305
das Auge seiner Stellvertreter nicht abschrecken. Um die protestantischenTempel her wurden eine Menge Buden errichtet, in denen man die Pam-phlete der reformirten Prediger auskramte, welche die wirkliche GegenwartChristi, den freien Willen, die innere Gewalt der Sakramente, die Noth-wendigkeit der guten Werke und der Ceremonicn lehrten und läugneten.Augsburg, Speier, Frankfurt, Nürnberg, Hagenau, Worms, Regens-burg hatten ihre besonder» Zelte am Münster aufgeschlagen, in denenjedes Glaubcnsbekenntniß, das seit 1530 zur Welt kam, dem Vorüber-gehenden sein Formular anbot. Weder die mündlichen Vorträge, welcheCalvin in der französischen Kirche hielt, noch seine Unterredungen mitdem Abgesandten des Protestantismus, noch seine schriftlichen Discussio-nen hatten es vermocht, die Gefühllosigkeit und Wankelmüthigkeit derGeister zu überwinden. Vergeblich machte er einige Male den Versuch,diesen Leichnam zu elcctrisiren: seine Rede blieb ohne Erfolg, dasLeben kehrte nicht zurück. Da verfiel er in eine schwermüthige Stim-mung und beklagte sich über Genf.
Er hatte seine misanthropische Natur nicht reformiren können; er warnach der Verbannung geblieben, wie er in Genf war: eitel, reizbar,despotisch. Wenn er längere Zeit in Straszburg geblieben wäre, würdeer ohne Zweifel den Zorn der Obrigkeit auf sich geladen haben. Ersuchte diese fleischlichen Aufwallungen zwar zu unterdrücken, aber bei-nahe immer ohne Erfolg. Einmal war es nahe daran, daß sich dieScene mit der Verweigerung des Abendmahls, welche in Genf so gro-ßes Aergerniß verursachte, in Straßburg wiederholt hätte. Ein Mann,dessen Namen er verschweigt und der ein offenes Spiel- und Sauf-haus hielt, wenn man Calvins Angabe Glauben schenken darf, wollte sichdem Tische des Herrn nahen, aber Calvin versperrte ihm den Weg. DerSchuldige schwieg still. — Das Auge des Verbannten hatte mittendurch die Mauern hindurch Unordnungen gesehen, welche Bucerund die andern Prediger nicht beachtet hatten. Calvin tadelt dieNachsichtigkeit Bucers. Wer hat ihm aber gesagt, daß der Domi-nicaner hier nicht seinem Gewissen folgte? Als Eck die Nothwendigkeitder Werke verlangte, bediente sich Calvin immer eines und desselbenBeweises: Welches Werk hat der gute Schächer gethan? Und wersagte ihm, daß der Christ, dem er verbieten will, daß er sich demAllerheiligsten nahe, nicht von einer jener Regungen des Glaubens heim»gesucht worden sei, welche, wie er sagt, alle unsere Sünden tilgen?
tj Up. k'ai'kllo, 1539.
2) 0»i intercklim üit lenior..Audin: Lehr,» CiUvin's >. Bd,
20
Ibict.