des Levens, -er Kehre»» «n- Schriften von A M. Audin. Nach der zweiten Ausgabe des französischen Originals übersetzt. Mit einer Vorrede von Vr. Carl Cgger, Doindcciiant >»id bischvfüllier Official in Angsbiir^. Erster Band. Augsburg 184A. Verlag der B. Schmid'schen Buchhandlung. ? hinzu, daß sie allein das Verständniß und die Erkenntniß der heiligen Schrift empfangen hätten. Zum Glück für den Katholicismus hatte die Lehre Luther's eine Menge von Secten hervorgebracht, wie die Sacra- mentirer, Oekolampadianer, Majoristcn und Antinomisten, welche im Namen des heiligen Geistes zu ihren Gunsten gegen die Anmaßungen der Unfehlbarkeit proteftirten, die sich das Wiedertäuferthum anmaßte. So geschah es denn, daß, wie zur Zeit des Heiventhums, Alles Gott wurde, Gott allein ausgenommen, und daß jede Lehre unfehlbar war, ausgenommen die Lehre der Wahrheit. In Genf kannte man kaum eine Zeile der lutherischen Symbolik, als Froment und Farel dahin kamen, um ihre Neuerungen zu predigen. Ein ungerechter Haß gegen das Haus Savoyen zog eine Menge Vaterlands- sreunde, welche sich thörichter Weise einbildeten, der Katholicismus würde ihnen am Tage der Gefahr Hilfe und Beistand leisten, in den Aufruhr hinein. Hatte sich doch gerade der Katholicismus, in der Person seiner Bischöfe, mit ihnen auf eine so edle Weise verbunden, als sich die Gemeinde gegen die Anmaßungen der Kaiser erhob! Verdankte denn die Stadt ihre Freiheiten nicht einer der Zierden des Genfer Episcopats, dem Bischöfe Ademar Fabri? Wir werden in diesem Werke euch einige dieser heiligen Prälaten vorführen, und ihr werdet sehen, welchen Einfluß sie hatten; ob es ihnen an Muth, Aufopferung, Liebe und Wissenschaft fehlte! Genf konnte ihrer vergessen; unsere Pflicht war es aber, ihr Andenken wieder zu erneuen. Der Katholicismus traf auf seinen Wegen nie einen Ruhm, und wenn er auch nur ein menschlicher war, ohne daß er ihn in seine Krone zu fassen suchte. Die Brücke über die Arve, auf welcher Froment ein Volk zur Empörung gegen seinen geistlichen Oberhirten aufries, hatte ein Bischof von seinem Gelde erbaut. Wer anders hat denn im Mittelalter die Künste befördert, die Pflege der Wissenschaften neu belebt, die Industrie wieder emporgebracht, den Geist der Geselligkeit befruchtet, als der Katholicismus? Es war ihm ebenso wenig möglich, ein Volk in der Finsterniß zu lassen, als in der Sklaverei. Betrachtet ihn zur Zeit seiner höchsten Entwicklung! Unterstützt er nicht die italienischen Städte und Republiken in ihrem Kampfe mit dem deutschen Reiche? Nimmt er sich nicht im dreizehnten Jahr- Hunderte um die Bewegung der politischen Freiheit an, die alle Völker beschäftigt? Zeigt er sich nicht auf dem Grütli, um den Eid der drei Befreier gegen die Unterdrückung von Seite des Hauses Oesterreich zu heiligen? Hat nicht die Hand eines Katholiken in Freiburg die Linde von Morat gepflanzt? Sah nicht Byron in dem kleinen Thürmchen von Stanztadt den Schatten des Nikolaus von der Flue wandeln, der ein eben so großer Vaterlandsfreund war, als Wilhelm Tell? Ein Blick auf das deutsche Volk genügt, um zu der Ueberzeugung zu ge- gelangen, daß unter allen Religionsformen die protestantische der Freiheit der Völker am feindlichsten ist. Man muß sich wohl hüten, auf England zu verweisen, um das Gegentheil zu behaupten; in diesem Lande hatte der Katholicismus die Freiheiten so fest gegründet, daß der Protestantismus dieselben als Staatsgesetz anerkennen mußte?) Bei Calvin's Ankunft in Genf war die Reformation schon vollendet. Mankonnte ihr leicht folgen, man durfte nur, wie die Soldaten des Vitel- lius, der Zerstörung nachgehen, die sie als Spur hinter sich fließ, wo sie ging. Ihr Triumph stand auf den Trümmern unserer Kirchen, auf den Palästen unserer Bischöfe, auf den Gräbern der Domherrn, auf den Gottesäckern und sogar auf den Mauern einiger Wohnungen geschrieben, die noch vom Blute befleckt waren. Ein armes Mädchen, eine Nonne vom Orden der heiligen Clara, beschrieb diese Scenen des Jammers, des Raubes und Mordes! Man wird uns ohne Zweifel Dank dafür wissen, daß wir einige Seiten ihrer so »»geschmückten, dramatischen Erzählung aufbewahrt haben. Einige neuere Geschichtschreiber, welche um das Schicksal der Reformation beunruhigt waren, fragten sich, welches Loos sie wohl gehabt haben würde, wenn Calvin nicht gekommen wäre und sich derselben als eines Werkzeuges, zur Herrschaft zu gelangen, bemächtigt hätte. Die Einen glaubten, sie hätte die zwinglia- nische Form angenommen; Andere, sie hätte sich in das Lutherthum verloren. Vielleicht wäre Genf, von Zweifeln gequält, seinem natürlichen Hange gefolgt, und zum Katholicismus zurückgekehrt. Es ist wohl zu 1) Kvvuo clu Kord, 2S1 bedenken, daß Calvin das mächtigste Hinderniß war, das dem Ueber- tritt der Stadt entgegenstand. Eine Aussöhnung war immer schwer zu Stande zu bringen. Der Sieger würde dem Besiegten schwer den Maub zurückzustellen vermocht haben, den er ihm gestohlen hatte. Wir werden sehen, wie sich die Reformation in der Schweiz benahm, um jede Rückkehr zur Ordnung unmöglich zu machen: sie heftete die Ausschreibungen des Verkaufs der Kloster- und Kirchengüter an die Mauern der Stadt; und die Käufer kamen sehr zahlreich, denn der Magistrat HatC den Auftrag, sie um jeden Preis hinzugeben. Die Priorey von Di- vosne, im Gebiete von Lausanne wurde an den Herrn des Ortes für 1000 Thaler verkauft; jene von Perroy an Herrn Senarchans für 1125 Franc, und die Güter von Villars-le-Moine und Calvelayre, bei Morat, an Herrn Schultheiß Johann Jakob de Watteville für 7000 Franc?) „Die Fürsten reißen die Einkünfte der Klöster und Kirchengüter an sich, und geben kaum was Weniges zu den Bedürfnissen der Kirchen und Schulen," sagte Melanchthon. Sie gaben zu, daß man die Priesterehen abschaffte; aber sie wollten nichts von der Zurückgabe der Güter hören, die sie dem Clerus gestohlen, oder die ihnen Luther überlassen hatte. Das fremde Gut war für sie ein Familiengut geworden; und Arnold sagt: „Die Großen ließen sich guten Theils durch die Kirchengüter bewegen." Luther fand bei seiner Ankunft nur unvollkommene Keime des Aufruhrs vor. Es war sein Beruf, sie zu befruchten, und Gott ließ es zum Unglück für die Menschheit zu, daß er es vermochte. Bei der Ankunft Calvin's war die Trennung Genfs von der Kirche schon vollendet. Luther weckt eine ganz geistige Idee, er ist der Apostel der Vernunft, aber der gefallenen Vernunft, gegen den Glauben und die Autorität. Sein Leben ist das eines Theologen, welcher seinen Weg mit Lärm, Gerede, Dichtung, Bildern, Ruinen, 1) Haller, llisloire ruleslaulv «laus la Luisse. und Blut genug bezeichnet-, um dem Schauspiele, in dem er auftrat Interesse zu geben. Im letzten Acte, wenn der Vorhang fällt, erscheint der Spieler, welcher Theologe geblieben ist, in einer andern Scene, in einem erbärmlichen Wirthshause, wo er die letzten Ueber- bleibsel einer zerrütteten Imagination ergießt. Wenn er stirbt, wird das protestantische Deutschland mit jedem Tag einen neuen Theil seiner Nationalität verlieren, einen Zug ihrer ursprünglichen Imagination, ein Band, welches sie an ihre geschichtliche und geistige Vergangenheit anknüpfte, während sie jetzt von der Hand der weltlichen Gewalt an das Werk des Reformators angeschmiedet ist. Die aufgeklärteren Protestanten verweigern dem Calvin den Titel eines Demagogen, den sie nur Christus und dem Luther geben. Tzschirner betrachtet Jesus als Luther l., und den Johannes von No- pon nur als einen Usurpator, welcher das Volk gebrauchte, um sich zu krönen. Das psychologische Leben Calvin's beginnt, wo Luther's endet, wenn nämlich die Reform lebt und sich bewegt; weil Calvin wie Heinrich VIII. die protestantische Idee auffaßte, um sich zum Herrn der Kirche und des Staates zu machen. — Es ist also eine zweifache Individualität in ihm. Als Sectirer steht sein Einfluß weit unter jenem Luther's, der das Princip des Fatalismus unter dem Namen der „freien Forschung" wieder aufweckte, dann die Erleuchtung durch die Bibel, die Rechtfertigung durch den Glauben ohne Werke, und den gebundenen Willen; alte Jrrthümer, die er mit seiner pittoresken Rede wieder auffrischte. Calvin war genöthigt, die sächsische Symbolik theilweise in die seine aufzunehmen: was in dem Bekenntnisse, das seinen Namen trägt, ihm eigen angehört, ist ein Zwitter-System in Betreff des Abendmahls, 1) „Und den (Christus) wir, nach Herrn Dr. Tzschirners Ansicht eigentlich Luther den Ersten nennen müßten." -— Bemerkungen eines Protestanten in Preußen über die Tzschirnerschen Anfeindungen re. 1824, S. 52. Man vergleiche: Höninghans : Das Resultat meiner Wanderungen. Aschaf- fenbiirg, 1835, 8. S. 349 XIV halb zwinglisch, halb lutherisch; sein Gott oder vielmehr sein Schicksal, welches nach Belieben verdammt, findet man schon bei Oekolam padius. Welche Lehren gibt die Vorsehung uns in dem Leben der Refor matoren! Beide sind sie, wenn man ihrem Zeugniß Glauben schenken will, von Gott erweckt, um das Reich Christi zu gründen; Apostel eines Fatalismus, den sie im Christenthum einzuführen, sich berufen fühlen; Ritter mit eisernen Handschuhen, welche die rohe Gewalt unter dem Namen der Vernunft krönen wollen. Wer selig werden wich soll ihren Lehren unbedingten Glauben schenken! Die Jmpanation Lu- ther's und die Vorausbestimmungslehre Calvin's sind ihnen zwei Heilswahrheiten: der Eine verdammt Jeden, der seine cncharistische Symbolik nicht anerkennen will, zu ewigen Flammen; (die Ungläubigen, nämlich Ockolampadius, glorreiche Zwingli, Bucer, Brenz, Bullinger, Calvin selbst, sind Repräsentanten der religiösen Emancipa- tion); der Andere aber findet im künftigen Leben nicht Feuer genug, um Diejenigen zu strafen, welche ihm widerstreben. Calvin vertreibt den Bolsec, verbannt den Gentiliö, verbrennt den Servetus und enthauptet Gruet, weil sie seinen Gott nicht anbeten wollen! Wenn das dogmatische Leben Luther's dramatischer ist, weil es vor Päpsten und Kaisern, Königen und Churfürsten, in dem Pathmos der Wartburg und in den Vorzimmern der Legaten Leos X., auf den Bänken der Wirths- Häuser von Orlamünde und in den Reichsstädten WormS und Augsburg spielt; hat das Leben Calvins ein anderes Interesse, das noch mächtiger ist. Johann von Noyon, im Kampfe mit allen (Überläufern der katholischen Schule, mit Gentiliö, Ochin, Castalion, West- phal, welche sich bemühten, zu zeigen, wie viel Schwachheit, Betrug und Haltlosigkeit in seiner Lehre sei, stellt ein Schauspiel dar, welches wir in unserem Streite gegen die Reformation wieder vorzusühren berechtigt sind. Durch Westphal verworfen, durch Bellius verflucht, von Leo Judae verachtet, durch Luther in Bann gethan, welche Meinung wird ihn da personificiren? Nur die seine. Seine Meister, seine Schüler, Diejenigen, welche ihm vorgingen, Diejenigen, welche ihm folgten auf dem Wege des Aufruhrs, Zwingli inseinen Bergen von Albis, Melanch- Apch, !>ch Tewsll U. vÄm will, ^Malich Lu- !wki Heils. >sche Cvm. e üngläu- -r, Bmj, > ^MNsl- stm gMz, Mnsttki, teS tsg- Md K»ö bürg Mb r Wirlbs- rnd Aiigs- bas »sch MM in, Wch letrug ""t ^ vir in i beichlig' , ran Slltz^ M, Aeliin^ XV thon an der Universität von Wittemberg, Oekolampadius am Fuße des Hauenstein, Bucer in Straßburg, der Bruder Martin in Marburg, verkündete eine andere Lehre, als diejenige, welche wir in der Kirche von St. Petrus in Genf hören werden. Indem wir Alles in unsere Aufgabe als Geschichtsschreiber einschließen, können wir uns in unserer Lebensbeschreibung Calvin's nicht enthalten, die Armseligkeit der menschlichen Vernunft zu schildern, welche allein, verlassen, und so oft sie sich von dem erhabenen Principe der Autorität, der Einheit oder der Wahrheit trennt, kraftlos bleibt. Wenn unsere Ausgabe hier leichter ist, als in dem Leben Lnther's, wie viel überraschender wird unser Wort sein, wenn wir, nicht mehr wie in unserem ersten Werke, die Reformation und den Katholizismus einander gegenüber stellen, sondern zwei Principien, welche eine und dieselbe Mutter und einen gemeinschaftlichen Ursprung haben! In Verrieres bei Pontarlier ist eine Wohnung, deren Doppeldach das Regenwasser in zwei Rinnen scheidet, von denen eine dasselbe in den Ocean, die andere in das Mittelmeer leitet. Dieß ist ein Bild der reformirten Lehre, welche sich in zwei verschiedenen Flüssen ergießt, während unsere Glaubenslehre nur eine Quelle und ein Behältniß hat. Calvin wollte darin Luther gleichen, daß er auch auf Ruinen baute. Bei diesem Werke der Wiedererbauung erwarten wir ihn, und wollen seine unfruchtbaren Versuche schildern, eine Liturgie zu schaffen, unter welcher Seele und Leib zugleich leiden muß. Wir werden Calvinisten auffordern, die Formen zu beurtheilen, deren Unfruchtbarkeit sie schmerzlich berührt: ihr werdet ihre Klagen hören, wie die unfern und sollt dann selbst entscheiden, ob diese abgefallene Seele die Poesie unseres CultuS besser verstand, als die Wahrheit unseres Evangeliums. Paul Henry sagte neulich, die Gesetze Calvins seien nicht nur mit Blut, sondern auch mit Feuer geschrieben, und dieser Geschichtschreiber ist ein schwärmerischer Bewunderer des Genfers. Wir werden diesen Gesetzgeber kennen lernen : wir wollen diese Verordnungen prüfen, von denen man glauben könnte, sie wären von einem Decius oder Valens gegeben, halb lächerlich, halb barbarisch; nach denen es eine Gottes« lästerung ist, wenn man von „Meister Calvin" llebles sagt; die bei Ge- XVI fängniß-Strafe verbieten, Schuhe nach der Berner Mode zu tragen; die Denjenigen, der einen französischen Flüchtling schief ansieht, mit dem Staupbesen bestrafen. Im Calvinischen Gesetzbuche findet man die ganze peinliche Gesetzgebung der Heiden: Verfluchungen, Ruthen, geschmolzenes Blei, Zangen, Stricke zur Ausspannung auf der Folter, Galgen, Schwerter, Holzstöße und Schwefelkronen. Derjenige, welcher die Folter lenkt ist ein abtrünniger Jurist, Namens Colladon, welcher noch fortfährt, die Leiber zu zerfleischen, wenn der Leidende das wirkliche, oder bloß angesonnene Verbrechen schon gestanden hat. Die Ketzerrichter sind Laien, die aum lesen können;') die Angeber, Richter unter dem Namen der Aeltesten; und die Bürgschaft des Angebers, ein Secretär oder Schüler Calvin's. Wenn man den Prozeß des Servetus oder Gruets gelesen hat, glaubt man aus einem jener poetischen Träume Schakespeares zu erwachen, wo man zur Erscheinung sagt: „Schreckliches Gesicht! bist du nicht zu betasten, wie zu schauen! oder bist du nur ein Werk von Fieberphantasieen?" Ihr träumet nicht. Es sind schreckliche Thatsachen, die an eueren Augen vorübergehen; aber eine andere Stimme, als die unsere wird euch die Erzählung berichten: bald der Secretär des Staatsarchivs der Republik, bald Calvin selbst. Man könnte uns der Veleumdung beschuldigen, wenn wir selbst erzählen würden. Unser Hauptkampf wird sich jedoch auf dem Felde der Politik entfalten. Es ist schon zu lange her, daß sich die Reformation rühmte, sie habe den Geist emancipirt. Es ist genug, daß sie dreißig Jahrelang diesen Triumph feierte, den sie erlangte, als das Institut von Frankreich sie in dem Werke des Herrn Villers krönte, weil sie die Welt aus den Finsternissen des Papstthums gerettet habe. Damals hatte nicht Einer der Schiedsrichter den Zustand des sächsischen Volkes in dem Zeitpunkte erforscht, in welchem es durch den Protestantismus mit fortgerissen wurde. In Deutschland wird eine Schrift des Herrn Spazier übersetzt, welche fragmentarisch in der Revue du Nord erschien. Der Verfasser weist nach, daß die Reformation Luther's für Aufklärung und gesellschaftliche L , KR -kB»!' 1 ..-" all» - ,D, im Mr Mim -Wisch will, 7: glucken, mi Bunlel, Bach mm A W? id iWMick ne .li«Dn M, Äigen ssllen; ihi ln NM! r>i z», die -t» v I) Ouii'po ilütei-Mi Iwminos. — Oüwl. conlia V.ilvimim XVII i" 'rag«ui, ""'"ie ganze S-schmolzenez Tchg)e^, lMcndnMsw; MnCMi. ^atti zelrsm h»>, keifcireS zu M> l, virz»sch« chen, die an eneic die unsere wird«! >Mrchiüs der Re leuniduilg beschnlti- . Politik entchlor Fortschritte, für die Volksfreiheit rind Einheit Deutschlands gleich nachtheilig gewesen sei. Herr Spazier bemerkt hiezu, es werde jeder Verdacht um so'ferner von ihm bleiben, da er selbst Protestant, im Vorurtheile, und völlig auch in der Unduldsamkeit des Protestantismus erzogen sei, da er im Norden Deutschlands gewohnt habe, und die von ihm ausgesprochene Meinung das reine Ergebniß seiner gewissenhaften Forschungen und durch keine äußere Einwirkung veranlaßt sei.* *) Wir fordern also von Calvin Rechenschaft über die Freiheiten, mit denen das EpiScopat Genf beschenkt hatte. Ihr werdet sie verletzt, erstickt, im Blute zernichtet sehen, diese heiligen Freistellen; und die Köpfe der Patrioten, die der Tyrannei eines Königshauses, das zu gut katholisch war, als daß es hätte despotisch sein können, zu entrinnen glaubten, werdet ihr einen nach dem andern fallen sehen. Petrus Vandel, Berthelier, Ami Perrin, Franz Faber, werden sich vor einem Abel Poupin beugen müssen, der sie auf der Kanzel Hunde und Gassenkebricht nennt; sie werden vor einem Konsistorium von Krämerpäpsten erscheinen, wo sie über ihren Glauben Rechenschaft ablegen sollen; ihr werdet sehen, wie sie vor einem abtrünnigen Mönche, der wegen Diebstahls oder Hurerei aus seinem Vaterlande vertrieben wurde, um Vergebung bitten und im Angesichte jener Flüchtlinge Kirchenbuße thun müssen, welche von Calvin's Gnaden um den nämlichen Preis Bürger von Genf würden, wie der Henker, nämlich umsonst. Die Frauen dieser Patrioten werden im Tempel öffentlich beschimpft, vom Abendmahle hinweggewiesen und in Gefängniße gesetzt, weil ste — getanzt, oder — dem Tanzen zugesehen haben: davon sind die Prozeßschriften noch vorhanden. Schaffote, Schwerter und Holzstöße sind das Schauspiel, welches während der vierundzwanzigjährigen rheo- kratischen Herrschaft Calvin'ö der Stadt gegeben wurde, die ihn ausgenommen hatte, ihn, der sich dieselbe, wie Galiffe sagt, nachdem er aus allen Ländern verbannt worden war, „unterwerfen wollte."*) i> Ksvue cku Xorcl. n. 2. Premiers sunse, ^pvril 1835 2°> Lettre L un protestsnt. * XVIII Von dem Rathe, dem Tempel und der Straße hinweg folgen wir Calvin in seine Wohnung nach Straßburg und Genf; wir suchen den Menschen im häuslichen Leben kennen zu lernen und werden sehen, ob er Beza's Lob verdient. Farel und Beza sind die einzigen Freunde, welche ihm treu bleiben; alle andern werden sich entfernen, sei es, daß sie freiwillig, oder als Märtyrer ihrer Ansichten auswandern, um dem gallsüchtigen Despoten zu entfliehen, der Jedem sein Joch aufladen und Alles niederwcrfen will, was ihm naht, Alles beschimpfen, was ihm wiversteht, Menschen und Meinungen. Diesen absoluten Apostel seines Jch'S wollen wir dann fragen, was er aus Ochino und Gentilis gemacht habe? Eine herrliche Aufgabe hat der Geschichtschreiber Calvin's! was liegt ihm daran, ob der Leser ihm mit Vorurtheilen oder böswilligen Absichten entgegen kommt? Der Geschichtschreiber hat nicht nöthig, zu sagen: das ist eine treue Erzählung; der Gerichtsschreiber lügt nicht, wir schreiben nach seinen Angaben. Calvin in allen Zuständen seines Lebens, Calvin als Jüngling auf der Hochschule in Paris; Calvin in Genf mit Farel und From- mcnt, währenv der Keim der Reformation aufgeht und reift; Calvin in der Verbannung, wie er sich in Straßburg in die religiösen Streitigkeiten der Reichsversammlungen'zu WormS, Frankfurt und Regensburg mengt; Calvin bei seiner Rückkehr aus der Verbannung, als Theokrat, Theologe, Gesetzgeber, in all seinen Kämpfen mit den Verfechtern des freien Willens: mit Bolsec, Castalion, Gentilis, Servetus und den schwärmerischen Anhängern der Nationalsreiheiten: Ameaur, Petrus Ami, Franz Faber, Berthelier; Calvin endlich im Streite mit der Autorität, weiche durch Paul III., die Sorbonne und den Clerus von Lyon repräsentirt wird: — das ist Alles Gegenstand unseres Werkes. In der Geschichte Luther's hatten wir den Plan, das Andenken an die Männer zu erneuern, welche sich der Vertheidtigung der Autorität widmeten. In der Biographie Calvin's wollten wir beweisen, daß der Flüchtling von Noyon der Civilisation, der Kunst und der Freiheit gefährlich war. Indessen müssen wir gestehen, daß wir die Wahrheit nicht völlig auSsprachen: dieß geschah aber nicht ans Mangel an Muth. Männer von lebendigem Glauben und tiefer Einsicht, wie Herr von Bonalv und Andere, haben uns getadelt, daß wir in unserer Geschichte Luther's, an einigen Stellen die Blößen zu sehr ausgedeckt haben. Wir glaubten noch in Deutschland zu sein, dem Lande der freien Rede: wir hatten Unrecht. Man soll uns hier diesen Vorwurf nicht mehr machen; cs war nöthig, daß wir uns keuscher zeigten, als der Reformator. Wenn seine Sprache zu frei sein sollte, wollen wir ibn in lateinischer Sprache reden lassen. Wir werden den Tert nicht entstellen, Calvin hat sich selbst übersetzt. Die Kritik hat sich uns bei Beurtheilung unseres ersten Werkes so wohlwollend gezeigt, daß wir ihr nicht genng danken können. Diese Arbeit ist die Fortsetzung der früheren, möge sie mit gleicher Nachsicht ausgenommen werden. Als wir die Biographie des sächsischen Mönchs verfaßten, sammelten wir auch die Materialien zur Geschichte Calvln's. Es ist keine bedeutende literarische Sammlung in Deutschland und Frankreich, die wir nicht benützten. Gotha, Bern und Genf lieferten uns eine große Anzahl von Briefen des Reformators, die zum Theil in dem Werke von Paul Henry abgedruckt sind. Zum erstenmale lassen wir den vollständigen Brief Calvin's an Farel (1546) drucken, welcher den Servetus betrifft und so lange vermißt wurde, bis wir ihn unter den Manuskripten der königlichen Bibliotheke zu Paris fanden. Von Lyon und Dijon erhielten wir einige Schmähschriften in Versen und in Prosa, aus dem 16. Jahrhundert; von Maynz und Cöln einige deutsche Pamphlete über dogmatische Disputationen der Reformirten und Protestanten; von Basel, Berlin und Darmstadt in Zeitungen und wissenschastl-chen Journalen viele neue Thatsachen. Aus den Werken von Schröckh, Plank und Müller schöpften wir genaue Schilderungen von Männern und Begebenheiten. Bewunderung und Vorliebe für den Katholicismus, das Prinzip XX aller wahren Freiheit, sind die beiden Empfindungen, welche uns diese Geschichte eingegeben haben. Wir geben hier eine Uebersicht der vorzüglichsten Quellen, aus Welchen wir geschöpft haben: Protestantische und reforunrte Duellen. XneiIIon,Vis äs Ouill. I?arol. Lavle, Oict liistorigue. Lens (Dlieoäore), Ilistoirs äs la vis st mort äs tsu itl. äsan Oalvin, Näsle ssrviteur äs ä.-O, Oensvs, Vierrv Olroult, 1657. —Vs Ooena contra Wsstplialum. Brctsckneider (Carl Gotil.), Ucber die Bildung und den Geist Calvins und der Genfer Kirckie. Luc er, Os llegno Okristi st opsra varia. Oalvini Opera st Lpistolas. Var. säit. Oarlstaät (Xnä.) , Opera varia. Oastalion, contra lidsllum Oalvini ^uo ostsnäsrs constur Usereticos jnre glsäii eosrcsnäos esse. — Auch dem Bellius zugeeignet. Olsmsnt (vaviä), Libliotlisczue curieuss, lästoriczus st criticzue, Deiprig, in 4 , t» vol l) rs I i n c o ur t, Da vokencs äeOalvin contrs l'outrags faita sa memoire, äans un üvre n- 8 . Oensvs, >83>->836. Orotius (Hugo), Votum pro pacs. Orenus, Fragments diograpli'xzues st Iristoriczues, srtraits äes registres äu conseil ä'etat äs 1a repuklicxus äs Osneve, äs 1535 g I7i>2, 2 vol. in- 8 . Haag, Vis äs Oslvin, s I'usags äes ecoiss, in-t 8 , I 8 lv. Henke (Prof. Dr. Heinrich), Allgemeine Geschichte der christl. Kirche nach der Zeitfolge, 1789 in 8. 11 s s s, Vis äs Xvvingls, in- 8 . Paul Henry, Das Leben Johann Calvins des großen Reformators. 2 vol. in- 8 . Hamburg. 1635. Uospinisnus, llistoriss sacramentariss, in kol. Kirchhofer, Farels Leben. Dsti (Oreg.), Notiriia äells vita äi Oiov. Oalvino. Diods, Oistriks äs kssuäon^mia Oalvini, Xmst. DutIrsri Opera varia. IVI e I s n c I, t I, o n i s Opistolas. Menzel (Karl Ad.), Neuere Geschichte der Deutschen. Nori (Xlsxonäsr), Oratio Oensvse liakits. Mosheim, Geschichte des spanischen Arztes Servede, und neue Nachrichten in 4. 2 Bd. . . Naccrio (Uromas), ilistorro ciu progrez et -8, Inaris, 1831. Müller (Johannes v.), Minerva, 1808 in f. Plant, Geschichte unjeres protestantischen Lehrbegriffs, 178l. _ — Worte des Friedens. kuciist, Ilistoire cio In relormation 8uisso, >u-l2. 8 vol. 8elrollroru (.7. Oeorg.), ^mooiritatos Hist. Cooles, kraue, l^gz iu-8. Schlosser, Leben und Th. Beza und des P. Martpr. Schröckh (Prof. Joh. Matth.), Christliche Kirchcngeschichte seit der Reformation. 8cott (7olrn), Lsiviir auci tilg 8rviss liekormation. Donäon, >833. 8onedier, Ilistoire iittvrairo cie keneve, t. I. art. 7. (iaivin, et eatsloßuo raisouuö lies mauuserits consorves cians ia liidiiotlreczue de Oonevo. 8ervet (Nioirol), (iirristianismi Ilestitutio, iir-8. Tischer, Calvins Leben, Meinungen und Thaten, Leipzig, 1784. VLostpIral, Opera varia, Ilamirurg. Katholische Quellen. llsucirv, I'adirö cie, l,a liviigiou ciu coear, in-12, 1839. ilrioger (7uiius) , lioros caivinistici cioscripti ex vita lioirerti Quäiei, 7oli. Oaiviui, Rlromae Oraumeri, 7oi>. llnoxii, vieapoii, 1585. lioisec (lliorosme) , nieciociir ä 1,von, Ilistoire cie Ia vie, moeurs, sctes et mort lie 7. Oaivin, recueiliis Par .. . karis; ciier, Ouiii. Oirauciiore, rrro saiut 7ac. Lese, karis, eiio/. io memo 15 78. Oornaeus (Nolclrior), Neues kutlreri et Oaiviui juciieati. Iler- Iripoli, 165 l. Damian us (O.-k.) , 8^uops!s vitae, missiouis, Niraeuloruiu et LvsnAeiiorum Nart. Dutlieri et 7. Ouiviui, czuinczue tantum coustans espitilrus, kosonii, 1751. Desma^ (prvtre, Dr. vir Ideologie), liomarczues sur Ia vie cle 7. Osivin, Irerösiarczue, tirees lies liogistros lie Ro)on, lioue», >657. kcicius, ^poiogia pro revoreuciiss. iiiustr. I'rineipiirus Oatlrolicis ae siiis orciiniirus Imperii, aciversus iVIucrones et Oaiumuias liuceri super actis liatisponae. karisiis, I543 ,iu-1s, Oaiilarci, Ilistoire lie kraueois Premier, t. 7 et 8, Daris, iu-ls. i789. Höninghhaus, Das Nesultat meiner Wanderungen durch das Gebiet der Protestantischen Literatur, in 8. Ascpaffcnburg, 1835. 7ussie (7oauue cio), lioiatiou a-8, 166t. llomonci (kiorimonci cio), Ilistoire (io ia uaissauoo, progrvs et ciecacieuco e), banales cle la Ostlieärsle clc Violen, ?a r>«, I6SS 2, V»I. iii-4. Deutsche Journale und literarische Blätter. Mg. K. Zeitung. Baseler w''ssenschastl. Zeitschrift. Darmst. Allg. K. Z. -Homiletisch-liturgisches Ccrrespondeuzblatt. Literarisches ConversationSbiatt. Thecl. Literaturblatt zur Allg. K. Z. Im Berlage der B. Schmid'schen Buchhandlung in Augs» bürg sind ferner neu erschienen und durch jede gute Buchhandlung ' ^ Deutschlands, Oesterreichs und der Schweiz zu beziehen: V Betrachtungen über die sieben Worte unfers sterben- den Erlösers. Mit Gebeten, Beispielen und Gesängen für die heilige Fastenzeit und Charwoche. Mit einer Vorrede des hochwürdigsten Herrn Domdekans IS,' Carl Egger. Mit 1 Stahlstich. 8. brosch. TV 2 Bogen. 27 kr. oder 6 ggr. ' Diefts Schriftchcn soll zu einer würdigen Feier der Lcidenswcche Jesu Christi und der heiligen Fastenzeit anrcgcn. In den Betrachtungen sind die gcheimnißreichcn Worte des sterbenden Erlösers erklärt, alle Beziehungen derselben auf das erhabene Werk der Erlösung gedeutet und mit den Lepren begleitet, welche ans ihnen zu schöpfen sind. Die Gesänge suchen die Empfindungen, welche den Christen bei diesen göttlichen Worten bewegen, in einem einfachen würdigen Tone poetisch auszusprechcn. Als Anhang sind Mcßgcbctc bcigcgcben, die insbesondere für die heilige Fastenzeit geeignet scpn werden. Höß I. A , Schullehrer in Babenhausen, kurzer und leichtfaßlicher Unterricht von der Landwirthschaft in katechetischer Form bearbeitet, zunächst für die Schuljugend auf dem Lande, dann auch für Erwachsene. Eine, vom landwirthschastl. Vereine in Bayer, 1 , mit der silbernen ^Medaille gekrönte Preisschrift. Mit acht litographirten Tafeln und mehr als lOO den Text versinnlichten Abbildungen. 9 Bogen in 12. geh. 24 kr. oder 6 ggr. Dieses Merkchen eignet sich besonders für den Unterricht der Landwirthschaft in den Volksschulen; es ist ein leichtfaßliches Lchrbüchlein in katechetischer Form versaßt, und gibt in gemüthlichstcr Sprache der Jugend auf unterhaltende Weise die nöthigen Kenntnisse aus der Landwirthschaft, wie bisher noch keines diese wichtige Lehre für unser Vaterland berührte; ncdst dem, daß es sehr belehrend den Gemüse-, Feld-. Acker-, Wiesen-, Hopsen-, Wald- und Weinbau, die Obstbaum-, Bienen- und Sei- denzucht abhandclt, so erläutert der Herr Verfasser dicß Alles noch mit den schönsten Gleichnissen und Beispielen für Eltern und Lehrer, und hat deßhalb acht Tafeln lito- graphirte Abbildungen beigcgcben. Wir haben, um dieses Wcrkchcn möglichst zu verbreiten und die Anschaffung auch dem minder Bemittelten zugänglich zu machen, so wie um die Einführung in den Schulen zu erleichtern, nur deßhalb den Preis so billig gestellt, und hoffen dagegen, daß dasselbe von segenreichcm Erfolg, besonders für die Jugend unseres Vaterlandes, sepn wird. Jede gute Buchhandlung ist in den Stand gesetzt, aus kV zusammengeuom- mene Ereinplare das 13te gratis zu geben. Unter den vielen günstigen Rezensionen die über dieses Merkchen erschienen sind, führen wir nur eine an. Die .Bürger - und Bnuern-Zeitung sagt im lOten Jahrg. 1843 Xr. 42 unter Andern zum Schluß: „Wir veriheilen bei unseren Schulprüsungcn alljährig viel tausend Preise-Bücher „und wohl nach Meinung nur immer die besseren. Wohlan! hier haben wir einmal „das allerbeste Preiscbuch für die Schuljugend auf dem Lande, und cs kostet mit all „den 100 Abbildungen nur 24 kr.„ Lebensgefchickte d hl Johannes Franciscus Regis aus der Gesellschaft Jesu. Ins Deutsche übersetzt von Dominik Schelkle, ehemaligem Professor am kathol. Schulhause zu St. Salvator in Augsburg. Mit einer Vorrede von It» Earl Eftgee, Domdekan in Augsburg. Mit 1 Stahlstich, gr. 8. brosch. 171/2 Bogen 1 st. 30 kr. od. 21 ggr. Dieses Buch verdient die größte Aufmerksamkeit jedes wahren Christen, da das Leben dieses Heiligen für alle Zeiten herbst lehrreich und erbaulich ist, noch inehr aber für unsere Zeit besondere Wichtigkeit hat durch den allgemein verbreiteten religiösen Eifer für die Missionen, Diese Lebensbeschreibung, welche das eben so mühevolle als segenreiche Wirken des heiligen Franciscus Negis in seinen vaterländischen Missionen in glänzendster und ausführlichster Weise darlegt, ist sehr geeignet, den so sehr erregten Eifer für Ausbreitung des Reiches Gottes zu nähren und noch mehr zu beleben. Man lese dieß Buch bedachtsam, und man wird in jedem Stufenaltcr seines Lebens seinen lebendigen Eifer für Förderung der Ehre Gottes und des ,heiles der Menschen bewunderungswürdig finde», so daß man auch seinem noch so beschränkten Berufe treu bleibt, und treuer wird, wachsend in der Erkenntlich und Liebe GotlcS. Wir können daher dieses Buch jedem Priester so wie Laien nur auf's Eindringlichste ein- . pfehlcu, damit er Beispiel nehme, und Nachahmer des heiligen Franciscus werde in der Liebe zu Gott. Die gefällige äußere Ausstattung dieses Buckes läßt gewiß nichts zu wünschen übrig, und jeder Verehrer dieses Heiligen wird sich freuen, dessen wohl- getroffenes Bildlich in Stahl gestochen zur Seite des Titels zu sehen. Richtenburg, I. Edler v , die sonn- und festtäglichen Evangelien nach der Auslegung der heuigen Väter. Mit einer Vorrede von Z§L'. I. F, Allioli, und einem Stahlstich. Mit bischöflich Augsburgisch er Approbation, gr. 8 . 29 Bogen geh. 1 fl. 30 kr. od. 21 ggr. Wir übergeben hier dem Katholiken eine Sammlung von Erklärungen der heiligen Evangelien auf alle Sonn - und Festtage des Jahres, wie sie bisher wohl nickt vorhanden war. Die heiligen Evangelien von den heiligen Vätern erklärt, — wer wäre im Stande, Belehrung und Erbauung aus besserer Quelle zu schöpfen! Wir sind der innersten Ueberzcugung, dieses Buch wird großen Nutzen schaffen, Es wird dem Leser besonders gute Dienste leisten als Vorbereitung, ehe er das Wort Gottes in der Kirche anhört, und als Wiederholung nach der Anhörung der Predigten. Ein Hausbuch wird es sevn, aus dem der Ehrist jeden Sonntag den herrlichsten Stoff zur Betrachtung wählt, und bei dieser Betrachtung dann von den heiligen Vätern angelcitct und geführt wird, ganz im Sinne der heiligen Kirche, welche unter dieser Führung und Belehrung das Wort Gottes dem Leser an die Hand geben will. Die vorzüglich schöne Ausstattung des Buches wird es dem Leser in gleicher Weise empfehlen wie sein Inhalt, Wagner, I G . Lehrer, Anleitung zum Kopf- oder Denkrechnen. 12. 6 V 4 Bogen. 12 kr. od. 4 ggr. Hat im Süden Deutschlands der Name Wagner schon ohnehin guten Klang, so wird das Interesse für dieses Schriftchen gewiß noch um so mehr erhöht, als dasselbe nach einem ganz neuen Verfahren das Kopfrechnen lehrt und möglich machte, daß >ehr schwierige Aufgaben, ohne und mit Brüchen, im Augenblicke von Schülern von lO und 11 Jahren zur überraschendsten Befriedigung der Prüfungs-Eommissaire und competenlen Männer, — auf deren ausdrückliches Nachsuchen das Schriftchen veröffentlicht und bestens empfohlen wird — gelöst wurden. Auf zwölf zusammcngenommeneEremplare wird das 13ie gratis gegeben. Waitzmanu, I. G., Verfasser des „Morgen in der Wallfahrtskirche," „Meister Gräth," u. s. w. Ritter Berthold von Hohenburg, oder: So rächt sich der Christ. Eine belehrende Erzählung aus den Zeiten des heil. Bischofs Ulrich, für die reifere Jugend und Eltern. Mit 1 Stahlstich. 8 . 10 Bogen broschirt 36 kr. oder 9 ggr. Denjenigen Eltern, Erziehern oder überhaupt Freunden der reifern Jugend, denen am Herzen liegt, durch wahrhaft nützliche Lektüre auf das Gcmüth der Jugend vortheilhaft cinzuwirken, empfehlen wir diese treffliche Jugendschrift bestens. Jugendjahre Calvin s. Calvin's Geburt. — Seine Eltern. — Sein Vater Gerhard bestimmt ihn für das Studium der Theologie. — Die Familie Mommor. — Calvin bei seinem Onkel Richard in Paris. — Mathnrin Eordier. — Farel. — Rückkehr nacv Novon. „Im Jahre 1509, den 10. Juli wurde Johann Calvin zu Novon geboren, in dem Hause, an welchem gegenwärtig ein Hirsch als Schild ausgehängt ist, und welches sich sein Vater aus dem Schrannenplatze gekauft hatte. Er wurde bei St. Godebert getauft, der Domberr Johann de Vatines war Taufpathe." „Ich behalte meine Taufe," sagte Calvin oft zu Beza, „und verwerfe den Chrysam." „Sein Vater Gerhard, war von Ponte l'Eveque gebürtig, hatte einen lebhaften Geist und bedeutende Kenntnisse in der Führung der schwierigsten Prozesse. Er nahm sich um Alles an, bewarb sich eifrigst um Geschäfte, und ermangelte weder des Fleißes noch der Erfindungsgabe. Er war apostolischer Notar, Fiscal-Procurator der Grafschaft, Schreiber beim geistlichen Gerichte, Secretär des Bischofs und Svndi- cus des Kapitels."' „Gerhard hatte zwei Frauen, die erste hieß Johanna Le Frank, von Cambray gebürtig, die Tochter eines Weinwirths, der nach Novon gezogen war; sie war schön von Person, stand aber in ziemlich üblem 1) Siehe in den urkundlichen Belegen I.: Calvin's Pseubouvmie. 2) Lere, Via cke Calvin, p. 8. Audi» : Leben Calvin's I. Bd. l Rufe. Er hatte sechs Kinder von ihr, vier Sohne und zwei Töchter; der älteste hieß Earl, der zweite Johannes, der dritte Anton, der Name des vierten wurde nicht bekannt, weil er sehr jung starb. Die zwei Töchter wurden in der katholischen Kirche getraut, die eine wohnte in Noyon und hatte eine Tochter, die an Lukas de Molle, Schwcrtfcger in Compiegne, verheirathet war; in dieser Ehe wurden zwei Kinder gezeugt: Anton und Marie. Anton, der ein Schwertfeger wurde, starb in Noyon, gut katholisch, am dritten Adventsonntagc des Jahres 1614. Marie heirathcte einen gewissen Bruyant, von Eompiegne, und hatte einen Sohn, Hadrian, der ehemals in Chartres am Berge Hery, Wirth zum goldenen Löwen war. Anton de Molle hatte zwei Kinder, Lukas und Marie. Lukas war Magister der Chirurgie in der Vorstadt von Saint Germain des Pres; Marie wurde die Frau von Johannes Faust net, Bäckermeisters der Stadt Noyon." Der Abt Jakob le Vaffeur, Domherr und Decan der Kirche von Noyon, hat uns diese Berichte ausgezeichnet. Er selbst zog sie aus den Kirchenbüchern von Noyon. Er fügt ferner hinzu: „Jungfrau Johanna le Bure, Frau des ehrenwerthen Feuer- arbeitcrs Claude Gcuffrin, Franziska Maresse, Mutter des Präsidenten des Salzamtcs Vincent Wiard, und Helena Hauet, Frau des Herrn Wallcrand de Neufvillc, Goldschmieds in Noyon, die Aelteste der Stadt, die vor Kurzem noch am Leben war, haben oft erklärt, daß sie von ihren Müttern gehört haben, sie seien bei der Niederkunft der Mutter Johann Calvin's, als sie diesen zur Welt brachte, gegenwärtig gewesen, und haben gesehen, wie vor dem Kinde eine Menge großer Fliegen aus dem Leibe der Mutter gekommen seien: als Vorbedeutung von dem Lärme, den Johannes in der Christenheit machen würde." Beinahe um die nämliche Zeit bettelte ein Knabe, der die Welt in Unruhe versetzen sollte, aus dem Wege nach Magdeburg sein Brod von Haus zu Haus und sang dem guten Herzen, das ihm ein „Grö- schel" zuwarf, das Lied vom „guten Gott;" cs war Martin Luther, der Sohn Hans Luthcr's, eines Bauern vom Dorfe Moehra, in der Provinz Sachsen. So harten Prüfungen mußte sich Johann Calvin nicht unterziehen. 1) „Jahrbücher der Kirche von Noyon, von Jakob Le Vaffeur." — „Jakob Des- may und Jakob Le Vaffeur, Doctoren der Sorbonne, verfaßten eine» sehr genauen Bericht von Calvin's Leben bis zu seinein Austritt aus dem Königreiche - sie zogen denselben ans den Kirchenbüchern von Noyon." Drelincourt. ' 2) Urkundliche Belege II. 3) Mathcsius: „In seinem vierzehnten Jahre kam er nach Magdeburg in die Schule. Allda ist dieser Knabe nach Brod gangen, und hat sein pnnom 1er I)e»m geschricn." Sein Vater bestimmte ihn für das Studium der Theologie, ersah die Geheimnisse der Zukunft voraus; denn er war ein Mann, der Ueberlcgung und Urtheilskraft besaß. Das klare und hervorragende Auge des Kindes, seine breite Stirne, seine sanftgcbogene Nase, wie sie die Alten an ihren Statuen liebten, seine von Spott und Hohn zusammengezogenen Lippen, seine graue, gallsiichtige Gesichtsfarbe, waren Vorzeichen von List, Schlauheit und Scharfsinn. Wenn ihr auf der Bibliothek in Genf das Bildniß Luther's neben dem Bilvnisse Calvin's betrachtet, werdet ihr bald finden, mit welchen psychologischen Eigenschaften die beiden Reformatoren begabt waren. Das Aussehen des Einen ist blühend, das Blut fließt rasch und wallend, sein Adlerblick und seine frische Gesichtsfarbe verkünden die volksthümliche Beredsamkeit, die derbe Gewalt, den lyrischen Enthusiasmus. Er ist der Mann der Rednerbühne, der Straßen und Schenken. Der Andere zeigt in seinem Anachoretenangesicht, daß er von Nachtwachen oder Krankheiten erschöpft ist; seine bleiche Haut, seine beweglichen Augen, seine leicben- artige Gesichtsfarbe, seine hervorragenden Knochen, verrathcn die Analyse, die Dialektik, den Syllogismus, die Beweisführung: es ist der Mann der Schule, des Tempels, des Eabinets, der theologische Diplomat, der Fuchs, der sich die Priestcrmützc aufgesetzt hat, um sich zu Verkappen. Gerhard Calvin war dürftig. Seine Stelle als Fiscal - Procu- rator trug ihm kaum 600 Livres, wovon er eine Frau und sechs Kinder zu ernähren hatte; aber das edle Haus der Mommor kam ihm in Zeiten der Bedrängnisse zu Hilfe, wenn der Winter sehr strenge, das Brod sehr theucr, und Noyon von einer Hungersnoth bedrückt war. Dann flüchtete sich die ganze Familie Calvin, der Vater, die Mutter und die Kinder unter den Schutz dieser zweiten Vorsehung, welche ihnen Brod und Kleidung reichte. Man muß den Wunsch hegen, Johannes mochte sich mit mehr Zärtlichkeit an den guten Hirten von Noyon erinnern, wenn er sich einmal in den humanistischen Wissenschaften versucht. Calvin widmete zwar beim Austritt aus seinen Knabenjahren den Commentar zum Seneka, welchen er verfaßte, „dem heiligsten und hochweisen Hangest, Abte von St. Eligius," einem Gliede der Familie Mommor; das war aber Alles, und doch hatte er in diesem Hause nicht nur das leibliche Brod, sondern auch das Brod des Lebens empfangen, 1) ll'IiouIogj:io m« piitor tonoüum ntlliuo pnoeum cleMinuvtn-it. 2) d>nt js ilin>im, siimilwe vestme imkiliüsimiie »eceptmn relero. Ualv. 1'iaettit. in 8eneeam, nck 8-mcti88. et supientCsimum l'ruesulem Ulliuck,»», llruigestium, nlckmlem ckivi lUigii. ihn immerwährend plagte ; oder um seinen Geist freier zu erhalten, damit er zum Schreiben und Lernen geneigter und das Gedächtniß gestärkt werden sollte. Er sprach wenig und führte nur ernste, schlagende Reden; er war nie in Gesellschaft, immer lebte er zurückgezogen. Das Geschäft des Lehrers in Novon war beendigt. Calvin ging nach Paris, dem damaligen Sammelplätze aller auserwählten Geister der Provinzen. Die Lehrstühle in Paris waren von Humanisten besetzt, deren Ruf durch ganz Europa gedrungen war. Aleandro hatte sich um die Ehre beworben, hier aufzutrcten, als er aus Venedig kam, beladen mit jenen reichen Schätzen, die er in den Buchdruckereien des Andreas d'Asola gesammelt hatte, mit der tiefen Kcnntniß der griechischen, lateinischen, svrischen und chaldäischen Sprache. Hier hatte er mit Beihilfe einiger Schüler die Materialien zu seinem griechischen Lexikon gesammelt. Die Sorbonne hatte sich mit dem Apostel der deutschen Reform in einen Streit eingelassen und war siegreich aus ihm hervorgegangcn, nachdem sie den größten Theil der Sätze des sächsischen Mönchs verworfen hatte; diesem Triumphe wurde aber eine grausame Rache geschworen! Mclanchthon, dessen Namen im ganzen gelehrten Frankreich bekannt war, hatte die Pariser Sorbonnisten dem Gespötte der Deutschen prcisgegcbcn. Seine Satyre, welche auch über den Rhein gebracht und in allen Schlupfwinkeln hcrumgezeigt wurde, brachte die Schüler in große Aufregung. Alciati, welcher damals in Bourges lehrte, weinte vor Freude, als er sie las, und verglich sie den feinsten Komödien des Aristophanes. Plötzlich wiederhallte der Name Luther's in den Kollegien der Hauptstadt. Louis Berquin, ein Freund Farel's, hatte die Abhandlung „Von der babplonischen Gefangenschaft" in's Französische übersetzt; und an einem Morgen hatten alle Studenten, die sich der Rechtsgelehrsamkeit oder der Theologie beflissen, erfahren, der Papst sei der von den Propheten verkündete Antichrist, die Mönche seine Gehilfen am Altäre des Satans, die Cardinäle Thürhüter der Hölle, die Priester Hurer und die Doctoren Esel! Nun denket euch selbst, in welche Bewegung eine Stadt wie Paris gerathen mußte, in der so viele Priester, Bischöfe, Cardinäle, Mönche und Sorbonnisten lebten! Die Sorbonne fand im Stadttheile St. Jakob einen Doctor, Namens Jose Clitowe, einen Schüler Jakobs Le Fevrc, welcher eine Abhandlung I) d'Iorirnonck cko ksemonck, Ilistoire 60 Is nsisssnce, progres et ckecrckene» cke I'kercsie cle ce sieclc, I.jv. 7 , ck. IO, gegen den sächsischen Mönch schrieb, die einen großen Erfolg hatte. Beza hat uns diese Umstände ausgezeichnet. h) Damals war die Gottcsgelehrsamkeit die Königin der Welt! Sie batte sich in alle möglichen Gewänder gehüllt, um Aufsehen zu machen: in den rothen Rock res Cardinals, in das Mäntelchen des Bischofes, in den Talar des Priesters, in die Kutte des Mönchs, in den Hermelin des Rathsherrn, in ras viereckige Hütchen res Doctors, in ras Panzerhemb res Kriegers, und sogar in den Weiberrock. Mar- garetha, die Schwester Franz 1., machte in ihrem Palaste Putzarbeiten, Gedichte, Dogmen und schlüpfrige Novellen. Wenn sie ihre Gesänge vollenret hatte, las sie der Herzogin r'Etam- pes die ehebrecherischen, blutschänderischen Buhlschaften einiger Pariser Bürger, orer einer Nonne rer Provinz vor; oder ihr Nathgeber Wilhelm Roussel mußte eine Satyre anbörcn, welche sie gegen die Sorbonne geschrieben hatte, die es wagte, den „Spiegel der sündigen Seele" zu verwerfen, zum großen Aerger ihrer Mädchen und Kammerfrauen. Beza nennt sie eine „höchst verständige Prinzessin, die für die damalige Zeit von Gott berufen war, um nach ihren Kräften die grausamen Anschläge zu vereiteln, welche rer Kanzler Duprat, unv Ankere, rie den König leiteten, gegen diejenigen machte, welche Ketzer ge. nannt wurden." Ter Kanzler Duprat war ein unbcugbarcr Beamter, mit durchdringendem Scharfblicke, unr einem vortrefflichen Verstaute; aber er hatte rennoch große Mühe, rie Plane vcr beircn Frauen, der Königin von Navarra unr der Herzogin d'Etampcs zu entrecken, welche den König Franz I. zum Abfälle bewegen wollten, weil „die Strenge der Kirchengebote, unr insbesonrere rie Folter rer Beicht, ihr Gewissen beunruhige." 1) Luther Hütte gegen den Ablaß zu schreiben angefangcn im Jahre 1517; ersetzte diesen Streit weiter fort in der Abhandlung: „Von der babylonischen Gefangenschaft." Diese vcranlaßte die Sorbonne, Luther im Jahre 1521 als einen Ketzer zu verdammen, unr endlich in der Schrift „Anti-Luther" gegen ihn ans, zutreten, deren Verfasser Jose Cütcwc war, ein Schüler Jakobs Le Kcbre, der aber nicht die Meinung seines Lcbrers Ibeiitc. Ilo/.o, llCt. oool. i. I., >>. 5. 2) Margaretha schrieb zu verschiedenen Zeiten: l. XuuvoIIos «Io In Uoiuo «Io Xnrnrro; 2. I.os mnrgiioilios (Io In sslnrgiioriio «Io« sirincossos, nroo giinlro mvxtoro5 «», oomöilios >>>ouso5, ot tlouv tnroos; 3. I.o lriomscho «Io I'ngnonn; 4. 1>08 ol>nn 80 ii« 8 >>iril»oI> 08 ; 5, 1,o. miroir «Io I nmo ;>ooI>o- roxko. Anfangs hatte sic als Devise eine Ringelblume gewählt mit dem Motto : „Run inl'oriorn 8oe»l»«;" sväter eine Lilie mit einer Perle und dem Motto: ..sslirnixliiin irnlurno os>»5." I) kiö/o, IliK. oocl., t. I. 5. 4) „Und sie sowohl als die Maitreffe des Königs, die Herzogin von Etampes, führten den König fast bis zum evangelischen Glauben." Das Leben Calvin'«,, von Paul Henrv. Hamburg, 1835. 1. I. p. 18. 3) chlorimoucl cko lluomvncl, Ijv. VIII, ck. Hl., p-347. Der französische Hof war unter Franz 1. die Zufluchtsstätte und der Sammelplatz aller Berühmtheiten jener Zeit, besonders der wissen, schaftlichen Berühmtheiten, für welche dieser Fürst eine große Vorliebe hatte, und die er auch unterstützte. Da fand man Wilhelm Budäus, der so glücklich war, einen König zu finden, welcher einen vortrefflichen Geist besaß, und die schönen Wissenschaften sehr liebte. Ihm widmete dieser Schrift, steiler seine ausgezeichneten „Commentare der griechischen Sprache", und er bewog den Fürsten, daß er über die drei Sprachen an den Schulen und Universitäten des Königreichs Vorlesungen halten, und ein ausgezeichnetes Kollegium für die drei Sprachen errichten ließ; hier lebten auch Johann du Bellas, der den Horaz so sehr liebte, daß er ihn unter sein Kopfkissen legte; dann Ramus, der in St. Barthelemy ein so erbärmliches Ente nahm; Scaliger, den man nur nennen darf, um ihn zu preisen; Melchior Wolmar, einer der Rechtsgelehrte», welche Luther in Wittenberg mit seiner beißenden Ironie verfolgte, und „Wortklauber" nannte, „die kaum das Vater unser vortragen könnten." — Hier findet ihr ferner Wilhelm Cop und Peter de l'Ctoil, „die sich mit der griechischen und hebräischen Sprache beschäftigten, zum großen Verdruffe der Sorbonne," fügt Beza böswillig hinzu, „welche sich Allem mit solcher Wuth widersetzte, daß man hätte glauben können, griechisch zu lernen sei eine der ärgsten Ketzereien von der Welt." Das ist eine unver diente Schmähung; denn die meisten Mitglieder der Sorbonne verstanden beide Sprachen, die Hebräische und die griechische. Muß man nicht die Wege Gottes bewundern, der nach Beza's Ausdruck, „eine galante Frau sandte, um die Religion zu reformiren," aber Männern, wie die Sorbonnisten, welche bei dem Studium der heiligen Schrift grau geworden waren, das Verständnis; vorenthielt! Den Humanisten, Dichtern und Gelehrten gesellten sich die Theo, logen bei. Man bemerkte insbesondere Jakob Le Fevrc d'Ctaples, welcher vor Kurzem seine Exegese über die Briese des heiligen Pau. Ins in den Druck gegeben hatte, und in der Ruhe der Einsamkeit seine französische Bibelübersetzung vorbereitete. Zur nämlichen Zeit verkündete Luther, bis zu seiner Ankunft sei die Bibel bei den Katholiken ein verbanntes Buch gewesen, und der Magister Mathcsius, ein Schüler des sächsischen Mönchs, klagte über die Fesseln, in welchen das 1) lkeockoro jie/.,;, Ilist. eeol. 2) Man sehe die Schrift nach, welche die Sorbonne in Bezug auf die Leipziger Disputation zwischen Eck und Luther hcrausgab. Vor feiner Verdammung nannte Luther die Sorbonne: „die Mutter und Amme der schönen Wissenschaften." Lnther's Briefe, hcrausgcgebcn von de Wette, l. Bd. 8 Papstthnm die Christenheit gefangen halte, indem cs ihr das Wort Gottes entziehe. Das ist eine schmähliche Verläumdung, welche hinreichend widerlegt wird durch die Commcntare Cajctans über die Psalmen, durch die Bibelübersetzungen, welche theilwcise in Venedig, Rom und Florenz veröffentlicht wurden, dann durch die Bibelübersetzung Le Fevre's. Unter den Verehrern der Wissenschaft bemerkte man ferner auch Wilhelm Farel, Arnold Roussel und Gerhard Roussel, welche ein Bischof von Meaux, Herr Brchonnet, dazu berufen hatte, daß sie in seiner Diözese den Geschmack an schönen Wissenschaften verbreiten sollten. Bei all seinem guten Willen hatte sich dieser Prälat doch in der Wahl seiner Werkzeuge getäuscht; denn der größte Theil dieser Theologen war in Straßburg für irrgläubige Ideen in Betreff des freien Willens, der Gnade, der Rechtfertigung, der guten Werke, eingenommen worden; die Einen folgten der Ansicht Luther's, die Andern der Lehre Zwingli's, wieder Andere den Meinungen Bucer's. Es gab keine Uebereinstimmung in der Symbolik, sie träumten Alle von einer Reform des Katholicismus, welche dadurch errungen werden sollte, daß die Autorität dem individuellen Sinne, das überlieferte Wort der persönlichen Auslegung, das Bild der Wirklichkeit, und das durch die Lehre des Priesters erhellte Bewußtsein den launenhaften Erleuchtungen des heiligen Geistes zum Opfer gebracht werden müßten. Unter diese vom Zweifel und von Ungläubigkeit, Neuerungsliebc und Hochmuth durchdrungenen Theologen kam nun der junge Calvin! Mitten unter diesen religiösen Parteien aller Farben sollte Calvin die Wahrheit suchen. Er stieg bei seinem Onkel Richard ab, einem Schlosser bei der Kirche Saint Germain l'Auxerrois. Richard Calvin war ein rechtschaffener Handwerksmann, welcher den Sohn seines Bruders mehrere Jahre hindurch unentgeltlich ernährte und beherbergte. Der Knabe hatte eine kleine Kammer, welche gegen die Kirche hinging, deren Gesänge ihn am frühen Morgen weckten. Die beiden Mommor's, welche ihren Mitschüler begleiteten, hatten an der Schwelle der Schlosscrwerk- stätte Abschied von ihm genommen und eine Wohnung in der Straße St. Jakob bezogen. Diese Trennung tbat ihrer Freundschaft keinen 1) J,r den Predigten des Magister Mathe,ms. Historien von des ehrwürdigen in Gott seligen M. Luther Anfang, Lehre :c., durch Magister Mathcsius, 1627,,, 28. 2) Man sehe im zweiten Bande das Kapitel unter der Ueberschrist: Die Bibel. 3j ünoe o:ni?n tnil mir griler e»m gimm ckvctissimum tiari mipkret, mitterat- quk I.uletisiii, ol Uicarcko tratri commcnclaiel in vico clivj Oerinsni. I'sg. Hlasso. Abbruch. Sie trafen sich jeden Tag in dein Collegium de la Marche, bei der Borlesung des Professors; an Sonn- und Festtagen an der Tafel eines vornehmen Herrn aus dem Hause Mommor, oder in den Gärten des Collegiums, wo sie miteinanrcr auf und ab gingen, und sich die Lehren, welche sie während der Woche gehört hatten, in's Gedächtnis; zuri'ickriefcn. Der Schlosser Richard Calvin war stolz auf die Fortschritte seines Neffen; denn der Knabe zeichnete sich aus und hatte viele Talente. Richard ging alle Morgen in die Pfarrmcssc, enthielt sich am Freitage und Sonnabende von Fleischspeisen, betete seinen Rosenkranz, fastete an Quatembern: und dich waren ttebnngcn, über welche der Schüler spottete. Jobann hatte nämlich schon in seinem vierzehnten Jahre einige Schriften von Luther gelesen, und der Zweifel war schon in seine Seele gedrungen, der sic beunruhigte und quälte. Cr verlangte mit Sehnsucht nach der Ruhe, welche den armen Handwerker erquickte, aber sic floh ihn. Cr hätte indessen dieses große Geheimnis;, den innern Frieden zu erlangen, leicht erfahren können; sein Qnkcl würde ihm gerne gesagt haben: Glauben und Lieben war meine ganze Wissenschaft. Der Professor am Collegium de la Marche war Mathurin Cor- dicr, der sich die Schriftsteller des alten Roms zu seinen Freunden, Gästen und Göttern gemacht hatte. Cr war „ein sehr braver, schlichter und in seinem Fache eifriger Manu, welcher sein ganzes Leben dem Unterrichte der Jugend widmete, in Paris, Revers, Bourdeaur, Genf, Neufchatcl, Lausanne und später wieder in Genf, wo er im Jahre 156^ in einem Alter von 85 Jahren starb. Zuletzt ertheilte er den Unterricht in der sechsten Classe." — Nachdem dieser durchaus revolutionäre Geist eine wohlthätige Acndcrung im Unterricht veranlaßt hatte, hätte er den Katechismus wie eine Sprachlehre behandeln mögen. Er hatte auf dem Lehrstuhle eine angenehme, blühende Sprache; in seiner traulichen Redeweise erkannte man Spuren des Alterthums, und wenn seine Vorlesungen vorüber waren, ließ der Dichter den ganzen heidnischen Olymp zurück, um eine Hymne an Gott zu singen. — Diese Gesänge, deren sich vielleicht auch Sadolet nicht geschämt hätte, waren nicht immer von jener Rechtgläubigkeit erfüllt, welche der gelehrte Italiener der heidnischen Ambrosia beizumischen wußte. Cordier neigte I) „Kalurinus dwrclorius !q><>ct»N>(> t„m iirodil.'itis, tum eruclitionis vir." Um?,',. Seine lateinischen Gespräche waren lange Zeit in den Händen der Schüler. In Bezug aus die geistlichen Hymne», welche er in französischer Sprache schrieb, steht er ungefähr mit Marot ans gleicher Stufe. (Lyon 1Z5V.) v) Lore, Vie 8s>:>num llaknit ilocloiom nun inckuclum. .V <>uo exoulto chsius iuvenil,, (>j fnm I»m ncerrimnm viat, iw >iroll!oit, nt canteins sv- «lallbuü in j;r»mmiUico8 onrriculv rolicti,?, all sli,ii«olit'.n8 et nliiii-nm, gn»5 vocanl, ai'luim Studium >>i'omuveretue, Ilern, >it. (lnl>. 2) Ilal-etis in peojnngnn novum Ixvnngelislnm I'Iiaeellum, guu nitiil viili nngnnm menclncins, vienlentins, u»t seditiosius. Iw, sn, XXX,, lil». XVIII., 5) Xneülun, vie de t'neel, p. I!I7 — >!!><, 4) )1elell. .Vdnm in vjtis I'keul. exter. 114—114, tod zu sterben fürchtete, auf dem Platze. Wäbrend der Verthcidigung geriet!) Farcl in Zorn, sprach Unbilden und Beleidigungen aus, und war dann genöthigt, die Stadt zu verlassen, die er in seinem Zorne beschimpft hatte. Damals ging Calvin in sein neunzehntes Jahr. Am 27. September 1527 wurde ihm die Pfarre Martcvillc zuerkannt; er hatte aber nur die Tonsur erhalten. Einige Jahre später brachte es sein Vater, welcher der Liebling des Bischofs war, dahin, daß sein Sohn auf die Pfarre Pont l'Evequc versetzt wurde, „das Kirchspiel, in welchem sein Großvater wohnte, und wo Gerhard getauft wurde. So gab man den Schafen den Wolf zum Hüter." Es ist noch der gute Abt Claudius Hangest, welcher ihn zu dieser Pfarre vvrschlägt; aber der Schüler ist jetzt erwachsen, er ist ein Mann, und denkt nicht daran, die Hank zu segnen, die ihm für die Zukunft sein Auskommen sicherte. Er hat nur die Freude eines stolzen Kindes, welches durch eine einzige Streitschrift Inhaber einer Pfarre geworden ist. Durchsuchet seine Schriften und Briese, ob ihr ein Wort der Liebe oder der Erkenntlichkeit findet, das er für diese neue Wohlthat der Familie Mom- mor ausgesprochen hätte! Er hat ein kaltes Herz, das nur erlittene Beleidigungen im Gedächtnisse behält. Wie hoch steht Luther über Calvin! An dem sächsischen Mönche wird alles zur Leidenschaft, sogar die Dankbarkeit. Mitten unter den Triumphen, die ganz geeignet waren, ein junges Gemüth zu verblenden, empfindet er süße Erinnerungen an die Cotta, welche ihm das erste Almosen zuwarf. Dieses Bild der heiligen Frau, die so oft zwischen den Papst und den Doctor tritt, hat, ich weiß nicht welche Anmuth, an der sich das Ungestüm des Reformators zu besänftigen scheint. Florimond de Raemond sagt aber von Calvin ganz währ: „Nachdem er auf Kosten des Crucifixes gelebt hatte, vergaß er den, der ihn ernährt und aufcrzogen hatte." Er kehrte nach Nopon zurück und predigte einige Male zu Pont- l'Eveque. Calvin erwähnt in seinen Briefen nicht, wie er sich von seinen Mitschülern im Collegium, von seinem Lehrer Mathurin Cordier, 1) .Vloieri, artic. (ialvin. Urkundliche Belege II. 2) „Calvin war nie Priester, er hatte nur die Tonsur empfangen." Bayle. — „Ou<> loeo (I'ont I'Lveqiie) constat .1. ipsum tZalvinum anlequam Uallia exee- cleret, nullis alioqui siunliliciis orckinillus unquani initial,im, aliquot, ack )iop»Ium condones llatiuisse." Uera. 3) Itesmav, äctes clu ckspilre clediovon, bei Drclincourt, S. 168. 4) Paul Henry, Bd. 1. S. 34. Z) klorim. äe kaemonck, Ilistoire cko Ilreresie cle cv siede. 6) öers. 13 ^ sei» Bs- ^eh» i»if i» dklch^ ^ )n gute ieißt; af» »ich tsr- iliskommen chs krch > Durch t ÄN kn und seinem Onkel, dem Schlossermeister verabschiedet habe. Das wäre aber für Luther eine Scene gewesen, die er mit aller Zärtlichkeit be- schrieben und die der Mönch von Wittenberg nie vergessen haben würde! Um diese Zeit verband er sich, wie man sagt, mit Robert Oli- vctan, seinem Verwandten, der damals an seiner französischen Bibelübersetzung arbeitete: eine jener Seelen voll von Zweifeln, denen Dante einen Platz in der Hölle anwies. „>'o lur lecloli a I)oo, mu per 8« loro iVIiserieorciis o ßiustiria ßH Xun rußioninm cii lor, ina s-uarcla o passg." Infvrno, cant. 3. > —-M- M Mim »litt Än üf), M EÜNkl- Dichr i Dorier singest« ent sagt stiiMks am."') ,n siä m Cortier, II. Kapitel. Die Universitäten. Der Schüler an der Universität. — Vermiethung von Gemächern. —- Wann das Micth- gcld zu zahlen ist? — Von dem Rechte, welches dem Schüler znstcht, diejenigen Mieth- lcute, welche Lärm mache», durch richterliche Gewalt zu vertreiben. — Der Schüler ist nicht verpflichtet, dem Staate Dienste zn leisten. — Kleidung. — Die Bücher des Schülers können nicht in Beschlag genommen werden. — Bürgerliche Rechte des Schülers. — Er kann nicht ereommunieirt werden. — Das Gebet der Zöglinge. — Rathschläge Nebuffy's. Betrachten wir nun die neue Welt, in welche Calvin bald treten wird, und wohin wir ihn begleiten wollen. Die Schüler der Universitäten im sechszehnten Jahrhunderte bilveten eine Gesellschaft, welcke theils nach dem canonischen, theils nach dem bürgerlichen Rechte und örtlichen Gebräuchen verwaltet wurde. Sie kamen aus den verschiedensten Punkten Frankreichs zusammen und brachten in die Stadt, in welcher sie sich der Wissenschaft befleißen wollten, eine «Ute, Sprache und Kleidung mit, deren Eigenthümlichkeit nur langsam zu verwischen war. Der Student jener Epoche hatte einige Aehnlichkeit mit dem Studenten des neunzehnten Jahrhunderts: beide sind sorglos, lärmlustig und zänkisch; gute Herzen und schlimme Kopse. Im Mittel- alter flüchtete sich die religiöse und politische Opposition in die Schulen, weil sie noch keine Zeitschriften und Bücher zu ihren Organen hatte. Der Student vom Jahre 1500 ist das lebendige Vaudeville, das sich den Thron und den Altar, den König und den Papst zum Vorwurf nimmt. Als sich in Sachsen die Stimme Luther's vernehmen ließ, liefen die Schüler Wittenberg's in's Collegium, trugen die Bücher weg und verbrannten ssie vor der Allerheiligen Kirche; sie glaubten für immer vom Joche ihrer Lehrer befreit zu sein. In Frankreich hörten sie mit kindischer Freude die ersten lutherischen Missionäre an, welche die Lossprechung von dem Gebote predigten, welches an Freitagen und Sonnabenden die Enthaltsamkeit vom Fleischessen verordnet. Unter den Schutz der Päpste und der Könige gestellt, genossen unsere Studenten im bürgerlichen, wie im religiösen Leben Vorrechte, auf welche sie eifersüchtig waren, und die man ihnen nicht ungestraft hätte nehmen können. Diese Freiheiten hat uns der Professor Petrus Rebuffy , welcher zu Montpellier lehrte, ausgezeichnet, zur Zeit, als Calvin nach Paris kam, um den Wissenschaften obzuliegen. Es scheint uns von Interesse zu sein, die Freiheiten kennen zu lernen, welche den Schülern der Universitäten mehrere Jahrhunderte hindurch gestattet waren. Es sind kostbare Bilder, die uns in die Zeit zurücksührcn, in welcher der menschliche Geist einer völligen Umgestaltung entgegen ging. Wir versetzen uns also nach Paris, wo der Schüler ein Wohnzimmer sucht, gewöhnlich im Quartier Latin, in der Nähe des Collegiums, welches er besuchen will. Wenn er seinen Ausweis angegeben hat, ist der Eigenthümer verpflichtet, ihn in die Miethe zu nehmen. Nöthigenfalls kann der Schüler den Eigenthümer auch zwingen, einen ältern Miethmann sortzuschaffcn. Ebenso kann der Schüler, wenn er Kaution leistet, seinen gewöhnlichen Pferdeverleiher zwingen, ihm ein Pferd zu leihen, nach dem Grundsätze: daß der Wirth, welcher den Schild der Wirthschast ausgehängt hat, ver- 1) ketri Idellutli Llunspvssulimi juriscongulti, in ,>rivile^i.» et innnnniwtes nniveriätiitum, «toetorum, m.ixiütrurum et 8t,i(Iio8ornm, eominenwtionez enuctegtissimae. ^ntuer^ise 1583, i» 4". 2) (sui si non inveniimt llomo8, po88unt com>>eIIere tinllentek >. 12-, und nach der Ansicht Platea's: der Student ist nicht verpflichtet, ein Miethpferd mit Haber vollzustopfen. Wenn er keinen Bürger findet, soll er einen Führer oder Läufer zahlen. Wenn der Hausherr für seine Zimmer zu viel verlangt, soll sich der Schüler an seinen Rector wenden, welcher den Miethzins bestimmen wird. Zu Montpellier bestimmte der „judex ;,arvi si^illi" den Miethpreis, kraft eines Vorrechtes, welches dieser Stadt im Jahre 1322 im Monate Jänner von Carl IV. bewilligt wurde. In Paris wurde die Taxe von zwei Magistern, welche die Universität hiezu wählte, festgesetzt; ihnen wurden im Nothfalle auch noch zwei Bürger beigesellt, kraft der Bulle Gregor's IX., gegeben im Lateran, 6. Mai, welche in den Archiven dieser gelehrten Gesellschaft ausbewahrt wird. Zu welcher Zeit soll aber der Schüler sein Miethgeld zahlen? Wenn er eine Uebereinkunft traf, macht ihn diese verbindlich, außerdem wird der Gebrauch zur Regel. Der Miethherr, welcher, wenn auch aus triftigen Gründen, ein ganzes Haus bedarf, kann den Schüler, den er in die Miethe genommen hat, nicht ausweisen; aus dem einfachen Grunde, weil es in Universitätsstädten für einen Schüler oft sehr schwer ist, eine Wohnung zu finden, und weil auch der Schüler die Zeit, welche er zum Studiren verwenden soll, nicht mit der Aufsuchung eines Zimmers verlieren darf, und ein jeder guter Bürger an das Wohl seines Landes denken soll, ehe er an seine persönliche Bequemlichkeit denkt. Durch eine Bulle Jnnoccnz IV., welche er der Stadt Lyon im zweiten Jahre seines Pontificats, den 8. März gegeben, ist bei Strafe der Ercommunication jedem Hausbesitzer verboten, ein Zimmer zu ver- miethen, das schon von einem Schüler oder Lehrer besetzt ist. Wenn die Hammerschläge eines Schmieds, das Rad eines Drechslers, oder der Gesang eines Arbeiters den Schüler, der mit ihnen 1) Xam kospos postquam signa bospitii oroxit, cogitnr lioszntos rociporo. Inc. liull'ns in I. cnrsnm c. (Io cnrsn pulilioo, Ii>>. 12, arg. 4. 2) Xam ütudentoü non solent ogno8 locatc>8 avena impingnaro, cum mndi- eum sit oi.8. 3) I'anormit., in lil,. (Io locat. unter einem Dache wohnt, bei der Arbeit stören würde, konnte er seinem beschwerlichen Nachbar die Miethe aufsagen, wie Barthole und Platea schrieben und Petrus Rebufsy bei einem Falle mit einem Leineweber von Montpellier entschied, der in der Nähe des Collegiums du Verzier wohnte mit dem Hahnenschrei aufzustehen pflegte und so laut sang, daß alle Professoren davon betäubt wurden. Dieses Privilegium zur gerichtlichen Ausweisung erstreckte sich sogar aufdie Handwerker, deren Geschäfte es mit sich brachten, daß sie Gerüche verbreiteten, welche der Gesundheit der Schüler hätten schädlich werden können. Dieses Vorrecht entsprach der Stelle: von licet nlicui iiimiittere in nlienum czuicczuum, ^tinmvis in suo possit t'ncere puock übet, und folgte auch aus dem Grundsätze, daß man das Recht habe, Jeden, und sollte es der Teufel selbst sein, zu verhindern, uns in der eigenen Wohnung zu stören, oder das Leben zu verbittern, wie Barba behauptet (>" 6. 1. ckc prvlat.); wenn man nur einen Knecht finden könnte, der kühn genug wäre, dem bösen Geist ein gleiches Hinderniß in den Weg zu legen. Weder der Schmied, noch der Drechsler, noch der Mann, welcher ein Geschäft treibt, das unreine Gerüche verbreitet, können das Urtheil aufhalten, welches unerachtet aller Einrede und Appellation vollzogen wird. Der Vater ist verpflichtet, beim Beginne des Schuljahres wenigstens auf einen Monat das Kostgeld des Sohnes zu bezahlen. Dieser ist beim Tode des Urhebers seiner Tage nicht verpflichtet, die Bücher zurückzugeben, welche er von ihm empfangen hat; auch darf man ihm den Preis nicht von dem Erbtheile abziehen, weil der Vater als freiwilliger Geberder Bücher betrachtet wird. Wenn der Schüler während seiner Studienzeit zu Gunsten der Wissenschaft Schulden gemacht hat, ist er nicht verpflichtet, dieselben nack dem Tode des Familienvaters von seinem Erbtheile zu bezahlen, sondern der Gläubiger soll von der Verlassenschaftsmasse befriedigt werden. Der Schüler soll seinen Lehrer stillschweigend anhören, die Vorlesung nie durch ein Geräusch der Füße, der Hände, oder der Stimme stören, „wie dieß leider allzuoft in Toulouse und Orleans vorfällt," sagt der Professor Rebufsy, „wo die Studenten so ungestüm sind, daß wenn zwei 1) In liti. I., in tlno. Lt solnt. mal., in lil). 2., c. (Pli aetato, Iit>. IN., et lil). I. (Io Uxonsul. ortit'. 2) Kotri liolnitti in privilogia ol iinmunitates univorsitatum, oto., p. 12. g) I.. siout §. aristo, kt. sorvit., vondir. 4) Ltiain si ossot diallolns, «zni potost proludori no stropitnm laoiat in domo sna, si tamon invonirotur sorvions, gni liane üli intiillitionom taeoro audorot von ihnen entschlossen sind, eine Vorlesung zn unterbrechen, sie een Professor zwingen, den Lehrstubl zu verlassen." ' ) „Der Vater kann seinen Sohn schlagen und cinsperren, ilm mehr als zwanzig Stunden in Gefangenschaft bebakten, dis er um Verzeihung bittet; die Dvctorcn aber, die auch Väter der Studenten sind, können sie nicht durchpeitseben, denn die Schüler würden ihnen für einen -Hieb vier geben, und eine gelinde Behandlung vermag viel eher die Jugend zur Einsicht ihrer Fehler zn bringen." Unter keinem Vorwände konnte der Schüler von seinen Studien binwcg zu Staatsdiensten gezogen werden. Der Schiller hatte das Neckt, jeden Kehrer, der ihm verdächtig zu sein schien, als Eraminator abzuwcisen: der.Kanzler und die Dekane sorgten dafür, daß kein Kehrer, aus dem ein gesetzlicher Verpacht lastete, in den PrüsungSsaal kam. Das Gramen musste gewissenhaft sein, und mehr milde als strenge, „(>»> niiuili ouimigit, olieil mmguinom." Den Professoren und Pedellen war es verboten, Zöglinge, welche erst eingctrctcn waren, in sie Kost zu nehmen; sogar au Universitäten, wo entgegengesetzte Gewohnheiten vorherrschten, wie in Montpellier. Auch war cs au den Universitäten, unv insbesondere in Toulouse, Poilicrs und EaborS, Sitte, dass die Kehrer von den weniger bemittelten Schülern kein „Salairc" annahmen, man musste ihnen sogar die ganze Summe Nachlassen, welche sic hätten bezahlen sollen. Wenn in Bourges ein Armer gegen die Krone prozcssirtc, war der König verpflichtet, zwei Advokaten zu bezahlen, den seinen und den des Armen, damit die Gerechtigkeit bei der Vertheidtigung beschützt würde. Man stellte damals den Studenten dem Armen gleich, „purum Iiuftons," rer immer mit der leeren Tasche in's väterliche Haus zurückkehrt. „Xoil unlfurun fil'uvir; noro (loinum Nlilli «Ivxtiit io«Iil»i>k." I) liebullus. p. 124. 2 Omnia körte jpsi. eiim »int j:,m imigni. rellckereiU suis lloctorillu» Uuiutraplum. N) Eine Berorvnung Philipps VI.vom 23.ftebr 1345, „(ftio lles bien» llesdietü inuistres et eseoiier» ne >>renes riueiiln-; bien» cgieix lsu'il/. noient po„r le» gnrnisnn» de nox guerri-s ne panr nastre bostel.ponr I ba»tel de uostre ebere coinpuigne I:> rovne, in- pmir na» entsnt», »e panr :>nltre» «fuel/. (pi'il/ »aient de natre iigmige , nor lienxtenan», el>l>it»ine», eanne»t»ble» an aultre» veniilim», an sai disnn» uvoir prinee» r, nostie ruvunlme, p»r gucitsuo aiitarite gue »e »ait, >n:ii» tan» le» bien» de»dietü inr>i»tro» et eskalier» Ie»r b>i»»e» paisiblemenl." 4) Onad »j pAx^er bnbet litem eui» rege et nan Ii.'iiierit nnde tiiej.it expen»»», rex rulministrnt »dvocutuin, nt veril»» e,,n»). lO. Laß jeder Laie, welchen Standes oder welcher Würve er auch sein mag, Ämtmann oder Borgesetzter, unter keinerlei' Vorwand die Schüler störe oder belästige, welche sich in's Collegium begeben, oder davon zurückkommen, und daß sie ihnen keine Abgaben auslcgen, unter dem Titel eines Zolls, Gesälls :e. re. Dieses Privilegium wurde von Carl V. bcstättigt, welcher am 26. September 1369 verordnet, daß jeder Schüler Tax frei sein solle, „tum in acjua «juaui in terra".Zöllner, welche von einem Studenten eine Abgabe verlangten, die er nicht zu leisten schuldig war, wurden zum Schadenersatz für die Gegenpartei verurtheilk, in Folge eines Privilegiums, welches Carl VII. der Universität Paris am 23. November 1460 verliehen harte. Zu Montpellier wird eine Urkunde Carls VlII. aufbewahrt, in welcher der Monarch die Schüler und Lehrer von der Salzstcuer freispricht, eingedenk der Dienste, welche die Universität dieser Stadt Frankreich geleistet bat, und der Bemühungen der Gelebrten, welche sich so eifrig bestreben, in der Wissenschaft die Perle der Weisheit zu finden. h) Der .Nccior der Universität von Paris und die Anwälde, versammelten fick dreimal in der Woche, am Sonnabend, Montag und Mittwoch, um zwei Ubr nach Mittag „all llurisckictionem in suos," das heißt, um die Angelegenheiten zu untersuchen, welche das Amt der Lehrer und Pedelle betreffen, dann die Rechte der Schüler und Kostgeber zu prüfen, und zu ordnen, was man auf Briese, Manuscripte, Cinbände und Ausmalungen verwendet hatte. Weder die Professoren, noch die Schüler der Universität Paris konnten ereommunicirt werden. Jnnocenz hatte verordnet: Niemand soll es wagen, ohne eine ausdrückliche Genehmigung des apostolischen Stuhles, gegen jeden Rector, Lehrer, Anwald oder Schüler der Universität Paris, elbst nicht auf einen Mord hin, die Crcommunication auszusprcchen oder verkünden. Das kanonische Recht gestattete den Schülern, an Festagen zu stu- diren oder zu lesen; wenn es nämlich am Tage des Herrn erlaubt ist, für das öffentliche Wohl Brücken auszubessern oder neu zu erbauen, mit wie viel mehr Recht ftann sich derjenige den Studien hingeben, der das Reich Gottes fördern soll? Auch das Civilrecht schloß sich an das kanonische Recht an, und stellte den Grundsatz auf, wenn es erlaubt sei, sich an diesem Tage Beschäftigungen zu nnterzieben, obne welche die Welt t> Margarita «apientise. l> Kollert Ooulot in coinpemllo. — lielluttsn- >>. 2:).!. 2> liellu1's»8. 210—241. ausbören würde zu eristiren, dürft man sieb auch der Pflege der Wissen, schäften hingeben, obne welche die Welk Nichtsein konnte. Wir führen noch das schone Gebet an, welches aus dem heiligen Thomas gezogen ist und von dem frommen Schüler am Morgen beim Aufstehen gebetet wurde. O unaussprechlicher Gott, der du in der Fülle deiner Weisbeik neun Chore der Engel geschaffen, die du meiner wunderbaren Ordnung über dem Firmamente aufgestellt und die Sphären der Welt so harmonisch vertheilt hast! Quelle des Lichtes, alleiniger Ursprung aller Dinge, würdige dich, die Dunkelheit meiner Einsicht mit der Klarbeit deiner Strahlen zu erleuchten, und das doppelte Elend, das mit mir geboren ist, die Unwissenheit und die Sünde zu entfernen. Der du die Zunge des Kindes lösest, belehre meine Zunge; breite aus aus meine Lippen die Fülle deiner Gnade; gib meinem Verstände Schärft, meinem Gedächtnisse Leichtigkeit, meinem Geiste Behendigkeit, meiner Rede Anmutb und Fülle, stelle mir bei in meinen Versuchen, leite meine Fortschritte und führe mich an das Ziel meines Lernens. Rebuffv, der Professor in Montpellier, welcher nie versäumte, das Morgengebet des Engels der Schulen zu beten, versichert, rast diejenigen, welche cs mit Andacht sprechen, in ihren Studien gewiss gute Fortschritte machen würden. Sein „Lvkolsstieis nevessanumist ein Sittenspiegel, in welchem man die Rathschläge findet, die er seinen Schülern gab, und die von dem Studentenleben iin sechszehnten Jahrhundert einen Begriff geben. Man musz darnach glauben, das; es sehr aufgeregt, lärmend, und müßig gewesen sei. Rebuffv beklagt sich über die jungen Leute, welche im Col legium allzu wenig aus den Professor achten, und sich damit unterhalten, daß sie aus den naben Häusern die Ziegel zählen, und die Gedanken immer in den Schüsseln haben. Er äußert den Wunsch, daß sie nicht aus ikren Zimmern gehen möchten, um im Freien, aus den öffentlichen Plätzen zu studiren , wo sie durch den Lärm der Vorübergehenden gestört und durch die Blicke der Damen , die aus den Fenstern schauen, in Ver- suchung geführt seien. Er wünscht, daß sie im ersten Jahre fleißig seien, im zweiten Jahre fleißiger, im dritten noch fleißiger unk im vierten am 1. Lt gui boe leoerint, venieut uck stuckioruin suoruin trugen!. multgm- gue seientisin »ccisnent et omni« eis grosger« sueeeckent. — 5ebo- Issticis nsoesssrium, p. 278. 2 8eck sunt in stuclio tegulas cloinus numersntes et «uiiuuni in pstinis kmkentes, p. 278. allerfleißigsten. Sammelt ein in jungen Jahren, sprach er zu ihnen, und rufet euch die schönen Bersedes Dichters in's Gedächtnis;: „El vvi- sink ilorem, llos kruetum, fruolus Iionorom 8io »tudiuw worein, mos sensum, sensus Ironorem." Er wünschte, daß die Schüler an allen Universitäten befolgen möchten, was er zu Toulouse gesehen habe, wo der Student, ehe er trank, einen Text aus dem römischen Rechte erklären, oder auswendig hersagen mußte. Er empfiehlt seinen Schülern, daß sie bei Tische mit keiner Frau reden, sich mit einer oder zwei Schüsseln begnügen, und wenn es möglich wäre, alle zwei Tage nur dreimal essen sollten. O der Schande! ruft er aus, heut zu Tage essen wir nicht nur dreimal alle zwei Tage, sondern zehnmal, und oft sogar dreimal in einer Stunde! Ach, wie weit ist ein gelinder Regen dem Platzregen vorzuziehen, der den Boden überschwemmt und aufreißt! HI. Kapitel. Calvin auf der Universität in Bourges 1SSS L53S Ableben Gerhard Calvin's. — Schreiben Johann Calvins an Daniel. — BonrqcS, Andreas Alciati. — Melchior Wolmar. — Calvin kehrt zum Studium der Theologie zurück. - Theodor vou Beza. — Melanchton und Beza. — Die Lehre von der Vorausbestimmung. — Calvin kehrt nach Paris zurück. — Predigten. — Die Staatsgewalt verfährt mit Strenge gegen die Reformation. Die Ansichten Gerhard Calvin's hatten sich geändert. Sei es, daß er die religiösen Richtungen seines Sohnes vorausgesehen hatte, sei es, daß er in der Ferne schon die Kämpfe gewahrte, in welche sich der Katho- licismus einlassen wollte und in denen der Neuling leicht erliegen könnte, 1) 1er in ciaobus cliebrm commeäero, oder daß die Theologie in seinen Augen nichts als eine derbe Laufbabn öffne, voll Gefahren, ohne Ruhm und ohne Vortbeile; er wollte den Studien seines Sohnes eine andere Richtung geben. Das waren weltliche Gedanken, welche das väterliche Herz bewegten, ^ wie Calvin bemerkt. Damals führte die Rechtskunde zu Titeln, Würden, in den Rath der Fürsten, zum Glücke. Andreas Alciati wurde von Franz I. aus Italien berufen, damit er in Bourges lehre, für einen jährlichen Gehalt von 1200 Thalern in Gold. „Der König hat die 1200 Thaler in Gold, die er dem Herrn Alciati verwilligte,wohl verwendet, sagten die Schöffen von Bourges, kenn nie war die Stadt so ansehnlich und so glücklich, nie haben die Behörden so viel Arbeit gehabt." Für die Rechtsgelehrsamkeit bestimmte nun Gerhard Calvin seinen Sohn. Der Schüler gehorchte ohne Murren und ging zuerst nach Orleans, wo ein tüchtiger Magister Vorlesungen hielt, Peter de l' Estoile, welcher dann Präsident des Parlaments in Paris wurde, und damals als der scharfsinnigste Rechtsgelehrte Frankreichs galt. Peter de l' Estoile lehrte seinem Schüler, wie er seine Beweisführung gedrängter fassen könne, wie er seine allzuweitschweifende Redeweise beschneiden, sich in Schmuck und Bildern mehr beschränken, und sei. nem Styl einen freiern Gang geben solle. Johann Calvin war die Freude seines Lehrers, er war emsig, gelehrig, voll Eifer für die Arbeit: „man hielt ihn schon nicht mehr für einen Schüler, sondern für einen Lehrer," sagt einer seiner Biographen. Magister Franz Baudoin, Balduinus, berichtet, Calvin habe am Collegium kein anderes Geschäft gehabt, als seine Cameraden zu verläumven: so daß sie ihm den Beinamen „ueeusativus" gegeben hatten. Sie sagten von ibint „Jobann weiß bis zum Accusativ zu decliniren." Von Orleans ging er an die Universität nach Bourges, wo seine Studien plötzlich unterbrochen wurden. Er reiste ab, um seinen kranken Vater zu pflegen, den Gott bald zu sich rief. Gerhard Calvin entschlief im Glauben seiner Väter, ausgesöhnt mit der Kirche, die er beleidigt I) Lum viciervl pMer, legum smeutism psssim »UKerr suos culwres opibus, spes jlls repenie eum impulit sck mutsncluin ccmsilium. Ila tsetum est,, ul revocstus 8 pbilosopbiss sluclio s<1 leges ltiscenkis!- chskerer. ^uikus lsmetsi ut pstris voluntsti oiiseguerer, tillelem ogersm impeucterv eonstus sum. Ol. prses. »ck pssl. 2j Paulus prskerus, pkestrum virorum eruclitioue smßulsri clsro- rum, p. 826. 3) I.ettr6 su ebsncelier O»s>rst. 4 ) pkeod. cke Lere. prsnc. LMuinus, secuncks eontrs Lslv. 24 hatte, betend für ras Wohl seines Sohnes, der sich den Lockungen der Welt aussetzte. Calvin wollte die letzten Augenblicke des Lebens seines Vaters uicbt anszeichncn, weil er wahrscheinlich verpflichtet gewesen wäre, die Hoffnung einer Seele zu schildern, welche diese irdischen Bande zerreißt, und unter den Worten des Priesters entfliegt: „Scheide von diesem irdischen Leibe christliche Seele und gehe deinem Gott entgegen." folgendes sind die ersten Zeilen, welche der Schüler der Universitäten von Paris und Orleans aufzeichnetc. Der Brief ist an Nikolaus du Chemin avressirt. „Ich habe dir wohl versprochen, als ich von dir wegging, daß ich bald wieder kommen werde, wie ich auch erwartete; die Krankheit meines Vaters hat aber meine Abreise verzögert. Die Aerzte machten mir Hoffnung, daß er genesen werde und ich dachte nur an dich. Die Tage verlausen; ich habe keine Hoffnung mehr, der Tod wird kommen. Wie es gehen mag, ich werde dich Wiedersehen. Grüße mir Franz Daniel, Philippus und das ganze Haus. Hast du dich schon unter die Professoren der schonen Wissenschaften aufnehmen lassen? Hs Dieser Brief wurde neben dem Bette eines sterbenden Vaters geschrieben, während der Arzt erklärte, daß Alles vergebens sei, und während der katholische Priester beim Klange der Pfarrklocke dem Sterbenden die letzte geistige Hilfe brachte.... Und Calvin hat keine Thräne, wenn er seinem Freunde diese Nachricht mittheilt! Sehet, ob er bete, oder nur ein einziges Gebet von Chemin erbitte! Cr schildert diese Scene, wie wir von einem gemächlichen Schauspielberichten. „Es gibt keine Hoffnung mehr; der Tod ist gewiß." Der Arzt, welcher das Zimmer eines mit dem Tode ringenden, verläßt, würde sich nicht anders ausdrücken. Und während Johannes die Lippen des sterbenden Vaters küssen muß, war sein letztes Wort, er werde ihn nicht Wiedersehen. Der Vater und der Sobn werden sich nie wieder finden. „Gerhard, ein unbußfcrtigcr Papist bewohnt den Ort des ewigen Feuers, Johannes aber, der Evangelist, wird den Herrn von Angesicht zu Angesicht schauen." So erstickte die Reform schon in diesem jungen Herzen 1) gkanssc. ex kübl. Een. Euock tibi gromiseram ckisceckens me brevi sck- kuturum , e» mo expectatio ckiutius susgensum bakuit, asm ckum recki- tum .ick vos meckitor, patris morbus attulit causam remorse. 8eck cum meckici sgem tacerent posse reckire in grosperam vgletuckinem, nibil aliuck Visum est guam tui ckesickerium, cinock me antea ßraviter skte- cerat, aliguot ckierum intervallo acui. interim ckies cke ckie trabitur, ckonec eo ventum est, nt nulla sgcs vitae sit religus, certum mortis jiericulum. l'tcumque res cecickerit «ck vos revisam. 8aluta d'rsn- eiscum Uanielem, pkilippum, et totum ckomus tuae contubernium. ^am ckeckisti nomen inter rei literariae prolessores? alles kindliche Gefühl. Luther hatte nickt den herben Trost, seinen alten Vater sterben zu sehen. Fern von ihm vernimmt er, käst die letzte Stunde des Bergmanns von Möhra gekommen sei; auch er schrieb damals an einen Freund, aber mit welch einer bitkern Trauer, mit welch einem brennenden Sckmerze! Calvin verliest Noyon, um seine Studien in der Rechtswissensckaft sortzusetzen. Damals blühte zu Bourges ein Professor, zu dem man aus weiten Fernen kam, um ihn zu hören; ein Rechtsgelehrter, ein Theologe, Historiker unv Dichter; es war Alciati aus Mailand, der das ganze Bereick der Wissenschaften beherrschte, den wir schon kennen gelernt haben, und den Franz I. wegen seiner großen Berühmtheit nach Frankreich berufen hatte. An den Universitätsstädten, die er besucht hatte, wurden ihm beinahe göttliche Ehren erwiesen. Calvin hörte und bewunderte ihn. Alciati kannte Rom, wie es zur Zeit Jnstinians war, so genau, als ob er damals dort gelebt hätte: man glaubte einen Anwalt der Via sacra zu hören, der gekommen sei, die Sitten, Gesetze und Gebräuche des Latinerlandcs zu erklären. Wenn ihn ein Gedanke lebhaft beschäftigte, brachte er ihn in Verse, damit seine Zuhörer ihn für immer im Gerächmiste bewahrten. Als er eines Tages von Horaz sprach, besang er ras Wappen res Dichters: Oontilos c:Ivs >608 8imt, c>ui .lovis ulito zvblant; 8unt cju,'I»u8 aut 8eipon8 »ul leo siznn kerrml. Dir» seil v.itum i'ußi-mt »mm»!,» cor»8 Doctssjuo 8U8tme»t 8t6mmittn jmlolrer olor. Die Dkooli» 8!>oor ot nnsttime iogioni8 »>umriu8 Uex olim vetorc>8 borvnl gcllnio lilulo8. Calvin war immer einer der Ersten in rer Vorlesung des Professors, er stanv immer hart am Katheder, hörte mit offenem Munde und unbeweglichem Blicke, in einer Art himmlischer Verzückumg, aus die Rede Alciati's. Wenn der Schüler in seine kleine Kammer zurückkam, beeilte er sich, all das Schöne aufzuschreiben, was er gehört batte. „Er schrieb und studirte sogar in der Nacht, und um dieses thun zu können, ast er am Abende nur sehr wenig; sobald er am Morgen erwachte, Hielt er sich noch einige Zeit in seinem Bette auf, und überdachte Alles, was er am Abende zuvor gelernt hatte." So bereicherte er sein Gels „l)uj omnium ckoctrirmrum »rttem utinolvit." Dieses Epitaphium Alciati s steht auf dem Grabe des großen Recbtsgelehrten in der Kirche des heiligen Epivhanins in Paris. 2) Lers. dächtniß, und lernte auf den Bänken, welche von Schülern aus allen Ländern besetzt waren, ohne daß er cs vermuthete, das nämliche, was man damals in den Klöstern lehrte: das mechanische Verfahren der Beweisführung. Nur in Bourges wurde der Syllogismus Alciati's in die antike Poesie getaucht, damit er einen lebhaftem Eindruck mache. Aus dem Kloster war Calvin mit einem einzigen Gotte gegangen, mit Aristoteles; von den Bänken der Universität Bourges nahm er tausend mit sich, die ihm Alciati zur Anbetung gab. Cs waren die Gründer des römischen Rechts welche der Mailänder in seinem lyrischen Enthusiasmus mit Nomulus verglich. Bald vertauschte der Schüler die Kaiser, Konsuln, Edilen und die Magistratur Roms gegen die Götter und Dichter Griechenlands, deren Cult ein Deutscher, Namens Wolmar, auf Befehl des Königs in Frankreich verbreiten sollte. Melchior Wolmar liebte seine Schüler, die er für Sophokles und Demosthenes gewann, wie seine eigenen Kinder; er schmeichelte ihnen, und zahlte im Nothfalle auch ihre Schulden. Erschien eine besondere Vorliebe für Johannes Calvin zu haben, für diese Doppelnatur, die beharrlich war im Arbeiten wie ein Deutscher, „rasch im Auffassen der Lehrer seines Meisters und feurig bei den mündlichen Disputationen, wie ein Gallier." — Melchior Wolmar war ein Lutheraner und hoffte, daß sein Schüler sehr viel für die Förderung der Reformation thun könne. Aus einem Schreiben an Farel erhellt, daß er insbesondere auf die eigensinnige Laune Calvin's große Hoffnungen setzte: „Calvins widerspenstigen Geist, schreibt er, fürchte ich nicht, ja ich boffe vielmehr Gutes von ihm, denn dieser Fehler ist ganz geeignet, unsere Angelegenheiten zu fördern, er wird ihn zu einem großen Dertheidigcr unserer Meinungen machen; denn er könnte nicht leicht gefangen werden, ohne daß er seinen Gegner in größere Verlegenheiten setzen würde." Calvin vergaß diese Freundschaftlichkeit seines Lehrers nie. Lange nach seinem Abgang von der Universität, erinnerte er sich noch seines guten Wolmar und sagte ihm: „Ich werde in meinem ganzen Leben nicht vergessen, mit welchem Eifer du für mich besorgt warst, welche Liebe du zu deinem Schüler hattest und mit welchem Wohlwollen du meinen Geist mit allen Gaben der Wissenschaft zu schmücken strebtest. Dir verdanke ich die Kenntniß 1) övnii. 2) De Oickvino non linn inMno ingonii «ui »ryk/rzar^, ginnn kene spero, ick c-nim vitii Agtum esl rel,»!, noswis, nl in ms^num ssneickoi-um nostroi-um ckogmstum evsckick; non enim tlleile rÄ,ii>ioterit guin msjorit>u? tricis «xlverssrios involvnt. 27 der griechischen Sprache und begnügtest dick nicht damit, meine wissenschaftlichen Fortschritte zu fördern, du wolltest mir auch noch deine Börse öffnen. 0 Oft nahm Wolmar, wenn er vom Katheder Herabstieg,. Calvin beim Arme, und unterhielt sich mit ihm im Hofraume des Collegiums über die Mythologie der Griechen, in die er gänzlich verliebt war. Seine Leidenschaft verblendete ihn aber nicht. Er hatte schon erkannt, daß Calvin weder zum Schulfuchs geboren sei, der den Aristophanes erklären würde, noch daß er sich, wie Aleandro, an einen berühmten Buchdrucker anschließen könnte, um einen alten Hellenen, den man eben aus dem Staube hervorgezogen, mit Scholien und Varianten zu begleiten. Als eines Tages Beide ihren Abendgang machten, sprach Wolmar zu seinem Schüler: Weißt du, daß sich dein Vater in Bezug auf deinen Beruf getäuscht hat! Du bist weder geschaffen, wie Alciati über das Recht Vorlesungen zu halten, noch, wie ich, die griechische Sprache zu lehren! Widme dich der Theologie, die Theologie ist die Königin aller Wissenschaften. ^ Diese Worte entschieden die Bestimmung Johannes Calvin's, rer seinen Homer schloß, und sich von demselben Tage an der Erforschung schung des Wortes Gottes widmete. Dieses Wort nun, welches er in der Bibel fand, war nicht das lateinische der Vulgata, welches die Schule und die Kirche noch heute lesen; sondern das gallische des Le Fevre d'Etaples oder vielleicht auch des Johannes Olivetan, welches er in seinem Ncophiteneifer wie eine jener alten Comödien erklären wollte, die Melchior Wolmar commentirte. Ein katholischer Lehrer würde nicht vergessen haben, dem Schüler zu sagen, es bestehe eine gute Auslegung der heiligen Bücher, welche von Jahrhundert zu Jahrhundert von Christus bis auf Leo X. überliefert worden sei, und welche von keiner menschlichen Stimme je übertroffen werden könne, nicht von Berengar, Arms, oder Luther — das sei nämlich die Autorität. Der katholische Lehrer hätte ihm in diesem Augenblick die Bibel gezeigt, welche den Streitigkeiten der Neuerer preisgegeben ist, einem Zwingli, Luther, Melachthon, Oekolampadius, Capito, Hedio, Bucer, die sich nie miteinander verständigen konnten und ein Babel erbauten, dessen Verwirrung noch besteht. 1) Vorrede zu dem Commentar über die Briefe an die Korinther. 2) Llorimonci cke kaemonch g. 882, Unter den Zuhörern, welche sich um den Katheder Melchior Weimars drängten, um den Thau seiner Lehre Tropfen für Tropfen cin- zuschlürfen, bemerkte man auch Beza, welchen der Katholicismus weniger hart beurtheilte, als der Protestantismus, der ihn den „Schandfleck Frankreichs, einen Pfründcverkäufer, Sodomiten und Schlemmer" nannte. Er war ein schöner, junger Mann, der ganz durchduftet war von Ambra und Poesie, und zu gleicher Zeit den Frauen, den Musen und seinem Professor Wolmar den Hof machte. Der Professor verzog ihn; die Musen gaben ihm'Gesänge ein, deren sich Catüll nicht geschämt haben würde; die Frauen hintergingen ihn. Es scheint, als hätte sich der Schüler von Vezelav über sie zu beklagen gehabt und wäre genöthigt gewesen, in einer Vorstadt von Paris die Gesundheit zu suchen, die er in ihrem Dienste verloren batte. Beza ist der einzige kunstbegabte Geist der Genfer Reform. Damals dachte er nicht an das Wort Gottes: seine ganze Sorge war, Anakreon und Horaz zu studiren, undssseine Eroberungen in Jamben oder Trochäen zu besingen, die er dann seinen Freunden mit lauter Stimme vorlas, die noch lieblicher war, als seine Melodieen. Bisweilen war er gar zu sehr antik und wollte den Dichter von Teos sogar in seinen schmähe lichen Liebschaften nachahmen. Er besang einen Jüngling Namens Aude- bert, dessen Schönheit er in Versen rühmt, die man im alten Rom mit Beifall ausgenommen hätte; die man aber in Frankreich verbrennen sollte. Das war ein verzehrender Kummer für seine alten Tage, welche ihm diese ausschweifenden Gesänge bereiteten, die der Prädicant Beza gerne aus seinem Buche der Epigramme entfernt gehabt hätte! Die Arbeit Robert Etienne's, der ihm seine Pressen geöffnet hatte, war unverwüstlich, das Aergerniß unabweisbar. Man war genöthigt, Ealull als Zeugen der Tugend Beza's anzuführen, weil es keine christlichen Dichter der ältern und neuern Zeit gab, die man hätte als Gewährsmänner nennen können für die Unschuld von Versen, wie diejenigen sind, welche man hier lesen kann: SS8 Wv«r». rks §»« r'n kÄNk/frkum et .IttReKsntttm /,ensvo/entra. .bliest Ouncliclu: kvra, c>uicl inorsris? Juclsbortus ukerck: OuicI Irio »lorsris? 1) EnIIise proprum, simoniseus, sockomitu, omuillus vitiis eoopertus. 2) II mens unv vie ckissolue s ksris oü i> tut trsite en un Isudurg. öolsec, p. 2st. Heut ?gri8,i tuo8 un>oie8, Habent ^urelii tuo8 Iepore8; lüt tu Vere>ii8 msnero perx>8, I'rocul t^anstiilnlsstue, 8 csrero >io88uni, I^t csroio psrento, et li>8, et illi8: .Vt non t^ancliänl», .Vuäelieituloczne. 8oä utrnin in^'o prueterum «Inuiuin? Vtruin unsere me Nocet ;,rioroiii? Xn stueiiiizu-nn tibi, Eauäicla, anteponsin? Xn stueinczuam nntoserkiin tibi, ^ustelierte? t)uid 8i me in j;ominÄ8 ip86 pai'te8, Ilnruin nt »Itoiri Okinsticotam rvvimit, tiurrat »Itera ver8N8 .Viulobertuiii? Xt e8t Lkinlli'Ne 8i'o svsrn, novi, l.'t totuni cupiat teuere öernin. 5Hc lterae e8t cupiNu8 8ui .VuNeIiertu8, Ilern nt tze8tir>t intestro potiri. Xmplector cznostuo 8ic et Inino, et illnm, It totu8 oustinm visiere ntrunnsue; IntoFri8czne lrni inteKor!siuoI)U8. prnekerre nttrniien rsiteruin N666880 e8t; 0 sinrrn» niiniuin nvco88itnteiii! l-osi z> 08 tc;uniii tameu nltorum nece88v 08 t, I'iiore8 tilii siebero, Xusielierte. <)uo«I 8i tinnsiiiln forte eonpueiiitni Oniil tum? I>.i8i'o!o taceliit nno. Wir haben in der Geschickte Luther's gezeigt, wie sich rer sächsische Mönch im schwarzen Adler zn Wittenberg lustig machte, wie er die Lippen mit Torganer Bier netzte und von dem Weibe eher wie ein Anatomist, als ein Apostel des Evangeliums sprach; wir fanden aber in den Tischreden keine Gesänge in Beza's Weise. Wir hätten wenigstens gewunschen, daß Beza ein wenig mehr Scham zeigte, und nicht von dem traurigen Zustande der Sitten reden mochte, welche nach seiner Angabe in Orleans und Bourges geherrscht haben soll, ehe Calvin dahin gekommen sei. Diesem Dichter steht es mir seinen bedenklichen Liebschaften nicht zu, die Behauptungen aufzustellen, der Funke des Glaubens habe zu jener Zeit nur mehr in zwei oder drei Herzen geglüht, *) in jenem des Advokaten Daniel und des Nikolaus du Chemin; die Hoffnung auf Christus, unfern Erlöser, sei zu jener Zeit erloschen; sein Blut sei von den Sündern nicht mehr angerufen worden: das waren Verleumdungen, wie sie von Luther verbreitet wurden, als er in Wittenberg auftrat, von Oekolampadius, als er nach Basel kam, von Zwingli in den Gebirgen der Schweiz, und von Bucer in Straßburg. 2 ) Ueber eine solche Anschuldigung muß man erstaunen, wenn man sie aus dem Munde eines jungen Schülers vernimmt, der doch bisweilen in die Cathedrale von Bourges gekommen sein mußte, und da gewiß die erhabenen Hymnen unserer alten Kirche hörte, in welchen man singt, „ein einziges Tröpfchen des göttlichen Blutes kann die Welt erretten!" Wo brachte denn damals Beza seine Zeit zu? Sollte diese poetische Seele, als sie Straßburg besuchte, ihre Blicke nicht auf das Portal des Münsters gerichtet haben, auf welches der Architect Ervin von Steinbach jene schöne Allegorie in Stein hauen ließ? Zur Rechten ist eine Frau (die Kirche), die in einer Hand einen Kelch voll Hostien, in der andern ein Kreuz hält; über ihrem Haupte steht in Form einer Strahlenkrone die Inschrift: „Mit Christi Blut überwind ich dich." Zur Linken ist eine Frau, die ihre Augen noch verschlossen halt (die Synagoge), sie hält in einer Hand einen abgebrochenen Pfeil, in der andern die zerbrochenen Gesetztafeln Moses, und um ihr Haupt stehen die Worte „Dasselbig Blut verblendet mich." Er ist also wohl nicht in den Tempel getreten? Er hätte auch auf einem Flügel des Tabernakels Priester sehen müssen, welche vor dem allerheiligsten Sacramente knieen und sprechen: „0 llosu czui PU88U8 68 pro noI)i8 M>86ri8, mi8oro peoonkori innerere." 3) Man wollte Beza mit Melanchthon vergleichen, zwei ganz verschiedene Naturen. Bei Beza hatte sich das Materielle poetisch gestaltet; es beleidigte sein Ohr, wenn er einen hinkenden Vers, ein un- 11 Hisl. eccl68. I. 1., p. U. dec. 2) (lliristum L nobus primo vulgalum suckemus chorisri. Joh. Payyus in der Widerlegung des Zweibrückischen Berichts. S. 427, 428. 3) Osius Schadens. Beschreibung des Münsters, S. SV, 57. 31 passendes Beiwort, oder eine Redensart horte, die nicht classisch war; sein Kopf war bei der geringsten Anregung bereit, Verse aller Art zu machen; seine Seele nahm aber nicht Antheil an diesem mechanischen Geschäfte. So könnt ihr sehen, wie er unruhig wird, wenn die Refor- mirten in der Abtei von Cluny ihre Verheerungen anrichten, vielleicht auch beim Anblicke der verstümmelten Statuen und Arabesken, welche die Lanze eines Soldaten zersplittert, und wenn der Fanatismus andre Wunder der Kunst vernichtet; er wird aber kalt bleiben wie Stein, beim Anblicke der Priester, welche all diese Denkmale errichteten, dem Herrn weihten und opferten, wenn man sie von diesen heiligen Wohnorten verjagt, wenn man sie ohne Brod und Obdach läßt. Melanchthon ist nicht so geartet: bei ihm ist es die Seele, welche lebt und fühlt. Betrachtet das Angesicht Melanchthons, wenn Luther in Coburg die geistliche Herrschaft zernichten will; ihr werdet bei ihm Thränen über die Wangen fließen sehen. Er beweint die Zerstörung des Episcopats, aber er verbirgt seine Thränen aus rein menschlicher Achtung, aus all zu fleischlicher Neigung, die er für seinen Vater empfindet, Wenn er einst durch Straßburg wandert, wie Beza, dürft ihr versichert sein, daß er die Stimmen versteht, welche ihm die Steine des Tempels zu- rufen, und daß er den Glauben der Bischöfe, welche in der Gruft des Münsters ruhen, nicht verhöhnen wird. Er wird sic nicht verdammen, wie der Schüler von Vezelay. Seine Mutter ist eine Katholikin, wie die Mutter Beza's und Calvin's, und er konnte sich nicht denken, daß Gott nicht Mitleid haben sollte mit einer Frau, die ihn mit ihrer Milch ernährte. Calvin sah Alles in Flammen verfallen, was nicht auf dem Wege der Reform zum Lichte ging. Ihr irret, wenn ihr glaubt, Gott habe Beza neben Calvin gestellt, um seinen wilden Eifer zu mäßigen. Beza hat wohl eine Harfe, wie David, er wird sich aber derselben nicht bedienen; und wenn er es thätc, würde Calvin, der sich mit dem Propheten vergleicht, auch auf ihn hören? lieber eine so kalte Seele, wie die seine, werden Musik und Poesie nie eine Herrschaft auszuüben vermögen. So wird auch die Freundschaft, welche sie in der Schule zu Bour- gcs schließen, ganz weltlich sein, ohne alle geistige Weihe: beide werden sie als Werkzeuge des Bösen am Untergange des Papstthums, oder wie sie sagen, der Papstanbetung, arbeiten, ohne Rücksicht auf die 1) l'rvlsee; ckos t'snumos. 2) Man sehe im zweiten Bande das Kapitel unter der AnWrift: Theodor von Beza. graue» Haare des katholischen Priesters, auf das zeitliche Brod, das sie ihm rauben, auf die gewohnte Seelsorge, die sie ihm entziehen. Wenn sie in Genf in den Tempel des heiligen Petrus treten, und auf das Bildniß des Heiligen stoßen, welches die Volkswuth niedergelassen hat, wird weder der Eine noch der Andere sich bücken, um die Trümmer zu sammeln, weil dieses Bildniß in ihren Augen Erinnerungen an einen Gottesdienst weckt, dessen Abschaffung sie für ihren Beruf halten. Wenn auf dem Richtplatze (Champel) ein Scheiterhaufen errichtet wird, und ein Mann ihn besteigt, der dem Herrn lobsingt; so dürft ihr versichert sein, daß Calvin nicht einmal seine Stimme ändern wird, und wenn auch eine Thrä'ne das Auge Bezas netzt, wird er sie mit seinem geistlichen Gewände so abzuwischen wissen, daß sein Meister die Spuren nickt mehr entdeckt. Liclleicht ist euch wenigstens an Beza diese Erstickung jedes menschlichen Gefühls erklärlich durch den Glauben, zu welchem ihn Calvin gebracht hatte: denn Beide glaubten an die Vorherbe- stimmung. Sie ist bas Dogma des jugendlichen Reformators. Luther kannte dieses entwürdigende System, welches den Menschen der Verzweiflung preisgibt und ihn an Gott selbst zweifeln ließe, er hat sich mit Melanchthon darüber ausgesprochen und Denjenigen verflucht, der cs zuerst in die Welt brachte. Es ist das sonderbare Schicksal der Reformation, daß sie die edelsten Gefühle der Seele austrocknct, da sie dieselben durch den „unfreien Willen" Luthers bis zum thierischen Triebe erniedrigt, ihr in dem Werke des erleuchteten Earlstadt, nach diesem Leben die Orte der Versöhnung raubt, wo sic noch weinen und büßen könnte; und sie in der Anordnung Calvin's an den Fatalismus fesselt, wie einen Gefangenen an den Galgen. Das sind die drei großen Wahrheiten, welche die Reformation den Menschen brachte: die Sklaverei des innen: Menschen, die Nutzlosigkeit des Gebetes, und das Zeichen der Verworfenheit auf der Stirne des ncugebornen Kindes. Es scheint, daß Calvin seine Ideen von der Vorausbestimmung schon zum System ansgcbildct hatte, und daß er über seine Lehren erschrack; denn um diese Zeit sieht man ihn von Gewissensbissen geplagt, welche ibm die Ruhe des Herzens rauben. Die Furcht redet in seinen Briefen, ff) Er schreibt an einen seiner Freunde, an Franz Daniel: „Ich sehe um mich keinen sickern Zufluchtsort, obwohl mir meine Freunde von allen Seiten einen anerbietcn. Der Pater von Coiffart N Ouotie8 vilim xol i» »>c ilcscenilc-dsm. vcl cmmmi» ml te »ttellelmm, l'xtronniü Iiorrur mo ineesseli.rt. c.ui nnlw „ullue üutisküctio- nos »leckei'ipossenl. I'ruet. ack l'ssli». hat sein Haus ganz hergerichtet, um mich aufzunehmen." Er war sogar von seinem Bischöfe abgesandt, als er den katholischen Schafen seine verderblichen Lehren predigte. Er verrichtet das Amt eines Papisten, obwohl er dem Papismus entsagt bat. „Damals war mir die Gewissensruhe etwas ganz Fremdes," erzählter. „So oft ich in mich selbst ging, oder mein Herz zu dir erhob, o Gott, faßte mich ein außerordentlicher Schrecken, den ich weder durch Sühnungen noch Ge- nugthuungen zu heilen vermochte. Je mehr ich auf mich Acht hatte, desto mehr quälten mich die Gewissensbissen, so daß mir keine andere Linderung und kein anderer Trost mehr blieb, als daß ich mich selbst täusche, wenn ich mich vergesse! Später hörte dieser innere Kampf plötzlich auf; die Linderung und der Trost kamen in seine Seele: das kommt daher, weil er nicht mehr rem Katholicismus angehört: „Gott hat," so soll man glauben, „sein Herz plötzlich bekehrt, bezwungen und zur Folgsamkeit geleitet." Calvin hat uns nicht gesagt, durch welchen Schlag der Vorsehung er plötzlich aus den Finsternissen des Papstthums herausgeriffen wurde. Mann kann sich nickt erklären, warum jener Geist, der Calvin erleuchtete, ihn nicht antrieb, seine geistlichen Schreiben an seinen Bischof zu schicken, ihm die Einkünfte seiner Curatie zurückzucrstatten, und nicht mehr von rem Brode zu leben, das von ketzerischen Händen bereitet war? Er ißt nämlich noch das Brod von Pont l'Eveque, und nährt sich alle Tage davon. Ohne dieses Brod der bischöflichen Barmberzigkeit, wäre er zu dieser Stunde nicht in Paris, er würde seine Lehren nicht aus den nahen Dörfern verkünden; ohne dieses Brod würde er vielleicht als Schlosser arbeiten, wie sein Bruder, oder er würde vielleicht das Geschäft seines Vaters als Schreiber in Novon fortsetzen. Seine Mutter ist nämlich gestorben; um sich in dieser Welt fortzubringen, hat er nur die Freigebigkeit der Familie Mommor, welche ihre milve Hand vielleicht von ihm zurückziehcn würde, wenn sie wüßte, welchen Gebrauch Calvin von ihrer Güte macht; außerdem genießt er noch die Einkünfte seiner Psarrstelle, die sein Bischof als Almosen gab, und auch geben würde, wenn er wüßte, auf welcher neuen Bahn Johann in diesem Augenblicke wandelt, um ihn nur nicht Hungers sterben, oder verzwei- 1) Opus lr., p. IUI. Ovueve >611. 2) I'iuet. ml l'sickm. Deus tsinen -u'eunu j'on ilteutiue suae trenn eursuni meum ulin tunckei» ret'Iexiti ue priiuu, cum superstitionikus papstus muchs pertinueiter uckclietns essem, tpuim nt tucile esset e tum prn- lunckn Intn me extruki, unimum meum snlnln conversicuie ml >1„ei- litstem subvzit. AuLin: vsbcn CcUvin's l. Bd, 3 34 feln zu lassen. Seine Lobredner werden alle stolz, wenn sie uns sagen können: Sehet hieher! Calvin hat nie die priesterlichen Weihen empfangen, er gehörte nie dem katholischen Priester stände an, er hat Luther nicht nachgeahmt. Wir geben ihnen zur Antwort: Als Luther die Sätze an die Kirche in Wittenberg anbeftete, gab er einen Beweis von dem Muthe, der dem Schüler aus Novon abging. Calvin verbirgt sich, er verläugnet seinen Glauben, aber im Stillen, im Finstern verborgen; er macht es wie die Churfürsten von Sachsen, welche sich berauschten von vem Weine, den sie den Klöstern gestohlen haben, und dabei immer gegen die Unmäßigkeit der Mönche predigten. Wenn das ein Schlag des Himmels war, welcher ihn auf dem Wege nach Damaskus traf, so soll er nicht mehr an den morgigen Tag denken: Gott wird wohl für ihn sorgen! Als um diese Zeit Ignatius von Lovola an die Thüre eines Klosters klopfte, um zu den Ungläubigen zu gehen und ihnen zu predigen, sagte er nicht: Gebet mir Brod, sondern: gebet mir einen Wanverstab, und er machte sich dann auf den Weg, auf welchem ihm Gott Nahrung gab, der auch die Vögel des Himmels nährt. Man begreift dieses Mißtrauen gegen die Gottheit nicht, wenn man sich wie Calvin zu einem zweiten Davit macht, in dem mau sich wie in einem Spiegel betrachtet, ") und wenn man auf seine Briefe ein schönes Siegel drückt, auf welchem die Hand des Jünglings Gott sein Herz darbietet, das mit den Buchstaben 1. 6. umgeben ist. 2 ) (s-s war Mangel an Vertrauen auf Gott. Calvin ist eine schüchterne Natur, ein weiches, schwaches Gemüth, wie er selbst von sich bekennt, ^) die Zeit hat ihn angetrieben, er hätte der Zeit nie zu gebieten verstanden! Die Hand Gottes drängte und trieb ihn, sie bediente sich seiner als eines gelehrigen Werkzeuges zu den Warnungen, welche sie der Welt geben wollte. Calvin hatte die Universität von Bourges verlassen (1532) und war nach Paris zurückgekebrt, um an seinem Reformationswcrkezu arbeiten, indem er Freunde suchte, die ihm glichen, die leicht zu verleiten waren, den Wechsel liebten, und die er sehr schnell mit dem Weine der Neuerungen berauschte, der den Lippen so süß schmeckt, für das Gehirn aber so gefährlich ist. Einer ging um den Andern in sein Netz, und folgte seiner Rede, welche die Gabe batte, diejenigen einzuschläfern, deren Gebirn 1) 1'rekuce ckes I'saumes, 2) -Vvertissement des lettre« -> Umirgogne sur le c»ct>el, de llnlvin. 3) Lgu gui »»turn timido, inolli et pusillo -mimu me esse üttem.pr.iek. ad Vsal. sie nicht in Aufregung versetzen konnte. Er predigte rem jungen Volke vie Verachtung der Beicht, die Nutzlosigkeit der guten Werke, die Gefahr der Wallfahrten. Die Mönche, die Klöster und die katholischen Priester waren der Gegenstand seines Spottes. Er declamirte gegen den Luxus der Bischöfe, gegen die Reichthümer der Kirchen, und gegen die Unwissenheit des Priesterstandes. Er Predigte gegen den Prunk der Nachfolger Leo's X., gegen die Ablaß-Missbräuche, gegen die Gülten, welche der französische Hof dem Papstthume leistete. Er kündete eine Lehre an, welche die Welt ändern, diemenschliche Gesellschaft sittlicher machen, den Aberglauben vertilgen und das Licht der Aufklärungen leuchten lassen würde. Er wies auf einen neuen Stern hin, welcher in Wittenberg aufgegangen war und nun über dem Horizonte Frankreichs glänzen sollte. Man hörte ihn an, und seine Erfolge waren grösser, als er gehofft hatte. Er schrieb: „Ich war ganz erstaunt, dass sich alle diejenigen, welche ein Verlangen nach der neuen Lehre trugen, ehe ein Jahr vorüber war, um mich reihten, um von mir zu lernen, obwohl ich erst selbst angefangen hatte. Was mich betrifft, bin ich ein wenig wild und blöde, ich habe immer die Ruhe und Müsse geliebt, ich wollte einen Ort und Mittel suchen, um mich vom Volke zurückzuziehen; aber es ging alles so sehr gegen meine Absicht, dass vielmehr alle Orte, in die ich mich zurückzog, wie öffentliche Schulen wurden. Kurz, während ich immer in der Einsamkeit leben und ungekannt bleiben wollte, hat mich Gott so sehr herumgeführt und durch verschiedene Wechselfälle gezogen, daß er mich nie irgendwo ruhen ließ, mich sogar gegen meine Natur an's Licht zog, und mich in's Spiel hineinschob, wie man gewöhnlich sagt." -*) In Paris hatte Calvin einen Kaufmann Namens Etienne de la Forge, einen eifrigen Lutheraner kennen lernen, dessen Laden am Abende den Neformirten zum Sammelplatz diente, und wo Calvin gewöhnlich predigte. Seine Reden, die immer voll Ungestüm gegen die Katholiken waren, beschränkten sich immer auf das nämliche Thema: Wenn Gott mit uns ist, wer wird dann gegen uns sein L Luther sagte: Wenn unser Werk von Menschen kommt, wird es untergehen; wenn es aus Gott ist, wird es nicht vergehen können. Es ist derselbe 1) Prof des p«. pM) (jui n.iturn «uluustiou« umdrsm <;t okium nmnvi, tune Intodrs« captsro, giiao ruieo oonoo8.«no nn» «unt, ul milii «oee«- 8us omlies üuilsr puklicno scliolne ossont 2) „Das Andenken des seligen Etienne de la Forge sollte unter den Gläubigen gesegnet sein, wie das eines heiligen Märtyrers Jes» Christi." — Outro Io« libertius. Lll. 4. ...i . , Gedanke unter andern Ausdrücken, und Adolph Menzel hat das Wahre davon ausgesprochen, wenn er in der Vorrede zu seiner Geschichte der Reformation in Deutschland sagt: Als wenn eine That auf ibre höchste Gewalt je ein Reckt begründen könnte! Damals geschah, was in Deutschland schon geschehen war: von diesen geheimen Predigten gingen Neophiten aus, die ganz durchglüht waren von einem Feuer, das sie ein göttliches nannten. Es waren Propheten aus dem Stegreife, die sich für berufen hielten, das Werk des fünfzehnten Jahrhunderts wieder herzu stellen; cs waren Doctoren, die nichts gelernt batten und unsere heiligen Schriftausleger der Lüge überführen wollten, Leviten, welche der Hauch Ealvin's in Apostel umwandelte, Sorbonnisten ohne das geistliche Gewand, welche mit dem Meister und mit der Magd disputiren wollten, Handwerker ain Mor- gen, Schüler am Mittag, Prediger am Abende, sie glichen ganz dem Possenreißer, ven uns Walter Scott schildert: Häscher vermöge seines Kopfes, Obersthaushofmeister vermöge seines Gürtels, und Läufer vermöge seiner Füße. Man nannte diese neuen Menschen damals Lutheraner, Venn das Wort Hugenotten war noch nicht erfunden. Diese Lutheraner lebten in großer Anzahl in den französischen Städten; in Meaur besonders, wo sie einen Aufstand erregt batten: die Obrigkeit war mehr als einmal genöthigt, ihren fanatischen Eifer und ihre über- müthigen Reden zu unterdrücken. Vor den Gerichtsbehörden waren sie voll Stolz, im Gefängnisse erfüllte sie Freude und Heiterkeit, sie glaubten von Gott berufen und von seinem Worte begeistert zu sein. Ealvin hatte in Paris eine kleine Kirche gegründet, in welcher er in der Nacht und bei verschlossenen Thüren predigte, die Tradition in ihren katholischen Organen angriff, den Glauben in seinen geheimnißvollen Heilsmitteln, die Kirche in dem Papstthume, die menschliche Gesellschaft in ihrer religiösen Gestalt; so lehnte er sich gegen die Einrichtung des Landes, gegen seinen Gottesdienst und gegen seine Gesetze auf. Pasguier schildert ihn uns, mitten unter seinen Büchern bei seinem Studium, als eine höchst unruhige Natur, die Alles aufbietet um seine Sectc emporzubringcn. „Wir sahen bisweilen unsere Gefängnisse von armen, betrogenen Leuten überfüllt," sagt er, „die er unaufhörlich ermahnte, tröstete, durch Briefe bestärkte, und cs fehlte ihm nicht an Boten, denen die Thore offen standen, obwohl die Kerkermeister emsig dagegen waren. Durch dieses Verfahren gewann er Schritt für Schritt l) kssguier, Ilecllerelles sur In 1'nmce , Ull. 6. 71W. einen Tbeil von unserni Frankreich. Als er so nach langer Zeit die Herren geneigt sah, ibm zu folgen, wollte er einen Schritt weiter tbun, er sandte uns Geistliche, die von uns Prädieanten genannt wurden, sie sollten seine Religion in Schlupfwinkeln ausüben und sehen, wo in unserer Stadt Paris die Feuer gegen sie angezündet wären." Die Staatsgewalt war anfänglich zu Drohungen geschritten; rie Drohungen waren aber vergeblich geblieben. Sie wandte die Ge. fang nisistrafe an, durch das Gefängniß wurde Niemand bekehrt. Die Lutheraner wünschten in ihren bei der Nacht verbreiteten Schmäle schriften der Obrigkeit den Unwillen der Menschheit, den Fürsten den Zorn Gottes, den Päpstlern die ewigen Flammen. Wenn man sie ver- bannte, kehrten sie sogleich wieder nach Frankreich zurück, mit einem Pro seliten-Eifer, der durch all die Erduldungen, welche sie in der Verbannung abgehärtet batten, noch vermehrt worden war. Wenn man ihnen aus der Bibel die Stelle vorlas, in welcher der Apostel empfiehlt, man solle den Mächten der Erde Geborsam leisten, zeigten sie aus ihren Vater in Christo, wie er auf der Reichsversammlung in Worms den Kaiser und die Reichsstände berausforderte, und Gott mehr gehorchen wollte, als den Menschen. Luther war in ihren Augen ein neuer Paulus, dessen Lehre die Welt von den Finsternissen des Aberglaubens befreien sollte. Wenn man ihnen sagte, Luther sei von dem heiligen Stuhle verdammt worden, antworteten sie in lateinischen Versen, welche man über den Rhein gebracht batte: hsgerosikus si cki'ßrms orit Cutlrerus in ulüs, Ct Christus cki'gnus criminis Kusus orit. Sagt man, dasi Lutherus sei schuldig einiger Ketzerevai Ei so muß dann Christus selbst dieses Lasters schuldig sevn. Die Obrigkeit wollte die längste Zeit nicht wissen, was auf Erden vorging und was die Ketzerei angerichtet halte, denn sonst batte ihr es selbst rer arme Earlstadt zeigen können, der vor dem Zorne Luther's floh und genölhigt war, Sachsen zu verlassen und in der Fremde um sein Brod betteln zu gehen, weil er an die Lehre des Mönchs geglaubt halte und eine neue Lehre in der reformirten Welt einführen wollte. Jetzt nahm man zur Gewalt die Zuflucht: man errichtete Scheiterhaufen, auf welche einige Schwärmer stiegen, die der Tod zu Martvrern machte. Es waren leichtgläubige, mehr des Mitleids als des Zornes würdige Seelen, welche durch ihren Abfall den Himmel zu verdienen hofften, und für die Verherrlichung einer Lehre starben, die sie nicht verstanden und für die heut zu Tage nicht einer der Nachfolger Calvins auch nur einen Tropfen Tinte vergießen möchte! Der Christus, den Calvin lehrte, gleicht nicht mehr demjenigen, den einige Prediger heut zu Tage in Genf verkünden. Der Christus des Johannes von Noyon hatte eine doppelte Wesenheit, er war Gott und Mensch', zugleich ; und der Christus der Nachfolger des Reformators ist eine Monade, welche ihre göttliche Glorie abgelegt hat, und nichts mehr ist, als ein aus Lehm gebildeter Adamssohn, der nur ein wenig größer ist, als Mahomed oder Alexander. IV. Kapitel. Die Abhandlung von der Sanftmuth. Prüfung dieses Werkes. — Peinen und Quäle» des Verfassers. — Verschiedene Briefe. — Calvin verkauft seine Pfarrstelle und seinen Antheil am väterlichen Erbe. Als man einen von Luther's Anhängern tödtetc, erhob er mit Macht seine Stimme und rief den Königen, den Kaisern, den Herzogen zu: es ist das Blut des Gerechten, das ihr vergossen habt. Damals schrieb der Mönch eine Hymne zu Ehren der Märtyrer und man sang sie den Herrschern in's Angesicht: „Zu Brüssel in dem Niederland, Wohl durch zween junge Knaben Hat Gott sein Wunder macht bekannt, Die er mit seinen Gaben So reichlich hat gezieret." Calvin wagte es nicht, Luther nachzuahmen. Er hat uns schon gesagt, daß ihm der Muth fehlte. Er wiederholt noch an einem andern Orte, er sei aus dem Volke, klein als Mensch und als Gelehrter, er habe nichts an sich, was ihm einige Hoffnung machen könnte, be- rühmt zu werken. ^ Er versuchte jeroch eine schüchterne Gegenrede zu Gunsten einiger Hugenotten einzulegen, ric man öffentlich verbrannt hatte: cs ist die Arbeit eines zweideutigen Gcmüths, das anders hantelt, als cs spricht, wie Papvrius Maffon sagt. Es ist Calvins erstes Werk und führt ren Titel; „Ile Clsmontia;" eine Umschreibung der Schrift eines lateinischen Autors, aus dem Zeitalter des Verfalls der Wissenschaft. Uebrigens ist es hier wohl ras erstemal, daß ein Commentator ras Leben desjenigen nicht kennt, ressen Werke er an's Licht bringt. Calvin hat die beiden Seneca, ren Vater unt ten Sohn vermengt, er macht aus dem Redner und rem Philosophen nur eine und dieselbe literarische Person, sie leben ein einziges Patriarchenleben von 115 Jahren. Man muß an Varillas entschuldigen, daß er diesen Jrrthum tes Biographen Seneca's des Philosophen mit zu großer Empfindlichkeit ausgedeckt hat, man darf sich nicht, wie die Geschichtschreiber der Reformation über das stolze Wort des französischen Geschichtschreibers erzürnen. Welcher Protestant machte es nicht eben so wie Varillas, wenn ein solches Versehen einem Katholiken begegnet wäre. Die literarische Arbeit Calvins, eine Art Auslegung zu der Abhandlung Seneca's könnte auch von einem Schriftsteller aus der Zeit der Wiederauflebung derWiffenschaft verfaßt sein: cs ist eine mönchische Auseinandersetzung, von der man glauben sollte, sie sei in der Zelle eines Benediktiners geschrieben worden, so sehr drängen sich die Citate, so groß zeigt sich die Gelehrsamkeit, die von griechischen und lateinischen Namen der Poeten, Geschichtschreiber, Moralisten, Redner, Philosophen, Philologen umringt, einherschreitet. Calvin ist ein gefallsüchtiger Schüler, der mit seiner Belesenheit und seinem Gedächtnisse Aufsehen machen möchte. Sein Buch ist eine offene Gallerte aller literarischen Berühmtheiten alter und neuer Zeit, welche der Commentator zu Hilfe nimmt, um dunkle Stellen zu beleuchten. Der junge Redner liebt sein Vaterland; wenn er auf seinem Wege einem historischen Namen begegnet, der seine Ansicht erklären kann, beeilt er sich, ihn mit 1) k'nus 08 cke (Dementi» aliinl »gens, aliuil 8imul»N8. 3) Vürilliis, ltiüEe cke I'klereüie, etc., lix. X. ö»xle. Xit. l.aXi». 4) 3o»»ni8 (^»Ivjni in I.. Xnnsei tienee»e, Itoimini »enstnris »e >>Iiiw- sopki elsrissimi, libros ckuos cke tllementia sck Xeronem esesarem, (iommenlaeii, OenevAe. 40 allen Verdiensten zu nennen, die Ansprüche aui unsere Bewunderung machen. Er begrüßt Budeus in den erhabensten Ausdrücken: „Budeus, die Zierde und Stütze der Wissenschaft, dem Frankreich beut zu Tage die Palme der Gelehrsamkeit verdankt." Das Bild, welches er von Seneca entwirft, verrätk eine geübte Feder. „Senccas Rede ist rein und schon, man merkt ihr sein Zeitalter an, die Schreibart ist zierlick und blühend, der Styl ist frei und leicht fließend." '^4 Man siebt, daß der Schüler ras Glück batte, unter Mathurin Eordier zu studiren und den Vorlesungen Alciatis beizuwohnen. Im Ganzen genommen ist aber seine Schrift eine ganz verfehlte Allegorie, denn welcher Leser hätte crrathen können, daß der Verfasser unter dem Namen Nero's, an den sich der Cordovaner wendet, Franz I. rarstellen wollte. Die Abhandlung konnte kein Aufseben machen, wie das Werk Seneca's mußte es in diesem tobenden Meere von Leidenschaften, von denen die Zeiten beider Schriftsteller erregt waren, überhört und unbeachtet bleiben. Calvin mußte sich viele Mübe geben, um Viesen lateinischen Kommentar zum Drucke zu bringen: es fehlte ihm an Geld, die Einkünfte seiner Pfarrstelle von Pont l' Eveque waren nickt hinreichend, um den Buchdrucker zu bezahlen. Sollte er sich an die Familie Mommor wenden? Er fürchtete auch, das Buch könnte bald vergessen werden und seinem aufkeimenden Ruhm schaden. All diese Sorgen zeigen sich in verschiedenen Briefen, welche der Schüler über diesen Gegenstand an seine vertrautesten Freunde schrieb. „Endlich ist Seneca's Schrift über die Sanstmutb auf meine Kosten und durch mein Bemühen im Druck erschienen! „Ich muß nun Sorge tragen, daß es verkauft wird, und ich wieder zu dem Gelde komme, das es mich gekostet hat; dann, daß ich auch meinen Rus rein erbalte. Vor Allem wünschte ick zu wissen, ob man meine Arbeit günstig oder kalt ausgenommen babe." Alle Sorge des 1) kei litersrjsc «lecuk sc columen, ccijiu, kcncsjcm pslmsm cruckitio- riiki kiuclic situ vcnclicst nustrs OsIIis. 2) 8crmc> purus sc niticlus, s»„m scilicel sscculum rcckolcns; genu§ ,li- ccncli olegsnx sc sturiclum, -itvlun iliskinrstiiü sc ümc snxictstc fluciu-. 4) Paul Henry, S. sü 4) l.itiri 8cnecsc clc ('.Icmculis innelciu excussi xnnt mc>8 xumplidus ct mes opci's; nunc cursncium ut uucliguc coliigstur jiecunis, quse in xumtus impcnss cut; ckistu ut sslvs üit mcs cxistimstio: primum vciim midi ut rcscridss guo tsvnrc vcl krigorc cxecpti kucriiu. ^ick.. Lccl. öcrneiucis. — DaS erste Buch der Abbandlung über die Sanstmutb cntbält 2li Kavitel. das zweite 7. armen Autors gebt däbin, daß er bei diesem Unternehmen nichts verliere: seine Börse ist leer, er must sie also wieder füllen; er wendet sich an die Professoren, dast sie die Abhandlung verbreiten möchten; an einen seiner Freunde in Bourges, welcher Mitglied der Universität ist, stellt er das Gesuch, er möchte seine Schrift vom Lehrstuhle herab lesen; von Daniel hofft er, dast er hundert Exemplare absetzen werde. * l Papvrius Massen irrt, wenn er sagt, der Commentar zu der Schrift über die Sanstmutb von Seneca sei unter der Aufschrift erschienen, von: „I.uoius Calvin»» civi» roinauu»;" er trug den Namen „Calvinus", welchen der Reformator von nun an immer führt. " ) Diese Abhandlung machte Calvin der gelehrten Welt bekannt. Bucer, Capito, Oekolampadius, beglückwünschten ihn. Von Novon aus hatte Calvin im September 1532 ein Exemplar an Bucer gesandt, der damals in Strastburg war. Das Empfehlungsschreiben Calvin'S ist voll süsten Mitleidens für die Leiden des Sünders: „Mein lieber Bucer," redet er ibn an „du wirst nicht taub sein für meine Bitten, du wirst meine Schriften nickt unbeachtet lassen; ick bitte dich komme dem Verlassenen zu Hilfe, sei dem Waisen ein Vater." ^ Das hieß den Kranken einem finstern Arzte emvfeblen! Bucer war nacheinander Katholik, Lutheraner, Wiedertäufer und Zwingli- aner! Und wozu soll dieser Proselvtismus sittlicher Heilung dienen? Der Verbannte ist aus demselben Grunde Wiedertäufer wie Calvin Anhänger der Vorausbestimmungslehre: durch die Bibelstellc: „Wer glaubt und getauft ist, wird selig." der Wiedertäufer glaubte, die Taufe sei ebne Wirkung, wenn der Glaube nicht durch eine äußere Handlung bezeugt werde. War aber Calvin gegenwärtig weniger zu bedauern, als der Wiedertäufer? Auch er zweifelte, zog die Bibel zu Rathe, und glaubte, er habe den Sinn eines Buchstabens erfaßt, den vor ihm kein Verstand begriffen hätte. Welches war nun die Wahrheit, deren Erfassung ihm so große Furcht einjagte, daß er seine Pfarre von Pont l'Eveque und sogar sein väterliches Erbe verkaufte, ehe er sie bekannt machte? 2>n Jahre 1531 erschien Johannes Calvin vor den königlichen Notaren Simon Legender und Peter Lerov im Chastelet zu Paris, 1/ landein facta est »Io», dlxiecnnt euininentaiü inei in lidrvs Henecae de d.Ieinentia, sed weis sumptiüus, c>u«e plus pecuniae exkauserunt. guam til» persuaderi pussit, etc. riss. .Vreli. Leck. Lernensis. 2) llapvrius rkssso, xjts Oalvini. riaimboucx;, Ilisluire du Calvinisme. >>-ä7. 3) Pank Henri,. S, Sä. 42 um seinen Brüdern die Vollmacht zu ertbeilen, zu verkaufen, was ihm von der väterlichen und mütterlichen Berlassenschaft zugefallcn war. „Allen denen, welche diesen gegenwärtigen Brief sehen, entbieten wir Johann de la Barre, Graf d'Estampcs, Gouverneur von Paris und Oberrichter dieses Gerichtes, unfern Gruß und thun zu wissen, daß vor Simon Leg'cndre und Peter Lerov, Notaren des Königs unsers Herrn im Chastelet zu Paris, persönlich erschienen: Herr Johannes Calvin, Licenciat der Rechte, unk Anton Calvin, sein Bruder, Kleriker, wohnhaft in Paris, Söhne von Gerhard Calvin selig, ker bei Lebzeiten Schreiber des Herrn Bischofcs von Noyon war, und von Johanna le Frank seinem Eheweib; gemeinschaftlich unk jeder insbesondere verordnen und bestellen sie als Anwalt und Bevollmächtigten, Meister Carl Calvin, ihren Bruder, dem die Gegenwärtigen die Vollmacht geben, zu verkaufen, abzutreten unk zu überlassen, an eine Person oder an Personen, die zwei Drittheile, die ungetheilt den obgenannten Vollmachtgebenden als Eigenthum angehören, das ihnen durch Erbfolge und den Tod der genannten seligen Frau Johanna le Frank ihrer Mutter zugefallen ist, dann ein Viertheil auch ungetheilt, von ungefähr vier und ein halb Morgen Wiesgrund, im Weichbild von Novon, welche zum Theil an das Holz Chastelain, überdieß an das Gut der Nonnen, der Aebtissin und des französischen Klosters, Abbave au Bois, kann an jenes der Brüder und Schwestern des Gotteshauses St. Johannes in Novon und das Kapitel der Kirche zu unserer Frau in dem genannten Orte, angränzen, und an dem Wege liegen, der von Novon nach Genurv führt: der genannte Verkauf, die Abtretung oder llebertragung soll unter den Bedingungen und um die Preise geschehen, welche der genannte Herr Carl Calvin, ihr Bruder und Anwalt für gut findet; er soll rie Handgelder in Empfang nehmen, und Gewähr leisten, mit Verschreibung all ihrer künftigen Güter. So geschehen im Jahre 1531, Mittwoch 14. Februar." Einige Zeit später trat Calvin sein Beneficium von Gesine an Anton de la Marliere ab, „meelinnto protio convenlioniüsagt die Cessions-Urkunde, und seine Pfarre von Pont l'Eveque an Caim. 1) Alles Obige ist bewährt durch den seligen Herrn Anton de Mcsle, Toctor der Rechte, Rentmeister nnd lsanonicus der Kirbe von Nonon, ordentlichen Richter des bischöflichen Gerichts dieses Ortes, und durch das Zeugniß non Papirius Masson: „lltw illa Irniiellein ^<'>icljlnrIioro uniim. nltt-i-iim Eitlwlmv »asm, peeslnlsni n,nio iri<-„?iü oen-Inüii«-," Papirin» har Bonns '!>„ für Eaim. — Ve Basseur, - bk - 43 ko« W V. K a p i t e l. in» »R jttn Calvin am Hofe Margaretha s. Die Pfycho- pannychie LSA4—LSAS. an kn w KS z» Llgk ik r an rie n iB (5Dp und Calvin stückten sicki von Paris. — Der Hof von Nerac. — Calvin in Clair. — Dn Tillct. — Calvin in Orlcon's. — Die Reformation in Frankreich. — Servetus. — Verbannung Calvin's. — Straßbnrg. — Basel. — Die Psychopannvchie. — Prüfung dieses Werkes. — Calvin's Urtheil. — Der Sturm wurde vorbereitet, Calvin wollte einen andern Kopf, als den seinigen vorschiebcn; er hatte ihn schon gewählt, jenen des Rectors der Sorbonne in Paris, Nikolaus Cop. Cop war ein Deutscher, aus Basel. Er war für den jungen Schüler eingenommen wegen seiner gewandten Redegabe, seines tugendhaften Aussehens, seiner Kenntniß der heiligen Schrift, dann wegen seiner Spötteleien über die Mönche, und seiner höhnischen Ausfälle gegen die Universität. Er war übrigens eines plumpen, derben Geistes, der in theologischen Dingen nichts verstand, und sich viel besser in einem Speiscsaal ausnahm, als in einer gelehrten Versammlung, besser an der Tafel, als auf dem Lehrstuhle. Cop mußte an dem Tage Allerheiligen vor der Sorbonne und der Universität die gewöhnliche Rede halten. Er empfahl sich dem jungen Calvin, der sich daran machte, und ihm, wie Beza sagt, „eine ganz andere Rede zusammenstellte, als man sic sonst von ihm zu hören gewohnt war." *) Die Sorbonne und die Universitär wohnten der Reve nicht bei, sondern nur einige Franziskanermönche, deren Ohr beunruhigt wurde beim Anhören dieser übeltöncnden Sätze über die Rechtfertigung durch den bloßen Glauben an Christus. Diese Irrlehre ist alt, sic fährt seit mehreren Jahrhunderten in allen Schreib- beftcn der Jrrlehrer herum; zwanzigmal ist sie gestorben, zwanzigmal I) öere, Hist. Lcele». k. 1. i>. 14. hat sie sich wiedererbobcn, und Calvin richtete sie in der Rede Cop's durch einiges Flittergold als etwas Neues und Frisches der. Unsere Franziskaner batten aber eben so gute Angen, als Lehren; sie erkannten die heimliche Ketzerei und legten dem Parlament einige Sätze vor, die sie sorgfältig ausgeschrieben hatten. Cop fand sich in Verlegenheit versetzt durch seinen neuen Ruhm: er hatte keinen so großen Lärm erwartet. Cr hielt jedoch für gut, die Universität zu einer Versammlung bei den Matburinern einzuladen. Die ganze Universität kam, um ihr Urtheil über die Angelegenheit auszusprechen. Der Rector begann eine Rede zu halten, die von Calvin verfaßt war, und in welcher er förmlich läugnet, daß er die angezeigten Sätze gepredigt habe, mit Ausnahme eines einzigen, gerade des schlimmsten, von der Rechtfertigung. Man kann sich vorstellcn, welche Aufregung der Redner veranlaßt. Er konnte sich kaum verständlich machen, als er um Nachsicht bitten wollte. Die alten Sorbonnisten wurden entsetzlich aufgebracht auf ihren Sitzen. Man würde den unglücklichen Cop festgenommen haben, wenn er sich nicht davon gemacht hätte, um nickt mehr zu erscheinen. Der Schüler hielt sich im Collegium Fortet eingeschlossen, welches schon von den Häschern umringt war, welche Johann Morin an- sührte. Calvin war von ihrer Ankunft unterrichtet worden. „Er entkam durch ein Fenster, flüchtete sich in die Vorstadt Saint Victor, in die Wohnung eines Winzers und wechselte da seine Kleider, zog ein Winzerhemd an, nahm einen Sack von weißer Leinwand aus seine Schultern und schlug den Weg nach Novon ein." Ein Canonicus dieser Stadt, der nach Paris ging, erkannte den Pfarrer von Pont l'Eveque. „Wohin geht ihr denn, Meister Johann, in diesem Anzuge," fragte der Canonicus; „wohin Gott will," antwortete Calvin, der die Ursachen seiner Verkleidung angeben wollte. — Würdet ibr nicht besser thun, wenn ibr nach Novon zurückkehrtet," sprach der Canonicus, „und zu Gott," fügte er bei, indem er den Schüler bedauernd ansah. I i kever» Lupus siispevtae eoepit esse ticket, et quia pater ejus Ouitlel- mus, eegis ineclieus, pneuin ssne super« ereckekutur, et quin «um tuieretiei's lsrniti.iriter eonversuri euinpertus «st. I'nctv pustguurn res- eitum est e»m t'ugisse, .luliunnes .>Iorinus Luttivus Lulvinum, csui tune in eollegio llurtetieu morulnitur, utiusipie ejus fuinitinres inc,uj- sivit ,icl cleprelienckum, seit tili simititer lug» sitii cnnsnluerunl. Ikist. universitutis kurisiensis uueture Lulueo, t. VI., p. 2^!>, in tut. I'n- lis, I67tt. 2) Uesinsx. — ltrelincourt, p. >7ö. l'upviius .Uussu. Lern .... qiw ckumi non reperto. Calvin schwieg einen Augenblick, dann faßte er die Hand des Priesters; — „icb danke," sprach er, „es ist zu spät!" Während dieses Gespräches wurden Calvin's Papiere durchsucht und diejenigen hinweggenommcn, welche seine Freunde in Verlegenbeit setzen konnten. Calvin fand eine Zufluchtsstätte bei der Königin von Navarra, welche sich glücklich schätzte, ihren Schützling wieder mit der Universität und dem Hofe auszusöhnen. Der Vermittler, welchen sic wählte, wußte die öffentliche Gewalt zu hintcrgehen. Calvin vertrat eine Ansicht, welche der König schonen zu müssen glaubte. Franz I. begründete seinen Ruhm durch die Gunst, welche er den Künsten gewährte. Er hatte große politische Fehler, die er begangen, gut zu machen, und glaubte jetzt mit Recht, daß die Gelehrten ihn in den Augen des Volkes wieder zum Ansehen bringen könnten. Cr war zugleich der Beschützer und Sclavc der Gelehrten und Schriftsteller. Der kleine Hof von Ncrac war damals der Zufluchtsort der Schriftsteller, welche lücr, wie Dcsperriers, ihr „(Zmlmlmu muiuli" stimmten; hier versammelten sich die galanten Frauen, welche erotische Erzählungen schrieben, deren Heldinnen sic oft waren; hier lebten Dichter, welche Lieder sangen, wie Beza; Theologen, welche über die Jungfrau Maria und die Heiligen spotteten; Bischöfe, welche sich von Jagdhunden und Buhlerinncu unterhielten; Castraten aus Italien, welche aus dem Theater der Königin Comödien spielten, deren Stoff aus dein neuen Testamente genommen war, in denen Jesus Christus Mönche und Religiösen ein schreckliches llebcl nannte; da lebten blödsinnige Fürsten, die wie der Mann der Königin, kaum lesen konnten, aber über Glaubenssätze und Kirchcndisciplin sprachen. Gegen Roussel, den Beichtvater der Königin Margarecha schrieb Calvin später seine Schrift: „.Vckvormis >ico(Iemilu8." In Nerae traf Calvin le Fevre d'Etaplcs, welcher vor dem Zorne der Sorbonne floh, und den jungen Mann so gerne sah, von dem er weissagte, er werde der Urheber der französischen Kirchcnrcstauration; 'Z gerate so, wie dem kranken Luther, nach Mathcsius Zeugniß, ein alter Priester gesagt hatte, er werde nicht sterben, sondern noch ein großer Mann werden. Le Fevre d'Etaplcs war übrigens ein armer, rechtschaffener Mann, der oft die Verse im Munde führte, die man in Ncrac aus sein Grab setzte: 1) I'Ioriiiloncl cl»; ir-wiilon-i, ,>. 2) Höre, Vie civ ir:ic8CNli vituc ckiscrimmc, »lituliüüc mcam ugcrum »ck cum s.imiixjum, ncc per me 8lctis8c >>»» mi»»8 rcci>iiscc»ti immum >>ii »m»c8 porri^crcnt. .!>,!>. Oulviui rctutulio errorum 8crvcli. .Vmst. t. 8. p. 511. Diese Widerlegung ist vom Jahre 1454 datirt. Im Jahre 1548 hätte Calvin dem. nach Servetus znm Streite aufgefordert. Die obige Begebenheit fällt aber in das Jahr 1543. Das von Calvin angezeigte Datum ist demnach falsch. 2) Man sehe im zweiten Bande das Kapitel mit der llcberschrift: Michael Servetus. der Abhandlung des Philosophen Seneca nachgesucht hatte. Das Zeugnis dieses Geschichtschreibers ist gewichtig. Soulier war weder dom Hasse, noch vom Zorne, noch von andern Leidenscbaften eingenom men, er suchte die Wahrheit und glaubte sie in einem Schreiben gefunden zu haben, welches man hier lesen möge. „Wir Unterzeichnete Louis Charretvn, Mitglied des königlichen Rathes, Aeltester der Präsidenten im Parlamente von Paris, Sohn des seligen Herrn Andreas Charreton, der bei Lebzeiten erster Baron der Champagne und Rath der großen Parlamentskammer von Paris war: Frau Antonia Charreton, Wittwe Nocl Renouards, der bei Lebzeiten Magister in der Rechnungskammcr von Paris war, die Tochter des seligen Hugo Charreton, der bei Lebzeiten Herr von Montaugon war, und Johann Charreton Herr de la Terriere; alle drei Geschwisterkinder und Enkel Hugo Charretons: wir behaupten, daß wir unsere Väter mehrmal haben sagen hören, der genannte Herr Hugo Charreton, Herr de la Terriere und Douze, habe ihnen mehrmal gesagt, daß unter der Regierung Franz 1., als der Hof zu Fontainebleau war, Calvin, Benefiziat in Nopon, dahingekommen sei und in dem nämlichen Hause gewohnt habe, in welchem der genannte Herr von Charreton wohnte, welcher vernommen habe, daß Calvin ein gelehrter und sehr wissenschaftlicher Mann sei: da er die Gelehrten liebte, habe er ihm kund gethan, daß es ihn sehr erfreuen würde, wenn er mit ihm in's Gespräch kommen könnte, was Calvin um so lieber einging, da er sicher glaubte, daß der genannte Herr von Charreton ihm in der Sache behilflich sein könnte, welche ihn nach Fontainebleau geführt hätte: nach einigen Unterredungen habe ihn der Herr von Charreton um den Zweck seiner Reise gefragt: worauf Calvin geantwortet habe, er wolle ein Gesuch an den König stellen, bei welchem er nur Einen Mitbewerber habe, welcher ein Anverwandter des Connetable sei, worauf ihm der genannte Herr von Charreton geantwortet habe: er glaube, daß nichts daraus werde. Calvin habe dann gesagt, er wisse zwar, in welchem Ansehen der Herr Connetable stehe; er wisse aber auch, daß der König die tüchtigsten Personen wähle, um ihnen Benefizien zu verleihen, und der Anverwandte des Connetable sei ein sehr schwacher Kopf: darauf habe der genannte Herr von Charreton ihm geantwortet, es komme darauf nicht an, und es bedürfe keines großen Talentes, um ein unbedeutendes Benefizium zu erlangen. Da habe der obgenannte Calvin ausgerufen und gesagt, wenn man ihm ein solches Unrecht an- I) 8c>ulisr, lUstoire cts Oslvinismo. Paris, 168U in 4 ", >). 6 — 8. Audinl Leben Calvin'S I, Bd. ^ thue, werde er Mittel finden, daß man davon mehr als 500 Jahre reden soll; als darauf der genannte Herr von Charreton in ihn gedrungen sei, er solle ihm sagen, was er zu thun gesonnen sei, habe er ihn in ein Zimmer geführt und ihm den Anfang seiner „Unterweisung" gezeigt; nachdem er einen Theil gelesen habe, sei Charreton von Calvin um sein Ur- theil gefragt worden: darauf habe er ihm gesagt, es sei „in Zucker eingemachtes Gift," und er werde doch wohl eine Arbeit nicht fortsetzen, die nichts anders sei, als eine irrthümliche Auslegung der heiligen Schrift und alles dessen, was die heiligen Väter geschrieben haben; und als er gesehen habe, daß er fest auf seiner bösen Absicht beharre, habe er den Connetable davon in Kenutniß gesetzt, der ihm sagte, Calvin sei ein Narr und man werde ihn wohl noch zur Vernunft bringen. Als aber zwei Tage später das Benefizium an einen Verwandten des Connetable vergeben worden sei, habe sich Calvin zurückgezogen und seine Irrlehre zu gründen begonnen, welche sehr bequem sei und deßhalb von einem großen Theil des Volkes, theils aus Leichtfertigkeit, theils aus Unwissenheit angenommen worden sei. Als sich der Connetable einige Zeit darauf in sein Gouvernement nach Languedoc begeben habe und durch Lion gekommen sei, und der genannte Herr von Charreton ihn besucht habe, hätte er ihn gefragt, ob er nicht zu Cälvin's Secte gehöre: worauf er ihm geantwortet habe, er wäre sehr unglücklich, wenn er sich einer Religion anhäugen würde, deren Vater er hätte aufwachsen sehen. Zur Beglaubigung dessen haben wir uns unterzeichnet, in Paris den 20. September 1682. Charreton, Präsident, A. Charreton, Wittwc Renouards und Charreton de la Terriere, Nachdem Calvin in Orleans seine „Psvchopaunychie H1534)" berausgegeben hatte, reiste er ab. Cr hatte vor, Basel zu besuchen, das damalige Athen der Schweiz, die berühmte Stadt, welche Erasmus so lange bewohnt hatte; den Aufenthaltsort der Gelehrten, berühmter Buchdrucker, Theologen; wo Frobenius seine schöne Ausgabe der Werke des heiligen Hieronymus beendigte, wo Holbein seinen Christus im Todtcntuche malte, wo Capito die hebräische Sprache lehrte und Oekolampadius seine Psalmen erklärte. Er verließ Orleans und nahm seinen freund du Titlet mit sich. In der Nähe von Metz plünderte sie ihr Diener aus, und entfloh mit ihrem Mantelsack und ihren Kleidern, sie waren genöthigt, zu Fuß nach Straßburg zu reisen, beinahe ohne Kleider; ihre ganze Habe betrug nicht mehr als zehn Thaler. Calvin brachte hier einige Zeit damit zu, daß er die verschiedenen Umgestaltungen studirte, welche die rcformirtc Lebrc seit fünfzehn Jahren erfahren hatte. Er trat in enge Berbin- düng mit einigen der berühmtesten Stimmführer des Protestantismus. Jeder andere, welcher ohne Vorurtheil gegen den Katholicismus hieher gekommen wäre, hätte eine heilsame Lehre in der unaufhörlichen Aufregung gefunden, welche in dieser Stadt herrschte, die nicht wußte, worauf sie sich stützen sollte, um Ruhe zu gewinnen, die seit dem Jahre 1521, lutherisch, wiedertäuferisch, zwinglisch war, und in diesem Augenblicke von einer neuen Umgestaltung träumte, die sie mit Hilfe Bucer's, eines ihrer neuesten Gäste, vornehmen wollte. In Basel fand Calvin Simon Grvnäus und Erasmus. Calvin konnte den niederländischen Philologen nicht vergessen, dessen Name einen europäischen Ruf hatte; nach einer kurzen Unterredung schieden sie von einander. Bucer, welcher dem Gespräche beiwohnte, wollte die Meinung des schalkhaften Greises erfaßen. „Meister," sprach er, „was halt«t ihr von dem neuen Gaste?" Erasmus lächelte, ohne zu antworten; Bucer bestand auf seiner Frage: — „Ich sehe eine große Pest entstehen, in der Kirche, gegen die Kirche," sprach der Verfasser der Schrift: „«Io lilloro -uVitrio." Am folgenden Tage kam der Parlamentsschreibcr du Tillet von Paris nach Basel und führte seinen Bruder Ludwig mit Bitten und Thränen hinweg; worauf er dann Reue bezeugte, seine Verirrungen abschwor und bald darauf zum Archidiacvn erwählt wurde. Diese Würde machte ihm Rcnaudie streitig, dessen sich die Reformation zur Verschwörung von Amboise bedienen mußte. 2 ) Die „Psychopannychie," das erste polemische Werk Calvin's, tst eine Streitschrift, welche er gegen die Secte der Wiedertäufer rich- ete, welche der Bluttag von Frankenhausen besiegt, aber nicht gebändigt hatte. Der Geist Münzer's lebte in den Schülern wieder auf, welche mit ihren mvstischen Träumereien nach Holland, Flandern und Frankreich auswanderten. Luther hatte wohl den Versuch gemacht, Münzer zu gewinnen, indem er sich einbilvete, daß er mit Hilfe seiner 1) Video inn-rnam >>esten> ori in eeclesi» contra ecelesiam, Barckhuse» erhebt in seiner historischen Nachricht über Calvin (S. 24) Zweifel über den den Satz des Erasmns und über einige Umstände, welche von Florimond de Raemond in Betreff der Unterredung berichtet worden sind, 2) I>'Iorimo»<1 cle kaeinouck, pag. MV, 4) Sein Werk führt den Titel: „Traite >>ar Icgnel ,cst pronve gne los ames veillent cl vivenl ajncs gn oilos sonl sorlies «In cor,,s: contre I'erreur clo cznelgnes iznorants ,s»i i>ense»t isn'elles elormcnt sus^n'au su^e- menl «lernier, lUctace cke denn Calvin ackresseo ä nu de ses amis li'Orleans, lö:l4," Zn lateinischer Sprache: „psvckoi'unn^cliia guo re- kellitnr eornm error gui animas i>ost mortem usguo all ultimum fncki- einm ckormire putanl. Varis 1534. glühenden Rede, seines pindarischen Zornes, seiner Flammen und seines Donners mit dem Meister der Bergleute zum Ziele kommen könnte, wie er es mit all den theologischen Zwergen gemacht hatte, die ihn nicht hatten anschauen können. Auf der Höhe des Berges war er dem Münzer im Blitze erschienen, aber dieser Blitz hatte seinen Gegner nicht erschreckt, der es wagte ihm fest in's Angesicht zu schauen. Auch Münzers Rede war voll Feuer und er hatte sich ihrer auf eine wunderbare Weise bedient, um die Bauern zum Aufstand zu erregen: diesimal war der Sieg dem Manne des Hammers geblieben. Und Luther, der mit ihm um jeden Preis ein Ende machen wollte, war ge- nöthigt, von dem Schwerte eines seiner Fürsten Gebrauch zu machen. Die Ueberreste, welche dem Leichenbegängnisse in Thüringen entronnen waren, hatten sich in ein neues Land geflüchtet. Frankreich hatte sie ausgenommen und die Propheten des Wiedertäuferthums angehört. Diese Wiedertäufer verbreiteten aufrührerische Lehren. Sie träumten von einer Art Jerusalem, das aber wohl unterschieden werden muß von dem Jerusalem der Juden; es war ein geistiges Jerusalem, ohne Schwert, ohne Soldaten, ohne bürgerliche Obrigkeit: eine vollkommene Stadt der Auserwählten. Ihre Lehre war vom Pelagianismus und Arianismus angesteckt; in einigen Puncten stimmten sie mit den Katholiken überein: in der Lehre von der Vorherbestimmung zum Beispiel, und in der Lehre von dem Verdienste der guten Werke. Einige von ihnen lehrten, die Seelen der Verstorbenen schlafen bis zum Tage des Gerichts. Gegen diese „Schläfer" richtete Ealvin seinen Kampf. Der Commentar über den Seneca ist eine philologische Arbeit, ein Buch aus der Zeit des Wiedererwachens der Wissenschaften, eine rednerische Deklamation, durch welche sich Ealvin einen Platz unter den Humanisten verschaffen und allen Verehrern des Cicero, die in seiner Zeit lebten, in gutem Latein schmeicheln wollte; und das war eine geschickte Weise um sich hervorzuthun. Die lateinische Sprache war das Idiom der Kirche, Klöster, Eollegien, Universitäten und Parlamente. Die „Pspchopannpchie" ist eiue religiöse Streitschrift, in welcher Ealvin den ersten Schmähschriftenschreiber Deutschlands zum Rivalen hatte; Luther nämlich. Es ist gewiß, daß Ealvin die Schriften kannte, welche der sächsische Mönch gegen Eck, Tetzel, Pricrias, Latomus und die Sorbonnisten schrieb. Es ist zu loben, daß er nicht in einem solchen Geiste zu streiten versuchte, wie sein Rivale stritt. Wenn er sich wie Luther der Carricatur hätte bedienen wollen, wäre er ohne Zweifel unter ihrer Last erlegen. Die Witzeleien, Wortspiele und beißenden Einfälle waren nicht für einen Geist seiner Art, dessen Grund und Boden die feine List war. Wie er von Natur aus mäßig war, konnte er nicht wie der sächsische Mönch, sein Gehirn in großen Bierkannen befruchten; das Bier war iibcrdieß in Frankreich damals noch nicht in Gebrauch, Es standen ihm auch nicht die deutschen Schenkstuben zu Gebot, in denen sich am Abende sein angegriffener Geist unter lustiger Gesellschaft hätte erholen können. Die französischen Mönche gingen nicht in die Schenkstuben. Calvin wurde daher Alles, was er werden sollte: ein gewandter, listiger, boshafter Wortfechter, aber ohne Wärme und ohne Begeisterung. Er gab sich gerne das Zeugniß: „er habe von seinem Zorne nur einen mäßigen Gebrauch gemacht; er habe sich immer beleidigender und beißender Reden enthalten, er habe seine Redeweise beinahe immer gemildert und sei immer geeigneter gewesen, zu belehren, als Gewalt zu gebrauchen, so zwar, daß er diejenigen an sich zu ziehen vermochte, welche nicht geleitet werden wollten." Ihr sehet ein, daß Calvin mit einem solchen Humor und solcher Redegabe in einem kleinen Dorfe Schwabens unbekannt gestorben sein würde, daß er nicht geschaffen gewesen wäre, Stürme zu erwecken, wohl aber sich derselben zu bedienen. Der große Agitator Frankreichs zu jener Zeit, war im Anfänge die Gesellschaft des Staates selbst, dann Luther, dieser Streitschriftenschreiber „dessen Bücber voll von Teufeln sind," und der die Menschheit in die Bahnen des Aufruhrs hineinstieß, dessen Elemente schon seit vielen Jahren vorhanden waren. Luther hatte den Wind gesät; Calvin trat auf, um die Stürme zu sammeln. Deßhalb soll nicht gesagt sein, er habe sich nie erzürnen können, sondern daß man seinem Zorne die Mühe ansah, daß er ihn verfolgte wie ein Reimer ein widerspenstiges Wort. Dann hatte er auch noch die Gutmüthigkeit, daß er darüber Reue fühlte, wie wenn dieser Zorn das Angesicht verbrennen würde, auf dem er sich ergießt: „Ich habe einige Dinge ein wenig empfindlich ausgenommen," sagt er, „und Einige auch mit Härte ausgesprochen, was etwa einige zarte Ohren beleidigen könnte. Weil ich nun aber weiß, daß es einige gute Menschen gibt, bei welchen sich etwas von diesem Schlafe der Seelen in ihre Herzen eingeschlichen hat, wünschte ich nicht, daß sie deßhalb über mich böse würden." Es ist aber nicht rathsam, daß man sich allzuschnell zur Bewunderung für Calvin Hinreißen lasse; bemerken wir wohl, daß er hier mit Wie- I) Imtkeri scrchts plens sunt cisemonüs. — Ikeol. lligurini in conless. germ, lizunni. 1344. 54 dertäufern spricht, das beißt mit Gemüthern, die dem Papstthume entsagt haben. Wenn ein Katholik kommt, und sollte es nur ein unbekannter Priester sein, der einen Buchhändler deßhalb lobt, weil er eine neue Ausgabe von Heinrichs Vlll. „a^ortia noptom sncrninen- tnrum" veranstaltet hat, wie Gabriel Sacconav, der Vorsänger von Lyon — so werdet ihr sehen, wie Calvin, unter der Form einer Dithyrambe, eines Gratulationsschreibens, unbekümmert um keusche Ohren so viel Schmutz in das Angesicht des Katholiken wirft, daß man glauben sollte, er hätte seine Reden in einem Genfer „Hurenhaus" gesammelt. Calvin selbst hat übrigens den Werth seiner „Psychopannychie" und seine Abhandlung gegen die Wiedertäufer besser beurtheklt als einer seiner Biographen, der sie jetzt wieder abgedruckt haben möchte, wenn man zuvor allen Schmutz wegschaffen würde. Cr hat recht, wenn er sagt: „Ich babe die thörichte Neugierde derjenigen wieder erregt, welche über Fragen streiten, die wirklich nichts anders sind, als Qualen des Geistes." Eines Tages wurde diese Frage vom Schlafe der Seelen, die übrigens schon in der alten Kirche durch Melito geprüft wurde, auch am Luther gerichtet: er ging mit einigen Worten darüber hinweg und er hatte recht: das sind „hohle Nüsse" wie Calvin sagte. In einem Schreiben an die Leser, das als Vorrede zu einer neuen Ausgabe der „Psychopannychie" diente, welche in Basel im Jahre 1536 gedruckt wurde, bekam Calvin Muth. Cr hat keine Furcht mehr vor dem Lieutnaut Morin, er beschimpft das Papstthum auf eine grobe Weise. Wenn wir ihn hören geht Frankreich einer doppelten Finsterniß entgegen: er verleumdet den Geist und den Glauben seines Landes. Sehen wir, ob es wahr ist, daß Gott seinen Geist und seinen Christus den Landsleuten Calvins genommen habe. 1) Oongratulation ä venarakle prostre e-lc. Op. cko Oulvin lofts,, — Man sehe im zweiten Bande das Kapitel mit der Ueberschrist: „Die Geistlichkeit von Lyon." 2) „Es könnte dies kleine Werk im Auszuge in einer Uebcrsetzung heut wohl seinen Nutzen haben, wenn man einige Härten, manch polemisches Wort wegließe"_ Paul Henry. Franz L Die Reformation Halle in Frankreich schon begonnen, als Calvin auflral. — Der Einfluß, den Franz I. auf die Wissenschaften ausübte. — Die Bischöfe. — Porcher, — Pelissier, — Du Bella». — Die Gelehrten, — Budäus, — Va- tablus, — Danes, — Postel. — Das Dreisprachen-Collegium. — Marcl, — Die Sorbonne. — Der Dichter wird von dem Fürsten begünstigt. — Litte/ rarischc Bewegung. Im Jahre 1802 gab das Institut von Frankreich die Frage auf: Welchen Einfluß hatte die Reformation Luther's aus die politische Lage der verschiedenen Staaten Europas und auf die Fortschritte der Aufklärung? Ein Schriftsteller, dessen Talent wir nicht bestreiten wollen, gewann den Preis. Er besang die Reformation viel mehr, als er sie beurtheilte, und machte eine Muse aus ihr, welche über Alles, was sie berührte Glanz und Leben verbreitete. Seine Arbeit erschien im Drucke. Die philosophische Welt bewunderte das Werk des Herrn Villers aus Aerger gegen den alten Glauben, den die Staatsgewalt wieder emporzubringen strebte. Es war in dieser Epoche entschieden, die Reformation sei eine Anregung zum Fortschritt gewesen, für die man der Gottheit danken müsse, und Europa würde ohne Luther immer weiter in die Finsterniß hineingerathen sein: einige unerschrockene Stimmen erhoben sich gegen das Buch des gekrönten Schriftstellers, ihre Stimmen wurden aber überhört. Der Augenblick war noch nicht I) Issssi nur I'v^grit et ! iiiklnence A»6s siutes spargore mella Igkris. Franz I- war ein Schüler des Collegiums von Navarra, von seinen Mitschülern geliebt, von seinen Rivalen geachtet, und erhielt in seinem vierzehnten Jahre von einem derselben, als ein Unterpfand freundlicher Schulgenosscnschaft, eine hebräische Grammatik zugeeignct; es war der erste Unterricht in den Ansangsgründen dieser Sprache, der in Frankreich auch später noch gekannt war. Der Verfasser, Franz Tissot, war Professor an der Universität. Obwohl Franz noch nicht volljährig ist und sein Haupt keine andere Krone trägt, als jene, die ihm seine Lehrer aufsetzen, machen doch die Musen ihm den Hof. Castiglione, der Verfasser des goldenen Buches: „il Corteggisno," wünscht , daß der Herzog von Valois cs lese, und nimmt dann aus der Hauptstadt Verbesserungen mit, welche ihm der Fürst angegeben hat; es sind vortreffliche Erläuterungen, die er all seinen Freunden zeigt, und mit denen er sich Ruhm erwirbt. Der Herzog von Valois wird König: fürchtet nicht, er werde die Vorlesungen und seine Lehrer vergessen. Sehet, wem der Monarch seine Gunstbezeugungen zuwendet. Porcher, der Bischof von Paris widerstand allen Ausbrüchen des Zornes Ludwig's XI!., und war es allein, der den Muth hatte, sich der Ligue von Cambray zu witersetzen, er war eine poetische Seele, und Erasmus betrachtete ihn wie einen Engel, der vom Himmel herabgestiegen war, um die Pflege der Wissenschaften wieder zu wecken. Porcher erhält ein Erzbisthum und den Auftrag, die Gelehrten nach Frantreich zu ziehen. Der König wartet nicht lange. Der Bischof von Nebio, Justiniani, kommt nach Paris, um griechische, hebräische und arabische Sprache zu lehren. Petit, der Beichtvater Ludwigs XII., ist ein Priester, welcher seine Anverwandte nicht einmal kannte, und alle,Armen von Paris als seine Kinder betrachtete. Petit erhielt die Bisthümer Troves und Senlis. Wilhelm Pelissier, Bischof von Maguellona, dessen Gelehrsamkeit zum Sprichworte wurde, hat dem Alterthume einen jener Dienste gelobt, welche der Seele, die sich ihnen Hingaben, weder Ruhe noch Frieden lassen. Pelissier erhielt den Gesandschastsposten von Venedig, der Stadt, in welcher die flüchtigen Griechen landen, und aus welcher er grie- I) Eustachius von Knobelsdorf. chische, lateinische und syrische Manuscriptc mitbringt, die der königlichen Leibibliothck als große Zierden einverleibt werden. Das sind die Prälaten noch nicht alle: Jakob Colin erhält die Stelle als Almosenier und Vorleser des Königs: Colin, der lateinische und französische Gedichte schrieb, und den Marot als einen eben so großen Dichter als Redner besang. Colin batte den Geist Amvots erkannt und übernahm es, für sein Glück Sorge zu tragen: das ist der schönste Diamant in seiner Krone. Johann du Bellav Langem, erhielt glänzende Botschafterstellen. In Rom batte du Bella» zu seinen Vertrauten Bembo, Bibbiena, Sadolet, Ascolti, den ganzen elastischen Hof Leo's X., der ihn mit Entzücken reden hörte. Renatus du Bellay erhielt das Bisthum von Meaur und eine Pension aus der Privatkasse des Fürsten, denn der Bischof widmete seine Einkünfte der Unterstützung der Armen und der Errichtung eines phvsicalischen Cabinets, welches das erste war, das jene Provinz erhielt. Wie kann nun Calvin die Hobe Geistlichkeit Frankreichs so leichtfertig der Unwissenheit beschuldigen? Wir kennen einige von den Prälaten, welche die bischöflichen Sitze einnabmen: glaubet ihr, daß sie solche Finsterlinge waren, wie Calvin sie schildert? Konnten sie sich nicht eben so gut, wie Johannes von Novon, himmlischer Gaben rübmen? Wenn man beim Anblicke all dieser Cardinäle und Bischöfe glauben wollte, Franz I. habe die Aufklärung nur in der Kirche gesucht, würde man sich täuschen. Das französische Episcopat hat zu dieser Zeit das Bedürfnis; gefühlt, daß es sich an die Spitze der Bewegung stellen müsse, welche die Geister auf neue Wege führe. Der Hof Leo's X. batte ihm das Beispiel gegeben, wie man für die Wissenschaften begeistert sein solle; der Papst ist Dichter, Maler, Tonkünstler, Sprachenkenner: unsre Bischöfe werden aus preiswerther Nacheiferung, wenn sie nicht singen, malen und meisseln können, die Wissenschaften pflegen, die alten Sprachen der Griechen, Hebräer und Svrer lebren, die man nicht mebr sprach; sie werden gelebrte Schulen errichten, wie der Cardinal von wonrnon; sie werden die Jugend unterrichten, wie Renatus du Bellav; sie werden die Gelehrten zu sich berufen, wie Brioonnet von Meaur; sic werden die Verehrung des Geistes wieder wecken, wie Sadolet, rer Bischof von Carpentras; sie werden die alten Denkmale der Römer aus dem Staube hervorziehen, wie der Erzbischof von Vienne, und werden den Fürsten schützen und erleuchten, der sie mit dem Purpur bekleidet hat. Sebet aber hier einen bescheidenen Weisen, den Athenienser Frankreich'-!," wie Lascaris ihn nannte, *) der sich fern vom Hose hält und sich in die Einsamkeit zurückzieht, in welcher er den Musen lebt. Erasmus kannte seinen Namen, er theilte ibn aber Niemanden mit, nicht aus Eisersucht, sondern weil er von dem Reichthume an Gelehrsamkeit, an Sprachkunde und Kenntnissen des Alterthums allein Vortheil ziehen wollte. Zum Unglück sür den niederländischen Philosophen wurde eines Tages, bei einem jener Mahle, die Franz l. in Mitte aller Berühmtheiten seines Jahrhunderts zu halten, und bisweilen mit ihnen zu disputiren pflegte, plötzlich der Name des armen in seine Bücher vertieften Landsmannes genannt, der von der Aussenwelt nichts kannte, als den Weg zu seiner Capelle, in der er so andächtig betete; es ist Wilhelm Budäus. Der junge Mann wurde nach Paris eingeladen und war genöthigt, seine Einsamkeit zu verlassen, aber nicht seine Bücher, die er auf einem großen Wagen mit sich nahm, in dem er Nachts schlief und bei Tag aß, um sich nicht von den Büchern trennen zu müssen. Nach einer langen Reise, auf welcher er zu Gefährten und Tischgenossen den Horaz Homer, Virgil und Demosthenes hatte, kam er am Hofe an. Am ' nämlichen Tage wurde er zum Requetenmeister, Handlungsvorstande, und Aufseher über die königliche Bibliothek ernannt. Als er auf dem Wege nach der Hauptstadt war, erwachten in ihm schöne Träume. Sein altes Rom kannte er auswendig, das neue Rom Leo's X., das in Ermangelung der Götter von Michel Angclo, Raphael, Bembo und Sannazar bewohnt war, kannte er aus den Erzählungen der Reisenden. Man hatte ihm gesagt, der Mediceer habe ein herrliches Gebäude, oder vielmehr einen Palast errichten lassen, um in demselben das Collegium der jungen Griechen unterzubringen; und er sprach zu sich: Wenn ich den König sehe, werde ich zu ihm sagen: Sir, durch das Studium der alten Sprachen werden wir die Wissenschaften wieder in's Leben rufen; bauet ein Collegium, wie Leo X. eines erbaut hat und Hieronmnus Busleiken, ein schlichter Domherr in Löwen. In demselben soll man die hebräische, griechische und lateinische Sprache lehren. Wenn es erbaut ist, berufet Erasmus, 1) ^tticorum lacunckisin ackseyu»vit. 2) ötulls illi nequsm coens, nullum prsmlium, nulla ststio sut smbu- I»tio »ine colloquiis et ckisputstionibus littersrüs j>erscts est, ut qui- cunczuv menssm ejus frepuentsrent . . . ckoctissimi et ctilizentissimi pkilosoptii, scliolsm sre^uentare srbitrsrentur. ket. Osl. oral. kuneo. 3) Osillsrck, Hist, cke krsneois I.. t. 7. p. 150. um den sich alle Völker streiten, dem Ingolstadt die Leitung des Unterrichts anbietet, Löwen seinen ersten Lehrstuhl, Spanien ein Bisthum, Rom den Purpur, der Churfürst von Sachsen seine Universität. Erasmus müßt lhr haben, ich verlange ihn im Namen der drei Wilhelme, unseres Bischofes Wilhelm Petit, eueres großen Arztes Wilhelm Cop und eueres Schülers Wilhelm Budäus. — Erasmus war einige Zeit in Versuchung, ob er den Bitten des Königs nicht nachgeben solle, nicht weil ihm hohe Ehrenstcllen versprochen wurden, sondern wegen des Burgunderweines, den er in Paris zur Herstellung seiner verdorbenen Gesundheit gerne getrunken hätte. 0 Unglücklicherweise hatte Franz I. einen Rivalen an Carl V., der ihn im Felde der Wissenschaften besiegte, wie er ihn in Pavia besiegt hatte. — Erasmus wurde uns entzogen. Das Drcisprachencollegium wurde deßhalb nicht weniger begünstigt. Es wird sich eine königliche Wohnung auf dem Platze des Palastes de Nesle erheben. Da werden schöne Wohnungen für die Professoren und große Säle für die Schüler hergerichtet. Fünfzig tausend Thaler sind für die Unterhaltung dieses Instituts bestimmt. Man wird eine Capelle erbauen, zu welcher ein römischer Baumeister, den man sich von Leo X. erbitten wird, den Plan entwerfen soll. In dieser Capelle werden vier Canonicer und vier Kapläne den Kirchendienst versehen. Adalbert Catin wird die Rechnungen führen und die Zahlungen besorgen; Nikolaus de Neuveville-Villeroy, der Finanzsecretär, und Johann Grollier, der Schatzmeister von Frankreich werden den Ueberschlag bestimmen; Peter des Hotels wird die Ausgaben untersuchen. Der Tod nahm Franz I. in dem Augenblicke hinweg, als das Collegium erbaut werden sollte. Die Professoren waren schon ernannt und besoldet: zwei für die hebräische und zwei für die griechische Sprache, deren Vorlesungen unentgeltlich gehalten werden sollten. Dieses Collegium heißt das „königliche": jeder Professor erhielt jährlich 450 Livres und eine gute Pfründe, die ihren Nachfolgern später wieder entzogen wurde, „man weiß nicht, t) I>« öiirignv, VW cl'Lrssmk, 406 scc. 2) Lelleloret, Uist., liv. 6, cb. 65. I.oul!; Vr^in, (mckv cles ni-nile-Oe- p. 630. 3) Uist. cke Is ville äe ksris, t. 2., p. 040. Lreuves, l. 2., p. 578. — CsIIsnck. rurch welchen Schmarotzer," sagt Ramus in der Schrift, welche er an Katharina von Medicis richtete. Wißt Lbr nun, wer die Ernennung für die neuen Lehrstühle trifft? Nicht der König, obwohl er ein Kenner ist; sondern die öffentliche Stimme, welche ihre Wahlen schon zum voraus getroffen hat, wie ein Geschichtschreiber jenes Fürsten sagt. Um einen Professor der hebräischen Sprache mußte man sein Augenmerk auf Italien richten; ein Venetianer, Paul Paradis, ein zum Katholicismus bekehrter Jsraelite, der den Talmud auswendig kannte, wurde gewählt. Paul Paradis starb im Jahre 1555; beweint von ganz Paris und unter Lobgesängen ging er in's andere Leben über: 8pIeircIor Illusnrmii eliuritumizue, ljui jieristi Totn ilonts Lutetia, nst olvmjio X>is>Inuckent6. 2) Johannes Nikolai, der Bischof von Apt, brachte den andern Professor der hebräischen Sprache, Guidacerio, welchen Leo X. mit Wohl- thaten überhäufte, und der in Paris, wie er sagte, ein glücklicheres Loos fand, als ihm die Mediceer und alle Päpste in Rom hätten verschaffen können. Vor einem Namen, der alle andern auslöscht, wollen wir uns verbeugen! Es ist ein armer Pfarrer des Dorfes Brametz in Valois, der zur Zeit der griechischen Auswanderung einen flüchtigen Hellenen auf seiner Wanderung anhielt, mit ihm das Brod seines Dienstes theilte und dafür von ihm in die Kenntniß der griechischen und hebräischen Sprache eingeweiht wurde; cs ist Vatablus, der den Gelehrten wohl bekannt ist, der sogar Hebräer in seine Vorlesungen zog, die über seine Gelehrsamkeit in Staunen versetzt wurden und bedauerten, daß Gott den Professor nicht im Judenthumc habe geboren werden lassen. Vatablus, dessen religiöse Ansichten man verdächtigen wollte, war ein guter Katholik, der sich mit Vorliebe an Ignatius von Loyola angeschlossen hatte. Dieser hielt als Schüler bisweilen seine Studiengenossen ab, den Repetitionen beizuwohnen, um in die Kirche zu gehen und zu beten. Govea wollte ein Erempel statuiren. Es handelte sieb darum, bei dem allzu frommen Zögling die „Aula" anzuwendcn, das heißt: einige Geißelhiebe auf den nackten Rücken des Strafbaren, welche 1) t-itillurck, llist. ite l. 2) Du bhesnt. 62 durch den Vorstand und Lehrer ertheilt wurden. Vatablus nahm sich um Ignatius an und Govea ließ sich bewegen. Vatablus fand einen Rivalen an Petrus Danesius, dem Professor der griechischen Sprache, und zwar einen glücklichen Rivalen, denn der Dichter sagt: Budäus war groß, Danesius noch größer; Jener kannte die Griechen, dieser auch die Andern: ,Magnus öudaous, inssor Danvsius; ille ^Vrgivos nnrat, iste etiain roliljuos." Genebrard, sein Schüler sagt, er sei ein großer Philosoph, ein großer Mathematiker, und sowohl in der Medicin, als auch in der Theologie wohl bewandert, und so gleichgiltig gegen menschlichen Beifall gewesen, daß er eine Ausgabe des Plinius, welche von den Gelehrten hochgeschätzt wird, unter dem Namen seines Dieners veröffentlichte. Nie hat ein Gelehrter ein thätigeres Leben geführt. Sein Biograph sagt: „am Tage seiner Verheirathung arbeitete er nur vier Stunden." Ihr findet ihn am königlichen Collegium, wo er einen griechischen Geschicktschreiber oder Dichter commentirt; in Venedig, wo er Manuskripte ausspürt; in der Werkstätte Trincavel's, wo er die Probebogen der „s)u68timi8 d'^pllrodisio" überarbeitet, welche dieser Buchdrucker ihm deducirte; in Paris, wo er dem Könige Franz I. die ersten Blätter seiner gelehrten Abhandlung „der Gesandte" vorlas; wo er sich als Schiedsrichter zwischen Govea und Ramus stellte, als sie sich über Aristoteles stritten; auf dem Concilium zu Trient; am französischen Hofe, wo ihn Heinrich II. zum Erzieher des Dauphins ernannte; dann in Lavaur, wo er mit einem Male die Wissenschaft, die Manuskripte, seine gesammelten Scholien, und die Schriftsteller des Alterthums bei Seite legte, um von nun an nur noch an die Armen seiner Diöcese zu denken, die er beinahe bis zur Thorheit liebte. Die Bürgerkriege schreckten ihn nicht. Er ging in die Gebirge, um den armen Katholiken, denen die Reformirten ihre Wohnungen verbrannt 1) e-ck pnrisii? in elrolnslieos improdus ne scdiliasos :>d sanciendsm seademine diseiplinum ad dune lere modum animadvertere: Dissi- inulatio eonsilio ud condielum Niem in uulsm culegii primurius, ina- gistrigue nodo eoneess» nudutum eertn plugurum numero singuli ollleiunt: id supplicium de ipsius nomine »ulu vulgo uppellatur. lilulueus, Hist. Dniver. l'uris. t. 6. p. l)4o. Ignatius wurde ein andermal als Ketzer verdächtigt, weil mau in seiner Wohnung die Handschrift von den „geistlichen Uebungen" gefunden hatte; dieser Eifer eines Schülers setzte die Lehrer in Staunen, sie glaubten einen Hang zum Luthcrthum zu entdecken. Buläus. a. a. O. 2) kuvisius l'extor. Die nui'tiulnin «puduor lanlum boras studiis impendit. hatten, Hilfe zu bringen, als er in einen Hinterhalt gerieth: Wie heißt du, sprach ein Soldat der Hugenoten zu dem katholischen Priester. — Ich heiße Danesius, antwortete der Prälat. — Gott schütze dich, sprach der Soldat, gehe weiter, ich kenne dich; den Vater der Armen tödte ich nicht! — Heil dir Poftel! ruft hier Gälland aus, Heil vir, dessen Tugenden und Verdienste ich nicht genug zu rühmen wüßte, wenn ich hundert Zungen hätte, wie einer deiner College» von dir sagte, Moriz Bressieu. Uostolli virtutss et littsras. üioir mitii si centum linguae sink, orsgue centuni kerrea vox ..... Lnumersre guenm .... Cr kannte alle Sprachen, alle Künste, war ein Inbegriff aller Wissenschaften." Das Leben Postels ist ein völliger Roman. In seinem achten Jahre machte ihn Gott zu einem Waisen, sein Vater und seine Mutter starben an der Pest. Cr bettelte auf den Landstraßen. In seinem vierzehnten Jahre lernte er in Sap, bei Pontoise, lesen. Da erfaßte ihn der Ehrgeiz: er ging nach Paris, um dort sein Glück zu machen, verband sich unterwegs mit Zigeunern, welche ihn ausplünderten, schlugen und der Kleider beraubten, dann ging er in das nächste Spital, wo er zwei Jahre seines Lebens zubrachte. Cr wurde geheilt und ging heraus, ohne einen Heller in der Tasche zu haben, von Hunger gequält: da erinnerte er sich seines ehemaligen Geschäftes und fing wieder an zu betteln. Die Reisenden waren selten: er war nahe daran, Hungers zu sterben, als er ein Kornfeld sah auf dem man gerade das Korn schnitt: er sammelt Nehren, und verkauft seine Arbeit für denselben Tag um einige Pfennige. Der Herr des Feloes hatte Mitleid mit dem Jungen, und behielt ihn in seinem Dienste. An einem frühen Morgen entlief er, eilte nach Paris, und verdingte sich bei einem Lehrer der Universität. Er kehrte den Hörsaal aus, goß die Dinte in den Schreibzeug, verschloß die Bücher des Lehrers, heizte im Winter ein und kaufte auf dem Markte die Lebensmittel für das Collegium. Eines Tages wurde der dienst- thuendc Bruder Magister: er setzte sogleich alle Lehrer in Paris davon in Kenutniß! Er darf von nun an die Armuth, den Hunger und den Durst nicht mehr fürchten: er hat einen fürstlichen Schah in seinem I) Itressieu: cke scnat. lieg. i»roloss. ot inatlc. ergu sc Leuet. Kopfe. Dieser Schatz ist nach seiner Meinung nur noch nicht groß genug; Reisen versprechen ihm neue literarische Reichthümer. Aber welch ein Unglück trifft ihn! Die Wissenschaft hat seinen Verstand irre gemacht. Postel ist Rabbiner geworden, es erscheinen ihm Gesichte, ein Engel, der Erzengel Raziel offenbart ihm die Geheimnisse des Himmels. Er träumt von einer Univcrsalreligion, deren Papst er sein wird, er läßt seine Schrift von der „Eintracht der Welt" drucken, in welcher er Franz I. mit dem Titel eines Universalmonarchen begrüßt. Dem neuen Propheten fehlt es an einer neuen Welt. Er geht nach Rom und wird Jesuit, „weil," wie er sagte, „die Lehrweise der Schüler Lopola's nach jener der Apostel die vortrefflichste ist, welche es je auf der Welt gab." Von Rom geht er nach Venedig: da findet ihn ein Weib von fünfzig Jahren, die ihn erleuchtet und begeistert. Postel schreibt nach ihrer Angabe sein Buch: .,cls vineulo muucki," seine Abhandlung von der Mutter Johanna, oder den höchst wunderbaren Siegen der Frauen, „I« prime nove clel alten momlo," in welcher der Verfasser seiner irdischen Hülle entkleidet, mit dem Leibe eines Engels angethan, nur mehr von der Luft lebt, und der Welt die Erscheinung einer venetianischen Jungfrau ankündet, die jener Frau gleicht, welche die Saint - Simonisten drei Jahrhunderte später im Oriente suchen. Das gottbegeisterte Mädchen weissagt Zeiten, in welchen der Papst den allerchristlichsten König zum Minister seines neuen Reiches nehmen wird, die Türken gläubig werden und sich taufen lassen. Postel, der „geistliche Vater der Jungfrau," scheint in diesem wundervollen Buche eine Ahnung von Mesmer gehabt zu haben: er lehrt geradezu, der menschliche Blick könne örtlich durch dichte Körper schauen. 1) itetractstinn cle Ouillsnme t'ostel, insnuscrits 6e Is dibliotlieciue «tu rot. — ltlem. cte l'scsct. ctes inscription5 et dolles - lettres, t. 15. 2) In snn in tsl ,Iisi>nsiiiiniio cl,e ne sstiets, ne lnsn^nn «lei msn^isre o deie, non ton null» in me, irnperoelie qn.isi tntta Is nsturs «lei eil,o 56 ne vn in sria et si ctiviss tsl elie s penn Is centesims parte se ne vs >ier In vis nstursle. 3) liome sin pnssiliile ckie sinn» tslmente s>>eiti li ooetri «ti uns peisonn» cde lei possi vollere locslinentv s trsnorsn i eorpi seuri, nver l>ueIIo clle nissunn sllrn vecie. Dic königliche Bibliothek in Paris besitzt ein Ereinhlar dieses apvcalyp- tischcn Buches. Es führt den Titel: I.o >>rinie nnve ctel sltro inonctn, eine si sciinii sdile kistnris e non wenn neeesssris et utile (Is esser lett» et intess «in ngni cke stu- ,>en«ts intitulnt» Is vereine venotisns. Psite vists, psrto provsts o liitelissiinsmenle scritts z,er (iulielmn l'nstelln, priiuOAeuitn ckells restitutione et «iiiritusle t'sckie cki essn Vereine. 1523. Postel hatte auch lichte Momente. In diesen war er von allen möglichen Kenntnissen wunderbar erfüllt, Franz I. vertraute ihm die Lehrstühle der Mathematik und orientalischen Sprachen an, und die gelehrte Welt konnte den Scharfsinn des Monarchen nur preisen. Diese Beförderung der klassischen Wissenschaften war nicht die einzige, welche der Scharfblick Franz I. begünstigte. Die Klöster hatten ihre Zeit gedient. Die Wissenschaft suchte sich zu verweltlichen und aus den Klöstern herauszutreten, in denen sie so lange Zeit gepflegt und geehrt worden war. Die Welt hatte das Bedürfnis sich den rechtsgelehrten Studien zuzuwenden, um gegen den Despotismus des Feudalwesens aufzutreten, der so lange auf ihrem Geschicke gelastet hatte; es fehlte ihr an Herden der Aufklärung und der Regsamkeit. Franz I. erwarb sich den Ruhm, in Frankreich Lehrstühle für das römische Recht zu errichten, zu denen Bologna das Vorbild war. Er berief den Rechtsgelehrten Alciati, der am 29. April 1529 zu Bourges die Schule eröffnete, welche auf die Civilisation einen so mächtigen Einfluß ausüben sollte. Diesem Fürsten verdankt es Frankreich, daß es das Recht erfaßte, andere Ideen in Antrag zu bringen, welche die Zukunft beherrschen sollten. Es ist ein schöner Anblick, den uns ein König bietet, wenn er auf den Bänken der Universität zu Bourges den Vorlesungen Alciati's beiwohnt und seinen Dichter Marot gegen den Zorn der Sorbonne schützt. Dieser Zorn war gerecht. Marot hatte Frankreich verlassen und besang alle Höfe, welche sich darum stritten, ihm eine Zufluchtsstätte zu gewähren. Er war ein Tadler, Epigrammatist, „der in seinen Rondeaus, Balladen, Reimgedichten und poetischem Allerlei" den Lutheraner spielte, um nicht seinen Brüdern in Apollo zu gleichen, welche in die Messe gingen, am Sonnabende Fastenspeisen aßen; er widersetzte sich aber im Grunde der Zumuthung der Ketzerei mit der man seine Muse beschimpfen wollte. „Sie nennen Lutheraner mich; Mit welchem Recht? Ich bin es nicht." Die Herzogin d'Etampes, welche sich daran wie an einem Geschmeide ergötzte, wollte den Dichter wieder sehen, der sich in der Verbannung langweilte, und vor Begierde brannte, nach Paris zurückzukehren. — Die Herzogin hatte ihrem königlichen Geliebten einige Verse gezeigt, in denen Marot von Franz I. sagte: „er würde mich zurückrusen, wenn er wüßte, wie nüchtern jetzt meine Rede ist: denn diese Lombarden, mit denen ich lebe, haben mich schon gelehrt, ein gutes Gesicht zu machen." Audi»: Lebm C»l»in's I. Bd. 5 66 Marot wurde zurückberufen und fiel unglücklicher Weise in die Klauen eines Gelehrten, der für das Hebräische eingenommen war, und ihn nicht mehr loslassen wollte, bis der Dichter versprochen hatte, er wolle den heidnischen Musen entsagen und in der Weise des Königs David singen. Marot versprach es, hielt Wort, und setzte sich hin, um die herrlichen Hymnen der Propheten, von deren Sprache er keine Sylbe verstand, in Reime zu bringen. Stellt euch die Sonne vor, die ihre Strahlen durch einen kleinen Strauch fallen läßt. Die Sorbonne, die sich nicht um die Poesie kümmerte, aber um die Theologie, fand, daß die Verse Marot's dem Glauben entgegen waren, und verwarf die dreißig Psalmen des königlichen Kammerdieners. Der Dichter hatte glücklicher Weise einen königlichen Mantel, um sich gegen den Unwillen der gelehrten Versammlung zu schützen: er flüchtete sich unter ihn und sang bald darauf: „Seitdem es euer Wille ist, o Herr, daß ich das königliche Werk des Psalters, das ich begonnen, vollende, was auch jede Seele wünscht, die Gott liebt, habeich keine Erlaubniß uöthig. Mag sich nun für beleidigt halten wer da will; denen ein solches Gut nicht gefallen kann, sollen denken, wenn sie es nickt schon gedacht haben, daß es mir gefällt, ihnen zu mißfallen, wenn ich euch gefalle." Das Parlament hielt es mit der Sorbonne, es bestand auf ihrem Urtheil, und der König war genöthigt, seine Räthe zu vernehmen; aber der Dichter fand reichlichen Ersatz: seine Psalmen machten einen Thcil der Belustigungen des Hofes aus. Nun sage man uns nicht mehr, die Refvrmirten seien die Lehrer Frankreichs gewesen. Blühte der Baum der Wissenschaft nicht schon damals, als Calvin unter Mathurin Cordier studirte? Nisard sagte, Calvin sei nach der Methode Melanchton's gebildet worden; diese Methode war aber in Frankreich noch nicht bekannt, als Cordier seine Dialoge veröffentlichte, Ravisius Teptor seine „Ollicins cornu cc»;>igc," und sein „8>>ocimcn LjntlictorumAleandro sein Lexicon, Sadolct seine Schrift „ein littcris recte iiistituonäiii," Budäus seine Abhandlung „cke 8tullil> littcrnrui» recte inütituvmio," Tissot seine hebräische Grammatik, Fichet seine Rhetorik, Martin Delphe seine Abhandlung von der Redekunst. Was könnte nun die Reformation anführcn, das sie in dieser Zeit Förderndes hervorbrachte? Höchstens die „Psychopan- nychie" Calvin's und die Ode Beza's „in ,Vullc6vrtum." Und da gibt 1) klloriiiwnck clc ksemouck. 2) Itevuc. ,1c ckeuv iKuucke». Oetobrc k83tt. es in der That nicht Vieles, dessen man sich rühmen könnte. Wir wollen hier nicht von Italien reden, das seine Historiker hatte, als sich Frankreich in der lateinischen Grammatik versnchte. Welches Kunstwerk hat die Reformation veranlaßt? Keines. Die Reformation begeisterte keinen Künstler wie Rour, den Architekten, Dichter, Musiker, den Domherrn der dotirten Capelle von Paris, wenn er die große Gallerie von Fontainebleau baut, keinen Leonardo da Vinci, der in den Armen des Königs Franz, seines edlen Freundes stirbt, keinen Julio Romano, den dieser Fürst durch seine Gunstbezcugungen nach Frankreich zieht, keinen Andrea del Sarto, den Maler der Madonna dcl Sacco, keinen Benvenuto Cellini, den so poetischen Ciseleur, keinen Prima- tice, der Fontainebleau zu einem Vatikan umschafft, keinen Vecclli, den großen Coloristen von Venedig: Maler, Bildhauer, Humanisten, Gelehrte, ihr gehört dem Katholicismus an! Wir nehmen euch als seinen Ruhm in Anspruch. Der Zweifel, sagt der große Kritiker Planche, ist eine Methode der Erforschung und nicht der Lehre oder der Schule: der, welcher lehrt muß schon glauben; Calvin glaubte aber nicht, er zweifelte nur. Er mag sich also immer aufthun in seinem Stolze, sich der Sonne vergleichen, sich schmeicheln, er habe seinem Lande das Licht und die Wahrheit gebracht. Wir glauben, Budäus, Danesius, Johann du Bellay, Vatablus und die Schaar von Griechen und Italienern, welche sich ans den Ruf des großen Königs mit der Bevölkerung von Paris vermengten, sind ruhmvolle Repräsentanten der Wissenschaften; wir glauben Sadolet, Nicolai, Hieronymus Porcher, Petit, Wilhelm Pelissier, Briconnet, die Zierden des französischen Episcopats, haben das Evangelium gelehrt und ausgeübt; wir glauben, daß die Reformation in der Person Calvin's eben so wenig die Aufklärung als die Wahrheit gesunden habe; die eine wie die andre waren schon das Erbtheil Frankreichs, als er davon träumte, Luther auf's Neue erstehen zu lassen und Franz I. zu bekehren, indem er ihm sein Buch von der „Unterweisung" widmete. Wir müssen nun die Bemühungen des Protestantismus kennen lernen, durch die er das religiöse Ansehen des Landes ändern und der katholischen Symbolik, welche gestern war, wie sie morgen sein wird, die tausenderlei Bekenntnisse seiner Lehrer unterschieben wollte. Wir 1) k.'^iNiste, nnvemliro 1830. 2) 8uperl>i.im illum itoWZunt loci will«! in guillns roli so eninp.ii .inl; Pin wnolni.i Incem, pro lulsn verum -lUuIisse in p.itrnnn ^Inri.ilnr. p)'rius Miss«, viti» Ualviui, p. 2S. 5 * 68 werden sehen, „ob die Sünden Frankreichs und seines Königs," wie Beza sagte, „den Zorn des Himmels über unsere Voreltern brachten, und ob es wahr ist, daß die Neuerer gelehrter waren, als die Väter in den ersten Zeiten der Kirche?" VII. Kapitel. Die Frauen. Ränke der Hofdamen, durch die sie die Reformation in Frankreich einführcn wollten. — Die Herzogin d' Etcimpcs. — Die Damen Pisseleu und (5ani. — Die Messe in sieben Punkten. — Reformirtc Hausirer. — Le Coq, Pfarrer von St. Eustackius, predigt vor Franz I. -- Man sucht Melanchthon nach Frankreich zu ziehen. — Schreiben dieses Gelehrten an den König. — Der Eardinal von Tournon vereitelt die Verschwörung der Damen. — Die Schmähschriften. Wer würde heut zu Tage glauben, daß eine Frauen-Jntrigue Frankreich bald um sein altes Athanasisches Glaubensbekenntniß gebracht hätte: diese Verschwörung hatte den vorgeblichen oder wirklichen Autor des Heptameron's zu ihrem Oberhaupte, und zu Mithelfern die Herzogin d'Etampes, welche ihre Gunstbezeugungen dem Könige Franz I. um den Preis eines Gemäldes von Raphael verlauste, dann ihre Schwester, Madame de Pisseleu, und Madame de Cani, welche die ihrigen den Liebhabern des Hofes schenkten. Margaretha hatte in Pau ein schönes Schloß, in welchem später Heinrich IV. geboren wurde; es war eine ächte Ritterwohnung, ganz mit Zugbrücken umgeben und unüberwindlich dem menschlichen Blicke, wäre er auch so durchdringend gewesen, wie jener des Lieutenants Morin. In dieser alten Behausung versammelte sich der Hof der Königin am Abende, um die Chri- I) Dieero nuc immerito ljuickom ul ozunor consueri M killt gntrickl, 6t in-mls.'t lliri.igo v.'mitatis iitm>6 1i>I- xit!iti!>, «i gua sciitmi, läl-ul-ii'uin .rtguv, ilwm ;>erl66to 65t ullissiiiu» v„6,- itt'oliteiuu,'. lies,,. i„'o. liLlckuino »ä OI- vinuiu 6t Ü6IMIN, kill. W. 2) vbro, tIEt. Lcel., j». 1ö. Anfänglich glaubte man, eine feierliche Procession werde die vielen Entweihungen sühnen. Der König wohnte dieser Procession bei, mit entblößtem Haupte, einer Kerze in der Hand, begleitet von seinem ganzen Hose, den auswärtigen Gesandten und einer Menge Volkes. Der Bischof von Paris, Johann du Bella», trug das Allerheiligste unter einem Thronhimmel, der von dem Dauphin, den Herzogen von Orleans und Anguleme, und dem Herzoge von Vendome, dem ersten Prinzen von Geblüt, getragen wurde. Der König trat in den großen Saal des Erzbischoses und sprach zu den Parlamentsmitgliedern in den rothen Gewändern, zu dem Clerus und dem Adel: „Wenn die Anrede, die ich an euch halten soll, anwesende Herrn, nicht so geordnet und gehalten ist, wie es eine feierliche Rede erfordert, so verwundert euch nicht. Der Eifer für die Sache, über die ich reden will, hat mich so ergriffen, daß ich meine Worte nicht zu beachten, nicht gehörig zu ordnen weiß. Wenn ich auf die Beleidigung Hinblicke, welche dem Könige aller Könige zugefügt worden ist, durch den ich herrsche und dessen Stellvertreter ich in diesem Reiche bin, zur Vollziehung seines heiligsten Willens; wenn ich die Bosheit und das arge Verderben derjenigen anschaue, welche die französische Monarchie bedrängen und zerstören wollen, die so lange Zeiten hindurch von Gott erhalten wurde: darf ich nicht mit Stillschweigen übergehen, daß ne früher auch einige Zeit betrübt worden sei; aber die Könige meine Vorfahren sind der christlichen und katholischen Religion immer treu geblieben, wcßhalb wir noch den Namen Kllerchristlichste Könige führen, und mit der Gnade Gottes führen werden. Und obschon diese unsere gute Stadt Paris zu allen Zeiten ein Haupt und Vorbild aller guten Christen war, so haben doch in jüngster Zeit einige Neuerer vom wahren Glauben abgefallene, verblendete, in Finsternissen irrende Leute, sich bestrebt, gegen die Heiligen unsere Fürbitter und sogar gegen Jesus Christus unfern Gott aufzutreten, ohne den wir nichts zu thun vermögen, und ohne den nichts ein Gedeihen hat. Es wäre aber die größte Abscheulichkeit, wenn wir nicht diese schändlichen Thoren nach all unfern Kräften auszurotten streben würden. Deßhalb wollte ich euch berufen und bitten, daß ihr all diese Meinungen, welche euch verführen, und den Einen oder den Andern bethörcn könnten, aus cuern Herzen und Gedanken verbannen möget, daß ihr, wie ich euch bitte, wachsam seiet, euere Kinder, Hausgenossen und Dienstboten im christlichen Gehorsam des katholischen Glaubens unterrichtet, denselben befolget und bewahret; daß ihr über jeden, den ibr von dieser verkehrten Secte angesteckt findet, sei es euer Vater, Bruder oder Verwandter wachet, und ihn anzeiget. Wenn ihr seinen Schaden verschweigen würdet, wäret ihr Anhänger einer so verpesteten Partei. Was mich selbst betrifft, euern König, so sage ich euck, wenn ich wüßte, daß eines meiner Glieder von diesem verabscheuungswürdigen Jrrthume befleckt oder angesteckt wäre, so würde ich es euch nicht nur übergeben, um es abzuschneiden, sondern wenn ich sogar eines meiner Kinder angesteckt sände, wollte ich es selbst zum Opfer bringen." An demselben Tage, oder vielleicht am folgenden errichtete man in Paris Scheiterhaufen, welche Bartholomäus Milo, ein Schuhmacher, Nikolaus Valeton, Johann du Bourg, ein Trödler, Heinrich Poille, ein Maurer, und der Kaufmann Etienne de la Forge singend bestiegen. Wenn man diese armen Seelen auf dem Wege zur Ewigkeit angehalten, und von ihnen verlangt hätte, sie sollten ihr Glaubensbekenntnis; ablegen, so würde es selbst keiner gekannt haben. Sie waren weder Zwinglianer, noch Calvinisten, noch Lutheraner, sondern überspannte Schwärmer, welche durch Lesender Schriften Farel's oder durch die heimlichen Predigten eines Renegaten irre geführt worden waren und selbst nicht wußten, was ein Glaubensbekenntnis; sei. Crespin öffnete ihnen Allen den Himmel, und schrieb sie in das Buch der Märtyrer ein;*) während ein anderer Reformator, Westphal, diese von der Hand des Calvinisten geflochtene Krone abriß, um nur jene Seele mit ihr zu zieren, die im Glauben Luther's starb. ^) Wir beklagen die unglücklichen Opfer, welche man zur Richtstätte wie zum Martcrthume führte, das sie für den Glauben eines Abtrünnigen litten, der am Abende zuvor die Gelübde der Keuschheit gebrochen hatte und den Scheiterhaufen besang, den er selbst zu besteigen, sich scheute. ^ Hier mögen noch die schönen Worte stehen, welche ein Katholik aussprach, als er diese Menschenopfer betrachtete, zu welchen die weltliche Gewalt ihre Zuflucht nahm, vielleicht weniger zum Schutze des Glaubens und der Nation, als aus Interesse für eine irdische Krone, welche durch die Reformation bedroht war: „Während die Holzstöße von allen Seiten angezündet wurden, erschütterte von einer Seite die Gerechtigkeit und Strenge der Gesetze, welche das Volk gebührend im Zaume hielt, von der andern die Hartls llresyi». Histoiro ckes Hlartvrs, 2) >Vesti>lu»I, contra I.ascimn. nackige Entschlossenheit derjenigen, welche man zur Richtstätte führte und an denen man mehr Lebensverachtung als Muth gewahrte. Als man nämlich schlichte Frauen die Qualen suchen sah, durch die sie eine Probe ihres Glaubens ablegen wollten; als man sie zum Tode gehen sah, während man sie nur Christus, Erlöser rufen und Psalmen singen hörte; als man Jungfrauen freudiger zur Todesstrafe gehen sah, als sie zum hochzeitlichen Bett hätten gehen können; als man Männer sah, welche jubelten, da sie die schrecklichen und entsetzlichen Zurüstungen und Werkzeuge gewahrten, die zu ihrem Tode bereitet waren; als man sie halb verbrannt und gebraten, von den Holzstößen herab einen unbesiegbaren Muth bezeugen, das Zwicken der Zangen mit fröhlichem Angesichte erdulden, unter den Hacken der Henker wie Felsen in den Wogen.des Schmerzes stehen sah: kurz, als sie lächelnd starben, wie diejenigen, welche sardinisches Kraut genommen haben: erschütterte der betrübende Anblick nicht nur die Seele der Schwachen, sondern auch jene der Mächtigsten, die sich in ihre Mäntel hüllten, und größten- theils nicht begreifen konnten, wie diese Leute nicht das Recht auf ihrer Seite haben sollten, da sie mit Hintansetzung ihres Lebens so große Festigkeit und Entschlossenheit zeigten. Andre wurden vom Mitleid bewegt, es that ihnen wehe, diese Leute so verfolgt zu sehen: als sie auf den öffentlichen Plätzen die schwarzen Gerippe erblickten, die an Ketten in der Luft hingen, als Ueberreste der Marter, konnten sie sich der Thränen nicht enthalten: auch die Herzen weinten mit denAugen." Dieses schöne Blatt hat Florimond de Raemond geschrieben, bald nach der Hinrichtung des Servetus. Audi»: Liblit Cawin'S I. Bd. 6 VIII. Kapitel. Die christliche Unterweisung. ) Die Aufnahme, welche dieses Buch bei der Reformation fand. — Es ist ein Manifest gegen den Protestantismus. — Antagonismus zwischen Calvin und den deutschen Reformatoren. — Einige Lehren aus dieser Unterweisung. — Veränderungen der Symbolik Calvins. — Servetus. — Jdeengang der Polemik, welche die Unterweisung enthält. — Calvin beruft sich auf die katholische Autorität. — Die Vorrede zu der Unterweisung. — Sttil des Werkes. ' Im Jahre 1536, im Monate Marz beendigten Thomas Platter und Balthasar Lasius in Basel den Druck der „christlichen Unterweisung," welche unstreitig die bedeutendste Schrift ist, die Calvin beraus- l) Obristianae religionis institutio, totam körn jxetatis snmmam etIzuie- tsuicl est i» ckoetrina salutis eognitu necessarium, eompleetens: Omnibus pietatis stuckiosis leetu «lignissimuni ojius, ac Inline; reeens e-ckitum. Uraekatio sei ckristianissimum regem chranciae gua bin <;i über conkessione kickei okkertui- I o vio e/tt n e-? se au kor e, «Kiwitt-. UI1XXXVI. Am Ende des Werkes liestInan. — Uasileae >>er 'Ibomam Ulatorum et liallkasarem I.asium, mense .^lartio nun» >530. Klein 8. 514 Seiten, V Seiten Jnhaltsanzeigen: nach diesen sieht man die Minerva mit der Jnn- schrift: tu niliil invita kaeies «lieesve ^linerva. Das Flammenschwert ist nicht auf dem Titel des Buckes. Seite 2.,(iaj)ita »rgnmentorum, «juae in jux- libro traetantur, 1. Ile lege; quock Ileealogi explicationem eontinet sp. 42.) 2. Ile kicke ul)i el svmbolum iguock aimstoüeum voeant), eviiliea- iur (p. 102.) 3. De orstione nbi et oratio ckominica enarratur (p. 157.) 4. Ile saeramentis »>>i eie baptismo et eoena Domini (>e. 200.) 5. ()uo sacramenta non esse tjuinczue relie>ua, ezuae z>ro sacramen- tis bacteuus vulgo babita sunt, ckeclarstur: tum ezualia sint oslencki- tur (p. 2lI5.) Ile libertate ckrisliaus, potestate ecclesisstica cl politica sckmi- uistralioue sp. 400.) gab. Ein Dichter jener Zeit stellt sic unmittelbar nach den apostoli- scben Schriften. Proctor spostoliess post Cüristi tempors cbarlos jluic popcrc libro sneeuta nulla j»orcm. Das ist das Werk, zu welchem der Schüler von Novon in Bour- gcs und Orlean's die Materialien zn sammeln begann, und welches er während seiner Züge durch Frankreich ausarbeitete. Die Reformation erwartete die Erscheinung dieser Schrift mit Ungeduld. Einige Bruchstücke, welche der Autor seinen Freunden vorgelescn hatte, wurden zurückbehalten, abgcschrieben und am Hofe der Königin Margaretha verbreitet. Desperriers, Marot, Rousscl und alle Tischgenosscn der Königin verkündeten, tasi die „Unterweisung" der katholischen Welt eine andere Gestalt geben werde. Man wußte, daß Calvin diese Arbeit unternommen habe, um zu beweisen, daß die Reformation einen Theologen und Schriftsteller gefunden habe. Das Buch erschien zuerst in lateinischer Sprache. An die Spitze des Werkes hatte Calvin eine Nach Beza soll die erste Ausgabe der „christlichen Unterweisung" im Jahre 1535 zu Basel erschienen sein, wo Calvin wohnte. Gerdts „scrinium nntiguariimi sive iniscellauen Croeningana," l. 2, p, 453, spricht anch von einer Ausgabe von 1535, von der kein Ercinplar zu finden war. Es ist zu bemerken, daß die Buchdrucker auf die Titel ihrer Bücher oft frühere Jahrgänge druckten. Man darf annehmcn, daß die Ausgabe von 1536 nicht die erste sei, weil sich Calvin auf dem Titel, im Beginn der Vorrede und am Anfänge des ersten Kapitels mit Namen nennt. Wir wissen aber nach dem eigenen Zeugnisse des Reformators, daß das Werk nicht unter dem Namen Calvins erschien. Die Ausgabe von 1536 findet man ans den Bibliotheken von Braun- fchwcig und Genf. Turrctin sagt in einem Schreiben von 1700: „Die älteste Ausgabe, welche man in Gens besitzt, ist jene in 8., 514 Seiten stark, gedruckt zu Basel per Hioniam i'latlciiun ell Ilalltiasarem I.alium, m. inartio, anno 1536. Am Ende des Buches befindet sich das Bild der Minerva mit den Worten: „Di niliil invita laeiesve ciieesve Ninvrva. Der Anfang fehlt bis zn Seite 42." Spondc, nimmt eine französische Basler- Ausgabe, vom August 1535 an: Ilavle, »ist. Calvin. Paul Henry meint; cs müsse eine französische Ausgabe vom Jahre 1535 vorhanden sein, welche unter dem angenommenen Namen Aleuin erschien, und eine lateinische Ausgabe vom Jahre 1536 mit dem -Namen Calvin's. In der französischen Ausgabe der „Unterweisungen" vom Jahre 1566 ist die Vorrede datirt: Basel, am ersten August 1535, Es bleibt nun zu erweisen, ob ein Eremplar der Originalausgabe bis auf uns gekommen ist. Auf der königlichen Bibliothek in Paris erislirt eine sehr seltene Ausgabe dieses Buches (1565), unter folgendem Titel: „Inslilution (kn In relistion elireslienne nouvellsrnent inise en (piatrs livres; augmentee aussi cke lei aeeroissemont qu'on In peut presque estimer un livre nouveau; par Scan Calvin. I-toi», Par ckesn -lartin. 1) Paulus Ikurius. 6 * Deducation für Franz I. gestellt, welche er, wie das Buch selbst, einige Jahre später in die französische Sprache übersetzte. Die Deducativn ist eines der bedeutendsten Denkmale der französischen Sprache: sie ist kühn und beredt, voll trefflicher Redewendungen. Als sie erschien, erklärten die Gelehrten, es sei eine Rede, würdig eines großen Königs, würdig, den Eingang zu einem prachtvollen Gebäude zu bilden, eine Abhandlung, die mehr als einmal gelesen zu werden verdiene und der Einleitung de Thou's zu seiner allgemeinen Geschichte, und jener des Casaubonus zum Polpbius an die Seite gestellt werden dürfe. Wir kennen unter allen Schriften der Protestanten keine, die beredter gegen das Princip der Reformation auftrat, als die „christliche Unterweisung." Bossuct hätte mit all seinem Genie nicht vermocht, was Calvin vermochte. Es ist ein mit großer Mühe und Gelehrsamkeit verfaßtes Buch, das bestimmt war, dem Katholicismus den Todesstoß zu versetzen, die Staatsreligion Frankreichs zu ändern und den König Franz I. zum Uebertritt zu bewegen. Man hoffte, es werde den alten Glauben unserer Väter zerstören, der so vielen Sophismen Widerstand geleistet hatte, der das Schwert so vieler Neuerer überwunden hatte; und es sollte geschehen, daß dieses Werk nach dem Willen der Vorsehung die schrecklichste Waffe wurde, welche die Reformation je gegen sich selbst hätte schmieden können. Wenn Calvin in dieser öffentlichen Beichte die Wahrheit sagte, muß man alle Bücher der andern Reformatoren verbrennen; wenn er ein von Gott gesandter Apostel ist, sind die deutschen Protestanten nichts anderes, als Doctoren der Lüge; wenn die „Unterweisung" unter der Eingebung der ewigen Weisheit geschrieben wurde, sind die babylonische Gefangenschaft Luther's, das Augsburger Glaubensbekenntniß Melanchthons, die Schrift „Do vorn et lalsa religiono" von Zwingli, und jene „De eoeua" von Oeko- lampadius lauter Bücher, die man in das Feuer werfen muß. Denn die Lehren, welche Calvin in seiner „christlichen Unterweisung" aufstellt, sind nicht dieselben, welche die deutschen Neuerer lehren: das Wort des Einen ist dem Worte des Andern nicht ähnlicher, als der Schatten der Sonne: Wenn Gott den Israeliten von Noyon mit seiner Wolke deckte, mußte er die deutschen Doctoren in der Finsterniß lassen: die Reformation soll selbst entscheiden. t) „Man hat in der gelehrten Wett gesagt, daß es nur drei treffliche Vorreden gebe: die des Präsidenten Thuanus vor seiner Geschichte, die des Casaubonus ad Polybium, die dritte Calviicks. Morus pnnegvrigue, p. 10t., Inst. Lei. Icsrck, et Melange critique eie teu. M. ^neiilon, Uasle ItM, gg. — ianeguil Lelevre in Senligerana, p. 4t>. Bayle fügt den drei schonen Vorreden noch jene Peliffon's zn den Werken Sarazin's Hinz». 85 Aich Bütz .'1 ,chU> tüwlit M» >Ä- w tk« > «k fick« iiti- j t» km- r« l-5 v rii t« ft ve le- « ch ss t« B -k>- t!« „Wir sagen," spricht Calvin, „die römische Kirche sei keine Tochter Jesu Christi, ihre Päpste haben sie durch ihre Gottlosigkeit entweiht, sie vergiftet und getödtct." „Und wir bekennen," sagt Luther, „daß im Papstthume die rechte heilige Schrift sei, weil sie die Taufe, Absolution und das Evangelium habe." 2) Als die Universität von Helmstädt im achtzehnten Jahrhundert in Betreff der Ehe der Elisabetha von Braunschweig - Wolfenbüttel mit dem Erzherzog von Oesterreich, zu Rathe gezogen wurde, fügte sie ihrer Erklärung bei — die Katholiken haben allein den Grund und Ursprung des Glaubens, die römische Kirche sei die wahre Kirche, welche das Wort Gottes höre und die von Jesus Christus eingesetzten Sakramente bewahre. Calvin fährt fort: — „Ich behaupte, der Papst in Rom sei das Haupt und der Fürst des verfluchten Reichs des Antichrist." Und die Väter von Augsburg erheben sich, um den Antichrist zu vertheidigen, und sagen: „Dieß ist fast die Summa der Lehre .... die gemeiner chrisll licker, ja römischer Kirchen nicht zuwider noch entgegen ist." Damals also, als Calvin den römischen Stuhl so arg beleidigte, vcrtheidigte ihn die deutsche Kirche, ihre ruhmvolle Versammlung von Schriftstellern, ihre Gemeinschaft von Gelehrten, öffentlich gegen den Schüler von Novon. „Ich behaupte," sagt Calvin, „daß man allemal, so oft man Gott in Bildern darstellt, seine Ehre beflecke und durch die Gottlosigkeit der Lüge schände; daß ihm alle Standbilder, die man von ihm macht, alle Gemälde, welche man von ihm malt, unendlich mißfallen, gerade als wenn man ihn ebenso oft beleidigen und beschimpfen würde." Dieselbe Sprache führte Carlstadt in Wittenberg vor allen Bilderstürmern, als Luther die Kanzel bestieg und die thörichten Träumereien des Archidiakons strafte. Er ließ die Standbilder der Heiligen wieder aufrichten, und wurde dafür von dem ganzen gelehrten Deutsch- 1) Instit. ckret. >>. 774. 2) lUsi lateninr 00s esss ecclesism qniu üatient I)3jitism»m, stiso- tutionem, textnin evsnzelii. I.utü. in 28. t-enes. toi. 006. 3) Hlemoii'es >ione servie <1 I' Ilistoire Ixeelösiastiane pencksnt te 18 sivcle, t. 1. 4) Bckennlmß des Glaubens ,c. Walch. Pd. XVI. S. 1005. 5) Inst. O-et., p. 51. 0) Ib. land mit Beifall belohnt. Calvin schöpfte keinen eigenen Gedanken: er nabm alle Beweise gegen die Verehrung der Bilder aus den Schriften Carlstadt's, welche der sächsische Mönch schon seinem beißenden Spott überliefert hatte. Calvin fährt fort: — „Mein Christ, wenn man dir das Brod als Zeichen des Leibes Jesu Christi vorhält, so mache bei dir selbst diesen Vergleich: wie das Brod unser zeitliches Leben vcs Leibes erhält, so soll der Leib Christi die Speise unseres geistigen Lebens sein. Wenn man dir den Wein bringt, das Svmbol des Blutes, so denke, daß das Blut Christi dich geistig neu beleben soll, wie der Wein dei- nen irdischen Leib. Es sind Unwissende, die der Schrift ihre eigenen Gedanken beifügen, und die Schärfe ihres Geistes dadurch zeigen wollen, daß sie sich, ich weiß nicht, was für eine Realität, und welche Sub- stantialität, und die wunderbare Transsubstantiation einbilden, was eine Verrücktheit des Gehirns ist, wenn cs je eine gab." Die Kirche Wittenbergs schrie über Gotteslästerung. Die Stimme ihres Apostels erfüllte sich mit Zorn: Du bist ein Blödsinniger, der du dich nie auf die Schrift verstanden hast: wenn Du griechisch verständest, würde der Text dich blenden und dir in die Augen fallen; lies also, läugne, kraft meines Doctortitels sage ich, Du seiest ein Esel. Ihr habt gesehen, wie Luther auf der Unterredung in Marburg, welche Philipp von Hessen bestellt hatte, sich weigerte, den Sacramen- tirern, welche Calvin repräsentirt, den Friedenskuß zu geben, und wie er sie bei seinem Abgänge nach Wittenberg dem Zorne Gottes und der Menschen überantwortete. Wie kann nun der ungarische Dichter diese „Unterweisung" als das herrlichste Geschenk lobpreisen, welches der Himmel der christlichen Welt seit den Zeiten der Apostel geschenkt habe! Will Luther das Blatt, auf welchem Calvin das Brod und den Wein der Eucharistie als Sinnbilder darstellt, als eine Eingebung des bösen Geistes nicht zerreißen! Wie kann der Professor Samarthanus Basel um den christlichen Schatz, den Frankreich nie mehr erlangen wird, beneiden! 1) llllristinnne roligionis in8titutio, p. 23S. 2) II... 240. 3) Luther's Tisch-Reden. 4) kloc ckoleo tnntum guocl nkre>>w»s nodis 8,8, guockgue alter Ioguen8 llslvinus, nein^e In8titutio rkristisns sck no8 non perveniat. Invicleo Oermsnise, gmg gnock ills sssegui non possuinus." Handschrift von Gotha. Ist dieses Cbristenthum durch Melanchthon, Luther und Osiander nicbt der Neuerung und der Thorbeit überführt? Wenn Franz I. die Symbolik Calvin's annimmt, droht ihm Luther mit der Verdammung. Wenn er aus Luther hört, verdammt ihn Calvin unwiderruflich, weil er sich durch den „abscheulichen Jrrthnm der reellen Gegenwart" hat verführen lassen. Priester des Herrn, fasset euch nun! Ihr sagt mir, der Eine und der Andre, nimm und lies, hier ist das Buch des Lebens, das Brod der Wahrheit, das Manna der Wüste. Ich höre euch und euer Wort stürzt meine Seele in einen Abgrund von Zweifeln. Wer wird für mich nun „diesen ersten Stern des Tages" leuchten lassen; wie Calvin sein Evangelium nennt? Ich, sagt Osiander, aber du mußt meine nothwendige Gerechtigkeit annchmen. Ich, sagt Calvin, aber du mußt die ketzerische Gerechtigkeit Osian- ders verwerfen, und an meine freie Gerechtigkeit glauben. Ich, sagt Melanchtbon, aber du mußt im Papstthume bleiben, denn die Kirche hat ein sichtbares Oberhaupt nothwendig. Ich, sagt Calvin, aber verwirf den Papst, den Fürsten der Finsterniß, den Antichrist mit Fleisch und Bein. Ich, sagt Luther, aber glaube, daß die Lippen den Leib und das Blut Jesu Christi empfangen. Ich, sagt Calvin, aber glaube, daß dein Mund nur die Symbole des Fleisches und Blutes berühre, daß der Glaube allein es vermöge, in Realität umzugestalten. — Wo. steht also dieser erste Stern des Tages, den uns Johannes von Noyon verkündet? In Zürch, sagt Zwingli. In Basel, sagt Oekolampadius. In Straßburg, sagt Bucer. In Wittenberg, sagt Luther. In Neuchatel, sagt Farel. In welcher Bibel werde ich aber das Wort Gottes lesen? In der Bibel Luther's, sagt Hans Lufft, sein Drucker. In der Bibel Lefevre's d'Etaples, sagen Calvin und Theodor von Beza. In der Bibel von Zürch, sagt Leo Juda. In der Bibel von Basel, sagt Oekolampadius. ,,.4ux licleles cle Oeneve ckur-mt is ckissig-Ulon cko l'Lxlise." 88 „Fürwahr," sagt Beza, „die Basier Uebersehung ist erbärmlich, und in vielen Stellen beleidigend gegen den heiligen Geist." „Verflucht sei die Uebersehung von Genf," sagt die Versammlung von Hamptoncourt, „sie ist die schlechteste, welche existirt." „Hüte dich," sagt Calvin, „vor der Bibel Zwingli's, das ist Gift: denn Zwingli hat geschrieben: Sanct Paulus habe seine Briefe nicht für heilig und unfehlbar erkannt, und weil er sie augenblicklich geschrieben habe, seien sie unter den Aposteln nicht für Schriften von göttlicher Kraft angesehen worden." Was soll nun Franz I. thun? Wenn er die „christliche Unterweisung" als ein Buch der Wahrheit annimmt, so must Cr, sein Hof, seine Kinder und sein ganzes allerchristlichstes Königreich, wenn er je das ewige Leben erlangen will, glauben: „Gleichwie der Wille Gottes der einzige Grund der Auserwählung der Menschen ist, so ist auch derselbe Wille die Ursache ihrer Verdammung. „Der Fall der Adamskinder kommt von Gott: ein schrecklicher Schluß! aber Niemand kann in Zweifel ziehen, daß Gott nicht die ganze Ewigkeit vorher gewußt habe, welches Ende der Mensch nehmen müsse. 5) „Gott will, daß der Mensch falle, warum? wissen wir nicht. „Die Blutschande, welche Absalon beging, als er das Bett seines Vaters befleckte, ist ein Werk Gottes. „Gott sendet den Teufel mit dem Befehle, daß er ein Lügengeist sein soll im Munde der Propheten." 1) . .. „Daß sie in Vielen Sachen gottlos, und der Meinung des heiligen Geistes gänzlich zuwider sehe." Id. I'. Oer. di. I. in reuuioue Protest/,,. 48». 2) „Daß unter allen Dollmetschungcn, die bis zu der Zeit hcrausgekominen, die Gcnfiscke die allcrsäilin,niste und untreueste wäre. li. I'. i,e/. ,oc. <>». 3) I^norantia vestra est, In tkeolstiv ein AI. ^iirie-n, i>nr Illie 8nuii». I'nsteur cw l e^Iiso AVnIIonv äksliwolit. 2. vol. I» llsvo 1lM4, in 6. 2) Beza: vor der Ausgabe der Werke Calvin's. Tervetus hatte in der „Unterweisung" die Erklärung gelesen, welche Calvin von dem Dogma der Dreieinigkeit gab, und war durcb sic sehr wenig befriedigt, da er seine eigene Schrift über dieses Gehcimniss fortgesetzt hatte. Seine Blicke waren auf die Zeilen gefallen, in welchen Calvin lehrt, daß die Seele des Christen, wenn es ihr von der Kirche untersagt wäre, mit Sündern vertrauten Umgang zu pflegen, sich bemühen müsse, die Fehlenden durch Ermahnung, Lehre, Sanstmnth, Gebete und Thränen von ihrem Jrrthumc abzubringen, selbst wenn sic Türken oder Saracenen wären und Servetus war gerührt worden und hatte den Verfasser gesegnet. Später, als er in Genf im Gefängnisse eingeschlossen war, auf dem Lager von Stroh, vom Ungeziefer geplagt, erinnerte er sich der schönen Worte aus der „christlichen Unterweisung," und hoffte, die Lippen, von welchen dieselben geflossen seien, könnten gegen einen Christen kein Todesurtheil aussprcchen..... Der Unglückliche kannte das Herz seines Richters nicht! Der Spanier starb, und die Ausgabe des Buches von der christlichen Unterweisung erschien nach der Strafe des Ketzers, durchgesehen, corrigirt und gereinigt von allen Stellen, welche gleichsam ein Urtheil gegen den Berichterstatter, Richter und Henker gewesen wären. 2) Die „christliche Unterweisung" hatte das nämliche Schicksal wie die Augsburger Confession. Alle Beide wurden bekanntlich bei ihrem Erscheinen als Eingebungen des heiligen Geistes betrachtet. Jede Ausgabe corrigirte, änderte und bearbeitete der heilige Geist aufs Neue; er hörte auf die dummen und weisen Beurtheilungen der gelehrten Welt, und löschte mit seinem Flügel bald eine Stelle aus, welche einem Re- ligionsgenossen missfallen hatte, bald eine Phrase oder ein Kapitel, welche nicht von der gehörigen Erleuchtung erfüllt war: er ersetzte einen übelverstandenen Text mit einem andern, zu dessen Erforschung er nun Zeit gehabt hatte; er schaffte listiger Weise manches Kapitel bei Seite; verwischte einige Runzeln des Zornes, und um keinen I Ik'smilisrius verssii sul interiorem consneludinem imkere non licest.; dekemns tsmen eontendere sive exkorlstion«, sive doctrins, sive elementis oe msnsuettidine, sive nostris sd lleum precikns, nt sd meliorem lrugem conversi in societstem sc nnitslem ecclesise se re- eipisnt. »cpie ii modo sic trsclsndi snnl. sed Inrcsc guorpie, sc lssrsceni, csetericpce relizionis kosles. p. 147. 2) Oseterum edilio tisec— nolsln dchns est guod locs plurims, guse de kerendis ksereticis sgsnt, in «luikuscpie Lslvinus milius sensersl eomplectiiur: guse gnidem locs in poslerioriluis iisgne imprimis, gnse post supplicium Serveti exiersnl, cditionikus, «juod supprimeuds esLsl- vinns putsvit, lrnstrs invesligsris. l.ieke, l'v-ndonvnijs Lslvjni, p. 27. Zweifel über seinen Durchgang übrig zu lassen, ließ er alle Unbilden, welche er dem Kopisten über den Papst und das Papstthum eingeblasen batte, in Ruhe stehen. Die Katholiken erheiterten sich an den Umschwenkun- gcn seiner kehre, zum Beispiel bei der Lehre von dem Sacramentc der Cucharistic, von der Gnade und dem freien Willen. Aber die Schüler Calvin's lachten über die Beurtheilungen, und fuhren fort, mit jungfräulicher Aufrichtigkeit zu behaupten, ihr Vater babe nichts an der Lehre geändert, die er ihnen gegeben habe. 0 Calvin selbst verdient größern Glauben, er hat selbst bekannt, er habe die Feile angewandt und den Stttl geändert: „Was die erste Ausgabe dieses Buches betrifft, so erwartete ich nicht, daß es so gut ausgenommen würde, wie cs der Wille der unschätzbaren Güte Gottes war: ich habe mich zu leicht damit befriedigt, habe mich zu kurze Zeit damit beschäftigt. Als ich aber später sab, daß das Buch so günstig ausgenommen wurde, wie ich mir nicht zu wünschen getraut hätte, viel weniger hoffte, so fühlte ich mich um so mehr verpflichtet, mich mehr zu befriedigen und meine Verbindlichkeiten gegen diejenigen, welche meine Lehre mit so großer Gewogenheit aufnahmen, noch vollkommener zu lösen, da es undankbar von mir gewesen wäre, wenn ich ihrem Verlangen nicht so weit entsprochen hätte, als es meine Wenigkeit vermochte. Diese meine Pflicht suchte ich nun nicht nur zu erfüllen, als das genannte Buch zum zweitenmale gedruckt wurde, sondern ich habe es auch jedesmal, so oft es wieder abgedruckt wurde, einigermaßen vermehrt und bereichert. Wiewohl ich nicht Ursache hätte, wegen der Arbeit, welche ich übernommen babe, mißvergnügt zu sein, so muß ich doch bekennen, daß ich selbst nie befriedigt war, bis ich sie in die Ordnung gebracht habe, welche ibr jetzt finden werdet, und welche, wie ich hoffe, euern Beifall haben wird. Ich kann wirklich zur Versicherung, daß ich mich nicht schonte, der Kirche Gottes so eifrig zu dienen, als es mir möglich war, anführen, daß ich mich im vergangenen Winter, als mir das viertägige Fieber mit dem Abschiede von dieser Welt drohte, um so weniger schonte, je mehr mich die Krankheit drängte, bis ich das Buch vollendet hatte, welches nach meinem Tode Zeugniß geben tollte, wie sehr ich denjenigen zu willfahren wünschte, welche es zu benützen verlangen. Ich hätte es wohl früher thun mögen, aber cs ist früh genug, wenn es gut genug ist. Nun täuscht sich der Teufel und seine ganze Rotte sehr; wenn er glaubt, er könne mich besiege» oder entmuthigen, wenn er mich mit so frechen Lügen belästigt." 1) In iloctiins gusm inilio trsclillit »cl oxtremuin constsns nibil gi'ordiüi iiniuulsvit, Hnoll gsuois noslrs memoiüs tlleologis contigil. Hers. Unter dem Teufel und seiner ganzen Rotte verstand er Niemanden, als die katholischen Schriftsteller, welche die Aenderungen Calvins ein wenig zu empfindlich ausgenommen und cs gewagt hatten, den theologischen Werth des Buches von der „christlichen Unterweisung" in Zweifel zu ziehen. Die Polemik der Reformation ging über den Rhein, unk kam von Wittenberg nach Paris, ohne daß sie die Formen ihrer Sprechweise änderte. In Noyon, wie in Erfurt ist es ausgemacht, daß sich der Teufel in der Person Leo's X. und Hadrian's H mit der Tiare bekleidet, und daß der Anhang dieser Teufel das violette und rothc Gewand ungezogen habe, in dem er sich in Sadolct, dem Erzbftchosc von Earpentras, in Petit, dem Bischöfe von Paris, und Brisonner, dem Bischöfe von Meaux cinfleischtc. Es war nicht lange her, daß Calvin im Dispute mit einem Wiedertäufer sagte: „Und gewiß, ich bleibe immer von beleidigenden und beißenden Reden fern." Die Katholiken sind weniger glücklich: er vergleicht sie mit Affen und ihre Messe mit der Helena der Griechen. „Die päpstlichen Ceremonien entsprechen ihrem Wesen. Als unser Herr seine Apostel zur Verkündung des Evangeliums aussandte, hauchte er sie an. Durch dieses Zeichen stellte er die Kraft des heiligen Geistes dar, die er in sie legte. Diese guten Leute haben das Anhauchen beibehaltcn, und gleich als wenn sie den heiligen Geist aus ihrem Schlunde ausspicen, murmeln sie über ihre Priester, die sie ordiniren, und sagen: empfanget den heiligen Geist. Alles machen sic auf eine verkehrte Weise nach, ich will nicht sagen, wie Gaukler und Possenreißer, sondern wie Affen, welche keine Ruhe haben, wenn sie nickt Alles ohne Grund und Rücksicht nachmachen können. Wir beobachten das Beispiel unseres Herrn, sagen sie; aber unser Herr hat Meh- rcres gethan, was er nicht nachgethan haben wollte. Er sagte zu seinen Schülern: Empfanget den heiligen Geist. Er sagte aber auch ein andermal zu Lazarus: Lazarus komme heraus. Er sagte zu dem Gicktbrüchigen: stehe auf und gehe; warum sagen sie dieß nicht auch zu allen Todtcn und Gichtbrüchigen?"— „Gewiß, der Teufel richtete nie eine Maschine zu, die mächtiger war, das Reich Jesu Christi zu bekämpfen und zu stürzen! Diese Messe ist eine wahre Helena, für welche die Feinde der Wahrheit heut zu Tage mit so großer Grausamkeit, mit so großer Wuth und so großer Raserei kämpfen. Sie ist eine wahre Helena, mit welcher sie geistige C 1'. 1221, eckit. cke I.von loliä. — „Daß sie Wunder von uns verlangen, ist unsinnig. Wir erdichten kein neues Evangelium, wir bewahren nur das, welches die Wunder Christi und der Apostel bekräftigten." Widmung an Franz I. Hurerei treiben, die von allen die fluchwürdigste ist. Ich möchte nicht mit dem kleinen Finger die argen und groben Mißbräuche anrühren, mit welchen man darthun könnte, wie die Reinheit ihrer heiligen Messe entweiht und verderbt worden sei: man muß wissen, welchen gemeinen Markt und Handel sie führen, wie unerlaubt und unanständig der Gewinn ist, den solche Opferer aus ihrem Geschäfte ziehen; durch welche arge Dieberei sie ihren Geiz stillen." lieber die „christliche Unterweisung" ist heut zu Tage vor dem Richterstuhle der Critik das Urtheil gefällt worden. Es ist ein Vortrag von einigen Hundert Seiten, in welchen der Verfasser dem, was man damals die Reformation nannte, Leib und Seele geben wollte. Um zu zeigen, daß die protestantische Lehre nicht von gestern sei, beruft sich der Schriftsteller zuerst auf die Bibel, die er nach seiner Willkühr deutet; dann auf die Autorität der katholischen Väter, so daß seine Lehre, wenn ihr ihn hört, nichts anders wäre, als der Wiederhall der Lehre eines Irenaus, Augustin, Cyprian, und sogar eines Hieronymus, dessen Seele Luther, wie ihr wißt, für so gefährdet hielt, daß er nicht um zehntausend Gulden an ihrer Stelle sein möchte. Ist es nicht merkwürdig, zu sehen, wie Calvin ernstlich behauptet, unsere Väter der ersten Kirche hätten dieselben Ansichten von der symbolischen Gegenwart gehabt, wie er; während Luther diese nämlichen Väter anführt, um gegen die Sacramentirer zu beweisen, daß das Dogma von der wesentlichen Gegenwart immer in der Kirche gelehrt worden sei? wie kann einer und der nämliche menschliche Buchstabe, auf den man sich beruft, für zwei widersprechende Zeugnisse günstig lauten? So behauptet Calvin auch, daß seine Ansichten von der Vorausbestimmung, von den Werken, von der Gnade und von der Rechtfertigung die nämlichen seien, welche unsere großen katholischen Lehrer gehabt haben. Warum rechtfertigt er dann aber nicht ihr Andenken, das von Luther geschmäht wurde? Warum öffnet er ihnen nicht die Pforten des Himmels und läßt sie in den Wohnungen des ewigen Feuers, in welche sie der Apostel Deutschlands warf, sein Vater in Jesus Christus, wie er ihn nannte? Das Angesicht dieser katholischen Kirche war also nicht so erbärmlich, wie er sagte, wenn man Glaubenssätze in ihr lehrte, welche er hervorruft, um sie durch das Aufsehen, das seine Lehre machte, neuerdings geltend zu machen? Dank Calvin! Dank deinem Buche, wir können uns wieder zu allen Herrlichkeiten unseres Kultus bekennen, die dem Spotte der Biertrinker von Thorgau preisgcgeben waren. Cyprian, Augustin, Lactantius und insbesondere du, Hieronymus, ihr freuet euch des Angesichtes Gottes wieder! Selbst Calvin beehrt euch mit dem Namen der Heiligen. In dem so gepriesenen Buche der „christlichen Unterweisung" ist nichts Neues zu finden. Alle von Eck, Prierias, Mittiz und Caje- tan gehaltenen Disputationen sind hier wieder vorgebracht, aber ohne Leben, ohne Bewegung, ohne Glanz. Calvin nimmt die Diseussion über das Primat des Papstes da wieder am, wo sie Luther in seinem Zweikampfe mit Eck verlassen hat, ohne daß er sie durch den Glanz seiner Rede verjüngt. Man sieht, daß er sie nur von einer Seite studirt hat, in den nämlichen Gränzen, die sich Luther gesteckt hat, ohne sich um die Logik seines Gegners zu kümmern. Sv sollte er nicht zu Werke gehen: die gelehrte Welt hatte von dem Schüler Alciati's andere Hoffnungen gehegt. Bisweilen reizt er die Neugierde des Lesers, indem er einen Einwurf, den er verwerfen und zernichten will, in prächtigen Worten ausstellt. Wenn es sich zum Beispiel um die Erscheinung des doppelten Willens Gottes handelt, sagt er: „der Eine, kraft dessen er nach einem geheimen Rathschluße gebietet, was er durch das allgemeine Gesetz offenbar verboten hat." Z Ter Leser erwacht und bewegt sich; dann läßt der Lehrer dieser christlichen Unterweisungen Plötzlich unbedeutende Worte fallen, und bekennt offenherzig, daß man diese zweifache Erscheinung nicht zu begreifen vermöge. Die „christliche Unterweisung" verdient jedoch als litterarische Arbeit großes Lob. Wenn sich der Theologe im Dunkel seiner Beweisführung verirrt, gibt der Schriftsteller einen schönen Glanz von sich. Man muß bis auf Calvin zurückgehen, wenn man den Ursprung und die Umgestaltungen unserer Sprache kennen lernen will. Die Gelehrtenrepublik gleicht nicht der katholischen Kirche; man kann in ihr sein Heil finden, man mag einer Sectc angehören, welcher man will, und der Irrglaube Calvin's soll uns nicht hindern, an ihm den gewandten Meister der Rede zu loben. Man muß in der That staunen, wenn man seine Widmung an Franz l. und einige Kapitel seiner Abhandlung liest und sieht, mit welcher Gelehrigkeit das materielle Wort dem Willen des Schreibers gehorcht. Nie fehlt ihm das geeignete Wort. Er ruft ihm und es erscheint. Es ist das Pferd Jobs, wel- 1) Inst., tib. I. «mp. 18, 8- 3. 2) Le tiarcliuLl cke kicllelteu, LIetlloäe, p. 311. ches läuft und stehen bleibt bei der geringsten Bewegung des Reiters; nur bäumt sich das Thier des Schülers nicht und sprüht keine Flammen. Das Alterthum spiegelt sich in der „Unterweisung." Von Seneca entlehnte Calvin die fließende, rythmische Periode, von Tacitus das Ungestüme des Styls, von Virgil den Honig der Poesie. Das Studium des römischen Rechts bot ihm strenge und scharfe Sprachformen, einen klaren und bestimmten, aber lcivcr auch oft einen allzutrockenen und dürren Ausdruck dar. Dicß ist ein Fehler, den er offen gesteht, indem er von dem' heiligen Augustin spricht, dessen Weitschweifigkeit ihm mißfiel und die Lichtstrahlen verdunkelte, welche der Lehrer über seine Schriften auszugicßen wußte. Wir werden später Gelegenheit haben, den Verfasser der „christlichen Unterweisung" als Schriftsteller zu würdigen. IX. Kapitel. Calvin in Ferrara. — 1SL6. Italien bleibt dem Cnltus der Form getreu. — Calvin in Ferrara. — Ariost. — Calcagnini. — Marot — Die Herzogin von Ferrara. — Calvin ist ge- »öthigt. Ferrara zn verlassen. — Brieflicher Verkehr mit der Herzogin. — Die Reformation hat den Geist der Völker immer verkannt. Als Lutber zum erstcnmäle in Rom eintrat, sah seine ganz deutsche Seele I) doch gunm reverenior cke .Vn-zustino sentinm. Ouin leimen ejus pro- livilns nulij Nchsiiioonl,, non ckissiinnlo. Interim forte drevitns me:> nimch conechn est; see! ego in prnesenlin non llispulo gniil sit opti- inum. .Xnm ieleo lickem ipse inilri non Untioo, guoel iluin nnturnm inenm seguor midi veninni clnri innlo gunni nlios iinprolmre: lnntuin iereor ne el slvlns nlignnntnm perplexus et longior trnctutio ovscn- rent en luminn^ ciuso e«o itlic consnicio. Lp. Hiss. Cen.. Cnlv. sept., iö40. Lnrello. 96 in dem wundervollen Schauspiel seiner Feste, Kirchen und Museen nichts Andres, als ein Wiederaufleben der Thorhciten des Hcidenthums. Er glaubte in das Rom der Cäsaren versetzt zu sein. Ein Kind des Nordens, stellte er in seinen Gedanken dem Glanze des italienischen Eultus die Ceremonien seiner Allerheiligenkirchc gegenüber, und glaubte, die Wahrheit müßte ein Kleid von rauher Wolle tragen und kein Gewand, das von Rubinen glänze. Seine ästthetische Bildung war nicht sehr weit vorangerückt, er begriff die geheimnißvollen Harmonieen der lateinischen Liturgie nicht, die sogar mit dem Himmel übereinstimmte, der sich über Rom ausbreitete. Ein Land, dessen Sonnenstrahlen so warm, dessen Morgenröthen so herrlich, dessen Fernen so voll von Azur, dessen Lüfte so hell sind, hat Tempel von Marmor, Altäre von Porphir, Kelche von Gold, und priesterliche Gewänder, die von Edelsteinen glänzen, nothwendig. Nie wird ein Volk, das auf der Straße Arrians wandelt, mitten unter Mausoleen, Tempeln, Bädern, Wasserleitungen, griechischen und römischen Bildhauerwerken, zugeben, daß sein Gott unter einem Strohdache wohnen solle. Um ein solches Volk zu zwingen, daß es den Eultus der Form ausgebe, müßte man ihm eine andere Natur und einen andern Himmel geben. Die Allmacht der sächsischen Lehre wäre wohl an diesem zweifachen Wunder gestrandet. Später lernte Luther begreifen, daß die Wahrheit die materiellen Neigungen eines Volkes nicht zum Opfer verlangen könne; er vertheidigte mit großer Beredsamkeit die Bilder gegen Carlstadt, diesen zuchtlosen Kämpfer der Reformation, der sie aus dem christlichen Tempel verdrängen wollte. Es ist erwiesen, daß die Stimme des Erasmus, ganz vom Zorne bewegt, Deutschland diesen Angriff auf die durch Menschenhand vergeistigte Materie angekündet hatte. Calvin hatte ihn noch nicht gehört, als er seine „christliche Unterweisung" verfaßte, in welcher er der christlichen Seele Abneigung gegen die Bilder cinzuflößen suchte; er wurde von carlstadt'schen Ideen beherrscht, als er gegen Ende März 1536 Basel verließ, um nach Ferrara zu gehen. Ferrara war eine Stadt der Mönche und Gelehrten, in deren Mitte sich ein Marmor-Palast erhob, den man den Diamantenpalast nannte. Er war von einem Kranze von Gärten umgeben, welche Herkules von Este verschönert oder selbst angelegt hatte. Es war der 1) Lrasmi epistolae, passim. 2) Paul Henry, Bd. I-, S. 153. Sitz der Musen, die Zufluchtstätte der Gelehrten, der Sammelplatz der Künstler, welche der berühmte Ariost von allen Seiten hier zusammen zog. Ein glückliches Land, das der Sänger Roland's nicht zu vcr> lassen vermochte. „Durchziehe die Welt wer will," sagte er, „gehet nach Frank- reich, Ungarn, England, Spanien; ich habe Toscana, die Lombardei und das Gebiet von Rom gesehen; ich habe die Apenninen und Alpen, und die zwei Meere gesehen: ist das nicht genug? Ich bleibe in Ferrara." 6In vuol anckaro a torno, a torno vacka, VkM Inglliltorra, prancia e 8paZna. V ino piaeor Iiallitar la inia oontracka. . . . Die Wohnung Ariost's war klein, zierlich, glänzend. Der Dichter verdankte sie der Freigebigkeit seiner Beschützer. Man sah sie von der Ferne, auf einem Hügel erbaut, von dem aus das Auge über die Stadt hin schweifte, die von ihren Kirchen und Klöstern völlig bedeckt war. Uebcr dem Eingänge der Wohnung las man folgende zwei lateinische Verse, die Ariost improvisirt hatte: „parva sock a;»ta iniln, sock nulli ollnoxia, sock non 8orckicka, parta inoo, parta sock aoro ckoinus." Gleich daneben erhob sich die Wohnung Calcagnini's, deren Miethe der Fürst bezahlte, und deren Bewohner ein Dichter, Theologe, Numismatiker und Archäologe, seine Zeit mit der Entzifferung von Hvero- glpphen, der Abfassung von Abhandlungen über die Bibel und dem Dichten lateinischer Verse zubrachte. Bei der Kirche der Benediktiner stand die Wohnung des Maler's, der ein so grosser Freund schöner Formen war, dass er den Teufel mit dem Angesichte eines Antinous, den Augen eines Erzengels und den Haaren eines jungen Mädchens malte: „ .... (lia un pittor, non mi rioorcko il nomo, Oio ckipingoro il ckiavolo solea 6on bol viso, llo^Ii occlii o llollo ollioino." Xr. 8at. 5- Der schönste Schmuck, den Ferrara aber zu dieser Zeit hatte, war die Herzogin, die jugendliche Tochter Ludwigs XII-, welche in der Geschichte, in den Sprachen, der Mathematik, Astrologie und Theologie so bewandert war, das; sie sich mit einem Liecntiatcn in einen Disput I) Xriosto, satiro 4. Audi»: Lcbtn CalvüVS I. Bd. 7 98 einlassen konnte. Wie Margaretha von Navarra, hatte sie Neigung für die neuen Lehren, weniger aus einem Hange ihres Herzens, als aus Haß gegen die Tiare, „sie fühlte noch das Unrecht," sagt Bran- tosrne, „welches die Päpste Julius II. und Leo X. dem Könige ihrem Vater so vielfach angcthan hatten; sie läugnete ihre Gewalt, und verweigerte ihnen den Gehorsam, sic konnte nickts schlimmer machen, da sie eine Frau war. Um die Herzogin zu sehen, nicht um sein Genie an der Sonne Italiens zu erwärmen, hatte Calvin die weite Reise unternommen und einen Theil derselben zu Fuß zurückgclegt. Er hat uns keine Reiseberichte hinterlassen, wir wissen nicht, ob er kalt blieb beim Anblicke dieser kunstgeschmückten Stadt, wie Luther. Er kam hieher, um seine Lehre unter dem Namen Carl's d'Espeville auszubreiten, uneingcdenk dessen, was Luther gethan hatte, der seinen Namen nicht wechselte, als er von Wittenberg nach Worms ging. Am Hose von Ferrara traf Calvin mit Madame de Soubise, ihrer Tochter Anna de Parthenay und ihrem Sohne Johannes zusammen, der später eines der Häupter der protestantischen Partei wurde. Hier lebte Marot, der Secretär der Herzogin, welcher sich mit aller Gewalt in die Angelegenheiten der Theologie mengen wollte. Er beschäftigte sich damals mit der Uebersetzung der Psalmen in französische Verse, obwohl er kein Wort von der Sprache der Verfasser der heiligen Bücher verstand, die er in seiner gasconischen Prahlhanserei der Vergessenheit zu überliefern glaubte. Trotz ihrer Abneigung gegen das Papstthum wollte die Herzogin im Beginne dieses Jahres mit dem römischen Hose Frieden schließen. Es wurde zwischen dem Papste, dem Kaiser und der Herzogin von Ferrara Friede geschloffen. Einer der Artikel des Vertrags lautete, daß die Franzosen, deren unruhigen Geist man fürchtete, aus den Staaten Ferraras verbannt sein sollten. Marot zog sich daher nach Venedig zurück, in seine kleine Wohnung, in der Nähe des Lido, wo er die Zwiste dieser Welt beim Anblick der Sonne des Ostens, die er jeden Morgen in seine poetische Hütte scheinen sah, gänzlich vergaß. Auch Calvin war genöthigt, sich zu entfernen. Er nahm die Erinnerung der guten Aufnahme mit sich, die ihm die Herzogin geschenkt hatte, und die Hoffnung einer bessern Zukunft für Italien, welches seine Lehren nicht hatte 1) Koröri, srticle kenüe ck« b'rance. 2) Ikoiuus Mecrie: Hiswire ckes iirogrös ck« Is rökorme en Italio, au 18. «iecle, P. 77. 99 aufnehmen wollen. Ferrara war seinem Himmel, seiner Muse, und seinem Kultus treu geblieben. Rom hatte ihm kurz zuvor einige schöne Gemälde von Raphael, Andrea del Sarto und Vecelli zum Geschenke gemacht. Während Calvin den Bildern den Krieg erklärte, öffnete sich der Boden Italiens überall, um die Bildnisse der Götter, welche seit jo vielen Jahrhunderten in der Erde schliefen, an das Licht zu bringen. Die katholische Muse war bei diesem Erwachen der Materie mit ihren Gesängen gegenwärtig, die sie in alle Sprachen kleidete: glücklicher Weise war die triumphirende Reformation noch nicht dagewesen, um das Grab zu verschließen und auf immer zu versiegeln! Wir baben eine Lebensbeschreibung Calvin's vor unfern Augen, welche von einem Prediger der evangelischen Kirche Berlin's verfaßt wurde. Wir haben gerade das Blatt ausgeschlagen, auf welchem der Verfasser der „christlichen Unterweisung" Italien verläßt und nach Noyon zurückkchrt, dessen Kirchhof Alles umschließt, was er auf dieser Welt lieben soll. Tein Vater ist nicht mehr, seine Mutter ist auch todt, und die Asche des guten Abts von Hangest ist schon seit langer Zeit erkaltet. Wir erwarten Calvin -zu der Stunde, in welcher er das geliebte Land betritt, welches das Herz jedes Verbannten höher schlagen läßt. Wir erinnern uns des kleinen Kirchhofes, in welchem Luther, am Abende vor seinem Einzüge in Worms, auf den Stein niederkniete, welcher den Leib eines armen Bruders umschloß, den er so zärtlich geliebt hatte. Damals vergaß der Mönch Papst und Kaiser, er dachte an nichts mehr, er konnte nur seinen Freund beweinen. In Nopon ruhen Ncbcrrcste, welche für Calvin weit theurcr sein sollten. Zwei Kreuze von Holz erheben sich, auf dem einen liest man den Namen seines Vaters, aus dem andern den Namen seiner Mutter. Davon sagt er aber kein Wort in dein Briefe, den er an einen seiner Freunde schrieb. Er hatte also keine Thränen? Oder wenn er weinte, verbarg er wohl diese Thränen, wie die Zeugen einer schlimmen That? In den Augen der Reformirten hatte er vielleicht recht: denn er verdammt in seiner „christlichen Unterweisung" die Verehrung der Tobten, das Feg, an welchem die Kirche ihre glorreichen Kämpfe auf dieser Erde besingt, das materielle Zeichen des Kreuzes, das Fegscucr .und jvgar das Gebet, welches die Seele den Hingeschiedenen weiht. Ist er nicht noch weiter gegangen, hat er nicht sogar alle Diejenigen als nnerlöslich verdammt, welche im Schooße des Katbolicismus sterben? Ihr wißt, daß er den Papst als Antichrist darstellt, und daß er unsere Kirche zu einer Hure und unreineil Tochter Babvlon's macht. Die Mutter aber, welche ihn tränkte, der Vater, welcher in ernährte, der 100 Abt von Hangest, welcher ihn erzog, sind dem Glauben bis an ihr Ende treu geblieben und ein katholischer Priester hat ihnen die Augen geschlossen. Calvin durfte also nicht beten und nicht weinen. Während seines Aufenthaltes in Novon, wo er nicht unerkannt bleiben konnte, wenn er auch alle Behutsamkeit anwandte, sehen wir nicht, daß ihn die öffentliche Gewalt zu belästigen gesucht hätte. Man läßt ihn ruhig seine Angelegenheiten in Ordnung bringen, alles verkaufen, was ihm übrig geblieben war, und mit seinem Bruder Anton und mit seiner Schwester Maria Vorkehrungen treffen zur Uebersiedlung in die Schweiz. Die Geschichtschreiber geben zu, daß seine Lehre in Noyon nicht unfruchtbar geblieben war, daß er einen Herrn de Normandie, den Richter dieser Stadt, seine Familie und noch einige andere verleitete, welche sich dazu verstanden, mit ihm anszuwandern und sich in das Ausland zu flüchten. 0 Die Gleichgiltigkeit der öffentlichen Gewalt, welche die Reformation uns als so grausam zu schildern sucht, muß uns in Erstaunen setzen. Was that denn der Lieutenant Morin in Paris? Die Reiseroute der kleinen Kolonie war von Calvin angegeben worden, sie sollte über Straßburg und Basel gehen, von Basel nach Genf; während aber Franz 1. über die Alpen eilte, um Mailand zu erobern, fiel Carl V. in unsere Provinzen ein, ganz Lothringen war voll von Soldaten. Calvin glaubte eine andere Richtung nehmen zu müssen. 2) Er schlug den Weg nach Savojen ein. Muratori irrte sich, wie Sennebier bemerkt, wenn er Calvin nach der Abreise von Novon durch Aosta ziehen läßt. Er hatte diese Stadt besucht, als er Ferrara verließ, und daselbst in der Umgebung sich aufgehalten, um den Samen seiner neuen Lehre auszustreuen. Es scheint auch, daß sich einige Seelen von ihm verleiten ließen. Man zeigt in Aosta eine steinerne Säule, auf welcher man die lateinische Jnnschrist liest: „Ilanc tütlvini vroxit nnno 1541, rnIipfioE eonstantin rojiarnvit anno 1741." Calvin war bewackt, und der Wolf war genöthigt das Thal zu verlassen und nach Genf zu flie- 1) Oreüncourt p. 47. 2) Paul Hcury, Br. I. S. 156. 3) Lx Itulis in t1.alli.nn rt-Ai-uss»!,, i-rlnn? suis omniöns il>i tompositis, ubcliictociue quem unicuin «usirrütitem waliglnit. ,>,u. tl-ilvinn Haiti-,-, Lunilenin, ve> .4rj-en1inum rvverli co^il.anlLin, Inwrnlnüis .aliiz ilineia- lius pvr ^IIotn-»Anm kines, iwr iinUitutnm prosequi I,eII.a ,-oeA«-i-»nt. It.a taetum est nt tlLnevsm vnniret." — Leus vits l'.slvini, p. 36k. 4) Hist. litt. . N»i Iöl>3. 2) D. Franz Volkmar Reinhard's sämmtlichc Rcformationspredigten Bd. I. m. 1-t4 3) Schröckh's Resor. Gcsch. Bd. I I. Hess, vio eie Xvinzzli. —Wenn man auch den vielleicht nngemäßigtcn Eifer Bernhardt» Samsons nicht billigen wollte, muß man sich doch hüten, all den Fabeln zu glauben, welche über den Franziscaner ans- gestrcut wurden. Ein neuerer Schriftsteller, der Verfasser der Schrift: Enlvin nilck tlro 5uisz i-olvrmntion," bei John Scott (London 1838.) stellt uns (S. 25.) Samson in Baden dar, wie er nach dem Scclengottesdienst zu den Anwesenden 104 fertigen, zu Zwingli sagte, dieses freiwillige Almosensei zur Erbauung eines Tempels bestimmt, an welchem Bramante arbeitete, schüttelte Zwingli den Kopf, und wies auf die Gipfel des Albis, der in der Sonne strahlte, und tausenderlei malerische Gestalten zeigte, die schöner seien, als Alles, was die menschliche Einbildungskraft je hätte erfinden oder schaffen können. Der Name Bramante's rührte ihn nicht; er glich in seinen natürlichen Neigungen den gewöhnlichen Reformatoren Sachsens, insbesondere dem Carlstadt. Nur hätte seine kalte Seele nie eingewilligt, das; man die rohe Gewalt anwenden sollte, um den Bilderdienst zu zerstören. Er war ein bedachtsamer Mann, hatte die biblischen Bücher fleißig studirt, und suchte in diesem Verkehr mit dem geoffenbarten Worte eine rein geistige Nahrung. Die geschaffene Welt kannte er nicht weiter, als der Horizont seines Eantons reichte, und er glaubte, daß der Katholicismus mit seinen Bildern, einer der Betrachtung ergebenen Seele nicht anstehe, welche in der physischen Welt natürliche Wunder genug habe, um über die Werke Gottes nachzusinuen. Er hatte die Wallfahrten zu den heiligen Orten öffentlich getadelt, zu welchen in dieser Zeit die ganze Schweiz ging, um dort das Gebet zu verrichten; er fand, daß der Mensch, welcher im Geiste reisen wollte, in sein Herz hinabsteigen müsse, um da zuerst sich selbst kennen zu lernen, und sich dann von dieser Selbstbeschauung zur Anbetung der Gottheit zu erheben. Das sei das schönste Heiligthum, alle andern wären nur Werke von Menschenhänden. Als er einmal diesen mystischen Weg ^betreten hatte, bildete er sich sehr schnell eine Welt, in welcher Gott im Geiste und in der Wahrheit angebctet werden sollte, aus der jedes Sinnbild verbannt werden mußte, wo die Stimme des Priesters keine andere Autorität haben sollte, als in so sern sie sich auf das göttliche Wort, das heißt, auf den nackten Buchstaben des Textes berufen könnte. Der Abhang war gefährlich, er führte geraden Weges zum Abgrund. Was hätte er wohl zu einem Wanderer gesagt, der sich, um die Berge von Albis zu besteigen, damit begnügt hätte, daß er die lateinische Beschreibung eines alten Schriftstellers gelesen, und dann den Beistand eines Führers abgewiescn hätte? Sobald Zwingli das erstemal die heiligen Bücher gelesen hatte, schaffte er aus seiner Symbolik die Wallfahrten, die Ablässe, die Bilder, das Fegfcuer und das Eölibat hinweg. Er häufte Ruinen auf wesenden ruft: „Ireca vul.int!" Das ist eine Hugenctenlcqendc die er bei Mh- ccnius fand und die man zu den lächerlichen Fabeln zählen muß, welche man auch Tetzeln zur Last legen wallte, 105 Ruinen und gelangte dahin, daß er die Wirksamkeit der meisten Sakramente und die wirkliche Gegenwart läugnctc. Dieser Vcrnnnftmcnscb, der durch einen Traum, und durch, ick weiß nicht was für eine Erscheinung eines farblosen Wesens aufgeklärt worden war, hatte die tausendjährige Lehre seiner Kirche wegen einer phantastischen Jnterprä- tation verlassen, welche den Buchstaben selbst tödtetc, dessen Allgewalt zu begründen er gekommen war. Die allgemeine Autorität wurde von ihm verkannt und einem armseligen, groben Individualismus geopfert. Anstatt des herrlichen katholischen Himmels, der ganz bevölkert ist von unfern Märtyrern, Lehrern, Asccten, Vätern und Jungfrauen, träumte er einen Olymp, in dein man in gleicher Glorie mit Samuel, Elias, Moiscs, Paulus, Socrates, Aristides, Hercules und Theseus und sogar mit Cato ruhen wird, welcher sich die Eingeweide zerriß. Nun sehe man, ob Luther recht that, daß er Zwingli verdammte! Die Reformation hat sehr sonderbare Kühnheiten. Wenn wir sic hören, ist die Darlegung des Glaubensbekenntnisses Zwingli's der Gesang eines melodischen Schwanes: so versichert uns Bullingcr. Weil sich ein Gebirgsvolk beinahe ohne Widerstand durch die Stimme seines Priesters hinrcißcn läßt, triumphirt cs und schreit von Wundern; es glaubt dcu Fcucrstrahl der Wüste über der Kanzel zu sehen, auf welcher Zwingli predigte, meint, die Feuerzungen von Jerusalem kommen auf die Lippen des Redners herab. Wer die schweizerische Staatsgcsellschaft, wie sie im Mittelalter war, kennt, dem wird cs leicht, Bullingcr Antwort zu geben. Zu dieser Zeit hatte die feudale Schwei; Bischöfe und Baronen zugleich zu Herrn. Den Einen zahlte sie Zehenten, den Andern jährliche Gülten; des Landes Getreide, seine Früchte, gehörten nicht dem Volke: cs konnte nicht über sie verfügen, ausgenommen mit der Zustimmung seiner Herrn und des Clerus. Wenn das Volk seine Felder verläßt, ist cs seine Lanze und sein Schwert seinem Lehcnshcrrn schuldig. Es hat um den Preis seines Blutes seine Freiheiten errungen; aber nur, um unter das Joch von Gebietern zu fallen, welche weit störrigcr waren als Oesterreich. Diese eisernen Handschuhe rächen sich, indem sie das Gebirgsvolk mit I) llxj>0!.itioii elo In loi olriotieiino, clocliöo n ö'rnncoi» I. 1) Ich will dich Gezcugnisi und diesen Ruhm mit mir für meines lieben Herrn und Heilands Jcsn Christi Ricbtcrstnhl bringen, daß ich die Schwärmer und Sacramcnts-Fcindc Carlstadt nnd Zwingli re. dem ganzem Herzen verdammt und gemieden habe_Oz». l.utll. t. 8. ste». 1»>- 192. I>. 198. :>. Man sehe biernber auch: .lulinnn chllseniiis >lo b'uKwncl» X^vinglio— C.-al- viuiMo, t. I. ,i. 124, 124 nt nlins. — Philipstus Nicolai in seinem kurzen Bericht von der Caldinistcn Gott, 99. 106 angeblichen Forderungen der römischen Canzlei berrückten. Durch die Häute ihrer Vasallen von der Fremdherrschaft befreit, wünschten sie wohl, das man sie auch von dem römischen Hofe unabhängig mache. Wer wird sie befreien's Nicht das Bolk, das sich zu vielfach über seine neuen Herren zu beklagen hat. Das Schwert würde für sie von keinem Nutzen sein, wenn man auch übcreinkäme, cs aufs Neue zu ziehen. Das Wort muß also der neue Arminius sein, welchen der Herr in seiner Burg erwartet. Dieses Wort erschalle nun, und ihr werdet sehen, wie cs herbeieilt, um den zu vcrthcioigcn, der cs verkünden wird; aber in ganz weltlichen Interessen. Luther sagte uns, Lass die goldne Monstranze, des Tabernakels mehr als eine Bekehrung zu Stande gebracht haben. Nun, tie Kirchen der Schweiz hatten goldne Monstranze, Kelche, Gewänder, Religuicnkästchen, reich in Gold und Silber gestickte Dalmatikcn. Nirgends erhoben sich in rer Christenheit herrlichere Abteven. Um die Klöster breiteten sich Weiden aus, auf welche die großen Herrn gerne sthre Pferde getrieben hätten. Die unmittelbare Folge einer Reformation mußte daher sein, daß die Klöster säcularisirt und die Rcichthümer der Kirchen der Lüsternheit der Großen überliefert wurden. Der Protestantismus hatte seine Fortschritte in Sachsen auf keine andere Weise gemacht: ganz anders als die Fürsten dieser Welt, welche das Werkzeug zerbrechen, wenn sie sich desselben bedient haben, hatte er sich grvßmüthig gezeigt und nicht einmal die Speisekeller seiner Beschützer vergessen, die er mit Wein füllte, den er den Mönchen ge- stoblcn hatte. In der Schweiz konnte dieses Beispiel nicht ohne Nachahmung bleiben. Daß das Bolk nach all den Verrechnungen in dem Befreiungs-Kriege gegen Oesterreich noch einwilligtc, seine Waffen zu ergreifen, die in den Zeughäusern lagen, darf nicht in Staunen setzen: das Bolk war noch einmal der Narr der Verheißungen seines Herrn; es war der Meinung, die Stunde sei gekommen, an welcher es Thcil nehmen könnte an der Beute aus den Klöstern, die reich genug wären, die Habsucht der Avelichen und der Gemeinen zu sättigen; aber dieses Mal war entschieden, daß dem Volke nach dem Siege ein weiterer Wirkungskreis in der Verwaltung des Landes ausbedungen werde. Die Rathsvcrsammlungen waren im Allgemeinen von Adelichen, oder von ihren Abhänglingen besetzt, und in einigen Cantoncn waren die Vollmachten des Senats wahrhaft über alle Massen groß. Im Noth- 1) „Biele sind noch gut evangelisch, weil cS »och katholische Monstranzen und Klo- sicrgntee gibt." Xli. Prcd. S. 137. falle konnte er den Theologen, welche nicht mit ihnen einverstanden waren, das Recht verweigern, in der Stadtmühle ihr Mehl zu mahlen und sich auf dem Markte ihre Bedürfnisse cinzukaufen;der Hunger stand ihm zn Gebote zur Züchtigung; der Priester konnte nur die Excommunication anwcnden, welche die Seele tödtet, aber den Leib leben läßt. Die Waffen waren sehr verschieden. So vcrordnete der Senat von Basel: Wir thun allen Pfarrern, Theologen und Schülern zu wissen, daß sie bei der Disputation, welche tcr Magister Farel veranstaltet, sich einfinden sollen, widrigenfalls ihnen nicht gestattet sein sollte, ihr Getreide auf der Mühle zu mahlen, ihr Brod im Ofen zu backen, ihr Fleisch und ihr Gemüse auf dem Stadtmarkte einzukausen. Was hatte der Clerus darauf für eine Antwort zu geben? Er mußte gehorchen, denn der Palast des Bischo- fes war nicht verproviantirt. An dem Tage, welcher von dem Senate anberaumt war, sah man alle Straßen von Basel mit Priestern jedes Ranges, Bischöfen, Großvicarcn, Pfarrern, Eaplänen und Stellvertretern erfüllt; Mönche aller Orden, Franziskaner, Benediktiner, Dominicaner; Geistliche, Diacone, Adeliche und Große; Grafen und Barone, welche kaum lesen konnten; die Universitäts-Professoren, Lehrer der Kollegien, Schüler, Kauflcute,, das Volk, kamen herbei, diesem Kampfe beizuwohncn. Die rechtmäßigen Richter auf diesem Felde waren ohne Zweifel die Theologen der beiden Bekenntnisse; aber der Senat war größtentheils der unumschränkte Meister. Da man, dem Einfluß der Partei nachgebend, durch Ideen, welcke die Ortsvcr- hältnisse bedingten, beherrscht, dem Lärm der geharnischten Ritter unv dem Geschrei tcr Schüler folgte, wurde beschlossen, daß die neue Lehre den Triumph davongetragen habe — dann war die Frage entschieden: die Hand eines Maurers konnte bald ein Seil um den Hals einer Statue schlingen, und sie zum Beifalle einer lachenden Menge von ibrem Picdcstale herunterstürzen. Am Abende kündete man öffentlich an, das Bild sei überwunden worden, Moses habe mit Recht die Verehrung der Bilder verworfen, welche das Papstthum gegen den Tert des Tccalogs eingcführt habe. Wenn ein Seminarist, der kaum den Bänken der Schule entronnen war, sich erlaubte, das Bild vom Götzcnbilde zu unterscheiden, zeigte man ihm die Glorie, welche das Haupt des Heiligen mit einem Strahlenkränze von massivem Golde bc- 1) 8ee„z täcturiz, „zu »uw„'»m, I- ui-iwi-um et .Ueie.Nuz intorcüeit... .Vlelcti. .4d:>m in vitis ttioul. extei'»., p. 114. 2) Ilttttinger, p. igl. — liucliut, Iliztoii-o . 230 . deckte, und der Beweis war ohne Widerrede. In Liestal rief das Volk, welches von den Magistratspcrsvncn aufgeregt worden war, den Mönchen zu: Man soll ihnen die Lebensmittel entziehen. Der Geschichtschreiber hat nicht einmal ein Blatt der Erinnerung für diese armen Geistlichen, welche doch das ganze Land des Hauenstcinj urbar gemacht hatten. Mehr als einmal wollte cs das Episcopat versuchen, diese leidenschaftlichen Kämpfe menschlichen Gezänkes verbieten, in welchem der katholische Glaube weder Vortheilc noch Segnungen finden konnte; während der Jrrthum, wenn er triumphirtc, das Gold in vollen Händen davon tragen konnte. Man hörte nicht auf die Mahnung. Wenn die Prälaten auf ihrer Forderung bestanden, wenn sie zu ihren gewöhnlichen Waffen, dem Kirchcnbanne griffen, vertrieb man sie von ihren Sitzen. Dann nahmen Eapito (Köpflcin) und Oekolampadius (Hauschein) ihre Stelle ein, und übernabmen das Amt des Richters, Theologen, Priesters und Bischofs. Zwingli, welcher die Feindseligkeiten der geistlichen Gewalt voraussah, hatte einen Eultus organisirt, in welchem das Pricstcrthum, dem Evangelium zu Folge, in dem Geiste jedes Ehristcn ausgegosscn war; '() so das; die Senatoren, welche gestern das Amt eines Theologen verwaltet hatten, am folgenden Tage über die Priester nach der Ordnung Mclchisedcchs ihre Obhut ans- übtcn. Die religiöse Gestalt des Landes war in der Schweiz bald verändert. Basel, Neuchatcl, Zürch und Ehur nahmen die Reformation auf. Das Werk Luthers war aber verderbt worden; man kannte cs nicht mehr, so gänzlich hatte man cs umgcstaltct! Bei jedem Lehrsätze eines neuen Evangelisten erhob sich der sächsische Mönch, um die ungelehrige Seele zu verdammen. Als Oekolampadius starb, ließ Luther den Teufel ins Spiel treten, um das plötzliche Ableben des Theologen zu erklären. Als Zwingli bei Kappel in seinem Kampfe gegen die kleinen Eantonc siel, dankte der Doctor Gott, daß er den Feind des heiligen Namens Jesu von dieser Erde hinwcggenommen habe; während Beza den Zwingli als einen guten Menschen besang, dessen Seele von Liebe zu Gott und dem Datcrlande erfüllt gewesen sei. Er habe gelobt, für Gott zu leben und für Zürch zu sterben, was er dann 1) Hetlinger, p. 191.— Ilucllnt, llistoire de In retorwnlion de lla Luisse, t. 1.230. 2) Zwingli war entschieden rcvublikanisch, wie Calvin; darnin wallten beide'die apostolische Gleichheit unter allen Geistlichen ohne Aufseher. Paul Hcnrp, Bd. I. S. ISS. gehalten habe, indem er für das Vaterland und die Wahrheit gestorben sei. Oekolampadius und Zwingli hatten nemlich die Lehren des sächsischen Reformators verlassen, und wollten sich als ein besonderes Apostolat begründen. Oekolampadius glaubte nicht an den unfreien Willen Luthers, und Zwingli verwarf die wittenbergische Lehre vom Genüsse des Leibes Christi mit und unter dem Brode im Abendmahle. Beide mußten also erwarten, daß sie, wenn sie unbußfertig stürben, in die Hand des Gottes Luther fallen würden, und in den Feuerseen brennen müßten, in welche Prierias, Eck, Miltiz, und Leo der X. geworfen worden waren. Wenn er die Sätze Farels gekannt hätte, welche er an die Thore der Kathedrale von Basel geheftet hatte, würde er ihn aus seinem Paradiese verbannt haben. Es waren dreizehn Sätze; der zehnte, welcher ganz revolutionär war, begann so: Die Leute, welche sich wohl befinden und sich nicht ganz allein mit dem Predigen des Wortes Gottes beschäftigen, sind verpflichtet, Handarbeiten zu verrichten. In Basel waren es die Präbendarien, die Mönche zum Theil, die Großen, die Reichen, die Magistratspersonen, welche nicht mit dem Predigen des Wortes Gottes beschäftiget waren. Urtheilct nun selbst, ob ein solcher Satz nicht geschaffen war, die ganze Stadt in Feuer zu setzen, und ob der bischöfliche Vicar Schnaw Recht daran that, daß er sich widersetzte, als dieser Satz in öffentlichen Versammlungen ausgestellt wurde? Die Reformation hat keine glühendere Seele aufzuweisen, als jene Farels. Unter den Königen Judas würde Farel die Rolle eines Propheten gespielt haben; in Franken, die Rolle eines Münzer, oder Bo- cholv; in England würde er nötigenfalls die Stelle eines Cromwell oder Knox eingenommen haben. 1) Man kann Pistorius vergleichen, „im zweiten bösen Geist Lnthcrs," Xroara, Vl. p. 1K3. seg., wo sich eine große Zahl von Stellen findet, welche aus de» Werken Luthers gegen Zwingli und die Schweizer gezogen wurden. I.avater, in kistor. saeram. p. 32., 8urins in eomnient, all annum 1243, toi. 380. Ckienkerg in vita Initiier,, Cap. 32. Xr. 1. 2) Hist, Oe In relorination Oe In 8uisse, par kuekat, t. l. p. 234. Ein Geschichtsschreiber der neuern Zeit findet es außerordentlich, daß der katholische Clerus von seinem Einflüsse Gebrauch gemackit habe, Farel aus Basel zu verjagen, und sagt mit aller Naivität: Cvaving 8trassk>irxz. Ke visitoO kasie: kut, as tke koztiiit)" ok tke koni.ni catkoiie Cierg)" Oit not permit Kim to continuv in tilgt eit)", Ke renioveO, kv tke reeonini,Inflation ok OeeoiainpaOiu8 anO otker irienOs tu tke neigkkouring principaiit), ok LlontkeliiarO, Ookn 8cotts Calvin auck tke sivisz kelorinstion. I'. 184. Er war mit seinem Fcuerbilde, mit seinem von der Sonne gebräunten Angesichte, und seinem rothen nicht wobl gekämmten Barte ganz geschaffen, in dem Volksdrama aufzutrctcn. Wenn ihr diesen Halbzwerg auf einen Eckstein stellet, so wird er, in den dichten Büschel seiner Haare gehüllt, das vorübergehende Volk in der Straße anhal- ten. Führet ihn in die Bergwerke von Mansfeld hinab, und die Bergknappen werden ihre Amboße verlassen, um ihn anzuhören, und ihm zu folgen. Stellt ihn auf eine Kanzel, die von Bildern umgeben ist, und er wird nicht zwei Stunden sprechen, bis seine Zuhörer sich erheben und mit ihren Händen alle bildlichen Darstellungen zertrümmern. Ein Mann der Rede und der That wird er einen Hammer ergreifen, und den Götzen zerstören. Eines Tages ging eine Procession durch die Straßen der kleinen Stadt Aigle; der Priester trug das Allerhei- ligste. Farel treibt die Menge auseinander, geht unter den Thron- biinmcl, faßt die Monstranz, wirft sic zur Erde und entflieht. Lügen, Gewaltthätigkeiten, Aufruhr, Alles scheint ihm gut und recht, um das Papstthum zu zerstören. Er glaubte eine Stimme vom Himmel zu vernehmen, welche ihm zuriefe: Vorwärts! und er schritt vor, wie der Tod Saurins, ohne sich um die rothen und blauen Gewänder zu bekümmern, um die Mäntel von Hermelin und Seide, die Kronen der Herzoge und Könige, die heiligen Gefäße, Gemälde und Bildwerke, welche er nur für Staub achtete. Ucber Aesihetik, Geschichte, christliche Kunst, Ueberlieferungen, Formen, spottete er auf eine schamlose Weise. Wenn nicht Froment, Saunier, oder eine andere Seele die Glut dieses südlichen Kopfes gemäßigt hätte, würde er von unfern kirchlichen Gebäuden keinen Stein auf dem andern gelassen haben. Um die Welt zu züchtigen, würde Gott in seinem Zorn nur zwei oder drei gefallene Engel nothwendig haben, die aus dem Stoffe Farels gebildet wären, und die menschliche Gesellschaft würde in Finsterniß verfallen. Er befand sich in der Schweiz, als Calvin vergebens den Versuch machte, Italien zur Reformation zu bewegen. Montbeliard, Aigle nnd Vienne hatten, durch seine Lehre angeregt, ihre Mönche verjagt, und einen neuen Gottesdienst cingesührt. Er ging nie in eine Stadt, ohne daß sich die Einwohner nicht nm ihn schaartcn. Das Himmelreich leidet Gewalt, sagte er gewöhnlich, und erfüllte ohne Gewissensbisse seine Aufgabe, alles in Aufruhr und Zerstörung zu versetzen: selbst I) Lrusini Li>i8towe. L>>iz. XXX., Iil>. >8-, i>. 708. die obrigkeitlichen Behörden, welche an den Bestrebungen des Fremden erschracken, wagten es nur einen Augenblick, ihn zu bewachen. Wenn der Aufruhr veranlaßt war, öffneten sie die Thore der Stadt, und Farel nahm befriedigt seinen Wanverstab, ging zu Fusz über die Berge, um eine andere Stadt aufzusuchen, in welcher seine Stimme einen neuen Sturm Hervorrufen konnte. Attila's Pferd zertrat die Saaten unter seinen Füßen: der Stab Farels schlug die Kreuze Christi und die Bildnisse der Jungfrau Maria nieder, die an den Landstraßen standen. Im Jahre 1536 hatte er in Genf sich die Zwistigkeiten, welche diese Stadt beunruhigten, zu Nutzen gemacht, um sein Evangelium zu verbreiten, welches übrigens dem Evangelium Luthers durchaus nicht glich. Um sich den Erfolg zu erklären, den die Lehre dieses Missionärs hatte, ist es nicht nothwendig, wie reformirte Geschichtschreiber ge- than haben, die Einwirkung der Gottheit anzunehmen, man darf nur einen Blick auf den gesellschaftlichen Zustand dieser Stadt werfen, und auf den unaufhörlichen Streit der Parteien, welche sie seit so langer Zeit beunruhigen; man wird überzeugt, daß diese Ereignisse nur den Mann mit einer harten Seele erwarteten, die stark genug war, um mit ihrer Stimme den Lärm, den Haß und den Zorn zu beherrschen, denen die Stadt zur Beute geworden war. An den Ufern des lemanischen Sees, welchen Voltaire allen andern Seen der Schweiz vorgezogen hatte, mitten in einem Kranze von grünem Laub, beleuchtet von den Strahlen des Lichtes, welches die nahen Berge wiederspiegeln, die der eisbedekte Montblanc in der Ferne beherrscht, erhebt sich Genf, die keltische Stadt, wie ihr Name anzeigt, den sie im neunten Jahrhunderte für den Namen Gebennum annahm. Es ist der Hauptort der Allobrogen, welchen Cäsar als eine Stadt aufführt. Genf bewahrte seine republikanische Verwaltung unter den Römern, welche immer durch die Stadt zogen, wenn sie von den Alpen niederstiegen, und hier Straßen anlegten. Unter Marc Aurel wurde cs von Flammen zerstört. Aurelian baute es wieder auf, und gründete die Märkte, welche für die Nation svätcr eine reiche Quelle des Erwerbes wurden; aus Dankbarkeit nahm die Stadt den Namen dieses Kaisers an. Im vierten Jahrhundert ist sic eine christliche Stadt, welche ihre Heiligen, Lehrer t) Oenövo Ausfluß. Einige Namen von Bergen, Flüßen und Ortschaften scheinen keltischen Ursprungs zu sein. 2) Lxtremum oppiUum ^IloUrogum est, pioxiinuingue Heivetiorum tini- dus tiLnvvn: llnosnr cto t>el!v CuIIie», ti!>. t.on^» 6 u. <. und Bischöfe hat. Die rcpublicanische Verfassung begünstigte hier die Einführung des Christenthums. Dionisius,der aus Vienne vertrieben worden war, kam hieher, um das Evangelium zu predigen. Als die Burgunder!, dieser deutsche Volksstamm, eine Monarchie begründeten, wurde Genf die Hauptstadt des neuen Staates. Guntram, legte hier im Jahre 585 den Grund zu einem katholischen Tempel, dessen Bau Otto fortsetzte, Clodwig beendigte, und dem Apostelfürsten weihte. Das ist die Kirche des heiligen Petrus, welche die Reformation entweihte und beraubte. Gondebald liest das alte Gesetzbuch Gombete verfassen, in welchem man die Sitten und Gebräuche des deutschen und des allobrogisch- römischen Volkes erkennen kann. Gondebald machte vergebliche Versuche, in Genf den Arianismus einzuführen; der Katholicismus des Occidents behielt die Oberhand: Clodwig, der König der Franken erklärte sich für ihn. Das Reich der Burgunder: ward zerstückelt, zerrissen, aufgelöst und ging bald unter die Herrschaft der Franken über; es behielt aber seine Gesetze und Freiheiten. Karl der Große verlieh der burgundischen Stadt, die ihn mit lebhafter Theilnahme ausgenommen hatte, als er mit der Lombardei Krieg führte, neue Freiheiten. Der Rang eines Grafen von Genf soll eine Verleihung dieses Fürsten sein. Es scheint aber eher, daß dieser Rang dem Gebiete, welches die Stadt umgab, bestimmt war. Genf hatte unter den Franken weder einen Herren noch einen Fürsten. Die Regierungsform war in dieser Epoche rein republikanisch: das Volk wählte seine Bischöfe und der Papst bestätigte sie. Mit dem Tode Carls des Großen änderten sich die Schicksale Genfs; es machte eine Zeit lang einen Theil des Königreichs Lothringen, dann des arelatensischen Königreichs aus; darauf gehörte es mehr als ein halbes Jahrhundert zum transjurani- schen Burgund, und diest ist die Epoche seines Glanzes, in welcher der Geschichtschreiber mit Freuden der großmüthigen Bemühungen erwähnt, mit welchen die Fürsten Rudolph und Conrad ihre Stadt zu verschönern suchten. Mit Rudolph III. schloß sich die schöne Kette der Könige von Klein-Burgund, deren Name volksthümlich geworden ist. Mit dem Tode Rudolphs, des letzten Königs von Burgund, fiel Genf im Jahre 1032 an das Reich und wurde die Hauptstadt des Lan- 1) 8p«n, t. I, p. 28. 2) Histttiro (tu vaupkiiw, t. 2., I. 1. ob. 21. 22. — 8gon; t., 97. Okron.: numusc., Ilucbat, in>g. 427. ves Genf; ein bevollmächtigter Gouverneur stand im Namen des Kaisers der Verwaltung vor; der Bischof wie der Gouverneur wurde von dem Hause Oesterreich eingesetzt. Es entstanden Streitigkeiten zwischen der Kirche und dem Reiche: Deutschland und Italien waren die beiden Schlachtfelder, auf welchen die Tiare mit dem deutschen Adler um die Herrschaft der Welt kämpfte: wenn der Adler gesiegt hätte, wäre die christliche Civilisation in seinen Klauen erdrückt worden. Während dieser beklagenswerthen Kämpfe bemühten sich in Genf die beiden, damals getrennten Gewalten, von denen, die eine durch den Gouverneur, die andere durch den Bischof vertreten wurde, das Joch des Reiches abzuwerfen. Der günstige Augenblick erschien. Das Concilium vom Lateran that Heinrich V. in den Bann. Damals, sagt Chorier, hörten die Kirchen-Fürsten und, ihr Beispiel nachahmend, die Grafen und Herren auf, dem deutschen Kaiser die Pflichten zu erfüllen, die sic schuldig waren und erklärten sich für unabhängig: der Aufstand wurde eine religiöse Handlung. In dieser Zeit sah man durch die widerrechtliche Befreiung, eine Menge Grafen, Barone, Groste und Adeliche, Besitzer einiger Morgen Landes werden, auf welchen sie Herrschaften begründeten. Der Geschichtschreiber dieser Zeiten begegnet mit jedem Schritte, den er in diesem Lande thut, einem Ritter, welcher sich einen Fürsten nennt, und das Wappen Genfs in seinem Schilde führt. Diese Ritter stehen im Kriege mit Savoyen, das ihnen ein Stück Landes streitig macht, welches sie sich angeeignet haben; dann mit dem deutschen Reiche, welches einen Anspruch zurücknehmen will, den sie sich angemastt haben; mit der Bürgerschaft, die ihre Freiheiten zurückverlangt; mit dem Bischöfe, welcher die weltliche Herrschaft begehrt und das Schwert mit der Insul vereinigen möchte. Es ist ein langwährender Kampf. Er erreicht sein Ende mit dem Beginne des fünfzehnten Jahrhunderts, zu welcher Zeit Villars, Graf von Genf, seine Rechte an den Herzog Amadeus von Savoyen durch Vertrag abtritt: dich ist der Ursprung der Ansprüche, welche diese Herzoge auf die Herrschaft von Genf machten. Die Gemeinde war bei all diesen Streiten nicht müfsig geblieben; sie war für ihre Befreiung thätig, organisirte sich, und erlangte mit jedem Tage neue Freiheiten: so gestaltete sich das Bürgerthum. Bald hatte Genf eine dreihäuptige Herrschaft: den Bischof, den Herzog und das Bürgerthum: ein bizarres Wesen, dessen Handlungen eben so schwer zu folgen ist, als seine Rechte zu bestimmen sind; vielfach gestaltete Audi»! Leben Calvin'S I. Bd. 8 114 Elemente eines und desselben Gedankens, durchdrungen von dem Bedürfnisse der Unabhängigkeit. Ein alter Geschichtschreiber, dessen Werk nie veröffentlicht wurde, verbreitete viel Licht aus die politische Gesetzgebung des Landes; seine Arbeit hat Nuhat benützt und wir geben sie in Kürze wieder. Der Bischof von Genf war zugleich geistlicher und weltlicher Fürst, mit dem Hoheitsrechte begabt. Er wurde von dem Volke vorgeschlagen und von den Domherrn gewählt. Der weltliche Fürst hatte Laien zu Beisitzern, zuerst einen Grasen, welcher nicht, wie man glauben sollte, dem Bischöfe untcrthan war, sondern hoher stand, gleichsam als sein Beamter, der in Vollzug setzte, was in weltlichen Dingen durch weltliche Räthe beschlossen worden war Das Volk, nämlich die Familienhäupter, versammelte sich zweimal im Jahre, am Sonntage nach Martini, um den Verkauf und Preis des Weines zu bestimmen; am Sonntage nach Maria Reinigung, um die Syndici und den Rath zu wählen. Die Raths- Mitglieder, deren Gewalt ein Jabr dauerte, waren vier Syndici, ein Schatzmeister und zwanzig Räthe hatten die Verwaltung der städtischen Polizei. Der Bischof, der Graf, sein Stellvertreter, den man Vicedom (vioo clomini) nannte, schwuren beim Eintritte, die Freiheiten der Gemeinde aufrecht zu erhalten. Der Rath liest Tag und Nacht Wache halten, bewahrte die Schlüssel zu den Thoren der Stadt, die nach seinem Willen und Gutdünken geschlossen und geöffnet wurden. Wenn man zur Nachtzeit einen Missethäter entdeckte, wurde er gefangen genommen, und am andern Morgen in das Gefängniß des Bischofs gebracht. Die Räthe instruirten den Prozeß und urtheilten über das Verbrechen: Das Nrtheil wurde gefällt, und der Graf oder Vicedom war beauftragt, es in Vollzug zu setzen. Der Bischof hatte das Recht der Gnaden-Vcrleihung. In den Rath wurden nur Edelleute oder in einer Wissenschaft Graduirte oder auch Großhändler, die nicht unter der Hand verkauften, ausgenommen. Ein anderer Rath bestand aus fünfzig Mitgliedern, welche das Volk wählte, und die man zusammenricf, wenn eine wichtige Angelegenheit zu verhandeln war, und welche während der Jahrmärkte als geschworene Vorgänger der Handwerker auftraten. Endlich bestand noch der Grostrath, in welchem die Domherren die Stelle des Klerus vertraten, und dessen Gesetze und Anordnungen der Bischof bestätigen mußte. t) Franz Bonnivard, Prior von St. Victor ln Genf: Chronik, Mscpt. Jede neue Verordnung wurde unter dem Schalle der Trompete in den Straßen der Stadt in folgender Form verkündet: „Von Seite des ehrwürdigen, unseres hochgeachteten Herrn, Herrn Bischofs und Fürsten von Genf, seines Viccdom und seiner Syndici, des Raths dieser Stadt, wird euch zu wissen gcthan".... Die Vorrechte, welche der Herzog von Savoyen in Genf genoß, waren folgende: — Er hatte ein Amt, genannt das Vicedomat, welches ein Verwalter zu versehen hatte, der Viccdom genannt wurde: dieser Vicedvm, welcher einen Stellvertreter hatte, der Kastellan genannt wurde, schwur dem Bischöfe und den Syndiken der Stadt Treue, und versprach die Freiheiten und Rechte der Stadt aufrecht zu erhalten. Die Appellationen gingen nicht vom Vicedom an den Herzog, sondern an den bischöflichen Rath, und vom Bischöfe an seine geistlichen Obern in kirchlichen Dingen, nämlich an den Erzbischof von Vienne und an den Papst. Eine Viertelineile von Genf, gegen Mittag, befassen die Herzoge von Savoyen einen kleinen befestigten Platz, der Gaillard hieß, wo das herzogliche Gericht die von den Syndicen zu körperlicher Züchtigung verurtheilten Miffethäter strafte. — Die Syndici sandten das Urtheil dem Vicedom in folgender Form zu: „Dem Herrn Viccdom melden und gebieten wir, daß er dieses unser Urtheil in Vollzug setze." — Der Vicedom ließ den Verurteilten bis an das Thor de l'Jsle führe», wo ein Schloß stand, das davon den Namen hatte, und hier rief ein Häscher dreimal: „Ist hier Jemand für den gnädigsten Herrn von Savoyen; Herrn des Schlosses Gaillard?" Auf den dritten Ruf trat der Kastellan vor, dann verlas der Vicedom das gegen den Misscthätcr gefällte Urtheil, und gebot dem Kastellan, dasselbe in Vollzug zu setzen. — Der Kastellan rief dem Henker, und das Urtheil wurde vollzogen, aber nicht auf dem Gebiete des Herzogs, sondern auf dem Platze Champel, der unter die Gerichtsbarkeit des Bischofs gehörte. Der Herzog von Savoyen besaß in Genf das Schloß de l'Jsle, über welches der Vicedom die Aufsicht hatte; in diesen: Schlosse waren die Gefängnisse. „Die Herzoge," fügt Bonnivard hinzu, „besaßen sowohl das Schloß als auch ihre andern Vorrechte nur als Unterpfand für eine gewiße Geldsumme, die sie vom Bischöfe und der Stadt als Lohn für die Hilfe, welche sie den Bischöfen geleistet hatten, erhalten sollten. — Man wollte ihnen oft ihr Geld geben, die Herzoge wiesen es aber zurück, damit sie nicht genöthigt waren, ihr Unterpfand abzutreten. So wurde dann aber eines Tages das Geld nach Rom in die Hände 116 der Gerechtigkeit gegeben, worauf gegen die Besitzer des Schlosses de l'Jsle der Bann geschleudert wurde. Ob er gegen den Herzog von Savoyen gerichtet wurde, sagt Bounivard, unv durch welche Grafen oder Bischöfe, habe ich nicht gefunden, weil mehrere Kirchen - und Stadt-Rechte verloren gegangen sind. Ick habe es aber von glaubwürdigen Leuten gehört, die den Prozess in Rom gesehen haben." Die Erzählung des Priors hat sehr viel Wahrscheinlichkeit für sich; wann die Prozession vor dem Schlosse vorüber ging, hörte der Clerus auf zu singen, und das Kreuz wurde umgekehrt, um zu bezeichnen, dass das Schloss mit dem Jnterdicte belegt sei. — Man würde Niemanden das Sacrament gereicht haben, der in diesem Schlosse krank gelegen wäre. „Die vbgenannten Vorrechte besaß noch Herzog Carl III. von Savoyen, welcher noch lebt, ohne Ansland: er wollte sich mit dem Rechte nicht begnügen, und von Genf mehr haben, als man ihm schulvig war; denn er und seine Vorfahren zogen Genf, das ihnen nicht unterworfen war, den Städten vor, welche ihnen diessseits ver Berge unterworfen waren, sei es der Ehre, der Pracht, oder des Gewinnes wegen. Wann ein Herzog oder eine Herzogin in die Stadt einzog, veranstaltete man ihnen alle erdenkbaren Festlichkeiten und Triumphe; es gab keinen Bürger oder Einwohner von Genf, der nicht aus Höflichkeit mehr aufwandte, als ihre Unterthanen aus Zwang. Wenn der Herzog in einen Krieg verwickelt wurde, waren die Genossen bereit, ihm mit ihrer Mannschaft zu dienen; der Magistrat verschaffte ihm Geld, und befestigte die Stadt, um ihn gegen diejenigen zu schützen, deren Hilfe sie selbst gegen ihn nöthig gehabt hätten. Kurz, es gab keinen Unterschied zwischen ihnen der That nach, sondern nur der Rede nach; denn er wollte, daß sie seine Unterthanen würden, und sie wi- dersetzten sich nicht thätlich, sondern nur mit Worten, denn sie thaten ihm so viele Dienste freiwillig, als seine Unterthanen gezwungen; öderer wollte, sie sollten cs aussprechen, und sic wollten diess nicht; als er aber Genf nehmen wollte, was seine Vorgänger, obwohl mit Unrecht, besaßen, verlor er, was er in Genf besaß und noch etwas von seinem Eigenthume." Während eines Zeitraums von fünfundzwanzig Jahren, von 1510 bis 1535 sieht man das Haus von Savoyen mit den Genfern in einem heftigen Streite. Der Herzog wagte cs nicht, offene Gewalt anzuwenden, daher nahm er seine Zuflucht zur Arglist und machte der Bürgerschaft das Anerbieten, er wolle einen jährlichen Tribut ent- 1) B-nmivcird: Chron. Möcpt. — llsrv. 117 richten, wenn man den Savovarden die Wackw an den Stadtthoren wenigstens znr Zeit der Märkte überlasse. Die Bürgerschaft wies dieses Anerbieten zurück. Um diese Zeit glaubte der Bischof Johannes, der von Leo X. erwählt war, Beschlagnahme, Verweisung und bisweilen Blutstrafen, konnten den Muth der Genfer erschüttern. Er täuschte sich, Genf hatte einige seiner edlen Sohne, die im Allgemeinen arm waren, aber eine erprobte Vaterlandsliebe hatten, nach Freiburg geschickt. 0 Beim Anblicke der Banner, die auf dem Schlachtfelde von Morat erobert worden waren, fielen sie aus Ehrfurcht auf die Kniee nieder und küßten die Fransen, die von burgundischem Blute bespritzt waren. Man schmeichelte ihnen und beschenkte sie mit dem Bürgerrechte. Als sie in ihre Vaterstadt zurückkehrten, wurden die Abgesandten mit Jubel begrüßt. Sie brachten einen Vertrag mit, welchen die Genossen des Herzogs nicht annehmen wollten. Damals war Genf in zwei Parteien getheilt, die ihre eigenen Farben und Namen trugen. Man nannte diejenigen, welche mit Freiburg das Bündniß geschlossen hatten, Eidgenossen; der schöne Name erinnerte augenblicklich an die Handlung auf dem Grütli. Die Eidgenossen nannten ihre Gegner Mammeluken, oder Abtrünnige. Das war eine Beleidigung und eine Unwahrheit; denn die Mammeluken liebten Genf als treue Söhne. Nur sähen sie als eifrige Katholiken voraus, daß die Verbindung mit Bern, welche die Eidgenossen nachsuckcke, für den nationalen Cultus gefährlich sein werde, und daß ihre Gegner den Glauben des Ardutius opfern werden, um die Unabhängigkeit der Gemeinde zu retten: die Mammeluken lasen in der Zukunft. Sie wurden als Genossen des Herzogs aus der Stadt verjagt. Die Eidgenossen fürchteten nicht stark genug zu sein, um den Angriffen des Hauses Savoven widerstehen zu können, sie verbanden sich mit Bern, das schon seit langer Zeit der Reformation zugeneigt war. Der herzogliche Adel bildete eine Bruderschaft, welche die „Löffelbrüderschüft" genannt wurde. Bern hielt den Augenblick für günstig: es kam seinen Bundesgenossen mit einer starken Truppenmacht zu Hilfe, führte zwanzig Kanonen mit sich, um die Anhänger des Herzogs zu bezwingen, und Wilhelm Farel, um die Kathliken zu bekehren. Um zu zeigen, daß es dem Evangelium anhange, zerstörte Bern auf seinem Marsche die Heiligenbilder und tränkte seine Pferde in den Weihwasser- becken unserer Kirchen. 1) Lkroniguo koset 97, 98, 99. Spon, Gewiß wird Genf die Namen eines Besan^on Hngucs, Johann Baud, Girard, Johann Philipp, der Bullin's und Vandel's, welche zur Befreiung ihres Vaterlandes beitrugen, und beinahe alle zur Gesellschaft der Eidgenossen gehörten, nie vergessen. Wenn aber der Geschichtschreiber den Huldigungen, welche diesen patriotischen Gcmüthern dargcbracht wurden, auch ganz beistimmt; darf er doch nicht verbergen, daß sie die Reformation nicht aus Ueber- zeugung, sondern aus Politik annahmen: nur um Etwas zu retten, was sie dem Glauben vorzogen, nämlich die Freiheit. Die Felder von Morat waren nicht fern von Freiburg. Als die Eidgenossen über sie gingen, hätten sie einige Gebeine jener edlen Verbündeten liegen sehen können, die für ihren Gott und für ihr Vaterland starben. In Freiburg deckte vielleicht die Linde, welche weniger als ein Jahrhundert früher zum Andenken an den Sieg der Verbündeten katholischen Schweizer gepflanzt worden war, einen Sohn des Kämpfers, der bei diesem zweiten Marathon gefallen war, mit ihrem Schatten. Das war eine erhabene, für die Verbündeten aber eine vergebliche Lehre. Als Bern mit seinen Schaaren von Missionären und Soldaten den Eivgenossen zu Hilfe kam, war Genf seinen Denkmalen und Sitten nach ganz katholisch; eine Stadt, in welcher Kunst und christliche Liebe blühten, welche den Armen und den Gelehrten eine Freistätte war. Drei Volker ließen hier Keime ihres Characters zurück, der Savoyarde seine Redlichkeit, der Italiener seine Liebe zur Kunst, der Franzose seine sorglose Fröhlichkeit. Seine Bischöfe hatten in ihren Palästen oft die deutschen Maler ausgenommen, welche im Mittelalter nach Rom wallfahrteten; oder italienische Künstler, welche die Schweiz durchzogen, um Frankreich zu besuchen. Die Einen wie die Andern bezahlten die Gastfreundschaft der Bischöfe, indem sie ihnen einen Ehristus aus Elfenbein, eine Statue aus Eichenholz, oder eine auf Leinwand gemalte Madonna zurückließen, welche die Bischöfe dann einer Kirche oder einem Kloster zum Geschenke machten und nur die Bitte beifügten, daß man für den Wanderer beten möchte. Diese Gebete wurden noch verrichtet, als die Reformation die Bischöfe verjagte, die Statuen und Bilder verbrannte, und so ihre Grausamkeit, Gottvergessenheit und Unwissenheit zeigte. Genf hatte damals ein schönes Museum, nicht zwischen vier steinernen Mauern eingeschlossen, sondern in freier Luft, im Angesichte der Alpen oder im weiten Schiffe einer Kirche. Es zeigte mit Stolz dem Fremden die sechs Heiligenbilder, welche das Franciskaner - Thor schmückten; die beiden Engel, deren ausgebreitete Flügel den Eingang zum Kirchhofe von St. Magdalena deckten; das Glasgcmälde, welches den heiligen Antonius vorstellte, und in seinen Farben so frisch und schön war, wie die Glasgemälde in Köln; die Arabesken in Stein im Kloster der Dominicaner, das Crucifix eines unbekannten Meisters in der Kathedrale, und viele andere bewunderungswürdige Werke, welche die Wuth der Reformirten zerstörte und zertrümmerte, um ohne Zweifel die Prophezeiung des Erasmus wahr zu machen: „Wo das Lutherthum herrscht, gehen Künste und Wissenschaften zu Grunde." Die Stadt hatte vier Kirch-Spiele, das erste gehörte zur Kathedrale von St. Petrus, und wurde heilig Kreuz genannt; das zweite ganz nahe bei St. Petrus, gehörte zur neuen Kirche Unserer Frau; das dritte zu St. Magdalena; das vierte zu St. Germanus; das fünfte zu St. Gervais; das sechste zu St. Legier; das siebente zu St. Victor. Im Innern der Stadt zählte man drei Klöster: das Kloster der Franciscaner am Ufer; die Nonnen vom Orden der heiligen Clara, und die Dominicaner in der Straße Corrareterie, in dem Gebäude, in welchem die Uhr der Rhonebrücke war, und im Jahre 1670 verbrannte. Außerhalb der Stadt war das Kloster St. Victor vom Orden der Benediktiner mit einem Prior und neun Mönchen; das Kloster der Augustiner, bei der Brücke der Arve, genannt zur Mutter der Gnaden und ein anderes zu St. Johannes in der Grotte, der Batie gegenüber. Genf hatte sieben Spitäler, welche zum Theile von ihren eigenen Einkünften, zum Theile von den Wohlthaten der Gläubigen unterhalten wurden. Eines derselben hatte insbesondere die Bestimmung, den armen Wanderer auszunehmen, der auf dem Wege erkrankte; man sorgte für ihn, bis er seinen Weg fortsetzen konnte, und wenn er dann auf- stand, um weiter zu gehen, kam ein Bruder, der sein Lager einem D Ubicungue rognsl Lullserunismus, iki litersrum inleiilus. Lg. Lrubm. g. M>, 037. 2) Die Kircve St. Petrus in Genf blieb verschrot. Man licht noch die Lpuren der alten Kirche im Innern, ihre historischen, mit Darstellungen von Heiligen gejchmüektcn Glasgemälde: nnd diejenigen, welche das Bildniß Jesu Christi nicht verschonen wollten, haben das Bild eines ihrer Bischöfe verschont, welches man hinter der Kan;el Calvins an einem Pfeiler hängen sicht. Es sind noch Stühle vorhanden, ans denen sechs Bilder, welche At'ostcl verstellen, in erhabener Arbeit angebracht sind. Die Namen der Apostel sind auf Rollen cingegraben. Auch sieht man noch Begräbnisse von Katholiken, auf deren Grabsteine Todten- gcbcte und das peguiescsnt in gsce steht. LI- cke Ksemonck, 120 andern Pilger anwies. Der Reisende verließ das Spital, nachdem er zuvor Brod und eine Kürbisflasche voll Wein erhalten hatte und verpflichtet worden war, drei Tage nach einander für das Spitalhaus ein Ave- Maria zu beten. Nach der Reformation kamen alle diese Häuser der Andacht und christlichen Liebe in Verfall: nicht mehr als zwei blieben stehen. XI. Kapitel. Die Bischöfe und die Vaterlands-Freunde. Schilderung der Dienste, welche das Episcopat den weltlichen und kirchlichen Interessen Genfs leistete. - Ardntlus. — Adhcniar Fabri. — Johann de CompviS. — Kampf zwischen den Vaterlands-Freunden und dem Episcvpat.— Bcrthelier.— Besan- oon HugueS. —- Peeolat. — Bonuivar. — Strafe Bcrthelicrs und Levricrs. — Der Bischof de la Baume wird genöhtigt, Gens zu '.'erlassen. — Sein Clsarakter. — Bern benützt die innern Zwiste Genfs, um die Reformation zu verbreiten. Eine Gestalt ragt in der Geschichte der Gemeinde von Genf aus alle» andern hervor: jene des Bischofs, er ist der Beschützer der weltlichen Interessen, Freiheiten und der nationalen Unabhängigkeit. In der Reihe der Prälaten, welche den Bischofs - Sitz von Genf seit dem Ende des vierten Jahrhunderts bis zur Zeit der Reformation eingenommen hatten, werdet ihr keinen finden, der nicht Ansprüche auf die Anerkennung der christlichen Welt zu machen hat. Als Guy den Fehler beging, daß er seinem Bruder Aimon mehrere herrschaftliche Gründe abtrat, welche zur Kirche gehörten, widcrsetztc sich Humbert de Grammont laut gegen 1) 8pon., l. 2.. p. 212. die Veräußerung, und appellirte zum Entscheid des Streites, von dem Rathe unterstützt, an den Erzbischof von Vienne. Der zu Sevssel im Jahre 1124 Unterzeichnete Vertrag setzte die Unabhängigkeit des Bischofs fest, der von Niemanden, als dem Papste und dem Kaiser erbobcn werden konnte. 0 Um die Wichtigkeit eines solchen Acts zu begreifen, muß man bedenken, daß die Rechte der Kirche mit den Rechten des Staates vermengt waren. Graf Aimon starb; sein Sohn weigert sich, den Vertrag von Sevssel anzuerkennen. Der Nachfolger Humberts de Grainmont, Ardutius, zeigt diese Verletzung dem Kaiser Friedrich Barbarossa an, welcher die Privilegien des Episcopats durch eine Urkunde bestätigt, die er zu Spcier am 15. Jänner 1153 erließ. Der Gras wollte Gewalt anwenden, der Bischof wandte sich an den Papst, und Hadrian IV. versprach ihm seinen Schutz. Dieser Triumph währte nur kurze Zeit. Amadeus nahm seine Zuflucht zu dem Bruder Berchtolds, des Gründers von Bern; das war eines der Glieder der Familie Zähringen, die der erklärte Erbe der Könige von Kleinburgund war, zu welchem Genf gehörte. Der Herzog war ein rechtschaffener Mann. Er verlangte die Herrschaft über die Stadt als sein Eigenthum zurück. Barbarossa stimmte ihm bei, und Berchtold bringt ihn in Bälde davon ab. Die Freiheiten Genfs waren in Gefahr. Ardutius eilt nach St. Johann de Losne, um die Sache des Volkes vor dem Kaiser zu vertheidigen, welcher den Herzog von Zähringen des Rechtes beraubt, das ihm die Bulle von Speier zuerkannt und bestätigt hatte. Ter Streit wurde fortgesetzt. Bernhard Chäbert behauptete, um dem Uebermuth der Grafen Einhalt zu thun, müsse man zu andern Waffen greifen, als die Bulle eines Papstes oder das Teeret eines Kaisers sei: er befestigte das Schloß De l'Jsle. Unter seiner Verwaltung erhöhten sich die Einkünfte des Staates und das Glück der Bürger. Die Brücke über die Rhone wurde ausgebeffert, Straßen angelegt; der fremde Kaufmann, welcher die Märkte der Stadt bezog, wurde nachdrücklicher geschützt, es wurden neue Werkstätten gegründet, und Gc- werbs - Unternehmer von Italien berufen. Das war eine Herrschaft des Friedens und der Wohlfahrt. Ami de Grandson, Heinrich de Bottis, der Chartäuser und Aime de Menthonay, wirkten während 1) cksmes ksrz . Lzzsi cl'un precis cke I Ki5loiro cke Is kegubligue cle (lene'k, t. 1 . Oenevo, 1838 , g. 17 . kicol. Histojre cke (lenevs, t. 1. 122 ihres Episcopats auf eine glückliche Weise für die Erhaltung der Privilegien Genfs. Es ist ein armer Mönch aus dem Dominicaner-Orden, über den Luther so arg spottete, Adbemar Fabri, welcher zuerst den Plan faßte, die Sitten, Privilegien, Gesetze, Verordnungen und Gebräuche der Stadt in ein Werk zu sammeln, das er im Jahre 1387 veröffentlichte, eine gesetzkundliche Arbeit, deren volle Wichtigkeit James Fazy in seinem Werke über die Republik Genf darlcgt. Alle die bischöflichen Gestalten, welche Fazy in seinem Buche gezeichnet bat, verdienen unsere Bewunderung; die schönste ist aber ohne Frage Amadeus Vlll., welcher sich, nachdem er sich den Helm, die Mitra und die Tiara aufgesetzt hatte, in das Kloster von Ripaillc begab, ohne daß er zuvor seinem Sohne Ludwig die Erlaubniß gegeben hatte, als Herzog von Savoyen nach Genf zu gehen, aus Achtung für eine Urkunde, die er leicht hätte ausheben können, da er hier Papst und Bischof war. In der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts angelangt, kann man nicht umhin, die Tugenden zu bewundern, durch welche die Bischöfe von Genf während ihres vieljährigcn Apostolats glänzten. Alle haben sich weise, verträglich, aufgeklärt, und den Einrichtungen des Landes ergeben gezeigt. Wenn eine Freiheit bedroht ist, eilt ein Bischof herbei, sie zu vertheidigen: der Bischof ist vor Allem Bürger. Er fürchtet weder Könige noch Kaiser; er verkhcidigt sein Volk, und wenn er stirbt, indem er seine Pflicht erfüllt, wie Allamand, so preist er Gott, und haucht sein Leben freudig aus. Alle Gewalten vereinigen sich in dem Bischof, er ist Edilc, Richter, weltlicher Fürst und Priester. Edilc, er trägt Sorge für die Stadt, deren Schönheit die Fremden bewundern; Richter, er übt Gerechtigkeit ohne Ansehen der Per- 1) Die Swrift Fabrik ist ein merkwürdiges Denkmal der peinlichen Gesetzgebung dieser Epoche. Jeder Bürger, welcher einen andern schlägt, ohne Blut zu »ergieße», wird zu drei Sous verurthcilt; wenn Blut geflossen ist, zu KO Sous. Die Freiheiten sind in lateinischer Sprache geschrieben und verdienen in sprachlicher Hinsicht studirt zu werden: Picot hat einige Proben dieser römischen Sprache der damaligen Juristen gegeben: ^rt. 15. bist unus czunrterunus elc eupr» ,16 cujus mensurnm mensuretur KIsckum . liger. Der von dem römischen Hofe gewählte Priester war genöthigt, gegen die heftigen Vorurtheile zu kämpfen. Der Schutz, mit welchen ibn das herzogliche Haus bedeckte, war in den Augen des Volkes ein Grund des Vorwurfs. Genf gewöhnte sich daran, in seinen Bischöfen nichts anderes zu sehen, als von Savoyen erkaufte Creaturen. Die aufgebrachten Herzoge verbargen ihre Absichten nickt mehr, sie gingen offenbar auf die Eroberung des Eantons aus. Ihr Aufwand empörte das Volk gegen sie. „Wenn sie im Sommer nach Hause gingen, sagt Bonnivard in seiner Chronik, öffneten sie alle Fenster, um sich der frischen Luft zu freuen, dann ließen sie sich ihre Gülte bringen, für Jeden einen Sold und eine Flasche Malvasier, dann entfernten sie sich wieder." das waren arge Tirannen, welchen ein Vaterlandsfreund, wie Bonnivarr, den ernstlichen Vorwurf macht, daß sie im Sommer die Fenster öffnen, um die frische Gebirgsluft zu schöpfen! Wenn Calvin in Genf Blut vergießen wird, dann wird Bonnivard auch die frische Landlust zu genießen suchen; aber er wird kein Wort zu Gunsten der Opfer des Theocraten in seine Chronik schreiben. Die republicanischc Gesinnung war von muthigen Männern vertreten, welche schon seit langer Zeit auf eine Trennung von Rom an- rrugen. Es war Berthelier, Besancon Hugues, Bonnivard, die beiden Levrier. Berthelier war ein wahrhaft deutscher Ritter, bereit für jede Idee zu sterben, die ihm durch sein Gehirn ging, sie mochte thöricht oder edelmüthig sein: er war kalt in der Gefahr, und wenn er sie bestanden hatte, ergab er sich blindlings, wie ein unbesonnener Junge, den Vergnügungen hin, in welchen er sein Leben nicht mehr schonte als aus dem Schlachtfelde. Bonnivard schildert ihn vortrefflich: „Berthelier liebte die Freiheit, er hatte den Verstand, sie zu erkennen und den festen Muth, sie aufrecht zu erhalten; wenn er erlangt hätte, wonach er immer trachtete, weil er die Verständigen oft weniger eifrig sah, dieß zu thun, war er oft gezwungen, sich den Unverständigen anzuschließen, und sich bei mehreren Vorfällen an sie zu bequemen, um sich dieselben zu erhalten. Deßhalb wurde er oft von Leuten, welche seine Absicht nicht kannten, getadelt, wenn sie ihn bei Banketten, Maskeraden, Spielen, Tänzen und ähnlichen Belustigungen trafen, ja sogar bei gewissen Verspottungen, welche gegen die großen Feinde der öffentlichen Sache erhoben wurden. Oft unterstützte er die Fehler junger Leute gegen die Gerichte, welche sie strafen wollten." Berthelier hatte sich im voraus seine Rolle bestimmt. Diese Rolle sollte öffentlich gespielt werden, in Wirthshäusern, im Nothfalle in den Vorderreihen ees Kampfes, und auf dem Schaffotc enden: er sagte zu Bonnivard: — „Lieber Bruder, so wird es kommen: aus Liebe zur Freiheit Genfs wirft du dein Benefizium und ich meinen Kops verlieren." Dieser Bruder war Prior von St. Victor, ein spöttischer Mensch, eine satyrische Natur, ein beissender Schriftsteller, ein scherzhafter Schwätzer. Besancon Hugues hatte im Handel sein Glück gemacht: seine Sprache war lebhaft, seine Redeweise hinreißend, die Schule hatte ihn zum Redner gebildet. Die beiden Levrier galten für geschickte Juristen. Diese Namen und noch einige andre, Pecolat,' Ami Perrin, Johann de Soex, Johann Ludwig Bersonnex waren unter dem Volke bekannt. Man muthete ihnen edle Gesinnungen zu. Der Herzog fürchtete sie, der Bischof hatte Scheu vor ibnen. Um der Gefahr zu widerstehen, welche ihnen drohte, bildeten sie eine Gesellschaft, deren Wahlspruch war: Wer den Einen verletzt, verletzt den Andern. Dieser Verein erweiterte sich, hob seine Glieder aus allen Unzufriedenen aus, und gestaltete sich zu einer Faction, welche außer einigen Guten, auf die sie stolz war, eine Menge kühndrcister Mitglieder zählte, welcke Alles wagten, sogar das Verbrechen, um nur den Sieg davon zu tragen. Eines Tages speiste Johann Pecolat bei dem Bischose von Maurienne, Ludwig de Genrenod, welcher sich über den Herrn von Genf zu beklagen hatte. — Beunruhigt euch nicht, sprach Pecolat, non viclolnt clies Uotri: über diese Weissagung wurde viel gelacht. Einige Tage später starben mehrere Diener des Prälaten unter schrecklichen Konvulsionen, weil sie von den Pasteten verkostet hatten, die an der Tafel ihres Herrn servirt wurden, der nicht davon essen wollte. Das Gift war durch die Hand eines Italieners bereitet worden: es tödtete wie das Gift der Locusta. Der Ausspruch Pecolats wurde bald in allen Weinschenken bekannt, und kam zu den Ohrendes Bischofs. Pecolat wurde eingezogcn, und als er auf die Folter gespannt wurde', bekannte er sein Verbrechen. Die Untersuchung gab den Anschein einer geheimen Rache. Der Bischof beging einen Fehler: er hätte die Schuldigen auch außer dem Landgebicte Genfs verfolgen sollen, und nicht in einem Schloße außerhalb > der Stadt. Bcrthelier, der als Mitschuldiger an der Vergiftung des Bischofs angeklagt war, hatte Genf verlassen, um den Schutz Freyhurgs nachzusuchen. Freyburg trat vermittelnd auf, und Pecolat wurde in das Schloß de l'Jsle gebracht. Vor seinen I) §ames kar)-, p. 100. Richter gestellt, nahm er seine frühem Geständnisse zurück. Er wurde in das Gefängniß des Bischofs zurückgesührt; als er auf die Folter gespannt werden sollte, ergriff er ein Messer und schnitt sich die Zunge ab, Richter und Henker hatten nichts mehr zu thun. Bonnivard entwarf damals einen kühnen Plan, er wollte Pecolat der Genfer-Gerichtsbarkeit entreißen, und die Angelegenheit vor den Nichterstuhl des Erzbischofs von Vienne bringen. Der Erzbischof wurde vom Mitleid bewegt, als die beiden Brüder Pecolats sah, die ihm sein Gewand küßten; er gestattete ihnen, den Bischof von Genf in Vienne vor Gericht zu laden. Wer wird aber die Vorladung erlassen? Bonnivard findet einen Eleriker welcher sich für zwei Thaler dieser Aufgabe am folgenden Tage bei St. Petrus, wo der Herzog und der Bischof die Messe hören sollten, unterzieht; als aber der Augenblick kam, fing der Eleriker zu zittern an und juchte sich zu flüchten. Bonnivard zog einen Dolch aus seinem Gewände und hielt ihn ihm vor die Augen, während er ihn mit der Linken vor den Bischof stieß, und rief: Cle- riker thu deine Pflicht. Und der Eleriker hielt dem Prälaten die Abschrift hin, die er küßte und stammelnd sprach: inliiliitur vobis prout in copia: Wir erwarteten einen andern Ausgang. Der Bischof hatte das Recht, Bouuivard, welcher seine Abtei von St. Victor wieder sicher erreichte, sestzunehmen. Julius II. würde ihn gehenkt haben. Johann von Savoyen, der durch verschiedene Gründe aufgefordert war, sich nach Vienne zu begeben, hatte den Gehorsam verweigert, er wurde cxcommunicirt. Es war für den öiatholicismus der Gegenstand eines großen Leits, daß ein Bischof vcrurtheilt wurde, dem die Vaterlandsfreunde keinen andern Vorwurf za machen hatten, als eine blinde Anhänglichkeit an das Haus Savoyen. Die Ereigniße gehen Schlag auf Schlag. Eines Morgens wurden bei der Brücke de l'Arve, zwei gcvierthcilte Leichname an Pfäle gesteckt und auf Tonnen gepflanzt, welche sie hätten davon tragen müssen, wenn die Aussetzung die gewöhnliche Zeit gedauert hätte. Es waren die Ueberrcste zweier junger Leute, Navis und Blanchet, welche beive zur Partei Pecolats gehörten. Sie Wurden auf dem Wege durch Piemont aufgefangen und gestanden, daß i sie den Plan gefaßt hätten, sich von dem Herzoge loszumachen, den Bischof zu ermorden, und den Prior von St. Victor an seine Stelle zu setzen. Berthelier war als Mitschuldiger angeklagt. Das Todesurtheil wurde durch ein Gericht des Herzogs gefällt. Die Schuldigen konnten von Niemanden gerichtet werden, als von dem Bischöfe. Die Vollziehung des Urtheils fand auf fremden Boden statt: das waren Rechts-Ein- griffe, welche die Gemiither empörten. Der Weg des Blutes war betreten. Vermittelst des Schreckens erhoben die Fürsten von Savoyen eine mächtige Armee, und zogen aus, um sich Genfs zu bemächtigen. Die Stadt vertheidigte sich nachlässtig. Ohne die Hilfe Freyburgs, hätte Genf seine Nationalität verloren, und so war es das zweitemal, daß der Katholicismus die helvetischen Freiheiten retten mußte: Spazier scheute sich nicht, die Wahrheit auszusprechen: „Die Unabhängigkeit der Schweiz ging von den katholischen Cantonen aus, während eine höchst despotische Oligarchie in den calvinischen Cantonen herrschend war." Berthelier hatte die Bürger Freyburgs zum Schutze seines Vaterlands berufen. Der Herzog spähte wie er entrinnen könne. Cr fiel in die Hände von Savoyarden, und wurde in ein Gefängniß geführt. Berthelier war sich bewußt, welch ein Spiel er begonnen! Er hatte an die Mauern seines Kerkers den Bibelspruch geschrieben: non omni» moriar, sock vivain ot narrallo opora ckomini. Der Tod erwartete ihn wirklich. Man hatte ihm seine Begnadigung angeboten, wenn er sie sich von dem Herzoge erbitten wollte: Er wies sie zurück. Er wurde verurtheilt, und sein Richter Desbois las ihm das Todes-Urthcil vor: „Philibert Berthelier, weil du dich bei dieser Gelegenheit, wie bei vielen andern gegen meinen hohgeachteten Prinzen und Fürsten, der auch der deine ist, empört hast, und dich des Majestäts-Verbrechens und vieler anderer, welche den Tod verdienen, schuldig gemacht hast, wie es dein Proceß ausweist; so verurtheilen wir dich, daß dein Kopf vom Leibe getrennt, dein Leib an den Galgen des Champels gehängt, dein Kopf auf einen Pfahl gesteckt, an dem Ufer der Arve ausgestellt, und deine Güter confiscirt werden." Er wurde vor dem Schlöffe de l'2sle in Gegenwart einiger Soldaten geköpft, ohne daß das Volk ihn zu retten versuchte. Seine Uebcrreste wurden in einem Karren durch die Stadt geführt, der Henker hielt den Kopf in der Hand, zeigte ihn, und rief: „das ist der Kopf Bcrthelier's des Verräthers!" Aus dem Blute Bcrthelier's gingen andere Berlhelier's hervor, welche alle bereit waren, den Tod desjenigen zu rächen, den sie als einen Märtyrer betrachteten. Die Revolution beginnt, das Messer adelt. In einem solchen Wohnplatze des Hasses konnte von nun an der Bijchof nicht mehr t) taöleau cke I'.4IIeiusAe aktuelle. Iie>ue ckes Xorck, p. 436. 128 leben. Er mußte das Gift eines Schwärmers fürchten, der sich nicht zu seiner Partei bekannte. Er trat sein Bisthum zu Gunsten Petrus de la Baume, des Abtes der Klöster von Suse und St. Elaude ab. Petrus de la Baume hielt am 11. April 1523 auf einem prachtvoll geschirrten Maulthiere in Genf seinen Einzug. Tie Syndici und Rathe erwarteten ihn an der Brücke der Arve, wo ihm die Schlüssel der Stadt übergeben wurden. Er ging unter einem Thronhimmel, der mit Edelsteinen geschmückt war. Nachdem er in der Kirche des heiligen Petrus die Freiheiten der Stadt aufrecht zu erhalten geschworen hatte, erhielt er sechs Teller und sechs Schalen von Silber zum Geschenke. Aber der Herzog Carl III. war zu muthig, als daß er sich hätte aushalten lassen. Die Vaterlandsfreunde waren bestürzt — er wollte die Freiheiten Genfs angreifen. Damals glühte die erloschene Asche der Eidgenossen wieder auf, und Amadeus Levrier, der Sohn des ehemaligen Syndikus, erbot sich, dem Herzoge das Amt eines Richters in bürgerlichen Streitigkeiten letzter Instanz, welche er sich anmaßen wollte, zu entreißen. Am folgenden Tage wurde Levrier, als er aus der Kirche des heiligen Petrus ging, ergriffen, geknebelt, nach Bonne in Savoyen geführt, und enthauptet. Als er zur Hinrichtung ging, sang er: Ouick milü mc>r8 nocuit! virtus ;>ost latu verleit! Koo cruci, neo saovi glaclio ;,erit illu tvimnni. Die Partei der Eidgenossen lebte neu auf in seinem Blute. Zwei Cantone kamen, um ihnen ihr Bündniß anzubieten: Frcyburg, das gut katholisch, und ohne Nebenabsicht war, dann Bern, welches sich für die Reformation hatte gewinnen lassen mit Absichten auf eine religiöse Propaganda. Am 12. März 1521» wurde der Bund der drei Eantone an den Stufen des Altars in der Kirche von St. Petrus in folgender Form feierlich beschworen: „Wir versprechen, fest zu halten an dem Bunde, den wir geschlossen haben, dazu helfe uns Gott, die Jungfrau Maria und alle Heiligen des Himmels." — Um die Ansprüche der Herzoge war es geschehen. De la Baume schloß sich auf eine edle Weise der Bewegung des Volkes an; um den Patriotismus zu belohnen, ertheilte er den Syndiken und Räthen das Recht, in bürgerlichen Streitigkeiten zu ent- .B Hi All Llil! Kl' n Ä L « !ttl> ÄlG LiN »l» ich a» 1) Ilisloire äe Oenöve M- ?Lcot. t. I., p. 234. l 129 scheiten, welche bisher zur Gerichtsbarkeit des Bischofs gekört batte. Dich war eine edle Uneigennützigkeit dieses Prälaten, welche der protestantische Geschichtschreiber nicht an ibm achtete, Er batte dafür als ein schlichter Privatmann das Bürgerrecht verlangt und erhalten. „dir war," sagt Bvnnivard, „ein großer Verschwender in Allem, was überflüssig war, und meinte, es sei an einem Prälaten ein fürstlicher Zug, wenn er große Platten und Gerüchte, mit allen Arten des köstlichsten Weines auf der Tafel habe." Dieser Hieb würde geistreicher erscheinen, wenn Bonnivard nicht so oft an dieser Tafel Platz genommen und getrunken hätte. Als der Bischof dem Mönche das Priorat wieder ertheilte, welches man ihm im Jahre 1519 genommen hatte, dachte er wahrscheinlich, die Liebe sei eine Klostertugcnd. Bonnivard enttäuschte ihn. Ihr sehet, daß der Prior dem Petrus de la Baume keinen andern Vorwurf machen konnte, als eine zu reichliche Tafel: er verhehlt aber sorgfältig, daß die Ucber- blcibscl dieser Tafel den Armen gehörte», wie das Brvd oder Holz der Küche allen denen, die Hunger oder Kälte litten. Er sagte uns nickt, daß der Prälat mehrere Male im Monate die Gefängnisse, Spitäler und Krankenhäuser besuchte; daß er die Wissenschaften und Jene, die sie pflegten, liebte; daß er großmüthig war, und denen, die ihn beleidigten, gern vergab. Als er nach Genf kam, war noch nicht aller Glaube unter seiner Heerde erloschen: er würde die Fürstcnrechtc zu bewahren gewußt haben, wenn er hätte Blut vergießen wollen; aber Petrus de la Baume trat lieber zurück, er war vor Allem der Apostel und Vater Genfs. Er hätte indcß kämpfen dürfen; die Constitution gab ihm das Recht hiezu; ein Recht, das die reformirte Kirche damals läugnete, seitdem aber anerkannte. „Jede Kirche, welche ewig währen will," sagt Fehler, „bedarf der Einheit: diese Einheit kann nur unter der Bedingung der Mitwirkung der Civilgewalt bestehen. Die lutherische und calvinischc Kirche mußten bekennen, daß der Fürst das Recht der Landeshoheit selbst über die bischöfliche Regierung habe." — Nun darf man nicht vergessen, daß Petrus de la Baume Bischof und Fürst von Genf zugleich war. Der Bischof tröstete sich in seiner Verbannung mit seinem Lieblings- Dichter Boctius, welcher singt: tl Fehler citirt von Höninghaus. Man vergleiche hicrübcr auch Hengpenderg (Dr. W.) in der Berlin, cvang. Kirchen-Zcit. Nr. 1s. IN. Audi»: Lehen Calvin'« I Bd. ^ 130 Kura 8, oonstat SUN form» mundo, 8i tantns variat vices, tsrecko kortunis luuninum eacluoi«, Koni» erocke kuFnoikus. ^ Bern benützte diese innerlichen Zwiste zur Einführung der Reformation. In der Schweiz steckten die Kanonen die Städte in Brand, welche die Missionäre nicht zu bekehren vermochten. Bern führte Apostel in seinem Nachtrabe mit sich, welche den heiligen Geist in einem Wirthshause, ihre Berufungen in der Tiefe eines Trinkglases gefunden hatten; es lies; dieselben in der eroberten Stadt zurück, damit sie die Seelen gewinnen sollten. Wilhelm Farel und Anton Saunier kamen nach Bern. Der Senat lud sie ein, und gab ihnen, ohne daß man sich um ihren Beruf kümmerte, Beglaubigungsbriefe für Genf mit. Sie brachten den Aufruhr in die ohnedieß schon vom Geiste des Unfriedens bewegte Stadt. Farel und Saunier wurden genöthigt, die Flucht zu ergreifen: das Volk wollte sie in die Rhone werfen. Sie hatten sich kaum entfernt, als man an den Straßenecken und Kirchenmauern einen Zettel angeschlagen sah, auf dem geschrieben stand: „Es ist ein Mann in dieser Stadt angekommen, welcher in einem Monate allen Denjenigen französisch lesen und schreiben lehren will, welche theilnehmen wollen, Klein und Groß, Männern und Frauen, selbst solchen, welche nie in eine Schule gingen. Wenn sie in einem Monate nicht lesen und schreiben können, verlangt der Lehrer nichts für seine Mühe. Er ist zu treffen in dem großen Saale Boite bei dem Molard, zum goldnen Kreuze, wo auch viele Uebel umsonst geheilt werden," Froment. Diese Ankündigung, von der man glauben sollte, sie wäre einem heutigen Pariserjournalc entnommen, war sehr verführerisch. Die Kranken kamen in Menge herbei: anstatt der Heilmittel und Lehren gab Froment seinen Besuchern lange Tiraden gegen den römischen Hof, welcher als babylonische Hure figurirtc; gegen den Papst, welcher den Antichrist darstellte; gegen die bardinäle, welche dem Satan als Schweisträger dienen mußten; gegen die Priester und Mönche, in welchen sich die sieben Todsünden eingefleischt hatten. Das war seine ganze theologische Gelehrsamkeit, die er einem böswilligen Pampblet entwendete, das aus Deutschland kam und in das Französische übersetzt wurde. Durch den Eifer dieser Prädicanten wurde 1) Loetii cke tlon-olsticmo pliilosogbise. 131 die Stadt bald in eine förmliche Schule verwandelt, in welcher sich Jedermann, der lesen konnte, auch für berufen hielt, zu disputiren, als wenn er die Doctorgrade erbalten hätte. Froment hatte ein Mittel ersonnen, durch welches er die Unwissenden ermuthigtc: er lehrte, wer immer die heilige Schrift lese, um die Wahrheit zu suchen, dürfe versichert sein, dass er von dem heiligen Geiste erleuchtet werde; das war eine andere Ankündigung, welche ihm viele Kunden zuführen musste. Er sagte zu seinen Zuhörern: „Beweiset mir durch die Schrift, dass ich irre, ich will dann meinen Jrrthum in Demuth bekennen!" Wie sonderbar ist es, dass drei Jahrhunderte später ein Protestant, Pape, dem Schulmeister in Versen antwortete: „Stellt aus der Schrift mir dar die Falschheit meiner Behauptung, Und ich nehme zurück, was nicht die Prüfung besteht!" Also sprachst du und siegtest dadurch, hochherziger Luther! Dir nur folgen wir nach, hoffend den nämlichen Sieg. Stellt aus der Schrift uns dar die Falschheit des, was wir anders Lehren, als Luther, weil wir anders cs sehen, als er! Man vertrieb diesen Missionär, und drohte ihm mit drei Strickhieben, wenn er cs wagen würde, sich wieder sehen zu lassen; die Stadt war aber verloren: Die Theologaster Lnthcr'S kamen, um sich in ihr niederzulasscn. Der Bischof glaubte, seine Gegenwart in Genf werde die Streitigkeiten, welche die Ruhe der Kirche zu beunruhigen drohten, besänftigen; aber die Reformation hatte schon grosse Fortschritte gemacht. Die einflussreichsten Eidgenossen, Ami Pcrrin, Malbuisson, die beiden Vandel, Claudius Roger und Dvminicus d'Arlod hatten sich der neuen Lehre angeschlosscn, von der sie ihre politische Emancipation erwarteten. Sie drängten sich um den Prediger Farcl, und suchten in den Reden des Missionärs, anstatt der Beweisgründe gegen den alten Glauben Genfs, Aussprücbe gegen das Haus Savopen. Die Empörung nahm zu und suchte diessmal in dem Bischöfe einen neuen Feind, den sie verjagen wollte, wie sie die Herzoge von Savopen verjagt hatte. De la Baume verliest die Stadt, das Evangelium machte es ihm nicht zur Pflicht, das Marterthum zu erwarten. Nach drei Jahrhunderten ist es leicht, einen Bischof der Feigheit anzuklagen. Wer weist 9 * 1) Pape, Distichen, in dev a. K Z. Nr. 17l. aber nicht, daß die Seele zur Zeit einer Revolution über ihre Willenskräfte oft nicht mehr Macht hat, als der Leib über seine Bewegungen, da die einen wie die andern der Partei angchören, deren Sclave sie sind? Sein Vorgänger Johann von Savoyen hatte erfahren, daß für einige überspannte Kopfe das Gift ein vorbeugendes Mittel lei. Petrus de la Baume konnte die Gefahr fliehen, ohne dadurch Mangel an Muth zu verrathen. Genf hätte sich erkenntlicher zeigen dürfen gegen das katholftche Gpiscopat! Nun noch einige Worte über einen andern Stern seines Ruhmes. Eines Tages trat ein armer Mönch in den Laden eines Schusters, und verlangte ein Paar Schuhe; als er aber zahlen sollte, durchsuchte sich der Mönch vergebens, er hatte seine Börse einem Bettler gegeben, der ihm an der Brücke der Arve begegnet war. „Bruder, macht euch darüber keinen Kummer," sagte der Schuster, „ihr zahlet mich, wenn ihr Cardinal werdet." Der Mönch wurde Cardinal und Bischof von Genf. Es war de Brogny, der den Schusier nicht vergaß. Er machte ihn zu seinem Hausmeister und schenkte ihm eine Capelle, welche die Schustercapclle heißt. Tic Reformation riß die Statue des Prälaten nieder. Sie hätte sich erinnern sollen, daß der heilige Bischof ein Freund der Armen war, daß er sie sogar in den Speichern aufsuchte, daß er in seinem achzigsten Jahre noch kein anderes Getränk genossen hatte, als Wasser, daß er sogar am Vorabende vor seinem Tode fasten wollte, daß er in seiner Wohnung, man konnte sic keinen Palast nennen, eine Bibliothek von siebenhundert Bänden Handschriften aus allen Sprachen gesammelt hatte, und daß er der Erste war, welcher den Plan gefaßt hatte, eine Akademie zu gründen, in welcher die Studircndcn auf Kosten des Staates unterhalten werden sollten. Im Zeitalter vor der Reformation war die Kirche von Genf der Stolz der Christenheit. Das Papstthum liebte sie als seine theure Tochter. Als die Stadt im Jahre 1430 von den Flammen zerstört wurde, wandten der Bischof und das Volk ihre Blicke nach Nom, und der Papst Fclir V. gab nach Picot's Bericht die Zusage, daß von allen Bcneficien, welche während zwanzig Jahren in der Diecöse von Genf erledigt werden würden, die Einkünfte des ersten Jahres jedesmal der Stadt zukommcn sollten. I) Histoiro cko Ccnöve, t. I., p, 126. Und nun folget uns; ihr werdet sehen, wie diese Vaterlandsfrcunde, die wir in ihrem Kampfe gegen das herzogliche Haus von Savoyen bewundern mußten, den Glauben ihrer Ahnen vergaffen, und Stein um Stein an dem Baue der katholischen Kirche zerstörten, in welcher sie so oft eine Zuflucht gegen ihre Unterdrücker suchten; ihr werdet sehen, wie sie die Banner zerreißen, auf welche die Hände ihrer Töchter den Namen Jesu Christi gestickt hatten, und die sie in ihrem Kampfe gegen die Feinde Genfs ihren Reihen vorangetragen hatten; ihr werdet sehen, wie sie die Priester, die Mönche und Religiösen verjagen, deren Gold ihnen gedient hatte, die Mauern der Stadt zu erbauen, oder zu verteidigen. Gott wird aber zu seiner Zeit einschreiten, er wird ihnen - einen Menschen senden, der sie unterdrücken, ihre Freiheit mit Füßen treten, ihr Blut vergießen und über ihren Jammer wie über ihre Thränen lachen wird. Despotismus, Verwirrung und Unglück waren die nvthwendigen Folgen der Reformation, gesteht ein Protestant. XU. Kapitel. Die Schwester Johanna de Jufsie. Schrift dc^Schwesicr. — Erzählung. — Plünderung von Mcrges durch die Re- scrmirten. — Die Berner in Genf. -— Verwüstung der Kirche des heiligen Petrus; -— des Oratoriums; — der Kirche von St. Victor; der Kirche von St. Laurentius. — Kampf in den Straßen von Genf. — Ermordung Peter Wcrli'S. — Hinrichtung Malboffons.. >— Faret. — Die Syndici wollen die Schwestern der heiligen Clara zwingen, einem theologi,chen Dispute beizu- wohnen. — Die Scbwcstcrn widerstehen sich und werden verjagt. In einem der Klöster Genfs lebte damals ein heiliges Mädchen, deren Beruf nicht allein darauf beschränkt sein sollte, daß ge ihre Gell „Die Periode der Reformation war gewiß nicht eine Zeit des Friedens und des Glückes." Lord Fitz-William, Briefe des Wiens. Ins Deut,che uder,etzk von Philipp Müller. 1843 S. 33. bete Gott darbrachle, die Unglücklichen tröstete, die Gefangenen kleidete; der Herr hatte ibr noch eine andre Rolle zugetheilt. Die Schwester Johanna de Jusste sollte die Geschichtschreiberin der Reformation in Genf werden; eine unbefangene, treue, und besonders eine poetische Geschichtschreiber«!. Unter dem wollenen Habit hatte die Vorsehung das Herz einer Künstlerin verborgen, die von den Verwüstungen, welche die Berner gegen die bildliche Darstellungen der Kunst ausübten, bis zu Thränen bewegt wurde, und mit ihrer weiblichen Einbildungskraft in die Seele des Lesers alle Schmerzen auszugießen wußte, die sie zu erdulden gehabt hatte. Was immer Genf aus seiner Bibliothek hcrvorsinden mag, es wird keinen rührender» Blättern begegnen, als diejenigen sind, welche die Feder der Schwester der heiligen Clara geschrieben hat: cs gibt kein poetisches Buck, welches der Erzählung der Schwester an die Seite gesetzt werden könnte. Als unsere Blicke das erstemal auf diese Blätter fielen, die so voll Anmnlh und Leben sind, waren wir entzückt, wie durch eines jener lieblichen Concerte, mit welchen Ariost die Seele des Schiffers ans dem Arno bezaubert; wir dachten, es sei unsre Pflicht, sie in ihrer ganzen Reinheit wiederzugeben, ohne eine Svlbe zu ändern, ohne das Geringste beizumengen, was diese Sprache der vergangenen Zeit entweihen könnte, und es zu machen wie der Vogel, der schweigt und horcht: k-a novilu «lal loco o ülantu tanta EIw Iw siitto coms augol clw mutta Hgllliia, Elw molli ßiorni resta clw iwn cuntu. .^liosto. t) Iw I.evniü ein Unlvi»imriv, >,u coiruwncemont cke I lwresis ckc Ovnövc; knick pur Ikcvcrcnckc suvur .lenniic elv .lussic relichcusv n 8ninte-lllnirc <16 Eeiicvc, vl, ngrcs zu sortic, ulikcssc cku couvenk ck'Jenvsü. I'.knmöcrv, stnr Ics krcres U>, I'our. UNI." Am Eingänge steht eine Dedneaticn an den Fürsten Victor Amadeus, Fürsten von Savoyen und Piemont, mit dem Zeichen V. L. D H. I). b. und es ist zu lesen: „Es ist eine tragische Geschichte, die noch nicht so sehr ins Dunkel des Alterthums versenkt ist, als daß die Piqueurs der Feinde des reinen Kreuzes nicht noch ganz bekannt wären, und daß der Himmel nicht das Haar des Hundes nnd die Zcrdrückung des Scorpion's für unsere Hei- kling begehren sollte." Als die historische Crilik noch nickst vorhanden war, betrachtete man die Schwester de Jusste als eine Vistonairin; seitdem aber Plant in seinem trefflichen Werke „Geschichte des protestantischen Lehrbcgriffcs," Adolph Menzel in seiner „neuern Geschichte der Deutschen," Galliffc in seinen genealogischen Notizen, den Parteigeist verschmähten, um die Wahrheit zn suchen, hat die Erzählung der Schwester nothwendig einen hohen Werth erlangt. Das Buch der Schwester de Jusste wurde mchrcremale gedruckt, aber von den Herausgebern schrecklich entstellt. .... Und am Tage des heiligen Franziscus 1330, an einem Dienstage, kamen die Fourriere der Schweizer nach Morges, um für die Mannschaft Quartier zu machen, und als sie plötzlich überfallen wurden, zogen sie sich gegen den Sec zurück und brachten ein großes Schiff an sich, welches mit Gütern der Stadt, im Werthe von tausend Thalern in Gold, belastet war, das sie von der andern Seite des Sees bei Thonon wegführen wollten, das aber durch die genannten Schweizer weggenommen und nach Lausanne zu ihrer Schutzwache geführt wurde. Am Mittwoch, Donnerstag und Freitag kamen die Leute der beiden Cantone Bern und Freiburg nach Morges, und richteten da viel Unheil an. Als sie nämlich beim Austritte aus ihrem Lande auf das Gebiet unseres Landesherren traten, fingen sie an, zu plündern, zu rauben, und den armen Leuten den Unterhalt zu nehmen. Sie ließen weder das Getreide, noch den Wein, das Fleisch und die Geräth- fchaften in den Häusern und Schlössern des Adels zurück, und verbrannten dann Alles; was kein kleiner Verlust war. Als die Berner nach Morges kamen, wurde ein Theil im Kloster der mindern Brüder cinquartirt, wo sie mehrere große und unaussprechliche Mißethaten und Bedrückungen verübten. In der Nacht fanden die Berner, diese bösen Ketzer, Mittel, den Chor der Kirche zu öffnen, sie drangen in das Innere ein und machten mitten im Schiffe der Kirche ein großes Feuer auf, dann fielen sie wie wahrhaft tolle, rasende Hunde über das Ciborium her, in welchem das hochwürdigste Sacrament des kostbaren Leibes Jesu Christi unseres Crlösers ruhte, warfen Alles in dieses große Feuer, und versündigten sich so gräßlich an dem schätze unserer Erlösung. Dann rißen sie das sehr kostbare Gemälde des Hochaltars herab, verbrannten alle Bilder aus Holz, zerschlugen das große Glasgemälte hinter dem Hochaltar, welches sehr schön und kostbar war, und wütheten und verheerten in allen Capellen, in welchen geschnitzte Bildnisse der glorreichen Heiligen waren. Damit noch nickt zufrieden, erbrachen die>e Ketzer die Taeristei und alle neu verfertigten Schränke, welche lehr jchön gearbeitet waren, zur Zierde eines solchen Gott geweihten Hauses; sic rissen alle Schlößer auf, raubten alle Qrnamente, die sie fanden, auch die Klostcruhr, alle Decken und alle Wäsche der Brüter, so daß nichts mehr übrig blieb, als das ganz leere Gebäude. Allen Priestern nahmen sie ihre Kleider, und beraubten und schlugen sie: allen Bildern, sowohl den auf Platten gemalten, als den erhaben gearbeiteten, welche sic nicht verbrennen konnten, bohrten sie mit den Spitzen ihrer Picken unk Säbel die Augen aus unk verstümmelten sie so, käst sie unkenntlich waren, auch verbrannten sie alle Handschriften von Pergament, sowobl jene, welche Gesänge enthielten, als ankre_ Am Mondtage, gegen Mittag, kam die Armee nach Genf; sie führten neunzehn schwere Artillcriestücke mit sich, von denen sic einen 2heil bei St. Gervasius aufstellten, den ankern vor einem Palast, bei der kleinen Kirche, welche das Oratorium genannt wurde. Die Truppen des Kantons Bern wurden in der Nivicre und in der korratcrie bei der Brücke der Arve untergcbracht; im Kloster des heiligen Dominicus wurden sechs Fahnen, lauter Lutheraner einquartirt, und die Mönche wurden genöthigt, das Kloster zu verlassen; im Kloster der heiligen Klara wurden sechsunddreistig Mann zu Pferde einquartirt, welche große Kosten verursachten. Als die Schwestern ermahnt wurden, daß sie in großer Gefahr seien, fanden sie Mittel, ihre Gastwirthe in die Weinlaube zu bringen, dann flehten alle Anwesenden unter Tbränen um Barmherzigkeit, und empfahlen sich in ihren Schutz.... Da fingen sie alle zu weinen an, und sagten: gute Frauen, Gott wolle euch stärken und trösten als seine Dienerinnen, denn wir vermögen euch nicht zu schützen, wenn sie euch schaden wollen. Da starben die armen Schwestern beinahe vor Angst und Furcht. Als die Ketzer in der Stadt waren, legten alle Priester, die Welt- geistlichen sowohl als die Mönche, ihre Kleidung ab und trugen sich wie Wcltleute, so daß man sic nicht von den Derbeirathetcn unterscheiden konnte; sie trugen alle das Kricgszcichen, ein weißes Kreuz auf der Brust und eines hinter den Schultern. Am folgenden Dienstage gegen acht llbr des Morgens ließen sich die Lutheriichen die Kathedrale des heiligen Petrus öffnen; und als sic innen waren, singen sie au, init der bischöflichen Glocke zur Predigt zu läuten; denn sie führten ihren verwünschten Prediger mit sich, welcher Magister Wilhelm Farct genannt wurde, der die Kanzel bestieg und in deutscher Sprache predigte. Seine Zuhörer sprangen auf den Altären herum wie Ziegen und wilde Thierc, und spotteten über das Bild unserer krlvsung, der Jungfrau Maria und aller Heiligen. Diese Hunde, welche in der Nacht Scbarwachc hielten, zerstörten den Altar des Oratoriums, zertrümmerten das Glasgemälde, auf welchem der heilige Abt Antonius und der heilige Sebastian darqc- stellt waren. Sic zerstörten auch ein schönes .strcuz von Stein, aus dessen Trümmer sie sich um das Feuer setzten. Jur Kloster der 137 Augustiner zerstörten sic mehrere schöne Gemälde, und im Kloster der Dominicaner schöne Statuen. Sie spionirtcn oft um das Kloster der heiligen Clara herum; aber unser Herr Jesus Christus flößte ihnen Furcht ein. Die armen Nonnen hielten alle Nächte hindurch Vigil und baten Gott für ihren heiligen Glauben und für die Welt, nach der Matin nahmen sie alle die Disciplin vor und flehten zu Gott um Erbarmnng; dann sprach ein Theil mit angezündcten Kerzen das herrliche „IZenockicatui," stehend, sich zur Crde verbeugend, im Namen Jesu Christi, Andre das ,,^V6 I>6>ich»6-lernl" knieend, und wieder Andere priesen die Wunden unseres Erlösers und die Thränen der Jungfrau Maria mit vielen andern schönen Bittgesängen. Alle Tage hielten sie eine Procession durch den Garten, oft auch zweimal des Tages, unter Absingung der heiligen Litanei, mit bloßen Füßen im Reis, um nur für die arme Welt Barmherzigkeit zu erlangen. Im Monate April des Jahres 1532 nach der Octav der Himmelfahrt Mariä, nahmen die Ketzer die Glocken des Priorats von St. Victor herab, und zerstörten dann das ganze Kloster bis auf den Grund. — In demselben Monate, am Tage der Enthauptung des heiligen Jahanncs des Täufers, zerstörten sie die kleine aber sehr schöne Laurentius-Kirche, und auch die Kirche der heiligen Margaretha wurde niedcrgerissen. Im Monate October wurde der Generalvicar Amadeus de Gingin, Abt von Baumont benachrichtet, daß der Prädicant Magister Wilhelm in seinem Kloster predige, da berief er alle Chorherrn, um sich mit ihnen über die Ketzer zu berathen. Sie beschlossen, man solle den genannten Prädicanten rufen lassen. Als er vor den Offizial, Magister Vagi kam, wurde er gefragt, wer ihn gesandt habe, und wozu, und aus welcher Vollmacht. Der Elende antwortete, er sei von Gott gesandt, und gekommen, sein Wort zu verkünden. Der Herr Offizial sagte zu ihm: Und du thust kein Zeichen, welches beweist, daß du von Gott gesandt seiest, wie Moses vor dem Könige Pharao gcthan hat; wenn du uns predigen willst, warum bringst du uns keinen Ausweis von unjerm hochwürdigsten Bischöfe von Genf; warum trägst du kein Gewand, wie es Diejenigen gewöhnlich tragen, welche uns das Wort Gottes verkünden; warum trägst du das Kleid eines Gendarmes und Räubers? Am Charfreitage, 20. März des Jabres 1533 war wegen der Ketzer in Genf ein außerordentlicher Tumult, und die Anhänger dieser Secte versammelten sich am frühen Morgen desselben Tages. Hieraul versammelten sich andrerseits auch die guten Christen in großer Anzahl mit den Chorherrn in der Kirche des heiligen Petrus, und be- rathschlagten, was man Förderliches thun könnte. Das Volk antwortete einstimmig: Wir wollen ans diese Lutheraner losgehcn, welche sich in der deutschen Straße gesammelt baben; wir wissen nicht, warum sie uns immer in Furcht versehen; wir wollen ein Ende sehen und nicht mehr eine solche Seuche in der Stadt dulden, denn sie sind ärger als die Türken. Während dieser Rede kamen zwei schlimme Taugenichts welche die Christen belauern wollten. Sie blieben auf den Treppen des Portals stehen, uno als einer von ihnen sich nicht enthalten konnte, eine abscheuliche Rede auszusprechen, zogen sogleich mehrere ihre Schwerter, um ihn zu schlagen; er wurde aber von den Syndicen vertheidtigt; dennoch wurde er niedergeworfen, mit Füßen getreten und erhielt einen Hieb mit dem Schwerte, von dem er schwer verwundet wurde, daß er viel Blut vergoß. Als sein Kamerad ihn zur Erde sinken sah, ergriff er die Flucht und erzählte Alles. Die guten Christen wurden aber muthigcr als zuvor. Um die Andern mehr anzueifern, läuteten einige Katholiken zum allgemeinen Schrecken die große Glocke, auf deren Schall die ganze Stadt unter die Waffen trat. Die Einen liefen zu St. Peter, die Andern auf den Hauptplutz Molard. Als die Syndici sahen, daß sie das Volk nicht abhalten konnten, ließen sie alle Kirchenthüren schließen, und sich dann einen großen Bündel Lorbeerzweige bringen, von denen sie jedem Katholiken einen in die Hand gaben, damit sie sich unter den Feinden erkennen könnten: Die Einen hefteten die Zweige auf ihre Kopfbedeckung, die Andern hielten sie in ihren Händen. Als sie Alle dieses Abzeichen des Lorbeers hatten, warfen sich die Geistlichen vor dem Großaltare mit großer Andacht auf die Knie nieder und empfahlen sich in den Schutz Gottes. Der ganze Bund folgte ihnen und sang mit großer Rührung das: Vexilla regi« procleuut. Das Volk wurde in Schlachtordnung aufgestellt, die Geistlichen gingen voran; die Thüren wurden durch die Syndici geöffnet und der Bund zog durch die Straße Perrou auf den Hauptplatz Molard, da war schon eine große Menge von Männern und Frauen wohl verschanzt, und wie die Andern entschlossen; cs kamen da im Ganzen wohl zweitausend Menschen zusammen, die -Frauen nicht mitgerechnet. Die Geistlichen wollten sich voranstellen, um ihre Braut, die heilige Kirche zu verthcidigen. Sie waren wohl ihrer sieben - oder achtundzwanzig; als aber die Syndici diesen Aufstand sahen, waren sie sehr erstaunt, weil sie fürchteten, cs könnte Menschenblut vergossen werden; sie machten den Versuch, die Sache gütlich beizulcgen, und um dieses zu bewirken, gingen zwei von ihnen den Ketzern entgegen, welche schwere Artillerie-Stücke halten. Einige sagten ihnen, daß sie nicht Blut vergießen, noch sich gegenseitig morden wollten, als Brüder und Kinder der Stadt und der Nachbarschaft; denn dieß wäre eine allzu tadelhafte Schandthat. Als die Ketzer einsahen, daß sie nicht mächtig genug wären, den guten Christen zu widerstehen, lösten sie sich auf und beruhigten sich bis auf einen andern Schlag. Am Grünendonnerstage desselben Jahres versammelten sich wohl vier und zwanzig von diesen Juden mit mehreren Frauen in einem Garten, um das Abendmahl zu halten und das Osterlamm zu essen. Ein abscheulicher Mörder, der Jesus Christus darstellen sollte, wusch den Andern die Füße, und dann bissen sie, zum Zeichen des Friedens und der Eintracht Alle nach einander in einen Brocken Brod und Käs; die Christen lachten darüber. Am vierten Mai, dem Sonntage Jubilate, versammelten sich die Ketzer aus dem Hauptplatze Molard. Andererseits versammelten sich auch die Christen bei der Halle und entfalteten ihre Banner, indem sie ausriefen: Wahrhaft gute Christen, versammelt euch hier und habt guten Muth, den heiligen Glauben aufrecht zu erhalten! Die Domherrn und die übrigen Geistlichen schaarten sich zuerst um die Fahne. Einer der Domherren, ein großer Held des Glaubens, Petrus Verli HWerli), ein sehr erfahrener Mann, bewaffnete sich, unv hatte nicht die Geduld, die andern Geistlichen zu erwarten, sondern ging von einem glühenden Muthe durchdrungen, voran auf den Platz Molard, und rief in seinem Eifer: Habt Muth gute Christen, laßt uns dieses Gesindels nicht schonen Aber ach! er war betrogen und befand sich mitten unter seinen Feinden, die ihn bei Seite in eine kleine Straße zogen, um ihn mehr mißhandeln zu können. Ein abscheulicher Verräther stieß ihm sein Schwert tief in den Leib, so daß er todt niedcrficl; gesegnet sei der Gott geweihte Märtyrer! Die Frauen versammelten sich ihrerseits und sagten: wenn es geschieht, daß unsere Männer sich gegen diese Ungläubigen schlagen, wollen wir auch kämpfen und ihre ketzerischen Weiber tödten. In dieser Schaar waren wohl siebenhundert Kinder von zwölf bis fünfzehn Jahren. Die Weiber trugen Steine in ihren Schürzen und der größte Theil der Kinder Spieße, die Andern Steine in den Schurzen oder in den Hüten und Hauben. Ter Leichnam des Herrn Petrus (Werli) wurde in der Cathe- dralkirche um fünf Uhr Abends in seinem Tomhcrrngewandc begraben. Als man ihn aus dem Hause trug, erhob das Volk ein großes Geschrei, den Tod des Unschuldigen beweinend und beklagend. Gr wurde von Priestern getragen und sehr ehrenvoll begleitet, von dem Gcncral- Vicar, allen Domherren, allen Collegcn, allen Geistlichen, mit den Kreuzen der sieben Pfarren; nach dem Gottesdienste wurde er vor dem Bildnisse des Gekreuzigten, zu dessen Chren er gestorben war, beerdigt. Am ersten März des Jahres 1534 versammelten sich die Lutheraner im Kloster am Ufer, läuteten die Glocke gegen eine Stunde lang, und nahmen dann, ohne die Christen zu fragen, Besitz von der Kanzel. Tann versäumten sie keinen Tag, sich hier zu versammeln, an Sonn- und Festtagen zweimal, worüber die Christen sehr unwillig wurden; sie fingen aber schon an, muthlos zu werden, von Tag zu Tag wurde cs schlimmer, und kein Christ wagte es mehr, ein Wort zu sagen, um nicht todt geschlagen zu werden. Am 10. März wurde ein junger Räuber von der Secte der Lutheraner hingerichtet, den die Franciscanermönchc ermahnten, daß er sich bekehren soll, damit er reuevoll im Glauben sterbe, er wurde aber auf dem Wege ihren Händen entrissen, und dem Farel und seinen Gefährten übergeben, daß sie ihm znsprechen sollten; so starb er dann in dieser Ketzerei. Am Freitage begann der verwünschte Faret nach ihrer verfluchten Weise ein Kind zu taufen, wo eine große Menge Volkes und selbst gute Christen beiwohnten, welche sehen wollten, wie die Taufe vor- genommcn werde. Am Sonntage Quasimoto begann Farel Männer und Frauen, nach ihrer Form und herkömmlichem Gebrauche, zu verbinden, ohne alle Festlichkeit und Andacht, indem er ihnen nur gebot, sich zu vereinigen, und die Welt zu vermehren, wobei er einige ausgelassene Reden führte, die ich nicht mehr weiß: denn ein reines Her; erschrickt schon, wenn es nur daran denken soll. Am Tage des heiligen Kreuzes, welcher ein Sonntag war, legte ein Franziscaner-Mönch, der sechs Jabre im Orden zugebracht batte, nach der Predigt vor aller Welt seinen Habit ab, trat ihn schmählich mit Füßen und verschaffte dadurch den Ketzern ein großes Vergnügens Am Vorabende Pentecoste, um zebn Uhr in der Nacht, schlugen die Ketzer vor dem Thorc der Baarfützer secks Heiligenbildern die Kopfe ab, und warfen sie dann in den Brunnen der heiligen Clara. In der nämlichen Nacht ritzen sie zwei Engel am Kirchhofe von St. Magdalena herab, und warfen sic in den Brunnen der heiligen Clara. Am Frohnleichnamsfeste fatzten die Christen Muth, die gewöhnliche Prozession durch die Stadt zu halten. Mehrere lutherische Frauen, welche Kopfbedeckungen von Sammet trugen, setzten sich unter die Fenster, so daß sie Jedermann spinnen und nähen sah.... Man sagt, daß am Ostermontage Mehrere wuschen und ihre Lauge machten, und datz dann einige gute Menschen hingingen, und ihnen die schöne Leinwand in die vorbeiflietzcude Nosne warfen. Als die Prozession vorübcrging, nahm ein Manu einer dicken Lutheranerin den Spinnrocken von der Seite weg, gab ihr einen starken Schlag aus den Kops und warf sie dann in den Koth. Nach dem Tage der l,eiligen Anna, welcher ein Sonntag war, wurde verboten, in die Messe zu läuten, damit der erbärmliche Prä- dicant nicht gestört würde. Nach dieser verwünschten Predigt zertrümmerten sie mehrere schöne Bildnisse, ritzen den Altar in der Capelle der Königin von Cppern nieder und zerschlugen das alabasterne Muttergottesbild, welches sehr groß, außerordentlich schön und kostbar war. In der ersten Worbe des Monates August desselben Jahres wurde das Kloster von St. Victor ganz geplündert, und es wurden fünfzig Gulden den armen Taglöhnern gegeben, deren sie sich bedienten , um die Kirche abzudccken, und sie sammt der Priorei ganz nie- derzureitzen. — Ich weiß nicht recht, wo gesagt wurde, daß man da die armen Verstorbenen Tag und Nacht fort laut klagen und weinen höre, wenn man vorüber gehe, denn cs wurden da Manche beerdigt. Am 17. Juli des Jahres 1533 wurde auf dein Molard in der Stadt Herr Jakob Malbosson, ein großer rechtschaffener Mann und ein wahrhaft guter Katholik enthauptet.... Als er auf der Stätte keines Marterthums angclangt war, bat er um die Erlaubnitz zu reden und sprach: Meine Herrn, ich sage euch, daß ich aus reiner Liebe zu meinem Gott in den Tod gehe, denn ich möchte ihn nie beleidigen aus Furcht vor dem Tode; wenn ich cvangelijch hätte werden wollen, würde ich noch nicht sterben, aber ich jchwöre, datz ich im Glauben meiner guten Voreltern sterbe.... Ich bekenne, datz ich mein Möglichstes gcthan habe, den Herrn von Genf, meinen Fürsten in die Stadt zu bringen, damit durch seine Hilfe die Ketzer aus der Stadt vertrieben würden.... Ich bitte meine christlichen Brüder, daß sie sich um meine Frau annehmen und ibr sagen, daß ich ihr meine Kinder empfehle, und daß sie meinem Beichtvater eine Testone (alte Münze) gebe, daß sie meine Diener befriedige und Alle, denen ich verpflichtet bin. — Dann trat ein großer Ketzer vor, und sagte: du bist mir so viel schuldig. — Er erwiderte: ich erinnere mich nicht, daß ich euch einen Heller schuldig bin; damit aber meine Seele von keiner Last bedrückt sei, befehle ich, daß die genannte Summe euch bezahlt werde; dann empfahl er seine Seele Gott und wurde enthauptet. Nach Verlauf einer kurzen Zeit sah man auf dem Haupte, welches auf dem Molard ausgestellt war, eine sehr schöne, schneeweiße Taube, die plötzlich vom Himmel gekommen war; sie flog um den Kopf berum, setzte sich dann aus ihn, schlug wie vor Freude mit den Flügeln, und kehrte dann plötzlich wieder in den Himmel zurück.... Am Tage des heiligen Dionysius wurde die Pfarrkirche von St. Legier, außerhalb der Stadt abgedeckt und dann gänzlich niedergerissen, alle Altäre wurden zerstört und zertrümmert; einige wurden verkauft, aus denen die Käufer zu Hause Waschtröge machten. Am Weihnachtstage begingen die Lutheraner keine Festlichkeit, sie bekleideten sich mit ihren geringsten Kleidern, wie an Werktagen; auch ließen sie kein weißes Brod backen, weil die Christen es thaten; sie sagten aus Spott: die Papisten halten ihr Fest: sie essen so viel weißes Brod, daß sie dick davon werden. Im Monate April des Jahres 1535 bezog der Hauptprädicant Wilhelm Farel und Peter Veret d'Drbe das Kloster des heiligen Franziscus als ihre Wohnung; und weil sie in der Nähe des Klosters der armen Schwestern der heiligen Clara waren, ließen sie ihnen durch ihre Anhänger arge Beleidigungen zusügen, sie munterten ihre Zuhörer von der Kanzel herab dazu auf und sagten, diese Schwestern wären beklagenswertste Verblendete, die nicht den rechten Glauben hätten, man müßte sie zu ihrem Heile aus ihrer Gefangenschaft befreien, und jeder sollte sie steinigen; denn das wäre nur lautere Hurerei und Heuchelei, wenn sie vorgeben, sie bewahren die Jungfrauschaft, die Gott nicht geboten habe, weil es nicht möglich wäre', sie zu bewahren, sie mästeten die heuchlerischen Franziscaner- Mönche als gute Rebhühner und fette Capaunen, um die Nächtemir ihnen zuzubringen. Am Freitage in der Frohnleichnamsoctave, als die Schwestern um fünf Ubr Nachts im Resectorium versammelt waren, um ibre Kollation zu halten, kamen die Syndici zur Pforte, und sagten zur Pförtnerin, sie kämen, um den Frauen anzukünden, daß sie sich am nächsten Sonntage insgesammt bei der Disputation über verschiedene Artikel einfinden müßten, welche der Guardian der Franziscanermönche, Peter Jakob Bernard über sein Leben halten würde. Die Abtissin und die Verweserin kamen sogleich und antworteten den Syndiken: Meine Herrn, ihr werdet uns entschuldigen, daß wir nicht gehorchen können, da wir die heilige Abgeschlossenheit für immer gelobt haben, und sie auch halten wollen. Die Syndici erwiederten: euere Ceremonien gehen uns nichts an, ihr müßt den Befehlen euerer Herrn gehorchen, alle angesehenen Leute sind zu dem Dispute geladen, damit sie die Wahrbeit des Evangeliums erkennen und prüfen, denn es thut notb, daß wir zu einer Einheit im Glauben gelangen. Darauf erwiederten die Abtissin und die Verweserin: es schickt sich nicht für die Frauen, zu disputiren, denn das ist nicht für Frauen angeordnet, nie wurde eine Frau zu einer Disputation oder zu einer Zeugschaft geladen, wir wollen es auch nicht anfangen. Dann antworteten ihnen die Syndici: alle diese Gründe dienen zu nichts, ihr werdet mit euern Vätern kommen, ihr mögt wollen oder nicht. Die Mutter Verweserin sagte zu ihnen: Meine Herrn, wir bitten euch im Namen Gottes, uns in dieser Sache nicht zu zwingen.... Wir glauben nicht, daß ihr die Herrn Syndici seit. Der Syndicus sagte zur Frau Verweserin: ihr müßt nicht glauben, daß wir euch zum Besten haben; öffnet eure Pforte, wir wollen cintreten, dann werdet ihr sehen, wer wir sinv. Zur geeigneten Zeit, sagte die Mutter Verweserin, aber in dieser Stunde könnt ihr nicht eintreten, weil unsere Schwestern beim Gottesdienst sind, und auch wir dahin gehen wollen, indem wir euch guten Abend wünschen. Die Syndici antworteten der Frau Verweserin: Diese Schwestern sind nicht alle eueres Sinnes, denn es sind da Manche unter ihnen, die ihr mit Gewalt innen haltet, und welche bald der Wahrheit des Evangeliums folgen werden. Meine Herrn, sagten die Schwestern, wir sind nicht gezwungen bieher gekommen, sondern um Buße zu thun, und für die Welt zu beten, wir sind auch keine Heuchlerinnen, wie ihr sagt, sondern reine Jungfrauen. Darauf sprack einer der Syndici: ihr habt euch weit von der Wahrheit entfernt, denn Gott hat nicht so viele Regeln geboten, als die Menschen erdichtet haben, um die Welt zu betrügen, unter dem Vorwände der Religion sind sie Diener des großen Teufels. Wie, sprach die Mutter Verweserin, ihr, die ihr euch Evangelische nennt, ihr findet im Evangelium, daß ihr Andere verläumden sollt? Der Svndicus sagte, ich bin ein Dieb gewesen, ein Räuber und großer Verschwender, wußte von der Wahrheit des Evangeliums nichts bis jetzt. Daraus antwortete die Mutter Verweserin; alle diese Werke sind böse und gegen das göttliche Gebot; es ist sehr gut, daß ihr euch gebessert habt. — Frau Verweserin, sagte der Svndicus, ibr seid sehr aumaßcnd, wenn ihr uns aber erzürnt, sollt ihr es bereuen.— Meine Herrn, sagte die Mutter Verweserin, ihr könnt nur meinen Leib strafen, was ich aus Liebe zu meinem Gott sogar wünsche...... Am Sonntage in der Octav der Heimsuchung Mariä kamen die Svndici mit dem Hauptprediger, Namens Farel, dem Peter Virct und einem Franziscaner-Brudcr, der mehr einem Teufel, als einem Menschen glich; es war um zehn llbr Morgens, als die armen Schwestern speisen wollten, die Männer sagten, sic wären unsere Väter und guten Freunde. Der Spndicns sagte, wir sind die Gerichtsherrn, wir wollen eintreten. — Die Mutter Verweserin antwortete: meine Herrn, es sagt mir mein Inneres, daß ihr die teuflischen Prediger mit euch bringt, die wir, nicht hören wollen. Der svndicus sprach: wir sind rechtschaffene Leute, und gehen nickt mit Betrügereien um, wir kommen, um euch zu trösten, und dcßhalb öffnet die Pforten. Meine Herrn, sagte die Mutter Verweserin: erkläret uns doch, wenn cs euch beliebt, weßhalb ihr hier eintreten wollt? Der »svndicus antwortete: des Herrn wegen wollen wir eintreten, und wenn ihr nicht öffnet, brechen wir eure Thüre ein. Als die Mutter Abtissin und die andern Schwestern dieses sahen, sagten sie, es ist besser daß wir ihnen die Pforten öffnen, sie könnten uns sonst noch andere Beleidigungen anthun. Dann gingen sie geraden Weges ins Kapitel und der Svndicus sprach: Mutter Abtistiu, laßt all euere Schwestern bieher kommen. Alle Schwestern waren versammelt, die jungen wurden vor den ver- wünsckten Farel gestellt. Es wurde Stillsckweigen geboten und Farel äußerte seinen Wunsch. — Uuria sink in monlnnu, er sagte, Maria habe kein Einsiedlerleben geführt, sondern habe fleißig für ihre 145 Base Elisabeth gesorgt und ihr gedient; er würdigte hier die heilige Abgeschlossenheit herab uno den Orden, den Stand der Heiligkeit, Keuschheit und Jungfräulichkeit, wodurch er das Herz der armen Schwestern schmachvoll durchbohrte. Als nun die Mutter Verweserin sah, dass sich die Verführer mit den jungen Schwestern zu unterhalten und ihnen zu schmeicheln suchten, erhob sie sich gleich unter den Aeltern, und sagte: Herr Syndicus, weil euere Leute kein Stillschweigen beobachten, will ich es auch nicht mehr halten, sondern ich will wissen, was sie zu meinen Schwestern sagen: und sie setzte sich unter die Jüngern zu diesen Schmeichlern; darüber wurden sie aufgebracht, und sagten, welch ein Teufel ist in diesem Weibe! Frau Verweserin, habt ihr den Teufel oder seid ihr rasend? Begebet euch aus euern Platz zurück. — Ich werde nicht zurückgehen, sprach sie, wenn diese Leute nicht ans der Nähe meiner Schwestern fortgeschafft werden. Tic Syndici wurden aufgebracht und befahlen, dass die Frau Verweserin hinaus gebracht werde. Dann nahm ein Prädicant das Wort und sprach mit verstellten Reden von dem Bande der Ehe und der Freiheit, und als er von dem ewigen Verderben sprach, fingen die Schwestern laut zu rufen an: das ist eine Lüge, und sie spieen aus Acrger gegen ihn aus. Tie Mutter Abtyssin, welche aussen war, konnte sich nicht zurückbalte», sie trat vor den Prädicanten, schlug mit ihren beiden Fäusten gewaltig gegen die Wand und rief aus: elender, verworfener Mensch, deine erdichteten Worte sind verloren, du wirst deinen Zweck nicht erreichen. Als nun diese Ketzer sahen, dass sie hier nichts gewännen und nichts erlangten, als grosse Unbilden, zogen sie sich zurück, und als sie die Stiegen hinabgingen, konnte der verworfene Franziscanerbruder, der ganz von Kretze bedeckt, scheusslich anzusehcn war, nicht Hinabkommen und blieb zurück: eine Schwester welche nachging, schlug ihn mit beiden Fäusten auf die Schultern und sagte: elender Verräther, mach dass du fort kommst. Am Tage des heiligen Apostels Bartholomäus kamen grosse Truppenabtheilungen wohl gerüstet, mit allen Arten von Waffen versehen, und klopften ganz friedlich an die Hauptpsorte des Klosters der heiligen Clara. Der arme Laienbruder öffnete gutmüthig die Pforte.... Dann sprach der Lieutenant: Hört, gute Frauen, ihr seiv lehr verblendet, ihr erkennt die Wahrheit des Evangeliums nicht, und leid verstockt in cucrm Jrrthum; aber ich gebiete euch im Aufträge der Herrn dieser Stadt, dass ihr keinen Gottesdienst mehr halten sollet, weder laut noch still, und daß ihr euch nicht unterstehet, einer Messe beizuwohnen. Audin: Ltten Calvin's l. Bd. 10 146 Die Mutter Verweserin, welcher von Gott eingegeben wurde, was sie reden sollte, antwortete: Meine Herrn, ich bin gesonnen, die Herrn Syndici für uns um die Entlassung und freies Geleit zu bitten, wir wollen dann die Stadt verlassen. Wohlan, gute Frauen, sagte der Syndicus, bestimmet den Tag, an dem ihr abziehen wollt, und in welcher Weise ihr es zu thun gedenket. — Bestimmt mit dem Anbruche des morgigen Tages, sprach die Mutter Verweserin, erlaubet uns nur, daß wir unsere Röcke und Mäntel mitnehmen, damit wir uns vor der Kälte schützen können, und gestattet Jeder von uns so viel Wäsche, daß wir wechseln können. — Wir geben dieß zu, sprach der Syndicus. Nach Mitternacht versammelten sich alle Schwestern im Krankenzimmer bei der Mutter Abtissin, welche sehr schwach, krank und alt war. Sie segnete Alle mit Andacht, und sprach unter Thränen: meine Kinder, seid standhaft und gehorchet meiner Mutter Verweserin, die ich bat und inständig anflehte, sie möchte euch begleiten. — Die Mutter Verweserin tröstete sie und sagte: meine liebe Frauen und Schwestern, wir wollen fest auf Gott vertrauen, und keine andern Gedanken haben, als wie wir unsere Seelen retten werden. Haltet euch alle in guter Ordnung und Andacht, seid bereit, abzuziehen, wenn diese Leute kommen, stellt euch paarweise zusammen und haltet euch fest bei den Händen, daß euch nichts trennen kann. Als die Mutter Verweserin die Andern kommen sah, fiel sie vor dem Syndicus auf die Knie nieder und sprach: Meine Herrn, wir haben beschlossenen aller Stille abzuzichen, ohne Jemanden Etwas Zusagen, möge es euch gefallen, Jedermann zu gebieten, daß es Niemand wage, uns anzureden, zu berühren, oder sich uns auf irgend eine Weise zu nähern. Fürwahr, Frau Verweserin, sprach der Syndicus, ihr gebt uns einen sehr guten Rath und cs soll so geschehen; denn wir begleiten euch mit der Schuhwache der Stadt, welche aus 300 Mann besteht, die wohl bewaffnet sind, und die ich selbst anführe. Er befahl, daß Keiner bei dem Auszug der armen Nonnen der heiligen Clara, weder ein gutes noch ein böses Wort aussprechen sollte, weßhalb die guten Geschöpfe glaubten, man habe kein Mitleid mit ihnen; wer gegen den Befehl handeln würde, sollte ohne Gnade, plötzlich enthauptet werden. Als die Pforte des Klosters geöffnet wurde, glaubten mehrere Schwestern, sie werden vor Furcht Ln Ohnmacht sinken; aber die Mutter Verweserin faßte Muth und sprach: Auf, meine Schwestern, bezeichnet euch mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes, und habet unfern Herrn 147 Jesus Christus in euern Herzen, und ihr Herr Syndikus, haltet Treue und Billigkeit.... Als der Syndicus sah, daß Mehrere nicht gehen konnten, ließ er sie durch starke Männer führen, um ihnen beizustehen und sie zu unterstützen. Voran und zur Seite gingest gegest dreihundert gerüstete Bogenschützen als Schutzwache der Syndici, welche wohl nöthig waren; denn als die bösen Jungen der Stadt, die schon beschlossen hatten, die Gchwestexn zu überfallen uqd sie zu schändest, die folgende Nacht von ihrem Abzug hörten, versammelten sie sich eilig, fünfhundert an der Zahl und stellten sich in die Straße St. Anton, durch welche die Schwestern gingen. Einer von ihnen ging zu einer armen, einfältigen Schwester, (die Mutter Verweserin hatte sie in ihre Nähe gestellt, um zu wachen, daß sie sich nicht entferne) und sagte ihr ins Ohr: Schwester Jacobine, komm mit mir, ich will dich wie meine Schwester behandeln. Die Mutter Verweserin antwortete: Ha, abscheulicher Bube! du hast gelogen, und zum Syndicus rief sie: sehet wie wenig man euch gehorcht; weiset diesen Buben vom Wege hinweg. Auf diesem Begehren blieb sie fest stehen, und als der Syndicus den Schwarm von Buben sah, wurde er, denn so war es der Wille Gottes, sehr aufgebracht, und betheuerte mit einer schrecklichen, wüthenden Stimme: wenn sich Jemand rühre, solle ihm plötzlich der Kopf abgehauen werden, und zu den Häschern sagte er: edle Cameraden, habet Muth und thut eure Pflicht, wenn cs nöthig ist; so wurden sie nach dem Willen Gottes in Schrecken versetzt, und gingen im größten Zorne davon. Als sie an die Brücke kamen, nahm die ganze Compagnie Abschied von den Schwestern, indem sie sagten: nun lebet wohl gute Frauen. Und als alle auf der Brücke waren, schlug der Syndicus die Hände zusammen und sagte: Es ist Alles vorüber: nun, es gibt kein Mittel mehr, man braucht nicht weiter darüber zu reden. 10 * XM. Kapitel. Calvin in Genf. Farel - Viret. 15»«. Calvin's Ankunft in Genf. — Er wird von Viret ausgcfnnden. — Beschwörung Farel's. Calvin willigt ein, in Genf zu bleiben. — Der Bär von Bern. — Charakter der Reformatoren, Farel, Biret und Calvin. — Vorbereitungen znm Religionsgesprächc in Lausanne. — Kunstgriffe der Reformation. — Der Papst sei der Antichrist. Während dieser bürgerlichen Zwiste hielt im Monate August des Jahres 1536 vor einem Gasthause in Genf ein unansehnlicher Wagen an, aus dem man einen jungen Mann von ungefähr zwanzig Jahren aussteigen sah: er war schlicht gekleidet, von bleichem Aussehen, mit einem Barte, der wie jener des Königs Franz I. zugeschnitten war, mit dunklen feurigen Augen: es war Calvin, der nur eine Nacht in dieser Stadt zuzubringen gedachte. Der Fremde wollte am andern Morgen früh aufstehen und seinen Weg nach Basel einschlagen; er war aber entdeckt, Viret hatte ihn gesehen und Farel war zu ihm in den Gasthof gekommen. Farel hatte das Volk durch seine Heftigkeit unwillig gemacht. Am geringfügigsten Gespräche sah man ihn theilnehmen, er mischte sich in jeden Disput ein, übersiel jeden vorübergehenden Mönch, als wenn er seine Beute wäre und fing vor aller Welt einen Streit an, den er mit Zorn und Beleidigungen überfüllte. Die Menge schaarte sich zusammen, sie wollte den Religiösen schlagen, seine Kleider zerreißen; sie verfolgten ihn bis in eine in der Nähe gelegene Schenke, wo der Unglückliche eine Zufluchtsstätte gegen die Volkswuth zu finden hoffte. Farel lief aber hinzu, fuhr ihn an wie ein wildes Thier, so daß sogar die Syndici herbeieilen mußten, um die Menge zu besänftigen und den Gefangenen zu schützen. 1) Vio cke,6alvin ä I usage cles vcoles protestantes par L. Haag. 1840, P. 80. 2) Hae celeriter timnsire stgtner.iin, ul non longior quam uniur noctis inora in urbe witü köret, llraes. uck 1'sal. 149 Das Ansehen, welches sich Farel durch seine Reden bei dem Volke verschaffte, beunruhigte die Obrigkeit. Man sah allmählig ein, daß sich Genf einem Manne ergeben habe, der unduldsamer sei, als selbst die Grafen und Vicedome gewesen waren, einem Manne, der dem Bischöfe seinen Krummstab, und den Domherrn ihre Degen nur genommen hätte, um sich die Wehr umzuhängen, und nun selbst auf jeden Rücken zu schlagen und zu hauen, auf Protestanten wie auf Katholiken. Farel hatte unter dem Vorwände, ein religiöses Formelbuch zu veröffentlichen, ein Glaubensbekenntniß aufgesetzt, in welchem er die Excommunication, welche Luther herzlich verlacht hatte, sogar zum Ansehen des Dogmas erhob. „Wir glauben," sagte er, „der Gebrauch der Excommunication sei eine heilige, den Gläubigen heilsame Sache, wie sie auch von Jesus Christus aus guten Gründen eingesetzt ist. Sie macht, daß die Gottlosen durch ihre verdammenswürdigen Reden die Guten nicht verderben und unfern Herrn entehren können, daß sie sich, wenn sie Scham empfinden, zur Buße bekehren; wir glauben auch, daß es göttlicher Anordnung gemäß förderlich ist, wenn alle offenbaren Götzendiener, Lästerer, Mörder, Diebe Hurer, falsche Zeugen, Aufrührer, Streiter, Verläumdcr, Raufbolde, Trunkenbolde, Verschwender, nachdem sie zuvor in gebührender Weise ermahnt wurden und sich nicht besserten, aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen werden sollen, bis es gewiß ist, daß sie Reue empfinden? So strenge war die römische Kirche nicht. In ihrem heiligen Rechte stellte sie den Trunkenbold nicht dem Mörder, oder den Zänker dem Diebe gleich. Um diese Zeit hatte Luther Wittenberg verlassen. Er sollte nach Genf kommen, seinen deutschen Vers singen, den die Heidelberger Studenten trillern: Morgenröth leugt nicht, Dicke Magd treugt nicht, Jsts nicht Regen, so ists Wind, Ist die Magd nicht fett, so ists ein Kind. Da würde ihn die Schildwache an der Pforte des Schlosses de l'Jsle fcsthalten und am andern Tage würde ihn Farel als einen Trunkenbold oder Hurer aus dem Gebiete Genfs verweisen. Es ist derselbe 1) Luther, über das 1k. Kapitel, 2. Vers des heiligen Matthäus. In Heidelberg singen die Studenten bisweilen „Rind" statt „Kind," Farel, der sich in die Lippen brummte, „man muß Gott eher gehorchen, als den Menschen," als die Lanze eines katholischen Soldaten ihn we« gen seines Angriffes, den er in den Straßen von Aigle auf das allerheiligste Sacrament des Altars machte, zu strafen drohte und welcher Thränen vergoß über das Schicksal der armen Seelen, die von der Qbrigkeit aus Paris verbannt wurden, weil sie sowohl die göttlichen als menschlichen Gesetze beschimpften, die im Lande geltend waren. Jenes Formular war übrigens nicht die einzige Verletzung, welche Farel an den Freiheiten der Stadt verübte. Farel hatte eine Bande von Bilderstürmern aufgestellt, welche von seinem Geiste erfüllt, allen Rosenkränzen, Medaillen, Crucifixen und Bildern den Krieg erklärten. Saget diesen Vandalen nicht, daß dieses Crucifix ein Erbstück der Familie sei, daß diese Medaille ein Kunstwerk sei, daß die geduldige Hand eines Mönchs Jahre aus die Bemalung eines Werkes verwendet habe; nennet ihm nicht den Namen eines Florentiner Künstlers, wenn ihr diese Statue der heiligen Jungfrau, ein Werk von wundervoller Anmuth, retten wollt; berufet euch nicht auf Erasmus, der die Materie mit so großer Beredsamkeit verthei- digte, welche das Genie des Bildhauers belebt hatte; wiederholet nicht die Worte, welche Luther von der Kanzel Wittenbergs gesprochen hat: Farel versteht nichts von Aesthetik, er begreift nicht, daß die Kunst ein Element der Bildung ist. Er gäbe kein Haar aus seinem ungekämmten Barte um eine heilige Jungfrau von Cimabue; an Erasmus bewundert er nichts, als das teuflische Lächeln über die Mönche; von Luther, seinem Vater, will er nichts nachahmen, als die Unduldsamkeit gegen Andersdenkende. Als er durch die Thore Genfs cintrat, las er den Spruch: „Lost tenebras sporo lueem," 1) „Klein, von geringem Ansehen, bleicher und von der Sonne verbrannter Gesichtsfarbe, mit zwei oder drei Büscheln eines rothcn ungekämmten Bartes am Kinne: so sah der Mann aus, welcher kam, um von den Straßen und Plätzen Neufchatels Besitz zu nehmen." Der Chronikschreibcr Nro. 9. S. 78. 2) „Vor der Reformation findet man den Wahlspruch der Republik Genf: „I'ost tenelwns spero luce-m:" Das Schreiben, in welchem Calvin berufen wurde, vom 22. October 1540, und Münzen, welche im Jahre 1581 geschlagen wurden, zeigen diesen Wahlsprnch noch; es ergibt sich also, daß der neuere Spruch: „I'ost touedrus lux" erst nach dieser Zeit angenommen wurde. Zeneliier. OtnI. ruis. des?,Iss., p. 280. — Picot ist nicht dieser Ansicht. Er sagt: der Wahlspruch „post tenelirus lux," war schon zur Zeit der Bischöfe im Gebrauche, wie wan sich an verschiedenen Münzen und Siegeln ic. überzeugen kann, welche viel älter sind, als die Reformation; dadurch wird die Meinung einiger Autoren widerlegt, welche annchmcn, der Spruch sei wegen der Reformation angenommen worden und man habe früher geschrieben: „I'ost tenetirss spero lueem," oder „post toneliras lucem," eine Art Vorahnung oder Begehren der Reformation." Hist, de Eenovo, t. 3, p. 415. den er auf den Siegeln und Münzen der Stadt wieder fand; er löschte das „sperv" aus und schrieb „?ost tenebrrm lueem." Das ist jenes Licht, das er gebracht hat, das ihn begleitet und von ihm ausgeht, das auf seinen Lippen schwebt, aus seinem Herzen und seinen Kleidern strömt, und seine drei rothen Bartbüschcl umstrahlt. Das ist das Licht, das ihn nach dem Zeugnisse der reformirten Geschichtschreiber im gegenwärtigen Augenblicke, bei seiner Unterredung mit Calvin erleuchtet. Man sagt, Calvin habe nicht die Absicht gehabt, in Genf seinen Wohnsitz aufzuschlagen: er wollte sich an keine Kirche binden, sondern die eine nach der andern besuchen, und als wandernder Missionär der neuen Lehre, dieselbe überall hintragen, wo der Zustand der Seelen seine Gegenwart erforderte. Farel hatte die Hartnäckigkeit seines Landsmannes nicht zu überwinden vermocht. Sein Bitten und Ermahnen war vergebens: Calvin widerstand ihm. Da wurde Farel aufgebracht, in seinem Zorne rief er mit der Sprache eines Propheten: „Wenn du nicht nachgibst, klage ich dich vor dem Allmächtigen an, und bewirke, daß Gott seinen Fluch auf dein Haupt fallen lasse." Paul Henry vergleicht hier die Stimme Farels mit der Stimme, welche auf der Straße von Damascus aus den Wolken kam und den Sünder Saul zu Boden schlug. Calvin glaubte die Stimme Gottes zu vernehmen, wie er in der Vorrede zu den Psalmen bemerkt. „Magister Wilhelm Farel hielt mich in Genf zurück, nicht sowohl durch seinen Rath und seine Ermahnung, als durch eine entsetzliche Beschwörung, gleich als wenn Gott seinen ' Arm von den Höhen auf mich niedergestreckt hätte, um mich zu halten. Als er sah, daß er durch Bitten nichts auszurichten vermochte, nahm er sogar zur Verwünschung seine Zuflucht und sagte: es möchte Gott gefallen, daß er verfluche meine Ruhe und den Frieden, den ich in meinen Studien suche, wenn ich mich in einer so großen Noth zurückziehe und mich weigere, Hilfe und Beistand zu leisten. Diese Rede erschreckte und erschütterte mich so sehr, daß ich von der Reise, die ich unternehmen wollte, abstand; da ich jedoch meine Schamhaftigkeit und Schüchternheit kannte, wollte ich mich zu keinem Amte verbindlich machen. 1) Ltueiin tun siraetextenti elonnnlio oinnipotentis Ilei nornino iuturum, ut nisi in opns islnet Oei incninlnis nodiscum, tilii non tsin Lllri- stuin cjUAin te chsuin ^unereuli tloininus maleelicat. Ilora. 2) Wie die Stimme von Damascus die Seele Pauli durckdonncrte, so trafen dies Worte Calvins Gewissen. Paul Henry. Bd. I. S. 162. 3) I'rök. äes I'ssuines. 152 Calvin hatte Farel wohl nicht durchschaut. Am Montage nach dem Tage des heiligen Georgius, im Jahre 1527 schrieb Zwingli an Fr. Kolb in Bern: „Mein Lieber, gehe mit Ruhe an dein Geschäft und übereile dich nicht zu sehr. Zuerst wirf dem Bären eine einzige herbe Birne unter die milden, dann zwei, dann drei; wenn er sie verzehrt, wirf ihm die Hände voll hin, herbe und milde. Wenn dich geschehen ist, so leere deinen Sack und streue ihm herbe Birnen, milde Birnen, gesunde Birnen, verdorbne Birnen. Du wirst sehen, er frißt und verschlingt sie. Farel hatte dem Bären von Genf allzu viel herbe Birnen vorgeworfen; der Bär hatte es bemerkt und brummte, als glücklicher Weise Calvin erschien, um ihm herbe und milde Birnen vorzuwersen. Die Birne und der Bär spielen eine große Rolle in der Geschichte der Reformation. Das Auge des eifrig eingenommenen Geschichtschreibers sähe lieber zum Himmel auf, als in die Tiefe hinab, um weltliche Ereignisse zu erklären, Veränderungen in den Lehren, Umgestaltungen der Symbolik, wobei der Satan eine wichtigere Nolle spielte als Jesus Christus. Wenn Farel allein in Genf geblieben wäre, würden sich die Bürger bald dem schwärmerischen Despotismus ihres Apostels überlassen haben, seiner schauerlichen Unduldsamkeit und seinen wüthenden Launen. Calvin kam ihm zu Hilfe. Vielleicht verstand es der Schüler von Noyon, sagt ein reformirtcr Geschichtschreiber, das Verlangen geschickt zu verbergen, welches er hatte, in Genf zu bleiben;^) dann wäre die Beschwörung eine reine Comödie gewesen. Man muß sich diese zwei Naturen wohl verständlich machen. Sie sind beide unter Frankreichs Sonne geboren, und doch so verschieden. Der im Süden geborne Farel ist feurig, reizbar, überlpannt, aber es bedarf nur eines Schlafes, um seinen Zorn zu besänftigen; er bewahrt nichts in seinem Herzen, sondern ist vergeßlich wie alle heftigen Temperamente: — Calvin, der Sohn des Nordens, kommt selten in Aufregung, er bedenkt seinen Groll, erberechnet seine Heftigkeit; kein Auge durchforscht ihn, als das Auge Gottes allein; nachdem er dem Herrn in seinem Abendgebete gesagt hat: Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unfern Schuldigem, setzte er sich ruhig nieder und schrieb einige Zeilen an seinem Pamphlete: „Vs punwnckis lEi-stiois:" — 1) Tsckudi MScpt. bei Roiffelet de Sauclicres: Hiswire c!» IwotestantiiMy en I'rance. L) Orogorio Iwti: Ilistoria Oiuevrma, V. 3, p. 40, Farel darf versichert sein, daß er mit seiner donnerähnlichen Stimme, seinen epileptischen Geberden und seiner Dreisußmimik, auf den Straßen und öffentlichen Plätzen ohne Nebenbuhler herrsche:— Calvin ist nie gewaltiger, als wenn er sich in sein Zimmer cinschlicßt und die Sprüche absaßt, welche sich durch ihre Kürze sehr bald dem Geiste des Lesers einprägen. — Farel vermag durch ein Wort, oder eine Geberdc einen Aufruhr zu erregen; wenn er aber die Gcmüther einmal empört hat, vermag er sic nicht zu lenken: — Calvin hatte vom Himmel die Gabe nicht erhalten, die Menge aufzuregen, wohl aber, dieselbe zu bearbeiten und an der Schnur zu führen: — Farel weiß den Thon zu kneten: — Calvin weiß ihn zu beseelen und ihm den Hauch des Lebens einzuflößen. 0 Viret hatte weder mit dem Einen, noch mit dem Andern eine Aehn- lichkeit. Ein Redner, dessen Worte wie Honig fließen, nimmt er ein, ohne aufzuregen, er läßt seinen Lippen einen Thau milder Worte entfließen, welcher die Zuhörer betäubt. Wenn Farel mit seinem Flam- menblicke zum Himmel aufschaut, und in Verwünschungen gegen Rom und seine Priester ausbricht, ist das zum Zorne gereizte Volk bereit, aus dem Tempel zu gehen, die Waffen zu ergreifen und gegen das neue Babylon zu ziehen. Wenn aber Viret auf der Kanzel erscheint, werden alle diese großen Stürme, die sich erhoben haben, durch die Stimme desjenigen besänftigt, den man den heiligen Bernardus der Reformation nannte, und die Gcmüther, welche er mit der Anmuth seiner Blicke fesselt, denken nicht mehr an diese Welt, sie gehören einer andern Erde an. Die Triumphe dieser beiden Redner wären aber vorübergehend gewesen, ohne Calvin. Wenn Farel sich aufgemacht hätte, um nach Rom zu ziehen, würden sich diese neuen Kreuzfahrer bald t) OsIIics wirst» est dslvinnm Hcclesis ringer Ono nemo ilocnit «loctins. Lt guocgie te ringer mirnts karelle tonaiiteni Ouo nemo toiinit lortius. Lt wirstnr sclkuc Inmientem mell» Viretum a nemo kstnr ckuleius. 8eilicet »nt trikus Iris servskere tcslikus otiin ^nt interikis OsIIis. »es-», Feoi». Lxcellekst cgiscksm animi msgnitnliine ksrellns, cusns vel »ncklre skscgiv tremore tonitrus velanlentissimss greees gercigere nemo gosset, cgiin in igsuin gsene eoeluni snlrvetierctur. Virvtus tscunclise sns- vitnte sie excellck.it, nt suclitores sk igsius ore necesssrio genclercnt. Ilers, vits dslvini. r4n. 1S41. — ,4ncillou, stnelsnges erit>, t. 1, g. 404. 154 aufgehalten haben; denn ihr Wegweiser hätte nicht an der nächsten Kirche vorübergehen können, ohne den Tabernakel zu zerstören. Viret hätte mit seiner Lehre das Volk in eine Mystik geführt, welche dasselbe in einen Abgrund von Extasen gestürzt haben würde. Um ihren Lehren aufzuhelfen und dieselben fruchtbar zu machen, war Calvin nöthig, welcher dem Farel seinen Donner, dem Viret seine Wohlgerüche nahm, um eine starke und gehaltvolle Nahrung zu bereiten, welche aus dem Marke der heiligen Schrift selbst gemacht zu sein schien. Da nie eine Revolution Leben und Dauer gewinnen kann, ohne einen großen Gedanken, so konnte Farel in Genf zwar einen Münzer vorstellen und wie der Bergmann die mit Hämmern und Fackeln bewaffneten Arbeiter mit seiner Stimme aufregen, aber nie durch eine beredte Untersuchung eine Lehre begründen; noch viel weniger diese Lehre bis zum Ansehen des Dogmas erheben. Farel fühlte immer das Fieber, und das Fieber ist ein abnormer Zustand. Viret konnte bei seiner Mäßigung im Denken das nicht sammeln, was der glühende Hauch Farels auf dem Wege des Evangeliums säte. Beiden fehlte ein Logiker: Calvin war die geschwätzige Schlange, welche ihren Feind mit ihren Krümmungen umschlingt und ihn mit ihrem Gifte bespritzt, wenn sie ihn nicht erdrücken kann. Farel und Viret hatten also gefühlt, wie wichtig ein solcher Hilfs- genoffe wäre, und cs bedurfte nur eines Blickes, den der Schüler von Noyon auf Genf warf, um ihn zu überzeugen, daß das Werk der Reformation in großer Gefahr stehe, wenn nur solche Arbeiter an seinem Bestehen wirken würden. Calvin stimmte also bei, daß er seine unsteten Reisen einstellen und in Genf bleiben wolle. Von diesem Tage gehörte er der allobro- gischen Kirche als Prediger an und der Stadtgemeinde als Lehrer der Theologie. Er erhielt für die Stelle, die er einnahm, sechs Sonnen- thaler. Man findet seinen Namen in den Archiven der Republik am 5. September 1536 zum erstenmale also eingezeichnet: „Calvin ou Lanvin Io lllran^siz, i5to Oallu«." Von dieser Zeit an bestand eine unveränderliche Freundschaft zwischen Farel, Calvin und Viret. Calvin konnte nie vergessen, daß Farel , welcher in Genf einige Zeit lang noch die erste Rolle hätte spielen können, ihm diese Stelle abtrat; es war eine edle Aufopferung. Um ihn dafür zu belohnen, widmete er dem Dauphiner mit einigen bell kegiüti-os, cku 13. kevrier 1537. 2) 8enc Iller. — Vie cke (llilvin, par Haag. lobenden Worten seinen Kommentar über den Brief an Titus. — „Ich glaube nicht, daß es je ein Paar Freunde gab, die in so großer Freundschaft lebten in Betreff der gemeinschaftlichen Unterhaltung über diese Welt, wie wir in unserm Amte. Ich habe hier mit euch beiden das Hirtenamt verwaltet, wir waren so weit von allem Schein einer Mißgunst entfernt, daß man glauben konnte, ihr und ich seien Einer. Wir sind später dem Orte nach getrennt worden. Du, Wilhelm Farel, bist von der Kirche von Neufchatel berufen worden, welche du von der Tyrannei des Papstthums befreit und für Jesus Christus erworben hast; und dich, Petrus Viret, hat die Kirche von Lausanne unter gleichen Umständen erhalten. Dennoch bewahrt jeder von uns die Stelle, die ihm anvertraut ist, eben so gut, als wenn wir vereinigt wären, die Kinder Gottes gleichen der Heerde Jesu Christi, sie sind wahrhaft vereint in seinem Leibe." Farel hatte vorausgesehen, daß Genf nicht zwei Herren haben könnte, daß ihn beim geringsten fleischlichen oder geistigen Streite Calvin gestürzt hätte, wie Luther es Carlstadt gemacht hatte, und daß er sich nicht einlassen dürfte mit einem Theologen, der weder eine Thräne im Auge, noch Mitleid im Herzen hatte, der an seinem tödtlich verwundeten Feinde vorüberging, ohne einen Tropfen Oel in die Wunden des Sterbenden zu gießen. Calvin vergalt dem Magister Wilhelm diese Nachsicht: er verzieh ihm, daß er in seinen Schriften die Auferstehung des Leibes in Zweifel zog. In Lausanne sollte eine theologische Disputation stattsinden, und Farel verlangte, wie einst Carlstadt in Leipzig, daß ein Schiedsrichter von hohem Ansehen der Konferenz beiwohnen sollte. Der Clerus von Lausanne hatte sich diesem theologischen Turniere widersetzt, welches gleich allen denjenigen, welche in Deutschland gehalten wurden, das Reich der Wahrheit nicht fördern würde, was auch Melanchthons Meinung war. Philippus glaubte, man solle Gott nur in sanftem, friedlichem Stillschweigen suchen. Der Katholicismus fürchtete den offe- 1) Man hat von Farel folgende Schriften: 1. 'OOeses pnliliees st Lstle; 2. Soininäirs äe In roligion ckretienne; 3. Oe orntione eloininicn; 4. Conference sves Luv Ourdit^; 5. Opitro nu (lue clv Oorrnine; 6. keponse ä Onroli; 7.'Irsitö clu OurMtoire; 8. Oe glnive; tl. 4'raite eie In Lene; Ol. Oe vrni usnge en Stadt, um zeigen zu können, wie der von den Propheten verkündete Antichrist mitten in goldnen Flammen sitze. Wenn ihr sie einer Lüge überführet, und ihr beweiset, daß sie den heiligen Text nicht verstanden hat, gerätst sie in Zorn, ruft alle Heiligen des katholischen Paradieses zu Hilfe, so daß dann die Welt an einem solchen Tage mit Staunen vernimmt, Cyprian, Lactantius, Bernardus, Hieronymus, Augustinus seien Lutheraner, Zwinglianer, Bucerianer, Oecolampadiancr oder Carlstadtianer gewesen. Nehmet aber dann einen Text unserer Kirchenlehrer und weiset nach, daß ihr Wort verstümmelt, verändert, verfälscht wurde. Glaubt ihr nun die Reformation schließe ihre Bücher? Nein. Sie erklärt die erhabene Nichtigkeit der menschlichen Autorität und kehrt zur Schrift zurück. Wozu war es denn nöthig, unfern Himmel zu öffnen und eine Zierde unserer katholischen Herrlichkeit um die andere in dre Tiare eines Papstes, in dem Rocke eines Lehrers, in dem Pallium eines Bischofes, oder in dem Gewände eines Mönchs herabzuziehen? Dränget sie in ihren Kreis des Popilius, sie weiß herauszukommen und euch zu entwischen. Anstatt des Himmels öffnet sie die Hölle, um wie Luther alle großen Schatten, auf die sie sich vor Kurzem noch berief, hinein zu werfen, und unsere Väter, die so unglücklich waren, daß sie nicht glaubten, was die Reformation seit gestern lehrte, im ewigen Feuer zu verbrennen. Unser Bischof von Lausanne hatte also recht: Das angekündete Gespräch sollte höchstens dazu dienen, die katholische Lehre und ihre Repräsentanten der Rohheit Farels Preiszugeben. Die Neformirten des neunzehnten Jahrhunderts haben sich nicht geändert. Wenn man sie in diesem Augenblicke ernstlich zu Rede stellt, antworten sie, wie Cuningham, Esqu. de Lainslaw, durch ein Buch, in welchem der Autor beweist: Die Kirche von Rom sei vom Glauben abgefallen, der Papst sei der Sündenmensch und das Kind des Verderbens, von dem der heilige Paulus in seinen Prophezeihungen, im zweiten Briefe an die Tessalom- cher rede. 1) London bei Cadell, Hatchard und Nisbctt, 1840 „Also ist Gregor XVI. der vom heiligen Paulus verkündete Antichrist?" fragte man Sir W. Cuningham. Und der ehrenwerthe Esqu. de Lainslaw antwortete: „Ja, Gregor XVI. ist der Antichrist Daniels." XIV. Kapitel. Religionsgespräch zu Lausanne. LSL6. Mittel, welche die Reformation anwandte, um die katholische Schweiz zum Uebcrtrittc zu bewegen. — Plünderung der Kirchen. — Verbannung der Priester. — Verkauf der Güter, welche den Verbannten gehörten. — Benehmen Berits. — Das Rcligionsgcspräch in Lausanne. —- Die Thesen Farels. — Die katholischen Doctoren. — Die Schmährcden Viret'S und Farcl'S gegen das Papstthum. — Elende Lage unserer Priester. — Calvin nimmt das Wort. — Die Idee seiner Beweisführung. — Völkern, welche seit Jahrhunderten in ihrem Glauben schliefen, brachte die Reformation eine neue Lehre, die einzige wahre, die einzige, welcher inan folgen mußte, wenn man selig werden wollte. Diese Lehre war in einer für die größte Zahl der Gläubigen unverständlichen Sprache geschrieben, und der Reformation allein war das Verständnis; eigen, wie sie sagte. Sie wollte nicht, daß man einem seit Jahrhunderten durch die nämlichen Zeichen erklärten Worte Glauben schenke. Ihr mußte man bei Todesstrafe glauben, obwohl sie erst von gestern war. Sehen wir, wie sie in Deutschland verfuhr, um die ungläubige Seele zu bekehren. Sie jagte die katholischen Priester aus den Kirchen, bestieg die Kanzel und lehrte das Volk im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes; dann setzte sie sich in Besitz des Pfarramtes, um das Brod des Priesters zu essen; voll von Wein und Speise zerbrach 158 sie dann die Thüren des Heiligthums, nahm die heiligen Gefäße und verkaufte sie dann an den Meistbietenden und zuletzt Steigernden. Wenn dieses geschehen war, sagte sie: An diesem Tage ist die göttliche Gerechtigkeit in diesen Ort gekommen und die Herzen haben sich zum Herrn bekehrt: Gelobt sei Gott in Ewigkeit. Die Prädicanten hoben die Hände auf und sagten: Amen. Die Fürsten, welche die gestohlenen Güter des Clerus als Opfer erhalten hatten, verkauften dieselben, um das Silber an ihre Höflinge zu vertheilen, wie der Landgraf von Hessen. Dann gingen Tage, Jahrhunderte hin, und es kamen protestantische Geschichtschreiber, welche wiederholten: Gott sei gelobt! Der Antichrist ist überwunden, die Völker haben das Licht gesehen. Wenn der beraubte Bischof, wenn der verbannte Priester, der verjagte Mönch einige Klagen äußerte, erhoben sich alle Stimmen der Fürsten, Adelichen und Höflinge mit einem Male und riesen die Verdammung aus! Wir beschwören jeden rechtschaffenen Menschen, ob er nicht gestehen müsse, daß die Bekehrung der Schweiz nicht gerade auf dieselbe Weise vorgegangen sei. Iverdün, welches auf dem Punkte war, mit Sturm eingenommen zu werden, wollte sich übergeben. Nun höret, unter welchen Bedingungen die Uebergabe genehmigt wurde: „Die Soldaten sollen sich auf Gnade und Ungnade ergeben, die Fremden sollen geplündert und durchsucht werden, so daß man ihnen sogar ihre Hosen und Westen nehmen würde; die Stadt soll ihrer Rechte und Ansprüche, ihres Geschützes, ihrer Rüstungen und Waffen beraubt werden, die Einwohner eine große Abgabe bezahlen und den Bernern ihre Waffen und alle Habe, die man gerettet hatte, überlassen; Jeder sollte nur ein Messer behalten, um das Brod damit zu schneiden." Nach der Besitznahme der Stadt beriefen die Berner die Pfarrer zusammen und forderten sie auf, bei Strafe der Verbannung keine Messe mehr zu lesen. Als die Pfarrer sich weigerten, wurden alle Bildnisse der Katholiken ins Feuer geworfen, und Johann le Comte suchte mit Beihilfe der zwei Professoren Großmann und Megander in den Wirtshäusern hurerische Mönche, legte ihnen die Hände auf und sprach zu ihnen: Ihr habt den heiligen Geist, gehet und lehret die Völker. An diesem Tage erhielt die neue Kirche drei neue Priester. 1) Settler'S Chrouik, S. 87. L) Llemoires llo I» Lowte. 159 Darauf versammelte sich am 7. Juni 1536 die heilige Synode; sie verbot in die Messe zu gehen und zu beichten, bei einer Strafe von zehn Gulden Silber für einen Mann und fünf für eine Frau: welche Unterscheidung unbegreiflich ist, wenn man annehmen will, daß die Seele des Einen wie der Andern mit dem Blute Jesu Christi erkauft ist. „Die Verbündeten," sagt ein gleichzeitiger Schriftsteller „zogen plündernd, stehlend und nach der damaligen Weise Krieg führend, weiter. Die Berner, welche kurze Zeit zuvor die Messe mit der Predigt vertauscht hatten, verstümmelten die Kreuze und Bilder und brachten die Verwüstung in die Klöster. In Morges quartierten sie sich in großer Anzahl bei den mindern Brüdern ein, erbrachen die Kirche, zündeten ein großes Feuer an und warfen das Ciborium, die Gemälde und Statuen hinein. Dann kamen die Schlösser an did Reihe. Die Schlösser der Herren von Vufflens, Allamand Perroy, Begnins und eine Wohnung des Castellan von Nyon wurden ganz verbrannt; das schöne Rolle zündeten sie auch an. Als sie am 7. Oktober nach Genf kamen, zerstörten die Berner überall die Kreuze, mißhandelten die Mönche und Priester, die nicht mehr anders zu ihren Verrichtungen zu gehen wagten, als mit ihrem Nocke unter dem Arme. Wenn dann weder das Wort, noch das Schwert oder die Geschütze im Stande waren, den Glauben eines Cantons in Verzweiflung zu bringen, suchten ihn Zürich und Bern auszuhungern, indem sie sich der Zugänge bemächtigten, auf die Hauptstraßen Steinplöcke wälzten und sogar die Viehweiden verbrannten. Die kleinen Cantone wußten sich nicht mehr anders zu helfen, als daß sie sich zu einem verzweiflungsvollen Kampfe gegen ihren Feind rüsteten, nachdem sie ihm zuvor eine männliche Herausforderung zugestellt hatten. 5) „Weil wir uns Alle schon lange Zeit, mehr als hinreichend, zu Recht und Billigkeit erboten haben, und ihr uns gegen die Bündnisse und Verträge, die ihr durch eure Eide und Schwüre bestätigt habt, gegen den öffentlichen Frieden, gegen alle christliche Zucht und Eintracht, gegen den Glauben, die Liebe und das Vertrauen der Bundesgenossen, ja sogar gegen das Recht der Natur und gegen alle Billigkeit wie aufrührerische Unterthanen behandelt: weil ihr uns auch die Treue brecht und uns gegen alles Recht unsere Gerichtsbarkeit in der Hauptmannschaft Sauet Gallen, in der Probstei des Rheinthals, und an 1) kuckst, t. 6. . , . 2) 1.6 Lkroni^ueur, lournsl cke I' Ilelvetie romsncko, e>r. 2. 3) Simon koMsino, Histoiro catkoligus. i 160 mehreren andern Orten, die ihr inne habt, verweigert, und sie gegen uns aufhetzet durch eueren Betrug und euere Arglist, um uns durch diese Gefahr von unserm alten und wahren katholischen Glauben abzubringen; weil ihr sagt, wir wollen das Wort Gottes nicht hören, nicht zugeben, daß man in unser» Ländern das alte und neue Testament lese, und ihr uns deßhalb als Leute ohne Religion, als Bösewichte, Verräther und Friedensstörer anklaget; weil ihr uns, da wir uns eucrm verunstalteten, verfälschten Glauben nicht anschließen und vereinigen wollen, die Lebensmittel entzieht und uns die öffentlichen Märkte verschließt, indem ihr uns durch dieses Mittel dem Hungertode preisgeben, und nicht nur uns, sondern auch die armen, unschuldigen Kinder, die noch im Mutterschoße sind, verderben und vernichten wollt; weil uns endlich Alles verweigert wird und uns Niemand behilflich ist, von euch Recht und Gerechtigkeit zu erlangen, und weil wir schon so lange Zeit diese arge Noth, eucrn Stolz und Ungerechtigkeit erdulden, ohne daß es auch nur den Anschein hätte, als wollte es ein Ende nehmen: sind wir gezwungen, euch vor Gott, seiner heiligen Mutter dem ganzen himmlischen Hofe und allen Denjenigen anzuklagen, welche Recht und Gerechtigkeit achten, und wir beschließen insgesammt, wenn cs Gottes Wille ist, daß er uns Gnade, Macht und Kraft verleiht, die Unbilden, die ihr uns angethan habt, mit starker Hand nachdrücklich zu rächen: Dieß thun wir durch diese Zuschrift euch, euern Hilfsgenossen und Anhängern zu wissen, indem wir durch dieses Mittel unsere und unserer Verbündeten Ehre gegen euch gesichert wissen wollen, zu dessen Beglaubigung und Bezeugung wir dieser Schrift unser Bundessiegel angehängt haben, die Thurgauer im Namen Aller. Gegeben am vierten Mittwoch im Oktober des Jahres 1531." Wenn man die Geschichte der Einführung der Reformation in der Schwei; liest, glaubt man nach Sicilien versetzt zu seyn, unter das Proconsulat eines Verres. Jeder Meineidige oder Abtrünnige erhält, wie Herr von Senarchans, für 2500 Schweizer Gulden (1100 Fr.) die Priorei von Perroy — was das Blei Werth war; um 6500 Berner Livres, wie der Schultheiß Johann von Wateville, die Güter von Villars-le-Moine und Clavelapre — was die Bäume werth waren; um 3000 Schweizer Livres (1100 Fr.) wie Johann Tribolet von Bern, Vogt von Grandson, das Kloster Lance mit allen Pertinenzien — was das Dachwerk werth war. *) 1) llkar. ll. de Haller, Histoire de I» rölorme proteslsnte dans la 8ui»o occidenlale I83V. Zwei Dörfer des Fürstenthums Neufchatel, Landeron und Cressier, zeigen den Missionären, welche dahin kamen, um sie von ihrem Glauben abzubringen, den Gottesacker, in welchem ihre Väter schlafen, und erklären, daß sie am Tage des Gerichts mit ihren Vorfahren auf- erstehcn und deßhalb denselben Gott bekennen wollen: da vernichtete Jensch, der Verwalter von Haut - Cret alle sichtbaren Zeichen des katho, lischen Kultus, und um das Reich des Evangeliums in diesen aufrührerischen Bergen einzuführen, gaben die Herren von Bern dem Rathe den Befehl, den Pfarrer zu verjagen, oder ihn wenigstens des Beneficiums zu berauben, das heißt mit andern Worten, ihn Hungers sterben zu lassen. Eines Tages, während der Belagerung von Nverdün, kam Viret nach Lausanne, und verlangte das Wort Gottes zu verkünden. Man gibt ihm zur Antwort: — Da ist das Kloster der Barfüßer und das Kloster des heiligen Franciscus, wählet! Viret besteigt die Kanzel der Franciscaner und declamirt zwei Stunden lang gegen den römischen Clerus und die Mönchsgelübde. Die Väter wenden sich an den Rath und beklagen sich in folgenden Ausdrücken: „Diese Kirche gehört uns, sie ist von dem Almosen erbaut, das die Brüder sammelten, deren Gebeine in dem nahen Kloster ruhen; von der Freigebigkeit frommer Seelen wurde diese Kanzel erbaut: Warum habt ihr die Kirche und diese Kanzel dem protestantischen Missionär geöffnet?" Der Rath hatte in diesem Jahre die Gewissensfreiheit proclamirt, was konnte er den Franciscanermönchen antworten? Die Herrn von Bern nahmen Viret in Schutz: wenn man ihn abgewiesen hätte, würden sie sich an den Freiheiten Lausanne's gerächt haben. Die Reformation herrschte in Gens, sie herrschte aber auf Ruinen; einmal Herrin geworden über unsere Kirchen, aus denen sie die Priester verjagt hatte, sagte sie zu den Einwohnern: küsset euch, der Friede Gottes ist gekommen, euch heimzusuchen. Es waren noch Spuren des Katholicismus übrig geblieben, aber nur in den angränzenden Dör- 1) Ilucüat t. VI. 2) Generalbeschluß von Lutry, am Palmsonntage den 9. April: 1. Niemand soll einen Priester in den Ort kommen lassen, um zu predigen, bei einer Strafe von 10 Livres. 2. Wenn zufällig Einer kommen würde, sollte man ihn nicht anhören, sondern gehen lassen, ohne ihm eine Beleidigung zuzufügen. 3. Niemand soll ein Bild verderben, oder zerstören, weder in einer Kirche noch anderswo, auch in der Kirche keinerlei Gewalt ausüben bei gleicher Strafe. Uss. äo Imlr^. toi. 37 L. 11 Audin: Leben Calvin'» I. Bd. X 162 fern. Der Fremde erkannte sie leicht an dem Kreuze, welches sich auf dem Glockenthurme befand, oder an dem Bildnisse der Jungfrau Maria, welches aus Holz geschnitzt, unter einem Laubdache stand. Die Priester fuhren da fort, das Wort Gottes ihren Pfarrkindcrn und einigen armen Seelen Genfs, welche Farcl nicht hatte verführen können, auszulegen. Am Sonntage verließen sie früh am Morgen ihre Wohnung, wie Straßenräuber um sich schauend, die Thüren ihrer Häusel- doppelt verschließend, sich in weite Kleider verhüllend und einige Gebete an ihren Schutzengel richtend. Der Altar des Dorfes war bereitet; er war mit Blumen geschmückt, welche von frommen Händen gepflückt worden waren. Der Priester begann die Messe zu lesen. Wenn die Messe vorüber war, ging Jeder in seine Wohnung zurück. Eines Tages überfiel ein Haufe Häscher, — die mit Lanzen bewaffnet waren, die Weiler, in welchen Katholiken wohnten; sie hoben die Pfarrer und Pfarrverweser auf, und jagten die ganze Heerde der Kinder Jesu Christi vor sich her. Der Rath war versammelt, die Prediger waren zugegen: Bonnivard, der sein Mönchsgewand abgelegt hatte, Farel der Renegat, und Coraud, der Schützling Margarethens von Navarra. Man forderte die Katholiken auf, dem Papstthume zu entsagen, ihre abgöttische Messe aufzugeben und ihren Gott, den man im Mehle esse; sie sollten dem Herrn im Geiste und in der Wahrheit dienen, das heißt nach der Genfer Weise. Da nahm ein alter Priester das Wort: „Geehrteste Herren!" sprach er; „wie könnt ihr begehren, daß wir unserm Glauben entsagen, der nun fünfzehn Hunderl Jahre dauerte? Ihr seid Meister geworden; aber ihr sollt nicht vergessen, daß wir mit dem Blute Jesu Christi erlöst sind; es ist noch nicht zehn Jahre her, daß ihr auch Katholiken gewesen seid, und ihr habt die Reformation nicht an Einem Tage angenommen: laßt uns also auch Bedenkzeit." Der Obcr-Syndicus ließ sie in eine nahegelegene Kammer treten und der Rath begann nun seine Besprechung. Bonnivard meinte, man solle den Papisten einige Tage Zeit lassen; aber Farel schrie: „Wollt ihr dem Werke Gottes in den Weg treten?" Man gewährte den Priestern einen Monat Frist, „und nach Verlauf dieser Zeit," sagt der Geschichtschreiber, „konnten diese guten Geistlichen den Beweisgründen der reformirten Doctoren nichts entgegenstellcn, sie unterwarfen sich und hörten auf, Messe zu lesen." 1) kucliut, v. 5, p. KOo. LIss. Ctwuet, st, 39, 40. Schon, lk. 9—10. 163 Er irrt. Andächtige Frauen brachten diesen Priestern Brod, als sie schon an der Vorsehung verzweifeln wollten, und in Furcht waren, daß sie vor Hunger sterben müßten; beinahe Alle fingen wieder an, das heilige Meßopfer zu entrichten. Dann erschienen die Häscher wieder, der Rath kam auf's Neue zusammen und die Delinquenten wurden zur Verbannung oder Gefangenschaft verurtheilt. Die Erzählung bricht hier ab. Vielleicht sandte Gott seinen Engel, um diesen treuen Sdelen Trost zu senden in ihren Banden oder in ihrem Exil. Farel war nicht befriedigt. Als die Priester verbannt und die Kirchen geschlossen worden waren, hatten die Bauern im Innern ihrer Wohnungen kleine Kapellen errichtet, in welchen das Bild Gottes, der heiligen Jungfrau Maria oder eines heiligen Schutzpatrons glänzte. Der Biloerstürmer Farel schickte bewaffnete Leute dahin, welche die Verbrecher gefangen nahmen, und dieselben in das Nichthaus schleppten, wo sie zum Gefängnisse, oder „nur zur Verbannung" verurtheilt wurden, wie sich Ruchat in seinem reformirten Styl ausdrückt. „Man machte nämlich den Bildern den Krieg" fährt er weiter fort, „und wenn die Ermahnungen fruchtlos blieben, wandte man das Gefängniß oder die Verbannung an; nie eine strengere Züchtigung." 0 Wir könnten glauben, wir wären nach Sicilien versetzt, unter die Herrschaft eines Verrcs. Farel wagte cs nicht mehr, sich auf dem Lande sehen zu lassen, ohne raß er von einer zahlreichen Schaar Häscher begleitet war. Der Wunsch Berns wäre es gewesen, der Katholicismus sollte geräuschlos auslöschen wie eine Lampe. Es verließ sich auf das Wort seiner Prediger, welche sich im Disputiren geübt hatten; cs antwortete auf jede Klage, welche die Stimme eines Priesters erhoben hatte: „wir wollen disputiren." Die Priester sagten: „Wir fliehen den Kampf nicht: sehet, ob sich der Katholicismus je scheute, in Leipzig, Augsburg und Worms mit euren rohern Athleten sich zu messen. Selbst eure Kampfrichter haben der Wissenschaft unserer Gelehrten eine glänzende Huldigung dargebracht: Melanchthon gibt davon Zcugniß. Ja, der Schüler eueres großen Luther ging noch weiter, er hat nach all diesen Kämpfen seine Meinung über verschiedene Punkte, die bei unfern Unterredungen zur Sprache kamen, geändert. Heute ist er geneigt, die Autorität unserer Bischöfe, welche Virct als Verfälscher der heiligen 1) Kuckst, v. 3, p. 603. 2) Kuckst, v. 5. i>. 709. 11 * 164 Schrift behandelt, und das Primat des Papstes anzuerkennen, den ihr immerfort als den Antichrist bezeichnet. Ihr habt euch durch den Mund euerer Meister auf ein allgemeines Eoncilium berufen, auf welchem man euch frei anhöreu sollte; das Papstthum ist vollkommen bereit, das Eoncilium wird sich versammeln, euere Lehrer werden sich da mit vollkommener Freiheit äußern. Der Wunsch der Bevölkerung wurde ebenso deutlich ausgesprochen. Lausanne hat sich zweimal erklärt: in seinem Beschlüße vom 6. Juni 1536, in welchem es ausdrücklich heißt, daß an der Form des Cultus nichts geändert werden solle; und auch die Stimme des Kaisers hat sich in seinem Schreiben vom 5. Juli 1536 hören lassen, welches er an die Bewohner des Cantons richtete. Weder die Protcstation des Capitels von Lausanne, noch der ausdrückliche Wunsch des Volkes, noch der Befehl des Kaisers wurde geachtet. Bern hatte Eile; es wollte nicht, daß ihm die Abzeichen des Katholicismus, welche in den zu seinem Gebiete gehörigen Städten errichtet waren, seine Felonie verwerfen könnten. Selbst die Steine mußten aufhören, gegen seinen Abfall zu zeugen. Am 1. Oktober 1536 verkündete die große Glocke der Kathedrale die Eröffnung der Disputation. In der Kirche hatte man Gerüste errichtet. Die Abgesandten Berns erschienen nicht. Farel wurde ungeduldig, er wollte das Volk feierlich anreden und hielt eine Rede, um die Anwesenden auf die „Anhörung des göttlichen Wortes" vorzubereiten. Er wurde von Calvin beobachtet. Seine Rede war ruhig. Er forderte, daß man für die armen Bedrängten beten solle. „Und ihr meine Brüder," sagte er, „sollt sie hcimsuchen und trösten; denn es ist nothwendig, daß ihr euere Wallfahrten macht; es sind Ebenbilder Gottes, die man heimsuchen und ihnen Brod und Licht bringen muß, um sie zu ernähren, anzufeuern und zu unterhalten. Diese armen Bedrängten waren die katholischen Priester, welche er verjagte, in Kerker warf, verbannte und verhungern ließ. Am andern Tage kamen die Abgesandten von Bern. I. I. de Watteville, ehemaliger Schultheiß, Georg Hubelmann, Sebastian Nä- geli; dann die Präsidenten bei der Disputation, Peter Giron, Rathsschreiber von Bern, Nicolaus de Watteville, Herr Peter Fabri, der 1) Laroli V., imperstons, opistola kut Ksu8snnen8e8, N6 ckisputstionom ctc i-cliZionc in 8ua url>e in8titutsm tieri mnsnt. Man vcrqleiche unter den urkundlichen Belegen: III. 2) Lkarlc8 cle UsIIer. — Kuckst. 3) Kuckst v.5. 165 Rechte Doctor, Canonicus der Kathedrale von Lausanne, Herr Gerhard Grand, der Rechte Doctor und Stadtrath. Bern hatte an den Thüren aller katholischen Kirchen des Cantons den Befehl anschlagen lassen, daß die Geistlichen dem Dispute beiwohnen müßten, wenn sie nicht an Geld oder mit dem Banne bestraft werden wollten. Vor allem beeilten sich die Kirchen, welche unter der Berner Hoheit standen, ihre Statuen zu verbergen, ihre Kelche, die heiligen Gefäße und den gottesdienstlichen Qrnat in Sicherheit zu bringen; so sehr fürchtete man die Beleivigungen der Reformirten, welche herbeikamen, um dieser Versammlung bcizuwohnen. Farel hatte in lateinischer unv französischer Sprache zehn Thesen aufgesetzt, die er mit Beihilfe Viret's, Calvin's und Caroli's, welcher Doctor der Theologie und früher Prior der Sorbonne war, vertheidi- gen wollte. Die katholischen Doctoren, welche sich freiwillig anerboten hatten, den Prädicanten zu antworten, waren Männer, die als Theologen in keinem großen Ansehen standen: Michod, Decan von Vevey, Ferdinand Loys, Erzieher der Jugend von Lausanne, Drogy Vicar von Morges, Mimard, ein gewandter Scholastiker, und der Arzt Blancherose, welcher beinahe die ganze Last des Disputs trug. Wenn die Domherren aufgefordert wurden, schwiegen sie entweder still, oder sie beriefen sich auf ein Concilium. „Wir glauben wohl," rief Viret aus, „wenn man euch Zeit läßt, das Geld zu nehmen und euern Bauch anzufüllen, bis^das Concilium kommt, so werdet ihr nicht unzufrieden sein." Man kann sich keinen Begriff machen von der Gemeinheit der Beweisgründe, welche die Reformirten anwandten: kein Schüler hat sich dazu herabgelassen, dieselben zu sammeln. Der katholische Gelehrte vertheidigte das Primat des Papstes: er hatte das Wort ausgesprochen „heiliger Stuhl:" dieser sogar in der Welt geheiligte Ausdruck ist für Viret eine günstige Veranlassung. „Der Papst kann weder die Gewalt noch die Autorität des heiligen Petrus haben," rief er aus, „denn er übt nicht dasselbe Amt, welches Petrus übte. Um zu thun, wie St. Petrus thut, müßte er da und dort in der Welt herumziehen, um für das Heil der Seelen zu sorgen, um das Evangelium zu verkünden, Wik Jesus und seine Apoll kuellst t. 8. 2) Hiss. Ne I.missnne, p. 515, 3) ^Vctes, p. 25. 166 stel gethan haben. In diesem Sinne zerstörten wir den apostolischen Stuhl nicht, denn sie setzten sich nie und hatten keinen Stuhl, da sie unauf- hörlich von einem Orte zum andern gingen." Die reformirte Tafel nahm diesen kläglichen Spaß mit beifälligem Gemurmel auf. Ein anderes Mal stellte Mimart der Reformation sie selbst entgegen: dem Luther den Farel, dem Viret den Erasmus; Farel unterbrach den Redner. „Wann habt ihr uns mit Erasmus kämpfen sehen? Diese Schilde tragen wir nicht gegen solche Feinde: wir müssen einen zuverlässigem haben, der nicht so veränderlich ist. Haben wir Luther zu unserer Vertheidigung angeführt? Jesus Christus ist unser Meister. Habt ihr aber die Schrift Luther's „cka sbrogsncls ^lissa" gelesen, und wie erden Canon behandelt, auch was er ferner sagt, indem er zeigt, daß alle Priester das Volk zur Abgötterei verleiten, wenn sie das Brod rls Gott und als den Leib Jesu Christi anbeten lassen? Sonderbar, daß Farel hier die Schrift „äs sbrugslicks illi5ss" in die Discussion hineinzieht, da doch nach Luther's eigner Aussage die ganze Beweisführung vom Teufel herrührt! Nicht Einer von den armen Bauern, die sich um die Redner geschaart hatten, deren Rede sie sicherlich nicht verstehen konnten, ahnte, daß man den Teufel mit Fleisch und Bein die Rolle spielen lassen wollte, die er schon in Sachsen gespielt hatte. Auch Farel bekleidet nach Luther's Weise den Fürsten der Finsternisse mit dem theologischen Doctorhute, den Teufel, den er seitdem so oft in den Leibern der Päpste wohnen ließ. Es ist nicht zu läugnen, daß der Fürst der Lüge hier durch den Mund Farels spricht: denn nie hat Luther den Papisten den Vorwurf gemacht, als beten sie das Brod als Gott an, weil er an die wirkliche Gegenwart Gottes glaubte. An demselben Tage widcrsctztcn sich die Domherrn auf's Neue der Gewalt, mit der man sie zwingen wollte, dem Dispute beizuwohnen und Blancherose erklärte, „wenn die Disputation noch lange andaure, werden wohl scchsundzwanzig Priester genöthigt sein, ihre Kleider zu verkaufen, um ihre Gastwirthe bezahlen zu können." Bis dahin hatte sich Farel seiner Rede wie eines Schildes bedient, um die Hiebe seiner Gegner abzuwenden; sei es, daß er sich vor dem Blicke Calvin's scheute, der beständig auf den Redner gerichtet war, oder daß die Mäßigung der katholischen Redner die Versuchungen des Fleisches in ihm niederhielt; aber das Fleisch bemächtigte sich seiner. 1) kuckst v> 6. Man disputirte über die Eucharistie, und der redende Katholik zeigte den Zuhörern die goldne Kette von Patriarchen, Lehrern, Vätern, Bischöfen, Päpsten, deren erster Ring an dem Stuhle des heiligen Petrus befestigt war; der letzte aber an dem Stuhle Paul's III. Farel gerietst in Zorn. „Wer seid ihr denn," rief er den Redner und seine glänzenden Bilder an, „wer seid ihr? Leute, die etwas Anderes anbeten, als Gott; armselige Götzendiener, die sich vor todten Bildern verbeugen, welche weder Leben noch Empfindung haben; ihr befolget das Gesetz und den Befehl des verhurten Noms, des Papstes, der die Erde verfuhrt und alle Fürsten mit dem Weine seiner Hurerei berauscht hat!" „Wenn eure Oblate, für die ihr ein so großes Geschrei erhebt, nicht von einem Priester, an einer geweihten Stätte, aus einem geheiligten Altäre, mit einem Hemde über dem Rock, mit einem geweihten Kelche, Korporale und andern Sachen consecrirt ist, so ist Alles verloren und verderbt!" Am Tage vor dem Dispute hatte Farel ja seine Augen zum Himmel erhoben und auögerufcn: „Heiliger Geist, komm auf unsere Lippen herab und gieße Worte der Mäßigung und Weisheit über sie aus!" Findet ihr, daß der heilige Geist seine himmlische Wohnung verlassen hat? Wir glauben cs nicht; denn er würde sonst zu Farel gesagt haben, er solle diesen dummen Grund gegen die Verehrung der Bilder nicht wiederholen, von dem selbst Carlstadt, welcher in Deutschland Pastetchen verkaufte, keinen Gebrauch mehr machte, seitdem man ihm die Verse citirt hat, welche lange vor der Reformation geschrieben wurden, und in denen die Lehre von dem Cnltus der Bilder auf eine so poetische Weise erklärt ist: bllligiem Lllristi cum transis prorsus llonnra: Xon tarnen elllgjein sock gnsm ckesignat ackora; Xse Deus est, neo llomo, praesens giiam oorno, ligura 8eä Dens est et llomo, guem sacra ligurat imago. Die unverschämten Worte, die einen sonderbaren Gassengeschmack verriethen, und die Geringschätzung, mit welcher Farel von den Lehrern unsrer Kirche sprach, die er nicht studirt zu haben schien, brachten Calvin auf, er verlangte zu sprechen: 1) ttncll.il. p. 70. 2) toä. ltoeeii't'llesaur. Oatllntie., v, I., lill. 3., art. XV., tot. 364. 6ret- serus, ckv Lruee. „Nein," rief er aus, „ich verachte die Alten nicht. Diejenigen, die sie nur dem Scheine nach ehren, halten sie nicht in so hohen Ehren, wie wir, und widmen ihnen nicht die Zeit, ihre Schriften zu lesen, die wir mit Freuden auf sie verwendet haben." Und indem er die Frage vom Abendmahl wieder vorbrachte, citirte er: Tertullian, welcher Jesus Christus nur einen imaginären Leib zuschreibe; den heiligen Chrisostomus, welcher in seinem Commentar über den heiligen Matthäus die Transsubstantiation verwerfe; den heiligen Augustin, welcher in seinem XXIII. Briefe, in seinen Homilien über den heiligen Johannes und in seinem Schreiben an Dar- danus das Dogma des Anscheins aufstelle. Sonderbarer Beweis im Munde eines Mannes, welcher nur vom heiligen Geiste ausging, und dessen Lehre vom Abendmahle weder der Lehre Luther's noch der Lehre Zwingli's glich! Er spricht von einer Substanz, welche uns nähre und belebe; von einem Geheimnis, welches die Höhe unserer Sinne und alle Ordnung der Natur übersteige. Niemand vermag ihn zu fassen. Ein Jahrhundert später gestand ein Protestant, Calvin sei in der Erklärung des Abendmahls unverständlich. Die farblose Rede Calvins machte auf die Menge keinen Eindruck. Keiner der Anwesenden fühlte sich bewegt. Viret trat von Neuem auf, legte dießmal sein Doctorhütchen bei Seite und geberdete sich als Wirths- hausredner. Das Volk, welches um die Pfeiler der Kirche gereiht auf ihn hörte, trug noch die Züge der zweifachen Geißel, welche die Schweiz heimsuchte, im Angesichte: die Spuren der Pest und der Hungersnoth. Die Priester, welche auch Hunger gelitten hatten, waren genöthigt gewesen, ihre Röcke und Kopfbedeckungen.' zu verkaufen, um ihre Gast- wirthe bezahlen zu können. Viret hatte eindringliche Bilder notwendig, wenn sie auch lügenhaft waren wie die Lehre, die er verkündete. Es standen ihm die unordentlichen, heftigen Bilder zu Gebote, welche in allen Büchern, die gegen die Papisten geschrieben waren, herumzogen: in den Schriften der Dichter wie der Geschichtschreiber. Er warf davon so viel er fassen konnte unter die Zuhörer. Viret hatte seine Natur verändert. Höret ihn: 1) pelisson, Iraitö de lüucN-iristio, in 12. Paris, clier Jean ^nisson, 1694. >2) Konfession de toi, arf. 66 Journal des Savanfs, avoüt 1694. p. 529; Rotterdam, 169d, 169 „Anstatt daß die Priester ihrem Volke das Wort Gottes lehren, stellen sie hölzerne und steinerne Prediger auf; während sie schlafen, große Mahlzeit halten und sorgenlos leben, sind die Bilocr ihre Stellvertreter und Arbeiter, welche die Arbeit ihrer Meister wohl verrichten, sie kosten nichts, weil sic nicht essen unv trinken, und das arme Volk ist so verdummt, daß es das Holz und die Steine küßt,.... die Güter, die man den Armen austheilen sollte, welche die wahren Ebenbilder Gottes sind, werden verschwendet und nutzlos ausgegeben, um Holz und Steine zu bekleiden." Warum erhebt sich Calvin nicht, um Virct Stillschweigen zu gebieten? Viret log dem Schüler von Noyon in's Gesicht, den die Priester ernährt, aufgezogen, erhalten und in den Wissenschaften unterrichtet hatten. Vielleicht würde Calvin sogar in seinem Felleisen, wenn er recht gesucht hätte, noch ein schönes Wams gefunden haben, mit dem ihn der gute Abt Hangest beschenkte. Farel konnte dem Viret die Palme der Lüge und Verläumdung nicht lassen. Viret hatte den Clerus angegriffen. Farel wartete nur auf eine günstige Gelegenheit, um das Papstthum zu beschimpfen. Da seine Bilder ein erhabneres Haupt trafen, mußten sie einen größern Effect hervorbringen. Die Frage betraf das Fasten. „Und ihr Alle könnt davon Rechenschaft geben, ob ihr mehr von Unenthaltsamkeit angetrieben seid, wenn ihr im Weinberge ein wenig Speck gegessen habt, oder in der Schenke wohlgewürzte Fische? Um nicht von den großen und fetten Bäuchen zu reden und von den doppelten Kinnbacken, sage ich nur, welche Enthaltsamkeit beobachten sie, wenn sie sich mit Fischen anfüllen? Dazu kommt noch, daß dieses Gesetz von den Päpsten gemacht ist, um ihre Gefräßigkeit zu verbergen; denn die Stadt Rom ist voll Gefräßigkeit, insbesondere hat sie ihr Gelüste an Fischen." „Es ist nicht genug, daß der arme Arbeiter seine Hühner dem heiligen Wolfe zugetragen, die Eier seinen Jungen gegeben habe für das Beichthören, den Käse den Almosensammlern, Leinwand und Wolle dem heiligen Geist, Schinken dem heiligen Antonius, wenn die Almosensammler und Bettelbriefträger zu verstehen geben: gib von deinem Erwerb, Getreide, Wein und Allem allen Fressern des Papsts, die dich benagt haben. Wenn dir ein wenig Milch übrig geblieben sein wird, gestattet dir die Grausamkeit des Papstes und seiner Anhänger, welche dir Alles gestohlen und weggenommen, aber nichts gegeben haben, 1) kuckst, v. 6. p. 67 . nicht einmal, daß du Etwas davon mit den Erbsen in den Topf sehest, daß du sie ohne Oel kochest, sondern du mußt deine Erbsen mit Salz und Wasser ohne etwas Anderes verzehren." Damals war die Welt für den armen Arbeiter etwas ganz llnbe- bekanntes; so auch den Winzern des Wadtlandes, an die sich Mrel wandte. Wenn einer von ihnen die neuesten Schriften Luther S gekannt hätte, würde er die Kanzel bestiegen und sich an den Prediger gewandt haben. „Meister Wilhelm," hätte er gesagt, „habe kein so großes Mitleid mit dem Schicksale der Schwachen, die dich um Brov oder eine Henne gebittct haben; sondern beweine vielmehr die flegelhaften Thüringer, von welchen geschrieben steht: in einen Baurcn gehört Haberstroh; wenn er allzu laut schreit, laß die Kugeln pfeifen: hörst du, Meister Wilhelm?" Ist es nicht znm erstaunen, daß die Bauern von Lausanne nach einem solchen Ausruf zur Empörung ihre Priester und Herren nicht vertrieben haben? Wir erwarten einen blutigen Auftritt. Hören wir aber, welche Antwort die Bauern auf die Forderung der Reformation gaben: Lutrp, Billette und St. Saphorin verbanden sich, um an ihrem Eultus, ihren Priestern, ihren Tempeln und Bildern festzuhalten. Damals war der Rath von Bern auf Mittel bedacht, dem Papstthumc ein Ende zu machen. Ter Vogt von Lausanne durchzog, von Häschern und Dienern begleitet, die Felder, zerstörte die Kapellen, riß die Altäre nieder und zernichtete die Kreuze. Am 2. November 1ö36 kam er nach Lutrv, unter dem Geschrei: Nieder mit den Papisten! Seine Soldaten hatten einem Christusbilde von Holz, welches schon seit Jahrhunderten verehrt wurde, einen Strick um den Hals gehängt, obwohl der Gemcinderath den Bogt bat, er möchte das Zeichen unserer Erlösung verschonen, welches die Bewohner zu errichten gelobt hatten,.... „der Vogt hatte die Güte," sagt Nuchat, „ihnen ihre Bitte zu gewähren." o) 1) Iliiclint, t. 6., I>. 226. ,äeti>8 «In I:> «liiguito. 2) An. Joh. Rnhcl: De Wette. Bv. 11. S. 689. Menzel, B. I. S. 218. 3) 2188. clo Inilrv, ji. 67. 4) linclint. t. 6., >>. 334. 5) Die Intoleranz der Berner wurde von allen strenggläubigen Ncformirten zugegeben. Herr Druen, Mitglied des Canton Waadt sagt: Wen» man die Kirchen- vcrordnungen vom Jahre 1758 öffnet, welche eine Sammlung aller Rescriptc umfassen, die'von der Berner Verwaltung seit dem Jahre 1536 in Bezug auf religiöse Gegenstände erlassen wurden, so sieht man, daß Alles, was die Religion betrifft, von der weltlichen Verwaltung ausgestellt und angcordnct worden ist." — Rechcn- schastsbcricht der Verhandlungen des Großraths im önhrc 1839, S. 7. 171 Wir kennen uns nicht aus: wir glauben nach Sicilien versetzt zu sein unter das Proconsulat eines Verrcs, in ein Land der Heiden, oder nach Frankreich im Jahre der Gnade 1793, unter die Herrschaft eines Chaumette oder Hebert. Während die Reformation im ganzen Gebiete von Lausanne keinen Altar, keinen Weihwasscrkessel, keine Statue, kein Bild von Holz, Stein oder Erz mehr übrig liesz, erklärte sie, das Land habe sich bekehrt: es gab wohl noch manchen Priester und Mönch, manche Nonne; um diese aber zu zwingen, wandte man den Hunger, die Peitsche, das Gefäng- niß, die Geißel an, und den Farcl als Spion. Dieser schrieb an Nägcli, den Vogt von Thonon: „Die Gnade, der Friede und die Barmherzigkeit Gottes unseren gütigen Vaters, sei mit dir! Wenn ihr große Unannehmlichkeiten vermeiden wollt, so müßt ihr die Priester im Auge behalten; denn von ihnen kommt alles Ucbel. Es ist nothwendig, daß die Priester sich nicht mehr mit dem Volke vermengen, demselben weder Unterricht geben, noch die Sakramente austhcilen.^ Mau muß sie bewachen, und insbesondre die großen Wolfe, welche das arme Volk verführt haben." Die Männer, welche im Style des Reformators große Wölfe heißen, waren Ardutius, Adhemar Fäbri und La Baume, welche denjenigen, die Hunger litten, Brod gaben, den Dürstenden Wasser, den Nackten Kleider; dann der Abt Hangest, welcher die Schlange an seinem Herde erwärmte, die ihn in die Brust stechen sollte. Es war im Mittelalter gewöhnlich, daß man ein Zetergeschrei gegen jeden Missethäter erhob, er mochte todt oder lebendig sein. Eines Tages kam ein armer Arbeiter an das Grab Wilhclm's des Eroberers: der Fürst, welcher unter der Erde lag, hörte die Stimme des Arbeiters nicht, aber sein Sohn hörte ihn, welcher Asselin einige Baumstöcke zurückgebcn ließ, die ihm der Fürst genommen hatte. Dasselbe geschah dem Nachkommen des Arztes Blancherose, der auf dem Gespräche zu Lausanne die Sache seines Gottes verthcidigt hatte. Er war gegen das Ende des sechszchnten Jahrhunderts in Caen, als ihm eine protestantische Schrift in die Hände fiel; er öffnete sie und las: „Es steht nicht Ein göttliches Zeichen in der heiligen Schrift, welches nicht durch unheilige vereitelt werden könnte; cs steht keines darin, welches einen Beweis geben könnte; und wenn man alle zusammenfaßte und betrachtete, würden sie keinen Beweis zu geben vermögen." 1) Lpi8t. r-li-klli. inecl. Xr. XXXIII. 2) 8imriu, Uxameir de In Ureokogio deAI. lurieu. Man vergleiche in Bezug ans Er schloß das Buch zu und fragte: „Von wem ist diese Schrift?" „Von Jurieu, einem protestantischen Prediger," antwortete eine Stimme. „Mein Großvater hatte also recht," sagte Blancherose, „als er im Jahre 1536 behauptete — es sei unmöglich, daß den Einfältigen sich durch die Schrift selbst die Göttlichkeit der Schrift erweisen lasse, und daß das Princip des Glaubens auf der offenbaren Gewißheit des Zeugnisses beruhe. XV. Kapitel. Die Wiedertäufer. 1SLV-LSA8 Die Wiedertäufer Hermann und Benedict kommen nach Genf, nm mit den Prädicanten zu disputircn. — Gespräch mit dem Syndicus. — Disput mit Calvin. — Die Wiedertäufer können ihre Lehren nicht vcrtheidigcn. — Sic werden verjagt. — Verfolgungen gegen die Katholiken. — Calvin's Katechismus. — Das Volk beschwört das neue Formular. — Caroli greift die Genfer Prädicanten an. — Er wird auf die Berner Synode vorgcladcn. — Ec wird verdammt. — Gcwaltthätig- kciten Calvin's gegen Caroli. — Luther wird beleidigt. Während Farel und Calvin, unterstützt von dem Berner Rathe, den Clerus von Lausanne nöthigten, an dem Religionsgespräche Theil zu nehmen, wanderten zwei Männer, welche aus Deutschland verjagt worden waren, zu Fuß, mit der Bibel in der Hand, durch die Schweiz. Hermann von Lüttich und Andreas Benedict aus Flandern hatten ihre Reise nach Genf gerichtet, um daselbst mit den Doctoren der neuen Kirche zu disputircn. Sie hatten nie Theologie studirt, wie auch das Ncligionsgcspräch in Lausanne: 1) kuckst, Histoire ctc la Reformation, in 12, t. 6; — 2) De Haller. Histoire öe la Revolution reliAieuse «lans la Luisse occiäentale, in —12, 1839. Farel nicht; sie hatten aber das alte und neue Testament gelesen, von dem sie im Nothfalle die Zahl der Buchstaben hätten angeben können. Eines Tages fiel ihr Auge auf den Vers: „Gehet hin, wer glaubt und getauft ist, wird selig;" und ihre Augen gingen ihnen auf, der heilige Geist hatte sie erleuchtet, sie hatten den Sinn dieses göttlichen Gebotes verstanden und sich wieder taufen lassen. Unsere zwei Wiedertäufer grüßten die Stadt Genf und ihren geheiligten Wahlspruch „post tenebrss I.ux": das war das Licht, welches sie ihren neuen Gastfreunden brachten. Sie begaben sich in schwarzer Kleidung mit der Bibel unter dem Arme zum Stadtrathe, und verlangten mit dem Syndicus zu reden. Der Syndikus kam und stellte folgende Frage an sie: „Was wollt ihr?" „Bruder," sprach Einer von ihnen, „wir wollen mit euern Predigern disputiren und sie bekehren, denn sie lehren den Jrrthum." Der Syndicus gab ihnen zur Antwort: — „Welche Lehre bringt ihr uns; wir sind Kinder Gottes; Gott hat uns erleuchtet, ihr werdet wohl gesehen haben, als ihr in die Stadt eintratet, daß die Stadt alle Abzeichen des Papstthums zernichtet hat?" „Das ist wahr," sprach der Bruder Hermann, „und wir danken Gott dafür, aber der alte Mensch besteht noch in euch; die ursprüngliche Mackel ist noch auf eure Stirne geprägt; ihr müßt sie in einer zweiten Taufe abwaschen: die erste, welche ihr empfangen habt, war unwirksam, denn ihr glaubtet nicht an den für uns Sünder gestorbenen und wiedererstandenen Christus. Wir wollen mit euern Meistern darüber reden." „Zu dieser Stunde sind aber Meister Wilhelm Farel und Meister Johann Calvin in Lausanne," sprach der Syndicus, „ihr Wort verbreitet dort die Früchte des Lebens; bei ihrer Rückkehr sollt ihr mit ihnen disputiren." „Wir wollen warten," sprachen die Wiedertäufer, welche sich durch Gebete vorbereiteten, um den Kampf mit den Genfer Doctoren zu bestehen. „Damals fing die Stadt an, vom Wiedertäuferthume angesteckt zu werden," sagt Michael Roset; „selbst einige Rathsmitglicder zeigten sich der Lehre Münzers und der Irrlehre des Anus geneigt." 0 1) „Man darf sich nicht verwundern," sagt Jakob Andreas, Prädicant und Kanzler an der Universität Tübingen, „wenn viele Calvinistcn in Polen, Siebenbürgen und Ungarn Arianer und Muhamedaner geworden sind, indem sie den Weg gingen, den ihnen die Lehre ihres Meisters Calvin gezeigt hatte." Hist, eie Loenu ^uß. toi. 455. ki. äo k. Als das Religionsgespräch in Lausanne zu Ende war, kamen Farel und Calvin nach Genf zurück und fanden die Stadt seit der Ankunft der neuen Apostel gänzlich in Aufregung versetzt. Der Rath hatte sich versammelt und die beiten Prediger ausgcfordcrt, daß sic an den Vorschlägen Hermanns und Benedicts Theil nehmen sollten. Der Rath verlangte ein Gutachten von den Doctorcn. Farel erklärte: „Wir werden disputiren." Man setzte einen Tag fest. Das Kloster am Ufer wurde zum Kampfplätze ausgewähit. Der Streit währte beinahe eine ganze Woche. Was wurde da verhandelt? Wir wissen cs nicht, denn der Protestantismus hat die Acten der Disputation nicht aufgesetzt, wie von dem Gespräche in Lausanne; wir wissen nur, daß der Rath an Farel und Calvin den Befehl ergehen ließ, daß sie künftig allen diesen „Streitigkeiten, die den Glauben mehr erschüttern, als befestigen," ihre Zustimmung versagen sollten. Dieß war nicht die Lehre, welche Farel in Lausanne aufgestellt hatte. Die Prediger mußten sich unterwerfen. Nun wurden Hermann und Benedict vor den Magistrat berufen, der ihnen den Befehl ertheilte, daß sie sich zum Widerruf entschließen sollten, wenn sie länger in Gens bleiben wollten. „Zeiget uns, worin wir uns geirrt haben!" sprach Hermann zu dem Syndicus. „Wir sind aus fernen Gegenden gekommen, um dieser Stadt das Licht zu bringen. Man hat uns gesagt, daß ihr uns anhören wollet, daß ihr uns behandeln wollet, wie die Katholiken euch behandelt haben, die euch in Lausanne, Mvudon, Gruybre und Bern reden ließen." „Habt ihr denn nicht mit Calvin und Farel disputirt?" erwiederte der Syndicus. „Ja, Bruder, und wir haben ihnen bewiesen, daß sie Lehren der Lüge verbreiten. Wenn wir das Evangelium anführten, beriefen sich Herr Wilhelm und Meister Johann auf die Kirche. Sie machten es wie Oekolampadius, der uns vor dem versammelten Senate den heiligen Cyprian in seinem Briefe an Fivus anführte; den Origines in dem Briefe an die Römer; den heiligen Augustinus in seiner Schrift gegen Donatus von der Taufe. Wir erkennen aber keine andere Autorität, als jene der Schrift: sie ist unser Felsen, unsere Burg, von welcher wir dem Satan und seinen Söhnen Trotz bieten. Ihr wißt doch, daß Luther erklärte, in der Schrift sei keine Stelle, durch die wir des Jrrthums überführt werden könnten. Höret also, so lange t) Spen. B. k. S. 275. 2) liastius, Iil>. I, k. 134. 3) I.utk. 8ermo contra anabapt. es noch Zeit ist, die Stimme Gottes, welche durch unfern Mund spricht. Sie wollten eine neue Unterredung veranstalten, als der Syndikus aus einer kleinen Schublade eine mit dem Stadtsiegcl versiegelte Schrift hervorzog, welche wahrscheinlich von Farel und Calvin verfaßt wurde, und den Befehl der ewigen Verbannung für die Wiedertäufer enthielt, mit der Androhung der Todesstrafe, welche sic treffen sollte, wenn sie es wagen würden, das Gebiet der Republik wieder zu betreten. Die Wiedertäufer unterwarfen sich der Gewalt und verließen Genf, wo schon eine große Zahl der Einwohner ihre Lehre angenommen hatte. Als sie bei dem Stadthause vorübergingen, erhob Einer von ihnen seine Blicke und las auf der Vorderseite des Gebäudes die lateinische Inschrift: „Im Jahre 1535 rde in der Stadt Genf die heilige und geweihte christliche Religion, oder die Gemeinschaft der Heiligen in besserer Ordnung hergestellt, als sie es zuvor war; die genannte Stadt erhielt die Gewissensfreiheit, die sie gegenwärtig genießt, und die Feinde wurden durch ein außerordentliches Wunder Gottes verjagt; zur Erkenntlichkeit der Nachwelt für eine so große Wohlthat, wurde diese Inschrift von dem Senate und Volke Genfs an diesem Stadthause angebracht." Calvin und Farel, welche gekommen waren, um die freie Forschung geltend zu machen, erstickten dieselbe auf eine solche Weise bei dem ersten Kundgeben einer zwiespältigen Ansicht. Das Volk ahmte die Unverträglichkeit seiner Priester nicht nach; es beleidigte die Wiedertäufer nicht, als es dieselben fortziehen sah. Einige versammelte Eidgenossen lachten, nach ihrer Gewohnheit, in einer Schenke bei vollen Kannen Straßburger Bieres, laut über den Rath, den sie in ein Concilium umgestalteten, und über die Feigheit ihrer beiden Päpste Farel und Calvin, welche ausgetreten waren, um den Buchstaben neu zu beleben, denselben aber nun nach dem Kampfe von Lausanne gefangen nahmen. Ihre Gespräche wurden dem Calvin durch einige Kaufleute der Stadt hinterbracht, deren Handel im Kampfe um die Unabhängigkeit Genfs gelitten hatte, und die ihre Angelegenheiten um jeden Preis, selbst auf Kosten des Princips, welches die Reformation verkündet hatte, hergestellt wissen wollten: diese Kauflcute gaben den Eidgenossen den Namen „Libertiner." — Calvin nahm in seinem Briefwechsel mit seinen Freunden difte beleidigende Bezeichnung auf. Wer von diesem Tage an in einer Schenke saß, und über einen Punkt der Dogmatik Calvins und Fa- rels zu reden, oder über diese Doctoren, ihre Kleidung, ihre Beredsamkeit oder ihre Mimik auf der Kanzel sich lustig zu machen wagte, wurde als Libertiner behandelt. Diese Unbild mußte sich schnell verbreiten, und es wurde Jeder mit ihr gcbrandmarkt, der mit Würfeln spielte, sein Licht nicht löschte, wenn die Feuerglocke geläutet wurde, zur Zeit des Gottesdienstes trank, am Sonntage tanzte, die Acten der heiligen Synode tadelte, oder in seiner Wohnung ein Heiligenbild aufbewahrte. Die Reformation von Genf wollte der Reformation Wittenbergs gleichen: waren sie ja doch auch von einem und demselben Hauche belebt worden! Der Rath würde wohl in Verlegenheit gekommen sein, wenn er hätte sein Glaubensbekenntnis; ablegen müssen. Er nährte in seinem Schooße Katholiken, Wiedertäufer, Lutheraner und insbesondere Indifferentsten, welche sich an kein Bckenntniß hielten und gleich bereit waren, jenes von Augsburg anzunehmen, welches Melanchthon verfaßt hatte, oder jenes von Zürch, das eine Eingebung Zwingli's war, oder jenes der helvetischen Kirche, welches als ein Ausfluß des heiligen Geistes galt; lauter Glaubenslehren, die in mehreren Hauptpunkten unter sich uneinig waren. — Calvin hatte die Wichtigkeit der Einheit im Glauben und die Nothwendigkeit einer gemeinsamen Symbolik für alle Diejenigen, welche den Katholicismus verstießen, eingcsehen. Er verfertigte daher mit Beihilfe Farel's ein Formular, welches der Kirche von Genf vorgelegt werden sollte und im Jahre 1536 erschien, unter dem Titel: „Das Glaubensbekenntnis;, welches alle Bewohner Genfs, und die ihm unterthan sind, zu halten und zu bewahren schwören sollen." Dieses Glaubensbekenntniß hatte das große Verdienst der Kürze, es bestand nur aus einundzwanzig Artikeln, welche man in wenigen Stunden auswendig lernen konnte. Der achtzehnte Artikel gab die Merkmale an, an welchen man die Kirche Christi erkennen sollte: „Wir glauben, es sei das rechte Merkmal, an dem wir die Kirche Christi erkennen, wenn sein Evangelium rein und treu bewahrt und dargestellt wird. 1) Das crstc BekcnntnißderSchwciz ist jenes vomJahre 1530, das zweite VomJahre 1532, das dritte von 1536, das vierte wurde auf eine gemeinsame Zustimmung der Schweizer und Genfer beschlossen, das fünfte, welches Bullinger im Jahre 1566 verfaßte, wurde durch die protestantischen Kirchen der Schweiz, Frankreichs, Englands, Schottlands, Ungarns und Polens gutgeheißen. Man gibt als Motiv zu diesem Bekenntnisse an „die Nothwendigkeit, die Lehre und Einrichtung unserer Kirchen auf einige Blattseitcn zusammenzufaffen: „Itrnvi kae exsiositiono conamur oom- plecti .... ckoctrinsm oeconomiumliu«; ecclesiaruin iwstrurum." _ Die Bekenntnisse von 1332 und 1536 umfassen fünf gedruckte Blattseiten, das von 1554, fünf bis sechs, das von Bullinger 1566 wenigstens sechzig. In der Ucbersetzung, welche Bern davon herausgab, wurde die Vorrede BullingerS listiger Weise weggelaffen. Do I» roligiou cku coeur, pur. N. I' »I>1>e cke Lsuckr^, p. 30. öeo. 177 Wenn Herr Chenevibre ein Christ ist, muß er das Formular zerreißen und auf dem Stadtthore den alten Wahlspruch wieder Herstellen: „post tenekrss sperr» lueem;" denn Calvin fand das Licht nicht, er ließ Genf in seiner alten Finsternis;, mit seinem Christus, dem Sohne des lebendigen Gottes, „orientalischen Redensarten, wie man sie im Homer antrifft." Das Formular Calvin's war ein Angriff auf die Gewissensfreiheit und erweckte im Anfänge bittere Klagen. Genf war damals in verschiedene religiöse Parteien getheilt. Ein Theil des Volkes, derjenige, dessen leidenschaftlicher Kampf die Schwester de Jussie auf eine bewunderungswürdige Weise erzählte, war noch mit Herz und Seele katholisch. Man hatte ihm seine Symbole, Tempel und Altäre genommen; aber es bewahrte in der Tiefe seines Herzens den alten Glauben, der ihm noch theurer geworden war, seitdem er so viel Blut und Thränen gekostet hatte. Im Rache und unter dem Adel zählte das Wiedertäuferthum einige Schüler, welche die rohe Verbannung Hermanns und Benedicts gegen die Unverträglichkeit Calvins aufgebracht hatte. Die Eidgenossen, welche die Befreiung ihres Landes so theuer erkauft hatten, konnten nicht begreifen, wie eine Stadt, welche ihre Bischöfe und Herzoge verjagt hatte, Fremdlinge berufen konnte, um ihren Kultus und ihren Glauben zu bessern. Die Katholiken hielten sich, wie zur Zeit der Verfolgungen im Anfänge der Kirche, in ihren Wohnungen verborgen, um in Andacht ihre Gebetbücher zu lesen, die man ihnen nicht hatte entreißen können, und Gott um Erleuchtung der Herzen ihrer Obrigkeit zu bitten. Die Wiedertäufer wagten es nicht, ihren Glauben zu bekennen, und um sich doch als Reformirte zu zeigen, zogen sie gegen das Papstthum los. Die Eidgenossen allein hatten Muth: jung zum Theil, unterließen sie bei ihrem Abendessen im Wirthshause nicht, die Feigheit der Mitglieder des Raths und die dogmatische Unduldsamkeit ihrer und der fremden Prädicanten zu rügen. Calvin sah sich gen'öthigt, diesen Saamen des Aufruhres zu ersticken. Um seinen Eifer zu beweisen, verfolgte er die Katholiken und ließ einige unschädliche Bilder, die einzigen Ueberbleibsel eines fünfzehnhundertjährigen Gottesdienstes, sogar an verborgenen Orten der Häuser aufsuchen. l) Herr Cheneviere, einer der gelehrtesten Männer Genfs, hat vor einigen Jahren eine Schrift gegen die Gottheit Jesu Christi heranSgcgebcn. welche eines der Häupter des Methodisten auf eine glänzende Weise widerlegt hat. Herr Cheneviere lst der Verfasser verschiedener Werke: „Lsssis tkeologigues."— „6«u- ses qui retsräent le Ikeolossis" Sce., in welchen das Dogma von der Dreieinigkeit mit klaren Worten geläugnet ist. Audin: Leben Calvin's l. Bd. 12 178 „Schon an dielen Orten hat man die Götzenbilder und Altäre um- gcstoßen," schrieb er an seinen Freund Daniel, „und bald, hoffe ich, wird der Rest gereinigt werden. Der Herr gebe, daß der Götzendienst aus allen Herzen verbannt werde. — Wenn aber jene saulen Bäuche, die bei Euch in dem Schatten lustig schwätzen, so viel guten Muth, als gute Worte hätten, so würden sie zu uns eilen, um die Arbeit zu thcilen. Unglaublich klein ist die Anzahl der Prediger im Vergleich der Kirchen, die ihrer bedürfen. — Wenn doch nur unter euch einige Muthigc wären, die, die Noth der Kirche sehend, uns zu Hilfe kämen." Nachdem Ealvin gesehen hatte, daß die Bilder überwunden seien, verfolgte er die Bücher. Man nahm den Katholiken die Gebetbücher, mit denen sie ihre Verfolger täuschten und dem heiligen Meßopfer beiwohnen, dem Priester auf dem Altäre folgen, ihre Gebete mit dem sinnigen vereinigen konnten; auch die gereimten Gesänge nahm man ihnen, welche sie am Abende sangen, wenn sie sich zur Ruhe niedcrlegten und die auf einzelne Blätter gedruckten Gebete, um welche die Jungfrau Maria mit heiligen Sinnbildern ausgeschnitten war. Statt alles Trostes und aller- geistigen Nahrung blieb ihnen das kleine Kinderbuch, das unter dem Namen Katechismus bekannt war, ein schlichter Auszug, in der Volkssprache geschrieben, der den Glauben enthielt, welchen die Kirche von dem heiligen Petrus bis auf Paul 111. bewahrte; auch diesen entriß man ihren Händen; Calvin versuchte ihn in die lateinische Sprache zu übersetzen und zu entstellen, um seine Lehre in denselben bringen zu können. Es ist dieß eine Ehre, welche die Bewunderer Farels für den Pastor von Neuschatcl in Anspruch nehmen; die Schüler Calvins wollen, daß sie theilweise auch ihrem Meister mit Meister Wilhelm zukomme; Ealvin will aber Niemanden diesen Ruhm mit sich thcilen lassen, 2 ) er nimmt ihn allein für sich in Anspruch. Dieser Kathechismus erschien zu Basel im Jahre 1538. Man findet ihn gewöhnlich neben dem Bekenntnisse Farels abgedruckt, „sxsech.ta o enteelüsmodie literarische Form ist ganz verän- 1) Oct. Älss. 1'ig. Paul Henry 1. 177. L) In den Briefen, welche Calvin an die Kirchen Von Friesland im Jahre 1515 schrieb, heißt es: „(Nim nute annos ne-,New eckita » me esset drevis reli- ^ionis summ» suli euteellismi nomine. 3) C.nteclnsmus, sive clnistinnae religionis institutio, communiöus renstne nuper in evsn^eiio (lenevensis oeeiesine sull'rnjrüs receptn, et vul^nri guieiem jii'ius ieliomnte nunc vero Istine etinm, ejuo eie lickei illius svn- ceritate sinssim nlüs etinm ecclesiis constet, in lueem eclits. lonnue llnl- vino nutore. Lasilene in otlieinn liotierti ^Vinter, .-V.nn.1S38 mense mnrtio. ' dert: es ist nicht mehr das Büchlein, welches die katholische Kirche den Kindern in die Hände gab, in welchem die Glaubenslehre mit bewunderungswürdiger Kürze und mit einer Unschuld des Ausdrucks gegeben ist, welcher bei demjenigen, der ihn in sich aufnimmt oder ausspricht, den Glauben des Hauptmanns vvraussetzt; sondern ein hochtrabendes Werk theologischer Gelehrsamkeit, welches für einen hochmüthigen Geist bestimmt und zum Theil aus der „christlichen Unterweisung" gezogen ist. Der protestantische Pastor konnte nicht mehr wie unser Dorfgeistlickwr sagen: Lasset die Kleinen zu mir kommen; denn sie hätten von der Sprache Calvin's nichts verstanden. Die Katholiken gehorchten, sie lieferten ihre Bücher aus, verließen die Stadt, oder schlossen sich an die Reform an, wenn das Interesse lauter sprach, als das Gewissen. Die furchtbarsten Feinde hatte Calvin an den Eidgenossen: er griff sie auf der Kanzel an, beschimpfte ihren Glauben, lästerte ihre Sitten und ihre Gewohnheiten, er stellte sie als Hurer, Trunkenbolde, Lästerer des heiligen Namens Gottes, und als Diebe dar, welche das Evangelium zu Grunde richten wollen. Farel war noch heftiger: er wünschte den Zorn Gottes über sie herab, spielte die Rolle eines begeisterten Sehers und schrieb das Urtheil über die Libertiner an die Mauern der Kirche. Die Eidgenossen lachten über all diesen Lärm; sie glaubten von dem Volke beschützt zu werden für die Dienste, welche sie der Republik geleistet hatten, für ihren Hass gegen das Haus Savoyen, für die Vaterlandsliebe, von der sie so vielfache Proben abgelegt hatten. Als man ihnen die Beleidigungen hinterbrachte, welche Calvin von der Kanzel herab gegen sie ansgesprochen hatte, zogen sie ihre Oberkleider aus und schoben ihre Westen zurück, um die Wunden zu zeigen, die sie im Kampfe für die Freiheit des Volkes empfangen hatten, und sagten: Geht hin zu Herrn Wilhelm und Meister Johann, diesen säubern Herren, sie sollen uns eben so viel Opfer bringen und wir wollen an sie glauben. — Obwohl die Polizeistunde vorüber war, verließen sie doch die Schenke nicht, sondern fuhren fort zu trinken, zu lachen und sich über die Prävicanten lustig zu machen. Calvin hatte ergebene Freunde, welche ihm diese Aeusser- ungen hinterbrachten. Er mußte diesem Treiben dadurch ein Ende machen, daß er das Glaubensbekenntniss vom Rache als ein Staatsgesetz erklären ließ. Der Rath nahm lange Zeit Anstand; er gab aber nach einem lebhaften Streite der Stimme des Prädicanten nach: Calvin solle die Gottheit ins Mittel treten lassen, welche durch die Ausgelassenheit der Libertiner und den Anblick der innern Streitigkeiten einer Republik, 12 * welche die Ehre gehabt hatte, das Licht des Evangeliums zu empfangen, beleidigt worden war. Der Rath nahm das Formular an, welches das Volk im folgenden Jahre am 20. Juli zu halten und treu zu bewahren beschwor. 0 Die theokratischc Regierungsform war in Genf also constituirt; nicht jene katholische Theokratie in rothen Cardinalsge- wändern und der Tiare des Papstes, sondern eine Theokratie des Collegiums, im Hute des Rechtsgelehrten, eine armselige, unduldsame Theokratie. Von nun an wußten die Ueberwundenen, was sie glauben mußten. Damals hatte Genf seine Inquisition wie Venedig; eine Inquisition sehr niedriger Art, gebildet aus abgefallenen Mönchen, verheirateten Geistlichen und meineidigen Fremden, welche unter der dreifachen Eingebung des Hungers, des Neids und der Bosheit sich aus dem Angeben bei Gericht ein Geschäft machten, in die Schenkstuben gingen, wo die Unzufriedenen ihr Asyl hatten, und die aufrührerischen Reden, wenn sie dieselben nicht erdichteten, aufsaßten. Man nannte aufrührerisch den Scherz über das Aussehen der beiden Prediger, die Spässe über ihre Kleider oder ihren Gang, die Spötteleien über die auffallenden Geberden Farels auf der Kanzel, oder die Bildsäulenstellung, welche sich Calvin angewöhnt hatte. Die Eidgenossen waren größtentheils Söhne aus guten Familien, sie griffen insbesondere die äußere Form an, und machten sich auf eine ganz bittere Weise über den ungekämmten Bart des Herrn Wilhelm, und den abgeschabenen Rock des Meisters Johann von Noyon lustig. Die beiden Prediger traten in den Rath der Zweihundert, um die Aordnungen der Stadtpolizei in Vollzug setzen zu lassen, die seit der Reform in die Gesetzgebung des Landes ausgenommen worden waren. Sie verlangten, daß man mit einbrechender Nacht die Wirths- häuser schließe, daß die Schenken während des Gottesdienstes geschlossen bleiben, die Würfel- und Kartenspiele verboten, der ländliche Tanz untersagt werden sollte, und daß man jede Art Lästerung, wie 1) 8eneluer, 29. L) 8en»tni nostro kuimus autores sacrsmenti istins exigenlli._ T,inls iAitnr necessitste schscti s«t senstnm es cle re nostrum spellavimus, et oNIsts oontessionis tormuls impense ro^avimus, ut ne Usre Domino glorism in prolitencls ejus voritste qrsvsretur. .Veqinnu esse nt in sctione tsin ssnets l>o>ni!o suo praeirent, cui se oinnis virtntis'exem- plsr esse o;,örtere novorst. Yuse erst postulsti nostri sequitss, Iscile iinpetrsvimus, ut plells Uecuristim convoests in conkessionem istain jursret. lllijus in prsestsuclo juramento non ininor init alscritss qusm in clieenclo senstus cliligentis. krsek. «6 csteck. auch jeden Schwur und alle unartigen Gespräche mit einer Geldbuße oder dem Gesängniß bestrafe. Fürwahr, wir möchten dieser Strenge der Sitten, mit welcher die Reformation ihre Apostel ehren wollte, mit Freuden beistimmen, wenn Calvin nicht in demselben Augenblicke bei seinen Disputationen mit den Katholiken das Beispiel einer unbezähm- ten Redeweise gegeben batte, von der unsere Sprache nur ein schwaches Bild zu geben vermöchte. Caroli, der Prediger, dem wir bei dem Religionsgespräche in Lausanne begegneten, war nach seiner eigenen Erzählung über die Gefabr erstaunt, von welcher das Evangelium bedroht war. Er machte die Kirchen der Schweiz auf das Gift des Arianismus aufmerksam, welches in den Lehren der „Unterweisung" verborgen war. Calvin war darüber aufgebracht und berief sich auf die Synode von Bern, wo sie Beide erschienen und disputirten. Caroli weigerte sich, Calvin als einen Christen anzuerkennen, weil sein Gegner das sichtbare Zeichen der Dreieinigkeit nicht auf der Stirne trug. Calvin war genöthigt, sein Glaubensbekenntniß an einen Gott Vater, Sohn und heiligen Geist abzulegen, aber nicht in der Weise, wie es im Symbol des Athanasius ausgesprochen ist, „das, wie er sagte, nie von einer wahren Kirche anerkannt worden sei." Caroli drang auf seinen Gegner ein und verlangte von ihm zu hören, welches denn die wahre Kirche sei, die das athanasische Glaubensbekenntniß nicht anerkannt habe; welches die Arche sei, in welcher so viele Jahrhunderte hindurch die Formel Calvins aufbewahrt wurde. Der Einwurf war dringend, und man sagte uns nicht, daß der Finger Calvins dem Caroli eine wahre Gemeinde gezeigt habe, welche das Credo des Athanasius zurückgewiescn hatte. Nach dem Dispute begnügte sich Calvin, welcher den Text ungenau berichtet, zu sagen, „derselbe habe sich wie ein wüthendes Thier gebcrdet."^) Weil Calvin befürchtete, seine Richter, deren Symbolik nicht ganz mit dem Genfer Formular übereinstimmte, möchten sich auf Caroli's Seite neigen, war er genöthigt, die Schweizer - Confession vom Jahre 1536 als eine christliche anzuerkennen, „denn nie werden wir lehren," sagte er, „daß man den für einen Ketzer halten solle, der anderer Gesinnung ist, als wir." Bern, welches an einigen Ceremonien des 1) dkoz IN lilnius lickem jurssso non ^.tksnssü, cujus svmbolum null» ungunm legitim» eeelesi» spproössset. 2) Paul Henry. Ms. Oen. Febr. 1537. Schreiben Calvins an Bullmger. 3) Psntum noleksmus lioc t^rsnnickis exem^Ium in ecclesisin incluci, ut is luieretieus tisberetur, gui von sck slterius praescriptuin loguerelur. Ms. 6en, 30. .4.ug. 1S37. alten Gottesdienstes, den es beibehalten hatte, festhielt, freute sich außerordentlich über die Zustimmung der Genfer Kirche. Die Synode war zahlreich besucht. Man zahlte hundert Prediger aus Bern, zwanzig aus Ncufchatel und drei aus Genf, beinahe Alle waren abtrünnige Priester, Mönche, die ihr Ordenskleid abgelegt, oder Geistliche, die sich mit irgend einer blutschänderischen Nonne vermählt hatten: ein Priesterthum, das man in Schenken, auf öffentlichen Plätzen oder in den Tormitorien der Klöster ausgehoben hatte. Mit Ausnahme der Genfer Prediger waren kaum zwei oder drei Väter auf das Concilium berufen, welche die lateinische Sprache verstanden. Eine solche Versammlung war leicht zu überführen. Sie fühlte sich von Freude hingerissen, als Calvin bei der Abstimmung sein Glaubensbekenntniß ablegte und ausrief, Carvli habe nicht mehr Glauben, als ein Hund oder ein Ferkel. Caroli lächelte, zuckte die Achseln und sprach leise zu seinem Nachbar: Glücklicherweise sagt Luther, der Hunde und Schweine sei das Himmelreich. 2) Caroli wurde verworfen und genöthigt, die Schweiz zu verlassen; aber der Anblick dieses Gelages von improvisirten Priestern, die ihr Ohr der Berathung von Gegenständen liehen, welche ohne besondere Erleuchtung des Geistes Gottes Niemand verstehen konnte; ihr Gelächter beim Anhören von Unbilden, die von den Lippen Calvins kamen; ihre stolze Verachtung der erhabenen Lichter des Christenthums; ihre wankelmüthige Lehre, die heute eine ganz andere war als in Lausanne: hatten ihn bis ins Innerste betrübt. Er war als ein Reformirter nach Bern gekommen und verließ es als Katholik. Da vergaß die Reformation, daß Caroli einen Theil der Last der Unterredung in Lausanne getragen hatte, daß sie der Gelehrsamkeit des Doctors, seiner lichtvollen Rede, seiner Erfahrung in den heiligen Wissenschaften ihren Beifall gezollt hatte; und die Welt vernahm durch den Mund seiner ehemaligen Lchrgenossen, daß Caroli ein Mann der Finsternisse, von arger Unwissenheit, ein meineidiger Priester sei; und Calvin sang eine förmliche Hymne, zu der ihn der Abfall Caroli's begeisterte: „Dieser Sykophant ist durch einen Senatsbeschluß verbannt worden, wir aber sind gänzlich freigesprochen, nicht von der Anschuldigung allein, sondern auch von jedem Verdacht. Obgleich er aber nun mit 1) Kirchhofer. Bd. 1. S. 226. 2) „Da D. Martin Luther gefragt wird, ob auch in jenem Leben nnd Himmelreich würden Hnnde nnd andere Thiere seyn? — antwortet er und sprach: ja freilich." Jh. Anrisaber in Luthers Tisch-Reden, kol. üiig — üfist. s. y. 183 dem Namen eines Athanasius prahlt, als litte er für die Verteidigung des Glaubens: so meine ich dock, es werde keine Gefahr vorhanden sein, daß die Welt einen Athanasius in diesem Kirchenräubcr, Hurcr, Mörder, und von dem Blute vieler Heiligen Triefenden erkennen sollte. Wenn icb diesen Menschen als einen solchen bezeichne, sage ich nichts, was ich nicht durch Liltigc Zeugen zu beweisen bereit wäre." Sollte man nicht glauben, diese Zeilen seien den Briefen Lucher's, die er an den Erzbischof von Mainz schrieb, entwendet? Nur ein einziges Wörtchen vergaß Calvin, welches damals Alles umfaßte, was der Haß Verletzendes eingeben konnte, das Wörtchen: Papist. Wenn die lateinische oder deutsche Sprache nach allen Erpressungen, Foltern und Qualen ohnmächtig wurde, hauchte sie noch das Wort Papist aus, welches der Schreiber voll Freude aussaßte, um es einem Katholiken ins Angesicht zu werfen, und der Streit war beendigt. Der Schatten Caroli'S mag aber getröstet ruhen. Am Bette des kranken Farel's duldet Calvin brennende Schmerzen, über den Anblick all des Blutes, welches vergossen wurde, um die Herrschaft des Evangeliums zu begründen, welches er nach der Schweiz gebracht hat: des Blutes, nicht nur der Bauern, wie in Franken, sondern auch frommer Seelen, heiliger Männer." Er beabsichtete die Verherrlichung seines Dogma's von der Eucharistie, und hatte die zwistigen Kirchen Deutschlands und die große Gestalt Luthers, ihres Apostels im Auge, als er die traurigen Weissagungen an seinen Freund Bucer schrieb. Er sah wohl ein, um seiner Symbolik den Sieg zu verschaffen, habe er cs nicht nur mit der deutschen Bevölkerung zu thun, welche der Stimme des Mönchs von Wittenberg folgte, sondern auch mit dem sächsischen Prediger selbst, welcher ihn beim ersten Anschein eines Widerstandes , zermalmen würde, wie alle Schriftsteller, welche sich ihm wiver- sctzt hatten. Schon vom Anfänge seines Apostolates an, suchte er seinen Gegner in der Meinung seiner Freunde zu verderben und griff den Charakter des großen Martinus an. Die Reformation im Streite 1) 8ve.opiu»nM die senatus eonsulta in exilinin actus ost, nos glano absolut!, non ,i ciümino inndo sed :>!> omni guogue susgieiune. Ouan- guam vern s« ,(tkanasü titulu nunc vondidet g»i gornas tust de- tensue lidei: nulluni tarnen 1'ueo gerieulum videtnr nt urbis >>ro ^dba- nasio, sacrilechuin, seortatorem, bumieidam saneturum multorum san- anino madentein nzrnusr.it. ftlualem dum istnin graedicumus, nibit dicimus gunm gund solid!» trstimunüs revincore sumus garati. Lgist. (lrvnaeo. 2) Oid masori Medio eunlicitnr guam in geetus illud krereum cadere gösse arbitrabar. llal. Vieetu. i>lss. (len. 1337. 184 mit der Reformation, ist ein seltsames Schauspiel, welches sich den Augen der Katholiken darbietet. Unsere Mönche, Tetzcl und Hochstraten zum Beispiel, drückten sich in weniger verletzenden Redensarten aus, wenn sie von Luther sprachen: es ist gewiß, daß sie ihn von Angesicht zu Angesicht angriffen, und daß sie sich nicht versteckten, wie Calvin in einem heimlichen Briefe an Bucer. „Wenn Luther uns mit unserer Bekenntnißschrift als Brüder umarmen will, wird mir nichts größere Freude machen. Doch ist dieser Eine nicht allein in der Kirche zu berücksichtigen..... Was ich von Luther denken soll, weiß ich nicht, da ich doch von seiner Frömmigkeit die beste Meinung habe. Ich wünsche nur, daß man sich täusche, wenn man ihn, wie man gethan hat, (und es sind die Zeugnisse seiner Freunde) als einen thörichten Starrkopf darstellt; sein Benehmen ist ganz geeignet, diese Vermuthungen zu rechtfertigen. Man berichtet mir, er solle alle Kirchen Wittenbergs gezwungen haben, daß sie seine lügenhafte Lehre anerkennen mußten; welch eine Eitelkeit ist dieß! Wenn er von so großer Ehrbegierde geplagt ist, müssen wir aller Hoffnung entsagen, den Frieden in der Wahrheit des Herrn zu erlangen. Nichts wird heilig seyn, so lange diese Wuth des Streites uns bewegt. Das Vergangene muß Alles vergessen werden. Er sündigt nicht nur durch Großthun und böse Schimpfworte, sondern auch durch Unwissenheit und die gröbste Verblendung. *) Was hat er uns nur von Anfang für Absurditäten an den Hals geworfen, als er sagte: das Brod sei der Leib selbst. Wenn er auch jetzt noch meint, der Leib Christi sei in dem Brode eingeschloffen, so achte ich, er irre aufs Schnödeste. Wenn man uns Schweizern so absurde Lehren einprägen will, was soll aus dem guten Wege werden, den man der Eintracht bahnt! Wenn du etwas über Martin vermagst, durch Gunst oder Ansehen, so mach, daß er Christo, nicht sich selber Diejenigen unterwerfe, mit denen er diesen höchst unglücklichen Kampf gekämpft hat; Martin soll selbst der Wahrheit die Hand reichen, der er offenbar geschadet hat. Wie könnte doch aus mein Haupt all dieß schmähliche Unglück zurückfallen, der ich doch in meinem Gewissen überzeugt bin, daß ich nie also von Gott verlassen gewesen, seitdem ich sein Wort verstehen lernte, daß ich je den rechten Gebrauch der Sacramente und die Bedeutung der Genießung des Leibes Christi mißverstanden hätte." 1) Xeque enim tsstu mocko et maleckicentia ckeliguit, seck isnorstia nuo- que et crs5sissiins ksltutinstione. Lalvinus, Lucero, Uss. 4rek. Lern. Lccle8., 12. jsn. 1438. 185 Es war eine traurige Rolle, welche Bucer hier spielte, indem er cs übernahm, Luther mit Calvin auszusöhncn! Er glaubte Calvin für sich einnehmen zu können, wenn er ihm durch süße Reden schmeichle. Der Genfer sang ihm ein Loblieb um das andere vor und schrieb ihm: „ermahne, strafe, thue Alles, was dem Vater gegen den Sohn zusteht:" bedenket aber wohl, daß er damals aus der Verbannung zurückkam, und alle dieser Freundschaften nöthig hatte. Später ändert sich diese Redeweise, er schreibt über Bucer an Peter Martyr: „Um die Wildheit Luther's und Seinesgleichen zu besänftigen, vergab er sich auf eine so knechtische Weise, daß er bei einzelnen Reden ganz verwirrt stecken blieb." Erinnert ihr euch noch an Luther, wie er vor der Reichsversammlung in Worms stand? Da hatte er Kronen aller Art vor sich. Luther beugte indessen weder seinen Blick noch seine Stimme: er sieht seinen Richtern fest in's Auge, spricht mit ihnen, wie mit Seinesgleichen und sagt: Wenn meine Lehre von Gott ist, wird sie leben, wenn sie aber nicht von Gott ist, wird sie vergehen. — Damals nannten dieß die Katholiken einen übermüthigen Ncdcschwulst; die Protestanten hielten es für Scelengrvße. Hier ist ein Richter, der uns verständigen soll, ein Schriftsteller, welcher Luther genau betrachtete und studirte, und nur Unwissenheit und Verblendung an ihm finden konnte. Wenn Veh in Augsburg zu Luther gesagt hätte: Was lehrst denn du und Deinesgleichen? Du bist im Jrrthume über den Sinn der heiligen Schrift; dein Redeschwulst kann uns nichts weiß machen; dich hat dein Gehirn zum Besten: — Da würde die Reformation laut aufgeschrieen und ihn mit Recht der Verläumdung beschulvigt haben; was wird sie aber von Calvin sagen? Er hat nicht in der Hitze des Gesprächs jene Derbheiten fallen lassen; er hat sie mit kalter Ueberlegung in seinem Studirzimmer, im Stillen der Einsamkeit und unter Leiden ausgesprochen. Versteht ihr nun den Ausspruch, den Zachäus Faber gethan hat? — „Der Calvinisten Gott ist nicht der wahre." Faber vertheidigte die Ehre Luthers. Faber ist es, welcher vor dem Schlafengehen das Gebet des Aegidius Hunnius sprach: Herr Jets ^clmoneas, castiges, omni-t taeias, guao pntri licent in lilium. tivneve, 15. octobr. 1541, Lg. Uns. 8crinii. Lccl. Urgent. 2) Ille Lutberi et 8imilium keroeism äernulcens sckeo serviliter se cki- misit, ut in singulis vervis psrplexus ksereret. Nss. 1-, 3) In seinem kurzen Beweis, S, 13. Leipzig, 1620, 186 sus, zermalme bald unter unfern Füßen den Teufel und befreie deine Kirche gnädig von dem calvinistischen Gifte. XVI. Kapitel. Despotismus. Verbannung. LSS?—LSL8. Durck das Formular wurdcn in Genf Unruhen veranlaßt. — Die Kirckc im Staate. — Balard wird von Calvin dcnuncirt. — Verschiedene Züge des religiösen Despotismus. — Charakteristisches Aussehen der Stadt. — Zunehmende Gereiztheit der Eidgenossen. — Angeber. — Corault. — Der Rath gibt Calvin und Farcl den Befehl, den Gläubigen das Abendmahl zu reichen. — Hartnäckige Weigerung der Prädicanten.— Das Volk versammelt sich und spricht ihre Verbannung aus.— Farel hatte geglaubt, Calvin werde das Wort Zwingli's oder Luther's fortsetzen. Cr täuschte sieb. Calvin wollte das Haupt einer Secte sein, und seinen Namen einem Bekenntnisse vorsetzen, das er in seiner Idee beschlossen hatte. Er wollte sich die Ehre erwerben, in Genf eine Kirckie zu errichten, wie Luther in Wittenberg eine errichtet hatte; in seiner Kirche sollte aber der geläuterte Nationalismus die Stelle des Gefühls vertreten, welches nach seiner Ansicht in der sächsischen Lehre einen allzu großen Platz erhalten habe. Er hatte Genf unversehens eingenommen. Als er ankam, war die Stadt im Begriffe, ein Symbol zu suchen: zwischen Zwingli und Luther schwebte ihre Wahl. Farel hatte keine eigene Lehre; er hielt nur den Papst für den Antichrist und war bereit, einen Jeden als seinen Jünger anzuerkenncn, wer immer diese Menschenverwandlung anerkennen würde, möge er nun ein Lutheraner, Buceraner oder Zwinglianer gewesen sein. Wenn ihr zu der Stunde, in welcher Calvin nach Genf kam, einen Bürger, 1) Dominus Icsns sutliunum snl» Dockes nostrus conterut cito, ct a Ine culvinistiea clcmcntcv lilicret ccclesium snum. Kmen. — Ilunnius in slslvino jmluissntc, z>. 181)-1U3. welcher die Predigt des Meisters Wilhelm hörte, um seinen Glauben gefragt hättet, würde er in große Dcrlegcnbeit versetzt gewesen sein, euch eine Antwort zu geben. Er mag ein Franciscanermönch gewesen sein, der in den Armen eines Freudenmädchens bekehrt wurde; ein Mitglied des Rathes der Zweihundert, welches vom Wiedertäuferthume angesteckt wurde; ein Trödler, der die Eiboricn aus den Kirchen entwendet hatte; ein aus Lyon wegen betrügerischem Banquerot verjagter Flüchtling; ein abtrünniger Priester, welcher in der Absicht, für seinen Treubruch Begnadigung zu erlangen, den Kanonikus Hugonin angcklagt hatte, er habe Farel und Biret vergiftet; ein ehemaliger Staatssekretär, Claudius Nosct, welcher die Beute, die man von den Katholiken gemacht hatte, um einen Spottpreis kaufte; 2 ) oder ein Payist, welcher sich für einen kühnen Mann hielt, weil er früber sein Gewand in das Blut Werli's getaucht hatte und ein Heiligenbild in seinem Schranke bewahrte. Von ihrem bösen Geiste getrieben, hörten sie Alle den Prediger an, ohne zu wissen, welchem der drei Reformatoren eines Tages ihre Seele gehören werde, und waren bereit, dieselbe hinzugeben, wem man wollte, für ein wenig Ruhe oder Gold: Leute ohne Glauben, bei denen man sich darauf verlassen durfte, daß man sie leicht für sich erwerben konnte, wenn man mit dem Schwerte oder der Rede umzugehen wußte. Wenn das Schwert des Herzogs von Savoyen stärker gewesen wäre, würden sie als Katholiken gestorben sein. Calvin hatte ihnen ein Evangelium vorgelegt, welches sie zu halten geschworen hatten, aber nicht bis zum Tode. Sein Formular, welches im Geiste der Zeit'abgefaßt war, setzte eine dogmatische Autorität ein, die außer der Offenbarung lag. Es war ein zweifaches Acrgerniß: gegen die Logik, indem dasselbe an die Stelle des geschriebenen Wortes ein Menschcnwort setzte, welches durch seine Jncarnation in Calvin mit Unfehlbarkeit begabt war, und ein Aergerniß gegen die bürgerliche Gesellschaft, die er umstürzte, indem er sie des kostbaren Gutes beraubte, der Gewissensfreiheit, welche sie sich für ihr Blut erkauft hatte. Dieses Formular war der Stein, auf welchen Calvin seine Kirche baute. Und diese Kirche wurde eine Schule und ein Gerichtshof —eine Schule, in welcher bei Strafe der Verdammung jeder Schüler die Stimme seines Lehrers, trotz der lauten Stimme seines Gewissens, hören mußte; — ein Gerichtshof, in wel- 1) OrOilke, Polices ^önouloj-iquos, 1, k., 180. 2) Ick., t. I., p. 347. 188 chem die Angeklagten vor einem Anwälte stehen mußten, der sie auf einen Text hin verurtheilte, durch den es verboten war, die Legitimität zu besprechen, und dessen er sich bediente, seine Sendung zu rechtfertigen, sein Predigtamt zu heiligen, und sein Amt als Richter wie seine Stellung als Pastor zu begründen. Daß Luther den Carlstadt verfluchte, ihn verjagte, mit dem Kainszeichen brandmarkte und ihn unter dem Vorwände, er habe sich der Ketzerei schuldig gemacht, nothigte, sein Brod zu betteln; — daß er all die armen Seelen der Bauern, die er aufgewiegelt hatte, und die sich auf den Ruf seiner Lästerung erhoben, dem Teufel übergab; — daß er das Andenken Zwingli's, welcher bei Kappel für einen Geist, dessen Farbe er nicht kannte, starb, verfluchte: das ist begreiflich. Wir sind bereit, den Mann zu entschuldigen, welcher sagte, er sei vom heiligen Geiste erleuchtet, und sich als einen Apostel der Wahrheit aufstellte. Höchstens könnten wir ihm, wie Calvin, seine arge Verblendung vorwerfen. Um diese Zeit hat der sächsische Mönch noch kein Bekenntniß aufgesetzt, er rückt vor und schlägt um sich in seiner selbstsüchtigen Logik, mit der Bibel in der Hand; aber in Augsburg hat Luther nicht mehr das Recht auszurufen: wir halten die Zwinglianer und alle Sacramen- tirer, welche läugnen, daß der Leib und das Btut Jesu Christi in der ehrwürdigen Eucharistie von dem leiblichen Munde empfangen werden, für Ketzer und Abtrünnige von der Kirche Gottes. Seitdem sein Bekenntnis; veröffentlicht wurde, ist eine Menschenlehre in ihm in eine Dogmatik verwandelt worden; eine eigene Offenbarung wurde an die Stelle der Offenbarung des Sohnes Gottes gesetzt, ein Bekenntniß soll die Stelle des Evangeliums vertreten; er ist mit einem Worte ein protestantischer Tezel, der in einen Kirchenvater verwandelt wurde: die Gewalt, die Verfolgung und die Unduldsamkeit wurden von der Höhe Tabor's verkündet. In Sachsen weckte das Augsburger Glaubens- bckenntniß die Ketzerei. Das Nämliche mußte in der Schweiz auch geschehen. 1) Ueber diese Veröffentlichung der Glaubensbekenntnisse entstanden Religionsstreitigkeiten, von denen einige mit sehr überwiegender Geltendmachung der Vernunft behandelt wurden, in einer These, welche Ernst Naville, in Genf im Jahre 1839 veröffentlichte. Man vergleiche: „I.a re-Iigiou du coeur, psr U. I'atibL Itsudr^, I.ausnline 1839. 2) „Das Glaubensbckenntniß stellte den Papst wieder her," sagt Druey. — lschmptc reudu p. 112, su cautou de Vaud, 1839.) Das damalige Genf bietet dem Auge des Geschichtschreibers einen traurigen Anblick dar: die Kirche sucht sich im Staate zu verlieren. Der Staat ist keine Dualität mehr, sondern eine Einheit, in welcher die Gewalt das Amt des Apostels übt und das herrlichste Werk Gottes so behandelt, wie Katharina von Bora Luthers Hauswesen, wenn sie sich um die kleinsten Nebendinge in der Kirche annimmt. Hier ist es der Staat, welcher sich um die Lehre, die Disciplin und das Predigtamt der evangelischen Herde annimmt. Er schreibt auf die Mauern seiner Tempel: Heute werden zwei Reden gehalten, die erste nach dem Gottesdienste, die zweite um vier Uhr: man ist bei einer Strafe von so vielen Gulden verpflichtet gegenwärtig zu sein: möge man es sich gesagt sein lassen. Er sprach zu den Pastoren, welche Civilbeamte waren: „Wachet sorgfältig für die Bewahrung der reinen Lehre. — Euere dogmatischen Schriften sollen der Censur des Rathes unterworfen sein, das heißt einigen adelichen Apothekern, adelichen Kürschnern, und adelichen Uhrmachern Genfs. An die Thüren der Wirthshäuser schlug er an: Wer immer den Namen des Herrn lästert, Gott zum Zeugen anruft und sein heiliges Wort entweiht, wird ergriffen, vor den Magistrat geführt, mit einem Verweise bestraft und verurtheilt. Jedem Bürger ist verboten, in seinem Hause ein papistisches Bild aufzubewahren, dagegen Handelnde werden zum Erftenmale mit einer Geldbuße, im wiederholten Falle mit Gefängniß oder Verbannung bestraft. Unter den Mitgliedern des Raths, des hinkenden heiligen Stuhls, war nun ein Mann von großer Rechtschaffenheit. Er wurde im Jahre 1529 erwählt, um unter den sechs ersten obrigkeitlichen Personen Platz zu nehmen, welche bestimmt waren, den Gerichtshof des Vicedom zu ersetzen. Im Jahre 1530 war er Syndicus geworden. Als Genf an sein Rathshaus die kupferne Tafel gehängt hatte, auf welcher mit goldenen Buchstaben geschrieben stand: „Gewissensfreiheit," war er erfreut, und lebte im Vertrauen auf dieses Versprechen als Katholik fort, betete mit Andacht in dem Gebetbuche, welches man ihm gelassen hatte, und ging bei St. Petrus vorüber, ohne je hinein zu gehen, wenn Farel oder Ealvin auf der Kanzel war. Ter Theologe Calvin beherrschte den Rath; er klagte Balard an, dem der Befehl gerichtlich angekündet wurde, daß er der Predigt bei- I) Die durch ihre Geburt ausgezeichnetsten Bürger gehörten dem KaufmannSstande an. Oaliüo, Xotices geneslogiguos, t. I. Introciuctioii, s»> XXXI. 190 wohnen müsse. Balard weigerte sich und antwortete, es sei abscheulich, dass man das Gewissen bedrücke, und daß die Menschen kein Recht mehr über dasselbe hätten; es komme von Gott, Gott allein könne cs leiten und das seine verbiete ihm, die Präkicanten anzuhören." Dieß waren edle Worte. Die Zweihundert sahen einander an und wußten nicht, was sie dagegen einwendcn sollten. Man sagte, daß man sich bedenken wolle. Calvin bestand daraus und erklärte schnell, daß die Gewalt durch einen Eid an das Formular gebunden sei, und daß sie hier mit kräftiger Hand behilflich sein müsse. Balard wurde wieder vorgerufen. Der Rath war vollständig versammelt: Ein Athanasius, Kaufmann auf dem Molardplatzc, forderte den Katholiken auf, sein Glaubensbekenntnis; abzulcgen: — Balard antwortete: „Wenn ich auch wüßte, ob euere Lehre gut oder böse wäre, würde ich mich doch nie durch euch zwingen lassen, cs zu sagen. Ich könnte wohl nur euch zu gefallen den Versuch machen, mich an die Glaubensartikel zu halten, wie sie die Stadt hält und beobachtet, und ich wünsche als guter Genfer nichts Anderes zu thun, als was in Uebereinstimmug ist mit dem, was meine Mitbürger thun. — Wenn ihr aber mein Glaubensbekenntnis; kennen wollt, kann ich es euch darlegen, meine Herren. — Ich glaube an den heiligen Geist, an eine heilige katholische Kirche, und habe von der Messe die Ansicht, welche jeder gute Christ haben soll." Der Rath erließ an Balard den Befehl, Genf in zwei Tagen zu verlassen. Balard war aber schwächlich, krank, durch Sorgen und Kummer ermüdet; er unterlag und schrieb an den großen und kleinen Rath: „Da man will, daß ich die Messe als böse erkläre, thue ich cs und bitte Gott und die Menschen um Verzeihung, welche über eine Handlung richten, die ich nicht hinreichend kannte." Der Vcrbannungsbefehl wurde zurückgenommen. Das Volk duldete stillschweigend diese Versuche des Despotismus, und begnügte sich damit, daß es über diese Bastardtyrannei lachte, 1) öenelller t. 1. Die Rathsurkundcn stellen diese Handlung in das Jahr 1536, Spon in das Jahr 1510, Gauthicr in das Jahr 1539. — Balard ist der Verfasser einer Geschichte oder eines Tagebuches, in welchem er aus-eichnete, was sich vom Monate Oktober des Jahres 1525 bis zum Monate Deccmber 1531 zutrug.— Das Werk schließt mit folgenden Worten: „Ich habe die besprochenen Geschichten, die ich mit eigenen Augen sah, dem Andenken anfbewahrt, der ich unvcrdicnter- wcise in dieser Stadt Spndicus war im Jahre 1525, Aufseher im Jahre 1527, und ShndicuS im Jahre 1530. Gott sei Ruhm und Ehre. Amen." welche der Schreiberssohn vo-r Noyon eingesührt hatte. Die Gefängnisse füllten sieb mit Sträflingen. Ter Genfer Senat gehorchte allen Launen dieser Prädicanten, er übernahm sogar die Küfterstellen in der Kirche. In einem Register der Republik vom 20. Mai 1537 liest man: „Eine Braut ging am letzten Sonntage mit Haaren aus, die weiter herabgelassen waren, als sie cs sein sollten, wodurch sie ein böses Beispiel gab, und der Lehre des Evangeliums entgegen handelte; ihre Mutter, die Frauen, welche sie führten und die Frau welche sie putzten, wurden eingesperrt." Das ist eine sonderbare Magistratur, zu deren Privilegien die wissenschaftliche Prüfung derjenigen gehört, welche sich um ein geistliches Amt bewerben, und zugleich auch die Sorgfalt für das Abschueiden der Haare jener Frauen, die in ihre Sprengel gehören; eine Magistratur, welche ein Haargeflcchtc, das mit. zu großer Gefallsucht gemacht ist, wie eine Gotteslästerung straft, diejenige welche es gekämmt hat und die armen Freundinnen, welche ihre Herrin in die Kirche begleitet haben, in ein Gefängniß setzen läßt, als wenn sie die Theilnehmerinnen eines Diebstahls gewesen wären! Wir haben bei Burigny nachgesucht, wo um diese Zeit Erasmus war: er lag, zum Glück für Genf, um diese Zeit schon im Grabe. 1) Die Frauen, welche so Vieles zur Einführung der neuen Lehre in Frankreich bci- getragcn hatten, verursachten oft große Störungen in der neuen Kirche. „Der Prädirant Castelgelour erzählt, man habe auf der Svnode beschlossen, daß die Frauen, welche hohe Hörner und Draht auf dem Kopfe trugen, um den Kopfputz zu erhöhen, nicht zum Abcudmahle gelassen werden sollten. Männer und Frauen widcrsetzten sich dagegen, und die Prädicantcn blieben standhaft auf ihrem Beschlüsse, um zur Beobachtung ihrer Gesetze anznhalten. Jene kehrten aber das Gebot iws Lächerliche, anstatt des Drahtes nahmen sie ausgcstopfte Wülile und Binsengeflechtc, Der Prädicant blieb hartnäckig darauf bestehen, daß sic sich zum Gehorsame fügen müßten und zwang sie, verhüllt zu erscheinen. Während der großen Versammlung, welche zu Montauban im Jahre 1584 stattfand, putzte sich eine Frau auf sechserlei Weise, und erschien jedesmal beim Abendmahl. Das Letztem»! war sie wie eine Mohrin geputzt, die Haare waren ohne Draht frisirt, und sie wurde von Beraut gebilligt: Rochechandien selbst hingegen ließ damals die Haare mit Draht zu, aber verschleiert; worüber die beiden Prädicantcn einander neckten.- In Plcssis-les-Tours hatte der Pastor Desaignes, sonst Pincan genannt, am Wcihnachtsfeste des Jahres lägst seine Heerde ermahnt, daß man sich bescheiden beim Abendmahle einsinden solle; die Frauen, sagte er, sollen keine falschen Erhöhungen tragen. Als er einer Bürgersfrau das Brod reichte, sah er, daß ihre Hüfte erhöht waren; da nahm er das Brod in die linke Hand, verließ seinen Platz, ging auf die andere Seite des Tisches nnd nahm mit der Rechten einen ganz kleinen Wulst, welchen sic anstatt des großen genommen und als sie ihn ans der Hand gelegt hatte, zog sich die arme Frau mit niedergeschlagene» Auge» beschämt zurück, bllor, cke liae- monck, p. 8st8. Ein andermal traf man bei einem qrmen Tropfen ein Spiel Karten. Was glaubet ihr wohl, daß man dem Schuldigen gethan hat? Glaubet ihr, man habe ihn in das Gefängniß gesetzt? Diese Strafe schien Calvin zu milde zu sein: er wurde aus den Pranger gestellt, und das Spiel Karten wurde ihm um den Hals gehängt. Die Stadt hatte ihr gewöhnliches Aussehen verloren, sie wagte cs nicht mehr, sich der Freude und dem Vergnügen hinzugeben. Die Weinschenke war es allein, welche durch ihren lärmenden Muthwillen dem Puritanismus Calvin's noch Widerstand leistete. Ihre Gäste, die ihr kennt, fanden sich alle Abende daselbst ein, sie rächten sich mit ihrem Spott an dem Uebermuthe der neuen Priester. Da machte man sich rücksichtslos über Farel und seine Mitarbeiter am apostolischen Werke lustig. In der Mitte der Weinschenke brannte ein schlechter Lichtstumpen, welcher, ich weiß nicht was für einen Fisch braten half, den man „Faret" nannte: wenn der Fisch.gebraten war, reichte man ihn den Tischgenossen dar, welche Herrn Farel ganz heiß verzehrten, unter unaufhörlichem Gelächter über das zähe Fleisch des armen Prädicanten. Einer der Trinker, der ein sehr abgemagertes Gesicht hatte, stellte Meister Johann Calvin vor, welcher als angeblicher Sohn eines Faßbinders, Wein verlangte und in tiefen Zügen trank, mit niedergeschlagenen Augen und steifem Kopfe, wie er sich gewöhnlich zeigte. Einige Eidgenossen hatten sich den Namen gegeben: Herrn von der Artischoke; ihr Wappen waren zwei breite Blätter dieser Pflanze, in der Form eines Fächers. Richardet, der erste Syndicus der Stadt und Johann Philipp, der Generalcapitän, hatten sich dieser Akademie von Lachern einverleiben lassen, welche die Prädicanten auf eine schlaue Weise als ein geheimes Complot darzustellen verstanden hatten. Am Abende leerte nun die lustige Schaar sehr viele Gläser Wein von Lavaux, wobei sie über ihre Herren allerlei Witze machten. — Der Eine fragte, wo der heilige Geist in der Bibel die Form bestimmt habe, nach welcher die Frauen ihren Kopfputz richten sollten, und behauptete, Absolon wäre von Genf mit dem Banne belegt worden, wenn er sich nicht dazu verstanden hätte, sich die Haare abschneiden zu lassen. Ein Anderer wollte wissen, ob der rothe Bocksbart, den Meister Farel trug, dem Barte gleiche, den Aaron getragen habe; ein Dritter, ob Lazarus, als er aus dem Grabe hervorging, bleicher ausgesehen habe, als Meister Johann von Nopon. Einige Andere waren ernsthafter und fragten, was die Stadt gewonnen habe, indem sie sich einen Krüppel wie Farel und einen Brustkranken wie Calvin zum Herrn gemacht habe? Wozu es genützt habe, daß so viel Blut vergossen worden sei, um eine Freiheit zu erwerben, welche der Bischof nicht verweigert habe, und die nun von zwei Fremdlingen frecher Weise aufgehoben worden sei? Sie besprachen sich über den Beruf der Prädicanten, welche sich ohne den Beistand des Volkes, das doch nach der Aufhebung des katholischen Priesterthums der einzige gesetzliche Hohepriester sei, die Hände aufgelegt hätten. In ihren lärmenden, pitoresken, von Wein und Poesie überströmenden Reden soll man, nach Herrn Naville's Angabe, mit Erstaunen einige Ideen finden, welche ganz katholisch seien. — Wenn man das Abendmahl eingenommen hatte, trat ein Fiedler mit einem Tambourin auf, und man fing an, in der Runde zu tanzen, zu jubeln und in bachantischer Weise zu lärmen; wenn es gerade Sonntag war, im Sommer, spielte man mit Kegeln, Bällen oder Wurfsteinen, wer das Abendessen bezahlen mußte. Man darf sich unter diesen Weinschenken keine Schlupfwinkel vorstellen, in welchen man im Weine die Besinnung verliert. Wenn der Wirth die Zeche machte, traf es Einen sechs Quart oder zwei Sou. Das war das Maß, welches jener Peter Werli immer mit sich nahm, der junge Freiburger Edelmann, der gute Priester, der noch ein besserer Soldat gewesen sein würde, und im Kampfe für den Glauben umkam. Diese Vaterlandsfreunde glaubten sich in Sicherheit hinter ihren Bouteillen und Gläsern, aber sie täuschten sich. Die Reformation hatte die Thore der Stadt einer Rotte von Abenteurern, Jndustrierittern, Gaunern, Bankrotirern und Falschmünzern geöffnet, welche sich genöthigt gesehen hatten, ihr Vaterland zu verlassen, um dem Strange zu entgehen; sie kamen nach Genf unter dem Vorwände der Religion. Um die Blicke zu täuschen, zeigten sie einen pharisäischen Eifer für das neuevangelische Gesetz, wohnten allen Predigten bei und erklärten sich öffentlich gegen das Papstthum. Sie bezahlten die Gastfreundschaft Genfs dadurch, daß sie dem Rathe und den Prädicanten die Aeußerungen hinterbrachten, welche sie hörten, oder auch meistentheils erdichteten. Man schenkte ihren Angaben, oder wie ein alter Geschichtschreiber sich ausdrückt, dem heiligen Geiste so großes Zutrauen. 1) Herr Senebier hat erkannt, welchen Antheil die Bischöfe im Streite Genfs gegen das Haus Savoyen genommen hatten. Bd. I. L) Ernst Naville, im 4. Kap. 3. §> der Dissertation, die er seinen Thesen vor- anstellte. 1839. 3) Oalitse, 1. 3, srticle >Verli, p, 514. Audin: Leben Catvin'S I, Bd. 13 194 Eines Tages (es war im Jahre 1535) wurde der Domherr Hu- gonin d'Orsieres, den man angeklagt hatte, daß er Willens gewesen sei, Viret und Farel zu vergiften, in seiner Wohnung gefangen genommen. Die Anklägerin des katholischen Priesters war eine Giftmischerin, welche ihre Zaubermittel an die Flüchtlinge verhandelte, und die der Burgvogt des Kapitels in seine Dienste genommen hatte. *) Hugonin wurde feierlich sreigesprochen am 15. August 1535, und dennoch konnte man in den Biographien Farel's und Viret's immer lesen: „wie die beiden Diener Gottes von dem Domherrn Hugonin d'Orsieres vergiftet wurden." Durch den Mund dieser Flüchtlinge erfuhr Calvin den Spott der Herren von der Artischoke und die Plane der Libertiner. Diese Plane waren nicht zweideutig, man wollte ihn verjagen sammt seinen Genossen. Calvin verkennt dießmal seine eigenthümliche Geisteskraft: die Arglist. Anstatt daß er sich in die Haut der Schlange hüllt, in eine Mauer kauert oder unter ein Gesträuch, bewaffnet er sich mit Löwenklauen und sucht die Wirthshausgäste bis aufs Blut zu quälen. Der Löwe griff den Magistrat selbst an. Seine Feinde waren so geschickt und glücklich, daß sie die Haut der Schlange, welche Calvin zu seinem Schaden abgelegt hatte, aufzuheben wußten. Wir wollen sehen, wie sie sich derselben bedienten, um den Theologen zu Grunde zu richten. Bern hatte von dem katholischen Cultus einige Ceremonien beibehalten, die man „gleichgiltige" nannte. Man taufte die Kinder im Taufwasser; man bediente sich bei der Communion des ungesäuerten Vrodcs; man feierte die vier großen Festtage Weihnachten, Christi Himmelfahrt, Pfingsten und Mariä Himmelfahrt. — Diese Gebräuche und Feierlichkeiten waren neulich auf der Synode in Lausanne anerkannt und angenommen worden. Che die Synode aufgehoben worden war, hatte sie ihre Entscheidung an die übrigen Kirchen der Schweiz gesandt und dieselben ersucht, 1) Von dem Morde Wcrli's war in dem Kapitel die Rede, welches die Ucberschrist führt: „Die Schwester Johanna de Jussie." Einige Geschichtschreiber haben es diesem Canonicus verargt, daß er zur Vertheidigung seiner Kirche die Waffen ergriff. Herr Galiffe gibt ihnen zur Antwort: — „Wenn Juden oder Mahomedancr den Versuch wagen würden, unsere Religion umzustürzen, über unfern CultuS zu spotten, sich unsrer Kirchen zu bemächtigen, wäre es niederträchtig von uns, wenn wir es gleichgiltig ansehen würden.ich bin überzeugt, daß mehr als einer unserer Prediger die Stärke seines Armes an diesen Aufrührern versuchen würde." Bd. III. S. 511. 2) Oslitle III, XXIV, XXV. — 1.1., p, 180, sie möchten die Annahme bestätigen, damit jeder Streit beseitigt bliebe. Die Vaterlandsfreunde waren hoch erfreut über diesen gefaßten Beschluß, denn sie wußten, daß sich Calvin demselben nicht unterwerfen, daß er, im Falle er seinem Versprechen nicht untreu wäre, jede äußere Form zurückwcisen würde, welche an ein katholisches Symbol erinnern könnte. Es ist gewiß, daß sie in beiden Rathsabtheilungen zahlreiche Anhänger hatten und insbesondre unter dem Volke, welches die Pracht seines alten Gottesdienstes vermißte und sich nicht an die Religion gewöhnen konnte, die so bleich und mager war wie derjenige, der sie nach Genf gebracht hatte. Calvin war entschlossen, nachzugeben. Er kannte die Kunstgriffe seiner Feinde. Er wußte von dem Rathe einen Bannbefehl auszuwirken, der gegen alle Jene gerichtet war, welche das Bekenntniß nicht beschworen hatten. Von den meisten Vaterlandsfreunden war der Eid verweigert worden; als der Spruch aber in Vollzug gesetzt werden sollte, war die Zahl der Widerspenstigen so groß, daß man sich scheute, offene Gewalt zu gebrauchen? ) Die Kanzel blieb den Prädicanten. Unter den Aposteln der neuen Lehre befand sich Einer Namens Coraud oder Corault, ein alter, abtrünniger Augustiner ohne wissenschaftliche Bilvung, ohne Haltung, aber mit durchgreifenden Lungen begabt; ein Besessener mit grauen Haaren, der während seiner Reden die beinahe des Lichtes beraubten Augen immer zum Himmel erhob, um eine Erleuchtung zu fodern, die nicht eintreten wollte; ein blutschänderischer Mönch, welcher schrie, als ob man ihm sein Weibchen genommen hätte. Seine größte Lust war, über die Großen zu schimpfen, wodurch er Chrisostvmus nachahmen wollte. Unglücklicherweise entbehrte Corault nicht nur des goldnen Mundes, sondern auch des Aussehens, welches den Redner kleidet. Corault war mager und schwindsüchtig. Eine Lust war es ihm, gegen die Artischoken, gegen den Magistrat und die Katholiken zu donnern; wenn er die Kanzel betrat, gerieth er in einen förmlichen Rausch, den er während einer Stunde in Schimpfrcden und Hanswurstiaden aushauchte. Er war hocherfreut, wenn er seine Zuhörer zum Lachen bringen konnte, indem er Genf mit einer Froschlache, die Genfer mit Ratten und die Magistratspersonen mit Katzen verglich. Der Rath nahm Aergcrniß und gab dem fanatischen Mönche den 1) Haag. Vie cke llalvin, p. 88. 89. 13 * 196 Befehl, vom Predigen abzustehen; Farel und Calvin wurde aber verboten, auf der Kanzel politische Gegenstände zu berühren. Es dachte keiner von ihnen daran, auf den Befehl zu achten. Corault besteigt die Kanzel bei St. Gervasius, und beschimpft seine Richter. Als er aus der Kirche ging, faßte ihn ein Häscher, und führte ihn gefangen mit sich fort; das Volk erhob ein Gelächter, als es den unglücklichen Prediger sah. Am folgenden Tage erschienen Farel und Calvin vor dem Rathe und beklagten sich über die Gewaltthätigkeit, welche man an Corault verübt habe. Der Rath berief sich mit lauter Stimme auf die Entscheidung der Synode von Lausanne, und befahl ihnen, daß sie sich auch nach derselben zu richten hätten. Calvin und Farel beriefen sich aus eine neue Synode, welche in Zürch gehalten werden sollte, auf der sie gehört zu werden verlangten. Der Rath bestand auf seinem Begehren, sagte ihnen, daß sie zu gehorchen hätten und warf ihnen mit bittern Worten vor, daß sie viele Bürger von dem Tische des Herrn weggeslofsen hätten und sich auf diese Weise ein Recht anmaßten, über den Zustand eines Gewissens zu richten, dessen Falten Gott allein durchforscht habe. Der Rath hatte Recht. Mehr als einmal hatte Calvin Bürgern, welche die Weinschenken in der Domherrnstraße besuchten und an der Gesellschaft der Artischvken theilnahmen, das Abendmahl verweigert. Welch eine sonderbare Wendung der Logik ist dieß! Calvin, welcher in Uebereinstimmung mit Luther die guten Werke verwirft, verweigert demjenigen die Communion, den er am Tage zuvor in der Weinschenke fröhlich sah, als wenn die Nacht, welche dem Abendmahle folgte, und der Weg vom Kirchenstuhle zum Tische des Herrn nicht hinreichend wäre, den Schuldigen zur Reue zu bewegen und seine Fehler im Glauben an das allmächtige Blut Jesu Christi abzuwaschen? Wir sind aber dazu bestimmt, daß wir im Leben der Reformatoren unaufhörlich auf den Fanatismus, die Unverträglichkeit oder die Unvernunft stoßen. Calvin erzählt, „seine Hand sei starr geworden, wenn er das Brod ausgetheilt habe: das Brod des Zorns, welches der Communicant verzehrte." 2) Hatte er denn nicht gelehrt, daß die Gnade nie verloren gehen könne? Und hatte denn Luther nicht in seiner unnachahm- 1) On ckelencl s„x preckicsteurs et en psrtieulicr s ksrel et ä Uulvin cke se ineler lto politigue. — Kegi8tee8, 1538, 11 et 1V rrisrz. 2) Uli guiclem irsm vei potius vorudant gu»m vitse sacrainentum. 3) Harm, in ükatll. Inst., IC. 3. lichen Sprache von der Kanzel herab gesagt: „Ais wann mein Hän- sichen und Lenicken in den Winkel scheißt, des lachet man als sei wohl gethan, also macht auch der Glaub, daß unser Dreckt nicht stinkt für Gott." Calvin kehrte in seine Wohnung zurück und setzte eine Protestation gegen die Beschlüsse des Rathes auf. In dieser Protestation erklärte er, daß die Prediger von nun an den Gläubigen den Zutritt zum Abendmahle verweigern würden. „Da ließ man die Prediger zusam- menkommen, um ihnen einzuschärfen, daß sie das Abendmahl am nahen Ostertage mit gelbem Brote austheilcn sollten, wie es die Berner Beschlüsse forderten." Sie gaben zur Antwort, daß sie cs nicht thun würden. Der Rath nimmt seine Zuflucht zur Vermittlung eines Genfer Edelmannes, Ludwig's von Diesbach, welcher sich gerade in Gens befand. Ludwig von Diesbach suchte vergebens die Hartnäckigkeit der Prädicanten zu überwinden. Was war zu thun! Die Rathsversammlung wird zusammenberufen, sie setzt die Prediger ab und gebietet dem Heinrich La Mare zu predigen und am Ostertage das Abendmahl aus- zutheilen. La Mare verspricht seinen Gehorsam; Farel begegnet ihm, gerätst in Zorn, „schmäht ihn einen Feinlf und hochmüthigen Menschen." La Mare fürchtet sich, er zaudert und gibt endlich nach. Am Ostertage war das Volk in großer Menge bei St. Gervasius versammelt, wo Farel predigen sollte, so auch bei St. Petrus, wo Calvin angekündet war. Farel steigt zur gewöhnlichen Stunde auf die Kanzel und segnet das Volk. Seine Rede betraf nicht die Feier des Tages, sondern sie war eine Gewaltthat gegen seine Feinde, welche mit den Worten schloß: „Heute werde ich das Abendmahl nicht aus- theilen." — Bei diesen Worten erhoben sich alle Anwesenden mit einem Male und schrieen den Prediger an. Das Abendmahl! das Abendmahl! riefen sie. Farel gab ein Zeichen, daß er reden wolle. Der Tumult ließ nach. Der Redner heftete seinen Blick auf die Menge und schrie dann mit donnernder Stimme: „Kein Abendmahl solchen Trunkenbolden und Hurern wie ihr seid!" In diesem Augenblicke wurden die Schwerter bloß; Farel wäre durchbohrt worden, wenn ihn einige seiner Freunde nicht mit ihren Leibern gedeckt hätten. Dieselben aufrührerischen Scenen, nur weniger gewaltsam, fielen bei St. Petrus vor, wo Calvin predigte. 1) Luthers Huus-PoM. Jen. Predigt um Pfingst-Montage. 2) Lolsec, Vio eie (mlvin, p. 24. öcc. 198 Am Abende durchlief das Volk die Straßen von Genf und rief: „Tod den Predigern!" 0 Die Stadt war in Bestürzung; es war nur eine Stimme, welche verlangte, man solle an dem empörenden Uebermuthe der Redner Rache nehmen. In der katholischen Kirche sehen wir es bisweilen, daß der Priester einen großen Sünder, der ganz bedeckt ist von unschuldigem Blute, von dem Tische des Herrn wegweist, nie aber ein ganzes Volk, welches den Leib und das Blut seines Erlösers zu empfangen begehrt. Unser Bischof hat noch ein anderes Recht, welches Calvin nicht in Anspruch nehmen könnte: Der Bischof kann zur unwürdigen Seele sagen: Ziehe dich zurück und thue Buße. Aber Calvin könnte den Menschen, « welcher sündigte, nicht auf diese Weise vom Tische des Herrn abhalten, weil diesem Sünder keine äußere Zerknirschung und keine sichtbare Besserung zum Zeichen der Reue nöthig war. Calvin hörte nicht auf, zu lehren, das Werk gehe aus dem Glauben hervor, der Glaube nicht aus dem Werke: er sprach hier also eine Lüge gegen seine eigene Lehre aus. Die Syndici versammelten das Volk und die Verbannung der aufrührerischen Prediger wurde beinahe einstimmig beschlossen. Das Urtheil erklärte, daß Farel und Calvin sich binnen drei Tagen 2 ) aus der Stadt entfernen müßten, weil sie den Befehlen der Obrigkeit nicht gehorchen wollten. „Gut," sprach Calvin, „es ist besser, Gott gehorchen als den Menschen." Diese Rede ist alt; als sie von Luther ausgesprochen wurde, auf dem Reichstage in Worms, im Angesichte des Kaisers, der Bischöfe und Stände des Reichs, da bewegte sie uns; aber hier vor einem Senate von Kaufleuten, die mit der Verwaltung der Kirche und Wirths- häuser beauftragt sind, bleiben wir kalt: das Drama, der Acteur und die Schaubühne entsprechen dem Standpunkte des Menschen. Calvin hatte an die Spitze seiner „Unterweisung" slnstitnUo) die Worte gestellt: „Ich bin gekommen, das Schwert zu bringen und nicht den Frieden;" er hat auch sein Wort gehalten. Das war wohl ein Schwert, was Genf in den Händen der Prädicanten zerbrach; das 1) Ilssg. Vie cks Lnivin, g. 02. 2) 23 nv cil. On occkonnn n I'.n'ol M n Lnlvin nl8, 8elon w 8vnocko clv Liiu8»nno Uv"i8tce'8 cke In ville. ' ' ^ war ein Schwert, was er sogar an die Haare einer armen Frau legte und auf den Rücken eines Kartenspielers. Calvin sagte uns, es sei die Stimme Gottes gewesen, welche ihn durch den Mund Farels ge- nothigt habe, in Genf zu bleiben. Sehen wir, welches Schauspiel uns diese Stadt nach dem Verlauf zweier Jahre darbietet. Die Familien sind entzweit; man kann keinen Schritt thun, ohne einem Mörder, einem Gauner, Spitzbuben oder Bankrotirer zu begegnen. Die Weinschenken sind voll von Spionen; der geschmeidige Charakter des Volks ist mürrisch, unruhig und mißtrauisch geworden; um Seelen, welche nicht an das Formular glauben wollten, der Rache des Volks kenntlich zu machen, wurden eigene, neue Worte erfunden; eine Secte, welche man die Secte der Libertiner nennt, und die nach Calvin's Angabe aus zügellosen, streitsüchtigen, hurerischen Leuten bestand, spottet laut über das Evangelium; es ist verboten über den rothen Bart Fa- rel's und die eingefallenen Backen Calvin's zu lachen, bei einer Strafe mit geistigen und körperlichen Banden; die Obrigkeit ist von der Kanzel herab durch die Verkünder des Evangeliums beleidigt worden, welche unerachtet des Befehls, den der Senat an sie erließ, zu predigen fortfuhren, obwohl sie seine Souveränität anerkannt hatten; im Tempel wurde ein entsetzliches Aergerniß dadurch gegeben, daß man den Gläubigen den Zutritt zum Abendmahl verweigerte. — Wir schreiben Geschichten, keinen Roman in der Weise der Bekenntnisse Bonnivard's, oder des Syndicus Roset. Bei der Ankunft Calvin's war die religiöse Revolution vollendet. Die Schwester de Jussie wohnte allen Verwandlungen des Schauspiels bei, welches auf Kosten alles dessen, was dem Menschen heilig ist, gespielt wurde: auf Kosten seines innern Wesens, feiner moralischen und physischen Freiheit, seiner politischen Neigungen. Die Reformation schlief auf Trümmern. Calvin weckte sie auf, impfte ihr seine Arglist, seine Eitelkeit, seinen Zorn, seine Unduldsamkeit und seine Heuchelei ein. Wenn sie die Bilder nicht mehr stürzte, wie sie es unter Farel's Leitung that, besang sie den Sturz derselben in der Form von Lobliedern für den Herrn; wenn sie das Blut der Katholiken nicht mehr vergoß, so geschah es, weil ihr der Katholicismus keines mehr zu bieten hatte: da ging sic nun an das Gewissen, um es zu quälen, und suchte des Volkes Vorliebe für seine Freiheit zu ersticken. Während die katholische Lehre immer die nämliche blieb, hatte die Protestantische von jedem neuen Lehrer neue Umgestaltungen zu erdul- 1) lleUre sur I'tli'stoire ckv Oenvvo par All tlalille kietet. 200 den, weil die Eine das unveränderliche Leben darstellte, die Andre aber nichts Andres war, als das Bild des Menschen. So zog die Reform durch Thüringen und incarnirte sich in Zwingli; sie liest in Basel, wo sie kaum Zeit hatte, sich aufzuhalten, zwei Zeugen ihrer Unbeständigkeit zurück, nämlich Oecolampadius und Capito; dann kam sie durch die Umwendung der zwei „Mythen", welche ihr den Weg nach der Schweiz versperrten, nach Bern und verkündete die Lehren, welche den Lehren Luther's nicht ähnlicher sahen, als das Land Sachsen dem Grunde und Boden des Oberlands. Später bediente sie sich im Gefolge der Berner Waffen der Hacke des Schanzgräbers, um das Thor von Lausanne zu sprengen, wo Caroli ihr den Vorwurf machte, als habe sie das Gewand Luther's und den großen Hut des Wiedertäufers Münzer angezogen. Gleich den Wogen des Lemanischen Sees, welche ihre Schattirung fünfmal wechseln, war sie in Genf nicht mehr das, was Farel und Viret aus ihr in Orbon und Lutry gemacht hatten, während dann Calvin all diesen Umwandlungen eine neue Gestaltung hinzufügte. — - XVII. Kapitel. Pamphlete Calvin s. Sadolet. 15L V—15LS. Untersuchung der beiden Pamphlete, welche Calvin ln Gens gegen den Aatholieismns verausgab. — Der Reformator von Galiffc gerichtet. — Der katholische Priester. — Sadolet in Rom. — in Carpentras. — Benehmen des Bischofs. — Sc!» Schreiben an die Genfer, ein Denkmal der Liebe und Beredsamkeit. — Calvins Erwiderung.- Zweifache Würdigung dieses Schreibens. — Als Calvin Genf verliest, übergab er zwei Werke dem Drucke, welche bestimmt waren, den Aufruhr nach Frankreich zu tragen. Als er aus Italien zurückgekehrt war, um seine Angelegenheiten zu ordnen, verbarg er sich sorgfältig den Augen, die sich auf ihn richten wollten und man würde nicht errathen haben, dast er der Reformation angehörte, wenn er nicht vergessen hätte, an das Grab seines Vaters zu 201 gehen, um dort zu beten. In Genf fürchtet er sich aber nicht mehr, er treibt zum Marterthume an, das er nicht zu bestehen wagen würde. In seiner Abhandlung „Ickolatria lu^iencks", welche er Nicolaus du Chemin widmete, verlangte er, daß jeder Christ, welcher im Blute Jesu Christi gewaschen sei, seinen Glauben bekenne, ohne Furcht vor einer Strafe; daß er laut und standhaft reden, sich nicht in Grüften verbergen, sondern die Wahrheit auf den Dächern singen solle; „denn wahre Gottesfurcht," sagt er, „erzeugt ein wahres Bekenntniß und es darf für nichts Geringfügiges und Leeres gehalten werden, was der heilige Paulus sagt: Wie man von Herzen an Gerechtigkeit glaubt, so bekenne man sich zum Heile." Gleich als wenn sein Wort nicht mächtig genug wäre, öffnet er den Himmel und zeigt unsre Lehrer in ihrer ewigen Herrlichkeit, um Frankreich zur Aufnahme der Reformation einzuladen. „Es wird sehr gut sein, wenn wir uns das in's Gedächtniß zurückrufen, was der heilige Augustin irgendwo von dem heiligen Cyprian sagt. Nachdem er verurtheilt worden war, enthauptet zu werden, ließ man ihm die Wahl und bot ihm an, sein Leben zu retten, wenn er nur mit einem einzigen Worte der Religion entsagen würde, für welche er sterben wollte; und es wurde ihm nicht nur freigestellt, dieß zu thun, sondern er wurde, als er auf dem Richtplatze angekommen war, von dem Statthalter sogar inständig ersucht, zu bedenken, ob er nicht lieber dafür besorgt sein wolle, sein Leben zu retten, als die Strafe für einen thörichten und albernen Starrsinn zu erdulven. Darauf antwortete er mit einem Worte, „in einer so heiligen Sache gebe es kein Bedenken." Als die Marterwerkzeuge schon vor seine Augen gelegt waren und der Henker mit unruhigen, falschen, grausamen Blicken ihn festband; als der Schwertschlag schon am Halse war und man die schrecklichen Flüche des» rasenden Volkes hörte, wenn sich Jemand darüber verwunderte, daß der heilige Mann den Muth nicht verlor und nicht nachließ, sich zur peinlichen Marter anzubieten, beseelte ihn zur Ausdauer in diesem erhabenen Muthe allein der Gedanke: er habe sein Herz dem Gebote Gottes ergeben, welcher ihn auffordre, das Bekenntniß seiner Religion abzulegen. Wie ihr seht, predigt Calvin in diesem Aufruf, den er an Frankreich ergehen läßt, offene Empörung gegen den Fürsten und gegen den nationalen Gottesdienst. Damit die Christen wissen, an welchem Zei- 1) De lugienckis impioruin illicitis sncris. Lgisloln ?>icoIso Lkemino, Calvin übersetzte dieses Pamphlet ins Französische. 202 chen man sie erkennen möge, verlangt Calvin, daß sie die Bilder, die Verehrung der Heiligen, die Enthaltsamkeit, das Cölibat, die äußern gottesdienstlichen Gebräuche, die letzte Oelung, das Taufwaffer und insbesondre die Messe verwerfen, diese teuflische Erfindung, wie er sie nennt. Um sie zu beschimpfen, suchte er das Sacrament zu verrufen, den Priester, der es celebrirt, und den Gläubigen, der daran theilnimmt. Man könnte glauben, er wolle uns eines jener nächtlichen Gelage schildern, welche in der Domherrnstrasze in Genf stattfanden. - „Das Volk wohnt bei, in der Meinung, Alles, was da gesprochen und gethan werde, sei heilig und wenn du dich unter diese Leute mengst, gleichst du ihnen und scheinst dieselbe Religion mit ihnen zu haben. Wenn jener Zauberer und Taschenspieler auf den Altar getreten ist, fängt er an, seine Rolle und seine Possen zu spielen, kehrt sich bald nach dieser, bald nach jener Seite, hört auch auf, sich zu bewegen, murmelt sein zauberhaftes Gebrumm, womit er thut, als müsse er Christus vom Himmel herabziehen, und die Andern sollen auch dieser Meinung sein. — Wenn er vom Himmel herabgestiegen ist, thut der Zauberer, als ob er die Aussöhnung zwischen Gott und den Menschen bewirken müsse, gleich als wenn er an Christi Stelle leide und sterbe." Calvin lügt gegen die Geschichte und sein eigenes Gewissen, wenn er von der katholischen Kirche sagt, sie esse das Brod der Armen, sie schwelge in Genf und beuge sich vor dem Reichthume, ihrem Gott des Himmels und der Erde. „Calvin an seinen ehemaligen Freund und gegenwärtigen Bischof. Nun mag Jedermann sagen, du seiest glücklich, und, wie man zu sagen pflegt, der Günstling des Glückes, wegen der Würde eines Bischofes, welche dir zu Thcil wurde. Denn außer dem Ehrentitel, dessen Ansehen überall verehrt wird, bringt sie dir ein großes Einkommen, von dem du nicht nur dein Hausgesinde unterhalten, sondern auch der Ar- muth mehrerer Menschen zu Hilfe kommen und gegen Andere freigebig sein kannst. Das hört man die Leute von dir sagen, und vielleicht machen sie cs auch dich glauben. Wenn aber ich ein wenig darüber nachdenke, was all diese Dinge, aus welchen die Menschen gewöhnlich 1) Opuscules. Oeneve, 1811, p. 710. 2) De l>»l>istieis sacerckoliis vol sckministrsnckis vel alliicienckis. — Cerarcko Ilusso. 203 lik , i" trr- ^ da g,- ltar ge- , An zu lr- «»Ä lv lm«« ßn, »w A«/ !>> W t!! zu D UD'l ^ tklSl- ein so großes Wesen machen, bedeuten, so habe ich ein großes Mitleid mit deinem Unglück." 0 Welch einen Vorwurf hat hier gegen das gallicanische Episco- pat ein Mensch ausgesprochen, der wahrscheinlich den letzten Rock, mit dem ihn die katholische Kirche bekleidete, noch nicht abgetragen hat; ein Mensch, welcher das Brod unserer Armen aß, den Heller unserer Wittwen und Waisen verzehrte und in einer Bibel las, die ihm die Liebe des Abts von St. Aloysius in Noyon bezahlte! Er gibt nun vor, sein Bischof verderbe im Müßiggänge, er trage keine Sorge um das Heil seiner Seelen, der armen Schafe, da er an nichts Anderes denke, als wie er sie drücken, berauben und scheren könne, um ihre Wolle zu verkaufen und sich ein recht gutes Mahl zu bereiten. „Wache auf," sagt er zu ihm, „der du die Wache halten sollst; greife zu den Waffen Hirte! Was zögerst du? Ist es jetzt Zeit zum Schlafen? Unglücklicher! Du wirst vor dem Herrn Rechenschaft able- gen müssen über den Tod so vieler Menschen! Wie oft hast du ge- tödtet? Wie oft warst du an dem Blute schuldig, von dem der Herr jeden Tropfen aus deiner Hand zurückfordern wird! Und wenn es so schrecklich auf dich niederdonnert, wirst du nicht gerührt, empfindest du keine Furcht? — Ich bin aber noch zu gelinde mit dir, wenn ich dich einen Mörder und Verräther nenne. — Noch ein Verbrechen begehst du aber, o Unglücklicher, das größer ist als alle andern, daß du nämlich tagtäglich den Sohn Gottes verkaufst und kreuzigst so viel es dir möglich ist." „Das ist der ärgste Mißbrauch und Betrug, der verwegenste Diebstahl, den man sich denken kann, daß derjenige, welcher nie der Roth die Hand bot, Zahlung verlangt." „Während sie selbst das ganze Jahr hindurch weit entfernt von ihren Kirchen sind, haben sie ihre Vikare dort, schlechte, niedrige Räuber und Diebe, durch welche sic eine Unzahl von Räubereien, Erpressungen, Bedrückungen und Diebereien begehen." „Und ist euer großer Räuber nicht so schamlos geworden, daß er in seine tyrannische Edicte das Wort des heiligen Hieronymus einschaltete; Alle Kirchengüter sind Güter der Armen, und wer mehr von ihnen nimmt, als er zu einem ehrbaren und nüchternen Leben nöthig hat, der beraubt die Armen." I) Opuseulvs 113, 118, 123, 25, 43. vin'S, 1. I. p. 185—101. Paul Henry: Das Leben Ich. Cal- LT" W 204 „Diejenigen, welche der Herr zu Hirten in seiner Kirche bestellt, setzt er als Hüter und Wächter ein zum Schutze seines Volkes. — Sie werden das Salz der Erde, das Licht der Welt, Engel Gottes, Mitarbeiter Gottes genannt und das Predigtamt heißt eine Gewalt und Macht Gottes. Nun antworte mir bei deinem Gewissen, du Superintendent und Oberhaupt der Religion, hast du mit Treue dich bemüht, auf den rechten Weg zu führen, was von ihm abgekommen war?" Aber der Schatten des Bischofs wurde aufgeweckt: er sprach durch den Mund eines Protestanten: „Was willst du, Calvin? Frankreich zum Calvinismus bekehren, das heißt zur Heuchelei, der Mutter aller Laster? Du wirst es nicht dahin bringen. Beza hat dich zu seiner Bequemlichkeit den Propheten des Herrn genannt? Das ist eine Lüge. — Aus Frankreich verjagt, wirst du in Genf ausgenommen und mit allen erdenklichen Ehrenbezeugungen überhäuft werden, du, der du von der Armuth sprichst! Du wirst daselbst durch alle möglichen Mittel eine unumschränkte Herrschaft erlangen, und wenn du dich eines mächtigen Anhangs versichert hast, wirst du die Begründer der Unabhängigkeit Genfs, welche Gut und Blut für die Freiheit opferten, verbannen, du wirst diese patriotischen Seelen von der Kanzel herab: Lumpen, Kehricht, Hunde nennen; du wirst Alle, welche sich deiner Tyrannei widersetzen wollen, verbrennen, köpfen, ertränken oder henken. — Deine Herrschaft wird lange währen und deine barbarischen Gesetze werden dich anderthalb Jahrhunderte überleben." Ich will aber dem reformirten Prädicanten einen katholischen Priester gegenüberstellcn, und diesen gerade vom Hofe Lev's X. nehmen, welchen Calvin die Teufelshöhle nannte. Als Leo X. auf den päpstlichen Stuhl erboben wurde, wählte er sick, einen armen jungen Menschen, mit Namen Jakob Sadolet zu seinem Sekretär. 2 ) Das war ein ganz poetisches Amt, welches den Erwählten mit den Berühmtheiten der ganzen Welt, mit Erasmus, Luther, Me- lanchthon, Heinrick >'111., Thomas Morus, Neuchlin, in Verkehr stellten. Der Secrctär hatte in lateinischer, griechischer, italienischer und bisweilen auch in deutscher Sprache zu schreiben. Sadolet kannte diese Spracken und sprach sie mit außerordentlicher Leichtigkeit. Dreihundert römische Thaler waren die gewöhnliche Besoldung, welche die 1) t'islillo, lettre ä rin prote5tant. 2) Lxcerpln ex tomo III. klorum Iristorise 8. II. L. c.irckinslirim s I.u- rlovieo ckomino ck'Xtticli)' epis. ^ecluensi. I.nt., I'aris 166U. 3) Hier. Xiger. IlP. ack l'uul. Itllsmn. so sehr beneidete Stelle trug: Zum Ersatz sah der Bedienstete den Papst Leo X. in all seiner Pracht und stand an der Seite des Papstes, wenn der Fürst in seinem Saale des Vatikans eine jener Versammlungen hielt, in denen Ariost die epische Poesie, Accolti die Beredsamkeit, Raphael die Malerei, Michael Angelo die Plastik, Cajetan die Hermeneutik und Nucelai die Tragödie representirte. So gab es denn wohl in Rom keine begeistertere Seele, als jene Sadolets: und ihr möget selbst über seine Freuden urtheilen! Mit seinen Dreihundert Thalern reichte er aus, sich zu ernähren, sich zu unterhalten, einem Juden eine griechische Handschrift abzukaufen, deren Werth der Jsraelite auf eine staunenswerthe Weise witterte, für beinahe Nichts erwarb und um schweres Gold verkaufte; oder er wußte damit auch gar noch eine Statue zu erwerben, die bei den Ausgrabungen auf dem Eampo Vac- cino gefunden wurde. Sobald das Jahr zu Ende war, sah man das Museum und die Bibliothek des jungen Gelehrten von zahlreichen Meisterwerken bereichert, vor welchen er von steter Bewunderung ergriffen blieb. Leo, welcher den Geschmack seines Secretärs kannte, machte ihm bisweilen ein Geschenk. So gab er ihm an den hohen Festtagen der Ostern oder Weihnachten eine Kamee, eine Gemme oder ein Kunstwerk aus Erz gegossen. Ein solcher Tag war dann ein Fest, welches Jakobus in schönen Versen besang. Jede dieser Reliquien kostete den Dichter eine lateinische Ode, welche er sodann dem kardinale Bembo, oder dem Papste selbst vortrug. Eines Tages setzen die Arbeiter Sadolet in Kenntniß, daß eine Marmorgruppe von bewunderungswürdiger griechischer Arbeit aufgefunden worden sei. Sadolet begibt sich in die Gärten des Titus, und erkennt, denket euch sein Erstaunen! die Gruppe des Laokoon, dieselbe, welche Plinius beschrieb. Am Abende verkündeten alle Glocken der Kirchen den glücklichen Fund. Bembo hatte das Progamm zur Festfeicr des folgenden Tages verfaßt. An diesem Tage sollte die Marmorgruppe, mit Blumen und Laub geschmückt, unter dem Schalle der Musik durch die Stadt geführt und im Triumphzuge nach dem Vatikan gebracht werden. Die ganze Nacht hindurch gönnten sich die Dichter keine Ruhe: sie bereiteten Sonnette, Hymnen und Eanzonen vor, um das Ereigniß zu feiern, daß der Laokoon wieder an das Tageslicht gebracht worden sei; zum allgemeinen Zeichen der Freude wurden die Straßen der Stadt mit Teppichen behängt. Sadolet war voll Begeisterung, in Zeit von einigen Stunden vollendete er eine lateinische Ode, um welche ihn Bibiena ersucht hatte. 206 Nachdem die Ceremonie beendigt, und der neue Gott auf sein Piedestal gestellt war, zog sich der Papst (es war Julius II.) in seine Gemächer zurück, und cs begann ein neues Fest, ein Fest, welches in der Weise des heidnischen Alterthums gefeiert wurde, bei welchem Sa- dolet nach Art des Horatius oder Virgils den Seher darstellte, und mit Epheu begränzt seinen Gesang anstimmte. Der Dichter stellt die Handlung lebhaft dar; man sieht die Schlangen kommen mit ihrem Feuerblicke, sie rollen sich zusammen und drücken die drei Leiber unter ihren Windungen und Krümmungen. krolixum bini spiris glomorantiir in orbom Xrckentes colubri ot simiosis orbibus orsm ll'ornsgno multchliei oonstringunt Corpora iiexn. Der Vater ist cs, den sie zuerst beißen und ergreifen. I.aocoonta potit totumguo inkrsguo Slipraguo Implicat, ot rabicko korit ilia morsu. Man hört den Schrei des Greisen; bei jedem Bisse der Schlangen erhebt er seinen Blick und seinen Arm, gleichsam um den Himmel anzuflehcn; die Schlange krümmt sich, wird wieder gerade, streckt sich, und beißt wahrend ihren schlüpfrigen Windungen in den Magen, in die Brust, in die Schenkel des Unglücklichen; die Adern schwellen auf, der Athem bleibt aus, der rinnende Geifer mischt sich mit dem schwärzlichen Blute. .... Hier bricht die Bewunderung von allen Seiten aus: es lebe Sadolet, cs lebe Virgil! Man hatte den Laokoon vergessen. Am Abende wurde Jakobus mit einer kostbaren Handschrift Plato's überrascht, er fand sie in seiner Kammer, ein Geschenk des Papstes. Leo X. hätte am Ende in seinem Secretär nur den Dichter gesehen, dem zum Leben nichts Andres nvthig wäre, als Ruhm und Lobeserhebungen. Er vergaß darüber, daß Sadolet einen Leib hatte, den er nähren mußte. Gegen das Ende des Jahres hatte Jakobus Schulden und war genöthigt, seine Zuflucht zur Börse eines Freundes zu nehmen, welche ihm immer offen stand. Endlich bat Bembo den Papst um einen neuen Rock für Sadolet. Der Mekicäer machte sein Versehen aus eine edle Weise gut. Einige Tage darauf wurde Sadolet zum Bischöfe von Earpentras ernannt. Ich habe vergessen, euch zu sagen, daß der Secretär ein großer Theologe war, ein gewandter Ereget, ein Christ wie die ersten Christen waren, einfach in seinen Sitten und sanftmüthig, er hatte ein wahrhaft kindliches Vertrauen auf Gott, und sorgte so wenig für den morgigen Tag, als ein Vogel. Er liebte es, sein Nest wie der Vogel in die freie Luft, in eine grie- 207 chische Metope oder in die Falten des Gewandes einer zur Hälfte auf- gefundnen römischen Statue zu bauen. Sadolct widerstand lange Zeit, und jeder Andre würde es eben so gemacht haben wie er, wenn er in diesem wiedererstehenden Rom gelebt hätte, in Gesellschaft all der Götter der Mythologie des Alterthums, mit Künstler», welche mit jedem Tage ein Bild, das vergessen war, wieder ans Licht brachten. Er gab jedoch nach und gehorchte als Christ und als Poet. Zur Zierde des Bisthums von Carpentras nahm er Manuskripte auf ägyptischem Papirus, atheniensische Statuen, corinthische Kunstwerke in Erz, venetianer Ausgaben des Cicero und Demosthenes, des heiligen Thomas, Virgilius, Horatius und Gemälde von Girlandajo, Peru- gino und Cimabue mit sich. Das Schiff, welches alle diese Wunderwerke enthielt, segelte von Ostia ab und wurde wie einst das Schiff, welches den Dichter Virgilius an Bord hatte, von den Glückwünschen aller poetischen Gemüther Roms begleitet. Aber welch ein Unglück! Kaum geht das Fahrzeug in die Gewässer des mittelländischen Meers: so bricht die Pest unter der Mannschaft aus, die Matrosen sterben beinahe alle; der Kapitän und sein Gehilfe sind allein noch am Leben und steuren nach der Küste von Frankreich, von wo man sie unerbittlich zu- rückwcist. Nun sicht man euch nicht mehr, ihr Handschriften, die von Sadolet mit so großer Liebe gesammelt wurden! Nun sieht man dich nicht mehr, göttlicher Plato, den ihm Julius II. zum Geschenke machte. Nun sieht man euch nicht mehr ihr Schätze der Archäologie und Numismatik! Ihr kommt nicht mehr zum Vorscheine, ihr von Gold und Zinnober prangenden Missalc, Werke der unerschöpflichen Gedulv der Mönche! Die schönen Zeichnungen, welche Raphael eigens für seinen Freund entwarf, sind verloren! — Ihr erwartet ohne Zweifel eine Ode, in welcher Sadolet sein grausames Loos beweint? Es ging mir wie euch: wir täuschen uns. Der Dichter ließ seine Flügel in Rom; in Car- pentras finden wir nur noch den Priester, der sich den Fügungen des Himmels unterwirft, „beruhigt über den Verlust all der herrlichen griechischen Manuskripte, deren Sammlung ihn so viele Mühe, deren Erhaltung ihn so große Sorgfalt kostete." Was uns betrifft, wir hätten dem Besitzer den poetischen Schmerz gerne verziehen. 1) Kei relicpii illi tot labores, goos impeller-iinus grrecis praesertun co- «tieibus cunguirenäis unitigue et eolliZenckis mei tanti somptus, mene curse, omnes itvrum jam ack nikilum reeickerunt, Lp. 8ackoleti. — Einen Umstand in Betreff der Reise vergaßen wir. Sadolet zählt in Carpcntras sein Geld und findet, daß ihn der Secretär der römischen Kanzlei bis zum Ende des Jahres bezahlt habe. Es war jetzt im Monate Oktober. Der Bischofsendet sogleich die 150 Thaler, welche er zu viel erhalten hatte zurück, und hält dem Schatzmeister den Jrr- thum in den Ziffern vor. Nun müßten wir ein ganzes Buch schreiben, wenn wir auch den Gast des glänzendsten Hofes von Europa mitten unter seiner Herde von Bergbewohnern, die er liebte, wie er einst seine Bücher geliebt hatte, darstellen wollten. Er hatte die Rechte studirt und wollte der erste Beamte seiner Gerichtsuntergebenen sein, oder seiner Kinder, wie er sie nannte. Carpcntras batte damals sehr besuchte Jahrmärkte; als nun zwischen Kaufleuten einmal ein Streit entstand, kamen beide Parteien zur Wohnung des Bischofs. — Was wollt ihr? — Euer Urtheil, o Herr! — Sadolet führte die beiden streitenden Parteien in seinen Garten unter eine Laube, ließ sie neben sich niedersitzen, und sprach sein Urtheil summarisch über die Streitsache aus. Der Bescheid war von letzter Instanz ohne Appellation. Im bischöflichen Schlosse sah man einen reichlichen Holzvorrath, den Sadolet auf den Winter für die Armen seiner Diözese gesammelt hatte. Wenn das Pfarrkind Hunger oder Kälte litt, gab er zum Holze auch Brod und Kleidung. In einem Mißjahre nährte er auf diese Weise mehrere Tausend Unglückliche. Sadolet sagte oft: „Ick weiß nicht wie das geht; ich sehe in meinem Hvlzvorrathe nicht den kleinsten Nebzweig, in meiner Börse nicht einen Kreuzer: kommt aber ein Armer, so finde ich in einem kleinen Winkel ein Scheit Holz, in einem Kleide ein verborgenes Goldstück; es muß ein guter Engel sein, der mir den Streich spielt." Er hatte wohl recht. Seine Diözese, und insbesondre Carpcntras war voll guter Engel, welche sich in die obrigkeitlichen Personen, in die Kriegsleute, Kausleute, gute Frauen niedergelassen hatten, und wie wahre Zauberer Börse und Holzstoß, ja sogar die Bibliotheke füllten, welche am Ende mit Schriften der Dichter, Rechtsgelehrten und Doctoren geziert wurde, wodurch er ein Mittel fand, sein Künstlerleben von Neuem zu beginnen. Hier schrieb der Bischof einige seiner Werke, unter andern seine lateinische Abhandlung über den ersten Unterricht der Kinder; „cls liberis reote w8titu6N(lis;" und seinen vortrefflichen Commentar über die Briefe des heiligen Paulus an 1) vuriore anno msguum komiuum egeutium numerum »lebst. die Römer; eine Exegese gegen welche sich die ganze lutherische Schule erhob und welche Sturm so heftig angriff. Sturm war ein Humanist von Straßburg. Wißt ihr, was er dem frommen Bischöfe zum Vorwurfe machte? Er habe gelogen, wo er von der Reformation spreche. Sadolet wurde nicht im Geringsten aufgebracht. Er antwortete dem Sturm, der ihm die letzte Abschrift übersandt hatte: — „Du klagst mich an, mein Lieber, ich habe in meinem Commentar von euern Lehren falsches Zeugniß gegeben, denn das ist der Ausdruck, dessen du dich bedienst: latsum lostimonium. Du hättest diese leeren Worte Lu- thern überlassen sollen, einem Geiste, wie der Deine ist, stehen sie nicht wohl an. Aber du hast dich verirrt; ich weiß gewiß, du wirst zu deiner dir eigenen Höflichkeit und deiner dir gewohnten Schreibart zurückkehren. Ich bin immer bereit, dir, oder Bucer, oder Melanchthon, wenn ihr meiner bedürfet, nicht bloß mit Worten zu dienen." Es verging keine Woche, in der er nicht von einein seiner Freunde ein Schreiben erhielt. Bald von dem Bischöfe von Apt, seinem Nachbar, welcher in seinem Palaste eine theologische Schule gegründet hatte, bald von Cochläus, dem er antwortete: „Ich billige deine milde und gemäßigte Schreibart: wir wollen die Ketzer nicht erbittern."^ Erasmus, der ihn in Rom hatte kennen lernen, zog ihn zu Rath über eine dunkle Stelle der heiligen Schrift oder über ein zweideutiges Wort; Melanchthon sandte ihm alle Schriften zu, die er herausgab. Sadolet sagte: „Wenn ich es mit Schwarzerd allein zu thun hätte, sollte bis Morgen Friede in der Kirche sein; aber Luther, das ist was Andres, und fügte hinzu: „Ich bin nicht so, daß ich Jemanden gleich hassen könnte, weil er meine Ansicht nicht theilt." Zu welch schönem Gemälde gibt folgende Thatsache Stoff! Franz l. führte Krieg mit dem Hause Savoyen; der Graf von Fürstenberg war unter dem Befehle des Admirals de Brion in der Nähe von Carpentras, wo seine Landsknechte große Ausschweifungen begingen. Die Einwohner hatten zu den Waffen gegriffen und die Deutschen vertrieben. Fürstenberg machte sich bei dieser Nachricht auf t) Ls>. 8sltoloti 3od. 8turmio, 1536. Kguickem quock wo Attinot zj guia körte sccickerit, ljuocl tibi et Hkelrmctitlmm, ob liiieero commo- aum sut ^rstum kscvre possim, reperietis wo jirokoclo paratiorem qiii>in verbis ut uultum a me okkieium denevoli erza vos Kommis cke- 8>ciersri sim psssurus. 2) kl.izrrms stuäio sscrnrum lectiouum. — 8sckol. ep. lik. 6. eu. V. 3i 8säol., ep., lid. 2.. ep. 6. 4) dson ezo euim sum, qui ut qujsgue a uobis opiuione ckissoutit. sta- tim eum ockio kskenm. And in: Lrbkn Calvins l. Bd. 14 den Weg, und nahm eine Kanone mit, um die aufrührerische Stadt zu züchtigen. Da kam Sadolet im Bischofsgewande zu den Vorposten. „Wer seid ihr?" fragte der Graf den Prälaten. — „Ich bin der Bischof von Carpentras, welcher euch um Mitleid anfleht für seine Heerde." — „Laßt mich nur," sprach Fürstenberg, „ich werde euere Schaafe schecren, daß sie nicht mehr zu schreien vermögen." „Herr Graf," entgegncte Sadolet, „erlaubet mir wenigstens, daß ich erst mit dem Admiral rede." — „Geht hin," sagte Fürstenberg, „ich will auf euch warten." Sadolet verlangt den Admiral zu sprechen, welcher die gleiche Frage an den Prälaten stellt: „Wer seid ihr?" — „Sadolet" antwortete der Bischof von Carpentras. — Als der Admiral diesen Namen hörte, stieg er vom Pferde, kniete nieder, küßte dem Prie- ster die Hand und schrieb den Befehl an Fürstenberg, daß er innehalten solle. „Es war die höchste Zeit," sprach Fürstenberg, „die Kanone sollte eben anfangen zu donnern." — „Ihr hättet doch auf mich gewartet," entgegnete Sadolet. — „Warum mein Herr?" — „Die erste Kugel gehört dem Hirten," antwortete der Prälat; „die Schaafe wären erst nachher gekommen." Wichtiger als diese Antwort, ist das Schreiben Sadolet's an die Bewohner von Genf. Calvin hatte diese Stadt verlassen, welche einer großen Erhebung gegen die Unduldsamkeit ihrer Prediger preisgegeben und voll von Un- zusriednen war, welche laut ihre Freude darüber aussprachen, daß sie von ihnen befreit würden. Genf hatte sein gewöhnliches Aussehen wieder gewonnen: man lachte, tanzte an Sonntagen, vergaß was vorgefallen war und öffnete die Weinschenken wieder. Das Toben gegen die Bilder hatte aufgehört; die alten Gebetbücher, welche man den Blicken sorgfältig entzogen hatte, kamen in den Haushaltungen wieder zum Vorschein, und der Name eines Katholiken war nicht mehr der Gegenstand einer Verfolgung wie das Brandmal eines Treubrüchigen. Sadolet glaubte, der günstige Augenblick sei gekommen, in welchem erden Versuch machen könne, eine Stadt zum Katholicismus zurückzuführen, in der das Andenken an die Prälaten, welche daselbst ihren Sitz gehabt hatten, noch nicht erloschen war; eine Stadt, in welcher sich 1) Hist, cko krsncois Ir gsr Osillsrck. 2) ckricoöus 8ackoIotus.ügiscopus llsrpentoructi, 8. II. ü titull s.rncti llulixti, preslivter carckinulis, suis ckositerstis trgtritius, msgistr»- tui, eoneilio et cividus gonevensibus. XV., llal. Xprilis, 1S39. V. I- x>. 171, 186 oi>or. wt. 8ackol. Lckit. Voron. noch alle edlen Gemüther lebhaft der Anstrengungen erinnerten, welche jene Prälaten für die Erhaltung der nationalen Unabhängigkeit auf sich genommen hatten. Sadolet war nicht unbekannt in Genf, welches den römischen Priester, den Freund des Kardinals Contarini, den Hofmann Leo's X., dessen guter Geschmack für die Künste von ganz Europa bewundert wurde, einige Male mit grosser Zuvorkommenheit ausgenommen hatte. Das Erste was ihm auffällt, wenn er die Feder ergreift, ist das Bild jener edelmüthigen Gastfreundschaft, welche Genf dem Fremdling gewährte. Er fühlt sich bewogen, der Stadt seinen Dank auszusprechen, in der er einige Stunden süsser Ruhe genoss. „Edle Genfer," sprach er, „ich lernte euch kennen und euere Republik lieben, deren politische Einrichtung meine Bewunderung erregte; ich lernte die heilige Liebe kennen, mit der ihr den Fremdling aufnehmt. Ich weiß, daß Genf eine Beute der Zwietracht ist, welche durch die Feinde euerer Ruhe und der katholischen Einheit ausgesät worden ist. Mein Herz blutet bei den Klagen dieser Kirche unserer heiligen Mutter, welche den Verlust so vieler Kinder, die sie mit ihrer Milch getränkt hatte, beweint, und bei dem Anblicke der Gefahren, die für euch noch Vorbehalten sind. Denn die Neuerer, meine liebe Freunde, können ihren Sieg nur auf der Empörung begründen, auf der Umwälzung euerer Ordnung und den Ruinen euerer bürgerlichen und religiösen Freiheiten." Sadolet nimmt hier seine Zuflucht zu keinem dogmatischen Streite, in welchem die Stadt nicht ohne Nachtheil bleiben konnte. Er begnügt sich damit, daß er ihr den Glanz der katholischen Einheit hervorhebt, welche ein immer gleich neuer und mächtiger Beweisgrund bleibt. Er zeigt ihr das Kreuz Christi auf Golgatha, welches die Welt der Heiden besiegte, sich Völker und Könige unterwarf, und fragt dann: „Gab es je zwei Zeichen und zwei Symbole? Wann ist Christus seinem Versprechen untreu geworden, in dem er bestätigte, dass er mit seinen Aposteln sein werde bis an das Ende der Welt?" — Er verlangt, man solle ihm in der Geschichte des Geistes einen Augenblick nennen, in welcher der Katholicismus die Wege verlassen hätte, welche ihm der Sohn Gottes vorzeichnet; oder eine Stunde in der Reihe der Jahrhunderte, in welcher den Nachfolgern des heiligen Petrus der Glaube gefehlt habe; eine Störung in der Einheit der kirchlichen Lehre, ein Abweichen vom Dogma. Er beschwört die Genfer, ihm zu sagen, ob der katholische Priester nicht heute lehre, was er gestern lehrte; welche Wahrheiten die Neuerer gesunden hätten; ob der Glaube des heiligen 14 * 212 Hieronymus nicht der Glaube Pauls Hl. sei. Herrliche Einheit! zu welcher sich Jeder flüchten muß, welcher sich einen Christen nennt, wenn er sich nicht der Empörung schuldig machen will: selbst wenn die Hirten nicht gewesen wären wie Christus war, milde und sanftmüthig, wenn sie nur den ihnen vom Erlöser anvertrauten Schatz unangetastet bewahrt hätten. Was liegt daran, ob das Licht der Sonne sich auf einige Augenblicke verbirgt, wenn nur die Sonne selbst bleibt! Nachdem er dieses Thema nach allen Richtungen erschöpft hat, versetzt er sich in Gedanken in den Moment, in welchem die Welt ihrer letzten Stunde nahe ist; die Trompette die Todten zusammenruft und der oberste Richter an der Höhe des Himmels erscheint, um die Erde zu richten. Dann stellt er uns zwei Seelen vor, welche ihren Urtheils- spruch erwarten: die eine hat in der Einheit gelebt, die andre hat sich gewaltsam von ihr losgetrcnnt. Die gläubige Seele wendet sich zu ihrem Erlöser und spricht zu ihm: Herr, mein Gott! Im Schooße deiner Kirche geboren und erzogen, habe ich immer ihre Gebote so beobachtet, als wenn ich sie aus deinem Munde vernommen hätte. Ich sah Manche von den Neuerern zu mir kommen, mit der Bibel in der Hand, sie wollten mein Herz beunruhigen, die Vergangenheit beschimpfen, meine Mutter beleidige», Ungehorsam und Aufruhr predigen: ich bin standhaft geblieben, treu dem Glauben meiner Väter, dem Glauben unserer Lehrer, unserer Heiligen, dem Worte unserer Seelsorger. Ungeachtet des Aufwandes und der Pracht, mit der sich einige unserer Päpste bekleideten, unerachtet ihrer ärgerlichen Sitten und des Gepränges ihrer Würden, welche meine Augen blendeten, gehorchte ich ihnen, ohne sie zu richten, ich arme Seele, deren Stirne das Mal der Sünde trägt. Siehe, ich erscheine vor deinem Richterstuhle, o Herr und flehe dich an, nicht um deine Gerechtigkeit, sondern um deine Barmherzigkeit! Dann wird der Richter die Seele des Neuerers vor sich rufen. Höre mich o Herr, wird die Seele sagen, und richte mich! Beim Anblicke unserer oft so stolzen, so reichen, oft mit Geld und Sünden ganz überhäuften Priester, fühlte ich mich vom Zorne hingerissen; ich, die ich in Betrachtung deines heiligen Wortes lebte und dürftig geblieben wäre in einer Kirche, in welcher mein Mühen und mein Wissen mir die Thüre der Aemter hätte öffnen sollen, fühlte mich im innersten meines Herzens gekränkt. Ich nahm die Feder in die Hand und griff unsere Seelsorger an, um ihre Autorität zu zernichten; ich griff ihre Lehre an und verwarf Alles, was sie lehrten: die Liturgie, das Fasten, die Enthaltsamkeit, die Beicht; ich habe den Glauben erhoben und die Werke gedemüthigt, ich habe dein Blut gefordert und habe es als Brandopfer dargebracht, um uns von unfern Sünden abzuwaschen. „Und was wird dann der ewige Richter sagen? Wenn eine Kirche ist, konnte die gläubige Seele nicht sündigen; denn sie hat von ihr die Zeichen, die Symbole und die Lehre: hätte diese Kirche aber selbst geirrt, was auch nur zu denken schon schrecklich wäre! wie könnte der Herr ein Wesen verdammen, das nur durch Liebe und Gehorsam fehlte?" „Aber die Seele, die ihre Stirne hoch emporhebt und sich aufbläst in ihrem Stolze, die keine Lehrer, keine Priester, keine Päpste zu Fürbittern hat, welche zu Gott rufen: diese Seele hat geglaubt, was wir glauben; die unglückliche, die keinen andern Schutzheiligen hat, als ihr eigenes Ich, dem sie auf eine thörichte Weise gehorchte, welches wird ihr Loos sein, wohin wird sie kommen?" Nun noch ein Wort und dieß wird das letzte Lebewohl sein, welches Sadolet der Kirche von Genf zuruft; denn er ist alt, durch Erduldungen geschwächt, durch Arbeiten und Nachtwachen erschöpft. Nur durch die Liebe für seine Heerde hängt er noch mit dieser Erde zusammen; aber das Blatt, welches er hier schreibt, wird als ein unvergängliches Denkmal des Glaubens und der Liebe des Bischofs von Car- pentras fortbestehen. — „Meine Geliebteste, ich bitte euch, hebet die Schleier, welche euere Augen bedecken und das Licht verbergen. Hebet euere Blicke zum Himmel empor, kommet wieder zu cuerm alten Glauben, kehret in den Schoojz der Kirche, euerer zärtlichen Mutter zurück: daß wir von nun an Gott im Geiste der Liebe anbeten! Wenn unsere Sitten euch bekümmert haben, wenn einige unter uns durch Fehler die unbefleckte Stirne dieser Kirche getrübt haben; möge dieser Anblick euch nicht zur Empörung anreizen. Ihr könnt uns wohl Haffen, wenn cs euch das Evangelium gestattet: aber unsere Lehre und unfern Glauben nicht, denn es steht geschrieben: thut was sie euch sagen werden. Geliebteste, ich beschwöre euch, verwerfet meine Warnungen nicht: ihr werdet es nicht bereuen, wenn ihr auf die Stimme dessen höret, der um euer Glück so eifrig besorgt ist. Ich werde bei Gott euer Fürbitter sein; obgleich ich ein Sünder bin, wird doch meine glühende Liebe bei dem Herrn Barmherzigkeit finden. Wenn ich auch nur sehr wenig vermag, so stelle ich doch Alles euch zu Diensten; Alles, was in meinen Kräften steht: den Einfluß, das Ansehen und das Vertrauen, welches ich 214 besitze. Ich bin beglückt, wenn ich es meiner Liebe danken kann, daß ihr reichliche Früchte bringet in diesem und in jenem Leben!" Ist der Geschichtschreiber hier nicht berechtigt, zu verlangen, daß der Leser dieses Schreiben eines französischen Bischofs, eines römischen Äirchenfürsten, eines Cardinals Paul's III., mit jenen Sendschreiben vergleiche, die Luther an die Kirchen schrieb, welche die Reformation nicht aufnehmen wollten? Es ist zu bedauern, daß Sadolet den Brief nicht in französischer Sprache schrieb. Ein protestantischer Biograph Ealvin's behauptet, er würde sonst in Genf ein viel größeres Unheil angestiftet, das heißt zur Einheit geführt haben. Er machte übrigens ein großes Aufsehen unter den Genfer Humanisten und verursachte dem Rathe, der nicht wußte, wo er eine Feder finden sollte, welche dem Bischöfe antworten könnte, vielen Verdruß. Ealvin, welcher die Hoffnung nicht aufgegebcn hatte, wieder in eine Stadt zurückzukehren, in der das reformirte Priesterthum keinen einzigen Mann von Gewicht besaß, übernahm die Sorge, Sadolet zu widerlegen. Es ist dieß ein Dienst, für welchen ihm der Rath später erkenntlich sein wird. Wie das dogmatische Symbol Calvins ist auch sein Schreiben ohne Kraft. Die Beweisgründe, welche er vorbringt, sind armselig. Wer die Reformation kennen gelernt hat, wird leicht die Quelle finden, aus der er sie schöpfte. An mehrern Stellen seiner Apologie beruft sich Calvin auf die Tradition, um die Lehre zu rechtfertigen, welche er nach Genf gebracht hat. „Wenn wir diese plumpe Transsubstantiation verwerfen," sagt er, „mit welcher ihr das Volk an die Materie fesselt, so lehren wir kein neues Dogma, sondern das Dogma der ersten Kirche." Sadolet wäre hier ein Richter, welcher den Verdacht der Parteilichkeit auf sich ziehen könnte; welcher Reformirte könnte es aber wagen, das Zeugniß Luthers zu verwerfen? 1) Man vergleiche Luther's Werke, Bd. VII. der deutschen Ausgabe, Seite 3S2 und bei De Wette die Briefe, welche der Reformator an Carl V., an Heinrich VIII., und an den Erzbischof Albrccht von Magdeburg schrieb; ebenso auch die Briefe, welche Knor an verschiedne Prälaten Schottlands richtete. L) „Der Cardinal Sadoletus, ein Mann von vielem Geist und reinen Sitten, swrieb dem Genfer Volke einen so beweglichen und geschickten Brief, daß er ohne Zweifel viel Unheil hätte in der hin und hcrschwankenden Stadt anrick- te» mäßen, wenn er nicht in fremder Sprache geschrieben gewesen wäre." Paul Henry, Bd. I. S. LBI. „Der Teufel ist's," sagt er, *) „der uns jetzt durch die Schwärmer anficht mit Lästerung des heiligen hochwürdigen Sacraments unsers Herrn Jesu Christi, daraus sie wollen eitel Brod und Wein zum Mahlzeichen oder Denkzeichen der Christen machen, wie cs ihnen träumet und gefället; und soll nicht des Herrn Leib und Blut da sein, wie doch die dürren Hellen Worte da stehen und sagen: Esset, das ist mein Leib, welche Worte noch da stehen, fest und unbissen von ihnen." „Aber allein Gottes Wort bleibet ewiglich, die Jrrthümer gehen immer neben ihm auf und wieder unter. Derhalben ist mir keine Sorge, das; diese Schwärmerei sollt lange stehen; sie ist zu gar grob und frech, und ficht nicht wider Dünkel oder ungewisse Schrift, sondern wider Helle dürre Schrift. .... Es geht ihnen, wie es dem geht, der durch ein gemaltes Glas sichet: Man lege demselbigen vor, was man vor Farbe will, so siehet er keine andere Farbe, denn sein Glas hat. Es mangelt nicht daran, dass man ihm nicht rechte Farbe vorlegt: es mangelt daran, daß sein Glas anders gesärbet ist, wie derselbige Jesaia c. 6, 9. auch gibt: Ihr werdets sehen, (spricht er,) und werdets doch nicht sehen. Was ist das anders gesagt, denn: es wird euch vor die Augen gnug und wohl kommen, daß ihrs sehen möchtet, und andere Werdens auch sehen: aber ihr werdets nicht sehen? Das ist die Ursach, (spricht Joh. 12, 40.) daß man solche Leute nicht bekehren kann: die vorgelegte Wahrheit thuts nicht; Gott muß das gemalte Glas wegnehmen; das können wir aber nicht thun." „Weltliche Obrigkeit sollt solche Lästerer strafen. Es ist eine Unzucht und freche Thurst, weil sie gar nichts davon wissen und dennoch so lästern. Und weiß Gott, ich schreibe solche hohe Dinge sehr un- gerne, weil es muß unter solche Hunde und Säu kommen. Aber wie soll ich ihm thun? Die Schwärmer müssens verantworten, die mich dazu zwingen. Hörest du es nun, du Sau, Hund oder Schwärmer, wer du unvernünftiger Esel bist, wenn gleich Christus Leib an allen Enden ist, so wirst du ihn drum so bald nicht fressen, noch saufen, noch greifen: auch so rede ich mit dir nicht von solchen Sachen; gehe in deinen Saustall oder in deinen Koth." „Treffliche Helden, die verdienten, daß man ihnen in's Gesicht spiee, daß man ihre Haare mit Pferdmist schmierte, und sie schimpflich aus dem Lande jagte." ^) 1) „Dr. Martin Luther's Schrift, daß diese Worte Christi: das ist mein Leib; noch Veste stehen, wider die Schwarmgeister 1527." Walch. Bd. XX. S. 950 u. s. 2) 4lerc>s sane sortis et e^rezius, cti^nus gut toellatus ora, vultumgus sputo, et pilis ex stercoro egnino eonlectis, ignominiosissimv e pago ejioia^ tur. 384. Wie wird Calvin seinem Richter entrinnen? Sein Richter ist „ein Apostel, durch dessen Mund Gott zu den Menschen gesprochen hat;" Johann von Noyon hat dem Doctor Martinus selbst dieses Zeugnist gegeben, „das ist der glückliche Reformator," sagen die Prä- dicanten des Canton Waadt, „welcher mitten unter einem Volke, dem alle Priester eine verfälschte Lehre predigten, das reine Wort Gottes verkündete, da der unwiderlegbare Beweis seiner Berufung in der Ucbereinstimmung seiner Lehre mit der Bibel liegt." Sadolet hatte mit der Liebe des Dichters und des Christen den Blicken Calvin's den vollkommenen Werth der Einheit enthüllt. Calvin verwarf sic und heute, nach dreihundert Jahren bemüht sich einer der Schüler des Reformators, die Herrlichkeit derselben zu preisen. „Die Prüfung dieses Systems," sagt Ernst Naville, „lästt immer mehr erkennen, wie folgerecht und schön cs ist, und wie tief die Grundlagen, auf welchen es ruht, in der menschlichen Natur eingewurzelt sind." „Von dem Augenblicke an, in welchem man anerkennt, der Clerus habe einen göttlichen Beruf, ohne dast jedes Glied desselben unmittelbar von Gott berufen sei, must man auch als ausgemacht anerkennen, dast einestheils der Clerus nur einer sein dürfe, dast er ein Oberhaupt haben müsse, welches seiner Einheit gewährleiste, und daß anderntheils der Clerus mit einer unbeschränkten Autorität in Betreff der Lehren bekleidet sein müsse: diest ist nämlich das ganze System. Ich bin der Ueberzcugung, dast sich siegreich der Satz behaupten lasse: Entweder hat Christus keine Kirche gegründet, oder die katholische Kirche ist die von Christus gegründete Kirche." Calvin definirt die Kirche also: „Sie ist eine Gemeinschaft aller Heiligen, die auf dem ganzen Erdboden und durch alle Jahrhunderte verbreitet ist, aber durch Christi Lehre und einen Geist verbunden, die Einheit des Glaubens und brüderliche Eintracht will." Dabei for- 1) Lslvin contra kigdium. 2) ItcIiAion ckn coeur, psr I'i»I>I,e cke kauckrv, p. 72. 3) Lrnest Xaville, 1'kese soutenue ä Oenevo, en 1839. 4) >ll,nc si ckelinitionein ecelesisc tua vcriorem reeipere sustines ckic postluic; soeietatem esse sanctorum omninm, cpiae per totum orbem ckillusa, per omnes setates ckispersa, una tamen dMrist, ckoctrina et uno spiritu colti^-ita unitatem licke, et lraternum concorckism colit. 217 dert er seinen Gegner heraus, er solle beweisen, daß das Genfer Priesterthum mit dieser heiligen Gemeinschaft je im Streite gewesen sei. „Was den Borwurf anbelangt," sagt er, „den ich so oft hören muß, daß ich von der Kirche abgefallen, so wirst mir mein Gewissen nichts vor, wenn man nicht denjenigen einen Verräther nennen will, der, sobald er die Kämpfer sich zerstreuen und ihre Reihen verlassen sieht, die Fahne hoch aufhebt und sie in den Kampf zurückrust. Denn also waren die Deinigen, o Herr! alle zerstreut, daß sie nicht nur nicht hören konnten, was man ihnen für Befehle gab, sondern daß sie dieselben wie ihren Führer, den Kampf und den Eid, den sie geleistet hatten, auch vergessen zu haben schienen. Um sie zurückzuführen von einem solchen Jrrthum, habe ich nicht etwa eine fremde Fahne erhoben, sondern deine herrliche Fahne, der wir folgen müssen, wenn wir unter die Schaar deines Volkes gezählt werden wollen. Hier haben diejenigen, welche jene Kämpfer in Ordnung halten sollten, sie aber irrcführ- ten, Hand an mich gelegt, und weil ich mich standhaft auf meine Behauptungen stützte, haben sie mir große Gewaltthätigkeit entgegengestellt. Sie fingen an, sich zu empören, und der Kampf entbrannte so heftig, daß jede Einheit zerrissen wurde. Auf welcher Seite aber der Fehler und die Schuld sei, das magst du nun entscheiden und aussprechen, o Herr!" Der Theologe rühmt sich übrigens, der Kirche anzugehören, welcher von den Griechen der heilige Basilius und der heilige Chrysofto- mus, unter den Lateinern der heilige Ambrosius und der heilige Augustinus angehörten; „über welche hinaus es nichts mehr gibt, als Ruinen, ein gebrandmarktes Papstthum und eine entehrte Geistlichkeit." Glücklicherweise hat der Bischof den geistreichsten Protestanten unserer Zeit zu seinem Vertheidiger, Herrn Vinet, welcher hier ausruft: „Wir haben recht, daß wir als Christen einen heiligen Chrysostomus, Basilius, Augustinus, Bernhardus für uns in Anspruch nehmen. Was wir verneinen sind nicht sie, noch ist es die Kirche, in welcher sie wie Sterne leuchteten; wenn wir dieß thäten, hieße es so viel, als uns selbst läugnen." Es gereicht dem waadtländischen Prediger zur Ehre, daß er den Chor der Lehrer unserer Schule eröffnet«: und diese Kirchenväter eintre- tcn ließ, „diese Blinden und Unwissenden in heiligen Wissenschaften, welche wohl die Feder in der Hand hielten, wenn sic schrieben, den Geist 1) Ideligion r»! ililt i- !< xe- Clerus deuten zu wollen," sagt Naville, „heißt der ganzen Christenheit ein Unrecht zufügen, und die hellsten Zeugnisse der Geschichte verwerfen." Da nun der Kampf zu Ende ist und Calvin uns die Trompette Horen ließ, welche die Todten erwecken wird, nähert er sich unter dem Schalle dieses göttlichen Rufes dem Throne des Lammes, um Gerechtigkeit zu verlangen! Weder Sadolet, noch der heilige Hieronymus, noch der heilige Augustin werden ihn richten: sondern Luther, Navil, Binet, das heißt die Priesterschast Wittenbergs, Genfs und Lausanne's. Alexander Morus sagte: „Wer die Schönheit und Kraft der Schreibart Calvin's kennen lernen will, muß die Antwort lesen, die er Sadolet gab: man kann es nicht thun, ohne im Herzen bewegt, ohne besser und heiliger zu werden." Alexander Morus hätte auch die Feinheit des Reformators preisen und Stellen anführen sollen, wie folgende: „Er ist gleichsam von Jugend auf in römischen Künsten unterwiesen, in diesem Kramladen aller Schlauheit und Verschlagenheit." Wenn wir nur die Form in's Auge fassen, werden wir uns gestehen müssen, daß das Schreiben Calvin's die Achtung und oft sogar die Bewunderung des Humanisten verdiene. Er hat seit der Abfassung seiner „Institution" bedeutende Fortschritte gemacht. Seine Redeweise ist weniger trocken und herbe; es bieten sich ihm bisweilen Bilder dar und er weist sie nicht zurück; im Allgemeinen fehlt ihm aber, was die italienischen Schriftsteller dieser Epoche in reichlicher Fülle besitzen: Farbe und Bewegung, Mannigfaltigkeit und Lebendigkeit. Wenn ihr Sadolet leset, glaubt ihr nach Rom versetzt zu sein, ihr athmet die Wohlgerüche, welche den Janiculus umduften; ihr sehet die Sonne, welche die Denkmale der ewigen Stadt vergoldet, ihr werdet ganz trunken von Poesie: wenn ihr Calvin leset, habt ihr das hohe Gebirg vor euch, welches man von Genf aus überall sieht, das abgerissene, kahle Saleve, das kühn auf seinem granitnen Grunde ruht. ^ I) Hieso 5outenue ä Oenvve, vn 1839. ^ 2) Is llomo propo s puorilis imkulus romanis arlibus, in illa versutinrum ' ->c cslliditaljz otticins. Calvin gab sein Schreiben in lateinischer Sprache hcr- L aus im Jahre 1539 und die französische Ueberschnng im Jahre 1541. 220 XVIII. Kapitel. Calvin in Bern. — 1SL8. Reist Calvins nach Bern. — Stimmung unter dem Volke. — Calvin in Bern. — Conz. — Schilderung dieses Predigers. — Disputation zwischen Conz, Calvin und Farel. — Bern bemüht sich für die Rückkehr der Verbannten. — Die Einwohner von Genf bestätigen in einer allgemeinen Versammlung das Vor- bannungSurtheil Calvin's. — Die Genfer Kirche und ihre Prediger vor dem Rich- stnhlc des Reformators. — Unzucht, Heuchelei und Unwissenheit der protestantischen Geistlichkeit. — Calvin in Basel — in Strasburg. — Bern hatte die Plane Calvins, nach welchen er die Beschlüsse der Synode von Lausanne Umstürzen wollte, mit bösen Augen bewacht. Zwar hatte Bern den Aufruhr gegen die römische Kirche gepredigt, als aber einmal der Sieg der reformirten Lehre errungen war, wollte es, dass die neue Kirche in Frieden und Einigkeit leben sollte. Es hatte vom alten Gottesdienste einige Ceremonien beibehalten, um auf die Menge Eindruck zu machen, und an diesen äussern Formen hielt Bern wie an geschriebenen Glaubenslehren fest. Alle Unruhen, welche das Volk in der Schweiz bewegten, erfüllten Carl V., der die Freundschaft der Republik erhalten wollte, mit Missfallen. Man sagte, der Kaiser habe sich vorgenommen, einen Botschafter nach der Schweiz zu senden, welcher den Auftrag haben sollte, den Geist des Volkes auszukundschaften. Bern beeilte sich desshalb, die Kirchen, welche noch standen, herzurichten, die von seinen Soldaten verunreinigten Tempel zu übertünchen, die noch unberührten Klöster in Wohlthätigkeitsanstalten zu verwandeln, die neuen Prediger zu kleiden und zu erhalten, zerstreute Kunstgcgenstände zu sammeln und insbesondre den Bürgern Eintracht zu predigen, um dem kaiserlichen Botschafter sagen zu können: Ihr sehet, daß hier kein Streit stattfand wie in Deutschland: die Priesterhäuser sind beinahe ganz erhalten; die Schulen sind an ihrem Platze; die Diener Gottes haben nur ihre Kleidung verändert: nur hier sind 221 noch einige Ruinen, die bald verschwinden werden; aber die Herzen sind einig in einem und demselben Glauben: Gott sei gelobt! So wie Calvin mit Farel nach einer Reise von einigen Tagen Bern näher kam, konnte er bemerken, daß das Volk unter dem Einflüsse böser Leidenschaften stehe; die Bauern murrten, als sie die Genfer Prediger gehen sahen. Diese blieben acht Tage in Bern' und wünschten vergebens, daß man sie hören möchte; nicht einmal eine Antwort wurde ihnen zu Theil, „es war," sagt Calvin, „als ob man ihre Geduld hätte ermüden wollen." Conz, (Kuntzen) ein Diener der Kirche von Bern nahm sie in sein Haus auf. Conz war ein zorniger, spöttischer, zänkischer Rechthaber. Calvin nennt ihn in einem Briefe an Bucer, indem er sich aufs eifrigste bemüht, den Vorwurf der Streitsucht von sich abzuweisen, 2) „ein wildes Thier, nach Geberde, Rede und Gestalt eine Furie." Conz ließ Calvin nicht Zeit, seine Beschwerden gegen die Kirche und die Verwaltung von Genf darzulegen; er fing an, das Betragen der beiden Prediger zu schmähen, die er beschuldigte, daß sie die Empörung in den Canton gebracht haben. Farel und Calvin suchten vergebens einige Worte zu ihrer Vertheidigung zu sprechen, sie wurden im Augenblicke durch den Redner unterbrochen, welcher ganz allein sprechen wollte. Farel, der darüber erstaunt war, daß er sich einer so zürnenden Natur gegenüberfand, versteckte sich hinter Calvin und zitterte noch lange nachher, so oft er sich dieses Auftritts erinnerte. Sebastian Mayer und Erasmus Ritter, welche der Disputation beiwohnten, brachten es endlich dahin, daß sie Conz besänftigten. Es trat auf einen Augenblick Stillschweigen und eine Frist für die Angeklagten ein; Calvin und Farel standen nämlich vor ihrem Richter. Dann nahm Conz wieder das Wort und schlug den Genfer Predigern eine förmliche Debatte vor, welche in Gegenwart des Berner Senats stattfinden sollte. Am andern Tage erwarteten Farel und Calvin an der Thüre des Rathshauses die von Conz bestimmte Stunde; nachdem sie aber zwei Stunden gewartet hatten, sagte man ihnen, daß der Rath so sehr von Arbeiten überhäuft sei, daß er nicht Zeit habe, sie anzuhörcn; daß man sie aber nach 1) Its oir comporito putaviinus pMientism vostrsm tentsri, nt si tseckio ld.icti causs-im istain Mfieeissemns totri enlpil sgeeiose in nns conkei'i'i posüet. — 1'ientissimo et ernditissimo viro O. LuHinger», '?ig. Lccl. gastori, tratin csrissimo. Nense junio, 1538. 2) Idixari non est eerte inei moris. Li»I. öucero. Oen. 12. san. 1538. 3) kellns rstiios:». Vultus, gestns, verda, colvr ipso luriiis spirsbsnl Li»tv. öueoro. 222 dem Mittagessen empfangen werde. Conz nahm zuerst das Wort und wandte sich an Calvin: — „Ihr seid nichts als unruhige Köpfe," sprach er, „die helvetische Kirche war im Frieden; ihr habt sie gestört durch die Neuerungen, die ihr herbrachtet." Calvin antwortete: „Nicht wir haben Genf das gesäuerte Brod gebracht, welches lange Zeit vor uns in der alten Kirche im Gebrauche war; selbst unter dem Papstthume findet man Spuren des alten Abendmahls, da theilte man gesäuertes Brod aus." Conz schrie, stampfte und machte die auffallendsten Geberden: es war eine Scene wie sie Luther sonst spielte: man hätte glauben können, der Prediger müßte sein ganzes Leben Ln Wittenberg zugebracht haben. Er war so „siedend von Zorn," daß er von seiner Bank auffuhr und den Genfer Predigern mit der Faust drohte. 2) Man suchte ihn dann wieder zum Sitzen zu bringen. Die Rolle, welche Calvin spielte, war außerordentlich beengt; er stotterte, seine Zunge verwickelte sich in Phrasen, welche ihn sein Geg, ner nicht zu Ende bringen ließ: „Da sieht man, welchen schlechten Glauben sie haben," rief Conz, „das sind keine Diener Christi, mit denen wir hier streiten, sondern unruhige Köpfe, die versprochen haben, sie wollen die Beschlüsse der Synode von Lausanne anerkennen; sich aber heute nun weigern, die Stimme der helvetischen Kirche zu hören!" Die Anklage war bündig. Farel und Calvin behaupteten, sie hätten im Gegentheile versprochen, der Synode zu gehorchen und wären noch immer desselben Willens; Conz bestand aber auf seiner Behauptung und wollte nicht, daß man die ketzerischen Prediger anhören sollte. Die Versammlung ging auseinander. Als Calvin durch die Hauptstraße Bern's ging, lief ihm Sebastian nach und zupfte ihn am Kleide: „Saget mir doch," sprach er zu dem Genfer Prediger, „ist es wahr, daß einige euerer Brüder euch als Wölfe und falsche Propheten behandeln, sie, die euere Plätze in Genf eingenommen haben?" llonrenus exprollsvit ecclesias omnes 6ermaniao se quse alio tran- quillav erant, impoiNuna noviUUis atloMione luisse a nodis pertur- datas. 2) Ulic nero non clamoribus solis contentus ex aliaco se proripuit, sc tow corpore sic edulliebat, ut insecta manu rellnori a colle^iis non possvt. 223 „Ja," antwortete Calvin, „und wir halten sie unsererseits für die wahren Wölfe und für die wahrhaft falschen Propheten." „Also würdet ihr ebenso von uns reden, die wir Megander verjagt haben 2) und ihn nun wieder in die Kirche Bern's aufnehmen?" „O, das ist etwas Anderes," erwiederte Calvin, „wir sagen, warum wir unsre Stellvertreter als wie Wölfe behandeln." „Sebastian, welchen diese schlaue Unterscheidung nicht überzeugt hatte, änderte bald seine Sprache und verließ die Sache Calvins. Das war ein ausgemachter Streiter, dieser Mayer, er hat ein wankelmüthiges Wesen und gibt immer demjenigen Recht, der zuletzt sprach." Außerdem hatte Erasmus Ritter eine besondere Vorliebe für Calvin; er wurde aber von seinen Amtsgenossen mitfortgeriffen. Der Großrath versammelte sich einige Zeit später, sandte an Calvin und ließ ihm dreimal vorstellen, daß er sich unterwerfen solle. Die Genfer Prediger gaben nach, „weil sie fürchteten," sagten sie, „die rechtschaffenen Leute möchten an ihrer Hartnäckigkeit Anstoß nehmen." Der Rath beschloß, daß zwei Botschafter die Verbannten begleiten und wegen der Rückkehr unterhandeln sollten; wenn dieß mit Erfolg geschehen würde, wollten sie die Prediger wieder aufnehmen und für die Einsetzung in ihr Amt Sorge tragen. Die Verbannten verlangten aber eine neue Botschaft; denn „es wird den Anschein haben," sagten sie, „als kämen wir, um unsre Wiedereinsetzung zu erflehen, wie Schuldige; und warum hat man den Abgeordneten nicht auch einen Diener des heiligen Evangeliums beigegeben? Der Rath fand ihr Gesuch gerecht. Die Abgeordneten und die Verbannten sollten in die Stadt zurückkehren. Erasmus Ritter und Viret schloßen sich der Deputation an. Die Nachricht von der Rückkehr Calvins hatte Genf in Bewegung gesetzt: das Volk gab seinen Zorn laut zu erkennen: die Botschaft war nur noch eine Meile von der Stadt entfernt, als ein Bote kam und 3) ^n verum putsremus guock nsrrabatur a guibusdam, tantam esse M certis fratribus severitatem, ut eos lusios vocsrent et iiseudopropke- tas, «M in loeum nvstrum irrensissent: respondimus nostrum non esse aliud de ipsis sudicium. Lalv. LuIIinx. 2) Mcgander und Leo Juda arbeiteten an der Ucbersetzung der heiligen Schrift in die deutsche Sprache. Dieselbe erschien in Zürch in den Jahren 1529 bis 1531. dokn 8cotts tlalvin aud ttie 8rviss reformatio», p. 1 l 6. 3) 8ed «Md alius zotest, quam suis delirsmentis invertere Lvanxelii puri- tatem? Lai. Lueero, 12. jan. 224 ihnen den Eintritt in die Stadt verbot. „Das war ein Eingriff in das Völkerrecht," sagte Calvin, „und in die politische Freiheit," gegen welche die Verbannten einschreitcn und mit vermummtem Gesichte nach Genf gehen wollten. „Aber die Abgeordneten hielten uns zurück und das kam uns wohl zu Statten," sagt Calvin, „denn zwanzig Banditen lauerten im Hinterhalte der Thore der Stadt." 0 So ernstlichen Maßregeln gegenüber beschloß der Rath, daß sich das Volk in Betreff des bestimmten Looses, welches die Verbannten treffen sollte, auszusprechen hätte. Das Volk versammelte sich. Ludwig Annman und Viret vertheidigten die Sache der Prediger so nachdrücklich, daß sich der Zorn des Volkes zu erlöschen schien. Ein Syn- dicus las nach ihrem Abtreten die Anschuldigungen oder Artikel, welche man den Predigern zum Vorwurf machte, unter Aeußerungen des Unwillens und lauter Kundgebungen der Unzufriedenheit, bei dem Gelächter und wüthenden Geschrei des Volkes. Sie waren angeklagt, daß sie die Genfer Kirche die ihrige genannt hätten; daß sie der Berner erwähnten, ohne die Ehrentitel, die ihnen zukamen; und daß sie den Kirchenbann zum Dogma erhoben hätten. Damals wurde der öffentliche Platz Genfs zu einem zweiten Forum. „Sehet," riefen tausend verschiedene Stimmen, „sie thun, als wenn unsre Kirche ihnen gehörte; sie sprechen von unsrer Kirche, wie man von einem Felde oder einem Hause spricht! In die Rhone mit ihnen! Zum Teufel mit ihrem Kirchenbann, wir wollen nichts mehr von ihnen wissen." Die Erbitterung erreichte den höchsten Grad; und wenn sich Farel oder Calvin in diesem Augenblicke hätten sehen lassen, würde das Volk zu den größten Gewaltthätigkeiten geschritten sein; es hatte zwei offne Gräber vor sich, die Rhone und den See. Die Abgeordneten hatten die Artikel bei sich, welche sie dem Volke nur in Gegenwart der Prediger vorlesen durften: ein förmliches Bekenntnis welches die Verbannten allein rechtfertigen konnten. Aber es scheint, daß Calvin durch Conz verrathen war, welcher sich des Petrus Dandels bediente, um die Artikel heimlich unter das Volk zu bringen; „es war dies; ein abscheulicher Streich," sagt Calvin, „aber 1) l^nm P08tes cnnMit non procul ino«nit,u5 collncatss ful5se in5ieli!>8; in ip8s sutein Ports consictelEt srmsti vizinti ßlsu»8i in opi8 P 088e85innem ve- nerint - kece ut nck 'l'^rsnnickem »8piront. Man vergleiche unter den urkundlichen Belegen diro. IV. würdig eines Menschen, welcher in Royon auogerufen hatte: „Man will die Verbannten zurückrusen, aber ich schwöre, daß ich eher das Predigtamt und die Schweiz verlassen werde, als daß ick die Tollköpse znrückkchrcn sehe, die mir so viel Ucbles zugefiigt haben." Calvin und Farcl gingen wieder nach Lern. Calvin hatte uns getäuscht, als er seiner Verbannung einen unmoralischen Beweggrund unterstellte. Es ist keine Ausschweifung, wenn man sich erhebt, um sich eines lästigen Zcugens, eines unerbittlichen Richters zu entledigen; man verbannte ihn, weil er die Freiheiten derStadt angriff, weil er den vorgeblichen Despotismus der Bischofsmütze cinführen, seiner Tyrannei den Krummstab und das Schwert ancignen wollte. Er hatte sich selbst bemüht, das Volk sreizusprechcn, als er cs im April bei den großen Gerichtssitzungen erscheinen ließ, damit es das Urtheil bestätigen sollten, das er schon gefällt batte. Die Erzählung, welche man davon liest, wird nicht verdächtig sein, sic ist ganz von der Hand Farcls und Calvins geschrieben und lag in den Archiven, in welchen man sie ruhig schlafen ließ, bis sic ein protestantischer Geschichtschreiber, vielleicht mehr aus Unklughcit, als Wahrheitsliebe an's Licht gezogen hat; denn Calvin hatte die Erzählung schon zur Vergessenheit verdammt, als er unter dieselbe schrieb: „Merket euch wohl, daß ich Alles nur euerer Vorsicht anvertraue." Warum hat aber Paul Henry in seiner Ilebersetzung nur unförmliche Bruchstücke von diesen Plaudereien vor das Auge des deutschen Lesers gestellt, und warum steht die lateinische Erzählung unter den urkundlichen Belegen, wo sic der Leser sicherlich nicht suchen wird? Es gibt noch manche andere Aufklärungen in diesem Schreiben Calvin's. Ihr kennet Sadvlct; ihr habet das Bild gesehen, das er von den Unordnungen entwarf, welche durch die Reformation in Genf veranlaßt wurden. Calvin gab dem Bischöfe zur Antwort: „Dn bist ein Verläumder" ' ) und fügte hinzu: „Was mich betrifft, Sadolct, so sollst dn wissen, daß ich einer von Denjenigen bin, gegen welche du mit so großem Zorn und Aergcr auftrittst. Obwohl die wahre Religion schon geordnet und eingerichtet, die Gestalt ihrer Kirche hergestellt war, che Farel und Virct hicher berufen wurden, kann ich koch von ihnen und ihrer Sache nicht wohl abgeschieden werden, weil ich nicht nur mit meiner Stimme und meinem Gutachten meine Billigung ausdrücktc, sondern mich auch gedrungen fühlte, nack I) Caöo uptN',im „c. vox nspvrwr .1 mo exent.... simjilex nt mockc- rst» innveentise me»v nckversus enIumnioE tu.15 eriininstioncs erit cle- lonsio. And in: Libin Calvin « l. B». l'l Kräften zu erhalten und zu bekräftigen, was früher von Farel und Viret eingerichtet worden war. Wenn du meine Person angcjchuldigt hättest, würde ich dir ohne Zweifel alles anheimgestellt haben, deiner Wissenschaft wegen und aus Ehrfurcht für deine Gelehrjamkcit. Wenn ich aber mein Amt, (vvn dem ich weiß, dass cs durch die Berufung Gottes gegründet und bestätigt ist) von der Wunde, die du mir beigebracht hast, verletzt und beschädigt sehe, so wäre es Treulosigkeit und nicht Langmuth, wenn ich schweigen und nicht offen hervortreten würde." Hören wir auch, was Calvin dem Bullinger leise in's Ohr sagt, der Nichts davon ansplaudern soll: „Satan ist cs, der uns aus dieser Stadt verbannt hat, um sie hernach in Unordnungen zu stürzen, welche noch grösser sind, als diejenigen, unter welchen sic seufzte. Man kann sich keine Vorstellung macken, in wclckcm Schlamm von Willkühr alle diese Gottlosen sich streiten; mit welchem Ungestüm sie Christus beleidigen und das Evangelium lächerlich machen in ihrer Wuth und Narrheit! Wehe denen, die das Aer- gerniss geben! Wehe vor Allem Denen, die uns verjagt haben! Dieser Conz, der uns nicht verderben konnte, ohne dass er die Kirche verderbte, hat diese heilige Kirche verrathen, indem er uns verrieth. Ich wollte lieber, sie wäre eine Wittwe, als daß sie unter solchen Männern lebt, die sich in die Larven der Hirten vermummen!" Calvin und Farel zeichnen uns das Bild Derjenigen, durch die sie ersetzt wurden. „Der Erste ist der Quardian der Franziskaner, welcher beim Beginne des Evangeliums das Licht der Wahrheit hartnäckig zurückwies, bis ihm Christus unter der Gestalt eines jungen Mädchens erschienen ist, die er in seine Arme drückte und mit seinen schlechten Liebkosungen befleckte; *) ein stinkender Mönch, der sich gar keine Mühe gibt, seine Ehrlosigkeit zu verhüllen, und sich untersteht, zu lehren, Sanct Paulus verlange nicht, dass der Bischof in Keusckhcit lebe, sondern dass er sich bessere, wenn er der Seelsorge obliegen will: er hatte eine Seele, die leer war von Gottesfurcht und jedem frommen Gefühle. — Der zweite ist ein anderer in Heuchelei gehüllter Priester, welcher im Aussatze der Sünde einherstolzirt; beide sind unwissende Prediger, Schreier und Zotenreiffer; der dritte ist ein übcrfnhrter Erzhnrer, der seine 1) Oonec Garistum uliquancko in uxoriz forma contemickatus ost quam siwul atque babuit secuw, mockis omnibus corrugit. 227 Lossprechung nur durch die Gunst einiger schlechten Leute erlangen konnte. O herrliches Amt, das sie gestohlen haben und nun verwalten, wie sie cs an sich gebracht haben! Es vergeht kein Tag, an welchem sie nicht durch Männer, Frauen, oder sogar Kinder einer Untreue überführt werden." Dieses Schreiben weckt eine wichtige Frage auf. Wenn die Prediger, welche in Genf Calvins Stelle einnehmen, „reißende Wolfe" sind, was ist dann er? Von wem wurde er ausgesandt, wer hat ihm die Hände aufgelegt, wer hat ihm das Sakrament der Priesterweihe ertheilt? Wenn er seine Sendung durch deu Aufruhr erhielt, hat der Aufruhr dieselbe auch einem Andern erthei- lcn können. Herr Vinet behauptet, „der Mann, dessen Amt cs ist, die durch unfehlbare Menschen anfgetragcnc Botschaft immerfort zu verkünden, habe kein anderes Zeichen der Sendung nothwendig, als seine Treue in der Erfüllung einer Botschaft, welche Allen bekannt und den Fähigkeiten Aller angemessen ist." Gut! Wenn die Stirne ihrer Nachfolger des pricsterlichen Zeichens beraubt werden sollten, müßten dieselben in ihrem Glauben gefehlt haben. „Die Auflegung der Hände, sagt Calvin, welche slattsindct, wenn wahre Priester in ihr Amt eingesetzt werden, ist kein leerer Gebrauch, sondern ein Zeichen der geistigen Gnade Gottes." Warum entzieht er denn aber diese Gnade dem Quardian der Franziscancr? Unterscheidet er sich in der Lehre von den legitimen Predigern? Sage er uns doch, welches ist die Regel der Lehre der Kirche, das Glaubensbekenntniß? Wer setzt dieses Bekenntniß auf? Die Prediger: also ist es die Lehre, welche die Prediger richtet, und die Prediger richten die Lehre; welch ein Chaos! Welch ein Abgrund! Der Franciscaner hat aber das Formular Farels beschworen, was will ihm Calvin vorwerfen? Eine bekannte Hurerei; dem zweiten eine rafsi- nirtc Heuchelei; und dem dritten eine sprüchwbrtliche Zote. Wozu bediente er sich aber damals jener schrecklichen Waffe, der Exeommuni- cation, die er sich wie eine Beute aneignetc? Weil er keine junge Frau, deren Haare allzuweit über die Schläfe herabficlen, aus der Kirche jagen konnte, mußte er seinen Zorn an diesem Klvsterquardian aus- lassen, welcher mit seinem Aussatze der Sündhaftigkeit in den Tempel kam: weil er nicht gegen die Eidgenossen zu Felde ziehen konnte, mußte er seinen unwissenden Zuhörer in den heiligen Wissenschaften unterrichten; weil er den armen Handwerkern, welche Karten spielten, das Abendmahl nicht mehr vorenthalten konnte, mußte er seinem heuchleri- C Ilislil Np, 4 . o> 2 15 schen Priester seine Schlangenhaut abreißcn. Er fährt aber fort, in Genf mit diesen reissenden Wölfen zu leben, das Wort Gottes mit ihnen zu verkünden, Gott in einem Tempel mit ihnen anzubeten und an demselben Communiontische mit ihnen nicderzuknieen. Nur damals, als er sie die Hand an das Rauchfaß legen iah, dessen sie sich bemächtigten, gab er sie der Verachtung christlicher Seelen preis. XIX. Kapitel. Calvin in Straßburg. — Seine Heirath. 15LS 1540 Religiöses Aussehen Straßburgs. — Johann Sturm. — Capito. — Hedio. — Buccr. — Pricstercheu und um welchen Preis sie zu Stande kamen. — Culviu's Ankunst im Straßburg. — Er wird zum Professor der Theologie ernannt. — Er ist bemüht, Viret zu verheirathcn. — Er selbst hcirathct Jdelettc Stördcr. — Er verliert seinen Erstgebornen ohne eine Thränc zu vergießen. — Heil dir, du Straßburg im Mittelalter, du Stadt der Malerei und Bildhauerei, der Philosophie und freien Künste! Athen, durch die Höflichkeit deiner Sprache; Venedig durch deine Liebe zu den Wissenschaften; Wittenberg, durch deine theologischen Zwiste und Rom sogar durch deine Kirchen. Deine Kathedrale kann mit St. Petrus verglichen werden. Fra Giacondo, Titian und Leonardo da Vinci haben sie gesehen, aber ohne die Wunder der Arbeit Steinbachs zu begreifen. Es wird eine Zeit kommen, in welcher dein großes steinernes Heldengedicht der Gegenstand abgöttischer Verehrung sein wird; dann wird man zu diesen göttlichen Einfällen, fantastischen Arabesken und in Stein gehauenen Spitzen, pilgern und vor ihnen niederknieen; Raphael konnte sie in den Logen des Vatikans weder an Anmuth noch an Ma- nigfaltigkeit übertreffen. Straßburg war zur Zeit des Wiederauflebens der Wissenschaften und Künste eine lärmende Stadt. Hier dispntirte man zu jeder Stunde des Tages über alle wichtigen Fragen der Psychologie, welche das Leben poetisch zu machen vermochten: über den freien Willen, über die Rechtfertigung, über die Gnade, über die Einwirkung Gottes auf die Handlung der Crcatur und über viele andere geheime Phänomene, irren Erforschung die Schule selbst aufgegeben hat. Mit der größten Unruhe wurde hier des Erasmus Schrift vom unfreien Willen erwartet; wenn ein Pamphlet von Luther erschien, kamen alle Gemüther in Bewegung und selbst Earlstadt konnte versichert sein, daß er hier glühende Sympathien für seine Schwärmereien über das Abendmahl finden würde. Alle möglichen religiösen Meinungen hatten hier ihre Stellvertreter. Man fand da Lutheraner, Wiedertäufer, Zwinglianer, Oecolampadianer, Münzerianer. Es war ein olympischer Göttersitz, wo jeder Gott der Schule einen Altar hatte. Oft geschah es, daß all diese Gottheiten aus Mangel an Zuhörern durch ihre Streitigkeiten den Frieden der Stadt störten. Dann war der Städtemeister verpflichtet, cinzuschreiten und den Frieden zu predigen. Der Friede war das Stillschweigen, und keiner der disputirenden Götter wollte schweigen: der Stadtrath war also mit dem Aufträge beschwert, eine dieser Gottheiten zu ergreifen und dieselbe höflich aus der Stadt zu führen. Plato behandelte die Dichter nicht mit mehr Respect. Die Gottheit kam bald wieder bei einem andern Thore herein, erfrischt in der Brust mit dem Wohlgeruch der Vogesen oder dem Wasser des Rheins, verfiel aber gleich wieder in die gewohnte Krankheit, die theologische Geschwätzigkeit. Die Magistratspersonen, größtentheils Männer des Volkes, gingen von einem Gott zum andern und zeigten hierin eine bewunderungswürdige Gleichgiltigkeit. Jede neue Lehre hatte die Gabe, sie zu verführen. Wenn ein Schüler Zwingli's von den Bergen der Schweiz kam und ihnen die Lehre seines Meisters verkündete, hörten sie ihn an, verehrten ihn und nahmen ihn wie einen Apostel auf. An diesem Tage hörte Straßburg auf, an das Dogma der reellen Gegenwart zn glauben, Zwingli wurde angebetet und seine Dogmatik in einen Katechismus gefaßt zum Gebrauche für Kinder. Dann kam Buccr: 1) Carlstadt, der aus Wittenberg verjagt worden war, gab in Straßburg seine Meinungen über die reelle Gegenwart kund: seine Lehre wurde durch die protestantischen Prediger anerkannt. Neue Bcsckweibnng von Straßburg, 1838. S. 231. 2) IsnzgM, ets pueiis jnstituenlli» eoclesiae nrgentmensjs, suno 1327, Niense niignslo, 230 vollkommen durchdrungen von den Lehren Luther's predigt er die Jm- panation und Straßburg verläßt den Pfarrer von Einsicdlcn, um dem Mönche von Wittenberg zu folgen. Die bildliche Auslegung der Abendmahlsworte wird aus dem Katechismus gestrichen: nicht mehr geistig ißt und trinkt von nun an das Kind den Leib und das Blut, >on- dern in Wirklichkeit unter den materiellen Gestalten. Aber auch Bnccr hat dieß lutherische Glaubensbekcnntniß umgewendet und wieder geordnet; ein neuer Engel ist vom Himmel gekommen, auf welchen Straßburg hört, bis ein Wiedertäufer der Seele Davids dem Erzengel die Flügel stutzt und sich selbst damit beschwingt. Damals hatte Straßburg nicht Wasser genug zur Wiedertaufe. Diese psychologischen Umgestaltungen ließen den Gedanken nicht unthätig sein; er befruchtete sich im Studium und in der Betrachtung; um seine Wiedergeburt zu rechtfertigen oder zu erklären, hielt er sich an alle materiellen Zeichen, welche ihren Ursprung kund gaben; er forschte nach der Wahrheit in der Bibel, und nahm zum besser» Verständniß die lateinische, hebräische, griechische und syrische Sprache zu Hilfe. Jeder Sectircr, welcher um das Bürgerrecht in der gastfreundlichen Stadt nacksuchen wollte, brachte ihr zum Ersatz seine theologischen oder poetischen Talente, seine Manuskripte und seine Lampe, die er anzündete, um seine Studien auf's Neue zu beginnen. Jedem Gaste, der aus Frankreich, Deutschland oder Italien kam, mochte er ein freiwilliger Pilger, ei» Märtyrer der Freiheit oder ein Propagandist aus Neigung sein, gab Straßburg eine Wohnung zum Obdach, ein Bett zum Schlafen und eine Mahlzeit zum Leben: es war eine angenehme Muße, welche die Stadt diesen Fremdlingen gönnte, welche sie dafür segneten und besangen. Wir mühen auch einige diejcr Geistesmänner schildern, die beim Anblicke dieser Stadt gesagt hatten: „Hier ist cs gut wohnen, laßt uns eine Hütte baue»." Johannes Sturm bewohnte bei dem Luxhof ein kleines Thurmstübchen, das beinahe bis an den Himmel reichte; eine luftige Wohnung, in welcher der Vogel ganz bequem singen konnte, ohne daß er von dem Lärmen der Stadt in seinen Concerten gestört wurde. Nachdem Sturm in Lüttich gute Studien gemacht und in Löwen gemeinschaftlich mit Nutzer Rescius eine Druckerei errichtet hatte, wurde er Professor der griechischen Sprache an der Universität dieser Stadt. Beim An- i) 8uum cor>»,8 nmistttinemquv >,ii,jmu8, 8eck 8>>iritualitcr cum jnKenti commocko. blicke des ersten Excmplares eines schönen Homers, den er mit Charac- teren gedruckt hatte, die er in Italien eigens hatte gießen lassen, wurde er von einem förmlichen Wahnsinn befallen, flüchtete sich von Löwen und nahm mehrere Reiselüsten voll von seinen Hauptwerken mit sich, die er in Paris um sehr hohen Preis verkaufte. In Paris besuchte er die Humanisten, welche Brieonnct, der Bi- schof von Mcaur, in seinen Palast gezogen hatte. Er wurde verdorben im Umgänge mit diesen streitsüchtigen Naturen und nahm zuerst die lutherische Lehre an, als die Ketzerei nur noch einen Repräsentanten hatte; später wurde er Zwinglianer. Er liebte die Schriften der Alten leidenschaftlich; cs war seine größte Freude, Manuscriptc durch- znsuchcn, die Lesarten zu vergleichen und über die Abweichungen zu discutiren. Wenn er eine neue Erklärung für ein verdorbenes Wort gefunden hatte, ließ es ihm keine Ruhe, bis er alle Ohren mit der Mitthcilung seines Glückes betäubt hatte: in ihm war Archimedes zum Büchertrvdlcr geworden. Die Einführung der lutherischen Lehre in Straßburg entriß ihn seiner Sonne und seinen Musen. Johann Pappus war in der Weise des Franz von Sickingen aufgetreten, mit Panzer und Lanze gerüstet, um die sächsische Dogmatik in dem Buche zu vertheidigen, welches den Titel führte: „Us eliaritats cllrmtimm guestionss chme," ein Pamphlet, in welchem das Wort Liebe nur auf dem Titel steht. Sturm trat ihm in seinem Anti - Pappus entgegen, einer Schrift voll Beleidungen; man könnte glauben, sie wäre der Feder eines antiken Lastträgers entflossen, der sich in einen Kalvinisten verwandelte. Pappus hatte Mittel gefunden, seinen Rivalen von dem Platze eines Rectors der Hochschule wegzubringen, wodurch er einen Beweis führte, der keine Replik zulicß und der sich nicht besser hätte erdenken lassen. Der Sieg wäre noch vollkommener gewesen, wenn Pappus an seinem Feinde das Decrct einer Excommunication hätte in 'Anwendung bringen können, welche die Kirche von Straßburg in ihrem Katechismus bcibchalten hatte; Sturm hatte aber Straßburg allzu bedeutende Dienste geleistet, als daß man ihm hätte einen so harten Schlag versetzen können. Eapito (Köpslein) war eine jener Seelen, denen man in der gelehrten Welt des sechszehnten Jahrhunderts so oft begegnet; sie glei- 1) Itsillet, lugt,. les 8:>vant8 t, 6, p. 313. 2) I^xcommuuiesntur guidum ut ul> eorum et vitu et doclrina alii rarere siossint. .Vd kaec ut excommnnicatus pudore sutt'usus, curet et deo et bomnubus vitao emeudatione reconciliari »ese. Beiträge zur Ge- schichte der Reform. B. 1. chen den Kindern Plato's, welche über ihren Schalten springen wollen. Er hatte sich damit abgeqnält, die Wahrheit außerhalb der Autorität zu suchen und war durch alle reformatorischcn Neulehren gegangen, um die Last des Zweifels abzuschütteln, während er so glücklich war, von den Wohltbatcn Leo's X. zu leben, der ihm aus freiem Willen ein Eanonicat an der Domkirchc in Basel verliehen hatte! Ermüdet und abgemattcl war er auf dem Wege gefallen und hatte die traurige Klage ansgestoßen: „Alles vergebt, Alles ist hin, Alles verschwindet; überall Ruinen. Das Volk ruft uns zu: ihr wollt eine neue Tyrannei einführen, ein zweites Papstthum. Gott gab mir zu erkennen, welch eine Last es ist, Seelenhirt zu sein und wie wir der Kirche geschadet haben, indem wir die oberste Autorität verwerfen. Das Volk, das der Willkühr überlassen ist, sagt uns: Ich weiß genug vom Evangelium, was brauche ich euch, um Ehristus zu suchen?"^) Eapito lag in Straßburg im Bette des ehemaligen Pfarrers von St. Petrus dem Jüngern, aus dem er den Seelenhirten verjagt hatte und nun in Mitte zahlreicher Kinder lebte, die er von zwei Frauen hatte, von der Wittwc des Oeeolampadius und einer jungen Nonne, die er verführt hatte. Er war ein gelehrter Hcbräist, ein gewandter Theologe, ein geschickter Arzt und insbesondere ein eifriger Heiraths- Missionär. Seine Predigt gegen das Eölibat hatte einige untergeordnete Priester eingenommen, welche sich durch ihre Heiratben reiche Prä- bcnden verschafften. So war Bucer dadurch, daß er die Ehe dem Brennen vorzog, Pfarrer von St. Aurelius, Thibault-lc-Noir Pfarrer von St. Petrus dem Aeltern und ein Apostat vom Orden des heiligen Johannes Pfarrer von St. Nievlans geworden. ^) Mit einem Weibe erhielt der unenthaltsame Priester eine Pfarrei, eine Wohnung, Holz für den Winter, einen kleinen Garten und einen gute» Keller für den Rheinwein. Hedio, ein anderer verhciratbcter Priester, hatte May»; verlassen und war nach Straßburg gezogen, wo ihn der Magistrat zum Prediger des heiligen Evangeliums ernannte, welches Amt er gemächlich verwaltete, bis ibn der Herr vor das bocbste Gericht forderte. Als Leo X. Iiack turmeck su Inzch i»> upimon cck Lapcku, tliat l.e, unsulleiteck. eunterreck on llim a provccksliip or ckeanerev, prokiatilv Ikat ok che La- tkcckr-ck vk Laste. .lulm Scott's Calvin anck Svviss Leto'rm-ckicm, p. 32. 2) Lp. ack Larell. Lp. Lalv. p. u. 3) klistoire cke I:> pruvince ck' .Vlsace, l. 2. p. 6 öce. er dieses Leben verließ, kam unter seine Papiere das Testament, welches des Pfarrers von Meudon würdig ist: „Gott hat mich ohne meine Sorg leben lassen, bis aus diese Stund, dazu mir seinen lieben Sobn Jesum Christum zum gewissen theuern Pfand des ewigen Lebens geschenkct; darum fahre hin, meine liebe Seele, dn baft einen treuen Heiland, der dich zu seinen Händen ausgenommen hat. Unter allen Gelehrten, welche Slraßburg damals besaß, war aber Bucer der berühmteste. Erzogen, genährt und unterrichtet in dem Dominicanerkloster zu Schlctstadt, wurde er abtrünnig, verhciratbctc sich mit einer Nonne Namens Lebenseltz, welche ihm nichts zur Mor- gengabc gebracht hatte, als eine zweifelhafte Jungfrauschast. Er war eine jener gewandten, schlauen Naturen, welche nichts unbcrechnet thun, welche den Glauben wie ein Kleid ändern, je nach der Jahreszeit; welche sich bei jeder ihrer Umgestaltungen zur Rechtfertigung auf Gott berufen und immer eine gute Klinge in ihrem Dienste haben, welche die Lehren verthci- digen, die sie in die Welt schicken. Scin Protcctor war Franz vonSickin- gen, welcher die Mönche beinahe wie die Teufel haßte. Luther kannte Bucer genau. Als sich Luther eines Tages mit Schießen belustigte, schoß er beim ersten Anschlag der Armbrust einer Fledermaus durch das Herz: der Nachtvogel sträubte sich und fiel todt zur Erde nieder. — „Du wirst sehen, sprach Luther zu Vitus, da steckt, ein Geheimnis; dahinter: ick habe eine Fledermaus ins Her; getroffen." Am andern Morgen stand er am Fenster und sah über die Felder hin, als er oon Ferne den Bucer kommen sah. — „Vitus," sprach er aufspringend vor Freude, „komm doch, und sich unsre Fledermaus, hatte ich mich nun geirrt?" Es war wirklich Bucer, der nach Eoburg kam, um sich mit Luther über dogmatische Angelegenheiten zu besprechen. Der Mönch kam, eingenommen für die Lehre Zwingli's, und ging hinweg von Luther bekehrt, den er wieder beim ersten Anfathmen einer neuen Lehre verläug- ncn mußte, um diese wieder zu verlassen oder sic zu bekennen, je nachdem ihn der heilige Geist erleuchten würde. Es war nämlich damals Mode, alle Umgestaltungen unserer Natur dem Geiste der Wahrheit anzurechnen. Es hatte nie Jemand Unrecht, als Gott; und von allen Refvrmirten machte dem heiligen Geiste keiner so viele Prozesse, als 1) Von Freher angeführt. ?) Pfizer, Lnther's Leben. — LlclntielNdemis LpCl. >. I , ez>. tvl. 2-t. 234 Bucer. Hatte er denn nicht das Panzerhemd Siüingcns, um sie zu gewinnen? Calvin hatte Bern verlassen, ohne vom Senate Alstchied zu nehmen. Sein aufgeregtes Gcmüth machte in jedem seiner Briefe dem Zorne gegen seine Feinde Lust. Es war, als begleitete ihn der Fluch Gottes auf dem Wege. Ungewittcr hatten ihm auf einige Zeit die Basler Straße versperrt. Die Gebirgsströme waren so wüthcnd, daß er bald von ihnen verschlungen worden wäre; „aber die Fluthcn waren barmherziger als die Menschen" sagt er in dem Briefe, in welchem er Virct die Reise erzählt. Die Menschen vertrieben ihn, die Fluthcn schonten seiner. Auch Luther wäre in seinen alten Tagen bald in den Fluthcn der Sale zu Grunde gegangen, als er nach Eisleben zurückkehrtc, wo er sterben mußte: er hatte das Ungewittcr dem Teufel zugeschricbcn und sing an, dem Herrn zu lobsingen. Calvin äußert nur über die Ungerechtigkeit der Menschen bittere Vorwürfe; überall sicht er das nämliche Gespenst; er findet cs in Bern, in Conzens Seele, im Rathc, wo es im Staatskleide sitzt, in Genf im Rathc der Zweihundert, in der Wcinschcnke der Domherrnstraße, in der Kirche des heiligen Petrus, auf dem öffentlichen Platze, wo es das Schwert des Volkes schwingt und in der Haushaltung des ehemaligen Franciscaner- quardians. In Basel konnte er ausruhen und die Undankbarkeit der Genfer an der Tafel des Grpnäus vergessen, der seinen Busenfreund „als die Zierde ihrer gemeinschaftlichen Kirche" betrachtete. Farel lebte in Basel mehr als einen Monat im Hause Oporin'S, den er verließ, um nach Ncufchatel zu gehen, wo ihm das Volk und der Senat die Verwaltung ihrer Kirche anvertrauten. Bucer ließ nicht nach, von Straßburg aus Calvin zu berufen, welcher von Basel Abschied nahm und zu Fuß nach der Nheinstadt wandelte. Die Scene, welche in Genf gespielt wurde, als Calvin dort ankam, wiederholte sich hier. ^ Nur mit dem Unterschiede, daß Bucer nicht Gott in Person vom Himmel herabsteigen ließ, um seinen Freund zurückzuhalten, sondern nur den Propheten Jonas zu Hilfe nahm; Calvin ließ sich überreden, willigte ein und blieb in Straßburg, um das Evangelium zu verkünden: „Das Beispiel des Jonas," I) ^ffiist. I'etro Vireto. 8ul> tine -laii 1538. Mz. 3) >08 enim te lrstrem in Domino Mentor iic cum xgudio .i"noscim»s, ac i>ro eximio orimmento ecclesiue nostrne gmptectimnr, Lnist. 1440. 3) Paul Henry. sagte der Verbannte, „erschreckte mich so, daß ich von neuem das Lehramt übernahm." Sturm gab uns in seinem Antipappus einige genauere Angaben über das literarische Leben des Reformators in Straßburg: „Im dritten Jahre nach meiner Ankunft in Straßburg," sagt er, „habe ich Johann Calvin dahin kommen sehen, der dem Rathe von den Theologen gleich also empfohlen wurde, daß er auf unserer Akademie lehrte und ihm die französische Kirche zum heiligen Nicolaus eingcräumt wurde. Die erste Schrift, welche Calvin erläuterte, war das Evangelium Johannis. Er wohnte allen Disputationen bei, welche im Gymnasium gehalten wurden, oder leitete sie, indem er selbst seine Sätze vertheidigte. Auch hielt er eine Disputation mit dem Dekan von Paffau, der fälschlich überzeugt war, daß das Heil aus den Werken des Glaubens hervorginge und bei welcher Jakobus Sturm und die Scholarchen präsidirten. Zu dieser Zeit, als er bei uns war, hat er auch seine Institutionen vermehrt und bearbeitet und nachher nichts mehr hinzugefügt, welches von dieser Edition ab- wiche." 2) Calvin hatte in Straßburg ein mühsames Leben. Am Abende predigte er, am Morgen hielt er Christenlehre und arbeitete oft bis in die späte Nacht hinein, um eine neue Ausgabe seines Lieblingsbuches vorzubereitcn. In der ersten Ausgabe der Unterweisung (Institution) hatte Calvin, wie wir schon erwähnten, einige mitleidige Stellen zu Gunsten der Ketzerei eingeschaltet, die er nicht aus dem christlichen Staate verbannte, sondern ruhig fortbestehen ließ unter der evangelischen Herde. Seine Verbannung aus Genf hatte ihn grausam gemacht und es wurden in der durchgesehenen Ausgabe einige Stellen verändert, welche aus die Neuerer Bezug hatten. Er sah voraus, was die Zukunst bringen würde; er fürchtete, wenn er je einen Ketzer verdamme, konnte man ihm das Blut, welches er vergießen wird, vorwerfen, wenn man das Buch von der Unterweisung aufschlagcn würdet) Er brachte sein unbcugbares Dogma selbst in Ausübung. 1) (lslviii l'rötno« (W-; p-mmnon. 2) .toll. 8tlirmii Itectoris .Vnli>n>>u>i lres 1270.— slannti.4ntipi. dien;>oIi 1>nlntii>or>im 1280, p. 20, 21. 3) Cu>I>»5 llnstitutioniluis) nilul post nelclielit gnocl cam >uimis ;uitznet. Soli. 8turnuns. 3) Man vergleiche das Kapitel dieses Bandes, welches üherghrieheii ist: „Die christliche Unterweisung." 236 Straßburg hatte einen Christen e.rcommunicirt, der Alexander hieß; als Calvin zu Rathe gezogen wurde, untersagte er seinen Brüdern, ihn wieder aufzunehmen; er wollte sich nicht mit ihm bereden, er jagte ihn fort, als er an seiner Wohnung anklopfte. Calvin machte es übrigens dem Sachsen nach, welcher sich anfänglich gegen seine Gegner nur auf das Wort Gottes berief, als er auf der Wartburg in seinem Neste saß: später warf er diese abgestumpfte Waffe weg, um ein Schwert zu ergreifen, Alle damit zu züchtigen, welche ihn quälten. Die Reform hat immer mit dem Worte begonnen und mit dem Schwerte geendigt. Manna für den Israeliten und wenn der Jsraelite murrt, Ketten oder Galgen. Die Predigten Calvins machten Glück: er hatte für seine Lehre vom Abendmahle eine große Anzahl Seelen eingenommen, welche dem Pferde von Tafso glichen, das schon vom bloßen Hauche des Windes trächtig wurde; jene gingen bei jeder Neuerung mit einem neuen Dogma schwanger. Crasmus nannte sie ekbolische Naturen, Wesen, welche die Religion wie ein Hemd wechseln. Um dem französischen Prediger seine Erkenntlichkeit zu bezeugen, ertheilte ihm der Rath das Bürgerrecht. Die mündlichen Vorträge des Theologen hatten die Gewalt, eine begierige Menge zusammen zu bringen und selbst aus Frankreick eine große Anzahl Schüler und Humanisten anzuziehen, welche die calvinistischen Lehren kennen zu lernen wünschten. Alle Gedanken Calvins waren aber auf Genf gerichtet: Genf war das geliebte Bild, das ihm Tag und Nacht hindurch vor Augen schwebte. In jedem seiner Briese an Farel sieht man den Kummer einer eitlen Natur, wclcker man Menschen ohne Wissenschaft vorgezogen hat, wie jene, die in der Kirche des heiligen Petrus die evangelische 1) Ilr. lstirecklu, 27. Ocl. 1539. 2) In dem Archive in Gotha finr-cn sich iol. 738 n. 739 solgcndc Stellen, welche eins die Crthcilung des Bürgerrechts an Calvin Bezug haben. — „Johannes Calvinus hat das Bürgerrecht kanfft, vnnd dient znm schneidern. lick. Dienstages des 29. Jnli An. 1539. Jo. Beyer v. Thomas. Heinrich von Dacr- stcin, Rentmeister." — „Bff den tOtag July 1539 ist Johannes Calvinus vff vnnser Herren der statt Strasburg Stall erschienen vnnd sich angcbcn lct der ordnnng vnnd will dienen mit de» schnydcrn. Die drin verordnet- Herrn vff der Statt Stalle, v. Br." 3) I'Incednl vniin lum 8e„»t,ii guock eeclosia ^nllornw upuck nos guo- lickie mngis .alg,,? mngis nugervlur eck «,iwck ex gnllj» multi progter (lnlviiinm nevecleimnt, 8t„ck>05i nckowscenles, nlgus vti.im lileruli viri. .lntch.ipii. IV., p. 21. I 237 Lehre predigen; man sieht den Zorn des Theologen, der gewohnt ist, das Innere der häuslichen Verhältnisse zu durchwühlen, um sein Murren und Klagen zu rechtfertigen; man sieht die boshafte Freude des Verbannten, der sein Wohlgefallen daran findet, das Elend der Kirche, die ihn verbannte, auszukramen; man sieht die Hoffnung, welche der während der Zerstreuung der Kirche;" h) ihr verstehet sehr leicht, daß jagt: sind das keine Zeichen der evangelischen Auferstehung? Ist seine Kirche zerstreut, weil Einer ihrer Pastoren verbannt ist? Das ist das Vergehen, welches ihr Ealvin nicht verzeihen kann. Er sagt: „Es ist eine göttliche Berufung gewesen, die mich mit den Genfern verbunden hat, deßhälb stand es nicht in der Macht des Menschen, dieses Band zu zerreißen." Man muß staunen über die Logik der Leidenschaft. Calvin verweigert seiner Kirche das Recht, eines ihrer Glieder zu verjagen und zu gleicher Zeit schaltet er in die neue Ausgabe seiner Institutionen ein Kapitel über Kirchenzucht ein, in welchem er die Gewalt, „Mißbräuche zu bessern" zwischen der geistlichen und weltlichen Obrigkeit thcilt und dem Prediger die Macht verleiht, vom heiligen Tische wegzujagen „den Heiden, der sich erkühnen würde, ihm zu nahen." Er bereut es nicht, daß er den Gläubigen von St. Petrus die Communion verweigert hat; er glaubt die Pflicht eines Pastors erfüllt und die Zucht der wahren Kirche befolgt zn haben. „Wie 1) Straßbmg, 1. Lct. t5Z8. 2 ) In eorrigenckis vitiis niutuae ckebent esse operso p. 440 — 444 . Despot hat, indem er sich darauf vorbereitet, seine Unterdrücker selbst wieder zu unterdrücken. Ihr habt nicht nothwendig, daß ihr seine Briefe leset, um kennen zu lernen, wie voll von Galle, Bitterkeit und Haß er ist: die Aufschrift allein gibt euch schon den Zustand seiner Seele kund: Er schreibt an die Genfer: „den Gläubigen Genfs cs für Calvin in Genf keine Kirche, kein Predigtamt, kein Evangelium, keinen Cultus mehr gab; Genf ist wieder in bas Papstthum verfallen und in die Abgötterei, in welcher es das Licht erwartete. Bonnivard versichert uns in seiner Geschichte, die er uns handschriftlich hinterließ, „daß die Stadt den Strahlen des Evangeliums im Jahre 1535 die Augen geöffnet habe." Was ist aus diesen Strahlen geworden? Haben sie sich bei der Verbannung Calvins gebrochen? Was will denn nun Johann von Nopon? Genf hat keine katholischen Priester mehr, es hat die Bilder abgeschafft, es hat die Statuen zerbrochen, die Kreuze niedergerissen, die Klöster zerstört, die Mönche ver- jkl! !I kil > II! 238 unglücklich wäre der Zustand der Kirche," schreibt er an Farel, „wenn sie nicht die Gewalt hätte, Unwürdige, als ehrlos Bekannte, welche die Schmach an der Stirne geschrieben tragen, vom Abendmahl weg- weisen zu dürfen!" Alle Prediger in Straßburg, Calvin allein ausgenommen, waren Veeheirathet. Erasmus machte sich lustig über diese Mntterwuth, von der die reformirte Gemeinde geplagt war. In Sachsen definirte man einen Prediger „als einen Menschen, dem ein Weib nothwendiger ist, als das tägliche Brod." In Straßburg war diese Krankheit schon alt. Als einige Priester die Schriften Zwingli's gelesen hatten, nahmen sie im Jahre 1525 Frauen. Der aufgebrachte Bischof wollte sie vor den Richterstuhl des Officials laden, der Magistrat nahm aber die Gemeindcprivilegien in Anspruch und befahl den verheiratheten Priestern, die bischöfliche Gerichtsbarkeit abzulehnen. Der Bischof hatte sic nach Hagenau berufen. Während sich die beiden Gewalten stritten, veröffentlichten diese Priester die Nachrichten ihres Lebenslaufes, ein förmliches, geschriebenes Bekenntnis;, in welchem sie sich häufiger Ueber- trctungcn gegen das sechste Gebot Gottes anklagtcn und sich ans eine Weise ausdrückten, über welche der Leser erröthen würde. Der Magistrat war ihnen dankbar für diese schamlose Frechheit, er belohnte sie dadurch, daß er die alten Priester verjagte und dieselben ihrer Aemter beraubte, um diese ärgerlichen Leute damit zu bekleiden. Das Cölibat wurde als ein unreiner Stand betrachtet, zu dessen Haltung eine christliche Seele nicht Kraft genug habe. Die bürgerliche Gewalt wurde ein Theologe; fand sie einen jungen Leviten, so verwies sie ihn auf die Stelle des heiligen Paulus: „es ist besser Heimchen, als brennen," und spickte dieselbe mit einigen Glossen, die sie bei Capito, Bucer, Hedio oder Joannes Sturm entlehnte. Wenn die Obrigkeit die Ueber- zeugung nicht aufzudringen vermochte, brauchte sie Gewalt und verjagte den widerspänstigen Priester aus seiner Pfarrei. Da geschahen große Abfälle in Straßburg: die Kirche beweint sie. Der katholische Priester lebte damals vom Altäre: als man ihn von seiner Pfarrei verwies, hatte er nichts mehr, um sich zu ernähren, als die Liebe der Gläubigen, die ihm gewöhnlich nicht fehlte. Damals war das Mitleid ein Eigenthum der Seele des Armen, welchen die Pest, 1) lUss. Oen. insü 1340. 2) l'rncckieaiis l.utlrerr>nus esl vir, »vom mngis neregsnrio mstruclns gunm pnir« gnolicki.ino. l.nurentius I'orer. Angeführt von Weislinaer: Friß Vogel, oder stirb. S. 286. die zu jenen Zeiten allgemein herrschte, welch-n Krankheiten und Unfälle oft auf ein schlechtes Lager warfen. Ter Reiche war gewöhnlich ein großer Vasall, den es nach den Schätzen der Abteien gelüstete, nach den Gütern, die denselben gehörten, nach den Kelchen der Sacristci: er arbeitete nach allen Kräften an der Emancipation der Klöster. Bei jeder Secularisation eines Klosters erwarb er eine Wiese, einen Weinberg, ein Gebäude, von dem man ihm nur die Gülte zahlte. Der verwiesene Priester hatte nun zwischen zwei Entschlüssen die Wahl, wenn sich die Thüre des Armen nicht mehr öffnen konnte: er mußte sich an den Magistrat wenden, seinen Glauben verläugnen und sich verhcira- then, oder die Straße der Verbannung Anschlägen. Diesen Weg, der von Dieben beunruhigt war, die ihn vielleicht hätten weiter ziehen lassen, hielten die bewaffneten Leute großer Herrn besetzt, die den Priester wie einen lästigen Erben tödtetcn. Sickingen hatte nahe vor den Thoren von Straßburg große Besitzungen und war da gewohnt diese rasche Gerichtsbarkeit auszuübcn. Wenn ihn der Weg der kontroverse nicht zum Ziele führte, bediente er sich des Wassers oder des Schwertes. l Ihr werdet nun die Schwäche der katholischen Priester begreifen. In Straßburg war sic größer, als in jeder andern Kirche, weil die Lehnsleute des Reiches dasselbe wie ein Netz umwickelten. Der Fall warum so auffallender, je reicher die Beute war, welche der Magistrat dem Schuldigen anbot. Die ergiebigste Pfarre der Stadt gab er einem Verweser, welcher in der Sonntagspredigt dieBänke selbst zum Kaufe ausgerufen hatte. Die Reformation hat nicht nöthig, aus diese so theuer erkauften Bekehrungen stolz zu sein. Beza und Laplace haben in diesen erzwungenen Heirathen nur den Finger Gottes gesehen; wenn es ihnen gefallen hätte, würden sie bei der Priesterhochzeit eine ganz in Eisen gerüstete Erscheinung gefunden haben, mit stählernen Handschuhen wie mit Adlerskrallen bewehrt: als ersten Zeugen und Ehrenjungen der beiden Brautleute. Die Heirath Ealvins war für Straßburg ein freudiges Ereigniß: in Genf würde sie kein Aufsehen gemacht haben. Ealvin träumte schon seit langer Zeit davon. Mitten in seinen literarischen Belästigungen, in seine Bücher vertieft, den Kopf voll von seinem Commentare über den Brief an die Römer und von seiner Abhandlung über das Abendmahl, war er mit seinen vertrautesten Freunden bemüht, eine Frau zu 1) Sickingen hatte noch ein drittes Mittel, um den Reisenden znm Evangelium zu bekehren: „Lmasculalmt virmn." ?) Histoiro cko Is ?re>vince ela >' t, S 240 suchen. Er zeichnet in einem Briefe an Farel diejenige, die er zur Gefährtin des Lebens wählen will. Die Gestalt verblendet ihn nicht; das junge Mädchen wird eine Perle der Schönheit sein, wenn sie keusch, schamhaft, willfährig, sparsam, geduldig ist ') und wenn sic vor Allem, um seine Gesundheit besorgt sein wird. Calvin hatte eine schwächliche Gcjundheit, einen leidenden Magen, ein erhitztes Gehirn, dessen Gluth der Schlaf nicht zu kühlen vermochte; auch hatte er Anlagen zur Grieskrankheit. Als er sich zur Heirath entschlossen hatte und seinen Freunden die Mittheilung machte, fügte er hinzu: „ich würde mich lächerlich machen, wenn cs geschehen sollte, daß ich in meiner Hoffnung getäuscht würde. Aber da ich hoffe, der Herr werte mir beistehcn, spreche ich davon, als von einer gewissen Sache." '-Z Man trug ihm eine Person aus guter Familie an, die ihm eine sehr reiche Mitgift eingebracht hätte; aber Calvin widerstand, er fürchtete, das Kind könnte auf seine Geburt zu stolz sein und im Hauswesen einen Aufwand machen, der allzusehr mit dem einfachen Sinn des. Gemahls im Widerspruch stände. Ucberdicß kannte sie die französische Sprache nicht und Calvin war bei seiner Heirath sehr dafür besorgt, daß er eine Frau fände, die ihm zugleich als Sccrctär, Kran- keuwärterin und Köchin diene. Der Vater und die Mutter der Braut drangen in Calvin, der keine trockne Zurückweisung geben wollte, weß- halb er die Bedingung fcstfetztc, daß das Mädchen französisch lernen müßte, wenn er mit ihr zur Ebe schreiten sollte. Das Mädchen fühlte sich gekränkt, und bat sich ihrerseits Bedenkzeit aus. Calvin war aus seiner Verlegenheit. Cr hatte seinen Bruder nach Gens geschickt, daß er ihm eine Schweizerin bringen sollte, die zwar keine Glücksgüter hatte, aber mit allen Duzenden begabt war, von welchen der Reformator träumte, der im Voraus die Hochzeit veranstaltete, die Feier auf den 10. März feffchtzte, Harel und die Prediger von Neufchatcl cinlud, im Falle sein Freund verhindert sein sollte, nach Straßburg zu kommen; er hüpfte vor Freude wie ein Kind und wagte es, sich lächer- 1) Ilaee solo mo illoetM Mlollrilncko, 8, ,>mlic» vst, 8, nweigeea, 8, non llistiiosu, 8l pMic-nn. ui 8,ie8 c-U mc-i, v.iletuckino köre sollicitsm. llchist. k'si-ello. 1!>. muH I53N. 2) Yuunguum lickiculnm mo kaoio, 8, oontij-oiil mo ist» sno clecniero. 80(1 quin clominuin Milli »ckkutui'um oonlicko, >>o,j»(Io <10 (Io 10 ceitu ilotilioro. N. k'olnuuiii 1441. )ls8 t^o». lich zu machen, im Falle sich seine Träume nicht verwirklichen würden, wie es auch geschah, Er schrieb gleich einige Tage nachher, als Alles zur Hochzeit bereit war: „Weißt du, Farel, daß du mich noch lange nicht sehen wirst, wenn du auf meine Hochzeit warten willst. Die Frau ist noch nicht gefunden und ich zweifle, ob ich noch suchen soll. Claudius und mein Bruder hatten mich neulich mit einem Mädchen verlobt; aber drei Tage nach ihrer Rückkehr sind mir einige Einzeln- heilen berichtet worden, die mich bestimmten, den Bruder zurückzuschicken, und die Heirath hat sich wieder zerschlagen." Calvin war als Brautwerber für seine Freunde nicht glücklicher. Viret, welcher sich auch verheirathen wollte, suchte nach allen Seiten eine Frau und keine wollte ihn. Endlich wandte er sich an Calvin, der sich erbot, für den Pastor von Lausanne eine Gefährtin zu suchen, und er fand sie auf der Stelle. Die freudige Nachricht wurde Viret eiligst mitgethcilt: „Bedenke, was du thun willst, und wenn du den Entschluß gefaßt hast, schreibe gleich. Je mehr wir nachfvrschen, desto mehr Zeugnisse finden sich für das junge Mädchen, die ihr zum Schmucke dienen. Daher erforsche ich jetzt den Willen des Vaters. Sobald wir etwas Gewisses erfahren, werde ich es dir zu wissen thun. Unterdessen halte dich bereit. Ich bin in der Familie zuni Abendessen eingeladcn und werde unter einem höflichen Vorwände die günstige Zeit herbeiführen. Besser wäre es, wenn du mir erlaubtest, sie gleich zu fordern. Zweimal habe ich sie gesehen. Sie ist äußerst bescheiden, ihre Gesichtszüge und die ganze Haltung des Körpers sind wunderbar schön. Von ihren Sitten sprechen Alle so, daß der kleine Johann mir sagt, er sei in sie verliebt. Lebe wohl." Perrin und Cornäus wollten Viret an die Tochter des Ramäus verheirathen und vereitelten die Bemühungen Calvins, der nicht wußte, was er auf die Fragen der Mutter und des Vaters antworten sollte. Er schrieb einen Brief um den andern an Viret und die Antworten kamen immer zu spät. Wir sind überzeugt, daß das System der Prä- pj 8eck tdieor no si exspeclsre voll!, »tess nuptiss sero renturus sw. Xonckuin invonts vst uxor et ckulnto sn cpiservre sinplius cloliesm. Xuper midi puvllsin ckesponssversnt Elnuckius et trater ineus. 't'rickuo postipisin reitiernnt, Oelsts sunt s,l me nonnull» lsuiiv ine eoe^erunt testrein reinittere liuu s conventione ills uos vxpeckiret. t'srello, 2l. jun. 1540. Ws. Een. 2) Itis esm vicki: inoclestissiins est, vultu et toto corporis ksliitu mire ckeeors. De moriturs its loquuntur omnes, ut ckoksnnes psrvus inibi ckixerit esse in es captuin. Ws, Een. Asdin: Lshsir Enlyin'S I. Bd, 16 242 destination Calvin weniger Sorge machte, als die Heirath seines College». Man sieht, daß seine Geduld erschöpft, daß der junge Mann, mit seinem strengen Aeußern, dessen Lippen ebensowenig gewohnt waren zu lachen, wie sein Styl, der Rolle eines Unterhändlers, die er so schlecht gespielt hat, müde ist. In Deutschland werden alle wichtigen Angelegenheiten bei Tische verhandelt, bei zwei Humpen Bier. Calvin liebte weder das Bier, noch das Wirthshaus. Viret hatte einen schlechten Brautwerber gewählt. Wenn je ein Theologe in der Welt ungeschickt war, junge Töchter zu verhcirathen, so ist es Calvin. Luther, der Pamphletist, Redner, Theologe, Dichter und Musiker wäre bei einem solchen Geschäfte nicht fehlgegangcn. Er hätte den Vater zu sich kommen lassen, hätte ihm volle Gläser mit Rheinwein vorgesetzt, den er in dem Keller eines Klosters gestohlen, und hätte die Ohren seines Gastes vollgestopft mit Ausfällen gegen die Mönche, das Cölibat, den Papst und die Bischöfe; die letzte Bouteille wäre nicht geleert worden, ohne daß der Vater nicht eingeschlagen hätte. Calvin schrieb an Viret: „Komme hieher, komme und bringe deine Sache selbst in Ordnung." Viret konnte von seiner Stelle nicht abkommen. Der Vater wurde am Ende unwillig und erklärte, er werde seine Tochter nach Genf und nicht nach Lausanne verhcirathen. Calvin wollte nur nachgeben wenn gar nichts mehr nützen konnte. Er sagte zum Vater: „Es würde sich nicht für uns schicken, unsre Kirchen zu verlassen und unfern Frauen' nachzugehen; es wäre eine unselige Heirath, wenn sie unter solchen Bedingungen geschlossen würde, ein gottloses Bündniß, das beide Theile beklagen müßten, ein schlimmes Beispiel, das ihr der Stadt geben würdet. Ueberdicß ist Lausanne nicht so weit von Genf entfernt, daß ihr nicht hinkommen könntet, so oft ihr wolltet." Der Vater wollte keine Zusprache hören. Calvin suchte Viret dadurch zu trösten, daß er ihm eine Wittwe zur Frau anbot, von der man viel Gutes sagte. Farel hatte nicht Zeit, lange zu warten, wie Calvin und Viret. Sein Rücken war vom Alter gebückt, seine Haare waren ganz weiß; sein schöner, rother Bart hatte die Farbe des Schnees angenommen; er suchte weniger eine Frau, als eine Schwester der Barmherzigkeit: er fand sie in der Person seiner Magd. 1) Ostenlli qu-im köret »bsurckum uüs relietis ecelesiis, sequi quo uxo- res voearent, iukeli.x köre coujugium quoll j,ue leire saneitum kuret. lUss. Oen. 2) De qusllum villua locutus ert quam tibi Lsserit mire placoro. Calvin begegnete endlich der Frau des hohen Liedes, sie war ein wenig schwär; von Haut, sagt die Chronik, aber schön und Wohlgestalt; die Wiltwe eines Wiedertäufers, dessen Haus er in Straßburg häufig besuchte und den er bekehrt hatte: sie hieß Jdelctte oder Odclette von Bures, ihr Mann hieß Störder. Wenn man den protestantischen Berichten Glauben schenken darf, waren alle Frauen der Reformatoren Cngel an Milde, Bescheidenheit und Sittsamkeit, von Gott eigens geschaffen, zum Schmucke und zur Ehre ihrer Gatten. Lukas Kranach hinterließ uns ein Porträt der Katharina von Bora, des Weibes Luther'S, mit glühend rothen Wangen, blonden Haaren und seidenen Augenwimpern: eine Schönheit, wie man sie bei Rubens findet. Beza schildert uns Jdelctte als eine ansehnliche, ehrbare und auserwählte Frau. s) Calvins Hochzeit wurde in der Familie gefeiert; die Konsistorien von Ncufchatel und Valengin wurden durch ihre ausgezeichnetsten Mitglieder vertreten. Bei der Tafel sang man deutsche und französische Lieder. Jdelette war eine gute Hausfrau, sehr emsig und reinlich. Sie brachte ihrem Bräutigame mehrere Kinder mit, die sie von Störder hatte und mit wahrer Mutterliebe liebte. Calvin selbst gibt ihr dieses schöne Zeugniß und fügt hinzu, daß sie ein Muster aller häuslichen Tugenden gewesen sei. Papprius Masson und Jacobus Dcsmay schrieben, Calvin habe kein Kind gehabt; — und Florimond de Raemond sagte, „seine Ehe sei zu ewiger Unfruchtbarkeit verdammt gewesen, obwohl Jdelette jung unv schön gewesen sei." Das ist ein Jrrthum, den Beza widerlegt. Es ist gewiß, daß Calvin ein Kind hatte, das bei der Geburt starb. Calvin ertrug diesen Verlust mit einem gar zu heidnischen Gleichmuthc. Der Pathe war gewählt, aber die Mutter that sich wehe und kam vorder Zeit nieder: zwei Zeilen an Virct berichten uns dieses Unglück: „Mein Bruder wird dir sagen, in welcher Angst ich bin: meine Frau ist mit einem todten Kinde niedcrgekommen; Gott wache über uns." An einem andern Orte sagt er: „Der Herr wollte uns mit dem Tode dieses Kindes strafen: er ist aber ein Vater, der wohl weiß, was seinem Sohne gut ist. Der Herr sei mit dir. Ich wollte, daß es dir t) Uravis, llonestsgno kneiNins er lectissinM 2s 8ingul»ns excmpli toeniins. 4) Lxock enim parturit non sinü öxwemo periculo, gnock nonckuin uteru» gsrtui MiNurus erst; sock Deus resgiciat nos. Lg. 508. Lck Laus. 244 gegönnt wäre, hieher zn kommen: wir würden den halben Tag mit einander verplaudern." Das ist Alles: er hat kein Wort mehr für diesen Engel, den Gott zu sich nahm, für diesen Erstgebornen, den er nicht in seine Arme schließen konnte, für das Kind, auf das er all seine Freude bauen mußte und all seine Hoffnungen für die Zukunft. Ist das die Sprache eines Vaters? Gott hätte ihm nicht verboten, zu weinen, seinen Schmerz in den Busen seines Freundes auszugießen, ihm seinen Jammer und die Schmerzen seiner armen Frau mitzutheilen. Auch Luthcr's väterliches Herz wurde oft vom Schmerze getroffen, aber der Mönch schämt sich nicht, uns sein Auge zu zeigen, das von Thränen naß ist; oder seine Hände, die er zu Gott emporhcbt, um ihn zu preisen und zu versöhnen. Einmal erstickte der Schnee eine kleine Blüthe, die vor seinem Fenster stand, wie uns Mathesius erzählt. Sobald Luther die nieder- gebückte Pflanze sah, suchte er sie zu erfrischen, ihr Leben einzuhauchen und drückte darüber einen herzlichem Schmerz aus, als Calvin über den Tod seines Kindes. Luther vergaß in seiner Trauer die Bücher, die Bibel, sogar den Papst und sagte zu keinem seiner Freunde: „Komm, wir wollen uns die Zeit vertreiben." Calvin hat Recht: Gott macht Alles wohl, was er thut: er wollte nicht, das; Johann von Nopon zum zwcitenmale Vater würde. -»-»-r »O- esM —. XX. Kapitel. Lehren C alv in' s. ». Prädestination. Der freie Wille. 154S LS4« Dcr. Sacristan von St. Petrus dem Jüngern in Straßburg. — Disputation im Wirthshansc zum grünen Baum. — Die Wittkühr ist bei Gott der einzige Grund der Bcseligung oder Bcrwerfung. — Es gibt keinen Unschuldigen. — Der Herr läßt nicht zu, er bestimmt. — Der schaudererregende Rathschluß. — Gott will nur das Heil der Auserwahltcn. — Er gebietet die Sünde. — Die That des Schuldigen ist das Werk Gottes. — Im Menschen ist keine Freiheit. — Die Begierlichkeit. — Darlegung des calvinistischcn Systems von der Prädestination. — Die resormirte Kirche und die protestantische Kirche im Streite. — Das Grab des Sacristans. -— Ms man im Jahre 1524 den Pfarrer von St. Petrus dem Jüngern vertrieb, wurde der Sacristan der Kirche in die Ungnade miteingezogen. Dieser Sacristan war ein ehemaliger Chorknabe, der im Kloster der Dominikaner eine mönchische Erziehung genossen und die Scholastiker mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit studirt hatte. Sein Gedächtnis; war sehr glücklich. Er behielt Alles leicht, was er einmal gelesen hatte. Durch die Scholastiker hatte er Geschmack an Disputationen gewonnen. Er ließ sich oft nach der Messe mit dem Priester, dem er ministrirt hatte, in ein Gespräch über das heiligste Opfer ein. Man hörte ihn an und gab ihm Antwort, denn er war ein guter Katholik; wenn er vielleicht ein wenig geschwätzig war, so hing er doch auch mit solcher Liebe an seiner Kirche, daß ihn alle seine Obern lieben mußten. An dem Tage, an welchem der lutherische Prediger auf Befehl des Magistrats die Schlüssel des heiligen Petrus genommen hatte, erwartete Gerhard Kaufmann den Eingedrungenen in der Sacrisiei, um ihm eine Disputation über den Beruf des neu Angekommcnen anzubieten. Statt aller Antwort befahl der Lutheraner, man solle Gerhard weg- 246 jagen, der auch ging und über die Unwissenheit des Präbendars klagte. Gerhard hatte eine betagte Mutter, die er nährte: der Magistrat hatte Mitleid mit dem Sühne und bot ibm im Lcichcnackcr der Stadt die Stelle eines Hüters an. Gerhard nahm dieselbe an, um leben zu können und seine alte Mutter nicht Hungers sterben zu lassen. Es war übrigens kein sehr bcncidcnswcrthcr Posten in einer Stadt, welche von der Pest so ost hcimgcsucht wurde. Im Jahre 1541 mußte man die Zahl der Todtcngräbcr verdoppeln, so schrecklich war die Plage. Sie hatte an den Rheinufcrn gcwüthet, wo sie die erleuchtetsten Köpfe der Reformation traf, als wenn cs so ihre Bestimmung gewesen wäre. Ter Leichenacker war für die Gemeinden zweier Bekenntnisse, aber jede Gemeinde hatte ihr abgesondertes Stück Land. Im Jahre 1540 wurden zwei Särge miteinander in dieses Asyl des Friedens gebracht; der eine gehörte einem Lutheraner, der andre einem Ealvinisten. Jeder Prediger sprach die liturgischen Gebete; dann nahm der Todtengräber seine Schaufel, wandte die Erde um und bedeckte die Särge, einen nach dem andern. Als dieses geschehen war, verschloß Gerhard die Thore der Todesstätte. Es war im Sommer. Der Leichenacker war sehr weit von der Stadt entfernt. Am Eingänge in die Borstadt war eine Schenke, die einen grünen Baum im Schilde führte und in der man sich vorzüglich am Sonntage gerne cinfand, um Bier zu trinken, das beste in der ganzen Stadt und Umgegend, wie man sagte. Beide Prediger hatten sich an denselben Tisch gesetzt, um auszuruhen. Jeder hatte eine jener enormen zinnernen Kannen vor sich, welche das Getränk lange Zeit frisch erhalten. Die Gläser waren gefüllt, das Gespräch sehr lebhaft geworden, als Gerhard Kaufmann cintrat und sich setzte. Er hatte die Ketzer erkannt. „Euer Wohlsein, Brüter!" rief er und leerte ein volles Glas in einem Zuge. Die Präticanten nickten ein wenig die Köpfe. „Lest! mortui (jui in ckomino moriuntur," sprach Gerhard. Niemand gab ihm eine Antwort. Da warf Kaufmann einige Kupfermünzen auf den Tisch. — „Meine Herrn!" sprach er, „sind die zwei Seelen, die ihr begraben habt, diese drei Groschen wcrth?" 1) Ich muß bemerken, daß dieses Kapitel, in welchem die Lehren Calvins auf eine so dramatische Weise dargesicllt sind, aus dem Werke übersetzt ist, welches zn Slraßbnrg im Jahre 174Z in lateinischer Sprache unter dem Titel hcrausgcgcbcn wurde: Zoll, lislvini eie praectestinstione svslems. >2° 144 Seiten. Ich fand cs ans der Bibliothekc in Main;. Nr. SV, 160. 4. k. 247 „Ich hoffe wohl," sagte der Calvinist, ohne sich zu rühren, „baß die Seele meines Bruders das Angesicht Gottes sah." „Und die eure?" fragte Gerhard lächelnd den Lutheraner. — „Gott bleibt seinem Worte getreu," sagte der Lutheraner, „und ich hoffe auch, daß mein Bruder an der Herrlichkeit Gottes Thcil nimmt." „Wirklich!" fügte Kaufmann hinzu. „Und was muß man also glauben, um den Himmel zu erwerben? Lehret cs mir, wenn ihr Sorge tragt für die Lebendigen." Nun konnte man sehen, wie sich das Wirthshaus in eine theologische Schule verwandelte. Die Anwesenden rückten zusammen. „Was man glauben muß," sprach der Calvinist, „das lehrt Meister Johann alle Tage in der französischen Kirche. Höre ihn also!" Prädestination. „Als Gott seine Kreaturen aus dem Nichts hervorzog, hatte er eine zweifache Absicht: die Einen wollte er selig machen, die Andern verdammen. Schlaget die heilige Schrift auf: bestimmt er nicht voraus Jakob für das ewige Leben, ohne daß er auf die Werke dieses Patriarchen Rücksicht nimmt? Bestimmt er nicht Esau dem Tode, obwohl er sich mit keiner Sünve befleckt hat?" „Das scheint mir eine harte Rede zu sein," sprach Gerhard: „ckurus 65t kie sermo " „Und doch ist wahr, was ich sagte," fügte der Diener der französischen Kirche hinzu, „und was du hart findest, weil es deine Priester dir nicht gelehrt haben. Wie wollten sie es verstehen, sie, denen der Herr die Einsicht genommen hat?" „Gut!" sprach Kaufmann, „Bucer hat sich in Andacht die Pfarre des Seelsorgers von St. Aurelia zuerkenncn lassen sammt dem Pfarr- hause, dem Garten der dazu gehörte, der Einrichtung, dem Keller und der Kleidung, die er sich anpassen ließ und einem Hute, der größer als derjenige ist, den Storch trägt; und ihr redet nun Böses von den Priestern, die ihr verjagt, beraubt und ausgezogen habt, um das göttliche Gebot zu erfüllen: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut." „Fahret aber nur fort: Meister Andreas, der Besitzer dieses 1) Lslv. Inst., lib. 3, e. 21, n. 3. 2) Lslv. Inst., til). 3, e. 22, n. I I. 248 Hauses, der, wie ich glaube wiedertaust und wiedergetaust ist, schnitt mehr als eine Grimasse, indem er euch zuhörte." „Was liegt daran!" sprach der Prediger: „Was ich sagte, habe ich vom Herrn; ich verkünde sein Wort zum Aerger der Papisten und Anabaptisten, und wenn sie drei Kronen auf dem Kopfe trügen. — Ich fahre also weiter fort: „Die Willkühr ist der einzige Grund der Gnade, die er den Auserwählten crtheilt, wie der Strafe, mit der er die Verworfenen schlägt." Gerhard erhob sich voll Zorn. — „Du vcrläumdeft Meister Calvin," rief er aus, indem er sein Glas auf den Tisch stieß: „ich habe mchrcrcmale am Samstag in der französischen Kirche der Predigt beigewohnt und noch nie hat mein Ohr eine solche Lehre vernommen." „Das kommt daher, weil du Ohren hast, zu hören, und hörst nicht," sagte der Calvinist. „Ihr Papstanbeter seid Alle so: ihr versteht das Wort Gottes nicht." „Meister Martinus hat euch sehr oft den Vorwurf gemacht," sprach der Lutheraner, „daß ihr Säue, Hunde und Esel seid." „Euch," sprach Gerhard, indem er sich vor dem Kalvinisten verbeugte, „euch Sacramentirern hat Martinus diese Zärtlichkeiten gemacht." „Mit welchem Rechte," fügte er hinzu, indem er sich zum Kalvinisten wandte, „mit welchem Rechte verdammt Gott die Kreaturen, die ihn nicht beleidigt haben? Er ist beinahe so ungerecht wie Sickin- gen, der vom Rock, den man trägt, auf den Glauben schließt: er ist ein eigensinniger Tyrann, ein Unsinniger, den ich nicht als meinen Herrn anerkenne." „Tu bist ein Unsinniger," antwortete der Prediger. „Du unterstehst dich, Gott nach dem Menschen zu messen, auszurufen: Warum? — Warum? weil es sein Wille war, daß es außer ihm keine bestimmende Ursache gebe; er will, weil er will; verstehst du wohl? Leben und Tod, Leid und Freude, Hölle und Himmelreich, Alles ist gerecht, weil er es wollte. Du bestehst auf deiner Ansicht: habe Acht, du willst einen Abgrund ergründen, der für dein Auge wie für das meine unergründlich ist." 1) Instil., lid. 3, cup. 22, n. 11. 2) ,-I.uscnItrl In porce, csnis, asine. Lontra tunsticos sacramcntsriorum errores. 1. 7, 370. 3) Ubi ergo ciuseritur cur itu tecerit Dominus, responclenckuin est, quis 249 Gerhard lies; den Redner aussprechen und suchte in seinem Gedächtnis; eine Stelle zu finden, die dem Kalvinisten den Mund stopfen sollte; plötzlich strahlte sein Auge vor Freude, seine Lippen lächelten, er erfaßte die Hand des Gegners und sprach: „Lu hast demnach den heiligen Augustin nicht gelesen: „Dein Gott ist ungerecht, der den Unschuldigen verdammt." „Wer hat dir gesagt, daß ich von einem Unschuldigen rede? Es gibt leinen Unschuldigen. Der Mensch hat gesündigt; die Erbsünde ist die Ursache seiner Verdammung oder Prädestination." „Ich nehme dich beim Wort, du schlechter Schüler," sprach Gerhard. „Also verdammt oder beseligt, tödtct oder belebt er nicht mehr als Schöpfer, sondern als Richter! Also gibt es außer ihm einen Grund zur Verwerfung oder Seligmachung! Das ist klar!" „Nicht so klar, als du glaubst; denn che die Erbsünde begangen wurde, waren die Verworfenen schon vorausbestimmt durch einen göttlichen Rathschluß; einen Rathschluß, welcher schon von Ewigkeit her in Gott ist. Wenn sie verderben, so geschieht dieß, weil sie die Schuld des Fehltrittes tragen, in welchen Adam auf Anordnung Gottes verfiel; so ist cs also, wie Meister Johann gelehrt und gesagt hat: Verherrlichung oder Verderben, Leben oder Tod, Wohl oder Weh, hängt Alles von der Willkühr Gottes ab; der Wille Gottes war es." „Und wenn du auch stärker schrieest, als Eapito, wenn du dich ärger gebcrdetest als Buccr, würde ich doch immer antworten: du verwickelst dich in Beweisgründe, für die ich nicht ein Glas von diesem schlechten Biere geben möchte; denn wenn Adam, wie du sagst, seiner Sünde wegen verdammt wurde, so hat seine Bestrafung eine entscheidende Ursache, die außer Gott liegt. Sage mir aber doch auch: glaubt dein Meister an die Engel?" „An gute und böse Engel: die Einen sind Diener und Boten Gottes; die Andern sind gefallene Wesen, deren Oberster der Tcusel ist, der sich dem Willen seines Schöpfers widersetzte, welcher der unumschränkte Herr und Anordncr dieses Widerstandes ist; der Teufel vermag nur Böses, aber auch dieses könnte er nicht thun ohne den voluit. Ouo. ION. 2) Inst. lid. 3. csg. 22, n. 3. 3) Lslv., Inst., lik. 3, c. 23, n. 4. Willen Gottes; er kann den Weisen quälen, aber nicht besiegen. Daß sich der getreue Engel in der Liebe seines Schöpfers bewahrt hat, geschah, weil Gott ihn erhielt; daß der böse Engel siel, geschah, weil Gott ihn verlassen hatte. Er hat ihn verlassen, weil er verworfen war. Tu fragst mich, warum dies; so geschah? Weil dieser Fall und diese Verherrlichung in den ewigen Nathschlüssen der Vorsehung lagen." „Nimm dich in Acht, Meister, du gleichst dem Manne, der zur Nachtzeit in die Stadtgräben fällt; er bemüht sich vergebens herauszukommen, er wühlt im Schlamme und findet nichts als Koth. Dein Beweis kriecht im Blute, wenn er nicht mehr im Kothe liegen bleibt; mein Wurm richtet sich immer wie eine Schlange gegen dich aus." „Warum? Gott will es, weil er Herr über seine Geschöpfe ist; hat er sie nicht aus seiner Allmacht hervorgerufen? Hätte er sie nicht in ihrem Nichts lassen können? Wenn er sie zum Leben in dieser Welt bestimmt hat und zum Tode in der andern, so geschah es, weil er das Leben wie den Tod wollte, endlich oder ewig. Beides dient zur Verherrlichung seines Namens: der Himmel und die Hölle singen des Herrn Lob." „Du willst sagen," entgegnete Gerhard, „Gott gebe zu, daß die Seele von seinen Wegen abweichc? Dann bin ich bereit, mit der Schule zu sagen: „coneeclv." „Nein, sage ich dir: deine Seele geht nicht permissive zu Grunde; denn Gott läßt nicht zu, er gebietet; sein Wille ist das Wesentliche, die Nothwcndigkeit, das unabweislichc Fatum. Wie kommt cs denn, daß so viele Generationen durch den Fall Adams wie in einem Leichentuche hinweggcnommcn wurden? Ich weiß nichts hievon. Schweige also, du geschwätzige Zunge und frage mich nicht mehr. — Du willst, ich soll dir Antwort geben, ich, ein Wurm der Erde, ein wenig Thon, von der Hand Gottes geknetet, unreiner Staub! Was 1) .4ngelo8 q»i 8teterunt in 8ur> intex-ritute psulus vocst vleclos. 8! eorum eon8lsnli,i in Dei bene plscito lunclsts luit, gliorum clelectio grguit luisse clerelicton. (l„ju8 rei c-insit non pote8tnlis.läetuci, guom reprokstio guao in srcsno vei >it>8conc1itg e8t. ü.ib. 3, c. LZ, n. 4. 2) llo»8iIio nutuque 8uo, it» orctinnt nt inter Iinmino8 lEc-intur ob utero cerlse worti llevoti, gui 8uo cxitio ipsiu8 nomen glorilicent. In8d, lib. 3, c,ip. 23. n. v. 3) Gott Hot die Verworfene,i ni-bt nur zur Vcrdammnip, sondern auch wegen der Verdnmmuiß vcrausbestimmt. Beza. bin ich, daß ich Gott erforschen will? Besser ist fromme Unwissenheit, als vermessene Wissenschaft." „Warum dogmatisirst du dann aber also, fragte Kaufmann? Warum berufest du dich denn dabei auf die Schrift? Warum spielst du hier so den Doctor in Israel, du, Staub der Erde? Mensch, der du dich in deiner Armseligkeit bemühest, der du die Völker lehrst und alle Wissenschaft so vermessen und unsinnig behandelst und uns Erklärungen von Geheimnissen geben willst, die Gott in den Tiefen seiner höchsten Macht verborgen hat? Aber ich dringe in dich und lasse dich nicht, bis du mir sagst, ob Gott seinen Sohn nicht zum Heile des Menschen gesandt habe, den du in das Grab werfen willst, und der in zwei Tagen eine Beute der Würmer sein wird, wie du und dein Meister." „Du hüllst dich in das Gewand des Pelagius, in das abgenützte ganz unbrauchbar gewordene Gewand. Pelagius begriff den Apostel nicht. Der heilige Paulus hat nie vom Individuum „in persona" gesprochen, sondern von der Individualität; nicht von den Einzelnen der Art, sondern von der Art der Einzelnen: non singulos generum, gell genera singulorum." „Meister, das ist eine Unterscheidung, die sehr nach der Schule riecht; und ich denke nur, du habest, als du hier cintratst, den Mönch vor der Thüre gelassen, welchen euer Vorausbestimmter ausgeplündert haben wird, Franz von Sickingen, der das Mönchthum nicht mehr zu lieben schien, als die Mönche, die Gattung nicht mehr als das Individuum: singulos generum et geners singulorum. Dein Gott scheint mir nach seinem Bilde gemacht zu sein und ich kann dir dafür keinen Dank wissen." 1) Iterum guaero unlls factum est, ut tot gentes uns cum liberis eorum infantibus seternse morti involveret lapsus ^llso aksgue remellio, nisi guis Deo its visum est. Hic obtumescere oportet tsm llicsccs slioqui linguss. Dib. 3, csp. 23. 4u bomo expectss a me responsum et ezo sum bomo. Itsquo ambo sullismus llicentem: 0 bomo tu guis es? — >lelior est lille- lis iznorantia gusm temersria scientis. Ib. 2) Die heutige protestantische Schule erkannte den vollen Werth des Beweises, welchen Gerhard führte: sie klagt Calvin des förmlichen Widerspruches an in der Deduktion seines Systems von der Vorausbestimmung. Die letzten Worte, „welior est killelis ignorantis" ... sind eine Kritik Calvins selbst — denn er geht hartnäckig gegen seinen Grundsatz so weit, daß sein Wissen auch verwegen ist, und er stellt als nothwcndige GlaubcnSrcgcl in den Confcssions- Schristcn auf, was nur angedeutet und sehr gefährlich ist für die gewöhnlichen Gcmüther. Paul Henry, p. 318, t. I. Calvins Leben. 3) Inst., csp. 23 et 24. 252 „Mein Gott haßt Niemanden," sprach der Prediger. „Also das heißt du nicht hassen," entgcgnete Gerhard, indem er ein großes Glas Bier auslccrte, „wenn er ein armes Geschöpf im Voraus für ewige Strafen bestimmt?" „Du weißt keine Unterscheidung zu machen, erbärmlicher Thomist. Jemanden zum Tode vorausbestimmen heißt nicht ihn hassen, sondern für den Haß vorausbestimmcnz das ist Etwas ganz Anderes." „Das gleicht wieder deinem Franz, welcher seine Gcwaffneten auf der Straße, die von Basel nach Waldshut führt, wie wahre Wölfe auf die Lauer stellt, unsere Mönche berauben und aus Liebe zur Keuschheit entmannen läßt. Ich sage und behaupte, daß dein Gott ein abscheulicher Raubritter ist, den ich weder liebe, noch je lieben werde. Seine Rathschlüssc sind schreckliche Beschlüsse." „Mein Gott hat keine Gestalt und du willst ihm eine beim'essen und ihn nach einem Bilde richten, das dein Gehirn geschaffen hat: ich sage wie du, cs sei ein schrecklicher Rathschluß, aber man kann nicht läugnen, daß Gott in seiner Vorausschung den Fall Adams gekannt habe, ehe Adam geschaffen war und daß er den Fall nur voraus gewußt habe, weil er ihn durch seinen Rathschluß angcordnet hatte." 2) „Du magst thun, was du willst, du wirst den rothen Steinen unseres Münsters leichter die Farbe des Knoblauchs geben, als der Lehre deines Meisters den Anschein der Wahrheit. Deine Dogmen sind gottlos und schrcck- 1) Isxitio zrruedesliuaro uon ost odisse, scd odio desliiiaro. 2) llccrelum cjuidem Irorrildlo tülcor, iutteiaii tumou >>otsrit nemo quin sir.iesaiverit Ileus ezuem exitum ttnlulurus esset Iiomo, unteczusm ip- sum eouderet et ideo zirneseiverit quin dcerelo suo sie ordmavit. Inst. I. 3. e. 23 , n. 7. „Man sagt, Calvin spreche eine Gotteslästerung aus, weil er sich an dieftr Stelle des Wortes schrecklich bediene: man behauptet, er sage, die Nathschlüsse Gottes seien schrecklich, als wenn er gesagt hätte, alle überhaupt seien schrecklich. Diese Bemerkung ist gewiß sehr boshaft, und man hat sie aus keiner andern Absicht vcrgebracbt, als um Calvin verhaßt zu machen, aber mit dem größten Unrecht; denn Calvin wollte mit diesen Worten nichts Anderes sagen, als daß dieser Rathschluß uns schrecken solle. Rivet zeigt in seiner Abhandlung: „^imloxze- ticus pro Stio verae et sinccine Paris oeelesiae proposilo contra Ilu^onis ttrotii votum," Bd. III., sehr trefflich, daß man dem Ansdrucke Calvins keinen andern Sinn beilegen dürfe." .Imcillou, tUelanZcs crilicpies, p. 37. Rivet, Ancillon und Morus, der Lcbreducr Calvin's, übersetzen ,.decretum Irorrildle": „der Rathschluß, welcher uns schrecken soll," und legen dadurch eine Probe ihrer großen Unkunde in der lateinischen Sprache oder ihrer außerordentlichen Treulosigkeit ab. Calvins verstellter Ausdruck „deeretum czuidem Irorri- l,i>o tateor." beweist hinlänglich, daß der Sinn, welchen katholische Ausleger dieser Stelle beimciscn, kein anderer ist, als derjenige, welchen Calvin selbst aussprechen wollte. Beauscbre, der Verfasser der Vertheidigung der protestantischen Lehre von der Vorsehung, Vorhcrbcstimmung, Gnade und Eucharistie," (Magdeburg 1693) versteht die Stelle nicht anders, als die Katholiken. — 253 lich: wenn du uur auf die Welt gekommen bist, eine solche Lehre zu verkünden, hättest du nicht nothwendig gehabt, geboren zu werden." Unter den Gästen, welche im grünen Baume dem Dispute über die Vorausbcstimmung stillschweigend beiwohnten, war Einer, welcher der Beweisführung des calvinischen Predigers seinen Beifall durch wiederholtes Kopfnicken oft zu erkennen gab. Er hatte ein Buch vor sich liegen, mit dessen Durchblätterung er sich unterhielt. In dem Augenblicke, in welchem Gerhard mit seiner letzten Phrase fertig wurde, wandte er sein Buch um, nahm das Wort und sprach: „Es gibt ein Mittel, dem Papisten den Mund zu stopfen. Gott will nicht den Tod des Sünders; das gebe ich zu in Betreff des Wortes, er will ihn aber vermöge seines unerforschlichen Willens; non vnlt poeeatoris mortem >srbo, vult sutem eom vollmtote illo imgerscrn- tsbili, wie Meister Martinus von Eisleben, der Ecclesiast von Wittenberg, der Prophet Gottes und sein Evangelist lol. 446 „llo Servo 4i- bitrio" lehrt. Der Gott, welcher uns gepredigt wurde, will alle Menschen selig machen: er hat uns seinen Sohn gesendet, um uns durch sein Wort zum Heile zu berufen; durch seinen Willen verdammt und verwirft er aber." „Welch ein trefflicher Comödiant dein Gott ist, rief Gerhard aus! er gleicht dem Bucer, welcher den kriechenden Hund spielt mit den Sa- cramcntirern in Straßburg, wo er ihnen schmeichelt und mit dem großen Bullenbeißer Luther dieselben anbellt und ankläfft! Dein heuchlerffcher Gott ist nicht mehr Werth, als der tyrannische Gott Calvins. Bin ich ein auserwähltes Gefäß, oder ein verworfenes? Hat das Wort für mich gesprochen? Hat Jesus sein Blut für den alten Sacristan von St. Peter vergossen?" „Gott will nur das Heil der Auserwählten," entgegnete der Calvinist, „nur für sie hat er Fleisch angenommen und gelitten, nur für sie ist er gestorben. Auch hat er nicht für Alle gebetet: seine Auserwählten sind diejenigen, die sein Vater selig machen will." „Wenn mich Gott aber zur ewigen Verderbniß bestimmt hat, was soll ich thun?" „Den Verworfenen sendet Gott einen Prediger seines Wortes, um sie noch verstockter zu machen; er läßt ihren Augen sein Licht leuchten, um sie blinder zu machen; er verkündet ihnen sein Gesetz, um sie zu 1) In boe missus vst, ut loguutur; verbo sslutis all oumes salvanllos venit. Imtb. L) In Lv. ^olu — Inst. lib. 3. 254 verdummen; er reicht ihnen den Honig der Wahrheit, um ihre Lippen zu vergiften." *) „Also will Gott die Sünde?" „Er will sie, er bestimmt sie, er reizt uns zu ihr an." Der freie Wille. Nach einem Augenblicke des Schweigens sprach Gerhard: „Also ist cs Gott, der uns Bucer gesandt hat, damit er unsere Nonnen schände, unsere Kirchen bestehle, unsre Priester verjage und den Gräuel der Verwüstung nach Straßburg bringe." „Wenn Bucer schulvig ist," erwiederte der Ealvinist, „so ist sein Werk das Werk Gottes, so auch die Blutschande Absolons, das Wüthen Achabs, der Verrath des Judas und der Gottesmord der Juden. Satan sprach durch den Mund des Judas: Was wollt ihr mir geben, wenn ich ihn euch ausliefre? Satan schrie: „tolle! tolle!" Aber Satan ist nur der Diener des Allerhöchsten, sein unterthäniger Sklave, der weder Etwas thut, noch thun kann, ohne den Befehl Gottes, dem er gehorchen muß, er mag wollen oder nicht, wie der Thon dem Finger gehorcht, der ihn knetet. Gott ruft dem Teufel und sagt zu ihm: nimm Besitz von diesem Leibe, ich übergebe ihn dir; und Satan, der Diener des göttlichen Zorns, fährt schneller hinweg als der Blitz. Gott hat die arme Creatur im Voraus geblendet; er hat sie verhärtet und zur Sünde angetrieben, indem er ihr die Kraft nahm."^) „Also ist der Mensch im Sinne deines Meisters nicht frei?" sprach Gerhard. „Das ist eine gewichtige Frage, die Frage von der Freiheit, welche 1) lsicce vocein nck ebs clirigil, seä ul innzis odsurclescant, Incein accen- oit, secl ut reelilantnr cneeiores; tjactrinnm grotort, secl nun inagis odstu gescunt: reineclium scllridet, secl ne sanentur. Dnlv. Inst. Iil>. 3. cag. 24, n.. 13. 2> Inst. I. I. 3) Jdsalon lncesto coitu g.itris torum polluens cketestadile scelus nerpc- trst; Deus Minen doc ogus esse gronuncint. Inst. lili. g. 4) last. lib. g. Selbst die Poesie des sechszchnten Jahrhunderts verschmähte es nicht, von Theologie zu reden. Folgenden Titel führt ein sehr seltenes Buch, welches im Jabrc 1559 erschien: Des ciisgutes elv Ovillot le poreker et 6e l.i Ilen-ere äe 8t. Denis en Drance, eontre 3enn D.ilin, Dreclicsnt . 2, e. 8. Betrachtet den König Saul; was zieht ihn zum Herrn hin? Ist es nicht die Milde und Güte des Schöpfers?" „Aber diese Gnade oder Ergötzung, wie ihr euch ausdrückt, würde nicht immer wirksam sein!" 1) 2 ) 3) roluiitkiiie tcimetr peccut, guis liommem ickeo Minus roluiitiirie pec^ care (licet guock sit peccsuclo neeessitati otmvxius? Inst. lil). II. e. 3. n. g Ouis voluntss cum liliera esset servsm se peccsti weit. — veleetstioue et proprio rippetitu movetur. l t Ileum -imaret liouitatis ejus ckulceckine cspleliiitur. Inst. tili, c. 12, u. 12. III. „Du sprichst wie ein rechter Thomist; sie kann im Gegentheil nur wirksam sein: „Wer immer von meinem Vater gehört hat, kommt zu mir." Hat dich nicht der Herr gesagt? woraus folgt, daß die (innere) Lust nothwendig den Glauben erzeugt." „Du entstellst den Text," sagte Gerhard. „Wenn es wahr ist, was Erasmus gesagt hat, daß euere Brüder noch keinen hinkenden Gaul zu heilen vermochten, so muß man gestehen, daß sie mehr als einmal wie hier den Text verstümmelt haben, der ganz gerade ging." „Man liest im heiligen Johannes, K. 6. V. 45., oimüs qui sudivit a patre et didicit vonit »4 me." Hier findet eine doppelte Wirkung statt: der Schöpfer gibt seine Gnade, das Geschöpf nimmt sie an: „omnis gui audivit a partre," das ist die Gabe der Gnade, „et didicit," das ist die Thätigkeit des freien Willens; der Vater offenbart sich, das Kind hört ihn an. Was du aber auch thust, werde ich die volle Macht meines Beweises aufstellen und dir sagen: wenn ich ein Sünder oder Verworfener bin, flieht mich die Gnade, weil ich mit dem Siegel der Verdammniß bezeichnet bin, ich habe eine Entschuldigung anzuführen, ich konnte nicht anders, würde ich zu deinem Gotte sagen, wenn er mich vor sein Angesicht riefe." „Mein Gott würde dir aber sehr schnell zur Antwort geben: Israel, worüber klagst du? Woher kommt dieses Unvermögen im Guten anders, als von deinem unreinen Wesen; und wer anders hat dieses Wesen so gestaltet, als deine Sünde? 0 Nun laß mich dir die ganze Einrichtung des calvinischen Systems erklären." Als Gott den Menschen erschuf, sah er den Fall Adams die ganze Ewigkeit vorher. Ans seinen Nachkommen suchte er eine kleine Anzahl aus, und diese nennt der Apostel die Auserwähltcn des Herrn für die ewige Glückseligkeit; die klebrigen bestimmte Gott für eine endlose Verwerfung, und so bewährt das Heil der Seligen seine Barmherzigkeit und der Fall der Verdammten seine Gerechtigkeit. Er hat dem ersten Menschen, der gefallen ist, seine Gnade entzogen: er wollte nur die Auserwählten selig machen; für sie allein kam er auf die Erde, für sie allein wurde er gekreuzigt und starb. Das Blut, welches das Fleisch gewordene Wort vergossen hat, ist das Unterpfand des Heils der Auserwählten: die in dieses Blut ausgegofsene Gnade kann nicht verloren l) 8i guis cum eo disceplare velit et lioc praotexlu sudicium subter- tugere, guia aliter non potuit, liallet paralam resjmnsionem: perditio tua Israel. linde enim isla impotentia, nisi ex naturae vitiositste? linde porro vitiositss, nisi yuod komo deluit a suo vpilice. Inst. lid. 4. Audin: ?eb. 143. N iß Üi«, wm st» !Wt Ak iiüiii k 1 ) Lslvini praockestinsliono System», p. 37 . Die Frage von der Vvrhcrbcstimmung in den Schriften Wiclef's, Luthers l und Calvins wurde durch den Jesuiten Du Chesne gründlich untersucht in der Abhandlung, welche im Jahre 1724 in 4" unter dem Titel: „Do prseckesti- nalionisino," erschien. Du Chesne ist ein gewandter und feiner Controversist. 261 folger, noch vor der eisernen Krone Maximilians und dem weitreichenden Schwerte Carl's V., oder dem Teufel, diesem Hauptritter des Mittelalters, den Luther in all seine Kämpfe zog, der in seinen Augen das Licht und die Finsternis; vertrat, das heißt, Cajetan und Carlstadt, Sadolet und die aufrührerischen Bauern in Thüringen. Wir haben euch schon an einem andern Orte auf das Auskriechcn dieser Menschenlehre hingcwicscn, die in einem Kloster in ein Ei verschlossen war, welches Erasmus mit seiner Feder auspickte; sie zog in Wittenberg die Mönchskutte an und heftete ihre Sätze an die Mauern der Allerhcili- gcnkirche, zog in Worms den Doctorrock an, um vor dem Kaiser zu sprechen, ließ sich dann als Ritter auf der Wartburg den Bart stehen und rüstete sich mit der Lanze Sickingens auf den Feldern von Thüringen. Nach all diesen Umwandlungen kamen Mönch und Doctor wieder zusammen, um das deutsche Bürgerrecht bald durch die freie Discussion, bald durch Schlauheit und Arglist, bald durch offene Gewalt zu erobern. Ihr habt gesehen, wie Kaiser das Gesicht verbargen und sich in ihre Feigheit verhüllten vor dieser aufrührerischen Lehre Luthers; wie sie ihm das Gewand unserer Priester, das Mäntelchen der Domherrn, den Purpur der Bischöfe, die Monstranze unserer Altäre, den Schmuck unserer Sacristeien und sogar den Wein aus den Kellern unserer Mönche hinwarfcn. Dieser Lehre genügte aber das Gold nicht. Sie verlangte, daß man sie als die rechtmäßige Tochter des menschgewordenen Gottes anerkennen sollte. Es gibt Momente, in denen man glauben sollte, es mache dem Kaiser Carl V. Freude, sich mit dem Aufruhr in Unterredung einzulassen; sich unterreden, hieß sich vergleichen. Die neue Lehre hatte ein Glaubensformular abgefaßt, welches sie ihr Bekenntniß nannte. Nachdem sie in Augsburg ihr Symbol angegeben hatte, drückte sie sich auf folgende Weise aus: „Wenn unsere Unterredungen nicht gütlich beendigt werden können, möge Euere Majestät (sie wandte sich an den Kaiser) ein Gene- ralconcilium zusammenkommen lassen; wir werden auf demselben erscheinen und unsere Angelegenheit im Namen Gottes vertheidigen. Wir berufen uns auf ein Concilium." *) 1) Hisloirs clu prulestuntisme, pur. HI. koissvlet cle 8suclivres, t. 2, p. 378. Luther begnügte sich nicht, durch seine Schriften gegen die Abhaltung eines EonciliumS zu protestiren, es machte ihm Spaß, dasselbe in Earricatnren lächerlich zu machen, die man noch heut zu Tage bei einigen Antiquaren ausgestellt findet Ans einem dieser Bilder ist der Papst abgebildet, wie er auf einer Sau sitzt Die Reformirten spotteten hier über den Kaiser, den Papst und die Christenheit. Sie hatten sich durch den Mund ihres Apostels offen ausgesprochen. Luther hatte an hundert Stellen seiner Briefe und Bücher jede Unterhandlung mit Belial verworfen. Schlaget in einem protestantischen Lexicon den Artikel B eli al aus: ihr werdet als Synonyme finden: der Papst. In Augsburg war cs der Reformation aber noth- wendig, daß sie den Kaiser hinterging. Indessen nahm sie Städte, Provinzen, Reiche, gekrönte Häupter und sogar Bischöfe für sich ein; so daß sie, als sie der römische Hof beim Wort nahm, ihren Cid brach und jedes Concilium verwarf. In Schmalkalden nahm sich die Reformation im Jahre 1539 die Maske ab, wechselte die Rolle und nahm ihre Zuflucht zur öffentlichen Gewalt, indem sie ave ihre Anhänger zu Hilfe rief, welche auf deutschem Boden verbreitet waren. Der Katholicismus sah ein, daß man seine Existenz bedrohe; er berief deßhalb seine Verbündeten nach Nürnberg und rüstete sich zum Kampfe. Der Kaiser, welcher mit dem Siege seiner Waffen beschäftigt war, konnte die schönsten Provinzen seines Reiches nicht zur Beute der religiösen Streitigkeiten werden lassen, die den Frieden der ganzen Welt zu stören drohten. Es war in Franken und Schwaben ohnehin schon so viel Blut vergossen worden. Er nahm zu seinem gewöhnlichen Mittel die Zuflucht; er berief einen Reichstag nach Frankfurt. Calvin erschien daselbst an der Seite Mclanchthons. Luther fing an zu altern; Gott hatte ihn vor der Zeit mit allen Krankheiten heimgesucht, welche den Menschen am Ende eines langen Lebens beschweren. Er war taub geworden; sein Kopf war, wie er uns selbst berichtet, voll von Toben und Donnern; seine Hand war völlig gelähmt, so daß er nicht zwei Buchstaben schreiben konnte, ohne daß Wallungen seinen Kopf erhitzten. Gleich als wenn aber diese physischen Leiden keine hinreichenden Plagen gewesen wären, kam auch noch der Zorn Gottes und suchte ihn, nach dem richtigen Ausdrucke eines Schriftstellers, in seinem Hause heim. Er verlor in wenigen Jahren zwei Kinder und unter diesen eine geliebte Tochter, einen Engel an Schönheit und Unschuld. Von dieser Zeit an war seine Rolle in dieser Welt ausgespielt; und stercorn tumul» in der Hand hält; den Geruch davon athmcn Frauen und Greise ein. Auf einem andern Bilde ist der Papst von Teufeln aller Farben und Gestalten umgeben: er fleht mit aufgehobenen Händen, sie'zerreißen aber unbarmherzig seine Krone und tragen Holz herbei, mit dem er in der Hölle gebrannt werden soll, Slcidanus gibt eine Beschreibung dieser beiden Carricaturen: lib. 18, t'ol. 365. Straßbnrg 1608, Weislinger nahm sie in sein Buch auf: „Friß Vogel, oder stirb!" S, 91, 97, er hinterließ aber bei seinem Tode einen geliebten Schüler, Melanch- thon, welcher das Werk des Meisters fortsetzen, verbreiten, symbolisircn, gegen die Feindschaft katholischer Fürsten und die Launen der Protestanten schützen sollte. Das Tagwerk war groß und überstieg die Kräfte eines Menschen. Selbst ein Engel hätte keine Einheit in diese Lehre zu bringen vermocht, welche ihre Bezeichnung und Bedeutung änderte, so oft sie durch den Mund eines Menschen ging, der sie verkünden wollte. In Frankfurt wurde die Reformation durch drei Männer vertreten, durch Bucer, Melanchthon und Calvin, welche weder gleiche Naturtriebe, noch gleiche Lehren hatten: Bucer war die Fledermaus, welcher Luther schon mehreremäle durch das Herz geschossen hatte: Calvin war in Zwingli von ihm verdammt worden, und Melanchthon ist der arme Wanderer, der immer ein Gestirn sucht, das beständig vor ihm flieht. Ehe Calvin Straßburg verließ, theilte er in einem Briefe an Melanchthon diesem seine Ansicht vom Abendmahle mit. Melanchthon hatte nicht Zeit gefunden, ihm zu antworten: „Meister Johann," sprach er zu Calvin, als er ihn das erstemal in Frankfurt sah: „Ich thcile deine Ansicht von der Eucharistie." Calvin erinnert in einem Briefe an Farel mit Freuden an diesen Ausspruch Melanchthons. Er kannte die Natur dieses Mannes noch nicht, die so schwach war, daß man sie beinahe feige nennen konnte. Er hätte es nicht gewagt, eine Seele, die sich mit ihm zum gemeinschaftlichen Werke verbunden hatte, ins Angesicht zu beleidigen. Als Melanchthon am Abende in seine Wohnung zurückkehrte, faßte er Muth, beeilte sich, seinen Vater zu trösten und ihn zu beruhigen, indem er ihm versprach, daß er ihm treu bleiben werde bis in den Tod. Luther wandte sich voller Freuden an Justas Jonas, zeigte ihm den Brief und leerte ein großes Glas Bier auf die Beständigkeit Melanchthons und die Unbußsertigkeit des Papstes. Die kaiserlichen Botschafter waren erzürnt nach Frankfurt gekommen. Sie drohten im Namen ihres Meisters die Reformation im Blute zu ersticken, wenn sie der Stimme der Vernunft kein Gehör schenken würde. Der Kaiser erklärte, er wolle den Protestanten die Kirchen als Eigenthum überlassen, deren sie sich gewaltfam bemächtigt 1) t»os onim ack oum rnisoeam gno ox>»iscarer, an aliguick esset i»tei no.s äissensionis. .Vnte<>n,u» resi>oiuterot conveni euin Israncoforciiae; testatns est müii nitiit so alinci senlire guam guock meis vcröis ex- pressissem. 2) Lpist. k'arello, Htart. lä-ZN. hatten; er wollte sie aber nöthigen, die Klostergüter unv Pfarrhäuser zurückzuerstatten. Wenn Mclanchthon nur sein Gewissen zu Rathe gezogen hätte, würde er gerne nachgegeben haben; aber in Gegenwart der protestantischen Fürsten, welche nach dem Berichte eines alten Geschichtschreibers an argem Bauchweh litten, als die Rede ging, sie müßten herausgeben, was sie allzu gierig verschlungen hatten, zauderte er, bat um Bedenkzeit, gab seinen Freunden den Rath, „die Segel im Sturme einzuziehen und zu erwarten bis Gott seine Sonne leuchten lasse, in deren Strahlen man sich bemühen könnte, die Keime der Zwietracht zu ersticken, welche im Schooßc der Reformation erzeugt wurden und alle Geister in einem und demselben Glauben und zu einem gemeinschaftlichen Symbol zu vereinigen." — „Fleischliche Seele," sagte Capito von Mclanchthon, „die sich scheut, Gott im Angesichte der Menschen zu bekennen; die sich vor den Fürsten dieser Welt fürchtet! Mein Gott, nimm mich doch von dieser Erde hinweg, denn ich rufe den Herrn selbst zum Zeugen an, ob unsre arme Kirche nicht verloren ist, wenn sie auf diesen Wegen fortgeht, wenn alle Diejenigen, welche Gott der Herr zum Lichte berufen hat, sein Auge mit ihrer innern Zwietracht betrüben." Das Erscheinen Calvins in Straßburg hatte zu Nichts geholfen, als daß neue Unordnungen in die evangelische Kirche gebracht wurden, denn Calvin brachte eine Dogmatik, welche nach seinem Willen die vorherrschend geltende sein sollte. Sein figürliches Zeichen, sein sinnbildliches Brvd, sein symbolisches Fleisch im Abendmahle hatten dem Lutherthume viele schwankende Seelen genommen, welche die misteriöse Lehre Luther's abzuschrccken begann und welche glaubten, der kürzeste Weg, zur Wahrheit zu gelangen, sei der Weg der Vernunft. Jeder Reichstag war gleichsam ein Ruheplatz der Bewegung: die entzweiten Geister suchten eine Ruhe, die ihnen balv lästig wurde, denn Alle waren überzeugt, das Wort allein könnte den religiösen Streitigkeiten ein Ende machen. In Frankfurt wurde ein Wassenstillstand von einigen Monaten geschlossen: so lange er währte, wollte man in den beiden Feldlagern einen neuen König der Lehre auswählen, welcher die widerspenstigen Geister seinem Joche unterwerfen sollte. Der Beherrscher der Reformation war Luther, den Gott auf dem Bette der Schmerzen zurückhielt und den Deutschland vergebens auf seinen Reichstags- . 1) klar, cko kaemoncl. 2) Lpist. Lsrello Alsrt,, 1Z3tt. 265 sitzungen erwartete, auf denen seine Stirne Stillschweigen geboten hätte. Luther's Stellvertreter Mclanchthon, war weder beredt, noch kühn, oder in der Lehre mächtig genug, die Schüler der Reformation zur Einheit zu bewegen. Mclanchthon wollte keinen Kultus, wie ihn Calvin sich träumte, ohne Leben, ohne Licht, ohne Blüthcn, ohne Mannigfaltigkeit, ohne Bilder, Priester, Bischöfe und Liturgiecn. Als ihm Calvin sagte, alle Ceremonien, welche die sächsische Kirche bewahrt habe, riechen nach dem Judenthnme, wagte cs Mclanchthon nicht mehr, dem Prediger von Straßburg zu widersprechen; er stellte ihm aber vor, daß man allzu viele Streiche gegen den Katholicismus geführt habe; daß die Abschaffung all dieser äußern Formen, welche die Gewalt hätten, auf die Einbildung zu wirken, die Klagen der Ca- nonisten auf's Neue wecken würde, und er berief sich dabei auf die Zeit und auf Luther, ') welcher wohl die reiche Liturgie der katholischen Kirche nicht liebte, dem aber doch der prosaische Cnltns der reformir- ten Kirche durchaus mißfiel. Bucer, welcher den sächsischen Mönch fürchtete, vereinigte seine Stimme mit jener Melanchthons. Wenn ersuch voll Haß war gegen unfern lateinischen Gesang, wenn er die Bilder, welche in unfern Tempeln ausgestellt waren, unsere mit Gold bedeckten priesterlichcn Gewänder, unfern in Edelsteine gefaßten Gott und die Glocken unserer Kirchen verwarf, so wollte er doch nicht mit Luther brechen, welcher diese Vorstellungen, Ceremonien, Kleidungen, die Gesänge in der Sprache der Römer, die äußere Pracht, mit der man sich beschäftigte, als die Reformation eine Symbolik hatte, seines Zornes nicht würdig hielt. Calvin verließ Frankfurt voll Verwunderung über die Gelehrsamkeit, Liebe und Sanftmuth Melanchthons; er behielt aber vollkommen seine Ansicht bei über das Nutzlose oder das Gefährliche dieser sichtbaren Plastik, die er gänzlich hätte zernichten mögen, um die Scheide-Mauer zu erhöhen, welche der Augustinermönch zwischen den beiden von einander abweichenden Kulten errichtet hatte. Die Stellung der beiden Theologen war verschieden, auch ihre Meinungen mußten unter dieser persönlichen Ungleichheit leiden. Melanch- thon hatte alle Bahnen einer religiösen Umwälzung durchlaufen, welche mit der Lehre begann und im Blute fortschritt. Calvin war nur Zeuge eines Kampfes gewesen, bei welchem man auf beiden Seiten bloß Tinte 1) Lpist. d'ili-ello, ,4p., 1Zg>«. 2) Paul Henry, Bd. I. S. 243 u. f. Hesr, t. I, P. 367 Le. — Uiiislol-r« Lslvini. 266 austheilt. Der Professor von Wittenberg wußte, daß sich mit den Vorstellungen des Volkes nicht ungestraft spassen lasse: der Schatten Münzers trat unaufhörlich vor seine Augen, um ihm zu bemessen, daß der fanatischen Seele, welche siegen will, nichts zu theuer sei, selbst nicht das Opfer des Lebens. Auch sah er ein, daß bei jeder neuen Lehre, welche auftauchtc, eine neue Ruine zu beweinen lei und es hatte sich auf seiner Laufbahn zu viel Schutt aufgehäuft, als daß er frohen Muthcs immerfort denselben Weg hätte gehen mögen. Am Ende seiner Laufbahn hätte er sein Auge mit dem Anblicke der materiellen Wiederaufbauung des Eultus erfreuen mögen. Er suchte vor seinem Tode eine Symbolik aufzusetzcn, die auf fühlbare Formen gegründet sein sollte, zur Nahrung des Geistes und der Einbildungskraft. Er wünschte ein Pricftcrthum einzuführen, welches nach dem katholischen Priester- thume gebildet wäre, das seine geistliche Herrschaft, seine Päpste, Priester und Altäre hat. Melanchthon konnte dem Reichstage von Hagenau, welcher im Juni l 540 eröffnet wurde, nicht beiwohnen. Er war krank in Weimar zurückgeblieben. Ealvin hatte Straßburg verlassen, um den Konferenzen beizuwohnen. Seine Nolle konnte nur eine untergeordnete sein. Man gestand ihm Wissenschaft, Geschicklichkeit und List zu, aber keinen Schatten von Beredsamkeit. Er war kein Mann für große Versammlungen: sein Wort war nicht geschaffen, die Gcmüther zu rühren. Er war erst seit kurzer Zeit in die Bewegungen des religiösen Lebens getreten und hatte von Menschen wie von Sachen ganz falsche Ansichten. In einem Schreiben an Heinrich de Taillis zeigt er eine völlige Unkennt- niß der Rollen, welche man in Deutschland spielen wollte. „Die Absicht der Gegner ist, ihr Bündniß zu stärken und das unsere zu schwächen; aber man hofft, daß sich das Blatt wenden werde. Was auch geschehen möge: die Unfern suchen so viel es in ihren Kräften steht, das Reich Christi zu vermehren und sind entschlossen, nicht zu weichen. Wir wissen nun nicht, was der Herr uns senden will. Ein Thcil unserer Gegner will nichts als den Krieg. Der Kaiser (Karl V.) ist in einer so verwickelten Lage, daß er nichts zu unternehmen wagt. Der Papst verhehlt nicht, daß er sich dafür verwende, denn er ließ durch seinen Botschafter dreimal hundert tausend Dukaten anbieten, damit man beginnen sollte. Wenn a"c diejenigen, die unsere Religion noch nicht angenommen haben, Übereinkommen würden, uns anzu- > greifen, würde der Kaiser ohne Anstand seinen Namen dazu hergcben, was keinen andern Zweck haben könnte, als daß die Kräfte Deutschlands gebrochen würden, damit man cs bequemer im Zaume halten könnte. 267 Es liegt aber ein großes Hinderniß dazwischen; es sind nämlich alle Ehursürsten einstimmig dafür, daß man alle Zwistigkeiten gütlich beilegen und nicht zu den Waffen greifen soll. Der Herzog von Sachsen und der Markgraf von Brandenburg sind ans unserer Seite und können nichts anderes thun, als ihre Sache betreiben." Calvin ist im Jrrthumc; Rom wollte den Frieden. Die katholischen Abgesandten, wenig eifersüchtig auf Johann von Nopon,*) wollten nur Ruhe. „Eck und die Päpste wollten," sagt ein Geschichtschreiber, dessen Zcugniß man nicht verwerfen wird, „daß man die in Augsburg im Jahre 1530 entschiedenen Fragen, welche die sächsische Kirche in ihrem Bekenntnisse unterschrieb, nicht mehr ausrührcn sollte? Aber die Protestanten suchten wieder auf das Wort znrückzukommcn, welches Lehren ertheilt, die sie sonst anerkannt hatten, gegenwärtig aber verwarfen. Sie nahmen ein Zugeständnis; um das andre zurück, das ihre Väter den Katholiken gemacht hatten. Hatte nun Eck nicht Recht, wenn er sagte: „Ihr habt uns in Augsburg euer Bekenntniß vorgelegt und gesagt, es sei vom heiligen Geiste eingegeben, warum wollt ihr denn jetzt die göttliche Offenbarung ändern und ausbessern?" Man konnte sich nicht verständigen. Man ging auseinander und bestellte sich wieder zusammen nach Worms. Luther hatte dieses Resultat prophezeit und darüber gelacht: „Es ist mit dem Reichstage in Hagenau ein Dreck," sagte er, „ist meine Mühe und Arbeit verloren, und Unkosten vergeblich?" Von den Berathungen, welche in Worms und Regensburg eröffnet wurden, glaubte man, sie müßten glücklicher sein, als jene in Hagenau. Beide Parteien hatten vortreffliche Vertreter: die Reformation Melanchthon, Calvin, Capito und Bucer; der Katholicismus den Theologen Eck, Gropper und Pflug. Calvin hat sie geschildert: „Julius Pflug ist ein Mensch, der Beredsamkeit hat und durch weltliche Wissenschaften gebildet, aber ein schwacher Theologe ist, dabei ehrgeizig und ein Hofmann, aber von reinen Sitten. Gropper ist von jener Art Menschen, die Gott weiß was für ein Ding zwischen Christus und der Welt schaffen möchten; doch ist er so, daß man nicht ohne Nutzen mit ihm in Unterhandlung treten kann. Den Eck kennst du, diesen 1) kuteor ipsum necsne docenlein, ucque serilieutein in ornatn vertioruin et kuinana eloqnentiu vximium. David tllaude. 2) Hospinianus: Uistoiiac sucramentariae, t. 2, p. 310 ol sec;. I) De Wette. V. 208. 4) Gropper erhielt aus Anerkennung seiner Verdienste um den Katholicismus den Cardinalshut. Beza lind Calvin machen einen eitlen und stolzen Menschen aus ihm. Zänker, der Alles befleckt was er anrührt. . . Wenn wir nur Einiges erwirken mit solchen Menschen, wird meine Erwartung übertroffcn." Calvin wendet hier das gewöhnliche Mittel seines Meisters an: er verläumdet. Eck war ein Heller Geist, der die Gedanken seiner Gegner errieth. Diese Durchschauung war die Erfahrung einer langen Prüfung des menschlichen Herzens. Er hatte nicht den sprühenden Zorn des andern Eck, welcher so oft mit Luther disputirte; er wußte eine theologische Streitfrage nicht mit poetischem Schmucke zu zieren, oder eine Beweisführung dramatisch einzuklcidcn; er besaß aber eine andere Gabe: er wußte eine Frage auf bewunderungswürdige Weise aufzu- stcllen. Die Theologen von Straßburg hatten sich auf einen hitzigen Streit vorbereitet; als sie kamen, hatten sie den Kopf voll schöner Reden, mit denen sic den Reichstag bezaubern wollten; aber das Gedächt- niß verließ sic, als Eck ihnen sagte: — „Die protestantische Schule hat ein Symbol, wie wir eines haben: dieses Glaubensbekenntnis; ist dasselbe, welches die Reformation uns vor zehn Jahren in Augsburg übergab, an welches sic hartnäckig festhielt, das sie öffentlich ausrief und tausendfach in Deutschland verbreitete. Wir haben es bekämpft, wie wir es jetzt bekämpfen wollen, mit Ausnahme einiger Puncte, wie jener, welche sich auf das Abendmahl beziehen und die wir theilweise zugeben. Wenn ihr euch in einen Disput cinlaffen wollt, sind wir bereit. Das Papstthum hat euch bewiesen, wie eifrig es sich nach dem Frieden sehnt, indem es euch den Cardinal Cvntarini sandte, dessen Milde euch hinreichend bekannt ist." Eck sprach die Wahrheit: der Katholicismus wollte den Frieden selbst um den Preis großer Zugeständnisse, die nicht das Dogma, sondern verschiedene Puncte der kirchlichen Disciplin betrafen. Contarini, der Freund Sadolets, eine der Hauptzierdcn des römischen Purpurs, gestand die Nothwendigkcit einer religiösen Reform ein; er war das Organ eines aufgeklärten Papstes, Pauls III., welcher nicht in die Gruft steigen wollte, ohne vorher eine Versöhnung seiner Kinder in Jesus Christus bewirkt zu haben. Kaiser Karl V. dachte wie der Papst; Melanchthon und Bucer waren geneigt, ihre Sprache und ihre Ansprüche zu mäßigen. Ein protestantischer Geschichtschreiber hat die wohlmeinenden Gesinnungen der beiden Parteien hervorgehoben. Wer kann uns nun den schroffen Nebergang von der Hoffnung zur Gefahr, von der Liebe zum Haffe erklären? Calvin, welcher einen speciellen Auftrag von der Kirche hatte, die er vertrat, und der, wie er sagte, sich lieber unter den Trümmern seines Tempels in Straßburg begraben, als sich mit Rom ausgesöhnt hätte. Es war daher nöthig, 269 daß man noch einmal zu diesen Disputationen schritt, bei welchen der Herr, der die Stille liebt, so wenig seine Rechnung findet, (wie Melanch- thon sich ausdrückt). Man stellte die Ordnung fest, nach welcher man sich besprechen wollte. Die erste, die wichtigste Frage sollte zur Sprache kommen, die Frage vom Abendmahl. In Augsburg hatte die Reformation die reelle Gegenwart anerkannt; sie hielt ihr Wort und bekannte durch das Organ Melanchthons und Bucers — daß sie mit der katholischen Kirche fest daran glaube, daß nach der Consecration des Bro- des und Weines der Leib und das Blut in der Eucharistie wirklich und wahrhaft gegenwärtig sei; daß der Gläubige sie nicht in eine materielle Substanz eingeschlofscn empfange, oder durch einen fleischlichen Genuß, sondern geistig und durch den Glauben. *) Der Katholicismus konnte sich mit einer solchen Symbolik nicht begnügen, in welcher man zwei entgegengesetzte Ausdrücke, eine Negation und eine Affirmation finden konnte, wenn man sie genau betrachtete. Auch verwarf der Cardinal Granvelle diese Confession, weil sie das Dogma verletzte, dem sie willfahren zu wollen schien. Während der Disputation hatten aber Bucer und Melanchthon den Versuch gemacht, ein anderes Bekenntnis; aufzusetzen, welches zwar weniger zweideutig war, aber die Katholiken eben so wenig befriedigte, als die Abgesandten der Stadt Straßburg. Calvin tadelte Bucer und Melanchthon auf eine herbe Weise wegen ihrer furchtsamen Schonung eines Glaubens, den er für abgöttisch erklärte. ^) Als man sich über die Erklärung dieses Dogmas nicht verständigen konnte, verschob man mit allgemeiner Zustimmung die Erledigung einer Frage, welche jeder Cul- tns als eine Lebensfrage betrachtete, auf eine andre Zeit. Bald darauf disputirte man über die Messe. Die Reformirten betrachteten die Messe als eine ganz menschliche Einsetzung, der sie den Namen eines Opfers nicht geben wollten: sie verlangten geradezu die Abschaffung derselben. 1) iVam et illi doeent vor« et realiter eorpus Lkristi in coena praesens esse et dar! sumentilrus; at non in pan« neguv ori praesens esse, sed lldei et omniluis cpiidem euin pano et vino sumendum oll'erri, sed solis Ilde suinentitnis communieari. ktani perspieue testati sumus nos ampleeti et tueri omnem consen- sum eeelesiae estlrolieae, guod in coona Domini, consecrato pane et vino, realiter adsint et sninantur eorpus et sanzuis Domini. testati sumus nos improUare eos, guinegant adesse et vere sumi eorpus Lllristi. Hosp., tust, sacram., t. 2., 314. 2) Dkilippus et Lucerus tormulas de transsullstanliatione eomposuerunt amluguas ettucosas. 6alv., episl. IS. maii. 270 Eck vertheidigle den dogmatischen Werth des Sacrameuts in einer so glänzenden Rede, daß die ganze Bersammlnng gerührt wurde. Am Abende legte er sich zu Bette, um nie mehr auszustchen. Einige Tage später starb er von einem Schlage getroffen. Einen Augenblick hoffte die katholische Welt, Gott werde ihr einen so talentvollen Mann erhalten; unterdessen lauschten die Nesormirten mit unruhigen Blicken aus alle Krankheitszustände, und flehten durch den Mund Calvin's zu dem Herrn, daß er sie von diesem wilden Thiere befreien möchte. Wie kommt es, daß der neueste Geschichtschreiber Calvins, Herr Paul Henry, diese Sehnsucht nach dem Tode Eck's aus dem Briefe löschte, den sein Helv Johann von Noyon an Farel schrieb? Glaubte er wohl, er werde für immer vergraben bleiben und es werde nie eine Hand kommen, die ihn hervorsuchen würde? Wir haben schon in einer andern Geschichte Luther'n auf den Knieen überrascht, wie er die Hände zum Himmel emporhob und Gott anflehte, daß er ihn von einem andern Eck befreien möchte, von rer „Hornisse, welche ihn mit ihren Stichen beunruhigte unv quälte." Das Blut Luther's, das durch Alter und Krankheiten schon erkaltet war, rann in seinen Adern wie in seinem Alter von dreißig Jahren, als er ras traurige Ende des Reichstags von Regensburg erfuhr. Gott habe ihn erhört, sagte er, indem er die Papisten^ mit Blindheit geschlagen habe. „Nur Muth," schrieb er an Melanchthon, „du wirst deinen Lohn empfangen! du hast der Messe ihre schönste Zierde genommen: den Namen eines Opfers, was ich nie zu versuchen gewagt hätte." Melanchthon gab von den Unterredungen zu Regensburg und Worms in den Briefen an seine Freunde, unter andern an Luther, ausführliche Nachrichten. Nirgends findet man den Namen Calvin's. Wenn man indcß einigen Geschichtschreibern glauben darf, so hatte der Genfer Reformator mit Robert Mosham in Worms eine Disputation, bei welcher der Schüler Luthers assistirte, welcher den Sacramentirer beglückwünschte und ihn einen Theologen nannte. Es ist dieß ein I- Lulciils, ul, i>Mit, uoinuluscit, nunciiiin inercl,,,- innnclus isw Iieslia li- lierciri. 12. iiniii 1341. I'.irollo. 2) ll.rMu >ir1i,1u «>1 ,>iuli>1u, nii l'liili,>,,o, litii cluliului- xrnliu qui misssu I>ntulsU s.-lui-.ime„1iliu acliineru guoct uzo teuliuc M uggrecli non kui »USUS. Ikoigllli. 8„ui-iirii. 3) Du uoin unln irmi8tiu,i!,v. D. ^lnrlino InNkoio. 1341.— Lchistola all lec- loruin clu eollognio >Voi-inacicii8L, 1340. 4) .Vclui-M uiiiin .>IeIsncIUlion »'ormMiiiu in e.i clnMlmionu. cius ksssavi- oiisein ctuciinum Lslvinus percullueriit, turrilum a Oiilriiio, primo ^r- Feiitinensi congrussu. .dntip. IV., p. 21, 22. Sieg, den Melanchthon sein ganzes Leben lang geheim hielt. Wir finden in den Briefen Melanchthons nicht das geringste Wort über eine Unterredung, welche er mit Calvin gehabt hätte. Was wird denn aus der Uebcreinstimmung der Symbolik mit dem Professor Wittenbergs, von der Calvin mit so großer Freude an seinen Freund Farel schreibt, während er uns gestern noch von der trügerischen (kueosn) Ansicht sagte, welche Philippus über das Abendmahl habe? „Cs ist die Folge ihrer Unterredung in Regensburg," sagt Sturm, „daß sich zwischen diesen zwei Seelen eine Freundschaft begründete, welche durch nichts geändert werden kann. Wir müßen gestehen, wir können eine Vereinigung der so sehr verschiedenen Naturen dieser zwei Männer nicht begreifen; der eine ist ganz Liebe, der andere ganz Haß; der eine kämpft edelmüthig, sucht seinen Gegner tödtlich zu verwunden, aber im offenen Felde, in freier Lust, im Angesichte des Himmels und der Erde; der andere kauert sich in seine Kammer und ruft zu seinem Gott: „die Welt verdient nicht von diesen: Wilce befreit zu werden." Lange Zeit nach dem Tode Melanchthons erinnerte sich Calvin an das Bild dessen, den er in Negcnsburg voll Leben gesehen hatte und rief nun diesen Schatten vor sich. „Philippus, der' du im Schooße Gottes lebst, wo du uns erwartest, bis der Tod uns vereinigt im Genüsse dieser glückseligen Ruhe» Hundertmal hast du mir gesagt, wenn du ermüdet von so viel Arbeit und niedergedrückt von so viel Beschwerden, freundschaftlich dein Haupt an meinen Busen legtest: ach daß ich hier stürbe! Ich aber von meiner Seite habe nachher tausendmal gewünscht, daß wir beisammen sein könnten! Du würdest gewiß muthiger in den Kampf gegangen sein gegen Bosheit und Neid, du hättest rüstiger die Angriffe der Lüge abgewiesen; so wäre die Bosheit Vieler in Schranken gehalten worden, welche durch deine Güte die Kühnheit erlangten, dich zu beleidigen." 1) Ltism in cotloguiu iw inter illelnnebtlionem et Lnlxinum eonstituta notitin est, ut tum vivcrent smtru nungunm intereuptn iucrit cdsritns. Sturmius, in .^ntip. 4, p. 21, 22. 2) I>e v. pnrtic. Lkrisl. in eoenn contra Hesliusium. Op. 724. O pkilippe ÄlclanclUlmn! '1'e enim npeüo, cpii apuci lleum cum Odristo vivis. nos- gue illic expeetas, (tunee tecum in Iientam cpnetem collignmur. Dixisti centies, cum t'essus lodoridus et molostns oppressus cnput tnmilinriter in sinum meum clepvnervs: utinnm, murior in koc sinn. digo verv millies Posten optnvi nolns contingere, ut simul essemus. Lerte nnimosior suis- svs nct ndeunckn certnmiun, et :nl spcrneuUnm in>i(Iiam kulsasgue crimi- nstiones j>ro nikilo Uucemlns tortior. Hoc rjuogue morlo colninta tuisset multorum improditns, guiinis ex tun molilie, guam vocnbant crevitin- Lultnncki »uckaci». Wie magst da dich aber hier so täuschen, Calvin? Du, in der Ewigkeit, an der Seite eines Theologen, welcher an die reelle Gegenwart glaubte, die du als das Erzeugnis menschlicher Phantasien und eines götzendienerischen Glaubens betrachtetest! Du willst in derselben Herrlichkeit sein, in welcher Melanchthon und sein Vater Luther sind, welche so oft ihren Fluch gegen die Sacramentirer ausgesprochen haben! Aber daran denkst du nicht. Du erinnerst dich nicht mehr, daß Mar- tinus den Oekolampadius und Zwingli, welche glaubten, was du gelehrt hast, unerbittlich verdammte, und daß Sachsen den Doctor Mar- tinus einen großen Diener Gottes und einen Apostel des Herrn nannte? Wenn er die Wahrheit gesagt hat, wandelst du im Jrrthum, wenn er das Angesicht Gottes sieht, muß es dir in alle Ewigkeit verhüllt bleiben, oder euere doppelte Lehre ist eine doppelte Lüge. Calvin, warum hast du uns die Züge der Liebe Melanchthons, welche er für deine Person und deine Schriften hatte, so sorgfältig verborgen? Zeige uns doch nur einige Zeilen, in denen die Hand des Philippus sich bemüht hatte, dich zu besingen? Ich schlage in seinem Briefwechsel nach und finde reichliche Ergießungen über Sadolet, den du verläumdest; für den Cardinal Contarini, dessen edlen Character du beschimpfst; ') für Bucer, den du eine Fuchsnatur nennst; für beinahe alle unsere berühmten Katholiken aus der Zeit des Wiederauflebens der Wissenschaft, deren Talent du verkennst oder läugnest. Der Himmel hatte dir einen wahren Freund geschenkt in Grpnäus, den der Tod an deiner Seite überraschte. Mit welcher Rührung spricht Melanchthon von den trefflichen Arbeiten, von der Wissenschaft und dem evan- gelstchen Eifer des Basler Predigers! Und diesen großen Verlust erklärst du als ein gewöhnliches Ereigniß; du machst es nicht wie Philippus, welcher von seinen Thränen erzählt: kein Auge hatte keine, um den Tod deines Erstgebornen zu beweinen. Sah man dich se der Welt mit warmem Gefühle die Bemühungen der Missionäre des Protestantismus verkünden, der du eifersüchtig bist auf jeden Ruhm, welcher den deinen nicht vermehrt? Sage uns also nichts mehr von der Zärtlichkeit Melanchthons, der seinem Meister Luther nicht einmal deinen Namen nannte; der dir im Verlause von mehreren Jahren kaum sieben oder acht Mal schrieb, und ein Bittet, das man in deinem Briefwechsel vorfand, mit der trocknen Formel schloß: bene vale: Lbilchpus iUelanebtlwn. I) Ouock (lonwrenus wallet si pvtest »es sine caeäe re;niinere. C.sl. ks- relli. lllss. Oen. 273 Uebrigens nahm Calvin aus der Besprechung in Regensburg weder Ruhm noch schweren Lohn mit sich. Der Senat in Straßburg wußte wohl, daß der französische Redner sich nicht mit Eck messen konnte; er zählte aber darauf, daß sich der Theologe, der auf der Kanzel verloren sei, in seiner Kammer und im Gespräche Genugthuung verschaffen werde; und das ist ganz gewiß, daß Calvin hier den Kampf mit Glanz hätte bestehen können. Bucer wollte aber allen Ruhm für sich haben bei der öffentlichen Disputation und bei der Unterredung in der Akademie. Die Natur hatte ihm, wie Luther'n, äußere Gaben verliehen, welche die Menge für sich einnahmen und bestachen; eine hohe Stirne, um welche die Haarlocken spielten; Zähne von ausnehmender Weiße; ein Lächeln von bewunderungswürdiger Feinheit; einen feurigen Blick; einen hohen, edlen Wuchs und Frauenhände. Seine Stimme floß von Honig oder schleuderte Blitze, je nachdem es das Bedürsniß bedingte; die Rede war aber das kostbarste Werkzeug, das er empfangen hatte, um seine Zuhörer zu bezaubern; sie leuchtete wie der Diamant oder schlug ein Rad wie der Pfau; sie war ein förmliches Zauberspiel, in dem sich alle möglichen Farben zeigten, so daß ihr Jeder, der sie gehört hatte, seinen Beifall geben mußte, weil er in ihr seine eigene Meinung fand, und weil sie sich mit dem Judaismus Lutheranismus, Zwinglianismus und Katholicismus gefärbt hatte. Wenn man seine Freunde gefragt hätte, zu welcher Religion er sich bekenne, würde er in Verlegenheit gekommen sein. Einige klagten ihn laut des Papismus an. Nie war ein Mönch aus Cöln oder Leipzig in scholastischen Subtilitäten durchtriebner. Luther sagte, wie Abraham, ehe er opferte, das Saumthier habe unten am Berge stehen lassen, so müße man vor der Disputation den Aristoteles anbinden und fesseln: Bucer befolgte die Vorschrift des Meisters nicht. Er brachte zu jeder Unterredung den alten Esel mit, der ganz voll gepackt war mit den Reliquien der Schule, mit Enthymemen und Distinctionen, den Jägernetzen, die er unter den Füßen seiner Gegner ausspannte, um sie zu fangen, wofür aber Eck nicht der rechte Mann war. Als Bucer zu seinem Unglück keinen Eindruck auf seine Richter machte, nahm er seine Zuflucht zu Vcrläumdungen. Die Ncichsversammlung brachte er einmal dadurch zum Lachen, daß er den dicken Eck als einen 1) Kueerus ambißuis et obseuris loquencki korinulis sontentlsm suaM pro- posüit, ut io utrsio partein inagis propoocleret eolligi noo potuerit. Lavator. 2) 'kraOucekant amici Oalvioi Lueerum quasi oovum papisinum erigero. Vossius, Lp. 4S7, p. 103. Audi«: Leben Catvin'S 1. Dd. 18 274 Studenten darstellte, der bei allen Fürsten herumlausc, um sie zu beschwören, das; sie die Artikel, welche die Protestanten zum Vergleich vorgcschlagen hatten, verwerfen sollten. „Ich soll ein leichtfüßiger Bewerber sein," sprach Eck, „der ich erst neulich drei Fieberanfälle hatte, der ich Anlage zur Wassersucht habe und das Zimmer hüten muß!" Eck hatte nun die Lacher auf seiner Seite. Vergebens suchte sich Bucer in sein Versteck schöner Worte zu flüchten. Eck folgte ihm und rief ihm nach:' „Ein armer Wassersüchtiger , wie ich, ein vom Fieber geplagter Bettlägeriger, den du zu einem ganz muntern , blühenden Studenten mit Atalantus - Füßen und Sten- tor-Lungen machen wolltest: ich verlange nichts als einen Wunderglauben: das ist das erste Wunder, das du gcthan haben wirst. Calvin lernte am Ende den Wankclmuth kennen, von dem die Seele Bucer's erfüllt war. Es geschah in einem jener Augenblicke vertrauter Hingebung, in denen man Alles sagt, was man auf dem Herzen hat, was man aber bereut, wenn man später einsieht, daß man den Hieb nicht mehr znrücknchmen kann, mit dem man sich verwundet hat. „Du hast Recht," sagte Calvin deßhalb zu einem jener Freunde, die ihm sein Leben lang treu blieben, „du hast Recht, daß du das Dunkel tadelst, in welches sich Bucer so gerne hüllt." "ss Als er den Fehler einsah, den er begangen hatte, suchte er ein wenig Honig in seine Wunden zu gießen. Bucer war nicht der Mann, der gerne verzieh: in einem Anfalle guter Laune sagte er aber zu Calvin: du urtheilst, wie du liebst oder hassest; du liebst und hassest ohne Grund. Calvin hatte auf der Reichsversammlung in Regensburg seine Ansicht vom Abendmahle und von den gottesdienstlichen Formeln geändert; er hatte sich in Wolken verhüllt, in welchen ihn kaum ein menschliches Auge wahrnehmen konnte. Selbst seine Freunde tadelten seinen zweideutigen Ausdruck und seine unentschiedene Reden. Die Ausflücbtc, 1) Oni tor koliro corroptus, aurigino Isesus, proxima ckispositiono sck bv-^ 6ropisim timiclus, cpii tot septimsnis, nunguam , 10 ,los, oxiro potis ersin, cucurri per aulas prmripuin ot ois sugossi no iiccoplsroiit orticulos pro onnciti.itis ois vemlitos! .4pologia pro rover. ot illust. princip. cslkoli- cis, ö>c. I'arisiis, 1441. 2) 1'u liucori odscuritatom xituporas ot moritn, at mini est inltuooro ailoo porploxum, odscurum, lloxiloguum, atguo »t sie loguar, tortuosum. 3) ckudicas pro ut amas vel ockisti; amas suteiu vel oäisli pro ut ludet. 275 welche Calvin in Betreff des Abendmahls gebrauchte, konnte man ihm nicht verzeihen," sagt Lavater.Andre werfen ihm seine Ansichten von der Transubstantiation vor. So beugte sich dieser große Geist, den die Vorstellung der Verbannung in Genf nicht hatte beugen können, im Angesichte einiger Abgesandten der sächsischen Kirche. Diesz kam daher, weil Calvin wie alle andern Reformatoren Furcht vor Luther hatte. XXII. Kapitel. De eoena «toinini. ISLA — 1L4V Abweichende Lehren der Pretestanten in Betreff deö Abendmahls. — Meinung Carl- stadt'S — Zwingli's — Luther's. — Calvin'S System von Bossuet erklärt und von Luther und der sächsischen Kirche verworfen. — Das katholische Dogma von der lrranssiibstaiitiatio» von verschiedenen Protestanten vertheidigt. Nun will ich euch die ganze Armseligkeit der Lehre zeigen, die sich als ein Strahl der ewigen Sonne, als den Schatten des Fleisch gewordenen Wortes, als einen Tropfen aus dem unendlichen Occan ankündete; ihr sollt sie in ihrem vollen Glanze kennen lernen durch den Mund ihrer Apostel, und sollt sic dann anbeten, wenn ihr es vermo- get. Tritt nun hervor, Reformation, die du den Geist Gottes anrufst um diese klaren Worte auszulegen: Dieß ist mein Leib, dieß ist mein Blut. Hören wir Carlstadt zuerst. 2) älolti ollonclobgnttir, cywll tialvinus clivorsum guill «Ich coonae Domini tractoro villvkatur a '1'ignriinw occlosiao ministris. Hist. s«e. p. 88. ly >Iu!tis viklcdatur (mtvinus äivc-rsum c,uicl a Di^urinis llo covna tra- llero an consubslantiiUioni non niliit favere. Adam: Bullingcr's Leben, p. 488. 18 " 276 „Der Spruch, Ime est eorpus meum, ist ganz und vollkommen, der Herr hat sich desselben an einem andern Orte bedient, ohne des Sacraments zu erwähnen. Das Fürwort Iwe ist mit einem großen Buchstaben H geschrieben. Ein großer Buchstabe bezeichnet den Anfang eines Satzes. Diese Worte wurden zu den Worten des Abendmahls eingeschoben, wie man bisweilen verschiedene Sätze einschaltet, wobei sedoch der Sinn unverändert bleibt. Es war gut, daß die Interpreten das griechische Fürwort rovro gelassen haben, und daß sie es unter das lateinische mengten und also sagten -rovro, Iwe est cor^us meum. Man hatte damals erkannt, was das Wort rouro bedeute: es ist ein griechisches Fürwort, welches ein sächliches Wort anzeigt. Das lateinische Wort zmnis ist männlich, also kann ihm das Fürwort ronru nicht entsprechen und es kann die Ansicht derjenigen, welche sagen, das Brod sei der Leib Christi, nicht bestärken, denn die griechische Redensart gestattet ebenso wenig, als die lateinische: istuä pauis est corpus meum. Ich für meine Person habe immer gedacht, Christus habe auf seinen Leib gezeigt und gesagt: dieß hier ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Christus zeigt nämlich nicht auf das Brod und sagt nicht: das Brod ist mein Leib, und Diejenigen, welche sagen, das Brod ist der Leib Jesu Christi, die lügen. Die Worte: I>oe est eor- j)U8 meum czuocl Iiobis troclstui-, sind im Anfang und am Ende von Punkten eingeschlossen, wodurch angezeigt wird, daß der Sinn weder mit dem Borausgehenden noch mit dem Nachfolgenden zusammenhängig, sondern unterschieden und getrennt ist. Daraus erhellt die Nothwen- digkeit, daß man zugeben muß, Christus habe bei den Worten: dieß ist mein Leib, auf seinen Leib und nicht auf das Brod gezeigt.... Ich für meine Person habe auch einen ebenso geringen Glauben daran, daß Jesus Christus an mehreren Orten leiblich gegenwärtig sein soll, als ich glaube, die heilige Anna habe fünf Köpfe gehabt und das arme, unschuldige Kind, von dem in ganz Deutschland die Rede ging, sei mit einem zwölf Ellen langen Bart aus die Welt gekommen." Carlstadt war ein Archidiacon Wittenbergs, ein schlechter Hebräist, der zur großen Freude der sächsischen Kirche zuerst ein Weib genommen hatte; er war der Sccundant Luther's bei der Disputation in Leipzig und rühmte sich, das Geheimniß des großen eucharistischen Mysteriums von einem vertrauten Geiste erfahren zu haben, der ihm er- 1) Lsrlstsclt. in llisl. äs Loens. 2) Ck mnocentem inlantem llsduisse barbsm änoäocim cubitis prolixsw. 277 schienen sei. Carlstadt hatte eine sehr geringe Meinung von der Gelehrsamkeit Luther's. Als der Doctor die abweichende Auslegung las, welche sich sein Schüler erlaubte, rieb er sich die Augen und schüttelte sein langes Haar, als wenn er vor den Nebeln Wittenbergs nicht recht hätte lesen können. Dann fing er mit Justus Jonas, Aurifaber, Pomeranus und Melanchthon so arg zu lachen an, daß es der Archidiacon hörte, der sich aber nicht im Geringsten dadurch stören ließ; denn er glaubte eine himmlische Eingebung gehabt zu haben, welches ein Glück war, dessen sich alle Häupter der Rcsormation rühmen. Earlstadt fing nun an, seine Auslegung aus der Kanzel und in Büchern auszulegen, bis Meister Martinus den Autor unter seinem Gelächter erstickte und die Schriften desselben mit Fluthen von bairischem Bier übergoß. Der verjagte Carlstadt zog mit der Aufschrift, die ihm Melanchthon auf den Rücken geheftet hatte, von Stadt zu Stadt. „Ein Barbar, ohne Geist, ohne Wissenschaft, des gemeinen Menschenverstandes beraubt, der wie Trunkenbolde unter Kannen und Gläsern lebt." — Du armer Carlstadt, der du nichts als Wasser trankst und von Luther zu einem Heiligen des Paradieses gemacht wurdest, als du dich verheirathetest! Im Jahre 1524 kam ein Engel zu dem Pfarrer von Einsiedeln, als er gerade in den Armen seiner Magd schlief und das ätherische Wesen, an dessen Farbe sich Zwingli nie mehr erinnern konnte, erklärte ihm den Sinn der Worte des Abendmahls. Luther erhob wieder sein homerisches Lachen, das ihn in der reformirten Welt nicht mehr verließ, und Zwingli schrieb: „Ich glaube, daß Carlstadt von Weitem den Schein eines Lichtes gesehen hat; er aber sah nicht wie ich die Sonne der Wahrheit, er verstand den mystischen Sinn der Worte Christi nicht. Der Leib Christi kann weder unter, noch mit dem Brode da sein: das Brod ist nur das Zeichen einer nicht gegenwärtigen Realität. 1) ttangseus in vita Lsrlostackii, — Seblüffelburg: Oe coena vom. p. 87. Marheinccke: Geschichte der deutschen Reformation, Bd. II-, 1810, S. 236. re. 2) Hist. cke coens .4»^. toi. 42. in 2. Lonk. kesp. sck Outherum. 3) Der Prädicant, welcher Carlstadt's Hochzeitsmcffe las, verrichtete dabei ein Gebet, welches also begann: Oeus hui post lonzam et impisin sscercko- tum tuorum csecitatem, tteatnin .Knclresrn 6srlostackiuin es Zrstis clo- nare «ki^nstus es nt primus nulla Iratnts papistici juris ratione, nxo- rem ckueere susns luerit, «Ke. 4) 8i ssersinentis tickenckuin est, jsm ssersments Oeuin esse oportet, nt non tsntum Lncksristiae sscrsinentum, seck et ttsptisinus insnuuingns jmpositio Oeus sit. Kscrsments venersmnr ut signs et Symbols re- Ein Sacrament ist nichts als ein Bild, wenn ihr eine Relität daraus macht, wird das Sacrament Gott, aus der Eucharistie, der Taufe und der Auflegung der Hände wird ein erster, zweiter und dritter Gott. Was ist denn im Sacrament? Ein Zeichen, ein Symbol. Im Abendmahle empfangen wir den Leib Christi, welcher litt, starb und nun zur Rechten seines Vaters sitzt, nicht fleischlich, sondern geistig." Die Menschheit Christi ist nicht ewig, also auch nicht unendlich; wenn sie aber endlich ist, ist sie nicht überall. Also müszen die sacramentalischen Worte symbolisch, bildlich, metonymisch verstanden werden: wir sagen — dieß ist mein sacramentalischer oder mvstischer Leib, das Symbol desjenigen, den' ich angenommen und dem Tode übergeben habe." Denket euch, was geworden wäre, wenn die Reformation im Parlament eingeschrieben und wie ein Verhaftsbeschl angenommen worden wäre, in welche Verwirrung man die Damen des Hofes versetzt hätte, die Herzogin von Etampes, die Königin von Navarra und vielleicht auch den Gefreyten Morin, die unentschlossen waren, ob sie das Symbol Zwingli's, die Jmpanation Lnther's, oder die Objektivität Carlstaet's annehmen sollten! Der Fürst that sehr wohl daran, daß er sich nicht für die neue Lehre einnehmcn ließ; denn cs wäre kein königliches Mahl gehalten worden, ohne daß man bei jedem ein altes Dogma vorgebracht, untersucht und verbessert hätte. Der alte Glaube seiner Väter vermochte mehr über ihn, als alle diese Truglehren. Ehre sei also dem Könige Franz l., und insbesondre sein Volk sei gepriesen wegen des strengen Krieges, den sie gegen den Jrrthum führten, obwohl Zwingli ihnen seinen Himmel verschloß, wenn sie weder seinen Engel noch seine Metonymie anerkennen wollten. Als man die zwinglianische Exegese in die Hölle Wittenbergs warf, erhob sich der sächsische Löwe, sträubte die Mähne, schlug sich mit seinem wallenden Schweife in die Seiten, brüllte, daß es in den Bergen Toggenburgs wiederhallte, und Zwingli wurde ganz zerstoßen und zerrissen. rum ssersrum nun quasi res ipsae ist»! quarum signa sunt. Lkri- stianaelistei a Ilulstrveüo /vvinglio praesticatae krevis et elara expo- sitio, .ist ipso Xxvinglio paulo ante mortem ejus »st regem cliristia- num scripta, digur, 1ü3<>. t) II. ste suksist, klueliarist. toi. 24!), a, ti. 2) In coena Domini naturale ae substantiale istust corpus Dliristi qua bie passus est et nunc in eoelis ast stextram patris svstet. non naturaliter et per essentiam estitur, sest spiritualiter tantum. (lkristi kumanitas non est aeterna, ergo neque inlinita; si linita, am non est ubiqse. lUens reticitur bac liste quam svmliolis tcstaris. Igitur verba sscrs- menti non naturaliter ac pro vertiorum proprio sensu, sest svmbolice sacramentsliter, stenominative, csptansts sunt, D tlliri-' stisnao fistei expositione. 279 „Darum bitten wir die Schwärmer," rief Luther, „sie wollten nicht von uns begehren zu beweisen diesen Text, das ist mein Leib. Denn da mögen sic Knaben von sieben Jahren nur fragen, die solche Wortbuchstabcn lernen in der Schule, weil die Bibel Griechisch, Lateinisch, Deutsch, vorhanden ist. Aber das wollten sie thun, eine Bibel zeigen, darinn stünde, das ist meines Leibes Zeichen. Wenn sic das nicht thun können, das; sie ihr Maul eine zeitlang wollen in Gehorsam legen, bis sie solche Bibel Hcrvorbrächten, oder doch beweiseten mit gutem Grunde, daß solcher Text also zu machen sey, indes; still- schweigen und nicht rühmen. Wo ist Schrift? Wo ist Schrift? Sie wollten denn solche Worte zu sich selbst und nicht zu uns schreien. Denn sie handeln wioer ihr eigen Gewissen." Wenn nur Melanchthon die Bibel Zwingli's gekannt hätte, die er im Jahre 1525 in Zürch bei Chris. Froschofer drucken lies;; welch eine süße Weide hätte er dem Luther unter die Zähne werfen können! In dieser Bibel übersetzte der Pfarrer von den Bergen das griechische ronro unv das lateinische: lioe ost oorpus meum durch die Worte: das bedeutet mein Leib, das bedeutet mein Blut. O, dreimal wehe dem Engel Zwingli's, der sächsische Mönch hätte ihm die Flügel ausgerissen! Ist das nicht ein Trauerspiel, welches die Seele eines Jeden zu Thränen bewegen muß, wenn er sieht, wie von diesen Neuerern Einer nach dem Andern kommt, und irgend eine erhabene Wahrheit der katholischen Lehre angreift, um sie seinem dummen Vorwitz, seinen Hehlschleichersaugen und nächtlichen Träumereien preiszugeben; wenn er sicht, wie sie unsere alten Kirchenlehren verwerfen, unseren vierzchnhundert- jährigen Glauben für hinfällig erklären und unsere Ueberlieserungen als Ausgeburten der Finsternisse darstellcn? Selbst Luther wagte es nicht immer, über die Thorheit seiner Schüler zu lachen. Sein Blick drang in die Zukunft, er sah wie das von ihm in Wittenberg begonnene Werk an aufrührerische Köpfe überging, welche sein ganzes Gebäude zerstörten. Damals waren seine Klagen sehr bitter. „Laßt doch hören, wie sie diesem Spruch Christi unfern Verstand nehmen, und ihren drein bringen," sagte Luther. „Sie sprechen, das Wörtlein Ist soll so viel gelten, als das Wort Deutet, wie Zwingel schreibet, und das Wort Mein Leib, soll so viel heißen, als dar Wort Meines Leibes Zeichen, wie Oecolampad schreibet; daß Christi Wort und Mevnung nach Zwingels Text afto laute: Nehmet 1) D. Marlin Luthers Schrift, daß diese Warte Christi: das ist mein Leib, noch ueste stehen, wider die Schwarmgeister. Anno 1527. Walch. B. XX. S. 971. hin, esset, das bedeut meinen Leib. Oder, nach Oecolampads Text, also: Nehmet hin und esset, das ist meines Leibes Zeichen.... Da müssen wir ja greifen, daß es ein lauter hochmiithig Gespött scy des Teufels, der vor großer Sicherheit uns narret und äffet mit solchem faulen Deutelwerk und Gaukelwcrk. Wie wäre es sonst möglich, daß solche gelehrte Männer ohne Wirkung des Satans, so blind sollten scyn, und solche lose Träume so hoch rühmen und in die Welt treiben für die allerstärksten Gründe des Glaubens? Ist es doch nicht menschlich, so große dicke Finsterniß zu haben. Also liegt der Zwingel mit seiner Deutelei in der Aschen, eben da zuvor gefallen ist D. Carlstadt mit seinem Tuto." Kurze Zeit nachher kam dem Manne, dessen Lachen tödtete, die Narrheit wieder an. Er faßte sich, fuhr mit der Hand über die Stirne, und fing an, mit der komischen Behendigkeit eines Studenten, sich alle Glossen der neuern Exegcten vorzutragen. „Das ist mein Leib, — das heißt die Nutzung meines Leibes und Blutes. — Das ist mein Blut, — das heißt das Verdienst und der Ruhm meines Leidens, meines Todes und meiner Auferstehung. — Das ist mein Leib, — das heißt die Eigenthümlichkeit meines Leibes. Das ist mein Leib, — das heißt das Geheimnis; oder Gleichniß meines Leibes. — Das ist mein Leib, — das heißt die Gestalt, die Cere- monie und äußere Vorstellung meines Abendmahls. — Das ist mein Leib, — das heißt die erlangte Theilnahme am Brode und Weine. — Das ist mein Leib, — das heißt die Gemeinschaft und Gesellschaft meines Leibes. — Das ist mein Leib, — das heißt das letzte Vermächtnis; meines Willens. — Das ist mein Leib, — das heißt, der Leib den ich geschaffen habe." Da tönte in der Allerheiligen - Kirche die Stunde des Gerichts. Alle diese Geister der Doctoren erschienen vor Luther's Tribunal, der sich nicht einmal die Mühe nahm, sie anzuhören. Er verstieß sie von seinem Angesichte und versenkte sie in das höllische Feuer. 1) A. a. O. 2) Doe est corpns meum, ick est: Irie est usus in corpore et sgnguine rneo. — Hoc est meritum et Aloris p-issionis, mortis et resurrectio- nis corporis mei. — Doe est <>uiilitss propri» mei corporis. — In tioc s»er»- mento mvsterium mei corporis ckesignritur. — D»ec est form», ceremonis et »ctio externes mese coenee. — Denis et pocnli impetrste perticipatio.— Deco cst coinmunio et societes mei corporis.— Deec est extrem» voiun- tatis meeo conteslatio. — Hoc est corpus ipiock cre»vi. — ^Vnllick. ?er- rux. conk. et inter se »ssickent. op. cke coens Domini. 3) Dospin. Dist. sscram. toi. 344. Dutlleri opers: contrs tsnsticos sscrs- inentsrioruM errores. t. 7, toi. 379 care- iNus cum üs ccclosiis quns male scntirc ccrlo scimu5? I'ct. i>larl)r. lüpislola ack ccelesi-un anrstic,-nunn. 1) Um virolcnln ockin in nos crcp.int ul citius illis li->x cum '1'urcC tu-» lur« 8>l ct cum juipistis kratcrnitns, quiim uoliwcum inckuciac. OI- rim contra >Ve8i>>IuiI., 791 2) kekcckiasma Irenicnm, Iioe csl, ncccssaria eccles. iirotcstamium in licke consensio cx proprüs cloct. k.utkcraiiorum rigickissimorum unica ckemonstratiouc cvicta. llstisll., in 4° 1720. 288 „Wenn ihr die reelle Gegenwart Christi im Sacrament des Altars verwerft, sagt doch was es enthält? Spreu. Wenn Christus nicht da ist, wo finden wir ihn? nirgends." „Man sagt uns, daß wir den Leib und das Blut Christi empfangen, aber mit dem Organe des Glaubens. — Aber der Glaube hebt sich nicht anders zum Himmel als der Gedanke nach Rom oder Con- stantinopel! Wenn ihr dem Geiste nicht Eigenschaften beimesset, die ihr Christus absprechet: im Himmel uud auf Erden zugleich zu sein." 2) Schwarz sagt, es sei ein Schimpf für die Logik, wenn man behaupte, die Seele des Communicantcu empfange von der Höhe des Himmels den Leib und das Blut Christi in dem Augenblicke, in welchem sein Mund das materielle Brod esse und den Wein trinke. Horst sagt, die Schrift lasse sich nur durch die Tradition oder durch die Anfänge des Christcnthums erklären. Sanct Julian habe um die Mitte des zweiten Jahrhunderts geschrieben: „Wir wissen, daß das consecrirte Brod und der consecrirte Wein das Fleisch und das Blut Jesu Christi sind." So gehöre die Idee der reellen Gegenwart der ersten Zeit des Christenthums an. Plank sagt in seinen Worten des Friedens, das Wunder der Trans- substantiation sei nicht größer, als das der hypostatischen Einheit. „Das Dogma von der Transsubstantiation geht auf dem höchsten weltbürgerlich - religiösen Standpucte in die erhabenste Idee aller Religion und Philosophie über." (Horst.) 1) Clans Harms Predigten. 2t I.eilsiiitr, svslema lkeol., p. 215. 3) Schwarz, über das Wesen des heiligen Abendmahls. 4) Horst, angeführt von Höuinghaus, S. 185. 5) Die katholische Schule des 17. Jahrhunderts brachte ein ausgezeichnetes Werk über die Eucharistie hervor: 'k'railv de I' euclrarislie, pur teu I'elisso», eonseiller ein roi, mailre des reesuetes de so,, Ilükel n Paris, cker deaii .Lnisson, 11104, in 12. de 558 pazes." An der Spitze des Werkes steht eine Approbation von Bossnet. Die schönsten Blätter, welche diesen Gegenstand behandeln, finden sich aber in der Schrift: „älelliode In >,Ius kncile pour eoirvertir eeux, qui se sont separes de I' Lpstise; allritiuee nn cardiiial ein Idiclrelieu, in — tolio, Paris, 11150." Es ist dieß ein Werk, das man nie genug empfehlen kan», und dem das katholische Deutschland nichts au die Seite zu setzen hat. Rudolphus Goclcnins gab eine Schrift heraus über die Art und Weise, nach welcher die Zwinglianer und Ealvinistcn das Geheimniß der Eucharistie erkläre». Caspar Fink, ein Lutheraner schrieb gegen di.ses Buch seine: vis- pxtationes anti^ocleniao de analo^ia sacramentali cingliana et trae- lionv panis calvinisliea. Oiesseu, 11107, 8". XXIII. Kapitel. Brief an die Nömer. 15 LS. Character der sächsischen Eregcse. — Luther. — Mclanchthon. — Die katholische Schule, wie sie die Hermeneutik förderte. — Die Epistel an die Römer von Calvin commcntirt. — Würdigung dieses Werkes. — Beispiele von mehreren Paulinischen Stellen, wclcke der Reformator verdrehte. — Sei» exegetisches System. — Von den Abgründen, in welche seine Ercgese führt. Der Kampf des Protestantismus gegen den Katholicismus wurde anfänglich nur auf dem Felde der Dogmatik geführt. Als die sächsische Kirche triumphirte, mußte sie sich bestreben, die Lehre zu verbreiten, mit welcher sie gesiegt zu haben behauptete. Sie mußte beweisen, daß die Schrift durch die katholische Schule verderbt oder entstellt worden sei. Damals machte sich die Reformation mit unglaublichem Eifer daran, das alte und neue Testament zu commentiren. Die Postillen Luthers, förmliche Dorfprcdigten, enthalten verschiedene Auslegungen des heiligen Textes. Diese Postillen sind nicht für Gelehrte, sondern für einfältige Gemüther bestimmt, welche das Wort Gottes auffassen, ohne nach dessen Weiser Anordnung oder Unergründlichkeit zu forschen. Luther commentirte einige Psalmen Davids mit einem unaussprechlich poetischen Gefühl, und mischte seinen Beleidigungen gegen die Papisten überall den Zorn gegen die Mönche, und Lästerungen gegen den römischen Hof bei. Als Vater, Gatte und Lehrer weiß er zu bewegen, zu rühren und zu beherrschen. Er kannte die Sprache der Schrift so wohl, daß einige seiner Schriften in Italien ohne Name des Autors unter dem Beifalle der Katholiken verbreitet wurden. Er hatte Sorge getragen, seine Gesichter schneidende Maske, seine Hörner und seine Ruthe abzulegen, und alle Welt war getäuscht. Es war ein protestantischer > j Vorgerii sänot. in CM. Unvrol. llc»n,ie. 1539. Audi»: Leben Ealdin's I. Bd. 19 290 Schriftsteller, Matthias Flacius Jllyricus, welcher zuerst die Regeln der Exegese aufstcllte in dem Buche, welches den Titel führt: „(llaviz 8criptuiS6 saerse." Nach Luther glänzte Melanchthon in der biblischen Hermeneutik. Sein Commentar über den Brief des heiligen Paulus an die Römer erfreute das Herz Luther's, welcher die Arbeit seines Schülers höher schätzte, als Alles, was Sanct Hieronymus geschrieben habe. Nennet dies; keine Uebertreibung, denn ihr wißt, daß Luther nichts auf den heiligen Hieronymus hielt, den er zu verdammen beliebte, um den Erasmus zu erzürnen, welcher den heiligen Hieronymus dem Chrysostomus an die Seite stellte. Erasmus hatte Recht. Es ist nicht zu bestreiten, daß Melanchthon ein großes Genie ist, und daß er die heilige Schrift als Theologe und Weltmann erforscht hat. An der Universität zu Wittenberg enthüllte er alle Schönheiten derselben mit der wahren Liebe eines Künstlers und Christen. Wir werden aber nie mit einigen protestantischen Schriftstellern zusammenstimmen, an deren Spitze sich Villers stellte, welcher behauptete, die Exegese sei eine Frucht von dem Baume der Reformation; denn ehe Luther auftrat, hatte Cajctau, ein Cardinal Leo's X. die Psalmen mit einer wahren Meisterschaft der heiligen Wissenschaft commentirt. Dieses schöne Zeugniß gibt ihm Erasmus. Der Katholicismus hat das Recht, allen Ruhm für sich in Anspruch zu nehmen. Unsere Kirchenväter sind der Reihe nach Dichter, Redner und Exegeten. Origencs, Chrysostomus, Thcodoret, Tiodor, Tertullian und der heilige Hieronymus insbesondre, waren bewunderungswürdige Hcrmeneutiker. Sie hatten sich aus der heiligen Archäologie, den Sitten, Gesetzen und Sprachen des kirchlichen und heidnischen Alterthums ein gelehrtes Lttwium geschaffen. Man kann aber nicht läugnen, daß die Protestanten die orientalischen Sprachen oft mit Vorthcil auf die Erklärung und Auslegung der Schrift angewandt haben. Bei ihnen umfaßt die Exegese die Wissenschaft, die Politik der Verwaltung, die Sitten der Völker, die Geographie, die Textkritik. Das Feld sollte zuerst von den Katholiken geöffnet werden, die Protestanten sollten cs erweitern. Tic Wissenschaft war vorhanden, von der katholischen Schule geschaffen; die Reformation gab dieser Wissenschaft den »Namen „Exegese" und um dieselbe zu verbreiten, errichtete sie besondere Lehrstühle, welche bisweilen durch Männer von 1) I.eonliÄici Lertüolcli in o<>. I)r. Lugelbsrät. 2) Loinmenwrii kbilippi -lelanclilkonis in opislolam ksuÜ sci Idoinanos. »'ittewbergse, lö24. großer Geschicklichkeit bestiegen wurden. Die Namen Chemnitz, Came- rarius, Bal. Schindler, Johann Burtres, Heinrich Hottinger, Bugen- hagen, sind Allen bekannt, welche sich mit der heiligen Philologie beschäftigen. Unglücklicherweise war es eine Eigenthümlichkcit der Reformation, daß sie Alles befleckte, was sie berührte; und die Exegese hatte in ihren Händen das Loos aller geoffenbarten Wahrheiten. „Diese Exegese," sagt Doctor De Wette, „ist weder grammatisch, denn sie mißhandelt noch gar zu oft die Sprache und kennt deren lebendige Gesetze nicht; noch historisch, denn sie forschet nicht, sie lebt nicht mit und in der Geschichte, und hat keine geschichtliche Anschauung; sie verdient endlich nicht den Namen Exegese, denn sie ist nicht des Heiligen Dolmetscherin, sie kennt und versteht es nicht." — Calvin erwarb sich durch seinen Kommentar über den Brief an die Römer einen großen Namen als Exeget. Er kannte die Arbeiten seiner Vorgänger und läßt ihnen gerne Gerechtigkeit wiederfahren: „Unter den neuern Auslegern," sagt er, „zeichnet sich Melanchthon auch durch seine Gelehrsamkeit, Feinheit und Geschicklichkeit aus, die er in allen verschiedenen Fächern bewiesen hat, er hat auch hier viel mehr Licht verbreitet, als die, welche vor ihm kamen. — Bullinger folgte; er erndtete viel Lob ein, weil er mit der Gelehrsamkeit eine große Fertigkeit verband. Endlich hat Buccr seine Studien herausgegeben und dem Ganzen die Krone aufgesetzt. Dieser nun wird nicht nur wegen seiner tiefen Gelehrsamkeit, seiner mannigfaltigen Kenntnisse, der Feinheit seines Geistes, seiner großen Belesenheit und wegen vieler andern Vorzüge von Niemanden heut zu Tage übertroffen, und ist nur mit Wenigen zu vergleichen, sondern er verdient auch noch das besondere Lob, daß er in dieser Zeit mehr als irgend einer, mit genauem Fleiße die Schrift ausgelegt hat." Wie konnte aber Calvin die merkwürdige Schrift des Cardinals Cajetan vergessen? Woher kommt diese Geringschätzung einer Arbeit, welche Erasmus so hochschätzte, wenn Calvin sie kannte? Oder was soll man von seiner Unwissenheit denken, wenn er von einem Werk keine Kenntniß hatte, welches damals so verbreitet war und das er in der Bibliotheke eines jeden Gelehrten in Straßburg gefunden hätte? Er durfte es nur von seinem Freunde Bucer verlangen, der es gelesen und wieder gelesen hatte und in den erhabensten Ausdrücken davon spricht. Calvin hatte den Brief des heiligen Paulus an die Römer ge- wählt, weil er, wie er sagte, in demselben die Grundlage vorfand <) IwaokiUio, Simoni Ervneo. Xrgeutinse XV., erbauen, die sich nicht mit der Schale begnügen, sondern auch den Kern begehren. Die Früchte, welche meine übrigen Auslegungen der Schrift getragen haben, freuen mich so, daß ich den Rest meines Lebens mit ähnlichen Arbeiten zubringen will." Er macht cs bisweilen seinem Meister nach, und lästert wie Luther die heiligsten Namen des alten und neuen Testaments. In der elften Rede über die Geschichte Jobs klagt er diesen Patriarchen an, „er sei wankelmüthig, murre gegen Gott, ärgere sich, er habe gestrauchelt, gewankt und nachgegeben, er sei undankbar gegen Gott, er gebe sich so sehr seinen Leidenschaften hin, daß er sich der Gnaden nicht mehr erinnere, die er von Gott empfangen habe und fluche dem Herrn. — In der zwölften Rede fügt er hinzu und sagt von Job: „Was sagst du, es gebe keinen Unterschied zwischen Guten und Bösen? Der Tod mache Allem ein Ende? Du sprichst hier wie ein Ungläubiger, welcher nie erkannt hat, was Gott ist und die Religion." Von David hatte er in seiner „Unterweisung" gesagt: „Man möchte ihn einen verzweifelten Menschen nennen, der nichts Anderes wünscht, als in seinem Laster zu faulen, damit er die Hand Gottes nicht sehe." Mit Ausnahme des Buches der Richter, Ruth, Samuels, der Könige, der Sprüchwörter, Esther, Noemi, Esdras, des hohen Liedes, Ecclesiastes und der geheimen Offenbarung, commentirte Calvin die ganze heilige Schrift. „Diese Wahl ist auch charakteristisch," sagt mit Recht Paul Henry, „und zeigt deutlich, wie Calvins Geist sich nicht von dem Aeußerlichen, Historischen angezogen fühlt, sondern weit mehr von den Werken, die den Kern des Glaubens enthalten." Es scheint, daß er später in höherem Alter seine Arbeit vollenden und die Annalen der heiligen Bücher in sein exegetisches Examen cinschließen wollte. Josuc sollte seine letzte Arbeit sein. Er verschmähte die katholische Schule nicht immer, und Scaliger erkannte, daß die Arbeit über Daniel, bewunderungswürdig in ihrer Verbindung, in ihren schönsten 1) Inst. I. 3, clr. 2. §. IN. 2) Die Genfer Bibeln fl. Samuel. 21, 2, in der Anmerkung) klagen Daviv der Lüge an. 3) Paul Henry. B. 1. S. 347. Partieen von dem heiligen Hieronymus eingegeben sei. Er that vielleicht wohl daran, daß er die geheime Offenbarung nicht beachtete; wir können aber nicht in das Urthcil Scaligers cinstimmen, welches er über die Apocalypse des heiligen Johannes fällt, indem er sagt, sie sei so eun- kel, daß man die Absicht ressen nicht ergründen könne, der sie geschrieben habe und deren Berfasser wahrhaft unwissend sei in dem, was die Erfahrung erforrrc. In unfern Tagen ist die Apocalypse wieder zu Ruhm und Ehren gekommen, seitdem die protestantische Schule zu der Einsicht kam, daß Rom der Sitz res Teufels unv der Papst der Antichrist sei. Die Exegese wurde in Deutschland auf verschiedene Weise bearbeitet. Die sächsische Schule, welche Luther und Melanchthon als ihre Meister anerkannte, ist beinahe ganz metaphysisch; die Genfer Schule, reren Haupt Calvin ist, mehr philosophisch. In ihren Schriftbcleuch- tungen, in ihren kleinen Glossen, Scholien und Nötchen sucht die sächsische Schule den Grund des katholischen Gebäudes zu untergraben: sic läugnet den größten Theil der Wahrheiten, welche durch die Tradition ausgestellt wurden. Sie hatte keine andere Wahl: In der Zeit, in welcher Wittenberg Altäre haben wollte, konnte cs dieselben nur auf den Trümmern unseres Eultus errichten. Als es in Deutschland Schutt genug gab, um eine Predigerkanzcl daraus zu bauen, setzten die sächsischen Reformatoren ihre Exegese fort; aber beinahe immer zum Angriffe der Lehre, die vor ihnen da war. Nach dieser Form richteten sich Luther, Melanchthon, Musculus, Ehytreus, Bugenhagen; sie bequemen sich an diesen strengen Styl, diesen Schulmeister - Ernst, diese spruchreiche Bitterkeit, diesen heftigen Zorn, den ihr auch in ihren kleinsten Arbeiten findet, und von den: sich nicht einmal Philippus, der von Natur doch so gut war, ganz frei halten konnte. Bugenhagen und insbesondre Musculus haben immer mit ihrer Professorenmine ihr Auge auf eine Bibel gerichtet: mit ihrer affectirten Abneigung gegen den König des Syllogismus führen sie ihre Beweise immerfort in der Art des Aristoteles. Jbr dürfet deßhalb in ihren Eommcntaren jenen tj 0 qunrn llslvinus den« itsseguilur mentem proptelsrum! nemo melius! Lslvinus omuium optime in Il.inielem scripsil, secl omnia tiausit ex li. Uieronvmo. Lcslizerisns secuncls. 2) vsläe milii proliMur l!,ilvini non minus ui'tmns qusm pruäens ors- Uo, qui cle liltro .Vpocslipsoos sentontium logalus ingenuo responciit, se penitus ignoraee guicl velil tam obsui-us seriptor, qui qualigsue tue- rit, uoncium constsl inter ei uäilos. Loclin, cit. Lsvle. 4) L Luropa protsstsnte. Cr. Xll. p. 21. Thau nicht suchen, der die Seele labt und erquickt; nicht jenen lieb, lichcn Geruch, der über die Lehre eine Anmuth ausgießt, die unwiderstehlich anzicht; nicht den süßen Trank, welcher die Lippen des Sünders berauscht. Der Mensch lebt in ihnen, aber nicht der Priester. Wenn wir uns bisweilen einnehmen lassen von ihren künstlichen Worten, die bereit sind, uns in goltne Träume cinzuwiegcn, fühlen wir uns plötzlich empört durch die Grimassen machende Gestalt eines Mönchs, an der Spitze eines Gesanges von der Liebe des Herrn oder einer Hymne von der Demuth Jesu Christi. Tie Genfer Schule verfolgt in ihrer Exegese den Sinn, den Geist und die Moral der Schrift. Sie betrachtet das Dogma beinahe immer als einen festen Punct und schreitet weiter, um sich bei der Beschaffenheit des göttlichen Gedankens, bei den verschiedenen Merkmalen der Gnade, der Erhabenheit und Liebe, welche aus ihr fließen, aufzuhalten und sie hervorzuhcbcn. Selten ging Calvin von diesem Gesetze ab, das er sich vorgeschriebe» zu haben scheint, um in seine Commentare keine andern Bilrcr zu bringen, als jene von Jesus Christus und den Aposteln. Es kostet ihn ein Opfer, er weiß sich aber auch wieder schadlos dafür zu halten. Calvin übertrifft Zwingli und Oecolampadius, von denen der erstere die Propheten JsaiaS und Jeremias, die Evangelien und Episteln; der andere den Jsaias und den Brief an die Römer commcn- tirt hat: an feinerem Tact, an Eleganz des Stpls und an Harmonie im Ausdruck; er steht ihnen aber an Wissenschaft nach: dieß ist die Ansicht eines competenten Richters, Schröckh's. Zwingli liebt den Tropus, die Allegorie, das Bild; er sucht sie mit neugierigem Blicke und wenn er sie gefunden zu haben glaubt, faßt er sie in eine dogmatische Dcduction. Calvin will zum Verstände reden. Zwingli sieht in David die anticipirte Personifikation Christi; in den Augen Calvins ist David nichts Andres, als eine unglückliche, schuldbeladene Seele, welche seufzt, bittet, und um Barmherzigkeit ruft. Calvin suchte im alten Testamente vergebens einen Ausdruck, der auf einen Gott in drei Personen hinweist, oder eine Prophezcihung, welche die Geheimnisse, die sich auf Golgatha zutragen sollten, ankündet. Zwei Jahrhunderte später wäre Calvin als ein Rationalist erklärt worden. Leo 1) „Calvin, weniger geübt als Zwingli und Oeeolampadius in den Sprachen, über- traf sie an Scharfsinn und freiem Geschmack, die ihm mehr Dienste leisteten, als Sprachkenntuiß; suchte weniger wie sie tnpisckc. allegorische Deutung auf, prüfte, beurtheilte weit freier gewöhnliche Erklärungen, zeichnete sich durch eine mehr gebildete Schreibart aus." Th. 5. der Ref.-Gcsch. p. N5, Hutter wirst ihm vor, er tiefte den Juden die Waffen gegen Christus in die Hand, er sagt, Calvin jüdle. Der gelehrte Richard Simon ist der Meinung, der Genfer kenne nur die Anfangsgründc der hebräischen Sprache, und habe nur gewöhnliche Kenntnisse von dem Griechischen. Man darf von Calvin nicht die Sprachenkunde eines Erasmus oder Cajetan erwarten; da er aber die Schrift gründlich studirt hatte, findet er den Sinn einer Stelle weniger mit Hilfe der glossologischen Wissenschaft, als durch eine Art Wahrsagerkunst. Tholuk hat das exegetische Talent Calvins ans eine glänzende Weise gerühmt. „Man findet bei ihm," sagt er, „nicht nur eine leichte und glückliche Auseinandersetzung des grammatischen Sinnes, guteSprachbemerkun- gen, eigenthümliche Erklärungsversuche, sondern es zeigen auch die Erörterungen über den grammatisch erklärten Sinn in historischen, dichterischen und prophetischen Stücken, wie er in den Geist des Schriftstellers eindringt, so wie es ihm damals seine dogmatische Denkart zuließ. In der neutcstamentischen Exegese bewundert man mit Recht seinen einfachen, eleganten Styl, seine dogmatische Unbefangenheit, den exegetischen Takt, die vielseitige Gelehrsamkeit und den tiefchristlichen Sinn. Hinsichtlich der Form ist die Eleganz der Diction, verbunden mit Concinnität des Ausdrucks, welche Vorzüge sich besonders in den Vorreden darthun, zu rühmen. Die Eleganz zeigt sich indessen weniger in dem sorgfältigen «leloetus verborum, fern von dem affectirten Purismus eines Bembo und Castalio, welche eigenthümliche christliche Ausdrücke mit heidnischen vertauschen." Die calvinische Exegese führt unläugbar zum Rationalismus. Calvin achtete die Tradition nur als eine Allegorie. Er will im alten Testamente die mystischen Vorbilder nicht anerkennen, welche die Zukunft vorher verkündeten. Er hat aus diese Weise der socinianischen Schule den Weg gebahnt, welchen jene wieder dem Naturalismus eröffnete, der in den gcoffenbarten Büchern nichts. Andres sieht, als ein materielles Wort, dessen Werth zu prüfen jedem Menschen zusteht. Die Paulus, Eichhorne, Strauße sind aus Calvin hervorgegangen 1) Lslvinus solickus tdeolozus et ckoetus, 8t;I> 5st purgsti et elegsntinris gusin tlieolozum cieeesl..... ckivino vir prseckitus inßenio mults mvi- nsvit, guse non nisj ,1 lingusv Irelirsieso peritjssiinis (eujusinocki Minen ipse non erst) ckivinari possunt. 8esligerisns prims, p. 38. r) Litt. Anzeiger für christliche Theologie, Nr. 41. 1831. „Die Verdienste Calvins als Ausleger der heiligen Schrift." wie Carlstadl, Oecolampadius und Münzer aus Luther hervorgingen: gleiche Ursachen erzeugen gleiche Wirkungen. Schon zu Calvins Zeiten hatte die freie Prüfung die Sectc der Mystiker hervorgerufen: schamlose Jmagitivnen, welche die Wissenschaft als ein Hirngespenst verwarfen, welche dazu dienen, die Seele vom Wege des Heils abzulenken, „gleich als wenn man das Schwert wegwerfen müßte," sagte Calvin, „weil sich ein Rasender damit bewaffnen könnte." Die crcgetische Wissenschaft, deren Einfluß auf die Entwickelung des christlichen Geistes Herr von Villers allzu sehr erhob, war zur Zeit der Reformation schon in Verfall gekommen. Sie war spitzfindig, verwegen und unklug geworden. Selbst Beza erschrack vor ihr. Die Keckheiten der Sprache Castalions in seinem (Kommentare zum hohen Liede Salomons waren ganz geeignet, eine christliche Seele zu beun- rubigen. Sehet selbst, ob unter der Feder dieses Gelehrten, Salomon nickt eher ein Dichter einer Rauchstubc, als ein von Gott begeisterter Seher werde? „Columba mea columbiuis ocellulis, lepiclulas babes genulas: «lissusviare me tui oris suavio; labellula tun sunt similia eoeco: elegans oratiuneula; mammula vino inilekrior, laetillua lingula; cer- viculs tun eburnea currieula; ostencke mibi tuum vulticulum, nam vulticulum liabos lepiclulum." I) 8cicnlia tamcn nibil su oplci ca quoll iullal msgis vilu)>orancka esl, quam zrlaclius ui in mumm Io,-ins, inciclat. tloc i>ruplcr quosckam fanaticos clicltin, sil qui contra omncs arlcs eloelrinamque furiose elamilant: quasi tanlum ael inllanclos bomines valeant, ac nou utilissima sind Ism s'iclalis quam communis rilac inslrumcnta. ln (lor. 8. l. r) Dic Ausgabe der Werte Calvins vcn Sciiepfer in Amsterdam enthält in den ersten sieben Bänden alle cregerisebc» Scbrislcn Calvins. S. Ziegenbcin 2!». 3». ^Valsb. lübl. v. 4. >Lclicllhcrn, Ergötzlielikeitcn ans der Kircbcnhisisric. Scbröckh. Tb. ä. Bretsä'neider. — XXIV. Kapitel. Inneres Leben Calvins in Strasiburg. Literarische Verbindungen Calvins in Straßburg. — Castalicu. — Die Waldenser. — Dürftigkeit des Reformators. — Farel will seinem Freunde zu Hilfe kommen. — Calvin weist das Anerbieten zurück. — Die Bucbhändlcr Vcndclin und Michel.— Die Schriften Calvins sindcn in Deutschland wenig Beifall und warum? — Cha- racter des Reformators. — Cr klagt von der Kanzel herab das Benehmen einer Magistratsperson an. — Er beklagt sich über Bucer. — Gegcnthcilige Beschuldigungen des Dominikaners. — Geständnisse Calvins. — So herzlich Calvin in Straszburg ausgenommen worden war, lebte er dort doch ohne Ruhm. — Bucer beunruhigte den Flüchtling. Die Reden des Dominikaners zogen die Menge an sich: die Reden Calvins in der französischen Kirche waren nur von einigen Auserwählten besucht. Calvin war kein Redner: seine Bewegungen waren unedel, seine Stimme war schleppend, seine Redeweise ohne Rührung. Er stellte auf der Kanzel Untersuchungen an. In Frankfurt, Worms und Rcgcnsburg zogen Bucer und Eck die Blicke und den Ruhm auf sich; Calvin war mit all seiner exegetischen Gelehrsamkeit in der Menge unbemerkt geblieben. Auf den Reichstagssitzungen verlangte man einen Tribunen, der bewegte, bezauberte und die Zuhörer in Aufregung versetzte. Er hatte sich durch Melanchthon irreführen lassen, welcher sich das Ansehen gab, als billige er seine Ansicht vom Abendmahle. Als Calvin nach Straßburg kam, war er erzürnt über den pedantischen Ernst einiger Reformatoren, die ihrem Rufe nicht entsprachen; er war eifersüchtig auf das süße Lächeln, welches der Kaiser einigen Deputaten zollte, deren geistige Armuth einem so hellsehenden Blicke nicht lange ein Geheim- niß blieb; er war von dem hohen Begriffe entzaubert, den er von Bucer hatte, der seine Lehre so oft änderte, und wünschte ohne Zweifel wieder in Genf zu sein, wo er keine Meister und keine Nebenbuhler hatte. 2» eine große Stadt hineingeworfen, in der für ihn Alles neu war, die Sitte wie die Sprache, schloß er anfänglich einige jugendliche Gemüther an sich, welche den Professor nach den Vorlesungen in 300 seiner Wohnung besuchten, um ihn noch einmal zu hören und ihm die Stunden der Verbannung durch alle mögliche Freundschaft und Zuvorkommenheit zu versüßen. Es war eine Wohlthat für den Theologen, sich mit diesen Schülern in der französischen Sprache zu unterhalten, die er so zärtlich liebte und die er in seiner „christlichen Unterweisung" so sehr verherrlicht hatte. Er versuchte cs, die deutsche Sprache zu lernen, er warf seine Grammatik aber bald hinweg; diese Sprache konnte mit all ihren Bilvern einen philosophischen Geist, wie den seinen nicht ansprechen, welcher sich mit dem Gedanken begnügte und nie an die Form dachte. In Worms, wo Luther unter dem Gesänge „Eine feste Burg ist unser Gott," cingezogen war, wollte auch Johann von Noyon singen. Es war im Anfänge des Jahres 1541, daß er lateinische Verse sang, in denen er vom Papste sagte: „Digiti signo sß-rtiorum ooneutit vibem, ^ee minus est llockie, cjusm kuit nnts kerox." Ein erbärmliches Distichon, unwürdig eines Schülers der vierten blasse. Calvin war kein Dichter, man muß gestehen, daß nie ein Re, formator ein weniger musikalisches Ohr hatte. Die Freundschaften Calvins und seiner Schüler währten nicht lange, sei es, daß der Anblick der eingewurzelten Leiden des Professors die jungen Gemüthcr belästigte, die den Anblick der physischen Schmerzen nur mit Pein ertrugen, da sie selbst voll Leben und Freude waren; oder daß sich der grämliche Lehrer nicht an das Geräusch all der geschwätzigen, freien und luftigen Naturen gewöhnen konnte. Die Bande der Liebe, welche den Professor und seine Schüler vereinigten, zerrissen aber sehr schnell, und all die Vögel, denen Calvin die Flügel stutzen wollte, flogen ans und kehrten nicht mehr zurück. Eines Tages ließ sich einer dieser goltbcschwingten Vögel, der sein Nest unter den Lotos Griechenlands, unter die Palmen Judas und die Buchen Italiens gebaut hatte, der in hebräischer, griechischer und lateinischer Sprache sang, in Straßburg nieder. Er war in der gelehrten Welt unter dem Namen Castalion bekannt. Im Anfänge öffnete Calvin sein Fenster, und er hörte einige Zeit hindurch nichts, als angenehme Con- certe, poetische Harmonicen, ätherische Gesänge. Zuletzt jagte Calvin seinen Gesellschafter fort, um die kleine Kammer, die er einnahm, einer 1) Er hatte nickt wie Luther, den ritterlicken und so anck nickt den musikaliscken und poctiscken Sinn und Geist. Paul Henrn, P. I., S. 378. Dame, Namens des Bergers einznräumen, welche ein ganzes Haus mit brachte: eine Frau, Kinder und einen Diener. Castalion verließ ihn, nachdem er seine Kammer und sein Kostgeld bezahlt hatte. Dann kam der Diener der Dame und wurde krank. Man rief Castilion zurück, der ein Landsmann des Dieners war, und der gelehrte Hebraist ließ sich dazu gebrauchen, ihm den Gerstentrank und die Arznei zu reichen, und bei ihm zu wachen wie eine zärtliche Mutter. Werdet ihr wohl glauben, daß es Calvin möglich war, in einem Dispute, dessen wir uns wieder erinnern werden, dem Castalion die Nahrung vorzuwersen, die er ihm einige Tage lang uncntgeldlich reichte-? ' ) Straßburg gab Calvin Wohnung und Nahrung. Cs war eine Zeit, in welcher ihn die Armuth mit all ihren Beängstigungen heimsuchte: dieß war der Fall nach seiner Abreise von Genf, als sein Loos noch nicht bestimmt war. Sein Elend war so groß, daß er sich ge- nöthigt sah, seine Bücher zu verkaufen. Seine Werke trugen damals sehr wenig ein: der ganze Erwerb gehörte dem Buchhändler. Die Vorlesungen, welche er den Söhnen angesehener Familien in der Stadt gab, reichten gerade hin, seinen Briefwechsel zu bezahlen, der im Mittelalter so kostspielig war, da man genöthigt war, sich der Boten zu Fuß oder zu Pferd zu bedienen. Eines Tages kamen Waldenser - Brüder, welche ihn aufsuchten, um ihm ihr Glaubensbekenntniß vorzulegen, das er wie Bucer nicht zu verwerfen schien, weil sie vielleicht einige den rcsormirten Lehren entgegengesetzten Artikel weggelassen hatten. Sie waren so arm, 1) Bayle. Art. Castalion. 2) »'nillenses cum nlltruc esscm .Vrgenlornti misissc conkessionem quae optimo nillmu «t milri t»nc zirollntn füll; sellmiki Posten oslensum lliisse exemplnr cpmllllnm in guo nonnnllir midi llisplieeill gusu »ollem »ll- mittere. liullin^ern, (all. llunii, 1547. Alss. (7. „Anfänglich nannte man die Waldenser: „Lyonnistcn," weil ihr Oberhaupt oder Meister ein reicher Kaufmann ans Lyon war, oder auch „Insnlllis- tnli", weil sie weder eine» Sonntag noch Festtag feierten." Oespin, Lsprll llo I' Lglise, 3l>7. „Nach Reinerius, welcher beinahe zu gleicher Zeit mit Baldo lebte, kann man ihre Lehren zusammenstcllcn," fährt Crespin fort. „Sie lehrten, man müsse an die heilige Schrift glauben, in so fern sic das Heil betreffe, ohne die Menschen zu hindern; cs gebe nur einen einzigen Mittler, folglich dürfe man die Heiligen nicht anrufen; es gebe kein Fcgfcncr, sondern cS gehen allc^Men- schen, non Christus gerechtfertigt, znm ewigen Leben ei»; cs gebe nur zwei Lacra- mente, die Taufe und die Comnrunion; die Messen seien verwerflich; diemenschlichen Ncberlicfernngen solle man nicht achten; der Gesang und oic Kirchen- gebcte, die Fasten an gewissen Tagen nnd Fasten seien überflüssig; der römische Stuhl sei das wahre Babnlon und der Papst eine Quelle aller Nebel; die Pric- sterehe sei gut nnd in der Kirche nothwendig." Dieses Glanbensbclenntniß enthält die ganze lniherische Symbolik, . 302 daß er sich genöthigt sah, ihnen eine Krone (sechs Franken) zu leihen: „Ich habe ihnen nachdrücklich empfohlen," sagt Calvin in einem Briefe an Farel, „daß sic dir das Geld zurückgeben sollen, wenn sie nach Neufchatel kommen würden: das soll eine Abzahlung sein für das, was ich dir schuldig bin, das Neblige werde ich zahlen, wann ich kann." „Ich bin so dürftig, daß ich nicht einen Sou in der Tasche habe. Du kannst nicht glauben, was eine Haushaltung kostet." Es scheint, daß Farel, welcher die peinliche Lage seines Freundes kannte, mehrere Summen einzuziehcn suchte, um Abhilfe zu leisten: Calvin aber, der einen stolzen Geist hatte, wollte keinen Vorschuß annehmen, den er nicht mehr zurückzuzahlen wußte. Er bezeugt dem Pastor von Neufchatel seine vollkommene Erkenntlichkeit in einem Schreiben, welches er von Straßburg aus an ihn richtet: „Dank allen meinen Brüdern für ihre liebevollen Anerbietungen, den armen Seelen, welche demjenigen ihr Almosen reichen wollten, der ärmer ist als sie. Das ist ein Beweis der Liebe, die mir sehr werth ist und mein Herz erfreut: ich habe mir aber vorgenommen, nichts von euch anzunehmen, auch nickt von unfern Freunden, so lange ich nicht von der dringendsten Noth gezwungen werde. Wendeln:, mein Verleger, dem ich mein Merkchen überlassen habe, wird mich auf einige Zeit unterstützen. Mit den Büchern, welche ich in Genf gelassen habe, werde ich bis zum nächsten Winter meinen Gastwirth bezahlen können. Der Herr wird im klebrigen helfen. Von meinen vielen Freunden in Frankreich hätte mir keiner einen Liar gegeben. Ich glaube, daß sie sich mir heute großmüthig zeigen und ihre Börse öffnen könnten, ich würde nichts von ihnen anuchmen. Ich rede übrigens nicht von Louis, der mir Geld leihen wollte, aber gegen allzu große Zinse? Für jetzt begnüge ich mich, euch für euer brüderliches Anerbieten Dank zu sagen. Ich würde euere Gunst annehmen, wenn ich nichts Besseres thun könnte: aber um den Verlust meiner armen Krone bin ich doch betrübt." Als seine Einkünfte nicht hinreichten, um die Kosten seiner Haushaltung zu bestreiten, suchte Calvin seine Bücher zu Geld zu machen, I Liatros Valckensos toronstum unum milu debelumt eusus pm'tem a me mutuu .iccepmunt, pmtem dedcism »unciu lleclmint retinclus guo tsutumckem am« tu» «xuncier. 0»o«I rcliguum mit solv.im guum poteru. La ouim m«a «8t comlitiv, ut as8«m nummare czueam. ölart. 153'1. ?) Lp. 15. .4p. 1549 303 von denen er das Manuscript an den Buchdrucker Wendelin oder an Michel in Gens verkaufte. Wendclin war ein Buchhändler, wie man wenige trifft; er rechnete nicht mit seinen Autoren, bezahlte ihre Werke splendid, wenn auch der Name des Autors auf der Messe in Frankfurt unbekannt war. Er kaufte die ganze Ausgabe der paulinischen Commentare, uud zwar viel theurer, als Calvin hoffte; ausser dem Kaufpreis, auf den er nie mehr eine Rechnung machte, gab er dem Autor eine grosse Anzahl Eremplarc, welche dieser verkaufte oder durch seine Freunde verkaufen lies;. — Farcl war damit beauftragt, dieselben anzubringen. Man findet in den nachgelassenen Briefen Calvins einige interessante Details über diesen Gegenstand; so unter Andcrm einen eigenhändigen Brief vom 27. Juli, an den Prediger von Neufchatel. „Nichts Neues hat sich zugetragen, seit dem du von hier weg bist: ausser daß an dem Tage deiner Abreise, ungefähr drei Stunden nach deiner Abfahrt die Scholarchcn mir mein Gehalt erhöhen wollten. Doch schlug das fehl: also bin ich um nichts reicher geworden. Wenn sich jemand findet, der meine Bücher kaufen will, so magst du sie verkaufen, aber nicht um einen geringem Preis, als um 10 Batzen oder 9 zum wenigsten, wenn nicht vielleicht Einer eine grosse Anzahl nimmt. Dann kannst du sie auch für 8 gehen lassen: der Transport hat schon viel gekostet, und wird noch viel kosten, ehe sie zu dir kommen werden. s> Die Schriften Catvin's fanden mit Ausnahme der „christlichen Unterweisung" wenig Theilnahme. Die Humanisten schenkten dem Verfasser Anerkennung wegen seines Lateins, seines Ausdrucks, welcher guten Autoren nachgebildet war, wegen seiner Schreibart, die weder der Klarheit noch Zierlichkeit entbehrte; man warf ihm aber vor, er habe nicht, wie Luther, in den kleinsten Satz Poesie und Beredsamkeit zu legen verstanden. In Basel glaubte man immer im Jahre 1521 zu stehen, im Beginne des theologischen Streites, als nvthwcndig ein Mönch in den Disput gezogen werden und auf beide Backen geschlagen werden musste, zum Gelächter der Bürger und der Schüler. Indem Calvin den Mönch verwarf, brachte er sieb um eine mächtige Sympathie. In Ermangelung der Mönche, die so zu sagen aus der Mode gekommen waren, hätte man es in der Schweiz und in Deutschland gerne gesehen, dass Calvin sich des Teufels bedient hätte, um die Halsstarrigkeit der Papisten zu erklären; Niemand konnte begreifen, wie 1) lulii l-M. Klss. Oon 304 es ihm möglich war, der Hilfe des Teufels zu entsagen, der seinen Vorgängern so treffliche Dienste geleistet hatte. Man sagte sogar öffentlich, er glaube nicht an den Teufel, was eine Lüge war, und dieß schadete ihm bei den Deutschen, die nicht den kleinsten Teufel, der aus dem Gehirne Luther'S hervorging, für den besten Beweis gegeben hätten. So kam es denn, daß die Buchhändler, welche im Anfänge so gut für Calvin gestimmt waren, erkalteten, als sie sahen, daß seine Bücher nicht so verkäuflich seien, wie die Schriften des Doctor Martinas. Sie kramten dieselben wohl aus auf der Dult in Frankfurt, man ging aber vorüber, ohne sie kaufen; daher kamen die Klagen, welche die Eigenliebe des Autors verwundeten. Um den üblen Humor des Basler Buchhändlers zu besänftigen, der ein saures Gesicht machte, schrieb er au Michel in Genf: „sendet mir durch Farel die Bücher, welche ich bei meinem Weggehen zurück gelassen habe, und die Kleider meines Bruders." Michel 'packte die Kleider und Bücher zusammen, und schickte sic nach Neufchatel: einige Tage zuvor hatte Farel ein Billet empfangen, in welchem es hieß: „Wenn das Faß zu dir gelangt, welches Michel schickt, so öffne es. Du wirst Bücher und Kleider darinnen finden. Kannst du noch Bücher verkaufen, so thue es. Den Nock schicke nach Basel. Da mein Buchhändler klagt, daß mein Buch schlecht abgchc, und daß er mehr Exemplare habe, als er gebrauchen könne, so habe ich ihm geschrieben, daß er dir 100 Exemplare senden möge. Schreibe, ob er cs thut, ich will mich eher dieser Verlegenheit aussetzen, als daß meine Zuverlässigkeit leide." Calvin hatte in Straßburg keine Ruhe finden können. Es zerriß ihm das Herz, das buntscheckige Schauspiel der Glaubenslehren anzu- schcn, welches diese Stadt darbot, die den Flüchtlingen aller Meinungen offen stand, wo der Zwinglianer den Lutheraner mit dem Ellbogen stieß und der Wiedertäufer an der Seite des münzerischen Propheten ging; wo alle Glaubensbekenntnisse, mit Ausnahme des Katholicismus, auf gleichen Schutz Anspruch machen konnten. Sein Herz fühlte sich besonders dann gekränkt, wenn er all die Gcmüther sah, welche vom Stolze Bucers erfüllt, behaupteten, sie hätten den alten Menschen ausgezogen, dessen Merkmale sie trugen. Er konnte keinen Schritt thun, ohne sich in irgend eine Windel des Papstthumcs zu verwickeln, welche die Stadt dem Kaiser zum Gefallen bcibchalten hatte, und konnte auch 1) Siche das folgende Kapitel: „Der Teufel und der Antichrist." 2) Oongneritnr lillrnm menm non esse venOi!>i>cm. 3l Oec. 1340. Slss. den. 305 das Auge seiner Stellvertreter nicht abschrecken. Um die protestantischen Tempel her wurden eine Menge Buden errichtet, in denen man die Pamphlete der reformirten Prediger auskramte, welche die wirkliche Gegenwart Christi, den freien Willen, die innere Gewalt der Sakramente, die Noth- wendigkeit der guten Werke und der Ceremonicn lehrten und läugneten. Augsburg, Speier, Frankfurt, Nürnberg, Hagenau, Worms, Regensburg hatten ihre besonder» Zelte am Münster aufgeschlagen, in denen jedes Glaubcnsbekenntniß, das seit 1530 zur Welt kam, dem Vorübergehenden sein Formular anbot. Weder die mündlichen Vorträge, welche Calvin in der französischen Kirche hielt, noch seine Unterredungen mit dem Abgesandten des Protestantismus, noch seine schriftlichen Discussio- nen hatten es vermocht, die Gefühllosigkeit und Wankelmüthigkeit der Geister zu überwinden. Vergeblich machte er einige Male den Versuch, diesen Leichnam zu elcctrisiren: seine Rede blieb ohne Erfolg, das Leben kehrte nicht zurück. Da verfiel er in eine schwermüthige Stimmung und beklagte sich über Genf. Er hatte seine misanthropische Natur nicht reformiren können; er war nach der Verbannung geblieben, wie er in Genf war: eitel, reizbar, despotisch. Wenn er längere Zeit in Straszburg geblieben wäre, würde er ohne Zweifel den Zorn der Obrigkeit auf sich geladen haben. Er suchte diese fleischlichen Aufwallungen zwar zu unterdrücken, aber beinahe immer ohne Erfolg. Einmal war es nahe daran, daß sich die Scene mit der Verweigerung des Abendmahls, welche in Genf so großes Aergerniß verursachte, in Straßburg wiederholt hätte. Ein Mann, dessen Namen er verschweigt und der ein offenes Spiel- und Saufhaus hielt, wenn man Calvins Angabe Glauben schenken darf, wollte sich dem Tische des Herrn nahen, aber Calvin versperrte ihm den Weg. Der Schuldige schwieg still. — Das Auge des Verbannten hatte mitten durch die Mauern hindurch Unordnungen gesehen, welche Bucer und die andern Prediger nicht beachtet hatten. Calvin tadelt die Nachsichtigkeit Bucers. Wer hat ihm aber gesagt, daß der Dominicaner hier nicht seinem Gewissen folgte? Als Eck die Nothwendigkeit der Werke verlangte, bediente sich Calvin immer eines und desselben Beweises: Welches Werk hat der gute Schächer gethan? Und wer sagte ihm, daß der Christ, dem er verbieten will, daß er sich dem Allerheiligsten nahe, nicht von einer jener Regungen des Glaubens heim» gesucht worden sei, welche, wie er sagt, alle unsere Sünden tilgen? tj Up. k'ai'kllo, 1539. 2) 0»i intercklim üit lenior.. Audin: Lehr,» CiUvin's >. Bd, 20 Ibict. 306 Calvin ist in Straßburg wie in Genf in beständiger Empörung gegen sich selbst. Einer der Städtcmeister von Straßburg siel bald in llngnade bei Calvin. Niemand hätte sagen können, welchem Glaubensbekenntnisse er angehöre. Nur das war gewiß, daß er den Glauben seiner Väter verläugnet hatte. Am Morgen saß er am Tische eines Wiedertäufers, am Abende aß er mit einem Zwinglianer; er war allem Disputircn abgeneigt, wohnte der Predigt Bucer's und jener Calvin's ohne Sammlung bei, und war eben so wenig aufmerkjam, wenn er das göttliche Wort, als wenn er von weltlichen Dingen hörte. Calvin hätte sich mit ihm in eine Unterredung einlassen mögen; er spannte seine Netze um diese kranke Seele, welche denselben immer mit Glück auszuweichen wußte. Endlich wurde der Theologe ungeduldig, bestieg die Kanzel und legte glühende Kohlen auf das Haupt des Schuldigen. Dieser konnte nicht im Zweifel bleiben. Calvin selbst versichert, er habe Alles angewcudet, daß der Städtemeistcr sich selbst erkennen und von den Zuhörern erkannt werden sollte!^) Nicht über die Indignation des Predigers muß man sich hier wundern, sondern über die Ohnmacht der Behörde, die den Redner mit einem Worte zum Schweigen bringen konnte und stillschwicg. — Glaubt ihr, Calvin habe sich durch dieß Beispiel christlicher Mäßigung bewegen lassen? Ihr müßtet ihn nicht kennen! Einige Tage darauf verließ der Stävtemeister Straßburg, um nach Frankfurt zu gehen, wo er Calvin wieder antraf, der ihn mit seinem Zorne verfolgt, und bei Buccr als einen Feind Christi verklagt, mit dem man weder Ruhe noch Frieden haben könne. Bucer ließ den Nathshcrrn gehen, ohne ihn zu beunruhigen. Er machte cs nicht wie Calvin. Seine heftige Natur war leicht zu reizen und leicht zu besänftigen. Wehe dem, der seine Galle aufregtc, wie Eck in Ncgensburg! Er mußte sich auf alle mögliche bissige, oft auch poetische Kränkungen gefaßt machen; der Redner bediente sich des Marktgeredes, der Sprache der Griechen und Römer, oder des bildreichen Ausdrucks der alten Propheten, um sich zu rächen. Wenn er aber von der Kanzel hcrabstieg, trat er vor seinen Gegner, lächelte ihm zu, und drückte ihm sogar oft die Hand. Er wußte nichts von dem Zorne, der sich nicht äußerlich zeigte, ohne sichtbare Flamme brannte, weder die Sprache; noch die Gestalt, oder die Gcberde des Redners veränderte. Er nannte I) kt» ejus iiuiuewtem palam et -iperte etirmi pi-o coneione sugillüllsul nt nimlumiuus :>»t >>>si, ,iut »liis Nullius esset seemu gunni si vel n<>- min.issein, vel iligito (lemoiistr.rssem. ll'urellu, 1M1U. 307 diesen einen Cainszorn. *) Calvin gestand sich diesen Fehler zu, und entschuldigte sich, indem er au den Kopf griff, als wenn der Sitz der Krankheit im Gehirne gewesen wäre: „Ich bekenne," sagt er zu Bu- cer, „von alle» meinen Fehlern ist keiner schwerer zu bekämpfen, als meine Ungeduld, ich streite nicht völlig vergeblich und habe doch dies; wilde Thier, (so nennt er den Zorn) noch nicht ganz bezähmen können." ^) Bossius fügt hinzu: „Das ist ein bescheidenes Gcständnist, wenn der Streit, wie Calvin sagt, unaufhörlich und das wilde Thier besiegt war; aber das Nebel beharrtc, und Bucer, den seine immerwährenden Rückfälle in die alte Sünde traurig machten, schrieb an seinen Freund: „Du urtheilst nach deinem Hasse oder nach deiner Liebe, und hassest oder liebst ohne Grund." Wir werden ihn in Genf in seinem politischen Leben mit denselben Meinungen, die er in Straszburg in seinem christlichen Leben zeigte, wicderfinden: Bucer wird ihm nicht geholfen haben. Was Calvin auch sagen mag, die Krankheit liegt nicht im Gehirne, denn einige Tropfen kaltes Wasser hätten sic vertrieben; sondern im Blute und im Herzen, welches sic in Brand versetzt hat, und da gibt cs kein Heilmittel. — Einige Geschichtschreiber wußten Gründe zu finden, diesen Hang zu loben oder zu entschuldigen, über welchen Calvin selbst zu crrvthcn scheint. Bretschneidcr sucht in dem zornigen Elemente den Sitz alles Großen, was das Leben des Genfers auszeichnet, der vielleicht Cardinal geworden wäre, mit kälterem Blute; aber nie ein Reformator. "') Beza, der die heftigen Aufwallungen seines Freundes zugcstcht, behauptet, „Gottes Geist habe ihn gelehrt, seinen Zorn so zu meistern, daß ihm nie ein Wort entschlüpfte, das eines guten Mannes unwürdig ge- 1) lineenis non leere poteent velicmentiam (mlvini gnein ogtiine noent ex (>»<> .drgentoenti nnn vixeennt, et nx-Ii»!> nosso dxlieit ex q»» t'.ene- Vlttn revoentns. ^e.ensnee chitne efns, fgn» fnee, nielins ine senis), >nnleilicenti»n> innxinnir», et gund itissentientes »v» leeret, seil dnee inte» uigmrogne geesegnkretne, sie »t eliain leateiextnin, nti te^o, »nn- eigmret. — 2) tliilvinns »io ,i inngno vieo inercgntns res>»nixleee live gnetn: Inner esse genii >>»tins sui gn.nm judieii, et nt Olvi'ni igsins v<-el».n >>nei,nis weis vitiis «lillieilioe estlnet.n, <>>nnm e»m ist» iin>n>Iieitti->: negne eerte grnlicio nilxl, seil ixnxlni» i>Nnx» I»ellin>n> domueeiin. Ich». Vossii tieotin. I'>>. I'initest. tl>e»l. g. bÜ7.— 3) „Jener Jndlffcrennsmnj späterer Zelt war nlä't der Eharacter der Reformatoren, mit lhm wären tfatoin und Luther vlellelclit t!ardlnäle. aber gewiß telne Reformatoren geworden." Bretswneider. S. t!> n. 2N. 20 ^ 308 ' wesen wäre." Wir haben schon gesehen, wie die Freundschaft den Schüler aus Vezclay verblendete. Der Geistliche wird uns später das Näthscl des Politikers lösen. Was Calvin auch thun mochte, es war ihm unmöglich, sich von seinem Systeme der Prädestination los zu machen; in jedem Sünder sah er das Kind des göttlichen Zorns; in sich selbst aber den evangelischen Lehrer, das von Ewigkeit her erkorene Werkzeug, welches durch die Bestrafung der Schuldigen die göttliche Gerechtigkeit verherrlichen sollte. Erhebet die Lehre von der Vorausbestimmung in einem königlichen Haupte zum Range des Dogma's, wie es Calvin aufstcllte, und ihr werdet den blutigsten Despotismus zu erwarten haben: Alle Wesen, welche der Monarch mit seinem eisernen Scepter stürzen wird, werden nur Kreaturen sein, die zur Sklaverei bestimmt waren. Calvin ist dieser Monarch, ohne Diadem, aber mit einer Krone, die er sehr hoch schätzen muß: die Krone des Lebens und der Unsterblichkeit, weil sie, wie er behauptet, aus den Worten Christi oder seiner Apostel gebildet ist. Diese verderbliche Lehre ist der Schlüssel zum inncrn Menschen: wenn er im geistlichen Rathe über das Gewissen eines Volkes herrscht; zum politischen Menschen: wenn er den Rath des Staates lenkt. I) k'nitnmino »nUirao j>>sins toinperiiinentu g»c»t vllium etism unxor.it I-idoriosisüimiim illml geiius: ir»o tinnnn sie v»m cioeu- «>lst 8j>iiitio, Unmini mnctei.iri »t »o vcrlinin gunlom «it nx en .luctitum gnncl virn I,n»n mliignnm «-üset. Vit. 309 XXV. Kapitel. Der Teufel und der Antichrist. Der Teufcl i>» Leben Luther's als Werkzeug des Zorns und der Poesie. — Anfech- tnng des Doctors. — Der Teufel im Lebe» Ceilvin's. — Meinungen des Genfer Reformators. — Erzählung von einem Besessene». — Was Calvin von Epileptischen und Heren hielt. — Der Antichrist Luther's und die sächsische Kirche. — Die Reformatio» lehrt noch heut zu Tage, der Papst sei der Antichrist. — Die protestantische Revue des neunzehnten Jahrhunderts. — Calvin's Ansicht. — Johannes Müller. — Hugo GrotiuS. Der Teufel. Kein Reformator, mit Ausnahme Luther's, war für die Form eingenommen, sei es an Menschenwerken oder an den Wundern der Schöpfung. Melanchthon weint, wenn Carlstadt die schönen Statuen der Allerheiligen-Kirche zertrümmert; er weint aber als Christ, nicht als Dichter. — Er sieht in dieser Entweihung mehr einen Angriff gegen die Gesellschaft, als gegen die Kunst. Vergebens sucht ihr in dem weitläufigen Briefwechsel, welchen die Reformatoren unter sich führten- eine Aeußerung des Schmerzes, der ihrer Brust entrinnen sollte, wenn sie die Bilder betrachten, die der Stolz der fränkischen Kirchen waren, und von der Hand eines Bauern ungehindert zerschlagen wurden. Niemand bückt sich, einige Reliquien von den Steinen zu sammeln, welche dem Hammer des Baucrntrosses wie durch ein Wunder entgingen. Im Gegen- theile könnt ihr sehen, wie sie sich in Frankenhausen an dem Feuer der Handschriften wärmten, welche man den Klöstern raubte. Wenn man im protestantischen Deutschland einer schönen Goldarbeit begegnet, einem pricsterlichen Schmucke, wunderbar an Reichthum und mühsamer Arbeit; oder einem Bischofsstäbe von massivem Golde: so darf man versichert sein, daß der Kelch, welcher aus dem Schatze einer katholischen Kirche gestohlen wurde, einem Chursürsten, der Luther befreundet war, als Trinkbecher diente, daß der Mantel deö Priesters das Gemach des Fürsten oder seiner Maitreffe zierte, daß der Hirtenstab sein Museum 310 schmückte wie ein Spielwerk oder eine Sicgstrophäe. Als Sachsen znm Abfall gekommen war, verkauften die Fürsten Kelche, Mvn- stranze, goldene und silberne Opfcrkännchcn, chrne und hölzerne Bildwerke, mit Spitzen besetzte Altartüchcr und sogar Rcliguicnkästchen an die Juden, um davon ihre Jagdhunde und ihren Hoftroß, ihre Wildgehege, Spcisckellcr und Buhlerinncn zu unterhalten. Luther beweinte oft das Elend des protestantischen Clerus, den man auf dem Strohe Hungers sterben ließ, während die Fürsten auf Kosten der Mönche und katholischen Kirchcnfürstcn schwelgten. Wenn sich aber Luther nicht viel um solche Stoffe, um eine Schönheit, die aus Menschenhänden hcrvorging, kümmerte, so beschäftigte ihn der Anblick göttlicher Werke sehr lebhaft. Bora überraschte ihn oft unter einem Baume in Betrachtung eines Gestirns, in poetischen Entzückungen, die sic oft aus Unempfindlichkeit oder Bosheit störte. Der Anblick einer Blume entlockte ihm Thräncn der Liebe und des Dankes. „Armes Veilchen," rief er aus, „welchen Wohlgcruch athmest du aus! Er wäre aber noch viel lieblicher, wenn Adam nicht gesündigt hätte! O Rose, wie bewundere ich deine Pracht, die noch viel herrlicher wäre, wenn der erste Mensch nicht gefallen wäre! O Lilien, deren Kleid die Pracht der Könige übertrifft, was wärest du, wenn unser Stammvater nicht ungehorsam gewesen wäre gegen seinen Schöpfer!" Die herrliche Welt, die Gott um Genf ausbreitcte, wo er einen See und einen Fluß strömen ließ, wo er Berge mit Schnee und Eis bedeckte und Felder mit sonnigen Triften ausbreitcte, ist immer für Calvin ein verschlossenes Buch geblieben. Betrachtet ihn, wenn er in's Freie geht; nie bückt er sich, um eine Blüthe zu pflücken, wie Luther, der dabei die Hitze seines Gehirnes besänftigte. Er hat von der Sonne, die ihn jeden Morgen in seinem Arbeitszimmer besucht, keinen einzigen Strahl genommen, um seine Redeweise zu erwärmen, ft) Die Vögel, welche Gott im Frühlingc in so großer Menge sendet, singen nicht für ihn, denn er hört ihre Eoncertc nicht. Wenn der Herr Luthern wie den Calvin begünstigt hätte, welche Herrlichen Bilder würde der Mönch dem Gestirne abgesehen haben, das sich hinter den Alpen erhebt und niederscnkt, den Höhen, welche an die Himmel reichen, dem Wasserspiegel, einem azurnen Kleide von zwanzig Meilen Länge! Anstatt daß er seinen großen Kaiser, Carl V'., in das Grab gelegt, den kaiserlichen ' 1) Calvin widmete dem Lobe der Schöpfung nur einige qanr matte Zeilen. Inst. liv. I. 311 Leib den Würmern der Erde vorgeworfcn hätte, würde er ihn uns in seiner vollen Kleiccrpracht vor eine der Lilien des Wadtlandthalcs oder auf eine der Laviucn, die der Wind nicdcrstürzte, geführt und gefragt haben: worüber er stolz sein könne, da eine Blüthc des Feldes schöner sei, als all seine Schönheit, ein Stäubchen mächtiger, als all seine Macht. „Der Teufel, als Repräsentant des himmlischen Zorns, hat' in den beiden Reformatoren Wittenbergs und Genfs eine doppelte Persönlichkeit angenommen, bei Calvin eine halb körperliche, bei Luther eine wirkliche und greifbare. Der böse Geist des Gcnfer's kann nicht leicht mit den Sinnen erfaßt werden, man sieht weder seinen Leib, noch seine Farbe, noch seine Gestalt. Der böse Geist, der aus dem Gehirne Luther's hcrvorging, kann gesehen, berührt, betastet werden; moralisch ist er der empörerische Erzengel Miltons, physisch gleicht er beinahe immer dem Qnasimodo des Dichters Hugo. Das gefallene Wesen Calvin's ist traurig, träge, unfruchtbar; der gefallene Scraphin Luther's ist zornerfüllt und poetisch; diese beiden Schöpfungen geben uns einen Maszstab für die Vorstcllungsgabe Beider. Ihr wißt, welche Nolle der böse Geist in dem religiösen Drama Luther's spielt, wo er Redner, Theologe, Pamphlctär und Dichter ist; wo er sich mit der Tiare, dem Diadem, dem Nocke des Professors, dem Doctorhütchen, und sehr oft mit der Kaputze eines Mönchs bekleidet. Er ist das geschaffene Wesen, welches dem Sachsen die meisten Dienste leistete. Wenn sich ein Kaiser wie Earl V. untersteht, die Lehre des Neuerers zu verfolgen, ruft Luther dem Teufel, der sogleich erscheint und von dem Kaiser Besitz nimmt. Wenn ein Fürst, wie Heinrich VIII. die Sacra- mente des katholischen Katechismus verthcioigcn will, kommt der Satan in eigner Person, schleicht in das Eabinet des Königs, stiehlt dem Secrc- tär die Feder, und setzt sich hin, um Altes nieder zu schreiben, was ihm durch den Kopf läuft. Da ist ein Abtrünniger, Occvlampadius, der den Luther und seine Lehren vcrläugnct hat und sich in Basel verborgen hält, wo er Unkraut auf den Acker des Herrn sät: den findet man eines Morgens todt in seinem Belte; und glaubet ihr, er sei an der Pest gestorben? - Nein, am Teufel, der hat ihm den Hals umgc- dreht! und wie könntet ihr daran zweifeln? Luther selbst bestätigt es und singt ein Lob- und Danklied. Zwingli stirbt bei Eappel; die Lanze eines Katholiken brachte dem Sacramcntirer den Tod, sagt die Ehronik; Luther versichert aber, die Chronik lüge, der Teufel habe den verdammten Ketzer auf dem Schlachtfclvc aufgejucht, um die Erde von ihm zu befreien. Und damit man an seinem Worte nicht zweifle, fügt er noch hinzu: „Ich oder der Zwinget muß des Teufels sein, da ist kein Mittel. Er hat ein eingeteufcltcs, durchtcufeltcs, überteusel- tes Herz." Dieser gefallene Engel war cs, welcher Accolti die herrliche Bulle „Lxurge" dictirtc; welcher Miltitz in der Elbe ersäufte; welcher Münzer unterstützte; welcher durch den Mund Earlstadt's sprach; welcher den zerschmetterndstcn Beweis fand, der je aus einem menschlichen Kopfe gegen den Götzendienst der Messe hcrvvrguig. Man sollte nicht glauben, wie trübsinnig diese höllische Gestalt, die Erzählung Luthers macht! welches Leben sic seinen unbedeutendem Berichten cinhaucht! wie sie die Rede des Mönchs schmückt und seinen Zorn funkeln läßt! In einem Augenblicke, in welchem ihr cs am wenigsten vcrmuthct hättet, in einer rein theologischen Untcncdung mit Latomus, oder einem Kölner Mönch, sebet ihr plötzlich das Fantom anftauchen, welches seine Gegenwart durch einen Erguß von Beleidigungen, komischen Gcberden, Wortspielen und Spötteleien verkündet, welche den Beweis stärken, dem sic einen Leib und eine Gestalt zu geben scheinen. Calvin glaubte an einen gefallenen Engel, als den Athen: des göttlichen Zorns, den Versucher des ersten Menschen, den Feind der Nachkommenschaft Adams, den Verdammten in Ewigkeit; der böse Geist ist in seinen Augen keine Mythe, sondern eine Persönlichkeit, welcher er im Drama des menschlichen Lebens eine untergeordnetere Rolle zutheilte. Er bezeichnet den Satan, als „einen Geist, der gewandt und kühn ist in seinen Unternehmungen, thätig und emsig in seinen Ausführungen, mächtig und stark an Kraft, fein und schlau in seinen Angriffen, halsstarrig und unermüdlich in seinen Nachstellungen, mit allen möglichen Waffen und Werkzeugen ausgerüstet, höchst erfahren in der Kunst Krieg zu machen." Er nahm, wie Luther, die Existenz eines rebellischen Engels an, und wollte, man >ollc den Jrrthum Derjenigen verwerfen, welche glauben, die Teufel seien nichts Anderes, als die Beunruhigungen und Störungen, welche sich in unserer Seele erheben, und die bösen Neigungen, welche uns vom Fleische eingcgebcn werden. Er verkleinert aber die Rolle des Teufels und läßt ihn nur selten auftrcten, zum Beispiel wenn es sich um einen Papst oder starrköpfigen Katholiken handelt. Er hat ihn nicht wie Luther in Fleisch und Bein gesehen. 1) Op. llutk. .len. III, k. 37'.). 2) Haket enim ilisataiiasiatum, persutunasialum, supersatauasiatum »eetus. 3) OoII. Liens. tot. 3!)7. 4) Inst. I. 1. e. XIV, §. 13. 313 Man weiß, von welchen Versuchungen dieser Mönch bedrängt war. Wenn wir ihm Glauben schenken dürfen, ließ ihm Satan Tag und Nacht hindurch keine Ruhe; in der Nacht sandte er ihm Träume, in welchen die Olympischen Götter kamen und sich an sein Kopfkissen setzten; wollüstige Träume, die seine Stirne oft mit Schweiß bedeckten. Ein ander Mal flößte er ihm Gedanken des Stolzes ein, dann sah der Doctor von Wittenberg alle Kronen der Welt zu seinen Füßen liegen, er hielt sich für größer als alle Monarchen und Päpste. Auch in Verzweiflung suchte ihn der Satan zu stürzen, indem er ihm im Schlafe das geliebte Deutschland zeigte, wie es von Spaltungen ganz zerrissen war: die Wiedertäufer fielen über die lutherischen Kirchen her; dicZwinglianer verführten die Gcmüthcr; Luther's Brüder verließen ihn, und sein Werk erstarb in Strömen Blutes, das wie die Fluthcn der Elbe hinfloß. Dann griffen die Mönche wieder nach ihren Kaputzen; das stinkende Babylon, Rom, wurde von zahlreichen Rothröcken ansgekehrt; der Papst prahlte auf dem Ungeheuer der Apokalypse; die Nonnen verließen ihre Entführer, um sich von Neuem ins Kloster cinzuschlicßen; Eck, Cam- pegio, Miltiz, und der ganze Clerus, das „römische Pfaffengesindel" lachte über seinen »»mächtigen Zorn und über sein nutzloses Streben. Es war also nothwendig, daß er sich früh daran gewöhnte, die Ucbcrfälle des bösen Geistes streng zurückzuweisen. Die Anachorctcn der Thebaive hatten im Gebete ein wirksames Heilmittel gegen die Empörungen des alten Menschen gefunden: Luther versuchte auch zu beten, fand aber keine Beruhigung. Folgendes war dann sein Heilmittel, ein ernstliches Heilmittel, denn er empfiehlt cs allen seinen Freunden. „Gelicbtcster Hieronymus, du mußt annehmen, daß diese deine Versuchung vom Teufel komme, und daß er cs sei, der dich so quält, weil du an Christus glaubst: denn du siehst, wie sicher und froh er die größten Feinde des Evangeliums sein läßt, den Eck, den Zwingli und Andre. Wir müssen den Teufel zum Feind und Gegner haben, wir Alle, die wir Christen sind, wie Petrus sagt: .^ckvorsarins vestor viubulus cireu- mit Le. So oft dich aber der Teufel plagen will, mein lieber Hieronymus suche auf der Stelle ein Gespräch mit Menschen zu führen, oder trinke stärker, scherze, mache Possen, oder verschaffe dir andre Lustbarkeit. Wir sollen immer mehr trinken, spielen, Possen machen, ja sogar sündigen, aus Haß und Verachtung gegen den Teufel, um ihn nicht aufkommen zu lassen, daß er uns über die geringfügigsten Dinge Gewissensbissen mache, sonst werden wir überwunden, wenn wir allzu ängstlich sorgen, daß wir nicht sündigen möchten. Wenn dann der Teufel sagen würde, trink nicht, sollst du ihm zur Antwort geben: ge- 314 rade deshalb will ich recht viel trinken, weil du es verbietest, ja sogar noch mehr trinken im Namen Jesu (5hristi. So must man immer das Gcgenthcil von dem thun, was Satan verbietet. Was glaubst du, wcsthalb ich so stark trinke, so frei spiele, so ost esse, als um den Satan zu täuschen und zu necken, der mich täuschen und necken wollte. O dast ich nur eine austerordentlichc Sünde begehen konnte, um dem Teufel das Spiel abzugcwinncn, damit er einschen würde, ich erkenne keine Sünde und sei mir keiner Sünde bcwustt! Der ganze Dekalog verschwindet uns ans den Augen, uns, sage ich, die uns der Teufel so sehr begehrt und plagt. Wenn uns der Teufel unsere Sünden vorwerfen und uns des Todes und der Hölle schuldig erklären sollte, dann müssen wir zu ihm sagen: Ich bekenne zwar, dast ich des Todes und der Hölle schuldig bin, aber was ist cs dann? Dann wirst du auch in Ewigkeit verdammt sein. Durchaus nicht: denn ich kenne Einen, der für mich gelitten und genug gethan hat, der heißt Jesus Ehristus. Wo er bleibt, werde auch ich bleiben." *) Luther kommt in seinen Schriften ost auf dieses vortreffliche Heilmittel zu sprechen; mit dem größten Ernste von der Welt gibt er den I) t>. iiovvml». lliorouvm. VVollor in Wollen. vp. >>. 2<>8. — De Wette, Dr. Luthcr's Briefe, Bd. I V. S. 188. „Doctor Luther sagte, wenn er des Teufels mit der heiligen Schrift Vnd mit ernstlichen Worten, nicht hcttc können los werden, so hctte er j» offt mit spitzige» Worten pnd lcchcrlichcii boffen vertriebe», V»d wen» er jm sein Gewissen hctte beschweren wollen, so Helte er offt zu jm gcsagct, Teufel ich Hab auch in die Hosen geschissen, hastn cs auch gerochen, vnd zu de» andern meinen Sünden in dem Register geschrieben... Das man jn aber nirgends mit besser vertreiben könne, denn mit Verachtung, das crzelet der Herr D. Luther eine Historien, die sich hatte z» Magdeburg zngctragcn, vnd sprach, Jm an- fang meiner Lcre, ha das Enangelinm angicng, da legte sich der Teufel fast drein, vnd ließ nicht gerne ab von dem poltern, denn er hcttc zu Magdeburg das I'urgntoriuni und den Ikisrurmim nniinnrum gerne erhalten. Nu war allda ein Bürger, dem starb ein Kind, dem ließ er nicht Vigilien und Secl- messe singen, denn cs stunde trefflich viel, da ficng »n der Teufel ein Spiel an, vnd kam alle nacht vnib 8 Vhr in die Kammer, vnd winselte wie ei» jung Kind, Dem guten Manne war darüber leide, vnd wüste nicht, wie er jm thun sollte. Da schrie» die Pfaffen, Ev da sehet jr, wie cs gehet, wenn man nicht die Vigilien heit w. Wie thut das arme Seelchen. Daraus schickt der Bürger an micb, vnd liest mich vmb rath fragen, Denn es war mein Sermon, vber den Spruch, Sic haben Mose» und die Propheten, auögegangen, den hatte er gelesen, Da schriebe ich jmc wider, Er soltc nichts halten lassen, denn er vnd das gantzc Hausgesinde solts gewislich dafür halten, das cs der Teufel wcrc, der solches anrichtcte. Das thctcn die Kinder vnd Gesinde, vnd verachteten den Teufel, vnd sprachen, Teufel, was machst,i, hastn sonst nichts mehr zu thun? Heb dich du verfluchter Geist, dahin du gehörst in den Abgrund der Helle, Wie nn der Teufel das mcrkete, da war er kein Kind mehr. Sondern er polltertc, ftürmctc, warff vnd schlug, vnd thct scheußlich, liest sich offt sehen, wie ein Wolfs, der da hculcte, aber die Kinder vnd jederman verachtete»tjn, Rath, um die Zänkereien des Teufels zum Schweigen zu bringe», müsse man trinken, essen, lustig sein; seinen Bauch und seinen Kopf versorgen: den eine» mit auserlesenen Speisen, den andern mit gutem Weine füllen: „Ein großes Glas voll Wein, sagte er, ist das beste Mittel um die Sinne zu beschwichtigen, Schlaf zu gewinnen, und dem Teufel zu entrinnen." 0 Der arme Weller duldete immer, und immer hob er wieder die Hände zu Luther ans, um von seinen Versuchungen frei zu werden, und Luther gab ihm nie ein anderes Nnivcrsalmittcl, als die rauschende Freude und die Belustigung der Sinne. „Du mußt wohl bedenken," sagte er ihm noch, „daß Gott nicht ein Gott der Traurigkeit ist, sondern ein Gott des Trostes und der Freude, wie Christus selbst sagt: Er ist nicht ein Gott der Todten, sondern der Lebendigen. Was heißt aber leben anders, als freudig sein im Herrn. Du kannst nicht verhindern, daß die Vogel über deinen Kopf hinfliegen; das kannst du aber verhindern, daß sic in deine Haare Nester bauen." Calvin spricht in mehreren seiner Schriften von dem Einflüsse des bösen Geistes auf die Schicksale der evangelischen Lehre, immer aber wie Luther, so daß man glauben sollte, er theile seine Schrecken, Sein theologisches System ist ganz geschaffen, denjenigen im Voraus zu ermuthigen, der ihn hört.' Calvin lehrte, Wenn irgcnds eine Magd mit dcm Kinde die Treppe hinauff ging, so tappete er mit den hcndcn hinach, so sagte denn das Gesinde, Hui bist du toll? Endlich kömpt Herr Jacob, der Probst von Bremen gen Magdeburg, vnd zog zu dem Manne zur Herberge ein, vnd wit den Geist auch hören. Der Wirth sagt, ja jr solt ju wo! hören, auff den Abend ömb acht vhr, sagt er, da höret drausf, da wird er kommen. Das gescbah also, Er kam ober den Ofen, vnd warst' alles herunter, Da sagte Herr Jacob, wola» ich Hab jn gehört, wir wolle» zu Bette gehen. Es waren aber zwo Kammern neben einander, in der einen lag seine Fraw, vnd die Kinder vnd Gesind, Er Jacob vnd der Wirt lagen hausten für der Kammer, Wie Er Jacob sich nu zu Bette leget, da kömmct der Teufel, vnd spielt mit jmc, vnd nimpt jmc das Deck-Bette, Da hatte Herr Jacob gcgrawct, vnd hatte fleissig gebetet, vnd war jm angst und bange gewesen, denn er hatte auff dcm boden vbcl gerumpelt und gepoltert. Letztlich kömpt er herüber zu der Frawcn, die in der einen Kammer lag, mit der sebcrzct er auch also, leufft einst jrcm Bette daher, wie eitel Nattenmcnsc. Da er nn nicht wil auffhören, da ist das Weib her, vnd wendet den Arss zum Bette hinaus, vnd lest jmc einen Vortz (mit züchten zn reden) vnd schriebt, Siehe da Teufel, da hast» einen Stab, den nun in deine Hand, vnd gehe darmit Walfahrt ge» Nom zu deinem Agott dem Bapst, vnd hole dir Ablas von jme, Spottet also noch des Teufels dazu. Nach dcm bliebe der Teufel mit seinem Poltern aussen." Tischreden S. 290. 1) stlilii oporlnnum cssvl contra tvntnlioiies rcmeckinm, sortis kausluz gni soinnuin inckuceret. 2) An H. Weller. 19. Juni 15Z0. Op. >VeIIor, p, 204, 316 > daß der Teufel, welcher die Seele des Sünders überwinden könne, unmächtig sei, die Seele desjenigen zu beunruhigen, der an Christus, den Erlöser glaube. Er gab nicht wie Luther die Beschwörung der Kinder zu. Er sagte von unfern beschwörenden -Priestern: „Sie begreifen nicht, daß sic selbst besessen sind: sie thun, als wenn sie die Gewalt hätten, durch Auflegung der Hände zu wirken; sic werden den Teufel aber nie überzeugen, daß sic diese Gabe haben; erstlich weil sie nichts über den Kranken vermögen, zweitens weil sie selbst des Teufels sind; es ist kaum einer unter ihnen, der nicht vom Teufel besessen ist." ') Calvin glaubte an Besessene; man findet in seinen Briefen an Birct die Erzählung von einer durch den Teufel bewirkten Hinwegneh- mung in der Nähe von Genf. Ein Mann, dessen Namen er uns nicht nennt, lebte aus dem ager tnguriiim, wo ihm die Frau und vier Kinder an der Pest gestorben waren. „Er war ein böser, nichtswürdiger Mensch," sagt Calvin, 2) „sein ganzes Leben hindurch ein Trunkenbold, Lästerer und als ein Verräther Gottes bekannt. Wenn ihm seine Nachbarn Vorwürfe machten, daß er so selten die Kirche besuche, pflegte er spottend zu antworten: Was, habe ich mich Calvin verdungen, daß ich ihn reden hören müßte L Wegen seines schlechten Lebenswandels von Ferro- nius ermahnt, wollte er nichts von Rene wissen; kurz vor seiner letzten Krankheit wurde ihm von Raymond vorgehalten, daß er sein Weib schändlich verlassen. Von der Pestkrankhcit nahm er Veranlassung zum Fluche. Nachdem seine Kinder gestorben, ward er selbst krank. Schon so schwach, daß er kaum die Hand regen konnte, wurde er in der Nacht auf einmal von der Hirnwuth befallen. Er sprang aus dem Bette, die Mutter und das Weib, welche ihn verpflegten, hielten ihn. Er that nichts als gegen die Teufel schelten und schrie, er sei verloren, eine Deute der Teufel. Als er zu beten ermahnt wurde, antwortete er, daß dicß nichts helfen könne, da er dem Teufel schon angehörc, und daß er sich um Gott nichts mehr kümmere, als um das schlechteste Stück eines zerrissenen Schuhs. Daß dicß seine Worte waren, hat seine Mutter sowohl als seine Magd bezeugt. Es war nach Sonnenaufgang, ungefähr um die siebente Stunde; er lag auf seinem Bette, 1) Inst. I. IV. e. IN. K. 24. 2) A» Dlrct. 14. Not'. 1546. )Iss. Ce». Paul Hcury. Bd. I. S. 490. I) Ou>-> jam 'lialmlis esset mljnclie.utils »egne »enm majori sidi eurue esset, <;u»m cslcci laeeri vilissimum zartem. die Mutter saß an einer kleinen Thüre. Auf einmal warf er sich hinaus über ihr Haupt hinweg, wie durch einen Sturmwind getrieben. Beide wollten ihn zurückhaltcn, aber er flog davon mit solcher Gewalt, daß er gehoben zu werden, nicht zu laufen schien. Ans dem Theile des Feldes, den er durchschritt, befindet sich eine lebendige, sehr dichte Hecke; den Ort haben sie uns gezeigt. Wenn auf beiden Seiten der Boden eben wäre, so hätte doch kein Mensch die Kraft, hinüber zu springen, ohne Fetzen zurück zu lassen; aber auf der andern Seite ist eine hohe Mauer, hinter der Mauer ein steiniger Weg, hvlpricht, ungefähr wie das Bett eines Waldstroins; nach einem weitern Zwischenräume kommt eine Fclomauer, der andern gleich, welche auch mit einer dichten, stachlichten Hecke versehen ist. Obgleich nun keine Möglichkeit war, die nahe Hecke zu überspringen, ohne alle Glieder zu zerschlagen, so wie auf der andern Seite an kein Ersteigen zu denken war, so wurde er doch im Angesichte der Frauen, wie durch einen Sturmwind in die entfernten Weinberge hinaufgctragen. Weithin bczcichnetcn sie mit dem Finger den Ort, wo er ihrem Auge entschwunden war. Sein Hut wurde hinter jener Stelle an dem Ufer der Rhone gefunden. Schiffsleute, die man dort hiuschicktc, seinen Leichnam zu suchen, müheten sich ohne Erfolg, und von jenem Orte konnte er nicht zur Rhone kommen, ohne jählings hinabzustürzcn. In einer so klaren Sache waren doch noch einige der Vornehmsten so frech, nickt daran glauben zu wollen. Ich aber rief mir lauter Stimme aus: Wenn ihr glaubet, daß es Teufel gibt, so seht ihr hier deutlich eine Wirkung des Bosen. Die, welche nicht an Gott glauben, verdienen cs, auch mitten in dem Lichte blind zu sein. Den dritten Tag darauf, am Sonntage, predigte ich über diese Angelegenheit nach dem Rathe der Brüder, und fuhr hart her über die, welche eine so klar bewiesene Sache für Fabel hielten oder so thaten. Ja ich bin so weit gegangen, daß ich gesagt, mehr als zwanzigmal hätte ich mir sehnlichst den Tod gewünscht diese zwei Tage über, weil ich Stirnen gesehen, die so gefühllos sind, wenn es darauf ankommt, Gottes Gerichte zu schauen. Denn hier mehr als jemals sonst würde die Gottlosigkeit der Unsrigen aufgedeckt. — Wenige nur stimmten uns bei dem Worte nach; ich weißt nicht, ob nur Einer vom Herzen daran geglaubt. Zwei Thatsachcn führte ich noch dazu an, die, wenn nicht so merkwürdig, doch auch der Erwähnung nicht nnwerth sind." „An einem Sonntage ging ein Trunkenbold ins Wirthshaus und verlangte Wein; er that einen falschen Schritt, siel auf die Spitze seines Schwertes und starb gleich darauf." 318 „Im vergangenen Monate September, an einem Communiontage, fiel ein Trunkener, welcher in ein „l»>nmni" durch das Fenster einsteigen wollte, und brach die Fuße." Calvin glaubte an Zaubereien und Hercrcien, er schrieb aber dem Teufel keine schöpferische Kraft zu, wie Luther. Er glaubte, der Teufel könne den Stoff nicht ändern, sondern nur die Blicke täuschen. So blieb nach seinem Systeme der Stab des alten Testaments sll. Moses 7, 12.), welcher in eine Schlange verwandelt wurde, immer ein Stab, 0 nur sah das durch den Teufel verblendete Auge des Beschauers ein eingebildetes Wesen in einer Substanz, die keine Aen- derung erfahren hatte. Picot wurde gefragt, wie Calvin während seiner Diktatur in Genf so viele Heren hätte zum Tode verdammen lassen könne», und er entschuldigte den Reformator mit der Zeit, in welcher er lebte. Calvin sagt uns auch, der Teufel habe nur über die Verworfenen eine Gewalt: das Besessenscin war in seinen Augen ein Zeichen der ewigen Verwerfung, wie hätte er also versuchen sollen, eine Hexe den Flammen zu entreißen? Er las den göttlichen Zorn sogar auf der Stirne des Mondsüchtigen und mit der fallenden Sucht Behafteten, die er sich nicht anders zu erklären wußte, als daß er einen geheimen Agenten der Absichten des Schöpfers vorschützte. „Unter Besoffenen versteht die Schrift nicht ohne Unterschied alle Jene, die vom Teufel gequält werden, sondern die, welche durch Gottes geheime Strafe dem Teufel anheim gefallen sind, daß er ihren Geist und Sinn besitze. Mondsüchtige sind die, in welchen die Kraft der Krankheit wächst oder fällt, je nach dem Wechsel des Mondes, als zum Beispiel die, welche von der fallenden Sucht geplagt werden. Es gibt nicht immer natürliche Heilmittel, durch welche solche Krankheiten geheilt werden, oft zeigt Gott seine Allmacht, indem er sie auf eine wunderbare Weise heilt." ^) 1) ltq gr68liqiMorltni8 eibi odrn dnInIMionom nssoneior, nibil oos in 8ui8 ooiqroi'ilnis rovae oonvonsionis snUi; non onim nlnnn in insis inc- t.vmovpliosiin eo^ilo, qinnn in >!>^js miiMinm, «znin; enni soi'noiUuin I-iciom in-no so l'oi'i'inil, xn-iinlni- Mmon idoo vi^.io'.-ijnid tttosoi», (,n>. inwlli^rnnns iinj-oswros 1 II 08 inn^is illnsisso 8^>ool;>ndninI oonlos, qnttin nlxlunl vor,»» oxtnlnnsso. I'jgnaoo Volwnsis 0 t.el ininislro ('.ul. Oct. 1538. 2) Daemoni.icos sciiptnra vocat non omnos promisono gni «liabolo ve- xuntnr, sod gni iirennu I>oi vindioNi 8>il,inno innnoipsti snnl, »e eoruni »,enw8 M sensns possidoat. s.nnntiH vocniUnr in qnitni8 .vnzqoscit vis worin ot docresoit i»ro Innao inrlinationo, lindes sunt qni comi- 1»^ Der Antichrist. In der Nähe der Allerheiligenkirche in Wittenberg war ein Wirths- haus, in welchem sich Luther alle Abende einfand, um Bier zu trinken und sich mit seinen vertrautesten Freunden zu unterreden. Dies; waren die „Tisch-Reden", welche seine Schüler sammelten und in lateinischer und deutscher Sprache veröffentlichten. Wir haben in unserer Geschichte Luthers einige Bruchstücke aus denselben mitgetheilt und fühlen uns gedrungen , daß wir unser Wagniß bereuen; denn wir wissen, daß manche Ohren beleidigt wurden, von der Ausgelassenheit einer Sprache, zu welcher nur allein Petronius als Vorbild gedient haben konnte. Wir mußten es aber thün, um den Reformator, und vielleicht auch die Schamlosigkeit seiner Schüler kenntlich zu machen, welche durch den Mund ihres Mathcsius uns erklären konnten: „Ich habe so lang ich vmb ihn geweßt, kein unschambar Wort aus seinem Munde gehört." ') Als Luther einst mit Justus Jonas und Aurifaber bei Tische saß, lenkte er das Gespräch auf den Papst. „Meine Freunde!" sagte er, „Wenn gleich der Bapst würde seine dreifache Krön weg werffen, vnd von seinem Römischen Stuhl weichen, vnd den Primat farcn lassen, vnd öffentlich bekennen, das er gejrret, vnd die Kirche verwüstet, vnd vnschüldig Blut vergossen hat, so können wir jn doch als ein Glied der Christlichen Kirchen nicht wieder auffnehmen, Sondern wir müssen jn für den rechten Antichrist halten." Von diesem Tage an, war es für die sächsischen Kirchen ein Glaubensartikel, daß der Papst der Antichrist sei mit Haut und Bein: man übertrug diesen Glaubensartikel in lateinische und deutsche Verse. Die Buben sangen ihn auf der Straße: liali morlm lalmrant et simile!!. Ovum seiamns ejiismvcki mvrbos na- liirulilms remeilüs mm esse ciiralules, segvit»!', leslutum tuisse llivi- »itutem l'.liristi, e>n»m eos miruliiliter sumuvit. IIusm. lüvn»!;. i». 127. (wmm. ait ^lnttli., 24. Herr Gallec setzte auch die heilige Katharina von Siena, die heilige Brigitta, die heilige Hildegard und die Jungfrau von Baueouleurs unter die Besessenen. 8ervati <',ulluei elisscrtuliemes cke 8i!>) ilis eaiumgiie vrn- emlis. Xmst. ItiW. 2) MatthesinS, XII. Predigt, 137. 3) Tisch-Reden. Ewl. svl. -itU, 6. 320 „Der Bapst, der ist der Antichrist; Sein' Lehr und sn5 eunonieuin Ist des Teufels Lehr' in einer Summ; Drum wiltu nicht des Teufels werden So fliehe ihn hie auf Erden." 0 Nach dem Tode Luthcr's schien die Kirche von Wittenberg die Symbolik Luthcr's auf einige Zeit zu verlassen. Man must sehen, wie sich Wigand, Gallus, Judex und Amsdorf über diese geistige Schwäche erzürnen! Wigand machte sich daran und schrieb in einigen Wochen ein Octavbändchen, in welchem die Lehre von: Antichrist in Nom durch beinahe Tausend Schristtexte begründet wird. Mathäus Judex tritt im Namen Jesu Christi auf, erklärt dem römischen Stuhle den Krieg und verdammt die Wittenberger, welche sich weigern, den Satz in ihre Glaubenslehre aufzunehmen, dast L.o X. das apokalyptische Ungeheuer des heiligen Johannes sei. Dann folgt eine Schaar von Protestanten und Rcformirten, welche diese Wahrheit Predigen: M. Beumler, Arn. Cheffreus, Lambert Danesius, And. Willet, der englische Professor Conrad Grasser, der Professor Albert Grawer, Heinrich Hammond, Jac. Heerbrand, der reformirte Theologe Samuel Maresius, der sich in seinem ^nticliriKus revelatus über Grotius erzürnt, welcher im Papste nur einen Bischof sieht; And. Mengilet, Joh. Georg Siegwart, Joh. Conrad Danhaucr, Fr. Balduin, Joh. Hoepfncr, der anglicanische Bischof Abbod, Nikolaus Hunnius, Thcvd. Thummius, Dorsch und noch viele Andre; später: John Fox, Whitaker, Fulke, Willet, der grosse Newton, Joseph Mede, Lowman, Towson, Bicheno, Heinrich Kett, (Intor, »et. ol Urolee;-, ,,rel.) ; die anglikanischen Bischöfe Fow- ler, Warburton, Newton, Hurt, Watson; die Lutheraner Braunbom, Sebastian Francus (lle ^Iveg. stnt. Lecl.), Naper in seinem Commen- tare über die Apocalypsc, Beza (in eonl. gen.), Flemming, Bullinger (in ^,we.), Junius, Musculus, Wisthon, on Uovel), der Prä dikant Alix, Faber, Daubeny (tlle Vnll ol?»,,»! Komo) rc. t) ?(ie»tt. kriselrlinns in I'Iinsnnito: Unttons delarvatns. 9 . 266. 2 ) 8 vno>isis .nnticlnisti ticnnani üpiritn oris Cdiristi revelsti. 3) Ornvissimum'et soveri-rsimum edirtnin et nnnidntum netorni et einni- ,iotentis Ilei, c,»omodu <,»> 8 (,»e cliristianus sese ndvorsns pnpatnm, nimiruin nntickristui» gerere et exlndvre doliost. Man oergleickie neck: Benins 8 eldeni, ,rn,n>1ns irrcconcilinlnlis, 1646. — Isanci 8 ctioolcii, despor.ilisüiinn ennsn pnpntnz, 1638. — M. Alaceus, Antwort auf die Erpcdition der Wittenberger, 1586. Ihr seht, daß der Bischof von Hallifax Recht hat, wenn er sagt: Es ist eine protestantische Glaubenslehre, daß der Papst der Antichrist ist. — Es ist dieß noch heute die Lehre der protestantischen Kirche. In Paris erscheint seit einigen Jahren eine monatliche Revue un ter dem Titel: „Das protestantische Europa." Sie hat sich zur be sondern Aufgabe gesetzt, zu beweisen, Gregor XVI. sei das apokalyptische Ungeheuer. Wir wollen sie selbst reden lassen, man könnte unfern Worten sonst nicht glauben: „Wir dürfen das Licht nicht mit der Finsterniß verwechseln, Christus nickt mit Belial. Die heiligen Männer, die unerschrockenen Männer, 2 ) die durch den Willen Gottes erweckt wurden, damit sie die Befreier der Völker und Löser der Ketten der Finsterniß würden, mit welchen das papistische Rom sie belastete, machten in dem mächtigen Streite mit der geistigen Bosheit auf den Höhen, aus welchen man dem Baal opfert, von allen Waffen des Heiligthums Gebrauch. Bei den edlen Vertheidigungen der Wahrheit, welche ihre Bekenntnisse enthielten, beschränkten sie sich nicht darauf, die Reformation zu recht fertigen, indem sie die vollkommene Uebereinstimmung ihrer Lehren mit dem Worte Gottes nachwiesen, sondern man sah sie den Krieg auch in das Lager des Feindes tragen. Mit dem Spiegel der Wahrheit bewaffnet, hielten sie denselben dem päpstischen Rom vor, sie ließen es hineinschauen und verkündeten dann diese Kirche als „Babel", als „Mutter der Huren", den Papst als den „Mann der Sünde" und den „Sohn des Verderbens", der es wage, sich als Gott in den Tempel Gottes zu setzen. Im Anfänge wie am Ende ihrer Lehre blieben sie gleich einmüthig; man könnte bei ihnen nicht ein einziges Beispiel der,Unschlüssigkeit finden, in Betreff des CharacterL des päpstischen Roms." „Ich weiß jetzt, und bin's gewiß," sagt Luther in seinem „Büchlein von dem babylonischen Gefängniß der Kirche," — „daß. das Papstthum ist das Reich Babylvnis, und die Gewalt Nimrod's, des starken Jägers." — „8cic> gutem vt certus sum, smpgtum esse, regnuiu 6r>I>)Ionis, et potentigm Xemrock, roirusti vengtoris." — 1) I.'Lurops protestniito, Xr». XII. 8i^lies des temps; proptieties de I' apoeglvpse et leur gceomptissement, p. 18. äec. 2) Man vergleiche den Anhang der Broschüre CnninghamS, welche den Titel führ!: „tzue I' L„lis6 de kome est I'spostssie, et le pnpe I'domme de pecke?' 3) Es ist ein Unglück, daß den protestantischen Stimmführern so oft rie Wipcnschast fehlt. Wie kann ein Mann von Gewicht behaupten, es gebe unter den Reformatoren kein einziges Beispiel der llnschlüsstgkcit in Betreff des Eharacters des väp- stischcn Roms! Audin: Leien Calvins I. Br. 21 322 Insbesondre in seiner Antwort aus die Schrift des Ambrosius Catharin wendet er die Prophezeiung des Apostels Paulus in seinem zweiten Briefe an die Tessalonicher hl-, 1 — 12.) auf den Papst an und sagt: „Heißt cs nicht sich selbst als den höchsten Anordner der ganzen Kirche aufstellen, wenn man sich in den Tempel Gottes setzt? Was ist der Tempel Gottes? Ist er von Stein oder von Holz? Hat nicht Paulus gesagt, der Tempel Gottes sei heilig, und ihr seid dieser Tempel? Sich in den Tempel setzen, was ist dies; anders, als dort herrschen, lenken, richten? Wer hat cs nun gewagt, sich nach dem Beginne der Kirche den Titel eines Oberhauptes der ganzen Kirche anzu- massen? Wer anders als der Papst? Kein Heiliger, kein Ketzer, hat diesen Hohn eines entsetzlichen Hochmuthes hervorgebracht? Paulus nennt sich einen Lehrer der Heiden, der diesen den Glauben und die Wahrheit verkündete; aber keinen Kirchenlehrer." Luther sagte an einer andern Stelle: „Als Daniel das entsetzliche Ungeheuer mit zehn Hörnern sah, hm welchem alle Ausleger das Vorbild des römischen Reichs erkannten,) erblickte er auch ein anderes kleines Horn, welches mitten unter die zehn andern stieß. Tieß kleine Horn," fügt er hinzu, „ist die päpstische Gewalt, welche sich mitten im römischen Reiche erhob." Hören wir noch Melanchthon, wie er in seiner Abhandlung über die Ehe auf das vierte Kapitel des ersten Briefes an Timotheus, (Vers 1—3) anspiclt: „Weil es aber gewiß ist," sagt er, „daß die Päpste und Mönche die Ehe verboten haben, ist es ausgemacht und außer allem Zweifel, daß der römische Papst mit all seiner Hierarchie Jeder Student der Universität Bonn würde ihm die Vorrede znm ersten Briefe an die Römer in der protestantischen Bibel zeigen, welche von P. Treuen in Stuttgart gedruckt wurde, wo man liest: „daß der Papst nicht der Antichrist sei" ,c. Auch ließ Christ. Matth. Pfass, der Canzlcr der Universität Tübingen im Jahre 1729 bei I. Georg und Christ. Gottfried Cotta eine Bibel drucken, in welcher man liest, „daß nach dem Verstand dieser Sprüchen (I. Job. II, 18. 22. N, 3, Job. 7.) der Papst zn Nom nicht der Antichrist scpebensowenig als nach Stelle: Matth. 24, 24 und Mark. 13, 22. Auf nichts ist gewiß der alte Sprach: niliil novi snli suie mit mehr Recht anzuwcndcn, als aus absurde Meinungen. So eben kommt uns ein Buch in die Hände, welches den Titel führt: 'illre suelument os Enck upon ttio ltom. 1,1 eatkoliü ellurci,, lrom its linst rigiel laevs kor universal con- torniitv to it, unto its last enck äee., in explieation ol tlle trumpels an,I vials ok tlie ^pocalipse, npnn prineiples pienerallv aelenovveiecl- geei la/ Protestant Interpreters, I!v Dressenex I». O. I.onclon >689. Es ist dieß das Werk, dem Cuningham all seine Beschimpfungen des Papst- thums verdankt. und seiner Herrschaft, der wahrhafte Antichrist ist." Ferner sagt er bei dem zweiten Briese an die Tefsalonicher (K. 2.): „Paulus sprach mit klaren Worten, daß der Sündcnmann in der Kirche Herr- schen, und sich gegen den Gottesdienst erheben wird re.; cs ist aber offenbar, daß die Päpste in der Kirche und unter dem Titel der Kirche herrschen (in ooelvm'n et titulo eeelesiae. dominum swntiliees, indem sie Götzen und ihren Dienst aufrecht erhalten. Ich behaupte also, daß nie eine Ketzerei aufgestanden sei, noch daß sich je eine erheben werde, auf welche sich diese Worte des Paulus bestimmter und wahrhafter an wenden lassen, als auf diese päpstische Herrschaft." „Es betrifft auch den Antichrist, wenn der Prophet Daniel sagt, er werde ein Götzenbild in dem Tempel errichten, werde es verehren durch goldne und silberne Opfergaben und die Frauen nicht in Ehren halten. Wer sieht nicht deutlich, daß sich dieß auf den römischen Papst bezieht? Unstreitig sind die Messe, der Heiligendienst und die goldnen und silbernen Statuen diese Götzen, die man den Gläubigen zur Vem ehrung darstellt." Die englischen Reformatoren waren nicht weniger einmüthig in Bezug auf den Eharacter des Papstthums. „Was den Papst betrifft," sagte Cramner, ehe er den Scheiterhaufen bestieg, „so verwerfe ich ihn als den Feind Christi, als den Antichrist, mit all seinen Irrlehren." „Ich bekenne," sagte La tim er vor den Commissarien, welche mit der Leitung seines Processes beauftragt waren, „ich bekenne, daß cs eine katholische Kirche gibt, deren Entscheidungen ich ergeben bleibe; aber es ist nicht jene Kirche, die ihr die katholische nennt, der man viel eher den Namen der teuflischen geben könnte." — „Was hat Christus mit dem Antichrist gemein," rief er in seiner zweiten Unterredung mit Riv- ley, „es ist weder rechtlich noch gesetzlich, daß man sich unter ein und dasselbe Joch mit den Papisten beugt. Scheidet euch aus und trennet euch von ihnen, sagt der Herr." Sehet auch, welche Ausdrücke Rid- ley in dem Briefe gebrauchte, den er schrieb, ehe er zum Tode geführt wurde. „Der römische Stuhl ist der Stuhl des Teufels; und der römftche Bischof, der seine Greuel aufrecht erhält, ist unstreitig der leibhafte Antichrist. Aus demselben Grunde ist dieser Stuhl heut zu Tage der nämliche, den der heilige Joannes in seiner geheimen Offenbarung Babylon, oder die babylonische Hure nennt, im bildlichen Sinne Sodoma und Egypten, die Mutter der Unzucbt und des Greuels, von denen die Erde voll ist." John Knor, das Haupt der schottischen Reformation antwortete in einer öffentlichen Disputation zwischen einem pävstisckcn Priester und 21 * 324 John Rough in folgenden Ausdrücken auf den Beweis des römischen Theologen, über die oberste Autorität der Kirche. „Was euere römische Kirche in ihrem gegenwärtigen Verderbnisse betrifft, und ihre Autorität, auf welche ihr die Hoffnung eueres Sieges bauet, so bin ich der eben so gewissen Ueberzeugung, daß sie die Synagoge des Teufels sei, daß ihr Oberhaupt, welches man den Papst nennt, der Mensch der Sünde sei, von welchem der Apostel spricht, als Jesus Christus gewiß durch die Ungerechtigkeit der sichtbaren Kirche von Jerusalem gelitten hat." Nun höret noch die allersonderbarsten Zeilen aus einer Dissertation, und laßt uns wohl bedenken, daß dieselben im Jahre 1840 in Paris geschrieben wurden. „Man sieht aus diesen Citaten, welche Sprache die Reformatoren führten, und welche Männer Gottes sie waren, die Gott sandte, damit sie die katholische Kirche von Jrrthümern reinigen und sie zu ihrer ursprünglichen Einfalt und Reinheit zurückführen; wir kennen keinen Beweggrund, weßhalb wir eine andere Sprache führen sollten, als sie führten, weßhalb wir wie Höflinge oder Schmeichler von einer Kirche reden sollten, die unserer Ansicht nach nichts Anderes ist, als der leibhafte Antichrist." Wir brauchen nicht zu sagen, daß Calvin im Papste den Antichrist Daniels und des heiligen Johannes sah. Er drückt sich in dieser Hinsicht frei aus: „Wir behaupten," sagt er, „daß Daniel und der heilige Paulus gepredigt habe, der Antichrist werde im Tempel Gottes sitzen: wir behaupten, daß der römische Papst das Haupt und der Fürst des Reiches des Fluches und der Verdammniß ist. . . Wir behaupten, er habe durch seine Gottlosigkeit die Kirche entweiht, durch die Unmenschlichkeit seiner Herrschaft sie bedrückt, durch seine falschen und schädlichen Lehren vergiftet und gleichsam gctödtct, so daß Jesus Christus hier halb begraben, das Evangelium erstickt, das Christenthum zerstört, die Frömmigkeit verkannt, die Gottesverehrung beinahe abgeschafft ist." „Es scheint Einigen," fügt er hinzu, „wir seien all zu bitter, wenn wir den Papst den Antichrist nennen; wissen Diejenigen aber, die dieser Ansicht sind, daß sie nicht einsehcn, wie sie den Apostel Paulus desselben Vergehens anklagen, da wir in unserer Bezeichnung ihm folgen und unfern Aus« spruch von seinem Munde genommen haben? — Wie könnte man 1) lost., lid. IV, ctmp, III, .§> 12. glauben, daß dieß christlich sei, was die Päpste und ihr Collegium vott kardinalen seit vielen Jahren bekannt haben und noch gegenwärtig bei kennen? Der erste Artikel der geheimen Theologie, welche unter ihnen geltend ist, lautet: es gebe keinen Gott; der zweite: Alles was von Jesus Christus geschrieben stehe, und was man von ihm predige, seien Nichts als Lügen und Betrügereien; der dritte: Alles was in der heiligen Schrift vom ewigen Leben und der Auferstehung des Fleisches behauptet werde, seien lautere Fabeln." Z Johannes Müller zuckte die Achseln, als er diese Zeilen von Calvin las, die eines Crespinus würdiger gewesen wären, er meinte, ob es nicht wahrscheinlicher sei, daß der Antichrist sich in einer Secte vorfinden ließe, die damit endete, daß sie die Gottheit läugnetc und in Christus nichts Anderes sehen konnte, als ein rein menschliches Wesen? Und Hugo Grotius sagte lächelnd: „Ich will die Fehler der Päpste nicht entschuldigen, aber ich bin überzeugt, daß der Antichrist, wenn er erschienen ist, sich nicht nur an den Ufern der Tiber, sondern auch an den Gestaden des Genfersees und anderwärts gezeigt hat. Grotius hatte ihn wahrscheinlich gesehen, nicht auf der Spitze des eilften Hornes, von dem Luther spricht, sondern durch die Flammen des Holzstoßes, auf welchem Servetus verbrannt wurde. Ihr könnt nun sehen, ob das geschriebene Wort gefährlich sei: in der Schrift hat die Reformation den Papst Antichrist, den Papst und die gottlosen kardinale gefunden. 1) Inst. liv. IV, eil. VII, 8- 25-27. 2) Crespin, Buchhändler, Buchbinder, Schreiber und Schüler Calvins, ist der Verfasser eines Buches, welches den Titel führt: „Lstat 68 »po8tres f»8gue8 sn pre5enl, 1581." ES ist dieß eine wüthcndc Schmähschrift, in welcher Crespin behauptet, — Paul III. halte 45,000 Huren, S. 479 — er sei ein Sterndeuter, Zauberer und Wahrsager (S. 471) — die Päpste hätten mit Arius und Mahomet gelehrt, Jesus Christus sei nicht der Sohn Gottes — die Mönche, welche mit Paul, dem ersten Eremiten begonnen, hätten dieselbe Ketzerei in ihren verschiedenen Lebensweisen befördert und aufrecht erhalten (457) — das Papstthum werde in Kurzem wegen seiner ungeheuren und verabscheuungswürdigcn Schlechtigkeiten, welche in ihm begangen werden, zu Grunde gehen (S, 456), 3) Johann von Müller, sämmtlicbe Werke, Bd, VIII. S. 256. Hugo Grotius hatte dieselbe Betrachtung angestellt, wie Johann von Müller, 8ain. Alsresiug: Jnticliri8tu8 revelatu8. 4) L^o pspgrurn vitiu non exeu 80 ...., -inlielrristus .intein non sck li- keriin lsntnin secl et all Pemsnum et alilli appsruit. Op, tneol. III, p. 490. J^mst. 1679, XXVI. Kapitel. Die Schrift. Ansicht des Pighius über den Werth der Schrift und der Uebcrlicfcruug. — Heinrich Bcnsheim von Hagenau. — Seine Vision. — Luther und Calvin vor dem hoch, stcn Richtcrstuhle. — Cotta, das Weib nach dem Herzen Gottes. — Calvin dein Calvin cntgegengestellt. — Geständnisse neuerer Protestanten. Pighius hat den Mönchen zum Vorwurfe gemacht, daß sie den Streit in dem von den Reformatoren bestimmten Ausdrucke angenommen haben. „Ohne Zweifel," sagt er, „ist die Schrift, welche die Gegner zum einzigen Richter im Streite machen wollten, eine Lehre, deren göttliche Eingebung die Einen wie die Andern anerkennen; das äußere oder materielle Zeichen, in welches sie sich aber kleiden mußte, konnte nicht für Alle dieselbe Klarheit haben. Dieses äußere Zeichen konnte durch den Stolz, die Eitelkeit und alle andere böse Neigungen verdunkelt werden. Hat nicht Luther geschrieben: „Diß soll dir eine gewisse Regel seyn, darnach du dich zu richten hast, daß, wann die Schrift befilcht, und gebiethct gute Werke zu thun, du es also verstehest, daß die Schrift verbiete, gute Werke zu thun. (Pom. 3. »'ittem. Ist. kol. 171, t.2. .^It. lol. 696 in der Auslegung des fünften Psalms.) Mußte nicht Luther selbst oft gestehen, daß man mit David, Jeremias, Jsaias und den Propheten gelebt haben müßte, um das alte Testament zu verstehen; und daß man seine Tage mit dem heiligen Johannes und dem heiligen Paulus zugebracht haben müßte, um die Evangelisten ganz zu begreifend Stand Earlstadt auf der nämlichen Stufe der Wissenschaft, wie Mclanch- thond Verstand Münzer die hebräische Sprache wie Luther? War Oecolampadius oder Zwingli des Griechischen kundig wie Aleandrv? Man vermag einen Wortstreit nicht recht aufzusassen, wenn Diejenigen, welche den Gedanken erklären wollen, nicht ein und dasselbe Zeichen betrachten, das den Gedanken verhüllt. Und wenn das phonetische Zeichen auch identisch wäre, müßte die Wissenschaft dessen, auf den es einwirkt, auf gleicher Höhe stehen. Wenn aber diese Gleichheit der Vorstellung schon in der physischen Welt fehlt, wie sollte sic sich in der geistigen vorfinden? Wenn ein Sonnenstrahl dem andern Strahle nicht gleich ist, wie sollte das Licht der Geister sich gleich sein? Es ist also nothwendig, daß sich die katholischen Theologen, ohne die Schrift aufzugeben, um dieselbe auszulegen, auf die Autorität berufen, die einzige Fackel, welche seit den Aposteln in ungetrübter Klarheit leuchtete. Da wäre die Reformation genöthigt gewesen, diese Leuchte entweder wegzu- läugnen, was ihr nicht möglich gewesen wäre; oder den katholischen Auslegern die Gaben abzusprechen, mit denen sie jeden ihrer Exegeten erleuchtete. Man muß ihr sagen: die Lehre, die ihr anführt, ist göttlich; sie ist aus dem Munde Gottes selbst, oder solcher Menschen gekommen, die Gott inspirirte: wir erkennen sie an, wir bezeigen ihr unsre Ehrfurcht: auch unsere Väter ehrten sie, aber dieselben verstanden sie anders als ihr; es ist nicht möglich, daß sie sich geirrt haben, denn Gott müßte sonst seine Kirche verlassen haben, und wo sollte dann die Wahrheit gefunden werben? Wieland hatte dieselbe Idee ausgesprochen, wie Pighius, nur daß er sie ausschmückte. Er sagte, die Bibel könne in Glaubenssachen die letzte Entscheivung nicht auf eine Weise geben, wie eine geometrische Lehre; die Zeichen, in welche sie einen Gedanken kleide, haben nicht für alle Augen die nämliche Bedeutung.Der Philosoph Krug ist vielleicht noch poetischer: Du sagst, Gott habe gesprochen, sein Wort sei der Flügel, der dich zum Himmel trage, und doch wagst du es, dasselbe zu deuten! Wenn du dich aber täuschest? — In Betreff der Collectiv - Interpretation sagt er: „Die katholische Kirche hat ganz Recht hierin." Im Jahre 1560 lebte in Hagenau ein armer Mönch, welcher zum Orden der Dominicanerbrüder gehört hatte, die durch die Reformation aus Straßburg Vertrieben worden waren. Er hieß Heinrich Bensheim. Er gesteht selbst, daß er bis zum Jahre 1540, der Zeit, in welcher Calvin nach Straßburg kam, die heilige Schrift nur oberflächlich studirt habe; weil es ihm genügt habe, gelehrig der Stimme seiner Obern zu folgen, sich ganz dem Gebete und der Betrachtung hinzugeben. Als er aber sah, daß sich die Scctirer der Klöster bemächtigten und die Mönche verbannten, wollte er den Geist der neuen Lehre und das Werk ihrer Apostel kennen lernen. Dieses Studium setzte er lange und gewissenhaft fort: er las alle Schriften der sächsischen, schweizerischen und französischen Reformatoren und machte seine Bemerkungen, dann ging er selbst an's Werk. Seine Meinung stimmte mit 1) Wieland. Vermischte Aufsätze, I. Th. 2) D. W. Krug. Philosophisches Gutachten iu Sachen des Rationalismus und des Supranaturalismus, 1827. 3) Christliche Erinnerung. Maynz, lütt). Pighius überein. Er verehrte die Schrift; er glaubte aber, daß die Tradition der einzige offene Weg sei, auf welchem man einen Ketzer zur Wahrheit zurückführen könne. „Laßt uns vor Allem in der Reformation eine Autorität suchen," sagt er, „und dann sehen, welche Symbolik sie habe." Die sächsische Kirche zeigte ihm vielgestaltige Bekenntnisse, in welche die Lehre der beiden' Evangelisten eine doppelte Bezeichnung einkleidete, und dann sprach er: „Die sächsische Kirche hat die Wahrheit nicht, sie ist nicht von Gott eingcgebcn; denn der heilige Geist hat nur einen Odem." Er fragte nun die helvetische Kirche, welche ihm in der nämlichen Sprachverwirrung Antwort gab; und er mußte sich wieder gestehen: „Der Stern des Lebens scheine nicht über Zürch." Er ging nach Genf und nach Frankreich, wo die evangelischen Gemeinden in ihren Lehren zertheilt waren. Sein Buch war fertig; er wollte diese wirren Lehren so zeichnen, daß sie Jedermann erkennen konnte. Dann bildete er ein Drama, dessen Grundlage er im Eingänge der Bulle Leo's X. gegen Luther, oder vielleicht auch in der Dichtung Palmieri's „lu oita tli vita" vor- sand. s) Bensheim öffnet seinen Himmel wie Accolti, leuchtend von Seraphinen, Erzengeln und Aposteln; der Mönch stellt aber seine Scene an das Ende der Zeiten und nimmt an, daß die Seelen der Heretiker bis zum Tage des letzten Gerichts geschlafen haben, worin ihm wohl der römische Eardinal nicht beigestimmt haben würde. Die Engel haben in die Trompetten gestoßen, um die Todten zusammen zu rufen: die Todten, welche der Reformation angehören, stehen auf. Zuerst erscheint der Doctor von Wittenberg, er hebt den Stein seines Grabes auf und tritt hervor, mit der Bibel in der Hand. Der oberste Richter, mit dem Kreuze von Golgatha an seiner Seite, ruft den sächsischen Mönch an: „Luther, was hast du aus meinem Blute gemachtL" Luther: „Herr, ick lehrte, es sei in der Eucharistie wirklich gegenwärtig. In meinem Schreiben an den Buchdrucker Froschaucr sagte ich, daß ich keine Gemeinschaft mit den Sacramentirern von Zürch haben wolle, daß ich weder eine ihrer Schriften erhalte, noch lese; daß es mein Wunsch sei, sie aus der Kirche Gottes verbannt zu wissen: verdamme die Erbärmlichen und stürze sie in die Hölle, ich will keinen Theil an ihrer Verdammniß und lästerlichen Lehre haben; so lange ich lebe, will ich gegen sie streiten mit meinem Gebete und mit meinen Schriften." 1) lViceron. t. XI, p. 83. 2) ScktusLelburgius, lib. 2. I. ilslv. sil. >2. lol. 133. 329 „Und in meinem Briefe an den Herzog von Preußen habe ich geschrieben: Es ist mein treuer christlicher Rath, E. F. G. gehe der Sa- cramentircr müßig; denn da ist kein End Disputirens und Plauderns, sie lassen ihn nicht sagen, und hören nichts, wissen auch^ nichts zu sagen, und lehren auch nichts. Und E. F. G. lassen svlchs nicht meinen Rath sepn, als aus mir gewachsen, sondern des heiligen Geists, der aller Herzen und alle Sachen baß kennet, denn wir; dersclb hat uns solchen Rath gegeben, durch sein auscrwählt Zeug St. Paulum, T. 3, 10.11., do er spricht: Einen ketzerischen Menschen sollt du meiden, wenn er einmal oddcr zwier vermahnet ist, und sollt wissen, daß er verkehret ist, und hat sein Urthcil....,. Wenns ein neu Artikel wäre, und nicht von Anfang der heiligen christlichen Kirchen, oddcr war nicht Key allen Kirchen noch bey der ganzen Christenheit in aller Welt so einträchtiglich gehalten: wäre cs nicht so fährlich noch schrecklich, davon zu zweifeln oder dis- putiren, ob es recht sey? Nu er aber von Anfang her, und so weit die ganze Christenheit ist, einträchtiglich gehalten ist: wer nu dran zweifelt, der thut eben so viel, als gläubct er kein christliche Kirche, und verdampt damit nicht allein die ganze heilige christliche Kirche, als eine verdampte Ketzerin, sondern auch Christum selbs mit allen Aposteln und Propheten. Auch zeugt ihr eigen Opinio Widder sie selbst, daß sie Widder einander über dem Te.rt jo uneinig sind, und schier sieben oddcr achterlei», so viel Text, so viel Rotten sind, machen, und können nichts gewisses lehren, noch irgend ein arines Gewissen beständiglich berichten. Derhalben vermahne ich und bitt, E. F. G> wollt solche Leut' »neiden, und sie im Lande ja nicht leiden, nach dem Rath St. Pauli und des heiligen Geistes droben angezeigt. Denn E. F. G. müßen bedenken: wo sie solche Rottengcister würden zulassen und leiden, so sie cs doch wehren und Vorkommen können, würden sie ihre Gewissen gräulich beschweren, und vielleicht nimmermehr Widder stillen können, nicht allein der Seelen halben, die dadurch verführt und verdampet würden, welch E. F. G. wohl hätten können erhalten, sondern auch der ganzen heiligen Kirchen halben, Widder welcher so lang hergebrachten und allenthalben gehalten Glauben und einträchtig Zcugniß etwas zu lehren gestatten, so mans wohl könnte wehren, ein unträglich Last ist des Gewissens. Ich wollt lieber nicht allein aller Rottcngeister, sondern aller Kaiser, König und Fürsten Weisheit und Recht Widder euch lassen zeugen, denn ein Jota oder ein Tüttel der ganzen heiligen christlichen Kirchen Widder mich hören oder sehen. Denn es ist ja nicht so zu scherzen mit Artikeln des Glaubens, von Anfang her, und so weit die Christenheit ist, 330 einträglich gehalten; wie man scherzen mag mit päpstlichen odder kaiserlichen Rechten odder andern menschlichen Tradition der Väter odder Concilien." „Und in meinem Buche: t)uock verlia Cllri'zti stsnt, schrieb ich gegen die Hugenotcn und Kalvinisten: Wer nicht glauben will, das Brod im Abendmahle sei der wahre, natürliche Leib Christi, den Judas empfing wie der heilige Petrus, soll sich fortmachen von mir, ich will keine Gemeinschaft mit ihm haben, weder in Briefen noch in Schriften, noch in Lehren, er soll keinen Frieden von mir erwarten, denn er soll verderben in seiner Strafe. Cs nützt diese Unsinnigen nichts, daß sie so viel von einer geistigen Commnnion schwätzen, an den Vater, den Sohn und den heiligen Geist glauben, wenn sie mit ihrer Lästerzunge diesen Glaubensartikel läugnen." Und der Engel stieß zum zweiteninale in die Trompette. Und der Staub erhob sich, um den Leib Bullinger's, Johann Las- co's, des calvinistischen Predigers in Polen, des Thomas Naogevrgus, Ambrosius Wolfs und Oecolampadius zu umkleiden. Alle diese Schatten gingen an Luther vorüber und warfen ihm Worte des Zornes vor. Bullinger. Bist du cs, Luther, Mann voll von Jrrthümern, der du nie den geraden Weg des Evangeliums wandeltest? Johann Lasco. Hinweg, du bäurischer, unwissender Mensch! Thomas Naogevrgus. Zurück, du zorniger, eigensüchtiger Mensch, der du die neue Lehre, die dem heiligen Alterthum entgegen ist, erfunden hast; der du immer nur deine Ehre, nie aber die Ehre Christi gesucht hast! ss) Amb rosius Wolf. Schmach dir, der du grundlose Streitereien ohne Wissenschaft, ohne Urthcil, gegen die Ansicht der ganzen Kirche des Alterthums niedeegeschrieben hast! Oecolampadius. Gott möge über dich richten und über die Deinigen, die durch deine Unbeständigkeit und falsche Weisheit in sieben- nndsiebenzig verschiedene Ansichten gctheilt sind. Und der Engel blies zum drittenmale, und Calvin stand vor dem Angesichte Christi. 1) De Wetlc. Ab. IV. S. 318. 2) I.. eonlr-» Ilrent. 3) I» psnlm. 2li. 4i läb. contra tonn, concord. ö) IIe5z>ons. Und Christus rief zu ihm, wie zu Luther: „Was hast du aus meinem Blute gemacht." Calvin. „Herr ich habe die Wahrheit gegen die Lügen deiner lutherischen Feinde vertheidigt, die in so argen Jrrthümern befangen waren, daß ihre ältesten Theologen nicht einmal das verstanden, was man den kleinen Kindern im Kathechismus lehrte. Sie wußten nicht, was das Abendmahl bezweckte, noch wohin es zielte. Cs waren hochmüthige Menschen, die nie eine ehrbare Schamhaftigkeit empfanden, die nur klügelten und mit Luther's Uebertreibungen nm sich warfen, die nach nichts Anderem trachteten, als wie sie dem Volke schmeicheln und der Welt gefallen konnten; sich aber nicht um das Gericht Gottes und seiner Engel kümmerten: ungestüme, wüthcnde, leichtfertige, unbeständige, lügnerische, blinde, trnnkne, schamlose, von teuflischem Hochmuthe erfüllte Leute." Und der Engel stieß zum Viertenmale in die Trompbtte, und der Staub erhob sich und kleidete sich in einen sichtbaren Leib, und Hes- hus erschien. Heshus, den ein Beben ergriff, als er Calvin sah, rief aus: „Lügner, der du in all deinen Adern nicht einen Tropfen von einem gläubigen Christen oder guten Menschen hast; wie! du und deine Prädicanten wollen dem schrecklichen Gerichte Gottes entgehen! Ihr, die ihr euch so schamlos und verrätherisch in göttlichen Dingen zeigtet, die den Glauben betrafen, so daß Niemand mehr ein Zeichen des göttlichen Geistes erkennen konnte? Seid ihr denn nicht durch den calvi- nischen, unverschämten Geist geführt, durch den Verächter Gottes und seiner Lehre, der euere schlechte Sache durch ansgeputztc Worte entstellt, um mit aller Schlauheit, Kunst und Betrügerei die Einfältigen zu hintergehen? Ich erkläre, daß ich mit euch weder in der Lehre, noch im Glauben übereinstimmte, daß ich euch aber für Jrrlehrer, Lästerer, Treubrüchige und verabscheuungswürdige Sacramentirer gehalten habe, 's) Ihr habt darnach getrachtet, und insbesondre du, sophistischer Calvin, durch euere Finsternisse und Nebel eine Lehre ganz den Worten des Sohnes Gottes entgegen zu deuten. Ihr habt mit schamlosem Munde gelästert und auf eine unchrcrbietige Weise von dem Fleische Christi gesprochen; ihr Gaukler, die ihr des Geistes der Wahrheit ganz bell .Vllm. ultima ack »estplialum. 2) Lgistola ack gueimlam ex graecigua nubilitale. 332 raubt und von dem Geiste der Lüge ganz erfüllt seid: ihr Taschenspieler, die ihr die sächsischen Kirchen verfolgt habt." Franz Stancar lief hinzu und schüttelte Calvin, der den Kopf wegwandte. „Du sollst mich hören, Lästerer Jesu Christi, du, den ich anklage, daß er sich der alten Ketzereien der Cainiten, Arianer, Eutychianer, Apollinaristen, Acephalisten, Theodosianer und Macarianer schuldig gemacht hast. Ich habe behauptet, man müße dem Petrus Lombardus, welcher der Meister der Tenksprüche genannt wurde, hoher schätzen, als 400 Melanchthon, 300 Bullinger und 500 Calvin, aus denen man nicht eine einzige Unze wahrer Theologie zu ziehen vermöchte, wenn man euch alle zusammen in einem Mörser stieße und destillirte. Und der Engel stieß zum fünftenmale in die Trompete: „Da hörte ich ein schreckliches Geklapper der Knochen, die sich mit Mcnschen- fleisch bekleideten," sagt Heinrich Bcnsheim. „Es waren alle Secten, welche die Reformation hervorgcbracht hatte und welche nun wieder Leben und Rede gewonnen: Osiandristen, Stancarianer, Majoristen, Flacciancr, Synergisten, Adiophoristen, Mansfcldianer, Meißneriancr, Wittenbergianer, Ubiquisten, Substantiarier, Accidentarier, Schwenk- feldianer, Calvinistcn Melanchthonianer, Carlstadtianer, Zwinglianer, Dccolampadiancr, die sich alle gegenseitig beschimpften, die sich die Seelen verhielten, welche sie sich gestohlen hatten und das Blut, das sie vergossen, die Thränen, die sie der Menschheit erpreßt hatten!" Und es rief eine Stimme: „Habt ihr ein Symbol?" Niemand gab eine Antwort. Dann ließ der Engel zum sechstcnmale die Trompette erschallen, und eine schwarzgekleidete Frau trat vor. Und rer Engel fragte sie: „Wer bist du?" „Ich bin die Cotta," sagte die Seele; „dieselbe, welche in Magdeburg einem armen Kinde, das im Namen Gottes um Almosen bat, Brod reichte, um seinen Hunger zu stillen, Wasser, um seinen Durst zu löschen, und ein Gebetbuch zum Gebet." Und Christus sprach zu ihr: „Komm, geliebte meines Vaters: ich hatte Hunger, und du gabst mir zu essen; in der Einfalt deines Herzens hast du geglaubt, was die 1) I>ek. conlr. Lslv. lik. cko praesonl. OlirisU. 2) Uescius, p. 26, 27. 333 Kirche dich lehrte; du glichst der Lilie des Feldes, die nicht fragt, woher der Regen komme, der vom Himmel Mn deine Herzensdemuth wird belohnt werden." Und Bensheim erwachte. Sein Drama war aber nicht zu Ende. Es war noch ein anderes Gericht da, vor welches er die Reformirten laden wollte, vor sein eigenes. Sein Buch hört auf, poetisch zu sein; der Mönch erscheint im Gewände der Schule, um alle Häupter der neuen Kirchen zu richten. Sein Gedächtnis gränzt an's Wunderbare. Er kennt alle Schriften der Neuerer auswendig, und stellt sie nicht einen dem andern gegenüber, sondern jeden sich selbst. Das Geständnis Calvins ist belustigend. Calvin: „Ich wünschte, daß Benennungen wie: dreieinig, göttliche Personen, Ein's in der Wesenheit und gleichewig, für immer begraben wären. Ctinum si-iee omnin 86- pultg essent." Inst. lili. l, o. 13. 8. 5. Calvin: „Was das bloße Zulassen Gottes in Betreff der Sünden anbelangt, so nenne ich sie eine Lüge, Ausflucht, Erdichtung, eine sehr kaltblütige Erklärung und Sophisterei." Inst. I. 1. 6 8. 8- 1.2. I.. 2, e. 4. H. 3, 4, 5i. Ermordungen, Todtschläge und Beschimpfungen, welche die Chaldäer und Sabäer an Job, seinen Knechten und Gütern begingen, hatten Gott zum Urheber. 8e6lesti lutronos ministri luerant, veuin l'uissv autorem ontliZimus." Inst. I- 1,. e. 18. §. 1, 2. Calvin: „Solche Benennungen sind sehr förderlich für die Kirche Christi, sowohl zur Bezeichnung der wahren Unterscheivung der Personen, als zum Anhaltspuncte, wenn die Ketzer ausweichen wollen, und ich bin dafür, daß man sie genau beibehalten solle." IM s>. 240. Calvin: ,.Die Versuchungen, in welche wir gerathen, sind nicht zufällig; sondern sie kommen vom Teufel und Gott läßt sie zu. Gott läßt an Einigen sein Wort verloren gehen. Er hatte es zugelassen, daß Judas den Herrn verrieth, daß die Juden Christum gefangen nahmen und riefen: sein Blut komme über uns und über unsere Kinder. Die Väter hatten recht, daß sie nur ein Zulassen von Seite Gottes aunahmen, und die Verblendung und Verstockung der Sünder nicht seiner Mitwirkung zuschrieben." Coium. >n )Ir>tt!i. e. 4, 8, 9, 26, 27. in loli. e. 10, 14. loellO, 14. 334 Calvin: „Der Name Gottes gebührt vorzugsweise nur dem Vater; nach dem allgemeinen Gerichte wird der Sohn seiner Gottheit nach unter dem Vater stehen." 4Uv. Valent. Centilem. Inst. I. 2, e. 14, §.3. In Ansehung seiner Person kann der Sohn nicht der Schöpfer des Himmels und der Erde genannt werden. I.. kulv. Val. Oentil. Der Sohn Gottes ist in Betreff seines Amtes und auch seiner Gottheit nach weniger als der Vater, bst,. a,. I I, 12. Io. Er verlangte von seinem Vater etwas Unmögliches, sein Begehren mußte zurückgewiesen und versagt werden. Sein Bitten war nicht wohl bedacht, sondern gewaltsamdurchden Schmerz hcrvor- gerufen, so daß er zurcchtgewicsen werden mußte." In e. 26. ülattl,. Calvin: „Die göttliche Wesenheit ist dem Sohne vollkommen mitgetheilt von dem Vater, welcher der Anfang und die Quelle der Gottheit ist: dieß ist erwiesen durch die Stelle bei dem heiligen Johannes 6. wo der Sohn dem Vater Alles zuschreibt, was er Göttliches hat. Inst. I. 1, c. 8, tz. 23, 25. Ser- vetus, du bist genöthigt zu erkennen, daß Jesus Christus wußte, er sei aus dem Vater und deßbalb wahrhaft sein Sohn." Calvin: „Christus wußte, was andern Menschen verborgen war, er sah in die Tiefe der Herzen. 6o»n». in lw>i. 3. Io. „Die Begierden Jesu Christi waren nie sündhaft, sondern ganz gemäßigt und dem Dienste Gottes angemessen: keine Leidenschaft überschritt in ihm das Maß, keine war unbedacht und unrecht, denn er hat sie immer dem Willen seines Vaters untergeordnet. In enp. l l. Io. 1. I) Frcinziscus der Glühende enthüllte die widersprechenden Lehren Ealvin'S und Lnthcr'sin einem Buche, welches im 1 cchSjchntenJahrhunderte viclAuf- lehen macht, und den Titel führte: ,,I-vs eirtremunl-eries et Auerres iinnislimles?' Als wir das Buch Heinrichs von Bensheim lasen, wollte uns mehr als einmal der Zweifel überwältigen; wir konnten nicht glauben, daß man uns das als ein Echo des göttlichen Wortes geben würde, was völlig dem Schiffe der Argonauten glich, welches so oft ausgebessert wurde, daß keine Spur mehr von seinem alten Gerippe zu sehen war. Dann gingen wir in einem Anfalle des Zweifels hin und schlugen die Stelle nach, welche von dein Mönche von Hagenau angeführt worden war, und wir fanden sic auf dem von ihm bezeichnetcn Blatte. Wir fragten uns, ob dwscs neue Licht, welches die Reformation uns anzündete, wohl ein Licht des Lebens und der Wahrheit sein könnte: ob cs alle Jene erleuchte, die in seinem Glanze wandeln, wie jenes, von dem der heilige Apostel Johannes spricht. Wir nahmen das Buch Bensheims noch einmal zur Hand und lasen die prophetischen Worte: „Und ein Tag wird kommen, an welchem die Reformatoren selbst bekennen müßen, daß die persönliche Ansicht nicht hinreiche, das Wort Gottes auszulegen." Dieser Tag ist gekommen; denn die Reformation hat dieses Bekenntnis; bereits abgelegt. Schelling sagt, es sei eine Last, die man seiner Vernunft auflege, wenn man sage, er solle zum Verständniß der Schrift die Sprachen vergangener Zeiten lernen, während man doch eine lebende Autorität durch einen todten Buchstaben ersetzt habe. Plank ist der Ansicht: mit dem Grunosatze Luther's, daß die Schrift die einzige Richtschnur in Glaubenssachcn sei, könne die protestantische Schule die Lehren des sächsischen Meisters unmöglich aufrecht erhalten. Er sagt, wie man denn die sächsische Symbolik beibehalten könnte, sobald man sie nicht in llebereinstimmung mit dem Worte Gottes finde; da der Mönch die katholische Dogmatik abgeschafft habe, weil sie nicht auf die Schrift gegründet sei? „Stellt aus der Schrift mir dar die Falschheit meiner Behauptung, Und ich nehme zurück, was nicht die Prüfung besteht!" Also sprachst du und siegtest dadurch, hochherziger Luther! Dir nur folgen wir nach, boffend den nämlichen Sieg. 1) Prof. Df. von Sebelüng: Vorlesungen über das akadenüscke Studinin. 2) Plank: lieber den gegenwärtigen Zustand und die Bedürfnisse unserer protcsian- tis-bcn Kirrbe. I8l?/S. 24. 3) D Paste, Distiebcn in der a. N. Z., 1830, diso. 171. 336 Delbrück sagt, wenn.die protestantische Kirche die Bibel zur Begründung ihres Glaubens aufstelle, sei sie geschlagen. XXVII. Kapitel. Calvins Katechismus. LS 4L. Der katholische Katechismus. — Luthcr's Katechismen, ihre Lehre». — Calvins Km tcchismus, veraltet und abgenützt. — Die Reformation hat keine Kirche sondern Kirchen. — Der Pater Athanasius in Stantzadt. — Beweis, daß nur die katholische Kirche einen Katechismus haben kann. — Alle evangelischen Wahrheiten von den Reformirtcn gelängnct und behauptet. — Verschiedene Proben aus de» Schriften der Protestanten. Genf's katholischer Katechismus 2) war ein beinahe eben so altes Buch, als die ältesten Gesänge seiner Kirche, ein Werk von bewunderungswürdiger Einfachheit, voll Milde und Amnuth; übrigens glich er allen andern Katechismen der Katholiken. Es war beinahe derselbe, welchen Bossuct seinen kleinen Kindern erklärte, und welchen Vinzenz von Pauia die Bauern von Chatillon (sur Elialnronne) auswendig lernen liest. Er war in Fragen und Antworten abgefaßt. Der Priester fragte: Wer ist Gott? Das Kind antwortete: Gott ist ein unendlicher Geist, u. s. w.; so hatte man nicht nothig, sich an Philosophen zu wenden, um unsere Glaubenslehre kennen zu lernen. Das Mädchen, welches das erstemal zur Communion ging, wußte so viel davon, als Thomas von Kempis. Luther, welcher die anschauliche Einfalt dieses golvnen Buches anstaunte, liest cs beinahe ganz, wie es war. Er behielt die Gesprächs - 1) I)r. F. F. Delbrück, Philipp Mclanckthon, der Glaubcnslchrcr. I82V. 2) Lkrisli ckomeslici et timlres ckicell-iutur xrsece cseterum gui cos viva voce eruckieluml, et eruckitio ipsu Universum vero nezotium lloe »ppellalmnt prnes. >ViceIii in suum csleetusmum. Lol. 1534. form, den unschuldig natürlichen Ausdruck, und purpurne Kolorit bei: Das that er in Bezug auf die Form; er verderbte aber den Grund, indem er ihn mit seinem Neuerungsgeiste befleckte. Im katholischen Katechismus stellt sich der Priester hinter das göttliche Wort, von dem er nur der Erklärer ist; im sächsischen Katechismus erscheint der Mensch als König der Schöpfung, und das Kmd, welches lesen kann, lernt Denjenigen kennen, der es über sich genommen hat, ihm das christliche Manna mitzuthcilen, ehe er es selbst empfangen hat. Begreifet ihr, was der Mönch im Anfänge seines großen und kleinen Katechismus in einer Vorrede aussprach, wo er so gute Gelegenheit gehabt hätte, die Katholiken zu beleidigen? In der Vorrede zu seinem großen Katechismus vergißt er aus einen Augenblick die Papisten, die seinen Schlaf stören, obwohl er seit langer Zeit ihren Fall verkündet hatte, und wendet sich an die protestantischen Prediger. „Daß wir den Ca- techismum so fast treiben, und zu- treiben beyde begehren und bitten, haben wir nicht geringe Ursachen: dieweil wir sehen, daß, leiver, viel Pfarrherren und Prediger hierinn sehr säumig sind, und verachten bevde ihr Amt und diese Lehre: etliche aus großer hoher Kunst; etliche aber aus lauter Faulheit, und Bauchsorge, welche stellen sich nicht anders zur Sache, denn als wären sie um ihres Bauchs willen Pfarrherren oder Preriger. Ach das sind zumal schändliche Freßlinge und Bauchdiener, die billiger Säuhirten oder Hundeknechte seyn sollten, dann Seelwärter und Pfarrherren. Und daß sie doch soviel thäten, weil sie des unnützen schweren Geschwätzes der sieben Gezeiten nur los sind, an derselbigen statt morgens, mittags, und abends, etwan ein Blatt oder zwey aus dem Katechismo, Betbüchlein, Neuen Testament, oder sonst aus der Biblia lesen, und ein Vater Unser für sich und ihre Pfarrkinder bäten." Wir suchten nach, ob Luther die Verläumdung auch unter die Sünden rechne, und fanden sie als eine Beleidigung gegen Gott und den Nächsten bezeichnet. Es ist also nicht wahrscheinlich, daß er mit Wissen die Unwahrheit reden wollte, als er uns ein so düsteres Bild von den Priestern seiner Kirche entwarf, den Renegaten, deren Verlust der Katholicismus nicht zu beweinen, und über deren Erwerbung der Protestantismus sich nicht zu freuen Ursache hat. Lu- tber's goldenes Buch, Uber aureus, welches lange unter den symbolischen Büchern Sachsens eingereiht war, hat seine Zeit schon gehabt: der vorgerückte Protestantismus will heut zu Tage nur mehr Menschen- t) Wal-!,. Bd. X. S. 26, 27. Audin: Lkkm Calvin's l. Bd. 22 338 lehren als dogmatisch erkennen; er fährt aber fort, unsere Glaubens, lehre auf eine derbe Weise zu beschimpfen. Ist nickt in unfern Tagen „der papistische Katechismus" von Joh. Fried. Mayer, diese erbärmliche Pasquinade wieder abgedruckt worden, in welcher das Kind gefragt wird: wie lautet das erste Gebot Gottes? warauf das Kind antwortet: „Du sollst den Herrn deinen Gott nit allein anbeten, sondern neben ihmc Mariam, die heiligen Engel, die verstorbenen Heiligen, ihre Reliquien, die Figur des Kreuzes, das Kreuz selber, den heiligen Vater Papst und vil andere mehr." Calvin gab im Jahre l536, wahrscheinlich mit Beihilfe Farel's einen französischen Katechismus heraus, zum Gebrauche der Kirche von Genf, den er in die lateinische Sprache übersetzte und bei Robert Winter in Basel drucken ließ. 2 ) Calvin sprach sich über die Nothwendigkeit eines Katechismus in seinem Schreiben an Sommerset auf folgende Weise aus. „Gewiß ist es gut und förderlich, der Leichtfertigkeit fanatischer Geister, die sich all zu viele Freiheiten erlauben, in den Weg zu treten , und allen Sonderbarkeiten und Neuerungen in der Lehre den Eingang zu versperren; aber das Mittel sei gut und so beschaffen, als wenn Gott dasselbe uns anzeigte. Mann soll vor Allem einen t) Der papistischt Katechismus MayerS machte viel Aufsehen in Deutschland. Unseres Wissens wurde er znm erstenmale im Jahre 1k>7v, das zweitem«! im Jahre 1717 in Frankfurt an der Ldcr gedruckt, aber mit der falschen Angabe des Druckcrtes Eöln, dieser ganz katholischen Stadt. Co standen Lügen auf dem Titel, und Lügen aus jedem Blatte des Buches! 2) Lazileae 1838. Latvelr. 8. kirr. rel. in8titukio Cccleziae Cvnov. vnlgari prins ickioinatv eckila, nnnccpiv poztremo iatinitate etiam ckonata. losn. Dalvinv antore: Omnes Irominez ack religionem ezze natv8. — tzuick inter k'alzam ne verum religionem interzjt. — yuick cke Deo irolris cognozeencknm. — De Nomine. — De liNero arlritrio. — De peccato et morte. — Cuomocko in zalutem ne vitam rertitnsmur. — De lege Domini. — Cxucki XX. ?.go 8um Dowinnz (explic-nio Decalogij. Degjz 8ummu. — (^uick ex 80 I« lege ack no8 reckeat. — I.egem grackum e88e ack Dlrriztnm.,— (tlrriztum licke a nolriz apprelrencki. — De electione et pracckeztinationo. — <>uick 8,t vera Ilckez. — h'ickez ckonnm Dei. — In (lirrizto suztilicamur per lickem. — I'er tickem zanctitieamur in Iegi8 olreckientiai». — De puenitentia et regeneratione. — tzuomocko Irono- rum operum et lickei jnztitia 8im»I conveniant. — 8vmbolnm lickei. — Lrecko in un»m Deum. ete. Dxplieatio 8vmlroli apoztolici. — Cuiel 8,t 8pe8. — De oratione. — <)uick in oratione zpectsnckum. — Ora- tioniz ckominicae enarratio. sDxplicatio orationiz ckominicae.) — Oran- cki perzeveratio. — De zaeramentiz.— De Iraptizmo. — De eoens Domini. — De eecloziae paztorilruz et eornm poteztate. — De trsckitio- nilru8 Irumaniz. — De excommunicatione.— De magiztratu.— 8equi- tur: „Donlezzjo lickei i» quam jurare civez omnez genevenxez, et qui 8ul> civitatiz oju8 ckitivne agunt, j»88i 8nnt, exzeripta e (llrateelnzmo, quo ntitur eeclozia genevon8>8." 339 I nnbegriff der Lehre haben, welche alle predigen müßen, welcher nachjukommen alle Prälaten und Pfarrer mit ihrem Schwure bekräftigen; und Niemand soll zu einem Kirchenamte zugelassen werden, der diese Einheit nicht zu beobachten verspricht. Wenn sie ein gemeinschaftliches Unterrichtsbuch für die kleinen Kinder und das ungebildete Volk haben, welchem sie aus ihm die wahre Lehre verständlich vortragen können, werden sie diese von Lügen und Entstellungen zu unterscheiven vermögen, welche im Gegentheile cingeführt werden könnten. Glauben Sie cs mir, mein Herr, daß sich die Kirche Gottes ohne Katechismus nie erhalten kann, denn er ist gleichsam der Samen, durch welchen verhütet wird, daß das gute Getraide nicht ausgehe, sondern daß es sich von Zeit zu Zeit vermehre. Wenn Ihnen also viel daran gelegen ist, ein Gebäude aufzuführen, welches eine Lange Dauer habe, und nicht so bald zu Grunde gehe, so sorgen Sie, daß die kleinen Kinder in einem guten Katechismus unterrichtet werden, der ihnen in Kürze, ihrer Jugend angemessen, zeigt, welches das wahre Christenthum sei. Dieser Katechismus wird zwei Zwecken dienen, erstlich um alles Volk in Allem auf das vorzubereiten, was gepredigt wird, und zweitens auch, um zu entscheiden, ob ein Anwesender es wage, eine fremde Lehre einzuführen. Indessen sage ich nicht, daß es nicht gut und sogar nothwendig sei, die Seelsorger und Pfarrer zu nöthigen, daß sie die geschriebene Form aufbewahren, sowohl für Solche, die unwissend und einfältig sind, als auch, um die Gleichförmigkeit und Eintracht, die unter allen Kirchen besteht, nachzuweisen. Das ist ein großer Vortheil, um aller Neugierde den Stachel abzustumpfen, und der neuen Erfindung Derjenigen vorzubeugen, die nur zu schwärmen suchen. Calvin hat in seinem Katechismus für die Jugend nicht jene 1) Der Katechismus, das heißt, das Formular, nach welchem die Jugend im Chri- stenthumc unterrichtet wird, ist in Gesprächsform abgefaßt: der Lehrer fragt und das Kind antwortet. Op.LsIv. p. 200. „Calvin verfaßte diesen Katechismus im Jahre 1536, gab ihn in Basel im Jahre 1538 in lateinischer Sprache heraus, änderte die Form im Jahre 1541 und brachte ihn in Frag und Antwort, um die Kinder leichter zu unterrichten; während er im früher» die Gegenstände summarisch in kurzen Kapiteln abge- handelt hatte." Beza. Calvin veranstaltete von der letzten: Arbeit sogleich eine lateinische Ausgabe, welche im Jahre 1545 in Straßburg gedruckt wurde: diese Ausgabe wurde wieder der lateinische» Ausgabe der „Institution" ange- hängt, welche im Jalwe 1559 in Genf (4Bgcdruckt wurde. Die Ausgabe von 1538 soll sehr selten sein, weil sic nie wieder abgedruckt wurde und es scheint, daß Calvin dieselbe zu unterdrücken suchte. Dnvick tilement, Libl. Lur. t. Vl., p. 06, uole. Der Katechismus wurde sogar in'S Hebräische übersetzt. 22 " 340 Ordnung beibehaltcn, welche Luther beobachtete, der zuerst das Gesetz erklärt, dann das Dogma oder den Glauben darstellt und zuletzt zum Gebote übergeht. Calvin beobachtet eine vernünftigere Aufeinanderfolge. Sein Verfahren ist folgendes: „Welches ist die wahre Erkenntnis Gottes?" „Wenn wir ihn kennen, um ihn zu ehren." „Welches ist die rechte Art, ihn zu ehren?" „Wenn wir 1. unser Vertrauen auf ihn setzen. 2. Wenn wir ihm dienen, indem wir seinen Willen thun. 3. Wenn wir ihn anflehen in unfern Nöthen, unsere Hoffnung, unser Heil, unsere zeitliche Wohlfahrt auf ihn gründen. 4. Wenn wir mit Herz und Mund bekennen, daß Alles von ihm kommt. Der Grund eines wahren Glaubens besteht in der Anschauung Gottes in Jesus Christus; aus dieser ascetischen Beschauung geht das apostolische Glaubensbekenntniß hervor, welches in vier Theilen abgehandelt wird: der Vater, der Sohn, der heilige Geist und die Kirche. Von dem Glauben geht er zu den Werken über, zur Buße, zum Gesetz und zu den zehn Geboten; dann folgt, was er den „wahren Gottesdienst" nennt, der darin besteht, daß wir den Willen Gottes thun. Vom Gesetze geht er zum Gebete über; denn der Mensch bedarf der Hilfe Gottes, um Gottes Willen zu thun. Das Vater Unser gibt ihm Anlaß zum vierten Artikel überzugehen und Gott zu preisen, weil er die Quelle aller Güter ist und seiner Kirche sein heiliges Wort und die Sacramente gegeben hat. An die Spitze seines Formulars stellte der Reformator die unverschämten Worte: „Es ist in der Kirche immer sehr empfohlen worden, daß man die kleinen Kinder in der christlichen Lehre unterrichten solle. Um dieses zu thun, hatte man nicht nur schon im Alterthume die Schulen und prägte einem Jeden ein, daß er seine Familie wohl unterrichten solle; sondern es wurde auch die öffentliche Anordnung gehalten, daß man die kleinen Kinder über die Punkte, welche unter allen Christen gemeinschaftlich beobachtet werden sollen, geprüft wurden. Um eine Ordnung im Verfahren beizubehalten, bediente man sich eines Formulars, welches man den Katechismus nannte. Seitdem aber der Teufel die Kirche zertrennte, und den schrecklichen Ruin veranlaßt, von dem man noch allenthalben in der Welt die Spuren sieht, ging diese heilige Ordnung unter, und es blieben nur einige Reliquien, die zu nichts dienen können, als daß sie den Aberglauben erzeugen, ohne eine Erbauung zu verschaffen." Wir müssen uns hier die Freiheit nehmen, die sich Calvin nahm, und müssen dem Reformator sagen, daß er gelogen hat: denn in demselben Augenblicke, in welchem er unsere Kirche beschuldigte, sie lasse die Jugend ohne geistige Nahrung, waren unsere Pressen in allen Ländern beschäftigt, unter den Titeln: „^rtiouli lielki;" „kuckimeuta ticket," in lateinischer, französischer und deutscher Sprache das kleine Buch zu veröffentlichen, welches „der Katechismus" genannt wurde. Einen hätte er wenigstens kennen sollen, welchen Erasmus herausgab, unter den Titel: viluoieln explglistio szmdoli. 2) Calvins Methode fand in Deutschland wenig Anklang. Urstnius und Olevian haben die pädagogische Form der beiden Reformatoren verändert. Was das Kind zuerst lernen soll, ist der Mensch in seiner Erbärmlichkeit, in die er gefallen ist durch die Sünde. Dieser Mensch wurde aber erlöst und durch seinen Glauben an Jesus Christus wieder emporgehoben. Welches ist dieser Glaube? Olevian gibt diese Formel an. Der erlöste Mensch ist seinem Erlöser Liebe und Erkenntlichkeit schulvig, und die christliche Seele lernt, worin diese Liebe bestehe. Wenn sie liebt, muß sie heilig leben und die Vorschriften des göttlichen Gesetzes befolgen. Darauf folgt die Erklärung der zehn Gebote und des Vater Unsers. Calvin verbesserte seine französische Arbeit im Jahre 1545, und änderte zugleich die Methode. In der neuen Ausgabe nimmt er die Form in Frag und Antwort an und geht vom Glauben zum Gesetze über. Die Genfer Synode stellte den Katechismus in die Reihe der symbolischen Bücher, und nahm ihn als ein Handbuch der christlichen Wahrheiten aus, welches unter der Eingebung des heiligen Geistes geschrieben worden sei. Die Synoden von Frankreich beschlossen, daß ihn die reformirten Kirchen unverändert aufnehmen sollen. Er hatte aber das gleiche Loos mit den Reimen Marot's, der Wurm der Zeit benagte ihn und Vernet, der Nationalist, trat an die Stelle Calvins. So stirbt in der Reformation Geist und Materie, Gedanken und t) Wer kannte nickt den Katechismus von Wicel, der um die Mitte des 18. Jahrhunderts aus der deutschen in die lateinische Sprache übersetzt wurde; dann den Katechismus von Edmund Anger? 2) Diese kleine Schrift, welche die Approbation Sadolets erhielt (8s<1ol., vp. 5 lid. 4.) erschien 1533. sLp. Lr. ep 43. I. 2g. Es ist in der Form eines Katechismus abgefaßt. Burigny. Bd. II. S. 353, Ausdruck. Wie könnte es auch anders sein? Betrachtet diese Bücher, welche sie für die Kindheit bestimmt hatte, und in welche sie Alles ausgegossen hat, was sie an Erleuchtung besitzt; nicht Eines enthält die gleiche Lehre mit dem andern. Sie hat auf den Titel gesetzt: „Zum Gebrauche der protestantischen Kirchen." Welcher Kirchen? Jener Frankreichs, der Schweiz, Schlesiens, Dänemarks, Schwedens oder Englands? Sie hat Recht, dass sic an die Spitze dieser Katechismen den Satz stellt: „Zum Gebrauche der protestantischen Kirchen." Ihr eignes Urtheil heißt: sie habe keine Kirche, sondern Kirchen; ein protestantischer Schriftsteller hat diesen Ausspruch gethan. Wir besuchten vor Kurzem zu Stantzadt in der Schweiz die Kirche, welche dem heiligen Nikolaus von der Flue geweiht ist, und trafen einen Kapuziner mit weißen Haaren, welcher vor den Bauern die Christenlehre hielt. „Welches sind die Lieblinge Gottes," fragte der Mönch ein kleines Mädchen? „Diejenigen," antwortete das Kind ohne Bedenken, „welche ihren Katechismus gut kennen." Der Pater lächelte. „Sie hat Recht," sagte am Abende der Pater Athanasius zu mir: „Ist nicht alles heilige Oel des göttlichen Wortes in diesem kleinen Buche ausgegossen? Es sind Wohl auch manche Tropfen davon in die Büchlein gefallen, welche die Protestanten ihren Kindern in die Hände geben, sie sind aber mitRegcn undSchneewasser vermischt worden." „Ihr redet von ihrem Katechismus?" fragte ich ihn. „Oder von den Büchlein, denen sic diesen Namen geben," sagte mir der Mönch; „denn wie es nur Einen Gott gibt, so kann es auch nur einen Katechismus geben. Wollt ihr, daß ich euch Sammlungen nenne, in welchen die Glaubenslehre wechselt, wie die Temperatur auf diesen Bergen, mit jedem Tausend Schritte die ihr steigt? Der Katechismus von Genf gleicht nicht jenem von Neufchatel; der Katechismus von Neufchatel nicht jenem von Zürch. Habet keine Scheu vor meiner Kaputze, in welche Luther alle Todsünden bannte; ohne auch nur diejenige zu verschonen, welche unser heiliger Befreier trug, der Einsiedler Nicolaus von der Flue? Setzen wir uns nieder im Angesichte dieses schönen See's von Lungern, dessen öde Gestade durch Mönche fruchtbar gemacht wurden; ich will meine Kaputze und 1) Wank, G. I. Ueber die gegenwärtige Lage der katholischen und protestantischen Partei, 1816, 343 meinen Sack ausschütteln, wir werden dann sehen, ob nichts als Sünden herausfallen? Wir setzten uns auf einen Hügel, von dessen grünenden Abhängen das Auge gegen Nord den Berg Pilatus, gegen Süd den Miseberg und gerade vor sich das Thal von Obwalten erblickte, voll herrlicher Bäume, frischer Höhen und dichter Wälder, die uns die schroffen Umrisse der Felsen verbargen. „Ich erwarte, mein Vater," sagte ich zu dem Kapuziner, „dass ihr an dem Baume der Erkenntnis; schüttelt; denn wir sind hier in einem wahren irdischen Paradiese." „Nicht ich will an ihm schütteln, aber der Jrrthum soll es thun." „Das Dogma von der Erbsünde ist ein Glaubensartikel wie die Wiedergeburt des Menschen durch das Blut des Erlösers." So spricht Walch. „Das Dogma von der Erbsünde ist heut zu Tage ausgegeben, denn es gründet sich nicht auf die heilige Schrift: es würde der Entwickelung des Geistes schaden." So drückt sich Doctor Hase aus. Glaubt ihr, dass Walch und Hase nach einem und demselben Katechismus lehren könnte? „Die Taufe verleiht die Gnade und macht uns zu Kindern Gottes." Das ist die Lehre Melanchthons. „Die Taufe ist nur ein Symbol: die bildliche Darstellung unseres Eintritts in die christliche Kirche." Das ist die Lehre Thomas Balguy's. Glaubet ihr, dass diese zwei Lehrer ihren Kindern einen und denselben Katechismus in die Hand geben würden? „Der Leib und das Blut Jesu Christi sind wirklich und wahrhaft im Sacramente der Eucharistie unter den Gestalten oder dem Schein des Brodes und des Weines gegenwärtig." Ihr wisst, dass diess die Lehre ist, welche Luther immerfort standhaft behauptet hat. „Jesus nahm das Brod, brach es und sprach: das ist mein Leib, das heißt, das Bild meines Leibes — das ist mein Blut, das heisst, 1) Prof. I. G. Walch, Einleitung in die polemische Gottesgelahrthcit, 1754, S. 312. 2) Dr. Carl Hase, Lehrbuch der evangelischen Dogmatik. 1826. 3) Augsburger Confession, 1530. Art. IX des Glaubens und der Lehre. 4) Ilr. Uromas Lalgu^. Diseoursos, Nectieateil lo tlrs Lirg. 1785. P. 298. 5) AugSb. Conf. Art. X. das Bild meines Blutes, welches fließen wird, wie der Wein aus diesem Kelche fließt." Das ist die Exegese unseres Jakobi. ') Ist dieß, was Jacobi seiner Tochter in die Hände gibt, der Katechismus, welchen Luther für seine kleine Margaretha abgefaßt hatte? „Der Mensch gleicht der Bildsäule Loth's; dem Reiter, der auf einem widerspänstigen Pferde sitzt, das mit ihm hingeht, wo es will." So sagt uns Luther. „Wer sagt, er habe von Gott nicht einen freien Willen, der ist der träge Knecht, der sein Talent in die Erde vergräbt." So lehrt Schulz. Schulz verwirft mit Recht den kleinen Katechismus des sächsischen Mönchs. „Wir haben dem Teufel seine Persönlichkeit genommen: heut zu Tage kann man über eine solche leere Einbildung nur lachen." Ihr hört hier einen Schriftsteller, der für eines der Lichter gilt, welche die Reformation angezündet hat. Ihr dürft aber nicht lange warten, so trefft ihr einen Mann von großer Wissenschaft und hinreißender Beredsamkeit, Reinhard, welcher in seinen „Vorlesungen über die Dogmatik," behauptet: die Existenz des Teufels, als eines absoluten Wesens läugnen, heiße die Schrift angreifen, welche jeden Augenblick von der zerstörenden Thätigkeit dieses gefallenen Engels rede. Wenn also Treschow die Nothwendigkeit eines christlichen Unterrichtsbuches für die Jugend anerkennt, wird er die Abfassung desselben nicht Herrn Reinhard überlassen, welcher Protestant ist, wie er selbst. Wenn ich von einem Kinde, ehe es zum Tische des Herrn geht, verlange, daß es mir das Glaubensbekenntniß sage, so wird mir das Kind gehorchen) und das Glaubensbekenntniß, das es hier in unserer kleinen Feldkirche ablegt, ist das nämliche, das ihr in Frankreich, Italien, Deutschland und allen katholischen Ländern hört. Das Kind sagt überall: „Ich glaube an den heiligen Geist, an eine heilige, apostolische, römisch katholische Kirche, — Auferstehung des Fleisches re. 1 ) Dr. I. A. Jakobi: Die Geschichte Jesu für denkende und gemütvolle Leser. 1816 . 2) Was heißt Glauben? 1830, S. 1-17. 3) Dr. Treschow: Der Geist des Christentums, 1828. -1) m, Ausgabe. 1812. S. 195, 345 Wenn ich den Protestanten Köhler frage, ob unser Fleisch auserstehen werde? antwortet er: „Ja, Christus wird die Leiber am Ende der Welt auferwccken, das heißt, der Leib wird auf's Neue mit der Seele vereinigt werden. Der Auferstehung folgt das letzte Gericht." h) Ammon wird aber sagen: „Weil die Vorstellungen von der Auferstehung und dem Gerichte nicht vom neuen Testamente ausgehen, haben die Bücher der Offenbarung nur mehr einen historischen Werth." „Erlaubet mir!" sagte Athanasius: „ich will euch die Wahrheiten des Christenthums nacheinander vorführen, ihr werdet sehen, welche auf die Symbolik der Protestanten eingchen werden. Am großen Tage des Gerichts, so lehrt uns die Schrift, werde Jesus in all seiner Macht erscheinen und zu den Guten sagen: Kommet ihr Gesegnete meines Vaters, euer ist das Himmelreich; und zu den Bösen: Gehet hin ihr Verfluchten in das ewige Feuer. Unsere Kinder haben dies; in ihrem Katechismus gelernt. Hasenkamp ist in seinem Urtheil kurz: Hinweg mit der Lehre von den ewigen Strafen und dem vergifteten Hauche des Abgrunds. Und Walch ist noch kürzer: „Die Ewigkeit der Strafen ist durch die Schrift erwiesen." Diese zwei Katecheten könnten sich nicht in einer und derselben Kirche begegnen, ohne zu lachen. Köhler sagt zum Kinde: Der heilige Geist ist die dritte Person der heiligen Dreieinigkeit. Ewald, der ihn hört, steht auf und ruft: Nein, nichts beweist mir die Persönlichkeit des heiligen Geistes, ich finde keine Stelle von ihr in der Bibel, ich glaube nur an das, was ich in der Bibel lese. Ist Jesus Christus Gott? Unser Kind antwortet. — Ja er ist Gott. Und wenn ich das Kind des Doctor Ammon fragen würde: Ist Jesus Christus Gott? wird das Kind des Predigers antworten: ') 1) Dic Hauptsätze der christlichen Religion, 1829, S. 22, 23. ^ 2) C. F. Amnion, Biblische Theologie, 11. Ausgabe 1813, Bd. Ilt, L>. 367. 3) Hasenkamp: Dic Wahrheit zur Gottseligkeit. III 30l). 4) Walch, a. a. O. S. 488. 5) Köhler, a. a. O. S. 16. 6) I. L. Ewald, nöthiqcr Anhang zu der Schrift: Die Religionslchre der Bibel. 1814. 7) Ammon: Dic unveränderliche Einheit, 1827, III., 21. „Ja." Und der Vater wird hinzufügen — da Jesus der Sohn Gottes, unser Mittler, unser Erlöser, seine Lehre heilig ist. Was würde aber das Kind des Herrn Cludius sagen? „Jesus Christus ist nicht Gott; denn er hat sich in der Schrift immer nur für einen Gesandten Gottes ausgegeben. Seine Lehre steht nicht in Verbindung mit seiner Person." Ich will euch eine schöne Stelle aus einem Moralisten mittheilen. „Weil Jesus die Sünden der Welt auf sich genommen hat, weil er sich als Opfer hingegeben hat zur Erlösung des Menschengeschlechts, weil er genug gethan hat der Gerechtigkeit seines Vaters, indem er an seinem Fleische litt; kann Gott vermöge der Verdienste des Blutes seines Sohnes, den reuigen Sündern vergeben, ihnen die Strafen Nachlassen, die sie sich durch ihren Ungehorsam zugezogen haben und sie in seine Herrlichkeit aufnehmen. Ohne den Glauben an das Blut Christi kann die Seele kein Heil hoffen im ewigen Leben!" „Das sind schöne, edle Worte," sagte ich zu Pater Athanasius." „Sehr schön, wie ihr sagt, und ich weiß dem Doctor Krafft dafür meinen Dank; Doctor Paulus ruft hingegen aus, wie ein Christ Ideen gutheißen könne, die so wenig biblisch seien wie jene der Genugthuung, der Wiederherstellung und Erlösung durch eine blutige Sühnung." „Welchem von Beiden würdet ihr ein Kind zum Unterrichte anvertrauen? Beide sind berühmte Männer, die aber mit all ihrer gewaltigen Einbildungskraft nicht ein Gespräch von zwei Zeilen über christliche Symbolik zu schreiben vermögen! Bringet mir alle Protestanten der Welt, ich will ihnen ihre Ohnmacht beweisen, wenn ich von ihnen eine Seite des Katechismus für meine kleine Kinder verlange. Und doch sagen sie, sie haben die Wahrheit gefunden, wenn sie gleich diese Wahrheit nicht bestimmen können." Nach einem kurzen Stillschweigen fügte der Pater Athanasius hinzu: Seht ihr dieses Thürmchen hier? Nikolaus von der Flue hat es bewohnt. Ich nehme jetzt die kleine Kammer ein, in welcher er jeden Morgen mit der Sonne aufstand, sich auf die Kniee niederwars und im Geiste denjenigen anbetete, der unsere Felder befruchtete, unfern Blüthen das Leben gibt, unfern Felsen das Wasser, unfern Vö- 1) G. H. Cludius, Uransichten des Christenthums, >808. 2) Dr. I. O. G. L. Krafft, Christus unsere Weisheit. Vier Prediqten, 182», S. 33. " 3) Pros. Dr. H. L. G. Paulus: Das Leben Jesu als Grundlage einer reinen Geschichte des UrchristenthumS, 1828. Vorrede. 347 geln die Nahrung, unfern Arbeitern das tägliche Brod. Oft sprach ich schon zu mir selbst: Wandelte wohl dieser Einsame, der an das Wort glaubte, das man ihm lehrte, auf dem Wege des Herrn? Ist es ein Unglück für ihn, daß er das Licht nicht sah, von welchem die Reformation sagt, sie habe es leuchten lassen in der Welt? Dann traten mir alle Erinnerungen aus den Büchern, die ich früher las, vor Augen, (denn ich gab mich lange Zeit dem Zweifel hin) sie summten mir im Kopfe, wie die Mücken, welche die Sonne um uns sammelt, wenn sie hinter den Bergen untergeht. Und Zschokke rief aus, der Protestantismus solle vorwärts schreiten, und sollte er auch in eine grundlose Tiefe fallen. ') Und Wohlfahrt ruft: „Wenn die evangelische Kirche sich behaupten will, so soll sie sich unaufhörlich vergrößern, und treu bleiben dem deutschen Wahlspruche: Hurrah! Vorwärts!"^) Und Kleuker sagt: „Muthig voran, und laßt uns protestiren gegen die Protestation des neuen Protestantismus!" ^) „Was muß man thun, um das ewige Leben zu erlangen?" ruft Berger aus. „So viele Protestanten, so viele verschiedene Antworten." 4) „Wir sind ein völliges Babel," sagt Rambach. „Babel, hebräisch das ist: Eonlusio, das ist: Confcssion." ^) Fischer sagt, er wolle auf einer Quadratmeile fünf bis sechs Kanzeln finden, auf deren jeder der Pastor ein anderes Evangelium predige. .... Das Volk glaube in seiner Einfalt, es gebe nur eine Wahrheit, und es kann nicht begreifen, wie jeder Prediger im Besitze eines Dogma's sein könne, das ihm ganz allein gehöre. ^) Nun seht aber, wie Gott den Ziffern eine gewaltigere Stimme gegeben hat, als allen je lebenden Dissidenten: ich will sie euch hören lassen: Im Jahre 1823 zählten die Presbyterianer, deren Kirchen in den südlichen, westlichen und mitteren Vereins-Staaten von Nordamerika die zahlreichsten sind, 1214 Pastoren und 136,473 Mitglieder; die 1) 2- H. D. Zschokke: Uebcrlicferungeu zur Geschichte »nierer Zeit. 1617. «.28. 2) Dr. A. Wohlfahrt in der allgcm. Kirchenzeitung, 1830, Nr. 693. 3) Dr. I. F. Kleuker: lieber den alten und neuen Protestantismus. 1832. 4) Berger: Einleitung zur Religion in der Vernunft. 5) Dr. I. I. Rambach: Historische Einleitung in die Streitigkeiten zwischen der evangelisch-lutherischen und römisch-katholischen Kirche, Bd. I. «. 201. s,) Dr. Fr. Fischer: Zur Einleitung in die Dogmatik der evangcl.-Protest. Kirche. 1828. Kongregationalisten, deren Hierarchie seit dem Jahre 1708 zwischen den Presbyterianern und Independenten das Mittel hält, 720 Predigerund 960 Kirchen; die Baptisten 2577 Prediger; die bischöfliche Kirche 11 Bischöfe, 486 Prediger, 24,075 Mitglieder; die Wesleyaner 3 Bischöfe, 1405 Prediger und 382,000 Mitglieder; die Quäcker von Pensylva- nien, New-Gersey und New-?1ork, 750,000 Mitglieder; die deutschen Protestanten 90 Pastoren und 30,000 Mitglieder; die holländischen Reformirtcn 150 Prediger und 40,000 Mitglieder; die Lutheraner 200 Prediger und 800 Gemeinden; die Swedenborgmner 50 Ecclcsiasten und 100,000 Mitglieder; die ttniversalisten 140 Pastoren und 5400 Mitglieder; die Presbyterianer 60 Pastoren und 50 Gemeinden; die freiwilligen Baptisten 242 Pastoren und 12,000 Mitglieder; die Baptisten der sechs Grundsätze 20 Pastoren und 1500 Mitglieder; die Baptisten der freien Kommunion, die keine Wiedertäufer sind, 23 Prediger und 1284 Mitglieder; die Sabbatharianer 29 Pastoren und 2862 Mitglieder; die Marioniten 200 Pastoren und 20,000 Mitglieder Später ließen sich dann in diesem Lande- das schon durch so viele Secten beunruhigt war, protestantische Missionäre nieder, und man sah auf ihr Wort neue Baptisten, Methodisten, Herrnhuter, Calvini- sten, strenge Lutheraner, Presbyterianer, Rationalisten und Supernaturalisten entstehen. Die Sonne ist im Monate Mai nicht befruchtender auf unseren Bergen, als diese evangelischen Pilgrime; aber die Kräuter, Blüthen, Gräser, die jene hervorbringt, stimmen alle das eine Lied an, während von den Seelen, welche die Reformation hervorgebracht hat, jede einen andern Gesang hat. „Wenn ihr nun ein Blatt von dem Katechismus einer dieser Gemeinden fallen lasset, so dürft ihr versichert sein, daß keine Secte er- rathen wird, welcher Kirche dieses Blatt gehört. Wenn aber der Wind ein Blatt von unscrm Katechismus über den Monte Rosa trägt, so wird der erste Priester, der an den Ufern des Lago maggiore geht, sich bückt und dasselbe aufhebt, sobald er cs liest, erkennen und sagen: „Das ist ein Bruchstück von einem katholischen Buche." 1) limniei-, Iteviil; Itt-ittmniliuo leligieuse, «n clioix d nrtieles extrnits des meilleurs joninaux religieuse do In Urimdes-Ijivtz-nv et des Ltats- Unis. 1820. 2) Acnßerung eines „sehr verständige» Mannes" gegen Riemeycr. S. dessen Beobachtungen auf Reisen, t. I., j>. 402. XXVIII Kapitel. Zurückberufung Calvin s. 1S41 Ursachen der Zmückberufimg Calvin's. — Kläglicher Zustand der rcformirten Kirche in Genf. — Schreiben I. Bernhard's an den Verbannten. — Drohungen Bern's — Sendung von Deputirten zur Beilegung der streitigen Puncte. — Ihre Rückkehr nach Genf. — Die calvinistische Partei wiegelt die Bevölkerung gegen die Patrioten auf, welche die Uebcreinkunst mit Bern Unterzeichneten. — Die Berichterstatter. — Hinrichtung des Gencraleapitäns der Miliz. — Uneinigkeit der Gcmüther. — Der Rath will Calvin zurückbcrufen. — Schreiben des Syndikats. — Ablehnung von Seite des Reformators. — Neue Schritte des Raths. — Calvin gibt nach. — Seine Reise nach Genf. — Der heilige Ignatius und Calvin. Wir müssen nun die Ursachen näher erforschen, welche die Zurückberufung des Verbannten veranlaßten. Bei seiner Ankunft in Genf hatte Calvin zu seinen übelgearteten, despotischen Planen eine Stütze außer dem Volke gesucht, und diese in dem kleinen Nathe gefunden: das Volk hatte aber mit seinem bewunderungswürdigen Scharfblicke den Theocraten gewittert und ihn an einem Tage des Zorns versagt. Die Wunde blieb offen: Genf war entzweit. Die Aristokratie wollte eine politische Revolution zu erregen suchen, indem sie den Vorschlag machte, daß nichts vor den Rath der Zweihundert gebracht werden sollte, was nicht im kleinern Nathe abgehandelt worden sei, und ebenso nichts vor den allgemeinen Rath, was nicht sowohl im kleinern Rathe, als im Rathe der Zweihundert abgehandelt worden sei. Das Volk rettete die Freiheiten Genfs, indem es eine Falle vermied, in welche es dreißig Jahre später gerathen sollte. Die volksthümliche Partei hatte weder die hinreichende Gewandtheit noch das Glück. Es fuhr fort, auf die Verbannten Lieder zu machen, und sie dem Gespotte in den Weinschenken, wie den Narrenpossen auf den Marktschrcierbuden preiszugeben. Auf diese Weise rief sie Namen in's Gedächtniß zurück, welche hätten in der Vergessenheit I) I. b'arv, lüzssi precis sur I'Icistoire cle Oeuvre, t. I., p. 252. ele. bleiben sollen: es fehlte an Schlauheit und Großmüthigkcit. Sie verbannten unbekannte Vorsteher des Collegiums, weil sie sich weigerten, die Communion mit ungesäuertem Brode zu errheilen. So verlor Genf Saunier, Mathurin Condier, und andere Verbannte, welche über Unverträglichkeit klagten. Calvin hatte sich unter den französischen Verbannten, welche aus Paris, Meaux und insbesondere aus Lyon vertrieben worden waren, eifrige Anhänger zu verschaffen gewußt. Mit großer Sorgfalt suchte er die Prädcianten zu schildern, die ihm in der Verkündung der Lehre nachgefolgt waren: den Fran- ciscaner, der sich in den Armen eines Weibes zum Evangelium bekehrt hatte, einen wollüstigen Mönch, strotzend von Aussatz und Aberglauben; — den Possenreißer, welcher die Heiligkeit der Sitten zu seinem Spiel machte, wie man eine Comödie spielt; — und den Hurenwirth und Miethherrn verrufener Orte; — drei Eindringlinge, welche sich wi, derrechtlich das Amt angeeignet hatten, das sie öffentlich schändeten. Wenn diese Porträte ähnlich sind, war die Genfer Kirche sehr strafbar, daß sie solchen Geschöpfen das Predigen nicht verbot, welche den Staupbesen und den Schandpfahl verdient hätten. Wenn aber Calvin ein Verläumder ist, so machte er sich einer Niederträchtigkeit schuldig, die ihm ewig zur Schande gereichen müßte. Der Beweis aber, daß er log, sagt man, liegt darin, daß er Bullinger bat, er möchte ja die Geheimmße, die er nur ihm als seinem Freunde mittheile, vor allen Augen verbergen. Wir wissen nicht, ob Bullinger schwieg; man darf aber annehmen, daß das Geschrei Calvins seinen Anhängern Muth machte, so daß sie kein Maß mehr hielten und die Sitten, den Glauben und das Wissen der Prädicanten verschrieen. Die Kalvinisten nannten sie Päpstler, Eindringlinge und Unwissende. Auf den Vorwurf des Papismus antworteten sie dadurch, daß sie auf ihre Weiber zeigten; auf den Vorwurf der Aufdringlichkeit dadurch, daß sie verlangten, man solle ihnen die Sendbriefe zeigen, durch welche der Schreiberssohn von Noyon seine Berufung beweisen könne; dem Vorwurf der Unfähigkeit begegneten sie dadurch, daß sie die Namen jener Prediger anführten, welche Bern nach dem Siege von Lutry in den Weinschenkcn aufgesucht hatte, um ihnen die Hände aufzulegen. Der Kampf wurde immer 1) Vergleiche Kapitel XVIIl. 2) Odteslamur vos, lrnlres, cavenlis ne lwjeis epislolae publicslio noliis sit frsucii. ksmilisrins enim in siinim veslrum quiclvis eleponiinu!; qusm ;>romiseue simus nnriaturi. Veslrne itr>c>us fiele! kniec secreto cummwga meiuinerilis. Man vergleiche de» Brief unter den urkundlichen Belegen. lebhafter; die Flüchtlinge beleidigten die Prävicanten in den Straßen, lachten laut über ihre Predigten, und weigerten sich, die Communion aus ihren Händen zu empfangen. Wenn die Syndici von ihrer Autorität Gebrauch machten, klagten die Calvinisten sie der Hinneigung zum Götzendienste an: die größte Unordnung herrschte in der Stadt. Wurde eine dogmatische Streitfrage erhoben, so konnte man keinen Theologen finden, der nur irgend eine genügende Entscheidung zu fällen im Stande war: so rief man sich dann die Namen Farcl's und Cal- vin's wieder in's Gedächtniß zurück. Die entmuthigten Prediger verlangten ihre Entlassung. Sie wurde ihnen verweigert. Damals nahm es Jakob Bernhard auf sich, an Calvin einen Brief zu schreiben, welcher eines cntkutteten Mönchs würdig ist. „Komm also, mein ehrwürdiger Vater in Christo.... Du bist der unsere, Gott der Herr hat dich uns gegeben; Alle seufzen nach dir; du wirst sehen, wie angenehm deine Ankunft Allen sein wird. Du wirst mich kennen lernen. Ich bin nicht der, als den mich lügnerische Berichte schilderten, sondern ein treuer, aufrichtiger Freund. Zögere nicht zu kommen und Genf zu sehen, ein neues Volk, erneuert durch Gottes Gnade, ein Werk des Viret. — Gott gebe, daß du nicht säumest zu kommen. Würdige unsere Kirche deiner Hilfe, sonst wird Gott der Herr aus deiner Hand unser Blut fordern; denn du sollst der Wächter des Hauses Israel bei uns sein." '0 Wir erwarten, Calvin werde einige Zeilen antworten; aber nein. Man muß ihm sein Stillschweigen verzeihen, oder vielleicht die Klugheit Derjenigen loben, welche die Briefe des Reformators gesammelt haben, und welche doch seine Antwort hätten lesen müssen. Wie konnte er da einen Eindringling loben? Das Feld der innern Streitigkeiten erweiterte sich von Tag zu Tag. Bern, welches das Wadtland an sich gerissen hatte, gelüstete es auch nach Genf; das wäre sein schönster Schmuck gewesen.. Die Güter des Kapitels von St. Victor waren von den Aemtern Terni und Gaillard eingeschlossen, um deren Eigenthum cs stritt. Anfänglich war seine Sprache herzlich gewesen, dann ist sie kühn und drohend gewor- t) Kieot. Iristoire de 6eneve, t. k, ji. 369. etc. 2) Veni erg», venersndc mi pstcr ii> tllmisto.... t.ognosces me insupcr non gnslem tisetemn; relations guorumdam, sec! pium, sincerum sc lidclem krstrem sc smicum tuum_Vsle, ecclesise nostrse u>gner>5 snccurrere, nüugui reginret de msnu tu» ssnguiuem nostrnm Itomi- innr ltens. d'uus dacodus iternardus , mimster evsngelicus. Oenevse, 6. 352 den. Der Republikanerstolz rührte sich: der Patriotismus eines ganzen Volkes läßt sich nicht ungestraft verwunden. Da der Rath befürchtete, er könnte die Oligarchie der Berner durch einen unzulässigen Beschluß erzürnen, gab er drei Bürgern den Auftrag, mit Bern über die Streitpuncte zu verhandeln. Die Wahl war glücklich. Johann Bullin, Amadeus von Chapeaurouge, und Johann Gabriel von Monathon waren gute Patrioten. Johann Bullin gehörte einer der ältesten Familien von Genf an; er war Botschafter bei den Bünden mit Besanyon Hugues, Johann Philipp und Amadäus Girard im Jahre 1530, und war im Jahre 1538 zum Syndicus gewählt worden. Amadeus von Chapeaurouge, oder wie er sich gewöhnlich Unterzeichnete, Ami Chapeau-Roge, war Mitglied des Jahres in den Jahren 1529, 30 und 31. — Johann Gabriel von Monathcn war auch von einem alten Stamme. Man glaubte zuversichtlich, daß sie die Stadt mit Muth vertheidigcn würden. Sei es aber, daß die Deputaten geheime Aufträge hatten, oder daß sie sich fest vorgefetzt hatten, einen feindlichen Ueberfall in ihr Land zu verhindern: sie Unterzeichneten einen Vertrag, in welchem sie die Ansprüche, welche Bern auf das Kapitel und die Enklaven von St. Victor machte, förmlich anerkannten. Aufgereizt Lurch die Kalvinisten, bewillkommte die Bevölkerung Genfs die Abgesandten bei ihrer Rückkehr mit Spott und Hohn. Man rief: Laßt die Unterhändler durch! Die fanatisirte Menge vergaß plötzlich ein in Mühen vorwurfsfrei zugebrachtes Leben, das durch dem Lande geweihte Dienste ausgezeichnet war; sie vergaß einen Arel, der sich nie untreu geworden war, weder auf dem Schlachtfelde, noch in der Lenkung des Staates, oder im Familienleben. Es war nicht nur ein roher Spaß, welchen diese Partei an der Person ihrer Abgeordneten verübte, sondern auch eine Verrätherei. Der kleine Rath wurde in Schrecken versetzt und weigerte sich, die Uebereinkunft anzuerkenncn; und als die unzufriedenen Aeußerungen der Anhänger des Verbannten immer lauter wurden, entschlossen sie sich, die Patrioten zu opfern. Das war eine niederträchtige Handlungsweise. Die Unterhandelnden hatten zahlreiche Freunde, aber auch erbitterte Feinde. Was ihnen zum Schaden gereichte, war der Schutz Berns. Der kleine Rath hatte die Absicht gehabt, sie einkerkern zu lassen (27. Jänner); bei einer General-Versammlung (1. Februar) bewiesen sie ihre Unschulv und beschämten ihre Gegner. Es war ein schöner Sieg, an dem sie sich aber vcrrechneten. Da sie kein Unterpfand ihrer Sicherheit für die Zukunst hatten, brachten sie cs, auf das Ansuchen Berns gestützt, dahin, daß an die Spitze der Miliz ein sehr entschlossener Mann gestellt wurde: Johann Philipp, ein Feind Calvin's. Der Streit wurde immer bitterer. Die Kalvinisten wollten in den Abgeordneten nichts Anderes mehr sehen, als die von den Fremden erkauften Ver- räther, welche an der Unterdrückung Genfs arbeiteten. Der kleine Rath lief; sich von dem Beschlüsse der General-Versammlung nicht abschreckcn und führte im Stillen den Prozeß gegen die Deputaten fort. Die Unterhandelnden geriethen in Furcht und begingen den Fehler, daß sie die Stadt verließen. Sie wurden vcr- urtheilt und die Bevölkerung stimmte stillschweigend in ihr Todesurthcil ein. An einem Sonntage begegneten sich beide Parteien auf Vogcl- jchußweite. Philipp juchte einen Vorwand, um der Unverschämtheit seiner Gegner Einhalt zu thun. Der Streit begann mit Beschimpfungen: es fehlte noch Blut. Der erzürnte Capitän zieht seinen Degen und stoßt einen Unglücklichen, Namens Daberes, welcher keiner Partei angehörte, in's Herz. Man schrie: auf den Molard. Der Platz ist bald voll von Kämpfern: das Blut Daberes forderte Rache: man suchte den Mörder auf, der sich in den Stall des Perserthnrmeö geflüchtet hatte, wo er balv entdeckt, und unter dem tobenden Geschrei einer erzürnten Menge gefangen genommen wurde. Nur ein Kopf konnte sic befriedigen, jener des Johann Philipp, der noch vor Kurzem ihr Ideal war. Die Syndici sprachen das Todesurtheil des Hauptmanns aus. „Wir Syndici, Richter des peinlichen Gerichtes dieser Stadt, haben sowohl die Anschuldigungen erwogen, die sich nach dem Bekenntnisse des Herrn Lieutenants gegen dich Johann Philipp erhoben haben, als auch deine Antworten, welche du freiwillig vor uns ausgesprochen und mehrmal wiederholt hast, aus welchen uns erhellt und klar wird, daß du am vergangenen Sonntage eine große Anzahl Personen zum Auflauf bewegt und eine große Unruhe erregt hast, in welcher mehrere Todtschläge begangen und viele Personen verwundet worden sind: cs ist dicß ein Verbrechen, welches eine schwere körperliche Strafe zu- zieht. — Wir haben uns deßhalb mit unfern Genossen und Mitbürgern berathen, wie es seit Alters Gewohnheit ist, auf den Sitzen unserer Vorfahren, die heilige Schrift vor Augen, im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen. — Durch unser entscheidendes Urtheil, das wir dir, Johann Philipp, hier geschrieben übergeben, gebieten wir, daß man dich auf die Richtstätte des Ckam- kiirv, t. I., p. 256. Audin: Leten Calvin's l. Vd 23 pels führe, deinen Kopf vom Rumpfe trenne, und wenn die Seele von deinem Leibe geschieden ist, diesen Leib auf den Galgen hefte. So sollen deine Tage enden, damit den Verräthern ein Beispiel gegeben werde, welche sich solcher Vergehen wollten zu Schulden kommen lassen. — Euch, Herr Lieutenant, gebieten und befehlen wir, diejes unser Urtheil zu vollziehen." Das Haupt Johann Philipp's fiel, das Volk war ruhig. Die Todesstrafe des Generalcapitäns, und der Tod Claude Richardet's, der umkam, als er dem Gerichte des Landes entfliehen wollte: das Ende dieser zwei heftigen Feinde Calvin's, wurde von vielen Fanatikern als eine Strafe des Himmels angesehen. Beza und der Geschichtschreiber Roset machten aus dem Scharfrichter und dem Zufalle zwei unmittelbare Werkzeuge des göttlichen Zorns. Der kleine Rath mußte diesen Augenblick der Betäubung benützen, um den Verbannten zurückzurufen. Die kirchliche Gewalt war in Händen, die nicht fähig waren, eine solche Bürde zu tragen. Die reformirten Kirchen der Schweiz konnten einige mehr oder wenigerberühmte Männer aufweisen: Lausanne, Viret; Zürch, Leo Judä; Neufchatel, Farel. Was sollte man aber von Genf halten, dessen geistliche Verwaltung einem de la Mar anvertraut war, welcher auf der Kanzel sagte: „Christus sei so hurtig zum Tode gegangen, wie nur je ein Mann zur Hochzeit gehen könne?" Seit Cal. vin's Erscheinen auf den Reichsversammlungen zu Worms und Regensburg hatte sein Name größere Berühmtheit erlangt. Obwohl der französische Doctor an den Reichstagsverhandlungen keinen Antheil genommen hatte, wußte man doch, daß er an Wissenschaft den Vergleich mit Melanchthon, dem Adler des Schauplatzes zu jener Zeit, nicht zu scheuen gehabt habe; ja man sagte, Philippus habe ihm den Beinamen des Theologen gegeben. Die öffentliche Gewalt, welche im Priester vergebens eine Hilfe und Stütze suchte, war der Achtung beraubt. Die Näthe mußten einen Namen suchen, der sie in den Angen der Menge hob: wenn sie aber einen fanden, so gehörte er der Partei der Patrioten oder den Libertinern an, welche den Verbannten allzu genau kannten, als daß sie in die Zurückberufung einwilligen mochten. Im großen wie im kleinen Rache war weder Einheit noch Zusammenhalten. Sie boten ein buntes Gemisch von Glaubensbekenntnissen und Meinungen dar: der Katholicismus, das Lutherthum, der Zwinglianismus und das Wiedertäuferthum hatte hier seine Stellvertreter; Calvin I) I'ii'at. Itlstoii'e «Ie Oenöve, t. l 355 und Johann Philipp rechneten auf Anhänger. Man suchte eine Probe zu machen, indem man sich den Predigern Farel und Virct annähcrte: aber weder der eine, noch der andere wollte einer Kirche vorstehen, in welcher Calvin doch immer abgcgangen wäre. Es blieb nur eine Wahl. Calvin mutzte zurückberufen werden. „Daher wurde zur Förderung und Verbreitung des Wortes Gottes beschlossen, nach Straßburg zu senden, und den hochweisen Meister Johannes Calvinus zu bitten, daß er der Verkünder des Evangeliums in der Stadt Genf werden möchte." Dieß war eine Maßregel, welche der Verfall aller Gewalt nothwendig gemacht hatte. Calvin verlangte eine gerichtliche Urkunde, wirklich oder zum Scheine. Es mußte genügen. Der Rath berief den Mann, „den die Vorsehung nach Genf gesendet hatte, daß er dort das Reich Gottes ausbreite." Der Senat und der Rath schrieben an ihn: „Lieber Bruder und sonderlicher Freund! Wir empfehlen uns dir angelegentlichst, weil wir überzeugt sind, daß du keinen andern Wunsch hast, als daß der Ruhm und die Ehre Gottes und seines heiligen Wortes erhöht und verbreitet werde, und thun dieß nach dem Willen unseres großen und kleinen Raths (die uns dazu die ausdrückliche Weisung ertheilt haben). Wir bitten dich dringendst, du wollest uns in dein früheres Amt zurückführen, denn wir hoffen, daß dadurch dem heiligen Evangelium viel Gutes und eine weitere Verbreitung erwachse. Du bist der Prophet, den unser Volk erwartet. Man wird dir so begegnen, daß du zufrieden sein kannst. Genf, 22. October 1540. Deine guten Freunde. Der Senat und Rath von Gens. ^) Die Obrigkeit ließ hier die Stimme des Volkes reden, die sich nicht ein einziges Mal zu Gunsten des Verbannten ausgesprochen hatte. Wenn das Volk ihn hätte zurückberufen wollen, würde das Schaffst Philipp's als Rednerbühne gedient haben. Der Geschichtschreiber, welcher alle Archive der Stadt durchwühlte, konnte nicht ein einziges Zeug- niß zu Gunsten des Professors von Straßburg finden. ^) Calvin bereitete sich gerade auf eine Reise nach Worms vor, als er das Schreiben des Rathes von Gens erhielt. Bucer und einige Flüchtlinge wollten die Antwort für ihn ertheilen: „Wir wünschen tl Vrngm. diüg. oxtrnils des regislres du 20. nov. 1840. 2) Paul Henry. Bd. I. Beilage 16. S. 77. 3) XMicex usnäulo^iques. t. 3. nrt. perriu, s». 403. 23 * euch Gluck," sprachen sie zu deu Genfern, „daß euch ein so guter Gedanke kam, an diesen euern würdigen Seelsorger zu denken und euch von ihm Nath zu erbitten; denn wahrlich, Christus selbst wird verachtet und beschimpft, wenn solche Prediger verstoßen und unwürdig behandelt werden. Jetzt stehen also euere Angelegenheiten gut, da ihr Christum in diesem seinem ausgezeichneten Organ wieder anerkennt. Immer nur mit einem Gedanken hat sich sein Geist beschäftigt, mit der Sorge für euer Heil, wenn es ihm auch die größten Anstrengungen, ja selbst sein Blut gekostet hätte. Morgen oder in zwei Tagen wird er mit uns nach Worms ziehen, zur Unterhandlung über die Reli- givnssachen, welche der Kaiser und der König Ferdinand mit den deutschen Fürsten angeordnet haben, um ein Mittel zu finden, die Eintracht herzustellen; und die Sachen stehen so, daß wenn durch diese Verhandlungen nicht ein Weg zum Frieden gegeben wird, wir in Deutschland eine große Umwälzung der Dinge erwarten müssen. Wenn aber die Religion in Deutschland erschüttert wird, so ist zu fürchten, daß sie auch anderwärts gestürzt werden könnte. Es scheint also nicht rath- sam, daß Calvin dem Rufe widerstrebe, mit dem Gott ihn zu diesem Colloquium sendet; dies hoffen wir werdet Ihr selbst einschen." Jakobns Bedrottus, Professor der griechischen Sprache in Straßburg legte dieser Sendung einen rein menschlichen Beweggrund bei, der auch mehr Wahrscheinlichkeit für sich hat, als das Einschreiten Gottes; er gibt nämlich an: „weil der Verbannte die französische Sprache verstehe und spreche." Calvin glaubte, sein Wort werde jetzt mächtiger sein, als cs bisher gewesen war. Er täuschte sich, wie wir gesehen haben; und vielleicht war es die Aussicht auf einen bloß weltlichen Ruhm, weßhalb er die plötzliche Rückkehr nach Genf abschlug; vielleicht dachte er auch, daß ihm für die Beleidigung, welche man seiner Würde angethan habe, durch die Rückberufungsschreiben nicht hinreichend genuggethan werde: er verlangte eine entschiedenere Entschädigung. Seine Antwort an die „mächtigen Herrn und Gebieter, den Senat und Nath von Genf" ist befangen, zweideutig und trocken. Bei aller Demuth, welche aus sei- 1) Vee» enim „» Llliistum i» lloe jnieel-no ejus »eg:mo iiiesus ->g- luiscitis. )Iiiss. tten. 2) 8i neseis, te^.itos misernut .i,I sen.itum nnslnim, >,im >i>unckenii,l „„sti'i, se »u»c vülcke opns ll.illei'e lwlvino rill enllogiiiiiin, >u>et,m i>,i>iitei linxu.ie ssst- lic.ie eoAnitioiiem. ckeiPeut., 24. nov. Ztimn.. ,4nti>>. „er Phraseologie hervorleuchtet, zeigt er seiueu Feinden sehr wohlgefällig, daß er der Mann ist, welchen die Vorsehung auf den Reichstag schickt, damit er dort die Interessen des göttlichen Wortes verteidige. „Ich bitte euch also" sagt er zu ihnen, „wie ich euch schon früher geschrieben habe, daß ihr immer bedenken wollet, ich sei hier, um mit den geringen Fähigkeiten, die mir Gott gegeben hat, allen christlichen Kirchen zu dienen, unter deren Zahl auch die euere inbegriffen ist; aber dennoch kann ich einer solchen Berufung nicht abstchen, sondern ich bin gcnöthigt, den Ausgang, den uns der Herr geben will, abzuwarten. Obgleich ich nämlich nichts bin, muß es mir doch genügen, daß ich durch den Willen des Herrn an diese Stelle gesetzt bin, und muß mich zu Allem verwenden lassen, wozu er mich gebrauchen will; und obwohl wir nicht sehen, was für die Zukunft angeordnet ist, müssen wir doch allen Fleiß anwenden und auf der Hut sein, um so mehr, als unsere Feinde uns nur unversehens zu überrumpeln suchen; da sie voll Arglist sind, wissen wir nicht, was sic Böses sinnen. Calvin fürchtete die feindliche Stimmung des Volkes. Viret, welcher seit einigen Monaten in Genf war, suchte ihm vergebens Muth zu machen. Calvin gab ihm zur Antwort: „Ich habe die Stelle deines Briefes nicht ohne Lachen lesen können, wo du für mein Wohlergehen so besorgt bist. Darum soll ich nach Genf gehen, um es besser zu haben? Warum nicht lieber gekreuzigt werden? Besser auf einmal untergehen, als in jener Marterkammer wieder zu Tode gepeinigt werden."^) Viret zeigte den Brief dem Senate vor. Da sah man, wie sich die öffentliche Gewalt bis zu Bitten erniedrigte, sich vor dem Verbannten dcmüthigte, und die Stadt beschimpfte, indem man sie seit der Verbannung des Predigers als eine Beute der Zänkereien, der Schwelgerei, des Aufruhrs, der Uneinigkeit und des Mordes darstellte; die Verbannten aber als Diener Christi und als Opfer des Hochmu- thes einer undankbaren Bevölkerung anpries, welche mit einem Male 1) Hlss. (Io Oeneve. 2) (lue non >mtius all eeueem? 8alius euim iuerll teinol geriro, gnam in illa eainilieina lleium toili»eri. Hiss. Den. 3) I»ll>uo sn-olligati, ma^»a<>ue in^ratllullina regerti fueennt. „raeteeitis >lla»o ac olllllis ^ratiis et Iionotieiis lluull sano vul^aeitms, gnao ^ Domino tioimm ininisteillo olitinuimus. .Nll ea onim tioia (>ua ejeetl tnerunt, nitii! piavtee inolostias, inlluicitias, lites, contentiunes, ll>s- solutionvs, sellllionos, laetiouos, et, tiomieillia llaliuiiuus. dilacissiinis >>rincii>il>u8, I), eonsuli et sonatui urllls Dasiliensis. vol .vr^enti- nensis, aut Hgurjnensis, aniieis nostris integerrinus. -Vlaio IH40. ihren Ruhm und ihre Dienste vergessen habe. Calvin und Farel, welche auf offener Kanzel die bürgerliche Obrigkeit beschimpft, dem Befehle der Volksvertreter dreimal den Gehorsam verweigert hatten, sind jetzt heilige Diener des Evangeliums, deren Rückkehr allein noch die Ordnung im Vaterlande hcrzustellen vermag. So stellte sich der souveräne Rath bittend vor die Consistorien in Bern, Basel, Zürch und Straßburg. Der Bannbefehl wurde zurückgenommcn, Ami Perrin, ein vormaliger Syndicus, wurde als Abgeordneter an den Senat von Straßburg gesandt, um die Rückberufung Calvins nachzusuchen. Ami Perrin hätte diese Sendung abweisen sollen, weil er sich bis dahin als einen Feind der Verbannten und das Haupt der Partei der Libertiner gezeigt hatte. Er war ein edler Patriot, welcher vor Bern Furcht hatte, und dem es um die Unterjochung seines Landes bange war. Er sah in der Rückkehr Calvins nur ein Mittel, den Drohungen eines anmassenden Cantons zu entrinnen. Der Geschichtschreiber muß ihm diese Ergebenheit für sein Vaterland in Anschlag bringen. Ami Perrin vergaß sogar die Beleidigung, welche die calvinische Partei neulich seiner Frau angethan hatte, da sie Vergnügungen zu sehr liebte, die ihr die puritanische Strenge zum Verbrechen angerechnet hatte. ') Calvin widerstand noch. Beza erzählt uns, Bucer habe, um den Freund zu besiegen, zu einem Mittel die Zuflucht genommen, welches immer wohl angewandt war. Um den Reformator zu schrecken, rief er den Namen Gottes und das Beispiel des Propheten Jonas an: dieß Mittel war nicht neu; er hatte es schon viermal angewendet, und zwar immer mit demselben Erfolge. Der Senat wollte der Rückkehr des Predigers das Ansehen eines Triumphzuges geben. Man sandte einen Wappenherold an ihn, der . ihn auf der Reise begleiten sollte. Dieser Herold führte ein gesat- 1) Sie hatte an einem Sonntage getanzt, „ilommos et lemmss et blies gut ont clsnse sont mis on prison 1. nov. 1340. I>. .VI. V. q»i ont cksnse ckimsncke ckernier »vee In tennne cl'.Vinv I'erin, In temnio duktil tilnrepiiot, et I bütesse flu Vlortier seront punis suivnnt los ordon- nnnees. 1.6 S. 4. tiuljuet iniprisonne pour ee epio Io iour ^u on tirn le pgpegs^ il dit n cortnins epi'ils pouvuient bien danser. 4'nit los cries ncooutumeos des dsnses, ebnnsons et aulres sous los poines precodentes. 18. duin 1341. 2) tlensuit tnnclem Lueerns illorum precibus esse nd teinpus eunoeden- dum, guofl tnmeu a Lnlvino, non »ist interposils grnvi ckivini judi- cil denuntistiono et proposito dünne exernplo, luit impetrstum. 3) 22. duillet 1341. §. 30. a nostre bernult cto ckevnl pour liuerir l>1. Lsl- vin pred. ezui est »present n Strasbourg. ^Vussi resolu d'envoxer teltes Pferd mit sich und hatte den Auftrag, einen Wagen für die Frau des Professors und ein Fahrzeug für ihr Gepäcke zu miethen. Das Haus, in welches Calvin einziehen sollte, war vollständig eingerichtet; cs stand auf der Hohe der Domherrnstrasse, von wo man die Jura- kette, die beiden Saleven, den Montblanc und seine Schneeflächen, den Spiegel des Sees und die Hügel von Savojen überblickt, welche sich sanft bis zu den Wällen niederlassen. Der Rath hatte sich der Liebe erinnert, welche Luther für die Blumen, für den Gesang der Vogel und für grüne Felder empfand, und deszhalb Sorge getragen, daß vor der Wohnung Calvins ein kleines Gärtchen voll Grün, Blumen und Vögeln, angepflanzt wurde. Das Häuschen des Pastors war einfach, aber geschmackvoll, und nur einige Schritte von der Kirche des heiligen Petrus entfernt, wo man den großen Singchor hinweggeschafft und die Kanzel tiefer gestellt hatte, damit die Rede des Predigers leichter zu den Ohren der Gläubigen gelangen könnte. Auf jeder Seite der Kirche hatte man für den Gottesdienst Stühle aufgestellt. Dem Prediger wurden jährlich 500 Gulden angewiesen, zwölf Säcke Getreide, zwei Tonnen Wein. Das hieß sich großmüthig zeigen, wenn man diesen Sold mit dem vergleicht, den ein Spndicus hatte, welcher nur 25 Gulden ohne weitere Vergütung erhielt, oder mit dem Einkommen der ehemaligen Bischöfe Genfs. Anton de Champion, dieses Muster aller Tugenden, welcher im Jahre 1493 die Nothwendigkeit einer Reform unter dem Clerus seiner Diöcese cinsah, entbehrte im Winter oft das Feuer, an dem er sich wärmen konnte; denn er gab Alles den Armen. Luther, welcher Kinder hatte, empfing kaum die Hälfte des Soldes, welchen Calvin erhielt, und dann bezahlte ihm der Churfürst auch nicht immer die Pension, so daß der Doctor genöthigt war, die silbernen Becher zu verkaufen, die ihm die sächsischen Fürsten zum Geschenke gemacht hatten. Nach dreijähriger Verbannung sah endlich Calvin Genf wieder. Das Volk ging ihm nicht entgegen, ließ keinen Freudenruf hören, bezeigte ekcreker sa lemme. I.o 16. soptemkre, en outre, resulu lle lui eu- vover guerir son menuge, et lui soit orllonnü komme et urgent uvee tont ce (p>i est e» tel cus necesssire. 17. septemkre puzv 12 11. u )I. .!(>. Uesurts pour le menugv livre ü N. 3 Lulvin preilicunt. 1) 12 aout 1541. — .Vtin lpie le temple lle 8uint-I'ierro soit plus eom- mocle pour lu preitieution, il u etv orclonue gue le grunll jukile uu ekoeur soit mis I>us et soit luit uue Kelle ekuire propice, et les lor- mes stisnes) soveut mises uu lieu le plus eommolle. 2) l'ieot, llistoire >. II. septemö. 1341. 2) Baldäus, Geschichte von Indien. 361 Arkuil-liche Delcge. I. Pseudonymie Calvin s. „Sein eigentlicher Name ist Canlvin. In dem Briefe, den die Genfer Syndici Calvin schreiben, um ihn znrückznruscn, im Jahre 1540, nennen sic ihn noch Porteur Caulvin, Ninistre. Sein Vorname ist Johannes, den er auch gewöhnlich seinem Namen hinzufügt. Ein Brief an Peter Virct, Prediger zu Lausanne, April 1540 ist einfach Calvin, ohne den Vornamen Johannes, unterzeichnet; weßhalb Samuel Tnrrctin in einer Note zu diesem Briefe meint, er sei von Straßbnrg ans geschrieben, da Calvin nur in dieser Stadt ganz kurz, in Genf dagegen immer Johannes Calvinus unterzeichnet habe. Was den Titel maitre anbetrifft, den er sich so häufig beigclcgt, so ist darüber nichts Gewisses vorhanden. Senebicr gesteht, nichts darüber sagen zu können. Einige glauben, daß er den Titel angenommen, als er Doctor der Rechte wurde. Andre nach der Schwcizcrfitte, die den Predigern diesen Titel geben. Doch haben Viele diesen Titel auch nicht angenommen. Calvin nennt seine beiden Freunde häufig maitres — wie wir es zum Beispiel in den Briefen an Pallais, p. 145 sehen. Er grüßt Bourgogne von Farcl und Vi- ret und sagt: „)Iaitre Cuillaume parel et maitre Pierre Viret ent etö iei sept sours, il'n' eut plus fall» yue Vous pour staire pleine bete. I'cntens aux recom- mandations c>uv maitre Cuillaume (parel), maitre Pierre (Viret), ma stemme, tous les amis v sent oomprins plus d'uue douxaine." Garaffe (doetriue eurieuse, C. 8. z,. 1023) sagt viel Abgeschmacktes über die verschiedenen Name», die Calvin angenommen haben soll (Vlcuin, Clrauvin, Cliervin, Carviu, Istappevitle): l.e plus insizus astt'ronteur des tous les kie- resiarques en mattere de de^uisemens a ete Calvin, leeiuel sur le com- meneement de ss revolte. agitv dun esprit remuant, et avant peur de son propre omlrre, clran^ea plus souvent de nom lsue de elramkre: Elevin — anaßramms de son nom — doli. Calidoenius — doli, de Calido vino — Clrauvin — Csrvinus — Clrervin (ä la stin des enizmes d' Orus Apollo imprimees » Paris, per doli. Llereerum. II a pris le nom de Clrarles de Happeville susqest en 1550, aubure statsl que Calvin devoit un sour prendre et dapper nos villes par surprise — apres senlemcnt il a pris le nom de d. Calvin, Lazio ar. Calvin rem. X bemerkt, daß dieser Artikel des Garassc bestimmt ganz falsch sei, er könne es nur nicht beweisen, da ihm nicht große Bibliotheken zu Gebote stehen. Darum unternimmt es Liebe in der Gothaer Bibliothek Mit Recht wird bemerkt, daß Luther auch seinen Namen veränderte, als er auf seinem Pathmos war und sich Junker Georg nannte. Calvin hat seinen Namen verändert, theils in seinen Werken, theils in seinem persönlichen Umgänge. 1) CIrristiani Kigismundi Ciolrii, Oiatrilm de psendonvmia d. Calvin:, in c>ua iis cpiao Petrus Laelius, dlailiotns, alürpie de Iroe argumento, tradiderunt sul> examen voeatis, idem itlud ulrerius illustratur, et epistolae, aneedotae, 27 d. Calvini aliorumque ad eum dstae, nune primum in lueem eduntur. Vmstel. >723, 8. „Das Leben Johann Calvins des großen Reformators" von Paul Henry. Bd. I., Beilage 3. S. 29. Der obenstehende Aussatz ist von Henry entlehnt. 2) Audi« bemerkt: „Es ist bekannt, daß die Gelehrten des 1». Jahrhunderts ihre unangenehm lautenden Namen in wohltönenderc verwandelten: Luder nannte sich: Luther; Schwarzerde: Melanchthon; Köpslin: Capito." Seine Familie hieß smuvin (elinuvo kahl) Oiauve, C.alvus, Enuvin, Oil- vinus. Er konnte also in lateinischer Sprache sich nicht anders als Calvin nennen, selbst wenn man annehmcn wollte, daß der Familien - Name Chauvin gewesen wäre. Lucius Calvinus hat er sich nie genannt, wie Pap. Massen cs behauptet, daß er es zu den Commentaren über den Scncca gcihan. . Gewiß ist cs, daß er die Institutionen unter dem Namen Alcuin, Praceptor Earls des Großen, hcrausgcgcbcn. Straßbg. 1530 bei Wcndclinus. Man hat dafür viele Zeugnisse, 1) unter andern 8cIruIlinz;iuN der zu Köln emc Liderlegung der calvinischcn Theologie hcrausgcgcbcn. Auch soll er deistelben Namen zu einem Werke über die Trinität gebraucht haben, welches durch die Jngiugt>on verboten wurde — ein Buch, welches jedoch sich nicht vorsindct. Er hat nur Delensio ortn. l'xlei 8. 'IHnil. uil proil. errores I! diervet, geickricben. Für den Namen Ealidönius läßt sich gar keine Autorität ansnhrcn: Garaffe ist hier in einen Zrrthum verfallen. Nickt Calvin schreibend an den Boimrd — sondern Boyard nennt Calvin Ealidönius, welches Liebe aus der Pariser Bibliothek berichtigt hat. Senebicr fällt auch hier in einen Jrrthnm und spricht von dem Name» Caldärius, ohne Zeugnisse dafür anzuführe». 2) Die Benennung Carvinns ist auch von Garasse supponirt — denn es ist keine Spur davon, daß Calvin je die ihm von Garaffc zngesckricbencn Verse über Orus geschrieben habe, die wahrscheinlich von einem Ich. Carvinus sind. So behauptet auch S-lmltingins, er habe sick den Namen Marcus Antonius beigelegt; doch ohne irgend eine Autorität anznführen. Calvin soll durch ein Änagramma auch den Namen Lucianus angenommen haben, welches Marens bestreitet und auch gar nicht wahrscheinlich ist, aber da er in einer Stelle der Schrift gegen Balduin nickt längnet, daß er sich Luc an inS genannt, wenn er seinen Freunden schrieb, woraus Baldnin Lucianns gemacht, so gehört dieser letztere Name zu seiner Pscudonymie. Andere Namen, außer Alcuin und Lncanius, die er unbestreitbar angenommen hat, um seinen Feinden zu entkommen, oder seinen Freunden nicht gefährlich zu werden, sind: Dcperaan oder Dcparoan, unter andern als er von Paris nach dem Süden floh. Charles de Heppcville, oder Happcville, welchen Namen ec auf seiner Reise nach Italien zur Herzogin von Ferrara annahm. Dieser Name ist aber corrumpirt aus D e sp evillen S, welchen Calvin sich beigelegt. Liebe hat achtzehn noch nngedrnckte Briefe hcranSgegebcn, worin seine Freunde ihn so nennen: n Alr. cl'Pspevillo, Pispeville, v. V'e8,,eville. So auch nannte er sich Carolus Passe lins. Liebe beweist cs durch zwei Briefe von ihm, und sechs, die ihm geschrieben sind. >. Ferner hat er sich Ich. CalphnrniuS genannt durch einen an ihn gerichteten Brief bewiesen. Zur Vervollständigung von Licbe'S Untersuchungen muß bemerkt werde», 3) daß er zwar achtzehn Briefe hcransgcgebcn, in denen Calvin von andern Dcspevillc genannt wird, keinen einzigen aber sindcn konnte, wo er sich selbst diesen Namen gibt nnd cs.andern zu nntcrsnchen gelassen, ob Calvin sich jemals so genannt. Mosheim hat zuerst einen Brief von Calvin gefunden, wo er sich also nnterschrcibt. Es ist ein Schreiben an Johann Frcllo», worin er ihm sagt, warum er Servet so lange nickt geantwortet und weßwcgcn er ihm nicht antworten wolle. Es schließt: „Volvo ttcwvilc-ui- c-t enlier nmv. Oiarles 1>08,mviIIo. Ick habe den Pseudo - Namen Charles Dcs- peville, d'Espeville, unzählig oft als Unterschrift in den Briefen, die er geschrieben, und die zu Genf liegen, gesunden, u»v cs scheint anch, daß man nie erfuhr, daß 1) In einer Edition steht in der Vorrede: I'otemlissimo iI>uslrissimoc,uo )lonarcIise, mnzzno Prancoiiim >e;ri. Uiinei,,! ne Domino sno Zlcui- nus. I» einer andern: luslilutio Om. ic-iizziouis nune veiv clemum suo titulo responekens, nuclore .Llcuino, cum imlico locunletissimo vt reliejun. — Bayle, der dieses bezweifelt, ist im Jrrthnm. 2) IIi5t. Dil. t. I. 245. 3) Mosheim, neue Nachrichten von Scrvcto, p. 37. 363 er es war, sonst hätte er nicht bis in seinen letzten Jahren den Märtyrern und seiner Gönner!» der Herzogin von Ferrara, wie der Königin von Navarra, unter diesem Namen geschrieben. Der Name Earol. Passeltus kommt auch vor, z, B. !m I. tg61, an Beza. In einem französischen muss. Briefe in Gens vom Juni 1553 hat Calvin I. de Bonncville signirt, welche Unterschrift bis jetzt auch Liebe unbekannt geblieben war. Im Ganzen hat er also sieben verschiedene Namen angenommen. Diesen Angaben über die Pscndonvmic Calvins, welche wir von Paul Henry entlehnt haben, fügen wir noch einige Docnmentc hinzu, welche dem Werke Licbc's entnommen sind. , Der Verfasser beginnt damit, daß er die Erklärung zu widerlegen sucht, welche Garaffe als die Gründe der häufige» Acndcrungen angibt. Was den Namen Canvinns betrifft, so zeigt er uns, daß Calvin deßhalb das u in I verwandelte, weil er den Namen latinisircn wollte. slXomem onim Lauvini. czuocl nslivum est Lulviun, non potost reeleli rnmano sermono, nisi liller.i u in litter.im I immutatn.) Um seine Behauptung zu unterstützen, führt der Verfasser die Stelle von Papirins Massen an, welcher sagt: „Lalvinus privat»» in palria ue nomi- nis sui oxoitaro coopit, eelitis, a>us alisoeko Cannini jlest. Oauvini) svito psternoezuo ooZnomino, Oueü Calvini oivis romsni cog- nomen sumpsit." Was den Namen Alcuinus betrifft, so ging er ebenso aus dem Namen Cal- vinus hervor, durch eine Versetzung der Buchstaben, wie sie in jener Zeit sehr häufig vorkam: „ssvitiori jure," sagt er, „knie spoctst nominis niutatio, <>ua Lalvinus, transpositis litteris, HIcuini nomen silii »rrostnsso traclilnr. Oicebit enim, sporo, ezuoel svmel monnisso suktieint, et sneiAiammatismos voeepseu- ctonxmias complocti, nt pole czuoel et ad sliis.ante ine kaetum, neepie acleo exemplo carel, et rationidus justis clekeneli potost." In Betreff des Namens CalidoniuS, welchen sich Calvin auch beilegte, bemerkt unser Autor, cs sei dieß „vox dvdriUa," ein aus dem Griechischen und Lateinischen gebildetes Wort: „Liilielonii nomen dvliricla vox ost, cn straeco et lalino sermone eomposil», ezuae nonien Lalvini vel (ldsuvini eeiuictem utrumezue reclclit." Von den Namen Deperoay und Dcspcville behauptet unser Autor ebenfalls, Calvin habe sie in zwei verschiedenen Epochen angenommen. In Betreff des erster» beruft er sich ans das Zcngniß Spondc's nnd Masson's. „Oe prioro nidil aliucl elicere kadeo, nisi testiinonia 8p»nelgni et Hlassonis satis stravia vicleri, ut Lalviuum iel nominis stesisse ereeti possit. i>nn minus ccrtum est, Lalvi- »um Caroli eie Hapeville vel Hoppdvillo, aut certe non multum absinnlv nomen aliczuanclo sidi iniluisse." Als Anhaltspunct zur Feststellung der Epochen, in welchen Calvin diese Namen angenommen habe, gibt uns der Autor mehrere früher nicht bekannte Bricze: den einen von Stcphanius Pasfius, Venedig 18. Juli 1517; er ist addrcsstrt: »lUonsr. Oespeville, elemeurant aupres rtio. II ontre^rit i>reini- eronient svec msistre .kesn Ikskloelie, elisnoino de Ru^on, I'exocution et» t68tsment de kan ins>8tre IXicoks8 OI>r)', clispz»ellsin ckuckit kieu, et Is ßörn 88ul. 1'onr^uo)- e8tsnt pour.8nivi^sr keckit Ikskloelie, ^orri- Is reck- dition ein coiii^itv, il lit co8te ckotte 8ie»ne et Zoomit dein netto)erde 8on cliol. II en^s88s conckomnstion. lioco^it coclvmnstionem oxnunc^rout extuncsckit In eonckn8ioii), cs8n c^rco non rockckickerit evmpotum et roki- ^us int'rs Ie8tuin 8. liemiFÜ ^roximi. (Ooncl. es^. ckn 27 juin 1528.) II en fit sutsnt «ko I'execution tostsinontsiro cke ben insiutro Iklicliel Ikonrtin san88> uvuveu ck'nne clis^elke cke ka ino8ine eAli8e), ^our k'sd- inini8trstion cke Is^neklo ik n'eütoit nomine ^uo ko troi8!eino UN tv8ts- inont ckn ckebunct, et nvsntmoins ik ckv8cl>sr!zes 808 ckoux eo-oxöcutour8 s 8S csution, s6n cke ^rokitcr 8euk du Asin c^u'il 8'en ^roinettoit. bin voici la concku8ivn. — Inter ouinckein ^romotoroin sctorem contrs ms- A,8tro8 III. le lilatier cuntoroin, R. Ikouclie et ^rsodictum 6. lksuvin, exeeutores t88ta,nenti ckefiiucti ckomini IVIicIlsöIi8 (kourtin, csppvklsni reo8 , ^rsekstu8 Osuuin oxonvrsvit 8 N 08 oxeeutore8 cke 1)oni8 ckicti cko- functi, sc rvce^it conckeinnativnoin ex nunc ^rout ex tune ca8u non reddiderit coin^otuin clietse execn>ioni8 inkrs fe8tum 8sncti Ikvmigii ^»roximi. V oils Is z>rome83e reeuez c'o8t S 880 L: ^ui s terine ne ckoit rien. Ice terine srrive e3t z>s88e vo)on8 en «quelle nivnno)e kl ^>s)6 : en cekle cle8 clikcsnenr8 , 1 -sr UN S^i^i6k loriiie z s^ue Is concku8ion cs^iitulsire en Isee s»)'. Os,>ilnIo 1'scto die veneri8 , I 3 no veinkiri8 , 1528, ckomino vecano jirs68k<1ente, etc., ins^i8ker I. Ikensrck retcikit 86 zirokocutum 1ui886 cuiii Ix. I-snnin 8uj)er ^ccscksin oxecutiorie eonckeiiinstionis contrs iji 3 um Isets, s ^us nt ckicek>st, erst s^>^>eIIsu8 cklislici8 cle esu8i8, c^us8 Iric 8uk>tsceo esu8s Iireuitsti8. t^uo suclito ckoiitino orckinsrnnt ckicto Osuuin Ikeri re8;,on8uin ^>er dictum liensrci in inockuiu ^ui 80 ^uilur, videkicet c^nock inonitio ckictae c»ndoinnstioni8 8u8>>enditur u8o 88 it reckckoro com^oto8 exvculioni8 I,o»nru,n R. OI,r^ et ^1. (kour- tin, csi»^elksnoruinz et sck 8uk>lexsndsin ckicti tksrcuin im^otentisin, cke- ^icctsuer rent domini IX. I re8inon sck Iseienckrcin minutnin et ^ro88sncko8 ck>eto8com^olo8.X oiks le terine recnIe,etOersrck traite cke courtoime; ^u'on n'en iisrle i>Ins i in vigilis iivnteeo8te8, 27 men8is insji, 1531, dursnto ultimo mstutinsrnin, in clsu8tri8 eee>e8ise conizrensti ckomini, tklisrinokne ckecs,in8 j,rse8iden8, .V I'snnol, iko. Ikoilesu, II b'orlin etc., et ^vr8onskiter coni^srvnto tksrko Osunin cs^^ellsno scl sktsre Ik. 11s- rise Ulszdokense, ckixit et ex^o8nit c^iod snno 1526 die 27 men8i8 junii, Oersrckus Osuuin ckicti coini>arvnti8 zister, e> de 8uo cvngensu lucrst condemnstn8 nd roddendo8 compoto8 ot roli^nn exoentioni8 et nd- mini8trntioni8 t08tnmentornin dolnnctornm 1)1). AI. Lonetin et §l. Oke), dnm viverent ecclonino cnp. inlrn eertiun te,nxn8 sd koe 8uk vietuto cujusilrim 8ontvntiao liniitntnm, so 8nkmittendo jnridicntioni oeelesino et dominoenm; ^ee t^inin 8ontonti»m, snn. 1528, 8ecnnda menkis novemkeiü ^ee On8^ned>i,n Ooiietin ^eo8k)ternm, oeelo8iso cnp- ^ollnniiin, 8ecnndnin 8iii loemnm ot tenoeom liieent ^oe8onnlitoe ino- nitu8. Mikilo,ninn8 ^raodicti8 eom^otis, et ^nno relic^nn dicnntue eod- tlitis, ^rnelntn8 Oernrdn8 Onnnin keri 26 men8i8 mnji diom clnn8erst vxteemnm, nondnm toreno eoininondaln8, neunter 8entontinin exeom- mnnieationi8 ^nnin incneeoent; ^nnmokrem ^,enelntn8 com^sren8 ^n- toeno motn8 nlleeln et nmoeo, ^romi8it inten lo8tnm 11. 1iemi»H ^iro- ximnm vontnri 80 <1o oinnikn8 in diots 8ontontin et oxecntionv cvn- tonti8 8Sti8lnctnenm. (^napeoirtoe domini 8n^en ro nk8o1nto kakeei volnoenut, ^eont do i>i ne8enl i nk8olnnnt. — .Annnle8 de 1'eg1i8o de Aso)on, ^nr 3ao^nv8 le > g88onr, in-4". — 1153-1155. Carl Cauuin. 0knr1o8 knt roovn n I'nno dv8 eknpelle8 de In Oernno s^ni 8vnt Muntre en I'eAÜ 80 de 8lo)-on), Io 23 ionr de levrioe 1518- — Voici In con- olu8iuii cnpitnlniee.—1I1sg>8ter I^kilij>^n8 de IVociero8 vioneing domini epi8copi IVoniomon8i8 eotnlit: i^>8nm ronoeond. ^eo8k)toenm contn- I >880 Osrolo Onnnin, lilio Oornrdi clorieo Uo. nltornm cnppollnenm MI 88 S 0 ^irimne nd nltneo 6 > 08 innv II. Alsrino, !» inteoitn ckori Knjn 8 eeele8ino lnndntam, xmonntoin ^er pnenin ne mmplicom ro8iAnstionein doinini IXicolsi Oke^, nltiini ^o 88088 vr> 8 . t^xia eolntiono nnditn, domin! po8t do1ikeentiono8 8inAnIornin, et ^o8t ^rno8tntionom jurnmentornm in ^eimnrin roce^tione on^pellnni noni ^rae8tnri 8oIitornin, i^8nin Onrolum in cn^pellannm Ii>^n8 occloüine receneennt. I^e 26 jonr de nnvemliio 1520, l11inelo8 ^oemnto 8a enteile de In Ke8ino en celle de In Ungdelninv, avec AI. Alicliol 6onrtin, et lut 10 - cen^ lodit Llinele8 » I» ^rv8entntion de mni8tre Alnelin lllntieo, clin- noine ot clinnti'6 K8tnnt on tone. II 1'nt ^neeillomont roeon n In cneo de lionp)'. 11ogi8teo dn 8oceetnieint. I^e vondeod)' 13 leveioe, ledit (11isrlo8, ^eogont, ^onr8nivi pnr Io liromotene, pone nvoir lrnp^v nvoc vinlenoo nn nncien cloec de I'e- AÜ 80 , nomine Alnxiinilion, do ljiioi il 08 t domoiiro d'nccoed, lnt con- dnmne psr Io clin^itro de 80 t'niee nli8ondeo de I'excommnniontion ^sr Ini enconrno ^>nr ledit oxce8. I^Ininte dn 4 novomliro 1534, loemeo ^nr Io ^romotoiie conleo I 08 deksnt8 de <11inelo8 (Innnin sn 8ervieo dixin; il manino d'scc^nit- toe 8e8 MVN 8808 d'oliligntion. II decede Io dorniee jonr d'octoliee 1537, et Int loeine 0 ^ 1 ^ 081 - tion n 8n 8epn1tneo ^nr 3. 1ni)det ot I'. Ililloee nomine Indrieno isni 80 op^v8>iernnt. — Idinloemntion dn clinn. de A1o8lo lnit so)- ^ne ledit tll,nrlv8 8v 8enloit loet de 1'I>ere8ie, ot c^no ^>one n'nnoir vonin eece- x oir lo8 8sceeinent8 n 8n moet, 80 n coei>8 lnt entoeee ontre Ie8 ^nnteo ^illioe8 de8 loneclio8 ^ntilin1nieo8 de In villo, et ce nniotnmmont i>oilr exdtor Io üonndnle, n'o8tnnt 8<»n In>ee8ie notoiee) sntnnt en «I!t I^ni<)e Aln88on on oo8 teeme8 : 0neoln8 ojnü lentor et pee8livtve IVoxdodnno mortnub, nuctn et clgin 8ej»nltn 8 vst inter «^nutnoe ouln>nnn8 lneeno ^»ulilicne, <^uis oncl>sri8tinm 8tnnere noluerst. — 1165-1167. Johann Cauvin. dtzsn Lsnvin lut eooon n In cliniiolle de In Oe8ino de In VieeAS on de In nsi88sneo de no8teo Loiznoiir, lvndeo en In clintliedenlo do 366 IVo)'On, n I'ontreo «In elioenr, «'s Int installe en ieoln) Io 29 i»nr «le ,nny 1521, veille «In 8sint 8ncreinont, n'estnnt nn-;e «sne «I'on^e nns on envieon, et co pne Ir« eesiAnntion 5 Ini Init «Io Intlitle clinpolle pne inaistro UlicNel Oourtin, «loeive p»8sossene pnisililo, et Int tnnt roeen «tn'instnlle en In porsonne «1e innistee «Vntoine «I'Ostree, son proen- re««r, snlllsnininent lonrle. I,o 27 jone <1e septeinliro 1527, il Int presente n In enro äo 8nint- Ulnetin «Io Ulnetovillo, «liocese >Ie IVovon, pnr innislee Vntoino Innvel, eNnnoino, «>ui ostoit on tune n«I penesentsnilnin, et Int In«Iite preson- tntion n>;eeee par inossionrs «pii oeclonneeent 5 son proenrene «Io Io presenter n I'eves«pl 0 «1e In pnet «I«« eliapitre: co >l««i Int tait npees. I^g 5 jo,ie äe jnillet 1529, Int presontee en elispiteo In procnen- tion >In«Iit lenn Onlnin, peenintnnt 8N «lite eure clu Ilnetovillo n eolle ,In Vont-I'r.ve8«inv (Ile«« oeiginniee «1e 808 «lovnnciees), nvoc inossiro Zenn «In Ilenv ^nc^«elle perinntation soetit son eilet pne«Ieuant inon- 8>eue I'e»es ses Arnncls vieniees. Voll» o» soinino Iv8 IieneO- ees i«t posserle nlternntivoniont, et I'nn apees I'nntrv In clinpello «le In Oesine. Oliaeles In tint ^nolt^io teinps, pnis In poeinnt» n celle «le In IIInA«IoInino n«ioc IVlicliel Oonetin, ^ni In re- siAnn n lonn. Illiict nns npres, n senvoie Io «lornioe jone «1'nveil 1527, lvlInnI, llo)'en. Lnuil-on <1enx nns Njires, senvo!e le inereeotl) 26 jnne «le i'euriei' 1591, Ie«I«t ,Ion«i eenten en In inesino elin^^ioile, pneln resiAnntion «In«Iit Xntuine,ncl,n>se ^«ne HI Ooni 8) «le 0ni»I)i'n^,«1nctei«i' en tlienlogie et vicsire- Aeneinl «le inessiiv lenn «Io IInnAost, enesc^no, et Int inis e>« ^osses- 8«»n en In >iei'snnne «le Oinneles, svn tleee, Ioi««Ie «Io sn t>i'ocnint>on. I.e lunrli 1 jene «le innv 1591, lenn Onlnin resigno «in tI'aii<^ne encore In ine,ne el>n^>el>e «le In Oesino, et In inet nn nein «Io innistro Antoine «Iv In Illnelieio, inerlinnto ^i-etiu eonventionis, «lit I'en«sueste, el j>iieent >««ns «lenx t>»8sessiu», I'nn «le I'negent, I'nntee «In denetibe. II nneijnit «lone le 10 juillot I50II, et Int roeon el,np>,ol»in le 29 )nne «le ninv 1521. I^e 5 jon,' «I'n«>««st 1529, nnnee «le In ^enn«Ie ^este, il uktiont «In el>ni>ili e, co I-U«jnernnt 80N peie, lieonco «Io s'nl,8enter ,io IV»)'»,,, en c»nsi-i'Nli»n «In tlun^o,-; ee <,ni Inl Int necui-« il enconet «>e eecliel pnni- ^ini-eillo e»nln,nnee nn clin^ilie z;enei-sl kenn Io 0 tone «le „,nv 152«, snns «^n il nit eoin^nen n) ^ine s»), n) »ne en- voi «le peocneeue, eslnnt Ines nnx estn«Io8 n I^aeis, nl>8eneo «in'il -1e- voit «In invins ,>n> t;e>- i>nr l'envov «Io In testiinoninlo «Io 21 . Io eectene «le I nniveesile. lonlelois, il n en Init eien, et «Inennt tont eo 1e,nns- In il ne eon,,,nent nnlleinent » IV»)»». I.e 21 jvne «le jnillet 1527, son tieee Oernerl, sli,»,lnnt ,,»ne Ini, ^,1ni,Ie nne cnnso .in elinpiteo, en Int^nelle .lenn Onnx in est «leinninlene eonlre ninisteo lenn ,1e > ie, elinnoine. «lelentlene. Voie) les teeines «le In eonclnsion: Inter Oeenr- «Ini» Oanvin j,r» lonnne Onnvin sno (!>,» slipnlnnte,», neocne-ilioneni Iinlientein, nctoeein eonten -nazistenin .lonnne», «le Vie» neesli) teenin, ennonicni» roni», n«I snsei^ien«!«»,, nn »ctn« nin. 1101. Anton Cauuin. .^ntlioino Onnnin, Io troisieino «le leeres, ent plus «I'osprit «l>ie Llineles, «,«>> Int Ient «Io lenn, 367 <(ni In! resizna on pintot conün 8L clinpolle de In Xntinite de nostre 8o!znonr, ponr In In)' Znrder insciues n son retour des ostndes, coinine !1 (it snr In vsine espernnce ^u'nnoit conceue ledit denn de doginntisor n Xo)on n ss venne, dont II int krnstre. Vntlioine, untre In clinpolle inentionnee, on possvda nne nntre potilo nn villngo de 'I'rnvercv, dio- cese de Xo^on, proclie de In Vero, Indito elinpello noinineo de 'konr- neville. Vsppre VInsson n d!t d'Xntlioino: — Ille diinisso ininori ss- cordotio ^nod possidoknt in vieo I'racio, iXovioinensis diooceseos, Oe- nevsin nd krntrein ivernt, nxoroin^ne nceepornt; on il s'escinivoc^ne pronnnt Ikrnvoc) ponr "I'rnverc)i, ^ni sont denx villnZvs ditkerents dsns le inosino dioceso. — 1168. UI. Lnroli V iinperstoris epistoln nd I^snsnnnonsos, ne dispntstionem de relizione in sun nrlie institntnin, lieri sinnnt, sn. 1536. 6nroIns diving knvento Oleinontin, iinpvrstor seinpor XnAnstus. Ilonornliilos, lidolos, dilocli. Intellexiinns in ist» civitnte nostrn ini- perisli, nlii intor csotei'n ecclesinstien nodilicin entliodrnlis occlesin 3 nostris prsodecossoribns dotntn et snli nostrn protoetiono existit, Leri innovntiones in roligionis et ddei nostrsu cnnsn, et inter cnvtern in- stitntnin esse cortnin dispntationein Iirevi istliic tieudnin super eodein neZotio, t^nso oinnin noltis 00 inngis snnt sdverss, n nt illos jnvoin, s tpti- Itus scio ine Inisse iininnniter trndnctnin. Ilnec est scilicot tidos vo- Itis et ecclosise Oliristi solenniter dnt», cujns LnIIendne prsereptnin (scnltatein Lun^eno pntnlintis, Vroindo nunc tnndein exporiinento credito, non knisso vnnnin tiinoroin ^no sie spud vos consternnlininnr, eeelesine »ntoritste soAerriino indncti nd ingrediendnin Iinnc Inli^rin- tlinin. 7nni vero do6uneti sniniis. dniii vestro et piornin oinniiiin judicio videinur satiskecisse, iitcnin^ne n!I etloceriinns, nisi körte i^nod dnplo nnt triplo innlnin, ^NNIN nuten, deterins reerndiiit^ NNIN eiiin ejectis principi» uoliis 8 Osn liliidinoso et illie et in totn OnIIin tri- uinpliaret, aecrsvit tainen ex isto repnlsn non insdiocris ^raeddentia illi et ejus ineinliris» Increatrandornin licentia t»ro loci ee- loliritato in suininuin evan»eli! lndilirinin plus niinio vrit s^ectaliilis. Vao illi ^,er i^nein tale scandalun, oxcitatnin vst! Vae illis ^otins, ^»> siinnl in scelestnin lioc concilinni const»irarunt! Ilona ^ars otsi nos incolnnies Stare cnjiieliat, cjnia tainen non poterat consei^ui ^uod a^>^etvliat, nisi extinct» veritalis luinine, non duliitavit ea niercede servire ^>erxersao en^iiditati. Lnnrienus ^nia nos evortvre non ^vte- rat sine ecclesiae rnina, non duliitavit illain noliiscuin traliore, ac no- strain ^uidein aediticationen» videtur dirnisse; nos voro solid! in Ito- inino consistiinus, ulii i^se cuin tota iin^ioruin natione corruet; jain ecclesiain ^rorsus destitutain esse ^astorilius pravstiterit, ^nain a ta- lilins ^roclitorilius snli i>astori»n larva latitantilius occu^ari. Uno eniin sunt cjn! locuin nostrnin iuxasernnt, ^uornin alter Aardianus t'ranciscanoruin cnin esset intor evanAelii exordia, Iiostilitor seniler re^nAnavit, donee Oliristuin ali^uando in nxoris dorina contoin^latus est, ^nain siinnl atcjue lialinit seciiin, niodis oninilins corru^it; in i^so inonacliatn vixerat loedlssiine et inipurissiino, et sine nlla non sn^er- slitiune inodo, sed sn^ierstitionis siniiilatione. I'roindo ne xideatur e^iseo^oruin ordino inorito expuAnandus, sae^io claniat in 8>iA>;estu non re^uiri vpisco^nin a I'aulo, ^ni sine criinine duvrit, sed c^ui inci- 1 >>at esse, iilii ^riinuin in eain di^nitatein coojitatur. Ilx ^no noinen exanj;elio dedit, ita so gessit, iit oninilius a^iareat jivctns 1)ei tiinore at^ue adeo reliKluno oinni ^rorsus vacunin. Hdter, ^uan^nain est vatorriinus iii teAendis vitiis, adeo tainen insiAniter ae notaliiliter xitiosus est, nt non nisi ^eregriiiis ini^onat. tlter^uo vero cnin sit indvclissiiniis, nee ad discendnni niodo, sed etiani ad garrienduin in- snlsissiinns, anilio tainen insolentissinie siinerliinnt. Kune tertinni illis adjnnctnn, reserunt scorlationis linder insiinnlatnni et jainjani conxin- cendnin, nisi paneorui» kavore elai>sus esset e jndicio. Uo,^»o inajore dexteritate adininistrant olliciunl i^uain nsur^arnnt — vo eniin so in- ^essernnt lratrilins totins ^>rovinciao ^lartiiii inconsnllis, ^lartiin rocla- niantilius, in eo ^nainvls Ketins iiersonain sniorcenarioriii») ^>rae se lerant, i^nain servoriiin tdiristi. Vernni niliil nvliis niaAis dolet, ^nani eornin tiiin inscilia, tiiin levilate, tiiin stoliditate, ininisterinni ^irosti- tui ac ^rojici. — lXiillns ^iraelerit ilies, i^io non nianitestv alicnjns errati, aut a xiris, ant .a niiiliei iliiis, interdiiin etiani a ^>ueris noten- liir. ^>etin lestinatione laliellarii e^iistola lioliis de nianilins excn- titnr. Valete i^itnr dlleclissiini liel-is et ini^riitiis oliservandi tratres, seriis^no noliisciii» ^>recil,ns Iloininnn, a^pellalo. tratres ainantissiini xostri. tarellus et tlalviniis. Ilaee inaiiii (lalvini: OI,testa„»ir vos sratres, caveatis ne liujus epistolae ^nklieatio noliis sit traiidi. t'ainiliarius eniin in sinnni vestrnn, ijuidvis dvpo- niinus, «luain ^roiniscne siinus narratnri. Vestrae ita-zue ddei lisec secreto coinniissa ineinineritis. Aenderungen nach -er Zweiten Ausgabe des Originals. ' ^ -- Seite 8. Zeile 4. anstatt: durch die Bibelübersetzungen, welche theilweise in Venedig, Rom und Florenz veröffentlicht wurden, dann durch die Bibelübersetzung Le Fevre's— und Note 2) setze man: und durch die Bibelübersetzung, welche in Nürnberg herauskam. — (Mit Hinweglaffung der Note.) S. 10. Z. 16. statt — Erasmus — Luther. S. 15. Z. 31. statt — Bürger — Bürgen. S. 32. Z. 16. Sie ist das Dogma des jugendlichen Reformators — fällt weg. S. 32. fallen die Zeilen 26, 27 und 28 weg. S. 47. Z. 28. füge man nach „als" hinzu: das, was gerade das Christenthum ausmacht, — die Einheit des Glaubens, die Hoffnung und die Liebe. S. 54. Z. 14. statt — allen Schmutz — alle Härte. S. 54. Z. 21. statt: — wie Calvin sagte — sagte er. — Mit Beifügung der Note: 3). Einige solche Träumereien über den Schlaf der Seelen wurden in dem Werke mitgetheilt, welches den Titel führt: „I'rvo illundred Oueries moders- telx propounded;" :c. London, 1684. Man vergleiche auch die Schuft: „Xouvel- los de la kepublique des Oeltres," mal 1684, p. 280, Amsterdam 1686. S. 56. Z. i, fM schamlos — hinw:g. Z. 4. ist beizusetzen: Noch heut zu Tage fahren bedeutende Männer, welche die Borurtheile der protestantischen Schule nicht annahmen, fort, Deutschland die Ehre der geistigen Regsamkeit zrzuerkennen, die sich bei dem Auftreten Luther's in Sachsen zeigte. Sie wollen nicht eimehen :c. — Zeile 19. — getreten, haben es oft benützt, und weit entfernt, es zu fördern, haben sie es gestört und verdunkelt. S. 57. Poncher — statt — Porcher. S. 58. Z. 11. Vida — statt — Bibbiena. S. 80. Anmerk. 1 . Füge hinzu: Budäus, dieses Wunder der Gelehrsamkeit, war ein eifriger Katholik. „Als Calvin", sagt David Clement, „im Jahre 1535 seine Unterweisung in der christlichen Religion herausgegcbeu und dem Könige Franzi, gewidmet hatte, deducirte er demselben Könige seine Abhandlung: Oe trsnsitu neilenismi ad Lkristianismum," um ihn anzulreiben, daß er die Rechte der i» Frankreich emgeführten Religion aufrecht erhalte und sich den Neuerungen widersetze, die Alles in Verwirrung zu bringen trachten." Libliotfteque curieuse, t. V, P. 382. not. 4. 1754. — Anmerk. 2. — 140 statt 940. S. 64. Anm. 1.: XIV. statt 15. S. 66. Z. 8. von unten bleibt „Ollieina cornu copiae, und sein" — hinweg. — Z. 6. von unten : lideris statt: litterjs Au diu: Lkbm Calvin'« l. Br. 24 370 S. 85. Nach Z. 6. ist emzuschalten: Und an einer andern Stelle^fügt er hinzu: „Recht Sacrament des Altars, rechte Schlüssel zu Vergebung der Sünden, recht Prew'g-Ampr, rechter Catechsmus, als das Vater unser, zehen Gebolt, die Artikel des Glaubens, chrstliche Kirch, Christus, Hel. Geist, rechter Kern und Ausbund der Christenheil; wer das bar, hat 'Alles." (Op. Dulkori, t. IV. ssori. Eerm. kvl. 408, 409. — ^iuromo. hol. 320, t. II. ^Vilt. Oorm. 5ol. 279, t. IV. Zelt. sol. 275. S. 88. Zu Anmerkung 5). Heren wir einen Protestanten: „Es gibt beinahe keni Dogma, welches die Protestanten einmüthiger veränderten, als jenes von der Gnade und Vorherbcstimmung. Diese Einmuth gkeit war aber von keiner Dauer: sei cs, daß die>cr Gegenstand zu erhaben war für die Kleinheit des menschlichen Geistes, der sich zum Meirichen herab zu beugen bequem!, wenn er sich nicht bis zu Gort zu erheben vermag, oder daß man ihn mehr nach der Erklärung der dogmatischen Ausdrücke der heiligen Schrift durch ihre populären Ausdrücke beurtheilie, als nach der Erklärung Weser durch dogmatische; oder daß man andere Ansichten und Beweggründe hatte. Die Zwierrachk kam so unter die Protestanten: Einige schrieben das Heil des Mcnichen nicht dem ewigen Raihschlusse der Vorherbestimmung zu, sondern dem guten Gebrauche, den der Mensch von der Gnade macht, die ihm Gott verleiht." „De stetst cie stkomme apres le peeke, et cko ss Drockestination su sslut: oü ston exsmine los sentimenls communs et oü Ion explique ce c>uo stkoriture 8sinto nous en ckit iV .Vmslorelsm ekox Henri Des- Kordes, 1684. S. 90 Zeile 8 von unten schalte man ein: der heilige Geist der Reformation. S. 92 Zeile 11, statt — Brissonnet, dem Bischöfe von Meaur — Nicolai, dem Bischöfe von Apt. S.9kZilel4, statt — aufder Straße Hadrians — auf der appischen Straße.— Zelle 19. statt — dlc Allmacht der sächsilchen Lehre wäre wohl an diesem zweifachen Wunder gestrandet — die Verführungen der sächsischen Lehre wären wohl durch diese Hindcrniste vereitelt worden. S 99 Ze le 3 statt — Vecell! — Perugino. S. 101 Zeile 2 setze man bei: Petrus Gaz no, der Bischof von Costa bemühte sich eift'gst. d e Ketzerei in Savoyen zu unterdrücken. (Do Oostu, >Iömoires kist. sur Irr insison roz'slo cke 8svoie See. t. 1 p. 358. S. 108 Zelle 21 statt — Melchisedechs — des Pfarrers von Einsiedeln. S. 119. Anmerk, zu Zeile 4 von unten: Vier von diesen Spitälern wurden durch Fürsten vom Hanse Savoyen gegründet. Die Herzogin Jolanda gründete das Spital für Greise: AmadäuS I X. das Irrenhaus; Anna von Chypre das Pilgerhaus : Johann von Savoyen, B schos von Gens, das FindelhauS. Do Oosl.r I. 357. S. 124. Anmerkung: kuckst. S. 132 Z. 7 ist beizufügen: Er begab sich nach Rom, wo ihm der Papst deu Cardlnalshut gab Mit ihm erlosch die letzte Hoffnung des Katholicismus in Genf. (Loslu I., 239.) Der Abc Leonardo, ein Picmcnleser, war von Carl I. beauftragt, die Geschichte des Hauses Savoyen zu schreiben. Er hatte über d e Genfer Kirche reichliche Ma.crialien gesammelt. Seine Manuscripte sollen sich auf der B.bliotheke in Turin besinden. 154. Anstatt Zeile 7 und 8: um daraus mit Hilfe des Fatalismus den ärgsten In hum zu gestalten, der je ausgestellt worden war. S. 157. Zu Ende des XIII Kavitels füge man bei: Und Cuningham machte es w e ,eine protestantiichen Vorgänger, er verkündete den nahen Fall des Pavstthums. (Napeir schrieb in ,einem Buche: „Deeouverte clo tous los soorets sie st^poos- lipse" zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts, daß Rom und sein Reich vor dem Jahre 1839 zu Grunde gehen werde. — Eim'ge Jahre später setzte Dumoulin den Fall des Antichr,t's noch weiter hinaus: „Die Verfolgung rer Kirche unter den Päpsten," sagt er, „muß mit dem Jahre 1889 enden. Nach diesem Zeitpunkte muß die unterdrückte Kraft plötzlich neugcboren werden. Es werden dann alle Volker in große At sregung kommen. In die,er Aufregung und Zwietracht der Völker wird der zehnte Theil der Rcmischkathclischen getodtet werden.") — Z, iß von unten statt— schliefen — ruhten. ^ S. 168. Zu Zeile 8 füge man die Anmerkung: In unseren Tagen würde jeder die Theologie Studircnde aus Tertullian de resurreelione d-e Stelle anfuhren: Csro corpore et ssnzuine Csiristi vescitur, ul el snims Deo ssZinetur; und aus des heiligen Augustins 8ermo ad rXeopkilos: Hoc necipite in pnne c,»ocl pepenclit in cruce, koe accipitc in caliee qnoä msnnvit de latere Ctrristi. Diese Stellen hält übrigens Luther für weniger klar, als den Tert dee Evangeliums. Man vergleiche hi rüber: „l/antiqnite de la cloetrine orthodoxe nü notre creance se voit deelsres en I'kscrilure, par les eoneiles et pur un stvle ekro- nologique de 834. Ferner: ks eon- ver8ion du 8ieur Jlurtin, cxdevant ministre, eontenunt trois trsites; la fo^ cie llexzlise primitive opposee ä edle de la prelendue relormee; I'rsite de8 desordres de8 eglises pretendues rekormees; ssletdode de controver8e. Paris 1850. S. 18 l. Zu Anmerk. 2. Ein protestantischer B ogravh Calvin's st ger ch:er gegen Caroli: „Nicht nur sein schon ziemlich ansehnliches Alter." sagt er, „sondern auch sein beredtes, einschmeichelndes Betragen machte auf viele Gemülher Eindruck."— Calvin'S Leben. Leipzig 1788, S. 47. S. 187. Zeile 9 schalte man nach „Hugonin" ein: durch dessen Magd re. — Zeile 12 fallen die Worte: „oder ein Papist ... in seinem Schranke bewahrte;" hinweg- S. 200 Zeile 6 von unten schalte man ein: Als Calvin Genf verließ, um nach Bern zu gehen, rc. S. 228. Am Ende des Kapitels ist beizufügen: Als Calvin so von Genf vertrieben war, kam er nach Bern, das er bald wieder verließ, um den Weg nach S:raß- burg einzuschlagen. S. 231. Z. 7. lese man: der Bischof von Meaur, aus Deutschland in seinen Palast gezogen halte. — Zu Z. 18.: (Johann Papnns suchte zu beweisen, der heilige Augustin sei ein Lutheraner gewesen, während Witaker einen Calvinisten und der Socinianer Andreas Velanus einen Götzendiener aus ihm macht. Weißlinger: Friß Vogel. S. 297.) S. 244. Dem Schluffe des Kapitels ist anzuh Ingen: Während Calvin so von Gott heimgesucht wurde, bot Genf einen betr benden Anblick dar. Das Wort Gottes war einigen niedrigen Prädicanten überlassen, welche kaum lesen kenn en und in ihren Predigien eben so sehr gegen das Dogma, als gegen die Grammal k verstießen. Während ihre Lrhren der Lehre Lmher's, Zwingli's, Ostander's, Oekoiamvadius', Carlstadt's und Melanchthon's widersprach, war ihre Sprache nicht ganz Leu sch, nicht ganz italienisch, französisch, lateinisch oder savoyarditch. Die Gemeinde, welche die Guter des katholischen Clerus in Beschlag genommen hakte, ließ diese unwissenden Prädicanten gänzlich entblößt. Calvin findet im Briefwechsel mit seinen Freunden oft Gelegenheit, die Schwäche seiner Nachfolger zu verspotten: aber er wollte nicht, daß man sie Hungers sterben lassen sollte. Später hatte er Gelegenheit, wie in diesem Augenblicke, sich über die Veräußerung der geistlichen Güter zu erklären. Gr begreift nicht, daß sich die Obrigkeit das zueignen konnte, auf was sie keinen rechtlichen Anspruch hatte, um es zu verschenken oder für geringen Preis zu verkaufen. (Ilse conditione emit Petrus Vendelius priorstum miile cpiingeutis coronatis, slii viles, rrlü sgrs, slii domos. — kp. Vireto. sslss. Oen.) „Es ist ein Raub, den man heut zu Tage begeht;" schrieb er an Viret. „Was Christus und der Kirche gehört, ist weder Eigenthum der Gemeinde, noch des Magistrats: Wenn die Kirche dessen beraubt wird, bleibt sie öde und verlassen. Die Reformation darf keine andern Grundsätze befolgen, a s jene, welche der König Jossas aufstellte: Dem Magistrate gehört die Aufsicht, den Diaconen die Verwaltung. (Von esse muzislrutus, c;uod Christo et keelesine semel fuerit consecrs- turn . ,. . . b'ieri posse ut, cum nihil eeelesise relicprur» kuerit, es occa- sione rdinczuutur deserta sc solitsri-r. — Vireto. lkss. Oeu.) S. 252. Zu Anmerk. 2. — Luther lehrte an mehr als einer Stelle seiner Schriften wie Calvin. Er schrieb: daß Gott etliche Menschen Verdammer, die cs nicht verdient haben. — Ilern: daß Gott etliche Menschen zur Verdammniß ver- 372 -rdnet habe, ehe sie geborex worden. 0p. LutkerlH. Tsn. Ist. s. 207. low. VI >Vit. xei-m. kol. 534. 535 s. S. 257. Z. 1. muß es heißen: Du sprichst wie «in wahrer Schüler des Thomas, an denen Seligkeit sehr zu zweifeln ist. (Wahrscheinlich ist dieß eine Anspielung auf die Stelle Luthers, in welcher er über den heiligen Thomas sagt: per pspsm errssse ssnctos Lernsräum, kranciscum, Dominieum, st multos slioz ssnetissimo» viros, nou äubito, ücc. Do cpio numero et ssnctus Vkomss ^czuinss, si tsmen ssnctus est, nsm vekementer clubito, cum säeo nikil ollist Spiritus in eo. — De Tkoms .Hczuinn, sn cismnstus vel bestus sit, vekementissime clubito, citius Lonsventursm creäiturusbestum. Tkomss mults kseretics scripsit, et sutor est reznsntis .^ristotelis, vss- tstor pise äoctrinse Opers butberi, t. II. Ten. Ist. toi. 354, 355, 357 in resp. sä lib. .4wb. Lstbsi-ini. S. 281. Von Z. 2. an soll es heißen: diesem Hauptritter der Reformation, den Luther in alle Kämpfe zog, in die er mit Cajetan und Carlstadt, Eck und Schwenkfeld, Münzer und den Wiedertäufern gerietst. Wir haben rc. S. 266. Z. 5. schalte man ein. Er schrieb an einen seiner Freunde: Alle Wasser der Eibe würden m r nicht Thränen genug bieten, um das Unglück der Reformation zu beweinen. Das Volk wird sich nie unter das Joch beugen, welches ihm die Liebe zur Freiheit abschütteln hals Wir kämpfen nicht für das Evangelium, sondern für unser eigenes Interesse. Die Kirchenzucht ist zerstört. (Lp. IV. 100, 129 s Vorrede.III Einleitung. VII 1. Kapitel. Jugendjahre Calvin s. Calvin's Geburt.— Seine Eltern.— Sein Vater Gerhard bestimmt ihn für das Studium der Theologie. — Die Familie Mommor. — Calvin bei seinem Onkel Richard in Paris. — Ma- thurin Cordier. — Farel. — Rückkehr nach Noyon .... 1 2. Kapitel. Die Universitäten. Der Schüler an der Universität.— Vermie- thung von Gemächern.— Wann das Miethgeld zu zahlen ist? — Von dem Rechte, welches dem Schüler zusteht, diejenigen Miethleutc, welche Lärm machen, durch richterliche Gewalt zu vertreiben. — Der Schüler ist nicht verpflichtet, dem Staate Dienste zu leisten. — Kleidung. — Die Bücher des Schülers können nicht in Beschlag genommen werden. — Bürgerliche Rechte des Schülers. — Er kann nicht ercommunicirt werden. — Das Gebet der Zöglinge. — Rathschläge Mbuffy's.13 3. Kapitel. Calvin aus der Universität in Bourges 1529—1532. Ableben Gerhard Calvin's. — Schreiben Johann Calvln's an Daniel. — Bourges, Andreas Alciati. — Melchior Wolmar. — Calvin kehrt zum Studium der Theologie zurück. — Theodor von Beza. — Melanchthon und Beza. — Die Lehre von der Vorausbestimmung. — Calvin kehrt nach Paris zurück. — Predigten. — Die Staatsgewalt verfährt mit Strenge gegen die Reformation.22 4. Kapitel. Die Abhandlung von der Sanftmuth. Prüfung dieses Werkes. — Peinen und Qualen des Verfassers. — Verschiedene Briefe. — Calvin verkauft seine Pfarrstelle und seinen Antheil am väterlichen Erbe - 38 5. Kapitel. Calvin am Hofe Margarelha's. DiePsychopannychie 1534—1535. Cop und Calvin flüchten sich von Paris. — Der Hof von Nerac. — Calvin in Clair. — Du Tillet. — Calvin in Orlean's. — Die Reformation in Frankreich. — Servetus. — Verbannung Calvin's. — Straßburg. — Basel. — Die Pspchcpannychie. — Prüfung dieses Werkes. — Calvin's Urihcil . . . . . . . ' . . . - 43 6. Kapitel. Franz I. Die Reformation hatte in Frankreich schon begonnen, als Calvin anftrat. — Der Einfluß, den Franz I. auf die Wissenschaften aiisübte — Die Bischöfe. — Porcher. — Pelissier. — D« Bel- lay. — Die Gelehrten. — Budäus, Vatablus, — Dancs,'— Postel. — Das Dreisprachen - Collegium. — Marot. — Die Sorbonne. — Der Dichter wird von dem Fürsten begünstigt. — Literarische Bewegung . 55 7. Kapitel. Die Frauen. Ränke der Hofdamen, durch die sie die Reformation in Frankreich einführen wollten. — Die Herzogin d'EtampeS. — Die Damen Piffeleu und Cani. — Die Messe in sieben Punkten. — Resor- mirte Hauflrer. — Le Ccq, Pfarrer von St. Eustachius, predigt vor Franz I. — Man sucht Melanchthon nach Frankreich zu ziehen. — Schreiben dieses Gelehrten an den König. — Der Cardinal von Tournon vereitelt die Verschwörung der Damen. — Die Schmähschriften . . . .88 Seite 8. Kapitel. Die christliche Unterweisung. Die Aufnahme, welche dieses Buch bei der Reformation fand. — Es ist ein Manifest gegen den Prote- stan ismus. — Antagonismus zwischen Calvin und den treulichen Reformatoren. — Einige Lehren aus dieser Unterweisung. — Veränderung der Svmbolik Calvins. — ServetuS. — Jdeengang der Polemik, welche die Unterweisung enthält. — Calvin beruft sich auf die katholische Autorität. — Die Vorrede zu der Unterweisung. — Styl des WsrkeS . . -82 9. Kapitel. Calvin in Ferrara. — 1536. Italien bleibt dem Cultus der Form getreu. — Calvin in Ferrara. — Ariosi. — Calcagnini. — Marot. — Die Herzogin von Ferrara. — Calvin ist genöthigt, Ferrara zu verlassen. — Brieflicher Verkehr mit der Herzogin.95 10. Kapitel. Die Reformation in der Schweiz. Beginn der Reformation in der Schweiz. — Ulrich Zwingli. — Ursachen des glücklichen Erfolgs der Reformation. — Tie Adelichen. — Das Volk. — Die Raihsversamm- lungen. — Der Senat. — Gewaltthätigkeiten gegen den Katholicismus. — Schilderung Farels. — Seine Sätze. — Genf vor der Reformation. — Politischer Instand. — Das Haus von Savoyen. — Die Eidgenossen. — Religiöse Monumente Genfs ........ 103 11. Kapitel. Die Biichöfe und die Vaterlands-Freunde. Schilderung der Dienste, welche das Cpiecopat den weltlichen und kirchlichen Interessen Genfs le siele. — Ardulius. — Adhemar Fabri. — Johann de CompviS. — Kampf zwischen den Vaterlands - Freunden und dem Episcopat. — Berthe- lier. — Besancon Hugues. — Pecolat. -— Bonnivar. — Strafe Ber- theliers und LevrierS. — Der Bischof de la Baume wird genötigt, Genf zu verlassen. — Sein Charakter. — Bern benützt die inncrn Zw.sie Genfs, um die Reformation zu verbreiten.120 12. Kapitel. Die Schwester Johanna de Jusste. Schrift der Schwester. — Erzählung. — Plünderung von Morges durch die Reformirten. — Die Berner in Genf. — Verwüstung der Kirche des heiligen Petrus: — des Dratoriums; — der Kirche von St. Victor: — der Küche von St. Laurentius. — Kampf in den Straßen von Genf. — Ermordung Peter Werlos. — Hinrichtung Malboffcns. — Farel. — Die Syndici wollen die Schwestern der heiligen Clara zwingen, einem theologischen Dispute beizuwohnen. — Die Schwestern w deryetzen sich und werden verjagt . . 133 13. Kapitel. Calvin in Genf. Farel—Viret. 1536. Calvin's Ankunft in Genf. — Er wird von Viret aufgefunden. — Beschwörung Farel's. — Calvin willigt ein, in Genf zu bleiben. — Der Bär von Bern. — Charakter der Reformatoren, Farel, Viret und Calvin. — Vorbereitungen zum Relig-'cnsgespräche in Lausanne. — Kunstgriffe der Reformation. — Der Papst sei der Antichrist.1i8 14. Kapitel. ReligionSgespräch in Lausanne. 1536. Mittel, welche die Reformation anwandte, um die kalhol-sche Schweiz znm Ucbertritte zu bewegen. — Plünderung der Kirchen. — Verbannung der Priester. _ Verkauf der Güter, welche den Verbannten gehörten. — Benehmen Bern's. _ DaS ReligionSgespräch in Lausanne. — Die Thesen Farel's. — Die katholischen Doctoren. — Die Schmähreden Viret's und Farel's gegen das Papstthum. — Elend- Lage unserer Priester. — Calvin nimmt das Wort. — Die Idee seiner Beweisführung.. 15. Kapitel. Die Wiedertäufer. 1537 — 1538. Die Wiedertäufer Hermann und Benedict kommen nach Genf, um mit den Präv canien zu disputiren.— Gespräch mit dem Syndikus. — Disput mit Calvin. — Die W edertäu- ser können ihre Lehren nicht vertheidigen. — Sie werden verjagt._Verfolgungen gegen die Katholiken. — Calvin's Katechismus. — Das Volk beschwört das neue Formular. - Caroli greift die Genfer Prädicanten an. — Er wird auf die Berner Synode vorgelade». — Er wird verdammt.— Gewaltthätigkeiten Calvin's gegen Carolt. — Luther wird beleidigt . . 177 18. Kapitel. Despotismus. Verbannung. 1537 — 1538. Durch das Formular wurden in Genf Unruhen veranlaßt. — Die Kirche im Staate. _ Balard wird von Calvin denuncirt. — Verschiedc-e Züge des religiösen 375 Seite Despotismus. — Churacteristisches Aussehen der Stadt. — Zunehmende Gereiztheit der Eidgenossen. — Angeber. — Corault. — Der Rach gibt Calvin und Farel den Befehl, den Gläubigen das Abendmahl zu reichen. — Hartnäckige Weigerung der Prädicanten. — DaS Volk versammelt sich und spricht ihre Verbannung aus. 18 g 17 . Kapitel. Pamphlete Calvin's. Sadolet. 1537—1539. Untersuchung der beiden Pamphlete, welche Calvin in Genf gegen den Katholicismus herausgab. — Der Reformator von Galiffe gerichtet. — Der katholische Priester. — Tadelet in Rom, — in Caipeniras. — Bemhmen des Bischofs. — Sein Schreiben an die Genfce, ein Denkmal der Liebe und Beredsamkeit. — Calvin'S Erwiderung. — Zweifache Würdigung dieses Schreibens 200 18. Kapitel. Calvin in Bern. — 1538. Reise Calvin'S nach Bern. — Stimmung unter dem Volke. — Calvin in Bern — Conz. — Schilderung dieses Predigers. — Disputation zwischen Conz, Calvin und Farel. — Bern bemüht sich für die Rückkehr der Verbannten. — Die Einwohner von Genf bestätigen in einer allgemeinen Versammlung das Verban- »ungsuriheil Calvin s. — Die Genfer Kirche und ihre Prediger vor dem Richterstuhle des Reformators. — Unzucht, Heuchelei und Unwlssenheit der protestantischen Geistlichkeit. — Calvin in Basel — in Straßburg . . 220 lg. Kapitel. Calvin in Straßburg. — Seine Heiralh. 1539—1540. Religiöses Aussehen Straßburgs. — Johann Sturm — Capito. — Hedio. — Bucer. — Priesterehen und um welchen Preis sie zu Stande kamen. — Calvin'S Ankunft in Slraßburg. — Er wird zum Professor der Theologie ernannt. — Er ist bemüht, Biret zu verheirathen. — Er selbst heirathet Jdelette Störder. — Er verliert seinen Erstgebornen ohne eine Thräne zu vergießen.228 20. Kapitel. Lehren Calvin's.