Einleitung.
XXXV
über ihre Kälte beklagte und hinznfügte, daß er mm allerdings znder Einsicht gekommen sei, sie habe ihn nie geliebt und werde ihnnie lieben. Damit war das Verhältnis; abgebrochen.
Indem er nun wirklich nach der Schweiz abreiste, vergaß erbald seinen ursprünglichen Zweck; aber die Reise war in andrerBeziehung entscheidend für ihn: sie machte ihn znm Dichter. Wiedas Zusammenhang, ist uns nicht bekannt; er scheint sich früher nurin kleinen Gelegenheitsgedichten versucht zu haben. — lieber dieseZeit berichtet Heinrich Zschokke (geb. zu Magdeburg 1771, inder Schweiz seit 1796) in seiner „Sclbstschau": „Unter den zahl-reichen lieben Bekannten, deren Umgang mir den Winter 1801—1802verschönte, befanden sich zwei junge Männer, denen ich mich amliebsten hingab. Der eine, Ludwig Wieland, Sohn des Dich-ters, gefiel mir durch Humor und sarkastischen Witz; verwandterfühlt' ich mich dem Andern, wegen seines gemüthlichen, zuweilenschwärmerischen, träumerischen Wesens, worin sich immerdar derreinste Seclenadel offenbarte. Es war Kleist. Beide gewahrten inmir einen wahren Hyperboräer, der von der neuesten poetischen SchuleDeutschlands kein Wort wußte. Goethe hieß ihr Abgott; nach ihmstanden Schlegel und Tieck am höchsten. Wieland wollte sogar denSänger des Oberon, seinen Vater, nicht mehr Dichter heißen. sDcrDritte im Bunde war der junge Geßner.j — Als nnS Kleist einesTages sein Trauerspiel, die Familie Schroffenstein vorlas, wardim letzten Act da-s allseitigc Gelächter der Zuhörerschaft wie auchdes Dichters so stürmisch und endlos, daß bis zu seiner letzten Mord-sccne zn gelangen, Unmöglichkeit wurde. — Wir vereinten uns auchznm poetischen Wettkampf. In meinem Zimmer hing ein franzö-sischer Kupferstich: In erneüe cassäo. In den Figuren desselbenglaubten wir ein trauriges Liebespärchen, eine keifende Mutter miteinem Majolicakrnge und einen großnasigen Richter zn erkennen.Für Wieland sollte die Ausgabe zn einer Satyre, für Kleist zn einem