Druckschrift 
10 (1851) Der Kerker von Edinburg
Entstehung
Seite
134
Einzelbild herunterladen
 

134

Der rastlose Geist ihrer Krankheit ergriff jedoch Mazda baldwieder. Nachdem sie einige Minuten lang, mit halb geschloffenenAugen genickt hatte, erhob sie den Kopf, und sagte matt und gäh-nend, denn das angestrengte Reiten des heutigen Tages hatteihr eine ungewohnte Schläfrigkeit gegeben:Ich weiß nicht war-um ich heut so müde bin, ich schlafe sonst niemals eher, bisder liebe Mond zu Bett geht. Und nun gar wenn er vollist, und hoch über uns in seinem großen silbernen Wagenrollt. Da Hab' ich schon oft vor Freuden ganz allein mitmir getanzt, oder es kamen Todte und tanzten mit, HansPorteous oder sonst Einer, den ich bei Lebzeiten gekannt.Denn Du mußt wissen, ich bin auch schon einmal todt gewe-sen" Sie sang mit wildem aber leisen Ton:

Begraben auf dem Kirchhof liegtMein Leib gar weit von hier;

Und es ist nur mein muntrer Geist,

Der jehv spricht zu Dir.

Aber Jeanie, cs weiß eigentlich Niemand recht, wer lebt oderwer todt ist. Zuweilen denke ich, mein armes Kind ist todt,Du weißt ja, daß cs begraben ist. Aber das thut nichts, ichhabe cs doch hundert und hundertmal auf dem Schooß gehabtseitdem, und das ginge doch nicht, wenn es todt wäre."

Das Bewußtsein der Wahrheit schien hier über ihre Wahn-gebilde zu siegen, sie brach in ein heftiges Weinen und Wehe-rufen aus, bis sie zuletzt vom Jammern und Schluchzen er-müdet in einen festen Schlaf fiel, wie ihr tiefes Athemholenes bezeugte, und Jeanie ihren eigenen traurigen Betrachtun-gen überließ.