Druckschrift 
1 (1843)
Entstehung
Seite
282
Einzelbild herunterladen
 

282

liche Hierarchie. Mit jeder Stunde des Tages kam ein neuer Boteund sagte: Ein Stern ist aufgegangcn in Einsiedcln, auf der Wart-

burg, über dem Hauenstein in Basel: Volk, erhebe dich aus deinemSchlafe, das ist der Stern des Herrn!"

llcber dieser theologischen Welt kreist eine andere Welt, die Weltder Poesie, die sich aus der erster» gestaltete und mit größerem Rechteaufrührerisch wird, weil die Bewegung, die von der Einen ausgeht,die andre in Unruhe versetzt. Man kann jn der That sehen, welchesBand sie Beide vereinigt. Sobald Earlstadt die Verehrung der Bilderals einen Götzendienst darstellte, verlor die poetische Welt alle mate-riellen Darstellungen von Persönlichkeiten, den Zauber des gemeinenLebens. Oecolampadius will uistere Liturgie ihrer alten Gesänge be-rauben, es gibt keine Gesäuge mehr für das Ohr. Zwingli zertrüm-mert unser Rauchfaß, das Gebet erhebt sich nicht mehr aus Strömenvon Wohlgerüchen zu Gott empor. Bucer verdammt die Fürbitte derSeligen, der glaubensvolle Blick kann den Raum nicht mehr durch-gehen, um am ewigen Throne die Heiligen zu schauen, welche Gott dieThräncn einer Mutter oder eines Kindes darbringen.

Hinweg also, du Thörin, die du bist, armselige Einbildung, diedu dich vor das Bild der Jungfrau kniest; weißt du nicht, daß dieseJungfrau nichts Andres ist, als eine bevorzugte Crcatur! Bete amAbende, wenn du Marien anrufst nicht mehr: geistliche Rose, Morgen-stern, Trösterin der Betrübten; denn du irrst: Maria ist nichts Andresals ein Adamskind, das zwar reiner ist, als alle Andern, aber deineGebete nicht hört. Hinweg mit den Blumen, die du vor die Thüredeiner Wohnung gesät hast, es ist nicht mehr ein menschgewordenerGott, welcher vor dir vvrübergeht, wie einst Jesus in den StraßenJerusalems; siehst du nicht, daß in der Hostie nichts Andres ist, alsein Symbol und Bildniß? Einst wurde Alles, was der Katholicismusberührte, zur Rose,gnickguick ealea veris rosa l'iet," jetzt wird Alles,was der Protestantismus berührt zu Stumpf und Dorn.

So wöget ihr nun, wie wir hoffen, begreifen, von welcher leb-haften Regung sich das poetische Gemüth des Katholiken ergriffenfühlte, als es sah, wie Calvin nach dem Erscheinen so vieler anderenNeuerer eine Glaubenswahrheit unserer Kircke: die wirklicke GegenwartChristi im Abendmahl angriff.

Welches war nun die Lehre, die Calvin brachte?

Es war weder die Lehre Luther's, noch die Lehr Zwinglis, son-dern eine Lehre, welcke die Farbe Beider trug, indem sie den Realis-mus des Einen, und den Symbolismus des Andern wiederholte; eine