Druckschrift 
1 (1859) Einleitung; Die Familie Schroffenstein; Penthesilea; Amphitryon
Entstehung
Seite
LIII
Einzelbild herunterladen
 

Einleitung.

I.IIl

könnte leicht versucht sein, den Vorzug gerade in seinen Schwächenzu finden, in dem schwerfälligen zerhackten Satzbau, der ungeschicktenWiederholung einzelner Redewendungen, was alles an Criminal-Actenerinnert; wie wir denn auch glauben, obgleich nichts darüber über-liefert ist, das; Kleist vielfach in solchen Papieren gestöbert hat. Aberder Stil hätte durch größere Einfachheit an Kraft nicht verloren. —Zum Theil liegt der Grund in der sinnlichen Deutlichkeit, mit derer alle Ereignisse im Detail verfolgt — wie bei dem ersten Eintrittdes Roßkamms in die Tronkenburg, bei dem Verführen der beidenPferde durch deu Schinder und in ähnlichen Sccncn, wo vielleichtdes Guten etwas zu viel gethan ist; aber diese Stellen sind Probenvon dem scharfen Wahrnehmungsvermögen des Dichters und seinerschnellen Aufmerksamkeit. Diesen Vorzug thcilt er z. B. mit Achimvon Arnim, seinem Landsmann, dem er überhaupt in mancherBeziehung verwandt ist. Aber die Hauptsache ist der Glaube anseine eigne Gestalten. ES ist sein eignes Gefühl, seine eigne Leiden-schaft, die sich in den Helden explicirt, ohne allen Aufwand vonWortprunk, durch die Macht der Thatsachen. Er ist immer ganz inder Sache, und wenn die Erzählungen manchen Leser empören, sowird man sie doch nicht leicht ans der Hand legen. Diese Machtder Empfindung wird nun dadurch so gestaltcnkräftig, daß sie fichdcn Anschein der Kälte giebt: jenes Verhalten der Empfindung, diedem dramatischen Dialog schadet, ersetzt in der Erzählung die „Iro-nie der Bildung." Kleist steht niemals wie die Romantiker überoder außer seiner Welt, sein Herz ist mitten im Aufruhr drin, unddoch bleibt seine Hand sicher und scst — wie sie denn auch bei sei-nem entsetzlichen Ansgang doppelt ins Schwarze traf. Goethe stehtin seinen Novellen mit behaglichem Erstaunen den bunten Arabeskenzu, die seine Phantasie ihm cingicbt; man folgt ihm mit heitcrmAntheil ohne große Aufregung; Lei Kleist würde inan garnicht ausdem Kramps kommen, wenn er nicht — wenigstens bis zn einem