Gottfried August Bürger s sämmtliche Werke. Neue Original-Ausgabe. Zn vier Bünden. Vierter Band. Köttingen, Verlag der Dleterichschen Buchhandlung. 1844 . Vermischte Schriften von Gottfried August Bürge Dritter Band. Inhalt. Prosaische Lhnfsahe. IV. Die Republik England Seite 1 Biographie und Charakteristik Bürger'«. I. Einige Nachrichten von den vornehmsten Lebensumständen Gottfried August Bürgers; nebst einem Beitrage zur Charakteristik desselben von Ludwig Christoph Althof.106 VI Seite II. Mittheilungen aus Bürgers Briefwechsel. Gleim an Heinrich Christian Boie; 15. Jan. 1771 204 Boie an Gleim; 28. Jan. 1771 ' 206 Boie an Gleim; 18. Mai 1771 - 211 Bürger an Gleim; 7. Jul. 1771 . 212 Gleim an Bürger; 1. Aug. 1771 ' 216 Bürger an Gleim; SV. Oct. 1771 218 Bürger an ***; 11. Jan. 1772 220 Bürger an ***; 6. Febr. 1772 221 Bürger an Gleim; 20. Sept. 1772 . 225 Bürgers Briefwechsel mit Boie über die Lenore. Mit Anmerkungen von Joh. Heinr. Voß . 230 Bürger an Gleim; 18. Febr. 1774 - 262 Bürger an Gleim; 5. Juli 1775 . 264 Bürger an Gleim; 2. Jan. 1776 . 265 Bürger an Gleim; 25. Febr. 1776 . 267 Bürger an Gleim; 11. März 1776 . 268 Gleims Antwort; 17. März 1776 . 271 Boß an Bürger; 14- Febr. 1778 . 271 Bürger an Voß; 31. März 1778 - 273 Bürger an Gleim; 22. Jul. 1782 . 275 Bürger an Gleim; 22. März 1784 . 276 Bürger an Heyne; April 1784 . . 279 Heyne an Bürger; April 1784 . . 282 Bürger an Heyne; April 1784 . . 284 Bürger an Kästner; April 1784 . . 287 Kästner an Bürger; 2. Mai 1784 . . . . Kästner an Bürger; 16. Mai 1784 . . . . Lichtenberg an Bürger; Mai 1784 . . . . Gleim an Bürger; SS. Juli 1784 . . . . Frau v. d. Recke an Bürger; 30. April 1785 Bürger an Frau v. d. Recke; 15. Mai 1785 Bürger au eine junge Dichterin; 1785 Bürger an ****; so. Dec. 1785 . . . . Bürger an Friedrich Leopold, Graf zu Stolberg; 1787 Friedrich Leopold, Graf zu Stolberg, an Bürger; 6. Februar 1787 . Friedrich Leopold, Grafzu Stolberg, an Bürger; 27. März 1787 . Friedrich Leopold, Graf zu Stolberg, an Bürger; 4. Mai 1787 . Friedrich Leopold, Graf von Stolberg, an Bürger; I.Jun. 1787 . Born an Bürger; 5. Jan. 1788 . Bürger an Born; 5. Febr. 1788 . . . . Bürger an Gleim; SO. April 1789 . - Bürger an Boß; April 1789 . Gleim an Bürger; 13. October 1789 Bürger an Gleim; 86. October 1789 . . . . Gleim an Bürger; 15. Nov. 1789 . . . . Bürger an Marianne Ehrmann; SO. Nov- 1789 . Bürger an Marianne Ehrmann; 3. Jan. 1790 . Bürger an Marianne Ehrmann; 28. Jan. 1790 . 289 SSO SSI 293 295 299 301 305 314 317 3S1 322 3S4 3S6 3S3 334 335 336 337 340 34S 348 354 VIII Seite Bürger an Marianne Ehrmann; 4. Febr. 1790 . . 361 Bürger an Marianne Ehrmann; 11. Febr. 1790 . . 364 Bürger an ***; SS. April 1790 . . . . 371 Bürger an Adolph Müllner; 1. Nov. 1793 . . . 374 III. Bürger von Aug. Wilh. v. Schlegel . 379 Faksimile. Prosaische Aufsätze. IV. Die Republik England *). L rnle ok tlis times ok olck! Hie ckeecks ok äa^s ok vllier vears! In der Vergangenheit spiegelt sich manche Erscheinung der Zukunft; obgleich dämmernd und täuschend auch für das Auge des schärfsten Sehers. Dennoch mißbilligt die Vernunft keinesweges das aus den matten Wiederstrahlen von der Phantasie zusammen geahndete Bild, und sie verbeut auch alsdann noch die Verspottung desselben, wenn schon der folgende Tag eine ganz andere Gestalt der Dinge aufklärt. Nur die unerfüllten Weißagungen hochtrabender politischer Dünklinge, unwissender und gedankenloser Prunkredner, thö- richter Glückwünscher, wuthblinder, vorlauter Parteigänger und ehrloser Schmeichler strafet am Ende mit Recht ein lautes Hohngelächter. *) Abgedruckt aus den Politischen Annalen. Herausgegebcn von Christoph Girtanner. Berlin 1793. 1 . Band. S. 34 und 330. 8 . Band. S. 1L1. 3. Band. S. 897- 1 s Die großen und ungemeinen Erfahrungen der jüngst durchlebten Zeiten; die gänzliche Umwälzung eines uralten monachischen Staates; die Entthronung und Ge- fangcnnehmung eines vor kurzen noch so hochgcbieten- den Königs; die Muth- und Krastäußerungen einer kaum geborenen Republik, mitten in ermüdenden Fac- tionsstürmen; der chochdrohende und vielversprechende Eindrang zahlreicher, alttapferer, waffengeübter Kriegsheere, unter Führern ohne Furcht und ohne Tadel, in das Gebiet der Neugeborenen, gegen angeblich zusammengelaufene, zucht- übungs- und führerlose Haufen; gleichwohl ein unerwartet früher Rückzug jener, ein unerwartet rascher Nachdrang und Einfall dieser in- mehrere feindliche Länder, begleitet von sieg - und glorreichen Hauptschlachten und Eroberungen: alle diese und mehrere Erfahrungen erinnern an den kurzen, aber höchst merkwürdigen Zeitraum der Britischen Geschichte, da England eine Republik war, und Großthaten, wie weder vor, noch nachher, vollbrachte. Es sey uns erlaubt, hiervon ein Gemälde, jedoch nur nach seinen Hauptzügen, zu entwerfen, ohne irgend einen andern Zwang, als den uns Vernunft und Geschmack auflegen; ein Gemälde zu reifem und heilsamen Nachdenken für Jedermann, sonderlich diejenigen, die mit Schwert oder Feder an den neuesten Begebenheiten Theil nehmen. Der alte Asiatische Glaube der Könige, daß sie ihre Kronen unmittelbar nur von Gottes, nicht aber des Volkes Gnaden tragen, daß ihnen Länder und Völker eben so erb- und eigenthümlich gehören, als dem rei- 3 chen Nabal seine Aecker und Wiesen, scimmt den darauf weidenden Heerden, daß sie wohl Herrscherrechte, nicht aber Herrscherpflichten auszuüben, oder anstatt dieser höchstens beliebige Gnaden zu verspenden haben, — ein Glaube, so oft genährt und gestärkt durch unselige Lob- und Dankopfer tief gesunkener Menschheit! — zahllosse Mißgriffe und Unthaten, die dieser Glaube gebar; unverantwortliche Neuerungen wider die Grundverfassung des Staates; tief gehende Anstalten, alle Volksfreiheit in geistlichen, wie in weltlichen Sachen umzustürzen, um auf ihren Trümmern den Thron willkürlicher Gewalt zu erheben; arglistige Unterhandlungen und verdammliche Vertrage zu diesem Endzwecke geschmiedet, und zu eben demselben treulos wieder gebrochen; Verschwendungen des Blutes, wie des Gutes seiner Völker, beleidigender DespotemHochmuth und unweiser Starrsinn selbst noch im äußersten Gedränge zahlreicher, bewaffneter, mächtiger, siegreicher, und gleichwohl mehr, als Ein Mal, Frieden, aber auch Freiheit verlangender Staatsbürger; hierzu noch Gefahr drohende, durch erlaubte Anmaßungen kund gewordene Ränke und Bestrebungen Solcher, deren unedle Selbstsucht bei uneingeschränkter Königsgewalt zu gewinnen hoffte: solche und ähnliche Ursachen waren es, welche Karl den Ersten, König von England, Schottland und Irland, endlich auf das Blutgerüst gebracht hatten» Umsonst verwendeten sich eifrigst die Mächte Frankreich und Holland, umsonst laut schreiend die Nation der Schotten, umsonst tief flehend die Königstochter, seine Gemahlinn beim Parlamente, und sein Sohn bei der 1 * 4 Armee, umsonst überall seine nicht wenigen Anhängen zu seiner Rettung. Sein unglückliches Haupt fiel am 30. Januar, 1649, unter dem Beile des oberstem Volksgerichtes. Ohne jenen heillosen Glauben und seine Ausbrut hätte Karl seine Herrscherbahn im Glanze des Glückes und mancher persönlichen Tugenden,, die ihm auch seine bittersten Feinde nicht absprechen^ vollenden können. Schon vor dieser furchtbaren Katastrophe hatte das Haus der Gemeinen von England, unterstützt durcfi ein republikanisch gesinntes Kriegsheer, und gesäubert von solchen Mitgliedern, welche, anstatt des einen zw stürzenden Götzen der Tyrannei, nur einen andern aufzustellen getrachtet, feierlich anerkannt und ausgesprochen: Daß nächst Gott das Volk die Urquelle aller rechtmäßigen Gewalt auf Erden sey; daß die zu einem Parlamente versammelten Gemeinen von England, als gewählt vom Volke und das Volk vorstellend die oberste National-Gewalt in Händen haben, und endlich, daß Alles, was von den zu einem Parlamente versammelten Gemeinen von England als Gesetz erkläret und ausgesprochen worden, auch ohne Einwilligung und Beitritt des Königs und des Hauses der Peers, gesetzliche Kräfte für das ganze Volk habe. Kaum war daher durch Vollziehung des Blutur- theils der Thron erledigt, als eine Verordnung des Hauses verbot, irgend einen Einzelnen zum Könige über England auszurufen. Sogleich verschwanden von allen öffentlichen Gebäuden das königliche Wappen, und von allen öffentlichen Schriften die königlichen Titeln Umgestürzt lag zu gleicher Zeit das Standbild des Königs auf der Börse, und auf dem Fußgestelle erschienen die Worte: „Im ersten Jahre der durch Gottes Gnade wieder hergestellten Freiheit. " Die Lehns- unb Huldigungseide wurden abgeschafft. Ein neu verfertigtes großes Siegel führte die Umschrift: „Das große Siegel von England." Der Münzstämpel erhielt, anstatt seines moralischen Ansehens, ein republikanisches, mit der Umschrift: „Die Republik England." Damit durchaus kein Reiz übrig bliebe, die Freiheit der Republik von neuen anzutasten, so wurden nicht nur die Kronländereien und Gefälle von Lehngütern, sondern auch die Regalien, die kostbaren Geräth- schaften der königlichen Palläste, und überhaupt jeder Gegenstand des monachischen Aufwandes zum öffentlichen Verkauf ausgestellet. Während des ganzen Januar-Monats hatten die Lords nur gerichtliche Zusammenkünfte gehalten, und sich um die gewaltigen Staatshandlungen der Gemeinen nicht bekümmert. Am zweiten Februar aber wandten sie sich an die Gemeinen mit der Bothschaft, wie sie neun Personen aus ihrer Mitte ernannt hätten, um gemeinschaftlich mit einer verhältnißmäßigen Anzahl aus dem Unterhaufe eine Regierungs-Verfassung für England und Irland festzusetzen. Eine solche Theilnahme an der Gesetzgebung wollte der demokratische Geist der Gemeinen keinem Privilegirten, als solchem, gestatten; und drei Tage hinter einander gingen die Boten des Lords vergeblich, ohne auch nur vorgelassen zu werden. Am vierten endlich wurde die Sache in Ueberlegung 6 genommen/ und zuvörderst die Frage: Ob das Haus der Peers an der Gesetzgebung Theil haben sollte? mit vier und vierzig Stimmen gegen neun und zwanzig verneinet, hierauf aber einmüthig beschlossen, daß ein solcher Staatskörper als unnütz und gefährlich vernichtet werden müsse. Diesem Beschlüsse trat unmittelbar der folgende nach: „Belehrt durch die Erfahrung, erkläre das Haus, wie das Amt eines Königs über diese Nation, und die Ausübung desselben durch einen Einzelnen, als unnütz, lästig und gefährlich für Freiheit, Sicherheit, und öffentliche Wohlfahrt der Nation, abgeschafft werden müsse." Beide Beschlüsse wurden in besondere Verordnungen gebracht. Die Gemeinen maßten sich sowohl die gesetzgebende, als vollziehende Staatsgewalt an; nannten sich von nun an, statt Haus der Gemeinen, das Parlament der Republik England, und errichteten einen Staatsrath, welcher nach den ihm von Zeit zu Zeit zu ertheilenden Vorschriften verfahren sollte. Dieser bestand aus neun und dreißig Personen; die ganze Versammlung der obersten Gewalthaber hingegen aus nicht mehr, als der geringen, oft verspotteten und bewitzelten Anzahl von neunzig. Einige Anhänger der Königsparte,, besonders drei Anführer derselben im letzten Bürgerkriege, der Herzog von Hamilton, der Graf von Holland und der Lord Cappel, wurden durch ein zweites hohes Blutgericht für die Sicherheit der jungen Republik dem Tode geweihet. Die allzu werthlosen Häupter der beiden Ersten fielen, von keiner Partei bedauert. Der Letzte, ehemals ein Verfechter der Freiheit, nachher 7 .aber durch Gnadentitel für die Hofsache erkauft, ist gleichwohl immer von Solchen hochgcpriesen worden, Lenen Uebermuth für Geisteshoheit, Aberglaube für Religion, und halsstarrige Anhänglichkeit an besonderm Lntereffe für Vaterlandesfinn gelten. Außer der eigentlichen Hofpartei und denjenigen Presbyterianern, die zwar Gegner der Königs- und Bifchofsgewalt waren, aber doch gegen die ihnen verwandte Partei der Independenten *) dem Staate ihr eigenes hierarchisches Joch aufzulegen trachteten, sollte Lies auch nicht anders, als durch Frieden und Ver- *) Die Secte der Independenten, die aus dem Schooße der Prcsbyterianischen oder reformirtcn entsprang, verwarf Kraft ihres Namens alle Kirchengewalt, als eine Mutter der ärgsten Tyrannei, die der klaren Vorschrift des Evangeliums widerspräche. Sie wollten von keiner kirchlichen Rangordnung, keime» Priesterherrschast, keiner Einmischung weltlicher Obrigkeit in geistliche Angelegenheiten, keiner Proselytenmacherei zu irgend einem Lehr- und Glaubens-System etwas wissen. In ihren Versammlungen sollte Jeder dem Andern gleich, Keiner dem Andern untergeordnet seyn. Zwischen Priestern und Laien sollte kein förmlicher Unterschied obwalten. Berufungen, Einführungen und Einweihungen durch Anstegen der Hände wurden von ihr für politische Fallstricke angesehen. Die bloße Wahl der Gemeinen war zum Priesterthnm hinreichend. Die religiöse Duldung, diese in Hellern Zeiten von den Groß- und Edelgesinnten jedes Glaubens anerkannte Tugend, hat ihren Ursprung den Independenten zu verdanken. Sie haßten alle kirchliche Tyrannei und Verfolgung. Die bigotten Presbyterianer hingegen hielten die Duldung für Seelenmord, und glaubten, jede Abweichung von ihrer Lehre als Ketzerei ausrotten zu müssen. Sie bedroheten und drängten daher ihre anders den- 8 eim'gung mit der Krone geschehen können, hatte das Parlament Anfangs selbst von den eifrigsten Bekennern der Freiheit und Gleichheit nicht wenig zu fürchten. Schon längst hatte sich, besonders unter den Truppen desselben, eine Anzahl solcher Eiferer zusammen gethan, die sich selbst Republikaner, (6ommomveuItIi'8mon,) nannten, von ihren Gegnern aber den Spottnamen der Gleichmacher, (l-ovollers,) erhielten, um sowohl sie selbst, als ihre für schwärmerisch und unausführbar gehaltenen Grundsätze, ohne mühsamen Gegenbeweis, lächerlich zu machen. Erwägt man jedoch diese kenden Mitbrüder eben so, als sie ehemals von der bischöfliche« Kirche bedrohet und bedrängt worden waren, worüber sie sich doch so laut beklagt hatten. Die Independenten behaupteten Kraft des Evangeliums und der gesunden Vernunft, Jedermanns Gewissen sey in Glaubcnssachen frei, Jedermann dürfe die heilige Schrift nach Maßgabe seiner Kenntnisse und Einsichten auslegen. Die Lehre der Nichtduldnng rechtfertige überall jede Ncligionsverfolgung, so gut die der Heiden gegen die Christen, der Papisten gegen die Protestanten, der Episkopalen gegen die Presbyterianer, als dieser gegen die anders Gcsinntcn. Wenn die Presbyterianer geistlichen Gehorsam predigten, so geriethen sie mit ihren eigenen Handlungen in Widerspruch, und sprächen ihrer Widersetzung ehemaliger Tyrannei selbst das llrtheil der Verdammung. — Zu den Presbyterianern hielt sich die ganze Nation der Schotten, unter welcher ihre Grundsätze herrschten. Alles, was davon abwich, gesellte sich zu den Independenten, die, so bald das Ansehen der gemeinschaftlichen Feinde unter der Krone und Bischofsmütze fiel, ihr Haupt für sich allein erhoben. Vermöge einer natürlichen Verwandtschaft zwischen geistlicher und weltlicher Freiheit verband sich mit ihnen auch die Partei der Republikaner. 9 Grundsätze, so wie sie uns die Geschichte überliefert hat, so verkannten die Levellers wohl nicht den von Gott und Natur schon eingeführten, Jedermann von selbst in die Augen springenden Unterschied geistiger sowohl als körperlicher Kräfte und Geschicklichkeiten der Menschen, und eine nothwcndig daraus entspringende Ordnung, die den Einen über den Andern hinwegsetzt, und Diesen von Jenem abhängig macht. Es schien vielmehr nur, daß sie das große Problem der Staatskunst lösen wollten, bei aller, ohne die Allmacht des Schöpfers nie zu hebenden Ungleichheit der Menschen, dennoch jedem Einzelnen diejenigen Rechte möglichst zu sichern, die das höchste Wesen wirklich und unläugbar Allen mit gleicher Wage zugetheilt hat, und solcher Gestalt, ohne Nachtheil dieser, den Gang und die Ordnung der großen Natur auch im Staate aufrecht zu erhalten. Da nun aber schon der verschiedene Werth, welchen der Staat den Personen, wenn auch noch so weise und unpartheiisch, nach Maßgabe der von der Natur erhaltenen, oder durch Tugend erworbenen Vorzüge aufprägt, und nothwcndig aufprägen muß, jenen allgemein gleichen Rechten gefährlich und nachtheilig werden kann, weil dadurch die ohnehin schon überwiegende Naturschale noch mehr niedersinket: so glaubten sich die Levellers um so mehr berechtigt, alle willkürlichen und erblichen Auszeichnungen der Menschen für Gebrüte der entschiedensten Selbstsucht auszugeben, die von den zerstörendsten Folgen für das Wohl und die Würde des Menschengeschlechtes seyn müßten. Sie meinten, es würde dadurch der Naturordnung schnür- stracks entgegen gearbeitet; die Gesetze ihres großen und weisen Urhebers würden über den Haufen geworfen; der Schwächling würde nur allzu oft dem Starken, der Thor dem Weisen, der Bösewicht dem Tugendhaften zum Gebieter gesetzt, und das, was kaum werth gewesen wäre, ein Schuhriemen zu seyn, schlänge sich, von Erbrechts wegen, als Diadem um das Haupt des Staates. Die ruhige, unparteiische Muse der Geschichte überläßt es der Weltweisheit und deren Tochter, der Staatsklugheit, über die Wahrheit und Anwendbarkeit solcher Grundsätze zu entscheiden, um ungekränkt und ungehindert von Usurpationen, lediglich durch unbefangene Erzählung dessen, was die Menschen gedacht, gesagt und gehandelt haben, unterrichten zu können. Daß indessen die Levellers nicht Alles gleich gemacht wissen wollten, dessen Gleichmachung der Natur, und einer ächten, edeln, nach ihrem großen Vorbilde anorbnenden und handelnden Staatskunst widerspricht, das scheinen ihre sowohl mündlichen, als schriftlichen Erklärungen zu beweisen, nach welchen die Gesetzgebung keinesweges befugt seyn sollte, die Güterbesitzungen der Staatsbürger gegen einander auszugleichen, das Privat-Eigen- thum aufzuheben, oder alle Habe gemeinschaftlich zu machen. — So viel mußten wir sagen, damit die Sache der Levellers bei Niemanden unter ihrem Namen litte. Schon im Jahre 1647, ehe noch der König aus den Händen der Parlaments-Armee nach der Insel Whigt entflohen war, hatten sich die unter derselben 11 befindlichen Levellers gegen einen nachtheiligen Vergleich mit dem Könige erkläret, welchen, nebst andern Häuptern, der große Heuchler Oliver Cromwell, der den Eifer für die gute allgemeine Sache schändlicher und gefährlicher, als je ein Sterblicher nur immer zu lügen beflissen war, zu Erreichung selbstsüchtiger Endzwecke zu schließen getrachtet hatte. Damals aber hatte die kühne Entschlossenheit dieses Mannes durch unerwartete und übereilende Gewaltthaten die Partei in Schrecken gesetzt, und zu schweigendem Gehorsam gezwungen. Ob nun gleich der Vertrag nicht zu Stande kam, und Cromwell Ton und Geberde umwandeln mußte, so wußte er dennoch seine That dem Parlamente als glückliche Unterdrückung einer gefährlichen Meuterei vorzustellen, und durch Zustimmung seiner Anhänger sich die höchsten Lobpreisungen desselben dafür zu erheucheln. Nach den Veränderungen aber, die seit kurzen so wohl in Ansehung des Königs, als des Parlamentes, vorgegangen waren, erhoben die Levellers ihre Häupter von neuen, und erklärten laut ihr Mißfallen sowohl an der oligarchischen Staatsverfassung als an der un- getheilten Gewalt, welche das Parlament sich angemaßt hatte. Schon unmittelbar nach dem Beschlüsse desselben, gegen das Leben des Königs zu verfahren, hatten der berühmte General, Lord Fair fax, und der Officierrath von der Armee dem Hause der Gemeinen eine von verschiedenen Artikeln begleitete Bittschrift für eine neue Staatsgrundverfassung überreichen lassen. Sie hatten verlanget, die oberste Gewalt sollte 12 in den Händen einer Versammlung von vier hundert Stellvertretern des Volkes seyn. Diese sollten alle zwei Jahre von den Grafschaften, Städten und Flecken nach einem gleichem Verhältnis! mit der Anzahl der Wahlmänner, als das bisherige, gewählt werden. Alle Eingeborenen und Eingebürgerten Englands, die kein Almosen, oder Dicnerlohn empfingen, sollten ein Stimmrecht zur Wahl haben. Kein Mitglied eines Staats- rathes, kein Officier besoldeter Truppen zu Hause oder im Felde, kein Cafsier oder Einnehmer öffentlicher Gelder sollte, als solcher, fähig seyn, zum Stellvertreter gewählt zu werden. — Diesen Hauptpuncten waren noch einige schickliche Einschränkungen der obersten Gewalt, einige Maßregeln der Vorsicht gegen die Anhänger des Königs, welche zu der ersten und zweiten Stellvertretung mitzustimmen hatten, und endlich auch Vorschläge zur Begründung religiöser Freiheit bcige- füget. Die Schrift führte den Titel: „Die Ueberein- kunft des Volkes," und war gleichen Inhalts mit einer andern Uebereinkunst, womit die Levellers schon ehedem hervorgetreten waren. Aehnliche Vorstellungen und Bittschriften vermehrten sich nach der Hinrichtung des Königs. Allein das Parlament, von der Geschichte das lange genannt, ver- rieth nicht die mindeste Neigung, die gewaltige so lange gespielte Rolle aufzugeben und aus einander zu gehen, ob dieses gleich nach den Vorschlägen der Armee am letzten April-Tage, 1649, geschehen sollte. Vielmehr fiel es mit dem ganzen Gewichte seines Ansehens über diejenigen her, die es wagten, sein Verfahren zu miß- billigen. Der Partei gebrach es gleichwohl nicht an Muth und Standhaftigkeit. Lilbourn und noch drei Häupter derselben waren wegen einer Flugschrift: „Englands zweite Ketten," eingczogen. Eine Bittschrift, unterzeichnet von zehn tausend Personen, beschwerte sich über den willkürlichen Einfluß von drei oder vier Großen bei der Armee auf die oberste Nationalgewalt, und verlangte, daß die Regierung von ihrem gesetzwidrigen Verfahren gegen die Eingezogenen abstehen sollte. Sie wurde von einer weiblichen Bittschrift gleichen Inhalts begleitet. Lilbourn und seine Gefährten hatten sogar noch in ihrer Gefangenschaft die Kühnheit, eine Erzählung von dem, was zwischen ihnen und dem Staats- rathe vorgegangen war, nebst einem neuen Constitu- tions-Entwurfe, unter dem Titel: „ Uebereinkunft des freien Volkes von England," drucken zu lassen. Dieser Entwurf zeichnete sich vor allen andern aus, und enthielt Ideen zu Abstellung mancher Mißbräuche, die England noch bis auf den heutigen Tag drücken. Allein alle diese und ähnliche Bewegungen vermochten die Regierung nicht, mildere und billigere Maßregeln zu nehmen. Man verfuhr mit Einkerkerungen, militärischen Leibes- und sogar Todesstrafen, selbst gegen bloße Bittsteller, als wären sie Aufwiegler. Ein solches, dem Freiheitsgciste so sehr widerstrebendes Verfahren reizte die Levellers, sich bis auf fünf tausend, größtentheils alte geübte Krieger zu Burford zu versammeln. Diese Vereinigung hätte der Regierung sehr gefährlich werden können, wenn die Mißvergnügten nicht durch Crom- well's Versicherung, daß den Feindseligkeiten gegen 14 sie noch Anstand gegeben werden sollte, sich hätten hintergehen kaffen. Denn unvermuthet ließ der wortbrüchige Heuchler mit einer ungleich stärkern Anzahl seiner Truppen sie überfallen, und bewirkte dadurch ihre gänzliche Niederlage. Die schnelle Zerschmetterung einer so muth- und kraftvollen Gegenpartei bekleidete die neue Regierung mit Glanz und Schrecken. Bald fühlte sie sich nun stark genug, den Stürmen, die in Irland tobten, mit Nachdruck, Stillschweigen und Gehorsam zu gebieten. Um aber die Größe des Geschäftes, das hier zu vollbringen war, gehörig zu beurtheilen, müssen wir einen Schritt in die Vergangenheit zurück thun, und die bisherige Lage der öffentlichen Angelegenheiten daselbst mit einigen Zügen darstellen. Die Urbewohner Irlands lebten bis auf sehr neue Zeiten herab als rohe Barbaren, ohne Cultur, ohne eine der Menschheit würdige Staatsverfaffung. Entblößt von nützlichen Kenntnissen und Künsten, zersplittert in mehrere einzelne Stamm- und Geschlechtshaufen, wurden sie willkürlich von Oberhäuptern beherrscht, die auf Lebenszeit aus den Vornehmem ihrer Gauen gewählt wurden. Nichts, weder ihre Ländereien, noch Wohnungen, weder ihre Weiber und Kinder, noch selbst ihre Personen, gehörten ihnen eigenthümlich. Mit allen konnte das Oberhaupt nach unumschränktem Belieben schalten; und was es konnte, das that es. Ueber einem solchen Volke brüteten noch dazu papistischer Aberglaube und Bigotterie mit erstickenden Flügeln. Die größtentheils durch Englische Privatunternehmer 15 vollbrachte Eroberung Irlands für die Britische Krone mußte daher wohl seinen übelberathenen Einwohnern zu großem Glücke gereichen. Schmälerte gleich die Menge neuer Ansiedelungen den rauhen, bisher so sehr verwahrlosten Boden, so wurde ihnen doch dieser Verlust Lurch Unterricht im Land- und Hausbau, in Manufakturen und andern Künsten der Gesittung, vornämlich aber durch eine den Menschenrechten und allgemeinen Ansprüchen auf Wohlseyn gemäßere Staatsverfassung reichlich vergolten. So blind aber war ihre Vorliebe für den alten ehrlosen Zustand, — eine an entadelten Sclaven leider! so häufige Erscheinung — so boshaft ihre Schelsucht über die durch Kunst und Fleiß veredelten Besitzungen der eingewanderten Engländer, so vcrnunstlos ihr Haß gegen den, unter diesen bald ziemlich allgemein ausgebreiteten Protestantismus, daß sie nicht selten gegen die Britische Oberherrschaft sich zu empören versuchten. Dennoch war dies im Ganzen kein Hinderniß einer gerechten und edelmüthigen Behandlung nach Englischen Gesetzen, wenn gleich die Statthalter zwischen durch sich einzelne Abweichungen hiervon erlauben mochten. Die Ausübung der Römisch-katholischen Religion wurde nicht nur geduldet, sondern sogar auf mancherlei Weise begünstigt, da die Könige aus dem Hause Stuart den Grundsätzen derselben keineswegcs abgeneigt waren. In den neuesten Zeiten, und als der Kampf zwischen Despotismus und Freiheit unter Karl I. bereits begonnen hatte, stiegen, durch mancherlei Umstände befördert, die Begünstigungen so hoch, daß den Irländern in Ansehung weltlicher und geistlicher Freiheit, und des daraus entspringenden Segens des Wohlstandes, des Friedens und der Sicherheit kaum noch etwas zu wünschen übrig blieb. Handel und Manufacturen blühten; Staatsauflagen und Beiträge waren dem glücklichen Volke kaum dem Namen nach bekannt; die Natur, unterstützt von der fleißigen Kunst, schmückte den fruchtbaren Boden mit neuer Schönheit; und den Genuß aller dieser Wohlthaten würzte das Bewußtseyn der Dauer, welche das Gesetz ihm verliehen hatte. Alle Bewohner Irlands, die alten sowohl, als die neuen, die Katholiken nicht minder, als die Protestanten, waren gleiche Theilnehmer dieser Vortheile. Gemeinschaftliches Interesse lockte nunmehr zur Eintracht; geselliger Umgang, Heirathen, Verschwägerungen kamen gegen die lange Trennung und Feindseligkeit der Gemüther zu Hülfe. Denn vernichtet waren die alten Gesetze und Vorurtheile, die dergleichen den Engländern um deß- willen untersagten, damit sie nicht von der Irländischen Barbarei angesteckt würden. Alles schien sich in ein einziges, verwandtes, glückliches und zufriedenes Volk zusammen zu schmelzen. Das wäre es wirklich gewesen und geblieben, hätte nicht unduldsame, ehr- herrsch- und habsüchtige Psaf- ferei, diese Mordpest der menschlichen Gesellschaft, den Segen in Fluch verwandelt. Durch sie verleitet, faßten zuerst ein gewisser Roger More, arm an Vermögen, aber aufgeblasen von Hochmuth wegen alter vornehmen Abkunft, und Owen O'Neal, Oberster eines Irländischen Regiments in Spanischen Diensten, den An- 17 schlag, die Engländer, besonders die Protestanten, aus Irland zu vertreiben, und das Reich von England ganz unabhängig zu machen. Sie theilten ihren Entwurf zuvörderst zwei andern liederlichen Abentheurern, dem Lord Macguire undSirPhelim O'Neal, hierauf aber allen alt Irländischen Oberhäuptern mit, die denselben sogleich annahmen, als sie hörten, daß Owen O'Neal fünfzehn Tage nach dem Aufstande mit seinem papistischen Regiments zu ihnen stoßen würde. Ueber dies versicherte More: Die papistischen Engländer eines gewissen Bezirkes, der Pfahl (tire knie), genannt, würden mit ihnen seyn; die Irländischen Ofsiciere würden sie mit Arm und Schwert, der Pabst aber mit Geld unterstützen; der Cardinal Richelieu habe mächtigen Beistand von Frankreich, und der Spanische Gesandte Hülfe von Spanien aus versprochen. Es wurde daher beschlossen, daß Einige sich des festen Schlosses zu Dublin bemächtigen sollten, indessen die klebrigen die Schlösser und festen Plätze in den Provinzen wegnähmen. Am 22. October, 1641, als dem Tage der Ausführung, war Dublin mit Verschworenen erfüllt. Die Britische Negierung daselbst, welche damals von zwei Personen, Sir William Parsons und Sir John Borlasse, unter dem Titel: Richter (Doräs Uu8tio68) versehen wurde, hatte zwar von einem großen Unternehmen, womit die Irländer schwanger gingen, entfernte Winke erhalten, allein, getäuscht durch den Anschein der ächtesten Harmonie zwischen Papisten und Protestanten, derselben nicht geachtet. Ein Irländischer 2 18 Protestant, Namens O'Conolly, verrieth endlich das ganze ihm anvertrauete Geheimniß noch so eben vor der Ausführung. Die Richter retteten sich sogleich auf das Schloß, verstärkten Besatzung und Wachen, und ließen Lärm in der Stadt schlagen. Zwei von den Rädelsführern, Macguire und Macmahon, wurden ergriffen. Das Geständniß eines allgemeinen Aufstandes und Mordes wurde von diesen BLsewichtern erpreßt, früh genug zwar, um Dublin noch zu retten, allein zu spät, die Ausführung in den übrigen Provinzen zu hemmen. Sir Phelim O'Neal und die übrige höllische Bande vollbrachten mit einer barbarischen Pünktlichkeit die Gräuel, wozu sie sich verschworen hatten. Man bemächtigte sich der Personen, der Wohnungen, der Heerdcn, kurz aller Habe der Engländer. Dann erfolgte ein allgemeines entsetzliches Blutbad. So wenig des Vornehmen, als des Geringen, so wenig des Kindes, als des Greises, so wenig des Weibes, als des Mannes wurde geschont; über Alles schwang die fanatische Wuth ihr Mordschwert. Umsonst beriefen sich die unglücklichen Schlachtopfer auf die heiligen Bande der Menschlichkeit, der Gastfreundschaft, der Blutsvermischung; umsonst auf die holden Pflichten des geselligen Umgangs. Nachbarn, Hausund Tischgenoffen, Freunde, Verwandte versagten nicht nur Schutz und Rettung, sondern erhoben ihre Hände selbst zu den Streichen des Todes. Umsonst flehte der fromme Sohn für seinen dem Tode geweiheten Vater; er selbst wurde in seiner Blüthe geopfert. Umsonst suchte die liebende Mutter für ihre hülflosen Kinder das eiserne Herz des Mörders zu erweichen. Diese wurden vor ihren Augen erst abgeschlachtet, und dann erfuhr sie eben dasselbe Schicksal. Das Weib, wehklagend um den zerstümmelten Gatten, erlitt einen nicht minder schrecklichen Tod, als den, welchen sie bejammerte. — Bei bloßem reinen Morde blieb es nicht. Grausamer Muthwille schuf ihn zu einem Spiel um, das die Phantasie eines Teufels nicht empörender hätte aussinnen können, zu einem Spiele, woran sich selbst Weiber und Kinder theilnehmend ergetzten. Denn Pfaffen stellten die Ermordung der Engländer als das verdienstlichste Werk, als das sicherste Verwahruygs- mittel gegen das künftige Fegefeuer dar; Pfaffen ermahnten das Volk mit thränenden Augen, das Land von diesen erklärten Feinden des Ehrist-katholischen Glaubens zu säubern. Kein Sacrament wollten sie mehr ertheilen, wofern irgend Jemand geschont würde. Auf diese Weise konnten sich die Mörder der Menge ihrer Erschlagenen rühmen, und ihren Schritt aus diesem Leben für den nächsten in's Himmelreich halten. Ein Abt konnte sagen, er wollte nicht des Himmels Gnade, sondern nur seine Gerechtigkeit für den glücklichen Erfolg der blutigen Unternehmungen seiner Glaubensgenossen anrufen. Ungern reget zwar die Geschichte das Andenken an Greuel auf, welche das Moos des Alterthums nunmehr bedecket; ungern peinigt sie damit fühlende Menschenherzen in mildern Tagen der Aufklärung und Duldung. Allein ein würdiger und großer Zweck gebeut ihr, diesen allgemeinen zu flachen Umriß jener Mordscencn noch mit einigen Pinselstrichen zu erheben. Das Ungeheuer, welches solche Unthaten in Irland, wie inso vielen andern Ländern des Erdbodens gebar, ist heute noch keinesweges gänzlich vernichtet, sondern von der Fackel der Vernunft nur in das Dunkel seiner Höhle zurück gescheucht. Schweigend lauert es daselbst so lange, bis es seinen, jetzt nur etwas behutsamer predigenden Aposteln gelinget, die heiligen Namen der Aufklärung, der Duldsamkeit, der Freiheit und des Menschenrechtes bei den Achtlosen, den Schwachsinnigen, den Engbrüstigen durch Blasphcmieen lächerlich oder verhaßt zu machen, damit des himmlischen Lichtes und Feuers nicht mehr so sorglich gepflegt, und unter dem Schleier der heran schleichenden Nacht die Menschheit desto bequemer wieder an geistliche und weltliche Tyrannei verrathen werden möge. Daher treibt hier die Geschichte nicht ein Spiel des müßigen Pinsels, sondern ein ernstes Geschäft, die Guten zu warnen, und die Bösen wo möglich zu schrecken. Einige tausend Engländer und Protestanten wurden in ihren Häusern verbrannt; andere nackend mit Schwertern und Spießen vorwärts in Ströme gestachelt. Manche wurden gefesselt in Grüfte geworfen, um mit Muße daselbst zu sterben; manche mußten verstümmelt an den Heerstraßen unter freiem Himmel verschmachten. Sanft und süß starben diejenigen, die nur gehängt wurden. Dagegen aber wurden auch wieder andere lebendig begraben. Dieses entsetzliche Schicksal traf sogar ein armes kleines Kind, welches, da es zu seiner tobten Mutter in's Grab gestoßen wurde, mit seinem: „Mutter, 21 Mutter, hilf mir!" das Herz seines Mörders nicht zu rühren vermochte. Einige wurden am ganzen Leibe zerfleischt an Tuchrahmhaken aufgehänget; Einige mit Stricken um den Hals über Stock und Stein, durch Morast und Pfützen zu Tode geschleift; Einige bei den Armen aufgehänget, und alsdann zerschnitten und zerfetzt, um zu sehen, wie viele Wunden ein Engländer ertragen könnte. Manche wurden lebendig ausgeschnitten, so daß die Eingeweide aus ihre Füße herab rollten. Alle diese Grausamkeiten wurden an Kindern von jedem Alter verübt, und manche Schwängern erfuhren ein gleiches Schicksal. Kinder zwang man, ihre kranken und bejahrten Aeltern zur Schlachtbank herbei zu schleppen. Manche Ungeheuer trieben die Bosheit so weit, ihren Gefangenen mit der Hoffnung des Lebens zu schmeicheln, wenn sie ihre Hände mit dem Blute ihrer nächsten Verwandten besudeln wollten. So wurden Kinder verleitet, an ihren Aeltern, Weiber an ihren Männern, Mütter an ihren Kindern zu Henkern zu werden, und nach vollbrachter Unthat verloren sie dennoch ein Leben, das sie für einen so gräßlichen Preis zu erkaufen gesucht hatten. Kinder wurden in Kesseln gesotten; einige Elende lebendig geschunden; andere zu Tode gesteinigt. Manche dienten, nach ausgestochenen Angen, abgeschnittenen Ohren, Nasen, Wangen und Händen, ihren höllischen Feinden zur Augenweide. Einige wurden bis an den Hals in die Erde gegraben, und so einem langsamen Tode geweihet. Ein protestantischer Geistlicher wurde in einem Fasse, mit eisernen Nägelspitzen ausgeschlagen, zu Tode gerollet. Aeltern wurden vor den Augen ihrer Kinder, Kinder 22 vor den Augen ihrer Aeltern gebraten. Wenn Einige am Rande des Todes noch ein kurzes Gebet zu wimmern versuchten, so konnten die Barbaren des Unglücklichen, als eines Furchtsamen, spotten, und sagen: Diese Qualen wären nur ein Vorspiel ihrer baldigen ewigen Pein. Wenn Manche, geschreckt durch den Anblick so entsetzlicher Martern, ein Römisch-katholisches Bekenntniß ablegtcn, so hieß es: Nun ständen sie in gutem Glauben; um aber ihren Rücksall zu verhüten, sey es gut, sie sogleich abzuwürgen. Die, welche den Mördersäusten entsprangen, wurden mit Hunden zu Tode gehetzt. Nicht das Schmerzgeschrei der Unglücklichen, nicht die Todesangst ihrer Seelen, nicht die Zuckungen der Verzweifelung vermochten die Wuth der Barbaren zu besänftigen. Der letzte Mordstceich wurde gemeiniglich noch mit der Verwünschung begleitete „Deine Seele zum Teufel!" Der Gefahr einer allgemeinen Verpestung zum Trotze, verweigerte man hartnäckig sogar die Beerdigung der zerfleischten Leichname» — Die Zahl der also Gemordeten läßt sich nicht allenthalben genau bestimmen. Allein nach den eigenen Angaben der Rebellen sielen blos in der Provinz Ulster ein hundert und vier und fünfzig taufend Engländer und Protestanten. — Menschen waren indessen nicht die einzigen Gegenstände dieser schrankenlosen Wuth. Auch die bequemen Wohnungen und prächtigen Gebäude derselben wurden entweder verbrannt, oder niedergerifsen und der Erde gleich gemacht. Ihr Vieh, obgleich nun die Beute der Mörder, wurde, weil es Ketzern gehört, entweder 23 sogleich getödtet, oder, mit Wunden bedeckt, in Wälder und Einöden gejagt, um langsam daselbst zu verschmachten. Wenn man auch gleich von einigen dieser armen Thiere Gebrauch machte, so schnitt man ihnen doch lebendig die Flechsen entzwei, riß ihnen das Fleisch von den Schenkeln, und unterhielt sie so drei bis vier Tage in ihren Martern. In den übrigen Provinzen außer Ulster wurde zwar nicht ganz so unmenschlich gewüthet; doch fehlte es auch da nicht an blutigen und grausamen Thaten. Man warf die Engländer aus ihren Häusern und beraubte sie aller ihrer Habe. Ihre Pflanzungen wurden verwüstet, sie selbst aber, nackend ausgezogen, allem Ungemache der rauhesten Witterung überliefert. Der größte Theil der Menge, die diese Behandlung erfuhr, und nicht von Kräften des Alters, des Geschlechtes, oder der Lcibesbeschaffenheit außerordentlich empor gehalten wurde, kam vor Hunger und Kalte um. Viele von denen, die Dublin noch erreichten, erkrankten von dem vielen erlittenen Ungemach, und starben, so viel auch auf ihre Rettung verwandt wurde. Andere, von lebhafterem Gefühle, gefoltert von den beständigen Erinnerungen an ihr Schicksal, aus einem Zustande des Ueberfluffes zur bittersten Armuth herabgestoßen zu scyn, und noch dazu Aeltern, Gatten, Gattinnen und Kinder eingebüßt zu haben, überließen sich der Verzweifelung, schlugen alle Hülfe aus, und verlangten nichts, als den Tod, als das einzige Labsal für das Uebcrmaß so mannigfaltiger Leiden. Die glückliche Rettung eines Hauptplatzes, wie 24 Dublin, wendete wenigstens den gänzlichen Untergang der Engländer und Protestanten in Irland ab. Seine Mauern boten allen denjenigen einen Zufluchtsort dar, denen es gelang, der Wuth ihrer Verfolger zu entrinnen. Obgleich die damalige Macht der Englischen Regierung in diesem Königreiche sich nicht über drei tausend Mann belief, so wurde doch die Besatzung durch Annahme der muth- und kraftvollsten Flüchtlinge bald bis auf vier tausend Mann vermehrt; und die sonst hin und wieder zerstreueten Corps der Armee, welche von den Rebellen nicht ganz abgeschnitten waren, wurden zur Vertheidigung der Stadt aufgefordert. Ein ansehnlicher Vorrath von Kriegsbedürfnissen, der unter der Statthalterschaft des bekannten, vor kurzen Hingerichteten Strafsord zu Erreichung tyrannischer Absichten der Krone daselbst zusammengebracht war, diente jetzt, die Schutzmittel der Freiheit und der protestantischen Sache in Irland zu vermehren. Geld war zwar sehr wenig im königlichen Schatze vorräthig; allein auf Vorstellung der Staatsbeamten versah das Volk bald das Schloß so weit mit Lebensmitteln, daß sie zum Unterhalte der Armee auf mehrere Monate hinreichten. Sir Charles Coote, ein eifriger Protestant, und Sir Francis Willoughby, ein alter erfahrner Krieger, wurden zu Befehlshabern, jener der Stadt und dieser des Schlosses zu Dublin bestellt. Sechs hundert Mann wurden zur Unterstützung der von den Rebellen belagerten wichtigen Festung Droghede zwar abgesendet;, allein durch Verrätherei der papistischen Engländer von dem Pfahle, die zwar heimlich der Rebellion wohl wünschten, aber sich doch noch nicht öffentlich erklärt hatten, von den Rebellen plötzlich überfallen, und, als neu angeworbene noch ungeübte Krieger, gänzlich niedergemacht. Dieser Sieg verschaffte den Rebellen nicht nur mehr Waffen, sondern auch > Ansehen. Ihre Anzahl wuchs so fürchterlich an, daß die Richter bald alle Gedanken an einen angreifenden Kampf fahren lassen, und bloß auf die Vertheidigung der Hauptstadt bedacht seyn mußten. So bald die ersten Nachrichten von diesem Aufstande England erreichten, säumte das dasige Parlament nicht, diensame Beschlüsse zu fassen, damit die Flamme sich nicht weiter verbreiten, und besonders nicht auch England ergreifen möchte. Auch der König, der sich gerade in Schottland befand, gab sich ein gegenwirkendes Ansehen, indem er die Schottländer veranlaßte, ein kleines Corps zur Unterstützung ihrer eigenen Colonie in Ulster abzusenden, eine Commission anzuordncn, welche mit dem Englischen Parlamente über die Bedingungen einer gemeinschaftlichen Kriegsführung gegen die Rebellen unterhandeln sollte. Allein die Bemühungen des Königs hatten keinen Erfolg, weil die öffentlichen Erklärungen der Rebellen einen sehr nachtheiligen Verdacht gegen ihn erweckten. Sie nannten sich nämlich selbst die Armee der Königin», und gaben vor, wie sie ihren großen Anhang sowohl in England, als Schottland hätten, wie sie die Waffen in keiner andern Absicht ergriffen, als um die von einem puritanischen Parlament angetasteten Gerechtsame der Krone, mit Genehmigung des Königs und der Königin», zu ver- S6 fechten. Sie zeigten sogar eine Vollmacht unter dem großen Siegel von Schottland vor, Kraft welcher ihnen aufgetragen war, sich nicht nur der festen Plätze des Königreichs, sondern auch des Vermögens und der Personen der Englischen Protestanten zum Besten des Königs zu bemächtigen, damit, wie die Vollmacht sich ausdrückte, die protestantische Partei nicht eben sa heftig in Irland, als in England, gegen ihn verfahren möchte. Schriftsteller von großem Gewicht und Ansehen haben zwar die Wahrheit des rebellischen Vorgebens, so wie die Echtheit dieser Urkunde, zur Ehrenrettung, des Königs zu bezweifeln gesucht; allein es hat auch nicht an Schriftstellern von großem Gewicht und Ansehen gefehlt, welche die Unzulänglichkeit ihrer Gründe sehr einleuchtend dargethan haben. Wenn man den Eharacter dieses Königs, wenn man sein bei so vielen andern Gelegenheiten sichtbares Streben nach Despotie, und vollends sein nachmaliges Betragen in Rücksicht auf die Irländischen Angelegenheiten erwägt, so kann man ihn wohl wenigstens nicht frei sprechen, gesetzt, man wäre auch nicht im Stande, die empörende Anklage vollgültig zu beweisen. Es läßt sich leicht ermessen, daß ein von so entsetzlichen Gräueln begleiteter Aufruhr, angeblich unter der Autorität des Königs, mit Einwilligung und Beitritt des ganzen Eorps der Papisten unternommen, die Gemüther der Protestanten um so mehr mit Grausen und Abscheu erfüllen mußte, je empfänglicher sie hierzu durch das Betragen dieser Secte von Alters her waren. Das Ansehen und die Macht des Parlaments mußte ihnen als die einzige sichere Schuhwehr gegen die Schrecknisse papistischcr Eomplotte und Gewaltthaten erscheinen. Sie mußten der Meinung seyn, daß eine der Hofpartei dem Ansehen nach so günstige Rebellion unmöglich durch eben diese Partei unterdrückt werden könne, und daß daher das Parlament die einzige Macht im Staate sey, welcher die Sache der Religion und Freiheit mit Sicherheit anvertraut werden dürfe. Bei einer solchen Stimmung des Publicums mußte es dem Parlament auch gelingen, eine Aeußerung des Königs, wie er die Sorge für Irland dem Englischen Parlamente überlasse, sogleich als eine unumschränkte Vollmacht zur alleinigen Kriegsführung anzusehen und so auf ein Mal der Krone denjenigen Thcil der vollziehenden Gewalt zu entziehen, vor welchem man unter diesen Umständen die allgemeinste Furcht hegte. Karl, so sehr er auch wußte, was man ihm nahm, hielt es dennoch nicht für rathsam, sich offenbar zu widersetzcn, um nicht den Verdacht zu rechtfertigen, den die unvorsichtigen- und voreiligen Offenbarungen der Rebellen gegen ihn aufgeregt hatten. So sehr auch dieser Eingriff des Parlaments in die Gerechtsame der Krone die protestantische Religion und die Freiheit gegen noch härtere Einbußen in England und Schottland sicher stellen mochte, so wenig gewannen selbige doch hierdurch für's erste in Irland gegen die fanatische Wuth ihrer Verfolger. Gesetzt auch, Karl war nicht der Anstifter dieser Empörung, so ließ sie sich dennoch zu seinen Absichten allzu gut nützen, um nicht gar bald ihr geheimer Gönner zu 88 werden. Was für herzhafte und viel versprechende Beschlüsse daher das Parlament auch auf die immer schauderhafter heranströmenden Nachrichten faßte, so wußten der König und seine Anhänger die Ausführung derselben doch größtenteils entweder zu verzögern oder zu vereiteln. So hätte, um nur Einiges hierüber an- zusühren, sehr leicht und mit geringen Kosten ein Heer von zehn tausend Schottländern nach Irland gesandt werden können. Die Schottländer hatten diese Hülfe selbst angeboren; das Haus der Gemeinen in England- hatte selbige anzunehmen beschlossen, und es kam mit noch darauf an, den Handel hierüber völlig abzuschließen. Allein der König, der diese Rebellion zum. Werkzeuge seiner tyrannischen Absichten gegen die religiöse und bürgerliche Freiheit des ganzen Staats zrr machen gedachte, drang sehr ernstlich darauf, daß wenigstens eine gleiche Anzahl Truppen auch von England aus hinüber geschickt würde, unter dem sonderbaren. Vorwände, daß die Schottländer sich des Königreichs- bemächtigen würden, so bald sie die eingeborenen unterjocht hätten. Diesen Vorwand geltend zu machen, wußte er im Oberhause, besonders durch die geistlichen Herren, die Mehrheit der Stimmen auf seine Seite zw bringen. Nichts konnte das Haus der Gemeinen mehr in Verlegenheit stürzen, als eine solche Widersetzung. Denn entweder mußte das protestantische Interesse in Irland aufgeopsert werden, und das Haus der Gemeinen in die übele Nachrede gerathen, daß es selbst den Beistand verhindert hätte, oder es geriethen, wenn man dem Vorschläge des Königs nachgab, Religion und Freiheit in Gefahr, indem man eine große Kriegesmacht errichtete, welche fast unvermeidlich unter den Befehlen und der Anführung ausgemachter Creaturcn -er Krone gestanden haben würde, von deren religiösen und bürgerlichen Grundsätzen fast noch mehr, als von den Gesinnungen der Papisten zu fürchten war» Denn schon seit dem ersten Anfänge der Rebellion war der bekannte nachmalige Marquis von Ormond, ein Zögling der höfisch gesinnten Strafford und Laubs, dessen ganze politische Weisheit und Tugend in dem engen Bezirke persönlicher Ergebenheit gegen den König sich einschränkte, und welcher noch dazu mit vielen »Häuptern der Rebellion in enger Verbindung stand, zum Befehlshaber aller Truppen in Irland bestimmt. Bei so drohenden Gefahren mußten die Gemeinen, um größern Nachtheil abzuwenden, lieber ihre Popularität auf das Spiel setzen, und, ungeachtet des Geschreies und der boshaften Ausstreuungen der Hofpartei, nicht allein das Anerbieten des Königs, zehn tausend Mann Freiwillige für Irland anzuwerben, mißbilligen, sondern auch, als die Trommeln geschlagen und Soldaten eingeschrieben wurden, das Vorhaben wirklich dadurch hemmen, daß sie den Obersten Hill und andere Offi- ciere dafür in Verhaft nahmen, daß sie in einer so wichtigen Sache ohne Wissen und Willen des Parlamentes zu Werke gegangen wären. Das große Ansehen, welches ihnen bereits ihre von Gemeingeist beseelten Maßregeln erworben hatten, und die Stimmung des Zeitalters schützten sie vor dem öffentlichen Unwillen. Ihre Partei war glücklich genug, dem Volke richtige 30 Vorstellungen hierüber beizubringen, so daß eine Petition der Bürger von London ausdrücklich erklärte: Wie die Halsstarrigkeit der Lords die Gemeinen außer Stand setze, Irland mit mehr, als 20,000 Pfund Sterling, die nebst zwei oder drei Regimentern Fußvolk und einigen andern Kriegsbedürsm'ssen gleich Anfangs abgesendet waren, zu Hülfe zu kommen. Endlich erlangte man denn doch von dem Oberhause die Einwilligung, daß wenigstens 2500 Schottländer einstweilen und bis der Vertrag mit Schottland wegen der zehn tausend Mann zu Stande gebracht werden könnte, nach Irland übergehen sollten. Allein der König suchte auch die Ausführung dieses Beschlusses zu verzögern. Denn gegen eine der Bedingungen des Vertrages, daß den Schottländern Carrickfergus, der beträchtlichste Seehafen in Nord-England, eingeräumt werden sollte, stellte er den scheinbaren Einwand auf, daß man dadurch bloßen Hülfstruppen zu viel anvertrauete. Allein die Gemeinen, welche die Festungen für weit sicherer in den Händen der Schotten, als einer dem Könige ergebenen Armee hielten, achteten nicht darauf, und schritten dennoch zum Abschlüsse des Vertrages. Der König, gedrängt sowohl von den Gemeinen, als den Schotten, die sich mit Recht für gekränkt ausgeben konnten, wenn er auf seine eigenen Unterthanen und Landsleute nicht wenigstens eben so viel Vertrauen, als das Parlament von England, setzen wollte, mußte endlich, wiewohl unwillig, nachgeben, um nicht einen allgemeinen Un- muth wegen verzögerter Hülfe für Irland gegen sich zu erwecken. Unter so mannigfaltigen Hindernissen/ welche die immer zunehmenden Mißhelligkeiten zwischen Hof und Parlament einer Hilfsleistung von gehöriger Kraft und Wirksamkeit entgegen setzen, mußte nothwendig die Rebellion immer weiter gedeihen, und besonders dadurch furchtbar werden, daß alle Irländischen Papisten sich in einen Körper vereinigen und organisiren konnten» Die meisten festen Plätze von Nord-Irland geriethen in ihre Gewalt. Sie konnten Drogheda, eine wegen der Nachbarschaft von Dublin wichtige Festung, belagern, und so bald nur diese erobert wäre, die Hauptstadt mit einem gleichen Schicksale bedrohen. Die Richter, auf ein blos vertheidigendes Verfahren eingeschränkt, suchten zwar durch Glimps und Besänftigung der Gemüther dem drohenden Unheil entgegen zu arbeiten. Gleich Anfangs, ehe die Nachrichten von den allzu großen Gräuelthaten England erreicht hatten, waren sie vom dasigen Parlament im Namen des Königs bevollmächtigt worden, allen denjenigen Verzeihung anzubieten, welche innerhalb einer gewissen bestimmten Zeit zurückkehrcn würden. Dies geschah; allein es half nichts. Sie suchten die römisch-katholischen Engländer von dem Pfahle nicht nur durch süße Worte des Zutrauns, sondern auch dadurch zu gewinnen, daß sie ihnen Waffen anvertraueten, daß sie den Vornehmern unter ihnen Stellen und Geschäfte auftrugen, und ihnen Vollmacht ertheilten, den Frieden zu handhaben und das Kriegs- gesetz zu vollziehen. Allein auch dies gelang nur so lange, als bis diese Verräther, längst schon heimlich Mitverschworene, die bequemste Zeit ersahen, sich Lffent- 32 lich mit den übrigen Rebellen zu vereinigen. Alle Versuche der Richter, sie wieder zurück zu bringen, waren vergebens. Diese Vereinigung erhob den Ausruhr vollends auf die höchste Stufe eines glücklichen Fortganges. Von allen Seiten her erscholl nun einerlei Stimme. Man habe, hieß es, die Religion, man habe die Gerechtsame des Königs, man habe die Irländische Freiheit, ja selbst Gut, Blut und Leben gegen die Gewaltthätigkeiten eines puritanischen Parlamentes zu vertheidigen. Unter diesem Vorwände erlaubte sich nun das zahlreiche völlig orgam'sirte Corps der Rebellen durch ganz Irland fortgesetzte Plünderungen, Verbannungen und Ermordungen der protestantischen Engländer, so grausam und blutig, als nur immer im Anfänge. Da sie immer ihre persönliche Treue gegen den König im Munde führten, und nur gegen die übrigen Theile der Staatsgewalt Beschwerde verwendeten, so übersandten die Richter, um die Majestät gegen den Vorwurf der Beförderung einer solchen Büberei zu decken und, nach ihrem Ausdrucke die unwissende Menge vor der Verführung zur Theilnahme an der Rebellion unter einem solchen Vorwände zu bewahren, einen Entwurf zu einem Ausrufe, den der König öffentlich ergehen lassen möchte. Zwanzig Exemplare davon meinten sie, müßten nothwendig von dem Könige eigenhändig unterschrieben, und bedruckt mit seinem geheimen Siegel, umher vertheilt werden. Keine andere Autorität würde hinreichen, die Rebellen zu überzeugen, daß die Urkunde von ihm herkomme. Das Schreiben, worin es dem Könige so nahe gelegt wurde, sein Mißfallen über das Benehmen der Empörer zu erklären, war an den damaligen Lord-Lieutenant von Irland Grafen von Leicester gerichtet, und konnte daher kein Geheimniß bleiben. Dieser Umstand, wozu auch noch der kam, daß das Haus der Gemeinen um eben dieselbe Zeit erklärte, wie es ein großes Hinderniß der Hülfe für Irland sey, daß die Irländer nicht langst durch öffentlichen Ausruf für Rebellen erklärt worden wären, nöthigte endlich den König, mit einem solchen heraus zu rücken, worin sie Verräther und Rebellen genannt wurden. Zugleich aber erging auch an den königlichen Buchdrucker ein ausdrücklicher Befehl, nicht mehr, als vierzig Exemplare davon abzuziehen, und bis auf weitere Verfügung nicht ein einziges auszugeben. — Die Rebellen in Irland gaben den Worten dieses Ausrufs gar wenig Glauben, indem sie behaupteten, der Ausruf sey entweder ganz erdichtet, oder doch dem Könige auf irgend eine Art abgedrungen worden. Sie vereinigten sich daher nur immer fester zu einem einzigen großen und mächtigen Körper unter dem Namen der Römisch-Katholischen Verbündeten von Irland, und verhießen sich mittelst eines feierlichen Bundeseides, die öffentliche und freie Ausübung der papistischen Religion gegen Jedermann, der sich dagegen auflehnen würde, zu vertheidigen und aufrecht zu erhalten, dem Könige, seinen Erben und Nachfolgern treu, hold und gegenwärtig zu seyn, dieselben mit ihrem Vermögen, Leib und Leben gegen alle diejenigen zu vertreten, welche gegen ihre königlichen Personen, Güter, Ehren und Würden etwas unternehmen, und 34 sich mittel- oder unmittelbarer Weise bemühen würden, ihre königlichen Gerechtsame zu schmälern und zu unterdrücken. Ob nun gleich von England aus nicht mit dem gehörigen Nachdrucke gegen die Rebellen verfahren werden konnte; obgleich die nach Irland gesendeten Schottischen Truppen ihre Rolle nicht zum besten spielten, und, anstatt die Rebellen zu bekämpfen, sich lieber mit Plünderungen beschäftigten; obgleich Zwiespalt und Mißtrauen zwischen den Richtern und dem Grafen von Ormond, als Oberbefehlshaber der Englischen Truppen, den kriegerischen Ausführungen der Engländer manches Hinderniß in den Weg legten: so wäre der Gang ihrer Angelegenheiten gegen die Rebellen doch noch glücklich genug gewesen, indem sie mehrere einzelne Siege und Wortheile über sie erfochten, wäre nicht endlich Owen O'Neal nach einer langen Seefahrt von Dünkirchen rund um das nördliche Schottland in der Grafschaft Donnegal mit einer Anzahl alter kriegserfahrener Offi- ciere, mit seinem eigenen Regiment Soldaten, und einem großen Vorrathe von Waffen und Kriegsbedürsnissen gelandet. Ihm war bald eine noch ansehnlichere Verstärkung an kriegserfahrener Mannschaft, an Waffen und andern Kriegsbedürfnissen auf vierzehn beladenen Schiffen unter Anführung der Obersten Preston, C u l- len, Synnot, Plunket und Bourk gefolgt, indem der Cardinal Richelieu bei dieser Gelegenheit alle Irländischen Truppen aus Französischen Diensten entlassen hatte. Diese ansehnlichen Unterstützungen, welchen der Eingang in die Irländischen Häfen besser hätte versperret werden sollen, belebten den Muth und die Kräfte der Rebellen von neuen. Auch nach der Landung thaten die Schotten nichts von dem, was sie gekonnt hätten, um die Bildung regelmäßiger Heere zu verhindern. Kraft eines Synodal-Beschlusses der Geistlichkeit vom Mai, 1642, kam eine allgemeine Versammlung der Priester- und Laienschaft im October desselben Jahres zu Kilkenny zusammen, und organisirte ihre Rechtsund Staats-Angelegenheiten auf folgende Weise. Für jede Grafschaft wurde eine Rathsversammlung angeordnet, bestehend aus Abgeordneten der Barone, oder wo dergleichen nicht waren, aus Personen, gewählt von der ganzen Grafschaft. Von dem Rathe der Grafschaft konnte man an einen Provinzial-Rath, bestehend aus zwei Abgeordneten von jeder Grafschaft, und von diesen wieder an einen obersten Rath appelliren, der aus vier und zwanzig Personen bestand, die alljährlich von der General-Versammlung gewählt werden sollten. Sowohl alle bürgerlichen Obrigkeiten, als auch die Generale und deren nachgesetzte Officiere waren diesem Rathe unterworfen, welcher außer den Ansprüchen aus Ländereien, alle Sachen anhören und aburtheln, auch Alles verfügen durfte, was das Beste der Verbindung betraf. Nur die General-Versammlung konnte seine Beschlüsse aufheben. Was die Kriegsangelegenheiten betraf, so wurden Owen O'Neal in Ulster, Preston in Leinster, Garret Barry in Munster, und John Bourkin Connaught zu Generalen der daselbst stehenden Armeen 36 bestellt. Um alle Gefahren eines Zwiespalts zu vermeiden, wurde verordnet, daß aller Unterschied und Con- trast zwischen Alt- und Neu-Jrländern aufgehoben, und jedes Mitglied des Bundes sich durch einen neuen Eid demselben verpflichten sollte. Dieser enthielt Treue und Gehorsam gegen den König; Vertheidigung der Gerechtsame, der Macht und der Privilegien des Parlaments von Irland und der Grundgesetze des Königreiches; Erhaltung des freien Römisch-katholischen Gottesdienstes durch das ganze Land, so wie auch des Lebens, der Freiheiten, der Güter und Gerechtsame aller derjenigen, welche diesen Eid geleistet hätten; Gehorsam gegen die Befehle des obersten Rathcs, und endlich ein Angelöbniß, ohne Einwilligung des Nathes in keinerlei Sache Verzeihung oder Schutz zu suchen, und ohne Zustimmung der General-Versammlung keinen Frieden zu schließen. Es wurden Artikel entworfen, welche darauf bestanden, daß die Römisch-katholische Religion eben so frei und öffentlich, mit eben dem Glanze und Pompe als vor der Reformation, ausgeübt werden sollte. Alle Einschränkungs- und Strafgesetze gegen die Anhänger des Pabstthums sollten von dem Parlamente widerrufen werden; die Klerisei sollte ihre verschiedenen Gerichtsbarkeiten und Befreiungen im ganzen Umfange, wie vor der Reformation, nebst allen Kirchen, Pfründen und Nutzungen, so wie die protestantische Geistlichkeit sich derselben vor der Rebellion erfreuet hätte, wieder erhalten. Auf diese Artikel, welche die ganze Reformation vernichteten, und die protestantische Religion gleichsam ganz ausrotteten, sollten die Verbündeten Kraft ihres Eides so lange halten, bis unter Bestätigung des Parlamentes ein dauerhafter Friede zu Stande gebracht seyn würde. Die Könige von Frankreich und Spanien, der Papst und der Deutsche Kaiser wurden um fernere Hülfsleistungen ersucht; und an den König und die Königin» von England erging eine Bittschrift um Bestimmung eines Ortes, wo sie mit Sicherheit ihre Beschwerden darlegen, und Seine Majestät ohne Zwang um Abstellung derselben angehen könnten. Ungeachtet es den Rebellen durch die Unthätigkeit der Schotten, die in der That dem Königreiche zu einer ganz unnützen und dennoch sehr drückenden Last wurden, durch allerlei Irrungen zwischen den Gliedern der Englischen Regierung und des Parlaments in Irland , die durch die Ränke der höfisch Gesinnten, besonders des seit kurzen zum Marquis erhobenen Grafen Ormond veranlaßt wurden, und endlich durch das Unvermögen des Englischen Parlamentes, welches wegen des herannahenden und wirklich bald ausbrcchenden Bürgerkrieges gegen den König und seine Anhänger genug für Religion und Freiheit in England zu kämpfen hatte, ungeachtet es ihnen durch solche und ähnliche Umstände gelang, sich in eine so gute Verfassung zu setzen, so verrichteten sie dennoch eben keine Helden- thaten gegen die sehr mäßige Macht der Engländer in Irland, und wurden vielmehr zum östern sowohl aus dem Felde, als auch aus den eingenommenen Festungen heraus geschlagen. Da aber die Verlängerung des Krieges, da die Verwüstungen, welche das ganze Land sowohl von der Wuth der Rebellen, als von der Kriegs- Politik der Engländer erfahren hatte, und endlich die sparsame Zufuhr von England beide Theile in großen Mangel an Lebensbedürfnissen versetzten, so glaubten der König und seine Partei, diese Lage der Dinge, als die bequemste zur Erreichung ihrer Absichten, benutzen zu müssen. Auf Anstiften des geschäftigen Ormond mußte eine beträchtliche Anzahl der vornehmsten Ofsi- ciere von den Englischen Truppen in einer unterthänig kriechenden Vorstellung sich über ihr^Ungemach, ihren Mangel und die geringe Unterstützung beklagen, welche von dem Englischen Parlamente zu erwarten wäre, damit der König nur Gelegenheit bekam, die wackern Leute gnädigst zu bedauern, die Schuld ihrer Drangsale auf seine rebellischen Unterthanen in England zu schieben, und ihnen die stattlichsten Verheissungen auf den Fall zu thun, da er von diesen nicht mehr verhindert würde, das volle Maß seiner Dankbarkeit und Gnade über das Verdienst auszuschütten. Auch die erwähnte Bittschrift der Rebellen-Versammlung zu Kil- kcnny fand gnädigen Eingang bei Hofe. Der Marquis von Ormond, an der Spitze mehrerer bequemen Eom- missarien, erhielt im Januar, 1643, unter dem großen Siegel von England den Auftrag, mit den Häuptern der Rebellen, welche die Bittschrift unterzeichnet hatten, zusammen zu treten, ihre Anträge schriftlich anzu- riehmen, und selbige an den König nach Oxford zu übersenden. Auch den Richtern wurde durch ein Schreiben vom Hose aus angesonnen, diesen Commissarien beizustehen, ob dieselben gleich schon bei Uebersendung der Bittschrift sehr nachdrücklich zu erkennen gegeben hatten, 39 wie nachtheilig es dem Interesse des Königs und der Protestanten seyn würde, ihnen zu willfahren. Dem Inhalte des Auftrages gemäß ließen die Commissaricn ein Aufforderungsschreiben an den obersten Rath zu Kilkenny ergehen, worauf jedoch zuerst eine sehr hohe und wegwerfende Antwort erfolgte. Allein die Geschmeidigkeit der königlichen Commissarien, und einige Schritte der Herablassung von Seiten der Rebellen brachten dennoch im März eine Zusammenkunft zu Trim zu Stande. Hier wurde den Commissarien eine Schrift überreicht, welche die Beschwerden der Rebellen, ihre Anforderungen, und auf den Fall der Gewährung ein Anerbieten enthielt, dem Könige mit zehn tausend Mann unter einem erfahrnen Anführer zur Vertheidi- gung seiner königlichen Gerechtsame zu Hülfe zu kommen. Mit Ausnahme einiger vermeinten Bedrückungen, welche aber gerechte Folgen der Rebellion waren, und einiger wirklichen Beschwerden, die aber Protestanten sowohl, als Katholiken, gemeinschaftlich angingen, und bisher nur wegen des schändlichen Betragens der letzten nicht hatten abgestellt werden können, war die ganze Bittschrift nichts, als ein langes und eckelhaftes Gewebe offenbarer Unwahrheiten. Ungeachtet der hohen Anforderungen der Rebellen, ungeachtet der kräftigen Gegenvorstellungen der Richter sowohl, als aller derjenigen Mitglieder der Regierung, welche der Sache der protestantischen Religion und Freiheit wohl wollten, ungeachtet es um dieselbe nichts weniger, als schlecht stand, wußte die geschäftige und schlaue Hofkunst Ormonds dennoch einen Waffen- stillstand zu Stande zu bringen. Die Rebellen würben beredet, für jetzt noch nicht so strenge auf der Erfüllung aller ihrer Ansprüche zu bestehen, sondern sich rrur erst durch den Waffenstillstand der Last der Schottischen Armee entladen zu lassen, hierauf aber sowohl mit ihrer Macht, als mit den, dem Interesse des Königs ergebenen protestantischen Truppen, in Irland die Uebermacht des Parlaments in England zu Boden drücken zu helfen, und solcher Gestalt den König in den Stand zu setzen, ihnen alle ihre Anforderungen ohne irgend eine nachdrückliche Einrede zu bewilligen. Diejenigen, welche sich gegen diese Verhandlung erklärt hatten, wurden unter allerlei Vorwänden ihrer Stellen entlassen und außer Thätigkeit gesetzt; und der Waffenstillstand wurde, für den Preis von 38,000 Pfund zur Kriegsführung gegen die Protestanten in England, un- ter'm 7. September, 1643, zu Sigginstowe richtig durch Ormond abgeschlossen. Aus diese Weise gelang es den Irländischen Rebellen, ohne erfochtene Siege im Felde, die Wohnungen, die Ländereien und den ganzen Raub von den ermordeten oder vertriebenen Protestanten in ungestrafter Freiheit zu behalten, in sicherer Ruhe über ihren Plärren zur Erstrebung der Oberherrschaft zu brüten, und neue Kräfte sowohl zu Hause zu sammeln, als eben dieselbe durch engere Verbindungen mit Auswärtigen zu vermehren. Ihre tapfern Gegenkämpfer gewannen nichts, als die Muße, sich von den Wunden heilen zu lassen, welche ihnen ihre Siege gekostet hatten; und alle die kühnen Unternehmer, welche im Vertrauen auf eine von dem Könige bestätigte Parlaments-Acte gleich Anfangs der Rebellion gewagt hatten, große Summen zu diesem Kriege herzuschießen, um aus den verwirkten Gütern der Rebellen mit ansehnlichem Gewinne dereinst entschädigt zu werden, sahen alle ihre glänzenden Hoffnungen verschwinden. So bittere Empfindungen aber auch dieser so unbefugter Weise geschlossene verderbliche Vergleich bei allen Protestanten der Britischen Reiche, außer etwa denjenigen, welche dem Interesse der Krone anhingen, erweckte, so laut und nachdrücklich sich auch das Parlament von England, mit vollkommenstem Beifalle der Gerechtigkeit und Menschenliebe, in Rücksicht auf die so himmelschreiend gemißhandelten Protestanten, dagegen erklärte: so mußte doch alles dieses, vor der Hand, wegen des in England jetzt in vollen Flammen lodernden Bürgerkrieges, ohne Wirksamkeit bleiben. So viel die papistischen Rebellen auch durch den Waffenstillstand gewannen, so waren sie dennoch die Ersten, die denselben fast in allen Stücken verletzten, sobald der König, zur Unterstützung seines Krieges gegen das'Englische Parlament, den größten Theil der protestantischen Macht zurück gezogen hatte. Sie sielen die Schlösser und festen Plätze in den Händen der Protestanten, sie sielen ihre Wohnungen und Heerden feindselig an, sie erpreßten große Summen von ihnen, nur für die Erlaubniß des Durchzuges durch ihre Reviere» sie verboten öffentlich allen ihren Anhängern, den Protestanten Bedürfnisse irgend einer Art zu verkaufen; ja, sie leisteten auch nichts von den versprochenen Zahlungen zur Unterstützung der Armee des Königs. Hätten nicht die Schotten, die sich den unwürdigen Waffenstillstand nicht gefallen ließen, nebst einigen wenigen Engländern, die sich nachher zu ihnen gesellten, noch festen Fuß im Lande behalten, so wäre das ganze Königreich ein Raub der papistischen Pfaffenpartei geworden. Der König und seine Anhänger, vor allen der Marquis von Ormond, der unmittelbar nach dem geschlossenen Waffenstillstands zum Lord-Lieutenant von Irland beeidigt wurde, waren weit entfernt, das treulose Betragen der Rebellen gebührend zu ahnden. Schmeichelworte und Wohlthaten, selbst auf Kosten der Protestanten, wurden vielmehr an sie verschwendet, um sie ruhig zu erhalten. Ja, Ormond ging in seinem Eifer noch weiter, als der verwegenste Höfling: er suchte den schändlichen Waffenstillstand, wo möglich, in einen noch schändlichem Frieden zu verwandeln. In dem Vertrage wegen des Waffenstillstandes war den Rebellen nachgelassen worden, ihre Beschwerden dem Könige vorzulegen. Unter dem Vorwände, dieses zu thun, wurden Unterhändler an den Hof nach Oxford gesendet, um vielmehr einen Frieden zu Stande zu bringen. Allein die ersten Vorschläge dazu wurden selbst von des Königs Räthen so ausschweifend befunden, daß sie zurückgenommen werden mußten. Andere, die an ihre Stelle traten, hießen zwar so gemäßigt, daß die Irländer gar nicht als freie Unterthanen bestehen könnten, wenn sie nicht angenommen würden; allein auch diese waren noch immer so hoch gespannt, daß sie, wie die ersten, hätten zurück gewiesen müssen, obgleich aus den Fall ihrer Annahme dem Könige zehn tausend Mann Hülfstruppen zur Unterdrückung der Macht des Englischen Parlamentes, und bei allen fernern Gelegenheiten des Bedürfnisses Aufopferungen von Gut und Blut verheissen wurden. Gleichwohl hätten vielleicht die Rebellen, und mit ihnen der Hof, ihre Absichten erreicht, wenn nicht folgender Umstand unübersteigliche Schwierigkeiten vorgewälzt hätte. Auf die Nachricht von dem, was zu Oxford im Werke war, that sich eine große Anzahl Irländischer Protestanten zusammen, und sendete, ungeachtet des Verbotes der Regierung, gleichfalls Bevollmächtigte nach Oxford, um das protestantische Interesse in dieser gefährlichen Crise wahrzunehmen, Diese begegneten dergestalt jeder Anforderung der Papisten, setzten Alles, was Gerechtigkeit und Staatsklugheit in dieser Sache verlangten, in ein solches Licht, und bewiesen dabei so viel Einsichten und Standhaftigkeit, daß, so wenig auch von Seiten des Königs und seiner Räthe an harten Worten und Sophistereien gegen sie gespart wurde, der Hof sich dennoch nicht unterstand, bei so lauten und gründlichen Einreden, auch nur eine einzige der papistischen Forderungen zu bewilligen. Ein Ausschuß des Dubliner Staatsrathes, bestimmt, über die Irländischen Angelegenheiten sein Gutachten zu ertheilen, und absichtlich von der Regierung erwählt, um durch geschmeidige Nachgibigkeit das Friedensgeschäft zu befördern, erfüllte nicht, was man sich von ihm versprochen hatte, sondern vermehrte noch so weit das Gewicht der protestantischen Gründe, daß keiner von des Königs Ministern auch nur den Versuch wagte, dieselben zu heben. Da indessen dem Könige allzu viel daran lag, mit den Rebellen zu einem für ihn gedeihlichen Schluffe zu kommen, so that er ihnen auf Anrathen seiner Englischen Minister andere gefällige Anerbietungen, die sich nicht sowohl auf die gegenwärtige Lage der Sachen, als vielmehr auf die vor dem Ausbruche der Rebellion zur Sprache gekommenen Beschwerden der Irländer bezogen. Allein obgleich auch durch diese die Vortheile und die Sicherheit der Protestanten den Papisten fast ganz aufgeopfert wurden, so befriedigten doch dieselben bei weiten nicht die Erwartungen, welche die gegenwärtige Stimmung des Hofes in den Gemüthern der letzten erweckt hatte. Vergebens verschwendete der König Versicherungen, wie er ja unter den gegenwärtigen Umständen nicht mehr thun könnte, vergebens Vorstellungen seiner und ihrer eigenen Gefahr, wenn sie sich für jetzt nicht an seinen Bewilligungen begnügten, vergebens süße Worte und glänzende Verheissungen auf bequemere Zeiten der Zukunft. Alles, was er dadurch erlangte, war, daß die papistischen Abgeordneten einsahen und bekannten, wie der König für jetzt wohl nicht weiter gehen könnte, und daß sie sich für die Annahme seiner Anerbietungen bei ihren Glaubensgenossen zu verwenden versprachen. Da die Räche den Königs, aus Furcht vor dem öffentlichen Unwillen, es nicht wagen durften, zu einem allzu nachtheiligen und schimpflichen Frieden offenbar rnitzuwirken, so wurde die fernere Leitung dieses Ge- 4s schäftes demjenigen übertragen, der aus Charakter und Interesse fähig war, für die Königsgewalt auch das Aeußerste zu wagen. Dieser war der Marquis von Ormond. Ihm trug der König auf, den Waffenstillstand mit den Rebellen noch aus ein anderes Jahr zu erneuern; ihm gab er Vollmacht unter dem großen Siegel von England, einen solchen Frieden, eine solche Vereinigung zu vermitteln, daß der König durch Irlands Beihülfe in den Stand gesetzt werden möchte, alle seine Widersacher, sowohl in England, als Schottland, zu Boden zu schlagen. Ormond ließ es zwar hieraus an seinem Eifer nicht fehlen, und eröffnete zu Dublin Friedensunterhandlungen. Allein die Unnach- gibigkeit der Schottländer, die, vereinigt mit mehrern zu ihnen übergetretenen Officieren und Soldaten von den Englischen Regimentern, den Krieg ungeachtet des Waffenstillstandes lebhaft gegen die Rebellen fortsctzten; der Abfall einiger Anhänger des Hofes, nämlich des Lords Jnchiquin, Vice-Präsidenten von Munster, und des Lords Esmond, Befehlshabers der Feste Duncannon, die sich wegen fehlgeschlagener Erwartungen für das Englische Parlament erklärten; die Hartnäckigkeit der Rebellen, die auf ihren ersten übertriebenen Anforderungen bestanden; und endlich die Bedenklichkeiten des Irländischen Staatsrathes, in Ormond's rasche Schritte zu willigen, mußten unstreitig die Vollendung des Geschäftes verzögern. Der König, ungeduldig über diesen Verzug, schritt zu einer sehr sonderbaren Privatunterhandlung mit den Rebellen, und bediente sich hierzu des Lords Herbert, eines sehr eifri- gen Papisten, der mit verschiedenen Häuptern dieser Partei in Irland verschwägert war. Versehen mit sehr ausgedehnten Vollmachten unter des Königs Cabinetts- Siegel, welches mit dem großen Staatssicgel für gleich geltend erklärt wurde, und begleitet von Empfehlungen an den Marquis von Ormond, ihm in seinem Geschäfte beförderlich zu seyn, kam Lord Herbert im Julius, 1645 , nach Irland, und am 25 . August dieses Jahres kam in der That ein geheimer Vertrag zwischen dem Könige und den Rebellen von folgendem Inhalte zu Stande. Die Katholiken sollten öffentlich ihren Gottesdienst ausüben, und alle seit dem 23 . Oktober, 1641 , in Besitz genommenen Kirchen behalten dürfen; sie sollten aller wichtigen Aemter, Ehren und Würden, Beförderungen und Erhebungen in Irland fähig seyn; sie sollten durch eine Parlaments-Acte von allen Geld- und Leibesstrafen aller vorhin gegen sie ergangenen Strafgesetze befreiet werden; sie sollten nicht ferner der Gerichtsbarkeit der protestantischen Geistlichkeit unterworfen seyn, vielmehr sollte ihre eigene Clerisei Alles, was sie an Zehnten, Pfarr- und Kirchengütern an sich gebracht hätte, behalten, und ihre Gerichtsbarkeit ohne Einrede ausüben. Dagegen aber sollten auch die Papisten gehalten seyn, ein Heer von zehn tausend Mann unter Anführung des Lords Herbert nach England zu senden, welches unter Officieren, die von der General-Versammlung der verbündeten Papisten zu ernennen wären, als ein eigener ungetrennter Körper daselbst zusammen gehalten werden, und dem Könige dienen sollte. — So verschwenderisch auch der König in seinen dem Lord Herbert ertheilten Vollmachten und Anweisungen mit Betheucrungen auf Königs - und Ehristenwort gewesen war, so trauten die Rebellen, die unstreitig ihren Mann kannten, seiner Redlichkeit dennoch so wenig, daß ihnen sein Bevollmächtigter noch durch einen besonder» Eid versprechen mußte, für die pünctlichste Erfüllung des Vertrages mit zu sorgen, widrigen Falls aber das ihm anvertraute Heer zu keinerlei Dienst des Königs anzuführen. Ja, sie faßten sogar am 28. August den Beschluß: Daß ihre beschworene Vereinigung in jeder Rücksicht fest und unveränderlich so lange bestehen sollte, bis, ungeachtet des'kund gemachten Friedens, jeder Punct des Vertrages auch von dem Parlamente genehmigt worden wäre. Der Marquis von Ormond, der nicht ermangelt hatte, zur Vollendung dieses Geschäftes das Seim'ge mitzuwirken, fuhr nachher noch fort, thätig zu seyn. Auf seinen Betrieb wurde bald zu Dublin eine Erneuerung und Erweiterung dieses ehrlosen Vertrages verhandelt. Hiernach sollte es in des Königs Belieben stehen, den Verbündeten in Religionssachen noch mehr zu bewilligen, falls sie noch ein Mehreres zu verlangen für gut fänden; und kein einziger Artikel des vorigen Vertrages sollte der Ausdehnung der königlichen Bewilligungen Schranken setzen. Auch dieses neue Geschäft war fast bis zum völligen Schluffe gediehen, als ein unvermutheter Vorfall das Ganze vor der Zeit bekannt machte und vereitelte. In einem fruchtlosen Anfalle, den die Rebellen im Oktober, 1645, auf die Stadt Sligo thaten, siel ihr Anführer, der Erzbischof von Tuam. Unter seinem Geräthe, welches den Siegern in die Hände siel, fand sich eine Abschrift jenes Vertrages, die sogleich an das Englische Parlament gesendet wurde. Nach dieser Offenbarung fanden cs der Lord-Lieutenant und der Staatsrath für unumgänglich nothwendig, zur Ehrenrettung des Königs etwas, wenn auch gleich nur ein bloßes Gauckelspiel auszuführen. Lord Digby, ein Anhänger des Königs, der so eben nach seiner bei Sher- bore erlittenen Niederlage nach Irland gekommen war, trat vor dem Staatsrathe auf, schimpfte gewaltig auf den heimlichen Vertrag, versicherte, daß der König nicht für seine Krone, ja selbst nicht für sein, seiner Gemahlin» und seiner Kinder Leben fähig seyn würde, den Rebellen auch nur das Mindeste von alle dem zu bewilligen, was seiner Königswürde und seiner Religion so nachtheilig wäre, und beschuldigte daher den Lord Herbert des Hochverraths. Lord Herbert wurde demnach zwar sogleich in engen Verhaft gebracht, dev aber schon am folgenden Tage erweitert wurde. Kurze Zeit darauf fand man Vorwand, ihn gegen Bürgschaft ganz los zu kaffen. Zu diesen Künsten, Cabalen des Hofes, wodurch der Irländische Unfug so lange unterhalten, genährt und gestärkt wurde, gesellten sich auch noch die Bemühungen des römischen Stuhls. Wie hätten auch diese, bei so herrlichen Aussichten zum Triumphe des Pabstthumes in Irland, ausbleiben können? Johann Baptist« Rinnucini, Erzbischof von Fermo, versehen mit der Vorschrift, die Irländer, wo nicht ganz unter die vorige Römische Zinsbarkeit zurück zu bringen. 49 doch wenigstens in geistlichen Sachen von der päbstlichen Gewalt abhängig zu machen, langte bald nach dem Abschlüsse des geheimen Friedensvertrages in der Eigenschaft eines päbsttichen Nuntius in Irland an, um den Verbündeten Beistand zu leisten. Diese kamen ihm gleich bei seinem ersten Eintritte in die oberste Rathsversammlung mit der schmeichelhaften Versicherung entgegen, daß sie in Religionssachen. ohne seinen Rath und Beitritt nichts vornehmen wollten. Rinnucini vereinigte in sich alle der damaligen Priesterschaft eigenthümlichen Untugenden im äußersten Grade. Er war ein frömmelnder, eitler, abergläubischer, heftiger Mann, ein Mann von grenzenlosem Ehrgeize, der sich von allen den Leidenschaften hinreissen ließ, die geistlicher Hochmuth in der Fülle seiner ganzen Kraft nur immer zu erzeugen vermag. Er hatte sich als das von Gott ausersehene Werkzeug der Bekehrung der Einwohner Groß-Britanniens zum katholischen Glauben zum voraus angekündigt. Diese Ankündigung, und die Meinung von seinen Fähigkeiten hatten den Pabst bestimmt, ihn in dieser wichtigen Angelegenheit zu brauchen. Rinnucini, ungeachtet ihn die oberste Rathsversammlung zu Kilkenny mit solcher Ergebenheit ausgenommen, ungeachtet Lord Herbert ja selbst der König ihn schon vor seiner Ankunft durch Briefe auf das schmeichelhafteste begrüßt hatten, verursachte dennoch bald allen Parteien viel böse Händel. Ihm, dessen Absichten in Verbreitung des Pabstthumes weit über Irland hinaus reichten, stand von Allem, was bisher verhandelt worden war, wenig oder gar nichts an; und 4 alle politischen Gründe, warum es für jetzt noch nicht rathsam sey, die papistischcn Ansprüche weiter zu treiben und vor aller Welt zu offenbaren, vermochten nichts über den frömmelnden Dünkling. Gseichwohl war die katholische Laienschaft, ungeachtet der anfänglichen unterwürfigen Erklärung, nicht gesonnen, die Vortheile fahren zu lassen, die ihr die bisherigen Bewilligungen des Königs versprachen, und solcher Gestalt durch fortgesetzten Hader und Zwiespalt sowohl ihre, als des Königs Sache zu Grunde zu richten. Er aber, nachdem er die katholischen Bischöfe in seiner Wohnung versammelt und auf seine Seite gebracht hatte, trug bei der General-Versammlung sehr eifrig darauf an, dem mit dem Lord Herbert abgeschlossenen Frieden zu entsagen, und dagegen auf einem andern zu bestehen, der das Interesse aller Papisten in allen Britischen Reichen umfaßte. Ein solcher war schon vorher auf Betrieb der Königinn zu Nom zwischen dem Papst und Sir Ke- nclm Digby entworfen worden, und der Pabst war damit sowohl zufrieden gewesen, daß er auf den Fall der Annahme sogleich hundert tausend Kronen herzugeben, und dieses Geschenk alljährlich so lange sortzu- setzen versprochen hatte, als der Krieg dauern würde. Von diesem Entwürfe war dem Nuntius bald nach seiner Ankunft in Irland eine Abschrift von Rom aus mit der Vollmacht zugefertigt worden, daran zu ändern, hinweg zu nehmen, oder hinzu zu thun, was er für zuträglich erachten würde. Vier Tage lang hatte schon zwischen dem Nuntius und der GenerallDersammlung zu Kilkenny die Debatte 51 über diesen Gegenstand gedauert, als Lord Herbert, voll ungeduldigen Verlangens nach der zugesagten Hülfe, derselben dadurch ein Ende machte, daß er eine Urkunde von sich stellte, worin er nicht nur die von dem Pabste und der Königinn beliebten Artikel genehmigte, sondern es auch über sich nahm, die Bestätigung des Königs auszuwirken. Nun kam zwischen dem Nuntius und den Abgeordneten der General-Versammlung eine Uebereinkunft zu Stande, wonach der Waffenstillstand noch drei Monate fortdauern sollte, um indessen die Ankunft des Original-Vertrages von Rom aus zu erwarten, welcher alsdann von dem Nuntius und-dem Lord Herbert zu vollziehen wäre. Da indessen dieser vornämlich die Religion anging, so sollte dieser Umstand die Verbündeten nicht abhalten, mit dem Lord- Lieutenant unterdessen über weltliche Gegenstände zu unterhandeln; nur sollten sie nicht zu einem gänzlichen Abschlüsse und zu einer Bekanntmachung vorschreiten, auch an der bürgerlichen Regierungsform nichts verändern, viel weniger etwas verhandeln, das der Uebereinkunft zwischen dem Nuntius und dem Lord Herbert Eintrag thäte. Da man nun solcher Gestalt mit dem Nuntius fertig war, so wurden Eommissaricn ernannt, um mit Ormond zum Schlüsse zu kommen, und dieser, wiewohl mit jedem Umstande der geheimen Unterhandlung bekannt, war dennoch ehrvergessen genug, die letzte Hand an das so lange unter der Arbeit gewesene Werk zu legen. Ein schändlicher Vertrag kam am 28. März, 1646, zu Stande, wonach die Rebellen zwischen dem nächstfolgenden ersten April und ersten Mai zehn tau- 4* send Mann Fußvolk, wohlgerüstet und mit allem Noth- wendigen versehen, nach England oder Wales überzusetzen gehalten waren. Allein auch aus diesem Vertrage, der aus Kosten alles dessen, was Ehre und Pflicht heißt, erkauft worden war, zog der in Schuld und Unglück versunkene König keinen Vortheil. Die Handel des Nuntius, und das schlaue Betragen der Rebellen hatten ihn so lange verzögert, daß seine Sache in England in die schlimmste Lage gerathen, und ihm kaum, das Andenken einer Armee übrig geblieben war. Diesen Umstand benutzten die Rebellen, ihre Verheissungen nicht zu erfüllen. Sie wüßten ja nicht, hieß es, an welcher Stelle der Englischen Küste sie landen sollten; sie wären von keiner hinlänglich vorhandenen Reiterei zu ihrer Unterstützung versichert; und wüßten überhaupt nicht, in welcher Lage die Angelegenheiten des Königs sich befänden. Außerdem wäre cs dem Könige weit zuträglicher, ihm wenigstens Ein Königreich frei und sicher zu stellen, als unter Mühseligkeiten und Gefahren in England für ihn zu kämpfen. Zu einem nothwendigen Vorspiele der Vereinigung beiderseitiger Kräfte hatte man den obersten Rath der Rebellen dahin vermocht, die mit Ormond abgeschlossenen politischen Friedensartikel besonders kund machen zu lassen. Der Nuntius aber hatte sich längst erkläret: Er würde nicht zugeben, daß der politische Friede ohne den Religionsfrieden, weßsalls die Ankunft der Original-Urkunde aus Rom erst abzuwarten wäre, viel weniger, daß der Religionsfriede ohne die unverzügliche freie und öffentliche Religionsübung bekannt ge- 53 macht würde. Jetzt wiederholte er förmlich seinen von zwei Titular-Erzbischöfen und sechs Bischöfen mit Unterzeichneten Widerspruch; und da er bei dem obersten Rathe nicht die gehörige Unterwürfigkeit fand, so griff der stolze und hitzige Prälat, unterstützt von seiner Pciesterpartei, zu den geistlichen Waffen, zu Bannstrahlen und Interdikten, gegen alle diejenigen, die zu dem Frieden mitgewirkt hatten und demselben anhingen. Diese konnte bei einem elenden Volke, das, wie die Irländer, so tief in einem allen Muth, alle Kraft, alle Selbstständigkeit erstickenden Aberglauben versunken war, ihre Wirkung nicht verfehlen. Bald erhob sich ein allgemeines Geschrei durch das ganze Königreich gegen einen Frieden, der, wie cs hieß, die Religion hintansetzte. Der von Ormond zur Kundmachung ausgesendete Herold konnte weder zu Waterford, von wannen die hierarchische Donnerwolke ausgezogen war, noch anderwärts unter Papisten sein Geschäft verrichten, wenn er nicht sein Leben verlieren wollte. Die Mitglieder des Raths zu Kilkenny wagten es nicht, hiergegen etwas zu unternehmen, wie gern sie es auch gethan hätten; vielmehr wandten sie sich mit nachgibi- ger Botschaft nach Waterford zu Beilegung der Irrungen. Allein man empfing sie daselbst in sehr hohem Tone und mit ausschweifenden Anforderungen. Owen O'Neil und Preston, deren Vortheile bei dem Friedensvertrage, ihrer Meinung nach, nicht hinreichend bedacht, und welche daher von der neuen geistlichen Conföderation in ihr Interesse gezogen waren, sollten zur Sicherheit derselben, jener General der Reiterei, 54 und dieser General-Major und Feldherr der Truppen werden. Dem Marquis von Ormond ging es beinahe noch schlimmer, als seinem Herolde. Einige Zeit nach dem abgeschlossenen Frieden hatte er sich von Dublin aus nach Kilkenny begeben, um die Unterwerfung der Rebellen anzunehmcn, und sich mit ihnen über die Vereinigung beiderseitiger Macht gegen den gemeinschaftlichen Feind zu besprechen. Als er von da weiter und nach Cashel gehen wollte, um daselbst die Gemüther des Volkes dem Frieden und sich selbst geneigt zu machen, benachrichtigte ihn der Mayor unweit der Stadt, daß Owen O'Neil dieselbe mit augenscheinlichem Untergange bedrohete, wofern sie ihn aufnähmen, indem derselbe schon mit seinem ganzen Heere heranrückte. Gleichwohl hatte Ormond nicht lange vorher diesen Mann durch seinen Vetter Daniel O'Neil auf das freundlichste beschickt, und ihn durch die schmeichelhaftesten Versprechungen von dem Nuntius ,ab und auf die königliche Seite zu ziehen gesucht. Indem Ormond sich noch bedachte, ob er weiter gehen, oder lieber unverrichteter Sache nach Dublin zurück kehren sollte, kam ihm eine neue Nachricht durch den Grafen von East leih ave n zu, daß er unstreitig von Dublin abgeschnitten werden, und in O'Neils oder Prestons Hände fallen würde, wofern er nicht augenblicklich zurück kehrte, und Dublin noch vor ihnen zu erreichen suchte. Jetzt säumte er nicht länger, und erreichte glücklich Dublin ohne einen weitern Verlust, als den seines Reisegerathes zu Kilkenny, und den seiner Ehre, daß er sich von den Rebellen so grob und öffentlich hatte hintergehen lassen. Zwar hatte er seinen Reisebegleiter, den Lord Digby, zu Kilkenny zurück gelaffen, um das gestörte Geschäft fortzusetzen und zu vollenden, und dieser sparte nichts, selbst nicht die entehrendsten Verheiffungcn, um die wi- derspänstige Geistlichkeit und den Nuntius zu gewinnen. Allein diesem ging Alles allzu sehr nach Wunsche, als daß er sich hätte überwinden können, irgend einem Vorschläge Gehör zu geben. Owen O'Neil, der um diese Zeit Roscria erobert, und nach Gewohnheit Mann, Weib und Kind mit der Schärfe des Schwertes geschlagen hatte, näherte sich bald der Stadt Kilkenny, und nöthigte das Schloß derselben zur Ueber- gabe an die neue Conföderation. Am 18 . September konnte der Nuntius in stattlicher und zahlreicher Begleitung seinen feierlichen Einzug dort halten. Die Geistlichkeit riß nun die Zügel der ganzen Regierung an sich, nahm die meisten Mitglieder des vorherigen obersten Rathes, sammt allen denjenigen in Verhaft, welche einigen Eifer für den Frieden gezeigt hatten, und errichtete einen neuen Rath, dem vorigen gleich an Macht und Ansehen, der aus vier Bischöfen und acht Laien bestand, und wovon der Nuntius Präsident war. Der eifrigste Freund des Königs, Lord Herbert, der sich mit Leib und Seele dem Nuntius ergeben hatte, wurde an die Stelle des Lords Muskerry zum General von Munster bestellet, mit der Anwartschaft auf die Lord-Lieutenants-Stelle, wenn der Marquis von Ormond aus Dublin vertrieben werden sollte. Denn dies war das Letzte, womit die neue Zusammenrottung das Werk ihrer Empörung zu krönen strebte. Ormond, unvermögend, eine Belagerung auszuhalten, nahm in dieser Bedrängniß seine Zuflucht zu dem Englischen Parlamente. Das Parlament, dem nichts erwünschter kommen konnte, als diese Gelegenheit, seine Macht, ohne großen Aufwand von Blut und Geld, auch über Irland auszubreiten, zögerte nicht, eine Unterstützung, und zugleich fünf Eommissarien überzusenden, die mit dem Lord-Lieutenant tvegen Ueber- gabe des Schwertes und der Besatzungen unterhandeln sollten. Allein kaum war die bloße Nachricht hiervon erschollen, als ein allgemeiner Schrecken die Rebellen befiel. Der bereits bis Lucan vorgedrungene Owen O'Neil entfernte sich, der Nuntius und sein neuer Rath, die gleichfalls ihren Zug schon nach Dublin gerichtet hatten, machten sich eiligst nach Kilkenny zurück; und Preston ließ sich von dem Marquis von Clan- rickard durch Verheifsungen bewegen, den Frieden anzunehmen, dem Könige hinfort gehorsam zu seyn, und sich mit Ormond sowohl gegen die unmittelbaren Feinde des Königs, als auch gegen alle diejenigen zu vereinigen, die sich nicht auf gleiche Bedingungen mit ihm fügen wollten. Als Ormond die ihm so nahe drohende Gefahr auf eine so schnelle und unerwartete Weise von sich entfernt sah, verging ihm auch die Lust, Dublin den Händen des Parlamentes zu überliefern. Nachdem er die Commissarien vier Tage lang mit Unterhandlungen hingehalten hatte, fehlte es ihm nicht an 57 Vorwänden, die Uebergabe gänzlich zu verweigern. Unverrichteter Sachen mußten die Commissarien sich wieder einschiffen. Sie steuerten hierauf mit ihrer Unterstützung nach Ulster, wo aber die Schotten sie weder in Carrick- fergus noch Belfast aufnehmen wollten. Ormond bekam indessen bald Ursache, seine Falschheit zu bereuen. Preston, auf dessen Beistand er sich so sehr verlassen hatte, wurde treulos, und trat wieder auf die Seite des Nuntius über. Dieser vermochte über eine nach Kilkenny zusammen berufene General-Versammlung so viel, daß der mit dem Lord- Lieutenant abgeschlossene Frieden durchaus verworfen, daß ein neues Gewebe von ausschweifenden Ansprüchen zu Stande gebracht, ein neuer Bundeseid vorgeschriebe», und von jedem Mitglieds abgelegt wurde. Die Geistlichkeit, und diejenige Partei von Rebellen, welche sich im Anfänge der Empörung aller erwähnten Grausamkeiten in Ulster schuldig gemacht hatte, beherrschten jetzt die ganze Consöderation; und in ihrer General- Versammlung wurde ganz öffentlich darauf angetragen, sich an den Pabst, oder einen andern fremden Fürsten, besonders an den König von Spanien, um Beistand zu wenden, und einem solchen das Protectorat über Irland anzubieten. — Ormond, der sich vergebens bemühet hatte, mit der papistischen Partei endlich einmal überein zu kommen, und sich gänzlich außer Stande sah, ihren vereinten Kräften zu widerstehen, wendete sich zum zweiten Male an das Englische Parlament um Beistand, und erbot sich, auf die vorher von ihm verweigerten Be- dingungen , die Besatzungen und das Schwert an solche Personen abzuliefern, als dasselbe hierzu abordnen würde. Das Parlament aber, um sich nicht abermals hintergehen zu lassen, bestand darauf, daß er zuvörderst einen seiner Söhne nebst noch einigen Personen von Range als Geißeln für die richtige Erfüllung seines Versprechens übersenden sollte. Hierzu verstand er sich sogleich; und als die Geißeln in England angekommcn waren, gingen die vorigen fünf Commissarien, mit eben den Aufträgen versehen, nach Irland ab, und landeten zu Dublin am 7. Junius, 1647, begleitet von einem Hülfscorps von mehr, als sechs hundert Mann Reiterei und vierzehn hundert Mann Fußvolk. Am 19. desselben Monates kam ein Vertrag zu Stande, Kraft dessen der Lord-Lieutenant die Regierung am 28. unter folgenden Bedingungen abtretcn sollte: Die Protestanten, und alle Andern, welche Abgaben entrichtet hätten, sollten an ihren Personen und Gütern geschützt, und alle Personen vom höhern und niedern Adel, welche mit Ormond Irland verlassen wollten, mit Pässen versehen werden. Alle Katholiken, welche den Rebellen weder zugethan, noch beförderlich gewesen wären, sollten, je nachdem sie sich betragen würden, in Ansehung eines ruhigen Genusses ihrer Wohnungen und Habseligkcitcn auf die Gunst des Parlamentes rechnen dürfen. Diese Uebergabe von Dublin war nicht ohne Bewilligung des Königs geschehen; und von den zwei unumgänglichen Uebeln, die Stadt entweder den Händen des Parlamentes, oder den Rebellen zur Beute zu überlassen, hatte man das erste vorzuziehen für gut befunden. 59 Ormond blieb daher nach wie vor der Günstling des Königs und das thätige Werkzeug seiner Absichten. Kraft des Uebergabevertrages durste er nach England kommen, und sich sechs Monate daselbst aufhalten, um eine vollständige Aussöhnung mit dem Parlamente zu unterhandeln. Wofern aber diese nicht gelänge, stand es ihm frei, sich nach Ablauf dieser Frist über Meer außerhalb Landes zu begeben. Ormond ging also nach der Uebergabe zuerst nach England, wo der König sich damals, nachdem er von den Schottländern ausgeliefert worden war, zu Hamptoncourt in den Händen der Parlaments-Armee befand. Er machte ihm daselbst nicht nur häufig seine Aufwartung, sondern hatte auch viel Umgang mit den Anhängern des Königs und den in England sich aufhaltcnden Schottländischen Abgeordneten, mit welchen insgeheim ein neuer Versuch zu Gunsten des Königs entworfen wurde. Zugleich führte er mit dem Lord Inchiquin in Irland von England aus einen geheimen Briefwechsel. Denn dieser, welcher sich für die großen Dienste, die er dem Parlamente durch seinen gemeldeten Abfall von der Partei des Königs geleistet, nicht hinlänglich belohnt hielt, hatte, seiner neuen Oberherren müde, beschlossen, in seine vorigen Verbindungen zurück zu treten. Da Ormond durch sein Benehmen in England der Armee, zwischen welcher und dem Parlamente damals allerlei Irrungen obwalteten, verdächtig geworden war, so lief er, ungeachtet der ihm von dem Parlamente verheifsenen Sicherheit, Gefahr, bei der Armee in Verhaft zu gerathen, als kaum etwas mehr, als die 60 Hälfte der ihm bewilligten Frist verstrichen war. Benachrichtigt von dieser Gefahr, nahm er zuvörderst noch Abrede mit dem Könige für die Zukunft. Dieser unternahm bald hierauf die bekannte Flucht von Hampton- court nach der Insel Wight. Ormond floh verkleidet aus England nach Frankreich, und begab sich nach Paris, wo die Königin» und der Prinz von Wales sich aufhielten. Ungeachtet das Englische Parlament durch den erlangten Besitz von Dublin, zum Verdruß sowohl, als Schrecken der Rebellen, so guten Fuß in Irland gefaßt hatte, so verhinderten dennoch die damaligen Händel desselben mit seiner unruhigen Armee, und der Ausbruch des zweiten Bürgerkrieges, begleitet von dem Einfälle der Schottländer in England, solche Anstalten, als erfordert wurden, die Unruhen in Irland gänzlich zu dämpfen. Diese waren den Zeiten der republikanischen Kraft Vorbehalten, an welche wir nun bald gelangen werden. Kaum war Dublin den Händen des Parlamentes übergeben, so bercueten die Katholiken ihr verkehrtes Benehmen, wodurch sie den Marquis von Ormond zu einem Schritte genöthigt hatten, der nothwendig die Kräfte ihres Feindes verstärken mußte. Noch höher stieg diese Reue durch einige beträchtliche Niederlagen, die sie erlitten; durch ein mit Verachtung zurückgewiesenes Anerbieten des hohen und nieder» Adels von dem Pfahle, sich auf die Bedingungen des letzten Friedens zu unterwerfen, den man doch einst aus den Händen des schmeichelnden Königs anzunehmen sich geweigert 61 hatte; und endlich durch die Besorgniß der Irländer von Englischer Abkunft vor der Partei des Nuntius und der furchtbaren Macht des ihm anhangenden Owen O'Neil, der durch jenen zum General von Comiaught bestellt worden war, und die ganze Provinz Ulster, nebst drei oder vier Grafschaften von Leinster in seiner Gewalt hatte. Alle diese Umstände begünstigten die Wünsche und die Absichten der Anhänger Ormonds, ihren Gönner auf seinen vorigen Posten zurück zu bringen. Das Spiel der Ränke, geleitet durch Ormond und Znchiquin, der mit jenem längst heimlich einverstanden war, gelang. Jnchiquin, verbündet mit den Irländern, von Englischer Abkunft, erklärte, so bald er seine Zeit ersah, öffentlich seinen Abfall vom Parlamente, und stellte sich zugleich als Widersacher des Nuntius und des Owen O'Neil dar. Jenen belagerte er zu Galway, und diesen trieb er bis über den Shannon zurück. Als die gute Botschaft hiervon, nebst Jnchiquins dringenden Einladungen an Ormond nach Paris gelangten, so säumte dieser nicht länger, nach Irland über zu gehen. Er landete am Ende des Septembers, 1648, zu Cork, und wurde von Jnchiquin, als Präsidenten von Munster, pomphast, wie es einem Lord-Lieutenant gebühret, empfangen. Die Katholiken von dem Pfahle, die den Nuntius jetzt eben so herzlich haßten, als sie anfangs ihn gefeiert, die ihn sogar aus dem Königreiche vertrieben und zu Rom verklagt hatten, wetteiferten mit einander in der Verehrung gegen Ormond. Zurück gewiesen vom Englischen Parlamente, hatten sie sich bereits durch Com- 62 missarien um Erneuerung des Friedens ein die Königin» gewendet. Ein zweiter Friedensvertrag, wenig von dem ersten verschieden, kam daher jetzt sogleich zu Stande; und Ormond, in der Eigenschaft eines königlichen Lord-Lieutenants, erhielt das Commando über die nunmehr vereinigten Protestanten und Katholiken. Es sollten jedoch zwölf von der General-Versammlung zu ernennende Commifsarien so lange an seiner Herrschaft Antheil nehmen, bis der Friede in voller Parlaments- Versammlung genehmigt seyn würde. Allein die Hoffnung, welche diese neue Gestalt der Dinge den Rebellen einflößte, schwand gänzlich nach dem unglücklichen Erfolge der ersten Unternehmung ihres neuen Anführers. Schon sehr zeitig im Frechlinge, 1649, ging Ormond mit drei tausend sieben hundert Mann Fußvolk und vier tausend fünf hundert Mann Reiterei auf Dublin los. Er bemächtigte sich auf seinem Zuge verschiedener Besatzungen; nahm durch ein Detachement seines Heeres, angeführt von dem Lord Jnchiquin, seinem General-Lieutenant, Drogheda weg; und lagerte sich zu Rathmines, in der Absicht, der Stadt Dublin die Hülfe zur See abzuschneiden. Gleichwohl hatte er schon am ersten Tage seiner Ankunft daselbst den Verdruß, zu sehen, daß die Obersten Reynolds und Venables, nebst einer ansehnlichen Unterstützung an Reiterei, Fußvolk, Geld und andern Bedürfnissen, mit einem guten Winde von Osten dort einliefcn. Dennoch nahm er noch das Schloß Baggatrath weg, wodurch er dem Feinde wenigstens den Unterhalt für Pferde abgeschnitten haben würde, wofern er sich nicht durch einen starken Ausfall aus der Stadt hätte überraschen, und sein ganzes Heer zu Grunde richten lasten. So hart schon dieser Schlag den Rebellen fallen mußte, so schmetterte doch bald Eromwell's Ankunft zu Dublin, welcher sich von der nunmehrigen Republik zum Lord-Lieutenant von Irland hatte bestellen lasten, und ein ansehnliches Corps von Reiterei und Fußvolk mit sich brachte, so wie den Muth, also ihre Kraft noch vollends zu Boden. Drogheda war der erste Gegenstand der Englischen Rache. Obgleich mit zwei tausend Mann Fußvolk und einem Regimente Reiterei, dem Kerne der Irländischen Armee, besetzt; obgleich so gut befestigt, daß der Befehlshaber des Platzes, Sir Arthur Aston, es unternahm, die Fortschritte des Feindes wenigstens für diesen Feldzug, dadurch zu hemmen: so drang doch der unwiderstehliche Cromwell schon mit dem dritten Ansalle in die Stadt, und ließ, zum warnenden Beispiele der Züchtigung für die jetzige und künftige Zeit, nicht nur die ganze Besatzung, sondern auch die meisten Einwohner niederhauen. Die Wenigen, welche das Schwert verschonte, wurden in die Englische Niederlassung, nach Barbados in Westindien gesendet. Das Schicksal von Drogheda verbreitete ein so allgemeines Schrecken, daß man allenthalben von nichts, als von Friedensunterhandlungen sprach. Einige Plätze räumten die Königlichgesinnten sogleich von selbst. Die Verehrung, deren Ormond vor kurzen noch genoß, verwandelte sich bald in Unwillen und Verachtung. Er 64 behielt nicht über fünfzehn hundert Mann Fußvolk und sieben hundert Mann Reiterei beisammen. Keine der ansehnlichem Häfenstände wollte weder ihn selbst, noch Besatzung von ihm aufnehmen. Diese Umstimmung der Gemüther mußte nothwendig Cromwell's Eroberungen beschleunigen. Er benutzte sie auch so gut, daß er noch in der spätesten Jahrszeit vor Wexsord rückte, und die Stadt bald einnahm, nachdem Slaf- ford, der Befehlshaber des Schlosses, dieses auf Bedingungen übergeben hatte. Die Besatzung der Stadt erfuhr eben das Schicksal, wie die zu Drogheda. Rosse und andere feste Plätze wurden nicht schneller angegriffen, als eingenommen. Alle Städte in Munster, welche Lord Jnchiquin mit Englischen Besatzungen versehen hatte, empörten sich, und verschafften dadurch sich und ihren Besatzungen ein besseres Schicksal. Der Sieger rückte hiernächst auf Waterford vor. Da aber diese Stadt zu einer kräftigen Gegenwehr gerüstet, und Cromwell's Heer, seit seiner ersten Ankunft, allzu sehr in beständiger Bewegung gewesen war, so hob er die Belagerung auf, und bezog die Winterquartiere. Um den allgemeinen Untergang abzuwenden, womit das Glück der Englischen Waffen die Rebellen bedrohete, kam endlich eine Vereinigung der alten und neuen Irländer zu Stande, deren gegenseitigen Haß bisher weder die gemeinschaftliche Verschuldung, noch das gemeinschaftliche Interesse zu schwächen vermocht hatten. Kraft dieses Hasses hatte sich Owen O'Neil nicht nur einst geweigert, den Frieden anzunehmen, sondern sich auch beinahe geneigt zum Gehorsam, ja, bei einigen Gelegen- 65 Heiken in der That sogar dienstbeflissen gegen die Republik England bezeigt. Allein das Englische Parlament war zu edel und zu heroisch gestimmt, um einen Böse- wicht, wie Owen O'Neil, freundlich dafür anzublicken. Es hatte sogar einigen seiner Ofsiciere es verwiesen, daß sie sich mit ihm eingelassen hatten. Ein solches Betragen und das Schicksal von Drogheda überzeugten endlich den Owen O'Neil von der Nothwendigkeit einer Vereinigung, die er bisher immer verweigert, so lebhaft auch Ormond darauf gedrungen hatte. Um die Zeit, da Cromwell vor Wexford rückte, wurde ein Vertrag geschlossen, vermöge dessen O'Neil in wenigen Tagen mit seinem Heere zu Ormond stoßen sollte, gegen dessen schwache Hoffnung, die verschiedenen Factionen in Irland unter seine Fahne zu vereinigen, die Hindernisse sich täglich vermehrten. Denn die Schotten, ob sie gleich mit dem jungen Könige sich gesetzt hatten, thaten dennoch nichts für seine Sache, sondern hielten sich nur unter einander zusammen, und verfuhren vertheidigungs- weise gegen alle Parteien. Die Widerspänstigkeit der Irländischen Geistlichkeit ging gar so weit, den Marquis von Ormond einer Verletzung der Friedens-Artikel zu beschuldigen; ihn aus dem Königreiche zu verweisen; die Irländer zu der alten Verbündung zurück zu rufen; und endlich gar alle diejenigen in den Kirchenbann zu thun, die dem Lord-Lieutenant noch anhängen würden. Sehr zeitig rückte Cromw ell im nächstenFrühlinge schon wieder in das Feld, und eroberte Callon, Gouran, Kilkenny und Clonmell. Schon wollte er Waterford zum zweiten Male angreifen, als er plötzlich nach Eng- 5 66 land abgerufen wurde. An seine Stelle trat Jreton, als Oberbefehlshaber in Irland auf: ein Mann, dem es an Muth, an Thätigkeit, an unermüdetem Eifer im Dienste der Republik kein Bürger zuvor, wenige gleich thaten. Nicht minder rasch, als unter Cromwell's Händen, ging unter den seinigen das Geschäft der Eroberung von Statten. Waterford wurde eben so schnell eingenommen, als umlagert; Duncannon und das Schloß Carlow nicht minder. A'Ehlone in der Grafschaft Eonnaught ergab sich an Sir Eharles Coote und Reynolds. Kein einziger Versuch der republikanischen Engländer auf irgend eine Festung oder Stadt mißlang. Während dieser siegreichen Fortschritte war der Marquis von Ormond, durch den plötzlichen Tod Owen O'Neils und die gänzliche Niederlage der Ulster-Armee unter der Anführung Macmahons, Titular-Bischofs von Clogher, gänzlich des Beistandes beraubt worden, den er von den ursprünglichen Irländern erwartet hatte, und auf diese Weise an Macht und Ansehen so tief herabgesunken, daß er nicht im Stande war, etwas in's Feld zu stellen, das auch nur den Namen einer Armee verdient hätte. In einer so trostlosen Lage sah er sich, da er noch vollends von dem Fluche der Geistlichkeit verfolgt wurde, genöthigt, den Befehlshaberstab den Händen des Marquis von Elanrickard zu überliefern, und das Königreich zu verlassen, ob er gleich niederträchtig genug gewesen war, alle Protestanten aus seinem Dienste zu entlassen, und sogar aus Irland zu entfernen, um allein an der Spitze einer bloß papistischen Macht zu stehen. Denn auch dies Opfer konnte den Pfaffenhaß nicht versöhnen. Die Sache der Irländer gewann dadurch nichts, daß sie nun in der Person des Marquis von Clanrickard «in papistisches Oberhaupt hatten. Zwar geschah, ehe sie noch weiter in die Enge getrieben wurden, in einer allgemeinen Versammlung von ihnen der Vorschlag, mit dem Feinde in Unterhandlungen zu treten, und Alles gutwillig abzutreten, was noch in ihren Händen wäre; allein ihre Hoffnungen wurden durch den Beschluß der Engländer vereitelt, ihnen nicht zu bewilligen, was den Lauf der Gerechtigkeit gegen ihre Vergehungen hemmen, und den Plan der mit ihnen vorhabenden Reformation einschränken könnte. Gleichwohl herrschten immer noch Unentschlossenheit und Zwietracht in ihren Rathsversammlungen, und weder Muth noch Kraft belebten ihre Vertheidigungsanstalten. Dagegen rüstete sich Jreton während des Winters desto lebhafter zu einem frühen Feldzuge; und Limmeric, die einzige wichtige Stadt, die sich noch in den Händen der Rebellen befand, wurde schon im April von der ganzen Englischen Hecresmacht umlagert. Die Einwohner, obschon in der äußersten Bedrängnis, verweigerten dennoch dem Marquis von Clanrickard den Eintritt in die Stadt. Kaum hatte die Belagerung drei Tage gedauert, als schon von Uebergabc gesprochen wurde. Da vollends Lord Muskerry, der mit einem starken Eorps zum Entsätze herangerückt war, von einem Detachement der Jretonischen Armee, unter Anführung des LordsBroghilt, zurück geschlagen wurde, so kamen 68 der Magistrat und die Officiere auf dem Stadthause zusammen, und beschlossen, zu einer Unterhandlung zu schreiten, deren Fortgang durch keinerlei Einwand von irgend Jemanden aus der Stadt unterbrochen werden sollte. Umsonst setzten sich die Bischöfe von Limmeric und Emly dagegen; umsonst bedrohten sie die Bürger mit dem Kirchenbanne, wenn man zu einem Vertrage fortschritte, welcher die Geistlichkeit irgend einer Züchtigung aussetzte. Man achtete nicht darauf, und ernannte Commissarien zur Unterhandlung. Die Bischöfe sprachen ihren Bann aus, und belegten die Stadt mit einem beständigen Jnterdict, wofern man von dem Unternehmen nicht abließe. Der Commandant der Stadt, Hugh O'Neil, widersetzte sich gleichfalls der Uebergabe. Allein ein gewisser Oberster Fennell, der, nachdem er einen Paß zu Killaloo an den Feind verrathen, seine Zuflucht nach Limmeric genommen hatte, erhielt von dem Stadt- Mayor die Schlüssel; bemächtigte sich, in Verbindung mit noch mehreren Ofsicicren, zweier Thore; richtete die Kanonen gegen die Stadt; und ließ zwei hundert Mann von den Belagerern herein. In dieser äußersten Noch ergab sich die Stadt auf folgende, schon vorher von Ire ton angebotene Bedingungen: Die Besatzung mußte die Waffen strecken, und durste dann abziehen, wohin sie wollte; die Einwohner erhielten drei Monate Zeit, ihre Personen, und noch drei Monate, ihre Habseligkeiten aus der Stadt hinweg, und an denjenigen andern Ort des Königreiches zu schaffen, den ihnen die Regierung zum künftigen Wohnplatze anweisen würde. Unter den von der Verschonung ausgenommenen Personen wurden der 69 erwähnte Commandant erschossen, und der Bischof von Emly gehenkt. Selbst der Stadt-Mayor, wiewohl er ein Werkzeug der Uebergabe gewesen war, konnte dennoch für vorherige Vergehungen der republikanischen Strenge nicht entgehen. Groß und glänzend waren alle diese schnellen Eroberungen der jungen Republik in Irland; allein groß und unersetzlich war auch der Verlust, den sie um diese Zeit durch I re t o ns Tod erlitt. Seine Anstrengungen während der Belagerung von Limmeric hatten ihm eine Krankheit zugezogen, woran er bald nach der Uebergabe der Stadt starb. Zreton, einer der vorzüglichsten Männer, welche in der Republik England, und für dieselbe eine Rolle spielten, war der Sohn eines angesehenen Privatmannes in Nottinghamshire. Seine erste und schon sehr frühe Jugendbildung erhielt er als Mitglied des Dreieinigkeits-Collegiums in Oxford, woselbst er schon in einem Alter von sechzehn Jahren eine akademische Ehrenstufe bestieg. Von da an wurde seine Erziehung, nach der Weise der damaligen Zeiten, in den so genannten Rechtshöfen, (Inns ok 6ourt,) vollendet. Kaum war der Kampf gegen die Hof-Tyrannei begonnen, als auch Ire ton, einer der unerschrockensten Widersacher derselben, die Waffen ergriff, und sich unter die Fahne des Parlamentes in der Grafschaft Westmorland stellte. Schnell erhob er sich vom Hauptmann zum Obersten eines Regiments Reiterei, und durch Vorschub der Independenten wurde er General-Commissarius der neu eingerichteten Armee. Seine Fähigkeiten und Geschicklichkeiten waren so vorzüglich, daß man ihn ganz allein an die Spitze der independentischcn Angelegenheiten gegen die Presbyterianer stellte. Er entwarf alle schriftlichen Erklärungen und Vorstellungen der Armee; er war Verfasser jener berühmten „Uebercinkunft des Volkes", für welche die Levellers vergebens kämpften; seine männliche und unerschütterliche Standhaftigkeit trug nicht wenig zur Entscheidung über das Schicksal des Königs und der Englischen Monarchie bei. Er, der als Privatmann der anhänglichste, zärtlichste Freund war, verfocht und handhabte dennoch, als Rathsmann, die genaueste und unparteiischste Gerechtigkeit. Weisheit begleitete ihn in die Raths-Versammlung; unerschrockene Tapferkeit in das Schlachtfeld. Adel herrschte in seinen Gesinnungen, Rechtschaffenheit und Uncigennützigkeit leiteten sein Betragen. Rastlos war er im Dienste für den Staat; unauslöschliche Liebe zur Freiheit des Vaterlandes durchglühte seinen Busen. So lauten von ihm die Zeugnisse zwar republikanisch gesinnter, aber doch glaubhafter Schriftsteller; und Tatsachen bestätigen diese Züge seines Charakters. Gleichwohl lassen sein früher Abtritt von einem Schauplatze, wo wo die entscheidendsten Prüfungen seinen Tugenden erst noch bevorstanden, so wie auch seine Familienverbindung mit Crom well, dessen Schwiegersohn er war, das Urtheil der Nachwelt in einiger Ungewißheit. Anti- Republikaner haben freilich, wie ganz und gar nicht zu verwundern ist, nicht ermangelt, seinen Charakter, besonders des letzten Umstandes wegen mit den gehässigsten Zügen darzustcllen. Ihnen zu Folge hatten alle Anstrengungen seines Genius kein höheres Ziel, 71 als das, der Lieblingssclave eines Despoten von seiner eigenen Schöpfung zu werden; ihnen zu Folge war er weiter nichts, als ein ehrloses Werkzeug von Crom- well's Ehrgeiz. Allein dies sind denn doch nur Vermuthungen, die bei weiten nicht hinlänglich von That- sachen unterstützt werden. Sollte sich seine Tugend in der Folge auch nicht als die reinste und höchste bewährt haben, wenn das Zepter der höchsten Gewalt sich seinen Händen erreichbar dargebotcn hatte, so war er doch sicher zu großherzig, sich freiwillig unter irgend ein fremdes Joch zu beugen. Dankbar gegen die ungemeinen Verdienste des Verstorbenen, bewilligte das Parlament von England, auf die Nachricht von seinem Tode, der Wittwe und den Kindern desselben ein jährliches Gehalt von zwei tausend Pfund Sterling aus den verwirkten Gütern des Herzogs von Buckingham. Ein prachtvolles Leichenbe- gängniß wurde ihm zu Ehren auf öffentliche Kosten veranstaltet, und sein Leichnam zu Westmünster, in der Capelle Heinrichs des Siebenten, beigesetzt. Nach Jretons Tode wurde von und aus den Commissarien, welche nach Cromwell's Abrufung das Parlament zu Jretons Beistände nach Irland gesendet hatte, Edmund Lud low, ein Mitglied des Englischen Staatsrathes, zum Oberbefehlshaber der republikanischen Macht in Irland bestellet. Der herannahende Winter that zwar dem Fortgange der Englischen Waffen auf eine Zeit lang Einhalt; allein kaum erschien der nächste Frühling, als Galway, die letzte Stadt, welche die Rebellen noch inne hatten, belagert und eingenommen 72 wurde. Die Irländer, nachdem sie in ihrer verzweife- lungsvollen Lage sich umsonst an den König von Spanien um Hülfe gewendet hatten, boten dem Herzoge von Lothringen die Schutzherrschast über sich und ihr Land an. Die geringe Unterstützung an Gelbe, die ihnen dieser Fürst zu leisten vermochte, reichte nicht weit hin^ und bald sahen sie sich auf das äußerste gebracht. Zn dieser Bedrängniß baten sie zu wiederholten Malen um ein sicheres Geleit für ihre Abgeordneten, um mit der neuen Republik über die Bedingungen ihrer Unterwerfung zu handeln. Allein die Staats-Commissarien gaben ihnen, in Alt-Römischem Geiste, zur Antwort: „Nur dem Parlamente von England käme es zu, ihrer Nation eine Verfassung zu geben; dasselbe würde diejenigen, welche friedlich und seiner Gewalt unterwürfig gelebt hätten, von denen zu unterscheiden wissen, welche in dem ersten Jahre der Rebellion Mord und Grausamkeiten an den Protestanten verübt oder begünstigt hätten. Ein sicheres Geleit könnte ihnen nicht bewilligt werden; diejenigen aber, welche freiwillig die Waffen niederlegen und sich unterwerfen würden, sollten so günstig behandelt werden, als sie es von der Gerechtigkeit erwarten dürsten." — Auf diese entschlossene Antwort unterwarf sich der Oberste Fitzpatrick mit seinem ganzen Regimente. Und ob er gleich von der Geistlichkeit, die sich noch immer guter Bedingungen schmeichelte, wenn die ganze Nation zusammen hielte, in den Kirchenbann gethan wurde, so folgten dennoch der Oberste Odwyer mit seiner Brigade, und der Graf von Westmeath mit seinen in Leinster unter sich habenden Irländischen Truppen Fitz- 73 Patricks Beispiele. Die letzte Gestalt einer Armee hatte nur Lord Muskerry noch übrig. Allein auch dieser, obschon geschützt durch einen sehr festen Platz in der Grafschaft Kery, unterlag sehr bald Ludlows kriegerischen Fähigkeiten. Oliver Cromwell's Bestallung zum Lord-Lieu- tenant von Irland, die auf drei Jahre gelautet hatte, erlosch nach dem Ablaufe derselben. Seine Anhänger im Parlamente thaten den Vorschlag, dieselbe zu erneuern; und, da er selbst anderwärts nöthiger war, an seiner Statt Lambert, in der Eigenschaft eines Deputaten, nach Irland zu senden. Diesem Vorschläge setzten sich die ächten Freunde der Freiheit eben so kräftig entgegen, als er dem Geiste der Republik widerstritt. Crom- well selbst ließ daher seine Ansprüche fahren, und der Vorschlag wurde verworfen. Nichts desto weniger mochte er wohl seine guten Gründe haben, darauf anzutragen, daß das Parlament, ob es gleich nicht für zuträglich hielte, ferner einen Lord-Lieutenant in Irland zu halten, dennoch, in Rücksicht auf Lamb erts Verdienste, diesen, in dem Charakter und mit der Gewalt eines Abgeordneten, nach Irland senden möchte. Er suchte dabei das Parlament zu überreden, daß die Armee daselbst unzufrieden seyn würde, wenn sie nicht einen Oberbefehlshaber vom Lamberts Eigenschaften erhielte. Allein Weaver, einer der Staats - Commissarien von Irland, zeigte vollkommen den Ungrund von Cromwe ll's Vorspiegelungen, und versicherte dem Parlamente aus eigener Erfahrung, daß alle unbefangenen Einwohner dieses Landes und die ganze Armee, einige wenige Parteisüch- 74 tige etwa ausgenommen, nicht nur mit den gegenwärtigen Militär- und Civil - Einrichtungen, sondern auch mit denen, die denselben Vorständen, sehr wohl zufrieden wären. Er that daher den Vorschlag, die Vollmachten der letzten auf längere Zeit auszudehncn. Weaver's Vorschlag blieb ohne Wirkung. Denn aus L a mb ert's Weigerung, in irgend einem andern Charakter, als dem eines Abgeordneten, nach Irland zu gehen, hatte Cromwell Einfluß genug, seinem Schwiegersöhne, dem General- Lieutenant Fleetwood, der Iretons Witwe gchei- rathet hatte, dasjenige Commando zu verschaffen, welches Lud low, seit J r etons Tode, mit eben so großem Ruhme für sich selbst, als mit Vortheil für das Vaterland geführt hatte. Noch vor dieser Bestallung war eine Parlaments- Acte ergangen, welche die Güter der Irländer nach Maßgabe ihrer Verbrechen consiscirte. Als Fleetwood in Irland ankam, fand er die Eroberung dieses Königreiches dermaßen vollendet, daß auf Befehl des Parlamentes eine auf jene Acte sich beziehende Erklärung bekannt gemacht, und den Einwohnern von England gestattet werden konnte, alle Arten von Getreide, von Vieh und andern Bedürfnissen zum neuen Anbau der verödeten Gegenden von Irland zollfrei einzuführen. Es wurden in den verschiedenen Provinzen peinliche Gerichtshöfe errichtet, um denjenigen den Prozeß zu machen, denen Ermordungen der Engländer im ersten Jahre der Rebellion zur Last lagen. Um in Zukunft das Verderbniß und den Nachtheil abzuwendcn, welche bisher aus den ehelichen Vermischungen der Engländer 75 mit dm Urbewohnern erwachsen waren, so wurde den Irländern die einzige Provinz Connaught eingeräumt, um daselbst hinfort den Vorschriften und Einschränkungen des Parlaments gemäß zu leben. Wie tief die Irländer durch die republikanische Kraft nunmehr ge- demüthigt waren, ist aus folgendem Klagelieds ersichtlich, welches der realistische Geschichtschreiber Clarendon ihretwegen anstimmt: „Nicht nur die ganze Irländische Nation, Wenige ausgenommen, wurde der Rebellion schuldig gefunden, und folglich aller ihrer Güter verlustig erklärt, sondern auch der Marquis von Ormond, der Lord Znchiquin, und alle die Englischen Katholiken, und was nur irgend dem Könige Dienste geleistet hatte, wurden für eben so schuldig geachtet, und man bemächtigte sich ihrer Ländereien zum Besten des Staates» Das ganze Königreich wurde vermessen; die Gelder, welche die Unternehmer innerhalb bestimmter Zeit ausgezahlt hatten, und die Löhnung, die man der Armee schuldig war, wurde ausgerechnet; und den Unternehmern, Officieren und Soldaten wurden in den verschiedenen Provinzen solcher Gestalt ihre Ackecantheile zugemessen, als die Parlaments-Acte es mit sich brachte. — Ein großer Strich Landes, ungefähr die Hälfte der Provinz Connaught, der von dem übrigen durch einen langen und breiten Fluß gesondert wurde, lag durch Pest und mancherlei Todtschlag beinahe gänzlich ganz verödet. Zn diesen Bezirk sollten sich alle Irländer auf einen gewissen Tag bei Lebensstrafe begeben; und Alle, Mann, Weib oder Kind, welche nach dieser Zeit sich an irgend einem andern Orte des Königreiches betreten lassen würden, sollten von Jedermann todt geschlagen werden dürfen. Die Ländereien innerhalb dieses Bezirkes, des allerunfcuchtbarsten im ganzen Königreiche, wurden, aus Gnade und Barmherzigkeit der Eroberer, den dahin Verbannten in solchem Maaße zugetheilet, daß sie unter großen Anstrengungen höchstens davon leben konnten. Denjenigen Personen, welchen man große Ländereien in andern Provinzen weggenommen hatte, wurden größere Antheile in diesem Bezirke zugebilligt. Solcher Gestalt traf es sich, daß Einige, besonders wenn sie mit Wohnungen versehen waren, von ihrem Loose zwar hinlänglich leben konnten, allein doch niemals nur den fünften Theil desjenigen wieder gewannen, was sie in weit bessern Provinzen verloren hatten. Und damit sie sich dieses Gnadengeschenkes nicht überhcben möchten, so war es eine Bedingung dieser Aussöhnung, daß sie in Betracht dessen, was ihnen hiermit bewilligt würde, allen ihren vorigen Rechten und Ansprüchen an die ihnen genommenen Grundstücke entsagen müßten; und so mußten sie sich und ihre Erben auf immer des Rechtes berauben, jemals an ihr altes Erbtheil wieder Ansprüche zu machen. Auf diese Art wurde die Niederlassung, wie man cs nannte, von Connaught vollendet, und die ganze Irländische Nation in diesen Bezirk eingeschlossen. Das übrige Irland verblieb theils den Engländern, theils den alten Lords und rechtmäßigen Eigenthümern, welche alle Protestanten waren, (denn kein Römisch- katholischer wurde zugelassen), und entweder das Parlament nie beleidigt, oder ihm gedient, oder sich wegen ihrer Vergehungen nach Maßgabe gewisser Artikel, mit 77 ihm ausgesöhnt hatten, theils dm Unternehmern und den Soldaten." Diese gänzliche Eroberung und neue Einrichtung Irlands vollbrachte die Republik England, seit O r- mond's zweiten Auftritte daselbst, in einem Zeiträume von vier Jahren. Wir wenden uns nun zu den Thaten derselben gegen die Schottlands, mit welchen ein so frühzeitiger Kampf nicht hätte vermuthet werden sollen, als gleichwohl schon vor der vollendeten Eroberung Irlands Statt fand. In Schottland herrschte allgemein der eifrigste Presbyterianismus. Dieser hatte sich schon seit mehreren Jahren gegen die Anmaßungen der Königsgewalt auf das äußerste gesträubt. Er hatte, als der unglückliche Karl den Versuch machte, die bischöfliche Kirchenverfassung in Schottland einzuführen, und damit die von den Reformirten des Schweizerlandes entlehnte Einrichtung des Religions- und Kirchenwesens daselbst zu verdrängen, sich in seiner ganzen Kraft dagegen erhoben, und ungeachtet, eines wüthenden Ausstandes, dennoch mit großer Ordnung, im Jahre 1637 jene Verbindung unter den Mitgliedern dieser Kirche zu Stande gebracht, welche unter dem Namen des Schottischen Convenants so berühmt ist. Kraft derselben hatten alle Theilnehmer nicht nur feierlich dem Papstthum, für welches man dem Hause Stuart zu viel Gunst beimaß, entsagt, sondern sich auch verpflichtet, allen Neuerungen in Religions- und Kirchensachen gegen Jedermann den kräftigsten Widerstand zu leisten. Gesinnungen und Handlungen der Schottländer, wie diese, und Karls fruchtlose, ja 78 selbst nachtheilige Waffcnversuche dagegen hatten die Absichten derjenigen befördert, die auch in England mit seiner Regierung mißvergnügt waren. Die Mitglieder des im Jahre 1640 versammelten Parlamentes, muthig gemacht durch die in der Nähe zu Newcastle stehende Schottländische Insurgenten-Armee, hatten den König nöthigen dürfen, dies Parlament für beständig zu erklären, oder wenigstens zu versprechen, daß er dasselbe, ohne selbst eigene Einwilligung, nicht aufheben wollte. Diese wichtige Einräumung hatten den Knoten zu dem nachfolgenden großen handlungsvollen Schauspiele geschürzt, welcher sich endlich so tragisch für den König löste. Wiewohl der Eonvenant sich nicht eben gegen die Person des Königs und dessen Regierung geäußert, sondern vielmehr Anhänglichkeit daran erklärt hatte, so war dies dennoch nur unter der Bedingung geschehen, daß der Religions- und Kirchenzustand in Schottland unversehrt erhalten würde. Der erwähnte Hader mit den Schotten war zwar längst durch Friedensverträge beigelegt; aber dennoch hatten in den nachmaligen Kämpfen zwischen dem Könige und dem Englischen Parlamente die Schotten nichts weniger, als eine allgemeine Gunst für die Sache des Königs an dem Tag gelegt. Als dieser nach seiner bei Naseby durch den Lord Fairfax erlittenen entscheidenden Niederlage, und nach der gänzlichen Zerrüttung seiner Angelegenheiten seine Zuflucht zu der Schottischen Armee zu Newmark genommen, hatten ihn die Schotten zwar mit dem äußerlichen Anscheine der ihm gebührenden Ehrfurcht ausgenommen, allein ihn auch, unter dem Vorwände, seine Person zu schützen, unter die Obhut einer Wache gefetzt, die ihn in der That zum Gefangenen machte. Die Schotten hatten endlich sogar seine Person an das Englische Parlament ausgeliefert. Der letzte Versuch, den die Schottischen Königsfreunde, auf Betrieb und unter Anführung des Herzogs von Hamilton, gegen das Englische Parlament durch einen Einfall mit zwanzig tausend Mann gemacht hatten, war durch den siegreichen Crom well gänzlich vereitelt, und dadurch die Königspartei in Schottland ganz unterdrückt worden. Die heftigsten Widersacher des Königs hatten dadurch das Heft der Schottischen Regierung in die Hände bekommen. Alles war nunmehr zur Freundschaft und Eintracht mit dem Englischen Parlamente gestimmt. Diese Stimmung und die friedliche Lage der Angelegenheiten würden vielleicht von Dauer gewesen seyn, wenn in den letzten Acten des des Schauspiels die Gestalt des Englischen Parlamentes diejenige geblieben wäre, die sie in den ersten war. Es bestand nämlich damals dasselbe aus drei Parteien, aus gemäßigten Royalisten, aus Presbyterianern und Independenten. Die Ersten, noch immer für die Beibehaltung der Monarchie und bischöflichen Kirchenverfassung gestimmt, widersetzten sich nur den unbefugten Anmaßungen derselben, und strebten, ihre Gewalt in die gehörigen Schranken zurück zu führen. Die Zweiten arbeiteten zwar nicht gegen die Monarchie, allein desto mehr gegen die Bischossgewalt. Die Dritten waren wider Beide eingenommen, und trachteten nach einer Republik. Lange vermochten die ersten Parteien, besonders die Presbyterianer, mehr als die Jndepen- 80 denten. Endlich gelang durch Beistand der Officiere von der Armee, besonders ab.cr Cromwell's, der von der Independenten-Partei war, oder zur Erreichung seiner damals noch geheimen ehrgeizigen Absichten zu seyn vorgab, jene berühmte „Säuberung" des Parlamentes, wodurch die gemäßigten Royalisten und Presbyterianer ausgetrieben wurden, und die Independenten die Herrschaft allein beibehielten. Dieser Streich entschied über das Schicksal der Monarchie und des Königs» Kaum hatten die Schotten, denen weit mehr an ihrem Religions- und Kirchen-System, als an einer noch so vortrefflichen auf Freiheit und Gleichheit gegründeten Staatsverfassung gelegen war, den Sturz ihrer presbyterianischen Brüder in England vernommen, y so gerieth.die Bigotterie in heftige Verzuckungen. Die von den Independenten behauptete Gewissensfreiheit, und die nunmehr zu befürchtende gesetzmäßige Duldung waren ihr ein Gräuel. Alles, was nunmehr in England verhandelt wurde, schien ihr das Werk einer feindlichen und gottlosen Ketzerei zu seyn. An die Stelle der kaum noch bestandenen Eintracht traten Widerspruch und Hader. Schottische Abgeordnete erschienen sogleich in England, um gegen den Königsproceß, gegen Ketze- ^ rci und Kirchenspaltung zu protestiren, „damit die rechtgläubigen Presbyterianer, wie die Abgeordneten sich ausdrückten, sich fremder Sünden nicht theilhaftig machen möchten." Das Englische Parlament zog nicht eher, als nach der Hinrichtung des Königs, die Einreden der Schotten in Erwägung. Es vertheidigte sein Verfahren, als der Englischen Grundverfassung angemessen, 81 und erklärte, daß es der Ausübung seiner Macht durch keine Schottischen Aussprüche Schranken setzen lassen würde. So wie man nicht gesonnen wäre, sich in Schottlands Angelegenheiten zu mischen, sondern die Einrichtung der Regierung daselbst dem Belieben seiner Einwohner überließe, so wären auch die Engländer entschlossen, ihre Freiheiten, so weit Gott ihnen solches gestattete, zu handhaben. „Sie glaubten, fügten sie hinzu, daß das gegen den König beobachtete Verfahren, so wie auch das, welches sie noch gegen die übrigen Hauptfeinde ihres Friedens zu beobachten gesonnen wären, zur Wohlfahrt beider Nationen gereichte. Wollten die Schotten von diesen Umständen Gebrauch machen, ihre Freiheiten und Gerechtsame zu behaupten, so wären die Engländer bereit, ihnen allen freundnachbarlichen - Beistand zu leisten. Uebrigens forderten sie selbige auf das crnstlichste auf, Alles vorher auf das reiflichste zu überlegen, ehe sie einen Hader ansingen, der ihnen keinen Vortheil bringen, wohl aber sie selbst und ihre Nachkommenschaft in das Elend eines langwierigen Krieges stürzen, und zuletzt unter das Joch eines Tyrannen und seiner Abkömmlinge beugen könnte." Die Antwort auf die freundliche Erklärung und Warnung war so bitter, so beleidigend, so anmaßend, daß das Parlament die Schottischen Abgeordneten in Verhaft nahm, „um, wie es sich ausdrückte, ihre Personen vor der Gewaltthätigkeit des Pöbels sicher zu stellen, und ihnen den Umgang mit allen denen abzuschneiden, welche das in ihren Schriften enthaltene Gift des Aufruhrs weiter zu verbreiten Lust haben möchten." 6 Das Schottische Parlament hieß nicht nur Inhalt und Ausdruck der Erklärung seiner Abgeordneten gut, und beklagte sich über das an ihren Personen verletzte Völkerrecht, sondern nahm auch keinen Anstand, den Karl Stuart, ältesten Sohn des Hingerichteten Königs, zum Erben und Thronfolger in dem Königreiche Schottland unter der Bedingung zu erklären, daß derselbe, bevor er zur wirklichen Ausübung der königlichen Gewalt zugelafsen würde, das Königreich in Ansehung alles desjenigen, was die Sicherheit der Religion, die Vereinigung beider Königreiche und die Wohlfahrt und' den Frieden von Schottland, der feierlichen National- Verbindung des Convenants gemäß, beträfe, zufrieden stellte. Die unmittelbare Frucht dieses unweisen Verfahrens war, daß sich ein zahlreiches Eorps Royalisten unter Midleton versammelte, um dem Könige sogleich bei seiner Ankunft dienstbar zu seyn und vermuthlich die Bedingungen vernichten zu helfen, unter welchen er ernannt worden war. Das Schottische Parlament sah sich daher genöthigt, unter Lesley ein Heer gegen diese Dienstbeflissenheit der Höflinge auszustellen. Die Kirche machte eine Erklärung bekannt, den König ungeachtet seines anerkannten Rechtes der Nachfolge, dennoch nicht eher ausnehmen zu wollen, als bis er den Convenant unterzeichnet, sich der Kirchenzucht unterworfen, und sowohl den Sünden seines väterlichen Hauses, als der Gottlosigkeit seiner Mutter entsagt hätte. Karl aber versprach sich damals noch allzu fest die Erhaltung des Königreichs Irland, und durch dasselbe eine so kräftige 83 Unterstützung seiner Sache, daß er nicht nöthi'g zu haben glaubte, sich von seinen neuen Unterthanen Bedingungen vorschreiben zu lassen. Während die Schotten auf diese Weise den Samen zu neuen bürgerlichen Unruhen und zu Fehden mit dem Auslande ausstreueten, suchte das Englische Parlament durch kräftige Maßregeln, nicht nur einen festen Grund zu der künftigen Verfassung zu legen, sondern auch derselben bei Auswärtigen Ehrfurcht zu verschaffen. Nachdem die Levellers unterdrückt waren, wurde es durch die Parlaments-Acte für Hochverrath erklärt, die gegenwärtige Regierung für tyrannisch, angemaßt und unrechtmäßig auszugeben; den Gemeinen im Parlamente die oberste Staatsgewalt abzusprechen; nach dem Umstürze der gegenwärtigen Regierung zu trachten; Meutereien unter den Soldaten anzustisten; sich mit denen zu vereinigen, welche England oder Irland angriffen; sich gegen das Parlament zu empören, seinen fremden oder einheimischen Feinden anzuhangen; oder das große Siegel nachzumachen. Alle Mitglieder des Parlamentes, so wie auch alle diejenigen, welche irgend ein bürgerliches, geistliches oder militärisches Amt innerhalb des Britischen Gebietes bekleideten, mußten sich verpflichten, der Republik England treu, hold und gewärtig zu seyn. Eben diese Verpflichtung wurde, durch eine nachherige Acte, Allem, was achtzehn Jahre alt war, auserlegt. Reynoldson, der Lord-Mayor von London, welcher sich geweigert hatte, die Acte bekannt zu machen, welche die königliche Regierung abschaffte, wurde in zwei tausend Pfund Sterling Strafe genom- 6 * men, seines Amtes entsetzt, und auf einen Monat ein- gekerkert. Mer andere Aldermänner wurden ihrer Posten unwürdig erklärt. Das republikanische Interesse gewann bei der neuen Besetzung der obrigkeitlichen Aemter, die Oberhand. Dieser Umstand verschaffte der Regierung ein solches Zutrauen, daß sie ein hundert und zwanzig tausend Pfund Sterling von der Stadt borgen, und die Zinsen von acht auf hundert zu sechs hcrabhandeln konnte. Zum Beweise der Eintracht zwischen der Bürgerschaft und der regierenden Macht gab jene bei der Rückkehr des Generals von der Unterdrückung der Levellers dem Parlamente eines kostbares Fest. Das Parlament, um das Volk mit seinen Handlungen auszusöhnen, die Factionswuth zu besänftigen, und das Gift papistischer, prälatistischer und presbyterianischer Bigotterie zu mildern, ließ verschiedene Erklärungen ausgehen, worin dasselbe, nach Maßgabe der richtigsten Staatsgrundsätze und der Erfahrungen aus den Zeiten monarchischer Sklaverei, sein Verfahren in Anordnung der neuen Regierungsform vertheidigte. Es verhieß dem Volke die ganze Erfüllung seiner wärmsten Wünsche in Ansehung der Freiheit, der Beförderung der echten Protestantischen Religion, einer dauerhaften Kirchenverfassung, und der allgemeinen Wohlfahrt von England und Irland. „Da man sich, hieß es, in die Regierungs-Angelegenheiten fremder Königreiche und Staaten weder bisher gemischt, noch auch künftig zu mischen gedenke, so verspräche man sich von außen her ein Gleiches, und hoffe nicht, daß diejenigen, denen eS nicht gebühre, sich in Englands Angelegenheiten mischen 85 würden. Sollte aber gleichwohl eine solche Beleidigung Vorgehen, so hoffe man, durch den Muth und die Kraft der Englischen Nation, unter göttlichem Beistände, seine Gerechtsame vollkommen vertheidigen zu können. Dieses republikanische Muth- und Krastgefühl äußerte sich nicht nur in Worten, sondern auch in Thaten. Durch ausgesendete Geschäftsträger suchte das Parlament ein freundschaftliches Verkehr mit den übrigen Mächten von Europa zu unterhalten. Zwei derselben fielen durch die Hände royalistischer Meuchelmörder. Doris laus im Haag, und Asham zu Madrid. Beider Oerter Regierungen thaten der Gerechtigkeit gar wenig Genüge. Das Parlament beschwerte sich darüber nicht nur in sehr hohem Tone, sondern ließ auch zur Wiedervergeltung und zum Schrecken dieser giftigen Partei sechs royalistischen Verbrechern, die noch keine Verzeihung erhalten hatten, sogleich den Todesproceß machen. Der junge König der Schotten hatte sich bisher im Haag aufgehalten. Mit so ungünstigen Blicken auch die Holländer der Kraft entgegen sahen, wozu die junge Republik bald empor zu wachsen versprach; so sehr sie daher aus Grundsätzen der Selbstvertheidigung der Königssache geneigt seyn mochten: so stand es ihnen doch nicht an, durch einen länger» Aufenthalt des Königs in Holland das besondere Ziel des Mißvergnügens des Parlamentes zu werden. Sie legten es daher, besonders nach Doris laus Ermordung, dem Könige so nahe, sich hinweg zu begeben, daß dieser nicht mehr 86 umhin konnte, förmlichen Abschied von der dasi'gen Regierung zu nehmen, und nach Frankreich zurück zu kehren. Der Hierselbst nach Richelieus Tode an das Staatsruder getretene Cardinal Mazarin hatte zuviel gegen einheimische Widersacher seiner Person und Macht zu kämpfen, als daß er sich auch noch in fremde Händel zu verwickeln Lust gehabt hätte. Da also Karl an dem Französischen Hofe keine Unterstützung fand, so begab er sich bald von dannen nach der Britischen Insel Jersey, welche sich der neuen Regierung noch nicht unterworfen hatte. Zu Jersey bat Winram, Laird von Liberton, der Schottische Abgeordnete, ihn auf das dringendste, die Regierung des Königreiches unter den vorgeschlagcnen Bedingungen anzunehmen. Da nun seine bisherigen Hoffnungen, Irland zu erhalten, durch die Fortschritte der parlamentarischen Waffen daselbst gänzlich gelähmt wurden, so fing er allmählig an, den Schottischen Anerbietungen ein geneigtes Ohr zu leihen. Liberton bekam eine höfliche Antwort, und die Stadt Breda wurde zu einer Zusammenkunft der Schottischen Abgeordneten mit dem Könige bestimmt, um daselbst diese Angelegenheit zur Zufriedenheit der Schotten in Nichtigkeit zu bringen. Beide Theile kamen wirklich in Breda zusammen, und die Unterhandlung wurde eröffnet. Da aber die unnachläßlichen Bedingungen der Schottischen Abgeordneten zum Theil von solcher Beschaffenheit waren, daß Karls Englische Anhänger und Rathgeber ihre Rechnung dabei nicht fanden, so setzten sich diese mit allen Künsten sophistischer Ueber- redung dagegen, und erfüllten den König mit Hoffnun- gen, auch wohl ohne Bedingungen mit den Schotten noch fertig zu werden. Diese verfehlten keinesweges ihr Ziel bei einem jungen leichtsinnigen Menschen, der ganz von allen Grundsätzen entblößt war, die ihn selbst hätten leiten sollen, und welcher zu wenig Religion und Sittlichkeit hatte, um auch die schlechteste Rolle von sich abzulehnen, wenn sie nur egoistischen Absichten beförderlich zu seyn schien. Anstatt jedoch ein redliches und offenherziges Nein den Schottischen Abgeordneten zu antworten, und dann ohne Hehl, wie es einem edeln und tapfern Manne geziemet, zu verfahren, zog er vielmehr, mit eben der verächtlichen Hinterlist und Schlauheit, womit auch sein Vater bei ähnlichen Gelegenheiten zu verfahren gewohnt war, die Unterhandlung unentschieden in die Länge; suchte aber gleichwohl indessen sein königliches Ansehen durch Waffen in Schottland herzustellen. James Graham, Marquis von Monrose, der giftigste und gefährlichste Schwärmer für die Königssache, der schon ehedem seine Rolle, wiewohl mit schlechtem Erfolge, in Schottland als Ge- neral-Capitain gespielt, und sich, aus mancherlei Ursachen , den Haß aller Parteien daselbst zugezogen hatte, war von ihm in dem vorigen Posten von neuen bestätigt worden, und er hatte bereits im Haag Maßregeln gegen Schottland mit ihm verabredet. Als Karl dem Vertrage mit den Schotten zu Breda nicht mehr aus- weichen zu können glaubte, schrieb er einen sehr dringenden Brief an Monrose, seine Zubereitungen zu einer Landung in Schottland zu beschleunigen, um den Schluß des Vertrages, wie er sich ausdrückte, noch 88 abzuwendcn, Falls es Gott gefiele, ihn mit gutem Erfolge zu segnen. Monrose hatte, der Verabredung gemäß, beim Kaiser, ingleichen bei den Höfen von Dänemark und Schweden um Unterstützung mit Geld, Waffen und Mannschaft angehalten. Da aber diese Unterstützung theils spät einlief, theils seinen hochfliegenden Erwartungen nicht entsprach, und Monrose nunmehr fürchtete, daß der König zu einem solchen Vertrage mit den Schotten genöthigt werden möchte, der ihn seiner Stelle und mithin der Gelegenheit beraubte, seine vermeinte Heldenrolle fort zu spielen, so segelte er mit nicht mehr, als fünf hundert Mann, die er im nördlichen Holland und Deutschland zusammen gerafft hatte, nach den Orknep-Jnseln ab. Dieser abenteuerliche Ritterzug mißlang, wie nicht anders zu erwarten war. Monrosens Häuflein, das nirgends, selbst bei den Königlichgesinnten keine Unterstützung fand, wurde bald durch Lesley zersprengt; Monrose selbst gefangen genommen; mit einem schaudererweckenden Schaugeprange nach Edinburg gebracht, und nach einem kurzen Proceffe daselbst öffentlich hingerichtet. Mit der Nachricht hiervon sanken Karls Hoffnungen, die Schotten nach seiner Willkür zu behandeln. Er weigerte sich nicht länger gegen ihre Bedingungen; ging, unter einer Bedeckung von sieben Holländischen Kriegsschiffen, unter Segel; und kam wohlbehalten zu Frith in Eromarty an. So viele Zuneigung ihm die Schotten auch bewiesen haben würden, wenn sein Betragen bei und während der Unterhandlung redlich und 89 offenherzig gewesen, und so Manches nicht vorgegangen wäre, was sich bei dieser Lage der Dinge nicht geziemte, so war doch nunmehr ein solches Mißtrauen bei ihnen rege geworden, daß sie ihn nicht eher an das Land kommen lassen wollten, als bis er den Convenant unterzeichnet hätte. Keiner von seinen Englischen Begleitern, als nur der Herzog von Buckingham, dursten um seine Person und im Königreiche bleiben. Während dieser Verhandlungen hatte zwar das Englische Parlament nichts unversucht gelassen, die Schottischen Anhänger des Convenants zu überführen, wie " widersprechend und thöricht es wäre, ihr Interesse mit dem Interesse des Stuar tischen Hauses zu vereinigen. Als es aber sah, daß Alles nichts half, und die Unterhandlung sich zur Aussöhnung neigte, so rüstete es sich zu einem Kriege, der bei einem solchen Ausgange unvermeidlich zu seyn schien. Fair fax, der noch immer die Stelle eines General-Capitains über die republikanische Armee bekleidete, war wegen seiner Enthaltsamkeit, bei dem ununterbrochensten Glücke, und bei seinen allgemein anerkannten kriegerischen Fähigkeiten der einzige Befehlshaber, dem die junge Republik wichtige Unternehmungen anvertrauen konnte, welche, wenn ein glücklicher Erfolg sie krönte, nothwendig Macht, Ruhm und Volksgunst erwerben mußten. Allein ein Kampf mit den Schotten, an deren Spitze der natürliche Feind der Englischen Republik stand, hatte zu viel Reiz für Cromwell's rege und täglich wachsende Ehrsucht, um nicht eine Rolle dabei zu verlangen. Der Ruhm, welchen er durch seine schnellen Siege in so Irland erworben hatte, gab den Freunden und Geschöpfen seines Ansehens einen scheinbaren Vorwand zu dem Anträge, daß er von der Befehlshaberschaft in diesem Königreiche abgerusen werden möchte, um die kriegerischen Zurüstungen in England leiten zu helfen. Der Groll zwischen den Independenten und Presbyterianern trug das Seinige bei, daß der Antrag durchging. Crom well wurde, wie ein siegreicher General, mit mehr Ehrenbezeigungen von dem Parlamente empfangen, als ein so selbstsüchtiger Charakter ohne Nachtheil der öffentlichen Wohlfahrt ertragen konnte. Auf die Nachricht, daß man in Schottland ein großes Heer errichtete, und bereits Truppen nach den Grenzen gegen England anrücken ließe, indessen sich die Royalisten Hierselbst zum Aufstande anschickten, beschloß das Parlament, nicht nur seine verdächtigen Nachbarn zuerst anzugreifen, sondern trafauch die Verfügung, daß Beide, Fairfax und Crom well, seine Armee anführen sollten. So sehr es auch der Staatsklugheit und der Würde der Republik gemäß seyn mochte, den Krieg in des Feindes Land zu spielen, und ihn zu entwaffnen, ehe er seine Zurüstungen zum Anfalle vollendet hatte, so waren doch jetzt viele der eifrigsten Republikaner dawider, die Nation so schnell in diesen Krieg zu jagen, weil sie eines Theils Cromwell's Einfluß bei der Armee, andern Theils die Kosten scheueten, welche nothwendig die Auflagen vermehren mußten, worüber ohnehin schon gemurrt wurde. Besonders laut erhoben die Presbyterianer ihre Stimmen gegen das Vorhaben, ihre Brüder anzugreisen, mit welchen sie durch die geheiligten 91 Bande des Convenants vereinigt wären. Fair fax, auch ein Presbyterianer, stimmte um so mehr mit ein, da er mit der neuen Verfügung, wodurch Crom well ihm an die Seite gesetzt wurde, mißvergnügt war. Fair fax war zwar, ungeachtet seines Presbyterianismus, in Ansehung sowohl politischer, als religiöser Gegenstände, ein Mann von einer ungleich edlem Unbefangenheit der Gesinnungen, als der größte Theil seiner Glaubensverwandten. Er hatte gegen eine republikanische Verfassung nichts einzuwenden, wofern sie nur von einem ächten Geiste der Freiheit und Gerechtigkeit belebt würde. Eben so wenig war er auch ein.Feind der Duldung, wofern die äußere Verfassung nur pres- bytcrianisch bliebe. Gleichwohl, gekränkt durch die gänzliche Ausschließung seiner Secte von aller geist- und weltlichen Landesregierung; täglich angestachelt, von seinem ungestümen herrschsüchtigen Weibe, einer engbrüstigen, von Priestern geleiteten Calvinistinn; dabei zu gewissenhaft, die öffentliche Treue zu verletzen und zu unwillig über die, auf seine Kosten von dem Parlamente an Crom- well verschwendeten Ehrenbezeigungen: gerieth er unglücklicher Weise in eine so widerwärtige Gemüthsstim- mung, daß er sich selbst eine Gewalt entschlug, die nothwendig in so rechtschaffenen Händen, wie die seini- gen, bleiben mußte, wenn die junge, noch nicht zur vollen Kraft ausgewachsene Freiheit nicht der Selbstsucht ihrer minder tugendhaften Bekenner zum Raube werden sollte. Er erklärte der Commission des großen Siegels, wie er seine vorige Bestallung durch die neue Verfügung für erloschen ansehe, und sich solcher Gestalt 92 seiner Pflichten entbunden achtete; wie ihm seine schwache Gesundheit und sein Gewissen verböten, von neuem ein so großes und wichtiges Amt zu übernehmen; und wie er daher bäte, ihn bei dem Parlamente bestens zu entschuldigen» So bald das Parlament den Bericht hiervon erhalten hatte, verordnet? dasselbe, daß ein Ausschuß des Staatsrathes sich bemühen sollte, dem General seine Bedenklichkeiten zu benehmen, und ihn zur Verwendung seiner Dienste bei einer so wichtigen Angelegenheit zu bewegen. Allein umsonst bestrebten sich die dazu ernannten Mitglieder, Cromwell, Lambert, Har- rison, St. John und Whitlock, die von Fairfax ausgestellten Einwürfe zu widerlegen. Fair fax fuhr immer fort, die Zärtlichkeit seines Gewissens vorzuschützen, und blieb unwandelbar bei seinem Entschlüsse, den Befehlshaberstab nicht anzunehmen, obgleich Cromwell, der die Unbiegsamkeit seines Gemüthes, sobald er sich einmal irgend wozu entschlossen hatte, wohl kannte, das Heuchelspiel der Zuredung so weit trieb, daß er selbst Thränen dabei vergoß. Zum großen Verdrusse, und zur nicht geringen Besorgniß aller ächten Freunde der Freiheit, die hinter dem blauen Dunste der Heuchelei Cromwell's unredliche Absichten wohl wahr zu nehmen vermochten, und sich nur auf Fairfax Tugend verließen, entsagte dieser seiner Bestallung, und Cromwell wurde zum Oberbefehlshaber der ganzen Englischen Macht angestellet. Verwegner» und gefährlichem Händen konnte eine Republik, die bisher fast allein durch die Gewalt der Waffen bestand, ein so wichtiges Commando nicht anvertrauen. 93 Im Anfänge des Monats Julius, 1650, rückte Crom well mit einem Heere von sechszehn tausend Mann in Schottland ein, nachdem das Parlament zuvor, in der Absicht, die presbyterianischen Gewissen zu beruhigen, eine Erklärung ausgehen lassen, welche die Gründe und Ursachen dieses Angriffes in's Licht setzte. Die Schotten hatten es an den nöthigen Gegenrüstungen gleichfalls nicht ermangeln lassen. Ein Heer von zwölf tausend Mann, angeführt von Lesley, lag verschanzt zwischen Edinburg und Läth. Lesley, anstatt sich mit einem so erfahrnen und glücklichen Feldherrn, wie Cromwell, in eine offene Feldschlacht einzusassen, suchte vielmehr erst durch kleinere Gefechte den Muth und die Kräfte seiner noch ungeübten und verzagten Truppen zu beleben. Durch eine genaue Befolgung dieser weisen und behutsamen Maßregel gelang cs ihm, sein Heer nicht nur an Zahl, sondern auch an Kraft zu verstärken. Die Schottischen Puritaner hatten sich durch ihre letzten Schritte in solche Schwierigkeiten verwickelt, daß, während sie auf der einen Seite ihren feierlichen Con- venant gegen eine englische Heeresmacht zu vertheidigen hatten, sie auf der andern noch weit mehr von ihren natürlichen Feinden, nämlich ihrem Neuvermählten Oberherrn und seinen Anhängern, befürchten mußten. Mer tausend Königsfreunde, damals durch die Namen der „Uebelgesinnten und Anwerber" (AlrrliAuants und LnKn§vr8)) ausgezeichnet, nebst dem Könige selbst, welcher die Herzen der Soldaten durch kriegerische Unternehmungen für sich einzunehmen gesucht hatte, muß- ten das Lager verlassen. Und da der König bisher noch immer der .Ablegung eines öffentlichen Zeugnisses von der Aufrichtigkeit seiner, neuerdings angenommenen Gesinnungen ausgewichen war, so ließen nicht nur die allgemeine Versammlung, sondern auch, nach deren Beispiele, der Staatenausschuß und die Armee Erklärungen ausgehen, worin sie betheuertcn, daß ihre Sache keinesweges die Sache der „Uebelgesinnten" wäre, daß sie fest ihren vorigen Grundsätzen anhingen, und nur für diese die Waffen führten. Sie sagten sich von der Schuld ihres Beherrschers und seines Hauses los, und behaupteten, daß sie sich seiner Person und Sache nicht anders annähmen, als in so fern er diese der Sache Gottes unterordnete, dieselbe anerkennte und beförderte, und die Sünde seines Hauses so wohl, als auch seine eigene vorige Aufführung bereuete. Da Karl, welcher den Convenant angenommen, an welchen er nicht glaubte, und feierlich geschworen hatte, etwas zu erhalten, was er bei der ersten günstigen Gelegenheit zu vernichten gedachte, endlich sah, daß bloße Privatverstcherungen, ohne daß von ihm verlangte öffentliche Zeugniß der Aufrichtigkeit, die Anhänger des Convenants nicht beruhigen würden, so entschloß er sich endlich zu dem folgenden mehr kündbaren, aber auch desto entscheidender» Denkmahle seiner Verstellung. Er dankte in einer öffentlichen Erklärung für die gnädigen Fügungen der Vorsehung, wodurch er aus den Schlingen böser Rathgeber erlöset, wodurch er nunmehr von der Nechtmäßigkeit des ConvenantS vollkommen überzeugt, und so fest bestimmt worden wäre, sich und seine Sache ganz allein Gott anheim zu stellen. Er gab vor, tiefgebeugten und zerschlagenen Geistes darüber zu seyn, daß sein Water so bösen Rathschlägen gefolgt wäre, daß er sich dem Convenant und dem Reformations-Werke widersetzt, und das Blut des Volkes Gottes in allen Bezirken seiner Herrschaft vergossen hätte. Er beklagte die Abgötterei seiner Mutter, und die Duldung derselben in seinem väterlichen Hause. „Ein großes Aergerniß, — 'so lauteten seine eigenen Worte, — für alle protestantischen Kirchen, und eine große Beleidigung desjenigen, der ein eifriger Gott ist, und die Sünden der Vater an ihren Kindern heimsucht!" Er erklärte, keine anderen Feinde haben zu wollen, als die des Convcnants; er behauptete seinen Abscheu gegen Pabstthum, Aberglauben, Prälatenschaft, Ketzerei, Religionsspaltung und Ruchlosigkeit, und gab vor, wie er fest entschlossen wäre, von dem Allen nichts in seinem Gebiete zu begünstigen, oder zu dulden. Er gelobte, nimmermehr denen wohl zu wollen, welche ihren Vortheil dem Evangelium und dem Königreiche Christi verzögen. Er bekannte, in seinem Gewissen von der ausnehmend großen'Sündlichkeit und Unrechtmäßigkeit des mit den blutigen Irländischen Rebellen eingegangenen Friedensvertrages überzeugt zu seyn; und, so wie er denselben für ganz ungültig erklärte, so versicherte er auch, daß er es tief vor dem Herrn bereue, eine so widerrechtliche Hülfe zur Wiedererlangung des Thrones gesucht zu haben. Trübsal solle ihm künftig lieber, als Sünde seyn, und auf diese Weise hoffte er, daß, was für Unglück auch seine vorige Verschuldung 96 über sein Haupt gebracht haben möchte, dennoch nunmehr, da ihm die Gnade widerfahren wäre, auf Gottes Seite zu stehen, und den Vorzug der Sache seines Schöpfers vor der seinigen zu erkennen, die göttliche Vorsehung seine Waffen mit Glück krönen würde. — Und diese ganze Erklärung war Lug, wie er selbst, zur Zeit der Unterzeichnung, gegen den Dechanten von Tuam in Irland erklärte. So Pflicht- und ehrvergessen können Menschen seyn, wenn es um Kronen zu thun ist! Karl I. suchte, bei seiner Vecstellungskunst, durch Jesuitische Ausflüchte doch wenigstens den Schein der Ehrlichkeit beizubehalten. Dessen weit leichtsinnigerem Sohne verursachte es kein Bedenken, seine eben so bösen Absichten hinter einem Betrüge zu verbergen, der keinerlei Ausflucht zur Ehrenrettung seines Charakters mehr übrig ließ. Gleichwohl besaß er nicht Verschlagenheit genug, die Nichtswürdigkeit seiner Gesinnungen so tief zu verstecken, daß man sich auf seine, durch die Zeitumstände veranlaßte Nachgibigkeit, und auf die Feierlichkeit seiner Eidschwüre und Verheissungen überall verlassen hätte. Die Schottischen Convenants- Genossen, mehr, um ihre Brüder, die Englischen Presbyterianer, zu beruhigen, welche das Parlament überredet hatte, daß die Schotten durch Karls Erhebung von ihren Grundsätzen abgewichen waren, als weil sie etwa mehr Sicherheit gehofft hätten, wenn sie dem Gewissen des Leichtsinnigen neue Fesseln anlegten, leiteten einen Proceß gegen ihn ein, der noch weit furchtbarer und kränkender war, als der, unter welchem sein Vater erlag. Anstatt der Krönungsfeier, die vor der Hand 97 noch ausgesetzt wurde, verurtheilten sie ihn zu einer öffentlichen Demüthigung und Buße vor allem Volke für seine, seines Vaters und Großvaters Sünden und für die Abgötterei seiner Mutter. Während die Schottischen Convenants-Genofsen bemüht waren, durch solche öffentlichen Ausstellungen der Unzuverlässigkeit ihres Königs sich selbst und Andere zu täuschen, behauptete Lesley, ihr General, durch seine Stellung das Uebergewicht über Cromwell im Felde. Aus den Grafschaften Meosse und Loth war Alles entfernt worden, was zum Unterhalte der Englischen Armee hätte dienen können; und Cromwell, der cs versäumt hatte, auf den Nothsall hinlängliche Vorräthe zur See herbeiführen zu lassen, sah sich in einer solchen Verlegenheit, daß er sich nach Dunbar zurück ziehen mußte. Hierher folgte ihm Lesley sogleich nach, und lagerte sich, nachdem er die schwierigen Pässe zwischen Berwick und Dunbar eingenommen hatte, auf den Anhöhen von Lammermure, von wo aus man diese Stadt überschauet. Cromwell war dermassen aus das äußerste gebracht, daß er schon alle sein Fußvolk und sein Geschütz über Meer nach England zurück senden, und nur mit seiner Reiterei durch die feindliche Armee sich durch zu schlagen versuchen wollte, als der Unsinn und die Raserei der Schottischen Geistlichkeit seine Schmach in Ruhm, seine Verzwei- selung in Triumph verwandelten. Voll Zuversicht auf auf die eingebildete Verdienstlichkeit ihrer Sache, und die hohe Gnade, worin sie deßhalb bei Gott ständen, und voll des Wunsches, die Angreifer nicht ungestraft 7 98 entkommen zu lassen, behaupteten diese kriegerischen Priester, Offenbarungen zu haben, daß dieses Heer von Sectirern und Ketzern, stimmt Agag, seinem Feldherrn, von Gott selbst zum Rachopfer geweihet wäre. Durch die Stärke solcher Versicherungen zwangen sie ihren Anführer, eine Stellung zu verlassen, die ihm die Eroberung zusicherte, und hernach mit ungleichen Waffen um den Sieg zu kämpfen. Cromwell, der durch ein Fernglas das Schottische Lager beobachtete, und diese unerwartete Bewegung wahrnahm, rief freudig aus: „Der Herr hat den Feind in unsere Hände gegeben!" Und sogleich gab er Befehl zum Angriffe. Weder die überwiegende Anzahl, noch der Rausch der Schwärmerei, noch die Wulh der Bigotterie vermochten, die Schotten standfest gegen den Anfall von Cromwell's Veteranen zu erhalten. Kaum angegriffen, flohen sie, verfolgt mit großem Gemetzel. Mehr, als vier tausend sielen auf dem Schlachtfelds und auf der Flucht; zehn tausend, und unter diesen viele angesehene Officiere, wurden gefangen genommen; und alle ihre Fahnen, Geschütz und Waffen, Ammu- nition, Zelte und Gepäcke sielen in die Hände des Siegers. Die puritanischen Convenants-Genossen in Schottland geriethen durch die Niederlage bei Dunbar in eine so seltsame Lage, daß nicht nur ihre erklärten Feinde, die Englischen Independenten, sondern selbst ihre mitverbundenen Freunde darüber triumphirten, und sich in ihrem Geiste erhoben. Zwar ließ ihre Geistlichkeit eine Erklärung ausgehen, worin sie die Schuld des Unglücks 89 auf mancherlei Weise von sich abzulehnen suchte. Die noch unbereueten Sünden des königlichen Hauses, hieß es; der heimliche Eindrang der „Uebelgcsinnten" in Hof und Lager; die Zulassung einer übelgesinnten und gottlosen Garde zu Pferde bei dem Gefechte; die Herabwürdigung der Sache der Religion und Freiheit unter die Sache des Königs, die sich so viel zu Schulden kommen lassen, hätten die Niederlage veranlaßt. Allein trotz diesen Beschönigungen, sah doch nunmehr die Partei sich nicht nur genöthigt, dem Könige mehr Ansehen, als bisher, einzuräumen, sondern sich sogar an ihn um Unterstützung zu wenden. Das Schottische Parlament, welches sich zu St. John's Town versammelte, hob die Einschränkungen auf, unter welchen es bisher die Faction der Engager gehalten hatte. Unter der Bedingung, daß sie öffentliche Buße thäten, und Reue über ihre letzten Ucbertretungen bezeigten, sollten sie sowohl im Lager, als bei Hofe gelassen werden; und die Erniedrigung und Buße des Königs wurde in eine Krönungsseier verwandelt, welche mit großer Pracht zu Scone vollzogen wurde. Die Annäherung des Winters und ein Fieber, welches Cromwelln befiel, verhinderten ihn, die durch den Sieg bei Dunbar erlangten Vortheile weiter zu verfolgen. Noch immer blieb der Feind im Besitze des Passes bei Stirling; und sobald es nur die JahrszeiL gestattete, wurde ein neues Heer zusammen gebracht, über welches, ungeachtet der bewährten Fähigkeiten des Generals Lesley, Hamilton den Oberbefehl hatte. Dem Könige wurde gestattet, sich in der Eigenschaft 7 * 100 eines Generals im Lager mit auszuhalten. Diese Verfügungen machten die Einwohner der westlichen Grafschaften so unzufrieden, daß sie sich weigerten, zu einer Armee zu stoßen, welche so weil von den ächten Grundsätzen abgewichen wäre, daß sie sich nicht allein von „Anwerbern und Uebelgesinnten" Beistand leisten, sondern sogar von solchen anführen ließe. Sie versammelten sich daher zu einem eigenen besondern Corps, und ließen sich von einem Officier, Namens Ke r, anführen. Der König von Schottland lagerte sich mit seinem Heere zu Torwood, wo ihn von vorn starke Verschanzungen, und von hinten die Stadt Stirling deckten. Da seine Generale unablässig eben die Maximen befolgten, welche Lesley in dem vorigen Feldzuge, so lange es in seiner Macht war, beobachtet hatte, so lockte sie Cromwell nur vergebens, sich mit ihm in ein Gefecht einzulasscn. Nach manchen fruchtlosen Versuchen sendete der Englische Heerführer, in der Absicht, den Schotten die Aufuhr abzuschneiden, einen abgesonderten Haufen unter Lamberts Anführung über den Firth nach Fife. Lambert schlug ein starkes Corps Schotten unter Holbourne und Browne, bemächtigte sich aller Pässe am Firth; und verschaffte auf diese Weise dem ganzen Heere einen sichern Uebergang. Da nun dasselbe zwischen den Feind und die nördlichen Provinzen zu stehen kam, von diesem aber dessen meiste Stärke und die Aufuhr der Lebensmittel abhing, so konnte er nicht länger mit Sicherheit seine vorige Stellung behalten. Jetzt schmeichelte sich Cromwell, die Schotten 101 zum Gefecht genöthigt zu haben. Allein, anstatt dieses Wagestück zu unternehmen, brachen sie, zu seinem unaussprechlichen Erstaunen, ihr Lager ab, und wendeten sich, vierzehn tausend Mann stark, mit starken Märschen gerade nach England. Crom well wurde durch diese unerwartete Wendung zwar überrascht, aber nicht außer Fassung gesetzt. Er sandte sogleich Befehle zu Truppenversammlungen in die nördlichen Grafschaften von England , um sich dem Einfälle entgegen zu setzen; er fertigte einen Haufen Reiterei unter Lambert ab, um des Feindes Nachtrab zu beunruhigen, und seinen Marsch zu verzögern; sieben tausend Mann ließ er unter Monks Anführung zur Bezähmung Schottlands zurück; er selbst zog mit dem übrigen Theile seines Heeres mit aller möglichen Eile dem Könige nach; und, um keinen Vorwurf gegen sich aufkommen zu lassen, als habe er das Land einer Gefahr ausgesetzt, welche hätte abgewendet werden können, rechtfertigte er, in seinem Briefe an das Parlament, sein Betragen. Er behauptete darin, daß, wenn die Regierung nur das Ihrige thäte den König hinzuhaltcn, und die haltbaren Pässe zu vertheidigen, alsdann unstreitig sein ganzes Heer aufgerieben werden würde; da hingegen durch einen Winterfeldzug in Schottland die Parlaments-Armee hätte zu Grunde gehen können, indem die dastgen Eingeborenen weit mehr, als die Engländer, zu Beschwerden und Mühseligkeiten abgehärtet wären. Das, was Crom well solcher Gestalt zur Rechtfertigung seines militärischen Verfahrens, und zur Stärkung des Muthes seiner Landsleute prophezeiet hatte, traf pünctlich ein. 102 Karl sah sich bei seiner Ankunft in England gänzlich in seinen Hoffnungen betrogen, daß nicht nur alle seine Anhänger, sondern auch alle mit der gegenwärtigen Regierung Unzufriedenen sogleich seinen Fahnen Zuströmen würden. Die Englischen Presbyterianer waren nicht nur ganz unvorbereitet, sich in ein so plötzliches und unerwartetes Abenteuer cinzulassen, sondern auch unwillig über die lange Weigerung des Königs sich öffentlich und auf gehörige Weise zu Gunsten des Con- venants zu erklären. Die Royalisten, obgleich von mehr Eifer belebt, wurden dennoch durch einen ausgelassenen Ministerial-Bcsehl, daß Jeder, der zugclassen werden wollte, zuvor den Convcnant unterzeichnen müßte, abgeschreckt, sich zu dem Schottischen Heere zu schlagen. Aus diesen und andern hinzutretenden Ursachen war der Zuwachs desselben nicht nur sehr unbedeutend, sondern auch viele Schotten waren auf dem Marsche davon entwichen, entweder, weil ihnen aus politischen Ursachen die ganze Unternehmung mißfiel, oder das Wagestück sie schreckte, England anzugreifen, und eine Englische Armee im Rücken zu haben. Als daher der König mit seinem abgcmatteten Heere zu Vorcester anlangte, fand er dasselbe nicht zahlreicher, als es schon bei seinem Aufbruche von Torwood gewesen war. Während auf diese Weise das Glück die Absichten des Feindes vereitelte, und seine anmaßenden Hoffnungen in Verzweiflung verwandelte, hatten die Verfügungen des Parlamentes gegen diesen Einfall den besten Erfolg. Männer von jeder Nationalpartei, Royalisten 103 nur ausgenommen, ergriffen freiwillig die Waffen zur Vertheidigung der gegenwärtigen Regierung gegen die Anmaßungen des Königs der Schotten. Sogr einige der ausgeschlossenen Parlaments-Glieder traten bei dieser Gelegenheit wieder auf, und der Eifer des Volks für die Republik war so allgemein, daß Viele bloß die Freiwilligen schon für hinreichend hielten, die Schotten, ohne Beistand der Armee, aus dem Felde zu schlagen. Unter den wenigen Wagehälsen, die Karl Stuart's Sache verfochten, war der Graf von Derby derjenige, auf welchen sich die Royalisten am meisten verließen. Dieser hatte bisher noch die Insel Man inne behalten, und der Macht der Republik sowohl zu Lande, als Wasser Widerstand geleistet. Um die Zeit, da die Schotten in England einbrachen, unternahm er, an der Spitze von fünfzehn hundert Mann Reiterei, eine Landung in Lancashire. Allein ehe es ihm noch gelang, eine beträchtliche Verstärkung an sich zu ziehen, wurde er von dem Obersten Lilb ourn bei Vigan angegriffen und auf das Haupt geschlagen. Er selbst rettete sich, wiewohl verwundet, mit kaum noch dreißig Reitern nach Vorcester, und erweckte daselbst böse Vorahndun- gcn der Zukunft. Man ging darüber zu Rache, ob Karl unverzüglich auf die Hauptstadt losgehcn sollte. Allein ein Hinderniß, welches Lambert, durch seine auf der Londoner Straße genommene Stellung, verursacht hatte; die Ermüdung des Heers; die Annäherung Crom- well's; und die Zuneigung der Stadt Vorcester, welche allein von allen dem Parlamente sich noch nicht ergeben 104 hatte, und dem Könige jetzt die Thore willig «öffnete, entschieden für den Entschluß, hier zu bleiben, und abzuwarten, was für günstige Gelegenheiten die vielen Empörungen, woraus man hoffte, etwa darbieten möchten. Entweder aus Nachlässigkeit, oder aus Mangel an Zeit, hatten es die Schotten unterlassen, die gehörigen Anstalten zur Verlheidigung der Stadt zu treffen, als die Nachricht einlief, daß der furchtbare Cromwell, dessen Heer auf seinem Zuge von allen Seiten her Verstärkung erhalten hatte, kaum noch eine halbe Tagereise entfernt wäre. Jetzt war es zu spät, noch auf Befestigung zu denken. Cromwell verlor bei seiner Ankunft keinen Augenblick, die gehörigen Anordnungen zum Angriffe zu machen, und sicherte zu dem Ende seinen Truppen den Uebergang über den Fluß Severn. So bald die Landmiliz von Essex, Chefhire und Surry, bei vierzig taufend Mann stark, und von starken Corps regulärer Truppen unterstützt, angerückt war, drang er am 3 . September, 1651 , dem Jahrstage der Schottischen Niederlage bei Dunbar, von allen Seiten her auf die Schotten ein. Diese wurden, nach einem Gefechte von wenigen Stunden, in einer solchen Unordnung und Verwirrung in die Stadt zurück getrieben, daß es den Engländern gelang, mit ihnen hinein zu dringen. Die von Lesley angeführte Reiterei, die sich außer dem Gefechte hielt, suchte ihr Heil in der Flucht, und überließ das Fußvolk der Willkür des Siegers. In diesem Treffen wurde das ganze Schottische Heer, sammt hohen und nieder» Officieren sowohl, als 105 Gemeinen, wenige Einzelne ausgenommen, entweder niedergemacht, oder gefangen genommen. Denn auch die Reiterei wurde eingeholt, noch ehe sie Lancashire erreichte. Dem Könige, dem Herzoge von Bu cking- ham, und einigen wenigen glücklicheren Abenteurern gelang es, aller Nachforschungen ungeachtet, aus dem Königreiche zu entkommen. Biographie und Charakteristik Bürger s. I. Einige Nachrichten von dm vornehmsten Lebensumständen Gottfried August Bürger s; nebst einem Beitrage zur Charakteristik desselben von Ludwig Christoph A t t h o f *). cke snvois gn'on me peiKiioit cknils le pnlilte SONS äes tralts st peu semlilables uuxmiens, et guelguekois st äik- lormes gue, mnttzrö le mnt, (laut Hs ne voulois rieu taire, He,ne pouvots gue ANKner enoors ü me mvutrer tel gue H'vtois. ^1. >/. Nott^eo», llonless. lüv. X. „Da ich, schrieb Bürger einst, durch meine poetischen Werke und einige Vorfälle meines Lebens einen ziemlich allgemein bekannten Namen in meinem Vaterlande erlanget habe, so kann ich mir leicht vorstellen. *) Die erste Ausgabe dieser Biographie, nach welcher der gegenwärtige Abdruck besorgt worden, erschien zu Göttingcn bei I. CH. Dieterich 1798 in gr. 8. 107 daß Mein Leben nicht unbeschrieben bleiben wird. Denn warum sollte mir weniger widerfahren, als so vielen andern Dichtern, deren Werke bei weiten nicht so allgemein verständlich und gefällig gewesen sind, als die weinigen? Nun aber habe ich manche Erfahrungen gemacht, wie mager, wie unvollständig, wie falsch dergleichen Nachrichten oft ausgefallen sind, selbst in Dingen, die sich von außen her noch wohl wissen lassen. Wie vielmehr muß das nicht der Fall bei solchen Eigenschaften des Geistes und des Herzens sepn, wovon sonst Niemand, als ihr Besitzer, oder ein Freund, dem er sich durch langen ununterbrochenen Umgang gehörig entfaltet hat, ein getreues Gemälde aufzustellen im Stande ist. Damit nun bei einer künftigen Beschreibung meines Lebens nicht romanisirt werde; damit Niemand mehr sich selbst und seine Kunst, als mich, darstelle: so entschließe ich mich vielleicht noch, das Geschäft lieber selbst zu übernehmen. Wenn der gute Bürger diesen Vorsatz wirklich aus- gesührt hätte, so würde er den Schreiber dieser Blätter einer großen Verlegenheit überhoben haben. Ich bin mir sehr gut bewußt, wie wenig ich mich zum Biographen schicke, und würde es gewiß nicht unternommen haben, dasjenige, was ich allenfalls von Bürgern sagen kann, aufzuzeichnen, wenn ich nicht wiederholt und dringend dazu aufgefordert, wenn es mir nicht, wegen meines täglichen und sehr vertrauten Umganges mit dem Dichter in den letzten zehn Jahren seines Lebens, gewisser Maßen zur Pflicht gemacht worden wäre. Denn wenn ich mir auch die Fähigkeit, welche er in dem eben Angeführten einem vertrauten Freunde zur Noch zugesteht, in sofern zueignen wollte, als ich vielleicht eine richtigere Kenntniß von seinem Charakter und seinen Eigenthümlichkciten, mir zu verschaffen Gelegenheit gehabt habe, als die meisten Andern: so bin ich doch darum noch nicht fähig und geschickt, diese meine Kenntniß auch dergestalt mitzutheilen, daß die Mittheilung Unterhaltung und Vergnügen gewähre. Dazu kommt noch, daß der unruhige Beruf eines ausübenden Arztes mir selten eine Stunde übrig läßt, die ich, ohne Furcht abgerufen zu werden, der Bearbeitung eines so fremdartigen Gegenstandes ganz widmen könnte. Was ferner die vornehmsten Ereignisse in Bürgers Leben betrifft, so habe ich nur von denen unmittelbare Kenntniß, welche in die letzten zehn Jahre desselben fallen. Von den früher» weiß ich Manches aus seinem Munde, manches Andere haben ältere Freunde von ihm mir nach seinem Tode mitgetheilt; aber Manches, was ausbewahrt zu werden vielleicht verdiente, ist mir entweder ganz unbekannt, oder ich weiß es nur aus beiläufiger Erwähnung meines Freundes, und nicht genau genug, um es wieder erzählen zu können. Von dem, was er in den letzten gramvollen Jahren seines Lebens erfahren mußte, könnte ich freilich dies und das erzählen, was vielleicht nicht ohne Interesse würde gelesen werden; aber zum Unglück sind diese Dinge von der Art, daß sie sich vor dem Publicum nicht gut erzählen lassen, ohne ein gewisses Zartgefühl zu beleidigen, und noch lebende Personen bloß zu stellen. Und doch würde gerade diese Erzählung Bürgern, den Menschen, besser schildern, als Alles, was ich über seinen Charakter werde sagen können. Ohne Zweifel werden die Freunde der Kunst und der Bürgerischen Muse auch gern etwas Näheres von seiner poetischen Bildung und seiner Einweihung zum Dienste des Apollo wissen wollen. Allein darüber kann ich Profaner nun gar nichts sagen. Dasjenige, was etwa in diesen Blattern davon Vorkommen möchte, verdanke ich einem von Bürgers edelsten und vertrautesten Herzensfreunden, dem Herrn Etats - Rathe Boi e zu Melders, welcher mich nicht allein mit einigen dahin gehörigen Nachrichten gefälligst unterstützt, sondern mir auch erlaubt hat, ihm die nachfolgende Skizze vor dem Abdrucke vorzulegen, um daran zu verbessern, zu berichtigen und zu ergänzen. Ich gestehe, daß ich ohne diesen Beistand mich in ein so mißliches, meinen Kräften so wenig angemessenes Unternehmen schwerlich eingelassen haben würde. Nach dieser offenherzigen Erklärung darf ich vor dem Richterstuhle der Kritik doch wohl billige Schonung erwarten; darf wohl bitten und hoffen, daß die nachfolgende biographische Skizze nicht als ein von mir zur Beurtheilung aufgestelltes Kunstwerk, sondern als ein mit ganz ungeübter Hand gemachter Versuch betrachtet werden möge, Andern eine Vorstellung von den Umrissen eines Gegenstandes beizubringen, den ich eine Zeit lang in der Nähe zu betrachten Gelegenheit hatte. Ich würde mich für die aus diese Arbeit verwendete Mühe reichlich belohnt halten, wenn es mir gelänge, die Urtheile über das Herz und den sittlichen Charakter des 110 eben so sehr gepriesenen als verkannten Dichters zu berichtigen, ohne mir den Verdacht parteiischer Lobrednerei zuzuziehen. * * * Johann Gottfried Bürger, der Vater unsers Dichters, war im Jahre 1706 zu Pomsfelde, wo sein Vater Pachter eines Asseburgischen Gutes war, geboren. Er studirte von 1726 bis 1729 in Halle, wurde 1742 Prediger zu Wolmerswende, und verheirathete sich noch in demselben Jahre mit der einzigen Tochter des Hofesherrn Jacob Philipp Bauer in Aschersleben, Gertrud Elisabeth. Im Jahre 1748 wurde er dem Prediger Abel zu Westorf im Ascherslebischen adjungirt, und trat diese neue Stelle 1763 an; starb aber schon 1765 an der Ruhr. Seine Gattinn war den 16. Marz 1718 in Ascherslebcn geboren, und starb daselbst zehn Jahre nach ihrem Gatten den 24. November 1775. Sie hinterließ von fünf Kindern nur drei: 1. Henrietten Philippinen, jetzt vereheligt mit dem geistlichen Jnspector, Herrn Doctor Oesfeld in Lösnitz im Erzgebirge; 2. unfern Gottfried August; 3. Friederiken Philippinen Luisen, jetzt Gattinn des Herrn Amts-Procurators Müllner zu Langendorf bei Weißensels. Unser Dichter wurde im Jahre 1748 zu Wolmerswende, Freiherrlich Asseburgischen Gerichts Falkenstein im Fürstenthum Halberstadt, geboren, und zwar, wie er selbst sagte, in der ersten Stunde des Jahres, 111 unter den Gesängen, womit man nach alter Sitte das angekommene neue Jahr vom Kirchthurme herab zu begrüßen pflegte. Von seiner Kindheit erzählt er, daß seine Aeltern sich gar nicht zu großen Erwartungen von ihm berechtigt, vielmehr ihn für einen erzdummen Jungen gehalten hätten; wie er denn überhaupt, sowohl am Leibe als am Geiste, nur langsam gewachsen sey. Indessen lernte er doch sehr früh Deutsch lesen und schreiben. Ja, er versicherte oft, daß er sich vieler Dinge aus seinem dritten Lebensjahre noch sehr lebhaft erinnerte; daß er aber die Zeit nicht mehr wüßte, da er noch nicht vollkommen fertig lesen und schreiben können. Offenbar ist dies wohl ein leicht begreiflicher Jrrthum seines Gedächtnisses; denn ein Kind, das im dritten Jahre schon vollkommen fertig lesen und schreiben gekonnt hätte, würde unfehlbar allgemeine Aufmerksamkeit und Bewunderung auf sich gezogen haben, wenigstens von Niemanden für einen erzdummen Jungen gehalten worden seyn. Bürger versicherte ferner: So wenig diese Fertigkeiten, als irgend eine andere Kenntniß seines nachfolgenden Lebens bis in sein männliches Alter, hätten ihm die geringste Anstrengung oder Mühe gekostet; es wäre auch sehr wenig, was er von Lehrern und aus Büchern gelernt hätte, da es ihm immer in den Lehrstunden an Aufmerksamkeit, und außer denselben an Geduld gefehlet, ein Buch anhaltend aus zu lesen. Er müßte sich oft innerlich wundern, wenn er einen Blick in die Vorrathskammer seiner Kenntnisse thäte, wie und woher der Plunder alle hinein gekommen? Das Meiste IIS wäre ihm hier und da und dort und überall wie von selbst gleichsam angeflogen. Bis in sein zehntes Jahr lernte er durchaus weiter nichts, als lesen und schreiben; behielt aber mit großer Leichtigkeit im Gedächtnisse, was er sowohl in der Bibel, als im Gesangbuche las. Er liebte vorzüglich die historischen Bücher, die Psalmen und Propheten, am allermeisten aber die Offenbarung Johannis. Auch aus dem Gesangbuche behielt er viele Lieder, die er einige Male gelesen hatte, auswendig. Seine Lieblingslieder waren: Eine feste Burg ist unser Gott, u. s. w.; O Ewigkeit duDonnerw ort, u. w.; Es ist gewißlich an der Zeit, u. w.; und eins, das sich ansing: Du, o schönes Weltgebäude, u. w. Er erinnerte sich noch kurz vor seinem Tode der Begeisterung, zu welcher ihn das erste jener Lieder oft erhoben hatte, und bei einigen Strophen des Liedes: Es ist gewißlich an der Zeit, u. s. w. tönten, wie er sagte, schon damals ganz dumpf die Saiten seiner Seele, welche nachher ausgeklungen haben. Schon als zehnjähriger Knabe suchte Bürger zuweilen die Einsamkeit. Er liebte vorzüglich die freien grünen und mit sparsamen Buschwerk bewachsenen Hügel, wo er jeden Busch, jede Staude, jeden Distelkopf um sich her beleben konnte. Das Grausen, welches uns oft in der Einsamkeit, oder in der Dämmerung, wann Tag und Nacht sich scheiden, oder im Mondscheine, oder in dunkeln Wäldern ankommt, verursachte ihm eine sehr angenehm erschütternde Empfindung. Schon diese Züge scheinen eine besondere Stimmung 113 der Phantasie und poetische Anlage zu verrathcn; aber diese Anlage zeigte sich noch deutlicher dadurch, daß der Knabe ganz aus eigenem Triebe, und ohne durch das Beispiel seines sehr prosaischen Vaters, oder durch andere Muster, als welche Bibel und Gesangbuch ihm lieferten, dazu aufgesordert zu werden, ansing, Verse zu machen, ehe er noch die allerersten Elemente der Grammatik erlernt hatte. Das größte Verdienst dieser Verse mochte freilich wohl darin bestehen, daß sie im Metrum vollkommen richtig waren. Noch als Mann that er sich oft etwas darauf zu gute, daß er in dieser Rücksicht schon als Knabe manche erwachsene und geschickte. Leute übertroffen hätte, die für einen Fuß in der Scansion zu viel oder zu wenig, für eine lange oder kurze Sylbe, für einen richtigen oder unrichtigen Reim, für einen männlichen oder weiblichen Ausgang kein Ohr haben. Bürger hörte und fühlte das Alles in seiner ersten Kindheit schon gleichsam von Natur; er wußte was recht und unrecht war, und ließ, nach seinem eigenen Ausdrucke, sich dabei todt schlagen; er wußte aber nicht, warum? Bei dem allen wollte und konnte der poetische Knabe erst lange kein Latein lernen. Man gab ihm den Do- nat; aber er konnte, ungeachtet aller Schläge, und Anstrengungen von seiner Seite, in zwei Jahren noch nicht Kleina decliniren, ob er gleich, wie er meinte, das ganze Gesangbuch ohne Schwierigkeit auswendig gelernt haben würde. Bürgers Vater war zwar mit mancherlei Kenntnissen, nach der damaligen Studierart, versehen, und 8 dabei ein guter, ehrlicher Mann; aber er liebte eine ruhige Bequemlichkeit und seine Pfeife Tobak so sehr, daß er, wie mein Freund wohl zu sagen pflegte, immer erst einen Anlauf nehmen mußte, wenn er einmal ein Wiertelstündchen auf den Unterricht seines Sohnes verwenden sollte. Seine Gattinn war eine Frau von den außerordentlichsten Geistesanlagen, die aber so wenig angebaut waren, daß sie kaum leserlich schreiben gelernt hatte. Bürger meinte, seine Mutter würde, bei gehö- ger Cultur, die Berühmteste ihres Geschlechts geworden seyn; ob er gleich mehrmals eine starke Mißbilligung verschiedener Züge ihres moralischen Charakters äußerte. Indessen glaubte er von seiner Mutter einige Anlagen des Geistes, von seinem Vater aber eine Ucbereinstimmung mit dessen moralischem Charakter geerbt zu haben. Wenn der Vater sich nicht allzu oft mit dem Söhn- chcn abgab, so überhörte ihm die Mutter desto öfter das Donat-Pensum. Als aber dennoch gar zu wenig davon in den Kopf wollte, so wurde der Knabe zu dem Informator der Kinder eines benachbarten Predigers geschickt. Zum Unglück waren die Zöglinge desselben schon gar zu weit vor unserm Bürger voraus, und während der Lehrer jenen den Virgil erklärte, wurde diesem Langens Grammatik in die Hand gegeben, um die Declinationen daraus zu lernen. Aber wenn er gleich seine Augen wohl auf die Grammatik richten mußte, so waren doch Geist und Ohr immer mit den poetischen Brocken beschäftigt, welche bei der Erklärung des Virgil absielen, und die unser junge 115 Dichter begierig auffing. Die Folge davon war, daß er seine Declination nie lernte, und daß man ihn für sehr hartlernig und unfähig zum Studieren hielt. Als er schon volle zwölf Jahre alt war, nahm sein Water einst wirklich eine Art von Anlauf, und beschloß, ihn selbst im Nepos vorzunehmen. Er übersetzte ihm denselben zuerst Wort für Wort, dann erklärte er ihm den Sinn, und zuletzt sagte er ihm eine ganze Periode Deutsch vor. Auf diese Art lernte der junge Bürger zwar in kurzer Zeit den Nepos vollkommen verstehen, aber die Lateinischen Wörter darin blieben ihm Böhmische Dörfer. Bald darauf, im Jahre 1760, wurde er zu seinem Großvater nach Aschersleben geschickt, um die dortige Stadtschule zu besuchen. Der Rector derselben war Georg Wilhelm Auerbach, welcher dem Vater unsers Dichters zu Westorf im Amte nachfolgte. Ob er nun gleich hier wohl nebenher ein wenig Latein lernte, so erkaltete doch seine Liebe zu Allem, was poetisch war, so wenig, daß er vielmehr jetzt sich schon selbst an größere Versuche wagte. Es ist noch ein, wiewohl einige Jahre später verfertigtes Fragment von siebenzehn achtzeiligen Strophen vorhanden, welches die Aufschrift führt: Die Feuersbrünste am 4. Januar und 1. April des 1764. Jahres zu Aschersleben, geschildert von Gottfried August Bürger, d. F. K. und W. B. Dieses Product hat wenigstens das vorhin gerühmte Verdienst der Richtigkeit in Reim und Sylbenmaß; ob es noch andere Verdienste habe, und bereits etwas von dem ahnden lasse, was 8 * 116 sein Verfasser in der Folge geleistet hat, darüber getraue ich mir nicht zu urtheilen. Es ist durchaus voll religiöser Gefühle. Aber auch in einer andern Gattung von Gedichten machte der junge Bürger schon damals Versuche, deren Folgen wenigstens nicht sehr aufmunternd für ihn waren. Nach dem Urtheile der Kunstrichter würde der Verlust für die Kunst eben nicht groß gewesen seyn, wenn er sich durch diese Folgen, die ich gleich erzählen werde, für immer von fernem Versuchen in dieser Gattung hätte abschrecken lassen. Vielleicht hätte er noch den Vortheil davon gehabt, daß ihm dann in den letzten Jahren seines Lebens Mancher wohl gewollt hätte, der ihm nun sehr übel wollte. Doch zur Sache. Er verfertigte einst auf den ihm anstößigen Ungeheuern Haarbeutel eines Primaners ein Epigramm, welches eine solche Wirkung auf den Herrn des Haarbeutels machte, daß es in der Schule zum Haargemenge kam. Diesem machte der Rector Auerbach ein Ende, und bestrafte, nach angestellter Untersuchung, den Epigrammatisten, als auvtor rixuo, mit so derben Schlagen, daß der Großvater desselben den Rector verklagte, und wirklich eine Art von Genugthuung für die zu harte Bestrafung seines Enkels erhielt. Dies war die Veranlassung, daß dieser nun, im Jahre 1762, von dem Großvater nach Halle auf das Pädagogium geschickt wurde. Auch hier ließ derselbe sich zuweilen muthwillige Streiche zu schulden kommen, welche ihm zwischendurch kleine Züchtigungen zuzogen; doch war dabei nie eine Spur von Bosheit oder Schadenfreude zu entdecken. Das damals übliche Chrienmachen wollte ihm durchaus nicht gefallen. Desto besser gefielen ihm die Uebun- gen in Versemachen, welche der nunmehrige Herr Professor Leiste in Wolfenbüttel, als damaliger Lehrer am Pädagogium, mit den Schülern seiner Classe anstellte. Es wurden ihnen nämlich Anfangs-Verse aus den besten Deutschen Dichtern in versetzter Ordnung der Wörter aufgegeben, um sie wieder in die metrische Ordnung zu bringen. Dann wurde ihnen blos der Inhalt guter Gedichte angegeben, um ihn poetisch zu bearbeiten, und ihre Arbeiten wurden nach den ungenannten Mustern verbessert. Diesen Unterricht genoß zu eben der Zeit auch der jetzige Herr geheime Finanz- Rath von Gökingk. Bei Beiden zeigte sich, nach der Bemerkung ihres Lehrers, schon damals die entschiedene Anlage zur Dichtkunst, und bei Bürgern soll sich auch schon die besondere Vorliebe für die Volks- Poesie deutlich verrathen haben. Im Jahre 1764 bezog er die Höllische Universität, um, nach dem Willen seines Großvaters, Theologie zu studieren. Dieses Studium war seiner Neigung ganz entgegen, und er hatte lieber jedes andere gewählt; aber der Großvater, von dem er, zumal nach dem bald darauf erfolgten Tode seines Vaters, ganz abhing, wollte durchaus einen Geistlichen aus ihm haben. Bürger hat auch wirklich einmal in einer Dorfkirche in der Gegend von Halle gepredigt. Einen großen Gönner und Freund fand er in dem geheimen Rathe Klotz. Wer den Character und die 118 Sitten dieses für sein Glück und für bleibenden Ruhm zu schnell berühmt gewordenen Memnes gekonnt Hot, der wird es sehr begreiflich finden, doß der öftere und ziemlich vertraute Umgang mit demselben auf die Moralität eines Jünglinges von Bürgers lebhafter Phantasie und reger Sinnlichkeit großen Einfluß haben mußte. Und ich möchte behaupten, dieser Einfluß sey noch lange in des Dichters Leben, und selbst in seinen Gedichten, bemerkbar geblieben. Doch mochte Bürger auch manches Nützliche von seinem Freunde lernen, vorzüglich in dem Fache der alten Literatur, mit der er sich damals am liebsten beschäftigte. Unter Meusels Vorsitze vcrtheidigte er eine Dissertation Do luieaui 1'lmrsalia mit Beifall. Aber im Ganzen studierte er doch ohne rechten Plan, und schwärmte zwischen durch, unter Anführung seines Lehrers und Freundes, nicht wenig; bis endlich der Großvater erfuhr, daß der Enkel nicht so lebte, als es seinen Wünschen und der künftigen Bestimmung desselben gemäß wäre, und ihn im Zorne von Halle zurück berief. Aber es muß dem geliebten Enkel doch gelungen seyn, den Zorn des Großvaters zu besänftigen; denn dieser erlaubte ihm, nicht allein Ostern 1768 nach Göttingen zu gehen, sondern auch, die seiner Neigung so wenig entsprechende Theologie mit der Jurisprudenz zu vertauschen. Zn Göttingen legte er sich nun mit einigem Eifer auf die Rechtswissenschaft, und lernte wenigstens seine Pandecten recht gut verstehen. Aber der Einfluß seiner Verbindung mit Klotzen wurde hier auf's neue sichtbar» Er bezog nämlich dos Haus, welches Klotzens Schwiegermutter bewohnte; gericth in diesem Hause bald in noch engere Verbindungen, welche weder auf sein Studieren, noch auf seine Sitten vortheilhaft wirken konnten, und verlor nun auch allmählig den Hauptzweck seines Aufenthalts in Göttingen so sehr aus den Augen, daß der Großvater, der Alles erfuhr, nach und nach seine Hand von'hm abzog, und ihn, den er für einen ohne Rettung verlorenen Menschen ansah, ganz ohne Unterstützung ließ. Einer seiner nachherigen besten Freunde sagt: Bürger sey damals in einer Lage gewesen, daß man ihn habe kennen und schätzen müssen, um sich seinem Umgänge nicht zu entziehen. — Indessen 'hatte er doch das Glück, mit einer Gesellschaft trefflicher Köpfe, die seinen Werth wenigstens zu ahnen wußten, in Bekanntschaft und mit der Zeit in innige Freundschaft zu kommen. Unter ihnen waren Biester, den er immer vorzüglich liebte, Boie, Baron von Kielmannsegge, Sprengel, u. A. Ohne diese wackern Freunde, die ihn hielten, wäre Bürger vielleicht wirklich verloren gewesen. Glücklicher Weise verdrängte ihn auch ein rüstigerer Liebhaber aus dem Herzen der Zau- berinn, die ihn fesselte, und er warf sich wiederum in das Studium der alten Literatur. Er machte um diese Zeit auch Verse; allein seine Freunde bemerkten oder achteten doch damals noch nicht die Gcniefunken, welche aus den ungeheuer erhabenen Producten, die er ihnen zuweilen vorlas, hervor blitzten. Aber einst hatte er in einer Gesellschaft auf Sprengels Zimmer einen Abend froh hingebracht, und seinen Ueberrock zurück gelassen. 120 Diesen forderte er am andern Morgen in einer burlesken, aber geistvollen Epistel in Versen wieder. Sprengel fand in dieser Epistel viel Genialisches, und auch Boie, dessen Urtheil damals auf ihn zu wirken ansing, meinte, er habe hier vielleicht zufällig die Art getroffen, in der er in der Folge etwas Vorzügliches leisten könnte. Dadurch wurde er zu ähnlichen Versuchen ermuntert, und sein nächster war das erste von ihm gedruckte Lied: Herr Bacchus ist ein braver Mann, u. w., welches unverändert, so wie es nieder geschrieben worden war, bekannt gemacht wurde. Um diese Zeit las und studierte er mit seinen Freunden gemeinschaftlich die besten Muster der Alten und Neueren, der Franzosen, der Engländer, der Italiener und auch der Spanier, deren Sprache sie mit großem Eifer und zum Theil ohne Lehrer erlernten. Boie verwahrt noch eine Novelle, welche Bürger damals, durch eine Wette veranlaßt, in Spanischer Sprache schrieb. Shakespear war so sehr ihr Liebling und Muster, daß sie in ihrem Zirkel nur in seinen Ausdrücken zu reden pflegten. Einige von ihnen, unter denen sich auch Bürger befand, feierten einmal Shakespear's Geburtstag mit so öffentlichem Jubel, daß sie ihren Rausch auf dem Earcer ausschlafen mußten. Götter, nach Französischen Mustern gebildet, und schon damals ein Mann von Welt und gutem Tone, wurde in Göttingen allgemein als Dichter anerkannt, als Boie um Ostern 1769 dahin kam. Gleiche Neigungen knüpften zwischen Beiden bald das Band der Freundschaft. Der Französische Musen-Almanach, den 121 sie zusammen lasen, erzeugte in ihnen den Gedanken eines ähnlichen Instituts für Deutschland, und dieser Gedanke wurde unverzüglich ausgeführt. Der vortreffliche Kästner, dem sie ihn mittheilten, billigte ihn, und unterstützte die Ausführung. Beide Freunde trugen bei, was sie unter ihren Versuchen am wenigsten unvollendet glaubten, und den übrigen Raum füllten einzeln gedruckte, oder in fliegenden Blättern verlorene Stücke älterer Dichter. So entstand der erste Deutsche Musen-Almanach für das Jahr 1770, dem die Sammler am wenigsten die günstige Ausnahme versprachen, die er fand. Von den folgenden besorgte Boie, dessen literarische Verbindungen sich durch eine Reise nach Berlin vermehrt hatten, die Herausgabe allein, und setzte ihn, von Götter, Bürger, den nach und nach um ihn versammelten jüngeren guten Köpfen, und selbst von Meistern in der Kunst unterstützt, bis 1775 fort. Zwei von den beiden genannten Freunden dem lieblichen Bernard nachgesungene Lieder hatten Bürgern gereizt, auch dessen Hamsun nachzubildm. Die Feile mußte aber lange und wiederholt gebraucht werden, ehe er es dem mit der Kritik schon vertrauteren und von Ramlern mehr in die Geheimnisse der Kunst und des Versbaues eingeweiheten Boie zu Danke machen konnte, und das Dörfchen so da stand, wie wir es nun in seinen Werken lesen. Bürger beneidete, nach seiner eigenen Versicherung, die Leichtigkeit und Correctheit seines Freundes, und bildete sich unter dem Tadel desselben, indem er ihm uaß aus der Feder Alles brachte, was er schrieb, sich ISS gegen dessen Kritiken manchmal herzhaft wehrte, und in der ersten Freude über ein gelungenes Stück ihn oft komisch beschwor, doch ja keinen Fehler darin zu finden! Er lernte dadurch die diesem Freunde oft verdankte Kunst, cke krriro ciikKviloment äos vors; und diese freundschaftlichen Erörterungen legten den Grund zu der Correctheit, welcher Bürger immer mehr nachstrebte, und die in der Folge seine Gedichte so vor- theilhaft auszeichncte. Ich habe es oft aus seinem Munde gehört, daß er glaubte: „Er hätte seinen Dich- terrhum nicht sowohl ungemeinen Talenten, als vielmehr der großen Mühe und dem langen unverdrossenen Gebrauche der Feile bei seinen Kunstwerken, zu verdanken. Dazu triebe ihn ein gewisser Geschmack an, dem selten etwas ganz Schlechtes genügte. Das wäre aber der Fehler der meisten mittelmäßigen Dichter, daß sie sich in jede Geburt ihrer Muse sogleich verliebten, und sie keiner weiteren Verbesserung bedürftig oder empfänglich glaubten. Wenn Alle, bei richtigem Geschmacke, so viel Fleiß anwendeten, als er: so würden selbst die Mittelmäßigen endlich gute Gedichte zu Stande bringen können. Seine besten Gedichte hätten ihm gerade auch die meiste Anstrengung bei'm Ausbesscrn gekostet." — Er veränderte nicht blos einzelne Wörter und Zeilen; sondern es blieb oft, wie er zu sagen pflegte, kein Stein auf dem andern. Percy's tielioks, welche nachmals so sehr auf seinen Geist wirkten, wurden um diese Zeit sein Handbuch. Jetzt entstand das Lied an die Hoffnung, und die Nachtfeier der Venus. Schon früher 123 hatte er sich mit dem I>ervi'AiIium Veueris kritisch beschäftigt, hatte einen Commentar darüber im Sinne, und eine reimfreie Uebersetzung davon versucht*). Diese fand Boie steif, und veranlaßte die gereimte Nachahmung, welche vortrefflich gerieth, und nicht allein dessen, sondern auch Ramlers Beifall in hohem Grade erhielt. Sie wurde mit einigen Veränderungen von dem Letzten, die aber nicht alle des Dichters Beifall fanden, zuerst im Deutschen Merkur (1773. 2. Band, 1. Stück) und nachher, nach Bürgers eigener Handschrift verbessert, im Musen -Almanache (1774) abgedruckt. Die um diese Zeit entstandene Europa erschien einzeln, weil sie dem Herausgeber des Musen-Mmanaches für diese Sammlung zu muthwillig vorkam. Schon im Jahre 1771 wurde Bürger in Göttingen als Dichter genannt, und manches Gelegenheitsgedicht von ihm wurde bezahlt, gedruckt, und vergessen. Hölty, der seinen Namen hörte, sobald er nach Göttingen kam, suchte ihn auf, und Bürger, der gleich erkannte, was in diesem noch nicht entwickelt war, führte ihn *) Klotz schrieb ihm darüber schon unter dem 10. März 1768, als Bürger noch nicht in Göttingen war, nach Aschersleben Folgendes: ,Mitte» gnogne I'erviAüü Veneri» Versionen» Itter!» In!», gnain videre et leZers nveo. bist coiin illurl c armen wolle, dolce, gncnnduin; ndds etinin, dik- licile guilinsdain in loci». Ooare Min» intergretatio band lacil!» videtnr. ikui vero InKenii vis, ini Normers, omne» dilticultate» larile vineet. bko vl enin», gnalis sis ot gnalln a le eL»i>ectare xossim." 124 seinem Freunde Boie zu. Miller ward von Höltyn mit Beiden bekannt gemacht. Nun kamen auch Boß, die Grafen von Stolberg, und Karl Friedrich Cramer nach Göttingen, und die Gesellschaft fing an sich zu bilden, aus der einzelne Mitglieder nachher so mächtig auf die Deutsche Literatur gewirkt haben, und zum Theil noch fort wirken. Außer den bereits Genannten, und Einigen, die nur Liebe zu den Musen mit ihnen verband, gehörten und geselleten sich nach und nach zu ihr: ein zweiter Miller aus Ulm; Hahn aus Zweibrücken, durch dessen frühen Tod die Deutschen Musen viel verloren haben, vorausgesetzt, daß nicht etwa Verkünstelung ihn auf Irrwege geleitet hätte; Leise- witz; von Closen, ein auch schon verstorbener guter Kopf aus Zweibrücken, und zuletzt Sprickmann. Bürger war schon auf dem Lande, als diese Gesellschaft ihre Consistenz erhielt, und hing eigentlich nur durch Boien, Höltyn, und Cramern, der oft zu Fuße zu ihm wanderte, mit ihr zusammen. Er schätzte Höltyn, lobte und liebte vorzüglich den Liederdichter Miller, und klagte nicht selten in seiner komischen Art, daß ihm lauter Ehrendiebe zugezogen würden. In dieser Laune nannte er sich den Adler des Gesanges, und ließ die Andern nur für gute kleinere Sangvögel gelten. Eine solche Verbindung mußte an einem Orte, wo man billig mehr für das Nützliche, als für das Schöne gestimmt ist, großes Aufsehen erregen, und die zum Theil albernen Sagen, die sich von diesem Bunde durch ganz Deutschland verbreiteten, sind vielleicht noch nicht ganz vergessen, da Niemand bis jetzt das Wahre 125 davon hat erzählen wollen. Zu diesen Sagen gehört auch Eine, welcher ich nicht gedenken würde, wenn sie nicht laut genug geworden wäre, um Bürgern zu einer Nachschrift Gelegenheit zu geben, die vermuthlich der Vorrede zur zweiten Ausgabe seiner Gedichte hat angehängt werden sollen. Das Gedicht, von dem die Rede ist, war nicht in Göttingen gemacht, und der edle Dichter, der einer solchen Mißgeburt nicht fähig war, hat es bis auf diesen Tag wohl nicht einmal gesehen. —> Diese Nachschrift lautete so: „Noch Eins bei dieser Gelegenheit! Zu mehreren abgeschmackten Anekdoten, welche Peter Mefsert und Consorten aus meinem poetischen und prosaischen Lebenslaufe erzählen, wieder erzählen, und bis in die hundert tausend Male hinauf erzählen, gehört auch folgender Wechselbalg. Ich hätte mit meinem vortrefflichen Freunde Friedrich Leopold Grafen von Stolberg einst gewetteifert, wer von uns Beiden das größte poetische Meisterstück des Schmutzes und Ekels hervor bringen könnte. Mein Freund hätte endlich den Sieg davon getragen, und ein Gedicht zu Stande gebracht, das unter dem Titel: Die künftige Geliebte, als ein lXou plus ultra dieser Art, im Manuscripte ziemlich bekannt geworden ist. Dies Geschichtchen habe ich nicht ein oder zwei Mal, sondern mehr als hundert Mal bis auf den heutigen Tag hören, und natürlicher Weise eben so oft widerlegen müssen. Um nun dieser Beschwerlichkeit endlich einmal enthoben zu seyn, so bitte ich alle Diejenigen, die sowohl für den genannten großen und edeln Sänger, als auch für meine Wenigkeit die 1S6 mindeste Achtung und Liebe hegen, diese Armseligkeit sowohl in Absicht seiner als meiner, bis auf das kleinste Pünctchen für völlig erlogen, und Denjenigen, der es von nun an noch zu Markte bringt, für ein Mitglied der witzbankerotten, noch- und breß- haften Spaßvogel-Familie zu halten, welche die Vade- mecums-Gespinnste aus der Arche Noäh als selbst erlebte Vorfälle zu erzählen pflegt. Wer nichts Wichtigeres und Interessanteres über uns und unsere Werke zu sagen weiß, der thut weit besser, wenn er sein Glas Punsch stillschweigend austrinkt." Im Jahre 1772 brachte es Boie nach vielen Schwierigkeiten *) dahin, daß die Herren von Uslar, mit denen er gelegentlich bekannt geworden war, unserm Diese Schwierigkeiten rührten hauptsächlich daher, daß bereits einem andern Bewerber bestimmte Hoffnung gemacht worden war, welche dieser nicht aufgcben wollte. Beide mußten demnach eine Probearbeit verfertigen, welche der Juristen- Facultät in Göttingen vorgelegt wurde. Diese that den Ausspruch: Beide Arbeiten zeigten zwar von hinlänglichen Kenntnissen ihrer Verfasser; aber die des Herrn O. verdiente doch vor der Bürgerischen den Vorzug, und verriethe mehr Uebung. Dagegen führte Bürger an: Herr O. habe seine Relation, gegen die Abrede, in Göttingen, auf seinem eigenen Zimmer, umgeben von seinen Büchern und Freunden; er selbst aber habe sie, der Abrede gemäß, auf dem Lande, in einem fremden Hause, und entblößt von allen Hülfsmitteln, ausgearbeitet. Auch hatte Herr O. wirklich bereits einige Jahre practiciret. Endlich kam cs doch dahin, daß Bürger, der die Geschäfte schon mehrere Monate hindurch verwaltet hatte, förmlich beeidiget wurde. 127 Bürger die Stelle ihres Justiz-Beamten im Gerichte Alten Gleichen übertrugen. Die Freunde des Dichters sahen zwar recht gut ein, daß diese Stelle sich für ihn eigentlich gar nicht schickte, daß sie einen Mann von so lebhaftem Geiste weder befriedigen, noch angenehm beschäftigen könnte: aber Bürger hatte nicht zu wählen, und sie schien wenigstens seiner gegenwärtigen traurigen Lage ein Ende zu machen. Eigentlich sollte dieses Aemtchen auch nur Zuflucht, nur Rettung aus dringender Noch seyn. Bürger sollte darin die Ruhe finden, der er bedurfte zur völligen Entwickelung seines Geistes, und zur Erschaffung und Vollendung eines Meisterwerkes, wozu er damals noch die volle Kraft in sich fühlte. Mit diesem sollte er dann hervor treten, um die Aufmerksamkeit derer auf sich zu ziehen, welche ihm einen größeren Wirkungskreis anweisen konnten. So gut aber dieser Plan, den damaligen Umständen nach, angelegt seyn mochte: so verschaffte ihm das Amt doch die Ruhe und die Bequemlichkeit keinesweges, welche er davon gehofft hatte. Der gute Großvater, der, wie ich bereits angeführt habe, seine Hand von dem Enkel abgezogen hatte, weil er glaubte, es würde bei der planlosen Lebensart desselben, nie ein zu Geschäften brauchbarer Mann aus ihm werden, wurde nun, da er hörte, daß dieser sich um ein Amt bewerbe, versöhnt, bezahlte die in Göttingen gemachten Schulden, und kam, als das neue Amt angetreten werden sollte, selbst, um ihn bei seiner Einrichtung zu unterstützen, und die erforderliche Cautions- Summe zu erlegen. Da er aber das Geld seinem 1S8 Enkel in die Hände zu geben Bedenken trug/ und Boie, der Einzige, den er als dessen Freund namentlich kannte, zum Unglücke verreiset war: so vertrauere er es den Händen eines Mannes an, dessen eigene Umstände zerrüttet waren, der aber selbst einen so vorsichtigen Greis zu täuschen die Gewandtheit hatte, und durch den Bürger nachher mehr als sieben hundert Thaler von diesem Gelbe verlor *). Dieses legte den *) Dieser Mann war der nun verstorbene Wirtcmbergische Hofrath Liste zu Gelliehausen, ein Mann von Kopf und Kraft. Er war selbst Uslarischer Beamter gewesen, hatte im siebenjährigen Kriege eine nicht unbedeutende Rolle gespielt, und durch seine Verschlagenheit den Einwohner» seiner Gegend wichtige Dienste geleistet. Durch eben diese Verschlagenheit hatte er sich auch noch immer einigen Einstuß auf die Familie zu erhalten gewußt, vermittelst dessen er aus allen Kräften mitwirkte, um Bürgern die Stelle zu verschaffen. Dieser wohnte, so lange er unvcrheirathct war, in dessen Hause, aß an seinem Tische, und verlebte in der Gesellschaft seiner zwar nicht mehr- jungen, aber sehr geistvollen und gebildeten, nur etwas schwär- . merischcn Gattinn angenehme Stunden. Sie war einst von Geminnigen und Zachariä als Elise und Lucinde verehrt und besungen worden. Bürger schätzte sie eben so sehr, als sein Freund Boie, und theilte sogar ihre frommen Schwärmereien. In einem Briefe an diesen vom 8. August 1773 schreibt er von ihr: „Dies Frauenzimmer soll einst meine Genoffinn in den paradiesischen Lauben werden; auf Erden aber soll ein »»bestecktes Harfenspiel und eine neue Art von Gesang, so ich mir zu bilden beschäftigt bin, dieser schönen Seele hinfort allein geweihet sehn." — Als einen reinen Erguß seiner damaligen Gefühle betrachte man das schöne Gedicht an Agathe, daß sie eingegcben hatte, und welches an sic gerichtet war. 129 ersten Grund zu der Zerrüttung in unsers Äichters ökonomischen Umständen, welche, leider! bis an sein Ende fortdauerte, und nicht allein bei Leuten, die ihn nicht näher kannten, seinen moralischen Charakter oft zweideutig machte, sondern höchst wahrscheinlich auch auf seinen poetischen und literarischen Charakter Einfluß hatte. In dem ersten Winter, den er auf dem Lande zubrachte, mochte die Einsamkeit Funken entflammen, die noch aus den Ilelicks in ihm glommen, und welche Herders Blätter von Deutscher Art und Kunst neu belebten. Einst, wie er mehr als Ein Mal erzählt hat, hörte er im Mondscheine ein Bauermädchen singen: „Der Mond der scheint so Helle, Die Tobten reiten so schnelle: Feins Liebchen, graut dir nicht?" Diese Worte tönten immer in seinem Ohre, und wirkten so aus seine Einbildungskraft, daß er schnell einige Strophen von der einige Monate nachher vollendeten Lenore entwarf, welche Boien, dem er sie mittheilte, so sehr bezauberten, daß dieser ihm keine Ruhe ließ, bis das Stück fertig war. Mit dieser Vollendung ging es freilich sehr langsam, und es blieben immer einzelne Strophen, die erst zuletzt ein Faden an einander reihete. Bürger hat so wenig von einem Englischen, oder überhaupt von einem Originale dieser Ballade etwas gewußt ,^daß er sich vielmehr allenthalben sehr angelegentlich nach dem alten Liede, von dem jene in mehreren Gegenden Deutschlandes noch im Munde des Volkes 9 130 lebenden Laute ein Theil seyn müssen, aber immer vergebens, erkundigte. Und eine alte Englische ähnliche Ballade würde seinem Freunde Boie, der mit den Schätzen der Göttingischen Bibliothek in diesem Fache sehr vertraut war, schwerlich entgangen seyn, wenn sie daselbst zu finden gewesen wäre*). — Dieses so berühmt gewordene Gedicht äußerte seine volle Wirkung zuerst in dem poetischen Zirkel zu Göttingen, dem nichts davon verrathen worden war. Als es vorgelesen wurde, und Bürger bei der Stelle: „Rasch auf ein eisern Gitterthor Ging's mit verhängtem Zügel. Mit schwanker Gert' ein Schlag davor Zersprengte Schloß und Riegel." In 'llio Lloinkl^ LlaMrine (September, 1796) wird der seit Bürgers Tode in England so sehr gepriesenen und so oft übersetzten Lcnore die Originalität streitig gemacht, und behauptet, der Stoff dieses Gedichtes sey aus einer alten Englischen Ballade, Ibo Sullolll Mraclo, genommen. Die zur Begründung dieser Behauptung daselbst ausgehobcncn Stellen dürsten wohl keinen unbefangenen Leser überzeugen, und obige Erzählung (welche sich auf das Zcugniß des Freundes gründet, dessen Stimme hier desto entscheidender ist, weil er der einzige Vertraute des Dichters bei dieser strophcnwcise unter seinen Augen entstandenen Arbeit war) widerlegt das ganze Vergeben durchaus. Ein ähnliches altes Volkslied ist gewiß vor Zeiten in Deutschland, warum nicht auch in England? gesungen Worden. Aber nicht die Erfindung des Stoffes macht hier das Verdienst des Sängers, sondern die Behandlung, welche ihm unstreitig allein gehört, und die Entstehung seiner Manier, wie im Keime, zeigt. 13t mit seiner Reitgerte an die Thür des Zimmers schlug, sprang Friedrich Stolberg in vollem Schrecken vom Stuhle auf. Bürger, der bisher nur mit ängstlicher Besorgniß an das Schicksal eines von aller konventionellen Form so abweichenden Gedichtes gedacht hatte, glaubte nun selbst etwas Gutes hervor gebracht zu haben, und es wurde ihm, als er bald nach dem Abdrucke im Musen-Almanache eine Reise in sein Vaterland machte, die Freude, in einer an seine Schlafkammer stoßenden Bauerstube seine Lenore vom Schulmeister, unter dem lautesten Beifalle der ländlichen Zuhörer, vorlesen zu hören. Aber auch bei dem Lebil- deteren Publicum machte dieses Gedicht Aufsehen, und verschaffte seinem Urheber eine nicht geringe Celebrität, welche sich durch zahlreich einlausende Briefe aus verschiedenen Gegenden von Deutschland ankündigte. Um desto ungehinderter alle Zeit und Kraft, welche seine Amtsgeschäste ihm übrig ließen, auf die Hervorbringung irgend eines Werkes verwenden zu können, welches ihm einen seinen Fähigkeiten angemesseneren Wirkungskreis verschaffte, hätte Bürger für's erste noch nicht heirathen müssen. So sehr er selbst davon überzeugt war, so war doch kaum ein Jahr verflossen, als eine von den Töchtern des benachbarten Hannöverschen Beamten Leonhart zu Niedeck einen so starken Eindruck auf ihn machte, daß er seinen Vorsatz schnell vergaß, sich um die Hand dieses guten und, wie man in der Folge sehen wird, großmüthigen Frauenzimmers bewarb, und sich im September 1774 ehelich mit demselben verband. 9 * 132 Schon vorher hatte ihn eine traurige in völligen Wahnsinn übergehende Gcmüthskrankheit derHofräthinn Liste und eine mit ihrem Manne entstandene Mißhelligkeit veranlasset, seine meiste Zeit zu Niedeck zuzubringen, und nur dann nach Gelliehausen zurück zu kommen, wann die Gerichtsstube seine Gegenwart forderte. Zu seinem künftigen Wohnorte wurde nun das in seinem Gerichtssprengel liegende Dorf Wöllmers- hausen ausersehen, und er bezog mit seiner jungen Gattinn ein zu seiner Wohnung eingerichtetes Bauernhaus. Das erste Stück des Deutschen Museums, welches Boie und Dohm mit dem Jahre 1776 her- auszugeben anfingen, begann mit dem fünften Buche der Ilias in Jamben. Bürger, der sich damals überredet hatte, eine Uebersetzung in der Bersart des Originales könne in unserer Sprache nicht glücken, fragte durch diese Probe bei dem Publicum, ob es eine solche Arbeit von seiner Hand wünschte. Mit der Idee derselben hatte er sich schon seit Jahren beschäftigt und hoffte dadurch, wenn nicht gänzliche Unabhängigkeit, in der er nur glücklich seyn konnte, dennoch einen anständigem Wirkungskreis zu erringen. Wenn gleich Einige seiner Freunde ihm riethen, lieber etwas Neues hervorzubringen, so ermunterten ihn doch Biele, die Verdeutschung des Griechischen Dichters fortzusetzen. Am entscheidendsten war für ihn die Aufforderung, welche von Weimar aus durch Göthen an ihn erging *). Er S. den Deutschen Merkur vom Jahre 1776. Februar. 19Z. Seite. 133 arbeitete demnach fort, fertigte mehrere Bücher der Ilias, vollendete aber nie; vielleicht an der Vorzüglichkeit seiner Jamben selbst irre geworden, oder durch die nun auch angekündigte Stolbergische Uebersetzung abgeschreckt. So sehr indessen Bürger den hohen Genius und die Kraft seines Mitkämpfers anerkannte, so trat er doch nicht furchtsam aus der Bahn zurück, sondern warf seinem Freunde im ersten Unmuthe den Fehdehandschuh hin. Als Graf Friedrich Leopold von Stolberg ihm diesen so freundlich und edel wieder zurück gab, ward er sogleich besänftigt. Man weiß, daß er in der Folge sich sogar mit den Hexametern aussöhnte. Gleichwohl beschäftigte ihn der alte Grieche doch nicht so ganz, daß nicht auch seiner eigenen Muse von Zeit zu Zeit ein Lied hätte gelingen sollen; und die ersten Jahre auf dem Lande scheinen für ihn, wenn auch nicht ganz glücklich, doch nicht ohne zufriedene Stunden und Tage gewesen zu seyn. Im Jahre 1775 wurde die Bekanntschaft zwischen Bürger und Göckingk, der mit ihm zugleich auf dem Höllischen Pädagogium gewesen war, erneuert. Diese Bekanntschaft wurde nachher zur innigsten, bis an Bürgers Tod fortgesetzten Freundschaft. Im Jahre 1777 verdeutschte Bürger, von Boie aufgefordert, die Hexen-Scenen im Macbeth, welchen Schröder damals in Hannover auf die Bühne bringen wollte. Die Bekanntschaft und Freundschaft dieses philosophischen Schauspielers war die Folge dieser Gefälligkeit. Bald darauf starb sein Schwiegervater, der Amtmann 134 Leonhart zu Niedeck; und nun siel unserm Dichter eine solche Last von Geschäften in Haushaltungs- Familien- und Erbschafts-Angelegenheiten zu, daß ihm vollends weder Zeit nach Kräfte zu einem Meisterwerke übrig blieben. Indessen gab er durch geschickte Führung eines durch diesen Todesfall veranlaßten schwierigen Rechtshandels einen Beweis, daß es ihm weder an juristischen Kenntnissen, noch an der Fähigkeit, sie anzuwenden, fehlte. Nun aber vermehrten sich mit dem Anwachs seiner Familie seine Bedürfnisse, ohne daß die Einnahme im gleichen Verhältnisse zugenommen hätte. Bürger sing daher an, eine Verbesserung seiner Umstände immer sehnlicher zu wünschen. Er machte sich einige Hoffnung seinem Schwiegervater in dem ungleich einträglicheren Amte Niedeck nachzusolgen; allein diese Hoffnung konnte, aller Fürsprache ungeachtet, bei der Menge der bereits in Kammerdiensten stehenden Expectanten, nicht wohl erfüllet werden. Im Jahre 1778 übernahm Bürger die Herausgabe des Göttingischen Musen-Almanachs, nachdem Göckingk, der bisherige Herausgeber desselben, sich mit Voß zur Besorgung des Hamburgischen vereinigt hatte. Aus dieser Uebernahme hat man meinem Freunde, wegen seiner Verbindung mit Voß und Göckingk, einen Vorwurf gemacht, den er aber selbst entkräftete, indem er die guten Gründe, welche ihn zur Annahme der Anerbietungen des Verlegers bestimmen mußten, seinen beiden Freunden offen und freimüthig vorlegte. Unter 135 diesen Bestimmungsgründen waren die Vorstellungen und Bitten angesehener Männer in Hannover und Göttingen, die auf sein künftiges Glück Einfluß haben konnten, nicht die unwichtigsten. In demselben Jahre gab er auch die erste Sammlung von Gedichten heraus, welche, außer den in Almanachen und Journalen bereits abgedruckten, verschiedene neue und treffliche Stücke enthielt. Dadurch wurde nun zwar sein Dichterruhm noch fester gegründet, aber nicht eben so sehr die Hoffnung zu einer besseren Stelle. Er faßte einst den etwas kühnen Entschluß, an Frie- derich den Zweiten zu schreiben, und ihn um eine seinen Fähigkeiten angemessene Versorgung in den Preußischen Staaten zu bitten. Der große König befahl sofort seinem Groß-Kanzler, Bedacht darauf zu nehmen, und dieser eröffnet? unserm Bürger in einem sehr gütigen Schreiben: Wie er ihm gern eine Stelle anbieten wollte, die sich ganz für ihn schickte; da aber eine solche gerade jetzt nicht offen wäre: so bäte er ihn, sich nur noch einige Zeit zu gedulden. Gleichwohl wurde Bürgers Hoffnung nie erfüllt, vermuthlich, weil er's versäumte, sich zu rechter Zeit wieder zu melden *). Um seine ökonomischen Umstände einstweilen zu ver- Bürger selbst hat mir diese Sache mehr als Ein Mal erzählt; ich kann also an der Wahrheit derselben nicht zweifeln, obgleich sich unter seinen Papieren weder der Brief des Groß- Kanzlers, noch eine Abschrift von Bürgers Briefe an den König findet. 136 bessern, und um sich und seiner guten Gattinn mehr Bequemlichkeiten des Lebens verschaffen zu können, beschloß er, eine zu Appenrode erledigte Pachtung zu übernehmen. Er trat dieselbe im Jahre 1780 an; aber es war vorher zu sehen, daß dabei sür ihn kein Segen heraus kommen würde, da sowohl er selbst als seine Gattinn, weder Neigung genug zur eigentlichen Land- wirthschaft, noch auch auch hinlängliche Kenntniß und Erfahrung hatten, um dieselbe auf eine ersprießliche Art zu betreiben. Dazu kamen dann freilich auch noch allerlei Unglücksfälle, über deren eigensinnige Verfolgung sich Bürger oft mit der ihm eigenen Laune beklagte. Kurz, er sah sich bald genöthigt, diesen Erwerbzweig wieder fahren zu lassen, und die Pachtung 1783 auszukündigen, nachdem er bei diesem Unternehmen in drei Jahren einige tausend Thaler zugesetzt hatte. Noch konnte dieser Verlust, durch den er den größten Theil der ihm von seinem Schwiegervater zugesallenen Erbschaft wieder einbüßte, nicht verschmerzt sepn, als ihm eine andere Kränkung zubereitet wurde, die sür ihn ohne Vergleichung empfindlicher gewesen seyn würde, als jener Verlust, wenn er nicht noch zu rechter Zeit davon unterrichtet, und dadurch in den Stand gesetzt worden wäre, die hämische Absicht seiner Feinde wenigstens in so fern zu vereiteln, als seine bürgerliche Ehre dabei aus dem Spiele stand. Ein jetzt verstorbenes Mitglied der von Uslarischen Familie, ein Mann, der unserm Bürger ohnehin nicht gewogen war, ließ sich durch die wiederholten Ohren- bläsereien eines sehr verschmitzten Menschen endlich dahin bringen, daß er in einer von eben diesem Menschen entworfenen Vorstellung an die königliche Regierung zu Hannover seinen Amtmann beschuldigte: 1. Er suchte weder die allerhöchsten landesherrschaftlichen Hoheitsrcchte, noch die Gerechtsame der Familie, gegen die Eingriffe ausländischer Nachbaren gehörig zu vertheidigen. S. Er vernachlässigte die ihm obliegende Justiz- und Poli'cei-Pflege gänzlich. 3. Er hätte die Kirchensachen in Unordnung gebracht. 4. Er beobachtete in Ansehung der ihm anvertraueten vexosita nicht die strengste Ordnung. 5. Er legte die Lehnsrechnungen nicht zu rechter Zeit ab, fertigte die Lehnsbriefe nicht gehörig aus, und gäbe dadurch zu Klagen und Beschwerden der Vasallen Anlaß. Wenn ich nun gleich den Vorwurf einiger Nachlässigkeit in den Amtsgeschäften, die ihm freilich nicht so angenehm seyn mochten, als die Unterhaltungen mit den Musen, ohne offenbare Parteilichkeit nicht von meinem Freunde abwälzen kann: so war doch in den ihm gemachten Beschuldigungen so viel Uebertriebenes, daß es ihm nicht schwer wurde, sich dagegen zu vertheidigen, und den Verfasser der Klagschrift, dessen hämische Absicht zu deutlich hervor leuchtete, zu beschämen. Er that dieses in einem ausführlichen Aufsatze, welcher bald nachher ohne sein Wissen und gegen seinen Willen in dem von Wekhrlin herausgcgebenengrau en Ungeheuer abgedruckt wurde. Gegen das Ende heißt es darin: 138 „So sind nun sämmtliche mit so gehässigen und schwarzen Farben geschilderten Beschwerden gegen mich beschaffen, ich habe mich mit dem Lichte der Wahrheit darüber ausgebreitet, und es unter der Würde meines Charakters gehalten, mich irgend wo durch Lügen, oder Beschönigungen zu vertheidigen. Wegen solcher zum Theil grundlosen, zum Theil auf eine lieblose Weise in's Ungeheuere übertriebenen Beschuldigungen kann also wohl eben so wenig ich selbst mich meines Amtes für verlustig achten, als irgend ein billiger und unparteiischer Richter in der Welt das thun kann und wird. Dessen ungeachtet aber muß ich erklären, daß die Absicht dieser Bertheidigung keines- weges dahin geht, mich etwa bei meinem Amte, oder, welches manchem Unkundigen gleich viel bäuchten möchte, bei Ehre und Brot zu erhalten. Es bekleidet mich, Gottlob! noch andere und weit größere Ehre, als die mir mein Amt mitzutheilen vermag; und das Brot, welches es mir gewährt, ist für mich fast mehr für Verlust, als für Gewinn zu achten. Ich habe daher beschlossen, sobald dieser gegenwärtige Klaghandel abge- than seyn wird, und ich meine etwa rückständigen Geschäfte auf das Reine gebracht haben werde, meine Entlassung von der Familie selber zu suchen." Und dieses geschah wirklich im Jahre 1784, nachdem kurz vorher seine gute und edle Gattinn an der Schwindsucht gestorben war. Es verdient noch angeführt zu werden, daß der Mensch, der den verstorbenen General-Major von Uslar so sehr gegen Bürger einzuneh- men gewußt und die Klagschrift verfasset hatte, kein anderer war, als eben der, welcher ihn um die von dessen Großvater ihm anvertrauete Summe betrogen und außer dem von ihm manche Wohlthat und Gefälligkeit genossen hatte. Nun war also Bürger zwar wieder frei; aber wenn er sich zwölf Jahre vorher genöthigt sah, ein Amt anzunehmen, um zu leben: so war das Bedürfniß eines sicheren Unterhaltes jetzt noch dringender für ihn, weil er Kinder hatte. Auf der andern Seite war ihm die Art seiner bisherigen Amtsgeschäfte, die ihm nie viel Vergnügen gemacht hatte, nun vollends zuwider geworden. Er wünschte sich künftig ganz seinen Lieblings- Wissenschaften widmen zu können. Zu diesem Ende beschloß er, sich wieder nach Göttingen zu begeben, daselbst die Herausgabe seines Musen-Almanaches zu besorgen, und sür's erste als Privat-Lehrer Vorlesungen über Aesthetik, Deutschen Styl und ähnliche Gegenstände zu halten. Manche seiner Freunde widerriethen es ihm, weil sie glaubten, Göttingen wäre gar nicht der Ort, an welchem er gedeihen könnte. Einer suchte ihn für Berlin, ein Anderer für einen andern Ort zu gewinnen, und Alle wollten ihn gern in ihrer Nähe haben. Aber er glaubte damals nirgends so gute Aussichten für sich zu finden, als in Göttingen. Zunächst glaubte er darauf rechnen zu dürfen, durch Collegia, Privat-Unterricht und andere gelehrte Arbeiten so viel zu verdienen, als er zum Unterhalte brauchte; und in der Folge, hoffte er, würde die Regierung ihn als öffentlichen Lehrer der schönen Wissenschaften anstellen und mit einem Gehalte versehen, weil er sich's bewußt war, sein Name werde 140 der Universität weder Schaden noch Schande bringen. Allein seine Hoffnung, Professor zu werden, wurde erst fünf Jahre nachher erfüllet, und mit einer Besoldung versehen zu werden, erlebte er gar nicht. Noch im Jahre 1784 sing er an, Vorlesungen zu halten, und auch einzelnen Studierenden Privat-Unter- richt zu ertheilen. Im folgenden Jahre verband er sich am Altäre zu Bissendorf, nicht weit von Hannover, mit der jüngsten Schwester seiner verstorbenen Gattinn, mit seiner bis an ihren Tod angebeteten und nach ihrem Tode noch so hoch gefeierten Mol ly, mit der sein Herz schon seit vielen Jahren auf's allerinnigste verbunden gewesen war. Ucber diese Verbindung, welche für Bürgern eine Quelle von Trost und Wonne, aber auch von Sorgen, Kummer und bitterem Leiden war, würde ich hier etwas sagen müssen, weil sie theils großen Einfluß auf seinen moralischen und poetischen Charakter und auf seine Schicksale gehabt, theils Gelegenheit zu manchem strengen, lieblosen und ungerechten Urtheile über seine sittlichen Grundsätze gegeben hat. Allein da Bürger selbst dieses Verhältniß in einem eigenen Aufsatze, den ich meinen Lesern mittheilen werde, genau und richtig angibt: so brauche ich mich nicht dem Tadel strenger Sittenrichter auszusetzen, indem ich mich vielleicht bemühen würde, Einiges, nicht zur Rechtfertigung, aber doch zur Entschuldigung meines auch in Rücksicht auf dieses Verhältniß von Vielen allzu strenge beurtheiltcn Freundes anzuführen. Im October 1785 kam er mit dieser süßen An- 141 vermählten nach Göttingen; hatte sich aber kaum daselbst eingerichtet, als ihn der allerhärteste Schlag traf, der ihn treffen konnte; als er dasjenige verlor, dessen rechtmäßiger Besitz ihn allein entschädigen konnte sür Alles, was er entbehren mußte; mit Einem Worte, als ihm der Tod seine Molly wieder entriß, welche ihm kurz vorher eine Tochter geboren hatte. Wie ihm bei diesem Verluste zu Muthe war, davon gibt die Art, wie er ihn seinen Freunden anzeigte *), nur eine schwache Vorstellung. Er schien nun allen Muth und alle Kraft Hier ist der Trauerbrief: Auch meine zweite Gattinn, meine liebenswürdige Auguste Marie Wilhelmine Eva, gebvrne Le »»hart, fic, die Ganzvermählte meiner Seele, sie, in deren Leben mein Muth, meine Kraft, mein Alles verwebt war, hat gestern, am fünfzehnten Tage nach ihrer Anfangs glücklichen Entbindung von einer Tochter, ein grausames, unüberwindliches Fieber gctödtet. O des kurzen Besitzes meiner höchsten Lebensfreude! — Ich kann weder meine unaussprechliche, ach! so unglückliche Liebe, noch den namenlosen Schmerz, worunter nun mein armes auf immer verwitwetes Herz crseufzt, in Worte fassen. Gott bewahre jedes fühlende Herz vor meinem Jammer! Göttingen den 1». Januar, 1786 . Diejenigen, welche wissen, wie stark er sich gewöhnlich ans- zudrücken Pstcgte, mögen vielleicht hier noch stärkere Ausdrücke erwartet haben. Aber eben diese Mäßigung scheint mir mehr als die allerstärksten Worte, von der großen Heftigkeit seines Schmerzens zu zeugen. Müßige Affecten bemühete er sich wohl. Andern durch Worte mitzutheilen; allein das, was er jetzt empfand, würden Worte doch nimmermehr haben darstcllen können. Auch kommt cs mir vor, als sähe man cs diesem Briefe an, daß Bürger aus die Abfassung desselben nicht viel Sorgfalt verwendet, und dabei kaum an sich gedacht habe. 142 des Körpers und der Seele verloren zu haben. Alle seine Freunde und Bekannten, welche das ungemein holde und liebenswürdige Geschöpf gekannt haben, stimmen darin überein, daß Bürger, wenn er seine Molly behalten hätte, nicht allein zufrieden und glücklich gelebt haben, sondern auch mit der Zeit gewiß in bessere Vermögensumstände gekommen seyn würde. Sie würde ihm Lust und Muth und Kraft zum Erwerben verliehen, und das Erworbene fein zu Rathe gehalten haben. Ein anderer Brief von Bürger an seinen Freund Boie stellt die Lage seines Herzens und das, was er mit seiner Molly verloren hatte, so schön und rührend dar, daß ich mich nicht enthalten kann, ihn ebenfalls abzuschreiben, und dabei auf den Dank der Leser rechne. „Göttingen, den 16. März, 1786. Herzlichen Dank, liebster, bester Boie, für Deinen gütigen theilnehmenden Brief! Aechtes Mitleid ist immer ein Becher, wo nicht der Heilung,, dennoch wenigstens süßer Labung für den Zerschlagenen, besonders wenn ihn eine so liebe Hand wie die Deinige, darbietet. — Ich bin ein armer unheilbarer Mensch bisher gewesen; ich bin es noch immer fort, und werde es bleiben bis in mein Grab neben der Unvergeßlichen; ein armer, an Kraft und Muth und Thätigkeit gelähmter Mensch, der zu jedem Dinge langsam und verdrossen ist» „O, das gibt sich mit der Zeit!" wirst Du mit hundert andern herzensguten Tröstern sagen. Freilich ist wohl die Zeit noch unter allen Trösterinnen die beste; allein was sich geben wollte, geben konnte, das hat sich längst und schon in den ersten zwei Tagen gegeben. Was aber nun nach zwei Monaten noch übrig ist, das gibt sich auch schwerlich mein Leben lang. Wann wird der Schwarm von tausend und abermals tausend Erinnerungen aufhören, meine Seele zu umflattern? und wann wird jede derselben bis dahin ermatten, um nicht mehr wie bisher mein Herz auf das schmerzlichste zusammen zu krampfen, wenn ich gleich vor den Leuten nicht laut dabei ausschreie? Eben so tief war einst meine unendliche Liebe, eben so tief mußte sich nun mein unendlicher Schmerz in meine Seele graben. O! wie könnte ich ihrer vergessen? Ach, ihrer, ihrer! der ich seit länger als zehn unglücklichen Jahren voll Drang und Zwang mit immer gleich heißer, durstender, verzehrender Sehnsucht nachseufzte? Ihrer, durch welche ich bin Alles, was ich bin und nicht bin! Ihrer, um welche die einst so gesunde Jugendblüthe meines Leibes sowohl als Geistes vor der Zeit dahin welkte! Ihrer, die diese verwelkte Blüthe endlich ganz wieder zu beleben versprach, die endlich die Meinige, die Meim'ge! — ein Wort, ein Begriff von unendlicher Kraft für mich ! — die Meinige endlich ward, mich gleichsam aus der Nacht der Tobten zurück rief, und in einen lichten Freudenhimmel empor zu heben anfing! — Ach und wozu? Um so schnell, so auf Ein Mal mir wieder zu entschwinden, mich mitten auf den Stufen des Hinaufgangs zum neuen bessern Leben fahren und noch tiefer in die vorige Nacht zurück sinken zu lassen! O Boie, ich liebte sie so unermeßlich, so unaussprechlich, daß die Liebe zu ihr nicht blos der ganze und alleinige Inhalt meines Herzens, sondern gleichsam mein Herz selbst zu seyn schien. Wie so ganz 144 verwitwet ich nun bin und wahrscheinlich immer bleiben werde, das kann ich Dir mit Worten nicht begreiflich machen. Freilich kann man oft von sich und seinem Herzen, diesem Proteus, keine Stunde vorher etwas Gewisses prophezeien; Gefühle kommen und verschwinden, wie der Dieb in der Nacht: aber das Gefühl dieser Liebe hat sich so lange und so tief mit meinem innersten Ich verwebt, daß, wenn es auch nicht unmöglich wäre, dieses mein Ich umzustimmen, dennoch dasjenige Weib, welches das Bild der einzigen und höchst geliebten Unvergeßlichen gänzlich in Schatten zurück zu drängen vermöchte, ein wahres Meister- und Schöpfcrwerk an mir verrichten würde. Ach, liebster Boie, ich sage es ja nicht allein, daß sie eine der Liebenswürdigsten ihres Geschlechts war. Könntest du die Stimmen auch der Gleichgültigsten, die sie näher kannten, sammeln: so dürfte auch nicht eine einzige zu ihrem Nachtheil ausfallen. Hat jemals die schönste Weiberseele sich in entsprechender Leibesgestalt sichtbar offenbaret, so war es bei ihr geschehen. Die Anmuth, wenn auch gleich nicht glänzende Schönheit ihres Gesichts, ihrer ganzen Form, jeder ihrer Bewegungen, selbst des Flötentones ihrer Stimme, kurz Alles Alles an ihr mußte es Jedem, der nicht an allen Sinnen von der Natur verwahrloset war, verrathen, weß himmlischen Geistes Kind sie war. Wie nur irgend ein sterblicher Mensch ohne Sünde seyn kann, so war sie es; und was sie ja in ihrem ganzen Leben Unrechtes gethan hat, das steht allein mir und meiner heißen, flammenden, allverzehrenden Liebe zu Buche. Wie wäre es möglich 145 gewesen, dieser, bei eben so hinreissenden Gefühlen auf ihrer Seite, zu widerstehen? Und dennoch, dennoch hat sie ihr Jahre lang unter den stärksten Prüfungen widerstanden. Dennoch ist sie ihr endlich nur auf eine Art unterlegen, die auf die höchst reinste weibliche Unschuld und Keuschheit auch nicht ein Fleckchen zu werfen vermag. Denn ich wüthender Löwe, der ich oft weder meines Menschenverstandes noch Herzens mächtig war, hätte Vater und Bruder, die sie mir hätten streitig machen wollen, mit den Zähnen zerrissen; in meinem Wahnsinne hätte ich lieber meiner ewigen Glückseligkeit, als dem Himmel ihres Genusses entsagt, so herzlich ich es auch vor Gott betheuern kann, daß Sinnenlust der kleinste Bestandtheil meiner unaussprechlichen Liebe war. Der Allbarmherzige wird mir's um seines Lieblingswerkes willen verzeihen, was ich im höchsten Taumel der Liebe zu diesem verbrochen habe. An dieser herrlichen, himmelsseelenvollen Gestalt duftete die Blume der Sinnlichkeit allzu lieblich, als daß es nicht zu den feinsten Organen der geistigsten Liebe hätte hinauf dringen sollen.— Doch, wo gerathe ich hin? Ich sage Dinge, die ich nicht sagen sollte. Du bist ja aber einer meiner ältesten und vertrautesten Freunde. Und am Ende, wenn ich's auch der ganzen Welt sagte? — Pah! Was kümmert mich denn nun noch die ganze Welt? Hin ist ja nun hin! Verloren ist verloren! — Niemand nehme sich's heraus, mir zu sagen: Bürger, sey ein Mann! Ich denke, ich bin einer, und zwar ein ganzer Mann, der ich so etwas und noch so zu tragen vermag, als ich's wirklich trage. Liegen nicht alle meine Wünsche, alle meine Hoffnungen, 10 146 die noch vor Kurzen so schön, so srühlingsmäßig blühe- ten, liegen sie nicht alle zerschmettert um mich her, wie ein verhageltes Saatfeld? Ein armer Stümper, ein Invalide an Geist und Leib bin ich freilich dadurch auf Lebenszeit geworden. Aber wer anders, als nur der tobte Grenzpfahl im Felde kann eine solche Scene der Verwüstung gleichgültig ansehen lernen, wenn gleich der erste Schmerz der Verzweiflung sich bald genug austobt? Welcher Mensch, der ein Herz von Fleisch und nicht von Stein hat, kann wieder eben so fröhlich und in seinem Gott vergnügt dabei essen, trinken, schlafen und handthieren, als da noch Alles rings umher unversehrt blühte und duftete? Man wälzt sich ja freilich, nach wie vor, aus einem langweiligen Tage in den andern fort, und der Tausendste merkt es kaum, was und wie viel Einem fehlt. Aber.. doch wozu noch viele Worte? — Hin ist hin! verloren ist verloren, das ist die Hauptsumme von Allem. Wenn ich hier noch etwas hoffe und wünsche; wenn ich, matt und kraftlos, wie ich bin, mit Fallen und Aufstehen nach etwas noch strebe: so geschieht es um meiner Kinder willen. Wären diese nicht, so würde der sehnende Wunsch, mich je eher je lieber neben meine Entschlafene zu betten, mich gar nicht mehr verlassen. Wozu sollte auch sonst der nackte, kahle, traurige Stab noch lange da stehen, nachdem die schöne, holde Rebe, die sich um ihn hinan schlang, herab gerissen ist? — ^lr! to ineae si partem auimae rapit Llaturior vis, huni moror altera, 147 Xv« csius uec^ue, nov superstes IntoAvr? Illo dies utramc^uo Onoot rniliam: non 6Ko porsickum vixi saoromonUiin: ibiinus, ibimus, lltoumcino prrreoocio8, 8upremum Oarpoio iter eomito8 parrtti*). Diese Verse, cm die ich seit zwanzig Jahren nicht dachte, sielen mir nach meinem Verluste plötzlich wie Weissagung ein, und dröhnen mir seitdem mit ihrem Todcsinhalt durch Mark und Bein. Meine Gedichte würde ich schwerlich in meinem, ganzen Leben wieder zur Hand nehmen, wenn ich mich nicht noch für etwas mehr, als meine eigene armselige Person, zu interessiren hätte. Die Beilage wird Dich von der nun nahe bevor stehenden neuen Auflage weiter unterrichten. Kannst Du etwas für mich thun, so weiß ich, Du thust es ungebeten. Du kannst diese Ausgabe ziemlich als mein Letztes, als mein Testament ansehen. Meine Kraft ist dahin; was mir noch übrig ist, das will ich zur Verherrlichung meiner Unvergeßlichen zusammen raffen. Anders kann ich ihr doch die Leiden, welche ihr meine unglückliche Liebe so viele Jahre hindurch in den Frühlingstagen ihres Lebens verursachte, nicht mehr vergelten. Meine häuslichen Umstände sind erträglich, ob ich gleich harte Ausgaben diesen Winter über gehabt habe. Sie würden in kurzen merklich besser geworden, ja ich Uorat. 6arw. N, 17. IO* 148 würde wieder auf einen grünen blühenden Zweig gekommen seyn, wenn ich meine mit allen häuslichen und wirthschastlichen Tugenden gezierte Auguste, und mit ihr meinen Muth und meine Thätigkeit behalten hätte. Nun muß ich mich wieder fremden Leuten preis geben, so enge ich mich auch zusammen gezogen habe. Meine älteste und einzige Tochter erster Ehe, ein sehr viel versprechendes Mädchen, habe ich der Frau Professorin» Erxleben in Kost und Erziehung gegeben. De» Nachlaß meiner Entflohenen, nebst seiner Amme, hat meine Schwiegerinn mit nach Bissendorf genommen. Höchst traurig ist es, daß ich meine lieben Küchlein nun so von mir entfernen muß. Wann werde ich sie wieder zu mir versammeln können? Eben laufen Briefe aus England ein, daß ich einen jungen Engländer in's Haus und unter meine Aufsicht nehmen, auch ihn von Brüssel, wohin ihn sein Vater, Lord Lisburne, selbst begleiten will, in ungefähr drei Wochen abholen sott. Ich hoffe, diese Zerstreuung soll mir etwas wohl thun. Leb' wohl, mein bester Boie! Gott segne Dich nebss Deinem trauten Weibe mit allem dem Segen, denn ich einst so heiß, allein umsonst, für mich erflehete! Unveränderlich Dein getreuer Bürger." So trauerte, so wehklagte Bürger noch zwei Monate nach dem Tode seiner Molly. Indessen suchte er sich doch, nachdem die Zeit und die Zerstreuung der Reise,, welche bald darauf wirklich vor sich ging, seinen Schmerz, noch mehr abgestumpft hatten; so gut es gehen wollte. 149 aufzuraffen, und sing nun wieder an, sich den akademischen Beschäftigungen ganz zu widmen. Im Winter 1787 hielt er öffentliche Vorlesungen über die kritische Philosophie, welche zahlreich besucht wurden. Unterdessen hatte seine Gesundheit, die schon lange zerrüttet gewesen war, durch die vielen großen und kleinen Leiden und Unannehmlichkeiten, welche er erfahren hatte, immer mehr gelitten, und nothwendig mußten dadurch auch die Schwingen seines Geistes gelähmt werden. Er schrieb einst: „Immer währende Kränklichkeit des Leibes belastet mehr denn allzu oft die natürliche Kraft und Thätigkeit meines Geistes mit so drückenden Fesseln; sie lähmt-dergestalt die lebendigsten Springfedern des Herzens: daß bisweilen kein Leben, kein Streben, kein Wunsch mir noch übrig zu seyn scheint, als der letzte Wunsch aller Mühebeladenen und Müden, der Wunsch, aus einem beschwerlichen zusammen gepreßten Daseyn in die Ruhe des Nichtseyns hinab zu taumeln." So quälte er sich unter körperlichen Leiden und ungewohnten zum Theil nicht leichten Arbeiten fort, bis im Jahre 1787 seine Gesundheit nach einer gebrauchten Kur ein wenig besser geworden zu seyn schien. Jetzt hatte er der heiteren Stunden mehr, in denen er das längst empfangene hohe Lied vollendete und gebar, das Gedicht an Boie, Vorgefühl der Gesundheit überschrieben, nebst einigen andern Gedichten verfertigte, und Vorbereitungen zu der zweiten Ausgabe seiner Gedichte machte, welche 1789 in zwei Banden erschien. Bei der fünfzigjährigen Jubelfeier unserer Universität im Jahre 1787, die er durch zwei Gedichte verherrlichte, 15V ertheilte ihm die philosophische Facultät, auf den Vorschlag des geheimen Justiz-Rathes Michaelis, damaligen Dechanten derselben, die Doctor - Würde. Zwei Jahre darauf, im November 1789, wurde er endlich zum außerordentlichen Professor in der philosophischen Facultät ernannt. Schon einige Jahre vorher hatte er einen guten Theil seiner Zeit dem Studium der Schriften des berühmten Königsbergischen Philosophen gewidmet. Dieses Studium lag ihm damals sehr am Herzen, und er wünschte nichts sehnlicher, als, daß er erst gelernt haben möchte, die Kritik der reinen Vernunft vollkommen zu verstehen. Dieser Wunsch beweiset wenigstens, wie weit er von dem selbstgenügsamen Dünkel mancher Jünger des großen Mannes entfernt war. Da aber in der Folge seine Gesundheit wieder schwächer wurde, war er genöthiget, sich aller erschöpfenden Anstrengungen der Denkkraft zu enthalten. Eben diese Ursache hinderte auch die Ausführung eines andern Entwurfes, mit dem er sich einige Zeit nachher beschäftigte. Er wollte eine darstellende Biographie von Julius Cäsar ausarbeiten, hat aber, außer einigen ganz unbedeutenden Collectaneen noch nichts davon auf's Papier gebracht. Da Bürger nun wieder ein öffentliches Amt und Hoffnung zu künftiger Versorgung hatte, so wurde der Wunsch immer lebhafter in ihm, seine drei Kinder, welche er schon seit mehreren Jahren von sich hatte entfernen müssen, wieder zu sich nehmen und für ihre Erziehung selbst sorgen zu können. Dieser Wunsch konnte aber, bei dem noch zarten Alter der jüngeren Kinder nicht füglich erfüllet werden, wenn er ihnen nicht auch eine Mutter geben konnte. Aus diesem Grunde war er beinahe schon entschlossen, sich zum dritten Male zu verheirathen, und sah sich hier und dort nach einer Gattin» um, die für seine Kinder eine gute Mutter scyn, und ihm den Verlust seiner Molly, wenn auch nicht ganz ersetzen, dennoch minder schmerzlich machen könnte: als ihm von Stuttgart ein Gedicht zugesendet wurde (welches das Publicum nachher im Musen-Almanache für das Jahr 1791 und nun auch im zweiten Theile der letzten Sammlung seiner Gedichte gelesen hat), worin ein, dem Ansehen nach, edles Mädchen von gebildetem Verstände und gefühlvollem Herzen, durch den Eindruck, den Bürgers Gedichte auf dasselbe gemacht hatten, zu inniger Liebe zum Dichter hingerissen, ihm Herz und Hand antrug. Bürger betrachtete diesen Antrag anfangs freilich nur als das Spiel einer aufgeregten Phantasie, und scherzte und lachte darüber. Allein als verschiedene Nachrichten einliefen, welche von der nassen Dichterinn ein sehr reizendes Bild entwarfen: so glaubte er mit einigen seiner Freunde, die Sache verdiente doch wohl eine ernstlichere Erwägung. Ein Mädchen, meinten sie, welches den Muth hätte, öffentlich aufzutreten, und einem Manne, der so Vielen im Publicum lieb und werth wäre, sich als Gattinn anzubieten, müßte doch wohl von unbescholtenem Adel des Herzens und der Sitten seyn. Wäre das nicht der Fall, so würde ja wohl mehr als eine Stimme sich erheben, um den Freund vor dem Syrenen - Gesänge zu warnen. Diese Betrachtungen 152 bewogen ihn zuvörderst, das Lied poetisch zu beantworten, und diese Beantwortung leitete Unterhandlungen ein, welche sich damit endigten, daß Bürger sein Schwaben- Mädchen im Oktober 1790 als Gattinn abholete. — Daß er in dieser so sonderbar geknüpften Verbindung nur wenige Wochen glücklich war, daß sie nachher für ihn eine Quelle des bittersten Kummers, daß sie nach drittehalb Jahren durch richterliche Entscheidung wieder getrennt wurde, und daß sie zu Bürgers frühem Tode nicht wenig beigetragen zu haben scheint: das Alles ist unter seinen Freunden so allgemein bekannt, daß ich schon darum nicht nöthig haben würde, mich bei der umständlicheren Erzählung dieser Begebenheiten zu verweilen, wenn auch nicht andere und wichtige Rücksichten mir ein genaueres Detail durchaus verböten. Im Februar 1792 wurde Bürger zum dritten Male Witwer, nachdem er, vorzüglich in den letzten fünf Monaten der letzten unglücklichen Ehe unaussprechlich viel Unangenehmes und tief Kränkendes erfahren hatte. Einsam und von den meisten so genannten Freunden verlassen, an Leib und Seele heftig erschüttert, an Kraft und Vermögen nun ganz erschöpft, verbarg er sich jetzt in sein kleines Studier-Zimmerchen, das er fast den ganzen Tag verschlossen hielt, und nur wenigen Auserwählten öffnete. Kurz vor der Trennung von seiner Gattinn hatte er sich durch Erkaltung eine Heiserkeit der Sprache zugezogen. Da er nun bei dieser Heiserkeit einige Wochen hindurch täglich und stündlich in der allerheftigsten Leidenschaft und mit der größten Anstrengung laut zu reden sich bemühete: so hatten diese oft wiederholten Anstrengungen der kranken und geschwächten Stimm-Organe die Folge, daß er das Vermögen, laut zu reden, ganz verlor, und bis an seinen acht und zwanzig Monate nachher erfolgten Tod heiser blieb. Manche seiner auch auswärtigen Freunde, welche ihn in dieser Zeit gesprochen haben, werden sich noch mit Rührung der dumpfen, rauhen und widrigen Stimme des lieblichen Sängers erinnern. Unter allen seinen Freunden war einer, besten trostvolle Briefe ihn in diesem trostlosen Zustande aufrichteten; einer, der sich noch jetzt mit der freundschaftlichsten Thätigkeit bemühete, ihm eine bessere äußere Lage zu verschaffen; der eine Zusammenkunft mit Bürgern veranstaltete, welche diesem, bei seinem schon allzu sehr zerrütteten Gesundheitszustände, doch neuen Muth und auf kurze Zeit neue Lust und Hoffnung zum Leben einflößte. Den Namen dieses edeln Mannes nenne ich nicht, um das schwache Dankopfer, welches ich ihm hier darbringe für Alles, was er an meinem armen, von den Meisten verlassenen Freunde that und noch gethan haben würde, wenn dieser länger gelebt hätte, nicht der Schmeichelei verdächtig zu machen. Zu den widrigen Schicksalen, welche unser» guten Bürger niederdrückten, gehörte nun auch, daß er ohne alle gewisse Einnahme und seine Casse ganz erschöpft war. Er würde jetzt kaum haben leben können, wenn er nicht den größten Theil seiner Zeit und den geringen Rest seiner Kräfte dazu angewendet hätte, für auswärtige Buchhändler aus fremden Sprachen zu übersetzen. So 154 weit war es mit dem Lieblingsdichter der Nation, mit dem Verdeutscher des Homer gekommen! Glück genug für ihn, daß der Herausgeber einer periodischen Schrift ihm Uebersetzungen aus dem Englischen, Französischen und Italienischen auftrug, und dafür den ganzen Ertrag des Journalcs großmüthig und freundschaftlich mit ihm theilte. Unterdessen wurden die Kräfte seines siechen Körpers immer schwächer. Im October 1793 nöthigte ihn ein mit Fieber verbundener heftiger Schmerz in der rechten Seite, das Bett zu hüten. Jetzt sing er erst eigentlich an zu merken, daß seine Gesundheit zerrüttet sey, und für die Wiederherstellung derselben besorgt zu werden. Gleichwohl genas er von dieser bedeutend scheinenden Krankheit bald in so fern, als er sich zuweilen wieder aufgelegt zur Arbeit fühlte, und dann auch wohl wieder ansieng zu hoffen, er werde doch vielleicht im Herbste seines Lebens sich noch heiterer Tage zu erfreuen haben. Aber gesund ist Bürger von dieser Zeit an keinen Tag gewesen. Mancherlei kleine und große Beschwerden und Zufälle wechselten mit einander ab, und zwischen durch schimmerte auch wohl ein schwacher Schein von Hoffnung zur Besserung; bis endlich die Brustbeschwerden immer mehr überhand nahmen, und die gefürchtete eiternde Lungen-Schwindsucht sich deutlich verrieth. Da er nun gar nicht mehr arbeiten konnte, so würde er am Ende seines Lebens auf's neue von bitterem Mangel gedrückt worden seyn, wenn nicht die Milde der königlichen Regierung zu Hannover diesem durch ein nicht erbetenes Geschenk einiger Maßen abge- 155 helfen hätte. Dadurch, noch mehr aber durch die zugleich geschöpfte Hoffnung zu künftiger Besoldung, wurde der Arme, der nicht wußte, daß er bald keine Besoldung mehr brauchen würde, ungemein erfreuet und aufgerichtet. Bürger lernte die über seinem Haupte schwebende unüberwindliche Todesgefahr erst wenige Tage vor seinem Ende kennen. Bis dahin nahm bei ihm, wie das bei Schwindsüchtigen meisten Theils zu geschehen pflegt, die Hoffnung zur Besserung mit der Krankheit zu; und ich habe es da, wo nicht besondere Umstande eine Ausnahme nothwendig machten, immer für grausam gehalten, solchen Kranken das Einzige auch noch zu cntrcissen, was ihnen die Natur absichtlich, wie cs scheint, gelassen hat, um ihren bejammernswürdigen Zustand erträglich zu machen, — die Hoffnung. Erst als ihm selbst die Augen über seinen Zustand aufzugehen anfingen, gestand ich ihm, daß er freilich jetzt nicht mehr hoffen könnte, von dieser Krankheit zu genesen. Weit entfernt, durch diese Entdeckung beunruhigt zu werden, antwortete er, es komme ihm nun selbst so vor, und wünschte sich nur einen leichten Tod. Er sagte mir, er würde es gern sehen, wenn in seiner Todesstunde sich einige Freunde um ihn versammelten, und sich, ohne die allergeringste Betrübniß zu äußern, in munteren und geistreichen Gesprächen unterhielten, indem er die Augen für immer schlösse. Allein dazu kam es nicht. Am achten Junius 1794 verging ihm gegen Abend der kleine Ueberrest von Sprache vollends. Er wollte seinem mehrjährigen rechtschaffenen Freunde, dem Herrn Doctor Jäger, der auf seine dringende Bitte die Vormundschaft über die Kinder 156 übernommen hatte, und mir eiwas sagen, konnte aber kein vernehmliches Wort mehr Hervorbringen. Wir baten ihn, zu versuchen, ob er uns seine Meinung nicht schriftlich mittheilen könnte; aber auch die Augen versagten ihm ihren Dienst; es war und blieb ihm, aller angezündeten Lichter ungeachtet, zu dunkel, und indem er den Mund öffnete, um mir eine ihm vorgelegte Frage mit Ja zu beantworten, blies er sanft seinen letzten Athem aus, in einem Alter von sechs und vierzig Jahren, fünf Monaten und acht Tagen. So wurde ihm also doch der letzte Wunsch gewähret, ihm, der so manchen in seinem Leben vergebens gethan hatte, der Tod zeigte sich ihm in einer gar nicht schrecklichen Gestalt, indem er weder von moralischer Furcht, noch körperlicher Angst, oder Schmerzen begleitet war. Ja, vielleicht würde er ihm, nach Allem, was er erduldet hatte, sogar willkommen gewesen seyn, wenn er ihn nicht von vier geliebten Kindern, — einer Tochter von der ersten Frau, einem Sohne und einer Tochter von der zweiten, und einem Sohne von der dritten, — getrennt hätte. Herr Doctor und Garnison-Mcdicus Jäger, den er unmittelbar nach jener Entdeckung, etwa drei Tage vor seinem Ende, zu sich bitten ließ, versichert, bei wenig Menschen, die sich dem Tode so nahe gewußt, eine ruhigere Gemüthsfas- sung beobachtet zu haben. Ueber sein Vermögen, welches zur Bezahlung der mäßigen Schulden nicht hinreichte, die er bei so ungünstigen Schicksalen zu machen genöthiget war, ent- 1 57 stand ein Concurs-Proceß, welcher jetzt der Entscheidung nahe ist. Einige seiner Freunde und Verehrer haben etwas über dreihundert Thaler zu einem kleinen Monumente für ihn zusammen gebracht, welches in dem hiesigen Ulrichischen Garten, den er in den frühesten Morgenstunden oft zu besuchen pflegte, aufgerichtet werden soll. Ich muß noch mit einigen Worten eines unvollendeten und folglich auch nie abgeschickten Briefes erwähnen, der sich unter Bürgers Papieren gefunden haben soll, und im Genius der Zeit abgedruckt worden ist. In diesem Brief-Fragmente erzählt Bürger einem Anverwandten, wie es scheint, unter andern: Drei zu einer Consultation zusammen berufene Aerzte haben sich an seinem Bette über seine Krankheit herum gezankt; ich habe ihn, seiner totalen Ermattung ungeachtet, dreißig Mal täglich purgiren lasten, und mich darüber gefreuet, daß er die von den andern Aerzten angegebenen Recepte zerrissen habe, u. w. Alle diese Umstände sind nicht allein so, wie sie da erzählt werden, ganz unwahr; sondern es ist auch nicht die allerentfernteste Veranlassung zu einer solchen Erzählung gegeben worden. Bürger hat gewiß nie eine Consultation mit andern Aerzten gewünscht: denn wenn er sie gewünscht hätte, so würde ihn sicherlich nichts abgehalten haben, mir seinen Wunsch auch in demselben Augenblicke zu äußern. Und was mich betrifft, so würde ich zwar eine Berathschlagung mit erfahrneren und edelgesinnten Aerzten zu meiner eigenen Belehrung haben wünschen können; aber ich war, leider! zu gut 158 mit der durch keine menschliche Kunst zu heilenden Krankheit meines Freundes bekannt, um für ihn den geringsten Vortheil davon erwarten. Mit unserm Herrn Hofrath Richter, meinem vortrefflichen Lehrer, habe ich einst gelegentlich darüber gesprochen, und diesen einsichtsvollen Arzt ganz für mich um guten Rath für meinen Kranken gebeten. Auch der Herr geheime Hosrath Girtanner sah und besuchte Bürgern, den er schätzte und liebte, oft; aber dieser war damals in Ansehung alles dessen, was aus die Krankheit Bezug hatte, so ganz meiner Meinung, daß so wenig in dem einen, als in dem andern Falle, ich will nicht sagen von Zanken und Zerreissen fremder Recepte, sondern nur von Abweichung in einzelnen Behauptungen, die Rede gewesen ist. Ich darf mich hierüber, zu Folge ausdrücklicher Erlaubnis, auf das Zeugniß meines verehrten Freundes, des Herrn geheimen Hofrathes Girtanner, berufen; so wie ich auch alle hiesigen Aerzte zu Zeugen auffordern kann, daß nie etwas einer Berathschla- gung Aehnliches, viel weniger ein wohl denkenden Aerz- ten so unanständiges Gezänk über Bürgers Krankheit, Statt gefunden hat. Gegen die Beschuldigung, einen Schwindsüchtigen, trotz seiner totalen Ermattung, dreißig, oder gar vierzig Mal (denn ich habe den Brief nicht vor mir) täglich purgiret zu haben, brauche jich mich doch wohl nicht erst zu vertheidigen. Herr Assessor Reinhard hat die Aechtheit dieses Fragmentes überhaupt zweifelhaft gemacht; aber wenn es auch wirklich von des Dichters Hand geschrieben seyn sollte: so enthält es doch offenbar durchaus falsche Thatsachen, welche Bürger ent- 159 weder zu seiner eigenen Unterhaltung, oder zur Unterhaltung, vielleicht auch zu einer Art von, freilich schlechter, Beruhigung des zärtlich um ihn besorgten Anverwandten, erdichtet haben müßte; und das würde wenigstens beweisen, daß seine Phantasie noch während seiner letzten Krankheit Beschäftigung verlangt hätte. * * * Was Bürgers literarischen und poetischen Charakter betrifft; so kann ich darüber nichts sagen, was nicht dem Theile des Publikums, der ihn zu würdigen weiß, besser, als mir, bekannt wäre. Denn wenn auch die Urtheile der Literatoren über seine Werke und Verdienste hier und da verschieden ausgefallen sind; wenn auch Einige darunter ihm die Ansprüche auf den Beifall des großen Publikums, den er in einem vorzüglichen Grade besaß, streitig machen, Andere diese Ansprüche mit Nachdruck vertheidigen wollen: so bin ich doch weder im Stande, die Aussprüche der Kritik gegen das Gefühl des Publikums, oder dieses gegen jene, in Schutz zu nehmen; noch Umstände und Data anzuführen, welche zur Berichtigung dieser Streitigkeiten eiwas beitragen könnten. Alles, wodurch das Urtheil einer unbefangenen und unparteiischen Kritik bestimmet werden kann und muß, liegt denen, welche zu richten befugt sind, in der nun vollendeten Ausgabe seiner sämmtlichen Schriften vor Augen. Indessen lassen sich dennoch vielleicht zur Beurthei- lung des größeren oder geringeren subjektiven Verdienstes bei dem, was Bürger geleistet hat, einige Gesichts- 160 puncte angeben, welche bei der bloßen Betrachtung dessen, was geleistet ist, nicht von selbst in die Augen fallen. So erhellet, zum Beispiel, aus dem, was von den Lebensumständen des Dichters gesagt worden ist, zur Genüge, daß seine äußeren Verhältnisse der Ausbildung und Vervollkommnung seiner gewiß nicht gemeinen Anlagen und Fähigkeiten nie günstig, sondern vielmehr in jeder Periode äußerst hinderlich waren. Fast nie war er ganz frei von drückenden Nahrungssorgen, welche ihn nöthigten, einen guten Theil seiner Zeit und seiner Kräfte Geist und Körper ermüdenden Arbeiten zu widmen. Je weniger Vergnügen ihm solche Arbeiten machten; je mehr sie ihn von seinen Lieblingsbeschäftigungen abhielten: desto mehr mußten sie das Vermögen zu diesen lähmen, und die schöpferische Kraft seiner Phantasie nach und nach zerstören. Dazu kamen nun noch allerlei Verdrießlichkeiten, welche Bürger erfahren; allerlei Unglücksfälle, welche er erdulden; allerlei wohlgegründete Hoffnungen und Erwartungen, welche er vereitelt sehen mußte. Dieses Alles machte ihn, bei dem Bewußtseyn, die Natur habe ihn doch wohl für einen bessern Wirkungskreis bestimmet und ausgerüstet, oft so unzufrieden mit sich selbst und mit der ganzen Welt, daß selbst das holdeste Lächeln der Musen kaum im Stande war, Frieden und Heiterkeit in seine Seele zurück zu rufen. Alle diese und noch andere ungünstige Umstände, zu welchen vorzüglich körperliche Kränklichkeit gehört, machen es wohl sehr begreiflich, daß Bürgers poetischer Charakter nie zu seiner völligen Reife und Consistenz kommen konnte. Hat er, Alles dessen ungeachtet, viel geleistet: was hätte er nicht leisten können, wenn Nichts ihn gehindert hätte, ganz den Musen zu leben; wenn er nur mit ihnen und ihren Vertrauten hätte umgehen dürfen*), und wenn vollends sein Körper die ihm angeborene Kraft nicht zu bald verloren hätte! Sehr wahr sagt also der Sänger des hohen Liedes: „Meiner Palmen Keime starben, Eines mildern Lenzes werth." Weniger unterrichtet ist das Publicum über Bürgers moralischen Charakter, und daher, weniger im Stande, ihn als Menschen, richtig zu beurtheilen. Da das.Publicum gleichwohl, wie Rousseau sagt, auch ohne gehörig unterrichtet zu seyn, dennoch gern urtheilt: so hat ein großer Theil desselben auch über Bürgern einseitig geurtheilt, und ihn nach einzelnen Handlungen gerichtet, ohne die Triebfedern derselben und ihren Zusammenhang mit andern zu kennen. Freuen würde ich mich daher, wenn es mir gelange, durch eine wahrhafte Darstellung seiner Tugenden und Fehler jene allzu strengen Urtheile zu berichtigen, zu mildern und es dahin zu bringen, daß *) Dann würde er auch vermuthlich Manches von dem abgelegt, oder gar nicht angenommen haben, was man, vielleicht mit Recht, an seiner Manier und der Art sich auszndrücken tadelt, dann würde man es nicht wie einer seiner edelsten Freunde und ein sehr befugter Beurtheilcr seiner poetischen Verdienste sagt, seinen besten Stücken hier und da ansehcn, daß der Dichter nicht in der besten Gesellschaft lebte; dann würde nicht ein widerlicher Studcnten-Ton oder Ausdruck oft das reizendste Gemählde verderben. 162 Mancher, welcher den Stein schon aufgehoben hatte, der Bürgern, den leichtfertigen, unbesonnenen, ausschweifenden, Religion und Sittlichkeit mit Füßen tretenden Bürger, treffen sollte, den Arm beschämt sinken ließe, und, nach besserer Ueberlegung, den Stein wohl gar unwillig über sich selbst, wieder von sich würfe. Und das sollte mir wohl nicht ganz mißlingen, wenn ich Bürgers Handlungen in den letzten fünf Jahren seines Lebens, wenn ich zumal die Geschichte seiner letzten unglücklichen Ehe ausführlich erzählen dürfte. Allein da ich das nicht thun kann, ohne ein großes Buch zu schreiben und, was mehr ist, ohne manche noch lebende Personen zu com- promittiren: so muß ich mich damit begnügen, nur dasjenige anzuführen, was ich von seinen guten Eigenschaften im Allgemeinen sagen kann. Auch seine Fehler, in so fern sie mir bei einem genauen und sehr vertrauten Umgänge bemerklich geworden sind, werde ich nicht verschweigen. Was Bürgern, als Menschen betrachtet, am meisten auszeichnete, das war ein ungemein hoher Grad von Herzensgüte und Wohlwollen gegen alle Geschöpfe. Ich habe wenige Menschen gekannt, welche ihn darin übertroffen hätten. Diese Heczensgüte und dieses Wohlwollen gegen Andere zeigte sich nicht blos durch wörtlich geäußerte Theilnahme an fremdem Unglücke; sondern er pflegte es auf die thätigste Art zu beweisen, wie innig und aufrichtig seine Theilnahme war. Bei der großen Berühmtheit seines Namens wurde er sehr häufig von fremden Abenteurern überlaufen, und nicht selten auch von wirklich hülfsbedürftigen Gelehrten und Künstlern * 163 um Unterstützung cmgesprochen. In solchen Fällen gab er, der doch selbst nichts übrig, oft dos Nothwendige nicht einmal hatte, gewöhnlich einige Gulden oder Tha- lec, und wären es auch seine letzten gewesen, mit einer so guten Art hin, daß der Empfänger dadurch noch mehr, als durch die Gabe selbst, aufgerichtet und zur Dankbarkeit und Liebe gegen den Geber hingerissen wurde. Ich weiß dieses theils als Zeuge und theils aus verschiedenen schriftlichen Danksagungen der Empfänger. Aber eine einzelne Handlung meines Freundes muß ich hier noch erzählen, weil sie den Adel und das großmüthige Wohlwollen seines Herzens, dem nachtragender Haß und Nachsucht ganz fremd waren, in einem schönen Lichte darstellt. Ein Mann, der ihn auf das empfindlichste beleidiget, der ihn um die vom Großvater ihm anvertrauten Cau- tions-Gelder betrogen, der ihn bei seinem Gerichtsherrn verläumdet, und das Memorial an die königliche Regierung, dessen ich oben erwähnt habe, und worin Bürger so böser Dinge beschuldigt wird, verfasset hatte — eben dieser Mann, der nun in den armseligsten Umständen verstorbene Hofrath Liste, dem es an Menschen- kenntniß gar nicht fehlte, hatte im Jahre 1785 den Muth, sich schriftlich an den von ihm so schwer beleidigten Bürger zu wenden, mit der Bitte: alles vormals Geschehene zu vergessen, und ihm in seiner gegenwärtigen Noth, da es ihm an allen Mitteln fehle, sich und seiner kranken Gattinn das Leben zu fristen, mit einiger Unterstützung beizustehen. Bürger vergaß auf der Stelle alle Beleidigungen, wurde auf's innigste gerührt, und 11 * 164 bedauerte, daß seine Umstände ihn kaum eine Gabe von einigen Thalern «erstatteten. Aber er that etwas, das ihm, bei seiner von jeder Art der Zudringlichkeit so weit entfernten Denkungsart, gewiß weit größere Ueberwin- dung kostete, als die Aufopferung einer namhaften Summe aus seinen eigenen Mitteln. Er forderte die angeseheneren Einwohner von Göttingen durch einige Zeilen, die er herumlaufen ließ, aus, einem durch Mangel in's höchste Elend versunkenen Menschen von ihrem Ueberflusse etwas mitzutheilcn. Der Mensch, sagte er, habe zwar keine großen Ansprüche auf Hochachtung und sein gegenwärtiges Unglück sey wohl nicht ganz unverschuldet; aber er habe als Unglücklicher Ansprüche auf unser Mitleiden, und das Mitleiden borge ja der Gerechtigkeit nicht immer die Wage ab, u. s. w. — Der Erfolg dieser Unternehmung übertraf Bürgers Erwartung. Es kamen in wenigen Stunden gegen hundert Thaler zusammen, die er nebst seinem eigenen Schärflein dem Unglücklichen mit großer Freude übersandte. Aber Weichheit des Herzens und Empfänglichkeit für Mitleid, selbst mit Menschen, die es um ihn so wenig verdient hatten, war nicht der einzige rühmliche Zug in Bürgers Charakter. Sein moralischer Sinn war eben so fein und zart, als sein ästhetischer, und seine Grundsätze waren gewiß nicht verwerflich, wenn er gleich zuweilen, oder vielmehr oft, verleitet wurde, ihrer zu vergessen. Gute und edle Handlungen, die er von Andern las, oder hörte, konnten ihn oft in trüben Stunden aufheitern, zumal wenn es Männer von An- 165 sehen und Einfluß im Staate betraf. „Es ist doch eine Freude, zu sehen, pflegte er dann wohl auszurufen, daß es noch Menschen gibt, denen Kopf und Herz auf der rechten Stelle sitzen!" Das Lied vom braven Manne ist ein sehr wahrer Ausdruck dieser Gesinnung. Er hatte dabei so viel Selbstkenntniß, daß er oft gestand, eines solchen Edelmuthes, einer solchen Aufopferung wäre er nicht fähig gewesen. Eben so lebhaft war seine Mißbilligung unedler, für Andere verderblicher Handlungen, die sein ganzes Gefühl empörten, und oft recht starke Ausbrüche des Tadels und der Indignation veranlaßten. Aber bei der großen Redlichkeit und Biederkeit seines eigenen Herzens wurde es ihm gewöhnlich sehr schwer, Andern in einem hohen Grade schlechte Handlungen zuzutrauen. Sein fester Glaube an Menschenwürde und Menschenadel sträubte sich immer dagegen, ob er selbst gleich oft und auf mannigfache Weise ein Opfer dieses Glaubens geworden war. Au den liebenswürdigen Eigenschaften seines Charakters gehört ferner seine große Bescheidenheit. Man würde ihm in der That sehr Unrecht thun, wenn man ihm diese Tugend, wegen mancher etwas lebhaft ausgedrückten Aeußerungen eines gewissen Selbstgefühls, streitig machen wollte. Bürger bewies durch sein Beispiel, daß man auch bei einem sehr lebhaften Gefühle dessen, wodurch man sich vor tausend Andern auf eine rühmliche Art auszeichnet, dennoch sehr bescheiden seyn könne. Er selbst kannte und fühlte die Kraft und die Vorzüge seines Geistes sehr wohl, und dieses Gefühl war sein reinster Genuß, machte ihn oft in einsamen 166 Stunden sehr zufrieden, und hielt ihn schadlos für manche unwürdige Begegnung, für manche vorsätzliche und »»vorsätzliche Kränkung, die ihm widerfuhren. Aber eben dieses richtige Gefühl seines inneren wahren Werthes machte, daß er auf äußerliche conventionelle Auszeichnungen keinen Werth setzte. Ich möchte sagen: er hatte zu viel edeln Stolz, um stolz zu scheinen, und ließ seine Ueberlegenheit nie Andere fühlen. Daher war er denn auch in Gesellschaften so anspruchlos und so wenig vorlaut, daß, wer ihn zum ersten Male und nicht etwa in einem vertrauten Zirkel sah, nur einen sehr mittelmäßigen Begriff von ihm bekommen konnte. Einst hatte ihn Jemand in eine Gesellschaft von sehr guten Menschen, welche Alle den Dichter ungemein schätzten, aber von Person nicht kannten, unter einem fremden Namen eingeführt. In dieser Gesellschaft, welche einen ganzen Nachmittag und Abend zusammen blieb, wußte er sich so wenig geltend zu machen, daß man ihn für einen sehr unbedeutenden Menschen hielt, und unbeschreiblich überrascht wurde, als dieser Mensch nach dem Abendessen von denen, welche um das Geheimniß wußten, aufgesordert wurde, einige Gedichte von Bürger vorzulesen; als er dieses so that, daß die ganze Gesellschaft auf's innigste und Einige bis zu Thränen gerührt wurden, und als es sich endlich zeigte, der so in's Herz greifende Vorleser sey Niemand anders, als — Bürger selbst. Sonst ist wohl kein Dichter je Andern mit Vorlesen seiner Werke weniger beschwerlich geworden. Er war so wenig leoitator ueerbus, daß es vielmehr einen gewissen Grad von Werthschätzung und Zutrauen auf seiner Seite 167 voraussetzte, wenn er Jemanden etwas Neuverfertigtes mittheilte. Ich selbst war schon einige Jahre mit ihm bekannt gewesen, ehe er mir diesen Beweis seines Zu- trauns gab. Kurz, Bürger trug und hegte gewiß selbst das Blümchen Wunderhold in seinem Busen: darum wußte er es auch so reizend zu beschreiben *). Ungemein lebhaften und herzlichen Antheil nahm er an Allem, was seinen Freunden und Bekannten Angenehmes oder Unangenehmes begegnete. Er konnte sich, zumal bei unangenehmen Vorfällen, mit denen er selbst ziemlich bekannt war, so ganz an die Stelle dessen setzen, den sie betrafen; und daher war denn auch sein Trost meistens von großer Wirksamkeit. Auch dienstfertig und sehr gefällig gegen Jedermann war Bürger gewiß, wenn er dieses gleich nicht immer durch schnelle und regelmäßige Beantwortung aller empfangenen Briefe bewies. Mancher wird sich noch dankbar erinnern, mit welcher Bereitwilligkeit er sich zu einem oft nicht unbeträchtlichen Aufwands von Zeit und Mühe entschloß, wenn es darauf ankam, Jemanden einen wesentlichen Dienst zu erweisen. Beispiele davon *) Was er selbst von seinen Gedichten dachte, davon nur diesen Beweis aus einem Briefe an Boie vom Sv. April 1789: „Du glaubst nicht, wie gleichgültig mir die meisten meiner Gedichte, ein Dutzend etwa ausgenommen, sind. Ich hätte schon dies Mal (bei der zweiten Ausgabe) ein unbarmherziges Gericht ergehen lassen, wenn es nicht auf Corpulcnz angesehen gewesen wäre und nicht auch manche Fürbitten dein strafenden Arme der kritischen Gerechtigkeit Einhalt gcthan hätten." 168 anzuführen, ziemt mir nicht. Aber wenn er leere Briefe ohne Geist und Inhalt beantworten; wenn er schlechte Verse loben, oder gar zu guten umschaffen sollte: dann ließ er sich freilich meistens saumselig finden, und mag auch dadurch wohl manches Menschen Wohlwollen verscherzt, und sich nach seinem Tode noch manche unglimpfliche Beurtheilung zugezogen haben. Allein auch nicht Alle, denen er wichtigere Dienste geleistet hat, scheinen sich derselben dankbar zu erinnern. Zn Ansehung des Briefschreibens dürfte übrigens doch Mancher, den Bürger gewiß werth schätzte und unter seine Freunde rechnete, ja seine allerbesten Freunde dürften oft am meisten Ursache gehabt haben, sich über ihn zu beklagen; und wenn die Unterscheidung eines sehr berühmten Mannes, der die Gelehrten insgesammt in Briefschreibende und nicht Briefschreibende abtheilt, allgemein angenommen wäre: so behauptete Bürger allerdings eine der ersten Stellen unter den Nichtschreibenden. Es ging ihm, wie Rousseau. Wann er den Brief bekam, war er fest Willens, ihn zu beantworten; er verschob es aber, von einem Posttage zum andern, so lange, bis er sich zuletzt des langen Aufschubes schämte und gar nicht schrieb. Gleichwohl scheuete er die mechanische Arbeit des Schreibens so wenig, daß ich vielmehr seine Unverdrossenheit im Abschreiben seiner Gedichte und Aufsätze oft bewundert habe. Wann ein Gedicht vollendet war, wurde es von ihm sauber und gemeiniglich auf dem feinsten Papier abgeschrieben, und wenn in der Folge in dieser Abschrift nur einzelne Wörter verändert wurden, 169 so mußte es sofort abermals in's Reine geschrieben werden: so daß zuweilen des Abschreibens, wie des Corrigierens, kein Ende war. Won der verbesserten Nachtfeier der Venus sind mehr als sechs vollständige und sehr saubere Abschriften vorhanden, und selbst von Fragmenten kaum angesangcner Aufsätze findet sich mehr als Eine Abschrift. Ueberhaupt kann man von Bürgern gar nicht sagen, daß er Mühe und Arbeit gescheuet hätte; nur mußte der Zweck der Arbeit Interesse für ihn haben. Zwei Jahre vor seinem Tode lernte er noch in Gesellschaft zweier Freunde, unter Anführung des Herrn Doctors Canz- le r, die Schwedische Sprache mit einem sehr beharrlichen Eifer, und beschrieb manchen Bogen mit mühsam ausgesuchten Vocabeln und Redensarten. Der Verfasser eines nach Bürgers Tode herausgekommenen Buches thut ihm daher gewiß Unrecht, wenn er behauptet: Bürger sey, für einen Mann seiner Energie, ungewöhnlich träge gewesen, und habe eines sehr nachdrücklichen ökonomischen oder literarischen Anstoßes bedurft, wenn sein Hang zum seligen kar ineiite seinem bessern Berufe weichen sollen. Er habe ganze lange Vormittagsstunden unthätig hingestreckt liegen, und um eine geschriebene Kleinigkeit, einen Brief, habe man ihn hundert Mal bitten können, und doch nichts erhalten, u. s. w. Den Punct des Briefschreibens habe ich schon berührt und eingeräumt. Aber was die stundenlange Unthätigkeit betrifft, so kann ich, der ich ihn sehr genau gekannt, und zu allen Stunden des Tages, 170 am meisten aber gerade des Bormittages besucht habe, dagegen behaupten: daß er in gesunden Tagen nie, und selbst in kränklichen selten, eine halbe, viel weniger eine ganze Stunde auf seinem Zimmer unthätig hingebracht habe. Und wäre denn etwa ein Gelehrter, und zumal rin Dichter, immer unthätig, wann er nicht ein aufgeschlagenes Buch vor sich, oder eine eingetauchte Feder in der Hand hat? — Ich möchte nicht behaupten, daß Bürgers Thätigkeit immer die für ihn und seine ökonomischen Umstände vortheilhasteste Richtung gehabt habe; aber ohne Beschäftigung war er in gesunden Tagen, allein aus seinem Zimmer, nie. Er durfte einst bei einem häuslichen Zwiste seiner Gattinn Folgendes schreiben, welches er wahrlich nicht gedurft hätte, wenn jene Beschuldigung gegründet wäre. Vielmehr beweiset diese Stelle, wie sauer er es sich werden ließ, um nur den nothdürstigsten Unterhalt durch Arbeit und Anstrengung zu erwerben, und darum schreibe ich sie hier ab. „Daß der Zulauf zu meinen Vorlesungen nicht stärker ist, dafür kann ich nichts. Ich bin mir bewußt, meine Pflicht nach Vermögen so gut zu thun, als jeder andere Professor, dem Hunderte von Zuhörern Zuströmen. Ich wende Zeit, Fleiß und Kräfte, so viel in meiner Gewalt sind, auf meine Lehrstunden, und suche sie sowohl angenehm, als nützlich zu machen. Hilft das nicht, so ist es freilich schlimm genug; allein ich kann doch mir keine Vorwürfe darüber machen. In der Vermuthung, daß der schwache Zulauf an den Gegenständen liege, welchen ich meine Bemühungen widme, habe ich mir nun auch andere zum Augenmerk genommen, die ich täglich, vom frühsten Morgen an bis zum Abend, mit Aufopferung fast aller Ruhe und Erholung studiere. Da ich aber, um nur einige Louisd'or zusammen zu kratzen, die meiste Zeit und Kraft noch immer an die alten Gegenstände verschwenden muß: so kann ich freilich in Ansehung der neuen so schnell nicht vorrücken. Ob es mir nun dereinst mit diesen besser, als sonst, gelingen werde, das muß ich dahin gestellt seyn lassen. Es gelinge nun aber, oder nicht: so kann ich mir doch nicht vorwerfen, daß ich's an mir fehlen lasse; ob ich gleich gar wohl weiß, daß Du selbst mich bei manchen Personen in den nachtheiligcn Verdacht eines unthätigen Mannes zu bringen Dich nicht entstehest. Deß solltest Du Dich doch wahrlich schämen! Welche andere Tätigkeit verlangst Du von mir, als die meinige, die von früh Morgens sechs Uhr bis Abends acht Uhr Tag für Tag unausgesetzt im Gange ist? Etwa die Thatigkeit der Herumschwänzelei und Kriecherei vor vermeinten Gönnern und Patronen? Diese Thatigkeit verachte ich, und traue ihr auch wenig oder gar keinen soliden Erfolg zu, u. s. w." — Gerechter gegen fremde Verdienste kann man nicht seyn, als Bürger es war. Ich getraue mir, zu behaupten, daß er nie in seinem Leben das Verdienst eines andern Dichters vorsätzlich verkannt, oder gar herabgesetzet habe. Es war ihm vielmehr ein inniges Vergnügen, die Kunstwerke Anderer, und wenn diese auch mit ihm wetteiferten, wenn er sie auch als Ehrendiebe betrachtete, in das vortheilhafteste Licht zu setzen. Was Matthisson in seinen Briefen von seiner letzten 172 Unterhaltung mit Bürgern erzählt, kann davon einiger Maßen zum Beweise dienen. Gegen fremdes Lob war er selbst keinesweges gleichgültig; vielmehr freuete er sich ungemein über jede Aeußerung des Beifalles von Männern, deren Urtheil Gewicht hatte. Weniger Eindruck machte auf ihn, wenigstens in den letzten Jahren, der Beifall des großen Haufens, dem er nicht Beurtheilungskraft genug zugestand, um auf das Urtheil desselben stolz zu seyn. Er war, zum Beispiel, gar nicht damit zufrieden, daß unter seinen Gedichten gerade die Lenore einen so vorzüglichen Beifall gefunden hatte, auf den, wie er meinte, einige andere Gedichte weit gerechtere Ansprüche gehabt hätten. Das Urtheil eines gebildeten Frauenzimmers hatte aber für ihn weit mehr Gewicht, als der Ausspruch manches schulgerechten Kunstrichters. Gegen Mißbilligung und Tadel war er, wenn sie nur nicht ganz ungegründet waren, eben so wenig gleichgültig. Er besaß so wenig Künstlerstolz und Künstlereigensinn, daß er Stellen in seinen Gedichten, welche irgend einem seiner Freunde mißfielen, und sollte es auch ohne Aufopferung einer Schönheit nicht haben geschehen können — immer umzuändern suchte, sobald der Grund des Tadels ihm nur einiger Maßen einleuchtete. Darum machte auch die berühmte strenge Beurtheilung der zweiten Ausgabe seiner Gedichte iw der Allgemeinen Literatur-Zeitung so großen Eindruck auf ihn. Kenner wollen sogar gefunden haben, daß er seit dem durch allzu ängstliches Feilen an seinen Werken Manches von ihrer Originalität verwischt habe. 173 Das scheint mir gewiß zu seyn, daß Bürger in den letzten Jahren an sich selbst und seinem Geschmacke gewisser Maßen irre wurde, und daß das ängstliche Bestreben, jedem Tadel auszuweichen und es Allen recht zu machen, manche Veränderung in seinen Gedichten veranlaßte, welche nicht von Allen für Verbesserung anerkannt werden dürfte. Die neue Nachtseier der Venus schickte er fast allen seinen Bekannten, denen er ästhetische Urtheilskraft zutrauete, mit der Bitte zu. Alles, was ihnen noch darin mißfiele, zu bemerken; und da geschah es denn zuweilen, daß dem Einen das vorzüglich gefiel, was der Andere verworfen hatte.. Ein kaum angefangener Aussatz von Bürgers Hand, welcher für die Akademie der schönen Redekünste bestimmt war, und die Überschrift führt: Ueber mich und meine Werke. Materialien zu einem künftigen Gebäude, enthält folgende Aeußer- ungen, welche seiner Denkungsart wenigstens keine Schande machen, und hier einen Platz finden mögen. „Im 14 . und 15 . Stücke der Allgemeinen Literatur-Zeitung von 1791 geschah über mich und meine Werke ein Ausspruch, der mir freilich nicht auf die richtigsten Grundsätze gebauet, und sowohl in Lob, als Tadel, ziemlich überschwänglich schien. Dennoch hätte ich, Kraft meines alten Glaubens, daß nur das Werk selbst seinen Meister lobe, oder tadle, und nach einer daraus gezogenen, bisher immer beobachteten Handlungsweise, dazu schweigen sollen. Ich ließ mich aber von der Lebhaftigkeit derer, die es gern oder ungern 174 sehen mochten, daß mein poetischer Lorber ein wenig entblättert würde, aus meiner aus so guten Grundsätzen beruhenden Apathie aufregen, und kündigte im 46. Stücke des Intelligenz-Blattes der Allgemeinen Literatur-Zeitung jenem Urtheile einen Proceß an. Es kommt mir nun vor, als habe ich nicht wohl gehandelt. Denn in jener Apathie liegt, däucht mir, eine Würde, deren Gefühl süßer ist, als alle Siege über den Gegner, auch in der gerechtesten Fehde. Diese Würde habe ich nunmehr verloren, und der Verlust geht mir nahe, wie der reinen Unschuld der erste Flecken in ihrem weißen Gewände. Denn wenn auch gleich, wie ich mir schmeichle, jene Ankündigung keine gröbere Entweihung der moralischen und ästhetischen Würde aufstellt: so ist sie doch in einem zu gereizten Tone abgefaßt, als daß ich cs meinem Gegner allein und nicht mir zugleich mit verwerfen dürfte, die Saiten in seiner Vertheidigung bis zu einigen Mißtönen überspannet zu haben, die den Göttinnen der Anmuth schwerlich gefallen werden. Nicht zu meines Gegners, sondern zu meiner eigenen Beschämung rechne ich dahin die mir vorgeworsenen Fechterkünste, die Wortklaubereien, die vorsätzlichen Mißdeutungen; die zwar nicht direkte, aber gewiß indirekte Beschuldigung, daß ich nirgends in meiner Behandlung der Empfindungen die groben Zusätze von Sinnlichkeit, Unsittlichkeit u. s. w. abstoße; daß ich meine ungeschlachte ungebildete Individualität mit allen ihren Schlacken gebe, und hierin vielleicht Originalität und Eigenthümlichkeit setze. Ich rechne dahin die Warnung, den Schatten Samuels nicht zu wecken, damit mir nicht wie weiland Saul'n geantwortet werde. Und wie wurde diesem geantwortet? „Der Herr ist von dir gewichen, und dein Feind worden. Der Herr wird dir thun, wie er durch mich geredet hat, und wird das Reich von deiner Hand reisten, und — deinem Nächsten geben. — Morgen wirst du und deine Söhne mit mir seyn, u. s. w." Auch noch manche andere Wendungen scheinen Ausflüsse einer Erbitterung zu seyn, welche in edcln Gemüthcrn immer Reue und Mißfallen nachzulasten pflegt. So scheint zum Beispiel die Figur der Aeußerung, wie Recensent sich berechtigt glaubt, die Sache der Kunst gegen, das Bürgerische Beispiel zu verfechten, gegen alle Elegie en an Molly und alle Blümchen Wunderhold und alle hohen Lieder, in denen man vom Rabenstein und von der Folterkammer in das Flaumenbette der Wohllust entrückt wird, zu verfechten — eine Figur, die mich und namentlich einige meiner Products, die wohl auf etwas Achtung in der poetischen Welt Anspruch machen dürfen, mit der Kunst in völlige Opposition bringt — von der Linie der ästhetischen sowohl, als sittlichen Grazie ein wenig abzuweichen. Sollte ich in allem dem irren, so wäre mir es ungemein lieb: denn es würde mir das Herz erleichtern, welches sonst alle diese Vergehungen auf Rechnung seiner eigenen Uebercilung nehmen muß. Sollte ich wirklich Fechtcr- künste gezeigt haben, wiewohl mir die Gerechtigkeit dieses Vorwurfes noch nicht einleuchten will: so thut mir auch der bloße Anschein davon um so mehr leid, als mein Gegner dadurch veranlaßt zu seyn scheint, Gegenstöße 176 zu thun, die der cmsgelerntesie Fechter dafür zu erkennen, keinen Anstand nehmen würde, u. s. w. Meine Uebereilung, geantwortet, und vollends in einem Tone geantwortet zu haben, der den Recenfenten reizen mußte, das Unrecht, weiches er mir nach meiner jetzigen Ueberzeugung zugefügt hat, nicht nur nicht zu mildern, sondern vielmehr zu verstärken, kann ich nicht besser wieder gut machen, als wenn ich Alles, was der Recenfent im Namen der Kunst wider mich und meine Werke zu haben vorgibt, etwas umständlicher und auf eine solche Art erwäge, wie es sich vor den Altären der Weisheit, der Musen und der Grazien geziemet. Das Ziel, welches ich mir dabei vorsetze, ist nicht eben Sieg über meinen Gegner: denn ich gestehe gern, daß ich es mit einem Stärkeren zu thun habe, als ich bin. Es ist, wie die Meisten ohnehin schon wissen, und ich zu verschweigen keine Verpflichtung auf mir habe, Herr Schiller. Seiner auch in der gerechtesten Sache mit Gewalt mächtig zu werden, darf ich mir nicht schmeicheln; und nur durch freiwillige Pacisication kann ich hoffen, den Streit am vortheilhaftesten für mich beizulegen. Aber das ist mein Bestreben, ein Beispiel aufzustellen, wie gelehrte Ehrenkämpfe geführt werden müssen, um denen auf den ersten Plätzen lehrreich und unterhaltend zu werden. Sollte ich dies Ziel erreichen, so würde ich glauben, durch eine Fehde über so geringe Gegenstände, als ich und meine Werke sind, mir dennoch einiges Verdienst um unser gelehrtes Zeitalter erworben zu haben." — Es ist schade, daß diese Schrift nicht fertig gewor- 177 dm ist. Bürger wollte darin eine Selbstkritik aufstellen, dergleichen wir, außer dem Gellcrtischen Versuche, noch gar nicht haben; er wollte Fehler an seinen Gedichten aufdecken, die kein Kunstrichter gesehen hatte; dagegen aber auch manches von Kunstrichtern Gerügte in Schutz nehmen. Er hatte dazu gewiß sehr Vieles in Gedanken zusammen getragen, denn er hat mich oft mit ungemeiner Wärme von dem Verdienstlichen einer solchen Arbeit unterhalten. Aber aufs Papier ist, außer dem größten theils mitgetheilten Eingänge und einigen durch diese Idee veranlaßten, im vierten Bande seiner Schriften befindlichen kritischen Fragmenten, nichts gekommen. Uebrigens war Bürger gewiß mehr, als schöner Geist, in der verächtlichen Bedeutung, welche manche Facultäts-Gelehrte mit dieser adelnden Benennung verbinden, indem sie den so genannten schönen Geist dem mit wissenschaftlichen Kenntnissen versehenen Geiste entgegen setzen. Bürger konnte nicht bloß Verse machen, sondern er hatte sich mannigfache Kenntnisse aus verschiedenen Fächern der Wissenschaften erworben. Er hatte viele von den besten Schriftstellern in verschiedenen Sprachen gelesen: denn er verstand, außer der Griechischen und Lateinischen, die Englische, Französische, Jtaliänische und Spanische sehr gut, und lernte, wie ich bereits angeführt habe, noch spät die Schwedische. Die Plattdeutsche liebte er vorzüglich, und war geneigt, ihr, wegen ihres Wohlklanges und ihrer Regelmäßigkeit, den Vorzug vor der Hochdeutschen einzuräumen. Wie er diese beherrschte, davon zeugen seine Gedichte. Aber eines weniger bekannten Beweises dieser Herrschaft IS erwähnt Herr Hofrath Lichtenberg im Göttingischen Taschenkalender*). Bürger wurde einst von diesem großen Freunde und Kenner des Nützlichen nicht allein, sondern auch des Schönen, gefragt: Ob die Ovi- dischen Verse: 81 , nisi Hüne korma xoterlt äiZna vläeri, ^ulln sutura tun ost: nulln kuturn tun est. von welchen Morris im Englischen zwei Uebersetzun- gen**) versucht hatte, sich besser, oder eben so gut, in's Deutsche übersetzen ließen? Sogleich schrieb er unter das Blatt der Anfrage: „O ja! verte;" und auf die andere Seite fünf Versuche, von denen die drei ersten so lauten: 1. Wenn außer Wohlgestalt, vollkommen wie die deine, Dein Herz nicht Eine rührt: so rührt dein Herz nicht Eine. 2 . Wenn außer einer Braut, der deine Reize fehlen, Du keine wählen darfst: so darfst du keine wählen. 3. Wenn außer der, die dir an Schönheit gleicht auf Erden, Dein keine werden kann: so kann dein keine werden. *) 1798. 135. Seite. **) 1. 1k, vnt to ONO tliat's ermsllv o: uoirs ever cau ve tlüne. 179 Die beiden übrigen sind zu nmthwillig, um hier mit- getheilt zu werden. Wenn übrigens diese Nachahmungen das Original gleich nicht ganz erreichen, in welchem der Nachsatz nicht blos die Worte des Vordersatzes wiederholt, sondern sie auch in derselben Ordnung auf einander folgen läßt: so zeugt doch die Leichtigkeit, mit der Bürger die Versuche, die dem Engländer, wie man deutlich sieht, so sauer geworden waren, in einer halben Stunde fünf Mal, und gewiß mit ungleich besserem Glücke machte, von seiner großen Gewalt über die Sprache. Als eine kleine Verirrung seines sehr gebildeten Verstandes, oder vielmehr als einen Beweis, daß bei ihm die Phantasie auch diesen beherrschte, betrachte ich seinen Hang, Gespenster und Spukereien nicht blos zu fürchten, sondern in gewissen Stunden wohl gar zu glauben. Er meinte überhaupt, eine gewisse Art von Aberglauben liege so tief in der menschlichen Natur, daß die Philosophie ihn wohl bestreiten, aber selbst bei ihren Eingeweihten nicht ganz vertilgen könne. Er machte es zuweilen, wenn er über den noch ungewissen Ausgang einer Sache sehr besorgt war, fast wie Rousseau, der im Garten zu Annecy mit einem Steine nach einem Baume warf, und sich, wenn er den Baum traf, einbildete, der Ausgang werde seinen Wünschen entsprechen. Durch seine moralischen Fehler hat mein Freund mehr sich selbst, als Andern geschadet. Den meisten und für ihn nachtheiligsten Einfluß auf seine Handlungen hatte wohl die ihm eigene große Lebhaftigkeit der Phantasie, welche freilich der Vernunft zuweilen den Zügel IS* 180 entriß. So wenig Bürger bei einer weniger feurigen Einbildungskraft und bei kälterem Blute Bürger gewesen seyn würde: so gewiß wäre es doch für ihn und seine äußeren Verhältnisse besser gewesen, wenn die Phantasie weniger Herrschaft über ihn gehabt, und sich nicht so oft gegen die Vernunft aufgelehnt hätte. Wenn man also bei dem Urtheile über seine Verirrungen seine individuelle Anlage billiger Weise mit in Anschlag bringen muß, und ihm in dieser Rücksicht vielleicht Manches, was nicht recht geschehen, zu gute zu halten geneigt seyn wird: so mag doch auch der Umgang mit einem bereits genannten Manne, in den Jahren, in welchen das Herz des Jünglinges für gute und böse Beispiele am empfänglichsten ist, viel dazu beigetragen haben, der Sinnlichkeit das Uebergcwicht über die Vernunft zu verschaffen. Aber Bürger hat dafür in den letzten Jahren seines Lebens noch schwer gebüßt. — Friede sey mit seiner Asche! Zu seinen Fehlern rechne ich ferner einen Mangel an Beharrlichkeit in der Ausführung guter Entschlüsse. Hätte er nur die Hälfte von dem wirklich gethan, was er zu thun sich oft sehr fest vornahm: so würde er in seinem Leben manchen Verdruß weniger und manchen frohen Genuß mehr gehabt haben. Aber eben die Lebhaftigkeit seiner Einbildungskraft brachte es vielleicht mit sich, daß gar oft ein neuer Gedanke, ein neuer Plan, ein neuer Gegenstand die vorigen verdrängte, und diesen das fortdauernde Interesse raubte, ohne welches sie nicht zur Reife gebracht werden konnten. Selbst bei Geschäften, die er ohne Widerwillen verrichtete, und sogar bei seinen Lieb- 181 lingsbeschästigungen, wann er die Idee und den Plan zu einem schönen Gedichte faßte und entwarf, hatte er den Fehler, daß er sich meistens mit der Freude der Empfängniß begnügte, und, wann ein Paar Strophen fertig waren, daß Stück bis auf gelegnere Zeiten, die nicht immer kamen, hinlegte. So wurden die ersten Strophen des wilden Jägers bald nach derLenore fertig; sie ruheten aber lange, und als er endlich wieder daran ging, war sein Feuer halb verraucht. Bei Le- nardo und Bland ine machte er eine Ausnahme von dieser Gewohnheit. Dieses Stück wurde unmittbar nach dem Entwürfe ausgesührt, und Kenner wollen ihm das ansehen. Eine gewisse Nachlässigkeit in Geschäften, die ihm zuwider waren, habe ich oben schon eingeräumt. Solche Geschäfte ließ er gern, wenn es irgend möglich war, ganz liegen, oder verschob sie doch bis auf den letzten Augenblick. Dieses, einem Gefchäftsmanne freilich nicht leicht zu verzeihenden Fehlers bekannte er selbst sich schuldig, und pflegte dann wohl drollige Beispiele von versäumten Fatalien, nicht beigetriebenen Strafgeldern, u. s. w. zu erzählen. Aber ich habe auch schon gesagt, daß in solchen Fällen nicht sowohl Eckel vor aller Arbeit überhaupt, als vielmehr Widerwillen gegen gerade das Geschäft, die Ursache war. Wer Bürgern für einen schlechten Bezahler hielt, der hatte in so fern Recht, als der schlechte Zustand seiner Lasse ihm gar zu oft die pünktliche Erfüllung seines Versprechens unmöglich machte. Aber wenn diejenigen unter seinen Gläubigern, welche vielleicht ihre For- 182 derungen an ihn verlieren, ihn beschuldigen wollten, er habe sie absichtlich darum gebracht, und, ob er gleich wohl bezahlen können, dennoch aus betriegecischem Vorsätze nicht bezahlt: so thun sie ihm wahrhaftig! Unrecht. Die Bezahlung dessen, was er schuldig war, machte ihm immer ein sehr lebhaftes Vergnügen. Dieses Vergnügen wollte er sich noch in den letzten Tagen seines Lebens verschaffen. Zu dem Ende hatte er wirklich schon einige im Halberstädtischen gelegenen, von seinem Großvater ererbten Ländereien verkaufen lassen, um mit dem, was nach dem Abtrage der bereits daraus hastenden Capitalien noch übrig bliebe, auch seine hiesigen Schulden zu bezahlen. Wäre nicht die Form der ersten Vollmacht, die er seinem redlichen Geschäftsführer, dem von ihm ungemein hochgeschätzten Herrn Bürgermeister Bollmann in Aschersleben, zugeschickt hatte, nach Preussischen Landesgesetzen fehlerhaft und daher die Vollmacht selbst ungültig gewesen: so würde das Geld noch vor seinem Tode angekommen seyn, und er würde dann den größten Theil seiner Schulden, freilich zum Nachtheile seiner Kinder, getilgt haben *). *) Keine seiner Schulden drückte ihn schwerer, als die große Ausgabe seiner Gedichte, die er schon im Jahre 1789 mit einigem typographischen Schmucke angekündigt, und worauf ein guter Theil seiner Verehrer ihm eine Pistole voraus bezahlt hatte. Diese Pränumerations-Gelder waren zwar in der bald darauf folgenden letzten großen Zerrüttung seiner häuslichen Umstände mit darauf gegangen, aber er selbst hatte ste doch nicht durchgebracht. So sehr es ihm seitdem am Herzen lag, die Ausgabe, aller Schwierigkeiten ungeachtet, noch zu Stande zu 183 Bürger soll sich bei oller seiner Gutmütigkeit dennoch bei Manchem in den Verdacht eines bösen, hämischen, übelwollenden Herzens gesetzt haben. Seine innige Mißbilligung alles dessen, was ihm unrecht, und vorzüglich dessen, was ihm ungerecht zu seyn schien, die er gewöhnlich ein wenig stark zu äußern pflegte, und dann auch einige in satyrischer Laune von ihm verfertigten Epigramme, in denen er nicht blos Thorheiten, sondern auch wohl Schwächen und Persönlichkeiten, dem Gelächter bloß stellete, mögen vielleicht Gelegenheit gegeben haben, daß Dieser oder Jener ihn böser menschenfeindlicher Gesinnungen bezüchtigte. Aber wer ihn nur einiger Maßen gekannt hat, dem brauche ich nicht zu sagen, wie wenig er diese Beschuldigung verdiente. Man hätte ihn als Beispiel aufstellen können, daß ein gewisser Hang zur Satyre und zum Epigramm mit dem höchsten Grade von Gutmüthigkeit, Menschenliebe und allgemeinem Wohlwollen gar füglich bestehen kann. Man hat viel von einer gewissen Bitterkeit geredet bringen: so wurde die Ausführung dennoch von einer Messe zur andern verzögert, und zuletzt, nicht so sehr durch Mangel an dem zur Anschaffung des Papieres und der Kupferstiche nöthi- gen Gelde, als durch seine Krankheit, unmöglich gemacht. Diese Unmöglichkeit hat ihm manche Stunde getrübt, und es bedurfte keiner öffentlichen Anfrage im Reichs-Anzeiger, sondern zuweilen nur der absichtlosesten Erwähnung in freundschaftlichen Gesprächen, um ihn zum peinlichsten Mißmuthe zu verstimmen. Seine Erben glaubten daher, seine Manen zu beruhigen, indem sie vor allen Dingen die Tilgung dieser Schuld nach seinem Tode noch zu veranstalten suchten. 184 und geschrieben, die sich seiner bemustert und in seinen Schriften verrathen haben soll. Wem, wie ihm, jeder auch noch so bescheidene Wunsch versagt, jede noch so gegründete Hoffnung vereitelt wird; wer, bei dem lebhaften Gefühle, tausend Andere, denen es in einträglichen Aemtern wohl geht, an Kraft und Talenten zu übertreffen, — alle Mühe hat, durch beschwerliche und widerliche Arbeiten den allernothdürstigsten Unterhalt zu erwerben; wer von Männern, deren Achtung und Aufmerksamkeit er zu verdienen glaubt, verkannt oder vernachlässiget; wer überdieß von bürgerlichen und häuslichen Mißgeschicken und Unglücksfällen jeder Art verfolgt und auf's äußerste getrieben wird: dem wäre ja am Ende wohl eine gewisse in Bitterkeit übergehende Unzufriedenheit zu gute zu halten. Gleichwohl behaupte ich, daß diese Bitterkeit wenigstens nicht in dem Grade in Bürgers Herzen gelegen habe, in welchem sie sich, bei seiner lebhaften und kräftigen Art sich auszudrücken, in seinen Schriften hin und wieder äußern mag. Auch im vertrauten Umgänge mochten manche Worte, die ihm wohl zuweilen entfuhren, einen Anstrich von Bitterkeit haben: aber er ließ doch diese Bitterkeit eben so wenig, als das Gefühl seiner Ueberlegenheit, Andere in Handlungen empfinden. Ein berühmter und sehr verdienstvoller Gelehrter hatte sich einst unter dem Namen Daniel Seuberlich in einem „Feynen kleynen Al man ach" über gewisse Behauptungen von Volks- Poesie, welche Bürger im Deutschen Museum *) 0 1776. 1 . Band, Seite 440. als Daniel Wunderlich vorgetragen hatte, mit vieler Laune lustig gemacht. Bürger wollte sich deßhalb durch einen unstreitig bitteren, aber nie gedruckten, Ausfall rächen. Und dennoch war so wenig Bitterkeit gegen diesen Gelehrten in seinem Herzen, daß er nicht allein immer mit der größten Achtung von ihm sprach, sondern auch bis an seinen Tod manche Stunde in der Gesellschaft desselben höchst angenehm hinbrachte. Ja ich bin fest überzeugt, daß Bürger gegen keinen Menschen in der Welt, auch gegen seinen erklärtesten Widersacher nicht, eigentliche Bitterkeit, oder Groll, in seinem Herzen hegte. Ein einziges gutes Wort würde ihn.gewiß auf der Stelle versöhnt haben. * * * Um die Leser dieser Blätter für ihre bis hierher gehabte Geduld einiger Maßen zu entschädigen, und um dieser unvollkommenen Darstellung der Denkungsart meines Freundes einige Vollständigkeit zu geben, will ich ihnen nun noch einen Aufsatz von Bürgers eigener Hand mittheilen, worin er sich und seine äußeren Verhältnisse mit großer Wahrheit schildert. Ich habe schon einmal aus diesen Aufsatz verwiesen, als ich von des Dichters unüberwindlicher Liebe zu seiner Mo lly, der Schwester seiner ersten Gattinn, reden sollte. Er erklärt sich hier selbst über die Entstehung derselben, und was er davon sagt, ist, nach dem Zeugnisse seiner noch lebenden und von ihm mit großer Zärtlichkeit geliebten jüngeren Schwester, der Frau Amts-Procuratorinn Mül ln er zu Lan- 186 gcndorf, für welche er nie ein Geheimnis hatte, der strengsten Wahrheit gemäß. Der Zweck dieses Aufsatzes war, wie man sieht, das Schwaben-Mädchen mit sich und seinen Verhältnissen bekannt zu machen, welches ihm seine Hand so treuherzig angeboren hatte, und mit dem sich seine durch einige Briefe und ein artiges Miniatur-Gemälde aufgeregte Phantasie nun schon Tag und Nacht beschäftigte. Er wollte nicht, daß dieses edle Mädchen mit ihm betrogen werden sollte. Es sollte Alles, was ihm in der Folge an dem Gatten mißfallen, und den Frieden einer so romantisch geschlossenen Ehe stören könnte, vorher von ihm selbst erfahren; darum nannte er es eine Beichte. Beichte eines Mannes, der ein edles Mädchen nicht hintergehcn will. Besäße die lebhafte rasche Schwärmerinn, deren Liebe schon durch ein Paar Hauche meines Geistes und Herzens angcfacht werden konnte, — besäße sie auch Alles, was die kühnsten Ansprüche eines Mannes befriedigen möchte, Schönheit und Anmuth, wie des Geistes, so des Leibes, Güte und Adel des Charakters, Feinheit der Sitten, Stand und Vermögen; hätte sie auch mit allen diesen Vollkommenheiten mein ganzes Wesen längst dergestalt bezaubert und gefesselt, daß sie nothwendig das Ziel meiner Heissesten unauslöschlichsten Wünsche seyn und bleiben müßte; so könnte, so dürfte ich dennoch dies Bekenntnis der heiligen Wahrheit nicht 187 unterdrücken, — nein, ich dürste cs nicht unterdrücken, wenn ich auch gleich im voraus wüßte, daß sie mir dadurch, zu meinem unaussprechlichen, bis in's Grab hinab dauernden Kummer, verloren ginge. Also gebeut mir der Richter, der Gesetzgeber, der Gott, den ich in meinem Busen trage, den ich nicht verlaugnen kann, den ich verehren, dem ich, trotz allen widerstrebenden Neigungen gehorchen muß, wenn ich nicht unmittelbar die grausamste aller Seelenstrafen Verachtung und Verabscheuung meiner selbst auf mich laden will. Theures Mädchen! so sehr ich wünsche, daß Sie die Person seyn mögen, der es verliehen ist, den Nachmittag und Abend meines Lebens zu beseligen; die Person, welche nun noch aus Erden zu finden ich längst verzweifelte; so sehr ich wünschte, der einzige Mann Ihres Geistes, Ihres Herzens, Ihrer Sinne, und in allen diesen der Mann Ihrer höchsten irdischen Glückseligkeit zu seyn: eben so sehr drangt mich auch die Pflicht, Sie durch dieses getreue Bekenntnis! von mir selbst zur strengsten Prüfung aller Ihrer Neigungen und Ansprüche erst aufzufordern, che der Enthusiasmus uns Beiden zu Schritten verleite, die uns in großes Unglück führen könnten. Ich will daher mein Inneres und mein Aeußeres so schildern, daß, wo möglich, ich selbst hinfort mich nicht genauer kennen will, als Sie mich kennen sollen. Was zuvörderst meinen Geist und mein Herz betrifft, so mögen Sie zwar wohl glauben, Beides aus meinen öffentlichen Werken so hinlänglich zu kennen, um sich in Ansehung dieser Stücke volle Genüge für Ihre 188 Wünsche versprechen zu dürfen. Allein vielleicht könnten Sie dennoch wohl irren. Ich will zwar, eben so unbefangen von Demuthsziererei, als von Dünkel, gern zugeben, daß Einiges unter meinen Werken befindlich seyn möge, das eines edeln Geistes und Herzens nicht unwürdig ist. Allein daraus dürfen Sie aus vollkommenen und unbefleckten Adel meiner Seele keinen Schluß machen. Es wäre sonst eben so viel, als ob sie von einigen schönen Blüthen auf gesunde und unverdorbene Schönheit und Vollkommenheit des Baumes, welcher sie trug, schließen wollten. Auch ein wurmstichiger mehr als halb verrotteter Stamm mag, wenn er sonst nur ursprünglich guter Art ist, noch immer deren einige Hervorbringen. Nun fürchte ich sehr, daß Sie und Jeder, der mich naher kennen lernt, trotz dem besten Vorurtheil, das er vorher für mich hegte, genöthiget seyn werde, mich für einen solchen verdorbenen Stamm zu halten. Ungewitter und Stürme des Lebens haben hart in meine Blüthen, Blätter und Zweige gewüthet. O, ich bin nicht derjenige, der ich vielleicht der Naturanlage nach seyn könnte, und auch wohl wirklich wäre, wenn mir im Frühlings meines Lebens ein milderer Himmel ge- lächelt hätte. Durch viele und langwierige Widerwärtigkeiten bin ich an Leib und Seele so verstimmt worden, daß ich oft in eine trübe melancholische Laune, und dabei in eine Ohnmacht des Geistes versinke, die mich gewiß nicht empfehlen kann. Denn ich verliere alsdann allen Muth, alles Vertrauen auf mich selbst, und halte mich für kopfleer, für heczkalt, für wortarm, kurz, für einen höchst werkhlosen Stümper. Ich denke, Jeder, 189 der mich nur ansieht, spricht bei sich: „Es ist mit dem Menschen doch gar nichts anzufangen!" weil ich dies wirklich selbst glaube. Darob bin ich mir dann selbst gram; und wenn man sich selbst gram ist, so kann man unmöglich Andern angenehm und liebenswürdig erscheinen. Da ich indessen ursprünglich gewiß mehr Anlage zum Frohmuth, als zum Trübsinn habe: so wäre ich wohl in den letzten Jahren in mein erstes Natur-Geleise zurück gelanget, wenn ich meine gefeierte Molly-Adonide behalten hätte. Denn in dem Besitze ihrer Person und Liebe fühlte ich mich sehr merklich wieder gedeihen, wie an Reichthum des Kopfes, so an Fülle, Wärme und Kraft des Herzens. Jene Laune belästigte mich damals in weit geringerem Grade, und das Weib meines Herzens erfuhr davon, wie ich glaube, gar keine Beschwerde. Wodurch hätte ich aber nach ihrem Hinscheiden genesen sollen? — Liebe, aber un- gemeine Liebe brächte vielleicht jetzt noch eine volle Wiedergeburt mit mir zu Stande. Sollte sie aber wohl möglich seyn, eine so gewaltige Liebe, die es derMühe werth hielte, ein lange verstimmt gewesenes Instrument rein umzustimmen und mit neuen Saiten zu beziehen? Und würde hernach das Instrument ihr Mühe und Kosten vergüten? — Ach, ich bin auch im Stande der Gesundheit des Leibes und der Seele nur ein gewöhnlicher Alltagsmensch, wie sie zu Millionen unter Gottes Himmel herumlausen. Ich erstaune, wie ein vernünftiges Publicum mich, um einiger guten Werse willen, für etwas Besonderes halten könne. Elise meint, weil ich nicht übel schriebe, so müßte 190 ich auch wohl artig sprechen. Nichts weniger. Ich bin ein erbärmlicher Sprecher. Meine Schrift fließt mühselig und langsam, in Prose und in Wersen. Nur ein Bißchen gesunde Beurtheilungskraft und Geschmack machen, daß es bisweilen leidlich wird, was ich schreibe. Mein mündlicher Vortrag muß daher vollends schlecht von Statten gehen. Die Gabe, geistreich, lebhaft und witzig im Umgänge zu unterhalten, mag ich vielleicht überhaupt nicht, oder doch nur in meinen glücklichsten seltensten Stunden, und auch da nur für Solche besitzen, die mich sehr lieb haben, und gerade an meiner Weise Gefallen finden. Manchem mag auch blos deß- wegcn etwas als schön Vorkommen, weil ich, der für etwas Besondere Gehaltene, es sage; ob es gleich etwas sehr Armseliges ist. Ich könnte nun zwar wohl öfter und mehr mit manchem gesellschaftlichen Schwätzer und Spaßmacher wenigstens gleichen Schritt halten. Allein ich bin zu schüchtern und blöde, alle die leichte und blind gegriffene Münze auszuspendcn, die gleichwohl, wie ich an Andern täglich sehe, ohne Widerrede im gemeinen Handel und Wandel gilt. So oft ich mir auch selbst deßfalls Muth einzusprechen suche, so tritt mir doch gemeiniglich das Gewissen in den Weg. Aus Besorgniß, durch Zucken oder Stocken die Unvollkommenheit meiner Waare zu verrathen, schweige ich lieber ganz stille. Darüber mag mich wohl schon Mancher und Manche für einen armen Schlucker gehalten und sich gewundert haben, wie ein so langweiliger Mensch doch so leidliche Gedichte gemacht haben könne. Nun, an echter vollwichtiger Goldmünze des Geistes bin ich auch in der That kein Crösus, wiewohl ich an gemeinem Klappergelde nicht eben ein Bettler bin. Mein Charakter und meine Gesinnungen möchten zwar vielleicht noch etwas mehr werth seyn, als meine Geistes-Talente. Dennoch fühle ich, daß ich mit jenen noch weit unzufriedener seyn muß, als mit diesen. Denn so wie ich hier nicht nur erkenne, was zum bester und vollkommener seyn gehört, so fühle ich auch gar wohl die Möglichkeit, diese Vollkommenheit zu erreichen, wenn ich nur nicht von Trägheit, Weichlichkeit und Sinnenlust mich so oft abhalten ließe. Dies verursacht, daß ich auch in Ansehung dessen, worin ich vielleicht wirklich besser bin, als andere Menschen, dennoch nicht gar viel von mir selbst halten kann. Denn da ich zu wenig Herr meiner Neigungen bin, um mich von ihnen loszureisten, wenn es darauf ankommt, dem gerade gegen über liegenden, von mir selbst erkannten, bewunderten und geliebten Guten nachzustreben: so muß ich wohl mein wirkliches Gute nur für Product eines unterstützenden Temperamentes halten. So glaube ich, zum Beispiel, nicht, daß ich grob, beleidigend, hämisch, boshaft, zänkisch, unversöhnlich, rachgierig, u. s. w. bin: aber warum bin ich's nicht? Etwa weil ich das Alles für unrecht, das Gegentheil aber für Pflicht halte? Ach, das thue ich freilich! aber darum meide ich wohl nicht jene Laster und übe die entgegengesetzten Tugenden aus; sondern vielleicht nur darum, weil mein träges und weichliches Temperament Ruhe und Frieden liebt. Wie manche meiner Tugenden mag aus Eigenliebe, Eitelkeit und Ruhmsucht entspringen! 192 An meiner Lebensweise und an meinen Sitten ist noch ungleich mehr auszusetzen. Ich bin kein guter Haushälter: nicht, daß ich etwa zur Verschwendung geneigt wäre; sondern weil ich ziemlich unordentlich, nachlässig, träge und leichtsinnig bin, und weder meines Geldes, noch meiner übrigen Habseligkeiten sonderlich achte. Es läßt sich daher auch kein Mensch bequemer bekriegen, als ich. Denn wenn ich den Betrug auch merke, so muß er schon arg kommen, ehe ich ihn nur zur Sprache bringe, besonders auch darum, weil ich mich Niemanden gern unangenehm mache. In Essen, Trinken und vielen andern Gegenständen des Luxus kann ich mich, ohne daß es mir sauer wird, sehr sparsam behelfen. Etwas weniger vielleicht in der Kleidung, worin ich, wenn cs seyn kann, wohl etwas mehr, als meines Gleichen modernisire. In dem, was die Kinder dieser Welt Artigkeit und feine Lebensart nennen, habe ich auch eben nicht viel gethan. Ich glaube, ich bin ziemlich trocken, hölzern und steif in meinen körperlichen sowohl, als geistigen Bewegungen. Durch sogenannte Galanterie und Politesse bin ich schwerlich im Stande, mein Glück zu machen. Was ich vielleicht auch leisten könnte, den Menschen angenehm und gefällig zu seyn, das unterlasse ich doch, entweder aus Stolz, oder aus Nachlässigkeit und Trägheit. Des Stolzes, wie auch des Trotzes gegen fremden Stolz und Trotz ist mir überhaupt eine ziemliche Portion zu Theil geworden. Dies wäre indessen wohl noch so übel nicht. Aber das ist übel, daß ich's aus Nachlässigkeit und Leichtsinn zum Beispiel oft an 193 Antworten auf Briefe, an Besuchen, an Ehrenbeschickungen und Befolgung mancher Vorschriften der Etiquette ermangeln lasse. Was indessen Lebensweise und Sitten betrifft, so glaube ich, ein Weib, das ich liebte, könnte mich ohne sonderliche Schwierigkeit zu demjenigen machen, wozu sie mich nur immer gern hätte. Liebe würde meiner mächtig seyn, so viel ich nur meiner selbst mächtig bin, und wohl noch mehr. Ich weiß nicht, ob es mir zum Lobe, oder zum Tadel gereichen mag, daß ich mich bei einem geliebten Weibe kaum gegen Sclaverei aufrecht erhalten würde; besonders wenn sie die Kunst zu herrschen verstände. Uebrigens kann ich nicht bergen, daß man mich für einen ziemlichen Libertin hält, und leider! nicht ganz Unrecht hat. Doch ist es darum, weil ich bisweilen eine unartige Zunge habe, bei weiten nicht so arg, als Mancher glauben mag. Ich bin in diesem Punkte nicht immer, und sonderlich in frühem Jahren nicht, ganz regelmäßig, aber doch nicht auf eine niedrige und schmutzige Art ausschweifend gewesen. Denn mit allen meinen Gebrechen Leibes und der Seele war ich doch jederzeit bei Weibern und Mädchen nur zu gut gelitten*), ohne Das war er in einem sehr hohen Grade. „Er war geboren, der Lieblingssänger der Weiber zu werden, und traf ihr Herz wie kein anderer Dichter. Davon könnte ich manche angenehme Anekdote erzählen, und ich wundere mich gar nicht, daß er sich so manches Herz gewonnen hat. Ein sehr wackeres Weib gestand mir einmal, daß sie dem lieblichen Sänger noth- wendig hätte in die Arme fallen muffen, wenn er's darauf angelegt hätte." So schreibt mir ein Freund von Bürger. 13 1S4 erst mühseliger Anwerbungen zu bedürfen. Ich fühle indessen, daß ich dem Weibe meiner Liebe ohne sehe harte und dringende Versuchung nicht ungetreu seyrr könnte. Ich weiß das aus der Erfahrung bei dem einzigen weiblichen Geschöpfe, das ich vor Elisen nur allein im höchsten und vollestcn Verstände des Wortes geliebt habe, wovon ich hernach reden werde. Was ich bisher, und leider! auch zu meinem Nachtheil, von mir habe bekennen müssen, könnte vielleicht noch nicht hindern, daß ein Weib, welches mich und welches ich liebte, mit mir glücklich wäre. Allein nunmehr folgt das Bedenklichste. Wenn ich auch noch so liebenswürdig von Geist, Herz und Sitten wäre: so bin ich doch weder jung, noch schön, noch in guten häuslichen Umständen. Meine Jahre reichen völlig an das wohl bewußte — Schwaben- Alter hinan. Von hundert jungen, hübschen, zwanzigjährigen Mädchen dürften leicht neun und neunzig die Schultern davor zucken. Ob ich gleich an Gesicht und Figur nicht eben eine Fratze zu seyn glaube: so bin ich doch wahrlich auch nie ein Adonis gewesen. Das Profil, das Elise kennt *), soll, wie Viele behaupten, mir ziemlich gleichen; wiewohl Andere dies wieder läug- uen. Ich kann's nicht beurtheilen, weil ich nicht die Ehre habe, mich im Profil zu kennen; indessen möchte ich doch beinahe fürchten, daß man sich darnach leicht etwas Hübscheres unter mir vorstellen könnte, als ich wirklich bin; etwas mehr Leben und Freundlichkeit allen- *1 Vor der Ausgabe der Gedichte v. I. 1789 . 195 falls ausgenommen. Meine kleinen Krankeleien geben mir oft ein weit hinfälligeres und abgeblaßtes Ansehen; wiewohl in den Zeiten, da ich mich gesunder und munterer an Leib und Seele fühle, die Leute mich auch wohl für zehn Jahre jünger zu halten geneigt sind. Denn in der That bin ich ursprünglich von sehr guter Constitution, und stände vielleicht jetzt noch in eben der Blüthe, in welcher Andere zwischen zwanzig und dreißig stehen, wenn ich nicht Geist und Körper mit so vielen und langwierigen Widerwärtigkeiten hätte müde ringen müssen. Ich bin am ganzen Körper weit schmächtiger und magerer, als mein Gesicht vermuthen läßt.. Ich habe dunkelblondes Haar und blaue Augen. Von den letzten pflegten bisher Weiblein und Mägdlein, bei denen ich, Gott weiß warum, bis auf den heutigen Tag niemals übel gelitten gewesen bin, eben nicht nachtheilig zu urtheilen. Ueberhaupt soll ich bis unter die Nase herab, selbst nach Mahlcr-Urtheil nicht uneben gebildet, der Mund aber soll ganz verzweifelt häßlich seyn. Das liebenswürdigste der Weiber pflegte zu sagen: „Bürger, es ist kein anderes Mittel, als man muß dich unaufhörlich küssen, damit man nur den häßlichen Mund nicht sehen, den du bisweilen wie ein wahrer Tropf hängen lassen kannst."— Sonderbar! Mir selbst kommt nun weder der Mund so excessiv häßlich, noch Nase, Stirn und Augen besonders schön vor. Meine ökonomischen Umstände sind noch zur Zeit sehr schlecht. Ich habe nichts — nichts! Ja, ich würde sagen müssen: noch weniger, als nichts; wenn ich nicht noch so viel an Grundstücken besäße, daß meine 13 * 196 Schulden damit getilgt werden können. Wenn aber auch dies geschehen ist, so wird wenig oder nichts übrig bleiben. Ich hatte ein ganz artiges Vermögen. Allein bei einer sehr wenig einbringenden Beamtenstelle auf dem Lande, wobei ich gleichwohl ziemlich viel Auswand machen mußte, und bei einer unglücklichen Pachtung, ist mein Vermögen darauf gegangen. Auch war meine erste Frau eine eben so nachlässige Haushälterinn, als ich selbst. Schon vor fünf Jahren habe ich, durch unsäglichen Verdruß genöthigt, jene Beamtenstelle nieder- gelegt, und seitdem, freilich eben nicht im Ueberflusse, aber doch auch nicht in allzu drückendem Mangel, von meinem Kopfe gelebt. Ich bin nun zwar in diesen Jahren nicht weiter zurück, aber doch auch nicht vorwärts gekommen. Der Tod eines mir abgeneigten angesehenen Mannes, der in verwichenem Frühjahr sich: ereignete, hat verursachet, daß ich endlich hier als Professor angestellet worden bin. Wäre dies, wie billig, eher geschehen: so befände ich mich wohl schon wieder in gedeihlichen Umständen. So aber eröffnet sich mir erst jetzt eine bessere Aussicht. Ich bekomme zwar noch, kein Gehalt, und muß vielleicht noch ein Paar Jahre darauf warten; jedoch läßt sich hier durch Collegien-Lc- sen ein Ziemliches erwerben, und ich schmeichle mir, auf dem Wege zum Beisalle zu seyn. Ich kann alsdann, wenn ich auch gleich noch keinen Heller fixes Gehalt bekäme, auf eine jährliche Einnahme rechnen, die auf's schlechteste nicht unter fünf hundert Thaler herab sinken, sehr wohl und leicht aber bis über tausend hinauf steigen kann» Wenn sich nun ein gutes liebens- 197 würdiges Weib, begabt mit etwas Vermögen und häuslichen Wirthschaftstugenden, entschließen könnte, mich armen Stümper zu heirathen: so ließen sich zwar wohl, wenn ich leben und gesund bliebe, ganz leidliche Umstände für mich, und zwar ohne des Weibes Nachtheil, erwarten. Aber wie wenn Kränklichkeit mich unthätig machte, oder gar ein früher Tod mich hinnähme? Ach, dann könnte das gute Weib vielleicht nicht einmal ihr Zugebrachtes unverkürzt zurück, geschweige denn vollends «ine andere hinlängliche Versorgung erhalten. Einigen Trost hiergegen gibt jedoch unsere sehr solide Professo- ren-Witwen-Cafse, woraus sie sich sogleich eine jährliche Pension von hundert und zehn Thalern, und sobald sie in die Claffe der sechs ältesten Witwen gehörte, von hundert und dreißig Thalern zu versprechen hätte, mit der Freiheit, diese Pension zu verzehren, wo sie will. Gleiche Pension genießen auch die altern- losen Waisen so lange, bis das jüngste Kind das zwölfte Zahr erreicht hat. Au allen diesen bedenklichen Umständen kommt noch der, daß ich nicht weniger als drei Kinder, eine Tochter von elf, einen Sohn von sieben, und eine Tochter von vier Jahren habe. Nun ließe sich zwar wohl «ine Einrichtung treffen, daß eine Frau wenig oder gar nicht davon belästiget würde. Denn meine älteste Tochter wird hier in einer Pension, wo sie mir aber wohl gegen hundert und zwanzig Thaler jährlich kostet, erzogen; der Sohn ist auswärts bei einer leiblichen sehr edeln Schwester von mir, und die jüngste Tochter bei einer braven Frauen-Schwester. Jedes Kind hat es da. 198 wo es sich befindet, sehr gut, und wird dergestalt geliebt, daß ich Mühe haben würde, es loszureissen. Denn alle sind, Gottlob! sehr gut geartete und liebenswürdige Kinder von Kopf und Herzen. Allein wenn ich wieder heirathete, so würde es mit darum geschehen, daß ich dadurch von dem Herzweh genäse, welches ich so oft über die Abwesenheit und Zerstreuung meiner lieben Küchlein empfinde. Ich würde sie dann wieder um mich versammelt wissen wollen, theils um Kosten zu ersparen, theils um ihre Erziehung unter meinen Augen zu besorgen. Da ich aber diese Kinder alle außerordentlich lieb habe, und es bei mir sowohl Temperament, als Grundsatz ist, daß man nie gütig und liebreich genug gegen seine Kinder seyn könne, so würde es mich an meiner empfindlichsten Seite schmerzen, wenn sie es bei einer Stiefmutter hart und übel hatten. Nun könnte eine Stiefmutter, wäre sie gleich sonst ein gutes Weib, die Kinder vielleicht dennoch nicht lieben, blos weil sie nicht Kinder ihres eigenen Leibes wären. Ganz unschuldiger Weise könnten sie ihr zuwider seyn. Denn ich fühle, es könnte mir eben so gehen, wenn ich Stiefvater von manchen Kindern seyn sollte, die ich unglücklicher Weise nicht leiden kann; und gleichwohl brauchte ich mich deswegen nicht für schlechter zu halten, als ich wirklich bin. Dieses ist also ein höchst wichtiger Punkt, der aufmerksame Prüfung erfordert. Nunmehr noch etwas von meiner vorigen Lebensgeschichte. Ich habe zwei Schwestern zu Weibern gehabt. Auf eine sonderbare Art, zu weitläufig hier zu erzählen, kam ich dazu, die erste zu heirathen, ohne sie 199 zu lieben. Ja, schon als ich mit ihr vor den Altar trat, trug ich den Zunder zu der glühendsten Leidenschaft sür die Zweite, die damals noch ein Kind und kaum vierzehn bis fünfzehn Jahr alt war, in meinem Herzen. Ich fühlte das wohl; allein aus ziemlicher Unbekanntschaft mit mir selbst hielt ich es, ob ich's mir gleich nicht ganz abläugnen konnte, höchstens für einen kleinen Fieberanfall, der sich bald geben würde. Hätte ich nur einen halben Blick in die grausame Zukunft thun können, so wäre es Pflicht gewesen, selbst vor dem Altäre vor dem Segensspruche noch zurück zu treten. Mein Fieber legte sich nicht, sondern wurde durch eine Reihe von fast zehn Jahren immer heftiger, immer unauslöschlicher. In eben dem Maße, als ich liebte, wurde ich von der HLchstgeliebtcn wieder geliebt. O, ich würde ein Buch schreiben müssen, wenn ich die Martergeschichte dieser Jahre und so viele der grausamsten Kämpfe zwischen Liebe und Pflicht erzählen wollte. Wäre das mir angetraute Weib ein Weib von gemeinem Schlage, wäre sie minder billig und großmüthig gewesen (worin sie freilich von einiger Herzens-Gleich- gültigkeit gegen mich unterstützt wurde): so wäre ich zuverlässig längst zu Grunde gegangen, und würde jetzt diese Zeilen nicht mehr schreiben können. Was der Eigensinn weltlicher Gesetze nicht gestattet haben würde, das glaubten drei Personen sich zu ihrer allerseitigen Rettung vom Verderben selbst gestatten zu dürfen. Die Angetrauete entschloß sich, mein Weib öffentlich und vor der Welt nur zu heißen, und die Andere, in geheim es wirklich zu seyn. Dies brachte nun zwar mehr Ruhe 200 in Mer Herzen; aber es brachte auch eine andere höchst angst- und kummervolle Verlegenheit zu Wege. . . . Im Jahre 1784 starb meine erste Frau an der Auszehrung , die in ihrer Familie erblich war. Im Jahre 1785 heirathete ich öffentlich und förmlich die Einzige HLchstgefeierte meines Herzens; allein nach kurzem glückseligen Besitze verlor ich auch sie am 9. Januar 1786 nach der Geburt der jüngsten Tochter an einem hektischen Fieber. Was ihr Besitz, was ihr Verlust mir war, das sagen meine Freuden- und Trauerlieder. Seit dieser Zeit lebte ich einsam und traurig mit sehnendem Herzen. Kann Elisen der Mann noch reizen, der so vor ihr da steht? Noch habe ich, wie mir vorkommt, mir selbst eben nicht zum Vortheile geredet. Etwas ist indessen doch wohl demjenigen erlaubt, zu seinem Besten zu sagen, der keinen seiner wichtigsten Fehler vorsätzlich verschwieg. Dem Weibe, das mich, so wie ich da bin, zu lieben vermag, und welches ich mit voller Liebe wieder liebe, darf ich ein nicht unglückliches Leben versprechen. Ist es ihr süß, von mir geliebt, an meinem Busen gehegt und gepflegt zu werden, so wird es ihr nie an voller Genüge ermangeln. Denn wenn ich einmal echt und von Herzen liebe, so liebe ich gewiß unveränderlich, und keine Fülle des Genusses kann mich des geliebten Weibes satt und überdrüssig machen; so gemein auch die Bemerkung ist: der Genuß sey das Grab der Liebe. Nur Asterliebe, die den heiligen Na- > 201 men nicht verdient, erkaltet im Bette der Ehe. Der wahren Liebe, meiner wahren Liebe bleibt dies immer ein Brautbett. Auch das Weib, welches ich unglücklich genug wäre, nach der unzertrennlichsten Verbindung nicht mehr zu lieben, darf wenigstens keine unedle und rauhe Begegnung von mir fürchten. Das bezeuge mir noch in jener Welt die, mit welcher ich zehn Jahre ohne ein rohes unfreundliches Wort verlebte, ob ich sie gleich nicht liebte. Eher möchte ich vielleicht fähig seyn, mit der Höchstgeliebten meines Herzens, doch nur über geargwohnten Mangel an ihrer Gegenliebe, zu hadern. Gott bewahre mich vor einem Weibe, das mich für meine Liebe nicht vollauf wieder liebt! Noch bin ich in diesem Falle zwar nicht gewesen: aber mir däucht, es würde von allen möglichen der schlimmste seyn. Leicht könnte ich dann der unerträglichste Mensch werden. Denn es kommt mir vor, als sey ich großer Eifersucht fähig. Freilich nicht, nach gemeiner Männer Weise, zum Hüten und Auskundschaftcn der Schritte und Tritte meines Weibes; nicht zur Einschränkung ihrer Freiheit in irgend einer Art des Umganges: aber heimliche Verzweiflung würde mein Herz zerfleischen, und in der grausenden Gestalt eines Höllen-Verdammten würde ich vor ihrem Angesichte umher schleichen. Nun, Elise, prüfen Sie sich und mich! Erkundigen Sie sich, wo möglich, nach mir und meinen Umständen auch bei Andern. Doch glauben Sie eher nichts, als bis ich's Ihnen selbst bestätigt habe. Denn ob gleich kaum irgend Jemand mich schlimmer schildern wird, als ich selbst gethan habe: so könnte mich doch wohl ein SOS Anderer minder wahr schildern, als ich, der ich mich selbst am besten kenne, zu thun im Stande bin. Sie haben eine Mutter, und, wie mir versichert worden ist, eine rechtschaffene und kluge Mutter. Wenn Ihnen je in Ihrem Leben der Rath einer solchen Mutter theuer und werth war, so lassen Sie sich's in diesem Falle doppelt angelegen seyn, auf ihre Stimme zu horchen. Sie wird vermuthlich diese Darlegung mit einem offneren und unbefangneren Sinne, als Sie, liebe süße Schwärmerin», aufnehmen, und der Rath des Mutter-Kopfes wird vermuthlich zuverlässiger seyn, als der Rath des Tochter-Herzens. Findet die Mutter, daß der Mann, der sich mit dem Pinsel der Wahrheit hier selbst geschildert hat, ohne mit Wissen und Willen irgend einen Flecken, worauf etwas ankommen kann, auszulassen, dennoch wohl ein guter Mann für ihre Tochter seyn könne: nun —- so überlassen Sie sich dem vollen Zuge Ihres Herzens! Doch nein! auch alsdann noch nicht eher, als bis Sie mich selbst gesehen haben. Meinen Sie, nach wiederholter und abermals wiederholter Prüfung dieser Beichte, daß ich, trotz Allem, was an mir auszusetzen ist, dennoch der Mann Ihres Herzens seyn könne, wenn anders mein Körperliches Ihnen nicht ganz und gar zuwider seyn sollte; und Sie sagen mir dieses redlich, offenherzig und unbefangen: so will ich ganz in der Stille, unerkannt und unter fremdem Namen, um weder Sie, noch mich selbst vor der Welt bloß zu stellen, zu Ihnen nach Stuttgart kommen. Auch ich selbst muß Sie erst sehen, wie Sie leiben und leben, 203 und ob Sie diejenige wirklich sind, die ich im Geiste freilich schon längst mit hoher Liebe umfasse. Geist, Herz, Charakter, Lebensart, Sitten, Stand, Ehre, Vermögen, sind zwar wichtige Ingredienzien zu einer glücklichen Ehe; allein sie machen es doch nicht immer und ganz allein aus. Wir sind insgesammt sinnliche Menschen, und auch die Sinnlichkeit will ihr Recht haben. Unsere Sinne müssen ein wechselseitiges Behagen an einander finden, welches sich nicht gerade nach Jugend und Schönheit, sondern oft nach einem unerklärbarcn Etwas richtet, das sich weder malen, noch beschreiben, sondern allein im Innersten fühlen läßt. Dieses Etwas läßt sich weder geben, noch nehmen. Nach diesen Vorbereitungen wird es sich in der ersten Stunde unserer persönlichen Zusammenkunft ausweisen, ob wir das Publicum mit der allersonderbarsten Heiraths- Geschichte zu amüsiren, — zu unserm eigenen noch größer» Amüsement zu amüsiren im Stande sind, oder nicht. Elise, Elise! ich schließe mit einer theuern, feierlichen Beschwörung. Bei dem ewigen Gotte, bei Ihrem eigenen Wohl und Weh, und bei dem Wohl und Weh eines Mannes, der nicht redlicher um das Ihrige besorgt seyn kann, als er ist, beschwöre ich Sie: Wählen Sie mich nicht zu Ihrem Gatten, wofern Sie nicht bei sich fühlen, daß Sie sich mit voller Liebe in meine Arme werfen können. Ich schwöre Ihnen, in Ansehung Ihrer eben dasselbe zu beobachten. Und so hoffe ich freudig, der Allbarmherzige werde unfern Bund, wenn er zu Stande kommt, mit seinem Segen krönen. G. A. B. II. Mittheiluttgen ans Düngers Drief- wechsel. <§lrim an Heinrich Christian Noie *). Halberstadt, den 15ten Januar 1771. Zu Göttingen, mein liebster Herr Boie, soll ein ganz vortrefflicher Kopf sich aufhalten, Namens Bürger; er soll aus Aschersleben gebürtig und folglich eine Meile von mir zu Hause seyn. Man hat mir Wunder von ihm erzählt. Er soll den Homer übersetzen, und vortrefflich! Können Sie mir's verdenken, wenn ich mich augenblicklich nach ihm erkundige? Meinem Boie sollt' er unbekannt geblieben seyn? Warum aber hätt' er mir von ihm noch nichts gesagt? Alle Fragen bei Seite, mein lieber Herr Boie! Kürzer ist, Sie zu bitten, mir doch mit der ersten Post *) S. Literarisches Conversations-Blatt für das Jahr 1821- Nr. 275. S. Ilvo. 205 alles das zu sagen, was Sie von dem jungen Unbekannten wissen; denn so ganz unbekannt ist er mir, daß ich auch nicht einmal seinen Namen nennen gehört habe. Das aber bedinge ich, mein werthester Freund, daß Sie dem Herrn Bürger von meiner Erkundigung nichts sagen. Schade, sagte der erste, der seinen Namen nannte, daß er sich dem Trunk zu sehr ergeben hatl Wäre dieses, so möchte ich schon deswegen nicht, daß er's erführe! Die andern Ursachen gehen nur mich an. Wie aber, wenn Sie fänden, daß es mit dem Jammer Schade! seine Richtigkeit hätte, würden Sie dann nicht gleich vor Eifer brennen, ein junges Genie vom Verderben zu retten? Und dürft ich's wohl wagen, Sie darum zu bitten, und daß Sie mit dem Genie Bekanntschaft machen und in bessere Gesellschaft einführen möchten? Denn ohne Zweifel wird er durch die Gesellschaft, in die er zufällig gerathen ist, verdorben; ein Genie verdirbt sich nicht selber, aber es kann von Andern leicht verdorben werden. Ich schreibe nur von dieser Sache, denn ich möchte nicht gern Ihre Aufmerksamkeit darauf zerstreuen, und bin, wenn Sie mir bald Nachricht geben, noch mehr als schon jetzt Ihr Gleim» 206 Doie an O l ei »r *). Göttingen, den 28sten Jan. 1771. Ihr Brief, mein theuerster Herr Canonicus, ist mir ein neuer Beweis von dem Enthusiasmus für die deutschen Musen und von Ihrer edlen Denkungsart. Ich eile Ihre Fragen mit der ersten Post zu beantworten. Ich kenne Herrn Bürger nicht allein, sondern er ist auch mein Freund, so lange ich ihn kenne. Er verdient allerdings, von Ihnen und Allen, denen die Ehre unserer Nation am Herzen liegt, gekannt und ausgemuntert zu werden. Warum ich aber Ihnen einen jungen Mann von so viel versprechenden Talenten nicht eher genannt habe, das weiß ich mir selbst nicht zu erklären. Thun hätte ich es sollen, das sehe ich nun wohl ein, da ich Ihre Freude bei Entdeckung eines jeden neuen Talents und Ihre Bereitwilligkeit, es zu unterstützen und Andern sichtbar zu machen, kannte. Genannt habe ich Ihnen indeß, so viel ich mich erinnere, doch seinen Namen schon, da ich Ihnen vorigen Winter, vor meiner Reise nach Berlin, die Stutzer- Ballade von ihm vorsagte, die jetzt, aus den Unterhaltungen abgedruckt, in dem Schmidt'schen Almanach steht. In meinem Almanache ist das schöne Trinklied von ihm, und Herr Jacobi wird Ihnen vielleicht etwas *) S. literarisches Conversations-Blatt für das Jahr 1821 . Nr. 278 . S. 1112 . 207 von einer komischen Romanze „Europa" gesagt haben, von der ich ihm Fragmente zeigte und die ich nächstens Ihnen gedruckt zuzusenden hoffe. Ehe ich mehr von ihm sage, will ich mit aller Offenherzigkeit, die ich bei Ihnen brauchen kann, von seinem Charakter und seiner Lage Ihnen Rechenschaft geben. Er hat in Halle Theologie studirt, unter Meuseln einmal disputirt und, mehr durch Genie als durch Fleiß, so viel gelernt, daß er sicher sein Glück gemacht haben würde, wenn nicht sein freies lustiges Leben die Herren Theologen verhindert hätte, ihm gute Zeugnisse zu geben. Eben das, was aus einen edeln Zweck gelenkt, den Mann von Genie so weit über gemeine Menschen erhebt, führt auch an der andern Seite weiter als diese, wenn er nicht früh genug mit Männern edler Denkungsart umgehen und seinen Charakter in einer feinen, edlen Erziehung verbessern kann. Das war das Unglück meines Freundes. Ohne alle Erziehung, ohne Geschmack wurde er auf das Pädagogium zu Halle geschickt. Er lernte etwas und vertauschte die Schule mit der Universität. Hier fuhr er fort wechselsweise zu schwärmen und zu studiren und würde, durch das Beispiel des Lehrers, den er sich wählte, aufgemuntert, vielleicht nie einen andern Weg gegangen seyn als diesen, worauf in unfern Tagen so viele gute Köpfe verunglückt sind, wenn er nicht hierher gekommen wäre. Er sah selbst ein, daß es mit der Theologie nicht gehen würde, und beredete seinen Großvater, von dem er abhängt, ihn nach Göttingen zu schicken, um die Rechte zu studiren. Das that er auch mit einem Eifer, der ihn in einigen Jahren geschickt 208 darin machte, fand aber noch immer Zeit, die schönen Wissenschaften gründlicher zu studiren, als man sie gemeiniglich zu studiren pflegt. Jndeß brachte ihn eine unglückliche Gewohnheit und Mangel an guter Gesellschaft noch immer wieder in seine vorigen Ausschweifungen, und dadurch wurde sein Großvater so aufgebracht, daß er seine Hand gänzlich von ihm abzog. In dieser traurigen Lage ist er noch, aber so unglücklich sie ihn in mancher Hinsicht macht, hat sie doch gute Folgen für ihn gehabt. In dieser Zeit ward ich mit ihm bekannt. Die Anhänglichkeit an Meinungen, die ich nicht mehr hatte, die Zuversicht, die alle Gelehrte von einer gewissen Secte haben, und die mir von Tag zu Tage unerträglicher wird, weil sie ein sicherer Beweis ist, daß man noch nicht viel gesehen hat und nie weit sehen wird, machten, daß wir, trotz unserer Bekanntschaft, noch immer entfernt blieben. Der genaue Umgang mit meinem Freunde Götter, der mir damals wenig Zeit und wenig Lust zu einem Andern ließ, trug vielleicht auch etwas dazu bei, Einerlei Liebe zu den Musen, einerlei Studien mußten uns indeß näher vereinigen und nach Gotters Abreise sahen wir uns schon öfter. Ich reiste indeß nach Berlin, und seit meiner Zurückkunft leben wir als Freunde mit einander. Er hat seitdem das Spanische sehr weit getrieben und ist ganz zu den griechischen Musen zurückgekehrt. Die erste Frucht dieses Umgangs wird eine Uebersetzung des Romans von dem ephesischen Zkenophon seyn, der nicht ohne Interesse ist und wegen seines Alterthums schon Aufmerksamkeit verdient. Er hat mit einer Uebersetzung des Homer an- 209 gefangen, wird aber mit aller Bedachtsamkeit und Reife des Unheils fortfahren, die eine solche Unternehmung erfordert, wenn sie nicht scheitern soll, wie alle vorhergegangenen. Noch ist er Willens, sie in Jamben zu machen und hat auf diese Art schon ein Buch fertig. Die Probe macht ihm die größeste Ehre, obgleich ich ihm noch immer meine Zweifel mache, daß die Majestät des Homerischen Hexameters sich in Deutschen Jamben nicht wohl copiren laste. Ich weiß, die Italiener haben einen Homer in vorsi soiolti, die Engländer sogar in Reimen, aber beide haben auch keinen Hexameter wie wir. — Herr B. lebt jetzt auf eine untadelhafte Art und ich verspreche der Nation von seinen Talenten nicht wenig. Gelitten haben sie bei seiner vorigen Lebensart, aber zerstört sind sie nicht. Ich glaube, daß der Eintritt in die feine und gesittete Welt ihn jetzt zu einem vollendeten Manne machen und leicht das Rohe ab- schleifen würde, das ihm noch von seiner vorigen Lebensart übrig geblieben ist. Ich habe schon verschiedene Versuche gemacht, ihn aus seiner Lage zu reißen, aber alle sind noch vergebens gewesen. Er weiß nichts davon. Ich war willens, Sie zu bitten, ihm die Stelle zu verschaffen, die Ihre Güte für mich ausgefunden hatte; aber in der Zeit hatte er die gewisseste Aussicht auf einen wichtigen Posten, und ich konnte ihn nicht zwischen zwei Thüren stellen. Es scheint nichts daraus zu werden, und nun ärgert es mich sehr, daß ich mich nicht früher an Sie gewandt habe. Wird ihm nicht bald geholfen, so sind wir in Gefahr, um einen vortrefflichen Kopf zu kommen. Hier sehe ich keine Aussicht für ihn, und 14 S10 seine Freunde sind alle nicht in der Lage, ihm so nachdrücklich zu helfen, wie sie gern wollten. Herr Klotz nimmt sich seiner sehr an, und ich freue mich darüber, ob ich gleich, um B. selbst willen, nicht wünsche, daß er durch ihn zuerst in die Welt cingeführt werde. Das würde ihm sicher in der Meinung derer schaden, deren Beifall nur ein Mann, der edel und fein denkt, sucht. Ich würde mich vor mir selbst schämen, wenn ich einen Funken persönlichen Grolles wider Kl. in mir hätte. Ich verkenne sein Genie nicht, aber ich bin zu sehr von dem großen Schaden überzeugt, den er in unserer Literatur angerichtet, als daß ich die Vereinigung eines guten Kopfes mit ihm ohne Schmerz sehen könnte. Sie ist seinen Sitten und seiner Große gleich nachtheilig. Wie kann der groß werden, der frühzeitig lernt, daß es Nebenwege gibt, zu dem Tempel der Ehre zu kommen? Um Ihnen einen völlig deutlichen Begriff von ihm zu geben, habe ich sogar meines Freundes nicht geschont; aber er selbst würde Alles billigen und bestätigen, was ich gesagt habe, so bald er den Mann kennte, dem ich es sage. Er wird sicher nicht wieder in seine vorigen Fehler zurück fallen, da er sie und ihre Folgen kennt, und auch edle und bessere Freunde finden, seit dem er sie zu haben verdient. Seine jetzige Lage, so traurig wie sie ist, war zu seinem wahren Wohl vielleicht nothwendig. So sind die Wege der Vorsicht. Sie erlaubt oft einem Menschen hart, ja grausam zu seyn, um durch ihn einen Andern zu bessern, dessen sie sich vorzüglich annimmt. Ich bin mit meinem ganzen Herzen der Ihrige _ B. 2tt Doie an üöleim *). Göttingen, den 18ten März 1771. Ich kann nichts besseres thun, mein theuerster Herr Canonicus, als Ihren Brief gleich beantworten. Ich danke Ihnen unendlich wegen der Mühe, die Sie sich des guten B. wegen gegeben. Daß sie von Seiten des Großvaters fruchtlos sein würde, hätte ich Ihnen wohl Vorhersagen können. Der Alte muß der besonderste Mann von der Welt seyn. Vor einem halben Jahre fast hakte der gute junge Mann Hoffnung, Legations - Secretair in Warschau zu werden. Er war von hieraus mit den besten Empfehlungen dazu vorgeschlagen worden, und seine Freunde hatten sich schon geschmeichelt, daß es gewiß durchgehen würde. Die Abrufung des General von Weymarn, zu dem er kommen sollte, muß vermuthlich das Project zu Wasser gemacht haben. B. schrieb, auf meine Bitte an seinen Großvater, um ihm vorzustellen, ob er, wenn was daraus würde, nicht seine hiesigen Schulden bezahlen wolle. Nichts, war die Antwort, die er ihm gab, und der Brief schloß sich mit Anwünschung eines baldigen seligen Endes. Das Schlimmste ist nur, daß er wegen seiner hiesigen Schulden nicht leicht eine auswärtige Stelle annehmen kann, wenn sie nicht so ist, daß die Schuldner eine baldige Bezahlung erwarten dürfen. Vor einigen Tagen kommt hier ein junger *) S. Literarisches Cvnversations-Blatt für das Jahr 1821. Nr. S87. S. 1147. 14 * > S12 Engländer ein, der reich ist und einen Hofmeister braucht. Zum Unglück bin ich nicht gleich bei der Hand, und es wird einer untergeschoben, den ich just von allen am wenigsten gewählt hätte. Aber ich bin nicht ohne Hoffnung ihm noch auf andere Art zu helfen. Gott gebe es, daß ich kann! Die Magdeburgifche Stelle, die Ihre Güte ihm vorschlägt, kann er wohl aus oben gesagten Gründen nicht annehmcn. Er weiß zu viel, um auf Klotzens Halbgelehrsamkeit zu bauen; aber Kl. hat ihm so viel Gutes erwiesen, daß es Undankbarkeit wäre, wenn er wider ihn wäre. Für ihn kämpfen soll er aber eben so wenig, so nöthig auch Kl. bei seiner halb desertirten, halb furchtsamen Armee junge rüstige Streiter braucht. Auf die guten Köpfe, die Sie mir von H. aus ankündigen, bin ich nicht wenig neugierig. Vielleicht kann ich Ihnen aber auch bald etwas verrathen, worüber Sie sich freuen werden. Bürger an Gkeim*). Görtingen, den 7ten Jul. 1771. Wohlgeborner Herr! Hochgeehrtester Herr Canonicus! Wie froh war ich nicht, als Sie nur erst in den Wagen gestiegen waren! So froh, als wenn man nach *) S. literarisches Convcrsatlons-Blatt für das Jahr 1831. Nr. 387. S. 1148. 213 einer ängstlichen Erstickung wieder frei athmen kann. Ich eilte nach dem letzten Kusse meinem Zimmer zu und kaum brachte ich meine Augen trocken über die Straße. Mein Herz war mir hoch heran geschwollen, und wären Sie länger geblieben, so hätte ich überlaut weinen müssen. Man soll sich zwar seiner guten Empfindungen nicht schämen, allein ich verberge doch lieber das Spiel derselben vor den stumpfen Seelen, die mich umgeben. Gott im Himmel! was ist das für ein Mann! O Natur! Hast du noch mehr solche Söhne geboren? — Nein! Nein! rief ich hitzig, so wahr der Herr lebt! es gibt keinen so edeln Mann, als Gleim ist, aus Erden mehr! Ich contrastirte hierauf den großmüthigen, liebreichen Gleim mit denen, auf deren Liebe ich als Blutsfreund ein Näherrecht hätte. — Gott! ich hätte für Wehmuth zergehen mögen bei dieser Vorstellung. — Doch ich will hiervon abbrechen; diese Erinnerung möchte sonst gewisse Saiten in meinem Herzen zu stark rühren, ich möchte zu sehr wieder in das Weinen geralhcn und dann möchte ich diesen Brief nicht endigen können. Aber, vortrefflicher Mann, sagen Sie mir doch, warum lieben Sie mich so? Ohnmöglich kann ich so vieler Liebe Werth seyn. Ach, wie sehr befürchte ich, daß Sie vergeblich nach einer Ursache sinnen würden! Ganz gewiß enthält blos Ihr edel und weich geschaffenes Herz, dem jedes Geschöpf nahe gehen würde, wenn's sich nicht wohl befände, den Grund Ihres gütigen Betragens. Denn schon ehe Sie mich kannten, ehe Sie noch sonst etwas von mir wußten, als daß ich mich in unangenehmen Umständen befände, interesirte sich dieses edle Herz so sehr für mich, daß Sie durch Herrn Ahrends bei meinem Großvater für mein Bestes sprachen. Ich kann's nicht beschreiben, wie warm mir um's Herz wurde, als mir Herr Boie dieses erzählte. Wie sehr fesselte schon dieses mein Herz! Herr Boie hat mir seit dem öfter gesagt, daß Sie sich mehr für mich interessirten, als ich nur immer mir einbilden könnte. Denken Sie nun, wie diese Wärme in meiner Brust zugenommen haben müsse, als ich bei Ihrem Hierseyn über die allerkühnste Erwartung Proben Ihrer Huld empfing. — Ich fühle sie noch, jene innigen Umarmungen und das sanfte Streicheln Ihrer wohlthätigen Hand auf meinen Wangen. —> Ich fühle alles noch und werde es immer fühlen. Wahrlich, ich lebte damals die seligsten Minuten meines Lebens. Seit dieser Zeit liebe ich Sie so unaussprechlich, daß ich zweifle, ob Venus Urania mehr Liebe in ihrer Gewalt hat, um sie in das Herz eines Sterblichen zu hauchen, als die erhabne Göttinn der Freundschaft und die Dankbarkeit, eine heitere Göttinn mit frischen Wangen und feurigen Augen, in meine Seele geströmet» Diese Liebe konnte durch die letzte edle Handlung, die Sie vor Ihrem Abschiede an mir thaten, nicht vermehrt werden, so edel dieselbe auch immer war. Mein Erstaunen aber trieb sie auf den höchsten Grad. Wahrlich! solche Tugend habe ich auf Erden noch nicht gefunden. Allerbester Mann! was thäte ich nicht, Ihnen meine Dankbarkeit zu zeigen! Fürwahr! fürwahr! ich spränge Zu dir in's Höllenreich 215 Und bäte Gott, zu richten Barmherzig, und doch nur Die Hölle zu vernichten, Um Deinetwillen nur. An dem Tage, als Sie weggereist waren, gegen Abend, als ich kaum etwas wieder zu mir selber gekommen war, kam ein hiesiger ^uris praetiou8, Ilr. Hesse, zu mir und erzählte mir, daß er mit Arbeiten so überhäuft wäre, daß er wohl sich einen Gehülsen wünschte. Da hätten ihm nun einige Professoren mich vorgeschlagen; er komme also, mir diesen Antrag zu thun. Ich überlegte die Umstände, worin ich mich befinde,-und dachte, daß ich doch wenigstens meine Schulden nicht vergrößerte, wenn ich seinen Vorschlag annähme. Ich entschloß mich also bald. Das einzige ist mir nur unangenehm dabei, daß ich nun meine entworfenen opu8culu nicht so geschwind und bequem verfertigen kann, als ich wohl wünschte. Von meinem harten Großvater habe ich endlich wieder einen Brief erhalten; ich hatte ihm so oft und nach meiner Meinung so kläglich geschrieben, daß es einen Irokesen hätte rühren müssen. Bei ihm aber hat's nicht mehr geholfen, als daß er nun Unvermögen, mir zu helfen, vorschüht. Sie können sich gar nicht vorstellen, was das für ein Mann ist. Höchst geizig, ohne Gefühl in der Brust und dabei von seinem Alter lächerlich und kindisch! Was ist mit einem solchen wohl anzufangen? Was er bisher an mir gethan, das hat nicht sein gutes Herz, sondern seine bis zum Lächerlichen ausschweifende 216 Eigenliebe gethan. — Ich muß schließen, weil ich zu nahe am Rande bin. Ew. Wohlgeboren gehorsamster Bürger. <§leim an Bürger*) Halbcrstadt, den Iten August 1771. Warum ich Sie liebte, mein lieber Herr Bürger, ehe ich Sie kannte? Weil ich von Herrn Boie, weil ich von Andern, die Sie kannten, so sehr, so wohl von der Seite des Genies als des Herzens Sie loben hörte, daß ich ein Herz von Felsen und einen Geist von der gröbsten Materie hätte haben muffen, wenn ich nicht aufmerksam darauf gewesen wäre. Warum ich Sie liebe, nun ich Sie kenne? Weil ich nun selbst gesehen und geurtheilt habe. Wer kann es immer sagen, warum man liebt? Meinen Bürger zu lieben, war es genug gewesen, sein offenes Auge, durch welches ein ehrliches Herz so deutlich spricht, gesehen und sein Dörfchen gelesen zu haben. — Dieses Dörfchen, mein lieber Herr Bürger, wenn ich König wäre, machte, daß ich ein solches Dörfchen in meinem ganzen Königreiche suchen ließe, mit Ihnen darin zu wohnen. Nur noch drei solcher Gedichte, so will ich sauber sie drucken lassen, sie *) S. literarisches ConversationS-Blatt für das Jahr 1821. Nr. 298. S. 1192. dem König, der die Bernards, Gressets so gern liest, zu lesen geben, und wenn er dann meinen Bürger nicht ihnen vorzöge, nicht zu den Deutschen Musen bekehrt würde, so wollte ich, den Deutschen König für die Deutschen Musen einzunehmen, in meinem Leben nicht wieder versuchen. Mit Ihrem Homer, den ich seit dem gelesen habe, bin ich ebenfalls im höchsten Grade zufrieden. Meine hiesigen jungen Freunde mögen einmal Ihnen sagen, mit welch' einem Enthusiasmus ich ihn vorgelesen habe! Einer derselben, der ihn griechisch liest, wie mein Bürger selbst ihn griechisch lesen mag, gerieth mit mir in Streit; er meinte, daß die Sprache Homers viel simpler als die Ihrige wäre. Was läßt sich nicht darüber sagen, was aber auch dagegen einwenden! Das Ende dieses kleinen Zankes war: wir wurden alle der einmüthigen Meinung, daß Sie durch keinen Tadel von dem angegebenen Ton sich müßten abbringen, noch in irgend einem Ihrer Grundsätze, nach welchen Sie die Uebersetzung angefangen, sich müßten irre machen lassen! Seine Seele, sagte ich, ist voll von diesem Ton, von dieser Sprache, diesen Sylbenmaaße; sie glühet, sie muß kalt werden, wenn er dieser Vollheit sich begibt und anfängt in einem Tone zu arbeiten, auf den er sich nicht selbst gestimmt hat. Also, mein lieber Herr Bürger, wenn Sie unser Aller guten Rath folgen wollen, so machen Sie's wie alle große Geister, gehen Sie Jhren^ Ihren Weg. Wollten die Götter, ich könnte die Ihnen dazu nöthige Muße verschaffen! S18 Ich bitte Sie, wenn ich Ihrem Dörfchen vorbei reise, bei Ihnen einfprechen zu dürfen als Ihr Gleim. Vurger an Glcim*). Göttingen, den Lösten October 1771. Ich bin von Ihrem edeldenkenden Herzen und von Ihrem Eifer, mich glücklich zu machen, so überzeugt, daß es mir beinahe wehe thut, wenn Sie sich wegen des Verzuges gleichsam bei mir entschuldigen. Ich weiß es, ich weiß es von selbst, allerbester Mann, daß Sie das Höchste thun werden, was Sie nur irgend können, und bei dieser Ueberzeugung lasse ich meine Seele gänzlich in Frieden ruhen. Gesetzt, die Conjecturen vereitelten alle Anschläge Ihres vortrefflichen Herzens, so wird mir dennoch dieses Herz, das der Menschheit Ehre macht, nicht minder theuer und verehrungswürdig bleiben. O ich liebe Sie, theurer Mann, wie ich meine Augen, wie ich meine Seele liebe, wenn Sie mir auch noch nicht die geringste Wohlthat erwiesen hatten und nimmer eine erweisen würden. Entziehen Sie mir nur Ihre Gewogenheit, die ich jetzt zu besitzen mir schmeichle, nimmer. Meine Verbindung mit vr. Hesse ist nicht zu Stande gekommen. Ich hatte diesen Sommer ihm ar- *) S. literarisches Conversations - Blatt für das Jahr 1881. Nr. 30». S. 1800. beiten geholfen und er war, wie ich oft durch den dritten Mann erfahren, sehr wohl mit meinen Arbeiten zufrieden. Diese Michaelis dachte ich in sein Haus zu ziehen, aber siehe! da hatt' ein anderer armer brodloser vootor juris Hieselbst mich aus dem Sattel gehoben, und zwar nicht durch die besten Künste, wie ich höre. Doctor Hesse entschuldigt dieses Verfahren damit, daß ich vermuthlich bald Weggehen würde, und daß ihm mit einer so kurz dauernden Verbindung nichts geholfen gewesen wäre. So sind die Menschen! Indessen, wer weiß, wozu mir's gut ist; wenigstens kann mir diese Begebenheit einen Vorschmack von den Umschlägen des künftigen Lebens geben, der mir gewiß heilsam seyn wird. Gegenwärtig wohn' ich nun in dem Hause des Professor Schlözer, der sich für mich zu interessiren anfängt. Durch seine Vermittlung hoff' ich mir künftig etwas von den Buchhändlern zu verdienen. Er ist ohnstreitig ein harter, unbiegsamer Mann, aber dabei nicht ohne edles Sentiment. Daß Ihnen mein Gedicht gefallen hat, freuet mich sehr; noch mehr aber freuet mich's, daß Sie mir Erinnerungen gethan haben. O ich wollte, Sie verführen in diesem Stücke recht sehr strenge mit mir! Aber leider! müßten Sie dann viel Zeit und Papier verderben. Wenn Sie meinen, daß Eins oder das Andere der Sammlung des Herrn Michaelis keine Schande macht, so nehme ich die Ehre an, die er mir zugedacht hat. Ich wünschte aber vorher zu wissen, welches er nehmen wollte, damit ich's vorher ausfeilte. Wenn die Sammlung noch nicht so geschwind herauskommen wird, so kann ich Herrn Michaelis ein Stück versprechen, das nicht ganz schlecht seyn soll. Es ist das verdeutschte, aber srei verdeutschte l^erviKilium Veueris. Ich habe mir vorgenommen, in diesem Stücke den Wohlklang und die Correctheit so weit zu treiben, als in meinen Kräften steht. Die Mißtöne, die meinem Ohr entwischen könnten, werden Sie gewiß bemerken. Nächstens überschicke ich Ihnen das Stück. Auch habe ich sonst noch ein Dutzenb Minnelieder liegen; wenn aus einem oder dem andern etwas Taugliches werden kann, so steht's Herrn Michaelis auch zu Diensten. Wenn's Ihnen nicht zu beschwerlich fällt, so halten Sie doch ja Ihre Erinnerungen über meine Arbeiten nicht zurück. Es braucht nur immer ein kurzer Wink zu seyn, ich will schon zu verstehen suchen. Ihr gehorsamster Diener und ewiger Verehrer Bürger. Bürger an . . . *). Göttingen, am Ilten Januar 1772. Hochzuehrendcr Herr! Heute, da ich auf dem Zimmer der Herren Miller bin, kommen Briefe aus . . . und, wie sie mir sagen, von ihrem liebsten Herr ... an. Sie setzen sich sogleich Dieser und der folgende Brief sind abgedrucktAus dein Morgcnblatt. Decemb. 1824. Nr. 302. S. 1206 f. L21 hin — sehen Sie, wie sehr Sie geliebt werden! — um wieder zu antworten. Ich sage im Scherz: Soll ich mit an Ihren Freund schreiben? — und aus diesem Scherz wird in weniger als einer Minute Ernst. Wie drollig doch in der Welt Verbindungen entstehen können! — Doch der Scherz, mein werthester Herr, ist nicht allein Schuld an diesem Briese. Die beiden Herren Miller sagen mir täglich so viel Rühmliches von Ihrem edel- müthigen Character, von Ihrer Einsicht, von Ihrem Geschmack und von Ihrem Enthusiasmus für die Deutsche Literatur, daß ich unmöglich umhin kann, Ihnen hierüber meine tiefe Verbeugung zu machen. Und das alles um so viel mehr, mein werthester Herr, da Sie in Schwaben leben, welches, wie ich bisher glaubte, den Musen torru nicoAnita. ist. — Mein Herz empfindet für Sie, mein werthester Herr, ob ich gleich Ihr Angesicht nie gesehen habe und schwerlich sehen werde, weil die Herren Miller Sie lieben. Mich lieben diese zwei braven Freunde, wie ich überzeugt bin, gleichfalls; wenn Sie also durch gegenseitiges Gefühl, um dieser unserer gemeinschaftlichen Freunde willen, das meinige belohnen und dieses in Briefen an-mich ausdrücken wollen, so werde ich mich freuen, die Zahl meiner Freunde auf eine so glückliche Art vermehrt zu sehen. Ich bin mit beständiger Hochachtung der Ihrige. Bürger. Göttingen, am 6ten Februar 1772. Wie sehr ich Ihr schönes Herz und Ihre vortreff- lichen Talente schätze, mein lieber Herr. . mag Ihnen dies ein Beweis seyn, daß ich fast in Einem Athemzuge Ihren Brief lese und wieder beantworte; ob ich gleich sonst wohl manchen alten Freund Monate lang vergebens warten lasse. — Eh' ich ein Wort weiter schreibe, muß ich ein wenig mit Ihnen über Ihre allzu große Bescheidenheit zanken. — Bescheidenheit? Nein! Bescheidenheit ist immer eine liebenswürdige Tugend. Es ist etwas anderes, dem ich aber keinen recht passenden Namen geben kann. Ich will mir also durch Umschreibungen helfen. Sie reden zu sehr mit mir die Sprache des Unterthänigen, mit dem Hut unter dem Arme, mit sinkenden Blicken und mit tief gebückter Stellung, Sie, der Sie doch so viele Vorzüge des Geistes besitzen, daß es Sie gar nicht übel kleiden würde, wenn Sie mit mehr Anstand, als Einer, der sich jener Vorzüge etwas bewußt ist, sprächen. Und vollends gegen mich, der ich ein so entsetzlich unbedeutender Mensch bin! — Wahrhaftig, ich schäme mich tief in mein Herz hinein, und mein Gesicht brennt mir wie Feuer, wenn Sie mit mir reden, wie Sie kaum mit einem Klopstock, Ramler, Lessing oder Wieland reden sollten. Nein, liebster Freund, gegen mich und meines Gleichen müssen Sie sich nicht so sehr erniedrigen — wegwersen hätt' ich beinahe geschrieben. Sie versündigen sich dadurch an Ihren schönen Talenten, wovon mir nicht allein Ihre muntern Briese, sondern auch unsere beiden Miller ein freies und unverwerfliches Zeugniß ab- legen. Schmeicheleien sind mir widernatürlich, mein liebster Herrr. . ., Herr Miller kann's mir bezeugen; denn kaum hatt' ich ihn einmal gesehen, so sagt' ich ihm schon ohne Zurückhaltung, was mir an seinen Gedichten bisweilen mißfiel. — Halten Sie es also keineswegs für Schmeichelei, wenn ich Ihnen sage, daß ich große Hoffnungen von Ihnen hege. Ich erstaune wirklich, daß Sie, als ein noch so junger Mann, der unter Geschäften erzogen ist, wobei die besten Gaben verrosten möchten, sich durch Ihr feuriges Genie und Ihren Enthusiasmus, beinahe selbst und ohne Beihülfe, auf die Stuft erhoben haben, auf welcher Sie wirklich jetzt schon stehen. Wahrhaftig, liebster Herr . . ., hätte mich das Schicksal in Ihre Lage geworfen, ich würde ein einfältiger, geschmackloser Tropf seyn, da Sie hingegen, wenn Sie meine Muße und meine Gelegenheit gehabt hätten, vielleicht schon der zweite Abt Ihres Vaterlandes seyn könnten. -— Jedoch bei Ihnen ist deßwegen noch nichts verloren. Ein Genie, wie das Ihrige, wird, hoff' ich, sich durch keine Hindernisse an den Boden fesseln lassen, und ohne Beihülfe, durch seine eigene Kraft, sich empor heben. Ich prophezeihe mir mehr, als einen Nikolai an Ihnen. Wollte der Himmel, ich war' ein Mann, auf dessen Beifall oder Ermunterung Sie achten könnten, mein unaufhörlicher Zuruf sollte Sie, wie dort die Wettrenner auf der olympischen Bahn, bis an's Ziel verfolgen. Immer wollt' ich rufen: Liebster, bester . . ., Sie versündigen sich an Ihrem Vaterlande, wenn Sie den Mußen nicht alle Ihre Nebenstunden weihen; wenn Sie nicht Ihre Kenntnisse und Ihren Geschmack durch ein unermüdetes Studium der besten altern und neuern Muster, nach 224 Anweisung eines Home, Diderot, Batteux, Marmontel, Lesflng, Mendelssohn, Klotz, Herder, Riedel und Anderer, die diesen gleich sind, bereichern und bilden; und wenn Sie nicht, nachdem diese, nebst etwas Schulphilo- sophie und Geschichte, wohl verdauet sind, selbst Denker und Schriftsteller für die Ehre unsers Vaterlandes werden. Denn solcher Leute bedarf Deutschland noch vorzüglich. Wenn ich der Mann wäre, den die Rathgeberei bei einem Manne wie Sie sind, kleidete, so würd' ich noch hinzufügen, daß Sie sich nicht blos und allein mit allzu leicht zu verdauenden Dingen, als etwa Almanachs- sächelchen oder andern Kleinigkeiten, die auf den Sopha oder auf die Toiletten gehören, anfüllten. Denn diese sind nicht nährend genug, und setzen für sich allein kein solides Fleisch an, ob sie gleich, mit gründlichem Dingen verbunden, ihren vortrefflichen Nutzen haben. Wär' ich Ihnen doch immer zur Seite, mein lieber H . . ., damit ich diesen Zuruf an Sie täglich aus der Fülle meines Herzens thun könnte! — Jedoch meine Briefe- sollen Ihnen hinfort wenigstens alle vier Wochen jenen biblischen Spruch parodiren: Bleib denMußen getreu bis in den Tod, so wird dir Apoll die Krone des ewigen Nachruhms geben*). Sollten wir uns aber wohl nie auf der Oberwelt umarmen? Möglich, dacht' ich, wär' es, wenn Sie einmal nach Leipzig kämen. Denn wahrscheinlich werd' ich Göttingen auf Ostern verlassen und meinen Aufenthalt ') Snkscribit Miller. (Der Geschichtschreiber der Schweiz). in der Nachbarschaft von Leipzig nehmen. Bis dahin küss' ich Sie tausend Mal im Geiste. Gedichte, mein liebster. . die Sie von mir verlangen, wollt' ich Ihnen gerne schicken, wenn ich nur Fähigkeit und Muße hätte, etwas zu verfertigen, das des Schickens werth wäre. Ich thäte wohl besser, wenn ich alles Bersmachen ganz und gar einstellte, denn ich bin wirklich zu kraftlos, mich nur denen vom zweiten Range unter uns nachzuschwingen. Ich fühle — wie Lessing an einem Orte der Dramaturgie sagt — ich fühle nicht die lebendige Quelle in mir, die unaufhaltsam und von selbst hervorströmt, sondern ich muß jeden armseligen Tropfen erst mit großer Anstrengung Heraufpumpen. Die Uebersetzung des Homer werd' ich auch schwerlich vollenden, wenn ich nicht in Conjunkturen komme, wo ich mich diesem Geschäfte, in ungestörter Muße weihen kann. Leben Sie tausend Mal wohl und lieben Sie Ihren Bürger. Bürger an Gleim*). Gelliehausen, den 20sten Sept. 1772. Nein, so wahr ich lebe, heute soll mich nichts abhalten, einen Dogen für Sie voll zu schreiben. Nun schon ') S. literar. Convers.-Bl. Jan. 1822. Nr. 13. S. öl. 226 seit dem letzten Mai, oder wohl noch länger, habe ich jeden Sonntag, meinen einzigen Ruhetag, Ihnen widmen wollen, aber es ist nicht anders gewesen, als ob mich eine Bezauberung in ihren Stricken gehalten hätte. Gaukelwerk, tausenderlei nichtswürdiges Gaukelwerk lenkte mich vom wahren Ziele ab. Herr Boie wird Ihnen wohl unterdessen Nachricht von meiner Veränderung gegeben haben. Ich bin Amtmann über ein ganz artiges Gericht, das Gericht Alten-Gleichen, geworden. Aber mit was für Mühe, das weiß ich selbst nicht alles mehr zu erzählen. Kurz, es mag schwerlich je einem polnischen Könige saurer geworden seyn, sich seines Scepters, als mir, mich dieses Richterstäbchens zu bemächtigen. Indessen meine Noch, worin ich zu Göttingen immer tiefer sank, nö- thigte mich, mein Aeußerstes zu wagen, mich los zu arbeiten. — Mein Gericht hat sechs Dörfer und begreift Ober- und Untergerichtsbarkeit im weitläustigsten Verstände. Meine Einkünfte kann ich etwa bis in's fünfte Hundert rechnen. Ich wohne hier zu Gelliehausen gerade unter den alten Gleichen zwischen Göttingen und Duderstadt, ohnstreitig in der angenehmsten Gegend aus zwanzig Meilen in die Runde. Von den Menschen um und neben mir, außer von etwa zwei oder drei edlen Seelen, läßt sich nicht viel Rühmliches sagen. Dieses nun wäre ohngefähr das Gute von meiner jetzigen Lage. Das Schlimme, mein Allerliebster, ist wahrlich — auch sehr schlimm. — Alte aufgesummte Arbeit genug, und beinahe allzuviel! — Totale Unordnung, wo ich den Blick hinwende. Seit vielen 227 Jahren her unbefriedigte Sollicitantcn, die mich wie Mücken umschwärmen! — Eine Familie von Gerichtsherrn, die aus sieben Stimmen und Teilhabern an dem Gericht bestehet, wovon jeder sein eigenes Interesse hat, welchen insgesammt es der hiesige Beamte nie recht machen kann, wo also der Fehde und des Eujo- nirens von einer oder der andern Seite nie ein Ende wird! — Verwilderte Unterthanen rc. rc. rc.! Das ist mein Loos, geliebter Freund! das ist mein Loos! Ich weiß nicht, ob ich es lange ertragen kann. — Indessen hat mich doch diese Veränderung etwas aus meinen fatalen Umständen zu Göttingen gerissen. — Mein Großvater ist hier gewesen und hat mir 800 Rthlr. gegeben, wovon ich aber mit 600 Rthlr. der Uslarischen Familie habe Bürgschaft machen müssen. Mit dem klebrigen habe ich wenigstens meine kleinen schreienden Schulden bezahlen können. Bald, mein gutherziger Freund, bald hoffe ich nun auch das Oel erstatten zu können, das Sie, der barmherzige Samariter, einst auf Ihrem Durchzuge in meine Wunden gossen. — Mein kleines poetisches Talent, wenn daran etwas gelegen ist, verwelkt bei meiner jetzigen Lage fast völlig; denn der „r^ntum Kellivlinusen" rc., der „In Sachen" rc., der „Hiermit wird" rc. sind gar zu viel. Statt: „Ich rühme mir, mein Dörfchen hier" rc. heißt es: „Ihr Ochsen, die ihr alle seyd, euch Flegeln geb ich den Bescheid" rc. Ich habe, seitdem ich hier bin, nichts, schlechterdings nichts, als neulich in einigen glücklichen Stunden, einen Lobgesang gemacht, den ich hier mit einschließen will. Mein Ho- 15 * mer, mein armer Homer, liegt da bestaubt! — Hier kann ich ihn mit keiner Zeile sortsetzen. Meine andern, theils projectirten, theils angefangenen und halbvollendeten Opera, die herrlichen Opera! — sie liegen zertrümmert unter anderm alten Papier in einem großen Kasten, auf dem Boden i unterm Dache. Ich muß mich nun mit der Kloriola, die ich ehedem erhascht habe, begnügen und mich unbekannt und ungenannt, wie hunderttausend meiner Mitgeschöpfe, zu meinen Vätern dereinst versammeln. — In ein Namen-Register vonDichterlingen wird mich allenfalls ein Theorien-Schmidt noch einmal setzen. Das wird aber auch alles seyn. — Meine Nacht feier der Venus haben Sie wohl noch nicht gesehen? Mir däucht, ich habe Ihnen einmal den Anfang davon geschrieben. Ich lege sie diesem Briefe mit ein. Dies wird wohl das letzte seyn, mein Liebster, was Sie von mir erhalten; denn ich will nun lieber die Leier ganz zerbrechen damit sie mir aus den Augen kommt. Zu GLttingen keimt ein ganz neuer Parnaß und wachst so schnell, als die Weiden am Bache. Wenigstens zehn poetische Pflanzen sprossen dort, wovon zuverlässig vier oder fünf zu Bäumen dereinst werden. Ich erstaune und verzweifle beinahe, wenn mich Boie hier auf meinem Dörfchen besucht und die Products dieser Pflanzschule mir vorlegt. Wenn das so fortgeht, so übertreffen wir noch alle Nationen an Reichthum und Vortrefflichkeit in allen Arten. Ich glaube, wir sind noch in vollem Steigen und noch lange nicht an unserm Ruhepunct. 22V Herr Boie hat mir vor einigen Tagen die traurige, obwohl noch nicht bestätigte Nachricht gebracht, daß der gute Michaelis *) gestorben sey. Wahrhaftig, ich konnte mich der Thränen kaum enthalten, so jammerte mich's. Ich fühle etwas für ihn, welches der Dankbarkeit gegen einen großen Wohlthäter gleicht.. Er hat mir so manchen Leckerbissen, recht für meinen Geschmack, in seinem Werkchen aufgetischt und mich so oft durch herzliches Lachen durchaus erschüttert, daß ich wohl dafür dankbare Empfindung haben kann. Schade, wenn die Blütheauf die der Ruhm geharrt, so bald wcg- getilgt wäre! — Ach! da fällt mir mein lieber Kla- mer **) und sein schönes Gedicht auf Sellmars Tod ein. Was macht doch der gute Mann? — Ob er sich meiner wohl noch erinnert? — Er ist mein höllischer Universitätsfreund. — Wenn er's nicht thut, so erneuern Sie doch durch einen freundlichen Gruß von mir mein Andenken bei ihm. — Für Ihre simpeln schönen „Lieder für's Volk", die Sie Ihrem letzten Briefe beigelegt hatten, danke ich Ihnen recht sehr, mein gütiger Freund. Das Lied des Pflügers, des Gärtners und die Fragmente haben mir vorzüglich gefallen. Ich bin mit ewiger zärtlicher Verehrung und Dankbarkeit Ihr gehorsamer Diener und Freund, G. A. Bürger. *) Joh. Benjamin Michaelis. Er starb zu Halberstadt, in Gleims Armen, im I. 1772, 26 Jahr alt. **) Klamer Schmidt. Bürgers Briefwechsel mit Boie über die Lenore. Mit Anmerkungen von Ioh. Heinr. Voß *). 1 . Gelliehausen, den 19ten April 1773. Gott grüße Sie, mein liebster Boie! Warum sind Sie nicht gekommen? Wieder brav geschwärmt? O, was haben Sie, Schmetterling, gegen mich Packesel es gut! Ich habe alle meine Poeterei vergessen. Es will nichts mehr klingen und klappen; und arm an Gedanken bin ich auch. O Himmel! mein herzliches Rähmchen wird in der Blüthe verwelken. Da Hab' ich zwei Liedlein gemacht, ein Minneliedlein und ein anderes Liedlein. Mir däucht, sie sind an manchen Stellen etwas lendenlahm. O, ich habe mich fast zu Schanden gegrämt, daß ich so gar nichts mehr kann, und unsere Brüder im Apoll nehmen zu, wie die Mastkälber. Das Minnelied ist Millern dedicirt. Gleicher Gestalt werd' ich bald eine Romanze an Hölty, und so Jeglichen von seiner Art etwas dediciren. Die Epistel an Sie ist auch jetzt auf der Werkstatt. O ich armer Mensch, wenn ich nur nicht so viel Arbeit, Verdruß und Grillen hätte! Ich habe eine herrliche Romanzen-Geschichte aus ') S. Morgenblatt Octobr. 1809. Nr. S41—245. S. 961 ff. 231 einer uralten Ballade ausgestört. Schade nur, daß ich an den Text der Ballade selbst nicht gelangen kann *)! Leben Sie wohl und grüßen Sie die Brüder! Bürger. N, S. Diese beiden Stückchen können Sie, Herr Repräsentant, in der Bundesversammlung vorlesen. 2 . Gelliehausen, den Wsten April 1773. Hier, lieber Repräsentant, empfangen Sie eine Romanze, oder wenn Sie lieber wollen, eine Ballade **). Sie kommt frisch aus der Werkstatt, und gefällt mir bis jetzt meistentheils noch so ziemlich. Es kommt nach und nach wieder mit mir in den Gang. Mein Köcher ist noch voll von goldenen Pfeilen. O Himmel! wär ich jetzt noch unter euch in Güttingen! Ich wollt' euch Die Geschichte der Lcnore hatte Bürger von einem Hausmädchen erzählen gehört. Die Erzählerinn, die er in der Folge Christinenennt, wußte aus dem alten Liede nur die Verse: Der Mond, der scheint so Helle, Die Todten reiten schnelle. Und die Worte des Gesprächs: „Graut Liebchen auch?" — „Wie sollte mir grauen? Ich bin ja bei dir." — Wir haben dem Liede in allen Gegenden von Deutschland umsonst nachgeforscht. Was man im Wunderhorn dafür ausgibt, scheint nicht älter, als die Pfarrerstochter von Taubenhain, die aus der Bürgerischen verdorben ist, und ein Paar Lieder nach Höltp und Overbeck. Sprache und Versbau ist modern. V. **) Es war der Raubgraf. Bürger stand an, ob er Ballade die scherzhafte, und Romanze die rührende Erzählung des Volksliedes nennen sollte; oder umgekehrt. Bote ricth zudem Letzteren. V. 232 allzusammen aus dem Sack und in den Sack singen. Ach! daß ich so manche Stunde der feurigsten Weihe ungenutzt vorbeistreichen lassen muß! Daß Ihr Herren in GLttingen so viel macht, das dank' euch Herodes! Aber hier! Hoc opus, Ino labor est! — Nun bab' ich eine rührende Romanze in der Mache, darüber soll sich Hölty aufhängen. — Wollen Sie denn nicht bald kommen und den Frühling grüßen? Er wacht in Gärten und Fluren gar wonniglich auf; nur in meiner Seele nicht recht. O, wenn er darin, ungetrübt von Wolken des Verdrusses, erwachte, wie wollt' ich dann singen! Leben Sie wohl, und grüßen Sie die Brüder! Bürger. 3. Gelliehausen, den 6ten Mai 1773. Ist der Sohn der Maja noch nicht eingetroffen? Unfehlbar hat er einen Flügel auf der Reise zerbrochen. So arm ich auch jetzt bin, will ich dennoch abonniren. Melden Sie mir nur, wie hoch? Auf den Montag soll das Geld da seyn. Aber, Menschenkind, warum schicken Sie mir nicht sonst etwas? Sie könnten ja immer mit Muße und Bequemlichkeit etwas für mich einpacken, und es in die Schnaps-Boutique legen; dann fänd' es doch Me- phistophiles, wann er vorkäme, und Sie nicht zu Hause träfe'. Bevor Sie, mir nichts schicken, sollen Sie auch meine überköstliche Ballade Lenore, und ein Minnelied, das 233 süßer, als Honig und Honigseim ist, nicht haben. Traun! diese zwei Stücke sind so stattlich, daß man wohl daraus pochen kann. Bei meiner armen Seele! Sie können Ihre Begriffe gar nicht zu der Bortrefflichkeit dieser Stücke erheben. Und Herr, damit Sie nur sehen, daß es keine Rodomontaden sind, so will ich Ihnen von jedem Stücke die erste Strophe, und das sind doch die schlechtesten, herschreiben. L e n o r e. Lenore weinte bitterlich, Ihr Leid war unermeßlich; Denn Wilhelms Bildniß prägte sich Jn's Herz, ihr unvergeßlich. Er war mit König Friedrichs Macht Gezogen in die Pragerschlacht, Und hatte nicht geschrieben, Ob er gesund geblieben. Der rc. Minne li ed. In dem Himmel ist die Fülle Hochgelobter Seligkeit. Gerne, war' es Gottes Wille, Tränk' auch ich aus dieser Fülle Bald Erquickung für mein Leid. Für rc. Herr, das ist euch eine Ballade, das ist ein Minnelied, die sich gewaschen haben! Und ganz original! 234 ^ Ganz von eigener Erfindung! Wahrlich! es sind Kin- der, welche von Herzen kamen, und zu Herzen gehen. Wenn bei der Ballade nicht Jedem es kalt über die Haut laufen muß, so will ich mein Leben lang Hans Casper heißen. Wenn Sie mir nun nichts schicken, so kriegen Sie die zwei herrlichen opuscuiu nie zu sehen. Und wenn's mir noch so hart ankommen sollte, so sollen sie doch unterm Schloß bleiben, und nicht ausgehängt werden. Wonach man sich zu achten. KiAiurtum Gelliehausen, den 6ten Mai 1773. G. A. Bürger. 4. Göttingen, den 8ten Mai 1773. Aber nun, mein Herr, Ihre Ballade, Ihre anderen schönen Sachen! Wir sind Alle sehr, sehr neugierig, und ich insbesondere. Aber weh Ihnen, wenn Sie's nicht außerordentlich gut gemacht haben! Sie haben uns in's Angesicht Hohn gesprochen, und die kritische Geißel ist schon aufgehoben, und wartet Ihrer. Weh Ihnen, wenn nicht Alles per exoellontium gut ist!- Herrliche fliegende Blätter sind in Hamburg herausgekommen über Deutsche Art und Kunst. So bald, als ich sie habe, und gelesen habe, sollen Sie sie auch bekommen. Hier ist eine Ode, die Klopstock ganz neulich gemacht, und noch ein Zettelchen von Miller, das ich bald wieder haben muß.-In vierzehn Tagen ist Herder hier, mit einer jungen Frau. Sie haben mich unendlich lüstern gemacht nach der Lenore, dem Liede und Allem. Um des Himmels willen, täuschen Sie mich nur nicht länger. Adio! Boie. 5. Gelliehausen, den lOten Mai 1773. Hatt' ich Ihnen neulich geschrieben, daß ich eine so herrliche Ballade Lenore gemacht hätte? — Da muß ich mich häßlich verschrieben haben! mein,liebster Herzens-Boie! — Ich will erst eine machen, die so vortrefflich seyn soll. Ha ha! he he! hi hi! ho ho! hu hu! Aus allen Vocalen muß ich lachen, daß mir doch mein Kniff gelungen ist, und ich einige Manuscripte auf die Art Ihnen abgelockt habe. Sie erfolgen hier wieder zurück. Klopstocks Ode ist vortrefflich und sehr erhaben. Es herrscht der Geist der hohen heiligen Andacht darin. Von Millers Minneliedern däucht mir ist das letzte vorzüglich minniglich. Jetzt, mein lieber Boie, wacht mir doch das Ge wissen auf, daß es unrecht ist, Sie so wegen der Ballade zu necken. Sie existirt! Aber Sie bekommen sie heute noch nicht, weil sie noch unter der Feile kreischt. Ich möchte gern, daß sie so untadelich als möglich, unter ihre Augen träte. Denn Ihr kritischen Bullen- beiffer mögt eure Zähne gewaltig darauf gewetzt haben. So überköstlich, als ich geprahlt habe, (ich muß es nur gestehen,) wird sie nicht seyn. Ich mußte prahlen, 236 um etwas zu lesen zu kriegen. Aber ein schlechtes Stück ist es doch, traun! auch nicht. Mir behagt sie bis jetzt noch ganz artig. Also, Ihr Leutchen, lasst ich mich aus den Wolken meines Selbstlobs wieder hernieder in das Thal der Bescheidenheit. Rächet also meinen vorigen nothgedrungenen Uebermuth an meiner armen Ballade nicht. Denn sie ist jetzt mein Schoßkind. Ein Ströphchen, und zwar das zweite, will ich Ihnen indessen zu dem ersten noch zum voraus zu kosten geben. 2. Der König und die Kaiserin», Des langen Haders müde. Erweichten ihren harten Sinn, Und machten endlich Friede. Und jedes Heer mit Sing und Sang, Mit Paukenschlag und Kling und Klang, Geschmückt mit grünen Reisern, Zog heim zu seinen Häusern. 3. Und überall und überall, Gedrängt auf allen Wegen, Zog Alt und Jung dem Jubelschall Der Kommenden entgegen. Gottlob! rief Kind und Gattinn laut, Willkommen! manche frohe Braut. Ach! aber für Lenoren War dieser Gruß verloren. 4 . Sie frug den Hcerzug auf und ab, Und frug nach allen Namen; Doch die erwünschte Kundschaft gab Nicht Einer, so da kamen. Als nun der Zug vorüber war, Zerraufte sie ihr Rabenhaar, Und warf sich auf die Erde Mit wilder Angstgeberde. kraotor propter können Sie hieraus den Ton erreichen, welcher, wie ich mir schmeichele, in der Folge noch populärer und balladenmäßiger ist und seyn'wird. Der Stoff ist aus einem alten Spinnstubenliede genommen. Vale! Bürger. Noch eins! Ich gebe mir Mühe, das Stück zur Eomposition zu dichten. Es sollte meine größte Belohnung seyn, wenn es recht balladenmäßig und simpel componirt, und dann wieder in den Spinnstuben gesungen werden könnte. Ich wollte, ich könnte die Melodie, die ich in der Seele habe, dem Componisten mit der Stimme angeben! Ich nehme noch ein Blatt, mein trauter Boie, weil ich noch nichts von Herder» gesagt und gefragt habe. Bon wannen kommt er, und wohin fährt er? Wo hat er die schöne junge Frau her? Wird er lange in Güttingen bleiben? Und welchen Tag wird er ankommen? Gern möcht' ich ihm auch meinen Bonsdies machen. Nun Vale! zum zweiten Mal, Schicken Sie mir die fliegenden Hamburgischen Blätter. Ich will dagegen Sie auch mit meinen opusoulm so kurz, als möglich, Hinhalten. Bürger. 6 . Gelliehausen, den 17ten Mai 1773. Wann werden Sie uns besuchen? Es blüht hier ein paradiesischer Lenz um uns her. In meinem Leben Hab' ich den Frühling so schön noch nicht gesehen. Er entzückt und begeistert mich so sehr, daß ich kein Wort singen und sagen kann. Deßwegen ist auch meine Ballade noch nicht zu Stande. Geduld! Geduld! Was lange währt, wird gut. Valo! Bürger. 7. Gelliehausen, den 27sten Mai 1773. -Lenore nimmt täglich zu an Alter, Gnade und Weisheit bei Gott und den Menschen. Sie thut solche Wirkung, daß die Frau Hosräthinn *) des Nachts davon im Bette auffährt. Ich darf sie gar nicht daran erinnern. Und in der That, des Abends mag ich mich selbst nicht damit beschäftigen. Denn da wandelt mich nicht minder ein kleiner Schauer an. Wenn Sie solche unfern GLttingischen Freunden zum ersten Mal vorlesen. *) Die Hosräthinn Liste. Siehe oben Bürgers Leben von Alt Hof. S. 128 . so borgen Sie einen Todtenkopf von einem Mediciner, setzen solchen bei einer trüben Lampe, und dann lesen Sie. So sollen Allen die Haare, wie im Macbeth zu Berge stehen. Bürger. 8 . Gelliehausen, den 18ten Junius 1773. Hier, liebster Boie, kommt die Nachtfeier wieder zurück. Mit dem Umschmelzen, wenigstens wenn's von einigem Belange seyn soll, will's so nicht recht mehr gehen. Der Ton dieses Stücks ist mir schon so fremd geworden, tönt mir schon so weit hinten in der Ferne, und so dunkel, daß ich kaum noch darüber urthcilen und entscheiden kann.— Der, den Herder auferweckt hat, der schon lang' auch in meiner Seele auftönte, hat nun dieselbe ganz erfüllt, und — ich muß entweder durchaus nichts von mir selbst wissen, oder ich bin in meinem Elemente. O Boie, Boie, welche Wonne! als ich fand, daß ein Mann, wie Herder, eben das von der Lyrik des Volks, und mithin der Natur, deutlicher und bestimmter lehrte, was ich dunkel davon schon längst gedacht und empfunden hatte. Ich denke, Lcnore soll Herders Lehre einiger Maßen entsprechen *). Aber Schirach! — und alle das luftige Den Ton der Ballade hatte Bürger mit seinen Göt- tlngtschen Freunden weit früher aus Percys Ueliclrs aufgefaßt. Herders Aufsatz in den fliegenden Blättern erhöhte des gleich empfindenden Dichters Begeisterung, daß er seine Lenore schneller und so vollendete. V. 240 ^ Gesindel seines Gelichters? In, die werden sie anstarren, wie die Kuh das neue Thor, werden das Hohngelächter des Wahnsinns und des Unverstandes aufschlagen *). — — Mit nächstem sollen Sie Lenoren haben, und vielleicht noch etwas ganz Neues. Adio! Bürger. 9. Göttingen, den 28sten Junius 1773. -Ich freue mich nicht wenig, daß Sie so von Herders Buche durchdrungen sind. That ich nun nicht wohl, daß ich Sie zwang, es zu kaufen? Wann wird aber Lenore fertig? In acht Tagen bin ich fest entschlossen, zu ihm zu reisen. (Sagen Sie Cr. nichts davon; ich will allein seyn)! Dann muß ich sie mit haben, und ihm doch zeigen. Ich lege eine alte Romanze, (leider nicht ganz!) bei, die seine Frau mir geschickt hat. Verwerfen Sie sie mir ja nicht.- Boie. 10 . Am 8. Julius schrieb Bürger einen jubelnden Brief über GLtz von Berlichingen. Darin meldet er: Dieser Götz von Berlichingen hat mich wieder zu drei neuen Strophen zur Lenore begeistert. Herr, nichts weniger, in ihrer Art, soll sie werden, als was dieser Götz in seiner ist. Aber in zwei Monaten wird sie noch *) Jener Mann lärmte damals in einem kritischen Magazin. V. nicht fertig. Hu! wie wird mich der Unverstand darüber / anblöken! Aber der kann mir-! Frei! frei! / Keinem unterthan, als der Natur! — / Bürger. 11 . Gelliehausen, den I2ten August 1773. „Gottlob, nun bin ich mit meinem schweren IIo- ratio fertig!" ries weiland Casper Gottschling.— Gottlob nun bin ich mit meiner unsterblichen Lenora fertig! ruf' auch ich in dem Taumel meiner noch wallen- i den Begeisterung Ihnen zu. Das ist dir ein Stück, ^ Brüderle! — Keiner, der mir nicht erst seinen Batzen gibt, soll's hören. Jst's möglich, daß Menschensi ne so 'was Köstliches erdenken können? Ich staune selber mich an, und glaube kaum, daß ich's gemacht habe. Ich zwicke mich in die Waden, um mich zu überzeugen, ! daß ich nicht träume. Wahrlich! ooso äolto mai us in Prosa no in rime. Ich muß mir selbst zurufen, . was der Cardinal von Este Ariosten zurief: 1>er liio, 8iA»or üurKero, llonckn avvtv piAÜsts tsnto eoAlionei ie? Ei! Ihr Gesellen dort, wie tief werdet Ihr die Hüte davor abnehmen müssen! Ich schick' es aber hier noch nicht mit, sondern bring' es binnen acht Tagen selbst mit. Denn keiner von euch Allen, er declamire so gut, er will, kann Lenoren auf's erste Mal in ihrem Geist declamiren, und Declamation macht die Halbschied von dem Stück aus. Daher sollt Jhr's von mir selbst das erste Mal in aller seiner Gräßlichkeit vernehmen. Dann sollen Sie die Genossen des Hains in 16 242 der Abenddämmerung auf ein einsames etwas schauerliches Zimmer zusammen laden, wo ich, unbesorgt und ungestört, das Gräßliche der Stimme recht austönen lassen kann. Der jüngste Graf soll, wie vor Loths seligem Weibe, davor beben. Denn Irave uuk'olei a talo, vlrosv liZIitost >VilI Irarrovv up ^our souls, trveLv ^'our ^ounA dloori, Alaleo jour tvvo e^os, like Stars, Start krom tlreir splreros. Vour li»ott)e a»ti comiiinoei iooles to Part, ^Vnlt eaeli parlicular Iiair to siaixl on enei, leiste c^uills upou tlrv trettui porcupiuo. Ihr sollt Alle mit bebenden Knieen vor mir niederfallen, und mich für den Dschinkis-Chan, d. i. den größten Chan in der Ballade erklären; und ich will meinen Fuß aus eure Halse, zum Zeichen meiner Su- periorität, setzen. Denn Alle, tie nach mir Balladen machen, werden meine ungezweifelten Vasallen seyn, und ihren Ton von mir zu Lehn tragen. Ihr lustiges Gesindel dort! ich will euch zeigen, schichte und Philosophie seyn, welche mich schon seit verschiedenen Jahren vornehmlich an sich gezogen haben. Meine poetische Laufbahn wird mit der zweiten Ausgabe meiner Gedichte und der Uebersetzung Homers ver- muthlich beschlossen seyn. Von beiden sollen Sie, mein bester Gleim, die ersten und schönsten Exemplare haben. Gott gebe Ihnen ein freudiges Alter! Bürger." Bürger an Heyne *). Gelliehausen, am ... April 1784. Ich wende mich an Ew. Wohlgeboren als einen Mann von bewährter Rechtschaffenheit und geprüften Einsichten, um in einer für mich sehr interessanten Angelegenheit mir zuvörderst Dero weisen Rath und hernach Dero kräftigen, vielvermögenden Beistand zu erbitten. Ich habe langst Ursache gehabt, mit meinem Amte und meiner ganzen bisherigen Lage sehr unzufrieden zu seyn. Eine Menge seiner Geschäfte sind nichtswürdig, die Einkünfte sind schlecht, des Verdrusses ist viel. Ich fühle mich, wohl etwas Besseres leisten zu können, als mein Leben und meine Kräfte an Geschäfte zu verschwenden, wozu jeder gemeine Schreiber leicht gut genug wäre. Ich muß mein eigenes ererbtes Vermögen, und 0 S. den Gesellschafter 1824. S. S33. ff. 280 was ich mir sonst nebenher verdiene, zusetzen, und komme doch nicht aus. Gleichwohl sind der Plackereien so viel, daß ich im gelehrten Fache nebenher nichts Rechtliches leisten kann, und auch das Wenige, was ich etwa leisten will, hindert mich an den Geschäften. Weil es mir nun leicht scheinet, die Einkünfte meines Amtes durch gelehrte Arbeiten zu ersetzen, sobald ich durch seine Geschäfte nicht mehr behindert werde, so hat mich Epictets Spruch: ex auf den Entschluß gebracht, mein Amt nieder zu legen, und eine andere Laufbahn zu betreten. Und mein Plan ist ungefähr dieser: Ich wollte meine Frau und mein Kind einstweilen auf dem Lande lassen und versorgen. Ich für meine Person wollte nach Göttingen ziehen. Ich würde mir bei Dietrich, dem ich außer der Herausgabe des Mußen- Almanachs wohl noch sonst in mancher andern Absicht nützlich seyn kann, nicht nur freie Wohnung, sondern auch ein fixirtes Salarium von einigen hundert Thalern aus zu machen im Stande seyn. Da dieses nun zwar etwas, aber noch nicht hinlänglich wäre, so früge sich: Ob nicht etwa, außer mit schriftstellerischen Arbeiten, wozu jetzt Gelegenheit genug vorhanden ist, durch Vorlesungen und Unterricht sür's Erste noch einige hundert Thaler zu verdienen seyn möchten? Wäre dieses, so würde ich alsdann meinen Aufenthalt in Göttingen dazu nutzen, um mich in einigen Wissenschaften dergestalt zu vervollkommnen, daß mir diese in der Folge zur Eröffnung besserer Aussichten behülflich zu seyn vermöchten. 281 Diese Gegenstände würden seyn: Deutsche Geschichte, Alterthümer, Literatur, Sprache und Dichtkunst, kurz Alles, was Deutsch heißt, und überhaupt Philosophie des Guten und Schönen. Brauchbaren Unterricht getraute ich mir gleich vorläufig zu geben: 1. In Sprachen, der deutschen, lateinischen und englischen. In der Folge auch wohl, weil ich Sprachen mit besonderer Leichtigkeit erlerne, in der italienischen, spanischen und griechischen, in welcher mir nur die genauere Kenntniß x«/ noch abgeht. 2. In lUiilosopIriois. 3. In manchen Theilcn der Geschichte. Es fragt sich daher: 1. Ob Hoffnung und Gelegenheit sey, dergleichen Unterricht privatim zu ertheilen? 2. Ob die philosophische Facultat es wohl ohne vorläufiges Magister - Examen und Disputation gestatte, über Eins und das Andere eine Art öffentlicher Colle- gien zu lesen? Zn der Folge würde ich auch in diesem Puncte zu leisten suchen, was sich gebührt. 3. Sollte es nicht möglich seyn, sofort den Titel eines Professors — wenn auch sür's Erste ohne Gehalt —- zu erlangen? 4. Achten Ew. Wohlgeboren mich werth, sich meiner freundschaftlich an zu nehmen, und mir in meinem Borhaben nach Möglichkeit fort zu helfen? — Sie würden nicht nur jederzeit einen dankbaren Menschen an mir finden, sondern ick) würde mich auch gar sehr bestreben, der Universität zum Nutzen und zur Ehre zu gereichen. Mangelt es Ew. Wohlgeboren an Zeit, mir ausführlich hierauf zu antworten, so lassen Sie mir durch Herrn Dietrich anzcigen, wann ich Ihnen etwa per- sönlich aufwarten soll. Nur bitte ich, vorläufig noch dm Inhalt dieses Briefes und mein Vorhaben zu verschweigen. Mit der aufrichtigsten Verehrung beharre ich u. s. w. Bürger. Heyne an Bürger*). Ew. Wohlgeboren mir bezeigtes offenherziges Zutrauen verpflichtet mich, gegen Sie wiederum sowohl zur herzlichen Theilnehmung an Ihrem Glücke und Wohl, als auch zur redlichsten Offenherzigkeit in Allem, was ich gegen Sie äußere. Ich fange von dem letzteren Puncte an, und gebe Ihnen die aufrichtige Versicherung, daß ich Sie freundschaftlich und nach allem meinen geringen Vermögen in Ihrem Vorhaben mit Rath und That unterstützen werde. — Ihr Vorhaben selbst und den Plan desselben kann ich nicht anders als vollkommen billigen. Auf der anderen Seite freue ich mich, einen Mann zu den Wissenschaften zurück kehren zu sehen, der eigentlich für dieselben bestimmt war. Ich zweifle gar nicht, wenn Sie einmal diese Laufbahn wieder betreten, so werden Sie gar bald Andern voreilen. — Die drei Stücke, worin Sie vorerst gleich Unterricht zu geben gedenken, S. den Gesellschafter 1824. S. 943. ff. S83 sind gut gewühlt. Ob Sie aber durch das, was Sie zu Ihrem künftigen Haupt-Studium machen wollen, glücklich werden dürften, leuchtet mir noch nicht ein. Sie haben zu mächtige Rivalen neben sich, Schlözer und Spittler, welche schon einen zu großen Vorsprung haben, und worunter der Letztere sehr angenehm erzählen soll. Philosophie, deutsche Sprache und Literatur würden Sie zu etwas Sicherm führen, wenn sie nur auch zu etwas Einträglichem führten! — Indessen ein Aufenthalt von einiger Zeit entdeckt hierunter eine und andere Aussicht, die sich vielleicht jetzt noch nicht so deutlich darstellt. — Hätten Sie sich in das juristische Fach werfen wollen, so gäbe cs einige mehr gesicherte Pfade. Aus Ihre Fragen kann ich also, was die erste au- langet, ob Hoffnung und Gelegenheit zum Unterricht seyn werde, nicht anders als antworten, daß ich für jene drei Stücke zum Anfang gute Hoffnung habe. Das Weitere müssen wir einmal mündlich besser aus einander setzen. ° 2. Was die philosophische Facultät thun kann, bestimmt sich nach ihren Statuten, die ich nicht so völlig inne habe, aber Folgendes anrathen muß, daß Sie je eher, je lieber, mit Herrn Kästner, als Decan, sprechen. Finden sich da zu große Schwierigkeiten, so gehen Sie an das Königl. Ministerium, und bitten um liooittiam loxvnlii. 3. Zu Erlangung des Titels eines Professors sehe ich keinen Anschein noch Möglichkeit, dazu zu gelangen; aber wohl für die Folgezeit. — Zu einer Hosmeisterstelle oder Aussicht müssen erst die Zeiten und Tage die Fälle herbei bringen. Jetzt bis Michaelis 284 ist Alles schon in Ordnung. Vor Ostern war ein Fall, der vielleicht für Ihre Absicht gepaßt hätte. Mit einem Worte, was Glück und Zufall darbieten kann und wird, müssen wir blos abwarten und nützen. Der Zuschnitt bleibt vorerst der, wie ihn die jetzigen Umstände fordern, und den haben Sie, meines Bedün- kens, gut und richtig gefaßt. Eilen müssen Sie freilich, da der Anfang der Collegien vor der Thür ist. Mit aufrichtiger Hochachtung und Ergebenheit beharre ich Ew. Wohlgeboren gehorsamster Diener Göttingen, am 27sten April 1784. Heyne. Bürger an Heyne*). Gelliehausen, am . . . April 1784. Ihr Beifall, theurer Herr Hofrath, Ihr Urtheil, die Hoffnungen, und vor Allem die freundschaftliche Unterstützung mit Rath und That, welche Sie mir zufich- ern, und auf welche man sich so sicher verlassen kann, stellen meine angeborne Elasticität fast ganz wieder her, die durch langjährigen Druck beinahe hin war. Immer lebendiger wird mein Muth, immer mächtiger treibt mich der Ehrgeiz, zu zeigen, was ich vermag, wenn Neigung meine Fähigkeiten aufbietet. Es fehlt mir dann nicht *) S. den Gesellschafter 18L1. S. 916. 285 nn unverdrossener Beharrlichkeit; und auf meine Fähigkeiten kann ich mich, Gottlob! verlassen. Bis künftige Johannis muß ich noch mein hiesiges Amt verwalten, mithin kann der Anfang der Ausführung erst auf Michaelis fallen, und bis dahin läßt sich vielleicht noch Manches besser überlegen und wählen. Das ist freilich der wichtigste Punkt, das künftige Haupt - Studium so zu wählen und in solche Grenzen zu setzen, daß sowohl Neigung und Ehrgeiz, als auch die nothwendige Begier zu einigem Erwerbe Befriedigung erhalten mögen. Da es wohl äußerst schwer, wenn nicht vielleicht gar unmöglich seyn würde, alle diese Triebe in gleichem und dem höchsten Maße zu befriedigen, so ergebe ich mich willig darein, daß Einer dem Andern zu Gefallen Manches Nachlasse und ausopfere, wenn nur eine erträgliche Temperatur bleibt, und besonders der Einträglichkeit nicht gar zu viel aufgeopfert werden muß» — Jurisprudenz, ich meine die gemeine, gewöhnliche, und so wie sie freilich am ergiebigsten ist, scheint mir, unter uns, ein des Menschen gar zu unwürdiges Studium zu seyn. Es ist eine Gelehrsamkeit, die kaum bis an die Stadt- oder Landesgrenze dafür gelten kann» Ueber dieselbe hinaus ist sie Stroh. Es müßte denn anders Einer, der z. B. den Staats-Kalender auswendig weiß, auch ein Gelehrter zu heißen verdienen. Zwar kann Jurisprudenz allerdings auch bis zum Wissenschaftlichen empor veredelt werden; aber alsdann — dürfte sie auch noch weniger als irgend ein anderes Studium einbringen. Selbst ein Montesquieu würde weniger Zuhörer, als der alltäglichste Pandecten-Ritter haben. 286 In Ansehung der Geschichte ist mir's freilich schon selbst hart genug ausgefallen, was für Vorsprünge Schlö- zec und Spittler haben. Indessen reizt der Adel des Studiums, in welchem ich auch nicht ganz Anfänger mehr bin, meine Neigung zu sehr; und ich rechne etwas auf Trieb, Muth und Fähigkeiten. Das Feld ist hier auch so groß; es liegen der Aehren so viele, und Alles können jene Männer doch nicht auflesen. Sollten sie auch in Ansehung des Reichthums der Kenntnisse höchst schwer oder nie von mir ein zu holen seyn, so dachte ich, wollte ich's doch in Ansehung der historischen Kunst bald mit ihnen ausnehmen; denn dieser scheint sonderlich Schlözer im Großen über dem vielen Sammeln und Spitzenschnitzeln fast ganz zu vergessen. Ich rede so offenherzig nur mit meinem ächten Gönner und Freunde. — Der Weg, den ich mir, obwohl mit Jenen in einerlei Felde überhaupt, vorgezeichnet habe, weicht dennoch von dem ihrigen ab. Ich entferne mich schwerlich ohne Noch aus den deutschen Grenzen, und nehme mit, was sie unberührt lassen. Ich ziehe allgemeines und besonders Völker- und Staats-, auch deutsches Fürsten- Necht mit in meinen Plan, worin doch gleichwohl Püt- ter, der alt ist, jetzt nur der Einzige bei der Universität zu seyn scheint. Kurz, ich trachte lediglich, ein deutscher Professor zu werden; das ist Alles das zu lernen und zu lehren, was jedem Deutschen von Geburts- und Vaterlandswegen zu lernen interessant seyn muß. Mündlich einmal ein Mehreres. Sie verstehen mich aber schon, wie ich's meine. Ihr Blick, mein Verehrungswürdiger, reicht gewiß 2S7 unendlich weiter und tiefer, als der weinige. Sie können mich auf die besten und sichersten Spuren weifen. Sie sehen es besser, als ich, an welchem Ende es den Wissenschaften sowohl überhaupt, als insonderheit der Universität noch fehlen mag. Suchen Sie meine Bemühungen da an zu stellen, wo bei nur nothdürftigem Ertrage — denn Schatzsammeln ist unter allen meinen Talenten ohnehin das geringste — Ehre für mich und die Wissenschaften mit Lust zu erarbeiten stehet. -— Aus dem Wege, den ich nun betrete, muß ich bleiben. Es kommt also Alles darauf an, den besten zu wählen u. s. w G. A. Bürger. Bürger an Kästner *). Gelliehausen, am . . . April 1784. Ich schmeichele mir, daß Eure Wohlgeboren mir mit Wohlwollen zugethan sind, und von meinem Kopfe und Herzen nicht zum schlimmsten urtheilen. Dies macht mich dreist, in einer sehr interessanten Angelegenheit meines Lebens um Ihren weisen Rath und gütigen Beistand zu bitten. Bon Ihrer geprüften Einsicht und Rechtschaffenheit darf ich das Beste erwarten. Ich habe mein bisheriges geringes Amt, welches mich an allem Leibes - und Seelenvermögen zu Grunde rich- Dieser und die beiden folgenden Briefe sind abgedruckt ans dem Gesellschafter 18 ZZ. S. 646 . 288 tete, nieder gelegt, und werde künftige Johannis davon abgehen, um mich hernach für mein übriges Leben lediglich den Wissenschaften zu widmen. Meine Absicht ist, vorläufig blos für meine Person nach Göttingen zu ziehen, um mich theils in denjenigen Wissenschaften,, wozu ich die meiste Neigung und die meisten Talente zu haben glaube, zu vervollkommnen, den Namen eines brauchbaren Gelehrten zu verdienen und dadurch mein künftiges Glück zu bauen, theils aber, um durch Unterricht in denjenigen Kenntnissen, worin ich ihn geben zu können vermeine, mir einige Zubuße zu erwerben. Letzteres privatim zu thun, dürfte mir zwar wohl unverwehrt seyn. Da es mir aber zu meinen Absichten nicht hinreichend scheint, so fragt sich, ob die philosophische Fakultät nach ihren Statuten wohl gestatten könne und werde, auch ohne vorläufiges Magister-Examen und- Disputation, über diesen oder jenen Gegenstand auch eine Art öffentlicher Vorlesungen zu halten? In der Folge würde ich auch hierin zu leisten suchen, was sich gebühret. Nur vor der Hand gestehe ich, daß ich theils die Kosten sparen, theils erst Muße gewinnen muß, den mir vorgezeichneten wissenschaftlichen Umkreis mit anhaltenden zusammen hängenden Schritten zu durchlaufen,, und sogenannte Kpeoimina abzufaffen, welche Aufmerksamkeit nach sich zu ziehen vermögen. — Ich darf von Herzensgründe versichern, daß Eure Wohlgeboren Ihre. Güte an keinen undankbaren Menschen verschwenden sollen, und beharre mit der wärmsten Verehrung Eurer, u. s. w. G. A. Bürger.. L89 Kästner an Vürgcr. Wohlgeborner Herr, Jnsonders hochzuehrender Herr Amtmann! Mit herzlichem Wunsche für glücklichen Erfolg Ihres Unternehmens habe ich Ihnen zu melden, daß Sie, um die Eclaubniß hier zu lehren und Ihre Lcctionen ex vuluis anzuzeigen, in einem lateinischen Schreiben beim Voeauo speelabili und Viris illustridus rrt^ue ex- eeileutissimis pliü. Vrofossoiibns anzufuchen haben. Ich bin bis zu Ende des Junius Decanus. Sie können also das Schreiben nur zur Beförderung an mich senden. Brauchen Sie sonst meinen Nath einigermaßen, so werde ich mir ein Vergnügen daraus machen. Ihnen meine Dienstfertigkeit zu zeigen. An der Gewährung Ihres Verlangens, dächte ich, wäre nicht zu zweifeln. Unsere Facultät ist darin gefälliger, als die sogenannte »rutiosa. — Wollen Sie mit einfließen lassen, daß Sie gesonnen wären mit der Zeit Magister zu werden, jetzo noch Hindernisse hätten, so ist es desto besser. Ueber das Versprechen exequirt Sie Niemand, bis Sie etwa so lange hier gelehrt hätten, daß Sie sich selbst für vortheilhaft halten, beim akademischen Leben zu bleiben. Aendern Sie aber Ihren Entwurf, und werden etwa wieder ex rlretore eoii8ul, so geräth das in Vergessen, wie bei Herrn Westfelden, der auch versprach Magister zu werden, als man ihm hier verstattete, Chemie zu lesen. I» wLtoiirUibu8 also wären wir richtig, tzuock kor- 19 890 maiia, weil cs doch ein klein Vergnügen ist, einen Bürger zu critisiren, so muß ich Sie erinnern, daß Sie als Dichter und als Rechtsgelehrter vim vt pro- priotatom vocum besser kennen sollten. Oesfentlich, zu Latein publice, lesen nur Professores. Wenn der Stand vortheilhaft für Sie ist, so wünsche ich Ihnen das Recht, öffentlich zu lesen, von Herzen. Ein anderer Docent kann wohl gratis oder lrustra lesen; das ist aber vermuthlich Ihre Absicht nicht. Sie verlangen ohne Zweifel also nur zu lesen, wie andere ehrliche Leute, für ein Ilonorarium, also privatim. Ich verharre voll Hochachtung Eurer Wohlgeboren Göttingen, gehorsamst ergebenster Diener am 2ten Mai 1784. Kästner. Kästner an Varger. Wohlgeborner u. s. w. Die philosophische Facultät «erstattet Ihnen, bis aus Ostern 1785 Collegia zu lesen. Sie können also, wenn Sie noch diesen Sommer anfangen wollen, einen Anschlag an's schwarze Bret an die (üenerosissimos et p>L6iiobiIi88imo8 vom. eommilitione8 aufsetzen. Ich bleibe bis zu Ende des Junius Decanus, und unterschreibe ihn also, wenn er vor dieser Zeit angeschlagen wird; nebst dem Decanus der Professor, in dessen Wissenschaft Ihre Collegia laufen. — Z. E. Hr. Ritter Michaelis als Orientalist, wenn Sie über „Tausend und eine Nacht" lesen wollten. 291 -Ich wünsche vom Herzen, daß Ihre Unternehmung Ihnen sehr vortheilhaft seyn möge. Das pub- Uov müssen Sie sich nun einmal so gefallen lassen zu nehmen, wie es eingeführt ist. Gesetzt, daß die Bedeutung nicht grammatisch nothwendig wäre, so müssen Sie darin dem akademischen Gebrauche so nachstraucheln, wie Sie es bei Homer für Uebersetzerpflicht halten. Ich verharre voll Hochachtung u. s. w. Göttingen, am 16ten Mai 1784. Kästner. Lichtcnbrrg an Bürger*). Liebster Freund! Da Ihr Dienstags-Bote gerade mit Ihrem Briefe zu mir kam, als er, wie er sagte, fertig war, und ich gerade zu derselben Zeit noch nicht fertig war mit dem, was nothwendig fertig seyn mußte, wenn ich nicht vor meiner Tafel verstummen sollte, so hat cs sich mit meiner Antwort gerade so gemacht, daß Sie indessen schier nach Halle oder Jena u. s. w. hätten schreiben können. Ihren Vorsatz, zu promoviren, billige ich in aller Rücksicht. Es wird manchen Herrn allhier ein Donnerschlag seyn. Schon daß Sie anschlagen wollen, war vermuthlich auch einer, und der Ableiter war wirklich 0 S. den Gesellschafter 1823. S. 649. 19 * 292 gut angelegt. Nun aber geht cs gerade in die Küche. Daß eine starke Opposition da gewesen seyn muß, schließe ich daraus, daß Kästner, der Ihnen sehr wohl will, weder als Decan, noch als Kästner, mehr hat ausrichten können, als er ausgerichtet hat. Hier lege ich die Specification der Promotions-Kosten bei, so wie sie mir der neueste Magister mitgetheilt hat. Achten Sie ein solches Sümmchen nur gar nicht; denn wahrlich, ich wollte Ihnen wohl im ersten Jahre 800 bis 1000 Procent dafür assecuriren. Den Schmaus will Dietrich geben; und daß er die Dissertation umsonst druckt, versteht sich ohnehin. Worüber examinirt werden wird, läßt sich nicht bestimmen. Müller wurde blos aus Mathematik und Physik gefragt. Einige Herren Examinatores hatten absagen lassen, und als Galterer fragen sollte, erklärte er, daß er mit Kästners Fragen sich ebenfalls beruhige. Ver- muthlich wird Kästner etwas aus der Physik fragen, die ein Dichter wissen soll. Mich dünkt, ich hörte ihn! Heyne bringt wohl gar einen Ilomorum mit, und Gat- tercr etwas Universal - Geschichte. Einer der größten Nccker im philosophischen Examen war der selige Beckmann; aber der ist selig. Und der gar nicht scherzende Michaelis wird jetzt von vr. Osann so examinirt und> von Sander mit bellarü8 tractirt, daß er wohl schwerlich gegenwärtig seyn wird. — Ihr Thema zur Disputation ist gewiß sehr schön, und eine deutsche Ueber- sehung davon wäre wohl etwas für's „Magazin," an dem Sie doch wohl künftig ernstlich Antheil nehmen werden, mit dem Namen auf dem Titul. Kommen Sie ja bald herein, lieber Freund. Ich habe Allerlei zu reden. Au meinem Collegio haben sich 112 ausgeschrieben, und am Mittwoch hat Klindworth 130 Hereinkommende gezählt, und gegen 80 Louisd'or habe ich eingenommen. Ich sage dies, um Appetit zu machen. Mit Ihnen tvird's wahrlich noch besser gehen, denn Sie sind ein gesunder Mann, und können leicht drei Stunden des Tages lesen. Machen Sie nur, daß Sie bald Herkommen. Sie machen gewiß Ihr Glück, sobald Sie nur diesen Zweck recht ins Auge fassen, und nun mit unverwandtem Blicke immer gerade darauf zugehen, .und sollten auch, wie in der herrlichen Erzählung in „Tausend und eine Nacht," tausend Stimmen hinter Ihnen drein belfern, und.Nun Adieu! Göttingen, am ... Mai 1784. G. Eh. Lichtenberg. Gleim an Diirger*). Halberstadt, am 29sten Juli 1784. Ich mache meinen letzten Willen, lieber Bürger, und da finde ich die beigehenden Scheine. Schenken will und kann ich diese fünfzig Thaler Ihnen nicht. Ich bin verpflichtet, meiner Familie, die ein Familienstift gestiftet hat, nach zu lassen je mehr, desto besser. Nach meinem Tod' aber sollen unter meinen Pa- *) S. den Gesellschafter 1824. S. 278. 294 piercn diese Scheine sich nicht finden, und sie sollen meinem lieben Bürger keinen verdrießlichen Augenblick machen, auch soll er nicht eher schuldig seyn, die fünfzig Thaler zurück zu zahlen an unsere Stiftung, bis er nach meinem Tode fünfzig tausend Thaler mit seinem Homer gewonnen hat.. Gewinnen wird er ohne Zweifel diese Summe. Pope gewann mit dem seim'gen hundert tausend Thaler; und Bürgers Homer ist bester, als Popes. Kleinigkeiten sind' ich aus zu setzen. Aber, lieber, lieber Bürger, sie auf zu zählen, und darüber mich zu zanken mit Ihnen, mein Lieber, das ist mir schlechterdings nicht möglich, und würde von keinem Nutzen seyn; weil man über Kleinigkeiten sich so schwer vereinigt, und cs dabei gemeiniglich auf Personal-Geschmack ankommt. Gehen Sie Ihren eigenen stolzen Gang, wie die Sonne Gottes, dreist und ungestört nur immer fort, und lasten Sie von dem Krittler - Geschmeiße sich nur nicht irre machen. Das, mein bester Bürger! bittet Ihr alter Freund Gleim. N. S. Den Entschluß, nach Göttingen zu gehen, und da die Göttinn, die den Weisen und Dichtern nicht gnädig ist, auf zu suchen, Hab' ich vernommen, und, nach meiner geringen Kenntniß Ihrer Absichten, mein bester Bürger! nicht billigen können. Gott gebe seinen Segen dazu, daß Sie finden mögen, was Sie suchen. Ich nehme den herzlichsten Anthcil an Ihrem Wohlergehen, und wünschte, daß ich meinen lieben Bürger vorerst die fünfzig tausend Thaler für seinen Homer ver- schaffen könnte! — Daß ich die Stolberge nun persönlich kenne, werden Sie von unferm Göckingk schon gehört haben. Diese Woche hoff' ich sie noch ein Mal zu sehen aus Ihrer Aurückreise aus dem Karlsbade zu Wernigerode, wohin sie noch ein Mal zu kommen versprochen haben. Frau v. d. Necke an Bürger*). Wülferode, am 30sten April 1785. Haben Sie uns schon vergessen, lieber Bürger? — Wenigstens läßt Ihr Stillschweigen uns dies vermuthen. Aber selbst bei dieser Vermuthung ist es uns nicht möglich, mit minderer Herzlichkeit an Sie zu denken und für Sie zu fühlen, als wir dazumal für Sie empfanden, da Sie in Göttingen für mich zu Ihrer Zeichnung saßen, und als wir nachher Alle insgesammt in Ihrem Zimmer unter Ihren Blumentöpfen Jedes einen Topf mit einer noch nicht aufgeblühten Hyazinthen-Zwiebel wählte, Sie baten, einer jeden Zwiebel unsere Namen zu geben, und sie, im Andenken an uns, zu pflegen. Diese Blumen haben nun schon geblüht, und sind verwelkt! — Lieber Bürger! lassen Sie dies Natur-Ereig- niß doch ja kein Bild unserer Freundschaft seyn! — Unserer! — Unter diesen Worten verstehe ich Göckingk, Amalia, Sophie und Elisa! Diese vier S. den Gesellschafter 1833. S. 74S. S9K Seelen sind so verbunden, daß eine — immer für alle siehen und sprechen kann. Manche gute Seele tritt noch zu uns hinzu, und gefällt sich auch in der Verbindung mit uns; und so reichen wir die Hände auch nach Ihnen. — Und Sie..... Doch, ich will diesen Gedanken noch nicht ausschreiben. Vielleicht sagen Sie es uns nächstens, daß Sie uns nicht absterbcn wollen — und dann werden vier Herzen, die das Gute lieben, gewiß recht froh seyn. Vater Gleim haben wir zwei Mal in Halberstadt besucht, und er ist acht Tage hier bei uns gewesen. Das letzte Mal logirten Sophie, Julchen und ich bei Gleim; Göckingk und Amalia, die ihren Fritz unter unserer Begleitung zur Schule nach Halberstadt brachten, logirten bei ihrem Vetter Schwarz. — Schmidt, Fischer, Schwarz und Benzler aus Wernigerode waren auch täglich mit uns bei Vater Gleim von 8 Uhr Morgens — bis 10 Uhr des Abends. Jede Stunde wurd' uns da zum Seelenfeste. Aber oft, wenn wir Ihr Bild sahen *) mischte stille Schwermuth sich in unsere Empfindungen. Eines sagte zum Andern: Der gute Mann da -— giebt seinen Freunden kein Zeichen des Lebens von sich! *) In Gleims sogenanntem Tempel der Freundschaft war auch Bürgers Bildnis. Vor diesem sprachen wir oft zu Vater Gleim von unserm Bürger, und der edle Greis, dessen Wonne es war, talentvolle gute Menschen freundschaftlich verbunden zu sehen, freute sich der Huldigungen, die sein geliebter Bürger erhielt. Da waltete noch der Geist der Liebe und Eintracht unter Schriftstellern, die nach dem Bessern strebten. E. v. R. LS7 Den 7. Mai gehen wir nach Leipzig, und von dort aus über Dresden nach Karlsbad. Göckingk und Ama- lia gehen mit, und trinken in Karlsbad den Sprudel mit mir. In Leipzig werden Gleim und Schmidt uns besuchen, um noch zu guter Letzt mit uns froh zu seyn. Wie seelenfroh unsere Tage hier verflossen sind, wie unvergeßlich das Andenken von Wülferode uns ist — dafür Hab' ich keine Worte. Wie Helle Sterne glänzen die Erinnerungen unserer hier durchlebten Tage in meinem Gedächtnisse. Sie werden mein Herz beseligen, wann ich wieder im kalten Norden leben und mit warmer Liebe an Euch, Ihr theuern Entfernten, denken werde! Wollen Sie, lieber Bürger, in Ihren Mußen-Alma- nach keine Bruchstücke von den hier entstandenen Gedichten ausnehmen, so schick' ich Ihnen hier einige zur Probe. Göckingk und Sophie wissen nichts davon — aber ich nehme, wenn Sie davon Gebrauch machen wollen, Alles aus mich. Unser «Wülseröder Büchlein enthält manches artige Gedicht. Gleim, Schmidt, Schwarz und Fischer, auch Tiedge, haben manchen schönen Beitrag geliefert. Ich hätte Ihnen vielleicht noch Einiges geschickt, aber die meisten Gedichte haben zu personelle Beziehungen. Noch steht Ihnen, wenn wir uns sprechen, eine Freude bevor, denn — lesen sollen Sie auf diesen Fall Alles, was das liebe Büchlein enthält. Ob wir uns aber noch je in dieser Welt sprechen? — Lieber Bürger! dies ist sehr ungewiß! — O, warum haben Sie uns nicht hier besucht? Hier, wo Friede, Freude und edle Liebe einheimisch sind! Sich und uns haben Sie 298 dadurch um Freuden gebracht, die noch lange nachtönen würden. Von Ihnen, lieber Bürger! wird cs abhängen, ob ich Ihnen, wenn ich wieder 166 Meilen entfernt seyn werde, noch nahe seyn soll, oder nicht. Göckingk, Amalia, Sophie und Zulchen, Alles empfiehlt sich Ihnen. — Ich bin mit einem Herzen, das Freunde mit Wärme schätzt, wenn Sie wollen Ihre Freundin Elisa*). *) Der Briefwechsel zwischen Bürger und mir wurde fortgeführt, so daß wir uns jährlich wenigstens zwei Mal schrieben. Kam ich aus Kurland, um meinen kranken Körper durch Karlsbad von Schmerzen zu befreien, und durch Pyrmont zu kräftigen, so besuchte ich Bürgern in Göttingcn, und scelenvolle Gespräche heiligten diese Stunden. Das letzte Mal sprach ich ihn kurz vor seiner unglücklichen Hcirath. Ich sagte ihm offenherzig, daß ich die Furcht hege, dieser poetische Roman werde nicht gut enden, und ich würde ihm Glück wünschen, wenn die Heirath zurück ginge. Darauf schrieb Bürger mir einen vier Bogen langen, sehr interessanten Brief, in welchem er mir die ganze Entwickelung dieser phantastischen Liebesgeschichte darstellte, und er schloß den Brief mit den Worten: „Poetischphantasiereich fing mein Liebeshandel an; aber ich hoffe — meine Ehe soll prosaisch glücklich seyn." Dieser Brief war der letzte, den ich von Bürgern erhielt. Auch sah ich diesen Freund nicht wieder, und hörte bald zu meinem Schmerze, daß meine Furcht gegründet gewesen sey. E. v. R. 299 Bürger an Frau v. d. Necke*). Göttingen, am 15ten Mai 1785, Drei seelenvolle Briefe von der herrlichen Elisa habe ich nun schon vor mir, und noch hat Sie von mir keine Versicherung wieder, wie herzinnig ich Sie verehre, wie selig ich es fühle, freundlich von der Holden angesehen zu werden. Bedarf es aber auch einer solchen Versicherung? — O, mir däucht, das Gefühl meiner Huldigung ist etwas, das sich so sehr von selbst versteht, mir däucht, es versteht sich so sehr von selbst, Elisa dürfe nicht anders, als ein solches Gefühl in mir vermuthen, daß mir die Unart meines langen Stillschweigens, fast gar nicht wie Unart vorkommt. Es wäre sonst etwas unglaublich Ungeheures, Elisen auf solche Briefe nicht zu antworten. Denn daß ich diesen Winter über sehr an Leib und Seele gekränkelt habe, und einige Male mehrere Wochen lang verreiset gewesen bin, das kann wohl nicht für Entschuldigung gelten. Ewig unvergeßlich, Edle, Theure, wird mir der Tag seyn, an welchem ich erfahren habe, daß ein so holdes Geschöpf, wie Elisa, auf Erden ist. Dennoch weiß ich nicht, ob ich ihn unter die glücklichen oder unglücklichen rechnen soll. Sie erinnern sich unfehlbar noch, daß wir ein Langes und Breites darüber dispu- tirt haben, ohne gleichwohl einig werden zu können. ) S. den Gesellschafter 18SZ. S. 750. 300 Ich bin ein armer sinnlicher Mensch, und völlig wie ein kleines Kind, welches seinen heiligen Christ, oder was es sonst Liebes hat, nicht gern aus den Händen läßt, und sogar mit in's Bett nimmt. Sie, Theuerste, sind mir ja nur eine Bescheerung im Traume gewesen. Gott weiß, ob sich das Traumbild jemals wieder nur in einen Schatten von Wirklichkeit verwandeln wird. Und das kann ja mich armes Kind unmöglich beglücken. Doch, was für Klagen? Bin ich's etwa nicht schon längst gewohnt, von meinem Schicksal weidlich gepeitscht zu werden? Was kommt es denn auf ein Paar Hiebe mehr oder weniger anl Ach, Elisa, was für ein häßlicher unfreundlicher Bär bin ich fast diesen ganzen Winter über gewesen! Auch trage, schwerfällig und dumpf und stumpf, wie ein Grönländischer Bär, sowohl an Leib, als auch an der Seele. Seyn Sie froh, daß Sie nichts von mir gesehen und gehört haben. Sie würden entweder sehr über mich betrübt, oder mir gar gram geworden seyn. Seitdem der Frühling wieder angefangen hat, mich etwas zu entbären, kann ich doch etwas mehr in arti- culirtcn Menschentönen reden. Könnte ich mich mit Ihnen und Ihrer lieben Reise-Gesellschaft vor dem Sprudel vereinigen, so.... Doch, fort damit. Es geht ja doch nicht an *) _ Bürger. *) Das Ende des Briefes fehlt. 301 Bürger an eine junge Dichterin *). Göttingen, 1785. Die liebenswürdige, offene undunbefangene Zutraulichkeit, mit welcher Sie mir die Erstlinge Ihrer Muse mittheilen, verdient meine ganze Treuherzigkeit. Mir ist dabei nicht anders zu Muthe, als ob es Sünde wäre, Ihnen auch nur eine Sylbe vor zu heucheln. Allerdings glaube ich nach demjenigen, was Sie mir von Ihren Umständen erzählen, und nach den Proben, welche ich vor mir habe, daß es Ihnen keines- weges an wahren Talenten zur Dichtkunst fehle. Aber um desto weniger dürfen diese Erstlinge, so wie sie da sind, noch zur Zeit das Licht sehen. Der Geist, welchen sie vorrathcn, dürfte schwerlich da stehen bleiben, wo er jetzt steht, und möchte nach nur wenigen Vor- schritten eine allzu voreilige Bekanntmachung selbst bereuen. Eine fortgesetzte Lektüre unserer besten Dichter und Prosaisten, allenfalls auch eines und des andern theorischen Buches, wird Sie in Kurzem gewahr werden lassen, woran es Ihren Gedichten noch fehlt, und wovon ich jetzt nur vorzüglich Correktheit unserer hochdeutschen Schrift- und Gesellschaftssprache und der Versification nahmhaft mache. Der Fehler gegen diese Correktheit sind in Ihren Gedichten noch zu viele, und sie sind allzu innig mit dem Inhalte verwebt, als daß sie ohne 0 S. den Gesellschafter 1824. S. 9. 302 gänzliche Umschmelzung desselben in manchen Stellen leicht weggewischt werden könnten. — Dies aber darf Sie um so weniger Niederschlagen, da cs Dinge sind, welche durch ein wenig Studium erlangt werden können. Unscrs größten Sprachgelehrten, des Herrn Adelungs Schriften werden Sie bald belehren, was richtiges und reines Hochdeutsch, und der Ramlersche sowohl als Schlegelsche Batteux, was richtige, reine und wohlklingende Versisication sey. Was aber außer dem noch zu guter Dichterei gehöre, das dürften Sie schwerlich von Jemanden anders, als blos von sich selbst und demjenigen Genie lernen, womit Mutter Natur ein Töchterchen ausgestattet zu haben scheint, daß gewiß keine der untersten Stellen in ihrer Gunst hat. Sie sagen mir, daß Ihnen die Verse leicht fließen, und scheinen sich, mit Ihrer gütigen Erlaubnis! etwas darauf zu gut zu thun. Daß sie leicht geflossen sind, hätte ich Ihnen selbst angesehen, wenn Sie mir das auch nicht gesagt hätten. Aber ich will Sie vor diesem leichten Flusse herzlich gewarnt haben, und Ihnen dereinst Glück wünschen, wenn Sie mir mit Wahrheit melden können, daß es Ihnen schwerer werde, Verse zu machen. Wenn Sie erst werden gelernt haben, an einer einzigen Strophe Tage und Wochen lang zu käuen und wieder zu käuen, ehe sie Ihnen recht ist, dann werden auch der scharfen Ecken und Spitzen weniger hervor ragen, die jetzt die Organe der Empfindung zerschrammen. Lassen Sie es sich nicht leid seyn, liebe brave Frau, wenn ich Ihnen mit voller aber bestgemeinter Treuher- 303 zigkeit sage, daß Sie noch zur Zeit dasjenige nicht sind was Sie werden können, wenn Sie es nur mit Ihrer ganzen Kraft wollen, und was Sie seyn müssen, wenn die Erndte der gewünschten Lorbeern gedeihen, und nicht im ersten Keime ersticken soll. Es ist kein Dichter auf Erden, so hoch er auch immer stehe, der nicht von unten auf über eben die Stufen empor gestiegen sey, welche auch Sie nach und nach besteigen müssen. Eben so wenig, als wir in der leiblichen Kraft und Schönheit, in welcher wir den ersten Schritt in unsere Mannbarkeit lhun, geboren werden, eben so wenig hat ein unnatürlicher Sprung bei dem Wachsthum unseres Geistes statt. Es ist kein Dichter, so groß und schön er Ihnen, nachdem er ausgewachsen ist, auch in die Augen strahlen mag, der nicht einst in der Wiege gelegen, und Windeln — beschmutzt hätte. Großes Vergnügen würde es mir gewähren, wenn ich persönlich bei Ihnen seyn, und auf die Art kräftiger die Hand reichen könnte, den Gipfel zu erklettern, wo Sie gern seyn möchten. Beihülfe durch Briefwechsel ist allzu matt und langsam, und vollends, wenn einen armen Hypochondristen, wie ich bin, nicht selten Tinten- und Federscheu befällt. Ich habe mich fast diesen ganzen Sommer in Pyrmont und Meinberg aufgehalten, ohne jedoch etwas, das sonderliches Aufhebens Werth wäre, an Gesundheit zu ertrinken und zu erhaben. Doch ist es wenigstens so viel, daß ich im Stande bin, die Briefe meiner Freunde zu beantworten, und ihnen die Zweifel an meiner herzlichen Hochachtung und Liebe zu benehmen, die sonst wohl mein jahrelanges Stillschweigen, das Manchem, der nicht in meiner Haut steckt, unverantwortlich vorkommt, in ihnen erwecken mußte. So wie ich aber hoffen darf, durch neu versuchte Mittel den bösen Dämon, der bisher über meinen Leib und Geist tyrannisirte, wenn nicht ganz zu verbannen, dennoch zahmer zu machen, so darf ich Ihnen auch wohl noch manche schriftliche Versicherung meiner wahren Hochachtung für Sie und meines innigen Behagens an Ihrem schönen Geiste von Herzen versprechen welche sonst in mir verschlossen bleiben würde, Dabei will ich denn jederzeit gern sagen, was mir nach meinen geringen Einsichten zur Erhöhung und Ausbildung Ihres poetischen Talents vortheilhast dünkt. Wollten Sie mir gütigst erlauben, daß ich Ihnen sowohl die schon überschickten Gedichte, als diejenigen, die es Ihnen mir künftig noch mit zu theilen belieben möchte, jedes Mal mit meinen Randglossen zurück sendete, so würde dieses, däucht mir, der bequemste Weg seyn, eine de- taillirte und eben daher desto mehr unterrichtende Kritik von mir zu erhalten, wenn anders ich armer Stümper zu unterrichten vermag, welches zu glauben ich Ihnen auf eigene Gefahr und Kosten überlassen muß. Ich freue mich Ihrer, und habe Sie lieb, als ob Sie lange schon von Angesicht zu Angesicht gekannt und traulich mit Ihnen gelebt hätte. Möchte es Ihnen auch so in Ansehung meiner zu Muthe seynl Ob es Ihnen so sey, das will ich daran erkennen, wenn Sie künftig schlank weg ohne Titel und Complimente von Herzen zu Herzen als mit Ihrem Bruder mit mir reden. Sie sehen ja, wie ich rede; und wie ich rede, 305 so meine ich es gegen gute Menschen alle Mal von Herzen. Ich lege ein Exemplar meines diesjährigen Musen-Al- manaches bei, und wünsche daß Ihnen Eins und das Andere eine frohe Stunde machen möge. Ihrem Herrn Gemahl, der ein guter und braver Mann seyn muß, weil ihn ein so gutes und braves Weib liebt, empfehle ich mich bestens, und ich wiederhole die Versicherung der herzlichen Hochachtung, mit welcher ich bin Ihr treu gehorsamster Diener G. A. Bürger. Bürger an .... ^). Göttingen, am Lösten Dezember 1785. Weh thun mein lieber muß es mir allerdings, daß Du mich seit Deiner ganzen Abwesenheit auch nicht eines einzigen Brieses gewürdigt hast. Aber zürnen kann ich dennoch nicht mit Dir, ob ich gleich sehr wohl weiß, daß Dein wirklich mir abgeneigtes Herz schuld an diesem Stillschweigen ist. Und warum kann ich denn nicht zürneni — weil ich Dein Herz bester kenne, als Du das meinige; weil ich weiß, daß es Deine Schuld *) Seinen Schwager, der damals in Ostindien lebte. Dieser Brief ist abgedruckt aus dem Gesellschafter 1823. S. 129 f. 20 308 nicht ist; wenn Du mich und meinen Charakter verkannt hast, weil mein Gewissen mir Jeugniß giebt, daß kein Edler, der mich kennt, mich zu hassen oder zu verachten !m Stande sey. Zwar könnte ich wohl über Deine allzu große Leichtgläubigkeit ein wenig mit Dir hadern, nach welcher Du manchen Aahlpsennig für ein achtes vollwichtiges Goldstück, selbst wider die Absicht desjenigen, der ihn Dir aufschwatzte, annahmst. Es mag wohl an manchem Orte Deines letzten Aufenthaltes in Deutschland arg genug über mich hergegangen seyn. Ich weiß das Meiste davon fast buchstäblich. Und was ich nicht weiß, das kann ich mir gar leicht aus dem unbesonnenen, unstäten, windigen und charakterlosen Leichtsinn, aus welchem Dieser und Jener zu schnacken pflegt, hinzu denken. Doch — wozu frische ich unangenehme Bilder der Vergangenheit auf? Vergessen sey und bleibe, was irgend Wer mir jemals zu Leide redete oder that, so wie es schon langst in meinem Herzen vergraben war! Wenn auch sonst überall nichts Gutes an mir wäre, so ist es doch das, daß ich keinem Beleidiger Haß oder Rache nach zu tragen im Stande bin. Gegen diejenigen, die es nur vollends nicht aus bösem Vorsätze sind, kann ich auch keinen Augenblick zürnen. Diese Gesinnungen hätte ich schon eher gegen Dich geäußert, wenn nicht Kränklichkeit und tausendfache Zerstreuungen meiner letzten Lebensjahre, insonderheit aber die Besorgniß, daß es für kriechende Heuchelei genommen werden möchte, meinem Vorsatz, an Dich zu schreiben, in den Weg getreten wären. Jetzt aber, da 307 unser George auf einige Wochen zum Besuche bei mir ist, und ich ihn so emsig an Dich schreiben sehe, werde auch ich dazu ermuntert, besonders da ja nun alle Fehde ein Ende haben wird, und keine Ursache mehr vorhanden ist, mir eine neue an zu kündigen. Du alter, ehrlicher Don Quixote kannst nun Schwert und Lanze getrost ruhen lassen, brauchst auch keine Andern mehr in Harnisch zu jagen; denn was Du nur jemals gesehen und für Riesen gehalten haben magst, waren weiter nichts, als Windmühlen, und auch diese Windmühlen sind nun sammt und sonders zusammen gestürzt. Der alte Windmüller in B... verdiente nun zwar .wohl, ein Bischen dafür gehetzt zu werden, daß ec Dir so manches gräßliche Gaukelspiel vormachte; allein wenn es die vergeltende Gerechtigkeit des Schicksals nicht thut, so will ich mich gewiß damit nicht befassen. Denn aus Herzens-Bosheit hat er wohl auch eben nicht gcwind- müllert, wiewohl freilich der Leichtsinn und Muthwille oft eben so viel Böses, als die Bosheit, stiften. Doch genug hiervon! Gern theilte ich Dir nunmehr Eins und das Andere von der Geschichte meiner letzten Lebensjahre mit, wenn ich nur wüßte, was Du bereits davon weißt oder nicht weißt. Denn Einerlei vielleicht zwei und mehr Mal nach Ostindien zu schreiben, ist doch des weiten Weges kaum werth. Gleichwohl darf ich voraus setzen, daß Dir Dies und Jenes schon von Andern berichtet seyn werde. Doch dem sey, wie ihm wolle, so will ich das Hauptsächlichste, wiewohl freilich nur kurz, berühren. — Daß ich vor anderthalb Jahren meine Amtmanns- 20 * 308 stelle nieder gelegt habe, wirst Du wohl längst wissen. Es war in dem elenden Edelmanns-Dienste nicht mehr aus zu halten. Es ging dabei nicht nur alle mein Armüthchen, sondern auch Gesundheit und fast das Leben zu Grunde. Die beständigen Händel und Zänkereien, die ich besonders mit dem General v. U... in Gelliehausen, und der Widerwille, den ich gegen Alle mit diesem Amte verbundenen nichtswürdigen Plackereien hatte, ließen mich meines Lebens nicht voll und nicht froh werden. Ich gerieth mit dem General, auf dessen Hungergute Appenrode ich einige tausend Thaler zugesetzt habe, endlich sogar in Proceß, welcher mich denn so aufbrachte, daß ich etwas that, was ich schon vor zehn Jahren hätte thun sollen, nämlich, daß ich kurz und gut die elende Stelle aufgab, da ich auf andere Art mich wenigstens eben so gut durchbringen konnte. Das letzte halbe Jahr, ehe ich das Gericht Gleichen verließ, wohnte ich nach meinem Abzüge von Appenrode in Gelliehausen. Hier starb mir am 30. Julius 1784 meine gute Dorette an eben der langwierigen auszehrenden Krankheit, woran der selige Karl gestorben ist. Das schwere und kostbare Hauskreuz, unter dessen Last ich da länger als ein halbes Jahr geseufzt habe, kann und mag ich Dir jetzt nicht mehr schildern. Mehrere Monate lang sah ich sie täglich dahin sterben, ohne ihre Wiederherstellung auch nur hoffen zu dürfen. Ihre Krankheit hatte sich während ihrer letzten Schwangerschaft mit einem elenden, Anfangs gar nicht geachteten Schnupfen und Husten angefangen. Die Niederkunst mit einem Mädchen ging dessen ungeachtet glücklich von Statten. 30S Auch war sie bereits vom Wochenbette wieder aufgestanden, als das vorige hektische Fieber sich von neuem ihrer bemächtigte und sie endlich nach langwierigem Jammer dem Tode überlieferte. Das Kind starb einige Wochen nach ihr an eben der Krankheit, wozu cs den Saamen schon mit aus die Welt gebracht hatte. Ich brachte hierauf meine Jze nach Bissendorf, woselbst sich Gustchen *) seit einem Jahre wieder aufhielt, nachdem sie die vorherige Zeit nach Karl's Tode bei einer meiner Schwestern in Sachsen gelebt hatte. Ich selbst gab meinen Land-Haushalt nun gänzlich auf, verauctionirte meine überflüssigen mir beschwerlichen Poltereien,.und zog Michaelis 1784 nach Göttingen, wo ich mit gutem Beifalle ansing Collegia zu lesen und dabei mein hinlängliches Auskommen fand. Weil aber durch die Trübsale der letzten Zeit meine Gesundheit allzu sehr gelitten hatte, als daß ich mich von selbst hätte wieder erholen können, so mußte ich verwichene Ostern meine akademischen Beschäftigungen wieder ausfetzen, um diesen Sommer über eine gründliche Kur vorzunehmen. Ich reifete daher nach Bissendorf, und von da nach Pyrmont und Meinberg, wo ich Brunnen und Bad gebraucht habe. Vorher aber verband ich mich mit Derjenigen, die seit zehn oder zwölf Jahren, nach einem mir unerklärbaren Verhängniß, das Unglück meines Lebens gewesen war, um sie dadurch zum Glück meines noch übrigen Lebens umzuschaffen. Wenn mein fast ) Molly. 310 ganz hi'nwelkendes Leben nunmehr allmählig wieder aufzugrünen und zu blühen anfängt/so habe ich es wohl nicht blos Brunnen, Bädern und Apotheken zu verdanken, sondern hauptsächlich ihr, ohne deren Besitz ich lieber mein Daseyn gar nicht haben möchte. Seit Michaelis leben wir nun beiderseits in Göttingen, und sind erst die jetzigen Sorgen und Kosten unserer neuen häuslichen Einrichtung überstanden, so sehen wir, wenn uns sonst nur der Himmel Gesundheit bescheeret, einer angenehmeren und gemächlicheren Zukunft entgegen, als unsere so kummervolle Vergangenheit war. Was herzinnige, unwandelbare Liebe zum Glücke unsers Lebens nur irgend beitragen kann, das wird sie gewiß hergeben, und unser nothdürftiges Auskommen werden wir gewiß auch finden, wenn wir nur gesund bleiben. Denn ob ich gleich zur Zeit nicht Professor bin, welches ich bald zu werden hoffen darf, so denke ich doch durch Lesen und Schreiben so viel zu verdienen, daß es uns an dem Nothwendigen nicht leicht fehlen soll. Mein kleines liebes Weib ist eine gute und fleißige Hauswicthin, und dies wird hoffentlich nicht wenig dazu beitragen, mir auf den grünen Zweig wieder hinauf zu helfen, von welchem ich durch so mancherlei Stürme meines vorigen Lebens heruntergeschüttelt war. Wenn der Himmel Dich einst gesund und glücklich in Dein Vaterland und in unsere Arme zurück liefern wird, welches wir Alle so herzlich wünschen, so sollst Du uns, so Gott will, glücklicher und vergnügter wieder finden, als Du uns verlassen hast. Möchte doch dieser angenehme Zeitpunct erst da sepn! 311 Hier hast Du nun einen Hauptumriß meiner letzten Lebens-Geschichte. Besonders merkwürdige Veränderungen haben sich seitdem in unserer Familie nicht zugetragen. Die nächste Merkwürdigkeit dürste wohl ein junger Erbprinz für unser freilich ziemlich in Verfall gerathenes Reich seyn, wenn uns anders das Schicksal nicht zu ewiger Mädchen-Autorschaft verdammt hat. Kommt, wie ich wünsche und hoffe, ein Junge an den Tag, so sollst Du hiermit zum Gevatter erbeten sepn und dieser Brief mag statt des Gevatter-Briefes dienen. — Du wirst es doch wohl annehmen? Oder willst Du mit uns Hassens- und verachtungswürdigen Ungeheuern ganz und gar keine Gemeinschaft mehr haben? Pfui, schäme Dich, Du alter Don Quixote, daß Du Dich so be- windmüllern ließest! Und wenn Du Dich ausgeschämt hast, so komm wieder her und laß Dich umarmen! — Sage mir alsdann nur, um's Himmels willen, was für abentheuerliche Vorstellungen von unserer beiderseitigen Abscheulichkeit Du Dir hast beibringm lassen? Das Wind- und Klappcrmüller-Volk in B..., mit welchem ich übrigens von je und je recht friedlich und schiedlich zurecht gekommen bin, weil ich's nie für etwas Höheres oder Geringeres genommen habe, als was es ist, und mit welchem ich also auch künftig recht herzlich gut durch die Welt kommen werde, dies Wind- und Klappermüller-Volk dürfte wohl beinahe selbst Deiner gutherzigen Leichtgläubigkeit lachen, wenn es wüßte, wie Du so im ganzen Ernst Windmühlen für Riesen angesehen habest und noch bis auf den heutigen Tag bereit seyst, mit Schwert und Speer darauf los zu rennen. 312 Nein, lieber Junge, wir waren weiter nichts, als arme unglückliche Leute, deren Abscheulichkeit in weiter nichts bestand, als daß wir uns liebten, ohne uns dies weder gegeben zu haben, noch wieder nehmen zu können. Es hat darunter Keiner mehr gelitten, als wir selbst; und hätten nicht Leute, die es nichts anging, ganz unberufener Weise ihre Nasen dazwischen gesteckt, so würde Alles seinen stillen und ruhigen Gang gegangen seyn. Doch, es hat ja nun alle Fehde ein Ende! Wir sind durch Alles das, was vorbei ist, um nichts schlechter geworden, und dürfen uns rühmen, daß wir nichts desto weniger von guten und edeln Menschen geschätzt und geliebt werden. Mein Gewissen hat sich nicht vorzuwerfen, daß ich deswegen ein minder guter Ehemann gegen meine verewigte Dorette gewesen sey, als ich wohl sonst gewesen seyn würde. Ich konnte sie jederzeit auffordern und fragen, ob ich ihr im mindesten unwürdig und lieblos begegnet sey-, und das werde ich auch noch in jener Welt können, ohne eine gerechte Anklage zu befürchten. Nun, dies ist es ja wohl Alles, was Dein Herz gegen uns empörte. Oder hast Du auch noch sonst etwas wider mich gehabt? Ich bin mir wenigstens nichts weiter bewußt, wodurch ich die Erbitterung Deines Herzens verdient haben könnte. Doch ja, noch eins fällt mir ein. Au der Zeit, als mir die Vormundschaft auf eine sehr unwürdige Art abgenommen wurde, that mir das Publicum, höchst wahrscheinlich durch die edle Windmüllerei veranlaßt, die Ehre an, von mir zu glauben, daß ich gar übel mit meinen Curatel-Rechnungen bestehen würde. Ich bin aber. 313 Gottlob! recht gut damit bestanden, und Niemand kann mir vorwerfen, daß ich Segen davon gehabt, indem ich keinen Heller Salarium davon genoffen habe, welches gleichwohl meinem Nachfolger zu Theil werden muß. Dennoch habe ich die Last, Plackerei und Sorgen derjenigen Zeiten bestanden, da es nicht desperater aussehen konnte, als es aussah. Ich denke auch nicht, daß ich der Curatel die schlechtesten Dienste gewidmet habe, indem das Verdienst des gewonnenen Erbschafts-Prozesses mir ganz allein gebührt. Wie viel bequemer und ruhiger hat es nicht dagegen P... gehabt, der den argen Wust, in welchem Keiner wußte, wer Koch oder Kellner war, aufgeräumt fand, und nachher wenig mehr gethan hat, als Geld einnehmen und Geld ausgeben. Gleichwohl soll nun wohl noch manches Tröpfchen Wasser in der Leine vorüber laufen, ehe wir mit diesem aus einander kommen, und der ehrliche Windmüller, so gewaltig er's auch in Worten hat, wird gewiß mit der That desto weniger dazu beitragen, daß wir mit P... auf's Reine kommen. Du hättest daher Deine Vollmacht, die Du bei ihm zurück ließest, und gleichsam in des sel. Abrahams Schooß gelegt zu haben glaubtest, nur eben so gut seinem Peter ertheilen können. Deine Angelegenheiten würden auf die Art eben so gut besorgt worden seyn. Bürger. 314 Bürger an Friedrich Leopold, Grafen zu Stolberg *). Hochgeborener Herr Graf! So eben erhalte ich auf Ihre Ordre, von dem Buchhändler Göschen in Leipzig, ein Exemplar Ihrer herrlichen Schauspiele. Ich kann nicht beschreiben, mit welchem freudigen Stolze ich auf das Zeichen des gewogenen Andenkens von einem der vortrefflichsten unseres Volks Hinblicke. Wenn mir ein großer edler Fürst ein Ordensband mit eigner Hand umhängte, so würde dies freilich ein Großes seyn, nicht eben, weil er ein Fürst, sondern weil er ein großer edler Mann wäre. Aber, wahrlich, ich könnte nicht froher, nicht stolzer auf das Ordensband aus der Hand des großen und cdeln Fürsten seyn, als auf dies Geschenk meines vortrefflichen Freundes. Freund! So darf ich Sie doch noch immer nennen? Ja, wahrhaftig! Und mir ist fast bange, daß Sic über den Hochgeborenen Grafen zürnen, den ich da oben hingesetzt habe. Lange, mein Theuerster, habe ich so wenig Ihnen, als andern Verehrten und Geliebten, die mit mir aufgewachsen sind in dem Haine der Musen, etwas von mir und von meinen Umständen zu vernehmen gegeben. Es war nicht viel davon zu rühmen, wie es denn auch bis jetzt noch nicht ist. Daher wollte ich die Theilnehmenden nicht betrüben, und die Gleiches S. den Gesellschafter 1823. S. 361. 315 ^ gültigen — nun wer mag denn gar vollends den Gleichgültigen sein Leid klagen? Daß ich schon vor einigen Zähren mein armseliges Aemtchen, in welchem ich sür ein Einkommen, das ich säst zu nennen mich schäme, allzu unausstehlich chikanirt und gequält wurde, niedergelegt habe, und seitdem ex pruetore rlietor geworden bin, das wissen Sie ver- muthlich schon längst von dem öffentlichen Gerüchte. Das aber kann Ihnen sonst Niemand, als ich selbst, sagen, daß ich in diesem Lande, ich mag auch situirt seyn, wie ich will, meines Lebens nie voll und froh werden kann. Ich kann zwar hier das Warum 'nicht ganz aus einander setzen; allein wenn ich's thäte, so würden Sie alles sehr begreiflich finden, und mir vollkommen Recht geben. Herzlich, herzlich wünschte ich daher, je eher, je lieber, von hinnen ziehen und den hiesigen Staub von den Füßen schütteln zu können. „Warum ziehst du denn nicht?" werden Sie sagen. Auch auf dies Warum kann ich hier nicht sogleich umständlich antworten. Die Hauptsumme läuft indessen ungefähr darauf hinaus: Als Particulier an jedem andern Orte zu leben, leiden meine Umstände nicht. Ueberdies möchte ich auch gern in dem Staate, wo ich bin, etwas Wichtigeres und Bestimmteres zu thun haben, als, wie Diogenes, blos meine leere Tonne hin und her zu wälzen. Wie soll ich aber auswärts ohne Connexion dazu gelangen? Es reicht heut zu Tage kaum noch hin, daß ein tüchtiger Biedermann schlank und frei seine Dienste rund um 316 sich herum anbietet, und dabei denkt: Es wird doch wohl noch irgend ein Fürst seyn, der dich brauchen kann und will, da du zu gebrauchen bist. Der Lungerer sind allenthalben so viel, daß der Contrakt äo ut lavias nur zur höchsten Gnade auch mit dem brauchbarsten Biedermanne eingegangen wird. Indessen will ich doch einmal versuchen, was ich mir zwar schon längst vorgenommen, aber doch wegen einer gewissen Schüchternheit und Muthlosigkeit noch bis jetzt nicht habe in's Werk richten können. Ich will versuchen, was meine Freunde für mich thun können und wollen. An Sie, den herzlichsten und edelsten unter Ihnen, wende ich mich hie- mit kurz und gut zuerst. Ich höre, daß Ihre Verdienste von dem edeln Fürsten Ihres Landes erkannt und geschäht werden. Das kann mich ganz und gar nicht wundern. Denn wenn ich Fürst wäre, so wüßte ich nicht, wie mir Fritz Stolberg minder, als Alles seyn könnte. Nun, wollten Sie's denn wohl wagen, falls so ein Menschenkind, wie ich, im dortigen Dienste zu gebrauchen wäre, dies Menschenkind zu empfehlen, und edelmüthig dafür in Bürgschaft zu gehen? Sie wissen, was für einen Kopf, was für ein Herz mir Gott verliehen hat. Es ist ja auch wohl nicht zu viel gefügt, daß ich an juristischen sowohl als cameralistischen Kenntnissen die Nothdurft, und zu denen in diese Fächer schlagenden Geschäften Adresse besitze. An Treue und Eifer sollte es nicht fehlen. Kurz, ich hoffe, Ihrer Empfehlung keine Schande zu machen. Sie werden, auch ohne deßsalls einen Schritt zu thun, beurtheilen können, ob dort etwas für mich zu thun ist, und mir 317 -dies offenherzig zu sagen nach Ihrer edeln Denkungsart herzlich geneigt seyn. Ich bin und bleibe Ihnen, mein edler Freund, in alle Wege mit der vollkommensten Verehrung und Liebe .zugethan. GLttingen, 1787. Bürger. Friedrich Leopold, Graf zu Stolbrrg, an Bürger*). Neuenburg, am 6ten Februar 1787. Herzlichen und aber herzlichen Dank für Lieb' und Zutrauen, bester Bürger! Ich fühle, daß meine Liebe für Sie mich dessen werth macht, und desto reiner fließt mir der Dank in die Feder. Gott wolle mir Gelegenheit geben, meinem lieben Bürger nützlich zu seyn! Ich werde Sie nicht allein beim Schopf ergreifen, wenn sie sich darbietet, sondern mit Treue suchen. Und schwerlich würde Ihre Freude größer seyn, als die meinige, wenn ich die feile Dirne Haschen könnte, welche sich in dieser-Welt öfter dem Schurken, als dem Biedermann anbeut. Hier im Lande sind sehr gute Beamten-Stellen, von 500 bis 1000 Thalcrn Einkünften. Aber auch hier im Lande wird ein mittelmäßiger Pensionist des leidigen Seckels willen dem bravsten Manne, wäre es auch ') S. den Gesellschafter 18S3. S. 365. 318 Bürger, so auch der mittelmäßigste Oldenburger dem bravsten Fremdlinge, wäre es auch Bürger, vorgezogen. Ja, was sage ich, wäre es auch Bürger? — Freilich kennt man auch hier den cdeln Dichter; aber Sie wissen, was das in unserm Vaterlande sagen will. Außer wenigen Edeln hält der ganze übrige Pöbel, und vor Allen der Durchlauchtige, den Dichter für einen zwar seltenen, aber losen Vogel, der nicht in die Wirthschast taugt. Weil wir fliegen, glaubt man, daß wir nicht gehen können; und wenn wir auch in Geschäften Heller sehen, hält man uns für übersichtig. Dazu sind die Lästerungen Ihrer Hannöverischen Philister auch bis zu uns gekommen, und so etwas hat immer Einfluß, wäre es auch nur insofern, als man den Vorwand gern ergreift. Ich habe selber geglaubt, daß ich hier einiges Ansehen hätte, rheils weil man mir freundliche Gesichter macht, theils weil ich mich mit Andern um mich her verglich. Wo ich aber Gebrauch davon machen wollte, fand ich bald, daß ich Rechenpfennige für baare Münze angesehen, daß der gelbe Fürstenkopf mich betrogen hatte. Gleichwohl will ich versuchen, ob ich hier oder anderwärts etwas ausspüren kann. Wenn Ihnen kein Wildpret in die Küche gebracht wird, so schreiben Sie es der vaterländischen Sandwüste, und nicht dem treuen Stöber zu. Ich wünschte, daß Sie mir einen Brief schrieben, den ich produciren könnte. Aber ich wiederhole es, rechnen Sie nicht auf Ihren Freund, der nichts als guten Willen hat. „Da hast du was Rechts!" können Sie mir mit dem wackern Tellheim zurufen. 319 In stillem und feinem guten Herzen habe ich seit Jahren Ihre Schicksale tief gefühlt. Ich sage Ihnen nichts von dem, was Ihrem Herzen das Nächste ist.— Aber auch Ihr Leben unter den Philistern hat mich lange gekränkt. Ich kenne dieses Gesindel! Da möchte ich oft den vaterländischen Staub von den Füßen schütteln, wenn ich bedenke, — ey! da ist was zu bedenken, — wenn ich wie Kohlen im Herzen es fühle, daß einer der Edelsten des Volks wie der starke Simson in der Mühle dieser Unbeschnittenen mahlen muß, sich vielleicht vor Manchem neigen muß, ohne sich kräftiglich neigen zu können, wie jener, als er die Säulen des Tempels ergriff. Unsre Löwen sind Aeser, aber wer findet Honig in ihrem Rachen? Ich denke, Sie fühlen es, daß ich nicht unzeitig witzeln will. Aber auch der Zorn hat seinen Witz; und wer weiß das besser, als Sie? Einige Ihrer letzten Epigrammen, schön wie sie sind, haben mich betrübt. Denn ich sehe, daß Sie mit Schurken zu thun haben. Aber nimmer hätte der Un- muth Ihnen als wahren Ernst den Wunsch eingeben sollen, Ihre göttliche Kraft weggebcn zu können *). *) Bezieht sich auf das nachstehende Epigram: Vollkommener Ernst. Sprich, junger Freund, o sprich, was dich beweget, Nach schnödem Dichter-Ruhm dich athemlos zu laufen? Ha! diesen Dorn, den, ach! mein Wohlseyn in sich trägt, Den Satans-Engel, der mein Glück mit Fäusten schlägt, Wollt' ich, — o, könnt' ich nur! — spottwohlfeil dir verkaufen! 320 Mein lieber, edler Bürger: Daß Ihre Phantasie voll Kraft Sich Welten, wie sie will, erschafft, Und höllenab, und himmelan Sich senken und erheben kann * *)! das sey und bleibe Ihr Stolz und Ihre Wonne! — Ich weiß, daß Ihr Herz edel und groß ist, daß bei eigenen Leiden Sie sich des Glücks eines Freundes freuen können. Ich bin durch mein Weib — ich habe sie in manchem Gedichte seit fünf Jahren ohne Schmeichelei nach der Natur beschrieben — so glücklich, als man seyn kann. Ich habe drei liebe Kinder. Meinen Bruder sehe ich wenigstens jährlich, und meine liebste Schwester ist jetzt bei mir, und wird es, hoff' ich, oft seyn. Dazu lebe ich, wie ich immer wünschte, auf dem Lande. Ich pflege des Altars der Themis; aber ich lehre die Lauben der Venus Urania im Gesimse ihres Tempels zu nisten. Oft singt mein Weib Ihre Lieder. Ich umarme Sie von ganzem Herzen. F. L. Stolberg. Bürger beantwortete Stolbcrgs Vorwurf in folgenden Zeilen: Als das Obige für Versündigung erklärt wurde. Ich schelte nicht die edle Gabe. Die ich von Gott empfangen habe. Die Gabe hat mir Heil gewährt; Allein ihr Ruhm oft Fluch beschwert. *) Nach einer Stelle in Bürgers „Dankliede:" Daß meine Phantasie, voll Kraft. Vernichtet Welten. Welten schafft u. s. w. 3L1 Friedrich Leopold, Graf zu Stolberg, an Bürger *). Neuenburg, am 27sten März 1787. Liebster Freund, warum antworten Sie mir nicht? Schon seit verschiedenen Posttagen sehe ich mit Ungeduld einem Briefe von Ihnen entgegen. Sie haben doch nicht den meinigen für eine Einkleidung gehalten? Nein, so kann mich mein Bürger nicht verkennen! — Sie haben doch meinen Wunsch, einen Brief von Ihnen zu haben, den ich dem Minister, oder auch dem Herzoge zeigen könnte, nicht mißverstanden? Sie sind doch von mir versichert, daß ich stolz genug auf meinen Freund bin, um Minister und Herzog fühlen zu lasten, daß, wenn Bürger sich mit ihnen in einen Vertrag einläßt, die Ehre aus der Seite des Kronvogels, und nicht des edleren Adlers sey! Also, schreiben Sie mir einen Brief, dem man es nicht ansieht, daß er producirt werden soll, der aber doch darauf eingerichtet ist. Ohne einen Versuch zu machen, will und kann ich der Hoffnung nicht entsagen, Sie in diesem Lande zu sehen, zu haben! Wir wollen uns selbander verjüngen, wie Adler, und auffahren mit neuer Kraft! Meine Agnes theilet ganz meinen feurigen Wunsch. Als ein kleines Mädel hat sie schon mit Empfindung Ihre Lieder gesungen, und singt sie mir oft. Sie will, daß ich Sie herzlich von ihr grüßen soll. *) S. den Gesellschafter 18L3. S. 370. 21 322 Heraus aus dem Lande der Philister! Mich wundert, daß Sie nicht schon längst im heiligen Zorn der Esel Einem einen Kinnbacken ausgerissen haben, um das Philisterzeug zu zerdreschen. Ich hoffe, daß Sie den ersten Theil von meinen und meines Bruders Schauspielen erhalten haben. Schon seit einigen Wochen sollten Sie ihn haben. Leben Sie wohl, lieber Freund! Ich umarme Sie von ganzem Herzen. F. L. Stolberg. Friedrich Leopold, Graf zu Stolberg, an Diirger *). Neuenburg, am 4ten Mai 1787. Herzlichen Dank für Ihren letzten Brief, liebster Bürger! Ich habe ihn nicht früher beantwortet, weil ich die Erscheinung des Herzogs in diesem Lande ab- warten wollte, in der Hoffnung, vielleicht etwas Gewisseres von einer Sache schreiben zu können, die mir so nahe am Herzen liegt. Vor einigen Tagen habe ich den Herzog gesprochen. Mit Freuden lasse ich ihm die Gerechtigkeit widerfahren, daß er etwas vom Werthe Ihres Anerbietens empfand. Ich suchte diese Empfindung zu nutzen, und ihm die Erfüllung unsers Wunsches so nahe zu legen, als ich, S. den Gesellschafter 18L3. S. 370. 323 ohne Ihnen etwas zu vergeben, thun konnte. Er ließ sie aber, ganz nahe, zwischen ihm und mir liegen; doch habe ich Hoffnung, zum wenigsten mehr, als ich vor meiner Unterredung hatte, gleichwohl nicht genug, um Ihnen nicht rathen zu müssen, außer dieser Angel auch andere in anderen Wassern aushalten zu lassen. Ich gebe acht auf diese, frische den Köder an, und reiße sie jauchzend zu mir, sobald sie zuckt. Ach liebster Bürger, wie wollen wir manchen Tag unseres Lebens zusammen froh werden, wenn ein guter Genius uns zusammen bringt! Verjüngen wollen wir uns, wir alten Knaben, wie die Adler, und auffahren mit neuer Kraft! Indem ich dieses schreibe, kommt mir ein Gedanke, den ich Ihrer Prüfung vorlege. Es werden in Oldenburg „Blätter vermischten Inhalts" heraus kommen, zum Nutzen des Bürgers in den Städten und des Landmanns. Die Ankündigung derselben wollte ich Ihnen schicken; sie ist aber, wie Klotz zu sagen pflegte, den Weg gegangen, unäo ue- xaut reäirv elmrtas. Hier ist eine Beilage, welche nur an diejenigen gesandt worden, deren Mitarbeitung sich die Herausgeber ausbitten. Jene war für den Haufen der Leser. Ehre ist freilich mit dieser Arbeit nicht ein zu legen; zu unserm jetzigen Zwecke wäre es aber vielleicht nicht undienlich, wenn Sie einige kurze Aufsätze juristisch-po- pulairen, oder kameralischen Inhalts einsendeten. Sie gäben sich einen andern Namen, und ich wollte dafür sorgen, daß diejenigen, auf die es ankommt, erführen, LI* daß Sie der Verfasser wären. So wäre ;. B. eine lebendige Beschreibung des Unfugs, den die Advokaten treiben, mit einer Warnung gegen diese Hunde der Themis, hier sehr gut angebracht. — Ich weiß, edler Adler, daß ich Dir etwas Albernes zumuthe, aber wenn Deine Sonnenschwingen ruhen, kannst Du ja wohl, currente pennn sn8«rina, Dich herablassen. Gott besohlen, bester Bürger! Meine Agnes, die herzliche Sängerinn Ihrer Lieder, und meine Schwester Kätchen, von welcher Sie vor verschiedenen Jahren im Museum einige Ammonshörnchen haben sehen können, grüßen von Herzen. Ich umarme Sie mit dem vollen Gefühl unserer Freundschaft. F. L. Stolberg. Hier habe ich von einem Nachbar auch noch die erste Ankündigung aufgegabelt. Friedrich Leopold, Gras zu Stolberg, an Bürger *). Neuenburg, am Iten Junius 1787. Vor einigen Tagen hat mich Halem verlassen, welcher mich besucht hatte. Sie kennen ihn; es ist ein guter, braver Mann, dem ich unser Geheimniß schon vor einiger Zeit anvertraute, weil er des Zutrauens werth ist, und zu unserem Zwecke vielleicht nützen kann. Er ist einer von den Herausgebern der „vermischten °) S. den Gesellschafter 1823. S. 37t. 3S5 Blätter", und sein Bruder ist Sekretair des Bischofs. Er wird an Sie schreiben, und Ihnen ein Exemplar schicken, damit Sie sich orientiren in dieser sandigen Autor-Wüste. Aber das Herz im Leibe schwillt mir vor Unwillen, daß Du, edler Aar, Dich durch solches Arbeitsel anempfehlen sollst! Senden Sie an ihn Ihre Beiträge, und geben Sie sich einen erdichteten Namen, und zwar immer den- selbigen. Halem stimmt alsdann seinen Bruder, und dieser laßt discursweise fallen, daß dieser und jener nützliche, pragmatische Aussatz von Ihnen sey. Herzlichen Dank für Ihren lieben Brief vom 14ten Mai. O, daß ich mit reiner, ungemischter Freude, oder auch nur mit mehr Hoffnung Ihre lieben Briefe lesen könnte! So ganz der alte liebe Bürger in jeder Zeile! Ich reise in einigen Tagen auf sechs bis acht Wochen nach Holstein. Ich werde den Bischof und Graf Holmer sehen, und werde es nicht machen, wie mein College am egyptischen Hofe (denn auch ich bin Oberschenk), welcher seines Freundes vergaß. Aber mit dem Bischof muß man sehr behutsam in solchen Fällen seyn; legt man ihm zur Unzeit eine Sache nahe, so läßt er sie liegen. Er ist von der Art: Oui mals 8i xalpero revrrlairat unckiyue tutu8. Ich habe mit Halem darüber gesprochen, ob etwa am Ende des Sommers es gut seyn möchte, daß Sie eine kleine Reise hierher machten; aber diese Idee ist sehr unreif. Gott weiß, wie gern ich Sie hier umarmte! Aber umsonst will ich Sie nicht hersprengen; auch möchte vielleicht der Bischof Abrede wittern, und dann wäre Alles aus. 326 Gott, welcher den Adlern ihren Weg über Wolken zeigt, leite Sie und diese Sache, die mir so sehr am Herzen .liegt! Agnes und Kätchen theilten ganz meinen Wunsch, und würden sich seiner Erfüllung von Grunde der Seele freuen. Uebrigens ist Kätchen nicht diejenige von meinen Schwestern, welche Lieutenant von .... gesehen hat. Diese hat jetzt einen Bruder von Agnes geheirathet. Sie für Kätchen gehalten zu haben, sieht .... ähnlich. Mit Willen hat er sie nicht verwechselt; eine solche poetische Licenz wäre weit über seine Kräfte. Durch jene Schwester hat er mir vor einigen Jahren die Romanze, deren Sie erwähnen, mittheilen, und ich ihm dem wohlgemeinten, wiewohl dürren, herben Rath geben lassen, nie wieder Werse zu machen. Dadurch habe ich ihm wohl schwerlich den Tollwurm genommen; aber doch mich vom ferneren Auswurfe seiner Muse befreit. — Gott besohlen! Ich umarme Sie von ganzen Herzen! F. L. Stolberg. Born an Bürger*). Leipzig, den 5ten Jan. 1788. Wohlgeborner, Hochgeehrtester Herr Professor! Längst ein warmer Verehrer Ihrer lyrischen Muse bin ich jetzt frei genug, Sie unbekannter Weise in Eor- *) S. den Gesellschafter 1823. S. L42. 327 respondenz zu ziehen und um Ihre schätzbare Freundschaft ganz ergebenst zu ersuchen. Sie haben, wie ich höre, in Göttingen die Kantsche Philosophie in Schutz genommen. Da ich mich hier in gleichem Falle befinde, so ist es ganz natürlich, daß meine Seele mit der Ihrigen spmpathisiren müsse. Ich habe diesem Briese eine meiner kleinen Schriften beigefügt. Wenn Sie diese auch in Zweifel lassen sollte, ob ihr Verfasser der Freundschaft des von seiner ganzen Nation angebeteten Volks- Dichters würdig sey, so sind Sie doch zu großmüthig, als daß Sie meine Schwärmerei durch Stillschweigen bestrafen sollten. Ich bin jetzt in meiner Uebersetzung der Kantschen Kritik in's Lateinische begriffen. Meine Absicht ist dabei vornehmlich, dem Auslande ein Werk nutzbar zu machen, welches billig der Stolz Germaniens ist. Vielleicht gelingt es mir, durch Erleichterung und Verdeutlichung dieses Werk faßlicher dar zu stellen und ihm dadurch einigen Vorzug vor dem Originale zu geben. In dem ersten Hauptstücke des gegenwärtig beigelegten Büchelchens habe ich versucht, die Vernunft-Kritik im Kleineren dar zu legen. Ew. Wohlgeboren belieben, mir gütigst Ihr freimüthiges Urtheil zu eröffnen, ob ich in Rücksicht auf Leichtigkeit und Begreiflichkeit nicht ganz unglücklich gearbeitet habe. Wegen des im zweiten Haupt- siücke so wie hin und wieder im ersten, herrschenden Tons muß ich noch erinnern, daß er mir nicht ganz natürlich ist. Es war aber nothwendig, daß ich den Wald eben so zurück Hallen ließ, wie es zuerst in ihn hinein geschallt hatte; besonders, da ich mit einem sehr unduldsamen Gegner und, welches gleich viel ist, mit einem 328 ganz verzauberten Crusianer zu thun hatte. —> Verzeihen Sie gütigst meiner Freiheit, und erlauben Sie mir künftig, mich nennen zu dürfen Ew. Wohlgeboren ganz ergebenster Friedrich Gottlob Born. Viirger an Vorn *). Göttingen, den 5ten Febr. 1788. Wohlgeborner, Hochzuehrender Herr Professor! Bei Ew. Wohlgeboren gütigen Zuschrift ist mir zu Muthe, wie ungefähr dem armen Bauernmädchen, dem ein reicher und vornehmer Junker die Hand anbietet. Es ist ein Gemisch von angenehmer Verwunderung über die unerwartete Ehre, aber auch zugleich von Scham aus dem Bewußtseyn, daß ich sie nicht verdiene. Meine Verlegenheit dabei ist um so größer, als ich nicht nur Ew. Wohlgeboren, sondern auch in mancher Rücksicht mich selbst für zu gut achte, um in der gewöhnlichen Schelmhaut verborgen zu bleiben. Diese Schelmhaut ist eine Art von Nebelkappe, wie sie weiland die Zwerge führten, um sich nach Bedürfniß entweder ganz unsichtbar, oder doch wenigstens ein falsches Blendwerk von sich *) S. den Gesellschafter 1623 . S. 24S. zu machen. Ob ich nun gleich eine solche Kappe, in manchen Fällen, sowohl mir als andern ehrlichen Leuten gar gern erlaube, so scheint sie mir doch vor Ihnen, und vollends nach einer so edlen und wohlwollenden Aufforderung, durchaus nicht geziemen zu wollen. Gleichwohl möchte ich, durch das Bckenntniß meiner Armuth und Schwäche, die mir so behagliche Melodie Ihrer Gesinnungen gegen mich nicht gern verstimmen. Es ist erst seit Kurzem, etwa seit zwei oder drei Jahren, daß ich das Studium der Philosophie mit wissenschaftlicher Ordnung und Strenge treibe. Da ich nun noch zum Unglück viel kränkele, so ist leicht ab zu sehen, daß ich es wohl noch nicht so weit gebracht haben könne, um unter die Zunftgenossenschaft mit ausgenommen zu werden. Freilich trieb mich schon in früheren Jahren ein inneres Bedürfniß, mehr als ein Mal, zur Spekulation. Allein theils brachten andere damit unvereinbare Geschäfte und Zerstreuungen mich immer wieder davon zurück, theils fand ich auch in so mancher metaphysischen Stadt Gottes allzu wenig Rath, Beihülfe und Unterstützung, welches mich dann zum Fortfahren verdrossen machte. So würde es geblieben seyn, wenn ich nicht endlich an das Buch der Bücher — Ihnen brauche ich nicht zu sagen, welches ich so nenne — wenn ich nicht an das heilige Buch gerathen wäre, welches zu meiner angenehmsten Verwunderung so manche meiner vorherigen verworrenen und dunkeln Muthmaßungen in ordentliche deutliche und zuverlässige Erkenntniß verwandelte. Das Buch der Bücher ist nun freilich seitdem fast mein täglicher Abend- und Morgensegen gewesen; allein dennoch ist es mir bei weitem noch nicht gelungen, auch nur mit meinen Blicken alle die Höhen zu erreichen, welche die Scheitel des riescnmäßigen Denkers berührt, überall die Tiefen zu ergründen, wo, wie aus unvergänglichem Granit, so unerschütterlich sein Fuß steht, noch das AU der Erkenntm'ß nur zu umschleichen, das Er, wie einen Spielball, mit seiner einen hohlen Hand um- , spannt. Wahrlich, es ist kein größerer System-Schöpfer gewesen als Kant, seitdem aus Erden Systeme hervor / gebracht worden sind! Ob ich nun aber gleich noch lange nicht so weit bin, als ich seyn sollte, so habe ich doch in der Hoffnung, daß fortgesetzte Anstrengung mich endlich zum Ziele bringen werde, diesen Winter Vorlesungen über die Kantsche Philosophie unternommen. Die Verwegenheit eines solchen Unternehmens entschuldigte ich gegen mich selbst damit, daß ich alsdann zu jener so nöthigen Anstrengung des ganzen Vermögens schlechterdings gezwungen seyn würde. Bis hierher ist es denn nun ganz leidlich von statten gegangen, wie denn auch der Zuspruch der Zuhörer, trotz der hiesigen Anti-Kantianischen Katheder, über alle meine und jedes Andern Erwartung, zahlreich und anhaltend gewesen ist. Dem Kantschen Systeme, so weit ich es verstehe, fehlt weiter nichts, als eine faßlichere Darstellung, um Alles, was bisher metaphysicirt worden ist, noch innerhalb dieses Jahrhunderts unter die Füße zu bringen. Wenn mich nicht meine überaus elende Gesundheit daran verhindert, so ist es mein redlicher Vorsatz, hierzu bei zu tragen, was nur irgend in meinem Vermögen steht 331 Wenn ich mich in Ansehung meiner geringen Fähigkeiten nicht ganz und gar irre, so hoffe ich, gerade in diesem Stücke nicht ohne allen guten Erfolg mit zu arbeiten, sobald ich nur Alles vollkommen durchdrungen habe» Ausnehmend habe ich mich gefreut, Ew. Wohlgeboren, wo nicht auf eben demselben, dennoch auf einem mit dem meinigen so parallel laufenden Wege zu finden, so daß wir uns fast allenthalben einander absehen und ab- rufen können. Es ist ein ganz vortreffliches und den Dank unseres ganzen patriotisch gesinnten Publicums verdienendes Unternehmen, die „Kritik der reinen Vernunft" in's Lateinische zu übertragen. Mehr als hundert Mal habe ich dieses schon selbst still und laut gewünscht; aber immer hat mir der Wunsch bei näherer Ueberlegung unerfüllbar geschienen, woran nun wohl meine eben nicht gar große Kenntniß der lateinischen Sprache schuld gewesen seyn mag. Denn wie ich nunmehr aus Ihrem vorläufigen so schön gerathenen Versuche ersehe, so läßt sich, wenn auch gleich nicht jede Wendung, dennoch der wahre Kern der Kantschen Gedanken in eine sehr elegante ächt römische, gleichwohl aber sehr leichte und faßliche Sprache übertragen. Ich zweifle nun keinen Augenblick mehr an Ihrer glücklichen Vollendung des Ganzen, und ich stelle mir zum Voraus mit wahrem Entzücken die Wirkungen des erhabenen Buches auf die Denker des Auslandes vor. Nochmals wiederhole ich es von ganzem Herzen: Ihr Unternehmen ist ein gar herrliches. Den Sanct Pezold haben Sie, däucht mir, mausetodt gemacht. Er wird es aber wohl, nach Art aller An er, 332 nicht an sich kommen lassen, daß er todt sey. Zn einer — freilich nur Kleinigkeit — könnten Sie ihm doch wohl zu viel gethan haben; darin nämlich: daß er keinen Andern, als Sie, im Sinne gehabt haben könne, da er über die ratio pura die Nase rümpfte. Denn Ulrich in seinen Ii,8tit. lox. et inet, braucht gerade eben denselben Ausdruck; wie denn auch nicht wohl ab zu sehen ist, welches andere gut lateinische Wort gebraucht werden könnte. Denn Aenuinus, welches mir sonst den Begriff auch nicht übel aus zu drücken scheint, ist wohl in dieser Bedeutuung kein alt römisches Wort. Uebrigens steigt mir manchmal der Zweifel auf, ob es auch ganz wohl gethan sey, in diesem Stücke überall so classisch zu verfahren. Alle i8i»en, die von einer neueren Sprache, besonders der deutschen, den Namen führen, müßten freilich in der Uebersetzung sorgfältig vermieden werden, wenn anders der Hauptzweck, das Werk den Ausländern verständlich zu machen, nicht verfehlt werden soll. Ob aber gerade alle Barbarismen? das ist noch eine andere Frage. Denn es gibt doch gar manchen Ausdruck I»timtati8 eorrnptae, den jetzt ein jeder Gelehrter durch ganz Europa gar wohl verstehen mag, ob ihn gleich Cicero vielleicht nicht verstehen würde. Einen solchen möchte ich nun aus dem wissenschaftlichen Latein nicht verbannt wissen, weil kein gut lateinischer Ausdruck gerade eben dasselbe zu bezeichnen vermag. Denn wahrhaftig, es ist nur das ästhetische Lumpen- und Bettel-Gesindel, welches da an Wörtern nagt, wo es auf Sachen ankommt. Meinethalben — und ich habe doch auch meine leckerhafte 333 Zunge/ so gut wie mancher Andere — meinethalben möchte ein Buch, wie die „Kritik", mit Hahnen-Füßen geschrieben seyn, wenn cs nur sonst an Gründlichkeit und Faßlichkeit dadurch gewänne. Lassen diese sich mit Schönheit vereinigen, gut! wo nicht, so mag diese meinetwegen reisen, so weit sie will. Doch beinahe möchte es scheinen, als glaubte ich Ihnen da wunder was für wichtige Bemerkungen mit zu theilen, und dies müßte Ihnen unstreitig noch lächerlicher Vorkommen, nachdem ich die bewußte Nebelkappe treuherzig abgelegt habe. Sollte es Ihnen bei einer näheren Beziehung der Cathegorie Gemeinschaft oder Wechselwirkung auf uns Beide, auf ein beträchtliches Deficit in der Bilance nicht ankommen — denn Sie werden auf alle Fälle weit mehr aus zu geben als einzunehmen Haben — so ist mir die Subsumtion gar herzlich willkommen. Das hätten Sie doch wohl nimmermehr gedacht, daß eine Cathegorie sich auch gebrauchen ließe, einen Brief mit einer ganz original neuen — meinethalben auch abentheuerlichen — Wendung zu schließen. Ich bin ungeachtet der fast zu leichtfertigen Laune dieses Augenblicks, mit der ernstlichsten, wärmsten Hochachtung für Ihre Verdienste Ew. Wohlgeboren gehorsamer Diener Gottsr. Aug. Bürger. 334 Bürger an Gleim *). Göttingen, den 20sten April 1789. Gott segne den theuern, ehrwürdigen Vater Gleim mit Freude! Zn die lieben Hände, die ich kindlich mit Thränen süßer Wehmuth küsse, lege ich eine arme kleine Gabe, wofür ich mir einen gütigen, verzeihenden Blick für mein langes Todtenschweigen, selbst bei Gelegenheiten, da Reden Pflicht war, von ihm erflehe. Lieber Vater, ich mochte ja lange, lange nicht mehr leben, wie hätte ich denn reden mögen, wenn auch Gott oder Göttinn mir die Lippen durch Küste hätten entsiegeln wollen? Ich habe es Allen so gemacht, wie Ihneni Allen, Allen, die mir noch so wohl wollten. Aber die Kühlungen im heiligen Hain Apollos haben meine Seele, und die Balsame Aesculaps meinen Körper wieder erquickt, und es kommt mir seit einiger Zeit vor, als ob ich mich besser fühlte. Das Vorgefühl der Gesundheit, das ich Boien zusang, ist nicht ganz poetische Fiction. Sie werden in der Beilage manches Bächlein entdecken, das aus der Hauptquclle der Freuden und Leiden meines Lebens entsprang. Jene sind vertrocknet, und diese — nun, wenn sie nur nicht mehr überschwemmen. Lieber Gleim, wenn Ihnen auch nichts in dieser ') S. litcrar. Convers.-Bl. 182S. S. 136. 335 Sammlung gefällt, so — was soll ich's leugnen, daß ich alles Uebri'ge für meinen Liebling, den Sie selbst suchen mögen, Preis gebe? Ich beharre unter dem obigen Segenswunsche mit kindlichem Herzen Ihr dankbarer Bürger. Mein bieder Voß *). Göttingen, im April 1789. Das Schicksal, von mir in so langer Zeit keinen Zuruf vernommen zu haben, theilen Sie mit unzähligen Andern. Aus Mangel an herzlicher Hochachtung und Liebe für edle verdienstvolle Menschen entsprang dies Stillschweigen nicht; wohl aber aus einer mehrjährigen Leibes- und Seelenstimmung, in welcher ich oft nicht zu leben, geschweige denn Briefe zu schreiben Lust hatte. Etwas scheint es sich mit mir bessern zu wollen, und es interessirt mich wieder, meine Freunde und Bekannte nach und nach durch gute Worte wenigstens dahin zu stimmen, daß sie nicht mehr mit mir zürnen, wenn sie mir auch noch nicht gleich wieder gewogen seyn können. Endlich, wie Sie sehen, ist die neue Auflage meiner Gedichte zu Stande gekommen. Sie waren einst ) S. Briefe von Joh. Hcinr. Voß. 2 Bd. S. 70 ff. 336 so gütig, mir ganz unverdienter Weise ein Namenver- zeichniß von Subscribenten zu überschicken. Da sich indessen manche Veränderung zugetragen haben mag; da manche vielleicht gestorben und verdorben sind, manche aber sich anders bedacht haben können; so muß ich, wie überall, also auch bei Ihnen ansragen, ob Sie noch die damals verlangte Anzahl von Exemplaren, oder wie viele Sie gegenwärtig gebrauchen können. Sie mögen nun viel oder wenig, oder gar keins gebrauchen; so sollen Sie doch das beikommende als ein Zeichen meiner herzlichen Hochachtung und Liebe, als ein schwaches Dankopfer für so manchen herzlichen Ton, den Sie auch mir in Ohr und Seele gesungen haben, von mir zum Andenken annehmen. Bürger. Gleim an Vürger *). Halberstadt, den I8ten Oct. 1789. Hier, mein theurer Bürger, in größter Eil, sende ich einen goldnen Friedrich den Zweiten. Ich möchte gern der Erste seyn, (der erste Preuße kann ich seyn) der Ihrem Vorhaben, uns einen schönen Bürger zu geben, seinen Beifäll gäbe. — Meinen völligen Beifall hat auch, daß Sie die Vorrede, bei deren Abfassung Sie übellaunig waren, weglassen wollen. Statt ') S. literar. Conversi-Bl. 18SS. S. 156. 337 ihrer wünscht' ich aber doch eine, die wieder gut machte, was jene verdarb! Ich mag so gern, daß unsre Dichter zur Zufriedenheit der Menschen mit Gott und Ihresgleichen das Ihrige beitragen. In jener war mein Bürger über die Kleinigkeiten der Erde nicht erhaben, wie er es ist beinahe in allen seinen Liedern. Ich umarme den deutschen Dichter des hohen Liedes, das mir lieber ist, als alle die ebräischen, und bin von ganzem Herzen sein alter treuer Gleim. Bürger an (Gleim *). Göttingen, den 26sten Oct. 1789. Liebes Väterchen, es freuet mich vom Wirbel bis in die Zehe, daß ich Ihren Namen längst, ehe Ihr Brief ankam, ehe ich mir nur noch was davon träumen ließ, auf meinem vollen reinen Bogen sub sps rati obenan gesetzt hatte. Er wäre auch stehen geblieben, gesetzt, es wäre Ihnen gar nicht weiter eingefallen, sich ausdrücklich zu melden. Denn denen, die so gern Liebes und Werthes thun, als Sie, wird von Gott und Rechtswegen auch dasjenige für That angerechnet, was sie etwa vergessen. Aber mit dem goldnen Friedrich hätten Sie sich noch nicht übereilen sollen; S. literar. C°nvers.-Bl. 18SS. S. ISO. 22 338 denn Sie haben ja auf den schönen Bürger längst zehnfach pränumerirt, und dann ist und bleibt cs immer noch eine große, große Frage, ob so viel zusammenkommt, daß die Kosten der Toilette bestritten werden mögen. Wenn nicht wenigstens gegen Dreihundert sub- sccibiren, so müßte es wunderlich kommen, wenn aus der ganzen Herrlichkeit etwas werden sollte. Dreihundert Gleime aber gibt es ja nicht in der Welt, geschweige denn in Deutschland. Ich sage das nicht in bösem, sondern in gutem, fröhlichem Muthe, denn Sie haben Recht, man muß nicht so grkesgramisch seyn, und ich habe seit einiger Zeit gute Progressen gemacht, mir diese Unart ganz abzugewöhnen. Den größten Theil dieses Sommers bin ich abwe- » send und bei meinen Schwestern in Chursachsen gewesen. Ich denke, ich habe den grünen Zweig der Gesundheit Leibes und der Seele bei dieser Gelegenheit wieder fest zu packen gekriegt und hoffe noch einmal wieder empor zu kommen- Ich machte Anstalt, von hinnen zu ziehen und den Staub abzuschütteln; da haben sie mich aber zum Professor gemacht und ich bleibe einstweilen noch hier. Freilich muß ich, bis sie mir etwas geben, selbst zusehen, wo ich was zu essen bekomme; da ich es indessen nun aus mehrjähriger Erfahrung weiß, daß man dennoch leben kann, wenn Einem schon Niemand was gibt, so muß ich's wohl so lange gut seyn lassen, bis es eben einmal besser wird. Und so wüßte ich denn Niemand in der Welt, mit welchem ich noch sonderliche Lust hätte, mich zu zanken. Ich will also auch keine geharnischte Vorreden mehr schreiben» 339 Liebes Väterchen, daß Ihnen das hohe Lied werth ist, macht mir unendliche Freude. Unter unfern vier Augen läugne ich meine Schwachheit nicht, daß ich mich fast so gern darin spiegele, als Narciß in seiner Quelle. Es ist eine böse Krankheit, wenn man sich selbst gram ist; und ich habe mich in diesem Spiegel wieder etwas leiden lernen. Deswegen ist mir das Stück so lieb. Wie behaglich mir das öffentliche Zeug- niß Ihres Beifalls gewesen, darüber ist wohl nicht nöthkg, viele Worte zu machen. Herzlich danke ich Ihnen, mein Bester, daß Sie dem Sammler an der unfruchtbaren Leine auch einige Blumen zu seinem Strauß haben zukommcn lasten wollen. Herr Bouterwek ist vor einigen Tagen hier angekommen und auch bereits bei mir gewesen. Ich habe Ihren Auftrag bestellt. Er ist unstreitig ein vortrefflicher Kopf, von dem sich noch viel Herrliches erwarten läßt. Das scheint mir auch der Fall mit dem jungen Schlegel, dem Sohn des Consistorialraths in Hannover, zu scyn. Leben Sie wohl, Theuerster! Gott erhalte Sie uns noch lange, lange in Gesundheit und Wohlbehagen an seiner Erde, und allem Schönen und Guten; das darauf ist. Ich umfaste Sie mit der ganzen Inbrunst meines Sie ewig verehrenden und liebenden Herzens. G. A. Bürger. 22 * 340 Eleim an Würger*). Halberstadt, den 15ten Nov. 1789. Ich schreibe, lieber Bürger, an Herrn Bouterwek und bekomme zum Glück noch Zeit zu zweien Zeilen an Sie! Herrlich, daß Sie den Zweig der Gesundheit Leibes und der Seelen gepackt haben, nun, bitt' ich, ihn fest zu halten. — Die Prachtausgabe, nicht die, die andere, die wie eine liebliche den Grazien gefallt, die muß zu Stande kommen. Die Kosten werden nicht fehlen. Ihre Muse hat eine so große Menge von Freunden; dem fünfzigsten Theile wird leicht seyn, der lieblichen Blume den goldnen Friedrich zu spenden. — Lassen Sie nur die jungem Freunde die Werber seyn, die Alten können nicht, sie haben zu viel zu thun und dürfen ihre Geschäfte nicht vermehren. — Und dann, so rieth' ich wohlmeinend, zu dieser schönen Blume das Schönste zu nehmen. Beim Dörfchen z. E. stehen Nachbarn **) — die, mein Bester! nähme ich nicht mit auf. — Diesen Rath, hoffe ich, nehmen Sie dem alten Gutmeiner nicht übel. Auch ließe ich alle die Fehden und Krittlergeschmeiße und was nicht die Muse, son- *) S. literar. Convers.-Bl. 1822. S. 224. **) „Schnick und Schnack" „Keine Wittwe" „Der arme Dichter" sind gemeint. 341 dem die böse Laune mir eingegeben hätte, weg; es ist so hübsch, wenn man als ein Zufriedener mit Gott und seinen Menschen, sich selbst aus die Nachwelt bringt. Im Almanach las ich noch wenig; für meine Beiträge verdiene ich keinen Dank; ich habe keinen Abschreiber, keinen, der meine vielfältig durchstrichenen nuAss canoras entschiffern kann, sonst hält' ich Ihnen des Zeugs eine Menge, wie Herrn Boß in sein Findelhaus, zur Aufnahme zugesandt! Um Gotteswillen stimmen Sie in Klopstocks Lärmtrommel *) nicht ein, und wahren Sie (denn ich habe nicht daran gedacht, darüber ihm etwas zu sagen) unfern noch feurigen Herrn Bouterwek, daß auch er nicht mit einstimmt! An ihm und dem jungen Schlegel haben wir Ersatz unseres Abgangs. — Der alte Schmidt zu Braunschweig liegt in letzten Zügen. Die Reih' ist nun an Ihrem Freunde, dem alten Gleim. *) Jauchzen über die damaligen Ereignisse in Frankreich. 342 Bürger an Marianne Ehrmann *). Güttingen, den 20sten Nov. 1789. Hochzuverehrende Frau! Dero Werthestes vom 29. Septbr. d. I. ist mir erst in diesen Tagen zu Händen gekommen. Ich war abwesend von hier, und beinahe Willens gar nicht wieder, wenigstens sür nicht beständig, hierher zurückzukehren, wenn ich nicht neulich als Professor der *) S. Briefe von Gottfried August Bürger an Marianne Ehrmann. Mit einer historischen Einleitung herausgegeben von Theophil Friedrich Ehrmann. 1803. Marianne Ehrmann lebte seit dem Sommer 1788 in Stuttgart, woselbst ihr Gatte Th. Fr. Ehrmann den „Beobachter", eine politisch-moralisch-satyrische Wochenschrift heransgab. In einem Blatte dieser Wochenschrift, (in Nr. XX, vom 8. September 1789) befand sich der anfangs wol nur scherzhaft gemeinte Antrag des Schwabcnmädchens an Bürger. Von beiden Ehrmann, indem Marianne die von ihr heranözugebende Monatsschrift „Amaliens Erholnngsstundcn", Theophil seinen „Beobachter" durch Bürgers Einfluß verbreitet wünschten, ward unserm Dichter das sür ihn leider so verhängnißvoll werdende Gedicht zugesandt. Da dieses Lied in die Sammlung der Gedichte (s. I. Bd. S. 413) mit nicht geringen Veränderungen ausgenommen wurde, so möge es hier in seiner ursprünglichen Gestalt mitgetheilt werden. An den Dichter Bürger. Nach einem scherzhaften Gespräch bei Lesung seiner Gedichte. O Bürger, Bürger, edler Mann, Der Lieder singt, wie's keiner kann, 343 Philosophie auf der hiesigen Universität angestellt worden wäre. Die mir zugesandten Ankündigungen habe ich sehr gern, sowohl unter meinen hiesigen, als auswärtigen Bekannten vertheilet, und es soll mir ungemein lieb seyn, wenn ich etwas zu Ihrem Vergnügen wirken kann. Ich muß indessen schon zum Voraus klagen, Voll Geist und voll Gefühl! Komm leihe mir zum Lobgesang Entflossen aus des Hcrzenödrang Dein Harfenspiel! Mein Auge sah' von Dir sonst nichts, Als nur den Abdruck des Gesichts, Und dennoch — lieb' ich Dich! Denn Deine Seele, fromm und gut. Und Deiner Lieder Kraft und Muth Entzückten mich! Ach, als ich Deine Lieder las, Da wurde mir im Herzen baß, Hoch pochte meine Brust! Jetzt rannten Zähren allgemach, Schnell stahl sich aus der Seel' ein Ach Voll süßer Lust! Bald lächelte, jetzt lachte ich, Dann rief ich schnell: „O küssen Dich „Möcht' ich, Dich lieber Mann!" So wechselte wie Dein Gesang In mir der Hochgefühle Drang, Je mehr ich sann. O Bürger, Bürger, edler Mann, Der deutsche Lieder singen kann 344 baß an dem hiesigen Orte zu diesem Behuf ein überaus unfruchtbares Erdreich ist. Ihr gütiges und mir so werthes Zutrauen gegen mich macht mich so kühn, mich mit einem ähnlichen Anliegen, welches aus der gedruckten Anlage ersichtlich ist, hinwiederum an Sie zu wenden. Und dieses um so mehr, da ich die Grille habe, nur die wackern Voll Hochgefühl und Sinn! Zwar ehret Dich mein Beifall nicht. Doch höre, was mein Herz Dir spricht, Und wer ich bin. Geboren bin ich in dem Land, Drinn Redlichkeit die Oberhand Seit alten Zeiten fand; In Schwaben liegt das Herzogthum Durch seines Fürsten Geistes-Ruhm Allweit bekannt. Drinn sproßt ich auf. — Welch schönes Loos! Drinn wuchs ich auch allmählig groß, Und bin jetzt.zwanzig Jahr. Mein Vater ist seit achten todt, Die Mutter ließ der liebe Gott Mir mit Gefahr. Auch sie sah' ich an's Grabes Rand: Da winkte Gottes Vaterhand, Ihr Leben kam zurück- Sie leitete mit weisem Stab, Was die Natur mir Gutes gab, Zu meinem Glück! — Recht heitern Geist und frohen Muth, Ein sanftes Herzchen fromm und gut 345 Weiber um die Beförderung desselben anzusprechen» Ich bin in Stunden der Anfechtung bisweilen eitel genug, mir einzubilden, als ob ich zarten weiblichen Ohren und Herzen mein lebelang süßes genug vorgesagt und vorgesungen hätte, um Weiberhuld auf eine solche Probe setzen zu dürfen. Außer den öffentlichen Blättern habe ich mich daher an keinen einzigen Mann, Hab' ich und offnen Sinn. Ich bin nicht arm, doch auch nicht reich, Mein Stand ist meinen Gütern gleich. Sieh wer ich bin! — In St.s Mitte leben wir, Aus St.s Mitte schreib ich Dir, Du lieber, goldner Mann! Man sagt, Du sollst ein Wittwer seyn; Kömmt Dir die Lust zum Freien ein, So komm heran! Denn kämen tausend Freier her, Und trügen Säcke Goldes schwer, Und Bürger zeigte sich: So gäb' ich fittsam ihm die Hand, Und tauschte mit dem Vaterland, Geliebter, Dich! Drum kömmt Dir 'mal das Freien ein, So laß 's ein Schwabenmädchen seyn, Und wähle immer mich! Mit ächter Schwaben-Redlichkeit Und deutschem Sinn und Offenheit Liebt ferner Dich . . . Die Verfasserin». . . V . . D. H» 346 sondern lediglich an die wackern Weiber meiner Bekanntschaft mit dieser Angelegenheit gewendet. Ich will doch Wundershalber sehen, ob ich überall so viele gelte, als bei dem muntern und zärtlichen Schwabenmädchen. — Ach, das Schwabenmädchen! Beinahe hat es mich durch seine ganz außerordentliche Schmeichelei erschreckt, wiewohl freilich auf eine nicht unbehagliche Weise. Wahrlich, einen solchen Glauben hat wohl noch kein Poet in Israel gefunden. Ich kann gar nicht leugnen, ich möchte das Mädchen namentlich und näher kennen. Ist es von Ihrer Bekanntschaft *), so begehen Sie immer eine kleine Verrätherei, und fürchten Sie davon nicht den mindesten Mißbrauch. Ich will auch dann dem Schwabenmädchen zuverlässig und so antworten, daß es wohl sehen soll, man lasse sich für seine Verse von den wackern Mädchen sehr gern ein wenig lieb haben. — Wenn ich nicht sehr irre, so habe ich die Ehre, Ihren Herrn Gemahl persönlich zu kennen. Ist er nicht vor fast 5 Jahren einmal in Göttingen, und selbst bei mir gewesen? Jener schätzbare Mann, den ich damals sah, welcher auch Ehrmann hieß und aus *) Nachdem das Gedicht bereits Bürgern übersandt worden War, durste Theophil Ehrmann bestimmt glauben, daß die in Stuttgart lebende, jedoch ihm wie seiner Gattinn bis dahin gänzlich unbekannte, Madem. Elise Hahn, Tochter der ver- wittweten Titnlar-Erpcditionsräthin H. die Dichterin sei. S. Th. Ehrmanns Einleitung in die von ihm herausgegebenen Briefe. D. H. 347 Straßburg kam, steht mir noch sehr lebendig vor Augen *). Ihr Herr Gemahl sei es nun, oder sei es nicht, so bitte ich, mich ihm bestens zu empfehlen. Dieser Umstand ist wohl mit Schuld, daß mir nicht anders zu Muthe war, als müßte ich gleich in dem ersten Briefe an eine Dame, die ich noch nie zu sehen das Glück hatte, den vertraulichen Ton einer alten Bekanntschaft anstimmen. Darum aber, wertheste Frau, ist es ganz und gar meine Meinung nicht, Sie auf eine mühselige Subscribentenjagd sprengen zu wollen. Nur wenn Ihnen ganz von ungefähr und von selbst ein Vogel in das Garn flöge, so meine ich wären Sie wohl gütig genug, die Schnur anzuziehen. Mit wahrer herzlicher Hochachtung habe ich die Ehre zu seyn 'Dero gehorsamster Diener G. A. Bürger. N. S. Ich habe es nicht lassen können, dem Schwabenmädchen gleich jetzt zu »zeigen, daß es sein Lied nicht einem Manne von Holz vorgesungen. Können Sie aber die Einlage nicht an die Behörde bringen, so traue ich es Ihrer Güte zu, daß Sie mir selbige zurücksenden werden **). B. *) Es war ein Vetter des Theophll Ehrmann. **) Als auf Mariannens Frage sich Elise Hahn als die Verfasserin des Gedichts bekannte, ward ihr von jener die Einlage überreicht. D. H. 348 Bürger an Marianne Ehrmann. Göttingen, den 3ten Jan. 1790. Könnte ich Ihnen, meine Wertheste, eine Liste von sechshundert Subscribcnten schicken, so hätte ich wohl Lust, mich für Ihre kleine Neckerei ein wenig zu rächen, und Sie bis zur letzten Zeile eines recht langen, langen Briefes in Unwissenheit und ungeduldiger Erwartung zu lassen. So aber muß ichs nur gleich im Eingänge abthun, daß ich bis jetzt leider! nur für 6 Exemplare Ihrer Schrift Abnehmer stellen kann, deren Namen hierneben erfolgen. Herzlich werde ich mich freuen, wenn ich in der Folge noch mehr anwerben kann. Wegen des Geldes bitte ich mich zu benachrichtigen, ob solches jetzt schon eingesandt werden muß, oder ob es bis zu künftiger Leipziger Ostermesse Anstand haben, und zu Ersparung des Porto durch Meßgelcgenheit berichtigt werden kann. Sehr gern will ich übrigens, wenn Ihnen ein Gefallen damit geschieht, irgendwo mit einer Recension und von Zeit zu Zeit auch mit einem kleinen passenden Beitrage dienen. Nur müssen Sie sich in Ansehung des letzten vor der Hand noch ein wenig gedulden, weil ein häßliches Fieber, welches sich, glaube ich gar, einfallen ließ, zwischen mir und dem Schwabenmädchen den unauslöschlichsten aller Querstriche zu machen, meine Poetische sowohl als prosaische Kraft auf eine Zeit lang ziemlich gelahmt hat. Ist Ihnen an baldiger Wiederherstellung der erforderlichen Elasticität gelegen. 349 so seyn Sie mit ihren Christerbaulichen Nachrichten nicht sparsam, und zupfen Sie zwischendurch an dem Mädchen selbst ein wenig. Ich glaube schon Ihr letzter Brief hat der Krise den Ausschlag zur Genesung gegeben. Trotzig sprach ich zum Fieber: Fort mit dir. Noch sollst du mir die Lust an dem originellsten aller Originalromane nicht verderben! Als es diesen Ernst wahrnahm, zog es gleich gelindere Saiten auf, und nun kann ich schon wieder, wie Sie sehen, ein wenig — narriren. Hören Sie liebe Frau, an dem Tage, da ich einmal ein hübsches wohlgetroffenes Bild von Elisen, und sonst erhalten werde, was sich dazu schickt- verspreche ich Ihnen ein Gedicht für Ihre Monatsschrift zu singen, dergleichen in ganz Schwaben noch nicht vernommen seyn soll. —-Doch Possen bei Seite! — Ihr Brief, theuerste Frau, trägt so sichtbar das Gepräge der unbefangensten Redlichkeit, daß mein Herz Sie inm'gst dafür verehren, daß es Ihnen den lebhaftesten Dank sagen muß. Ich erkenne, daß ich an keine bessere Rathgeberinn und Leiterinn, als Sie, gerathen konnte. Aufrichtig muß ich Ihnen gestehen, das Mädchen spukt mir von Tag zu Tage mehr — im Herzen? — Nein, das wäre wohl für jetzt noch zu übertrieben — aber in der Phantasie spukt es mir gewaltig herum. Sie glauben nicht, was für allerliebste Schöpfungen diese Tag und Nacht dem sehnenden Herzen vorgaukelt, und wie süß sie ihm dabei nach dem Munde zu schwatzen weiß. Redete die alte kalte Matrone Vernunft nicht bisweilen dazwischen: „Es ist ja nur Theaterspiel, was du vor dir siehst!" so wäre es kein Wunder, wenn das 35 « Herz längst in allen Banden der Täuschung gefangen läge. Wenn sich nun dereinst einmal auswiese, daß das wirkliche Schwabenmädchen in St. .... s Mitte, nicht das Mädchen in der Mitte meiner phantastischen Schöpfung wäre, so könnte das eine Erlösung geben, die dem verwöhnten Herzchen eben keine Freude machte. Bis jetzt verdirbt indessen Ihre Wahrheit eben noch nichts an dem bunten Ehristgärtchen meiner Phantasie. Diese bauet daher nur desto ämsiger fort, und weiß sogar den sprödern Stoff der Wahrheit vortrefflich zu ihren Absichten zu benutzen. Das Aeußere des Mädchens, liebe Frau, müssen Sie mir bei Zeit und guter Mahlcrlaune etwas ausführlicher schildern. Denn man fasele von überirdischer Scelenliebe auch was man wolle; so bleibt doch das — mir wenigstens — ewig wahr: irdische Liebe keimt in der Sinnlichkeit, und behält, sie treibe ihre Zweige und Blätter nachher auch noch so hoch in geistige Regionen hinauf, dennoch immer in der Sinnlichkeit ihre nahrhafteste Wurzel. Dem Liebenden muß der geliebte Gegenstand in sinnlicher Schönheit und An- muth erscheinen, er mag nun wirklich schön und an- muthig seyn, oder nicht. Sonst ist die Liebe im vollen Verstände des Wortes unmöglich, und wer sie dennoch vorgiebt, der lügt und tciegt, mit oder ohne Bewußt- seyn. Ich habe über diesen Glaubensartikel schon manche Fehde gehabt. Was das Innere des Mädchens betrifft, so können Sie mit wenigen Hauptpinselstrichen abkommen. Nicht, als ob dieses minder wichtig wäre, sondern weil hier 351 ein Praktikus, der sich in seinem Leben schon mit mancherlei Charakteren herumgetummelt hat, aus wenigen ckatis durch Schlüffe leicht sich weiter fortzuhelsen weiß. So hat z. B. in Ansehung des Charakters des Mädchens Ihr Brief mir kaum etwas neues gesagt. Ich hatte mir das Alles längst eben so gedacht. O ich kenne die kleinen weiblichen Geniestreiche, sonst auch Unbesonnenheiten genannt, von innen und außen, und weiß cs aus mehr als einem Beispiele, wie sie erzeugt zu werden pflegen. Indessen verderben sie mir an einer sonst liebenswürdigen Person nichts; ja, ich möchte fast sagen, sie erhielten von einer solchen sogar einen Anstrich der Anmuth. Einer von diesen kleinen Geniestreichen war unstreitig das ganze Gedicht, besonders dessen Bekanntmachung, insofern nämlich Elise selbst dazu beigetragen hat. Gleichwohl behagt es mir nicht wenig, daß der Sprung, obgleich ein wenig über das Gleis hinüber, geschehen ist. Sie können sich kaum vorstellen, was für Aufsehen und Gerede das Gedicht hier, besonders unter den hiesigen Sultaninnen gemacht hat, denen ich eben nie sonderlich gehuldigt habe. Weil es mich Anfangs selbst mehr belustigte, als sonst interessirte, so theilte ich's wohl einigen Freunden mit, wodurch sich denn gar bald mehrere Abschriften im ganzen Publicum verbreiteten, und ich bin seit dem mit dem Schwabcnmädchen bald im Scherz bald im Ernst nicht wenig geneckt und behelligt worden. Das lustigste ist, daß einige — versteht sich, Sultaninnen, die zwar innerlich genug nach Schnupftüchern seufzen mögen, aber es doch für Verletzung der weiblichen Majestät halten, auf Zuwerfung derselben ausdrücklich anzutragen — das lustigste, sage ich, ist, daß einige glauben, das ganze Gedicht könne unmöglich etwas anders seyn, als eine Pläsanterie, womit irgend ein Spaßvogel—also nicht einmal eine Spaßvogelinn — mich zum besten haben wolle. — Andere gehen mir dagegen sehr ernsthaft zu Leibe und fragen: Ob ich denn so ganz und gar still sitze und der Sache gar nicht weiter nachforschen wolle? Es wäre doch ja unerhört und unverantwortlich, sich so streichle» zu lassen, und nicht einmal mach der streichelnden Hand umzusehen. Dennoch möchte vielleicht die Hand gar sehr verdienen, daß man nach ihr griffe und sie fest hielte, u. s. w. Kurz, ich werde über meine scheinbare Indolenz bisweilen fast ausgescholten. Ich erwiedere dann ganz kalt, daß ich fast gar keine Mittel und Wege vor mir sehe, die Verfassen»» des Gedichtes zu entdecken, wenn es ihr nicht selbst gefalle, ihre Spur mehr zu verrathen. Madame Ehrmann kenne sie ebenfalls nicht. Ich müsse also ruhig abwarten, was für ein Licht mir etwa künftig noch einmal von ungefähr darüber aufgehen werde. Seitdem sollen nun, wie ich höre, unsere Schwaben und Schwäbinnen, deren wir hier nicht wenige haben, darauf ausgehen, die Sache gründlich auszukundschaften, es koste auch, was es wolle. Diesen Umstand kann ich in Zukunft bequem genug nutzen, Elisen glauben zu machen, ich sey ihr ohne Hülfe der Madame Ehrmann gar bald auf die Spur gerathen. Wenn ich nur erst unmittelbar etwas von ihr habe» Merkwürdig genug wäre es übrigens, und in der 353 Thal ein allerliebstes Anekdötchen für Stadt und Land, wenn aus dem Spaß noch einmal Ernst würde. Ich selbst wüßte vor süßer Verwunderung kaum was ich dazu sagen sollte, wenn aus eine so sonderbare Art in dem fernen Schwabenlande für meines Lebens Nachmittag noch ein Glück sich aufthun sollte, welches noch irgendwo auf Erden zu finden, ich nach dem Tode der Einzigen längst nicht mehr hoffte, so weit ich auch meine Blicke in Ober- und Niedersachsen umher werfen mochte. — Aber mein Gott! wie viel Zeit verderbe ich Ihnen mit meinem Geschwätz! Leben Sie wohl, theuerste — Freundin»! —> Ich darf Sie doch so nennen? Mein Herz hegt solche Empfindungen für die Verdienste Ihres Geistes und Herzens, daß Sie mich wohl ausdrücklich dazu berechtigen können. Auf meine Discretion dürfen Sie übrigens sich eben so sicher verlassen, als ich auf Redlichkeit und Edelmuth Ihres Herzens, aus Wahrheit eines jeden ihrer Worte baue. Versichern Sie Ihren Herrn Gemahl meiner wahren Hochachtung; und wenn wir uns gleich bisher noch nicht von Angesicht zu Angesicht sahen, so könnte es ja doch vielleicht künftig — und wer weiß, wie bald — noch einmal geschehen. Der Himmel segne Sie beiderseits mit der baldigsten Erfüllung aller Ihrer gerechten Wünsche! G. A. Bürger." 354 Viirgcr an Marianne Ehrmann. Göttingen, den 28sten Jan. 1790. Mit unbeschreiblicher Begierde, meine wertheste Freundinn, bin ich über das erste Heft Ihrer Amalia hergefallen. Und warum? — Etwa zu genießen, was Sie uns schmackhaftes aufgetischt haben? — Ach nein, diesmal nicht, verzeihen Sie meiner Schwachheit, die ohnehin mit der etwas langen Nase genug gestraft ist, mit welcher sie hat abziehen müssen. Ich muß es Ihnen nur aufrichtig gestehen, daß ich zuerst über Ihr Sub- scribentenverzeichniß, und besonders über die Rubrik Stuttgart, darum so heißhungrig herfiel, weil ich da wenigstens den Namen meines Schwabenmädchens herauszubuchstabiren hoffte. Trotz Ihrer Verschwiegenheit hatten Sie sich nehmlich einst den Umstand entfahren lassen, daß unter nur sechs Sruttgarterinnen sich auch mein Mädchen mit befände. „Ha, dacht' ich, das soll dir gewiß auf die Spur helfen! Es müßte doch gar wunderlich zugehen, wenn unter so Wenigen auch nicht einmal eine Vermuthung Statt haben sollte." O wie freute ich mich zum Voraus darauf, Sie, meine geheimnißvolle Dame, ein wenig — auslachen zu können! Aber ach! ........... . Nun -— ein kleines Licht ist mir, glaub' ich dennoch aufgegangen. Was wetten mir, ich weiß den Namen meines Liebchens wenigstens schon halb? — Todt, mause- lodt will ich mich schlagen lassen, wenn sie nicht — Elise heißt. In der That, ein schöner poetischer 355 Name, der sich in meinen künftigen Wersen noch recht hübsch ausnehmen soll! Jede Ihrer übrigen Stutt- garterinnen ist eine Madam, und wie sollte eine Madam mir gegenüber auf so bräutliche Einfälle gerathen? Dem hochwohlgebornen und gnädigen Fräulein Augusta von W*** könnte ich nun zwar wohl eben so bräutliche, aber doch nicht so unadeliche Gesinnungen gegen meine Bürgerlichkeit Zutrauen. Also Elise — leugnen Sie's, wenn Sie das Herz haben! — Mademoiselle Elise ist mein gebenedeyetes Schwabenmädchen. „Aber wie nun weiter?" — Ja, da hapert es freilich noch. Die fatalen Sternchen! Doch —' das übrige bringe ich zuverlässig auch noch heraus, wenn Sie mir's nicht bald, nicht in Ihrem nächsten Briefe gutwillig sagen. Wahrlich, Sie sollten sich nicht so alle Gelegenheit entgehen lassen, sich um mich verdient zu machen. Denn sehen Sie nur, liebe, gute Frau, wenn ich alles ohne Sie erfahre; so erfahren Sie auch wiederum nichts von allem dem, was etwa künftig zwischen mir und meinem Liebchen Vorgehen möchte. Ach, und dann müßten Sie ja in der Blüthc Ihres schönen Lebens vor — unschuldiger Neugier des bittersten Todes sterben. Also nur hübsch gebeichtet, liebe Frau! Hiernächst rufen Sie auch Elisen **, hinter den zwei Sternchen, die meine Fantasie in zwei hübsche blaue freundliche Aeugelein verwandelt, in meinem Namen das Sprüchlein aus meines Musäus — ^.las, xoor Yorick! — Volksmärchen zu: 356 Ich suche Dich! ich sehe Dich, Feins Liebchen, ach verbirg Dich nicht! Flugs schwing Dich hinter mir aufs Roß, Du schöne Adlersbraut. Man wird doch hoffentlich merken, wer der Adler ist. Sie können dabei die tröstliche Versicherung geben, daß der Adler weder an Kralle noch Herzen verlobt, vielweniger vermählt ist. Ich fürchte nur, daß dieser Umstand noch nicht viel sagen will. Denn wenn Feins Liebchen den armen Wicht von Adler sieht, und merkt, daß ihm die weiland ganz artigen Schwungfedern aus Geist und Leib, zum Theil schon ausgefallen sind, zum Theil mit nächstem Frost vollends ausfallen werden; dann wird — ach! dann wird, fürchte ich, das Herzensthermometer ganz auf Nummer Null herabsinken. Diese Besorgniß verderbt mir alle Lust an den noch so schön geträumten Träumen der Zukunft, Gleichwohl wird's mein unbändiger Stolz nicht erlauben, auch nur ein Einziges meiner unzähligen Gebrechen zu — verbergen. — Aber sagen Sie mir liebe Freundin«, warum sehe und höre ich nun weiter nichts? Kann man mich für so ruhig und geduldig halten? Ihr letzter Brief traf mich, als ich eben von neuem meine Laute gestimmt hatte, und sang: Warum schweigt mir nun die Kehle, Die so süßen Zauber sprach, Und der Freiheit meiner Seele Mehr als halb den Stab zerbrach? 357 Läuft der Strahl, aus Gold entspannen, In ein Spinnenfädchen aus? Ist das Glück, das ich gewonnen, Ein geträumter Götterschmauß? — Holdes Bild, das jede Stunde Vor der Fantasie mir schwebt, Sag', ob auf dem Erdcnrunde Dein wahrhaftes Urselbst lebt? Bist du wesenlos und nichtig? — Täuschung, die mein Hirn gebar? — Oder stellest du mir richtig Ach! — mein Schwabenmädchen dar? u. s. w. Aber ich werde mich nun wohl hüten, das Lied auszusingen. Das Schrecken über das Schicksal meines Ersten hat mir die Zunge gelähmt, die Kehle heiser gemacht. Gesetzt, es könnte sich auch ohne Uebelstand vor dem Publicum sehn lassen, so läßt man ja doch nicht alles, was nicht übel steht, sogleich gern vor dem Publicum sehen. Jedem quecksilbernen Diener der Publici- tät, der wider Wissen und Willen der Interessenten dergleichen für die Presse wegkapert, könnte ich von Herzensgründe wünschen, daß er, wie Lochs Weib, zur Salzsäule würde. Doch weg mit den OciioZis, wenn sie nicht mehr zu ändern sind! Das hübsche Schwabenmädchen ist mir ein angenehmer Refrain. Also hübsch ist es doch, und offen, und munter, und helld enkend, und allerliebst? Nun, daS wäre ja alles ganz herrlich, wenn es nur noch ein klein fein wenig ausgemahlt wäre. Du lieber Himmel, auf 358 wie vielerlei Art kann man nicht hübsch und allerliebst seyn! Ich möchte gern das Wie von Haupt bis zu Fuß, von außen und von innen wissen; denn nur aus diesem Wie kann ich beurtheilen, was für mich hübsch und allerliebst ist, wenns auch für die ganze übrige Welt häßlich seyn sollte. Der Himmel beschere meiner Ungeduld bald ein hübsch und treu gemahltes Bild, weil meine liebe Freundin» mit ihren Worten so sparsam ist. Sonst holt der kleine wohlbekannte Herzenshenker mit dem goldncn Strick noch allen meinen Schlaf weg, und in den Frühlingsferien, wenn ich mich herzgedrungen fühlen sollte, einen kleinen Absprung nach St. — zu machen, könnte mir mein Restchen Federn vollends ausgefallen seyn. Was meinen Sie, wenn ich vor Ihnen und meiner kleinen Schwärmerin in Leibes- und Lebensgröße erschiene, und Sie Beide mich nicht — kennten? Aber, o weh! wenn dann auch nicht ein leiser Wunsch sich regte, daß ich doch der Mann seyn möchte, den man sucht? Auf mein Conterfei dürfte man sich doch vielleicht nicht allzu fest verlassen; denn obgleich Frisur und Rock recht gut getroffen seyn mögen, so streiten die Gelehrten doch noch über die kleine Nebensache -— das Gesicht. Ich weiß nicht, wer recht hat, denn ich kenne mich selbst nicht im Profil. Das aber weiß ich wenn ich auch ja noch älter und häßlicher aussehen sollte, so sehe ich doch, wenn ich mich an Leib und Seele gerade wohl befinde, ein wenig lebendiger und freundlicher aus, als jenes Bild. Sagen Sie doch ja dem Mädchen, daß es sein Herzchen recht leise horchen lasse, sobald es an der Zeit ist. Denn wenn das Herzchen mich nicht 359 erhorchte, so reiste ich wieder fort ohne mich kund zu geben, wenn ich auch auf der nächsten Station den verliebten Schäfertod sterben sollte. — Hören Sie traute Freundinn! Ich wünschte in der Thal herzlich, sowohl den hiesigen, als den Stuttgarti- schen naserümpfenden Sultaninnen einen Streich ohne gleichen gerade in's Angesicht spielen zu können. Mir däucht, ich Hab' cs Ihnen schon einmal gesagt, daß hier Manche meinen, es existire so ein Mädchen gar nicht, und das Gedicht sey nur der Einfall eines Spaßvogels. Es wäre doch drollig, wenn man auch in Stuttgart wähnte, ich, der Dichter von Gottes Gnaden, existirle nicht. Es wär' im Grunde nicht viel ärger, als meine angebliche gedoppelte Existenz, in einer lebendigen ehelichen Hausfrau. — Mit Ihrem Schattenriß, liebe Freundinn, haben Sie mir ein überaus angenehmes Geschenk gemacht. Ich will ihn über meinem Pult als Heilgenbild aushängen und beten: Kunota HIariann orn pro ine! daß ich in des schönsten schwäbischen Mädchenherzens Lust- und Freudenhimmel ausgenommen werden möge, und zwar, ohne so lange erst im Fegefeuer zu braten. Für Ihre übrigen litterarischen Angelegenheiten will ich gern, wo ich nur irgend kann, wo nicht mein ritterliches Schwert, doch meinen hochgelahrten und geschärften Gänsekiel ziehen. Nur stärken Sie fein oft — Sie wissen wohl womit — meinen Muth und Arm. Gesund bin ich wieder am Leibe, das sehen Sie wohl; denn sonst schriebe ich nicht so viel albernes Zeug 360 zusammen. Aber eben darum möchten Sie mich leicht noch sonst woran krank halten, woran man's doch nicht gern Wort hat. Ihren lieben Mann umarmen Sie in meinem Namen. Das muß und wird ihm lieber seyn, als wenn ich's selbst thäte. Ganz Ihr herzlich getreuer Freund G. A. Bürger. (Beiblättchen zu vorigem Briefe). Göttingen, den 28sten Jan. 1790. Herzlichen Dank, liebe Freundin», für Ihren Brief und alles, was darin war. Noch habe ich in diesen zwei oder drei Tagen nicht Zeit gehabt, das erste Heft Ihrer Amalia ordentlich zu lesen. Ich bin oft ein geplagtes Geschöpf. Nächstens indessen davon ein mehre- rcs. Ich eilte für diesmal nur, die Beilage sortzuschaffen. Ich denke, sie wird so recht seyn, daß Sie selbige der Behörde verweisen können. — Die Publikation des Gedichts ist mir doch in der That unangenehm, wenn auch nicht so sehr meinet- als des Mädchen wegen. Wer mag auch dergleichen Angelegenheiten gern bei aufgezogenem Vorhänge vor den Augen des Publicums verhandeln? B. 361 Bürger an Marianne Ehrmann. Bötlingen, den 4ten Febr. 1790. Liebe Freundinn, zweierlei nöthigt mich schon wieder zu schreiben, noch ehe ich Antwort auf mein letztes vom 28. v. M. abwarte. Um des Himmels willen, werden Sie nicht ungeduldig, daß ich Sie so oft mit meinem Geschreibsel überlaufe! — Doch Sie sind selbst Schuld daran, warum stecken Sie sich zwischen Hänschen und Gretchen? Was da steht, das muß sich gefallen lassen, alle Augenblicke gezupft zu werden. Ich fühle, daß ich alle Tage mehr von meiner altmännlichen Gravität verliere, und es fehlt wohl nicht viel mehr, so mache ich völlig die Rolle des Seladons von achtzehn Jahren mit angebranntem Herzchen und — Köpfchen. Ich schäme und gräme mich fast schon nicht mehr, wenn die hochweise Vernunft zu mir spricht: Pfui, alter Mensch! Das erste, was mich drückt, ist, daß ich fürchte, ich möge eine Stelle Ihres letzten Briefes mißverstanden haben. Es ist die: „Ich sage Ihnen nur noch, daß ihr Jemand jenes „Gedicht wegkaperte, und daß es zu ihrem Erstaunen „und Schrecken wider ihren Willen, Dank sey der „Vorsehung, bei uns eingerückt wurde." Gott weiß, wie ich hierbei an nichts anders, als mein Gedicht an das Mädchen habe denken können! Gleichwohl kann es ja auch eben so gut auf das ihrige gehen, ja es wird mir immer wahrscheinlicher, daß nur dieses gemeint sepn könne. Wie sollte das 362 liebe Mädchen sich zum zweiten Male so etwas wegkapern lassen, besonders da ich eine Abneigung vor einer solchen Bekanntmachung zu erkennen gegeben hatte? — Nun beunruhiget es mich, daß ich, besangen von meinem albernen Mißverständnisse, neulich dummes Zeug an Sie geschrieben, und damit Ihnen oder dem guten Mädchen, trotz aller ihrer Unschuld, verdrießliche Stunden verursacht haben mag. Nicht wahr mein Gedicht ist nicht gedruckt? Es ist nicht daran gedacht worden? Es wird noch immer nur—o war' es doch so! von der Schnür- brust gepreßt? — Verzeihen Sie, liebe Freundinn, meiner blinden Dummheit! —- Sie wissen ja wohl, die Liebe flößt zwar Klötzen Seelen ein, allein den Weisen nimmt sie den Verstand. Und für einen Weisen — war' es auch nur aus Höflichkeit — müssen Sie mich doch wohl halten. Nun das zweite, gute Frau, warum ich schreibe, ist — nein das will ich Ihnen hier noch nicht einmal sagen. Sie sollen es von dem Schwabenmädel erfahren, an welches ich die Einlage zu geben bitte. — Ach, könnte ich doch als Mäuschen gegenwärtig seyn! Wie die ge- heimnißreiche Frau da stehen, roth werden, stammeln und ihre ganze Rolle vergessen wird! Mit allen Ehren von der weiblichen Verschwiegenheit gesprochen, so läßt sich doch die männliche auch nicht lumpen, besonders, wenn Freund Amor mit im Spiel ist. Kurz und gut, Madame, ich habe es über und über heraus, wie mein Schwabenmädchen heißt, oder — ich will feierlich durch das ganze heilige römische Reich für einen dummen Teufel ausgerusen werden. Nach gerade dächte ich. gäben Sie Ihre Geheimnisse ein wenig wohlfeiler, oder ich bringe Ihnen die weinigen umsonst in's Haus» Nächstens ein mehreres —, u. s. w. — Unterdessen dem lieben Himmel befohlen! — Geben Sie doch meinem Liebchen auch zu verstehen, daß es nunmehr nicht besser gethan sey, als den Schleier selbst wegzuwerfen, und mit holdem Erröthen zu gestehen: Ja, ich bin es! O wenn sie es nur fühlen könnte, wie behaglich mir dabei zu Muthe seyn würde, sie zögerte gewiß keinen Augenblick. Wer weiß, ob nicht mein Glück schon unterweges ist. Ungeduld! Ungeduld, mach es doch nicht so arg!' Leben Sie wohl, meine Beste! G. A. B. (Blättchen zu vorstehendem Briefe.) den 4ten Febr. 1790. Ich hoffe, Sie werden es billigen, liebe Freundin», daß ich auf beiliegende Art der Weiblichkeit ein wenig zu Hülfe komme. Die Einlage an Elisen enthält weiter nicht als ein Räthsel: Was Holdes lobt und liebet mich; Und doch verbirgt das Holde sich. Drob, Neugier, drob zerrathe dich! Führt Dich der Reim auf rechte Bahn, 364 Triffst du des Holden Namen an. Mich lobt und liebt E.... H.... Ich kann hunderterlei Geschichtchen vorgeben, wie ich durch die hiesigen Schwaben und Schwäbinnen auf die Spur gekommen bin; und es muß Mutter und Tochter lieb seyn, daß ich das Geheimniß auf diese Art selbst so weit hervorziehe, da das Verbergen ja doch nichts mehr hilft. Bekomme ich denn wirklich ein Porträt? Mich verlangt doch recht sehr darnach. B. Bürger an Marianne Ehrinann, Göttingen, den Ilten Febr. 1700, Za, liebe Freundinn, Sie sind und bleiben das wackerste aller Weiber, Eine — wenn Gott und sie selbst will — allenfalls ausgenommen. Trotz sey allen S**"* unter der Sonne, Mond und Sterne geboten, die sich erdreisten, dem zu widersprechen! — Im Vorbeigehen, weil ich doch gerade auf diesen Ihren Patron komme, versichere ich, daß ich in keiner Verbindung mit ihm stehe. Er hatte mir zwar einst einen Musenalmanach bedient; allein aus einer mir ganz eigenen originellen Nachlässigkeit, die sich bisweilen, Gott weiß wie und warum, bis in's unglaubliche äußert, hatte ich's Jahre lang verabsäumet, ihm nur in zwei Zeilen großen Dank 365 dafür zu sagen. Wie ich vor'm Jahr meine Gedichte neu herausgab, dachte ich, du mußt dich doch wohl bei denen, an welchen du dich durch deine Nachlässigkeit versündigt hast, ein wenig wieder in guten Geruch zu setzen suchen. Ich schrieb also nach allen vier Himmelsgegenden eine Menge Briefe so gut und freundlich ich's vermochte, und brachte daneben ein Exemplar meiner Gedichte zum Sühnopfer dar. Unter diesen war denn auch der Herr S***. Ich weiß aber nicht, ob er meinen Brief sammt der Beilage durch Leipziger Meßgelegenheit erhalten hat, denn er hat mir nicht darauf geantwortet. Mir kann nun freilich nicht einfallen, mich deßfalls über ihn zu beschweren, weil ich's ihm zuerst so gemacht habe; indessen kann ich ihn doch auch nicht in die Classe der Edeln erheben, die von der Maxime Wurst wieder Wurst keinen Gebrauch machten." So stehen wir mir einander. Ich denke also nicht, daß Sie in Ansehung des Hrn. S. nöthig haben, Ihren Athem so ängstlich gegen mich anzuhalten. Er ruhe indeß für jetzt in Frieden. ..da, wo er bisweilen liegen soll! —- Mein letzter Brief, beste Frau, war wohl kaum hier zum Thor hinaus, als Ihr Päckchen bei mir einlief. Wie mir das Herz beim Anblick hämmerte, wie mir die Hände und jedes Glied am Leibe zitterten, das könnte Ihnen vielleicht der Briefträger besser schildern, als ich. Denn es war so arg, daß dieser nicht einmal mir im Angesicht seine Glossen zurückhalten konnte. — Kaum war er fort, so schloß ich meine Thür ab, riß das Pa- quet auf und hätte fast alles kurz und klein gerissen. 366 Aber was soll ich Ihnen von dem ersten Eindruck sagen, den das Bild auf mich machte? — Ich kann ihn mir selbst nicht einmal im Geist wiederholen, geschweige denn mit Worten ausdrücken. Sie meinen wohl, er wäre so entzückend gewesen? — Nein! Ausrichtig zu reden, er war es nicht, ob ich mir gleich bis diese Stunde den feindlichen Zauber noch nicht erklären kann, der sich in den ersten Minuten des Anblicks sowohl meiner Augen als meines Herzens bemächtigte. Kurz, das Bild stellte mir eine Gestalt dar, die meinen Augen und Herzen ganz fremd, beiden nicht das mindeste anzugehen schien. Ich legte das Bild weg, und lies einigemal im Zimmer auf und ab, in einer Stimmung, die nichts weniger, als behaglich war. — Endlich griff ich nach den Briefen und las. Ich fühlte mich besser darnach werden, und unvermerkt war die vorige Unbehaglichkeit, ich weiß selbst nicht wie, verschwunden. Ich eröffnete mein Bild wieder und — o Wunder über Wunder! — Was sah ich? — Ein niedliches braunes Mädchen, an welches nicht nur meine Augen, sondern auch mein Herz längst gewöhnt schienen, ja dem das Herz schon mit Liebe entgegen schlagen konnte. Das letzte hat seitdem von Stunde zu Stunde, von Tage zu Tage zugenommen, und kurz und gut, ich liebe das Mädchen, welches dieses Bild mir darstellt *). Jener erste Eindruck ist so ganz verschwun- *) Aus dem oben S. 2S9. erwähnten, leider verloren gegangenen Briefe Bürgers an Elise v. der Recke, worin B. den ganzen Seelengang seiner Liebesgeschichte beschrieben hatte, theilt 367 den, daß ich ihn mir nicht einmal zurückrufen, vielweniger gründlich erklären kann. Alles, was ich mit einiger Wahrscheinlichkeit herausbringen kann, ist, daß jener fatale Zauber durch einige Nebenvorstellungen veranlaßt wurde. Was ich sonst geliebt habe war blond, daher fantasirte ich mir auch immer mein Schwabenmädchen blond. Es mußte mir also wohl fremd auffallen, gerade das Gegentheil zu finden. Manches möchte ich auch wohl auf die Rechnung des Mahlers setzen, der den Haaren das Ansehn einer großen kohlschwarzen Allongen- perrücke, und sonst sowohl dem Gesicht als der Stellung manches gegeben hat, welches sich zuverlässig in dem Original nicht findet. Sähe ich das Original selbst daneben, so würde ich mich bestimmter darüber aus- Frau v. der R. Folgendes aus Erinnerung mit (S. den Gesellschafter 1823. S. 751.): „Vorzüglich ist mir im Gedächtniß geblieben, daß Bürger, als durch die geistreichen und gefühlvollen Lieder und Briefe des Mädchens aus Schwaben sein Herz und Kopf schon ganz gefangen waren, er seine Geliebte um ihr Bildnis gebeten habe. Dies sey nach einiger Zeit angekommen, von einem herzlichen Briefe begleitet. Mit ungeduldiger Liebe habe er das Packet eröffnet, sey aber von Angst und Schrecken ergriffen worden, als er das schöne Bild einer Iiaräi vrnnette erblickte. Ihm war, als schwebte seine sanfte, holde, blonde Molly, in aller Milde ihres Liebreizes, seiner Seele vor. Er sah wieder ans das Bild der schönen Brünette hin; ihr feuriger Blick schreckte ihn noch mehr; er warf das Bild und den noch ungelesenen Brief auf den Tisch, lief aus seinem Zimmer, schloß hinter sich zu, und eilte, von wunderlichen Gefühlen ergriffen, in's Freie. Hier kam er an ein Waizenfeld. Die Zeit wurde ihm 368 drücken können. — Doch alles, was wir beim ersten Anblicke als fremd, wiewohl freilich nur dumpf und dunkel auffiel, das hat jetzt ganz seine Wirkung verloren. Ich wollte wetten, daß ich, wenn anders der Mahler nicht gar zu himmelweit vor dem Ziele vorbeigeschossen, das Mädchen nun völlig, wie es in der Natur leibt und lebt, im Geiste aufzefaßt hätte; und so, muß ich wiederholen, weiden sich Augen und Herzen daran. Ich sage Ihnen, das Bild kommt nicht von mir, weder Tag noch Nacht. Oft sehe ich's Stunden lang an, und grüble mich fast todt darüber, wie es zugehen konnte, daß mir's nicht gleich beim ersten Anblick eben so lieblich an's Herz griff. Die Locken, wenn sie wirklich so gegenwärtig, da er das Lied gedichtet hatte: „O, was in tausend Liebespracht u. s. w." und Molly mit den blonden Locken und dem sanften Blicke schwebte ihm vor Augen. Thränen machten seinen, beklemmten Herzen Luft. Ihm war, als winkte jede Kornähre ihm den Gedanken zu: Knüpfe kein Eheband mit dem Poetischen Mädchen aus Schwaben! Sinnend, wie er sich aus diesem Handel auf eine rechtliche Art heraus ziehen könne, ging er langsam zu seiner Wohnung zurück. Hier laS er nun den Brief und, wenn ich nicht irre, auch das Gedicht, welche das Bild begleitet hatten. Der Brief war so innig, so zart, so liebevoll geschrieben, daß er nun das Bildniß von Neuem betrachtete, und die in jenem geäußerten Gesinnungen mit dem Ausdrucke der feurigen Augen des Portraits zu vergleichen suchte. Wie erstaunte er über den angenehmen Eindruck, welchen dieses Bildniß nun auf ihn machte! Und Bürger entschloß sich, zu dem ihm jetzt so lieb gewordenen Originale zu reisen, das einen noch viel günstigeren Eindruck auf ihn machte." D. H. 369 schwarz sind, als das Bild vermuthen läßt, müßten indessen doch ein wenig gepudert werden. Ich habe das dem kleinen Mädchen selbst gesagt! unterstützen Sie mich darin, liebe Freundinn. Uebrigens habe ich in der Beilage an Elisen so geschrieben, daß Tochter und Mutter hoffentlich mit mir zufrieden seyn werden. Ich möchte den Eindruck doch wohl wissen, den mein Brief auf Elisen machte. Hat Elisens Herz wirklich die Empfänglichkeit, die ich wünsche, so kann und darf sie nun nichts mehr hindern, sich mir ganz anzuvertrauen. Denn sie sey auch gerathen, an wen sie wolle, so ist sie doch bei Gott! an keinen Schurken gerathen. — Liebe Freundinn, ich muß hier abbrechen, weil es zu nahe schon vor Abgang der Post ist. Im übrigen beziehe ich mich aus meine letztvorigen Episteln. Weder Gedicht noch R. sollen ausbleiben, das seyn Sie versichert. Lassen Sie mich nur ein wenig verschnaufen von allem, was mich jetzt von innen und außen bestürmt. Ich habe bis an Ostern hin unsägliche Plackerei auf dem Halse, dennoch ist es mein herzlicher Vorsatz, die nächsten guten Stunden für Sie zu nutzen. Suchen Sie Elisen zu recht baldiger Antwort zu bewegen. Ich muß hierauf auch erst noch einmal umständlich an sie schreiben, und dann — und dann -die Frühlingsferien kommen mit jedem Tage näher. Wie bald läuft die Zeit hin! G. A. B. 24 370 N. S. Hören Sie, gute Frau! — Zeigen Sie denn wohl Elisen meine Briefe? Oder referiren Sie ihr daraus? — Mit diesem müßten Sie doch wohl für's erste eine Ausnahme machen. Es ist zwar nichts darin, was ich ihr nicht selbst über ein Weilchen zuschäkern werde. Allein jetzt will mir doch fast bange seyn, es möge das traute Mädchen betrüben, daß es mir Anfangs so albern ging, so sehr das auch vorüber ist. — Ich sage Ihnen noch einmal, die kleine schwarze Hexe gefällt mir un- gemein. _ Notabeneblatt. Für jetzt habe ich auf dies Blatt eben nichts besonders, als den verhenkerten jungen Cavallier. Hole ihn dieser und jener! Ich kann nun zwar nicht sagen, daß er mir bis jetzt was zu Leide thäte; dennoch aber ist mir, als ob ich ihn nicht sonderlich leiden könnte. Was hält Elise von ihm? Ich liebe das Mädchen in der Thal, wenn es wirklich so ist, als ich's mir nach allem, was ich bis hie- her erfahren, vernünftiger Weise vorstellen muß; und ich mache Ernst, wenn es ihr ein Ernst ist. Aber ich fürchte bei näherer Bekanntschaft mit ihr zu verlieren. Gleichwohl leiden es meine Grundsätze nicht, sie auch nur im geringsten zu täuschen. Von ihrer Antwort wird es nun abhangen, ob ich mich ihr ganz mit meinen sowohl moralischen als physischen Mängeln und Gebrechen darstellen soll. Hat sie alsdann noch Lust zu mir, nun so komme ich ganz 371 in der Stille nach St. — Schlechter soll sie mich dann wenigstens nicht finden, als ich mich zum voraus gewählt habe. Ich denke es ist Pflicht, hier lieber in's häßliche, als in's schöne zu mahlen. — Ich denke doch, daß Sie meinen Hauptbrief, so wie er da ist, werden vorweisen können. Haben Sie acht auf die Wirkung, die der meinige an Elisen thut, und melden Sie mir's. Er ist mir acht von Herzen gegangen. Bin ich irgend im Stande das Mädchen, ist das Mädchen irgend im Stande mich glücklich zu machen, so geschehe was der Himmel will. Ich wünsche herzlich, daß alles seyn möge, wie eS dazu erforderlich ist. Amen. Sagen Sie mir, Freundinn, hat das Mädchen einiges Vermögen? Und wie viel wohl? — Freilich eine elende Frage, die ich selbst mit Ekel und Unwillen thue! Aber warum hat die Erzmetze Fortuna mich dazu verdammt, daß ich sie thun muß? — Bürger an . . . Gieboldehausen, den 22sten April 179V. -Ich muß dir, wiewohl für jetzt nur kurz, sagen, daß mir ein junges zwanzigjähriges sehr hübsches Mitgctheilt von Wd. in L. im allgemeinen literarischen Anzeiger 179S. S. 1516. 24 * 372 an Geist und Character vortreffliches Schwaben-Mädchen, nicht ohne Vermögen, und überdies mit sehr wahrscheinlichen Aussichten zu ansehnlichen Erbschaften, einen Ring an den Finger practicirt hat. Das Mägdlein heißt Maria Christiane Elisabeth Hahn, und wohnt in Stuttgart, von wannen ich sie künftigen Michaelis heimholen werde. Diese ganze Heiraths- Geschichte ist so romanhaft und originell, daß sie gewiß seit Adam die erste in ihrer Art ist. Das Mädel hat sich aus meinen Gedichten bis über die Ohren in mich verliebt. In einer lustigen Gesellschaft wird sie damit aufgezogen. Scherzweise macht sie ein Gedicht, worin sie um mich förmlich anhält. Es ist aber natürlicher Weise kein Gedanke davon, daß das Ding gedruckt werden und in meine Hände gelangen soll. Gleichwohl geschieht dies ohne ihr Wissen und Willen durch Jemand, der eine Abschrift dieses Gedichts zu erhaschen weiß. Ich fange diesen Winter durch an, mich nach Namen und übrigen Umständen der Verfasserin zu erkundigen. Alle Nachrichten lauten sehr vortheilhast. Ich gerathe durch ein poetisches Gegencompliment endlich selbst mit ihr in Brief-Wechsel; erhalte ihr Portrait, stimme den anfänglichen Scherz nach und nach in Ernst um, gebe ihr eine umständliche und getreue Schilderung meiner innern sowohl als äußern Umstände, reise endlich selbst in diesen Oster-Ferien nach Stuttgart, und die Sache ist richtig. Unmöglich ist mirs jetzt, die höchst sonderbaren Fügungen bei der ganzen Geschichte aus einander zu setzen, wodurch sie ein solches Ansehen gewinnt, daß entweder eine höhere unsichtbar leitende Hand im Spiele 373 seyn muß, oder wahrlich, cs gibt all überall eine solche Hand nicht. Denn z. B. hätte ich, wie ich Anfangs vorhatte meine Abreise nur um einen Post-Tag verspätet, so wäre wahrscheinlich aus der Sache nichts geworden; denn da lief ein Brief ein, der meiner Kinder wegen nichts geringeres als einen zierlichen und manierlichen Korb enthielt. Diesen Brief wartete ich nicht ab. Es mußte sich fügen, daß einer meiner Schwäbischen Kollegen, mit dem ich reisen wollte, wider Vermuthcn eher abreisen mußte. Ich wollte durchaus noch nicht mit, er ließ aber nicht nach, bis er mich gleichsam bei den Ohren mit in den Wagen geschleppt hatte. Meine persönliche Gegenwart und die den spindelbeinigen'Apoll umstrahlende Lieblichkeit, gab der Sache nun eine ganz andere Wendung. Kurz, ich bin mit meinem Liebchen öffentlich und förmlich verlobt. Sie liebt mich und ich sie, über alle Maße. Ihr Vater war Expedi- tions - Rath, und ist todt. Sie hat nur noch eine Mutter, die von ihren Renten lebt, und einen Bruder, der Würtembergischer Officier ist. — Kurz, ich schmeichle mir, das Mägdlein, wenn ichs, wie bald möglichst geschehen soll, euch-werde, soll euern ganzen Beifall gewinnen, denn sie darf sich sowohl im Körperlichen, als Geistigen und Moralischen vor Meister und Gesellen sehen lassen. —-- 374 Bürger an Adolph Mül ln er *). Göttingen, den Isten Nov. 1793. Mein lieber Adolph! So gebietet mir noch das Herz, dich anzureden, ohne Herr, ohne Sie, wie du es doch Kraft deiner Matrikel wohl von mir verlangen könntest. So lange du nicht mein Herz umstimmst, wird es dir schwer fallen, mir diesen väterlichen Ton abzugewöhnen, wenn du auch gleich bis zum Staatsminister hinauf rücken solltest. Vernähme ich aber, daß du ein eingefleischter unheilbarer Thor, oder gar ein Bösewicht geworden wärest, der die Hoffnungen Lügen strafte, die ich deinen guten Eltern mehr als einmal mit Zuversicht deinetwegen eingeflößt habe, ja dann könntest du es wohl zum Herrn und zum Sie bei mir bringen, wenn ich es nämlich nicht ganz vermeiden könnte, irgend einmal ein schriftliches oder mündliches Wort mit dir zu wechseln. Deine Eltern haben wir wohl gesagt, daß du Zunder zu manchen Ausschweifungen in dir trügest. — „Wenn auch", habe ich geantwortet, „so tragt er dagegen auch einen Keim von Verstand und gesunder *) Bürgers Neffen, den zwanzig Jahre später so bekannt gewordenen Dichter der „Schuld". S. Erinnerung an Gottfried August Bürger tm Morgenblatt 1817. S. 12VS. 375 Vernunft in sich, der ihn nie zu tiefsinken lassen, der ihn, wenn er ja einmal sänke, bald wieder empor bringen wird." Lieber Adolph, alles was uns als Menschen einen absoluten Werth gibt, das entspringet von dem Gotte in uns, von der heiligen Vernunft; und jede Tugend, die nicht von ihr abstammt, will Kant zwar nicht eben ein glänzendes Laster, aber doch eine glanzende Armseligkeit genannt wissen. Das ist ein theures wahres Wort. Ich schmeichle mir, daß es in dir lebendig und immer lebendiger werden, daß es deinem bessern Selbst den Sieg über den ganzen Hans Hagel der Sinnlichkeit, wie sehr er auch toben möge, verschaffen werde. Doch — ich setze mich nicht nieder, um dir Moral zu schreiben. Das: lieber Adolph, und das Du haben mich, ich weiß nicht wie, auf einen Augenblick dazu verleitet. Ich wollte dir nur sagen, daß ich zwar ziemlich krank, aber deswegen doch nicht melancholisch bin, wie dir ein Schulfreund von hier aus geschrieben haben soll; denn unter melancholisch verstehe ich: nicht wohl bei Trost im Kopfe. In diesem ist, Gottlob, noch Licht und Ordnung. Auch kann ich, wenn meine Krämpfe, mein Krampfhusten, meine fieberhaften Dröh- uungen durch das ganze Nervensystem etwas ruhen, sogar noch lustig seyn. Dieses Unheil, womit ich den größten Theil des Sommers und selbst jetzt, da ich dir dieses schreibe, mehr als jemals behaftet gewesen bin, hat mich bisher verhindert, ans deinen Brief und das beigefügte ästhe- 376 tisch-kritische Werk *) so ausführlich zu antworten, als du es wohl wünschen magst. So lange dieser Zustand noch anhält, mußt du auch Nachsicht mit mir haben, denn ich bin froh, wenn ich jetzt, und unter so vielen Beschwerden, nur meine dringendsten Geschäfte vollbringen kann. Da mir indessen die Aerzte Hoffnung zu bessern Zeiten, wiewohl in ziemlicher Ferne, machen **), so denke ich, aufgeschoben, soll nicht ganz aufgehoben seyn. So viel muß ich dir jedoch im Allgemeinen sagen, daß ich mich über dein Talent, über deine mechanische Gewandtheit, über deine schönen humanistischen Kenntnisse in mehr als einer Rücksicht ausnehmend gefreuet habe. Ich gestehe dir gern, daß ich in deinen Jahren so weit noch nicht war, wie ich an einigen Windeln wahrnehme, die ich aus jenem Zeiträume noch aufbewahrt habe. Ich hoffe nicht, daß du dir dieses Ge- ständniß zum Ruhepolster dienen lassen werdest: denn Alles, was ich da von Herzensgründe gesagt habe, schließt auch einen gar mannigfaltigen Tadel nicht aus. Im Ganzen ist mir sowohl an deinem Briefe, als auch an dem beigefügten Werkchen, die ich beide nicht gleich bei der Hand habe, etwas anstößig gewesen, welches schon jetzt zu tadeln, beinahe Unbilligkeit scheinen möchte, da es ein Fehler ist, dem auch die besten Köpfe *) Es war eine metrische Verdeutschung der Ode des Hor az an den Blandustschen Quell, mit einem langen Ercursus voller Schiilergelehrsamkeit. M. **) S. oben Bürgers Leben von Mthof S. 154 . 377 in ihren jungen Jahren eine Aeitlang ausgesetzt sind. Es ist eine gewisse leere Redseligkeit, die ein Nichts in einem Wortschwall von ganzen Seiten kleidet, und Gelehrsamkeit zeiget, nur um sie zu zeigen, ohne daß es nöthig wäre, die Spanier nennen das, wie du wissen wirst, vauus pulr»i)ru8, die Lateiner ampulla8. Uebrigens, däucht mir, habe ich, nicht eben in diesen letzten Proben, sondern in manchen andern Briefen von dir, die mir bei Gelegenheit in die Hände gefallen sind, einen Hang zu komisiren, zu witzeln, mit einem Worte galant und charmant zu schreiben, wahrgenommen. Ich glaube nicht, daß dieses dein Talent sey; wiewohl ich zugleich weiß, daß dieses Talent, wenn es auch vorhanden ist, mehr als irgend ein anderes, in der ersten Jugend sich gemeiniglich in sehr frostigen Plattheiten zu offenbaren pflegt. Ich glaube vielmehr, daß dich künftig, wie jetzt, ein stiller edler Ernst weit besser kleiden werde. Willst du in dem Felde der schönen Künste etwas leisten, so suche so viel, wie ohne Abbruch der Kunst möglich ist, die ästhetischen Ideen mit den moralischen zu verschwistern, und laß dein ganzes Leben nicht nach, dich in dem mechanischen Theile der Kunst immer vollkommner zu machen. Und dies ist möglich durch Studium. Jener leere Wortaufwand wird verschwinden, so wie sich der Borrath an Ideen in deinem Kopse und der Reichthum an Bildern in deiner Phantasie vermehren wird. Es wird dir alsdann weit schwerer werden, als jetzt, so lange Briefe und Kommentationen zu schreiben; es wird dagegen aber mehr Kern darin enthalten sepn. 378 Mehr kann ich dir diesmal nicht sagen. Anfangs verzweifelte ich fast, nur so viel sagen zu können. Ich wünsche nur, daß es nichts Leeres und Unnützes für dich seyn möge. — Lieber, theurer Adolph, wenn dir an meiner warmen Liebe und Achtung, die ich dir ewig zu widmen bereit bin, auch nur das Mindeste gelegen ist, so suche deine Edlern, besonders deine tiefleidende Mutter, für den mannigfaltigen Kummer zu entschädigen, unter welchem sie in so vieler Rücksicht zu leiden Ursache hat. Nicht wahr, du wirst es thun? denn dir ist das edelste, Vernunft, zu Theil geworden. Laß mich nicht in deinem Beispiele an meiner Gottheit verzweifeln! Dein Bürger. III. Bürger von Ll u g u ft Wilhelm von Schlegel*). Bürgers Nachlaß ist nun seit einigen Jahren der Welt vollständig übergeben worden: der Ertrag eines auf manche Weise verkümmerten und gedrückten Lebens. Diese wehmüthige Betrachtung muß sich zuvörderst denen ausdrängen, welche Bürgern näher gekannt haben: die dem vierten Bande seiner sammtlichcn Schriften eingerückte Lebensbeschreibung, die von der Hand der Freundschaft mit schonender Wahrheitsliebe, und in einem milden und menschlichen Sinne abgefaßt ist, wird sie auch bei andern erwecken; ja sogar den mit allen Umständen unbekannten, aber aufmerksamen Leser müssen *) Diese Charakteristik Bürgers erschien zuerst 1800 im zweiten Bande der Charakteristiken und Kritiken von August Wilhelm und Friedrich Schlegel. dann mit neuen Anmerkungen bereichert 18L8 im zweiten Theile der Kritischen Schriften von Aug. Will), v. Schlegel. 380 eine Menge Spuren in den Gedichten selbst darauf führen. Sie wird um so trauriger, wenn man bedenkt, daß, nebst den Folgen früher Gewöhnungen und Schwächen, welche die natürliche und bürgerliche Ordnung der Dinge weit härter als nach ihrem Verhältnisse zur Sittlichkeit zu bestrafen pflegt, nebst der Zerrüttung einer unglücklichen Leidenschaft, und in den letzten Jahren häuslichen Verdrusses, gerade seiner Neigung zur Poesie und seine Beschäftigung mit ihr es war, was ihn abhielt, sein zeitliches Wohl entschloßner und rüstiger anzubauen; was seine Tage verbitterte und wahrscheinlich verkürzte. Wenige haben die dichterische Weihe und ihr Theil Ruhmes um einen so theuern Preis gekauft. Auch darf man nicht etwa annehmen, eine anhaltende Erhöhung seines Innern Daseyns habe ihm manche äußere Entbehrung vergütet, und er habe im sorglosen Besitze aus der Fülle seiner begeisterten Träume nur gelegentlich einiges festgehalten, und durch die Schrift mitgctheilt. Nein, er hat wirklich alles gegeben, was er hatte: der Umfang seiner dichterischen Sphäre in den vorhandenen Werken bezeichnet uns das ganze Vermögen seines Geistes, wie den erlangten Grad von Meisterschaft. Seine heitern regsamen Momente konnten nur in wenige Brennpuncte zusammengedrängt eine glänzende Erscheinung machen, und was seinen Gedichten den ausgebreitetsten Beifall verschafft hat, das Frische, Gesunde, die energische Stimmung, hatte sich bei ihm aus dem Leben in die Poesie hinübergerettet, und beurkundet angeborne Ansprüche an eine schönere geistige Jugend, die ihm in der Wirklichkeit nie zu Theil ward. 381 Bürgers Eintritt in seine Laufbahn war nicht ohne begünstigende Umstände. Ein kühnerer Geist regte sich um diese Zeit in unserer ganzen Literatur, gleichgesinnte Freunde begleiteten ihn und bald kam ihm der Beifall einer jubelnden Menge entgegen, die alles Neue mit der lebhaftesten Theilnahme aufnahm, und für die bei der bisherigen Eingeschränktheit so vieles neu war. Er hielt sich nicht mit Unrecht für einen von den Befreiern der Natur vom Zwange willkührlicher Regeln, und ward als der Erfinder oder Wiederbeleber ächter Volks- Poesie ohne Widerrede anerkannt. Dies gab ihm Muth und Sicherheit, wenn er gleich nicht in die trunkenen Hoffnungen Mancher einstimmen konnte, die nicht nur ohne Theorie und Kritik, sondern ohne alles gründliche Kunststudium das Höchste in der Poesie, als die ihrem wahren Wesen nach nur eine freie Ergießung sich selbst überlassener Originalität sey, zu ergreifen gedachten. Dagegen wurde er auch zu den Verirrungen, die bald auffallend überhand nahmen, nicht mit fortgerissen, und der Einfluß damals herrschender Ansichten aufseine Grundsätze und Ausübung zeigt sich nur bei einer nähern Prüfung. So viele zuversichtliche Kraftverheißungen gingen ohne bleibende Spur vorüber, und nachdem die sogenannte Sturm- und Drangperiode in den siebziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts ausgetobt hatte, ließ sich in den Achtzigern eine gewisse Erschlaffung spüren, die durch mancherlei zusammentreffende Umstände vermehrt ward. Die Lethargie war so unerwecklich, daß selbst das Wiederauftreten jenes großen Geistes, welcher zu der vorhergehenden Periode den ersten Anstoß gegeben 38S hatte, und dessen Jugendwerke, die auf dem Stand- puncte einer umfassenden historischen Kritik nur als vorläufige Protestattonen gegen die Anmaßungen der con- ventionellen Theorie erscheinen, damals das Ziel verkehrter Nachahmungen gewesen waren: daß selbst das Wiederauftretcn Goethes, sage ich, in der Gestalt des reifen, selbstständigen, besonnenen Künstlers unmittelbar keine sichtbare bedeutende Wirkung hervorbrachte. Der Glaube, der in Rücksicht auf die, welche ihn hegen, seinen guten Grund zu haben pflegt, das Gebiet der Dichtung ziehe sich gegen das der Begriffe immer enger zusammen, jede neue und große Hervorbringung in der Poesie werde immer schwieriger, ja unmöglich: dieser Glaube verrieth sich an mancherlei Symptomen als allgemein herrschend, und Bürger hatte häufige Anwandlungen von diesem Kleinmuth. Eine Kritik, die ihn noch in den letzten Jahren traf, die Beurthei- lung der zweiten Ausgabe seiner Gedichte in der Jenai- schen Literatur-Zeitung, war eben nicht gemacht, ihn davon zu heilen: sie drohte seinem Ruhme einen gefährlichen Stoß, ohne daß er in seinem Innern einen rechten Gegenhalt wider sie gefunden hätte *). So hatten sich alle Umstände zu seinem Nachtheile gewandt» *) Der anonyme Verfasser dieser Recension, welcher sich gleichwohl leicht errathen ließ, und nicht unbekannt bleiben konnte, war Schiller. Dies kränkte Bürgern um so mehr, weil er für den Dichter der Götter Gricchcnlandcs eine lebhafte Bewunderung gefaßt hatte. Die Recension war mit der kalten abgezirkelten Eleganz abgefaßt, welche Schillers damaligen prosaischen 383 Zu dm allgemeinen Einflüssen einer einschläfernden, iso- lirenden, ungedeihlichen Zeit nehme man nun insbesondere den umwölkten Horizont seiner weltlichen Aussichten, Kränklichkeit, Sorgen, und die Nothwendigkeit zu Beschäftigungen zu greifen, worin er sich entweder seines wenigen Berufs oder ihrer Beschaffenheit wegen nicht Hervorthun konnte, Trennung von alten Freunden und Geistesgenossen, Mangel an bereichernden und auffodern- den Anschauungen, eine freudenlose Umgebung sowohl von Seiten der Natur als des geselligen Lebens * *), endlich das beständige Ringen eines beleidigten Selbstgefühls gegen den Uebermuth von Gelehrten, die sich in geistlosem Sammlerfleiß zur Verachtung alles Edlen und Schönen verhärtet hatten, und mit denen ihn sein Ver- hältniß nun einmal zusammenstellte: so hat man alle Züge zu dem traurigsten Bilde, das sich von dem Leben und dem allmähligen Untergange eines Dichters nur immer entwerfen läßt. Schriften eigen war, und in seinen Briefen über ästhetische Erziehung in die äußerste Erstorbenhcit überging; aber ste imponirte dem Publicum und Bürgern selbst durch eine gewisse Würde, durch den Schein der philosophischen Tiefe, und durch den noch mehr trügerischen Schein der Mäßigung. Anm. zum neuen Abdruck. A. W. v. S. *) Bürger Pflegte wohl den AusrufHallcrs in einem schwer- müthigen Gedichte aufsich anzuwenden: Ja, recht in seinem Zorn hat das gerechte Wesen Mir diesen fernen Ort zur Wohnung auserlesen! Anm. z. n. A. A. W. v. S. 384 Bürger als Mensch wäre also gar leicht gerechtfertigt, wenn er auch mit dem anvertrauten Pfunde seines Talents weit weniger gewuchert hätte, als er wirklich ge- than hat. Allein die Zufälligkeiten, welche die Entstehung eines Kunstwerkes umgaben, dürfen nicht in Anschlag gebracht werden, wenn von einer Beurtheilung nachKunst- gesetzcn die Rede ist. Man kann nicht aus Menschenliebe Beifall zollen, noch aus Mitleiden bewundern. Es wäre möglich, daß dieser Baum, in einen andern Boden versetzt, und bei andrer Witterung, seiner Art nach weit bessere Früchte getragen hätte: aber diese Betrachtung kann mich nicht bewegen, den Geschmack der wirklich getragenen Frucht anders anzugeben, als ich ihn empfinde. Mit dem Hinstellen für die äußere Anschauung ist das Gedicht oder sonstige Erzeugniß des Geistes von der Person des Hervorbringers eben so abgelöst, wie die Frucht, welche genossen wird, vom Baume; und wenn gleich die sämmtlichen Gedichte eines Mannes seinen poetischen Lebenslauf darstcllen, und zusammen gleichsam eine künstlerische Person bilden, in welcher sich die Eigen- thümlichkeit der wirklichen mehr oder weniger, unmittelbar oder mittelbar offenbart: so müssen wir sie doch als Erzeugnisse der Freiheit, ja der Willkür, ansehen, und es dahin gestellt seyn lassen, ob der Dichter sein Inneres nicht auf ganz andere Weise in seinen Werken hatte abspiegeln können, wenn er gewollt hätte. Das war es wohl eben, was Bürgern in der oben erwähnten Beurtheilung in der Jenaischen Literaturzeitung am empfindlichsten kränkte, daß sie diese Trennung nicht zugab, daß so bestimmt darin ausgesprochen wurde, 385 was man am Dichter vermisse, gehe dem Menschen ab. Es ward ihm Mangel an Bildung vorgeworfen, in einem Alter, wo man eine solche Versäumniß schwerlich mehr nachholt. Dadurch spielte der Kritiker die Frage eigentlich in ein ihm fremdes Gebiet. Spekulativ und im voraus betrachtet, erscheint eines Menschen freie in ihn selbst zurückgehende Thatigkeit als eine Schöpfung aus nichts; historisch aber von hinten nach angesehen, wird sie zu einem bedingten Gliede in einer Reihe von Ursachen und Wirkungen; und wenn sich aus jenem Standpunkte alles von ihm sodern läßt, so muß man auf diesem schlechthin mit dem vorlieb nehmen, was er wirklich geworden ist. Ob Jemand die äußeren und inneren Anregungen zu einer höheren Ausbildung gehörig benutzt hat? ob nicht, wenn bei seinem redlichen Bestreben noch Rohheit in ihm zurückblieb, ursprüngliche und unüberwindliche Anlagen ihm den weiteren Fortschritt wehrten? Dies sind Fragen, die er in der geheimsten Stille mit sich auszumachen hat; und die moralischen Angelegenheiten eines noch lebenden Menschen vor das große Publicum zu ziehen, ist in der That grausam, wenn ihm auch in der Sache selbst nicht das mindeste Unrecht geschähe *). Davor ist man *) Damals, als ich den obigen Aufsatz schrieb, hatte ich Ursache, mit Schillers Betragen in seinem persönlichen Verhältnisse zu mir sehr unzufrieden zu seyn. Dies machte mich eben zurückhaltend. Auch hielt ich mich nicht für berechtigt, die Schutzmauer der Anonymität zu durchbrechen, wohinter Schiller, ungeachtet der Auffoderung Bürgers sich zu nennen, verschanzt 25 386 aber niemals sicher: denn zwischen das Innerste des Gemüths und seine Erscheinung in einem Kunstwerke treten Organe und Medien zwischen ein, welche die Mittheilung leicht unvollständig machen oder entstellen. Es giebt Menschen, die nicht ohne widerliche Verzer- gebliebcn war. Jetzt, nachdem die beiden Gegner seit so vielen Jahren aus dem Leben geschieden sind, steht der Freimü- thigkcit kein Bedenken im Wege. Schillers Reccnsion war meines Erachtens eine nach den Gesetzen der literarischen Moral nicht wohl zu rechtfertigende Handlung. Wie kam gerade Schiller dazu, über einige in Bürgers Gedichten stehen gebliebene gesunde Derbheiten wie ein Rhadamantus zu Gericht zu sitzen? Der Verfasser der Räuber, in dessen früheren Gedichten und Dramen so manche Züge jedes zarte Gefühl verletzen, mußte wissen, wie leicht genialischer Uebcrmuth zu wilden Ausschweifungen fortreißt. Oder war es gerade das Bcwußtscyn dieser neuerdings mit ihm selbst vorgegangcnen Verwandlung, was ihn so unerbittlich strenge machte? Und hatte er denn wirklich die alte Haut so vollständig abgestreift, als er damals glaubte? Ucbcrdics hat Schiller durch diese Benrthcilnng nur eine schwache Probe seiner Kennerschaft gegeben. Er hätte Bürgern nicht tadeln sollen, weil er ihn nicht gehörig zu loben verstand.. Wie er das Wesen der Gattung, worin Bürger wenigstens zuweilen ein vollendeter Meister war, begriffen hatte, das zeigen die Balladen, die er später, wetteifernd mit Goethe, aber gegen den Willen der Minerva dichtete. Es hat hiebei eine Nemesis gewaltet, und Bürgern ist, zwar erst nach seinem Tode, die vollständigste Gcnugthuung zu Theil geworden, indem nnn die Vergleichung zwischen der Lenore, dem wilden Jäger, der Tochter des Pfarrers zu Taubenhain, den Weibern von Weins- bcrg, und dem Fridolin, dem Taucher, dem Ritter von Rho- dus u. s. w. angestellt werden kann. Anm. z. n. A. A. W. v. S. 387 rungen weinen können, wenn ihr Gefühl auch das mildeste und edelste wäre; es giebt harthörige Musiker, die ihre Zuhörer mit häufigem Fortissimo heimsuchen, weil sie nur Piano hören, wenn sie schon Forte angeben. Wenn wir uns, ohne über den Urheber richten zu wollen, blos an das geleistete halten, so bekommen wir statt eines unbekannten, unergründlichen und ins Unendliche hin bestimmbaren Subjects, das auf sich selbst hätte handeln sollen und können, bestimmte Objecte, auf die der Dichter gehandelt hat: nämlich seine Vorbilder; die poetischen Gattungen, wie sie sich historisch gebildet haben oder durch ihren Begriff unwandelbar festgesetzt sind; die gewählten Gegenstände, die- ihm vielleicht zum Theil von außen her überliefert wurden; endlich die Sprache und die äußerlichen Formen der Poesie, die Sylbenmaaße, wie er sie vorfand und bearbeitete. Sollte bei einer Prüfung der Bürgerischen Gedichte nach diesen Rücksichten, und ihrer Ausammenhaltung mit dem unbedingten Maaßstabe des Kunstgesetzes, auch vieles von dem wegsallen müssen, was Bürger sich selbst zuschrieb, und was ihm seine mitlebenden Leser größtentheils bereitwillig zugestanden: so glaube ich doch den Schatten meines Freundes durch offene Darlegung meiner jetzigen Ueberzeugungen darüber nicht zu kränken. Er ist jetzt aus dem Reiche sinnlicher Täuschungen entrückt, und wenn sich die Abgeschiedenen noch um unsre Angelegenheiten bekümmern, so liegt ihm unstreitig das Gedeihen der göttlichen Poesie überhaupt mehr am Herzen, als die Beiträge seines beschränkten Selbst, wie- 25 * wohl er im Leben es vielleicht nie völlig zu dieser Entäußerung bringen konnte. Zudem ist es eine vergebliche Hoffnung, einem menschlichen Werke durch Verschweigung der Mängel einen höheren Ruhm fristen zu wollen, als der ihm zukommt: vielmehr steht zu befürchten, in der Folge möchte mit dem so lange eingebildeten Werth, der sich nicht bewährt gefunden, auch der ächte verkannt und bei Seite geschoben werden; und es ist daher in jedem Falle heilsam, die Sichtung zeitig ohne Rückhalt vorzunehmen. Man muß wünschen, daß Bürgers Gedichte künftig nur nach ihrem reinen Gehalt wirken: da jedoch, wie es scheint, unsre Literatur die ganze Schule möglicher Mißverständnisse durchmachen mußte, um zu dem Rechten zu gelangen, so ist ihnen auch die bisherige negative Wirkung, daß sie hievon ihr Theil getragen, zu Gute zu rechnen. Bei einem Dichter, wie Bürger, der gar nicht etwa wie ein begünstigter Liebling der Natur den ersten Anmuthungen folgte, und alles mit fruchtbarer Leichtigkeit hinschüttete, sondern meistens langsam und mit Mühe, ja nicht selten mit ängstlichem Fleiße seine Sachen ausarbeitete, sind die leitenden Begriffe bei seiner Ausübung der Kunst von großer Wichtigkeit, um uns über die Ursachen des Gelingens und Verfehlens auszuklären» .Ich finde deren hauptsächlich zwei während seines ganzen poetischen Lebenslaufes herrschend: Popularität unt» Correctheit; obschon natürlicher Weise jener in dessen erster Hälfte, dieser in der letzten mehr hervorstach. Dazu kam noch in den spätern Jahren, als ihn eine stolz verkennende Kritik an sich selbst irre gemacht hatte. 389 der ihm eigentlich fremde und aufgedrungene Begriff der Idealität. Er hat zwar in einem eignen Spottgedichte (der Vogel Urselbst, seine Recensenten und der Genius) seinen Unglauben daran erklärt, aber nichts desto weniger sich dadurch zu mancherlei Aenderungen und Umfchmelzungen bestimmen lassen. Dagegen verließen ihn in dieser Periode die Begriffe von Originalität und Genialität beinahe gänzlich, auf die er immer nur mißtrauend gefußt hatte, und gleichsam um die Sitte seiner Altersgenossen mitzumachen, welche daraus, wie auf eine glückliche Karte, ihr ganzes Vermögen wagten. Auf das allgemeine Wesen der Poesie,-auf die Nothwendigkeit und strenge Reinheit der Gattungen, sogar auf die Anlage eines einzelnen Gedichtes im Ganzen scheint er wenig Nachdenken verwendet zu haben. Den Satz, welchen Bürger schon in der Vorrede zur ersten Ausgabe seiner Gedichte ohne Beweis postu- lirt hatte: Volkspoesie sey die vollkommenste und die einzige wahre; diesen Satz, folgendermaßen modisicirt: „Popularität eines poetischen Werkes ist das Siegel seiner Vollkommenheit;" erkannte er in der Vorrede zur zweiten Ansgabe von neuem an, und suchte ihn zu begründen. Wenn man das, was er dabei sagt, um seine Meinung mit dem Worte Volk deutlich zu machen, zusammenfaßt, so läuft es auf einen mittleren Durchschnitt aus allen Ständen hinaus, und zwar in Ansehung der natürlichen Anlagen und Fähigkeiten» denn in Betreff des Angebildeten und Erworbenen giebt es einen solchen mittleren Durchschnitt überhaupt nicht. 390 indem die an wissenschaftlicher und conventioneller Bildung Theil nehmenden, und die davon ausgeschloßnen Stände gänzlich getrennt bleiben. Nun läßt sich aber nicht einsehen, warum die Poesie, der es gegeben ist, das Höchste im Menschen auszusprechen, sich irgend nach der Mittelmäßigkeit bequemen sollte, statt sich an die vortrefflichsten und von der Natur am reichsten begabten Geister zu wenden, und die übrigen sorgen zu lassen, wie sie mit ihr fertig werden möchten. Bürger verstand sich mit dieser Foderung selber nicht recht, und verwechselte sie mit dem allerdings erreichbaren Zwecke, den er sich bei einem großen Theile seiner Lieder vorgesetzt hatte: für Leser aus verschiedenen Ständen, und namentlich auch aus den unteren ungelehrten, zugleich zu dichten. Es dürfte auch dazu nicht eben eine so bewundernswürdige Herablassung nöthig seyn, als manche haben vorgeben wollen; denn die Natur theilt Phantasie und Empfänglichkeit ohne Rücksicht auf hohe oder niedre Geburt aus; conventionelle Cultur wird nur zu den Gattungen erfordert, die Gemälde des feineren geselligen Lebens aufstellen; und gelehrte Kenntnisse können durch die Wahl des Stoffes überflüssig gemacht werden. Zn diesem Sinne ist es sehr möglich, ein würdiger und edler Volksdichter zu seyn. Allein es läßt sich wiederum nicht einsehen, warum jeder Dichter und zwar jederzeit es wollen müßte, warum er nicht zum Beispiel Leser sollte voraussctzen dürfen, welche die Natur mit einem philosophischen Auge betrachtet haben, oder mit dem elastischen Alterthume vertraut sind. Was er an Ausdehnung seiner Wirkung verliert, könnte ihm leicht ihr Gewicht ersetzen. Wie eng würde die Sphäre der Poesie begränzt, welche herrliche Erscheinungen in ihr würden unmöglich gemacht werden, wenn Bürgers Grundsatz allgemein gelten sollte! Seiner Behauptung: „alle großen Dichter seyen Volksdichter gewesen; und was sic nicht populär gedichtet, sey zuverlässig bei ihren lebendigen Leibern bereits vergessen, oder gar niemals in die Vorstellungkraft und das Gedächtniß ihrer Leser ausgenommen worden", widerspricht die Geschichte, wenigstens der modernen Poesie, die uns hier zunächst angeht, geradezu. Dante und Petrarca, die beiden ältesten Häupter derselben, sind auf jede Weise, sowohl nach dem Maaßstabe der Kenntnisse als der Geisteskräfte, so unpopulär wie möglich. Guarmi ferner, der erste große Verbinder des Antiken und Modernen, ist keineswegs populär; und Shakspeare und Cervantes scheinen es nur, indem sie die Menge in ihren meisten Werken durch rasche Bewegung oder heitre Darstellung befriedigen und sie mit einem oberflächlichen Verständnisse täuschen, während der tiefe Sinn und eine Unendlichkeit zarter Beziehungen gemeinen Lesern und Zuschauern verborgen bleibt. Die Frage, in wie fern Homers Rhapsodien ursprünglich volksmäßig waren, oder blos für die Edlen und Großen gesungen wurden, würde uns hier zu weit führen; allein daß die Troubadours und Minnesänger im Ganzen nicht eigentlich Volksdichter zu nennen sind, darf ich ohne Bedenken behaupten. Sie übten vielmehr eine adliche und Ritter-Poesie, auf die Sitten, Ansichten und Empsindungsweise des obersten und damals gebildetsten Standes gebaut. Wir haben 392 von Dichtern aus derselben Zeit, die sich um den Beifall der unteren Stände bewarben, noch manches, was mit jener den schneidendsten Gegensatz macht; auch äußert einer und der andre edle Minnesänger keine geringe Verachtung der bürgerlichen und bäuerischen Lieder. Wenn Bürger mit seiner allgemeinen Federung der Popularität, die er denn doch vornamlich durch Klarheit und leichte Verständlichkeit erklärt, nur das meinte, daß jedes Gedicht diese Eigenschaften in möglichst hohem Grade nach dem Verhältnisse seines Inhaltes besitzen solle, so kann man sie gern zugebcn, bis auf die Ausnahmen, wo ein Schleier von Verworrenheit und Dunkelheit selbst den bezweckten Eindruck Hervorbringen hilft, und also ein Mittel der Darstellung wird. Seine Bemerkung scheint dann auch nicht überstüßig, da manche unsrer Dichter ganz gewöhnliche Gedanken durch grammatische und rhetorische Künstelei zu einem schwerfälligen Tiefsinne ungenießbar aufgeschraubt haben: eine Verkehrtheit, wovon Bürger überall frei blieb. Will man aber behaupten, vollkommene Deutlichkeit sey das wesentlichste Ersorderniß zur Volkspoesie, so möchte man mit ihr ganz auf den Irrweg gerathen. Unser Daseyn ruhet auf dem Unbegreiflichen, und die Poesie, die aus dessen Tiefen hervorgeht, kann dieses nicht rein auflösen wollen. Dasjenige Volk, wofür es sich der Mühe verlohnt zu dichten, hat hierüber wie über vieles die natürlichere Gesinnung beibehalten; alles verstehen, das heißt mit dem Verstände begreifen wollen, ist gewiß ein sehr unpopuläres Begehren. Beispiele werden dies einleuchtender machen. Die Bibel, wie sie gegenwärtig 393 in den Händen des Volks ist, wird nur sehr unvollkommen verstanden, ja vielfältigst mißverstanden, und dennoch ist sie ein äußerst populäres Buch. Bon unfern neueren Exegeten zum allgemeinen Verständnisse zugerichtet, würde sie unfehlbar ihre Popularität großen- theils einbüßen. Die alten besonders katholischen Kirchenlieder, voll der kühnsten Allegorie und Mystik waren und sind höchst populär; die neuen bild- und schwunglosen, vernünftig gemeinten, und wasserklaren, die man an ihre Stelle gesetzt hat, sind es ganz und gar nicht. Und warum sind sie es nicht? Weil in ihrer ekeln Einförmigkeit nichts die Aufmerksamkeit weckt, nichts das Gemüth plötzlich trifft, und es in die Mitte desjenigen versetzt, was ihm durch förmliche Belehrung nicht zugänglich werden würde. Mit einem Wort, wer für das Volk etwas schreiben will, das über dessen irdische Bedürfnisse hinausgehen soll, darf in der weißen Magie, oder in der Kunst der Offenbarung durch Wort und Zeichen, nicht unerfahren seyn. Bürger wollte nun überdies nicht blos ein Volkssänger, sondern auch ein correcter Dichter seyn, und zwar, wie wir sehen werden, nicht etwa in einigen seiner Gedichte volksmäßig und in andern corrcct, sondern in denselben beides zugleich. Da Correctheit aber durchaus ein Schulbegriff ist, so muß dies, nebst seinen übrigen Vorstellungen von der Popularität, billig an der seinigen Zweifel erregen. Man wende nicht ein, der Erfolg habe dafür entschieden: Bürger werde überhaupt in einem ausgebreiteteren Kreise gelesen, als vielleicht irgend ein Deutscher Dichter, er habe mit einigen 394 seiner Stücke sogar bei den Ständen Eingang gefunden, die sonst nicht zu lesen pflegen. Denn auch diese sind jetzt durch eine einseitige Ausklärung so vielfältig bearbeitet worden, der Einfluß eines unpoetischen, alles für den Nutzen erziehenden Zeitalters hat sich auf so manchen Wegen bis zu ihnen erstreckt, daß sich von der Popularität bei unserm jetzigen Volke kein Schluß auf die gültigere bei einem für Naturpoesie noch nicht verbildeten machen läßt. Gedichte, sie seycn nun für Könige oder Bettler bestimmt, sollen kein Beitrag zu einem Noch- und Hülfsbüchlein, sondern eine freie Ergötzung seyn; und die Denkarten und Ansichten, die man als Vorurtheile auszurotten bemüht ist, möchten gar nahe mit den wunderbaren Dichtungen alter Volkspoesie zusammenhängen. Eine Vergleichung mit dieser wird also die besten Aufschlüsse geben. Die Frage: war Bürger ein Volksdichter? verwandelt sich demnach in folgende: sind seine Romanzen ächte und unvermischte Romanzen? Seine Begriffe von dieser Dichtart können uns die Prüfung nicht erleichtern: er hat sie blos in seiner Ausübung niedcrgelegt; denn daß er bei der zweiten Ausgabe seiner Gedichte, was er sonst Balladen und Romanzen genannt, unter dem Titel: episch-lyrische Gedichte, zusammenordnete, darf man nicht zu hoch anrechnen. Werden diese Kunstwörter streng im Sinne der Alten genommen, so läßt sich nichts widersinnigeres denken; aber ihre Vereinigung soll wohl nichts weiter bedeuten, als daß in der Romanze etwas erzählt wird, und daß sie auch gesungen werden kann: folglich ist sie ein episch- 395 lyrisches Gedicht. Man sieht, dies Stück Theorie ist wohlfeil zu haben, und Bürger hatte es in der guten Zeit, als noch Engels Theorie der Dichtarten oder gar der Batteux etwas galt, unbesehcns angenommen. Ich will hier nicht entscheiden, ob sich die Romanze und die übrigen eigenthümlich modernen Gattungen anders als historisch und genetisch ableiten lassen, da die neuere oder romantische Poesie sich nicht wie die classische unmittelbar aus reinen Kunstgesetzen stätig entwickelt hat, sondern unter der Vermittlung aller Aeitumstände, welche die Wiedergeburt der Welt begleiteten, vielleicht als Gegensatz nothwendig, aber doch mit dem Scheine der Zufälligkeit entstanden ist. Es wird für unfern Zweck hinreichend seyn, die alten Romanzen, die nicht mit Absicht für das Volk, sondern unter dem Volke gedichtet wurden, deren Dichter gewissermaaßen das Volk im Ganzen war, zu characterisiren, wie wir sie bei den Spaniern, Engländern, Schotten, Dänen und Deutschen wirklich vorsinden. Der Name Romanze, der bei den Spaniern wohl zuerst in dieser Bedeutung gebraucht worden, ist sehr sprechend, koinanve heißt soviel als lin^ua vol^are, die neuere Volkssprache, die sich im Conflict einer barbarischen mit einer gelehrten und klassisch vollendeten endlich gebildet hatte, so wie überhaupt aus diesem Chaos streitender Elemente die romantische Gestaltung des Mittelalters hervorging. Romanze, als Dichtart, ist eine romantische Darstellung in volksmäßiger Weise. Aus dem letzten Puncte mußte in einem Zeitalter, wo alles Lesen schon zur gelehrten Bildung^/gehörte, die 396 Bestimmung zum leichten Gesangs von selbst herfließen, so wie auch die Kürze in der Behandlung und die Einfachheit der erzählten Geschichten, da sie sich dem Gedächtnisse einprägen sollten. So schieden sich die Romanzen von den umfassenderen Romanen, die ursprünglich Ritterbücher waren, und erst späterhin in Prosa aufgelöst zu Volksbüchern bearbeitet sind. Natürlich wurden dazu nicht fremde und unbekannte Gegenstände herbeigezogen, sondern solche gewählt, die, wenn auch ganz im Gebiete der Phantasie, doch innerhalb des Horizontes möglicher Anschauungen lagen: die Romanzen waren durch ihren Inhalt, so wie durch die einheimischen Accente und Töne, die sich darin regten, national. Das Ritterwescn bildete in den Ländern, wo es herrschte, eine gemeinschaftliche Nationalität, und was darauf Bezug hat, ist sich daher überall ähnlich, wiewohl immer noch durch feinere Schattirungen abweichend bezeichnet. Sonst sind aber den alten Volksgesängen die eigenthümlichsten Züge der ganzen Denk- und Empsindungsweise jedes Volkes anvertraut, oft mit unauslöschlichen und die Gesinnung bestimmenden Erinnerungen innigst verwebt. So hallten in manchen Spanischen Romanzen Scenen aus dem letzten Mohrenkriege so rührend wieder, daß es untersagt ward, sie zu singen, weil sich dabei eine unbezwingliche Trauer aller Hörer bemächtigte. In andern schimmert die stille und brennende Liebe, die verwegne Eifersucht, die fantastische Galanterie des Castilianers unter mohrischen Namen und in der seidnen Pracht des untergegangenen Hofes zu Granada. Es ist bemerkenswerth, daß in 397 diesen südlichen Dichtungen nirgends eine Spur von Gespenstern oder andern Schreckbildern der Phantasie anzutreffen ist, da in den nordischen Balladen besonders der Engländer, Schotten und Dänen alle Schauer der Geisterwelt kalt und leise und um so erschütternder ins Leben hinüber wehen. Die Darstellung ist in den alten Romanzen überhaupt summarisch und abgerissen: manchmal zählt sie Thatsachen und Namen chronikenmäßig auf; aber nie ist sie bemüht auch das Wunderbarste vorzubereiten, noch läßt sie sich mit Entwickelung der Triebfedern ein. Jenes beglaubigt, und dieses bringt, da nichts mit klügelnder Willkühr erfunden, sondern alles mit der reinsten und kindlichsten Anschauung aufgesaßt ist, einen ahndungsvollen Unzusammenhang hervor, der uns mit unaussprechlichem Zauber festhält. Keine Rhetorik im Ausdruck der Leidenschaften, bei deren fast schüchterner Andeutung die rege Handlung um so gewaltiger trifft. Ueberhaupt wird man niemals mit der Schilderung der Gegenstände übertheuert, wenn ich so sagen darf: die Sache giebt sich selbst ohne Anspruch und Bewußtseyn, und nirgends ist eine Richtung auf den Effect wahrzunehmen. Durch alles dies sind die alten Romanzen in der Kühnheit weise, in der Ruhe herzlich rührend, im Abenteuerlichen und Phantastischen natürlich und einfältig, und im scheinbar Kindischen oft unergründlich tief und göttlich edel. Dem sorglos dichtenden Triebe gelang, wozu nur der absichtsvolle Meister zurückkehrt: mit den unscheinbarsten Mitteln das größte auszurichten. Ein gebildetes Zeitalter betrachtet diese Naturcrzeugnisse 398 rnit einer Art von Vergnügen, wie es Kenner der Mah- lerci an leichten Skizzen und hingeworsenen Gedanken finden, wo man gleichsam die Grundanschauung eines großen und reichen Kunstwerks in wenigen geistvollen Strichen vor sich hat. Es wird Ergänzung der Einbildungskraft dazu erfordert, und so begreift sichs, wie ein Kunstrichter, dem es gänzlich an der Fähigkeit dazu gebrach, Johnson, der herrlichen Chevy-Jagd unbelebte Kraftlosigkeit verwerfen konnte. Es versteht sich, daß das obige nur von den ältesten und eigentlich ursprünglichen Romanzen in seinem ganzen Umfange gilt, die späteren, wenn auch sonst im Geiste jener gedichtet, haben doch eine regelmäßigere Ausführlichkeit. Die Spanische Romanze wurde nachher zu einer sehr mannigfaltigen und kunstreichen Dichtart ausgebildet. Die Englischen Balladen hingegen blieben für das Volk bestimmt, aber sie sanken mehr; viele vor Shakspeares Zeiten vorhandene sind schon äußerst flach, weitschweifig, mit prosaischen Auffoderungen zur Theil- nahme und Nutzanwendungen verbrämt, wie auch die damaligen Bearbeitungen der beliebten nur in der Sprache veralteten Stücke durchgehends Verwässerungen sind. Nur selten ließ sich damals noch ein wahrhaft romantischer Anklang Horen. Was Dichter des achtzehnten Jahrhunderts ein Shenstone, Collins, Mallet, Goldsmith u. s. w„ als Balladen haben geben wollen, seit die Liebhaberei für diese Gattung wieder erweckt war, sind empfindsame Reimereien ohne einen Funken vom Geist der alten. Verglichen mit der Ohnmacht und Verkehrtheit dieser Versuche bei einer Nation, die an aufbehaltenen einheimischen Vorbildern weit reicher ist, als die unsrige, erscheint Bürgers Verdienst um die Wiederherstellung der achteren Romanze unermeßlich groß, und es ist nicht mehr als billig, daß seine Lenore in England ein solches Erstaunen erregt, und so end- und gränzenlosen Beifall erworben hat. Es ist wahr, Bürger verdankt den Englischen Balladensängern und besonders der Percyschen Sammlung sehr viel. Ohne diese Anregung wäre er wohl schwerlich seinen Beruf inne geworden, da das Deutsche, zum Theil schätzbare, was sich in dieser Art erhalten hat, beim Anfänge seiner Laufbahn ganz unbekannt war. Nicht weniger als fünf und darunter zwei von Bürgers beliebtesten Balladen, die Entführung und der Bruder Graurock, sind nach Englischen Stücken gearbeitet, und fast nur frei übersetzt. Ich will sie sämmtlich durchgehen, und mit den nachgebildeten den Anfang machen, weil sie bestimmte Vergleichungspunkte darbieten. Freilich muß das Urtheil dabei ganz anders ausfallen, als im Vergleich mit jenen modernen Vers-Balladen-Krämern. Die Einführung heißt im Original tlre Olrilä ok Lila, und gehört nicht zu den uralten Balladen, sondern ist aus der mittleren Periode, jedoch von ächtem Schrot und Korn. Die Handschrift, woraus Percy sie abdrucken ließ, war mangelhaft und verstümmelt, so daß er hier und da hat zu Hülfe kommen müssen, und namentlich einen neuen Schluß dazu gemacht hat, wo man denn auch, wiewohl er ein vorsichtiger und enthaltsamer, und daher nicht unglücklicher Ergänzer ist, wenn man leise hört, eine etwas empfindsamere Einmischung spürt. Bei 400 allem dem scheint mir das Gedicht in seiner Art so vortrefflich, daß ich es nicht anders wünschen kann, und es höchst bedenklich finden würde, etwas mehr damit vorzunehmen, als eine so viel möglich treue Uebersetzung. Bürger ist nicht dieser Meinung gewesen: er hat, während er alle Hauptzüge der Geschichte beibehielt, das Colorit, die Weise, den ganzen Charakter der Behandlung völlig umgewandelt. Man vergleiche nur seine neun ersten Strophen mit den entsprechenden im Englischen : On Zander lull a ea8tle 8tande8, Witli rvalle8 and tarvi o8 bediAlit: .^nd Kondor Iive8 tlie Olnld ok Llle, ^ z^ounA and eome!^ LniAlll. I'kv Oiiild of Llle to Ii>8 Aardeu rveut, ^nd 8tod nt Ii>8 Zarden pale. ^Vlien Io! Ire belield fair Lmmeliue8 pa^e, Oome trippinZe dorvne tlie dale. 1'lie Olllld ok Llle Ire Ii^ed Irim tkenee, i - rvi8 Ire 8toodo not 8tille, ^nd 80 one Ire wette fair Lmmeline8 pa§e Oome climbliiA up tlie lnlle. l>tovve Oliri8te tlree 8ave^ tlion little foot-paZe, Xorv 6liri8tv tliee save and 8ee! Oli teile me Iioxv doe8 tli^ lad^o »az?e, ^ud rvliat ma^ tli)' t^dl,i»e8 bee? Äl^ ladze 8llee is all rvoe-betone, ^nd tlie teare8 tlre^ falle from lier evne; ^nd a^e 8liee Iamvnt8 tlie deadlz^e feudv Letlveenv lier Iiou8e and tlüne. 401 Iioro slieo 8enä8 tlioe a 8iIIeeli 8karko Reüeivclo rvitli manv a toarv, ^.nä bicl8 tlieo 8omvtime8 tliililev on Iier, >VIro lovoä tlieo 80 äoaro. ^nä livro 8lioo 8snä8 tlieo a rinA ok Zoläo Ilio Iu8t boone tliou ina^8t Iiave, ^ncl bi46e8 tlioe rvearo it kor Iier 8aleo, ^Vlion 8lio i8 labile in «rave. Ikor all! Iler Keiikle lieart 18 broleo, ^nä in »rave 800 li mri8t 8lie boe, 8ikli Iier katlier Iia8 eli 08 e Iier a nerv love, ^iiO korbiärle Iier to kliiilk ok tliee. Her katliur IiL8 brouZIit Iier a earli^li IvniKiit, 8ir ^oliii ok tliv iiortli eoniikra^o, .^iiä ivitliiu tliree cla^e8 8liee mu8t liiin ivorläe, Or Ire voives !io rvill Iier 8>ave. IVorv Ii^e kliee baelee, tliou little kaot-pUAe, ^ncl Kreel tli^ lacl^e krom inoe, .4nä keile Iier tliat I, Iier vrvue true love, >ViII cl^e, or 8etko Iier kree. l^oiv li^e tlive baeleo, Ilion little koot-paZe, ^nä !et tli^ kair laä^o Irnorv, 1li>8 liiZIit ivill I beo at Iier boivro-ivinäovve, Letillo nie vvealo or >voe. Die erste Strophe halte ich für einen Ansatz von Percy, der vielleicht irrig den Anfang vermißte: sie enthält eine im alten Romanzenstil schon überflüssige Erläuterung, und es kann sehr gut mit der zweiten anfangen. Das Sylbenmaaß, wenn man es so nennen kann, 26 402 ist im Original einfach, und lose gehalten; im Deutschen sind die Verse genau abgemessen, die Strophe ist com- ponirter, und hat den verstärkten Reiz eines Reims am Schluß jeder Zeile, und zwar in der letzten Hälfte unmittelbar auf einander folgender Reime erhalten. So wird schon durch den Klang die raschere Bewegung, die rüstigere Leidenschaft angekündigt, die Bürger bei seiner Umarbeitung bezweckte. Dort steht der Ritter am Gartenzaun, er verlangt von seiner Geliebten zu hören, und eilt dem Boten entgegen; hier wird er von einer Ahndung umhergetrieben, welche die bald darauf kommende üble Botschaft vorbereiten soll, und wobei er sich in der That etwas ungebehrdig nimmt; ehe noch die Botin ihren Mund öffnet, schrickt er zusammen. Von seinem Schreck und Betäubung bei der Nachricht selbst wird dort nicht eine Sylbe erwähnt, hier lesen wir eine riesenhafte Beschreibung davon. Dort hat der Vater mit Einem Wort gedroht, seine Tochter umzubringen, wenn sie sich nicht zu dem für sie ausgewählten Gemahle bequemt; hier häuft er ausführlich alle Greuel: er will die Tochter „tief ins Burgverließ stecken, wo Molch und Unke nistet, nicht rasten, bis er ihrem Geliebten das Herz ausgerissen hat, und ihr das nachschmeißen." Dort will der Ritter sie befreien oder sterben, hier prahlt er im voraus, er wolle sie Riesen gegen Hieb und Stich abgewinncn. Diese Vergleichung ließe sich auch im folgenden durch alle Züge, ja bis in die kleinsten Bestand- theile jedes Auges hinein verfolgen, und man wird überall dasselbe Verhältnis finden. Wenn es heißt, als das Fräulein aus dem Fenster gestiegen ist: 4N3 tkrico ko oi»8p'ä kor to Ki8 Kre8to, -^n«i Ki8t kor tonäerlio^ 'Iko toar8 timt toll form kor fair e^o8, lirrnno kkv tkv kountuino free. so ist der Inhalt der letzten Zeilen, die ein so schönes Bild banger Weiblichkeit geben, ganz weggelaffen, und die ersten dagegen sind so erweitert: Ach! was ein Herzen, Mund und Brust, Mit Rang und Drang, voll Angst und Lust, Belauschten jetzt die Sterne Aus hoher Himmelsferne. Wenn die Hofmeisterin des Fräuleins mit dichterischer Unparteilichkeit nach ihren Gesinnungen redend und handelnd eingeführt wird: ^11 tki8 kekeurä kor oavn ckrun8o1Ie, In kor koä avkvron8 8koo In,)-, tzuotk 8koo: lorä 8knli knorvo ok tki8, 800 I 8kai! knvo Aoiäo snä foo. so kann der Deutsche Dichter sein Verdammungsurtheil nicht zurückhalten: Im nächsten Bett war aufgewacht Ein Paar Verrätherohren. Des Fräuleins Sittenmeisterinn, Voll Gier nach schnödem Goldgewinn, Sprang hurtig auf, die Thaten Dem Alten zu verrathen. Wenn das Fräulein sich dort gegen ihren Vater entschuldigt; 26 * 404 4'ru8t mo, dut kor tlie earlislr , I iivvor Iiaci tloei krom tlioe. so platzt sie hier heraus: Glaubt, bester Vater, diese Flucht, Ich hatte nimmer sie versucht, Wenn vor des Junkers Bette Mich nicht geekelt hätte. ohne zu bedenken, daß jedem feinen Sinne vor solchem Ekel ekeln muß. Kurz, in Haupt- und Nebensachen ist im Original alles edler und zierlicher: gegen den Junker Plump von Pommerland hat selbst der eariisk ILniKt ok llio Xoitlr oountra)'6 noch Anstand und Würde. Nach einer so durchaus vergröbernden gewaltsamen Parodie kann man schwerlich in Abrede seyn, daß Bürger hier den bescheidenen Farbenaustrag, die Mäßigung und Enthaltsamkeit, das Zarte, Gemüthliche und Leise gänzlich verkannte. Wie hätte er sonst glauben können, dem Englischen Sänger nur etwas und vielleicht nicht sonderlich viel (S. Vorrede zur ersten Ausg. S. Xll.) *) schuldig zu seyn, da er ihm in der That mehr als alles schuldig ist? Ich halte mich überzeugt, daß ihm sein Original an vielen Stellen matt und im Ganzen unvollkommen vorkam > er dachte nach dem Grundsätze: Mehr hilft mehr, die gesammte Wirkung zu erhöhen, wenn er jeder einzelnen Regung, so viel er konnte, an Heftigkeit *) S. oben Bd. 3 . S. 192. zusetzte; und bei einem großen Haufen von Lesern, die tüchtig getroffen seyn wollen, ehe sie etwas fühlen, verrechnte er sich allerdings nicht. Damit hoffte er denn auch, wenn alle Glieder fester in einander griffen, den Zusammenhang des Ganzen straffer angezogen, und es vollständiger motivirt zu haben. Manche meiner Leser erinnern sich vielleicht noch, daß ein jetzt in Ruhestand versetzter Kunstrichter das Gedicht in dieser Hinsicht wirklich als ein Muster der pragmatischen Gattung zergliedert hat: allein einem Kunstwerke die Tiefe zu geben, welche durch solch eine Kritik bis auf den Grund ausgeschöpft werden kann, ist eben nicht schwer. In den alten Volkspoesien sind oft aus Jnstinct, wie in den Werken großer Meister mit Absicht, die innersten Motive in den Hintergrund geschoben, und nur hie und da kommt, wie zufällig, etwas davon zum Vorschein: darin liegt eine ganz andere Art von Verstand, als in der arithmetischen Richtigkeit, die sich an den Fingern aufzählen läßt. Ueberall, wo Bürger nicht blos verstärkt, sondern verändert und anders gestellt hat, ist es nachtheilig geworden. So kamen ihm die Vasallen im Englischen zu plötzlich herbei: er hat sie vorbereiten wollen, indem er den Ritter sie vorher zu sich berufen und von seinen Absichten unterrichten läßt. Dadurch ist nun die ganze Ueberraschung aufgehoben; diesen Hülfstruppen wird eine zu große Wichtigkeit beigelegt, Karl droht zum Ueberfluffe noch dem alten Baron mit ihnen, was der Englische Ritter weislich unterläßt; endlich ist es klar, wenn die Vasallen zum erstenmal auf den bloßen Ton des Horns erschienen, so hätten sie es das zweitemal ohne besondere Bestellung auch gekonnt. Im Englischen ist dadurch, daß der Ritter bei Entführung des Fräuleins sein Horn umgeschlungen hat, leise aber gerade hinlänglich auf den Erfolg angespielt. Von der Feindschaft der beiden Familien, die im Original gleich in der Rede an den kleinen Boten erwähnt wird, erfährt man dagegen im Deutschen erst ganz am Schluffe etwas, wodurch der Baron zu Anfänge mit seinen Drohungen als ein ohne Ursach tobender Unmensch erscheint, von dem keine Erweichung des väterlichen Herzens zu erwarten steht. Auch in Nebendingen finden sich mancherlei Unschicklichkeiten. So läßt z. B. Junker Plump „zu TrudchenS Grausen vorbei die Lanze sausen," da im Original Sir John bloß einen Degen führt. Die Lanze gehörte zu vollständigen schweren Rüstungen, in der wir zwar die fabelhasten mit Riesenkräften begabten Ritter in den alten Romanen weite Reisen machen sehen, die aber zum flüchtigen Nachsetzen gar nicht taugte. Ueberdieß, wenn Plump eine Lanze bei sich hat, so sieht man nicht ein, warum er bei seiner unritterlichen Gesinnung nicht gleich unversehens aus seinen Feind damit einrennt, warum ec sich bequemt, vom Pferde zu steigen, um mit den Schwertern zu fechten, die nachher gegen alles Costum sogar Säbel genannt werden. Im Englischen kommen die Vasallen über den Hügel geritten, im Deutschen „durch Korn und Dorn herangesprengt." Wie kann man durch Korn und Dorn heransprcngen? Die Vasallen werden doch nicht ihre eigenen oder ihres Herrn Kornfelder niedergeritten haben, was der Ausdruck: durch Korn offenbar sagt; sondern ordentlich auf den Wegen und Pfaden 407 dazwischen geblieben seyn. Und vollends durch Dorn! Dies möchte unbequem fallen. Der Reim, der allerdings in unsrer Sprache in manchen sprichwörtlichen Redensarten Begriffe entgegenstcllt und verbindet, hat den Dichter verleitet, und Korn und Dorn ist nur eine andere Art von Sang und Klang. Bürger hatte eine solche Vorliebe für diese Formel, daß in dieser einzigen Romanze außer Korn und Dorn, noch Laub und Staub, Rang und Drang, Kling und Klang und Ach und Krach vorkömmt. Ich habe mich mit Fleiß bei diesem Beispiele verweilt, weil es dazu dienen kann, uns mit einemmale von Bürgers Manier die klarste Vorstellung zu geben. Denn eine Manier hat er, und zwar eine sehr auffallende und unverrücklich festgesetzte, die sich bei allem Wechsel der Gegenstände gleich bleibt. Sie ist derb und zuweilen nicht ohne Rohheit; sie hat einen großen Anschein von Kraft, aber es ist nicht die ruhige sichere Kraft, sondern wie mit willkührlicher Spannung hervorgedrängte Muskeln. Ihr größter Fehler ist wohl die nicht selten überflüssige Häßlichkeit der dargestellten Sitten: wenn man sich darüber hinwegsetzt, so muß sie sich durch Keckheit und Raschheit im Ausdrucke, im Versbau und im Gange der Erzählung, durch Sauberheit und Genauigkeit in der ganzen Ausführung empfehlen. Einfachheit kann man ihr nicht zuschreiben, vielmehr verschwendet sie die materiellsten Reize, und ist reich an überladenden Ausschmückungen, da doch nichts der Einfalt des Volksgesanges mehr zuwider ist, als statt des stillen Zutrauens, die Sache werde für sich schon wirken, sie durch 408 ein lautes davon gemachtes Aufheben aufzudringen. Dieser letzte Punct bezeichnet es hauptsächlich, was einigen Romanzen Bürgers abgeht, oder genauer zu reden, was sie zu viel haben, um ganz ächte Romanzen zu seyn. Er ist, mit einem Wort, immer demagogisch, aber sehr oft nicht populär. Was unstreitig beitrug, Bürgern über das Fehlerhafte seiner Manier zu verblenden, oder sie vielleicht ganz seinem Bewußtseyn zu entziehen, war die Sicherheit und Meisterschaft, womit er sie ausübte: denn alles, was mit einer gewissen Consequenz durchgeführt ist, kann aus sich selbst nicht widerlegt werden. So sind in der Entführung lauter Unschicklichkeiten zu einem gewissermaaßen schicklichen Ganzen zusammengearbeitet, das Haltung hat und seine Wirkung nicht verfehlt. Ich gestehe gern, daß die Vergleichung mit dem Englischen für manches, was ich daran rügte, meinen Blick geschärft, und bin um so weniger durch den Beifall befremdet, den sie bei so vielen Deutschen Lesern, für welche sie Original war, gefunden hat und noch findet. Wenn Bürgern diese Vergleichung und das Studium seiner Vorbilder überhaupt nicht vor dem bewahren konnte, wozu ihn seine natürliche Anlage hinzog, so muß es dabei in Anschlag kommen, daß das Medium einer fremden Sprache leicht die Ansicht eines Gedichtes verfälschen kann. Herder hat die Volkslieder der verschiedensten Nationen und Zeitalter mit gänzlicher Reinheit von aller Manier und poetischem Schulwesen, jedes treu in seinem Charakter übertragen; hier wäre Bürgern das Rechte so nahe gerückt worden, das er es fast nicht hätte verfehlen können. Aber leider erschien 109 diese in ihrer Art einzige Sammlung, wo die eigensten Naturlaute mit allseitiger Empfänglichkeit herausgefühlt sind, erst im Jahre 1778, also zugleich mit der ersten Ausgabe von Bürgers Gedichten, als seine Manier schon völlig fertig war. Auch Goethe's meiste und wichtigste Romanzen sind aus späterer Zeit. Bei den übrigen aus dem Englischen entlehnten Balladen können wir uns kürzer fasten. Dem bHur ok orclers Ai-az?, dem Urbilde des Graurocks und der Pilgerin, ist die Bearbeitung nicht so verderblich geworden, als dem Oliild ok Lite. Die von Bürgern gewählte Licderweise ist nicht mißfällig; allerlei Vertraulichkeiten und dann wieder gesuchte Sonderbarkeiten des Ausdrucks, nebst Verzierungen wie: Ningellockenhaar und Tausendthränenguß, findet man freilich auch hier; doch ist die Nachbildung dem Original näher geblieben, und folgt ihm Strophenweise nach. Der vornehmste veränderte Umstand ist, daß die Pilgerin ihren Geliebten schon im Kloster vermuthet, da sie ihn im Englischen als Pilger beschreibt, und nur fragt, ob er an dem heiligen Orte nicht etwa seine Andacht verrichtet hat. Dies schien Bürger den Schluß noch nicht genug vorzuberciten, er schildert die Regung des jungen Mönches beim Anblick der von ihm erkannten Geliebten: Gar wunderseltsam ihm geschah, Und als er ihr ins Auge sah, Da schlug sein Herz noch mehr. und verräth somit gleich vorn sein Geheimniß. Das merkwürdigste bleibt aber, daß seine Wahl überhaupt auf dieses Stück siel, welches gar keine alte Ballade, sondern von Percy aus Bruchstücken von dergleichen bei Shak- spcare, mit Hinzusetzung eigner Strophen, sinnreich genug zusammengestückt ist. Zwar hat er Zeilen verknüpft, die nimmermehr in demselben alten Liede gestanden haben; und um jenes noch ganz zu besitzen, woraus die verwirrte Ophelia einige Strophen singt: Wie erkenn' ich dein Treu-Lieb Vor den andern nun? — „An dem Muschelhut und Stab, Und den Sandelschuhn." Er ist lange todt und hin, Todt und hin, Fräulein! Ihm zu Häupten ein Rascngrün, Ihm zu Fuß ein Stein. möchte man leicht seine und seines Nachbildners Arbeit und noch viel anderes dazu hingeben. Allein man sieht doch, was treues Studium thut: an dichterischem Talent konnte sich Percy gewiß nicht mit Bürgern messen, und doch hätte dieser bei einer ähnlichen Aufgabe sich schwerlich mit gleicher Enthaltsamkeit an das Alte anzuschlic- ßen vermocht. Zum Beweise, daß Bürgern nicht gerade das ächteste und einfachste ansprach, enthalt Percys Sammlung eine wirkliche alte Ballade von ganz ähnlichem Inhalte: ein Gespräch einer reuigen Pilgerin mit einem Hirten (6entle Irerll8>nrm, teil to >nv); welche schon darum weit romantischer ist, weil sie nicht mit dem Theaterstreich einer Wiedercrkcnnung endigt, sondern die Pilgerin ungetröstct ihre Wallfahrt fortsetzt. 411 Frau Schnips ist nach 'Urs rvsnlon rviko o5 Ratlr, der Kaiser und der Abt nach XinA 4o!rn anck tlro ^Vb- bot ok Ountvrbnrrv. Beide Originale sind nicht alt, wie Sprache und Sylbenmaaß ausweiscn, das letzte nach Percys Zeugniß schon Umarbeitung eines altern. Sie sind das, was man im Altdeutschen einen Schwank nannte; ein Stoff, der bei der gehörigen Behandlung wohl nicht vom Gebiet der Romanze ausgeschlossen ist, so wie jeder, der es versteht, zugeben wird, l^ariarilla sts l'ormvs sey ein romantisches Buch, wiewohl es lauter lustige Bettlcrgeschichten enthält. In dem Weibe von Bath ist jedoch eine zwar genialisch eingekleidete Belehrung zu sichtbar das Ziel, wodurch es mehr eine religiöse Fabel wird, in dem Geist wie die Legende von Sanct Peter mit der Geis, von dem betrügerischen Schneider im Himmelreich, und andre bei unscrm Hans Sachs. Der Gedanke ist äußerst keck, und schonende Behandlung war daher anzurathen: eine Weisheit, die der Englische Dichter unstreitig bewiesen hat. Bürger, dem der Gedanke nicht gehörte, hat von dem seinigen blos eine verwegene Ausführung hinzugethan. Daß es auf einen gewissen Grad drollig herauskommen muß, wenn man die Patriarchen und Apostel niedrige Redensarten führen und wie Kärner fluchen läßt, begreift sich: aber dem Zwecke ist es hier ganz fremd, und wäre Bürger diesem treuer geblieben, so hätte er nicht nöthig gehabt, das zuvor schlimm gemachte durch eine angehangte Apologie wieder gut machen zu wollen. Es könnte jemand dem scherzhaften Muthwillen das äußerste für erlaubt halten, und doch manche von den 412 Verstärkungen und Erweiterungen, womit das Original hier ausgestattet ist, platt und ekelhast finden. Der possenhafte Gebrauch Lateinischer Wörter, moderne Titulaturen, Anreden der Personen mit Er und Sie, und andere Züge erinnern an den Ton der Prinzessin Europa, die weder eine Romanze noch volksmäßig, sondern bloß gemein ist, und wo die Verkleidung des Dichters als eines Bänkelsängers in allzu wahre Bänkelsänger» übergeht. Der Kaiser und der Abt hat auch mancherlei Zusätze und Erweiterungen bekommen, doch ist der gute Humor des Originals ohne Entstellung übertragen, und manche von den Veränderungen können sogar Verbesserungen genannt werden. Sonderbar ist es bei Bürgers gewöhnlicher Sorgfalt für die Wahrscheinlichkeiten, daß er die Aehnlichkeit des Schäfers mit dem Abt zu erwähnen unterlassen hat: I um likv z^our iorck8ki'p, ns vvvr mrr^ boo; auch ist es ein Verstoß gegen Costum und Schicklichkeit^ den Abt in seiner Bedrängniß mit dem Helden eines neuen Romans („ein bleicher hohlwangiger Werther"^ zu vergleichen. Gras Walther, im Englischen Olulck 'VValer8, ist die letzte unter den entlehnten, und überhaupt in der Reihe der Bürgerschen Romanzen. Es ist, ungeachtet der etwas vermehrten Strophenzahl, eigentlich nur eine Uebersetzung, aber freilich eine manierirte. Der Gegenstand hat etwas beleidigendes für die Würde des weiblichen Geschlechtes, als ob die Treue der Männer groß- müthige Gabe, die der Frauen aber Pflicht wäre. Nach' 413 dem Graf Walther die Liebe oder vielmehr die Unterwürfigkeit seiner Geliebten auf die erniedrigendsten Proben gestellt hat, kann er ihr nichts zum Ersatz anbieten, als worauf sie ohnehin Anspruch hatte. Sie war indessen von geringem Stande, und nach dem, damals nicht ganz ungegründeten, Glauben des Mittelalters, war Biederkeit und Adel der Gesinnungen an den Adel der Geburt geknüpft *). Das Empörende findet also im Geiste der Zeiten allerdings seine Entschuldigung, und das Zeitalter hätte uns deswegen auch in allem Acußern gegenwärtig erhalten werden müssen. Sprache und Versbau sind zu fleißig ausgcputzt: jene, ungeachtet einiger beibehaltenen Archaismen, glänzt gleichsam von Neuheit, und dieser ist *) Hicmit soll jedoch die damalige Verfassung der Gesellschaft keincSweges gerechtfertigt werden: willkührlich mißhandelte und verachtete Leibeigene mußten wohl körperlich, geistig und sittlich ausartcn. Jene Denkart des Mittelalters ist aber in dem Sprachgebrauchs aller Romanischen Sprachen niedergelegt. VII- Ia.no, vllaln, ursprünglich ein Dorfbewohner, wurde für einen Menschen von rohen Sitten und niedriger Gesinnung gebraucht. Als nachher die Verhältnisse sich milderten, kamen andre Namen für den Bauernstand auf, um ihn durch die vorwaltende Nebenbedeutung nicht zu beleidigen: contaülno, paz-san. Merkwürdig ist die Ableitung der Wörter: cattivo, ebötik. Sie bedeuteten eigentlich einen Kriegsgcfangnen, vom Lateinischen captl- vus, dann einen Sclavcn, endlich einen schlechten Menschen und überhaupt alles schlechte und verwerstiche. Nur im Spanischen und Portugiesischen hat sich die zweite Bedeutung erhalten. Die Normannen haben diese Wörter, wo möglich mit verstärktem Sinn, auch nach England hinübergebracht: villsin, csltitr. Am», z. n. A. A. W. v. S. 414 gegen die lose Nachläßigkeit des Originals straff und rasch, wiewohl nicht ohne Härten. Gleich die erste Strophe ist übel gerathen. Olriläo >Vator8 in 1Ü8 stablv stooäo ^.nll stronlit Iiis milk-Volute stoerie. Io liim n lavro vonAO Irrcl^o eumo, ^8 ever >vare R omans tveoäe. Gras Walther rief am Marstallsthor: Knapp, schwemm' und kämm' mein Roß. Da trat ihn an die schönste Maid, Die je ein Graf genoß. Auf die Stallbeschäftigungen ist durch Klang, Wendung und veränderten Inhalt der ersten beiden Zeilen viel zu viel Nachdruck gelegt; und wie unfein wird in der letzten das Verhältniß der Schönen mit dem Grafen voraus gemeldet! Im folgenden hat Bürger einen der schönsten Züge übersehen, oder mit Fleiß weggelassen. Wie die Geliebte neben dem reitenden Grafen durch das Wasser schwimmt, heißt es bei ihm blos: Sie rudert wohl mit Arm und Bein, Hält hoch empor ihr Kinn. Im Englischen steht die heilige Jungfrau der Armen beü lkliv 8ult rvntoi'8 Irrue Up Iror oiotlios, Our I^ucl^e buro up Iier elüuno. Auch das Rudern mit Arm und Bein gibt hier, wo von einem hochschwanger» jungen Weibe in Mannstracht die Rede ist, ein widerwärtiges Bild. Diese Beispiele 415 aus vielen von der verminderten Zartheit der Behandlung mögen hinreichen. Wir kommen jetzt auf Bürgers eigene Romanzen, wo der Gehalt und die Kraft seines Geistes weit reiner erscheint, da wir bei der Vergleichung mit fremden Mustern immer nur aus seine Manier, das heißt auf dessen Beschränkung, geführt wurden. Ihre Reihe eröffnet auf das glänzendste Lenore, die ihm, wenn er sonst nichts gedichtet hätte, allein die Unsterblichkeit sichern würde. Man hat neuerdings gegen die Originalität der Erfindung Zweifel erregen wollen, die aber hinreichend widerlegt worden sind: cs ist ausgemacht, daß Bürgern, wie er mir selbst auch mehrmals mündlich versicherte, nichts dabei vorgeschwebt hat, als einzelne verlohrne Laute eines alten Volksliedes. Hat es in England auch Sagen und Lieder von einer ähnlichen Geschichte gegeben, so ist dies ein Beweis mehr, daß die Dichtung in nordischen Ländern mit örtlicher Wahrheit einheimisch ist. Mit einer solchen Erfindung darf man gar nicht einmal aus willkürlichem Vorsatze weiter gehen, als volksmäßiger Glaube und Stimmung der Fantasie Gewähr leistet. Lenore bleibt immer Bürgers Kleinod, der kostbare Ring, wodurch er sich der Volkspoesie, wie der Doge von Venedig dem Meere für immer antraute. Mit Recht entstand in Deutschland bei ihrer Erscheinung ein Jubel, wie wenn der Vorhang einer noch unbekannten wunderbaren Welt aufgezogen würde. Die Begünstigungen der Jugend und Neuheit kamen dem Dichter zu Statten, allein es war auch an sich selbst sein glücklichster und gelungenster Wurf. Eine Geschichte, 4l6 welche die getäuschten Hoffnungen und die vergebliche Empörung eines menschlichen Herzens, dann alle Schauer eines verzweiflungsvollen Todes in wenigen leicht faßlichen Zügen und lebendig vorüberfliehenden Bildern entfaltet, ist ohne erkünsteltes Beiwerk, ohne vom Ziel schweifende Ausschmückungen in die regste Handlung, und fast ganz in wechselnde Reden gesetzt, während welcher man die Gestalten, ohne den Beistand störender Schilderungen, sich bewegen und gebehrden sieht. Zn dem Ganzen ist eine einfache und große Anordnung: es gliedert sich außer der kurzen Einleitung und den Ueber- gängen in drei Haupttheile, wovon der erste das heitre Bild eines friedlich heimkehrenden Heeres darbietet, und mit den beiden andern, der wilden Leidenschaft Lenorens, und ihrer Entführung in das Reich des Todes, den hebendsten Gegensatz macht. Diese stehen einander wiederum gegenüber: was dort die Warnungen der Mutter sind hier Lenorens Bangigkeiten, und mit eben der Steigerung, die in den frevelnden Ausbrüchen ihres Schmerzes sich zeigt, wird sie immer gewaltsamer und eilender, und zuletzt mit einem Sturm des Grausens ihrem Untergange entgegen gerissen. Auch in dem schauerlichen Theile ist alles verständig ausgespart, und für den Fortgang und Schluß immer etwas zurückbehalten, was eben bei solchen Eindrücken von der größten Wichtigkeit ist. Denn es ist ja eine bekannte Erfahrung, daß man, um ein Gespenst verschwinden zu machen, grade darauf zugehen muß: die so tief in der menschlichen Natur gegründete Furcht vor nächtlichen Erscheinungen aus der Geisterwelt, bezieht sich eigentlich auf das Unbekannte, 417 und wird vielmehr durch das Unheimliche der Ahndung und zweifelhaften Erwartung erregt, als durch die Deutlichkeit einer schreckenden Gegenwart; und mit dieser kann der Dichter erst dann die großen Streiche führen, wenn er sich schon durch jene allmälig der Gemüther bemächtigt hat*). Ohne diese Vorsicht kann ein ganzes Füllhorn von Schreckfantomen ausgeschüttet werden, und es bleibt ohne die mindeste Wirkung. In der Lenore ist nichts zu viel: die. vorgesührten Geistererscheinungen sind leicht und luftig, und fallen nicht in's Gräßliche und körperlich angreifende. Dabei ist von dem Rabenhaare an, das sie zerrauft, jeder Zug bedeutend; der schöne Leichtsinn, womit sie der Gestalt des Geliebten folgt; die Schnelligkeit des nächtlichen Rittes; der wilde lustige Ton in den Reden des Reiters: alles spricht mit *) Bürger erzählte mir, als er die eben vollendete Lenore seinem Freunde, Friedrich Leopold Grafen zu Stolbcrg zum erstenmal vorgelesen, habe er gewünscht, die Wirkung recht zu erproben, und deswegen eine kleine Ueberraschung vorbereitet. Er hielt nämlich, wie von ungefähr, eine Reitgerte in der Hand, und als er an die Stelle kam: Rasch auf ein eisern Gitterthor Ging's mit verhängtem Zügel, Mit schlanker Gert' ein Schlag davor Zersprengte Schloß und Riegel; schlug er damit an eine gegenüber stehende Thür. Stolberg, damals ein Jüngling von entzündbarer Einbildungskraft, durch die vorhergehende Schilderung schon ganz ergriffen, sprang hiebet mit Entsetzen auf, als ob die geschilderte Sache wirklich unter seinen Augen vorginge. A. z. n. A. A. W. v. S. 27 der Entschiedenheit des frischen Lebens zwischen die Ohnmacht der Schattenwelt hinein, deren endlicher Sieg um so mächtiger erschüttert. Vielleicht lassen sich von den meisten Eigenheiten, die Bürgers nachherige Manier bezeichnen, in der Lenore wenigstens Spuren und Keime aufsinden: aber eine werdende Manier, die sich noch schwebend erhält, ist eigentlich keine, und hier wird sie durch die Uebereinstimmung mit dem Gegenstände gewifsermaaßen zum Stil erhoben» Die häufigen: Hop hop hop, Hurre hurre, Husch husch husch, u» s. w. haben am meisten Anstoß gegeben. Die altgläubigen Kritiker tadelten sie nicht mit Unrecht, aber aus dem unstatthaften Grunde, weil sie nicht in der Büchersprache Vorkommen; da sie vielmehr deswegen wegzuwünschen wären, weil es rhetorische Kunstgriffe sind, welche die Romanze verwirft; weil sie anschaulich machen sollen, und nur wie eine unberedte kindische Lebhaftigkeit des Erzählers herauskommen. Daß der Mangel dieser Interjektionen und Onomatopöen keine Lücke hinterlassen würde, davon kann man sich an der vortrefflichen Uebersetzung von Beresford (der besten unter den Englischen, die ich kenne) überzeugen, wo sie bei aller Treue ohne Schaden weggeblieben sind. Der schlechteste Vers in der Lenore scheint mir demnach folgender: Hu hu! ein gräßlich Wunder! Der Dichter hätte in der That seine Bestrebungen vergeblich aufgewandt, wenn die Leser noch bedürften benachrichtigt zu werden, daß das, was in dieser Strophe vorgeht, ein gräßliches Wunder ist. Daß er die Geschichte in so neue Zeit gesetzt hat, an 419 das Ende des siebenjährigen Krieges*), ist wohl nicht zu tadeln: denn, wenn fabelhafte Begebenheiten gern in der Ferne der Zeiten und Oerter geschehen, so nimmt man dagegen ein warnendes Beispiel am liebsten aus der Nähe; und es liegt in dem Sinne der Dichtung, daß sie dies seyn soll. Weniger schicklich ist der Umstand, daß Lenorcns Geliebter zu einem Preußischen Krieger gemacht wird: dies führt auf ein protestantisches Land als Scene, worin man durch die Aeußerung der Mutter, er könne wohl in Ungern seinen Glauben abgeschworen haben, bestärkt wird. Nach dem ganzen Gespräch zwischen ihr und der Tochter hingegen fällt man eher darauf, sie für katholisch erzogen zu halten, was auch unstreitig besser paßt. So viel ich weiß, ist diese Mißhel- *) Dle geschichtlichen Angaben: Er war mit König Friedrichs Macht Gezogen in der Prager Schlacht; und dann: Der König und die Kaiserinn, Des langen Haders müde, Erweichten ihren harten Sinn, Und machten endlich Friede; könnten unbestimmt scheinen. Da Friedrich der Große im siebenjährigen Kriege mehrere mächtige Gegner hatte, und hier nur die Kaiserinn erwähnt wird, so möchte man an seine früheren Feldzüge gegen Maria Theresia denken, wo auch Kriegsvorfälle bei Prag Statt gesunden haben. Aber darauf paßt „der lange Hader" nicht, anch war der Friede mit Rußland schon früher geschloffen, und mit der Prager Schlacht ist ohne Zweifel die vom 6. Mai 1757 gemeint. Anm. z. n. A. A. W. v. S. 87 * 420 ligkeit noch nicht bemerkt worden, sie muß daher wohl nicht sehr auffallend seyn. Am meisten Verwandtschaft mit der Lenore hat der wilde Jäger, und viclleiche ist er nur darum nicht zu gleicher Celebrität gelangt, weil er der jüngere Bruder war. Der Gegenstand ist mit strenger Enthaltung von allem Fremdartigen behandelt, die Erfindung, den Hüten und bösen Engel in Gestalt zwei begleitender Reiter erscheinen zu lassen, ist ganz der geschilderten Sitte .und dem Glauben des angenommenen Zeitalters gemäß; die verhängnißvolle Symmetrie ihrer Warnungen und Aufreizungen sondert die Momente der Handlung, und läßt zwischen ihrer stürmenden Eile die Betrachtung zu Athem kommen, die immer ernster einem nahenden Strafgericht entgegen sieht. In den ersten beiden Strophen, in dem Gegensatz des wilden Jagdgetöses mit der feierlichen Heiligkeit des Gottesdienstes, liegt schon der Sinn des Ganzen beschlossen, der sich nachher nur stätig entwickelt. Die Darstellung ist meisterlich, vielleicht für eine Romanze zu kunstvoll, wenigstens von einer Kunst, wobei die studirte Wahl und Ausbildung der Züge zu sichtbar bleibt. Ueberhaupt, bis auf das so sprechende und gewissermaaßen große Sylbenmaaß, das aber nicht faßlich ins Gehör fällt, und am wenigsten sich einer Melodie anneigt, ist dem Gedichte eine Gründlichkeit der Ausführung mitgegeben, woran es zu schwer trägt, um ganz die Bahn des leichten Volksgesanges zu fliegen, wiewohl es in der Anlage höchst populär gedacht ist. Die Ausrufungen, grellen Tonmalc- reyen, und was es sonst zu viel hat, ohne welches das 4SI Weniger mehr styn würde: das versteht sich von selbst. Die beiden Stücke: der Raubgraf und die Weiber von Weinsberg, stehen ungefähr auf derselben Stufe. Sie sind munter und drollig, jedoch nicht ohne Anwandlungen von den Späßen, die in der Europa, Herrn Bacchus und der Menagerie der Götter herrschen, und vielmehr studentenhast als volksmäßig zu nennen sind. Die Weiber von Weinsberg nähern sich noch eher der reinen Romanze, da der Raubgraf durch die weitläuftige Peroration des Schwager Matz, und die Anspielung auf einen modernen Zeitumstand am Schluffe, ein seltsam gemischtes Ding wird. Die gut gerachene vertrauliche Mimik, womit die Geschichte episodisch eingeführt ist, eignete sich zu einer durchaus verschiedenen Behandlung. Daß ich es für die Kenner mit Einem Worte sage: es sollte eine mimische Idylle seyn. Lenardo und Bland ine ist unstreitig von allen Seiten Bürgers schlimmste Verirrung. Eine üble Vorbedeutung giebt schon die hingeworfcne Art, womit er in der Vorrede zur ersten Ausgabe „alter Novellen" erwähnt, worin „die Geschichte unter dem Namen Guis- cardo und Gismunda ähnlich vorkomme", als ob seinem Vorbilde nichts abzugcwinnen gewesen wäre, außer ungefähr die erste Grundlage. Jene alte Novelle rührt doch von keinem geringeren Meister her als dem Boc- caz: bestimmte Einzelnheiten zeigen bei aller Abweichung unwidersprechlich, daß Bürger den Decamerone vor Augen gehabt, und man kann ihn also nicht von dem Vorwürfe frei sprechen, für den großen Stil dieser Er- 422 zählung und ihre sittliche Schönheit ganz unempfindlich geblieben zu seyn. Wer sie in der Ursprache selbst lesen und fühlen kann, (denn keine bisherige Übersetzung möchte wohl den Character ganz wieder geben), dem muß die Ballade, damit verglichen, zugleich wie ein ungestümes Toben und ein kindisches Lallen gegen die hohe und ruhige Beredsamkeit eines Weisen erscheinen. Vom ersten bis zum letzten sind alle Züge vorgröbert, entstellt, überladen, und ein Schmerz, der von der edelsten Seelenstärke zeugt, und dem die Fürstin ihr Leben mit stiller tragischer Würde hingiebt, ist in wilde Wuth umgeschaffen. Die Gismunda des Boccaz ist schon vermählt gewesen, aber bald als Wittwe zu ihrem Vater zurückgekehrt, der aus Anhänglichkeit an sie vermeidet, sie durch eine zweite Vermählung nochmals von sich zu entfernen. Die Scham hält sie ab, ihm darum anzuliegen, sie meinte besser zu thun, wenn sie sich unter den Hosleuten und Dienern ihres Vaters einen wackern Liebhaber wählte. Guiscardo war einer der niedern Diener, aber sie erblickte keinen, der an Sitten höher gewesen. Ihr Verständniß befestigt sich unter dem Schutz eines tiefen Geheimnisses, der Vater ist es selbst, der cs endlich durch einen Zufall entdeckt. Er läßt den Guiscardo gefangen nehmen, und stellt seine Tochter zur Rede, die nun, sobald sie das Schicksal ihres Geliebten inne wird, sich jede weibliche Wehklage verbietet, und, mit dem Entschluß der Liebe im Herzen, ihm nur durch die ruhige und ungeheuchelte Darlegung ihrer Antriebe und ihrer Rechte antwortet. Der Vater erkennt das hohe Gemüth seiner Tochter, hofft 423 aber durch Strenge sie zum Gehorsam und zum Gefühl der Ehre zurück zu führen, und läßt den Liebhaber umbringen. Da er ihr durch einen Vertrauten sein Herz in einem goldnen Gefäße sendet, hat sie schon den hülfreichen Trank bereitet, und nach einer kurzen Todtenfeier nimmt sie ihn, legt sich anständig auf ihrem Bette zurecht, drückt das theure Herz an ihre Brust, und scheidet so aus der wehevollen Welt. Bürgers Blandine kündigt sich wie ein leichtsinniges Mädchen an, das ohne Jungfräulichkeit der ersten Aufwallung folgt. Alles, was ihr Verhältnis« zum Geliebten bezeichnet, ist grob ausgedrückt, und der Spanische Molch ist gleich bei der Hand, um die Geschicht'e auf der einen Seite durch gräßliche Worte zu heben, auf der andern, wahrscheinlich um ein Theil von der grausamen Thal des Vaters auf sich zu nehmen, der, ob er gleich beim Boccaz sie ohne solche Milderung begeht, dort als der liebendste und mitleidenswertheste Vater erscheint, hier aber ein sehr gleichgültiger Gegenstand ist. Die Unterredung der Liebenden ist ein Gemisch von allem, was jemals bei Bürgern als „Geschwätz der Liebe getrieben" wird; an einer Stelle ist das Duo in Shakspcare's Romeo und Julia beim Anbruch des Tages auffallend benutzt; zuletzt artet sie in eine Tändelei aus, die bedeutend seyn soll, aber um so mißfälliger wird. Der von Bürgern hinzugefügte Aufzug der drei Junker ist der einzige glückliche Moment im ganzen Gemälde, so wie er es uns gegeben hat. Der plötzliche Wahnsinn der Prinzessin aber, wie sie „zusammenstürzt und nach Luft schnappt, und mit zuckender strebender 424 Kraft sich wieder dem Boden entlasst," zeigt auf das stärkste den unbedingten Widerspruch der beiden Behandlungen. Bürger konnte sich in der That nicht anders helfen: nach dieser ungezügelten Anlage mußte sich die Leidenschaft toll gebehrden, und mit einem „Juchheisa Trallah" endigen. Zu dem Mittel des Wahnsinns zu greifen, mochte er sich durch Shakspeare's Ansehn berechtigt halten, dessen Darstellungen der Verrücktheit ziemlich verrückt angepriesen wurden: und ich glaube hier ganz deutlich das Unheil zu sehen, was die mißkennende Ansicht dieses Dichters, und die damals herrschende, leider immer noch nicht ganz erloschene Zuversicht, als stände das Höchste der Poesie durch ein ungebührliches Getobe der Leidenschaften zu erreichen, auch bei Bürgern angerichtet hatte. Denn sonst hätte er sich nimmermehr eine Ausführung dieses Wahnsinns erlaubt, die alle Sitte und Grazie unter die Füße tritt. Von seiner Blandine, „die zum Sprunge singt, und zum Sange springt", unter Ausrufungen wie: Weg, Edelgesindel! Pfui! stinkest mir an! Du stinkest nach stinkender Hoffart mir an! Und speiet in eurer hochadliges Blut. kann man gewiß nicht rühmen, was Laertes von der Ophelia: Schwermuth und Trauer, Leid, die Hölle selbst, Macht sie zur Anmuth und zur Artigkeit. Ihr ist so wenig mit der Reihe von Zeichnungen, die ein Dilettant in psychologisch-künstlerischer Hinsicht nach 425 der Ballade von Augenblick zu Augenblick etwas fratzenmäßig entworfen hat, als mit den unseligen Nachahmungen, deren keine von Bürgers Romanzen so viele nach sich gezogen, eine unverdiente Schmach widerfahren. Noch näher liegt die Parallele mit der Gismunda des Hogarth. Dieser hielt das, was seine Freunde von dem edlen Styl der Jtaliänischen Geschichtmahler rühmten, für leere Einbildung: er vcrmaaß sich, eben so gut zu mahlen wie Correggio, wählte dazu eine Scene aus dieser Novelle, und es siel aus, wie sichs erwarten ließ. Nach dem Zeugnisse seines Freundes Walpole war Hogarths Heldin Gismunden ähnlich „wie ich dem Herkules", und sah aus wie eine heulende aus dem Dienst gejagte Küchenmagd. So hart wurde der Künstler für seinen Unglauben an eine höhere Gattung als die seinige bestraft! Und so steht denn auch Bürgers Ballade, in ihrer ganzen Gestaltung, von der an zu rechnen, die in dem hüpfenden Sylbenmaaße liegt, höchst manierirt, und also in seiner schlechtesten Manier gearbeitet, als ein Beispiel da, daß, wer ein vollendetes Kunstwerk für rohen Stoff ansieht, aus dem er erst das Kunstwerk zu bilden hätte, statt dessen es unfehlbar auf rohen Stoff zurückführen wird. In dem Liede vom braven Manne hat der Dichter der biedern herzlichen Freude über eine wackre That Ton und Stimme geliehen, und die Absicht macht seinem Herzen Ehre. Nur daß das Gedicht eine ächte Romanze und wahrhaft volksmaßig sey, muß ich mehr als bezweifeln, wenn man auch für das letzte noch so viele Beweise von allgemeinem Beifall ansühren möchte. 426 Eine gute That wird sittliche Vorsätze im Gemüthe rege machen, aber die Phantasie trifft sie an und für sich noch nicht. Dies hat der Dichter auch gesuhlt, und die von ihm besungene Thal durch ihre Umgebungen in das Gebiet des Romantischen und Wunderbaren zu heben gesucht: und indem er den möglichsten Nachdruck auf die Fruchtbarkeit des Eisganges, auf das Dringende der Gefahr, aus die lange vergeblich gespannte Erwartung eines Retters legen will, verbreitet er sich in geschmückten Schilderungen und rhetorischen Wendungen, die in der Romanze durchaus unstatthaft sind. Zu den letzten rechne ich die wiederholten: „O braver Mann! braver Mann! zeige dich!" und: „O Retter! Retter! komm geschwind!" das Betheuern: „beim höchsten Gott!" der Graf sey brav gewesen, u. s. w.; vor allem aber, das viele Reden des Liedes von sich und mit sich selbst, das Rühmen des Dichters von dem Liede, seine Auffoderungen und Fragen an selbiges, die kein Ende nehmen. Mir bäucht, wenn das Lied in allem Ernste voll von dem braven Manne gewesen wäre, so hätte es gar nicht weiter an sich denken müssen. Jede wahrhaft begeisterte Darstellung verliert sich in ihrem Gegenstände. Zudem führt dieses Selbstbewußtseyn, diese Wichtigkeit auf die Vermuthung, es sey bei dem Vortrage ein Aufwand von Künstlichkeit und Zurüstungen gemacht, der sich weder mit dem Vertrauen auf die Sache, noch mit der Einfalt des ächten Volksliedes verträgt. Dieses ist gleichsam nur die Sache selbst, auf dem kürzesten Wege aus einer Sage in eine Melodie umgewandclt: das Lied wird sich 427 also nicht der Sache ausdrücklich entgegen stellen. Die ursprünglichsten Volksgesänge hat, wie oben bemerkt wurde, das Volk gewissermaaßen selbst gedichtet; wo der Dichter als Person hervortritt, da ist schon die Gränze der künstlichen Poesie. Ich wäre neugierig, eine wahre alte Romanze zu sehen, deren Sänger so viel und mit solchem Pomp von sich und seinem Liede spräche, als in dem Liede vom braven Manne geschieht. Wenn einmal eine solche Erwähnung vorkommt, so wird sie dem Gedichte nur als Anhang außerhalb der Darstellung und in den schlichtesten Ausdrücken mitgegeben. So in dem ganz romanzenarkigen alten. Liede von den HH. drei Königen, zu Anfänge: Ich lag in einer Nacht und schlief, Mir träumt, wie mir König David rief, Daß ich sollt dichten und reimen, Von heiligen dreien Königen ein neues Lied; Sie liegen zu Cölln am Rheine, und nun folgt gleich die Geschichte. Oder in einer andern Ballade *) am Schluß: Wer ist's, der uns die Liedlein sang? So frei ist es gesungen. Das haben drei Jungfräulein gcthan Zu Wien in Oesterreiche. Ferner, was den Inhalt betrifft, so ist es ein un- *) Eschenburg thcilt sie aus seinem gelehrten Borrathe mit: Denkmäler altdeutscher Dichtkunst. S. 447 u. f. A. W. v. S. 428 künstlerisches Beginnen, eine gute Handlung als solche darstellen zu wollen; denn das, was eigentlich ihren sittlichen Werth ausmacht, die Reinheit der Bcwegungs- gründe, kann aus keine Weise zur Erscheinung kommen. Es ist aber auch der unverfälschten geraden Gesinnung des Volkes gar nicht gemäß. Das Bekanntmachen sogenannter edler Handlungen durch die Zeitungen, die dafür ertheilten Ehrenbezeugungen oder gar darauf gesetzten Preise, alles dies sind Mißgeburten einer leidigen Aufklärung. Ich will nicht so übel von unserm Zeitalter denken, nicht zu glauben, daß eine Menge viel besserer Handlungen geschehen, als die unsre albernen Volksschriftsteller aufzeichnen. Dem Staate liegt es ob, dem Bürger, der z. B. einem andern das Leben gerettet, eine 6oronu oivica zu verehren: allein dies ist ganz etwas anders, es ist eine Belohnung für den ihm geleisteten Dienst, wobei die über allen Lohn erhabene Sittlichkeit des Thäters dahin gestellt bleibt. Jede Anstalt ist unsittlich, die es zweideutig macht, ob sich in ein wohlthuendes Bestreben nicht eitle Ruhmsucht mischte. Der wahrhaft tugendhafte Mensch, der so innig fühlt, daß das Beste, was er thun kann, nur seine Schuldigkeit ist, wird bei dem gethanen nicht selbstgefällig verweilen, und sich vornämlich allem Schaugepränge damit entziehen. Die christliche Gesinnung vollends, die wohl noch immer die populärste ist, bringt es mit sich, wenn man Ursache zur Zufriedenheit mit sich zu haben glaubt sich in seinem Innern zu demü- thigen, damit nicht der Stolz auf das vollbrachte Gute die gefährlichste Versuchung werde. 429 Eine kleine Jnconsequenz ist es, daß der Dichter so oft wiederholt erklärt, er wolle einen einzelnen Menschen, einen Zeitgenossen verherrlichen, und doch alle örtlichen Bestimmungen wegläßt, woran man ihn erkennen könnte. Es würde, wie mir scheint, auch poetisch weit vorteilhafter seyn, wenn der Fluß und der Schauplatz der Überschwemmung, das Vaterland und der Name des Retters angegeben wäre. Der Grund des des Verschweigens liegt freilich in der Erzählung selbst: So rief er, mit adlichem Biederton, Und wandte den Rücken und ging davon. Der Bauer entzog sich schnell der Dankbarkeit und Bewunderung, man hat vielleicht nicht einmal seinen Namen erfahren; er hätte sich eine öffentliche Lobpreisung gewiß eben so verbeten wie den Lohn des Grafen. Dieser wahrhaft große Zug krönt seine Handlung; und da Bürger das, was ihre Sittlichkeit beglaubigt, so gut gefühlt und ausgedrückt hat, so ist es zu beklagen, daß er die That nicht den Thäter hat loben lassen, ohne zu sagen, zu melden und anzukündigen, daß er sie herrlich preisen wolle. Man mache den Versuch, mit Weglassung aller Strophen und Zeilen, welche Deklamation enthalten, die bloße Erzählung hecauszuheben: man wird nicht nur die Entbehrlichkeit jener Einschiebsel einleuchtend, sondern auch die Wirkung der Geschichte um vieles erhöht finden. Besonders hat alles, was den Bauer und seine That darstellt, den Ton der gediegensten Biederkeit: und es ist keine Frage, daß bei einem etwas anders gerückten Gesichtspunkte (das Irrige der jetzigen Behandlung liegt schon zum Theil 430 in der Ueberschrift) ein vortreffliches Gedicht daraus hätte werden können. Wir sehen dies gleich an der Romanze: die Kuh oder Frau Magdalis, durch ein Beispiel bestätigt. Der Inhalt ist hier ebenfalls eine edle Handlung, und zwar von geringerem Belange, eine bloße Handlung der Mildthätigkeit. Allein der Nachdruck ist auch gar nicht auf sie gelegt: sie kommt erst ganz am Ende zum Vorschein, nicht während sie geschieht, sondern schon geschehen: und wir werden zuerst auf die überraschende und sinnreiche Art gelenkt, womit die Wohlthat erwiesen worden ist. Die Nachrede, womit der Dichter sie begleitet, ist schmucklos, und enthält nur das Nöthige, um die Geschichte als wahr zu beurkunden. Vorn führt er uns mit der naivsten Wahrheit in die Beschränktheit einer Glückslage hinein, wo der Verlust einer Kuh zum großen und unüberwindlichen Leiden wird. Daß die arme Wittwe bei dem Brüllen im Stalle sich vor einem bösen Geiste ängstigt, giebt der Sache etwas wunderbares, und ist doch eben so natürlich, als ihre verdoppelte Freude beim Anblick der Kuh rührend. Es ist alles aus dem Stoffe gemacht, was daraus werden konnte, ohne Prunk und Künstelei; das Ganze ist durchaus liebenswürdig und gemüthlich. Des Pfarrers Tochter von Taubenhain wird unfehlbar jedes empfängliche Herz erschüttern, aber leider mit peinigenden Gefühlen, gegen die nur derbe Nerven gestählt seyn möchten. Das Gedicht hat eine moralische Tendenz, in dem Sinne wie unsere bürgerlichen Familiengcmälde: und 431 wie diese zum romantischen Schauspiel, so verhält es sich ungefähr zur wahren Romanze. Das Drückende dieser Rücksicht liegt gar nicht darin, daß überhaupt ein bestraftes Verbrechen zur Warnung aufgestellt wird: dies geschieht ja auch in der Lenore und im wilden Jäger. Freilich werden die Vergehen beider als Frevel gegen den Himmel, und die Strafe als ein übernatürliches Verhängniß vvrgestellt, wodurch die Dichtung einen weit kühneren Character bekömmt. Allein es giebt nicht wenige alte Romanzen, welche Mordgeschichten enthalten, und mit der natürlichen oder bürgerlichen Bestrafung endigen, und nichts desto weniger vollkommen romantisch sind. Die genaue psychologische Entwicklung der Motive, womit der Fortschritt der unglücklichen Verführten vom ersten Fehltritt bis zum Verbrechen begleitet wird, ist es, was weder ein heitres noch ein ernst erhebendes Bild des Lebens auskommen laßt. Die Acten zum Criminalproceß der Kindermörderin sind in dem Gedichte vollständig dargelegt: daß er, bei allem, was sie entschuldigt, dennoch mit ihrer ungemil- derten Verdammung endigt, während der niederträchtige Verführer und der brutale Vater (denn an Häßlichkeit der Sitten ist nichts gespart) frei ausgehen, ist empörend, und stellt uns die höchste Widerrechtlichkeit und Verkehrtheit so mancher bürgerlichen Einrichtung vor Augen. Des menschlichen Elendes haben wir leider zu viel in der Wirklichkeit, um in der Poesie noch damit behelligt zu werden. Ich sehe wohl, daß Bürger, vielleicht mehr aus einem bewußtlosen Triebe als mit Ueberlegung, überall zu der Region hinstrebt, wovon ihn die einmal 432 genommene und nunmehr unabänderliche Richtung ausschloß, und in so fern ist dies Gedicht lehrreicher als manches andre. Einige haben vorzüglich die Schilderung der Schwangerschaft bewundert, mir scheinen die anfangenden Strophen das meisterhafteste zu seyn. Auch die auf Unschuld anspielende Wahl des Namens Taubenhain ist glücklich, und die wiederum auf Namen und Sache anspielende Gestalt der Geistercrschei- nungen: Da rasselt, da flattert und sträubet es sich, Wie gegen den Falken die Taube, gehört zu den zarteren Geheimnissen der Poesie. Das Lied von der Treue ist aus einem alten und vielfach wiederholten Fabliau genommen. Da. die Geschichte blos aus einen beißenden Spott gegen die weibliche Treue hinausläuft, so sollte sie entweder kur; als witzige Anekdote erzählt werden, oder in einer größeren Composition der Ironie dienen, wie wir sie wirklich in den Roman vom Tristan eingeflochtcn sehen, der ganz aus die höchste Treue der Liebenden gebaut ist. Wenigstens fühlt man sehr entschieden, daß Bürgers Romanze keinen rechten Schluß hat. Graf Friedrich Leopold zu Stolberg hat bei der Behandlung des nämlichen Gegenstandes unter dem Namen Schön Klärchen (Musenalmanach von Voß und Göckingk 1781.)*) mit einer glücklicheren Wendung geendet, überhaupt *) S. Gedichte der Brüder Christian und Friedrich Leopold Grafen zu Stolberg. (Hamburg bei Perthes 1821.) Th. 1. S. 373. D. H. 433 eine weit anmuthigere Erzählung daraus gemacht, wiewohl nicht im reinen Ton der Ballade, aber so duftig und rosenfarben gehalten, daß der Helle Leichtsinn uns noch zierlich daraus anspricht, und der herzliche Kummer des Betrogenen wie eine kindliche Klage. Es ist alles besser zusammengewebt: die drei Dänischen Doggen erscheinen nicht erst mit der Katastrophe zugleich, sie sind schon als Schön Klärchens Gefolge bekannt, sammt dem getiegerten Spanier, den sie auf der Jagd zu reiten pflegte; und wie viel artiger nimmt sich der Liebhaber aus, der ihr, wie sie mit ihm davon zieht, Lieder und Mährchcn vorsagt, (ein Zug der sich- so hübsch zu diesem leichten Handel schickt) als der schwere Junker vom Steine. Für die Wahl der Romanzen- Form läßt sich zwar das Lied vom Knaben mit dem Mantel ansühren, ebenfalls ein Fabliau und eine Satyrs auf die weibliche Treue: allein in dieser alten Ballade ist die ganze Darstellung scherzhaft, und es wartet nicht wie hier alles auf eine einzige epigrammatische Spitze. Bürgers Behandlung thut sich durch nichts sonderlich hervor. Auf der einen Seite der „Donnergaloppschlag des Hufs" und „die Stürme der Nase", auf der andern: Herr Junker, was haun wir das Leder uns wund? Wir haun, als hackten wir Fleisch zur Bank; bezeichnen die beiden Endpuncte seiner Manier; nämlich eine unpopuläre Künstlichkeit der Darstellung, und dann wieder Popularität, die nicht durch bloße Enthaltung von allem nicht volksmäßigen, negativ, sondern durch Annahme gemeiner Sprecharten erreicht werden sollte. 28 434 Wir haben jetzt die größeren Romanzen sämmtlich durchgegangen, es ist aber noch eine Anzahl kleinerer Stücke zurück, die zum Theil romanzenartig, zum Theil Lieder im Volkstone sind, und worunter die meisten, wie mich dünkt, nicht leicht zu sehr gelobt werden können. Sie sind eigenthümlich ohne Bizarrerie, und frei und leicht wie aus voller gesunder Brust gesungen. Dahin gehören gleich die von Minne redenden Lieder, die mit den alten Minnesingern nichts gemein haben, aber ein heiteres von Bürgern selbst entworfenes Bild des Minnesingers darbieten. In des armen Suschens Traum ist der so natürliche volksmäßige Glaube an sinnbildliche Deutung der Träume rührend benutzt: die Folge und Verknüpfung der Bilder ist wirklich träumerisch, und das Pathetische anspruchlos. Der Ritter und sein Liebchen drückt schon im Gange des Sylben- maaßes treulosen Leichtsinn aus: das Abgerissene des Anfangs und wie der Ritter unbekehrt davon geht, ohne daß eine weitere Auflösung erfolgt, ist im Geiste der ächtesten Romanze. Eben so Schön Suschen; es läßt sich nicht bescheidner, sinniger und zierlicher über die Wandelbarkeit der Liebe scherzen. Dem Liebeszauber ist gar nicht zu widerstehen, so lebendig gaukelt er in dem muntern Liede, bei dem man gleich die Melodie mit zu hören glaubt, wenn man es nur liest. Das Ständchen und Trautet sind gefällige Weifen, das Schwanenlied und Molly's Werth von der naivsten Innigkeit. Das Mädel, das ich meine, (denn ich bleibe bei dem Mädel, und kann mich nicht zu der Holden bekehren) blüht in frischen Farben: da der 435 Dichter sie hinterdrein noch duftiger Verblasen wollte, hat die Einheit des Tons darunter gelitten. Zu den Fragen und wiederholenden Antworten, überhaupt zu der tändelnden Einfalt, womit sinnlicher Liebreiz als ein Wunderwerk des Schöpfers gepriesen wird, paßte der Ausruf: „der liebe Gott! der hat's gethan", vollkommen. Die Elemente sind ein religiöser Volksgesang und Naturhymnus voll höherer Weihe und Offenbarungsgabe. Das Heiligste ist ganz in die Nähe gerückt, die mystische Symbolik der Natur in allgemeine menschliche Gefühle übersetzt, und nicht unbefugt hat der Sänger Aussprüche aus der heiligen Schrift entlehnt. Ich glaube Luther würde dies Gedicht für ein würdiges Kirchenlied anerkannt haben. Untreue über alles ist ein süßes Liebesgekose: kindlich aus einem Nichts gesponnen, zart empfunden, fantatisch ersonnen, und romantisch ausgeführt. Es muß erfreuen, daß die muntere Laune den Dichter auch in letzten Jahren nicht verließ. Das Hummellied, Sinnenliebe, Lied, der wohlgesinnte Liebhaber, und Sinnesänderung, alle von der zierlichsten Schalkheit und zuweilen von einer markigen aber unverdorbenen Lüsternheit beseelt, sind angenehme Beweise davon. Ich kann nicht umhin diese kleinen Sachen im Range weit über manche berühmtere zu stellen: das Maaß des Kunstwerthes wird nicht durch den äußeren Umfang und den Inhalt begränzt; und sogar ein Spinnerlied, das ganz leistet, was es soll, wie das Bürgerische, ist nichts geringes. Doch muß ich erinnern, daß ich unter den obigen 28 * 436 Stücken die früheren in ihrer ursprünglichen Gestellt meine, so wie ich auch bei den vielerlei Veränderungen, die Bürger mit seinen übrigen lyrischen Gedichten vorgenommen hat, säst durchgängig für die alten Lesearten stimmen würde. Zuweilen ist die Umarbeitung so entstellend, daß der Liebhaber, der die posthume Ausgabe aufschlägt, seine vormaligen Lieblinge kaum wieder erkennen wird. Ich glaube, die Herstellung des Besseren würde keine Verletzung der Rechte des Dichters seyn, der zwar mit seinen Hervorbringungen nach Willkühr schalten, aber nichts einmal Gegebenes zurücknehmen kann. Konnte doch Tasso, der mit den Correcturen ins Große ging, sein umgearbeitetes mit mühsam de- monstrirten Vorzügen ausgestattetes Jerusalem nicht durchsetzen! *) Zn nicht wenigen Veränderungen hat Bürgern das Bemühen bewogen, die ihm vorgerückte Versäumniß des Jdealischen nachzuholen; dazu gehören z. B. verschiedene im H ohen Lie d e. Da sich dies auch auf Gedichte erstreckte, die bisher recht gut ohne dergleichen fertig geworden waren, so sind darin die Idealität und die Volksmäßigkeit in's Gedränge mit einander gerathen: *) Da in der gegenwärtigen Ausgabe der Werke Bürgers die spätern Umarbeitungen zwar in den Tert ausgenommen, jedoch sämmtliche Abweichungen der Edition vom I. 1789 genau angegeben sind (S. 1. Bd. S. 519—558.), so möge jeder unbefangene Leser und Verehrer des Dichters selbst prüfen, und von der Wahrheit des vom Herrn von Schlegel bereits vor. 35 Jahren ausgesprochenen Urtheils sich überzeugen. D. H. 437 die letzte, als im wohlhergebrachten Besitz, hat nicht ganz weichen wollen, und so schieben sie sich wie zwei Personen auf einem zu schmalen Sitze hin und her. An dem Mädel, nunmehr der Holden, die ich meine *), hat man das deutlichste Beispiel davon. Der Minnesinger hat nunmehr den dritten Namen bekommen; er hieß in der zweiten Ausgabe der Liebesdichter, und jetzt: Lieb' und Lob der Schönen **). Das gute Ständchen: „Trallyrum larum, höre mich!" ***) ist ebenfalls ein etwas idealisirtes Ständchen geworden. Bei weitem die meisten Veränderungen rühren jedoch von dem Streben nach Correctheit her. Noch von andern fällt es schwör, irgend einen Grund zu entdecken, und man kann sie mit nichts anderm vergleichen, als mit dem willkühr- lichen Wundreiben der gesunden Haut. Wenn man in der ältesten Ausgabe liest: Müßt' ich, wüßt' ich, daß du mich Lieb und werth ein bischen hieltest. Und von dem, was ich für dich, Nur ein Hunderttheilchen fühltest, Daß dein Danken meinem Gruß Halben Wegs entgegen käme, Und dein Mund den Wechselkuß Gerne gäb' und wiedernähme: *) S. 1. Bd. S. 161 und S. 513. **) S. 1 . Bd. S. 45 und S. 536. ***) >S. 1. Bd. S. 131. und S. 54S. 438 Dann, o Himmel, außer sich Würde ganz mein Herz zerlodern! Leib und Leben könnt' ich dich Nicht vergebens lassen fodern! — Gegengunst erhöhet Gunst, Liebe nähret Gegenliebe, Und entflammt zur Feuersbrunst, Was ein Aschensünkchen bliebe. so begreift man nicht, was dies harmlose artige Liedchen so schweres verschulden konnte, das ihm folgende Ummodelung seiner drei ersten Strophen zuzog: Wenn, o Mädchen, wenn dein Blut Reger dir am Herzen wühlte; Wenn dies Herz von meiner Glut Nur die leise Wärme fühlte; Wenn dein schöner Herzensdank Meiner Liebe Gruß empfinge; Und dir willig ohne Zwang Kuß um Kuß vom Munde ginge: O dann würde meine Brust Ihr Flammen nicht mehr fassen; Alles könnt' ich dann mit Lust, Leib und Leben könnt' ich lassen. Aehnliche Beispiele sind die vierte Strophe des Winterliebes *), die erste und zweite des Schwanenliedes, *) S. 1. Bd. S. 54 und S. 538. 439 jetzt der Liebeskranke genannt *), und die erste des Gedichtes an Adonide, jetzt an Molly **). Ich unternähme allenfalls, auch in den befremdlichsten Fällen die Gründe zu errathen, die Bürgern geleitet haben mögen; und noch weniger sollte es mir schwer fallen, die Vorzüge der alten und die Mängel der neuen Lesearten aufzuzählen. Allein ich kann mich unmöglich zu dieser Erörterung entschließen, und lasse es auf die Gunst meiner Leser ankommen, ob sie mich dazu !m Stande halten wollen. Wie unerfreulich und trocken es ausfällt, wenn man sich vornimmt, dergleichen mit erschöpfender Gründlichkeit abzuhandeln, zeigt uns Bürgers „Rechenschaft über die Veränderungen in der Nachtfeier der Venus." Er hat darin über die vier ersten Zeilen des Gedichtes oder den Refrain mehr als vierzig eng bedruckte Seiten, einige kleine Episoden mit eingerechnet, geschrieben. Da das Resultat nun nichts weniger als befriedigend aussällt, so ließe sich leicht ein mäßiger Band zur Widerlegung schreiben, welchen dann Bürger, oder wer seine Sache verföchte, mit einem noch stärkeren beantworten müßte; in dieser Progression könnte es ins Endlose fortgehen, und so brächten zwei Menschen (die Leser, wenn deren welche aushielten, noch nicht einmal in Anschlag gebracht) ihr Leben vortrefflich mit vier Versen hin. Nein, in dieser Art von Kritik will ich gern jenen Rabbinern den Vorrang gönnen, welche *) S. 1 . Bd. S. 164 und S. 54S. **) S. 1. Bd. S. Z76 und S. SSI. 440 genau wußten, wie oft jeder Buchstabe und jedes Tüttelchen im gesummten alten Testament vorkomme. Lieber will ich die Sache an der Quelle angreifen, woraus die einzelnen mit den Gedichten vorgenommcnen Veränderungen , und Bürgers mühseliges Schreiben darüber hergeflossen; und somit komme ich auf den schon anfangs berührten Einfluß, den seine Begriffe von der Correctheit auf seine Ausübung gehabt haben. Wenn Bürger als strenger Kritiker auftritt, und zwar gegen sich selbst, so möchte dies bei vielen ein großes Ansehen haben, besonders da man gewohnt war, ihn als einen originalen und genialischen Dichter, und als einen Befreier der Poesie von willkührlichen Conventionen zu betrachten. Allein es wird sich zeigen, daß während er von den Altgläubigen in der Poetik als ein arger Ketzer verschrieen ward, der alte Glaube ihm selbst weit mehr als billig anhing. Correct kommt von corrigiren her, und demnach lautet dann das Hauptapiom dieser gebenedeiten Dogmatik: durch corrigiren werden die Gedichte correct. Umgekehrt: wenn sie nicht schon im Mutterleibe correct waren, so werden sie auf diesem Wege nimmermehr dazu gelangen. Pope sagt, die letzte und größte Kunst sei das Ausstreichen, und für einen Menschen wie er, der immer nur Verse und niemals ein Gedicht hervorgebracht hat, mag es hingehen; sonst aber sollte man denken, es wäre eine viel größere Kunst, nichts hinzuschreiben, was man wieder auszustreichen braucht. Jene Sätze mußten zu einem sehr allgemein verbreiteten Vor- urtheile werden, weil die meisten Menschen von der 441 organischen Entstehung eines Kunstwerkes nicht den mindesten Begriff, und an dessen Einheit und Untheil- barkeit keinen Glauben haben; weil es ihnen an Fähigkeit und Uebung gebricht, es als Ganzes zu betrachten. Vollends geistlose Kritiker (welches zwar ein Widerspruch im Beiworte ist) lassen sich für die Correctheit todt- schlagen; sie ist ihr eins und alles, und wenn man sie ihnen nähme, würden sie schlechterdings nichts mehr zu sagen wissen. Es giebt allerdings in der Poesie Geist und Buchstaben, einen schaffenden und einen aussührenden Theil. Ein Gedicht kann nur unter bestimmten Bedingungen zum äußerlichen Daseyn gelangen, und in so fern es diese in Uebereinstimmung mit dem Innern, und ohne Widerspruch unter einander, erfüllt, kann es correct heißen. Niemand darf auf den Namen eines Künstlers Anspruch machen, der nicht in dieser Technik Meister ist. Allein sie geht zuvLrderst auf das Große und Ganze, Reinheit der Dichtart, Anordnung, Gliederbau und Verhältnis!, und betrachtet das Einzelne immer in Beziehung auf jenes. Die correcten Kritiker hingegen bleiben an lauter Einzelnheiten hängen, außer wo ihnen etwa ein arithmetischer Begriff überliefert ist, wie die drei Einheiten, welche deswegen auch ihr Lieblingsthema wurden. Diction und Versbau ist ihre Losung, und wenn sie denn nur diese letzten Capitel der Poetik recht begriffen hätten! Aber was ist ihnen fremder als philosophische Grammatik, Studium der eignen Sprache aus den Quellen, und die Wissenschaft der Metrik? Erbarmenswürdig ist es, wenn z. B. Ramler immer 442 noch als der Held der Correctheit ausgestellt wird, der nll sein Leben lang nicht hat lernen können einen ordentlichen Hexameter zu machen; der den Gedichten anderer immerfort die unpassendsten, mattesten und übel- lautendsten Veränderungen aufgedrungen hat; dem man endlich in seinen eignen Sachen wahre Schülerhaftigkeit in der Technik, wenn man damit nicht bei dem nach, sten Herkommen stehen bleibt, Nachweisen könnte. Es thut mir leid, jenen dürftigen Begriff von Eor- rectheit, der sich blos auf Diction und Versbau beschränkt, auch bei Bürgern wieder zu finden. Er hat sich zu deutlich darüber erklärt, um Zweifel übrig zu lassen. Er setzt in der schon angeführten Rechenschaft Form und Stoff eines Gedichtes einander entgegen. Unter Stoff versteht er den geistigen Gehalt. Dieser Ausdruck ist nicht schicklich: der geistige Gehalt ist kein bloßer Stoff, der durch die äußere Darstellung erst geformt werden müßte; er ist selbst schon Form, wovon die äußere Form nur der getreue Abdruck seyn soll. Was Bürger über die Unerschöpflichkeit der ästhetischen Ideen sagt, das einzige in dem Aufsatze, was von einer höheren Ansicht der Poesie zeugt, ist aus Kants Kritik der Urtheilskraft entlehnt. Dies hat seine Richtigkeit: es giebt Federungen an ein Kunstwerk, die keine Gränze kennen, und die es nur gradweise befriedigen kann; und dann giebt es wiederum Gesetze, die es entweder erfüllt oder Übertritt. Diese Gesetze erstrecken sich aber auf weit wesentlichere und tiefer eingreifende Puncte, als die Einzelnheiten der Diction und des Versbaues sind. Bürger ist nicht dieser Meinung 443 gewesen, oder er hatte vielmehr damals vergessen, was ihm sein besserer Genius sonst darüber eingegeben. „Das Gebiet der Formen", sagt er, „erstreckt sich nicht weiter, als der Umsang der Sprache, die Bildbarkeit des Verses und die Möglichkeit des Reimes, vermittelst welcher man poetisch darstellt." Und man halte dies nicht etwa für eine übereilte Aeußerung, welcher der Inhalt seiner Bemerkungen widerspräche. „Ich hoffe", sagt er von der jetzigen Gestalt der Nachtfeier, „jeder Vers wird die strengste Prüfung der poetischen Grammatik aushalten, ohne gleichwohl in Ansehung des poetischen Geistes, der den tobten Buchstaben beleben muß, gerechten Vorwürfen ausgesetzt zu seyn." Als ob sich der poetische Geist auch so in einzelnen Zeilen offenbarte! Als ob es nicht sehr möglich wäre, bei dem in der Welt vorhandenen Vorrath von Versen, ohne allen poetischen Geist, nur mit Verstand und Geschick, Verse zusammenzusetzen, denen man, für sich betrachtet, den Namen schöner Verse nicht verweigern dürfte! Daß Bürger sich mit seinen Correcturen besonders an die Nachtfeier der Venus gehalten, ist ganz in der Ordnung: denn dieses Gedicht, wie er es dem Lateinischen frei nachgebildet, war vom Anfänge an zum Cor- rigiren eingerichtet, und kann für nichts weiter gelten als ein phraseologisches Studium. Von dem Original, über dessen Zeitalter und Urheber die gelehrtesten Philologen verschiedener Meinung sind, und worein in der Gestalt, wie wir es haben, unter barbarischen Spuren doch manches aus achtern Quellen des elastischen Alterthums geflossen seyn mag, redet Bürger selbst nicht 444 mit sonderlicher Ehrerbietung. Demungeachtet betreffen, einige gleich zuerst angeordnete Umstellungen ausgenommen, alle nachherigen Veränderungen nicht Anlage, Character, Haltung und Bedeutung des Ganzen, sondern bloß einzelne Bilder, Wörter, Laute und Sylben. Um nur ein paar Beispiele zu geben, so ist es ihm niemals eingefallen, daß die Stelle von der Venus als Mutter des Ahnherrn und Schutzgöttin des Römischen Volkes bloß örtliche Wahrheit und ein nationales Interesse hat, daß sie bei einem für uns noch gültigen symbolischen Gebrauche der Mythologie durchaus wegfallen mußte. Ferner, da der Römische Dichter sich erst in den vier letzten Zeilen mit Vorwürfen über sein bisheriges Schweigen und mit Anmahnungen, in den allgemeinen Jubel mit einzustimmen, erwähnt, so hat Bürger dies beibehalten, aber zweimal vorher den Gesang und die Leier so feierlich hervorgc- hoben, als ob der Dichter einem Chor vorsänge, und den Widerspruch darin nimmer bemerkt. Von den Ein- theilungen in Vorgesang, Weihgesanz und Lobgesang mag ich gar nicht einmal reden. Und bei dieser Gedankenlosigkeit über die Ausbildung des Ganzen meinte Bürger dennoch mit der letzten ausgeputzten Gestalt des Gedichtes einen Kanon für die Poesie aufzustellen, wie der des Polyklet für die Bildnerei gewesen. Das ist gerade, als hätte Polyklet seinen Kanon nicht durch die Vollkommenheit der Proportionen, sondern durch fleißiges Policen der Bronze zu Stande bringen wollen. Ja er hoffte, dieses Gedicht sollte vermögend seyn, die Sprache auf mehrere Jahrhunderte zu sixiren, „soweit 445 es nämlich in deutsche Diction und Vers - Mechanik vermittelst ewig schöner Gedanken und Bilder hineingriffe." Den beschränkenden Zusatz verstehe ich nicht recht, denn da in der Sprache alles zusammenhängt, so möchte sie schwerlich theilweise zu sixiren seyn. Aber zu welchem Minimum mußte ihm die unendliche Fülle und der ewige Wandel des menschlichen Geistes, der auch nur in Einer Sprache sich regt und bewegt, zusammen- geschrumpst seyn, um dergleichen Wirkungen von einem Gedichte zu erwarten, das bei geringem äußern Umfange, auf das glimpflichste gesagt, leer ist, und nichts von dem besitzt, was die Gemächer in allen ihren Tiefen ergreift und sich unauslöschlich einprägt. Bei den Aweifelsknoten, zwischen denen sich Bürger mühselig herumwindet, hätte er oft nur die Frage um einen Schritt weiter zurück führen dürfen, um zu sehen, daß sie ganz anders gestellt werden müsse, und um dann auch eine ganz verschiedene Antwort auszumitteln. Gleich anfangs erzählt er das lächerliche Unglück, welches ihm mit dem Refrain begegnete, den er auf keine Weise sich und andern völlig recht machen konnte, der, je öfter er ihn umfchmolz, um so übler gerieth, so daß er endlich genöthigt war, durch einen Machtspruch Einhalt zu thun. Ich glaube es wohl: er hätte noch zwanzigtausend solche Refrains machen können, ohne einen vollkommen guten darunter zu finden; die Aufgabe gehört ihrer Natur nach zu den unmöglichen. Der Refrain des Originals, der in einem einzigen Tetrameter besteht, soll in die doppelte Länge ausgedehnt werden, dabei findet keine Erweiterung des Inhalts Statt, und die Schmückung des Ausdrucks 446 will Bürger selbst mit gutem Grunde möglichst vermieden wissen. Wie soll das in aller Welt ohne Zerren und Künstelei zugehen? Ueberdieß verursacht der so verlängerte Refrain nothwendig ein Mißverhältniß: er trennt die Absätze des Gedichtes viel weiter von einander, und eben so oft wiederholt, wie ihn Bürger wirklich gebraucht hat, nimmt er doppelt so viel Raum ein, wie im Original. Aber wenn der Refrain in zwei kürzere, einem Tetrameter gleichgeltende Zeilen übersetzt worden wäre, so hätten diese ohne Reim bleiben müssen. Allerdings: cs fragt sich eben, ob es überhaupt räth- lich war, das isivrviKilium auch bei einer freien Nachbildung in gereimte Verse zu übertragen? Zwar scheint keine gereimte Versart größere Aehnlichkeit mit den trochäischen Tctrametern zu haben, als unsere sogenannten vierfüßigen Trochäen mit alternirenden männlichen und weiblichen Reimen. Allein sie verketten immer vier Zeilen zu einer kleinen Strophe, da in dem antiken Sylbenmaaße Vers auf Vers unaufhaltsam fortgeht. Alsdann trennt auch der weibliche Reim die erste Zeile weit bestimmter von der zweiten, als der Abschnitt die beiden Hälften des Tctrameters, der eben wegen seiner Lange bei dem leichten Rhythmus rasch zum Ende eilt. Bei uns hat jenes Sylbenmaaß daher den sanftesten und ruhigsten Liederton, da hingegen die Griechischen Kunstrichter dem choreischen Tetrameter den beweglichsten und leidenschaftlichsten Gang zuschreibein Dieser stimmt auch im Original sehr gut zu dem Ausdruck trunkener Freude und allgemeinen Taumels bei der Wiederbelebung der Natur, worin allein ich einen Hauch vom Geiste des elastischen Alterthums zu fühlen glaube. Durch die Hauptzierde der Bürgerischen Nachbildung, die Reime, ist der Charakter des Gedichtes nicht nur verändert, sondern es ist eigentlich charakterlos geworden. Ohne das hätte die Wahl der Bilder und Züge unmöglich eine solche Breite gehabt. Wie schon gesagt: durch Corrigiren war hier wenigstens für das Ganze nichts zu verderben; im Einzelnen ist es häufig geschehen, wie sich leicht zeigen ließe, wenn für unfern Zweck nicht der Beweis hinreichte, daß Bürger bei der Beschränkung seiner Kritik aufDiction und Versbau, selbst über diese Puncte nicht auf die Grundsätze zurückging, und aus irrigen Vordersätzen schloß. So nimmt er bei den metrischen Bemerkungen gar keine Rücksicht auf den Gegensatz der gereimten und rhythmischen Versarten. Nicht selten liegt der Satz im Hinterhalte, die Poesie solle keine Freiheiten der Sprache vor der Prosa voraus haben: eine oft genug wiederholte und eingeschärfte Meinung, die aber von Leuten aufgebracht ist, welche Poesie und Prosa als entgegengesetzte und unabhängige Wesen in ihrem Kopfe nicht vereinbaren konnten, und deswegen, da man der Prosa zum nächsten Gebrauch doch nicht wohl entrathen kann, lieber die Poesie ausheben wollten. Meistens aber rügt er Versehen gegen die logisch-grammatische Genauigkeit, die nur durch eine ängstliche Zergliederung merkbar werden, auf welche die Poesie, als eine Kunst des schönen Scheines, gar nicht eingerichtet zu seyn braucht. Es gibt zwar in ihr sowohl Miniaturen als Dekorationsmalereien, aber für die mikrosko- 448 pische Betrachtungsart ist keines ihrer Werke bestimmt, und ein Gedicht, welches dem Leser Muße und Lust dazu ließe, könnte schon deßfalls keinen Werth haben. Und doch ist Bürger seiner Sache dabei so gewiß, daß er den Borwurf der Kleinlichkeit und Pedanterei mit folgendem Ausspruche abweist: „Ich verkündige allen denen, die es noch nicht wissen, ein großes und wahres Wort: Ohne diese Sylbenstecherci darf kein ästhetisches Werk auf Leben und Unsterblichkeit rechnen." Die Geschichte der Poesie muß ihm, als er dieses schrieb, gar nicht gegenwärtig gewesen seyn. Oder haben etwa Homer, Pindar, Aeschylus, Sophokles und Aristophanes diese Sylbenstecherci geübt? Und um aus der modernen Poesie nur ein Beispiel anzuführen, wer war weiter von ihr entfernt als Shakspeare? Ja wie läßt sich bei den Altenglischen Volksliedern, die Bürgern zu seinen schönsten Hervorbringungen die Anregung gaben, und also hoffentlich noch leben, nur daran denken? Dagegen sind manche, sogar auf die Nachwelt gekommene Werke der Alexandrinischen Dichter, die in dieser Sylbenstecherci keine gemeine Meisterschaft besaßen, doch nicht am Leben. In, der neueren Poesie kann man diejenigen, welche sie mit besonderem Fleiße getrieben, und dennoch nie, außer im Wahne eines verkehrten Geschmacks gelebt haben, zu Hellen Haufen aufzahlen. Bürger verkannte sich selbst und seinen Werth mit dieser ängstlichen Sorge um die kleinen Aeußerlichkeiken der Poesie, woraus man den Spruch des Evangeliums anwenden kann: Ihr sollt nicht sorgen und sagen: was werden wir essen? was werden wir trinken? womit werden wir uns kleiden? 449 Nach solchem allen trachten die Heiden. Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen. Ich habe im obigen Bürgers Maximen über Cor- rectheit und sein Verfahren beim Ausbessern lebhaft bestritten: eine wider ihn ausfallende Entscheidung würde indessen zu seinem Vortheil gereichen, indem sie ihn von so vielem ungerechten Tadel seiner selbst und von den ertödtenden Correcturen befreite. Es thut weh' zu sehen, wie BürgerB. bei Molly's Werth (I. Bd. S. 597.) gegen sein eigenes Fleisch wüthet, und Ausdrücke matt und gemein schilt, die nur dem Tone der Gesinnungen gemäß einfältig und naiv sind; wie er selbst in einem Gedichte von nicht mehr als drei Strophen Veränderungen ohne Rücksicht auf das Ganze vornimmt, und so aus einem süßen herzigen Liede ein steifes verzwängtes Unding herausbringt, an dem nichts mehr zu erkennen und zu fühlen ist. Glücklicher Weise sind die Romanzen von allem solchen Ungemach verschont geblieben. Bürger mochte wohl einsehen, daß sein allgemeines rhetorisches Ideal einer guten reinen Schreibart (dem er bei den lyrischen Gedichten unbedingt opferte, da doch nichts unter der Rubrik rhetorischer Fehler aufgeführt werden kann, was nicht in der Poesie an seiner Stelle gut wäre;) hier nicht anwendbar sey, ohne alles umzustoßen. Daß indessen in den meisten Romanzen viel und oft ausgestrichen worden, ehe sie öffentlich erschienen, ist gewiß, und daß sie zum Theil besser, nämlich ungekünstelter und freier von Manier würden ausgefallen seyn. 29 450 wenn frühere Lesearte^,stehen geblieben wären, nur zw wahrscheinlich. Die kritischen Aufsätze und Veränderungen, womit wir uns bisher beschäftigt haben, sind zwar aus Bürgers letzter Periode; allein in der Vorrede zur zweiten Ausgabe kommen schon starke Aeußerungen über seine absondernde Ansicht des technischen Theils der Poesie vor; und in der Vorrede zur ersten verräth sich der grammatische Hang wenigstens durch die eigne so hitzig verfochtene Orthographie. Wenn man ferner bedenkt, daß die Nachtfeier der Venus, sein frühestes und das hohe Lied, eines seiner spatesten Werke, ungefähr nach derselben Idee der Tadellosigkeit und einer absoluten Vollkommenheit der Diction und des Versbaues, da es doch nur eine relative gibt, ausgeführt und durchgearbeitet sind: so kann man schwerlich zweifeln, daß die Maximen der Correctheit während seiner ganzen Laufbahn großen Einfluß gehabt haben. Die Erwähnung des hohen Liedes führt mich auf einige seiner geliebten Molly gewidmete lyrische Stücke, die noch zurück sind. Ihr dichterischer Werth ist aber so mit der Verworrenheit wirklicher Verhältnisse verwebt, daß sie keine reine Kunstbeurtheilung zulassen. Man kann zum Theil die himmlischen Zeilen im Blümchen Wunderhold auf sie anwenden: Der Laute gleicht des Menschen Herz, Zu Sang und Klang gebaut, Doch spielen sie oft Lust und Schmerz Zu stürmisch und zu laut. Besonders ist die „Elegie, als Mol.) sich losreißen wollte", ein wahrer Nothruf der Leidenschaft, wobei das Mitgefühl jeden Tadel erstickt. Dagegen ist das Hohe Lied durch die Ausführung ein kaltes Prachtstück geworden, wiewohl die innige Wahrheit der Gefühle als Grundlage durchblickt. Man muß es der Zeit anheim stellen, ob sie diesen blendenden Farbenputz und Firniß mit ihrer magischen Nachdunkelung genugsam überziehn wird, um es die Nachwelt für etwas andres halten zu lassen. Bürger hat das Verdienst, das bei uns gänzlich vergessene und nach lächerlichen Vorurtheilen verachtete Sonett zuerst wieder zu einigen Ehren gebracht zu haben. Indessen zeigt sowohl seine Behandlung desselben, als was er in der Vorrede darüber sagt, daß er die Gattung nicht aus der Betrachtung ihres wahren Wesens begriffen hatte. Alles läuft bei ihm auf die Merkmale der Kleinheit, Niedlichkeit und Glätte hinaus, durch welche Federungen die antithetische Symmetrie und unveränderliche Architektonik des Sonetts durchaus nicht erklärbar wird. Er nennt es „eine bequeme Form, allerlei poetischen Stoff von kleinerm Umfange, womit man sonst „nichts anzufangen weiß, auf eine sehr gefällige Art an „den Mann zu bringen; einen schicklichen Rahm um „kleine Gemälde jeder Art; eine artige Einfassung zu „allerlei Bescherungen für Freunde und Freundinnen;" und ich befürchte, daß diese lose, diminutive und also dem obigen zufolge sonettähnliche Vorstellung vom Sonett immer noch nicht ganz außer Umlauf gesetzt ist. Das Beispiel der großen Jtaliänischen und Spanischen Meister belehrt uns, daß für das Sonett nichts zu groß. stark und majestätisch sey, was sich nur irgend nach materiellen Bedingungen des Raumes darein fügen will. Ja, es fodert seiner Natur nach die möglichste Fülle und Gedrängtheit, und Bürgers Sonette scheinen mir nicht genug gediegnen Gedankengehalt zu haben, um dem Nachdruck ihrer Form ganz zu entsprechen. Auch die bei den meisten getroffene Wahl der fünffüßigen Trochäen statt der eilfsylbigen Verse oder sogenannten Jamben, worin er fleißige Nachfolge gefunden, ist ein Fehlgriff; was jedoch nur aus der Theorie des Sonettes, auf die ich hier nicht näher eingehen kann, sich einleuchtend darthun läßt. Es ist nun noch übrig, etwas von Bürgers Ueber- setzungen und dem Charakter seiner Prosa zu sagen. Unter jenen ist seine Arbeit am Homer die wichtigste: er hat sie früh unternommen und lange dabei ausgeharrt. Ueber sein erstes Vorhaben, die Ilias zu jam- bisiren, hat er selbst in der Folge das nöthige gesagt. Die Gründe, womit er es in jugendlichem Eifer ver- theidigte, können jetzt, nach den Fortschritten unserer Sprache in der rhythmischen Verskunst, und nach der Entwickelung richtigerer Begriffe vom epischen Gedicht, niemanden mehr aufhalten: doch ist es interessant zu sehen, wie damals Punkte zweifelhaft schienen, über die der Erfolg nun so siegreich entschieden hat, und welche Stufen die poetische Uebersetzungskunst durchgehen mußte, um auf die jetzige zu gelangen. Auch die jambischen Proben sind für das Studium der Sprache und um zu sehen, wie sich Bürger bei einer solchen Aufgabe aus dem Handel gezogen, immer noch lehrreich. 453 Bei der hexametrischen Übersetzung hatte er sich eine beispiellose Treue vorgesetzt, und dieß redliche Streben, da sonst Entäußerung von seinen Eigenheiten eben nicht seine Sache war, ist nicht unbelohnt geblieben; unter allem, was er poetisch nachgebildet, ist nichts so frei von Manier, und sein langer Umgang mit dem Sänger hat ihm manches von seiner traulichen und naiven Weise zu eigen gemacht. Hätte Bürger Fertigkeit und Ausdauer genug gehabt, das Ganze zu beendigen und aufzustellen, so würde man seine Ilias neben die ältere Odyssee von Voß gesetzt haben, und ihm wären durch die Uebung die Kräfte gewachsen, noch fernerhin mit seinem alten Freunde zu wetteifern; da er jetzt an der Voßischen Zlias und umgearbeiteten Odyssee Nebenbuhler von zu großer Überlegenheit bekam, wodurch seine Bruchstücke, die ohnehin als solche nur eine bedenkliche Existenz haben, ganz in den Schatten zurückgedrängt wurden. Aelter als seine homerischen Hexameter sind die in einem frei übersetzten Stücke des vierten Buchs der Aeneide, welche für die damalige Zeit ( 1777 ), wo es mit der Bearbeitung der alten Sylbenmaaße fast rückgängig werden wollte, allerdings zu loben sind. Die gelehrte Ausbildung des Originals sowohl in der Diction als im Versbaus, besonders in den Uebergängen der Sätze aus einem Hexameter in den andern, darf man nicht erwarten; auch fehlt es nicht an Ueberladungen und Manieren, doch zieht ein gewisser Schwung und leichte Fälle den Leser fort. Wie Bürger aus der Episode der Dido durch eigne Zusätze ein für sich bestehendes episches Gedicht hätte machen wollen, sehe ich nicht 454 wohl ein; seine Aeußerung darüber war wohl nicht so ernstlich gemeint. Auch Proben einer Übersetzung von Ossians Gedichten finden sich in der Sammlung. Ich sehe die Meinung sich immer erneuern, die Bürger ebenfalls hegte, daß dies ein schweres Unternemen sey; ich, für mein Theil, begreife nicht, wie man es anfangen wollte, den Ofsian anders als gut zu übersetzen. Wenn man mich aber fragt: ob so etwas verdient übersetzt zu werden? so antworte ich dreist wie Macduff: Nein, nicht zu leben! Indessen stände von diesem empfindsamen, gestaltlosen, zusammengeborgten modernen Machwerk, über dessen absoluten Unwerth ich mich nicht stark genug auszudrücken weiß, dennoch vielleicht ein Gebrauch zu machen. Da, wie es scheint, in unserm Zeitalter jeder poetische Jüngling die sentimentale Melancholie einmal zu überstehen hat, so schlage ich vor, wie man jetzt statt der Kinderblattern mit den Kuhpocken abkömmt, sie künftig mit dem Ossian einzuimpfen; das Uebel wird auf diese Art am unschädlichsten und am wenigsten anhaltend sepn. Bürgers Arbeit am Macbeth hat Celebrität erlangt, und doch ist sie die mißlungenste unter allen. Bei den Hexengesängen erwartete man ihn in seinem eignen Fach, und er war cs so sehr, daß sie manierirter ausgefallen sind als sein manierirtestes. Shakspeare hat auch hier seine gewöhnliche Mäßigung und Enthaltsamkeit geübt, man sieht, daß er die Zauberinnen, ohne den Volksglauben zu verlassen, der Würde einer tragischen Darstellung leise anzunähern suchte. In der 455 Übertragung ist alles ins Scheußliche und Fratzenhafte getrieben. Zwei Zeilen reichen zum Beweise hin. liouini rrdout tlro ounickron In tiio poisou'cl vutruils tiirorv. Trippelt, trappelt, Tritt und Trott, Rund um unfern Zauberpott! Werft hinein den Hexenplunder. Wo ist im Original nur eine Spur von der kindischen Tonmalerei des ersten Verses? Und wie verrucht müßten sich die Hexen auf dem Theater gebehr- den, um den Worten mit ihren Bewegungen zu entsprechen? Nach dem Zauber po tt zu urthcilen, müssen sie aus Niedersachsen gebürtig seyn. Aber wenn wir auch den Hexenplunder fahren lassen, kommen wir mit dem übrigen nicht besser fort. Es leistet durchaus nicht, was es als prosaische Uebersetzung leisten könnte. Bei vielen Kraftausdrücken, und schwächenden Ausrufungen, die pathetisch seyn sollen, ist der Dialog nicht selten in platte Vertraulichkeit ausgeartet. Die Unschicklichkeit aller mit dem Schauspiel vorgenommenen Veränderungen, der Auslassungen, Umstellungen und verschieden vertheilten Reden, nach der Strenge zu rügen, würde unbillig seyn, da Bürger sich so bescheiden darüber erklärt, und bei der Bearbeitung durch einen fremden Antrieb geleitet ward. Wie seine eignen Zusätze beschaffen sind, kann jeder bei der Vergleichung sehen. So viel erhellet aus allem, und es dient zur Bestätigung des bei Gelegenheit von Le- nardo und Blandine bemerkten, daß Bürger sich zu kei- 456 ncr reinen und ruhigen Ansicht des Shakspeare erhoben hatte. Bellin, ein Fragment, nach dem Giocondo des Ariost, mußte freilich Fragment bleiben: denn wo hätte es nach diesem Anfänge mit dem Ganzen hinausgewollt? Im Ariost ist die Geschichte, wie sichs für eine solche Novelle in Versen gehört, mit geistreicher Kürze erzählt; hier verliert sich der Erzähler nach einer schon zu weitläuftigen Vorrede sogleich wieder in endlose Abschweifungen, macht den Bellin, seinen Giocondo, ohne allen erdenklichen Zweck zu einem Dichter, und läßt den Lombardischen König über die ungerechte Verachtung der Poeten und der Poesie, endlich sogar über eine obscure Provinzial - Zeitschrift Dinge sagen, die Gott weiß wie? dahin gehören mögen. Es ist ein sprechendes Beispiel, wie sorglos Bürger über Plan und Anlage eines Gedichtes seyn konnte, während ihn die Ausputzung des Einzelnen bis ins feinste hinein beschäftigte. Denn sehr sauber gearbeitet sind die Stanzen wirklich: sie verdienen bei den Studien über den Gebrauch dieser Versart zum Scherzhaften und Drolligen in Betrachtung zu kommen. Nur wäre ihnen mehr Freiheit und Wechsel zu wünschen; sogar der Abschnitt nach der vierten Sylbe ist immer beobachtet, der als Regel bei fünffüßigen, nicht mit längeren und kürzeren Versen untermischten Jamben eine ganz unnütze und nachtheilige Fessel ist. Pope's Brief der Heloise an Abelard ist in der Nachbildung ohne eigentlichen Zusatz fast um das Doppelte verlängert, was bei der einmal gewählten Versart unvermeidlich war. Die spruchreiche Kürze des Originals, 457 die unter dem Pomp der Deklamationen seinen besten Reiz ausmacht, ist in elegische Weichheit verwandelt. Die fünffüßigen Trochäen, die überhaupt nur in wenig Fällen zu empfehlen sind, machen bei einem so langen Gedichte ein ermüdendes Geschleppe. In fünffüßigen gereimten Jamben ließe sich schwerlich Couplet um Couplet geben; eher in Alexandrinern, die aber den Charakter schwachen würden. Das Gedicht soll eine Heroide seyn, und wenn es nur im Geiste dieser antiken Untergattung gedichtet wäre, so müßte sichs in elegischen Distichen schicklich übersetzen lassen. Da das aber nicht ist, und sich sonst kein passendes Sylbenmaaß dazu finden will, und auch sonst noch allerlei, so müssen wir schon sehen, wie wir uns im Deutschen ohne selbiges behelfen. Die Königin von Golkonde ist das fantasielose aber witzige Märchen von Boufflers in freie gereimte Verse gebracht, nicht ohne manchen Verlust, wie schon irgendwo ein Beurtheiler durch eine umständliche Vergleichung gezeigt hat. Wie mich dünkt, hat Bürger dabei einen Versuch gemacht, Wielands Manier mit der scinigen zu vereinbaren. Seine prosaischen Aufsätze bestehen fast nur in Vor- und Nachreden, und zwar meistens in geharnischten: in dieser Gattung hat er etwas gethan. Wenn er noch so ruhig und gehalten anfängt, so überfallt ihn, ehe man sichs versieht, plötzlich eine heftige ärgerliche Stimmung; ja er kann kaum eine rechtfertigende Anmerkung ohne diese widerwärtige Polemik zu Ende führen, worin ihn nur seine Lage entschuldigt. Seine frühesten und spätesten Aufsätze scheinen mir am besten geschrieben; in denen 458 aus der mittleren Epoche gesellten sich noch die üblen Sitten der Zeit dazu. Daß das rhetorische Ideal nicht vor manierirten Eigenheiten schützt, davon sieht man an allen ein Beispiel: sie sind mit dem größten Fleiß durchgearbeitet, und doch ist Bürgers Manier wo möglich noch stärker darin ausgedrückt als in seinen Gedichten; sie erscheinen fast durchgehends gesucht, bald in neuen Wörtern und Wendungen, bald in veralteten, und selbst in der Einfachheit anmaßend. Das Resultat unsrer Prüfung, wenn wir es mit Uebergehung der nicht probehaltigen Nebenfachen zusammenfassen, wäre etwa folgendes: Bürger ist ein Dichter von mehr eigenthümlicher als umfassender Fantasie, von mehr biedrer und treuherziger als zarter Empfindungs- Weise; von mehr Gründlichkeit im Ausführen besonders in der grammatischen Technik, als von tiefem Verstand im Entwerfen; mehr in der Romanze und dem leichten Liede als in der höheren lyrischen Gattung einheimisch; in einem Theil seiner Hervorbringungen achter Volksdichter, dessen Kunststil, wo ihn nicht Grundsätze und Gewöhnungen hindern, sich ganz aus der Manier zu erheben, Klarheit, rege Kraft, Frische und zuweilen Zierlichkeit, seltner Größe hat.