188
Wünsche versprechen zu dürfen. Allein vielleicht könntenSie dennoch wohl irren. Ich will zwar, eben so un-befangen von Demuthsziererei, als von Dünkel, gernzugeben, daß Einiges unter meinen Werken befindlichseyn möge, das eines edeln Geistes und Herzens nichtunwürdig ist. Allein daraus dürfen Sie aus vollkom-menen und unbefleckten Adel meiner Seele keinen Schlußmachen. Es wäre sonst eben so viel, als ob sie voneinigen schönen Blüthen auf gesunde und unverdorbeneSchönheit und Vollkommenheit des Baumes, welchersie trug, schließen wollten. Auch ein wurmstichiger mehrals halb verrotteter Stamm mag, wenn er sonst nurursprünglich guter Art ist, noch immer deren einige Her-vorbringen. Nun fürchte ich sehr, daß Sie und Jeder,der mich naher kennen lernt, trotz dem besten Vorurtheil,das er vorher für mich hegte, genöthiget seyn werde,mich für einen solchen verdorbenen Stamm zu halten.Ungewitter und Stürme des Lebens haben hart in meineBlüthen, Blätter und Zweige gewüthet. O, ich binnicht derjenige, der ich vielleicht der Naturanlage nachseyn könnte, und auch wohl wirklich wäre, wenn mirim Frühlings meines Lebens ein milderer Himmel ge-lächelt hätte. Durch viele und langwierige Widerwär-tigkeiten bin ich an Leib und Seele so verstimmt wor-den, daß ich oft in eine trübe melancholische Laune, unddabei in eine Ohnmacht des Geistes versinke, die michgewiß nicht empfehlen kann. Denn ich verliere alsdannallen Muth, alles Vertrauen auf mich selbst, und haltemich für kopfleer, für heczkalt, für wortarm, kurz, füreinen höchst werkhlosen Stümper. Ich denke, Jeder,