Druckschrift 
1 (1859) Einleitung; Die Familie Schroffenstein; Penthesilea; Amphitryon
Entstehung
Seite
XLVI
Einzelbild herunterladen
 

XI. VI

bmlellung.

handeln und urtheilen zu rasch und übereilt, auch diejenigen, diegewissermaßen den Chor bilden. Zuletzt hat Ottokar, den die Liebevon dem Fanatismus des Hasses gereinigt, den Faden der Lösungin den Händen; er geht damit um wie ein unreifer Knabe. Hierist nicht mehr der Zufall, sondern der Unverstand das tragische Mo-tiv, und das Mitgefühl verwandelt sich in peinlichen Verdruß. —Jene seltsamen Versuche Ottokar's führen zu hcchpoctischcu Scencnraber nun merkt man, daß die Mittel den Zweck dominiren. — Ansich betrachtet, ist die LicbcScpisode von einem seltnen Liebreiz; dop-pelt erfreulich, wenn dieser warme Sonnenschein der Poesie in daswüste Nachtgcmälde einbricht; ja, wären nicht auch diese Scenenzuviel von juristischen Spitzfindigkeiten zersetzt, so würde mau ver-sucht sei», sic dem Romeo au die Seite zu stellen. Aber sie sindder Phantasie des Dichters einzeln ansgegangcn, sic entspringen nichtdem Organismus des Ganzen; er bat nachträglich versucht, einenpragmatischen Zusammenhang hineinznbringcn, und so empfängt manden Eindruck der Mojaikarbeit. Daö süße wollüstige Geflüster, indem Ottokar seine Braut von den Mysterien der Hochzeitnacht unter-hält, ist für sich betrachtet von einer tiefen Innigkeit und Nnmuth,aber das Motiv, wozu es benutzt wird, die Verkleidung, noch dazuin der furchtbaren Gefahr, die einen männlichen Ernst und keinekindische Tändelei Hervorrufen sollte, gicbt ihm eine häßliche, ja ab-geschmackte Wendung. — Der AuSgang ist empörend. Im Romeoist das Spiel des Zufalls nur scheinbar, es wird durch den realenInhalt der Handlung bedingt und hervorgernfen, und jeder der Be-thciligteu konnte sich sagen, wie weit er gesündigt, wenn auch dieFolgen seiner Vermessenheit über seine Absicht hiuansgiugcn. BeiKleist aber wird die Wcltvcrwirrung zuletzt zum Weltwahnsinn:der Dichter glaubt sich gewaltsam steigern zu müssen, und verfälltin den unnatürlichsten Ausweg. Ein neues, bis zum Burleskengrausames Mißverftandniß findet statt: in dem Glauben, den Feind