Druckschrift 
1 (1859) Einleitung; Die Familie Schroffenstein; Penthesilea; Amphitryon
Entstehung
Seite
LXXXI
Einzelbild herunterladen
 

Einleitung.

LXXXI

will, den Jda auf den Ossa zu wälzen und Helios Lei seinem gold-neu Flammenhaar herabzuziehn:und rasend war' ich, das müßtihr selbst gestehn, wenn ich im ganzen Gebiet der Möglichkeit michnicht versuchte" das geht über die psychische Exaltation hinaus,es ist eine physische Krankheit, die sie unzurechnungsfähig macht;und wer nicht vor die Geschworenen gehört, darf auch auf der Bühnenicht mithandeln. Nur an der menschlichen Leidenschaft und ihrenExcessen nimmt man Theil, die völlige Entfesselung der thierischcnNatur gehört in's Krankenhaus. Man weiß nicht, was gräßlicher ist,der Akt selbst oder die nachherige Erklärung, sie habe den Geliebtenaus Liebe gegessen:Ich war nicht so verrückt, als ich wohl schien!"Wenn der Dichter selbst von seiner Heldin sagt:es läßt sich ihreSeele nicht berechnen," so ist daö für die Handlung eine gefährlicheVoraussetzung, um so mehr, da sie trotz aller Sprünge nicht ingroßen Massen fortschreitet, sondern in kleiner, sauberer, fast ängst-licher Detailarbeit ausgeführt ist. Man merkt die Frevel gegen dieNatur erst recht, wenn der Dichter mit seiner analytischen Sondeder Leidenschaft bis in bas innerste Leben nachgeht und ihren NervLloßlegt.Lieber gräßlich verwesen, als ein Weib sein das nichtreizt!" was ist das anders als der Mißbrauch eines Lustspiel-niotivs zu einem tragischen Effect? Der Schluß bereits imSchroffenstcin angebracht spricht den tragischen Grundgedankendes Dichters aus:sie sank, weil sie zu stolz und kräftig blühte;die abgestorbne Eiche steht im Sturm, doch die gesunde stürzt erschmetternd nieder, weil er in ihre Krone greifen kann." Kleistselbst schrieb von Dresden ans an eine Freundin:Unaussprechlichrühreud ist mir alles was Sie über die Penthesilea sagen. Es istwahr, mein innerstes Wesen liegt darin und Sie haben eswie eine Seherin aufgefaßt: der ganze Schmerz zugleich undGlanz meiner Seele. Jetzt bin ich neugierig, was Sie zumKäthchen sagen werden, denn das ist die Kehrseite der Penthesilea,H. v. Kleists Werke. I. Bd. f