Einleitung.
XI. V
so originelle Weise das Drama ganz verläßt, und nns Auflösungund Schluß auf eine Weise anmuthet, als wenn er kaum einen Be-griff vom Schauspiel hätte. Immer ist es gefährlich dein, Zufalleinen großen Spielraum in der Tragödie zu erlauben; der Dichtermuß ihm eine wunderbare Heiligkeit und bedeutende Seltsamkeit ge-ben können, wenn wir uns seinen Wirkungen nicht ganz ungläubigcntziehn sollen: noch nothwendiger ist dies, wenn die ganze Dichtungans ihm als dem Angelpunkt ruht und sich bewegt. Kleist nimmtaber ein Ungefähr, das den Begebenheiten des Stückes ganz fernabliegt, und vermengt damit einen willkuhrlichen Aberglauben, der,weil er allem vorigen zu sehr widerspricht, zu geringfügig, ja ekel-haft erscheint, und alle die Banden und Klammern Plötzlich löst, dieder Poet mit so vieler Kunst geschmiedet und befestigt hatte, so daßwir durch einen einzigen Schlag alle Täuschung und Theilnahmeverlieren und sie auch nicht wieder finden können. Es wird deinDichter nichts helfen, wenn er nns etwa sagen will, das sei geradedie tiefste Bedeutung seines Schauspiels, uns zu zeigen, wie aus Zu-fall und Aberwitz, wenn Leidenschaft und Verblendung sich damitvereinen, das größte Unheil entstehen könne, daß es gerade rührenmüsse, wenn junge unschuldige Naturen, die den Wahn nicht ge-checkt, statt dem Liebesglücke, nun dem Verderben, von jenen Un-holden mit fortgcrissen, in die Arme eilen. Denn wird uns eineLehre, die mir die höchste Rührung und Erschütterung fassen kann,so mitgetheilt, daß wir kalt bleiben müssen, so glauben wir demPoeten so wenig, daß wir uns vielmehr zürnend von seiner Erfin-dung abwenden." — Es liegt in dieser Lösung noch ein schlimmererUebelstand, auf den Tieck vergessen hat die Aufmerksamkeit hinzu-lenken. Die Verwickelung des Zufalls hatte die Leidenschaft ge-macht, und im forteilenden Drang der Begebenheit fanden wir nichtAthein, Mittel und Wege genau zu prüfen: nun aber die Entwicke-lung geschehen soll, vermissen wir den Verstand. Alle Betheiligten