Einleitung.
I.II
ten Stoff. Der Gegenstand ergriff Kleist auf das lebhafteste, undcr machte jene Erzählung daraus, die zu den bedeutendsten Schöpfun-gen unserer Literatur gehört. „Wenn man sieht, sagt Tieck, mitwelcher Festigkeit die Gestalten gezeichnet, wie richtig und wahr einErgebnis; und ein Gefühl sich ans dem andern nothwendig entwickelt,wie sicher der Erzähler Schritt vor Schritt fvrtgeht, so wird manfast versucht, zu glauben, daß er hier sein Talent noch glänzenderentfalten könne als im Drama. ... Es ist nicht nöthig, ans diemeisterhafte Hand aufmerksam zu machen, die uns vom Prinzen biszum geringsten Knecht alles so lebendig vor das Auge führt, alswenn wir die Dinge selbst erlebt hätten. . . . Der Erzähler ist vonder wirklichen Geschichte, sei es geflissentlich, fei es ans Unkenntniß,merklich abgcwichcn.' Dies ist nicht so sehr zu tadeln, da sein Zweckund die musterhafte Frische der Farben dies rechtfertigen können, alsdaß cr zugleich in einer nicht so gar fern liegenden Begebenheit dienothwcndigc Umgebung, die der Leser nicht vergessen kann, zu sehrverletzt hat. Er vergißt, daß Wittenberg und nicht Dresden die Re-sidenz der sächsischen Kurfürsten war; Dresden schildert cr ganz nachseiner jetzigen Gestalt, da die Altstadt damals so gut wie nicht exi-stirtc, und was soll man zu dem Kurfürsten selber sagen, der alsein romantischer, verliebter und seltsamer Phantast aufgcführt wird,da cs doch nur Friedrich der Weise oder der Standhafte sein können,die in den Umfang dieser Erzählung passen?" Wenn aber Tieck hin-znsctzt: „Durch diese Uebercilnng verliert diese treffliche Erzählungihr cigenthnmlichcs Costüm," so ist das zu viel gesagt; im Gcgen-theil, man wird getäuscht und glaubt ein Aktenstück aus jener Zeitzu lesen. Ja im Brockhaus'jchcn Conversationslexicon ist die ganzeNovelle, mit allen ihren handgreisiichen historischen Unrichtigkeiten,als historisches Factum erzählt! — Es ist um so wichtiger, zu un-tersuchen, worin die Knust dieser Täuschung besteht, je seltener dasTalent, gut zu erzählen, bei uns Deutschen vorkommt, — Man