Das kalte Blut Calvin's war für Ausübung der Gewaltgefährlich. Ohne Milde, grausam, und daher oft charakterlos,ging er so weit, daß einer der größten Verehrer Calviu's,Paul Henry — sein neuester Geschichtschreiber, folgende Ge-ständnisse ablegen mußte: „Calviu's Losungswort ist Krieg. —„Im Umstürzen ist er glücklicher, als im Ausbauen. — Zu„Abweichungen von dem richtigen Prinzipe, das er.einmal aus-gestellt hatte, zwang ihn wahrscheinlich die Halsstarrigkeit des„Volkes, mit dem er es zu thun hatte." *)
Noch merkwürdiger ist, was Paul Henry von Calvin'sBesorgnissen in Beziehung auf sein Refornüren und von demReformiren des heil. Vinzenz v. Paul sagt:
„Das Papstthum war (durch Calvin) entlarvt. (?) Weitgefährlicher war der Geist des Argen, welcher inr Innern derwiedererwachenden Kirche nagte." Calvin fürchtete sichalso wohl selbst, diesen argen Geist seiner neuerwachendenKirche zu bannen, das Gespenst des Abfalles von seiner neuenLehre mochte ihm immer lästig vor Augen schweben. Denner selbst, wie es gleichfalls bei Paul Henry zu lesen ist,sagte, gewiß nur die Seinen beschwichtigend: „Eine Kirchekann bestehen mit Unvollkommenheiten, jede Kirche istmit Sünden befleckt. Die Propheten und Christus sindMitglieder ihrer, obwohl verderbten Gemeinden, geblieben —bessern soll man sich, nicht trennen." So aber sprickt
1) Alle unberufenen und stürmischen Reformatoren find glücklicher im Umstürzen alsAufbauen; und da gewöhnlich schon das Urprincip, von dem sie ausgehen,falsch ist: so begreift sich von selbst, daß daraus die abgeschmacktesten und em-pörendsten Folgesätze entspringen, vor denen der gesunde Menschenverstand zurück-schauert, und die der redliche Wille der bloß materiell irrthümtichen Folgerungaus einem wahren und guten Princip zuschreibt. Dagegen ist es aber auchnichts Ungewöhnliches, daß unberufene und stürmische Reformatoren von ihren,auch richtigen Puuripien nach Zeit und Umständen abweichen.