Einleitung.
L.XV
eröffnet. Zerstreuung, und nicht mehr Bewußtsein, ist der Zustand,der mir wohl thut. Wo ist der Platz, den man jetzt in der Welteinznnehmen sich bestreben könnte, im Augenblick, wo alles seinenPlatz in verwirrten Bewegungen verwechselt? Kann man auch nurden Gedanken wagen, glücklich zu sein, wenn alles in Elend dar-rliederliegt? Ich arbeite, wie Sie wohl denken können, doch ohneLust und Liebe zur Sache. Wenn ich die Zeitungen gelesen habeund jetzt mit einem Herzen voll Kummer die Feder wieder ergreife,so frage ich mich, wie Hamlet den Schauspieler, was mir Hekubasei? Hier in Chalons lebe ich wieder so einsam, wie in Königsberg.Kaum merke ich, daß ich in einem fremden Lande bin, und oft istes wie ein Traum, hundert Meilen gereiset zu sein, ohne meine Lageverändert zu haben. Es ist hier niemand, dem ich mich anschließenmöchte: unter den Franzosen nicht, weil mich ein natürlicher Wider-wille schon von ihnen entfernt, der noch durch die Behandlung, diewir jetzt erfahren, vermehrt wird; und unter den Deutschen auchnicht. Und doch sehnt sich mein Herz so nach Mittheilung. Letzthinsaß ich auf einer Bank in einer öffentlichen, aber wenig besuchtenPromenade, und es fing schon an finster zu werden, als mich je-mand, den ich nicht kannte, init einer Stimme anredete, als ob siePfuel aus der Brust genommen gewesen wäre. Ich kann Ihnendie Wehmnth nicht beschreiben, die mich in diesem Augenblick ergriff.Und sein Gespräch war auch ganz so tief und innig, wie ich es nureinzig auf der Welt an ihm kennen gelernt habe. Es war mir,als ob er Lei mir säße, wie in jenem Sommer vor drei Jahren,wo wir in jeder Unterredung immer wieder aus den Tod, als denewigen Refrain des Lebens zurück kamen. Ach es ist ein ermüden-der Zustand, dieses Leben, recht wie Sie sagten, eine Fatigue. Er-fahrungen rings, daß man eine Ewigkeit brauchte, uni sie zu würdi-gen, und, kaum wahrgenommen, schon wieder von andern verdrängt,die eben so unbegriffen verschwinden."
H. v. Kleists Werke. I. Bd.
e