Heinrich Non Klcist's gesammelte Schriften. Herallsgegeben von Ludwig Tirck, revidirt, ergänzt und mit einer biographischen Einleitung versehen von Julian Schmidt. Erster Theil. Berlin. Druck und Verlag von Georg Reimer. 1859 . , Einleitung. c3ehn Jahre nach dem unglücklichen Ende des Dichters, das durch die geringe Anerkennung seiner Werke beschleunigt war, 1821, gab Ludwig Ti eck, der schon früher durch Vorlesungen die Aufmerksamkeit ans ihn zu lenken versucht hatte, seine hinterlassenen Schriften heraus, und fügte eine Einleitung hinzu, die über sein Leben, was sich mittheilen ließ, und eine unvollständige aber geistvolle und warme Charakteristik seines Schaffens enthielt (jetzt in den „kritischen Schriften von L. Tieck," 1848, Bd. 2.); daran schloß sich 1826 die Gesammtansgabe der Kleist'schen Schriften. Es ist für die ästhetische Bildung der zunächst folgenden Generation kein günstiges Zeugnis;, daß es drciunddreißig Jahre gedauert hat, bevor diese Dramen eines deutschen Dichters, die an künstlerischer Vollendung nur hinter Schiller und Goethe Zurückbleiben, der dramatischen Anlage nach aber wenigstens ihnen ebenbürtig sind, eine zweite Auflage erleben. 1848 gab Eduard von Bülow Kleist's Leben und Briefe heraus; das Material hatte Tieck im Wesentlichen bereits gekannt und benutzt; dankcnswcrth war namentlich die Mittheilung des Briefwechsels mit seiner Braut. Dem gegenwärtigen Herausgeber kam es darauf an, anö dem vorhandenen Material, durch einige werthvolle Beiträge, namentlich für die spätere Periode des Dichters, vermehrt, ein so weit als möglich organisch zusammenhängendes Lebensbild zu Stande zu bringen. Er hofft den ursprünglichen Entwurf ans den Grenzbotcn von 1849, dessen letzte Redaktion in der „Geschichte der deutschen Literatur seit VI Einleitung. Lessings Tod," 4te Auflage 1858 II. S. 256 ff. zu finden ist, in dem ihm hier ^erstatteten größeren Raum nicht blos gründlicher und zusammenhängender, sondern auch anschaulicher ausgcsührt zu haben. Im Grunde bedarf ein Dichter von Gottes Gnaden keines Auslegers. Der Zauber unscrs Poeten ist so gewaltig, daß keiner ihm widerstehen wird, der ihm eignes Leben, ein Herz dein Schönen und Edlen offen, entgegen bringt. Leider ist dieser Eindruck nicht rein; cs mischt sich in des Dichters so fein orgauisirte Natur ein ungesundes Element, welches zuweilen so peinlich, so beängstigend wirkt, daß man wie ans einem bösen Traum zu erwachen strebt. Sich dieser Stimmung zu erwehren, ans dem pathologischen Eindruck den echt künstlerischen loSznschälen, ist nicht leicht, und hier hat der Kritiker die schöne Aufgabe, dem Leser nachzuhelfen. Die einzelnen Eigenschaften, die den großen Dichter machen, besaß Kleist in einem ungewöhnlichen Grade. Zunächst eine plastische Kraft, wie wir sie bei keinem andern deutschen Dramatiker an- trcffen, auch bei Schiller und Goethe nicht. Jedes Ercigniß, jede Figur, die er darstellen wollte, zeigte sich den Angen seines Geistes in sinnlicher Gegenwart, und seine Hand war sicher genug, was er gesehen, nicht blos'in den allgemeinen Umrissen, sondern bis in die kleinsten einzelnen Züge wiederzugeben. Die Farben und Linien, die er anwendet, sind oft hart und schreiend, aber nie undeutlich, und sie kommen ihm nngesucht, das Bild lebt wirklich in seiner Seele. Die Knust der Farbe geht so weit, daß die jedesmalige Stimmung, der Duft des Ereignisses sich auf das bestimmteste der Phantasie cin- prägen, und das ist um so bewundernswürdiger, da er einen sehr großen Reichthnm an Stimmungen entwickelt: es gelingt ihm zuweilen das Unmögliche glaubhaft zu machen. Diese Kunst hängt mit seiner Wahrheitsliebe zusammen. In einer Zeit, wo fast alle Dichter sich ins Musikalische verloren oder die Menge durch wohlklingende Phrasen zu bestechen suchten, wagte er den Gedanken und das C'mlcNmig. VII Gefühl in seiner völligen Nacktheit vorznfnhrcn. Niemals opferte er die herbe Wahrheit seinen Gelüsten; wenn er die Probleme ans der Entzweiung seines Herzens nahm, so machte er für die Verkörperung derselben sehr ernste und mühsame Studien nach der Natur, und das Individuelle ging ihm gleichzeitig mit dem Ideellen ans, — Ebenso besitzt er die Macht der Leidenschaft: wenn bei einem seiner Helden das Blut in Gährnng kommt, so ist kein Widerstand möglich; wie sie wahrhaft aus deS Dichters Seele hervorgnillt, so reißt sie alles mit sich fort, Ihr Ausdruck ist häufig wild und unschön, ja er streift an den Wahnsinn, und doch empfindet man nicht blos die Gewalt des innern Lebens, sondern auch jene angcborne Anmnth, die bei einem der Natur ungehörigen Organismus zuweilen selbst das Häßliche adelt. — lieber die Technik, die man damals leicht über der Inspiration vergaß, hat Kleist so ernsthaft nachgedacht, wie außer Schiller kein anderer Poet. In einer Zeit, wo fast alle Dichter nach Kunstmitteln griffen, die außerhalb des Gegenstands lagen, die Romantiker wie die Hellenisten, zeigt Kleist bas Verständniß einer strengen Kunstform; bei der entschiedensten Einsicht in die Mittel, die zur Wirkung nöthig sind, verschmäht er jeden Effect und hält sich fast Ängstlich an die Sache. Bei seinem tiefen Sinn für Ordnung und Gesetz ist ihm die innere Dialektik des Stoffs wie einem geschulten Juristen oder einem Mathematiker gegenwärtig. Um von schwachen! Prodncten zu schweigen: wie weit liegt bei der Jungfrau von Orleans oder der Genoveva das poetische Motiv außerhalb der Sache! So etwas begegnet unser»! Dichter nie, und wenn er der verkehrten Zeitströmung zuweilen unterliegt, so ist das nur, weil er rabnlistisch seine Probleme auf die Spitze treibt. — Zn diesen Gaben kommt, was bei keiner echten Dichtung fehlen darf, die Ahnung von etwas Höherem; zwar wird die Erde, die er darstellt, fast immer von wilden, finstern Wolkengebilden überdeckt, aber man hat doch das Gefühl, daß ein Himmel darüber steht, wenn auch dieses VIII (Einleitung. Gefühl zuweilen sich nur in grellen Schmerzenslauten äußert. Das Göttliche ist ein Verborgenes, aber die Menschen suchen danach, ja dieses Suchen ist ihr eigenster Lebensinhalt. Das Leben erscheint als ein Räthsel, dessen Wort man nicht ahnt, aber man hat die Empfindung, daß es irgendwo vorhanden sein muß. Die heftigen Zuckungen seines kühnen Verstandes vcrrathcn nur den Pnlsschlag des wild bewegten Herzens; er lebt was er denkt, und darum lebt auch, was er gedacht hat. Wenn trotz so hoher Gaben der Dichter nicht verstanden wurde, so wäre es voreilig, deshalb ausschließlich die Menge anzuklagen: in der Vereinsamung liegt immer eine geheime Schuld. Ein classischcr Dichter hat in seiner normal angelegten Seele, die ihren Schwerpunkt in sich selbst findet, den Typus des allgemein Menschlichen so ausgeprägt, daß seine Schicksale und seine Charaktere noch in spätester Zeit, wenn die LebcnSbcdingnngen sich ganz umgewandelt haben, die Empfindling der Nothwcudigkeit erregen; wir wissen, daß es so zugehn muß, und sind im wesentlichen befriedigt, auch wenn er uns das Schrecklichste zeigt. — Ein romantischer Dichter wie Calderon geht von den sittlichen Vorurtheilen seiner Zeit aus, die ganz in ihm leben und die daher ein einheitliches Bild vcr- statten; er ist seinem Zeitalter ein Prophet, der Nachwelt das lehrreiche Abbild einer verschwundenen Periode. Ein romantischer Dichter zweiten Ranges wie Z. Werner wird von den Liebhabereien des Tages bestimmt, er hat jedenfalls einen Kreis, der ihn versteht, weil er seine eignen Grillen in seinen Dichtungen wiedcrfindet. Von alle dem ist bei Kleist keine Rede. Weit entfernt, den sittlichen Vorurtheilen seiner Zeit, den Liebhabereien des Tages zu huldigen, ist er ihnen gänzlich fremd; man kann nicht einmal sagen, daß er sich dagegen empört, er ignorirt sic in schweigender Verachtung. — Gerade in seinen Vorzügen liegt der Keim seiner Schwächen. — Die Abneigung gegen die Phrase verleitet ihn nicht selten N'i»tcttl»ia> IX zur Neaction gegen die Ideen. Wenn bei Schiller — und auch bei Goethe mehr als mau glaubt — das Individuelle dem Ideellen dient, wenn manche Situation nur um der abschließenden Sentenz wegen da ist, so versieht sich Kleist nur in den seltensten Fällen dazu, die Erscheinung ins Gebiet des Gedankens zu erheben. Und das ist zur Versöhnung, d. h. zum dauernd wohlthätigen Eindruck ebenso nothwendig, als der abschließende Akkord nach einer grellen Dissonanz. — Ans diesem übertriebenen Realismus erklärt sich die Neigung, auf die letzten Gründe des Geistigen, von der Psychologie ans die Physiologie zurückzngehn, und so jenem dunkeln Natnrgebict an- heimznfallen, das keine Kunst zu adeln im Stande ist. Das gilt namentlich von dem geschlechtlichen Berhältniß. Fast in jedem seiner Stücke, namentlich in den Novellen, finden sich anstößige Sccncn, zuweilen durch gar keinen inner» Grund gerechtfertigt, oder mit einer beleidigenden Paradoxie vorgctragcn. Zwar wird er nie lüstern, er stellt nicht das Sinnliche dar, sondern nur das Nackte, aber auch in dieser Vorliebe für das Nackte liegt eine gewisse Empörung gegen die sittlichen Begriffe des Zeitalters, und die Menge erträgt eher die Verletzung der Moral als eine Beleidigung der Schaam. Diese Vorliebe für das Nackte zeigt sich auch darin, daß er alle Empfindungen aus die Spitze treibt; er würde in seiner Aufrichtigkeit einem Volk wie die Franzosen, die doch in ihren Romanen wahrlich keine Moralisten sind, in jeder Zeile gleich unverständlich und ungenießbar sein. Das Gefühl spricht selten bei ihm unmittelbar, ungehemmt; cs hat Mühe, durch die Eisrinde des Verstandes durchznbrechen, und dieser Ausbruch erfolgt deshalb stets mit einer Explosion, die alles Maaß verkennt. Der erste Grund seines Schaffens ist eine Höllen- heiße, qualvolle Empfindung, die aber das Hirn ebenso angrcift als das Herz; und so wird scheinbar der Verstand, das Denken der Träger der Leidenschaft. Zuweilen ist es ein Fieber der Dialektik, die X Einleitung. sich im Frost schüttelt, um gegen die innere Gluth zu reagiren. Dieser Proceß macht die Darstellung seiner Stücke so schwer: welcher Schauspieler hat Seele genug, um diesem dämonischen Spiel einer ureignen Natur zu folgen! Sv ist die erschütternde Wahrheit seiner Dichtungen eine subjektive; um sie ganz zu verstehen, muß man sich in die Seele des Dichters vertiefen, in jene Seele, die schmerzvoll nach dem Licht des Glaubens ringt, und in dem Nebel des von Gott verlassenen Daseins mit finstrer Grübelei sich selbst belauscht, um eine Spur des göttlichen Funkens zu entdecken. Dieser Individualismus verstößt nicht blos gegen das Gemeingesühl, er hat noch eine zweite schlimmere Wirkung: er bringt den Dichter in Widerspruch mit sich selbst. Fast in allen seinen Werken ist Folgendes die Aufgabe. Ein Mensch von kräftiger nnd edler Anlage wird durch die Ereignisse, deren sittlichen Zusammenhang er nicht versteht, die ihm Gott verbergen, in Verwirrung gesetzt, sein eignes Gefühl wird ihm unsicher. Ans dieser beklemmenden Herzensangst sucht er sich durch verschiedene Mittel zu retten, nicht selten durch ein scheinbar frostiges Raisonnement. Hat er dann auf die eine oder andere Weise den Punkt gefunden, wo sein Gefühl mit sich selbst einig den Ereignissen gegenüber eine bestimmte Haltung gewinnt, so concentrirt sich die ganze Kraft seines Gemüths zu einer Explosion, die etwas Furchtbares hat. Das Tragische ist fast überall, daß er sich irrt, daß der Punkt des Friedens, den er gefunden zu haben glaubt, ein trügerischer ist; das Entsetzliche, daß der Dichter den Jrrthnm seines Helden theilt oder sich wenigstens nicht mit vollständiger Klarheit des Jrrthnms bewußt wird. Er stellt nicht bloS das Räthsel des Lebens dar, er ist selbst darin befangen. Das ist der Fluch der Vereinsamung, daß sie in dein Augenblick, wo sic den Frieden gefunden zu haben glaubt, ans das rasendste sich selbst zerstört: denn der innere Friede geht nur ans der Einheit mit der sittlichen Substanz hervor. XI Mit diesem organischen Fehler hängen alle andern zusammen. Der Ansgang ist oft gräßlich oder absurd; indem der Dichter das Gesühl seines Helden entwirrt, verwirrt er sein eignes und verwirrt dadurch das Ganze. Der Jrrthnm übt auch eine rückwirkende Kraft, auch die Voraussetzungen sind hart oder gar unmöglich, und wenn man dem Dichter während der Handlung, durch den Zauber seiner Plastik umstrickt, Glauben schenkt, so treten bei reiferem Nachdenken die Widersprüche desto greller hervor. Die GemüthSbewegnngen selbst sind so convulsivisch, in so cxccntrischen Schwingungen,-daß die geläufigste Phantasie, sobald sie nur ans dem Baun des Dichters her- anstritt, sich diesen Zumnthnngen nicht fügen kann. Darum ergreif! uns zuweilen in der höchsten Begeisterung Plötzlich das unheimliche Gesühl, daß etwas Fremdartiges, Unvermitteltes in die Dichtung eintritt. Man könnte nicht selten den Punkt bezeichnen, wo der Dichter aufhört, Herr über seine Gedanken zu sein, wo sic über ihn kommen, wie angstvoll er sich ihrer zu erwehren sucht, und ihn willenlos mit sich fortreißen. Wenn die andern Romantiker mit den dunkeln Mächten ein frevelhaftes Spiel treiben, so steigen diese bei Kleist mit finsterm Schauer aus dem tiefsten Kern seines Gemüths hervor. Der verborgene Wahnsinn zeigt ein verzerrtes Gesicht und erschreckt uns noch mehr, indem er mit dem Anschein kalter, spröder Besonnenheit Worte der Weisheit stammelt. Selbst die plötzlich hervorbrechende Wildheit einer lange verhaltenen Leidenschaft erschreckt uns noch nicht so, als was uns ebenso oft bei ihm begegnet: das brütende Versinken in die Nacht des Znncrn, die Grübelei über seine Zustände, das krampshaftc Wühlen in dem eignen Herzen. Goethe sagt einmal von ihm: „Mir erregte Kleist bei dem reinsten Vorsatz einer aufrichtigen Thcilnahme nur Schauder und Abscheu, wie ein von Natur schön iutentionirter Körper, der von einer unheilbaren Krankheit ergriffen wäre." Der Ausdruck ist stark, aber die Sache nicht unrichtig. Vieles in seinen Dichtungen läßt sich nur patholo- XII Einleitung. gisch erklären. Dazu kommt das RLthsel seines unglücklichen Todes. In ihren seltsamsten Verzerrungen scheint seinem Gedicht eine empirische Wahrheit zu Grunde zu liegen: er selber konnte so empfinden und unter Umständen so handeln wie seine Helden. Das Leben deS Dichters hat in diesem Fall eine tiefere Bedeutung für das Verständnis; seiner Dichtungen. Heinrich von Kleist wurde am 10. October 1776 zu Frankfurt a. O. geboren, wo sein Vater in Garnison stand. Seine erste Erziehung erhielt er in Gemeinschaft mit einem Vetter durch einen Hauslehrer: derselbe schilderte ihn später als einen nicht zu dämpfenden Fenergeist, der sich selbst bei geringfügigen Veranlassungen exal- tirte, und wenn auch unstät genug, doch jedesmal, wo cs ans Bereicherung seiner Kenntnisse ankam, mit großer Fassungskraft und eifrigem Wissenstrieb vorwärts strebte, während sein minder begabter Vetter (der sich später gleichfalls erschoß) ihm nicht folgen konnte) In seinem elften Jahre (1787) verließ Kleist das Haus seiner Eltern, die um diese Zeit gestorben sein müssen, und ward einem Prediger in Berlin zur weitern Ausbildung anvertrant. 1795 trat er als Fähndrich bei der Garde zu Potsdam ein, und machte den Rhcin- feldzug mit: ein eleganter, lebeuSfrischcr junger Mann, mit einem großen musikalischen Talent ausgestattet. Seine nächste Vertraute war seine lustige Schwester Ulrike. — In dieser Zeit hatte er ein Verhältnis; mit einem jungen Fräulein; als dasselbe Plötzlich rückgängig ward, vernachlässigte er sein AeußercS, zog sich von den Menschen zurück, und warf sich auf das Studium der Mathematik und der formalen Logik. Wie bei allem, was er trieb, nahm er es mit diesen Studien sehr genau: er war durchaus keine dilettantische Natur. Da er einsah, daß sein Streben nach Bildung — nach seinem und seiner Zeitgenossen Begriff das höchste und einzig würdige Ziel des Menschen — im Garnisonleben nicht befriedigt werden könne, nahm er trotz der lebhaftesten Vorstellungen seiner Familie den Ab- XIII schied. Der Brief, in dem er diesen Entschluß seinem alten Lehrer mittheilt (18. MLr; 1799) ist etwas weitschweifig und pedantisch, wie junge Leute zu schreiben Pflegen, wenn sie zuerst das Kapitel von den Urtheilen und Schlüssen studiren, aber es laßt sich gegen seine Ideen nichts eiuwenden. „Welche Anwendung ich einst von den Kenntnissen machen werde, die ich zu sammeln hoffe, und auf welche Weise ich mir das Brod, das ich für jeden Tag, und die Kleidung, die ich für jedes Jahr brauche, erwerben werde, weiß ich nicht, mich beruhigt mein guter Wille, keine Art von Broderwerb und Arbeit zu scheuen, wenn sie nur ehrlich sind. Es ist möglich, daß ich einst sür rarhsam halte, ein Amt zu suchen, und ich hoffe auch für diesen Fall, daß es mir leicht werden wird, mich für das Besondere eines Amts zu bilden, wenn ich mich sür das Allgemeine, für das Leben gebildet habe. Aber ich bezweifle diesen möglichen Schritt, weil ich die goldne Unabhängigkeit zu veräußern mich stets scheuen werde, wenn ich erst einmal so glücklich wäre, sie mir wieder erworben zu haben. Diese Aeußerung ist es besonders, die ich zu verschweigen bitte, weil sie mir viele Unannehmlichkeiten von Seiten meines Vormundes verursachen würde, der mir schon erklärt hat, ein Mündel müsse sich für einen festen Lebensplan bestimmen." — Nachdem er seinen Abschied erhalten, kehrte er nach seiner Vaterstadt zurück, wo er sich als Student immatriculiren ließ. Der Plan war kühn, nichts weniger als klar durchdacht; aber er war ausführbar. Auf die Bedenken macht bereits L. Tieck aufmerksam. „Da er sich früher zum Soldaten bestimmt hatte, so war seine Erziehung nicht die eines künftigen Gelehrten gewesen, und es war natürlich, daß er jetzt, im dreinndzwauzigsten Jahre, viele der Studireuden an Erfahrung, Ausbildung und entwickelten Gedanken übersah, wie er in den uöthigen Vorkenntnissen hinter den meisten zurück blieb. Dies verstimmte ihn oft, da er die Hemmung fühlte, und sein heftiger Geist nur gar zu gern alles übersprang, was ihn XIV von irgend einem Ziel znrückhielt. Wie sehr er mit sich oft zufrieden war und sich seiner Fortschritte freute, so haderte er doch auch nicht selten mit sich selber, hielt sich für unbrauchbar und unfähig und wollte immer mit Gewalt und in kurzer Zeit mit Trotz das erzwingen, was nur Geduld, Ausdauer und Resignation auch dem ausgezeichneten Geiste gewähren können. Derjenige, dem es in dieser Seelennnrnhe zum Bedürfnis; wird, sich immerdar gegen andre mit seinen Kräften, nlid diese selbst wieder an einander zu messen und zu wägen, wird bald alles Maaß verliere». Es ist natürlich, daß die meisten Autodidakten, was sie ans ihre cigenthümlichc, zufällige »md heftige Weise erlernen, viel zu hoch anschlagcn; das; sie in andern Stunden, wenn ihnen Wissen und Lernen nicht diese ruhige Genügsamkeit giebt, die unsre Seele gelinde erweitert, alles Wissen, Denken und Lernen, alle Kenntnisse und Gelehrsamkeit tief verachten." In Frankfurt lebte Kleist in heiterer Geselligkeit mit seinen Freunden und Geschwistern im elterlichen Hans. Dem wunderlichen Hauswesen stand eine alte Tante vor; es wollte vom Morgen bis zum Abend des Scherzes und der Lust kein Ende werden. Es währte nicht lange, so hatte Kleists Erscheinung die Gestalt des Familienkreises völlig verändert. So heiter, kindlich und ansgelassen er sein konnte, so ernst und verschlossen war er in andern Stunden; in alle Beschäftigungen suchte er Zusammenhang zu bringen. Als gute Preußen der damaligen Zeit sprachen die Damen ein sehr schlechtes Deutsch; dies stellte ihnen Kleist als eine Schande vor und erthcilte ihnen Unterricht in der Muttersprache. Sie mußten ihm nach gegebenen Thematen Aufsätze machen, und er war sehr erfreut, wenn sich eines mit Ehren ans der Sache zog. Er sorgte für ihre Lectüre, brachte ihnen die besten Dichter, las ihnen vor und ließ sich ihre Bildung eisrigst angelegen sein. Einmal hielt er ihnen ein Collegium über Cnltnrgeschichte, zu welchem er sich ein ordentliches Ka- Ei'nle-ituiig. XV theder hatte bauen lassen, und betrieb dies Geschäft mit solchem Ernst, daß, als eine seiner Znhöreriuncn sich durch einen vorübergehenden Zug stören ließ, er plötzlich sehr erzürnt abbrach und seine Vorlesungen ans lange Zeit einstelltc. Auch ans die Spiele erstreckte sich sein Bildungstrieb; er schrieb eigene Sprichwörter sür die Mädchen, die er ihnen sorgfältig einstndirtc. Sehr ernsthaft beschäftigte ihn die Kunst vorznlcscn; .er dachte darüber nach, ob man nicht wie bei der Musik, durch Zeichen den Vortrag andeuten könne: in spätem Jahren machte er wirklich in einem neuen Damenkreise den Versuch. — In seinem Fleiß, der manchmal schon deswegen ganz Nachlassen mußte, weil er ihn zu sehr anstrengtc, verfiel er zuweilen in eine sonderbare Zerstreutheit, die sehr komische Sccnen hervorricf. — Durch alles Gemeine und Niedrige wurde er empört; der geringste Verstoß gegen die Sittlichkeit, ein Blick, eine Miene konnten ihn außer Fassung bringen. — Der mißrathene Selbstmordversuch eines Freundes, der, da die Pistole versagte, voll der Uebcrreiznng des Gefühls einige Tage krank blieb, erschütterte ihn damals tief; er sprach von einer solchen That mit der größten Erbitterung nnd schalt sie gemeine Feigheit, die zugleich die größte Sünde sei. Den Mittelpunkt sand sein Streben in einer erwiederten Liebe. Wilhelmine, seine Braut,'war aus einem angesehenen Hause aus Frankfurt a. O. Bei der Verlobung hatte Kleist die Grille geltend gemacht, daß die Eltern nichts davon zn wissen brauchten: sobald erst über ein solches Verhältnis; gesprochen werde, oder Oheims nnd Basen sich hineinmischcn, verlöre es sür ihn allen Reiz. Eine geistvolle Schwester seiner Braut, die er seine goldne Schwester zn nennen Pflegte, war die einzige Mitwisserin des Geheimnisses; da cS den jungen Mädchen aber auf die Dauer peinlich ward, es ihren Eltern verborgen zu halten, mußte es ihnen Kleist am Ende selbst sagen. Er verlangte von seiner Braut, daß sie nichts freuen sollte als was sich ans ihn bezog, nnd es verging selten ein Tag, an dem XXI Einleitung. er nicht über Mangel an Liebe zn klagen hatte. Wiewohl er Hans an HanS mit ihr wohnte und sie täglich sah, schrieb er ihr täglich die leidenschaftlichsten Briefe. Er hatte mittlerweile die Diplomatie zn seinem künftigen LebenSbernf gewählt, indem er sich schmeichelte, binnen kurzem einen GcsandtschaftSposten zn erhalten. Die Eltern seiner Brant hielten zwar seine Hoffnungen für voreilig, wollten ihm aber in seinem Plan nicht entgegen fein. Um denselben zu betreiben, ging er im Sommer 1800 nach Berlui. Seine Berlobnug wurde als öffentliches Geheimnis; fcstgehalten. In Berlin lebte er in einem Kreise strebsamer junger Edelleute, meist aus dem Officierstande, die ihm warm entgcgcnkamen und sich an seinen Studien bctheiligtcu: Ernst v. Psuel(gcb. 1781 zu Berlin), Rühle v. Lilienstcrn (geb. 1780 zn Berlin), Graf v. d. Lippe (ans den Gesellschaften der Rahel bekannt) n. A.; am innigsten schloß sich an ihn der Mecklenburger v. BrokeS, mit einer fast weiblichen Hingebnng und Aufopferung, von welcher Kleist seiner Brant Schilderungen macht, die m seiner eignen Seele einen bis zum komischen naiven Egoismus enthüllen. „Brokcs hatte eine zärtlich liebende Mutter, seine Erziehung war ganz dahin abzwcckend, sein Herz weich und für alle Eindrücke des Schönen und Guten empfänglich zn machen. Er studirte in Güttingen, lernte in Frankfurt a. M. die Liebe kennen, die ihn nicht glücklich machte, ging dann in dänische Militärdienste, wo es sein freier Geist nicht lange aushielt, nahm den Abschied, konnte sich nicht wieder entschließen ein Amt zn nehmen und ging, um doch etwas Gutes zn stiften, mit einem jungen Herrn znm zweitenmale ans die Universität, der sich dort unter seiner Anleitung bildete .... Immer nannte er den Verstand kalt, und nur das Herz wirkend und schaffend. Immer seiner ersten Regung gab er sich hin, das nannte er seinen Gefühlsblick, und ich habe nie gefunden daß dieser ihn getäuscht hätte." Kleist hatte den Einfall (August 1800), cs sei für sein Lebens- Einleitung. XVII glück nothwendig, nach Wie» zu gehn. „Als ich Brokcs meine Lage eröffncte, besann er sich nicht einen Augenblick, mir zu folgen. Er sollte schon damals ein Amt annehmen (am mecklenburgischen Hofe, welches die Eltern seines Pfleglings ihm verschafften), hing innig an seiner Schwester und sie noch inniger an ihm. Es ist eine traurige Gewißheit, daß diese plötzliche gehcimnißvolle Abreise ihres Bruders und das Gefühl, nun von ihrem einzigen Freunde verlassen zu sein, einzig und allein das arme Weib bewogen hat, sich einen Gatten zu wählen, mit dem sie jetzt nicht recht glücklich ist. Um mir den Berdacht zu ersparen, als sei ich der eigentliche Zweck der Reise, und als hätte ich ihn nur bewogen, mir zu folgen, gab er bei seiner Familie der ganzen Reise den Anstrich, als geschehe sie um seinetwillen. Er selbst hat nur ein kleines Capital, von mir wollte er sich die Kosten der Reise nicht vergüten lassen, er opferte 600 Tha- ler von seinem eignen Vermögen, mir zu folgen." — Was Kleist in Wien wollte, ist nicht ersichtlich; er scheint auch garnicht bis dahin gekommen zu sein, wenigstens halten sich die beiden während des September und October 1800 in Würzburg auf, in specnlativem Müßiggang, im November finden wir sie wieder in Berlin, bis Brokcs Januar 1801 sein Amt in Mecklenburg antritt. Kleists Briefe an seine Braut sind in dieser Zeit so nüchtern, lehrhaft und doctrinär, daß man an der Wahrheit seiner Liebe zweifeln möchte, wenn man nicht zweierlei in Anschlag bringt: seinen angcbornen pädagogischen Trieb nnd seine Uebcrzeugung, das höchste Glück des Menschen sei die Bildung. Dieses Glücks wollte er denn auch die Geliebte theilhaflig machen. Wenn er sich über seine neu angelernte Philosophie, namentlich den kategorischen Imperativ, mit überflüssigem Selbstgefühl ausspricht, wenn er über die Pflicht nnd Bestimmung des Weibes als ein wahrer Pedant räsonnirt, so giebt er sich unendliche Mühe, der Freundin faßlich zu werden; sic ist ihm eigentlich nur der Zweite, der zur dialektischen Entwicklung seine» H. o. Kleists Werke. I. Bd. b XVIII Einleitung. eignen Geistes hinzugedacht werden muß. In Bezug auf den Stil giebt er ihr aus der Ferne wie schon in Frankfurt förmliche Exer- citia auf — aber die meisten seiner Briefe sind selbst solche Stil- Übungen und für den spätem Dichter höchst charakteristisch. Wir sehn ihn aus der Bilderjagd; überall sucht er die Natur, die Land- schast zu symbolisiren, eine geistige Beziehung zu entlocken, und wenn er Wilhelminen verschreibt, jedes Bild so lange hin und herzuwen- den, bis es allseitig erschöpft sei, so befolgt er diese Regel selbst, indem er seine Bilder zu Tode hetzt. Sie stießen ihm nicht natürlich zu, er hat sie sich mit einer gewissen Anstrengung angeeignet; natürlich ist er nur, wo er sich ganz dem Gefühl hingiebt. Seine Dialektik reißt durchweg fort, seine Beschreibungen dagegen sind zu unruhig, um in der Seele ein wirkliches Bild hervorzurufen. Ueber diesen Exercitien darf er die Bestimmung seiner Zukunft nicht vergessen. „Die Vernunft muß dabei mitsprechen, schreibt er seiner Braut aus Berlin, 13. November 1800, und wir wollen hören, was sie sagt. Wir wollen recht vernünftig diesen ganzen Schritt prüfen. Ich will kein Amt nehmen. Ich soll thun, was der Staat von mir verlangt, und doch soll ich nicht untersuchen, ob das, was er von mir verlangt, gut ist. Ich kann cs nicht. — Ich Passe auch sür kein Amt. Ordnung, Genauigkeit, Geduld sind Eigenschaften, die bei einem Amt unentbehrlich, und mir ganz fehlen. Ich arbeite nur für meine Bildung gern, und da bin ich unverdrossen. Ich würde die Zeit meinem Amt stehlen, nur sie meiner Bildung zu widmen. . . . Aber kann ich jedes Amt ausschlagen? .... Lieben wollen wir uns und bilden, und dazu gehört nicht viel Geld — aber doch etwas, doch etwas — und ist das, was wir haben, hinreichend? das ist eben die Frage .... Ich bilde mir ein, daß ich Fähigkeiten habe, seltene Fähigkeiten, meine ich ... . da stände mir nun sür die Zukunft das ganze schriftstellerische Fach offen. Da ist die Aussicht auf Erwerb äußerst vielseitig. Ich könnte nach Paris kkmleitung. XIX gehn und die neueste Philosophie in dieses neugierige Land verpflanzen .... Wenn dn mir ein Paar Jahre, höchstens sechs, Spielraum giebst, werde ich gewiß Gelegenheit finden, mir Geld zu erwerben .... Aber so lange sollen wir noch getrennt sein? Ich fühle, daß es mir nothwendig ist, bald ein Weib zu haben. Dir selbst wird meine Ungeduld nicht entgangen sein — ich muß diese unruhigen Wünsche, die mich unaufhörlich wie Gläubiger mahnen, zu befriedigen suchen. Sie stören mich in meinen Beschäftigungen — auch damit ich moralisch gut bleibe, ist cs nöthig.... Mein Plan wäre dieser. Wir hielten uns irgendwo in Frankreich ans, etwa in dem südlichen Theil, in der französischen Schweiz, uni Unterricht in der deutschen Sprache zu geben. Dieser Aufenthalt wäre mir aus drei Gründen lieb. Erstlich, weil es mir in dieser Entfernung leicht werden würde, ganz meiner Neigung zu leben, ohne die Rathschlüge guter Freunde zu hören, die mich und was ich eigentlich begehre, ganz und garuicht verstehn; zweitens, weil ich so ein Paar Jahre lang ganz unbekannt leben könnte, welches ich recht eigentlich wünsche; und drittens, welches der Hauptgrund ist, weil ich mir da recht die französische Sprache aneignen könnte, welches zu der entworfenen Verpflanzung der neuesten Philosophie in dieses Land, wo man von ihr noch garnichts weiß, nothwendig ist_ Aber daß ja Niemand von diesem Plan etwas erfährt!" Er wollte also die kantische Philosophie nach Frankreich übertragen, noch ehe sie selbst in ihn eingedruugen war. Bald sollte sic eine verhängnißvolle Wirkung auf ihn auSübcn. — Wilhelmine, die sich sehr eifrig nach seinem Wunsch mit dem Studium Nousseau'S beschäftigte, fragt ihn: „Wie sieht es aus in deinem Innern? Dn würdest mir viel Freude machen, wenn dn mir etwas mehr davon mittheiltest als bisher; glaube mir, ich kann leicht fassen, waö du mir sagst, und ich mochte gern deine Hauptgedanken mit dir thei- len." — „Ich kann dir nicht beschreiben, erwiedcrt er (22. März 1801), b* XX Einleitung. wie wohl es mir thiit, einmal Jemand der mich versteht, mein Innerstes zu öffnen .... Allerdings dreht sich mein Wesen jetzt nm einen Hauptgedanken .... Ich hatte schon als Knabe mir den Gedanken angeeignet, daß die Vervollkommnung der Zweck der Schöpfung wäre. Aus diesem Gedanken bildete sich nach und nach eine eigne Religion. Biwnng schien mir das einzige Ziel, das des Bestrebens, Wahrheit der einzige Reichthnm, der des Besitzes würdig ist ... . Vor kurzem wurde ich mit der kantischen Philosophie bekannt — und dir muß ich jetzt daraus einen Gedanken mittheilen, indem ich nicht fürchten darf, daß er dich so tief, so schmerzhaft erschüttern wird als mich .... Wenn alle Menschen statt der Angen grüne Gläser hätten, so würden sie nrtheilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, seien grün, und nie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeige, wie sie sind, oder ob es nicht etwas hinzu- thne, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehöre. So ist es mit dem Verstand. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint. Jst's das letztere, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nichts mehr, und alles Bestreben ein Eigenthnm sich zu erwerben, das uns auch in das Grab folgt, ist vergeblich . . . . Wenn die Spitze dieses Gedankens dein Herz nicht trifft, so lächle nicht Uber einen Andern, der sich tief in seinem heiligsten Innern davon verwundet fühlt. Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, und ich habe keines mehr .... Seit diese Ueberzengung vor meine Seele trat, habe ich kein Buch wieder angerührt. Ich bin unthätig in meinem Zimmer nmhergegangen, ich habe mich an das offne Fenster gesetzt, ich bin hiuansgelanfen in's Freie, eine innerliche Unruhe trieb mich zuletzt in Tabagien nnd Kaffeehäuser, ich habe Schauspiele und Concerte besucht, um mich zu zerstreuen, ich habe sogar, nm mich zu betäuben, eine Thorheit begangen; nnd dennoch war der einzige Gedanke, den meine Seele in diesem äußern Einleitung. XXI Tumult mit glühender Angst bearbeitete: dein einziges, dein HLchsteS- Zicl ist gesunken! In dieser Angst fiel nur ein Gedanke ein. Liebe Freundin, laß mich reisen! Arbeiten kann ich nicht, daS ist nicht möglich, ich weiß nicht, zu welchem Zweck. Ich müßte, wenn ich zu Hause bliebe, die Hände in den Schooß legen und denken. Die Bewegung aus der Reise wird mir zuträglicher sein, als dieses Brüten auf einem Flecke. Ist es eine Verirrung, so läßt sie sich vergüten und schützt mich vor einer andern, die vielleicht unwiderruflich wäre. Sobald ich einen Gedanken ersonnen habe, der mich tröstet, sobald ich einen Zweck gefaßt habe, nach dem ich wieder streben kann, kehre ich um, ich schwöre cs dir." — Sie sucht ihn durch Zärtlichkeit, selbst durch Bcrnnnftgriindc zu beruhigen, aber er weist sie leidenschaftlich zurück (28. März): „Ich bin durch mich selbst in einen Jrrthnm gefallen, ich kann mich auch nur durch mich selbst wieder heben. Diese Verirrung, wenn es eine ist, wird unsrer Liebe nicht den Sturz drohen, sei darüber ganz ruhig. Wenn ich ewig in diesen: räthsclhaften Zustand bleiben müßte, mit einem innerlich heftigen Trieb zur Thätigkeit und doch ohne Ziel, — ja, dann freilich wäre ich ewig unglücklich, und selbst deine Liebe könnte mich nur zerstreuen, nicht mit Bewußtsein beglücken. Aber ich werde daS Wort, welches das Näthscl löst, schon finden, sei davon überzeugt — nur ruhig kann ich jetzt nicht sein, in der Stube darf ich nicht darüber brüten, ohne vor den Folgen zu erschrecken .... Auch werde ich mich unter Fremden wohler fühlen als unter Einheimischen, die mich für verrückt halten, wenn ich es wage, mein Innerstes zu zeigen." Der Gang dieses Briefs ist psychologisch merkwürdig; er beginnt anscheinend mit einer ruhigen Dednction, die Dialektik geht aber schnell in Leidenschaft über und endet in Verzweiflung. Es ist nicht bloS eine lange verhehlte Grübelei, der Schmerz deS Denkens entzündet sich plötzlich, gewissermaßen in: Lauf der Operation; dann xxri Einleitung. aber wird er so gewaltig, daß sein ganzer Geist in qualvoller Verwirrung zuckt: ein Proceß, dem wir in seinen spätern Dichtungen nur zu ost begegnen. — Was nun den Inhalt de« Briefs betrifft, so wird er den ineisten Lesern wunderlich und etwas überspannt Vorkommen. Wir haben alle mehr oder minder von der kantischen Philosophie gehört, von der Subjektivität des Erkenncns und von der Frage, ob synthetische Urtheile a priori möglich seien? und es hat unsere Nächte nicht angegriffen. Eine Reihe von Professoren hat mit der möglichsten Bequemlichkeit darüber docirt, und man hat sich mit solchen Gedanken so vertraut gemacht, daß man ihnen sogar mit einem gewissen Behagen zusieht. So abgestumpft war man damals noch nicht; der Gedanke, daß man das Absolute nicht zu erkennen vermöge, erregte noch Entsetzen; man erinnere sich an den leidenschaftlichen Kampf Herder's und Jacobi'S gegen die Trostlosigkeit des neuen Systems, der gerade in jene Tage fallt. Jedes unbefangene Gemüth litt unter diesem Verlust. In demselben Jahr schildert Jean Paul (damals in Berlin) im Titan eine ähnliche Stimmung: sein Schoppe denkt so tief über das Ich, die Quelle aller Gedanken nach, daß ihn dieses Ich wie ein Gespenst verfolgt, daß er den Kern seines Wesens, die Gewißheit seiner Persönlichkeit verliert und sich selbst ein leeres Näthselspiel wird, bis er im Wahnsinn endet. Der Alte von Königsberg befreite sich aus dieser Nath- losigkeit des Wissens anscheinend nicht durch einen Act der Erkenntnis; sondern durch einen Entschluß; bei unruhigen, zerstreuten Gcmüthern mußte der geheime Reiz des Zweifels die Freude am Glauben über- wiegcn, und nach Anslöschung des Lichts, das Allen geleuchtet, suchte jeder iin Nebel seinen Weg. Am schmerzhaftesten mußte der Gedanke denjenigen werden, deren Denken mit sinnlich plastischer Kraft, wie körperlich, im Gebirn arbeitete. So war es bei Kleist. Ungefähr in derselben Zeit (31. Januar) schrieb er an Wilhelmine: „Vielleicht hat die Natur dir jene Klarheit zu deinem Glück versagt, jene trau- Einleltinig. XXIII rige Klarheit, die mir zu jeder Miene den Gedanken, zn jedem Wort den Sinn, zu jeder Handlung den Grund nennt. Sic zeigt mir Alles, was mich umgiebt, und mich selbst in seiner ganzen armseligen Blöße, und der farbige Nebel verschwindet, und alle die gefällig geworfenen Schleier, sinken und dem Herzen ekelt zuletzt vor dieser Nacktheit. O glücklich bist du, wenn du das nicht verstehst." Man mag den jungen Dichter bedauern, daß ihm das Denken solche Schmerzen bereitete: wer aber diese Periode der Krankheit in seiner Seele nicht einmal durchgemacht, wird nie ein großer Dichter, nie ein großer Denker werden. Nicht ohne bittre Schmerzen gelangt man zum Garten der Heöperiden; freilich muß man die Kraft haben, sie zu überwinden, sonst führt znm Wahnsinn oder zur Blasirt- heit, was unter glücklicheren Umständen die Palme der Schönheit gewonnen hätte. Für Kleist wurde diese Stimmung vcrhäugnißvoll durch die Heftigkeit seines Wesens und die Schaam, ein ausgesprochenes Wort zurückzunehmen. Das Gleichgewicht seines Innern war völlig aufgehoben, und er hatte mit der Sicherheit seines Gefühls auch den Muth verloren, sich den eignen Weg zu bahnen. „Meine theure, meine einzige Freundin I schreibt er, 9. April, ich nehme Abschied von dir! Ach mir ist es, als wäre es ans ewig! . . Mir flüstert eine Ahnung zu, daß mir mein Untergang bevorstehe .... Du kennst die erste Veranlassung zu meiner bevorstehenden Reise. Es war im Grunde nichts als ein innerlicher Ekel an allen wissenschaftlichen Arbeiten. Ich wollte nur nicht müßig die Hände in den Schooß legen und brüten, sondern mir lieber unter der Bewegung einer Fußrcise ein neues Ziel suchen, da ich das alte verloren hatte; die ganze Idee der Reise war eigentlich nichts als ein großer Spaziergang. Doch höre, wie das blinde Verhängnis; mit mir spielt. Ich hatte Ulriken versprochen, nicht über die Grenzen des Vaterlandes zu reisen, ohne sie mitzuüehmen. Ich kündigte ihr meinen Entschluß XXIV Einleitung. an, glaubte aber, daß sie ihn wegen der großen Schnelligkeit oder außerordentlichen Kosten nicht annchmen würde. Man sagte mir, daß, wenn ich allein auf der Post reifete, ich mit meiner Studenten-Matrikel wohl durchkoimncn würde, in Gesellschaft meiner Schwester aber und eines Bedienten müßte ich durchaus einen Paß haben. Pässe waren aber nicht anders zu bekommen als bei dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten, und bei diesem nicht anders, als wenn man einen hinreichenden Zweck zur Reise angeben kann. Welchen Zweck sollte ich nun angebcn? den wahren? konnte ich das? einen falschen? durfte ich das? — Ich wußte garnicht^ was ich thun sollte. Ich war schon im Begriff, Ulrike die ganze Reise abzuschreiben, als ich einen Brief bekam, daß sie in drei Tagen hier eintrefsen würde. Biellcicht, dachte ich, läßt sie sich mit einer kleinern Reise begnügen, und war schon halb und halb Willens, ihr dies vorznschlagcn. Aber Carl hatte soviel von meiner Reise nach Paris erzählt, und ich selbst war auch damit nicht ganz verschwiegen gewesen, so daß die Leute schon anfingcn, mir Aufträge zu geben. Sollte ich nun meinen Entschluß aus einmal wie ein Wetterhahn drehen? Wir dünken uns frei, und der Zufall führt uns allgewaltig an tausend feingesponncnm Fäden fort . . . kann man nicht in Lagen kommen, wo man selbst mit dem besten Willen etwas thun muß, das nicht ganz recht ist? Wenn ich nicht reiste, hatte ich da nicht Ulrike angeführt? und wenn ich reiste, und Pässe haben mußte, mußte ich da nicht etwas Unwahres zum Zweck angeben? — Ich gab denjenigen Zweck an, der wenigstens nicht ganz unwahr ist, auf der Reise zu lernen, welches eigentlich in meinem Sinne ganz wahr ist, oder in Paris zu stndircn, und zwar Mathematik und Naturwissenschaften. — Ich studiren! in dieser Stimmung! — Doch es mußte so sein. — Der Minister und alle Professoren und Bekannte wünschten mir Glück, am Hose wird es ohne Zweifel bekannt — soll ich nun zurückkchren über den Rhein, sowie ich hin- Einleitung. XXV überging? Habe ich nicht selbst die Erwartung der Menschen gereizt? werde ich nicht in Paris im Ernst etwas lernen müssen? Ach in meiner Seele ziehn die Gedanken durch einander, wie Wolken im Ungewitter. Ich weiß nicht, was ich thun und lassen soll. Alles, was die Menschen von meinem Verstände erwarten, ich kann es nicht leisten! Die Mathematiker glauben, ich werde dort Mathematik stndircn, die Chemiker, ich werde von Paris große chemische Kenntnisse zurück bringen — und doch wollte ich eigentlich nichts als allem Wissen entfliehn. Ja ich habe mir sogar Adressen an sranzösische Gelehrte müssen mitgeben lassen, und so komme ich wieder in jenen Kreis von kalten, trocknen, einseitigen Menschen, in deren Gesellschaft ich mich nie wohl befinde . . . Schenkte mir der Himmel ein grünes Haus, ich gäbe alle Reisen und alle Wissenschaften, und allen Ehrgeiz sllr immer ans. Denn nichts als Schmerzen gewährt mir dieses ewig bewegte Herz, das wie ein Planet unaufhörlich in seiner Bahn zur Rechten und zur Linken wankt, und von ganzer Seele sehne ich mich, wonach die ganze Schöpfung und alle immer langsamer und langsamer rollenden Wcltkörper streben, nach Ruhe!" — Noch schmerzlicher schreibt er, 14. April: „Du hattest ein so ruhiges Schicksal verdient, warum mußte der Himmel dein Looö an einen Jüngling knüpfen, den seine seltsam gespannte Seele ewig unruhig bewegt? . . . Verzeihe mir diese Reise, ja verzeihe! ich habe mich nicht in dem Ausdruck vergriffen, denn ich fühle selbst, daß die erste Veranlassung dazu nichts als eine Uebcr- cilung war. . . . Mir ist dieses gewaltsame Fortziehcn der Verhältnisse zu einer Handlung, mit deren Gedanken man sich blos zu spielen erlaubt hatte, äußerst merkwürdig. Aber nun ist es unabänderlich geschehen, und ich muß reisen .... Alles ist dunkel in meiner Zukunft, ich weiß nicht, was ich wünschet! und hoffen und fürchten soll . . . Nur ein einziger Wunsch ist mir ganz deutlich: Du! . . . Ich will mich bemühen, die ganze unselige Spitzfindigkeit zu ver- XXVI Einleitung. gessen, die Schuld an dieser imiern Verirrung ist." — In diesem Pragmatismus des Zufalls haben wir den später» Dichter mit all' seinen Schwächen, aber auch mit seiner bezaubernden Raivetät. Bald nach diesem Brief reisten Heinrich und Ulrike, in eignem „ Geschirr und mit einem eignen Kutscher, wirklich ab, zunächst nach Dresden. „Nichts war so fähig, mich wegzusühren von dem traurigen Felde der Wissenschaft, als die in dieser Stadt angehänftcn Werke der Kunst. ... Nirgends fand ich mich aber in meinem Innersten gerührt, als in der katholischen Kirche, wo die erhabenste Musik zu den andern Künsten tritt,,um das Herz gewaltsam zu bewegen. Unser Gottesdienst ist keiner. Er spricht nur zu dem kalten Verstände; aber zu allen Sinnen ein katholisches Fest. Mitten vor dem Altar, an seinen untersten Stufen kniete ein gemeiner Mensch, betend mit Inbrunst; ihn quälte kein Zweifel, er glaubte. Ich hatte eine unbeschreibliche Sehnsucht, mich neben ihm niederzu- wcrfen und zu weinen. Ach nur einen Tropfen Vergessenheit, und .H, mit Wollust wäre ich katholisch geworden." „Erlaß mir eine weitläufige Mittheilung, (4. Mai) ich kann dir nichts Frohes schreiben, und der Kummer ist eine Last, die noch schwerer drückt, wenn mehrere daran tragen. . . . Meine heitersten Augenblicke sind solche, wo ich mich selbst vergesse ... du bist glücklich gegen mich, weil du eine Freundin hast; ich kann Ulriken alles mittheilen, nur nicht was mir das Theuerste ist. Du glaubst nicht, wie ihr lustiges, zu allein Abenthcuerlichen aufgewecktes Wesen gegen mein Bedürf- niß absticht. Ich ehre sie unbeschreiblich, vieles mag sie besitzen, vieles geben können, aber cs läßt sich nicht an ihrem Busen ruhen. Ach könnte ich vier Monate ans meinem Leben znrücknehmen! Ich § will vergessen, was nicht mehr zu ändern ist." — 21. Mai — „Sonst waren die Augenblicke, wo ich mich meiner bewußt warb, meine schönsten, jetzt muß ich sie vermeiden, weil ich mich und meine Lage fast nicht ohne Schauder denken kann. Auch dieses war ein » Einleitung. xxvu Grund, warum ich dir so selten schrieb. Warum bin ich, wie Tankred, verdammt, das was ich liebe, mit jeder Handlung zu verletzen!" — 4. Juni. „Ich soll dir etwas aus meinem Innern mit- theileu. Ach das ist leicht, wenn Alles in der Seele klar und hell ist, wenn man nur in sich selbst zu blicken braucht, um deutlich darin zu lesen. Aber wo Gedanken mit Gedanken, Gesühle mit Gefühlen kämpfen, ist es schwer zu nennen, was in der Seele herrscht, weil noch der Sieg unentschieden ist. Alles liegt in mir verworren wie die Wergfascru im Spinnrocken durch einander, und ich bin vergebens bemüht, mit der Hand des Verstandes den Faden der Wahrheit, den das Rad der Erfahrung hinausziehn soll, um die Spule des Gedächtnisses zu ordnen. sHier sicht mau doch etwas das Exercitium!j Ja selbst meine Wünsche wechseln, und bald tritt der eine, bald der andere ins Dunkel, wie die Gegenstände einer Landschaft, wenn die Wolken darüber hinziehn." „Ich fange an zu glauben, daß der Mensch zu etwas mehr da ist, als blos zu denken. — Arbeit, fühle ich, wird das Einzige sein, was mich ruhiger machen kann. Alles was mich beunruhigt, ist die Unmöglichkeit, mir ein Ziel des Bestrebens zu setzen, und die Besorgnis;, wenn ich zu schnell ein falsches ergriffe, die Bestimmung zu verfehlen und so ein ganzes Leben zu verpfuschen. Ich habe fast eine Ahnung von dem rechten — wirst du mir dahin folgen, wenn du dich überzeugen kannst, daß es das rechte ist? Doch laß mich lieber schweigen von dem, was selbst mir noch ganz undeurlich ist." — Schon am 21. Mai hatte er geäußert: „Wer erfüllt getreuer seine Bestimmung nachdem Willen der Natur als der Landmann? Um dieses Glück wollte ich mit Freuden allen Ruhm und allen Ehrgeiz ausgebcu." — So taucht in seiner Seele ein neuer Gedanke auf, den er im Stillen fortwachsen läßt, bis er sich seiner blinden Gewalt nicht mehr entzieh» kann. Inzwischen fehlte es seiner Reise an gemüthlichen Anregungen nicht ganz, und wenn er (21. Mai) schreibt: „Für ein Herz, da» xxviii Einleitung. sich gern jcdeni Eindruck hingiebt, ist nichts gefährlicher als Bekanntschaften, weil sie durch neue Verhältnisse das Leben immer noch verwickelter machen, das schon verwickelt genug ist; . . so setzt er gleich darauf hinzu: „Ich fand in Dresden ein Paar so liebe Leute, daß ich Uber sic alle andern vergaß: zwei Fräulein von Schlichen, arm und freundlich und gut, drei Eigenschaften, die znsam- mengenommcn mit zu dem Rührendsten gehören, was ich kenne. Wir sind gern in ihrer Gesellschaft gewesen, und zuletzt waren die Mädchen auch so gern in der nnsrigen, daß die Eine Lei nnserm Abschied aus vollem Halse weinte." —Henriette von Schlicken hatte einen tieferen Eindruck auf ihn gemacht als er selber glaubte; an sie schrieb er zuerst von Paris aus, sehr ausführlich, sehr zart, sehr warm. „Wenn Sic Sich Thränen ersparen wollen, so erwarten Sie wenig von dieser Erde; sie kann nichts geben, was ein reines Herz wahrhaft glücklich machen könnte. Blicken Sie zuweilen, wenn es Nacht ist, in den Himmel. . . . Am Tage sehen wir Wohl die schöne Erde; doch wenn cs Nacht ist, sehn wir die Sterne . ... Zu schnell wechseln die Erscheinungen im Leben und zu eng ist das Herz, sic alle zu umfassen, und immer die vergangenen schwinden, Platz zu machen den neuen. Zuletzt ekelt dem Herzen vor den neuen, und matt giebt es sich Eindrücken hin, deren Vergänglichkeit es empfindet. Ach es muß öde und traurig sein, später zu sterben als das Herz." Von Dresden ans besuchten die Geschwister Pillnitz, Tharand, Frciberg, die sächsische Schweiz bis nach Töplitz, dann kamen sie Mitte Mai nach Leipzig, wo Ulrike Gelegenheit zu einem Abentheuer fand, indem sic verkleidet die Vorlesung des Professor Platner besuchte; in Halberstadt empfing sie Vater Gleim mit herzlichster Erinnerung an Ewald von Kleist; dann wurde der Brocken erstiegen, Göttingen besucht; und weiter ging der Weg über Frankfurt a. M., Straßbnrg (wo er eine Frau fand, die „ein fast so weiches fühlen- Einlertung. XXIX des Herz hatte, wie Henriette"), Coblenz, Cöln u. s. w. Endlich im Anfang Juli kam er nach Paris an, wo er seine Empfehlungsbriefe abgab, ohne sie weiter zu benutzen. Ihm selbst wurden bald die Franzosen aufs höchste verhaßt; Ulrike, die in MannSklcidcrn mit ihm lebte, scheint sich besser gefallen zu haben. — War der Plan der Reise ein abentheuerlicher, so lag er wenigstens im allgemeinen Zuge der Zeit. Seitdem in der revolutionären Gährung neue organische Gedanken hervortraten, politischer, religiöser und künstlerischer Art, übte Paris eine wunderbare Anziehungskraft auf die strebsame deutsche Jugend aus; in jenen Jahren finden sich dort knrz nacheinander die Humboldt, Fr. Schlegel und Dorothea, Helmine von Hastfer, Rahel und Ludwig Robert zusammen; auch Arnim, später Grimm mit Savigny, die sämmtlich bitter enttäuscht aus Frankreich zurück kehrten. Kleist, der keine Ahnung davon hatte, was in Paris anznfan- gen sei, und der über die Ungemiithlichkeit der Franzosen sich, nicht ohne Scharfsinn, in die bittersten Satiren ergoß, schrieb von dort aus zuerst 21. Juli 1801 an seine Braut: „Meine schnelle Abreise von Berlin, ohne Abschied von dir zu nehmen, der seltsame, dir halbverständliche Grund, meine kurzen, trüben, verwirrten und dabei sparsamen Briefe — o sage, hat dir nicht zuweilen eine Ahnung von Mißtrauen das Herz berührt?" „Verwirrt durch die Sätze einer traurigen Philosophie, unfähig mich zu beschäftigen, unfähig irgend etwas zu unternehmen, unfähig mich um ein Amt zu bewerben, hatte ich Berlin verlassen, blos weil ich mich vor der Ruhe fürchtete, in welcher ich Ruhe gerade am wenigsten fand; und nun sehe ich mich ans einer Reise begriffen, ohne Ziel und Zweck, ohne begreifen zu können, wohin mich das führen würde! Mir war eS zuweilen, als ob ich einein Abgrund entgcgcngingc. Und nun das Gefühl, anch dich mit mir hinabzuziehn. — Ich habe oft mit mir gekämpft, ob eS nicht meine Pflicht sei, dich zu verlassen." Aber: „soll ich XXX Einleitung. mir denn die einzige Anssicht in die Zukunft zerstören, die mich noch mit Lebenskraft erwärmt?".... In demselben Briefe berichtet er von einem Sturm auf seiner Rhcinfahrt: „Jeder klammerte sich, alle Andern vergessend, an einen Balken an, ich selbst, mich zu halten. Ach es ist nichts ekelhafter als diese Furcht vor dem Tode. Das Leben ist das einzige Eigcuthum, das uns dann etwas wcrth ist, wenn wir es nicht achten. Verächtlich ist es, wenn wir cs nicht leicht fallen lassen können, und nur der kann es zu großen Zwecken nutzen, der es leicht und freudig wcgwerfen könnte. Wer es mit Sorgfalt liebt, moralisch todt ist er schon, denn seine höchste Lebenskraft, es opfern zu können, modert, indessen er es Pflegt. Und doch — o wie unbegreiflich ist der Wille, der über uns waltet! — Dieses räthsel- hastc Ding, das wir besitzen, wir wissen nicht von wem, das uns fortführt, wir wissen nicht wohin, eine Habe, die nichts wcrth ist, wenn sie uns etwas Werth ist, ein Ding wie ein Widerspruch, flach und tief, öde und reich, würdig und verächtlich, vieldeutig und unergründlich, ein Ding, das jeder wegwcrfen möchte wie ein unverständiges Buch: sind wir nicht durch ein Naturgesetz gezwungen es zu lieben? Wir müssen vor der Vernichtung beben, die doch nicht so qualvoll sein kann als oft das Dasein, lind indessen Mancher das traurige Geschenk des Lebens beweint, muß er es durch Essen und Trinken ernähren und die Flamme vor dem Erlöschen hüten, die ihn weder erleuchtet noch erwärmt." — 15. August: „Alle Sinne bestätigen mir hier, was längst mein Gefühl mir sagte, daß nämlich die Wissenschaften uns weder besser noch glücklicher machen, und ich hoffe, daß auch das zu einer Entschließung führen wird. Ich kann dir nicht beschreiben, welchen Eindruck der erste Anblick dieser höchsten Sittcnlosigkcit bei der höchsten Wissenschaft ans mich -machte. Diese Nation ist reifer zum Untergang als irgend eine andere. . . . Zuweilen, wenn ich die Bibliotheken ansehe, wo in prächtigen Sälen und in prächtigen Bänden die Werke Roussean's u. s. nw ^mleitunq. XXXI stehen, denke ich, was haben sie genutzt? .... Und doch, gesetzt, Rousseau hätte bei der Frage: ob die Wissenschaften den Menschen glücklicher gemacht haben, Recht, wenn er sie mit Nein beantwortet, welche seltsamen Widersprüche würden aus dieser Wahrheit folgen! Denn e« müßten viele Jahrtausende vergehn, che so viele Kenntnisse gesammelt würden, als nöthig wären, cinzusehn, daß man keine haben müßte. Also müßte man alle Kenntnisse vergessen, den Fehler wieder gut zu machen, und somit finge das Elend wieder von vorn an, . . . Und so mögen wir am Ende thun was wir wollen, wir thnn recht. Ja wahrlich, wenn man überlegt, daß wir ein Leben bedürfen, um zu lernen wie wir leben müßten, daß wir selbst im Tode noch nicht ahnden was der Himmel mit uns will, wenn Niemand den Zweck seines Daseins und seiner Bestimmung kennt, wenn die menschliche Vernunft nicht hinreicht, sich, die Seele und das Leben zu begreifen, wenn man seit Jahrtausenden noch zweifelt, ob es ein Recht giebt — kann Gott von solchen Wesen Verantwortlichkeit fordern? Man sage nicht, daß eine Stimme im Innern uns heimlich und deutlich anvertraue, was Recht sei. Dieselbe Stimme, die dem Christen znruft, seinem Feinde zu vergeben, ruft dem Neuseeländer zu, ihn zu braten, und mit Andacht ißt er ihn auf. Was heißt das auch, etwas Böses thnn, der Wirkung nach? Tausendfältig verknüpft und verschlungen sind die Dinge der Welt, jede Handlung ist die Mntter'von Millionen anderen, und oft die schlechteste erzeugt die beste. Sage mir: wer auf dieser Erde hat schon etwas Böses gethan? etwas, das böse wäre in alle Ewigkeit fort? Was uns auch die Geschichte von Nero und Attila erzählt, so rollt doch dieser Planet immer noch freundlich durch den Himmelsranm, und die Frühlings wiederholen sich, und die Menschen leben, genießen und sterben nach wie vor. Leben, so lange die Brust sich hebt, genießen, was rundum blüht, hin und wieder etwas Gutes thun, weil das auch ein Genuß ist, arbeiten, damit man genießen und XXXII Einleitung. wirken könne, Andern das Leben geben, damit sic es wieder so machen und die Gattung erhalten werde — nnd dann sterben: — dem hat der Himmel ein Geheimnis; eröfsnet, der das thut nnd weiter nichts.Ich werde das immer deutlicher einschn, immer lebhafter fühlen lernen, bis Vernunft nnd Herz mit aller Gewalt meiner Seele einen Entschluß bewirken. Sei ruhig bis dahin. Ich bedarf Zeit, denn ich bedarf Gewißheit nnd Sicherheit in der Seele zu dem Schritt, der die ganze Zukunft bestimmen soll. Ich will mich nicht mehr übereilen. Thne ich es noch einmal, so ist es das letzte Mal! denn ich verachte alsdann entweder meine Seele oder die Erde, und trenne sie. Aber sei ruhig ich werde mich nicht übereilen.. . . Erlasse es mir, mich deutlicher zu erklären. Ich bin noch nicht bestimmt, nnd ein geschriebenes Wort ist ewig." — Die Erklärung erfolgt den 10. Octo- Ler 1801. „Es liegt eine Schuld ans dem Menschen, die, wie eine Ehrenschuld, jeden, der Ehrgefühl hat, unaufhörlich mahnt: etwas Gutes zu thuu! Ich glaube fast, daß dieses Bedürfnis; bis jetzt immer meiner Trauer dunkel zum Grunde lag, und daß ich mich jetzt seiner blos deutlich bewußt worden bin. ... Ich fühle mich ganz unfähig, mich in irgend ein convcntionclles Verhältnis; zu passen. Ich finde viele der menschlichen Einrichtungen so wenig meinem Sinne gemäß, daß cs mir unmöglich wäre, zu ihrer Erhaltung oder Ausbildung mitzuwirken. Dabei wüßte ich doch oft nichts besseres an ihre Stelle zu setzen. . .. Dazu kommt, daß mir auch, vielleicht durch meine eigne Schuld, die Möglichkeit, eine neue Laufbahn in meinem Vatcrlande zu betreten, genommen'ist. Wenigstens würde ich kaum ohne Erniedrigung, nachdem ich zweimal Ehrcnstellcn anS- geschlagen habe, wieder selbst darum anhalten können.. .. Die Wissenschaften habe ich ganz anfgcgeben. .. . llntcr diesen Umständen in mein Vaterland znrückznkehren, kann unmöglich rathsam sein. Ja wenn ich mich über alle Urtheilc hinwcgsetzen könnte... . Du wirst Einleitung. xxxm mich wegen dieser Abhängigkeit vom Urtheil Anderer schwach nennen, nnd ich muß dir darin Recht geben, so unerträglich nur das Gefühl auch ist. Ich selbst freilich habe durch einige seltsame Schritte die Erwartung der Menschen gereizt. Und was soll ich nun antworten, wenn sie die Erfüllung von mir fordern? Und warum soll ich gerade ihre Erwartung erfüllen? Es ist mir zur Last. — Es mag wahr sein, daß ich eine Art von verunglücktem Genie bin, wenn auch nicht in ihrem Sinne verunglückt, doch in dem meinen. — Ohne ein Amt in meinem Vatcrlande zu leben, könnte ich jetzt schon wegen meiner VermögensnmstLnde fast nicht inehr.... Bücher schreiben für Geld? — nichts davon. Ich habe mir, da ich unter den Menschen dieser Stadt so wenig für inein Bedürfnis; finde, in einsamer Stunde, denn ich gehe wenig ans, ein Ideal ausgearbeitct. Aber ich begreife nicht, wie ein Dichter das Kind seiner Liebe einem so rohen Haufen, wie die Menschen sind, überliefern kann.... Ein Ausweg bleibt mir übrig, zu dem mich zugleich Neigung und Noth- wcndigkeit führen. Weißt du, was die Alten thnn, wenn sie fünfzig Jahre lang um Reichthümer nnd Ehrcnstcllen gebuhlt haben? Sie lassen sich ans einem Hecrd nieder und bebauen ein Feld. Dann, nnd dann erst nennen sie sich weise! Sage mir, könnte man nicht klüger sein, und früher dahin gehn, wohin man am Ende doch soll? . . . Ich habe noch etwas Vermögen, doch wird es hinreichen, mir etwa in der Schweiz einen Bauerhof zu kaufen, der mich ernähren kann, wenn ich selbst arbeite. Ich habe dir das so trocken hingeschrieben, weil ich dich durch deine Phantasie nicht bestechen wollte. Ich will im eigentlichen Verstand ein Bauer werden. — Was meine Familie und die Welt dagegen einwenden möchte, wird mich nicht irre führen. Meine Vernunft will es so, und das ist genug. . . . Ich fühle, daß es unbescheiden ist, ein solches Opfer von dir zu verlangen. Aber wenn du mir selbst es bringen könntest! .... Ich habe kein Recht ans solche Aufopferungen, nnd wenn du diese mir H. v. Kleists Werke. I. Bd. c XXXIV Einleitung. verweigerst, werde ich darum an deiner Liebe nicht zweifeln. Indessen, liebes Mädchen, weist ich fast keinen andern Ausweg. Ich habe mit Ulriken häufig meine Lage und die Zukunft Überlegt, und das Mädchen that alles Mögliche, mich, wie sie es nennt, auf den rechten Weg znrückznführcn. Aber das ist das Uebcl, daß jeder seinen Weg für den rechten hält.... Mein Plan ist, den Winter noch in dieser traurigen Stadt znzubringen, auf das Frühjahr nach der Schweiz zu reifen und mir ein Oertchen auSznfnchen, wo es dir und mir und unfern Kindern einst Wohlgefallen könnte." — Aber immer heftiger treibt ihn die Unruhe; schon den 27. Octobcr schreibt er wieder: „Ich habe überlegt, dast cs sowohl meines Vermögens als der Zeit wegen nothwendig sei, mit der Ausführung meines Plans zu eilen, klebrigen? fesselt mich Paris durch garnichts, und ich werde daher noch vor dem Winter nach der Schweiz reisen, um den Winter selbst zu Erkundigungen und Anstalten zu nutzen. Sei nicht unruhig. Deine Einstimmung ist ein Hanpterfordcrniß. Ich werde nichts Entscheidendes unternehmen, bis ich Nachricht von dir erhalten habe. Auch wenn aus der Anssnhrung dieses Plans nichts werde» sollte, ist cS mir doch lieb, ans dieser Stabt zu kommen, von der ich fast sagen möchte, dast sic mir ekelhaft ist. Schreibe mir also sogleich nach Bern. ... Mit Ulriken hat es große Kämpfe gekostet. Sie hält die Ausführung meines Plans nicht für möglich, und glaubt nicht einmal, daß cs mich glücklich machen wird. . . . Sie geht also nach Frankfurt zurück, ich begleite sie bis Frankfurt a.M. Dies alles mußt du ans das Sorgfältigste verschweigen." Wilhclmine die wohl einsehcn mochte, daß dem neuen Plan kein anderes Motiv zu Grunde lag als dem alten, entdeckte ihn ihren Eltern, die darüber ein sehr ungünstiges Urtheil fällten, und that ihm dies so schonend als möglich zu wissen. Die Folge war, daß Kleist siins Monate ganz gegen sie schwieg und ihr zuletzt nur noch einen kurzen Brief schrieb (April 1802?), in welchem er sich bitter Einleitung. XXXV über ihre Kälte beklagte und hinznfügte, daß er mm allerdings zn der Einsicht gekommen sei, sie habe ihn nie geliebt und werde ihn nie lieben. Damit war das Verhältnis; abgebrochen. Indem er nun wirklich nach der Schweiz abreiste, vergaß er bald seinen ursprünglichen Zweck; aber die Reise war in andrer Beziehung entscheidend für ihn: sie machte ihn znm Dichter. Wie das Zusammenhang, ist uns nicht bekannt; er scheint sich früher nur in kleinen Gelegenheitsgedichten versucht zu haben. — lieber diese Zeit berichtet Heinrich Zschokke (geb. zu Magdeburg 1771, in der Schweiz seit 1796) in seiner „Sclbstschau": „Unter den zahlreichen lieben Bekannten, deren Umgang mir den Winter 1801—1802 verschönte, befanden sich zwei junge Männer, denen ich mich am liebsten hingab. Der eine, Ludwig Wieland, Sohn des Dichters, gefiel mir durch Humor und sarkastischen Witz; verwandter fühlt' ich mich dem Andern, wegen seines gemüthlichen, zuweilen schwärmerischen, träumerischen Wesens, worin sich immerdar der reinste Seclenadel offenbarte. Es war Kleist. Beide gewahrten in mir einen wahren Hyperboräer, der von der neuesten poetischen Schule Deutschlands kein Wort wußte. Goethe hieß ihr Abgott; nach ihm standen Schlegel und Tieck am höchsten. Wieland wollte sogar den Sänger des Oberon, seinen Vater, nicht mehr Dichter heißen. sDcr Dritte im Bunde war der junge Geßner.j — Als nnS Kleist eines Tages sein Trauerspiel, die Familie Schroffenstein vorlas, ward im letzten Act da-s allseitigc Gelächter der Zuhörerschaft wie auch des Dichters so stürmisch und endlos, daß bis zu seiner letzten Mord- sccne zn gelangen, Unmöglichkeit wurde. — Wir vereinten uns auch znm poetischen Wettkampf. In meinem Zimmer hing ein französischer Kupferstich: In erneüe cassäo. In den Figuren desselben glaubten wir ein trauriges Liebespärchen, eine keifende Mutter mit einem Majolicakrnge und einen großnasigen Richter zn erkennen. Für Wieland sollte die Ausgabe zn einer Satyre, für Kleist zn einem XXXVI Einleitung. Lustspiel, für mich zu einer Erzählung werden. Kleist hat den Preis davon getragen." Von Bern begab sich Kleist an die Ufer des Thnner Scc's, wo er sich mit dem Bräutigam seiner Freundin Henriette v. Schlieben, dem Kupferstecher Lohse, in einem kleinen Landgut einmiethcte. Von da ans schrieb er an Zschokke: „Wenn Sie mir einmal mit Geßncr die Freude-Jhres BesnchS schenken werden, so geben Sie wohl Acht ans ein Haus an der Straße, an dem folgender Vers steht: Ich komme, ich weiß nicht von wo? Ich bin, ich weiß nicht was? Ich fahre, ich weiß nicht wohin? Mich wundert, daß ich so fröhlich bin! — Der Vers gefällt mir ungemein, und ich kann ihn nicht ohne Freude denken, wenn ich spazieren gehe. Und das thne ich oft und weit, denn die Natur hat hier, wie Sie wissen, mit Geist gearbeitet, und das ist ein erfreuliches Schauspiel für einen armen Kauz ans Brandenburg, wo, wie Sie auch wissen, die Künstlerin bei der Arbeit eingeschlummert zu sein scheint. Jetzt zwar sieht auch hier noch, unter den Schneeflocken, die Natur wie eine achtzigjährige Frau ans; aber man sieht ihr doch an, daß sie in ihrer Jugend schön gewesen sein mag .... Die Leute glauben hier durchgängig, daß ich verliebt sei! bis jetzt bin ich cs aber noch in keine Jungfrau, als etwa höchstens in die, deren Stirn mir den Abendstrahl der Sonne znrückwirft, wenn ich am Ufer des See's flehe." — Hier verfiel er, wie es scheint, durch die beständigen Aufregungen seines Gemüths, in eine schwere Krankheit; Ulrike kam wieder zu ihm, verpflegte ihn trculichst und begleitete ihn nach seiner Genesung (Herbst 1802) nach Deutschland zurück. Zunächst ging er nach Jena und Weimar. Es wäre von großem Interesse, genauer den Eindruck zu erfahren, den er ans Goethe und Schiller machte. Ihr Bund war in voller Blüthe, und gerade damals war das Theater der Mittelpunkt ihrer Thätigkcit. Wallcnstein, Maria Stuart, die Jungfrau waren rasch auf einander gefolgt; die Braut von Messina und die Einleitung. XXXVII natürliche Tochter wurden vorbereitet. Man hatte die wunderlichsten Experimente angestellt: die französische Tragödie, das lateinische Lustspiel in Masken; Jon, Alarkos, Turandot, Iphigenie, das alles hatte man auf dem Theater gcsehn; daneben Johanna von Mont- fancon und die übrigen Kotzcbne'schcn Spektakelstücke sowie Collin's rührende heroische Deklamationen; selbst die Vorlesung der Genoveva hatte Beifall gefunden. Mau arbeitete ältere Stücke um und machte Jagd auf neue. Der Dichter der Familie Schroffenstein hätte eigentlich mit offnen Armen ausgenommen werden sollen; doch scheint er mit seiner Poesie garnicht hervorgetreten zu sein. Nur einen denkwürdigen Bericht haben wir ans jener Periode, einen Brief Wie- land's vom 10. April 1804. „Schon ans der Schweiz schrieb mir mein Sohn Ludwig, der jetzt in Wien ist, von Kleist als von einem außerordentlichen Genie, der sich mit aller seiner Kraft ans die dramatische Kunst geworfen habe, und von welchem etwas viel Größeres, als bisher in Deutschland gesehen worden, zu erwarten sei. Im Herbst 1802 verließen beide die Schweiz und Kleist fand Gelegenheit, meinem Sohn einen sehr wesentlichen Dienst zu leisten. Sie reisten eine Zeit lang miteinander, trennten sich sodann und Kleist ging nach Jena, mein Sohn aber zu mir nach Osmanstädt, welches ich zu verkaufen entschlossen war, und auch wenige Monate darauf einen Käufer dazu fand, dem ich es acht Tage nach Ostern 1803 einräumte. Kleist zog nach einem kurzen Aufenthalt in Jena nach Weimar, miethete sich ein Quartier, so gut es in der Eile zu haben war, und besuchte mich ein oder zweimal auf meinem Gut. Wiewohl mir nichts mehr zuwider und peinlich ist als ein überspannter Kops, so konnte ich doch seiner Liebenswürdigkeit nicht widerstehen. So oft dies in meinem ganzen Leben bei einer neuen Bekanntschaft der Fall war, entrainirte mich meine natürliche Offenheit und Bonhommie weiter als die Klugheit einem kaltblütigen Menschen erlauben würde. Desto XXXVill Flnleitimg. zurückhaltender war Herr von Kleist, und etwas RäthselhaftcS, Ge- heimnihvclles, das tiefer in ihm zu liegen schien, als daß ich es für Affektation halten konnte, hielt mich in den zwei ersten Monaten unsrer Bekanntschaft in einer Entfernung, die mir penibel war, und vermuthlich alles nähere Verhältnis; zwischen uns abgeschnitten hätte, wenn ich nicht durch meinen Sohn erfahren hätte, daß Kleist sich in seinem Quartier zn Weimar so schlecht befinde, daß er eine Einladung, die übrige Zeit, die er sich noch in unsrer Gegend auszn- halten gedächte, bei mir in Osmaustädt zn wohnen, mit Dank an- nehnicn würde. Sogleich erging diese Einladung an ihn; er nahm sie an, bezog an einem der ersten Tage des Januar 1803 ein Zimmer in meinem Hanse und war von dieser Zeit an neun oder zehn Wochen mein Commensal auf eben dem Fuß, als ob er zn meiner Familie gehörte. Alles was Sie mir von seinem Benehmen in Ihrem Hanse erzählen, ist auch die Geschichte der Nolle, die er bei mir spielte. Er schien mich wie ein Sohn zn lieben und zu ehren, aber zn einem offenen und vertraulichen Benehmen war er nicht zn bringen. Unter mehreren Sondcrlichkeiten, die an ihm anfsallen mußten, war eine seltsame Art der Zerstreuung, wenn man mit ihm sprach, so daß z. B. ein einziges Wort eine ganze Reihe von Ideen in seinem Gehirn, wie ein Glockenspiel anzuziehen schien, und verursachte, daß er nichts weiter von dem, was man ihm sagte, hörte, und also auch mit der Antwort zurück blieb. Eine andre Eigenheit und eine noch fatalere, weil sie zuweilen an Verrücktheit zn grenzen schien, war diese, daß er bei Tische sehr häufig etwas zwischen den Zähnen mit sich selbst murmelte, und dabei das Air eines Menschen hatte, der sich allein glaubt, oder mit seinen Gedanken an einem andern Ort und mit einem ganz andern Gegenstände beschäftigt ist. Er mußte mir endlich gestehen, daß er in solchen Augenblicken von Abwesenheit mit seinem Drama zn schaffen hatte, und dies nothigte ihn, mir gern oder ungern zu entdecken, daß er Einleitung. XXXIX an einem Trauerspiel arbeite, aber ein so hohes Ideal seinen! Geiste Vorschweben habe, daß cö ihm noch immer unmöglich gewesen sei, es zu Papier zu bringen. Er habe zwar schon viele Scenen nach und nach ausgeschrieben, vernichte sie aber immer wieder, weil er sich selbst nichts zu Dank machen könne. Ich gab mir nun alle ersinnliche Mühe ihn zu bewegen, sein Stück nach dem Plan, den er sich cntworsen hatte, anSznarbeitcn und fertig zu machen, so gnt es gerathen wollte, und cs mir sodann mitzntheilen, damit ich ihm meine Meinung davon sagen könnte; oder wenn er das nicht wollte, eS wenigstens für sich selbst zu vollenden. Loü suräo uarrabanr tabulam. Endlich nach vielen vergeblichen Versuchen und Bitten, nur eine einzige Scene von diesem fatalen Werk seines Verhängnisses zu sehn zu bekommen, erschien eines Tages zufälliger Weise an einem Nachmittage die glückliche Stunde, wo ich ihn so treuherzig zu machen wußte, mir einige der wesentlichsten Scenen und mehrere Morccaux aus andern ans dein Gedächtnisse vorzudekla- miren. Ich gestehe Ihnen, daß ich erstaunt war, und ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich Sie versichere: wenn die Geister des Acschylns, Sophokles und Shakspeare sich vereinigten, eine Tragödie zu schaffen, sie würde das sein, was Kleist's Tod Guiskard's des Normannen, sofern das Ganze demjenigen entspräche, was er mich damals hören ließ. Von diesem Augenblick an war es bei mir entschieden, Kleist sei dazu geboren, die große Lücke in unserer dramatischen Literatur anszusüllen, die selbst von Schiller und Goethe noch nicht ansgefiillt worden ist; und Sie stellen sich leicht vor, wie eifrig ich nunmehr an ihm war, um ihn zur Vollendung des Werks zu bewegen. Er schien zwar damals über die Wirkung, die es auf mich gethan hatte, ungemein erfreut, und versprach alles Gute; aber dabei blieb cs auch, und, um ihn nicht zu quälen, fand ich nöthig, ihm während der Zeit, daß er mein Hausgenosse war, so wenig wie möglich von seinem Werk zu sprechen. Gegen die Mitte Einleitung. XL des MLrz trennten wir uns endlich wieder, er verweilte noch mehrere Tage in Weimar, ging dann nach Leipzig und Dresden, und schrieb mir nach Verlaus einiger Monate ein kleines Briefchen, worin er mir einen über Weimar reisenden Freund empfahl; ließ aber seit dieser Zeit nichts weiter von sich hören. Auch klagt mein Sohn zu Wien, daß er seit ihrer letzten Trennung nichts mehr von ihm wisse." Mittlerweile hatten die Freunde in der Schweiz Klcist's erstes Drama, die Familie Schrosfcnstein (1803) hcransgegeben. Ans ihren Rath hatte der Dichter die Handlung ans Spanien nach Deutschland verlegt, wodurch freilich der Stoff dem Leser näher trat, aber auch an Wahrscheinlichkeit verlor. Das Stück war mehrfach nm- gcarbeitet, an der Versification des letzten Acts sollen die Freunde geholfen haben. — In demselben Jahr erschien das Erstlingswerk eines andern jungen Dichters, Zacharias Werner: die Söhne des Thals. Es verschaffte dem Verfasser nicht blos bei der Menge, sondern auch in Weimar, den Zins eines sehr bedeutenden Talents, wahrend die Schroffensteiner fast unbeachtet blieben. Heute scheint es uns unglaublich, und wir können uns dies MißvcrhLltniß zwischen deni Verdienst und der Wirkung nur aus folgendem Umstand erklären. Es war eine Periode des Idealismus; wenn sich die rohe Menge mit den stark durchgreifenden realistischen Wirkungen Kotzebue's begnügte, so verlangte die gebildete Welt nach Ideen, und zwar nach auffallenden, geistreichen, wo möglich romantischen Ideen. Für jene war das Stück zu fein, diese fand in ihm keine Ausbeute. Der Dichter hielt sich als strenger Realist lediglich an den Stoff, seine Stimmung und seine Gedanken darüber halte er geflissentlich versteckt, man konnte keine Sentenzen, kein erhöhtes Gcsllhl, keine Inbrunst davon nach Hause tragen. An den Prunk und den Bilderreichthum Calderons, Schillers, Ticcks; an die Mystik der Freimaurerei Einleitung. XI. l gewohnt, waS sollte man mit diesem harten, eckigen Holzschnitt anfangen, dessen düsteren Eindruck kein Strahl des überirdischen Himmelslichts symbolisch verklärte? — Nur ein Kritiker machte eine Ausnahme, L. F. Huber, im Frcimüthigcn, jener Zeitschrift, die mit leidenschaftlichem Eifer den romantischen Idealismus bekämpfte. „Eine gute Kunde hat der Frcimüthigc heute zu geben, — die Erscheinung eines neuen Dichters hat er zu melden, eines unbekannten und ungenannten, aber wirklich eines Dichters! — Ich nahm die Familie Schroffen st ein mit allen dm traurigen Erwartungen in die Hand, zu denen man bei einem Nitterschauspiel — als ein solches kündigt es das Verzeichniß der Personen gleich an — in der Regel berechtigt sein mag. Ich las einen Bogen, den zweiten, den dritten, ohne recht zu wissen, woran ich war. Hatten Shakspeare, Goethe, Schiller, hier wieder einmal Unheil angerichtct? war eö eine unberufene Nachahmung, mit etwas eigner Verkehrtheit, und mit den Schellen der neuen ästhetischen Schule ausgcstattct? — Nun, man must doch sehen, dachte ich, und las weiter. Und siche cs entfaltete sich, zu meinem immer steigenden Erstaunen, ans einer harten, ungleichen Sprache, ans unbestimmten, dunkeln Andeutungen, aus manchen Elementen zn einem grundschlechten Stück, eine stattliche poetische Welt vor mir, die mir die begeisterte Hoffnung zurückließ, daß endlich doch wieder ein rüstiger Kämpfer um den poetischen Lorbeer ansstehc, wie ihn unser Parnaß gerade jetzt so sehr braucht. — In dieser kurzen und treuen Erzählung ist das meiste begriffen, was innerhalb der Grenzen dieses Blattes gesagt werden kann. — Zuverlässig wird kein Freund der Kunst unvorbereitet auf dieses merkwürdige Produkt stoßen, ohne die nämlichen Empfindungen zu erfahren, die ich eben beschrieben habe. Das Treffliche Goethe'S und Schillers hat wirklich dieses Genie genährt; ja so wenig der seltsame Stoff und die vielen Lücken der Bearbeitung eine Vergleichung dieses Drama's mit den Meisterstücken jener Dichter zn« XI.II Einleitung. lassen, so ist es doch sehr die Frage, ob die Details in Goethc'S und Schillers dramatischen Werken von eben dem wahrhaft Shakspeare'- schen Geiste zeugen, wie manche Details des Ausdrucks und der Darstellung in dieser Familie Schroffenstein. In den Liebesscenen besonders ist cS nicht Nachahmung, sondern cigcnthllmliche, naiv erhabne Grazie, was an die erotischen Partien im Sturm und in Romeo und Julie erinnert. Der Gedanke der letzten Scene zwischen Ottokar und Agnes ist von einer genialischen Kühnheit, die das ganze Stück allerdings von der Bühne ausschließt, und die allen den Kunstrichtern, welche ein dreifaches moralisch-kritisches Erz gegen den Zauber der Poesie wafsnet, einen scharfen Tadel sehr leicht machen kann; aber welche W.ärmc, welche Zartheit in der Ausführung, welche tragische Poesie in der wollüstig-schauderhaften Situation! — Dieses Stück ist eine Wiege deö Genius, über der ich mit Zuversicht der schönen Literatur unserS Vaterlandes einen sehr bedeutenden Zuwachs weissage. Der Verfasser mag vielleicht zu den außerordentlichen Geistern gehören, deren Entwickelung bis zu der Reife selten ohne einige Bizarrerien und Unarten abläuft. Doch eben, weil er zu diesen gehört, ist unmöglich zu besorgen, daß es der leidigen Sekte, die durch ihre Proselytenmachern die Blüthe unsrer Jugend zu vergiften droht, je gelingen werde, ihn an sich zu ziehen. Er muß, um seine Bestimmung zu erfüllen, einst etwas viel Besseres machen, als seine Familie Schroffenstein; unmöglich aber hätte er auch diese hervorbringcn können, wenn ein gerechtes Selbstgefühl ihn nicht jetzt schon vor der Schule schützte, in welcher ein AlarkoS anSgcbrütet wurde." Das Stück bildet in der That einen scharfen Gegensatz sowohl gegen die romantische als die Schule Schillers. Gerade in jener Periode findet man fast bei allen Erstlingswerken jugendlicher Dichter ein unbestimmtes Schwärmen in Gefühlen und Stimmungen, das musikalische Moment drängt das plastische zurück. Davon ist Einleitung. XI.HI bei Kleist nicht die Rede; ein finsterer Gegenstand zeichnet sich in greller Bestimmtheit, die Figuren treten dicht vor unser Auge, wir sehen alles genau entstehn und leben cs mit. Der Gegenstand erinnert an Romeo: ein Liebesverhältnis; innerhalb des wüsten Kampfs feindseliger Geschlechter, um den Contrast zwischen der Seligkeit des Gemülhö und dem Unfrieden der Welt hervortreten zu lassen. Aber die Helden sind diesmal nicht die beiden Liebenden, sondern die Häupter der feindlichen Häuser Sylvester und Rupert; der eine ein edler idealer Mensch, der andre jähzornig, mißtrauisch, aber nicht ohne die Spuren einer bessern Natur. Beide sind in gewissem Sinn unschuldig an den Gräueln, und mit meisterhafter Hand entwickelt der Dichter die seltsam verschlungenen Fäden der Begebenheit, die sie in Schuld verstricken. — Um dieser Seelenbewcgnng eine breitere Basis zu geben, läßt der Dichter die allmälige Entstehung der Fehde vor unfern Augen vergehn. Die beiden Familien haben einen Erbvertrag geschlossen, der Verdacht liegt nahe, daß sie gegenseitig ihren Untergang wünschen, unter Umständen auch wohl befördern. Ein Mißverständnis; tritt ein, das dem Argwohn eine anscheinende Bestätigung giebt und nun zu einer Reihe wirklicher Uebelthaten führt. Wie in einem Criminalproceß — nur daß die Verbrechen fortgehn — sind wir ans die Lösung, ans die erste Schuld begierig; jeden Augenblick werden wir verwirrter, aber auch gespannter: es ist eine Kette von Mißverständnissen, deren erstes Ende wir nicht absehn, da es den Betheiligten selbst verborgen ist. Da wir die Hanpter- eignisse nicht mit erleben, sondern sie uns von Leuten, denen sie selbst unbegreiflich sind, erzählen lassen müssen, so verstehn wir wohl den allmälig wachsenden Dämon, aber wir können uns die Vergangenheit, das Zusammenleben der Familien vor jenem Mißverständnis;, nicht vorstellen. Der Dichter begeht den Fehler, uns selbst fortwährend auf solche Gedanken zu bringen; da vor unfern Ohren über die Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit des Erzählten dispn- XI.IV Einlcitung. tirt wird: so schm wir dm Thatsachen, die unser Gefühl ergreifen sollen, die kalte Ueberlcgcnheit des Richters entgegen. — Für diese Unbehaglichkeit entschädigt er uns durch die Macht der Seelenbewc- gungcn; sie sind mit einer Schärfe und Präcision wicdergegcben, daß man sicht, der Dichter empfindet in jedem Augenblick den Pnls- schlag des Lebens bis in jede einzelne Faser. Die Verwirrung des Weltlaufs ist nur da, um das Gefühl der Helden zu verwirren. Am hinreißendsten ist das Bild des wilden Rupert: er glaubt zuerst nur als Rächer eines Verbrechens anszntreten, er wird dadurch selber zum Verbrechen verleitet, ein tiefes Gefühl der Schaam erfaßt ihn, aber diese Schaam facht gegen dm Feind, dem er die Last seiner eignen Sünde ansbürdct, seinen Haß noch grimmiger an und stürzt ihn in wildere Unthatcn. Auch Sylvester bricht zusammen, als ihm, dem Unschuldigen, die Anklage eines entsetzlichen Verbrechens ins Gesicht geschleudert wird, als ihm die Umstände so entgcgentrctcn, daß er selbst nicht weiß, wie er sich rechtfertigen soll. „Nicht jeden Schlag ertragen soll der Mensch, und welchen Gott trifft, denk' ich, der darf sinken." „Ich bin dir wohl ein Räthsel? nun tröste dich — Gott ist es mir!" Nicht minder meisterhaft ist ausgcführt, wie auch das Gefühl der Nebenpersonen in dieses Netz verstrickt wird. — Alles kommt darauf an, wie es dem Dichter gelingt, das letzte Mißverständnis; zu erklären. „Löst er, sagt Ticck am Schluß seiner vortrefflichen Exposition, dieses Räthsel genügend, und zeigt er uns nun tragisch, wie das Hirngespinnst des Argwohns dadurch so schrecklich ist, daß es leere Träume in Wirklichkeit verwandele; oder gelingt es ihm durch eine letzte und größte Erschütterung die verirrte Leidenschaft zur Erkenniniß ihres Wahnsinns zu bringen und alles zu versöhnen, so müssen wir ihm dankbar den Kranz zuerkcnncn. Hier treffen wir nun aber ans den sonderbaren Punkt, wo derselbe Dichter, der alles so weise bisher durchführte, daß wir ihn recht eigentlich mußten zum dramatischen berufen glauben, völlig und auf eben Einleitung. XI. V so originelle Weise das Drama ganz verläßt, und nns Auflösung und Schluß auf eine Weise anmuthet, als wenn er kaum einen Begriff vom Schauspiel hätte. Immer ist es gefährlich dein, Zufall einen großen Spielraum in der Tragödie zu erlauben; der Dichter muß ihm eine wunderbare Heiligkeit und bedeutende Seltsamkeit geben können, wenn wir uns seinen Wirkungen nicht ganz ungläubig cntziehn sollen: noch nothwendiger ist dies, wenn die ganze Dichtung ans ihm als dem Angelpunkt ruht und sich bewegt. Kleist nimmt aber ein Ungefähr, das den Begebenheiten des Stückes ganz fernab liegt, und vermengt damit einen willkuhrlichen Aberglauben, der, weil er allem vorigen zu sehr widerspricht, zu geringfügig, ja ekelhaft erscheint, und alle die Banden und Klammern Plötzlich löst, die der Poet mit so vieler Kunst geschmiedet und befestigt hatte, so daß wir durch einen einzigen Schlag alle Täuschung und Theilnahme verlieren und sie auch nicht wieder finden können. Es wird dein Dichter nichts helfen, wenn er nns etwa sagen will, das sei gerade die tiefste Bedeutung seines Schauspiels, uns zu zeigen, wie aus Zufall und Aberwitz, wenn Leidenschaft und Verblendung sich damit vereinen, das größte Unheil entstehen könne, daß es gerade rühren müsse, wenn junge unschuldige Naturen, die den Wahn nicht gecheckt, statt dem Liebesglücke, nun dem Verderben, von jenen Unholden mit fortgcrissen, in die Arme eilen. Denn wird uns eine Lehre, die mir die höchste Rührung und Erschütterung fassen kann, so mitgetheilt, daß wir kalt bleiben müssen, so glauben wir dem Poeten so wenig, daß wir uns vielmehr zürnend von seiner Erfindung abwenden." — Es liegt in dieser Lösung noch ein schlimmerer Uebelstand, auf den Tieck vergessen hat die Aufmerksamkeit hinzu- lenken. Die Verwickelung des Zufalls hatte die Leidenschaft gemacht, und im forteilenden Drang der Begebenheit fanden wir nicht Athein, Mittel und Wege genau zu prüfen: nun aber die Entwickelung geschehen soll, vermissen wir den Verstand. Alle Betheiligten XI. VI bmlellung. handeln und urtheilen zu rasch und übereilt, auch diejenigen, die gewissermaßen den Chor bilden. Zuletzt hat Ottokar, den die Liebe von dem Fanatismus des Hasses gereinigt, den Faden der Lösung in den Händen; er geht damit um wie ein unreifer Knabe. Hier ist nicht mehr der Zufall, sondern der Unverstand das tragische Motiv, und das Mitgefühl verwandelt sich in peinlichen Verdruß. — Jene seltsamen Versuche Ottokar's führen zu hcchpoctischcu Scencnr aber nun merkt man, daß die Mittel den Zweck dominiren. — An sich betrachtet, ist die LicbcScpisode von einem seltnen Liebreiz; doppelt erfreulich, wenn dieser warme Sonnenschein der Poesie in das wüste Nachtgcmälde einbricht; ja, wären nicht auch diese Scenen zuviel von juristischen Spitzfindigkeiten zersetzt, so würde mau versucht sei», sic dem Romeo au die Seite zu stellen. Aber sie sind der Phantasie des Dichters einzeln ansgegangcn, sic entspringen nicht dem Organismus des Ganzen; er bat nachträglich versucht, einen pragmatischen Zusammenhang hineinznbringcn, und so empfängt man den Eindruck der Mojaikarbeit. Daö süße wollüstige Geflüster, in dem Ottokar seine Braut von den Mysterien der Hochzeitnacht unterhält, ist für sich betrachtet von einer tiefen Innigkeit und Nnmuth, aber das Motiv, wozu es benutzt wird, die Verkleidung, noch dazu in der furchtbaren Gefahr, die einen männlichen Ernst und keine kindische Tändelei Hervorrufen sollte, gicbt ihm eine häßliche, ja abgeschmackte Wendung. — Der AuSgang ist empörend. Im Romeo ist das Spiel des Zufalls nur scheinbar, es wird durch den realen Inhalt der Handlung bedingt und hervorgernfen, und jeder der Be- thciligteu konnte sich sagen, wie weit er gesündigt, wenn auch die Folgen seiner Vermessenheit über seine Absicht hiuansgiugcn. Bei Kleist aber wird die Wcltvcrwirrung zuletzt zum Weltwahnsinn: der Dichter glaubt sich gewaltsam steigern zu müssen, und verfällt in den unnatürlichsten Ausweg. Ein neues, bis zum Burlesken grausames Mißverftandniß findet statt: in dem Glauben, den Feind Einleitung. XI. VN in's Herz zu treffen, tobtet jeder der beiden Väter sein eignes Kind. Diese Grausamkeit empört um so mehr, da sic ungeschickt motivirt ist, und wenn gerade wie in Romeo die beiden Vater über den Gräbern ihrer Kinder sich die Hände reichen, so ist damit für unfern Fall nichts gewonnen: denn dort haben sie nur ein schweres Leid erlitten, und das Leid macht milde; hier aber hat jeder von ihnen ein schweres Verbrechen auf seiner Seele, und daraus kann kein Friede hervorgehn. Rcminiscenzcn ans Lear, bis zur Tollheit übersteigert, schließen das Stück mit einem schneidenden Contrast. — „Diese auffallende Erscheinung, sagt Tieck, daß in demselben Dichter eine so großartige Vernunft unmittelbar mit einem ganz kleinlichen, fast kindischen Bestreben im Widerspruche stehen kann, zwingt uns fast, eine seltsame Disharmonie, eine Krankheit vielleicht, im Geiste des Dichters anzunchmcn. Denn diese Fehler sind nicht die des Neulings oder der Ucbereilung, sondern cs ist die Unfähigkeit selbst, diesen Widerspruch und das völlig Ungeziemende einzusehn. Es ist ein radikaler unheilbarer Mangel, von dem sich wohl die Spuren mehr und minder in allen Werken des Dichters Nachweisen lassen: bei seiner Liebe und Kcnntniß der Wahrheit und Natur ein plötzliches grelles Gelüst, beide zu überspringen, und das Leere, Nichtige höher als die Wirklichkeit zu stellen." „Die Sprache ist männlich, mannigfaltig nnd schon sehr anSgcarbcitct, und was um so mehr zu loben ist, keine matte Nachahmung Schillers; eben so wenig hören wir die Tonart Goethe's bedeutungslos wiederholt, sondern diese Sprechweise gehört nuserm Dichter ganz cigcnthümlich; er vermeidet alles schwankende und unbestimmte, und greift lieber zu Provinzialismen und hie und da gemeinen Ausdrücken, nm nur nicht in die vornehme Unbedeutendheit und scheinbare Anmuth nnd Würde zu verfallen. Ein sonderbares Hiuwerfen nnd Auffangcn einzelner Worte, Reden und Fragen, wie ein Ballspiel, trifft man schon in diesem Stücke." — Eilte spätere Aufführung des Stücks (1825) XI. vm Einleitung. machte Ticck auf die Eigenthümlichkcit der Sprache insofern sie für. die Bühne berechnet ist, aufmerkfam. „Äleissts Dramen, sagt er in den dramaturgischen Blättern 2. S. 26ff., geben dem Schauspieler große Veranlassung, seine Kunst zu zeigen, aber zugleich gehört cS zu den allerschwierigsten Aufgaben, sie befriedigend, oder auch nur so anfzustthrcn,. daß die Absichten des Dichters nicht ganz verloren gehen. Alle diese Charaktere müssen sehr scharf Umrissen werden, das Colorit ist grell, und beide«, Umriß wie Farbe, verschwindet zu Zeiten beinah wieder ganz, und dem Schauspieler ist die Ergänzung, gewissermaßen die Schöpfung, unbedingt anvertraut. Es ist iimner noch leichter, Widersprüche zu vereinigen. Dann ist die Sprache und der Dialog oft so sonderbar gespitzt und gesucht, die Construktion so wenig mundgerecht, auch sllr den nicht verwöhnten Sprecher, daß die sonderbaren Vorstellungen und Gedanken dadurch noch seltsamer erscheinen. Aus dieser Gesuchtheit blitzt dann wieder so klare Vernunft in so klaren Worten und Bildern hervor, ein so ticscS und inniges Gefühl, daß unmittelbar unsere Liebe und Bewunderung in Anspruch genommen wird. Am cigenthümlichstcn hat Kleist die Gestalten seiner Liebenden genommen, er ist hier der Thea- tcrkonvenienz und den hergebrachten süßen Phrasen oder gewöhnlichen kalt-leidenschaftlichen Aufwallungen am meisten ungetreu geworden. Diese Figuren haben alle eine herbe Frische, aus ihrer scheinbaren Alltäglichkeit spricht das tiefste Herz." Von Klcist'S Aufenthalt in Dresden im Sommer 1803 — man denke, daß er immer erst siebcnundzwauzig Jahr alt war — haben sich nur einzelne Erzählungen erhalten, welche die Fortdauer seiner gedrückten Stimmung verrathen. Am innigsten verkehrte er mit der Familie Schlicben. Als Henriette lange Zeit keine Briefe von ihrem Bräutigam Lohse erhalten hatte und darüber ganz tiefsinnig geworden war, sagte sie eines Tages zu Kleist, der neben ihr auf dem Sopha saß und auf der Guitarre klimperte: wenn der Zustand noch lange Einleitung. XLIX anhält, so werbe ich verrückt. Sie haben Recht, versetzte Kleist, eS ist das Beste, was Sie thun können, und wenn Sie Ihren Verstand je wiederfinden, nehme ich eine Pistole und schieße Sie und mich todt; ich kann Ihnen schon den Gefallen thnn. — Noch in demselben Sommer unternahm er eine abermalige Reise nach der Schweiz. Den Entschluß scheint er unversehens gefaßt zu haben, er hatte noch wenige Tage vor seiner Abreise die Absicht, zu seinen Schwestern aus das Land zu ziehn. Erst den Tag vorher erschien er plötzlich mit der Erklärung in der Familie Schlieben, er gehe mit Pfuel nach der Schweiz und nach Mailand, um Lohse dort anfzusnchen. Sie gingen meist zu Fuß, lebten in Bern, wo am Robert GuiScard gearbeitet ward, kamen nach Mailand, wo sie ganz vergaßen, Lohse zu besuchen, und begaben sich endlich durch das Waadtland über Genf und Lyon nach Paris. Schon ans dem Wege zeigte sich oft dis Scelenverstimmnng des Dichters, und in Paris führte dieser Un- muth zu einer Entzweiung mit Pfnel. Ein Streit über Sein und Nichtsein führte die Katastrophe herbei. Kleist rannte im Zorn hinweg, blieb lange ans und fand, als er endlich heimkehrte, ein Billet von Pfnel vor, der nnterdcß ausgezogen war und ihn in der Wohnung allein gelassen hatte. In der Verzweiflung verbrannte Kleist alle seine Papiere und vernichtete den Gniscard znm drittenmal. Ganz zerstört entfloh er aus Paris und begab sich zu Fuß aus den Weg nach Lonloguv sur mvr. Als er eine Strecke gegangen war, begegnete er einem Haufen Conscribirter und gab sich vergebene Mühe, für einen derselben als gemeiner Soldat einzutreten. Zu seinem Glück traf er noch kurz vor Bonlognc mit einem ihm bekannten Chirnrgien-Major zusammen, ans dessen verwunderte Frage, was er da zu thun habe? er ihm erzählte, er laufe ohne Paß herum. Der Franzose schilderte ihm mit Entsetzen, welcher Lebensgefahr er entgegengehe, indem in Boulogne noch unlängst unter ähnlichen Verhältnissen ein preußischer Edelmann als vermeinter russischer Spion H. o. Kleists Werke. I. Vd. d Einleitung. erschossen worden sei, und nahm ihn unter seinem Schutz als seinen Bedienten mit in die Stadt. Von hier aus bat Kleist den Gesandten Lucchcsini um einen Paß, den er nach vier Tagen, unmittelbar nach Potsdam ausgestellt, erhielt. In Paris hatte nach seiner Flucht sein Freund gefürchtet, Kleist habe sich in die Seine gestürzt, und nach seinem Leichnam in der Morgue gesucht. Leider erfahren wir, daß er schon in dieser Zeit sich zuweilen durch Opium zu betäuben suchte. In Bezug auf die nächstfolgende Zeit find die Nachrichten etwas verwirrt. Wieland, der seit dem Juni 1803 nichts von Kleist gehört, erhält den 3. April 1804 „durch die dritte Hand traurige Nachrichten von seinen Umständen." Er antwortet, 10. April: „Wenn ich null alle diese Umstände, seinen auf Selbstgefühl gegründeten, aber von seinem Schicksal gewaltsam niedergehaltenen Stolz, die ExccntricitLt der ganzen Laufbahn, worin er sich, seitdem er aus der militärischen Carriere ausgetreten, hin und her bewegt hat, seine fürchterliche Ucberspanuung, sein fruchtloses Streben nach einem unerreichbaren Zanberbild von Vollkommenheit mit seinem bereits zur fixen Idee gewordenen GuiSkard, mit seiner zerrütteten geschwächten Gesundheit und mit den Mißverhältnissen, worin er mit seiner Familie zu stehn scheint sdiese hatte Kleist in einem Zettel, Mai oder Juni 1803, als den Grund angegeben, warum er sein Gedicht nicht vollenden könnes, zusammen combinire, so erschrecke ich vor den Gedanken, die sich mir ansdrängen, und fühle mich beinahe genöthigt zu glauben, es sei sein guter Genius, der ihm den Einfall, sich in Coblenz zu einem Tischler zu verdingen, eingegeben. Gewiß ist, in meinen Augen wenigstens, daß das Project, welches Ihnen Ihre so cdclmüthig theiluchincude Zuneigung zu diesem liebenswürdigen Unglücklichen eiugcgcben, ihn in einem Bureau iintcrznbringcn, allein schon ans der Ursache von nnbcliebigem Erfolg sein würde, weil diese Art von Beschäftigung und Abhängigkeit ihm in kurzer Zeit. ganz unerträglich fallen würde."— Bülow erzählt von dieser Periode: „Auf dem Heimwege von Paris befiel Kleist in Mainz eine tödtliche Krankheit, von welcher ihn Hofrath Wedekind erst nach sechs Monaten wicderherstellte. Er soll in dieser Zeit die Bekanntschaft der Gündcrode gemacht und mit der Tochter eines Predigers bei Wiesbaden ein zartes Verhältniß gehabt haben. Genesen, reiste er endlich nach Potsdam weiter, und erschien dort eines Abends unvcr- nmthet vor dem Bette seines Freundes Pfuel. Sowie seine Ankunft in der Hcimath verlautete, eilte seine Schwester zu ihm, die all sein Unglück seiner poetischen Richtung znschricb, und ihn auf's erustlichste davor zu bewahren suchte, daß er keine Verse weiter mache. Sie vermittelte auch mit andern. Freunden, daß er durch Massenbach den: Minister Altcustein empfohlen ward, welcher ihm bei der Finanz- Verwaltung eine Anstellung in Aussicht stellte. Den Wünschen der Scinigen nachgebcnd, widmete er seine ganze Zeit in Berlin dem Studium der Cameralwissenschaft. Durch Brokes wurde er mit Varnhagcn bekannt, dem er die „Familie Schroffenstein" sorgfältig verhehlte. Den 11. August 1804 schrieb er in dessen Stammbuch: „Jünglinge lieben in einander das höchste der Menschheit, denn sic lieben in sich die ganze Ausbildung ihrer Naturen schon um zwei oder drei glücklicher Anlagen willen, die sich eben entfernen. Wir aber wollen einander gut bleiben." Varnhagen ahnte nicht, daß er mit einem Dichter zu thun habe, so wenig war die Familie Schros- scnstein dnrchgedrungen; er machte auf die jungen Musensöhne, die damals noch stark in der Romantik staken, den Eindruck einer kalten, prosaischen Natur. Noch im Winter von 1804 zu 1805 finden wir ihn als Diätar in Königsberg, wo er mit Pfuel wieder znsammcntraf. Als er diesen eine« Tages aufsorderte, ebenfalls eine Tragödie zu dichten, erzählte ihm Pfuel die Geschichte des Kohlhaas, dessen Namen noch heute eine Brücke bei Potsdam trägt, als einen dazu wohl geeigne- Einleitung. I.II ten Stoff. Der Gegenstand ergriff Kleist auf das lebhafteste, und cr machte jene Erzählung daraus, die zu den bedeutendsten Schöpfungen unserer Literatur gehört. „Wenn man sieht, sagt Tieck, mit welcher Festigkeit die Gestalten gezeichnet, wie richtig und wahr ein Ergebnis; und ein Gefühl sich ans dem andern nothwendig entwickelt, wie sicher der Erzähler Schritt vor Schritt fvrtgeht, so wird man fast versucht, zu glauben, daß er hier sein Talent noch glänzender entfalten könne als im Drama. ... Es ist nicht nöthig, ans die meisterhafte Hand aufmerksam zu machen, die uns vom Prinzen bis zum geringsten Knecht alles so lebendig vor das Auge führt, als wenn wir die Dinge selbst erlebt hätten. . . . Der Erzähler ist von der wirklichen Geschichte, sei es geflissentlich, fei es ans Unkenntniß, merklich abgcwichcn.' Dies ist nicht so sehr zu tadeln, da sein Zweck und die musterhafte Frische der Farben dies rechtfertigen können, als daß cr zugleich in einer nicht so gar fern liegenden Begebenheit die nothwcndigc Umgebung, die der Leser nicht vergessen kann, zu sehr verletzt hat. Er vergißt, daß Wittenberg und nicht Dresden die Residenz der sächsischen Kurfürsten war; Dresden schildert cr ganz nach seiner jetzigen Gestalt, da die Altstadt damals so gut wie nicht exi- stirtc, und was soll man zu dem Kurfürsten selber sagen, der als ein romantischer, verliebter und seltsamer Phantast aufgcführt wird, da cs doch nur Friedrich der Weise oder der Standhafte sein können, die in den Umfang dieser Erzählung passen?" Wenn aber Tieck hin- znsctzt: „Durch diese Uebercilnng verliert diese treffliche Erzählung ihr cigenthnmlichcs Costüm," so ist das zu viel gesagt; im Gcgen- theil, man wird getäuscht und glaubt ein Aktenstück aus jener Zeit zu lesen. Ja im Brockhaus'jchcn Conversationslexicon ist die ganze Novelle, mit allen ihren handgreisiichen historischen Unrichtigkeiten, als historisches Factum erzählt! — Es ist um so wichtiger, zu untersuchen, worin die Knust dieser Täuschung besteht, je seltener das Talent, gut zu erzählen, bei uns Deutschen vorkommt, — Man Einleitung. I.IIl könnte leicht versucht sein, den Vorzug gerade in seinen Schwächen zu finden, in dem schwerfälligen zerhackten Satzbau, der ungeschickten Wiederholung einzelner Redewendungen, was alles an Criminal-Acten erinnert; wie wir denn auch glauben, obgleich nichts darüber überliefert ist, das; Kleist vielfach in solchen Papieren gestöbert hat. Aber der Stil hätte durch größere Einfachheit an Kraft nicht verloren. — Zum Theil liegt der Grund in der sinnlichen Deutlichkeit, mit der er alle Ereignisse im Detail verfolgt — wie bei dem ersten Eintritt des Roßkamms in die Tronkenburg, bei dem Verführen der beiden Pferde durch deu Schinder und in ähnlichen Sccncn, wo vielleicht des Guten etwas zu viel gethan ist; aber diese Stellen sind Proben von dem scharfen Wahrnehmungsvermögen des Dichters und seiner schnellen Aufmerksamkeit. Diesen Vorzug thcilt er z. B. mit Achim von Arnim, seinem Landsmann, dem er überhaupt in mancher Beziehung verwandt ist. Aber die Hauptsache ist der Glaube an seine eigne Gestalten. ES ist sein eignes Gefühl, seine eigne Leidenschaft, die sich in den Helden explicirt, ohne allen Aufwand von Wortprunk, durch die Macht der Thatsachen. Er ist immer ganz in der Sache, und wenn die Erzählungen manchen Leser empören, so wird man sie doch nicht leicht ans der Hand legen. Diese Macht der Empfindung wird nun dadurch so gestaltcnkräftig, daß sie fich dcn Anschein der Kälte giebt: jenes Verhalten der Empfindung, die dem dramatischen Dialog schadet, ersetzt in der Erzählung die „Ironie der Bildung." Kleist steht niemals wie die Romantiker über oder außer seiner Welt, sein Herz ist mitten im Aufruhr drin, und doch bleibt seine Hand sicher und scst — wie sie denn auch bei seinem entsetzlichen Ansgang doppelt ins Schwarze traf. Goethe steht in seinen Novellen mit behaglichem Erstaunen den bunten Arabesken zu, die seine Phantasie ihm cingicbt; man folgt ihm mit heitcrm Antheil ohne große Aufregung; Lei Kleist würde inan garnicht aus dem Kramps kommen, wenn er nicht — wenigstens bis zn einem I-IV Einleitung. gewissen Punkt hin, wo er die Macht über seine Seele verliert — die künstlerische Besonnenheit bewahrte. — Bei keiner seiner Erzählungen freilich entfaltet sich diese Gabe so glanzend als im Kohl- haas, wo das Problem seine Seele in ihrer ganzen Stärke erschütterte. — Ein einfacher Mann von starkem RcchtSgefühl wird durch Verweigerung des Rechts von Seiten der Behörden allmälig znm Verbrechen getrieben: um sich Recht zu verschaffen, wendet er Nüttel an, viel schlimmer als das ihm widcrfahrne Unrecht. Der Höhepunkt der Geschichte ist die Stelle, wo KohlhaaS, vom Gericht abschlägig beschicken, „mit der widerwärtigsten Erwartung, die seine Brust jemals bewegt hatte, so oft sich ein Geräusch im Hofe hören ließ, nach dem Thorweg sieht," ob der Junker ihm etwa, vielleicht gar mit einer Entschuldigung, die Pferde znrückschickt: „der einzige Fall, in welchem seine von der Welt wohlerzogene Seele ans nichts, das ihrem Gefühl völlig entsprach, gefaßt war." Aber bald hört er das Gegcnlhcil, „und mitten durch den Schmerz, die Welt in einer so ungeheuren Unordnung zu. erblicken, zuckte die innerliche Zufriedenheit empor, seine eigne Brust nunmehr in Ordnung zu sehn." In Ordnung! durch den Entschluß, mit Brand und Mord, an der Spitze einer Frcvlerschaar, über die unschuldige Welt einzu- brechcn, um sich Recht zu verschaffen. — Wie der schlichte Mann durch den Fanatismus des Rechts selbst in's Mystische getrieben wird, ist vortrefflich entwickelt. Der Dichter hat vorher, durch einfache Striche, »ns so lebhaft in die Mitte der Ereignisse versetzt, die Personen und Zustände uns in ihren Bedingungen so gegenwärtig gemacht, daß er nachher mit fliegender Hast die Flut der Begebenheiten beschleunigen kann, ohne daß wir es merken: wir glauben, sie noch immer Schritt für Schritt zu begleiten. Die Bewegung seiner Seele ist so durchsichtig, daß wir ihn vollkommen verstehn, selbst da noch, als mit fieberhaftem Ungestüm, mit maßloser Willkür die Ereignisse sich durcheinander drängen. Die Scenen, wie Einleitung. I.V Kohlhaas den Junker durch alle Schlupfwinkel verfolgt, und alles erschlagt und uiederbrcnut, was ihn, Zuflucht gewährt, sind von hinreißender Leidenschaft, von überzeugender Wahrheit. Nun tritt der Wendepunkt ein. Der Arm der Obrigkeit ist zu schwach gewesen, den Empörer zu bändigen, allein es begegnet ihm die Macht eines gleich starken Willens, der ihm an sittlicher Würde überlegen ist. Martin Luther weist den Rebellen in seine Schranken zurück und versöhnt ihn äußerlich mit der Obrigkeit. Sein Recht geschieht ihm, wegen seiner Uebelthaten wird ihm Gnade zugesichert; daS verstockte Nachegefllhl weiß auch Luther nicht zu bändigen. Nun tritt die Bewegung der Seele zurück und die äußern Ereignisse nehmen den Vordergrund ein. Die Folgen seiner eignen That wenden sich gegen Kohlhaas. Obgleich ihm die Strafe erlassen ist, kann die Gesellschaft den Uebelthäter nicht in ihrer Mitte dulden, es werden ihm Fallstricke gelegt und er erliegt der List seiner Feinde. Auch das ist ganz richtig erfunden; ja die Ausführung dieser Parthie gehört zu den meisterhaftesten des Ganzen, obgleich die, blos menschlich anfgefaßten Rechtsbegriffe dem historischen Recht und der historischen Treue überhaupt auf das härteste widersprechen: doch wollte eS dem Dichter nicht gelingen, für diesen nothwendigen und in Bezug auf die Dialektik der Thatsachcn -correct gezeichneten AuSgang die angemessene sittliche Stimmung zu finden. Obgleich er sein eignes Gemüth hinter den Ereignissen versteckt hat, zeigt sich nun doch, daß er in dein Jrrthum seines Helden befangen war; Recht und Unrecht hat sich ihm so durcheinander gewirrt, daß er in finstre Grübeleien versinkt und plötzlich einer fremden dunkeln Macht in die Hände fällt. Der sittlich und historisch nothwendige Ausgang läßt sein Gefühl unbefriedigt, und um demselben zu genügen, erfindet er ein Motiv, das sich später, viel wilder und abscheulicher in dem „Findling" wiederholt: den Triumph der Rache über die sittliche Katharsis. Dies allein erklärt die Geschichte mit dem Amulet, wo der sonst mit dem I.VI Einleitung. inncrn LcbcnSncrv der Dichtung verwachsene heimliche Wahnsinn hell hervortritt. Ein unheimliches Spinnennetz, das sich gespenstig auch über die Vergangenheit breitet nnd ihren tragischen Ernst verkehrt, überzieht plötzlich die düstre, aber in bestimmten Umrissen gezeichnete Landschaft; die Wirklichkeit verliert sich in's Traumleben, mit ihr auch die sittliche Idee. — Den psychologischen Zusammenhang dieser Episode hat Deck nicht erkannt, wenn er, übrigens ganz richtig, bemerkt: „Diese wunderbare Zigeunerin, die nachher die verstorbene Gattin des KohlhaaS ist, dieser gcheimnißvrlle Zettel, diese gespenstischen Gestalten, der kranke, halbwahnsinnigc, am Ende in Verkleidung anftrctcnde Kurfürst, alle diese schwachen, zum Thcil charakterlosen Schilderungen, die dennoch mit der Anmaßung anf- trctcn, daß sic höher, als die vorher gezeichnete wirkliche Welt wollen gehalten werden, daß sic uns ihr geheimnißrcichcs Wesen, das sich in wenig genug auflöst, so thcner wie möglich verkaufen wollen, diese grauenvolle Achtung, die der Verfasser plötzlich selber Vörden Geschöpfen seiner Phantasie empfindet, alles dies erinnert an so manches schwache Produkt unsrer Tage und an die gewohnten Bedürfnisse der Lescwclt, daß wir uns nicht ohne eine gewisse Wchmnth davon überzeugen, daß selbst so hervorragende Autoren, wie Kleist (der sonst nichts mit diesen Krankheiten des Tages gemein hat), dennoch der Zeit, die sie hervorgerufen hat, ihren Tribut abtragen müssen." — Man kann sich bei dieser sehr richtigen Kritik doch der Bemerkung nicht erwehren, daß diese Krankheiten des Tages nirgend so unheimlich hervortretcn, als in den Novellen des Phantasnö, vom „blonden Ekbert" an (1796) bis zum „Liebeszauber" (1811). Für die zweite Novelle, die Kleist in Königsberg schrieb, die Marquise von O., fand er den Stoff in den Leut iwnvelleo nonvelles der Frau von Gomcz, die er wahrscheinlich in Paris gelesen hatte. Es ist ein echt französischer Stoff, nnd erinnert an die liederlichsten Prodncte jener Zeit; aber wie deutsch nnd wie eigen- Einleitung. Lvir thümlich ist die Behandlung. Es ist merkwürdig, wie Kleist, der seinem lebhaft entwickelten Schaamgefühl, das zuweilen zu komischen Sccncn führte, in seinen Novellen, mit Ausnahme des Kohlhaas, durchweg ein sinnliches Motiv zum Mittelpunkt macht, und zwar jenen Punkt, wo da« Psychische ins Physische übergeht. Zwar wird er weder lüstern noch cynisch, aber die Ausmalung jener Stoffe steht doch durchweg hart an den Grenzen der Kunst, wo sie dieselben nicht überschreitet. Eine französische Novelle — uno martrosso anonznne — behandelt das umgekehrte Thema: eilt Mann, der nicht weiß, wen er umarmt hat; tausendmal frecher, als Kleist's Er-- zählnng, aber lange nicht so anstößig, als bereits der Ansang derselben: die Annonce einer Dame vom Stande, die für ihr Kind einen Vater sucht! Es ist ihr in der Ohnmacht Gewalt angethan;. ihre Verwirrung, als sie den unerklärlichen Zustand entdeckt, die Steigerung derselben zum Hellen Wahnsinn; der Zorn der Eltern;, ihre Seligkeit als sie sich von ihrer Unschuld überzeugen; das Entsetzen der Marquise, als sie in dem geliebten Mann den Ucbclthä- tcr entdeckt und nun einen Teufel in ihm sieht, das alles ist meisterhaft geschildert; aber die Voraussetzung ist, wie man will, lächerlich oder gräulich, und wenn der Verbrecher, nachdem die Soldaten, die nicht schuldiger waren, mit dem Tode bestraft sind, mit der Strafe der Beschämung abkommt „in Anbetracht des unvollkommenen Zustandes dieser Welt," so ist diese Wendung doch ein Nachklang ans dem Französischen. Wenn Kleist bei mehreren seiner Schöpfungen ans der Königs- bcrger Zeit den tragischen AnSgang zu vermeiden suchte, so ist der Eindruck derselben doch nicht heiler. Auch dieser Aufenthalt hatte seine Verstimmung nicht beseitigt; die AmtsgeschLfte waren ihm peinlich und die Poesie selbst war nicht stark genug, seine Brust zu befreien. In seinem ruhelosen Umherirrcn konnte er sich selbst nicht entfliehen. — Seine Stimmung drückt sich in einem Brief aus, den er I^VIU Einleitung. Ende Dccember 1805 (zwischen dem Durchmarsch durch das Au- spachische 3. Oct. und dem Frieden von Preßburg 26. Dec.) an Rühle »on Lilienstern schrick (damals Lieutenant im Masscn- bachschen Corps): er zeigt zugleich, wie tief die politische Lage des Vaterlandes ihn ergriff und wie richtig er sie Leurtheilte. „Mein lieber Rühle! Ich drücke dich von ganzem Herzen an meine Brust. Du hast mir mit deinem lebten Briefe, den du mir unverdient, weil ich dir auf den vorletzten nicht geantwortet habe, geschrieben, eine innige Freude gemacht. Warum können wir nicht immer bei einarider sein! Was ist das für ein seltsamer Zustand, sich immer an eine Brust hinsehnen und doch keinen Fuß rühren, nur daran niederzusinken? Ich wollte, ich wäre eine Säure oder ein Alkali, so hatte cs doch ein Ende, wenn man aus dem Salze geschieden wäre. Du bist mir noch immer so wcrth als irgend etwas in der Welt, und solche Zuschriften, wie die deinen, wecken dies Gefühl so lebhaft, als ob es neu geboren würde; aber eine immerwiederkeh- rcnde Empfindung sagt mir, daß diese Brieffrcundschaft für uns nicht ist, und nur insofern du auch etwas von der Sehnsucht fühlst, die ich nach dir, d. h. nach der innigen Ergreifung deiner mit allen Sinnen, innern und äußern, spüre, kann ich mich von deinen Schriftzügen, schwarz und weiß, in leiser Umschlingung berührt fühlen. In Betreff unseres gemeinsamen Freundes, ist er wohl nicht das erste rnhmlechzcnde Herz, das in ein stummes Grab gesunken; aber wenn der Zufall die ersten Kugeln gut lenkt, sieht er gewiß danach aus — und seine Lage fordert ihn auch dringend dazu auf — als ob er die ertränkte Ehre, wie Shakespeare sagt, bei den Locken Heraufziehen würde. Dir hängt sie noch an den Sternen, du wirst den Moment nicht versäumen, sie mit einem dreisten Griffe herunter zu reißen, schlüge dich ihr prächtig-schmetternder Fall auch zu Boden. So wie die Dinge stehn, kann man kaum auf viel mehr rechnen als auf einen schönen Untergang. Was ist das für eine Einleitung. I.IX Maßregel (OestreichS), den Krieg mit einem Winterquartier nnd der langwierigen Einschließung einer Festung auzufangen! Bist du nicht mit mir überzeugt, daß die Franzosen uns angreifen werden, wenn wir noch vier Wochen fortfahrcn, mit den Waffen in der Hand drohend an der Pforte ihres Rückzugs aus Oestrcich zu stehn? Wie kann man außerordentlichen Kräften mit einer so gemeinen und alltäglichen Reaktion begegnen! Warum hat der König nicht gleich bei Gelegenheit des Durchbruchs der Franzosen durch das Fränkische seine Stände zusammenbcrufen, warum ihnen nicht, in einer rührenden Rede —der bloße Schmerz hätte sie rührend gemacht! — seine Lage eröffnet? Wenn er es blos ihrem eigenen Ehrgefühl anheimgestellt hätte,, ob sie von einem gemißhandelten Könige regiert sein wollten oder nicht, würde sich nicht etwas von Nationalgeist bei ihnen geregt haben? Und wenn sich diese Regung gezeigt hätte, wäre dies nicht die Gelegenheit gewesen, ihnen zu erklären, daß cs hier gar nicht ans einen gemeinen Krieg ankomme? Es gelte Sei» oder Nichtsein; und wenn er seine Armee nicht um 300,000 Mann vermehren könne, bliebe ihm nichts übrig als ehrenvoll zu sterben. Meinst du nicht, daß eine solche Erschaffung hätte zu Stande kommen können? Wenn er all' seine goldnen und silbernen Geschirre prägen lassen, seine Kammerherrcn und Pferde abgeschafft hätte, seine ganze Familie ihm darin gefolgt wäre, nnd er, nach diesem Beispiel, gefragt hätte, was die Station zn thnn Willens sei! Zch weiß nicht wie gut oder schlecht cs ihm jetzt von seinen silbernen Tellern schmecken mag; aber dem Kaiser in Ollmütz, bin ich gewiß, schmeckt es schlecht. Was ist dabei zu thnn? Die Zeit scheint eine neue Ordnung der Dinge hcrbcifllhren zn wollen nnd wir werden davon nichts als den Umsturz des Alten erleben. Es wird sich aus dem ganzen, knl- tivirtcn Theile von Europa ein einziges großes System von Reichen bilden, und die Throne mit neuen von Frankreich abhängigen Fürstendynastien besetzt werden. Aus dem Oestreichischcn geht dieser lrinlcilung. QX glückgckrönte Abenteurer, falls ihm mir da« Glück treu bleibt, gewiß nicht wieder heran?. In kurzer Zeit werden wir in den Zeitungen lesen: „man spricht von großen Veränderungen in der deutschen Ncichsvcrsassnng," und späterhin: „cS heißt, daß ein großer deutscher (südlicher) Fürst an die Spitze der Geschäfte treten werde." Kurz, in Zeit von einem Jahre ist der Kurfürst von Baiern König von Deutschland. — Warum sich nur nicht Einer findet, der diesem bösen Geiste der Welt die Kugel durch den Kopf jagt! Ich möchte wissen, was so ein Emigrant zu thnn hat! Für die Kunst, sichst du wohl ein, war vielleicht der Zeitpunkt noch niemals günstig. Man hat immer gesagt, daß sic betteln geht; aber jetzt läßt sie die Zeit verhungern. Wo soll die Unbefangenheit des Gcmüths Herkommen, die schlechthin zu ihrem Gennssc nöthig ist, in Augenblicken, wo das Elend Jedem in den Nacken schlägt?" — In Königsberg trat ihm auch das Gespenst seiner Vergangenheit entgegen. Als er ans der Reise dahin 1804 durch Frankfurt a. O. kam, hatte er vermieden, Wilhclmine zu sehn, und erst 1806 kamen sie in Königsberg zusammen, wohin die junge Dame, welche sich nnterdeß verheiraihet hatte, mit ihrer Schwester und ihrem Gatten gezogen war. Das erste Wiedersehn des Paares war ein peinliches, in einer großen Gesellschaft. Nachdem sich Kleist eine lange Weile fern von seiner ehemaligen Braut gehalten hatte, ging er ans ihre Schwester zu, die er wieder seine „goldne Schwester" nannte und forderte sie zum Tanz ans. Er sprach weich und herzlich mit ihr, schüttete, unter vielen Sclbstanklagcn, sein ganzes Herz vor ihr ans und fragte sie, ob sie ihn würden Wiedersehn wollen? Die Schwester stellte ihn ihrem Schwager vor, der ihn selbst zu ihnen zu kommen bat, und so ward er bald ihr täglicher Gast, las ihnen seine Erzählungen vor und hörte gern ihre Urthcile darüber an. Die beiden Schwestern fanden ihn stiller und ernster als ehemals geworden, obwohl ihm seine kindliche Hingebung geblieben und seine Phantasie Einleitung. ' I.XI glühender als jemals war. Er sprach sich Uber seine Anstellung sehr bitter ans, und fand es unerträglich, Männern untergeordnet zu sein, die er übersah. Als das Elend über Preußen cinbrach, geriet!) er öfters völlig außer sich, hatte keinen andern Gedanken mehr als diesen, und sah alle Schrecken, die noch kommen sollten, mit Gewißheit voraus. Auch war seine Gesundheit schon sehr angegriffen, erhalte häufig Fieber und lag oft ganze Tage lang, wie er freilich sagte, mehr ans Unlust als ans Unwohlsein, zu Bett, oder ließ sich doch, in sein Zimmer verschlossen, von keinem Menschen sehn. In dieser Stimmung schrieb er an Rühle: „Wenn ich bisher mit meinen Antworten über die Maaßen zögerte, mein Freund, so thatcst du ein klebriges und ergriffst von selbst die Feder, um den auS- einandcrgehcndcn Kranz unsrer Freundschaft zu umwickeln und auch wohl cbencin ein neues Blümchen hineinznthnn; doch diesmal läßt du gewähren und deinethalben, scheint cs, könnte er auf immer auseinander schlottern. Nun, es hat nichts zu sagen, mein guter Rühle und ich küsse dich. Dieser Kranz, er ward beim Anfang der Dinge gut gewunden und das Band wird schon auch ohne weiteres Znthun so lange auShalten als die Blnmcn. Wenn du dich im Innern so wenig verändert als ich, können wir einmal, wenn wir »ns früh oder spät Wiedersehn, zu einander: „guten Tag" sagen und: „wie hast du geschlafen?" und unsre Gespräche von vor einem Jahre, als wären sie von gestern, sortsetzen. Ich habe den letzten Theil deiner Liebes- und LcbcnSgcschichte erhalten. Liebe, mein Herzcnsjnnge, so lange du lebst, doch liebe nicht wie der Mohr die Sonne, daß du schwarz wirst. Wirf, wenn sie auf- und nntcr- geht, einen freudigen Blick zu ihr hinauf, und laß dich in der übrigen Zeit von ihr in-deinen guten Thaten bescheinen und zu ihnen stärken und vergiß sie. Der Gedanke will mir noch nicht a»S dein Kopfe, daß wir noch einmal zusammen etwas thun müssen. Wer wollte aus dieser Welt glücklich sein! Pfui, schäme dich, möcht' ich KXH Einleitung. fast sagen, wenn dn es willst. Welch eine Kurzsichtigkeit, du edler Mensch, gehört dazu, hier, wo alles mit dem Tode endigt, nach etwas zu streben! — Wir begegnen uns, drei Frühlinge lieben wir uns, und eine Ewigkeit fliehen wir wieder anScinandcr. Und was ist des Strebend würdig, wenn es die Liebe nicht ist! Ach! cS muß ncch etwas Anderes geben, als Liebe, Glück, Ruhm und T, N, Z, wovon unsre Seelen nichts träumen. — Es kann kein böser Geist sein, der an der Spitze der Welt steht, es ist ein blos nnbegriffcncr. Lächeln wir nicht auch, wenn die Kinder weinen? Denke nur diese unendliche Fortdauer! Myriaden von Zeiträumen jedweder ein Leben, für jedweden eine Erscheinung wie diese Welt! Wie doch das kleine Sternchen heißen mag, das man auf dem Sirius, wenn der Himmel klar ist, sieht? Und dieses ganze ungeheure Firmament nur ein Stäubchen gegen die Unendlichkeit? Sage mir, ist dies ein Traum? Zwischen je zwei Lindenblättern, wenn wir Abends auf dem Rücken liegen, eine Aussicht, an Ahndungen reicher als Gedanken fassen und Worte sagen können. Komm, laß uns etwas Gutes thuu, und dabei sterben! Einen der Millionen Tode, die wir schon gestorben sind und ncch sterben werden. — Es ist als ob wir ans einem Zimmer in das andre gehen. Sieh! die Welt kommt mir vor wie eingcschachtclt, das Kleine ist dem Großen ähnlich. So wie der Schlaf, in dem wir uns erholen, etwa ein Mertel oder Drittel der Zeit dauert, da wir uns im Wachen ermüden, wird, denke ich, der Tod, und aus einem ähnlichen Grunde, ein Viertel oder Drittel des Lebens dauern. Und gerade so lange braucht ein menschlicher Körper um zu verwesen. Und vielleicht giebt cs für eine ganze Gruppe von Leben noch einen eignen Tod wie hier für eine Gruppe von Durchwachungen (Tagen) einen. — Nun wieder zurück zum Leben! so lange es dauert, werde ich jetzt Trauerspiele und Lustspiele machen. Ich habe eben wieder gestern eins fortgeschickt, wovon dn die erste Scene schon in Dresden gesehen hast. Es ist Einleitung. I.XIII der zerbrochene Krug. Sage mir dreist als ein Freund, deine Meinung und fürchte nichts von meiner Eitelkeit. Meine Borstellung von meiner Fähigkeit ist nur noch der Schatten von jener ehemaligen in Dresden. Die Wahrheit ist, daß ich das, was ich mir vorstelle, schon finde, nicht das was ich leiste. Wäre ich zn etwas Anderem brauchbar, so würde ich cs von Herzen gerne ergreifen. Ich dichte blos, weil ich es nicht lassen kann. Du weißt daß ich meine Carriere wieder verlassen habe. Altenstein, der nicht weiß wie das znsammenhängt, hat mir zwar Urlaub angcboten und ich habe ihn angenommen; jedoch bloS um mich sanfter ans der Afsaire zn ziehen. Ich will mich jetzt durch meine dramatischen Arbeiten ernähren und nur wenn du meinst, daß sie auch dazu nichts taugen, würde mich dein Nrtheil schmerzen und auch das blos weil ich verhungern müßte. Sonst magst dn über ihren Werth nrtheilen, wie du willst. In drei bis vier Monaten kann ich immer ein solches Stück schreiben und bringe ich cS nur auf 40 FriedrichSd'or, so kann ich davon leben. Auch muß ich mich im Mechanischen verbessern, an Ucbnng znnchmen, und in kurzer Zeit Besseres liefern lernen. Jetzt habe ich ein Trauerspiel unter der Feder. — Ich höre, dn, mein lieber Junge, beschäftigst dich auch mit der Kunst? Es giebt nichts Göttlicheres als sie. Und nichts Leichteres zugleich. Und doch warum ist cs so schwer? Jede erste Bewegung, alles Unwillkühr- liche ist schön, und schief und verschroben alles, sobald cs sich selbst begreift. O, der Verstand! der unglückliche Verstand! Studiere nicht zn viel, folge dem Gefühl. Was dir schön dünkt, das gieb uns ans gut Glück. Es ist ein Wurf wie mit dem Würfel; aber es giebt nichts anderes." — Er war wirklich in Königsberg sehr fleißig gewesen und konnte dem Freunde außer dem genannten Lustspiel die beiden Novellen, eine Bearbeitung des Amphitrpon von Meliere und (wahrscheinlich) den neu bearbeiteten Guiskard zuschicken. Nühle, der sich wieder I.XIV Einleitung. in Dresden aufhiclt, rmd dort eine Darstellung des Feldzugs von 1806 ausarbeitete, hatte bedeutende Verbindungen angeknüpft, namentlich mit Gentz und Adam Müller, und hoffte auf sie ihre Herausgabe zu bewerkstelligen. Den Dichter trieb die Unruhe Wiederaus Königsberg. Als nach der Schlacht von Eylau (7. Fcbr. 1807) in Preußen mehrere Parteigänger anftauchtcn, wanderte er mit Pfuel und zwei andern Officieren zu Fuß nach Berlin. Pfuel trennte sich von seinen Begleitern kurz vor der Stadt, um nach Ncnndorf zu Fouquv's zu gehn. Die drei Andern wurden am Thor angehalten, und Kleist, da er ohne Paß war und nur feinen Abschied als Lieutenant in der Tasche hatte, auch leicht in Verlegenheit geriet!) und stotterte, als vermeinter Schill'scher Offener ohne weiteres gefangen genommen und nach dem Fort Jonx, dein ehemaligen Gefängnis; des Neger Toussaint, abgefllhrt. Nachdem er dort ein halbes Jahr gesessen brachte man ihn nach ChalonS. Von dort schrieb er an eine geistreiche Verwandte: „Was soll jetzt aus meiner Sache werden? Sie sehen, daß alle Ihre Bemühungen für mich gänzlich überflüssig gewesen sind. Von Tage zu Tage habe ich immer noch, dem Versprechen gemäß, das Ihnen der General Clarke gegeben hat, auf eine Ordre zu meiner Befreiung gewartet; doch statt dessen sind ganz andre Verfügungen wegen unsrer angckommeu, die mir vielleicht alle Hoffnung dazu benehmen. Welch ein unbegreifliches Mißverständnis; muß in dieser Sache obwalten. So werde ich mich wohl mit dem Gedanken bekannt machen müssen, bis ans Ende des Krieges in dieser Gefangenschaft anshaltcn zu müssen. Und wie lange kann dieser Krieg noch dauern, dieser unglückliche Krieg, den vielleicht garnicht einmal ein Friede beendigen wird? sder Brief ist also vordem 7. Juli geschrieben.) Was sind dies für Zeiten. Sie haben mich immer in der Zurückgezogenheit meiner Lebensart für isolirt von der Welt gehalten, und doch ist vielleicht niemand inniger damit verbunden, als ich. Wie trostlos ist die Aussicht, die sich uns Einleitung. L.XV eröffnet. Zerstreuung, und nicht mehr Bewußtsein, ist der Zustand, der mir wohl thut. Wo ist der Platz, den man jetzt in der Welt einznnehmen sich bestreben könnte, im Augenblick, wo alles seinen Platz in verwirrten Bewegungen verwechselt? Kann man auch nur den Gedanken wagen, glücklich zu sein, wenn alles in Elend darrliederliegt? Ich arbeite, wie Sie wohl denken können, doch ohne Lust und Liebe zur Sache. Wenn ich die Zeitungen gelesen habe und jetzt mit einem Herzen voll Kummer die Feder wieder ergreife, so frage ich mich, wie Hamlet den Schauspieler, was mir Hekuba sei? Hier in Chalons lebe ich wieder so einsam, wie in Königsberg. Kaum merke ich, daß ich in einem fremden Lande bin, und oft ist es wie ein Traum, hundert Meilen gereiset zu sein, ohne meine Lage verändert zu haben. Es ist hier niemand, dem ich mich anschließen möchte: unter den Franzosen nicht, weil mich ein natürlicher Widerwille schon von ihnen entfernt, der noch durch die Behandlung, die wir jetzt erfahren, vermehrt wird; und unter den Deutschen auch nicht. Und doch sehnt sich mein Herz so nach Mittheilung. Letzthin saß ich auf einer Bank in einer öffentlichen, aber wenig besuchten Promenade, und es fing schon an finster zu werden, als mich jemand, den ich nicht kannte, init einer Stimme anredete, als ob sie Pfuel aus der Brust genommen gewesen wäre. Ich kann Ihnen die Wehmnth nicht beschreiben, die mich in diesem Augenblick ergriff. Und sein Gespräch war auch ganz so tief und innig, wie ich es nur einzig auf der Welt an ihm kennen gelernt habe. Es war mir, als ob er Lei mir säße, wie in jenem Sommer vor drei Jahren, wo wir in jeder Unterredung immer wieder aus den Tod, als den ewigen Refrain des Lebens zurück kamen. Ach es ist ein ermüdender Zustand, dieses Leben, recht wie Sie sagten, eine Fatigue. Erfahrungen rings, daß man eine Ewigkeit brauchte, uni sie zu würdigen, und, kaum wahrgenommen, schon wieder von andern verdrängt, die eben so unbegriffen verschwinden." H. v. Kleists Werke. I. Bd. e I.XV! Einleitung. Inzwischen war Nühle in Dresden, wo er als Major nnd Kammerherr des Herzogs Bernhard von Weimar lebte, für seinen Freund thätig gewesen. Auch Dresden suchte sich damals seinen Platz in der Literatur zu erobern; es war eine Zeit lang der Zufluchtsort der guten Gesellschaft, die sich ans neutralem Boden zwischen den beiden deutschen Großmächten znsammenfand. Gentz, damals einer der ersten unter den geistigen Führern der Coalition gegen Frankreich, hatte seine Fürsten, Grafen nnd Barone für die ästhetischen Vorlesungen des jungen Adam Müller geworben, den er für den ersten Kopf Deutschlands hielt. Dieser talentvolle Sophist, nur zwei Jahre jünger als Kleist (1779 in Berlin geboren), hatte nach einander Theologie, die Rechte nnd Naturwissenschaft studirt, und beschäftigte sich dann mit Gründung einer Philosophie, welche die Einseitigkeit aller frühcrn Systeme anfhcbeu sollte: wenn diese darauf ausgingen, einen absolut festen Pnnct aufznfinden, stellte Müller die Welt als einen Organismus ineinander fluctuircnder Gegensätze dar, ans deren Bewegung er jede irrationelle Erscheinung in Kunst und Politik zu erklären unternahm — den Hellenismus und die Romantik; die Legitimität und Napoleon; Gott nnd den Teufel. Merkwürdig genug war es, daß er kurz nach den: Erscheinen seiner „Lehre vom Gegensatz" katholisch wurde (1805). In Rühle hatte er einen begeisterten Anhänger gefunden, nnd als dieser ihm die Manuscripte Klcist's übergab, glaubte er in ihm den großen Dichter zu haben, mit dem er gegen die bisherigen Schulen in die Schranken treten könne. Er suchte seine Partei nach allen Seiten hin zu verstärken; der Maler Ferdinand Hartmann aus WUrtemberg, jetzt gleichfalls in Dresden, vertrat die Kunst; Heinrich Schubert aus dem Schonburgischeu und Wetzel aus Bautzen, die beide, gleichalterig (geb. 1780) zusammen in Leipzig studirt, führten die Medicin, die Lyrik nnd den Humor in das Schema des Gegensatzes ein. Wetzel hatte 1806 den „Magischen Spiegel, darinnen zu schauen die Zu- Einleitung. L.XVN klinft Deutschlands" geschrieben, Balladen gedichtet und humoristische Abhandlungen veröffentlicht; Schubert hielt Vorlesungen über „die Nachtseite der Naturwissenschaften," d. h. die Geisterwelt, den Magnetismus und die Metamorphosen der Pflanzen und Thiere. In diese Periode der Gährung fiel Kl ei st's Amphitryvn, den Müller mit einer begeistert mystischen Vorrede sofort drucken ließ, wie ein elektrischer Funke. — Am 9. Mai 1807 schreibt Müller an seinen Freund Gentz in Prag: „Ich sende Ihnen die von mir her- ausgegebene dramatische Arbeit eines jungen Dichters, der vielleicht Besseres und Höheres als irgend ein anderer verspricht. Die Lec- türe des zweiten Acts des Amphitryon wird Sie bewegen, mein Urtheil zn unterschreiben. Die äußere Nngeschliffenheit der Verse wegzuschaffen, hielt ich nicht für meinen Berns, um so weniger, als ich den innern Rhythmus dieses Gedichts zn verletzen für ein Verbrechen gegen die poetische Majestät dieses großen Talents gehalten haben würde. Wäre der Verfasser nicht gegenwärtig im Schlosse Jonx als Arrestant der Nachfolger Toussaints, so würde, was Sie Nachlässigkeit in der Sprache und im Versbau nennen mögen, wahrscheinlich daran nicht anszusetzen sein. Ich besitze mehrere Ma- nuscripte dieses Autors, die zn gelegener Zeit erscheinen sollen." — Zugleich berichtet er über seine eignen ästhetischen Vorlesungen und seine projectirte „ckivlim comeäla," das dramatische Gedicht Julian der Abtrünnige. — Gentz antwortet aus Prag, 16. Mai: „Das Kleist'sche Lustspiel hat mir die angenehmsten, und ich kann wohl sagen, die einzigen rein angenehmen Stunden geschaffen, die ich seit mehreren Jahren irgend einem Product der deutschen Literatur verdankte. Mit uneingeschränkter Befriedigung, mit unbedingter Bewunderung habe ich es gelesen, wieder gelesen, mit Molidre verglichen und dann auf's Nene in seiner ganzen herrlichen Originalität genossen. Selbst da, wo dieses Stück nur Nachbildung ist, steigt es zn einer Vollkommenheit, die nach meinem Gefühl we- e* l-XVIII Einleitung. der Bürger, noch Schiller, noch Goethe, noch Schlegel in ihren Uebersetzungen französischer oder englischer Theaterwerke jemals erreichten. Denn zugleich so Meliere und so deutsch zu sein ist wirklich etwas wundervolles. Was soll ich nun aber von den Theilen des Gedichts sagen, wo Kleist hoch über Moliere thront! Welche Scene, die, wo Jupiter der Alkmeue das halbe Geheimnis; enthüllt! Und welche erhabene Entwickelung! — Wie unendlich viel edler und zarter und schöner sind selbst mehrere der Stellen, wo er im Ganzen dem Gange des Franzosen gefolgt ist, z. B. das erste Gespräch zwischen Amphitryon und seiner Gemahlin! Und welche vis oomioa. in den eigenthümlichen Zügen, womit er den Charakter des Sofias noch auSgestattet hat! — In Moliere ist das Stück bei allen seinen einzelnen Schönheiten und dem großen Interesse der Fabel (die ihm so wenig augchört als Kleist), am Ende doch nichts als eine Posse. Hier aber verklärt es sich in ein wirklich Shakspcare'sches Lustspiel, und wird komisch und erhaben zugleich. Es war gewiß keine gemeine Aufgabe, den Gott der Götter in einer so mißlichen und zweideutigen Lage wie er hier erscheint immer noch groß und majestätisch zu halten; nur ein außerordentliches Genie konnte diese Aufgabe niit solchem Erfolg lösen. — Die Sprache ist durchaus des ersten Dichters würdig; wenn Sie nicht von Makeln gesprochen hätten, würde mir kaum eine aufgestoßen sein, diesen Stil nenne auch ich classisch." „Nun sagen Sie mir doch vor allen Dingen, worüber Sie wahrlich nicht ganz hätten schweigen solle»: wer ist denn dieser Kleist? Woher kennen Sie ihn? Warum hörte ich nie seinen Namen? Wie kommen Sie zu seinen Manuscripten, und wie kommt er zum Schlöffe Joux?" — „Mit großer Freude, erwiedert Müller, der leider auf jene Fragen die Auskunft schuldig bleibt, 25. Mai, sehe ich, daß der Amphitryon Ihnen so gut gefallen hat. Hartmann hat ein großes herrliches Bild gemalt, die drei Marien am Grabe, welches zugleich mit dem Amphitryon mir eine neue Einleitung. I^XIX Zeit für die Kunst verkündigt. Der Amphitryon handelt ja wohl ebensogut von der unbefleckten Empfängniß der heiligen Jungfrau als von dem Geheimnis; der Liebe überhaupt, und so ist er gerade aus der hohen schönen Zeit entsprungen, in der sich endlich die Einheit alles Glaubens, aller Liebe und die große, innere Gemeinschaft aller Religionen ansgethan, aus der Zeit, zu deren echten Genossen Sie und ich gehören. Protestiren Sie nicht länger, mein Freund, gegen die Zukunft des Herrn in Wissenschaft, Leben und Kunst!" — Auch die Jcnaischc Literaturzeitung (24. Juli) meinte etwas Ähnliches — so sah es damals in den Köpfen aus! — Gentz hatte über das Stück mehrere Unterredungen mit Goethe, ohne diesen zu überzeugen. „Nach meiner Einsicht, sagt Goethe, scheiden sich Antikes und Modernes ans diesem Wege mehr, als daß sie sich vereinigten. Wenn man die beiden entgegengesetzten Enden eines lebendigen Wesens durch Contorsion zusammenbringt, so giebt das noch leine neue Art von Organisation; es ist allenfalls nur ein wunderliches Symbol, wie die Schlange, die sich in den Schwanz beißt." „Der antike Sinn in Behandlung des Amphitryon ging ans Verwirrung der Sinne, auf den Zwiespalt der Sinne mit der Ucber- zengung; es ist daS Motiv der Menächmen, nur mit dem Bewußtsein des einen Theils. Kleist geht ans die Verwirrung des Gefühls aus. Das Stück enthält nichts Geringeres als die Deutung der Fabel ins Christliche, die Ucberschattung der Maria vom heiligen Geist. So ist's in der Scene zwischen Zeus und Alkmcne. Das Ende aber ist klatrig. Der wahre Amphitryon muß es sich gefallen lassen, daß ihm Zeus diese Ehre angethan hat; sonst ist die Situation der Alkmene peinlich und die des Amphitryon zuletzt grausam." — Indessen hatte Goethe Lei dem Jon seines Freundes A. W. Schlegel dieselbe Situation, die noch dazu viel unpoeti- schcr behandelt war, gegen alle Anfechter aus das lebhafteste ver- theidigt. — Auch Tieck nennt mit Recht den Amphitryon eine Vcr-, I.XX Einleitung. irruug. „In den komischen Scenen steht der Deutsche unendlich hinter dein Franzosen zurück, dessen Naivetät, Witz und leicht bewegliche Laune bei weitem durch nichts Achnliches ersetzt werden, die Zier der Sprache und den Schmuck des Reims noch ungerechnet. Daß Kleist die ernsthaften Figuren des Stücks anders hat stellen, und ihnen eine tiefe, so zu sagen, mystische Bedeutsamkeit hat geben wollen, ist eben ein noch größeres Mißverständniß. Denn diese Fabel, aufgeschmückt durch den tollen Spaß des Sofias und Merkur, ihre lustigen Händel über das wahre Ich und den echten Amphitryon, wird nur möglich, und die Hauptfiguren haben nur Sinn, wenn diese, wie bei Plantns nnd Meliere, etwas oberflächlich gehalten werden; die Liebe Jupiters kann uns nicht interessiren, sondern nur die tolle mährchenhaftc Begebenheit des Stücks; je mehr diese heroortritt, je besser, um so eher ertragen wir den Schluß, der immer mir willkürlich und unbefriedigend bei den Neueren aus- falleu kann." Es lag in Kleist's Natur, daß er bei einem Stoff, wo Geistiges und Sinnliches sich so nahe berühren, beim Schwank nicht stehen bleiben konnte. Daß ein liebendes Weib den Gemahl in der Umarmung nicht erkennen sollte, verwirrte sein Gefühl, und um dasselbe ins Klare zu setzen, stellt er über die Identität des Göttlichen und Menschlichen, über die Allpersönlichkeit Jupiters, der insofern wirklich mit Amphitryon identisch sei, Betrachtungen an, die mehr an die Schclling'sche Naturphilosophie als an die christliche Legende erinnern. Die letzte Erscheinung Jupiters bei Kleist ist glänzend, stimmt aber nicht recht zu den vorhergehenden Schwänken, und was jene Mystik betrifft, so ist es zweckmäßig, zur Abkühlung auf den nüchternen Schluß bei Molivre hinzuweisen. Wenn Merkur, der den Sofias geprügelt, erklärt: Iss ooups äs bilton ck'un äiou laut llonuour k. gui los vnckuro, so zuckt Sofias über diese Wunderliche „Courtoisie" die Achseln; und als Jupiter „die Pille vergoldet": mou uom ötouüo ioi los bruits gut pouvaiont öolatvr; Einleitung. l.xx'1 till gartago LVSS ckuxitsr u'a rieu cku tont gui ckcksüouors; und als die Höflinge dem armen Amphitrhon, der ein bestürztes Schweigen bewahrt, gratnliren (Mkmcne bleibt schicklicher Weise draußen), hält Sofias folgenden Epilog: Llsssienrs, vonksL-vons dien snivrs mon ssntiment? Ke vons vinbargnsL nnllement ckans ees äon- vsnrs oongratulantss; o'sst nn inanvais emdargnomsnt, et ck'nno st ä'antre gart, gonr nn tsl eomxliinent, les xdrasss sont cin- barrassLntes. Us granck ckisn ckupiter nous tait bsaneong ck'llon- nsnr, et sa dontck, Sans ckonts, est ponr nons sans seeonäe; . . . inais enün, sonxons a»x ckiseonrs, et gns edaenn eüsL sei ckoneoment ss retire. 8ur telles akkairss tonjonrs Is msillenr sst cks ns risn ckirs. Auf alle Fälle hatten sich Kleist's Aussichten jetzt wesentlich verbessert, als er durch die Vermittelung des Gesandten Bourgoing ans seiner Haft endlich befreit, mit dem Gelbe, das ihm Rühle für den Amphitryon geschickt, zurück kehrte, und nach kurzem Auf-, enthalt in Berlin nach Dresden eilte, wo er von Rühle mit der alten Herzlichkeit, von Müller begeistert empfangen wurde; auch in das Körner'sche Haus führte mau ihn ein. Zwar war jetzt sein Vermögen völlig verzehrt und er darauf angewiesen, sich seinen Lebensunterhalt als Schriftsteller zu verdienen, aber er hatte zahlreiche Manuscripte bereit, war im besten Zuge des poetischen Schaffens, und für die öffentliche Anerkennung bot sich der jetzt sehr beliebte Weg einer Zeitschrift. Da nun augenblicklich Friede war, tauchten eine Menge derartiger Unternehmungen in allen Theilen Deutschlands auf, ganz abgcsehn von den alten und neuen Litcraturzeitun- gen in Halle, Jena, Heidelberg u. s. w.; so gab in Wien Seckendorf den Prometheus heraus, der mit Goethe's Pandora glänzend debntirte; Arnim im Verein mit Brentano, Grimm, Tieck, I. Kerner u. A. die „Trost-Einsamkeit;" Rühle unternahm im Sommer 1808 die „Pallas," die sich bis Ende 1810 hielt und im I^xxn Einleitung. Sinn des Miillerschen Gegensatzes nach seinem eignen Ausdruck „eine Copula zwischen Politik und Mathematik" sein, zwischen dem Bonapartismus und dem Deutschthnm vermitteln sollte. Gleichzeitig schrieb er die „Hieroglyphen oder Blicke aus dem Gebiet der Wissenschaft in die Geschichte des TagcS," in welchen, wie in Buch- Holz' Leviathan, England als der Erbfeind der Civilisation dargestcllt wurde. — Müller und Kleist endlich vereinigten sich mit Hartmann, Schubert, Wetzel u. A. zur Herausgabe des „Phöbns," der vom Januar bis Deccmber 1808 in monatlichen Heften erschien. — „Ich sende Ihnen, schreibt Müller an Gentz, 25. Decembcr 1807, einige ProspcctuS des Kunstjournals, welches wir heransgcbcn, mit der Bitte, für selbiges so viel Interesse zu erwecken als möglich. Zwei Tragödien von Kleist, Penthesilea und Gniskard, eine Novelle von demselben: die Marquise von O . ... und ein Lustspiel bilden nebst meinen vielen neueren Vorlesungen, besonders den neuesten über das Erhabene und Schöne den Fond. Ich dirigire die Philosophie und Kritik, Kleist die Poesie und Hartmann die bildende Kunst. Wir bitten Sie vereint, diese Entreprise, welche Ihrer Empfehlung Ehre machen soll, unter Ihren Schutz zu nehmen, und von ihr gegen jedermänniglich ans die bekannte, liebreiche, wohlwollende, ja eindringliche Weise zu reden, der ich einst bei meinen ersten Vorlesungen und an vielen andern Orten, mein und meiner Sache Glück, ja meine Existenz zu danken hatte. Sollte nicht vielleicht irgend ein historisches Werk oder auch nur Fragment von Ihnen zu erwarten oder zu erbitten sein? — Denn wir nehmen das Wort Kunst in der ganz allgemeinen Bedeutung, da jede kunstreiche Behandlung irgend eines Stoffes einbegriffen ist, und dies nicht Llos, um die Sphäre des Journals zu erweitern, sondern um in recht verschiedenartigen Gestalten den Geist ausgedrückt zu sehn, welchen wir meinen." — Weiter, 6. Februar 1808: „Ich will mit Ihnen nicht darüber rechten, ob die Nachricht von einer öffentlichen Allianz zwt- Einleitung. L.XXHI scheu mir und einem Dichter vom allerersten Range nicht hätte von Ihnen mit etwas lebhafterem Beifall ausgenommen werden sollen. Sie sollten eigentlich die Ironie in unsrer Firma: Journal für die Kunst, empfinden . . . Den Vergleich mit den Horen können wir uns aus vielen Gründen nicht gefallen lassen: . . . von einem wahren Gegensatz zwischen Poesie und Philosophie, also von einer echten Allianz zwischen beiden, war im Bezirk dieses Journals nichts zu spüren; ferner waren die Horen zu einer sonntäglichen Retraitc bestimmt, wo man das wirkliche Leben und alles politische Kreuz der Zeitumstände eine Weile vergessen sollte. In eine so schlaffe Ansicht des Lebens habe ich nie eingehcn wollen . . . Meine Kunst- ansichtcn müssen und sollen allen Dichtern meiner Zeit, Goethe und Kleist ausgenommen, allzu realistisch erscheinen; wäre es anders, so hätte ich unrecht." „Sie mißrathen uns die Paradoxien, z. B. die anscheinende der Penthesilea. Wir dagegen wollen, es soll eine Zeit kommen, wo der Schmerz und die gewaltigsten tragischen Empfindungen, wie es sich gebührt, den Menschen gerüstet finden, und das zermalmendste Schicksal von schönen Herzen begreiflich und nicht als Paradoxie empfunden wird. Diesen Sieg des menschlichen Gcmüths über kolossalen, hcrzzerschneidcnden Jammer hat Kleist in der Penthesilea als ein echter Vorfechter für die Nachwelt im Voraus erfochten." „Ist das Blut, welches empört und vergossen wird, zugleich der Balsam für die mitempörten Zeugen, so lassen Sie die Welt immerhin etwas schaudern, und so Gott es ihr vergiebt, auch etwas ekeln; cS werden schon glücklichere Zeiten kommen, welche ganz unbefangen das Große und Natürliche und Menschliche begehren werden. Gerade Sie müßten ganz andere Dinge in Kleist sehen als die, worüber Sie Sich mit so vielem Unwillen anslassen. Sie müßten an diesem Dichter preisen, daß er, der an der Oberfläche der Seelen spielen und schmeicheln könnte, der alle Sinne mit den wunderbarsten Effecten durch Sprache, i-xxiv Einleitung. Wohllaut, Phantasie, Ueppigkeit u. s. w. bezaubern könnte, daß er alle diese lockern Künste und den Beifall der Zeitgenossen, welcher unmittelbar an sie geknüpft ist, verschmäht, daß er für jene nngroß- müthige Ruhe, für die flache Annehmlichkeit keinen Sinn, keinen Ausdruck zu haben scheint, und viel lieber im Bewußtsein seiner schönen Heilkräfte Wunden schlägt, um nur das Herz der Kunst und der Menschheit ja nicht zu verfehlen." — „Weder die antike noch die christliche Poesie des Mittelalters hat ihn befangen. Sie werden in der Penthesilea wahrnchmen, wie er den antiken Schein vorsätzlich bei Seite wirft, um, wenn auch in allem andern, doch nicht darin verkannt zu werden, daß von keinem Affectiren der Griechheit die Rede sei. Ich nun habe oft darüber geklagt, daß sein Gemüth allzu antik sei, daß die moderne Poesie in ihrer allegorischen Fülle zu wenig über ihn vermöge, und so war seine Legende (der Engel am Grabe des Herrn) eine freundschaftliche Rücksicht auf meine Neigung und meine Wünsche für ihn. Aber auch dort offenbart sich überall das antike, die Gestaltung über die Antike weit erhebende Gemüth. Hierauf ist zwischen mir und Kleist eine nähere Verständigung erfolgt, und ich fühle jetzt, wie seine Werke jene antike Bestimmtheit auch nur an sich tragen, um der Reaction willen, zu welcher die Zeit ihn aufruft, um der neuen Aufklärung willen, die nun im Phöbus dem Zeitalter geboten werden soll, welches sich nur allzu sehr, durch Unglück bestärkt, zu einer falschen Mystik hinüber- ncigt." — Gentz, der damals über Müller, Rühle und die andern Philosophen des „Gegensatzes" sehr verdrießlich war, weil er sie im Verdacht hatte, mit Napoleon zu buhlen, sprach sich verstimmt auS, worauf Müller (14. März) entgegncte: „Flach finden Sie diese - Marquise von O.? und ich könnte lange nach Worten suchen, um dieses ganz unbegreifliche Urtheil zu bezeichnen. Kleist kann es nicht weiter afficiren, da Stil und Leben dieses Dichters, und sein unerbittlicher Muth, und seine vielleicht noch allzuschroffe Erhaben- Einleitung. nxv heit keinem Blinden noch Geblendeten oerborgen bleiben können. Also vermochte die moralische Hoheit dieser Geschichte nichts über Sie, der Sic doch auch das Leben von keiner flachen Seite kennen gelernt, und durch die Apostasie vom Buchstaben der Moral hindurchgedrungen sind zur Erkcnntniß der himmlischen Mächte, welche nur durch ein gewaltiges, vom Vatcrhause forttreibendes Schicksal, oder durch Schuld und Verbrechen entbunden werden! . . . Aber nicht bloS wegen der königlichen Wahrheit dieser Geschichte, sondern wegen der unvergleichlichen Kunst in der Darstellung habe ich darauf gedrungen, daß schon das zweite Heft damit geschmückt, und meine kleinen Arbeiten durch seine Gesellschaft erhoben werden sollen." „Was die Zeitgenossen darüber denken, ist gleichgültig! Alles recht Göttliche muß wohl dreißig und mehr Jahre in irdischer Umgebung so forttreiben, das lehrt die Weltgeschichte, die Bibel, und wirb auch das Schicksal der Werke lehren, welche der Phöbus verbreitet. Vielleicht sind sie etwas zu frühzeitig, und das wäre ihr einziger schöner Vorwurf." — Leider findet sich nur noch eine Aeußcrung von Gcntz, 2. Juni: „Ich habe einen Brief von Kleist erhalten, der mich an so vielen Seiten zugleich packt, daß ich lügen und heucheln würde, lieber als gefühllos zu scheinen. Ich habe eS aber Gottlob nicht nö- thig. Das: Heil dir! war kein Hexcngeschrei; meine Idee von der Größe und Fülle des Kleistfichen Talents ist ganz dieselbe geblieben; uicht erst im Guiskard, auch schon in der — mir ewig verhaßten — Penthesilea fand ich sie wieder! Was liegt denn daran, daß ein solcher Dichter ein Paar falsche Griffe thue? er bleibt sich und seiner Nation gewiß. — Ich werde,, obgleich innerlich beschämt über den viel zu großen Werth, den er auf mein Urtheil legt, mich in kurzein unmittelbar gegen ihn erklären." — Das Januarheft des Phöbus enthält außer einigen Abhandlungen Müllers über dramatische Poesie, über Frau von Stasl u. s. w. von Kleist einen poetischen Prolog und Epilog, ein Gedicht: „der Lxxvi Einleitung. Engel am Grabe des Herrn;" hauptsächlich aber ein „organisches Fragment ans der Penthesilea" — ohne den gräßlichen Schluß, den man freilich schon ahnt. Der Dichter schickte das Heft an Goethe, der eben den zerbrochenen Krug zur Aufführung vorbereitete, und ihm 1. Februar antwortete: „Ew. Hochwohlgcborcn bin ich sehr dankbar für das übersendete Stück des Phöbus. Die prosaischen Aufsätze, wovon mir einige bekannt waren, haben mir viel Vergnügen gemacht. Mit der Penthesilea kann ich mich noch nicht befreunden. Sie ist ans einem so wunderbaren Geschlecht und bewegt sich in einer so fremden Region, daß ich mir Zeit nehmen muß mich in bcyde zu finden. Auch erlauben Sie mir zu sagen (denn wenn man nicht aufrichtig seyn sollte, so wäre es besser man schwiege gar), daß cs mich immcr betrübt und bekümmert, wenn ich junge Männer von Geist und Talent sehe, die auf ein Theater warten, welches da kommen soll. Ein Jude der auf den Messias, ein Christ der auf's neue Jerusalem, und ein Portugiese der ans den Don Sebastian wartet, machen mir kein größeres Mißbehagen. Vor jedem Brctcrgerüst möchte ich dem wahrhaft theatralischen Genie sagen: Iiicirüoäus Iilc salta! Ans jedem Jahrmarkt getraue ich mir, auf Bohlen über Fässer geschichtet, mit Calderon'S Stücken, mutatis mutanckis, der gebildeten und ungebildeten Masse das höchste Vergnügen zu machen. Verzeihen Sic mir mein Geradezu: es zeigt von meinem aufrichtigen Wohlwollen. Dergleichen Dinge lassen sich frey- lich mit aufrichtigeren Tournuren und gefälliger sagen. Ich bin jetzt schon zufrieden, wenn ich nur etwas vom Herzen habe. Nächstens mehr." — Alles das ist unzweifclhast sehr richtig, mir nimmt es Wunder, daß gerade Goethe cs sagt; daß er es gerade 1808 sagt, wo er die Pandora schrieb und drucken ließ, wo er den Faust vollendete und wo er den Monstrositäten Zacharias Werners, einem Attila, einer Wanda, durch seine Autorität in Weimar und anderwärts Eingang, und dem Dichter eine Pension verschaffte. Freilich Einleitung. QXXVll verräth es von Kleist eine seltsame Verirrung, wenn er bei der Penthesilea auch nur an die Möglichkeit einer Aufführung dachte; aber es hätte sich über das Stück denn doch noch etwas anderes sagen lassen, und gerade Goethe hätte es sagen können. Gab es noch einen Weg, Kleist zu retten — in einem Augenblick wo er alle seine Kräfte zusammenraffte — so war es Goethe's mächtiger Schutz; und dieser blieb ihm versagt. — Noch im Frühling kam die Penthesilea heraus (bei Cotta); vergleicht man cs mit dem Fragment des Phöbus, so sieht man, wie unermüdlich der Dichter die Feile anwandte. — „Nur ein wahrhaft dichterisches Gemüth, sagt Tieck, konnte den bizarren Plan und den Charakter der Penthesilea fassen und entwerfen, und nur seine Energie, wenn sie eininal das völlig Unnatürliche und jenseit aller Wahrheit liegende ergriffen hatte, konnte den Muth und die Ausdauer behalten, dieses seltsame Ungeheuer mit so vielem Schmuck ächter Poesie, mit solchen Zügen großer und schöner Menschlichkeit, mit so manchem rührenden Verse, so oft wiederkehrenden erhebenden Gesinnungen zu zieren und auszustatten. Sieht man nur auf Sprache und Vers, auf glänzende, so vollendete Schilderungen, daß wir die Sache selbst im klarsten Licht vor unfern Augen sehn, auf Kühnheit der Bilder und Gleichnisse (wo sich freilich einigemal das Widrigste neben das Schöne stellt), so wird man versucht zu glauben, daß der Verfasser der Schroffensteiner in seiner Kunst außerordentlich vorgeschritten sei; betrachtet man aber die eigentliche Bildung des Werkes, geht man von den einzelnen Theilen zum Ganzen, so muß man sich gestehn, daß der Dichter im Wesentlichen einen bedeutenden Rückschritt gemacht habe. Wieder wird uns die Begebenheit wie in der Form eines Prozesses, mit dem auf- und abschwankenden Für und Wider vorgetragen, erst, daß wir nur begreifen, worauf es ankommt, und als sich dies Räthsel löst, der Wechsel der Begebenheit selbst, indem Penthesilea glaubt, sie sei die Siegerin, da sie doch die Besiegte ist. Dieses Gedicht ist merkwürdig und läßt I.XXVI1I Einleitung. erkennen, wohin selbst ein echtes Dichtertalcnt geführt wird, trenn es sich gelüsten läßt das Unmögliche zur Aufgabe zu wählen, und in dem, was jeuseit der Natur liegt, etwas Höheres, als die Natur sehu zu wollen. Bei allem aber, was sich diesem Werke mit Recht vorwerfen laßt, könnte seine Armuth noch manchen der neuem Dichter reich machen." — Wir können Tieck nicht beipflichtcn, wenn er das Stück einen Rückschritt nennt: aus der Penthesilea wie ans dem Kohlhaas läßt sich ebenso die ganze Größe, wie die ganze Krankhaftigkeit des Dichters ermessen. Freilich muß man stärker darin abstrahiren als in einem andern Werk von Kleist, von den unmöglichen Voraussetzungen wie von dem entsetzlichen Eindruck der Hanpt- scene; man muß eine Exccntricität der Gesühlsschwingnngcn, die dem deutschen Gefühl widerstrebt, sich gefallen lassen; wenn man aber das vermag, und sich in die fremdartige Traumwelt vertieft, so wird man von einer gewaltigen dämonischen Kraft durchdrungen, die den echten und großen Dichter vcrräth. Es ist als ob man vor der Leinwand steht, und den Liebreiz der wilden Amazone, die Anmuth ihrer Bewegungen, die Glut ihres dunklen Auges in unmittelbarer sinnlicher Einwirkung empfängt. Den Deutschen ist es so selten gegeben, tiefe und gewaltige Leidenschaft darznstellen, daß man es dem Dichter danken muß, auch wenn er sich mit ihr in ein dunkles, häßliches Feld verliert. — Athcmlos, ohne irgend einen Aktschluß, braust das wilde Stück mit einer Macht dahin, die Jeden fortreißt; nirgend zeigt sich so gewaltig die dämonische Natur des Dichters, nirgend aber auch so bezaubernd sein Liebreiz; der ansbrechcnde Liebesjnbel der vermeintlichen Siegerin dringt durch Mark und Bein; die wilde Jagd des Kampfes erleben wir in ruheloser Spannung mit. — Man erkennt den Dichter der Schroffensteiner wieder an der streng realistischen Haltung, an der knappen ansdrncksvvllen, aber etwas unruhigen und hastigen Sprache; allein in der Farbe ist ein schreiender Gegensatz. In der Familie Schrosfenstein ist das Gemälde grau in Einleitung. i.xxrx grau ausgeführt, die einzelnen anmuthigen Semen sind nur wie ein halbverschleierter Sonnenstrahl, der sich vorübergehend durch das finstre Gewölk Bahn bricht; die Penthesilea dagegen ist in den glühendsten Farben wilder Sinnlichkeit ausgeführt; es ist kein Tageslicht, eö ist der Schein einer Fenersbrnnst, in der alle Gegenstände ein fremdartiges Ansehn gewinnen. Kleist hat eine Sprache erfunden, die zwar nicht eigentlich mit den griechischen Formen übcreinstimmt, aber unsre Phantasie an das griechische Leben erinnert. Man fühlt, daß er in den beiden Hauptfiguren seine geheimste Sehnsucht ansgedrückt hat, die freie unbändige geniale Natur, der jede hastige Empfindung das Blut gewaltig ins Gesicht treibt, die aller Berechnungen spottet. Die Leidenschaft bewegt sich tigerartig bacchantisch, und in je reizendere Formen sie sich zuerst verhüllt, desto mehr schreckt ihr plötzlicher dämonischer Ausbruch. Der Dichter hat die Sage von dem Amazoncnvolk und ihrer Königin nach seiner Weise nmgcstal- tct. Die Amazonen kennen nicht die Ehe, sie rauben die Jünglinge, mit denen sie der Liebe pflegen wollen, und feiern mit ihnen das Roscnfest, nm sie dann nach kurzer Zeit wieder zu entlassen. Es ist nicht Haß, sondern Liebe und sinnliche Lust, was ihre Pfeile in die Herzen der jungen Männer treibt; zwar gehen sie unsanft mit ihnen nm, sie tödten sie zuweilen in zu großem Eifer, aber der Gefangene wird von ihnen gepflegt und glücklich gemacht. Penthesilea, die Königin, hat es auf den schönsten und tapfersten unter den Griechen abgesehn, auf Achill, sie verfolgt ihn durch eine Reihe von Schlachten mit wilder Lust, und er hat eine gleiche Freude an diesem seltsamen Spiel, denn er ist ihr Ebenbild. Endlich kommen sie dazu, sich zu verständigen, er hat sie besiegt, sie glaubt aber die Siegerin zu sein und erklärt ihm in der Freude ihres Herzens die Sitte der Amazonen und ihre persönliche Neigung. Er begreift, daß er sie nicht anders gewinnen kann, als indem er sich ihr überwunden giebt, er läßt sie also zu einem neuen Zweikampf heransfordern, nm im I.XXX Einleitung. Scheingefecht ihr zu Füßen zu sinken. Nun tritt das Mißverständnis; ein. In dem Glauben, er wolle sie im Ernst bekämpfen, nachdem er ihre Schwäche erkannt, verfällt sie in eine namenlose Wuth, sie rast in einer Weise, wie noch nie ein Dichter eine Megäre hat rasen lassen, er tritt ihr wehrlos gegenüber, sie wirft ihn nieder und zerreißt ihn, den Hunden zngcsellt, mit eignen Händen und Zähnen zum Entsetzen und Abscheu ihrer Amazonen. Sowohl diese Scene als die folgenden, wo sie zur Besinnung kommt und vor Schmerz und Verzweiflung stirbt, sind entsetzlich, freilich nicht ohne Grazie, aber von jener Grazie, wie wir sie zuweilen in dein Beginn des römischen Kaiserreichs wiederfinden, wo der Tod und die Folter nur als ein neuer Stachel der sinnlichen Lust erschien. — Das ist noch nicht alles. Zwar ist die Handlung und der Wechsel in den Empfindungen mit einem unnachahmlichen Zauber ansgeführt, der Dichter hat auch das Unmögliche so klar geschaut, daß wir ihm für den Augenblick folgen müssen; wenn wir aber überlegen, daß die Voraussetzung des Ganzen, das Fabelreich der Amazonen, der menschlichen Natur widerspricht, so mischt sich in das Entsetzen zugleich ein peinliches Gefühl des komischen. — Es liegt in jenem Realismus, welcher dem Blut in seinen jähen Sprüngen folgt, ohne es mit dem Gedanken, mit dem Wort zu begleiten, eine Gefahr, die nur der größte Dichter überwindet; eigentlich mir Shakspearc, und auch dieser scheitert zuweilen. In der Wirklichkeit schießen uns zuweilen, wie Blitze, flüchtige Vorstellungen durch den Sinn, die der Dichter nur dann nachbilden darf, wenn er die Empfindung ihrer dialektischen Nothwendigkeit in uns zu erregen versteht. Schon bei Achill haben wir zuweilen Mühe, den Sprüngen in seiner Empfindung zu folgen; der Dichter schiebt seine eigene Zerstreutheit, seinen Blutandrang nach dem Kopf, zu schnell der menschlichen Natur unter. Penthesilea selbst aber verfällt nicht blos zum Schluß in Raserei, sie rast schon bei ihrem ersten Auftreten. Die Scene, wo sie versuchen Einleitung. LXXXI will, den Jda auf den Ossa zu wälzen und Helios Lei seinem gold- neu Flammenhaar herabzuziehn: — „und rasend war' ich, das müßt ihr selbst gestehn, wenn ich im ganzen Gebiet der Möglichkeit mich nicht versuchte" — das geht über die psychische Exaltation hinaus, es ist eine physische Krankheit, die sie unzurechnungsfähig macht; und wer nicht vor die Geschworenen gehört, darf auch auf der Bühne nicht mithandeln. Nur an der menschlichen Leidenschaft und ihren Excessen nimmt man Theil, die völlige Entfesselung der thierischcn Natur gehört in's Krankenhaus. Man weiß nicht, was gräßlicher ist, der Akt selbst oder die nachherige Erklärung, sie habe den Geliebten aus Liebe gegessen: „Ich war nicht so verrückt, als ich wohl schien!" Wenn der Dichter selbst von seiner Heldin sagt: „es läßt sich ihre Seele nicht berechnen," so ist daö für die Handlung eine gefährliche Voraussetzung, um so mehr, da sie trotz aller Sprünge nicht in großen Massen fortschreitet, sondern in kleiner, sauberer, fast ängstlicher Detailarbeit ausgeführt ist. Man merkt die Frevel gegen die Natur erst recht, wenn der Dichter mit seiner analytischen Sonde der Leidenschaft bis in bas innerste Leben nachgeht und ihren Nerv Lloßlegt. — „Lieber gräßlich verwesen, als ein Weib sein das nicht reizt!" — was ist das anders als der Mißbrauch eines Lustspiel- niotivs zu einem tragischen Effect? — Der Schluß — bereits im Schroffenstcin angebracht — spricht den tragischen Grundgedanken des Dichters aus: „sie sank, weil sie zu stolz und kräftig blühte; die abgestorbne Eiche steht im Sturm, doch die gesunde stürzt er schmetternd nieder, weil er in ihre Krone greifen kann." — Kleist selbst schrieb von Dresden ans an eine Freundin: „Unaussprechlich rühreud ist mir alles was Sie über die Penthesilea sagen. Es ist wahr, mein innerstes Wesen liegt darin und Sie haben es wie eine Seherin aufgefaßt: der ganze Schmerz zugleich und Glanz meiner Seele. Jetzt bin ich neugierig, was Sie zum Käthchen sagen werden, denn das ist die Kehrseite der Penthesilea, H. v. Kleists Werke. I. Bd. f HXXII Einleitung. ihr anderer Pol, ein Wesen, das eben so mächtig ist durch gänzliche Hingebung als jene durch Handeln. ... Ob Penthesilea bei den Forderungen, die das Publicum an die Bühne macht, gegeben werden wird, ist eine Frage, die die Zeit entscheiden muß. Ich glaube 0 es nicht und wünsche es auch nicht, solange die Kräfte unserer Schauspieler auf nichts (?! 1808!) geübt werden, als Naturen, wie die Kotzebue'schen und Jffland'schcn sind, nachzuahmen. Wenn man cS recht untersucht, so sind zuletzt die Frauen an dem ganzen Verfall unserer Bühnen schuld, und sie sollten entweder garnicht ins Schauspiel gehn, oder es müßten eigne Bühnen für sie, abgesondert von den Männern, errichtet werden. Ihre Anforderungen an Sittlichkeit und Moral vernichten das ganze Wesen des Drama, und niemals hätte sich das Wesen der griechischen Bühne entwickelt, wenn sie nicht ganz davon ausgeschlossen gewesen wären." — Die Abneigung gegen das Stück war übrigens sehr allgemein; als Varn- hagen (Denkwürdigkeiten 3, S. 91) November 1808 mit Cotta ? sprach, in dessen Verlag es erschienen war, äußerte sich dieser sehr unzufrieden darüber, und wollte das Buch garnicht anzeigcn, damit cs nicht gefordert würde! Freilich war er damals Uber die neue Schule (Görres, Arnim, Brentano, I. Kerner, Grimm u. s. w.) sehr erbittert, die ihm in der Einsicdlerzeitung übel mitspielte. Auch an dem zerbrochenen Krug, den Kleist schon in der 9 Schweiz geschrieben, in Königsberg umgcarbeitet hatte, sollte er eine schlimme Erfahrung machen. Als cS zuerst Goethe eingcschickt war, äußerte sich dieser ziemlich beifällig: „Es hat außerordentliche Verdienste und die ganze Darstellung drängt sich mit gewaltiger Gegen- * wart auf. Nur Schade, daß eS auch wieder dem unsichtbaren Theater angehört. Das Talent des Verfassers, so lebendig er auch darzu- stellcn vermag, neigt sich doch mehr gegen das Dialektische hin, wie es sich denn in dieser stationären Prozcßform aus das Wunderbarste Einleitung. LXXXIII mamfestirt hat. Könnte er mit eben dem Naturell und Geschick eine wirklich dramatische Aufgabe lösen, und eine Handlung vor unfern Augen und Sinnen sich entfalten lassen wie er hier eine vergangene sich nach und nach enthüllen läßt, so würde es für das deutsche Theater ein großes Geschenk sein." — Eine wunderliche Kritik! was man noch vor wenig Jahren im König Oedipns als den größten Vorzug empfunden, sollte nun ein Nachtheil sein! — Das Stück wurde 2. März 1808 wirklich aufgcführt, aber Goethe hatte die Wirkung, da es ohnehin sehr in die Breite geht, durch die Zertheilung in mehrere Akte verkümmert: ein Verfahren, das schlechthin unbegreiflich wäre, wenn er nicht — die natürliche Tochter geschrieben hätte. — Wie man in Weimar über das Stück dachte, in derselben Zeit, wo Z. Werners Attila und Wanda den größten Beifall fanden, zeigt n. a. ein Brief des Fräulein v. Knebel an ihren Bruder: „Ein fürchterliches Lustspiel, was wir eben haben aufsllhren sehn und was einen uuvcrlöschbaren unangenehmen Eindruck auf mich gemacht hat und aus uns alle, ist der zerbrochene Krug von Herrn v. Kleist in Dresden, Mitarbeiter des charmanten Phöbus. Wirklich hätte ich nicht geglaubt, daß es möglich wäre, so was Langweiliges und Abgeschmacktes hinzuschreiben. Die Princeß meint, daß die Herren« von Kleist gerechte Ansprüche auf den Lazarusorden hätten. Der moralische Aussatz ist doch auch ein böses Uebel. Ich glaube, bei diesen Hcrrcns hat sich das Blut, was sie sich im Krieg erhalten haben, alles in Dintc verwandelt. Im nächsten PhöbuS, den dir die Prin- ccß bald schicken wird, tritt dieser selbe Autor auch gleich mit einer so abscheulichen Geschichte auf s— Marquise von O.s, lang und langweilig im höchsten Grad." Gleich darauf (9. März): „Hier sendet dir die Princeß wieder einen „Phöbus." ES ist eine freche. Gotteslästerung, daß man eine Pfütze so nennt, die wohl auch von der Sonne beschienen wird. Für solch eine unverschämte Bettelei sollte man doch gewiß seine Louisdor nicht aufhebcn." — Im März- f* LXXXIV Einleitung. Heft des Phöbus ließ Kleist ein größeres Fragment aus dem zerbrochenen Krug abdruckcn, mit dem Zusatz: ,,Da dieses kleine, vor mehreren Jahren zusammengesetzte Lustspiel eben jetzt ans der Bühne von Weimar verunglückt ist, so wird es unsre Leser vielleicht in- teressiren, einigermaßen prüfen zu können, worin dies seinen Grund habe. Und so mag es als eine Neuigkeit des Tages hier seinen Platz finden." Gleich darauf erschienen die Epigramme gegen Goethe: das mit dem frllhgereiften Genie, welches bereits zur Hochzeit seiner Eltern den Carmen gemacht, ist doch wohl auf Goethe's Heirath mit Christiane zu bezieh,,. Auch soll er ihm eine Herausforderung zugeschickt haben, was bei seiner Heftigkeit nicht unmöglich ist. Wenn man überlegt, daß heute, wo die Schauspielkunst doch viel tiefer steht, das Stück volle Häuser inacht, wird man doch zugcstehn müssen, daß über seinem Leben ein besonderer Unstern waltete. — Auch Tieck glaubte nicht an die Bühnenwirkung, so sehr ihm im klebrigen das Stück gefiel. „AnS einer Kleinigkeit so ein Gewebe herauszn- spinnen, das sich vor unser,, Augen bald mehr und mehr entwickelt, bald wieder schnell zu lösen scheint, so lebendig, stets neu, alle Figuren wahr, alles die höchste Thcil,lahme erregend, so daß man bas Unbedeutende der Sache selbst vergißt, und sie „ns ebenso wichtig wie den streitenden Partheien erscheint, ist meisterhaft: der Gedanke, daß sich der Richter, der der Delinquent zugleich ist, durch seine Anstrengungen in den Beweis gegen sich hineinexannnirt, ist ebenso glücklich als neu. Die Sprache ist charakteristisch, und sie sowohl wie der Jambus ist in diesem echt niederländischen Gemälde so gebraucht, wie es in Deutschland noch niemals gescheht, ist. Jede Schilderung und Erzählung steht farbig und sichtlich vor uns, und das Für und Wider, das Hin- und Herschwanken des Gegenstandes, der ein Proceß selbst ist, ist von der Hand eines Virtuosen, und man fühlt, daß der Verfasser, der sich schon gewöhnt hatte, seine Fabeln in diese Form zu bringen, hier ganz mit Sicherheit wie in Einleitung. I.XXXV seinem Eigeuthum schaltet. Dies launige Werk, das fast ohne In-- halt ist, hat doch beinahe die Lange eines gewöhnlichen Schauspiels. Hie und da folgt der Dichter seiner Angewöhnung zu sehr, daß sich die Personen einzelne Worte vom Munde wegfangen, schnell in Frage und Antwort ein kurzes Mißverständniß wie in Zerstreuung fortsetzen und doch nur zum Schein einen Dialog führen. Dies, mäßig angebracht, kann im Komischen wie im Ernst von Wirkung sein, aber es ist bei Kleist zu sehr Manier geworden und müßte bei der Aufführung dem Schauspieler seine Rolle sehr erschweren." — Es war noch in eben diesem Sommer 1808, daß Ti eck den Dichter persönlich kennen lernte. Nur drei Jahre älter als Kleist, galt er bereits seit zehn Jahren als Stern erster Größe und wurde von der jungen Schule als Goethc's Nachfolger designirt. Aber seine Jugendkrast war gebrochen, eine schwere Krankheit hatte ihn nicder- geworfen, er war nahe am Katholicismns vorbeigestrcift, zu dem seine Frau und Tochter wirklich übcrgctreten waren, und fing an, sich der neuesten romantischen-Generation gegenüber als verbraucht zu empfinden. In seiner unruhigen Wanderschaft kam er im Sommer 1808 nach Dresden. Adam Müller war sein erbitterter literarischer Gegner; wie er mit Kleist bekannt wurde, hat er uns nicht initgcthcilt: vielleicht hatte ihn Arnim auf den Landsmann und Geistesverwandten aufmerksam gemacht. Ucbcr Kleist's Persönlichkeit erzählt er: „er war von mittler Größe und ziemlich starken Gliedern, er schien ernst und schweigsam, keine Spur von vordriugcnder Eitelkeit, aber viele Merkmale eines würdigen Stolzes in seinem Benehmen. Er schien mir mit den Bildern des Tasso Aehnlichkeit zu haben, auch hatte er mit diesem die etwas schwere Zunge gemein." „Er war gewissenhaft ängstlich in seinen Arbeiten, sie rückten nicht schnell vor, er änderte oft und arbeitete wieder um. Er selbst war am schwersten zu befriedigen." — Kleist hatte eben sein neues Ritter- schanspiel, dasKäthchen vonHeilbronn, vollendet, von welchem I.X.VXVI Fülleitung. die ersten Akte, viel ausführlicher als in der jetzigen Version, April und September 1808 im PhöbuL erschienen. Er las es Tieck vor, sie stritten viel darüber, und namentlich sagte ihm Tieck seine Meinung über eine merkwürdige Scene im vierten Akt, die das ganze Stück in das Gebiet des Mährchens hinüberspielte. Käthchcn wandelte ans dem Felsen und unten im Wasser erschien ihr cirie Nixe, die sie mit Gesang und Rede lockte. Käthchen wollte sich Herabstürzen und wurde nur durch eine Begleiterin gerettet. Aus diesen! Bild erinnerte sich Tieck noch des Verses: „da quillt es wieder unterm Stein hervor." Vorher entdeckte sie Kunigundens Häßlichkeit und war außer sich vor Angst, wie sie den Ritter vor dem Ungeheuer rette. — Kleist vernichtete die Scene, ohne daß Tieck eine Ahnung davon hatte, und als dieser sie in der Folge im Druck vermißte, konnte er nicht aufhörcn, darüber sein Bedauern anszu- sprechcn. — Auch Kleist hat cS später auf das tiefste beklagt, der Rücksicht auf das Theater so manche Schönheit geopfert zn haben; eine von den unterdrückten Sccnen theilen wir aus dem Phöbus im Anhang mit. — Das Stück hat von allen übrigen am meisten die Gunst der Menge gewonnen, und verdient sie durch den kräftigen echt deutschen Stil, von dem nur einigemal, z. B. zn Anfang des zweiten Akts, häßlich abgewichcn wird. Es ist am wenigsten von dein Scheidewasssr der Reflexion zerfetzt; es wird vom lebendigsten Gefjihl durchströmt. Der Anklang an den Ton des Götz ist nicht zu verkennen, doch ist es eine freie Nachschöpfnng, und gerade die schönsten Stellen würde Goethe nicht so geschrieben haben. Graf Wetter vom Strahl ist eine tüchtige Nittergestalt, vollkräftig und von heißem Blut, ein wackres Herz und doch in seinem Stande besangen: eine Figur, die sich Lessings Tempelherrn an die Seite stellen könnte, wenn der Dichter nur immer geschickt genug wäre, die äußern Tha- ten dem innern Leben angemessen zn machen. Achill läßt sich von den Amazonen schlagen, Strahl ist saumselig bei der Belagerung von Einleitung. I.XXXVH Thurneck: das ist nicht ein Fehler der Charakteristik, sondern Ungeschick im Ancinanderschweißen der einzelnen Scenen. Die Neben- signren sind, wie imnicr, mnsterhast, selbst der Knecht Gottschalk war eine Lieblingsrollc von Ludwig Devrient. — Tieck hat dieses Stück immer mit besonderer Vorliebe betrachtet. „Die alle Romanze von der wunderbaren Treue und Ergebenheit eines liebenden Weibe« hat der Dichter auf seine Weise verwandelt und ein Gemälde gebildet, so ganz vom reinsten Hauch der Liebe beseelt und erfrischt, so rührend und bezaubernd, dem Wunder des Mährchcns und doch zugleich der höchsten Wahrheit so verschwistert, daß cs gewiß als Volks- schauspicl immer unter uns leben wird. Der Charakter dieses Käth- chens von Heilbronn und ihres Geliebten, der sein Gefühl für sie kaum sich gestehen will, ist so zart und kräftig, so rührend und erschütternd, daß sich wohl nur wenige Gemüthcr diesen Eindrücken verschließen können. Jeder neue Gegenstand muß dem dramatischen Dichter eine neue Form liefern, und Kleist ist deshalb nicht zu tadeln, wenn er dieses Gedicht, welches er ganz als Volkssage behandelt, nur locker verknüpft, und wenn also die Theile nicht ängstlich genau zusammengefllgt sind. Diese leichtere Art, welche Episoden zuläßt, Charaktere etwas mehr ansmalt, als es genau genommen, der Gegenstand erfordern würde, Begebenheiten anreiht, die den Anschein des Zufälligen haben, verstattet einen Durchblick in die große, freie Natur, welche die Lieblichkeit des Inhalts selbst noch heimischer und zauberreicher durch die Contraste macht. Aber cS scheint fast, daß der Dichter sich dennoch mehr von seinen Lieblings-Charakteren, als von dem gereiften Plan des Gedichtes habe durchdringen lassen, denn die Art wie die Entwickelung geschieht und den Schluß vorbereitet, ist etwas zu gewaltsam und steht ganz isolirt; der Kaiser, der auf diese Art das Stück beendigt, und in cinein Monologe, abgerissen und unbedeutend, seinem Herzen Lust machen und uns den wahren Zusammenhang erklären muß, erscheint weder zu seinem ei- I-XXXVIII Emkcltung. gencn noch zn des Dichters Vortheil, auch wird durch diese Erkennung das herzliche Gefühl des vermeintlichen Vaters ziemlich verdunkelt; die märchenhafte Häßlichkeit der Kunigunde ist übertrieben, und es wird der Phantasie um so unmöglicher, sich diese vorznstcllcn, je mehr der Dichter das widerwärtige und unnatürliche Bild uns nahe zu bringen sucht. Dies ist wieder die Lust, über Natur und Wahrheit hinaus zu gehn. Bei Gelegenheit der Visionen, des Nerven- fiebers und des BleigießcnS wird man wieder an die kleinliche Katastrophe der Schroffensteine erinnert, obgleich hier diese Bedingnisse schon weit außerhalb dem Schauspiele liegen, und auch geschickter und poetischer benutzt sind; sie stören aber dennoch, weil sie der Würde und Poesie des Gegenstandes widersprechen, indem der Dichter diesen Aberglauben roh, und ohne ihn seinem Werke inniger zn verschmelzen, hat auftreten lassen. Es dürfte eine gewagte Unternehmung sein, diesen wunderbaren duftigen Strauß neu zn ordnen und zn binden, ohne etwas von dem zarten Blumenstand zu verwischen, oder den frischen Morgenthau zn verschütten." Diesmal Übersicht Ticck, bei dein mächtigen Eindruck des Ganzen, die Fehler zn sehr. Nirgend macht uns die Mischung des Zartesten und des Widerwärtigsten so betreten als gerade hier. Veralte Balladenstoff widerstrebt doch der dramatischen Darstellung; man hat das Gefühl der Zudringlichkeit, das Schlafen im Stall und die Peitsche erwecken doch einmal in unserm Jahrhundert widerwärtige Nebengedanken. Dazu hat der Dichter das Problem nnnöthig verdreht: Gras Walter belohnt doch endlich die Treue des BancrmLdchcns, für den Grafen Strahl ist es keine Kunst, die Prinzessin Katharina von Schwaben zu heirathen und dafür das geschminkte und gepolsterte Scheusal im Stich zn lassen; es wäre ein größeres Verdienst, wenn Kunigunde ein Teufel in Engelgcstalt wäre. Diese ganze Verpuppung Kunigundes, deren Bosheit übrigens wieder glänzend dnrch- geführt ist, scheint nur um des trefflichen Worts willen erfunden zn Einleitung. I.XXXIX sein: „Alles wirst der Mensch in eine Pfütze, mir kein Gefühl!" Nur war es nicht geschickt, diese Gefühlsverwirrnng, die eigentlich ans den Helden berechnet war, in eine physiognomielose Nebenfigur zu verlegen. Daß aber ;nm Schluß der Graf mit beiden Frauen Komödie spielt, beide in einem Fcstanfzng durch Verwechselung der Rollen unschön dcmüthigt, würde unbegreiflich sein, wenn man nicht deutlich sähe, daß diese letzte Theatersccne der Phantasie des Dichters am Anfang vorschwcbte; er wußte sie dann nicht gehörig zu mo- tiviren. Die Mosaikarbeit vcrräth außerdcin die berühmte „Feuerprobe," an sich ein Bild vom ersten Range; am deutlichsten die äußerst liebliche aber befremdende Scene, in welcher der Ritter, um sein eignes Gefühl zu entwirren, dem schlafenden Käthchen die Geheimnisse seines Lebens entlockt. An diese vom romantischen Dämmerlicht der Geisterwelt halb erleuchtete Situation krystallisirte sich dann alles übrige. Die „Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft" hatten ihn lebhaft beschäftigt, aber bei seiner plastischen Triebkraft beschränkte er sich nicht darauf, das Hinciuspielen der überirdischen Welt dunkel anzndcutcn, er malt es wie einen Gegenstand der realen Welt bis zur grellsten Anschaulichkeit ans. Ein Netz geheimer übernatürlicher Beziehungen schlingt sich um die beiden Liebenden. Ein Engel hat früher den Geist des fieberkranken Grafen sichtlich vor das Bett des Bürgermädchens geführt und sic ihm als seine zukünftige Braut und die Tochter seines Kaisers vorgestcllt. Derselbe Engel breitet später schirmend seine Hand über sie, als ein brennendes Dach über ihr znsammenstürzt. Solche ungewöhnliche Dinge können nur dadurch gerechtfertigt werden, daß es sich um einen ernsten und großen Gegenstand handelt. Warum aber hier die Vorsehung sich zu so unerhörte» Mitteln anstrengt, bleibt uns verborgen, denn der komödienhafte Ansgang, daß Käthchen ein Kind der Liebe ist, kann die Würde Gottes und der Tragödie nicht retten. Noch dazu wirken die Mittel der Vorsehung sehr einseitig, da xe Einleitung. der Ritter von jenem wunderbar somnambulen Zustand die Hauptsache vergißt, das Antlitz der Braut, die ihm der Himmel gezeigt; er hat sie wirklich und deutlich gesehn, aber selbst Käthchens ungewöhnliches Betragen ruft ihm so wenig die Erinnerung zurück, daß er selbst Kunigunde für die prädestinirte Kaisertochter hält. Wenn in einzelnen Scencn das liebcsicchc beklommene Gemüth der Jungfrau uns rührt und bewegt, so wird uns ihr Zustand doch nicht verständlich, und der ganze Zauberapparat dient nur dazu, uns noch mehr zu verwirren. Ja selbst Penthesilea, mit der sie mehr Aehn- lichkeit hat als man glauben sollte, begreifen wir noch eher in ihrem LiebeSwahnsinn. Der Dichter dieser Fraucngestalten muß Wohl tiefe Blicke in das weibliche Herz geworfen haben, aber es ist uns darüber nichts überliefert. In diesem merkwürdigen Jahr lernte er im Körner- scheu Hause ein reiches und liebenswürdiges Mädchen kennen, und cs schien ihrer Verbindung nichts im Wege zu stehn; aber sie zerschlug sich an Kleist's Verlangen, die Geliebte sollte ihm ohne ihres Vormunds Wissen schreiben. Sie schlug cs ab, er wiederholte seine Bitte nach drei Tagen, in denen er sic nicht besuchte, darauf nach ebensoviel Wochen und Monaten, und löste so das Verhältnis; völlig. Aus Niedergeschlagenheit darüber, und weil es sich zugleich entschied, daß der Phöbns keinen Fortbestand mehr haben würde, versuchte Kleist schon hier, sich daS Leben zu nehmen: Rühle fand ihn eines Herbsttags, von einer starken Dosis Opium der Besinnung beraubt auf dem Bett liegen. Frau von Rühle erzählte später einige Seinen, die auf offnen Wahnsinn deuten würden, wenn man sie nicht als einen wilden Scherz betrachten will, wie er bei nervösen Personen nicht selten vorkommt. Z» seinem persönlichen Mißgeschick gesellte sich die hoffnungslose Lage Deutschlands; in den Zorn über die Fremden ging seine ganze Seele auf, und er gab ihm einen Ausdruck in der Herr- Einleitung. xcrr mannsschlacht, die als beredtes Zeugniß für den Grimm unserer Edlen über unsre Schmach unvergänglich bleiben wird. — Fichte's „Reden an die deutsche Nation" 1808, welche die ganze Jugend elck- trisirten, clelten ihn an; seine Epigramme überfließen von Hohn gegen den „Pädagogen," der einen Ander» sür sich bestellt, den Aufbau der Zeiten fortzuführeu, das lichtscheue Treiben der Tugendbündler betrachtete er mit Verachtung. „Die schreiben, Deutschland zu befreien, mit Chiffern, schicken, mit Gefahr des Lebens, einander Boten, die die Römer hängen, versammeln sich um Zwielicht, essen, trinken und schlafen, kommt die Nacht, bei ihren Frauen." „Meinst du, die ließen sich bewegen, auf meinem Flug nur munter nachzuschwingen? Die Hoffnung, morgen stirbt Augustus! lockt sie, bedeckt mit Schmach und Schande, von einer Woche in die andere." —' Jetzt zeigten die Spanier, wie man es machen müsse: die eignen Dörfer und Städte verheert, die Brunnen vergiftet, die Feinde wie wilde Thiere gehetzt, kein menschliches Band, kein Wort, kein Eid ihnen gegenüber heilig! So sollte es auch in Deutschland sein: „alle Tristen, alle Stätten färbt mit ihren Knochen weiß! welchen Rab' und Fuchs verschmähten, gebet ihn den Fischen preis!" — Konnte Llcist die rettende That nicht selber thun, so mußte er wenigstens den Retter sich ausmalcn: in dessen Seele jedes Gefühl erstickt war, als Haß gegen die Franken! (Rostopschin!) — Die Nicdcrmetze- lung der Legionen im Teutoburger Walde bot sich als natürliches Gcgcnbild. Wenn man menschlich wahr und stark empfindet, wird man allen Zeiten gerecht; dis Herrmannsschlacht giebt keine antiquarische Ausbeute, man könnte mit Aenderung der Namen das Ganze in die Gegenwart verlegen, und doch verstößt das Stück in keiner Weise gegen das deutsche Alterthum. — An sich ist der Gegenstand, bereits von Klopstock behandelt, höchst undramatisch. ES ist mißlich, auf dem Theater eine Ueberlistung des Feindes und die Vernichtung desselben gleichsam durch einen Naturproceß darzustelleu; xcn Mnlcttung. denn es kommt nicht darauf an, für wen sich unser Verstand, sondern für wen sich unsere Phantasie erwärmt. Herrmann ist in der Geschichte wie in Klcist's Gedicht ein Intrigant, wie das französische Lustspiel und Melodram sie zu Hunderten kennt: nur dem einen Zweck nachstrebmd, kein Mittel scheuend, jeden Augenblick gefaßt und entschlossen. Kleist hat die dramatische Wirkung dadurch hervorgebracht, daß er die Kälte der Entschlossenheit ans der Wuth des Hasses herleitet. Hcrrmauu kennt das Gefühl; menschlich schöne Seiten in der Persönlichkeit der Feinde rufen einen Funken in seiner Seele wach, aber er flucht ihnen desto mehr, weil sie sein Gefühl zu verwirren drohen; den Römer, der kein persönlicher Schurke ist, haßt er doppelt. Er will unverstanden bleiben, um souverän zu sein: seinen Landsleuten kommt es nur auf Erhaltung des Landes an, ihm auf die Freiheit; um das träge Blut der Deutschen zum Haß gegen Rom anznstacheln, läßt er durch seine eignen Leute Grcuclthaten begehn, er täuscht und betrügt seine Werkzeuge — wenn auch mit schwerem Herzen. Dieser Idealismus des Zorns versöhnt uns mit seiner Staatsklugheit; sein dämonischer Haß hat etwas Wildes und Barbarisches, aber er entfaltet die innern Bewegungen einer groß angelegten urkräftigcn Natur. Die Wildheit, mit der er sein eignes Gefühl bekämpft, die plötzlichen Ansbrüche einer lange verhaltenen Leidenschaft, die sich wie ein Bergstrom ergießt, selbst die tödtliche Ironie, mit der er seinen vertrauenden Feinden ebenso begegnet wie den Gleichgesinnten, die an die Höhe seines Hasses nicht hinaufrci- chen: das alles erregt unser unmittelbares Mitgefühl, und in dem Augenblick, wo er während des Bardengesangs sein Herz znsammen- rafft, werden wir tragisch erschüttert. Die Semen, wo Thusnelda sich ans ihrer Gefühlsverwirrung durch die „zottclschwarzc Bärin von Cheruska" befreit, wo der Leichnam des geschändeten Mädchens zerstückelt wird, wo Hcrrmann mit seinen Verbündeten um die Ehre kämpft, dm Varns zu erlegen, sind an sich abscheulich, aber sie ge- Einleitung. xcm hören in dieses Nachtgemälde, das doch im Ganzen einen schaner- lichen Eindruck macht, nnd nns Gott danken laßt, daß nicht auf diese russische sondern ans deutsche Weise der spätere Befreiungskrieg vor sich ging. Ticck tadelt die unvollständige Ausmalung der Schlacht; aber die Scene, wo Varus, im Walde verirrt, der Alraune begegnet, die ihm ankündigt, er sei zwei Schritt vom Grabe, stellt uns die Sache sinnlicher nnd ergreifender dar, als alle Details des Kampfes. Noch schrieb er an dem Stück, als die östreichischcn Rüstungen begannen, nnd seine Hoffnungen von neuem erwachten. Jetzt wurde die unhistorische Versöhnung zwischen Marbod und Hcrrmann ein dringender Warnungsruf an Preußen; jetzt bekam der Bannfluch gegen die Rheinbnndfürstcn, die sich auf das Staatsrecht beriefen, eine tiefere Bedeutung. „Ich weiß, Aristan, diese Denkart kenn' ich, du bist im Stand' und treibst mich in die Enge, fragst, wo und wann Germanien gewesen? ob in dem Mond nnd zu der Niesen Zeiten? und was der Witz sonst an die Hand dir gicbt. Doch jetzo, ich vcrsichre dich, jetzt wirst du mich schnell begreifen, wie ich es gemeint: führt ihn hinweg und werft das Haupt ihm nieder!" In der Hoffnung einer allgemeinen Erhebung Deutschlands schrieb er die feurige Marseillaise: Germania an ihre Kinder; weniger abgerundet aber wilder und natnrkräftiger als alles was drei Jahre daraus gedichtet wurde. Auch Manifeste entwarf er, von denen wir eines, nach Bülow, im Anhang mittheilcn. — Ueber die nächstfolgende Zeit hat uns Friedrich Dahlmann durch die folgende Mit- theilnng erfreut. Den Heinrich von Kleist lernte ich 1809 kurz vor dem Ausbruche des Krieges zwischen Oestrcich nnd Frankreich kennen. Ich war damals vier und zwanzig Jahre alt (man wußte in dieser Na- poleonischen Welt nichts mit sich anzufangen) von Wismar, meiner Vaterstadt, nach Dresden gegangen, um dort, wie ich mir dachte, Vorträge über griechische Geschichte vor einem großem Publikum zu xciv Einleitung. halten; ein Plan, der vollkommen meiner Unerfahrenheit entsprach, nm so weniger aber meiner Vorbildung und meiner Unfähigkeit mich in der Welt geltend zu machen. An meinen mäßigen Mitteln, die ich noch dazu mehreutheils einer liebevollen Schwester verdankte, zehrte ich denn in der Stille der Pirnaer Vorstadt; meine einzige zufällig gemachte nähere Bekanntschaft war der Maler Hartmann, dessen treue deutsche Gesinnung mich fesselte und mit dem ich öfter Abends spazieren ging; wir pflegten uns auf der Elbbrückc zu treffen. Eines Abends brachte Hartmann den Kleist mit, den ich bisher nicht kannte. Kaum aber hatten wir die schöne Brücke betreten als der gesprächige alte Böttiger Herbeikain und zunächst Hartmann in Beschlag nahm; die Sache schien nicht enden zu wollen. Ich war damals jünger und ungeduldiger als jetzt und wandte mich kurz darauf in leisen Worten zu Kleist: „Was meinen Sie? ich denke wir lassen hier den Hartmann mit Böttiger im Stiche und gehen stille niiserS Weges weiter; H. wird uns das nächste Mal darüber hernntermachcn, aber es thnt nichts." Alsbald gingen wir davon, kehrten irgendwo ein und verabredeten gleich denselben Abend, nächster Tage mit einander zu Fuße Dresden zu verlassen und nach Oest- reich zu wandern; denn da einmal der sächsische Hof sich der schlechten Sache anschließe, sei es besser die Zukunft in Prag abzuwarten. Kleist übernahm die Besorgung des Passes, mit welchem uns der damalige eliarxü ä'aüairos von Oestreich in Dresden, Baron Bnol- Schauenstein wie ein Paar Eheleute an einander band; denn der Paß lautete ans uns beide gemeinsam. Auf dieser mehrtägigen Wanderung durchdrangen wir eigentlich einander, ergriffen gegenseitig Besitz von uns, und wir kamen noch später öfter verwundert darauf zurück, wie so oft es sich getroffen habe, daß, wenn wir recht lange schweigend neben einander gegangen, dann der Eine plötzlich anfing von einem ganz entlegenen Gegenstände zu reden, der doch derselbe war, über den der Andre sich eben anslassen wollte. In Einleitung. XEV Prag nahmen wir zwei Zimmer neben einander in einem Privathause, wenig Häuser von der Moldaubrücke an der kleinen Seite einem Kaffeehause gegenüber. Hier wohnte ich mich in Kleist's Gedichte ein, von welchen mir bis dahin das Bruchstück des Robert Guiskard (Phöbus, April 1808) besonders nahe getreten war; jetzt that sich die Handschrift der Herrmanusschlacht vor mir auf, mit Allem was sie Großes, Wildes, Herz und Nieren Ergreifendes, zu Zeiten auch Empörendes an sich hat. Häufig mußte ich ihm aus seinen Sachen vorlesen, ich lasse cs dahin stehen ob aus demselben Grunde den er einmal gegen Hartmann geltend machte, wie dieser mir erzählt hat: „Sie lesen so entsetzlich schlecht, lieber Hartmann, daß wenn meine Sachen mir daun noch gefallen, sie gewiß gut sein müssen." Genug ich machte häufig den Vorleser, auch wenn Andere dabei waren; denn Kleist selber ging ungern daran, weil er bei seiner bedeckten Stimme und seiner Hast leicht ins Stottern gerieth, allein einzelne Stellen las er niit einem so unwiderstehlichen Herzensklange der Stimme, daß sie mir noch immer in den Ohren tönen. Als z. B. die Stelle: Wir litten menschlich seit dem Tage, Da VaruS bei uns eingcrückt, Wir rächten nicht die erste Plage, Mit Hohn auf nn« hcrabgcschickt; Wir übten »ach der Götter Lehre Uns durch viel Jahre Im Verzeiht!; Doch endlich drückt des Jahres Schwere, Und abgeschüttelt will es sein. Mit den Leuten, welche Briefe schreiben und geheime Boten schicken, um das Vaterland zu retten, war von dem ungeduldigen Dichter der Tugendbnnd gemeint. Nichts irriger als Thusnelden wie ein verfehltes Ideal zu fassen. Kleist pflegte wohl zu sagen: „sie ist im Grunde eine recht brave Frau, aber ein wenig einfältig, wie die Weiberchen sind, die sich von den französischen Manieren sangen lassen." xevi Einleitung. Kleist verschmähte auch das Unschöne nicht, sobald es nur seine Wirkung that. Manchmal zwar wollte er nach der leidigen Berliner Art auch imponircn, was seine Gediegenheit am wenigsten nöthig hatte, zerhackte auch wohl seinen Dialog, weil er sich von dem raschen Rcdcwechsel Wirkung versprach. Am wenigsten sagten mir die nachtwandlerischen und mit dem Magnetismus geschwängerten Jngre- dienticn in einigen seiner mir sonst lieben Dramen zu, und auch ans dem herrlichen Kohlhaas, in dem sich des Dichters Charakter treu abbildet, wünsche ich Einiges verwandter Art hinweg. Hartnäckig und starr, wie Kleist von Grund ans war, gab er mir übrigens niemals Recht in meinem Tadel; und ich gestehe es, ich vermag noch diesen Tag nicht wohl einzusehn, daß wir durch den Genuß der Früchte eines reichen Geistes das Recht erwerben, diesem zum Dank seine Wohlthatcn zu verleiden, indem wir ihm die Mißgriffe, die er allenfalls begangen hat, beharrlich vorwerfen. Wie dem denn sei, ich ließ gewöhnlich nach einigem Gebalge ab, beruhigte mich und hielt zu ihm, glaube auch noch diesen Tag, daß wenn die Witterung des Glückes diesem ungeduldigen Geiste nicht auSgeblicbcn wäre, wir in Heinrich v. Kleist einen dramatischen Dichter besäßen, wie er dem deutschen Charakter gerade noth thäte, kein Sänger des Polsters und der genialischen Ruhe, aber kühn und mit Leidenschaft in die Tiefen des Weltwcscns dringend. Kleist hatte Feldzüge und ernste, nicht blos dilettantische Universitätsstndien gemacht, das habe ich aus seinen Collegicnheften gesehn. Sein Wesen bedurfte des stärkenden Hintergrundes eines gehobnen Vaterlandes, und in Ermangelung desselben, schwächlichen Velleitätcn gegenüber, warf er sich manchmal in Träume, die am Ende doch nicht leerer sind als der geheimnißvolle Thurm im Wilhelm Meister. Wie die Zeit weiter ging, beschlossen wir nach Wien zu reisen und bedachten nicht daß der Sieger von Regcnsburg schneller als wir sein werde. In Znaym trafen wir den preußischen Obristen Einleitung. X6VH v. Knesebeck, denselben der hernach zn den höchsten militärischen Wurden stieg. Knesebeck war damals mit geheimen Unterhandlungen seines Hofes betraut, die durch den Erzherzog Karl von Oestreich gingen, die aber von Anfang her keinen Erfolg versprachen. Die Nicht- Oestreicher fanden sich damals leicht zusammen und so pflegten wir ziemlich zahlreich zusammen zu frühstücken. Das führte zu einem eigenthümlichen Ereigniß. Eines Tages hatte ich ans einem Spaziergange mit Kleist mir ein Paar Pistolen gekauft; weil noch etwas daran zn repariren war, wurden sie erst Abends bei Lichte überbracht. Sogleich machte sich Kleist darüber her und fing an zu laden. Vergebens rief ich ihm zn: „Lassen Sie das lieber Kleist, ich bedarf jetzt keiner geladenen Pistolen und wir haben im überfüllten Gasthofe nicht einmal einen Verschluß dafür." Aber Kleist war nicht der Mann, der sich so leicht in Güte von etwas abhalten ließ; die geladenen Pistolen blieben die Nacht im Gesellschaftszimmer liegen. Am nächsten Morgen wie wir gerade beim Frühstücke sind, ergreift ein junger Officier, der dem Obristcn v. Knesebeck beigegeben war, das eine Pistol, spannt den Hahn und drückt ab; die Kugel ging mir gerade an der Schläfe vorbei. Der bestürzte Officier wandte sich zn mir: „Gottlob, Sie sind unverletzt." Da rief Knesebecks Stimme plötzlich dazwischen: „Aber GottS Donnerwetter ich habe es gekriegt." Die Kugel haftete ihm in der Schulter und der gleich hcrbeigernfenc Chirurg vermochte sie nicht heransznbringcn. Knesebeck war sonst politisch nicht so recht unser Mann, aber bei diesem Vorgänge benahm er sich durchaus in edler Weise. Da zufällig eine Wäscherin sich im Zimmer befand, so war die aufgeregte Behörde leicht überzeugt, daß hier von keinem Duell die Rede gewesen, und wir vernrtheiltcn uns selbst in eine Polizeistrafe. Kleist und ich trieben damals eifrig das Kriegsspiel, welches gerade durch den auch in nnserm Kreise verkehrenden Hauptmann Pfuel, jetzigen Generallientcnant und Staatsminister a. D. sehr H. v. Klcist's Werke. I. Bd. g xovm Einleitung. Verbessert worden war. Wir thaten bas zum gewaltigen Aerger Knesebecks der, als wir uns einmal unartig genug durch seinen Eintritt gar nicht stören ließen, uns nun auseinandersetzte, wie hier gerade Alles fehle was das Wesen des Kriegs ausmache. Kleist erwiederte ans jede dieser Ausstellungen: „Es ist aber Alles darin, lieber Knesebeck." Als nun die Reihe auch an die Verproviantirung kam und Kleist es an denselben Worten nicht fehlen ließ, raunte Knesebeck mit den Worten: „Na so hole Sie denn der Teufel" grimmig zur Thüre hinaus. Kleist verstand etwas vom Kriegswesen, ich nichts; aber seine jähe Hitze machte mich vorsichtig und so zog ich mich ganz leidlich ans der Sache. Wir saßen gerade eines frühen Morgens bei nn- scrm Spiele in Stockerau, als der Gastwirth zu uns mit den Worten eintrat: „Was, meine Herren, Sic sitzen beim Spiele uud hören nicht, daß die Schlacht angefangen hat?" Es war die von Aspern. (21. Mai.) Da warfen wir denn freilich Alles zusammen. Den Tag nach der Schlacht bcsnchten wir das Schlachtfeld; der Wirth gab Pferde und Wagen her und fuhr uns selbst. Wie leichten Herzens fühlten wir uns inmitten dieses Anblicks der grauenvollen Zerstörung. Ich verwahre noch jetzt einen Brief, den ich einem tobten Franzosen aus der Tasche zog; er war au seine Eltern gerichtet. Niemand störte uns in unsrer Wanderung über das Schlachtfeld; wir befanden »US gerade der Lobau gegenüber, als ich den unglücklichen Einfall hatte einen Bauer, der Kugeln sammelte, zu fragen: ob die Franzosen hier wo eine Brücke gehabt hätten, oder ob man den schmalcn Arm durchwaten könne? Der ehrliche Mann mochte die Frage so verstehn, als ob ich Luft hätte ans diesem Wege zu den Franzosen, die noch auf der Lobau standen, zu kommen; kurz er hielt es für seine Pflicht, Anzeige von den beiden verdächtigen frcnidredenden Fußgängern zu machen, und da sahen wir uns denn ziemlich bald nicht bloS unserer Pässe befragt, sondern in förmliche Untersuchung ge- Einleitung. xeix kommen. Hunderte von Soldaten strömten herbei, die einander zuriesen, nian habe ein paar französische Spione gefangen. Da machte es mich nun wahrhaft ingrimmig als Kleist von seinen Gedichten hervorzog und namentlich das vom Kaiser Franz ein paar Osficie- ren reichte. Niese tapfern ehrlichen Leute betrachteten jedes politische Gedicht als eine unberufne vorwitzige Einmischung, und als sie nun vollends hinter Kleist's Namen kamen, machten sie mit einer unglaublichen Geringschätzung der preußischen Waffenthaten ihm geradezu die Uebergabe von Magdeburg durch seine Verwandten zum Vorwurf. Als wir nun in die Ueberreste von Asporn kamen, wo in der halbzerstörten Apotheke ein Protokoll ausgenommen ward, gestaltete sich die Sache dadurch wirklich verdrießlich für uns, daß Pferde und Wagen, von denen wir gesprochen hatten, sich nirgend vorfanden. Der Besitzer entschuldigte sich später gegen uns mit der Ausrede, man habe sein Gespann zur Fortschaffung der Leichen benutzen wollen; da sei er rasch davon gefahren. DaS Ende war: wir wurden ins Hauptquartier des Marschalls Grafen Heller nach Neustädl gebracht, und obgleich dieser sich gleich zurecht fand und uns mit sehr gütigen Worten empfing, nur daß er unsre Wanderung ans ein frisches Schlachtfeld hin etwas verwegen fand, mußten wir uns doch entschließen, todtmüde wie wir waren, unser nächtliches Unterkommen noch eine gute Strecke weiter im Dorfe Kageran zu suchen. Nachdem der Krieg verloren war, trennten die Freunde sich mit schwerem Herzen. Kleist ging nach Berlin, wo er sich kalt und immer kälter fühlte und, wie ich sllrchtc, selbst mit seinem Auskommen zu kämpfen hatte. Als mir die Aussicht an der Kieler Universität als Professor eingestellt zu werden aufging, schrieb ich von Kopenhagen an Kleist und machte ihm den Vorschlag zu mir nach Kiel zu kommen und mit mir in einer bescheidenen Gemeinschaft der Güter zu leben, ungefähr wie wir cs in Oestreich gehalten hatten. Mei- g * c liinleitung. nett Grimdgedankett kannte er, eS niüsse mit der Napoleonischen Herrschaft, wenn man nnr ansharre, schließlich zusammenbrechen. Diesen Brief hat Kleist nie erhalten; es wurden damals in Kopenhagen alle Briefe ins Ausland polizeilich gelesen; so gab ich ihn einem jungen Gelehrten mit, der später seinen Reiseplan geändert und mir den Brief znrückgeschickt hat. Kleist erlag seiner diistern nagenden Hoffnungslosigkeit, seiner Verzweiflung am Vaterlande, so viel ich irgend weiß, keiner andern Leidenschaft. Sein Tod hat eine Lücke in mein Leben gerissen, die niemals anSgefiillt ist. — So weit Dahlmann. In Prag wurde Kleist längere Zeit durch eine schwere Krankheit znrnckgehalten; nach dem Abschluß des Friedens (October 1809) ging er nach Berlin, wo er mit A. Müller wieder, zusammenlraf. Ans seiner Reise sah ihn die „goldene Schwester" zum letztenmal in Frankfurt a. O, wieder, verstimmt und gebeugt durch das fortwährende Unglück seines Vaterlandes, sowie tief gekränkt, daß seine Dichtungen so wenig Eingang im Publicum gefunden hatten. Erjagte ihr eines Tages eine Strophe ans einem Gedicht her, die ihr sehr gefiel, und sie fragte ihn, von wem das sei? Darüber schlug er sich mit beiden Händen vor die Stirn und sagte im tiefsten Schmerz: auch Sie kennen eS nicht? O mein Gott, warum mache ich denn Gedichte! — Ein andermal äußerte er sich in ihrer Gegenwart sehr heftig über den Selbstmord: solch ein Mensch komme ihm gerade so vor wie ein trotziges Kind, dem der Vater nicht geben wollte, was eS verlange, und das danach hinauslanfe und die Thür hinter sich zuwerfe. — Solche Aenßernngen waren im Grunde nnr der innere Kamps gegen eine krankhafte Neigung. Er dürstete danach, sein Leben an eine große That zu setzen: als solche schwebte ihm die Ermordung Napoleons vor. Kurze Zeit nach seiner Entfernung ans Dresden erhielt der Maler Hartmann einen Brief, worin er ersucht wurde, dem Freunde eine Quantität Arsenik C'inleltuiin. 01 nachzuschickcn; indem er den Zusammenhang ahnte, suchte er Kleist lekhast akzurcdcn, da er sich mit seiner ganzen Persönlichkeit für ein solches Vorhaben nicht eigne. Hieraus erhält er mit Stafette einen zweiten Brief: die Bedenken wegen des Erfolgs werden widerlegt, und zugleich angckündigt, daß ein gemeinschaftlicher Bekannter, ein Gutsbesitzer, den Arsenik in einer zum Gut gehörigen Apotheke besorgen und an Hartmann Übersenden würde, von dem ihn Kleist ohne Verzug erwarte. Wirklich trifft der Arsenik ein, wird aber von Hartmann sofort einer Apotheke übergeben. So erzählt Lann in seinen Memoiren. — Aehnlichc Gedanken spukten damals nicht selten in den Köpfen der erhitzten Jugend; am 12. Octobcr 1809 hatte Staps in Schönbrnnn den verunglückten Mordversuch gemacht. — Bei Kleist war es eigentlich nur der krankhafte Trieb der Selbstzerstörung, der sich in diesen wilden Phantasien anssprach. „Diese grellen Widersprüche, sagt Ticck, die das Leben zu zerstören drohen, schlafen wohl in den Gcmüthcrn der meisten Menschen, ja man kann vielleicht sagen, der Mensch und sein Charakter gehe erst ans ihnen hervor, und um so mehr, wenn ihm die Natur irgend ein ausgezeichnetes Talent verliehen, ihm eine vorzügliche Stellung in der Gesellschaft angewiesen hat. Den gewöhnlichen Menschen drücken und ängsten diese Widersprüche seines Wesens nicht auf lange; die jugendliche Ungenügsam kcit beschwichtigt sich bald in irgend einem herkömmlichen Berus, in den Gewohnheiten der Welt und alltäglicher Beschäftigung und Zerstreuung; dagegen hat die Jngcndgeschichte solcher Menschen, die innerer Trieb und Enthusiasmus zu den Wissenschaften führt, vorzüglich aller Künstler und Dichter, darum unter sich eine große Aehnlichkeit, weil alle mehr oder minder diesen Trübsinn, den die Widersprüche der gewöhnlichen Welt und die Uubckanntschast des eignen Innern erregen, nicderznkämpfen und zu überwinden haben. Das Schicksal sorgt in der Regel dafür, daß ein edler Leichtsinn tröstend über diese Klippen den Wandrer leitet, oder daß sich die Einleitung. cm Krankheiten der Phantasie durch die Phantasie selber heilen, wohl auch daß die hohe Erscheinung der Natur, oder Religion und Philosophie das Herz beruhigt und es dem Künstler vergönnt wird, ganz und mit voller Seele seiner Kunst zu leben, so daß er aus seinem Innern die Welt und ihre Erscheinungen begreift, und wieder das Leben und dessen Ereignisse sein Gemüth mit immer neuen Gestaltungen erfrischen. Oft aber läßt cs das Schicksal zu, daß der Geist nie das Genügen findet, im Streben nach dem Bessern sich abmattet, zwischen Hochmuth und Verzweiflung an sich selbst wechselnd ringt, und im kalten Verdruß und kränklicher Empfindlichkeit sich und andre nicht mehr versteht. Nur selten zeigt die Natur die grausame Laune, daß sich Talent, Neigung, Widerspruch und Charakter so mischen und streitend verwirren, daß das irdische Dasein selbst sich zerstört. Und unter diesen Seltner» fordern wenige so unser Mitleid, unsere Achtung und Theilnahme ans, wie Heinrich von Kleist. Zn einer höchst bewegten Zeit lebend war es seinem starken Herzen unmöglich, nicht die Bedrängniß der Gegenwart ganz und voll zu fühlen; er war ganz Deutscher und liebte sein Vaterland Brandenburg noch inniger, als die übrigen verwandten Stämme. Seine Zeit aber verwandelte sich ihm gleichsam zum Gespenst, so daß er nicht ruhig das Unglück fest anschauen nnd mit klarem Auge nach der Zukunft sehn konnte; so sehr ihn diese Zeit bedrängte, wurde sie ihm durch brütende Trauer doch fast nur in einen ängstenden Traum verwandelt. Die Poesie war diesem finstern Gemüthe nur auf Augenblicke ein Labsal, keine Heilung, der unglückliche Dichter konnte ihr nicht leben und sich in ihr beruhigen, die Gegenwart verdunkelte ihren Glanz, und sie war daher nicht fähig, ihm die äußere Welt mit milderem Schimmer zu erheitern. Vielleicht waren seine häufigen schweren Krankheiten vorzüglich Folgen seines zerrütteten Gemüths; man wird versucht anzunehmen, daß schon von früher Zeit eine dunkle Macht ihn geistig von innen heraus zerstört habe." — Einleitung. cm Das tiefste Mitgefühl ergreift uns, wenn wir das letzte Lied lesen; hier strömt die Qual eines vollen Herzens uns entgegen, das in dem allgemeinen Untergang auch das Götterlind der Poesie erblassen sieht; noch einmal — rauscht der Sänger in dle Saiten, Der Töne ganze Macht leckt er hervor, Er singt die Lust, für'S Vaterland zu streiten — Und machtlos schlägt sein Ruf an jede» Ohr! Und wie er flatternd dar Panier der Zelten Sich näher Pflanzen sieht, von Thor zu Thor, Schließt er sei» Lied; er wünscht mit ihm zu enden, Und legt die Leier thränend aus den Händen, Die Stimmung war nicht nur tief gefühlt, sie entsprach auch der Wahrheit; zwar dichtete er fort, aber im Ganzen ohne Hoffnung. 1810 gab er ein Bändchen „Erzählungen" heraus; es enthält außer dem Kohlhaas und der Marquise von O. „das Erdbeben in Chili," jenen älteren völlig ebenbürtig, ja in Bezug auf die Kunstform vollendeter. Die kleine Novelle schildert wieder den Cvnflict der gesetzlosen Liebe mit den Sitten und Vorurtheilen der Welt; ein wildes glühende« Gemälde der tropischen Natur, in den ruhigen Scenen von einem unnennbar zarten Schmelz der Poesie. Der tragische Eindruck liegt darin, daß der Dämon des menschlichen Fanatismus viel entsetzlicher ist als der Dämon, welcher die Erde erschüttert, weil er ihn überdauert. Und man erlebt ihn innerlich mit, voll Entsetzen, aber nicht ohne Nerständniß. Die Farben sind von einer wunderbaren Kraft, das Leidenschaftliche tritt mit dem Ahnungsvollen gleich kräftig hervor. Es ist doch eine ganz andere Tragik in diesem Bild als in Tieck's „Liebeszauber" oder „Pokal," jenen wüsten Ausflüssen einer Fieberphantasie, die in demselben Jahr gedichtet und dem „PhantasuS" einverlcibt wurden. Auf's neue versuchte er es in Gemeinschaft mit Adam Müller mit einem Journal: er gründete die „Berliner Abendblätter." civ Müller, der in Berlin zuerst mit Vorlesungen über Friedrich den Großen begonnen, hatte sich jetzt, in der Anssicht ans eine „Restauration der Staatswisscnschaften auf theologischer Grundlage" mit der preußischen Jnnkerpartei und deren Führer v.d. Marwitz verbündet und bekämpfte die Reformen des StaatskauzlcrS auch in jenen Blättern; es war naiv genug, daß sich Kleist wegen amtlicher Unterstützung derselben an eben diesen StaatSkanzler wandte. Da Müller die Ansicht anssprach, die Unterstützung werde von Niemand als Fr. v. Raumer hintertricbcn, der in der Staatskanzlei arbeitete, schrieb Kleist an denselben einen heftigen Brief und forderte ihn znm Zweikampf, that aber, als Raumer ihm das Unbegründete des Verdachts bewies, persönlich unter vielen Thränen Abbitte. Eine andere Unannehmlichkeit hatte er mit Jffland, dem er sein Käthchen zur Aufführung cingcschickt. Jffland verzögerte seine Antwort und es wurde Kleist hintcrbracht, daß er sich sehr geringschätzig über das Schauspiel ausgesprochen habe, worauf dieser einen äußerst groben und beleidigenden Brief an ihn abgchn ließ. Daß der Thcatcr- dircctor diese Grobheit durch ein dcmüthigcS Schreiben crwiedcrtc, lag in seiner Art. — Die „Abendblätter" erschienen vom 1. Oktober bis Ende December 1810 und erloschen dann plötzlich, wohl zumeist wegen Uneinigkeit der Rcdaction mit dem Verleger. Kleist hatte sich zuerst als Redactcnr nicht genannt, trat jedoch später mit seinem Namen hervor. Das Blatt enthält meist unbedeutende Aufsätze und Bemerkungen, oberflächliche Thcatcranzcigen, Anekdoten u. s. w. nebst polizeilichen Mittheiluugen. Achim v. Arnim, Fon- quö u. A. arbeiteten zwar mit, aber nichts von Bedeutnng. Von Kleist enthält es „die heilige Cäcilic," „das Bcttelweib von Locarno" und die beiden, zuerst von Bülow mitgctheilten Aufsätze: „über das Marionettentheater" und „eine Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege." — Zn Anfang des folgenden Jahres 1811 erschien der zweite Band der gesammelten „Erzählungen;" sie zeigen noch Spu- Cnnlcituiiq. cv reu des alten Talents, aber keine erhebt sich ;nr Höhe der drei früheren. — Die Darstellung des NcgcranfrnhrS in der Verlobung von St. Domingo ergreift wieder die Einbildungskraft mit großer Macht; der Kern der Erzählung, der Augenblick, wo Tony in den Umarmungen des Fremden eine neue Seele findet, ist von tiefer Poesie; der Eindruck des Ganzen ist aber widerwärtig. Th. Körner bearbeitete im folgenden Jahr den Stofs dramatisch. — Eine merkwürdige Verirrung ist der Zweikampf, wieder eine Cri- minalgcschichte. Das Motiv der GesühlSvcrwirrnng liegt darin, daß in einem gerichtlichen Zweikampf das Gottcsurthcil unklar ausfällt, wie auch das Gewissen der Parteien nicht deutlich spricht, so daß in einem Augenblick der Raserei die Unschuldige sich selbst vom Gefühl der Schuld erdrückt glaubt. Derselbe Confliet ist in der Marquise von O. viel zarter; der Begriff des GottcsnrtheilS ist uns fremd, und daß zuletzt eine galante Krankheit die Rechtfertigung Gottes übernehmen muß, streift an's Absurde. — Das Bettelweib von Locarno ist eine Gespenstergeschichte ohne Pointe, die wohlverdient hätte, in Ticck'ö Phautasus ausgenommen zu werden. — Der Findling treibt das Problem des KohlhaaS ans die Spitze; in dieser Novelle ist kein gesunder Zug, der AnSgang ist gräßlich; wie muß eö in der Seele ansgcsehn haben, der solche Bilder vorschwebtcn! — Die heilige Cäcilie führt n»S in die Mysterien des Irrenhauses; daß noch ein katholischer Hautgout hinzukommt, hat vielleicht Tieck bestimmt, dieser Mißgeburt das Prädicat der Schönheit zu geben. — Freilich fühlt man noch immer die dämonische Kraft des Dichters, namentlich wenn man die spätem Spukgeschichten HofsmannS daneben stellt; aber man wird dieser Kraft nicht froh. Seine Familie hatte in ihm die Hoffnung erregt, durch die Dichtung eines vaterländischen Stücks eine öffentliche Unterstützung zu verdienen. Er ergriff den Gedanken mit Begeisterung und schrieb sein schönstes Werk, den Prinzen von Homburg. Es ist das evi Einleitung. Gegenstück und gewissermaßen die Rechtfertigung der Herrmanns- Macht. Bei vielen der damaligen Barden war der Haß gegen die Franzosen, gegen Napoleon nnd gegen die Revolution zugleich eine Schaam vor der eignen geistigen Bergangenheit, und ihr Deutschthum selbst enthielt viel Phrasenhaftes, Unklares und Ungesundes. Bei Kleist wurzelte beides tiefer; sein Franzosenhaß hatte keinen literarischen Ursprung, sondern galt den wirklichen Unterdrückern, und seine Liebe zum Vaterland bezog sich nicht auf ein farbloses Ideal, das er sich erst ansdichten mußte, sondern ans den wirklich bestehenden preußischen Kriegcrstaat, dem er mit Leib und Seele angehörte. - Da« Gefühl der Erniedrigung, in welche sein Königshaus und seine Waffengefährten verfallen waren, erfüllte ihn mit lebendigeren Bildern, als sie der Tngendbund oder die an Brutus nnd Cassius geschulte Burschenschaft geben konnte. Er suchte nicht erst, wie Klop- stock, ein deutsches Vaterland, allenfalls im Monde; er fand es in seinen Traditionen, mit einer bestimmten Physiognomie und einer greifbaren Gestalt. Das ganze Stück gewinnt durch die lebensvolle Färbung der heimischen Zustände einen Reiz, durch den es vielleicht einzig in unserer Literatur dasteht: selbst in Egmont und Tell ist mehr unverarbeitetes Costüm. Mit frischem Athemzng weht uns der Geist eines wohlgeordneten Kriegerstaats entgegen, der in seinen Fahnen ein höheres Symbol umschließt, als das Wohlbefinden der gegenwärtigen Generation. In der Mitte der Fürst, der mit verständigem Ernst die Zügel in starken Händen hält, tim ihn die treuen Kampfgenossen, die ihn verehren ohne seine Knechte zu sein; ein gegenseitiges Vertrauen ohne Aufgeben der Selbständigkeit; auffahrende Hitze, wie es Kriegern natürlich ist, nnd doch strenge Loyalität: es waren das für Preußen keine bloßen Traumbilder. — Der Dichter verschmäht, wie immer, die Kleinkrämerei des Details; er giebt sich nie die unfruchtbare Mühe, sich an zufällige Aeußerlichkeitcn zu halten, er redet ebensowenig im Jargon des siebzehnten Jahrhunderts Einleitung. 0VII wie in der Herrmannsschlacht in der Sprache dss Tacitus, aber durch die menschliche Wahrheit und Geiniithstiefe seines Tons weiß er uns in die angemessene Stimmung zu versetzen, und lebhaft und glänzend, fast wie ein Bildwerk, zeichnen sich die Typen der Zeit in der Harmonie des echt dramatischen Verses und in der durchsichtigen Sprache ab. — Mit Recht macht Solger auf die Heiterkeit des Stücks aufmerksam: „sie rührt besonders daher, daß alles in seinem wirklichen, gegenwärtigen Leben anfgsfaßt, nichts idealisirt und mit leeren Redensarten ausstolzirt ist. Daher das liebe heimathliche Gefühl, das uns hindurch begleitet." „Der Charakter des Kurfürsten ist ein Meisterstück; nur wenigen ist eS gelungen, so überzeugend Majestät hinzustellen, in der sich Ernst, Kraft und Milde vereinigt, in jedem Moment groß, und immer menschlich, ohne je in die leeren Reden und Bilder zu verfallen, mit denen schwächere Dichter so oft die Charaktere ihrer Fürsten ausmalen wollen" (Tieck). Wie ans dem innersten Leben gegriffen ist die Stelle, wo man ihm eine Rebellion seines Heers meldet: „Seltsam! — Wenn ich der Dey von Tunis wäre, schlüg' ich bei so zweideut'gem Vorfall Lärm: die seidne Schnur legt' ich auf meinen Tisch, und vor das Thor, verrammt mit Pallisaden führt' ich Kanonen und Haubitzen auf. Doch weil's Hans Kottwitz aus der Priegnitz ist, der sich mir naht, willkürlich, eigenmächtig, so will ich mich auf märk'sche Weise fassen: von den drei Locken, die man silberglänzig auf seinem Schädel sieht, fass' ich die eine und führ' ihn still mit seinen zwölf Schwadronen nach Arnstein in sein Hauptquartier zurück." — Das ist etwas anderes als die hohle Großsprecherei und alberne Treuherzigkeit, die uns sonst für Patriotismus verkauft wird! — Dem Fürsten entsprechen die rüstigen Kriegshclden, jeder mit sicherm, breitem Pinsel ausgemalt; dieser brave und ruhige Soldatengeist, „alles erklärt, rühmt und lobt auf angemessene Weise bas theure Vaterland, dessen Sohn zu sein der verkannte Dichter für seine» Ruhni und für sein Glück hielt." evin Einleitung. DaS ethische Problem deS Stücks konnte für das Cvstüm nicht glücklicher gewählt werden; es lag zudem in der Richtung der Zeit. Der Conslict zwischen der narürlichcn Empfindung und der abstrae- tcn Pflicht ist das Lieblingsthema der damaligen Dramatiker aus der Schule Schiller's; cs wird von ihnen mit einer Virtuosität behandelt, welche die Verwickelungen häuft und in der Regel mit einem vollständigen Unfrieden schließt. Auch bei den Vorbildern der jungen Dichtung, Calderon, aber auch Corneille, Alfieri n. s. w., übcrwiegt die Dialektik der Pflichten, bald, wie bei den Spaniern, mit einer fast naiven Casuistik behandelt, bald zu Gunsten der Natur entschieden. Das wirkliche Leben nährte dies Problein des Verstandes. Die Befriedigung in der Natur, wie sie von Goethe und seiner Schule gepredigt wurde, reichte nicht mehr aus, wo die furchtbare Noth des Vaterlandes eine gewaltsame Erhebung der Seele, ein Hcraustretcn aus den hergebrachten Empfindungen erheischte. Wie in der Kan- tisch - Fichte'schen Philosophie, drängten die Stichworte Pflicht und Tugend das Stichwort Natur in den Hintergrund. Das Leben hatte einen neuen Inhalt gewonnen, und dieser trat gegen die bisherigen Neigungen, gegen das sclbstgcungsame Schattenreich der Kunst feindselig in die Schranken. Dian kehrte zu den römischen Legenden zurück, zu Brutus und ManliuS, die um des Vaterlands willen ihre Sohne hinrichten lassen; das Vaterland in seiner Bcdrängniß durfte von seinen Helden ähnliche Opfer, ähnliche Selbstverleugnung erwarten. Wo Sitte und Vorschrift des Alltaglebens nicht ausreichte, mußte der Mann in seinen eignen Busen greifen, den heilbringenden Entschluß zu finden. Alle Welt jauchzte dcni Unternehmen Schill's und Dörnbcrg's zu, und doch mußte man sich sagen, daß Schill dem Gesetz gegenüber ein Verbrecher war. Wie war cs min, wenn Schill gesiegt hätte? sollte das Gesetz in der Weise des Alterthums auch an dem Befreier des Vaterlands gehandhabt werden? Der Conflict nahm später — und schon regte sich das Gefühl dieser Zukunft pro- Einleitung. phetisch in den Herzen — eine viel ernstere Wendung. Usrk, der wohl wußte, was er that, bot dem König zur Sühne seinen Kopf; er wurde nach dem glücklichen Ausgang geehrt und gefeiert, aber in seinem Herzen hat ihm der König doch nie vergeben, daß er die strenge Pflicht des soldatischen Gehorsams, ans welcher der Staat beruht, der Einsicht in das momentan Zweckmäßige opferte. — Solche Empfindungen bestimmten den Dichter bei der Wahl des Stoffs. Friedrich der Große erzählt, daß der Kurfürst nach der Schlacht bei Fehrbellin geäußert habe, man könne nach der Strenge der Gesetze den Prinzen von Homburg vor ein Kriegsgericht stellen, doch sei es ferne von ihm, diese Strenge gegen einen Mann, der so tapscr znm Siege mitgewirkt, in Anwendung zu bringen. Ans diese kurz hin- geworfcne Nachricht faßt der Dichter die Sache so, als wenn der Kurfürst in der That das Kriegsgericht hätte sprechen lassen. — Der republikanische Dictator, der wider das Gesetz bewaffnet in die Volksversammlung gekommen, vollzieht die Strafe an sich selbst; in einer Monarchie ist cs anders. Schon die Verschwornen unter Brutus bemerkten: kogos rviir surckam, iiioxorabiloiri vsso; regeln lioinlrwin esse: esse gratiae koeuin, esse beneüeio; et iraser et ignoscvre xosse. Zudem denkt der Christ, der Deutsche anders als der Römer. „Mein Vetter Friedrich will den Brutus spielen und sieht, mit Kreid' ans Lcincwand verzeichnet, sich schon ans dem enrul'schen Stuhle sitzen, die schwedischen Fahnen in dein Vordergrund und auf dem Tisch die märk'schen KricgSartikel. Bei Gott, in mir nicht findet er den Sohn, der unterm Beil des Henkers ihn bewnndre. Ein deutsches Herz von altem Schrot und Korn bin ich gewohnt an Edelmut!) und Liebe, und wenn er mir in diesem Augenblick wie die Antike starr entgcgcnkommt, thut er mir leid und ich muß ihn bedauern." — Die freie Heldcnkraft empört sich mit dem unmittelbaren Bewußtsein ihrer hohem Berechtigung gegen die hergebrachte Ordnung. Die heidnische Tragödie wußte für diesen Conflict nur cx Einleitung. eine äußerliche Lösung; die neue Zeit giebt dem freien Bewußtsein das Recht, sich selbst zu richten und damit zu versöhnen; das Gesetz hat nur noch den Schein der unnahbaren Strenge. Als der Drachensieger, der wider das Gesetz das Vaterland gerettet, in der Er- kenntniß seiner Schuld sich der Strafe unterwirft, giebt der Meister ihm das Kreuz zurück, als „Lohn der Dcmuth, die sich selbst bezwungen." — Der Prinz von Homburg verletzt in dem voreiligen Glauben an seine bessere Einsicht den Plan, der das Ganze der Schlacht leiten soll. Das Glück und seine Tapferkeit geben diesem llebcrmuth einen günstigen Ausgang; er schlägt die Feinde und stellt sich mit den erbeuteten Fahnen im stolzen Gefühl des geretteten Vaterlandes dem Fürsten dar. Als dieser ihm den Degen abfordcrt, ist sein erstes Gefühl Bitterkeit über die Pedanterie des Gesetzes, welches die freie Genialität unterdrückt: er versteht die Welt, er versteht sein eignes Gefühl nicht mehr. Er hat Unrecht, denn cS kommt nicht ans den einzelnen Erfolg an, sondern ans den Geist der Ordnung und des Gesetzes, der die Ewigkeit des Staats sichern soll. Der Prinz, wie das ganze Heer, das ihn vergöttert, muß fühlen, daß es sich um etwas mehr handelt als um eine bloße Form: sie müssen das volle Gewicht und das volle Recht des Urtheils empfinden und tief in sich anfnchmcn, ehe die Freisprechung erfolgen darf. Dann aber muß sie erfolgen, denn in dem echten Kriegcrstaat ist die Disciplin nicht bas Letzte. Das Heer ist sowenig eine leblose Maschine wie ein zügelloser Haufe, und die freie Heldenthat hat ihr Recht, sobald sie ihre Schranken anerkennt. Der alte Kottwitz, der wohl Subordination versteht, weiß auch ihre Grenze scharf hervor- znheben: „die schlechte kurzsicht'ge Staatskunst, die, um eines Falls, da die Empfindung sich verderblich zeigt, zehn andere vergißt, da die Empfindung einzig retten kann!" „Gesetzt, um dieses unberufnen Siegs brächst du dem Prinzen jetzt den Stab, und ich, ich träfe morgen, gleichfalls unberufen, den Sieg wo irgend ...: bei Gott, Einleitung. exi ein Schelm müßt' ich doch sein, wenn ich de« Prinzen That nicht munter wiederholte. Und sprächst dn, das Gesetzbuch in der Hand: Kottwitz, dn hast den Kopf verwirkt! so sagt' ich: das wnßt' ich, Herr; da nimm ihn hin!" — Bei der Durchführung dieses glänzend angelegten Problems lag die schwierigste Seite der Aufgabe nicht darin, die Bewegung in der Seele de« Prinzen, sondern die Bewegung in der Seele des Fürsten deutlich zu machen. Dies ist dem Dichter nicht gelungen: er zeigt seinen Fürsten so überlegen, so weise gemäßigt-und dabei so unnahbar verschlossen, daß wir nicht einen Augenblick an die Möglichkeit denken können, eS sei ihm mit dem Urtheil ernst. Für ein pädagogisches.Spiel aber ist das Verfahren zu grausam; ja die Verstellung hat für einen Helden und Fürsten etwas Unwürdiges. In einem Fürsten, wie der Dichter ihn schildert, muß stets Integrität des Willens, Einheit des Gefühls und der Uebcrzcugnng sein; der Kampf der sittlichen Momente muß in seinem Innern zur lebendigen Leidenschaft sich gestalten. Und wie schön hätte das Kleist verstanden! Der Kurfürst ist ganz durchdrungen von dem Ernst seines Berufs, der Nothwendigkeit einer strengen Ordnung für die werdende Monarchie; wo dieser Ernst ans ein Hinderniß stößt, erscheint er als Zorn. Friedrich Wilhelm hätte von seiner sittlichen Größe nichts verloren, wenn er den übermüthigen Helden zuerst mit dem vollen Gewicht seines Zorns nicdergcschmettert hätte. Indem ihm im ersten Augenblick nur das Gesetz gegenwärtig ist, mußte cs sein Entschluß sein, das Urtheil ansznführen; der Trotz des Prinzen konnte diesen Entschluß schärfen, bis die freiwillige Bescheidung desselben ihn nicht blvs rührte, sondern ihm die andere Seite des Gesetzes offenbarte, worauf dann die Vermittlung erfolgen mußte. So aber fühlen wir, daß der Wille der Freisprechung bei ihm von: Anfang fcst- steht, daß er nur grausam scherzt, wenn auch zu einem moralischen Zweck, und dies verletzt nicht nur unser Gefühl, sondern cs nimmt QXII Fintcitting. auch dem Drama die reale Bewegung. Um mm diesen Mangel zu ersetzen, werden mannigfache Motive eingcschobcn; der Kurfürst wird selbst einer ganz unwürdigen, in den schönen Kreis dieses Familienlebens garnicht stimmenden Absicht verdächtigt. Zuletzt wird ihm gar nachgewicscn, er sei an dem Vergehen des Helden selbst schnld, und dadurch tritt der tragische Couflict ganz in das Gebiet des Lustspiels über. Hören wir, wie Ticck dies Motiv vertheidigt. „Die Vorliebe für gewisse Darstellungen, die außerhalb der Natur liegen, ist die Schwäche, durch welche Kleist mit seinen jungen Zeitgenossen znsammcuhängt. Er hat diese Stimmung auch in den Homburg ausgenommen, sie aber so künstlich und weise benutzt, daß dasselbe Schauspiel, welches ganz im strengen historischen Stil gezeichnet ist, durch seinen Anfang und das Ende zugleich den Charakter eines wundersamen Mährchens gewonnen hat. Der Prinz erscheint zuerst als Nachtwandler, sein verehrter Fürst und seine Geliebte werden ihm zu Traumgestalten. Ueberschüttet und verwirrt von Gefühlen, indem sich ihm Wahrheit und Phantasie unbegreiflich vermischen, ist er nicht im Stande, den entworfenen Schlachtplan zn fassen, und voll von seinem Glück will er am andern Morgen das Kühnste wagen. Die Schlacht beginnt, der Prinz wird von einem heroischen Wahnsinn ergriffen, überschreitet den Befehl, den er nicht gehört hat, und stürzt zum Siege fort. — Nach demselben ist er immer noch im Traum und Nachtwandeln, und in diesem Wahn erscheint er sich als ein Heros des AltcrthumS. . . . Als man ihm Arrest ankündigt, befällt es ihn kalt und widerwärtig, gleich einem nüchternen Spaß. Diese Stimmung beherrscht ihn auch im Ge- sängniß, bis es seinem Freunde endlich gelingt, ihn von der Möglichkeit seines Todes sdurch jene Verdächtigung des Kurfürsten!j zu überzeugen. Nun folgt die Scene, die, wenn man nicht ganz mit dein Dichter einverstanden ist, bei vielen wegen ihrer Kühnheit Erstaunen, wo nicht Unwillen erregen wird. Kleist, der es immer Einleitung. cxm liebte, auch das Ungeheure und Gräßliche nicht zu verhüllen, hat hier als echter Dichter, ohne uns durch Fingerzeige und Reflexionen den innerlichen Zusammenhang zu erklären, die Sache für sich selbst reden lassen. Unter so vielen hergebrachten Angewöhnungen der Btth- nenwelt ist auch die, daß die Todesfurcht unter keiner Bedingung in ihrer ganzen Gräßlichkeit in edlen Gemüthern erwachen darf. Kleist aber, der ohne Zweifel das Leben nicht zu hoch achtete oder den Tod feige fürchtete, läßt seinen Helden, von diesem Schrecken ergriffen nnd vernichtet, in Gegenwart seiner Geliebten, auf die er zugleich unedel verzichtet, wie ein Sklave um sein Leben betteln. Derselbe wilde Traum, der ihn in seinem Wahn über Alexander nnd Cäsar erhob, wirft ihn nun, da seine Zauber brechen, nntcr den gemeinsten Knecht hinab. Dies erschüttert, vernichtet Natalie mit ihm, nnd so in dem Gefühl von der Armseligkeit des Herrlichsten tritt sie knieend vor ihren Oheim, um für den zu bitten, der vor Kurzem noch das Ideal ihrer Phantasie war, und von dem nun aller Schmuck der Menschheit so abgefallcn ist, daß er nichts mehr als nur das nackte Leben des Thiers mit seinen Wünschen noch umfassen kann. Diese Scene ist wahrhaft erschütternd, denn wir beweinen in ihr das Loos der Menschheit selbst. Der Fürst sagt ihm Gnade zu, Natalie selbst überbringt ihm den Brief, nnd durch diesen erst erwacht der Prinz nnd findet sich, die Welt und Wahrheit wieder. Der Wahn verläßt ihn, nnd er reift am Gefühl deS Rechts schnell zum Mann und Helden, da er vorher auch in seiner Tapferkeit nur Tranmgestalt war ... da« Ganze schließt nach der großen Erschütterung lieblich und wundersam, wie es begonnen hatte." Die Darstellung ist richtig, bis auf einen — entscheidenden Punkt. Der Prinz erwacht nicht; seine Begierde, für das Gesetz zu sterben, ist eine neue Exaltation, ein neuer Rausch; er endet als Nachtwandler, wie er als Nachtwandler begonnen. — Man erinnere sich, daß jener Kritiker zugleich der Dichter dcö William Lovell nnd H. k. Klcist's Werke. I. Bd. h exiv Einleitung. des blonden Eckbert ist; die Sünden des jungen Poeten sind auch die scinigen. — Man hat ihm häufig, auch noch in neuester Zeit nachgesprochen; wir erlauben uns aber die bestimmte Behauptung, daß jener Akt sich selbst wegwerfender Feigheit, in Gegenwart der Geliebten (wohl zu unterscheiden von dem Gefühl) bei einem Helden unmöglich ist; doppelt und dreifach unmöglich bei einem märkischen Edelmann, einem Officier jenes Heeres, das Kleist in so prachtvollen Farben schildert! Wenn er möglich ist bei einem Nervenkranken und Somnambulen, so gehören Nervenkranke und Somnambule nicht ans die Bühne, die nur mit gesunden, zurechnungsfähigen Figuren zu thnn hat. Als Zeugen rufen wir die Frauen, rufen wir die Kursürstin und Natalie an: diesen Züngling, den sie so im Schmutz gesehn, kann das edle Mädchen nicht mehr lieben; von einem so erniedrigten Helden darf der Fürst eine sittliche Aufrichtung des Rechts nicht erwarten und nicht gelten lassen. Das Schlachtfeld ist kein Tummelplatz für sehnsuchtskranke Gemüther. Das Uebermaß des kriegerischen Feuers kann seine Entschuldigung finden, die leere Träumerei eines verliebten Nachtwandlers nicht. Der Kurfürst wäre ein Barbar, wenn er ihn hinrichtcn ließe, aber wenn er ihm zum Viertenmal die Führung der Reiterei anvertraute, dann wäre der Staat der Hohenzollern wirklich in Gefahr. — Außerdem darf man mit einem Helden, den man am Schafsot vorbeisührt, keine Maskerade spielen. Dieser Verstoß ist zum Theil daraus zu erklären, daß dis beiden Tableaux zu Anfang und zu Ende des Stücks, die freilich von dem bezauberndsten Duft der Poesie durchdrungen sind, die aber mit ihrer romantischen Mondschcinsärbung in keiner Weise zu dem ernsten sittlichen Charakter, ja nicht einmal zum äußern Zusammenhang Passen, der Phantasie des Dichters vorschwebten, ehe sich der eigentliche Plan in ihm festgesetzt hatte, und daß er sie nachher zu lieb gewonnen, um sie zu opfern. Im Käthchen war es ebenso. Auf dieses Stück hatte Kleist seine letzte Hoffnung gebaut; es Einleitung. exv wurde vorgelegt und — mißfiel; vielleicht wegen jener höchst un- militärischen Scene, die noch lange darauf die Aufführung des Stücks in Berlin hintcrtriebcn hat; vielleicht auch weil ihm der Staatskanzler wegen seiner engen Verbindung mit Adam Müller, dem Sachwalter der Junkerpartci, abgeneigt war. Dieser hatte zuletzt in Preußen allen Boden verloren, und ging im Mai 1811 nach Wien; von der Einsamkeit, in welcher Kleist seitdem lebte, giebt ein Brief Kunde. „Das Leben, das ich seit Müller's Abreise führe, ist gar zu öde und traurig! Auch bin ich mit den zwei oder drei Häusern, die ich hier besuchte, seit der letzten Zeit ein wenig außer Verbindung gekommen, und fast täglich zu Hanse, vom Morgen bis auf den Abend, ohne auch nur einen Menschen zu sehen, der mir sagte wie cS in der Welt steht. Sie helfen sich mit Ihrer Einbildung und rufen sich aus allen vier Weltgegcndcn was Ihnen lieb und Werth ist in Ihr Zimmer herbei. Aber diesen Trost muß ich unbegreiflich unseliger Mensch entbehren. Wirklich in einem so besondern Fall ist noch vielleicht kein Dichter gewesen. So geschäftig dem weißen Papier gegenüber meine Einbildung ist, und so bestimmt in Umriß und Farbe die Gestalten find, die sie alsdann hcrvorbringt, so schwer, ja ordentlich schmerzhaft ist es mir, mir das, was wirklich ist, vorzn- stellen. Es ist als ob diese in allen Bedingungen angeordnete Bestimmtheit meiner Phantasie im Augenblick der Thätigkeit selbst Fesseln anlegte. Ich kann, von zu vielen Formen verwirrt, zu keiner Klarheit der innerlichen Anschauung kommen. Der Gegenstand, fühle ich unaufhörlich, ist kein Gegenstand der Einbildung, mit meinen Sinnen in der wahrhaftigen lebendigen Gegenwart möchte ich ihn durchdrungen und begreifen. Jemand, der anders hierüber denkt, kommt mir ganz unverständlich vor; er muß Erfahrungen gewonnen haben ganz abweichend von denen, die ich darüber geinacht. Das Leben mit seinen zudringlichen immer wiederkehrenden Ansprüchen reißt zwei Gemüther schon in dein Augenblick der Berührung so viel- h * cxvi Einleitung. fach auseinander, um wie viel mehr, wenn sie getrennt sind. An ein Nähcrrllckcn ist garnicht zn denken; und alles, was man gewinnen kann, ist, daß inan auf dem Punkt bleibt, wo man steht. Und dann der Trost in verstimmten und trübseligen Augenblicken, deren es heut zu Tage so viel giebt, fällt ganz und gar weg. Kurz, Müller, seitdem er weg ist, kommt mir wie todt vor, und ich empfinde auch ganz denselben Gram um ihn." — „Ich fühle, daß mancherlei Verstimmungen in meinem Gemüth sein mögen, die sich in dem Drang der widerwärtigen Verhältnisse, in denen ich lebe, immer noch mehr verstimmen, und die ein recht heiterer Genuß des Lebens, wenn er mir einmal zn Theil würde, vielleicht ganz leicht harmonisch auf- losen würde. In diesem Fall würde ich die Kunst vielleicht ans ein Jahr oder länger ganz ruhen lassen, und mich, außer einigen Wissenschaften, in denen ich noch nachznholcn habe, mit nichts als mit Musik beschäftigen. Denn ich betrachte diese Kunst als die Wurzel, oder vielmehr, um mich schulgerccht anSzudrücken, als die algebraische Formel aller übrigen, und so wie wir schon einen Dichter haben — mit dem ich mich übrigens ans keine Weise zn vergleichen wage — der alle seine Gedanken über die Knust, die er übt, ans Farben bezogen bat, so habe ich von meiner frühsten Jugend an alles Allgemeine, was ich über die Dichtkunst gedacht habe, auf Töne bezogen. Ich glaube, daß im Generalbaß die wichtigsten Aufschlüsse über die Dichtkunst enthalten sind." — „Unsere Verhältnisse sind hier, wie Sie vielleicht schon wissen werden, peinlicher als jemals: man erwartet den Kaiser N. zum Besuch und trenn dies gcschehn sollte, so werden vielleicht ein paar Worte ganz leicht und geschickt alles lösen, worüber sich hier unsere Politiker die Köpfe zerbrechen. Wie diese Aussicht ans mich wirkt, können Sie sich leicht denken; cS ist mir ganz stumpf und dumpf vor der Seele, und es ist auch nicht ein einziger Lichtpunkt in der Zukunft, auf den ich mit einiger Freudigkeit und Hoffnung hinaus sähe. Vor einigen Tagen war ich noch bei G ... Einleitung. ex^n und überreichte ihm ein paar Aussätze, die ich anSgcarbcitet hatte: aber dies alles scheint mir wie der Franzose sagt, Lloutaräs axrös älnor. Wirklich ist eö sonderbar, wie mir in dieser Zeit alles was ich unternehme zu Grunde geht, wie sich mir immer wenn ich mich einmal entschließen kann einen festen Schritt zu thun, der Boden unter meinen Füßen wcgzieht. G ... ist ein herrlicher Mann: ich fand ihn Abends, da er sich zu einer Abreise anschickte, und war in einer ganz freien Entfaltung des Gesprächs nach allen Richtungen bin wohl bis um zehn Uhr bei ihm. Ich bin gewiß, daß, wenn er den Platz fände, für den er sich geschaffen und bestimmt fühlt, ich irgendwo in seiner Umringung den ineinigen gefunden haben würde. Wie glücklich würde mich dies in der Stimmung, in der ich jetzt bin, gemacht haben: es ist eine Lust bei einem tüchtigen Manne zu sein. Kräfte, die in der Welt nirgend mehr an ihrem Orte sind, wachen in solcher Nähe und unter solchem Schutze wieder zu einem neuen freudigen Leben ans. Doch daran ist nach allem, waö man hier hört, kaum noch zu denken." — „Sobald ich mit dieser Angelegenheit fertig bin, will ich einmal wieder etwas recht Phantastisches vornehmen. Es weht mich zuweilen bei einer Lcctüre oder im Theater wie ein Luftzug ans meiner allcrfrühstcn Jugend an. Das Leben, das vor mir ganz öde liegt, gewinnt mit einem Male eine wunderbar herrliche Aussicht, und es regen sich Kräfte in mir, die ich ganz erstorben glaubte. Alsdann will ich meinem Herzen ganz und gar, wo es mich hinführt, folgen, und schlechterdings ans nichts Rücksicht nehmen als aus meine eigene innerliche Befriedigung. Das Urtheil der Menschen hat mich bisher viel zu sehr beherrscht; besonders das Käthchen von Heilbronn ist voll Spuren davon. Es war vom Anfang herein eine ganz vortreffliche Erfindung, und nur die Absicht, cs für die Bühne passend zu machen, hat mich zu Mißgriffen verführt, die ich jetzt beweinen möchte. Kurz ich will mich von dem Gedanken ganz durchdringen, daß, wenn ein VXVIII Einleitung. Werk nur recht frei aus dem Schooß des menschlichen Gcmüths hervorgeht, dasselbe auch nothwendig darum der ganzen Menschheit angehören müsse." Noch tauchte also immer von Zeit zu Zeit neue Hoffnung auf; einer von jenen Zufällen, denen Kleist stets soviel Macht über seine Seele gab, beschleunigte den Ausgang. — Durch A. Müller war Kleist mit Frau Henriette Vogel bekannt geworden, die geistig hoch begabt, an derselben Hypochondrie litt. Unheilbare körperliche Krankheitsznstände kündigten sich bei ihr an, da ihr zerrissener Gc- müthszustand sich schon längst mit dem Leben abgesunden hatte. Wie Kleist, über die Ansprüche des Lebens getäuscht, betrachtete sie schon seit langer Zeit den Todesgcdanken als eine Würze des geschmacklosen Lebens. Bon Leidenschaft war in ihrem Verhältniß zu einander keine Rede; manche vertraute Briefe Kleift's ans früherer Zeit sollen sogar den Beweis führen, daß er eher das Gegentheil als Zärtlichkeit für Henrietten gefühlt habe. Was sie zu einander führte und Kleist bald zu ihrem Hausfreunde machte, war die Sympathie in ihren trüben Stimmungen und ihre gemeinschaftliche Liebe zur Musik. Sie mustcirten und sangen zusammen, vorzüglich alte Psalmen, und freuten sich gegenseitig an ihrem Talent. Als es Kleist eines Tages schien, seine Freundin habe ganz besonders schön gesungen, sagte er zu ihr mit einem ihm wohl aus seiner Jugend überbliebenen Ansdrucke uniformirter Begeisterung: das ist zum Erschießen schön! Sic sah ihn bedeutend an und erwiederte kein Wort; in einer einsamen Stunde kam sie aber auf diese ihm entschlüpfte Aeußerung zurück. Sie fragte ihn: ob er sich noch des ernsten Wortes erinnere, welches sie ihm früher einmal abgenommen, ihr, wenn sie ihn darum bitte, jeden, selbst den größten Freundschaftsdienst zu leisten? Seine ritterliche Antwort war: er sei dazu zu jeder Zeit bereit. „Wohlan! so tödten Sie mich! Meine Leiden haben mich dahin geführt, daß ich das Leben nicht mehr zu ertragen vermag.' Es ist freilich nicht wahr- Einleitung. cxlx scheinlich, daß Sie dies thnn, da es keine Männer mehr ans Erden giebt; — allein. . . „Ich werde es thun, fiel ihr Kleist in das Wort, ich bin ein Mann, der sein Wort hält!" — In dein Motiv war cs noch der Kleist von 1801. — Ein kalter Lebensüberdruß hatte sich seiner bemächtigt, und das Schicksal gab ihm die traurige Gelegenheit, eine That der Verzweiflung als Lösung einer Ehrenschuld sich auszumalcn. Am Nachmittag des 20. November 1811 kam Kleist mit Henriette aus Berlin in einem Wagen am Krug ;nm Stimming an, am Ufer des Wansee's, eine Meile vor Potsdam. Sie waren anscheinend sehr lustig, trieben allerlei Possen, und machten am andern Nachmittag, nachdem sie einen Boten nach Berlin abgeschickt, einen Spaziergang am See. Man hörte zwei Schüsse fallen, und fand, als man hinznlief, beide todt: die Dame in einer liegenden Stellung hinten über gelehnt, den Oberrock von beiden Seiten aufgeschlagen und die Hände «ans der Brust zusammen gefaltet; die Kugel war in die linke Brust, durch das Herz und am linken Schulterblatt wieder hinausgegangen. Kleist, in derselben Grube vor ihr kniecud, hatte sich eine Kugel durch den Mund in den Kopf geschossen. Beide waren garnicht entstellt, sondern hatten eine heitre, zufriedne Miene. — Gleich darauf kamen Kleist's Freund, der Kriegsrath Peguilhen, und Vogel, Henriettens Gemahl, durch den Boten gerufen, dort an; man erbrach das Zimmer, in dem Kleist geschlafen, und fand ein versiegeltes Packet, und darin folgenden Brief an Adam Müllers Frau. „Der Himmel weiß, meine liebe, treffliche Freundin, was für sonderbare Gefühle, halb wehmllthig, halb ausgelassen uns bewegen, in dieser Stunde, da unsre Seelen sich, wie zwei fröhliche Luftschiffen, über die Welt erheben, noch einmal an Sie zu schreiben. Wir waren doch sonst, müssen Sie wissen, wohl entschlossen, bei unseren Bekannten und Freunden keine Karten p. x. e. abzngebcn. Der Grund ist wohl, weil wir in tausend glücklichen Augenblicken an Sie ge- cxx Einleitung. dacht, weil wir uns tausendmal vorgestellt haben, wie Sie in Ihrer Gutmiithigkeit aufgelacht (aufgejauchzt) haben würden, wenn Sie uns in der grünen oder rothcn Stube beisammen gesehen hätten. Ja, die Welt ist eine wunderliche Einrichtung! — ES hat seine' Richtigkeit, daß wir uns, Jettchcn und ich, wie zwei trübsinnige, trübselige Menschen, die sich immer ihrer Kälte wegen angeklagt haben, von ganzem Herzen lieb gewonnen haben, und der beste Beweis davon ist wohl, daß wir jetzt mit einander sterben. Leben Sie wohl, unsre liebe, liebe Freundin und sein Sie auf Erden, wie es gar Wohl möglich ist, recht glücklich! Wir unsrerseits wollen nichts von den Freuden dieser Welt wissen und träumen lauter himmlische Fluren und Sonnen, in bereu Schimmer wir mit langen Flügeln an den Schultern umherwandcln werden. Adieu! Einen Kuß von mir, dem Schreiber, an Müller; er soll zuweilen meiner gedenken, und ein rüstiger Streiter Gottes gegen den Teufel Aberwitz bleiben, der die Welt in Banden hält. — (Nachschrift von HrnriettenS Hand) Doch wie dies alle« zugegangen, Erzähl' ich euch zur andern Zeit, Dazu bin ich zu eilig heut. — Lebt wohl denn! Ihr, meine lieben Freunde, und erinnert euch in Freud' und Leid der zwei wunderlichen Menschen, die bald ihre große Entdeckungsreise antreten werden. Henriette. (Abermals von Klclst'S Hand) Gegeben in der grünen Stube den 21. November 1811. H. v. K." Der Schauder, den man über diesen Brief empfindet, wird nicht kleiner, wenn man den Bericht des Wirths zum Stimming und darin die Rechnung über den Rum liest, den der Unglückliche zu sich genommen. Es war ein bittres Lächeln, das über diesem Brief schwebt. Einleitung. exxi Das unglückliche Paar wurde, seinem Verlangen gemäß, an der-- selben Stelle neben einander beerdigt. Die Section soll ergeben haben, daß Henriettens Idee, an einer nnheilbaren Krankheit zn leiden, «ine bloße Einbildung war; gleichzeitig soll sich die Aussicht aus Unterstützung Kleist'« von Seiten des Staats verwirklicht haben. — Sv spielte das „Schicksal" bis znm Ende mit ihm, weil er mit ihm spielte. — Pegnilhen zeigte am 26. November in der Vossischen Zeitung an, daß die beiden „gemeinschaftlich diese Welt verlassen, ans einem Verlangen nach einer bessern." Er versprach ausführlichere Mittheilung, und bat bis dahin, „zwei Wesen nicht lieblos zu verdammen, welche die Liebe und Reinheit selbst waren. Es ist von einer That die Rede, wie sie nicht alle Jahrhunderte gefehlt haben, und von zwei Menschen, die nicht mit einem gewöhnlichen Maaßstab gemessen werden können." Seine Schrift wurde ans hvhcrn Befehl vor dem Erscheinen unterdrückt; das Denkmal, welches Adam Müller seinem Freunde setzen wollte, kam nicht zn Stande. — Rahcl, die vielfach mit ihm verkehrte, hatte einmal zn Alexander von der Marwitz geäußert, seine Augen gäben ihr keine Sicherheit. Kurz vor seinem Tod hatte er an sie geschrieben: „Wie traurig sind Sie in Ihrem Brief; Sie haben in Ihren Worten soviel Ausdruck als in Ihren Angen. Erheitern Sic Sich, da« Beste ist nicht Werth, daß man es bedauere." Den 23. Deccmbcr 1811 schrieb sie an Marwitz: „ES läßt sich, wo das Leben aus ist, niemals etwas darüber sagen; von Meist befremdete mich die That nicht, er war wahrhaft und litt viel .... Ich freue mich, daß mein edler Freund, denn Freund ruf ich ihm bitter und mit Thränen nach, das Unwürdige nicht duldete; gelitten hat er genug. Keiner von denen, die ihn etwa tadeln, hätte ihm zehn Thaler gereicht, Nächte gewidmet, Nachsicht mit ihm gehabt, hätt' er sich ihm nur zerstört zeigen können.... Wer verließe nicht das abgetragene incorrigible Leben, wenn er die dunkeln Möglichkeiten nicht noch mehr fürchtete; uns losznlösen vom Wünschens- cxxn Einleitung. wertsten, das thnt der Weltgang schon." — Das Werther- und Hamletgesühl war doch in jenen Tagen noch mächtig, nirgend sehen wir das so deutlich als in dem Briefwechsel dieser geistvollen Frau. — Einer der edelsten und verständigsten Männer oder Jünglinge ihres Umgangs war Alexander von der Marwitz. In demselben Jahr, da Kleist sich erschoß, schrieb er an Rahel (2. Juni 1811): „Elend leben will und kann ich nicht, der Augenblick, in dem Hcr- zenLsülle und Geisteslebendigkeit mich für immer verlassen, ist für mich der, on In vle ost nn opprobrs et In inert nn llsvolr!" Dann, 9. Juni: „Machen Sie Sich meinetwegen keinen Kummer. Untergehn kann ich, aber mir zum Ekel, Andern zur Last leben, oder auf eine unverständige, gemein grausame Art endigen, das kann ich nicht, und das ist doch noch sehr glücklich. Ich habe in dieser Zeit zuweilen an den Selbstmord gedacht, und immer ist es mir vorgekommcu, wie eine verruchte Rohheit, das heilige Gefäß so blutig, so überlegt zu zerstören. Auch die kann unvermeidlich werden durch Uebermaß der Noth, das fühle ich wohl. Wunderlicher Zustand. Indem ich dies schreibe, wird cs mir klar, wie bei jeder nicht gemeinen Natur der Körper nach muß, so wie die Seele erstorben und er eben dadurch entheiligt ist, und wie es blos ein Glück dieser Zeiten ist, daß andern äußerlich anständigere Wege offen stehn, die einen ablenken von den: gewöhnlichen grausamen." — Marwitz wartete ans diesen „äußerlich anständigeren Weg;" freilich konnte er es leichter, da sein Schmerz nur in der Seele war. Er fand den Weg, er starb den Heldentod im Freiheitskriege, während Kleist durch die Ungeduld, mit der er den Faden abschnitt, das höchste Glück verscherzte, das er sich geträumt, noch mit dein letzten Athemzng die ausgehende Sonne seines Vaterlandes zu segnen. Heinrich von Kleist's gesammelte Schriften. Erster Thcil. Die Familie Schroffenstein. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen. H.». Klelst'S Werke. I. Bd. Pers onen. Rupert, Graf von Schrosfenstem, aus dem Hause Rossitz. Eustache, seine Gemahlin. Ottokar, ihr Sohn. Johann, Ruperts natürlicher Sohn. Sylvins, Graf von Schrosfenstem, aus dem Hause Warwand. Sylvester, sein Sohn, regierender Graf. Gertrude, Sylvesters Gemahlin, Stiefschwester der Eustache. Agnes, ihre Tochter. Jeronimus von Schroffenstein, aus dem Hause Wyk. Aldöbern, > Santing, > Vasallen Ruperts. Vetorin, i Theistiner, Vasall Sylvesters. Ursula, eine Todtengrtiberwittwe. Barnade, ihre Tochter. Eine Kammerjungfer der Eustache. Ein Kirchenvogt. Ein Gärtner. Zwei Wanderer. Ritter. Geistliche. Hofgesinde. Das Stück spielt in Schwaben. Erster Aufzug Erste Scene. Rossitz. Das Innere einer Capelle. (Es sicht ein Sarg in-der Mitte; um ihn herum Hilpert, Ellstache, Otto- Kar, Jeronimus, Uittcr, Geistliche, das Hofgesinde und ein Chor von Jünglingen »nd Mädchen. Dle Messe ist se eben beendigt.! Chor der Mädchen t 1 o k a r. Rache schwör' ich Sylvestern Schroffenstein! Üupcrt. Nein irre nicht. Ein Fluch, wie unser, kömmt vor Gottes Ohr Und jedes Wort bewaffnet er mit Blitzen. Drum wäge sie gewissenhaft. Sprich nicht Sylvester, sprich sein ganzes Haus, so hast Dn'S sichrer. Erster Aufzug. Erste Scene. 5 Wttokar. Rache schwör' ich, Rache! Dem Mörderhaus' Sylvesters. (Er empfängt das Abendmahls Üupert. Enstache, Die Reihe ist an dir. Enstache. Verschone mich, Ich bin ein Weib — Äupcrt. Und Mutter auch des Tvdten. Eustach e. O Gott! wie soll ein Weib sich rächen? Ä ii p e r t. Zn Gedanken. Würge sie betend. (Sie empfängt das Abendmahl) (Rupert führt Enstache in den Vordergrund. Alle folgen! uupc r t. Ich weiß, Enstache, Männer sind die Rächer, Ihr seid die Klageweiber der Natur. Doch nichts mehr von Natur; Ein hold ergötzend Mährchen ist's der Kindheit, Der Menschheit von den Dichtern, ihren Ammen, Erzählt. Vertrauen, Unschuld, Treue, Liebe, Religion, der Götter Furcht sind wie Die Thiere, welche reden. Selbst das Band, Das heilige der Blutsverwandtschaft riß, Und Vettern, Kinder eines Vaters, zielen, Mit Dolchen zielen sie auf ihre Brüste. Ja sich, die letzte Menschcnregung für Das Wesen in der Wiege ist erloschen. 6 Die Familie Schroffenstein. Man spricht von Wölfen, welche Kinder säugten, Von Löwen, die das Einzige der Mutter Verschonten. Ich erwarte, daß ein Bär An Oheims Stelle tritt für Ottokar. Und weil doch Alles sich gewandelt, Menschen Mit Thieren die Natur gewechselt, wechs'le Denn auch das Weib die ihrige, verdränge Das Kleinod Liebe, das nicht üblich ist, Aus ihrem Herzen, um die Folie, Den Haß, hineinzusetzen. Wir Indessen thun's in unsrer Art. Ich biete Euch meine Lehensmänner auf, mir schnell Von Mann und Weib und Kind, und was nur irgend Sein Leben lieb hat, eine Schaar zu bilden. Denn nicht ein ehrlich offner Krieg, ich denke, Nur eine Jagd wird's werden, wie nach Schlangen. Wir wollen bloß das Felsenloch verkeilen, Mit Dampfe sie in ihrem Nest ersticken, Die Leichen liegen lassen, daß von fernher Gestank die Gattung schreckt, und keine wieder In einem Erdenalter dort ein Ei legt. Enstache. O Rupert, mäß'ge dich! Es hat der frech Beleidigte den Nachtheil, daß die That Ihm die Besinnung selbst der Rache raubt, Und daß in seiner eignen Brust ein Freund Des Feindes aufsteht wider ihn, die Wuth. Wenn dir ein Garn Sylvester stellt, du läufst In deiner Wunde blindem Schmerzgefühl Hinein. — Könnt'st du nicht prüfen mindestens Vorher, aufschieben noch die Fehde? Ich Erster Aufzug. Erste Scene. 7 Will nicht den Arm der Rache binden, leiten Nur will ich ihn, daß er so sichrer treffe. 6 up crt. So, meinst du, soll ich warten, Peter's Tod Sticht rächen, bis ich Ottokar's, bis ich Auch deinen noch zu rächen Hab' — Aldöbcrn! Geh hin nach Warwand, künd'ge ihm den Frieden auf. — Doch sag's ihm nicht so sanft, wie ich, hörst du? Nicht mit so dürren Worten — Sag', daß ich Gesonnen sei, an seines Schlosses Stelle Ein Hochgericht zu bauen. — Nein, ich Litte, Tu mußt so matt nicht reden — sag' ich dürste Stach sein und seines Kindes Blute, hörst du? Und seines Kindes Blute. — !Ec bedeckt sich das Gesicht; ab, mit Gefolge, auper Ottokar und Jerontmu S.) Icronimu s. Ein Wort, Graf Ottokar. Ottokar. Bist du's, Jerome? Willkommen! Wie du siehst, sind wir geschäftig, Und kaum wird nur die Zeit noch bleiben, mir Die Rüstung anznpassen. — Nun, was giebt's? Irr o ui m us. Ich komm' ans Warwand. Ottokar. So? ans Warwand? Nun? Äcronimus. Bei meinem Eid, ich nehme ihre Sache. Ottokar. Sylvesters? ou? 8 Die Familie Schroffenstcin. Jeronimus. Denn nie ward eine Fehde So tollkühn rasch, so frevelhaft leichtsinnig Beschlossen, als die cur'. Ottokar. Erkläre dich. Äeronimus. Ich denke, das Erklären ist an dir. Ich habe hier in diesen Bänken wie Ein Narr gestanden, Dem ein Schwarzkünstler Faxen Vormacht. Ottokar. Wie? Dn wüßtest nichts? Frronimus. Du hörst, ich sage dir, Ich komm' ans Warwand, wo Sylvester, den Ihr einen Kindermörder scheltet, Die Mücken klatscht, die um sein Mädchen summen. Ottokar. Ja so, das war es. — Allerdings, man weiß, Du giltst deni Hause viel, sie haben dich Stets ihren Freund genannt, so solltest du Wohl unterrichtet sein von ihren Wegen. Man spricht, du freitest um die Tochter — Nun, Ich sah sie nie, doch des Gerüchtes Stimme Rühmt ihre Schönheit! Wohl. So ist der Preis Es Werth. Jeronimus. Wie meinst du das? Ottokar. Ich meine, weil — Erster Auszug. Erste Scene. Icronimus. Laß gut sein, kann es selbst mir übersetzen. Du meinest, weil ein seltner Fisch sich zeigt, Der doch znm Unglück blos vom Aas sich nährt, So schlug' ich meine Ritterehre todt, Und hing' die Leich' an meiner Lüste Angel Als Köder aus — C> t t o k a r. Ja, grad' heraus, Jerome! Es gab uns Gott das seltne Glück, daß wir Der Feinde Schaar leichtfaßlich, unzweideutig, Wie eine runde Zahl erkennen. Warwand, In diesem Worte liegt's, wie Gift in einer Büchse; Und weil's jetzt drängt, und eben nicht die Zeit Zu mäkeln, ein zweideutig Körnchen Saft Mit Müh heraus zu klauben, nun so machen Wir's kurz, und sagen: du gehörst zu Warwand. Jeronimus. Bei meinem Eid, da habt ihr Recht. Niemals War eine Wahl mir zwischen euch und ihnen; Doch muß ich mich entscheiden, auf der Stelle Thu' ich's, wenn so die Sachen stehn. Ja steh, Ich spreng' ans alle Schlösser im Gebirg', Empöre jedes Herz, bewaffne, wo Ich's finde, das Gefühl des Rechts, den frech Verläumdeten zu rächen. Gttokar. Das Gefühl Des Rechts! O du Falschmünzer der Gesühle! Nicht Einen wirb ihr blanker Schein betrügen; Am Klange werden sie es hören, an 10 Die Familie Schroffenstein. Die Thür' zur Warnung deine Worte nageln. — Das Rechtgefühl! — Als ob's ein andres noch In einer andern Brust, als dieses, gäbe! Denkst du, daß ich, wenn ich ihn schuldlos glaubte, Nicht selbst dem eignen Vater gegenüber Auf seine Seite treten würde? Nun Du Thor, wie könnt' ich denn dies Schwerdt, dies gestern Empfang'ne, dies der Rache auf sein Haupt Geweihte, so mit Wollust tragen? — Doch Nichts mehr davon, das kannst du nicht verstehn. Zum Schlüsse — Wir, wir hätten, denk' ich, nun Einander wohl nichts mehr zn sagen? I e r o n i m u s. — Nein. Ottokar. Leb Wohl! Icronimns. Ottokar! Was meinst du? Sieh, du schlägst mir ins Gesicht, Und ich, ich bitte dich mit mir zu reden — Was meinst du, bin ich nicht ein Schurke? Ottokar. Willst Du's wissen, stell' dich nur an diesen Sarg. 1 lokar. ^ Nun Gott sei Dank, H. o. Kleists Werke. I. Bd. 2 « . ' ^ 18 Dis Familie Schraffcnstein. Daß ich auf trocknem Land dich vor mir sehe. Wer rettete dich denn? I o h ann. Wer, fragst dn? Ach, Daß ich mit einem Wort' es nennen soll! — Ich kann's dir nicht so sagen, wie ich's meine, Es war ein nackend Mädchen. Ottokar. Wie? nackend? I o kann. Strahlenrein, wie eine Göttin Hervorgeht ans dem Bade. Zwar ich sah Sie fliehend nur in ihrer Schöne — denn Als mir das Licht der Augen wiederkehrte, Verhüllte sie sich. — Ottokar. Nun? Johann. Ach, doch ein Engel Schien sie, als sie verhüllt nun zu mir trat; Denn das Geschäft der Engel that sie, hob Zuerst mich Hingesunknen — lös'te dann Von Haupt und Nacken schnell den Schleier, mir Das Blut, das strömende, zu stillen. Ottokar. Du Glücklicher! Johann. Still saß ich, rührte nicht ein Glied, Wie eine Taub' in Kindeshand. Ottokar. Und sprach sie nicht- Erster Aufzug. Erste Scene. 19 Johann. Mit Tönen wie aus Glocken — fragte, stets Geschäftig, wer ich fei? woher ich komme? Erschrak dann lebhaft, als sie hört', ich sei Aus Rvssitz. Ottokar. Wie? warum denn das? Johann. — Gott weist. Doch hastig fördernd das Geschäft, ließ sie Den Schleier mir, und schwand. Ottokar. Und sagte sie Dir ihren Namen nicht? Johann. Dazu war sie Durch Bitten nicht, nicht durch Beschwören zu Bewegen. Ottokar. Nein, das thut sie nicht. Johann. Wie? kennst Du sie? Ottokar. Ob ich sie kenne? Glaubst du Thor, Die Sonne scheine dir allein? Johann. Wie meinst Du bas? — Und kennst auch ihren Namen? Ottokar. Nein, Beruh'ge dich. Den sagt sie mir so wenig 2 * 20 Die Familie Schroffenstein. Wie dir, und droht mit ihrem Zorne, wenn Wir unbescheiden ihn erforschen sollten. Drum laß uns thnn, wie sie es will. Es sollen Geheimnisse der Engel Menschen nicht Ergründen. Laß — ja laß »ns lieber, wie Wir es mit Engeln thnn, sie taufen. Möge Die Aehnliche der Mutter Gottes auch Maria heißen — uns nur, du verstehst; Und nennst du im Gespräch mir diesen Namen So weiß ich wen du meinst. Ich habe lange Mir einen solchen Freund gewünscht. Es sind So wenig Seelen in dem Hanse, die Wie deine, zartbesaitet, Bom Athein tönen. Und weil uns nun der Schwur der Rache fort Jn's wilde Kriegsgetümmel treibt, so laß Uns brüderlich Zusammenhalten; kämpfe Du stets an meiner Seite. Johann. — Gegen wen? Gttokar. Das fragst du hier an dieser Leiche? Gegen Shlvestcr's frevelhaftes Hans. Johann. O Gott, Laß ihn die Engclslästrung nicht entgelten! Vttokar. Was? bist du rasend? Johann. Ottokar — ich muß Ein schreckliches Bekenntniß dir vollenden — Erster Auf;»;;. Erste Scene. 21 Es muß heraus aus dieser Brust — deuu gleich Deu Geistern ohne Nast und Ruhe, die Kein Sarg, kein Riegel, kein Gewölbe bändigt, So mein Geheimnis;. — Ottokar. Du erschreckst mich, rede! Äohan n. Nur dir, nur dir darf ich's vertraun — denn hier Aus dieser Burg — mir kommt es vor, ich sei In einem Götzentempel, sei, ein Christ, Umringt von Wilden, die mit gräßlichen Gebährden mich, den Haaresträubenden, Zu ihrem blut'geu Fratzenbildc reißen. Du hast ein menschliches Gesicht, zu dir, Wie zu dem Weißen unter Mohren, wende Ich mich — denn niemand, bei Gefahr des Lebens, Darf außer dir des Gottes Namen wissen, Der mich entzückt. — Ottokar. O Gott! — Doch meine Ahndung? I ohan ». Sie ist es. Wer? Ottokar. l Erschrocken) Johann. Du hast's geahndet. Otto Kar. Was Hab' ich geahndet? sagt' ich denn ein Wort? Kann ein Vermuthcn denn nicht trügen? Mienen Sind schlechte Räthsel, die auf Vieles Passen, 22 Die Familie Schroffenstein. Und übereilt hast du die Auflösung. Sticht wahr, das Mädchen, dessen Schleier hier, Ist Agnes nicht — nicht Agnes Schroffenstein? Johann. Ich sag' dir ja, sie ist es. Otto Kar. O mein Gott! Joh ann. Als sie auf den Bericht, ich sei ans Rossitz, Schnell fortging, folgt' ich ihr von weitem Bis Warwand fast, wo mir's ein Mann nicht einmal, Nein zehenmal bekräftigte. Ottokar. O laß An deiner Brust mich ruhn, mein lieber Freund. v c st c r. So, ans Oppenheim — nun also Ans Nossitz nicht. Ich wnßt' es wohl, nun setz' dich. (Er geht au die Thür) Gertruds! (Srrlrudc tritt auf) Laß mir doch den Knappen rufen Von diesem Ritter, hörst du? (Gertrud- ab) Nun, so setz' dich Doch, Alter — Was den Krieg betrifft, das ist Ein lustig Ding für Ritter; sich, da bin ich Ans deiner Seite. — 3 * 36 Die Familie Schroffcnstein. Aldöborn. Meiner Seite? Silvester. Ja, Was Henker denkst dn! Hat dir einer Unrecht, Beschimpfung oder sonst was zngefügt, So sag' dn's mir, sag's mir, wir wollen's rachen. vl l d ö b e r n. Bist dn von Sinnen, oder ist's Verstellung? (Scrtrudr, der Knappe und eia Diener treten auf) SpIveste r. Sag an, mein Sohn, wer ist dein Herr? Es ist Mit ihm wohl — nun dn weißt schon, was ich meine. — Aldöber». Den Teufel bin ich, was dn meinst. Denkst dn Mir sei von meiner Mutter so viel Menschen- Verstand nicht angeboren, als Vonnöthen, Um einzusehn, dn seist ein Schurke? Frag' Die Hund' auf unserm Hofe, steh, sie ricchen's Dir an, und nähme einer einen Bissen Ans deiner Hand, so hänge mich. — Znm Schluffe So viel noch. Mein Geschäft ist ans. Den Krieg Hab' ich dir Kindesmörder angekündigt. (will Sp tuest er. shält ihn) Nein halte — Nein, bei Gott du machst mich bange. Denn deine Rede, wenn sie gleich nicht reich, Ist doch so wenig arm an Sinn, daß mich's Entsetzet. — Einer von nns beiden muß Verrückt sein; bist dn's nicht, ich könnt' eS werden. Die Unze Mutterwitz, die dich vom Tollhaus Errettet, muß, es kann nicht anders, mich Erster Aufzug. Zweite Scene. 37 Jn's Tollhaus führen. — Sich, wenn du mir sagtest, Die Ströme flössen neben ihren Ufern Bergan, und sammelten auf Felsenspitzcn Zn Seen sich, so wollt' — ich wollt's dir glauben; Doch sagst du mir, ich hätt' ein Kind geinordet, Des Vetters Kind — Verlrudc. O großer Gott, wer denn Beschuldiget dich dieser Unthat? die ans Rossitz, Die selbst vor wenig Monden — Silvester. Schweig. Nun wenn's Beliebt, so sag's mir einmal noch. Jst's wahr, Jst's wirklich wahr? Um eines Mordes willen Krieg wider mich? iR l d ö b c r n. Soll ich's dir zehenmal Und wieder zehnmal wicderkäu'n? Sglvcster. Nun gut. Franz, sattle mir mein Pferd. — Verzeih' mein Freund, Wer kann das Unbegreifliche begreifen? — Wo ist mein Helm, mein Schwert? — Denn hören muß Zch's doch ans seinem Munde, eh' ich's glaube. — Schick' zu JeronimnS, er möchte schnell Nach Warwand kommen. — .Aldöbern. Leb' denn Wohl. Silvester. Zch reite mit dir, Freund. Nein, warte; 38 Die Familie Schreffensicm. Serien de. Um Gotteswillen, In deiner Feinde Macht giebst dn dich selbst? S y lv est er. Laß gut sein. lA ldöbcrn. Wenn dn glaubst, sie werden schonend In Rossitz dich empfangen, irrst dn dich. Sylvester (immer Leim Anzuge beschäftigt). Thnt nichts, thnt nichts; allein werd' ich erscheinen. Ein Einzelner tritt frei zu seinen Feinden. lei ld öd crn. DaS Mildeste, das dir begegnen mag, Ist, daß man an des Kerkers Wand dich fesselt. Sylvester. Es ist umsonst. Ich muß mir Licht verschaffen, Und sollt' ich's mir auch ans der Hölle holen. (Aid ädern. Fluch ruht auf deinem Haupt, es ist nicht einer In Rossitz, dem dein Leben heilig wäre. Sylvester. Dn schreckst mich nicht. Mir ist das ihre heilig, Und fröhlich kühn wag' ich mein eigenes. Nun fort! (zu Gertrude) Ich kehre unverletzt zurück, So wahr der Gottheit selbst die Unschuld heilig. (Wie sie ab geh ii wellen, tritt JeronilMIS auf) Icronimns. Wohin? Sylvester. Gut, daß dn kommst. Ich bitte dich, Bleib' bei den Weibern, bis ich wiederkehre. Erster Aufzug. Zweite Scene. 39 Icronii» u s. Wo willst du hin? Sglvrstcr. Nach Rossitz. Icronimus. Lieferst du Wie ein bekehrter Sünder selbst dich auS? Silvester. Was für ein Wort? — Ieroni in n s. Ei nun, ein schlechtes Leben Ist kaum der Mühe werth, cS zu verlängern. Drum geh' uur hin, und leg' dein sündig Haupt 2n christlicher Ergebung auf den Block. Sjilv cstcr. Glaubst du, daß ich, wenn eine Schuld mich drückte, Das Haupt dem Siecht der Rache weigern würde? Jeronimus. O du Quacksalber der Natur! Denkst du, Ich werde dein verfälschtes Herz auf Treu Und Glauben zweimal als ein achtes kaufen? Bin ich ein blindes Glied denn aus dem Volke, Daß du mit deinem Ausruf an der Ecke Mich äffen willst, und wieder äffen willst? — Doch nicht so vielen Athem bist du werth, Als nur dies eiuz'ge Wort mir kostet: Schurke! Ich will dich meiden, das ist wohl das Beste. Denn hier in deiner Nähe stinkt cs, wie Bei Mördern. (Shlvcster fällt In Ohnmacht) Vcrtrude. Hülfe! kommt zu Hülfe! Hülfe! 40 Dir Familie Schroffen stein. Zweiter Aufzug. Erste Scene. Gegend im Gebirge. Im Vordergründe eine Höhle. (Agnes sitzt -IN der Erde und knüpft Kränze. Vltolmr tritt auf und betrachtet sie mit Wehmuth. Dann wendet er sich mit einer schmerzvollen Bewegung, während welcher Agnes ihn wahrnimmt, welche dann zu knüpfen fortfährt, als hätte sie ihn nicht gesehen.) Agnes. 'S ist doch ein häßliches Geschäft, belauschen; Und weil ein rein Gcmüth cs stets verschmäht, So wird nur dieses grade stets belauscht. Drum ist das Schlimmste noch, daß es den Lauscher, Statt ihn zu strafen, lohnt. Denn statt des Bösen, Das er verdiente zu entdecken, findet Er wohl sogar ein still Bemühen noch Für sein Bedürfnis) oder seine Laune. Da ist zum Beispiel heimlich jetzt ein Jüngling — Wie heißt er doch? Ich kenn' ihn wohl. Sein Antlitz Gleicht einem milden Morgennngcwitter, Sein Aug' dem Wetterleuchten ans den Höh'n, Sein Haar den Wolken, welche Blitze bergen, Sein Nahen ist ein Wehen aus der Ferne, Sein Reden wie ein Strömen von den Bergen; Und sein Umarmen — Aber still! was wollt' Ich schon? Ja, dieser Jüngling, wollt' ich sagen, Ist heimlich nun herangeschlichen, Plötzlich, Unangekündigt, wie die Sommersonnc, . Zweiter Aufzug. Erste Scene. 41 Will sie ein nächtlich Liebesfest belauschen. Nun war mir's recht, er hätte, was er sucht, Bei mir gefunden, und die Eifersucht, Der Liebe Jugcudstachcl, hätte, selbst Sich stumpfend, ihn hinaus gejagt iu's Feld, Gleich einem jungen Rosse, das zuletzt Doch heimkehrt zu dem Stall, der cs ernährt. Statt dessen ist kein andrer Nebenbuhler Jetzt grade um mich, als sein Geist, und der Singt mir sein Lied zur Zither vor, wofür Ich diesen Kranz ihm winde. oka r. Ich sage dir, sie weigert mir, wie dir Den Namen, und wie dich, so flieht sie mich, Schon bei der Ahndung bloß, ich sei ans Rossitz. Du sahst es selbst, gleich einem Geist erscheint Und schwindet sie uns beiden. Johann. Beiden? Ja. (°b) Zweiter Aufzug. triste Scene. 47 Doch mit dem Unterschied, daß dir das eine Talent geworden, ihn zn rufen, mir Das andre bloß, den Geist zn bannen. Vttokar. Johann! Johann. Pah! — Die Schuld liegt an der Spitze meiner Nase Und etwa noch an nieinen Ohrenzipfeln. Was sonst an mir kann so voll Greuel sein, Daß es das Blut aus ihren Wangen jagt, Und, bis aus's Fliehen, jede Kraft ihr nimmt? ttoüar. Johann, ich kenne dich nicht mehr. Äohan n. Ich aber dich. Vtloka r. Ich will im voraus jede Kränkung dir Vergeben, wenn sie sich nur edel zeigt. Iohan n. Nicht übern Preis will ich dir zahlen. — Sprich. Wenn einer mir vertrant', er wisst ein Roß, Das ihm bequem sei, und er kaufen wolle, Und ich, ich ginge heimlich hin und kauft'ö Mir selbst — was meinst du, wäre das wohl edel? Vtlostar. Sehr schief wählst du dein Gleichnis;. Johann. Sage bitter; Und doch ist's Honig gegen mein Gefühl. D l t o k a r. Dein Jrrthum ist dir lieb, weil er mich kränkt. 48 Die Familie Schroffcnsiem. Äoh ann. Kränkt? Ja, das ist mir lieb, und ist's ein Jrrthum, Just darum will ich zähe fest ihn halten. Ottokar. Nicht viele Freude wird dir das gewähren, Denn still verschmerzen wcrd' ich, was du thust. Johann. Da hast du recht: nichts wilrd' mich mehr verdrießen Als wenn dein Herz wie eine Kröte war', Die ein verwundlos steinern Schild beschützt, Denn weiter keine Lust bleibt mir ans Erden, Als einer Bremse gleich dich zu verfolgen. Ottokar. Du bist weit besser als der Augenblick. Ioha n n. Du Thor! du Thor! Denkst du mich so zu fassen? Weil ich mich edel nicht erweise, nicht Erweisen will, machst du mir weiß, ich sei's, Damit die unverdiente Ehre inich Bewegen soll, in ihrem Sinn zu handeln? Vor deine Füße wers' ich deine Achtung. — Ottokar. Du willst mich reizen, doch du kannst es nicht; Ich weiß, du selbst, du wirst mich morgen rächen. Iohan n. Nein, wahrlich nein, dafür will ich schon sorgen. Denn in die Brust schneid' ich mir eine Wunde, Die reiz' ich stets mit Nadeln, halte stets Sie offen, daß es nur recht sinnlich bleibe. Ottokar. ES ist nicht möglich, ach cs ist nicht möglich! Zweiter Aufzug. Erste Scene. 49 Wie könnte dein Gemüth so häßlich sein, Da du doch Agnes, Agnes lieben kannst! Iohan n. Und daran noch erinnerst du mich, o Du Ungeheuer! «Ottokar. Lebe wohl, Johann. Iohan n. Nein, halt! Du denkst, ich habe bloß gespaßt. «Ottokar. Was willst du? Johann. Grad' heraus. Mein Leben Und dein's sind wie zwei Spinnen in der Schachtel. Drum zieh! (Er zieht) «Ottokar. Gewiß nicht. Fallen will ich anders Von deiner Hand nicht, als gemordet. Johann. Zieh, Du Memme! Nicht nach deinem Tod, nach meinem, Nach meinem nur gelitstet's mir. «Ottokar, (umarmt ihn) Johann! Mein Freund! ich dich ermorden. Johann (stößt ihn fort). Fort, du Schlange! Nicht stechen will sie, nur mit ihrem Anblick Mich langsam tödten. — Gut. (Er steckt das Schwert ein) Noch giebt's ein andres Mittel. (Beide von verschiedenen Seiten ad) 4 H. v. Kleists Werke, l. Bd. 50 Die Familie Schroffcustein. Zweite Scene. Warwand. Zimmer im Schlosse. (Sylvester auf einem Stuhle, mit Zeichen der Ohnmacht, die nun vorüber. Um ihn herum Jeronimus, Thristiner, Gertrude und ein Diener) Gertrude. Nun, er erholt sich, Gott sei Dank. Sylvester. Gertrude. — Gertrude. Sylvester kennst du mich, kennst du mich wieder? Sylvester. Mir ist so wohl, wie Lei dem Eintritt in Ein andres Leben. Gertrude. Und an seiner Pforte Stehn deine Engel, wir, die Deinen, liebreich Dich zu empfangen. Sylvester. Sage mir, wie kam Ich denn auf diesen Stuhl? Zuletzt, wenn ich Nicht irre, stand ich — nicht? Gertrude. Du sankest stehend In Ohnmacht. Sylvester. Ohnmacht? und warum denn das? So sprich doch. — Wie, was ist dir denn? was ist Euch denn? (Er geht sich um; lebhaft) Fehlt Agnes? ist sie todt? Zweiter Aufzug. Zweite Lwene. 51 Gertrudc. O nein, O nein, sie ist in ihrem Garten. Silvester. Nun, Wovon seid ihr denn alle so besessen? Gertrude sprich. — Sprich du, Thcisliner. — Seid Ihr stumm, Theistin, Iero-Jeron imuS! Ja so — ganz recht — nun weiß ich. — Gertrude. Komm iu'S Bette, Sylvester, dort will ich's dir schon erzählen. cster. In's Bett? O pfui! bin ich denn — sage mir, Bin ich in Ohmnacht wirklich denn gefallen? Gertrude. Du weißt ja, wie du sagst, sogar warum? Sglvcstcr. Müßt' ich's; o pfui! o pfui! ciu Geist ist doch Ein elend Ding. Gertrude. Komm nur in's Bett, Sylvester, Dein Leib bedarf der Ruhe. Sgtvester. Ja, 'S ist wahr, Mein Leib ist doch an Allein Schuld. Gertrude. So komm. Silvester. Meinst du, eS wäre nöthig? 4 * 52 Die Familie Schroffenstei». Mußt du iu's Bette. EicrIrude. Ja, durchaus S L l o r sl c r. Deiu Bemühen Beschämt mich. Gönne mir zwei Augenblicke, So mach' ich Alles wieder gut, und stelle Bon selbst mich her. Vertru-e. Zum mindsten nimm die Tropfen Anö dem Tyrolerfläschcheu, das du selbst Stets als ein heilsam Mittel mir gepriesen. S l o rslcr. An eigne Kraft glaubt doch kein Weib, und traut Stets einer Salbe mehr zu als der Seele. E> e r trud c. Es wird dich stärken, glaube mir. — Sglvcslcr. Dazu Braucht'« nichts als mein Bewußtsein. c r t r u d e. Ja. Szilvcslcr. Du weißt's? Nun sprich, Zweiter Aufzug. Zweite Scene. 53 Was meinst du, 'S ist doch wohl ein Bubenstück? 'S ist wohl kein Zweifel mehr, nicht wahr? Theistincr. In Warwand Ist keiner, dcr's bezweifelt, ist fast keiner, Der'S, außer dir, nicht hält' vorhergesehcn, Wie's enden müsse, sei cs früh, sei's spät. Sylvester. Vorhergesehen? Nein, das Hab' ich nicht. Bezweifelt? Nein, das ihn' ich auch nicht mehr. — Und also ist'ö den Leuten schon bekannt? Theistincr. So wohl, daß sie das Haupt sogar besitzen, Das dir die Nachricht her ans Nossitz brachte. Sylvester. Wie meinst du das? Der Herold war' noch hier? Theistincr. Gesteinigt, ja. Sylvcst c r. Gesteinigt? Theistincr. Das Volk War nicht zu bändigen. Sein Haupt ist zwischen Den Eulen an den Thorweg festgenagelt. Sylvester: Unrecht ist's, Thcistin, mit deinem Haupt hätt'st dn das seine, Das heilige des Herolds schützen sollen. Theistincr. Mit Unrecht tadelst dn mich, Herr; ich war Ein Zeuge nicht der That, wie dn wohl glaubst. 54 Die Familie Schroffenstein. Zu seinem Leichnam kam ich — diesen hier, Icronimus, war'S just noch Zeit zu retten. Sz> tuest er. — Ei nun , sie mögen'« niederschlucken. Das Gescheh'ne muß stets gut sein, wie es kann. Ganz rein, seh' ich wohl ein, kann's fast nicht abgehn, Denn wer das Schmntz'ge anfaßt, den besudelt'S. Auch find' ich, ist der Geist von dieser Uuthat Doch etwas werth, und kann zu mehr noch dienen. Wir wollen'S nutzen. Reite schnell in's Land, Die sämmtlichcu Vasallen biete auf, Sogleich sich in Person bei mir zu stellen; Indessen will ich selbst von Männern, was Hier in der Burg ist, sammeln, Reden braucht'« Nicht viel, ich stell' mein graues Haupt zur Schau, Und jedes Haar muß einen Helden werben. Das soll den ersten Bubcnanfall hemmen; Daun, sind wir starker, wenden wir das Blatt, In seiner Hohle suchen wir den Wolf. ES kann nicht fehlen, glaube mir's, es geht Für Alles ja, was heilig ist und hehr, Für Tugend, Ehre, Weib und Kind und Leben. Thcistincr. So geh' ich, Herr, noch heut' vor Abend sind Die sämmtlichen Vasallen chier versammelt. Sglvcster. 'S ist gut. lThclstlncr ab) Franziskus, rufe mir den Bnrgvogt. — Noch eins. Die beiden Waffenschmiede bringe Gleich mit. lDcr Diener ab) iZii Jeronlmns) Dir ist ein Unglimps widerfahren, Zweiter Aufzug. Zweite Scene. 55 JeronimuS, das thut mir leid. Du weißt ich war Im eigmtlichsteu Sinn nicht gegenwärtig. Die Leute sind mir gut, du siehst'S; cS war Ein mißverstandncr Eifer bloß der Treue. Drum mußt du's ihnen schon verzeih». Für's KUnft'ge Vcrsprech' ich, will ich sorgen. Willst du fort Nach Rossitz, kannst du'S gleich, ich gebe dir Zehn Reis'ge zur Begleitung mit. Ich kann's Nicht läugnen fast, daß mir der Unfall lieb — Versteh mich, bloß weil er dich hier verweilte, Denn sehr unwürdig Hab' ich mich gezeigt. — Nein, sage nichts. Ich weiß das. Freilich mag Wohl mancher sinken, weil er stark ist; denn Die kranke abgestorbne Eiche steht Dem Sturm, doch die gesunde stürzt er nieder, Weil er in ihre Krone greifen kann. Nicht jeden Schlag ertragen soll der Mensch, Und welchen Gott saßt, denk' ich, der darf sinken, — Auch seufzen. Denn der Gleichmut!- ist die Tugend Nur der Athleten. Wir, wir Menschen fallen Ja nicht für Geld, auch nicht zur Schau. Doch sollen Wir stets des AnschaunS würdig aufstehn. — Nun Ich halte dich nicht länger. Geh nach Rossitz Zu deinen Freunden, die du dir gewählt. Denn hier in Warwand, wie du selbst gefunden, Bist du seit heute nicht mehr gern gesehn. I c r o n i m « s. — Hast Recht, hast Recht — bin'S nicht viel besser Werth, Als daß du mir die Thüre zeigst. — Bin ich Ein Schuft in meinen Augen doch, um wie Viel mehr in deinen. — Zwar ein Schuft, wie du 56 Die Familie Schreffcnstcin. Es meinst, der bin ich nicht. — Doch kurz und gut Glaubt was ihr wollt. Ich kann mich nicht cntschnld'gen. Mir lähmt's die Zung', die Worte wollen, wie Verschlafne Kinder, nicht an's Licht. — Ich gehe, Nur so viel sag' ich dir, ich gehe nicht Nach Rossitz, hörst du? Und noch eins. Wenn du Mich brauchen kannst, so sag's; ich lass' mein Leben Fiir dich, hörst du, mein Leben. Gcrtrnde. Hör', Jerome! Da geht er hin. — Warum riefst du ihn nicht? Sylvester. Verstehst du was davon, so sag' cs mir; Mir ist's noch immer wie ein Traum. Gerlrude. Ei nun, Er war gewonnen von den Rossitzschen. Denn in dein ganzen Gau ist wohl kein Ritter, Den sie, wenn's ging', uns auf den Hals nicht hetzten. Silvester. Allein Jeronimus! — Ja, wär's ein Andrer, So wollt' ich's glauben, doch Jeronimus! 'S ist doch so leicht nicht in dem Augenblick Das Werk der Jahre, Achtung, zu zerstören! Vcrtrude. O, 's ist ein teuflischer Betrug, der mich, Ja dich mißtrauisch hätte machen können. Sylvester. Mich selbst? mißtrauisch gegen mich? Nun laß Doch hören. Zweiter Aufzug. Zweite Scene. 57 Vcrtrudc. Ruperts jüngster Sohn ist wirklich Von deinen Leuten im Gebirg' erschlagen. Sylvester. Von meinen Leuten? Sertrndc. O das ist bei Weitem Das Schlimmste nicht. Der Eine hat's sogar Gestanden, du hätt'st ihn zum Mord gedungen. Sylvester. Gestanden hätt' er das? Ger krude. Ja, auf der Folter, Und ist zwei Augenblicke drauf verschieden. Sylvester. Verschieden? — und gestanden? Und im Tode, War' auch das Leben voll Abscheulichkeit, Im Tode ist der Mensch kein Sünder. — Wer Hat's denn gehört, daß cr's gestanden? Gcrtrude. Ganz Nossitz. Unter Volkes Augen, auf Deni öffentlichen Markt ward er gefoltert. Sylvester. Und wer hat dir das mitgetheilt? Gertrudc. Jerome, Er hat sich bei dem Volke selbst erkundigt. Sylvester. — Nein, das ist kein Betrug, kann keiner sein. Gertrude. Um Gotteswillen, was denn sonst? 58 Die Familie Schrvffcnstcin. Sylvester. Bin ich Denn Gott, daß du mich fragst? Gertrudc. Jst'8 keiner, so O Himmel! fällt ja der Verdacht auf uns. Sylvester. Ja, allerdings fällt er auf unS. Eicrtrude. Und wir, Wir müßten uns dann reinigen? Sylvester. Kein Zweifel, Wir müssen es, nicht sie. Gcrtrude. O du mein Heiland, Wie ist das möglich? Sylvester. Möglich? Ja, das wär's, Wenn ich nur Rupert sprechen könnte. Gert rüde. Wie? Das könntest du dich jetzt gewann, da ihn Des Herolds Tod noch mehr erbittere hat. Sylvester. 'S ist freilich jetzt weit schlimmer. — Doch es ist Das cinz'ge Mittel, das ergreift sich leicht. — Ja recht, so geht's. — Wo mag Jerome sein? OL er noch hier? Der mag mich zu ihm führen. Gertrudc. O mein Gemahl, o folge meinem Rathe. — Zweiter Aufzug. Dritte Scene. 59 Sylvester. Gertruds — laß mich — das versiehst du nicht. (Beide ab) Dritte Scene. Platz vor den Thoren von Warwand. (Agnes tritt in Hast auf; Johann folgt ihr.) Agnes. Zu Hülfe! Zu Hülfe! Johann, (ergreift sie) So höre mich doch. Mädchen! Es folgt dir ja kein Feind, ich liebe dich — Ach, lieben! Ich vergöttre dich! Agnes. Fort, Ungeheuer, bist du nicht aus Rossitz? Johann. Wie kann ich furchtbar sein? Sieh mich doch an, Ich zittre selbst vor Wollust und vor Schmerz, Mit meinen Armen dich, mein ganzes Maaß Von Glück und Jammer zu umschließen. Agnes. Was willst du, Rasender, von mir? Johann. Nichts weiter — Mir bist du todt, und einer Leiche gleich, Mit kalteni Schauer drück' ich dich an's Herz. Agnes. Schützt mich, ihr Himmlischen, vor seiner Wuth! Johann. Sieh, Mädchen, morgen lieg' ich in dein Grabe, Ein Jüngling, ich — nicht wahr das thut dir weh? 60 Die Familie Schrvffcnstein. Nun, einem Sterbenden schlägst du nichts ab, Den Abschiedskuß gieb mir. lcr küßt sie) Agnes. Errettet mich, Ihr Heiligen! Iohan n. — Ja, rette du mich, Heil'ge! Es hat das Leben mich wie eine Schlange, Mit Gliedern, zahnlos, ekelhaft, umwunden. Es schauert mich, cs zu berühren. — Da, Nimm diesen Dolch. — Agnes. Zn Hülfe! Mörder! Hülfe! Johann, fstreng) Nimm diesen Dolch, sag' ich. — Hast du nicht einen Mir schon in's Herz gedrückt? Agnes. Entsetzlicher! lsic sinkt besinnungslos zusammen) Johann, isanft) Nimm diesen Dolch, Geliebte. — Denn mit Wollust, Wie deinem Knsse sich die Lippe reicht, Reich' ich die Brust dem Stoß von deiner Hand. (Icronimus tritt mit Reisigen aus dem Thore.) Icronimus. Hier war das Angstgeschrci.-Unglücklicher! Welch eine That — Sie ist verwundet — Teufel! Mit deinem Leben sollst du's büßen. (Er verwundet Johann, welcher füllt. JeronimuS faßt Agnes auf) Agnes! Agnes! Ich sehe keine Wunde. — Lebst du, Agnes? Zweiter Aufzug. Dritte Scene. 61 (Silvester und Gcrtrnde treten aus dem Thorr) Silvester. Es war Ieroninuls' Entsetzensstimme, Nicht Agnes-O mein Gott! (Er wendet sich schmerzvoll! Gertrude. O meine Tochter, Mein einzig Kind,^mein letztes! — Icronimns. Schafft nur Hülfe, Ermordet ist sie nicht. G e r t r u d e. Sie rührt sich — horch — Sie athmet — ja sie lebt, sie lebt! Und unverwundet? Sgtv cltcr. Lebt sie? Icronimus. Eben war's noch Zeit, Er zückte schon den Dolch auf sie, da hieb Ich den Unwürdigen nieder. Vertrudc. Ist er nicht Aus Rossitz? Jeron i in ns. Frage nicht, du machst mich schamroth, — ja. Sglv eüer. Gieb mir die Hand, Jerome, wir verstehn Uns. I e r o n i m u s. Wir verstehn uns. 62 Die Familie Schroffenstein. Gertrud?. Sie erwacht, o seht, Sie schlägt die Augen auf, sie sieht mich an. — Agnes. Bin ich von dem Entsetzlichen erlöst? Gertrud?. Hier liegt er todt am Boden, fasse dich. Agnes. Getödtet? und um mich? Ach, eL ist gräßlich. — G c r I r u d e. Jcrome hat den Mörder hingestrcckr. Agnes. Er folgte mir weit her aus dem Gebirge — Mich faßte das Entsetzen gleich, als ich Von Weitem nur ihn in das Auge faßte. Ich eilte — doch ihn trieb die Mordsncht schneller Als mich die Angst — und hier ergriff er mich. Sgtvester. Und zückt' er gleich den Dolch? und sprach er nicht? Kannst du dich dessen nicht entsinnen mehr? Agnes. So kaum — vor seinem fürchterlichen Antlitz Entflohn mir alle Sinne fast, er sprach, — Gott weiß, mir schien's fast, wie im Wahnsinn — sprach Von Liebe, daß er mich vergöttre — nannte Bald eine Heil'ge mich, bald eine Leiche. Dann zog er Plötzlich jenen Dolch, und bittend, Zch möchte, ich, ihn tödtcn, zückt' er ihn Auf mich. — Sglvester. Lebt er denn noch? Er scheint verwundet bloß, Zweiter Aufzug. Dritte Scene. 63 Sein Aug' ist offen, (zu den Leuten) Tragt ihn in das Schloß, Und ruft den Wundarzt. (Sie «ragen ihn fort) Einer komme wieder Und bring' mir Nachricht. Vertrudr. Aber meine Tochter, Wie konntest du so einsam und so weit Dich in'S Gebirge wagen? Agnes. Zürne nicht, Es war mein Lieblingsweg. Wertrude. Und noch so lange Dich zu verweilen! Agnes. Einen Ritter traf Ich, der mich anfhielt. G e r t r u d c. Einen Ritter? Sieh Wie du in die Gefahr dich wagst! Kann'« wohl Ein andrer sein fast als ein Nossitzscher? Agnes. — Glaubst du, es sei ein Rossitzscher? Jeronimus. Ich weiß, Daß Ottokar oft in's Gebirge geht. Agnes. Meinst du den? — Jeronimus. Ruperts ältsten Sohn. — Kennst du ihn nicht? 64 Die Familie Schreffenstein. Agnes. Ich Hab' ihn nie gesehen. Jeronimus. Ich habe sichre Proben doch, daß er Dich kennt. Agnes. Mich? Eertrud e. Unsre Agnes? und woher? Jeronimus. Wenn ich nicht irre, sah ich einen Schleier, Den du zu tragen Pflegst, in seiner Hand. Agnes, (verbirgt ihr Haupt an der Brust ihrer Mutter) Ach, Mutter. — Scrtrndc. O um Gotteswillen, Agnes, Sei doch ans deiner Hut. — Er kann dich mit Dem Apfel, den er dir vom Baume Pflückt, Vergiften. Icronimns. Nun, das möcht' ich fast nicht fürchten — Vielmehr — allein wer darf der Schlange traun; Er hat beim Nachtmahl ihr den Tod geschworen. Agnes. Mir? Den Tod? Jeronimus. Ich Hab' es selbst gehört. Sertrude. Nun steh, Ich werde wie ein Kind dich hüten müssen. Zweiter Aufzug. Dritte Scene. 65 Du darfst nicht aus den Mauern dieser Burg, Darfst nicht von deiner Mutter Seite gehn. (Ein Diener tritt auf) Diener. Gestrenger Herr, der Mörder ist nicht todt. Der Wundarzt sagt, die Wunde sei nur leicht. Silvester. Ist er sich sein bewußt? Diener. Herr, es wird keiner klug Aus ihm. Denn er spricht ungehobelt Zeug, Wild durcheinander, wie im Wahnwitz fast. Jeronimus. Es ist Verstellung offenbar. Silvester. Kennst du Den Menschen? Jeronimus. Weiß nur so viel, daß sein Name Johann, und er ein unächt Kind des Rupert; Daß er den Ritterdienst in Rossitz lernte, Und gestern früh das Schwert empfangen hat. Silvester. Das Schwert empfangen, gestern erst — und heute Wahnsinnig — sagtest du nicht auch, er habe Beim Abendmahl den Racheschwur geleistet? Jeronimus. Wie alle Diener Ruperts, so auch er. Sylvester. Jeronimus, mir wird ein böser Zweifel Jetzt zur Gewißheit fast. — Ich HLtt's entschuldigt H. v. Kl-ist's Werke. I. Bd. 5 66 Die Familie Schroffenstein. Daß sie Verdacht auf mich geworfen, daß Sie Rache mir geschworen, daß sie Fehde Mir angekündiget — ja hätten sie Im Krieg mein Haus verbrannt, mein Weib und Kind Im Krieg erschlagen, noch wollt' ich's entschuld'gen. Doch daß sie mir den Meuchelmörder senden, — Weun's so ist — Gcrtrudc. Jst's denn noch im Zweifel? Haben Sie uns nicht selbst die Probe schon gegeben? Sylvester. Du meinst an Philipp? — Gertrudc. Endlich siehst bu's ein! Du hast mir's nie geglaubt, hast die Vermuthung, Gewißheit, wollt' ich sagen, stets ein Deuteln Der Weiber nur genannt, die, weil sie's einmal Aus Zufall treffen, nie zu fehlen wähnen; Nun weißt du's besser. — Nun, ich könnte dir Wohl mehr noch sagen, das dir nicht geahndet. — Sylvester. Mehr noch? Gcrtrude. Du wirst dich deines Fiebers vor Zwei Jahren noch erinnern. Als du der Genesung nahtest, schickte dir Eustache Ein Fläschchen eingemachten Ananas. Sylvester. Ganz recht, durch eine ReiterSfran aus Rossitz. Gcrtrude. Ich bat dich unter falschem Vorwand, nicht Zweit« Aufzug. Dritte Scene. 67 Von beni Geschenke zu genießen, setzte Dir selbst ein Fläschchen vor aus eignem Vorrath Mit eingemachtem Pfirsich — aber dn Bestandst darauf, verschmähtest meine Pfirsich, Nahmst von der Ananas, und plötzlich folgte Ein heftiges Erbrechen — Sylvester. Das ist seltsam; Denn ich besinne mich noch eines Ilmstands — — Ganz recht. Die Katze war mir übers Fläschchen Mit Ananas gekommen, und ich ließ Von Agnes mir den Pfirsich reichen. — Nicht? Sprich, Agnes. Agnes. Ja, so ist es. Sylvester. Ei, so hätte Sich seltsam ja das Blatt gewendet. Denn Die Ananas hat doch der Katze nicht Geschadet, aber mir dein Pfirsich, den Du selbst mir zubereitet? — V e r l r u d e. — Drehen freilich Läßt Alles sich. — Sylvester. Meinst du? Nun sieh, das mein' Ich auch, und habe Recht, wenn ich auf das, Was dn mir drehst, nicht achte. — Nun, genug! Ich will im Ernst, daß dn von Philipp schweigst; Er sei vergiftet oder nicht, er soll Gestorben sein, und weiter nichts. Ich will's. 5 - * 68 Die Familie Schroffenstein. Ieronimu s. Du sollt'st, Sylvester, doch den Augenblick, Der jetzt dir günstig scheinet, nützen. Ist Der Todtschlag Peters ein Betrug, wie es Fast sein muß, so ist auch Johann darin Verwebt. Sylvester. Betrug? wie war' das möglich? Äcronimus. Ei möglich war' es wohl, daß Ruperts Sohn, Der doch ermordet sein soll, bloß gestorben, Und daß, von der Gelegenheit gereizt, Den Erbvertrag zu seinem Glück zu lenken, Der Vater es verstanden, deiner Leute, Die just vielleicht in dem Gebirge waren, In ihrer Unschuld so sich zu bedienen, Daß es der Welt erscheint, als hätten wirklich Sie ihn ermordet — um mit diesem Scheine Des Rechts sodann den Frieden aufzukllnden, Den Stamm von Warwand auszurotten, dann Das Erbvermächtniß sich zu nehmen. Sylvester. — Aber Du sagtest ja, der eine meiner Leute Hätt's selbst im Tode noch bekannt, er wäre Von mir gedungen zu dem Mord. — Jeronimus. Der Mann, den ich gesprochen, hatte nur Von dem Gefolterten ein Wort gehört. Sylvester. (Stillschweigen) Das war? Zweiter Aufzug. Dritte Scene. 69 Jeronimus. Sylvester. (Stillschweigen) Hast du denn die Leute, Die sogenanutcn Mörder nicht vermißt? Von ihren Hinterlass'nen müßte sich Doch mancherlei erforschen lassen. Sglvestcr. (zu den Leuten) Rufe Den Hauptmann einer her! Jeronimus. Bon wem ich doch Den meisten Aufschluß hoffe, ist Johann. Silvester. 'S ist auch kein sich'rer. Jeronimus. Wie? wenn er es nicht Gestehen will, macht man's wie die von Rossitz, Und wirft ihn auf die Folter. Silvester. Nun? und wenn Er dann gesteht, daß Rupert ihn gedungen? Jeronimus. So ist's heraus, so ist's am Tage. — Sglvcstcr. So Dann freilich bin ich auch ein Mörder. (Stillschweigen) Jeronimus. Aus diesem Wirrwarr finde sich ein Pfaffe! Ich kann es nicht. 70 Die Familie Schroffenstein. Silvester. Ich Lin dir wohl ein Rathsei? Nicht wahr? Nun tröste dich, Gott ist es mir. Jeronimus. Sag' kurz, was willst du thun? Sglvcstcr. Das beste war' Noch immer, wenn ich Rupert sprechen könnte. Jeronimus. — 'S ist ein gewagter Schritt. Bei seiner Rede Am Sarge Peters schien kein menschliches, Kein göttliches Gesetz ihm heilig, das Dich schützt. Sglvcstcr. Es wäre zu versuchen. Denn Es wagt ein Mensch oft den abscheulichen Gedanken, der sich vor der That entsetzt. Jeronimus. Er hat dir heut bas Beispiel nicht gegeben. Sglvcstcr. Auch diese Unthat, wenn sie häßlich gleich, Doch ist's noch zu verzeihn, Jeronimus. Denn schwer war er gereizt — Auf jeden Fall Ist mein Gesuch so unerwarteter; Und öfters thut ein Mensch, was nian kaum hofft, Weil man's kaum hofft. Jeronimus. Es ist ein blinder Griff, Man kann es treffen. Zweiter Aufzug. Dritte Scene. 71 Nach Rossitz, fordre sicheres Geleit, Ich denke, du hast nichts zu fürchten? Icroniinu s. — Nein; Ich will's versuchen. (ab in's Thor) Silvester. So leb' wohl. Gertrude. Leb' wohl, Und kehre bald mit Trost zu uns zurück. (Sylvester, Gertrude und Agnes folgen) Agnes, (hebt im Abgehcn den Dolch nnf) Es giebt keinen. — Gertrude. (erschrocken) Den Dolch — er ist vergiftet, Agnes, kann Vergiftet sein. — Wirf gleich, sogleich ihn fort. (Agnes legt ihn nieder) Du sollst mit deinen Händen nichts ergreifen, Nichts fassen, nichts berühren, das ich nicht Mit eignen Händen selbst vorher geprüft. (Me ab) 72 Die Familie Schrvffenstein. Dritter Aufzug. Erste Scene. Gegend im Gebirge. (Agnes sitzt im Vordergründe der Höhle in der Stellung der Trauer. Ottokar tritt auf, und stellt sich ungesehen nahe der Höhle. Agnes erblickt ihn thut einen Schrei, springt auf und will entfliehen.) Du bist's. — Agnes (da sic sich gesammelt hat). «Ottokar. Vor mir erschrickst du? Agnes. Gott sei Dankt Ottokar. Und wie du zitterst. — Agnes. Ach es ist vorüber. Gttokar. Ist's wirklich wahr, vor mir wärst du erschrocken? Agnes. Es ist mir selbst ein NLthsel. Denn so eben Dacht' ich noch dran, und rief den kühnen Muth, Die hohe Kraft, die unbezwingliche Standhaftigkeit herbei, mir beizustehu, Und doch ergrifs's mich wie unvorbereitet — — Nun ist's vorbei. — Ottokar. O Gott des Schicksals! Welch ein schönes, Welch ruhiges Gemüth hast du gestört! Dritter Aufzug. Erste Scene. 73 Agnes. — Du hast mich herbestellt, was willst du? L) ttokar. Wenn Jch'S dir nun sage, kannst du mir vertraun, Maria? Agnes. Warum nennst du mich Maria? Gttokar. Erinnern will ich dich mit diesem Namen An jenen schönen Tag, wo ich dich taufte. Ich fand dich schlafend hier in diesem Thale, Das einer Wiege gleich dich bettete. Ein schützend Flordach webten dir die Zweige, ES sang der Wasserfall ein Lied, wie Federn Umwehten dich die Lüfte, eine Göttin Schien dein zu pflegen. Da erwachtest du, Und blicktest, wie mein ncugebornes Glück, Mich an. Ich fragte dich nach deinem Namen; Du seist noch nicht getauft, sprachst du. Da schöpfte Ich eine Hand voll Wasser aus dem Quell, Benetzte dir die Stirn', die Brust, und sprach: Weil du ein Ebenbild der Mutter Gottes, Maria tauf ich dich. lAgn cs wendet sich bewegt) Wie war es damals Ganz anders, so ganz anders. Deine Seele Lag offen vor mir, wie ein schönes Buch, Das sanft zuerst den Geist ergreift, dann tief Ihn rührt, dann unzertrennlich fest ihn hält. Es zieht des Lebens Forderung den Leser Zuweilen ab, denn das Gemeine will 74 Die Familie Schroffenftein. Ein Opfer auch; doch immer kehrt er wieder Zu dem vertrauten Geist zurück, der in Der Göttersprache ihm die Welt erklärt, Und kein Geheimniß ihm verbirgt, als das Geheimnis; nur vou seiner eignen Schönheit, DaS selbst ergründet werden muß. — Nun bist Du ein verschloss'ner Brief. — Agnes. (wendet sich zu ihm) Du sagtest gestern, Du wolltest mir etwas verträum V i t o k a r. Warum Entflohest du so schleunig? Agnes. Das fragst du? «Ottokar. Ich kann es fast errathen — vor dem Jüngling, Der uns hier überraschte; denn ich weiß, Du hassest Alles, was aus Nossitz ist. Agnes. Sie hassen mich. V t t o k a r. Ich kann es fast beschwören, Daß du dich irrst. — Nicht alle wenigstens; Zum Beispiel für den Jüngling steh' ich. Agnes. L> t t o k a r. Ich weiß, daß er dich heftig liebt. — Agnes. Stehst du Mich liebt. Dritter Aufzug. Erste Sccne. 75 Ottokar. Denn er ist mein vertrauter Freund. — Agnes. Ottokar. Dein Freund? — Was fehlt dir, Agnes? Agnes. Mir wird übel. Ottokar. (sie setzt sich) Ein Zufall Mich einen Augenblick. wie kann ich dir helfen? Agnes. Welch Laß Ottokar. Ich will dir Wasser Aus jener Quelle schöpfen. Agnes, lstcht auf) Nun ist's gut. Jetzt bin ich stark. Die Krone sank iu's Meer, Gleich einem nackten Fürsten wers' ich ihr Das Leben nach. Er bringe Wasser, bringe Mir Gift, gleichviel, ich trink' es aus, er soll Das Ungeheuerste an mir vollenden. Ottokar, (kommt mit Wasser in dem Hute) Hier ist der Trunk — fühlst du dich besser? Agnes. Stärker Doch wenigstens. Ottokar. Nun, Winke doch. Es wird (aL) (Sie setzt sich) Dir wohl thun. 76 Die Familie Schroffcnstcin. :« ' 4 Agnes. Wenn's nur nicht zu kühl. Otto Kar. Es scheint Mir nicht. Agnes. Versuch'« einmal. Ottokar. Wozu? es ist Nicht viel. Agnes. -Nun, wie du willst, so gieb. Ottokar. Nimm dich In Acht, verschütte nichts. Agnes. Ein Tropfen ist Genug. Ottokar. Du hast verboten mir, danach zu forschen. — Agnes. Das heißt: du weißt es nicht. Meinst du, Daß ich dir's glaube? Ottokar. Nun, ich will's nicht laugnen. Agnes. Wahrhaftig? Nun ich weiß auch, wer du bist! Nun? Ottokar. Agnes. Ottokar von Schroffenstein. Du das erfahren? Ottokar. Wie hast Agnes. Ist gleichviel. Ich weiß noch mehr Du hast Leim Abendmahle mir den Tod Geschworen. Gtiokar. Gott! o Gott! Agnes. Erschrick doch nicht. Was macht es aus, ob ich's jetzt weiß? Das Gift Hab' ich getrunken; du bist quitt mit Gott. - Wttokar. Hier ist's Ucbrige, ich Agnes, will es leeren. Gift? Dritter Aufzug. Erste Scene. 79 Ottokar. Nein, halt! — ES ist genug für dich. Gieb mir's, Ich sterbe mit dir. i. Erste Seenc. 83 4 L> i t o It a r. In jedem Falle War zu der That Johann von meinem Bater Gedungen nicht. Agnes. Kann sein. Vielleicht so wenig, Wie von dem weinigen die Leute, die Den Bruder dir erschlugen. Gttollar. Hätte nur Jcronimus in seiner Hitze nicht Den Menschen mit dem Schwerte gleich verwundet Es hätte sich vielleicht das Wthsel gleich Gelöst. Agnes. Vielleicht — so gut, wie wenn dein Vater Die Leute nicht erschlagen hätte, die Er Lei der Leiche deines Bruders fand. L> 1 t o k a r. Ach, Agnes, diese That ist nicht zu läugnen, Die Mörder haLen's ja gestanden. — Agnes. Nun, Wer weiß, was noch geschieht. Johann ist krank, Er spricht im Fieber manchen Namen ans; Und wenn mein Vater rachedürstcnd wäre, Er könnte leicht sich einen wählen, der Für sein Bedürfnis; taugt. G t t o k a r. O Agnes! Agnes! Ich fange an zu fürchten fast, daß wir Doch deinem Vater wohl zu viel gethan. 6 lStillschweige») (Stillschweigen) 84 Die Familie Schroffenstein. Agnes. Sehr gern uchm' ich's, wie all' die Weinigen, Zurück, wenn wir von deinem falsch gedacht. Ottokar. Für meinen steh' ich. Agnes. So wie ich für meinen. Ottokar. Nun wohl, 's ist abgethan. Wir glauben nus. — O Gott, welch eine Sonne geht mir aus! Wenn'« möglich wäre, wenn die Väter sich So gern, so leicht, wie wir, verstehen wollten! — Ja könnte man sie nur zusammenführen! Denn einzeln denkt nur jeder seinen einen Gedanken, käm' der andere hinzu, Gleich gäb's den dritten, der uns fehlt. — Und schuldlos, wie sie sind, müßt' ohne Rede Sogleich ein Aug' das andere verstehn. — Ach, Agnes, wenn dein Vater sich entschlösse! Denn kaum erwarten läßt's von meinem sich. Agnes. Kann sein, er ist schon ans dem Wege. Ottokar. Wie? Er wird doch nicht? Uuangefragt, und ohne Die Sicherheit des Zutritts? Agnes. Mit dem Herold' Gleich wollt' er fort nach Rossitz. Ottokar. — O das spricht Dritter Aufzug. Erste Scene. 85 Für deinen Vater weit, weit besser, als Das beste für den meinen. — Ägncs. Ach, du solltest Ihn kennen, ihn nur einmal handeln sehn! Er ist so stark und doch so sanft. — Er hat es längst Vergeben. — -Ottokar. Könnt' ich das von meinem sagen! Denn niemals hat die blinde Rachsucht, die Ihn zügellos wild treibt, mir wohlgethan; Ich fürchte viel von meinem Vater, wenn Der deinige nnangefragt erscheint. Agnes. Nun, das wirb jetzt Wohl nicht geschehn, ich weiß, Jeronimns wird ihn euch melden. -Ottokar. Jerome? Der ist ja selbst nicht sicher. Agnes. Warum das? «Ottokar. Wenn er Johann verwundet hat, in Warwand Verwundet hat, das macht den Vater wüthen. Agn cs. — Es muß ein böser Mensch doch sein, dein Vater. -Ottokar. Auf Augenblicke, ja. — Agnes. So solltest du 86 Die Familie Schraffcnstein. Doch lieber gleich zu deinem Vater eilen, Zn mildern wenigstens, was möglich ist. Ottokar. Ich mildern'? meinen Vater? Einte Agnes, Er trägt uns wie die See das Schiff, wir müssen Mit seiner Woge fort, sie ist nicht;u Beschwören. — Nein ich wüßte wohl was Bessers. — Denn fruchtlos ist doch Alles, kommt der Jrrthnm An's Licht nicht, der nns neckt. — Der eine ist, Von jenem Anschlag auf dein Leben, mir Schon klar. Der Jüngling war mein Freund, um seine Geheimste Absicht kann ich wissen. Hier Ans dieser Stelle, von Eifersucht gequält, Reizt' er mit bittcrn Worten mich, zu ziehen — Nicht mich zu morden, denn er sagt' es selbst, Er wolle sterben. Agnes. Seltsam! gerade das Sagt' er mir auch. Ottokar. Nun sieh', so ist's am Tage. Agnes. Das sch' ich doch nicht ein — er stellte sich Wahnsinnig zwar, drang mir den Dolch ans, sagte, Als ich mich weigerte, ich hätt' ihm einen Schon in das Her; gedrückt — Ottokar. Nun, das brauch' ich Wohl dir nicht zu erklären. Agnes. Wie? Dritter Auszug. Erste Secuc. Gttoka r. Sagt' ich Dir nicht, das; er dich heftig liebe? Ägncs. — O Mein Gott, was ist das für ein Jrrthum. — Nun Liegt er verwundet in dem Kerker, niemand Pflegt seiner, der ein Mörder heißt, und doch Ganz schuldlos ist. — Ich will sogleich auch gehen. Ottokar. Nur einen Augenblick noch. — So wie einer, Kann auch der andre Jrrthum schwinden. — Weißt Du, was ich thun jetzt werde? Immer ist's Mir ausgefallen, daß an beiden Händen Der Bruderlciche just derselbe Finger, Der kleine Finger fehlte. — Mördern, denk' Ich, müßte jedes andre Glied fast wicht'gcr Doch sein, als just der kleine Finger. Läßt Sich was erforschen, ist'S nur an dem Ort Der That. Den weiß ich — Leute wohnen dort, Das weiß ich auch. — Ja recht, ich gehe hin. Ignes. So lebe wohl denn! Oltoka r. Eile mir nicht so; Wird dir Johann entflicht; ?'— Nun pfleg' ihn nur, Und sag' ihm, daß ich immer noch sein Freund. Ägnes. Laß gut sein, werd' ihn schon zu trösten wissen. Ottokar. Wirst du? Nun einen Kuß will ich ihm gönnen. 88 Die Familie Schroffcnstein. Agnes. Den andern giebt er mir zum Dank. GtIokar. Den dritten Krieg' ich zum Lohn für die Erlaubnis;. Agnes. Von Johann? C> 1 tokar. Das ist der vierte. Versteh' schon. Agnes. Ich versteh', Nein, daraus wird nichts. G t t o k a r. Nun gut; Das nächstemal geb' ich dir Gift. Agnes, (lacht! Frisch aus Der Quelle, du trinkst mit. Wttokar. stacht) Sind wir Nicht wie die Kinder? Denn das Schicksal zieht, Gleich einem strengen Lehrer, kaum ein freundlich Gesicht, sogleich erhebt der Muthwill wieder Sein keckes Haupt. Agnes. Nun bin ich wieder ernst, Gtto Kar. Und wann kehrst du wieder? Nun geh' ich. Dritter Aufzug. Zweite Scene. 89 Agnes. Morgen. (Ab von verschiedenen Seiten) Zweite Scene. Nossitz. Ein Zimmer im Schlosse. (Rupert, Santing und Sustachc treten auf) Rupert. Erschlagen, sagst du? Eustachc. Ja, so spricht das Volk. Rupert. Das Volk — ein Volk von Weibern wohl? L u st a eh e. Mir hat's Ein Mann bekrästigt. Rupert. Hat's ein Mann gehört? Santing. Ich hab'S gehört, Herr, und ein Mann, ein Wandrer, Der her aus Warwand kam, hat's mitgebracht. Nup crt. Was hat er mitgebracht? Santing. Daß dein Johann Erschlagen sei. Sustachc. Nicht doch, Santing, er sagte Nichts von Johann, vom Herold sagt' er das. 90 Die Familie Schrrffenstcin. Rupert. Wer von euch beiden ist das Weib? Santing. Ich sage, Johann; und ist's der Herold, wohl, so steckt Die Frau in's Panzerhand, mich in den Weibsrock. Rupert. Mit eignen Ohren will ich's hören. Bringt Den Mann zu mir. Santing. Ich zweifle, daß er noch Im Ort. Eustache. sticht ihn an) Er ist im Hause. Rupert. Einerlei. Bringt ihn. Doch war ich kürzlich dort. 102 Die Familie Schroffcnstcm. Rupert. So wirst du wissen, Wir Vettern sind seit kurzer Zeit ein wenig Schlimm über'» Fuß gespannt. — Vielleicht hast du Auftrag' an mich, kommst im Geschäft des Friedens, Stellst selbst vielleicht die heilige Person Des Herolds vor? — Jeronimus. Des Herolds? — Nein. Warum? — Die Frag' ist seltsam. — Als dein Gast komm' ich. Rupert. Mein Gast — nnd hätt'st aus Warwand keinen Auftrag? I cronimus. Zum mind'stcn keinen andern, dessen ich Mich nicht als Freund des Hauses im Gespräch Gelegentlich entlcd'gen konnte. Rupert. Nun, Wir brechen die Gelegenheit von: Zaune; Sag' an. Jeronimus. — Sylvester will dich sprechen. Rupert. Mich? Mich sprechen? I cronimus. Freilich seltsam ist die Forderung, Ja unerhört fast — dennoch gäb's ein Zeichen, Ein sichres fast, von seiner Unschuld, wär' Es dieses. Unschuld? R u p cr t. Dritter Aufzug. Zireitc Scene. 103 Jeron imns. Ja, mir ist'« ein RLthsel Wie dir, da es die Mörder selbst gestanden. Zwar ein Gestäudniß auf der Folter ist Zweideutig stets — auch war es nur ein Wort, Das doch im Grunde stets sehr unbestimmt. Allein trotz allem, der Verdacht bleibt groß, Und fast unmöglich scheint'« — zum wenigsten Sehr schwer doch, sich davon zu reinigen. Rupe r t. Meinst du? I e r o n i in u s. Doch, wie gesagt, er hält'« für möglich. Er glaubt, es steck' ein Jrrthum wo verborgen. — Äupcrt. Ein Jrrthum? Icro n i in u s. Den er aufzudecken nichts Bedürfe, als nur ein Gespräch mit dir. Unpc r t. — Nun, meinetwegen. Icroniinu s. Wirklich? willst dn's thun? Uup ert. Wenn du ihn jemals Wiedersehen solltest — Irronimns. — Jemals? ich eile gleich zu ihm. 6 u p c r t. So sag', Daß ich mit Freuden ihn erwarten würde. Icroni m n s. O welche segensreiche Stunde hat 104 Die Familie Schroffenstem. Mich hergeführt! — Ich reite gleich nach Warwand, Und bring' ihn her. — Möcht' er dich anch so finden, So freundlich, und so mild, wie ich. — Mach's ihm Nicht schwer, die Sache ist verwickelt, blutig Ist die Entscheidung stets des Schwerts, und Frieden Ist die Bedingung doch von allem Glück. Willst du ihn nur unschuldig finden, wirst Dn's anch. — Ich glaub's, Lei meinem Eid, ich glanb's, Ich war wie du von dem Verdacht empört, Ein einz'ger Blick auf sein ehrwürdig Haupt Hat schnell das Wahre mich gelehrt. — Rupert. Dein Amt Scheint ans, wenn ich nicht irre. Ieroni m u s. Nur noch zur Berichtigung etwas von zwei Gerüchten, Die bös verfälscht, wie ich fast fürchte, dir Zn Ohren kommen möchten. — Rupert. Nun? Jeron imus. Liegt krank in Warwand. Johann Rup crt. Ans den Tod, ich weiß. Icronimu s. Er wird nicht sterben. Rupert. Wie es euch beliebt, Icronim us. Wie? Dritter Aufzug. Zweite Scene. 105 Äup crt. Weiter — Nun, das andere Gerücht? Icronimus. Ich wollt' dir sagen noch, daß zwar Johann Den Dolch auf Agnes — Äupert. Ich hatt' ihn gedungen. Ä c r o n i m u s. Wie sagst du? Äupert. Könnt's mir doch nichts helfen, wenn Jch's laugncn wollte, da er'S ja gestanden. Icronimus. Vielmehr das Gegentheil — aus seiner Rede Wird klar, daß dir ganz unbewußt die That. Äupert. Sylvester ist doch überzeugt, wie billig, Daß ich so gut ein Mörder bin, wie er? Jeroniiiius. Vielmehr das Gegentheil — der Anschein hat Das ganze Volk getäuscht, doch er bleibt stets Unwandelbar, und nennt dich schuldlos. Äupert. O List der Hölle, von dem Bösesten Der Teufel ausgeheckt! Icroniinu s. Was ist das? Rupert! Äupert. (faßt sich! Das war das eine. — Nun, sprich weiter, noch Ein anderes Gerücht wolltst du bericht'gen. 106 D>c Familie Schroffcnsiein. Ieroniinus. Gieb mir erst Kraft und Mnth, gieb mir Vertrau». Rupert. Sieh zu, wie'S geht — sag' an. F e r o n i m u s. Der Herold ist — Rupert. Erschlagen, weiß ich — doch Sylvester ist Unschuldig an dem Blute. Jeroniinus. Wahrlich, ja, Er lag in Ohnmacht wahrend cs geschah. ES hat ihn tief empört, er bietet jede Genugthunng dir an, die du nur forderst. Rupert. Hat nichts zu sagen. — Jeroniinus. Wie? Rupert. Was ist ein Herold? Ä croniinus. Du bist entsetzlich. — Rupert. Bist du denn ein Herold? — Icraniinus. Dein Gast bin ich, ich wiederhol's — und wenn Der Herold dir nicht heilig ist, so wird's Der Gast dir sein. Rupert. Mir heilig? Ja. Doch fall' Ich leicht in Ohnmacht. Dritter Aufzug. Zweite Scene. 107 Ärronimus. Lebe wohl. (schnell ab) (Pause; Enstachc stürzt aus dem Nebenzimmer herein) Enstachc. Um Gotteswillen, rette, rette — (Sie öffnet das Fenster) Alles Fällt über ihn — Jeroniinus! — das Volk Mit Kenlen — rette, rette ihn — sie reißen Ihn nieder, nieder liegt er schon ani Boden — Um Gotteswillen, komm an's Fenster nur, Sie tödten ihn. — Nein, wieder steht er auf, Er zieht, er kämpft, sie weichen. — Nun ist's Zeit, O Rupert, ich beschwöre dich. — Sie dringen Schon wieder ein, er wehrt sich wüthend. — Rufe Ein Wort, um aller Heil'gen willen nur Ein Wort aus diesem Fenster.-Ah! jetzt fiel Ein Schlag-er taumelt, ah! noch einer.-Nun Ist's ans. — Nun fällt er um. — Nun ist er todt.-' (Pause; Eustachc tritt vrr Rupert) O welch' entsetzliche Gelassenheit — — Es hätte dir ein Wort gekostet, nur Ein Schritt bis zu dem Fenster, ja, dein bloßes Gebieterantlitz hätte sie geschreckt. — — Mög' einst in jener bittern Stunde, wenn Du Hülfe Gottes brauchest, Gott nicht säumen, Wie du, mit Hülfe vor dir zu erscheinen. (Sanling tritt auf) Santing. 'S ist abgethan, Herr. Eustachc. Abgethan? Wie sagst 108 Die Familie Schroffcnstein. Du, Santing? — Rupert, abgethan? lp c r t. Schlange, giftige! Aus meinen Augen, fort! Kammerzofe. Auf dein Geheiß Hat'S Santing angestiftet. Selbst Hab' ich's Gehört, wie du's dem Santing hast befohlen. u ttpcr t. — Gehört? — du selbst? Kammerzofe. Ich stand im Schloßflnr, stand Dicht hinter dir, ich hörte jedes Wort, Doch du warst blind vor Wnth, und sahst mich nicht. Es haben'« außer mir noch zwei gehört. Ä u p c r t. — 'S ist gut. Tritt ab. Kammerzofe. So schenkst du ihm das Leben? Üupcrt. 'S soll aufgeschobcn sein. Kammerzofe. O Gott sei Dank! Und dir fei Dank, mein bester Herr, es ist Ein braver Bursche, der sein Leben wird An deines setzen. A u p e r t. Gut, sag' ich. Tritt ab. (Kammerzofe ab) (Rupert wirft sich aus einen Sessel, Eustache nähert sich ihm; Pause) Lustachr. Mein theurer Freund. — H. v. Kleist s Werke. I. Bd. 8 114 Die Familie Schroffcnsicm. Üupcri. Laß mich allein, Eustache. Eustache. O laß mich bleiben. — O dies menschlich schöne Gefühl, das dich bewegt, löscht jeden Fleck; Denn Neue ist die Unschuld der Gefallncn. An ihrem Glanze weiden will ich mich, Denn herrlicher bist dn mir nie erschienen, Als jetzt. Äupert. Ein Elender Lin ich. — Eustach c. Dn glaubst Es. — Ah! der Augenblick nach dem Verbrechen Ist oft der schönste in dem Menschenleben, Du weißt's nicht — ach, du weißt es nicht und grade Das macht dich herrlich. Denn nie besser ist Der Mensch, als wenn er es recht innig fühlt, Wie schlecht er ist. Au p erk. Es kann mich keiner ehren, Denn selbst ein Ekel bin ich mir. Eustache. Den soll Kein Mensch verdammen, der sein Urtheil selbst Sich spricht. O hebe dich! du bist so tief Bei Weitem nicht gesunken, als dn hoch Dich heben kannst. Üupcrt. Und wer hat mich so häßlich Gemacht? O hassen will ich ihn. — Vierter Aufzug. Crste Scene. 115 ' Sustach o. Rupert! Du könntest noch an Rache denken? Rupert. Ob Ich an die Rache denke? — Frage doch, Ob ich noch lebe? S » sta ch e. Ist es möglich? O Nicht diesen Augenblick zum Wenigsten Wirst du so bös beflecken — Teufel nicht In deiner Seele dulden, wenn ein Engel Noch mit mir spricht ans deinen Zügen. Rupe r t. Soll Ich dir etwa erzählen, daß Sylvester Biel Böses mir gethan? Und soll ich's ihm Verzeihn, als war' es nur ein Weibcrschmollcn? Er hat mir freilich nur den Sohn gemordet, Den Knaben auch, der lieb mir wie ein Sohn. — Lustachr. O sprich's nicht aus! Wenn dich die That gereut, Die blutige, die dn gestiftet, wohl, So zeig's, und ehre mindestens im Tode Den Mann, mit dessen Leben du gespielt. Der Abgeschiedene hat es beschworen: Unschuldig ist Sylvester! (Rupert sieht ihr starr ins Gesicht) So unschuldig An Peters Mord, wie wir an jenem Anschlag Ans Agnes Leben. 116 Die Familie Schroffcnstem. Nupcrt. lieber die Vergleichung! Enstachc. Warum nicht, mein Gemahl? Denn es liegt Alles Auf beiden Seiten gleich, bis selbst auf die Umstände nach der That. Du fandst Verdächt'ge Bei deinem tobten Kinde, so in Warwand; Du hiebst sie nieder, so in Warwand; sie Gestanden Falsches, so in Warwand; du Vertrautest ihnen, so in Warwand. — Nein, Der cinz'ge Umstand ist verschieden, daß Sylvester selber doch dich frei spricht. U »per t. O Gewendet, listig, haben sie das ganze Verhältniß, mich, den Kläger, zum Verklagten Gemacht. — Und um das Bubenstück, das mich Der ganzen Welt als Mörder zeigt, noch zu Vollenden, so verzeiht er mir. Euslachc. Rupert! O welch ein häßlicher Verdacht, der schon Die Seele schändet, die ihn denkt. N n p c r k. Verdacht Zst's nicht in mir, es ist Gewißheit. Warum Nieinst du, HLtt' er mir wohl verziehen, da Der Anschein doch so groß, als nur, damit Ich gleich gefällig mich erweise? Er Kann sich nicht reinigen, er kann cs nicht, Und nun, damit ich's ihm erlass', erläßt Vierter Aufzug. Crfte Scene. 117 Er's mir. — Nun, halb zum Wenigsten soll ihm Das Bubenstück gelingen nur. Ich nehme Den Mord auf mich — und hält' der Jung' das Mädchen Erschlagen, wär'S mir recht. Enstache. Das Mädchen? O Mein Gott, dn wirst das Mädchen doch nicht morden? Aupcrl. Die Stämme sind zu nah' gepflanzct, sie Zerschlagen sich die Aeste. Enstachr. kzu seinen Füssen) O verschone, Ans meinen Knieen bitt' ich dich, verschone Das Mädchen — wenn dein eigner Sohn dir lieb, Wenn seine Liebe lieb dir, wenn auf immer Du seinen Flnch dir nicht bereiten willst, Verschone Agnes. — Uupert. Welche seltsame Anwandlung? Mir den Fluch des Sohnes? Susta ch e. Ja, Es ist heraus — auf meinen Knie'n beschwöre Ich dich, bei jener ersten Nacht, die ich Am Tage vor des Priesters Spruch dir schenkte, . Bei nnserm einz'gcn Kind, Lei nnserm letzten, Das dn hinopferst, und das du doch nicht Geboren hast wie ich, o mache diesem Unselig bösen Zwist ein Ende, der Bis ans den Namen selbst den ganzen Stamm Der Schrofsensteine anszurotten droht. 118 Die Familie Schrosfcnstein. Gott zeigt den Weg selbst zur Versöhnung dir. Die Kinder lieben sich, ich habe sichre Beweise. — Äup crt. Lieben? Custache. Unerkannt hat Gott In dem Gebirge sie vereint. Äupcrt. Gebirg? Lustachc. Ich weiß es von Jeronimus, der Edle! Vortreffliche! sein eigner Plan war es, Die Stämme durch die Hcirath zu versöhnen, Und selbst sich opfernd, trat er seine Braut Dem Sohne seines Freundes ab. — O ehre Im Tode seinen Willen, daß sein Geist In deinen Träumen dir nicht mit Entsetzen Begegne. — Sprich, o sprich den Segen ans! Mit Thränen küss' ich deine Kuice, küsse Mit Inbrunst deine Hand, die ach! noch schuldig Was sie am Altar mir versprach — o brauche Sie einmal doch zum Wohlthnn, gieb dem Sohne Die Gattin, die sein Herz begehrt, und dir Und mir und allen Unsrigcn den Frieden. Änpert. Nein, sag' mir, Hab' ich recht gehört, sie sehen Sich im Gebirge, Ottokar und Agnes? En stäche, lstcht aus) O Gott, mein Heiland, was Hab' ich gethan? Vierter Auszug. Erste Scene. 119 6 upcrt. lsteht auf) Das freilich ist ein Umstand von Bedeutung. (Er pfeift; zwei Diener erscheinen) Custache. Wär's möglich? Nein. — O Gott sei Dank! das wäre Ja selbst für einen Teufel fast zu boshaft. — Ullpert. l;u den Diener») Ist noch der Graf zurück nicht vom Spaziergang? Diener. Nein, Herr. Uupert. Wo ist der Santing? Diener. Bei der Leiche. U u p c r t. Führ' mich zu ihm. - lab) Eustachc. (ihm nach) Rupert! Rupert! o höre. — (Alle ab) Zweite Scene. Warwand. Zimmer im Schlosse. (Silvester tritt auf öffnet ein Fenster, und bleibt mit Zeichen einer tiefen Bewegung davor stehen. Gcrtrude tritt auf, und nähert sich ihm mit verdecktem Gesicht) Scrtrude. Weißt du es? (Agnes tritt auf) Agnes, lnoch an der Thür halblaut) Mutter! Mutter! lGertrude sicht sich um, Agnes nähert sich ihr) 120 Die Familie Schroffenstein. Weißt du die Entsetzensthat? Jerome ist erschlagen. (Gertrude giebt Ihr ein bejahendes Zeichen) Weiß er's? Gertrude. lwcndct sich zu Sylvester) Sylvester! Sylvester. lehne sich nmzusehen) Bist du es, Gertrude? Gertrude. Wenn Ich wüßte, wie du jetzt gestimmt, viel hätt' ich Zu sagen dir. Sylvester. Es ist ein trüber Tag Mit Wind und Regen, viel Bewegung draußen. — Es zieht ein unsichtbarer Geist, gewaltig, Nach einer Richtung Alles fort, den Staub, Die Wolken und die Wellen. — Sylvester, hören? Gertrude. Willst du mich, Sylvester. Sehr beschäftigt mich Dort jener Segel — siehst du ihn? er schwankt Gefährlich, übel ist sein Stand, er kann Das Ufer nicht erreichen. — Gertrude. Höre mich. Sylvester, eine Nachricht Hab' ich dir Zu sagen von Jerome. Vierter Aufzug. Zweite Secnc. 121 Sylvester. Er, er ist Hinüber — (er wendet sich) ich weiß Alles. Vcrtrudc. Weißt du's? Nun Was sagst du? Sylv cstcr. Wenig will ich sagen. Ist Theistin noch nicht zurück? EertruLe. So willst du nun Den Krieg beginnen? Sylvester. Kenn' ich doch den Feind. Ser > rüde. Nun sreilich wie die Sachen stehn, so mußt Du's wohl. Hat er den Vetter hingerichtet, Der schuldlos war, so wird er dich nicht schonen. Die Zweige abznhaun des ganzen Stammes, Das ist sein überlegter Plan, damit Das Mark ihm seinen Wipfel höher treibe. Sylvester. Den Edclen, der nicht einmal als Herold Gekommen, der als Freund nur das Geschäft Betrieb des Friedens, preiszugcbcn — ihn, Um sich an mir zu rächen, preiszugeben Den? Volke — Vcrtrudc. Nun doch, endlich wirst du ihn Nicht mehr verkennen? 122 Die Familie Schroffenstein. Sylvester. Ihn Hab' ich verkannt, JcronimnS — Hab' ihn der Mitschuld heute Geziehen, der sich heut für mich geopfert. Denn wohl geahndet hat es ihm — mich hielt Er ab, und ging doch selbst nach Rossitz, der Nicht sichrer war, als ich. — G e r t r n d e. Könnt' er denn anders? Denn weil du Nnpcrt stets mit blinder Neigung Hast freigesprochen, ja sogar gezürnt, Wenn man es nur gewagt ihm zu mißtraun, So mußt' er freilich zu ihm gehen. — Sylvester. Nun, Beruh'ge dich — fortan kein anderes Gefühl, als nur der Rache will ich kennen, Und wie ich duldend einer Wolke gleich Ihm lange über'm Haupt geschwebt, so fahr' Ich einem Blitze gleich jetzt über ihn. (Lhcistincr tritt auf) Theistiner. Hier bin ich wieder, Herr, von meinem Zuge Und bringe gleich die fünf Vasallen mit. Sylvester, (wendet sich schnell) Wo sind sie? Theistiner. Unten in dem Saale. Drei, Der Manso, Vitina, Paratzin, haben Auf ihren Kopf ein dreißig Männer gleich Nach Warwand mitgcbracht. Vierter Aufzug. Zweite Scene. 123 Sylvester. Ein dreißig Männer? — Ein ungesprochner Wunsch ist mir ersüllt. — Laßt mich allein, ihr Weiber. iDie Wcibcr ab! Wenn sie so Ergeben sich erweisen, sind sie wohl Gestimmt, daß man sie schleimig brauchen kann? Thcistiner. Wie den gespannten Bogen, Herr; der Mord Jerome's hat ganz wnthend sie gemacht. Sylvester. So wollen wir die Witterung benutzen. Er will nach meinem Haupte greifen, will Es — mm, so greif' ich schnell nach seinem. Dreißig, Sagst du, sind eben eingeriickt, ein Zwanzig Bring' ich zusammen, das ist mit dem Geiste, Der mit uns geht, ein Heer — Theistin, was meinst du? Noch diese Nacht will ich nach Rossitz. Thcistincr. Herr, Gieb mir ein Fünfzehn von dem Trupp, spreng' ich Die Thore selbst und öffne dir den Weg. Ich kenn' das Nest als wär's ein Dachsloch — noch Erwarten sie von uns nichts Böses, ich Beschwör's, die sieben Bürger halten Wache Noch wie in Friedcnszciten. Sylvester. So bleibt's dabei. Du nimmst den Vortrab. Wenn es finster, brechen Wir ans. Den ersten Zugang überrumpelst Du, selber folg' ich ans dem Fuße, bei 124 Die Familie Scs'rsffcnstcm. Jerome'S Leiche sehen wir uns wieder. Ich will ihm eine Todtenfeicr halten, Und Rossitz soll wie Fackeln sie beleuchten. Nun fort zu den Vasallen. (Beide ab) Dritte Scene. Bauernküche. (Sarnabc am Hcerd. Sie rührt einen Kessel, der über Feuer steht) Sarnabc. Zuerst dem Vater: Ruh' in der Gruft: daß ihm ein Frevlerarm nicht Ueber das Feld trage die Knochen umher. Leichtes Erstehn: daß er hoch jauchzend das Haupt Dränge durch's Grab, wenn die Posaune ihm ruft. Ewiges Glück: daß sich die Pforte ihm weit Oeffne, des Lichts Elanzstrom entgegen ihm wog'. Ursula. (außerhalb der S cene) Barnabe! Barnabe! Rührst'du den Kessel? Sarnabc. Ja doch, ja, mit beiden Händen; Ich wollt' ich könnt' die Füß' auch brauchen. Ursula. Mer Du sprichst nicht die drei Wünsche. — Sarnabc. Nun, das gesteh' ich! Wenn unser Herrgott taub wie du, so hilft Es Alles nichts. — Dann der Mutter: Vierter Aufzug. Dritte Scene. 125 Alles Gedeih»: baß ihr die Landhexe nicht Giftigen Blicks tobte das Kalb in der Kuh. Heil an dem Leib: daß ihr der Krebs mit den; Blut — Läppchen ini Schutt schwinde geschwinde dahin. Leben im Tod: daß ihr kein Teufel die Zung' Strecke heraus, wenn sie an Gott sich empfiehlt. Nun für mich: Freuden vollauf: daß mich ein stattlicher Mann Ziehe mit Kraft kühn in's hochzeitliche Bett. Gnädiger Schmerz: daß sich — Ursula. Barnabe! böses Mädel! hast den Blumenstand Vergessen und die Wolfkrantskeime. Sarnabc. Nein Doch, nein, 's ist Alles schon hinein. Der Brei Ist dick, daß schon die Kelle stehet. Ursula. Aber Die ungelegten Eier ans dem Hcchtsbauch? Larnabc. Schneid' ich noch einen ans? Ursula. Nein, warte noch. Ich will erst Fliederbliithe zuberciten. Laß du nur keinen in die Küche, hörst du? Und rühre fleißig, hörest du? und sag' Die Wünsche, hörst du? S arnabr. Ja doch, ja. — Wo blieb Ich stehn? Freude vollauf. — Nein, das ist schon vorbei. 126 Die Familie Schroffcnstein. Gnädiger Schmerz: daß sich die liebliche Frucht Winde vom Schooß o nicht mit Ach! mir und Weh! Weiter mir nichts, bleibt mir ein Wünschen noch frei, Gütiger Gott! mache die Mutter gesund. lSic hält wie ermüdet Inne) Ja, lieber Gott! — wcnn's Glück so süß nicht war', Wer würd' so sauer sich darum bemüh»? — Von vorn, zuerst dem Vater: Ruh' in der Gruft: daß ihm ein Frevlerarm nicht Ueber das Feld-Ah! lSic erblickt Ottokar, der bei den letzte» Worten hereingetrctcn iüj G t t o ü a r. Was sprichst du mit Dem Kessel, Mädchen? Bist du eine Hexe, Du bist die lieblichste, die ich gefehlt, Und thust, ich wette, keinem Böses, der Dir gut. 6 a r n a b c. Geh 'raus, du lieber Herr, ich bitte dich. In dieser Küche darf jetzt niemand sein, Die Mutter selbst nicht, außer ich. G t t o k a r. Warum Denn just nur du? L arnabc. Was weiß ich? weil ich eine Jungfrau Lin. G t t o lt a r. Ja darauf schwör' ich. Und wie heißt du denn, Du liebe Jungfrau? L a r n a b e. Barnabe. Vierter Aufzug. Tritte Seeue. 127 Ottokar. So? deine Stimme Klingt schöner als dein Name. Ursula. Barnabe! Barnabe! Wer spricht denn in der Küch' ? Fünfte Scene. Rossitz. Ein Gefängniß im Thurm. . (Die Thür öffnet sich, üctorin tritt auf) Gttokar. (noch drausten> Mein Vater hat's befohlen? Üetorin. In der eignen Person, du möchtest gleich bei deinem Eintritt Jn's Thor uns folgen nur, wohin wir dich Zn führen haben. Komm, du alter Junge, Komm h'rein. Vierter Aufzug. Fünfte Scene. 135 Ottokar. Hör', Beterin, du bist mit deinem Satyrgesicht verdammt verdächtig mir. Nun, weil ich doch kein Mädchen, will ich'« thnn. Vetorin. Der Ort ist, siehst du, der unschuldigste. Denn hier auf diesen Quadersteinen müßt's Selbst einen Satyr frieren. Gtto Kar. Statt der Rosen Will er mit Ketten mich und Banden mich Umwinden — denn die Grotte, merk' ich wohl, Ist ein Gefängniß. 1> e t o r i n. Hör', das gicbt vortreffliche Gedanken! morgen, wett' ich, ist dein Geist Fünf Jahre älter als dein Haupt. Ottokar. Wär' ich Wie du, ich nahm' es an. Denn deiner straft Dein graues Haupt um dreißig Jahre Lügen. — Nun komm, ich muß zum Vater. 1> e t 0 ri N. (tritt ihm in dcu Weg) Nein im Ernst, Bleib hier und sei so lustig, wie du kannst. Ottokar. Bei meinem Leben, ja, das bin ich nie Gewesen so wie jetzt, und möchte dir Die zähnelosen Lippen küssen, Alter. . !> ! ! I Ls- 1Z0 Die Familie Schroffrnstein. Du gehst auch gern nicht in den Krieg, nun höre, Sag' deinem Weibe nur, ich bring' den Frieden. klctorin. Im Ernst? GttoKar. Bei meinem Leben, ja. Ü e t o r i n. Nun morgen Mehr. Lebe wohl. tZmn Kerkermeister) Verschließe hinter mir Sogleich die Thüre. Meroe, > Füistinncn Asteria, l * Die Ober-Priesterin der Diana, Achilles, t Odysseus (Ulysses), j Diomedes, l Antilochus, ) Griechen und Amazonen. der Amazonen. Könige des Griechenvolks. Scene: Schlachtfeld bei Troja. Erster Austritt. (Vdfisseus und Diomedcs von der einen Seite lAniilorhns von der andern und Gefolge treten auf) ntiiochns. Seid mir gegrüßt, ihr Könige! wie geht's, Seit wir zuletzt bei Troja uns gesehn? Gdgsseus. Schlecht, Antiloch. Dü siehst auf diesen Feldern Der Griechen nnd der Amazonen Heer, Wie zwei erboste Wölfe sich nmkämpfen: Beim Jupiter! sie wissen nicht warum? Wenn MarS entrüstet, oder Delius Den Stecken nicht ergreift, der Wolkenrüttlcr Mit Donnerkeilen nicht dazwischen wettert: Todt sinken die Verbiss'nen heut noch nieder, Des einen Zahn im Schlund des anderen. — Schafft einen Helm mit Wasser! !R n t i i o ch n s. Element! Was wollen diese Amazonen uns? Wd xtsscns. Wir zogen ans, ans des Atriden Rath, Mit der gesammten Schaar der Mhrmidonen, Achill nnd ich; Penthesilea, hieß eö, Sei in den scyth'schen Wäldern anfgcstanden, Und führ' ein Heer, bedeckt mit Schlangenhäuten, Von Amazonen, heißer Kampslnst voll, 168 Penthesilea. Durch der Gebirge Windungen heran, Den Priamns in Troja zu entsetzen. Am Ufer des Skamandros, hören wir, DeiphobuS auch, der Priamidc, sei Aus Jlinm mit einer Schaar gezogen, Die Königin, die ihm mit Hülfe naht, Nach Frenndesart zu grüßen. Wir verschlingen Die Straße jetzt, uns zwischen dieser Gegner Heillosem Bnndniß wehrend anfzupflanzen; Die ganze Nacht durch windet sich der Zug, Doch, bei des Morgens erster Dämmerröthe, "Welch ein Erstaunen faßt' uns, Antiloch, Da wir in einem weiten Thal vor uns Mit des Deiphsbns Jliern im Kampf Die Amazonen sehn! Penthesilea, Wie Sturmwind ein zerrissenes Gewölk, Weht der Trojaner Reihen vor sich her, Als galt' es über'n Hellespont hinaus, Hinweg vom Rund der Erde sie zu blasen. Antitochus. Seltsam, bei nnserm Gott! Vdgsscus. Wir sammeln uns, Der Trojer Flucht, die wetternd a»s uns ein Gleich einem Anfall keilt, zu widerstehen, Und dicht zur Mauer drängen wir die Spieße. Ans-diesen Anblick stutzt der Priamide; Und wir im kurzen Rath beschließen, gleich Die Amazoncnfürstin zu begrüßen: Sie auch hat ihren Siegeslauf gehemmt. War je ein Rath einfältiger und besser? Erster Austritt. 169 Hätt' ihn Athene, wenn ich sic befragt, Jn's Ohr verständiger mir flüstern können? Sie muß, beim Hades! diese Jungfrau, doch, Die wie vom Himmel plötzlich, kampfgcriistet, In unfern Streit fällt, sich darein zu mischen, Sie muß zu einer der Parthei'n sich schlagen; Und uns die Freundin müssen wir sie glauben, Da sie sich Tenkrischen die Feindin zeigt. Antiloch ns. Was sonst, beim Styx! nichts anders giebt'S. Vdgsseus. Nun gut, Wir finden sie, die Heldin Scythicns, Achill und ich — in kriegerischer Feier An ihrer Jungfraun Spitze aufgepflanzt, Geschürzt, der Helmbnsch wallt ihr von der Scheitel, Und seine Gold- und Pnrpurtroddcln regend, Zerstampft ihr Zelter unter ihr den Grund. Gedankenvoll, auf einen Augenblick, Sieht sie in unsre Schaar, von Ansdruck leer, Als ob in Stein gehau'n wir vor ihr stünden; Hier diese flache Hand, versichr' ich dich, Ist ausdrucksvoller als ihr Angesicht: Bis jetzt ihr Ang' auf den Pelidcn trifft, Und Glut ihr plötzlich, bis znm Hals hinab, Das Antlitz färbt, als schlüge ring« um sie Die Welt in Helle Flammenlohe ans. Sic schwingt, mit einer zuckenden Bewegung, — Und einen finstern Blick wirft sie ans ihn — Vom Rücken sich des Pferds herab, und fragt, Die Zügel einer Dicn'rin überliefernd, 170 Penthesilea. Was uns in solchem Prachizug zn ihr führe. Ich jetzt: wie wir Argiver hoch erfreut, Auf eine Feindin des Dardanervolks zn stoßen; Was für ein Haß den Priauüdcn längst Entbrannt sei in der Griechen Brust, wie nützlich, So ihr, wie uns, ein Bündniß würde sein; Und was der Augenblick noch sonst mir beut: Doch mit Erstaunen, in dem Fluß der Rede, Bemerk' ich, daß sie mich nicht Hort. Sie wendet Mit einem Ausdruck der Verwunderung, Gleich einem sechzehnjähr'gen Mädchen plötzlich, Das von olymp'schcn Spielen wiederkchrt, Zn einer Freundin ihr zur Seite sich, Und ruft: solch einem Mann, o Prothpe, ist Otrere, meine Mutter, nie begegnet! Die Freundin, auf dies Wort betreten, schweigt, Achill und ich, wir sehn uns lächelnd an, Sie ruht, sie selbst, mit trnnk'nem Blick schon wieder Ans des Aeginers schimmernder Gestalt; Bis jen' ihr schüchtern naht, und sie erinnert, Daß sie mir noch die Antwort schuldig sei. Drauf mit der Wangen Roth, war'S Wuth, war's Schaam, Die Rüstung nieder bis zum Gurt sich färbend, Verwirrt und stolz und wild zugleich: sie sei Penthesilea, kehrt sie sich zn mir, Der Amazonen Königin, und werde Aus Köchern mir die Antwort übersenden! 21 ntiIoch us. So, Wort für Wort, der Bote, den du sandtest; Doch keiner in dem ganzen Griechcnlager, Der ihn begriff. Erster Auftritt. 171 Vdzissc us. Hierauf unwissend jetzt, Was wir von diesem Auftritt denken sollen, In grimmiger Beschämung gehn wir heim, Und sehn die Teukrischen, die unsre Schmach Von fern her, die hohnlächelnden, errathcn, Wie im Triumph sich sammeln. Sie beschließen Im Wahn, sic seien die Begünstigten, Und nur ein Jrrthum, der sich lösen müsse, Sei an dem Zorn der Amazone Schuld, Schnell ihr durch einen Herold Herz und Hand, Die sie verschmäht, von neuem anzutragen. Doch eh' der Bote, den sie senden wollen, Den Staub noch von der Rüstung abgeschüttelt, Stürzt die Kentanrin, mit verhängtem Zügel, Ans sie und uns schon, Griech' und Trojer, ein, Mit eines Waldstroms wüthendem Erguß Die Einen wie die Andern nicdcrbrausend. 7i n t i l o ch u s. Ganz unerhört, ihr Danaer! Ddgsscus. Jetzt hebt Ein Kampf an, wie er, seit die Furien walten, Noch nicht gekLmpst ward auf der Erde Rücken. So viel ich weiß, giebt cs in der Natur Kraft blos und ihren Widerstand, nichts Drittes. Was Glut des Feuers löscht, löst Wasser siedend Zu Dampf nicht auf und umgekehrt. Doch hier Zeigt ein ergrimmter Feind von beiden sich, Bei dessen Eintritt nicht das Feuer weiß, Ob's mit dem Wasser rieseln soll, das Wasser 172 Penthesilea. Ob's mit dem Feuer himmelan soll lecken. Der Trojer wirft, gedrängt von Amazonen, Sich hinter eines Griechen Schild, der Grieche Befreit ihn von der Jnngfrau, die ihn drängte, Und Griech' nnd Trojer müssen jetzt sich fast, Dem Nanb der Helena zu Trotz, vereinen, Um dem gemeinen Feinde zu begegnen. (Ein Grieche bringt ihm Wasser) Dank! meine Zunge lechzt. Dioincdcs. Seit jenen: Tage Grollt über dieser Ebne unverrückt Die Schlacht nnt immer reger Wnth, wie ein Gewitter, zwischen waldgekröntcr Felsen Gipfeln Geklemmt. Als ich mit den Aetoliern gestern Erschien, der Unfern Reihen zu verstärken, Schlug sie mit Donnerkrachen eben ein, Als wollte sie den ganzen Griechenstamm Bis auf den Grund, die Wüthende, zerspalten. Der Krone ganze Blüthe liegt, Ariston, Astyanax, vom Sturm herabgerüttelt, Menandros, auf dem Schlachtfeld da, den Lorbeer Mit ihren jungen, schönen Leibern blos Für diese kühne Tochter Ares düngend. Mehr der Gefangnen siegreich nahm sic schon, Als sie uns Augen, sie zu missen, Arme, Sie wieder zu befrein, uns übrig ließ. Tlntilochus. Und Niemand kann, was sie uns will, ergründen? D iomrdes. Kein Mensch, das eben ist's: wohin wir spähend Erster Auftritt. 173 Auch des Gedankens Senkblei fallen lassen. — Oft, aus der sonderbaren Wuth zu schließen, Mit welcher sie im Kampfgewühl den Sohn Der Thetis sucht, scheint'« uns, als ob ein Haß Persönlich wider ihn die Brust ihr füllte. So folgt, so hungerheiß, die Wölfin nicht Durch Wälder, die der Schnee bedeckt, der Beute, Die sich ihr Auge grimmig auserkor, Als sie durch unsre Schlachtrcihn dem Achill. Doch jüngst, in einem Augenblick, da schon Sein Leben war in ihre Macht gegeben, Gab sie es lächelnd, ein Geschenk, ihm wieder: Er stieg znm Orkus, wenn sie ihn nicht hielt. Antilochus. Wie? wenn ihn wer? die Königin? Diomcdes. Sie selbst! Denn als sie um die Abcnddämmrung gestern Im Kampf, Penthesilea und Achill, Einander trafen, stürmt Dciphobus her, lind ans der Jungfrau Seite hingestellt, Der Teukrische, trifft er dem Peleiden Mit einem tück'schen Schlag die Rüstung, prasselnd, Daß rings der Ormen Wipfel wicderhallten; Die Königin, entfärbt, läßt zwei Minuten Die Arme sinken: und die Locken dann Entrüstet um entflammte Wangen schüttelnd, Hebt sie vom Pferdesrückcn hoch stch auf, Und senkt, wie aus dem Firmament geholt, Das Schwert ihm wetterstrahlend in den Hals, Daß er zu Füßen hin, der Unberufne, 174 Pcnthcsllca. Dem Sohn, den> göttlichen, der Thetis rollt. Er jetzt, znm Dank, will ihr, der Peleide, Ein Gleiches thnn; doch sie bis ans den Hals Gebückt, den mahnnmflossenen, des Schecken, Der, in den Goldzanm beißend, sich herumwirft, Weicht seinem Mordhieb ans, und schießt die Zügel, Und sieht sich um, und lächelt, und ist fort. lolntilochns. Ganz wunderbar! Gdgsscus. Was bringst du uns von Troja? Tlntilochus. Mich sendet Agamemnon her, und fragt dich, Ob Klugheit nicht bei so gewandelten Verhältnissen den Rückzug dir gebiete. Uns gelt' es.Jliums Mauern einznstürzen, Nicht einer freien Fürstin Heereszug Nach einem uns glcichgiilt'gen Ziel zu stören. Falls du daher Gewißheit dir verschafft. Daß nicht mit Hülfe der Dardanerburg Penthesilea naht, woll' er, daß ihr Sogleich, um welchen Preis gleichviel, euch wieder In die argivifche Verschanzung werft. Verfolgt sie euch, so werd' er, der Atride, Dann an des Heeres Spitze selber sehn, Wozu sich diese räthselhafte Sphinx Im Angesicht von Troja wird entscheiden. Gdgsscus. Beim Jupiter! der Meinung bin ich auch. Meint ihr, daß der Laertiade sich In diesem sinnentblößten Kamps gefällt? Erster Austritt. 175 Schafft den Pelidm weg von diesem Platze! Denn wie die Dogg' entkoppelt mit Geheul In das Geweih des Hirsches fällt: der Jäger, Erfüllt von Sorge, lockt und ruft sie ab; Jedoch verbissen in des Prachtthiers Nacken, Tanzt sie durch Berge neben ihm«, und Ströme, Fern in des Waldes Nacht hinein: so er, Der Rasende, seit in der Forst des Krieges Dies Wild sich von so seltner Art ihm zeigte. Durchbohrt mit einen: Pfeilschuß, ihn zu fesseln, Die Schenkel ihm: er weicht, so schwört er, eher Von dieser Amazone Ferse nicht, Bis er bei ihren seidnen Haaren sie Von dem gefleckten Tigerpferd gerissen. Versnch's, o Antiloch, wenn's dir beliebt, Und sieh, was deine rednerische Kunst, Wenn seine Lippe schäumt, bei ihm vermag. D iomedcs. Laßt uns vereint, ihr Könige, noch einmal Vernunft keilförmig, mit Gelassenheit, Auf seine rasende Entschließung setzen. Du wirst, erfindungsreicher Laertäcr, Den Riß schon, den er beut, zu finden wissen. Weicht er dir nicht, wohlan, so will ich ihn Mit zwei Aetolicrn ans den Rücken nehmen, Und einem Klotz gleich, weil der Sinn ihm fehlt, In dem Argiverlager uiedcrwerfeu. rmidonier. O, wie er mit der Linken Bor über seiner Rosse Rücken geht! Wie er die Geißel umschwingt über sie! Wie sie von ihrem bloßen Klang erregt, Der Erde Grund, die göttlichen, zerstampfen! Am Zügel zieh'n sie, beim Lebendigen, Mit ihrer Schlünde Dampf das Fahrzeug fort! Gehetzter Hirsche Flug ist schneller nicht! Der Blick drängt unzerknickt sich durch die Räder, Zur Scheibe fliegend eingedreht, nicht hin! Ein Aetotier. Doch hinter ihm — Der Hanptmann. Was? Der Mgrmidonier. An des Berges Saum — Dritter Auftritt. 183 Der lActolier. Staub — Der Mgrmidonier. Staub ansgualmend, wie Gewitterwolken: Und wie der Blitz vorzuckt — Der Äctoticr. Ihr ew'gen Götter! Der Myrmidonicr. Penthesilea. Der Hauptmann. Wer? Der irtctolier. Die Königin! — Ihm auf dem Fuß, dem Peleiden, schon Mit ihrem ganzen Troß von Weibern folgend. Der Haupt mann. Die rasende Megär'! Die Griechen, lrusend) Hiehcr den Laus! Hieher den Lauf, du göttlicher, gerichtet! Auf uns den Lauf! Der iActolicr. Seht! wie sie mit den Schenkeln Des Tigers Leib inbrünstiglich umarmt! Wie sie, bis auf die Mahn' herabgcbeugt, Hinweg die Luft trinkt lechzend, die sie hemmt! Sie fliegt, wie von der Sonne abgefchossen: Numid'jche Pfeile sind nicht hurtiger! Das Heer bleibt keuchend, hinter ihr, wie Köter, Wenn sich ganz aus die Dogge streckt, zurück! Kaum daß ihr Federbusch ihr folgen kann! / 184 Penthesilea. Der Hanptmann. So naht sie ihm? Ein Do lopicr. Naht ihm! Der Mgrmidonicr. Naht ihm noch nicht! Der Do lopicr. Naht ihm, ihr Danaer! mit jedem Husschlag Schlingt sie, wie hnngerheiß, ein Stück des Weges, Der sie von dem Peliden trennt, hinunter! Der Mprmidonier. Bei allen hohen Göttern, die uns schützen! Sie wächst zu seiner Größe schon heran! Sie athmet schon, znrllckgeführt vom Winde, Den Staub, den säumend seine Fahrt erregt! Der rasche Zelter wirft, ans dem sie reitet, Erdschollen, aufgewühlt von seiner Flucht, Schon in die Muschel seines Wagens hin! Der Aetolicr. Und jetzt — der Uebermnth'ge! Rasende! Er lenkt im Bogen spielend noch! Gicb Acht; Die Amazone wird die Sehne nehmen. Siehst du? sie schneidet ihm den Lauf — Der Myrmidanicr. Hilf! Zeus! An seiner Seite fliegt sie schon! ihr Schatten, Groß, wie ein Riese, in der Morgensonne, Erschlägt ihn schon! Der Aetaiicr. Doch jetzt urplötzlich reißt er — Dritter Auftritt. 185 Der Dolopicr. Das ganze Noßgeschwader reißt er Plötzlich Zur Seit' herum! Der Aclolier. Zn uns her fliegt er wieder! Der Mgrmidonier. Ha! der Verschlagne! er betrog sic — Der Dolopier. Hui! Wie sie, die Unaufhaltsame, vorbei Schießt an dem Fuhrwerk — Der Mprmidonicr. Prellt, im Sattel fliegt, Und stolpert — Der Dolopier. Stürzt — Der Haup tmann. Was? Der Mprmidonier. Stürzt, die Königin! Und eine Jungsran blindhin über sic — Der Dolopier. Und eine noch — Der Mprmidonier. Und wieder — Der Dolopier. Und noch eine — Der Hauptmann. Ha! stürzen, Frennde? Der Dolopier. Stürzen — 186 Penthesilea. Der Mprinidonier. Stürzen, Hauptmann, Wie in der Feueresse eingcschmelzt, Zum Haufen, Roß und Reut'rinnen, zusammen! Der Hauptman». Daß sie zu Asche würden! Der Dolopier. Staub ringsum, Vom Glanz der Rüstungen durchzuckt und Waffen: Das Aug' erkennt nichts mehr, wie scharf es sieht. Ein Knäuel, ein verworrener, von Jungfraun Durchwebt von Rossen bunt: das Chaos war, Das erst', an« dem die Welt sprang, deutlicher. Der Äetolicr. Doch jetzt — ein Wind erhebt sich; Tag wird es, Und eine der Gestürzten rafft sich auf. Der Dolopier. Ha! wie sich das Gewimmel lustig regt! Wie sie die Spieße sich, die Helme, suchen, Die weithin auf das Feld geschleuderten! Der Mprinidonicr. Drei Rosse noch, und eine Reut'rin liegen Gestreckt wie todt — Der Hauptmann. Ist das die Königin? Der iActolicr. Penthesilea, fragst du? Der Mgrmidonier. Ob's die Königin? — Daß mir den Dienst die Augen weigerten! Dort steht siel Dritter Auftritt. Der Dolopicr. Wo? Vor Hauptinan». Nein, sprich! Der Mgrmidonier. Dort, beim Krouiden, Wo sie gestürzt: in jener Eiche Schatten! An ihres Pferdes Nacken hält sie sich, Das Haupt entblößt — seht ihr den Helm am Boden? Die Locken schwachhin mit der Rechten greifend, Wischt sie, ist's Staub, ist's Blut, sich von der Stirn. Der Dolopicr. Bei Gott, sie ist's! Der Hauptmann. Die Unverwüstliche! Der irletolicr. Die Katze, die so stürzt, verreckt; nicht sie! Der Hauptmann. Und der Pelid'? Der Dolopicr. Ihn schützen alle Götter! Um drei Pfeilschüsse flog er fort und drüber! Kaum mehr mit Blicken kann sie ihn erreichen, Und der Gedanke selbst, der strebende, Macht ihr im athemloscn Busen halt! Der Mgrmido nier. Triumph! dort tritt Odysseus jetzt hervor! Das ganze Griechenheer, im Strahl der Sonne, Tritt plötzlich aus des Waldes Nacht hervor! 188 Pcnthcstlca. Orr Haupt mann. Odyß? und Diomed auch? O ihr Götter! — Wie weit noch in dem Feld ist er zurück? Der Oolopicr. Kaum einen Steinwurf, Hauptmanu! sein Gespann Fliegt ans die Höhen am Skamandros schon, Wo sich das Heer raschhin am Rande ordnet, Die Neih'n schon wettert er entlang — Stimmen, (aus der Ferne) Heil dir! Der Oolopicr. Sie rufen, die Argiver, ihm — Stimmen. Heil dir, Achill! Heil dir, Pelide! Göttersohn! Heil dir! Heil dir! Heil dir! Oer Oolopicr. Er hemmt den Lauf! Bor den versammelten Argiverfürsten Hemmt er dm Lauf! Odysseus naht sich ihm! Dom Sitz springt er, der Staubbedeckte, nieder! Die Zügel giebt er weg! er wendet sich! Er nimmt den Helm ab, der sein Haupt beschwert; Und alle Könige umringen ihn! Die Griechen reißen ihn, die jauchzenden, Um seine Kniee wimmelnd, mit sich fort: Jndeß Automedon die Rosse schrittweis, Die dampfenden, an seiner Seite führt! Hier wälzt der ganze Iubelzng sich schon Auf uns heran! Heil dir du Göttlicher! O seht doch her, seht her — da ist er schon! Vierter Auftritt. 189 Vierter Auftritt. (Achilles, ihm folgen Gdgsscus, Viomedes, Antilochns, Auto^ mcdoll mit der Quadriga ihm zur Seite, das Heer der Griechen) Vdgsseus. Sei mir, Aeginerheld, aus heißer Brust Gegrüßt I du Sieger auch noch in der Flucht! Beim Jupiter! wenn hinter deinem Rücken, Durch deines Geistes Obmacht über ihren, In Staub die Feindin stürzt, was wird geschchn, Wenn'S dir gelingt, du Göttlicher, sie einst Bon Angesicht zu Angesicht zu fassen? Achilles, her hält den Helm in der Hand und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Zwei Griechen ergreifen, ihm unbewußt, einen feiner Arme, der verwundet ist, und verbinden ihn) Was ist? was giebt's? Anti loch us. Du hast in einem Kampf Wetteifernder Geschwindigkeit bestanden, Neridensohn, wie losgelasseue Gewitterstürm', am Himmelsplane brausend, Noch der erstaunten Welt ihn nicht gezeigt. Bei den Erinnpen! meiner Reue würd' ich Mit deinem flüchtigen Gespann entflieh'n, Hält' ich, des Lebens Gleise schwer durchknarrend, Die Sünden von der ganzen Trojerburg Der Muschel meiner Brust auch aufgeladen. Achilles. lzu den zwei Griechen, welche ihn mit ihrem Geschäft zu belästigen scheinen) Die Narren. 190 Penthesilea. Sin Gricchcnfürst. Wer? Achilles. Was macht ihr? Der erste Grieche, (der ihm den Arm verbindet) Halt! dn blutest! Achilles. Nun ja. Der zweite Grieche. So steh! Der Erste. So laß dich auch verbinden. Der Zweite. Gleich ist'S gescheht,. Diomedcs. — Es hieß zu Anfang hier, Der Rückzug meiner Volker habe dich In diese Flucht gestürzt; beschäftiget Mit dem Ulyß, den Antiloch zu hören, Der Botschaft uns von den Atriden brachte, War ich selbst auf dem Platz nicht gegenwärtig. Doch Alles, was ich sehe, überzeugt mich, Daß dieser meisterhaften Fahrt ein freier Entwurf zum Grunde lag. Man konnte fragen, Ob dn bei Tagesanbruch, da wir zum Gefecht noch allererst uns rüsteten, Den Feldstein schon gedacht dir, über welchen Die Königin Zusammenstürzen sollte: So sichern Schrittes, bei den ew'gen Göttern, Hast du zu diesem Stein sie hingeführt. Vdgsseus. Doch jetzt, Doloperheld, wirst du gefällig, Vierter Auftritt. 191 Wenn dich ein Anderes nicht besser dünkt, Mit uns dich in's Argiverlager werfen. Die Söhne Atrcns rufen nn« zurück. Wir werden mit verstelltem Rückzug sie In das Skamandrosthal zu locken suchen, Wo Agamemnon ans dem Hinterhalt In einer Hauptschlacht sie empfangen wird. Beim Gott des Donners! nirgend oder dort Kühlst du die Brunst dir ab, die rastlos drängend Gleich einem jungen Spießer dich verfolgt: Und meinen besten Segen schenk' ich dir. Denn mir ein Gräul' auch, in den Tod verhaßt, Schweift die Megäre, unsre Thaten störend, Auf diesem Feld herum, und gern möcht' ich, Gesteh' ich dir, die Spur von deinem Fußtritt Ans ihrer rosenblüthncn Wange sehn. Achilles, iscm Vlick fällt auf die Pferde) Sie schwitzen. A »lilochus. Wer? Automedon. lindem er ihre Hälse mit der Hand prüft) Wie Blei. Achilles. Gut. Führe sie. Und wenn die Luft sie abgekühlt, so wasche Brüst' ihnen und der Schenkel Paar mit Wein. Automedon. Man bringt die Schläuche schon. Aiomcdes. — Hier siehst du wohl, Vortrefflicher, daß wir im Nachthcil kämpfen. 192 Penthesilea. Bedeckt, so weit das schärfste Auge reicht, Sind alle Hügel von der Weiber Haufen; Heuschrecken lassen dichtgcschloss'ncr nicht Ans eine reife Saatenflnr sich nieder. Wem noch gelang ein Sieg, wie er ihn wünschte? Ist einer außer dir, der sagen kann, Er Hab' auch die Kcntaurin nur gesehn? Umsonst, daß wir in goldnen Rüstungen Hervor uns drängen, unfern Fllrstenstand Lautschmetternd durch Trompeten ihr verkünden: Sie rückt nicht ans dem Hintergrund hervor; Und wer auch fern, vom Windzug hergefiihrt, Nur ihre Silberstimme hören wollte, Müßt' eine Schlacht, unrühmlich, zweifelhaft, Vorher mit losem Kriegsgcsindel kämpfen, Das sie, den Höllcnhunden gleich, bewacht. Achilles, (in die Ferne hinausschauend) Steht sie noch da? Oiomedcs. Du fragst? — Antilochns. Die Königin? Der Hauptman». Man sieht nichts — Platz! die Federbüsch' hinweg! Der Grieche, lder ihm den Arm verbindet) Halt! einen Augenblick. Sin Gr iechensiirst. Dort, allerdings! Diomedes. Wirrt» Auftritt. 193 Der Vrirchrnfürst. Bei der Eiche, unter der sie fiel. Der Helmbusch wallt schon wieder ihr vom Haupte, Und ihr Mißschicksal scheint verschmerzt. — Der erste Grieche. Nun endlich! Der Zweite. Den Arm jetzt magst du, wie du willst, gebrauchen. Der Erste. Jetzt kannst du gehn. (Die Grieche» verknüpfen noch einen Knoten und lassen seinen Arni fahren! Gdjisseus. Hast du gehört, Pelide, Was wir dir vorgestellt? Achilles. Mir vorgestellt? Nein, nichts. Was war's? was wollt ihr? Vdzisseus. Was wir wollen? Seltsam. — Wir unterrichteten von den Befehlen Dich der Atriden! Agamemnon will, Daß wir sogleich in's Griechenlager kehren; Den Antiloch sandt' er, wenn du ihn siehst, Mit diesem Schluß des Feldherrnraths uns ab. Der Kriegsplan ist, die Amazouen-Königin Herab nach der Dardanerburg zu locken, Wo sie in beider Heere Mitte nun, Von treibenden Verhältnissen gedrängt, Sich muß, wem sie die Freundin sei, erklären; Und wir daun, sie erwähle, was sie wolle, Wir werden wissen mindstens, was zu thun. H. v. Kleists Werke. I. Vd. IS 194 Pentl'esilea. Ich traue deiner Klugheit zu, Pelide, Du folgst der Weisheit dieser Anordnung. Denn Wahnsinn wär's, bei den Olympischen, Da dringend uns der Krieg nach Troja ruft, Mit diesen Jungfraun hier uns cinznlassen, Bevor wir wissen, was sie von uns wollen, Noch überhaupt nur, ob sie uns was wollen? Achill es. finden, er sich den Hclm wieder nnfsctzl) Kämpft ihr Wie die Vcrschnittncn, wenn ihr wollt; Mich einen Mann siihl' ich, und diesen Weibern, Wenn keiner sonst im Heere, will ich stehn! Ob ihr hier länger, unter kühlen Fichten, Ohnmächt'ger Lust voll, sic umschweist, ob nicht, Bom Bette fern der Schlacht, die sie umwogt, Gilt mir gleichviel: beim Styx, ich will'ge drein, Daß ihr nach Jlium znrücke kehrt. Was mir die Göttliche begehrt, das weiß ich; Brautwerber schickt sie mir, gefiederte, Genug in Lüften zu, die ihre Wünsche Mit Todgeflüster in das Ohr mir raunen. Im Leben keiner Schönen war ich spröd'; Seit mir der Bart gekeimt, ihr lieben Freunde, Ihr wißt'S, zu Willen jeder war ich gern: Und wenn ich diese? mich gesperrt bis heute, Beim Zeus, des Donners Gott, gcschah's, weil ich Das Plätzchen unter Büschen noch nicht fand, Sie ungestört, ganz wie ihr Herz es wünscht, Ans Kissen heiß von Erz im Arm zu nehmen. Kurz, geht: in'S Griechenlagcr solg' ich euch; Die Schäferstuudc bleibt nicht laug mehr aus: Doch müßt' ich auch durch ganze Monden noch Vierter Austritt. 195 Und Jahre rim sie frein: den Wagen dort Nicht eh'r zn meinen Freunden will ich lenken, Ich schwör's, und Pergamos nicht Wiedersehn, Als bis ich sie zn meiner Braut gemacht, Und sie, die Stirn bekränzt mit Todeswnndcn Kann durch die Straßen Häuptlings mit mir schleifen. Folgt mir! (Sin Grieche tritt auf) Der Grieche. Penthesilea naht sich dir, Pelide! Achilles. Ich auch. Bestieg sie schon den Perser wieder? Äcr Grieche. Noch nicht. Zu Fuße schreitet sie heran, Doch ihr zur Seite stampft der Perser schon. Achilles. Wohlan! so schafft mir auch ein Noß, ihr Freunde! — Folgt, meine tapfer» Myrmidonier, mir. (Das bricht auf) Antilochus. Der Rasende! Ddgsscus. Nun, so versuche doch Jetzt deine Nednerkunst, o Antiloch! A n t i l o ch u s. Laßt mit Gewalt uns ihn — Diomcdcs. Fort ist er schon! GdgJscus. Verwünscht sei dieser Amazonenkrieg! Hier diesen Schooß voll ich. Li» Drittes. Und diesen ich. Lin Üicrtc«. Und diesen ganzen üpp'gcn Frühling ich. (Die andern jungen Mädchen folgen) Die Gberpriestcrin. DaS blüht ja wie der Gipfel von Hymetta! Sechster Auftritt. 207 Nun^solch ein Tag des Segens, o Diana! Ging deinem Volke herrlich noch nicht auf. Die Mütter bringen mir, die Töchter, Gaben; Nicht, von der Pracht, der doppelten, geblendet, Weiß ich, wem schön'rer Dank gebühren mag. — Doch ist dies euer ganzer Vorrath, Kinder? Das erste Mädchen. Mehr nicht, als du hier siehst, war aufzufinden. Die Vbcrpricstcrin. So waren eure Mütter fleißiger. Das zweite Mädchen. Auf diesen Feldern, heil'ge Priest'riu, ernten Gefangne leichter auch als Rosen sich. Wenn dichtgedrängt auf allen Hügeln rings Die Saat der jungen Griechen steht, die Sichel Nur einer muntern Schnitterin erwartend, So blüht so sparsam in den Thälcrn rings, Und so verschanzt, versichr' ich dich, die Rose, Daß man durch Pfeile sich und Lanzen lieber, Als ihr Geflecht der Dornen schlagen möchte. — Sieh nnr die Finger an, ich bitte dich. Das dritte Mädchen. Auf eines Felsens Vorsprung wagt' ich mich, Um eine einz'ge Rose dir zu pflücken. Und blaß nur durch des Kelches Dunkelgrün, Erschimmerte sie noch, ein Knösplein nur, Für volle Liebe noch nicht aufgeblüht. Doch greis' ich sie, und stranchl' und sinke plötzlich In einen Abgrund hin; der Nacht des Todes Glaubt' ich Verlorne in den Schooß zu sinken. Mein Glück doch war'S, denn eine Rosenpracht 208 PcnthcsUca. Stand hier im Flor, daß wir zehn Siege noch Der Amazonen hätten feiern können. Das vierte Mädchen. Ich pflückte dir, dn heil'ge Priesterin, Dir pflückt' ich eine Rose nur, nnr Eine; Doch eine Rose ist's, hier diese, sieh! Um eines Königs Scheitel zu bekränzen: Nicht schöner wünscht Penthesilea sie, Wenn sie Achill, den Göttcrsohn, sich fällt. Die Vbrrpriestcrin. Wohlan, wenn ihn Penthesilea fällt, Sollst du die königliche Ros' ihr reichen. Verwahre sie nnr sorgsam, bis sie kommt. Das erste Mädchen. Zukünftig, wenn Leim Cymbclnschlag von Neuem Das Amazonenheer in's Schlachtfeld rückt, Ziehn wir zwar mit, doch nicht mehr, das versprichst du, Durch Rosenpflücken bloß und Kränzewinden Den Sieg der Mütter zu verherrlichen. Sieh, dieser Arm, er schwingt den Wurfspieß schon, Und sausend trifft die Schleuder mir das Ziel: Was gilt's! mir selbst schon blüht ein Kranz zusammen, Und tapfer im Gedräng' schon mag er kämpfen, Der Jüngling, dem sich diese Sehne strafft. Die Vberpricstcrin. Meinst du? — Nun freilich wohl, du mußt es wissen, Hast du die Rosen schon drauf angesehn — Den nächsten Lenz, sobald sie wieder reif, Sollst du den Jüngling im Gedräng' dir suchen. — Doch jetzt, der Mütter frohe Herzen drängen: Die Rosen schnell zu Kränzen eingewnnden! Sechster Austritt. 209 Vie Mädchen. lvnrchcinanber) Fort zum Geschäft! wie greifen wir es an? Vas erste Mädchen, (zur Zweiten) Komm her, Glankothoe! Vas Vritte. izum Vierte») Komm, Charmion! (Sie setzen sich paarweise) Vas erste Mädchen. - Wir — der Ornythia winden wir den Kranz, Die sich Alcest mit hohen Büschen fällte. Vas Vritte. Md wir — Parthenion, Schwester: Athcnäns, Mit der Medns' im Schilde, soll sie fesseln. Vie S b crp r i cst cri n. (zu den bewaffneten Amazonen) Nun? wollt ihr eure Gäste nicht erheitern? — Steht ihr nicht nnbehülflich da, ihr Jungfraun, Als müßt' ich das Geschäft der Lieb' euch lehren! — Wollt ihr das Wort nicht freundlich ihnen wagen? Nicht hören, was die Schlachtermüdeten, Was sie begehren? wünschen? was sie brauchen? Vie erste Amazone. Sie sagen, sie bedürfen nichts, Ehrwurd'ge. Vie Zweite. Bös' sind sie uns. Vie Vritte. Wenn man sich ihnen nahet, So wenden sich die Trotzigen schmäh'nd hinweg. Die Vdcrpriesterin. Ei, wenn sie bös' euch sind, bei unsrer Göttin, So macht sie wieder gut! Warum auch habt ihr So heftig sie im Kampfgcwühl getroffen? H. v. Klcist's Werke. I. Bd. 14 210 Penthesilea. Sagt ihnen, was geschehn wird, sie zn trösten: So werden sie nicht unerbittlich sein. Die erste Amazone. l;u einem gefangenen Griechen) Willst du ans weichen Teppichen, o Jüngling, Die Glieder ruhn? soll ich von Frühlingsblumen, Denn müde scheinst du sehr, ein Lager dir Im Schatten jenes Lorbeerbaums bereiten? Die Zweite, leben so) Soll ich das dustendste der Perseröle In Wasser mischen, srisch dem Quell entschöpft, Und dir den staubbedeckten Fuß erquicken? Die Dritte. Doch der Orange Saft verschmähst du nicht Mit eigner Hand dir liebend dargebracht? Die drei Amazonen. Sprecht! redet! womit dient man euch? Sin Grieche. Mit nichts! Die erste Amazone. Ihr sonderbaren Fremdlinge! was härmt euch? Was ist's, da uns der Pfeil im Köcher ruht, Daß ihr vor unserm Anblick euch entsetzt? Ist es die Löwenhaut, die euch erschreckt? — Du, mit dem Gürtel, sprich! was fürchtest du? Der Grieche, lnachbei» er sie scharf angeschn) Wem winden jene Kränze sich? sagt an! Die erste Amazone. Wem? euch! wem sonst? Der Grieche. Uns! und das sagt ihr noch, Siebenter Auftritt. 211 Unmenschliche! Wollt ihr, geschmückt mit Blumen, Gleich Opferthicren uns zur Schlachtbank führen? Die erste Amazone. Zum Tempel euch der Artemis! Was denkt ihr? In ihren dunkeln Eichenhain, wo eurer Entzücken ohne Maaß und Ordnung wartet! Der Grieche. (erstaunt, mit unterdrückter Stimme, zu den andern Gefangene») War je ein Traum so bunt, als was hier wahr ist? Siebenter Austritt. (Eine Hauptmännin tritt auf. Die Lorigen) Die Hauptmännin. Auf diesem Platz, Hochwürd'ge, find' ich dich! Inzwischen sich auf eines Steinwurfs Nähe Das Heer zur blutigen Entscheidung rüstet! Die Gberprieflerin. Das Heer! unmöglich! wo? Die H auptmännin. In jenen Gründen, Die der Skamandros ausgeleckt. Wenn du Dem Wind, der von den Bergen weht, willst horchen, Kannst du den Donnerruf der Königin, Gezückter Waffen Klirren, Rosse Wiehern, Drommeten, Tuben, Cymbeln und Posaunen, Des Krieges ganze ch'rne Stimme hören. Eine priesterin. Wer rasch erflencht den Hügel dort? 14 * 212 Pentbcsilea. Die Mädchen. Ich! ich! (Sie ersteigen den Hügel) Oie Vberprieflcrin. Der Königin? — Nein, sprich! es ist unglanblich — — Warum, wenn nach die Schlacht nicht anSgcwiithet, Das Fest der Rosen ordnete sie an? Die Hauptmännin. DaS Noscnfest — Gab sie Besehl denn wem? DicL>bcrpricstcrin. Mir! mir! Die Hauplmännin. Wo? wann? Die Vberpriestcrin. Bor wenigen Minuten In jenes Obelisken Schatten stand ich, Rltz, der Pclid' und sie ans seiner Ferse Den Winden gleich an mir vornberranschtcn; lind ich: wie gcht's? fragt' ich die Eilende; Znm Fest der Rosen, rief sie, wie du siehst! Und flog au mir vorbei und jauchzte noch: Laß cS an Blüten nicht, du Hcil'ge, fehlen! Die erste Priestern:. ä » n i n. So sagt des Volkes Stimme mindestens, Und Meroe hat es eben mir vertraut. Die Gbcrpricstcrin. Es ist entsetzlich! (Die Amazone kehrt wieder zurück) Die erste Pricsterin. Nun? was bringst du? rede! Die Vberpricstcri». Ist es bestellt?' sprachst du die Königin? Die Amazone. Es war zu spät, Hochheilige, vcrgieb. Ich konnte sie, die von dem Troß der Frauen Umschwärmt, bald hier bald dort erschien, nicht treffen; Wohl aber Prothoe auf einen Augenblick Traf ich, und sagt' ihr was dein Wille sei; Doch sie entgegnete — ein Wort, nicht weiß ich, Ob ich in der Verwirrung recht gehört. Die Vbcrpricstcrin. Nun, welch ein Wort? Die Amazone. Sie hielt ans ihrem Pferde, Und sah, es schien, mit thränenvollen Angen Achter Auftritt. 217 Der Kön'gin zu. Und als ich ihr gesagt, Wie du entrüstet, daß die Sinnberanbte Den Kamps noch um ein einzeln Haupt verlängre, Sprach sie: geh hin zu deiner Priesterin, Und heiße sie daniederknie'n und beten, . Daß ihr die« eine Haupt iin Kamps noch falle; Sonst keine Rettung giebt'S für sie und uns. Oie Gbcrpricsteri». O sie geht steil-Lergab den Pfad zum Orkus! Und nicht dem Gegner, wenn sie ans ihn trifft, Den: Feind in ihrem Busen wird sie sinken. Uns alle reißt sie in den Abgrund hin; Den Kiel seh' ich, der uns Gefesselte Nach Hellas trägt, geschmückt mit Bändern höhnend, Im Geiste schon den Hellespont durchschäumcn. Oie erste priest er in. Was gilts? dort naht die Unheilskundc schon. Achter Auftritt. (Line Vbcrstc tritt auf. Oie porige») Oie (Oberste. Flieh! rette die Gefangnen, Pricsterin! Das ganze Heer der Griechen stürzt heran. Oie (Oberprieflcrin. Ihr Götter deS Olymps! was ist gescheht,? Oie erste pricsterin. Wo ist die Königin? Oie (Oberste. Im Kampf gefallen, Das ganze Amazoncnhcer zerstreut. 218 Penthesilea. Die Vberpricstcrin. Du Rasende! was für ein Wort sprachst du? Die erste Hricsterin. (;» den bewaffneten Amazonen! Bringt die Gefangenen fort l (Die Gefangenen werden abgeführl) Die Gbcrpriesterin. Sag an: wo? wann? Die Vdcrste. Laß kurz das Ungeheuerste dir melden! Achill und sie, mit vorgelegten Lanzen, Begegnen beide sich, zween Donnerkeile, Die aus Gewöllen in einander fahren; Die Lanzen, schwächer als die Brüste, splittern: Er, der Pelide, steht, Penthesilea Sie sinkt, die todnmschattete, vom Pferd; Und da sie jetzt, der Rache preisgegeben, Im Staub sich vor ihm wälzt, denkt jeglicher, Zum OrknS völlig stürzen wird er sie; Doch bleich selbst steht der Unbegreifliche, Ein Todesschatten da: ihr Götter! ruft er, Was für ein Blick der Sterbenden traf mich! Vom Pferde schwingt er eilig sich herab; Und während, von Entsetzen noch gefesselt, Die Jungfraun stehn, des Wortes eingedenk Der Königin, kein Schwert zu rühren wagen: Dreist der Erblaßten naht er sich, er beugt Sich über sie; Penthesilea! ruft er. In seinen Armen hebt er sie empor, Und laut die That, die er vollbracht, verfluchend, Lockt er in's Leben jammernd sie zurück! Die Vberpricstcrin. Er — was? er selbst? Achter Austritt. 219 Die Oberste. Hinweg, Verhaßter! donnert Das ganze Heer ihm zu; dankt mit deni Tod' ihm, Ruft Prothoe, wenn er vom Platz nicht weicht: Den treffendsten der Pfeile über ihn! Und mit des Pferdes Hnftritt ihn verdrängend. Reißt sie die Königin ihn: aus dem Arm. Jndeß erwacht die Unglückselige, Man führt sie röchelnd, mit zerrissner Brust, Das Haar verstört vom Scheitel niederflattcrnd Den hintern Reih'n zu, wo sie sich erholt; Doch er, der nnbegrifs'ne Doloper — Ein Gott hat in der erzgekeiltcn Brust Das Herz in Liebe Plötzlich ihm geschmelzt — Er ruft: verweilet, meine Freundinnen! Achilles grüßt mit ew'gem Frieden euch! Und wirft das Schwert hinweg, den Schild hinweg, Die Rüstung reißt er von der Brust sich nieder, Und folgt — mit Keulen könnte man, mit Händen ihn, Wenn man ihn treffen dürfte, niederreißen — Der Kön'gin unerschrocknen Schrittes nach: Als wüßt' er schon, der Rasende, Verwegne, Daß unserm Pfeil sein Leben heilig ist. Die Vberpriesterin. Und wer gab den wahnsinnigen Befehl? Die Oberste. Die Königin! wer sonst? Die Obcrpriestcrin. Es ist entsetzlich! Die erste Hriesterin. Seht, seht! da wankt, geführt von Prothoe, ' «e- 220 Pcnihcstlea. Sie selbst, das Bild des Jammers, schon heran! Üic 3 u> eile. Ihr ew'gen Himmelsgötter! welch ein Anblick! Neunter Auftritt. (Penthesilea, geführt von prothoe nnd ckUcroe, und Gefolge treten auf) P enthesilea. finit schwacher Stimme) Hetzt alle Hund' ans ihn! mit Feuerbränden Die Elcphanten peitschet auf ihn los! Mit Sichelwagen schmettert ans ihn ein, Und mähet seine üpp'gen Glieder ab! ^ prolho f Geliebtc! wir beschwören dich — M e r o c. Hör' uns! Prothoe. Er folgt dir ans dem Fuße, der Pelidc; Wenn dir dein Leben irgend lieb, so flieh! Penthesilea. Mir diesen Busen zu zerschmettern, Prothoe! — Jst's nicht, als ob ich eine Leier zürnend Zertreten wollte, weil sie still für sich Im Zug des Nachtwinds meinen Namen flüstert? Dem Bären kauert' ich zu Füßen mich, Und streichelte das Pantherthier, das mir In solcher Regung nahte, wie ich ihm. ckU er o e. So willst du nicht entweichen? Prothoe. Willst nicht fliehen? Neunter Auftritt. 221 M croe. Willst dich nicht retten? prothoc. Was kein Name nennt, Auf diesem Platz hier soll es sich vollbringen? Penthesilea. Jst's meine Schuld, daß ich im Feld der Schlacht Um sein Gefühl mich kämpfend muß bewerben? Was will ich denn, wenn ich das Schwert ihm sticke? Will ich ihn denn zum Orkus niedcrschlendern? Ich will ihn ja, ihr ew'gen Götter! nur An diese Brust will ich ihn niederziehn! prothoc. Sie ras'tl Die Odcrpriesterin. Unglückliche! Prothoe. Sie ist von Sinnen! Die Obcrprieflcrin. Sie denkt nichts, als den Einen nur. Prot hoc. Der Sturz Hat völlig um's Bewußtsein sie gebracht. Penthesilea. i»,il erzwungener Fassung) Gut — wie ihr wollt — Sei'S drum — Ich will mich fassen. Dies Herz, weil es sein mich, bezwingen will ich's, Und thnn mit Grazie, was die Noth erheischt. Recht habt ihr auch. Warum auch wie ein Kind gleich, Weil sich ein flücht'gcr Wunsch mir nicht gewährt, Mit meinen Göttern brechen? Kommt hinweg. Das Glück, gesteh' ich, wär' mir lieb gewesen; 222 Penthesilea. Doch fällt cs mir aus Wolken nicht herab, Den Himmel drnm erstürmen will ich nicht. Helft mir nur fort von hier, schafft mir ein Pferd, So will ich euch zurück zur Heimath führen. Prothoc. Gesegnet sei, o Herrscherin, dreimal Ein Wort, so würdig königlich, als dies. Komm, alles steht zur Flucht bereit — Penthesilea. lca. lindenr sie sich den Halsschmuck abreißt) Weg ihr verdammten Füttern! Prothoc. Ihr ew'gen Götter dort! ist das die Fassung, Die mir dein Mund so eben angelobt? Penthesilea. Vom Haupt, ihr auch — was nickt ihr? Seid verflucht mir, Hülflosere, als Pfeil und Wagen noch! Die Hand verwünsch' ich, die zur Schlacht mich heut Geschmückt, und das verrätherische Wort, Das mir gesagt, es sei zum Sieg, dazu! Wie sie mit Spiegeln mich, die Gleißnerinnen, Umstanden, rechts und links, der schlanken Glieder In Erz gepreßte Götterbildung preisend. — Die Pest in eure wilden Höllenkünste! Grieche», (außcrhalb der Scene) Vorwärts, Pelide, vorwärts! sei getrost! Nur wenig Schritte noch, so hast du sie. Die Prieste rin. sauf den, Hügel) Diana! Königin! du bist verloren, Wenn du nicht weichst! P r o t h o c. Mein Schwesterherz! mein Leben! Du willst nicht fliehn? nicht gehn? kPenthesilea stürzen die Thräncn ans den Augen, sie lehnt sich an einen Baum. Prothoe plötzlich gerührt, indem sie sich neben ihr niedersetzt) Nun, wie du willst. Wenn du nicht kannst, nicht willst — sei's! Weine nicht. Ich bleibe bei dir. Was nicht möglich ist, H. v. Kleists Werke. I. Bd. 15 226 Pcnthestlca. Nicht ist, in deiner Kräfte Kreis nicht liegt, Was dn nicht leisten kannst: die Götter hüten, Daß ich es von dir fordre! Geht, ihr Jnngfrann, Geht; kehrt in cnre Heimathsflnr zurück! Die Königin und ich, wir bleiben hier. V i c Obrr pricsteri». Wie, du Nnsel'ge? dn bestärkst sie noch? Mcroe. Unmöglich wär's ihr, zu entfliehn? Oie Vberpricstcrin. Unmöglich, Da nichts von außen sie, kein Schicksal, hält, Nichts als ihr thöricht Herz — protho e. Das ist ihr Schicksal! Dir scheinen Eisenbanden unzerreißbar, Nicht wahr? Nun sieh: sie bräche sie vielleicht, Und das Gefühl doch nicht, das dn verspottest. Was in ihr walten mag, das weiß nur sie, Und jeder Busen ist, der fühlt, ein Räthscl. Des Lebens höchstes Gut erstrebte sie, Sie streift', ergriff es schon: die Hand versagt ihr, Nach einein andern noch sich auSznstrccken. — Komm, magst du's jetzt an meiner Brust vollenden. — Was fehlt dir? warum weinst dn? Penthesilea. Schmerzen, Schmerzen Wo? Hier. p r o 1 h o c. P enthcsilea. Neunter Auftritt. 227 p r o t I) o e. Kann ich dir Lindrung? — Penthesilea. Nichts, nichts, nichts. Prot h o c. Nun, fasse dich; in Kurzem ist's vollbracht. Die Gberprieflerin. Halblaut) Ihr Rasenden znsarmnt! — pro 1 hoe. leben so) Schweig, Litt' ich dich, p cnthcsilea. Wxnn ich zur Flucht mich noch — wenn ich es thäte: Wie, sag', wie fass' ich mich? P r o t h o e. Du gingst nach Pharsos. Dort fändest du, denn dorthin wies ich es, Dein ganzes Heer, das jetzt zerstreut, beisammen. Du ruhtest dich, du Pflegtest deiner Wunden, Und mit des nächsten Tages Strahl, gefiel's dir, Nähmst du den Krieg der Jungfrann wieder auf. P enthesilea. Wenn es mir möglich war'! — wenn ich's vermöchte! — Das Aeußerste, das Menschenkräfte leisten, Hab' ich gethan, Unmögliches versucht, Mein Alles Hab' ich an den Wurf gesetzt; Der Würfel, der entscheidet, liegt, er liegt: Begreifen muß ich's-und daß ich verlor. P roth or. Nicht, nicht, mein süßes Herz! das glaube nicht. So niedrig schlägst du deine Kraft nicht an. 15 * 228 Penthesilea. So schlecht von jenem Preis nicht wirst du denken, Um den du spielst, als daß du wähneu solltest, Das, waS er Werth, sei schon siir ihn gescheht!. Ist diese Schnur von Perlen, weiß und roth, Die dir vom Nacken rollt, der ganze Reichthum, Den deine Seele auszubieten hat? Wie viel, woran dn gar nicht denkst, in Pharsos, Endlos für deinen Zweck noch ist zu thun! Doch freilich Wohl — jetzt ist es fast zu spät. p cn 1 h csi l ca. l»ach einer unruhigen Bewegung) Wenn ich rasch wäre-ach, es macht mich rasend! — Wo steht die Sonne? prolho c. Dort, dir grad' im Scheitel; Noch eh' die Nacht sinkt, träfest du dort ein. Wir schlössen Bündniß, unbewußt den Griechen, Mit den Dardanischcn, erreichten still Die Bucht des Meer's, wo jener Schiffe liegen; Zur Nachtzeit, ans ein Merkmal, lodern sie In Flammen auf, das Lager wird erstürmt, Das Heer, gedrängt zugleich von vorn und hinten, Zerrissen, aufgelöst, iu's Land zerstreut, Verfolgt, gesucht, gegriffen und bekränzet Jedwedes Haupt, das unsrer Lust gefiel. O selig war' ich, wenn ich dieß erlebte! Nicht ruh'n wollt' ich, an deiner Seite käinpfen. Der Tage Glut nicht scheuen, unermüdlich, Müßt' ich an allen Gliedern mich verzehren, Bis meiner lieben Schwester Wunsch erfüllt, Und der Pelid' ihr doch, nach so viel Mühen, Besiegt zuletzt zu Füßen niedersäuk'. Neunter Auftritt. 229 penth esil ca. (die während dessen unverwandt in die Sonne gesehen) Daß ich mit Flügeln weit gespreizt und rauschend Die Luft zertheilte! — Prothoe. Wie! Morse. — Was sagte sie? prothoe. Geliebte, sprich! Penthesilea. Zu hoch, ich weiß, zu hoch — Er spielt in ewig fernen Flammcnkrciscn Mir um den sehnsuchtsvollen Busen hin. p r o t h o e. Wer, meine beste Königin? Penthesilea. Gut, gut. — Wo geht der Weg? (sie sammelt sich und sicht aus) M e r o e. So willst du dich entschließen? Prothoe. So hebst du dich empor? — Nun, meine Fürstin, So sei's auch wie ein Niese! Sinke nicht, Und wenn der ganze Orkus auf dich drückte! Steh, stehe fest, wie das Gewölbe steht, Weil seiner Blöcke jeder stürzen will! Beut deinen Scheitel, einem Schlußstein gleich, Der Götter Blitzen dar, und rufe, trefft! Und laß dich bis zum Fuß herab zerspalten, Nicht aber wanke in dir selber mehr, So lang ein Atom Mörtel und Gestein 230 Penthesilea. In dieser jungen Brust zusammenhält. Komm. Gieb mir deine Hand. P enth csilea. Geht's hier, geht's dort? Prath oc. Du kannst den Felsen dort, der sichrer ist, Du kannst auch das bcquemre Thal hier wählen. — Wozu entschließen wirst du dich? Penthesilea. Den Felsen! Da komm' ich ihm um so viel näher. Folgt mir. Prothoc. Wem, meine Königin? Penthesilea. Euren Arm, ihr Lieben, prolhoe. Sobald du jenen HUgel dort erstiegen, Bist du in Sicherheit. Mcro c. Nur schnell! Penthesilea, (indem sie plötzlich, auf eine Brücke gekommen, stehen bleibt) Doch höre: Eins, eh' ich weiche, bleibt mir übrig noch. P r o t h o e. Dir übrig noch? Mero e. Und was? - Pro 1 ho c. Unglückliche! Penthesilea. Eins noch, ihr Freundinnen, und rasend war' ich, Neunter Auftritt. 231 Das müßt ihr selbst gestehn, wenn ich im ganzen Gebiet der Möglichkeit mich nicht versuchte. Prothoc. tzinwMg) Nun denn, so wollt' ich, daß wir gleich versänken! Denn Rettung giebt's nicht mehr. Penthesilea, kerschrocken) Was ist? was fehlt dir? Was Hab' ich ihr gethan? ihr Jungfrann, sprecht! Die Gberpriesterin. Du denkst? ckU croe. Du willst ans diesem Platze noch? — P cnthcsilea. Nichts, nichts, gar nichts, was sie erzürnen sollte. — Den Jda will ich auf den Ossa wälzen, Und auf die Spitze ruhig bloß mich stellen. Die Vberpricsteri». Den Jda wälzen? — INeroe. Wälzen auf den Ossa? — Pro 1 hae. kmit einer Wendung) Schützt, all ihr Götter, sie! Die Vberpriesterin. Verlorene! Mcroc. schüchtern) Dies Werk ist der Giganten, meine Königin! P cnthcsilea. Nun ja, nun ja: worin denn weich' ich ihnen? Mcro e. Worin du ihnen? — 232 Penthesilea. p roth oc. Himmel! Die Gdcrpricsterin. Doch gesetzt? — Meroe. Gesetzt nun, du vollbrächtest dieses Werk? — Prothoe. Gesetzt, was würdest du? — Penthesilea. Blödsinnige I Bei seinen goldnen Flammenhaaren zog' ich Zu mir hernieder ihn — Prothoe. Wen? Penthesilea. Helios, Wenn er am Scheitel mir vorüberfleucht! iDie Fürstinnen sehn sprachlos nnd mit Entsetzen einander an) Die Vbcrpricstcrin. Reißt mit Gewalt sie sort! Penthesilea, lschaut in den Fluß nieder) Ich, Rasende! Da liegt er mir zu Füßen ja! nimm mich — (Sic will in den Fluß sinken, Prothoe und Meroe halten sie) P r o t h o c. Die Unglückselige! Meroe. Da fällt sie leblos, Wie ein Gewand, in unsrer Hand zusammen. Die Priesterin. lauf dem Hügel) Achill erscheint, ihr Fürstinnen! eS kann Die ganze Schaar der Jungfraun ihn nicht halten! Zehnter Austritt. 233 Die Amazone. Ihr Götter! rettet! schützet vor dem Frechen Die Königin der Jungfrann! Die Oberpriesicrin. (zu den Pricsterinnen) Fort! hinweg! Nicht im Gewühl des Kampfs ist unser Platz. lDie Oberpriesterin mit den Prlcstcrinncn und den Rosenmädchen ab) Zehnter Austritt. (Eine Schaar von Amazonen tritt mit Bogen in den Händen auf. Die Vorigen) Die erste Amazone. (In die Scene rufend) , Zurück, Verwegener! Die Zweite. Er hört unS nicht. Die Dritte. Ihr Fürstinnen, wenn wir nicht treffen dürfen, So hemmt sich sein wahnsinn'ger Fortschritt nicht! Die Zweite. Was ist zu thnn? sprich, Prothoe! Hrothoe. (mit der Königin beschäftigt) So sendet Zehntausend Pfeile über ihn! — M e ro e. (zu dem Gefolge) Schasst Wasser! Prothoe. Doch sorget, daß ihr ihn nicht tödtlich trefft! — Meroc. Schafft einen Helm voll Wasser, sag' ich! 234 Penthesilea. Line Fürstin, (aus dem Gefolge der Königin! Hier! (Sie schöpft und bringt) Die dritte Amazone. (zu Prothre) Sei ruhig! fürchte nichts! Die Erste. Hier ordnet euch! Die Wangen streift ihm, sengt die Locken ihm, Den Kuß des Todes flüchtig laßt ihn schmecken! (Sie bereiten ihre Bogen) Eilfter Auftritt. (Achilles ohne Helm, Rüstung und Waffen, im Gefolge einiger Griechen. Die'Lorigen) Achilles. Nun? wem auch gelten diese Pfeil', ihr Jungfraun? Doch diesem unbeschützten Busen nicht? Soll ich den scid'nen Latz noch niederreißen, Daß ihr das Herz mir harmlos schlagen seht? Die erste Amazone. Herunter, wenn du willst, damit! Die Zweite. Es braucht nicht! Die Dritte. Den Pfeil genau, wo er die Hand jetzt halt! Die Erste. Daß er das Herz gespießt ihm, wie ein Blatt, Fort mit sich reiß' im Flug — Mehrere. Schlagt! trefft! (Sie schießen über sein Haupt hin) Eilfter Austritt. 235 Ach iilcs. Laßt, laßtl Mit euren Augen trefft ihr sicherer. Bei den Olympischen, ich scherze nicht, Ich fühle mich im Innersten getroffen, Und ein Entwaffneter, in jedem Sinne, Leg' ich zu euren kleinen Füßen mich. Die fünfte Amazone. (von einem Spieß hinter der Scene hervor getroffen) Ihr guten Götter! lsie sinkt) Die Sechste, (eben so) Weh' mir! lsie sinkt, Die Siebente, leben so) Artemis! lsi- sinkt) Die Erste. Der Rasende! > lzugleich) M cr 0 c. lmit der Königin beschäftigt) Die Unglückselige! Oie zweite Amazone. Entwaffnet nennt er sich. Aro 1 hoe. leben so) Entseelt ist sie. Die dritte Amazone. Indessen uns die Seinen niederwerfen! Mcro e. Indessen rings umher die Jungfraun sinken! Was ist zu thnn? Die erste Amazone. Den Sichelwagen her! Die Zweite. (zugleich) Die Doggen über ihn! 236 Penthesilea. Die Dritte. Mit Steinen ihn Hochher vom Elephantenthurm begraben! Eine Amazoncnfürstin. (die Königin plötzlich verlassend) Wohlan, so will ich das Geschoß versuchen. (Sic wirft den Bogen von der Schulter und spannt ihn) Achilles, (bald zu dieser tald zu jener Amazone sich wendend) Ich kann'« nicht glauben: süß, wie Silberklang, Strast eure Stimme eure Reden Lügen. Du mit den blauen Augen bist es nicht, Die mir die Doggen reißend schickt, noch du. Die mit der seidenweichen Locke prangt. Seht, wenn auf euer übereiltes Wort Jetzt heulend die Entkoppelten mir nahten, So würft ihr noch mit euren eignen Leibern Euch zwischen sie und mich, dies MLnnerherz, Dies euch in Lieb' erglühende, zu schirmen. Dir erste Amazone. Der Uebermüth'ge! Die Zweite. Hört, wie er sich brüstet! Die Erste. Er meint mit Schmeichelworten uns — Die Dritte, (die Erste gcheimnißvoll rufend) Oterpe! Die Erste, (sich umwcndend) Ha, sieh! die Meisterin des Bogens jetzt! — Still öffnet euren Kreis, ihr Fraun! Die Fünfte. Was giebt's? Zwölfter Austritt. 237 Die liierte. Frag' nicht I du wirst es sehn. Die Achte. Hier! nimm den Pfeil! Die Amazoncnfürstin. linde,» sie den Pfeil auf den Bogen legt) Die Schenkel will ich ihm zusammen heften. Achilles. lzu einem Grieche», der neben ihm schon den Vogen angelegt hat) Triff sie! Oie Amazonensürstin. Ihr Himmlischen! lsie sinkt) Die erste Amazone. Der Schreckliche! Die Zweite. Getroffen sinkt sic selbst! Die Dritte. Ihr ew'gen Götter! Und dort naht uns ein neuer Griechenhausen l Zwölfter Auftritt. (Diomedes mit den Actoliern treten von der andern Seite auf. Bald darauf auch ÄlNsses von der Seite Achills mit dem Heer) D iomedes. Hier meine wackeren Aetolier, Heran! (er führt sic über die Brücke) Prothoc. O, Artemis! du Heilige! rette! Jetzt ist's um uns geschehn! lsie trägt die Königin, mit Hülfe einiger Amazonen, wieder auf den Vorgrund der Scene) 238 Penthesilea. Dir Amazonen. (in Verwirrung) Wir sind gefangen! Wir sind umzingelt! wir sind abgeschnitten! Fort! rette sich, wer retten kann! Diomcdcs. (zu Prothoc) Ergebt euch! Micro c. (zu den flüchtigen Amazonen) Ihr Rasenden! was thut ihr? wollt ihr stehn? — Prothoe! Sieh her! prothoc. (immer bei der Königin) Hinweg! verfolge sie, Und wenn du kannst, so mach' uns wieder frei. (Die Amazone» zerstreuen sich, Mcroc folgt ihnen) Achilles. Ans jetzt, wo ragt sie mit dem Haupte? Ein Grieche. Dort! Achilles. Dem Diomed will ich zehn Kronen schenken. Diomcdcs. Ergebt euch, sag' ich noch einmal! Prothoe. Dem Sieger Ergeb' ich sie, nicht dir! was willst du auch? Der Peleid' ist's, dem sic angehört! D iom cdes. So werft sie nieder! Ein Actolicr. Ans! Achilles, (den Actolicr zurückstoßcnd) Der weicht ein Schatten Zwölfter Austritt. 239 Vom Platz, der mir die Königin berührt! — Mein ist sie! fort! was habt ihr hier zu suchen — Oiomcdes. So! dein! Ei sieh, beim Zens, des Donn'rers Locken, Aus welchen Gründen auch? mit welchem Rechte? Achill cs. Aus einem Grund, der rechts, und einer links. — Gieb. Hro-thoc. Hier. Von deiner Großmuth fllrcht' ich nichts. Achilles, lindem er die Königin in seine Arme nimmt) Nichts, nichts. — (Zu Dimncdcs) Du gehst und folgst und schlägst die Frauen; Ich bleib' auf einen Augenblick zurück. — Fort! mir zu Lieb'. Erwiedre nichts. Dem Hades Stünd' ich im Kampf um sie, vielmehr denn dir! io medcs. Es sei! folgt mir! blljisscs. e. Ihr Himmlischen! So hat sie noch den Kelch nicht ausgeleert? Seht, o die Jammervolle, seht — Achilles. Sie athinet. P r o t h o e. Pelide! wenn du das Erbarmen kennst, Dreizehnter Auftritt. 241 Wenn ein Gefühl den Bnscn dir bewegt, Wenn dn sie tödten nicht, in Wahnsinn völlig Die Leichtgercizte nicht verstricken willst, So gönne eine Bitte mir. Achilles. Sprich rasch! P r o t h o e. Entferne dich! tritt, du Vortrefflicher, Tritt aus dem. Antlitz ihr, wenn sie erwacht. Entrück' ihr gleich die Schaar, die dich umsteht, Und laß, bevor die Sonne sich erneut, Fern auf der Berge Duft ihr niemand nahn, Der sie begrüßte mit dem Todeswort: Dn bist die Kriegsgefangene Achills. Achilles. So haßt sie mich? P r o 1 h o c. O frage nicht, Großherz'ger! Wenn sie jetzt freudig an der Hoffnung Hand Jn's Leben wiederkehrt, so sei der Sieger Das Erste nicht, das freudlos ihr begegnet. Wie manches regt sich in der Brust der Frauen, Das für das Licht des Tages nicht gemacht. Muß sie zuletzt, wie ihr Verhängnis; will, Als die Gefangne schmerzlich dich begrüßen, So fordr' es früher nicht, beschwör' ich dich! Als bis ihr Geist dazu gerüstet steht. Achilles. Mein Will' ist, ihr zu thun, muß ich dir sagen, Wie ich dem stolzen Sohn des Priam that. H. v. Klcift's Werke. I. Bd. 16 242 Penthesilea. hlrothoe. Wie, du Entsetzlicher! Achilles. — Fürchtet sie dies? hlrothoe. Du willst das Namenlos' an ihr vollstrccken? Hier diesen jungen Leib, du Mensch voll Greuel, Geschmückt mit Reizen, wie ein Kind mit Blumen, Du willst ihn schändlich, einer Leiche gleich — Achilles. Sag' ihr, daß ich sie liebe. hl rot h oe. Wie? — was war das? Achilles. Beim Himmel, wie! wie Männer Weiber lieben; Keusch und das Herz voll Sehnsucht, doch in Unschuld, Und mit der Lust doch, sie darum zu bringen. Ich will zu meiner Königin sic machen. hl r o t h o c. Ihr ew'gen Götter, sag' das noch einmal — Du willst? Achilles. Kann ich nun bleiben? hlrothoe. O so laß Mich deine Füße küssen, Göttlicher! O jetzt, wärst du nicht hier, jetzt sucht' ich dich, Und müßt'« an Herknls Säulen sein, Pelidc! — Doch steh': sie schlägt die Augen ans — Achilles. Sie regt sich Vierzehnter Auftritt. Prothor. Jetzt gilt's! ihr Männer, fort von hier; und du Rasch hinter diese Eiche berge dich! Achilles. Fort, meine Freunde! tretet ab. iiter Austritt. 261 Unweiblich, du vergiebst mir, unnatürlich, Den: übrigen Geschlecht der Menschen fremd? Penthesilea. Fern aus der Urne alles Heiligen, O Jüngling, von der Zeiten Gipfeln nieder, Den unbetretnen, die der Himmel ewig In Wolkenduft geheimnißvoll verhüllt. Der ersten Mütter Wort entschied es also, Und dem verstummen wir, Neridcnsohu, Wie deiner ersten Väter Worten du. Achilles. Sei deutlicher. Penthesilea. Wohlan! so höre mich. — Wo jetzt das Volk der Amazonen herrschet, Da lebte sonst, den Göttern unterthan, Ein Stamm der Scythen, frei und kriegerisch, Jedwedem andern Volk der Erde gleich. Durch Reih'n schon naunt' er von Jahrhunderten Den Kaukasus, den fruchtumblllhtcn, sein: Als Vexoris, der Aethioper König, An seinem Fuß erschien, die Männer rasch, Die kampfvcrbunduen, vor sich niederwarf, Sich durch die Thäler goß, und Greis' und Knaben, Wo sein gezückter Stahl sie traf, erschlug: Das ganze Prachtgcschlecht der Welt ging aus. Die Sieger bürgerten, barbarenartig, In unsre Hütten frech sich ein, ernährten Von unsrer reichen Felder Früchten sich, Und, voll der Schande Maaß uns zuzumessen, Ertrotzten sie der Liebe Gruß sich noch: 262 Penthesilea. Sie rissen von den Gräbern ihrer Männer Die Fraun zu ihren schnöden Betten hin. Ach i lies. Vernichtend war das Schicksal, Königin, Das deinem Frauenstaat das Leben gab. Penthesilea. Doch Alles schüttelt, was ihm unerträglich, Der Mensch von seinen Schultern sträubend ab; Den Druck nur mäß'ger Leiden duldet er. Durch ganze Nächte lagen, still und heimlich, Die Fraun im Tempel Mars', und höhlten weinend Die Stufen mit Gebet um Rettung aus. Die Betten füllten, die entweihten, sich Mit blankgeschlifs'nen Dolchen an, gekeilt Aus Schnmckgeräthen bei des Herdes Flamme, AuS Senkeln, Ringen, Spangen: nur die Hochzeit Ward des Aethioper Königs Vexoris Mit Tanais der Königin erharrt, Der Gäste Brust zusammt damit zu küssen; Und als das Hochzeitsfest erschienen war, Stieß ihm die Kön'gin ihren in das Herz; Mars, an des Schnöden Statt, vollzog die Ehe, Und das gesammte Mordgeschlecht, mit Dolchen In einer Nacht ward es zu Tod gekitzelt. Achilles. Solch eine That der Weiber läßt sich denken. Penthesilea. Und dies jetzt ward im Rath des Volks beschlossen: Frei wie der Wind auf offnem Blachfeld sind Die Fraun, die solche Heldenthat vollbracht, Und dem Geschlecht der Männer nicht mehr dienstbar. Fünfzehnter Auftritt. 263 Eiu Staat, ein mündiger, sei aufgestellt, Ein Frauenstaat, den fürder keine andre Herrschsücht'ge Männerstimme mehr durchtrotzt, Der das Gesetz sich würdig selber gebe, Sich selbst gehorche, selber auch beschütze: Und Tanais sei seine Königin. Der Mann, deß Auge diesen Staat erschaut, Der soll das Auge gleich auf ewig schließen; Und wo ein Knabe noch geboren wird Von der Tyrannen Kuß, da folg' er gleich Zum Orkus noch den wilden Vätern nach. Der Tempel Ares' füllte sich sogleich Gedrängt mit Volk, die große Tanais Zu solcher Satzung Schirmen» zu krönen; Gerad' als sic im festlichsten Moment Die Altarstns' erstieg, um dort den Bogen, Den großen, goldenen, des Scythenrcichs, Den sonst die Könige geführt, zu greifen Von der geschmückten Oberpriesterin Hand, Ließ eine Stimme also sich vernehmen.- „Den Spott der Männer werd' er reizen nur, Ein Staat, wie der, und gleich dem ersten Ansall Des kriegerischen Nachbarvolks erliegen: Weil doch die Kraft des Bogens nimmermehr Von schwachen Frauu, beengt durch volle Brüste, Leicht wie von Männern sich regieren würde." Die Königin stand einen Augenblick, Und harrte still ans solcher Rede Glück; Doch als die feige Regung um sich griff, Riß sie die rechte Brust sich ab, und taufte Die Frauen, die den Bogen spannen würden, 264 Penthesilea. Und sank zusammen, eh' sie noch vollendet: Die Amazonen oder Busenloscn! — Hierauf ward ihr die Krone aufgesetzt. Achilles. Nun denn, Leim ZenS, die brauchte keine Brüste! Die hätt' ein Männervolk beherrschen können, Und meine ganze Seele beugt sich ihr. Prnlhesilca. Still auch ans diese That ward's, Pelcide, Nichts als der Bogen ließ sich schwirrend hören, Der aus den Händen, lcichenbleich und starr, Der Oberpricsterin danicderfiel. Er stürzt', der große, goldene, des Reichs, Und klirrte von der Marniorstnfe dreimal, Mit dem Gedröhn der Glocken, ans, und legte. Stumm wie der Tod, zu ihren Füßen sich. — Achille s. Man folgt' ihr, hoff' ich doch, in: Staat der Frauen In diesem Beispiel nicht? Penthesilea. Nicht — allerdings! Man ging so lebhaft nicht zu Werk als sie. Achilles, (ml: Erstaunen) Wie! also doch? — Unmöglich! P enlhcsilca. Was sagst du? Achilles. — Die ungeheure Sage wäre wahr? Und alle diese blühenden Gestalten, Die dich umstehn, die Zierden des Geschlechts, Vollständig, einem Altar gleich, jedwede Fünfzehnter Auftritt. 265 Geschmückt, in Liebe davor hinznknien, Sie sind beraubt, unmenschlich, frevelhaft? — Penthesilea. Hast du das nicht gewußt? — Achilles. lindem er sein Gesicht an ihre Brust drückt) O Königin! Der Sitz der jungen, lieblichen Gefühle, Um eines Wahns, barbarisch — Penthesilea. Sei ganz ruhig. Sie retteten in diese Linke sich, Wo sie dem Herzen um so näher wohnen. Du wirst mir, hoff' ich, deren keins vermissen. — Achilles. Fürwahr! ein Traum, geträumt in Morgenstunden, Scheint mir wahrhaft'ger als der Augenblick. — Doch weiter. Penthesilea. Wie? Achilles. — Du bist den Schluß noch schuldig. Denn dieser überstolze Frauenstaat, Der ohn' der Männer Hüls' entstand, wie pflanzt er Doch ohne Hülfe sich der Männer fort? Wirst euch Dcnkalion, von Zeit zu Zeit, Noch seiner Schollen eine Häuptlings zu? Penthesilea. So oft nach jährlichen Berechnungen Die Königin dem Staat ersetzen will, Was ihr der Tod entlasst, ruft sie die blühendsten Der Frauen — lstockt und sicht Ihn an) Warum lächelst du? 266 Penthesilea. Achilles. Wer? ich? sl rnth esilra. Mich dünkt, du lächelst, Lieber. Achilles. — Deiner Schöne. Ich war zerstreut — vergieb — ich dachte eben, Ob du mir aus dem Monde niederstiegst? — st c»t>) csilea. lnach einer Pause) So ost nach jährlichen Berechnungen Die Königin, was ihr der Tod entlasst, Dem Staat ersetzen will, ruft sie die blüh'ndsten Der Fraun von allen Enden ihres Reichs Nach Themiscyra hin, und fleht im Tempel Der Artemis auf ihre jungen Schöße Den Segen keuscher Marsbcsruchtung nieder. Ein solches Fest heißt, still und weich gefeiert, Der blüh'nden Jungsraun Fest, wir warten stets, Bis, wenn das Schneegcwand zcrhaucht, der Frühling Den Kuß drückt auf den Busen der Natur. Diana's heil'ge Priesterin verfügt Auf dies Gesuch sich in den Tempel Mars', Und trägt, am Altar hingestrcckt, dem Gott Den Wunsch der weisen Völkermuttcr vor. Der Gott dann, wenn er sie erhören will, — Denn oft verweigert er's, die Berge geben, Die schneeigen, der Nahrung nicht zu viel — Der Gott zeigt uns durch seine Priesterin Ein Volk an, keusch und herrlich, das statt seiner Als Stellvertreter uns erscheinen soll. Des Volkes Nam' und Wohnsitz ausgesprochen, Fmifzihnlcr Auftritt. 267 Ergeht ein Jubel nun durch Stadt und Land. Marsbräutc werden sie begrüßt, die Juugsraun, Beschenkt mit Waffen doli der Mütter Hand, Mit Pfeil und Dolch, und allen Gliedern fliegt, Von ems'gen Händen jauchzend rings bedient, Das erzene Gewand der Hochzeit an. Der frohe Tag der Reise wird bestimmt, Gedämpfter Tuben Klang ertönt, cs schwingt Die Schaar der Mädchen flüsternd sich zu Pferd, Und still und heimlich, wie auf woll'neu Sohlen, Geht's in der Nächte Glanz, durch Thal und Wald, Zum Lager fern der Auserwähltcn hin. Das Land erreicht, ruhn wir an seiner Pforte Uns noch zwei Tage, Thier' und Menschen, aus: Und wie die fenerrothe Windsbraut brechen Wir plötzlich in den Wald der Männer ein, Und Wehn die reifsten derer, die da fallen, Wie Saanien, wenn die Wipfel sich zerschlagen, Zn unsre heimathlichcn Fluren hin. Hier pflegen wir im Tempel Diana's ihrer Durch heil'ger Feste Reih'u, von denen mir Bekannt nichts als der Name Rosenfest, Und denen sich bei Todesstrafe niemand Als nur die Schaar der Bräute nahen darf, Bis uns die Saat selbst blühend aufgegangen; Beschenken sie wie Könige zusammt, Und schicken sie am Fest der reifen Mütter Auf stolzen Prachtgeschirreu wieder heim. Dies Fest dann freilich ist das frohste nicht, Neridensohn — denn viele Thränen fließen, Und manches Herz, von dllsterm Gram ergriffen, 268 Penthesilea. Begreift nicht, wie die große Tanais In jedem ersten Wort zu preisen sei. — WaS träumest du? Achilles. Ich? Penthesilea. Du. Achilles, ijcistrcut) Geliebte, mehr, Als ich iu Worte eben fassen kann. — Und auch mich denkst du also zu entlassen? Penthesilea. Ich weiß nicht, Lieber. Frag' mich nicht. Achilles. Traun! seltsam. — (Er versinkt in> Nachdenken) Doch einen Aufschluß noch gewährst du mir. Penthesilea. Sehr gern, mein Freund. Sei dreist. Achilles. Wie fass' ich es, Daß du gerade mich so heiß verfolgtest? Es schien, ich sei bekannt dir. Penthesilea. Allerdings. Achilles. Wodurch? Penthesilea. Willst du der Thörichten nicht lächeln? Achilles, (lächelnd) Ich weiß nicht, sag' ich jetzt, wie du. Fünfzehnter Auftritt. 269 P cnthesilca. Nun denn, Du sollst's erfahren. — Sieh, ich hatte schon Das heitre Fest der Rosen zwanzigmal Erlebt und drei, und immer nur von fern, Wo aus dem Eichenwald der Tempel ragt, Den frohen Jubclschall gehört, als Ares Bei der Otrere, meiner Mutter, Tod Zu seiner Braut mich auserkor. Denn die Prinzessinnen aus meinem Königshaus, Sie mischen nie aus eigener Bewegung Sich in der blüh'nden Jungsraun Fest; der Gott, Begehrt er ihrer, ruft sie würdig auf Durch seiner großen Oberpricst'rin Mnnd. Die Mutter lag, die bleiche, scheidende, Mir in den Armen eben, als die Sendung Des Mars mir festlich im Palast erschien, Und mich berief, nach Troja auszubrechcn, Um ihn von dort bekränzt heranzusühren. Es traf sich, daß kein Stellvertreter je Ernannt noch ward, willkommener den Bräuten, Als die Hellenenstämme, die sich dort umkämpften. An allen Ecken hörte man crjanchzcnd, Auf allen Märkten hohe Lieder schallen, Die des Hero'nkriegS Thaten feierten: Vom Paris-Apfel, dem Hclcnenraub, Von den geschwadersührendcn Atriden, Vom Streit nm Briseis, der Schiffe Brand, Auch von Patroklus' Tod, und welche Pracht Du des Triumphes rächend ihm gefeiert; Und jedem großen Auftritt dieser Zeit. — 270 Penthesilea. In Thränen schwamm ich, Jammervolle, hörte Mit halbem Ohr nur, was die Botschaft mir In der Otrcre Todesstunde brachte; Laß mich dir bleiben, rief ich, meine Mutter, Dein Ansehn, brauch' cö heut' zum Letztenmal, Und heiße diese Frauen wieder gehn. Doch sie, die würd'ge Königin, die längst Mich schon in's Feld gewünscht — denn ohne Erben War, wenn sie starb, der Thron und eines andern Ehrgeiz'gen Nebcnstammes Augenmerk — Sie sagte: „geh, mein süßes Kind! Mars rnst dich! Du wirst den Peleidcn dir bekränzen! Werd' eine Mutter, stolz und froh, wie ich!" — Und drückte sanft die Hand mir, und verschied. Prothoe. So nannte sie den Namen dir, Otrere? Penthesilea. Sie nannt' ihn, Prothoe, wie's einer Mutter Wohl im Vertrau'n zu ihrer Tochter ziemt. Tlch illcs. Warum? weshalb? verbeut dies das Gesetz? Penthesilea. Es schickt sich nicht, daß eine Tochter Mars' Sich ihren Gegner sucht: den soll sie wählen, Den ihr der Gott im Kampf erscheinen läßt. — Doch wohl ihr, zeigt die Werbende sich da, Wo ihr die Herrlichsten entgcgenstehn. — Nicht, Prothoe? Fünfzehnter Austritt. Penthesilea. — Lange weint' Dnrch einen ganzen kummervollen Mond, An der Verblichnen Grab, die Krone selbst, Die herrenlos am Rande lag, nicht greifend, Bis mich zuletzt der wiederholte Nnf Des Volks, das den Palast mir ungeduldig, Bereit zum Kricgeszug, umlagerte, Gewaltsam auf den Thron riß. Ich erschien, Wehmilthig strebender Gefühle voll, Im Tempel Mars', den Bogen gab man mir, Den klirrenden, des Amazonenreichs, Mir war, als ob die Mutter mich umschwebte, Da ich ihn griff, nichts schien mir heiliger Als ihren letzten Willen zu erfüllen. Und da ich Blumen noch, die duftigsten, Auf ihren Sarkophag gestreut, brach ich Jetzt mit dem Heer der Amazonen auf Nach der Dardanerburg — Mars weniger, Dem großen Gott, der mich dahin gerufen, Als der Otrerc Schatten zu Gefallen. Achilles. Wehmuth um die Verblichne lähmte flüchtig Die Kraft, die deine junge Brust sonst ziert. Pcnthcsilea. Ich liebte sie. Achilles. Nun? hierauf? — Penthesilea. In dem Maaße, Als ich mich dem SkamandroS näherte, 272 Pciithcsilca. Und alle Thälcr rings, die ich dnrchrauschte, Von den: Trojancrstreitc wiedcrhallten, Schwand mir der Schmerz, und meiner Seele ging Die große Welt des heitern Krieges auf. Ich dachte so: wenn sie sich allzusammt, Die großen Augenblicke der Geschichte, Mir wiederholten, wenn die ganze Schaar Der Helden, die die hohen Lieder feiern, Herab mir aus den Sternen stieg', ich fände Doch keinen Trefflicher», den ich mit Rosen Bekränzt', als ihn, den mir die Mutter ausersehn — Den Lieben, Wilden, Süßen, Schrecklichen, Den Ueberwiuder Hektars! O Pclide! Mein ewiger Gedanke, wenn ich wachte, Mein ew'ger Traum warst du! die ganze Welt Lag wie ein ausgespanntes Mnsternetz Vor mir; in jeder Masche, weit und groß, War deiner Thaten eine eingeschürzt, Und in mein Herz, wie Seide weiß und klar, Mit Flammenfarben jede bräunt' ich ein. Bald sah ich dich, wie du ihn nicderschlugst, Vor Jlium, den flücht'gen Priamiden; Wie du, entflammt von hoher Siegerlust, Das Antlitz wandtest, wahrend er den Scheitel, Den blutigen, auf nackter Erde schleiste; Wie Priam fleh'nd in deinem Zelt erschien — Und heiße Thränen weint' ich, wenn ich dachte, Daß ein Gefühl doch, Unerbittlicher, Den marmorhartcn Busen dir durchzuckt. Achilles. Geliebte Königin! Funsichnter Auftritt. 273 cnl k csilea. Wie aber ward mir, O Freund, als ich dich selbst erblickte! — Als du mir im SkamandroS-Thal erschienst, Von den Heroen deines Volks umringt, Ein Tagsstern unter bleichen Nachtgestirnen! So müßt' es mir gewesen sein, wenn er Unmittelbar mit seinen weißen Rossen Von dem Olymp herabgedonnert wäre, Mars selbst, der Kriegsgott, seine Braut zu grüßen! Geblendet stand ich, als dn jetzt entwichen, Von der Erscheinung da — wie wenn zur Nachtzeit Der Blitz vor einen Wandrer fallt, die Pforten Elysiums, des glanzerfüllten, rasselnd, Vor seinem Geist sich öffnen und verschließen. Im Augenblick, Pelid', errieth ich es, Von wo mir das Gefühl zum Busen rauschte; Der Gott der Liebe hatte mich ereilt. Doch von zwei Dingen schnell beschloß ich Eines: Dich zu gewinnen oder nmzukommen: Und jetzt ist mir das Süßere erreicht. — Was blickst du r lMan hört ein WaffengcrLnsch in der Ferne) Arothoc. (heimlich) Göttersohn! ich bitte dich, Du mußt dich augenblicklich ihr erklären. Aenlhcsilea. (aufbrechcnd) Argiver nah'n, ihr Frann! erhebt euch! (Ach i! l cs. (sie haltend) Ruhig! Es sind Gefangne, meine Königin. H. ». Kleists Werke. I. Bd. 18 274 Penthesilea. Penthesilea. Gefangene? prothoc. (heimlich zu Achilles) Es ist Ulyß, beim Styx! Die Deinen, heiß gedrängt von Meroe, weichen! Achilles. (in de» Bart murmelnd) Daß sie zu Felsen starrten! Penthesilea. Sagt! was gicbt's? Achilles, imit erzwuugencr Heiterkeit) Du sollst den Gott der Erde mir gebären! Prometheus soll von seinem Sitz erstehn, Und dem Geschlecht der Welt verkündigen: Hier ward ein Mensch, so Hab' ich ihn gewollt! Doch nicht nach Thcmiscyra folg' ich dir, Vielmehr du, nach der blüh'nden Phthia, mir: Denn dort, wenn meines Volkes Krieg geendet, Führ' ich dich jauchzend hin, und setze dich, Ich Seliger, auf meiner Väter Thron. (Das Geräusch dauert fort) Penthesilea. Wie? was? kein Wort begreif ich — Die Frauen, (unruhig) All' ihr Götter! Prolhoc. Ncridensvhn! willst du? — Penthesilea. Was ist's? was gicbt's denn? Achilles. Nichts, nichts, erschrick nicht, meine Königin, Du siehst, es drängt die Zeit, wenn du nun hörst, Was über dich der Götter Schaar verhängt. Sechzehnter Auftritt. 275 Zwar durch die Macht der Liebe bin ich dein, Und ewig diese Banden trag' ich fort; Doch durch der Waffen Glück gehörst dn mir; Bist mir zu Füßen, Treffliche, gesunken, Als wir im Kampf uns trafen, nicht ich dir. Penthesilea, lsich anfraffendl Entsetzlicher! Achilles. Ich bitte dich, Geliebte! Kroniou selbst nicht ändert, was gescheht:. Beherrsche dich, und höre wie ein Felsen Den Boten an, der dort, wenn ich nicht irre, Mit irgend einem Unhcilswort mir naht. Denn dir, begreifst dn wohl, dir bringt er nichts, Dein Schicksal ist ans ewig abgeschlossen; Gefangen List dn mir, ein Höllenhund Bewacht dich minder grimmig, als ich dich. p cnthesilca. Ich die Gefangne dir? prothae. So ist es, Königin! P cnthcsilea. Sind sie noch weit von hier? Der Hanptmann. Hier in dem Thal Erblickst du ihren goldnen Halbmond schon. Achilles, lindem er sich rüstet) Bringt sie hinweg! Ein Grieche. Wohin? Achilles. Jn's Griechenlager, In wenig Augenblicken folg' ich euch. Der Grieche, (zn Penthesilea) Erhebe dich. Prothoe. O meine Königin! Penthesilea, laußer sich) Mir keinen Blitz, Zeus, sendest du herab! Siebcuzelnitcr Auftritt. 277 Siebenzehnter Auftritt. (Ulysses und üioincdes mit dem Herr. Die vorigen) Diomcdcs. (über die Bühne ziehend) Vom Platz hier fort, Doloperheld! vom Platze! Den einz'gen Weg, der dir noch offen bleibt, Den schneiden dir die Franen eben ab. Hinweg! sich) Alüsscs. Schafft diese Kön'gin fort, ihr Griechen. Achilles. (zum Hauptmann) Alexis! thu mir den Gefallen. Hilf ihr. Der Grieche. !;»,» Hauptmann) Sie regt sich nicht. Achilles, (zu den Griechen, die ihn bediene») Den Schild mir her! den Spieß! laufrufcnd, da sich die Königin sträubt) Penthesilea! Penthesilea. O Neridensohn! Du willst mir nicht nach ThemiScyra folgen? Du willst mir nicht zu jenem Tempel folgen, Der aus den fernen Eichenwipfeln ragt? Komm' her, ich sagte dir noch Alles nicht — Achilles, lnun völlig gerüsict, tritt vor sic hin, und reicht ihr die Hand) Nach Phthia, Kön'gin. Penthesilea. O! — Nach Themiseyra! O Freund! Nach Themiseyra, sag' ich dir, Wo aus den Eichen ragt Diana's Tempel! Und wenn der Sel'gcn Sitz in Phthia wäre, 278 Penthesilea. Doch, doch, o Freund! nach Thcmiöcyra noch, Wo aus den Wipfeln ragt Diana's Tempel! Achilles. linden, er sie aufhibt) So mußt du mir vergeben, Theuerste; Ich bau' dir solchen Tempel bei mir ans. Achtzehnter Auftritt. (Mrroe, Allcria mit dem Heer der Amazonen trenn auf. Die vorigen) sill c r o e. Schlagt ihn zu Boden! Ach i llcs. (laßt die Königin fahren und wendet sich) Reiten sie aus Stürmen? Eine Amazone, lstch zwischen Penthesilea und Achilles eindrängcnd) Bofreit die Königin! Achilles. Bei dieser Rechten, sag' ich! — o e. Ich will sie nie mit Augen Wiedersehn! — Die zweite Amazone. Seht, wie sie jetzt den schlanken Pfeil betrachtet! Die Erste. Wie sie ihn dreht und wendet — Die Dritte. Wie ihn mißt! Die erste Priestcrin. Das scheint der Pfeil, womit sie ihn erlegt. Die erste Zlmazone. So ist's, ihr Fraun! Die Zweite. Wie sic vom Blut ihn säubert! Wie sie an seiner Flecken jedem wischt! Die Dritte. Was denkt sie wohl dabei? Die Zweite. Und das Gefieder, Wie sie es trocknet, kräuselt, wie sie's lockt! So zierlich! Alles, wie es sich gehört. O seht doch! Oie Dritte. — Ist sie das gewohnt zu thun? Die Erste. That sie das sonst auch selber? Die erste Priestern«. Pfeil und Bogen, Die hat sie stets mit eigner Hand gereinigt. Die Zweite. O heilig hielt sie ihn, das muß mau sagen!- 304 Penthesilea. Die zweite Amazone. Doch jetzt den Köcher nimmt sie von der Schulter, Und stellt den Pfeil in seinen Schaft zurück. Die Dritte. Nun ist sie fertig — Die Zweite. Nun ist es geschehen — Nun sieht sie wieder in die Welt hinaus! — Mehrere Frauen. O jammervoller Anblick! O so öde Wie die Saudwüste, die kein Gras gebiert! Lustgärten, die der Fcuerstrom verwüstet, Gekocht im Schooß der Erd' und ausgespieen, Auf alle Blüten ihres Busens hin, Sind anMuthsvoller als ihr Angesicht. (ein Schauer schüttelt Penthesilea zusammen; sie läßt den Vogen fallen) Die Vberp ricsterin. O die Entsetzliche! Arothoc. (erschrocken) Nun, was denn giebt's? Die erste Amazone. Der Bogen stürzt' ihr aus der Hand danieder! Die Zweite. Seht, wie er taumelt — Die stierte. Klirrt, und wankt, und fällt! — Die Zweite. Und noch einmal am Boden zuckt — Die Dritte. Und birst, Wie er der Tanais geborsten war. (Pause) Bleruntzwanziastcr Auftritt. 305 Die Vberprirstcrin. (sich plötzlich zu ihr wendend) Du, meine große Herrscherin, vergieb mir! Diana ist, die Göttin, dir zufrieden, Besänftigt wieder hast du ihren Zorn. Die große Stifterin des FranenreicheS, Die Tanais, gesteh' ich jetzt, sie hat Den Bogen wllrd'ger nicht geführt als du. Die erste Amazone. Sie schweigt — Die Zweite. Ihr Auge schwillt — Oie Dritte. Sie hebt den Finger, Den blutigen, was will sie — seht, o seht! Die Zweite. O Anblick, herzzerreißender, als Messer! Die Erste. Sie wischt sich eine Thräne ab. Die Eberpriesterin. l-m Prochoe's Busen zurücksinkend) Diana! Welch eine Thräne! Die erste Hricstcrin. O eine Thräne, dn Hochheil'ge, Die in der Menschen Brüste schleicht, Und alle Feuerglocken der Empfindung zieht, Und: Jammer! rufet, daß bas ganze Geschlecht, das leicht bewegliche, hervor Stürzt aus den Augen, und in See'n gesammelt, Um die Ruine ihrer Seele weint. Die Gb crp ricsterin. smit einem bitteru Ausdruck) Nun denn — wenn Prothoe ihr nicht helfen will, So muß sie hier in ihrer Roth vergehn. H. v. Klcist's Werke, l. Vd. 20 306 Penthesilea. Prothoc. (drückt den heftigsten Kampf aus. Drauf, indem sie sich ihr nähert, mit einer Immer von Thränen unterbrochenen Stimme) Willst dir dich niederlafsen, meine Königin? Willst du cm meiner treuen Brust nicht ruhn? Viel kämpftest du an diesem Schreckenstag, Viel auch, viel littest du — von so viel Leiden Willst du an meiner treuen Brust nicht ruhn? (Penthesilea sieht sich um, wie nach einem Sessel) Schafft einen Sitz herbei! ihr seht, sic will's. (Die Amazonen wälzen einen Stein herbei. Penthesilea läßt sich an Prothoc's Hand darauf nieder. Hierauf setzt sich auch Prothoc) Du kennst mich doch, mein Schwesterher;? (Penthesilea sicht sic an, ihr Antlitz erheitert sich ein wenig) Prothoc Bin ich, die dich so zärtlich liebt. (Penthesilea streichelt sanft ihre Wange) O du, Vor der mein Herz auf Knieen niederfällt, Wie rührst du mich! (Sie küßt die Hand der Königin) — Du List wohl sehr ermüdet? Ach, wie man dir dein Handwerk ansieht, Liebe! Nun freilich — Siegen geht so rein nicht ab, Und jede Werkstatt kleidet ihren Meister. Doch wie, wenn du dich jetzo reinigtest, Händ' und Gesicht? — Soll ich dir Wasser schaffen? — Geliebte Königin! (Penthesilea besieht sich und nickt) Nun ja. Sie will's. (Sie winkt den Amazonen; diese gehen Wasser z» schöpfen) — Das wird dir Wohlthun, das wird dich erquicken, Und sanft, auf kühle Teppiche gestreckt, Don schwerer Tagesarbeit wirst du ruhn. Bieruntzwanzigfler Austritt. 307 Die erste Pricstcrin. Wenn man mit Wasser sie besprengt, gebt Acht, Besinnt sie sich. Nie Oberpricstcrin. O ganz gewiß, das hoff' ich. P r o t h c> c. Du hoffst's, hochheil'ge Priesteriu? — Ich furcht' eS. Dir Obcrpricsterin. lindem sic zu überlege» scheint) Warum? weshalb? — Es ist mir nicht zu wagen, Sonst müßte man die Leiche des Achill — sPcnthcsilea blickt die Oberpriesterin blitzend a») Hrothoc. Laßt, laßt! — Die Obcrpricsterin. Nichts, meine Königin, nichts, nichts! Es soll dir Alles bleiben, wie es ist. — p r o t h c> e. Nimm dir den Lorbeer ab, den dornigen, Wir alle wissen ja, daß du gesiegt. Und auch den Hals befreie dir — So, so! Schau! eine Wund' und das recht ties! Du Arme! Du hast es dir recht sauer werden lassen — Nun dafür trinmphirst du jetzo auch; — O Artemis! (Zwei Amazonen bringen ein großes flaches Marmorbcckcn, gefüllt mit Wasser) Hier setzt das Becken her. — Soll ich dir jetzt die jungen Scheitel netzen? Und wirst du auch erschrecken nicht?-WaS machst du? lPenthcsilea läßt sich von ihrem Sitz auf Kniccn vor das Becken niedcr-- fallcn, und begießt sich das Hauxt mit Wasser) Sieh da! du bist ja traun recht rüstig, Königin! — Das thut dir wol recht wohl? 20 * 308 Penthesilea. Pcnthesilra. (sie sieht sich mn> Sie spricht! Ach Prothoe! (Sie begießt sich von neuem mit Wasser) LNcroe. (froh) Die Vbcrpriesterin. Dem Himmel sei gedankt! Prothoe. Gut, gut! LUcro e. Sie kehrt in's Lehm uns zurück! Prothoe. Vortrefflich! Das Haupt ganz unter Wasser, Liebe! so! Und wieder! so, so! wie ein junger Schwan! — LN ero e. Die Liebliche! Die erste Priesterin. Wie sie das Köpfchen hängt! LNcro e. Wie sie das Wasser niederträufeln läßt! Prothoe. — Bist du jetzt fertig? Penthesilea. Ach! — wie wunderbar. Prothoe. Nun denn, so komm' hier auf den Sitz zurück! — Rasch eure Schleier mir, ihr Priesterinnen, Daß ich ihr die durchweichten Locken trockne! So, Phania! deinen! Tcrpi! helft mir, Schwestern! Laßt uns ihr Haupt und Nacken ganz verhüllen! So, sok — Und jetzo auf den Sitz zurück! (Sic verhüllt die Königin, hebt sie auf den Sitz, und druckt sie fest an ihre Brust) > Vierundzwanzigftcr Auftritt. 309 Wie ist mir? Penthesilea. Prothoe. Wohl, denk' ich — nicht? Penthesilea. lllspclndj Zum Entzücken! P r o t h o e. Mein Schwcsterherz! mein süßes! O mein Leben! Penthesilea. O sagt mir! — bin ich in Elysium? Bist du der ewig jungen Nymphen Eine, Die unsre hehre Königin bedienen, Wenn sie von Eichen-Wipfeln still umranscht, In die krystallne Grotte niedcrsteigt? Nahmst du die Züge bloß mich zu erfreuen, Die Züge meiner lieben Prothoe an? P r o t h o e. Nicht, meine beste Königin, nicht, nicht, Ich bin cs, deine Prothoe, die dich In Armen hält, und was du hier erblickst, Es ist die Welt noch, die gebrechliche, Auf die nur fern die Götter niederschaun. Penthesilea. So, so. Auch gut. Recht sehr gut. Es thnt nichts. Prothoe. Wie, meine Herrscherin? P enth esilea. Ich bin vergnügt. Prothoe. Erkläre dich, Geliebte. Wir verstehn nicht — Penthesilea. Daß ich noch bin, erfreut mich. Laßt mich ruhn. Waus-) 310 Penthesilea. Meroe. Seltsam! Oie Vbcrpriesterin. Welch eine wunderbare Wendung! Meroe. Wenn man geschickt ihr doch entlocken könnte — Prothoe. — Was war es denn, das dir den Wahn erregt, Du seist in's Reich der Schatten schon gestiegen? Penthesilea. h o c. O bei den fnrchtbar'n Mächten des Olymps, Frag' nicht! — p cnth esilca. Hinweg! und wenn mir seine Wunde, Ein Höllenrachcn, gleich entgegen gähnte: Ich will ihn sehn! lsic heb! den Teppich auf) Wer von euch that das, ihr Entsetzlichen? P r o t h o c. Das fragst du noch? Hcnthcsilca. O Artemis! du Heilige! Jetzt ist es um dein Kind geschchn! Die Vbcrpricflcrin. Da stürzt sie hin! p r o l h o c. Ihr ew'gcn Himmelsgötter! Warum nicht meinem Rathe folgtest du? O dir war besser, du Unglückliche, In des Verstandes Sonnenfinsternis; Umher zn wandeln, ewig, ewig, ewig, Als diesen fürchterlichen Tag zn sehn! — Geliebte, hör' mich! Die Vbcrpricslcrin. Meine Königin! Nikrundzwanzigstcr Auftritt. 313 LNcroe. Zehntausend Herzen theilen deinen Schmerz! Oie Ob erpricstcrin. Erhebe dich! penlhesilca. osen! Ach, dieser Kranz von Wunden um sein Haupt! Ach, wie die Knospen, frischen Grabduft streuend, Zum Fest sllr die Gcwürme niedergehn! prothoe. (mit Zärtlichkeil) Und doch war es die Liebe, die ihn kränzte! LNcro c. Nur allzuscst! — Prothoe. Und mit der Rose Dornen, In der Beeif'rung, daß es ewig sei! Die Vberpriestcrin. Entferne dich! Penthesilea. Das aber will ich wissen, Wer mir so gottlos Nebenbuhl'rin ward! — Ich frage nicht, wer den Lebendigen Erschlug; bei unfern ewig hehren Göttern! Frei wie ein Vogel geht er von mir weg. Wer mir den Todtcn tödtcte, frag' ich, Und daraus gieb mir Antwort, Prothoe. p r o t h o e. Wie, meine Herrscherin? P cnthesilca. Versteh mich recht. Ich will nicht wissen, wer ans seinem Busen Den Funken des Prometheus stahl. Ich will's nicht, 314 Penthesilea. Weil ich'S nicht will; die Laune steht mir so: Ihm soll vergeben sein, er mag entfliehn. Doch wer, o Prothoe, bei diesem Raube Die offne Pforte ruchlos mied, durch alle Schneeweißen Alabasterwande mir In diesen Tempel brach; wer diesen Jüngling, Das Ebenbild der Götter, so entstellt, Daß Leben und Verwesung sich nicht streiten, Wem er gehört; wer ihn so zugerichtet, Daß ihn das Mitleid nicht beweint, die Liebe Sich, die unsterbliche, gleich einer Metze Im Tod noch untreu von ihm wende» muß, Deu will ich meiner Rache opfern. Sprich! prothoc. (zur Oberpricsterln) Was soll man nur der Rasenden erwidern? — Penthesilea. Nun, werd' ich'S hören? 111 ero e. — O meine Königin, Bringt es Erleichterung der Schmerzen dir, In deiner Rache opf're, wen du willst. Hier stehn wir all' und bieten dir uns an. Penthesilea. Gebt Acht, sie sagen noch, daß ich eS war. Die Vbcrpricsterin. ischüchicr») Wer sonst, du Unglückselige, als nur — Penthesilea. Du Höllenfürstin im Gewand des Lichts, Das wagst du mir — ? Die Vberpricstcrin. Diana rus' ich an! L'icrl:rid;ivai,;i§stcr Auftritt. Laß eS die ganze Schaar, die dich umsteht, Bekräftigen! Dein Pfeil war's der ihn traf, Und Himmel! war' es nur dein Pfeil gewesen! Doch, als er niedersank, warfst du dich noch, In der Verwirrung deiner wilden Sinne, Mit allen Hunden über ihn, und schlugst — O meine Lippe zittert auSzusprechcn, Was du gethan. Frag' nicht! kcmm', laß uns gehn. Penthesilea. Das muß ich erst von meiner Prothoe hören. prothoc. O meine Königin! befrag' mich nicht. P cnth csilea. Was! ich? ich hätt' ihn — ? unter meinen Hunden — Mit diesen kleinen Händen hätt' ich ihn — Und dieser Mund hier, den die Liebe schwellt — Ach, zu ganz andern: Dienst gemacht, als ihn — Die hätten, lustig stets einander helfend, Mund jetzt und Hand, und Hand und wieder Mund — prothoe. O Königin! Die Vbcrpricsterin. Ich rufe Wehe dir! p enthcsilea. Nein, hört, davon nicht überzeugt ihr mich, Und stünd's mit Blitzen in die Nacht geschrieben, Und rief' es mir des Donners Stimme zu, So rief' ich doch noch beiden zu: ihr lügt! M c r o c. Laß ihn, wie Berge, diesen Glauben stehn; Wir sind es nicht, die ihn erschüttern werden. 316 Pcntbcsilca. Penthesilea. — Wie kam cs denn, daß er sich nicht gewehrt? Die Gbcrpricsterin. Er liebte dich, Unseligste! gefangen Wollt' er sich dir ergeben, darum naht' er! Darum zum Kampfe fordert' er dich ans! Die Brust voll süßen Friedens kam er her, Um dir zum Tempel Artemis' zu folgen. Doch du — p enthcsilca. So, so — Die Gbcrpricsterin. Du trafst ihn — Penthesilea. Ich zerriß ihn. Prothoe. O meine Königin! Penthesilea. Oder war es anders? M croe. Die Gräßliche! Penthesilea. Küßt' ich ihn todt? Oie erste pricstcrin. O Himmel! P cnth csil ca. Nicht? küßt' ich nicht? zerrissen wirklich? sprecht! Oie Gib erpricflrrin. Weh'! Wehe! ruf' ich dir. Verberge dich! Laß fürder ew'ge Mitternacht dich decken! Penthesilea. — So war eS ein Versehen. Küsse, Bisse, Brerundzwanzigster Austritt. 317 Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, Kann schon das eine fiir das andre greifen. Mcroc. Helft ihr, ihr Ew'gen, dort! A r othoe. (ergreift sie) Hinweg! Pcnthesilca. Laßt, laßt! (Sie wickelt sich los, und läßt sich aus Kniccn vor der Leiche nieder) Du Aermster aller Menschen, du vergiebst mir! Ich habe mich, beim Himmel! bloß versprochen, Weil ich der raschen Lippe Herr nicht bin; Doch jetzt sag' ich's dir deutlich, wie ich's meinte: Dies, du Geliebter, war'L, und weiter nichts. (Sic küßt ihn) Dir «Obcrpricstcrin. Schasst sie hinweg! Mcro r. Was soll sie länger hier? Prnlhcsilea. Wie Manche, die am Hals des Freundes hängt, Sagt wohl das Wort: sie lieb' ihn, o so sehr, Daß sie vor Liebe gleich ihn essen könnte; Und hinterher, das Wort geprüft, die Närrin! Gesättigt sein zum Ekel ist sie schon. Run, du Geliebter, so verfuhr ich nicht. Sieh her: als ich an deinem Halse hing, Hab' ich's wahrhaftig Wort für Wort gethan; Zch war nicht so verrückt, als es wohl schien. Mcro c. Die Ungeheuerste! was sprach sie da? 318 Pcntkiesttea. Üic Obcrpricflcrin. Ergreift siel bringt sic fort! prothoe. Komm, meine Königin Penthesilea. v. Kleist s Werke. I. Bd. 21 Personen. Jupiter, in der Gestalt des Amphitrhon Merkur, in der Gestalt des Sofias. Amph i try o n, Feldherr der Thebancr. Sosias, sein Diener. Alkmene, Gemahlin des Amphitrhon. Charis, Gemahlinder Sofias. Feldherren. Die Scene ist in Theben vor dem Schlosse des Ainschitrhon E r ft e r Akt. Es ist Nacht. Erste Scene. (Sofias tritt mit einer Laterne auf) Sofias. ^eda! wer schleicht da? Holla! — Wenn der Tag Anbräche, war' mir's lieb; die Nacht ist — Was? Gnt Freund, ihr Herren! Wir gehen eine Straße — Ihr habt den ehrlichsten Gesell'» getroffen, Bei meiner Treu', auf den die Sonne scheint — Vielmehr der Mond jetzt, wollt' ich sagen — Spitzbuben sind's entweder, feige Schufte, Die nicht das Herz mich anzugrcifen haben, Oder der Wind hat durch das Laub gerasselt. Jedweder Schall hier heult in dem Gebirge. — Vorsichtig! langsam! — Aber wenn ich jetzt Nicht bald mit meinem Hut an Theben stoße, So will ich in den finstern Orkus fahren. Ei, hol's der Henker! ob ich muthig bin, Ein Mann von Herz, das hätte mein Gebieter Auf anderm Wege auch erproben können. Ruhm krönt ihn, spricht die ganze Welt, und Ehre, Doch in der Mitternacht mich fortznschicken, Ist nickt viel besser, als ein schlechter Streich. S1 * 324 Anivhitryon. Ein wenig Rücksicht wär', und Nächstenliebe, So lieb mir als der Keil von Tugenden, Mit welchem er des Feindes Reihen sprengt. Sofias, sprach er, rüste dich mein Diener, Du sollst in Theben meinen Sieg verkünden Und meine zärtliche Gebieterin Von meiner nahen Ankunft unterrichten. Doch hätte das nicht Zeit gehabt bis morgen, Will ich ein Pscrd sein, ein gesatteltes! Doch sieh! da zeigt sich, denk' ich, unser Haus! Triumph, du bist nunmehr am Ziel, Sofias, Und allen Feinden soll vergeben sein. Jetzt, Freund, mußt du an deinen Auftrag denken; Man wird dich feierlich zur Fürstin führen, Alkmcn', und den Bericht bist du ihr dann, Vollständig und mit Rednerkunst gesetzt, Des Treffens schuldig, das Amphitryon Siegreich sür's Vaterland geschlagen hat. — Doch wie zum Teufel mach' ich das, da ich Dabei nicht war'? Verwünscht. Ich wollt', ich hätte Zuweilen aus dem Zelt geguckt, Als beide Heer' im Handgemenge waren. Ei was! vom Hanen sprech' ich dreist und Schießen, Und werde schlechter nicht bestehn als Andre, Die auch den Pfeil noch pfeifen nicht gehört. — Doch wär' es gut, wenn du die Rolle übtest — Gut! gut bemerkt, Sofias! prüfe dich. Hier soll der Audienzsaal sein, und diese Leitern' Alkmenc, die mich auf dem Thron erwartet. on. Zu welcher Ueberwindung ich verdammt bin! — Doch endlich, bist du nicht in's Haus gegangen? S o sias. In's Hans! was! ihr seid gut! ans welche Weise? Litt ich's? hört' ich Vernunft an? untersagt' ich Nicht eigensinnig stets die Pforte mir? AmphilrLon. 23 » Wie? was? zum Teufel! 356 Amphitryon. Sofias. Wie? mit einem Stocke, Von dem mein Rucken noch die Spuren trägt. Amphitrgon. So schlug man dich? Sofias. Und tüchtig! ,Amp hitrgon. Wer — wer schlug dich? Wer unterstand sich das? Sofias. Ich. Amphitrgon. Du? dich schlagen? Sofias. Mein Seel', ja, ich! nicht dieses Ich von hier, Doch das vermaledeite Ich vom Hause, Das wie sünf Ruderknechte schlägt. Amphitrgon. Unglück verfolge dich, mit mir also zu reden! S osias. Ich kann's euch darthun, Herr, wenn ihr's begehrt. Mein Zeuge, mein glaubwürdiger, ist der Gefährte meines Mißgeschicks, mein Rücken. — Das Ich, das mich von hier verjagte, stand Im Vortheil gegen mich; es hatte Muth Und zwei geübte Arme, wie ein Fechter. Amphitrgon. Zum Schluffe — Hast du meine Frau gesprochen? Sofias. Nein. Zweiter Akt. Erste Scene. 357 Amphitrgon. Nicht! warum nicht? S osias. Ei! aus guten Gründen. Ämphitrson. Und wer hat dich, Verräther, deine Pflicht Verfehlen lassen? Hund, nichtswürdiger! Sofias. Muß ich es zehn und zehnmal wiederholen? Ich, Hab' ich euch gesagt, dies Tcufels-Jch, Das sich der Thüre dort bemächtigt hatte; Das Ich, das das allein'ge Ich will sein; Das Ich vom Hause dort, das Ich vom Stocke, Das Ich, das mich halb todt geprügelt hat. Amphitrgon. Es muß die Bestie getrunken haben. Sich vollends nm das Bischen Hirn gebracht. Sofias. Ich will des Teufels sein, wenn ich heut mehr Als meine Portion getrunken habe. Ans meinen Schwur, mein Seel', könnt ihr mir glauben. Simphitrgon. — So hast du dich unmäß'gem Schlaf vielleicht Ergeben? — Vielleicht daß dir ein böser Traum Den aberwitz'gen Vorfall vorgespiegelt, Den du mir hier als Wirklichkeit erzählst? Sofias. Nichts, nichts von dem. Ich schlief seit gestern nicht Und hatt' im Wald' auch gar nicht Lust zu schlafen; Zch war erwacht vollkommen, als ich eintraf, 358 Amphitrhrn. Und sehr erwacht und munter war der andre Sofias, als er mich so tüchtig walkte. Amphitrgon. Schweig! was ermüd' ich mein Gehirn? ich bin Verrückt selbst, solchen Wischwasch anzuhören. Unnützes, marklos albernes Gewäsch, In dem kein Menschensinn ist und Verstand. Folg' mir. Sofias, (für sich! So ist's. Weil es aus meinem Munde kommt, Jst's albern Zeug, nicht Werth, daß mau es höre; Doch hätte sich ein Großer selbst zerwalkt, So würde mau Mirakel schrei'n. ÄmphitrNon. Laß mir die Pforte öffnen. — Doch was seh' ich? Alkmene kommt. Es wird sie überraschen, Denn freilich setzt erwartet sie mich nicht. Zweite Scene. (Allnncne, Lharis. Die Uorigen) Alkmcne. Komm, meine Charis. Laß den Göttern uns Ein Opfer dankbar auf den Altar legen. Laß ihren großen, heil'gen Schutz noch ferner Mich auf den besten Gatten niederflehu. (Da sie den Amphitrpon erblickt) O Gott! Amphitryon! Imphitrgon. Der Himmel gebe, Daß meine Gattin nicht vor mir erschrickt! Zweitcr Akt. Zweite Scene. 359 Nicht furcht' ich, daß nach dieser flücht'gen Trcmnmg Alkmene minder zärtlich mich empfängt, Als ihr Amphitryon zuriickckehrt. Alkmcne. So früh zurück—? Amphilrgon. Was! dieser Ausruf Fürwahr, scheint ein zweideutig Zeichen nur, Ob auch die Götter jenen Wunsch erhört. Dies: „Schon so früh zurück!" ist der Empfang, Beim Himmel, nein! der heißen Liebe nicht. Ich Thörichter! ich stand im Wahn, daß mich Der Krieg zu lange schon von hier entfernt; Zu spät, nach meiner Rechnung, kehrt' ich wieder; Doch du belehrst mich, daß ich mich geirrt, Und mit Befremden nehm' ich wahr, daß ich, Ein Ueberläsl'ger, aus den Wolken falle. Alkmene. Ich weiß nicht — Amphitrxon. Nein, Alkmene, Verzeih! Mit diesem Worte hast du Wasser Zu meiner Liebe Flammen hingetragcn. Du hast, seit ich dir fern, die Sonnenuhr Nicht eines flücht'gen Blicks gewürdigt. Hier ward kein Flügelschlag der Zeit vernommen, Und unter rauschenden Vergnügen sind In diesem Schloß fünf abgezählte Monden Wie so viel Augenblicke hingeflohn- Alkmene. Ich habe Müh', mein theurer Freund, zu fassen, 360 Amphitrhon. Worauf du diesen Vorwurf gründen magst. Beklagst du über meine Kälte dich, So siehst du mich verlegen, wie ich dich Befried'gen soll. Ich denke, gestern als Du um die Abenddämm'rung mir erschienst, Trug ich die Schul-d, au welche du mich mahnst, Aus meinem warmen Busen reichlich ab. Kannst du noch mehr dir wünsche», mehr begehren, So muß ich meine Dürftigkeit gestehn: Ich gab dir wirklich Alles, was ich hatte. Ainphilrgo n. Wie? AI k m c n o. Und du fragst noch! flog ich gestern nicht, Als du mich heimlich ans den Nacken küßtest, Ich spann, in's Zimmer warst du eingeschlichen, Wie aus der Welt entrückt, dir an die Brust? Kann man sich inn'ger des Geliebten freu»? Ainphitryon. Was sagst du mir? Al Kino ne. Was das für Fragen sind! Du selber warst nnmäß'ger Freude voll, Dich so geliebt zu sehn; und als ich lachte, Inzwischen mir die Thränc floß, schwurst du Mit seltsam schauerlichem Schwur mir zu, Daß nie die Here so den Jupiter beglückt. A in p h i i r g o n. Ihr ew'gen Götter! A t k in c n c. Drauf als der Tag erglühte, Zweiter Akt. Zweite Scene. 361 Hielt langer dich kein Flehn bei nur zurück; Auch nicht die Sonne wolltest du erwarten. Du gehst, ich werfe mich aus's Lager nieder, Heiß ist der Morgen, schlummern kann ich nicht, Ich bin bewegt, den Göttern will ich opfern, Und auf des Hanfes Vorplatz trefj' ich dich! Ich denke, Auskunft, traun, bist du mir schuldig, Wenn deine Wiederkehr mich überrascht, Bestürzt auch, wenn du willst; nicht aber ist Ein Grund hier, mich zu schelten, mir zu zürnen. vtmphitrgon. Hat mich etwan ein Traum bei dir verkündet, Alkmene? hast du mich vielleicht im Schlaf Empfangen, daß du wähnst, du habest mir Die Forderung der Liebe schon entrichtet? iA l ki» cn c. Hat dir ein böser Dämon das Gedächtnis; Geraubt, Amphitryon? hat dir vielleicht Ein Gott den heitern Sinn verwirrt, daß du Die keusche Liebe deiner Gattin höhnend Von allem Sittlichen entkleiden willst? Amphitrgo». Was? mir wagst du zu sagen, daß ich gestern Hier um die DLmm'rung eingeschlichen bin? Daß ich dir scherzend ans den Nacken — Teufel! irl l k m c n c. Was? mir wagst du zn läugncn, daß du gestern Hier um die Dämm'rnng eingeschlichen bist? Daß du dir jede Freiheit hast erlaubt, Die dem Gemahl mag zustehn über mich? 362 Amphitchon. Ä m pI> itrx o n. — Du scherzest. Laß zum Erust uns wiederkehren, Denn nicht an seinem Platz ist dieser Scherz. Allnncne. Du scherzest. Laß zum Ernst uns wiederkehren, Denn roh ist und empfindlich dieser Scherz. Amph it rgon. — Ich hätte jede Freiheit mir erlaubt, Die dem Gemahl mag zustehn über dich- — War's nicht so? — Älkinen c. Geh, Unedclmüthigcr! iAmphitrgon. O Himmel! welch' ein Schlag trifft mich! Sofias! Mein Freund! Sofias. Sie braucht fünf Grane Niesewurz; In ihrem Oberstübchen ist's nicht richtig. lrlmphitrno n. Alkmcne! bei den Göttern! du bedenkst nicht, Was dies Gespräch für Folgen haben kann. Besinne dich, und sammle deine Geister, Fortan werd' ich dir glauben, was du sagst. Älkmrne. Was auch daraus erfolgt, Amphitryon, Ich will, daß du mir glaubst, du sollst mich nicht So uuanständ'gen Scherzes fähig wähnen. Sehr ruhig siehst du um den Ausgang mich. Kannst du im Ernst in's Angesicht mir läugnen, Daß du im Schlosse gestern dich gezeigt, Falls nicht die Götter fürchterlich dich straften, Zweiter Akt. Zweite Scene. 363 Gilt jeder andre schnöde Grund mir gleich. Den inner» Frieden kannst dn mir nicht stören, Und auch die Meinung, hoff' ich, nicht der Welt; Den Riß bloß werd' ich in der Brust empfinden, Daß mich der Liebste grausam kränken will. Ainphitrgon. Unglückliche! welch' eine Sprach'! — Und auch Schon die Beweise hast du dir gefunden? Alkincn c. Ist es erhört? die ganze Dienerschaft Ist, dieses Schlosses, Zeuge mir; cs würden Die Steine mir, die du betrat'st, die Bäume, Die Hunde, die dein Knie umwedclten, Von dir mir Zeugniß reden, wenn sie könnten. Amphitrgon. Die ganze Dienerschaft? es ist nicht möglich! Alkmenc. Soll ich, du Unbegreiflicher, dir den Beweis jetzt geben, den entscheidenden? Von wem empfing ich diesen Gürtel hier? Amphitrzion. Was, einen Gürtel? dn? bereits? von mir? Alkmenc. Das Diadem, sprachst du, des Labdakns, Den du gefällt hast in der letzten Schlacht. Ämphitrgon. Verräther dort! was soll ich davon denken? Sofias. Laßt mich gewähren. Das sind schlechte Kniffe, Das Diadem halt' ich in meinen Händen. 364 Amphttrvon. Amphitrgon. Wo? Sofias. Hier. (er zichi ein Kästchen ans der Tasche) AINpI) i 1 rgon. Das Siegel ist noch unverletzt! o n. Ich habe sonst von Wundern schon gehört, Von unnatürlichen Erscheinungen, die sich Aus einer andern Welt hieher verlieren; Zweiter 2lkt. Zweite Scene. 365 Doch heute knüpft der Faden sich von jenseits An meine Ehre und erdrosselt sie. Alkmrne. 24 K. 370 Amphitrhon. Dritte Scene. (Charis, Sofias) Charis. Was das mir für ein Auftritt war! er ist Verrückt, wenn er behaupten kann, daß er Im Lager die verfloss'ne Nacht geschlafen. — Nun wenn der Bruder kommt, so wird sich's zeigen. S osias. Dies ist ein harter Schlag für meinen Herrn. — Ob mir wohl etwas Aehnliches bcscheert ist? Ich muß ein wenig auf den Strauch hier klopfen. Charis, lfür sich) Was giebt's? er bat die Unverschämtheit dort, Mir maulend noch den Rücken zuznkehren. S osias. Es läuft, mein Seel', mir über'n Rücken, da ich Den Punkt, den kitzlichen, berühren soll. Ich möchte fast den Vorwitz bleiben lassen, Zuletzt ist's doch so lang wie breit, Wenn man's nur mit dem Licht nicht untersucht. — Frisch auf, der Wurf soll gelten, wissen muß ich's! — Hels' dir der Himmel, Charis! Charis. Was? du nahst mir noch, Verräther? was? du hast die Unverschämtheit, Da ich dir zürne, keck mich anzureden? Sofias. Nun, ihr gerechten! Götter sag' was hast denn du? Man grüßt sich doch, wenn man sich wiedersieht. Wie du gleich über nichts die Fletten sträubst. Zweiter Akt. Dritte Scene. Charis. Was nennst du über nichts? was nennst du nichts? Was nennst du über nichts? Nnwürd'ger! was? Sofias. Ich nenne nichts? die Wahrheit dir zu sagen, Was nichts in Prosa wie in Versen heißt, Und nichts, du weißt, ist ohngcfähr so viel, Wie nichts, versteh mich, oder nur sehr wenig. — Charis. Wenn ich nur wüßte, was die Hände mir Gebunden hält. Es kribbelt mir, daß ich's Kaum mäß'ge, dir die Augen auszukratzen, Und was ein wüthend Weib ist, dir zu zeigen. Sofias. Ei, so bewahr' der Himmel mich, was für ein Ansall! Charis. Nichts also nennst du, nichts mir das Verfahren, Das du dir schamlos gegen mich erlaubt? S ofias. Was denn erlaubt' ich mir? was ist gescheht:? Charis. Was mir geschehn? ei seht! den Unbefangenen! Er wird mir jetzo, wie sein Herr, behaupten, Daß er noch gar in Theben nicht gewesen. S ofias. Was das betrifft, mein Seel'! da sag' ich dir, Daß ich nicht den Geheimnißvollen spiele. Wir haben einen Teufelswein getrunken, Der die Gedanken rein uns weggespült. Charis. Meinst du, mit diesem Pfiff mir zu entkommen? 24 * 372 Amphitryo». Sofias. Nein, Charis, auf mein Wort. Ich will ein Schuft Wenn ich nicht gestern schon hier augekommen. Doch weiß ich nichts von allem, was gescheht!, Die ganze Welt war mir ein Dudelsack. Lharis. Du wüßtest nicht mehr, wie du mich behandelt, Da gestern Abend du in's Hau« getreten? Sofias. Der Henker hol' es! nicht viel mehr, als nichts; Erzähl's, ich bin ein gutes Haus, du weißt, Ich werd' mich selbst verdammen, wenn ich fehlte. Lharis. Unwürdiger! es war schon Mitternacht, Und langst das junge Fürstenpaar zur Ruhe, Als du noch immer in Amphitryons Gemächern weiltest, deine Wohnung noch Mit keinem Blick gesehn. Es muß zuletzt Dein Weib sich selber auf die Strümpfe machen, Dich aufzusuchen, und was find' ich jetzt? Wo find' ich jetzt dich, Pflichtvergessener? Hin auf ein Kissen find' ich dich gestreckt, Als ob du, wie zu Haus', hier hingehvrtest. Auf meine zartbekümmertc Beschwerde, Hat dies dein Herr, Amphitryon, befohlen, Du sollst die Reisestunde nicht verschlafen, Er denke früh von Theben aufzubrechen, Und was dergleichen faule Fische mehr — Kein Wort, kein freundliches, von deinen Lippen. Und da ich jetzt mich niederbeuge, liebend, Zweiter Akt. Dritte Lcenc. 373 Zu einem Kusse, wendest du, Halunke, Der Wand dich zu, ich soll dich schlafen lassen. Sofias. Brav, alter, ehrlicher Sofias! Charis. Was? Ich glaube gar du lobst dich noch? du lobst dich? S osias. Mein Seel', du mußt es mir zu Gute halten. Ich hatte Meerrettig gegessen, Charis, Und hatte Recht, dm Athem abzuwendcn. Charis. Ei was! ich hätte nichts davon gespürt, Wir hatten auch zu Mittag Meerrettig. Sofias. Mein Seel', das wußt' ich nicht. Man merkt's dann nicht. Charis. Du kommst mit diesen Schlichen mir nicht durch. Früh oder spät wird die Verachtung sich, Mit der ich mich behandelt sehe, rächen. Es wurmt mich, ich verwind' es nicht, was ich Beim Anbruch hier des Tages hören mußte, Und ich benutze dir die Freiheit noch, Die du mir gabst, so wahr ich ehrlich bin. Sofias. Welch' eine Freiheit Hab' ich dir gegeben? Lhari s. Du sagtest mir, und warst sehr wohl bei Sinnen, Daß dich ein Hörnerschmuck nicht kümmern würde, Ja daß du sehr zufrieden wärst, wenn ich Mit dein Thebaner mir die Zeit vertriebe, 374 Ampl'itryeii. Der hier, du weißt'?, mir auf der Fährte schleicht. Wohlan, mein Freund, dein Wille soll gcschehu. Sofias. Da« hat ein Esel dir gesagt, nicht ich. Spaß hier Lei Seit': davon sag' ich mich los; Du wirst in diesem Stück vernünftig sein. Charis. Kann ich es gleichwohl über mich gewinnen? S ofias. Still jetzt, Alkmene kommt, die Fürstin. Vierte Scene. (TUümcnc. Dir vorigen) lol l k in e n e. Charis! Was ist mir Unglücksel'gen widerfahren? Was ist geschehn mir, sprich? sieh' dieses Kleinod. Charis. Was ist dies für ein Kleinod, meine Fürstin? 7llkinen e. Das Diadem ist es des Labdakus, Das theure Prachtgeschenk Amphitryons, Worauf sein Namenszng gegraben ist. Charis. Dies? dies das Diadem des Labdakus? Hier ist kein Namenszug Amphitrhons. 7l l ü m c n c. Unselige, so bist du sinnbcraubt? Hier stünde nicht, daß man's mit Fingern läse, Mit großem goldgegrabnen Zug ein A? Zweiter Akt. Vierte Scene. 375 Lharis. Gewiß nicht, beste Fürstin. Welch ein Wahn? Hier steht ein andres fremdes Anfangszeichen; Hier steht ein I. Alkmenc. Ein I? Lharis. Ein I. Man irrt nicht. Alkmene. Weh' mir sodann! weh' mir! ich bin verloren. Lharis. Was ist's, erklärt mir, das ench so bewegt? Alkmcn e. Wie soll ich Worte, finden, meine Charis, Das Unerklärliche dir zu erklären? Da ich bestürzt mein Zimmer wieder finde, Nicht wissend, ob ich wache, ob ich träume, Wenn sich die rasende Behauptung wagt, Daß mir ein Anderer erschienen sei; Da ich gleichwohl den heißen Schmerz erwäg' Amphitryvns, und dies sein letztes Wort, Er geh' den eig'nen Bruder, denke dir! Den Bruder wider mich zum Zeugniß aufznrnfcn; Da ich jetzt frage, hast du wohl geirrt? Denn Einen äfft der Jrrthum doch von beiden, Nicht ich, nicht er, sind einer Tücke fähig; Und jener doppelsinn'ge Scherz mir jetzt Durch das Gedächtnis; zuckt, da der Geliebte, Amphitrvon, ich weiß nicht, ob du's hörtest, Mir auf Amphitrhon den Gatten schmähte, Wie Schaudern jetzt, Entsetzen mich ergreist 376 Arnphitr^on. Und alle Sinne treulos von mir weichen, — Fass ich, o du Geliebte, diesen Stein, Das einzig, unschätzbare, thenre Pfand, Das ganz untrüglich mir zum Zeugniß dient; Jetzt fass' ich's, will den wcrthen NamenSzng, Des lieben Lügners eignen Widersacher, Bewegt an die entzückten Lippen drücken: Und einen andern fremden Zug erblick' ich, Und wie vom Blitz steh' ich gerührt — ein I! Charis. Entsetzlich! solltet ihr getäuscht euch haben? Aikmenr. Ich mich getäuscht! Charis. Hier in deni Zuge, mein' ich. Alkmenc. Ja in dem Zug meinst du — so scheint es säst. Charis. Und also-? TNKnrcnc. Was und also—? Charis. Beruhigt euch; Es wird noch Alles sich zum Guten wenden. 7l l lr m e n c. O Charis! — Eh' will ich irren in mir selbst! Eh' will ich dieses innerste Gefühl, Das ich am Mntterbusen eingesogcn, Und das mir sagt, daß ich Alkmene bin, Für einen Parther oder Perser halten. Ist diese Hand mein? diese Brust hier mein? Zweiter Akt. Vierte Scene. 377 Gehört das Bild mir, das der Spiegel strahlt? Er wäre fremder mir, als ich! Nimm mir Das Aug', so hör' ich ihn; das Ohr, ich fühl' ihn; Mir da« Gefühl hinweg, ich athm' ihn noch; Nimm Aug' und Ohr, Gefühl mir und Geruch, Mir alle Sinn' und gönne mir das Herz: So läff'st du mir die Glocke, die ich brauche, Ans einer Welt noch find' ich ihn heraus. Charis. Gewiß! wie könnt' man auch nur zweifeln, Fürstin? Wie könnt' ein Weib in solchem Falle irren? Man nimmt ein falsches Kleid, ein HauSgcrälh, Doch einen Mann greift man im Finstern. Zudem, ist er uns Allen nicht erschienen? Empfing ihn freudig an der Pforte nicht DaS ganze Hofgesind', als er erschien? Tag war es noch, hier müßten tausend Augen Mit Mitternacht bedeckt gewesen sein. 7kl innen e. Und gleichwohl dieser wunderliche Zug! Warum fiel solch' ein fremdes Zeichen mir, Das kein verletzter Sinn verwechseln kann, Warum nicht auf den ersten Blick mir auf? Wenn ich zwei solche Namen, liebste Charis, Nicht unterscheiden kann, sprich, können sie Zwei Führern, ist es möglich, eigen sei», Die leichter nicht zu unterscheiden wären? Charis. Ihr seid doch sicher, hoff' ich, beste Fürstin? — 7k linnene. Wie meiner reinen Seele! meiner Unschuld! 378 Amrbilryo». Du müßtest denn die Regung mir mißdeuten, Daß ich ihn schöner niemals fand, als heut. Ich hätte für sein Bild ihn halten können, Für sein Gemälde, sich, von Äünsilershand, Dem Leben treu, in's Göttliche verzeichnet. Er stand, ich weiß nicht, vor mir wie ein Traum, Und ein unsägliches Gesühl ergriff Mich meines Glücks, wie ich es nie empfunden, Als er mir strahlend, wie in Glorie, gestern Der hohe Sieger von Pharissa nahte. Er war's, Amphitryon der Göttersohn! Nur schien er selber Einer schon mir der Verherrlichten, ich hätt' ihn fragen mögen, Ob er mir aus den Sternen nicderstiege. Charis. Einbildung, Fürstin, das Gesicht der Liebe. Ä l km c n e. Ach, und der doppeldeut'ge Scherz, o Charis, Der immer wiederkehrend zwischen ihm Und dem Amphitryon mir unterschied. War er'S, dem ich zu eigen mich gegeben, Warum stets den Geliebten nannt' er sich, Den Dieb nur, welcher bei mir nascht? Fluch mir, Die ich leichtsinnig diesem Scherz gelächelt, Kam er mir aus des Gatten Munde nicht. Charis. Quält euch mit übereiltem Zweifel nicht. Hat nicht Amphitryon den Zug selbst anerkannt, Als ihr ihm hent das Diadem gezeigt? Gewiß, hier ist ein Jrrthum, beste Fürstin. Wenn dieses fremde Zeichen ihn nicht irrte, Zweiter Akt. Fünfte Scene. 379 So folgt, daß es dem Steine eigen ist, Und Wahn hat gestern uns getäuscht, geblendet; Doch heut ist Alles, wie es soll. Alkmcn c. Und wenn er's flüchtig nur betrachtet hätte, Und jetzt mit allen Feldhcrrn wiederkehrte, Und die Behauptung rasend wiederholte, Daß er die Schwelle noch des Hauses nicht betrat! Nicht nur entblößt bin ich von jedem Zengniß, Ein Zengniß wider mich ist dieser Stein. Was kann ich, ich Verwirrte, dem entgegnen? Wohin rett' ich vor Schmerz mich, vor Vernichtung, Wenn der Verdacht der Männer ihn geprüft? Muß ich nicht eingestchn, daß dieser Zug Der Namcnszug nicht des Amphitryon? Nicht eingestehn, daß ein Geschenk mir nicht Mit fremden Zeichen von ihm kommen kann? Ja, schwör' ich auf dem Altar gleich, daß er Mir das Gestein selbst gestern überreicht, Bin ich wohl sicher, sprich, daß ich auch gestern Das Zeichen, das hier steht, von ihm empfing? Lharis. Faßt euch. Hier ist er selbst. Jetzt wird sich's lösen. Fünfte Seene. (Jupiter. Die vorigen) Al k m e n c. Mein Herr und mein Gemahl! vergönne mir, Daß ich dir knieend dieses Kleinod reiche. Ich lege treu mein Leben dir zu Füßen; 380 Amphitryon. Hast du mir diesen Stein, betracht' ihn wohl, Mit eines fremden Namens Zug gegeben, So küss' ich ihn vor Lust und wein' ans ihn; Gabst du ihn nicht, und längnest du ihn mir, Verläugnest ihn, so sei der Tod mein LooS, Und cw'ge Nacht begrabe meine Schmach. Jupiter. Mein schönes Weib! werd' ich den Stein ergreifen Da solch ein Werth vor mir im Staube liegt? Erhebe dich. Was willst du? Fasse dich. Ilkmene. Mein zuversichtlich Wort hat dich beleidigt, Ich fühlte damals schuldlos mich und stark. Doch seit ich diesen fremden Zug erblickt, Will ich dem innersten Gefühl mißtrauen: Ich glaub's — daß mir — ein Anderer — erschienen. Wenn es dein Mund mir noch versichern kann. Jupiter. Mein großes Weib! wie sehr beschämst du mich. Welch' eine Lüg' ist deiner Lipp' entflohen? Wie könnte dir ein Anderer erscheinen? Wer nahet dir, o du, vor deren Seele Nur stets des Ein — und Ein'gen Züge stehn? Du bist, du Heilige, vor jedem Zutritt Mit diamant'nem Gürtel angethan. Auch selbst der Glückliche, den du empfängst, Entläßt dich schuldlos noch und rein, und Alles, Was sich dir nahet, ist Amphitryon. I l ü in c n e. O mein Gemahl! kannst du mir gütig sagen, Warst du's, warst du es nicht? O sprich! du warst's! Zweiter Alt. Fünfte Scene. 381 Jupiter. Ich war's. Sei's wer cs wolle. Sei — sei ruhig. Was du gesehu, gefühlt, gedacht, empfunden, War ich: wer wäre außer mir, Geliebte? Wer deine Schwelle auch betreten hat, Mich immer hast du, Thcuerste, empfangen, Und für jedwede Gunst, die du ihm schenktest Bin ich dein Schuldner, und ich danke dir. Alk mene. Nein, mein Amphitryon, hier irrst du dich. Jetzt lebe wohl auf ewig, du Geliebter! Auf diesen Fall war ich gefaßt. Jupiter. Alkmcne! A l km cn e. Leb' wohl! leb' wohl! Jupiter. Was denkst du? Lttkmcnc. Fort, fort, fort — Jupiter. Mein Augenstern! Itlkmcne. Geh', sag' ich. Jupiter. Höre mich, lkmcn e. Ich will nichts hören, leben will ich nicht, Wenn nicht mein Busen mehr unsträflich ist. Jupiter. Mein angebetct Weib, was sprichst du da? 382 Amphitrhvn. Was könntest du, du Heilige, verbrechen? Und war' ein Teufel gestern dir erschienen, Und hält' er Schlamm der Siind', durchgciscrten, Aus Höllentiefcn über dich geworfen, Den Glanz von meines Weibes Busen nicht Mit einem Makel fleckt er! Welch ein Wahn! Ilkincne. Ich schändlich Hintergangene! Jupiter. Er war Der Hintergangene, mein Abgott! ihn Hat seine böse Kunst, nicht dich getauscht, Nicht dein unfehlbares Gefühl! Wenn er In seinem Arm dich wähnte, lagst du an Amphitryons geliebter Brust, wenn er Von Küssen träumte, drücktest du die Lippe Ans des Amphitryon geliebten Mund. O einen Stachel trägt er, glaub' es mir, Den aus dem liebeglüh'ndcn Busen ihm Die ganze Götterkunst nicht reißen kann. Ilkmenc. Daß ihn Zeus mir zu Füßen nicbcrstürzte! O Gott! wir müssen uns auf ewig trennen. Jupiter. Mich fester hat der Kuß, den du ihm schenktest, Als alle Lieb' an dich, die je für mich Aus deinem Busen loderte, geknüpft. Und könnt' ich aus der Tage flieh'ndem Reigen Den gestrigen, sieh, liebste Frau, so leicht Wie eine Dohl' aus Lüften nicderstürzcn, Zweiter Akt. Fünfte Scene. 383 Nicht um olympische Seligkeit wollt' ich, Und Zeus' unsterblich Leben, es nicht thun. Alkmene. Und ich, zehn Toden reicht' ich meine Brust. Geh'! Nicht in deinem Haus siehst du mich wieder. Du zeigst mich keiner Frau in Hellas mehr. Jupiter. Dem ganzen Kreise der Olympischen, Alkmene! — Welch ein Wort! dich in die Schaar Glanzwerfend aller Götter fuhr' ich ein. Und war' ich Zeus, wenn du dem Reigen nahtest, Dis ew'ge Here müßte vor dir aufstehn, Und Artemis, die strenge, dich begrüßen. Alkmcne. Geh, deine Güt' erdrückt mich. Laß mich fliehn. Jupiter. Alkmene! Alkmcnc. Laß mich. Jupiter. Meiner Seelen Weib! Alkmcnc. Amphitryon, du hörst's! Ich will jetzt fort. Jupiter. Meinst du, dich diesem Arme zu entwinden? A l k m c n e. Amphitryon, ich will's, du sollst mich lassen. Jupiter. Und flöh'st du über ferne Lander hin, Dem scheußlichen Geschlecht der Wüste zu, Bis an den Strand des Meeres folgt' ich dir, 384 Amphitryon. Ereilte dich, und küßte dich, und weinte, Und höbe dich in Armen auf, und trüge Dich im Triumph zu niciuem Bett zurück. I ikmcne. Nun dann, weil dn's so willst, so schwör' ich dir Und rufe mir der Götter ganze Schaar, Des Meineids fürchterliche Rächer auf: Eh' will ich meiner Gruft, als diesen Busen, So lang' er athmct, deinem Bette nahn. Jupiter. Den Eid, kraft angeborner Macht, zerbrech' ich Und seine Stücke werf' ich in die Lüfte. ES war kein Sterblicher, der dir erschienen, Zeus selbst, der Donnergott, hat dich besucht. Ilkmene. Wer? Jupiter. Jupiter. Ilkmene. Wer, Rasender, sagst du? Jupiter. Er, Jupiter, sag' ich. A l k m e n e. Er, Jupiter? Du wagst, Elender—? Jupiter. Jupiter sagt' ich, Und wiederhol's. Kein anderer, als er, Ist in verfloss'ner Nacht erschienen dir. iIlkmcne. Du zeihst, du wagst es, die Olympischen Des Frevels, Gottvergess'ner, der verübt ward? Zweiter Akt. Fünfte Scene. 385 Jupiter. Ich zeihe Frevels die Olympischen? Latz solch' ein Wort nicht, Unbesonnene, Aus deinem Mund mich wieder hören. Al kmene. Ich solch' ein Wort nicht mehr—? Nicht Frevel wär's—? Jupiter. Schweig', sag' ich, ich befehl'S. A l!> m e n e. Verlorner Mensch! Jupiter. Wenn du empfindlich für den Ruhm nicht List, Zu den Unsterblichen die Staffel zu ersteigen, Bin ich's: und du vergönnst mir, es zu sein. Wenn du Kallisto nicht, die herrliche, Europa auch und Leda nicht beneidest, Wohlan, ich sag's, ich neide Tyndarns, Und wünsche Söhne mir, wie Tyndariden. A l k m c n e. Ob ich Kallisto auch beneid'? Europa? Die Frauen, die verherrlichten, in Hellas? Die hohen Auserwählten Jupiters? Bewohnerinnen ew'gen Aetherreichs? Jupiter. Gewiss! was solltest du sie auch beneiden? Du, die gesättigt völlig von dem Ruhm, Den einen Sterblichen zu Füßen dir zu sehn. Alkincne. Was das für unerhörte Reden sind! Darf ich auch den Gedanken nur mir gönnen? Würd' ich vor solchem Glanze nicht versinken? H. v. Kleist z Werke, l. Bd. 25 38.6 Amphitrhv». Würd' ich, war' er's gewesen, noch das Leben In diesem warmen Busen freudig fühlen? Ich, solcher Gnad' unwerth? ich, Sünderin? Jupiter. Ob du der Gnade werth, ob nicht, kommt nicht Zn prüfen dir zu. Du wirst über dich, Wie er dich würdiget, ergehen lassen. Du unternimmst, Kurzsicht'ge, ihn zu meistern, Ihn, der der Menschen Herzen kennt? At Innen c. Gut, gut, Amphitrhon. Ich verstehe dich, Und deine Großmnth rührt mich bis zu Thräncn. Dn hast dies Wort, ich weiß es, hingeworfen, Mich zu zerstrenn — doch meine Seele kehrt Zn ihrem Schmerzgedankcn wiederum zurück. Geh' du, mein lieber Liebling, geh', mein Alles, Und find' ein andres Weib dir, und sei glücklich, Und laß des Lebens Tage mich durchweinen, Daß ich dich nicht beglücken darf. Jupiter. Mein theurcS Weib! wie rührst du mich! Sieh doch den Stein, den dn in Händen hältst. "t l k in e n c. Ihr Himmlischen, schützt mich vor Wahn! Jupiter. Jst's nicht sein Nam', und war's nicht gestern meiner? Ist hier nicht Wunder Alles, was sich zeigt? Hielt ich nicht heut dies Diadem noch in Versiegeltem Behältniß cingeschlossen? Und da ich's öffne, dir den Schmuck zu reichen, Find' ich die leere Spur nicht in der Wolle? Zweiter Akt. Fünfte Lccnc. 387 Seh' ich's nicht glänzend an der Brust dir schon? 7l l ü m c n r. So soll's die Seele denken? Jupiter, Der Götter ew'gcr und der Menschen Vater I Jupiter. Wer konnte dir die augenblickliche Goldwage der Empfindung so betrügen? Wer so die Seele dir, die weibliche, Die so vielgliedrig fühlend nur sich greift, So wie das Glockenspiel der Brust umgehn, DaS von dem Athem lispelnd schon erklingt? Illkmrne. Er selber! er! Jupiter. Nur die Allmächt'gen mögen So dreist wie dieser Fremdling dich besuchen, Und solcher Nebenbuhler triumphir' ich! Gern mag ich sehn, wenn die Allwissenden Den Weg zu deinem Herzen finden, gern, Wenn die Allgegenwärtigen dir nahn: Und müssen nicht sie selber noch, Geliebte, Amphitrpon sein, und seine Züge stehlen, Wenn deine Seele sic empfangen soll? Alkmcnc. Mm ja. Jupiter. Du Himmlische! Alkmrne. Wie glücklich bin ich! Und o wie gern, wie gern noch bin ich glücklich! Wie gern will ich den Schmerz empfunden haben, 25 » lsic küßt Ihn) 388 Amphitryim. Den Jupiter mir zugcsllgt, Bleibt mir nur Alles freundlich wie es war. Jupiter. Soll ich dir sagen, was ich denke? It l k in c n e. Nun? Jupiter. Und was, wenn Offenbarung uns nicht wird. So gar geneigt zu glauben ich mich fühle? Itlkmcne. Nun? und? du machst mir bang — Jupiter. Wie, wenn du seinen Unwillen — du erschrickst dich nicht — gereizt? .Alkmcnc. Ihn? ich? gereizt? Jupiter. Ist er dir wohl vorhanden? Nimmst du die Welt, sein großes Werk, Wohl wahr? Siehst du ihn in der Abcndröthe Schimmer, Wenn sie durch schweigende Gebüsche fällt? Hörst du ihn beim Gesäusel der Gewässer, Und bei dem Schlag der üpp'gen Nachtigall? Verkündet nicht umsonst der Berg ihn dir Gethürmt gen Himmel, nicht umsonst ihn dir Der felszcrsticbtcn Katarakten Fall? Wenn hoch die Sonn' in seinen Tempel strahlt Und, von der Freude Pulsschlag eingeläutet, Ihn alle Gattungen Erschafs'ner preisen, Steigst du nicht in des Herzens Schacht hinab Und betest deinen Götzen an? Zweiter Akt. Fünfte Lccne. 389 Ilkmene. Entsetzlicher! was sprichst du da? Kann man Ihn frömmer auch und kindlicher verehren? Verglüht ein Tag, daß ich an seinem Altar Nicht für mein Leben dankend und dies Herz, Für dich auch, du Geliebter, niedersänke? Warf ich nicht jüngst noch in gestirnter Nacht Das Antlitz tief, inbrünstig, vor ihm nieder, Anbetung, glüh'nd, wie Opferdampf, gen Himmel Ans dem Gebrodel des Gefühls entsendend? Jupiter. Weshalb warfst du auf's Antlitz dich? — war'S nicht, Weil in des Blitzes zuckender Verzeichnung Du einen wohlbekannten Zug erkannt? Älkmene. Mensch! Schauerlicher! woher weißt du das? Jupiter. Wer ist's, dem du an seinem Altar betest? Ist er's dir wohl, der über Wolken ist? Kann dein befangner Sinn ihn wohl erfassen? Kann dein Gefühl, nur an sein Nest gewöhnt, Zu solchem Fluge wohl die Schwingen wagen? Ist's nicht Arnphitryon der Geliebte stets, Vor welchem du im Staube liegst? IIkmen c. Ach ich Nnscl'ge, wie verwirrst du mich. Kann man auch UnwillkührlichcS verschulden? Soll ich zur weißen Wand des Marmors beten? Ich brauche Züge, um mir ihn zu denken. Jupiter. Siehst du? sagt' ich cs nicht? und meinst du nicht, daß solche 390 Amphitrhen. Abgötterei ihn kränkt? Wird er wohl gern Dein schönes Herz entbehren? nicht auch gern Bon dir sich innig angebetet suhlen? Alkmcne. Ach freilich wird er das. Wo ist der Sünder, Deß Huld'gung nicht den Göttern angenehm! Jupiter. Gewiss! er kam, wenn er dir niederstieg, Dir nur, um dich zu zwingen ihn zu denken, Um sich an dir, Vergessenen, zu rächen. Alkmene. Entsetzlich! Jupiter. Fürchte nichts. Er straft nicht mehr dich, Als du verdient. Doch künftig wirst du immer Nur ihn, versteh', der dir zu Nacht erschien, An seinem Altar denken, und nicht mich. A l In» en e. Wohlan! ich schwör's dir heilig zu! ich weiß Auf jede Miene, wie er ausgesehn, Und werd' ihn nicht mit dir verwechseln. Jupiter. Das thu'. Sonst wagst du, daß er wicderkvmmt. So oft du seinen Namenszng erblickst, Dem Diadem verzeichnet, wirst du seiner Erscheinung ans das Innigste gedenken, Dich der Begebenheit auf jeden Zug erinnern; Erinnern, wie vor dem Unsterblichen Der Schreck am Rocken dich durchzuckt; wie du Da« Kleinod von ihm eingetauscht; wer dir Beim Gürten hülfreich war, und was Zweiter Akt. Fünfte Scene. 391 Beim Ortolan geschehn. Und stört dein Gatte dich, So bittest du ihn freundlich, daß er dich Auf eine Stunde selbst dir überlasse. A > k in e n c. Gut, gut, du sollst mit mir zufrieden sein. Es soll in jeder ersten Morgenstunde Auch kein Gedanke fürder an dich denken: Jedoch nachher vergesst ich Jupiter. Jupiter. Wenn also jetzt in seinem vollen Glanze, Gerührt durch so viel Besserung Der ew'g' Erschütterer der Wolken sich dir zeigte, Geliebte! sprich, wie würdest du dich fassen? A linnene. Ach, der furchtbare Augenblick! hält' ich Doch immer ihn gedacht nur Leim Altar, Da er so wenig von dir unterschieden. Jupiter. Du sahst noch sein unsterblich Antlitz nicht, Alkmene. Ach, es wird das Herz vor ihm In tausendfacher Seligkeit dir aufgehu. Was du ihm fühlen wirst, wird Glut dir dünken, Und Eis, was du Amphitryon empfindest. Ja, wenn er deine Seele jetzt berührte, Und zum Olymp nun scheidend wiederkehrt, So wirst du das Unglaubliche erfahren, Und weinen, daß du ihm nicht folgen darfst. I l Ii m c n e. Nein, nein, das glaube nicht, Amphitryon. Und könnt' ich einen Tag znrücke leben, Und mich vor allen Göttern und Heroen 392 Auiphitryon. In meine Klause riegclfest verschließen, So willigt' ich — Jupiter. Wahrhaftig? thätst du das? Ilkm cne. So willigt' ich von ganzem Herzen ein. Jupiter, (für sich) Verflucht der Wahn, der mich hieher gelockt! I l k m c n e. Was ist dir? zürnst du? kränkt' ich dich, Geliebter? Jupiter. Du wolltest ihm, mein frommes Kind, Sein ungeheures Dasein nicht versüßen? Zhm deine Brust verweigern, wenn sein Hanpr, Das weltcnordnende, sie sucht, Auf ihren Flaumen auszuruhen? Ach Alkmene! Auch der Olymp ist öde ohne Liebe. Was giebt der Erdenvölker Anbetung Gestürzt in Staub, der Brust, der lechzenden? Er will geliebt sein, nicht ihr Wahn von ihm. In ew'ge Schleier eingehüllt, Möcht' er sich selbst in einer Seele spiegeln, Sich ans der Thräne des Entzückens wiederstrahlen. Geliebte, sieh! so viele Freude schüttet Er zwischen Erd' und Himmel endlos aus; Wärst du vom Schicksal nun bestimmt, So vieler Millionen Wesen Dank, Ihm seine ganze Fordrnng an die Schöpfung In einem cinz'gen Lächeln ausznzahlcn, Würd'st du dich ihm wohl — ach! ich kann'ö nicht denken, Laß mich's nicht denken — laß — Zweiter Akt. Fünfte Scene. 393 lettkmcnc. Fern sei von mir, Der Götter großem Rathschluß mich zn sträuben. Ward ich so heil'gem Amte auserkoren, Er, der mich schuf, er walte über mich! Doch — Jupiter. Nun? — A l k m e n c. Läßt man die Wahl mir — Jupiter. Läßt Alkmcne. Die Wahl, so bliebe meine Ehrfurcht ihm, Und meine Liebe dir, Amphitryon. Jupiter. Wenn ich nun dieser Gott dir wär'— ? Atkmrne. man dir — Wenn du — Wie ist mir denn! Wenn du mir dieser Gott wärst — Ich weiß nicht, soll ich vor dir niederfallen, Soll ich es nicht? bist dn'S mir? bist du's mir? Jupiter. Entscheide du. Amphitryon bin ich. A l k in c n c. Amphitryon — Jupiter. Amphitryon, dir ja. Doch wenn ich, frag' ich, dieser Gott dir wäre, Dir liebend vom Olymp herabgcstiegen, Wie würdest du dich dann zn fassen wissen? 394 Amphitryon. Ilümene. Wenn dn mir, Liebster, dieser Gott wärst — ja, So wüßt' ich nicht, wo mir Amphitryon wäre, So würd' ich folgen dir, wohin dn gehst, Und wär's auch, wie Euridikc, zum Orkus. Jupiter. Wenn du nicht wüßtest, wo Amphitryon wäre — Doch wie, wenn sich Amphitryon jetzt zeigte? Ilkmcnc. Wenn sich Amphitryon mir — ach, du quälst mich. Wie kann sich auch Amphitryon mir zeigen, Da ich Amphitryon in Armen halte? Jupiter. Und dennoch könnt'st du leicht im Wahn, es sei Amphitryon, den Gott in Armen halten, Warum soll dein Gefühl dich überraschen? Wenn ich, der Gott, dich hier umschlungen hielte, Und jetzo dein Amphitryon sich zeigte, Wie würd' dein Herz sich wohl erklären? I l k in e n e. Wenn dn, der Gott, mich hier umschlungen hieltest Und jetzo sich Amphitryon mir zeigte, Ja — daun so traurig würd' ich sein, und wünschen, Daß er der Gott mir wäre, und daß du Amphitryon mir bliebst, wie dn es bist. Jupiter. Mein süßes, angebetetes Geschöpf! In dem so selig ich mich, selig preise! So nrgemäß dem göttlichen Gedanken, In Form und Maaß und Sait' und Klang, Wie's meiner Hand Aeonen nicht entschlüpfte! Zweiter Akt. Sechste Scene. 395 A l li »i e n e. Amphitryon! Jupiter. Sei ruhig, ruhig, ruhig! Es wird sich alles dir zum Siege lösen. Es drängt den Gott Begier, sich dir zu zeigen, Und ehe noch des Sternenheeres Reigen Herauf durch's stille Nachtgefilde zieht, Weiß deine Brust auch schon, wem sie erglüht — Sofias! Sofias. Herr! Jupiter. Auf jetzt, mein treuer Diener, Auf daß sich dieser Tag verherrliche! Alkmeue hat sich liebend mir versöhnt: Und du, du gehst, und rufst zu einem Feste Im Lager mir, wo du sie triffst, die Gäste. (beide ab) Sechste Scene, (Charis, Sofias) Charis, (für sich) Was hast du da gehört, Unselige? Olymp'sche Götter wären es gewesen? Und der sich für Sofias hier mir gicbt, Der wäre einer der Unsterblichen, Apollon, Hermes, oder Ganymed? Sofias, l für sich! Der Blitzgott! ZenS soll es gewesen sein. 396 Amphitrhon. Charis, tfür sich) Pfui, schäme dich, wie du dich aufgesührt. Sofias. Ifür sich) Mein Seel', er war nicht schlecht bedient. Ein Kerl, der seinen Mann stand, und sich Für seinen Herrn schlug, wie ein Pantherthier. Charis. Du beliebst Mit deiner schlechten Dienerin zu scherzen. Solch ein Triumph, wie über uns gekommen, Ward noch in Theben nicht erhört. Sofias. Mir für mein Theil, schlecht ist er mir bekommen. Und ein gcmess'nes Maaß von Schande war' mir So lieb, als die verteufelten Trophäen, Die mir auf beiden Schultern prangen. — Doch ich muß eilen. LH aris. Ja, was ich sagen wollt' — Wer träumte, solche Gäste zu empfangen? Wer glaubte in der schlechten Menschen Leiber Zwei der Unsterblichen auch eingehüllt? Gewiß, wir hätten manche gute Seite, Die unachtsam zu Innerst blieb, mehr hin Nach außen wenden können, als geschehn ist. Sofias. Mein Seel', das hätt' ich brauchen können, Charis; Denn du bist zärtlich gegen mich gewesen, Wie eine wilde Katze. Bcss're dich. LH aris. Ich wüßte nicht, daß ich dich just beleidigt, Dir mehr gethan als sich — 398 Rnwhitrven. Sofias. Mich nicht beleidigt? Ich will ein Schust sein, wenn du heute Morgen Nicht Prügel, so gesalzene verdient, Als je herab sind ans ein Weib geregnet. C h a r i s. Nun was — w»S ist gescheht! denn? Sofias. Was gescheht,, Maulaffe? Hast du nicht gesagt, du würdest Dir den Thebaner holen, den ich jüngst Schon, den Halunken, aus dem Hause warf? Nicht mir ein Hörnerpaar versprochen? nicht Mich einen Hahnrei schamlos titulirt? Charis. Ei, Scherz! gewiß! Sofias. Ja, Scherz! kommst du Mit diesem Scherz mir wieder, prell' ich dir, Hol' mich der Teufel, eins —I Charis. O Himmel! wie geschieht mir? Sofias. Ter Saupelz! Charis. Blicke nicht so grimmig her! Das Herz in Stücken fühl' ich mir zerspalten! Sofias. Pfui, schäme dich, du Gotteslästerliche! So deiner heil'gen Ehepflicht zu spotten! Geh' mach' dich solcher Sünd' nicht mehr theilhaftig, Zweiter Alt. Sechste Scene. 399 DaS rath' ich dir — und wenn ich wieder komme, Will ich gebrat'nc Wurst mit Kohlköpf' essen. Charis. Was du begehrst! Was säum' ich auch noch länger? Was zaudr' ich noch? ist cr's nicht? ist er's nicht? Sofias. Ob ich es bin? Charis. Sieh mich in Staub. Sofias. Was fehlt dir? Charis. Sieh mich zerknirscht vor dir im Staube liegen. Sofias. Bist du von Sinnen? Charis. Ach du bist's! du bist'sl Sofias. Wer bin ich? Charis. Ach was läugnest du dich mir! Sofias. Ist heute Alles rasend toll? Charis. Sah' ich Aus deines Auges Flammenzornc nicht Deir fernhiutreffenden Apollon strahlen? Sofias. Apollon, ich? bist du des Teufels? — Der Eine Macht mich zum Hund, der Andre mich zum Gott? — Ich bin der alte, wohlbekannte Esel Sofias! (ab> 400 Amphitryon. Lharis. SosiaS? was? der alte, Mir wohlbekannte Esel dn, Sofias? Halunke, gut, daß ich das weiß, So wird die Bratwurst heute dir nicht heiß. Dritter Akt. Erste Scene. Ainphi1rz>on. Wie widerlich mir die Gesichter sind Von diesen Feldherrn. Jeder hat mir Glückwünsch' Für das erfocht'ne Treffen abznstattcn, Und in die Arme schließen muß ich jeden, Und in die Hölle jeden fluch' ich hin. Nicht Einer, dem ein Herz geworden wäre, Das meine, volle, darin anszuschütten. Daß man ein Kleinod ans versiegeltem Behältniß wegstiehlt ohne Siegellösnng — Sei's; Taschenspieler können nnS von fern Hinweg, was wir in Händen halten, gaunern; Doch daß inan einein Mann Gestalt und Art Entwendet, und bei seiner Frau für voll zahlt, Das ist ein leid'ges Höllcnstück des Satans. In Zimmern, die vom Kerzenlicht erhellt, (ab> Dritter Akt. Zweite Scene. 401 Hat man bis heut mit fünf gesunden Sinnen In seinen Freunden nicht geirret; Augen, Aus ihren Höhlen ans den Tisch gelegt, Vom Leib getrennte Glieder, Ohren, Finger, Gepackt in Schachteln, hätten hingereicht, Um einen Gatten zu erkennen. Jetzo wird man Dis Ehemänner brennen, Glocken ihnen, Gleich Hammeln um die Hälse hängen müssen. Zu argem Trug ist sie so sähig just, Wie ihre Tnrteltaub'; eh' will ich an Die Redlichkeit dem Strick entlanfner Schelme, Als an die Tücke dieses Weibes glauben. — Verrückt ist sie, und morgen, wenn der Tag graut, Werd' ich gewiß nach Aerzten schicken müssen. — Fänd' nur Gelegenheit sich, anzuknüpfen. Zweite Scene. (Merkur auf dem Altan. lAmphitr^on) Merkur. < für sich! Auf dies verliebte Erdenabentheuer Dir, alter Vater Jupiter, zu folgen, Es ist ein wahres Freundschaftsstück Merkurs. Beim Styx! mir macht's von Herzen Langeweile. Denn jener Zofe Charis täuschender Als es vonnöthen, den Gemahl zn-spielen, So groß in dieser Sach' ist nicht mein Eifer. — Ich will mir hier ein Abentheuer suchen, Und toll den eifersücht'gcn Kauz dort machen. Ainph itrzion. Warum verriegelt man am Tage denn dies Hans? H. v. Kleists Weile. I. Bd. 26 402 Amphitryoii. Merkur. Holla! Geduld! wer klopfet? Amphitrzion. Ich. M e r k u r. Wer? Ich! trlmphitrxon. Ah! öffne! M crku r. Oeffne! Tölpel! wer denn bist du, Der solchen Lärm verführt, so zu mir spricht? irl m p h i l r g o n. Ich glaub' du keimst mich nicht? Merkur. O ja; Ich keime jeden der die Klinke drückt. — Ob ich ihn kenne! A m p h i t r g o n. Hat ganz Theben heut Tollwnrz gefressen, den Verstand verloren? — Sofias! he! Sofias! Merkur. Ja, Sofias! So heiß' ich. Schreit der Schuft nicht meinen Namen, Als ob er sorgt', ich möcht' ihn sonst vergessen. Amphilrgou. Gerechte Götter! Mensch! siehst du mich nicht? Merk« r. Was giebr's? Vollkommen. Dritter Akt. Zweite Tcene. 403 iAmphitrgon. Halunke! was es giebt? Merk ur. Was giebt's beim nicht? Zum Teufel! sprich, soll mau dir Rede stehn. Amphitrgon. Du Hundsfott, wart'! mit einem Stock da oben Lehr' ich dich, solche Sprache mit mir führen. M er k u r. Ho, ho! da unten ist ein ungeschliffner Riegel. Nimm's nicht für ungut. A in phitr!> c> n. Teufel! Merkur. Fasse dich. Amphitrgon. Heda! ist niemand hier zu Hause? M c r k u r. Philippus! Charmion! wo steckt ihr denn! Amphitrzion. Der Niederträchtige! Merkur. Man muß dich doch bedienen. Doch harrst du in Geduld nicht, bis sie kommen, Und rührst mir noch ein einzig's Mal Den Klvpfel an, so schick' ich von hier oben Dir eine sausende Gesandtschaft zu. Amphitrjioil. Der Freche! der Schamlose, der! ein Kerl, Den ich mit Füßen oft getreten; den ich, Wenn mir die Lust kommt, krcnz'gcn lassen könnte. — 26 * 404 AmplnMion. M erku r. Nim? bist du fertig? hast du mich besehen? Hast du mit deinen stieren Augen bald Mich ausgemessen? wie er auf sie reißt! Wenn man mit Blicken um sich beißen könnte, Er hätte mich bereits zerrissen hier. Ainphiirgon. Ich zittre selbst, Sofias, wenn ich denke, Was du mit diesen Reden dir bereitest. Wie viele Schlag' entsetzlich warten dein! — Komm, steig' herab, und offne mir. Merkur. Sinn endlich! Amphitrgon. Laß mich nicht länger warten, ich bin dringend. M c r k u r. Erfährt man doch, was dein Begehren ist. Ich soll die Pforte unten öffnen? Amphitrgon. Ja. Merkur. Nun gut. Das kann man auch mit Gutem sagen, Wen suchst du? Amphiirgon. Wen ich suche? Merkur. Wen du suchst, Zum Teufel! bist du taub? wen willst du sprechen? Ämphitrzion. Wen ich will sprechen? Hund! ich trete alle Knochen Dir ein, wen» sich bas'Hans mir öffnet. Dritter Akt. Zweite Scene. 40b Merkur. Freund, weißt du was? ich rath' dir, daß du gehst. Du reizest mir die Galle. Geh, geh, sag' ich. Ämphitrzion. Du sollst, du Niederträchtiger, erfahren, Wie man mit einem Knecht verfährt, Der seines Herren spottet. Merk u r. Seines Herrn? Ich spotte meines Herrn? du wärst mein Herr? — Amph itrgon. Jetzt hör' ich noch, daß er's mir läugnet. Merk» r. Ich kenne Nur Einen, und das ist Amphitrpon. Amphitrjion. Und wer ist außer mir Amphitrpon, Triefäug'ger Schuft, der Tag und Nacht verwechselt? M erku r. Amphitrpon? Amphitrgon. Amphitrpon, sag' ich. M c r k u r. Ha, ha! O ihr Thebaner, kommt doch her. Amp hilrgon. Daß mich die Erd' entlasst'! solch' eine Schmach! Merkur. Hör' guter Freund dort! nenn' mir doch die Kneipe, Wo du so selig dich gezecht! A m p h i t r g o n. O Himmel! 406 Amphitryon. Merkur. War's junger oder alter Wein? Amphitryon. Ihr Götter! Merkur. Warum nicht noch ein Gläschen inehr? du hättest Zum König von Aegypten dich getrunken! Amphitryon. Jetzt ist es aus mit mir. M erku r. Geh', lieber Junge, Du thust mir leib. Geh', lege dich auf's Ohr. Hier wohnt Amphitryon, Thebaucrfeldherr, Geh', störe seine Ruhe nicht. Amphitryon. Was? dort im Hause wär' Amphitryon? Merkur. Hier in dem Hause ja, er und Alkmene! Geh', sag' ich noch einmal, und hüte dich Das Glück der Leiden Liebenden zu stören, Willst du nicht, daß er selber dir erscheinen Und deine Unverschämtheit strafen soll. Dritte Scene. Amphitryon. Was für ein Schlag fällt dir, Unglücklicher! Vernichtend ist er, es ist aus mit mir. Begraben bin ich schon, und meine Wittwe Schon einem andern Ehgemahl verbunden. Welch' ein Entschluß ist jetzo zu ergreifen? lab) Dritter Akt. Wirrte Scene. 407 Soll ich die Schande, die mein Hans getroffen, Der Welt erklären, soll ich sie verschweigen? Was! hier ist nichts zu schonen. Hier ist nichts In dieser Rathsversammlung laut, als die Empfindung nur, die glühende, der Rache, Und meine einz'ge zarte Sorgfalt sei, Daß der Verräther lebend nicht entkomme. Vierte Scene. (Sofias, Feldherren, Tlmphilrzion) Sofias. Hier seht ihr Alles, Herr, was ich an Gästen In solcher Eil' zusammenbringen konnte. Mein Seel', speis' ich auch nicht an eurer Tafel, Das Essen Hab' ich doch verdient. Tlmphitrzron. Ah sieh'! da bist du. Sofias. Nun? Amphitrzion. Hund! jetzo stirbst du. Sofias. Ich? sterben? Amphitrzion. Jetzt erfährst du, wer ich bin. Sofias. Zum Henker, weiß ich's nicht? Ainphitrzion. Du wußtest es, Verräther? (Et legt die Hand an den Degen) 408 Amphitrt'mi. Sofias. Ihr Herren, nehmt euch meiner an, ich bitt' euch. Erster Feldherr. Verzeiht! o n. Wer bist du? ihr allmächt'gen Götter! Zweiter Feldherr. Was seh' ich? Himmel! zwei Amphitryon! Zlmp h i tr zr o ». Starr ist vor Schrecken meine ganze Seele! Weh' mir! das Räthsel ist nunmehr gelöst. Erster Feldherr. Wer von euch beiden ist Amphitryon? Zweiter Feldherr. Fürwahr! zwei so einander uachgeformte Wesen, Kein menschlich Auge unterscheidet sie. (er klopft) Dritter Akt. Fünfte Scene. 411 Sofias. Ihr Herrn, hier ist Amphitryon; der Andre, Ein Schubiak ist's, der Züchtigung verdient. (Er stellt sich auf Jupiters Seite) Dritter Feldherr, (auf Slmphitryv» deutend) Unglaublich! dieser ein Verfälscher hier? Ztmphitrxon. G'nug der unwürdigen Bezauberung! Ich schließe das Geheimnis; auf. (er legt die Hand an den Degen) Erster Feldherr. Halt! irt m p h i 1 r A o ». Laßt mich! Zweiter Feldherr. Was beginnt ihr? Zlmphitrpon. Strafen will ich Den niederträchtigsten Betrug! fort, sag' ich. Jupiter. Fassung dort! Hier bedarf es nicht des Eifers, Wer so besorgt um seinen Namen ist, Wird schlechte Gründe haben, ihn zu führen. Sofias. Das sag' ich auch. Er hat den Bauch Sich ausgestopft, und das Gesicht bemalt, Der Gauner, um dem Hausherrn gleich zu sehn. Iniphitrzion. Bcrräther! dein empörendes Geschwätz Dreihundert Peitschenhiebe strafen es, Dir von drei Armen wechselnd zugetheilt. 412 Amphitryon. Sofias. Ho, ho! mein Herr ist Mann von Herz, Der wird dich lehren seine Leute schlagen. Amphitrpon. Wehrt nur nicht langer, sag' ich, meine Schmach In des Verräthers Herzblut abznwaschen. Erster Feldherr. Verzeiht uns, Herr! wir dulden diesen Kampf nicht, Amphitryon's mit dem Amphitryon. Amphitrpon. Was? ihr — ihr duldet nicht—? Erster Feldherr. Ihr müßt euch fassen. Amphitryon. Ist das mir eure Freundschaft auch, ihr Feldherr»? Das mir der Beistand, den ihr angelobt? Statt ineiner Ehre Rache selbst zu nehmen, Ergreift ihr des Betrügers schnöde Sache, Und hemmt des Nacheschwerts gerechten Fall? Erster Feldherr. War' euer Urtheil frei, wie es nicht ist, Ihr würdet unsre Schritte billigen. Wer von euch beiden ist Amphitryon? Ihr seid es, gut; doch jener ist es auch. Wo ist des Gottes Finger, der uns zeigte, In welchem Busen, einer wie der andre, Sich lauernd das Verrätherherz verbirgt? Ist es erkannt, so haben wir, nicht zweifelt, Das Ziel auch unsrer Rache aufgefunden. Jedoch so lang' des Schwertes Schneide hier In blinder Wahl nur um sich wüthen könnte, Dritter Akt. Fünfte Scene. Bleibt es gewiß noch besser in der Scheide. Laßt uns in Ruh' die Sache untersuchen, . Und fühlt ihr wirklich euch Amphitryon, Wie wir in diesem sonderbaren Falle Zwar hoffen, aber auch bezweifeln müssen, So wird es schwerer euch als ihm nicht werden Uns diesen Umstand gültig zu beweisen. I m p l) i I r g o n. Ich euch den Umstand? — Erster Feldherr. Und mit trift'gcn Gründen. GH' wird in dieser Sache nichts geschehn. Jupiter. Recht hast du, Photidas; und diese Gleichheit, Die zwischen uns sich angeordnet findet, Entschuldigt dich, wenn mir dein Urtheil wankt. Ich zürne nicht, wenn zwischen mir und ihm Hier die Vergleichung an sich stellen soll. Nichts von des Schwerts feigherziger Entscheidung! Ganz Theben denk' ich selber zu berufen, Und in des Volks gedrängtester Versammlung, Ans wessen Blut ich stamme, darzuthun. Er selber dort soll meines Hauses Adel, Und daß ich Herr in Theben, anerkennen; Vor mir in Staub das Antlitz soll er senken, Mein soll er Thebens reiche Felder alle, Mein alle Heerdcn, die die Triften decken, Mein auch dies Haus, mein die Gebieterin, Die still in seinen Räumen waltet, nennen. Es soll der ganze Weltenkreis erfahren, Daß keine Schmach Amphitryon getroffen. 414 Amphitrtzo». Und den Verdacht den jener Thor erregt, Hier steht, wer ihn zu Schanden machen kann. — Bald wird sich Theben hier zusammenfinden; Indessen kommt und ehrt die Tafel gütigst, Zn welcher euch Sofias cingcladen! Sofias. Mein Seel', ich wußt' es wohl. — Dies Wort, ihr Herrn, Streut allen weitern Zweifel in die Lüfte. Der ist der wirkliche Amphitrhon, Bei dem zu Mittag jetzt gegessen wird. Amphitrgon. Ihr ew'gen und gerechten Götter! Kann auch so tief ein Mensch erniedrigt werden? Von dem verruchtesten Betrüger mir Weib, Ehre, Herrschaft, Namen stehlen lassen! Und Freunde binden mir die Hände? Erster Feldherr. Ihr müßt, wer ihr auch seid, euch noch gedulden. In wenig Stunden wissen wir's. Alsdann Wird ungesäumt die Rache sich vollstreckcn, Und Wehe! rns' ich, wen sic trifft. Imphit r L o n. Geht, ihr Schwachherz'gcn! huldigt dem Verräther! Mir bleiben noch der Freunde inehr, als ihr. Es werden Männer noch in Theben mir begegnen, Die meinen Schmerz im Busen Mitempfinden, Und nicht den Arm mir weigern, ihn zu rächen. Jupiter. Wohlan! du rufst sie. Ich erwarte sie. m p h i t r g o ». Marktschreierischer Schelm! du wirst inzwischen Dritter Akt. Sechste Scene. 415 Dich durch die Hintcrthiir zu Felde machen. Doch meiner Rach' entfliehst du nicht! Jupiter. Du gehst, und rufst, und bringst mir deine Freunde, Nachher fag' ich zwei Worte, jetzo nichts. Amphitrpon. Beim Zeus, da sagst du wahr, dem Gott der Wolken! Denn ist es mir bestimmt dich aufzufinden, Mehr als zwei Worte, Mordhund, sagst du nicht, Und bis an's Heft füllt dir das Schwert den Rachen. Jupiter. Dn rufst mir deine Freund'; ich sag' auch nichts, Ich sprech' auch bloß mit Blicken, wenn du willst. I m p h i t r p o n. Fort, jetzo, schleunig, eh' er mir entwischt! Die Lust, ihr Götter, müßt ihr mir gewähren, Ihn eurem Orkus heut noch znznscnden! Mit einer Schaar von Freunden kehr' ich wieder, Gewaffncter, die mir dies Haus umnetzen, Und, einer Wespe gleich, drück' ich den Stachel Ihm in die Brust, anssangend, daß der Wind Mit seinem trocknen Bein mir spielen soll. Sechste Scene. (Jupiter, Sofias, die Feldherren) Jupiter. Auf denn, ihr Herrn, gefällt's euch! ehrt dies HanS Mit eurem Eintritt. lab) 416 Ampbitrvon. Erster -Feldherr. Nim, bei meinem Eid! Dies Abentheu'r macht meinen Witz zu Schanden. Sofias. Jetzt schließt mit dem Erstaunen Waffenstillstand, Und geht, und tischt, und pokulirt bis morgen. <3upitcr und die Feldherren ab) Siebente Scene. Sofias. Wie ich mich jetzt auch auf den Stuhl will setzen! Und wie ich tapfer, Wenn man vom Kriege spricht, erzählen will. Ich brenne, zu berichten, wie man bei Pharissa eingehauen; und mein Lebtag Hatt' ich noch so wolfmäß'gcn Hunger nicht. Achte Scene. (Merkur, Sofias) Mer knr. Wohin? ich glaub', du steckst die Nase auch hierher? Durchschnüffler, unverschämter du, der Küchen! Sosia s. Nein! mit Erlanbniß! Mer kn r. Fort! hinweg dort, sag' ich! Soll ich die Haube dir zurechte setzen? Sofias. Wie? was? großmüthigeS und edles Ich, Dritter Akt. Achte Scene. 417 Fass dich! verschon' ein wenig den Sofias, Sofias! Wer wollte immer bitterlich Erpicht sein, auf sich selber loszuschlagen? M erkn r. Du fällst in deine alten Tücken wieder? Du nimmst, Nichtswürdiger, den Namen mir? Den Namen des Sofias mir? Sofias. Ei, was! behüt' mich Gott, mein wackres Selbst, Werd' ich so karg dir, so mißgünstig sein? Nimm ihn, zur Hälfte, diesen Namen hin, Nimm ihn, den Plunder, willst du'S, nimm ihn ganz. Und wär's der Name Kastor oder Pollux, Was theilt' ich gern nicht mit dir, Bruderherz? Ich dulde dich in meines Herren Hause, Dnld' auch du mich in brüderlicher Liebe, Und während jene beiden eifersücht'gen Amphitryonen sich die Hälse brechen, Laß die Sofias einverständig beide Zu Tische sitzen, und die Becher heiter Zusammenstößen, daß sie leben sollen! Merkur. Nichts, nichts! — der aberwitz'ge Vorschlag der! Soll ich inzwischen Hungerpfoten saugen? Es ist für Einen nur gedeckt. Sofias. Gleichviel! Ein mütterlicher Schooß hat uns Geboren, Eine Hütte uns beschirmt, In Einem Bette haben wir geschlafen, Ein Kleid ward brüderlich, Ein Loos uns beiden, So laß uns auch aus Einer Schüssel essen. H. o. Klcist'z W-lkc. I. Bd. 27 418 Amphitryoii. Merkur. Von ver Gemeinschaft weiß ich nichts. Ich bin Von Jugend mntterseel' allein gewesen, Und weder Bette Hab' ich je, noch Kleid, Noch einen Bissen Brot gethcilt. Sosias. Besinne dich. Wir sind zwei Zwillingsbrüder. Du bist der ältre, ich bescheide mich, Du wirst in jedem Stück voran mir gehen. Den ersten nimmst du und die ungeraden, Den zweiten Löffel und die gradcn ich. LU e r ü n r. Nichts. Meine volle Portion gebrauch' ich, Und was mir übrig bleibt, das heb' ich auf. Den wollt' ich lehren bei den großen Göttern, Der mit der Hand mir auf den Teller käme. Sofias. So dulde mich als deinen Schatten mind'stens, Der hinter'» Stuhl entlang fällt, wo du iss'st. LUerüur. Auch nicht als meine Spur im Saude! Fort! Sofias. O du barbarisch Herz! du Mensch von Erz, Auf einem Amboß keilend ausgeprägt! LU e r k ii r. WaS denkst du, soll ich wie ein wandernder Geselle vor dem Thor in's Gras mich legen, Und von der blauen Luft des Himmels leben? Ein reichlich zugcmess'nes Mahl hat heut Bei Gott! kein Pferd so gut verdient, als ich. Kam ich zu Nacht nicht aus dem Lager an? Dritter Akt. Achte Scene. 419 Mußt' ich zurück nicht wieder mit dem Morgen, Um Gäste für die Tafel aufzutreiben? Hab' ich auf diesen Teufelsreiscn mir Nicht die geschäft'gen alten Beine fast Bis aus die Hüften tretend abgelanfen? Wurst giebt es heut und aufgewärmten Kohl, Und die just brauch' ich, um mich hcrznstellen. Sofias. Da hast du Recht. Und über die verfluchten Kienwurzeln, die den ganzen Weg durchflechten, Bricht man die Beine fast sich, und den Hals. M c r k n r. Nun also! Sofias. — Ich Verlass'ner von den Göttern! Wurst also hat die Charis—? M erkur. Frische, ja. Doch nicht für dich. Mau hat ein Schwein geschlachtet. Und Charis Hab' ich wieder gut gemacht. Sofias. Gut, gut. Ich lege mich in's Grab. Und Kohl? M cr Kur. Kohl, aufgewärmten, ja. Und. wem das Wasser Im Mund etwa zusammcnläust, der hat Bor mir und Charis sich in Acht zu nehmen. S osias. Vor mir freßt euren Kohl, daß ihr dran stickt. Was brauch' ich eure Würste? wer den Vögeln Im Himmel Speisung reicht, wird auch, so denk' ich, Den alten ehrlichen Sofias speisen. 27 * 420 Ainphitryon. Merkur. Du giebst, Verräther, dir den Namen noch? Du wagst, Hund, niederträcht'gcr — Sofias. Ei was! ich sprach von mir nicht. Ich sprach von einem alten Anverwandten Sofias, der hier sonst in Diensten stand — Und der die andern Diener sonst zerbläute, Bis eines Tags ein Kerl, der wie aus Wolken fiel, Ihn ans dem Haus warf, just zur Essenszeit. M e r k u r. Nimm dich in Acht, sag' ich, und weiter nichts. Nimm dich in Acht, rath' ich dir, willst du länger Zur Zahl noch der Lebendigen dich zählen. Sofias, (für sich! Wie ich dich schmeißen würde, hätt' ich Herz, Du von der Bank gcfallncr Gauner, du, Von zuviel Hochmuth aufgebläht. Merku r. Was sagst du? Sofias. Was? Merkur. Mir schien, du sagtest etwas — Sofias. Ich? Merkur. - Du. Sofias. Ich mucks'te nicht. Dritter Akt. Neunte Scene. 421 Merkur. Ich hörte doch von Schmeißen, irr' ich nicht — Und von der Bank gefallnem Gauner reden? Sofias. So wird's ein Papagei gewesen sein. Wenn's Wetter gut ist, schwatzen sie. Merkur. Es sei. Du lebst jetzt wohl. Doch juckt der Nucken dir, In diesem Haus' hier kannst du mich erfragen. Neunte Scene. Sofias. Hochmüth'ger Satan! möchtest du am Schwein Den Tod dir holen, das man schlachtete! — „Den lehrt' er, der ihm auf den Teller käme!" — Ich möchte eh'r mit einem Schäferhund Halbpart, als ihm, aus einer Schüssel essen. Sein Vater könnte Hungers vor ihm sterben, Daß er ihm auch so viel nicht gönnt, als ihm In hohlen Zähnen kauend stecken bleibt. — Geh'! dir geschieht ganz recht, Abtrünniger. Und hätt' ich Wärst' in jeder Hand hier Eine, Ich wollte sie in meinen Mund nicht stecken. So seinen arnien w ackern Herrn verlassen, Den Ueberinacht aus seinem Hause stieß. — Dort naht er sich mit rüst'gen Freunden schon. — Und auch von hier strömt Volk herbei! was giebt's? l°b, 422 Amphitryon. Zehnte Scene. (Olmphitrgon mit Obersten von der einen üol!« von der ander» Seite) Olmphitrxon Seid mir gegrüßt! wer rief euch, meine Freunde? Einer aus dem Kolk. Herolde riefen durch die ganze Stadt, Wir sollten uns vor eurem Schloß versammeln. Ol IN phi l rj> on. Herolde! und zu welchem Zweck? Derseld e. Wir sollten Zeugen sein, so sagte man, Wie ein entscheidend Wort aus eurem Munde Das Näthscl lösen wird, das in Bestürzung Die ganze Stadt gesetzt. Ol mp hitrzion. (zu den Obersten) Der Uebermüth'ge! Kann man die Unverschämtheit weiter treiben? Zweiter «Oberster. Zuletzt erscheint er noch. Olmphitrg> on. Was gilt's? er thut's. Erster «Oberster. Sorgt nicht. Hier steht Argatiphontidas. Hab' ich nur erst in's Auge ihu gefaßt, So tanzt sein Leben auch auf dieses Schwertes Sstitze. Ol IN Phitrgon. lzum Volk) Ihr Bürger Thebens hört mich an! Ich bin es nicht, der euch hieher gerufen, Wenn eure strömende Versammlung gleich Bon Herzen mir willkommen ist. Er war's, Dritter Akt. Zehnte Lccne. 423 Der lügnerische Höllcngeist, der mich Aus Theben will, ans meiner Frauen Herzen, Aus dem Gedächtnis; mich der Welt, ja könnt' er's Aus des Bewußtseins eigner Feste drangen. Drum sammelt eure Sinne jetzt, und war't Ihr tansendäugig auch, ein Argus jeder, Geschickt, zur Zeit der Mitternacht, ein Heimchen Aus seiner Spur im Sande zu erkennen, So reißet, laßt die MUH' euch nicht verdrießen, Jetzt eure Augen ans, wie Maulwürfe, Wenn sie zur Mittagszeit die Sonne suchen; All' diese Blicke werft in einen Spiegel, Und kehrt den ganzen vollen Strahl auf mich, Von Kopf zu Fuß ihn auf und niederführend, Und sagt mir an, und sprecht, und steht mir Rede: Wer bin ich? Das Üolk. Wer du bist? Amphitryon! trl m p h i t r g o n. Wohlan. Amphitryon. Es gilt. Wenn nunmehr Dort jener Sohn der Finsternis; erscheint, Der ungeheure Mensch, auf dessen Haupte Jedwedes Haar sich, wie auf meinem, krümmt; Wenn euren trngverwirrtcn Sinnen jetzt Nicht so viel Merkmal wird, als Mütter brauchen, Um ihre jüngsten Kinder zu erkennen; Wenn ihr jetzt zwischen mir und ihm, wie zwischen Zwei Wassertropfen, euch entscheiden müßt, Der Eine süß und rein und acht und silbern, Gift, Trug und List, und Mord und Tod der Andre: Alsdann erinnert euch, baß ich Amphitryon, 424 Amphitrvoii. Ihr Bürger Thebens, Lin, Der dieses Helmes Feder eingeknickt. Volk. Oh! Oh! was machst du? laß die Feder ganz, So lang' du blühend uns vor Augen stehst. Zweiter Oberster. Meint ihr, wir würden auch? — Ztmphitrgon. Laßt mich, ihr Freunde. Bei Sinnen fühl' ich mich, weiß, was ich thne. Erster Oberster. Thut, was ihr wollt. Inzwischen werd' ich hoffen, Daß ihr die Possen nicht für mich gemacht. Wenn eure Feldherrn hier gezaudert haben, Als jener Aff' erschien, so folgt ein Gleiches Noch nicht für den Argatiphontidas. Braucht uns ein Freund in einer Ehrensache, So soll in's Auge man den Helm sich drücken, Und auf den Leib dem Widersacher gehn. Den Gegner lange schwadroniren hören, Steht alten Weibern gut; ich, für mein Theil, Bin für die kürzesten Prozesse stets; In solchen Fällen fängt man damit an, Dem Widersacher ohne Federlesens Den Degen querhin durch den Leib zu jagen. Argatiphontidas, mit einem Worte, Wird heute Haare auf den Zähnen zeigen, Und nicht von einer andern Hand, beim Ares, Beißt dieser Schelm in's Gras, ihr seht's, als meiner. Ainphitrgon. Auf denn! Dritter Akt. Zehnte Secne. Sofias. Hier leg' ich mich zu enern Füßen, Mein achter, edler und verfolgter Herr. Gekommen bin ich völlig zur Erkcnntniß, Und warte jetzt auf meines Frevels Lohn. Schlagt, ohrfeigt, prügelt, stoßt mich, tretet mich, Gebt mir den Tod, mein Seel' ich muckse nicht. I m p h i t r o n. Steh' ans. Was ist geschehen? Sofias. Vom aufgetragnen Essen Nicht den Geruch auch hat man mir vergönnt. Das andre Ich, des andren Ihr Bedienter, Vom Teufel wieder völlig war's besessen, Und kurz ich bin entsosiatisirt, Wie man euch entamphitrponisirt. Slinphitrsion. Ihr hört's, ihr Bürger. Sosias. Ja, ihr Bürger Thebens! Hier ist der wirkliche Amphitryon; Und jener, der bei Tische sitzt, Ist Werth, daß ihn die Raben selber fressen. Aus! stürmt das HauS jetzt, wenn ihr wollt so gut sein, So finden wir den Kohl noch warm. Ämphitrz> on. Folgt mir. Sofias. Doch seht! da kommt er selbst schon. Er und sie. 426 Ainphitryt.'ii. Eilfte Scene. (Jupiter, ZlUmiene, Merkur, Charis, Feldherren, dir vorigen) Alkinciie. Entsetzlicher! ei» Sterblicher, sagst du, Und schmachvoll willst du seinem Blick mich zeigen? Volk. Ihr ew'gen Götter! was erblicken wir! Jupiter. Die ganze Welt, Geliebte, muß erfahren, Daß Niemand deiner Seele nahte, Als nur dein Gatte, als Amphitryon. irl m p h i 1 r zz o n. Herr, meines Lebens! die Unglückliche! I. l k m e» e. Niemand! kannst ein gefall'ncs Loos du ändern? Die Cd erst eil. All' ihr Olympischen! Amphitryon dort. Jupiter. Dn bist dir's, Theuerste, dn bist mir's schuldig, Du mußt, du wirst, mein Leben, dich bezwinge»; Komm, sammle dich, dein wartet ein Triumph! IinpI, itry o ». Blitz, Hält' und Teufel! solch ein Auftritt mir? Jupiter. Seid mir willkommen, Bürger dieser Stadt. inp h i tr o n. Mordhuud! sie kamen dir den Tod zu geben. Auf jetzt! (erzieht) Zweiter Feldherr. (Irin ihm in den Weg) Halt dort! Dritter Akt. Eilste Scene. 427 Ilmphitrgo n. Auf, ruf' ich, ihr Thebaner! Erster Feldherr. lauf Amphitryon deutend) Thebaner, greift ihn, rns' ich, den Verräther! Iimphitrj> on. Argatiphontidas! Erster Vberstcr. Bin ich behext? Vas Uolk. Kann sich ein menschlich Auge hier entscheiden? A m p h i t r g o n. Tod! Teufel! Wuth und keine Rache! Vernichtung! (ec fällt dem Sofias In die Arme) Jupiter. Thor, der du List, laß dir zwei Worte sagen. Sofias. Mein Seel'I er wird schlecht hören. Er ist todt. Erster Ebenster. Was hilft der eingeknickte Federbnsch? — „Reißt eure Augen auf, wie Maulwürfe!" Der ist's, den seine eigne Frau erkennt. Erster Feldherr. Hier steht, ihr Obersten, Amphitryou. Tlmphitrjion. l erwachend) Wen kennt die eigne Frau hier? Erster Vb erster. Zhu erkennt sie, Ihn an, mit dem sie aus dem Hause trat. Um welchen, wie das Weinlaub, würd' sie ranken, Wenn cs ihr Stamm nicht ist, Amphitryon? 428 Amphitryo». Zkmphitrgon. Daß mir so viele Kraft noch war', die Zung' In Staub zu treten, die das sagt! Sic anerkennt ihn nicht! (ec erhebt sich wieder) Erster Feldherr. Das lügst du dort! Meinst du des Volkes Urtheil zu verwirren, Wo es mit eignen Augen sieht? Amphitrgon. Sie anerkennt ihn nicht, ich wiederhol's! — Wenn sie als Gatten ihn erkennen kann, So frag' ich nichts danach mehr, wer ich bin: So will ich ihn Amphitryou begrüßen. Erster Feldherr. Es gilt. Sprecht jetzt. Zweiter Feldherr. Erklärt euch jetzo, Fürstin. Zkniphitrgon. Alkmene! meine Braut! erkläre dich: Schenk' mir noch einmal deiner Augen Licht! Sag', daß du jenen anerkennst, als Gatten, Und so nrschnell, als der Gedanke zuckt, Befreit dies Schwert von meinem Anblick dich. Erster Feldherr. Wohlan! das Urtheil wird sogleich gefällt sein. Zweiter Feldherr. Kennt ihr ihn dort? Erster Feldherr. Kennt ihr den Fremdling dort? A m p h i t r g o n. Dir wäre dieser Busen unbekannt, Dritter Akt. Cilfte Scene. 429 Bon dem so ost dein Ohr dir lauschend sagte, Wie viele Schläge liebend er dir klopft? Du solltest diese Töne nicht erkennen, Die du so ost, noch eh' sie laut geworden, Mit Blicken schon mir von der Lippe stahlst? A lkmene. Daß ich zu ew'ger Nacht versinken könnte! Amphitrz, o n. Ich wuszt' es Wohl. Ihr seht's, ihr Bürger Thebens, Eh' wird der rasche Peneus rückwärts fließen, Eh' sich der BosphoruS ans Jda betten, Eh' wird das Dromedar den Ozean durchwandeln, Als sie dort jenen Fremdling anerkennen. Üollt. Wär's möglich? er, Amphitryon? sie zaudert. Erster Feldherr. Sprecht! Zweiter Feldherr. Redet! Dritter Feldherr. Sagt uns! — Zweiter Feldherr. Fürstin, sprecht ein Wort! — Erster Feldherr. Wir sind verloren, wenn sie länger schweigt. Jupiter. Gieb, gieb der Wahrheit deine Stimme, Kind. Alkmenc. Hier dieser ist Amphitryon, ihr Freunde. Amphitryon. Er dort Amphitryon! allmächt'ge Götter! 430 Amphitrhon. Erster Feldherr. Wohlan! Es fiel dein Loos. Entferne dich. AlmphitrAo n. Alkmene! Ameiter Feldherr. Fort Verräther! willst dn nicht, Daß wir das Urtheil dir vollstrecken sollen. A! mphitrg> on. Geliebte! Ai lkmene. Nichtswürd'gcr! Schändlicher! Mit diesem Nanicn wagst dn mich zu nennen? Nicht vor des Gatten scheugebietendem Antlitz bin ich vor deiner Wnth gesichert? Dn Ungeheuer! mir scheußlicher, Als es geschwollen in Morästen nistet! Was that ich dir, daß du mir nahen mußtest, Von einer Höllennacht bedeckt, Dein Gist mir auf den Fittig hinzugeifern? Was mehr, als daß ich, o dn Böser, dir Still, wie ein Maienwnrm, iu's Auge glänzte? Jetzt erst, was für ein Wahn mich täuscht', erblick' ich. Der Sonne Heller Lichtglanz war mir nöthig, Solch' einen seilen Ban gemeiner Knechte Vom Prachtwuchs dieser königlichen Glieder, Den Farren von dem Hirsch zu unterscheiden! Verflucht die Sinne, die so gröblichem Betrug erlagen! O verflucht der Busen, Der solche falsche Töne giebt! Verflucht die Seele, die nicht, so viel taugt, Dritter Akt. 6-,'lfte Scene. 431 Um ihren eigenen Geliebten sich zu merken! Ans der Gebirge Gipfel will ich fliehen, In todte Wildniß hin, wo auch die Eule Mich nicht besucht, wenn mir kein Wächter ist, Der in Unsträflichkeit den Busen mir bewohn. — Geh! deine schnöde List ist dir geglückt, Und meiner Seele Frieden cingeknickt. Zlmphitrgon. Du Unglückselige! bin ich cs denn, Der dir in der verfloss'ncn Nacht erschienen? Zi! ü m c n c. Genug fortan! entlass' mich, mein Gemahl. Du wirst die bitterste der Lebcnsstunden Jetzt gütig mir ein wenig kürzen. Last diesen tausend Blicken mich entflieh», Die mich wie Keulen, kreuzend Niederschlage». Jupiter. Du Göttliche! glanzvoller als die Sonne! Dein wartet ein Triumph, wie er in Theben Noch keiner Fürstentochter ist geworden. Nur einen Augenblick verweilst du noch. on. Amphitryon! das faßt kein Sterblicher. Sei uns verständlich. Ä l k ni c n e. Welche Reden das? Jupiter. Amphitryon! du Thor! du zweifelst noch! Argatiphontidas und Photidas, Die Kadmnsburg und Griechenland, Dritter Akt. Eiifte Scene. 433 Das Licht, der Archer, und das Flüssige, Das was da war, was ist, und was sein wird. Amphitrzon. Hier, meine Freunde, sammelt euch um mich, Und laßt uns sehn, wie sich dies Räthsel lös't. Ä linnene. Entsetzlich! Vie Feldherren. Was von diesem Austritt denkt man? Jupiter. (zu Alkmcnen) Meinst du, dir sei Amphitryon erschienen? I > ltmen e. Laß ewig in dem Jrrthnm mich, soll mir Dein Licht die Seele ewig nicht umnachten. Jupiter. O Fluch der Seligkeit, die d» mir schenktest, Müßt' ich dir ewig nicht vorhanden sein! I in p h i t r p o n. Heraus jetzt mit der Sprache dort! wer bist du? und Donnerschlag. Die Scene verhüllt sich mit Welken. Fs schwebt ein Adler mit dem Donnerkeil aus den Wolken nieder) Jupiter. Du willst es wissen? (er ergreift den Donnerkeil; der Adler entflieht) Volk. Götter! Jupiter. Wer bin ich? Die Feldherren und Obersten. Der Schreckliche! er selbst ist's! Jupiter! (Alkmcne. Schützt mich ihr Himmlischen! (Sie fällt in Anchhitrhon'S Arme) H. v. Kleist s Werke. I. Bd. 28 434 Amphitryon. Amphitrgon. Anbetung dir Im Staub. Du bist der große Donnerer! Und dein ist Alles, was ich habe. Volk. Er ist's! in Staub! in Staub das Antlitz hin! tAllc« wirft sich zur Erde, außer Amphttrpon) Jupiter. Zeus hat in deinem Hause sich gefallen, Amphilrpon, und seiner göttlichen Zufriedenheit soll dir ein Zeichen werden. Laß deinen schwarzen Kummer jetzt entfliehen, Und öffne dem Triumph dein Herz. Was du, in mir, dir selbst gcthan, wird dir Bei mir, dem, was ich ewig bin, nicht schaden. Willst du in meiner Schuld den Lohn dir finden, Wohlan, so grüß' ich freundlich dich, und scheide. ES wird dein Ruhm fortan, wie meine Welt, In den Gestirnen seine Gränzc haben. Bist du mit deinem Dank zufrieden nicht, Auch gut! dein liebster Wunsch soll sich erfüllen, Und eine Zunge gcb' ich ihm vor mir. I m p h i l r ji o n. Nein, Vater Zeus, zufrieden Lin ich nicht! Und meines Herzens Wunsche wächst die Zunge. WaS du dein Tyndarus gethan, thnst du Auch dem Amphitryon: schenk' einen Sohn Groß, wie die Tyndaridcn, ihm. Jupiter. ES sei. Dir wird ein Sohn geboren werden, Deß Name Herkules; cs wird an Ruhm Dritter Akt. stilftc Scrnc. 435 Kein HercS sich der Vorwclt mit ihm messen, Auch meine ew'gen Dioskurcn nicht. Zwölf nngeheure Werke wälzt er, thürmend Ein unvergänglich Denkmal sich, zusammen. Und wenn die Pyramide jetzt, vollendet, Den Scheitel bis znm Wolkcnsaum erhebt, Steigt er auf ihren Stufen himmelan Und im Olymp empfang' ich dann den Gott. Iinphilrpon. Dank dir! — Und diese hier nicht raubst du mir? Sie athmct nicht. Sieh' her. Jupiter. Sie wird dir bleiben; Doch laß sie ruhn, wenn sie dir bleiben soll! — Hermes! (Er verliert sich in den Wolken, welche sich mittlerweile in der Höhe geöffnet haben, »nd den Gipfel des Olymps zeigen, auf welchem die Olympischen gelagert sind) Alkincno. Amphitryon!. Merkur. Gleich folg' ich dir, du Göttlicher! — Wenn ich erst jenem Kauze dort gesagt, Daß ich sein häßliches Gesicht zu tragen Nun müde bin, daß ich's mir mit Ambrosia jetzt Von den olymp'schen Wangen waschen werde; Daß er besingcnswürd'ge Schläg' empfangen, Und daß ich mehr und minder nicht, als Hermes, Der Fußgeflügclte der Götter bin! lab) Sofias. Daß du für immer nnbcsungen mich 436 Amphitrvon. Gelassen hätt'st! mein Lebtag' sah ich noch Solch' einen Teufelskerl mit Prügeln nicht. ' Erster Feldherr. Fürwahr! solch' ein Triumph — Zweiter Feldherr. So vieler Ruhm Erster Dberstcr. Du siehst durchdrungen uns — Amphilrgon. Alkmene! Al Innen c. Ach!