C'mlcNmig.
VII
Gefühl in seiner völligen Nacktheit vorznfnhrcn. Niemals opferte erdie herbe Wahrheit seinen Gelüsten; wenn er die Probleme ans derEntzweiung seines Herzens nahm, so machte er für die Verkörperungderselben sehr ernste und mühsame Studien nach der Natur, unddas Individuelle ging ihm gleichzeitig mit dem Ideellen ans, —Ebenso besitzt er die Macht der Leidenschaft: wenn bei einem seinerHelden das Blut in Gährnng kommt, so ist kein Widerstand mög-lich; wie sie wahrhaft aus deS Dichters Seele hervorgnillt, so reißtsie alles mit sich fort, Ihr Ausdruck ist häufig wild und unschön,ja er streift an den Wahnsinn, und doch empfindet man nicht blosdie Gewalt des innern Lebens, sondern auch jene angcborne Anmnth,die bei einem der Natur ungehörigen Organismus zuweilen selbstdas Häßliche adelt. — lieber die Technik, die man damals leicht überder Inspiration vergaß, hat Kleist so ernsthaft nachgedacht, wie außerSchiller kein anderer Poet. In einer Zeit, wo fast alle Dichternach Kunstmitteln griffen, die außerhalb des Gegenstands lagen, dieRomantiker wie die Hellenisten, zeigt Kleist bas Verständniß einerstrengen Kunstform; bei der entschiedensten Einsicht in die Mittel,die zur Wirkung nöthig sind, verschmäht er jeden Effect und hältsich fast Ängstlich an die Sache. Bei seinem tiefen Sinn für Ord-nung und Gesetz ist ihm die innere Dialektik des Stoffs wie einemgeschulten Juristen oder einem Mathematiker gegenwärtig. Um vonschwachen! Prodncten zu schweigen: wie weit liegt bei der Jungfrauvon Orleans oder der Genoveva das poetische Motiv außerhalb derSache! So etwas begegnet unser»! Dichter nie, und wenn er derverkehrten Zeitströmung zuweilen unterliegt, so ist das nur, weil errabnlistisch seine Probleme auf die Spitze treibt. — Zn diesen Ga-ben kommt, was bei keiner echten Dichtung fehlen darf, die Ahnungvon etwas Höherem; zwar wird die Erde, die er darstellt, fast im-mer von wilden, finstern Wolkengebilden überdeckt, aber man hatdoch das Gefühl, daß ein Himmel darüber steht, wenn auch dieses