Druckschrift 
11 (1851) Die Schwärmer
Entstehung
Seite
43
Einzelbild herunterladen
 

43

ihm zur Kanzel gedient, verlassen, als sein Posten durch einenGeistlichen ganz anderer Art eingenommen ward. Der ehr-würdige Gabriel war schon bei Jahren, etwas wohlbeleibt,besaß eine sonore Stimme, ein viereckiges Gesicht und einfäl-tige, starre Züge, worin der Körper mehr über den Geist vor-herrschte, als es sich für einen rechten Geistlichen ziemte. DerJüngling, der ihm mit der Erbanungsrede folgte, war kaumzwanzig Jahre alt; doch verkündeten seine Züge, daß seineschon von Natur hektische Constitution durch Nachtwachen,Fasten, harte Gefangenschaft und die Beschwerden eines un-steten Lebens gänzlich zu Grunde gerichtet war. So jung erauch war, hatte er doch schon zwei Mal mehrere Monate imKerker gelegen und viel Ungemach erfahren, was ihm einengroßen Einfluß bei seiner Sekte gab. Er warf seine mattenAugen auf die Versammlung und über das Schlachtfeld, seinBlick erglänzte von freudigem Triumphe und sein bleiches,aber ausdrucksvolles Gesicht wurde durch einen Anflug hekti-scher Rothe gefärbt. Er faltete die Hände, erhob sein Antlitzgen Himmel und schien in stilles Dankgcbet versenkt, eh' erdas Volk anredcte. Anfänglich schien seine schwache, gebrocheneStimme unfähig, seine Gedanken auszudrücken. Aber dastiefe Schweigen der Versammlung, die Begierde, mit welcherjedes Wort eingesogen ward, wie von den Israeliten einst dashimmlische Manna, hatte auf den Redner eine anregendeWirkung. Seine Worte wurden deutlicher, sein Vortrag ernsterund nachdrücklicher, und sein religiöser Eifer schien über seinekörperliche Schwäche und Gebrechlichkeit zu siegen. Seine na-türliche Beredtsamkeit war zwar nicht rein geblieben von derRohheit seiner Sekte; aber sein angeborner Geschmack be-wahrte ihn vor den plumpen und lächerlichen Fehlern seinerZeitgenossen, und die Sprache der Schrift, welche in ihrem