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jagen, der auch ging und über die Unwissenheit des Präbendars klagte.Gerhard hatte eine betagte Mutter, die er nährte: der Magistrat hatteMitleid mit dem Sühne und bot ibm im Lcichcnackcr der Stadt dieStelle eines Hüters an. Gerhard nahm dieselbe an, um leben zukönnen und seine alte Mutter nicht Hungers sterben zu lassen. Es warübrigens kein sehr bcncidcnswcrthcr Posten in einer Stadt, welche von derPest so ost hcimgcsucht wurde. Im Jahre 1541 mußte man die Zahlder Todtcngräbcr verdoppeln, so schrecklich war die Plage. Sie hattean den Rheinufcrn gcwüthet, wo sie die erleuchtetsten Köpfe der Refor-mation traf, als wenn cs so ihre Bestimmung gewesen wäre. TerLeichenacker war für die Gemeinden zweier Bekenntnisse, aber jede Ge-meinde hatte ihr abgesondertes Stück Land.
Im Jahre 1540 wurden zwei Särge miteinander in dieses Asyldes Friedens gebracht; der eine gehörte einem Lutheraner, der andreeinem Ealvinisten. Jeder Prediger sprach die liturgischen Gebete; dannnahm der Todtengräber seine Schaufel, wandte die Erde um und be-deckte die Särge, einen nach dem andern. Als dieses geschehen war,verschloß Gerhard die Thore der Todesstätte.
Es war im Sommer. Der Leichenacker war sehr weit von derStadt entfernt. Am Eingänge in die Borstadt war eine Schenke, dieeinen grünen Baum im Schilde führte und in der man sich vorzüglicham Sonntage gerne cinfand, um Bier zu trinken, das beste in der ganzenStadt und Umgegend, wie man sagte. Beide Prediger hatten sich andenselben Tisch gesetzt, um auszuruhen. Jeder hatte eine jener enor-men zinnernen Kannen vor sich, welche das Getränk lange Zeit frischerhalten. Die Gläser waren gefüllt, das Gespräch sehr lebhaft gewor-den, als Gerhard Kaufmann cintrat und sich setzte. Er hatte die Ketzererkannt. „Euer Wohlsein, Brüter!" rief er und leerte ein vollesGlas in einem Zuge. Die Präticanten nickten ein wenig die Köpfe.
„Lest! mortui (jui in ckomino moriuntur," sprach Gerhard.
Niemand gab ihm eine Antwort.
Da warf Kaufmann einige Kupfermünzen auf den Tisch. — „MeineHerrn!" sprach er, „sind die zwei Seelen, die ihr begraben habt, diesedrei Groschen wcrth?"
1) Ich muß bemerken, daß dieses Kapitel, in welchem die Lehren Calvins aufeine so dramatische Weise dargesicllt sind, aus dem Werke übersetzt ist, wel-ches zn Slraßbnrg im Jahre 174Z in lateinischer Sprache unter dem Titelhcrausgcgcbcn wurde: Zoll, lislvini eie praectestinstione svslems. >2°144 Seiten. Ich fand cs ans der Bibliothekc in Main;. Nr. SV, 160. 4. k.