Einleltinig.
XXIII
rige Klarheit, die mir zu jeder Miene den Gedanken, zn jedem Wortden Sinn, zu jeder Handlung den Grund nennt. Sic zeigt mirAlles, was mich umgiebt, und mich selbst in seiner ganzen arm-seligen Blöße, und der farbige Nebel verschwindet, und alle die ge-fällig geworfenen Schleier, sinken und dem Herzen ekelt zuletzt vordieser Nacktheit. O glücklich bist du, wenn du das nicht verstehst."Man mag den jungen Dichter bedauern, daß ihm das Denken solcheSchmerzen bereitete: wer aber diese Periode der Krankheit in seinerSeele nicht einmal durchgemacht, wird nie ein großer Dichter, nieein großer Denker werden. Nicht ohne bittre Schmerzen gelangtman zum Garten der Heöperiden; freilich muß man die Kraft ha-ben, sie zu überwinden, sonst führt znm Wahnsinn oder zur Blasirt-heit, was unter glücklicheren Umständen die Palme der Schönheitgewonnen hätte.
Für Kleist wurde diese Stimmung vcrhäugnißvoll durch dieHeftigkeit seines Wesens und die Schaam, ein ausgesprochenes Wortzurückzunehmen. Das Gleichgewicht seines Innern war völlig auf-gehoben, und er hatte mit der Sicherheit seines Gefühls auch denMuth verloren, sich den eignen Weg zu bahnen. „Meine theure,meine einzige Freundin I schreibt er, 9. April, ich nehme Abschied vondir! Ach mir ist es, als wäre es ans ewig! . . Mir flüstert eineAhnung zu, daß mir mein Untergang bevorstehe .... Du kennstdie erste Veranlassung zu meiner bevorstehenden Reise. Es war imGrunde nichts als ein innerlicher Ekel an allen wissenschaftlichenArbeiten. Ich wollte nur nicht müßig die Hände in den Schooßlegen und brüten, sondern mir lieber unter der Bewegung einerFußrcise ein neues Ziel suchen, da ich das alte verloren hatte; dieganze Idee der Reise war eigentlich nichts als ein großer Spazier-gang. Doch höre, wie das blinde Verhängnis; mit mir spielt. Ichhatte Ulriken versprochen, nicht über die Grenzen des Vaterlandeszu reisen, ohne sie mitzuüehmen. Ich kündigte ihr meinen Entschluß