Von der Liebe des sel. Albertus gegen die glorreiche Jungfrau. 201
in Bezug auf die Gottesmutter vorzulegen pflegt, hier auch umfas-sende Besprechung, aber sie sind nmrankt durch eine Fülle von Fragenund Untersuchungen, die uns leicht absonderlich, gezwungen, kindisch,ja oft lächerlich Vorkommen. Aber man verzeihe der heiligen Liebe desalten Meisters. Die Liebe kann sich am Geliebten nicht satt sehenund findet täglich neue Schönheiten und strahlende Vorzüge, wo dasAuge des Nichtliebendcn Nichts zu gewahren pflegt. So auch Alber-tus bei der Königin seines Herzens, bei Maria. Er wird nicht müde,neue Vorzüge, neue Herrlichkeiten seiner Gebieterin der Welt zu ver-künden. Wenn er dabei selbst ans die leibliche Schönheit Marienszu sprechen kommt, wenn er die Anmnth und Art der äußeren Erschei-nung Mariens so genau untersucht, so möge man bedenken, daß erhier eine Dichtung bietet, welche ja immer alle Allgemeinheiten ver-meidet und die Gestalten in concreter, ganz bestimmter Zeichnung undFärbung vorführen muß. Dazu kommt, daß Albertus für sein Ver-fahren ein hohes Vorbild gehabt Z, und endlich daß das Mittelaltereine andre Anschauung vom Zusammenhang des Physischen und Gei-stigen besessen, als wir zu haben pflegen. Den alten Meistern istNichts ganz äußerlich, zufällig, bedeutungslos, sondern die sinnlichenDinge sind ihnen die Offenbarungen, die Spiegel der geistigen Welt.Daher legen sie auch so großes Gewicht auf Beschaffenheit und Gestaltdes Leibes, weil er die Bedingung der Wirkungsweise und der Ab-glanz des Geistes ist.
Jedenfalls ist dieses Werk ein glänzendes Zeugniß von der Ge-lehrsamkeit, vom Scharfsinn, von der Phantasie und der Liebe des Al-bertus zu Maria.
Endlich wird dem Albertus noch eine Marianische Bibel zu-geschrieben ff, in der alle Stellen der heiligen Schrift des alten undneuen Testaments zusammengestellt und kurz erklärt sind, die sich aufMaria beziehen lassen, vom ersten Vers der Genesis bis zur geheimenOffenbarung. Es ist abermals ein Büchlein, das nur unendliche Ge-duld, die eine Tochter der heiligen Liebe ist, zu schaffen vermochte.Wohin sich des Verfassers Auge wendet, welches Blatt der Schrift eraufschlägt, er sicht überall Maria!
Und so ist uns gewiß klar geworden: Unserem großen Meister
1) Das hohe Lied. Nach einem bekannten antiken Vorbilde hat dann auch Pe-trarka in dieser Weise die Dame seines Herzens besungen. Nur die Nase derselbenhat er nicht in seinem Gedichte verherrlicht, wohl aber alle andern Theile ihres Leibes.
2) Bd. XX. ?. 1-40.