute theilen, während Andere die Schlacht schlagen — Du bist Einer von Denen, die dem Evangelium folgen um der Brode und Fische willen — die ihr eigenes Pfarrhaus mehr lieben, als die Kirche Gottes, und die lieber ihre Pfründen genießen unter Prälatisten und Heiden, als das Schicksal theilen mit jenen edeln Geistern, welche Alles hinter sich geworfen haben um des Covenants willen." 150 „Und ich will Dir sagen, John Balfour," erwiedcrte Pfund- text, mit Recht aufgebracht, „ich will Dir sagen, wer Du bist. Du bist Einer von Denen, deren blutiges, schonungsloses Gcmüth ein Vorwurf geworden ist für die ganze Kirche dieses leidenden Königreichs, und wegen deren Gewaltthätigkeit und Blutschuld zu fürchten steht, daß diese schöne Unternehmung, unsere bürgerlichen und religiösen Rechte wieder zu gewinnen, niemals von der Vorsehung mit dem gewünschten Erfolg gekrönt wird." »Ihr Herren," sagte Morton, „lasset diese gegenseitigen Beschuldigungen. Ihr aber, Herr Balfour, sagt uns, ob es Eure Absicht ist, Euch der Befreiung Lord Evandales zu widersehen, die uns in dem gegenwärtigen Zustande der Dinge eine vortheilhafte Maßregel scheint." „Ihr seid hier zwei Stimmen gegen eine," antwortete Burley; „aber Ihr werdet Euch nicht weigern zu warten, bis der vereinte Rath über diese Sache entscheidet." „Wir hätten nichts dagegen einzuwenden," erwiedcrte Morton, „wenn wir nur Demjenigen trauen könnten, in dessen Händen der Gefangene bleiben soll. — Aber Ihr wißt recht wohl," setzte er mit einem finstern Blick auf Burley hinzu, „daß Ihr mich in dieser Sache schon ein Mal betrogen habt." „Geh!" sagte Burley verächtlich, „Du bist ein thörichter, unbesonnener Knabe, der um die schwarzen Augen eines albernen Mädchens willen den Glauben, die Ehre und die Sache Gottes und des Vaterlandes hingäbe." „Herr Balfour," sagte Morton, „die Hand auf's Schwert legend, „diese Sprache fordert Genugthunng." „Und Du sollst sie haben, Bübchen, wenn und wo Du es wagen willst," versetzte Burley; „darauf geb' ich Dir mein Wort!" Jetzt war die Reihe an Pfundtext sich drein zu mischen; er bewies ihnen das Tbörichte eines solchen Streites und erwirkte mit Mühe eine Art mürrischer Versöhnung. „Was den Gefangenen betrifft," sagte Burley, „so macht mit ihm, was ihr wollt. Was auch die Folgen sein mögen, ich wasche meine Hände. Er ist ein Gefangener, durch mein Schwert und meinen Speer, während Ihr, Herr Morton, auf Exerzierplätzen und Paraden den Adjutanten spieltet — und Ihr, Herr Pfundtext, die Schrift in Erastinianismus umwandeltet. Nehmt ihn dennoch bin, und verfahrt mit ihm nach Wohlgefallen. — Dingwall," fuhr er fort, indem er eine Art von Adjutanten herbeirief, der im nächsten Zimmer schlief, „laßt den Posten, der bei dem übelgesinnten Evandale steht, an die abgeben, welche Hauptmann Morton zur Ablösung senden wird. — Der Gefangene," sagte er, wieder zu Morton und Pfundtext sich wendend, „steht nun zu eurer Verfügung, ihr Herren. Aber bedenkt wohl, einst kommt der Tag, wo ihr schwere Rechenschaft für alle diese Dinge geben müsset." Mit diesen Worten entfernte er sich, ohne guten Abend zu bieten, in ein inneres Gemach. Nach kurzer Ucberlegung kamen die beiden Gäste überein, zur persönlichen Sicherheit des Gefangenen noch eine andere Wache aus ihrem eigenen Kirchsprengel hinzuzufügen. Zufällig befand sich gerade eine Abtheilung derselben im Dorfe, die einstweilen unter Burley's Befehle standen, damit die Leute so lange als möglich in der Nähe ihrer Heimath bleiben möchten. Es waren meist flinke, thätige Bursche und wurden von ihren Kameraden gewöhnlich die Schützen von Milnwood genannt. Auf Mortons Verlangen übernahmen vier von diesen bereitwillig den Nachtdienst; auch ließ er Headrigg bei ihnen, auf dessen Treue er sich verlassen konnte, mit dem Befehle, ihn zu rufen, wenn etwas Besonderes vorfalle. Nach dieser Anordnung nahm Morton mit seinen Gefährten für diese Nacht 152 Besitz von einer Wohnung, wie sic in dem überfüllten, elenden Dorfe zu finden war. Sie legten sich jedoch nicht eher nieder, als bis sie eine Denkschrift entworfen, welche die Beschwerden der gemäßigten Presbyterianer enthielt und mit dem Wunsche schloß, in Zukunft ihre Religion frei ausüben zu dürfen und daß es ihnen gestattet werde, ohne Druck und Belästigung die gottesdienstlichen Gebräuche von ihren eigenen Geistlichen verwalten zu lassen- Ferner verlangten sie, daß ein freies Parlament berufen werde, welches die Angelegenheiten der Kirche und des Staates in Ordnung bringe und den von denUnter- thanen erlittenen Ungerechtigkeiten wieder abhelfe, und daß endlich Allen, die zur Erreichung dieses Zweckes unter Waffen stehen, oder einst gestanden, völlige Amnestie verliehen werde. Morton hegte große Hoffnung, daß diese Bedingungen, welche Alles umfaßten, was die gemäßigte Partei unter den Insurgenten bedurfte oder wünschte, selbst unter den Royalisten Fürsprecher finden würden, da sie, von allem Fanatismus frei, nur die gewöhnlichen Rechte freier Schotten verlangten. Er rechnete um so mehr auf eine günstige Aufnahme, da der Herzog von Monmouth, dem Karl die Unterdrückung des Aufstandes aufgetragen, ein gemäßigter, wohlwollender, den Presbyterianern günstiger Mann, und von dem König unumschränkt bevollmächtigt war, alle Maßregeln zur Herstellung der Ruhe in Schottland zu ergreifen. Um diesen zu gewinnen, glaubte Morton, sei es nothwendig, einen paffenden und angesehenen Vermittler zu finden, und ein solcher schien ihm Lord Evandale- Er beschloß daher, den Gefangenen am nächsten Morgen zu besuchen und dessen Gesinnung in Betreff des Mittleramtes zu erforschen; allein es ereignete sich ein Vorfall, der diese Absicht noch beschleunigte. Vierzehntes Kapitel- Gebet, Lady, hin Euer Haus, Uebergebr es mir. Ebom von Gordon. Morton hatte die Durchsicht und die Abschrift der Erklärung beendigt, in welcher er gemeinschaftlich mit Pfundtext alle Beschwerden ihrer Partei und die Bedingungen aufgezählt hatte, unter denen der größere Theil der Insurgenten die Waffen niederlegen würde. Jetzt wollte er sich zur Ruhe begeben, als es an der Thüre pochte. „Herein!" rief Morton, und Cuddie Headrigg steckte seinen feisten Kopf in's Zimmer. „Komm herein," sprach Morton, „und sage, was Du willst- Gibt's Lärm?" „Nein, Herr; aber ich habe Jemand mitgebracht, der Euch sprechen will." „Wer ist's, Cuddie?" fragte Morton. „Eine alte Bekannte," sagte Cuddie, und die Thüre weiter öffnend, zog er ein Weib herein, dessen Gesicht in einen Plaid gehüllt war. — „Komm, komm! brauchst nicht so geschämig zu thun vor alten Bekannten, Jenny," sagte Cuddie, nahm ihr die Hülle ab und zeigte seinem Herrn das wohl- 154 bekannte Gesicht Jenny DennisonS. „Nun, sag' doch Seiner Edeln, was Du dem Lord Evandale eigentlich sagen wolltest, Du schmuckes Mädel!" „Was ich Seiner Edeln sagen wollte den letzten Morgen, als ich ihn in der Gefangenschaft besuchte, dummer Mensch! — Wißt Ihr denn nicht, daß man die Leute gern im Unglück besucht, Einfaltspinsel?" Diese Antwort gab Jenny mit der ihr eigenthümlichcn Zungenfertigkeit; aber ihre Stimme bebte, ihre Wange war bleich und eingefallen, Thränen standen in ihrem Auge, ihre Hand zitterte und ihr ganzes Wesen zeigte die Spuren kürzlich erduldeter Leiden und Entbehrungen, und verricth, daß ihre Nerven in krampfhaftem Zustande waren. „Was gibt's, Jenny?" fragte Morton freundlich. „Ihr wißt, wie viel ich Euch in mancher Beziehung schuldig bin, und kaum könnt Ihr eine Bitte Vorbringen, die ich nicht gewähren will, wenn es in meiner Macht steht " „Vielen Dank, Milnwood," sagte das weinende Mädchen; „Ihr wäret immer ein guter Herr, obgleich die Leute sagen, Ihr hättet Euch sehr verändert." „Was sagt man von mir?" fragte Morton. „Jedermann sagt," erwiederte Jenny, „Ihr und die Whigs hättet ein Gelübde gethan, den König Karl vom Throne zu werfen, und weder er, noch seine Nachkommen von Geschlecht zu Geschlecht sollten je wieder darauf sitzen. Und John Gu- dyill sagt, Ihr wolltet die Orgeln den Pfeifern geben und das Gebetbuch unserer Kirche durch Henkershand verbrennen lassen, aus Rache, daß der König die Acte des Cvvcnants hat verbrennen lassen, als er heimkam." „Meine Freunde zu Tillietudlcm sind zu voreilig und schlimm in ihrem Urtheil," antwortete Morton. „Ich wünsche 155 nur die freie Ausübung meiner eigenen Religion, ohne einer andern zu nahe zu treten; und was eure Leute im Schlosse betrifft, so wünsche ich nur die Gelegenheit, ihnen zu zeigen, daß ich für sie noch immer dieselbe Freundschaft und Liebe hege." „Das lasse Euch Gott entgelten," sagte Jenny, heftig weinend; „sie haben auch nie der Freundschaft und Liebe mehr bedurft, als jetzt; denn sie müssen bald umkommen vor Hunger." „Gerechter Gott!" rief Morton. „Ich habe wohl von Mangel gehört, aber nicht von Hunger. Jst's möglich? — Haben die Damen und der Major-?" „Sie haben gelitten, wie wir Andern," sagte Jenny; „sie haben jeden Bissen mit den Leuten im Schlosse getheilt — wahrhaftig, mir flimmert's vor den Augen und es wird mir so schwindlich im Kopfe, daß ich mich kaum auf den Beineu halten kann." Die blassen, eingefallenen Wangen des armen Mädchens bezeugten die Wahrheit ihres Berichtes- Morton war heftig erschüttert. „Um Gotteswillen, setzt Euch nieder," sagte er, und nö- thigte sie auf den einzigen Stuhl, der in der Stube stand, während er selbst in der heftigsten Unruhe auf- und niederging. „Das Hab' ich nicht gewußt! Das könnt' ich nicht wissen !" rief er in abgebrochenen Worten. „Grausamer, kaltblütiger Schwärmer! — hinterlistiger Schurke! — Cuddie, hole Erfrischunge»! — Essen! Wein wo möglich — was Du nur finden kannst " „Branntwein ist gut genug für sie," murmelte Cuddie. „Wer hätte gedacht, daß es so knapp bei ihnen steht, da mir die Dirne so viel kräftige heiße Brühe über den Kopf gegossen?" 156 So schwach und elend Jenny war, so konnte sle doch diese Anspielung auf ihre Heldeuthat während des Sturmes nicht hören, ohne in ein lautes Gelächter auszubrechen, das aber bald durch ihre Schwäche sich in einen Nervenkrampf verwandelte. Bestürzt über ihren Zustand »nd entsetzt über das Elend, das im Schlosse herrschen mußte, wiederholte er den Befehl mit nachdrücklicherem Tone, und als sich Cuddie entfernt hatte, versuchte er es, seinen Gast zu besänftigen. «Vermuthlich kommt Ihr auf Befehl Eurer Gebieterin, um Lord Evandale zu besuchen. — Sagt mir, was sie wünscht; ihr Befehl soll mir Gesetz sein." Jenny schien einen Augenblick nachzudenken und sagte dann: „Euer Edeln sind ein so alter Freund, daß ich Euch vertrauen und die Wahrheit sagen muß." Als Morton merkte, daß sie noch zögerte, sagte er: „Gewiß, Jenny, dient Ihr Eurer Gebieterin am besten, wenn Ihr ganz aufrichtig gegen mich seid." „Nun denn — Ihr müßt wissen, wir sterben bald Hungers und haben schon mehr als einen Tag nichts gegessen, und der Major hat geschworen, er erwarte täglich Entsatz und wolle das Schloß nicht eher seinen Feinden übergeben, bis wir seine alten Stiefeln anfgegessen hätten — und die haben, wie Ihr wißt, dicke Sohlen, und das Oberleder ist auch zähe genug. Die Dragoner aber meinen, am Ende müßten sie sich doch ergeben, und sie können den Hunger nicht wohl vertragen nach dem Leben, das sie so lange im freien Quartier geführt haben; und seit Lord Evandale gefangen ist, sind sie gar nicht mehr zu bändigen, und Jnglis sagt, er wolle die Besatzung den Whigs übergeben, und den Major und die Damen in den Kauf, wenn sie nur den Soldaten freien Abzug ließen." „Schurken!" sagte Morton; „warum schließen sie nicht die Bedingungen für Alle?" „Sie fürchten, man mochte ihnen selbst keinen Pardon geben, weil sie so viel Elend im Lande verbreitet haben, und Burley hat schon Einige davon hängen lassen; — so wollen sie nun den eigenen Hals aus der Schlinge ziehen und ehrliche Leute dafür preisgeben." „Und Ihr wurdet ausgeschickt," fuhr Morton fort, „um Lord Evandale die unerfreuliche Nachricht von der Empörung seiner Leute zu bringen?" „Freilich!" sagte Jenny; „dem Tom Halliday kam die Reue an, und er ließ mich aus dem Schlosse, es dem Lord Evandale zu sagen, wenn ich zu ihm gelangen könne." „Aber wie kann er denn helfen? er ist ja gefangen!" „Ja, leider!" antwortete das betrübte Mädchen; „aber vielleicht macht er gute Bedingungen für uns, — oder gibt uns vielleicht einen guten Rath, — oder vielleicht schickt er den Dragonern die Ordre, artig zu sein, — oder-" „Oder vielleicht," sehte Morton hinzu, „macht Ihr den Versuch, ihn in Freiheit zu seyen?" „Wäre dem auch so," erwiederte Jenny lebhaft, „so war' es auch nicht das erste Mal, daß ich mein Bestes gethan, einem Freunde in der Gefangenschaft zu dienen." „Allerdings, Jenny; ich müßte sehr undankbar sein, wenn ich das vergäße. Aber da kommt Cuddie mit Erfrischungen — während Ihr Euch hier erquickt, will ich dem Lord Evandale Eure Botschaft ausrichten." „Es wird nicht übel sein, wenn Ihr erfahrt," sagte Cuddie zu seinem Herrn, „daß diese Jenny, diese Jungfer Dennison, dem Tom Rand, dem Müllerknecht, schön gethan hat, damit 158 er sie unbemerkt zu Lord Evandale lasse. Die Hexe wußte nicht, daß ich ihr auf der Ferse war." „Und Ihr habt mich nicht wenig erschreckt, als Ihr mich so von hinten packtet," sagte Jenny, und zwickte ihn ein wenig — „wäret Ihr nicht ein alter Bekannter gewesen, Ihr Einfaltspinsel —" Cuddie war ein wenig besänftigt und sah seinen schlauen Schatz kichernd an, während sich Morton in seinen Mantel hüllte, sein Schwert unter den Arm nahm und sich in das Gefängniß des jungen Edelmanns begab. Er fragte die Wache, ob nichts Besonderes vorgefallen. „Nichts von Belang," erwiederte diese; „außer daß Cuddie ein Mädchen aufgefangen und Hauptmanu Balfour zwei Eilbote» abgefchickt hat; einen an den ehrwürdigen Ephraim Macbriar, den andern an Pauker, welche Beide die geistliche Trommel schlagen in verschiedenen Städten zwischen der Stellung Bnrlcy's und dem Hauptquartier bei Hamilton." „Wahrscheinlich, sie herzuberufen?" sagte Morton mit scheinbarer Gleichgültigkeit. „So hör' ich," antwortete die Wache, die mit den Boten gesprochen hatte. „Er will eine siegende Majorität im Rathe aufbieten," dachte Morton, „um jede Grausamkeit, die er im Sinne hat, durch die rechtliche Gewalt bestätigen zu lassen, und so jede» Widerstand zu beseitigen. Wenn ich nicht eile, entschlüpft mir die Gelegenheit." Als er den Ort betrat, wo Lord Evandale gefangen saß, fand er diesen gefesselt auf einem Wollenbett in dem elenden Dachkämmerchen einer erbärmlichen Hütte. Als Morton eintrat, schien er in Schlummer oder tiefes Nachdenken versunken, und wie er sich anfrichtete, zeigte er Jenem ein Antlitz, das durch Blutverlust, Schlaflosigkeit und Mangel an Nahrung so entstellt war, daß Niemand den tapfern Krieger wieder erkannt hätte, der sich in dem Treffen bei Loudonhill so heldenhaft geschlagen. Er verrieth bei Mortons unerwartetem Eintrittte einiges Erstaunen. „Ich bedauere, Euch in diesem Zustande zu sehen, Mylord," sagte der junge Offizier. „Ich habe gehört, Ihr seid ein Bewunderer der Poesie, Herr Morton," antwortete der Gefangene; „vielleicht erinnert Ihr Euch der Verse: Glaub' »!cht, daß ich gefangen sei, Weil ich im Kerker Hanse. Es geht mein Herz, so still und frei, Im Kerker eine Klause. Aber wäre meine Gefangenschaft auch weniger erträglich, ich darf ja morgen auf gänzliche Befreiung hoffen." „Durch den Tod?" fragte Morton. „Allerdings!" antwortete Lord Evandale; „ich habe keine andere Aussicht. Euer Gefährte Burley hat bereits seine Hand in das Blut von Männern getaucht, die ihr niederer Stand uud ihre unbekannte Herkunft hätten retten sollen. Ich kann mich eines solchen Schildes gegen seine Rache nicht rühmen und bin auf Alles gefaßt." „Aber vielleicht," sagte Morton, „ergibt sich Major Bellenden, um Euer Leben zu retten." „Nimmermehr, so lange noch ein Mann da ist, die Mauer zu vertheidigcn, und dieser Mann noch eine Brvdkruste zu nagen hat. Ich kenne seinen muthigen Entschluß, und herzlich leid wär' es mir, wollt' er ihn meinetwillen ändern." Morton beeilte sich, ihn mit dem Aufstande unter den Dragonern und ihrem Vorsätze bekannt zu machen, das Schloß 160 zu übergeben, und die Damen und den Major dem Feinde zu überantworten. Lord Evandale schien anfangs überrascht und etwas ungläubig, bald darauf aber tief ergriffen. „Was ist zu thun?" fragte er- — „Wie ist dies Unglück abzuwenden?" „Hort, Mylord!" sagte Morton. „Ich glaube, Ihr werdet nicht abgeneigt sein, den Oelzweig zu tragen zwischen unserm Herrn, dem König, und jenen Unterthanen, die nicht aus freier Wahl, sondern nothgedrungen jetzt unter Waffen stehen." „Ihr beurtheilt mich ganz richtig," sagte Lord Evandale; „aber wozu soll das führen?" „Erlaubt, Mylord!" fuhr Morton fort. „Ich sehe Euch in Freiheit auf Ehrenwort; ja, Ihr sollt in's Schloß zurückkehren und freies Geleit haben für die Damen, den Major und Alle, die das Schloß verlassen, mit der Bedingung unverzüglicher Uebergabe. Ihr unterwerft Euch hierin nur der Nothwcndigkeit; denn bei einer Meuterei unter der Besatzung und ohne Lebensmittel ist es unmöglich, einen Tag länger den Platz zu vertheidigc». Diejenigen aber, die Euch nicht folgen wollen, müssen ihr Loos erwarten. Ihr sollt nebst Euren Gefährten freies Geleite nach Edinburg haben, oder wo sich sonst der Herzog von Monmouth aufhält. Für Eure Freiheit werdet Ihr, wie wir hoffen, Sr. Gnaden, als Generallieutenant des Königreichs, diese untcrthänige Bittschrift und Vorstellung übergeben, welche die Beschwerden enthält, wodurch der Aufstand veranlaßt worden ist; wird Abhülfe zugestanden, so verbürge ich mein Haupt, daß der größte Theil der Insurgenten die Waffen niederlegt." Lord Evandale las die Schrift aufmerksam durch. „Herr Morton," sagte er, „nach meiner geringen Einsicht kann man gegen diese Maßregeln wenig einwenden; ja, ich glaube sogar, daß sie in mancher Beziehung nur mit den Gesinnungen des Herzogs von Monmouth übereinstimmen: und doch — aufrichtig gestanden! — hege ich keine Hoffnung, daß sie gewährt werden, wenn Ihr nicht im Voraus die Waffen niederlegt." „Dadurch" — sagte Morton — „würden wir das Ge- ständniß unserer unrechtmäßigen Bewaffnung machen, und das werde ich nie zugeben " „Das läßt sich auch kaum erwarten," sagte Lord Evandale, „und doch scheitern gewiß die Unterhandlungen an diesem Punkte. Da ich meine Meinung aufrichtig gesagt habe, so will ich indessen mein Möglichstes thnn, um eine Ausgleichung zu erwirken." „Das ist Alles, was wir hoffen und wünschen," sagte Morton; „der Ausgang ist in Gottes Hand, der die Herzen der Fürsten lenkt. — Ihr nehmt also freies Geleit an?" „Gewiß!" antwortete Lord Evandale, „und wenn ich mich jetzt nicht über die Verbindlichkeit anslasse, die Ihr mir durch die abermalige Rettung meines Lebens auflegt, so glaubt mir, daß ich sie darum nicht minder fühle." „Und die Besatzung von Tillietudlem?" fragte Morton. „Soll nach Eurem Vorschläge zurückgezogen werden. — Ich bin fest überzeugt, der Major bringt diese Meuterer nicht zur Ruhe, und ich zittere, wenn ich an die Folgen denke, im Fall die Damen und der tapfere Greis diesem blutdürstigen Schurken Burley überliefert würden." „So seid Ihr frei!" sagte Morton. „Macht Euch bereit, ein Pferd zu besteigen; einige zuversichtliche Leute sollen Euch geleiten, bis Ihr vor unfern Truppen sicher seid." Morton verließ Lord Evandale höchst erstaunt und erfreut über diese unerwartete Befreiung, und eilte, einige berittene Die Schwärmer. II. II 162 und wvhlbewaffnete Leute auszulesen, von denen jeder noch ein Handpferd hatte- Jenny, die während ihres Mahles mit Cuddie Frieden zu schließen gesucht hatte, ritt zur Linken dieses tapfer» Cavaliers- Bald hörte Lord Evandale den Hufschlag der Pferde unter dem Fenster seines Gefängnisses. Zwei ihm unbekannte Männer traten in sein Gemach, entledigten ihn seiner Fesseln, führten ihn die Treppe hinunter und ließen ihn in der Mitte ihrer Abtheilung zu Pferde steigen. Nun gings in raschem Trabe auf Tillietudlem zu. Der Mond wich der Morgendämmerung, als sie sich der alten Veste näherten, deren düsteres Gemäuer in der schwachen Beleuchtung des Morgenrothes stand. Die Reiter hielten an der Verschanzung und wagten sich, ans Furcht vor dem Geschütz, nicht weiter. Lord Evandale allein ritt auf das Thor zu, und in einiger Entfernung folgte ihm Jenny Dennison. Als sie sich dem Thore näherten, vernahmen sie in dem Schloßhofe einen Lärm, der mit der heitern Ruhe eines Sommermorgens schlecht übereinstimmte- Geschrei und Flüche ließen sich hören, einige Pistolenschüsse fielen, und Alles verkündete, daß die Meuterei ausgebrochen war. In diesem Augenblicke kam Lord Evandale an's Thor, wo Halliday Wache stand. Dieser hatte nur widerstrebend in die Verschwörung eingewilligt, und er war es auch, der Jenny's Entkommen aus dem Schlosse und de» Anschlag seinem Offiziere mitzutheilen möglich gemacht hatte- Als er Lord Evan- dale's Stimme hörte, ließ er ihn sogleich mit Freuden ein, und Jener trat nun, wie aus den Wolken gefallen, unter die Aufwiegler. Gerade wollten sie ihren Plan, sich des Platzes zu bemächtigen, aus führen, und waren im Begriff, den Major Bellenden, Harrison und die Andern, welche sich nach Kräften wehrten, zu entwaffnen. 163 Lord Evandale's Erscheinung änderte die Scene. Er packte Jnglis beim Kragen, warf ihm seine Niederträchtigkeit vor und befahl zweien seiner Kameraden, ihn zu binden, indem er ihnen versicherte, daß sie nur durch augenblickliche Unterwerfung Gnade z» hoffen hätten. Sodann befahl er ihnen, in Reih' und Glied zu treten- Sie gehorchten. Er befahl ihnen, die Waffen zu strecken. Sie zögerten. Aber der instinktmäßige Gehorsam und die Ueberzengung, daß die so dreist ausgeübte Gewalt ihres Offiziers durch Mannschaft außerhalb des Thores unterstützt sein müsse, brachte sie zur Unterwerfung. „Fort mit diesen Waffen!" rief Lord Evandalc den Leuten des Schlosses zu; „sie sollen ihnen nicht eher znrückgegcben werden, bis sie bessern Gebrauch davon zu machen wissen.— Und jetzt," fuhr er an die Empörer gewendet fort, — „geht, — benutzt Eure Zeit auf's Beste, und den dreistündigen Waffenstillstand, den Euch der Feind gewährt. — Nehmt Euren Weg nach Edinbnrg; am Moorhause sollt Ihr mich wieder- sinden. Ich brauche Euch wohl nicht zu ermahnen, daß Ihr Euch auf dem Wege jeder Gewaltthätigkeit enthaltet. Um Eurer selbst willen werdet Ihr in Eurer jetzigen Lage den Zorn der Leute nicht reizen wollen. Zeigt mir durch pünktlichen Gehorsam, daß Ihr Euer Benehmen von diesem Morgen wieder gut machen wollet." Die entwaffneten Soldaten zogen sich schweigend von ihrem Offizier zurück, verließen das Schloß und eilten nach dem be- zeichnetcn Orte, um nicht auf eine Abtheilung Insurgenten zu stoßen, denen ihre jetzige wehrlose Lage »nd ihre früheren Gewaltthätigkeiten leicht die Lust zur Rache hätten cinflößen können. Jnglis, den Evaudale zur Strafe ersehen, blieb in Gewahrsam. Halliday ward wegen seines Benehmens gelobt, und erhielt das Versprechen, in den Grad des Schuldigen ir» 164 einzurücken. Nach diesen in aller Eile getroffenen Anordnungen näherte sich Lord Evandale dem Major, vor dessen Angen der ganze Auftritt wie ein Traum vorübergegangen war. „Mein lieber Major, wir müssen den Platz übergeben." „So?" sagte Major Bellenden. „Ich hoffte, Ihr hättet Vorrats) und Verstärkung mitgebracht." „Nicht einen Mann — nicht ein Pfund Mehl," antwortete Lord Evandale. „Dennoch freut es mich, Euch zu sehen," erwiedertc der wackere Major. „Wir hörten gestern, diese psalmsingenden Schurken hätten einen Anschlag gegen Euer Lebe»; da musterte ich vor zehn Minute» die schuftigen Dragoner, um Burley's Hauptquartier zu überfallen und Euch aus der Klemme zu ziehen, als der Hund Jngli's, statt mir zu gehorchen, in offene Meuterei ausbricht. — Aber was ist jetzt zu thun?" „Ich selbst habe keine Wahl," sagte Lord Evandale; „ich bin ein Gefangener, auf mein Ehrenwort freigegeben, und muß nach Edinburg. Ihr und die Damen müßt ebenfalls dahin. Durch die Gefälligkeit -eines Freundes Hab' ich sicheres Geleit, und Pferde für Euch und Euer Gefolge. — Um Gottcswillcn eilt! Ihr könnt doch nicht daran denken, mit sieben oder acht Mann und ohne Lebensmittel Euch zu halten. — Genug ist für die Ehre geschehen, genug, um die Vertheidigung für die Regierung höchst wichtig zu machen. Noch mehr zu thun wäre unnütz und tollkühn. Die englischen Truppen sind zu Edinburg angekommen und werden bald auf Hamilton losrücken. Nur kurze Zeit wird Tillie- tudlem in den Händen der Rebellen sein." „Wenn Ihr so meint, Mylord," sagte der Veteran mit einem schweren Seufzer, — „ich weiß, Ihr könnt mir nichts rathen, was nicht ehrenvoll ist — so muß ich mich wohl fügen. 185 Denn die Empörung dieser Wichte macht es unmöglich, die Mauern zn besetzen. — Gndyill, die Frauen sollen ihre Herrschaft zusammenrufen und Alle zum Abzug bereit sein. — Könnt' ich aber denken, daß es der Sache des Königs nur im Geringsten nütze, wenn ich in diesen Mauern bis zur Mumie eintrocknete, so würde der alte Miles Bellenden nicht weichen, so lange noch ein Lebensfünkchen in ihm glüht." Die Damen, schon durch die Meuterei aufgeschreckt, vernahmen jetzt den Entschluß des Majors und stimmten ihm willig bei. Man beeilte sich nun, das Schloß zu verlassen, »nd lange, ehe das Tageslicht hell genug war, die Gegenstände genau zu unterscheiden, saßen sie zu Pferde und ritten nordwärts, von vier prcsbytcrianischen Reitern begleitet. Der übrige Trupp, welcher Lord Evandale aus dem Dorfe geführt, nahm Besitz von dem verlassenen Schlosse, und vermied jede Gewaltthätigkeit und Plünderung. Als die Sonne aufging, flatterte die roth-blaue Fahne des schottischen Cove- nants auf den Zinnen von Tillietudlcm. Fünfzehntes Kapitel. Und eine Nadel mär' in ihrer Hand Für meine» Busen tausend Dolche. Marlow. Der Zug, welcher Tillietudlcm verlassen, hielt einige Minuten an, nachdem er über die Vorposten hinaus war, um einige Erfrischungen zu nehmen, welche von ihren Begleitern 166 mitgenommen worden, und deren die Leute, welche so lange Mangel litten, sehr bedurften. Hierauf eilten sie auf dem Wege nach Edinburg fort. Man hätte wohl erwarten sollen, Lord Evandale würde während der Reise häufig an der Seite dcS Fräuleins Edith« Bellenden sein/ Allein nachdem er sie begrüßt und sorgfältig alle Vorkehrungen getroffen, die zu ihrer Bequemlichkeit dienen konnten, ritt er mit dem Major an der Spitze des Zuges, und schien das Geschäft, die liebliche Nichte zu begleiten, einem Reiter der Insurgenten zu überlassen, dessen Züge durch den dunklen Reitermantel und brcitkrämpigen Federhut verhüllt wurden. Länger als eine halbe Stunde waren sie schweigend fortgeritten, als der Fremde das Fräulein mit leiser, zitternder Stimme folgendermaßen anredete: „Fräulein Bellenden muß Freunde haben, wo man sie kennt; selbst unter Denjenigen, deren Handlungsweise sie jetzt mißbilligt- Sind diese im Stande, Etwas zu thun, um ihr ihre Achtung zu bezeugen und Bedauern über ihre Leiden auszudrücken?" „Mögen sie um ihrer selbst willen lernen," erwiederte Edith«, „die Gesetze zu ehren und unschuldig Blut zu schonen. Mögen sie zu ihrer Pflicht zurückkehren, und ich kann ihnen Alles, was ich gelitten, vergeben, und wäre es noch zehn Mal mehr." „Ihr haltet es also für unmöglich," entgegnete der Reiter, „daß Einer in unfern Reihen dienen kann, dem das Wohl seines Vaterlandes aufrichtig am Herzen liegt, und der überzeugt ist, seine Pflicht gegen dasselbe zu erfüllen?" „Es wäre vielleicht unklug," versetzte Miß Bellenden, „diese Frage zu beantworten, da wir in Eurer Gewalt sind-" „Im gegenwärtigen Falle durchaus nicht, auf mein Ehrenwort!" erwiederte der Reiter. „Ich bin von meiner Kindheit an Aufrichtigkeit gewöhnt," sagte Editha, „und muß, wenn ich einmal spreche, meine wahre Meinung äußern. Gott allein kennt das Herz; die Menschen aber müssen die Absichten nach den Handlungen beurtheilen. Vcrrath, Mord durch Schwert und Galgen, die Unterdrückung einer harmlosen Familie, wie die unsere, die nur zur Verteidigung ihres Eigentums die Waffen ergriffen: das sind Handlungen, die Jeden beflecken müssen, der Theil daran genommen, so sehr sie auch durch hochklingende Namen beschönigt werden." „Die Schuld des Bürgerkrieges," entgegnet der Reiter — „das Elend, welches er mit sich führt, haben Diejenigen, welche ihn durch gesetzlose Unterdrückung hervorgerufen, viel mehr zu verantworten, als Die, welche zu den Waffen getrieben worden, um ihre natürlichen Rechte als freie Männer zu verteidigen." „Das heißt Etwas voranssetzen, was erst bewiesen werden muß," erwiederte Editha. „Jede Partei glaubt sich in ihrem Rechte, und darum liegt die Schuld auf Seiten Derer, die zuerst das Schwert zogen; wie bei einem Streite das Gesetz Diejenigen für strafbar hält, die zuerst zu Gewalttätigkeiten geschritten sind." „Ach!" rief der Reiter, „läge darin unsere Rechtfertigung, wie leicht wäre der Beweis, daß wir fast mit übermenschlicher Geduld gelitten, ehe wir offenen Widerstand geleistet haben. — Aber ich bemerke," fuhr er ticfaufseufzend fort, „daß ich vergebens vor Miß Bellenden eine Sache verteidige, über die sie zum Voraus abgenrtheilt und vielleicht ebensosehr aus Abneigung gegen die Personen, als gegen die Grundsätze Derer, die dabei betheiligt sind." „Verzeiht!" antwortete Editha; „ich habe nur freimüt-ig 168 meine Meinung über die Grundsätze der Insurgenten ausgesprochen; von ihrer Persönlichkeit weiß ich nichts, — eine einzige ausgenommen." „Und diese einzige hat Euer Urtheil über alle andere bestimmt?" fragte der Reiter. „Weit entfernt!" erwiederte Edith«; „er ist — wenigstens glaubt' ich's einst — ein Mann, mit dem sich wohl Wenige messen können, — er ist — oder schien ein Mann von frühgereiften Anlagen, hoher Redlichkeit, reiner Sitte und innigem Gefühle. Kann ich nun einen Aufruhr billigen, der einen solchen Mann, welcher zur Zierde, zur Leuchte und zum Hort seines Vaterlandes geschaffen war, zum Genossen finsterer Fanatiker oder unwissender Heuchler, — zum Anführer roher Bauern, — zum Waffenbruder von Mördern und Banditen gemacht? — Solltet Ihr einen solchen in Eurem Lager treffen, so sagt ihm, daß Edith« Bellenden über seine entweihte Gesinnung, seine zerstörten Aussichten, seinen entehrten Namen mehr geweint hat, als über das Unglück ihres eigenen Hauses, — und daß sie den Hunger, der die Blüthen ihrer Wange und den Glanz ihres Auges geraubt, besser ertragen konnte, als den nagenden Gedanken, durch wen diese Leiden gekommen." Bei diesen Worten wendete sie ihrem Begleiter ein Gesicht zu, dessen welke Wangen die Wahrheit ihrer angedeuteten Leiden bekräftigten, selbst jetzt, da sie durch die Lebhaftigkeit, mit der sie sprach, nur sanft crrötheten. Der Reiter war gegen diese Mahnung nicht unempfindlich. Er fuhr schnell mit der Hand über die Stirn, wie ein Mensch, dem ein stechender Schmerz den Kopf durchzuckt, dann über das Gesicht, und drückte den Hut noch tiefer in die Augen. Diese Bewegung und das Gefühl, wodurch sie erzeugt wurde, entging Edithen kcineswcges, und sie bemerkte es nicht ohne Rührung. „Und doch," fuhr sie fort, „sollte der Mann, von dem ich spreche, zu tief ergriffen sein von der strengen Meinung einer — einer — Jugendfreundin, so sagt ihm: aufrichtige Reue stehe der Unschuld am nächsten, daß er zwar von einer nicht leicht wieder zu erreichenden Höhe gefallen, daß er zwar der Urheber vielen Unbeils geworden, weil er es durch sein Beispiel beschönigt, daß er aber dennoch in Etwas gut machen kann, was er verbrochen." »Und auf welche Weise?" fragte der Reiter mit eben so leiser, fast erstickter Stimme. „Wenn er Alles anwendet, seinem unglücklichen Vater- landc die Segnungen des Friedens wiederzugeben und die verblendeten Rebellen zur Niederlegung ihrer Waffen zu bewege». Wenn er ihr Blut schont, versöhnt er früheres Blutvergießen; — und wer sich bei der Erreichung dieses großen Zweckes am thätigsten beweist, wird sich am besten den Dank der Gegenwart und das ehrenvolle Andenken der Zukunft erwerben." „Aber," sagte ihr Begleiter mit fester Stimme, „Fräulein Bellenden würde gewiß nicht wünschen, daß bei einem solchen Frieden die Interessen des Volkes der Krone aufgeopfert würden." „Ich bin nur ein Mädchen," antwortete das Fräulein, „und darf wohl kaum ohne Anmaßung darüber sprechen. Da ich aber bereits so weit gegangen, so setze ich offen hinzu, daß ich einen Frieden wünsche, der allen Parteien Ruhe gäbe und die Unterthanen vor militärischer Gewaltthätigkeit sichere, die ich eben so sehr verabscheue, als die Mittel, die man dagegen ergriffen hat." „Miß Bellenden," erwiederte Heinrich Morton, indem er den Kopf erhob und mit seiner natürlichen Stimme sprach; „der Mann, welcher eine so schätzenswcrthe Stelle in Eurer Achtung verloren, besitzt doch noch Mnth genug, seine Sache als Angeklagter zu vertheidigen, und da er nicht länger hoffen darf, von Euch als Freund betrachtet zu werden, würde er Euren harten Tadel verschmerzen, könnte er sich nicht auf das ehrenvolle Zengniß des Lord Evandalc berufen, daß seine ernstlichsten Wünsche und thätigsten Bemühungen eben jetzt darauf gerichtet sind, eine» solchen Frieden zu erwirken, den auch der Loyalste nicht verwerfen kann." Er verbeugte sich mit Würde gegen die Dame, deren Sprache wohl verrieth, daß sie wußte, mit wem sie sich un- rerredet, die aber wahrscheinlich nicht erwartete, daß er sich mit so viel Lebhaftigkeit rechtfertigen würde- Verwirrt und schweigend erwiederte sic seinen Gruß; Morton aber ritt an die Spitze des Zuges. „Heinrich Morton!" rief der Major, überrascht durch die plötzliche Erscheinung. „Derselbe," versetzte Morton, „dem es wehe thut, von Major Bellenden und seiner Familie so hart beurtheilt zu werden. Er überläßt es Mylord Evandale," fuhr er mit einer Verbeugung gegen den jungen Edelmann fort, „seine Freunde über seine Handlungsweise und die Reinheit seines Strebens aufzuklären. Lebt wohl, Major Bellenden! Alles Glück Euch und den Eurigcn! — Mögen wir uns einst in bessern Tagen wiedertreffen!" „Glaubt mir, Herr Morton," sagte Lord Evandale; „Euer Vertrauen soll Euch nicht reuen. Ich werde mich bestreben, die großen Dienste, die Ihr mir geleistet, dadurch zu belohnen, daß ich Alles anwende, Euch in der guten Meinung des Majors Bellenden und Aller, deren Achtung Euch werth ist, wieder herzustellen." „Das Hab' ich von Eurer Großmuth erwartet, Mylord," sagte Morton. Er rief seine Leute zusammen und ritt durch die Heide Hamilton zu. Ihre Federn flatterten und ihre Stahlhauben glänzten in der Sonne. Nur Cuddie blieb hinter den Gefährten zurück, um einen zärtlichen Abschied von Jenny Den- nison zu nehmen, die während dieses kurzen Morgenrittcs ihren Einfluß auf sein empfängliches Herz wieder gewonnen, hatte. Einige Bäume verhüllten ein wenig ihr tete s töte, als sie ihre Pferde anhielten, um sich zu verabschieden. „Leb' wohl, Jenny," sagte Cuddie mit einem höchst kraftvollen Seufzer, — „denk' manchmal an den armen Cuddie — einen ehrlichen Burschen, der Dich gern hat, Jenny. Wirst wohl manchmal an ihn denken?" „O ja, — wenn ich Kohlbrühe esse," antwortete das boshafte Mädchen, das weder die beißende Antwort noch das schelmische Lächeln unterdrücken konnte. Cuddie rächte sich, wie bäurische Liebhaber pflegen und wie Jenny wahrscheinlich erwartete; — er umschlang sie, küßte ihr herzlich Wangen und Lippen, wandte sein Pferd und trabte seinem Herrn nach. „Ein Teufelskerl!" sagte Jenny, indem sie ihre Lippen abwischte und die Haube zurecht rückte, „zwei Mal mehr Courage hat er, als der Tom Halliday. — Ich komme, Mylady, ich komme. — Gott sei uns gnädig! die alte Lady wird uns doch nicht gesehen haben?" „Jenny," sagte Lady Margaretha, als das Mädchen zu ihr kam, „war der junge Mann, der die Reiter anführte, nicht derselbe, der Vogelhauptmann ward und der an dem- 172 selben Morgen, als Claverhousc kam, gefangen nach Tillie- tudlcm gebracht wurde?" Jenny, die hoch erfreut war, daß die Frage nicht ihre eigenen kleinen Angelegenheiten betraf, blickte auf ihre junge Gebieterin, um wo möglich einen Wink zn erhalten, ob sic die Wahrheit sagen solle, oder nicht. Da sie aber keinen solchen erhaschen konnte, so folgte sie ihrem Zofeninstinkt und log. „Ich glaube nicht, daß es derselbe war, Mylady," sagte Jenny so zuversichtlich, als ob sie ihren Catechismus hersagte; „der war ja ein kleiner, schwarzer Mann." „Du mußt blind gewesen sein, Jenny," sagte der Major, „Heinrich Morton ist groß und blond, und er ist es gewesen." „Ich hatte andere Dinge zu thun, als nach ihm zu sehen," sagte Jenny und warf den Kopf auf; „meinetwegen mag er so blond sein wie ein Pfennigkerzchen." „Haben wir nicht von Glück zu sagen, daß wir den Händen eines so blutdürstigen, verzweifelten Fanatikers entgangen sind?" sagte Lady Margaretha. „Ihr irrt Euch, Madame," sagte Lord Evandale; „einen solchen Namen verdient Herr Morton durchaus nicht, von uns aber am wenigsten. Daß ich am Leben bin und daß Ihr Euch jetzt zu Euer» Freunden zurückziehen könnt, statt die Gefangenen eines wirklich fanatischen Mörders zu sein, verdanken wir einzig und allein der schnellen und energischen Menschenliebe dieses jungen Mannes." Hierauf erzählte er alle Ereignisse, mit denen der Leser bereits bekannt ist, und verbreitete sich über Mortons Verdienste und die Gefahren, denen er sich durch die wichtigen Dienstleistungen aussetzte, als rede er von einem Bruder und nicht von einem Nebenbuhler. „Ich wäre mehr als undankbar," sagte er, „wenn ich die 173 Verdienste eines Mannes verschwiege, der zwei Mal mein Leben gerettet." „Ich habe gern eine gute Meinung von Heinrich Morton, Mylord," erwiederte Major Bellenden, „und ich gestehe, er hat sich gegen Eure Herrlichkeit schön benommen; aber ich kann nicht so nachsichtig sein, wie Ihr, was sein gegenwärtiges Treiben betrifft." „Ihr müßt erwägen," entgegncte Lord Evandale, „daß er gewissermaßen dazu gezwungen worden ist, und ich muß gestehen, obgleich seine Grundsätze einigermaßen von den mei- nigen abweichen, so sind sie doch der Art, daß sie Achtung verdienen. Clavcrhouse, dem doch eine tiefe Mcnschenkeunt- nißkdurchaus nicht abzusprechcn ist, hat seine ungewöhnlichen Eigenschaften richtig ermessen, über seine Grundsätze aber mit herbem Vorurthcil abgesprochen." „Ihr habt nicht viel Zeit gebraucht, seine außerordentlichen Eigenschaften kennen zu lernen, Mylord," antwortete der Major. „Ich, der ich ihn von seiner Kindheit an kenne, konnte vor dieser Sache viel von seinen guten Grundsätzen und Gesinnungen sagen; aber von seinen hohen Talenten-" „Diese sind wahrscheinlich verborgen gewesen, Major, sogar ihm selber, bis die Umstände sie hervorriefen; und wenn ich sie entdeckte, so lag es darin, weil unsere Unterredung höchst wichtige Gegenstände betraf. Jetzt bemüht er sich dem Aufstande ein Ende zu machen, und die Bedingungen, die er vorschlug, sind so gemäßigt, daß es ihnen an meiner herzlichen Empfehlung nicht mangeln soll." „Und hofft Ihr wirklich auf das Gelingen eines so umfassenden Unternehmens?" fragte Lady Margaretha. „Ich würde hoffen, wäre jeder Whig so gemäßigt wie Heinrich Morton, und jeder Royalist so uneigennützig wie 174 Major Bellenden. Aber der Fanatismus ist auf beiden Seiten so groß, daß, wie ich fürchte, nur das Schwert diesen Krieg beendigen wird." Man kann sich leicht denken, daß Editha mit gespanntester Aufmerksamkeit auf diese Unterhaltung horchte. Während sie bedauerte, daß ste sich zu herb und voreilig gegen ihren Geliebten ausgelassen, fühlte sie sich zugleich von dem stolzen und erfreulichen Bewußtsein gehoben, daß sein Charakter, selbst nach dem Urtheil seines edelmuthigen Nebenbuhlers, so war, wie ihre Liebe ihn einst beurtheilt hatte. „Bürgerliche Zwiste und häusliche Vorurtheile," dachte ste, „können es nothwendig machen, daß ich sein Andenken aus meinem Herzen tilge; aber es ist kein geringer Trost für mich, bestimmt zu wissen, daß er der Stelle werth war, die er so lange behauptet hat." Während Editha stch so ihren ungerechten Unwillen vorwarf, kam ihr Geliebter im Lager der Insurgenten an und fand dieses in großer Bestürzung. Znverlässtge Nachrichten waren eingelaufen, daß die Königlichen Verstärkung aus England bekommen und im Begriff seien in's Feld zu rücken. Das Gerücht vergrößerte ihre Zahl, Ausrüstung und Mannszucht, und verbreitete noch andere Umstände, welche die Insurgenten entmuthigten. Alles Gute, was sie etwa von Mon- mouth zu erwarten hatten, konnte der Einfluß Derer vereiteln, die den Oberbefehl mit ihm theiltcn. Sein Generallieutenant war der berühmte Thomas Dalzell, der die Kriegskunst in dem damals noch so rohen Rußland ausgeübt hatte und wegen seiner Grausamkeit und Gleichgültigkeit gegen menschliches Leben und Leiden eben so gefürchtet, als wegen seiner Loyalität und Unerschrockenheit geachtet wurde. Dieser Mann war nach Monmouth der Zweite im Oberbefehl; die Reiterei aber war von Clavcrhouse befehligt, der vor Begierde brannte, den Tod seines Neffen und seine Niederlage bei Drumclog zu rächen- Hierzu kamen noch die furchtbarsten Beschreibungen von dem Geschütz und der Cavalleriemacht, mit welchen die königliche Armee in's Feld rücke, und jedes Gerücht vermehrte die Besorg- niß der Insurgenten, daß die Rache des Königs nur darum so lange gezaudert habe, um desto sicherer und schwerer zu treffen- Morton bestrebte sich, das gemeine Volk dadurch zu er- muthigen, daß er ihnen die Uebertreibung jener Gerüchte vorstellte und sie an die Stärke ihrer eigenen Stellung erinnerte, da dicht vor ihnen ein nicht zu durchwatender Strom sei, über den man nur vermittelst einer langen schmalen Brücke gelangen könne. Er erinnerte sie an den Sieg über Clavcrhouse, als sie schwach an Anzahl und weit weniger disciplinirt und kampfgerüstet waren; er zeigte ihnen, daß der Boden wegen seiner Unebenheit und der ihn dnrchschneidenden Gebüsche bei muthiger Vertheidigung bedeutenden Schutz gegen Artillerie und sogar gegen Cavallerie gewähre, und daß also ihr Heil nur von ihrem eigenen Muthe uud ihrer eigenen Entschlossenheit abhänge. Während Morton aber auf diese Weise den Muth des Heeres aufrecht zu erhalten suchte, benutzte er jene entmuthi- genden Gerüchte, die Anführer von der Nothwendigkeit zu überzeugen, der Negierung gemäßigte Bedingungen vorznschlagen, während sie noch ein zahlreiches, unerschrockenes Heer befehligten. Er zeigte ihnen, daß bei der gegenwärtigen Stimmung ihrer Anhänger kaum zu erwarten sei, sich ohne Nachtheil mit den wohlgeordneten Truppen des Herzogs von Moumouth einzulassen; wenn sie aber geschlagen und zerstreut würden, so werde der Aufstand, statt dem Lande nützlich zu sein, unrein Vorwand werden, es noch härter zu unterdrücken. 176 Durch diese Gründe bewogen und überzeugt, daß es eben so gefährlich sei zusammenzubleiben als ihre Truppen zu entlassen, waren die meisten Anführer der Meinung, daß, wenn man solche Bedingungen erhalten könne, wie sie Lord Evan- dale dem Herzog von Monmouth überreichte, der Zweck, für den sie die Waffen ergriffen, größtentheils erreicht sei. Sie kamen dann überein, der von Morton entworfenen Bittschrift und Vorstellung beizutrcten. Dagegen gab es noch andere Anführer, und diese hatten gerade den meisten Einfluß auf das gemeine Volk, die jede» Vorschlag eines Vergleichs, der sich nicht auf die Grundlage des feierlichen Bundes oder Covenants vom Jahre >640 stützte, für null und nichtig, gottlos und unchristlich erklärten. Diese Männer verbreiteten ihre Ansicht unter dem Pöbel, der wenig Einsicht und nichts zu verlieren hatte, und überredeten Viele, daß die feigen Rathgeber, welche zu einem Frieden riethen, der nicht wenigstens die Entthronung der königlichen Familie und die entschiedene Unabhängigkeit der Kirche vom Staate zur Bedingung habe, nur furchtsame Arbeiter seien, die ihre Hände vom Pfluge abziehen wollten und nur einen Vorwand suchten, ihre Waffenbrüder zu verlassen. Diese widersprechenden Meinungen wurden in jedem Jnsurgentenzelt, oder vielmehr in den Hütten und Baraken, welche statt der Zelte dienten, wüthend verfochten. Leidenschaftlichkeit in Reden führte oft zu Hader und Thätlichkeit, und die Zwietracht, welche das Heer der Verfolgten zerspaltete, verkündete nur zu deutlich deren künftiges Schicksal. Ende des zweiten TheilS. Erstes Kapitel. De« Zwistes Fluch und wachsender Parteiung Stdrr stets noch Euren Narh. Das gerettete Venedig. Mortons Klugheit fand hinreichende Beschäftigung, den wüthenden Strom dieser streitenden Parteien zu hemmen, als zwei Tage nach seiner Rückkehr nach Hamilton sein Freund und Gefährte, der ehrwürdige Herr Pfundtext, ihn besuchte, welcher, wie Morton sogleich erfuhr, vor dcm Angeslchte Bal- fours von Burley geflohen war, den wir nicht wenig erzürnt über seinen Antheil an Lord Evandales Befreiung verließen- Als der würdige Geistliche sich von der eiligen und beschwerlichen Reise ein wenig erholt hatte, gab er Morton Bericht von dem, was seit dem denkwürdigen Morgen seiner Abreise in der Nähe von Tillietudlcm vorgefallen war. Mortons nächtlicher Zug war mit so viel Geschicklichkeit ausgcführt worden, und seine Leute hatten so pünktlich seine Befehle vollzogen, daß Burley erst spät am Morgen von dem Vorgefallenen Nachricht erhielt. Seine erste Frage war, ob Macbriar und Pauker angekommen seien, der Aufforderung zu Folge, welche er um Mitternacht an sie erlassen. Macbriar war Die Schwärmer. III. I gekommen, und Pauker, obgleich schwerfällig auf Reisen, konnte jeden Augenblick erwartet werden. Burley schickte hierauf einen Boten in Mortons Quartier und ließ diesen sogleich zur Rathsversammlung berufen. Der Bote kehrte mit der Nachricht zurück, daß Jener das Dorf verlassen habe. Jetzt wurde Pfundtext entboten, der aber, wie er selbst sagte, in der Meinung, mit zänkischen Leuten lasse sich nicht gut verkehren, sich in sein stilles Wohnhaus zurückgezogen hatte; denn ungeachtet er den ganzen vorhergehenden Tag zu Pferde gewesen, hatte er doch lieber einen nächtlichen Ritt gemacht, als sich diesen Morgen in einen Streit mit Burley einzulasscn, dessen Wildheit ihn erschreckte, wenn ihn nicht Mortons Festigkeit unterstützte- Jetzt erkundigte sich Burley nach Lord Evandale, und unbeschreiblich war seine Wuth, als er erfuhr, dieser sei in der Nacht von einer Abtheilung Milnwooder unter Heinrich Mortons unmittelbarem Befehle wcggeführt worden. „Der Elende!" rief Burley, gegen Macbriar sich wendend; „der gemeine, feigherzige Verräther! Um sich bei der Regierung wieder einzuschmeicheln, hat er den Gefangenen in Freiheit gesetzt, den ich mit meiner eigenen rechten Hand errungen, und durch den die starke Veste, die uns schon so viel Mühe verursacht, gewiß in unsere Hände gekommen wäre." „Aber ist sic nicht in unfern Händen?" fragte Macbriar, nach den Zinnen des Schlosses blickend; „find das nicht die Fahnen des Covenants, die auf den Mauern wehen?" „Eine Kriegslist, — ein bloßer Kniff!" sagte Burley; »ein Schimpf über unser Mißgeschick, uns noch mehr zu kränken und zu beleidigen." Jetzt ward er durch die Ankunft eines Mannes aus Mortons Gefolge unterbrochen, der ihm die Räumung des Platzes und dessen Besetzung durch die Truppen der Insurgenten be- richtete. Durch diese Nachricht ward Burley, statt besänftigt zu werden, nur wiithender. „Ich habe gewacht," sagte er; — „ich habe gefachten; — ich habe Pläne entworfen; — ich habe geacbeitet, die Veste zu gewinnen; ich habe es verschmäht, wichtigere Unternehmungen zu leiten; — ich habe ihre Ausgänge versperrt, die Quellen abgeschnitten und den Stab des Brodes zerbrochen in ihren Mauern, und als die Männer im Begriff waren, sich zu beugen unter mir, auf daß ihre Söhne Sklaven und ihre Töchter ein Spott würden für unser ganzes Lager: da kommt dieser unbärtige Knabe und wagt es, seine Sichel an die Aernte zu legen und dem Sieger die Beute zu entreißen! Gewiß, der Arbeiter ist seines Lohnes werth, und die Stadt sammt den Gefangenen sollte dem übergeben werden, der sie gewinnt." „Nun," sagte Macbriar, erstaunt über Burleys Heftigkeit, „ereifere Dich nicht so sehr über den Gottlosen. Der Himmel wird seine eigenen Werkzeuge gebrauchen, und wer weiß, ob nicht dieser Jüngling-" „Still, still!" rief Burley. „Sprich nicht gegen Deine eigene bessere Ueberzeugung. Du warst es, der mich zuerst vor diesem übertünchten Grabe warnte — vor diesem glänzenden Kupfer, das ich für Gold hielt. Es steht schlimm selbst um die Auserwählten, wenn sie die Führung solcher gottseligen Hirten, wie Du bist, vernachläßigen. Aber unsere fleischlichen Begierden verführen uns, — der Vater dieses undankbaren Knaben war mein alter Freund- Man muß so eifrig sein im Kampf wie Du, Ephraim Macbriar, wenn man die Ketten und Bande der Menschheit ganz von sich abschütteln will." Dieses Compliment traf die schwache Seite des Predigers, und Burley glaubte daher, es werde ihm nicht schwer werden, diesen Mann für seine Absichten zu gewinnen, besonders da 4 sie Beide in ihren Meinungen über das Kirchcnregiment völlig übereinstimmten. „Laßt uns sogleich in die Burg!" sagte Burley. „Unter den Schriften daselbst befindet sich Etwas, das, so gebraucht, wie ich cs brauchen kann, uns so viel werth sein soll, wie ein tapferer Führer nebst hundert Reitern." „Aber wird dieses auch für die Kinder des Covenants sein?" fragte der Prediger. „Es gibt bereits schon zu Viele unter uns, welche nach Gütern, nach Gold und Silber mehr schmachten, als nach dem Wort; nicht durch solche kann unsere Befreiung erwirkt werden." „Du irrst!" sagte Burley- „Wir bedürfen der Mittel, und diese weltlichen Menschen sollen unsere Werkzeuge sein. Auf jeden Fall soll dies moabitische Weib ihres Erbes beraubt werden, und weder der bvsgesinnte Evandale, »och der Erasti- uianer Morton soll jenes Schloß und Gut besitzen, obwohl Beide die Tochter zur Ehe begehren." Mit diesen Worten schlug er den Weg nach Tillietudlcm ein, wo er sich des Silberzeugs und anderer kostbaren Sachen zum Besten des Heeres bemächtigte, das Archiv und andere Papierschränkc durchsuchte und die Vorstellungen Derjenigen verachtete, die ihn erinnerten, daß die der Besatzung zugesicherten Bedingungen Achtung für das Privateigenthum erheischten. Nachdem Burley und Macbriar sich in ihrem neuen Erwerb festgesetzt, gesellten sich noch im Laufe des Tages Pauker und der Laird von Langcale zu ihnen, welchen dieser thätige Geistliche, nach Psundtext's Ausdruck, von dem reinen Lichte, in welchem er erzogen worden, verführt hatte. So verbunden, schickten sle an Pfundtext eine Einladung, oder vielmehr eine Aufforderung, einer Rathsversammlung zu Tillietudlcm beizuwohnen. Dieser erinnerte sich aber, daß das Thor ein eisernes Gitter und der Thurm ein Gefängniß Hube, und beschloß also, sich den zornigen Gefährten nicht anzuvertrauen. Demnach eilte, oder floh er vielmehr nach Hamilton mit der Nachricht, daß Burley, Macbriar und Pauker nach Hamilton kommen würden, sobald sie genug Cameronianer zusammengebracht, um die übrige Armee einzuschüchtern. „Ihr seht," schloß Pfundtext mit einem tiefen Seufzer, „sie werden sodann die Majorität im Rathe besitze»; denn Langcale, obgleich er bis jetzt immer für einen redlichen, der Partei ergebenen Mann gegolten, ist doch weder Fisch noch Fleisch zu nennen; denn wo die Macht ist, da ist auch Langcale." Bei diesem Ende seiner langen Erzählung seufzte der ehrliche Pfundtext schwer auf; denn er erwog die Gefahr, in welcher er zwischen unvernünftigen Gegnern im Heere selbst und dem gemeinsamen Feinde von außen schwebte. Morton ermahnte ihn zur Geduld, Mäßigung und Ruhe, thciltc ihm seine Hoffnung mit, durch Lord Evandale Frieden und Verzeihung zu erlangen und zeigte ihm eine sehr schöne Aussicht, daß er bald wieder zu seinem schweinsledernen Calvin, zu seinem Abendpfeifchen und seinem Kruge begeisternden Biers zurückkehren werde, wenn er nach Kräften die Maßregeln unterstützen wolle, die Morton zur allgemeinen Friedensstiftung entworfen. So geschützt und getröstet, beschloß Pfund- text die Ankunft der Cameronianer großherzig abzuwarten. Burley und seine Gefährten hatten eine beträchtliche Menge dieser Sektirer zusammengezogen, die sich ungefähr auf hundert Reiter und fünfzehnhundert Mann Fußvolk beliefen. Sie waren finster und streng von Anschn, mürrisch und eigensinnig in ihrer Unterredung, hochmüthig und zuversichtlich, daß nur für sie allein der Weg zum Heil geöffnet, und daß alle andere Christen, so wenig auch deren Lehre von der ihrigen ab- 6 weiche, doch nicht viel besser, als Verworfene oder Ausgestoßene seien. Diese Männer kamen in's presbyterianische Lager eher als verdächtige Bundesgenossen, oder gar als Gegner, denn als Menschen, welche, derselben Sache geweihet, sich denselben Gefahren aussetzen. Burley machte seinen Gefährten keinen Besuch, besprach sich nicht mit ihnen über die öffentlichen Angelegenheiten; sondern schickte ihnen bloß eine trockene Einladung, sich diesen Abend bei dem allgemeinen Kriegsrathe einzufinden. Als Morton und Pfundtext in die Rathsversammlung kamen, waren ihre Brüder bereits anwesend. Sie grüßten sich kalt, und es war leicht zu sehen, daß Diejenigen, welche den Rath zusammenberufcn, keine freundschaftlichen Unterredungen beabsichtigten. Die erste Frage stellte Macbriar, den sein Eifer bei jeder Gelegenheit an die Spitze drängte. Er wünschte zu wissen, durch welches Ansehen der Uebelgesinnte, genannt Lord Evandale, von dem Todesurtheil befreit worden, das gerechterweise über ihn verhängt gewesen sei. „Auf meinen und Herrn Mortons Befehl!" rief Pfuud- text, der seinen Gefährten eine gute Meinung von seinem Muthe geben wollte, sich ferner auf den Beistand desselben verließ und überdies; sich auch weit weniger fürchtete, einem Maune von seinem eigenen Stande gegenüber zu treten, der sich nur auf die Waffen theologischer Art beschränkte, worin es Pfundtcxt mit Jedem aufnahm, als mit dem finstern Mörder Burley anzubinden. „Und wer, Bruder," sagte Pauker, „hat Euch beauftragt, Euch in eine so höchst wichtige Sache zu mischen?" «Der Inhalt unseres Auftrags," antwortete Pfundtext, „gibt uns das Recht zu binden und zu lösen. Wenn Lord Evandale durch die Stimme eines Einzigen gerechter Weise zum Tode verurtheilt worden, so wurde er auch gewiß recht- mäßiger Weise vom Tode befreit durch de» Ausspruch von Zweien." „Geht, geht!" rief Burley; „wir kennen eure Gründe. Ihr habt diesen Seidenwurm — dies vergoldete Spielzeug, diesen verbrämten Lumpen von Lord fortgeschickt, um dem Tyrannen Friedensvvrschläge zu machen." „Allerdings," sagte Morton, als er sah, daß sein Verbündeter vor Burleys mildem Blick zu wanken anfing, „allerdings war es so, und warum auch nicht? — Sollen wir die Nation in einen endlosen Krieg stürzen, bloß um Pläne durchzusetzen, die eben so wild und gottlos, als unausführbar sind?" „Hört ihr?" rief Balfour; „er lästert Gott!" „Das ist nicht wahr," sagte Morton; „die nur lästern Gott, welche Wunder von ihm fordern, und die Anwendung menschlicher Mittel verschmähen, womit die Vorsehung sie gesegnet. Ich wiederhole es — unser Hauptzweck ist die Wiederherstellung des Friedens auf redliche, ehrenvolle Bedingungen, welche unsere Religion und Freiheit sichern- Wir erklären, daß wir keinesweges Absichten auf die Freiheit Anderer haben." Die Streitigkeiten würden heftiger als je geworden sein, wenn sie nicht durch die Nachricht unterbrochen worden wären, daß der Herzog von Monmouth seinen Marsch gegen Westen begonnen und bereits den halben Weg nach Edinburg zurückgelegt habe. Diese Nachricht beschwichtigte für diesen Augen« blick den Zwist und cs wurde beschlossen, daß der folgende Tag ein allgemeiner Bußtag für die Sünden des Landes sein solle, daß der ehrwürdige Herr Psundtext Morgens und Pauker Abends predigen, daß Niemand einen Gegenstand des Zwiespaltes und Streites berühren, sondern die Soldaten ermuntern solle, wie Brüder für eine Sache bis auf den letzten 8 Blutstropfen zu kämpfen. Nachdem dieser Vorschlag der Versöhnung allgemein gebilligt worden, wagte die gemäßigte Partei noch einen andern, in der Hoffnung, daß Langcale ihn unterstützen werde, der bei der empfangenen Nachricht sehr bleich geworden, und jetzt, wie man vermuthete, zu gemäßigten Maßregeln geneigt sein mochte. Da der König, sagten sie, diesmal den Befehl seines Heeres keinem ihrer eifrigen Verfolger übertragen, sondern im Gegenthcil einen Mann gewählt habe, der mild gestnnt und ihrer Sache günstig sei, so hege man bessere Absichten gegen sie, als bisher. Sie behaupteten, es sei klug, ja nothwcndig, durch eine Unterhandlung mit dem Herzog von Monmonth zu erfahren, ob er nicht mit einem geheimen Aufträge zu ihren Gunsten versehen sei. Dies aber konnte nicht anders geschehen, als wenn man einen Abgesandten in das Lager desselben schickte. „Und wer will dies unternehmen?" sagte Burley, einem Vorschläge ausweichend, der zu vernünftig war, um sich ihm offen zu widersetzen. — „Wer wird in das Lager gehen, da Grahame von Claverhouse geschworen hat, aus Rache für den Tod seines Neffen Jeden hängen zu lassen, den wir ihm senden?" „Das soll kein Hinderniß sein," sagte Morton; „ich will mit Vergnügen jede Gefahr auf mich nehmen, die demUcber- bringcr Eurer Botschaft droht." „Laßt ihn gehen!" flüsterte Balfour Macbriar zu; „es ist gut, wenn wir ihn in unserem Rathe lcs sind." Der Vorschlag fand daher auch bei Denen keinen Widerstand, von welchen man es am meisten erwartet batte, und man kam überein, daß Heinrich Morton sich in das Lager des Herzogs von Monmonth begeben solle, um zu erfahren, unter welchen Bedingungen man mit den Insurgenten unterhandeln würde. Sobald sein Auftrag bekannt ward, baten ihn Mehrere der gemäßigten Partei, einen Vergleich ans der Grundlage der dem Lord Evandale überreichten Bittschrift vorznschlagen; denn die Annäherung der königlichen Armee hatte eine allgemeine Bestürzung verbreitet, trotz des hohen Tones, den die Cameronianer annahmen, welche außer ihrem blinden Eifer nichts besaßen, um ihn zu unterstützen. Mit diesen Vorschriften und von seinem Diener Cuddie begleitet, machte sich Morton auf den Weg nach dem Lager der Königlichen, trotz aller Gefahren, die Demjenigen drohen, der in einem wüthenden Bürgerkriege das Mittleramt übernimmt. Morton war kaum einige Meilen geritten, als er bemerkte, daß er sich dem Vortrabe der Königlichen nähere, und wie er eine Höhe erreichte, sah er alle Wege in der Nachbarschaft mit Bewaffneten bedeckt, die in großer Ordnung gegen Both- well-Moor zogen, einer offenen Gegend, wo sie übernachten wollten, nicht weit vom Clyde entfernt, an dessen entgegengesetztem Ufer das Jnsurgenten-Heer lagerte. Er überlieferte sich dem ersten Reiterposten, ans den er stieß, und gab seinen Wunsch zu erkennen, den Herzog von Monmonth zu sprechen. Der Unteroffizier, der den Posten kommandirtc, berichtete es seinem Vorgesetzten, dieser einem höheren Offizier, und Beide ritten dann an den Ort, wo Morton sich befand. „Ihr verliert nur Enre Zeit, mein Freund, und wagt Euer Leben," sagte Einer von ihnen zu Morton. „Der Herzog von Monmonth will sich in keine Unterhandlung mit Vcrrä- thern einlaffen, die noch unter Waffen stehen, und eure Grausamkeit war so groß, daß sie jede Wiedervergeltung rechtfertigt." „Ich kann unmöglich denken," sagte Morton, „daß der Herzog von Monmonth, selbst wenn er uns als Verbrecher betrachten sollte, eine so große Anzahl seiner Mitunterthanen verdammen werde, ohne auch nur zu hören, was sie zu ihrer 10 Verteidigung etwa sagen würden. Ich für mein Theil fürchte nichts. Ich bin mir bewußt, weder eine Grausamkeit veranlaßt noch gebilligt zu haben, und die Furcht, unschuldig für die Verbrechen Anderer zu leiden, soll mich nicht abhalten, meinen Auftrag auszurichten." Die beiden Offiziere sahen einander an. «Mir fällt ein," sagte der jüngere, «dies ist vielleicht der junge Mann, von dem Lord Evandale sprach " „Ist Mylord Evandale bei dem Heere?" fragte Morton. „Nein!" antwortete der Offizier. „Wir ließen ihn in Edinburg zurück; er war noch zu schwach, um mit in's Feld zu rücken. — Euer Name ist vermutlich Heinrich Morton?" „Ja, Sir!" „Wir wollen Euch nicht hindern den Herzog zu sehen, Sir," sagte der Offizier mit mehr Höflichkeit als zuvor; „aber seid versichert, es führt zu nichts. Denn wenn auch Seine Gnaden Euern Leuten geneigt wäre, so sind doch noch Andere ihm zur Seite, die schwerlich seiner Neigung zustimmen." „Es sollte mir leid thun, wenn dem so wäre," sagte Morton; „aber weine Pflicht ist es, auf meinem Wunsche zu beharren" „Lumley," sagte der höhere Offizier, „berichtet dem Herzog Herr Mortons Ankunft und erinnert Seine Gnaden daran, daß es derselbe sei, von dem Lord Evandale so vorteilhaft sprach." Der Offizier kehrte bald mit der Nachricht zurück, der Feldherr könne diesen Abend Herrn Morton nicht sehen, wolle ihn aber am folgenden Morgen früh vorlassen. Er wurde über Nacht in einer benachbarten Hütte bewacht, aber höflich behandelt und mit jeder Bequemlichkeit versorgt. Am frühen Morgen kam der Offizier, den er zuerst gesehen, um ihn zur Audienz abzuholen. Das Heer war ausgestellt und bildete Colonnen zum Marsch oder zum Angriff. Der Herzog befand sich im Centrum, fast eine halbe Stunde von dem Orte, wo Morton übernachtet hatte. Als er zum General hinritt, hatte er Gelegenheit, die Streitkräfte zu schätzen, die zur Unterdrückung des übereilten und schlecht organistrten Aufstandes versammelt waren. Es waren drei oder vier englische Regimenter, die Blüthe von Karl's Armee, dann die schottischen Leibgarden, die vor Begierde brannten, ihre letzte Niederlage zu rächen; — andere schottische Regimenter und eine beträchtliche Ca- valleriemasse waren zusammengezogen, die theils aus freiwilligen Edelleuten, theils aus Kronvasallen bestand, zu deren Lehnspflicht der Kriegsdienst gehörte. Morton bemerkte auch noch verschiedene starke Schaaren Hochländer, die aus den nächsten Grenzen zusammengezogen waren; diese wurden von den Whigs in den westlichen Gegenden besonders gehaßt und verabscheut. Sie standen unter ihren Häuptlingen und bildeten einen Theil dieser furchtbaren Kriegsmacht. Ein vollständiger Artilleriepark begleitete das Heer, und das Ganze hatte ein so imposantes Ansehen, daß nur ein wahres Wunder die schlecht ausgerüstete, schlecht geordnete und uneinige Jnsur- gentenschaar vom gänzlichen Verderben retten zu können schien. Der Offizier, welcher Morton begleitete, suchte in dessen Blicken die Empfindungen zu lesen, welche diese herrliche und furchtbare Truppenmacht in ihtn erweckte. Aber treu der Sache, die er ergriffen, bestrebte er sich, seine Besorgniß zu unterdrücken, und betrachtete den kriegerischen Prunk um ihn wie eine Sache, die er erwartet hatte und die ihm ganz gleichgültig war. »Ihr seht, welche Bewirthung man Euch zubereitet," sagten die Offiziere. „Hätte ich keinen Appetit dazu, so würde ich Euch in 12 diesem Augenblicke nicht begleiten. Aber nm beider Parteien willen würde ich eine friedlichere Bewirthung wünschen." Unter diesem Gespräch näherten sic sich dem Oberbefehlshaber, welcher, von vielen Offizieren nmgeben, auf einer Anhöhe saß, die eine weite Aussicht gewährte, und von der man die Windungen des majestätischen Clyde und das ferne Jn- snrgentcnlager am jenseitigen User erblicken konnte. Die Offiziere der königlichen Armee schienen das Terrain in der Absicht zu überschauen, nm sogleich einen Angriff anzuvrdnen. Als Hauptmann Lumley, der Offizier, welcher Morton begleitete, dessen Namen und Botschaft dem Herzog in's Ohr flüsterte, gab dieser seiner Umgebung, bis auf zwei höhere Offiziere, ein Zeichen, sich zu entfernen. Sie sprachen einige Minuten leise mit einander, che Morton Erlaubniß hatte, näher zu treten, und so konnte er genau die Personen betrachten, mit denen er unterhandeln sollte. Es war unmöglich, den Herzog von Monmouth anzusehcn, ohne durch die Anmnth und Schönheit seiner Gestalt ergriffen zu werden, so daß ein berühmter Dichter später von ihm sagte: Was er auch that, geschah mit Anmuth, Und angeboren war'ö ihm, zu gefallen; In jeglicher Bewegung lag ein Neiz, Ein Paradies auf seinem Angesichte. Dem aufmerksamen Beobachter jedoch entging cs nicht, daß Monmonths männliche Schönheit manchmal minder ergreifend wurde durch einen Zug von Wankclmuth und Unschlüssigkeit, der auf Zweifel und Unsicherheit deutete, auch in solchen Momenten, wo kräftige Entscheidung am nothwendigsten war. Neben ihm stand Clavcrhouse, den wir bereits kennen, und ein anderer hoher Offizier, dessen Aenßercs besonders auffallend war. Seine Kleidung war nach dem alten Schnitt aus Karls I. Zeit und bestand aus einem Koller von Gemsen- lcdcr, seltsam aufgeschlitzt und mit altmodischer Stickerei und Borden verziert. Seine Stiefel und Sporen waren ebenfalls ein Produkt jener Mode. Er trug einen Brustharnisch, über welchen ein grauer Bart von ehrwürdiger Länge herabfloß, den er zum Zeichen seiner Trauer um Karl I. trug; denn er hatte sich seit der Hinrichtung dieses Fürsten nicht scheeren lassen. Sein Haupt war unbedeckt und fast gänzlich kahl. Seine hohe, gefurchte Stirn, seine grauen, durchdringenden Augen und scharfen Züge bewiesen, daß sein Alter nicht durch Schwäche gebeugt und seine finstere Entschlossenheit durch Menschenliebe nicht gemildert ward. Dies sind, obwohl nur schwach gezeichnet, die äußeren Umrisse des berühmten Generals Thomas Dalzell, eines Mannes, der von den Whigs noch mehr gefürchtet und gehaßt war, als Claverhoufe selbst, und der aus Haß gegen sie, oder vielleicht aus angeborner Strenge, dieselben Gewaltthätigkeiten ausübte, welche Claverhoufe nur aus politischen Gründen beging, als die besten Mittel, die Presbyterianer einzuschüchtern und ihre Sekte gänzlich zu vernichten. Die Gegenwart dieser beiden Generale, von denen Morton einen persönlich und den andern aus der Beschreibung kannte, schien ihm für das Schicksal seiner Botschaft entscheidend. Aber trotz seiner Jugend und Uuerfahrenheit, und trotz des ungünstigen Empfanges, der seiner Vorschläge zu warten schien, näherte er sich muthig, als man ihm das Zeichen dazu gab, fest entschlossen, die Sache seines Vaterlandes und Derer, welche die Waffen ergriffen, solle nicht darunter leiden, daß sic ihm vertraut ward. Monmvuth empfing ihn mit der anmuthigcn Feinheit, die sich selbst in seinen geringsten Handlungen zeigte; Dalzell betrachtete ihn mit düsterem ernsten Blicke, und Claverhoufe mit 14 einem spöttischen Lächeln und einem Kopfnicken, wie einen alten Bekannten. „Ihr kommt von diesen unglücklichen Leuten, Sir," sagte der Herzog, „und Euer Name, glaub' ich, ist Morton. Wollt Ihr uns gefälligst den Inhalt Eurer Botschaft mittheilen?" „Mylord," sagte Morton, „sie ist in der Vorstellung und Bittschrift enthalten, welche, wie ich vcrmuthe, Lord Evandale Eurer Gnaden übergeben." „Das hat er, Sir," antwortete der Herzog, „und ich höre von Lord Evandale, daß sich Herr Morton in dieser unglücklichen Sache mit so viel Mäßigung und Großmuth benommen, daß ich ihn bitte, meinen Dank dafür anzunehmen." Morton bemerkte, daß Dalzell unwillig den Kopf schüttelte und Claverhouse Etwas zuflüstertc, der mit einem Lächeln antwortete. Der Herzog nahm die Bittschrift aus der Tasche, und offenbar kämpfte in ihm seine angeborne Milde und seine Ueberzeugung, daß die Bittsteller nur ihr Recht verlangten, mit dem Wunsche, des Königs Ansehen zu behaupten und sich den strengen Ansichten seiner Collegen zu fügen, die ihm ebensowohl als Rathgeber wie als Beobachter bcigegeben wurden. „In dieser Schrift, Herr Morton, stehen Vorschläge, über deren Angemessenheit ich für jetzt noch meine Meinung zurückhalten muß. Einige davon scheinen mir recht und billig, und obgleich ich darüber keine besonder:! Instruktionen vom König habe, so versichere ich Euch doch auf mein Ehrenwort, Herr Morton, daß ich mich für Eure Sache verwenden nnd meinen ganzen Einfluß bei Sr. Majestät gebrauchen werde. Aber Ihr werdet einsehen, daß ich nur mit Bittenden, aber nicht mit Rebellen unterhandeln kann, und ehe ich Etwas zu Euren 15 Gunsten bewillige, muß ich darauf bestehen, daß Eure Anhänger die Waffen niederlegen und auseinander gehen." „Dadurch, Herr Herzog," crwiederte Morton unerschrocken, „würden wir uns selbst als Rebellen bekennen, wozu unsere Feinde uns stempeln wollen. Wir haben unsere Schwerter gezogen, um unser angeborenes Recht wieder zu erringen, das man uns entrissen. Eurer Gnaden Billigkeit und Einsicht haben schon im Allgemeinen die Gerechtigkeit unserer Bitte gestanden, einer Bitte, auf die man nimmer gehört haben würde, wäre sie nicht vom Schmettern der Trompete begleitet gewesen. Wir können und dürfen daher, selbst wenn Eure Gnaden uns Verzeihung zum Voraus ankündigt, die Waffen nicht niederlegen, wenn wir nicht eine feste Aussicht auf Abhülfe unserer Beschwerden vor Augen haben." „Herr Morton," erwiedertc der Herzog, „Ihr seid jung; aber Ihr müßt genug von der Welt gesehen haben, um zu wissen, daß Gesuche, die an und für sich weder gefährlich noch unvernünftig, es werden können durch die Art und Weise, auf welche man sie betreibt und unterstützt." „Wir können antworten, Mylord," entgegnete Morton, „daß wir zu diesem unangenehmen Mittel erst gegriffen, als alle andere fchlgeschlagen." „Herr Morton," sagte der Herzog, „ich muß diese Unterredung abbrechen. Wir sind zum Angriffe bereit; dennoch will ich ihn eine Stunde aufschieben, daß Ihr meine Antwort den Insurgenten mittheilen könnt. Wollen sie auseinander gehen, die Waffen niederlegen und mir eine friedliche Botschaft zuschicken, so will ich mein Ehrenwort verpfänden, für die Ab- -ülfe ihrer Beschwerden alles Mögliche anzuwcnden; wo nicht, so mögen sie sich vor den Folgen hüte». — Ich glaube, meine Herren," fügte er, zu seinen zwei College» gewendet, hinzu, 16 „weiter kann ich meine Instruktionen zu Gunsten dieser mißleiteten Menschen nicht ausdehnen." „Auf meine Ehre," erwicderte Dalzell rasch, „ick, nach meiner geringen Einsicht, würde sie schon so weit nicht ausgedehnt haben, wenn ich es vor dem König und meinem Gewissen verantworten will. Aber ohne Zweifel wissen Eure Gnaden mehr von des Königs Privatmeinung, als wir, die mir uns bloß nach dem Buchstaben unserer Instruktionen zu richten haben." Monmouth erröthete. „Ihr hört," sagte er, sich zu Morton wendend, „General Dalzell tadelt mich, daß ich so weit gegangen bin." „General Dalzclls Gesinnungen, Mylord, sind so, wie wir sic von ihm erwartet haben," erwicderte Morton; „Eure Gnaden hegen Gesinnungen, wie wir sie zu finden hofften. Ich kann wirklich nicht umhin, hinzuzufügen, daß im Falle einer völligen Unterwerfung, die Ihr durchaus begehrt, cs mehr als zweifelhaft bleibt, wie weit selbst Eurer Gnaden Vermittelung sich wirksam erweist, da dem Könige solche Rathgeber zur Seite stehen. Uebrigens will ich unfern Anführern Eurer Gnaden Antwort mittheilen, und wenn wir keinen Frieden erlangen können, müssen wir den Krieg führen, so gut es geht." „Guten Morgen, Sir," sagte der Herzog; „ich schiebe den Angriff nur noch eine Stunde auf, aber auch nicht länger als eine Stunde. Habt Ihr binnen dieser Zeit eine Antwort zu überbringen, so will ich sie hier empfangen, und ich bitte Euch ernstlich, laßt sie so sein, daß ferneres Blutvergießen verhindert wird." In diesem Augenblicke sahen Dalzell und Claverhouse mit einem noch bedeutungsvvllern Lächeln einander an. Dies bemerkte derHerzog, und wiederholte seineWorte mit großerWürde: „Ja, meine Herren, ich wünsche, die Antwort möchte so ausfallen, daß durch sie ferneres Blutvergießen verhindert würde. Ich hoffe, diese Gesinnung verdient weder Euren Spott, noch kann sie Euer Mißfallen erregen." Ohne zu antworten, erwiederte Dalzell des Herzogs Stirnfalten mit einem finstern Blick. Claverhouse aber, auf dessen Lippen ein ironisches Lächeln schwebte, verbeugte sich und sprach: es komme ihm nicht zu, die Gesinnungen Seiner Gnaden zu beurtheilen. Der Herzog winkte Morton, sich zu entfernen. Er gehorchte und ritt mit seinem vorigen Begleiter langsam durch das Heer, um nach dem Lager der Nonconformisten zurückzu- kehreu. Als er an dem schönen Corps der Leibgarden vorbei- kam, fand er Claverhouse bereits an ihrer Spitze. Kaum hatte dieser Offizier Morton erblickt, als er auf ihn zuritt und auf's Höflichste anredetc: „Ich glaube, dies ist nicht zum ersten Male, daß ich Herrn Morton von Milnwood sehe?" „Es ist nicht des Obersten Grahame Schuld," erwiederte Morton mit bitterem Lächeln, „daß er oder sonst Jemand jetzt durch meine Gegenwart belästigt wird." „Erlaubt mir wenigstens zu sagen," antwortete Claverhouse, „daß Herrn Mortons gegenwärtige Stellung die Meinung rechtfertigt, die ich von ihm gehegt, und daß mein Verfahren bei unserem letzten Zusammensein nur meiner Pflicht angemessen war." „Eure Handlungen mit Eurer Pflicht und Eure Pflicht mit Eurem Gewissen zu versöhnen, ist Eure Sache, Oberst Grahame, nicht die meinige," sagte Morton, mit Recht beleidigt, daß er gleichsam das Urtheil gut heißen sollte, welches fast an ihm vollzogen worden wäre. Die Schwärmer. III. 2 78 „Wartet einen Augenblick," sagte Claverhouse; „Evandale behauptet, ich hätte ein Unrecht gegen Euch wieder gut zu machen. Ich werde immer einen Unterschied machen zwischen einem hochgesinnten Edelmann, welcher, obgleich irre geleitet, nach edeln Grundsätze» handelt, und dem tollen, fanatischen Pöbel dort mit den blutdürstigen Mördern, die ihn anführcn. Wenn sie sich nicht nach Eurer Rückkunft zerstreuen, so bitte ich Euch inständigst, kommt sogleich zu unserer Armee und ergebt Euch; denn seid versichert, sie halten unfern Angriff keine halbe Stunde aus. Wollt Ihr Euch rathcn lassen und dies thun, so fragt nur nach mir. Monmouth, so seltsam dies klingt, kann Euch nicht schützen, Dalzcll will nicht — ich aber kann und will, und ich habe Evandale versprochen, cs zu thun, wenn Ihr mir die Gelegenheit dazu darbieten wollet." „Ich würde dem Lord Evandale sehr verbunden sein," antwortete Morton kalt, „wenn seine Absicht nicht die Meinung bärge, daß ich die Sache Derer verlassen solle, mit denen ich mich verbunden babe- Was Euch betrifft, Herr Oberst, wenn Ihr mir die Ehre erzeigen wollt, auf eine andere Weise Genngthuung zu geben, so werdet Ihr mich in einer Stunde am westlichen Ende der Bothwellbrücke mit dem Schwerte in der Hand finden." „Es wird mich freuen, Euch dort zu treffen," sagte Cla- verhonse; „noch mehr aber, wenn Ihr meinen ersten Vorschlag erwägt." Sie grüßten und trennten sich. „Das ist ein prächtiger Junge, Lumley," sagte Claverhouse zu dem andern Offizier; „aber er ist verloren — sein Blut komme über ihn selbst!" Mit diesen Worten traf er Anstalten zur bevorstehenden Schlacht. Zweites Kapitel. Doch horch! ein andrer Ton schallt au« dem Zelt, Nicht Fried' lind Ruh' herrscht länger drin. B u r n s. Als Morton die wohlgeordneten Vorposten der Königlichen verlassen hatte nnd bei denen seiner eigenen Partei ankam, bemerkte er nur zn sehr den Unterschied der Disciplin beider Heere, und konnte nicht umhin, Besorgnisse über die Folgen zu hegen. Dieselbe Zwietracht, welche im Kriegsrathe herrschte, wütbete jetzt auch unter den Geringsten ihrer Anhänger, und die Vorposten und Strcifwachen waren eifriger darauf bedacht, über die wahren Ursachen des göttlichen Zorns zu streiten und die Grenzen erastinianischer Ketzerei festzusetzen, als die Bewegungen der Feinde zu beobachten, obgleich sie schon die Trommeln und Pauken derselben vernehmen konnten. Es stand zwar auf der langen und schmalen Bothwellbrücke, über die der Feind nothwendig zum Angriff vorrücken mußte, eine Wache; aber auch diese war wie die andern getheilt und ent- muthigt, und da sie die Meinung hegte, sie sei auf einem verzweifelten Posten, dachte sie daran, sich zu der Hauptmacht zurückzuziehcn. Dies würde das Verderben des Heeres voll- 2 2 » endet haben; denn von dev Verthcidigung odev dem Verluste dieses Passes hing höchst wahrscheinlich das Glück oder Unglück des Tages ab. Jenseits lag, ein unbedeutendes Gebüsch ausgenommen, lauter ebenes, freies Feld, also ein Boden, auf dem die ungeregelten Jnsurgentenmassen, denen es sehr an Reiterei und gänzlich an Geschütz fehlte, nicht hoffen konnten, dem Angriffe des königlichen Heeres zu widerstehen. Morton besichtigte daher den Paß genau und hoffte, ihn sehr leicht gegen eine überlegene Macht verthcidigen zu können, wenn man einige Häuser ans dem linken Ufer und die Gebüsche an beiden Seiten besetze, den Paß selbst verschanze und die Thore des Portals verschließe, das nach alter Art auf dem Mittlern Bogen der Brücke erbaut war. Demzufolge traf er seine Anstalten und ließ das Brückengeländer auf der andern Seite des Portals niederreißen, damit es dem Feinde, wenn er angriffe, keinen Schuh gewähre. Morton beschwor seine Leute, auf diesen wichtigen Posten nur ja wachsam und überhaupt auf ihrer Hut zu sein, und versprach, ihnen schleunigst beträchtliche Verstärkung zu senden. Zur Beobachtung der feindlichen Bewegungen ließ er Vedetten über den^Fluß schicken, welche sich bei Annäherung des Feindes sogleich auf das linke Ufer zurückziehen sollten; endlich trug er ihnen noch auf, regelmäßige Berichte von dem mitzu- theilen, was sie etwa beobachteten. Leute unter Waffen und in einer gefährlichen Lage wissen gewöhnlich das Verdienst ihrer Anführer sehr zu schätzen. Mortons Einsicht und Tätigkeit gewann ihm schnell das Zutrauen seiner Leute, und mit mehr Muth und Hoffnung, als zuvor, fingen sie an, ihre Stellung nach seinen Befehlen zu befestigen, und brachen in ein dreimaliges Fceudengeschrei aus, als er sie verließ. Morton sprengte nun nach dem Hauptcorps der Jnsur- 21 genten; aber wie überrascht und bestürzt ward er über die Scene lärmender Verwirrung, welche sich ihm in einem Augenblicke darbot, wo Ordnung und Eintracht von höchster Wichtigkeit waren. Statt in Schlachtordnung aufgestellt zu sein und dem Befehle ihrer Offiziere zu gehorchen, drängten sie sich in wilden Massen zusammen, welche gleich den Mecres- wellen hin- und herwvgten, während Tausende schrieen und nicht ein Einziger hören wollte. Entrüstet über dieses seltsame Schauspiel suchte Morton durch das Gedränge zu kommen, um die Ursache dieser ungemäßen Verwirrung zu erfahren und wo möglich zu entfernen. Jndeß er damit beschäftigt ist, wollen wir den Leser mit dem bekannt machen, was er erst später entdeckte. — Die Insurgenten hatten sich angeschickt, ihren Buß- und Bettag zu halten, welchen sie nach der Sitte der Puritaner in den früher» Bürgerkriegen für das wirksamste Mittel hielten, alle Schwierigkeiten zu lösen und alle Spaltungen auszugleichen. Eine Art Kanzel war in der Mitte des Lagerplatzes errichtet, welche, nach der getroffenen Anordnung, zuerst der ehrwürdige Peter Pfundtext besteigen sollte, dem dieser Ehrenposten, als dem ältesten anwesenden Geistlichen, bewilligt worden. Als aber der würdige Gottesgelahrte mit langsamen stattlichen Schritten sich der für ihn bereiteten Tribüne nähern wollte, wurde er durch die unerwartete Erscheinung tzabakuk Mucklewrath's, des wahnsinnigen Predigers, daran verhindert, dessen ganzes Aeußere Morton bei der ersten Rathsversammlung der Insurgenten nach ihrem Siege bei Loudvnhill so sehr erschreckt hatte. Es ist nicht bekannt, ob er unter dem Einfluß und auf Anreizung der Camervnianer handelte, oder ob er blos durch seine aufgeregte Einbildungskraft und die Lockung der leeren Kanzel getrieben ward, die Gele- genheit zu ergreifen, eine so ansehnliche Gemeine zu erbauen. So viel aber ist gewiß, daß er die Gelegenheit beim Schopf packte, ans die Kanzel sprang, die wilden Augen um sich warf, ohne auf das Murren vieler Zuhörer zu achten, die Bibel öffnete und seinen Text las: „Es sind gewisse Kinder deS Belials ausgegangcn unter dir und haben verführet die Bewohner dieser Stadt, und gesaget: lasset uns gehen und andern Göttern dienen, die ihr nicht ken'net." Hierauf ging er sogleich zu seinem Gegenstände über. Die Rede Mucklewrath's war so wild und schwärmerisch, wie sein Auftreten unbefugt und ungcmäß; aber sie war zusammenhängend und sehr aufreizend, insofern sie sich gerade um die Gegenstände der Zwietracht drehte, dtren Erörterung man auf eine gelegenere Zeit aufzufchieben übereingekommen war. Er vergaß nicht das Geringste, was verletzen konnte, und nachdem er die gemäßigte Partei der Ketzerei, der Kriecherei vor Tyrannen und des Bestrebens beschuldigt hatte, mit Gottes Feinden Frieden zu stiften: beschuldigte er namentlich Morton, daß er einer von den Kindern Belials sei, der, wie es im Texte hieß, ausgegangen wäre, die Bewohner der Stadt zu verführen und falschen Göttern nachzugehen. Ihm und Allen, die ihm folgten, verkündigte Mucklewrath Zorn und Rache, und ermahnte Diejenigen, welche sich rein und unbefleckt erhalten wollten, aus der Mitte von Jenen zu scheiden. „Fürchtet nicht" — sagte er — „das Wiehern der Rosse und das Glänzen der Harnische. Sucht nicht Hülfe bei den Egyptern von wegen des Feindes, und wär' er auch so zahlreich wie die Heuschrecken, und wild wie die Drachen. Ihre Zuversicht ist nicht wie unsere Zuversicht, ihr Fels nicht wie unser Fels; wie würden sonst Tausend fliehen vor Einem, und Zwei Zehntausend in die Flucht schlagen? Ich träumte, und 23 es erschien mir wie ei» Nachtgesicht, und die Stimme sprach: Habakuk nimm deine Schwinge und reinige den Weizen von Spreu, auf daß nicht beide verzehrt werden vom Feuer des Zornes und von dem Blitze des Grimmes. Darum sage ich, nehmet diesen Heinrich Morton, — diesen elenden Achan, der den Fluch über Euch gebracht und sich Brüder gemacht hat im Lager der Feinde — nehmet ihn und steinigt ihn mit Steinen, und dann verbrennet ihn mit Feuer, auf daß der Zorn weiche von den Kindern des Bundes. Er hat kein babylonisch Gewand umgehängt; aber er hat verkauft das Gewand der Gerechtigkeit an das Weib von Babylonien; er hat nicht genommen zweihundert Seckel feinen Silbers, aber er hat vertauscht die Wahrheit, welche köstlicher ist als Seckel Silbers und Barren Goldes." Bei dieser wüthenden Beschuldigung, die so unerwartet gegen einen ihrer thätigstcn Anführer geschleudert ward, brach die Versammlung in offenen Aufruhr aus. Einige verlangten, man solle augenblicklich neue Offiziere wählen, wozu Keiner ernannt werde» solle, der, nach ihrem Ausdruck, an das gerührt Kat, was verflucht war, oder mehr oder minder den Ketzereien und Verderbnissen der Zeit nachgegeben. Während die Cameronianer dies Verlangen aussprachen, schrieen sie laut: wer nicht mit ihnen sei, der sei wider sie; — es sei jetzt nicht Zeit, don wesentlichen Theil des cvvenantischcn Zeugnisses der Kirche fahren zu lassen, wenn sie Segen ihrer Waffen und ihrer Sache erwarten wollten — und in ihren Augen sei ein lauwarmer Presbyterianer wenig besser, als «in Prälatist, ein Anticonvenanter, oder ein Nullisidianer- Die angeklagten Parteien wiesen die Beschuldigung verbrecherischer Nachsicht mit Verachtung und Unwillen zurück, und warfen ihren Anklägern Treubruch und ausschweifenden Eifer vor, 24 indem sie Spaltungen im Heere verursachten, dessen vereinte Kraft selbst die Zuversichtlichsten kaum für hinreichend hielten, dem Feinde die Stirn zu bieten. Pfundtext und noch Einige strengten sich vergebens an, die wachsende Parteiwuth zu hemmen, indem sie ihnen mit den Worten des Patriarchen zuriefen: „Ich bitte dich, laß nicht Streit sein zwischen mir und dir, und zwischen meinen Hirten und deinen Hirten; denn wir sind Brüder." Keine friedliche Eröffnung konnte Gehör finden. Umsonst erhob Burley selbst, als er den Zwist sich so verderblich ausbreiten sah, seine ernste tiefe Stimme, Schweigen und Gehorsam gebietend. Der Geist der Zügellosigkeit war ausgebrochcn, und es schien, als ob die Ermahnung Habakuk Mucklewrath's allen seinen Zuhörern einen Theil seines Wahnsinns mitgetheilt habe. Der klügere oder furchtsamere Theil der Versammlung war schon im Begriff, das Feld zu räumen, und gab ihre Sache verloren. Andere ließen einen harmonischen Ruf, wie sie cs nannten, ertönen, neue Anführer zu wählen und die früher gewählten zu entlassen, und das mit einem Lärm und Gezänke, welches völlig dem Mangel an Verstand und Ordnung entsprach, welcher der ganzen Versammlung eigen war. In diesem Augenblicke nun kam Morton an, und fand das Heer in der äußersten Verwirrung und der Auflösung nahe. Seine Ankunft erregte lautes Freudengeschrei auf der einen, und Verwünschungen auf der andern Seite. „Was bedeutet diefe verderbliche Unordnung in einem solchen Augenblicke?" rief er Burley zu, der, erschöpft von der vergeblichen Anstrengung, Ruhe zu stiften, sich auf sein Schwert lehnte und den Wirrwarr mit dem Blick entschlossener Verzweiflung betrachtete. „Es bedeutet," sagte er, „daß Gott uns in die Hände seiner Feinde gegeben hat." 25 »Nicht so," antwortete Morton mit einer Stimme und Geberde, die Viele zwang, auf ihn zu hören; „nicht Gott hat uns verlassen, wir sind's, die ihn verlasse» und uns selbst entehrt haben, indem wir die Sache der Freiheit und Religion beschimpfen und verrathen. Höret mich!" rief er, indem er auf die Kanzel sprang, die Mucklewrath aus Erschöpfung eben verlassen mußte; — „ich bringe Euch von dem Feinde einen Vorschlag zur Unterhandlung, wenn ihr eure Waffen niederlegen wollt. Ich kann euch aber die Mittel zu einer ehrenvollen Vertheidigung zuflchern, wenn ihr männlichere Gesinnungen hegt. Die Zeit entflieht. Laßt uns entschließen zu Krieg oder Frieden, daß die Nachwelt nicht einst von uns sage, sechstausend bewaffnete Schotten hätten weder den Muth gehabt, sich und ihre Sache zu vertheidigen, noch Klugheit genug, einen Frieden zu unterhandeln, und nicht einmal die feige Weisheit, sich zur rechten Zeit und mit Sicherheit zu- rückznziehen- Was soll-das heißen, über kleinliche Dinge der Kirchenzucht zu streiten, wenn dem ganzen Gebäude völliger Umsturz droht? O erinnert euch, meine Brüder, daß das ärgste und größte Uebel, welches Gott einst über das Volk verhängte, das er auserwählt — die letzte und härteste Strafe ihrer Blindheit und Verstocktheit, der blutige Zwist war, der ihre Stadt zerriß, selbst als der Feind an ihren Thoren donnerte!" Einige der Zuhörer bezeugten ihre Empfindungen bei dieser Ermahnung durch lauten Beifallsruf, andere durch wirres Geschrei und den Ausruf: „Zu deinen Zelten, v Israel!" Morton, der die Colonnen des Feindes schon auf dem rechten Ufer erscheinen und auf die Brücke marschiren sah, erhob seine Stimme, so stark er konnte, deutete mit der Hand hin und rief: — „Still mit eurem unsinnigen Geschrei; dort 26 ist der Feind! Von der Behauptung der Brücke hängt unser Leben ab, und die Hoffnung, unsere Gerechtsame und Freiheiten wieder zu gewinnen. — Ein Schotte wenigstens soll für ihre Vertheidigung sterben. — Wer sein Vaterland liebt, folge mir!" Aller Blicke hatten sich nach jener Gegend gerichtet, nach welcher er zeigte. Der Anblick der blitzenden Reihen der Fußgarden, unterstützt von mehrern Reitergeschwadcrn, der Kanonen, welche gegen die Brücke gerichtet waren, und des langen Zuges der Truppen, welche den Angriff unterstützen sollten, machte plötzlich das wilde Geschrei verstummen und verbreitete eine solche Bestürzung, als wenn dies eine ganz unerwartete Erscheinung wäre, und nicht vielmehr dasjenige, was man hätte erwarten sollen. Sie stierten sich und ihre Führer an, mit den Blicken eines Kranken, der durch einen Anfall von Wahnwitz erschöpft ist. Als aber Morton von der Kanzel sprang und der Brücke zueiltc, folgten ihm gegen hundert junge Leute, die unter seinem unmittelbaren Befehle standen. Burley wendete sich zu Macbriar — „Ephraim," sagte er, „die Vorsehung zeigt uns den Weg durch die weltliche Weisheit dieses freigeisterischen Jünglings — Wer das Licht liebt, folge Burley!" „Bleib!" erwiedcrte Makbriar, „nicht durch Heinrich Morton und seines Gleichen soll unser Ausgang bestimmt werden; deßhalb bleibe bei uns! Ich fürchte Verrath für das Hiervon diesem ungläubigen Achan — Du sollst nicht mit ihm gehen. Du bist unser Wagen und Reiter." „Hindere mich nicht," erwiedcrte Burley, „er hat Recht: Alles ist verloren, wenn der Feind die Brücke gewinnt — darum hindere mich nicht. Sollen die Kinder dieses Geschlechts weiser und tapferer genannt werden, als die Kinder des Heilig- 27 thums? Stellt euch unter eure Führer. Unterstützt uns mit Mannschaft und Munition, und verflucht sei Derjenige, welcher sich abwendet von dem Werke dieses großen Tages!" Mit diesen Worten eilte er der Brücke zu, und bei zweihundert der Tapfersten und Eifrigsten seiner Partei folgten ihm. Eine tiefe, muth- lose Stille herrschte, als Morton und Burley hinweggegangen. Die Führer benutzten sie, um ihre Reihen einigermaßen zu ordnen und ermahnten Diejenigen, welche am meisten dem Feuer ausgesetzt waren, sich auf's Gesicht zu werfen, um den Kugeln zu entgehen, die man jetzt jeden Augenblick erwarten mußte. Die Insurgenten widersetzten sich diesen Befehlen nicht länger; aber der Schrecken, welcher ihre Zwietracht beschwichtigt, hatte auch ihren Muth gelähmt. Sie ließen sich in Reih' nnd Glied stellen, folgsam wie eine Heerde von Schafen, aber auch ohne für den Augenblick mehr Entschlossenheit und Kraft zu besitzen. Die plötzliche Annäherung der Gefahr, gegen welche sie jede Vorbereitung versäumten, als sie noch fern war, hatte sie gänzlich entmuthigt- Indessen waren sie doch mit einiger Regelmäßigkeit ausgerückt, und da sie noch das äußere Aussehen einer Armee hatten, so hofften ihre Führer, irgend ein günsti- gerZufall werde ihnen Muth und Entschlossenheit wieder geben. Pauker, Pfundtext, Macbriar und andere Geistliche gingen geschäftig durch die Reihen und ermahnten die Krieger einen Psalm anzustimmen. Aber die Abergläubischen unter ihnen bemerkten es als ein böses Omen, daß ihr Lob- und Siegsgesang in einem Stammeln der Bestürzung erstarb und eher einem Bußliede glich, das auf dem Schaffote einem Verbrecher gesungen wird, als den kühnen Tönen, welche einst auf der wilden Haide von Loudonhill im Vorgefühl des Sieges erklangen. Die schwermüthige Melodie erhielt bald eine rauhe Begleitung; denn die Kanonen fingen an auf einer Seite, die 28 Flinten auf beiden Seiten zu feuern und die Both wellbrücke und die nahen Ufer lagen in Rauch und Dampf gehüllt. — Drittes Kapitel. Wie der Negen niederfäklt, Wie der Pfeil vom Bogen saust, Also fielen Schottlands Söhne, Auf den Hügeln, todumgraust! Alte Ballade. Ehe Morton und Burley den zu vcrtheidigenden Posten erreichten, hatte der Feind auf denselben einen muthige» Angriff begonnen. Die beiden Fnßgarderegimenter stürmten in dichten Kolonnen dem Flusse zu; das eine entfaltete sich auf dem rechten Ufer und begann mit Nachdruck auf die Verthei- diger zu feuern, während das andere vorwärts drängte, um die Brücke zu besetzen. Die Insurgenten hielten den Angriff mit großer Standhaftigkeit ans, und während der eine Theil das Feuer gegenüber erwiderte, unterhielten cs die Uebrigen gegen das vordere Ende der Brücke und jeden Zugang, wo die Soldaten vorzudringcn strebten. Die Letztern litten sehr, gewannen aber immer mehr Boden, und die Spitze ihrer Co- lonne war bereits auf der Brücke, als Mortons Ankunft die Scene veränderte. Seine Schützen begannen durch ein wohl- gerichtctes, regelmäßiges Feuer die Angreifenden mit großem Verluste zurückzutreiben. Sie drangen nochmals vor und wur- den abermals mit großem Verluste zurückgetrieben, da nun auch Burley seine Schaar in's Gefecht gebracht. Das Feuer wurde mit der größten Lebhaftigkeit auf beiden Seiten unterhalten und der Ausgang des Treffens schien sehr zweifelhaft. Monmouth, der auf einem prächtigen Zelter saß, hielt auf der Anhöhe am rechten Ufer und trieb durch Bitten und Befehle die Krieger zu neuen Anstrengungen. Auf seinen Befehl wurden die Kanonen, die bis jetzt bloß gegen die entfernte Hauptmacht der Insurgenten gebraucht worden, gegen die Ver- theidiger der Brücke gerichtet. Da aber diese furchtbaren Maschinen damals weit langsamer bedient wurden als jetzt, so brachten sic auch nicht die gehörige Wirkung hervor. Die Insurgenten, theils durch das Gebüsch am Ufer, theils in den bereits erwähnten Häusern verborgen, fochten also gedeckt, während die Royalisten durch Mortons Vorkehrungen gänzlich bloßgestellt waren. Die Vertheidigung war so dauernd und hartnäckig, daß die königlichen Generale an dem endlichen Gelingen des Unternehmens zu zweifeln begannen. Monmouth sprang vom Pferde, sammelte die Krieger und führte sie nochmals zu einem verzweifelten Angriffe heran, während sich Dalzell an die Spitze der Hochländer von Lenox stellte und mit entsetzlichem Kriegsgeschrei vordringend, ihn unterstützte. In diesem entscheidenden Augenblicke begann den Verthcidi- gern der Brücke die Munition auszugehen; vergebens wurden viele Boten mit den dringendsten Forderungen um Hülfe und Vorrath an das HauptcorpS der Presbyterianer abgeschickt, welches unthätig im offenen Felde rückwärts aufgestellt war. Furcht, Bestürzung und Unordnung herrschten unter ihnen, und obgleich der Posten, von dem ihre Sicherheit abhing, augenblicklich und ansehnlich hätte verstärkt werden sollen, war Niemand da, der befohlen oder gehorcht hätte. 3V Je schwächer das Feuer der Vertheidiger der Brücke ward, desto heftiger und verderblicher wurde das der Angreifenden. Durch das Beispiel und die Ermahnungen ihrer Generale cr- muthigt, faßten sie festen Fuß auf der Brücke selbst und begannen die Hindernisse wegzuräumen, die ihren Fortgang hemmten. Das Portal wurde erbrochen, die Balken, Baumstämme und sonstiges, zur Verrammelung gebrauchtes Material, heruntergerissen und in den Fluß geworfen. Doch geschah dies nicht ohne Widerstand. Morton und Burley fochten an der Spitze ihrer Leute und munterten sie auf, mit ihren Piken, Hellebarden und Partisanen den Bajonetten der Garden und den Schwerter» der Hochländer Stand zu halten. Aber die Hinteren fingen an, von dem ungleichen Kampfe abzustehen und flohen einzeln oder je zwei und drei zum Haupt- corxs, bis der Rest, eben so sehr durch den bloßen Druck der feindlichen Colonne, wie durch deren Waffen, völlig von der Brücke verdrängt ward. Jetzt war der Uebergang offen und der Feind begann vorzudringen. Allein die Brücke war lang und schmal, was die Bewegung langsam und gefährlich machte; auch hatten die, welche zuerst herüberkamen, noch die Häuser zu erstürmen, aus deren Fenstern die Cvvenanter zu feuern fortfuhren. Burley und Morton waren in diesem entscheidenden Augenblicke einander nahe. „Noch ist's Zeit, die Reiterei zum Angriff zu bringen," sagte der Ersterc, „che sie flch wieder ordnen. So können wir mit Gottes Hülse wieder die Brücke gewinnen, — rufe sic eilends herbei, während ich mit diesem alten und matten Körper die Vertheidigung fvrtsehe." Morton erkannte die Wichtigkeit dieses Rathes, warf sich auf das Pferd, welches Cuddie für ihn hinter dem Dickicht bereit hielt, und sprengte auf einen Reitcrtrupp zu, der zu- 31 fällig ganz aus Cameronianern bestand. Ehe er seine Botschaft ausrichten oder seine Befehle ertheilen konnte, wurde er von den Verwünschungen des ganzen Haufens empfangen. „Er flieht!" riefen sie — „der feige Verräther, flieht wie ein Hirsch vor den Jägern, und hat den tapfern Burley mitten im Gefecht verlassen!" „Ich fliehe nicht," sagte Morton. „Ich komme, euch znm Angriff zu führen. Muthig vorwärts, und es gelingt!" „Folgt ihm nicht! folgt ihm nicht!" schrie es aus dem wilden Haufen — „er hat euch dem Schwert des Feindes verkauft!" Während Morton vergebens zurcdete, bat und befahl, war der Augenblick verloren, der zum Angriff von Nutzen hätte sein können. Da nun die Brücke gänzlich in den Händen des Feindes war, so wurden Burley und die übrigen Krieger zur Hauptmacht zurückgctriebcn, welcher der Anblick dieses unordentlichen Rückzugs kcinesweges die Zuversicht geben konnte, deren sie so sehr bedurfte. Unterdessen zogen die königlichen Truppen ungehindert über die Brücke, deckten den Zugang und stellten sich in Schlachtordnung, während Claverhouse, der gleich einem Falken auf dem Felsen, welcher den Augenblick erlauert, wo er auf seine Beute stürzen kann, den Ansgang des Gefechts beobachtet hatte, nun an der Spitze der Reiterei über die Brücke sprengte, seine Schaar ordnete und zum Angriff führte. Die unglücklichen Insurgenten waren jetzt in der Lage, wo die leiseste Bewegung zum Angriff einen panischen Schrecken hcrvorbringt. Jhr Mnth war gebrochen und sie waren nicht im Stande den Angriff der Cavallerie auszuhalten, deren Vordringen von Allem begleitet ist, was Auge und Ohr furchtbar erschreckt: — wild- schnanbende Pferde, zitternder Boten unter ihren Füßen, blitzende Schwerter, wehende Helmbüsche und furchtbarer Schlachtruf. Kaum versuchten die vordersten Reihen ein ungeregeltes Feuer; der Nachtrab aber floh in Verwirrung, che noch der Angriff ausgeführt war, und in weniger als fünf Minuten waren die Reiter unter ihnen und hieben sie schonungslos nieder. Den wilden Kampf übertönte die Stimme Claverhouses, der seinen Kriegern zurief: „Nieder mit ihnen! — Kein Pardon! Denkt an Richard Grahame!" — Die Dragoner, von denen viele die Schmach auf Loudonhill gctheilt hatten, bedurften keiner Ermahnung zu einer Rache, die eben so leicht als vollständig war. Ihre Schwerter tranken das Blut der Flüchtlinge, die keinen Widerstand leisteten- Das Flehen um Pardon wurde blos durch das Geschrei beantwortet, mit welchem die Verfolger ihre Streiche begleiteten, und das ganze Gefilde bot nur den Anblick wirren Gemetzels, der Flucht und Verfolgung dar. Gegen zwölfhundert Insurgenten, welche etwas entfernt von den übrigen uud außer der Angriffslinie der Cavallerie standen, streckten ihre Waffen und ergaben sich auf Gnade und Ungnade, als der Herzog von Monmouth sich an der Spitze des Fußvolks näherte. Dieser mildgeflnnte Fürst bewilligte ihnen augenblicklich den Pardon, um den sie baten, sprengte durch das Schlachtfeld und war jetzt eben so thätig, dem Gemetzel Einhalt zu thun, als früher, den Sieg zu erringen. Während dieses menschenfreundlichen Bemühens stieß er auf den General Dalzell, der die furchtbaren Hochländer und die königlichen Freiwilligen ermuthigte, ihren Eifer für König und Vaterland zu zeigen und die Flamme der Empörung mit dem Blute der Empörer zu ersticken. „Steckt Euer Schwert ein, General; ich befehle es Euch!" rief der Herzog. „Laßt zum Rückzug blasen. Genug des Bluts ist vergossen. GebtPardon den mißleiteten Unterthanen desKönigs!" 33 ^ »Ich gehorche Euer Gnaden," antwortete der Greis, indem er sein blutiges Schwert abwischte und in die Scheide steckte; „aber ich versichere Euch zu gleicher Zeit, daß noch nichts geschehen ist, diese verzweifelten Rebellen einzuschüchtern. Hat Euer Gnaden nicht gehört, daß Bafll Olifant mehrere angesehene Leute im Westen gesammelt hat und im Begriff ist, sich mit ihnen zu vereinigen?" „Basil Olifant?" sagte der Herzog; „wer ist das?" „Der nächste männliche Erbe des Grafen von Torwood; er ist der Regierung abhold, weil sie seine Ansprüche auf die Besitzungen der Lady Margaretha Bellenden abgewiesen, und ich vermuthe, die Hoffnung, jene Erbschaft zu gewinnen, hat ihn in Bewegung gesetzt." „Seine Beweggründe seien, welche sie wollen," erwiederte Monmouth, „er muß bald seine Anhänger auseinandergehen lassen; denn diese Armee ist zu sehr zerrüttet, um sich wieder zu sammeln. Deshalb befchl' ich nochmals, daß die Verfolgung eingestellt werde." „Es ist Euer Gnaden Sache zu befehlen und für Eure Befehle verantwortlich zu sein," antwortete Dalzell, als er zögernd den Befehl gab, von der Verfolgung abzulassen. Aber der feurige und rachsüchtige Grahame war zu weit voraus, um das Signal zum Rückzug hören zu können, und setzte mit seiner Reiterei unablässig die blutige Verfolgung fort, indem er Alles, was er von den Insurgenten erreichen konnte, zersprengte und niedcrmetzelte. Burley und Morton wurden von dem Strome der Flüchtigen mit fortgerissen. Sie versuchten die Straße von Hamilton zu vertheidigcn; während sie sich aber bemüheten, die Fliehenden wieder zum Stehen zu bringen, ward Burleys rechter Arm von einer Kugel zerschmettert. Die Schwärmer. III. 3 34 „Möge die Hand verdorren, die diesen Schuß gethan!" rief er, als das Schwert, das er über seinem Haupte geschwungen hatte, kraftlos niedersank. — „Ich kann nicht mehr fechten!" Darauf wendete er sein Pferd und entfloh aus dem Getümmel. Morton sah nun ein, daß seine vergeblichen Bemühungen, die Fliehenden zu sammeln, für ihn nur mit Tod oder Gefangenschaft enden könnten; er entzog sich also, von dem treuen Cnddie begleitet, dem Gedränge, und da er gut beritten war, setzte er über einige Hecken und gewann das offene Feld. Vom ersten Hügel, den sie auf ihrer Flucht erreichten, blickten sie rückwärts und sahen die ganze Gegend mit ihren flüchtigen Gefährten und den verfolgenden Dragonern bedeckt, deren wildes Jauchzen beim Nicdermetzeln der Flüchtigen, vermischt mit dem Jammergeschrei der Schlacht- vpfer, gellend zum Hügel hinauftönte. „Sie können unmöglich wieder Stand halten," sagte Morton. „Der Kopf ist ihnen abgeschnittcn, so glatt, als ich ihn einer Zwiebel abbeißen würde," erwiederte Cnddie. „Ach, Herr, seht nur, wie die Schwerter blitzen! Der Krieg ist doch ein furchtbares Ding. Wer mich wieder dazu bringen will, muß früh aufstehen. — Aber, um Gotteswillen, macht, daß wir fortkommen!" Morton sah die Nothwendigkeit ein, dem Rathe seines treuen Knappen zu folgen- Ohne zu verschnaufen, ritten sie in raschem Trabe nach der rauhen Berggegend, wo sie mehrere der Flüchtlinge zu finden hofften, entweder um Widerstand zu leisten, oder von Neuem zu unterhandeln. Viertes Kapitel. — — — — — Sie fordern Vom Himmel Löwcnherzen, Tigerathem, Und seine Wildheit obendrein. F le tcher. Es war Abend geworden, und seit zwei Stunden hatten Morton und sein treuer Diener keinen ihrer unglücklichen Gefährten gesehen; da erreichten sie endlich die Moorgegend und näherten sich einem großen, einsamen Pachthofe, der am Eingänge eines wüsten, sumpfigen Thales lag, weit entfernt von jeder andern menschlichen Behausung. „Unsere Pferde tragen uns nicht länger ohne Rast und ohne Futter," sagte Morton; „wir müssen versuchen, Beides wo möglich hier zu erhalten." Mit diesen Worten ritt er auf das Haus zu, das allem Anschein nach bewohnt war. Eine starke Rauchsäule stieg ans dem Schornsteine und frische Hufspuren waren vor der Thüre sichtbar. Sie konnten sogar das Gemurmel von menschlichen Stimmen innerhalb des Hauses vernehmen. Aber die untern Fenster waren fest verschlossen, und als sie an die Thüre klopften, erfolgte keine Antwort. Nachdem sie vergebens um Einlaß gerufen und gebeten hatten, gingen sie in den Stall 3 * 36 oder Schuppen, um erst ihre Pferde untcrzubringen, bevor sie andere Mittel gebrauchten, eingelassen zu werden. Hier fanden sie zehn bis zwölf Pferde, deren ermüdetes, doch kriegerisches Aussehen hinlänglich bewies, daß sie ebenfalls flüchtigen Insurgenten angehörten. „Das bedeutet was Gutes," sagte Cuddie. „Sie haben viel Rindfleisch, das ist ausgemacht; denn hier liegt eine frische Haut, die einem Ochsen vor einer halben Stunde noch auf dem Leibe gesessen, — sie ist noch warm." Durch diese Anzeichen aufgemuntert, kehrten sie nach dem Hause zurück, kündigten sich denen innerhalb desselben als Gefährten an und forderten mit lauter Stimme Einlaß. Nach langem, hartnäckigem Stillschweigen antwortete eine ernste Stimme aus einem Fenster: „Wer Ihr auch seid, stört nicht, die da trauern um die Verwüstung und Gefangenschaft des Landes, und die da forschen nach den Ursachen des Zornes und des Abfalls, auf daß hinweggerafft werden die Steine des Anstoßes, über welche wir gestrauchelt." „Das sind wilde Whigs aus dem Westen," flüsterte Cuddie seinem Herrn zu; „ich kenne sie an der Sprache. Der Teufel soll mich holen, wenn ich mich unter sie wage." Morton hingegen rief den Leuten drinnen nochmals zu, und bestand darauf, eingelassen zu werden; da aber sein Verlangen wiederum unbeachtet blieb, öffnete er eines der untern Fenster, indem er die nur schwach verschlossenen Laden zurückschob, sprang hinein und befand sich in der großen Küche, aus welcher die Stimme gekommen war. Cuddie folgte ihm und murmelte zwischen den Zähnen, als er den Kopf in's Fenster steckte: „Hoffentlich wird keine heiße Brühe am Feuer sein." — Herr und Diener befanden sich nun in der Gesellschaft von zehn bis zwölf bewaffneten Männern, welche rings 37 um ei» Feuer saßen, an dem das Essen zubereitet ward, und ihre Andacht zu verrichten schienen. An den finstern, vom Feuer beleuchteten Gesichtern erkannte Morton sogleich mehrere jener Eiferer, die sich am hartnäckigsten jeder milden Maßregel widersetzt hatten, und unter ihnen befand sich ihr bekannter Prediger Ephraim Mac- briar, und der wahnsinnige Habakuk Mncklewrath. Die Cameronianer regten weder Hand noch Zunge, um ihre Leidensgefährten zu begrüßen, sondern horchten fortwährend dem leisen Murmeln Macbriars, welcher betete, der Allmächtige möge seine schwere Hand wegwendcn von seinem Volke und es nicht verderben am Tage seines Zornes. Daß sie die Anwesenheit der Eingedrungenen bemerkten, zeigte sich nur in den finstern, unwilligen Blicken, welche sie von Zeit zu Zeit auf jene schossen, wenn ihre Augen sich begegneten. Morton, der nun einsah, in welche unfreundliche Gesellschaft er gerathen war, begann an den Rückzug zu denken; aber als er sich umsah, bemerkte er mit einiger Unruhe, daß zwei starke Männer sich schweigend an das Fenster gestellt hatten, durch welches er hereingekommen. Einer dieser unheimlichen Wachen flüsterte Cuddie zu: „Sohn jenes herrlichen Weibes, Mause Headrigg, werfe Dein Loos nicht ferner mit diesem Kinde des Verraths und des Verderbens- Gehe Deines Weges und säume nicht; denn der Bluträcher ist hinter Dir!» Hiermit deutete er auf das Fenster, ans welchem Cuddie ohne Zögern hinaussprang; denn der empfangene Rath lehrte ihn, welcher Gefahr er sonst ausgesetzt sein würde. „Mit Fenstern Hab' ich nun einmal kein Glück," war sein erster Gedanke, als er sich wieder in freier Luft befand; sein 38 nächster aber betraf das künftige Geschick seines Herrn. „Sie werden ihn tödten, die mörderischen Schurken, und werden glauben, sie thnn ein frommes Werk! Aber ich will nach Hamilton zurück und sehen, ob ich einige von den Unsrigen treffe, um in dieser Noth zu helfen." Mit diesen Worten eilte er in den Stall, nahm statt seines eigenen müden Pferdes das beste, das er finden konnte, und sprengte nach Hamilton. Der Hufschlag seines Pferdes störte einen Augenblick die Andacht der Schwärmer. Als es in der Ferne erstarb, endigte Macbriar sein Gebet. Seine Zuhörer erhoben sich nun aus der gebeugten Stellung und richteten ihre finstern Blicke auf Heinrich Morton. „Ihr seht mich sonderbar an, Ihr Herren," begann dieser. „Ich weiß durchaus nicht, wie ich das verdient habe-" „Wehe Dir, wehe Dir!" rief Mucklewrath aufspringend. „Das Wort, so Du verschmähet hast, soll ein Fels werden, der Dich zerschmettert und zermalmt; der Speer, den Du gern zerbrochen hättest, soll Deine Seite durchbohren. Wir haben gebeten, gerungen und gestehet um ein Sühnopfer für die Sünden der Gemeine, und siehe! das Haupt der Sünde ist in unsere Hände gegeben. Eingebrochcn ist er durch's Fenster, wie ein Dieb; er ist ein Widder, so gefangen ward im Gebüsche, und sein Blut soll werden ein Trankopfer, die Rache von der Kirche abzuwenden, und der Ort soll von nun an genannt werden Jehovah-Jireh; denn das Opfer ist ersehen. Auf denn, und bindet das Opfer mit Stricken an die Hörner des Altars!" Es entstand eine Bewegung unter den Männern, und Morton bedauerte herzlich die unvorsichtige Eile, mit der er sich in diese Gesellschaft gewagt. Er war bloß mit seinem 39 Schwerte bewaffnet; denn seine Pistolen hatte er in den Halstern gelassen. Da nun aber die Whigs sämmtlich mit Feuerwaffen versehen waren, so war an Widerstand kaum zu denken- Macbriars Verwendung schuhte ihn indessen für den Augenblick. „Wartet noch ein wenig, meine Brüder — laßt uns das Schwert nicht schnell gebrauchen, auf daß nicht unschuldiges Blut schwer auf uns laste. — Komm," fuhr er zu Morton gewendet fort, „wir wollen mit Dir abrechnen, ehe wir die Sache rächen, die Du vcrrathen hast. — Hast Du nicht Dein Angesicht hart gemacht wie Kiesel gegen die Wahrheit in allen Versammlungen des Heeres?" »Ja, ja!" murmelte es dumpf im Kreise. „Er hat immer auf Frieden gedrungen mit den Uebelgc- sinnten," sagte Einer. „Und hat immer für die finstere und schwere Sünde der Jndulgenz gesprochen," sagte ein Anderer. „Und hätte das Heer in Monmouths Hände überliefert," begann ein Dritter; „und war der Erste, der den biedern und lapfern Burley verließ, als er noch den Paß vcrtheidigte. Ich sah ihn auf der Haide und sein Pferd blutete vom Sporn, lange noch, ehe das Feuer an der Brücke aufgehört hatte." „Ihr Herren," erwiederte Morton, „wenn Ihr mich durch tzeschrei übertäuben und mir das Leben nehmen wollt, ohne nich anzuhörcn, so steht das vielleicht in Eurer Macht; aber Ar werdet Euch vor Gott und Menschen versündigen, wenn Ir einen solchen Mord begeht." „Ich sage Euch, hört den Jüngling," sprach Macbriar; „Knn der Himmel weiß, unsere Eingeweide haben gejammert un ihn, daß er möchte dahin gebracht werden, die Wahrheit zu erkennen und seine Gaben zu ihrer Vcrtheidignng anzu- 40 wenden. Aber er ist verblendet durch seine fleischliche» Kenntnisse, und hat das Licht verschmäht, als es vor ihm leuchtete." Als es still geworden war, fing Morton an zn betheuern, daß ec in der Unterhandlung mit Monmouth redlich gestrebt, und im Treffen thätigen Antheil genommen habe. «Ich kann freilich nicht so weit gehen, wie Ihr wünscht," sagte er, „daß ich nämlich Denen, die meines Glaubens sind, die Mittel in die Hände gebe, Andere zu tyrannistren; aber in der Behauptung unserer gesetzlichen Freiheit wird mich Niemand znrücklassen. Und ich muß offen gestehen, wären Andere meiner Gesinnung im Rathe gewesen, oder in der Schlacht mir zur Seite gestanden, wir würden heute Abend, statt als geschlagene Flüchtlinge hier zu sein, unsere Schwerter nach einem heilsamen, ehrenvollen Frieden in die Scheide stecken, oder sie nach einem entscheidenden Siege triumphirend über unsere Häupter schwingen." „Er hat das Wort gesprochen," sagte Einer aus der Versammlung — „er hat bekannt seine fleischliche und erastinia- nische Selbstsucht. Laßt ihn des Todes sterben!" „Still, noch einmal!" sagte Macbriar; „denn ich will ihn ferner prüfen. — Geschah es nicht durch Dich, daß der bösgesinnte Evandale zwei Mal dem Tode und der Gefangenschaft entrann? Geschah es nicht durch Dich, daß Milcs Bellenden und seine Mörderbesahung von der Schärfe der Schwertes gerettet wurden?" „Ich bin stolz darauf zu bekennen, daß Ihr durchaus dr Wahrheit gesprochen," erwiederte Morton. „Seht Ihr," sagte Macbriar, „sein eigener Mund hat s abermals ansgesagt. — Und thatest Du es nicht wegen irs midianitischen Weibes, eines Sprößlings der bischöflich» Kirche, eines Spielwerkcs, das in der Falle des Erzfeiwes zum Köder dient? Thatest Du nicht Alles dies wegen Ediths Bellenden?" „Ihr seid nicht fähig, meine Gefühle gegen diese junge Dame zu schätzen," antwortete Morton dreist. „Aber Alles, was ich gethan habe, würde ich gethan haben, auch wenn sie nie gelebt hätte." „Du bist hartnäckig und verstockt gegen die Wahrheit. — Und handeltest Du nicht also, auf daß Du durch Wegführung des alten Weibes Margaretha Bellenden und ihrer Enkelin den weisen und gottgefälligen Plan John Balfours von Burley zerstörtest, nämlich den Bastl Olifant in den Kampf zu bringen, der bereit war, das Feld zu behaupten, wenn wir ihm den Besitz der weltlichen Güter dieser Weiber sicherten?" „Von diesem Plane habe ich nichts gehört," sagte Morton, „und darum konnte ich ihn auch nicht zerstören. — Aber gestattet Euch Eure Religion, zu solchen unredlichen Mitteln zu greifen?" „Still!" rief Macbriar mit einiger Verlegenheit. „Dir ziemt es nicht, gewissenhafte Bekenner des Glaubens zu unterrichten, oder die Pflichten des Covenants zu bestimmen. Uebrigens hast Du genug der Sünde und des traurigen Abfalls eingestanden, um eine Niederlage über ein Heer zu bringen, wäre es auch so zahlreich, wie der Sand am Meere. Und es ist unser Urtheil, daß es nicht in unserer Macht steht, Dich frei und lebend ausgehcn zu lassen, da die Vorsehung Dich unfern Händen übergeben hat in dem Augenblicke, da wir beteten mit dem gottseligen Josua, wie folgt: Was sollen wir sagen, wenn Israel den Rücken kehrt seinen Feinden? — Da kamst Du und wurdest uns überliefert, als wäre es durch's Loos, auf daß Du die Strafe dessen erduldest, der da Thor- heit gebracht hat in Israel. Darum merke auf meine Worte. 42 Dies ist der Sabbath, und unsere Hand soll nicht über Dir sein, Dein Blut zu vergießen an diesem Tage. Aber wenn die zwölfte Stunde schlägt, so ist's ein Zeichen, daß Deine Zeit abgelanfen ist- Darum benutze die Spanne, denn sle entflieht schnell. — Ergreift den Gefangenen, meine Brüder, und nehmt sei» Schwert von ihm." Dieser Befehl ward so unerwartet gegeben und so plötzlich von Denen vollzogen, die hinter und neben Morton getreten waren, daß er sich überwältigt und entwaffnet sah, che er wirksamen Widerstand leisten konnte- Hierauf entstand eine Todtenstillc. Die Fanatiker setzten sich rings um einen großen eichene» Tisch und nahmen Morton in ihre Mitte, so daß er der Uhr gegenüber saß, die seine letzte Stunde schlagen sollte. Speise wurde ihnen vorgeseht, von der sie ihrem erlesenen Opfer einen Thcil anboten; aber dazu hatte er natürlich keinen Appetit. Nach dem Mahle nahmen die Schwärmer ihre Andachtsübungen wieder vor, und Macbriar betete mit glühendem Eifer, von der Gottheit ein Zeichen zu erflehen, daß das blutige Opfer, welches sie bringen wollten, ihr angenehm sei. Alle waren ganz Auge und Ohr, um Etwas zu sehen oder zu hören, das sich als ein Zeichen des Wohlgefallens könne deuten lassen, und sie richteten immer wieder die dnstcrn Blicke auf das Zifferblatt, um dem Zeiger zu folgen, wie er sich langsam dem blutige» Augenblicke näherte. Mortons Auge nahm häufig dieselbe Richtung, von dem traurigen Gedanken ergriffen, daß keine Möglichkeit vorhanden sei, sein Lebe» über den winzigen Raum hinaus verlängert zu sehen, den der Zeiger noch bis zur unseligen Stunde zu durchlaufen hatte- Treue in seiner Religion, festes unerschütterliches Ehrgefühl und das Bewußtsein seiner Unschuld setzten ihn in den Stand, diesen schrecklichen Zwischenraum mit größerer Gelassenheit zu ertragen, als er erwartet hatte, wenn ihm eine solche Lage voraus verkündigt worden wäre, und dennoch gebrach es ihm an jenem ermunternden und belebenden Gefühle des Rechts, das ihn in ähnlichen Verhältnissen aufrecht hielt, als er sich in Clavcrhonse's Gewalt befand. Damals wußte er, daß unter den Zuschauern Viele seine Lage bedauerten und sein Benehmen billigten. Jetzt aber, unter diesen blödsinnigen, grausamen Fanatikern, auf deren eiserner Stirn nicht bloß Gleichgültigkeit, sondern auch Triumph über seine Hinrichtung zu lesen sein sollte, — ohne einen Freund, der ihm ein liebendes Wort zuspräche, oder einen Blick des Mitgefühls auf ihn richte — das Schwert erwartend, das ihn tödten sollte: — iss es zu verwundern, daß jetzt seine Gefühle weniger unerschütterlich waren, als bei irgend einer andern Gefahr? Seine bestimmten Henker schienen, als er sie anblickte, sich zu verwandeln gleich Gespenstern in einem fieberischen Traume; sie vergrößerten sich, und ihre Gesichter wurden verzerrt, und wie die aufgeregte Einbildungskraft über die Eindrücke herrscht, welche das Auge empfängt, so kam es ihm fast vor, als befände er sich unter Teufeln, statt u»tcr menschlichen Wesen. Die Mauern schienen von Blut zu triefen, und das leise Picken der Uhr klang ihm so laut und schmerzlich, als wäre jeder Ton ein Nadelstich in sein Ohr. Schmerzlich berührte ihn dies Schwanken am Rande des Grabes. Er suchte mit aller Gewalt Fassung zum Gebete zu erringen, und unfähig in diesem furchtbaren Kampfe der Natur, seine Gedanken zu ordnen und anszudrücken, nahm er instinktmäßig seine Zuflucht znm Gebete um Gemüthsruhe und Geistesfassnng, das sich im allgemeinen Gebetbuche der englischen Kirche befindet. Macbriar, dessen Familie sich zu diesem Glauben bekannte, erkannte sogleich die Worte, welche der unglückliche Gefangene halblaut aussprach. „Das fehlte noch!" rief er, und Zvrnesglut röthete seine bleiche Wange; „das fehlte noch, um meinen fleischlichen Widerwillen, sein Blut zu vergießen, gänzlich ausznrotten- Er ist ein Prälatist, der sich in's Lager geschlichen hat unter der Maske eines Erastinianers; und Alles, ja mehr noch als Alles, was von ihm gesagt worden ist, muß wahr sein. Sein Blut komme über sein Haupt! — Der Betrüger! — hinab zur Hölle laßt ihn fahren mit dem schlechtverkappten Meßbuche in der Hand, das er ein Gebetbuch nennt." „Ich erhebe meinen Sang gegen ihn," rief der Wahnsinnige. „Gleichwie die Sonne um zehn Grade zurückging auf dem Zeiger, die Genesung deS heiligen Hiskia anzuzeigen, also soll sie nun vorwärts gehen, daß die Gottlosen hinweggerafft werden aus dem Volke und der Covenant hergestellt in seiner Reinheit." Mit den Gebcrden eines Wahnsinnigen sprang er auf den Stuhl, um durch Vorrückung des Zeigers den unglücklichen Augenblick zu beschleunigen, und Mehrere der Gesellschaft rüsteten sich schon zur Hinrichtung, als Mucklewraths Hand von einem seiner Gefährten gehalten ward. „Still!" sagte er; „ich höre ein fernes Geräusch." „Es ist der Bach, der über die Kiesel rauscht," sagte Einer. „Der Wind rauscht zwischen den Farrenkräntern," sagte ein Anderer. „Es ist der Hufschlag von Pferden," dachte Morton, dessen Gehör durch die schreckliche Lage geschärft war. „Gott gebe, daß sie zu meiner Befreiung kommen." Das Geräusch näherte sich schnell und ward immer deutlicher. 45 „ES sind Reiter!" rief Macbriar; „seht doch nach, wer fle sind." „Der Feind kommt über uns!" rief Einer, der auf Mac- briars Befehl das Fenster geöffnet hatte. Bald darauf hörte man deutlich den Hnfschlag vieler Pferde und laute Stimmen rings um das Haus- Einige rüsteten sich zum Widerstande, Andere zur Flucht. Thüren und Fenster wurden mit einem Male erbrochen, und die Roth- röckc erschienen im Zimmer. „Nieder mit den blutigen Rebellen! — denkt an Cornet Grahame! — erscholl es von allen Seiten. Die Lichter wurden zwar umgestürzt; aber bei dem Scheine des Herdfeuers wurde das Gefecht fortgesetzt. Einige Pistolen wurden abgeschossen; der Whig, welcher Morton zunächst saß, empfing beim Anfstehen einen Schuß, taumelte gegen de» Gefangenen, den er mit sich fortriß, und auf dem er, ein Sterbender, lag. Dieser Zufall bewahrte Morton wahrscheinlich in der Gefahr, der er in einem so dichten Handgemenge, zwischen Flintenschüssen und Schwerthieben, ausgesetzt war. „Ist der Gefangene gerettet?" hörte er endlich Claver- house's wohlbekannte Stimme fragen. „Seht nach ihm, und schafft den Hund fort, der hier stöhnt." Beide Befehle wurden vollzogen. Die Seufzer des Verwundeten wurden durch einen Degenstoß beschwichtigt, und Morton ward von der Last befreit, emporgerichtet und von dem treuen Cuddic in die Arme geschlossen, der vor Freude weinte, als er sah, daß das Blut, womit sein Herr bedeckt war, nicht seinen Adern entströmt sei. Flüsternd erklärte er Morton, wie cs zugegangen, daß die Soldaten so zur rechten Zeit erschienen waren. 46 »Ich stieß auf Claverhonse's Schaar, als ich Einige von unfern Leuten aufsuchen wollte, um Euch aus den Händen der Whigs zu befreien. Nun war ich zwischen Hölle und Fegefeuer. Doch dacht' ich, das Beste ist, ich bringe ihn mit her; denn heute Abend ist er des Metzclns überdrüssig und morgen fängt ein neuer Tag an, und Lord Evandale ist Euch auch noch was schuldig, und Monmouth gibt Allen Pardon, wenn mau darum bittet, sagen die Dragoner. Darum frisch auf, cs kann Alles noch gut werden!" Fünftes Kapitel. Trompeten schmettert. Hörner tont! Nnft Mut, daß alle Welt es hört: Ein Tag. von Sieg und Ruh», gekrönt, Ist ein Jahrhundert sonder Ehre werth. A » vny »> u §. Als das wüthende Gemetzel aufgehört hatte, befahl Cla- verhouse seinen Soldaten, die Leichen fortzuschaffen, für sich und ihre Pferde zu sorgen, im Pachthofe zu übernachten und am folgenden Morgen in aller Frühe aufzubrechen. Er wandte sich dann an Morton, und in der Art, wie er diesen anredete, lag Artigkeit und selbst Wohlwollen. „Ihr würdet Euch die Gefahr von beiden Seiten gespart haben, Herr Morton, wenn Ihr meinen Rath von heute Morgen einiger Aufmerksamkeit gewürdigt hättet; aber ich achte Eure Gründe. Ihr seid ein Kriegsgefangener, und in der Gewalt des Königs und des Staatsraths; doch sollt Ihr artig behandelt werden, und mir genügt Euer Ehrenwort, daß Ihr nicht zu entfliehen versucht." Als Morton hierauf sein Wort gegeben, verneigte sich Claverhouse höflich, wandte sich von ihm und rief den Sergeant-Major. „Wie viel Gefangene und wie viel Todte, Halliday?" „Drei Todte im Hause, Sir, zwei im Hofe niedergcmacht und einen im Garten — sechs in Allem, und vier Gefangene." „Bewaffnet oder unbewaffnet?" fragte Claverhouse. „Drei davon bis an die Zähne bewaffnet," antwortete Halliday; „einer unbewaffnet, — er scheint ein Prediger zu sein." „Ab, der Trompeter der langöhrigen Rotte wahrscheinlich?" sagte Claverbonse mit einem flüchtigen Blick auf seine Opfer. „Ich will morgen mit ihm sprechen. Bringe die drei Andern in den Hof; laß zwei Glieder aufmarschiren und sie niederschießen. Bemerke im Ordonnanzbuchc: Drei bewaffnete Rebellen ergriffen und erschossen, nebst Datum und Namen des Orts — Drumshinnel, glaub' ich, heißt er. — Den Prediger bewache bis morgen; da er nicht bewaffnet war, muß er erst ein kurzes Verhör bestehen. Oder besser vielleicht, man bringt ihn vor den hohen Rath; ich denke, die können mir schon was von der unausstehlichen Plackerei abnehmen. — Herr Morton soll höflich behandelt werden; die Leute sollen nach den Pferden sehen; mein Reitknecht soll dem Wildblnt den Rücken mit etwas Weinessig waschen, der Sattel hat ihn ein wenig gedrückt." Alle diese so sehr verschiedenen Befehle gab er in demsel- 48 den gleichmüthigen Tone, und nichts verricth, daß der Sprecher eine» Befehl für wichtiger hielt, als den andern. Die Cameronianer, die eben noch begriffen waren, die Werkzeuge einer blutigen Hinrichtung zu sei», mußten sich derselben jetzt selbst unterwerfen. Sic schienen aber auf jedes Extrem gefaßt, und Keiner von ihnen zeigte auch nur die geringste Furcht, als sie das Zimmer verließen, um sogleich den Tod zu erleiden. Ihr finsterer Enthusiasmus hielt sie aufrecht in diesem furchtbaren Augenblicke, und sie entfernten sich schweigend und mit festem Blicke. Einer nur blickte Cla- verhouse fest in's Gesicht, als er das Zimmer verließ, und sprach mit strenger, fester Stimme: — „Unglück soll verfolgen den Gewaltthätigen!" worauf Grahame nur mit einem verächtlichen Lächeln antwortete. Kaum hatten sie das Gemach verlassen, als Clavcrhouse einige Erfrischung zu sich nahm, die seine Leute schnell her- beigcschafft hatten, und Morton einlud, seinem Beispiele zu folgen, mit der Bemerkung, es sei doch heute für sie Beide ein saurer Tag gewesen. Morton lehnte die Einladung ab; denn der plötzliche Wechsel der Umstände — der Uebergang vom Rande des Grabes zur Aussicht auf's Leben hatten sein ganzes Wesen schwindelnd aufgeregt. Aber diese wirren Empfindungen waren von einem brennenden Durst begleitet, und er äußerte sein Verlangen zu trinken. „Ich will Euch auf's Herzlichste Bescheid thun," sagte Clavcrhouse; -chier ist ein Krug Doppelbier, das gewiß gut ist, wenn es irgend gutes im Lande gibt; denn die Whigs wissen es immer anfzufinden. — Auf Euer Wohl, Herr Morton!" sagte er, indem er einen Becher für sich füllte und einen andern dem Gefangenen überreichte. Morton führte ihn znm Munde und wollte ihn eben leeren, als einige Karabinerschüsse unter dem Fenster und bald darauf ein tiefes dumpfes Stöhnen, das sich mehrere Male, aber immer schwächer wiederholte, ihm das Schicksal der drei Männer verkündigten, die so eben das Zimmer verlassen hatten. Morton schauderte und setzte den unberührten Becher nieder. „Ihr seid noch jung in solchen Dingen, Herr Morton," sagte Claverhonse, nachdem er ganz gleichgültig ansgetrunkeu hatte, „und ich denke darum nicht geringer von Euch, daß Ihr, als ein junger Soldat, dieses so tief empfindet. Doch Gewohnheit, Pflicht und Nothwendigkeit versöhnen den Menschen mit Allem." »Ich hoffe," sagte Morton, „sie werden mich nie mit solchen Auftritten versöhnen." „Ihr werdet wohl kaum glauben," antwortete Claverhonse, „daß ich im Anfänge meiner militärischen Laufbahn eben so viel Widerwillen gegen Blutvergießen hatte, als irgend Einer; cs war mir immer, als flöße mein eigenes Blut, und doch, wenn Ihr einem der Whigs glauben wollt, so werden sie Euch sagen, daß ich jeden Morgen vor dem Frühstück eine Taffe warmen Blutes zu mir nehme. Aber in Wahrheit, Herr Morton, warum sollten wir uns so viel aus dem Tode ma- lhcn? Täglich sterben Menschen, und keine Stunde schlägt, die nicht eine Todesstunde für Jemand ist. Warum sollten wir also zögern, die Spanne Anderer zu verkürzen, oder ängstlich besorgt sein, unsere eigene zu verlängern? Alles ist eine Lotterie. Um die Stunde der Mitternacht solltet Ihr sterben — sie hat geschlagen — aber Ihr lebt und seid wohl, und das Loos ist auf Diejenigen gefallen, die Euch ermorden wollten. Es ist nicht der Mühe werth, an den letzten Schmerz zu denken bei einem Ereigniß, das doch einmal kommen muß und Dle Schwärmer. III. 4 5 » das uns jeden Augenblick heimsnchcn kann, — an den Nachruhm muß der Soldat denken, der ihm folgt, wie die Abend- röthe der untergegangenen Sonne, — das allein ist der Mühe werth und unterscheidet den Tod des Braven von dem des Feiglings. Wenn ich an den Tod denke, als eine Sache, die des Darandenkens werth ist, so ist es in der Hoffnung, ihn einst auf einem ruhmvollen, schwererrungenen Schlachtfelde zu finden, und zu sterben, wenn der Siegesruf in mein Ohr dringt, — das ist werth, daß man dafür sterbe, ja, es ist werth, daß man dafür gelebt hat." In dem Augenblicke, als Grahame diese Gefühle äußerte und sei»em Auge kriegerische Begeisterung entstrahlte, stand eine blutbefleckte Gestalt, die sich aus dem Boden des Gemachs zu erheben schien, aufrecht vor ihm mit den wilden Blicken und entsetzlichen Zügen des oft erwähnten Wahnsinnigen. Sein Antlitz sah, wo es nicht mit Blut befleckt war, geisterhaft bleich; denn die Hand des Todes lag auf ihm. Auf Claver- house heftete er die Augen, in denen das verglimmende Feuer des Wahnsinnigen zum letzten Male noch aufzuckte, und rief mit dem ihm eigenen entsetzlichen Tone: „Willst Du vertrauen Deinem Bogen und Deinem Speer, Deinem Rosse und Deinem Banner? Und soll Dich Gott nicht hcimsuchen wegen des vergossenen Blutes? — Willst Du Dich rühmen Deiner Weisheit und Deines Muthes und Deiner Macht, und der Herr soll Dich nicht richten? — Siehe, die Fürsten, um deren- willen Du die Seele verkauft hast dem Verderber, sie sotten vertrieben werden von ihren Sitzen, und verbannt werden in andere Länder, und ihre Namen sollen sein eine Verwüstung nud ein Erstaunen, und ein Zischen und ein Fluch. Und Du, der Du Theil genommen hast an dem Becher der Wuth, und davon trunken worden bist und toll: der Wunsch Deines Her- zens soll erfüllt werden zu Deinem Verderben, und die Hoffnung Deines Stolzes soll Dich vernichten. Ich lade Dich, John Grahame, vor Gottes Richterstnhle zu erscheinen, und Rechenschaft abzulegen wegen des unschuldigen Blutes, so Du in Strömen vergossen hast!" Er fnhr mit der Rechten über sein blutiges Gesicht und streckte sie gen Himmel, als er folgende Worte mit lauter Stimme sprach: „Wie lange, o Herr, Du Heiliger und Wahrhaftiger, säumst Du, Gericht zu halten und zu rächen das Blut Deiner Heiligen?" Mit dem letzten Worte fiel er rückwärts hin, ohne einen Versuch, sich zu halten, und ehe sein Haupt den Boden berührte, war er todt. Morton war ergriffen von dieser außerordentlichen Scene und der Prophezeihung des Sterbenden, die so wundersam mit dem Wunsch zusammentraf, den Claverhouse soeben ausgesprochen hatte. Zwei Dragoner, die sich im Zimmer befanden, zeigten doch, so verhärtet und gewohnt sie auch an solche Scenen waren, große Bestürzung über die plötzliche Erscheinung, die Worte und das Ende des Mannes. Claverhouse allein blieb unbewegt. Im ersten Augenblicke hatte er zwar nach der Pistole gegriffen, alS er aber den Zustand des Unglücklichen sah, legte er sie wieder hin und hörte mit großer Fassung die Ansrufungen des Sterbenden an. Als dieser niedergesunken war, fragte Claverhouse gleichgültig: „Wie kam denn der Bursche her? — Sprich, Maulaffe!" fuhr er zum nächsten Dragoner gewendet fort; „sprich, wenn ich Dich nicht für eine Memme halten soll, die sich vor einem Sterbenden fürchtet." Der Dragoner bekreuzte sich und erwiederte mit bebender Stimme: sie hätten ihn nicht bemerkt, als sie die andern Leichen 52 fortgeschafft, weil er an einer Stelle gelegen habe, wo einige Mäntel hingeworfen worden seien, die ihn bedeckt hätten. „Nun so schaff' ihn weg, Lasse, und sieh' zu, daß er Dich nicht beißt. Das ist doch ein neuer Vorfall, Herr Morton, daß Todtc aufstehen und uns von den Stühlen treiben. Ich muß sehen, daß meine Schurken ihre Schwerter besser schärfen. Sonst pflegen ste nicht so fahrlässig zu sein. — Das war aber auch ein harter Tag; sie sind müde, und ich glaube. Euch wie mir werden ein paar Stündchen Ruhe willkommen sein." Bei diesen Worten gähnte er, nahm ein Licht, grüßte Morton höflich und ging nach dem für ihn bereit gehaltenen Zimmer. Auch Morton erhielt ein besonderes Zimmer für diese Nacht. Als er sich allein sah, war sein erstes Geschäft, dem Himmel für die Befreiung zu danken. Er flehte auch inbrünstig um den göttlichen Beistand, daß er ihn auf den rechten Weg leiten möge in so vielen Gefahren und Irrungen. Als er so im Gebete sein.Herz ausgcschüttct hatte vor dem Allmächtigen, begab er sich zur Ruhe, deren er so sehr bedurfte. Sechstes Kapitel. — Bereitet die Klage, die Anwalt' zur Hand, Die Richter am Tische — war furchtbar z» schau'n. Die Bettleroper. So tief war der Schlaf, der auf Unruhe und Gemüths- bewegung des vorigen Tages folgte, daß Morton kaum wußte, wo er sich befand, als er durch Pferdegestampf, durch Trom- petenklang und rauhe Menschenstimmen erwachte. Bald darauf kam der Seregant-Major, um ihn abzurufen. Dies that er aber auf eine achtungsvolle Weise, indem er sagte: der General — denn Claverhouse war es jetzt — hoffte das Vergnügen seiner Gesellschaft auf der Rdise zu genießen. ES gibt Lagen, in denen eine Andeutung Befehl ist, und als einen solchen betrachtete Morton diese Einladung. Möglichst schnell machte er Claverhouse seine Aufwartung, fand dessen Pferd für sich gesattelt und Cuddie zu seiner Bedienung bereit. Obgleich nun Herr und Diener eher zu den Truppen, als zu den Gefangenen zu gehören schienen, so waren doch Beide ihrer Feuerwaffen beraubt; Morton aber hatte man sein Schwert gelassen, das zu jener Zeit das ausschließende Abzeichen eines Edelmannes war. Claverhouse schien mit Vergnügen an seiner Seite zu reiten, mit ihm zu sprechen und 54 Mortons Ideen zu verwirren, wenn dieser es versnchte, den Charakter des Andern richtig zu beurthcilen. Die feinen Sitten und das gewandte Benehmen des Generals, seine ritterlichen Ansichten von militärischer Hingebung, seine tiefe, gründliche Menschenkenntniß erregten die Bewunderung und den Beifall Aller, welche mit ihm verkehrten, während seine kalte Gleichgültigkeit gegen militärische Gewaltthat und Grausamkeit doch ganz unvereinbar schien mit seinen geselligen und selbst bewunderungswürdigen Eigenschaften. Morton konnte nicht umhin, ihn im Stillen mit Balfour von Burley zu vergleichen, und dieser Vergleich drang sich ihm so sehr auf, daß er ein paar Worte darüber fallen ließ, als sie in einiger Entfernung von den Soldaten nebeneinander ritten. „Ihr habt Recht," sagte Claverhouse lächelnd; „Ihr habt wirklich Recht — wir sind Beide Fanatiker. Aber man muß doch den Fanatismus der Ehre und den eines finstern, albernen Aberglaubens genau unterscheiden." „Aber Ihr Beide vergießt Blut ohne Schonung und Gewissensbisse," sagte Morton, der seine Gefühle nicht unterdrücken konnte. „Allerdings," sagte Claverhouse mit derselben Fassung; „aber von welcher Art? Es ist doch wohl ein Unterschied zwischen dem Blute gelehrter, ehrwürdiger Priester, tapferer Soldaten und Edelleute, und dem rothen Safte in den Adern psalmsingender Handwerker, hirnverbrannter Demagogen und einfältiger Bauern — kurz, ein Unterschied zwischen Dem, der eine Flasche edeln Weines, und Dem, der einen Krug schwerfälligen Bieres leert?" „Diese Unterscheidung ist mir zu fein," erwiederte Morton. „Gott weckt jeden Lebensfunken, — den des Bauers sowohl, wie den des Fürsten, und wer das Werk des Schöpfers ohne 55 Noth und Grund zerstört, hat es einst zu verantworten. Welches größere Recht zum Beispiel habe ich jetzt auf General Grahames Schutz, als damals, wo ich zuerst mit ihm zusammentraf ?" „Und kaum den Folgen entronnen seid, wolltet Ihr sagen?" antwortete Clavcrhouse- — „Nun, ich will's Euch offen gestehen. Ich dachte, es mit dem Sohne eines alten rundköpfigen Rebellen und dem Neffen eines schmutzigen pres- byterianischen Lairds zu thun zu haben; jetzt aber kenne ich Euch besser, denn Ihr besitzt das, was ich an einem Feinde eben so sehr, als an einem Freunde schätze. Seit unserm ersten Zusammentreffen habe ich viel über Euch erfahren, und hoffentlich habt Ihr gefunden, daß ich aus diesen Nachrichten keinen für Euch ungünstigen Schluß gezogen habe." „Aber —," sagte Morton. „Aber" — unterbrach Grahame — „Ihr wollt sagen, Ihr seid jetzt noch derselbe, wie damals. Freilich! Aber wie konnte ich das wissen? Obgleich, beiläufig gesagt, mein Widerstreben, Eure Hinrichtung aufzuschieben, Euch zeigen kann, wie sehr ich Eure Eigenschaften gewürdigt habe." „Erwartet Ihr, General," sagte Morton, „daß ich Euch für einen solchen Beweis der Achtung besonders dankbar sein soll?" „Ei, ei, Ihr nchmt's zu genau," erwiederte Clavcrhouse. „Ich sage Euch, ich hielt Euch für einen ganz andern Menschen. Habt Ihr je Froissart gelesen?" „Nein!" „Ich habe so halb und halb im Sinne," sagte Clavcrhouse, „Euch auf sechs Monate in's Gefängniß zu schicken, um Euch dies Vergnügen zu verschaffen. Sein Werk begeistert mich mehr, als Poesie. Mit welchen ritterlichen Gefühlen beschränkt 56 der edle Canonicns die schönen Aeußerungen des Kummers über den Tod des tapfer», hochgebornen Ritters, dessen Fall man nicht ohne Mitleid sehen kann, so groß war seine Treue gegen den König, so rein sein Glaube, so hart sein Herz gegen den Feind, so unwandelbar gegen seine Geliebte! — Ach, wie pflegte er zu trauern über den Fall einer solchen Perle der Ritterschaft, sei es auf der Seite, welche er begünstigte, oder auf der andern. Wurden aber etliche Hundert gemeiner Kerle von der Erde gefegt, Kerle nämlich, die nur für den Pflug geboren sind, da zeigt der hochgeborne Geschichtsforscher verdammt wenig Sympathie, — so wenig, oder vielleicht noch weniger, als John Grahame von Claverhonse" „Es befindet sich ein Ackersmann in Eurer Gewalt, General," sagte Morton, „für den ich Eure Gunst anspreche, trotz der Verachtung, die Ihr gegen einen Stand hegt, den die Philosophen für einen eben so nützlichen, als den des Soldaten hielten." „Ihr meint," sagte Claverhonse, in sein Notizbuch blickend, „einen gewissen Hatberick — Hedderigg — oder Headrig. Ja, ja, Cuddie Headrigg — hier habe ich ihn. Seid unbesorgt für ihn, wenn er sich nur gefüge zeigt. Die Damen von Til- lietudlem haben schon vor einiger Zeit mit mir zu seinen Gunsten gesprochen- Ich glaube, er soll das Kammermädchen dort heirathen. Man wird ihn schon durchmischen lassen, wenn er sich nicht selbst den Handel verderbt." „Ich glaube nicht, daß ihn der Ehrgeiz treibt, Märtyrer zu werden," sagte Morton. „Desto besser für ihn," sagte Claverhonse. „Aber obgleich der Bursche noch so Manches zn verantworten hat, so will ich doch sein Freund sein, weil er sich gestern mit so plumper Tapferkeit in unsere Reihen warf, um Hülfe für Euch zu suchen. Ich verlasse Niemand, der sich mir so unbedingt vertraut. — Halliday, bringe mir das schwarze Buch her." Als der Sergeant dies ominöse, alphabetisch geordnete Verzeichniß der Uebelgesinnten übergeben hatte, blätterte Cla- verhouse während des Reitens in demselben und las die Namen, wie sie ihm just aufstießen. „Gumblegumtion, ein Geistlicher, fünfzig Jahre, geduldet, verschlossen, schlau u. s. w.; pah! nun — nun — hier ist er — Heathercat; geächtet — Prediger — eifriger Cameroniancr — hält Conventikcl auf den Campsiebcrgen — still — o, da ist der Headrig — Cuthbcrt — seine Mutter eine bitterböse Puritanerin — er ein einfältiger Bursche, gerade darauf los, aber nicht zu Complottcn geschaffen, — mehr mit der Hand, als mit dem Kopfe — könnte auf die rechte Seite herüber- gezvgen werden, wenn nicht seine Anhänglichkeit an-" (hier blickte Clavcrhouse auf Morton, schloß das Buch und fuhr in einem andern Tone fort). „Redlich und treu sind Worte, die niemals bei mir weggeworfen werden, Herr Morton. Wegen des Burschen könnt Ihr ruhig sein." „Empört cs nicht einen Mann wie Euch," sagte Morton, „ein System zu befolgen, welches durch so kleinliche Nachforschungen nach unbedeutenden Subjekten aufrecht erhalten werden muß?" „Ihr glaubt doch nicht, daß wir uns damit abgeben?" sagte der General stolz. „Die Pfarrer sammeln um ihrer selbst willen alle diese Materialien; sic kennen am besten die schwarzen Schaafe in ihrer Heerde. Ich habe schon vor drei Jahren Euer Conterfei gehabt." „Wirklich?" entgegnete Morton. „Wollt Ihr mir cs gefälligst mittheilen?" „Gern!" sagte Clavcrhouse. „?s hat wenig zu bedeuten; 58 denn Ihr könnt Ench nicht an dem Pfarrer rächen, da Ihr wahrscheinlich Schottland auf einige Zeit verlassen werdet." Dies sagte er ganz gleichgültig; Morton aber schauderte unwillkürlich bei diesen Worten, die eine Verbannung aus seinem Baterlandc ankündigten; ehe er indessen antwortete, las Claverhouse: „Heinrich Morton, Sohn des Silas Morton, Obersten eines Reiterregiments für das schottische Parlament, Neffe Mortons von Milnwood — von unvollkommener Erziehung, aber reifen Geistes — ausgezeichnet in allen körperlichen Hebungen, gleichgültig gegen religiöse Formen, aber zum Presbyterianismus geneigt — hat hochfliegende und gefährliche Ansichten über Freiheit des Gedankens und der Rede, und schwankt zwischen Freigeisterei und Enthusiasmus. Er hat viel Anhänger und Bewunderer unter Leuten seines Alters — in seinem Betragen bescheiden, ruhig und anspruchlos, doch kühn und unbeugsam. Er ist-hier folgen drei rothe Kreuze, welche dreifach gefährlich bedeuten. — Ihr seht nun, welche wichtige Person Ihr seid. — Aber was will denn dieser Bursche?" Ein Reiter sprengte herbei und übergab ihm einen Brief. Als ihn Claverhouse las, lachte er verächtlich und befahl dem Reiter, seinem Herrn zu sagen, er solle seine Gefangenen nach Edinburg schicken, sonst bedürfe es keiner Antwort. Als der Reiter geschieden war, begann Claverhouse mit verächtlichem Tone: „Ein Alliirter von Euch, oder besser von Eurem Freunde Burley, ist Ench desertirt; — hört nur, was er schreibt: — Theurer Sir! (ich weiß nicht, wann wir so intim waren) — Eure Excellenz belieben, meine unterthänigsten Glückwünsche zu dem Siege zu genehmigen — (hm! hm!) womit Sr. Majestät Waffen gesegnet worden sind. Ich bitte Euch, zu vernehmen, daß ich meine Leute unter Waffen halte, um alle Flüchtlinge aufzufangen; auch habe ich bereits mehrere Gefangene gemacht n. s. w. Unterschrieben Basil Olifant. — Ihr kennt wohl den Burschen dem Namen nach?" „Ist er nicht ein Verwandter der Lady Margarethe Bellenden?" fragte Morton. „Ja!" erwiederte Grahame, „und der männliche, obgleich entfernte Erbe ans ihres Vaters Familie; überdies ein Freier der schönen Editha, obgleich als unwürdig abgewicsen, besonders aber ein Bewunderer der sammtlichen Besitzungen von Tillietndlem." „Der empfiehlt sich der Familie von Tillietndlem schlecht," sagte Morton, seine eigenen Gefühle unterdrückend, „wenn er mit unserer unglücklichen Partei Verbindungen unterhält." „O dieser kostbare Basil wird immer Jeden hinter's Licht führen!" rief Claverhouse. „Er war unzufrieden mit der Regierung, weil sie nicht zu seinen Gunsten eine Verfügung des verstorbenen Grafen von Torwood umstoßen wollte, der seine Besitzung seiner eigenen Tochter vermacht hat; er war unzufrieden mit der Lady Margaretha, weil diese kein Verlangen nach einer nähern Verbindung mit ihm bezeugte, und mit der schönen Editha, weil sie eben nicht für seine abstoßende Persönlichkeit eingenommen ward- So stand er nun mit Burley in vertrautem Briefwechsel, und brachte seine Leute unter Waffen, um ihm zu helfen, wenn er keine Hülfe brauchte, nämlich, wenn Ihr uns gestern geschlagen hättet. Und nun behauptet der Schurke, er habe Alles für die Sache des Königs gethan, und soviel ich weiß, wird der hohe Rath dies Alles für baare Münze annehmen; denn er weiß, wie man sich Freunde macht. Und etliche Dutzend armer vagabundiren- der Schwärmer werden erschossen oder gehangen werden, weil dieser verschmitzte Schuft der Loyalität fnchsschwänzelt." 60 Durch diese und andere Gespräche kürzten sie den Weg. Claverhonsc sprach immer offen mit Morton, und behandelte ihn mehr als Freund und Gesellschafter, denn als Gefangenen; so daß diesem, trotz der Ungewißheit seines Schicksals, die Stunden, die er mit dem merkwürdigen Manne verlebte, durch dessen lebhafte Einbildungskraft und tiefe Menschenkenntniß dergestalt erheitert wurden, daß ihm seit dem Augenblicke seiner Gefangenschaft, welche ihn plötzlich von der Sorge über seine schwankende und gefährliche Stellung unter den Insurgenten, und von den Folgen ihres argwöhnischen Hasses befreite, die Stunden minder ängstlich vergingen, als zu irgend einer Zeit seit seinem Auftreten im öffentlichen Leben. In Beziehung auf sein Geschick glich er jetzt einem Reiter, der seinem Rosse die Zügel überlassen hat, und während er sich den Verhältnissen überließ, sich wenigstens die Mühe ersparte, dieselben zu lenken. Zn dieser Stimmung setzte er die Reise fort; unterdessen verstärkte sich die Zahl seiner Gefährten durch einzelne Reitcrhaufen, welche von allen Seiten herbeikamen und meistens die Unglücklichen mit sich führten, welche in ihre Hände gefallen waren. Endlich näherten sie sich Edinburg. „Ich glaube," sagte Claverhonsc, „unser Staatsrath ist entschlossen, durch seinen gegenwärtigen Jnbel seine frühere Angst zu zeigen, und hat min für uns Sieger mit unfern Gefangenen eine Art Trinmphzng beschlossen; da mir dergleichen nicht behagt, so bin ich geneigt, meinen Antheil am Gepränge anfzugeben, und auch Euch den Emsigen zu sparen." Mit diesen Worten übergab er Allan, jetzt Oberstlieutenant, das Commando, lenkte sein Pferd in eine Nebengasse und ritt, blvs von Morton und einigen Dienern begleitet, in die Stadt. Als er im Quartier anlangte, das er in der Ca- nongatc-Vorstadt bewohnte, wies er seinem Gefangenen ein kleines Zimmer an, mit der Andeutung, daß sein Ehrenwort ihn verpflichte, einstweilen sich darin zu verhalten. Nachdem Morton ungefähr eine Viertelstunde in der Einsamkeit über die seltsamen Wechsel seiner Lebensveihältnisse in der letzten Zeit nachgcdacht, rief ihn ein großes Geräusch auf der Straße an's Fenster. Trompeten, Trommeln und Pauken wetteiferten mit dem Jauchzen eines zahlreichen Pöbels, und benachrichtigten ihn, daß die königliche Reiterei den Triumphzng feiere, von dem Claverhouse gesprochen batte. Der Magistrat der Stadt war ihr mit der Hellcbartiergarde bis an's Thor entgegengegangeti, und zog ihnen in der Prozession voran. Der nächste Gegenstand waren zwei Köpfe auf Piken, und vor jedem blutigen Haupte wurden die Hände der zerstückten Unglücklichen hergetragen. Diese blutigen Trophäen gehörte» den beiden Predigern zu, die an der Both- wellbrücke gefallen waren. Hierauf folgte ein von Henkersknechten geführter Karren, auf wechem Macbriar und zwei andere Gefangene saßen, die seines Standes zu sein schienen. Sie waren baarhaupt und stark gefesselt, blickten aber mehr triumphirend als betrübt um sich, und schienen weder durch das Loos ihrer Gefährten, deren blutige Häupter vor ihnen hergetragcn wurden, noch durch die Furcht vor ihrem eigenen nahen Ausgange nur im Geringsten erschüttert zu sein. Hinter diesen, dem öffentlichen Hohne preisgegebencn Gefangenen kam ein Trupp Reiter, die ihre Schwerter schwangen und die weite Straße mit ihrem Frcndengeschrei erfüllten, welches das Jauchzen des Pöbels beantwortete, der sich in jeder großen Stadt glücklich preist, wenn er schreien darf, sei es, über was cs wolle. Hinter diesem Trupp kam die Hauptschaar der Gefangenen, mit einigen Anführern an der 62 Spitze, die mit allem nur denkbaren Spott behandelt wurden. Einige saßen verkehrt ans den Rossen, Andere waren an Eisenssangen gekettet, die sie mit den Händen tragen mußten, wie die spanischen Galeerensklaven, wenn sic nach dem Hafen transportirt werden, wo sie auf die Schiffe kommen. Noch andere Köpfe wurden theils auf Piken und Hellebarden, theils in Säcken, mit den Namen der Gctödteten an der Außenseite, den Ueberlebenden vorangetragcn- Hinter diesen kam der namenlose Haufe, einige Hundert an der Zahl, von denen Einige noch in ihrem Unglück ein Gefühl des Vertrauens zu der Sache behielten, für welche sie Gefangenschaft erduldet, und wahrscheinlich noch ein blutigeres Zeugniß ablegen sollten; Andere waren bleich, entmuthigt, niedergeschlagen, und schienen theils ihre Klugheit zu bezweifeln, daß sie eine Sache ergriffen, welche die Vorsehung doch nicht billigte, theils nach einem Ausweg zu blicken, durch den sie den Folgen ihrer Unbesonnenheit entgehen könnten. Wiederum Andere schienen unfähig über die Sache in's Reine zu kommen, oder irgend Hoffnung, Vertrauen und Furcht zu hegen, sondern stolperten vorwärts, wie Ochsen, unwissend ob sie zur Weide oder Schlachtbank geführt würden. Diese Unglücklichen wurden auf beiden Seiten von Soldaten bewacht und hinter ihnen folgte die Hauptmasse der Cavallerie, deren Musik dumpf widerhallte und sich mit dem Sieges- und Frendcngesang der Soldaten und mit dem wilden Jauchzen des Pöbels vermischte. Mit innigstem Weh blickte Morton auf dieses Schauspiel und erkannte in den blutigen Häuptern und den noch entstellter» Gesichtern der Lebenden die Züge, welche ihm mährend der kurzen Zeit des Aufstandes so vertraut geworden. Tief erschüttert sank er in den Sessel, bis Cuddies Stimme den Betäubten erweckte. „Gott sei uns gnädig, Herr!" rief der arme Junge, und seine Zähne klapperten wie Nußknacker, seine Haare standen zu Berge und sein Gesicht war leichenblaß — „Gott sei uns gnädig, Herr! wir müssen sogleich vor den hohen Rath! — Ach Gott, was wollen von mir armen Teufel so schmucke Herren und Edelleute! — Und da ist meine Mutter gekommen von Glasgow, um zu sehen, wie ich Zeugniß ablege, das heißt, wie ich bekenne und gehangen werde. Aber hol' mich der Teufel, wenn der Cuddie so viehdnmm ist, sobald er's besser haben kann. Doch hier ist Claverhouse selbst — der Herr vergebt uns unsere Sünden, mehr sag' ich nicht." „Ihr müßt augenblicklich vor den hohen Rath, Herr Morton," sagte Claverhouse, der indeß eingetreten war. „Euer Diener muß mit Euch. Für Euch selbst habt Ihr nichts zu fürchten; aber ich sag' cs Euch zum Voraus, Ihr werdet Etwas sehen, was Euch schmerzlich berühren wird und was ich Euch gern erspart hätte, wenn es in meiner Macht gewesen. Mein Wagen wartet — wollen wir?" Man kann sich leicht denken, daß Morton gegen diese Einladung nichts einzuwenden wagte, so unangenehm sie ihm auch war. Er stand auf und begleitete Claverhouse. „Ich muß Euch sagen," begann dieser, als er die Treppe hinabging. »Ihr kommt wohlfeil weg, eben so Euer Diener, wenn er nur das Maul hält." Cuddie horte diese letzten Worte mit der größten Freude. „Ich will mich schon meiner Haut wehren," sagte er, „wenn sich die Mutter nur nicht drein mischt." In diesem Augenblicke faßte ihn die alte Mause an der Schulter; denn sic hatte sich in's Vorzimmer gedrängt. 64 „Kind! Kind!" sagte sie zu Cuddie, als sic an seinem Halse hing. „Froh und stolz, betrübt und gedemüthigt bin ich zugleich, daß ich mein Kind hingchen sehe, vor dem hohen Rath Zeugniß abzulcgen mit dem Munde, wie er mit seiner Waffe that im Felde." „Still, still, Mutter!" rief Cuddie ungeduldig. „Ihr thö- richtes Weib, ist jetzt die Zeit von solchen Dingen zu reden? Ich sag' Euch, ich werde nicht Zeugniß ablegen, weder so, noch so. Ich Hab' mit Herrn Pfundtext gesprochen, und will die Erklärung annehmen, wie sie das Ding nennen, und so gehen wir frei ans, — er hat sich und seinen Leuten das Leben gerettet, und das ist ein Geistlicher aus dem Fundament. Ich mag keine von Euren Predigten, die sich mit einem Psalm auf dem „Grasmarkt" endigen." „O Cuddie," rief die alte Mause, wankend im Wunsche, die Seele oder den Leib ihres Sohnes zu retten, „es wird mir weh thun, wenn sie Dir ein Leides zufügen. Aber bedenke, liebes Kind, Du hast gekämpft für den Glauben, laß Dich nicht abziehen vom schönen Kampfe des Glaubens wegen der Furcht, das Irdische zu verlieren." „So schweigt doch, Mutter," erwiederte Cuddie; „ich Hab' schon genug gekämpft und jetzt Hab' ich's dick; Hab' mich lange genug mit allen Waffen herumgcschlagen, mit Musketen, Pistolen, Panzern und Büffelwämsern, aber den Pflug Hab' ich doch lieber. Ich weiß gar nicht, warum Einer fechten soll, (das heißt, wenn er nicht zornig ist,) es sei denn, wenn man ihm droht, gehangen zu werden, wenn er ausreißt." „Aber mein lieber Cuddie," fuhr die beharrliche Mause fort, „dein bräutlich Gewand — O Kind, beflecke nicht dein Hvchzeitkleid!" 65 „So geht doch, Mutter!" erwiederte Cuddie, „seht Ihr denn nicht, daß die Leute auf mich warten? — Fürchtet nichts für mich, ich weiß die Geschichte schon besser anzufassen als Ihr — Ihr schwatzt da von Hochzeit, und es handelt sich doch jetzt darum, wie man dem Galgen entrinnt." Mit diesen Worten riß er sich aus den Armen seiner Mut- ter und bat die Soldaten, die ihn bewachen sollten, ihn sogleich an den Ort zu führen, wo die Untersuchung stattfinden sollte. Claverhouse und Morton waren schon voraus. Siebentes Kapitel. Mein Vaterland, leb' wohl! Lord Byron. Der hohe Rath von Schottland, in dessen Händen sich seit der Vereinigung beider Kronen eine große richterliche Gewalt sowohl, als auch die Oberaufsicht über die vollziehende Macht der Regierung befand, hielt jetzt seine Sitzung in dem alten, dunkeln gothischen Saale, der an's Parlamentshaus in Edinburg stieß, als General Grahame eintrat und seinen Platz an der Rathstafel einnahm. „Ihr habt uns heut drei Stück Wild gebracht, General," sagte ein Edelmann, der hier eine hohe Stelle bekleidete. „Da ist eine Memme, die soll sich für überwunden bekennen — hier ein Hahn, der in der Klemme ist — und was soll ich aus dem Dritten machen, General?" „Ohne Bildersprache! bitte ich Eure Gnaden, ihn als Die Schwärmer. III. 5 einen Mann zu betrachten, an dem ich innigen Antheil nehme," sagte Claverhouse. . „Und als einen Whig obendrein!" sagte der Edelmann, eine Zunge heranshängend, die stets viel zu dick für seinen Mund war, und seine plumpen Züge zu einem höhnischen Lächeln stimmend, das ihm ganz in der Natur lag. „Ja, mit Euer Gnaden Erlanbniß, ein Whig, wie Eure Gnaden war anno i 64 i," versetzte Claverhouse mit seiner unwandelbaren Artigkeit. „Da habt Jhr's, Herr Herzog," sagte einer von den Rathen. »Ja, ja!" crwicderte der Herzog lachend, „seit der Affaire bei Drnmclog läßt er gar nicht mit sich reden — aber bringt die Gefangenen herbei — und Ihr, Herr Schreiber, verles't die Urkunde." Der Schreiber las eine Urkunde ab, in welcher der General Grahame von Claverhouse und Lord Evandale sich verbürgten, daß Junker Heinrich Morton von Milnwood in's Ausland gehen und dort verbleiben solle, bis Sr. Majestät Meinung hinsichtlich des Beitritts besagten Heinrich Mortons zur Empörung bekannt sein würde, und zwar bei Leibes- und Lebensstrafe für benannten Heinrich Morton und zehntausend Mark für jeden seiner Bürgen. „Nehmt Ihr des Königs Gnade an, Herr Morton?" fragte der Herzog von Landerdale, welcher im Rathe präsidirte. „Ich habe keine andere Wahl, Mylord!" crwicderte Morton. „So unterschreibt die Urkunde. Morton that es ohne Einspruch, überzeugt, daß er nicht besser hätte durchkommen können. Macbriar, der in diesem Augenblick an die Rathstafcl geführt wurde, aber an einen Stuhl gebunden, weil er zu schwach war zu stehen, sah Morton in einer Handlung begriffen, die er für Abtrünnigkeit hielt. „Er hat seinen Abfall vollendet durch Anerkennung der fleischlichen Gewalt des Tyrannen," rief er mit einem tiefen Seufzer. — „Ein gefallener Stern! — ein gefallener Stern!" „Schweigt!" sagte der Herzog, „und spart Eure Zunge für Euren eigenen Handel. — Ruft den andern Burschen herein, der noch etwas Verstand besitzt. Ein zweites Schaf setzt leicht über den Graben, wenn das erste schon den Versuch gemacht hat." Ungefesselt, aber von zwei Hellebardieren bekleidet, trat nun Cuddie ein und wurde neben Macbriar an's Ende der Tafel gestellt. Der arme Junge warf einen traurigen Blick umher, in welchem scheue Ehrfurcht vor den vornehmen Herren, Mitleiden mit seinen unglücklichen Gefährten und keine geringe Besorgniß für sein eigenes Heil sich malte. Er machte rechts und links seine bäurische Reverenz und erwartete die Eröffnung der furchtbaren Scene. „War't Ihr im Gefecht an der Bothwellbrücke?" war die erste Frage, die in sein Ohr donnerte. Cnddie wollte erst längnen, sah aber nach einigem Bedenken ein, daß die Wahrheit gegen ihn sein würde, und antwortete also mit acht schottischer Unbestimmtheit: „Ich will nichts sagen; aber möglich ist's, daß ich dabei gewesen bin." „Gerad' heraus, Bursche — ja, oder nein! — Ihr wißt, daß Ihr dort gewesen." „Es schickt sich nicht, daß ich Euer Gnaden Herrlichkeit widerspreche," sagte Cuddie. „Noch ein Mal, wart Ihr dort? — Ja, oder uein!" — sagte der Herzog ungeduldig. „Lieber Herr," sagte Cuddie wiederum, „wie kann flch denn ein Mensch genau erinnern, wo er überall im Leben gewesen?" 68 „Heraus mit der Sprache, Schurke," rief General Dalzell, „oder ich schlage Dir mit dem Degeuknauf die Zähne ein! — glaubst Du, wir könnten uns hier den ganzen Tag mit Dir herumhctzen, wie Windhunde mit einem Hasen?" „Nun denn," sagte Cuddie, „wenn Ihr durchaus wollt, so schreibt meinetwegen hin, daß ich da gewesen bin." „Gut," sagte der Herzog, „und glaubt Ihr, daß der Aufstand Rebellion war?" „Darüber kann ich just nicht meine Meinung frei heraussagen, wenn's mich den Hals kosten kann, Sir; aber ich glaub', viel besser war's eben nicht." „Besser, als was?" „Nun, besser als Rebellion, wie's Eure Gnaden nennen," erwiedcrte Cuddie. „Gut, das heiß' ich bei der Stange geblieben," antwortete der Herzog. „Und seid Ihr geneigt, des Königs Verzeihung als Rebell anznnehmen, Euch zur Kirche zu halten und für den König zu beten?" „Recht gern, Sir," antwortete Cuddie, „und will obendrein seine Gesundheit trinken, wenn's Bier gut ist." „Nun," sagte der Herzog, „das ist ein braver Junge. — Was hat Euch in diese Händel verwickelt, mein lieber Freund?" „Böses Exempel, Sir, und eine alberne Mutter, mit Respekt zu melden." „Nun, so Gott will, wirst Du auf eigene Hand keine Ver- rätherei begehen. — Fertigt seinen Pardon aus und bringt den Schurken im Stuhle vor!" Macbriar wurde vorgeführt. „Wart Ihr im Gefecht an der Bothwellbrücke?" ward er ebenfalls gefragt. „Ja!" antwortete der Gefangene fest und entschlossen- 6 » „Wart Ihr bewaffnet?" „Nein! — ich kam in meinem Berufe, als ein Prediger des Wortes Gottes, Diejenigen zu ermuthigen, so das Schwert zogen für seine Sache." „Mit andern Worten, um die Rebellen aufzumuntern und zu ermuthigen?" sagte der Herzog. „So ist's!" antwortete der Gefangene. „Gut denn!" fuhr der Fragende fort; „habt Ihr John Balfour von Burley unter dem Heere gesehen? — Vermuth- lich kennt Ihr ihn." „Gott sei Dank, daß ich ihn kenne!" sagte Macbriar: „er ist ein eifriger, aufrichtiger Christ." „Und wann und wo habt Ihr diesen frommen Mann zum letzten Mal gesehen?" „Ich bin hier, um für mich selbst zu antworten, und nicht nm Andere in Gefahr zu bringen." „Wir wollen Euch schon die Zunge lösen," sagte Dalzell. „Wenn Ihr ihn glauben macht, er sei in einem Conventikel, wird sie sich schon von selbst lösen," sagte Lauderdale. „Sprecht, Bursche, so lange Euer Handel noch gut steht — Ihr seid zu jung für die Last, die man Euch sonst auferlegt." „Ich trotze Euch," entgegnete Macbriar. „Nicht zum ersten Male bin ich gefangen; nicht zum ersten Male leide ich, und so jung ich auch bin, Hab' ich doch lange genug gelebt, um sterben zu können, wenn ich berufen werde." „Nun, es gibt noch Manches, was einem leichten Tode vorangcht, wenn Ihr in Eurer Hartnäckigkeit beharret," sagte Lauderdale und klingelte mit einer silbernen Schelle, die vor ihm auf dem Tische stand. Ein dunkelrother Vorhang, der eine Nische bedeckte, rauschte auf, und man erblickte den Nachrichter, einen langen Menschen 70 mit grimmig verzerrten Zügen an einem eichenen Tische, auf welchem Daumenschrauben und die sogenannten schottischen Stiefel lagen, womit in jenen tyrannischen Zeiten die Angeklagten gefoltert wurden. Morton, der auf diese furchtbare Erscheinung nicht gefaßt war, schauderte zusammen; Macbriars Nerven aber waren fester. Ruhig blickte er auf die entsetzliche Zurüstung, und wenn die Natur auch zum zweiten Male das Blut aus seinen Wangen trieb, so wurden sie doch bald wieder von seiner Entschlossenheit geröthet. ..Wißt Ihr, wer das ist?" fragte Lauderdale mit ernster, aber ganz leiser Stimme. ..Vermuthlich ist's der schänAiche Vollstrecker Eurer blutdürstigen Befehle gegen die Männer Gottes," sagte Macbriar. „Aber sowohl er als Ihr seid unter meiner Würde, und Gottlob, ich fürchte eben so wenig, was er mir anthun, als was Ihr befehlen könnt. Fleisch und Blut mögen schaudern unter den Leiden, die Ihr über mich verhängt, und die gebrechliche Natur mag Thränen vergießen oder laut aufschreien; aber meine Seele, hoff' ich, liegt fest geankert am Felsen der Ewigkeit. „Thut Eure Pflicht!" sagte der Herzog zum Henker. Der Mann trat vor und fragte mit rauher, heiserer Stimme, an welches Glied des Gefangenen er zuerst das Instrument ansetzen solle? „Laßt ihn selbst wählen!" sagte der Herzog; „ich will ihm gern in jeder billige» Sache gefällig sein." „Da Ihr es mir überlaßt," sagte der Gefangene, und streckte das rechte Bein aus, „so nehmt das Beste — gern weih' ich es der Sache, für die ich leide." Der Nachrichter schloß nun mit seinen Gesellen das Bein und das Knie in den engen eisernen Stiefel, schob einen Keil von demselben Metall zwischen das Knie und die scharfe Kante der Maschine, faßte einen Hammer und erwartete weitere Befehle. Ein Wundarzt stellte sich auf die andere Seite des Gefangenen, entblößte dessen Arm und fühlte den Puls, um die Tortur nach den Kräften des Leidenden einzurichten. Nach diesen Vorbereitungen fragte der Präsident wieder mit derselben ernsten Stimme: „Wann und wo habt Ihr zum letzten Male John Balfour von Burley gesehen?" Statt der Antwort richtete der Gefangene seine Augen gen Himmel, als wolle er sich göttliche Kraft erflehen, und murmelte einige Worte, von denen nur die letzten verständlich waren: „Du hast gesagt, dein Volk soll willig sein am Tage deiner Macht." Der Herzog von Lauderdale warf seine Blicke in der Rathsversammlung umher, als wolle er Stimmen sammeln, und ihre stummen Zeichen verstehend, winkte er dem Henker, der sogleich den Hammer auf den Keil trieb, was den entsetzlichsten Schmerz verursachte, und was man auch an der Röthe merkte, welche sich sogleich auf Stirn' und Wange des Leidenden zeigte. Wiederum erhob der Henker seine Waffe und war bereit den zweiten Schlag zu versehen. „Wollt Ihr jetzt sagen, wann und wo Ihr zum letzten Male John Balfour von Burley gesehen?" wiederholte der Herzog von Lauderdale. „Ihr habt meine Antwort," sagte der Gefolterte entschlossen, und der zweite Schlag fiel. Der dritte und vierte folgte, aber beim fünften, als ein stärkerer Keil hineingelegt worden, stieß der Gefangene einen krampfhaften Schrei aus. Morton, dem beim Anblick solcher Grausamkeit das Blut in den Adern kochte, konnte nicht länger an sich halten, und 72 obgleich unbewaffnet und selbst in großer Gefahr, wollte er vorwärts springen, als Claverhouse, cs bemerkend, ihn beim Arm zurückhielt und ihm zuflüsterte: „Um Gotteswillcu, bedenkt, wo Ihr seid!" Zum Glück wurde dies von keinem der Räthe bemerkt, da ihre Aufmerksamkeit auf die schreckliche Scene vor ihnen gerichtet war. „Er ist hin," sagte der Wundarzt — „er ist ohnmächtig, Mylords. Die menschliche Natur kann nicht mehr ertragen." „Laßt ihn los," sagte der Herzog und fuhr dann zu Dal- zell gewendet fort: „der macht ein altes Sprichwort wahr. Er wird heute schwerlich reiten, obgleich er seine Stiefel anhatte. Ich glaube, mir müssen mit ihm aufhören." „Ja, gebt ihm das Urthcil und fort mit ihm; wir haben noch genug der Plackerei vor uns." Starke Wasser und Essenzen wurden nun emsig angewendet, den Unglücklichen in's Leben zurückzurufcn, und kaum athmete er wieder auf, so sprach der Herzog das Todesurtheil über ihn aus, als einen Verräther, der in offener Rebellion ergriffen worden, und verurtheilte ihn, auf dem Richtplatze am Halse aufgehangen zu werden; Kopf und Hände sollten ihm nach dem Tode abgchauen werden und der Rath darüber verfügen; all' sein Hab' und Gut aber solle Sr. Majestät anheimfallen. „Urtheilsverkünder," fuhr er fort, „wiederholt dem Gefangenen sein Urthcil!" Dies Amt wurde damals und noch später neben andern Verrichtungen von dem Nachrichter verwaltet und bestand darin, dem unglücklichen Verbrecher den vom Richter gefällten Ausspruch kund zu thun; dies war um so furchtbarer, da der verhaßte Mensch, der das Urthcil verkündete, auch die angedrohtcn Grausamkeiten vollstreckcn sollte. Macbriar hatte kaum die Worte des Präsidenten verstanden; aber er hatte sich genug erholt, um das Urtheil zu vernehmen, als es von der widerlichen Stimme des Henkers gesprochen wurvc, und bei den letzten furchtbaren Worten: „Und dies ihn' ich kund als Urtheil!" antwortete er kühn: — „Mylords, ich danke Euch für die einzige Gunst, die ich begehrte, und von Euch annchmcn würde, nämlich; daß Ihr meinen zerquetschten, zermalmten Leib, der heute Eure Grausamkeit erfahren, einem schnellen Ende widmet. Es wäre mir ziemlich gleichgültig, ob ich am Galgen, oder im Kerker sterbe; allein wenn der Tod, der schnell meine heutigen Leiden endigen muß, mich gefesselt in dunkler Zelle gefunden hätte, würden Viele des Anblicks entbehrt haben, was ein wahrer Christ für die gute Sache leiden kann. Uebrigens, Mylords, vergeb' ich EuM, was Ihr mir auferlegt und ich erduldet. — Und warum sollt' ich nicht? — Ihr sendet mich zu einem glückseligen Orte — aus dem Aufenthalte gebrechlichen Staubes in die Gesellschaft der Engel und der Geister der Gerechten. — Ihr sendet mich von Finsterniß zu Licht — von Sterblichkeit zur Unsterblichkeit — kurz, von der Erde zum Himmel! Wenn Euch also Dank und Verzeihung eines Sterbenden angenehm ist, so nehmt beide mit meiner Hand, und mag Euer letzter Augenblick so glücklich sein, als der meinigc." Als er dies mit einem von Freude und Sieg strahlenden Auge gesprochen, ward er abgeführt und nach einer halben Stunde hingcrichtet. Er starb mit demselben feste» Enthusiasmus, den er während seines ganzen Lebens gezeigt hatte. Der Rath brach auf und Morton fand sich wieder im Wagen mit General Grahame. „Wunderbare Festigkeit!" rief Morton, über Macbriars Benehmen nachdeukend; „wie Schade, daß solche Selbstaufopferung, solcher Heldenmnth verbanden war mit den wilden Eharakterzügen seiner Sekte!" „Ihr meint seinen Entschluß, Euch zum Tode zu verur- theilen?" sagte Claverhouse. „Damit wäre er gleich durch einen einzigen Bibelspruch in's Reine gekommen, zum Beispiel: „Und Pinehas stand auf und vollzog das Urtheil" oder dergleichen. — Aber wißt Ihr, Herr Morton, wohin cs nun geht?" „Wir sind auf dem Wege nach Leith, bemerke ich," antwortete Morton. „Ist mir's nicht erlaubt, meine Freunde zu sehen, bevor ich mein Vaterland verlasse?" „Mit Eurem Oheim ist gesprochen worden; doch er mag Euch nicht besuchen," sagte Grahame. „Der gute Mann fürchtet, und zwar nicht ohne Grund, Euer Verbrechen könne für seine Besitzungen und Ländereien Folgen haben. — Doch schickt er Euch seinen Segen und einiges Geld. Lord Evandale ist noch sehr unwohl. Major Bellenden bringt die Sachen zu Tillietudlem in Ordnung. Die Schurken haben dort viel Unheil angerichtet und den sogenannten Thron seiner gehest ligten Majestät zerstört. Wünscht Ihr sonst noch Jemand zu sehen?" . Morton antwortete tief seufzend: „Nein, — cs würde nichts helfen, — aber meine Vorbereitungen, so gering sie auch sind, einige muß ich doch treffen." „Alles ist bereits in Ordnung," sagte der General. „Lord Evandale ist Euren Wünschen zuvorgekommen. Hier ist ein Packet von ihm mit Empfehlungsschreiben an den Hof des Statthalters, Prinzen von Oranien, denen auch ich einige beigelegt. Ich habe unter ihm die ersten Feldzüge gemacht und stand in der Schlacht von Seneff zum ersten Mal im Feuer. 75 Hier sind auch Wechsel zur Befriedigung der dringendsten Bedürfnisse, und es wird mehr folgen, wenn Ihr es begehrt." Dies Alles hörte Morton, und nahm das Packet erstaunt und bestürzt über die plötzliche Vollziehung seines Verbannungs- urtheils. „Und mein Bedienter?" sagte er. „Für ihn wird gesorgt und, wenn cs thunlich, soll er im Dienste der Lady Margaretha wieder hergestellt werden. Er wird wohl schwerlich wieder die Parade versäumen, oder zum zweiten Mal den Whig spielen. — Aber wir sind am Quai und das Boot wartet Eurer." Wirklich wartete auf Capitain Morton ein Boot mit Koffern und Gepäck, wie seinem Range angemessen war. Cla- verhouse schüttelte ihm die Hand, wünschte ihm viel Glück und eine fröhliche Rückkehr nach Schottland in ruhiger» Zeiten. „Ich werde nie vergessen," sagte er, „wie edel Ihr Euch gegen meinen Freund Evandale benommen zu einer Zeit, als Viele ihn aus dem Wege zu räumen suchten." Noch ein Händedruck — und sie schieden. Als Morton den Quai Hinabstieg, um in's Boot zu gehen, wurde ihm ein kleiner Brief in die Hand geschoben. Er sah sich um. Die Person, die ihn gegeben hatte, war dicht verhüllt, drückte den Finger an den Mund und verschwand unter der Menge. Dieser Vorfall erweckte Mortons Neugier, und als er sich an Bord des Schiffes befand und alle seine Reisegefährten mit ihrer Einrichtung beschäftigt sah, öffnete er den ihm auf so heimliche Weise übergebenen Brief. Er lautete: — „Dein Mnth an dem unglücklichen Tage, da Israel floh vor seinem Feinde, hat einigermaßen Deine unselige Neigung für die erastinianische Sache wieder gut gemacht. Es ist jetzt nicht Zeit für Ephraim, mit Israel zu streiten. I , s Ml -HlM 76 — Ich weiß, Dein Herz ist bei der Tochter des Fremdlings. Aber wende Dich ab von der Thvrheit; denn in der Verbannung und auf der Flucht, ja selbst im Tode wird meine Hand schwer lasten auf diesem blutigen, übelgesinnten Hause, und die Vorsehung hat mir die Mittel gegeben, ihnen mit ihrem eigenen Maße des Untergangs und Verderbens zu messen. Der Widerstand ihrer Veste war die Hauptursache unserer Vernichtung an der Both- wellbrüite, und ich habe mir's auf's Herz geschrieben, cs an ihnen heimzusuchen. Darum denke nicht mehr an sie, sondern schließe Dich in der Verbannung unser« Brüdern an, deren Herz noch immer trachtet, das unglückliche Land zu retten und aufzurichten. Es ist ein wackerer Ueber- bleibsel in Holland, dessen Auge sich umschaut nach der Befreiung. Vereinige Dich mit ihnen als der Sohn des tapfer» und würdigen Silas Morton, und sie werden Dich willkommen heißen seinetwegen und wegen Deiner eigenen Thaten. Solltest Du wieder würdig befunden werden, im Weinberge zu arbeiten, so wirst Du zu jeder Zeit hören von meinem Eingänge und Ausgange, wenn Du fragst nach Quintiu Mackel von Jrongray, im Hause jenes trefflichen Weibes, Bessle Maclure, nahe am Platze, welcher der Howff heißt, wo Niel Blaue Gäste bewirthet- Inzwischen vermahne ich Dich zur Geduld. Halte Dein Schwert umgürtet und Deine Lampe brennend, wie Einer, so wachend ist in der Nacht. Denn Er, welcher richten wird Len Berg Esau's und falsche Bekenner machen wird zu Stroh und Uebelgeslnnte zu Stoppeln, wird kommen in der vierten Nachtwache, das Gewand gefärbt in Blut, und das Haus Jakobs wird werden zur Beute, und das Haus Josephs zur Feuerflamme. Ich bin's, der 77 es geschrieben hat, dessen Hand gewesen ist über den Gewaltigen in dem weiten Gefilde." Dieser sonderbare Brief war unterzeichnet I- B. v- B.; allein es bedurfte für Morton dieser Anfangsbuchstaben nicht, um zu wissen, daß Burley der Verfasser war- Morton hatte wieder Gelegenheit, den unbändigen Geist dieses Mannes zn bewundern, der mit eben so viel Schlauheit als Mnth und Hartnäckigkeit bemüht war, das Gewebe des Aufruhrs wieder herzustellen, welches eben erst zerstört worden. Aber er fühlte jetzt kein Verlangen, einen Briefwechsel zu unterhalten, der gefährlich sein mußte, oder jene Verbindung zn erneuern, die in so vieler Hinsicht unglücklich für ihn gewesen. Burley's Drohungen gegen die Familie Bellenden betrachtete er als eine bloße Aeußerung des Verdrusses über die Vertheidigung von Tillietudlem, und nichts schien ihm unwahrscheinlicher, als daß gerade jetzt, wo ihre Partei so siegreich war, deren flüchtiger Gegner nur den geringsten Einfluß auf ihr Geschick haben könne. Morton war erst geneigt, dem Major oder Lord Evandale Burley's Drohungen mitzutheilen, nach einiger Erwägung glaubte er jedoch, dies nicht thun zn können, ohne ein Vertrauen zu verrathen. Er zerriß also den Brief, nachdem er sich den Namen und den Ort bemerkt, wo der Schreiber zu erfragen war, und warf dann die Stücke in's Meer. Inzwischen wurden die Anker gelichtet und ein günstiger Nordwest schwellte die weißen Segel. Das Schiff lehnte sich gegen den Wind und rauschte durch die Wellen. Bald schwanden Stadt und Hafen, und Morton war auf mehrere Jahre von seinem Vaterlande getrennt. Achtes Kapitel. Mit wem entrauscht die Zeit? Wie'S Euch gefällt. Es ist ein Glück für den Novellisten, daß er nicht, wie der Dramatiker, an die Einheit der Zeit und des Ortes gebunden ist, sondern daß er seine Personen nach Belieben bald nach Athen und Theben versetzen, und bald wieder znrückbrin- gen kann. Bisher hat die Zeit, nach Rosalindens Gleichniß, mit dem Helden unserer Geschichte gleichen Schritt gehalten; denn zwischen Mortons erstem Auftreten als Prcisbewerber beim Vogelschießen und seiner Abreise nach Holland lag kaum ein Zeitraum von zwei Monaten. Aber manches Jahr verschwand bis zu dem Punkte, wo wir im Stande sind, den Faden unserer Erzählung wieder anfzunehmen, und es muß daher angenommen werden, daß die Zeit über diesen Zwischenraum binweggeranscht. Ich spreche also das Privilegium meiner Zunft an und lenke die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Fortsetzung der Erzählung, welche von einer neuen Epoche, nämlich von dem Jahre nach der brittischen Revolution beginnt. Schottland hatte sich soeben von der Erschütterung zu erholen begonnen, die durch den Wechsel der Dynastie veranlaßt worden, und war durch die kluge Mäßigung König Wilhelms den Schrecken eines langen Bürgerkrieges entgangen. Der Ackerbau blühte wieder auf, und Menschen, deren Ge- müther unruhig geworden durch die heftigen politischen Erschütterungen und den allgemeinen Regierungswechsel in Staat und Kirche, gelangten wieder zur Besonnenheit, und schenkten nun ihrem eigenen Interesse die alte Aufmerksamkeit, statt die Staatsangelegenheiten zu besprechen. Nur die Hochländer widersctztcn sich der neuen Ordnung der Dinge und standen in beträchtlicher Menge bewaffnet unter dem Viscount von Dundee, den unsere Leser bis jetzt unter dem Namen Grahame von Claverhonse kennen gelernt. Der allgemeine Zustand der Hochlande war aber so zügellos, daß eine größere oder geringere Unruhe in denselben die allgemeine Ruhe nicht gefährden konnte, so lange jene Unordnungen nicht über die Grenzen hinaus um sich griffen. In den Niederlanden erwarteten die Jakobitcn, jetzt eine untergeordnete Partei, keinen unmittelbaren Vortheil mehr durch offenen Widerstand, und waren nun gcnöthigt, Privatznsammcnkünfte zn halten nnd Versammlungen zu gegenseitiger Vcrtheidignng zn bilden, was die Regierung Hochverrat!, nannte, während Jene über Verfolgung schrieen. Die trinmphircnden Wighs stellten zwar den Presbyterianismus als Staatsreligion wieder her und gaben den Generalversammlungen der Kirche ihren ursprünglichen Einfluß wieder, gingen aber nicht so weit, als die Camcronianer und der ausschweifendere Theil der Nonconformistcn unter Karl und Jakob. Sie wollten nichts von der Wiederherstellung des Covenants wissen, und Diejenigen, welche in König Wilhelm einen eifrigen Anhänger des Covenants erwartet, waren bitter getäuscht, als er ihnen mit acht holländischem Phlegma seine Absicht mittheilte, jede nur irgend mit der Sicherheit des Staats verträgliche Rcligivnsform dulden zu wollen. Diese von der Regierung gehegten Grundsätze der Toleranz waren ein großes Aergerniß für die heftigere Partei, welche der Meinung war, dieselben ständen mit der heiligen Schrift durchaus im Widerspruche. Sie citirten für ihre engherzige Lehre manchen Bibeltcxt, der, wie leicht zu erachten, aus dem Zusammenhänge gerissen, und worin den Inden im alten Testamente die Erlaubniß ertheilt ward, die Götzendiener aus dem gelobten Lande zu vertilgen. Sie mnrrten auch über den Einfluß, den sich weltliche Personen durch das Pfarrverleihungsrecht anmaßten, welches sie eine Schändung der Kirchenkenschheit nannten. Viele Maßregeln, wodurch die Regierung nach der Revolution eine Neigung zeigte, sich in das Kirchenregiment zu mischen, wurden von ihnen als erastinianisch verdammt, und sie wollten durchaus nicht dem Könige Wilhelm und der Königin Maria den Eid der Treue leiste», bis diese ihrerseits den Covenant, älugna Ulmrta der presbyterianischen Kirche, wie sie ihn nannten, beschworen hätten- So grollend und unzufrieden, erließ diese Partei wiederholt Erklärungen gegen Abfall und Ursachen des Zorns, welche ebenfalls zu offener Empörung geführt hätten, wären sie, wie von den beiden früher» Negierungen, verfolgt worden. Da man aber die Murrenden in ihren Zusammenkünften nicht störte, und sie nach Belieben Zeugniß ablegen ließ gegen Soci- nianismus, Erastinianismus und jede sträfliche Nachsicht und gegen die Abfälle der Zeit, so erstarb allmälig ihr Eifer, der durch keine Verfolgung angefacht wurde; so verminderte sich ihre Anzahl und so schwanden sie bis auf einen kleinen, zerstreuten Rest düsterer, grübelnder, jedoch harmloser Schwärmer. Aber in den Jahren, welche unmittelbar auf die Revolution folgten, waren die Cameronianer eine starke Sekte von heftigen politischen Ansichten, welche die Regierung zu entmuthi- 81 gen suchte, indeß fle glücklich damit zögerte. Diese Leute bildeten eine heftige Partei im Staate, und die Episcopalen und Jakobiten strebten, trotz ihres alten Nationalhasses, immer fort, Ränke unter ihnen zu spinnen und ihre Abneigung gegen die Regierung zu benutzen, und ihren Beistand zur Rückberufung der Familie Stuart zu erhalten. Die Rcvolutionsregierung war indessen durch die große Masse der Bewohner des Nie- derlandes unterstützt, welche besonders einem mäßigen Presbyterianismus geneigt waren und größtentheils die Partei bildeten, welche unter dem Drucke der frühern Regierungen von den Cameronianern gebrandmarkt worden, weil sie die Jndul- genz unter Karl II- angenommen. Dies war der Zustand der Parteien in Schottland unmittelbar nach der Revolution. An einem schönen Sommerabende ritt ein Fremder, dem Anscheine nach ein Soldat von Range, auf einem schönenPferde den sich windenden Pfad hinab, der dicht an den romantischen Rnincn des Bothwellschlosses und des Clydeflnsses endigt, welcher sich so anmuthig durch Felsen und Waldung schlängelt und die alten Thürme umspült, die einst von Aymer von Va- lence erbaut worden. Nahe daran war die Bothwellbrücke. Das gegenüberliegende Feld, einst der Schauplatz von Mord und Kampf, lag jetzt still und ruhig, wie die Oberfläche eines See's zur Sommerzeit. Busch und Bäume, welche rings in romantischer Fülle wuchsen, wurden kaum vom Abendwinde bewegt. Selbst der Fluß schien bei der Stille der Landschaft sanfter zu rauschen. Der Pfad, den der Reisende herabritt, war hier und da durch einzelne größere Bäume oder durch Einfriedigungen von Obstbäumen beschattet, die jetzt mit dem Segen des Sommers beladen waren. Der nächste wichtigere Gegenstand war ein Pachthof, vielleicht auch die Wohnung eines kleinen Gutsbesitzers, auf der Seite eines sonnigen Ab- Die Schwärmer. IN. 6 82 Hanges, der mit Obstbäumen bedeckt war. An dem Fuße des Pfades, welcher zu der bescheidenen Wohnung aufwärts führte, stand ein kleines Häuschen, das fast das Ansehen einer Por- ticrwohuung hatte, obgleich dies offenbar nicht der Fall war. Die Hütte schien bequem und niedlicher eingerichtet, als es sonst in Schottland gewöhnlich ist. Dazu gehörte ein kleiner Garten, wo Fruchtbäume und Gebüsche mit Küchengewächsen untermischt waren; eine Kuh und sechs Schafe weideten dicht dabei in einem Gehäge; stolzirend krähte der Hahn vor der Thürc und lockte seine Familie um sich; ein Haufe trockenen Reisigs und Torf, zierlich aufgcschichtet, verkündete, daß man für Winterfcnerung gesorgt, und der blaue Rauch, der aus dem mit Stroh umwundenen Schornsteine aufsticg, zeigte, daß die Abendmahlzeit eben bereitet werde. Um diese Scene ländlicher Stille und Behaglichkeit zu vollenden, füllte ein Mädchen von ungefähr fünf Jahren den Krug an einem schönen Brunnen voll des klarsten Wassers, welches ungefähr zwanzig Schritte von dem Hänschen entfernt an einer alten morschen Eiche hervorsprudelte. Der Fremde hielt an und fragte die kleine Nymphe um den Weg nach Fairy-Knowe. Das Kind setzte den Krug hin, da es kaum die Frage verstand, strich sich das goldene Haar aus der Stirne, öffnete die runden blauen Augen, und fragte: „Was wollt Ihr?" des Landmannes erste Antwort — wenn sie eine heißen kann — ans jede an ihn gerichtete Frage. „Ich möchte gern den Weg nach Fairy-Knowe wissen." „Mutter, Mutter," rief die kleine Bäuerin und eilte nach der Thüre, „komm heraus und sprich mit diesem Herrn." Die Mutter kam — eine junge hübsche Bauersfrau, deren ursprünglich schalkhaften Zügen die Ehe jenen decentcn matronenhaften Ausdruck verliehen, der den Bäuerinnen in Schott- 83 land besonders eigen ist. Ans dem rechten Arme trug sie ein Kind und mit dem linken glättete sie ihre Schurze, an der ein pausbackiges Kind von zwei Jahren hing. Das Mädchen aber, welches der Reisende zuerst gesehen, verkroch sich hinter die Mutter und lugte nur zuweilen verstohlen nach dem Fremden. „Was ist gefällig, Herr?" sagte das Weib mit achtungsvoller Artigkeit, die sonst solchen Leuten nicht eigen ist, ohne daß sic sich zudringlich zeigen- Einen Augenblick betrachtete sie der Fremde aufmerksam und sagte dann: „Ich suche den Ort Fairy-Knowe und einen Mann Namens Cuthbcrt Headrigg. Ihr könnt mich wohl zu ihm weisen?" „Das ist mein Maizn, Herr," sagte das Weib freundlich lächelnd. „Wollt Ihr absteigen, Herr, und in unsere arme Wohnung eintreten? — Cuddie! Cuddie!" — ein weißköpfiger Bursche von vier Jahren erschien an der Thürc — „Lauf, und sag' dem Vater, ein Fremder will ihn sprechen — oder bleib', — Jenny, Du wirst mehr Verstand haben — lauf Du hin und sag'S ihm; er ist im Vieracker-Park unten. Wollt Ihr nicht absteigen und einen Bissen Brod und Käse oder einen Schluck Bier genießen, bis mein Mann kommt? Das Bier ist gut, obgleich ich's nicht sagen soll, da ich's selber braue. Aber ein Ackersmann hat sauer Arbeiten und muß ein Labsal haben; drum nehm' ich immer ein gutes Maß Malz." Während der Fremde ihr höfliches Anerbieten ablehnte, erschien Cuddie, des Lesers alte Bekanntschaft. In seinem Gesichte lag immer noch jene Mischung scheinbarer Dummheit und gelegentlicher Geistesblitze. Er betrachtete den Reiter wie einen Mann, den er noch nie gesehen, und fragte ebenfalls: „Was wollt Ihr, Herr?" „Ich möchte gern Einiges über diese Gegend erfragen," s * sagte der Reisende, „und man hat mich an Euch als einen vernünftigen Mann gewiesen, der mir Auskunft geben kann." „Gewiß, Sir," sagte Cuddie nach kurzem Nachdenken — „aber erst möcht' ich doch wissen, was es für Fragen sein sollen. Man hat seiner Zeit schon so viel schiefe Fragen an mich gerichtet, daß, wenn Ihr sie alle wüßtet, Ihr Euch auch nicht wundern würdet, daß ich ein wenig Bedenken trage. Meine Mutter ließ mich den kleinen Catechismus lernen, das war Euch eine Plage! dann sollt' ich auch der alten Lady zu gefallen meinen Pathen und Pathinnen Red' und Antwort geben können, da mischt' ich Kraut und Rüben durcheinander und macht' cs Keinem recht; als ich in's Mannesalter kam, kamen andere Fragen in die Mode, die ich noch weniger ausstehcn konnte, als die Gnadenwahl. Daher, lieber Herr, wünsch' ich erst die Fragen deutlich auseinandcrgesetzt, eh' ich antworte." „Von meinen Fragen habt Ihr nichts zu fürchten, guter Freund; sie beziehen sich nur auf den Zustand des Landes." „Des Landes?" erwiederte Cuddie; „ei, mit dem steht's gut genug, wäre nur nicht der Teufelskerl, der Claverhouse, jetzt heißt er Dundee, der rumort jetzt in de» Hochlanden, und die Donalds und Duncans und Dugalds, die trciben's mit ihm, um Alles wieder durcheinander zu bringen, was so ganz vernünftig in Ordnung gebracht ist. Aber Mackay wird's ihm schon eintränken, dafür steh' ich." „Woher wißt Ihr das so bestimmt, mein Freund?" fragte der Reiter. „Ich hab's mit eigenen Ohren gehört," antwortete Cuddie. „Ein Mann hat's ihm prophezeiht, der schon drei Stunde» todt war und wieder lebendig wurde, nur um ihm die Meinung zu sagen. Es war an einem Orte, den man Drums- hinnel nennt." „Wirklich?" sagte der Fremde. „Das kann ich kaum glauben, mein Freund." „Meine Mutter würd' es Euch sagen, wenn sie noch lebte," erwiedcrte Cuddie; „sie hat mir Alles auseinandergesetzt; denn ich glaubte, der Mann wäre bloß verwundet gewesen- Er sprach von der Vertreibung der Stuarts und nannte selbst ihre Namen und sagte, was für eine Rache gegen Claverhouse und seine Dragoner bereitet werde. Der Mann hieß Habakuk Mucklewrath, — es hat ein wenig bei ihm gerappelt, aber ein Prediger war er doch." „Ihr scheint in einem reichen und friedlichen Lande zu leben," sagte der Fremde. „Man kann nicht klagen, Sir, wenn das Getreide in der Scheuer ist," sagte Cuddie. „Wenn Ihr aber das Blut dort oben auf der Brücke hättet rinnen sehen, so schnell wie das Wasser unten, nun, das hätt' Euch nicht so gefallen." „Ihr meint wohl die Schlacht vor einigen Jahren? — Ich habe an jenem Morgen dem Herzog von Monmouth meine Aufwartung gemacht und ein Stück von der Schlacht mit angesehen," sagte der Fremde. „Das war ein schöner Spaß, der hat mir das Fechten auf Lebenszeit verleidet," entgegnete Cuddie. — „Nach Eurem rothen gestickten Rock und Eurem Tressenhut würd' ich Euch für einen Soldaten halten." „Und auf welcher Seite wart Ihr denn, mein Freund?" fragte der Fremde wiederum. „Ei!" erwiedcrte Cuddie mit einem schlauen Blicke, „damit ist man nicht so bei der Hand, wenn man den Frager nicht kennt." „Ich billige Eure Vorsicht; doch habt Ihr sie jetzt nicht nöthig. Ich weiß, Ihr wart damals Heinrich Mortons Diener." 86 „Blitz!" rief Cuddie erstaunt — „wer hat Euch dies Ge- heimniß anvertraut? — Nicht, daß ich mir Etwas daraus machte; denn jetzt sitzen wir warm. Ich wollte, mein Herr wäre noch am Leben, daß er auch was davon kriegte." „Was ist denn aus ihm geworden?" fragte der Reiter. „Er ist untcrgegangen ans der Reise nach Holland — Mann und Maus untergegangen und mein armer Herr mit," seufzte Cuddie- „Ihr habt ihn wohl gern gehabt?" fragte der Fremde- „Wie sollt' ich nicht? — Jeder, der ihn ansah, mußt' ihn lieb haben. Und ein braver Soldat war er. Wenn Ihr ihn auf der Brücke gesehen hättet! da flog er wie ein fliegender Drache, um die Leute zum Einhatten zu bringen, die eben nicht viel Lust dazu hatten! Er und der finstere Whig, der Burley, waren da; wenn's auf die Beiden angekommen wäre, hätte man uns das Fell nicht so gegerbt an jenem Tage." »Ihr nanntet da Burley — wißt Ihr, ob er noch lebt?" „Viel weiß ich eben nicht von ihm. Man sagt, er sei außer Landes gewesen, und unsere Dulder wollten nichts mit ihm zu schaffen haben, weil er den Erzbischof ermordet. So kam er wieder heim noch zehnmal schlimmer, und band an mit vielen Presbyterianern. Und wie der Prinz von Oranien in's Land kam, konnte er kein Kommando kriegen wegen seiner teuflischen Gesinnung, und seitdem hat man Nichts von ihm gehört, und Einige sagen, vor Stolz und Zorn sei er rein toll geworden." „Und — und —" sagte der Fremde nach einigem Zögern, — „wißt Ihr Etwas von Lord Evandale?" „Ob ich Etwas von Lord Evandale weiß? — Ist doch meine junge Lady in dem Hause dort mit ihm so gut als verheirathet. 87 „Aber wirklich verheirathet sind fle noch nicht?" fragte der Reiter hastig. „Nein, nur was man so verlobt nennt — ich und meine Frau waren Zeugen, — vor einigen Monaten — eine lange Freierei, — wenig Leute wissen warum, nur ich und Jenny. — Aber wollt Ihr nicht abfltzen? Ich kann Euch nicht so auf dem Gaul sehen, — die Wolken im Westen ziehen dicht über Glasgow hin, und Leute, die's verstehen, glauben, das bedeute Regen." Wirklich hatte eine dichte schwarze Wolke die untergehende Sonne verdunkelt, einige große Regentropfen fielen nieder und dumpf rollte der Donner aus der Ferne. „Dem steckt der Teufel im Leibe," dachte Cuddie- „Ich wollt', er stieg ab, oder machte sich fort, um in Hamilton einzukehren, eh' das Wetter losbricht." Aber der Reiter saß nach seiner letzten Frage einige Augenblicke, wie von ungewöhnlicher Anstrengung erschöpft, regungslos auf dem Pferde. Endlich nahm er sich plötzlich zusammen und fragte Cuddie, ob Lady Margaretha Bellenden noch lebe? „Ja," erwiederte Cuddie; „aber ziemlich knapp- Es hat sich gar Manches schlimm verändert, seit diese rauhen Zeiten begonnen haben. Sie haben viel gelitten; sie haben das alte Schloß verloren und die schöne Baronie und die Aecker, die ich so oft gepflügt, und meinen Kohlgarten, den ich wieder bekommen sollte, und Alles für weiter nichts, wie man sagt, als weil einige Fetzen Pergament fehlten, die bei der Einnahme von Tillietudlem verloren gegangen sind." „Davon Hab' ich Etwas gehört," sagte der Fremde mit gedämpfter Stimme, indem er das Gesicht abwandtc. „Ich nehme Antheil an der Familie und würde gern helfen, wenn ich könnte. Könnt Ihr mir ein Bett geben auf die Nacht, mein Freund?" „Wir haben zwar wenig Gelaß, Herr," sagte Cuddie; „doch wir wollen's versuchen, eh' Ihr in diesem Wetter fortreitet: denn, aufrichtig gesagt, Ihr scheint nicht ganz gesund." „Ich leide am Schwindel," sagte der Fremde; „aber es ist bald vorüber." „Ein gutes Abendessen sollt Ihr bekommen, Herr," sagte Cuddie, „und ein Bett auch, so gut wir's haben. Viel Betten haben wir freilich nicht; denn Jenny hat so viel Kinder (Gott erhalte sie), daß ich wahrhaftig Lord Evandale ansprechen muß, uns Etwas von seinem Ausschuß zu geben." „Ich bin leicht befriedigt," sagte der Fremde, als er in's Haus trat. «Euer Pferd soll gut versorgt werden," sagte Cuddie, „Ich weiß ein Pferd zu behandeln, und das ist gar ein hübsches Thier.« Cuddie führte das Pferd in den kleinen Kuhstall und rief seiner Frau zu, sie solle für den Fremden sorgen. Der Offizier trat ein, warf sich auf den Sessel in einiger Entfernung vom Feuer, und schien wohlbedacht dem Fenster seinen Rücken zuzukehren. Jenny, oder wenn der Leser lieber will, Frau Head- rigg, bat ihn, Mantel, Bandelier und den breitkrämpigen Hut abzulcgen; er entschuldigte sich aber mit dem Vorgeben, daß ihn friere, und um sich die Zeit bis zu Cuddies Rückkehr zu vertreiben, schwatzte er mit den Kindern und entzog sich immer sorgfältig den Blicken seiner Wirthin. Neuntes Kapitel- Wie viele Zähren bittrer Leiden! Wie vst gestorben, eh' wir scheiden! Gebkvch'ne Freundschaft schlägt uns Wunden, Und Jugendlieb' auf ewig hingeschwunden. Loggn. Cuddie kehrte bald zurück und versicherte den Fremden in munterem Tone, daß das Pferd versorgt sei und daß sein Weib ein Bett bereiten werde, besser und bequemer, als bei ihres Gleichen gefunden werden könne. „Ist die Herrschaft zu Hause?" fragte der Fremde stotternd. „Nein, Herr; fle sind fort mit allen Dienstboten — sie halten jetzt nur zwei; meine Frau hat die Aufsicht und die Schlüssel, das thnt sie umsonst. Sie ist bei der Herrschaft geboren und erzogen, und darum vertraut man ihr Alles an. Wenn fle hier wären, würden wir uns ohne ihren Befehl nicht so viel Freiheit herausnehmen; sind sie aber fort, sehen sie's wohl gern, wenn wir einen fremden Herrn bewirthen- Fräulein Bellenden würde der ganzen Welt helfen, wenn sie könnte, und ihre Großmutter har mächtigen Respekt vor dem Adel; doch ist sie nicht hart gegen niedere Leute. — Aber, Weib, warum dauert's so lange?" „Nur ruhig, Männchen," erwiederte Jenny; „'s wird schon zur rechten Zeit kommen- Ich weiß recht gut, Du hast die Suppe gern heiß." — Cuddie schmunzelte und es folgte nun ein Zwiegespräch zwischen ihm und seiner Frau, an dem der Fremde nur wenig Thcil nahm. Endlich aber unterbrach er sie plötzlich mit der Frage: „Könnt Ihr mir sagen, wann Lord Evandales Hochzeit gefeiert wird?" „Sehr bald vermuthlich," antwortete Jenny, ehe ihr Mann Zeit zum Reden hatte; „sie wäre schon längst gewesen, wenn nicht der alte Major gestorben wäre-" „Der treffliche Greis!" sagte der Fremde. „Ich Hab' es schon in Edinburg gehört. — War er lange krank?" „Seit seine Schwägerin und Nichte aus dem Eigenthum vertrieben waren, konnte er nicht mehr auf. Um den Prozeß zu führen, hatte er sich in Schulden gesteckt, — aber es war am Ende von König Jakobs Negierung — und Basil Olifant, der die Länderei in Anspruch nahm, wurde katholisch, um denen am Ruder zu schmeicheln, und so konnte man ihm nichts ab- schlagcn- Die Frauen verloren also den Prozeß, nachdem sie sich ein liebes langes Jahr gewehrt, und, wie ich vorhin sagte, der Major kam nie wieder auf. Dazu kam noch die Vertreibung der Stuarts, und obgleich er nur wenig Ursache hatte, sie zu lieben, so könnt' er's doch nicht überwinden, und es brach ihm das Herz, und dann kamen die Gläubiger nach Charnwood und machten leere Bahn, — er war nie reich, der gute alte Mann; denn er konnte kein Menschenkind darben sehen." „Ja, ja," sagte der Fremde mit gepreßter Stimme, — „er war ein herrlicher Mann, das heißt, ich Hab' ihn oft so 91 loben hören. — Die Damen sind also seht ohne Vermögen und Beschützer?" „So lange Lord Evandale lebt," sagte Jenny, „find Beide versorgt; er ist ein aufrichtiger Frennd in ihrem Kummer gewesen. Wohnen sie doch sogar im Hause Seiner Herrlichkeit,"und, wie meine alte Schwiegermutter zu sagen pflegte, seit dem Erzvater Jakob hat kein Mann so lange und so treu um ein Weib gedient, als der gute Lord Evandale." „Und warum," fragte der Fremde mit bewegter Stimme, „warum ward ihm nicht schon früher der Gegenstand seiner Zuneigung?" „Es mußte erst ein Prozeß beendigt werden," sagte Jenny hastig, „und dann gab's andere Umstände." „Freilich, aber cs war noch ein anderer Grund," sagte Cuddie, die jnnge Lady-" „Halt's Maul und iß Deine Suppe," sagte seine Frau; „ich sehe, der Herr ist nicht recht wohl, unser schlechtes Essen mundet ihm nicht, — ich will ihm sogleich ein Hinkel Machten." „Laßt das!" sagte der Fremde; „ich wünsche nur ein Glas Wasser und möchte allein sein." „So bemüht Euch mir zu folgen," sagte Jenny und nahm eine kleine Laterne; „ich will Euch den Weg weisen-" Auch Cuddie bot seinen Beistand an; aber sein Weib erinnerte ihn, die Kinder würden sich raufen, wenn man sie allein ließe, oder könnten sich einander in's Feuer stoßen — so daß er Zurückbleiben mußte. Seine Frau führte den Fremden auf einem von Heckenrosen und Geisblatt eingefaßten Pfade nach der Hinterthüre des Gartens. Jenny schob den Riegel auf und Beide gingen nun durch einen altvaterischen Blumengarten mit verschnittenen Taxushecken zu einer Glasthüre, welche sie mit einem Hauptschlüs- - 92 sel öffnete; dann steckte sie ein Licht an, stellte es auf einen kleinen Arbeitstisch und bat ihn, einige Minuten hier zu verweilen, um sein Schlafgemach in Ordnung zu bringen. Als sie nach einigen Minuten znrückkehrte, sah sic mit Schrecken, daß der Fremde mit dem Kopfe vorwärts auf den Tisch gesunken war, was sie einer Ohnmacht znschrieb. Als sie sich aber näherte, ward es ihr durch das abgebrochene Schluchzen des Fremden klar, daß dieser von einem bittern Seelenschmcrz ergriffen war- Vorsichtig zog sie sich ein wenig zurück, bis er sein Haupt erhob, dann trat sie näher, ohne ihn merken zu lassen, daß sie seine Gemüthsbewegung wahrgenommen, und sagte ihm, sein Bett sei jetzt fertig. Der Fremde starrte sie einen Augenblick an, als suche er den Sinn ihrer Worte zu errathen; sie wiederholte sie, und er gab ihr durch eine leise Bewegung des Kopses zu erkennen, daß er sie verstanden habe. Er trat in's Gemach, dessen Thüre sie ihm bezeichnet. Es war ein kleines Schlafzimmer, dessen sich, wie sie sagte, Lord Evandale bediente, wenn er nach Fairy-Knowe kam-, auf einer Seite grenzte es an ein kleines, mit Porzellan verziertes Zimmerchen, dessen Thüre in den Garten führte, auf der andern an einen Saal, von dem es nur durch eine dünne Holzwand getrennt war. Als Jenny dem Fremden gute Besserung und angenehme Ruhe gewünscht, ging sic schnell in ihre eigene Wohnung. „Ach, Cuddie," rief sic bei ihrer Rückkehr ihrem Gatten zu; „ich glaube, wir sind verloren!" „Was gibt's denn?" erwiederte Cuddie ruhig; denn er gehörte zu den Leuten, die nicht leicht aus der Fassung kommen. „Wer denkst Du, daß der Herr ist? — O hättest Du ihn nie gebeten, abzustcigen!" seufzte Jenny. „Aber wer zum Teufel ist's denn? 's gibt jetzt kein Gesetz mehr, daß man Niemand beherbergen und mit Niemand ver- kehren soll," sagte Cnddie; „drum, sei er meinetwegen Whig oder Tory, was schicrt's uns?" „Aber 's ist Jemand, der Lord Evandale's Heirath in den Weg treten kann, wenn wir nicht besser ans der Hut sind," sagte Jenny; „'s ist Fränlein Editha'S erster Liebster, Dein ehemaliger Herr, Cnddie." „Der Teufel, Weib!" rief Cnddie aufspringend, „hältst Dn mich für blind? den Herrn Heinrich Morton will ich unter Hunderten heraus kennen." „Ei, blind bist Dn freilich nicht, lieber Cnddie; aber Du merkst nicht Alles so schnell wie ich." „Nun, was hast Dn denn an dem Mann gesehen, das nnserm Herrn Heinrich ähnlich sehe?" „Das will ich Dir sagen. Als er uns so sein Gesicht verbarg und mit verstellter Stimme sprach, da war mir's nicht ganz richtig; nun wärmte ich alte Geschichten auf, und wie ich von der Suppe sprach, da lachte er zwar nicht — dazu ist er jetzt zu betrübt, — aber er zwinkerte mit den Augen, daß ich gleich sah, er verstünd' es s»on. Sein ganzer Kummer ist wegen Fräulein Editha's Heirath. Hab' mein Lebtage keinen Mann gesehen, den Licbestreu' so niedergedrückt — ja, weder Mann noch Weib; — doch fällt mir ein, wie cs Fräulein Edith« schlimm wurde, als sie horte, daß er und Dn (Du garstiger Mensch) mit den Rebellen nach Tillietndlem kämet. — Aber was ist Dir denn jetzt?" „Was mir ist?" sagte Cnddie, indem er einige der abgelegten Kleider wieder anzog, „soll ich denn nicht auf der Stelle meinen Herrn sehen?" „Nein, Cnddie, Du sollst ihn nicht sehen," sagte Jenny kalt und entschlossen. „Der Teufel steckt in dem Weibe!" rief Cnddie; „glaubst 94 Du, ich sei so einfältig, um mich von einem Weibe meistern zu lassen?" „Und von wem willst Du Dich denn sonst meistern lassen, Cuddic? Ich will Dir's gleich auseinandersetzcn- Keiner weiß sonst, daß dieser junge Herr noch lebt, und weil er sich so fremd hält, hat er, glaub' ich, die Absicht, wenn er findet, daß Fräulein Edith« schon verheirathet ist, oder sich eben verhei- rathen will, sich wieder heimlich fortznmachcn, um keine Unruh zu verursachen. Wenn aber Fräulein Edith« erführe, daß er noch lebt, wahrhaftig, wenn sie mit Lord Evandalc schon am Altar stünde, so würde sie „nein" sagen, wenn sie „ja" sagen sollte." „Gut, aber was geht das mich an?" sagte Cuddie. „Wenn das Fräulein ihren alten Liebsten lieber hat, als ihren neuen, warum sollte sie nicht so gut ihre Meinung ändern dürfen, wie andere Leute? — Du weißt ja, Jenny, Halliday behauptet immer noch, er habe ein Versprechen von Dir." „Halliday ist ein Lügenmaul und Du bist ein Esel, daß Du ihn anbörst. — Und dann, was die Wahl des Fräuleins betrifft, daß sich Gott erbarme! — Du kannst versichert sein, alles Geld und Gut, was der gute Herr Morton hat, trägt er auf dem Leibe, wie kann er da Lady Margaretha und das Fräulein erhalten?" „Ist denn nicht Milnwovd da?" sagte Cuddie- „Der alte Herr hat zwar seiner Haushälterin die Einkünfte lebenslänglich überlasse», da er nichts mehr von seinem Neffen hörte; aber durch ein gutes Wort bringt man's bei dem alten Weib fertig, und dann können sie Alle hübsch zusammen leben, Lady Margaretha und Alle." „Still! Du kennst die vornehmen Damen nicht, wenn Du glaubst, sie würden mit der alten Ailie Wilson zusammen leben; sind sie doch fast zu stolz, um selbst von Lord Evandale was zu nehmen. Nein, nein, sie müßte mit in's Feld ziehen, wenn sie Morton nähme." „Das würde der alten Lady schlecht anstehcn," sagte Cud- die; „im Bagagewagen hielt' sie's kaum einen Tag aus." „Und was würden sie sich herumzanken über Whigs und Tories," fuhr Jenny fort. „Gewiß, in diesem Punkte ist die alte Lady sehr kitzlich," sagte Cuddie. „Und dann, Cuddie," fuhr seine Ehehälfte fort, welche nun mit dem schweren Geschütz ihrer Beweisgründe heranrückte, „was wird aus nnserm Häuschen, dem Küchengartcn und dem Gras für die Kuh, wenn die Heirath mit Lord Evandale abgebrochen wird? — Dann müßten wir ja mit den armen Würmern in die weite Welt!" Hier fing Jenny an zu weinen, und Cuddie lief wie die leibhafte Unentschlossenheit auf und ab. Endlich brach er los: „Nun, kannst Du mir nicht sagen, was ich thnn soll, Frau?" „Gar nichts sollst Du thnn," sagte Jenny. „Thue als wenn Du gar nichts wüßtest von diesem Herrn, und laß ja kein Wort fallen, daß er hier oder im Herrenhause gewesen ist- — Wenn ich's früher gewußt hätte, mein eigenes Bette würde ich ihm gegeben haben; ich hätte lieber im Stalle geschlafen, oder ihn weiter reiten lassen; jetzt aber ist's zu spät- Das Beste ist, wir bringen ihn morgen mit guter Art fort, und hoffentlich wird er keine Eile haben, wiederzukommen." „Mein armer Herr!" rief Cuddie. „Ach, soll ich gar nicht mit ihm sprechen?" „Bei Leibe nicht! Du bist nicht gezwungen, ihn zu kennen. Ich hätte es Dir auch gar nicht gesagt; ich fürchtete aber, Du würdest ihn am andern Morgen wiedercrkennen." 96 „Gut," seufzte Cuddie; „ich will gehen, das äußerste Feld zu pflügen; denn wenn ich nicht mit ihm sprechen soll, so will ich lieber gar nicht im Hause sein." „Schön, liebes Männchen. Kein Mensch hat mehr Verstand, als Du, wenn Du erst mit Jemand über Deine Sachen gesprochen hast; aber nach Deinem Kopfe allein darfst Du nie Etwas thun." „Das muß wohl wahr sein," sagte Cuddie; „denn ich habe immer ein altes Weib, oder ein Mädchen, oder sonst Jemand gehabt, die mich ihren eigenen Weg führten, statt den meinigen. — Erst war's meine Mntter," fuhr er fort, indem er sich auszog und in's Bette purzelte — „dann kam Lady Margaretha, da blieb mir nicht einmal mein Bischen Seele — dann zankte sich meine Mntter mit ihr. Die Eine stieß mich dahin, die Andere dorthin, und sie rauften sich um mich, wie der Teufel und der Hanswurst um de» Bäcker auf dem Jahrmärkte, — und jetzt habe ich ein Weib," murmelte er, als er sich tiefer in die Federn steckte — „die will nun Alles mit mir machen." „Habe ich Dich nicht immer am besten geleitet?" sagte Jenny, indem ste sich neben ihren Mann legte, das Licht auslöschte und so die Unterredung schloß. Wir überlassen dieses Paar der Ruhe, und berichten unfern Lesern, daß am nächsten Morgen in aller Frühe zwei Damen zu Pferde mit Bedienung zu Fairy-Knowe ankamen, welche Jenny zn ihrer größten Bestürzung augenblicklich als Fräulein Bellenden und Lady Emilie Hamilton, eine Schwester Lord Evandale's, erkannte. „Wär's nicht besser, ich ginge zuerst in's Herrenhaus und brächte Alles in Ordnung?" sagte Jenny, bestürzt über diese unerwartete Erscheinung. „Wir brauchen nur den Hauptschlüssel," sagte Fräulein Bellenden. „Gudyill soll die Fenster im kleinen Gesellschaftszimmer öffnen." „Das ist verschlossen und das Schloß schadhaft," crwiederte Jenny, die sich sogleich der Verbindung erinnerte, welche dieses Zimmer mit dem Schlafgemach ihres Gastes hatte. „Nun denn im rothen Zimmer," sagte Fräulein Bellenden, und ritt nach der Vorderseite des Hauses, aber auf einem andern Wege, als Morton hingeführt worden war. „Wenn ich ihn nicht hintenherum aus dem Hause schmuggeln kann, ist Alles aus," dachte Jenny, und eilte in großer Verwirrung dem Wege zu. „Hätte ich doch lieber gleich gesagt, es sei ein Fremder hier," war ihr nächster Gedanke. „Aber dann hatten sie ihn zum Frühstücke cingcladen. Du lieber Himmel, was ist nun zn thun? — Und da geht auch noch der Gudyill im Garten, und so lange der nicht fort ist, darf ich mich nicht hineinwagen. Ach Gott, was wird aus uns werden?" In dieser Verlegenheit näherte sie sich dem ci-clevsnt Kellermeister, in der Absicht, ihn aus dem Garten zu locken. Aber John Gudyills Temperament hatte sich auch jetzt noch nicht verändert. Wie viele andere mürrische Leute hatte er eine ganz genaue Vorstellung von dem, was die Leute quälen mußte, mit denen er umging, und jetzt dienten Jenny's Anstrengungen, ihn aus dem Garten zu bringen, nur dazu, ihn darin noch fester Wurzel fassen zu lassen. Zum Unglück war er während seines Aufenthalts zu Fairy- Knowe ein Blumist geworden; er überließ demnach alles Andere Lady Emiliens Diener zur Besorgung, nnd widmete sich ganz den Blumen, die er unter seinen besonder,, Schuh genommen, und während er grub, stängelte und wässerte, sprach Die Schwärmer. III. 7 »8 er immer von den Eigenschaften dieser Blumen mit der armen Jenny, welche zitternd da stand und vor Angst, Furcht und Ungeduld fast aufschrie. Das Schicksal schien diesen Morgen durchaus gegen Jenny zu sein- Sobald die Damen in's Haus traten, bemerkten sie, daß die Thüre des kleinen Gesellschaftszimmers, und zwar just dasselbe, in das sie nicht kommen sollten, weil es an das Zimmer stieß, in dem Morton schlief, nicht nur unverschlossen, sondern sperrweit offen stehe. Fräulein Bellenden war zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, um dies zu beachten; sie befahl dem Diener, die Laden zu öffnen, und ging mit ihrer Freundin in's Zimmer. „Er ist noch nicht gekommen," sagte sie. „Was kann Euer Bruder beabsichtigen mit dem so sehnlichen Wunsche, daß wir ihn gerade hier treffen sollen? Warum nicht im Schlosse Di- nan, wie er vorschlug? — Ich gestehe, theure Emilie, daß ich, obgleich mit ihm versprochen, und obgleich Ihr selbst zugegen seid, doch nicht recht gethan habe, ihm nachzugebcn." „Evandale war nie launenhaft," antwortete Emilie. „Gewiß hat er seine Gründe, und ist das nicht der Fall, so will ich Euch Helsen, ihn auszuschelten." „Was ich besonders fürchte," sagte Edith«, „ist, daß er sich in dieser unseligen, unruhigen Zeit in einen Anschlag eingelassen hat. Ich weiß, sein Herz ist bei dem fürchterlichen Claverhonse und dessen Heere, und ich glaube, ohne meines Oheims Tod, der ihm um unsertwillen so viele Mühe und Sorgen gemacht hat, würde er sich ihm schon längst angeschlossen haben. Wie sonderbar, daß ein so verständiger Mann, der die Fehler der vertriebenen Familie so klar einsieht, bereit ist, Alles für ihre Wiederherstellung zu wagen!" „Was kann ich sagen?" antwortete Lady Emilie; „cs ist »9 bei Evandale eine Ehrensache. Unsere Familie ist immer loyal gewesen — er diente lange unter der Garde, — der Viscount von Dundee war lange Jahre sein Freund und Befehlshaber — viele seiner Verwandten, welche seine Unthätigkcit dem Mangel an Muth znschreibcn, sehen ihn scheel an. Ihr müßt wissen, thenerste Editha, wie oft Familicnverbindnngen und eine früh gefaßte Zuneigung ans unsere Handlungen großem Einfluß haben, als bloße Vernunftgründe. Aber ich glaube, Evandale wird sich ruhig verhalten; obgleich ich, die Wahrheit zu gestehen, glaube, daß nur Ihr ihn zurückhaltcn könnt." „Und wie ist dies in meiner Macht?" fragte Fräulein Bellenden. „Ihr könnt ihm die Entschuldigung aus der Bibel verschaffen: „er hat ein Weib geheirathet, und kann deshalb nicht kommen."" „Ich habe wohl mein Versprechen gegeben," sagte Editha mit schwacher Stimme; „aber ich hoffe, man wird mich wegen der Zeit nicht drängen." „Nun, ich will es Evandale selbst überlassen, seine Sache zu führen," sagte Lady Emilie. „Aber hier kommt er schon." „Um Gotteswillen, bleibt!" sagte Editha, und suchte sie zurückzuhalten. „Nein, nein!" sagte die junge Dame, sich losmachend; „bei solchen Dingen ist eine dritte Person überflüssig. Wenn Ihr mich zum Frühstücke haben wollt: ich bin in der Weidenallee am Flusse." Als sie aus dem Zimmer hüpfte, trat Lord Evandale ein. — „Guten Morgen, Bruder; Adieu bis zum Frühstücke," sagte das lebhafte Mädchen. „Ich hoffe, Du wirst dem Fräulein Bellende» triftige Gründe anführcn, warum Du sie schon am frühen Morgen gestört hast." 7 INO Mit diesen Worten ließ sie Beide allein. „Und nun, Mylord," sagte Edith«, „darf ich wohl fragen, warum Ihr uns auf so sonderbare Weise gebeten habt, Euch hier in aller Frühe zu treffen?" Sie wollte noch hinzufiigen, daß sie sich kaum entschuldigen könne, seine Bitte erfüllt zu haben; aber als sic ihn genauer ansah, trat sie stumm zurück vor seinen seltsam bewegten Zügen, und rief: — „Um Gotteswillen, was geht vor?" „Seiner Majestät treue Unterthancn habe» einen großen, entscheidenden Sieg bei Blair of Athole errungen; aber ach, meine schone Freundin, Lord Dundee — " „Ist gefallen?" sagte Edith«, ihn unterbrechend. „Ja, — gefallen in den Armen des Sieges, und nun ist Niemand da, der Talent und Einfluß besitzt, seine Stelle in König Jakobs Diensten anszufüllen. Edith«, es ist nicht mehr Zeit, mit unserer Pflicht zu säumen. Ich habe meine Leute aufbiete» lassen, und muß noch diesen Abend von Euch scheiden." „Thut das nicht, Mylord," antwortete Edith«. „Euer Leben ist Euern Freunden nothwendig; verschwendet cs nicht an ein solch unbesonnenes Abenteuer. Was vermögt Ihr mit Euren wenigen Leuten gegen die Macht von beinahe ganz Schottland, die hochländischen Clans allein ausgenommen?" „Hört mich an, Editha," sagte Lord Evandale. „Ich bin nicht so unbesonnen, als Ihr vielleicht meint; auch sind meine gegenwärtigen Gründe nicht so unbedeutend, daß sie nur auf Diejenigen Einfluß haben sollten, die persönlich von mir ab- hängen. Die Leibgarden, unter denen ich so lange gedient, haben trotz ihrer neuen Organisation und der neuen, vom Prinzen von Oranie» bestallten Offiziere, noch immer eine Vorliebe für ihren rechtmäßigen Herrn; und" — hier flüsterte er, gleichsam fürchtend, die Wände könnten Ohren haben — 101 „sobald man erfährt, daß mein Fuß im Steigbügel steht, haben zwei Reiterregimenter geschworen, aus des Usurpators Dienste zu treten und unter meine» Befehlen zu dienen. Sie warteten nur, bis Dundee in die Niederlande herabkäme; — da er aber nicht mehr ist, welcher von seinen Nachfolgern wird wohl, wenn nicht durch die Erklärung der Truppen ermuthigt, diesen entscheidenden Schritt wagen? Unterdessen erlischt der Eifer der Soldaten- Ich muß sie zur Entscheidung bringen, so lange ihr Muth noch glüht vom Siege ihres alten Feldherrn und so lange sie noch brennen, seinen frühzeitigen Tod zu rächen." „Und ans die Treue solcher Menschen, wie diese Soldaten, bauend, wollt Ihr einen so entsetzlichen Entschluß fassen?" sagte Editha. „Ich muß!" entgcgnete Lord Evandale; „meine Ehre und Treue sind dafür verpfändet." „Und das Alles," fuhr Fräulein Bellenden fort, „wegen eines Fürsten, dessen Handlungsweise auf dem Throne Niemand mehr verdammte, als Lord Evandale?" „Sehr wahr!" crwiederte dieser; „und so wie ich, während er auf der höchsten Stufe seiner Macht stand, als ein frei- gcborner Unterthan seine Neuerungen in Staat und Kirche verwarf; eben so bin ich jetzt entschlossen, für seine wahren Rechte zu kämpfen, da er im Unglück ist. Mögen Höflinge und Augendiener dem Glücke schmeicheln, daS Unglück verlassen; ich verabscheue Beides." „Und wenn Ihr durchaus entschlossen seid, das zu thun, was meine schwache Einsicht immer noch unbesonnen nennen muß, wozu ist unser Zusammentreffen?" „Wäre nicht die Antwort hinreichend, daß ich meiner Verlobten ein Lebewohl sagen wollte, ehe ich in die Schlacht eile? — » 102 Das heißt meine Gefühle kalt beurth eilen, und zeigt mir nur zu sehr Eure Gleichgültigkeit, daß Ihr. erst nach dem Grunde eines so natürlichen Verlangens fragt." „Aber warum just hier, Mylord?" fragte Editha — „und warum so geheimnißvoll?" „Weil ich," erwiederte er, und übergab ihr einen Brief, „weil ich noch eine andere Bitte habe, die ich kaum auszusprechen wage, selbst wenn sie durch dieses Beglaubigungsschreiben cingeleitct wird." Hastig und erschreckt durchlas Editha den Brief, der von ihrer Großmutter war, und folgendermaßen lautete: „Mein liebes Kind! Nie habe ich meine Gicht, die mich am Reiten hindert, mehr bedauert, als jetzt, da ich dies schreibe, und nichts sehnlicher wünsche, als da zu sein, wo dies Papier bald sein wird, nämlich zu Fairy-Knowe, bei'm einzigen Kinde meines armen, thenren Willie. Aber es ist der Wille Gottes, daß ich nicht bei ihm sein soll, was ich sowohl aus den Schmerzen schließe, die mich jetzt heimsuchen, als auch weil weder Kamillensäckchen, noch Senfpflaster helfen wollen. Daher muß ich Dir schriftlich, statt mündlich sagen, daß Lord Evandalc, durch Ehre und Pflicht in den gegenwärtigen Feldzug gerufen, mich ernstlich gebeten hat, daß die Bande der heiligen Ehe zwischen Dir und ihm vorher geknüpft würden zur Erfüllung des früher feierlich abgelegten Versprechens. Da ich kein vernünftiges Hinderniß wahrnehme, so hoffe ich auch, daß Du, von jeher ein gutes, gehorsames Kind, kein unvernünftiges ersinnen wirst. Freilich sind die Verbindungen unseres Hauses bisher unserem Range angemessener gefeiert, und nicht insgeheim und ohne Zeugen vollzogen worden, als geschehe es in einem Winkel. Aber es ist des Himmels freier Wille, sowie der des Königreichs gewesen, in dem wir leben, uns unsere Güter und dem Könige seinen Thron zu nehme». Doch hoffe »ich, Erwirb den rechtmäßigen Erben wieder auf den Thron sehen und sein Herz bekehren zum wahren bischöflich-protestantischen Glauben, was ich um so mehr noch mit diesen meinen alten Augen zu sehen hoffe, da diese die königliche Familie gesehen, wie sie gekämpft mit den mächtigen Usurpatoren und Rebellen, das heißt, als Seine geheiligte Majestät, Karl II-, seligen Andenkens, unser armes Haus Tillietudlem beehrte, indem er daselbst sein Dejeuner einnahm u. s. w." Wir wollen die Geduld unserer Leser nicht ferner durch Lady Margaretha's weitschweifigen Brief ermüden- Genug, er schloß mit dem Befehl an ihre Enkelin, ohne Zeitverlust in die Hochzeitsfeier zu willigen. „Ich habe bis Liesen Augenblick nicht geglaubt, daß Lord Evandale unedel handeln kann," sagte Editha, indem sie den Brief fallen ließ. „Unedel, Editha?" erwiederte der Bräutigam. „Wie könnt Ihr meinem Wunsche, Euch mein zu nennen, ehe ich vielleicht auf ewig von Euch scheide, diesen Namen geben?" „Lord Evandale hätte sich erinnern sollen," sagte Editha, „daß, als seine Beharrlichkeit und, ich muß hiuzufügen, eine gebührende Anerkennung seiner Verdienste mir die zögernde Einwilligung entrissen, ich es zur Bedingung machte, nicht zu einer vorschnellen Erfüllung meines Versprechens gezwungen zu werden, und nun bedient er stch des Einflusses auf meine einzige Verwandte, und bestürmt mich mit so unzarter Zudringlichkeit. In diesem allzudringenden Begehren liegt mehr Selbstsucht, als Großmuth, Mylord!" 104 Der tiefverlctztc Lord ging einige Male auf und ab, che er auf diese Beschuldigung antwortete, endlich begann er: — „Ich wäre dieser schmcrzenvollen Anklage entgangen, hätte ich sogleich dem Fräulein Bellenden die Hauptursache mittheilen dürfen, die mich zu meiner dringenden Bitte bewog. Eine Ursache, die sie, was ihre Person betrifft, verwerfen, aber um ihrer Großmutter willen gewiß erwägen wird. Falle ich in der Schlacht, so kommen meine Güter an meine Lehenserben; werde ich von dem Usurpator geächtet, so fallen sie dem Prinzen von Oranien oder einem andern holländischen Günstlinge anheim. In beiden Fällen bleibt also meine verehrte Freundin und Braut arm und »»beschützt zurück; doch mit den Rechten und Einkünften einer Lady Evandale bekleidet, wird Edith« im Stande sein, ihre alte Verwandte zu unterstützen, und hierin einen Trost finden, daß sie sich herabgelassen, Rang und Vermögen eines Mannes zu theilen, der durchaus nicht behauptet, ihrer würdig zu sein." Editha verstummte vor dieser Rechtfertigung, die sie nicht erwartet, und mußte anerkennen, daß Lord Evandale's Begehren eben so zart, als wohlüberlegt ausgesprochen ward. „Und doch," sagte sie, „wendet sich mein Herz so seltsam früher» Zeiten zu, daß ich" — hier brach sie in Thränen aus, — „daß ich ei» ahnungsvolles Widerstreben gegen die Erfüllung meines Versprechens nach so kurzer Aufforderung kaum unterdrücken kann." „Wir haben diesen schmerzlichen Umstand bereits reiflich erwogen," sagte Lord Evandale, „und ich hoffe, theure Editha, unsere Nachforschungen haben Euch vollkommen überzeugt, daß Euer Schmerz fruchtlos ist." „Fruchtlos, ja!" sagte Editha mit einem tiefen Seufzer, der wie durch ein unerwartetes Echo aus dem Nebenzimmer wie- verholt wurde. Fräulein Bellenden crschrack und konnte sich kaum fassen, als Lord Eoandale versicherte, daß sie nur das Echo ihres eigenen Athemznges gehört habe. „Und cs klang doch so deutlich und ahnungsvoll," sagte sie; „aber meine Empfindung ist so gereizt, daß sie von der geringsten Kleinigkeit erschüttert wird." Lord Eoandale bemühte sich eifrig, ihre Unruhe zu beschwichtigen, und sie mit einer Maßregel zn versöhnen, die, obgleich voreilig, ihm doch das einzige Mittel schien, ihre Unabhängigkeit zu sichern. Er unterstützte seine Ansprüche, indem er sich auf den Ehekontrakt berief, auf ihrer Großmutter Wunsch und Befehl, ans die Zusicherung ihrer Unabhängigkeit, und berührte nur leise seine lange Zuneigung, die er durch so viele und mannigfaltige Dienste bewiesen. Diese fühlte Edith« um so mehr, je weniger er sie geltend machte, und da sie endlich seinem Dringen nichts entgegensetzen konnte, als einen unbegründeten Widerwillen, dessen sie sich bei solcher Großmnth schämen mußte, beharrte sie ans der Unmöglichkeit, so schnell, zu solcher Zeit und an einem solchem Orte die heilige Handlung stattfinden zu lassen. Aber darauf war Lord Eoandale vorbereitet und mit freudiger Hast sagte er ihr, daß der ehemalige Kaplan seines Regiments nebst einem treuen Diener, der früher Unteroffizier in demselben Corps gewesen, anwesend seien, daß seine Schwester ebenfalls um das Geheimniß wisse, und daß auch Head- rigg und seine Frau als Zeugen dienen könnten, wenn cs Fräulein Bellenden angenehm sei. Was den Ort betrifft, so hatte er diesen absichtlich gewählt. Die Ehe sollte ein Geheimniß bleiben; denn Lord Eoandale wollte bald nach der Feier verkleidet abreisen, welche, wenn ihre Vermählung öffentlich vollzogen worden wäre, die Auf- 106 merksamkcit der Regierung auf ihn gelenkt hätte, da man irgend einen gefährlichen Plan vcrmuthct haben wurde. Nach der Erläuterung dieser Gründe und Anordnungen entfernte er sich schnell und ohne eine Antwort abzuwarten, um seine Schwester zu ersuchen, so lange bei der Braut zu bleiben, bis er die nothwendigen Personen herbeigebracht habe. Lady Emilie fand ihre Freundin in heißen Zähren, deren Grund sie sich kaum erklären konnte, da sic zu den Mädchen gehörte, welche in einer Heirath weder etwas Wunderbares noch Schreckliches erblicken, und wie die Meisten, die ihren Bruder kannten, behauptete sie, es sei gar nicht so furchtbar, wenn Lord Evandale der Bräutigam sei. Diesen Ansichten zufolge erschöpfte sic sich in den bei solchen Gelegenheiten gewöhnlichen Ermuthigungsgründen und Aeußeruugen des Mitgefühls. Als aber Lady Emilie ihre zukünftige Schwägerin gegen diese hergebrachten Trvstgründe taub sah, — als sie bemerkte, wie die Thränen über die marmorbleichen Wangen flössen, — als sie fühlte, daß die Hand, welche in der ihrigen ruhte, leichenkalt war und ihre Liebkosungen weder fühlte noch crwiederte: da wich ihre Sympathie dem gekränkten Stolze. „Ich mnß gestehen, Fräulein Bellenden," sagte sie, „daß ich mir dies Alles nicht zu erklären weiß. Monate sind entschwunden, seit Ihr eingewilligt, meinen Bruder zu heirathen. und immer habt Ihr die Erfüllung Eures Versprechens von einer Zeit zur andern aufgeschoben, als wolltet Ihr einer entehrenden und höchst unangenehmen Verbindung ausweichen. Ich glaube für Lord Evandale stehen zu können, daß er keine Frau gegen ihren Willen besitzen will, und obgleich seine Schwester, kann ich doch kühn behaupten, daß er eine Dame nicht weiter zu drängen braucht, als ihre eigene Neigung sie führt. Verzeiht, Eure jetzige Trauer ist eine schlimme Vorbedeutung für meines Bruders künftiges Glück, und ich muß sagen, daß er diese Aeußerungen des Mißvergnügens und Kummers durchaus nicht verdient, und daß sie eine schlechte Belohnung cincrZu- ncigung scheinen, die er so lange und so oft an den Tag gelegt." „Ihr habt recht, Lady Emilie," sagte Ediths, ihre Thränen trocknend und ihr gewöhnliches Benehmen zu gewinnen suchend, obgleich ihr Aeußeres nur allzusehr den Zustand ihres aufgeregten Innern verricth. — „Ihr habt ganz recht, Lord Evandale verdient eine solche Behandlung von Niemand, am wenigsten aber von der, die er mit seiner Achtung beehrt. Wenn ich nun aber für's letzte Mal meinem Gefühle allzusehr nachgab, so Hab' ich doch den Trost, daß Euer Bruder, Mylady, die Ursache kennt, daß ich ihm nichts verbarg, und daß er wenigstens nicht fürchtet, in Editha Bellenden ein Weib zu finden, das seiner Zuneigung unwürdig ist. Aber dennoch habt Ihr recht, und ich verdiene Euren Tadel, einen Augenblick fruchtlosen und peinlichen Rückerinnernngen nachgegcben zu haben. Es soll nicht mehr geschehen. Mein Loos ist geworfen mit Lord Evandale, . und mit ihm will ich's tragen. Nichts soll in Zukunft seine Klagen oder den Unwillen seiner Verwandten erregen; keine Erinnerung an frühere Tage soll mich verhindern an der eifrigen, liebevollen Erfüllung meiner Pflicht; keine Täuschung soll das Andenken-" Bei diesen Worten erhob sie langsam ihre Augen, die sie bisher mit der Hand bedeckt hatte, zu dem halbgeöffneten Gitterfenster des Gemachs, stieß einen furchtbaren Schrei aus und sank hin. Lady Emilie richtete ebenfalls ihre Augen dahin, sah aber nur den Schatten eines Mannes, der vom Fenster zu schwinden schien, und mehr durch Edithas Zustand als durch die Erscheinung erschreckt, schrie sie wiederholt um Hülfe. Evandale kam bald mit dem Kaplan und Jenny Dennison; allein 108 es bedurfte starker, kräftiger Mittel, ehe Editha wieder zu sich kam. Sogar ihre Sprache war wirr und unzusammenhängend. „Dringt nicht weiter in mich," sagte sie zu Lord Evandale; „es kann nicht sein, — Himmel und Erde, die Lebenden und die Tobten haben sich gegen diese unselige Verbindung verschworen. Nehmt Alles, was ich geben kann, — meine schwesterliche Achtung, — meine ergebenste Freundschaft. Wie eine Schwester will ich Euch lieben, will Euch wie eine Sklavin dienen; aber sprecht mir nicht mehr von einer Heirath." Man kann sich leicht Lord Evandales Erstaunen denken. „Emilie," sagte er zu seiner Schwester, „das hast Du ge- than! — Welcher Dämon brachte mich auf den Gedanken, Dich mit herzunehmcn! — Du hast sle gewiß durch Deine Albernheiten wahnsinnig gemacht." „Wahrhaftig, Bruder," antwortete Lady Emilie, „Du allein kannst alle Weiber in Schottland toll machen. Weil Deine Liebste geneigt scheint. Dich zu Häuseln, schmälst Du Deine Schwester; eben Hab' ich Deine Sache verfochten, und hatte sie dahin gebracht, mich ruhig anzuhöreu, als plötzlich ein Mann zum Fenster hereinsieht, den ihre gereizte Phantasie entweder für Dich, oder sonst Jemand hielt, und so gab sle uns nun §rat>8 eine tragische Scene zum Besten." „Welcher Mann? Welches Fenster?" sagte Lord Evandale unwillig. „Fräulein Bellenden kann nicht mit mir Spott treiben, und doch was sonst-" „Still, still!" rief Jenny, die durchaus jede fernere Nachforschung zu verhindern strebte; „um Gottcswillen, Mylord, leise, Mylady fängt an sich zu erholen" Editha war kaum wieder zu sich gekommen, als sle mit schwacher Stimme bat, sie mit Lord Evandale allein zu lassen. Nachdem Alle das Zimmer verlassen, bat Editha den Lord, sich 109 zu ihr an's Lager zu setzen. Sie faßte nun seine Hand, drückte sie trotz seines Widerstrekens au ihre Lippen, dann sank sie von ihrem Sessel und umfaßte seine Kniee. „Vergebt, Mylord!" rief sie — „Vergebt! ich muß unrecht gegen Euch handeln und ein feierliches Wort brechen. Ihr besitzt meine Freundschaft, meine Hochachtung, meine aufrichtigste Dankbarkeit, — noch mehr, Ihr besitzt mein Wort und meine Treue — aber vergebt mir, ach! es ist nicht meine Schuld — meine Liebe habt Ihr nicht, und ich kann Euch nicht heirathen ohne Sünde." „Ihr träumt, theuerstc Editha!" sagte Evandale bestürzt — „Eure Einbildung täuscht Euch. Der Mann, den Ihr mir vorgezogen, ist längst in einer bessern Welt, dahin Eure Sehnsucht ihm nicht folgen kann, und könnte sie es auch, so würde sie seine Seligkeit nur vermindern." „Ihr irrt, Lord Evandale," sagte Editha feierlich. „Ich bin nicht wahnsinnig, bin keine Nachtwandlerin. Nein, nie hätt' ich einem Andern geglaubt, was ich gesehen habe." Aber meinen eigenen Augen muß ich glauben, da ich ihn gesehen habe." «Ihn gesehen? wen?" fragte Lord Evandale höchst bestürzt. „Heinrich Morton," erwiedcrte Editha, bei diesen Worten fast wieder einer Ohnmacht nahe. „Fräulein Bellenden," sagte Lord Evandale, „Ihr behandelt mich wie einen Narren oder wie ein Kind, wenn Ihr Euer Versprechen bereut. Ich bin nicht gesonnen, es gegen Eure Neigung zu erzwingen; ich bin ein Mann, darum unterlaßt diese Scherze." Zn seinem Unwillen war er schon im Begriff sich zu entfernen, als er an ihrem matten Auge, an ihrer bleichen Wange IIO sah, daß flc nichts weniger als einen Betrug beabsichtige; und was auch ihre Einbildungskraft aufgeregt haben mochte, fle war wirklich von einem Schrecken erfaßt. Mit sanfterem Tone bestrebte er sich nun sic zu beruhigen und die Ursache ihres Zustandes von ihr zu erforschen. »Ich sah ihn!" wiederholte sie. — „Ich sah Heinrich Morton an jenem Fenster stehen und in demselben Augenblicke in's Zimmer blicken, als ich ihm auf ewig entsagen wollte. Bleicher und hagerer war sein Antlitz. Er trug einen Rciterman- tel und einen Hut, der ihm in's Gesicht herabhing; er sah aus wie an jenem Morgen, wo er zu Tillietudlem von Clavcrhouse verhört wurde. Fragt nur Eure Schwester, ob sie ihn nicht eben so gut gesehen hat, als ich. — Ich weiß, was ihn aus dem Grabe gerufen, — er kam, mich zu tadeln, daß ich meine Hand einem Andern geben wollte, während mein Herz bei ihm war, in dem tiefen, tiefen Meer. Mylord, es ist aus zwischen Euch und mir; wie es auch endet, Diejenige kann keine Verbindung mit Euch schließen, welche damit die Ruhe der Tvdtcn stört." „Gerechter Gott!" rief Evandale, indem er vor Erstaunen und Schmerz halb wahnsinnig im Zimmer auf und ab ging, „so muß ihr herrlicher Geist zerrüttet werden durch ihr Bestreben, meine unzeitige, obgleich wohlwollende Bitte zu erfüllen. Ohne Ruhe und sorgsame Pflege ist ihre Gesundheit auf ewig hin." In diesem Augenblicke öffnete sich die Thüre, und Halliday, Lord Evandales erster Bediente, seit Beide beim Ausbruch der Revolution aus der Garde getreten, stolperte herein mit einem so geistcrbleichen Antlitz, als cs der Schrecken selbst nur malen kann. „Was gibt's, Halliday?" rief sein Herr aufspringend. „Eine Entdeckung des-" m Er war noch besonnen gering, den gefährlichen Satz ab- zubrcchen. „Nein, Sir," sagte Halliday, „das ist's nicht, auch nichts Aehnlichcs; aber ich Hab' einen Geist gesehen." „Einen Geist? o Du Einfaltspinsel! — Verschwört sich denn Alles, toll zu werden, um mich toll zu machen? — Was für einen Geist, Esel?" Den Geist Heinrich Mortons, des Whighauptmanns auf der Bothwcllbrücke,"' erwiedcrtc Halliday. „Wie ein Feuerstrahl strich er an mir vorüber, als ich im Garten war." „Die Hundstage slnd wieder da," sagte Evandalc, „oder cs ist ein Schurkenstreich im Spiele. — Jenny, begleitet Eure Lady nach ihrem Zimmer; ich will indessen der Sache ans die Spur kommen." Aber Evandalcs Nachforschungen waren umsonst. Jenny, die eine Aufklärung hätte geben können, hatte ein Interesse, die Sache im Dunkeln zu lassen, und dieses Interesse hatte bei Jenny großes Gewicht, besonders seit der Besitz eines rührigen, liebreichen Mannes ihre Gefallsucht vermindert. Sie hatte die ersten Augenblicke der Bestürzung weislich benutzt, jede Vermuthung, daß Jemand im Nebenzimmer geschlafen, aus dem Wege zu räumen und sogar die Fnßstapfen unter dem Fenster zu verwischen, an welchem, wie fle vermuthete, Mortons Gesicht erblickt worden, als er cs versuchte, bevor er den Garten verließ, noch einen Blick von Derjenigen zu erhaschen, die er so lange geliebt und nun ans immer verlieren sollte. Daß er im Garten an Halliday vorbcikam, war eben so klar, und sie erfuhr von ihrem ältern Knaben, den sie geheißen, des Fremden Pferd zu satteln und bereit zu halten, daß dieser schnell in den Stall getreten, dem Kinde ein Goldstück zugeworfen und mit furchtbarer Eile dem Clyde zugerit- 112 ten sei. Das Geheimniß blieb also in der Familie; und nach Jenny's Absicht sollte es auch darin bleiben. „Denn," dachte sie, „wenn auch die Lady und Halliday den Herrn Morton am Hellen Tage erkannt hätten, so ist dies ja doch kein Grund, daß wir ihn auch in der Dämmerung und beim Kerzenlicht hätten erkennen sollen, besonders da er sein Gesicht vor Cuddie und mir zn verbergen suchte." Daher beharrte sie ans ihrem Läugnen, als Lord Evandale sie befragte. Halliday aber konnte blos aussagen, als er an die Gartenthiire gelangt, sei ihm schnell die Erscheinung entgegen getreten, mit einem Antlitz, auf welchem Zorn und Kummer sich zu streiten schienen. Er kenne ihn recht gut, sagte er, da er ihn mehrmals bewacht und sein Signalement habe anfschreiben muffen, und es gebe wenig Gesichter, wie das des Herrn Morton. Warum er aber in einem Lande spucke, wo er weder gehängt noch erschossen worden, das könne er, besagter Halliday, nicht begreifen. Lady Emilie gestand, sie habe wohl das Gesicht eines Mannes am Fenster gesehen, könne aber nichts mehr darüber sagen. John Gudyill wußte gar nichts. Er hatte gerade, als die Erscheinung kam, den Garten verlassen, um ein Schnäps- chen zu sich zu nehmen. Lady Emiliens Diener war in der Küche, und sonst befand sich kein anderes Wesen auf einer Biertelmeile in der Runde. Bestürzt und höchst unbefriedigt kehrte Evandale zurück, da er einen Plan, den er ebensowohl zum Schutze Edithas als für sein eigenes Glück nothwendig erachtete, plötzlich ohne vernünftige Ursache zerstört sah. Er kannte Editha zu gut, um zu argwöhnen, daß sie durch eine erdichtete Vision launenhaft ihr Wort brechen sollte. Er würde jedoch die Erscheinung einer überspannten Einbildungskraft zugeschrieben haben, 113 wenn nicht auch Halliday dasselbe ausgesagt hätte, der doch nicht Ursache hatte, an Morton mehr als ein Anderer zu den» ken, und der von Editha's Erscheinung nichts wußte, als er seine eigene mittheilte. Auf der andern Seite schien es wieder sehr unwahrscheinlich, daß Morton, den man so lange und vergeblich gesucht, und von dem man mit so vielem Grunde vermuthete, daß er auf dem untergegangenen Schiffe Vryheid umgekommen sei, noch leben und sich in dem Lande verbergen sollte, wo seiner Partei die gegenwärtige Regierung doch geneigt war. Als Evaudale seine Zweifel dem Kaplan mittheilte, um dessen Meinung zu Horen, erhielt er eine lange Vorlesung über Dämonologie, worin der gelehrte Herr nach Citirung des Delriv, Burthoog und De L'Ancre sich endlich äußerte, daß entweder der Geist Heinrich Mortons wirklich erschienen, dessen Möglichkeit er, als Gottesgelehrter und Philosoph, weder geradezu längnen noch behaupten möge — oder, daß besagter Heinrich Morton, als noch in rerum natura vorhanden, in eigener Person diesen Morgen erschienen, oder endlich, daß eine außerordentliche «leeeptio visim, oder auffallende Ähnlichkeit die Augen des Fräulein Bellenden und Thomas Haüidays getäuscht habe. Ueber die wahrscheinlichste Hypothese wollte sich der Doctor nicht aussprechen, sondern behauptete steif und fest, daß eine von diesen Hypothesen die Störung an diesem Morgen veranlaßt habe. Lord Evandale hatte bald eine Ursache mehr zur Betrübniß. Der Arzt erklärte nämlich Editha's Zustand höchst bedenklich. „Ich will diesen Ort nicht verlassen," rief er, „bis ich sie außer Gefahr weiß. Ich kann und darf es nicht thun; denn was auch immer die unmittelbare Ursache ihrer Krankheit ist, ich gab die erste Veranlassung dazu durch meine Zudringlichkeit." Die Schwärmer. Hl. 8 114 Er richtete sich sogleich als Gast in der Familie ein, ein Schritt, den die Gegenwart seiner Schwester und der Lady Margaretha (die trotz ihrer Gicht hierher gekommen war, als sie von Editha's Krankheit hörte) eben so natürlich machte, als er Zartgefühl verricth. So wartete er ängstlich, bis Edith«, ohne ihrer Gesundheit zu schaden, seine endliche Erklärung von ihm ertragen könne, und nur dann erst wollte er abreisen. „Nie soll sie" — sagte der Edelmüthige — „ihre Verpflichtung gegen mich so betrachten, als müßte sie dadurch an eine Verbindung gefesselt werden, deren bloßer Gedanke ihren Geist fast zu zerrütten scheint." Zehntes Kapitel. Ihr trauten Hügel, holde Schatten ihr, Ihr Flure», ach! umsonst geliebt! Wo harmlos mir die Jugend schwand, Bon keinem Schmerz getrübt. Ode auf eine ferne Aussicht nach Eton College. Nicht nur durch körperliche Bedürfnisse und Gebrechen werden die ausgezeichnetsten Menschen während ihrer Lebenszeit mit der gewöhnlichen Menge ans gleiche Stufe gestellt. Es gibt Seelenzustände, wo selbst der stärkste der Sterblichen mit dem schwächsten seiner Brüder auf gleicher Stufe steht, und seine Qual, während er diesen allgemeinen Zoll der Menschheit bezahlt, noch durch den Gedanken wächst, daß er die Vorschriften der Religion und Philosophie verletzt, wenn er 115 seinem Kummer Raum gibt. In einem solchen Paroxysmus verließ der unglückliche Morton Fairy-Knowe. Seine innigst und stets geliebte Edith«, die sein Herz seit so vielen Jahren erfüllt hatte, im Begriff zu sehen, sich mit seinem frühern Nebenbuhler zu vermählen, welcher durch so viele Dienstleistungen Ansprüche auf ihr Herz hatte, daß sie kaum berechtigt war, seine Bewerbungen zurückzuweisen: diese Nachricht, so bitter sie auch war, traf ihn dennoch nicht ganz unerwartet. Während seines Aufenthalts im Auslande hatte er nur ein Mal geschrieben; er wollte ihr auf immer Lebewohl sagen und sie beschwören, ihn zu vergessen. Er hatte sie gebeten, seinen Brief nicht zu beantworten; doch hatte er halb gehofft, sie würde seine Ermahnung nicht befolgen. Der Brief kam nie in ihre Hände, und Morton, der dies nicht wußte, konnte bloß vermuthen, daß er, seiner Bitte gemäß, vergessen worden sei. Durch Alles, was er seit seiner Rückkehr nach Schottland von ihrem gegenseitigen Verhältniß hörte, ward er vorbereitet, Fräulein Bellenden nur als Lord Evandale's Verlobte betrachten zu können, und daß es sich, selbst wenn sie gegen den Lord ihrer Verbindlichkeit ledig war, doch nicht mit seinem eigenen Edelmuth vertragen würde, einen Anspruch geltend zu machen, der durch seine lange Abwesenheit verjährt und durch tausend Schwierigkeiten behindert ward. Warum suchte er aber die ärmliche Wohnung auf, die jetzt der Zufluchtsort der Lady Margaretha und ihres Enkels war? Wir antworten, daß er hierin nur einem unfreiwilligen Wunsche nachgab, den wohl Mancher in seiner Lage gehegt haben würde. Auf seiner Reise nach der Heimath erfuhr er durch Zufall, daß die Damen, an deren Wohnung er vorüber mußte, abwesend; und daß Cuddie und sein Weib in ihren Diensten seien; er konnte daher nicht umhin, in ihrer Hütte einznkeh- 8 * 116 ren, um wo möglich zu erfahren, welche Fortschritte Lord Evandale in der Zuneigung des Fräuleins Bellenden, ach! nicht mehr seiner Edith«, gemacht hatte. Diese Uebereilung endete, wie bereits erzählt, und er verließ Fairy-Knvwe mit dem Bewußtsein, daß er von Edith« noch immer geliebt, aber durch Treue und Ehre gezwungen sei, ihr auf ewig zu entsagen. Was er bei dem Gespräche zwischen Evandale und Editha empfunden, sei keiner Feder vertraut. Hundertmal war er versucht zu rufen: „Editha, ich lebe noch!" — Doch das Bewußtsein, was Editha dem Lord schuldig war, hielt ihn von einer Unbesonnenheit zurück, die Allen Unheil, ihm selbst aber wenig Glück verursacht haben würde. Er unterdrückte daher alle selbstsüchtigen Regungen, obgleich mit einem Schmerze, der ihm jeden Nerv erschütterte. „Nein, Editha!" schwur er in seinem Innern, „nie will ich Dornen unter Dein Kiffen legen. — Gottes Wille geschehe; mein selbstsüchtiger Wunsch soll die Bürde, die Du zu tragen hast, auch nicht um ein Atom vermehren; — ich war tvdt für Dich, als Dein Entschluß gefaßt wurde — und niemals sollst Du erfahren, daß Heinrich Morton noch lebe! Während er diesen Entschluß faßte, mißtraute er seiner eigenen Kraft, ihn zu behaupten, und suchte in der Flucht jene Festigkeit, welche jeden Augenblick durch Edithcns Stimme erschüttert wurde; schnell eilte er daher aus seinem Gemach durch das kleine Kloset und die Glasthüre, welche nach dem Garten führte. So fest er aber auch seinen Entschluß glaubte, doch konnte er die Stelle nicht verlassen, wo die letzten Töne der geliebten Stimme noch in seinem Ohre klangen, ohne einen Blick auf die holde Sprecherin zu werfen. Editha schien ihre Augen auf den Boden geheftet zu haben und entdeckte Mortons 117 Gegenwart, als sie dieselben plötzlich emporrichtcte. Sobald ihr wilder Schrei dies dem Gegenstände einer so beständigen und, wie es schien, nnglücksvollen Liebe kund that, eilte er fort, wie von Furien gepeitscht, an Halliday vorüber, ohne ihn zn erkennen, oder auch nur zu bemerken, d.aß dieser ihn gesehen, warf sich auf sein Pferd, und mehr ans Instinkt als aus Ueberlegung schlug er lieber den ersten Nebenweg, als die Hauptstraße nach Hamilton ein. Aller Wahrscheinlichkeit nach konnte deshalb Lord Evan- dale nicht erfahren, daß Morton wirklich noch lebe; denn die Nachricht, daß die Hochländer einen entscheidenden Sieg bei Killiekrankie erfochten, hatte veranlaßt alle Pässe zn bewachen, aus Furcht vor Unruhe unter den Jakobiten der Niederlande. Auch an der Bothwellbrücke standen Posten, und da diese keinen Reisenden in westlicher Richtung gesehen hatten und deren Kameraden im Dorfe Bvthwell behaupteten, es sei Keiner ostwärts gegangen: so wurde jene Erscheinung für Lord Evan- dale immer unbegreiflicher, so daß er am Ende glaubte, die aufgeregte Einbildungskraft Editha's habe das Phantom erzeugt, das sie gesehen zu haben behauptete, und von diesem sei Halliday auf eine unerklärliche Weise angesteckt worden. Indessen kam Morton auf dem Nebenwege in wenigen Augenblicken an den Clyde, und mit vieler Mühe und Anstrengung erreichte er das jenseitige Ufer. „Aber wohin soll ich nun meinen Weg nehmen?" fragte Morton in der Bitterkeit seines Herzens. „Wär' es nicht sündhaft, ich würde wünschen, daß dies dunkle Wasser mich übersiuthet, und jede Erinnerung an das, was war und ist, hinweggcschwemmt hätte " Kaum aber hatte er diese Aeußerungen ausgestoßen, als er sich auch ihrer schämte. Er erinnerte sich, wie sein Leben, das 118 er jetzt in seiner bittern Hoffnungslosigkeit gering achtete, so wunderbar erhalten worden war in den drohendsten Gefahren, die ihn betroffen hatten, seit er in's öffentliche Leben getreten war. „Ich bin ein Thor, ja, schlimmer als ein Thor!" sagte er, „daß ich das so gering achte, was der Himmel mir so oft auf das Wunderbarste bewahrt hat. Etwas bleibt mir noch in dieser Welt, und war' cs nur, meinen Kummer zu tragen wie ein Mann, und Denjenigen beizustehen, die meiner Hülfe bedürfen. Was Hab' ich gesehen, — was Hab' ich gehört, als das Ende, das ich im Voraus erwartete? Sie — (er wagte sogar im Selbstgespräch nicht, ihre Namen zu nennen) — sie sind in tausend Bedrängnissen. Sie ist ihres Erbes beraubt, und er scheint im Begriffe, sich in eine gefährliche Laufbahn zu stürzen, was ich näher erfahren, wenn er nicht so leise gesprochen hätte. Gibt's keine Mittel, ihnen zu helfen, oder sie zu warnen?" Als er dieses erwog und mit Gewalt seine Gedanken von seinem eigenen Mißgeschick abzog, um seine ganze Aufmerksamkeit auf die Angelegenheiten Edithens und ihres Verlobten zu richten, fiel ihm plötzlich Burleys längstvergessener Brief ein. „Er muß ihr Untergang gewesen sein," dachte er; — „nur durch ihn oder seine Nachweisungcn kann cs wieder gut gemacht werden. Ich will ihn aufsuchen. So düster, verschmitzt und schwärmerisch er ist, meine Geradheit hat ihn mehr als ein Mal besiegt- Ich will ihn wenigstens aufsuchen, und wer weiß, welchen Einfluß die Nachrichten, die ich von ihm erhalten kann, auf das Schicksal Derer haben, die ich niemals Wiedersehen werde und die auch wahrscheinlich nie erfahren, daß ich jetzt mein eigenes Unglück unterdrücke, um wo möglich ihr Glück zu erhöhen " 119 Belebt von diesen Hoffnungen, so schwach auch ihr Grund war, suchte er den nächsten Weg nach der Heerstraße, und da ihm, weil er in seiner Jugend hier gejagt, alle Pfade genau bekannt waren, hatte er nur über einige Hecken zu sehen, um auf die Straße nach dem kleinen Flecken zu gelangen, wo das Vogelschießen stattgefunden. Er ritt zwar in düsterer Schwer- muth fort; doch fühlte er keinen nagenden Kummer mehr; denn tugendhafter Entschluß und männliches Entsagen ermangeln selten, die Gemüthsruhe herzustellcn, wenn sie auch kein Glück erzeugen können. Seine Gedanken waren nun ganz auf die Mittel gerichtet, Burley zu entdecken; denn er durfte hoffen, von diesem Manches zu erfahren, was Derjenigen nützen konnte, um deren Heil er besorgt war, — und so beschloß er denn, sich durch die Umstände leiten zu lassen, in welchen er Burley finden mochte. Da nämlich, nach Cuddie's Mittheilung, eine Spaltung zwischenihm und den Presbyterianern entstanden war, so konnte er vielleicht jetzt weniger dem Fräulein Bellenden abhold, und mehr geneigt sein, die Macht, welche er über ihr Vermögen zu besitzen vorgab, günstiger für sie, als bisher, au- zuwenden. Der Mittag war vorüber, als sich unser Reisender in der Nähe des Hauses seines verstorbenen Oheims zu Milnwood befand, und indem er so die Wohnungen der ersten Kindheit und Jugend betrachtete, überkam ihn ein heftiges Verlangen, des Oheims Haus selbst zu besuchen- Die alte Alison, dachte er, wird mich eben so wenig erkennen, als das ehrliche Paar, das ich gestern sah. Ich kann daher meiner Neugierde nachgeben und dann meine Reise fortsetzen, ohne daß sie das Geringste von meinem Dasein erfährt. Wenn ich nicht irre, hat man mir gesagt, mein Oheim habe ihr mein Familiengut vermacht — nun gut! Ich habe andern Kummer genug, um auch noch darüber zu klagen, und doch hat er, wie mir scheint, 120 in der alten Keiferin einer Reihe achtbarer, wenn nicht ausgezeichneter, Ahnen eine sonderbare Nachfolgerin gegeben. Das Herrnhaus zu Milnwood hatte selbst in seinen besten Zeiten nichts Angenehmes; aber unter den Auspizien der alten Haushälterin schien es doppelt düster. Zwar war Alles, Alles, bis auf die Schieferplatte am Dache, in der besten Ordnung ; aber das Gras im Hofe sah aus, als wenn keines Menschen Fuß seit Jahren hier gewandelt hätte; die Thüren waren sorgfältig verschlossen, und die, welche zur Halle führte, schien lange nicht geöffnet worden zu sein, so sehr hatten die Spinnen ihr Gewebe über Eingang und Pfosten gezogen. Kein lebendes Wesen war zu sehen und zu hören, und nur nach langem Pochen hörte Morton das kleine Fenster öffnen, wodurch man gewöhnlich die Gäste erst wahrnahm. Alison, mit einigen Dutzend Falten mehr, als damals, da Morton Schottland verließ, zeigte sich jetzt in einer weiten Haube, unter deren Bedachung sich einige graue Locken auf eine mehr pittoreske als schöne Weise hervorstahlen, indeß sie mit ihrer gellenden Stimme nach der Ursache dieses Pochens fragte. „Ich möchte einen Augenblick mit Alison Wilson sprechen, welche hier wohnt," sagte Heinrich. „Sie ist heute nicht daheim," antwortete Frau Wilson in ihrem eigenen Namen; denn der Zustand ihres Kopfputzes hatte ihr vielleicht diesen Ausweg gegeben, sich zu verleugnen; „und Ihr seid wirklich ungehobelt, so nach ihr zu fragen. Ihr hättet wohl sagen können: Frau Wilson von Milnwood." „Um Verzeihung," sagte Morton, heimlich lächelnd, daß die Alte noch immer so sehr auf Achtungsbezeugungen hielt, — „um Verzeihung; ich bin nur ein Unbekannter hier zu Lande, und so lange in der Fremde gewesen, daß ich fast meine Muttersprache vergessen habe." 121 „Kommt Ihr aus fremden Ländern?" fragte Ailie; „dann habt Ihr wohl Etwas von einem jungen Edelmanne von hier, von einem Heinrich Morton, gehört?" „Ich habe von einem Manne dieses Namens in Deutschland gehört," sagte Morton. „Nun, so wartet ein wenig, wo Ihr da steht, Freund, — oder geht rund um's Haus, da ist eine kleine Thür, die klinkt Ihr auf: fallt aber nicht übcr's Faß, es ist dunkel; dann geht rechts, dann geradaus; dann geht wieder rechts; stürzt aber nicht in de» Keller, und dann seid Ihr an der Küche, — das ist die einzige Küche, die jetzt zn Milnwood ist. — Ich komme gleich zu Euch hinab, und was Ihr der Frau Wilson zn sagen habt, das könnt Ihr getrost mir sagen." Ein Fremder würde trotz der genauen Anweisung Ailie's einige Schwierigkeiten gehabt haben, sich mit heiler Haut in dem Labyrinth von dunkeln Gängen dnrchznsteuern, die von der Hinterthüre in die kleine Küche führten; aber Heinrich war zu wohl mit der Schifffahrt in diesen Meerengen vertraut, um in die Scylla, welche in der Gestalt eines großen Fasses auf ihn lauerte, oder in die Charybdis zu stürzen, welche auf der andern Seite in der Tiefe einer gewundenen Kellertreppe ihn angähnte. Das einzige Hinderniß auf diesem Wege war das heftige Gebell eines Wachtelhundes, der ihm früher zngehört hatte, jetzt aber, unähnlich dem treuen Argus, seinen Herrn von den Irrfahrten ohne Zeichen der Wiedcrerkennung zurückkehren sah. „Auch die kleinen Hunde!" sagte Morton, als er sich von seinem kleinen Liebling so verläugnet sah; „ich bin so verändert, daß kein lebendes Wesen, das ich kannte und lievte, mich wieder erkennen will." Jetzt hatte er die Küche erreicht, und bald ließen sich Ali- sons hohe Absätze und ihr Krückenstock vernehmen, eine Anmeldung, welche noch lange währte, ehe sie selbst die Küche erreichte. Als sie endlich eintrat, zeigten das wichtige Nicken mit dem Kopfe, — die Züge, in welchen eine zur Gewohnheit gewordene Verdrüßlichkeit mit einem von Natur gutmüthigen Temperament sich bezwistcte, — die Haube, die Schürze, der blaugewürfelte Rock, ganz die alte Ailie; nur die gestickte Flügelhaube, die sie eilig angelegt hatte, um den Fremden zu empfangen, und anderer Pntzkram bezeichnete den Unterschied zwischen Frau Wilson von Milnwood und der Haushälterin des verstorbenen Eigenthümers. „Was wäre Euch gefällig von Frau Wilson, Herr? — ich bin Frau Wilson." Morton war durch die Erinnerungen an die Vergangenheit und die Betrachtung über die Gegenwart so verwirrt, daß er schwerlich hätte antworten können, selbst wenn er gewußt hätte, was er sagen sollte; da er aber noch gar nicht entschlossen war, welche Rolle er spielen wollte, hatte er noch einen Grund mehr zu schweigen. Frau Wilson wiederholte in ängstlicher Verlegenheit ihre Frage. „Was wollt Ihr von mir, Sir? Ihr sagtet ja, daß Ihr Herrn Heinrich Morton kenntet?" „Verzeiht, Madame; ich meinte einen gewissen Silas Morton." Die Züge der Alten veränderten sich. „Seinen Vater habt Ihr gekannt, den Bruder des seligen Milnwood? — Den könnt Ihr in der Fremde nicht gekannt haben; — der kam heim, ehe Ihr geboren wurdet. Ich glaubte, Ihr hättet mir Nachricht von Herrn Heinrich gebracht." „Von meinem Vater lernte ich den Obersten Morton kennen," sagte Heinrich; „von dem Sohne weiß ich wenig oder gar nichts. Man sagt, er sei auf der Ucberfahrt nach Holland umgekommen." „Das ist vielleicht nur allzuwahr und ist von diesen alten Augen gar oft beweint worden. Sein Oheim, der arme Mann, ist gestorben mit seinem Namen auf der Zunge. Auf dem Todtenbette gab er mir noch Anweisung über Brod, Wein und Branntwein bei seiner Beerdigung, und wie oft man's in der Gesellschaft herumreichen solle, (denn im Leben wie im Tode war er ein kluger, mäßiger und accurater Mann,) und dann sagte er, Ailie, (er nannte mich immer schlechtweg Ailie, aus alter Bekanntschaft,) Ailie, halte Alles fein zusammen; denn der Name Morton von Milnwood ist ausgegangen, wie der letzte Ton eines alten Liedes, und so fiel er aus einer Ohnmacht in die andere, und sprach nichts mehr, außer Etwas von einem gezogenen Lichte, dabei sehe man genug, um sterben zu können; gegossene konnte er nie ausstehen, und unglücklicherweise stand ein solches auf dem Tische." Während so Frau Wilson die letzten Augenblicke des alten Knausers schilderte, war Morton eifrig bemüht, die zudringliche Neugier des kleinen Hundes abzuwehren, der nach langem Beschnuppern auf eine Art an dem Fremden hinaufgesprungen war, die diesen jeden Augenblick zu verrathen drohte- Endlich rief Morton voll Ungeduld: „Kusch dich, Elphin! Kusch dich!" „Ihr kennt des Hundes Namen?" rief die Alte höchst erstaunt. — „Ihr kennt des Hundes Namen, und der ist doch nicht gewöhnlich. Und die Kreatur kennt Euch auch," fuhr sle noch bewegter und lauter fort. — „Gerechter Gott, das ist mein lieber Junge!" Mit diesen Worten warf sich die alte Frau Morton um den Hals, küßte ihn, als wäre er ihr eigener Sohn, und 124 weinte vor Freude. Nunmehr war die Entdeckung nicht abzuwehren; er erwiederte daher ihre Umarmung mit der dankbarsten Wärme und sagte: „Ja, ich lebe noch, theure Ailie, um Euch für Eure frühere und gegenwärtige Liebe zu danken, und es freut mich, daß mich doch wenigstens ein Wesen freundlich willkommen heißt in meinem Vaterlande." „Freundlich?" rief Ailie; „ja, es werden Viele freundlich gegen Euch sein, — Viele; denn Ihr habt Geld, Schah; Ihr habt Geld. Gott gebe, daß Jhr's gut anwendet. Aber, du gerechter Himmel!" fuhr sie fort, und stieß ihn mit zitternder Hand von sich, um in gehöriger Entfernung die Zerstörung zu betrachten, welche der Kummer noch mehr als die Zeit auf seinem Antlitz angerichtet hatte. „Ach, Ihr habt Euch gewaltig verändert, Kind; Euer Angesicht ist bleich geworden, Eure Augen sind eingesunken, und Eure schonen rosigen Wangen sind dunkel und sonnenverbrannt. Wehe über den Krieg! Wie viele schmucke Gesichter hat er schon zerstört! — Wann seid Ihr angekommen? — Wo seid Ihr gewesen? — Was habt Ihr gemacht? — Warum habt Ihr nicht geschrieben? — Warum habt Ihr Euch für todt ansgegeben? — Und warum seid Ihr um Euer eigenes Haus so herumgeschlichen, als ob's nicht richtig mit Euch wäre, um die alte Ailie zu erschrecken?" — Endlich schwieg sie und lächelte durch ihre Thränen. Es dauerte lange, bis Morton seine Gefühle so bewältigen konnte, um der treuen Alten die Nachrichten zu geben, die wir unser» Lesern im nächsten Kapitel mittheilen werden. Eilftes Kapitel. — — — — — Auinerle war's, Doch ist's vorbei, denn er ist Richards Freund; Und Ihr, Madame, müßt ihn jetzt Nulland nennen. Richard der Zweite. Die Aufklärungsscene wurde schnell von der Küche nach dem Gemache der Fra» Wilson verlegt, dasselbe, das sie als Haushälterin und auch noch jetzt bewohnte. Es sei mehr gegen den Zugwind geschützt, sagte sie, als die Halle, welche für ihren Rheumatism gefährlich sei; auch sei es für sie passender, als das Zimmer des seligen Herrn, worin sie nur traurig werde; das große getäfelte Zimmer werde nur geöffnet, um ausgelüftet, gescheuert und abgestänbt zu werden, es sei denn bei einer außerordentlichen Feierlichkeit. Beide saßen also in dem mit Matten belegten Zimmer, von Gefäßen mit allerlei Eingemachtem umgeben, welches die ei-elevsut Haushälterin noch immer aus bloßer Gewohnheit bereitete, da weder sie, noch sonst Jemand von diesen Confitüren Etwas genoß. Morton, der seine Erzählung der Fassungskraft seiner Zuhörerin anpaßte, benachrichtigte sie in kurzen Worten von dem Untergänge des Schiffes und aller Mannschaft, bis ans zwei oder drei Matrosen, die sich noch schnell des Boots be- mächtigt hatten, und gerade von dem verunglückten Schiffe abstoßen wollten, als er vom Verdecke in ihr Boot sprang, und eben so unerwartet, als gegen ihren Willen, stch als Theilnehmer an ihrer Reise und Rettung anfdrang. Bei seiner Landung zu Vließingen hatte er das Glück, einen alten Kriegskameraden seines Vaters zu treffen, auf dessen Rath er nicht unmittelbar nach dem Haag reiste, sondern seine Briefe an den Hof des Statthalters sandte. „Unser Prinz," sagte der Veteran, „muß es vor der Hand noch mit seinem Schwiegervater und Eurem König Karl halten; daher wäre es unklug, Euch durch seine Gunst auszuzeichnen, wenn Ihr Euch ihm als schottischer Mißvergnügter nähert. Erwartet also seine Befehle, ohne Euch aufzudringen; haltet Euch sehr zurückgezogen; nehmt für jetzt einen andern Namen an; vermeidet den Umgang britischer Verbannten und Ihr werdet Eure Klugheit gewiß nicht bereuen-" Der alte Freund des Silas Morton hatte Recht. Nach geraumer Zeit kam der Prinz von Oranien, auf einer Reise durch die vereinigten Staaten, in die Stadt, wo Morton, trotz der Ungeduld über seine Lage, sich immer noch aufhielt. Er erhielt eine geheime Unterredung mit dem Prinzen, und dieser drückte sich frcundlichst über seine Einsicht, Klugheit und liberalen Ansichten aus, welche er über die Parteiungen seines Vaterlandes, über ihre Beweggründe und Pläne zu hegen schien- „Gern würde ich Euch um meine Person haben," sagte Wilhelm; „aber das würde in England Anstoß geben. Doch will ich für Euch thun, was ich kann, sowohl aus Achtung für Eure Gesinnungen, als wegen Eurer Empfehlungen, die Ihr mir überbrachtet. Hier ist ein Offizicrpatent in einem Schweizerrcgimente, das jetzt in einer entfernten Provinz liegt, wo Ihr fast keinen Landsmann treffen werdet. Behal- 127 tct vorläufig den Namen Capitain Melville, bis Ihr in bessern Zeiten wieder Euren eigenen führen könnet." „So begann mein Glück," fuhr Morton fort, «und meine Dienste sind bei verschiedenen Gelegenheiten von Sr- königlichen Hoheit gewürdigt worden, bis er als Befreier nach England kam. Seine Befehle müssen natürlich mein Stillschweigen gegen meine Frennde in Schottland rechtfertigen. Ich wundere mich nicht über die Nachricht von meinem Tode, thcils wegen des Schiffbruchs, theils weil ich keine Gelegenheit fand, die Wechsel zu benutzen, womit mich die Freigebigkeit meiner Freunde versehen hatte, ein Umstand, der die Vermuthung, daß ich gestorben sei, noch mehr befestigte." „Aber, liebes Kind," fragte Frau Wilson, »habt Ihr keinen Schotten an des Prinzen von Oranien Hofe gefunden, der Euch kannte? Ich hätte geglaubt, Morton von Milnwood müsse im ganzen Lande bekannt sein." „Ich war ja absichtlich in entferntem Dienste," sagte Morton, „bis zu einer Zeit, wo ohne so innigen Antheil, wie der Eurige, Wie, nur Wenige den jungen Morton in dem Generalmajor Melville wieder erkannt hätten." „Melville war der Name Eurer Mutter," sagte Frau Wilson ; „aber Morton klingt besser für meine alten Ohren. Und wenn Ihr die Besitzung übernehmt, müßt Ihr auch wieder den alten Namen annehmen." „Damit werde ich sehr wahrscheinlich nicht eilen, Wie; denn ich habe triftige Gründe, vor der Hand Keinem, außer Euch, wissen zu lassen, daß ich noch lebe. Was aber die Be-, sitzung von Milnwood betrifft, die ist in guten Händen." „In guten Händen, Kind?" wiederholte Ailie; „Ihr meint doch hoffentlich nicht die weinigen? Die Einkünfte und Ländereien find für mich nur eine große Last, und einen Ehemann 128 nehme» »mg ich auch nicht; obgleich Willie Mactrickit, der Schreiber, mich sehr anging und gar freundlich sprach; aber ich bin zu alt dazu, um mich so ködern zu lassen. Mich kann er nicht so beschwatzen, wie so manche Andere. Auch dachte ich immer, Ihr würdet zurückkommen, und da würde ich wohl Vrod und Suppe haben, und Euch die Sachen zurecht halten wie z» Eures armen Oheims Zeit, und es würde mir eine große Lust sein, wenn Ihr gedeihet in Eurer Wirthschaft; — die werdet Ihr auch gewiß in Holland gelernt haben, denn dort haben ste's los. — Aber Ihr wollt gewiß ein größeres Haus halten, als der alte Milnwood, seliger; ich kann's Euch just nicht verdenken, wenn Ihr zwei Mal in der Woche Fleisch essen wollet — das macht keine Blähungen." „Davon ein ander Mal!" sagte Morton. „Ihr müßt wissen, daß ich nur einige Tage in sehr wichtigen Geschäften der Regierung im Lande bleibe, und deshalb, Ailie, kein Wort, daß Ihr mich gesehen habt! Ich will Euch zur gelegnem Zeit mit meinen Beweggründen schon bekannt machen." „Gut, lieber Junge!" sagte Ailie; „ich kann ein Geheim- niß wohl so gut bewahren, wie meine Nachbarn, und das wußte der alte Milnwood, seliger, recht gut; denn er sagte mir, wo er sein Geld hatte, und das halten doch die meisten Leute so geheim, als möglich. — Aber kommt, Schah, ich muß Euch doch das große getäfelte Zimmer zeigen, wie schön sich's erhalten hat, gerade als hätte ich Euch jeden Tag erwartet; — es hat auch Niemand darin geschafft, als ich. Es war mir immer eine Unterhaltung, obgleich mir zuweilen die Thränen in den Augen standen und ich zu mir selbst sagte: Was machst du dir da mit den Teppichen, Kissen und den großen metallenen Leuchtern zu schaffen? Ach, Denen das gehört, die kommen doch nicht wieder!" 129 Mit diesen Worten nöthigte sie ihn in dies Allerheiligste, dessen sorgfältige Reinigung ihre tägliche Beschäftigung war. Morton, der ihr in's Zimmer gefolgt, ohne sich die Sohlen abzuwischen, mußte sich einen Verweis gefallen lassen, was darthat, daß die alte Ailie ihre Oberherrschaft noch nicht aufgegeben hatte. In diesem Gemache überkamen Morton die Empfindungen der Ehrfurcht, von denen er als Knabe bei dem selten gestatteten Zutritte in das Zimmer ergriffen worden war, welches, wie er damals glaubte, nur in fürstlichen Palästen seines Gleichen haben könnte. Manches von diesen kostbaren Möbeln hatte jetzt freilich von dem Einflüsse auf sein Gemüth verloren; doch zwei Gegenstände erfüllten ihn mit mannigfachen Empfindungen, die Bilder zweier Brüder, von denen das eine seinen Vater in Lebensgröße darstelltc, in vollständiger Rüstung, mit einem Antlitz, das seinen männlichen und entschlossenen Charakter bezeichnete-, das andere war das Porträt seines Oheims in gesticktem Sammet- Er sah aus, als schämte er sich seines Putzes, obgleich er diesen nur der Freigebigkeit des Malers zn verdanken hatte. „Es war dumm, den wacker» alten Mann in so viel Geflunker zu stecken," sagte Ailie; „trug er doch nie so Etwas, sondern nur einen grauen Rock und einen Ucberschlag mit der schmalen Einfassung." Morton theilte im Stillen ganz ihre Ansicht; denn Alles, was sich dem Anzuge eines Edelmannes näherte, saß seinem Oheim überaus schlecht. Er machte sich nun von Ailie los, um einige seiner Licblingsplätzc im nahen Walde aufzusuchen, während sie mit eigenen Händen dem Mittagsmahle noch Etwas hinzufügte, das einem Stück Geflügel das Leben kostete, welches ohne ein so bedeutendes Ereigniß, nämlich Mortons Ankunft, gewiß bis zu einem hohen Alter fortgegackert hätte, Die Schwärmer. III. 8 130 ehe Ailie sich eines so grausamen Mordes schuldig gemacht haben würde. Das Mahl wurde gewürzt durch Gespräche von alten Zeiten und durch Pläne, welche Ailie für die Zukunft entwarf, wobei sie dem jungen Herrn alle klugen Gewohnheiten des alten Oheims empfahl, und die Geschicklichkeit hervorhob, mit welcher sie ihr Amt als Haushofmeisterin versehen würde. Morton ließ die Alte während dieser frohen Augenblicke Luftschlösser bauen, und verschob ans eine passendere Gelegenheit die Mittheilung seiner Absicht, wieder auf den Con- tinent zurückzukehren und dort sein Leben zuzubringen. Seine nächste Sorge war jetzt, die militärische Kleidung abzulegen, da er durch sie seine Nachforschungen nach Burley behindert glaubte. Er vertauschte sie gegen einen grauen Rock und Mantel, seine ehemalige Tracht zu Milnwood, welche Fra» Wilson aus einer nußbraunen Truhe hervorholte, wohin sie die Kleider gelegt hatte, ohne jedoch zu vergessen, dieselben von Zeit zu Zeit sorgfältig zu bürsten und auszuklopfen. Frau Wilson meinte, dieser Anzug stehe ihm recht gut, und obschon er nicht dicker geworden, sehe er doch männlicher aus, als damals, da man ihn von Milnwood abgeführt habe; dann ließ sie sich weiter aus über den Vorthcil, alte Kleider aufzuheben, um einen Nothnagel zu haben, und war schon um ein Erkleckliches in der Geschichte eines Sammtmantels, der dem verstorbenen Milnwood gehörte, dann in einen Rock und hierauf in ein Paar Hosen verwandelt worden war, vorgeschritten, als Morton die fernern Metamorphosen dadurch unterbrach, daß er Abschied von der Alten nahm. Er gab in der That ihren Gefühlen einen gewaltigen Stoß durch die Mittheilung, daß er durchaus noch diesen Abend seine Reise fortsehen müsse. „Wohin wollt Ihr denn? — Warum wollt Ihr das thun? — Warum wollt Ihr nicht in Eurem eigenen Hause schlafen, das Ihr seit so langen Jahren nicht gesehen habt?" „Es thut mir gewiß leid, Ailie; aber ich muß. Das war auch der Grund, daß ich mich Euch unkenntlich zu machen suchte, da ich fürchtete, Ihr würdet mich nicht so leicht wieder von Euch lassen." „Aber wohin geht Ihr denn?" fragte Ailie nochmals. „Hat man je so Etwas erlebt! Kaum seid Ihr da, so wollt Ihr auch schon wieder weg, wie ein Tausendsasa!" „Ich muß hinunter zu Niel Blaue, des Pfeifers, Gasthof," sagte Morton. „Er kann mir doch wohl ein Bett geben?" „Ein Bett? Ei freilich," antwortete Ailie; „aber Ihr werdet auch dafür blechen müssen. Ich glaube, Ihr seid in der Fremde verrückt geworden, daß Ihr Euer Geld ausgeben wollt für ein Abendbrod und Bett, da Ihr doch beides umsonst haben könnt, ja noch einen Dank dazu, wenn Jhr's mir haben wollt." „Ich versichere Euch, Ailie, es ist ein Geschäft von großer Wichtigkeit, wo ich viel gewinnen und durchaus nichts verlieren kann." „Ich sehe nicht ein, wie das möglich ist, wenn Ihr damit anfaugt, vielleicht zwölf Schilling schottisch für Euer Abendbrod zu geben; aber junge Leute sind immer waghalsig, und denken auf diese Manier zu Geld zu kommen. Mein alter seliger Herr ging einen bessern Weg, und gab das Geld nicht so leicht wieder aus, wenn er es einmal hatte." Morton beharrte auf seinem Entschlüsse, nahm Abschied von Ailie und bestieg sein Pferd, um nach der kleinen Stadt zu reiten, nachdem er ihr ein feierliches Versprechen abgenöthigt hatte, seine Rückkehr geheim zu halten, bis sie wieder von ihm sehe, oder höre. 132 Ich bin gewiß nicht zur Verschwendung geneigt, dachte er auf dem langsamen Trabe nach dem Städtchen; aber wenn Ailie und ich zusammen so Haushalten sollten, wie sie will, wahrhaftig, mein Aufwand würde der guten Alten das Herz in der ersten Woche brechen. Zwölftes Kapitel. — — Wo ist der inuntre Wirth, Bon dem Ihr spracht? Ich war von je gewohnt Mit »leinen, Wirth z» sprechen. Liebhabers Fahrt. Ohne weiteres Abenteuer erreichte Morton das Städtchen und stieg an dem kleinen Wirthshause ab. Auf seinem Ritte war es ihm mehr denn ein Mal eingefallen, daß die Kleider, die er als Jüngling getragen hatte, obgleich sonst seinen Absichten günstig, ihn doch leicht verrathen könnten. Aber die in Feldzügen und auf Reisen zugebrachte Zeit hatte sein Aeußeres so verändert, daß er wohl voraussetzen konnte, Niemand werde in dem erwachsenen Manne mit den entschlossenen und nachdenkenden Zügen den blöden, ungefügen Jüngling wieder erkennen, der beim Vogelschießen den Preis gewann. Er fürchtete nur, daß etwa ein Whig, den er zum Kampfe geführt hatte, sich des Hauptmanns der Schützen von Milnwood erinnern könnte; doch gegen eine solche Gefahr ließ sich nichts thun. Der Gasthof schien so sehr besucht, als erfreute er sich noch seines alten Rufes. Gestalt und Benehmen des Niel Blaue, der mehr Fett und weniger Artigkeit besaß, als ehemals, zeig- 133 ten, daß er eben so sehr am Beutel als am Leibe zugenommen. Denn in Schottland steht die Artigkeit eines Wirths mit dessen Geld im umgekehrten Verhältniß. Seine Tochter hatte das Ansehen einer geschickten Kellnerin erhalten, ungehindert in ihrem Beruf durch Liebe oder Krieg. Beide bezeigten Morton jenen Grad von Aufmerksamkeit, den ein Reisender ohne Bedienten zu einer Zeit erwarten konnte, wo solche das Kennzeichen vornehmen Ranges waren. Er nahm ganz den Charakter an, den sein Aeußeres verkündete; — er ging in den Stall und sah selbst nach seinem Pferde, — setzte sich dann wieder in die Schenkstube — denn man hätte es damals für sehr anmaßend gehalten, wenn er ein eigenes Zimmer verlangt hätte — und befand sich wieder in demselben Gemach, wo er vor einigen Jahren seinen Sieg im Vogelschießen gefeiert hatte, eine lustige Auszeichnung, deren Folgen so ernsthaft waren. Wie leicht zu erachten, fühlte er sich in seinem ganzen Wesen sehr verändert seit jener Festlichkeit, und doch schienen, wenn er sich umsah, die Gruppen kaum anders als damals. Einige Bürger schwatzten bei ihrem Gläschen Branntwein; einige Dragoner faullenzten bei trübem Bier und fluchten, daß man bei diesen müßigen Zeiten nichts Rechtschaffenes genießen könne. Ihr Cornet spielte zwar nicht Tricktrack mit dem Pfarrer im Priesterrocke, doch trank er ein kleines Maaß aqua mirsbilis mit dem graurockigen prcsbyterianischen Geistlichen. Die Scene war eine andere und doch dieselbe, nur in den Personen, aber nicht im allgemeinen Charakter verschieden. „Mag die Woge der Welt ebben und flnthen, wo sie will," dachte Morton, als er sich umblickte, „immer werden sich genug finden, welche zufällig erledigte Stellen wieder ausfüllen; in den gewöhnlichen Beschäftigungen und Vergnügungen des Lebens lösen sich die Menschen ab, wie Blätter 134 auf demselben Baume, mit denselben individuellen Unterscheidungen und denselben allgemeinen Ähnlichkeiten." — Nach einer Pause von einigen Minuten ließ sich Morton, der durch Erfahrung wußte, wie man am zuverläßigsten Aufmerksamkeit errege, eine Pinte rothen Wein geben, und als der lächelnde Wirth mit der zinnernen Kanne noch schäumend vom Zapfen erschien (denn es war damals nicht üblich, den Wein auf Flaschen zu ziehen), bat er ihn, sich zu ihm zu setzen und mit ihm zu trinken. Diese Einladung war Niel Blaue höchst angenehm, der sie zwar nicht von jedem Gaste, der keine bessere Gesellschaft hatte, erwartete, sie aber doch von vielen erhielt und dadurch also weder beschämt noch überrascht wurde. Er setzte sich mit seinem Gaste in einer entfernten Ecke am Kamine nieder, und während er den größten Theil des Getränkes auf Einladung des Fremden zu sich nahm, ließ er sich des Weitern über Landesneuigkeiten ans, — über Gebnrts- und Sterbefälle, über Heirathen, Eigenthumsveränderungen, über das Zugrundegehen alter Familien und das Emporkommen von neuen. Aber Politik, die fruchtbarste Quelle der jetzigen Unterhaltung, mischte der Wirth nicht ein, und nur auf eine Frage Mortons warf er oberflächlich hin: „Ja, wir haben immer noch Soldaten hier, bald mehr, bald weniger. In Glasgow liegt auch etwas deutsche Reiterei; ihr Anführer heißt Wittybody, oder so was, und ist so ein alter griesgrämiger Holländer, wie ich nur je einen gesehen habe." „Wittcnbold vielleicht?" fragte Morton; „ein alter Mann mit grauen Haaren, kurzem, schwarzem Backenbart — spricht wenig?" — „Und raucht immer," crwiederte Niel Blaue. „Ich sehe, Euer Edeln kennt den Mann. Für einen Soldaten und Hollän- 135 der mag er wohl ein recht artiger Mann sein, aber wenn ihm auch zehn Wittybodys im Leibe stecken, auf die Sackpfeife versteht er sich nicht; denn er ließ mich im besten Zuge aufhören." „Aber diese Bursche da," fragte Morton mit einem Blick auf die Soldaten, die im Zimmer waren, „die sind doch nicht von seinem Corps?" „Nein, das sind schottische Dragoner, altes Geschmeiß! Vor langer Zeit standen sie unter Claverhouse, und stünden vielleicht gern wieder unter ihm, wenn er noch die Zügel hätte.« „Hat sich denn kein Gerücht von seinem Tode verbreitet?" fragte Morton. „Ja, Euer Edeln, man spricht davon; aber nach meiner Ansicht dauert's lange, bis der Teufel stirbt. Ich wollte, die Leute hier wären auf der Hut. Wenn cs losbricht, so ist er in den Hochlanden eben so schnell, als ich dies Glas austrinke — und was gibt's dann? Alle Dragonerracker tanzen bald nach seiner Pfeift. Freilich sind sie jetzt Wilhelmsleute, wie sie früher Jakobsleute waren — sie fechten ja nur für's Geld; um was sollten sie auch fechten? Sie haben ja weder Haus noch Hof. Es ist doch ein hübsch Ding, die Revolution, wie man's heißt. Man kann doch jetzt von diesen Burschen sprechen, ohne zu fürchten, auf's Wachthaus geschleppt zu werden, oder die Daumenschrauben auf die Finger zu kriegen, gerade wie man den Pfropfzieher durch den Stöpsel treibt." Nach einer kleinen Pause fragte Morton, der bereits im Vertrauen des Wirths fortgeschritten war, ob Blane ein Weib in der Nachbarschaft kenne, Namens Elisabeth Maclure? „Ob ich Bessie Maclure kenne?" antwortete Niel mit lautem Gelächter, — „wie sollt' ich meines eigenen Weibes (Gott Hab' sie selig!) ersten Mannes Schwester nicht kennen? 136 Bessie Maclnre? — ja, ein ehrlich Weib ist's, aber betrübt durch Unglück, — sie hat zwei wackere Söhne verloren zur Zeit der Verfolgung, wie man's jetzt nennt, und sanft und fromm hat sle ihre Bürde getragen, ohne Jemand zu tadeln und zu verdammen. Wenn's noch ein rechtschaffen Weib auf Erden gibt, so ist's Besfie Maclnre. Wie gesagt, die beiden Söhne zu verlieren und die Dragoner noch einen Monat lang auf dem Hals zu haben — denn wer auch oben schwimmt, Whigs oder Tories, bei Wirthen werden die Schurken einquartiert —" „Die Frau hält also eine Wirtschaft?" unterbrach Morton. „So eine kleine Schenke," sagte Blane, indem er sich in seiner bessern Einrichtung umblickte, — „saures Dünnbier schenkt sie für Reisende, die müde genug sind und mit Allem vorlieb nehmen; aber was man ein lebhaftes Geschäft, ein gedeihliches Wirthshaus nennt, das ist es nicht." „Könnt Ihr mir einen Führer dahin verschaffen?" fragte Morton. „Euer Edeln wird doch die Nacht da bleiben? — bei Bessie werdet Ihr wohl nicht Eure Bequemlichkeit finden," sagte der schlaue Niel. „Ich erwarte einen Freund dort," sagte Morton; „hier kehrte ich bloß ein, um eins zu trinken und nach dem Wege zu fragen." „Es wäre besser, wenn Euer Gnaden Jemand zu Eurem Freund schickte und ihn Herkommen ließe," sagte der beharrliche Wirth- „Ich sage Euch ja, Herr Wirth," antwortete Morton ungeduldig, „das dient mir nicht; ich muß durchaus zu der Frau Maclnre gehen und wünsche deßhalb einen Führer." „Nun, macht's wie Ihr wollt, Herr; aber Ihr braucht keinen Führer. Wenn Ihr eine halbe Meile gerade am Wasser hinuntergeht, als wolltet Ihr nach Milnwovdhouse, und dann den ersten holprigen Weg nach den Bergen cinschlagt, nämlich an der morschen Esche, die an einem Brunnen steht, gerade wo der Weg sich kreuzt, und dann den Fußpfad weiter reitet: so könnt Ihr der Frau Wittwe Maclurcs Schenke nicht verfehle»; denn zehn schottische Meilen weit ist weder Haus noch Hütte sonst zu bemerken. Es thut mir leid, daß Eure Gnaden die Nacht nicht hier bleiben will; aber meiner Frau ihre Schwägerin ist eine brave Frau, und was ein Freund gewinnt, ist leicht verloren." Morton zahlte seine Zeche und ritt fort. Als die Sonne unterging, war er an der Esche, wo der Pfad aufwärts gegen die Moore führte. „Hier," sagte er zu sich selbst, „fing mein Unglück an; denn gerade hier, als Burley und ich in der ersten Nacht unseres Zusammentreffens uns trennen wollten, wurde er durch die Nachricht beunruhigt, daß ihm die Soldaten in den Pässen auflauerten. Unter dieser Esche saß das alte Weib, das ihm die Gefahr mittheilte. Wie seltsam, daß mein ganzes Schicksal mit dem dieses Mannes so unzertrennlich verwebt ist, ohne etwas mehr von meiner Seite, als die Erfüllung einer gewöhnlichen Pflicht der Menschlichkeit. Wollte Gott, ich fände meine anspruchslose Ruhe ans der Stelle wieder, wo ich sie verloren!" Diesen Gedanken nachhängend, lenkte er sein Pferd den Pfad hinan, und kam endlich in das kleine grüne Thal, wo in einer Umfriedung etwas Getreide wuchs. Nahe daran stand eine Hütte, deren Mauern nicht über fünf Fuß hoch waren, und deren Strohdach, von Schimmel, Hauslauch und Gras ganz grün, an einigen Stellen durch zwei Kühe beschä- 138 digt wurde, deren Appetit durch die grüne Bekleidung von der Weide abgelockt worden. Eine unrichtige, schlechtgeschriebene Inschrift belehrte den Reisenden, daß ein Mann mit einem Pferde hier Unterkommen könne; — keine unwillkommene Einladung, so roh auch die Hütte schien, wenn man den schlechten Weg erwog, der hierher führte, und die hohen, öden Gebirge, welche in einsamer Majestät hinter diesem demüthi- gen Asyl sich erhoben. Ja, dachte Morton, nur an einem solchen Orte konnte Burley einen gleichgesinnten Freund finden. Als er sich näherte, fand er sogleich die gute Frau an der Thüre sitzen; sie war durch ein dichtes Erlengebüsch bisher vor ihm verborgen. „Guten Abend, Mütterchen," sagte der Reisende. „Euer Name ist Frau Maclure?" „Elisabeth Maclure, Sir, eine arme Wittwe," war ihre Antwort. „Könnt Ihr einen Fremden über Nacht beherbergen?" „Ja, Sir, wenn er mit dem Brod und dem Krug der Wittwe vorlieb nimmt." „Ich bin ein Soldat gewesen, gute Frau," antwortete Morton, „und selten ist mir bei der Bewirthung etwas zu gering." „Ein Soldat, Sir?" seufzte die alte Frau; „Gott gelsi Euch ein besseres Gewerbe!" „Man hält diesen Stand für ehrenvoll, gute Frau, und ich hoffe, Ihr denkt darum nicht schlimmer von mir, weil ich ihm angehörte." „Ich richte Niemanden, Sir," erwiederte die Frau; „Eure Stimme tönt wie die eines Biedermannes. Aber ich habe so viel Unglück von den Soldaten in diesem Lande erfahren, daß ich recht froh bin, mit diesen Augen gar nichts mehr zu sehen." Morton merkte jetzt, daß die Frau blind war. „Werd' ich Euch nicht beschwerlich fallen, gute Frau?" sagte er gerührt; „Eure Krankheit verträgt sich nicht gut mit Eurem Geschäft." „Nein, Sir," antwortete die alte Frau, „ich kann recht flink im Hause herumgehen; ich Hab' auch ein kleines Mädchen, und die Dragoner werden nach Eurem Pferde sehen, wenn sie von der Streifwache heimkehren. Sie thun's um ein Geringes; denn sie sind jetzt höflicher als sonst." Nach diesen Versicherungen stieg Morton ab. „Paggy, lieb Schätzchen," fuhr die Wirthin zu einem kleinen zwölfjährigen Mädchen fort, das inzwischen herbeigekommen war, „führe des Herrn Pferd in den Stall, mache den Gurt los, nimm ihm die Zügel ab und wirf ihm etwas Heu vor, bis die Dragoner zurückkommen. — Hieher, mein Herr!" fuhr sie fort; „Ihr werdet mein Haus rein finden, so arm es auch ist." Morton folgte ihr in. die Hütte. Dreizehntes Kapitel. Drauf denn nun, spricht die alte Mutter, Uud weint und weint mit Macht: — „O laß Dich warnen, mein Sohn Johnic, Bleib mir, bleib mir von der Jagd!" Alte Ballade. Als Morton in die Hütte trat, bemerkte er, daß die alte Wirthin wahr gesprochen. Das Innere der Hütte strafte die Außenseite Lüge; es war nett, sogar bequem, besonders das innere Gemach, wo, wie die Wirthin sagte, der Gast essen und schlafen sollte- Man setzte ihm Erfrischungen vor, wie das kleine Wirthshaus ste darbot, und obgleich er keinen Appetit hatte, so nahm er doch das Anerbieten an, um Gelegenheit zu einem Gespräch mit der Wirthin zu bekommen. Ihrer Blindheit ungeachtet war sie rührig in der Aufwartung und schien durch einen gewissen Instinkt überall den Weg zu finden. „Hilft Euch Niemand bei der Bewirthung, als dies hübsche Mädchen?" fragte Morton. „Nein, Sir," erwiedcrte die alte Wirthin; „ich wohne allein wie die Wittwe von Zarephath.- Wenig Gäste kommen an diesen armen Ort, und ich habe nicht Kunden genug, um Leute in Dienst zu nehmen. Ich hatte sonst zwei schmucke 141 Söhne, die Alles versahen. — Aber der Herr gibt und nimmt; — der Name des Herrn sei gepriesen!" — hier hob sie die umwölkten Augen gen Himmel. — „Es ging mir einst besser, um weltlich zu reden, auch nachdem ich sie verloren; aber das war vor dieser letzten Veränderung." „So? aber Ihr seid presbyterianisch, gute Mutter?" „Ja; gepriesen sei das Licht, das mir den rechten Weg gezeigt hat!" „Jn diesem Fall aber," fuhr der Gast fort, „hätte ich geglaubt, daß die Revolution Euch nur Gutes gebracht." „Wenn sie dem Lande Gutes, und dem zarten Gewissen Glaubensfreiheit gebracht, so liegt wenig daran, was sie einem armen blinden Wurm, wie mir, gebracht hat," sagte die alte Frau. „Dennoch sehe ich nicht ein, wie sie Euch Schaden zufügen konnte," sagte Morton. „Das ist eine lange Geschichte, Sir," seufzte die Wirthin- „In einer Nacht, etwa sechs Wochen vor dem Gefecht an der Bothwellbrücke, hielt vor meiner Hütte ein junger Edelmann, steif und voll Wunden, und sein Pferd war so matt, daß eS sich kaum auf den Beinen halten konnte; die Feinde waren ihm auf dem Nacken und er gehörte zu unfern Feinden. — Was könnt' ich thun? — Ihr seid ein Soldat und werdet mich für ein einfältiges altes Weib halten, — aber ich speiste und erquickte ihn und hielt ihn verborgen, bis die Verfolger vorüber waren." „Und wer könnte Euch deßhalb tadeln?" sagte Morton. „Ich weiß nicht — manche von unfern Leuten sahen mich deßhalb scheel an. Sie sagten, ich hätte gegen ihn verfahren sollen, wie Jael gegen Sissera. Aber ich wußte wohl, daß ich keinen göttlichen Befehl zum Blutvergießen hatte; Blut zu 142 schonen, dachte ich, ist weiblich und christlich. — Dann sagten sie auch, ich hätte kein Gefühl, daß ich einem Menschen von der Rotte beistand, die meine beiden Söhne gemordet." „Die Eure beiden Söhne gemordet?" „Ja, Sir; obgleich Ihr ihrem Tode vielleicht einen andern Namen geben werdet, — der eine fiel mit dem Schwert in der Hand für den gebrochenen Covenant; der andere — ach! — sie ergriffen und schossen ihn nieder ans dem Rasen vor seiner Mutter Augen. — Es flimmerte mir vor den alten Augen, als die Schüsse fielen, und seit jenem furchtbaren Tage wurden sie immer schwächer und schwächer, und das gebrochene Herz und die Thränen haben cs wohl vollendet. Aber ach, wenn ich auch das junge Blut des Lord Evandale an seine Feinde verrathen hätte, meinen Ninian und Johnic hätt' ich doch nicht wieder iu's Leben gebracht." „Lord Evandale?" fragte Morton erstaunt; „Lord Evandale mar's, dessen Leben Ihr gerettet?" „Ja, er war's. Und er war auch noch später freundlich gegen mich, und gab mir eine Kuh und ein Kalb, Malz, Mehl und Geld, und Niemand durfte mir Etwas anhaben, als er Gewalt batte. Aber dies Grundstück hier gehört zu Tillietud- lem, und es war viel Prozessirens darum zwischen Lady Margaretha Bellenden und dem jetzigen Laird, Basil Olifant; Lord Evandale unterstützte die alte Lady aus Liebe zu ihrer Tochter, Fräulein Editha, eines der besten und schönsten Mädchen von Schottland, wie man im Lande sagt. Aber sie verloren Alles, und Basil bekam Schloß und Gut, und hinterdrein kam die Revolution, und wer hing den Mantel schneller nach dem Winde, als der Laird? denn er sagte, von jeher sei er ein guter Whig gewesen, und Papist bloß, weil es Mode war. Dann schwamm er oben auf und Lord Evandale's Kopf kam 143 unter's Wasser; denn dieser war zu stolz und männlich, um sich bei jedem Windstoß zu beugen; obgleich es Viele so gut wissen, wie ich, daß er gegen unsere Leute, mögen seine Grundsätze sein wie sie wollen, nicht so übel war; er schützte uns nach Kräften und weit mehr als Basil Olifant, der immer gern mit dem Strome schwamm. Er wurde aber bei Seite gesetzt und scheel angesehen lind ward nichts nach seinem Schwert gefragt; dann suchte Basil, der rachsüchtige Mann, ihn ans jede Art zu quälen, besonders dadurch, daß er die alte blinde Wittwe, Bessie Maclure, die dem Lord das Leben rettete, unterdrückte und beraubte. Aber wenn das seine Absicht ist, irrt er sich; denn es wird wohl lange währen, bis Lord Evandale ein Wort von mir hört, daß ich meine Kuh verkaufen mußte wegen Abgaben und Pachtzins, oder daß man mir die Dragoner in's Hans legt, da doch das Land ruhig ist, oder sonst Etwas, was den Lord ärgern könnte; — ich kann meine Last in Geduld tragen und der weltliche Verlust ist das Geringste davon/' Erstaunt und voll Theilnahme ob diesem Gemälde geduldiger, dankbarer und großmüthiger Entsagung konnte Morton nicht umhin, den niedrigen Schurken zu verwünschen, der eine solche feige Rache genommen. „Flucht ihm nicht, Sir!" sagte die alte Frau. „Ich habe einen frommen Mann sagen hören, ein Fluch gleiche einem Steine, den man gen Himmel wirft und der meistens dem wieder auf den Kopf fällt, der ihn empor geworfen hat. Aber wenn Ihr den Lord kennt, so sagt ihm, er solle auf der Hut sein, denn ich höre sonderbare Reden unter den Soldaten hier, und sein Name wird oft genannt, und der Eine von ihnen ist zwei Mal in Tillietndlem gewesen. Der Laird hat ihn gern, obgleich er früher einer der Grausamsten war, die 144 je durch's Land geritten, — den Sergeanten Bothwcll ausgenommen — er heißt Jnglis." „Ich nehme den größten Antheil an Lord Evandale's Rettung/' sagte Morton, „und Ihr könnt Euch darauf verlassen, daß ich Mittel finde, ihn von diesen bedenklichen Umständen zu benachrichtigen. Dagegen erlaubt mir eine andere Frage, gute Frau: Wißt Ihr Etwas von Qnintin Mackell von Jrongray?" „Quintin Mackell von Jrongray?" wiederholte die blinde Frau höchst erschrocken. „Ist denn so viel Beunruhigendes in diesem Namen?" fragte Morton. „Nein, nein!" antwortete die Frau zaudernd; „aber daß ein Fremder und Soldat nach ihm fragt — Gott beschuh' uns! Welches Unglück zieht herbei?" „Keines,durch meine Veranlassung!" antwortete Morton; „der Gegenstand meiner Frage hat nichts von mir zu fürchten, wenn, wie ich vermuthe, dieser Quintin Mackell derselbe ist mit John Bal — „Nennt seinen Namen nicht!" sagte die Wittwe, die Finger auf die Lippen legend. „Ich sehe, Ihr habt sein Geheimniß und Losungswort; drum will ich offen gegen Euch sein; doch um Gotteswillen, redet leise. Aber Ihr wollt ihn doch nicht aufsuchen, um ihm ein Leid zuzufügen? — Ihr sagtet, Ihr wäret ein Soldat?" „Freilich; aber einer, von dem er nichts zu fürchten hat- Ich habe eine Abtheilung an der Bothwellbrücke befehligt." „So?" sagte die Frau; „es ist freilich Etwas iu Eurer Stimme, dem ich trauen kann. Ihr sprecht offen und gerade, wie ein Biedermann." „Ein solcher glaube ich zu sein," sagte Morton. „Aber nehmt's nicht übel, Sir," fuhr Frau Maclure fort; „in diesen schlimmen Zeiten ist die Hand des Bruders gegen den Bruder, und er fürchtet eben so sehr die jetzige Regierung als früher die alten Verfolger." „Wirklich?" fragte Morton prüfend; „das hätte ich nicht geglaubt. Aber ich komme eben aus der Fremde." „Ich will Euch sagen," begann die blinde Frau, eine lauschende Stellung annehmend, welche bewies, wie sehr ihr jetzt das Obr statt des Auges diente, denn statt spähend um sich zu blicken, neigte sie das Gesicht und wendete langsam das Haupt, um sich so zu versichern, daß nicht der geringste Ton in der Nachbarschaft zu Horen sei; — „ich will Euch sagen: Ihr wißt, wie sehr er gestrebt hat, den Covenant wieder zu erwecken, der verbrannt, gebrochen und in den harten Herzen und eigennützigen Plänen dieses verstockten Volkes begraben ist. Als er nun nach Holland kam, fand er nicht Dank noch Ansehen bei den Großen, keine Gefährtcnschaft mit den Gottseligen, was er doch mit Recht erwarten durfte; der Prinz von Oranien zeigte ihm keine Gnnst und die Geistlichen wollten keine Gemeinschaft mit ihm. Das war hart für Einen, der so viel gethan und gelitten, — vielleicht zu viel — aber wer soll richten? Er kam zurück zu mir und dem alten Zufluchtsort, der ihn so oft ausgenommen hatte in seinem Unglücke, besonders aber vor dem großen Tage des Sieges bei Drumclog; denn ich werde nie vergessen, wie er des Nachts hinging in dem Jahre und am Abende des Tages, da der junge Milnwood den Preis gewann im Vogelschießen, aber ich warnte ihn damals." „Was!" rief Morton, „Ihr wäret cs, die im rothen Mantel an der Heerstraße saß und ihm sagte, cs lauere ein Löwe auf dem Pfade?" „Um Gottcswillcn, wer seid Ihr?" sagte die Alte, ihre Erzählung vor Erstaunen unterbrechend. „Aber Ihr mögt sein Die Schwärmer. IN. 10 146 wer Ihr wollt, Ihr wißt doch nichts Schlimmeres von mir, als daß ich willig das Leben eines Freundes und Feindes rettete." „Ich will nichts Schlimmes von Euch, Frau Maclure, und will Euch nichts zu Leide thun. — Ich wollte Euch nur zeigen, daß ich so viel von dieses Mannes Angelegenheit weiß, daß Ihr mir getrost das Uebrige vertrauen könnt. Doch fahrt fort." „Es ist Etwas seltsam Gebieterisches in Eurer Stimme, obgleich sie sanft ist," sagte die blinde Frau. „Ich habe nur noch wenig zu sagen. Die Stuarts wurden entthront, und Wilhelm und Maria regieren an ihrer Stelle; allein man hört kein Wort mehr vom Cvvenant. Sie haben die geduldete Geistlichkeit und eine erastinianische Generalversammlung der einst reinen und triumphirenden Kirche Schottlands an ihren Busen gedrückt. Unsere Kämpfer des Zeugnisses sind dagegen noch mehr aufgebracht als gegen die offene Tyrannei und Abtrünnigkeit in der Verfolgungszeit; denn die Seelen sind erhärtet und erstorben, der Mund des fastenden Volkes wird vollgestopft mit Kleien, statt mit der Würze des reinen Wortes, und manches hungrige Geschöpf, wenn es sich hinseht am Sonntag Vormittag, um Etwas zu erhalten, das es entzünden könnte zum großen Werke, bekommt ein dürres Moral- geschwähe in seine Ohren und-" „Kurz," sagte Morton, begierig eine Rede abzuschneiden, welche die gute, mit eben so viel Begeisterung ihren Religionsmeinungen, als den Pflichten der Menschlichkeit ergebene alte Frau wahrscheinlich noch länger fortgesetzt hätte — „kurz, Ihr seid nicht geneigt, Euch der neuen Regierung zu fügen, und Burley ist derselben Meinung?" „Viele unserer Brüder sind der Meinung, daß wir für den Covenant und für den großen Nativnalbund fochten, fasteten, beteten und duldeten, und jetzt sehen und hören wir nichts von 147 dem, um dessenwillen wir duldeten, fochten, fasteten und beteten. Und Einige meinen, cs wäre schon Etwas, wenn man die alte Königsfamilie unter neuen Bedingungen zuriickbrächte; denn ich hörte, als König Jakob weg war, die große Beschwerde der Engländer wider ihn war nur wegen der sieben urheiligen Bischöfe, und obgleich ein Theil unserer Leute sich der jetzigen Ordnung unterwerfen wollte, und ein Regiment unter dem Grafen von Angus errichtete: so war doch unser wackerer Freund und Andere, die mit ihm für die reine Lehre und Glaubensfreiheit anfgcstanden, entschlossen, die Absicht der Jakobiten zu wissen, bevor sie gegen dieselben auftraten, aus Furcht niederznstürzen, wie eine Mauer von ungelöschtem Kalk." „Wenn sie von daher ihr Heil erwarten," sagte Morton, „so steht's schlimm." „O lieber Herr! das Tageslicht entströmt dem Osten; das Licht des Geistes aber kann wohl auch dem Norden entströmen, so viel wir blinden Sterblichen wissen." „Und dcßhalb ging Burley nach Norden?" „Allerdings, Herr! und sah den Claverhouse selbst, den man jetzt Dundee nennt." „Was?" rief Morton erstaunt; „ich hätte geschworen, wenn diese Beiden zusammenkämen, müßte Einer das Leben lassen." „Nein, Sir; in unruhigen Zeiten ändert sich Manches gar plötzlich. — Montgomcry, Ferguson und viele Andere, die früher Königs Jakobs größte Feinde waren, sind nun auf seiner Seite. — Claverhouse sprach freundlich mit unserem Freunde, und schickte ihn ab, sich mit Lord Evandale zu be- rathcn. Das ging aber nicht; denn Lord Evandale wollte ihn weder sehen, noch hören, noch mit ihm sprechen, und nun ist er rasend und schnaubt nach Rache gegen Lord Evandale, io" 148 und mag von nichts wissen, als von Morden und Sengen. O diese wilden Anfälle, sle zerrütten sein Inneres, und bringen dem Feinde großen Vortheil." „Dem Feinde?" sagte Morton; „welchem Feinde?" „Welchem Feinde? Ihr seid mit John Balfour von Burley genau bekannt, und wißt nicht, daß er gar saure und bittere Kämpfe hat mit dem Bösen? Habt Ihr ihn wohl je allein gesehen, ohne daß er die Bibel in der Hand und das gezückte Schwert auf den Knicc» gehabt hätte? Habt Ihr nie in einem Zimmer mit ihm geschlafen und gehört, wie er im Traume mit den Verführungen des Satans rang? O, Ihr kennt ihn nur wenig, wenn Ihr ihn bloß beim schönen Tageslichte gesehen habt; denn Niemand kann so sehr über seine schmerzlichen Kämpfe einen Schleier breiten, wie er. Ich habe ihn nach einem solchen bittcrn Kampfe so zittern sehen, daß ein Kind ihn hätte halten können, und sein Haar troff von Schweiß, wie mein armes Strohdach nach einem Platzregen." Jetzt erinnerte sich Morton an Burley's Anssehen, als er auf dem Heuboden zu Milnwovd schlief, und Cuddie's Bericht, daß er von Sinnen war; auch hatte er Etwas unter den Cameroniancrn flüstern hören, die Burley's geistige Ucbungen und seine Kämpfe mit dem bösen Feind rühmten. Er schloß demnach aus diesen Umständen, daß der Mann selbst ein Opfer seiner Verblendung geworden sei, ungeachtet sein von Natur scharfer und kräftiger Geist nicht nur Denen seinen Aberglauben verbarg, in deren Meinung er dadurch gesunken wäre, sondern auch mit solcher Anstrengung, welche nur den Epileptischen eigen sein soll, die Anfälle verzögern konnte, bis er entweder allein, oder nur von Solchen umgeben war, die ihn wegen dieser Heimsuchungen desto mehr achteten. Demnach war die Vermuthung, daß getäuschter Ehrgeiz, gescheiterte 149 Hoffnungen und der Sturz der Partei, der er mit so verzweifelter Treue gedient, seine Schwärmerei zu temporärem Wahnsinn gesteigert habe, ganz natürlich, und konnte aus der Erzählung der Frau Maclure gefolgert werden. Es hatte auch wirklich damals nichts Befremdendes, daß Männer, wie Sir Harry Vane, tzarrison, Ovcrton und Andere, obgleich Sklaven der zügellosesten Träumereien, sich im Verkehr mit der Welt nicht nur verständig und mnthig in verwickelten Angelegenheiten und Gefahren benahmen, sondern auch außerordentlichen Scharfsinn und entschiedene Tapferkeit bekundeten. „Wenn der Morgen graut," sagte Frau Maclure, „wird Euch meine kleine Paggy den Weg zu ihm zeigen, ehe die Soldaten auf sind. Aber bevor Ihr Euch zu ihm in seinen Zufluchtsort wagt, müßt Ihr erst seine gefährliche Stunde, wie er sagt, vorübergchen lassen. Paggy soll es Euch schon sagen. Sie kennt seine Art sehr gut; denn sie leistet ihm manchen Dienst, dessen er zum Lebensunterhalt benöthigt ist." „Und wo hat denn dieser Unglückliche seine Zufluchtsstätte gefunden?" fragte Morton. „An einem so schaurigen 'Orte, als nur je eine lebendige Creatur sich auserwählte, er heißt die schwarze Höhle von Linklatcr, ein schrecklicher Ort; aber er liebt ihn über Alles, weil er schon so oft dort Sicherheit gefunden hat, und ich glaube, er zieht ihn einem tapczirten Zimmer und einem Dunenlager vor. Aber Ihr werdet ja sehen; ich selbst bin schon manchmal dort gewesen. Damals aber war ich ein thö- richt Mädchen und dachte nicht daran, was davon kommen könnte. — Begehrt Ihr noch Etwas, Sir, ehe Ihr Euch zur Ruhe begebt? denn Ihr müßt Euch bei der ersten Dämmerung aufmachen." 150 „Nichts mehr, gute Mutter," sagte Morton und schied von der Alten. Morton empfahl sich dem Schutze Gottes, warf sich auf's Lager, hörte zwischen Schlafen und Wachen das Getrappel der Dragvnerpferde, als die Reiter von der Streifwache heimkehrten, und schlief nach so schmerzlicher Erschütterung fest ein. Vierzehntes Kapitel. Sie treten in die dunkle Höhle ein. Am Boden saß der finstre Mann ellein. Dumpf brütend im verstörte,> Geist. Sp en ser. Als der junge Morgen auf den Bergen lag, ließ sich an der Thüre des kleinen Zimmers, worin Morton schlief, ein leises Pochen hören, und eine sanfte Mädchenstimme fragte von Außen: „ob es ihm gefällig wäre nach der Höhle zu gehen, ehe die Leute aufständen." Morton kleidete sich schnell an und trat heraus zu der kleinen Führen«. Das Bergmädchen hüpfte leicht vor ihm her durch den grauen Nebel über Berg und Moor. Der Pfad war rauh und ohne Gleise, und zog sich im Ganzen nach der Richtung des Baches, ohne dessen Krümmungen zu folgen. Die Landschaft wurde immer wüster und wilder, bis endlich nur Haide und Felsen das Thal umschlossen. „Jst's noch weit?" fragte Morton. «Eine halbe Stunde," antwortete das Mädchen; „wir werden bald dort sein." „Gehst Du oft diesen wilden Weg, liebes Mädchen?" „So oft mich Großmutter mit Milch und Mehl nach der Höhle schickt." „Aber fürchtest Du Dich nicht, den wilden Weg allein z» gehen?" „O nein, Herr," sagte das Kind; „kein lebendiges Wesen würde einem so kleinen Ding, wie mir, Etwas anhaben, und Großmutter sagt, man brauche nichts zu fürchten, wenn man auf dem rechten Wege ist." „Stark in Unschuld, wie im dreifachen Panzer," dachte Morton, als er ihren Schritten schweigend folgte. Bald kamen sie in ein Dickicht, wo Brombeergesträuche und Dorngebüsche die Stellen der Eichen und Birken einnahmen, die einst hier gestanden hatten. Jetzt führte das Mädchen Morton von der offenen Haide auf einem von Schafen betretenen Pfade nach dem Bache hin. Ein wildes, dumpfes Tosen hatte ihn schon zum Theil auf die Scene vorbereitet, die sich ihm jetzt zeigte; doch konnte er sie nicht ohne Erstaunen, ja nicht ohne Schauder betrachten. Als er aus dem unwegsamen Pfade herauskam, der ihn durch das Dickicht führte, fand er sich am Rande eines flachen Felsens, der auf einer Seite über eine fast hundert Fuß tiefe Kluft hinausragte, wo der finstere Bergstrom wüthend über die Jähe stürzte und ein schwarzer, gähnender Abgrund ihn aufnahm. Vergebens strebte das Auge, den Boden des Falles zu erreichen; es konnte nur die schäumenden Wogen in dem Hinabsturze auffassen, bis der Blick durch die cmporragendcn Felsenzackcn gehemmt wurde, welche den dunkeln Pfuhl verhüllten, der die brausenden Fluthen 152 verschlang; in einiger Entfernung aber fand der Blick die Windungen des Stromes wieder, wo er einen freien; Lauf hatte. Während Morton auf diese geräuschvolle Scene hinblickte, welche sich rings durch das Dickicht und die Klüfte, worin das Wasser sich verlor, jedem Auge verbergen zu wollen schien, zupfte ihn die kleine Begleiterin, welche auf der Abdachung des Felsens stand, der die schönste Aussicht auf den Wasserfall be- ' herrschte, am Aermcl und sagte ihm so leise, daß er sein Ohr ihrem Munde nähern mußte: „Hört ihn doch! hört ihn doch!" Morton horchte aufmerksamer, und aus dem finstern Abgrund, in welchen der Bach stürzte, und aus dem Brausen des Wasserfalles glaubte er Töne der Freude und des Schreckens, ja artikulirte Worte zu vernehmen, als ob der gefolterte Dämon des Stromes seine Wehklagen mit dem Geheule der Wogen vermischt hätte. „Das ist der Weg," sagte die Kleine; „folgt mir, Herr, wenn Ihr wollt. Aber nehmt Euch in Acht!" Und mit kühner Behendigkeit schwand sie von der Felsenplatte und kletterte über die Zacken und Spitzen in die Kluft hinab. Der kühne und rüstige Morton folgte ihr ohne Säumen; aber die nöthige Vorsicht, Hand und Fuß zu gebrauchen, hinderte ihn, sich umzuschauen, bis seine Führerin, nachdem sie fast zwanzig Fuß hinabgesticgen und etwa sechzig oder flebenzig Fuß über dem Schlunde stand, der den Wasserfall aufnahm, still hielt, und er sich wieder an ihrer Seite in einer Stellung fand, die eben so romantisch als gefährlich war. Sic waren jetzt fast dem Wasserfalle gegenüber, ungefähr fünfundzwanzig Fuß unterhalb der Klippe, über die er herabdonnerte und fünfundsiebenzig Fuß über dem dunkeln, tiefen, rastlosen Pfuhl, der das Gefluthe verschlang. Sie standen dem rasenden Gewässer so nahe, daß sie vom Schaume 153 bespritzt und vom Getöse fast betäubt wurden. Aber gerade dem Sturze gegenüber und kaum drei Ellen davon entfernt, lag ein alter Eichbaum wie durch Zufall über dem Schlunde und bildete eine schreckliche, enge und unsichere Brücke. Das obere Ende des Stammes ruhte auf der Platte, wo sie standen; mit der Wurzel aber streckte er sich auf die entgegengesetzte Seite, ohne daß Morton entdecken konnte, wo er festgehalten war. Hinter dem Vorsprunge schimmerte ein grelles röthlichcs Licht, das die stürzenden Wogen hochroth färbte, welches einen seltsamen, übernatürlichen Eindruck hervvr- .brachte, durch den Gegensatz mit den Strahlen der ausgehenden Sonne. Nachdem er sich einen Augenblick umgcsehen, znpfte ihn das Mädchen abermals am Aermel, zeigte auf die Eiche und auf den Vorsprung jenseits, (denn an Sprechen und Hören konnte man hier nicht denken) und gab dadurch zu erkennen, daß sie hier hinüber müßten. Erstaunt blickte Morton das Mädchen an, denn obgleich er wußte, daß die verfolgten Presbyterianer unter den frühem Regierungen in Höhlen und Wäldern, in Klüften und an Wasserfällen, an den ungewöhnlichsten Orten Zuflucht gesucht; obgleich er von den Kämpfern des Covenants gehört, die sich lange in der Dobbeshöhle auf den wilden Höhen von Pol- moodie und von Andern, die sich in der noch schrecklicher» Creehophöhle in dem Sprengel von Closeburn verborgen: dennoch hatte sich seine Einbildungskraft die Schrecknisse eines solchen Orts nicht ausgemalt, und er wunderte sich, wie eine solche seltsame und romantische Scene ihm hatte verborgen bleiben können, da er doch dergleichen Naturscenen mit großer Neugierde zu erforschen pflegte. Bald aber fand er, daß das Gcheimniß selbst von den wenigen Hirten, denen sie etwa bekannt sein mochte, sorgfältig bewahrt wurde, da sie in einer 154 entfernten, höchst wilden Gegend lag, und den verfolgten Predigern und Bekennen» des nonconformistischen Glaubens zum Schlupfwinkel diente. Er fing nun an zu überlegen, wie er über die unsichere, schreckliche Brücke gelangen könne, welche, durch den unablässigen Staubregen naß und schlüpfrig, über eine Kluft von sechzig Fuß hinlief; indeß hüpfte, gleichsam um ihn zu ermuthigen, seine kleine Führerin ohne Bedenken hinüber und herüber. Einen Augenblick beneidete er den kleinen nackten Fuß, welcher einen viel sicherern Halt an der rauhen Oberfläche der Eiche hatte, als er mit seinen schweren Stiefeln erwarten konnte; dennoch aber entschloß er sich den Uebergang zu wagen, heftete seinen Blick fest auf einen Gegenstand an der entgegensetzten Seite, und ohne sich durch das Toben und Tosen um ihn oder unter ihm schwindlich machen zu lassen, schritt er fest und sicher über die nnzuverläßige Brücke und erreichte die Oeffnung einer kleinen Höhle auf der andern Seite. Hier hielt er an; denn ein Licht, das von einem Kohlenfeuer strahlte, erlaubte ihm das Innere der Höhle zu sehen und deren Bewohner zu betrachten, von dem er nicht so leicht bemerkt werden konnte, da ihn der Schatten des Felsens verbarg. Was er wahrnahm, hätte einen minder entschlossenen Mann nicht ermuthigt im Beginnen weiter zu schreiten. Burley, den nur der grauere Bart in seinem früheren Aussehen verändert hatte, stand in der Mitte der Höhle, mit der zugeklappten Bibel in der einen, und seinem gezückten Schwert in der andern Hand. Von dem Lichte der feurigen Kohlen beleuchtet, glich er einem bösen Geiste in dem Schwefelqualm der Hölle, und seine Gebcrden und Worte, insofern sie vernehmbar waren, schienen verwirrt und heftig. Ganz allein, und an einem fast unnahbaren Orte, glich er einem Menschen, der mit einem Feinde auf Tod und Leben kämpft. — 155 „Ha, ha! — Hier, hier!" — rieferund begleitete jedes Wort mit einem Hieb in die hohle Luft. — „Hab' ich Dir's nicht gesagt? — Ich habe widerstanden nnd Du fliehest vor mir! — O Feigling, der Du bist! — Komm in asten Deinen Schrecken! — Komm mit meinen eigenen Frevelthaten, die Dich am furchtbarsten machen — in diesem Buch steht genug, um mich zu retten! — Was murmelst Dn von grauen Haaren? — Es war wohlgethan, ihn zu erschlagen, — je reifer das Korn, desto nothwendiger die Sichel. — Bist Du gegangen? — Bist Du gegangen? — Ich habe immer gewußt, daß Du eine Memme bist, — ha! ha! ha!" Nach diesen wilden Ausrufungen senkte er die Spitze seines Schwertes und blieb in derselben Stellung, wie ein Wahnwitziger, den eben der Anfall verlassen. „Die gefährliche Zeit ist nun vorüber," sagte das kleine Mädchen, „es dauert selten länger, als bis die Sonne über den Bergen ist. Jetzt könnt Ihr hinein gehen und mit ihm sprechen. Ich will an der andern Seite auf Euch warten. Zwei auf ein Mal kann er nicht leiden." Langsam und höchst vorsichtig ging Morton auf seinen alten Mitbefehlshabcr zu. „Was, kommst Du wieder, da Deine Stunde vorüber ist?" war sein erster Ausruf; er schwang sein Schwert und sein Gesicht bekam einen gespenstischen, rasenden Ausdruck. „Ich komme, Herr Balfour," sagte Morton fest und ruhig, „um eine Bekanntschaft zu erneuern, die seit dem Gefecht an der Bothwellbrücke abgebrochen war." Sobald Burley gewahrte, daß Morton vor ihm stand, — ein Gedanke, den er mit wunderbarer Schnelligkeit anffaßte — übte er plötzlich jene Meisterschaft über seine erhitzte, schwärmerische Einbildungskraft aus, die eine der hervorstechendsten 156 Seiten seines außerordentlichen Charakters war. Er senkte sogleich die Spitze seines Schwertes, nnd indem er cs ruhig in die Scheide steckte, murmelte er Etwas von Feuchtigkeit und Kälte, die einen alten Krieger zwingen, Fechtübnngen vorzunehmen, daß das Blut nicht erstarre. Dann fuhr er in seiner kalten, entschiedenen Weise fort, die seinem Gespräche eigen war: „Du hast lange gesäumt, Heinrich Morton, nnd bist nicht gekommen in den Weinberg, als bis die zwölfte Stunde geschlagen hat- Bist Du noch Willens, die rechte Hand der Bruderschaft zu ergreifen nnd Einer von Denen zu sein, so nicht schauen nach Thronen und Fürstenfamilicn, sondern die Schrift zu ihrer Richtschnur nehmen?" „Ich bin erstaunt," sagte Morton, einer bestimmten Antwort ans diese Frage ausweichend, „daß Ihr mich nach so vielen Jahren wiedcrerkannt habt." „Die Züge Derjenigen, welche mit mir handeln sollten, sind in mein Herz gegraben, und Wenige außer Silas Mortons Sohn hätten es wagen dürfen, mich in dieser Zuflucht aufzusnchen. Siehst Du diese von der Natur selbst gebaute Zugbrücke?" fügte er hinzn und deutete ans den qnerüberlic- gendcn Eichstamm — „ein Fußtritt von mir, und er stürzt in den Abgrund, trotz dem jenseits stehenden Feinde, und überläßt die Feinde diesseits der Willkür eines Mannes, der im Zweikampf noch nicht seinesgleichen gefunden." „Solcher Vertheidignngsanstalten," sagte Morton, „würdet Ihr doch jetzt vermnthlich nicht bedürfen." „Nicht bedürfen?" sagte Burley ungeduldig, „wenn eingefleischte Feinde sich auf Erden gegen mich verbunden haben nnd Satan selbst, — doch was liegt daran," setzte er sich selbst unterbrechend hinzu. — „Genug, daß ich meinen Zufluchtsort liebe — meine Höhle von Adullam, nnd ich würde 157 ihre rauhen Kalksteinrippen nicht vertauschen mit den schönen Gemächern im Schlosse der Grafen von Torwvod und der ganzen Baronie. Du magst anders denken, wenn Dein Nar- renficber noch nicht aufgehört hat." »Gerade wegen dieser Besitzungen komm' ich mit Euch zu sprechen," sagte Morton, „und ich zweifle nicht, in Herrn Balfour denselben vernünftigen Mann zu finden, als welchen ich ihn einst kannte, da der Religionseifcr Brüder entzweite." „Sv?" sagte Burley, „wirklich? — das glaubst Du? — Willst Du Dich nicht deutlicher erklären?" „Also mit einem Worte!" sagte Morton. „Ihr habt durch Mittel, die ich crrathe, einen geheimen aber höchst nachtheiligen Einfluß auf das Vermögen der Lady Margaretha Bellenden und ihrer Enkelin ausgeübt, und das zu Gunsten des niedrigen, hartherzigen Apostaten Basil Olifant, den das Hintergangene Gesetz in den Befltz fremden Eigenthums gebracht hat." „Das behauptest Du?" sagte Baisour. „Ja, ich behaupte es," erwiederte Morton; „und Ihr werdet mir nicht in's Angesicht läugnen, was Ihr durch Eure Handschrift eingestanden." „Und angenommen, ich längnete es nicht," sagte Balfour, „und angenommen, Deine Beredtsamkeit könnte mich bewegen, einen Schritt znvückzunehmcn, den ich nach reiflicher Ueberlegung gcthan, was wäre dann Dein Vortheil? Würdest Du dann noch immer hoffen, das blondgelockte Mädchen mit der großen und reichen Erbschaft zu erhalten?" „Nein!" antwortete Morton ruhig. „Und für wen also hast Du es gewagt, das große Werk zu thnn, dem Starken die Beute zu entreißen, den Fraß aus der Löwengrube zu holen und Süßigkeit zn nehmen ans dem Munde des Verschlingers? — Um wessen willen hast Du es 158 unternommen, das Räthsel zu lösen, das schwerer denn Sim- sons ist?" „Um Lord Evandale's und seiner Braut willen," entgeg- nete Morton fest. „Denkt besser von den Menschen, Herr Balfour, und glaubt, daß cs noch Leute gibt, die ihr eigenes Gluck dem Glücke Anderer anfopfern." „Nun, so wahr meine Seele lebt," erwiederte Balfour, „obgleich Du einen Bart trägst, ein Schwert ziehst und ein Noß besteigst, bist Du doch die zahmste und gallenloscste Puppe, die je eine Beleidigung ungerächt gelassen. Was! Du wolltest jenem verfluchten Evandale in die Arme eines Weibes helfen, das Du liebst? — Du wolltest sie mit reichem Erbe bedenken, und glaubst, es lebe noch ein Anderer, noch bitterer beleidigt als Du, der eben so kaltblütig und gemein sei, um auf dem Boden zu kriechen, — und Du hast es gewagt zu glaube», dieser Andere sei John Balfour?" „Meine eigene Gesinnung habe ich nur vor Gott zu verantworten," sagte Morton ruhig. — „Euch, Herr Balfour, glaube ich, ist es wohl gleich, ob Basil Olifant, oder Lord Evandale diese Güter besitzt." „Du irrst," sagte Burley. „Freilich sind Beide in tiefster Finsternis; und dem Licht so fremd, wie der, dcß Auge sich nie dem Tag erschlossen. Zwar ist dieser Basil Olifant ein Rabat, — ein Demos, — ein niederer Wicht, dessen Macht und Reich- thnm in den Händen Desjenigen ist, der ihn mit dem Verlust derselben bedrohe» kann. Er ward ein Bekenner, weil er der Güter von Tillictudlem beraubt wurde, — er ward wieder Papist, um sie zu erhalten — er nannte sich einen Erastinianer, daß er sie nicht wieder verliere, und er wird Alles was ich will, so lange ich das Dokument besitze, das ihn derselben berauben kann. Diese Besitzungen sind ein Zaum in seinem Munde und ein Haken in seinen Nüstern, und die Zügel sind in meiner Hand, ihn nach Gefallen zu lenken, und ihm sollen sie bleiben, bis ich sie einem aufrichtige», zuverläßigen Freunde geben kann. Aber Lord Evandale ist ein Bösgcsinnter, dessen Herz ein Kiesel, dessen Stirne von Demant; die Güter der Welt fallen ihm zu, wie die Blätter dem herbstlichen Boden, und ungerührt wird er sie wieder vom ersten Winde fortgewirbelt sehen. Die heidnischen Tugenden von Leuten seinesgleichen sind uns gefährlicher, als die schmutzige Habgier Derjenigen, welche, von Selbstsucht geleitet, ihr folgen müssen, und die also als Sclaven des Geizes gezwungen werden können, im Weinberge zu arbeiten, und wenn sie auch nur den Sündenlohn ernten." »Das mag wohl vor einigen Jahren gut gewesen sein," crwicderte Morton, „und ich hätte Eure Gründe begreifen, wenn auch nicht billigen können. In der jetzigen Krisis aber ist es Euch doch von keinem Nutzen, auf einem Einflüsse zu beharren, den Ihr nicht mehr mit Vortheil ausüben könnt. Das Land hat Frieden, bürgerliche und Gewissensfreiheit — und was wollt Ihr mehr?" „Mehr?" rief Burley und entblößte wieder sein Schwert mit einer Lebhaftigkeit, vor der Morton fast erschrak; „sieh' die Scharten dieses Schwertes — sind ihrer nicht drei?" „Ja; aber was soll das?" „Das Stück Stahl, das beim ersten Hiebe absprang, blieb in dem Schädel des meineidigen Verräthers, der zuerst das Episcopat in Schottland einführte; — diese zweite Scharte entstand an der Rippe eines gottlosen Schurken, des kühnsten und besten Soldaten, der den Prälatismus zu Drnmclog aufrecht hielt; — diese dritte entstand auf der Stahlhaube des Hauptmanns, der die Kapelle von Holyoood verthcidigte, als das Volk aufstand. Trotz Stahl und Knochen spaltete ich ihm 160 den Schädel bis auf die Zähne. Sie hat große Dinge vollbracht, diese kleine Waffe, und jeder dieser Streiche diente zur Befreiung der Kirche- Dieses Schwert," sagte er und steckte cs wieder ein, „hat noch mehr zu thnn, — die pestilcntialische Ketzerei des Erastinianismns auszurotten, — die wahre Kirchen- freihcit in ihrer Reinheit wieder zu erringen, — den Cove- nant in seinem Glanze wieder herzustcllen; — dann aber mag cs ruhen und rosten neben den Gebeinen seines Herrn." „Die gegenwärtige Regierung zu beunruhigen fehlen Euch alle Mittel, Herr Balfour. Die jakobitischcn Edelleutc ausgenommen ist das Volk im Allgemeinen zufrieden, und Ihr werdet Euch doch wohl nicht Denen anschließen, die Euch nur für ihre eignen Vortheile benutzen wollen?" „Sie sollen den unsrigen dienen," sagte Burley. „Ich ging in's Lager des übelgesinnten Claverhouse, wie der zukünftige König Israels das Land der Philister besuchte; ich verabredete mit ihm einen Aufstand und, ohne den schändlichen Evandale wären jetzt die Erastinianer aus dem Westen rcrtrie- ben. — Ich könnte ihn tödtcn, und wenn er auch die Hörner des Altars erfaßte. Wenn Du, der Sohn meines alten Gefährten, selbst »in diese Edith« Bellenden freitest und Deine Hand an's Werk legen wolltest mit einem Eifer, der Deinem Mnthe gleicht, so denke nicht, daß ich Basil Olifants Freundschaft der Deinigen vorziehen will; Du würdest dann die Mittel haben, welche dies Dokument bietet (hier zog er ein Pergament hervor), um sie in den Besitz der Güter ihrer Väter zu bringen. Dies Hab' ich Dir schon lange sagen wollen, seit ich Dich auf jener unseligen Brücke den guten Kampf so gewaltig kämpfen sah. Das Mädchen liebte Dich und ward wieder geliebt-" Morton erwiederte fest: „Ich will mich vor Euch nicht verstellen, Herr Balfour, selbst wegen eines guten Zweckes nicht. Ich kam, um Euch zu bewegen, nur gerecht gegen Andere zu verfahren, nicht um für mich Etwas zu gewinnen. Es ist mißlungen, — und das bcdaure ich mehr um Euretwillen, als wegen des Verlustes, den Andere durch Eure Ungerechtigkeit erleiden." „Ihr nehmt also mein Anerbieten nicht an?" sagte Burley mit wildem Blick. „Nein!" sagte Morton. „Wäret Ihr wirklich ein Mann von Ehre und Gewissen, wofür Ihr doch gelten wollet, so würdet Ihr alle Rücksichten bei Seite setzen und das Pergament dem Lord Evandale geben, zum Nutzen der rechtmäßigen Erben." „Eher soll es vernichtet werden!" sagte Balfour, warf die Urkunde in's Kohlenfeuer und drückte sie mit dem Absatz in die Glnth- Während sie rauchte, zusammenschrumpfte und knisterte, sprang Morton vorwärts, um sie herauszuziehen; Burley aber hielt ihn zurück und ein Kampf entstand. Beide Männer waren stark; aber obgleich Morton jünger und gelenker war, so war doch Balfour der stärkere und verhinderte jenen das Pergament zu retten, bis dieses in Asche verwandelt war. Jetzt ließen sie sich einander los, und der durch den Kampf gereizte Schwärmer starrte auf Morton mit wildester Rachgier. „Du hast mein Geheimniß; mein mußt Du sein, oder sterben." „Ich verachte Eure Drohungen," sagte Morton; „ich bemitleide und verlasse Euch." Als er sich aber entfernen wollte, vertrat ihm Burley den Weg, stieß den Eichstamm von seiner Stelle, und als dieser donnernd und malmend in den Abgrund stürzte, zog er sein Die Schwärmer. III. 162 Schwert und schrie mit einer Stimme, die fast das Donnern des Katarakts übertöntc: — „Nun mußt Dn stehen! — ficht, — ergieb Dich, oder stirb!" stellte sich an den Eingang der Höhle und schwang die nackte Klinge. „Ich will nicht mit dem Manne fechten, der meinem Vater das Leben gerettet," sagte Morton; — „bis jetzt Hab' ich noch nicht aussprechen lernen das Wort: ich ergebe mich! nun will ich mein Leben retten, so gut ich kann " Mit diesen Worten und ehe Balfour seine Absicht bemerken konnte, sprang er mit jugendlicher Gewandtheit, die ihm so sehr zu Gebote stand, an ihm vorbei, setzte über den furchtbaren Schlund, welcher de» Eingang der Höhle von dem vorspringenden Felsen jenseits trennte, und stand dort sicher und befreit von seinem schnaubenden Feinde- Er bestieg sogleich die Platte, und als er sich umwendete, sah er Burley noch einen Augenblick außer sich vor Erstaunen dastehen und dann mit aller Raserei getäuschter Rache in das Innere seiner Höhle stürzen. Es ward ihm nun klar, daß das Gemüth dieses unglücklichen Mannes so lange durch verzweifelte Pläne und plötzliche Täuschung aufgeregt worden, bis er gänzlich das Gleichgewicht verloren, und daß sich in seinem Betragen eine Art Wahnsinn offenbare, um so überraschender durch die Kraft und Schlauheit, womit er seine wilden Pläne verfolgte- Bald fand Morton seine Führerin wieder, welche durch den Sturz der Eiche erschreckt worden war, den er aber als Zufall darstellte. Sie versicherte ihm dagegen, daß dadurch dem Bewohner der Höhle nicht sonderlich viel Nachtheil entspringen werde, da er stets mit Materialien zum Bau einer andern Brücke versehen sei. Die Abenteuer dieses Morgens waren noch nicht zu Ende. Als sie sich der Hütte näherten, schrie die Kleine vor Erstaunen auf, da sie ihre Großmutter auf sich zutappen sah, und zwar in einer größeren Entfernung vom Hause, als man sie zu gehen fähig gehalten hätte. >>O Herr, Herr!" rief die Alte, als sie Beide nahen hörte, „wenn Ihr je den Lord Evandale geliebt, so helft ihm jetzt, oder nimmer! — Gott sei gelobt, daß er mir wenigstens noch mein Gehör gelassen hat- — Kommt hieher! — hieher! — leise! — Paggy, geh', sattle dem Herrn das Pferd; führe es vorsichtig hinter die Dornhecke und warte dort auf ihn." Sie führte ihn an ein enges Fenster, durch welches er unbemerkt zwei Dragoner sehen konnte, die bei ihrem Mor- gentrunkc saßen und in einem ernsten Gespräche begriffen waren. „Je mehr ich daran denke, desto weniger gefällt mir's, Jnglis," sagte der Eine. „Evandale war ein guter Offizier und ein Soldatenfreund, und obgleich wir wegen der Empörung auf Tillietudlem bestraft wurden, dennoch — Frank, Du mußt gestehen, wir verdienten es." „Ich will verdammt sein, wenn ich's ihm vergesse," sagte der Andere; „und ich glaube, jetzt kann ich ihm an's Fell." „Ei, Du mußt vergessen und vergeben. — Besser, wir machen uns mit ihm und den Uebrigen auf und vereinigen uns mit den eifernden Hochländern. Wir haben Alle König Jakobs Brod gegessen-" „Du bist ein Esel. Die Andern werden sich nicht auf- machen. Es ist vorbei. Halliday hat einen Geist gesehen, oder Fräulein Bellenden hat den Pips, oder es ist sonst ein 11 " 164 Unsinn geschehe»; das Ding hält keine zwei Tage mehr, und der erste Vogel, der'S auszwitschert, wird seinen Lohn kriegen." „Das ist auch wahr," sagte sein Kamerad; „wird denn aber dieser Bursche, dieser Basil Olifant, hübsch bezahlen?" „Wie ein Fürst, Bruder," sagte Jnglis. „Evandale ist der Mann, den er auf Erden am meisten haßt; er fürchtet ihn auch wegen eines Prozesses und denkt, wenn der einmal aus dem Wege geräumt ist, gehört ihm Alles." „Aber werden wir Vcrhaftsbcfehle und genug Leute kriegen? Wenige werden gegen Mylord auftreten, und vielleicht finden wir einige von unseren Kameraden auf seiner Seite." „Du bist eine einfältige Memme, Dick," entgegnete Jnglis; „er lebt zurückgezogen zu Fairy-Knowe, um keinen Verdacht zu erregen. Olifant ist Friedensrichter und wird schon zuverlässige Leute bei sich haben. Wir sind unserer zwei, und der Laird sagt, er könne einen verteufelten Whig bekommen, Namens Quintin Mackel, der einen alten Groll auf Evandale hat " „Nun gut, Ihr seid mein Offizier, und wenn's nicht so ganz richtig „So will ich's ausbaden," sagte Jnglis. „Nun noch einen Krug Bier und dann nach Tillietudlem! — Hier, blinde Beß; — aber wo zum Henker ist die alte Hexe hingekrochen?" „Haltet sie so lange als möglich auf," flüsterte Morton, als er der Wirthin seine Börse gab; „Alles hängt davon ab, daß wir Zeit gewinnen." Er eilte dann hin, wo das Mädchen mit seinem Pferde stand. „Nach Fairy-Knowe? — Nein," sprach er bei sich 165 selbst, „ich allein kann sie nicht schützen. — Ich muß augenblicklich nach Glasgow. Wittenbold, der dortige Kommandant, wird mir gern Soldaten geben und die Unterstützung der Civilbehorde verschaffen. — Im Vorbcireiten muß ich eine Warnung fallen lassen. — Komm, Mvhrkopf,« sagte er beim Aufsitzen zu seinem Pferde, „heute mußt Du Dein Möglichstes thun." Fünfzehntes Kapitel. So wenig auch sein brechend Auge schaut, ES ruhet auf Emilien, nachtu»,graut; Und sprachlos einen Augenblick er liegt, Ein Händedruck noch und sein Geist entstiegt, Palamo» und Ar eite. Edith« war durch ihr Unwohlsein während des verhäng- nißvollcn Tages, an dem sie durch Mortons plötzliches Erscheinen so sehr erschreckt worden, an ihr Bett gefesselt. Am andern Morgen aber befand sie sich, wie man sagte, so weit besser, daß Lord Evandale seinen Vorsatz, Fairy-Knowe zu verlassen, wieder aufnahm. Es war fast Mittag, als Lady Emilie höchst feierlich in's Zimmer trat. Nach gegenseitigen Begrüßungen bemerkte sie, der heutige Tag werde trübe sein, Fräulein Bellenden aber dadurch einer Last enthoben werden. — „Mein Bruder verläßt uns heute, Fräulein Bellenden." „Verläßt uns!" rief Edith« überrascht; — „doch hoffentlich nur, um sich nach Hause zu begeben?" „Ich habe Grund zu vermuthen, daß er eine größere Reise beabsichtigt," antwortete Lady Emilie; „hier hält ihn ja Niemand zurück." — „Gerechter Gott!" rief Ediths, „ward ich darum geboren, um das Unglück aller Biedern und Edlen zu werden? Was kann ich thnn, ihn abzuhalten, daß er nicht blindlings in sein Verderben stürzt? Ich will sogleich hinab! Sagt ihm, ich flehe ihn an, nur ja nicht abznreisen, bis ich ihn gesprochen habe." „Das wird zwar nichts helfen, Fräulein Bellenden; doch will ich Euren Auftrag ausrichten;" damit verließ sie das Zimmer, und sagte ihrem Bruder, Fräulein Bellenden sei so weit hergestellt, daß sie Herabkommen wolle, ehe er abreise. — »Ich glaube," setzte sie verdrießlich hinzu, „die Aussicht, uns bald loszuwcrden, hat ihre erschütterten Nerven geheilt." „Schwester," sagte Lord Evandale, „Du bist ungerecht, wenn nicht gar neidisch." „Ungerecht mag ich wohl sein, Evandale; aber ich hätte mir nicht träumen lassen" — mit einem Blick in den Spiegel — „für neidisch gehalten zu werden, ohne daß man einen bessern Grund dafür hat- — Aber laß uns zur alten Lady gehen; sie bereitet ein Mahl im andern Zimmer, woran ein ganzes Heer sich satt essen könnte." Schweigend begleitete sie Lord Evandale in's Gesellschaftszimmer; denn er wußte, daß man ihre Vorurthcile und ihren beleidigten Stolz nicht bekämpfen könne. Sie fanden die Tafel mit Erfrischungen bedeckt, welche unter der sorgsamen Aufsicht der Lady Margaretha aufgetragen worden- „Was Ihr heute gefrühstückt, ist kaum der Rede werth, Mylord; Ihr müßt daher noch Etwas genießen, ehe Ihr reitet, so gut dieses arme Haus, das Euch so sehr verpflichtet ist, es unter den gegenwärtigen Verhältnissen anbieten kann. Was mich betrifft, so sehe ich's gern, wenn junge Leute Etwas zu sich nehmen, ehe sie zu ihrem Vergnügen oder zu 168 sonstigen Geschäften ausreiten; das sagte ich auch Seiner geheiligten Majestät, als sie zu Tillietudlem das Frühstück cin- nahm, im Jahre der Gnade 16Z1, und Seine geheiligte Majestät geruhte zu erwiedern, indem sie meine Gesundheit bei einem Becher Rheinwein ansbrachte: „Lady Margaretha, Ihr sprecht wie ein hochländisches Orakel." Dies waren Seiner Majestät eigene Worten Mylord mag daher benrtheilen, ob ich nicht eine gute Autorität für mich habe, junge Leute zu ermahnen, sich's schmecken zu lassen." Man kann sich leicht denken, daß manches Wort der guten Lady Lord Evandale's Ohr nicht erreichte, welches eben Editba's leichten Tritt vernahm. Seine Zerstreuung in diesem Augenblicke, so natürlich sie auch war, kam ihm theuer zu stehen. Während die alte Lady die gütige Wirthin spielte, eine Rolle, in der sie cxeellirte, ward sie von John Gudyill unterbrochen, der in der Weife, in welcher ein Niederer der Hausfrau gemeldet zu werden pflegt, sagte: „Es wolle Jemand mit Ihrer Herrlichkeit sprechen." „Jemand! Was für ein Jemand? Hat er denn keinen Namen? Ihr sprecht, als ob ich einen Kramladen hätte und auf jeden Pfiff kommen müßte." „Ja, er hat einen Namen," sagte John; „aber Eure Herrlichkeit hört ihn nicht gern." „Wie heißt er denn, Narr?" „Es ist der Kälber-Gibbie, Mylady, der Edie Henshaws Kühe hütet, dort unten an der Brücke, — der Nämliche, der früher Gänse-Gibbie hieß zu Tillietudlem, und zur Wappenschau ging und —" „Schweigt, John; Ihr seid unverschämt, daß Ihr glaubt, ich würde mit solchen Mensche» sprechen. Er soll sein Geschäft Euch oder der Frau Headrigg sagen." 169 „Er will nicht, Mylady; er sagt, man habe ihm befohlen, das Ding Eurer Herrlichkeit selbst, oder dem Lord Evaudale zu übergeben, er wisse eigentlich selbst nicht wem. Aber die Wahrheit zu sagen, er hat zu tief in's Glas geguckt und ist noch der alte Esel." „Werft ihn hinaus und sagt, er solle morgen wieder kommen, wenn er nüchtern sei. Ich glaube, er kommt mit einer Bitte, als ein alter Angehöriger des Hauses." „Höchst wahrscheinlich, Mylady; denn der arme Schelm ist ganz zerlumpt." Gndyill versuchte nochmals Gibbie's Auftrag zu erfahren, der allerdings höchst wichtig war; denn er bestand in einigen Zeilen von Morton an Lord Evandale, worin er diesen mit der Gefahr bekannt machte, welcher er durch Olifants Umtriebe ausgeseht war, und ihn ermahnte, entweder schnell zu fliehen, oder nach Glasgow zu kommen und sich selbst auszuliefern, da er ihn dort seines Schuhes versichern könne. Das eiligst geschriebene Billct vertraute er dem Gibbie, den er mit seiner Heerde an der Brücke sah, und gab ihm einige Tha- ler, dasselbe sogleich dem zu übergeben, an den cs gerichtet war. Aber das Schicksal wollte, daß Gänse-Gibbie sowohl als Bote wie als Krieger der Familie von Tillietudlem Unheil bringen sollte. Zu allem Unglück aber prüfte er die ihm gegebene Münze so lange im Wirthshause, bis das bischen Verstand, mit dem ihn die Natur bedacht, in Bier und Branntwein völlig ersäuft war, und statt nach Lord Evaudale zu fragen, verlangte er mit Lady Margaretha zu sprechen, deren Name ihm geläufiger war. Da sie ihn aber nicht vorließ, torkelte er wieder fort, ohne de» Brief abgegeben zu haben. Einige Minuten, nachdem er fortgegangen, trat Edith« in's Zimmer. Sie wie Lord Evandale zeigten eine 170 Verlegenheit, welche Lad» Margaretha, die nur im Allgemeinen wußte, daß die Verbindung wegen der Unpäßlichkeit ihrer Enkelin hinausgeschoben worden war, der Verschämtheit des jungen Paares zuschrieb, und machte ihr dadurch ein Ende, daß sie mit Lady Emilie über unbedeutende Dinge zu sprechen anfing. In diesem Augenblicke flüsterte Edith« mit einem todtenbleichen Gesichte dem Lord zu, daß sie allein mit ihm sprechen wolle. Er reichte ihr seinen Arm und führte sie in ein kleines Gemach, welches, wie bereits bemerkt, mit dem Gesellschaftszimmer zusammcnhing. Er reichte ihr einen Sessel, setzte sich hin und erwartete die Eröffnung des Gesprächs. „Es thut mir sehr leid, Mylord," sprach sie mit Anstrengung; — „ich weiß kaum, was oder wie ich es sagen soll-" „Wenn ich irgend einen Anthcil an der Veranlassung Eures Kummers habe, so werdet Ihr bald davon befreit werden, Ediths," sagte Lord Evandale mild. „Ihr seid also entschlossen, Mylord," erwiederte sie, „den verzweifelten Weg mit diesen verzweifelten Menschen einzuschlagen, trotz der Bitten Eurer Freunde, — trotz des fast unvermeidlichen Abgrundes, der vor Euch gähnt?" „Verzeiht, Fräulein Bellenden; selbst Eure Bitten dürfen mich nicht zurückhalten, wenn mich die Ehre ruft. Meine Pferde sind gesattelt, meine Diener gerüstet, das Signal zum Aufstand wird gegeben, sobald ich Kilsythe erreiche. — Ruft mich mein Geschick, nun, so scheue ich es nicht, ihm entgegcn- zutreten. Es wird schon Etwas sein," setzte er hinzu und faßte ihre Hand, „wenn ich nach dem Tode Euer Mitleid verdiene, da ich Eure Liebe nicht gewinnen kann " „O bleibt, Mylord!" sagte Edith« in einem Tone, der ihm in's Herz ging; „die Zeit kann den sonderbaren Umstand erklären, -er mich so erschreckt hat; meine erschütterten Nerven können sich wieder beruhigen. O stiirzt Euch nicht in Tod und Verderben; seid uns Stab und Stütze und hofft Alles von der Zeit!" „Es ist zu spät, Edith«," sagte Lord Evandale- „Höchst unedelmüthig würde ich handeln, könnte ich Eure warmen und milden Gefühle gegen mich benutzen. Ich weiß, Ihr könnt mich nicht lieben, — eine so große Nervenschwäche, welche die Tobten und Entfernten heraufbeschwört, zeigt von einer Vorliebe, die der Freundschaft und Dankbarkeit nimmer weicht. Doch wäre es auch anders, jetzt ist der Würfel gefallen!" Bei diesen Worten stürzte Cuddie in's Zimmer, Angst und Schrecken in den Zügen. „O Mylord, verbergt Euch; sie haben alle Ausgänge des Hauses besetzt!" „Sie? Wer?" fragte der Lord. „Ein Trupp Reiter unter Basil Olifant," antwortete Cuddie. „O verbergt Euch, Mylord," wiederholte Edith« in furchtbarer Angst- „Beim Himmel, nein!" antwortete Lord Evandale. „Welches Recht hat der Schurke mich anzufallcn, oder mir den Weg zu versperren? Und hätte er ein Regiment bei sich, ich will mir Bahn machen. — Cuddie, laß Halliday und Hunter die Pferde herausführen. — Und nun, lebt wohl, Editha!" Er drückte sie an die Brust und küßte sie zärtlich, riß sich dann von der Schwester los, welche mit Lady Margaretha ihn zurückzuhalten suchte, stürzte aus dem Zimmer und bestieg sein Pferd. Alles war in Verwirrung — die Frauen schrieen und eilten bestürzt an die »ordern Fenster des Hauses, wo sie einen 172 kleinen Reitertrupp bemerkten, unter dem nur zwei Soldaten zu sein schienen. Sie waren auf freiem Felde vor Cuddie's Hütte, näherten sich mit Vorsicht, als wüßten sie nicht, wie viel Bewohner im Hause seien. «Er kann entkommen! Er kann entkommen!" rief Edith«. „O daß er nur den Nebenweg einschlügc!" Lord Evandalc aber, entschlossen einer Gefahr zn trotzen, die sein kühner Mnth geringschätzte, gebot seinen Dienern ihm zu folgen und ritt ruhig den Weg hinab. Der alte Gudyill eilte zn den Waffen und Cuddie nahm ein Gewehr, das zum Schuhe des Hauses aufbchalten war, und eilte zu Fuße dem Lord nach. Vergebens klammerte sich sein Weib an ihn, daS herbeigelaufen war, und drohte ihm mit dem Tod durch's Schwert oder Strang, wenn er sich in fremde Händel mischte. „Halt's Maul, Du," rief Cuddie; „sind das fremde Händel, Lord Evandale vor meinen Augen ermorden zu sehen?" und fort war er. Auf dem Wege aber fiel cs ihm ein, daß John Gudyill noch nicht da sei und er allein die ganze Infanterie ausmache; er faßte also Posto hinter einer Hecke, machte den Stein fest, spannte den Hahn, zielte lange auf den Laird Basil, wie man ihn nannte, und stand kampfgcrüstet. Sobald Lord Evandale erschien, zerstreute sich Olifants Trupp ein wenig, als wollte er ihn einschließen. Ihr Anführer blieb stehen, unterstützt von drei Mann, von denen Zwei Dragoner waren; der Dritte aber schien dem Aeußern nach ein Landmann; Alle waren wvhlbcwaffnct. Aber der Letztere schien nach der kräftigen Gestalt, den finstern Zügen und dem entschlossenen Benehmen der Furchtbarste, und wer ihn nur ein Mal gesehen, mußte ihn gleich für Balfour von Burley erkennen. 173 „Folgt mir!" sagte Lord Evandale zu seinen Dienern, „und wenn man sich uns mit Gewalt widerseht, so thnt mir nur Alles nach. Er sprengte in kurzem Galopp ans Olifant zu, und war im Begriff zu fragen, warum er den Weg besetzt habe, als Olifant rief: „Schicht den Verräther nieder!" und alle Vier feuerten ihre Karabiner auf den unglücklichen Edelmann ab- Er wankte im Sattel, zog ein Pistol aus dem Halfter, konnte aber nicht abfeuern, und sank tödtlich verwundet vom Pferde. Hunter schoß in die Luft; Halliday aber, ein wackerer Bursche, zielte auf Jnglis, und schoß ihn gleich nieder. In demselben Augenblicke rächte ein Schuß hinter der Hecke den Lord Evandale noch wirksamer, denn die Kugel flog dem Olifant in die Stirn und streckte ihn leblos nieder. Erstaunt über diese so schnell vollzogene Execution, schienen Olifants Begleiter geneigt, unthätig zu bleiben; aber Burley, dessen Blut Lurch den Kampf aufgeregt war, rief: „Nieder mit den Midianiten!" und griff Halliday mit gezücktem Schwerte au. Jetzt ließen sich Huffchläge hören, und ein Rcitertrupp, von der Glasgower Straße hcransprengend, erschien auf dem unglücklichen Gefilde. Es waren ausländische Dragoner unter dem holländischen Befehlshaber Wittcn- bold, von Morton und von einer Magistratsperson begleitet. Der Aufruf, sich im Namen Gottes und des Königs Wilhelm zu ergeben, ward von Allen, außer Burley, befolgt, der sein Pferd umwandte und entfliehen wollte. Auf Befehl eines Offiziers ward er von mehreren Soldaten verfolgt, da er aber gut beritten war, so schienen ihn nur die zwei Vordersten erreichen zu können. Er wandte sich zwei Mal bedächtig um, feuerte jedes Mal ein Pistol ab, verwundete einen Verfolger tödtlich, befreite sich von dem andern, indem 174 er ihm das Pferd erschoß, und setzte dann seine Flucht nach der Bothwellbrücke fort, wo er aber zn seinem Unglück die Thore verschlossen und bewacht fand. Von da eilte er nach einer Stelle, wo der Fluß nicht so reißend war, und stürzte sich hinein, während die Kugeln seiner Verfolger um sein Haupt pfiffen. Zwei trafen ihn, als er in der Mitte des Stromes war, und er ward gefährlich verwundet. Er lenkte sein Pferd zum Ufer zurück, und winkte mit der Hand, als wolle er sich ergeben. Die Reiter hörte» demnach auf zu feuern und erwarteten seine Rückkehr; zwei von ihnen ritten ihm in den Fluß entgegen, um ihn zu entwaffnen. Bald aber zeigte es sich, daß er nicht Rettung, sondern Rache beabsichtigte- Als er sich den beiden Soldaten näherte, strengte er seine ganze Kraft an und versetzte dem einen Krieger einen Hieb auf den Kopf, daß er vom Pferde stürzte; der andere Dragoner, ein höchst starker Mann, hatte inzwischen Hand an ihn gelegt. Burley faßte ihn an der Gurgel, wie ein sterbender Tiger seine Beute; bei diesem Ringen fielen Beide aus dem Sattel, stürzten in die Fluth und wurden vom Strome fortgerissen. Ein blutiger Streif bezeichnete ihren Pfad. Zwei Mal tauchten sie auf; der Holländer versuchte zu schwimmen; Burley aber umklammerte ihn so, daß es sein Verlangen schien, Beide möchten umkvmmen. Eine Viertelmeile unterhalb wurden ihre Leichen aus dem Flnß gezogen. Da Burleys Hände nicht losgemacht werden konnten, ohne sie ihm abzuhauen, so ward Beiden schnell ein Grab bereitet, das noch jetzt durch einen rohen Stein und eine noch rohere Denkschrift bezeichnet ist. Während die Seele dieses finstern Schwärmers zur Rechenschaft gezogen ward, wurde auch die des tapfcrn und edlen Lord Evandale erlöst. Morton hatte sich, als er dessen 175 Lage bemerkte, sogleich vom Pferde geworfen, um dem sterbenden Freunde jede mögliche Hülfe zu leisten. Evandale erkannte ihn, drückte ihm die Hand, und da er nicht sprechen konnte, gab er durch Zeichen zu verstehen, man möchte ihn in's Haus bringen. Dies geschah mit aller Vorsicht, und bald war er von trauernden Freunden umgeben. Lady Emilie jammerte laut; Edith« trauerte in stummer Trostlosigkeit. Sie gewahrte selbst Morton nicht, sondern neigte sich über den Sterbenden, und merkte nicht früher, daß das Geschick, welches ihr einen treuen Geliebten entriß, ihr einen andern gleichsam aus dem Grabe zurückgegeben habe, bis Lord Evandale Beider Hände faßte, sie zärtlich drückte und in einander fügte. Er richtete dann seinen Blick empor, als erflehe er einen Segen für sie, sank zurück und verhauchte. Ende des dritten und letzten Theils. Druck der k. Hoffman »'scheu Officin in Stuttgart.