V««>VLk^äÜL^-. ia -nc^e^LLlL^/. !;^,-nl)iU7n u.V>,-Igk! von 0..j.>lm,r in lic-Lk-n^urA MM -V'.^OXV^ -WKM Albertus Magnus. Sein Den nnd seine Misenschast. Nach den Quellen dargestellt von vr. Joachim Sighart, Professor der Philosophie am Lycenm zn Freifing. Albertus Hut Alle in der Wissenschaft übcrtroffcn. Sei» Schüler Thomas Eau t i p rat a uns. Der Gottfried von Bouillon in dem Krcnzznge zur Eroberung der Weltweishcit ist Albert der Große. vr. Erd manu in Halle. Mit Portriit mil> swci Kimlilliiitkrii fittilcl iitid Wirtlich!) ist Fardeiidrutli. Regenskuro. vertag von Georg Joseph Nanz. 1857 . Vorwort. Während bisher die Kunstmäler meines engeren Vaterlandes Bayern, besonders seine Kirchen des Mittelalters, Gegenstand meiner Untersuchung und öffentlichen Schilderung waren, wage ich es hier, das Bild eines großen Mannes, der auch jener Zeit und meinem Vaterlande angehört, in möglichst getreuer Ausführung zu bieten. Ich glaube, damit mich nicht auf ein wesentlich verschiedenes Gebiet begeben zu haben. Denn wenn nach dem Ausspruche eines ehrwürdigen Schriftstellers unsers Jahrhunderts ein heiliger Mensch der wunderbarste Dom, die lieblichste Statue, das sinn- und glanzreichste Gemälde ist, wenn das Leben des Guten eine Himmel und Erde entzückende Musik und das vollendetste Gedicht zu Ehren des Allerhöchsten ist, so habe ich in dem Lebensbilde des Albertus Magnus wieder nur die Schilderung eines großartigen Kunstwerkes unternommen, welches durch das Zusammenwirken der göttlichen Gnade und der menschlichen Freiheit zu Stande gekommen. Denn * r Albertus ging nicht bloß mit dem Lobe des Guten, sondern mit der Chrenkroue des Heiligen hinüber. Und wirklich mahnt seine ganze Erscheinung und gewaltige Wirksamkeit in jenem wunderbaren dreizehnten Jahrhundert, das auch einen Marko Polo, einen Wolsram von Eschenbach, einen Roger Baco neben ihm, neben Thomas von Aquin und Bonaventura geschaut, gar sehr an unsre Kathedralen des Mittelalters. Denn wie diese in Mitte eines Meeres von Bauwerken alle weit überragend und in zahllosen Baugliedern zum Himmel strebend prangen, so stand er da in Mitte der Zeitgenossen in Bezug aus die Ausdehnung und Verzweigung seiner Wissenschaft Alle übertreffend um die Schulter und drüber, nach dem Ausdruck eines alten Biographen, wie Saul einst um so viel alle Männer Israels überragte. Wie ich gerade zur Wahl dieser mittelalterlichen Persönlichkeit gekommen, bedarf wohl nur der Andeutung. Auf den Pfaden der verschiedenartigsten Forschungen trat mir immer der Name des Albertus entgegen. Wie die Sagenkunde vom Albertus zu erzählen nicht ermüdet, so wird sein Name in der Geschichte der mittelalterlichen Baukunst und selbst des Orgelbaus in der Neuzeit oft genannt. Wie die Forschungen über die Kenntnisse des Mittelalters in Meteorologie, Mechanik, Astronomie, Geographie, Mineralogie, Botanik, Zoologie, Psychologie, Physiognomik immer auf die Gestalt des Albertus Hinweisen, so kann auch die Logik, Metaphysik und Geschichte der Philosophie der Berücksichtigung seiner Leistungen nicht mehr entbehren. Und wenn wir dem Ursprünge der Expositionsweise mancher Dogmen der Theologie und selbst der jetzt ganz gebräuchlichen Terminen dieser Wissenschaft nachgchen, so langen wir häufig am Ende bei der Wissenschaft des Albertus an. Diese auffallende Beob- Vorwort. V achtung mußte gewiß reizen, das Leben und Wirken dieses Mannes einmal einer genaueren Untersuchung zu würdigen, den Stamm der geschichtlichen Wahrheit in seinem Leben von der üppigen Fülle der Sagcngebilde zu befreien, seine wirklichen Leistungen in der Wissenschaft von den ihm bloß später bcigelegten Kenntnissen durch Benützung der Quellen zu unterscheiden. Dazu kam, daß dieser hochinteressante Mann nach Geburt und als Bischof von Regensburg unserem bayerischen Vaterlande angchört, aber, obwohl der größte Gelehrte des Mittelalters, doch viel zu wenig in seinen Verdiensten gekannt, anerkannt und gewürdigt ist sowohl von Seite der Philosophen, als der Theologen und Historiker. Das Alles hat mich zur Uebernahme der Arbeit bewogen, die ich mit Schüchternheit hier vorlege. Denn obwohl ich sorgfältig aus allen literarischen Quellen schöpfte, deren Benützung mir mit großer Güte überall zugcstandcn wurde, obwohl ich die fast zahllosen Werke des Albertus größtenteils selbst durchforschte, obwohl ich auch fast alle Orte besuchte, wo Albertus gewirkt, um die Spuren und Reliquien seiner Thätigkeit durch eigene Anschauung kennen zu lernen, so läßt sich doch bei der Ungeheuern Ausdehnung der Wirksamkeit und der Schriftstcllerei dieses Mannes, bei der großen Anzahl von Orten seiner Thätigkeit, bei der Mannigfaltigkeit seiner Wissenschaft, bei der geringen Zahl der alten Quellen, bei der Schwierigkeit, die Lokalquellen zu erfahren und zu erhalten, nichts anderes erwarten, als daß manches Jrr- thümliche, manches Unvollkommene und Mangelhafte sich in die Darstellung eingeschlichen. Doch wird der billige Beurtheiler wohl die Aufwendung redlichen Fleißes bei dieser Arbeit nicht verkennen, sowie, daß nur die Wahrheit das Ziel meiner Forschung und Darstellung gewesen, indem ich auch dem Ausspruche des alten Biographen VI Vorwort. Pctnis de Prussia beipflichte: iXon enim saneri no8tris Dir. Duroo, X. Hoelrrffrirlo, ,1. L. 60 IVInrinIs, osrisckoirr orcilirls irrnAlstrls Aonoi-g.- III,,IS, In Inooin oclitg. stiicllo II. Dotrl .I,IMI„^, snorns DIrool. ckoot. donvont. Ornriniro^olit. ejuscloirr OicllnIZ. XXI Voluin. Dol. Drr§- ärml 1651. Diese einzige Gesammtansgabe der damals bekannten Werke des Albertus wurde mit Benützung der Bibliotheken Frankreichs und selbst der vatikanischen Bibliothek zu Rom durch die genannten auf einandcrfolgendcn Ordensgenerale veranstaltet, wobei Jammy die Redaktion des Ganzen geführt zu haben scheint. Doch besaß er kein besonders kritisches Talent, wie die Aufnahme offenbar unächter Schriften, die Fülle der störendsten Druckfehler und die vorangescndete Lebensgcschichte des Albertus zeigen, welche ohne Ausscheidung alle traditionellen Sagen als Thatsachen ausgenommen hat. Diese Ausgabe der Werke des Albertus bildet die Hauptquelle für unsre Darstellung. Bei Citationen gebe ich den Band und die Seitenzahl dieser Ausgabe an, weil dadurch das Auffinden der Stellen am meisten erleichtert seyn möchte. 2. Dlloirrno (Inntffirntnlil Lormirr rmivorsnlö cle proprietutllnis npum. Geschrieben im Jahre 1261 von dem bekannten Schüler und Ordensgcnosscn des Albertus, Thomas von Cantimprö, enthält dieses Buch viele interessante Notizen über den großen Meister, die um so größeren Werth haben, als der Schreibende Augen- und Ohrcnzenge des Berichteten war. Es ist in vielen Ausgaben erschienen. Ich benützte die Ausgabe von Douai v. I. 1627. 9. Auflage. 3. Vitus Orutrrun, geschrieben auf Beschluß des Generalkapitels zu Paris und auf Befehl des Ordcnsgeuerals Hmnbert vom Bruder Gcrard de Frachcttv. Entstanden etwa um das I. 1256, erzählt es auch Scenen ans dem Leben des Albertus. Nurtsns toin. IV. Hiss, vet. Xnssd. 1716. 4. Oernurdi Onidonis: Os Asnsruiistns et provinoiulilzns p>ri- oribns Ordinis xruodisutoruin. Dieser Ordensgenosse und Bischof, ein Franzose mit dem Familiennamen de ku OMonns aus der Gegend von Larochelle, schrieb um das Jahr 1304 zu dem Werk des Stephan de Salanhaco: Os Mutnor, in Milans Osns Ordinsnr Orusdisutoruin insiZnivit, umfassende Bemerkungen und ebenso eine Fortsetzung zu dem von demselben begonnenen Kataloge der Ordensgencrale, der ans dem Orden genommenen Cardinäle und Bischöfe, der bedeutendsten Lehrer des Ordens und der Kapitelbcschlüsse. Hiebei thcilt er uns auch über den Albertus, dessen jüngerer Zeitgenosse er noch war, öfter wcrthvollc Bemerkungen und Nrtheile mit. Bei Llurtsns tom. VI vst. ssript. Mamachi redet von ihm in den oVnnuIss ord. Oruodi- sutornin Vol. I, pruskütio, p. XXXVI. Vgl. (^ustil und Osliurd in den Lsriptoros Ord. I'rosd. I, p. 579. Diese geben Auszüge in der Vitu Xldsrti. 5. Düoloinusi ds Ouou sch 1314) Iiistoriu ssokssiustisu novo. Titel: Inoipit sstronisu sunnnorunr pontiLsum et susrorurn dootoruin us prineipnin sonsnrrsntiuin enin sis ssslssiustisus Iiistoiüuo novus snd krsvituts oditu. Von einem Schüler des hl. Thomas von Agnin herkommend, haben die Angaben über Albertus hohen Werth. Bei (^nstil und Oslrurd I, 169. 6. Ondovisi ds Vuile Olsti sllispuni) drevis üistoriu de vitu et dostrinu Xlbsrti inugni in der tulanlu gnorunduin dootoruin ordinis Orusdisutornin. Diese von einem langjährigen Mitglicde des Pariser Klosters im I. 1413 geschriebene älteste Legende des Albertus erzählt zuerst, bereits in etwas geschmückter Form, das ganze Leben desselben und berichtet auch, doch noch ungenau, von den Schriften des Meisters. Vgl. 8oriptorss Ord. Orusd. I, 789- 7. OoAsndu st Orosossus ds Vitu 8t. Dstoinus ^.Minutis. ^Lstu 88. iVIons. Llurt. VII. Enthalten ans dem Munde von Zeitgenossen Notizen über das Vcrhältniß zwischen Albertus und seinem großen Schüler Thomas von Aqnin. 8. Ounrsntn Oi^non Oiironison ordinis Orusdisutoruin sge- schrieben nngcf. 1434). Im outuloMs gnorunduin dootoruin, Mi dostrinu olurnornnt, der einen Thcil des Ehronikvns ausmacht, gibt er eine IX Allgemeine Literatur. kurze Skizze des Lebens und der schriftstellerischen Leistungen des Albertus. Die Auszüge bei (^nstik in der Vita iLIllerti. 9. Vita 1l. ^.Illerti ciootoris innAui ex orllüis Vraellicmtoiaun, U^isso^i Untisponsnsis, oom^ilrrtors II. V. I'etro cls Urus8iu, ssnsll. Orll. DIisoloZo. Dieses Werk wurde geschrieben zu Köln von dem Bruder Petrus, der eigentlich den Zunamen Elgast führte und aus Danzig gebürtig war, woher der Beiname de Prnssia kommt. Es erschien zum ersten Male i. I. I486 gedruckt zu Köln, später in mehreren Ausgaben. Ich benützte die plantinianische Ausgabe von Antwerpen vom I. 162t, wo die Vita iLIKsrti dem Büchlein cks mllmsi-eml» ckoo beigcfügt ist. Dieser Schriftsteller wollte eine authentische Geschichte des seligen Meisters schreiben, nachdem die Eröffnung des Grabmales desselben so großes Aufsehen erregt hatte. Nachdem er zu diesem Zwecke die vorhandenen Quellen durchgelesen, nämlich, wie er in der Vorrede erklärt, den Thomas von Cantimprs, den Ulrich Engelbrecht von Straßburg, die beide zu den Füßen des Albertus gesessen, den Bcrnard Gnidonis, den Wilhelm de Thoco (den Biographen des hl. Thomas), dann den Gerardus von Frachctto, der die Vitus lrntrnm geschrieben, die Kölner Legenden und die Werke des Albertus selbst, ging er daran, die Biographie des großen Mannes zu schreiben. Das Buch ist bedeutend, gut geschrieben, viel kostbares Material enthaltend. Nur die Anordnung des Stoffes läßt Vieles zu wünschen übrig, sowie auch die stets durchscheinende apologetische Tendenz, den Albertus von der aus seinen Natnrstudien entspringenden Beschuldigung der Magie, Zauberei und andrer Unsauberkeit zu reinigen, nicht zum Vortheil des Ganzen gereicht. Er hält sich noch ziemlich treu an die Berichte der ersten Vorgänger, kann sich aber doch nicht ganz von den später entstandenen Sagen frei erhalten. Er ist so gewiß, überall nur die Wahrheit berichtet zn haben, daß er erklärt, cs möchte doch Niemand seiner ganz wahren Erzählung etwas beifügen, außer er habe volle Sicherheit von der Wahrheit seines Berichtes. iXoii snim, sagt er, 8rmsU nostris ckslsotimtur momlucim, c^ii suin voritatm Inmsn sunt uciexti. Als erste in Deutschland und zwar in Köln nach den Quellen gefertigte Lebensgeschichte des Albertus, bildet dieses Buch auch die Grundlage unsrer Darstellung vom Leben und Wirken des Albertus. 10. DsAsmln 6 . Vlllm'ti pro olloro Orä. , a,1> socksm Ustro cks Urussm lmsvitsr sompositn. In den Dominikanerbrevieren enthalten. 11. Ds^sucku tLIbsrti, ex Isstioimrio antl^uo mnimsorssito sumxtn. Uxchieit per ms Uoliuimsm Lolivolxsr, Eonv. ktorlxllsm. 1492. Es ist die ältere, von Prussia benützte Lektio der Vita widert!, fortgesetzt nach der Drrmslntio corporis I). ^Ibsrti vom genannten Prior von Pforzheim. In den Akten des Regensburger Archivs abschriftlich vorhanden. 12. Dementia, vonerabilis clomiiri bsoti Ullerti ranArii rotis- ^onnknsis soolesias guonclam episcopi, orcliiiis limirruri prasclm^torur». Der Verfasser ist Rudolph von Nymwegcn (dlovioinLAsnsis), Predigermönch im Kloster zu Köln. Er sagt im Prolog, er habe dieses Werk geschrieben nach einem größeren des Bruders H. (Petrus de Prussia?), der es nach der Erhebung des Leibes des seligen Albertus ausgeführt. Auch Rudolph erklärt, sich hiebei nur an die Traditionen der Väter, welche des Albertus Schüler waren, oder ihn doch im Leben kannten, gehalten zu haben. Er wolle auch wenig von Wundern des Albertus berichten, obwohl Thomas von Brabant von solchen redet. Auch von dem großen Johannes dem Täufer seien ja keine Wunder bekannt. Das Buch des Rudolph wurde beim Kapitel zu Pforzheim i. I. 1488 dem Bruder Jakob von Basel übergeben, der Generalvikar des Ordens war, auf daß er es bekannt machen möchte. Dieser ließ es vor dem Kapitel verlesen, approbircn und gab dem Convent zu Köln den Auftrag, es zu veröffentlichen. So erschien es im Druck zu Köln durch den Bürger Kölhof i. I. 1460, in Quart mit einem Titelholzschnitt, der den Albertus lehrend vor seinen Schülern darstcllt. Diese Legende des Lebens unsers Albertus (in 3 Büchern) ganz mit der Naivität und reizenden Einfachheit jener Zeit geschrieben, bildet wegen ihrer Vollständigkeit, wegen des Ortes der Entstehung und wegen ihrer Approbation durch das Ordcnskapitcl die zweite Haupt- qnelle für unsere Arbeit. Die Anordnung und Titel halten sich großen- theils an diese Schrift. 13. DsZoncko, mstrioa. 8. Jlllerti o .lacollo Uomckensi. Anhang und bloße Vcrsificirung der gerade angeführten Legende. 14. Imnrentii Hoolirvnrti ontoloAirs epüsoopxirura Uatispoii- nMsirun. Dieses Werk, von dem genannten Kanonikus der Regensburger Kirche um das I. 1550 geschrieben, enthält gleichfalls eine kurze Vita Jlberü II. IPiscopü , die für seinen Regensburger Aufenthalt die Hauptqnellc bildet, und einige interessante Urkunden bietet. Bei Osllols, Forint. Uoruin Uoicmrum I, 207. Hiemit enden die eigentlichen Quellen, älteren Biographien und Originallcgenden des Albertus. Die folgenden Schriften sind fast nur Auszüge oder Ueberarbeitungcn und freie, mit Sagen verwebte Er- Allgemeine Literatur. XI Weiterungen der genannten beiden Hauptlegenden. Ich nenne folgende: 15. Xirtoräi ,1. Olnrillnll Oorocorilsllsimis Vita X16srti in vitis Viroruiu muAnoruiri Orci. Oominisonoruirr Ich,. III. 16. Osanärl Xlbsrtl: Os viris illustribus orälräs proeälsn- torrrm 116. ssx in nnnin eonAsstl. Oononios 1517. 17. Lsruplnni HU 22 I, Vits äel 8unt1 äel suoro orcline äs preälentvrl, oosl nonrinl ooirrs äouirs. Florenz 1577. 18. Vita O. Xlbsrtl IVIuAnl per Vinosntinin chnstiniunurn. 6o1onias 1625. Dcßwcgen von einiger Bedeutung, weil der Verfasser im Kloster zu Köln docirte. 19. Vita 6. Xlbsrtl VlnAirl sä. I'. äuinin^ als Einleitung zur Gesammtausgabe der Werke des Albertus I. 1651. 20. XnrdroÄI äs Xltnirmro. Ooironlos sivs 88. Dominisunoruin sloguiu. Xsnpoll 1671. 21. Unäsri Ruvariu sunotu. II, x». 281—290. Os 6. Xlbsrto iVI. IPiss. Rutispi. Nonuslnl 1704. Die erste kritische Darstellung des Lebens und der Schriststellerei des Albertus verdanken wir dem vortrefflichen I. Qustif, der in dem berühmten Werke: 22. 8sriptors8 oräinis Oonainlsunoruna I, p). 162 —184, eine Scheidung alles Sagenhaften und Nnhistorischcn im Leben des Albertus vorgcnommcn und auch eine vollständige Ncbersicht über die gedruckten und uugedruckteu, ächten und »nächten Schriften des Albertus gegeben hat. In gedrängter Kürze gehalten, aber das Beste, was bisher über das Leben des Albertus geschrieben worden. 23. Außerdem sind Biographien und Untersuchungen über die Person und bas Wirken des Albertus enthalten in den Ordensannalcn der Dominikaner von Bzovius, in den Kirchengcschichtcn vom hl. An- toninns, von Natal is Alexander (tom. XV, p. 256. sä. Oin§.), von Fleury (tow. XVII, p. 608. Orrrxsllss 1716.), nnd in Cranial er's Fortsetzung von Bossuct's Weltgeschichte (Bd. VII.), in den Literaturgeschichten von Dritlisiriirl8 (äs sorixck. esels8. s. 464.), von Osnr1orl8 Oairäsvsirsls (äs ssrffrt. esst. o. 23, p. 125.), Von Onve (Ilmt. litt. 8crff,t. sssls8. voss Xlbsrtrm) , von O. On/Is (älst. blot. st erltl^us, I.), von X. Oa6risirl8 (Olbliotlr. Irrtin. irrsäll st ir>üill. nsvi. I, x. 44.), von Er sch und Grub er (Allgemeine Encycl. der K. u. W. II, 364. Der Artikel über Albert ist von Buhle), sowie in den Geschichten der Philosophie von Brücker (tom. III, 788.), Tiedemann (Geist der spcknlat. Philos. Bd. IV.), XU Allgemeine Literatur. Rixner (Handbuch der Gesch. d. Philos 2 Bd. S. 85 u. ff. 2. Ausl. 1850 ), und Hcinr. Ritter (Geschichte der Philosophie, Bd. VIII, S. 179—256.); endlich in den Heiligenlcgenden von Alban Bnttler (deutsch von Or. Räß und Weis, Bd. 20, S. 348.), und in dem trefflichen kritischen Werke: Vies des 8nints (IH.8 1760.) u. a. Die neuesten Schilderungen des Lebens unsers großen Mannes gaben: 24. Uouoliot, bistoire des soisiroes rmturollos uu rrio^oir ugo ou Ulbert Io Araud et Zon epogue. Inaris elre^ d. 11. Luilliere. 1853. U. 203 — 320. Die Lebensstile ist unkritisch und von geringem Werthc, weil bloß späteren Compilatvren, z. B. Bayle, entlehnt. Aber die Kritik der Naturkenntnisse, besonders der Zoologie und Physiologie des Albertus ist originell und von Bedeutung. Leider konnte ich das Werk hiebei noch nicht benützen. 25. Or. En neu, Albertus Magnus, ein Lebensbild aus dem Mittelalter. Im Katholischen Volkskalender f. d. I. 1856. Köln und Neuß. Schwann'sche Verlagshandlnng. S. 10 — 41. 26. V. Bianco, in der Geschichte der Universität und der Nntcr- richtsanstalten in Köln. 1856. Der erschienene Bd. I. enthält eine von großem Fleiße zeigende Lebensskizze des Albertus. Die Quellen und die Literatur über einzelne Lebensmomcnte und Leistungen des großen Lehrers werden wir an den, betreffenden Stellen anzeigen. Inhatisanzeige. Seite Vorrede.Ill —VI Allgemeine Literatur.VI — XII Kapitel I. Heimath, Geburt und Jugend des seligen Albertus. Erziehung und Unterrichtsweise jener Zeit.1—10 Kapitel II. Das Leben des seligen Albertus an der hohen Schule zu Padua. Worin damals das Studium der freien Knuste und der Philosophie bestand.10—16 Kapitel III. Des seligen Albertus Kämpfe in der Berufswahl. Die Predigten des Meisters Jordan. Sein Eintritt in den Predigerordcn 16—21 Kapitel IV. Der selige Albertus als junger Ordcnsmann. Seine Fortschritte in den Wissenschaften und der Tugend. Die theologischen Studien jener Zeit.21—26 Kapitel V. Der selige Albertus als Lehrer und Prediger in deutschen Städten, nämlich in Köln, Hildesheim, Straßburg, Frcibnrg, Ncgensburg. Seine Schule, Lehrstuhl und Lehrweise in letzterer Stadt.26-36 Kapitel VI. Der selige Albertus abermals Lehrer in Köln. Ankunft des hl. Thomas von Aquin. Sein Berhältniß zum Meister . . 36—42 Kapitel VII. Der selige Albertus als Lehrer in Paris. Gründung des dortigen Klosters. Wie die Predigermönche Lehrstühle an der Universität erlangen. Ansehen und Wirksamkeit des Albertus. Eine Versuchung.42—49 Kapitel VIII. Der selige Albertus kehrt nach Köln zurück und lehrt abermals. Seine religiösen Hebungen und ErbanungSschriften jener Zeit. Schilderung seiner Gebete und Predigten . . 49—56 Kapitel IX. Die philosophischen und theologischen Schriften, die der selige Albertus um jene Zeit verfaßt hat. Allgemeiner Charakter XIV Jnhaltsanzeige. Seite seiner Schriftstellerei. Seine Vorgänger. Seine logischen, physikalischen und metaphysischen Schriften. Seine Commen- tare zum Pseudodionysius und zu den Sentenzen des Petrus Lombardus.56—67 Kapitel X. Was der Bolksinnnd vom seligen Albertus aus jener Zeit zu erzählen weiß. Die Sagen der älteren und neueren Zeit. Sage vom Kölner Dombau, von der Bewirthung des deutschen Königs Wilhelm, von der gehenden und redenden Figur, von der bösen Prinzessin Pietisyla, von der Bestrafung des Königs Wilhelm, vom vorwitzigen Schuhmacher. Unächte Sagen. 67—75 Kapitel XI. Wie viel Wahrheit in jenen Sagen liege. DeS Albertus Betheiligung am Kölner Dombau. Seine Zauberkünste. Seine redenden Figuren und seine Zauberbechcr .... 75—83 Kapitel XII. Der selige Albertus wird Provinzial des Ordens in Deutschland. Seine Wanderungen und strengen Verordnungen in diesem Amte.83—87 Kapitel XIII. Der selige Albertus eröffnet das Frauenkloster Paradies bei Soest.88—91 Kapitel XIV. Der selige Albertus wird nach Polen gesendet, um die Ueberreste des Heidenthums auszurotten .... 92—94 Kapitel XV. Der selige Albertus als Friedensstifter zu Köln. Der dortige Zwist zwischen dem Erzbischöfe und der Stadt . . 94—98 Kapitel XVI. Von der großen Drangsal, die über die Bettelmönche besonders in Frankreich hcreinbrach. Albertus führt schriftlich und mündlich ihre Vertheidigung. Sein Kommentar zum Evangelium des hl. Johannes. Seine Schrift gegen die Anhänger des Avcrroes. Eine Vision.98—110 Kapitel XVII. Der selige Albertus wieder als Provinzial in Deutschland. Sein Bild aus jener Zeit. Sein Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus. Seine Enthebung von jenem Amte.111—115 Kapitel XVIII. Der selige Albertus wird zum Bischof von Negens- burg erwählt. Sein Widerstreben. Sein Einzug in Negensburg. 115—121 Kapitel XIX. Des seligen Albertus Wandel als Bischof von Negensburg. Seine Kleidung, äußere Erscheinung und sein Gespräch. 121—124 Kapitel XX. Wie der selige Albertus sein Bisthum verwaltet. Seine Bestrebungen zur Besserung der Sitten. Sein guter Haushalt. Er tritt als Prediger und Oberpriester häufig aus, nimmt an Provinzialsynoden Theil. Schenkungen an arme Klöster und an das Domkapitel.124—138 Kapitel XXI. Wie der selige Albertus auch als Bischof hl. Bücher verfaßt.' Sein Commentar zum Evangelium des hl. Lucas. Officium zum hl. Joseph? Ob er sich an Kircheubauten in Negensburg beiheiligt. Der Bau des Domes und der Dominikanerkirche.138—146 Jnhaltsanzeige. XV Kapitel XXII. Der selige Albertus verzichtet auf sein Bisthum Ne- gensburg. Was ihn dazu vermochte. Verleumdungen. Com- mentar zur Ethik und Politik des Aristoteles. Schwierigkeit der Stellung eines deutschen Bischofs jener Zeit. Seine Bitten um Enthebung. Erhörung. Kapitel XXIII. Der selige Albertus als Prediger des Kreuzes. Die Kreuzzüge überhaupt. Wie der selige Albertus Bayern, Schwaben und Franken durchzieht. Kapitel XXIV. Der selige Albertus weilt längere Zeit in Würzburg. Er erscheint öfters als Friedensstifter. Kommentar zum Evangelium des hl. Marcus. Das Buch vom starken Weibe Kapitel XXV. Der selige Albertus kehrt auf Umwegen nach Köln zurück. Er stiftet abermals Frieden, und weilt wieder mit Freuden im Ordenshause. Sein Urtheil wird von Paris aus ? erbeten. Seine Commentare zu Len Psalmen, Klagliedern des Jeremias, zu Baruch, Daniel, zu den kleinen Propheten, zur Apokalypse. Kapitel XXVI. Von der glühenden Andacht des seligen Albertus zum hochheiligen Sakrament. Seine Schriften über dieses Sakrament. Das Buch über das Opfer der Messe, das Buch über die hl. Eucharistie, die Predigten über das hochheilige Sakrament der Eucharistie. Kapitel XXVII. Von der Liebe des seligen Albertus gegen die glorreiche Jungfrau Maria- Seine hiehergehörigen Schriften. Sein Mariale oder Buch über den englischen Gruß Kapitel XXVIII. Der selige Albertus visttirt noch Klöster und weiht Kirchen in Eßlingen, Basel, Kolmar, Straßburg, in der Kölner Diöcese und in den Niederlanden. Ob er an diesen Orten Kirchenbauten ausgcführt- Fromme Sprüche des Meisters Kapitel XXIX. Wie der selige Albertus den Chor der Dominikaner- kirche zu Köln baut und mit Heiligthümern schmückt. Die alten Nachrichten über jenen Chorban. Ob Albertus den Plan entworfen. Er erhebt auch den Leib der hl. Cordula. Seine Verehrung gegen die Reliquien der Heiligen Kapitel XXX. Der selige Albertus verkündet den Tod des fernen Bruders Thomas von Aquin und geht zu dessen Vertheidignng nach Paris. Kapitel XXXI. Wie der selige Albertus dem Concil zu Lyon beigewohnt habe. Ursache und Verlauf des Concils- Die Nolle, welche Albert dort spielte als Gesandter des Königs Rudolph von Habsburg. Kapitel XXXII. Die letzten Schriften des seligen Albertus. Die Summe der Theologie. Ihr Verhältniß zur Summe des hl. Thomas. Das Seelenparadies. Das Buch, wie man Gott anhängen soll. Sette 146-154 154-161 161-171 171-178 179-194 194-202 202-210 210-220 220—225 225-238 238-246 XVI Inhalts anzeige. Seite Kapitel XXXIII. Das Testament des seligen Albertus . . . 246—249 Kapitel XXXIV. Wie der selige Albertus sein Lehramt endet. Schwinden des Gedächtnisses. Seine letzten Tage und Beschäftigungen. Sein Tod und sein Begräbniß. Grabschriften . . . 249—257 Kapitel XXXV. Wie Gott seinen Diener Albertus nach dem Tode verherrlicht. Transferirungen der Leiche. Deren Unversehrtheit. Visionen über die Seligkeit des Albertus. Krankcn- heilungen. 257—265 Kapitel XXXVI. Wie die Menschen das Andenken des Albertus feierte». Denkmäler in Köln. Grabschriften. Zelle. Seine Handschrift des Commentars zum Evangelium des hl. Matthäus. Autographon. Sein Wunderbecher. Seine Reliquien, sein Meßgewand und Stab in St. Andreas zu Köln. Erinnerungszeichen an Albertus in Ncgensburg. Schule und Lehrstuhl des Albertus. In Lauingen der Hofthurm und ein Altar. Bilder des Albertus in den Kirchen Italiens, besonders das Bild zu Florenz. Lob des Albertus durch Dichter, Redner, Geschichtschreiber, Naturforscher und Philosophen . . 265—284 Kapitel XXXVII. Von der Verehrung, die dem seligen Albertus in der Kirche zu Theil wurde. Der Prozeß seiner Kanonisation. Sein Officium. 284—288 Kapitel XXXVIII. Die Schriften des seligen Albertus. Die ächten, im Druck bei Jammy erschienenen Werke, die dort ungedruckten ächten, und die unächten. Verzeichniß der in der k. Hof- und Staatsbibliothek zu München handschriftlich vorhandenen meist ungcdruckten Schriften, die den Namen des Albertus tragen 288—301 Kapitel XXXIX. Die Wissenschaft des seligen Albertus. Allgemeiner Charakter derselben. Quellen, aus denen er geschöpft . 302—305 I. Wissenschaft der natürlichen Dinge. X. Logik. 305—307 v. Physik. Dahin rechnet er allgemeine Naturlehrc, Meteorologie, physikalische und politische Geographie, Mineralogie, Psychologie, Botanik, Zoologie, Anatomie und Physiologie . . . 307—356 0. Metaphysik. 356-361 v. Ethik. 361-364 L. Politik. 364-366 II. Wissenschaft der Theologie. (Exegese. Dogmatik und Moral.) . 367—384 Nachträge. 385- 386 Schilderung der Kunstbeilagen: а. Das Porträt.273 б. Der Lehrstuhl.33 u. 269 e. Die Casula.268 Kapitel I. Heimath, Geburt und Jugend des seligen Albertus. L-^n den Ufern der oberen Donau waren ans den alten Römer- kastcllen, die den Anprall der hcranbrauscnden Völkcrwogen vom hinsinkenden Römerrciche abzuhalten die Bcstinunnng hatten, bereits im ersten Jahrtausend unsrer Zeitrechnung ansehnliche Städte hervorgewachsen. Besonders zur Zeit der Alles verheerenden Raubzüge der Ungarn hatte sich, was fliehen konnte, vom flachen Lande in diese Städte hingeflüchtct, die durch Wall und Graben einigen Schutz boten vor der Wuth der wilden Horden. Später hatten sich meist diese Städte durch Tüchtigkeit der Bewohner, durch Gewcrbsfleiß und Handel zu hoher Blüthe, zu Wohlhäbigkcit und bedeutender Entfaltung aller Gebiete des Lebens erschwungen. Unter diesen Orten nahm Lauingen im bayrischen Schwaben, zur Diöcese Augsburg gehörig, eine hervorragende Stelle ein. Sollen ja schon in der Schlacht am Lechsclde die Bürger von Lauingcn tapfer mitgekämpft haben Z. In dieses anmuthige Städtchen scheint in den folgenden Zeiten auch eine edle Familie übergcsicdclt zu seyn, die bisher in dem zwei Stunden entfernten Schlosse Bollstatt gehaust hatte. Ob diese Uebcrstedluug geschehen der größern Sicherheit willen, oder um die andern Vorthcile des Stadtlcbens zu genießen, oder in Folge eines königlichen Amtes, womit die Familie bekleidet war, ist nicht entschieden. Doch sprechen die ältesten Angaben für das Letztere, indem sie den Vater des Albertus bald als Ritters, bald als könig- 1) Vgl. Sagenbuch der Städte Gundclsuigen, Lauingen, Dillingen, Höchstädt. Dillingen 1849. S. 23. 2) So Rudolph und Prusfia: karentca erant ex militari oräine. Sighart, Albert d. Drohe. 1 2 Kapitel I. lichen Hofbeamten Z bezeichnen. Er war also wahrscheinlich ein Mitglied des niederen Adels, ein Ministeriale, der in der Stadt die Rechte seines Herrn, des Kaisers ans dem nahen Hause der Hohenstaufen, zu vertreten Haltes. Daß die Familie auch mit äußern Glücksgütern reich ansgestattet gewesen, fügen die alten Berichte ausdrücklich bei 3). Doch erst, als den schon bejahrten Eltern auch ein Isaak zulächelte, sagt der Chronist^), ward die Freude der Familie voll. Dieser Sohn war Albertus, von dem in diesem Buche geredet werden soll. Das Jahr seiner Geburt läßt sich nicht mit Gewißheit angeben, noch weniger der Tag. Doch sprechen die gewichtigsten Zeugnisse dafür, daß Albertus um das Jahr 1193 geboren sei °). Noch bezeichnet 1) Aventin und der in solchen Fragen besonders bewanderte W. Hund sagen: Albertus Lusvus natlonc in agro Daugiensi clari38imis crepuncliis ex rc§nl>8 Lolstaäensidus ortns. lVletrop. 8alist>. p. 136. Die heimischen Berichterstatter sind aber in solchen Dingen die sichersten Quellen. 2) Wenn also Albertus in den meisten später» Legenden und Büchern ein Graf von Bolstadt heißt, so ist diese Angabe ungenau. Wenn Heumann (,4et. xliilol. III, 756) nach Vives meint, Naguus sei der Name der Familie (Krotus) gewesen, ». so ist das nur eine Curiosität, aber nicht der Widerlegung werth. Er hieß in Köln Albert de Grote; das ist nur die plattdeutsche Aussprache, des Namens: der Große. Vgl. Drwrleil bibl. mell. lat. I, p. 113. 3) Nudolph. 4) Nudolph. Petrus de Prussia meint, schon sein Name sei eine Prophetie seiner Größe gewesen. Denn Xl — aitus, dar — Ion8, Quell, tus — Mus, Weihrauch!! krussia, Vit. L. Xldcrti, x. 330. 5) Dafür spricht Rudolph: Hatus est circa annum Inearnationis Domini lVIOXOIII, Ooeiestino tertio totam ceeiosiam rcgcnto. Cölestin III. regierte aber von 1292 —1298. Für jene Jahrzahl zeugt auch die Tradition seiner Vaterstadt ^ Launigen, da auf dem Hofthurm das Jahr 1193 als Geburtsjahr erscheint. Gerade in solchen Fragen können in der Periode des Mittelalters aber nur die localen Nachrichten entscheiden. Dafür ist auch Altamnra, der kritische Qnetif und die Cölner Historiker scheinen alle so zu stimmen. Die Mehrzahl der späteren Schriftsteller hält aber das Jahr 1205 für des Albertus Geburtsjahr. So Jammy, der Verfasser der Vies äes saints u. A., ohne bestimmte Gründe anzuführen. Offenbar ist diese Ansicht nur eine Hypothese, um die lange Lebensdauer des Albertus, seine lange Studien- ^ zeit in Italien und seine großartige Wirksamkeit noch in den letzten Jahren abweisen zu können. Er sollte im Alter von 85 Jahren in Cöln noch docirt haben! Aber das ist keine Unmöglichkeit. Es gab in jenen Tagen Mehrere, die an Körper- und Geisteskraft Niesen blieben bis zum letzten Augenblick. So bestieg jener Papst Cölestin III. erst mit 82 Jahren den Stuhl Petri, den er mit Ehren eiunahm. Raimund von Pennaforte lebte und wirkte bis in das 98ste Jahr. Heimath, Geburt und Jugend des seligen Albertus. 3 die Tradition der Stadt Launigen an einer Ecke des Marktplatzes das Haus, in dem die Herren von Bollstatt gewohnt, und wo also der große Meister das Licht der Welt erblickt hat Uebcr die Tage der Kindheit des Albertus ist fast undurchdringliches Dunkel ausgebreitct. Wir finden hier die nämliche Erscheinung, die uns bei den meisten großen Persönlichkeiten des Mittelalters entgcgentritt. Erst wenn der Glanz ihrer Tugenden, der Ruhm ihrer Werke die Welt erfüllt, dann wenden sich die Augen der Zeitgenossen staunend und forschend solchen erhabenen Gestalten zu und fragen, woher sie gekommen, welchen Weg sie bisher zurückgclegt. Dann aber sind die Zeugen ihrer Kindheit meist schon lange hcimgegangcn, die darüber Kunde zu geben vermocht hätten. Sie selbst aber, ganz vom Geiste der ungchenchelten, christlichen Dcmuth erfüllt, lassen sich nur ganz selten bewegen, von sich selbst zu sprechen und Aufschlüsse über ihr eigenes Leben zu geben ^). Und so kommt cs, daß auch Albertus in seinen zahllosen Schriften seiner Heimath, seiner Familie, der Zeit seiner Kindheit nie Erwähnung thut, und daß auch die Biographen nur in ein paar allgemeinen mageren Notizen sich über diese Frühperiode seines Lebens aussprechcn. Uebrigens hat ja das Kind auch noch keine eigentliche Geschichte, es hat sein Leben noch zu wenig Eigcnthümlichkeit, zu wenig hervorragendes, geistiges Gepräge, cs ist noch zu sehr an die Natur gebunden, als daß es Gegenstand umfassender, geschichtlicher Darstellung werden könnte, es gleicht sich in der Regel das Leben der Kinder eines bestimmten Standes, wie das Gesicht zahlloser Kinder auffallende Aehn- lichkeit zeigt. — Ans dem Munde des Albertus erfahren wir nur, daß er noch einen jüngeren Bruder Heinrich gehabt, der gleich ihm in den Orden des heiligen Dominikus getreten und als Prior des Predigerklosters zu Würzbnrg gestorben ist. Diesen nennt er nämlich in seinem Testamente, das wir später mittheilen werden, feinen leiblichen Bruder und setzt ihn in die Zahl der Exekutoren feines letzten Willens ^). 1) Daß übrigens das jetzige, allerdings alierthümliche Haus nicht mehr das ursprüngliche, aus dem zwölften Jahrhundert stammende Wohnhaus der Bollstätter sei, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. 2) Auch Ließ gehört zur Objektivität des Mittelalters! Während es von der Herrlichkeit der Objekte der Wissenschaft voll Entzücken redet, vergißt es sich selbst ganz und gar. Welch ein Gegensatz zur modernen Zeit, in der Schriftsteller und Dichter offenbar am liebsten vom eignen Ich zu reden pflegen! 3) Da Albertus in demselben Testamente auch das Katharinenkloster zu Augsburg mit einer Schenkung bedenkt, wäre wohl möglich, daß dort eine Schwester oder 1 * lMWW iE 4 Kapitel I. Wahrscheinlich hatte der ältere Albertus durch die Macht seines Wortes diesen jüngeren Bruder bewogen, auch ihm nachzueilen aus dem sturm- vollen Meere in den süßen Port deö klösterlichen Lebens. Sonst hören wir.nie von ihm. Was die Biographen von den Tagen der Kindheit unsers Helden der Wissenschaft zu berichten wissen, beschränkt sich ans Folgendes. Sie sagen: „Albertus hat von der Frühe seines Lebens eine sorgfältige Erziehung genossen. Er wurde dem Unterrichte im göttlichen Gesetze übergeben und in den Anfängen der Wissenschaften unterwiesen *)." Die erste Angabe bezieht sich wohl ans die Pflege, die der junge Edle im Hause seiner Eltern gefunden. Und wer könnte zweifeln, daß diese kostbare Pflanze frühzeitig von dem Arme eines kraftvollen Vaters an den Stab der heiligen Zucht gewöhnt worden, da sie später so überreiche Frucht der Weisheit und der Sitte gebracht hat? Und nicht weniger gewiß ist, daß er von den ersten Jahren an ans dem Munde einer frommen Mutter die stärkende Milch des religiösen Unterrichts empfangen habe! Ebenso gewiß hat auch der Körper des jungen Adeligen in jenen Tagen durch alle Uebnngen des ritterlichen Lebens jene Frische, Gesundheit und Kraft sich erworben, durch die er dem Geiste bis in das höchste Greisenalter ein tüchtiges Organ der umfassendsten Thätigkeit darbot. Zn dieser häuslichen Erziehung trat aber nach obiger Erzählung bald auch die Unterweisung in den Anfängen der Wissenschaft. Ob er diese durch einen Kapellan oder Ordenspriester im Vatcrhanse oder in einer Klosterschulc der Umgebung empfangen 2), können wir wieder nicht bestimmen. Volksschulen im Sinne der Neuzeit gab es damals noch nicht, nur an den Kathedralen und Klöstern waren Schulen errichtet, wo den für den geistlichen Stand bestimmten Knaben und auch Söhnen des Adels Erziehung und Unterricht zu Theil wurde. Dagegen können wir uns so ziemlich eine Vorstellung bilden von dem Lehrgänge, den auch ohne Zweifel unser Albertus durchzumachen hatte. Denn die alte Methode der Benediktiner, dieser großen Meister Verwandte desselben gelebt. Die Nonnen kamen dahin im I. 1250 nach Stetten's Gcsch. v. Augsburg. V, 70. 11 Rudolph. Prusfia sagt: Die n xÜ8 pnrsntidus viam Domini n xueritia ost eäoetus, iinäitus al> iisäem litterm imbuenäis. p. 78. 2) Wie Thomas von Aquin in Monte Cassino, und früher Hngo von St- Viktor im Kloster Hamersleben bei Halberstadt. Vgl. Licbner's Hugo von St. Viktor. Leipzig 1832. S. 18. Heimath, Geburt und Jugend des seligen Albertus. 5 in der Erziehung der Völker und der Einzelnen, war ja noch überall die herrschende, nnd an dem Herkömmlichen, Bewährten nicht ohne dringende Nothwcndigkcit zn ändern, galt von jeher als Grundsatz der Kirche und ihrer Institute. Da wir nun aus dem Ende des zwölften Jahrhunderts ein Buch besitzen, das uns über den Unterricht der Knaben in jener Zeit Aufschluß gibt ft, so können wir wohl annehmen, daß der junge Albertus gleichfalls diesen Weg geführt wurde. In dem Alter von sieben Jahren kam der Knabe in die Schule, um vorerst Lesen und Schreiben zn lernen. Da dieses wenige Zeit in Anspruch nimmt ft, so mußte der Knabe bald einen lateinischen Grammatiker kennen lernen, entweder den Dvnat oder den Priscian oder den Didymns. Bei dem hohen Preise der Bücher in jener Zeit war es natürlich wenigen Schülern möglich, sich ein solches Lehrbuch anzu- schaffcn. Man war also meist genöthigt, durch oftes Vorsagen die Regeln den Schülern einznprägcn oder ihnen dieselben zu diktiren. Dieß gilt nicht bloß von solchen Grammatiken, sondern auch von den gleich zu erwähnenden Klassikern. Der Text derselben wurde den Schülern meist stückweise diktirt, dann erklärt. Hatte der Knabe die Ansangsgründe der lateinischen Sprache sich zu eigen gemacht, so erhielt er vor Allem das Psalterium, dessen Lieder er seinem Gedächtniß einprägen mußte, um fromme Gedanken und Gefühle daraus zu schöpfen, sowie auch, um am öffentlichen Psalmcngcsang in der Kirche Thcil nehmen zu können. Daß auch bei unserm Albertus dieser Gang eingehakten wurde, möchte der Bericht des Chronisten selbst andcutcn, wenn er sagt: „Albertus gab bald Andeutungen dessen, was einst ans ihm werden sollte. Statt den muthwilligen Ergötzungen seiner Altersgenossen sich hinzugcbcn, liebte er es, die Kirchen zu besuchen und dort die Psalmen nnd Hymnen nnt dem Klerus zu singen ft." Diese Angabe setzt offenbar voraus, daß Albertus schon frühe das Psalterium gelesen nnd sich eingeprägt habe. Nnd wie könnten wir auch daran zweifeln, wenn wir die Schriften dieses Mannes lesen, die eine unglaubliche Kenntniß des heiligen Liederbuches der Kirche zeigen? Man 1) Das voetrinale puerorum, das fälschlich dem Boethlus zugeschrieben wird, in der That aber am Ende des zwölften Jahrhunderts entstanden ist. Vgl. Daniel, die klassischen Studien in der christlichen Gesellschaft. S. 106. 2) So sagt jenes Werk! Wie lange Zeit erfordert die gleiche Aufgabe in der Neuzeit trotz der zahllosen Verbesserungen der Lehrmethode I 3) Rudolph. 6 Kapitel I. » darf sagen, das ganze Psalterium ist dem Albertus so bekannt und geläufig, wie das Vaterunser. Nur was in frühester Jugend dem Ge- dächtniß überliefert worden, haftet mit solcher Treue und Lebendigkeit in der menschlichen Seele. Zur Grammatik wurden aber damals nicht bloß die Regeln und Formen der Sprache gerechnet, sondern es bildete einen wesentlichen Theil derselben die Lektüre der Profanschriftstcller des Alterthums, besonders der Dichter. Theorie und Praxis waren damals ans's Innigste vereinigt. Man las mit den Knaben vom neunten bis in das zwölfte Jahr die Fabeln des Aesop, die Gedichte des Thcodul Z und die Sentenzen Kato's, des Moralisten. Von da an wurde dann der Knabe noch cingeführt in eine größere Gallerie von Schriftstellern des Alterthums. Man las mit ihm Stücke des Seneka, der wegen seiner reinen Sittenlehre besonders zusagen mochte, des Ovid, Horaz und Persins, die gleichfalls als begeisterte Prediger des natürlichen Sittengesetzes betrachtet wurden, besonders aber die Werke des Lukanns, Statins und Virgilius, die als eine Art von erleuchteten Propheten in Mitte des Heidenthums galten, indem sie auf den Anbruch einer neuen Zeit, auf das Kommen eines Erlösers hinzuweiscn scheinen Z. Nach dieser umfassenden Vorbildung, die manche Jahre in Anspruch nahm, wurden die Jünglinge erst zum Studium der übrigen freien Künste, besonders der Rhetorik und Logik übergeleitet, wobei Cicero, Qnintilian und Aristoteles zur Lektüre fiwrgenommen wurden. Und diese Schriften mußten nicht bloß gelesen, sondern gründlich erforscht und großenthcils dem Gedächtnisse eingeprägt werden ^). Denn man war damals durchaus der Ueberzeugung, daß die Lektüre und das Studium der heidnischen Schriftsteller großen Gewinn bringe. „Obwohl der Erleuchtung des Glaubens beraubt," sagt Vincenz von Beau- vais, der Zeitgenosse des Albertus, „haben sie doch in bewunderungswürdiger Weise von dem Schöpfer und seinen Geschöpfen, von der Tugend und dem Laster gesprochen; sie haben mehrere Wahrheiten 1) Ein Dichter des zehnten Jahrhunderts, der die Wunder des alten Testamentes gegenüber den Fabeln der Heiden besingt in der Parallelen-liebenden Weise der alten Kunst. 2) Die bekannte vierte Ecloge hat dem Virgil den Eingang in die Schulen des Mittelalters geöffnet, sagt Ozanam mit Recht. Auch bei Dante erscheinen diese Dichter hochgeehrt. 3t Denn in dem oben genannten äoetrinale xuerorum heißt es: 8eneeao tra- äitio, Daeaiü inexxlstio inäaganäa wsinorialicjus eellnlas eomenäanäa! Vgl. Daniel a. a. D. Hcimath, Geburt und Jugend des seligen Albertus. 7 erkannt, die vom Glauben und von der Vernunft laut gepredigt werden Und Albertus sagt selbst im Traktat über die Messe, wo er das Kyrie erklärt: „Die höchste Weisheit der Welt blühte in Griechenland. Wie der Jude durch die Schrift Gott erkannte, so erkannte der heidnische Weise urd Philosoph durch die natürliche Weisheit der Vernunft Gott und mutze ihn darum auch anbeten. — Auch die Beobachtung der Gesetze var zuerst bei den Griechen, wie die Gesetze der zwölf Tafeln und die Pandekten zeigen, die, von den Griechen stammend, noch bei uns Gelting haben, und durch diese Gerechtigkeit erkannten sie die Gerechtig'eit des Gesetzes Christi und erhielten dieses zuerst unter den Heiden ff" Wirsehen also, mit welcher Hochachtung die Werke der heidnischen Schriftsteler des Alterthums von den Scholastikern jener Zeit betrachtet wurden. Darum darf es uns nicht wundern, wenn auch damals die christliche Zugend mit Eifer durch die Vorhalle der klassischen Studien geführt mrde, wenn die alten Schriftsteller nicht bloß gelesen, sondern selbst ausvendig gelernt werden mußten. Doch ist in jenen Stellen eine gegenüber der frühern Zeit ab- weichendeBeurtheilung der antiken Schriftsteller nicht zu verkennen. Während die kirchlichen Lehrer der früheren Zeit an den Klassikern besondersdie Schönheit der Rede und Eleganz der Form bewunderten, die sich dnn der christliche Gelehrte aneignen müsse zur Darstellung seiner chistlichen Wahrheiten, wie David sich der Waffen Goliaths bemächtig-, um ihn zu tödtcn, so finden wir jetzt ein Absehen von der Herrchen Form der Alten und nur Anerkennung für die in ihren Werken nborgene Wahrheit. Das ist ganz dem nach Wahrheit dürstenden barakter der Scholastik entsprechend, überall und immer nur die Wahreit zu suchen, zu achten, zu verehren, während sie sich um die schcimre Zufälligkeit der Form weniger bekümmerte. Dasvar also der allgemeine Lehrgang der kirchlichen Institute im Mittelalte Daß auch unser Albertus an der Hand der Geistlichen diesen Ws gegangen, können wir ohnehin bei der Gleichförmigkeit der Institute iner Zeit nicht bezweifeln, um so weniger aber, wenn wir die innigäLertrautheit dieses Lehrers mit den Profanschriftstellcrn des Altcrthun erwägen, die so weit geht, daß er selbst seine Predigten t) Jmpeculum äoetrinals, lib. I. eap. XII. 2) Dizanze höchst merkwürdige Stelle werden wir später, wo vom Traktate des Alberti üöer die Messe gesprochen wird, ausführlich miltheilen. und Abhandlungen häufig mit Sprüchen der alten Weisen, des Cicero '), Seneka, Virgil, Ovid und Juvenal durchwcbt. Ihre Lektüre muß also wohl von Jugend ans ihm nahe gelegt worden scyn. Wie lange Albertus in dieser Vorhalle des Tempels de: Wissenschaft geweilt, welche Fortschritte sein Geist in Erkenntniß und Leben schon im Heimathlande gemacht, wissen wir wieder nicht ajzugcben. Wir lesen nur, daß er in solcher Weise das Knabenalter zigcbracht, lernend, in frommen Hebungen und in heiliger Unschuld Z. Wenige Worte, aber genügend, um uns nochmal zu versichern, daß tiefe edle Seele frühzeitig auch sich hingewcndet zur Sonne der Geistcrj wie die Sonnenblume zum Gestirn des irdischen Tages, und daß si! bewahrt worden vor dem Verderben der Welt. Nur so erklärt sich de Klarheit und durchdringende Schärfe des geistigen Auges für die höhge Wahrheit, die wir später an Albertus bewundern werden. „Dennnumöglich ist, daß eine unreine Seele die geistliche Wissenschaft erlang. Gießt doch Niemand in ein übelriechendes Gefäß kostbaren Saft, denn eher würde der köstliche Balsam den Übeln Geruch des Gefäßes «nehmen, als daß er seine Eigenschaft ihm mittheilte ^)." Nachdem also die glücklichen Jahre des Knabenalters bgclaufen und Albertus zum Jüngling hcrangereift war, mußte über stncn künftigen Berus eine Entscheidung getroffen werden. Albertus gußte sich eine bestimmte Laufbahn erwählen. Auf der einen Seite linkten die Waffen, die seine Ahnen schon ruhmvoll getragen, und derezFührung Glanz, Ehren und Acmtcr versprach, besonders in dieser H beständiger Kämpfe im Morgen- und Abendlande, wo die Krcujüge dem kühnen Ritter vielfältigen Anlaß zu Heldenthaten, zur Gewiiung von Ruhm und Beute gaben, wo aber auch das nahe schwäbisch Kaiserhaus, in dessen Diensten der Vater stand, auf dem Höhcpuste seines Glanzes leuchtete und in unablässigen Krieg verwickelt war.^ Aus der andern Seite aber lockte die Wissenschaft mit ihren unsäglicha Reizen seine jugendliche Seele an. Albert wählte das Letztere. Esshicn ihm ohne Zweifel der friedliche, gerechte, erbauende Dienst der si^seuschast vorzuziehen dem verwirrenden Getöse der Waffen und dcj nur zu häufig ungerechten, verwüstenden und verfluchten Triumphen dejkricgcrs. 1) Er ist mit Cicero so vertraut, daß er öfters von ihm mit m Worten spricht: Anilins noster. 2) So Rudolph. Jammy bemerkt, Albert habe damals schon zmist geliebt: Betrachtung, aufmerksames Nachdenken und Selbstgespräch. 3) St. Anselm im Buch: äe spiritual! scient. eap. 5- Heimath, Geburt und Jugend des seligen Albertus. 9 Vielleicht schwebte seiner Seele auch schau die dunkle Ahnung vor, daß er ein Gottfried von Bouillon im Kreuzzugc der Ideen werden, d. h. das gottentfremdete Jerusalem aller menschlichen Wissenschaft, das in die Hände der Heiden und Muhamedaner gefallen war, durch die Macht des Gedankens wieder in den Besitz Christi und seiner Kirche ans Erden zurückerobern könnte. Er entschied sich also nicht für das Waffenhandwerk, sondern für die weitere wissenschaftliche Ausbildung. Und da die Wissenschaft auch in jenen Tagen schon die Leiter zu den einflußreichsten Acmtern in der Kirche und im Staatsleben bildete, so konnten auch Albert's Eltern oder die mit seiner Erziehung betrauten Verwandten diesen Entschluß nicht mißbilligen. Albert mußte also die heimathlichen Gauen verlassen. Denn es war bereits die Zeit gekommen, wo der höhere Unterricht sich von der Stille des Klosters losgcrissen und in den Lärm der Welt hinausgewagt hatte. Die alten Dom- und Klosterschulcn waren durch die neuerstandcnen Universitäten in ihrem Glanze verdunkelt und in ihrer Wirksamkeit znrückgedrängt worden. In mehreren großen Städten hatten sich seit dem zwölften Jahrhundert Corporationcn von öffentlich Lehrenden znsammcngethan, um die sich ein gleicher Bund von Lernbegierigen sammelte. So waren die Universitäten aufgeblüht, die bald, von Päpsten und Fürsten mit großartigen Rechten und Freiheiten ansgestattet, von Privaten mit Schenkungen überhäuft, außerordentliche Ausdehnung der Macht und des Einflusses gewannen und die Pflege höherer Wissenschaft, sowohl der freien Künste, als der Fachwissenschaften, fast ausschließlich an sich brachten. Eine solche Universität mußte also jetzt anfsuchen, wessen Geist nach tieferer Erkenntniß, nach umfassenderem Wissen dürstete. Und da in Deutschland noch im dreizehnten Jahrhunderte keine solche Hochschule sich gebildet hatte Z, so mußten unsre deutschen Jünglinge in das ferne Ausland ziehen, wenn sie die Süßigkeit der Wissenschaft kosten wollten. Wir sehen, die Frucht der höhcrn Erkenntniß kam damals weit thcnrer zu stehen, als in unfern Tagen. Man mußte mit Ungeheuern Kosten, mit unsäglichen Mühen und unter zahlreichen Gefahren in ein fremdes Land ziehen, um das goldne Vließ der Wissenschaft zu erobern. Und dennoch eilte unsre deutsche Jugend in zahllosen Massen fort nach solchen fernen Sitzen der Wissenschaft! Auch Albert entschloß sich hiezu mit Freuden. lt Die Hochschule von Prag, die erste in Deutschland, entstand bekanntlich erst i. I. 1348. Warum aber gerade Padua als Ziel des Strebcns von ihm gewählt wurde, während bereits Paris und Bologna durch ihre Universitäten in weit höherem Glanze strahlten, ist unbekannt. Wahrscheinlich war der Oheim, welcher von nun an an der Seite des jungen Albertus erscheint, ein Adeliger oder ein Beamter des Kaisers, der zu Padua lebte und den jungen Verwandten unter seine Obhut zu nehmen versprach. Auch der Umstand mag Erwähnung verdienen, daß gerade Padua durch die Pflege der freien Künste sich anszeichnete Z. Gerade eine umfassendere Kenntniß der freien Künste war es aber, wornach der wißbegierige Geist des jungen Edeln aus dem deutschen Schwabenlande vor Allem verlangte ^). So zog er also frohen Muthes hin über die Alpen nach den gesegneten Fluren der Lombardei. Fragen wir, in welchem Jahre diese Auswanderung nach Italien geschehen, so finden wir darüber keinen Aufschluß. Da aber der Bezug einer Hochschule gewöhnlich in dem Alter von 16 — 20 Jahren zu geschehen pflegte ch, so dürfen wir wohl annehmen, daß jene Reise des Albertus etwa in das Jahr 1212 oder in die nächste Zeit gefallen sei. Mit dem Umzüge nach Padua beginnt ein neuer hochwichtiger Abschnitt im Leben unsers seligen Meisters. Kapitel II. Das Leben des seligen Albertus an der hohen Schule zu Padua. Padua, die alte Bischofsstadt, die auf weiter, gleich einem Garten bebauter Ebene am Ufer des Bachiglione sich angesiedclt, hatte zwar seit langer Zeit schon klösterliche Schulen besessen, die zur Heranbildung des Klerus und der vornehmeren Jugend genügend seyn mochten. Als aber die Stadt nach langem, ruhmvollen Kampfe gegen das Kaiserhaus der Hohenstaufen im Frieden zu Konstanz (i. I. 1183) ihre Freiheit 1) Bgl. Ersch und Gruber Encyclop. d. K. u. W. III. Artikel Padua. S. 116. Einer der Lehrer der Universität Padua, Olfredus, berichtet, die Hochschule von Padua habe i. I. 1262 bereits an 10000 Schüler gezählt, und besonders hätten die Lehrer der freien Künste eine Menge von Fremden herbeigelockt. I'aeciolati I'asti 6^mnL8ii katavini. ?at. 1757. 2) Das berichtet Rudolph ausdrücklich cap. I. 3) Prussia läßt den Albertus mit 16 Jahren noch zu Hause weilen und die Erscheinung der Gottesmutter haben. Das Leben des seligen Albertus an der hohen Schule zu Padua. 11 und fast vollkommene Selbstregierung sich errungen, da erwuchsen im Sonnenscheine der jungen Freiheit und Macht großartige Unternehmungen in rascher Folge. Wie sich Brücken, Kanäle, Stadtmauern mit schützenden Thürmen und das bewunderungswürdige Gemeindehaus erhoben, so gedieh auch die Pflege der religiösen Institute, der Künste und Wissenschaften mit erstaunlichem Erfolge. Damals hat die Stadt, Klerus und Bürgerschaft, ausgezeichnete Männer der Wissenschaft gewonnen, die mit hohem Beifall die freien Künste lehrten und viele Studierende anlvcktcn. Sv haben sich die Anfänge der hohen Schule gebildet, die später durch Ueberstedelung von Lehrern und Schülern aus Bologna s1222 Zf sich zur größeren, vollständigeren Universität erweiterte. Wie aber Paris auch in den folgenden Jahrhunderten vor Allem als Lehrerin der Gottesweisheit glänzte, Bologna jedoch in der Kenntniß des bürgerlichen und geistlichen Rechts als höchste Autorität galt, so blieb der Hochschule zu Padua auch später der Ruhm, die trefflichsten Meister der freien Künste zu besitzen. Zu jener Schule von Padua eilte Albertus also auch heran, voll heiligen Durstes nach Wissenschaft. Wie lange er da geweilt, welchen Studien er obgelegen, mit welchem Erfolge, auch darüber haben wir nur kurze Notizen oder Vermuthnngen. Daß er hier zunächst wieder die freien Künste betrieben habe, erzählt Rudolph ausdrücklich. Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Musik, Arithmetik, Geometrie und Astronomie waren also die Wissenschaften, denen er unter Anleitung tüchtiger Lehrer oblag. In diesen Jahren trug er mithin den Namen eines Artisten. Dann aber schritt er auch vor zu der bald alle übrigen Fächer verdrängenden und überflügelnden Logik, als dem Arsenal, aus welchem der Kämpfer die 1) Die Zeit des Entstehens der Universität Padua wird darum verschieden angegeben. Bei Ersch und Gruber, sowie im Kirchenlexikon von Wetzer und Welte Bd. 11. S. 442 ist 1222 genannt. Uebrigens heißt cS in der Vita 4oannis vunsi 8eoti (katav. 1671) p. 106: Universitas katavina onrnium prinoops et xarens loeounäa Irerouin. Der Umstand, daß so die Universität Padua erst i. I. 1222 entstanden seyn soll, mag wohl auch ein Grund gewesen sehn, für das Jahr 1205 als Geburtsjahr Albert's sich zu entscheiden, da er sonst schon das 29. Jahr beim Besuch der Hochschule erreicht hätte. Aber es heißt bei Nudolvh nur: Er ging nach Padua, um dort die artes liberales zu studieren, nicht: Er ging auf die Universität! Eine berühmte Schule für philosophische Studien war aber schon früher dort! Ja auch eine Nechtsschule bestand dort schon am Ende des zwölften Jahrhunderts, denn Gerard Pomedella heißt Professor der Rechte an der Universität zu Padua. Die Theologie kam erst im 14. Jahrhundert hinzu! Vgl. den Ergänzungsband zum Kirchenlexikon von Wetzer und Welte. S. 917. 12 Kapitel II. unbesiegbaren Waffen halt, um Wahrheit zu erobern und ihren Besitz gegen jeden Angreifendcn zu verthcidigen. Er studierte wohl die Logik des Aristoteles, wie sie seit Langem in der verdorbenen lateinischen llebcrsetzung vorlag und von den später» Lehrern commentirt war. Auch andere Schriften des Aristoteles '), welche erst seit Kurzem im Abendlande bekannt waren, besonders die Ethik und Politik, hörte er wohl öffentlich erklären und war entzückt über die Fülle natürlicher Weisheit, die hierin niedergelegt ist. Dazu kamen dann noch einige naturwissenschaftliche Bücher des großen Stagyriten, deren Inhalt die Wißbegier des jungen Deutschen mächtig anzog. In diesen Jahren war es wohl, wo jene Flamme der glühenden Liebe und Verehrung zu jenem Fürsten der alten Philosophen im Herzen des Albertus auf- lodcrte, die ihn am Besten znm Verständniß und zur Deutung jenes Meisters vor Allen befähigte. Da hat Albertus das Fundament jener umfassenden Natnrkenntniß gelegt, die wir später an ihm so sehr bewundern werden und ihn selbst in den Verdacht der Magie gebracht hat. Selbst die nöthigstcn mcdicinischen Kenntnisse scheint sich Albertus hier gesammelt zu Habens, wie diese ja nur die Anwendung der Naturwissenschaft ans den Körper des Menschen bilden. Daß alle Erklärungen dieser Bücher und die öffentlichen Vorträge in lateinischer Sprache gegeben wurden, brauche ich nicht zu erwähnen. Die griechische Sprache zu erlernen ans gründliche, grammatikalische Weise, scheint dem Albertus unmöglich gewesen zu scyn. Denn er kennt die Regeln und Formen der Sprache nicht -P Doch mag er durch Umgang mit Griechen sich hier oder später die Kenntniß einer Anzahl griechischer Worte verschafft haben. Doch nicht allein in Büchern und Hörsälen jagte der junge Adelige der Erkenntniß und Weisheit mit unablässigem Eifer nach, er hatte auch ein offenes Auge für das große Buch der äußern Welt, er versäumte auch nicht, in diesen Blättern zu lesen. Darum machte er häufig Ausflüge mit seinen Freunden und Gefährten in die umliegenden Städte und Provinzen, beobachtete überall mit scharfsinnigem Geiste die 1) Vgl. die unvergleichliche Abhandlung von Jonrdain über die Geschichte der Aristotelischen Schriften im Mittelalter. Deutsch von A. Stahr. Heidelb. 1831. 2) Sogar in den Predigten gibt Albertus zum Zwecke von Parallelen die Geschichte ganzer Krankheitsformen. So im Evangelium vom Aussätzigen, vom blut- flüssigen Weibe; am Feste der hl. Margaretha, des hl. Kreuzes, der Bekehrung Pauli nennt er Heilmittel. Bei den Mineralien schildert er immer ihre Heilkraft. 3) Der Beweis wird im zweiten Theile gegeben werden. Das Leben des seligen Albertus an der hohen Schule zu Padua. 13 Erscheinungen, die sich ihm darboten, und suchte sie sich zu erklären. So erzählt er selbst in der Naturgeschichte, als junger Mann sjuvenis sei er in Italien gewesen und einmal nach Venedig gekommen. Dort hätte man eben große Marmvrpslvcke zum Bau einer Kirche bearbeitet. Da wäre ihnen ausgesallen, wie in dem Marmor eine ganze Figur eines gekrönten Königs durch die Adern des Gesteins vorgcbildet gewesen, nnr die Stirn sei zu ausrecht gestanden. Auf die Anfrage der staunenden Freunde habe er ihnen die ganze Erklärung der sonderbaren Erscheinung gegeben ^). Ein andres Mal^) beobachtete Albertus in Padua selbst, wie Männer, die nacheinander in einen lang verschlossenen Brunnen hinabgcsticgcn, Plötzlich gestorben seien, und er gibt auch die Erklärung hiefür, indem er auf die faulende Luft hinweist. In einer andern Stadt der Lombardei erlebte er ein Erdbeben, dessen Erscheinungen er beobachtete Wir sehen also, Albertus war ohne Unterlaß bemüht, aus den Quellen der weltlichen Wissenschaft mit vollen Zügen in diesen Jahren zu trinken, die Wcltwcisheit hatte vor Allem sein Herz eingenommen, er ist ihr getreuer Ritter geworden. Damit hängt wohl die anmu- thige Sage zusammen, daß er selbst in einem Traume vor den Augen der Gottesmutter die Wcltwcisheit sich erwählt habe und für diese Zurücksetzung der Theologie mit dem plötzlichen Vergessen des Erlernten vor dem Tode bestraft worden sei 1) Dürfte das Wort nicht andeuten, daß Albertus damals bereits über zwanzig Jahre alt gewesen, was auch schon daraus erhellt, daß die tlebrigcn ihn um eine Deutung des Phänomens angehend Also ein Zeichen, daß Albertus beim Studium der Philosophie lange ausgeharrt! 2> Vs ininsral. lid. 2. traet. 3. e. 1. Er sagt, der ganze Stein sel durch verhärteten Dunst gebildet worden; in der Mitte sei durch die größere Wärme der Dunst unordentlich und übermäßig aufgestiegen. 3) Met. 3. traet. 2. o. t2. 4) Vit). Neteor. p. 98. 5) Die Alten wissen nichts hievon, erst Flaminius, Leander, Jammy und die spätern haben sie, also ist sie Poesie. Die Sage ist aber zu lieblich, als daß wir sie ganz übergehen könnten. Sie lautet ungefähr so: Albertus war in jenen Tagen redlich bemüht, in das Heiligthnm der Wissenschaft einzudringen. Aber vergeblich. Was er heute gelernt, war ihm morgen wieder entschwunden, was er heute zu erfassen glaubte, war ihm morgen wieder in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Da wollte er in einer trüben Stunde im höchsten Mißmuth über seinen Stumpfsinn und die Unbildsamkeit seines Geistes den Entschluß fassen, den Studien ganz Lebewohl zu sagen und nach Hause zurückzukehren. Doch plötzlich ward das Gemach erhellt, er sah drei Jungfrauen (nach dem Geiste der mittelalterlichen Symbolik Maria, Barbara 14 Kapitel II- Wie lange Albertus auf der hohen Schule zu Padua diese philosophischen Studien betrieben, ist von keinem Biographen angeführt. Daß aber der hicfür verwendete Zeitraum keineswegs kurz gewesen, dürfen wir als sicher annehmen. Denn wenn schon der heilige Gründer und Vater des Predigcrordens Dominikus sechs Jahre dem Studium der Philosophie weihte, die ihm doch wenig genügte, weil sie nicht die Weisheit Gottes ist ^), so dürfen wir wohl annehmcn, daß Albertus, der von glühendem Durste nach diesen Wissenschaften gequält war, noch viel längere Zeit der Beschäftigung mit diesen Studien widmete. Und die Kvlossalität seines Wissens aus diesem Gebiete, seine alle Zweige des realen Wissens umspannende Gelehrsamkeit und Belesenheit läßt sich unmöglich begreifen, wenn wir nicht eine lange, vieljährige, ungestörte Beschäftigung mit diesen Dingen in jener Zeit annehmen. Vielleicht steht auch mit dieser langen Studienzeit auf der Hochschule obige Sage in Verbindung, daß Albertus Geist gar langsam in Erfassung der Wahrheiten gewesen. So erzählt einer der Berichterstatter ^): „Die Anfänge der Wissenschaft schienen ihm sehr schwer, der Weg schien für seine zarten Füße zu dornig. Doch durch rastlose Mühe siegte er. Wie der Marmor, der schwer sich zu Figuren umgestalten läßt, aber sie dann um so dauerhafter fcsthält, so war auch der Geist des Albertus." Möglich, daß Albertus wirklich eine langsamere Fassungskraft bekundete, als die Italiener, wovon übrigens die Zeitgenossen nichts zu wissen scheinen, möglich aber auch, daß man auf solche Weise seine lange Studienzeit sich zu erklären suchte. und Katharina) vor sich stehen in wunderbarer Schönheit. Nun fragte ihn die eine mit großer Freundlichkeit, warum er verzagen wolle. Er gab seine Stumpfheit des Geistes bei den Studien an. Da tröstete diese den Trauernden und mahnte ihn, ihre Herrin um Gewährung seiner Wünsche anzuflehen. Wunderbar ermuthigt durch diese Rede, nahte sich Albertus nun der Himmelskönigin. Und da diese ihn um sein Begehren befragte, bat er sie fußfällig um umfassende Keuntniß der Weltweisheit. Darauf antwortete ihm die heilige Jungfrau mild: „Wohlan, du sollst deines Wunsches theilhaftig seyn und bald solche Fortschritte machen, daß du nicht deines Gleichen in der Philosophie haben wirst. Ich werde dich immer beschützen und auch nicht zugeben, daß du, von den Schlingen der Sophisten verstrickt, vom Wege des reinen Glaubens abkommst und zu Grunde gehest. Damit du aber erkennst, daß du deine Wissenschaft nicht eigner Anstrengung des Geistes, sondern meiner Huld verdankest, so wirst du vor deinem Tode aller dieser Kenntnisse wieder beraubt werden." Eine ähnliche Vision im Leben des hl. Dominikus, wo neben der Gottesmutter Cäcilia und Katharina erscheinen, siehe Lacordaire a. a. O. S. 200. 1) Vgl. Leben des hl. Dominikus, von Lacordaire, Landshut 1841. S. 26. 2) Jammy a. a. O. Das Leben des seligen Albertus an der hohen Schule zu Padua. 15 Ich glaube daher annehmen zu dürfen, daß Albertus wohl an zehn Jahre mit philosophischen Studien in Padua zubrachte, was übrigens gar nichts Ungewöhnliches im Mittelalter war. Er würde also etwa bis zum Jahre 1223 als Artist und Philosoph in Padua gelebt haben, also bis in sein dreißigstes Lebensjahr. Wir können uns unschwer ein Bild unsers Albertus in jenen Jahren entwerfen. Mit einem Wammse von Sammt angethan, einem Degen an der Seite, auf dem Kopfe das Barett mit wallender Feder tragend, ging der junge Adelige ans dem deutschen Schwabenlande hin durch die engen Strassen von Padua, die sich allmählich mit steinernen Häusern schmückten und zu herrlichen, immer sich mehrenden Kirchen'), Klöstern und Pallästen hinführten. Von Natur scheint er gleichfalls stattlich gewesen zu seyn und von kräftigem, gedrungenem Körperbau, der für gewaltige Anstrengungen »geschaffen schien. So zog er also täglich vom Pallaste seines Oheims hin zu den Stätten, wo die Meister der Wissenschaft die Bücher des Aristoteles erklärten. Mit welchem Heißhunger wird er die Worte der Lehrer vernommen haben, sitzend zu ihren Füßen, wie wird er gelauscht haben auf die Lösung der zahllosen Schwierigkeiten, die in jenen Uebersetzungen zumal dem Lesenden sich darbieten, wie wird er selbst Abschriften des Textes jener wcrthvollen Bücher sich zu verschaffen gesucht haben! Wie viele Stunden und Nächte wird er selbst darüber zugebracht haben! Wie lernbegierig wird er auch an den feierlichen Akten der Hochschule, an Disputationen zumal, sich betheiligt haben! An den Festtagen mag er dann mit seinen Landsleuten, den Ultramontanen, die sich ja bekanntlich an den Hochschulen zusammengethan, auf stattlichen Pferden jene lustigen Ritte nach den nahen Städten und Dörfern gemacht haben, auf denen wir ihn oben schon getroffen haben. 1) Schon stand die prachtvolle Kirche der hl. Justin», die Perle der Kirchen von Padua, eben war auch die neue Kathedrale vollendet (1124), die leider jetzt durch einen Renaissancebau ersetzt ist, es blühten die Kirche St. Daniel, St. Nikolaus am Lido, die Kirche St. Maria Maggiore. Im Jahre 1217 kamen zu vielen andern Klöstern die Dominikaner nach Padua, 1220 die Franziskaner. Vgl. den Artikel Padua im Erganzungsband des Kirchenlexikons. S. 917. 2) Seine Gebeine zeigten das bet der Ausgrabung, und noch sehen wir's an der Cajula, die jetzt ein Priester schwer tragen würde. 3) Bei seinen Vermögensumständen war es ihm wohl möglich, solche Abschriften auf Pergament zu kaufen oder fertigen zu lassen. Daß er sich eine solche Sammlung von Uebersetzungen des Aristoteles anlegte, werden wir später zeigen. Von seinen ausgezeichneten Fortschritten und dem Ansehen, das er überall gewonnen, zeigt auch der Umstand, daß ihn Lehrer und Schüler zuletzt voll Bewunderung den Weisen ') oder den Philosophen- mcister nannten. Doch damit wäre das Bild unscrs akademischen Jünglings in jener Zeit nicht vollendet. Es sehlt noch ein wesentlicher Zug, von dem die Biographen berichten. In Mitte dieser angestrengten wissenschaftlichen Thätigkeit vergaß der junge Adelige doch die religiöse Pflege seiner Seele nicht. In Mitte des lärmenden, oft übersprndelnden, üppigen Lebens der studierenden Jugend gedachte er doch auch getreulich seiner ewigen Bestimmung. Er besuchte daher häufig das Haus des Herrn und liebte den Umgang mit weisen Geistcsmännern^), besonders mit denen vom Predigerorden, die seit 1217 in Padua eingezogen waren, und denen er wohl auch seine Seelenführung anvertraute. Damit deuten uns die Chronisten an, durch welche Mittel Albertus Seele bewahrt worden einerseits vor den Folgen einer ausschließlichen Verstandesbildung, andrerseits vor dem Feuer der Verführung, das besonders in den Städten Italiens der akademischen Jugend Verderben drohte 4 ). Durch Gebet und geistliche Hebungen zog er beständig den Thau der Gnade vom Himmel hernieder ans seine Seele und prangte so herrlich in Mitte der sittlichen Verkommenheit der Umgebung wie der Mclokaktns in der dürren Sandwüste des Orientes; in Mitte des brennenden Dornbusches der leichtsinnigen, ausgelassenen, ihre hohe Freiheit nur zu häufig mißbrauchenden Studentenwelt blieb er unversehrt durch die göttliche Gnade. Kapitel m. Des Albertus Kümpfe in der Berufswahl; fein Eintritt in den Predigerorden. Endlich war die Zeit der Entscheidung heran ge kommen. Lange genug hatte Albert in den lieblichen Gezeiten der allgemeinen Wissen- 1) So nach Prussta und Rudolph, nach Jammy hieß er xliilosoylius a maZistris. 2) So Rudolph, Prussia, Jammy u. A. 3) Vgl. Kirchenlexikon, Artikel Padua. 4) Man denke an Scenen im Leben des hl. Thomas von Aguin. Des Albertus Kämpfe in d. Berufswahl, sein Eintritt in d. Predigerorden. 17 schäften geweilt, nun aber hatte er bereits ein Alter erreicht, wo er einmal ernstlich an seine künftige Stellung in der Welt denken, sich für ein bestimmtes Fach entscheiden mußte. Es lag die Wahl vor ihm, durch das Studium der Rechtswissenschaft sich die Bahn zu hohen Staatsämtern zu eröffnen, oder in den Dienst der gleichfalls die herrlichsten Aussichten bietenden Kirche zu treten. Ja ans dem lctztern Gebiete stand noch eine Laufbahn offen, indem das Ordenslebcn mit seinen gehcimnißvollen Reizen und Seligkeiten, die er bereits beobachtet hatte, seine Seele zum Eintritt mit mächtiger Stimme einlnd. Nnn begann daher eine Zeit harter Kämpfe, es waren die Wehen, die dem Offenbarwerdcn eines neuen Lebens voranszugehen pflegen. Ohne Unterlaß erwog Albert selbst, wohin Gott und Neigung ihn rufe, ohne zu einem festen Entschluß kommen zu können. Und auf eigene Einsicht wenig bauend, wandte er sich mit heißem Flehen zu Gott, ihn über seinen wahren Beruf zu erleuchten. Er war eines Tages wieder in der neuen Kirche der Dominikaner, vor einem Bilde der Gottesmutter kniccnd. Da schien ihm die heilige Jungfrau zuzurusen: „Albert, fliehe die Welt und trete in den Orden der Prediger, den ich von meinem Sohne zum Heile der Welt erfleht habe. Dort strebe nach den Vorschriften der Regel eifrig nach Wissenschaft, und Gott wird dich mit einer solchen Fülle von Weisheit bereichern, daß die ganze Kirche durch die Bücher deiner Gelehrsamkeit wird erleuchtet werden I." Mag nun auch der Inhalt dieser höheren Mittheilung durch die Biographen ein weiteres, prunkvolleres Gewand erhalten haben, die Möglichkeit einer solchen Offenbarung und das öftere Eintreten derselben im Leben der Heiligen wird Niemand läugnen können Z, der noch ans dem Boden des Glaubens und der Anerkennung der geschichtlichen Thatsachen steht. Jedenfalls war jene Stunde des Gebets diejenige, welche über den Lebensweg Albert's die Entscheidung brachte. Von diesem Augenblicke an war er entschlossen, die Welt voll Gefahren des Schiffbruchs zu verlassen, uird in den sichern Port des Ordenslebens zu fliehen ^). Der Anblick der gewaltigen Stürme, die auf dem politischen Gebiete tobten, die wilden Parteikämpfe in allen Städten Italiens, der langwährende furcht- 1) Rudolph. 2) Man denke nur an ähnliche Offenbarungen im Leben des Großmeisters der Dominikaner, des hl. Dominikus. Siehe Leben des hl. Dominikus von Lacordaire. S. 199. 3) Rudolph. Sighart, Albert d. Große. 2 18 Kapitel III. bare Streit zwischen den die Freiheit der Kirche schützenden Päpsten und dem genialen, aber gewaltsamen Kaiser Friedrich II., der den jungen Adeligen seines Schwabenlandes sicher auf seine Bahnen fort- gezvgen hätte, das Fehlschlagen aller der großartigen Hoffnungen, die sich an stets erneute Krcnzzüge geknüpft hatten, mochten vor Allem in der Seele Albertus die Lust erstickt haben, in der Welt zu bleiben und ihren Bestrebungen sich anznschließen. Dazu eckelte ihn wohl auch an die sittliche Verkommenheit, die ihn umgab, das Wohlleben und der Luxus, der besonders durch das Bekanntwcrdcn mit dem Oriente und dessen Genüssen sich unsäglich gesteigert hatte. Dagegen mußten ihm die neuen Orden des heiligen Franziskus und Dominikus, dessen Mitglieder mir der Schnelligkeit der größten Eroberer bereits friedenspendcnd und ruhmvoll durch alle Länder des Abendlandes hinzogen, wie zwei neue Lebcnsbänmc erscheinen, die Gott selbst in das Paradies der Kirche gesetzt, »nd von deren Blättern die Volker heil werden. Sollte er sich da nicht mit Freuden entschlossen haben, sich auch diesen himmlischen Pflanzungen cinzuverleiben, so selbst sich vor dem Verderben zu bewahren und auch die Mitmenschen von dem Jrrthnme und ans dem Dickicht der Sünde znrückznrufcn? Daß er aber dem Prcdigerordcn den Vorzug gab, werden wir begreiflich finden, wenn wir erwägen, wie dieser vor Allem durch das Schwert der Predigt, durch die Entfaltung des Paniers heiliger Wissenschaft die Welt dem Herrn wieder zu unterwerfen sich vorgcsctzt. Die Wissenschaft hatte aber seit Langem Albcrts Seele eingenommen. Er war also jetzt entschlossen, in den Orden einzutreten. Aber nicht so leicht konnte dieser Vorsatz ansgesührt werden, große Schwierigkeiten waren zu besiegen. Der Oheim, dem er mit kindlicher Liebe zngcthan war und der nun, wie cs scheint, ganz Vaterstelle an ihm vertratft, war über des Neffen Pläne keineswegs erfreut ft. Er verbot ihm den Umgang mit den Predigermönche» und nahm ihm das Versprechen ab, vor Ablauf einer gewissen Zeit seinen Entschluß nicht anszuführen. Es scheint, der edle Herr wollte seinen Mündel vor 1) Von Alberts Eltern ist von nun an nirgends mehr die Rede. Wahrscheinlich waren sie schon gestorben, was um so mehr für sich hat, als sie bei seiner Geburt schon bejahrt waren. 2) Rudolph, csp. II. Ausführlich schildert diese Scene Naderus: Ovstitii praesens oognatus, c^ui aetatem illius ex inajorum auctoritats rexedat st rneliora juvenis consilia intereipisliat. Bavaria saneta p. 283. Noch umständlicher die Vitae lratrum, welche Prussia und Quetif anführen im toin. I. p. 164. Des Albertus Kämpfe in d. Berufswahl, sein Eintritt in d. Predigerorden. 19 einem zu raschen, unbedachten Schritte abhalten. Bielleicht hatte er aber auch schon geträumt von des Albertus glänzender Laufbahn in der Welt und mochte so ungern seinen Hoffnungen entsagen, lind so war eine Zeit des herbsten Seelenkämpfes sür den jungen Mann gekommen. Während der höhere Ruf und die Neigung des Herzens ihn zum Ordensstande hinzog, hielt die Vaterhaud des Verwandten, den er nicht betrüben wollte, ihn strenge zurück! Ja auch im Traume nahteu ihm Beängstigungen, es däuchte ihm, er würde dem Orden nur zur Schande und der Welt zum Aergcrniß gereichen ff. Sv verlebte er längere Zeit schwankenden Geistes über die Aussührung seines Entschlusses. Jetzt fühlte er wie nie die Wahrheit jenes Ausspruches des Herrn: Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert! Er fühlte, wie das Schwert in seinem eigenen Herzen wühlte, da er cs nach Außen zu kehren nicht den Muth hatte. Da erbarmte sich der Herr seiner Bcdrängniß. Albert besuchte einst wieder in großer Beklemmung des Gemüthes die Kirche der Dominikaner. Eben war der große Schüler und Nachfolger des heiligen Dominikus, der gottselige Jordan ff, aus Bologna angekommcn. Wenige Männer der Geschichte haben wohl die Gabe der Anziehung Andrer in solchem Maße besessen, wie er. Hohe persönliche Würde, Heiligkeit des Lebens, Glanz der Wissenschaft und Wunderkraft wirkten zugleich in ihm. Er allein soll mehr als tausend Jünglinge von den Hochschulen zu Bologna und Paris durch das Netz der Heilsprcdigt aus dem Meere der Welt gezogen nnd sür den noch jungen Orden der Prediger gewonnen haben ff. Biele derjenigen, die er also an sich gezogen, sind später durch Tugcndglanz und Wissenschaft ausgezeichnete Leuchten der Kirche geworden, so der Cardinal Hugo von St. Sabina (St. Caro), der treffliche Erklärer der hl. Schrift ff, sein Gefährte Humbert, der fünfte General des 1) Jammy. 2) Er war ein deutscher Adeliger, aus der Gegend von Paderborn, vom heil. Dominikus in Paris gewonnen, General des Ordens von 1221 — 1236. Sein Leben schildert Thomas Cantipratanus im libor äo apibus mit Begeisterung. Die Bollan- disten geben seine Biographie am 13. Februar. Seine Berührung mit Dominikus erzählt Lacordaire. S. 236. 3) Wörtlich bei Rudolph. Sein Jagen nach Jünglingen und deren Liebe zu ihm schildert Quetif im Lebe» des Jordanus a. a. O. Selbst wenn ein andrer Lehrer die Predigt hielt bei den Studierenden, und Jordan war zugegen, gaben die Studenten nicht nach, bis auch Jordan einige Worte sprach. 4) Er trat i. I. 1225 in den Orden als Mann in reifern Jahren und ward 2 * 20 Kapitel III. Ordens'), Raimund von Pcnnafvrte, der hochberühmte Lehrer des geistlichen Rechtes ^), Vinccnz von Beauvais, der Verfasser der Spiegels, in welchen alle Wissenschaften seiner Zeit im weitesten Umfange geschaut werden, ein Gelehrter von so umfassendem Wissen, wie wenige gelebt haben, und noch manche Andre Z. Dieser Meister Jordanus also, Lehrer so trefflicher Schüler, hatte eben die Stadt Padua besucht, um den Samen des göttlichen Wortes auch hier ausznstrencn und wohl auch, um das neue Ordenshaus daselbst zu kräftigen. Der Rufseiner Gegenwart war bald durch die ganze Stadt gedrungen und eine große Zuhörerschaft hatte sich in der Dominikaner-Kirche eingefunden, die nach seiner honigsüßen Lehre hungerte Z. Unter diesen befand sich auch unser Albertus. Als nun der große Prediger den Lehrstuhl bestieg und in beredten Worten, mit himmlischer Begeisterung die Ränke schilderte, die die Hölle anwende, um die Menschen von der Sorge für ihre Seele abzubringen , da fühlte sich Albert tief erschüttert und wunderbar gestärkt zur Ausführung seines langgehegten Vorhabens. Nun zauderte er nicht länger. Kaum war die feurige Predigt beendigt, eilte er, alle Bande zerbrechend, zur Klosterpforte, warf sich dem Pater Jordau zu Füßen, rief: Ihr habt in mein Herz geschaut, und 1244 Cardinal. Seine correkte Bibelausgabe, seine Bibelconcordanz und seine ko- stillas in univsr8L diblia, die hier Rudolph meint, sind als bedeutende exegetische Arbeiten bekannt. 1) Aus dem Bisthum Vienne stammend, trat er i. I. 1224 in den Orden und war bis zum I. 1263 General des Ordens, hochverdient als Leiter des Ordens, Nathgeber des Papstes und als homiletischer Schriftsteller. 2) Er war geboren in Spanien, kam 1204 nach Bologna, war hier Lehrer des Kirchenrechts bis 1219, kehrte nach Spanien zurück und trat 1222 in den Orden. Er ist Verfasser der Summa easuum posniteutiae und Sammler der Dekretalen. Im 1.1238 wurde er General des Ordens und starb 1275, gegen hundert Jahre alt. 3) Sein Geburtsort ist unbekannt. Er studierte aber um jene Zeit 1220—1225 wohl in Paris, trat dann in den Orden und ward 1228 nach Beauvais in das dort entstehende Kloster gesandt. Hausgenosse und Freund des Königs Ludwig IX, schrieb er seine berühmte Encyclopädie, Lpeculum msjus genannt, wo er in drei Theilen (speculum naturale, ckoetrinaie und Instoriale) alle Kenntnisse seiner Zeit niedergelegt. Unächt ist das sxeoulum morale. Jenes ist ein Werk, das etwa 30 Oktavbände füllen würde. Er starb ungefähr um 1264. 4) Diese nennt Rudolph. 5) Rudolph. 6) Jammy nach den Viti» lratrum. Jordan sagte: Der Teufel täuscht durch Träume. Die in den Orden treten wollen, sehen sich im Traume, wie sie wieder ausgestoßen werden und auf Nossen in rothen Wämmsern daherreiten. Des Albertus Kämpfe in d. Berufswahl, sein Eintritt in d. Predigerorden. 21 bat inständig um die Aufnahme in den Orden. Doch war auch die Zeit abgclaufen, die er seinem, dem Oheim gegebenen Versprechen gemäß, noch warten wollte '). Jordan, dessen Blick durch den langen Umgang mit der Jugend wohl geschärft war, erkannte sogleich, was aus diesem jungen Manne bald werden würde. Er nahm ihn mit Freuden auf und gab ihm das Ordenskleid ?). Sv war durch das zweischneidige Schwert des Gotteswortes der lange Kampf im Innern des Albertus glücklich beendigt worden. Es geschah dieses aber im Jahre 1223. Kapitel IV. Der selige Albertus als junger Ordensmann. Seine Fortschritte in den Wissenschaften und in der Tugend. So hatte also der junge Edelmann endlich das nächste Ziel seiner sehnsüchtigen Wünsche erreicht. Aus dem reichen Studierenden, der schon durch seine Wissenschaft glänzte^), der in vornehmer Tracht so manche Jahre durch die Strassen Paduas gegangen, der in einem Palastc von Marmor in Fülle gelebt, war jetzt ein armer Mönch geworden, der in einen groben, weißwollenen Rock eingehüllt, mit einem gleichen Scapulicr behängen, mit geschorenem Haupte einherwandelte, der in Bezug auf die Bedürfnisse des Lebens auf das Nothwendigste beschränkt war, mit ganz ärmlicher Wohnung und hartem Lager sich begnügen mußte und durch den Gehorsam des Ordens an den fremden Willen gebunden war! 1) Sehr wahrscheinlich war es das dreißigste Lebensjahr, das er abwarten sollte. Alle jene oben genannten Männer waren gleichfalls beim Eintritt in den Orden schon im Mannesalter. 2) Rudolph. 3) Das sagte Albertus selbst in seiner freilich zweifelhaften Abschiedsrede: „Ich zeichnete mich schon in den Wissenschaften aus, als ich auf eine Mahnung der heiligen Jungfrau und aus Antrieb des hl. Geistes in den Orden trat." Auch aus dem Kontext der Stellen über die Figurationen an Steinen, die wir noch später anführen, erhellt dieß. Denn bei dem Phänomen zu Venedig erzählt er einfach, daß er dabei gewesen. Bei der eigenthümlichen Schale, die er zu Paris gesehen, sagt er: „Viele Jahre später, als ich zu Paris unter den Doktoren und äs xrsge 8t. vominiei war, sah ich Folgendes." Also war er beim ersten Vorfall noch nicht im Orden. 4) Vgl. Ennen, Albert der Große, ein Lebensbild. Köln. 1856. S. 16. 22 Kapitel IV. Welche Veränderung! Aber Albertus hatte ja freiwillig, aus Gottesliebc auf alle irdischen Güter, Genüsse und Hoffnungen verzichtet, die ihm die Welt bieten konnte, und fand jetzt reichlichen Ersatz in den Genüssen des Geistes, die ihm in der Stille des armen Klosters, im engeren Verkehre mit Gott und im ungestörten Betriebe der heiligen Wissenschaften in Fülle zuströmten. Albert konnte übrigens nicht ferner mehr in Padua bleiben, da dort die theologischen Studien noch nicht blühten und auch wohl die Nähe feiner Verwandten nicht wünschenswert!) war. Er wurde also nach Bologna gesendet, um dort seine Studien zu vollenden und besonders um die Gotteswissenschaft sich anzneignen ^). Und hier im Kloster des heiligen Nikolaus, der zweiten Wiege des Ordens, wo auch der Leib des heiligen Patriarchen Dominikus seit einigen Jahren ruhte, wo er auch im Leben am Liebsten geweilt, da sammelte sein neuer Schüler die Kräfte, um auch bald einen großartigen Wnnderban ansznführen, den einer christlichen Universalwissenschaft. Da genoß er den Unterricht der berühmtesten Lehrer der Hochschule, die als das zweite Centrnm der wissenschaftlichen Welt jener Zeit betrachtet wurde. Wenn wir die Geschichtschreiber fragen über des Albertus Bestrebungen und Fortschritte in jenen Jahren, so lesen wir bei Rudolph nur die Worte: „So nun in den Garten Gottes verpflanzt, war der junge Krieger voll heiliger Glut bemüht, die Reinheit der Seele zu bewahren, sich ganz den Studien zu weihen und von Tugend zu Tugend zu schreiten." Damit ist also wieder nur gesagt, daß er an Weisheit und Gnade zugenommen wie sein erhabenes Vorbild. Spätere Biographen U berichten wieder von großen Schwierigkeiten, die ihm bei den Studien damals entgegengetretcn, von einer Art Stumpfstnnigkeit, die noch seinen Geist befangen gehabt, so daß er hinter allen Gefährten im Studium zurückgeblieben. Sie erzählen, daß ihn darob endlich Verzweiflung erfaßt und daß er bereits den Plan entworfen, ans dem Kloster zu entfliehen. Durch ein Tranm- gesicht sei er aber dann getröstet und von der Gottesmutter mit glän- 1) Nach Rudolph wäre er in Padua geblieben, andre (auch Quetif) neunen Paris als den Ort seiner ferneren Studien. Aber vom letzten: wissen die Alten nichts, das erstere ist aus obigen Gründen unwahrscheinlich. Bologna erhielt auch später einen Arm des Albertus als Reliquie vom Papste znm Andenken, daß der große Mann hier geweilt. 2) Leander, Jammy u. d. f. Vielleicht ist obige Sage nur hieher transferirt. 23 Der selige Albertus als junger Ordensmann. zender Geisteskraft ausgerüstet worden, so daß er von nun an wunderbare Fortschritte gemacht'). So anmnthig die Erzählung lautet, die in vielen Variationen und Stellungen vorgcbracht wird, können wir sic doch auch hier nicht als historisches Faktum betrachten. Denn nachdem Albertus bereits an zehn Jahre mit Auszeichnung de» philosophischen Studien obgelcgen, so daß er von Andern bereits als Meister betrachtet wurde, so können wir uns ihn schwerlich jetzt wieder als stumpfsinnig und talentlos denken. Bei den Alten ist davon auch nie die Rede. Albertus sagt mr in seiner selbst zweifelhaften Schlußrede in Köln, er sei immer durch die heilige Jungfrau angetrieben worden zum eifrigen Studiums. Aas er nicht durch Studieren gefunden, habe er durch das Gebet erlangt. Und da er einmal mit besondrer Inbrunst betete um Erleuchtung, sei ihm die heilige Jungfrau erschienen, habe ihm Trost znge- spmchen, ihn zur Ausdauer ermahnt in der Wissenschaft und Tugend, und ihm verheißen, daß seine Wissenschaft ihn nicht vom reinen Glauben abbringcn werde. Sic versprach ihm auch, er werde darum vor dem Tod« alle Wissenschaft wieder vergessen und mit der Unschuld und dem sromnen Glauben eines Kindes sterben. Das ist offenbar der Kern, aus welchem später der üppige Baum der Srge mit den mannigfaltigsten Verzweigungen aufgeschossen. Es ist damit aber nur gesagt, daß Albertus sich innerlich immer zum Betrieb der Wissenschaft angespornt gefühlt habe, und daß er von der naheliegniden Versuchung gepeinigt gewesen, die Wissenschaft ganz aufzugcbm, da nur der fromme Glaube und die Heiligkeit des Lebens zur Seliffeit führe, die vielleicht durch die Studien gefährdet würden. Durch jcie Vision, durch ein Tranmgestcht, das die Gottesmutter ihm vorstcltc, sei er aber in dem Betriebe der Wissenschaft bekräftigt und getrösbt worden. Wie deses sich nun verhalten möge, so viel ist gewiß, daß Albertus alle Lersnchungen überwand, durch unablässigen Eifer im Studium und dirch stetes Gebet auch in Bologna bald wunderbare Fort- 1) Daraus Igt bekanntlich Bayle den wohlfeilen Witz gemacht: Albertus sei von der Gottesmüter aus einem Esel in einen Philosophen und spater aus einem Philosophen in einn Esel verwandelt worden. 2) Wann dieß geschehen, ist dort nicht angeführt. Es kann selbst später während seines Lehramtes dise Scene vorgefallen seyn. 3) Es ist die Zit, wo die Sohne des hl. Franziskus durch die Macht der heiligen Liebe allein sie Welt dem Herrn und den Himmel sich zu erobern begannen! Kapitel IV. 24 schritte machte. „Es war seine Uebung," sagt auch Rudolph, „zum Schirm des Gebetes zu fliehen und die geistigen Flügel nach dem Rathe des Propheten zuerst mit frischen Federn zum höheren Fluge zu versehen." Bald übertraf er alle Mitschüler — nnd Meister Jordan hatte gewiß die Blüthe der akademischen Jugend dort im Convente versammelt — sowohl was Tiefe als was den Umfang des Wissens betrifft, das Dunkelste schloß sich ihm ans, keine Schwierigkeit vermochte mehr seine Wißbcgierdc zu hemmen').. — Welcher Lehrer Unterricht in der Theologie damals Albertus genossen, vermögen wir nicht anzugeben. Dagegen ist der Umfang und die Folge der Lehrgegcnstände unschwer zu bestimmen. Vor Allem mußte die gründliche Kenntniß der heiligen Schrift erworben werden. Daher wurden die Bücher derselben der Reihe nach von den Professoren erklärt in der bekannten allegorischen Weise, die zur Erbauung des Volkes so geeignet ist, indem sie fast allen Fakten und Worten der Schrift einen auffallenden tiefern, geistigen Sinn abzngcwinnen weiß. So lange die Studierenden diese Vorträge hörten, hießen sic diblioi, die Bibelstndenten, nnd varen ausschließlich auf dieses Feld angewiesen. Denn alle Vielheit und alles Vielerlei zu gleicher Zeit war dem Studicngang des Nittel- altcrs fremd. Man studierte einige Jahre die heilige Schrift md nur die heilige Schrift und zwar mit ungeteiltem Eifer und glasendem Erfolge. Daß auch unser Albertus diesen Bestrebungen sich mii ganzer Seele hingegeben, zeigen alle seine Schriften, wo sich Schrisstclle an Schriftstclle in originellster Anwendung reiht, wo man sieht, -ergänze Text der heiligen Schrift ist so sein Eigenthum geworden, laß er in jedem Augenblick unbedingt darüber gebieten kann. Daran schloß sich das Studium der Sentenzen des P/trus Lom- bardus, wir würden sagen, der Dogmatik nnd Moral. Es war das System der kirchlichen Lehre, wie es von jenem große» Lehrer zu Paris war in ein Werk znsammengcfaßt worden,, mit denErklärungen nnd Erweiterungen der folgenden Meister, welche den Ssiff noch mehr zerlegten, für die einzelnen Dogmen neue Beweise suchen nnd alle auftanchcnden Zweifel lösten. Der Professor brachte da^ Lehrbuch des Lombarden mit aus den Katheder; die Erklärungen und Erörterungen mußte er aber ohne Hilfsmittel frei Vorträgen. Während tiefer Beschäftigung, die wieder mehrere Jahre in Anspruch nahm, ließen die Theologen ssmentiuri, Studenten der Sentenzen. 4) Jammy n. a. Der selige Albertus als junger Ordensmann. 25 Sowohl das Studium der heiligen Schrift, als das der Sentenzen forderte aber auch ans, die Schriften jener erleuchteten Männer auf- zusnchen, die die Kirche als ihre Väter und Lehrer, als die Zeugen und berufenen Deuter der Offenbarung verehrt. Denn die Väter der Kirche geben ja die ehrwürdigste und sinnvollste Exegese der Schrift, ihre Werke bilden die Waffeukammer für den Dogmatiker und Moralisten. Mit welchem Eifer Albertus auch aus diesem frischen, lebendigen Springgncll der höheren Weisheit geschöpft, sehen wir wieder in seinen Werken. Er citirt ohne Unterlaß die Schriften dieser Männer, besonders der lateinischen Väter, so den hl. Angustin ff, Ambrosius ff, Hieronymus ff, Gregorius den Großen, Hilarius, Bernard ff und Isidor von Sevilla. Von den griechischen Schriftstellern scheinen ihm besonders Pseudvdivnysius ff, ChrUsostomns und Johannes Damascenus zugänglich gewesen zu seyn. Das Studium der Dogmen brachte natürlich auch mit sich, daß die Jrrthümcr, die in der Geschichte gegen die katholische Wahrheit aufgetaucht, erkannt nud gewürdigt werden mußten. Auch dieser Zweig der Kirchcngcschicbte blieb dem Albertus nicht verborgen. Er kommt häufig zu sprechen auf die Häresien des Anus, Sabellius, Berengar, des Gilbert Porretanus, und David von Dinanto. Uebcrall kämpft er gegen sie mit Sachkenntniß und offenbarer Ueberlcgenhcit des Geistes. Das waren also ungefähr die Gegenstände, mit welchen sich des Albertus reger Geist damals in der Einsamkeit der Zelle und im bunten Gedränge der Hörsäle beschäftigte. Uebrigens finden wir von diesen Studien, ihrer Dauer, ja selbst von seinem Eintritt in den Priesterstand, der gleichfalls in jenen Jahren geschehen seyn muß, keinen näheren Ausschluß. Doch dürfen wir aus der Gewohnheit der mittelalterlichen Lchrweise wohl annchmen, unser Albertus habe wenigstens vier bis sechs Jahre im Hciligthum der theologischen Studien verweilt. Alles, was uns Rudolph noch über diese Zeit des Albertus berichtet, ist Folgendes: „Er war ein wahrer Liebhaber der Weisheit selbst in seiner äußern Erscheinung, und strebte nicht nach zeitlichem Ruhme, sondern nur nach Weisheit, und die Blumen aller Tugenden war er bemüht, im 1) Z. B. De ap^roii. p. 61, serm. äs Nattimso axost. u. s. f. 2) Do saerik. inisses, p. 9. 3) 8erm. äe Nielmsl. sroimnz. 4) 8ermo äe best. Neuritis. 5) Sieh seine Commentare zu dessen Schriften und an vielen andern Orten. 26 Kapitel V. Garten seines honigsüßen Herzens zu sammeln. Endlich wurde er znm Lohne seiner Tüchtigkeit und seiner Wissenschaft, wodurch er sich vor allen Brüdern auszcicbnetc, von den Obern znm Lektor ernannt und nach der berühmten Metropole Deutschlands, nach Köln, gesendet." So war also die edle deutsche Pflanze unter dem gesegneten Himmel Italiens durch das Wehen der Gnade bereits hcrangereift zu einem hochstrebenden wunderbaren Baume, der nach Deutschland zurückversetzt, Tausende durch seine reichen Früchte der Weisheit und Tugend erquicken und stärken sollte im Wissen und Leben. Wann und ans welchen Wegen diese Heimkehr des Albertus nach den deutschen Gauen geschehen, ist wieder ungewiß. Doch möchte die Annahme des Zeitraums von 1228 — 1230 die größte Wahrscheinlichkeit für sich haben. Albertus stand also ungefähr im Alter von 36 Jahren. Kapitel V. Der selige Albertus als Lehrer und Prediger in deutschen Städten. Mit unglaublicher Schnelligkeit schlug der neubegrüudete Orden des heiligen Dominikus auch in Deutschland allüberall kräftige Wurzeln. Das Gefühl, daß das öffentliche Leben einer Erneuerung im Geiste, einer Regeneration durch einen neuen Sauerteig bedürfe, war bei allen cdlern Gemüthern allgemein. Wenn auch im Einzelnen noch liebliche Erscheinungeil anftauchten, wenn Werke der Frömmigkeit, Beweise der Aufopferung, der christlichen Liebe nicht selten waren, wenn auch großartige Schöpfungen der Wissenschaft und Kunst nicht fehlten, so war dock das Leben im Ganzen, besonders in den Städten, einer großen Korruption verfallen '). Die beständigen Streitigkeiten zwischen den Bischöfen und Städten um die Herrschaftsrechte, die Zwiste der Parteien in den Gemeinden und in ganzen Ländern, der durch den Handel gewonnene Reichthum, die sich daran schließende Leichtfertigkeit, Genußsucht und Kleiderpracht ^), der weltliche Sinn, 1) Vgl. Ennen, S. 12. 2) Albert schildert in seinen Predigten selbst alle diese Uebel der Zeit, besonders die Putzsucht, die Ueppigkeit, die Theater und Tänze, den schändlichen Aberglauben der Weiber, die Trägheit der Kanoniker, die nicht einmal im Chore den Mund genug öffnen. Vgl. III. 8erin. äs Hativ. L. Mariae cts saeril. missae. 8ermo äs assuinpl. Mariae II. Besonders 8errn. in dom. IV. post Lpiptran. Klagen über Bischöfe und Klerus besonders im Commentar zu Lucas. Der selige Albertus als Lehrer und Prediger in deutschen Städten. 27 die Ehr- und Habsucht, der der größte Theil des Klerus anheimgefallen, alles das ließ die Nvthwendigkeit einer Besserung und Erneuerung nicht verkennen. Und als solche von Gott gesendete Mittel der Wiedergeburt betrachtete mau mit Recht die Bcttelorden, die von all jenen Lastern das Gegentheil schon in ihrer äußern Erscheinung predigten. Daher rüstete sie der Papst aus mit der apostolischen, sonst den Bischöfen allein zustehenden Vollmacht, überall zu predigen und die Beichten der Gläubigen zu hören. Und die guten Bischöfe aller Orte, welche mit tiefem Leidwesen das überall anschwellende Verderben schauten, riefen diese Boten des Himmels mit großem Verlangen in ihre Sprengel. Sv waren die Brüder des Predigerordens i. I. 1221 von Paris auch nach dem heiligen, mit zahllosen Kirchen und Stiften prangenden Köln herübergekommen. Unter der Führung des Bruders Heinrich, der mit dem berühmten Jordanus zugleich in Paris, wo sie schon das Baccalaureat empfangen, in den Orden cingetreten und der Liebling des Volkes geworden war, ließen sie sich nieder in der Stvlk- strasse (vious Ltolooruru), unfern der Kathedrale, und erhielten dort ein Hospitium und die Kapelle, die der heiligen Maria Magdalena geweiht war'). Bald gewannen sie, ganz nach den Satzungen der Regel und in heiliger Armuth lebend, das allseitige Vertrauen des Volkes, das sich um sie in Schaaren sammelte. Manche Welt-Geistliche beklagten sich darüber beim edlen Erzbischöfe Engelbert, daß die Ordensmänncr das fremde Aerntefeld beträten und durch ihren Feuereifer die Herzen der Gläubigen sich gewännen, und den andern Seelsorgern entzögen. Aber der Oberhirte ließ sich nicht beirren, sondern antwortete: „Sv lange wir nur Gutes sehen, laßt sie gewähren!" Wir fürchten, erwiederten die Gegner, daß diese Mönche cs seien, von denen die heilige Hildegard ans Eingebung des heiligen Geistes prophezeite, sie würden die Geistlichen in Gefahr, die Stadt aber in Bedrängniß bringen. „Wohlan dann," sagte Engelbert, „wenn das eine göttliche Prophezeiung ist, so muß sie auch erfüllt werden ^)." Sv wirkten also die Predigermönche fort und gewannen zahllose Seelen für Christus ^). Besonders gilt dieß Pom Prior des Klösterchens, Heinrich, den uns sein Oberer und Freund Jordanus in den glänzendsten Farben darstellt. Er sagt: „Wir erinnern uns nicht, vor ihm in Paris einen so jungen, so beredten und so anmuthigen Prediger t) Rudolph, e. III. 2) Eunen a. a. O. Ausführlicher Cantipratanus bei Prussia, S. 249. 3) Rudolph. 28 Kapitel V. gesehen zu haben. Gott hatte in dieses Gesäß der Anserwählnng alle Zier seiner Gnaden gelegt. Er war schnell im Gehorsam, stark in der Geduld, friedfertig in Sanftmnth, durch Heiterkeit angenehm, in Liebe ausgcgossen, und cs fehlte ihm nicht Anstand der Sitten, Aufrichtigkeit des Herzens und im Fleische jungfräuliche Reinheit, denn in seinem ganzen Leben hat er kein Weib nnsittsam angcblickt noch berührt. Er war im Reden bescheiden, gewandt im Worte, scharfsinnig, schön von Antlitz, anmuthig von Gestalt, geschickt im Schreiben, erfahren im Diktiren, seine Stimme war melodisch wie die eines Engels. Nie sah man ihn traurig, noch verwirrt, immer gleichmüthig, immer heiter. Von Strenge war nichts zn sehen, ganz hatte ihn die Barmherzigkeit in Besitz genommen. Mit solcher Leichtigkeit gewann er die Herzen, so befreundet zeigte er sich Allen, daß Du nach kurzer Unterredung glaubtest, er liebe dick vor Allen. Und man mußte ihn lieben, den Gott mit seiner Gnade überschüttet hatte. Und obwohl er vor Allen ausgezeichnet, vor Allen gut in jeder Gnadengabe war, erhob er sich doch nicht, denn er hatte von Christus gelernt, sanften und demüthigen Herzens zu seyn ')." So wird uns also der erste Dominikaner geschildert, der in Köln eingczogen. Was Wunder, wenn alles Volk ihnen nachlief, wie einstens dem Heilande! Als dann Bruder Heinrich zum Himmel hcimgcgangen und sein Gefährte Leo das Priorat in Köln verwaltete, da war cs, wo das neuaufgegangene Gestirn des Ordens, Bruder Albertus, nach Köln berufen wurde, um hier, in der Metropole des deutschen Reichs, Gottes Ehre, der Seelen Heil und des Ordens Ausgabe mächtig zn fördern, besonders durch Gründung einer höher» Schule, wo die Wissenschaft der christlichen Wahrheit' Zcngniß gäbe und Freunde gewänne. Hier war cs also, wo Albertus, der durch Gottes Gnade gleich einem fruchtbaren Oelbaum an Frömmigkeit und Gelehrsamkeit hcrangewachsen war, zuerst anfing, als Lehrer auch Andern mitzntheilen, was er aus den Quellen des Heilands geschöpft hatte ^). Jetzt bestieg Albertus den Lehrstuhl, den er nun an fünfzig Jahre mit wenigen Unterbrechungen so ruhmvoll inne hatte. Was er damals in Köln auf dem Katheder jener Klosterschnle, 11 li>ueti1 und bleliard, 8eript. Dom. I. 94. 2) Es war ungefähr um die Jahre 1228—1233, denn i. I. 1234 redet Jordan von Heinrich, als von einem, der gestorben. S. oben. 3) Rudolph, eax. IV. Der selige Albertus als Lehrer, und Prediger in deutschen Städten. 29 aus der später die berühmte Universität erwachsen, gelehrt habe, ist nirgends angegeben. Nur die Nachricht finden wir, Albertus sei nach Köln gegangen, um die natürlichen und heiligen Wissenschaften zu lehren I. Wahrscheinlich docirte er die freien Künste, erklärte auch Bücher des Aristoteles über Logik, Ethik und Physik, Theile der heiligen Schrift und die Sentenzen ^), Und bald fand sich eine zahlreiche Schaar von wißbegierigen Schülern zu seinen Füßen ein. Unter diesen ragte hervor in jener Zeit Thomas von Cantimprs, der i. I. 1232 in den Orden getreten war und der sich rühmt, lange Zeit Zuhörer des Albertus gewesen zu seyn ^). Mehr ist uns von jenem ersten Ansenthalt des Albertus in Köln nicht bekannt. Prussia sagt nur, Albertus habe zweimal die Sentenzen in Köln gelesen, was den Zeitraum von 4 Jahren umfassen würde. Aber wie die Sonne überallhin ihre erwärmenden Strahlen ausgießt und an allen Orten nenes Leben hcrvorrnst ^), so blieb auch damals schon die Wirksamkeit des Albertus nicht auf Köln allein beschränkt. Kaum einige Jahre mag er ohne Unterbrechung in vertrauten Zelle zu Köln bei seinen geliebten, rastlosen Studien und in der Verwaltung seines ersten Lehramtes zngebracht haben. Bald rief die Stimme der Obern und des Bedürfnisses ihn wieder nach einer- andern Stätte, bald nach Osten, bald nach Norden, bald nach Süden und Westen. So oft in irgend einer Stadt des deutschen Reiches eine neue Niederlassung des Predigcrvrdens entstanden war, so erging auch an Albertus die Weisung zur Mithilfe, um durch den Glanz seines Namens, durch das Gewicht seiner Weisheit und den Duft seiner Frömmigkeit der neuen Gründung Bestand und Gedeihen zu sichern. So wird uns berichtet, er habe in jener Zeit in Hildesheim, in Straßburg, in Freiburg, das im Breisgau liegt, sowie in Regensburg 6) gewirkt. Selbst in Paris soll er während dieses Zeitraums, 1) Jammy. Wir bemerken, Laß damals die Philosophie noch nicht von der Theologie getrennt war und als eigne Fakultät betrachtet wurde, sondern die Lehrer der Theologie lehrten häufig auch Logik und andre Disciplinen. 2) Prussia: kNilosopIrism el tlreoloZIain e superiori loco äoouit. Vgl. Lelrarä, 8eript. Dein. I. p. 162. 3) In dem cit. Werke bonuin universale äe axidus, das ihm hohen Ruhm gebracht, und worin er den Bienenstaat als Vorbild einer geistlichen Communität schildert. D Rudolph. 5) Rudolph. 6) Rudolph. Echard I. x. 163. Jammy u. d. A. 30 Kapitel V. der eigenen Studien halber gewesen sehn Wann er in diesen einzelnen Städten geweilt, können wir nicht ganz genau bestimmen, nur sv viel wissen wir, daß diese gelehrten Missionen sich durch ungefähr zehn Jahre hindurchgezvgen haben, vom Jahre 1232 —1243. In dem hochehrwnrdigen Hildesheim, der Stiftnngs Ludwigs des Frommen, dem Sitze so ruhmreicher Bischöfe, hatten die Predigermönche unter dem großen Bischöfe Konrad II. (1221 —1249) ein Haus erhalten. Dieser Bischof, der selbst in Paris studiert und dort Theologie docirt hatte, berief ohne Zweifel die Söhne des heil. Dominikus, die er in Paris schon kennen und lieben gelernt, nach Hildesheim, um durch ihre Hilfe Sitten und Wissenschaften in seinem Sprengel wieder in Blüthe zu bringen. Da durfte also Albertus nicht fehlen, dessen Lehrgabe sich im Convente zu Köln schon hohe Bewunderung erworben hatte. Rudolph und Prussia sagen, Albertus sei im Jahre 1233 nach Hildesheim gekommen. Des Albertus Worte selbst aber lassen auf eine spätere Zeit schließen. Denn er erzählt, er habe i. I. 1240, wo er in Sachsen geweilt, mit gar Vielen einen Kometen beobachtet Z. Mit dieser Angabe deutet er ohne Zweifel auf Hildcsheim hin. Auch das gewaltige Straßbnrg, die Lieblingsstadt der Kaiser, hatte frühzeitig die Bettclorden ausgenommen. Bischof Heinrich II. (ff 1223) von Beringen berief die Dominikaner und bald verdient ihre Schule Erwähnung unter den trefflichen Anstalten der großen Reichsstadt 3). Gerade hier, wo seit ältester Zeit an den übrigen Schulen ausgezeichnete Lehrer wirkten, war es nothwendig, daß von Seite der neuen Orden ein Mann gesendet wurde, der die andern durch den Glanz seiner Gelehrsamkeit nnd die Gabe des Unterrichts übertraf. Das war wiederum Albertus, der darum auch zwischen den Jahren 1230 — 1240 hier im neuen Kloster seinen Lehrstuhl aufschlug. Damals mag dort auch der Bau der noch stehenden einfach schönen Dominikanerkirche begonnen haben. Wahrscheinlich schließt sich 1) Echard a. a. O. 2) IsLg. in libi. meteor. oap. 30. 3) Wenn Heideloff meint, Albertus habe hier so lang gewirkt, daß er den Namen ^.rgentimrs trägt, so ist zu bemerken, daß Albertus L.rxentiiiensi8 ein ganz andrer Mann, ein historischer Schriftsteller des 14. Jahrhunderts war, unter dem Bischöfe Berthold II., wie schon vr. Schneegans in Straßburg bemerkte. Vgl. Heideloffs Kleinen Altdeutschen. S. 21. Der selige Albertus als Lehrer und Prediger in deutschen Städten. 31 sein Aufenthalt in der alten Schöpfung der Zähringcr, in Freibnrg, an jenen in Straßburg. Von diesem haben wir übrigens noch weniger Kunde '). Dagegen hat die Tradition in Regensburg noch einige sichtbare Erinnerungszeichen an die Jahre des Lehramts, das Albertus dort versah, erhalten. Regensburg, diese alte Burg der Bayernherzoge, dann mächtige Bischofs - und Reichsstadt, hatte gleichfalls frühe schon, ihre Schäden erkennend, den Dominikanern gastfreundlich ihre Thore geöffnet. Nachdem ste bereits wohl im Jahre 1218 in die Stadt eingewandert waren und eine kleine Wohnung bezogen hatten, von wo sie ausgingcn, ringsum den Samen des Heiles zu streuen durch Predigt und Seelcnführnng, schenkte ihnen Bischof Sigfried i. I. 1229 die alte romanische Blastnskirche, in deren Nähe ste ihr neues Kloster erbauen sollten. Das thatcn sie nun auch. Unter reger Beihilfe von Volk und Klerus, Adel und Bürgerschaft, entstand ein stattliches Ordcnshans ^), m dem ste ihre ganze scgcnsvolle Thätig- keit entfalten konnten. Wie überall richteten sic auch hier vor Allem ihr Augenmerk auf den höheren Unterricht. Denn die Schule ist ja vor Allem das Zeughaus der Zukunft. Durch die Schule zogen auch hier diese großen Geistcsmänner das aufblühcnde Geschlecht an sich, verstärkten mit den Besten der Jünglinge ihre eigene Zahl, die neue Kriegsschaar Christi, und gewannen auch in öffentlichen Predigten die klebrigen durch die Waffen der Wissenschaft für die christliche Wahrheit und das Gesetz des Herrn. So erklärt sich- daß wir auch in Re- gensbnrg schon i. I. 1230 eine Schule bei den Prcdigermönchen finde». Und an diese Schule wurde Albertus in jenen Jahren -ff gesandt, um ste durch das Licht seiner Lehre zn hoher Blüthe zu bringen. Noch bezeichnet die Tradition in Rcgcnsbnrg den Raum, in welchem der große Meister den Samen der Wissenschaft ansgestreut haben soll. 1) Prusfia nennt zuerst Freiburg, dann Negensburg, dann Straßbnrg. 2) 8olemne monasterium heißt es, also bereits ein bedeutender Bau. Vgl. Gumpelzhaimer I. 291, und den Aufsatz meines jungen Freundes A. Niedermayr, Alumnus im bischofl. Seminar zu Negensburg, über die dortige Dominikanerkirche, in der Beilage der A. Postzeitnng v. 17. April 1856. 3) Die Annahme, daß Albertus später erst, zwischen 1258 — 1260, in Negensburg docirt und daun dort die Bischofswürde erhalten habe, ist gegen das Zeugniß der Geschichtschreiber und auch durch die anderweitige Thätigkeit des Meisters in jenen Jahren widerlegt. Prnssia sagt, Albertus sei damals 2 Jahre in Negensburg gewesen. Der Kreuzgang des ehemaligen Dominikanerklosters daselbst mündet nämlich in einen Viereckösaal von mittlerer Größe '), welcher noch jetzt den Namen der Schule des seligen Albertus trägt. Ja selbst der Lehrstuhl steht noch nnverrückt, von welchem aus er der Sage nach sein Wort der Weisheit ergehen ließ. Wenn nun auch jener Kreuzgang und Saal in seiner gegenwärtigen reichen Ornamentativn erst dem fünfzehnten Jahrhundert angchört, so ist doch große Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß das Bauwerk jenes Hörsaales im Wesen schon der Zeit des Albertus angehört, daß man diesen Lchrsaal des Klosters zur Erinnerung an den großen Meister, der hier gewirkt, an seiner Stelle gelassen. Auch der Lehrstuhl war vielleicht früher in ganz einfacher, schmuckloser Gestalt, wie es den Anfängen eines Bettelklosters entspricht, später aber, wo das Andenken des Albertus zurückgetreteu war, hat man ihn erst mit Zierrathen und dem Bildwerk eines spätem Meisters ausgestattet. Jedenfalls hat dieser Saal aber hohes Interesse für uns. Denn bei der Stabilität der klösterlichen Einrichtungen des Mittelalters dürfen wir annehmen, daß uns hier noch ein getreues Bild der Lehr- und Lcrnweise jener Zeit des Albertus gegeben ist. Rings an den Wänden sind Sitzbänke angebracht, deren Rücklchncn eine Krönung zeigen mit durchlaufender Inschrift in lateinischer Sprache. Es sind Sprüche der heiligen Schrift und der Kanonen, die zum Studium, zur Wachsamkeit gegen den Versucher und dgl. auffordern ^). Aus diesen Sitzen also, sowie auf Bänken, die wohl auch in der Mitte des Saales aufgestellt waren ^), saßen die Schüler. Möglich auch, daß die nicht an der Wand Platz Findenden sich bequemen mußten, am Boden sich zu setzen ^). Daß man hier die Worte des Lehrers t) Er ist 15^ hoch und etwa 30 lang. 2) Sie heißen: t^.ML seientiam seripturarum et viiia camis non amabis. (Verein.) Hui aääit seientiam acläit et lavorem. (Lalom. Deel.) Huia seientiam repulisti, repeilam te, ne saeeräotio InnZ-aris milti. (Osee.) Loni latem et ä!s- eiplinam et seientiam äoce me. (t?s. 118.) Hui leeerit et äoenerit, die magnus voeaditur in reg'no eoelornm. (Nattli.) Viäete, ns guis vos äeeipiat per plri- losopinam seeunäum elementa munäi et non seeunäum OUristum. (Ooloss). 3) Auf dem Titelholzschnitte zur Legende des Albertus von Rudolph finden wir solche Sitzbänke in der Mitte aufgestellt vor der Kathedra des Albertus. 4) In Paris sollen damals die Studenten noch vielfach auf Stroh gesessen haben, woher noch der Name der Strohstrasse (kus äu k'ouarre) kommt, wo jene Vorlesungen waren. Vgl. Daniel, klassische Studien. S. 119. Am». Der selige Albertus als Lehrer und Prediger in deutschen Städten. 33 nicht nachschreiben konnte, versteht sich von selbst, es waren nur Sitze angebracht, keine Schreibbänke. Nur hie und da gab es einen Schnellschreiber, der in einer Ecke die Vorträge des Lehrers nachzuschreiben im Stande war und die Erlaubniß hatte'). Die Uebrigen mußten das Vorgetragene sich bloß in's Gedächtniß prägen und durch Fragen, Repetitionen und Disputationen, die sie unter einander hielten, die Sache sich klar machen und lebendig erhalten. Mancher schrieb zu Hause den Gedankengang des Lehrers auf^). Man sieht aber, es war damals noch nicht die Zeit des allgemeinen Schreibens und der Schreibseligkeit, sondern der Unterricht beruhte noch größtentheils aus mündlicher Ueber- lieferung. In Mitte des Saales war aber die Kathedra des Magisters aufgeschlagen, von welcher herab er die Ströme der Wissenschaft sich ergießen ließ. Dieser von Eichenholz gefertigte Lehrstuhl des Meisters ^ bestand aber nach dem Zeugnisse des Regensburger Gestühles aus zwei Theilen, es war ein sieben Schuh tiefes Doppelgestühl für zwei Lehrende zu gleicher Zeit. Da ist der rückwärts und höher gelegene Stuhl in die Mauer eiugefügt und hat eine Rückwand, die mit prachtvoll stylifirten Pflanzenornamenten geschmückt ist. Der untere Stuhl hat eine noch reicher gezierte Rückwand, indem hier die Ornamente den Namen Jesu umranken. Die Brustwehr aber zeigt das Bild eines Dominikaners , der am Katheder stehend docirt. Was er sagt, enthüllt uns das Spruchband, das ihn umgibt, es sind die Worte: Dürrste cksrrrrr st «tote ilü üoirorsrrr, grün vsirist üora srrckisü sjus. ^p>oo. 14. Aus einem zweiten Bande unterhalb steht der Name des Lehrers: Vincentius. Zur Seite ist noch ein lauschender Novize, der die Kapuze über das Haupt gezogen, zu gewahren. Man sieht, es ist Vincentius Ferre- rius (1357 —1419), der große Doktor der Dialektik und Prediger des jüngsten Gerichtes, dessen Bild hier den Studierenden vor Augen gestellt ward. Ist nun auch, wie gesagt, das Schmuckwerk des Stuhles von späterer Zeit, und vielleicht das Gestühl selbst^), so wird uns hier doch noch die Lehrweise der Zeit des Albertus klar. Auf einem 1) Echard erzählt, mehrere solche Schnellschriften von Studenten in der Bibliothek der Sorbonne gesehen zu haben. 8eript. I. x. 164. 2) So der heil. Thomas die Erklärung des seligen Albertus über die Ethik des . Aristoteles. 3) Siehe die Abbildung im Anhang. 4) Es ist merkwürdig, daß kein alter Schriftsteller dieses Stuhls Erwähnung thut, während sie die andern Reliquien Alberts nennen. In Neapel zeigt man auch noch einen Lehrstuhl des Thomas von Aquin nach Harry Hörtel. Sighart, Albert d. Große. 3 34 Kapitel V. so erhöhten Stuhl lehrte Albert selbst; unterhalb des Meisters nahm aber der von ihm erwählte Baccalaureus oder Licentiat') Platz, und las unter Aufsicht des Lehrers die Einleitungen (Principicn) zu den Büchern des Aristoteles oder der Sentenzen und nahm die Repetitionen und Disputationen über das Gehörte mit den Zuhörern vor, Uebri- gens durfte weder der Meister noch sein Assistent Geschriebenes vorlesen, sondern Alles mußte dem Gedächtniß eingeprägt seyn; freier Vortrag war Gesetz Z, Hatte der erwählte Schüler längere Zeit (2 —3 Jahre) durch solche Akte der wissenschaftlichen Thätigkeit seine Befähigung znm Lehramte gezeigt, erst dann wurde er selbst unter die Klasse der Meister ausgenommen und konnte selbstständige Vorlesungen halten 3). In solcher Weise also lehrte auch Albertus in jenen Jahren. Wahrscheinlich blieb er an den genannten einzelnen Orten so lange, bis er sich einen tüchtigen Nachfolger im Lehramte herangezogen hatte unter den fast zahllosen cdeln Jünglingen, die auch in Deutschland allüberall dem Orden zuströmten. Denn es scheint noch ein Erbtheil des Paradieses zu seyn in der Menschenseele. Alles im Glanze des Morgens, der mackellosen Jugend, der Unvcrdcrbtheit Prangende zieht die Herzen unwiderstehlich an sich. Und so begreift sich, warum auch in Deutschland die beiden jungen Orden alle edeln Gemüther jener Zeit mit heiliger Gewalt für sich gewannen. Es blühte da ja ein neues Paradies in Mitte der verdorbenen Welt. Die Wissenschaften, die Albert an all diesen Schulen vortrug, waren wohl wieder dieselben, die er schon in Köln gelehrt hatte. Er scheint selbst die Grammatiker erklärt, Mathematik und Astronomie do- cirt zu Habens. Besonderes Gewicht legte man aber ans das Studium der Logik und Philosophie im Orden der Predigers. Es heißt 1) Diese Benennungen sind von den Universitäten hergenomme». In den Klosterschulen Deutschlands gab es natürlich noch keine Krade der Art. aber die Einrichtung ward im Kleinen nachgcahmt. An den englischen Universitäten besteht dass ähnliche Institut der Fellows noch; wir aber würden Assistenten sagen, 2) So Echard I, 165. Bei Daniel ist angeführt, den Text des Aristoteles, der Gesetze und Sentenzen durfte der Lehrer geschrieben mitbringen, aber nie die Erklärung. Doch ist das schon spätere Jndulgenz. 3) So wurde in Cöln Thomas von Aqnin Assistent und Stellvertreter des Albertus, wie wir bald sehen werden. 4) In den alten Verzeichnissen seiner Schriften (bei Prnssia und Nndolph) finden sich mehrere Bücher über die Grammatik nnd Mathematik. 5t Vgl. Jonrdain a. a. O- S. 212, Der selige Albertus als Lehrer und Prediger in deutschen Städten. 35 ausdrücklich in einem Kapitelbeschluß: „Das Studium in den freien Künsten und Wissenschaften nützt der Christenheit viel. Es dient nämlich zur Vertheidiguug des Glaubens, den nicht bloß Heiden nnd Häretiker bekämpfen, sondern auch Philosophen. Die Bildung in den liberalen Wissenschaften ist also sehr nothwendig in der Kirche')." Der Zeitgenosse und Ordensgeneral des Albertus, Humbert de Romanis (st 1277), tadelt streng die Verächter jener Studien und vergleicht sie gar schön mit Denen, welche, wie es im Buche der Könige heißt, nicht wollten, daß ein Eisenarbeiter in Israel sei, damit die Hebräer weder Schwert noch Lanzen fertigen könnten ^). Derselbe sagt an einer andern Stelle: Das Studium der Philosophie ist zur Vertheidiguug des Glaubens nothwendig, weil die Heiden gerade sie als Waffe gegen denselben anwendeu; es ist nothwendig zum Verständuiß der Schrift, weil man durch die Philosophie allein gewisse Stellen verstehen kann; es vermehrt die Achtung des Ordens, denn die Welt verachtet die unwissenden Ordensbrüder; es zeigt endlich, wie wenig man ans ihr selbst zu machen habe. Denn Viele, welche die Gegenstände, womit sich die Philosophen beschäftigen, nicht keunen, machen daraus mehr, als sie werth sind, bei näherer Beschauung aber achten sie dieselbe gering im Vergleich zur Theologie ^). Also dürfen wir nicht zweifeln, daß Alberts Lehrvorträge sich auf jenen Ordensschulcn besonders über philosophische Disciplincn erstreckt habe», also über Logik, Physik (Naturgeschichte) und Metaphysik. Er benützte hiebei die schon länger in's Lateinische aus dem griechischen Texte übersetzten Schriften des Aristoteles, und vielleicht waren ihm in Paris auch ans dem Arabischen übertragene Bücher desselben bekannt geworden. Nebenbei konnte er aber immerhin auch schon theologische Vorlesungen über die Sentenzen nnd die heiligen Schriften halten, obwohl er noch nicht Doktor der Theologie an einer Universität geworden war. Eine Ordensschnle war an die Gesetze der Universitäten nicht gehalten. So also, als wandernder Lehrer, verlebte Albert wohl ein Jahrzehent , überall neue Feuerherde gründend, von denen ans Geister und Herzen wieder erleuchtet und entzündet werden sollten zur Erkenntniß und Liebe des Herrn. Im Jahre 1243 wurde er wieder nach Köln heimberufcn, um die 1) äoui-äain x>. 213. 2) Idiäem. 3) LxposN. koxul. 8l. -vngiMmi pars IX. In MdI. mux. 8«. 3 * 36 Kapitel VI. Leitung der dvrtigen bereits in schönster Blüthe stehenden Ordens- Schule zu übernehmen. Hier war es, wo ihm Gott einen Schüler zuführte, der eines solchen Lehrers würdig war. Kapitel VI. Der selige Albertus abermals Lehrer in Köln. Ankunft des heiligen Thomas von Aquino. So war also Albert wieder zu seinem geliebten Weinberg des Lehramtes in Köln heimgekehrt und bebaute ihn mit großer Sorgfalt im Schweiße des Angesichtes'). Damals war es, wo bereits lernbegierige Schüler aus fernen Ländern sich einfanden und um den Lehrstuhl des Albertus sich fchaarten, ungezogen durch den Ruhm seines Namens, der schon weithin erklungen war. Damals saßen bereits Männer zu seinen Füßen, welche sich immer mit heiligem Stolze seine Schüler nannten und die dann später große Leuchten der Kirche geworden sind. Ob Thomas von Can- timprö, von dem wir oben gesprochen, noch in Köln geweilt, wissen wir nicht zu bestimmen. Dagegen ist der Aufenthalt eines andern Mannes in Köln zn jener Zeit gewiß, dessen Name fast den seines Lehrers verdunkeln sollte, dessen Talent, Scharfsinn, Gelehrsamkeit, schriftstellerische Thätigkeit im Vereine mit hoher Heiligkeit des Lebens ihn als das Ideal eines Lehrers und Weisen der Kirche zu allen Zeiten erscheinen lassen. Es ist dieß Thomas von Aquino, von dessen Leben wir hier ein Bruchstück einweben müssen, weil es zu sehr mit dem Leben unsers Albertus in jenen Tagen verwachsen war. 1) Worte Rudolphs. Man sieht, wir sprechen hier gar nicht von der Angabe Rudolphs und späterer Autoren, daß Albert in diesen Jahren, von 1236 — 1238, auch Gencralvikar des Ordens war, daß er sogar zum General des Ordens vorgeschlagen gewesen, daß er 1238 nach Spanien gereist und dort die Ordenssiegel in die Hände des Raimund von Pennaforte gelegt habe. Die gründlichsten Kenner der Dominikanergeschichte, Echard und Quetif, erklären, daß vom ersten die alten Zeugnisse nichts wissen, daß den Ordensgesetzen nach das Vikariat in die Hände des Provinzials der Lombardei übergehe. Seine gleichen Chancen mit Hugo von St. Caro für das Gcncralat des Ordens läugnen sie geradezu. Alberts Wirksamkeit als Lehrer in jenen Jahren läßt auch schwerlich die Annahme einer solchen Stellung und solcher Reisen zu. Vgl. Lerixt. vom. I, p. 164. Nota. Der sel. Albertus abermals Lehrer in Köln. Ankunft d. hl. Thomas v. Nq. 37 Thomas stammte bekanntlich aus dem hochadclichen Gcschlcchte der Grafen von Aquino in Kalabrien und war im Jahre 1226 geboren*). Frühe war er den Bencdiktinermönchcn am berühmten Monte Eassino zur Erziehung übergeben worden und hatte dann die neugcgründcte Universität Neapel bezogen, wo er den Unterricht des Peter Martinas in der Logik und des Peter von Hibcrnien in den Naturwissenschaften genoß. Aber der Anblick des wilden, wüsten Treibens der ihn umgebenden Jugend, die die ihr reichlich gestatteten Freiheiten zu Ausbrüchen der tiefsten Rohheit mißbrauchte, die Beobachtung des allgemeinen korrupten Lebens, die Erwägung der höchst verwirrten, traurigen politischen Verhältnisse, die eine Folge des langen Kampfes zwischen dem schwäbischen Kaiserhause und der Kirche waren, alles das mußte auch den jungen Adeligen, wie früher den Albertus mit Abscheu und Eckel vor dem Leben und Streben in der Welt erfüllen und ihn drängen, eine Zufluchtsstätte in der Abgeschiedenheit des Klosters zu suchen, um da der Betrachtung der Wahrheit sich weihen und die Reinheit seiner Seele bewahren zu können. Und so nahm auch er das Kleid des heiligen Dominikus, dessen Orden eben im Glanze der ersten Liebe glühte, dessen Thaten zu Gottes Ehren bereits überall gepriesen wurden. Aber einen harten Kampf gegen seine über diesen Schritt erbitterte Familie hatte er zu bestehen, ehe er unangefochten dieses Kleid tragen durfte. Doch kein Mittel vermochte den sechzehnjährigen Jüngling von dem einmal erkannten und gewählten Beruf äbznbringcn. Weder die Thränen der Mutter, noch die süßen Schmeichel- rcden der Schwestern, noch lange Gefangenschaft, rohe Mißhandlung und Entbehrung, noch die abscheulichen Verführungsversuche der Brüder hatten seinen Vorsatz im Geringsten zu erschüttern vermocht. Endlich war die Streitsache selbst vor den päpstlichen Stuhl gebracht worden. Da führte Thomas vor Jnnocenz IV. selbst seine Sache mit heiligem Eifer, ohne Bitterkeit, ohne Stolz und ohne Schwäche. Er zeigte mit heiligem Feuer den Widerwillen, den ihm die vergänglichen Güter der Welt eingeflößt und die unbesiegbare Neigung, die ihn znm Ordensstand hinzog. Seine beredte Vertheidigung ließ keinen Zweifel bei seinen Richtern übrig, daß Thomas von Gott selbst berufen und in allen seinen bisherigen Schritten von ihm geleitet worden. Er ging als Sieger aus dem Kampfe hervor. Thcils ob des wunderbaren Eindruckes, den der neunzehnjährige Jüngling auf ihn gemacht, theils um 11 Vgl. über ihn Harry Hörtel: Thomas von Aquino und seine Zeit. Augsburg 1846- Und besonders rvct. 8anet. Martins. 38 Kapitel VI. den Schmerz der Grasenfamilie durch solchen Gnadeuerweis etwas zu lindern, soll ihm Jnnocenz IV. nach einigen Berichterstattern ') bald darauf die Stelle eines Abtes von Monte Cassino eingetragen haben, die zu den glänzendsten Italiens gehörte, und ihn bereits unter die Kirchenfürstcn gereiht hätte. Aber Thomas schlug dieses Anerbieten in tiefer Demnth aus und bat den hl. Vater, die ihm erwiesene Gnade dadurch zu vollenden, daß er ihm erlaube, ein Leben der Demnth und Armnth zu führen, wie cs sein Orden verlange. Und auch hierin konnte der Papst seinen Bitten nicht widerstehen. So war Thomas befreit von den Beunruhigungen seiner Familie und konnte ungestört im Ordcnslcbcn die Bahn der höhcrn Vollkommenheit und der Betrachtung betreten. Jetzt mußte den Obern vor Allem daranlicgcn, dem jungen Manne alle Mittel zur Entwicklung seiner reichen Talente zu verschaffen. Johann der Deutsche, der vierte Großmeister des Ordens, der auf Raimund gefolgt war, hatte bald erkannt, daß dieses nene Glied dem Orden znm höchsten Ruhme, der Kirche zum Nutzen und der Wissenschaft zur Zierde gereichen werde. Er suchte darum vor Allem nach einem Manne des Ordens, dem die fernere Ausbildung des reichbegabten Thomas übertragen werden könnte. Und obwohl bereits berühmte Lehrer aus dem Orden an den Hochschulen von Neapel, Paris, Salamanka und Bologna wirkten, so hielt er doch den Albertus zu Köln für den Würdigsten und Fähigsten, um diesen kostbaren Edelstein zu schleifen Z. Und er entschloß sich, selbst diesen Schüler seinem Lehrer znznführen. Im Jahre 1245 sollte in Köln ein Kapitel des Ordens stattstndcn. So war dem Meister Johannes Gelegenheit geboten, selbst den jungen Thomas zu Albert zu geleiten. Im Oktober des Jahres 1244 machten sich Beide, nach apostolischer Sitte zn Fuß, nur mit Gebetbuch und Ordenskleid ausgerüstet, auf den Weg und langten nach kurzem Aufenthalt in der französischen Hauptstadt im Anfänge des folgenden Jahres in Köln an. Welch ein Anblick muß es gewesen seyn, sagt Ennen ganz schön, als die beiden dcmüthigen Söhne des hl. Dominikus, von denen der eine als Ordensgeneral ein kleiner König war und über ungefähr 1) Wird von den neuesten Kritikern als unrichtig dargestellt. 2) Vgl. Ennen a. a. O. S. 20. So sehr war Alberts Ruhm bereits weithin erklungen. Der sel. Albertus abermals Lehrer in Köln. Ankunft d. hl. Thomas v. Aq. 39 30,000 Unterthanen zu befehlen hatte, der andre ein großes, gcheiin- nißvollcs Königreich der Intelligenz im Keime in sich trug, still und ohne Aufsehen in die alte, heilige Stadt cinzogen! „Thomas," sagt ein Biograph 2 ), „eilte wie ein nach den Wasserquellen sich sehnender Hirsch nach Köln, um den Becher der lebendigen Weisheit aus den Händen Werts zu empfangen und so seinen brennenden Durst zu löschen." Jetzt war dieser Wunsch seiner Seele erfüllt, er durfte immer als Schüler zu den Füßen des großen Meisters sich setzen, mit ihm in Einem Hanse weilen! Es war dort in der Stolkgasse, wo jetzt eine Artilleriekaserne steht. lieber das Leben und die Studien des hl. Thomas im Hause zu Köln unter Alberts Leitung finden wir in den Biographien des erstern interessante Angaben. Thomas benützte alle seine Zeit nur zum Gebete, zur Betrachtung und zum Studiums. Obwohl er unter einer- zahlreichen Genossenschaft lebte und obwohl alle Brüder ihn anfänglich wegen des Rufes, der ihm voransgegangen, mit großen Gnnstbezen- gnngen überhäuften, blieb er doch am liebsten in seiner einsamen Zelle, bei den gemeinsamen Zusammenkünften hielt er strenges Stillschweigen, bei den Vorträgen der Lehrer schien er in dumpfes Brüten versunken, an den häufigen Disputationen der Mitschüler nahm er keinen Antheil. Man hielt ihn daher anfangs für einen Sonderling, man staunte dann, daß die Obern einen so stumpfsinnigen Menschen für begabt und für- fähig des Unterrichts eines Albertus gehalten hätten, ja die Gefährten enthielten sich nicht, den jungen Thomas scherzweise einen stummen Ochsen, oder den großen sicilianischen Ochsen zu nennen. Thomas ertrug diese Neckereien in Geduld, er betrachtete sic als Gelegenheiten, seine Demuth zu üben. Und als ein Mitschüler, getrieben von christlicher Liebe, sich ihm anbot, ihm behilflich beim Studium zu sehn und täglich die Vorträge der Lehrer mit ihm ans der Zelle zu repetiren, nahm Thomas auch dieses gutgemeinte Anerbieten mit Dank an. Einstmals aber geschah es, daß der Gegenstand der Repetition übergroße Schwierigkeiten bot; der Gefährte gab sich vergeblich alle Mühe, das zu erklären, was er selbst nicht verstand, und gerieth in immer wach- 1) Im Jahre 1221 besaß der Orden schon 60 Klöster in 8 Provinzen. In jenem Jahre 1244 zählte er schon über 30,000 Mitglieder. 2) Rudolph. 3) Bei Wilhelm von Thoko, einem Zeitgenossen, finden sich diese Notizen über das Verhältniß des hl. Thomas zu Albert. Vgl. Bolland. VII. März. Vits. 8t. Ilroirrse ^izu. p. 662 . sende Verwirrung. Da ergriff Thomas das Wort, löste mit Leichtigkeit den Knoten, stellte die Frage in ihrer wahren Gestalt her und gab dann ihre Erklärung. Da fielen dem Mitbrndcr allerdings die Schuppen von den Angen, er bat den Thomas, von nun an bei ihm die Stelle zu übernehmen, welche er sich bisher ihm gegenüber angcmaßt. Nur nach langem Sträuben verstand sich Thomas dazu und nur unter der Bedingung des strengsten Stillschweigens. Bald darauf legte Albert seinen Schülern bei der Erklärung des Buches von den göttlichen Namen, das dem Dionysius beigelegt wird, eine schwierige Frage vor. Ans die Bitten seines Gefährten, über diese Sache seine Ansicht ihm schriftlich mitzutheilen, ging Thomas daran und erörterte die Frage mit großem Scharfsinn und der Meisterschaft eines vollendeten Dialektikers. Diese Schrift gelangte, man weiß nicht wie, in die Hände des Albertus. Dieser, entzückt über die höchst gelungene Arbeit, verlangt den Namen des Verfassers zu wissen. Dieser wird ihm vom Gefährten mit hoher Freude genannt, und er erfährt zugleich, wie schonungsvoll und zart sich Thomas trotz seiner Ucberlegen- heit gegen den Mitschüler gezeigt hatte. Bereits lange hatte Albert, der große Menschenkenner, die herrlichen Gaben seines edlen Zöglings erkannt, er hatte sich durch dessen einsylbigcs, zurückgezogenes Wesen nicht täuschen lassen. Durch diesen Vorgang fand er zu seiner großen Freude seine Ansicht über Thomas vollkommen bestätigt. Er wollte ihn aber nun auch einer öffentlichen Probe unterwerfen und so dieses glänzende Licht auch in den Augen seiner Mitschüler einmal leuchten lassen. Er befahl daher dem Thomas, sich bereit zu halten, um am folgenden Tag in feierlicher Versammlung zu dispntiren. Thomas gehorchte; die Disputation fand Statt und alle Erwartungen des Lehrers wurden weit übertroffen. Man wußte nicht, was man an dem zwanzigjährigen Jüngling mehr bewundern sollte, die Leichtigkeit und Klarheit, mit der er die schwierigsten, dunkelsten Sätze entwickelte, die große Gelehrsamkeit und Belesenheit, womit er seine Beweise begründete, oder die Anmuth seines Vortrags, wodurch er alle Hörer entzückte. Albert hatte dem jungen Sicilianer aber noch eine schwerere Probe aufbewahrt. Mit scheinbarem Tadel rief er ihm zu: „Bruder Thomas, Ihr scheint weniger den Schüler, der antwortet, zu machen, als den Meister, der entscheidet." „Meister," cntgcgnete Thomas in aller Bescheidenheit, „ich weiß die Schwierigkeiten nicht anders zu lösen, als ich thueZ." „Nun gut," sagte 1) Wir sehen hier, Thomas war auf einer der Bänke und mußte mit dem von Der sel. Albertus abermals Lehrer in Köln. Ankunft d. hl. Thomas v. Aq. 41 Albert, „fahrt in Eurer Weise fort, aber es bleibt mir noch Vieles zu entgegnen übrig." Neue Einwürfe wurden gemacht, immer schwieriger und verwickelter; sie dienten nur dazu, den durchdringenden Verstand des Antwortenden in desto glänzenderes Licht zu setzen. Da brach endlich Albert, seine Bewunderung nicht ferner meisternd, in die prophetischen Worte ans: „Ihr nennt diesen einen stummen Ochsen; aber in Wahrheit, ich sage euch, er wird in der Wissenschaft noch solches Gebrüll erheben, daß er in der ganzen Welt wird gehört werden')." Von da an war Albert völlig überzeugt von der eminenten Begabung und vom besondern Beruf seines Schülers znr Wissenschaft, und er fand sich doppelt angespornt, die ihm anvcrtrante kostbare Pflanze mit heiligem Eifer zu pflegen und zu hegen. Daher behielt er ihn in seiner unmittelbaren NäheZ, theilte ihm neidlos die Resultate seiner mühevollsten Forschungen mit, nahm ihn ans seinen ihm befohlenen Umzügen mit und übertrug in kurzer Zeit dem jungen Thomas, als dem bereits vollkommen Befähigten,' die Akte des Lehramtes an seiner Stalls. Wir sehen, Albert hat bald den jungen Sicilianer zum Ehrenposten seines Assistenten im Lehramte erhoben, wie wir oben dieses Verhältniß geschildert haben; er war sein Liebling, der Jubel seines Herzens, er sah ein mächtiges Werkzeug zu Gottes Verherrlichung hier sich bereiten. Und so wuchs unter des Albertus Pflege der englische Lehrer Thomas rasch heran znr Freude des Ordens, znr Ehre der Kirche. Albert legte in diesem edlen Jünglinge ein so unerschütterliches Fundament der Wissenschaft, sagt ein Biograph, daß Alle, welche später auf diesen Grund (der Wissenschaft des hl. Thomas) gebaut haben, uncrschüttert und fest geblieben sind bis zum heutigen Tag. Und ein Andrer drückt sich so aus: „Wie die Sonne ihr Licht dem Monde mittheilt, so übertrug Albert seine Wissenschaft auf Thomas. Thomas Albert aufgestellten Opponenten am Unterstuhl dispntiren. Er gab nun so bestimmte, zweifellose Entscheidungen, daß Albert sagte: Das Entscheiden gehört dem Magister zu, du sprichst schon wie ein Magister. Der Magister (hier Albert) hatte nämlich bei Disputationen die Entscheidung zu geben. Und nun scheint Albert selbst die Disputation fortgeführt zu haben. 1) Nach Wilhelm von Thoko. Bgl. Leben des hl. Thomas. Hörtel S. 63. 2) Noch im Anfänge unsers Jahrhunderts wurden die beiden Zellen im Kloster zu Köln gezeigt, wo diese Heroen der Wissenschaft gewohnt. Bianco, Geschichte der Universität Köln. 3) Rudolph. 42 42 Kapitel VII. aber eiferte ohne Rast darnach, den Mantel der Gelehrsamkeit seines Elias sich zn verschaffen." Aber nicht lange dauerte dieses erste glückliche Zusammenwohncu der beiden großen Männer im süßen Frieden des Klosters ') zn Köln. Bald rief die Stimme des höheren Gehorsams Beide ans einen Schauplatz, wo ihr Licht noch Hellern Glanz verbreiten konnte und sollte — nach Paris, dem Auge der Welt, dem Centrnm der geistigen Bewegung in jenen Jahrhunderten. ß Kapitel vii. Der selige Albertus als Lehrer zu ans. Schon seit einer Reihe von Jahren hatte der Orden der Prediger eine blühende Niederlassung in der Metropole der Wissenschaft jener Zeit, in Paris. Der Patriarch Dominikus selbst hatte dahin im Jahre 1216 eine kleine Schaar gesendet, die nur aus vier einfachen Männern bestand, aber berufen war, bald die Herrschaft im Reiche der Intelligenz dem Predigerorden zn erobern. An ihrer Spitze war Matthäus von Frankreich eingezogcn. Sie micthetcn eine Wohnung in der Nähe des Hospitals von Notre Dame und vor den Thoren des erzbischöflichen Pallastes in Mitte der Stadt. Aber bevor noch zwei Jahre abgclanfen waren, erhielten sie eine eigene Behausung. Johann de Barrastre, Kapellan des Königs und Professor an der Universität, hatte an einem Thore der Stadt, welches das von Orleans hieß, ein Pilgcrhaus gegründet, das dem hl. Jakobus geweiht war, wohl weil hier cs für die nach Com- postella, znm Grabe des hl. Apostels, Wandernden zumeist bestimmt war. Dieses Hvspitinm überließ er nun an die Neuangekommenen Pre- digerbrüdcr im Jahre 1218, und dieses Hans ward die Wohnung von Aposteln, eine Schule von Gelehrten, eine Grabstätte von Königen !Z Bald wurden die Brüder mehr bekannt, man besuchte sie, hörte sie predigen, und bald wußten sie unter den zahllosen Studierenden, die aus allen Nationen hier zusammengcströmt, reiche Beute zn machen. Im Sommer 1219 zählte das Kloster schon dreißig Geistliche, t) Wahrlich van diesen Beiden konnte man sagen: Leoo quam bonum ot quam suennäum Irabitara kratres in unum! 2) Vgl. Lacordaire S. 210. Bekanntlich hießen von diesem später arg mißbrauchten, jetzt zerstörten Hanse die Dominikaner in Paris Jakobiner. 43 Der selige Albertus als Lehrer zu Paris. deren erschütternde Predigten vom Volke mit Heißhunger gehört wurden, denen bald reichliche Gaben zuflvßen. Nun aber wendete der Orden sein vorzüglichstes Bestreben dahin, einen Lehrstuhl an der Universität zu erringen. Denn das war ja das sicherste Mittel, dem Orden Ausbreitung und Hvchschätzung zu verschaffen und heilsamen Einfluß ans die Jugend und im Reiche der Wissenschaften zu erlangen. Bisher hatte der Orden ja fast nur Schulen für die Mitglieder des Ordens selbst gehabt. Biel wichtiger war ein Lehrstuhl au der Hochschule. Aber cs war kein kleines Beginnen, einen solchen zu erobern. Denn die Universität wachte mit Sorgfalt über ihre alten Privilegien, wozu das Recht gehörte, die Lehrstühle nach Gutdünken zu besetzen. Sie fürchtete sich, durch Aufnahme von Ordcnsmitgliedcrn in ihren Kreis ihre Unabhängigkeit cinznbüßcn, indem diese ihren Obern im unbedingten Gehorsam ergeben wären und von diesen sich leiten ließen, statt von den Traditionen und Obcrbehördcn der Schule. Daher das Widerstreben der Universität gegen die Aufnahme der Or- denslente in ihren Lehrkörper. Aber im Jahr 1228 bot sich für diese eine unverhoffte Gelegenheit dar, solche Lehrstühle zu erhalten. In Folge eines ansgcbrochcncn Zwistes zwischen der Königin Blanka und der Universität, der nach einer Mißhandlung ihrer Mitglieder nicht die geforderte Genugthnung geschah, hatte letztere ihre Vorlesungen zu Paris eingestellt und war thcils nach Rheims, theils nach Angers über- gcsicdelt. Diese Entfernung der weltlichen Lehrer benützten die Dominikaner und erhielten vom Bischöfe und Kanzler die Erlaubniß, einen eigenen Lehrstuhl errichten zu dürfen. Und obwohl die Zwistigkeiten beigelegt wurden, behielten sie dennoch auch später ihre Lehrkanzel, ja im Jahre 1230 errichteten sie sogar eine zweite. Die Brüder Roland von Cremona und Johann von St. Giles waren die ersten Lehrer des Ordens an der Hochschule. Die Mitglieder der Universität, erbittert über diese Beeinträchtigung ihrer herkömmlichen Rechte, protestirten dagegen, schleuderten Absctzungsdckrcte gegen sie, und es entspann sich nun ein vierzigjähriger Kampf in Wort und Schrift, der oft nach der kräftigem Weise jener Zeit in ziemliche Derbheit ansartete. Man war eben damals stark und offen im Lieben wie im Hassen. Der Ansgang aber war, daß die Mönche ihre Lehrstühle unangefochten behalten durften. Der Streit wüthete noch in aller Heftigkeit, als in Köln, wo nun Thomas kaum ein Jahr geweilt, das Generalkapitel des Dominikanerordens gehalten wurde. Es war am 4. Juni des Jahres 1245 '). 1) Leliarä, Lcript. Dom. I, p. 165- 44 Kapitel VIl. Die Häupter des Ordens mochten sich hier persönlich überzeugen von den wunderbaren Fortschritten, die Thomas unter Alberts Leitung bereits gemacht, und von den außerordentlichen Lehrgaben und Verdiensten des Meisters Albert. Daher beschloßt» sie, Beide nach Paris zu senden, Albert, damit er dort') einen der Lehrstühle des Ordens entnehme und durch den Glanz seines Namens alle übrigen Lehrer verdunkle, und den Thomas, um dort seine theologischen Studien zu vollenden unter gleicher Leitung wie bisher. Und so wandcrtcn im Beginne der Ferien Beide, Lehrer und Schüler, hin nach Paris ^). Auch sie zogen in das Haus von St. Jakob, und es begann nun die Zeit der großartigsten Lehrthätigkeit unscrs Albertus. Er trug zunächst die Sentenzen des Petrus Lombardns vor mit einer Tiefe der Spekulation und Schärfe des Verstandes, daß alle Hörer staunten^). Von allen Seiten drängten sich lernbegierige Schüler zu seiner Kanzel, Fürsten, Bischöfe, Prälaten, Grafen, Reiche und Arme, Ordenslente und Weltliche. Es sagen spätere Geschichtschreiber, daß kein Gebäude im Stande war, die Fülle der Zuhörer Alberts zu fassen, so daß er ge- nöthigt war, häufig im Freien seine Lehrkanzel anfzuschlagcn ^). Noch habe sich die Erinnerung daran in Paris bis zum heutigen Tag erhalten. Man zeigt noch unfern von Notre Dame den Platz Manbert (cln iVlnItro ^.Ibort), einen die Form eines schmäler werdenden Vierecks tragenden Platz, wo auch noch die Ruinen eines gothischen Kirchleins sammt denen eines Klosters sichtbar sind. Auf der Erhöhung des Platzes, wo jetzt ein Brnnnen sicht, soll Albert gelehrt haben, während seine Schüler auf ansgebreitetcm Stroh zu seinen Füßen saßen und znhörten. Doch wird diese Nachricht von Alexander Natalis °) und dann von Echard geradezu als Fabel erklärt, indem jener Platz vom Grundherrn Manbert 1) Echard meint, damit Albert unter einem Magister die Theologie dort docire als Licentiat und Baccalaureus, und so selbst nach drei Jahre» als öffentlicher Doktor der Theologie gekrönt werden könne, sei er dahin gesendet worden. 8er. I, 166. 2) Der Zeitgenosse Cantipratanus sagt: Thomas kam nach Köln und studierte dort, bis der treffliche Lektor der Brüder, Bruder Albert, nach Paris versetzt wurde und wegen seiner unvergleichlichen Wissenschaft den Lehrstuhl der Theologie erlangt hat. Inb. apunr oap. 20. 3) Rudolph. 4) Prussta, Rudolph, Jammy u. A. 5) Ich habe diesen Platz selbst gesehen und gezeichnet. Er wäre wirklich nicht ungeeignet zu solchen Vorlesungen. Auch ist der Name Manbert offenbar deutschen Ursprungs. 6) Hist. ecelo8. und üelisrä I, p. 166. 43 ' ! 1 Der selige Albertus als Lehrer zu Paris. den Namen trage, und die Predigerbrüder damals bereits große Gebäude und Gärten besessen hätten, die für alle Lehrer ausrcichten. Wie sich nun das verhalten möge, so viel ist gewiß: Alberts Name war bereits ruhmvoll bekannt, sein Ausspruch galt als Orakel. Wenn eine Entscheidung in gelehrten Fragen erholt werden sollte, wandte man sich an ihn, wenn eine Erklärung eines neuen Phänomens nöthig war, wurde Alberts Ansicht als entscheidend betrachtet. Er erzählt selbst einen solchen Fall, der von der Verehrung zeugt, in der seine Persönlichkeit in den vornehmsten Kreisen von Paris stand. Er sagt: „Da ich in Paris unter den Lehrern und im Orden (äe ZrsAs) war, kam dahin zum Studium der Sohn des Königs von Kastilien. Als dessen Köche einmal Fische kauften, erwarben sie auch einen Fisch, der lateinisch keooet, gewöhnlich Pleis heißt und sehr groß war; da er ausgeweidet wurde, fand man in seinem Bauche die Schmale einer- ganz großen Auster, die mir jener Fürst aus Liebe zustellen ließ. Die Muschel hatte in der glatten Höhlung die Gestalt dreier Schlangen mit erhobenem Kopfe, die so gut ausgeprägt waren, daß trotz der Kleinheit doch selbst die Augen nicht fehlten. Außen sah man an zehn Schlangen, die mit dem Hals zusammengebunden, an den Köpfen und Leibern aber getrennt waren. Auf jedem Bilde war sogar die Oeff- nung am Munde und Schweife der Schlange zu sehen. Ich hatte diese Muschel lange, zeigte sie Vielen und habe sie dann als Geschenk Jemand nach Deutschland (Dliontoiünili) geschickt I." Alan sieht aus dieser Erzählung, der Name Alberts muß in Paris damals einen gar guteil Klang gehabt haben; er muß als der gründlichste Erklärer der Natur gegolten haben, da man seinem Urtheil so sonderbare Phänomene der Natur vorlegt, bei solchen Funden sogleich an Albertus denkt und ihn damit beschenkt. Selbst Fürsten geben ihm solche Beweise ihrer Verehrung. Zugleich läßt sich aus jener Notiz eine Zeitbestimmung gewinnen. Nämlich jener Fürst war ohne Zweifel ein Sohn Ferdinands III., Königs von Kastilien, welcher seine beiden Söhne, Philipp und Sancho, Kanoniker von Toledo, der Studien halber nach Paris gesandt hatte. Diese hielten sich aber im Jahre 1245 in Paris aus, wo sie der Erzbischof Johann von Toledo nach einem Concil zu Lyon besuchtes. Bei einem zweiten öffentlichen Akte jener Zeit erscheint abermals 1) ?I:^8ic. pax. 238. Nelooo. I, tr. 3. eax. 5. 2) krimLeia äe In sanin iZIesin äs loloäo, Vol. Il, i>. 757 von OieKo äe La- steljon bei öomäoin p. 288. 46 Kapitel VII. der Name unscrs Albertus in rühmlicher Umgebung. Es war nämlich der Talmud der Juden dem päbstlichen Stuhle als Irrlehren enthaltendes, sittcnverdcrbliches Buch bezeichnet worden. Darum verlangte der päpstliche Legat Odo, Bischof von Tuskulum, von den jüdischen Lehrern jene Bücher des Talmud, ließ sie durch die ausgezeichnetsten Männer von Paris prüfen und fällte dann folgendes Urtheil am 15. Mai des Jahres 1248: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen. „Nachdem uns, die wir mit apostolischer Autorität betraut sind, von den Rabbinen der Juden Frankreichs einige Bücher übergeben worden, die Talmud heißen, haben wir Einsicht davon genommen und sie durch geeignete, in diesen Dingen erfahrene, gottesfürchtige und glaubenseifrige Männer durchsetzen lassen. Da wir sie nun voll unzähliger Jrrthümer, voll von Mißbräuchen, Gotteslästerungen und Gottlosigkeit fanden, die man nur mit Scham aussprcchen und mit Entsetzen anhören kann, so daß jene Bücher ohne Beleidigung des christlichen Glaubens nicht geduldet werden können, so erklären wir nach dem Nathe trefflicher Männer, die wir dazu eigens berufen haben, jene Bücher seien nicht zu tolcriren und nicht mehr den jüdischen Meistern zurückzngeben, und wir verdammen sie durch diesen Urtheilsspruch. lieber die übrigen Bücher, die uns die Rabbinen nicht anslieferten, obwohl wir es öfter begehrten, oder die wir noch nicht gründlich genug durchsetzen konnten, werden wir zur rechteil Zeit urtheilen und verfügen, was Recht ist." Unter den unterschriebenen Namen der Männer, auf deren Rath jenes Urtheil gefällt worden, finden wir nun außer dem Bischof Wilhelm von Paris, dem Abte von St. Viktor, den Würdenträgern und theologischen Professoren der Universität Paris auch drei Lehrer der Theologie aus dem Predigerordcn, nämlich: den Bruder Johannes Pungcnsasinnm, den Bruder Albert den Deutschen (Hisntonierls) und Stephan von Antisstodorum'). Wir sehen also, Albert, der damals an der Hochschule mit jenen beiden Brüdern die Sentenzen las Z, erscheint auch hier hochgeehrt und unter den berufenen Rathgebern des päbstlichen Gesandten! 1) Bgl. Leliarä, Loript. Dom. I, 166. 2) Echard meint, Albert habe 1245 als Baccalanreuö docirt unter einem Magister, Albertus Der mitgetheilte Bericht läßt uns aber auch einen Einblick thun in das wissenschaftliche Leben und Streben in jenem Hause zu St. Jakob in Paris und zugleich in die Einrichtung der Universität in jenen Tagen. Wir dürfen uns nicht vorstellen, daß die Lehrer der Hochschule zu Paris etwa in einem großen Gebäude insgesammt ihre Wissenschaft vorgetragen. Ein Universitätsgebände in diesem Sinne existirte damals so wenig in Paris wie heut zu Tage. Unter der Universität verstand man damals nicht die Vereinigung der Lehrer in einem Hause, sondern die Gesammtheit der Lehrenden überhaupt, die eine geschlossene Körperschaft bildeten. EL war den mit der Ertaubniß zu dvciren ausgerüsteten Männern freigestellt, den Ort zu ihren Vorlesungen nach Belieben zu wählen. Sie lasen daher auch in verschiedenen Theilen der Stadt. Die Artisten lehrten in der Strohstraße, während die Logiker und Theologen in den Klöstern und Kollegien, deren Zahl bald auf achtzehn stieg, ihre Vorlesungen hielten'). Eine solche Stätte, wo Theologie docirt wurde, war nun auch das Kloster der Predigerbrüder. Und zwar hatte der Orden das Recht, zwei Lehrstühle der Theologie zu besetzen. An diesen wirkten also in jenem Jahre 1248 jene drei Männer, Johannes Pnngensasinnm ^), der schon seine drei Jahre des vorbereitenden Lehramtes vollendet hatte, und unter ihm unser Albert, der auch das dritte Jahr bereits als Magister die Sentenzen erklärte, und Stephan von Antin^), der im zweiten Jahre seines Lehramtes stand. Es war nämlich Gesetz, daß Keiner selbstständiger Lehrer der Theologie an der Hochschule werden könne, der nicht drei Jahre hindurch theils unter einem Magister, theils allein und dann mit einem Baccalaureus seine Lehrgabe gezeigt und verschiedene akademische Akte durchgemacht Haltes. Und da der Predigerorden die so rühmcnswerthe Uebung hatte, die Vortheile der höchsten Bildungsstätte der Welt, der Universität Paris, immer den französischen und fremden Mitgliedern des Ordens gleichmäßig zugänglich zu machen und darum immer einen Franzosen und einen Ausländer zugleich dvciren zu lassen, so finden wir hier unfern Albertus als Repräsentanten der Ausländer im Orden wirkend. im Jahre 1246 sei er Magister geworden, 1247 habe er sein drittes Jahr vollendet, nm dann als Doktor der Theologie vom Kanzler gekrönt zn werden. 1) Vgl. Daniel a. a. O. S. 124. 2) Aus der berühmten Familie Pointlan. Vgl. Lebarä I, x. 1l9. 3) Vgl. Leliarä I, x. 120. 4) Vgl. Ilobarei I, p. 167. Außerdem war gewiß damals eine größere Anzahl ausgezeichneter, hochgelehrter Mitglieder des Predigcrordens aus allen Nationen in jenem Hanse zn St. Jakob vereint Z, um welche eine lernbegierige Jugend, an deren Spitze Thomas von Aqnin stand, sich gesammelt hatte. Rudolph nennt ihrer dreizehn Z, alle adelig vor Gott und den Menschen und viele Frucht in der Kirche bringend. Es ist dieß eine so rührende Erscheinung! Aller Unterschied der Nationalitäten ist hier im Orden hinweggesallen, Männer vom Morgen- und Abendlande, vom Süden und Norden, Deutsche und Romanen wohnen hier im Kloster in höchster Eintracht und christlicher Liebe zusammen, um den Interessen der Wissenschaft, der Begründung und Ausbreitung des Gottesreiches in den Geistern zn leben! Da hat sich wahrhaft das Wort des Apostels erfüllt: „Da ist weder Jude noch Grieche, weder Sklave noch Freier, Alle sind Eins in Christo Jesn^)." Der Mittelpunkt der wissenschaftlichen Thätigkeit bei St. Jakob war aber ohne Zweifel unser Albertus. Ohne Ermüdung und mit wunderbarem Erfolge lag er den umfassendsten Studien und seinem Lehramte ob, so daß man das Lob, welches gewöhnlich dem Albertus gespendet wird, nach Rudolph vor Allem ans jene Zeit seines Pariser Aufenthalts beziehen muß, nämlich die Worte: Allen hast du vorangeleuchtet, durch Schriften hast du herrlich gewirkt, der Welt hast du Licht gebracht, da du alles Wißbare wußtest Z. Aus jener Zeit wird uns noch ein Vorfall berichtet, den wir nicht stillschweigend übergehen können, da ihn der Schüler des Albertus, Thomas von Cantimprv, berichtet und erklärt, Albert habe ihm das selbst öfter erzählt. Wir lesen nämlich Folgendes °): „In welch vollkommenem Grade der Diener Gottes Albert damals wuchs, sehen wir 1) Wenn Echard dieses verneint, weil sie sonst wohl auch vom Legaten Odo wären zu Nath gezogen worden, so bemerke ich, daß er der Sache gemäß nur die Dogmatiker und Dekretisten berief, nicht aber die Lehrer anderer Fächer, die über jene Frage nicht mitstimmen konnten. 2) Die Genannten mögen wohl nur nach einander in St. Jakob überhaupt gewesen seyn, in den ersten dreizehn Jahren. So sagt es Prussia ausdrücklich S. 98. 3) Galat. III, 28. 4) Jammy: ^ ti i ' n 5) INN. äs »pivris II. Uebrigens meint Echard, diese Scene gehöre eher in die Studienzeit des Albertus. 49 Der selige Albertus als Lehrer zu Paris. daraus, daß der Hasser alles Guten, der alte Feind, ihn von der heilsamen Hebung des Studierens und seiner Gelehrsamkeit abbringen wollte. Denn da er einmal, zu Paris in seiner Zelle sitzend, mit der Erforschung einiger Wahrheiten mit gewohntem Eifer beschäftigt war, kam jener Unreine, die alte Schlange, sein trugvolles Antlitz unter der Maske eines Bruders bergend. Mit den Augenwimpern scheinbar de- müthig blinzelnd, redete er ihm vor von seinem unentschuldbaren vielen Studieren. Er stellte ihm vor, daß er Leib und Seele zu sehr anstrenge, daß er für sein Alter und seine Gesundheit nicht sorge, sich ganz fremdartigen Dingen weihe und sich selbst vergesse. Aber Albert, innerlich vom heiligen Geiste belehrt über die Absicht des Truges, bekreuzte sich und verscheuchte jenes Nachtgebilde gar geschwinde durch sein Wort." So lautet der alte Bericht. Gewiß ist nun, daß Albert selbst jene Erscheinung für einen Bewohner der Hölle gehalten habe. Es wäre aber auch wohl denkbar, daß nicht ein solcher, sondern ein Mitglied des Ordens, das ganz der ascctischen Richtung zugethan war, in bester Meinung jene brüderliche Mahnung an Albertus gerichtet habe, sich nicht mit den hundertfältigen Gebilden der Natur zu beschäftigen, sondern mit der Sorge für sein Seelenheil. Oder es könnte die Furcht, zu frühe eine solche Perle des Ordens zu verlieren, einen Bruder veranlaßt haben zu jener Vorstellung an Albertus, seine Gesundheit doch nicht durch das Uebermaß des Studierens zu zerstören. Jedenfalls sehen wir aber, wie Albertus jede solche Zumuthnng für eine Einflüsterung der Hölle gehalten, wie er überzeugt war, die unablässige Beschäftigung mit den Wissenschaften sei sein gottgewollter Beruf. Kapitel vm. Der selige Albertus kehrt nach Köln zurück und lehrt abermals. Seine religiösen Uebnngen und Crbauungs-Schriften jener Aeit. Im Jahre 1248 ward wiederum in Paris, das nach der Regel mit Bologna immer diese Ehre theilen sollte, ein Generalkapitel des Predigerordens gehalten. Es wurde hiebei der schon früher gefaßte Beschluß bestättigt, daß an den vier vornehmsten Ordenshänsern gelehrte Schulen errichtet werden sollten, wo die Zöglinge alle Studien machen und auch die akademischen Grade der Theologie erlangen könnten. Für die Lombardei ward das Hans zu Bologna, für England das zu Oxford, für die Provence das zu Montpellier, für Deutschland das Stghart, Albert d. Große. H 50 ! > Ir Kapitel VIII. zu Köln bestimmt'). Man wollte so offenbar die Universitäten, die doch den wenigsten Mitgliedern des Ordens zugänglich waren, einiger- massen ersetzen und ihre Vorthcile Vielen zuwenden. Und zur Leitung der neuen großartigen Anstalt in Köln wurde Albert ausersehen, der jetzt eben die höchste Würde eines Lehrers der Theologie an der Hochschule erlangt hatte. Er sollte wieder nach Deutschland heimkehren und Thomas ihn begleiten, um als sein Assistent unter dem Titel eines Studienmeisters an der Schule zu wirken. So ward in Köln der Grund zu einer öffentlichen Schule gelegt, die dann nach 140 Jahren zur Würde einer vollständigen Universität erhoben wurde. Im Herbste des Jahres 1248 zog also Albert mit seinem geliebten Schüler wieder nach Köln und begann da aus's Neue seine gesegnete Lehrthätigkeit zu entfalten, die nun nicht bloß mehr auf Mitglieder des Ordens, sondern auch auf Laien sich erstrecken mochte. Und kaum stand das herrliche Licht wieder auf dem Leuchter der Schicke, kaum war sein Name wieder durch die rheinischen Gauen erklungen, so fanden sich ans allen Provinzen zahlreiche Schaaren von Schülern ein, das allgemeine Studium und die Wissenschaft der Theologie gelangten zur höchsten Blüthe. Namen von Schülern, die damals unter Albertus ihre Studien gemacht, haben sich außer dem des hl. Thomas nur zwei erhalten. Der erste ist Ambrosius Sansedonius aus Siena, der schon in Paris unter Albert, „diesem Quell der Physik und Theologie", seine Studien fortgesetzt, und nun in Köln auch unter seiner Oberleitung den Lehrstuhl bestieg , den er dann später in Rom mit höchstem Ruhme innehatte, bis er im Rufe der Heiligkeit starb. Der zweite ist Ulrich Engelbrccht (Engelberti) aus Straßburg, der, nachdem er des Albertus Unterricht genossen, in Straßbnrg lehrte, als Provincial des Ordens wirkte und endlich in Paris, als er die Sentenzen lesen sollte, plötzlich vom Tode überrascht wurde. Er wird als fruchtbarer Schriftsteller über Philosophie und Theologie und als Erbauer der herrlichen Orgel 1) Vgl. Ennen a. a. O- S- 22. 2) Rudolph. Auch iu den Lektionen des Petrus de Prnssta heißt es: 8uv eo Normt in Oolonia stnäium §enernls, mox nä. omn ex omni nntions et provinein äiseixulornm eonvolndnnt exnmina. 3) Im ontLlog'o orctinis tom. III. heißt es: Ltuäuit ?arisÜ8, mox Oolonias ro^Ltu impsrntoris ne xrnelntorum )ussu äoeuit. Bei Lekarä, 8erixt. Dom. I, x. 401. 31 Der selige Albertus kehrt nach Köln zurück rc. zu Straßburg gerühmt'). Die letztere Angabe würde beweisen, daß er besonders in der Mechanik und Physik unter Alberts Leitung sich ansgebildet. Aber gewiß hat noch eine große Anzahl anderer ausgezeichneter Männer damals zu Alberts Füßen gesessen, wenn auch ihre Namen im Strom der Zeiten untcrgegangen sind! Dagegen haben sich über Alberts Lebensweise und Bestrebungen in jenen Jahren einige interessante Nachrichten erhalten, die wir zu- sammenstcllen wollen. Vor Allem verdient Erwähnung jener Bericht, der uns Beweise bringt, wie glücklich unser Albertus die Pflege der Wissenschaft mit den Hebungen der Frömmigkeit zu verbinden gewußt habe. Sein Schüler Thomas von Cantimprä erzählt nämlich, daß Albert während der vielen Jahre seines Lehramtes täglich die Psalmen Davids vollständig theils bei Tage, theils bei Nacht gebetet habe. Auch wenn er seine Vorlesungen geendigt hatte, gab er sich immer der Beschauung und heiligen Betrachtungen hin, so daß er seinen Schülern nicht bloß Verlangen nach Wissenschaft einflößte, sondern auch das Vorbild des frommen Lebens vor Augen stellte. So berichtet Rudolph, indem er sich ans das Zeugniß des Thomas von Cantimpre beruft und beisetzt: „Daher ist es kein Wunder, daß Albertus sich so übermenschliche Wissenschaft erworben, daß seine Worte mehr das Herz entzündeten, als die der neueren Lehrer. Jetzt wissen wir auch, welcher Quelle jene Ergüsse der Andacht ihren Ursprung verdanken, die wir so häufig in seinen Schriften sprudeln sehen." Wahrhaftig, wenn die Nachricht von jenen Gebetsübungen unsers Meisters nicht ans dem Zeugnisse eines vertranten, langjährigen Schülers beruhte, könnten wir ihr kaum Glauben schenken. Wir würden es fast für eine Unmöglichkeit halten, daß ein vielgesuchter öffentlicher Lehrer, ein Schriftsteller, dessen Werke jedenfalls zwanzig Folianten füllen, noch Zeit fand, das ganze Psalterium täglich zu beten. Nun aber müssen wir es als Thatsache hinnehmcn und daraus eben die Ueberzengung schöpfen: Albert war nicht bloß ein Riese in der Wissenschaft, sondern auch in der Kunst des Gebetes! — 1) Vgl. lüoüarä I, p. 356. Und: Schreibers Geschichte des Doms von Straßburg S. 67, der es Grandidier S. 38 nacherzählt. Vom letzter» wissen die alten Dominikanerschriftstcller nichts. 2) So bei Jammy. Bei Fabricius zählt ein Antor 800 Werke des Albertus. Libl. Neck, et int. I,at. 4 * 32 Kapitel VIII. Ferner lesen wir: „Wie sehr Albertus bemüht war, die Früchte seiner gelehrten Forschungen auch dem Volke mitzutheilcu, die gefundenen Wahrheiten zur Entzündung der Frömmigkeit in Andern zu verwenden, sehen wir daraus, daß er den Inhalt der vier Bücher der Sentenzen in Gebetsform gebracht hat. Auch die Evangelien des Herrn hat er kurz erklärt und sie dann in Gebete verwandelt, damit zugleich der Verstand erleuchtet und die Seele zum Lobe Gottes entflammt würde. Ebenso hat er sich in den Litanieen nicht auf die gewöhnlichen Namen beschränkt, sondern sie vermehrt und Gebete zu den einzelnen Heiligen gemacht, nicht aus vielen Worten bestehend, aber groß dem Inhalte nach." Auf solche Weise war also Albertus bemüht, die Flamme der Andacht in sich und Andern beständig zu unterhalten. Wenn dieses Wahrheit ist, daß er die Summe des katholischen Glaubens, wie sie in den Sentenzen des Lombarden vvrlicgt, in Gebete gebracht hat, so unternahm er das Nämliche, was später Petrus Kanistus in seinem weltberühmten kleinen Katechismus versucht hat, der ja auch in einigen jedem Kinde zugänglichen Gebetsformeln die ganze Glaubenssubstanz enthält und dem noch unsre Väter ihre tiefe Begründung in der christlichen Lehre verdankten. Doch ist dieses Merkchen nicht unter den gedruckten Schriften des Meisters enthalten ft. Nur einige Gebete Albcrts fanden wir noch, die dieser Sammlung entstammen mögen ft. Als Muster möge eines hier eine Stelle finden. Es lautet also: „Sei gegrüßt, o Menschheit des Erlösers, die du im jungfräulichen Schooße mit der ewigen Gottheit vereinigt wurdest! Sei gegrüßt, höchste und ewige Gottheit, die du in der Hülle unsers Fleisches zu uns gekommen! Sei unsäglich gegrüßt, die du durch die Kraft des heiligen Geistes mit dem jungfräulichen Fleische vereint wurdest! Sei gegrüßt auch du (Maria), in der die Fülle der Gottheit leibhaftig Wohnung genommen. Sei gegrüßt du, in der ohne Maaß gewohnt die Fülle des heiligen Geistes. Es sei auch gegrüßt die reinste Menschheit des Sohnes, die vom Vater geweiht und aus dir genommen ist! Sei gegrüßt, unbefleckte Jnngsrauschaft, die du über alle Chöre der Engel nun erhoben bist. Freue dich, Herrin der Welt, daß du der reinsten 1) Den» das selbst zweifelhafte eomxenäium liieologieae vsrltatis Bd. XII ist doch nicht hier gemeint? 2) Eines an Jesus den Erlöser bei Rudolph, ein zweites über die Eucharistie bei Jammy BL. XX. 53 Der selige Albertus kehrt nach Köln zurück re. Menschheit Christi Tempel zu seyn gewürdigt wurdest! Freue dich und frohlocke, Jungfrau der Jungfrauen, in deren jungfräulichem Fleische die selige Gottheit mit dieser reinen Menschheit sich vermählen wollte! Freue dich, der Himmel Königin, in deren heiligstem Schooße diese heiligste Menschheit eine würdige Wohnung fand! Freue dich und frohlocke, edle Braut des heiligen Patriarchen, die du diese heilige Menschheit zu nähren und an der jungfräulich eil Brust zu säugen gewürdigt warst! Sei gegrüßt, in Ewigkeit gesegnete, fruchtbarste Jungfrauschaft, in der wir die Frucht des Lebens und die Freude des ewigen Heiles zu erlangen gewürdigt wurden. Amen." Wir haben an diesem Gebete ein Muster jener oben geschilderten Gebetsformeln Alberts, die einen Glaubenssatz nach allen Seiten hin erschöpfen sollten. Und bildet dieser glühende Erguß der Andacht nicht zugleich eine Art Litanie, die er zu beten pflegte? Eine Fülle von Prädikaten wird ja der heiligen Menschheit Jesu und seiner jungfräulichen Mutter beigelcgt und immer dann die Begrüßung wiederholt! Wenn dann endlich erzählt wird, Albert habe die Evangelien erklärt und am Schluß ihren Inhalt in die Form eines Gebetes gebracht, so wissen wir nicht, auf welches seiner Werke hier angespielt und ob es uns wirklich erhalten ist Z. Uebrigens werden wir wohl ohne großen Verstoß gegen die chronologische Folge der Schriften des Albertus, die uns erhaltenen Predigten desselben über die sonntäglichen und festlichen Evangelien 2) hiehcr rechnen können. Es find ja auch kurze Expositionen des treffenden evangelischen Abschnittes, die fast jedesmal mit einem Gebete um die bestimmte Gnade endigen. Auch können wir mit Sicherheit annehmen, was bei einem akademischen Lehrer jener Zeit ganz gewöhnlich war, daß er damals schon das Predigtamt an das Volk mit Eifer verwaltet habe, so daß wir jene Predigten uns als damals bereits entstanden denken dürfen. Also wird eine kurze Hinweisung auf ihre Form und ihren Inhalt hier an der Stelle seyn. Rührend ist die Vorrede, die Albertus diesem Werke voraussendct. Er sagt: „Weil nach dem Zeugnisse der ewigen Wahrheit der unnütze 1) Es könnte das noch »»gedruckte Werk seyn, welches bei Echard und Quetif so citirt ist: Leripsit XIllertus super totam bidliam per inoäuin postillae. I, x. 179. Doloinaeus cke I,uca sagt aber noch genauer: Hie exposuit inagnain partein Indliao, «puia -lost,'tarnt LvanAetr«, epistolas kauli ete. I. e. Die herrlichen Gebete allein finden sich Bd. XIl, p. 129 n. ff. 2) Bd. XII bei Jammy. Deutsch von Weinzierl. 2 Bde- Negensb. 1844. 3) In den Lektionen des Petrus Prussia heißt es ausdrücklich: Xldertus per plurss annos ckoetrinanäo et pi'aeckrcancko Iruetus eelevsrriinos attulit. 34 Kapitel VIII. Knecht, der das Talent des Herrn, anstatt es zum Gewinne Anderer zu verwenden, in die Erde vergraben hat, getadelt, des Talentes beraubt und in die äußerste Finsternis; hinausgeworfen wird, wo Heulen und Zähneknirschen seyn wird, so fürchtete ich, wenn ich mein geringes, vom Herrn mir gespendetes Talent nicht zum Heile der Seelen verwendete, als ein böser und träger Knecht die göttliche Strafe ans mich zu laden. Daher habe ich ans anhaltendes Bitten einiger Freunde diese Predigten bekannt gemacht. — Ich bitte inständig, daß die gelehrten Schriftforschcr, welche aus dem reichen Schatze ihres Herzens große und kostbare Gaben darbringen und in den Opferkastcn der Kirche legen, mir Armen nicht zürnen, wenn ich mit der Wittwe zwei Pfennige hineinlcge, da es Gott gefällig ist, wenn Jeder nach seinem Vermögen in seinem Hause opfert. Einige opfern Gold, Silber und Edelsteine, Andre feine Leinwand, Purpur und Hyacinth. Von mir ist es genug, wenn ich Widdcrfclle und Ziegenhaare zum Opfer bringe'). Die nach gereinigtem Korn hungern, mögen aus den Schriften der großen Gelehrten schöpfen und die Spreu dieses Werkes im Frieden den Einfältigen und Uustudierten überlassen." So lautet die Vorrede, welche ein so rührendes Zeugniß von der Demnth und Bescheidenheit nuscrs Riesen der Gelehrsamkeit ablegt. Was den Inhalt dieser Predigten betrifft, so enthalten sie, wie oben bemerkt worden, in der Regel eine kurze Darlegung des evangelischen Textes, dann eine allegorische Deutung mit reicher Schrift- anwcndung und mit Hinblick auf die Väter, und zum Schluß ein Gebet, das den Grundgedanken der Predigt wiederholt. Zur Veranschaulichung wählen wir die Homilie des Albertus auf den ersten Sonntag des Adventes. Sic hat zum Gegenstand der Betrachtung die Schriftstclle: Siehe, Tochter Sion, dein König kommt sanftmüthig zu dir und sitzet auf einem Füllen, dem Jungen eines Lastthieres (Matth. 21, 5). Daraus werden nun folgende Punkte zur Besprechung hcrvorgehoben: Wer ist der kommende König? Wer ist die Tochter Sion? Wie kommt der König? Warum kommt er? Diese Fragen werden nun beantwortet. Der König ist Christus, dem der Vater das Reich übergeben hat. Bei der nun angeführten Prophetie Daniels, daß der Menscheusohu auf den Wolken des Himmels kommen werde, gibt Albert die Erklärung: „Unter den Wolken des Himmels wird die Liebe und Wahrheit verstanden; diese träufeln uns nämlich den Thau der göttlichen Barmherzigkeit herab. In diesen Wolken kam der Menschen- 1) Das Bild ist einer Vorrede des hl. Hieronymus entnommen. 55 Der selige Albertus kehrt nach Köln zurück rc. sohn, weil Liebe und Wahrheit die zwei Beweggründe waren, daß er sich würdigte, der Sohn einer Jungfrau zu werden. Er versprach es durch die Liebe und hielt sein Versprechen durch die Wahrheit. Eine Wolke war auch die heilige Jungfrau Maria, durch welche der Herr in die Welt kam. Von dieser Wolke hatte Jsaias gesagt: Siehe, der Herr setzet sich auf eine lichte Wolke und kommt nach Aegypten. Diese Wolke war die seligste Jungfrau Maria, welche der ganzen Welt die göttliche Gnade herabregnete. Sie war eine lichte Wolke, weil man annimmt, daß sie im Muttcrleibe geheiligt wurde und daher nie von einer Sünde befleckt war. Der Herr setzte sich, als er unser Fleisch annahm, und kam so nach Aegypten, unter welchem diese Welt verstanden wird. Denn Aegypten heißt so viel als Finsterniß und Trauer. Nämlich damals war die Finsterniß und Unkenntniß Gottes über den Gottlosen, und große Trauer herrschte bei den Gerechten, welche unter vielen Thränen die Ankunft Christi erwarteten. Christus erleuchtete aber bei seiner Ankunft die Finsterniß der Gottlosen und stillte mit sanftem Tröste die Trauer der Gerechten." In solcher Weise werden also jene genannten Fragen nacheinander beantwortet. Unter der Tochter Sion wird jede christliche Seele verstanden. Denn Sion heißt so viel als Gebot oder Spiegel. Es muß daher die Seele eine Tochter des Gebotes seyn, d. h. die Gebote erfüllen, die ihr Gott gegeben hat. Unter der Eselin wird das beschwerdevolle, unansehnliche und verachtete Fleisch Christi verstanden, das alle unsre Lasten getragen. Der König aber kommt sanftmüthig, gerecht, als Heiland und arm. Den Schluß des Ganzen bildet dann die Mahnung: „Laßt uns den Herrn bitten, daß wir die Ankunft seines Sohnes, der jetzt sanftmüthig kommt, so feiern, daß wir uns seiner Ankunft znm Gericht erfreuen können. Das gebe uns der, welcher regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit." Noch ein zweites Beispiel wollen wir hervorheben aus einer Predigt Werts am Feste aller Heiligen. Nachdem er dort die Seligkeit der Heiligen zu schildern sich vorgenommcn, kommt er zur Erklärung der Stelle: „Das Lamm in der Mitte vor dem Throne wird sic weiden, und zu den Quellen des lebendigen Wassers führen (Offenb. 7, 13 —17)." Da fährt er nun fort: „Es sind fünf Quellen im Reiche Gottes, zu denen das Lamm seine Auserwählten führt. Die erste ist die Quelle des Trostes; dort wird Gott alle Thränen von ihren Augen abwischen. Die zweite ist die Quelle der Ruhe; denn nach Abtrocknung der Thränen spricht der Geist, d. h. die heilige Dreifaltigkeit: Von nun an sollen sie ruhen von ihren Mühen. Die dritte ist die 56 Kapitel VIII. Der selige Albertus kehrt nach Köln zurück rc. Quelle der Erquickung; denn die Ruhenden werden erquickt und trunken werden vom Ucbcrfluß des Hanfes Gottes. Die vierte ist die Quelle des Jubels; die Auscrwählten werden nach der göttlichen Tröstung, nach der süßen Ruhe und der angenehmsten Erquickung in Jubel aus- brechcn, denn man singt mit Jubel vom Heil in den Hütten der Gerechten. Die fünfte ist die Quelle der Liebe. Denn wie sollen sie den nicht inbrünstig lieben, der sie tröstet, zur Ruhe bringt und mit allem Guten erquicket? Von dieser Quelle sagt Jsaias: Ihr werdet Wasser schöpfen mit Freuden aus den Quellen des Heilandes! „In der Hölle dagegen sind, wie man sagt, fünf Quellen, zu denen der höllische Drache die verdammten Seelen, sie mögen wollen oder nicht, treibt, damit sie daraus trinken. Die erste Quelle heißt Styx. Wenn die Seelen daraus trinken, hassen sie sich gegenseitig. Die zweite Quelle heißt Phlegeton. Das Trinken daraus bewirkt, daß die Verdammten über sich und Andere, durch deren Mitschuld sie zu Grunde gegangen sind, wüthcnd werden. Die dritte wird Lethe genannt. Sobald die Verworfenen aus dieser trinken, verlieren sie die Erkeuntniß und das Andenken der früheren Freuden und der vergangenen Lust. Die vierte heißt Acheron. Trinken die Verdammten daraus, so versinken sie in unaussprechliche Traurigkeit. Die fünfte Quelle heißt Cocyton. Sie bewirkt, daß die verdammten Seelen, die daraus trinken, ohne allen Trost weinen." Sv entfalten diese Predigten des Albertus in einfachster, fast kindlicher Sprache die tiefsten Geheimnisse des Glaubens und des christlichen Lebens und werden gewiß noch jetzt mit Erbauung und Frucht gelesen. Daß der Prediger meist die mystische Deutung des heiligen Textes wählt, hat wohl darin seinen Grund, weil diese als die außerordentliche, das Ferne, Verhüllte aufdeckende mehr Eindruck aus das Volk zu machen pflegt, wie schon Hieronymus, der große Excgct und feine Menschenkenner, bemerkt hat. Bewundern müssen wir aber hiebei besonders die heilige Herablassung des großen Mannes! Er, der zu den Weisesten seiner Zeit zu reden gewöhnt und befähigt ist, vergißt hier gleichsam alle seine Gelehrsamkeit und redet voll Liebe in einfachster Weise zum einfältigen, ungebildeten Volke wie ein Vater zu seinen Kindern. Er erklärt ausdrücklich, nur für das ungebildete Volk hier zu reden und zu schreiben! Albert suchte eben in Allem nur Gottes Ehre und der Menschen Heil. Er war auch hierin ein treuer Jünger der incarnirtcn ewigen Weisheit, der Schüler Jesu Christi, der auch mit den Kleinen und Armen vor den Augen der Welt am Liebsten Umgang gepflogen, und diesen vor Allem das Brod der Lehre gebrochen hat. Kap. IX. Die philos. u. theol. Schriften des sel. Albertus aus jener Zeit. 57 Kapitel ix. Die philosophischen und theologischen Schriften, die der selige Albertus in jener Zeit versaßt hat. Die Nachrichten, welche wir soeben über die heiligen Ucbnngen und die homiletische Thätigkeit des Albertus mitgetheilt, möchten uns zu dem Schlüsse bringen, der treffliche Mann habe wohl nur in den Süßigkeiten der Betrachtung göttlicher Wahrheiten gelebt, und er habe das, was er also am Quell der Gotteswcisheit getrunken, dann nur auf seiner Lehrkanzel oder am Predigtstuhle den Dürstenden wieder mitgetheilt. Wir könnten uns ihn vielleicht bloß als frommen, ascetisch lebenden, seelcneifrigen Lehrer und Prediger denken. Aber wir würden uns dann ein ganz mangelhaftes, einseitiges Bild dieses großen Mannes entworfen haben. Was wir oben in wenig Zügen mitgetheilt, ist nur das Mittel seiner übrigen großartigen Wirksamkeit gewesen, es war nur lieblicher Schmuck und himmlische Würze seines Lebens. Er hat das Alles, Betrachtung, Gebet, Volkspredigten, gewiß auch nur als süße Erholung, als innere Erquickung der Seele in Mitte der andern anstrengendsten Arbeiten betrachtet. Seine eigentliche, hochwichtige Berufsthätigkeit neben dem Lehramte war sein Wirken als Schriftsteller, und zwar zunächst als philosophischer Schriftsteller. Und gerade in dieser Eigenschaft hat er sich unsterbliche Verdienste und nie verwelkenden Ruhm erworben. Hierin wurzelt seine eigentliche Größe und Bedeutung für die Kulturgeschichte der Menschheit. Und gerade in jenen Jahren seines früheren Lehramts in Köln und Paris war es, wo er die wichtigsten Werke auf diesem Gebiete geschaffen hat. Darauf deuten sowohl einzelne Stellen, welche in diesen Schriften Vorkommen, als auch äußere Zeugnisse*). Darum wollen wir die Reihe 1) Vincenz v. Beauvais citirt schon die Naturgeschichte des Albertus, selbst die Zoologie, welche von Albert selbst als die letzte Disciplin der Physik betrachtet wird; ebenso benützt sie Bartholomäus von England. Vincenz setzte aber auf sein 8xe- eulum rnorats die Jahrzahl 1250 und starb schon i. I. 1264. Also müssen vor dieser Zeit die Schriften des Albertus über Physik schon bekannt gewesen seyn. Vgl. Jourdain S. 288. Auch führt Albert in der Isag. in nreleor. cap. 30 an, daß er i. I. 1240 einen Kometen beobachtet. Also kann die Abfassung der Physik nicht vor jene Zeit fasten. 38 Kapitel IX. der Schriften vorführen, deren Entstehung nüt Wahrscheinlichkeit in fene Zeit zu verlegen ist. Vorerst möchte eine kurze Schilderung des Charakters aller hieher gehörigen Schriften an der Stelle seyn. Nämlich wir müssen bemerken, alle diese Schriften des Albertus sind nicht ganz selbstständige, freie Bearbeitungen der philosophischen Disciplinen, sondern es sind größten- theils Paraphrasen, d. h. erweiterte Uebcrsetznngcn und freie Ausarbeitungen der entsprechenden Werke des Aristoteles. Albertus gibt den ganzen, verbesserten, christianistrten Aristoteles. Wohl hatten in allen bisherigen Jahrhunderten die christlichen Forscher, sowohl Origenes, Clemens und Augustinus, als auch später Scotus Erigena, Auselmus und die Viktorincr, sich großentheils die Aufgabe gesetzt, die Verstünf- tigkeit, Schönheit und Herrlichkeit der christlichen Glaubcnswahrheit durch ihre Schriften darzuthnn, die einen mehr durch dialektische (scholastische) Beweise, die andern durch die (mystische) Hinweisung aus die überreiche süße Frucht, die jener Glaube in den christlichen Gemüthcrn hervorzubringen vermöge. Doch immer war dieß nur stückweise und unvollkommen geschehen, da man über die nöthige Form der Darstellung und über den Begriff des Vernunftgemäßen noch nicht die gewünschte Klarheit besaß. Die Harmonie von religiösem Glauben und natürlichem Wissen darzustellen, den Offenbarungsschatz als ein geschlossenes, den Forderungen der Vernunft nicht widersprechendes Ganze von wunderbarer Einheit und Schönheit aufzuweiscn, dazu schien vor Allem ein System der natürlichen Wissenschaft nothwendig zu seyn, das als verkörperte Naturwahrhcit gelten konnte und welches dann mit der Glaubenswahrheit zu vergleichen und als Unterbau für diese zu benützen war. Ein System dieser Art schien nun die Philosophie des Aristoteles zu seyn. Sie umfaßte ja das ganze Gebiet des natürlichen Wissens, bot Schärfe der Begriffe, Klarheit der Darstellung und größtentheils der christlichen Wahrheit analoge Resultate. Wie naheliegend schien es also, den Aristoteles als den Repräsentanten des natürlichen Wissens zu betrachten, und mittelst dieser Formen und Lehren dann die Glaubenswahrheit zu beleuchten und möglichst zum Begriff zu erheben. Darum also griff man zur Zeit der Scholastik mit solcher unvergleichlichen Begierde nach dem Aristoteles, las, com- mcutirte und adoptirte seine Schriften und Lehren '). Besonders thaten 1) Die Kirche hat das Studium des Aristoteles daher gleichfalls befördert. Das Verbot, das i. I. 1220 in Paris einige Schriften traf, bezog sich nicht auf den Aristoteles, sondern auf verdorbene arabische Ilebersetzungen, die wirklich abscheuliche Die philos. und theol. Schriften des sel. Albertus aus jener Zeit. 59 das die neuern Orden, die zum Schutz der Kirche berufen waren. Und der erste, welcher diesen kühnen Schritt mit vollem Bewußtseyn seiner Bedeutung und mit unsäglicher Aufopferung wagte, war unser Albertus. Er hat den Aristoteles und sein Verständnis; im Ganzen zuerst dem christlichen Abcndlande mitgetheilt. Um aber dieses angedeutete Ziel zu erreichen, war es nothwendig, die Gesammtwissenschaft des Aristoteles im Zusammenhänge zu kennen, alle seine Schriften zu durchforschen, ihren Sinn zu untersuchen, sie zu erklären und zu berichtigen. Früher hatte man im christlichen Abend- laudc nur einzelne Bücher des Aristoteles in lateinischen Uebersetzungen gekannt, besonders die logischen nach Boethius, wozu die ethischen, rhetorischen und einige physikalische kamen. In den letzten Jahrhunderten vor unserm Zeitpunkte war aber in Spanien, wo unter Maurischer Herrschaft die Wissenschaften einen lange nicht mehr geschauten Aufschwung nahmen, auch der große Stagirite Aristoteles zu außerordentlicher Anerkennung gekommen. Angezogen durch den Glanz naturhistorischer Kenntnisse, die in seinen Schriften in Fülle verborgen liegen, hatten ausgezeichnete arabische Gelehrte, größtentheils Acrzte, seine Schriften im Oriente erworben, nach Spanien gebracht, in's Arabische übersetzt und zum Gegenstand selbstcigencr, eifriger Forschung und des umfassenden Unterrichts Andrer gemacht. Die Namen eines Avicenna, Avenpace (Ikir Uaäsclläs), Avcrroes (Ibn Uoscllä) und Sercal sind bekannt als die der bedeutendsten Ueber- sctzer und Erklärer der Bücher des Aristoteles'). In ihre Fußstapfen traten dann die jüdischen Gelehrten, welche gleichfalls in Spanien zu hoher Pflege der Wissenschaft sich erhoben. Vom gleichen Wissensdrang erfüllt, eilten nun aber die christlichen Meister und Fürsten entweder selbst nach den Sitzen maurischer Cultur, oder sie verschafften sich Handschriften jener in's Arabische übertragenen Bücher des Aristoteles, ließen sie aus dem Arabischen in's Lateinische übersetzen Z, um sie dem ällgemeinern Verständniß zugänglich zn machen, und wählten Jrrthümer eingeschwärzt enthielten. So mit Recht Jourdain a. a. O. Dennoch müssen wir in jedem neuen Compendium wieder lesen, die Kirche habe den Aristoteles verboten. 1) Vgl. über ihr Leben und ihre Leistungen besonders v. Hammers Literaturgeschichte der Araber Bd. VI. 188. und Jourdain S- 99 u. ff. 2) Es gab ganze Uebersetzervereine wie bei den Mauren. So gründete einen solchen der Erzbischof Raimund von Toledo. Jourdain S-128, 60 Kapitel IX. sie nun zum Gegenstand des eifrigsten Studiums'). Besonders waren die neuen Orden thätig, solche kostbare Schätze und Mittel des wissenschaftlichen Fortschrittes ihren Häusern mitzutheileu. Und so kam es, daß während des Aufenthaltes unscrs Albertus in Paris bereits eine größere Anzahl dieser aus dem Arabischen übersetzten Schriften des Aristoteles vorhanden waren, welche er sich ohne Zweifel zn verschaffen oder zu copircn wußte. Außerdem hatte er sich gewiß bereits auch die bisher bekannten, aus dem Griechischen übersetzten Bücher des Aristoteles in Abschriften erworben ^). Aus diesem Materiale also das philosophische System des Aristoteles zusammen zn stellen, war nun die Aufgabe, die ihm vorlag. Er mußte vor Allem den Text Herstellen, indem er aus den ihm vorliegenden Handschriften die Leseart wählte, welche ihm die beste dünkte ^). Damit aber nicht zufrieden, war er bemüht, das Dunkle in jenen Büchern anfzuhellen, das Mangelnde mit Benützung späterer Forschungen und eigner Studien zn ergänzen, das Jrrthümliche zn berichtigen und in das Ganze Ordnung und Zusammenhang zu bringen. Und so sind die philosophischen Werke des Albertus entstanden. Sie enthalten die aristotelische Philosophie in einer populären, erweiterten, christianisirten Gestalt^), sie zeigen uns diesen Fürsten der alten 1) Am meisten verdient Erwähnung Michael Scotus, der besonders physische Bücher des Aristoteles aus dem Arabischen übertrug. Vgl. Jourdain S. 134. 2) In seinem Testamente spricht Albert ausdrücklich von seinen Büchern. Auch sein Zeitgenosse Noger Baco sammelte solche Handschriften, 2000 französische Lire aufwendend. Niemand aber unter den Scholastikern hat solche Mühe sich kosten lassen, um das Berständniß des Aristoteles zn gewinnen, als Albert, sagt Jourdain. 3) Welche Handschriften Albertus bei jedem einzelnen Werke'benützte, ob griechischlateinische oder arabisch-lateinische, hat Jourdain gründlich nachgewiesen a. a. O. Daß er hiebei sich nicht an die Regeln der Kritik halten konnte, sondern meist nur an seinen Philosophischen Takt, begreift sich. 4) Es ist merkwürdig, daß Schilling neuerdings nach einer solchen Paraphrase des Aristoteles verlangte! Er kennt die des Albertus nicht. Er sagt also in seinen Vorlesungen: „WaS die Metaphysik des Aristoteles betrifft, genügend allein und alle Uebelstände beseitigend, wäre, meines Erachtens, dem berichtigten und nur von den nothwendigsten kritischen und grammatischen Rechtfertigungen begleiteten Text gegenüber eine vollständige, ja — ich scheue mich nicht, es zu sagen — eine paraphra- stische, zn vollkommener Darlegung des Sinns und Herausarbeitung des oft verborgenen Zusammenhangs unentbehrliche Ueber- setzung in deutscher Sprache." Sämmtliche Werke. I. Bd. Stuttg. 1856. S. 384. Was hier Schilling für die Gegenwart verlangt-, hat Albertus für seine Zeit bereits Die philos. und theol. Schriften des sel. Albertus aus jener Zeit. 61 Philosophie als den Träger der natürlichen Wissenschaft, wie sie mit der christlichen Wahrheit im herrlichsten Einklänge steht. Das war also die große Aufgabe, die der Zeit des Albertus oblag und die er gerade in jenen Jahren seines Lebens, bei deren Betrachtung wir stehen, größtenteils gelöst hat. Es ist eine Aufgabe, deren Ausführung in solcher Zeit nur seinem Riescngeiste, feinem Scharfsinne, seinem unermüdcten Fleiße, seiner gewaltigen Belesenheit und wohl auch seiner eisernen Körperkraft möglich war. Wir vermögen cs nicht zu fassen, wie ein Mann Solches zu leisten im Stande war in einem Menschenleben. Wir beschränken uns hier darauf, die Bücher Alberts zu nennen, welche philosophischen Inhalt haben und deren Entstehung in diese Zeit fällt'). Voran stehen die logischen Schriften ^), die Albertus wohl zuerst behandelte, weil ihm die Logik überall als Vorbereitung und Einleitung in die übrigen Wissenschaften gilt. Er gibt hier die verschiedenen logischen Werke des Aristoteles in paraphrastischer Ueber- setzung, wobei er die logischen Forschungen der früheren Philosophen einschaltet und würdigt. Daran schließen sich die zahlreichen naturwissenschaftlichen Schriften, die den Titel der Physik tragen. Albert gibt in der Vorrede das Motiv zu diesem seinem Hauptwerke selbst an, indem er sagt: „Unsere Absicht bei dieser Bearbeitung der Naturwissenschaft ist, nach Vermögen den Brüdern unsers Ordens zu willfahren, die uns seit mehreren Jahren bitten, daß wir ihnen ein solches Buch über die Naturdinge verfassen sollten, in dem sie eine vollständige Naturwissenschaft hätten und mittelst dessen sie die Schriften des Aristoteles genügend verstehen könnten. Obwohl wir uns nun zu einem solchen Werke nicht für fähig erachten, konnten wir doch den Bitten der Brüder nicht widerstehen, und haben, überwunden durch das Flehen Einiger, die Arbeit, die wir oft verweigert, endlich zugcsagt und übernommen, vor geleistet mit einem Erfolge, daß H. Ritter sagen kann, Albertus habe den Aristoteles wohl besser verstanden, als unsre großen Philologen. 1) Im II. Theile werden wir den Inhalt dieser Bücher genauer schildern. 2) In der Gesammtausgabe bet Jammy Bd. I. 3) Diese Schriften füllen die Bände II, III, V, VI und zum Theil XX bei Jammy, also fünf Folianten I Daß diese Schriften aber wohl größtentheils in jene Zeit fallen, haben wir oben bewiesen. Nnr die letztem kleinern Schriften konnten spätere Gelegenheitsschriften seyn- Allem zur Ehre Gottes des Allmächtigen, der die Quelle der Weisheit, der Schöpfer, Ordner und Regent der Natur ist, dann zum Nutzen der Brüder und damit auch Aller, die in diesem Buche lesen und Naturkenntniß sich erwerben wollen." Wir erkennen in diesen Worten wieder den" bescheidenen, wahrhaft christlichen Lehrer, den nur die Liebe des Nächsten zu dem mühsamen Werke bewegen kann, und der in Allem nur Gottes Ehre und der Menschen Wohl sucht! Und so hat er alle Zweige der Naturwissenschaft nach dem Vorgang des Aristoteles, aber mit eigenen Zu- thaten und Ergänzungen in gründlicher und umfassender Weise bearbeitet. An jene Werke reihen sich die dreizehn Bücher über die Metaphysik Z des Aristoteles, die vom Unveränderlichen, Ewigen handeln, wie die Physik vom Veränderlichen, Beweglichen. Da sich diese Untersuchungen unmittelbar an jene der Physik anschließen, wie sie bei Aristoteles eins mit ihnen waren, und da sie ganz gleiche Beschaffenheit zeigen, dürfen wir wohl annehmen, daß Albert sie auch bereits in jenen Jahren seiner großartigsten Lehrthätigkeit verfaßt habe Z. Auch hier hat Albertus die schwierigsten, tiefsinnigsten Probleme mit größter Ausführlichkeit und mit Berücksichtigung aller bisherigen For-' schungen ausgenommen und zu lösen versucht. Hätte nun unser gewaltiger Lehrer auch keine anderen Werke geschaffen in jenem Zeiträume von etwa zehn bis fünfzehn Jahren, als diese über Philosophie (an fünf Folianten füllend), so hätten wir allen Grund, seinen unsäglichen Fleiß, seine Anstrengungen, seine Fruchtbarkeit, seine Verdienste um die Wissenschaft zu bewundern. Doch umfaßt das Angeführte noch nicht das ganze Feld seiner schriftstellerischen Thätigkeit in jener Zeit. Er war ja auch Lehrer der Theologie und 1) Bd. III die zweite Hälfte, bei Jammy. 2) Sie lagen auch schon vor, als St. Thomas seine neue Uebersctzung des Aristoteles aus dem Griechischen (circa 1262) anferttgen ließ. Bon Thomas erzählt sein Biograph: Leripsit super'xdilosoplnsm naturalem, et moralem et metspd^si- cam, Quorum lidrorum proeuravit ut üeret «oua irsnslatio, Huae sentenliae ^.ristotelis eontinet elarius veritalem. 6luil. äe Urolco e. IV. in ^,et. ss. Es würde Albert diese letztere wohl benützt haben, wenn sie schon vorhanden gewesen wäre. In der Chronik von Staindelius (bei Oefele, Script. I. p. 508) wird Wilhelm von Brabant (!) als Uebersetzer genannt. Rio rogatu 8. Idomao clo ^.guino omnes lidros Ivristotelis naturalis et moralis xinlosopdiae et metspd^siose in lalinum verdum äe verdo trsnstulit, Hindus nunc utimur. lemporo enim ^.Iderti magnl vetus translatio dadsdatur. Die philos. und theol. Schriften des sel. Albertus aus jener Zeit. 63 trat auch auf diesem Gebiete in herkömmlicher Weise als Schriftsteller aus Wir wissen, daß Albert während des ersten Aufenthaltes des hl. Thomas in Köln die Bücher des sogenannten Dionysius vom Areopag erklärte. Auch diese Borträge, die er entweder selbst geschrieben oder die er einem Schreiber diktirt ') hatte, haben sich uns erhalten. Da diese Schrift für die Gesammtwirksamkeit des Albertus von hoher Bedeutung ist, weil wir ihn hier als Mystiker bewundern müssen, während er sonst als Repräsentant der Scholastiker gilt, und da sich daran eine alte Tradition knüpft, müssen wir etwas ausführlicher davon handeln. Diese Werke ^), deren Ursprung in das fünfte Jahrhundert zurückreichen mag, galten im ganzen Mittelalter als Produkte des vom Apostel Paulus durch die Heilspredigt gewonnenen Dionysius vom Areopag, und wurden deßwegen, als von einem Apostelschüler stammend , mit höchster Verehrung betrachtet und mit Sorgfalt durchforscht. Man glaubte, in dem dunklen Blätterwerk dieser ans dem Neuplatonismus stammenden Schriften die tiefsten Geheimnisse des Glaubens wie üppige Rosen aufgeschlossen zu finden. Es sind darin auch ohne Zweifel Gedanken voll Glanz und Tiefstnns, Wahrheiten von ächt christlichem Gepräge, gesunde Früchte christlicher Spekulation in überreicher, blendender Bildersprache enthalten. Aber es fehlt auch nicht an Ueberschreitnngen des rechten Maaßes, an unwürdigen Vorstellungen, an ganz willkührlichen Deutungen, an Behauptungen, die an den Jrr- thum gränzen. Wenn auch der Glaube an den apostolischen Ursprung der Schrift das Hauptmotiv gewesen bei jener Zuneigung des Mittelalters zu diesen Werken, so lag doch ohne Zweifel auch gerade im Dunklen 3), Geheimnißvollen derselben ein besonderer Reiz, man meinte hier eine Art Ergänzung der biblischen Offenbarung, Aufschlüsse über den Staat Gottes da oben und dessen Abbild auf Erden zu finden. Und so darf cs uns nicht wundern, wenn die größten Geister des 1) In den Bibliotheken fanden sich Mannscripte, die Albert selbst geschrieben, und solche, welche sein Ammanuensis geschrieben, er aber corrigirt hatte. Nach Quotif und Echard I, S. 172. 2) De äivma Nierarelria, äs Irisrarclris ecelesiasliea, äs nominibus äiviuis, äs m^stiea tlieologia et littsrae. Vgl. die Abhandlung von Engelhardt. Sulzb. 1823, und die Mystik von Görres I. Bd. S. 227—233. 3) Leotus Lrigena sagt: Opus valäe anlraetuosum, long-sHus a moäerms -seusibus remotum, paueis axertum, non solum propter antiguitatem, verum stiam eoelestium altituäiuom mxsteriorum. Bet lVligns katrol. p. 1034. 64 Kapitel IX. Mittelalters die Erforschung, Uebersetzung und Deutung dieser mystischen Schriften sich zur Ausgabe machten. So hat nun auch, nachdem schon früher Scotus Erigena eine paraphrafirende Uebersetzung dieser Bücher geliefert'), dem der große Hugo von St. Victor gefolgt war, auch Albertus einen umfassenden Kommentars zu diesen vielbewunderten Schriften geschrieben und in ihnen die tiefsten Geheimnisse über das Gottesreich aufgeschlossen gefunden. An dieses Werk des Albertus hat sich noch eine alte Tradition geknüpft, die von uns nicht ganz darf übergangen werden. Rudolphs berichtet nämlich also: „Als unser Lehrer die Schriften des seligen Dionysius erklärte und schon das Buch über die göttliche Hierarchie vollendet hatte, begann ihm ob der Schwierigkeit der ferneren Arbeit der Muth zu entsinken und er war schon im Begriff, wie einst Hieronymus beim Buche Daniel gethan, das ganze Werk hinwcgzulegen und unvollendet zu lassen. Aber der getreue Herr, der seine Arbeiter im Weinberg nicht über die Kräfte versucht werden läßt, sandte ihm bald in einer Vision den Apostel Paulus, der seinen Muth zum Fortsetzen entflammte und allen Unmuth verscheuchte. Wie jedoch der Lehrer der Heiden dem seligen Albertus erschien, wird so erzählt. Ein durch Wissenschaft und Heiligkeit berühmter Bruder, den die Meisten für den heiligen Thomas halten, fand von der Hand des Meisters Albertus ein Blatt, aus dem Folgendes geschrieben stand: »Als ich die Erklärung des Buches über die himmlische Hierarchie mit vieler Mühe vollendet, begann ich die Exposition über die kirchliche Hierarchie. Bereits hatte ich das erste Kapitel über das Sakrament der Taufe mit unsäglicher Schwierigkeit durchgearbeitet. Als ich aber an das zweite Kapitel kam, entsank mir der Muth und ich verzweifelte an der Möglichkeit der Deutung. Und siehe, nach der Matutin hatte ich den Traum: Ich befand mich in einer Kirche, in der der heilige Paulus die Messe las. Gar sehr getröstet, hoffte ich durch ihn über den Sinn des seligen Dionysius vollends aufgeklärt zu werden. Und als der Apostel das Agnus Dci gesprochen, strömte durch die Pforte der Kirche viel Volk herein. Der Apostel grüßte sie mit Ruhe und fragte, was sie wollten. Sie sagten: Siehe, einen Besessenen führten wir her und bitten, daß 1) Bei Mgne kntrol. tom. OXXII. 2) Bd- XIII in der Ausgabe bei Jammy. 3) Ebenso Prussia S-199. Prussia erzählt auch, er habe den Codex gesehen, in welchem die Werke des Dionysius sammt der Erklärung des Albert von seiner eignen Hand enthalten waren. Die philos. und theol. Schriften des sel. Albertus aus jener Zeit. 65 Du ihn durch Vertreibung des Teufels heilest.« Uud als der Teufel ausgetriebeu war, erthcilte er dem Menschen mit einer Partikel der cousccrirteu Hostie die Commuuivn. Bei der Ablution der Hände bot ich mich dazu als Diener au uud sprach mit Ehrfurcht: Herr, lange wünschte ich, über die verborgenen und tiefen Dinge in den Büchern des heiligen Dionysius, zumal über die Gnade der wahren Heiligkeit, belehrt zu werden. Er antwortete gütig: Nach der Messe komme mit in das Hans des Priesters Aaron, das jenseits des Wassers liegt. Ich folgte nun dem Apostel nach Beendigung der Messe. Als wir an das Wasser kamen, ging der Apostel mit Leichtigkeit hinüber. Da ich aber das Wasser mit den Füßen zu berühren begann, wuchs cs in's Unendliche, so daß mir der Durchgang unmöglich war. Der Apostel ging nun in das Haus Aarons ein, das er mir gezeigt hatte, und ich, voll Bekümmerniß, wie ich ihm folgen könnte, bin plötzlich vom Schlafe erwacht. Nun sann ich nach und fand die Auslegung des Traums. Denn das von mir bereits erklärte erste Kapitel handelte von der Austreibung des Teufels aus dem Menschen durch die Taufe. Dem Getauften wird dann die Theilnahme am Sakramente (der Eucharistie) gestattet. Den, welcher mit dem Chrisma gesalbt ist, führt sofort das folgende Kapitel in das Haus des Priesters Aaron, denn cs handelt dieses vom Chrisma, womit die Bischöfe gesalbt werden. Die Tiefe des anwachsenden Wassers hatte mich abgcschreckt vom Schreiben, aber der Apostel hat mir durch die göttliche Gnade den Ucbcrgang leicht gemacht. So also habe ich mich wieder zum Schreiben angeschickt und durch Gottes Hilfe vollendet, woran ich ob der eigenen Schwäche verzweifeln wollte." Wir sehen aus diesem Berichte, daß Albert die Ucberwindung der Schwierigkeiten dieses dunkeln Buches einem gnädigen Traume znschrieb. Was Tage lang der Gegenstand seines Nachdenkens, Sinnens und Lesens gewesen, das ist im Schlafe ihm als Traum entgcgengetreten und hat im Bilde zugleich den Schlüssel der Lösung geboten. Im wachen Leben sind unsre See.lenkräfte häufig den Truppen gleich, die vereinzelnt und zerstreut wirken; aber im höheren Schlafe haben sie sich vereinigt wie eine concentrirte Armee*), und vermögen oft zu erstürmen, was im wachen Leben eine Unmöglichkeit gewesen. Wir können also diesen Traum so ziemlich sicher als natürliche Erscheinung ausfassen, da alles Außerordentliche, von unmittelbarer Erleuchtung Gottes Zeugende fehlt. Um so mehr können wir dieß annehmen, als 1) Vergleich unsers tiefsinnigen Philosophen Franz v. Baader. Sighart, Albert d. Große. 5 die Theile jenes Traumes alle im Texte jenes Kapitels der kirchlichen Hierarchie selbst Vorkommen, so das Gehen zum Hohenpriester, die großen Hindernisse, die cntgegentreten n. s. s. Wenn übrigens Albertus diesen Traum sür göttliche Gnadengabe hält, so ist gewiß dagegen nichts einzuwenden, indem ja alle gute Gabe von Oben stammt, vom Vater der Lichter, und auch jede natürliche Erscheinung im weitern Sinne als Fügung und Sendung Gottes, des Schöpsers der Natur, anerkannt werden muß. Ein zweites hochbedentsames Werk, das Albert bereits auch in jenen Jahren geschaffen haben muß, ist sein Kommentar zu den Sentenzen des Petrus Lombard ns. Bekanntlich hatte dieser Petrus ans Novarra, Professor der Theologie und dann Bischof zu Paris (ch 1164), mit seinem Werke der Sentenzen einem großen Zeitbedürfnisse abgcholfen. Er hatte ein Buch geliefert, in dem die ganze Glaubens - und Sittenlehre der Kirche kurz zusammengefaßt, mit Stellen der Schrift und der Väter begründet ist und in dem die möglichen Widersprüche heransgestellt und gehoben werden. Das Buch gewann solchen Beifall, daß es bald allgemein als Bvrlesebuch benützt wurde. Die größten Theologen legten es ihren Vorträgen zu Grunde, gaben und schrieben dazu Erweiterungen und Erklärungen. So auch Albertus, als er in Paris mehrere Jahre diese Sentenzen zu docircn hatte. Damals ist wohl sein großer Commentar zu diesen Sentenzen entstanden, welcher wieder drei Folianten umfaßt '), und alle ähnlichen Werke an Umfang und Scharfsinn übertrifft. Von Interesse ist, wie er in dieses sonst ziemlich übelgeordnete Werk Einheit und Zusammenhang zu bringen weiß. Er legt dem Ganzen den Text zu Grunde: Ich ging aus dem Munde des Allerhöchsten vor aller Crcatnr. Ich machte am Himmel, daß ein beständiges Licht aufging, und wie Nebel webte ich alles Fleisch (Ekkle. 24). Damit werden nach Albertus die Objekte des Werkes angedcutet. „Aus dem Munde des Allerhöchsten ging ich," das gibt das erste Buch von Gott dem Dreieinigen. Die Stelle: „vor aller Creatur" deutet ans die Geschöpfe, wovon im zweiten Buche geredet wird. Die Worte: „Ich ließ am Himmel ein Licht aufgehen," bezeichnet den Inhalt des dritten Buches von der Gerechtigkeit Christi, der Gnade, Tugend und den Geboten. Die Stelle: „wie Nebel webte ich Alles," deutet auf das Dunkle, auf die Sakramente, wovon das vierte Buch handelt. Gewiß eine anmuthige Verbindung jener Theile der Sentenzen! 1) Bei Jammy Bd. XIV, XV und XVI. Die philos. und theol. Schriften des sel. Albertus aus jener Zeit. 67 Besondere Erwähnung verdient auch, daß Albertus in diesem Werke (im vierten Theile) mit einer Ausführlichkeit die Sünden gegen die heilige Reinigkeit bespricht, welche nur durch die Darstellungen eines Snarez in späterer Zeit noch übcrtroffcn wird. Er nimmt hiebei besonders auf das eheliche Leben (äist. XXXI) Rücksicht und sucht mit Aufbietung seines reichen Schatzes naturhistorischcr und medicinischer Kenntnisse das Naturgemäße und Erlaubte vom Unnatürlichen und Sündhaften auf diesem Gebiete zu unterscheiden. Ganz treffend sagt Albert hiebei selbst von derlei Untersuchungen: „Eigentlich sollte man solche Fragen über das Unsittliche niemals aufwerfen und besprechen; man kann nie ohne Beschämung davon reden. Aber die Ungeheuer von Sünden, die heut zu Tage in der Beichte Vorkommen, nöthigen wohl dazu. Auch sollen die, welche ihre Sünden damit entschuldigen wollen, daß sie sagen, solche Akte seien naturgemäß, überwiesen werden, daß sie gegen die Natur handeln." Wir sehen also, Albertus hat auch dieses schwierige und abstoßende Thema nur aus christlicher Liebe«und aus Eifer für das Heil der Seelen behandelt, und er gibt nun auch den Priestern in dieser Abhandlung die trefflichste Anleitung zur Ausübung des Amtes der Scclenführuug. Und so ist uns klar aus diesen Angaben, wie Albertus in diesem Zeiträume wahrlich nicht dem Gebete und Unterrichte allein lebte, sondern auch als Schriftsteller damals einem Baume glich, der hundertfältige Frucht bringt. Kapitel X. Was der Volksmund vom seligen Albertus aus jener Zeit zu erzählen weiß. Die früheren Biographen berichten zwar von den sonderlichen Vorfällen aus Alberts Leben nichts, die wir hier erzählen wollen. Aber wir können sie doch nicht ganz verschweigen. Die sagcnbildende Phantasie webt ihre Gebilde nicht in vollkommener Willkühr, sie verfährt nicht in ganz schöpferischer Weise, sondern sie knüpft fast immer an ein wirkliches Ereigniß der Geschichte oder der Natur an, gestaltet dieses nur unwillkührlich um nach den Gesetzen der Schönheit, gibt ihm durch Ausschmückung und Erweiterung höhere Glorie und hält es so dem staunenden Volke wieder vor Angen. Und so dürfen wir wohl annehmen, daß den meisten Sagen, die sich an den Namen 5 * 68 Kapitel X. des Albertus geknüpft, auch eine wirkliche Thatsache, ein Motiv zu Grunde liege. Die erste Sage betrifft den Bau des wunderbaren Domes zu Köln. Eben als Albert wieder nach Köln heimkehrte (i. I. 1248), war die alte romanische Domkirche') durch eine Fencrsbrunst zum Theil zerstört worden. Damals saß auf dem erzbischöflichen Stuhle zu Köln ein Mann, der von Begierde brannte, dem großen Schatze, den die Kölnerkirche besaß, den Leibern der heiligen drei Könige, einen Tempel zu erbauen, der seines Gleichen nicht auf dem Erdkreise haben sollte. Es war Conrad von Hochstradcn, ein überaus mächtiger, reicher, frommer, großmüthiger, thatkräftiger, aber manchmal hitziger und ge- waltthätigcr Kirchcufürst. „Da der Erzbischof Konrad," sagt die Kölner Chronik^), „über die Massen reich war an Gold, Silber und Edelsteinen, begann er große und kostbare Dinge zu bauen, da begründete er den großen und ewigen Bau, den Dom." Er soll nun schon mehrere Jahre vorher dem Albertus den Anftrag gegeben haben, den Plan zu einem neuen, unvergleichlichen Dome ih»v zu entwerfen. Und die Sage erzählt, dem Albertus entstamme wirklicher Plan des jetzigen Wunderbaucs, aber er sei nicht so fast die Frucht seiner Wissenschaft, seines eigenen langen Nachsinnens und Mähens, sondern wieder ein Geschenk der Gottesmutter. Albert saß, heißt es ^), einst mit dem projektirteu Bau beschäftigt, im tiefen Nachdenken auf seiner Zelle. Inbrünstig betete er um Erleuchtung zur Bollendung des Werkes, das er zu Gottes Ehren bauen wollte. Wie Wetterleuchten zuckte es Plötzlich vor seinen Augen. Erschreckt schaute er ans und sah sich von einem milden Lichtglanz umflossen, der ihn alle Gegenstände genau erkennen ließ. Da schritten vier Männer in weißen Talaren in seine Zelle; auf ihren Häuptern strahlten goldene Kronen, wie Edelgestcin schimmernd im Lichte. Der erste, ein ernster Greis, trug einen reichen, weißen, über die Brust wallenden-Bart, und in der Rechten zeigte er den Zirkel; der zweite, etwas jünger dem Anssehen nach, .führte das Winkelmaaß; der dritte, ein rüstiger Mann, dessen Kinn ein dunkler, krauser Bart umschattete, führte den Maaßstäb, und der vierte, ein 1) Deren muthmaßlichen Plan und Zeichnung Boisseree, Geschichte und Beschreibung des „Doms von Köln" im Anhang (I. Tafel), gegeben hat. 2) Nach Ennens „Albert der Große". S. 23. 3) Die Sage nach Ennen a. a. O. Uebrigens existiren mehrere verschiedene Sagen über den Plan des Kölner Domes. Eine derselben bearbeitete köstlich Dumas in seinem Werke: Vo^a^o aux boräs äu Itbln. Was der Volksmund vom sel. Albertus aus jener Zeit zu erzählen weiß. 69 blühender Jüngling mit reichen, blonden Locken, trug die Setzwage. Also bekundeten sie, daß sie Meister waren der heiligen freien Baukunst. Ernst, feierlich schritten sie einher; ihnen folgte in Himmelsschöne die heilige Jungfrau, in ihrer Rechten einen mit hcllschimmernden Blüthen geschmückten Lilienstengcl tragend. Die vier Meister begannen nun nach Anweisung der heiligen Jungfrau mit der größten Emsigkeit den Plan zu einem majestätischen Kirchenbau zu entwerfen. In hellstrahlenden Linien bildete der Aufriß sich zu einem erhabenen Ganzen fort, wie Albert nie das Bauwerk nur zu ahnen vermocht hatte. Aber nicht lange dauerte der holde Zauber. Eben schien der ganze Riß in Hellem Sternenscheine sich zu einem entzückenden Ganzen gestaltet zu haben, so verschwand die liebliche Erscheinung vor seine» staunenden Augen. Doch das Bild des ganzen Wunderbaues, wie ihn die vier gekrönten Meister') nach der Angabe der Gottesmutter entworfen hatten, blieb seiner Seele gegenwärtig. Und nun war er im Stande, einen Plan zu liefern, der in Allem den kühnsten Wünschen seines Kirchenfürsten entsprach. So erzählt die Sage, welche übrigens ziemlich neuen Ursprungs ist. Ihr zufolge wäre also unser Albertus der Schöpfer des Planes, nach welchem der jetzige Wnnderdom ausgeführt worden. Die zweite Sage bezieht sich auf den berühmten Besuch des deutschen Königs Wilhelm von Holland bei unserm Albertus im Kloster zu Köln 2 ), wobei dieser eine Probe seiner Zauberkunst gegeben haben soll. Die Sage lautet also: „Es war im Jahre 1249 um Epiphanie, daß der junge Wilhelm von Holland, der i. I. 1247 zum deutschen König war erwählt worden, nach Köln kam, um den heiligen drei Königen seine Verehrung zu zollen und um an ihrem Grabe seine Opfer für den neuen herrlichen Dombau niederznlegen. Diese Gelegenheit wollte der hochherzige Freund und Beschützer deutscher Kunst und Wissenschaft nicht vorüber gehen lassen, ohne dem weltberühmten Pater Albertus einen Besuch abzustatten. Sobald am Feste der drei Weisen die kirchliche Morgen- 1) Die vier gekrönten Märtyrer, qustuor eoronati, die Patrone der Steinmetzen. 2) Die wundersame Geschichte erzählt zuerst Johannes de Beka, ein Schriftsteller (1346) von geringer Autorität, und nach ihm die belgische Chronik (vom Jahre 1474), Joh. Cuspinianiis und Trithemius. Vgl. Echard und QuetifI, 169. In neuerer Zeit wurde die Sage poetisch ausgeschmückt von E- Ebert u. A. Vgl. Schopp- ners bayrisches Sagenbuch I, 417. Wir halten uns an Ennens Erzählung, indem wir nur einige Worte zu ändern uns erlaubten. 70 Kapitel X. stier beendigt war, begab sich der König, begleitet von einem stattlichen Zng prachtvoll geschmückter Ritter und Hofbcamten, in das bescheidene Dominikanerkloster. Am Eingänge wurde Wilhelm mit allen, seiner hohen Stellung zukommenden Ehrenbezeugungen empfangen und dann in die Zelle des berühmten Philosophen und Theologen geführt. Groß war sein Staunen, als er die wundersamen Apparate sah, deren Gebrauch ihm Albertus mit beredtem Munde erklärte. Höher noch stieg dieses Staunen, als ihn der Mönch mit zuversichtlichem Ernste bat, in dem freundlichen Garten des Klosters eine frugale Rekrcation zu sich nehmen zu wollen. Bei der grimmigen Kälte, in der die ganze Natur in Eis und Schnee erstarrt war, konnten die Wenigsten ans des Königs Begleitung an den Ernst solchen Anerbietens glauben; cs schien ihnen, als wollte der Mönch sie zum Besten halten. Doch der König wollte sehen, welche Ueberraschung ihm Albcrts Kunst bereiten würde. Albertus ging voraus, und der König mit seinen Genossen folgte ihm in den Klostergarten, wo man sich keines angenehmen Verbleibens getrösten zu können hoffen durfte. Doch wie groß war das Staunen, als man eben die Schwelle überschritten hatte! Angenehme, erquickende Frühlingsluft und lieblicher Blumcngernch strömte ihnen entgegen. Das üppigste Pflanzenlcben umgab sie. Alles blühte in mailicher Pracht und Tausende von seltenen Pflanzen und fremden Blumen entfalteten hier ihre Kelche in den reizendsten Farben und hauchten die süßesten Düfte ans. Die Bäume prangten im reichsten Blüthenschmnck, und in wenigen Augenblicken boten sie die einladendsten reisen Früchte. Zahllose, buntgefiederte Vöglein girrten, zwitscherten und sangen in wundcrlieblichem Einklang durcheinander, wiegten sich auf den duftenden Blnmcnkronen, hüpften in den Zweigen und Strän- chern, und verliehen dem Ganzen das freundlichste Leben. Im prachtvollsten Farbenspiel schwebten bunte Schmetterlinge über den süßduftenden Blüthen und trieben im kreisenden Flug ihr neckisches Spiel. Springbrunnen warfen ihre Strahlen hoch in die Luft, und die Sonne brach sich in ihnen im herrlichsten Farbenspiel. Alles athmete frisches, fröhliches Leben, und die ganze Natur schien Alles aufgeboten zu haben, um alle ihre Reize in wenigen Augenblicken zu entfalten. Albert ließ der entzückten Gesellschaft nicht lange Zeit, sich von der Ucber- raschung zu erholen, er hieß sie an der bereiteten Tafel sich niedersctzen, um sich mit dem Wenigen zu begnügen, was der Klostergarten zu bieten vermöge. Aber wie groß war das Erstaunen, als man hier ein Festmahl fand, dessen selbst ein König sich nicht zu schämen brauchte. Zierlich gekleidete Diener, flinke, frische, hübsche Knaben umstanden Was der Volksmund vom sel. Albertus aus jener Zeit zu erzählen weiß. 71 in lieblicher Reihe die Tafel, bedienten die Herren mit freundlichster Gewandtheit und brachten Gang auf Gang, ohne daß Jemand sah, woher alle diese Gerichte gekommen wären. Kaum hatte man aber nach eingenommenem Mahle dem Herrn das Dankgebet gesprochen, so verschwand im Nu der Zauber. Die ganze Gesellschaft befand sich plötzlich wieder in der kalten Wirklichkeit, in der erstarrten winterlichen Natur Hier erscheint also Albertus in der Rolle eines Magiers, mit der Glorie eines Zauberers. Die dritte Sage spielt gleichfalls in jener Zeit, wo Albertus als Lehrer und Führer des jungen Thomas von Aqnino in Köln wirkte. Sie erzählt uns nämlich Folgendes ^): „Albertus hatte im Predigerkloster zu Köln außer der ihm zukom- mcnder Zelle noch eine andre etwas abgelegene Zelle sich erwählt. Dort brachte er oft ganze Tage zu, wenn ihn nicht sein Amt in die Kirche oder auf den Lehrstuhl rief. Mancher Bruder des Klosters sah mit äugstlicher Scheu nach dieser Heimlichen Werkstätte, in der Albert zimmerte, hämmerte, seilte und drechselte. Thomas, der mit gespannter Neugierde dieses geheimnißvolle Wesen seines Meisters beobachtete, benützte einst die Abwesenheit desselben, um sich dieses Gemach etwas näher zu betrachten. Mit Beklommenheit trat er in das Laboratorium. Sonderbare Thiere, wie er nie gesehen, künstlich gearbeitete Instrumente, Gefäße und geheimnißvolle Apparate waren da ausgestellt. Das Staunen des jungen Thomas wuchs, je länger er sich nmsah. Doch noch winkte in einer Ecke des Gemachs ein Geheimniß, indem ein feuerrotster Vorhang, in dichten Falten herabwallend, einen Gegenstand bedeckte. Er schob den Vorhang scheu zurück,, und bebend vor Angst ind Verwirrung stand er plötzlich vor einem wunderlieblichen Zauberbilde, das verführerisch seine Sinne zu berücken drohte. Er wollte stehen, aber mit magischer Gewalt fühlte er sich zurückgchalten, und widw Willen mußte er unverrückt seinen Blick aus die Zaubcrgestalt des Mädchens richten. Je länger er hinblickte, desto mehr flimmerte es vor seinen Augen, desto verworrener drängten sich die Gedanken in seinem Kopfe. Und nun kam noch dazu, daß die räthselhafte Gestalt 1) Bei Ennen hat die Sage noch eine Fortsetzung. Albertus wird zum Entgelt darauf zu des Königs Tafel geladen und erneuert hiebei den Spuk. 2) Glnchfalls von keinem früheren Autor erzählt. Gumpelzheimer berichtet sie vom Aufenthalt Alberts in Negensburg, ohne zu bedenken, daß Thomas niemals in Regensburg geweilt hat. Sie ist bei Ennen S. 28 zu finden- 72 Kapitel X. mit menschlicher Stimme den Grnß ihm bot: 8n1vo, snlvo, snlvs! Da schwand dem edlen Schüler fast das Bcwnßtseyn, und er glaubte, der Fürst der Hölle treibe mit ihm sein Spiel. In seiner Angst und Verwirrung suchte er sich gegen den Versucher zu helfen, wie er konnte, ergriff einen neben ihm stehenden Stab und schlug unter dem Ansrufe: Fort, Satan! in kräftigen Streichen auf den vermeintlichen Bösen los, bis die Gestalt unter seltsamem Gestöhn und Geklirr zusammenbrach. Eben wollte Thomas in hastiger Flucht die Zelle verlassen, da trat der Meister Albertus über die Schwelle! Kaum hatte dieser wahrgenommen, was während seiner Abwesenheit vorgefallen, so fuhr er im gerechten Zorn über die Vernichtung der Frucht seines laugen Fleißes den Schüler mit den Worten an: Thomas, Thomas, was Last du gethan! Das Werk dreißigjähriger Mühe hast du mir in einem Augenblicke vernichtet!" Nach dieser Sage hätte also unser Albertus einen menschlichen Automaten gefertiget, welcher einige Worte zu sprechen vermochte. Noch eine Reihe andrer Sagen schließt sich an die vorigen an, welche aber schon der Geschichte ferner zu liegen scheinen. So die Sage von der üppigen Königin, wovon die alten Meistersänger zu berichten wissen'). Pietisyla, eine Tochter des Herzogs von Saatz, so erzählen sie, habe in böser Lust nach einander nenn Jünglinge auf ihr Schloß verlockt, sie zur Sünde verleitet und dann durch ein geheimes Brettchen in den See hinabgestürzt. Als sie dasselbe mich an Albertus versuchen wollte, durchschaute der Weise ihre List durch das Glas seiner Kunst. Er hält ihr vor, er sehe neun Jünglinge schweben, die ihn warnen, und er höre die Wasser unten brausen, die ihn tödtcn sollen. Da läßt die Königin voll Erbitterung ihn binden und in den See Hinabstürzen. Aber die Stricke brechen, er geht lustig ans dem Wasser einher, die auf ihn geschleuderten Pfeile verwandeln sich in Vögel, die ihn umflattern. Und nun zieht er in den Wald und bindet allen Vöglein, die ihm freudig nahen, Briefe in den Schnibcl, in denen stand: Nenn mordete die Königin um Minne! So ward ihre Schande allüberall bekannt durch Stadt und Land. Da erfaßt sie endlich großer Schmerz um ihrer Vergehungen willen. Sie kommt zum Albertus, der sich ihr zu erkennen gegeben, beichtet ihre Schuld, nimmt 1) Nach einem Meistersang von Martin Schleich in des Knaben Wnnderhorn II, 237, und bei Schövpner I, 410. Da ist die Literatur angegeben. Pwsaisch bei Mittermaier, Sagenbuch von Gundelfingen, Lauingen, Dillingen, Hochstedt. S. 29. Dillingen 1849. Was der Volksmund vom sel. Albertus aus jener Zeit zu erzählen weiß. 73 harte Buße auf sich und tritt in einen strengen Orden. Und nach Ablauf von achtzig Jahren führen sie neun Engel ein in das Himmelreich Z. Eine weitere Sage bezieht sich abermals auf das Verhältniß des Albertus zum oben genannten Wilhelm. Dieser, noch als Graf von Holland lebend, soll einstens dem Albertus verheißen haben, ihm ewigen Dank zu zollen und ihm Alles zu gewähren, was er verlange. Da bittet ihn Albert, wenn er einstens in großer Macht stünde, möchte er ihn nicht zurückstoßen, sondern durch Almosen unterstützen. Auf das feierliche Versprechen des Grafen läßt Albertus seine Zauberkunst wirken: Ein wundervoller Pallast entsteht, Ritter in Fülle kommen herbei, das Volk erwählt den Grafen Wilhelm znm König und setzt ihn auf einen prunkenden Thron. Da naht ihm, nachdem er drei Jahre alle Herrlichkeit eines Königs genossen, Albertus im Bettlerkleid, gemahnt ihn seines Versprechens und fleht um Hilfe. Aber Wilhelm, von Ingrimm erfaßt, läßt den kecken Bettler von seiner Thüre weisen. Da thut Albertus abermals seinen Spruch, aller Zauber ist verschwunden, Hallen und Ritter sind nicht mehr zu schauen, Wilhelm ist wieder ein armer GrafZ wie ehedem. Eine andere Sage — wir sehen, die sagenbildcnde Phantasie ist unerschöpflich bei Betrachtung nnsers Albertus — berichtet uns Folgendes: Ein fahrender Schuhmacher kam einmal nach Köln. Da er bereits oft von Bruder Albert und seinen Künsten hatte reden gehört, wollte er sie selber erproben, ging mit seinem Schnappsacke zur Pforte des Predigerklostcrs und verlangte den Bruder Albert zu sehen. Auf Befragen des Pförtners um den Zweck seines Hierseyns wollte er diesen durchaus nur dem Albert selber mittheilen. Da ließ ihn dieser ans die Zelle kommen und fragte ihn um sein Begehren. Hierauf erklärte der Geselle: Ich habe schon manch seltsam Wort gehört von euren Künsten und Geschicklichkeiten, nun komme ich, euch zu bitten, mir Etwas davon zu zeigen, damit ich glauben kann. Ich gehe nicht eher von euch, bis ihr mich etwas von eurer Kunst habt sehen lassen. Da ver- 1) Der Schluß ist charakteristisch für das Mittelalter: Auch die großen Sünder kehren sich am Ende zur Buße und sterben versöhnt mit Gott, während moderne Dichtungen das trotzige Verharren in der Sünde bis zum Ende oder Beseligung der Bösen ohne Buße uns verführen. 2) Schöppners bayr. Sagenbuch I, 420. Wohl eine Satyre auf Wilhelms kurze Negierung, aus seine Erhebung durch den Klerus und seinen schmählichen Tod in einem Sumpfe. 74 Kapitel X. langte Bruder Albert lächelnd den Schnappsack des Gesellen, griff mit der Hand hinein, band den Sack dann wieder zu, gab ihn dem Burschen zurück und sprach: Geh nun schnell nach Hause; mache aber den Sack nicht auf, bis du zu Hause angekommcn; dort öffne ihn, und du wirst etwas schauen. Dann binde ihn wieder zu und komme und sage mir, was du gesehen. Der hocherfreute Geselle hatte kaum das Stadtthor von Köln im Rücken, da stach ihn schon die Neugierde, er setzte sich nieder und öffnete den Sack. Da sprangen zwei stämmige Kerle heraus, die Leisten in den Händen trugen, und damit so lange auf ihn losschlugen, bis ihm fast das Bewnßtseyn verging. Zuletzt bedachte er sich noch, daß Bruder Albert gesagt, er müsse den Sack wieder zubinden. Das that er nun auch und sogleich verschwanden die Beiden, welche ihn so jämmerlich geschlagen hatten. Da ging der Geselle nicht mehr weiter, sondern eilte stracks zum Bruder Albert zurück und bat ihn, doch den Sack wieder zu machen, wie er zuvor gewesen. Er wolle nichts mehr von seiner Kunst sehen. Albert erfüllte lächelnd seine Bitte. Der Geselle aber gedachte der Kunst des Albertus sein Leben lang ff. Endlich wird uns noch berichtet, Albert habe einen Zauberbecher besessen, in welchen er nur Wein oder Wasser goß, worauf er mit diesem Trank die Kranken aller Art heilte ff. Das sind die wichtigeren Sagen, die noch die Neuzeit von unserem Meister zu erzählen weiß. Noch eine Fülle anderer Sagen der Art war aber bereits am Ende des Mittelalters im Umlauf, so daß die ersten Biographen des Albertus schon dagegen zu protestiren gcnöthigt sind. So erzählt Prnssia, man habe die Fabel erfunden, Albertus hätte die Tochter des Königs von Frankreich durch die Lüste nach Köln entführt ff, er sei auf dem Rücken des Teufels nach Rom geritten, um den Papst von einer Sünde abzuhalten ff, er habe mit Alexander dem Großen den ganzen Erdkreis durchzogen, .er sei so klein von Gestalt gewesen, daß der Papst bei 1) Schöppners Sagenbuch I, 416. . 2) Vgl. v. Bianco, Geschichte der Universität zu Köln I. Bd. 3) Er erklärt auch nach Thomas Cantipratanus, woher diese Fabel gekommen. Albert hatte in Paris vor dem Bischöfe und vielen Lehrern eine Disputation gehalten über den geheimnißvollen Uaxlus irrulierum, wovon zu seiner Zeit ein Beispiel in Deutschland sich zngetragen. 4) Diese Geschichte erzählt Vincenz von Beauvais im sxeeul. Iristor. lib. XX, eax. III vom hl. Bischof Antidius- Bei Prussia S. 311. Was der Volksmund vom sel. Albertus aus jener Zeit zu erzählen weiß. 75 seinem Erscheinen geglaubt, er kniee, und ihn aufstehen hieß. Ja es wird sogar erzählt, Albertus habe sich ausdrücklich von Gott erbeten, einige Tage im Fegfeucr zubringen zu dürfen, damit er auch diese Region kennen lerne, nachdem er Alles auf Erden erforscht hätte Z. Wir sehen aus dieser Zusammenstellung der Sagen, welche wie ein Dunstkreis den Namen unsers Albertus umhüllen, wie auffallend seine ganze Erscheinung und Wirksamkeit muß gewesen seyn, da sich die verschiedensten Mythen und Poesien an seine Person angeknüpft haben. Albert wurde zum Träger dessen, was das Volk anstaunt und drum bei allen großen Männern vermnthet, was es von andern gehört hat; alle seine Handlungen erscheinen im gebrochenen Lichte der Phantasie, seine außerordentliche Kunst und Wissenschaft machen, daß man ihm Theilnahme an der Allmacht und Allwissenheit zuschreibt, diese aber am Ende nur aus dem unerlaubten Verkehr mit der Geisterwelt sich erklären kann. Kapitel XI. Wie viel Wahrheit in zenen Sagen liege. Des Albertus Detheiligung am Kölner Dombau. Seine Zauberkünste. Wir haben bereits oben die Andeutung gegeben, daß die sagenbildende Phantasie nicht eigentlich schöpferisch zn Werke gehe, sondern an Vorhandenes anknüpfe, dieses umzugestalten und anszuschmücken wisse. Es lohnt sich darum gewiß der Mühe, dem Grundstoffe jener Sagen nachzugehen und zu untersuchen, welches der Stamm der Wahrheit gewesen, um welchen jene reichen Ranken der Mythe sich üppig angelegt. Vor Allem ist der Antheil zn erwägen, welcher unserm Albertus am Baue des ruhmreichen Domes zu Köln znkommt. Denn jene Sage hat ihm ja den Entwurf des Planes selbst zugesprochen. Und wohl angeregt durch jene Erzählung des Volkes, haben schon mehrere um Kunst und Geschichte hochverdiente Forscher jene Ansicht auch wissen- 1) Auch diese Sage stammt vom Thomas von Cantimpre, der von einem kranken Manne erzählt, er habe drei Tage Fegfeuer erwählt statt eines Jahres fernerer Krankheit. Aber nach kurzem Aufenthalt im Fegfeuer habe er wieder um Krankheit gebeten, wenn sie auch bis zum Lebensende währen sollte, statt der Peinen des Reinigungsortes. 76 Kapitel XI. schaftlich zu begründen versucht. Sv sprach sich für diesen Gedanken zuerst öffentlich ans der Kanonikus Böcker in Wallrafs Beiträgen zur Geschichte der Stadt KölnWallraf selbst, dessen Verdienste gerade um das Andenken und die Reliquien unsers Albertus hoch zu rühmen sind, huldigte wegen der Aehnlichkeit des Domchores mit dem der Predigerkirche gleichfalls dieser Ansicht. Ja, er soll seinen Schülern öfters erzählt haben, er habe in einer nun verlorenen Urkunde des dreizehnten Jahrhunderts ausdrücklich die Nachricht gelesen, daß Albert beim Domban betheiligt gewesen ^). In weiterer, gelehrter Begründung finden wir diese Meinung ausgesprochen von Krenscr, der eine Wolke von Wahrscheinlichkcitsgründen vorführt ^). Auch Ennen hat sich neuerdings dieser Ansicht zngcneigt. Endlich hält es der ehrwürdige Hei- deloff sogar für wahrscheinlich, daß Albert derjenige gewesen, der überhaupt die gothische Bauweise nach Deutschland verpflanzt, d. h. das Geheimniß der Gothik, die Kunst des Achtorts, zuerst consequcnt und wissenschaftlich ansgebildet habe ^). Er will sogar gefunden haben, daß die Gothik darum in alten Steinmetzenbüchlein die Albertinische Kunst genannt worden sei. Was ist nun von solcher Ansicht zu halten, welche von so würdigen Männern aufgestellt und vertheidigt worden? Ist es wahrscheinlich, daß Albert den Bauplan des herrlichen Domes entworfen, der mit wenigen Ausnahmen von den Sachkundigen aller Nationen für das vollendetste Muster der Gothik betrachtet wird? So sehr wir auch die begründete Ueberzengung hegen, daß Albert staunenswerthe Kenntnisse in den mathematischen und mechanischen Wissenschaften besessen, daß er vielleicht auch in der Banknnde nicht unerfahren gewesen, so können wir ihn doch nicht für den Schöpfer des Domplanes von Köln halten. Einmal mag schon der Umstand Beachtung verdienen: Keiner der Biographen des Albertus thut eines solchen Werkes Erwähnung. Sie, welche gewiß mit Lust seine Verdienste hervorheben und die ihm gewordenen Auszeichnungen sorgfältig schildern, 1) Seite 84. 2) Mündliche Mittheilung des Herrn Justizraths Haaß, Kaplan Bock und Professor Weyden in Köln. Ein alter Pastor bei Köln, ein Schüler Wallrafs, könne das noch bezeugen. 3) In seinen Dombriefen (Berlin 1844, IV. Brief) und im christlichen Kirchenbau (I, 378 u-ff-), wo er übrigens die Entscheidung der künftigen Forschung anheimstellt. 4) Der kleine Altdeutsche I. Curs. S. 17 — 25. Nürnberg 1849. 77 Wie viel Wahrheit in jenen Sagen liege re. würden doch gewiß nicht anzuführen vergessen haben, daß ihm der ehrenvolle Auftrag geworden vom Churfürsten, den Plan der neuen Kathedrale zu entwerfen. Es konnte auch eine solche Arbeit unmöglich geheimgehalten werden. Dann fetzt ohne Zweifel ein Bauwerk dieser Art eine praktische, langjährige Einübung der gothifchen Bauweise voraus, die wohl nur von einem bloß diesem Fache lebenden Baumeister erwartet werden darf. Ein solcher muß durch viele Bauten der Art mit den technischen Mitteln und Schwierigkeiten sich ganz vertraut gemacht haben, da es sich um ein Werk handelte, das alle bisherigen an Schönheit und damit auch an Schwierigkeiten übertreffen sollte. Er mußte die bisherigen Bauten der Gothik, zumal wie sie in Frankreich eben entstanden waren, einer langen und gründlichen Prüfung und Vergleichung unterzogen haben. Denn die Anknüpfung an jene und der con- sequente Fortschritt über sie im Kölner Dom ist jetzt offenbar. Hier reichte also bloß allgemeine Kenntniß der Formen und Gesetze der Gothik nicht ans, oder die Fertigkeit in Handhabung des Zirkels, oder noch weniger die Kunde der christlichen Symbolik, sondern es war vor Allem das Können nöthig, die erworbene künstlerische Tüchtigkeit, um den vorliegenden Ideen in ihrer ganzen Fülle und in ihrem Zusammenhänge einen vollendeten Ausdruck zu geben. Diese wird aber nur gewonnen durch lange, mühsame, ausschließliche Beschäftigung mit dem Gegenstände. Daher traten mit dem Aufblühen der Gothik die Geistlichen allmählich von der Bauführung ab und überließen sie Laienbau- meistern, die ausschließlich ihr Leben der Kunst widmen konnten, während der Geistliche noch einer Menge andrer Pflichten zu genügen hat. Wir glauben auch, daß Albertus in jenen Jahren unmöglich die nö- thige Muße gefunden hätte, um sich in umfassende, tiefgehende Studien der Gothik und ihrer bisherigen Schöpfungen zu versenken, oder gar einen solchen Plan auszudenken. War er doch in jener Zeit zu Paris und Köln Lehrer an den hohen Schulen, immer von Schülern umdrängt, in tausend Angelegenheiten als Orakel befragt und dazu als Schriftsteller so unermüdet, daß er mit den Früchten seiner Forschungen wohl an sechs Folianten ausfüllte. Dazu kommt, daß die neuere Forschung über den Kölner Dombau wundersame Resultate zu Tag gefördert hat Z. Es ist nämlich jetzt der Beweis geliefert, daß durch den Brand 1) Vgl. besonders die treffliche Kunstgeschichte von Schnallst V, 510 — 543, der meist auf Lacomblets Urkundenbuch baut- vom 30. April des Jahres 1248 nur unbedeutender Schaden am Dome herbeigeführt worden. Man hatte darum ursprünglich nur die Absicht, einen neuen prachtvollen Chor zu bauen und an die alten Schiffe an- zufügcu. Der Entschluß zum Neubau des Langhauses und darum der Entwurf des eigentlichen Domplanes fällt erst in den Zeitraum des vierzehnten Jahrhunderts, also in die Zeit, wo Albertus schon lange nicht mehr unter den Lebenden weilte. Was dann den Chvrbau betrifft, so ist dieser nuläugbar eine Nachahmung des Chores der Kathedrale von Amiens I, verdankt mithin wohl seinen Entwurf einem Meister, der lauge in Frankreich geweilt, die dortige Entwicklung der Bauweise studirt und nun ohne Anspruch auf geniale Originalität seine Erinnerung mit tiefem Bcrständniß wiedergegeben hat. Es könnte also Albert immer nur als Schöpfer des Chorplanes betrachtet werden. Aber wie wäre cs denkbar, daß er während seines dreijährigen Aufenthalts in Paris, wo er als Ordensmann und öffentlicher Lehrer der Sentenzen au den Ort gebunden war, solche Reisen in ferne Städte gemacht, da länger verweilt und dem Studium der Architektur sich hingegeben habe! Unmöglich scheint uns eine solche Annahme. Und darum stimmen wir den Forschern bei, welche annehmen, der Meister, der längere Zeit Reisen in Frankreich U gemacht, die dortigen Bauten studirt, in einer Bauhütte dortselbst gearbeitet und den Chorplan zu Köln entworfen, sei wohl der Steinmetz Gerhard aus dem Dorfe Riel (daher von Rile), der bereits i. I. 1257 vom bauenden Domkapitel rühmend erwähnt und wegen seiner Verdienste belohnt wird ^). Damit ist aber nicht jede Betheiligung Werts am Dombau abgewiesen. Es ist immerhin möglich und wahrscheinlich, daß Albert, dessen Autorität bei allen Partheien in Köln so großes Gewicht hatte, bei den Berathungen in Bezug auf den Neubau beigezogen wurde Z. 1) Schnaase stellt beide Dompläne gegenüber und bringt so die wesentliche Aehn- lichkeit zur Anschauung. Kunstgesch. V. S. 528. Der große Fortschritt des Kölner Domes gegenüber den französischen Kirchen beruht tm fünfschiffigcn Langhaus und im Kreuzschiffe, nicht im Chore, der nur im Detail trefflicher erscheint. 2) Die Gothik heißt ja im ersten deutschen Bericht: Opus Irsuei§enuiu. Daß die Architekten damals viel reisten, sehen wir an Bilars de Honecourt, dessen berühmtes Tagebuch erhalten ist. Schnaase S- 152. 3) Vgl. über die Streitfrage auch die Denkmäler der Kunst von Guhl und Kaspar II, 86. 4) Es konnten diese übrigens wohl erst nach der eiligen Grundsteinlegung stattfinden, die wegen der Anwesenheit des Königs anticipirt wurde. Vom damaligen Chorbau fand man noch die Nundsäulen bei der neuen Restauration. 79 Wie viel Wahrheit in jenen Sagen liege rc. Als es sich darum handelte, in welchem Style der neue Chor auszu- führen sei, da eben die neue Bauweise noch mit der alten romanischen im Kampfe lag, als man einer Aufklärung über die Vorzüge der Go- thik, über die Bedeutung der Siebenthcilnng des Chores und über aufznstellende Bilder bedurfte, da hat wohl Albert für die neue Bauweise, die er in Paris geschaut, in der bald alle Dvminikanerkirchen erstanden, das Wort ergriffen, da konnte er am Besten den tieferen mystischen Sinn dieser Gestaltungen enträthscln. Und so kann ihm immerhin ein Antheil am Neubau des Domes zugcschrieben werden '). Somit können wir auf den Inhalt der übrigen Sagen übergehen. Alle schildern unfern Albertus als einen Mann, der wunderbare Erscheinungen Hervorrufen konnte durch die Entfaltung seiner Natur- kenutniß, er erscheint uns als ein großartiger Taschenspieler oder als Zauberer. Was jenes Ereigniß mit dem Könige Wilhelm von Holland betrifft, so liegt der Erzählung offenbar ein historischer Kern zu Grunde. Wilhelm, der im Jahre 1248 Aachen belagert und erobert hatte, worauf seine Krönung am ersten November geschah, kehrte über Köln nach Holland zurück. Während seines Aufenthalts in Köln feierte er das Fest der heiligen drei Könige, der Patrone der Stadt, mit allem Glanze. Dieses war also am Beginn des Jahres 1249. Damals besuchte er auch unfern Albertus^), angezogen durch dessen Ruhm, der bereits überall hingedruugen war, und vielleicht auch aus Neugierde, um von dessen Wunderkräften sich zu überzeugen. Es ist nun sehr wahrscheinlich, daß Albertus diese Gelegenheit benützt habe, um dem deutschen König auffallende Beweise seiner Kunstfertigkeit zu geben und ihn dadurch für den Orden günstig zu stimmen. Wenn auch die Sage von der plötzlichen Verwandlung des vom Winterfrost starrenden Klostergartens in einen blühenden nnd mit allen Herrlichkeiten der Natur geschmückten Speisesaal eine llcbcrtreibung ft ist, so 1) Diese Ansicht sprach auch Kugler aus in der deutschen Vierteljahrsschrift 1842. (Kleinere Schr. II, 131.) Und gewiß ist die Beiziehung eines intelligenten Geistlichen bei Kirchenbauplänen von großer Wichtigkeit. Dafür spricht die Erfahrung der Neuzeit. 2) Das berichtet der Zeitgenosse Vincenz von Beauvais und Naynald. Vgl. Quetif I, 167. 3) ^VUIrelmns Hella sagt in seiner Geschichte des Bischofs Otto III. von Utrecht: lUaruit Uoe tempore Albertus Magnus, episeopu8 Uatisponnensi5 vir magnae lloetrinae, lle guo multa labuIaiUnr ln eonvivio, guoll xaraverat regst. Bei Quetif und Echard I. e. 80 Kapitel XI. könnte er doch ein seltenes Vergnügen der Art dem Könige bereitet haben, da schon ein Schriftsteller des vierzehnten Jahrhunderts davon berichtet. Vielleicht hatte er einen Wintergarten, ein Treibhaus in den Räumen des Klostergartens herangezogen, in welchem er seinen hohen Gast bewirthete'), der noch nie Aehnliches gesehen. Es ist dann sogar möglich, daß er mechanische Fignrchen von Vögeln aufstellte, welche Töne von sich gaben. Denn Albert erzählt selbst von solchen Figuren als von bekannten Produkten. Er sagt^): „Barbiti sind Figuren mit einem Bart, aus deren Munde ein Röhrchen herauskommt, während sie an der Rückseite einen Blasebalg angeheftet haben. Wenn dieser znsammengedrückt wird, tritt eine Lnftwelle in die Röhre, so daß der Gebartete dann Flöten zu blasen (üstrllars) scheint Hie- mit deutet der Meister an, wie solche Figuren gemacht werden, und er bezeichnet sie als noch zu seiner Zeit existirend. Sollte er nicht selbst solche gemacht, ihnen die Gestalt von Vögeln gegeben und sie in seinem Wintergarten aufgestellt haben? Wir wollen hiemit natürlich nur eine Vermuthung aussprechcn. So viel ist sicher, daß Wilhelm durch den Besuch und Verkehr mit Albert so sehr eingenommen wurde, daß er sich von ihm nach Utrecht (am Rhein) begleiten ließ und dort auf Al- berts Bitten ein schöngelegenes Haus den Predigerbrüdern als Kloster erbaute und schenkte ^). Offenbar hat also Albcrts Bewirthung den König sehr entzückt, was doch wohl auf eine außerordentliche Erscheinung schließen läßt. Wenn wir dann die übrigen dem Albertus beigelcgten Wunderkünste noch in das Auge fassen, so werden wir gleichfalls nicht Alles in Abrede stellen können. Denn selbst sein Schüler Ulrich Engelbrecht sagt von ihm, daß er in den magischen Dingen bewandert gewesen^). Natürlich fällt es uns nicht bei, unter Magie hier die schwarze Zauberkunst zu verstehen, den trauten Verkehr mit den Geistern der Finsterniß, in Folge dessen jene höhere Erkenntniß und Kraft dann erblühte. Gegen 1) So erklärt die Sage auch Buhle im Artikel „Albert" bei Ersch und Grubcr. 2) l?olit. p. 493. Er erklärt hier die Instrumente, welche Aristoteles aufzählt (VI, 3.). Uebrigens läßt Albert sich offenbar durch den Klang des Namens zu der Deutung verführen. Denn Barbiton ist eine Lyra gewesen. 3) Man sieht dieses Instrument noch in den physikalischen Kabineten. Nur hat es jetzt gewöhnlich die Form eines Trompeters, und statt des Blasebalgs geht eine unsichtbare Röhre in das nächste Zimmer, wo dann eine Person hineinbläst. 4) So Beka und Will). Heda bei Quetif I, 167. Daher noch später die Wappen Wilhelms in den Fenstern und Gemächern des Klosters. 5) In revus inaxicis exxertus luit. Vgl. Prussia S. 126. 81 Wie viel Wahrheit in jenen Sagen liege rc. diese finstere Kunst und alle ihre Gestaltungen zieht ja Albertus an verschiedenen Stellen seiner Werke mit gezücktem Schwerte zu Feld'). Daß er aber in den physikalischen und mechanischen Kenntnissen außerordentliche Erfahrung besessen, können wir nicht mehr läugnen, wenn wir seine Schriften mit Aufmerksamkeit durchforschen. So läßt es sich schwerlich bezweifeln, Albert habe wirklich Automaten gefertiget, nämlich Figuren in Menschengestalt, die einige Worte hervorzubringcn und einige Schritte zu gehen vermochten Z. Denn er redet öfter von solchen so umständlich, daß wir die eigene Anschauung annehmen müssen. So sagt er in dem Werke über die Seeles: „Man sagt, Dädalus habe ein Minervenbild gemacht von Holz, das beweglich in allen Gliedern war und durch die Bewegung der Zunge zu singen und das zu Hüpfen (trixuäiuro) schien. Diese Bewegung erklärt sich also: Im hohlen Bilde waren die Organe (mittelbar?) in Quecksilber eingefügt und nach der Bewegung desselben schienen sie sich zu bewegen, wie wir es noch haben bei den Zellen und Bildern fFigurenj ^), Die Füße standen auf Rädern, in denen sich hohle Bogen befanden und die getrennt waren durch kleine Zellen. Wenn nun das Quecksilber im vordern Bogen durch die Zellen Hinabstieg, dann erhob sich der hintenliegende Bogen, das Ganze wendete sich um und das Bild ging von Ort zu Ort, denn es mußte sich dahin bewegen, wohin das Quecksilber lief" An einem andern Orte °) bespricht er die Art, wie man durch Dampf die Entstehung eines Erdbebens anschaulich machen kann. Er sagt: „Man hat ein starkes Gefäß von Erz, welches eine Oeffnung im Kopf und eine im Bauche hat und auf Füßen steht. Nun wird es 1) Die Stellen Lei Prnssia und Quetis I, 167. Albert sagt, er habe solche Bücher gelesen, aber sich nicht aufgehaltcn dabei, sein Geist habe daran keine Lust gesunden. 2) Wenn Prnssia dagegen anführt, Albert beweise ja immer, daß der Mensch allein eine Sprache habe, so beweist das nichts dagegen. Denn das mechanische Stammeln der Worte durch einen Automaten oder einen Vogel ist noch nicht menschliche Sprache. Prnssia x. 153. 3) Bd. II, p. 23 bei Jammy. 4) Ein gewöhnliches physikalisches Experiment, das also schon zu Alberts Zeit bekannt war. Man heißt das letztere jetzt die chinesischen Purzelmännchen. Es sind gegliederte Männchen, die an einer hohlen Röhre befestigt sind, in der ein Tropfen Quecksilber sich befindet. Durch die Bewegung dieses Tropfens werden auch die Männchen in purzelnde Bewegung gebracht, die sich auf einer schiefen Ebene fortsetzt, bis diese Ebene endet. 5) Meteor. lib. III, p. 100. Sighart, Albert d. Große. 6 82 Kapitel XI. mit Wasser gefüllt, die Oeffnungen werden verstopft, und dann stellt man es an das Feuer. Da entsteht Dampf im Gefäß, dieser nimmt immer mehr an Stärke zu, dis er durch eine der Oeffnungen gewaltsam herausbricht und das Wasser weit über die umliegenden Dinge hinans- stößt. Oder wenn es unten herausdricht, schlendert es durch die Gewalt des Dampfes Brände, Kohlen und heiße Asche weithin. Man heißt ein solches Gefäß meistens Susflator (Blaser) und gibt ihm gewöhnlich die Gestalt eines Menschen, der bläst Z." Wir sehen also aus diesen Stellen, daß Albert wirklich solche Menschcnfigurcn bei seinen physikalischen Studien und Vorträgen benützt habe. Die Sage, welche den hl. Thomas mit einem solchen Automaten im Zimmer des Albertus Zusammentreffen läßt, ist also keineswegs so ganz ans der Luft gegriffen. Es ist nach diesen Andeutungen sogar sehr wahrscheinlich, daß Albert selbst eine solche Figur- gemacht hatte, die einige Schritte zu machen und das Wort Salve! zu sprechen vermochte. Durch das Anziehen des sie bedeckenden Vorhangs kam vielleicht der ganze Mechanismus in Bewegung^), so daß wir uns die Sage so ziemlich als historisches Faktum zu denke» vermögen. Auch andre physikalische Versuche der Art schildert er in seiner Natnrgeschichte und redet von seltsamen Naturdingen, die er zum Geschenke bekommen und bei sich ausgestellt hatte. Was endlich den Zanberbccher betrifft, von dem wir oben gleichfalls sprachen, so ist uns die Erklärung des Räthsels möglich, da derselbe sich noch jetzt in der Wallraffischen Sammlung zu Köln befindet. Es ist ein gewöhnlicher Trinkbecher, dessen Boden ans zwei Metallplatten besteht, deren obere durchlöchert ist. Zwischen beide Platten war Spießglanz (Lirtürronimn) eingelegt. Wurde nun Wasser in den Becher eingegosscn, so löste sich vom Spicßglanz ein Theil langsam auf, und das Getränk wirkte abführend. War aber Wein eingegosscn, so ging eine mächtigere Auflösung vor sich, und der Trank reizte zum Erbrechen. So hatte Albertus also hier eine Universalmedicin, er konnte die beiden 1) Auch dieses Instrument hat sich !n unfern physikalischen Hvrsälcn und Kabi- ncteu erhalten. Man heißt es aber jetzt Xoolipit, weil man diese Wirkung früher dem Xcolns, dem Winde, zuschrieb. 2) Wir bemerken, daß der große Maler Leonardo da Binci eine ähnliche Vorrichtung in seinem Zimmer hatte. Es stellte einen kleinen Schlauch vor; durch Treten eines Blasebalgs wuchs dieser aber so, daß er bald das ganze Zimmer erfüllte. Vgl. Vasari im Leben des Leonardo- Wie viel Wahrheit in jenen Sagen liege w, 83 Hauptprozesse der Heilkunde herbeiführen und bewirkte dadurch ohne Zweifel die Heilung vieler Krankheiten Z. Solche ganz ungewöhnliche Dinge und Experimente Alberts mußten bei den Schauenden natürlich großes Aussehen erregen, man erzählte sich das Gesehene, bald legten sich der Wahrheit Ucbcrtreibnngcn an, man redete von den Geistern und seltsamen Gästen, die man bei ihm sähe, mit denen er in seiner Zelle verkehre, und der Rnf eines Zauberers war gemacht. Es war daher natürlich, daß man ihm auch beilegte, was von andern wundersamen Männern und Ereignissen erzählt wurde, so daß der Name des Albertus bald die Tafel wurde, an welche des Volkes Phantasie alles Außerordentliche, Sonderbare und Geheimnißvolle früherer und späterer Zeiten mit Emsigkeit hinschrieb ^). Und so erklärt sich, wie jene Fülle von Sagen sich allmählig angchänft hat, deren Mittelpunkt Albertus bildet, und die wir oben kennen gelernt haben. Kapitel xn. Der selige Albertus wird Provinzial des Ordens in Deutschland. An fünf Jahre hatte Albertus also in Köln wieder zugebracht in gesegneter Wirksamkeit als Regent der blühendsten Schule, als fruchtbarer Schriftsteller und als hochgeehrter Führer der Seelen^). „Er leuchtete jetzt," sagt Rudolph, „im Umkreise der Kirche wie die hellstrahlende Lampe im Lager Israels." Und Prnssia vergleicht ihn mit einem Sterne, der alle an Glanz übertrifft. Obwohl nun Albertus Ehrcnstcllen und Ruhm mit großer Gleichgültigkeit betrachtete, und sich nirgends heimischer fühlte als in seiner Zelle und bei der friedlichen Beschäftigung mit den Wissenschaften, so konnte es doch nicht fehlen, daß Aller Angen sich auf ihn wandten 1) Solche Becher mit obiger Einrichtung besaßen die meisten Klöster auch in Bayern bis in die neueste Zeit herab, bis zur Auslosung derselben. Es halte sich also hier eine Albertinische Erfindung bis zur Gegenwart im Gebrauch erhalten. 2) Es wäre daher nicht unmöglich, daß die Gothik in manchen Büchern (nach Heideloff) ars ^Ibartina hieß, um nur das in ihr liegende Geheime, Zauberhafte, Schwierige anzudeuten, ^.lderlina wäre dann soviel als mxstiea überhaupt. Man hat daher später alle sogenannten Zaubcrbüchcr seionlia widert! betitelt. N Prussia (S. 251) berichtet ausdrücklich, daß er scbr eifrig die Beichten der Leute ausgenommen und noch Bußen von sieben Jahren aufgelegt hat. 6 * 84 Kapitel XII. und daß besonders die Ordensgenossen ihm noch einen weitern Kreis der Wirksamkeit crössncten. Im Jahre 1254 ') wurde das Provinzialkapitel des Dominikanerordens zu Worms abgchalten. In der Ucber- zeugung, Niemand sei würdiger des Vorsitzes, wählten die versammelten Prioren nnsern Albertus zum Provinzial des Ordens sür Deutschland. Welch ein reiches Feld der Thätigkeit erösfnete sich hier abermals dem großen Manne! Es galt ja, den geliebten neuen Orden an hundert Stätten neu zu pflanzen, oder die neu- erblühcndcn Pflanzungen zu kräftigen durch Rath und That, sie zu erhalten in der Glut der ersten heiligen Liebe, sie zu bewahren vor den drohenden Schlangen des sittlichen Verderbens! Und die deutsche Provinz umfaßte damals bereits alle Länder von den Gränzen Ungarns bis zu den Ausflüssen des Rheins, also Oestreich, Bayern, Schwaben, Elsaß, das Rheinland bis Geldern und Utrecht, dann Holland, Seeland, Fricsland, Brabant und Flandern, dann wiederum Westphalen, Hessen, Sachsen, Thüringen, Meißen, Holstein, Schleswig und die Städte in den Sümpfen, zu denen Lübeck gehört^). Also welch ein großes Gebiet der Entfaltung war dem apostolischen Eifer des Albertus eröffnet! Seiner geliebten Zelle und dem stillen Betrieb der Wissenschaft Lebewohl sagend, weil es der Gehorsam, Gottes Ruf, verlangte, mußte er jetzt die dornenvolle Oberleitung so vieler Klöster und Mönche übernehmen. Und auch hier zeigte er sich als guten Haushalter des Herrn und als wahren Hirten seiner Heerde. Vor Allein ging er selbst voran in strenger Haltung der Gelübde des Ordens, im Streben nach apostolischer Vollkommenheit. Obwohl bereits im Alter vorgerückt, machte er doch alle Visttationsreisen zu Fuß, den Wanderstab in der Hand. Kein Reisegeld trug er im Gürtel'), sondern als treuer Liebhaber der evangelischen Armnth bettelte er mit seinen Brüdern, wenn cs nöthig war, den nvthwendigcn Lebcnsbedarf von Thür zn Thür. Und es fehlte den Armen um Christi willen nie der gütige Helfers. Um auch diejenigen seiner Gefährten, welche die Armnth weniger liebten, dazu anzuspornen, gab er ihnen überall das glänzendste Beispiel. In den Klöstern, wo er sich aufhielt, schrieb er 1) Prusfia S. 202. 2) Rudolph nennt die letzteren'Städte die sumpfigen. Prusfia zählt dieselben Länder auf S. 204. 3) Prusfia a. a. O. und Rudolph. Schuhe trug er, denn er zieht im Commentar zu Lukas gegen die Discalceaten zn Feld und nennt sie Häretiker. 4) Rudolph. Der sel. Albertus wird Provinzial des Ordens in Deutschland. 85 Bücher mit eigener Hand und ließ sie dann bei der Abreise zurück, theils um das Haus für das Wenige zu entschädigen, was er genossen, theils um den Brüdern auch von den Früchten seiner Wissenschaft mit- zutheilen. Denn er war neidlos in der Wissenschaft, sagt Prusfia. Besonders aber that er dieß, nm zu zeigen, daß er kein Eigenthum haben wolle, daß er selbst die von ihm geschriebenen Bücher nicht als sein Eigenthum betrachte. Indem Albert selbst also im Glanze evangelischer Armnth voranlcuchtctc, konnte er auch von den Brüdern das Gleiche verlangen. Daher erließ er an die verschiedenen Häuser seines Ordens in Deutschland, da er selbst nicht in alle gelangen konnte, ernste Briefe der Mahnung und Drohung. Einen solchen theilt uns Prusfia') mit. Er lautet: „Den geliebten Brüdern in Christo, den Priorcn und Conventen des Predigerordens in Deutschland, wünsche ich Bruder Albert, Provinzial und Diener der Predigerbrüder jener Provinz, Heil und brüderliche Liebe in Christo. Damit das Laster des Eigenbesitzes, das nnserm heiligen Gelübde der Armnth so sehr entgegen ist, sich nicht einschleichcn kann, will ich, daß keiner der Brüder Geldstücke oder etwas besitze, was er nach seinem Gutachten oder zu seinem oder Andrer Nutzen verwenden kann, auch nicht, wenn sein Oberer weiß, wo jenes Geld oder Gut ist oder wozu es ansgegeben wird. Denn wenn Einer anders handelt und ohne Wissen des Obern solche Dinge ausgibt oder znrückbehält, nm sie nach seinem Gutdünken oder seiner Meinung anszngebcn, den werde ich als einen Eigenthum-Besitzenden betrachten und als einen Verletzer unsrer Regel nach den Gesetzen bestrafen." — Welch ein heiliger Ernst ihn aber hiebei beseelte, sehen wir aus einem Beschluß, der auf jenem Kapitel in Worms, wo Albcrts Wahl zum Provinzial geschah, gefaßt wurde. Man hatte nämlich vernommen, daß bei einem Laienbruder (conversus), der in Petan in der Salzburger Diöcesc gestorben war, Kleider und Geld gefunden worden, die er ohne Wissen seines Obern gehabt hatte. Da beschloß das Kapitel, der Leichnam jenes Bruders sollte wieder ausgegraben und in ungeweihtcr Erde bestattet werden. So verfolgte der heilige Eifer des Albertus und jener Priorcn den Verbrecher noch nach dem Tode, wie einst Ananias und Saphira vom Apostelfürsten ob des gleichen Vergehens die schreckliche Strafe empfingen ^). Aber auch noch andre Verordnungen erließ Albertus, um die Liebe zur heiligen Armnth zu zeigen und aufrecht zu erhalten. Auf demselben 1) Seite 212. 2) Prusfia (S- 212) und Rudolph, 86 Kapitel XII. Kapitel zu Worms entstand auch folgende Vorschrift: „Wer innerhalb der Gränzcn das Predigtamt ansübt, darf sich zum Reisen durchaus keines Wagens bedienen und ohne gerechte Ursache darf er anch mit Niemand ans dem Wagen oder Zwicgespann fahren. Gerechte Ursachen nennen wir aber, wenn man durch eine Wildniß geht, wo keine Herbergen (Irospütiu) oder Lebensmittel gefunden werden, oder wenn man zu einem Kranken eilen muß, wo Gefahr ans der Verzögerung ruht, oder wenn man einen Außen erkrankten Bruder zu Wagen nach Hanse bringen muß, oder wenn ein Fürst uns dringender Ursache an einen Ort beruft, wohin man ohne Verzug eilen muß. Wer dagegen handelt, erhalte für jeden Tag die Disciplin in Mitte und vor den Angen aller Brüder, und auf der Erde sitzend soll er fasten bei Wasser und Brod. Und diese Strafe darf nicht durch Dispensation nachgelassen werden." Solches war in Worms beschlossen worden. Als dann im folgenden Jahre zu Augsburg') die Kapitclversammlnng gehalten wurde, wobei Albert wieder den Vorsitz führte, kam jenes Gesetz in seiner vollen Strenge zur Anwendung. Es wurde folgendes Urtheil erlassen: „Dem Prior von Rheims legen wir ans wegen des Fahrens und wegen Aufnahme zweier Laienbrüder, wozu er keine Erlanbniß hatte, sieben Tage Buße in Wasser und Brod, fünf Psalter und fünfmal die Disciplin (Geisclnng); dem Prior von Minden fünf Tage in Wasser und Brod, fünf Messen, drei Psalter und dreimal die Disciplin, weil er reitend zum Kapitel gekommen; den Brüdern zu Trier, welche Weibspersonen in ihren Chor, in das Kloster, den Garten und in die Ar- bcitslokale eingeführt haben, drei Tage bei Wasser und Brod, drei Psalter und drei Disciplincn. Ebenso sollen die Brüder, welche in diesem Jahre zu Wagen oder zu Pferd zum Kapitel gekommen sind, oder sonst ohne Nvth und Erlanbniß fahren und reiten, Strafe für ihre schwere Schuld empfangen!" Wir sehen aus diesen Verfügungen des Albertus, welch eine hohe Strenge der Sitten damals auch bei uns in Deutschland in den Klöstern der Prediger geherrscht hat. Selbst das nnS Erlaubt- oder Gleichgültigscheinende wird hier mit harter Strafe gebüßt, weil es dem Geiste des armen Ordenslebcns zuwider scheint. Und trotz dieser äußersten Strenge, welche in dem Orden gehandhabt wurde, reichten doch anch in Deutschland bald die gegründeten Häuser nicht mehr hin, um die 1) Damals kam Albert als» auch nach Augsburg. Echard meint, im September 1255 sei jene Versammlung in Augsburg gehalten worden. Vgl. Leripl. I, 168. Der sel. Albertus wird Provinzial des Ordens in Deutschland. 87 dier Aufnahme suchenden edlen Männer zu fassen! Das ist wahrlich ein Zeichen, daß dieser Drang nicht vom Fleisch und Blut ausgegangcn, sondern vom Geiste Gottes, der dadurch das Antlitz der Erde verjüngen wollte. Noch ein andres Gebot ist uns aufbewahrt, das Albert als Pro- rinzial des Ordens in einem Briefe P bekannt gemacht hat. Nach der gewöhnlichen Begrüßung schreibt er: „Die Erinnerung und die tägliche Sorge um das Amt, das ich durch den Gehorsam gebunden zu vergalten habe, veranlassen mich, die Ermahnungen, welche ich den beim Provinzialkapitel anwesenden Brüdern gegeben, auch euch Abwesenden mtzutheilen. Damit die Sorge über die mir anvertrauten Brüder, der ich allein nicht genügen kann, durch die Prioren der einzelnen Hauser wirksamer ausgeübt werden kann, so verfüge ich, was das Gcneralkapitel schon lange als heilsam angerathen und das Provinzial- kasitcl damit übereinstimmend befohlen hat, nämlich daß jeder Bruder einmal im Jahre sein Gewissen seinem Prior eröffne und alle Sünden bestnne, in denen er sich befindet, damit er das Antlitz seiner Seele (joertoris?) erkenne." Dnrch diese Verordnung hat Albertus offenbar dahin wirken wollen, daß die Tugend der Demnth in den Herzen der Brüder vor Allem wachse, da er solche Demüthignng von ihnen verlangte. Aber auch den Obern sollte dnrch dieses Mittel die Benrthcilung und Führung der ihren übergebenen Brüder erleichtert werden. So hat Albert als Provinzial des Ordens sich gezeigt als eifrigen Säcmcnn aller heiligen Tugenden und als emsigen Vertilger aller Mißstände. Auf seinen Antrieb wurden auf den Kapiteln, die zu Worms, Augsbmg, Erfurt und Rcgcnsburg stattfandcn P, viele heilsame Dekrete erlrssen, die zur Begründung und Verbreitung des Ordens von großer Nichtigkeit waren. Dieser wuchs auch unter seiner Leitung in Deutschland mit unglaublicher Schnelligkeit. Kurz, Albert darf als ein zweitr Dominikus, als zweiter Begründer des Ordens in Deutschland betrachtet werden P. Und er erscheint uns hier zuerst als ein Mann, dr nicht bloß die Gabe der Wissenschaft und Weisheit, sondern auch ne seltene Gabe des Rcgierungstalcntes (oliurisinu Auber- nutionis) vun Herrn erhalten hatte. 1) Prussia S. 211. 2) Nudolp. 3) Nudolpt Kapitel xm. Der selige Albertus eröffnet das Frauenklojter Das Feuer der göttlichen Liebe, welches die Jünger des heiliger Dominikus und Franziskus allüberall durch Wort und That wieder anzufachen strebten, erfaßte auch in Deutschland nicht bloß Schaare» von Männern, die sich dem völligen Dienste des Herrn Hingaben, sondern auch das Frauengeschlccht, das nach gleichem Opfer verlangte Als die Frauen sahen, wie die Bettelmönche die Wege höherer Vol- kommcnheit wandelten, da ergriff auch sie wunderbare Sehnsucht, nach den gleichen Gesetzen zu leben, dieselben sicheren Pfade des Heiles ftl gehen. So entstanden bald auch in Deutschland Frauenklöster müder Regel des heiligen Dominikus. Und eines der berühmtesten derselben führt seine Eröffnung ans unfern Albertus zurück. Da diese Stiftung in jene Zeit seines Provinzialats (in das Jahr 1252) sillt, müssen wir hier darüber Bericht erstatten. Der ganze Vorgang läßt uns aber einen Einblick thnn in das Leben jener Zeit, in die Wirkungen des göttlichen Wortes ans Jung und Alt, Hohe und Nicderc, und in die aus dem Glauben entspringende Opferwilligkeit jcncrTagc für das Reich Gottes. Und auch Albertus erscheint uns hier ff ganz als einfacher, frommer Ordensmann, dessen Seligkeit nur die Rettung und höhere Vollkommenheit der Seelen ansmacht. Es ist diescc Vorgang eine liebliche Friedens-Idylle in Alberts Leben gegeniocr der sturm- und streitvollcn Periode, die sich bald vor unfern Aigen entfalten wird. Darum will ich darüber eine ausführlichere Mitthci- luug machen ff, indem ich mich größtentheils an die rührend einfache Erzählung des Bruders Rudolph halte ff. Er berichtet also: „In der Diöcese Köln liegt die Stidt Soest, damals überreich an zeitlichen Gütern. Als dort ein Brndc: des Predigerordens, Namens Eberhard, öfter das Wort Gottes verkikdet hatte, 1) Uebrigens benütze ich auch die Abhandlung: Geschichte der Stiftung des Klosters Paradies bei Soest von Kreisgerichtsrath I. Seibertz in de: Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Alterthumsknnde. VII. Bd. Münster 18Z. S. 287 u. ff. Der Verfasser hat sich an den Bericht des Zeitgenossen Heinrich von Osthoven gehalten. 2) Auch Prussia berichtet von dieser Stiftung S. 271, Der sel. Albertus eröffnet das Francnkloster Paradies. 89 entschloßen sich auf seinen Rath mehrere Edle der Umgegend, ebenso groß an Ehren wie reich an Schätzen, ihre Töchter Gott dem Herrn als jungfräuliche Dicnerincn zu weihen." Ein Zeitgenosse, Heinrich von Osthovcn, erzählt uns die Vorspiele jener Klosterstsftung mit noch größerer Genauigkeit'). Er sagt, der erste Gedanke zur Stiftung eines Nonnenklosters der Dvminikanerinen am Orte, wo dann Paradies entstand, sei vom Ordensgeneral Johannes ansgcgangcn, der i. I. 1252 nach Soest kam. Dieser hatte den Bruder Eberhard Clodt beauftragt, der sicb wieder obigen Heinrich von Osthovcn als Gchülfcn erwählte, an jenem Orte Gründe zu einer Niederlassung des Ordens zu erwerben. Obgleich zahllose Schwierigkeiten sich erhoben, und überall Feinde ausstandcn, das gute Werk zu hindern, so gewannen die Brüder doch mehrere Grundstücke und Häuser daselbst, nnd eine große Schaar edler Frauen und Jungfrauen meldete sich znm Eintritt. Ritter Arnold von Widenbrügge, gerührt durch die Flammenworte der Prediger, kam mit Frau nnd Töchtern, um sich und all 'das Seine dem Herrn zu weihen. Ritter Gerhard von Lo nnd seine Gemahlin Agnes brachten ihre beiden Töchter; Adelheide von Rothcim zog sammt ihrer Tochter ein, Heinrich von Rüden mit Frau nnd Tochter; Christine von Dortmund brachte ihre Tochter sammt Gebäuden nnd Bcsitzthümern dem Herrn zum Opfer, nnd so noch mehrere Herren nnd Bürger der Umgebung. Auf solche Weise waren also die Seelen nnd die Mittel für den Lcbcnsbcdarf der künftigen Bewohnerinen des Klosters erworben. Hören wir sofort wieder Rudolphs Bericht: „Nun bezogen die Frauen nnd Jungfrauen eine gemeinsame Wohnung nnd begannen den Weg der Vollkommenheit zu wandeln, ohne sich noch an eine bestimmte Regel zu halten, oder gewisse äußere Abzeichen zu tragen. Aber bald verbreitete sich der Ruf dieser vornehmen Jungfrauen wie der Duft einer edlen Nardc weithin, und immer mehrere begehrten mit Sehnsucht, gleichfalls ihr Leben nach der Weise jener einzurichtcn. Da erkannte man die Nothwendigkeit einer festen Gestaltung nnd sichern Ordnung dieses heiligen Unternehmens. Darum holte der Ritter Arnold ^), ein Ministerialc des Bischofs von Osnabrück, den weitberühmten Diener Gottes Albertus herbei, auf daß er ein 1) Bei Seibertz a. a. O. S- 284. 2) Heinrich von Osthoven schildert ihn also: Er war ein sehr angenehmer Mann, groß von Körper, streng mit Waffengenossen und in jedem Waffendienste geübt; sehr beredt, treu nnd aufrichtig in Nathschlägen, den Feinden furchtbar, seinem Bischöfe und der Kirche, Freunden und Verwandten eine treue Stütze, Bei Seibertz, S. 287, 90 Kapitel XIH. Frauenkloster nach der Regel und mit der Kleidung des heiligen Dominikus durch seine Autorität und Weisheit begründe. Albertus kam. Und da er wahrnahm, wie die ganze fromme Genossenschaft, von Verachtung der Welt erfüllt, bereit sei, nach dem Geruch der Salben des Bräutigams zu laufen, pries er Gott mit glühender Seele. Er sprach mit ihnen über die Regel des Ordens und über die Klausur, der sie sich unterwerfen müßten. Und wie er diese Seelen ganz in der Liebe Gottes begründet sah, bestimmte er den Tag, an dem er diese kostbaren Edelsteine und ansgcwähltcn Blumen von den Töchtern der Welt scheiden und an den Ort führen würde, wo sie Christo, dem Bräutigam der Jungfrauen, als kluge Jungfrauen mit bereiteten Lampen immer dienen könnten. An einem Freitage, als er die Messe vor jener Jnngfrauenschaar in Gegenwart mehrerer Ritter und Adeliger gelesen, führte er sie in Begleitung des Klerus und des Volkes in kirchlicher Prozession zu jenem außerhalb der Stadt gelegenen Ort, der damals Alvoldinghusen ') hieß. Die Jungfrauen gingen mit bloßen Füßen einher und in arme Kleider gehüllt, indem sie Alles und sich selbst dem Orte geschenkt hatten, wo sie nun für immer bleiben wollten. Vor dem Altäre in einer alten Kapelle der heiligen Jungfrau, welche sich damals dort befand, nahm Albert ihnen das Gelübde ab, daß sie sich und ihre Nachfolgcrinen dem Orden des heiligen Dominikus unterwerfen wollten." Dazu sagt Heinrich von Osthoven: „Er zeigte ihnen in einer feurigen Anrede, wie sie nach der Regel des heiligen Augustin und den Satzungen des Ordens der Predigcrbrüder leben, um Gottes willen die Gemeinschaft lieben, alle Eigensucht verachten, demüthig, geduldig, ohne Murren, ohne Zögern und sogleich heiteren Muthes gehorchen müßten; wie sie ihren Wandel einrichten, ihre Beschäftigung ordnen, sich unter einander einträchtig lieben und dadurch der Wohlthaten, die ihnen der Orden gewährte, würdig zeigen müßten. Er erinnerte sie an die Bedeutung der Gelübde und versprach für deren Haltung den Lohn des Himmels." „Darauf schloß sie der selige Vater Albert unter einem Strome heiliger Thränen ein zu ewiger Klausur und zur Haltung der Regel, während alle sangen: Das Reich der Welt und alle Zier dieser Zeit habe ich verachtet ob der brennenden Liebe meines Herrn Jesus Christus! Als dieses geschehen, ertheilte er Allen den himmlischen Segen. „Bei dieser Feier gab er auch mit Bewilligung des apostolischen Legaten, des Kardinals Hugo, den beiden Töchtern des oben genannten Arnold, Gertrud und Oda, die Erlaubniß, von dem Benediktinerorden 1) Alvenshansen. Der sel. Albertus eröffnet das Frauenkloster Paradies. 91 (Büren) in das neugegrünbete Kloster übcrzugehen. Ihr Vater Arnold selbst verließ die Welt, zog das Ordcnsgcwand des heiligen Dominikus an, um sich ganz dem Dienste Christi zu weihen, und die zeitliche Sorge für die neue Stiftung zu tragen '), während seine Gemahlin Kunigunde als erste Oberin des neuen Klosters aufgestellt wurde. So hatte sich die ganze Familie in heiliger Liebesbegcisternng das höhere Leben der Vollkommenheit erkoren! „Von nun an wurde nach Arnolds Willen dieser Ort Paradies genannt, theils wegen der Schönheit feiner Lage, theils aus einem geistigen Grunde. Wie nämlich die Stammeltern ob ihres Ungehorsams die Freuden des Paradieses verloren hatten, so sollten hier die Bräute Christi streben, ans dem Wege des Gehorsams zu den Freuden des Paradieses wieder zurückzugclangcn!" So lautet Rudolphs Bericht. Albert verweilte in diesem neuerrichtcten Kloster einige Zeit mit Lust. Während dieser Tage gab er den Schwestern noch heilsame Lehren. Er ermahnte sie dringend, ja nicht durch die Aufnahme zu vieler oder nicht sorgfältig ausgewählter Personen, durch die Errichtung von Bauten, welche ihre Kräfte überstiegen, sich und das Kloster zu Grunde zu richten, sondern sich zu gedulden, bis sie durch Erwerb, durch Wvhl- thaten und Almosen der Gläubigen so weit gekommen, daß sie ohne Verletzung und Hemmung der Ordensdisciplin, anderweitige Gebäude errichten könnten Z. Später, nachdem Albert mit der bischöflichen Würde geschmückt worden, kam er wieder an diesen Ort, um die unterdessen neugcbante Kirche zu weihen^). Und so hat uns dieses Bild unfern großen Meister gezeigt, wie er als praktisch erfahrener, seclencifriger Ordensmann eine sichere Arche zimmert, in deren Räumen jene reinen Tauben des Herrn Zuflucht finden vor den verderbenden Wogen der Sündfluth dieser Welt. t) Als Procurator des Klosters. Seine Verdienste um selbes schildert Seiberß S. 287. Er trug den Brüdern Leim Betteln sogar den Sack- Ebend. 2) Seibertz nach Heinrich von Osthoven- Leider konnte Hr. Seibertz nicht den Originaltext, sondern nur einen Auszug geben. 3) Rudolph. Kapitel XIV. Der selige Albert wird nach Polen gesandt, um die Neberresle des Heidenthums auszurotten. In jenen Jahren erging an Albert sogar der Rnf des Oberhirten der Christenheit, hinzuziehen zu Völkern, die noch von den Finsternissen der Unwissenheit umhüllt waren und noch zum Theil im Todesschatten des Heidenthums saßen'). Es waren dieses die Bewohner Polens und der Nachbarländer. Zwar hatte Polen bereits vor zwei Jahrhunderten das Licht des christlichen Glaubens empfangen, es hatte selbst schon zahllose Kämpfe gegen die heidnischen Nachbarn, die Pommern und Litthaner, um des Glaubens willen geführt, cs war durch das Beispiel heiliger Fürsten erleuchtet worden; aber dennoch war in jener Zeit in Folge der steten nationalen Zwiste und Kriege, der verwüstenden Einfälle der Mongolen und des Verkehrs mit den umliegenden heidnischen Völkern die christliche Erkenntniß außerordentlich getrübt und große Verwilderung der Sitten herbeigesührt worden. Viele der alten Gebräuche und Anschauungen des Heidenthums waren so eingewurzelt, daß sie entweder noch gar nicht ansgervttet worden, oder bei der Verfinsterung der Sonne des christlichen Glaubens alsbald wieder aus dem Verstecke wie wilde Thicre hcrvvrbrachcn. Darum hatten die Päpste bereits mehrmals außerordentliche Legaten nach diesem Lande abgesandt, um dieses verderbliche Unkraut der alten Wildheit auszureißen, nur die kirchlichen Verhältnisse festzuordncn und um die Reformation der Sitten des Klerus und des Volkes anzubahnen U- Eine solche apostolische Mission erging nun auch an Albert, wie er selbst berichtet ^). Dem Befehl des römischen Hofes entsprechend, begab 1) Nach Rudolph und Jammy, die sich auf Alberts eigne Erzählung stützen. Wenn man die Aechtheit der Politik des Albert anerkennt, was selbst Jonrdain thut, kann man jene Sendung nicht läugnen. 2) So erschien der päpstliche Legat Aegydius t. I. 1l23 in Polen, nm die Bis- lhnmer genau abzugrenzen, i. I. 1146 der Kardinal Guido, i. I. 1189 der Kardinal Johann Malabranka, i. I. 1197 der Kardinal Peter. 3) Politik VII, 14. pag. 461. Es heißt dort, nachdem erzählt worden, daß noch bei den Slaven, mit Namen Cnmani, die krnppelhasten Kinder und die gebrechlichen Greise getödtet werden: Hüne nium servant Iioclis Nomine« iraditantes in Der sei. Albertus wird nach Polen gesandt rc. 93 er sich in Begleitung von Brüdern und Geistlichen auf die Reise und kam auf vielen bösen Wegen zu den Gränzen Sachsens und in das Innere Polens. Da fand er vor Allem, wie jene Völker noch barbarische Gesetze und Gebräuche aus heidnischer Zeit beibehalten hätten Es galt als Gesetz, daß kein neugebornes Kind, das einen leiblichen Fehler hat, am Leben dürfe erhalten werden, damit den Eltern und dem Staate nicht Menschen heranwachsen, die ihnen keinen Nutzen brächten. Ja es war sogar die Zahl der Kinder bestimmt, welche die Eltern aufziehen durften, damit sie nicht am Ende wegen Ueberfülle der Kinder sie nimmer ernähren könnten. Noch mehr! Auch die gebrechlichen Greise, welche keine Arbeit mehr verrichten konnten, wurden gctödtct, und man hielt dieses sogar für ei» Werk der Pietät gegen die Eltern, weil diese dadurch von dem Elend des Alters befreit würden Z. Die Söhne zeigten selbst die Gräber ihrer Eltern, die sie auf solche Weise erschlagen. Als Albertus, durcheilend die verschiedenen Gauen des Landes, diese barbarischen Gebräuche sah, seufzte er über diese Verblendung und Ruchlosigkeit der Menschen, die sich sogar noch Christen nannten. Jene Gebräuche waren vielleicht eher zu entschuldigen bei den Heiden, denen das Licht des Glaubens nicht leuchtete, die Menschenleben, Recht und Würde der Menschen nicht achteten, aber bei Christen, die wissen mußten, daß alle Menschen als Gottes Ebenbilder und Erlöste durch Christi Blut großer Ehren würdig seien, und daß darum Niemand ein Anrecht auf einen Menschen haben könne, als wäre er nur Sache oder Gebilde der Natur, mußten solche Mißstände gewiß heilige Entrüstung Hervorrufen. Doch was bisher vergeblich war versucht worden, gelang der Energie und der überwältigenden Beredsamkeit des Albertus. Zwar finden wir über die Resultate und Mittel seiner Sendung keine ausführliche Schilderung ^); cs wird aber mit Gewißheit berichtet, daß der große Meister durch Ausgießung des göttlichen Wortes die steinernen Herzen der Menschen zur natürlichen Pietät zurückgebracht, daß er sie unter das Joch des göttlichen Gesetzes eonünidus Laxoiriao ot koloniao, siortt o§o ooeulis ineis vidi, Es wäre möglich, daß er mit seinem Schüler Thomas über Marseiste nach Paris geeilt, wo derselbe zum Schluß des Streites mit der theologischen Doktor- Würde gekrönt ward i. I. 1257. Doch haben wir darüber keine Andeutung. 3) Valoucenis tu Rsunouia (Hennegau). 112 Kapitel XVII. Flandern auf einem General-Kapitel des Ordens! Auf den Befehl des Ordensgenerals und der Definitorcn hatte er dort mit seinem Schüler Thomas von Aqnin, mit Bvnushvmo, mit Florentius und Petrus von TarentastaZ ein Statut ansgearbcitet, wie die allgemeinen Studien im Orden zu betreiben seien ^). Den Inhalt dieses Studicnplanes finden wir nirgends verzeichnet, doch wird er als sehr geeignet und vortheil- haft für jene Zeit geschildert ^). Zugleich wurde Albertus hier auf seine dringenden Bitten von der Last des Provinzialats befreit. Denn wir lesen in den Statuten jenes Cvncils auch die Worte: „Wir entheben die Provinziale von Deutschland, von Palästina und von der Provence ihres Amtes Z." Also war Albertus jetzt der drückenden Bürde entledigt und konnte hoffen, wieder ganz der geliebten Wissenschaft leben zu können! Das sind die wenigen Züge, die uns über Alberts äußere Wirksamkeit in jenen Jahren berichtet werden. Auch von Schriften, deren er gewiß damals geschaffen, haben wir keine sichere Andeutung. Doch ist große Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß Albert damals den Kommentars zum Evangelium des Matthäus geschrieben, der in der eigenen Handschrift des Albertus sich noch erhalten hat und in Köln aufbewahrt wird o). Man sieht an dieser Handschrift, mit welchem Fleiße und welcher Sorgfalt er seine Werke auf das Pergament niedcrschrieb, nirgends ist eine Spur von leichtfertiger Flüchtigkeit, von Unachtsamkeit, Alles ist in gerader Linie, sicher, sauber und kräftig geschrieben. Gewiß auch ein Zeugniß für das geordnete Seelenleben des Meisters! Wenn wir dieses exegetische Werk des Albertus in diese Jahre verlegen, so haben wir den Grund, daß er auf diese Schrift im Kommentar zu Lucas, den er als Bischof von Regensburg verfaßte, öfter verweist Z. Was den Charakter dieses Werkes betrifft, so ist er derselbe, den wir schon an andern exegetischen Schriften des Albertus 1) lieber diese Männer vgl. Echard und Quetif Script, vom. I, 140. 2) In den Akten heißt es: ve manäato mag-istri et äiltirutorum aä promo- tioirem stnäii orämatum est per Iratres Lonumlrominem, vlorentinm, Xtbertum ll'eutonieum, Mromnm äs Xquino, vetrum äe varentasia, ma§istro8 Oreoloxiae knrisiis, qui intertuerunt äicto enpitulo, ipuoä leetores etc. velrarä I, 140. 3) Bei Echard a. a. O. 4) Echard und Quetif I, 168. 5) Jammv Bd. VIII. 6) Wir werden ihn später ausführlich beschreiben. 7) Z. B. Cvmmentar zu Lucas eap. XI, p. 47. Der sei. Albertus wieder als Provinzial in Deutschland re. 113 betrachtet haben. Aus dem reichen Inhalte aber führe ich hier nur Einiges an, was zur heiligen Sage und Symbolik des Mittelalters gehört. Die Embleme der Evangelisten erklärt Albertus so, daß er sagt: „Matthäus habe den Menschen als Symbol, weil er die Menschheit Jesu in seiner Geburt besonders geschildert, Markus habe den Löwen, weil er Christum als Löwen in der Auferstehung gezeigt, Lucas das Rind, weil er den Heiland im Leiden besonders uns malt, Johannes den Adler, weil er die Himmelfahrt berichtet." Ferner sagt er: „Die Apostel des Herrn wurden vorgebildet durch die zwölf Söhne Jacobs, durch die zwölf Quellen, durch die zwölf Steine am Kleide des Hohenpriesters, durch die zwölf Steine am Jordan, durch die zwölf Sterne der Apo- calypse. Jesus soll 7 Jahre in Aegypten geweilt und das Alter von 32^ Jahren erreicht haben. Die Pflanzen, welche unter dem Saume des Kleides Jesu wuchsen, hatten dieselbe Heilkraft, wie dieser Saum selbst. Jacobus fastete, bis er den Herrn nach der Auferstehung sah. Anna hatte von drei Männern drei Töchter, die alle Maria hießen." So viel von diesem Werke! Dagegen besitzen wir eine Schilderung der Erscheinung und Wirksamkeit Alberts in jenen Jahren, die hier eine Stelle finden möge. Sie ist entnommen dem Berichte eines Zeitgenossen und Freundes des Albertus, nämlich des Ordensgencrales Humbert von Nomone'), und lautet also: „Der ruhmreiche Mann, Bruder Albert, brachte wie der Baum des Lebens in Mitte des Paradieses Früchte der Ehre und der Gnade ohne Unterlaß. Der äußern Erscheinung nach war er von angenehmer Gestalt und stark an Kraft. Er hatte einen Leib nach den schönsten Verhältnissen gebildet^), ganz geeignet zu allen Anstrengungen im Dienste Gottes. Seit der Zeit, wo er in den Orden eingetreten war, ging er eifrig den Weg der Gerechtigkeit in Beobachtung der Regel und in Abtödtung des Fleisches, und so suchte er über den verfolgenden Feind durch langes Martyrium zu triumphiren. Die Nacht in Gebet und Betrachtung oft durchwachend, brachte er das Opfer seiner selbst am Altäre des Herzens im Gebete. Bei Tag aber feierte er auf dem sichtbaren Altäre die göttlichen Geheimnisse mit reinstem Herzen und brennender Liebe. Immer war er beschäftigt, sei es mit Lesen, Schreiben, Diktiren, Predigen oder mit Beichthören ^). Niemals 1) Rudolph theilt diesen Bericht mit, indem er sagt, er habe ihn nur in andre Worte gekleidet. 2) Aßo schön an Leib und Seele war er! 3) Prussia führ! aus dem Berichte eines Zeitgenossen an, daß Albert noch Sighart, Albert d. Große. L 114 Kapitel XVII. ließ er den Geist ruhen von göttlichen Werken. Und da in böse Seelen die Weisheit nicht eingcht und nicht wohnt in einem der Sünde dienenden Leibe, so bewahrte er, um die heiligen Schriften, welche er anf's Innigste liebte, mit Frucht lesen zn können, immer die Reinheit seines Gewissens. Durch die Flamme der Liebe entzündet, arbeitete er am Heile des Nächsten und brachte unsägliche Frucht; nicht bloß in Deutschland, sondern fast durch die ganze Welt wirkte er mit herrlichem Ruhme durch heiliges Beispiel, durch Frömmigkeit, durch wunderbare Gelehrsamkeit und Ausrottung der Jrrthümer. Frisch und lieblich war er im Ermahnen, streng im Tadeln, dem Laster ein tödtlichcr Feind. Er war auch darin ein Muster der Seelengröße, daß er bei der Sorge für die Seelen und im göttlichen Amte nicht die Könige und Mächtigen vorzog. Als ausgezeichneter Prediger wog er an der Wage der Gerechtigkeit Alles ab und thcilte den Einzelnen das mit, wessen sie bedurften, ob er zu Hohen oder Niedern sprach, und traf Alle mit dem Pfeile der Wahrheit. Wo er weilte, erbaute er Alles, in Beobachtung der Demuth und Armuth, welche die Ordensregel erfordert, zeigte er sich als einen evangelischen Mann. Wenn er die Klöster visitirte und die Diener Gottes zum heiligen Eifer durch gar liebliche Reden ermahnte, wurde das Wort Gottes, welches aus seinem Munde ging wie ein Quell des Paradieses, gar gerne gehört. Mit welcher Sorgfalt er über die Ordenslente wachte, bezeugen die Dekrete seiner Verordnungen, die noch in vielen Klöstern gefunden werden. Da er manchmal, sei es ans Auftrag des apostolischen Stuhles, sei es auf Bitten der Bischöfe in ihren Sprengeln die Klöster der Mönche, Regular-Kanoniker und Klosterfrauen besuchte, damit er sorgfältig erforsche, was dort gegen die Regel und Vollkommenheit wäre, da brachte er Alles, was er auf dem Acker des Herrn verirrt sah, mit wunderbarem Eifer auf den Weg des regelgetreuen Lebens zurück. Und er ging hiebei selbst bis zum. Brennen, wenn es nothwendig war. Die Lampe der guten Werke in Allem vvraustragcnd, was Gottes ist, führte er die Einen freiwillig, die Unfreiwilligen zog er mit sich. Da er so ein Spiegel der Tugenden ohne Mackel war, so daß man von ihm auch sagen konnte: Es wurde kein Mann ihm ähnlich erfunden, der so das Gesetz des Allerhöchsten erfüllte, wurde er, den Gott mit großer Gnade überhäufte, auch von Allen geliebt. Er rühmte sich aber dessen nicht, sondern schrieb Alles der göttlichen Gnade zu. Da er von Bußen von sieben Jahren als Beichtvater gegeben, daß er aber so weise den Büßern zuzusprechen wußte, daß sie gerne so strenge Bußen aus sich nahmen. Der sel. Albertus wieder als Provinzial in Deutschland re. 115 tiefer Demnth erfüllt war, erkannte er gut den Geist des Hochmuths, der ans solchen Umständen zu erwachsen pflegt, und wich den Geschossen des Feindes ans, damit er nicht durch die Dünste des menschlichen Lobes in den Abgrund der Hoffahrt falle. Wie das lebendige Wesen vor Gottes Antlitz, so wandelte er vor ihm, bereit, immer dahin zu gehen, wohin der Antrieb des Geistes ihn führte. Er war ein Verächter der irdischen Ehre und schätzte die Tiara und den Bischofsstab nicht höher, als den Sack und den Stecken des Mönches, und liebte in diesem Leben Nichts als Christum und seine Gerechtigkeit." Sv wird uns also die Persönlichkeit des Albertus in jenen Tagen geschildert. Die Glorie aller Tugenden umstrahlt sein Haupt. An Leib und Seele von höchster Anmuth und Kraft, steht er da in Mitte seiner Brüder. Kein Wunder also, wenn dieses herrliche Licht jetzt noch auf einen Leuchter der Kirche gestellt wurde. Kapitel xvm. Der selige Albertus wird zum Bischof von Negensburg erwählt. Die ruhmreiche Kirche von Regensburg, wo einst Albertus schon als Lehrmeister mit Segen gewirkt, war um jene Zeit in arge Zerrüttung gerathen. Bischof Albert I., ein Graf von Pötti- gau, verwaltete sein hohes Amt nicht nach Gebühr. Er war wie manche Oberhirten jener Tage, die vom Glanze der Ehren und vom Klange der Waffen sich bethören ließen, ein kecker Streiter und feiner Politiker, aber kein würdiger Bischof. Unsägliches Unheil hatte er bereits gestiftet in seinem weiten Sprengel. Unter Böhmen und Bayern nährte er den Samen der Zwietracht und des verheerenden Krieges, der seine Diöccsc nun durchloderte; den Bürgern von Regensbnrg fügte er alles Ueble zu, weil sie dem Kaiser augehangen; im eignen Haushalt hielt er keine Ordnung und mit dem Vermögen der Kirche schaltete er zu seinen Zwecken mit verschwenderischer Hand '). Da brach endlich die Erbitterung gegen ihn in Thaten aus. Die Kirche hat ja durch des Herrn weise Fügung einen obersten Hirten, dessen Auge und Arm auf alle Regionen des großen Hauses sich erstreckt, der die Schafe auch zu schützen weiß vor einem Hirten, der zum Miethlinge oder Wolf geworden. Bürger und Kapitel von Regensburg vereinigten sich, appellirten an 1) Vgl. Gumpelzheimer, NegenSburgs Geschichte. (Neg. 1830.) I, 189. 8 * 116 Kapitel XVIII. den Papst, stellten Klage ob ihres bisherigen Hirten und baten um einen andern würdigen Bischofff. Alexander IV. untersuchte die Sache, erkannte des Bischofs Schuld und entsetzte ihn seines Amtes, auf daß er in einem Kloster Buße wirke. Auf dieses Urtheil hin zog sich der Angeklagte auch wirklich in das Kloster Sittcnbcrg zurück. So war der Stuhl von Regensburg erledigt worden und cs mußte ein Mann gesucht werden, der die blutenden Wunden zu heilen und die Kirche von Regensburg aus der traurigen Verödung und Entstellung wieder zur alten Blüthe znrück- zuführcn verstand. Da konnte cs nicht fehlen, daß der Papste sein Auge auf den Mann warf, der damals unter allen Sterblichen für den berühmtesten, was Leben und Wissenschaft betrifft, mit Recht gehalten wurde, nämlich auf den Meister Albertus. Er war zwar bereits im Alter schon weit vorgeschritten, wir dürfen wohl annchmcn, daß er schon das sechsundsechzigste Lebensjahr erreicht hatte ff. Aber dennoch galt noch von ihm, was von Saul gelesen wird, daß er von der Schulter und darüber hervorragte vor Allen seines Volkes. Denn der edle Mann schien noch Riesenkraft in seinen Schultern zu Habens und so noch vollkommen befähigt, die Last des Hirtcnamtes zu tragen. Eben war Albertus auf dem Concil zu Straßburg zum Dcfinitor des Ordens erwählt worden ff, als der Wille des obersten Schlüsselträgers der Kirche ihm mitgetheilt ward, den bischöflichen Stuhl von Regens- bnrg zu besteigen. Aber lange weigerte sich Albertus ff, mit vielen Bitten seine Unfähigkeit vorhaltend. Er hatte ja schon früher hohe Würden, 1) So Rudolph. 2) Das Kapitel hatte in diesem Falle nicht das Recht der Wahl. Die Kanoniker sagen selbst in der Urkunde über Chammiinsiers Einverleibung (wovon unten): Bruder Albert, den uns der Papst als Bischof gesetzt. Und bei Hochwart (Oel. I, p. 207) heißt cs: Die Xlberto l. äffeeto sullcctns est per leg atum nposto- liene sortis anno llomin! 1260 snd Xlexanciro IV. Oampano Ilowano kontiüee. 3) Rudolph sagt hier bloß, er habe bereits das 60- Jahr vollendet gehabt. Humbert schreibt aber dem Albertus selbst, er stehe schon an der Neige des Lebens und solle darum das Bischofsamt nicht mehr übernehmen. Auch St. Anselm wurde erst mit 60 Jahren Bischof. 4) Rudolph. 5) Nach Jammy. Unbestimmt ist, wo sich Albert damals aufhielt. Rudolph und Prussia nennen Nom, wohin er vom Papste neuerdings gerufen worden. Andre sagen, er sei in Cöln gewesen; Andre, er sei auf dem Kapitel in Straßburg von dem Rufe des Papstes erreicht worden. Vgl. Vle uo ei suecessor Init substilutus, ccelesiam suam intra seriptis äsbitis exoneravit. »Viäelieet spuä Xaron äuäacum in centum libris, apuä Rreunsperg-arium in I. tl. In guibusäam obli^alionibus in DobenburZIr ante montes in DV libris. Xpuä D^sbaeb in XX libris. Xä I?oxavarinm apuä. IVoltbaräum in X libris. Xpuä Dosoltra^erium in XXIII libris. Xpuä Dominum Driäerieum »ls Derge in D libris. Xpuä Dominum äe Rorbacb in XVII libris, in Dngelbovebeim apuä relictam Domini Doswini in XV libris. 9 * 132 Kapitel XX. von ungefähr 442 Pfunden, eine für jene Zeit große Summe. Sogar bei Inden hatten seine Vorgänger bereits Anlehen gemacht, wie jene überhaupt als Banqniers schon damals in allen großen Städten eine bedeutende Rolle spielten. Auch auf andre Weise war er noch besorgt um den Wohlstand und das Vermögen seiner Kirche. Aus einer Versammlung oder Pro- vinzialsynobe, welche zu Landau an der Isar gegen Ende des Monats September (1260) gehalten wurde, war auch Albert gegenwärtig. Die versammelten Bischöfe, Ulrich von Salzburg, der Metropolit, Conrad von Freising, Albert von Rcgensburg, Heinrich von Chiemsee, und Otto von Lavant, faßten dort zwei Beschlüsse, welche theils ans Förderung der Kirchcnzucht, theils auf Schutz des kirchlichen Eigenthums sich bezogen Z. In dem einen erklären jene Bischöfe, daß die von einem ans ihnen rechtmäßig gegen einen Untergebenen gefällten Urtheile bei allen Geltung haben und aufrecht erhalten werden sollen. Wahrscheinlich waren viele Fälle vorgekommen, wo solche Personen, die mit Kirchenstrascn belegt waren, sich in die benachbarte Diöcese begaben und sich so von den Strafen befreit wähnten. Daß dadurch die heilsame Strafe zur Illusion wurde, ist leicht einzusehen. Diesem Uebel- stande wollten also die Bischöfe sofort abhelfen. Der zweite Beschluß bezog sich auf diejenigen, welche Pfänder der Kirchen unrechtmäßig znrückbehielten oder den Neubruchzchent ohne Er- lanbniß entnahmen oder sich aneigneten. In diesen Zeiten der Verwirrung, des durch das Faustrccht vielfältig zerrütteten Rechtsbodens, mochten viele Unterschleife und Gcwalt- thätigkeiten der Art geschehen seyn. Darum erklären jetzt die Bischöfe, mit dem Befehle, es auf allen Kanzeln zu verkünden, daß Alle, welche ein solches Verbrechen begangen und es nicht innerhalb eines Monats gutmachen, sammt Familie und ihrem Gesinde vom Tisch des Herrn ausgeschlossen seyn und der kirchlichen Begräbniß entbehren sollen. In ijnaäa duda idictem in VII Iidii8. Item in aüa duda ididsm in X libris, et in een8u eamerae idiäem in XII 8oIicÜ8. Xxuä Durrindart in XIV livris. Xpnct Ilanderxarin in XIII tt. Xpuä Draepoaitum in Ltaulls in XXIV lidria. Xpud Dominum 2. in 'tVeräs pro XII 8oliäi8 et in Oarrata vini, quae tune vaiuit V Iidra8 apuä kalnakarium in XXV Iidri8 et äimiäia. Xpuä Oonraäum Dr^ol- tanxarium in VI iidri8, a^uä Iratre8 Xd. et II. de korta in IX libria, axuä ^Vi8entarium in IX Iidri8, apud Oreldaimarium in III Iidri8. Xpud Ü88endaed in Iluda III lidr. axud Raiedenduedarium in V Iidri8, pro ciuiduadam Diata- tionidu8. 1) Beide sind erhalten bei Ried, Ood. dlplomat. I, x. 460. Wie der sel. Albertus sein Bisthum verwaltet. 133 So nahm also Albert auch an Synoden Antheil und wirkte für den Schutz des Kirchenvcrmögcns, wozu er durch seinen bischöflichen Eid verpflichtet war. Doch nicht bloß für die Wiederherstellung des bischöflichen Haushaltes und den Schutz der Kirchen war Albert besorgt. Mit gleicher Emsigkeit und liebender Theilnahme war er stets bedacht, auch die Personen, die dem Dienste Gottes lebten, mit dem nöthigen Unterhalte zu versehen. Mehrere Urkunden geben Zeugniß von dieser Sorgfalt und Mildthätigkeit Alberts. Gleich am ersten Tage seiner Regierung war der Abt des Klosters Niedcraltaich erschienen, um dem neuen Bischöfe die Huldigung und Verehrung seines Conventes ansznsprcchen. Darauf erneuerte und mehrte Albert eine großartige Schenkung, die schon sein Vorgänger Albert I. dem Kloster gemacht wegen dessen Gastfreundschaft und ob des hohen Wohlgeruches der Tugenden, der sich von dortaus überallhin verbreite'). Nämlich er wiederholte die Bestimmung, daß von allen Nenbrüchen (novuliu), die auf den Grundstücken des Klosters oder ans dessen zehentpflichtigen Gründen geschehen, das Kloster die zwei Theile des Zehent, die dem Bischof gehören, behalten, den dritten Theil aber dem Pfarrer des Ortes geben sollte; und weil die Zahlung des Kleinzchents nur den Laien, nicht aber den Geistlichen zu verweigern ist, solle das Kloster überall dort auch den Kleinzchent erhalten, wo es den Großzehent beziehe^). So hat Albert jenes segenreich wirkende Kloster mit eigenen Opfern in seinen Einnahmen gemehrt. Aber auch die ihm zunächst Stehenden, die Mitglieder seines Domkapitels, sollten nicht leer ansgehen. Er bemerkte mit Schmerz, wie die Pfründen seines Kapitels durch die Zcitverhältnisse und verschiedene Unfälle sehr gering geworden. Um diesem Mißstande in Etwas abzuhelfen, verlieh er die Pfarrei Cham, welche bisher bischöflicher Kollation gewesen, seinem Kapitel. Von den Einkünften derselben sollte jedes Mitglied des Kapitels, das bei Hochamt, Mette und Vesper sich cinsindet, dafür jedesmal eine Präsenzgabe empfangen und außerdem noch einen Antheil des Uebcr- 1) Die Urkunde in den Llonum. Loieis Xl, 229. Der Bischof sagt: flsuo- niam inuita Uaspitalitatis odseciuia, guae nodis et nostris anteeessoriluis a vvslra ecclcsia sunt iinpensa, et praeeipue eonversatio lauäavilis, ergus oäor per ciei gratiam cle volus udiciue respersitur, nä lavorem vestri non imnrerlto nos inolinat. Sie ist ansgestellt im Jahr 1256. 2) Urkunde ebenda N. L. XI, S. 230. Als Jahrszahl ist falsch 1270 angegeben. Es heißt am Ende: llatisdone Uontitieatus nostri ciill primo. 134 Kapitel XX. schusscs erhalten. Da diese Urkunde') auch in ihrer Abfassung große Eigcnthümlichkeit zeigt und ohne Zweifel von Albert selbst diktirt ist, so thcilen wir sie wörtlich mit. Sic lautet: „Im Namen der heiligen und unthcilbaren Dreieinigkeit. Amen. Ich Bruder Albert, durch Gottes Barmherzigkeit Bischof von Regensburg, Allen Heil für immer! Der Arme und der Gläubiger begegneten sich, beide aber hat der Herr erleuchtet. Ich nämlich als Gläubiger und unser Domkapitel als Armer, wir haben uns begegnet. Denn durch Gottes Fügung sind wir verbunden zur selben Gottseligkeit und zur gegenseitigen Achtung und Unterstützung. Da hat der Herr uns beide erleuchtet, mich, damit ich die erkannte Armuth des Kapitels und der Brüder mit mitleidigem Auge anschen könne und wolle; das Kapitel aber, damit mein Hinblick auch nütze zur Hebung der unwürdigen Armuth des Kapitels. Denn ich habe gefunden, daß die Präbcnden der Brüder von ihrer ersten Stiftung an mager und gering waren und außerdem durch die Bosheit der Menschen und der Erde, besonders aber durch die langen und kostspieligen Prozesse, die sie führen mußten für die Freiheit und den Wohlanstand ihrer Kirche, so gemindert wurden, daß sie weder uns, noch der Kirche, noch sich selbst helfen und nützen, wie es scyn sollte und sich geziemte. Da es mich nun von Herzen schmerzte, daß ein so berühmtes und ausgezeichnetes Kapitel und Brüder von so großer Tugend und Emsigkeit in schädlicher und entehrender Armuth lebten, habe ich die Pfarrei Cham dem Kapitel gegeben, zur Aufbesserung der Präbenden der Brüder, zur Ehre Gottes und zur Zier der Kirche, damit die Brüder desto lieber Gott dienen, anständiger existiren können, und sich für die Zukunft desto glühender und wirksamer für ihre Kirche als Mauer hinstellen möchten und könnten. Ich will jedoch, daß jene Kirche Cham durch meine Liberalität Nutzen, nicht Schaden habe. Je mehr und umsichtiger diejenigen sind, die sie nun angeht, mit desto größerer Sorgfalt und Frucht soll diese Kirche fortan verwaltet werden. Ihre Gemeinde soll einen Priester bekommen, der geeignet, mächtig in That und Wort ist, der durch seine Predigt und sein Beispiel lehrt und der wieder nach der Anzahl der Filialkirchen, nach der Menge und nach dem Zustande der Gemeinde sich als Gehilfen in seiner Seelsorge Priester und Kleriker anstellen soll, so viel nöthig und die ordentlich sind. Seinem Diöcesanbischofe aber und dem Archidiaconus, dem Dechant und Kämmerer soll er die Kathedralsteuer und alle andern Reichnisse 1) Bom 16. Juli 1260. Bei kwa, 6oc1. äipl. 1, 458. Wie der sel. Albertus sein Bisthum verwaltet. 133 ganz und ohne Abzug liefern. Und daher soll die Pension, die man jener Kirche anflegt, müßig seyn, damit sie zu diesen Abgaben und noch zur Ausübung der Gastfreundschaft') hinreichende Mittel habe. Und der Ausfall eines Jahres soll nicht Klagen und Schwierigkeiten in Bezug auf die Zahlung der Pension verursachen, sondern man soll auf die kommenden Jahre rechnen und die Pension jährlich, was sich auch ereignen wolle, ohne Widerrede bezahlen. Zur Bekräftigung und zum Gedächtniß dieser meiner Schenkung ließ ich dieses Blatt schreiben und durch mein Siegel bcstättigcn. Das geschah im Jahre des Herrn 1260. Regensbnrg am 16. Juli/") So war also Albert unablässig bemüht, die zeitliche und geistliche Lage seiner Mitstreiter im Heere Gottes zu verbessern, den Samen der Unzufriedenheit zu ersticken, so das Reich des Friedens und der Eintracht zu verbreiten, und das Wohl der Kirchen zu fördern. Daß Albert mit gleicher Liebe der Armen, Kranken und Hilflosen gedachte, haben wir schon früher angeführt. Dafür zeugt aber auch eine Urkunde, die uns erhalten ist, und worin Albert dem Katharinenhospital am Fuße der Brücke zu Regensbnrg milde Gaben erwirken will 3). Er sagt dort, sich an alle Acbte, Pröpste, Dekane, Pfarrer und Vikare der Diöcese wendend: „Da wir alle, wie der Apostel sagt, vor dem Richtcrstuhl Christi stehen und erhalten werden, je nachdem wir im Lcibesleben gcthan, Gutes oder Böses, so müssen wir dem Tag der letzten Acrnte durch Werke der Barmherzigkeit zuvorkommen, und im Hinblicke auf die ewigen Güter auf Erden säen, was wir durch die Vergeltung des Herrn mit vielfältiger Frucht im Himmel wieder ärnten können, indem wir die feste Hoffnung und das Vertrauen haben, daß, wer sparsam säet, auch sparsam ärnten wird, wer aber unter reichen Segnungen säet, auch von diesen Segnungen das ewige Leben ärnten wird. Da nun das Hospital der hl. Katharina am Fuße der Brücke zu Regensbnrg über seine Kräfte durch eine Masse von Armen und Nothleidendcn so belastet ist, daß es jene Armen 1) Sogar dieser wird also zartsinnig gedacht! 2) In einer späteren Urkunde vom 26. Februar 1262 erklärt das Kapitel, diese Pfarrei dem Priester Otto von Hagenbül als Pension verliehen zu haben; da aber dieser nun gestorben, so soll die Pfarrei in Zukunft jährlich 60 Pfd. bezahlen zu den Präbendc», und zwar alle Freitage des Jahres 1 Pfd-, die übrigen acht am Jahrestag des geliebten Bischofs Albert (4 Pfd.), am Tag der Auffindung des heil. Stephanus (2 Pfd.) und am Jahrestag des vorigen Bischofs Albert I. (2 Pfd.). Bei Uieä, 6oä. äipl. I, 463. 3) Bei Riocl, 6oä. älpl. I, 459. 136 Kapitel XX. ohne Hilfe und Beisteuer der Gläubige» nicht mehr unterhalten kann, mahnen wir euch alle im Herrn, und legen euch auf zur Vergebung eurer Sünden, daß ihr die Gläubigen Christi, eure Untergebenen, ohne Unterlaß mahnet und anffordcrt, von den ihnen anvertranten Gütern jenem Spital frommes Almosen und Liebesgaben zu spenden, damit sie dadurch und durch das andre Gute, was sie dem Herrn zur Ehre auf Eingebung der göttlichen Güte gethan, den ewigen Lohn empfangen." Und sofort verheißt er Allen, welche jenen Armen Almosen spenden, einen Ablaß von vierzig Tagen und Nachlaß der Fasten eines (llnriniiniQ nnnnlsiii) Jahres'). Ja er gestattet sogar, große Sünder, welche ihr Gelübde gebrochen, die ihre Eltern mißhandelt, oder an einer schuldigen Wallfahrt gehindert wurden, zu absolviren, wenn sie jenen Armen entsprechendes Almosen geben U- Die Urkunde ist datirt vom 30. Juli 1260. Auf solche Weise sehen wir also den Bischof Albert auch in lebendigster Thcilnahme für die Armen und Nothleidenden; er war ja im Geiste des Mittelalters überzeugt, daß diese vor Allen zum nächsten Gefolge Christi gehören , der ja auch die Armuth sich erwählt hatte als Gefährtin im Leben, daß darum Alles, was dem Armen um Christi willen gespendet wird, von ihm so betrachtet wird, als wäre es ihm selbst gespendet. So hat Albert auch diese Liebe zu den Armen mit allen Heiligen gemein. Endlich besitzen wir noch eine Urkunde, welche beweist, wie Albert seine Sorge auch ans scheinbar kleinliche, unbedeutende Dinge ausgedehnt, um die Glut des kirchlichen Lebens in seinem Sprengel zu entflammen und zu mehren. Es war eine alte Gewohnheit der Regensburger Kirche, dreimal des Jahres nach dem nahen, herrlichen Bene- diktincrstifte Prüfening einen Bittgang anzustellen, nämlich am Feste des hl. Georg, am Dienstag in der Bittwoche und am Tag der Einweihung der Kirche, am zwölften Mai. Da aber der letzte Bittgang meist ans einen Werktag fiel, wo viele Gläubige gehindert waren mitznziehen, beschloß Albert, das Fest der Kirchweihe auf den ersten Sonntag nach der Himmelfahrt Christi zu verlegen und so Allen 1) Wer in der Beichte selche Buße empfangen, konnte sich also jetzt durch Almosen an das Spital davon befreien. 2) Das waren hiemit Nescrvatfällc in jener Zeit. 3) Daher die Sorgfalt der Kirche für die Armen von Anfang an. Daher die Liebe der Heiligen zn ihnen. Ans alten Bildern heißen die Armen geradezu die Familie Christi, die arme Sippschaft Jesn. So in Straßburg. Wie der sel. Albertus sein Bisthum verwaltet. 137 Gelegenheit zn verschaffen, dem verdienstlichen, erhebenden Zuge der Beter sich anzuschließen. Die Urkunde hierüber ist am 10. Mai 1260 ausgestelltUnd so war dem großen Geiste nichts klein und gleichgültig, was mit Gottes Verherrlichung und mit der Gläubigen Erbauung znsammcnhing. So haben wir also nach den vorhandenen Zeugnissen der Geschichte die praktische Wirksamkeit des Albertus als Bischof vou Ne- gensburg in allgemeinen Umrissen zu schildern versucht. Er ist ein trefflicher Haushalter nud glücklicher Finanzmann Z, wie wir gesehen. Im Hinblick auf die ökonomischen Erfolge seiner Regierung sagen die Biographen voll Bewunderung: Albert hat wahr gemacht, was Cicero von Thales schreibt und Pliuins von Demokrit: Ein Philosoph kann, wenn es nöthig ist, auch Gold machen! Außerdem ist er aber ein eifriger Verkünder des Evangeliums; wir finden ihn bald als Bischof in seiner Kathedrale die heiligen Geheimnisse feiernd, bald wieder auf Synoden bei heilsamen Berathungen mit seinen Mitbischösen, bald wieder auf Visttationsrciscn, die besonders die sittliche Reform der Kloster zur Absicht haben; dann ist er aber auch ohne Unterlaß bedacht aller Hilfsbedürftigen und Nothleidenden, und sucht ihrem Elende durch die Thal abzuhelfen. Wahrhaft, hier tritt uns eine seltene, ganz cigenthümliche Erscheinung entgegen. Während die meisten der genialen Männer, die ihr Leben der süßen Beschäftigung mit den Wissenschaften geweiht, so häufig nur im Reiche des Gedankens sich zu bewegen und zu herrschen wissen, für die gewöhnlichen, tagtäglichcn Anforderungen des Lebens, für die praktischen Funktionen eines Amtes aber keine Fähigkeit zu 1) Die Urkunde ist mitgetheiit in den monumoiit. 1>oie. XIII, p. 217. Der Herausgeber bemerkt in einer Note: Ratwbona ante tompora 8ie ckietae Uclorina- tionio oieut testo 6. Oeorgii lVIartz'riv, et leria tertia Rogationuin, ita quogue äie ^.nniver8ario ckeckwalionw, äe hua ckiploma ait, krillingam guotannm publieo 8upplieantiuin ritu proeeckevat, eui vupplieationi annivcrsario äsäieationw agon- äac 8i non ^uetor, aptum Nisin asxixnanäo, ouin antca non 8einper in ciienr Doininieam ineickorot, 8eä in 12. iVlasi, ackjutor eorto per Oiploma i8tnck cxstitit Lsatu8 .-Vibertu8 Naxnus. 2) Wenn daher Nixner in der Geschichte der Philosophie Bd. II, S- 85 von Albert sagt, „es habe ihm ganz und gar an Geschick für das gemeine Geschäftsleben gemangelt, weßwegen er in seiner Jugend von seinen Mitschülern als ein Dümmling, und in seinem Alter von seinen Diöccsanen als ein einfacher Klosterbruder verachtet ward," so haben wir aus den Quellen nachgewiesen, daß von all dem das Gegentheil Wahrheit sei. 138 Kapitel XXI. besitzen scheinen, finden wir hier in Albertus die schönste, harmonische Vereinigung von Theorie und Praxis, von Gedanken und That, von Spekulation und Leben, von Himmel und Erde. Wie er auf dem Berge der Beschauung mit dem Ewigen gleich Moses zu verkehren berufen war, verstand er es doch auch ebensogut, unten in den Niederungen des Lebens das Volk Gottes zu regieren, zu führen, zu strafen und zu nähren mit süßer, stärkender Kost für Leib und Seele. Es war ihm durch den emsigen Betrieb der Wissenschaften nicht der Einblick in die mannigfachen Verhältnisse des irdischen Lebens entzogen worden, sondern er hatte nur im höheren Aufschwünge einen Standpunkt gewonnen, von dem aus er alle Dinge in ihrem Wesen und ihren richtigen Verhältnissen zu einander und znm Ewigen zu beurthei- len vermochte. Und so sehen wir also auch in dieser Hinsicht in Albertus das Ideal eines Christen und christlichen Weisen in hoher Vollendung verwirklicht ! Kapitel xxi Wie der selige Albertus auch als Dischos heilige Dücher versaßt. Ob er sich an Kirchenbauten in Negensburg betheiligt. Obwohl Albert mit bewunderungswürdiger Emsigkeit und mit un- ermüdetcm Eifer, wie wir gesehen, den Pflichten seines Hirtcnamtes oblag, vergaß er dennoch auch in diesen Jahren den Gegenstand seiner ersten, heiligen Liebe nicht, nämlich das Studium der Weisheit, die Beschäftigung mit den Wissenschaften. In jenen glücklichen Stunden, die er fern vom Geschäftsgewühle auf seinem herrlich gelegenen Schlößchen Stauf zubringen konnte, lebte er meist der Erforschung der heiligen Schrift und legte die Frucht dieser Studien auch in schriftlichen Werken nieder'). Da oben in luftiger Höhe, wo die kleine, nmwaldcte Burg thronte in der stillen Einsamkeit, welche durch die liebliche Nähe der sanft hinströmendcn Donau und durch das Geräusch der zahlreichen Städte und Dörfer, die vor Augen lagen, nicht gestört wurde, fühlte er sich wieder so ganz in seinem eigentlichen Lcbcns- clcmente, in seiner heiligen Freiheit von der Welt, welche die Bedingung der Einkehr des göttlichen Geistes bildet. 1) Prussia, Rudolph und die Regensburger Annalisten. 139 Wie Albertus auch jetzt heil. Bücher schreibt. Dort war es, wo er (offenbar im Laufe des Jahres 1261) seinen umfassenden Commentar zum Evangelium des hl. Lukas schrieb I, ein Werk, das die alten Schriftsteller nicht genug bewundern können, indem sie sagen, Albert zeige sich hierin selbst als einen zweiten Lukas, d, h. als einen Arzt, der trefflich die Seelen zu heilen wisset Das letztere mag daher kommen, daß er in diesem Werke mehr als sonst gegen die Gebrechen der Zeit zu Feld zieht und sie zu heilen sucht. Albert soll dieses Werk, einen gewaltigen Band, mit eigener Hand ganz leserlich in jener Zeit geschrieben haben. Aber Hochwart, der das Buch selbst (im sechzehnten Jahrhundert) gesehen, erklärt, es scheine ihm unmöglich, daß ein Mann im Zeitraum eines Jahres ein solches Buch schreiben konnte, auch wenn er sonst keine Beschäftigung hätte ^). Wie sich dicß auch verhalten möge, der gewaltige Quartband, mag ihn nun Albert selbst geschrieben oder diktirt haben, wurde von ihm den Prcdigermönchen in Regensburg als Andenken hinterlassen. Dort ward er immer als kostbarer Schatz aufbewahrt und den Besuchenden mit Frohlocken gezeigt bis zum Beginne unsers Jahrhunderts, bis zur Auflösung des Klosters, von wo an seine Spur verschwunden ist 4). Da dieser Commentar als des Albertus Hauptwerk über die heil. Schrift zu betrachten ist, müssen wir doch einige Worte über seinen Charakter sagen und einige Stellen daraus mittheilen, die als Probe dienen mögen. Die Beschaffenheit dieses Schriftwerkes ist im Allgemeinen die nämliche, welche wir schon an den homiletischen Büchern unsers Meisters kennen gelernt. Der Text der hl. Schrift wird vers- 1) Bd. X bei Jammy. 2) Rudolph und Prussia. Der Letztere sagt: Insigne volumen super Ducaru cäiäit; Huock prokocto volumen, yuam lider ab» onani sacculari actione äco soll acklraereus oxstitit, guo spirituguo tervebat äeclarst lueiäe, ita ut plerigus oou- stanler äicere auäouut, quoä specialissiino äono sancti Lpiritus pro tune cuin äictaret et conscriberet Noc volumen, sit inspiratus: über eniin ille spirat coe- lestiuin elrarismatum singulärem suavitatis oäorem, prolixiorhue est über ipse alüs per ipsuin eclitis voluininibus in üiülia. Vita Xlderti p. 265- 3) Bei Oelele I, p. 207. 4) Weder die Stadtbibliothek in Negensburg, wo ich anfragen ließ, noch die Hofbibliothek in München, wo ich den Schmeller'schen Katalog einsah, aber gar keine Handschrift von Werken des Albertus aus dem XIII. Jahrhundert fand, besitzt meines Wissens mehr jenes Autographon. Heideloff gibt die Stadtbibliothek zu Nlm als Fundort eines solchen Autographons des Albertus an; aber auch dort ist nichts mehr zu finden. Die Kölner waren also in dieser Hinsicht glücklicher. weise angeführt, der Zusammenhang erläutert und dann bei jedem Worte durch zahllose Parallcllstellen ans der Schrift, aus den Vätern und andern weltlichen Autoren der Sinn entwickelt. Es wird hiebei nach der Erklärung des Autors selbst vor Allem die buchstäbliche, daun die moralische Bedeutung gesucht, während die typische, prophetische Erklärung seltener Anwendung findet. Wir heben einige kurze Stellen hervor, da die meisten von gewaltiger Ausdehnung sind '). Der Zusammenhang der Bitten des Vaterunsers wird also dargestellt: „Nachdem das Wohlwollen dessen gewonnen ist, von welchem man Alles erbitten muß (durch die Benennung Vater), so stellt der Herr in fünf Bitten Alles zusammen, was man erbitten muß, und was für dieses und das zukünftige Leben nothwendig ist. Drei davon beziehen sich auf Erreichung des Guten, zwei auf Entfernung des Bösen. Jene drei aber, welche sich auf Empfang des Guten beziehen, theilen sich so: Zwei beziehen sich ans die Erreichung eines geistigen Gutes, eine auf die eines körperlichen Gutes. Unter denen, welche ein geistiges Gut anstreben, ist eine, welche das Gute Gottes (surret. nom. tu.) will, und eine, welche ein verdienstliches Gut (uäveu. rsZ. tu.) erfleht, welches zum Gut Gottes führt. Daraus erhellt die Eintheilung und Ordnung jener Bitten: weil das Gute vor dem Bösen ist, wie das Haben vor dem Befreitwerden, so gehen jene Bitten um das Gute voraus. Und unter den Gütern steht das geistige vor dem zeitlichen, weil es werth- voller ist. Und unter den geistigen Gütern steht das Gut Gottes vor dem Gut des Verdienstes, weil dieses erst zu jenem führt, wie das Ziel vor dem ist, was zum Ziel führt." Bei der Stelle von der Anssendung der zweiundsiebenzig Jünger sagt Albert, indem er das Wort „Je zwei" erklärt: „Seht da, das ist die Art der Aussendnng! Warum sendet er sie je zwei aus? Einmal, weil es so vorbildlich geschah im B. Gen. 7: Die unreinen Thiere wurden zu zwei in die Arche eingeführt. So führen die Jünger die zwei Unreinen, d. i. Männer und Weiber, oder Juden und Heiden in die Arche der Kirche, wie in das Leintuch des Petrus (Apstg. 10), damit sie geheiligt werden. In jenem Leintuch des Petrus wird nämlich auch das, was gemein, d. h. unrein war, von Gott heilig genannt, seitdem auch die Juden in das Linnentuch eingingen, und Alle wurden in den Himmel ausgenommen. Das Leintuch bezeichnete nämlich die Weiße des Tanfkleides, wie auch die Arche die Taufe sinnbildet. Eine zweite Ursache ist nach Gregorins: Christus schickt sie zu i) So hat die Exegese des Wortes Vater im Vaterunser 3 Druckseiten in Folio. Wie Albertus auch jetzt hl. Bücher schreibt. 141 zwei aus, weil es zwei Gebote der Liebe giebt. Unter weniger als zweien kann die Liebe nicht bestehen; weil die Liebe immer auf ein Anderes hingeht. (Joh. 13.) Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe zu einander habet. Die dritte Ursache ist, damit sie sich durch gegenseitigen Trost unter Gläubigen und Verfolgern erquicken sollten. (Eccles. 4.) Besser ist's, wenn zwei sind denn einer; dann haben sie nämlich den Trost gegenseitiger Hilf- leistung. (Sprichw. 18.) Der Bruder, welcher von seinem Bruder unterstützt wird, ist wie eine feste Stadt." Bei der Schilderung der Kreuzigung des Heilands, wo der Evangelist erzählt: sie führten ihn hinaus an den Ort, der Cal- varia heißt, bemerkt Albertus: „Calvaria heißt das Haupt des Menschen, wenn es von Haut, Haaren und Fleisch losgcschält ist, was die Aerzte Schädel nennen. Daher heißt cs (4. Könige 9.): Sie fanden nur den Schädel und die Spitzen der Hände und Füße. Jener Ort hieß aber Calvaria von dem darin Enthaltenen, weil auf ihm viele Schädel von Gehängten, Geköpften und Hingerichteten lagen. Wenn Ambrosius bemerkt, er heiße Schädelstätte, weil der Schädel des Adam dort begraben sei, so nennt dieß Hieronymus eine fromme, aber unrichtige Erklärung, weil wir Josue 14. lesen, Adam sei bei Hebron begraben. Und darum sagt man, jener Ausspruch sei nicht vom wahren Ambrosius , sondern von dem Ambrosius, den man Adopertns heißt und derben ächten vielfach gefälscht hat, indem er seine thörichten Dinge unter die weisen Anssprüche von jenem mengte. Doch scheinen die Maler an dieß zu denken, weil sie einen Schädel unter das Kreuz malen. Aber darüber sagt Horatins, Maler und Dichter hätten immer die gleiche Erlanbniß, Alles zu wagen. Dort also kreuzigten sie ihn, damit schon durch den Ort angezeigt würde, daß nicht den Inden, die in der Stadt wohnten, sondern den Heiden, die auf den Feldern hernmstreiften, zunächst seine Kreuzigung fruchten sollte. (Hvhel. 2.) Ich bin die Blume des Feldes und die Lilie der Thälcr. (Daniel 9.) Nach zweinndscchzig Wochen wird Christus getödtet werden und es wird nicht sein Volk seyn, das ihn verlängnet. Und mit ihm kreuzigten sie auch zwei Räuber, einen zu seiner Rechten, der in sich ging, und einen zur Linken, der in der Bosheit verharrte. Diese deuten, wie Augustinus sagt, zwei Kreuze an, das derjenigen, die gegen ihren Willen leiden und doch leiden müssen, die stehen zur Linken, und das Kreuz derer, welche gerne das Fleisch kreuzigen für Christus und diese stehen zur Rechten. (Gal. 5.) Die Christi sind, kreuzigen ihr Fleisch mit seinen Lastern 142 Kapitel XXI. und Begierden. Von einem andern Kreuze heißt es Gal. 6.: Mir ist die Welt gekreuzigt und ich der Welt. In die Mitte aber hingen sie Jesum, als den schlechtesten! (Habac. 3 nach der Scptnag.) In Mitte zweier Thiere wirst du erkannt werden. So also ist Er gekreuzigt worden, an jenem Orte und mit solchen Menschen!" — Diese wenigen Beispiele mögen genügen, nm die Art der Schrift- erklärnng des Albertus anschaulich zu machen. Nebenbei macht er Angriffe auf die Ucbcl der Zeit, wie wir oben sahen. Uebrigens finden wir noch manche interessante Notizen und Bemerkungen in diesem Com- mentare. So erzählt der Autor, viele hätten zur Zeit des Lukas Unwahres über den Heiland geschrieben unter falschen Namen, so Apclles, Basilides, cs gebe ein falsches Evangelium der Kindheit Jesu, Akten des Thomas und Mathias, wo vieles Freche und Irrige zu lesen ist. In den Akten des Thomas stehe sogar, daß das Paradies noch aus einem Berge liege, der in den Mond humusreiche, was schon aus Naturgründen unmöglich sei. Dann erzählt er, wie Jesus die Magdalena von sieben Teufeln befreit, so habe er auch die Martha vom Blutfluß geheilt und den Lazarus vom Tode erweckt. Der Knabe, den Jesus den Jüngern vorhielt, soll Martial, Bischof von Limoges gewesen seyn. Ferner, das ungenähte Kleid Jesu war gemacht von jener Arbeit, wie Birette und manche Handschuhe jetzt gemacht werden. Es soll eine Arbeit der hl. Jungfrau gewesen seyn. Sic soll dem Herrn auch nach den Vätern das Lendentuch umgeworfen haben, indem sie es von ihrem Haupte riß, als die Henker ihren Sohn ganz entblößten (II, p. 345). Gut ist auch der Vergleich, den Albertus gleich am Anfang macht, indem er sagt: Die Häretiker gleichen den Füchsen des Samson, sie haben wie diese alle verschiedene Köpfe, aber mit den Schweifen sind sie zusammengebundcn, d. h. in der Absicht, die Wahrheit zu bekämpfen, sind sie eins. Soviel hier von diesem gewaltigen Werke. Von andern schriftstellerischen Arbeiten unsers Meisters in jener Zeit haben wir keine sichere Kunde. Zwar berichtet Rudolph, daß Albert damals nach dem Zeugniß mancher Biographen auch das Officium vom heiligen Joseph, dem Bräutigam der glorreichen Jungfrau Maria, geschrieben habe. Doch scheint er selbst daran zu zweifeln, und uns ist eine solche Arbeit unter den Werken des Albertus nicht erhalten Z. Jedenfalls verdient aber schon die Erwähnung eines II In Len Commcntaren spricht Albertus übrigens immer mit großer Vorliebe vom hl. Joseph. So redet er ganz schön im Commentar zn Lnkas von Len vier heil. Männern der Bibel, die den Namen Joseph tragen. Wie Albertus auch jetzt hl. Bücher schreibt. 143 solchen Officiums zu Ehren des hl. Joseph in jener Zeit Beachtung, da es auf den besondern Cult dieses Heiligen hinweist, dessen Verehrung nach unscrn bisherigen Forschungen erst in späterer Zeit sich so sehr entwickelt hat. Denn das Mittelalter scheint einige Scheu davor gehabt zu haben, um nicht der Häresie und Gotteslästerung von der natürlichen Empfängniß des Sohnes Gottes Spielraum zu geben. Ucbrigcns ist es wirklich nicht ganz unwahrscheinlich, daß Albert jetzt, wo er selbst als Haus- und Nährvater einer der größten Diöcese dastand, eine bcsondre Verehrung zum irdischen Nährvater seines Herrn und Heilands begonnen und gepflogen habe Z. Wenn aber Albert in Mitte des Geschäftsdrangcs jener Jahre auch nur den Commentar zum Evangelium des hl. Lukas geschrieben haben sollte ^), so ist diese Arbeit ein genügender Beweis von der un- crmüdcten Thätigkeit des großen Meisters auch ans dem Gebiete der Schriftstellerei. Doch nicht genug! Die fromme Meinung schreibt dem Albertus selbst vielfach die lebendigste Betheiligung an herrlichen Kirchenbauten zu, die in jenen Jahrzehnten in der Stadt Regensbnrg sich erhoben. Man hat ihn auch hier schon als Schöpfer des trefflichen Domplancs bezeichnet, oder will ihm wenigstens den Entwurf der gothischen Dominikanerkirche zuschrciben. Wir können darum nicht ganz hievon schweigen. Daß der Dombau nicht dem Genie oder der Freigebigkeit des Albertus seinen Ursprung verdanke, beweist schon der Umstand, daß der Neubau der Regensburger Kathedrale erst durch den Brand des Jahres 1270 veranlaßt wurde, also erst elf Jahre nach der Regierung Werts, der damals bereits ein Alter von fast achtzig Jahren erreicht hatte 4). Während der kurzen Zeit seiner Amtsführung aber konnte er schon deßwcgen unmöglich den Neubau seiner Kathedrale beschließen und entwerfen, da die Finanzen der Kirche und des Bisthums ja, wie wir gesehen, in gewaltiger Verwirrung sich befanden. Mit mehr Wahrscheinlichkeit könnte ihm Betheiligung am Ban der Dominikaner-Kirche zugeschrieben werden. Denn die alte Blasiuskirche der 1) lieber die Verehrung des heil. Joseph »nd deren Geschichte vgl. das höchst geistreiche Buch des k. Fader: Das allerheiligste Sakrament des Altares V. Abschnitt: Der Nährvater und sein Kind. 2) Bei Jammy Bd. X. 3) Früher waren kleinere Nestanrativnen nöthig geworden. Vgl. Schnaase V, 585. 4) Vgl. Schuegraf's Geschichte des Domes von Negensdurg. 144 Kapitel XXI. Prediger war schon vor der Ankunft unsers Albertus in Regensbnrg für die Bedürfnisse des Volkes, das sich ihnen mit vollem Vertrauen hingab, und ihre Predigten am Liebsten aufsuchte, zu klein geworden. Vom Jahre 1263 an finden wir nun Schenkungen an das Kloster, die vielleicht auf einen Neubau schließen lassen'). Das ist aber die Zeit unmittelbar nach der Negierung des Albertus. Vier Jahre später lesen wir, daß Albert noch von der Ferne aus seiner Dominikanerkirche in Regensbnrg liebend gedenkt, indem er einen Ablaß von 40 Tagen den Besuchern der Kirche an drei Festen bewilligt ^). Möglicher Weise fielen dabei Opfer, welche zum Kirchcnban gesammelt wurden, obgleich der Ablaßbrief keine solche Bedingung stellt. Doch erst im Jahre 1273 begann der wirkliche Neubau der Kirche, der auch im kurzen Zeiträume von vier Jahren vollendet wurde. Es ist die älteste, vollständige Schöpfung der Gvthik in Altbayern ff, die wir kennen, eine dreischiffige Kirche mit cingczogenem, dreiseitig endigendem Chore und sehr niedrigen Seitenschiffen. Die Pfeiler sind achteckig mit Halbsäulen an der Stirnseite und mit ungeschmückten Kapi- tälen, während auch die Fenster des Schiffes das einfachste Maaßwerk von Kreisen und Kleeblättern im Bogenfclde zeigen ff. Die Consvlcn der einfachen Gurten bestehen aus gebogenen Hörnchen oder Rüben. Diese liebliche Kirche zeigt die Gvthik in ihrer höchsten Einfachheit, wie sie wohl absichtlich von den Bettelvrden znm Ausdruck der heiligen Armnth damals gewählt wurde. Man hat nun, wie wir oben schon bemerkt, die Vcrmnthnng ausgesprochen, der Plan dieser Kirche stamme von Albertus, der ihn noch während seiner Anwesenheit in Regensbnrg entworfen. Diese Annahme scheint darum näher zu liegen, weil der Bau viele Aehnlichkeit hat mit andern Bauwerken 1) Vgl. Nied I, 470. Es ist aber nur von Bequemlichkeit der Brüder die Nedc. 2) Bei Nied I, p. 403. Es heißt: Oum Dominus acl statum Dpiseopalom nos cligqiatus sit miserieoräilcr promovere, äi^num arbitramur, quoä nos ipsius äei eultui impenäamus äilixentiam ampliorem. Das Datum ist der 6. Mai 1267. 3) Da die alte Pfarrkirche in Negensl'urg nur zum Theil mehr (im Westen) den alten gothischcn Bau von 1250 zeigt. Die Dominikanerkirche dient jetzt als Studienkirche, ist aber leider mit gräßlichen Zopf-Altären u. dgl. entstellt. 4) Vgl. darüber Schnaase Bd. V, 584. Abbildung bei Kallenbach in seiner Geschichte der abendländ. Kirchenbaukunst Tafel 30, 6. Die genaueste Beschreibung gibt A. Nicdermayr in der A. Postzcitnng I. 1856. Nr. 88. Wie Albertus auch jetzt hl. Bücher schreibt. 143 jener Zeit, die dem Predigerorden angehörten und bei deren Entstehung die Sage gleichfalls den Albertus eine Rolle spielen läßtZ. Man glaubt nämlich aus jenen gemeinsamen Merkmalen der höchsten Einfachheit des Maßwerks, der Ornamente und Gewölberippen, des Mangels an einem Kreuzschiffe und Thurmbaue, der Schlichtheit der Pfeiler u. s. f. auf Eine Persönlichkeit schließen zu dürfen, die zu allen jenen Bauten den Plan entworfen oder doch hiebei die Direktive gegeben. Wir bemerken nun hierüber in Bezug auf die Regensburger Kirche, daß die Geschichtschreiber von einer solchen Thätigkcit des Albertus wiederum kein Wort berichten. Ja, Prusfia fügt sogar zur Schilderung der bischöflichen Amtsführung des Albertus in Regensburg die Notiz bei, daß er dort keine Bauten aufgeführt ^), sondern aus Demuth sich mit den vorhandenen begnügt habe. Wollte man diese Bemerkung auch auf einen Pallastbau beziehen, so lag doch hier für den Chronisten nahe, von Kirchenbauten zu sprechen. Dann möchte wohl überhaupt die stete Uebung der abstraktesten Spekulation bei einem Scholastiker die künstlerische Thätigkeit, die auf der Entwicklung der schaffenden Phantasie beruht, sehr unwahrscheinlich machen. Wenigstens haben wir kein Beispiel der gleichmäßigen Entfaltung des Verstandes und der Phantasie. Jene früheren großen geistlichen Baumeister waren fromme Künstler, aber keine Scholastiker. Und was die Ähnlichkeit jener ersten Dominikanerkirchen betrifft, so besteht diese zumeist in jenem Charakter der höchsten Einfachheit und Schlichtheit der Bautheile, während im Einzelnen wieder vielfache Verschiedenheit und Abwechslung uns entgegentritt. Jene Eigenthümlich- keit erklärt sich aber genügend aus der Sittenstrenge und Liebe jener Orden zur Armutkh), die sich auch in den Bauten ihrer Häuser und Kirchen knndgeben sollte, ebenso aus der Eile, womit sie solche Bauten ausführten, um bald eine Kirche zum Gottesdienste zu besitzen. Wollten wir alle, jene allgemeinen Merkmale zeigenden Bauten der Gothik 1) So in Basel, Straßburg, Freiburg, Bern, Eßlingen, Würzbnrg. 2) Es heißt bei Prusfia S. 265: In momorialo sui igoius, puls in sscli- üciio novis eonstruenciis et amplianäis terrae terminis, nilril attentare voluit, yui anipliorem, non manukaotanr aeternanr in coeiia äomuni intrare cupiehat. 3) Die Dominikaner scheinen besondere Vorschriften für Kirchcnbauten gehabt zu haben. Denn Bischof Leo sagt in dem Briefe, worin er eine Schenkung zu dem Neubau der Kirche der Dominikaner macht, sie sollten bauen seaunclum morem oräinis. Bei Nied. Sighart, Albert d. Große. 10 146 Kapitel XXII. auf Albertus zurückführen, so müßten wir auch für die Mehrzahl der Prediger- und Miuoritcukircken in Deutschland, Frankreich und Italien, ja für unzählige andre gothischc Kirchen, die im dreizehnten Jahrhundert überall unglaublich rasch anfblühten, ihn als Schöpfer betrachten. Wir zweifeln daher keineswegs, daß unser Albertus bei jenem in Regeusburg sich erhebenden Gottesbau der Prcdigerbrüder durch Rath und That auch aus der Ferne Beistand geleistet. Er hat wohl als alter Provinzial anzugcben vermocht, worin jene Bauordnung des Ordens besiehe (nw8 oräiniZ), wie die Kirche den Zwecken des Ordens am Besten entspreche, wie die nöthigcn Mittel aufzutreiben feien. Aber um sein Wirken als Architekt hiebei anzunehmen, haben wir wohl zu wenige Anhaltspunkte'). Also flechten wir in das ohnehin überreiche, reine Diadem unsers Meisters keine Perle, von der ungewiß ist, ob sie ihm gebührt! Kapitel xxii Der selige Albertus verzichtet auf sein Disthum Regeusburg. So leitete Albertus, der wunderbare Wagenlenker des Herrn ^), die Kirche von Regensburg mit augenfälligem Segen. Als Oberhirte einer großen Heerde, als Prediger der Heilswahrheiten, als durch sein Vorbild voranleuchtender Reformator der Sitten des Klerus und des Volkes, als Verwalter des Kirchengutes und als Schriftsteller wirkte er mit gleicher Auszeichnung. Dennoch konnte ihm das Leben in dieser Stellung niemals zusagen. Es waren vor Allem die ihm aufgcbürdcten Verläumdungcn und zugefügtcn Unbilden, die den Wunsch nach einer Veränderung, nach Erlösung von diesem Wirkungskreise in ihm nähren und mehren mußten. Denn er hatte nach dem Berichte der Biographen eine zahlreiche Schaar von Feinden gegen sich aufgeweckt, die sich besonders bestrebten, falsche Gerüchte über den würdigen Bischof auszubreiteu. II Es scheinen überhaupt im ersten Jahrhunderte des Bestandes die beiden Bettelordcn, denen die Reform der Sitten und Vcrtheidigung des hl. Glaubens als Aufgabe zugefallcn, sich nicht mit der Kunst beschäftigt zu haben, wie die früheren Orden. Selbst in Nom bauten zur Zeit des hl. Dominikus fremde Laienbaumeister das Kloster, die dann von herabfallenden Steinen erschlagen wurden. 2) Rudolph. 3) Prussia S. 266 und Rudolph. Der sel. Albertus verzichtet auf sein Bisthum Regensburg. 147 Wahrscheinlich betrafen diese falschen Anklagen seine Beschäftigung mit den Wissenschaften, mit den heidnischen und mnhamcdanischen Schriftstellern, seine Natnrstudicn; wahrscheinlich ging von Mund zu Mund die Sage, daß Albert draußen in der Geheimstnbe seines Schlosses Stauf mit verbotenen Künsten sich abgcbe, daß er dort Besuche und Dienste von unsauber» Geistern empfange, daß all seine Weisheit aus dieser trüben Quelle stamme, daß er durch den Betrieb jener geheimnißvollen Wissenschaften den Glauben gefährde und selber schon eingebüßt habe. Wenn wir die Nachrichten der Regensburger Chronisten und Albcrts eigne Worte in Erwägung ziehen, können wir nicht zweifeln, daß wirklich solche ihn gewiß schmerzlich berührende Gerüchte im Umlauf waren. Denn Hochwart erzählt ausdrücklich, man habe den Bischof Albert der Nckromantie beschuldigt 0, und Gumpelz- heimer theilt uns noch die Sage mit, man habe bei ihm auf dem Schlosse Stauf eine Zanbcrstgur in Mädchengestalt gesehen, die sich bewegte und den Boden zu kehren verstand. Albert selbst aber spricht sich am Schluß seines Commentars zur Politik des Aristoteles, der wie die Ethik in jenen Jahren geschrieben seyn muß^), in heiliger Entrüstung also aus: „Ich habe dieses Buch mit den andern physischen und moralischen Büchern zum Gebrauch der Studierenden ansgelcgt. Ich bitte hiebei alle Leser zu bedenken, daß in diesem Buche nur von den freiwilligen Handlungen der Menschen gesprochen wird, die nach 1) Oes. I, 208. Hochwart sagt: De irecromantia illius uonrrisi Dlaterones ricliculi labulam eommeuti sunt, eum virurn tam bonurn Malis arlidus sluclulsss non sit verisirnile, rriultogue minus oreäibile. 2) Dieses Werk, sowie der Kommentar zur Ethik haben einen etwas verschiedenen Charakter von den früheren Kommentaren des Albertus, sie sind nicht mehr Paraphrasen, sondern eigentliche Kommentare, mit Vorgesetztem doppelten alten und neuen Texte, und verrathen auch fast einige Kenntnisse des Griechischen. Vielleicht war unterdessen der Kommentar des hl. Thomas schon erschienen, den Albertus benützte. Später hat er sich schwerlich mehr mit solchen philosophischen Werken beschäftigt, da er im Kommentar zum Lucas die Theologie fast mit Verachtung der andern Wissenschaften zu seiner Braut erhebt, indem er sagt: kuielrras sunt xonae tuae, ut tur- turls, Iroe est puäoratae virtutis et eastne veritatis, guae cst tlreologsia, c>uae ensta stnt lntra limites üäei, nee luxuriatur zier plrantasias, sicut soeuieae me- retrieulae aliarum seieutinrum. Iluee mulier est, äs qua äieitur: Tu gloria Jerusalem, tu Inetilia Israel, tu Ironorilleentia gopuli nostri. ^ä eaput I. Dv. Due. Bei solchen Anschauungen wird er sich später schwerlich mehr viel mit philosophischen Untersuchungen abgegeben haben. Auch will er dieses Werk »»mittelbar an die Physik angeschlossen haben. 10 * 148 Kapitel XXII. Aristoteles nie zu einer Regel gebracht werden können. (Albert entschuldigt also hier die Ansührung verschiedener Sitten und Einrichtungen in den Staaten, die nicht mit den christlichen Ideen Harmoniken.) Aristoteles hält sich hier meistens an die Staaten des Orients und Aegyptens, die immer in der Ehe und im Cult unrein waren, wie sie cs noch jetzt sind. Und Aristoteles erzählt das nicht als seine Ansicht, sondern er sagt nur, daß diese Völker ihre Staaten so geordnet haben. Auch ich habe in dem Buch nur erklärt, was vorkommt, ich habe nur die Beweise und Gründe dafür gegeben, wie ich auch in allen physischen Büchern nichts von mir sagte, sondern nur so treu als möglich die Ansichten der Peripatetiker auslegte. Das sage ich wegen einiger Trägen, die, einen Trost sür ihre Trägheit suchend, nur in den Büchern suchen, was sie tadeln können. Und da sie starr vor Trägheit sind, suchen sie, um nicht allein todt zu scheinen, denen, die sich anszeichnen, eine Mackel anzuhängen. Diese haben den Sokrates getödtet, den Plato aus Athen in die Akademie vertrieben und den Aristoteles verjagt. Diese sind im Reiche der Wissenschaften, was die Leber im Körper ist. In jedem Körper ist nämlich die Gallcnfenchtig- keit (die in der Leber sich sammelt), diese dünstet aus und macht dadurch den ganzen Körper bitter. So gibt es in der Wissenschaft immer einige bittere und gallige Menschen, die auch alle andern in Bitterkeit verwandeln und sie nicht in süßer Gesellschaft die Wahrheit suchen lassen')." Man sieht aus diesen Worten, daß Albert um jene Zeit, wo er den Commentar zur Politik schrieb, heftigen Tadel und unverständige Vorwürfe muß erlitten haben wegen seiner wissenschaftlichen Thätigkeit. Fragen wir um die Gründe dieser ganzen Feindseligkeit, die sich in solchen Gerüchten und Schmähungen Lust machte, gegenüber dem Albertus, so ist wohl als Hauptfaktvr zu betrachten der Unverstand der Menge, die alles Außerordentliche, Ungewöhnliche leicht verdächtigt, nur das Herkömmliche achtet, und jede neue Kunde sogleich entstellt und mißversteht. Doch bei Andern, bei allen höher an Bildung und Würden Stehenden müssen wohl andre Gründe gesucht werden. Ohne Zweifel war die Sittenstrenge des großen Bischofes, seine steten, ernsten Mahnungen zur Besserung des Lebens Vielen ein Anstoß und ein beständiger Vorwurf. „Fragst du nach den Gründen der Feindseligkeiten gegen Albertus," bemerkt Rudolph in seiner drastischen Weise, „so forsche in den heiligen Schriften und du wirst finden, daß 1) kolüie. p. 500. Bd. IV bei Jammy. Der sel. Albertus verzichtet auf sein Bisthum Regensburg. 149 den Aegyptern ein unbeflecktes Lamm ein Gräuel gewesen. Die Fröhlichen sagten, sie haßten ihn, weil er zu ernst sei, die Ernsten aber sagten, er sei zu fröhlich; aber der eigentliche Grund ist: die Männer der Arglist haßten den Mann voll Geradheit und Einfalt." Und er selbst deutet im Cvmmcntar zum Lncas darauf hin, daß seine Strenge in den reformatorischcn Bestrebungen ihm vielen Haß und manche Stürme während seines bischöflichen Waltens zngezogen und das heilige Amt ihm unerträglich gemacht hätte. Zu Kapitel XXII bemerkt er bei den Worten: Wer unter euch größer ist, werde wie der Kleinere: „Wer unter euch größer in der geistlichen Gewalt ist, werde wie der Kleinere, der zu keiner Würde erwählt wird, denn wie der Philosoph sagt: Niemand erwählt Jünglinge zu Feldherren, weil sie bekanntlich noch nicht weise sind. Matth. XVIII. Wer sich selbst erniedrigt, wie jenes Kind, der ist der Größere im Himmelreich, weil dieser mehr geeignet ist zur Begründung der Kirche. Denn in der Urkirche kümmerte man sich nicht viel um Macht und Ansehen, sondern alle blickten auf die Demuth und die Beispiele der Liebe. Und das wollte auch der Herr, da er sprach: Lernet von mir, denn ich bin milde und sanftmüthig von Herzen. Nehmet mein Joch auf euch u. s. f. Denn nichts ist leichter, als in Demuth und Milde die Untergebenen leiten, so lange es die Zeiten gestatten. So bald aber die Fülle des Bösen einen zwingt, mit Ernst und Strenge cinzuschreiten, dann scheint sein Amt einem Hirten der Kirche, wie einst dem Moses, etwas Unerträgliches zu seyn, wenn nicht einer, am Luxus sich erfreuend, die Bösen dulden, ja sogar hegen will, wie es Prälaten in unsrer Zeit machen, die eher des Sardanapal als Christi Stelle vertreten!" Also weist hiemit Albert selbst so ziemlich auf den Grund der Gehässigkeit und Verleumdungssncht Vieler gegen seine Person hin, es war, weil er das Böse nicht dulden wollte!') Doch diesen bittern Kelch der Lästerung und Verfolgung hätte Albertus im Hinblicke auf das hohe Vorbild, auf den obersten Hirten der Seelen, gewiß noch länger mit Ergebung getrunken. Aber es waren noch mächtigere Gründe des Ueberdrusses an seinem hohen Amte vorhanden. Die ganze Stellung eines deutschen Bischofcs in jenen Tagen war so ganz den Neigungen und Wünschen seines Herzens und seinen Idealen eines Stellvertreters Christi entgegen, daß er sich in immerwährende Unruhe versenkt und in die Qualkammer stets sich 1) Prussia sagt, Albert habe resignirt, eernen8 in xopulo äuro non posse xro- üesre. p. 266. 150 Kapitel XXIl. wiederholender Vorwürfe des Gewissens ') gestoßen fühlte. Er war ja nicht bloß Bischof und Seelcnhirt, sondern auch deutscher Rcichs- fürst, Regent eines Gebietes von nicht unbedeutender Ausdehnung, er mußte in der einen Hand den Hirtcnstab, in der anderen das Schwert halten und führen-), er mußte nicht bloß die geistigen Gnadenschüße des Herrn verwalte» und spenden, sondern auch die zeitlichen Güter und Rechte seiner Kirche und Untcrthanen wahren und vcrtheidigcn, er mußte zu diesem Zwecke zahllose Prozesse einleiten und znm glücklichen Ziel zu bringen suchen. Als Reichsfürst mußte er manchen Festlichkeiten und Versammlungen mit einem gewissen Anf- wande und äußerem Prunk beiwohnen, den seine Stellung erforderte. War auch diese Vereinigung der zeitlichen und geistigen Gewalt in den Kirchenfürsten jener Tage ohne Zweifel eine gebieterische Noth- wcndigkeit, um die Freiheit der Kirche und Völker gegen die Willkühr und Unterdrückung durch die übermäßige, unbeschränkte Gewalt meist roher, natnrkräftiger und darum znm Uebermnth leicht geneigter Fürsten zu schützen, so brachte sic doch auch wieder manche böse Früchte; sie war eine beständige Versuchung für die Bischöfe und Aebte, ob des Zeitlichen das Ewige zu vergessen, sich von der Zinne des Tempels ihres heiligen Berufes in das niedere Getümmel der Welt hinabzn- stürzen und so sich und Andern das Verderben zu bereiten. Aber besonders mußte solches Leben und Streben der Seele Alberts zuwider seyn, der als Ordcnömann die evangelische Vollkommenheit lieben gelernt, dessen bisherige Thätigkeit sich mit solchem Erfolge im Reiche des Geistes bewegt hatte. Wohl hatte er als Bischof gezeigt, daß er alle diese scheinbar widerstreitenden Elemente zu vereinigen verstehe, indem er allen den verschiedensten Pflichten seines Amtes mit hoher Weisheit und Vollkommenheit nachzukommen wußte; aber er sehnte sich dennoch ohne Unterlaß nach Erlösung von diesen drückenden Fesseln, nach der Freiheit des Geistes, die er früher genossen. Oft klagte der fromme Bischof, wenn er an das Jerusalem seiner eignen Seele dachte, 1l Rudolph. 2) Der Zeitgenosse des Albertus, TholomLus de Luca, sagt hierüber mit Recht: Xiiiertus iaetus e8t Lpmeoprm Itatiaponermm in ciucalu Lavariae, r>ui iriultum Imnorabiim est. 6oepit onera eMcopatiis 8ul>ire, quae in Deutoma nimm bunt Militaria, quia eonservari non po88vnt nisi eum cnse, quae sidi ineubuerunt pro tempore illo. Oonsiüoruns ixitur statum tran^uilium, quem äimisit et ba- ratlrrum, in czuem ineiüit, non «juievil, quousque aeeepta Mit 8ua renuntiatio per summum xontiiieem. Bei Quetif und Echard Lcript. Orä. äom. I, 169- Der sel. Albertus verzichtet auf sein Bisthnm Regensburg. 151 und, obwohl stehend auf dem Gipfel der Ehren, schmachtete er doch nach den armen und verborgenen Einsiedeleien des Ordensstandes '). Die zarte Gewissenhaftigkeit seiner Seele ließ ihn in dieser Stellung eines Bischofs nicht zur Ruhe kommen ob der beständige» Furcht, in einem der stets obschwebenden Rcchtshändel die Rechte irgend eines Menschen, sei es des Kaisers, oder der Bürger, oder der Untcrthanen, oder die Rechte der Kirche zn verletzen. Er sah ein, bemerkt Rudolph, wie schwer es ist, eine deutsche Kirche zu regieren und dabei nicht entweder Gott oder die Menschen zn beleidigen^. Auch die Furcht quälte ihn, es möchten durch seine Nachlässigkeit Diebe in seine Hürde ein- dringcn nnd Beute daraus fortschleppcnch. Endlich konnte er sich immer des Gedankens nicht erwehren, daß er durch Bebauung des Feldes der Wissenschaften, durch Bearbeitung aller Disciplinen im Geiste des Christenthums mehr wirken könnte zur Ehre Gottes und zum Heile der Kirche, als durch die Regierung eines einzelnen Bisthums 4). Was er ans dem Gebiete der Wissenschaft leistete, war ja für den Umkreis der ganzen Kircbe fruchtbringend, diente als Waffenkammer zur Verteidigung des Glaubens, zur Ausrüstung tüchtiger Streiter des Herrn5), während seine Amtsverwaltung als Bischof sich nur auf einen kleinen Theil des göttlichen Weinberges erstreckte. Alle diese Erwägungen und Gründe mußten bewirken, daß Albert nur ungern den bischöflichen Stuhl zu Regenöbnrg inne hatte und daß er sich sehnte, dieser Last eines Oberhirten enthoben zu werden. 1) Jammy a. a. O. 2) Prussia sagt ebenso: IMnedat cke perieulo, guock ^.tamannise Lpiseopos od teinporalis äominii xrsvainen ack inntla äarnnnbilia quanckoque pertralrit. x. 286. 3) Nudolph. Es waren auch jene Zeiten nnd Gegenden von häretischen Bestrebungen nicht frei. In einem Jndnlgenzbriefe, welchen den Predigermönchen in Negens- burg der Bischof Heinrich 1277 ausstcllte, heißt es ausdrücklich, man müsse sie unterstützen gegen die grassircnden Häresien (contra prokliAcnäas Iiacreses), und nach Alberts Negierung kommen die sogenannten Armen von Lyon auch in Ncgensburg vor. Bgl. Riech Lock, ckiptom. I, x. 548. 4) Nudolph. Prussia sagt: RleZit maxis conleinplationi et meäitationi «eibi- lium et saerarum litterarunr in Orckine, cke quo N88>unptu8 tuerat intenäere, Huanr pastornlis curae negotii» »ine truetu in8ervire. p. 267. 5) TholomäuS de Luca, der Zeitgenosse des Albertus, gibt letzteren Grund besonders als den an, der den Papst bewogen, der Bitte des Albertus um Enthebung zu willfahren. Quetis und Echard I, 169. Darum wandte er sein Auge ohne Unterlaß hin nach Rom, wo diese heiligen Fesseln ihm waren angelegt worden und lag dem Vater der Christenheit wiederholt mit glühenden BittenZ und wundersamer Beredsamkeit an, ihn des Bisthums, nach welchem er nie verlangt, gnädiglich wieder zu entheben. Lauge flehte er, ohne Erhörung zu finden. Endlich gab Papst Urban IV. mit Beistimmung der Kardinale dem unabläsfigeu Drängen nach und vermochte den vom Kapitel einstimmig erwählten Dekan der Kirche zu Regensburg, Leo den Tundorfer, der durch einen Schwur sich verpflichtet hatte, das Bisthum nicht anzunehmen außer auf Befehl des Papstes, der Last des Oberhirtenamtes sich zu unterziehen?). Voll Entzücken über die endliche Erhörung seiner Bitten legte also Albert den Hirtenstab zu Regensburg nieder, verzichtete ans seine hohe Würde und kehrte mit der Schnelligkeit eines losgelassenen Bogens zu seinem armen und demüthigen Ordensleben zurück. Das bezeugt ein Zeitgenosse und Ordensbruder des Albertus selbst, nämlich Bernhard Gnidonis, indem er in seiner Chronik sagt: „Bruder Albert übernahm das Bisthum Regensbnrg nur gezwungen, warf es aber wie eine Kohle, welche die Hand brennt, nach erlangter Erlaubniß wieder von sich und kehrte zur Armuth seines Ordens zurück ch." Wann diese Verzichtleistung des Albertus auf sein Bisthum Regensburg geschehen, ist nicht mit völliger Genauigkeit zu bestimmen. 1) Papst Urban IV. sagt selbst in der Bestättigungsurkundc Leo's: Sans Uatis- xonensis üoelesia per cessionem venersdilis iralris nostri Ulbert! vpiscopi guonckam Ratisponensis al, eo petitam instanter et tanäein äe consilio Iratrum noslrorum a novis aämisssm vaeante eto. Bei Uieel, 6oä. ckipl. I, P. 465. Obiger Tholomäus de Luca sagt: Non guievit, guousciue aecepta luit sua renuntialio per suminunr pontiiicem: quoä kaeilius impetravit ex sua gra- tiositate sermouis et ex maxima lama suas ckoetrinae, guae totaliler peribat ennr enss et lancea curae pastoralis 6ermaniae. 2) Prussta »nd Rudolph irren, indem sie Clemens IV. als den Papst bezeichnen, der die Bitten des Albertus erhört hätte. Vgl. Prussia S. 267. Er sagt: De li- oentia ixilur impelrata per eunr a summo kontiüee Llemento tzuarto, suocessors Ilrdani praeäicti, relicto kraesulatu, relieto patrimonio Lpiseopali, insixnique urbs sua liatisponensi, aä Orckinis sui paupertatem valuntarie reckiit sseunä» anno praetati Oleinentis papae. Die Urkunden bei Nied widerlegen diese Nachricht. Die Lösung des Näthsels ist, daß Albert erst unter Clemens nach Cöln zurückkam. Uebrigens sagt der nahe Hermann von Altaich ganz richtig, Albert habe in die Hände Urbans resignirt. Vgl. Oel. I, 682. 3) Vgl. Quetif und Echard Lcript. vom. I, p. 169 und Rudolph. Der sel. Albertus verzichtet auf sein Bisthum Regensburg. 133 Doch geben die erhaltenen Urkunden die Glanzpunkte des Zeitraumes an, innerhalb dessen Albert von der Verwaltung des Bisthums abtrat. In der Urkunde vom 26. Februar des Jahres 1262, welche Chammün- ster betrifft, erscheint Albert noch als Bischof, das Kapitel nennt ihn noch seinen ehrwürdigen Herrn und Bischof'). Dagegen geht ans der Urkunde des Papstes Urban, die wir oben mitgetheilt und die am 11. Mai 1262 ausgestellt ist, offenbar hervor, daß Alberts Resignation schon vor einiger Zeit eingetreten, da das Kapitel bereits einen Ausschuß von fünf Mitgliedern erwählt hatte, welche den Dekan Leo zum Bischof erkoren. Es muß die Abdankung Alberts also zwischen dem 26. Februar und 11. Mai des Jahres 1262 geschehen seyn. Ja, da bereits im Mai jene Rückantwort von Viterbo erschien, welche die Anzeige der Wahl Leo's durch das Kapitel beim päpstlichen Stuhl voraussetzt, so muß bei den damaligen beschränkten Mittheilungsmittcln angenommen werden, daß Albert schon an zwei Monate früher seine hohe Stellung verlassen habe Z, so daß wir mit ziemlicher Zuversicht annehmen dürfen, die Resignation sei im Monate März jenes Jahres geschehen. Und so erhellt, daß des Albertus Hand gerade zwei Jahre den Hirtenstab von Regensbnrg geführt habe ^). Nicht groß ist also der Zeitraum, in welchem Albertus den Stuhl des hl. Wolfgang zu Regensburg iune hatte, aber Großes war in Kurzem vollbracht worden. Albert hatte seine Aufgabe nach Kräften gelöst und der Zerrüttung des Bisthums mit Segen entgegengewirkt. Der Friede zwischen dem Bischöfe, dem Kapitel und der Bürgerschaft war hergestcllt, die Schuldenlast getilgt, der sittliche Zustand des Klerus, der Klöster und des Volkes war durch Visitationen, durch Synoden, durch eifrige Anwendung der Heilsmittcl, durch das Vorbild der Heiligkeit, durch mündliches 1) Riecl, Ooä. äiplum. I, p. 464. 2) Alles in der päpstlichen Urkunde setzt den Verlauf einiger Zeit voraus, so auch die Worte: Oum postinoäuin inter praeäieios gninyue iraciaiuin wisset äiutius super substiiuiions xastoris, c^uatuor ex eis in äieiuin lüleciunr (Deo- nein) unaniiniier et eoncorlliter oonsenssrunt ei ipsuin ele^erunt eanonies po- stulanäuin in Lpiseopuin ei kasiorein Leelesiae inenroraiae. 3) Die verschiedenen Angaben der Chronisten über die Negierungszeit Alberts (einige nennen 1 Jahr, andre 2, andre 3 oder 4 Jahre) kommen theils daher, daß Alberts Ernennung noch i. I. 1259 erfolgte, theils daher, daß er erst später nach Köln zurückkehrte. Uebrigens sagt Tholomäus, der Zeitgenosse, er habe 1262 resignirt. Lctiarä 1, 168. Hochwart berichtet, Albert sei 1 Jahr und mehrere Monate Bischof gewesen. Ost. I, 208. 134 Kapitel XXIll. und schriftliches Wort nach Möglichkeit gehoben worden. Albert konnte also auch in dieser Hinsicht mit gutem Gewissen den Hirtenstab von sich legen oder vielmehr seinem trefflichen Nachfolger übergeben. Wahrlich, man kann ans seine kurze Bisthnmsverwaltung zu Regensburg anwenden die Worte der Schrift: „In kurzer Zeit hat er lange Jahre erfüllt!" Kapitel xxm. Der selige Albertus als Prediger des Kreuzes für Deutschland und Döhmen. Sein Umzug in Bayern, Schwaben und Franken. Nachdem Albertus die so heiß ersehnte Freiheit wieder gefunden, kehrte er mit der Freudigkeit des Vöglcins, das langer Gefangenschaft entronnen ist, wieder zu seinem geliebten Ordensleben zurück. In welchen Klöstern und an welchen Orten er sich aber in den nächsten Jahren aufgehalten, ist wieder schwer zu bestimmen. Seine späteren, im Kölner Kloster lebenden Biographen lassen uns hierüber völlig im Dunkeln, ja sie deuten an, daß Albert sogleich in seine Klosterzelle zu Köln zurückgckchrt sei. Doch die bayerischen Urkunden widerlegen solche Annahme und geben uns sogar einiges Licht über das Leben und die Bestrebungen Alberts in jenem Zeiträume. Der große Meister scheint sich unmittelbar nach seiner Resignation in ein bayerisches Kloster seines Ordens zurückgezogen zu haben, um einige Ruhe zu genießen und die Sammlung des Geistes von den Mühseligkeiten und Zerstreuungen seines hohen Amtes wieder zu gewinnen. Er stand bereits dem siebzigsten Lebensjahre nahe. Ob er wieder in Regensburg selbst geweilt im Kloster von St. Blasius, oder ob er sich vielleicht nach Salzburg und in dessen Sprengel begeben, da in diesen Gegenden Alberts Andenken sich so lebendig erhalten'), können wir nicht mit Bestimmtheit angeben. Aber nicht lange dauerte diese Zurückziehung Alberts vom großen Schauplatz der Welt, der Genuß der ersehnten Ruhe wurde bald wieder gestört durch ein neues Amt, das dem greisen Manne durch den Willen 1) In vielen Kirchen des Salzburger Landes findet man Bilder des Albertus in der Borhalle aufgehangen. Er erscheint da gerade im Akte der Wandlung, während dessen Christus ihm Belehrung über zwölf Fragen, die Vollkommenheit betreffend, ertheilt. 133 Der sel. Albertus'als Prediger des Kreuzes. des obersten Hirten der Christenheit ausgehalst wurde. Er mußte jetzt noch als Prediger des Kreuzes austreten! Denn es war die Zeit jener großartigen Kriegsunternchmungen noch nicht abgelanfen, die wir unter dem Namen der Krenzzüge kennen. Bereits oftmals war im Verlaufe der letzten zwei Jahrhunderte der Ruf des Paters der Christenheit an die Völker des Abendlandes ergangen, sich in Eintracht und Gottvertranen znsammcnznschaarcn und dem Sohne Muhammeds, dem Dränger des christlichen Namens, die Beute des heiligen Landes abzunehmen, das Zeuge des Lebens und Leidens des göttlichen Erlösers gewesen. Hunderttausende waren diesem Rufe von Oben gefolgt, hatten in heiliger Begeisterung das Kreuz sich ansgeheftct und dem Zuge gegen die Feinde des Kreuzes sich angeschlossen. So waren die Kreuzzüge entstanden, diese großartigen Zeugnisse für die ideale Richtung, für die Glaubenskraft und Liebcs- glut des christlichen Mittelalters, da es für ein Ideales, größtenthcils aus geistigen und religiösen Motiven, einer so Ungeheuern Anstrengung und Aufopferung sich hingab. Wir wissen, mit welch glänzendem Erfolge der erste Kriegszug dieser Art gekrönt war. Das heilige Land mit der Perle unter den Städten der Erde, mit Jerusalem, war in die Hände der Kreuzfahrer gefallen. Aber bald wurde die neubegründete Herrschaft der Christen in jenen Gegenden theils durch die eigne Schuld, durch die nagende Zwietracht und arge Korruption der Sitten unter den Kreuzfahrern, theils durch die Tapferkeit der Feinde hart bedrängt, immer mehr geschmälert und am Ende wieder völlig vernichtet'). Daher der stets erneute Rnf der Päpste, durch neue Zuzüge aus dem Abendlande den bedrängten Brüdern im Osten zu Hilfe zu kommen; daher die Auf- 1) Wie man in Deutschland im dreizehnten Jahrhundert noch von den Kreuzzügen dachte, schildert unser Walther von der Vogelweide, selbst Kreuzfahrer, mit den Worten: „Wohl wissen wir Alle, wie dieses edle und heilige Land unglücklich, einsam und verlassen ist! Weine, Jerusalem, weine, denn du bist vergessen. Das Leben enteilt und der Tod wird uns noch in de» Sünden antreffen. In Gefahren und Kämpfen aber wird Vergebung gewonnen, darum laßt uns Christi Wunden heilen und die Ketten seines Landes brechen. O du, Königin aller Frauen, gewähre uns deinen Beistand! Dort ward dein Sohn geopfert! Dort ließ er sich taufen, er, der himmlisch Reine, um uns zu entsühnen; dort ließ er sich verkaufen, er, der Reiche, um uns Arme loszulösen! Dort litt er den schmählichsten Tod! Wohl dir, Speer, Kreuz und Dorn! weh euch, ihr Heiden! Gott wird durch seiner Helden Arm die Unbild rächen!" 156 Kapitel XXIII. einanderfolge solcher Züge von Fürsten nnd Völkern nach dem Orient in kurzen Unterbrechungen. Aber alle noch so großartigen, späteren Unternehmungen konnten nur vorübergehende, kurzdauernde Erfolge erringen. Da kam i. I. 1265 die Kunde im Abendlande an, daß Akres, die letzte Festung der Christen im Morgcnlande, durch die Türken belagert werde. Nichts war mehr geeignet, die abendländische Christenheit mit Scham über ihre Unthätigkeit zu erfüllen, und zu einer letzten Unternehmung der Art, zur Aufbietung aller Kräfte, anzustacheln, als diese Nachricht. Sogleich faßte der Papst den Entschluß, einen neuen Kreuzzug predigen zu lassen, besonders in jenen Ländern, die nicht in ihrer eignen Mitte verwegene Feinde erstehen sahen, welche sie durch Organisation eines eigenen Krenzzuges bekämpfen mußten. Während also in Spanien bereits das Kreuz gepredigt ward gegen die drohenden Mauren, in England gegen die rebellischen Barone, die ihren König gefangen genommen, in Preußen und Lithauen gegen die nahen heidnischen Stämme, in Ungarn, Polen und den Nachbarländern gegen die anstürmenden Tartaren'), ließ der Papst in Italien, Frankreich und Deutschland zur Theilnahme an einem neuen Krenzzug nach Palästina einladen. So wehte die zur Hccrfolge rufende Fahne des Kreuzes jetzt fast überall. Besonders erließ Urban IV. an König Ottokar von Böhmen, an Otto, den Markgrafen von Brandenburg, an die Herzoge von Braunschweig, Sachsen und Bayern die Aufforderung, am Kreuzzuge für das heilige Land sich zu betheiligen und ihn auch predigen zu lassen 2 ). Albertus aber, an allen Leiden nnd Freuden der Zeit theilneh- mend, konnte von diesen größten Ereignissen des Jahrhunderts nicht unberührt bleiben. Obwohl bereits ein Greis von fast siebenzig Jahren, übernahm er dennoch mit Jugendglut das Amt der Verkündigung des Krenzzuges in Deutschland und Böhmens. Doch war es nicht erst der letzte eben genannte Krenzzug, der ihm diese neue Würde und Bürde brachte, sondern er führte diesen Titel eines Verkündigers des Krenzzuges schon zwei Jahre früher, im Jahre 1263. Es scheint also 1) Dgl. INeun Iiistoirs eeelsbiabtigue, livrv 85, p. 61. 2) INeuiI I. e. p. 60. 3) Janum) sagt: Albertus wurde damals als Prediger des Kreuzes vom apostolischen Stuhle berufen und entzündete wunderbaren Eifer dafür in Deutschland und Böhmen. Der sei. Albertus als Prediger des Kreuzes. 157 dieses päpstliche Ehrenamt bereits ständig gewesen zu sehn'), so daß es unserm Meister Albertus bald nach Ablegung des Hirtenstabes von Regensburg übertragen werden konnte. Er aber wollte auch diesen Namen nicht vergebens tragen, sondern wanderte wirklich wieder von Stadt zu Stadt, von Ort zu Ort, um Fürsten und Edle sür die Sache des heiligen Krieges zu begeistern ^). Leider liegt über die Wege, die Albertus damals eingeschlagen, über die Resultate seiner Bestrebungen tiefes Dunkel, nur hie und da tritt seine Gestalt wie ein Heller Lichtpunkt auf, um sogleich wieder zu verschwinden. So treffen wir unfern Seligen im Mai des Jahres 1263 im Kloster Polling, das in Oberbayern gelegen und zu den ältesten und ruhmreichsten Stiften Deutschlands zu rechnen ist^). Wahrscheinlich war er von Regensburg über Landshut, Freising und München dahin gekommen, überall heiligen Eifer für das gelobte Land entzündend. Wie er immer von Begierde brannte, das Heil der Seelen zu befördern und die heiligen Stätten in der Verehrung der Gläubigen gehoben zu sehen, erließ er in Polling einen Ablaßbrief, indem er allen denen, die an bestimmten drei Festen die Kirche daselbst besuchen und die Sakramente empfangen, einen Ablaß von vierzig Tagen zuerkannte. Die interessante Urkunde lautet also: „Bruder Albertus, weiland Bischof von Ncgensburg, durch die Autorität des apostolischen Stuhles Prediger des Kreuzes durch Deutschland und Böhmen zur Hilfe des heiligen Landes , allen Gläubigen Christi Heil im Herrn! Wir zweifeln durchaus nicht, daß durch die Verdienste der Heiligen die herrlichen Freuden Christi jenen Gläubigen zu Theil werden, die ihre Fürbitte durch Erweisung würdiger Andacht verdienen, und jenen in ihnen verehren, der ihre Glorie und ihr Lohn ist. Da wir nun wünschen, den Gläubigen Veranlassung zu geben, die genannten Freuden zu erlangen, so ertheilen wir allen rcumüthig Beichtenden, die das Kloster Polling 1) Früher hatte Conrad von Marburg, der Beichtiger der hl. Elisabeth, auch dieses Amt bekleidet. Bgl. Montalembert, Leben der hl. Elisabeth. Köln 1853. S. 89. 2) Flenry sagt ausdrücklich, den Provinzialen der Dominikaner und Franziskaner sei i. I. 1265 die Verkündung des Kreuzzuges übertragen worden. Nur bis dahin scheint Albert dieses Amt versehen zu haben. 3) Nonumenta Uoioa tom. X, p. 55. Und Nunäü Natrop. 8alt8t>. III, x. 117. 4) Die Urkunde beginnt mit den Worten: Krater XUierlus Lpiseoxu» qrion- äam Uatisponen8is, Xpo8tolieae 8ecki8 auetoritats Orueis praeckieator per Xle- inaniam et Loemiam pro aubsiäto terrae sanetse. 138 Kapitel XXIII. an den Tagen der Auffindung und Erhöhung des Kreuzes und an der Kirchwcihe mit Andacht und Verehrung besuchen, im Vertrauen ans die Barmherzigkeit des allmächtigen Gottes, einen Nachlaß von vierzig Tagen an der ihnen anferlegten Buße. Gegeben zu Polling Z am ö. Mai im Jahre des Herrn 1263." Wir wissen nicht, ob Albertus mit der Anbietung dieser Gnaden die Bedingung verbunden, daß zugleich eine Beisteuer zum Kreuzzuge gegeben werden müsse. Es scheint dieß nicht der Fall zu seyn, da der Wortlaut keine Andeutung gibt. Wahrscheinlich hatte Albertus auch hier nur die Absicht, in möglichst großer Anzahl die Gläubigen hcrbei- zulocken zum Besuch der Kirche und zum Gebrauch der Gnadenmittel. Doch konnte dadurch dem Kloster auch eine Unterstützung zugedacht seyn, da es in den nächsten Zeiten als sehr verarmt geschildert wird Z. Ungewiß ist, ob Albertus damals auch die andern naheliegenden, ruhmvollen Klöster Bayerns besuchte, die dort sich entweder in den Wellen der lieblichen Seen spiegelten oder hinter dunkeln Wäldern verbargen, nämlich Dicssen, Andechs, Wessobrun, Benediktbeuern, Rothcnbnch, Steingaden, alle diese Mittelpunkte der Civilisation, Hei- ligthümcr der Wissenschaft, Asyle der Ruhe und Gebet suchenden Seelen und Stätten unbegränzter Gastfreundschaft, welche die Pilger benützten, die von den nördlichen Reichen zum Grabe der Apvstelfürstcn wallten ch. Wir haben leider über diese Wanderungen des Albertus keine Aufschlüsse. Wenn ihm jedoch das unter seinen Schriften enthaltene Werk über die Alchemie angehörte, was aber sehr unwahrscheinlich ist 4), so wäre dieser Besuch der bayerischen Klöster um der Wissenschaft willen schwer in Abrede zu stellen, da der Verfasser am Anfänge der Schrift erzählt, er habe fast alle Klöster und Stifte durchwandert, um die Fortschritte der Alchemie kennen zu lernen °). Doch t) »Xpuä kollingain« könnte auch andeutcn, daß sich Albert in einem nahen Orte, etwa dem Schlosse eines Adeligen, aufgehalten? Daß er häufig bei Vornehmen zu Tisch gesessen, sehen wir auch aus seinen Schriften. So erzählt er, einmal während einer Tafel beim Austernessen viele Perlen in den Schaalen gefunden zu haben. 2) In Lunäii Metrox. 8. III, 114. 3) So spricht von ihnen Montalembert im Leben der hl. Elisabeth, Kap. XX. 4) Vgl. Quetif und Echard 8eript. Oonrinlo. I, p. 179. 5) Operum Xlbcrli Nass. lom. XXI. Uebrigens erzählt auch der Zeitgenosse Roger Bacon, Laß man damals in Burgen und Klöstern allgemein die Wissenschaften betrieben habe: „Seit vierzig Jahren besonders ist in Len Burgen und Klöstern eine rege Wißbegierde neben der allgemeinen Unwissenheit des Volkes bemerkbar." Vgl. Kritische Untersuchungen über die histor. Entwicklung der geograph. Kenntnisse Der sel. Albertus als Prediger des Kreuzes. 159 bei dem Mangel an alten Zeugnissen können wir kein bestimmtes Urtheil fällen. Wir wissen eben so wenig, welchen Weg Albertus von da eingeschlagen. Aber wir vermuthen, daß er durch Schwaben nach dem prächtigen Ulm, dann durch die reizenden Thäler der rauhen Alp nach Eßlingen und Gmünd gezogen, weil er später das Kloster der Dominikanerinnen in letzterer Stadt sogar unter seiner Erben Zahl gesetzt hat und auch sonst mehrmal vom wnrtcmbergischen Schwaben spricht'), was öftern Aufenthalt dort vermuthen läßt. Sichere Kunde vom Albertus gibt uns erst wieder eine Urkunde vom 27. Mai, zn welcher Zeit der alte Meister bereits in Würzburg erscheint. Hier in dieser herrlich gelegenen, hochgescgnetcn und mit Gottesbanten reichgcschmückten Bischofsstadt Frankens scheint er sich während der nächsten Monate ausgehalten zu haben. Es hat sich die Sage erhalten, daß Albertus damals den hinter der Dechanei znm neuen Münster gelegenen Hof Wicsenfeld Z bewohnt habe, vielleicht weil der Bau des Dominikanerklosters in Würzburg erst im Entstehen begriffen war. Auch hier scheint er wieder vor Allem Bedacht zu nehmen auf Förderung des religiösen Sinnes und auf Unterstützung der klösterlichen Institute. Da die Nonnen vom Orden des heiligen Bcr- nardus im Kloster Himmelspforte, das in einiger Entfernung von der Stadt an den reizenden Ufern des Mains gelegen ist, einen großartigen Kirchenban ansführten, wollte auch Albertus das schöne Werk nach Möglichkeit unterstützen. Vermöge der ihm bleibenden Würde eines Bischofs verhieß er allen denen, welche zum heiligen Bail einen Beitrag gäben, einen Ablaß, wenn sie die gewöhnlichen Bedingungen erfüllten. Wir sehen ans der erhaltenen Urkunde Z, daß Albertus damals von der neuen Welt von Alex. v. Humboldt. Deutsch v. Jdeler, Berlin 1852. I. Bd. S. 70. 1) Er spricht in einer früher» Schrift, in die er aber später immer neue Noten eintragen konnte, vom Ausbleiben des Neckars bei Laufen, das er selbst gesehen, von dem Steine, den er von einer Gräfin in Schwaben erhalten u. s. f. (IVIiiieralox. l>. 231.) 2) Vgl. Frieß, Würzburger Chronik I, 355, Oberthür: Albert der Große in Würzbnrg in der Nnemos^ne, Jhrg. 1829. Ebenso Würzburg und seine Umgebungen von Hcffner und Pr. Neuß 1852. Nach ihnen Bianco, Geschichte der Universität Köln, S- 54. 3) Gegenwärtig ein Kloster der Karmelitinnen. Die Cisterzienserinnen waren von einer andern Stelle hieher übergefledelt. 4) Längs Rsxssts, Volum. III, p. 205. Hier heißt es: ^Iberti Lxiseopi quonäsm Uatispononsis per Vlimanniam et Loemiam erueem praeclieantis, inclulxentiae 160 Kapitel XXIIl. auch noch mit der Würde eines Kreuzpredigers ansgestattet gewesen und mit welcher Begeisterung er sich wieder um die Förderung eines Kirchenbaues angenommen! Wohl haben wir nun Grund, zur Vermuthung uns Hinzuneigen, der ehrwürdige Greis werde jetzt sich bleibende Ruhe gegönnt und in der Nähe jenes Klosters der Dominikaner, wo sein leiblicher Bruder Heinrich das Amt eines Priors verwaltete'), für längere Zeit geweilt haben. Allerdings verlangte wohl Albert nach solcher Ruhe. Aber er war ja noch mit der Verkündigung des Kreuzzuges betraut vom päpstlichen Stuhle. Darum konnte er noch keine Ruhe genießen, er wollte nicht als träger und unnützer Knecht erscheinen, sondern er ergriff wieder den Wanderstab, um Herren und Volk für das heilige Unternehmen zu begeistern. Abermals liegt jedoch Dunkel auf den Wegen, die er gegangen. Er mag durch die lieblichen, fränkischen Gauen, durch das prächtige Bamberg und das stolze Nürnberg, wo man später nach Prussia ja seine Handschrift zeigte und wo damals auch bereits das Klösterchen der Prediger sich erhob ^), die Rückreise gemacht haben. Wir treffen ihn aber erst wieder in Regensburg, wo er am 18. März des Jahres 1264 eine Urkunde ausstellt, über das in seiner Gegenwart abgelegte Versprechen des Ritters Zacharias von Hag, daß er als Lehensmann der Bischöfe von Regensburg seine Kinder nicht verehlichen wolle ohne Bewilligung des Bischofs ^). Ans diesem Schrift- pro eonventn rnonialirnn Loeliporlae, Oistsrtiensis ordinis, ksrbipolensis dioe- csseos, ot> oratorii sui sninptuosam eonstruetionem. Latum kerbipoli VI. LH. dnnii (27. ikai). Im Jahre 1264 ertheilt dann auch Bischof Jring von Würzburg solche Ablässe zum Bau jenes Bethauses, von dem es heißt, es sei maAnikiee in- eboata. p. 227. Wenn in einer Kölner Urkunde vom Mai 1264 auch ein LIbertns obori episcoxus vorkommt, so ist dieses schwerlich unser Albertus, der sich von nun an immer gnondam kpiseopus katisp. nennt. Vgl. Lpologia des Erzstifts Cölln- S. 60- Lbori episeopns heißt auch Chorregent. 1) Ob schon damals, oder erst später, ist ungewiß. 2) Vgl. Ussermann! Lxiseopstus Lsinberg. p. 425 (in Nürnberg seit 1248) und x. 379. 3) Bei kied, 6od. diplom. I, p. 473. Sie beginnt! Los Liberins quondain Kalis, kpiseopus, nniversis presentes Literas inspsoturis volnrnus esse notuin, yuod in nostra praesentia constitutus 2aebarias de Laxe indes llds data pro- misit in nranibns domini Leonis Kat. Kpi. et niobiiominus oorporaliter praesli- tit zuramenlum ete. Auf dem unten angebrachten Siegel Alberts steht; 8. Iratris Llberti huondam kxi. kalisponen. de Ord. kraed. Zwar ist Negeusburg nicht genannt als Ort der Ausstellung, da aber auch alle Zeugen aus der Gegend von Der sel. Albertus als Prediger des Kreuzes. 161 werke erhellt, Albertus war nach seinen mannigfachen Umzügen wieder nach seinem alten Bischofssitze znrückgekommen, wo er wohl im Predigerkloster Wohnung nahm. Er ist wieder der Mann des öffentlichen Vertrauens, da in seiner Gegenwart und unter seiner Zcngschaft ein wichtiger Lchensakt vorgenommcn wird. Zugleich bemerken wir aber, daß Albertus jetzt den Titel eines Predigers des Kreuzes nicht mehr führt. Er hat also wahrscheinlich in Berücksichtigung seines hohen Alters Befreiung von der drückenden Last gefunden, die er nun in die Hände der Obern dort nicdcrlcgte, wo sie ihm war aufgehalst worden, nämlich im Dominikanerkloster zu Regensbnrg. Und so, sahen wir, hat unser Meister als Greis wenigstens auf kleinem Gebiete auch die Rolle des heiligen Bernardns gespielt, er hat mit Aufbietung aller Kraft der Rede dahin gearbeitet, die Herren und Völker Bayerns, Schwabens und Frankens aus dem Stumpfsinne auszurüttcln und sie nochmal zum Kampfe für die heiligen Stätten zu entflammen. Er hat also nicht bloß das Jerusalem der Wissenschaft als christlicher Streiter zu erobern gesucht, sondern auch das irdische Sion den Händen der Ungläubigen zu entreißen redlich sich abgemüht. Kapitel xxiv. Der selige Albertus weilt längere Zeit in Würzburg. Kaum hatte der selige Meister Albertus durch Enthebung von dem Amte eines Kreuzpredigers seine heilige Freiheit wieder erlangt, kehrte er abermals in sein geliebtes Würzburg zurück. Dort hatten ja die vielen mit hoher Ehrfurcht zu ihm aufblickendcn Freunde ihn dringend Ungeladen, in ihrer Mitte zu bleiben. Und dem Orden selbst mußte cs erwünscht seyn, wenn Albertus der sich erst ansbreitcnden Pflanzung desselben in der mächtigen Hauptstadt Frankens rathend zur Seite stünde. Vielleicht dürfen wir auch die Anmnth der rings mit rebenbckränzten Hügeln prangenden Gegend und die Milde des Klimas als einen Grund anführcn, warum seine Obern den greisen Lehrer bestimmten, seinen Wohnsitz für längere Zeit in Würzbnrg aufzuschlagen. Er sollte hier von den Ungeheuern Anstrengungen der letzten Negenöburg sind, läßt sich wohl nicht zweifeln, daß Albert sich wieder in Negenöburg befunden habe. Sighart, Albert d. Große. 11 162 Kapitel XXIV. Jahre Erholung und Erquickung finden. So kam Albertus noch im Verlaufe des Jahres 1264 nach Würzbnrg zurück, wo er an drei Jahre verweilte. In welcher Weise er diesen längeren Zeitraum zubrachtc, welcher Beschäftigung er sich damals hingab, darüber sind uns wieder nur einige sparsame und dürre historische Notizen aufbewahrt. Sage und Vermuthung suchen darum das Fehlende zu ergänzen. Sicher ist nur, daß der greise Meister allenthalben im höchsten Ansehen stand. Der Bischof, der Adel und die Bürger überhäuften ihn mit Beweisen ihrer Achtung, ihrer Ehrfurcht und ihres Vertrauens. Dieß bezeugen die vielen fränkischen Urkunden jener Zeit, in welchen Albertus bald als Friedensstifter, bald als Zenge eines wichtigen Aktes erscheint. So legte er am 4. Dezember 1264 im Kloster der Prediger im Vereine mit Poppo, dem Dompropste, einen Streit gütlich bei, der zwischen dem Stifte St. Johann in Hang und dem edlen Gottfried von Hohenlohe wegen der Propstcircchte in Hopferstat und Rüdershausen entbrannt war'). Wieder tritt Albert auf als Vermittler des Friedens im folgenden Jahre. Bischof Jring von Würzbnrg und Bruder Albertus beendigen einen Streit zwischen demselben Kapitel von St. Johann in Hang und dem edlen Kraft von Hohenlohe über die Rechte der Propstci und Advokatie in Königshofen, Wolkshauscn, Eichelsee und Herchsheim durch ihren schiedsrichterlichen Ausspruch. Es geschieht dieß am 10. April des Jahres 1265 Z. Nach einigen Monaten (am 1. Juli) ist er abermals mit dem Commenthur der Johanniter, Ulrich von Vellbcrg, Schiedsrichter nnd bestimmt, daß die Besitzer des Hofes Wegcnhcim, die in Würzbnrg eine Stallung erbauten, dadurch das Licht im Zehenthause (osnsrmlis äonnis) nicht verbauen dürfen '). Unterdessen waren zwischen dem Bischöfe Jring selbst und der gesammten Bürgerschaft arge Streitigkeiten ausgebrochen. Um die politische Atmosphäre zu schildern, in der auch in Würzbnrg unser Albertus weilen mußte, um die grause Fluth zu zeigen, die seine Weisheit zu bannen wußte, gebe ich ein gedrängtes Bild jenes Kampfes. Wie in den meisten ansehnlichen Städten Deutschlands, der Niederlande und Frankreichs, hatten auch in Würzbnrg schon vor mehreren 1) Die Urkunde in Längs kegeln III, p. 235. Er heißt hier nur noch: kV. ^.Ikertus, kipiscogus guonNnm Untisponensis. in elaustro Irntruin kVneäicntoruin in äie Lnrbnrno Vir^inis. 2) Längs Uexosin III, p. 245. 3) Roxesin III, x. 247. Und Fries Würzburger Chronik. 1848. I, 355. Der sel. Albertus in Würzburg. 163 Jahren die Bürger im Bewußtseyn ihrer Wohlhabenheit und Stärke sich gegen die Oberherrlichkeit der Bischöfe erhoben, Gehorsam und Abgaben ihnen verweigert und schon manchen feindlichen Angriff gegen sie und den Adel sich erlaubt. Durch die Vermittlung der Grafen von Henneberg ließen sie sich endlich zu einem Vergleich mit dem Bischöfe bewegen, der i. I. 1261 geschlossen ward. Es gelobten hiebei die Bürger, die Rechte, die Obrigkeit und Freiheiten des Bischofs, ihres Herrn, unverletzt zu bewahren und auzucrkennen, das Domkapitel und den gestimmten Klerus bei seinen Rechten zu schirmen, Niemand ohne des Bischofs Wissen und Willen als Bürger aufzunehmen oder in den Rath zu wählen, die bischöfliche Münze als gültig anzu- crkennen, dem Bischöfe die herkömmlichen Abgaben zu bezahlen, die Juden (welche unter bischöflichem Geleit standen) bei ihren Geschäften nicht zu stören und zu mißhandeln und das bischöfliche Geleit zu achten und zu handhaben. Doch bald loderte die Flamme des Aufruhrs abermals empor. Die Ursache war folgende: Nor ungefähr dreißig Jahren hatte König Heinrich VII. im ganzen Reiche die Zünfte (?) aufgehoben und verboten. Auch zu Würzburg waren sie darum aufgelöst worden. Doch die Häcker, Bäcker und Metzger hatten sie selbstmächtig erneuert. Da wollte Bischof Jring und das Domkapitel sie abermals aufheben. Darüber geriethen nun die Bürger in große Aufregung, die i. I. 1265 in offene Feindseligkeit ausbrach. Sie maßten sich Oeffnung und Sperre der Thore an, neckten das Hofgesinde und die Diener der Geistlichen, verjagten die Juden und die ihnen Entgegentretenden aus der Stadt, prägten im Namen des Bischofs neue Münzen und warfen rings um die Stadt Bollwerke aus, um sich gegen einen Ueberfall von Seiten des Bischofs zu sichern. Die bei diesem Baue beschäftigten Arbeiter gingen in die Stifte und Klöster, um sich dort umsonst ihren Wein zu holen, welcher ihnen auch anfangs in geringerem Maße gereicht wurde. Durch diese Nachgiebigkeit ermuthigt, fanden sie sich aber bald rottenweise daselbst ein, nahmen, wo mau cs ihnen weigerte, den Wein mit Gewalt sammt den Fässern ans dem Keller und plünderten, von diesem Genuß berauscht, den Bischofssaal, die Höfe der Stistsherrn und bischöflichen Räthe. Da sah sich Bischof Jring genöthigt, dem Unfug zu steuern, zu den Waffen zu greifen und Gewalt mit Gewalt zu unterdrücken. Am Samstag vor Margarethentag (11. Juli) 1265 verschrieb er dem Herrn Konrad von Trimberg 150 Malter Korn auf das Vorwerk zu Rieden und den Zehent zu Weitoldshausen mit dem Vorbehalt der Wiedereinlösung, wogegen ihm dieser seine Hilfe gegen 11 * 164 Kapitel XXIV. die Bürger zusagte. Auch die Herren vou Hohenlohe, von Weiusberg und andre Lehensmänner des Stifts versprachen Unterstützung mit Reisigen und Pferden. So drohte ein verheerender Bürgerkrieg auszubrcchcn. Doch durch die Vermittlung edler Männer, besonders der Grafen Ludwig von Rineck und Heinrich von Branncck ward am 26. Aug. 1265 abermals ein Vergleich zu Stande gebracht, und es scheint, unser Albertus war wieder die Person des Vertrauens aller Parteien, da er zuerst als Zeuge des Vertrages erscheint und an diesen auch sein Siegel gehangen hat. Wie mächtig aber seine Beredsamkeit, wie bezaubernd seine Erscheinung, wie unbezweifelt seine Gerechtigkeit gewesen, können wir aus dem Inhalte dieses Vertrages schließen. Denn die Bürgerschaft schwor abermals, dem Bischof treu und gehorsam zu seyn, ihm das Siegel und die Thorschlüssel der Stadt zu übergeben und acht Jahre das Umgeld zu entrichten, ohne sein Wissen Niemand znm Bürger oder Rathsherrn anzunehmcn, sein Geleite zu achten, die Geistlichen, den Adel und die Jndenschaft nicht zu kränken, sondern bei ihren Rechten und Freiheiten zu schützen, die bischöfliche Münze in ihrem Werthe anzuerkennen und die Fälscher derselben, sowie die des Weinmaßes, dem Gerichte auszuliefern, die verjagten Juden und Christen wieder in ihr Eigenthum einzusetzen und in ihrem Gewerbsbetriebe nicht zu stören. Für die zugesügten Beschädigungen und Plünderungen mußten dem Bischöfe 2000 Mark Silbers, ebenso viel den Chorherren und Räthen erstattet, die zerstörten Wohnungen derselben aber aus Kosten der Stadt wieder aufgebaut und die geraubte Hauseinrichtung ihnen vergütet werden. In des Bischofs Willkühr sollte cs stehen, ob er die Zünfte bestehen lassen oder aufheben wolle. Auch sollten die aufgeworfenen Schanzen und Bollwerke wieder abgetragen und schlüßlich dem Abte von St. Burkhard eine Entschädigung gegeben werden, welche der Bruder Albert zu bestimmen habe. Als Bürgen dieser Versprechungen setzte die Bürgerschaft 24 in der Stadt ansässige, ehrenhafte Männer ein und Bruder Albert hing sein Siegel unter die Urkunde. Außer ihm und obigen Grasen waren noch als Zeugen gegenwärtig der Dekan und der Propst von Hang Z. So hatte also die Weisheit und das Ansehen des Albertus die trotzigen Bürger zur Anerkennung der Gerechtigkeit gebracht und auf eine Zeit lang den drohenden Sturm beschworen. Nach einigen Monaten s23. Dez.j °) bekräftigt er wieder 1) Nach Fries Würzburger Chronik I, 355 und Längs Lexeota III, 251. 2) Rex. III, 255. Der sel. Albertus in Würzburg. 168 eine Jahrtagstiftnng des kaiserlichen Oberstküchenmeisters Lnpold von Nordenbcrg znm Kloster Rottcnburg, Bald aber tauchten neue Irrungen auf. Als der Bischof Jring im Anfänge des Jahres 1266 gestorben war, trat eine zwiespältige Bischofswahl ein, indem ein Theil des Kapitels den mächtigen Grafen Bcrthold von Hcuneberg, ein anderer den gelehrten und frommen Konrad von Trimbcrg erwählte. Da beide Kandidaten die Wahl geltend machen wollten, entspann sich ein herber Streit. Graf Ber- thold suchte sich mit Gewalt in den Besitz des bischöflichen Stuhles zu setzen, wurde aber von dem Bisthumsadministrator Bcrthold von Sternberg, den die Bürgerschaft von Würzburg und viele Edle unterstützten, in der Schlacht bei Kitzingen am 8. Aug. 1266 gänzlich geschlagen'). Er verlor an 500 Mann, während auch auf Seiten der Würzburger selbst mehrere Domherren gefallen zu seyn scheinen. Unterdessen war Konrad nach Rom geeilt, um dort die Bcstättigung seiner Wahl zu erholen, starb aber auf der Heimreise am Fieber. Und nun wählte das Kapitel den so tüchtigen Administrator Bcrthold zum Bischof, der auch endlich trotz aller Bexationen des Grafen von Hcnnc- bcrg den bischöflichen Stuhl bestieg Während dieser traurigen Zeit des Zwiespalts und des Kampfes scheint sich Albert in kluger Vorsicht allen Parteien ferne gehalten und bloß seiner süßen Wissenschaft in der Abgeschiedenheit der Zelle gelebt zu haben. Erst i. I. 1267 erscheint er abermals in einer Urkunde öffentlich, indem er wieder Frieden stiftet zwischen den Hospitalbrüdern von St. Johann in Würzburg und dem Ritter Marquard, genannt Cruso, der des Hospitals Schuldner warst. Ans all diesen Angaben und Schilderungen erhellt die Wahrheit nnsers obigen Ausspruches, daß Albertus auch in Würzburg der Mann des öffentlichen Vertrauens gewesen, da Alle, im festen Glauben an seine Gerechtigkeit, die Entscheidung ihrer Streitsachen seinem Urthcile anheimstellcn. Aber zugleich sehen wir, dem alten Meister war wieder nicht vergönnt, immer ohne Störung der Ruhe in den geliebten Räumen seines Klosters zu weilen, er mußte wieder häufig in das Getöse der Welt sich hinausbcgeben, die gewöhnlichen, oft recht kleinlichen 1) In der Schlacht flatterte das berühmte Cyriakuspanier (17' lang, 9' breit, aus Leinwand mit dem Bild des hl. Kilian und eines Fürsten), das noch im histor. Verein zu Würzburg zu sehen ist. 2) Fries a. a. O- 1- S. 371. 3) Reg. i>. 295. Im I. 1267. «Ä - 166 Kapitel XXIV. Streitfragen anhören, die Sachlage untersuchen, die gegenseitigen Interessen abwägen, und endlich ein alle zufriedenstellendes Urtheil fällen. Gewiß ein großes Opfer für den Mann, dessen Geist so ganz dem Idealen zugewandt war, für den nur das Ewige Bedeutung und Werth hatte! Doch da cö sich meist darum handelte, Frieden zu stiften, und so diese Frucht der Erlösung zu erhalten unter den Menschen, weigerte er sich des Dienstes und der Mühsal um so weniger, als ja den Friedfertigen, den Friedenstistern in Mitte der Zwietracht, vom Herrn selbst hoher Lohn verheißen ist. Soviel berichten uns die Urkunden von der Wirksamkeit unsers Meisters in Würzburg. Dem müssen wir noch beifügen, daß Albert sich ohne Zweifel auch um das Kloster der Dominikanerinnen bei St. Marcus daselbst thätig angenommen, da er später dasselbe sogar in seinem Testamente mit einer Schenkung bedenkt. Wahrscheinlich war es eine neuanfblühende Pflanzung, die den Weg der Vollkommenheit wandelte und dadurch auch Alberts Liebe besonders gewann. Dagegen weiß auch hier die Sage wieder zu erzählen, Albertus habe den damals sich zu Würzburg erhebenden Bau des Dominikanerklosters und der dazu gehörigen Kirche, die i. I. 1274 zu Ehren des hl. Paulus geweiht wurde, zu leiten gehabt'). Wenn unter dieser Leitung zu verstehen ist der hochwichtige Beirath des Albertus als eines erfahrenen, schon bei hundert Kloster- und Kirchengründungen beteiligten Ordensmanncs, so können wir wieder nicht zweifeln, daß der gütige Meister seinen Brüdern durch Rathschläge und Anweisungen bei dem heiligen Werke behilflich gewesen. Wenn aber wieder bloß aus seiner damaligen Anwesenheit in Würzburg der Schluß gezogen wird, er habe den Bauplan der Kirche entworfen und die Ausführung als Architekt geleitet, so haben wir hiezu wieder keine historische Berechtigung. Aber als sicher dürfen wir die Nachricht annehmen, Albertus habe auch in Würzburg lehrend, predigend-) und schreibend diese Jahre zugebracht. Denn wir können uns diesen Altmeister der Professoren und Schriftsteller für längere Zeit fast nicht anders denken, als auf dem Katheder oder am Schreibtische sitzend. Das ist seine eigenthümliche Lcbenssphäre. Ohne Zweifel hat er darum im Kloster zu Würzburg seine Lehrvorträge wieder begonnen und durch das 1) Vgl. Obcrthür a. a. O. und Bianco S. 54. 2) Siehe obige Schriften. 167 Der sel. Albertus in Würzburg. Netz der Heilspredigt auch in der Kirche wieder die Seelen dem Herrn zu gewinnen gesucht. Wenn wir dann fragen, welche Schriften des Meisters damals ihre Entstehung gefunden, so haben wir darüber freilich keine bestimmten Angaben, sondern nur Vermuthungen. Doch möchte der Umstand, daß Albertus im Commentare zum Evangelium des heiligen Marcus auf seine früheren Erklärungen der Evangelien hinweist, darauf deuten, daß dieses Werk in jener späteren Zeit entstanden und vielleicht in diese Jahre zu verlegen sei. Das Gepräge der exegetischen Behandlung dieses heiligen Buches ist ganz dasselbe, das wir früher schon bei den übrigen Evangelien kennen gelernt habenVon eigen- thümlichcu Traditionen, die jene Schrift des Albertus in sich begreift, führen wir an, daß der Evangelist Marcus in jener Nacht der Gcfan- gennehmung des Herrn, wo auch er halb augeklcidet von den Soldaten ergriffen wurde, nicht bloß das Kleid, sondern auch den Daumen verloren haben soll. Ferner wird berichtet, das von der Hand des heiligen Marcus geschriebene Evangelium werde in Aquileja anfbe- wahrt. Endlich erfahren wir, jenes Weib, das die Lobpreisung ausgesprochen: Selig ist der Leib, der dich getragen! habe Marcella geheißen und sei eine Magd der heiligen Martha gewesen. Außerdem möchten wir des Albertus Buch vom starken Weibe in diese Zeit verlegen. In den ältesten Verzeichnissen seiner Schriften 2) findet sich dieses nämlich immer in der Nähe der späteren Werke seines Geistes aufgcführt. Und wann wäre er auch mehr geeignet gewesen, über die Kirche Gottes auf Erden, über ihre Vorzüge, Gaben und Einrichtungen Untersuchungen anzustellcn und die ihm zuströmenden herrlichen Gedanken hierüber öffentlich auszusprcchen, als gerade jetzt, nachdem er selbst in die kirchliche Hierarchie als Bischof eingetrcten und das wunderbare, mannigfache Leben ihres Organismus durch die Erfahrung in nächster Nähe beobachtet hatte? Wir glauben also nicht sehr zu irren mit der Annahme, Albert habe damals das einunddreißigste Kapitel des Buches der Sprichwörter benützt, um daran seine Vorträge und Belehrungen über das Wesen und Leben 1) Der Commentar ist der kleinste und füllt nur 134 Seiten. Vielleicht hat er den Commentar im Kloster seines Ordens zu St. Marcus geschrieben zu Ehren des Evangelisten, dessen Namen die Kirche trug. 2) Z- B- bei Rudolph. Dieses Werk ist fast in allen Klosterbibliotheken Bayerns (sowie der Commentar zu Lucas) vorhanden gewesen, also wohl hier entstanden. Es steht bei Jammy Bd. XII. 168 Kapitel XXIV. der Kirche, als der erneuten Menschheit, als des starken Weibes Christi des Erlösers zu knüpfen. Albertus sieht nämlich in jener Schilderung des starken Weibes, die Salomon dort gegeben, in prophetischem Vorbild die Kirche vorgestellt, erklärt die einzelnen Worte jenes Kapitels in umfassender Weise im Hinblick ans die Kirche und sucht dann durch warme Worte die Leser, Laien, Kleriker und Bischöfe für das wahre Leben der Kirche zu begeistern. Gleich am Anfang zerlegt er sich den heiligen Text: Das starke Weib, wer wird cs finden? in folgende Punkte: „Hier wird viererlei hervorgehobcn. Das Erste ist: Warum heißt sie ein Weib? Das Zweite ist, von welcher Beschaffenheit ist das gesuchte Weib? Denn sie heißt stark. Das Dritte ist die Würde des Suchenden, welche durch das Fragewort »Wer« ansgcdrückt ist. Das Vierte ist der Fleiß des Suchenden, welcher in dem Worte »Finden« angeden- tct ist." Sofort werden dann diese Worte mit größter Ausführlichkeit auf die Kirche angewcndet. Sie ist ein Weib durch vier Eigenschaften, durch den Seelcneiser, durch die Belehrung, durch die Mildthätigkeit und durch das Mitgefühl mit ihren Kindern, wodurch sie geistig die Akte des Weibes wiederholt. Die Größe seiner Stärke zeigt jenes Weib dadurch, daß es die fünf Stärksten überwindet, nämlich Gott, das Reich Gottes, den Teufel, das Reich des Teufels und sich Selbst Z. Bei der Rede vom Suchen jenes Weibes schildert Albertus so schön, daß Gott es gewesen, der von den fernsten Gränzen (Gottheit und Menschheit mußten sich einigen) seine Kirche gesucht im Werke der Erlösung. Er sagt unter Andern:: „Gott hat uns nur gefunden mit (scheinbarer) Einbuße an seinem Ruhme. Denn ob der Größe des Fundes hält er sich fast für glücklich, da er uns gefunden! Das ist vorgebildet im Buche der Genesis (27), wo Isaak seinem Sohne Jakob den Segen gab wegen der gebrachten Jagdbeute, indem er ihn fragte: Wie konntest du so schnell finden? Und jener antwortete: Gottes Wille war es, daß mir schnell das entgegcnkam, was ich wollte. Isaak bedeutet Gott den Vater, dessen verdunkelte Augen die Propheten sind, denn finsteres Gewässer ist in den Wolken der Luft, wie die Lehre der Wahrheit bei den Propheten dunkel ist. Sein älterer Sohn aber ist der erste Adam, dem er befahl, daß er ihm Wild, das er auf der Jagd mit Köcher und Bogen erlegt, bringen solle, d. h. Gutes im Geist und im 1.1 Durch Ruhe, Geduld und Langmuth. 169 Der sel. Albertus in Würzburg. Worte. Doch jener ging hin, die Thiere des Waldes zu verfolgen, d. h. die sinnlichen Genüsse. Aber sein jüngerer Sohn, der zweite Adam, ist Christus als Mensch, der ans Geheiß seiner Mutter, der Barmherzigkeit, die ihn auch zur Menschwerdung bewog, hinging zu den nahen Hccrden der Weidcthicre und zwei Bvcklcin mit sich brachte, d. h. den Leib und die Seele der Sünder, und er hielt sich gleichsam glücklich, daß er so schnell fand, was er suchte! Und so nahm er den Segen Adams heimlich für sich hin; denn die Gnade, welche wir in Adam erblich hätten besitzen sollen, so daß wir ihn als den Vater der Gnade gesegnet hätten, haben wir durch Adam verloren; aber durch Christus sind wir wieder für sic gefunden worden und darum segnen wir ihn mit dem Segen der Danksagung." Wenn es ferner heißt vom starken Weibe, daß es Wolle und Linnen suchte, so gibt auch hievon unser Albertus eine anmnthige Erklärung. „Wir müssen zuerst untersuchen, was Wolle und was Linnen sei. Wolle ist, was vom Lamme geschoren wird; Linnen aber, was von der Erde entspringt und mit vieler Mühe zu einem Gewand verwoben wird. Das Lamm ist unser Herr Jesus Christus, von welchem es bei Jsaias (53) heißt: Wie ein Schaf ward er zur Schlachtbank geführt und that den Mund nicht auf. Und bei Johannes: Sieh das Lamm Gottes, stehe, das die Sünden der Welt hinwegnimmt. Von jenem Lamme empfing dieses Weib sechs Arten der Wolle. Von der Geburt empfing sie zweifache, nämlich die Erkcnntniß der Verbannung, in der wir auf dieser Welt sind, und Verachtung der Welt. Denn- Christns ist im Exil geboren worden; obwohl Bethlehem fein Eigenthum war, heißt es ja doch bei Johannes: Er kam in sein Eigenthum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Ebenso hat er damals die Welt verachtet, denn nicht von einer Königin, sondern von einer Armen, nicht in einem königlichen Pallaste, sondern in einem Stalle ward er geboren. Nach der Geburt aber wird er nicht mit Purpur und Byssus bedeckt, sondern mit Windeln; und er liegt nicht in einer Wiege, sondern in einer Krippe, wie cs bei Lncas (2) heißt: Maria gebar ihren Erstgebornen und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil kein Raum für sic in der Herberge war. Vom fortschreitenden Alter Jesu gewann sie wieder doppelte Wolle, nämlich die der Demuth und de? Sanftmnth, wie cs bei Matthäus (11) heißt: Lernet von mir, denn ich bin sanft und demüthig von Herzen, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen. Non seinem Tode gewann sie abermals doppelte Wolle, nämlich die des Gehorsams und der Geduld. Vom Gehorsam heißt es bei Matth. (26): Nicht mein Wille geschehe, sondern 170 Kapitel XXIV. der deine. Von der Geduld aber sagt Petrus (1): Als er gelästert ward, lästerte er nicht wieder; da er litt, drohte er nicht. Von diesen beiden heißt es im Briefe an die Philipper (2): Er ward gehorsam bis zum Tode, und zwar bis zum Tode des Kreuzes. Von dieser Wolle des Lammes also ist das ungenähte Kleid Christi gemacht, das die Kirche auzieht, um die Wärme der Liebe zu erhalten. Das Linnen aber, welches aus der Erde entsproßt, bedeutet den Schimmer der menschlichen Tugend und die Beispiele der Heiligen des alten und neuen Testamentes, auf deren Erde dieses Linnen gewachsen. Vom Gesetzgeber Moses lernt sie Milde im Regieren und Eifer im Strafen, von den Patriarchen Treue im Worte und Hoffnung auf die Verheißungen, von den Propheten Betrachtung der Geheimnisse Gottes und Krieg gegen die Laster; von den Aposteln an Verdienst überströmende Werke (opsrn, supersroAutionis) und Ausdauer im Predigtamte, von den Märtyrern Festigkeit im Glauben und Standhaftigkeit im Leiden, von den Lehrern Studium der heiligen Schrift und Eifer im Hirtenamte, von den Bekcnnern Buße und geduldiges Ausharren in der Erwartung auf die Verheißungen; von den Jungfrauen Reinheit und Abtödtung, von den Wittwen eheliche Treue und Demuth, von den guten Eheleuten Barmherzigkeit gegen die Armen und gute Familienzucht." Zum Schlüsse, wo es vom starken Weibe heißt: Sie wird lachen am letzten Tage (in die novissiino), schildert Albertus mit scharfen Worten die Ursachen ihres Lächelns, die Freuden der Kirche am jüngsten Tage und in der Ewigkeit, die Schrecken des Gerichtes und die Strafen der Verdammten. Die vorzüglichsten Strafen der Verworfenen in der Hölle, sagt er, sind folgende zehn: „Das innerlich und äußerlich brennende Feuer, die innerlich und äußerlich quälende Kälte, die innen und außen ausgebreitete Finsterniß, der Gestank des See's, die schreckliche Gesellschaft an jenem Orte, die ewige Gegenwart des Antlitzes des Teufels, die klirrenden und glühenden Ketten, das Zähneknirschen, das Weinen der Augen und die Gefangenschaft in diesem Kerker selbst." Dieses Wenige genüge, um die Art und Weise anschaulich zu machen, wie Albertus zur Erbauung der Leser hier die Lehre vom iunern Leben der Kirche entwickelt. Zwar will die Form dieser Beweisführungen und Schilderungen, dieser bis in's Kleinste fortgesetzten Zerlegungen und Theilungen unserm Gcschmacke nicht mehr so recht zusagen; aber dem positiven Gehalte, der häufig glänzende Gedanken und Bilder in den einfachsten Worten umfaßt, der außerordentlichen überall hervortretenden Kenntniß der heil. 171 Der scl. Albertus in Würzburg. Schrift und der Väter können wir doch unsre Anerkennung und manchmal unsre Bewunderung nicht versagen. Diese wenigen Notizen, die noch dazu häufig nur den Werth von Mnthmaßungen haben, sind das Einzige, was wir über den Aufenthalt des Albertus in Würzburg zu finden vermochten. Kapitel xxv. Der selige Albertus kehrt auf Umwegen nach Köln zurück, stiftet abermals Frieden und lehrt wieder durch Wort und Schrift. Wie lange der greise Albertus in de» gesegneten, aber von den Stürmen des Bürgerkrieges damals arg heimgcsnchtcn Gauen des Fran- kenlandcs geweilt, können wir wieder nicht mit Bestimmtheit angeben. Die letzten fränkischen Urkunden, welche den Namen unsers Meisters enthalten, zeigen das Jahr 1267 als Zeit der Ausstellung'). Wahrscheinlich überdrüssig des steten Waffengetümmcls und des endlosen Streites der Parteien in Würzbnrg, vielleicht auch gerufen durch die Brüder in andern Ordenshäuser», die überall seines Anblickes und seiner Hilfe begehrten, aber auch gedenkend seines Ausspruches, daß ein Lehrer (Prediger) nicht lange Z an einem Orte weilen solle, verließ er im Frühjahre 1268 die Frankenstadt, um die Pflanzungen des Ordens in Schwaben und im Elsaß nochmal zu besuchen und zu bestärken. Unterdessen war aber in seiner zweiten Heimath, in der Wiege seiner Größe, in seinem geliebten Köln, die Flamme der politischen Zwietracht, die früher zumeist wohl durch sein Verdienst gedämpft worden, neuerdings hochlodernd anfgestiegen. In dem Kampfe, der sich abermals zwischen dem Erzbischöfe Engelbert von Falkenburg und der Bürgerschaft entspann, war der Kirchcnfürst sogar i. I. 1263 in die Hände seiner Feinde gerathen und zwanzig Tage in Haft gehalten worden. Durch Vermittlung edler Männer unterwarfen sich zwar beide Parteien abermals einem Schiedsgericht und cs kam i. I. 1264 zur Versöhnung 3). Aber wieder nur für kurze Zeit. 1) Der den Dominikanern in Negcnsburg verliehene Jndulgenzbrief (Uieä I, 493) ist gleichfalls vom Jahre 1267, also wahrscheinlich auch noch in Würzbnrg ausgestellt. 2) Im Kommentar zu Matthäus. 3) Unter den erwählten Schiedsrichtern ist auch wilrerlus ellori episoopu« 172 Kapitel XXV. Als kaum einige Jahre abgelaufen waren, entstand neuer Tumult der übermüthigcn Bürgerschaft, die sich durchaus unter die Ober- Herrlichkeit des Erzbischofes nicht beugen wollte. Sie ging ein Bünd- »iß ein mit dem Grafen von Jülich, der eben mit dem Chnrfürstcn von Köln im Hader lag, und schickte demselben rüstige Strciterschaarcn. In der unglücklichen Schlacht bei Lechcnig, die darauf i. I. 1267 geschlagen ward, kam Engelbert sogar in die Gewalt des Grafen Wilhelm von Jülich, der ihn nun drei Jahre auf dem Schlosse Nideggen gefangen hielt, worauf die Stadt Köln sammt dem Grafen vom päpstlichen Stuhle mit dem Banne belegt ward. So war abermals maßlose Verwirrung und Verirrung cingetreten in Köln und in den weiten Gebieten des Erzstiftes. Da war es abermals Albertus, der gerufen vom Vertrauen der Streitenden oder gedrängt von Liebe zu der ihm so thenern Stadt, ihrem Fürsten und ihren Bürgern, endlich wieder vom Oberrhein (i. I. 1269) nach Köln hinabeilte, um diese verderblichen Flnthcn der Zwietracht zu hemmen. Da er nach langer Abwesenheit also wieder in Köln einzog, ward er nicht bloß von seinen Ordensbrüdern, sondern auch von den Vorständen der einzelnen Kirchen und vom Volke zu Köln mit hohen Ehren empfangen'). Alle jubelten, daß sie den bewunderten Hohenpriester wieder in ihre Mauern aufznnchmcn gewürdigt wurden^). Wir sehen, weder die Leidenschaft des Streites noch das Bewnßt- seyn der Macht und des Reichthnms hat das Volk jener Tage blind gemacht für die Wahrnehmung und Bewunderung geistiger Größe! Und alsbald gelingt cs wieder der Weisheit und dem Ansehen des Albertus, die hvchgehcnden Wogen der Feindseligkeit zu stillen und einen länger dauernden Frieden herbeizuführcn^). Durch des Ooloniensis. Vgl. ^pologla des Erzstists Cölln, p. 60. Ob dieses unser Albertus ist, möchte ich fast bezweifeln, da er sich sonst immer chrater und guanäam Lpiso. katisp. nennt. Jedenfalls, wenn auch zum Schiedsrichter gewählt, war er nicht in Köln (sondern in Franken und Bayern) und ist daher auch nicht unterzeichnet. LIrori apisaopns heißt auch Chorregent im Mittelalter. 1) Rudolph. Die Cronika von Köln sagt ebenso: Do wart he empfangen mit groißen eren von allen mallich. 2) Rudolph. 3) Die ^.pologia des Erzstifts Cölln sagt (I, p. 65) ausdrücklich: „Im Jahre 1270 ist jenes durch Vermittelung des Bischoffcn zu Negenßburg nach ergangener Päpstl. Urtheil dahin beygelegt worden, daß der Erzbischof solche gefäng- nuß nit gegen den Herren Grasten zu Gnlich, noch gegen die Stadt Cöllen rächen, sondern als deren Datier, weilen darüber leidt trügen, alles in Vergeß stellen, Der sel. Albertus kehrt nach Köln zurück. 173 Albertus heilige Beredsamkeit überwältigt, gelobt der mächtige Kirchensürst, keine Rache nehmen zu wollen weder an dem Grafen von Jülich noch an den Bürgern von Köln wegen jener Gefangenschaft, sondern, weil sie darüber Leid trügen, Alles zu vergessen, wogegen die Bürger auch gelobten, den Erzbischof als ihren Herrn anzucrkennen und Alles getreulich zu leisten, was sie ihm schuldig wären. Beide Thcile verpflichteten sich durch einen Eid, das hier Gelobte zu halten. So bewies sich unser Albertus abermals als Engel des Friedens. Man kann auch von ihm sagen, seine Fußstapfen triefen von Frieden in Mitte einer aufgeregten, von heftigen Leidenschaften und steten Kriegen zerrissenen Zeit. Auch in dieser Hinsicht, nicht bloß als Krcuzprediger, erscheint er gewissermassen als Nachfolger und Fortsctzer des Werkes eines hl. Bcrnardus. Wie dieser, das Orakel seines Jahrhunderts, sich noch vom Sterbelager erhob in wunderbarer Weise, nm Frieden zn stiften zwischen den schon der Schlacht cntgegenharrcndcn Rittern und Bürgern von Metz '), so erscheint auch der selige Albertus noch in seinem Greisenalter auf dem Schauplatze der politischen Welt, um deuen den Frieden zu bringen, die sich in Haß zerfleischt hatten ^). Beide, Beruardus und Albertus, predigten Krieg gegen die Feinde des christlichen Namens, aber Frieden unter den Kindern Christi! Sie waren Diplomaten in wahrhaft christlichem Geiste und darum auch mit wunderbaren Erfolgen beglückt. So hatte der greise Albertus bei seiner Wiedererscheinung in Köln auch seinen Geliebten den Gruß geboten: Der Friede sei mit euch! Sofort aber wohnte er wieder im Kloster seines Ordens zu Köln. „Er bezog," sagt Rudolph, „seine frühere Zelle, die er wie ein Brautgemach (oxltliulg-iniruu) liebte, und begann wieder seine vorige Lebensweise zu führen. Nur war er in Haltung der Ordensregel gewissenhafter, als je, weil er jetzt eine höhere Stufe in der kirchlichen Hierarchie erstiegen hatte." Doch war er, wie wir gehört^), als Bischof vom Gelübde der Armuth entbunden worden, und hatte darum einen Vorrath von kostbaren Büchern, seinen bischöflichen Ornat, werth- hingegen die Bürger den Erzbischoffcn vor ihren Herrn erkennen und Demselben was zu thun schuldig, prästiren sollen, welches Sie auch gurato versprochen haben." Leider ist die betreffende Urkunde nicht angefügt. 1) Vgl. Geschichte des hl. Bernhard von Th. Natisbonne. Uebers. 1845. II. Thl. S. 274. 2) Rudolph. 3) Er erzählt dieses in seinem Testamente selbst. 174 Kapitel XXV. volle Heiligthümer, mit Edelsteinen reichgeschmückte Geräthschaften von Gold und Silber und manches seltene Naturgebilde, was er Alles von Freunden und Verehrern in allen Landen zum Geschenke erhalten, in das Kloster nach Köln mitgebracht. Es war dieß ein nicht unbedeutender Schatz. Fragen wir nun nach der Art und Weise, wie der selige Meister die Jahre seines Greisenalters hier verlebte, so berichten uns die Kölner Ordensgenossen wieder das Alte. Sie sagen: Kaum angelangt, fing Albertus schon wieder an, Bücher zu schreiben und die Lernbegierigen zu unterrichten ^). Ein achter Lehrer und Freund der Wissenschaft! Unterricht und Schriftstellerei sind noch immer Bedürfniß seiner Seele. Obgleich das Greisenalter bereits die Haare seines Hauptes gebleicht 2) und obwohl er der Ueberzengung seyn konnte, mit seinem Talente wahrhaft gewuchert zu haben zu Ehren des Allerhöchsten, gönnt er sich doch keine Ruhe und läßt nicht von der Wissenschaft, die seine Seele frühe eingenommen und wozu er die höhere Berufung in sich erkannte. Er lehrte also wieder-ss die nach Wissenschaft Durstenden in den Räumen des Klosters, wo er mit allen Ehren und mit emsigster Sorgfalt behandelt wurdet, in der Weise, die wir früher geschildert. Aber nicht bloß das glückliche Köln sollte so abermals aus dem Quelle seiner Wissenschaft schöpfen, auch in weiter Entfernung Lebende wandten sich jetzt wieder an ihn, um Aufschluß über dunkle Gebiete des Wissens zu erhalten, um seine Entscheidung in Streitfragen zu erholen. So selbst Paris, das sich doch als das Auge der Welt, als die erste Stadt der Wissenschaft betrachtete und auf seine zwölf weisen Meister stolzer war, als einstens Hellas auf seine sieben Weisen. Dort waren in jenen Jahren die pantheistischen Jrrthümer des Aver- roes ^) von solchen, die bei den Arabern in die Schule gegangen, 1) Rudolph. Jammy sagt: Tägliche Lektionen, Disputationen und Betrachtungen waren seine Beschäftigung. 2) Das sehen wir aus dem Porträt des Seligen, das Fiesole mit Meisterhand ausgefnhrt und wir als Titelbild angebracht haben. 3) Der Zeitgenosse Tholomäus de Luca sagt, Albert habe noch 18 Jahre zu Köln den Lektor gemacht nach seiner Resignation- Vgl. 8eript. ord. kraedic. I, 168. 4) Nach den Worten des Testamentes. 5) Prnssta sagt: leiem error-4verrois iterum puilulavit karisüs post mortem ^.lexandri, ita nt maxni doetores ibidem contra ^.verroistas krogneniins dispu- Der sei. Albertus kehrt nach Köln zurück. 175 neuerdings vorgebracht worden, jene Jrrthümer, die Albertus schon in Italien vor dem Päpstlichen Hose bekämpft hatte. Sie behaupteten abermals, nach der Trennung der Seelen vom Körper werde ans allen Seelen nur Eine Intelligenz und Eine Seele. Nachdem die Meister der Theologie dort oftmals bereits gegen diesen Jrrthum gestritten, wandten sie sich an Albertus, um durch seine Meinungserklärung neue Stärke zum Kampf zu erhalten. Einer der Ordensbrüder legte ihm nämlich in einem Briefe eilf Fragen vor, 'um deren Beantwortung er bat. Der Beginn des Briefes lautet also: „Dem ehrwürdigen Vater und Herrn in Christo, Albertus, ehemaligen Bischof von Regensburg, wünscht Aegydius, obwohl unwürdig, Bruder vom Prcdigerorden, zum eignen Heil Gott zu verherrlichen in den Wissenschaften. Folgende Artikel, welche die in der Philosophie für groß geltenden Meister zu Paris in den Schulen vorlege», habe ich für gut geachtet, Dir, Vater, als dem mit wahrer Intelligenz Erleuchteten (tunHrmm voro iirtolleotri illuiuiauto) zu senden, damit Du sie, die schon in vielen Versammlungen bekämpft worden, in der Muße Deiner Regentschaft') völlig zur Entscheidung bringest." Sofort nennt er die elf Fragen, auf welche dann Albertus in einer besondern Abhandlung mit großem Scharfsinn geantwortet hat-). Wir sehen aus diesem Vorfälle, Albertus galt selbst in Paris als Orakel in Fragen der Philosophie, er wurde als Fürst im Reiche der Wissenschaften, dessen Ausspruch sich Alle fügen müssen, allgemein betrachtet. Aber nicht bloß diese Abhandlung unscrs Meisters entstand in jenen Jahren, sondern gewiß noch eine Fülle andrer Schriften, obgleich wir darüber meist nur Vermuthungen haben. Wenn wir die Commentare zu den Psalmen^), zu den Klaglicdern des Jeremias^), zu Baruch^), zu Daniels, zu den kleinen Protarent: cznorum üispulMio per Xlderti 8sntentiam rotmr aeeepit, licot »vscns e8set corpore. p. 239. 1) Otio V08tri imporü, d. h. wohl, wenn oder da du frei bist von der Regentschaft der Schule. Jeder rechtmäßige Lehrer der Wissenschaften an einer Schule hieß: Iteßon8. 2) Der Traktat unter den kleinen Schriften Bd. XXI. Er beginnt: lntelleetus üamini8. 3) Bd. Vll. 4, Bd. VUl. 5) Ibiä. 6) lbiä. pheten') und zur Apocalypse^) in diese spätere Lebenszeit verlegen, so können wir dafür kein äußeres oder inneres Zengniß anfüh- ren, sondern nur die allgemeine Versicherung der Biographen, daß Albertus mit dem fortschreitenden Lebensalter immer mehr der göttlichen Wissenschaft sich ausschließlich zngcwandt, baß die Betrachtung der heiligen Schriften in immer zunehmendem Maße die Nahrung seines Geistes gewesen. Was ist daher wahrscheinlicher, als daß der ehrwürdige Greis die Früchte dieser täglichen Studien über die heil. Bücher seinen Ordensgenossen in Vorträgen mitgethcilt habe, und daß ans solche Weise jene biblischen Kommentare entstanden sind? Haben diese exegetischen Bücher auch nicht den Umfang der früheren, und hält sich der Erklärer auch größtentheils an die Deutung des heiligen Hieronymus, in der Apocalypse an Haimon, so sind sie doch noch laute Zeugnisse von dem nnermüdctcn Flciße, der tiefen Gelehrsamkeit und der nicht abnehmenden Geistesfrische unsers seligen Lehrers. Ans den noch immer einladenden Fluren dieser ernsten Schriften wollen wir nur einige Gcdankenblüthcn abpflücken, um sie als Blätter der Erinnerung auszubewahren. Bei Jeremias (IV) erklärt Albertus die Lamien^), indem er sagt, sie seien Wesen, welche den Leib der Mütter aufreißen und die Ungebvrnen verzehren. Er scheint sie also für eine Art von Wehrwölfen zu halten und steigert so den Gegensatz der biblischen Schilderung: Wesen, welche so grausam sind, daß sic selbst das Ungeborne verfolgen und vertilgen, geben doch ihren Jungen Nahrung; aber die Mütter von Jerusalem lassen ihre Kinder, weil selbst ohne Nahrung, auf der Strasse verschmachten! Des Propheten Daniel Prophetien vergleicht Albertus nach Hieronymus mit einer Krypta unsrer alten Kirchen; Alles ist dunkel, wenn wir hineintreten. Hier thut er auch den von heiliger Entschiedenheit zeugenden Ansspruch: Wegen des Gebells der Neider darf man von einem guten Werke nicht ablassen! Wo der Prophet erzählt, der König habe nur Knaben zu seinem Dienst erwählt, die fehlerlos waren, erklärt Albertus, darum verlange auch der König der Könige, daß nur solche, die ohne Mackel an Leib und Seele sind, znm Priesterthume zngclasscn würden. Die berühmte Vision von jener Statue, aus verschiedenen Metallen gebildet, deutet auch Albertus als Prophetie der vier Weltreiche, des 1) Bd. vm. 2) Bd. XI. 3) Sonst übersetzt mit: Seeungeheuer. Der sei. Albertus kehrt nach Köln zurück. 177 assyrischen (Gold), persischen (Silber), griechischen (Erz) und römischen (Eisen). Bei Gelegenheit der Verfolgungen des israelitischen Volkes sagt Albertus: Auch die Kirche Gottes hat Verfolgungen zu bestehen; erstens von den Tyrannen, dann von den Ketzern, dann von den falschen Brüdern, welche die Sitten untergraben; in der letzten Verfolgung werden aber alle drei über sie hcrfallcn. Albertus eifert bei einer Stelle, wo vom Tempclschmnck die Rede ist, mit flammenden Worten für die höchste Schönheit und Pracht der Gotteshäuser, indem er sich für des Aristoteles Ansspruch erklärt, der lautet: Es geziemt sich, daß der Vornehmste die schönste Wohnung habe (inuALilioullr äsest brrbitatio Präolrsrriiria). Die zwölf kleineren Propheten vergleicht Albertus mit den zwölf Rindern unter dem gläsernen Meere (3. Kön. 7); denn sie sind es, die das Feld der alttcstamentlichcn Kirche pflügten mit dem Pflug der Predigt, oder mit den zwölf Quellen, die in Elim von den Söhnen Israels gefunden worden, da sie das Wasser heilsamer Lehre über das Volk ausgoßen. Bei den feurigen Strasreden dieser Propheten nimmt auch Albertus öfter in heiligem Eifer wieder Gelegenheit, die Schäden seiner Zeit aufzudecken. So sagt er zu Oscas: Auch jetzt dienen Geistliche und Richter nur zu häufig zweien Götzen, dem Bauche und der sinnlichen Lust (vsntri st Vsusri). Auch die Fehler des weiblichen Geschlechtes läßt er nicht ungerügt, so die Unstttlichkeit und den Mangel an Schweigsamkeit, wobei er des Scneka Ausspruch als ganz wahr erklärt, welcher sagte: Der Leichtsinn einer Frau kann nur das verschweigen, was sie nicht weiß. In Bezug auf den Inhalt und Zweck der ApokalypseI spricht sich Albertus in der Vorrede also aus: „Wie der Mensch drei Lebensalter hat, die Zeit der Kindheit, des Mannesalters und des Greisenalters, so war die Kirche am Anfang gleichsam im Stadium der Kindheit, nachher im Zustand des rüstigen Alters, am Ende wird sie gleichsam im Zustand des Greisenalters und großer Entkräftung feyn. Der erste Zustand wird beschrieben von Lucas in der Apostelgeschichte, der zweite in den Briefen Pauli und in allen kanonischen Briefen, der dritte von Johannes in der Apokalypse, wie es ihm von Gott ist geoffenbart worden. In jenem letzten Stadium bei der Ankunft des Antichrists werden wundersame Verfolgungen der 1) In Betreff des Autors schreibt er: Viele sagen, nicht Johannes, sondern Ce- rinthius habe das geschrieben. Aber es gilt: lots eeclesis reeipit Kurie likrum: st iclso ionenäuiu est pro oonstsuti. Slghart, Albert d. Große. 12 178 Kapitel XXV. Der sel. Albertus kehrt nach Köln zurück. Heiligen eintreten, Lästerungen des Namens Christi und endlich folgt die Strafe der Bösen und die Freude der Guten. — Diese letzteren Zeiten werden hier geschildert, damit die Bösen, welche die Weisen der Welt sind, erschrecken, die Guten aber, welche die Demüthigen und Kleinen sind, Trost finden, wenn stc die Strafe jener und den Lohn der Guten erfahren." In Bezug ans die sieben Kirchen Kleinasiens sagt er, sie stnnbil- den die Gesammtkirche wegen ihrer sieben Gaben des heiligen Geistes, wegen der sieben Tugenden (drei thevl. und vier Card.), die sie besitzt, wegen der sieben Werke der Barmherzigkeit, die sie ausübt. Oder sie bedeuten die sieben Stadien der Entwicklung der Kirche zur Zeit der Apostel, was die Namen Z jener Städte andeutcn. Oder endlich die sieben Perioden der Geschichte der Kirche: Die Kirche von Ephesus bedeutet das Zeitalter der Apostel, die von Smyrna (weil es gleich onnticnrin ist) die Zeit der Märtyrer, die von Pcrgamus (clivisio onrininuin) die Zeit der Häretiker, die von Thyatira (illniniiintrr) die Zeit der Bekenner und Lehrer, die von Sardcs (pmlollritrnlo) die Periode der einfachen Heiligen, als die Kirche irdische Schätze erhielt zu ihrem Schmuck, die von Philadelphia (snlvnns llnsrontom Domino) die Zeit der Neueren, die sich selbst sinnlich lieben, die von Laodicea (Irrnäntn tribns ckornino) die Zeit des Antichrists, wo die Standhaften das Gott liebe Volk bilden werden. In Bezug auf den Antichrist erklärt Albertus drei Bilder der Schrift: Der Antichrist, sagt er, wird verglichen mit einem Panther, mit einem Bären und einem Löwen; mit dem buntgcfleckten Panther wegen seiner vielgestaltigen List, mit dem Bären wegen seiner Ueppig- keit, da dieser das Süße, den Honig, über Alles liebt, mit dem Löwen wegen seines Stolzes^). Diese wenigen Sätze genügen als Blätter der Erinnerung an jene kleinen exegetischen Schriften des Albertus. Aber wir haben noch über zwei andere Gruppen herrlicher Schriften nnsers Meisters zu sprechen, die unzweifelhaft in diese Jahre seines Greisenalters fallen. 1) So ist Ephesus gleich: voluntas rasa, das ist die Urkirche, wo Allen der Wille Christi Gebot war u. s. f. 2) Bd. XI, p. 67- Ich bemerke noch, daß Albertus den Chiliasmus, die Annahme eines tausendjährigen Reiches Christi auf Erde als Jrrthum des Cerinthus (von ihm Loiintiüns manchmal geheißen) bezeichnet. Kapitel XXVI. Von der Andacht des sel. Albertas zum hl. Sakram. 179 Kapitel xxvi. Von der glühenden Andacht des seligen Albertus zum hochheiligen Sakrament. Seine Schriften über dieses Geheimnis. Je näher Albertus dein Zeitpunkte kam, wo er aus dem Lande des Glaubens hinübergehen sollte in das Land des seligen Schemens, desto klarer wurde sein Einblick in die Geheimnisse Gottes, desto flammender seine Liebe zu dem, der in der Menschwerdung zu uns herabgekommen und im Sakramente auf wunderbare Weise sich zurückgelassen hat Z. Der Schleier, welcher das Unsichtbare vor de» Angen der Menschen in diesem Zeitlichen zu verhüllen pflegt, schien immer mehr vor seinem Geiste zu sinken. Was er aber in Bezug ans jenes Ge- heimniß in der Entzückung der Andacht geschaut, was er mit unsäglichem Flciße aus den Quellen heiliger Erkenntniß geschöpft, das legte er wieder in umfassenden Schriften nieder, auf daß diese seine Samenkörner der Erkenntniß in den Herzen hundertfältige Frucht bringen möchten. In diesen Büchern, sagt Rudolph, die Albertus gegen Ende seines Lebens über das Mysterium des heiligen Sakramentes schrieb, erscheint er nicht mehr wie Einer, der nüchtern ist in dieser Hinsicht, sondern wie Einer, der voll ist des heiligen Geistes und gesättigt mit dem Brode des Himmels, er gleicht fast dem Jünger, der beim Abendmahl an des Herrn Brust gelegen und seine Geheimnisse geschaut hatZ. Daß aber jene Schriften über die heilige Eucharistie in dieser letzten Epoche seines Lebens entstanden seien, berichten nicht bloß die beiden ältesten Biographen, sondern auch sein Zeitgenosse und Ordens- mitglicd Bernhard de Castris, der also schreibt: „Prüder Albert der Deutsche, Bischof von Regensbnrg, gar groß (irmxiwus) in göttlichen 1) Rudolph. 2> Ebenso sagt Prlysia von die»'» Büchern: In traetntu c>nein . 274. Von der Andacht des sel. Albertus zum hl. Sakrament. 193 Engel des Herrn kam vom Himmel und sprach zu ihm: Stehe auf, eile, wenn du Christum sehen willst, er ist jetzt da, mit dem Körper- gewande angethan, das er von der heiligen Mutter empfangen. Der Priester stand zitternd auf und sah ans dem Altäre einen Knaben fitzen. Da sprach der Engel: Weil du Christum sehen darfst, den du unter Brodsgestalt durch die gchcimnißvollen Worte geweiht hast, so schaue ihn jetzt mit den Angen und berühre ihn mit den Händen. Da nahm der Priester, vertrauend ans die göttliche Huld, was wunderbar ist, den Knaben in seine zitternden Arme und drückte seine Brust an die Brust Christi. Dann ausgegossen in Liebe, gab er fromme Küsse dem Gotte, und drückte seine Lippen ans Christi Lippen. Als er das gethan, setzte er den Knaben wieder auf den Altar, warf sich zur Erde und flehte zum Herrn, er möchte wieder seine vorige Gestalt annehmen. Und als er anfstand, fand er den Leib des Herrn in die frühere Gestalt zurückgekehrt und so vereinigte er sich mit ihm unter der gebührenden Gestalt!" Zum Schluffe hebe ich noch hervor die Erklärung, welche Albertus von einem oft vorkommenden Bildwerk der alten Kunst gibt. Man sieht hier, wie gerne er auch die mächtige Sprache der Kunst benützt, um die Wahrheiten des Heiles anschaulich zu machen. Er sagt'): „An einigen Orten wird zur Rechten des Gekreuzigten ein Mädchen gemalt mit heiterem und schönem Antlitz, mit einer Krone geschmückt; diese stellt die Kirche vor, welche Christi Blut ehrerbietig mit dem Kelche auffing. Zur Linken steht die Synagoge, die Augen verhüllt mit einem Tuche, mit trauriger Miene, gebeugtem Haupte und einer hcrabfallenden Krone. Diese hat jenes Blut verschüttet, und verachtet es noch. Darin ist ausgedrückt, daß sie und jeder, welcher tödtlich sündigt, drei Güter verliert, das Licht der Gnade, die Freudigkeit des Gewissens und die Krone der Glorie. Darum heißt es im Gebete des Jeremias: Weh uns, weil wir gesündigt haben, darum wurden unsre Augen verdunkelt, unser Herz ward traurig, die Krone fiel von unserm Haupte! Das Mädchen zur Rechten sängt dagegen das Blut Christi im Kelch auf; weil jede gläubige Seele, die ein reines Herz zu den Wunden Christi hinwendet, geistig sein Blut mit aller Andacht empfängt und dadurch das wahre Licht, die Freude des Herzens und die Krone der ewigen Herrlichkeit empfängt." Wir haben in diesen kurzen Auszügen gezeigt, in welcher Weise Albertus vom erhabensten Gegenstände des christlichen Glaubens und 1) ?. 297. SIghart, Albert d. Große. 13 194 Kapitel XXVII. Forschens, vom hl. Altarssakrament, gesprochen nnd geschrieben hat. Wir sahen, er ist unerschöpflich und ohne Ermüdung, wenn er von dem redet, was der Gegenstand seiner glühenden Liebe nnd Anbetung ist. Die gleiche Beobachtung machen wir bei den Gebeten, die er vom heil. Sakrament gefertigt'). Wir können den alten Chronisten daher mit vollem Rechte beistimmen, wenn sie sagen, er habe hierüber geschrieben nicht wie ein Fremdling, der unbekannt ist in diesem Lande, sondern wie der Lieblingsjünger, der die Geheimnisse dem Herrn, an seiner Brust liegend, abgelanscht hat ^). Kapitel xxvn. Von der Liebe des seligen Albertus gegen die glorreiche Jungfrau Maria. Seine hiehergehörigen Schriften. Wenn der duftende Apfelbaum des Sakramentes vor Allem das betrachtende Auge und das liebende Herz unsers Meisters anzog, so muß die wunderbare Lilie der Thäler, die heilige Jungfrau Maria, als der zweite Gegenstand seiner unablässigen Betrachtung, seiner- glühenden Hinneigung bezeichnet werden. Davon geben die Chronisten und seine eigenen Schriften vielfaches Zeugniß. „Albert war ein solcher Verehrer der heiligen Gottesmutter," sagt Rudolph, „daß er in seinen Schriften ihr Lob nicht verschweigen konnte, daß er vielmehr all seinen Büchern Etwas über seine Geliebte beifügte oder sein 1) Drei solche gibt Prussia im Anhänge zum Leben des Albertus. Eines lautet: 8alvs salns munäi, Verbum patris, liostia vsra, viva oaro, l>eita8 Integra, veru8 bomo. Dibi inoorporati mereamur ollbrri in tsinplo maje8lati8 äivi- nae, aci eorpua t uum, guoä in äextra patrm est, tibi 8ooiati, nt avternitatm tuas luturi 8imus partieipsa et beatituäinia tuas eon8orto8 et 8anetae ineorporationig Inas eoneorporalea; guia tibi e8t bonor et gloria in saeeuia 8aeeu1orum. L.inen. Rudolph meint sogar, Albertus habe ein Oltieium äo 8anot. Luebariolia entworfen. Doch ist dieß nicht erhalten oder durch das des heil. Thomas verdrängt worden. 2) Rudolph. 3) Nach einer gewöhnlichen Vergleichung des Mittelalters, die sich auf das Hohelied gründet. Daß ich dieses Kapitel hieher stelle, hat zum Theil in der Analogie mit dem vorigen Thema seinen Grund, thetls in der Biographie Werts bei Prussia, der davon auch erst nach der Erbauung des Kölner Domintkanerchores Von der Liebe des sel. Albertus gegen die glorreiche Jungfrau. 195 Studium mit ihrem Lobe endigte. Er machte mehrere Sabbatseqnen- zcn i) über die glorreiche Jungfrau, welche ebenso sehr durch tiefen Sinn, als durch Wohlklang und Innigkeit sich auszeichnen. Diese pflegte er dann im Garten oder an einem andern Orte mit Jubel der Seele gar andächtig und süß zu singen. Ost unterbrachen Seufzer und Thränen seinen Gesang, und gaben so die Heftigkeit seiner Liebe und die Aufrichtigkeit seiner Andacht zu erkennen." Wie rührend ist es, den größten Gelehrten seiner Zeit, der alle Wissenschaften in sich vereinigte, sich im Geiste vorzustellen, wie er allein im Klostergarten zn Köln hinwandelt, und unter Thränen ein Loblied ans seine Königin Maria singt! Auch Prnssia weiß nicht genug zu erzählen von dieser Verehrung unsers Meisters gegen die heilige Gottesmutter. Er nennt ihn den Geheimschreiber Mariens, ausgezeichnet vor Allen, die über sie geschrieben haben. „Denn," sagt er Z, „auch Hieronymus, Ambrosius, Augustinus, Bernardus, Anselmus und Johannes Damascenus waren treffliche Lobredner derselben, sie haben alle durch schmuckvolle Rede und mit süßester Andacht sie würdig gepriesen und in glanzvollem Style gezeigt, wie groß, wie mächtig, wie verdienstvoll, tugendreich und gütig sie sei. Aber mit offenbaren Gründen vermögen sie den Geist des Hörers nicht so zu überzeugen, wie unser ehrwürdige Albertus, wenn er in seinen Reden von ihr spricht." Von seiner zarten Liebe zu Maria, fährt Prnssia fort, zeugt auch der Umstand, daß er nie bloß ihren Namen angibt, sondern immer beisetzt bald die seligste, bald die reinste, bald die gcbenedeite, bald sie Herrin und Mutter Gottes, bald Mutter des Schöpfers nennt. Welche Hoffnung er auf ihre Fürbitte setze, wie viele Gnaden er von der Gnadenvollen empfangen, spricht er selbst in einem Gebete aus, das in den oben angeführten Lita- nien enthalten ist und das also beginnt: Heilige Maria, deinem Namen nach die Erleuchterin Himmels und der Erde, die du in vielen Dingen über die Geheimnisse deines Sohnes, des Wortes des ewigen Vaters, die von Anbeginn in Gott verborgen waren, selbst die Leuchten 1) In den gesammelten Werken Alberts sind keine solchen ausgenommen. Doch können sie wohl noch in Liedersammlungen erhalten seyn. Uebrigens nahm Rudolph diese Stelle aus der alten Dominikanerlegende, wo es heißt: Ob singularissimanr äevotioncrn all Oourinanr nostram ln borto vel alio secreto loco 8olu8 c^uasi stn- llens, oantionem onnr laer^rnis all beatanr virssinein lleizuantissimo susplranllo atgue singullns imnriseen8 eantars 8olebat. ?ru88ia g. 190. 2) ?. 190. 13 * 196 Kapitel XXVII. der Engel erleuchtet hast. Am Schlüsse fleht er also: „Gib mir einen lichtvollen Verstand, richtige Begriffe, starken Geist, sichere Wissenschaft, festen Glauben und entsprechende Rede, die meinen Zuhörern Gnade verschafft; nämlich eine Rede, welche dient zur Bestärkung im Glauben, zur Erbauung der Kirche und zur Ehre des Namens deines Sohnes unsers Herrn Jesu Christi, zum beständigen Lob und zur Verkündigung deiner Barmherzigkeit, die du einem so unwürdigen Sünder die Gaben deiner Barmherzigkeit zu spenden und durch seine Zunge Wunder deiner Macht zu wirken nicht aushörst Z!" Wie aber Albertus durch Wort und That ein eifriger Lobpreiser und Nachfolger Mariens war, so drängt die Liebe ihn, auch andre zur Begrüßung und zur Nachfolge der Gottesgebärerin aufzufordern. So sagt er in seiner Postille Z: „Maria wird im Gemache ohne Weh (^ —Vs) das Gemach des Wortes, das Brantbctt des ewigen Bräutigams, der Palast des Sohnes Gottes, des höchsten Königs, das Lager der ganzen Dreifaltigkeit und die Bauhütte (Lkrioa kübrieutoris iinuiäi) des Baumeisters der Welt. Laßt uns also sie häufig und weise (suxieutör) begrüßen. Häufig, so daß sie weder vom Herzen noch vom Munde weiche, wie Jsaias räth: Singe gut, mache häufig den Gesang, daß man dein gedenke. Weise, so daß wir sie mit Andacht begrüßen, damit sie uns nicht etwa sage: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber sein Herz ist weit von mir, ohne Ursache loben sie mich. Weise, so daß der Grüßende mit der Begrüßten ähnlich ist, daß der Gruß mit der Herzensmeinung übereiustimmt. Denn wie kann ein Wollüstling die Jungfrau, ein Stolzer die Demüthige, ein Verfluchter die Gebenedeite zu grüßen wagen?" So wirkte Albertus also unablässig zu Ehren Mariens. Besonders aber sind einige größere Schriften lebendige Denkmäler seiner unbegränzten Ergebenheit gegen Maria, seiner beständigen Betrachtung ihrer Herrlichkeiten und der sie betreffenden Geheimnisse. Wenn wir auch das große Werk, „das Lob der heiligen Maria (äs luuäibus bsutas Nurirro)," nicht dem Albertus zuschreiben können, obwohl die älteren Berichterstatter es unter seinen Schriften nennen^), so ist 1) Prussia S. 193. 2) Nach Prussia S. 194. 3) Rudolph nennt es, obwohl seine Aussprüche auch auf das ächte Werk Älberts sich beziehen, ein Buch, voll der Andacht, Süßigkeit, Glanbensstrenge und der Lobpreisungen. Er meint sogar, Albert sei hiebei durch eine Erscheinung der hl. Jungfrau erfreut worden. Doch ist diese Schrift nicht von Albert, sondern von Richard Von der Liebe des sel. Albertus gegen die glorreiche Jungfrau. 197 doch seine Schrift Nnrinle oder über den englischen Gruß genügend, um uns von seiner Liebe zu Maria, von seiner Auffassung ihrer Stellung zum Erlösungswerke, ihrer Größe und Herrlichkeit zu überzeugen. In dieser umfassenden Schrift') legt er sich 230 Fragen vor in Bezug auf das Geheimnis; und Evangelium der Verkündigung, lieber den Ursprung und Zweck des Werkes spricht er sich in der Vorrede unter Anderem also aus: „Es steht geschrieben (Eccl. 24): Wer von mir ißt, wird wieder hungern, und wer von mir trinkt, wieder dürsten. Wer mich hört, wird nicht zu Schanden, und wer in mir wirkt, wird nicht sündigen. Die mich an's Licht stellen, werden das ewige Leben haben. Im Vertrauen aus dieses reiche Versprechen lege ich die Hand an das Werk. Sonst würde ich mich wahrlich über die Kleinheit meines Geistes und Wissens zu sehr erheben. Ich weiß aber, daß die Hand Gottes noch nicht verkürzt ist, sondern daß dem, der glaubt, noch Alles möglich ist. Das Werk, das ich beginne, beschreibt nun den Anfang der Menschwerdung des Herrn und das Geheimnis; unsrer Erlösung. Ich unternehme es aber zum Lob, zur Glorie und zur Ehre der ruhmreichsten und allein über alle Kreaturen verehrten Jungfrau und Mutter Gottes, im Vertrauen auf ihre bcsondre Hilfe und aus ihre Barmherzigkeit, die der sicherste Anker meiner Hoffnung ist und erwarte von ihr glückliche Vollendung und Lohn für die Arbeit. Sie bewog meinen Willen, brachte mich zum Thun und steht meine Absicht. Ich bitte also vor Allem die Barmherzigkeit Gottes und den allmächtigen Vater der Erbarmungen, der im unzugänglichen Lichte wohnt, daß er mit dem Lichte seiner Klarheit verscheuche die Täuschungen des Jrrthums, das Unkraut der Falschheit, das Haschen nack- eitlem Lob und mir verleihe, das Rechte zu sehen und das Wahre zu vom hl. Laurentius, Pönitentiar von Rotterdam (kotlromaAsnsis), wie Alexander Natalis mit den besten Zeugnissen beweist, Xtex. X. bist, eeclss. t. XV, x. 238. Auch ich stimme aus innern Gründen dafür, da die schwülstige, pomphafte Schreibart, die sich schon im Prolog zeigt, und der Mangel an Takt und Geschmack in der Auswahl des Stoffes nicht mit der Weise des Albertus übereinstimmt. Ncbrigens enthält dieses kolossale Werk wirklich Alles, was über die Gottesmutter je gesagt worden und wohl auch gesagt werden kann; alle möglichen Tugenden, Privilegien, Schönheiten, Bilder Mariens find erschöpfend bis in's Einzelnste ausgesührt. Seinen Namen verschweigt der Verfasser absichtlich. Vgl. Prolog II. 1) Bd. XX bei Jammy. Diese nennt Antoninus in seinem Chronikon o. 11 die einzig ächte Schrift des Albertus über Maria. 198 Kapitel XXVII. sagen von der Mutter der Barmherzigkeit und Wahrheit selbst. Ich bitte auch die, welche dem Büchlein die Ehre anthun werden, es anzusehen, wenn sie darin vielleicht etwas finden, was wegen seiner Neuheit ihnen anstößig ist, so möchten sie cs nicht meiner Verwegenheit zuschreiben, sondern vielmehr mit meiner einfältigen Andacht Geduld haben. Denn ich habe ja nicht die Absicht, die glorreiche Jungfrau durch Lügen zu verherrlichen, oder in hochtrabendem Style erleuchteten Geistern etwas Neues und Großes zu sagen, und dadurch nicht das Lob der preiswürdigen Jungfrau, sondern mein eignes zu suchen, sondern ich wollte nur ungebildeten und einfältigen Leuten, wie ich selbst bin, durch diese einfachen Worte dienen. Denn ich wäre wohl zufrieden, wenn, da ich selbst nichts Würdigeres der gebenedeiten Herrin vorbringe, weil ich unwürdig im Leben und gar klein in der Wissenschaft bin, doch weisere Männer dann Gelegenheit nehmen würden, von ihr zu schreiben und zu sprechen." In solcher edlen Absicht und im Geiste der Demuth, die hier nicht erheuchelt ist oder bloß in Worten besteht, sondern ganz auf christlicher Selbstkenntniß beruht, ging also Albertus an diese schöne Arbeit. Indem das Evangelium der Verkündigung zu Grunde gelegt wird, erörtert der Verfasser die ganze Lehre von der heiligen Gottesmutter Maria in der gewohnten scholastischen Weise, indem er sich alle nur möglichen Fragen vorlegt, die Gründe bespricht, welche für die bejahende und für die verneinende Antwort vorgcbracht werden können, und dann die Entscheidung gibt. Man könnte das Buch auch das umfassendste Werk über die Herrlichkeiten Mariens nennen. Denn es enthält die in glühenden Farben entworfene Schilderung der geistigen und körperlichen Vorzüge Mariä. Er stützt sich bei den Antworten auf Stellen der heiligen Schrift, auf die Aussprüche der Väter und auf Vernunftgründe. Wo sich aus diesen Quellen keine bestimmte Entscheidung treffen läßt, gibt er Vermuthungen, um der Phantasie auch einen Spielraum zu verschaffen und auch sie zur Verherrlichung Mariä einznladen. Um eine Vorstellung vom Inhalt und der Methode dieser merkwürdigen, den Charakter mittelalterlicher Forschungen der Art bezeichnenden Schrift zu geben, führen wir eine Reihe von Fragen an, welche die Abhandlung eröffnen. Albertus fragt sich hier: War es nothwendig, daß der Erzengel Gabriel zu Maria geschickt wurde? Durch welchen Boten geschah diese Verkündigung am passendsten? Diese Frage zerfällt wieder in folgende: Mußte diese durch einen Menschen geschehen?. Mußte der Bote ein Engel sehn? Oder ein Erzengel? Oder einer von den Von der Liebe des sel. Albertus gegen die glorreiche Jungfrau. 199 Fürstenthümern, von den Mächten, von den Kräften, von den Herrschaften, von den Thronen, einer von den Cherubim oder Seraphim? Sollten alle drei Klassen der Engel zugleich die Sendung übernehmen, oder alle Engel zugleich? Oder sollte der Vater die Verkündigung ausführen, oder der Sohn, oder der heilige Geist? Oder die ganze heilige Dreifaltigkeit? Die dritte Frage lautet: In welcher Gestalt ist der Engel erschienen? In Gestalt einer Schlange, oder in Gestalt einer Taube, oder in Gestalt eines Menschen und warum? Die ferneren Fragen lauten: In welchem Geschlecht ist der Engel erschienen? In welchem Alter, als Knabe oder Jüngling? In welchem Kleide ist er erschienen, in weißem, schwarzem oder zweifarbigem Kleide? Zu welcher Zeit ist die Verkündigung geschehen, am Morgen, Mittag, Abend oder um Mitternacht? In welcher Stadt geschah die Verkündigung am Passendsten? u. s. f. Auf gleiche Weise werden später die Fragen aufgeworfen, ob Maria alle Gnaden besessen, die heiligmachenden und überströmcndcn (ZMis clutuo), die sieben Gaben des hl. Geistes, ob sie die Königin der einzelnen Chöre der Heiligen gewesen, ob sie die Kardinaltngen- den, die theologischen und einzelnen Tugenden gezeigt, ob sie die acht Seligkeiten an sich gehabt, ob sie die Vorzüge aller Wesen in sich vereint, wie sie dem Leibe nach gewesen, wie groß, wie ihre Hautfarbe ') (roth und weiß gemischt), wie die Farbe ihrer Augen (schwarz), ihrer Haare (schwarz), ihr Alter gewesen, ob die heilige Jungfrau die Taufe, Firmung, das heilige Altarssakrament, die Buße, Priesterweihe und letzte Oclung empfangen, ob sie alle Wissenschaften und Künste inne gehabt, die weiblichen Arbeiten, die freien Künste, Logik, Metaphysik, Mathematik, Astronomie, Musik, Medicin, Jurisprudenz, Theologie 2 ), ja ob sie Alles gewußt; endlich, ob sie voraus verkündigt, wunderbar empfangen^), der Sünde und des Todes fähig, wie sie empfangen 1) Er gibt überall physiologische und physiognomische Gründe an. So sagt er vom Gelb: Diese Farbe deutet an die Herrschaft der Kälte im Leibe; je kälter von Natur, desto reiner; darum muß wohl der reinste Leib diese Complexion haben. 2) Eigentlich heißt es: Ob sie die Sentenzen des Petrus Lombardus gekannt? gu. 85. 3) In Bezug auf die Empfängniß Mariä spricht sich Albert hier wie in allen Schriften noch für die Reinigung der hl. Jungfrau von der Erbsünde im Momente der Empfängniß aus; er findet dieses im Ansspruch: kligrs seä tormosa angedeutet, aber doch redet er manchmal in solcher Weise davon, daß es dem Dogma der unbefleckten Empfängniß nahe kommt. Hier sagt er: knritas cksi Kommis ost, peeeatum oii- 200 Kapitel XXVII. und geboren habe, und endlich ob sie sammt dem Leibe in den Himmel anfgcnommen worden. Um eine Anschauung der Behandlung dieser Fragen zu geben, will ich eine kurze Entwicklung des Albertus ansühren. Die 98ste Frage lautet: „Hat die seligste Jungfrau die sieben freien Künste im Ganzen innc gehabt?" Dich führt er so ans: „1. Es scheint, denn cs heißt: Die Weisheit hat sich ein Hans erbaut und sieben Säulen ausgchaucn. Jenes Haus ist die heilige Jungfrau, die sieben Säulen sind die sieben freien Künste I; darum hatte die heilige Jungfrau die Kenntniß der siebe» freien Künste. 2. Im Exodus 12 verlangt ein Weib von ihrer Nachbarin goldene und silberne Gefäße. Das erklären die Glossen und die Heiligen von den weltlichen Wissenschaften. Darum müssen die Heiligen die weltlichen Wissenschaften kennen, also hat sie auch die seligste Jungfrau gekannt. 3. Im Hvhenliede 4 heißt es: Tausend Schilde hängen an ihm, die ganze Rüstung der Starken. Der Thurm Davids ist die heilige Schrift, die Schilde sind die natürlichen Wissenschaften; darum gehören die freien Künste zur Rüstkammer der heiligen Schrift; darum ist es Sache der Heiligen, sie zu kennen; also war es auch Sache der heiligen Jungfrau. 4. Endlich: Einige Heilige werden gelobt wegen solcher Wissenschaften, wie der heilige Dominikus, der zuerst in den Schriften über diese Wissenschaften unterwiesen ward, dann zum Studium der höchsten Wahrheit überging. So der heil. Gregorins, der in den liberalen Wissenschaften Keinem nachstand, so der heil. Bincentius, die heil. Katharina und viele andere. Also durfte der heiligen Jungfrau dieses Lob nicht fehlen." Aus diesen Andeutungen wird der Charakter des ganzen Buches unschwer zu erkennen seyn. Es ist weniger eine gelehrte dogmatische Erörterung, als ein umfassendes Gedicht in Prosa, ein Loblied auf die Himmelskönigin Maria, wobei die Phantasie des Dichters wie eine emsige Biene von allen Feldern der Schöpfung und allen Fluren der Wissenschaft den Honig der Beweisgründe für ihre Lobpreisung zusammenträgt. Zwar finden alle dogmatischen Fragen, die man gewöhnlich ginale nee Nabers nee unguam Nalzuisse, major guiäsin post illam est, originale lialniisse seä statiin et oinnino ad illo innnäatum esse: ergo Neata Virgo clebuit gniäein in original! eoneipl seä statiin al, illo inunäari. 1) Grammatik, Rhetorik, Dialektik (darin begreift er Jurisprudenz, Logik und Physik hier), Musik, Astronomie, Arithmetik, Geometrie. Von der Liebe des sel. Albertus gegen die glorreiche Jungfrau. 201 in Bezug auf die Gottesmutter vorzulegen pflegt, hier auch umfassende Besprechung, aber sie sind nmrankt durch eine Fülle von Fragen und Untersuchungen, die uns leicht absonderlich, gezwungen, kindisch, ja oft lächerlich Vorkommen. Aber man verzeihe der heiligen Liebe des alten Meisters. Die Liebe kann sich am Geliebten nicht satt sehen und findet täglich neue Schönheiten und strahlende Vorzüge, wo das Auge des Nichtliebendcn Nichts zu gewahren pflegt. So auch Albertus bei der Königin seines Herzens, bei Maria. Er wird nicht müde, neue Vorzüge, neue Herrlichkeiten seiner Gebieterin der Welt zu verkünden. Wenn er dabei selbst ans die leibliche Schönheit Mariens zu sprechen kommt, wenn er die Anmnth und Art der äußeren Erscheinung Mariens so genau untersucht, so möge man bedenken, daß er hier eine Dichtung bietet, welche ja immer alle Allgemeinheiten vermeidet und die Gestalten in concreter, ganz bestimmter Zeichnung und Färbung vorführen muß. Dazu kommt, daß Albertus für sein Verfahren ein hohes Vorbild gehabt Z, und endlich daß das Mittelalter eine andre Anschauung vom Zusammenhang des Physischen und Geistigen besessen, als wir zu haben pflegen. Den alten Meistern ist Nichts ganz äußerlich, zufällig, bedeutungslos, sondern die sinnlichen Dinge sind ihnen die Offenbarungen, die Spiegel der geistigen Welt. Daher legen sie auch so großes Gewicht auf Beschaffenheit und Gestalt des Leibes, weil er die Bedingung der Wirkungsweise und der Abglanz des Geistes ist. Jedenfalls ist dieses Werk ein glänzendes Zeugniß von der Gelehrsamkeit, vom Scharfsinn, von der Phantasie und der Liebe des Albertus zu Maria. Endlich wird dem Albertus noch eine Marianische Bibel zugeschrieben ff, in der alle Stellen der heiligen Schrift des alten und neuen Testaments zusammengestellt und kurz erklärt sind, die sich auf Maria beziehen lassen, vom ersten Vers der Genesis bis zur geheimen Offenbarung. Es ist abermals ein Büchlein, das nur unendliche Geduld, die eine Tochter der heiligen Liebe ist, zu schaffen vermochte. Wohin sich des Verfassers Auge wendet, welches Blatt der Schrift er aufschlägt, er sicht überall Maria! Und so ist uns gewiß klar geworden: Unserem großen Meister 1) Das hohe Lied. Nach einem bekannten antiken Vorbilde hat dann auch Pe- trarka in dieser Weise die Dame seines Herzens besungen. Nur die Nase derselben hat er nicht in seinem Gedichte verherrlicht, wohl aber alle andern Theile ihres Leibes. 2) Bd. XX. ?. 1-40. 202 Kapitel XXVIII. fehlte gewiß nicht jene Eigenschaft aller Heiligen der Kirche: Kindliche Andacht zur Gottesmutter Maria! Kapitel xxvm Der selige Albertus visitirt noch Klöster und weiht Kirchen. Fromme Sprüche desselben. Die letzten Abschnitte zeigten uns den Meister Albertus, wie er abermals in seiner trauten Zelle des Predigerklosters zu Köln in die süßesten Betrachtungen über die höchsten Geheimnisse des Glaubens versunken ist, und die Früchte dieser seligen Stunden dann auf der Lehrkanzel oder in Schriften mit Emsigkeit an seine Gefährten vertheilt. Doch dürfen wir wieder nicht glauben, daß der ehrwürdige Greis etwa das letzte Dezennium seines mühevollen Lebens in dieser heiligen, von ihm so sehr ersehnten Zurückgezogenheit seines Klosters zu Köln zubringen durfte. Diese völlige Ruhe wurde ihm erst in den letzten zwei Jahren seines Lebens zu Theil als Vorspiel und Vorbereitung der ewigen Ruhe, in die er bald eingehcn sollte. Aber bis dahin, so lange er im Vollgennß der geistigen und körperlichen Kräfte stand, war nicht Ruhen, sondern Arbeiten, äußeres Wirken, Streben und Schaffen sein Antheil. Albert wünschte nichts sehnlicher, als in der Stille seines Klosters bleiben zu dürfen. Aber die Liebe Christi drängte, das Verlangen klösterlicher und städtischer Gemeinden, sowie der Wunsch der Obcrhir- tcn zwang ihn nur zu oft, seines Klosters traute Räume zu verlassen, in Mitte der geräuschvollen Welt wieder zu erscheinen, beschwerliche Reisen zu unternehmen, fremde Lasten sich aufzuladen und für die Wahrheit öffentlich Zeugniß zu geben. Wir haben eine ganze Reihe solcher Akte öffentlicher Wirksamkeit, die in den letzten Zeitraum des Lebens unsers Albertus fallen, in den nächsten Schilderungen zusam- menzustcllen. Noch immer lag dem Albertus die Blüthe des Ordensstandcs vor Allem am Herzen. So oft ihm daher von den Obern das mühselige Amt der Visitation eines Klosters anfgctragen wurde, scheute er, voll Eifer für die Zier des Hauses Gottes, noch immer nicht die Beschwerden eines weiten Weges, wenn er nur Gutes stiften konnte'). Oder 1) So berichtet Rudolph. Der sel. Albertus visitirt noch Klöster und weiht Kirchen. 203 wenn er vernahm, daß eine Niederlassung des Ordens, an deren Begründung er selbst Antheil gehabt, nicht gedeihen wolle, oder daß irgendwo die erste Liebe erkaltet sei, da eilte er hin und richtete wieder alle aus durch seine Weisheit und durch heilsame Ermahnungen. Selbst an väterlichen Bitten ließ er es nicht fehlen, bis dem Uebelstande abgeholfen war r). So war er noch immer mit heiligem Liebeseifer bemüht, die zahllosen Pflanzungen seines Ordens und selbst andrer Orden zu begießen, von den Auswüchsen zu reinigen und im guten Wachsthum zu bestärken. Dann aber wurde der greise Albertus auch nicht selten von Bischöfen, Prälaten und Städten berufen, um bischöfliche Funktionen vor- znnehmen. Es geschah dieses, theils um der Heiligkeit und Demuth des großen Mannes dadurch eine Huldigung darznbringen, theils in Fällen der Noth^), wenn die Kirchenfürsten erkrankt oder verhindert waren. So hatte Albertus schon ans seiner Rückkehr vom Frankenlande, als er sich in Schwaben und im Elsaß aufhielt, mit Erlaubniß der Bischöfe jener Sprengel die Einweihung vieler Kirchen und Altäre vorgenommen. So kam er damals in das stattliche Eßlingen, wo die Predigerbrüder bereits seit dem Jahre 1219 in der Vorstadt eine Niederlassung besaßen, seit dem Jahre 1233 aber in der Stadt selbst ein Kloster sich hatten erbauen dürfen. Da eben die dazugehörige Kirche in der einfachen Schönheit der frühesten Gothik war zur Vollendung gekommen, so weihte sie der ehrwürdige Albertus ans Bitten der Brüder und mit Genehmigung des Bischofs von Konstanz zu Ehren des hl. Paulus ein am 29. April des Jahres 1268 ^). Dann bat auch das reiche Basel um die Ehre seines Besuches und um die Ausübung seiner bischöflichen Gewalt. Auch dort hatten die Predigerbrüder frühzeitig gütige Aufnahme gefunden und bereits i. I. 1232 einen Kloster- und Kirchcnbau begonnen. Nachdem dieser Bau sich mehrere Jahrzehnte hindnrchgezogcn, gingen sie im I. 1261 daran, einen stattlichen Chor ihrer Kirche anzufügen, der bereits im 1) Rudolph. 2) Ebenderselbe. 3) Vgl. Heideloff's Kunst des Mittelalters in Schwaben Lief. IV, S. 59 und Tafel XVI, wo eine Abbildung der Kirche gegeben ist. Jetzt ist dieser merkwürdige Ban in einen Weinkeller verwandelt! Bei Heideloff ist jenes Datum mitgetheilt, das auch Rudolphs Legende enthält. Binterim gibt aber für diese Eßlinger Kirchweihe das Jahr 1271. Vgl. Kreusers chr. Kirchenbau I, 378: Xnno 1271 I^stinga,- et Xirt- verxise Oivo ttaulo aeäss äeäieabat. Wir halten uns an die Localschriftsteller. 204 Kapitel XXVIII. Jahre 1264 vollendet dastand *). Aber noch war die bischöfliche Weihe nicht geschehen. Wie erwünscht mußte also den Brüdern die Ankunft des Albertus seyn! Ans ihre Bitten weihte er nun wirklich den Chor der Kirche zu Ehren des heiligen Patriarchen Dominikus ein, wie er auch die vier Altäre der Schiffe consckrirte. In welchem Jahre dieser bischöfliche Akt durch unseren Meister Albertus vorgenommen worden, ist nicht mit völliger Sicherheit zu bestimmen. Doch scheint das Jahr 1269 die meiste Wahrscheinlichkeit für sich zu haben ^). Auch das blühende Kolmar (Ooluinlmrirnn) im Elsaß rühmt sich, damals durch einen Besuch des großen Bischofs Albertus beglückt worden zu seyn. Er soll auch hier zwei neue Gotteshäuser consecrirt haben, die zierliche Kirche der mindern Brüder und die der Augustinernonnen, welche unter der Leitung der Predigermönche standen. Die letztere wurde auf den Namen des Vorläufers Jesu Christi geweiht^). Daß Albertus auf jenen Wanderungen, die er nach seiner Verachtung auf den Bischofstuhl zu Regensburg vornahm, auch Straßburg, die stolze Reichsstadt, wo er früher schon als Lehrer mit Segen geweilt, wieder besucht habe, ist über allen Zweifel erhaben, wenn wir auch das Jahr nicht mit völliger Sicherheit angeben können ^). Auch 1) Auch diese schöne Kirche steht noch, gleichfalls profanirt. Vgl. über sie das Werk; Die Dominikanerkirche in Basel von L. A. Bnrkhardt und Chr. Riggenbach. Basel bei Bahmeier 1855. Das Langschiff ist noch Säulenbasilika mit acht Säulen und flacher verschalter Decke (zwischen 1232—1264?), der Chor ein ganz verschiedener Bau, hat sieben lanzettförmige Fenster mit einem Stabe in der Mitte, schlanke, runde Säulen tragen die Gräte des Gewölbs. lieber den Fenstern zwischen je zwei Streben sind zwei Rosen in Kleeblattform angebracht. Die Verfasser nennen den Albertus als den vermuthlichen Schöpfer des Chorplanes, ohne einen andern Grund zu haben, als weil dieser Bau mit den Predigerkirchen in Negensburg und Bern (?) große Aehnlichkeit hat. Diese Aehnlichkeit ist wieder die mit allen Kirchen der Bettel-Orden, Mangel eines Krcuzschiffes, Thnrmes und äußerer Ornamentation beim einfachsten Stab- und Maßwerk des Innern. 2) Rudolph nennt das Jahr 1268. Aber in Luntkemii Llonsstsiiologia Uraneonias (Oel. II, p. 609) lese ich: Xnno äornini lVlOODXIX edorus, inasus sliars Leolesias et guatuor altaria in ciieto convsntu Lasiieensi ad Xlderto lVl. bipisoopo Ratisponensi eonseerata sunt. 3) So berichtet Rudolph. 4) Rudolph erzählt, Albert habe im I. 1268 zu Straßburg ans Bitten des Bischofs Walter von Geroldseck 150 Priester und 400 Kleriker geweiht. Da aber Bischof Walter schon i. I. 1263 starb, so ist entweder das Datum oder der Name unrichtig. Wahrscheinlich verwechselte der Chronist jenen Bischof mit dem späteren Der sel. Albertus visitirt noch Klöster und weiht Kirchen. 203 hier hatten unterdessen arge Kämpfe gewüthet zwischen der Bürgerschaft und dem Bischöfe, von dessen Oberherrlichkeit sich jene gleichfalls völlig zu befreien suchte. Aber auch herrliche Gottesbanten waren unterdessen zur Vollendung gekommen oder gerade im Entstehen begriffen, so vor Allem der wunderbare Münster, dessen Langhaus soeben seiner vollendeten Erneuerung im Geiste wvhldnrchdachter französischer Gothik entgegenging '). Albertus erquickte zuerst mit seiner Einkehr das Kloster der Predigerbrüder, deren den Charakter aller Ordensbauten tragende große Kirche wohl gleichfalls schon vollendet war. Dann aber nahm er ans die Bitten des Bischofes, der den berühmten Meister mit hoher Verehrung begrüßte, die Weihe von 150 Priestern und von 400 andern Klerikern vor. Ja auch einen Altar in der kleineren Peterskirche soll er zu Ehren der hl. Kolumba consekrirt haben. Leider sind uns nicht mehr Aufschlüsse über jene Wanderungen des Albertus im Südosten Deutschlands erhalten, obwohl er gewiß noch öfter dort bischöfliche Akte zu vollführen hatte ^). Aber auch nachdem der greise Mann wieder nach seinem Kloster in Köln heimgckehrt war, wurde er nie ganz verschont mit der Uebcr- tragung solcher Acmter. Rudolph erzählt: „Der Erzbischof von Köln, Siegfried von Westerburg °), in wahrer Liebe dem Albertus zugcthan, Heinrich IV. von Geroldseck, der i. I. 1268 regierte. Damit stimmt auch überein Wimpfeling (bei Ost. I, p. 208), der bezeugt, Xldertum Lpiseopunr venis8e Xrgen- tinanr ae in necke 8t. keiri juniorin arairr guanckam in konorom 8t. Oolumliae V. et Nart. conseerasss manibus suis anno ckoinini NLODXVIIl. Ebenso Binte- rim, der beisetzt, es sei jene Priesterweihe am Charsamstag geschehen, welches i. I. 1268 der 7. April gewesen. Vgl. Kreuser, chr- Kirchenbau 1, S. 378. 1) Es wurde 1275 vollendet, nachdem es um die Mitte des Jahrhunderts in Angriff genommen war. Der Urheber des Planes ist unbekannt. Erwin von Steinbach erhielt erst 1277 die Ausführung der berühmten Fa?ade. Vgl. Schnaases Geschichte der Kunst V, 509. 2) Jetzt städtische Bibliothek. Sie hat noch die Säulen statt der Pfeiler, kein Kreuzschiff, einfache Gewölbe mit Kreuzgurten, einen eleganten Dachreiter, keinen Kapellenumgang u. s. f. 3) Noch eine der interessantesten Kirchen Straßburgs, Klein St- Peter. Obiges bezeugen Rudolph und Wimpfeling a. a. O. Prussia sagt bloß, 100 Kleriker habe er geweiht an einem Tage. S. 273- 4) In Straßburg hat sich übrigens sein Andenken im Sinne obiger Sagen erhalten. Königshofen und Closener nennen ihn den „groß Meister Albrecht, der einen Teufel bezwungen habe, um von ihm heimliche Sachen zu erfahren." Vgl. Kreuser, I, 379. 5) Dieser kam erst i. I. 1275 zur Negierung. Ohne Zweifel stand Albertus 206 Kapitel XXVIII. erlaubte ihm an allen Orten seiner Diöcese, wohin er gerufen würde, im bischöflichen Ornat zu funktioniren. Er befahl, daß er mit gebührender Ehre empfangen und nicht geringerer Auszeichnung gewürdigt werde, weil er der hohen Würde entsagt und zum demüthigen Ordensstande znrückgekehrt war." Prnssia fetzt bei, Albertus habe auch öfter für jenen Erzbischof die Weihen zu ertheilen gehabt Z und andere bischöfliche Akte verrichtet. Und so kam es, daß Albertus unzählige Male in der Erzdiöcese Köln und in der Umgebung bischöfliche Funktionen vornehmen mußte, besonders die Weihung von Kirchen und Altären. Denn es war ja die Zeit, wo allüberall viele Hunderte von Kirchen neu erstanden, es ist die wundersamste Blüthezeit der Architektur, die vielleicht die Geschichte kennt; die neuen Orden breiteten sich mit wunderbarer Schnelle von Stadt zu Stadt ans Z und bedurften zweckmäßiger Kirchen; die ältern Orden, sowie die Domkapitel wurden von heiligem Wetteifer erfaßt ^), ihre Gotteshäuser in größern Dimensionen und im Gewände der mit allen Reizen der Jugend prangenden, sinn- und kunstvollen Gothik zu erneuern, Fürsten und Städte beeilten sich, durch ähnliche Gottesbauten sowohl dem Herrn einen Zehent der ihnen zuströmcnden Reichthümer zu opfern, als auch ihre liebe Heimath ans solche Weise mit würdiger Zier zu verschönen. Und so kann es uns nicht wundern, wenn in jenem Jahrhundert eine Kirchweihung aus die andre folgt, wenn auch die Beihilfe des greisen Albertus in dieser Hinsicht von allen Seiten erbeten wurde. So weihte er in der Stadt Nymwegen (damals zur Diöcese Köln gehörig) die herrliche Kirche der Regular-Kanoniker, welche eben in Mitte der Stadt zu Ehren des heiligen Stephan war gebaut worden ^). Die bisherige Hanptkirche, die außerhalb der Stadt gestanden, war abgebrochen worden ^). aber auch bei dessen Vorgänger in gleicher Gunst, wie die Vornahme bischöflicher Akte durch ihn unter besten Regierung bezeugt. Prnssia sagt: Xrekiepiaooxus Liilriäus cis IVsbterdored ntteetuose katrcm Xidertum äilexit. ?. 272. 1) Schön sagt hiebei Prnssia: Hui virtutibua xiene aäornatus exbtitit, ad oiunidua amadatur; in revereutiagus maAua daditua est non solum apuä xoxu- larea, aeci et ad ip8i8 kraeiatis xluriinuru donoradatur. Vita Lid. p. 272. 2) Man sehe die Zahl der entstehenden Klöster des Dominikanerordens in Wnr- temberg allein bei Stalin, Geschichte von Würtcmberg II, 740. 3) Ein französischer Bischof erklärt, keinen andern Grund zum Neubau seiner Kathedrale zu haben, als weil man überall baue. Vgl. Schnaase V. 4) Nach Rudolphs Angabe. 5) Um das Andenken hieran zu erhalten, wurde alljährlich eine Prozession mit Der sei. Albertus visitirt noch Klöster und weiht Kirchen. 207 Das Andenken an diese Konsekration, die Albertus auf Bitten des Grafen Reinold von Geldern vorgenommen, hat sich durch eine Inschrift erhalten, die an der Wand der Kirche zu lesen war, und also lautete: Albertus Magnus hat diesen Tempel geweiht wie ein Lamm'). Ebenso consekrirte er auch die Kirche der Predigerbrüder zu Antwerpen zu Ehren des heiligen Paulus. Dieses geschah i. I. 1271 ^). Den gleichen heiligen Akt vollbrachte er in Utrecht an der Dominikanerkirche, die unter den Schutz des hl. Andreas gestellt ist^), sowie an der Ordenskirche zu Mästricht ^). In der Kirche zu Vochem bei Brühl weihte er i. I. 1274 den Hauptaltar und i. I. 1276 in Löwen zwei Altäre der Dominikanerkirche §). Noch nicht genug! Auch die Konsekration des gothischen Chores der herrlichen Viktorskirche in Lanthen?) und der Klosterkirche zu Paradieß") bei Soest soll unser greise Albertus vollbracht haben. So sehen wir also den ehrwürdigen Lehrer auch im letzten Dezennium seines Lebens in voller Thätigkcit, nicht bloß auf seinem Lehrstuhle und am Schreibepult zu Köln, sondern auch noch in Ausübung seiner bischöflichen Gewalt, indem er weiten Reisen sich willig unterzog, um Kirchen und Altäre zu Gottes Ehren und zur Erbauung der Gläubigen einznweihen. Man hat ans diesen Nachrichten von der Weihung so vieler Hei- ligthümcr durch des Albertus Hand abermals den Schluß gezogen, daß er wohl als Architekt an diesen Bauwerken sich betheiligt, Pläne entworfen oder die Ausführung derselben künstlerisch geleitet habe. Wir dem heiligen Sakramente und den Reliquien der Heiligen an die frühere Stelle der Kirche veranstaltet. Vgl. Rolrarct, 8eript. orä. Rraeä. I, p. 168. 1) Ein Leoninischer Hexameter: XU>ertn8 Na§nu8 templum saeravit ut agnus. So Gilbert de la Haye bei Leliarci I. e. 2) Relrarcl Lenklar. I, 168. 3) Rudolph. 4) Bianco, Geschichte der Universität Köln, I, S. 31. 5) Bianco a. a. O. 6) In der Urkunde deS elfteren Altares heißt es: In nomine Ualris et Rilii et 8piritn8 8. e8t iroo altars conbeeratum in nomine L. Oatlrarinae et Nar§. et Me. a ven. Rr. Xlberto Dp. guancl. Rat. anno äom. 1274. Vgl. Bianco, Gesch. der Universität Köln. I, S. 31. 7) Vgl. Binterim 8uilrabanei 6olonien8e8 Rxtraoräinarii p. 40: Xantlris 8t. Vietorm iimigmw bamlieae elrorum eonsseravit. Krensers Kirchcnbau I, 377. Wahrscheinlich war es der Westchor, vgl. Schnaase, V, 577. 8) Rudolph. 208 Kapitel XXVIII. können daraus nur das früher Gesagte wiederholen: Die geschichtlichen Urkunden sprechen nie von seiner Betheiligung der Art, die bei der großen Anzahl, Bedeutung und Verschiedenartigkeit der genannten Bauten auch säst eine physische Unmöglichkeit gewesen wäre. Da die alten Zeugnisse immer nur von der Konsekration jener Gotteshäuser und Altäre reden, sind wir zu einer weitern Annahme nach den Gesetzen der Geschichtsforschung nicht berechtigt. Damit wollen wir wieder keineswegs bezweifeln, daß der große Meister das lebendigste Interesse an den erstehenden Gottesbauten genommen '), daß er auf Anfragen rathend beigestanden, daß er die neuaufgeschossenen schönsten Blüthen der christlichen Architektur, die überall sich erhebenden Kirchen der Go- thik mit ihrem reichen gotteswürdigen Schmuck, diese versteinerten, himmelanstrebenden Loblieder ans den Herrn mit Jubel der Seele besuchtes, mit Verständniß betrachtete und mit Bereitwilligkeit weihte. Das ergibt sich schon aus seiner Glaubensinnigkcit und aus seiner Stellung als Bischof in jener Zeit. Wir wollen nur seine Betheilignng als Künstler und Architekt im modernen Sinne in Abrede stellen. Wenn wir in solcher Weise auch die technische Theilnahme des Albertus an der Erbauung jener Steinkirchen ablehnen, so ist dagegen um so unzweifelhafter, daß er aus jenen Umzügen an der Erbauung der Seelen eifrigst gearbeitet habe. Bei diesen Wanderungen und Besuchen vieler Städte und Klöster war cs wohl nichts Seltenes, daß man sich in verschiedenen Anliegen an Albertus wandte. Man drängte sich zu ihm, theils aus Neugierde, um den weltberühmten Mann zu sehen, theils aus Heilsbcgier, um von ihm Weisheitsregeln für den Lebensweg zu erhalten. Er galt ja als der große Lehrer allüberall. Da legte man ihm häufig Fragen vor, um darüber seinen Bescheid zu empfangen, dort bat man ihn um ein geistliches Andenken, wie man jetzt nach einer Handschrift oder einem Albumsblatt eines großen Mannes hascht. Oft begegnete er selbst einer leidenden und bekümmerten Seele, deren Gemüth er durch einige Worte des Trostes aufrichten wollte. Manche dieser Sprüche mögen sich dann in der Tradition eines Klosters oder im Munde einer Familie erhalten haben, und gingen von Geschlecht zu Geschlecht. Und so kommt es, daß noch manche Lehrsprüche, die unserm Albertus 1) Das zeigen seine Jndulgcnzbriefe für zwei erstehende Kirchen. 2) Er huldigte ja, wie er in einem Commentar sagt, den wir oben angeführt, dem Ausspruch des Aristoteles: Nagniüeum äeeat ma§niüoa äomns. Schöne Devise eines Bischofes in Bezug auf die Wohnungen Gottes! Der sel. Albertus visitirt noch Klöster und weiht Kirchen. 209 beigelcgt werden, in Umlauf sind. Wir können natürlich die Aechthcit der einzelnen nicht verbürgen'); aber sie sind dem Geiste Alberts entsprechend und können ganz wohl als Reliquien des großen Mannes betrachtet werden. Da sie wenigstens den Namen des Albertus tragen, so können sie hier jedenfalls nicht übergangen werden. Einst sagte Albertus: „Ein Ei, um Gottes willen gegeben, so lange der Mensch lebt, ist ihm nützlicher zu dem ewigen Leben, als ein ganzes Münster voll Gold, welches er nach seinem Tode gibt." Er sprach weiter: „Wäre Alles, was Gott schuf, in eines Menschen Besitz und er gäbe cs Alles bei seinem Tode um Gottes willen her, so wäre ihm das zu dem ewigen Lohne nicht so nütze, als ein Almosen, welches er um Gottes willen bei Leibes Leben gibt." Ein andermal sagte er: „Wenn wir denen vergeben, die uns an Leib, Gut oder Ehre schadeten, das ist uns inehr nütze, als wenn wir über Meer gingen und uns in das heilige Grab legten. Ebenso sprach er: „Wenn wir Lieb und Leid in rechter Dcmuth von Gottes Hand empfangen und beides als Gottes Gabe erkennen, so ist uns das mehr nütze, als wenn wir alle Tage einen Wagen voll Birkenrciser auf unserm Rücken zerschlügen." Einst sagte er also: „Wollte ich nach gelehrten Geistlichen fragen, so ginge ich nach Paris; wollte ich aber nach den Geheimnissen Gottes fragen, so fragte ich bei dem ärmsten Menschen an, der mit Willen arm wäre und fragte ihn über die Geheimnisse Gottes. Wir müssen gerne das Niedrigste tauschen gegen das Höchste und das muß seyn, das hat uns Christus an dem Jüngling gezeigt, zu dem er sprach: Willst du vollkommen werden, so verkaufe Alles, was du hast, gib es den Armen und folge mir nach." Einst kam Bruder Albertus in ein Frauenkloster seines Ordens, da baten ihn die Schwestern, er möge ihnen ein heilsames Wort sagen. 1) Jvh. Laicus, selbst ein Kölner, führt sie an in seinem Schatzkästlein S. 132. Es sind diese Sprüche übrigens nnr Fragmente der gemalten sogenannten Alberti- tafeln (17. Jahrhundert), die im Salzburger Gebirgsland noch in den Vorhallen der Kirchen gefunden werden, wie wir oben gesagt. In Mitte derselben erscheint Albertus im Momente der Elevation; rechts von ihm sind sieben kleinere Genre-Bilder und ebensoviele links; sie stellen die Gegensätze der Vollkommenheit dar, die im Texte genannt werden. Albert erhält also gleichsam hierüber von Christus selbst Aufschluß. Leider ist mir der Inhalt nicht vollständig im GeLächtniß. Die k. Staatsbibliothek zu München besitzt drei Handschriften aus St. Emmeran, die jene Sprüche enthalten, Nr. 513, 746 n. 835, kol. 321, 308, 136. 2) D- h-: Wir müssen bereit seyn, das Niedrigste, d. i- die Güter der Welt, hinzugeben gegen das Höchste, d. i. Gott und seine Weisheit. Sighart. Albert d. Große. 14 210 Kapitel XXIX. Da sagte er ihnen dieses: „So ost der Mensch einen Muthwillen Gott zu Liebe unterläßt, wäre es nur ein eitel Wort, oder einen eitlen Blick, so oft empfängt er Gott geistig in seiner Seele, wie ihn der Priester leiblich am Altäre empfängt." Er sprach auch zu den Kranken ein tröstliches Wort: „Wenn der Mensch krank ist, so glaubt er ost, daß sein Leben unnütz sei vor Gott. Wenn er aber nicht des Gebetes und der guten Werke Pflegen kann, dann schaut seine Krankheit und sein Verlangen tiefer in die Gottheit, als zehnhundcrt Gesunde')!" So war also Albertus auch in seinem hohen Greisenalter ohne Unterlaß beschäftigt, nicht bloß Bauten von Stein und Holz znm Dienste des Herrn zu weihen, sondern auch die Erbauung der Seelen durch Visitationen, Belehrung und Trost möglichst zu befördern. Und er scheute nicht die Entfernungen der Orte, die Mühseligkeiten der Reise auf schlechten Strassen und Wegen, nicht den Aufwand der für so viele wissenschaftliche Bestrebungen so kostbaren Zeit, er wußte Allen Alles zu werden, um Alle Christo zu gewinnen! Kapitel xxix Wie der selige Albertus den Chor der Dominikanerkirche zu Köln baut und diese mit Heiligthiimern schmückt. Cr erhebt auch den Leib der heiligen Cordula. Aus allen Wanderungen und Reisen, die Albertus, wie wir gesehen, durch die verschiedenen Gauen Deutschlands angestellt, sah er jene wunderbare Baulust zu Gottes Ehren sich entfalten, die das dreizehnte Jahrhundert auszeichnet, er sah überall neue Kirchen sich erheben in kaum geahnter Eleganz, Großartigkeit, Sinnigkeit und Lieblichkeit, er sah alle alten Kirchen in würdigerer Gestalt und im reichen Gewände der Gothik neu erstehen und sich schmücken. Nur seine liebe Klosterkirche zu Köln, ein älterer Ban der romanischen Zeit, war noch von der allgemeinen Bewegung unberührt geblieben, wahrscheinlich weil ihr baulicher Zustand keine Erneuerung erforderte. Kaum aber war Albertus nach seiner Resignation wieder in Köln angelangt, so ruhte 1) D- H-: Er erkennt mehr von Gott als 1000 Gesunde. Die letzteren drei Sprüche weisen mehr auf die späteren Mystiker hin, ans Suso und Tanker. Der sel. Albertus erbaut und schmückt den Chor der Prediger. 211 er nicht mehr, bis auch dieser Gvttesbau eine entsprechende Vergrößerung nnd neue würdige Zier erhalten hatte. Nämlich er übernahm es, den Chor der Kirche von Grund aus neuzubauen, lieber dieses hochverdienstliche Werk des achtundfiebenzigjährigen Greises zu Gottes Ehren lesen wir bei Prussia also: „Da er bemerkte, daß der Chorraum zu eng geworden für die Schaar der psallirenden Brüder, erweiterte er ihn mit Bewilligung seiner Obern und unterstützt durch die Beihilfe der Gläubigen." Ausführlicher berichtet der etwas spätere Rudolph: „Da Albertus sah, daß der alte Chor der Kirche zum heiligen Kreuz, wo die Prc- digerbrüder wohnten, für die Schaar der psallirenden Brüder zu eng und zu klein sei, so hat er mit Beistimmnng seiner Obern und unter stets wachsender Theilnahme des Volkes von Köln das alte Gebäude abgetragen, den Platz angeebnet, ein festes Fundament neu gebaut und dann einen eleganten Bau anfgcführt nach den Regeln der Geometrie wie der erfahrenste Baumeister (tun^uum jmritissiirms urolüteotor) Z." In Bezug auf die Ausführungszeit dieses Baues wird berichtet, daß er i. I. 1271 begonnen worden, und erst nach dem Jahre 1278 zur Vollendung gekommen Z, obschon i. I. 1275 eine Weihe geschehen konnte. Zum Andenken daran, daß dieser Bau seine Entstehung dem seligen Albertus verdanke, wurde auch später sein Bild sowie das des Erzbischofcs Sigfried als des Wohlthäters in einem Fenster des Chores als Glasgemälde angebracht, bei welchem die Inschrift zu lesen war: „Gebaut hat diesen Chor der Bischof Albertus, die Blüthe der Philosophen und Lehrer, die Schule der Sitten, der strahlende Vertilger der Jrrthümer und die Hemmkette der Bösen. Füge diesen, o Gott, der Zahl deiner Heiligen bei 1) So Nudolph. Prussia sagt: »6mn §ratruin neoessitatern oerneret, stu- äuit guantooius relevaro: loeum namgno Olrori pro psallentinm kratrum ca- terva oonsiäerans Minis esse anAustuin, cke Llajorum suorum beueplaeito latio- rom laeit, Inltus 1?iäolium auxilio in spare ineepto. Vita Ivld. p. 271. 2) Vgl. Oelenins Vita tt. LnZ-elberti p. 461 und Boisscree, Geschichte des Doms von Köln S. 11. Gelenius berichtet, Erzbischof Sigfried, der i. I. 1275 zur Negierung kam, habe den Albertus bei jenem Kircheubau unterstützt. Im Testament sagt Albert selbst, der Chor sei noch unvollendet- Das Testament ist aber 1278 geschrieben. Warum Schnaase Las Jahr 1261 als Zeit des Beginns nennt (V, 545), ist mir unbekannt. 3) Prussia berichtet: Da quo retro sunrinum altara ob eanäem eausain post 14 * 212 Kapitel XXIX. In Bezug auf diesen Chorbau der Dominikanerkirche zu Köln haben wir noch einige Bemerkungen und Untersuchungen anzufügcn. Einmal verdient der Entschluß unsers Albertus, noch in so hohem Alter einen solchen Gotteöbau auszuführen, gewiß unsre Beachtung und hohe Bewunderung. Wir scheu hier an unserem Meister die alte heilige Leidenschaft hervortretcn, die fast alle großen Bischöfe, Fürsten und Aebte des Mittelalters erfüllt hat, nämlich Gott den Herrn auch durch einen Kircheubau zn verherrlichen und Gottes Haus mit höchster Schönheit zu umkleiden. Wie David der König den Eidschwur vordem Herrn ablegtc, nicht eher sein Lager besteigen, das Gezelt seines Hauses betreten und seinen Augen Schlummer gönnen zu wollen, bis er dem Herrn auch ein würdiges Gezelt gebaut, so schien kein frommer Bischof und Fürst jener Zeit zur ewigen Ruhe eingehcn zu wollen, bis er zu Ehren des Allerhöchsten einen Bau ausgeführt. Diese Beobachtung sehen wir hier auch an Albertus wieder bcstättigt, Was die Beschaffenheit dieses uengcbautcn Chores betrifft, so können wir leider darüber aus eigner Anschauung kein Urtheil fällen, da er sammt den übrigen Theilcn der Kirche am Anfang unsers Jahrhunderts den Streichen der Säkularisation erlegen ist. Eine ältere Beschreibung sagt nur, Albert habe den dreischiffigcn Chor gebaut Z, und der ehrwürdige Wallraf, der die Kirche noch wohl gekannt, erklärte seinen Schülern oft, daß sie ein köstliches Abbild des Domes von Köln im Kleinen gewesen, daß der Chor wie im Dome dreischisfig und mit einem Umgänge versehen war Z. Bericht diese Angabe auf Wahrheit, so steht dieser Chor ganz vereinzelt da unter allen Bauten des Dominikanerordens jener Jahrhunderte! Einen Kapellenkranz um den Chor hatte, so viel mir bekannt ist, keine andre Kirche der Bettelorden. Es gehörte diese Anlage zu den Eigenthümlichkeiten der reichen französischen Kathedral- und Stiftsbauten der Gothik und war auch bei oditum ipsius in vNrea tenestra, uln ipse äspietus est una eum ^retneplseoxo Lolonisnsi, gui eum sepulturae Nvnoriüee traäiält, In voraus inseripti sunt: 1) Vine. Oust. p. 50: Relieto Dpiseopatu Leelssiae katisxonnensis Loloniam venit, st Leelesiam §ratrum kraeäioatorum 8. Orueis amxlians, Ltmruin trila- rlum exstruxit. Vgl. Kreusers chr. Kirchenbau I, 376. 2) Vgl. Kreuscr a. a. O. 3) Selbst die reiche Kapelle des hl. Ludwig (I-a saints eliapells) in Paris, in Der sel. Albertus erbaut uud schmückt den Chor der Prediger. 213 Klosterkirchen wegen der nöthigen Abschließung des Chores für die klösterliche Gemeinde weniger geeignet. Wenn also wirklich diese Gestalt dem Dominikanerchore zukam, so kann nur die Nähe des Domes, dessen neuer Chor sich bereits erhob und dessen Plan vorlag ^), als Erklärung dienen. Es müßte angenommen werden, daß Albertus, entzückt über die Schönheit des eben aufsteigenden Chores der Kathedrale, beschloß, seinen Klostcrchvr nach dem Vorbilde jenes herrlichen Originals umzubanen. Ohne Zweifel hat er bei diesem Werke die Mitglieder der Banhütte des Domes, tüchtige Steinmetzen und ihre Gesellen, zur Ausführung beigezogen, während das Volk bei Abbrechung des alten Baues und in Hiebeischleppnng der Materialien um Gotteslohn behilflich war ^). Noch aber übrigt, die Art der Betheiligung unsers Albertus an diesem Chorbane zu untersuchen. Es fragt sich nämlich, ob er bloß als Bauherr, der die allgemeine Anordnung traf und die Kosten trug, hiebei auftrat, oder ob er als leitender Architekt dem ganzen Bau Vorstand, oder endlich ob er in dieser doppelten Eigenschaft zugleich sich am Werke betheiligt habe. Wir wollen hierüber die urkundlichen Nachrichten vernehmen. Den ältesten authentischen Aufschluß erhalten wir vom Meister Albertus selbst, der in seinem Testamente, das wir später vollständig mitthcilen werden, dieses eben in der Ausführung begriffenen Chorbaues ausdrücklich gedenkt. Nämlich er spricht sich hierüber wörtlich also aus: „Das Gold, Silber und die Pretiosen ^), welche in Geld verwandelt jener Zeit gebaut und wohl von ähnlicher Große mit der Dominikanerkirche in Köln, hat keinen solchen Umgang. Auch die Minoritenkirche in Köln (gew. 1260), die kurz zuvor entstanden und der Sage nach von der Kölner Banhütte in den Freistunden ausgesührt worden war, hat jene Auszeichnung nicht (Schnaase, V, 546), wohl aber der Chor der Cisterzienserabtei zu Altenberg (beg. 1255) bei Köln. 1) Da der Sieger bei Mornngen (1288), Johann, Herzog von Brabant, bereits ein Glasgcmälde in die Chorfenster stiftete, mußte dieser Chorbau damals schon ziemlich fortgeschritten seyn. Vgl. Boisseree a. a. O. S- 15. 2) Daß die Mönche beim Bau der Kirchen alle Arbeiten allein verrichteten, war wohl bei den früheren Orden gewöhnlich, die zur Kultur des Bodens und der Geister zugleich bestimmt waren und daher eine Menge Laienbrüder (eonvsrsi) hatten. Dieß fiel aber bei den Bettelmönchen hinweg, welche nur durch Vollkommenheit des Lebens, durch die Predigt des Glaubens und durch Wissenschaft die Geister zu gewinnen und die Sitten zu reformiren strebten. Mit diesem Berufe warmer Gewerbebetrieb und äußere Handarbeit im Großen nicht vereinbar. 3) Man hatte im Mittelalter sein Vermögen in solcher Form, wie jetzt in Aktien 214 Kapitel XXIX. werden können, vermache ich zur Vollendung jenes Klosterchores, den ich von meinem Gelde gebaut und von Grund ans anfgeführt habe*)." Was hier der ehrwürdige Bischof ausspricht, beschränkt sich darauf, daß er den Chorban, dessen Vollendung er offenbar nicht mehr erlebte und leitete ^), von seinen eigenen Mitteln, die ihm durch kostbare Geschenke von Verehrern seit Langem zugekommen, bestritten und von Grund aus, nicht bloß theilweise, ausgeführt habe. Man sieht, er findet an den Pforten der Ewigkeit einen großen Trost und Befriedigung in dem Gedanken, ein solches Werk gebaut und also sein Vermögen verwendet zu haben. Ueber die Gestalt des Chores und über seine weitere technische Bctheilignng treffe» wir hier also keine Andeutung. Die der Zeit nach nächste Nachricht über dieses Bauwerk gibt die oben angeführte Inschrift des Chorfcnsters. Sie sagt einfach, Albertus habe den Chor gebaut (ooncliclit). Da dieser Ausdruck sowohl vom Bauherrn, dem Unternehmer und Bezahlcr des Ganzen, gebraucht wird, als auch vom Architekten, so ist auch daraus für unsere Frage kein Aufschluß zu erholen. Damit sind die zeitgenössischen Notizen erschöpft. Wenden wir uns an die freilich erst spät austretcnden ältesten Biographen, so erzählt der erste derselben, Petrus de Prussia (1480), wieder nur, daß Albertus wegen der Noth der Brüder den engen Chor erweitert habe, ohne eine künstlerische Stellung desselben hiebei anzudeuten. Der nächste aber, Rudolph von Nymwegen, redet ausführlicher von dem ganzen Vorgang, wie wir oben gesehen haben, und spricht zuerst aus, Albertus habe den Bau nach den Regeln der Geometrie wie der erfahrenste Baumeister ausgeführt, wodurch ihm offenbar der Entwurf des Planes nach den Gesetzen der Gothik und die Bauleitung zugeschrieben wird. Von da an findet sich diese Nachricht fast wörtlich bei allen Schriftstellern. So sagt die Kölner Chronik vom I. 1499: Albert und Obligationen. Bgl. das schöne Büchlein von A. Springer. Paris im dreizehnten Jahrhundert. Leipzig 1856. S. 29. 1) Es heißt die Stelle: r^ui-nin vero ot ar^entum et §emrnas, c^uas xo88nnt in srxsntnin coinmutaei, aä pei'üeienänin etwrurn äomu8 esu8äem, guem exo äe xeounia inea lunäavi et s. lunäo srexi, nso volo, qnoä all U8N8 alienea eon- vertantnr. Vgl. Bulletin der bayr. Akad. der Wissenschaften Jahrg. 1850. Hr. 5 der gelehrten Anzeigen. 2) Vom Jahre 1278—1280 lebte er ganz von der Außenwelt znrückgezogen, nur an die Ewigkeit denkend, wie wir sehen werden. Das Testament ist aber 1278 abgefaßt. Der sel. Albertus erbaut und schmückt den Chor der Prediger. 213 dede (that) meysterlich bauen den Chor '). Vincenz Justinianus und Heister berichten im siebzehnten Jahrhundert, er habe wie der beste Architekt den Chor nach der Norm und den Gesetzen der wahren Geometrie in der Gestalt gebaut, die er noch hat 2 ). Der letztere setzt noch bei: Albert hat die Form und Idee des Chores mit eigner Hand ansgedrückt ff, was offenbar sagen will, er habe den Plan des Baues entworfen. Endlich sagt Jammyff: „Das Odeum des Tempels der Prediger hat er genau nach den architektonischen Gesetzen angelegt (ckiroxit), was heutigen Tags allgemein bekannt ist." So lautet das Zeugniß der verschiedenen Jahrhunderte über diesen Ban des Dominikanerchores zu Köln. Wir sehen, ans den ältesten, der Zeit selbst entstammenden Urkunden erhellt keineswegs, ob Albertus diesen Chorban bloß mit Umsteht angeordnct und ans seinen Ersparnissen bestritten, oder ob er auch den architektonischen Entwurf gemacht und die Bauleitung geführt habe. Dagegen gewinnt diese letztere Ansicht zweihundert Jahre nach seinem Tode Geltung und findet sich bei allen späteren Schriftstellern ff. Uebrigens läßt sich mit ziemlicher Sicherheit Folgendes annehmcn: Wenn es richtig ist, daß der Dominikanerchor nur ein Miniaturbild des Domchores war, so hat der zeichnende Architekt ohnehin nur die entsprechende Vereinfachung und Verkleinerung des Domplanes vornehmen dürfen. Daß Albertus eine solche Arbeit von dem Meister der ganz nahen Bauhütte des Domes habe entwerfen lassen, ist mir schon bei seiner anderweitigen reichen Thätigkeit und bei dem Umfang einer solchen Arbeit wahrscheinlicher. 1) Kreuser chr. Kirchenbau I, 376. 2) Boisserse S. 11 und Schnaase V, S. 546. Es heißt: Otioi-um Pratruiv. praeäieatorum Ooloniae eivitMis tanguam optimri8 ^reüitecws suxta normam et vei'Le geometrisa 1ege8 in baue, guam koäie cernimns, kormam erexit. 3) Schnaase a. a. O. und Merlo, Nachrichten von Kölnischen Künstlern. S. 19. Ltiori lormam et iUeanr sui8 manidus exxre88it. 4) In vita. L. ^Vlb. 5l Merkwürdiger Weise ist also gar keine sichere Nachricht über künstlerische Kenntnisse und Leistungen des Meisters Albert vorhanden, wie auch er selbst nie von solchen Dingen redet. Er spricht z. B. vom Schrein der heiligen drei Könige ausführlich, aber ihn interesstren nur die natnrhistorischen Schätze daran, die Steine und Gemmen mit ihren, wie er meint, natürlichen Bildern. lieber die Knnstgestalt sagt er keine Sylbe. Am wenigsten verlässig ist noch die Notiz von L. Schücking, Albert sei beim Bau der Peterskirche in Rom zu Rath gezogen worden (Dom zu Köln S- 80). Welche Peterskirche soll da gemeint seyn? An der alten Basilika geschah erst i. I- 1450 ein Neubau. Vgl. Kuglers Kunstgeschichte I. Ausl. S. 341. 216 Kapitel XXIX. Daß er aber in einem Alter von fast achtzig Jahren, trotz aller Rüstigkeit und Frische des'Leibes und der Seele, nicht mehr als Werkmeister den Ban geleitet habe, der wenigstens sich durch zehn Jahre hindurch erstreckte und bei seinem Rücktritt vom öffentlichen Leben noch nicht vollendet war, dürfen wir doch wohl auch als gewiß annehmen, wenn wir die Verrichtungen und Pflichten eines solchen Meisters in das Auge fassen. Wie sich nun auch dieses verhalten möge, dem Albertus bleibt jedenfalls das Verdienst, seiner Klosterkirche zu Köln einen herrlichen, umfassenden Chor im Gewände der Gothik geschenkt zu haben vor seinem Hingange in die Ewigkeit! Er hat sich in diesem Chore ein großartiges Grabmal aufgethürmt, denn in dessen Mitte fand er seine irdische Ruhestätte, wie wir später erzählen werden. Doch Albertus begnügte sich nicht mit den: Neubau des Chores seiner Ordenskirche zu Köln, sondern er war auch stets bedacht auf die passende Ausstattung derselben mit ehrwürdigen Hciligthümern. Sv hatte er von der Aebtissin der Kirche der hl. Ursula, Elisabeth von Westerburg, viele heilige Leiber aus der Schaar jener heiligen Jungfrauen und Martyrinncn zum Geschenk erhalten I. Hocherfreut über diese kostbare Gabe, brachte er sie voll Ehrfurcht an den Altären und an andern passenden Orten der Kirche unter Z. Ohne Zweifel hat Albertus also diese Reliquien in zierlichen Schreinen von Metall, welche die Form von kleinen Domen hatten, nicdergelegt, und sie so ans den Altären und an den Wänden ausgestellt. Auch ein prachtvolles Gefäß mit einem Partikel des heiligen Kreuzes hat er der Klosterkirche überlassen. Nachdem er selbst jenen Theil des lebenspendenden Kreuzes vom hl. König Ludwig von Frankreich erhalten, wie man sagt 3), ließ er ein Goldgefäß dazu fertigen, umgab es mit Edelsteinen und stellte es in der Kirche zur Verehrung aus ^). Die 1) Rudolph nennt sogar 300 solche heilige Leiber. Prussia erwähnt diese Schenkung nicht besonders. Da aber Rudolph selbst im Kölner Kloster weilte, mußte er sich vom Vorhandenseyn dieser Reliquien überzeugt haben- 2) Rudolph und Jammy. 3) Rudolph. 4t Prussia erzählt also: Hie erweis amator Albertus, xretiosi ligni portionein non parvain Ooloniensi Oonventui äereliquit in puro »uro inelusam, atque xein- inis eireumäatam: quoä etiam »ureum elonoäium, qnemaämoäum ealiees Claris solent beneäiei, ob roverentiain salutiteri ligni inelusi, est eonseeratum, nt eelebri kam» eoxvoseimus, eo quoä praolat» portio lixni lertur ab Alberto probat» wisse: et liest scripto eominenäatain non invenimus examinationem Hus- Der sel. Albertus erbaut und schmückt den Chor der Prediger. 217 Tradition des Kölner Klosters setzt noch bei, daß Albert als Bischof dieses Gefäß aus Ehrfurcht vor dem heiligen Kreuze geweiht (conse- krirt) habe, wie man Kelche zu weihen pflegt, ja daß er sogar die Aecht- heit des Partikcls dadurch erprobt habe, daß er ihn in das Feuer geworfen, worauf derselbe sogleich unversehrt zurücksprang. Es wird noch beigefügt, Albertus habe einen noch größeren Partikel des heiligen Kreuzes, den die Kunibertskirche besaß, auf gleiche Weise in Bezug auf seine Aechtheit untersucht'). Die Verehrung, die Albertus zum heiligen Kreuze hegte, offenbarte er noch durch eine andere Gabe an seine Klosterkirche. Er ließ nämlich ein großes Bild des Gekreuzigten anfertigen, legte in dasselbe Reliquien von Heiligen ff und Splitterchen des heiligen Kreuzes und ließ es in der Mitte der Kirche zwischen Chor und Schiff aushängen, damit es von allen Besuchern der Kirche gesehen und augebetet werden könnte 3). Und um zur Verehrung dieses heiligen Kreuzes die Gläubigen aufzumuntern, erbat er vom Bruder Salvus, Bischof von Rccauati und Gencralvikar des Papstes Nikolaus eine Jndulgenz von einem Jahre und vierzig Tagen für Jeden, der mit Andacht dort die Adoration vollbringe ff. So hat Albertus die Kirche seines Ordens zu Köln, die zu Ehren des heiligen Kreuzes geweiht war, mit entsprechenden kostbaren Gaben ausgestattet. „Es zeigt dieses," sagen die Biographen, „welch ein großer Liebhaber des Kreuzes er gewesen." Die gleiche Liebe hat er auch in seinen Schriften bei jedem Anlasse ausgesprochen ff. Man lese nur, dem lixni, yuia körte amissas sunt litterse ex negligentia; ab anteeessoridus iamen nostris eontinue Iraee narrari sine Iraesitstions solent, guoä ipse venera- pilis Albertus, äum viveret, gam äietsm ligni portionein sie prodaverit. Hs eniin ipse ineertis üäem aeoommoäaret, äs Oei elementia coullsus, aoeepit 1i- gnum illuä, atgus in ignem prvseoit, ereäens non posse eonsumini ab igne, si xrstiosissimam Otiristi glebam portasset; et ecee, rnox ut rogum tetigit, illico resiliit ex ipso intaotum. Vite tvlb. p. 188. 1) Prnssia S. 189. 2) So Prussia; Rudolph sagt: Partikeln des Kreuzes. 3) Das Kreuzbild hing also am Triumphbogen, wie wir es an vielen Kirchen der Gothik gewahren. 4) Prussia, S. 187. Uebrigens nennt er den Papst Nikolaus IV., der aber erst 1288 zur Negierung kam; es wird also wohl Nikolaus III. gemeint seyn. 5) Prussia sagt: 8eä äe Lalvatoris veneranäa passions et vivilleao 6rueis signaeulo non tantuin loois äsditis et aptis, verum et ineiäentalitsr saepe sliis malerüs aptanäo, ne imrnemor Lrucis, äe eaäem est proseeutus ete. 218 Kapitel XXIX. was er im Commentar zu Lucas (Kap. 9) bei der Stelle: „Wer mir Nachfolgen will, verläugne sich selbst und nehme sein Kreuz aus sich," über die Kraft und znm Lob des heiligen Kreuzes sagt. Ebenso spricht er sich ans bei der Stelle: Heute ist diesem Hause Heil wiederfahren (Luc. 19). Er erklärt da: „Jede Kirche ist vornehmlich zu Ehren des heiligen Kreuzes geweiht, und das Bild des Gekreuzigten sieht, wie der Herr über sein Hans hinschant, so ans den Altar herab, umfaßt mit ansgespannten Armen das Allcrhciligste') und scheint mit seinem Körper gleichsam das Hciligthum zu schützen." Doch nicht genug! Der ehrwürdige Meister Albertus war von solcher Andacht zu den Werkzeugen der Erlösung erfüllt, daß er weder im Leben, noch im Tode von ihnen getrennt seyn wollte. Als im Jahre 1483 sein Grab in jenem Chore der Dominkkancrkirche zu Köln eröffnet wurde, fand man an den Hals der Leiche angebunden einen kleinen Krenzpartikcl, ein Agnusdei von jungfräulichem Wachse und einen Pfenning, der von einem Nagel des göttlichen Erlösers durchbohrt war. „Ohne Zweifel," sagt Prussia, „hatte er diese Zeichen der Erlösung zum Andenken an das Leiden des Herrn während seines Lebens schon getragen und wollte sie auch in das Grabmal mit- nchmen, damit selbst der entseelte Leib nicht jenes ruhmreiche Zeichen des Kreuzes entbehre Aber nicht bloß bei der Ausschmückung seiner eigenen Klosterkirche zeigte er seine kindliche Verehrung zu den Reliquien der Erlösungs- Werkzeuge und der Heiligen, sondern auch noch bei einem späteren Vorfälle. Die Chronisten erzählen nämlich, indem sie sich auf eine gleichzeitige Ausschreibung der Kölner Kirche der Johanniter berufen , Folgendes: „Als am Tage des hl. Valentinus des Jahrs 1277 die Kirche des Vorläufers Christi gebaut wurde, geschah eine Offenbarung über den Leib der hl. Königin Cordula, aus dem schimmernden Heere der heiligen eilstansend Jungfrauen, die in jener Stadt den Tod erlitten. Ein Bruder vom Orden des hl. Johann wurde dreimal gemahnt, jenen heiligen Leib zu erheben. Endlich ging er an das Werk und man fand an der bezeichneten Stelle den Leib mit den Abzeichen, die man 1) Vgl. Prussia S- 185. Wir sehen, cs war zu des Albertus Zeit noch allgemeine Einrichtung, daß auf dem Altäre als Mittelpunkt ein größeres Kreuz glänzte. 2) Vita ^lderti x. 186. 3) Rudolph und Prussia S. 274. Der letztere nennt das Jahr 1278. Der sel. Albertus erbaut und schmückt den Chor der Prediger. 219 bei den Leibern dieser heiligen Jungfrauen zu finden pflegt. Der süßeste Wohlgernch war an dem Orte ansgegvsscn. Der Prior, ungewiß, was er in einer so wichtigen Sache thun sollte, säumte nicht, sich Rath zu erholen. Da nun damals Albertus, der Bischof von Re- gensbnrg, Mitglied des Prcdigervrdens und Lehrer der Theologie, der in göttlicher und menschlicher Wissenschaft keinen Zweiten neben sich hatte, sich gerade in Köln aufhielt, das er, von Alter gebeugt, sich zum Orte der beständigen Ruhe erwählt hatte, faßte jener Obere schnell den Entschluß, sich bei ihm Rath zu erholen und ließ nnterdeß die heiligen Gebeine unberührt. Er ging also zum genannten Bischof hin, erzählte ihm die dreimalige Mahnung und die Auffindung des heiligen Leibes. Als der ehrwürdige Vater das vernommen, frohlockte er im Geiste, stand auf und sprach: Ich will auch gehen und schauen, wie Gott diese Gesichte erfüllt hat. Denn jener Bruder hatte eine Jungfrau gesehen, ans deren Stirne geschrieben stand: Cordula, Jungfrau und Königin und diese hatte ihm die Grabstätte gezeigt. Albertus folgte also dem Prior und kam zum Hause der Johanniter. Als er daselbst die Erzählung des Bruders Jngebrad über die Auffindung der heiligen Reliquien gehört, brach er in Thränen ans, lobte Gott von Herzensgrund und befahl allen Versammelten das Tedenm zu singen. Er aber zog die Pontificalkleider an, erhob die heiligen Reliquien aus der Erde und brachte sie mit aller Feierlichkeit in die Kirche der Johanniter. Daun hielt er ein feierliches Amt und legte den heiligen Leib an einem angemessenen Orte nieder, wo Gott von da an viele Wunder wirkte." So bewies der große Mann auch jetzt wieder feine glühende Verehrung zu den Gliedern des mystischen Leibes Christi, seines Herrn. Wenn wir auf alle hier mitgetheilten Akte, Aussprüche und Hebungen des greisen Albertus Hinblicken, können wir uns einer gewissen Rührung nicht erwehren. Wir sehen hier den gewaltigen Denker nicht bloß von heiligem Eifer erfüllt, zu Gottes Ehren und nach dem Bc- dürfniß seiner Brüder einen würdigen Kirchenbau aufzuführen, sondern auch die kleinsten Werkzeuge der Erlösung und die Reliquien der Heiligen mit glühender Andacht verehren und mit wahrhaft übernatürlicher Glaubensglnt und Liebe umfassen! Wenn ein bekannter Freidenker des vorigen Jahrhunderts gesagt hat Z, daß die Liebe aufhöre, wenn man zu denken anfange, so kann jene Beobachtung im Leben des Albertus als gründlichste Widerlegung 1) Rousseau: On eosso ,1'aiiner, si I'ou eommenoe ä penscr. 220 Kapitel XXX. gelten. Das geistige Leben unsers Albertus entfaltet sich vor Allem nach der Richtung des Denkens hin; sein Geist durchzieht aus den wunderbaren Schwingen des Gedankens alle Regionen der Wissenschaft von Gott und den Creatnren, die kühnsten Probleme, vor deren Behandlung unsere Dcnkkrast schwindelnd steht, so daß wir nur mit Mühe nachzudenken vermögen, was er vorgedacht, faßt er mit heiliger Ruhe und mit unbeugsamen Muthe an und bringt sie mit höchster Anstrengung des Verstandes und mit Aufbietung alles Scharfsinnes meist zur glücklichen Lösung. Und mit der reichen Beute, die er von diesen beständigen Aufflügen des denkenden Geistes heimgebracht, füllt er dann als Schriftsteller die Schatzkammer seiner Werke, über zwanzig Folianten! Nachdem er so mehr als ein halbes Jahrhundert auf diesem Gebiete des Gedankens fast ununterbrochen gearbeitet, ist er noch so voll kindlicher Liebe gegen Gott und seine Heiligen, zeigt er noch so innige Pietät gegen die Werkzeuge der Erlösung und gegen die Reliquien der Märtyrer, wie ein Kind, das die Lehren des Heiles erst kürzlich mit zweifellosem Glauben aus dem Munde der frommen Mutter ausgenommen, oder wie der einfältige Landmann, der mehr auf einen natürlichen Instinkt hin ohne Grübeln an Allem mit Liebe hängt, was ihn an das Leiden des Heilandes gemahnt. Das lange unermüdete Forschen hatte also den höheren, übernatürlichen, alleinbeseligenden Glauben in der Seele unsers Albertus nicht erstickt, die stete, fast übermäßige Anstrengung der Denkkraft hatte die Glut seiner kindlichen heiligen Liebe nicht ausgelöscht. Kapitel xxx Der selige Albertus verkündet den Tod des fernen Druders Thomas von Aqnin und geht zu dessen Vertheidignng nach Paris. Während der greise Albertus, wie wir gesehen, mit der Aufführung eines stattlichen Chorbaues bei seinem Kloster zu Köln und mit Erbauung der Seelen durch Wort und Schrift beschäftigt war, bereitete sich ein großes Ereigniß in der Gesammtkirche vor. Es sollte wieder ein allgemeines Concilium der Christenheit gefeiert werden, und Lyon war wegen der passenden Lage in der Mitte der christlichen Länder des Abendlandes als Versammlungsort gewählt. Vor Allem sollte Der sel. Albertus verkündet den Tod des hl. Thomas. 221 auf dieser ehrwürdigen Versammlung sür die Sache des heiligen Landes mit Nachdruck gewirkt werden. Dann aber hatte man alle Hoffnung, daß die Griechen, welche seit Langem in unseliger, verderbenbringender Spaltung mit der abendländischen Kirche gelebt, wieder zur heiß ersehnten Eintracht, znm Anschluß an die römische Kirche gebracht würden. Der Kaiser des griechischen Reiches, Michael Palävlogus, in harte Bedrängniß durch seine Feinde versetzt und vom Abendlande Hilfe hoffend, zeigte große Neigung zur Rückkehr in den Schoos der katholischen Kirche, auch der Patriarch und viele Bischöfe schienen darnach zu verlangen. Und so schrieb Papst Gregor X., voll heiliger Sehnsucht, diese lvsgerisscnen Zweige wieder mit dem lebendigen und lebenspendenden Stamme der katholischen Kirche zu vereinigen, ein Concilium aus am 13. April des Jahres 1273 und lud alle Kirchenfürsten, sowie auch alle Könige und Machthaber der Christenheit dazu ein. Um aber bei der hochwichtigen Berathung der vorkommenden Streitfragen nicht der erleuchtetsten Lehrer zu entbehren, nahm der Vater der Christenheit selbst den hl. Bonavcntura, den er eben zum Cardinal ernannt hatte, mit sich nach Lyon. Aber auch das andre große Licht der Kirche jenes Jahrhunderts, der Engel unter den Lehrern, Thomas von Aguinv, der würdige Schüler des Albertus, sollte nicht fehlen. Darum erging auch an ihn, als er eben in Neapel als hvchberühmtcr Lehrer an der Hochschule wirkte, der Ruf des Papstes, sich beim Concilium einznfinden. Und obgleich bereits von herber Krankheit gebeugt und entkräftet vom Uebcrmaße der Anstrengungen, machte er sich doch im Geiste des treuesten Gehorsams ohne Widerrede in Begleitung von Brüdern auf den Weg, indem er das Buch mit sich führte, das er auf des Papstes Geheiß gegen die Jrrthümcr der Griechen geschrieben hatte. Doch schon nach einigen Tagreisen, als er durch Campagnien reiste, war er durch die Zunahme der Krankheit genöthigt, in einem nahen Kloster des Cisterzienserordens, Fossanova genannt, liegen zu bleiben. „Hier war es," sagt Rudolph, „wo Thomas, der dem seligen Vater Albertus in Allem gleichgestaltete Schüler in Christo, auf Gottes Geheiß ans dieser trüben Welt hinging, um mit den Engeln zu leben in der Glorie des Himmels. Er starb am 7. März des Jahres 1274. Zn derselben Stunde, wo Thomas diese Zeitlichkeit verließ, saß der ehrwürdige Albertus gerade zu Köln mit andern Brüdern zu Tisch und fing plötzlich zu weinen an. Als der Prior sammt den Brüdern in ihn drang, die Ursache seiner Thräncn ihnen anzugcben, antwortete er: Bruder Thomas, mein Sohn in Christo, das helllenchtende Gestirn 222 Kapitel XXX. der Kirche, ist eben aus dieser Welt zum Herrn heimgegangen! Und er vergvß viele Thränen und seufzte auf, daß feine Wanderschaft so lange währe. Er zeigte dadurch, daß er das Ewige und Himmlische mehr liebe, als das Leben in dieser Zeit'). Die Brüder staunten über diesen Ausspruch des Meisters und beachteten genau Tag und Stunde. Und als später Boten die Nachricht vom Tode des hl. Thomas brachten, fand sich, daß Albertus zur selben Stunde jenen Ausruf gethan, in welcher Thomas aus der Welt gegangen war Z." Bei dem innigen Zusammenhänge dieser zwei Seelen, die von demselben Lichte erleuchtet waren, in gleicher heiliger Liebe erglühten, wo der eine gewissermassen der Abglanz und die Ergänzung des Andern war, da Thomas so viele Jahre an der Seite des Meisters Albertus gelebt, aus dem Brunnen seiner Wissenschaft getrunken und mit dem von Jenem empfangenen Kapital des Wissens gewuchert hatte, ist es fast natürlich, daß der Tod des einen auch im Leben des andern empfunden wird, daß die harmvnircnde Saite wehmüthig nachklingt, wenn die eine Saite zersprungen. Die Biographen erklären übrigens dieses Fernschancn als göttliches Geschenk, als eine Gnadenosfeubarnng an Albertus, indem sie sagen: „Gott der Allmächtige hat, während er den hl. Thomas zur himmlischen Glorie erhob, es zugleich dem seligen Vater Albertus angezeigt, um ihm dadurch gleichsam die Gewißheit zu geben, daß sie, die auf Erden gleich in der Erleuchtung und Liebe gewesen, auch dort sich in gleicher Glorie der göttlichen Anschauung erfreuen dürsten -Z." Wie sehr übrigens der greise Lehrer an seinem Heimgegangenen Schüler Thomas hing mit aller Gewalt der Liebe jener Zeiten, wie frei von aller Eifersucht er auf die ihn selbst verdunkelnde Größe und den Glanz seines Zöglings hinblickte, sehen wir noch aus einigen Aussagen des Bruders Hugo von Lucca, der damals mit Albertus im Kloster zu Köln gelebt hat Z. 1) Wörtlich nach Rudolph. Fast mit denselben Worten erzählt das Ereigniß Prusfia (S. 278), indem er sich auf die Legende des hl. Thomas und auf die Chronik des Paters Antoninus beruft. In den Prozeßakten des hl. Thomas heißt es übrigens nur: Xldertus, qui luerat äoetor ezus, auäiens inortein ipsius, ^loravit tune lortiter et ^uotiesoungue auäiedat Posten memortam efus, ploradat. 2) Rudolph. 3) Ebend. 4) Dgl. Xota 8anotor. Mens. Nartius XII. p. 714. ?roeessus äs vitu 8t. 3?Iromas X.Huinatis. Der scl. Albertus verkündet den Tod des hl. Thomas. 223 In dem Prozesse über die Heiligsprechung des hl. Thomas von Aquin wurde Bartholomäus von Kapna als Zeuge berufen und erklärte, von jenem Bruder Hugo selbst noch Folgendes vernommen zu haben: „So oft Albertus später den Thomas erwähnen hörte, weinte er und sprach: Er war die Blüthe und der Schmuck der Welt! Erkennte seinen Namen nicht hören, ohne in Thränen ausznbrcchen'). Die Brüder schmerzte jenes Weine», weil sie wegen des Alters des Bruders Albert fürchteten, es möchten jene Thränen von der Schwäche des Kopfes (sx Isvitnts onjütis) Herkommen." So hing der Greis noch mit der zartesten Liebe eines Vaters an dem Schüler, der ihm durch den Tod entrissen worden! Aber er zeigte diese Liebe auch noch durch die Thal. „Nach einigen Jahren verbreitete sich das Gerücht, daß die Schriften des Thomas angcfochten würden. Da erklärte der Bruder Albert, er wolle nach Paris hingehen, um jene Schriften zu vcrthei- digcn. Die Predigerbrüder fürchteten wegen der Gebrechlichkeit des Alters und des weiten Weges für ihn und ricthen ihm einige Zeit ab. Besonders hatten sie die Befürchtung, daß den Albertus zu Paris, wo er in so großem Ansehen und Ruf stand, ans Altersschwäche etwa das Gedächtniß und die Verstandesschärfe verlassen möchten. Endlich aber erklärte Albertus, der Bischof von Regcnsburg gewesen, er wolle durchaus nach Paris ziehen zur Vcrtheidignng so herrlicher Schriften. Und er reiste nun wirklich dahin in Begleitung des genannten Bruders Hugo. Da Albert aber in Paris war, berief er die Versammlung der Universität zu Paris, bestieg den Lehrstuhl der Predigerbrüder und stellte den Ansspruch voran: Welches Lob ist cs für den Lebenden, wenn er von Tobten gelobt wird? Er setzte sofort den Bruder Thomas als lebend voraus, die andern aber als todt und rühmte seine herrlichen und ausgezeichneten Gaben, indem er erklärte, er sei bereit, vor einer Versammlung von erfahrenen Männern die Schriften des Bruders Thomas, als von Wahrheit und Heiligkeit strahlend, zu vcr- theidigen. Und nachdem er Vieles gesprochen und gesammelt zur Ehre Gottes und zur Approbation jener Schriften, kehrte er nach Köln zurück und ebenso mit ihm jener Bruder Hugo, der das dem Zeugen selbst erzählt hat. Als er aber hcimgekehrt war, ließ er sich alle Schriften des Bruders Thomas in einer gewissen Ordnung verlesen, und indem 1) läem tti-, Hg-» relulit ipsi testi, mmiZMM iäem Hwmns kuit nomi- imlus, haart ipse non proimmperot in laer^mas. Idiä. 224 Kapitel XXX. er wieder eine feierliche Versammlung berief, ertheilte er dem Bruder Thomas außerordentliche, herrliche und erhabene Lobsprüche; am Ende aber schloß er, daß dieser Bruder durch seine Schriften für Alle gearbeitet habe bis zum Ende der Welt und daß von nun an alle umsonst sich abmühten Wann Albertus diese Reise nach Paris zur Verthcidigung seines geliebten Schülers gemacht, finden wir nicht erwähnt. Doch muß sie zwischen die Jahre 1274 und 1278 fallen. Der ganze Bericht aus dem Munde eines Zeitgenossen ist übrigens von großem Interesse zur Charakteristik des greisen Albertus. Wir lernen ihn hier abermals kennen als einen Mann von eiserner Thatkraft und felsenhafter Entschiedenheit, der sich durch keine Rücksicht auf Alter und Gebrechlichkeit, durch keine Vorstellung der Mitbrüder von seinem Entschlüsse der persönlichen Verthcidigung seines Schülers abbringen ließ. Zugleich wird uns seine Demuth rühren, die unter jenen derben Ausdrücken verhüllt sich kundgibt. Er nannte ja vor jener Versammlung in Paris den seligen Thomas allein einen Lebenden, alle andern Lehrer aber, sich selbst entschließend, Todte im Vergleich mit Jenem. Und er vergißt den Werth und die Bedeutsamkeit seiner eigenen Schriften völlig, wenn er den Thomas als denjenigen preist, der alle Wahrheit gesunden, alle Probleme gelöst Habens für alle Zukunft. Endlich macht uns jener Bericht das noch in aller Frische bewahrte, lebendige Gefühl des alten Meisters anschaulich! Es heißt ja ausdrücklich, so oft er den Namen des seligen Thomas nur nennen hörte, vergoß er einen Strom von Thränen, und ebenso weinte er bei der Nachricht von dem Tode desselben bitterlich. Die alten Biographen glauben sich verpflichtet, wegen dieser häufig fließenden Thränen den großen Lehrer vertheidigcn zu müssen, damit nicht der Vorwurf weibischer Schwäche auf ihn geschlendert würde. Doch wir glauben, Albertus bedarf keiner Rechtfertigung ob dieser Thränen, da sie durchaus keine Mackel seinem Charakterbilde zufügen. Es gehört nicht zur Größe des menschlichen Geistes, gefühllos und 1) ^.et. 88. Nart. 714. 2) Daß letzterer Ausdruck enm xrano salis zu verstehen sei, dürfen wir wohl nicht eigens bemerken. Albert sagte ja selbst früher: So lange ein Schriftsteller kein Gott, sondern Mensch ist, kann er irren, und darum darf man seine Ansichten untersuchen, prüfen und corrigiren. Albert sprach dieses in Bezug auf Aristoteles. Der sel. Albertus verkündet den Tod des hl. Thomas. 225 unempfindlich zu seyn, wie der Fels der Wüste, sondern wahrhaft groß ist es, an Allem, was das Menschcnherz bewegt, den regsten Anthcil zu nehmen, an die Kette aller menschlichen Affekte geschmiedet zu seyn und dennoch die Wege deö Geistes zu wandeln und vom Gesetze Gottes kein Haar breit abzuweichen! Kapitel xxxi Wie der selige Albertus dem Concil zu Lyon beigewohnt habe. Der Ruf des Vaters der Christenheit war, wie wir gehört, au alle kirchlichen und weltlichen Fürsten ergangen, sich beim Concil in Lyon cinznfinden, um die wichtigsten Angelegenheiten der Kirche zu ordnen. Ob auch an Albertus eine Einladung gesendet worden, ob er sich beim Concil wirklich cingefnndcn, ist nicht über allem Zweifel erhaben. Die gleichzeitigen Schriftsteller erwähnen seine Anwesenheit daselbst nicht. Er selbst erzählt aber im zweiten Theil seiner Summe der Theologie'), daß die Griechen auf dem Concil zu Lyon zum Widerruf der Behauptung genöthigt worden, ein Vergehen zwischen ledigen Personen sei keine schwere Sünde. Diese bei den Geschichtschreibern des Concils gleichfalls nicht erwähnte Thatsache konnte ihm allerdings auch von andern heimkehrenden Ordensmitgliedern berichtet worden seyn. Darum sagt der kritische Echard, man möchte wohl stichhaltigere Gründe für die Anwesenheit des Albertus am Concil wünschen °). Da aber die ersten Biographen des Albertus bereits nicht bloß die Zeit seiner Abreise von Köln, seine Ankunft in Lyon und seine Wirksamkeit daselbst im Allgemeinen schildern, sondern sogar den 1) Bd. XVIII bet Janimy, p. 560, traet. XVIII, clist. 6XXI. Er sagt: clubio et adsyue ulla amtuguilato 8eeunclum ticlern Latlrolicarn tenen- clum est, guoä concuditus soluti eum 8olnta peeealum mortale est, sieut ex- presse innuit Xpo8tolus Ilebr. ult. tu auetoritate 8uperlu8 inclueta. blt propter Iwe Oraeoi, qui clieeliant, quocl lornieatio neu ebsct mortale peeealum, ln eon- elllo I,ugclunen8i coaeti bunt Iroe revocarc. 2) Leript. orO. äomln. I, 168: Ooneilio Imgclunen8i II allul88e c;uiclam äieunt. Icl probat I?ctrU8 clo I?ru88ia ex co, guoä ln 8Umma XIberlu8 rolerat in vo eoneilio 6raeoo8 errorem, quo äieedant 8implioem lornleatlonem non o88ü mortale peecatum, rovoears eoaeto8 Iui88c. 8eä eum lä aliunäe äigeere potue- rit Ior8ltan czulx INLAI8 autlrentieum Irufu8 laeti cle8läeral>lt te8timonium. Jammy und Flcury sind für die Anwesenheit des Albertus beim Concil. Sighart, Rtbcrt d. Grotte. 15 226 Kapitel XXXI. Inhalt der Rede mittheilen, welche er im päpstlichen Conflstorinm daselbst gehalten, so können wir wohl schwerlich jene Reise des alte» Meisters läugnen, ohne die Gesetze der Geschichtschreibung zu verletzen '). Solche Einzelnnachrichtcn werden nicht erfunden. Das Schweigen der Kirchcnhistoriker über seine Wirksamkeit in Lyon ist leicht erklärlich. Albertus bekleidete weder in der Kirche noch im Orden mehr ein höheres Amt, bas seine Anwesenheit am Concil ihm zur Pflicht gemacht hätte. Er hatte auf demselben keinen Sitz und keine entscheidende Stimme. Daß ihn aber der Papst als gelehrte Autorität zur Berathuug der vorliegenden theologischen Fragen nach Lyon berufen , ist deßwegen schwer anznnehmcn, weil Albertus bereits in einem Alter stand, das eine so weite Reise und solche geistige Anstrengung unmöglich zu machen pflegt, und weil bereits Thomas, sein Schüler, als Vertreter des ganzen Ordens und seiner Wissenschaft berufen war. Also konnte unser Albertus wohl keine so auffallende wichtige Rolle in jener großartigen, glanzstrahlcndcn Versammlung von Fürsten der Kirche spielen, um die Augen der Geschichtschreiber auf sich zu ziehen. Wahrscheinlich war er überhaupt nicht als päpstlicher Theolog gegenwärtig und bei den allgemeinen Sitzungen des Concils thä- tig, sondern als Diplomat, als Gesandter des edlen deutschen Königs Rudolph von Habsburg, der vor Kurzem (am 29. September 1273) von den deutschen Churfürsten war zum Oberhaupt des Reiches erwählt worden, um der langen unseligen Verwirrung ein Ende zu machen und den Frieden zwischen Staat und Kirche zu begründen. Der greise Albertus, dessen politische Wirksamkeit so oft schon mit glücklichem Erfolge gekrönt worden, sollte hier wohl die feierliche Anerkennung des Ncugewählten durch den Papst und die Häupter der Kirche mittelst seines Zeugnisses, seiner Weisheit und Beredsamkeit zu Stande bringen. Vielleicht hatten die Churfürsten von Köln und Mainz, die jene Wahl Rudolphs bewirkt, den Albertus zu solchem Werke empfohlen in der Ueberzengnng von seiner glänzenden Beredsamkeit und außerordentlichen Geschäftskenntniß. Uebrigens war Rudolph selbst kürzlich durch Köln gezogen, als er von der Kaiserkrönung zu Aachen heimkehrte, und konnte hier persönlich den Albertus gesprochen haben. Diese politische Verhandlung geschah aber nicht in einer Sitzung des allgemeinen Concils, sondern im Conststorium, das nebenher gehalten wurde. Und so erklärt sich, warum die Geschicht- 1) Prussia spricht davon S. 278 — 280. Noch ausführlicher Rudolph. 2) Rudolph gibt dieses an. Der sel. Albertus am Concil zu Lyon. 227 schreiber des allgemeinen Concils von der Anwesenheit des seligen Albertus keine Erwähnung machen '). Ich glaube also, Nichts hindere uns, der Erzählung der alten Biographen beizupflichten, Albert sei wirklich im I. 1274 in Lyon gewesen. Hören wir nun, in welcher Weise diese Schriftsteller das Erscheinen des Albertus bei dem großen Concil zu Lyon schildern. Rudolphs, der gewiß sich auf eine Ordenstradition stützte, erzählt also: „Nachdem Albertus den Tod seines geliebten Sohnes geschaut, machte er sich rasch ans den Weg, um dessen Stelle zu vertreten. Er überwand den Schmerz, der ihn ob des großen Verlustes erfüllte, achtete nicht seines hohen Alters und zog mit einigen Gefährten gegen Lyon. Als er dort nach mühseliger Reise mit seiner Begleitung anlangte, fand er bereits die hochehrwürdige Versammlung vereinigt, und wurde gar ehrenvoll empfangen. Bereits hatten sich um den Papst die Kardinale, an fünfhundert Bischöfe und über tausend andre Prälaten und Priester geschaart." Auch der König Jakob von Arragonien hatte sich eingefunden, sowie Gesandte der Könige von Frankreich, Deutschland, England, Sicilien und andrer Fürsten erschienen waren *). Aus dem Predigerorden waren allein drei Kardinäle und an dreißig Bischöfe aus allen Theilen der Welt zugegen ^). Rudolph fährt fort: „Unter diesen überragten aber zwei alle andern an Ruhm und Gelehrsamkeit. Der eine war Petrus von Tarentasia, Erzbischof von Lyon und seit Kurzem Kardinalbischos von Ostia. Es ist derselbe, welcher später selbst unter dem Namen Nikolaus V. den 1) Bet Oarranra, Summa Ooneitiorum, eäiä. Schramm. tom. lll. p. 159 heißt es: Ou^äuni eoäsm tempore actum e8t äe komano Imperators ereancko, et Oermaniet Oratores aä Saeramentum nomine Huäotpki Oak8purgiei nuncupsn- äum aämisai 8unt, et Otkonia IV. Orisäeriei II. et ip8iu8 kulolpki ?rivilessia et vaersmenta leeta tuerunt. 8eä base non in Ooneiüo, 8eä Ovnviatorio sets 8vnt. Oo88art in not. Ein solcher Orator war Albertus. Cossart erzählt dieses in der Otironoloßla 8aern8aneta Ooneitiorum omnium von Labbälls. 2) Dem Wesen nach wie Prujsia S. 279. 3) Er war bereits 81 Jahre alt. 4) Nach Fieury und Oaräuin ^.ct. Lone. VII, p. 687. Prussia und Rudolph sagen irrthninlich: Ven!en8qne Ougäuni invenit con§reA»to8 Leels8iae?raelato8, inter huos tuerunt eeplem Ils^ev, quinxenli Op>8eopi, ^bbste8 st alii kraelatt plurimi, Orsecorum nuntii centum viZenti. 5) Jammy in Vita ^.Ib. Na§. Prussta sagt: Os praeäieatorum autem oräine praeter at!o8 cioctos virov Opiveopi plu8 <;uam trixinta elarisvimi: c^uibus tamen omntdu8 eminebant äuo elariorea etc. 15 * 228 Kapitel XXXI. päpstlichen Stuhl bestieg. Er war es auch, welcher bei der Leichenfeier des hl. Bonaventnra, der zn allgemeinem Leidwesen am 15. Juli starb, den Gottesdienst und die Trauerrede auf ihn hielt, indem er die Stelle zum Borspruch wählte: Ich weine über dich, mein Bruder Jonathan, da ich dich verloren, und mit solcher Gewalt znm Lobe des Geschiedenen sprach, daß alle Umstehenden in Thräncn zerstoßen. Der andre war der ruhmreiche Vater Albertus, der ehemalige Bischof von Regcnsbnrg, der von Allen mit hoher Auszeichnung empfangen und verehrt wurde." So war also Albertus in seinem höchsten Greiseualter, ehe er hinging, Gott zu schauen, auch noch gewürdigt worden, das großartigste, erhabenste Schauspiel zn sehen, das auf Erden dem menschlichen Blicke geboten werden kann, das Schauspiel eines heiligen allgemeinen Cvncils, der Versammlung so vieler Fürsten und Lehrer der ganzen Kirche aus allen Ländern um den sichtbaren Stellvertreter Jesu Christi. Und gerade jenes zweite Concil zu Lyon nimmt durch die Wichtigkeit der gepflogenen Verhandlungen, durch die außerordentlichen Vorfälle auf demselben, durch die wunderbare Einigkeit und Opfcrwilligkeit aller Versammelten, durch die zahlreiche Theilnahme aus allen Regionen, durch den dabei entfalteten Glanz, unter allen Synoden der Kirche einen hohen Rang ein. Wir wollen in allgemeinen Umrissen das Bild dieses Concils entwerfen, wie es vor den Augen des Albertus gewiß zn seiner unsäglichen Freude sich entfaltet hat. Wir dürfen kaum zweifeln, daß er aus dieser Anwesenheit bei jenem Concil neuen Eifer für Gottes Verherrlichung, für die Vcrtheidigung der katholischen Wahrheit, für die Besserung der sittlichen Zustände geschöpft, daß er große Freude und innigen Trost aus den Vorgängen am Concil gewonnen habe. Es ist überdieß eines der großartigsten Ereignisse des Jahrhunderts, in dem Albertus wirkte, und gehört zu dem Gesammtbilde desselben. Daher muß es in die Schilderung seines Lebens ausgenommen werden. Nachdem die Mitglieder der hohen Versammlung ans den Ruf des heiligen Vaters Grcgorius X., des obersten Hirten der heiligen römischen Kirche, sich in großer Anzahl eingefnnden '), legte der Papst am 2. Mai allen Prälaten und seinen Kapelläncn eine dreitägige Faste aus und verkündete dann dreimal die Eröffnung des Concils am 7. Mai des Jahres 1274 in der Kathedrale des hl. Johannes zu Lyon. An jenem Tage, es war ein Montag, begab sich dann der Papst II Wir geben die kurze Geschichte fast wörtlich nach Lev. lüinii eäUio Loneilii bei ItnrMiin Vtl, j. 687. Der sei. Albertus am Concil zu Lyon. 229 um die Zeit der Messe unter Begleitung von zwei Kardiualdiaconen aus seinen Gemächern in die Kirche, wo ihm im Chore ein Traghimmel bereitet war, und betete, wie es Sitte ist, die Terz und Sext, weil Fasttag war. Nach Beendigung derselben kam der Snbdiakon mit den Sandalen und beschuhte ihn, während die Kapcllänc die gewöhnlichen Psalmen um ihn sangen. Nachdem er beschuht war und die Hände gewaschen, bekleideten ihn der Diacon und Subdiacon mit allen Pontificalkleidcrn in weißer Farbe, weil es die Zeit zwischen Ostern und Pfingsten war, und mit dem Pallium, als ob er die Messe feiern wollte. Darauf bestieg er unter Vorantragnng des Kreuzes die Kanzel, welche aufgeschlagen und geschmückt war, und setzte sich unter dem Traghimmel nieder, während ihm als Presbyter diente Simon vom Titel des hl. Martinns, als Diacon der Kardinal Othobonns. Auf der Kanzel assistirten als Kardiualdiaconen jener Othobonns vom heil. Hadrian, Jakob von St. Maria im Cosmedin, Gottfried vom heil. Georg in Velabro, Hubertus vom hl. Eustachius, und Matthäus von der hl. Maria im Porticus. Zn seiner Seite saß der König Jakob von Arragonien, dem auch einige KapellLne in Chorröckcn assistirten. Nachdem der oberste Hirte unter dem Traghimmel sich gesetzt, machte er das Kreuz über die Prälaten und die Versammlung, die ihm gegenüber saß auf eigens bereiteten hohen Sitzen. In Mitte des Schiffes der Kirche saßen die Patriarchen Pantaleon von Constantinopel und Opizio von Antiochia. Aus andern Sitzen zur Rechten des Papstes saßen Johann von Porto, Kardinal von St. Rnfina, Petrus von Tns- knlum, der Statthalter von Präneste, der Bruder Bonaventura von Albano, der Bruder Petrus von Ostia und Velletri, Bertrand von St. Sabina, alle Kardinalbischöse; zur linken Seite aber saßen Ave- rus vom Titel der hl. Praxedis, Wilhelm vom hl. Markus, Simeon vom Titel der hl. Cäcilia, alle Kardinalpriester. Nach diesen aber saßen zur Rechten und Linken die Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe, Aebte und Prioren, und andre Kirchenprälaten in großer Menge, ohne über den Platz zu streiten, weil der Papst befohlen hatte, sich zu setzen ohne Präjudiz für ihre Kirchen. Unterhalb stand Bruder Wilhelm vom Hospital des hl. Johannes (Johannitcrmeister) und Bruder Robert, Meister der Templer, und andre Brüder dieser Orden; ebenso die Gesandten der Könige von Frankreich, Deutschland, England, Si- cilicn und andrer Fürsten, Barone, und die Proknratorcn der Kapitel und Kirchen. Die Kapelläne sangen nun die Antiphone: Erhöre uns, o Herr! Darauf erhob sich der Papst und sprach: Laßt uns beten! Die Kardinäle 230 Kapitel XXXI. Othobonus und Jakobus sprachen änit gebeugten Knieen: Erhebt euch! Und mit lauter Stimme betete der Papst die gewöhnliche Orativn. Darauf wurde durch einen Kapellan die kleinere Litanie gesungen, während der Papst, alle Kardinale und Bischöfe ohne Mitra daknieten und rcspondirten. Darauf erhob sich der Papst und sprach: Laßt uns beten! Die Herren Jakobns und Gottfried antworteten knieend: Erhebt euch! Und der Papst betete eine andre Oration im Tone der ersten. Sofort machte Othobonus vor dem Papste die Reverenz, erbat den gewöhnlichen Segen, und sang das Evangelium nach Matthäus: „Es wählte der Herr Jesus zweiundstebenzig ans." Als dieses beendigt war, stand der Papst auf und begann mit lauter Stimme den Hymnus: Komm, schöpferischer Geist! und nachdem er und die ganze Versammlung ohne Mitra ihn mit großer Andacht gesungen, setzte er sich unter dem Traghimmel nieder und alle Prälaten setzten sich auf ihre Sitze. Darauf begann er zu reden, indem er das Thema sich wählte: Mit Verlangen habe ich verlangt, dieses Osterlamm mit euch zu essen, ehe ich leide und sterbe. Als er diese Rede vollendet und etwas geruht, hielt er eine Anrede an das Concil, indem er die Rührung und die Wünsche seiner Seele schilderte, sowie die Ursachen darlegte, wegen welcher er das Concil berufen habe, nämlich um dem heiligen Lande Hilfe zu verschaffen, die Einigung der Griechen zu bewirken, und die Sitten zu resormiren. Nach Vollendung dieser Ansprache stand er vom Sitze auf und verkündete die nächste Sitzung, und so war die erste Session zu Ende. Der Papst aber kehrte zum Orte zurück, wo er sich angekleidet, legte die Pontificalkleider ab und betete die Non. Im selben Jahre und Monate, nämlich am 18. Mai, wurde die zweite Sitzung gehalten. Hiebei geschah Alles, wie in der ersten Session, nur daß kein Fasten geboten war, daß Avernus als Kardinalpresbyter und Jakobus als Diacon diente und daß das Evangelium nach Lncas: Ihr seyd das Salz der Erde, gelesen wurde. Der Papst hielt keine Predigt, sondern nur eine Allocution über das, was in der ersten Sitzung geschehen war. Darauf wurden die Constitutionen über den Glanbenscifer verlesen und alle Prokuratoren, Acbte und Prioren, die keine Mitra tragen, entlassen, außer denjenigen, die namentlich zum Concil waren berufen worden. Auch die mitrirten Prälaten niederen Ranges wurden entlassen und darauf ward noch die dritte Session auf den Montag nach der Pfingstoktav, d. h. auf 28. Mai angesetzt. Der sel. Albertus am Concil zu Lyon. 231 Zwischen der ersten und zweiten Session berief der Papst die Erzbischöfe, Bischöfe und Acbte einzeln in seinen Pallast und erlangte von ihnen den Zehnten der Einkünfte ihrer Kirchen auf sechs Jahre, um damit dem heiligen Lande anfhclfen zu können. Ebenso sandten in dieser Zwischenzeit Bruder Hieronymus und Bruder Bonagratia vom Orden der mindern Brüder, welche mit zwei andern Brüdern als Gesandte der römischen Kirche an die Griechen geschickt worden, dem heiligen Vater Briefe, die ihn gar sehr erfreuten, indem sie ihre baldige Ankunft sammt den Gesandten des Kaisers meldeten. Der Papst ließ sogleich alle Prälaten in der Kathedrale zu Lyon sich versammeln, und Bruder Bonaventura, Bischof von Albano, hielt eine Predigt über die Stelle bei Baruch: Erhebe dich, Jerusalem, stehe auf dem Gipfel, wende deine Augen nach Osten und überschaue deine Kinder vom Aufgang bis zum Niedergang! Darauf wurden jene Briefe unter den Ausdrücken großer Freude vorgelescn. Die dritte Sitzung fand Statt am 7. Juni in der Weise, wie die erste war gefeiert worden mit der Abänderung, daß der Kardinal Gottfried von St. Georg in Velabro die Dienste des Diacons versah und daß bas Evangelium gesungen wurde: Es traten zu Jesus seine Jünger. Der König von Arragonien war von jetzt an nicht mehr gegenwärtig. Die Predigt hielt diesesmal der Bruder Petrus, Bischof von Ostia'), indem er das Thema wählte: Erhebe ringsum deine Angen und schau; alle jene sind versammelt und kommen zu dir! Darauf wurden die unterdessen gemachten Constitutionen verlesen und den Mitgliedern des Cvncils erlaubt, sich auf sechs Stunden (Isuous) von Lyon zu entfernen. Endlich am 24. Juni kamen die Gesandten des griechischen Kaisers an. Alle Väter des Concils mit ihrem Gefolge, der Kammerherr mit dem Gefolge des Papstes, der Vicekanzler, alle Notare, alles Gefolge der Kardinäle ging ihnen entgegen und führte sie unter großen Ehrenbezeugungen zum päpstlichen Pallaste. Der heilige Vater, umgeben von allen Kardinälen und vielen Prälaten, empfing sie im Hofe des Pallastes und gab ihnen den Friedenskuß. Darauf überreichten sie die Briefe des griechischen Kaisers, die in goldener Kapsel verschlossen waren, und andre Briefe von Bischöfen; und sie sagten in Gegenwart des Papstes, sie kämen, um der heiligen römischen Kirche jeglichen 1) Der große Ordensgenosse des Albertus! 2) Rudolph sagt, es seien 120 Abgeordnete der Griechen gewesen. Bei Harduin sind aber deren Namen genannt. 232 Kapitel XXXI. Gehorsam zu leiste», de» Glaube» zu bekenne», den diese Kirche hat, und seine» Primat. Daun kamen sie in ihre Herbergen. An dem daraus folgenden Feste der Apostclsürstcn Petrus und Paulus wohnten sic dem Hochamte bei, welches der Papst in der Kathedrale in Gegenwart aller Mitglieder des Cvncils hielt. Sowohl die Epistel als das Evangelium wurden in griechischer und lateinischer Sprache gesungen. Darauf vollendete der Bruder Bvnavcntnra seine Predigt. Als dann das apostolische Symbvlnm gesungen ward, indem die Kardinale, Bischöfe und Kantoren vvrsangen, die Kanoniker der Kirche aber nachsangcn, begann der griechische Patriarch mit allen griechischen Erzbischöfen von Kalabrien, mit dem Predigcrbrndcr Morbccca und dem Minoriten Johann von Cvnstantinopel, die Pönitentiaricr des Papstes waren und die griechische Sprache verstanden, feierlich und laut das Symbol zu singen; und als man zur Stelle kam: der vom Vater und Sohne ansgeht, sangen sie dieselbe dreimal und feierlich. Daraus sang der Patriarch mit den Erzbischöfen und dem Logotheten griechische Lobgesänge auf den Papst, der dann, während sie zur Seite des Altares standen, die Messe fvrtsctzte und vollendete. Am 3. Juli berief der Papst den Bischof von Löwen, und bewog ihn durch Vorhaltung einiger Vergehen, seiner Würde zu entsagen, am folgenden Tag aber empfing er im Pallaste die Gesandten eines Tartarenkönigs, welcher mit den Fürsten Enropa's gegen den Sultan von Aegypten und Syrien ein Bündniß cingehen wollte. Auch diesen war das ganze Gefolge der Kardinäle und Bischöfe auf Befehl des Papstes entgegcngcgangen. Die vierte Session fand in gewöhnlicher Weise am 6. Juli, einem Freitage, Statt. Die griechischen Gesandten erhielten hiebei zur Rechten des Papstes nach den Kardinälen ihren Platz. Nachdem der Kardinal Hnmbert das Evangelium des Tages gesungen und Petrus von Ostia die Predigt gehalten, begann der heilige Vater die Anrede an das Concil. Er gab die drei Ursachen an, warum er das Concil berufen und erzählte, wie die Griechen gegen alle Erwartung freiwillig zum Gehorsam gegen die römische Kirche znrückgckehrt, den Glauben und den Primat derselben anerkennen, und nichts Zeitliches begehrten. Er sagte, er habe dem Kaiser geschrieben, er solle, wenn er selbst nicht mit freiem Entschluß zum Gehorsam der römischen Kirche zurückkehren wolle, doch Gesandte schicken, nm über seine Bedingungen zu verhandeln. Nun aber habe er all das hinweggelasscn und durch Gottes Gnade freiwillig den Glauben und den Vorrang der römischen 233 Der sel. Albertus am Concil zu Lyon. Kirche anerkannt; und der Kaiser habe zu diesem Zwecke Gesandte geschickt, um das auch persönlich ansznsprechcn, was er in den Briefen an ihn ausgedrückt hatte. Darauf befahl der Papst, die Briefe des Kaisers, vieler Bischöfe und des Sohnes des Kaisers zu lesen. Es waren diese in goldne Kapseln eingehüllt und in das Lateinische übersetzt. Nachdem diese Schreiben verlesen waren, erklärte einer der Gesandten, der Logothct, mit lauter Stimme, er habe den Auftrag des Kaisers, an seiner Statt zu schwören, den Glauben der römischen Kirche zu bekennen und dessen Beibehaltung für immer zu geloben. Darauf stimmte der Papst mit erhobener Stimme das Tedeum an, das mit großer Andacht und unter Thränen zu Ende gebetet wurde. Dann las er die treffende Oration und hielt eine kurze Anrede an die Versammlung, um seine hohe Freude knndzugeben, indem er wieder anfing mit den Worten: Sehnsüchtig habe ich mich gesehnt, das Osterlamm mit euch zu essen, worauf der Patriarch und der Erzbischof der Griechen in das Schiff Hinabstiegen und sich auf erhöhten Stühlen setzten, so daß hinter ihnen die Kardinalpriester saßen. Als das Credo, das der heilige Vater in lateinischer Sprache angestimmt, gebetet war, begann der Patriarch der Griechen dasselbe in griechischer Sprache, alle anwesenden Griechen setzten es fort und die Stelle: Der vom Vater und dem Sohne ausgeht, sangen sie zweimal feierlich. Darauf sprach der Papst noch einige Worte, ließ die Briefe des Tartarcnkönigs an ihn und das Concil vorlesen, während die Gesandten jenes Fürsten ihm gegenüberstanben, und bestimmte den Tag der nächsten Sitzung. Das allgemeine Frohlocken wurde aber getrübt durch einen Todesfall. Am 15. Juli um die Morgenstunde starb der Bruder Bo- naventura, seligen Angedenkens, Bischof von Albano, ein Mann von ausgezeichneter Wissenschaft und Beredsamkeit, durch Heiligkeit leuchtend, im Leben durch Erbarmen und die einnehmendsten Sitten geschmückt, gütig, leutselig, mild, barmherzig, voll von Tugenden, von Gott und den Menschen geliebt. Er wurde begraben am Tag des Herrn bei den mindern Brüdern zu Lyon. Dem Leichenbegängniß wohnte der Papst selbst bei mit allen Bischöfen, die am Concil waren, und mit seinem ganzen Hofe. Der Bruder Petrus, Bischof von Ostia '), cclebrirte die Messe und hielt die Predigt über das Thema: Ich weine über dich, mein Bruder Jonathan. Viele Thränen stoßen, manche Seufzer wurden gehört. Denn der Herr hatte ihm die Gnade gewährt, 1) Es entspricht der erblichen Freundschaft beider Orden, daß ein Dominikaner die Leichenrede auf den Minoriten hält. 234 Kapitel XXXI. daß alle, die ihn sahen, von einer unwiderstehlichen Liebe zu ihm ergriffen wurden. Am folgenden Tage wurde die fünfte Sitzung des Concils gehalten. Ehe der Papst in die Kirche eintrat, taufte der Bruder Petrus, Bischof von Ostia, einen von den Gesandten der Tartaren mit seinen zwei Gefährten; diesen ließ der Papst Kleider von Scharlach machen, wie sie die Lateiner tragen. Nach dem Einzug des Papstes fanden alle Akte wie früher Statt. Nachdem der Kardinal Matthäus das Evangelium gesungen, wurden die neugcschaffencn Constitutionen (Gesetze) verlesen. Darauf hielt der Papst eine Anrede an das Con- cil, schilderte den unnennbaren Verlust, den die Kirche durch den Tod des Bruders Bonavcntura erlitten und befahl allen Prälaten und Priestern auf dem ganzen Erdkreis, daß jeder eine Messe für dessen Seele singen soll, und eine zweite für die Seelen aller, welche auf dem Wege, auf dem Concil selbst, oder auf der Rückreise den Tod gefunden. Weil es schon späte Stunde war, wurde die Fortsetzung auf den folgenden Tag verlegt. Am 17. Juli fand die letzte Session Statt. Der Papst trat an- gethan mit allen Pontificalkleidern sogleich in die Kirche und bestieg mit einigen Bischöfen die Kanzel. Und sofort wurden wieder Constitutionen verlesen. Nachdem diese Lesung beendigt war, hielt der Papst die letzte Allocution an das Concil. Er nannte nochmal die drei Ursachen der Berufung des Concils, und sagte, die Angelegenheit des heiligen Landes und der Griechen sei mit Gottes Gnade glücklich zum Abschluß gebracht worden. Ueber die Reformation der Sitten sagte er aber unter Andern:, die Kirchenvorstände brächten die ganze Welt zum Fall, und es wundere ihn, daß sich einige von schlechtem Wandel nicht bessern ließen. Er mahnte sic, sich selbst zu bessern, dann brauche man keine Constitutionen über ihre Reformation zu erlassen. Sonst würde er strenge mit ihnen verfahren, um ihre Sitten zu bessern. Ueber die Verwaltung der Pfarrkirchen, nämlich daß ihre Vorstände Residenz halten und daß dieselben tüchtige Männer seyn sollten, werde er bald passende Vorkehrungen treffen, da es auf dem Concil wegen Andrang der Geschäfte nicht geschehen konnte. Als Alles beendigt war, sprach der Papst die gewöhnliche Oration, ertheilte allen Prälaten die Erlaubniß, heimzukehren, und gab den Segen. Der Kardinal Othobonus sprach: Laßt uns im Frieden scheiden! Und so ward das Concil geschlossen! So entfalteten sich die Akte dieses großartigen Schauspiels vor den Augen des greisen Albertus. Welch regen Antheil wird er an allen Vorfällen und Sessionen genommen haben! Wie wird die Der sel. Albertus am Concil zu Lyon. 233 Anwesenheit eines so reichen Kranzes von Männern der Wissenschaft, aller Zierden seines Ordens, sein Herz erhoben haben! Welche Befriedigung wird es sür seine heiße Wißbegicrde gewesen seyn, daß er hier Schaaren von Griechen nnd Tartaren sehen und mit ihnen verkehren konnte! Und welcher Trost muß ihn erfüllt haben, da er seine steten Klagen über Verfall der Sitten dnrch den Mund des Oberhauptes der Kirche wiederholt und da er die heilsamsten Gesetze zur Reform gegeben sah! Doch müssen wir über die Thätigkeit des Albertus in Lyon selbst noch einige Worte beisetzen. Wie wir oben bemerkt, hatte der greise Ordensmann bei den Berathungen des Concils selbst keine besondre Rolle zu spielen. Aber dennoch wird ihm eine doppelte Wirksamkeit bei jener Versammlung von den Biographen zugeschrieben. Nämlich fie rühmen sein folgenreiches Auftreten für den deutschen König Rudolph von Habsburg und seinen Kamps gegen Jrrthümer der Griechen. Was die erstere Aufgabe betrifft, so sagen sie: In einem Konsistorium hielt Albertus vor dem Papste und der Versammlung eine Rede zu Gunsten des neuerwählten Königs Rudolph, indem er jenes Wort des Propheten zum Thema erwählte: Ich will ihnen einen Vorkämpfer und Erlöser senden, der sie befreieft! Albertus scheint also den Stammvater des Hauses Habsburg in glänzenden Farben als denjenigen gepriesen zu haben, der die allseitige Begabung und den entschiedenen Willen habe, nach der traurigen, kaiserlosen Zeit ft wieder Recht und Ordnung dem Reiche zu schenken, den langfehlenden Frieden zwischen der Kirche und dem Kaiserthume aufrecht zu halten und auch das heilige Land wieder aus den Händen der Ungläubigen zu befreien. 1) Prussia sagt: Drater Xldertus eoram Domino kspa OregDrio X. atgue Ooncilio vsrbnm Isoit pro Domino De§e komsnorum, 8umons pro tksmste illuä: Doos sß°o mittam ois 8slvatorem et propubnatorom Sie vertheilcn häufig einen Gegenstand, selbst solche, die der Lombarde noch nicht kennt, auf gleich viele Artikel, stellen gleich viele Fragen auf. So haben z. B. beide bei Besprechung des Inder vitae drei Artikel und vielfach dieselben Stellen ans der Schrift und den Vätern. Vgl. 8uin,na 8t. Nlroinac I, guart. 24. und 8uinina Liberia I, anno äoinini 1402 guart. cal. Itetzc. guae dies tune Mit äominiea in ssxagosinra. Das Original ist in Köln trotz aller Nachforschungen des Hrn. v. Bianco nicht mehr gefunden worden. Schweller theilte den Fund der k. b. Akademie der Wissenschaften in München mit in einem Vortrage am 5. Jänner 1850. Vgl. Gelehrte Anzeigen, I. 1650. Nr. 5. S. 44. 1) Welchen Werth die Bücher damals hatten, ist bekannt. Vgl. Springer, Paris im dreizehnten Jahrhundert. S. 143. Ein Brevier kostete 1228. 16 tivres par., ein Evangeliumbnch 4 tivr. 10 s. (— 512 Fr.) u. s. f. 248 Kapitel XXXIII. Köln, dann den Binder Heinrich, Prior zu Würzburg, meinen leiblichen Bruder, den Bruder Gottfried den Arzt U und den Bruder Gottfried von Duisburgs, daß alles Obige, wie ich zu ihnen das Vertrauen hege, treu und unverletzt gehalten werde. Zur Urkunde dessen schrieb ich das selbst, setzte mein Siegel bei und ließ es durch das Siegel des dortigen Priors bestätigen. Und zur größeren Sicherheit des Gesagten ließ ich auch die Siegel zweier Ritter, die Kölner Bürger sind, des Herrn Bruno, genannt Hartfnst, des Prokurators der Brüder, und des Herrn Daniel, genannt der Jude, in ihrer Gegenwart beifügen. Diese beiden ernenne ich auch zn Exekntoren dessen, was ich festgesetzt, mit den genannten Brüdern. Geschehen im Jahre 1278 im Monat Januar 1) kti^sieus ist in der mittelalterlichen Sprache fast immer — Arzt. Die Wissenschaft der Arzneikunde war damals noch nicht Privilegium eines Standes. In Paris wurde die ärztliche Praxis zum dritten Thcil durch Weiber ausgeübt. 2) Nach Prussia's Angabe sein Beichtvatkr. 3) Wegen der Wichtigkeit der Urkunde setze ich auch den lateinischen Text nach Schmellcr bei. Er lautet: Pe8tamentum äomin! Xlberti. Dnivsrsis prae8ente8 litoras in8peoturi8 traten Liberias episeopus Hnomtam Uatishonensis orclinis tratrum praeäieatornm in Loionia salnlem cum plenitnäins earitatis. 6um sit omnibus manifestum et non possit in äubium aliguatenus stevenire me posse in rebus temporalibus propria possistere rations exemptionis al> orstine st a summo pontiüee milri taetas st pro voluntatis meae arbitrio possessa pront miki plaenerit stispensare, eo^ilavi et statui äs rebns meis vivens sanus et in- eolumi8 oräinare, ns po8t mortem meam eufusguam auetoritate vet oräinatione aä N8U8 alios transterantur, gnam ast guos ego ip8e eonoepi a innlio tempore äeputare. l^uia igitur tratres stomus coloniensis apnä guos m»N8i et äoeui pro ma- sori tempore vitac meae erxa ms promeruerunt l>enetieÜ8 et obseguiis pluribus et äiversis, nt ip8orum alteetum paritcr et otlieium merito prosegni äebeam speeiali Gratia et tavore, gus propter etiam spuä ip 808 eligo sepulturam, uni- versa quae babeo äo et lexo oonventui memorato ipsa tritarie äiviäenäo, sei- licet Iil>ro8 mev8 univer 808 librarias eommnni, ornamenta mea omnia saeristiae, aurnm vero et argentum et xcmmas, yuao pv88unt in arxentnm eommutari, ast peröeienilum eborum oni8 mei8 äentur, tri^inta cuilibet aegualiter äiviäenäo. 8i vero ali^uis, guoä absit, po8t mortem meam Nano oräinationcm meam attsmptavsrit immutars, maleäiotionem omnipotenÜ8 äei 8e noverit ineursurum et milri in äis suäioii eoram 8vmmo guäiee cle vio- Das Testament des sel. Albertus. 249 Dieses letzte Schriftwerk des alten Meisters zeigt uns ihn nochmal in seiner vollen Kraft und Entschiedenheit des Handelns, in der Derbheit des Ausdrucks, die wir bei den Männern jener Jahrhunderte und bei Albertus zumal zu finden pflegen. Aber auch seine Dankbarkeit, ein gewöhnlicher Charakterzug im Bilde der Heiligen, sein ganz heiliger Opfersinn, der ihn bewog, all das Seine nur zu Gottes Ehren, zu einem Kirchenbau und zur Förderung kirchlicher Institute zu hinterlassen, strahlen aus diesem Testamente uns in Hellem Lichte entgegen. So hatte er also noch mit Freiheit auf alles Irdische verzichtet und konnte ruhigen Geistes der Ablösung entgegensehen. Kapitel xxxiv Wie der selige Albertus sein Lehramt endet. Seine letzten Tage und sein glückseliger Heimgang. Albertus betrachtete die Kathedra des Lehramtes als den Posten, welcher ihm von Gottes Fügung als besonderes Feld des Lcbensberu- fes war angewiesen worden. Darum fuhr er fort als öffentlicher Lehrer der Theologie in Köln zu wirken, bis ihm sein oberster Feldherr und König Jesus Christus ein sicheres Zeichen sandte, daß er ihn jetzt des mühevollen Amtes entheben wolle. Ueber dieses Zeichen, über dieses Ercigniß, das seinem ruhmreichen Lehramte ein Ende machte, finden wir aber bei den Geschichtschreibern verschiedene Nachrichten. Die gleichzeitigen Erzähler sagen bloß, daß den ehrwürdigen Vater Albertus zwei Jahre vor seinem Tode das lentis responsurum. Dxseeutores sutein testnmenti inei oräino provinoinlem Deutonine priorem Lolonisnsem, Untrem Dninrieum priorein Derbipolensem Untrem meurn onrnnlsm, Untrem DoäeUiäum pb^sieum et Untrem OoäeUiäum äe Duisburg, ut vmnir suprnäietn sieut eis eonüäo üäeliter et immutnbiliter ex- sehunntur. In euMs rei tsstirnonium praesens seripsi, sigilli mei nppositione unseum sigillo prioris ibiäem äserevi munimine robornnäum, et nä mnjorem ürmitntem omnium prneäietornm, sigill» äuorum militum eiviurn Oolonensium viäelieet äomini Lrunonis äieti Dnrtsust proeurntoris Untrum et Domini Dn- nielis äieti äuänei prnesentibus volui npplienri guos nmbos etism ststuo exse- outores prnsmissorum cum Untribus suprsäiotis. U.ctum nnno äomini 1278 mense ännunrio. 230 Kapitel XXXIV. Gedächtniß verlassen habe. Tholomäus de Luca I erzählt in seiner Kirchengeschichte: „Nachdem Albertus auf sein Bisthnm verzichtet hatte, erwählte er die Schule von Köln zum Wohnsitz und nahm dort die Lesung wieder auf bis zur Zeit seines Todes, was ungefähr noch einen Zeitraum von achtzehn Jahren ansmachte. Dort zog er viele gnte Schüler heran und schrieb einige von oben genannten Werken. Endlich im Jahre des Herrn 1280, als auch er schon mehr als achtzig Jahre alt war, entschlief er glückselig. Und obgleich er in wissenschaftlichen Dingen zur Belehrung der Andern, was das Gedächtniß anlangt, etwa drei Jahre vor seinem Tode sehr abgenommen hatte (inrcktum ckesi- xusrit Mouck Illsmorutlvu), während er früher Alle durch eine besondere Gnade übertrvffen, so ließ doch seine Andacht und sein Eifer für Gott nicht nach und er that Alles, was sein Ordensstand verlangte." So dieser. Bernhard Gnidonis aber erzählt in der Geschichte der berühmten Männer des Ordens nach der Lobpreisung des Albertus, er sei im Jahre des Herrn 1280 gestorben, ohne einen besondern Vorfall vor dem Ende zn erwähnen. Der spätere Valeoletanus (i. I. 1413) schreibt aber also: „Es geschah einmal, daß der Vater Albertus, von Alter gebeugt, nach seiner gewöhnlichen Weise im Convente zu Köln am Lehrstuhle saß und vor einer zahlreichen Schaar seine Vorlesung hielt. Da er eben bemüht war, für einen Lehrsatz Gründe zn suchen und sie zn besprechen, fing plötzlich sein Gedächtniß an, zu wanken. Alles staunte. Nachdem Albert eine Zeit lang stillgeschwiegen, faßte er sich wieder und brach in folgende Worte aus: Seht, meine Lieben, euch will ich Altes und Neues berichten. Als ich in den Tagen meiner Jugend mich den Studien hingab und darin mich auszeichnete, ging ich auf eine Mahnung der heiligen Jungfrau und auf Antrieb des heiligen Geistes in den Orden der Prediger und ward von ihr angespornt, treu dem Studium zu obliegen. Das habe ich auch unter Anstrengungen und Gebet ausgeführt. Was ich nicht aus den Büchern schöpfen konnte, habe ich durch Gebete erlangt. Da ich nun öfter mit Bitten und Seufzern die milde Jungfrau und Herrin anflehte und einmal ihr mit besondrer Andacht oblag, mich mit dem Lichte der göttlichen Weisheit zu erleuchten und zugleich mein Herz im Glauben zu bestärken und zu bewahren, daß ich nie durch philosophische Gründe umstrickt 1) Bei Echard und Quetif 8eript. Orä. I, 169. 2) 8cript. Orä. vom. I, 169. Er schrieb in der Vita des Albertus diese Erzählung unter dem Titel: Oe tsrmiuo L.Iberti lVlaßui. 231 Der sel. Albertus endet das Lehramt. Sein Tod. und im Glauben wankend würde, stand sie zuwinkend vor mir und tröstete mich mit den Worten: Albert, sei getrost! Harre aus in der Tugend und Wissenschaft. Denn Gott wird deine Wissenschaft bewahren und zum Besten der Kirche rein erhalten. Damit du im Glauben nicht wankest, wird am Ende deines Lebens alle philosophische Wissenschaft und Täuschung von dir genommen werden. Du wirst wieder wie ein Kind an Unschuld und Reinheit des Glaubens. Darauf wirst du zu Gott gehen. Und das wird dir zum Zeichen dessen seyn, daß er kommt, wenn du das Gedächtniß in öffentlicher Vorlesung verlierst. Nun, meine Brüder, ist das mir Verkündete geschehen. Jetzt weiß und erkenne ich, daß meine Zeit abgelaufen und das Lebensende nahe sei. Darum bekenne ich öffentlich vor euch, daß ich fest glaube alle einzelnen Artikel des christlichen Glaubens, und ich bitte inständig, mir zur rechten Zeit die Sakramente der Kirche zu spenden. Wenn ich aber etwas gesagt oder geschrieben hätte, oder in Zukunft noch sagen würde, was nicht mit dem katholischen Glauben übereinstimmt, so soll es nichtig seyn. Als er Solches gesprochen, schloß er seine Vorlesungen für immer, brach in Thränen aus, sagte Allen ein herzliches Lebewohl, stieg vom Lehrstuhl herab und begab sich in seine Zelle." Diese Erzählung des Valeoletauus hat auch Rudolph sich angeeignet. Nur setzt er noch Folgendes bei: „Von da entfielen seinem Gedächtnisse alle philosophischen Gründe, nur den Text der heiligen Schrift und des Aristoteles wußte er noch." Eine noch größere Ausstattung und üppigeren Schmuck erhielt diese Sage durch Prusfia, der dem Albertus bei diesem Vorfälle die bekannte Erzählung von seiner früheren Unfähigkeit und von der Erscheinung der Gottesmutter mit den zwei Jungfrauen in den Mund legte Z. Man sieht, wie der Stamm der Sage, der nur der alte 1) Von uns bereits mitgetheilt S. 13. Bei nochmaliger Lektüre der Vita Ulbert! des Prussia glaube ich auch die Erklärung gefunden zu haben für die Sage von Alberts Schwachköpfigkcit in der Jugend und von seiner versuchten Flucht. Es wird nämlich in Vitis bb-atrum berichtet, Albertus habe öfters den Brüdern zur Erbauung erzählt: „Als ich Provinzial in Deutschland war, befand sich ein Noviz in einem Kloster, der an Wissenschaft und Alter sehr zurück war, aber sonst Frömmigkeit und manches Gute hatte. Da ihm nun einst die Brüder scherzweise drohten, der Provinzial werde ihn aus dem Orden jagen, so fürchtete er das sehr. Als er darauf in der Nacht von Lichtmeß die Stelle des Ambrosius hörte: Werde ich dich sehen? Werde ich ausharren? Wird der mich finden u. s. f-, brach er in Thränen aus, fing an, heiß zu beten und wendete die Stelle auf sich an, indem er sprach: Herr Jesu, 232 Kapitel XXXIV. Bericht zu Grunde liegt, daß in den letzten drei Jahren das Gedächtnis des Meisters nachgelassen, immer reicheres Blätterwcrk entfaltet. Die späteren Legendenschrciber haben dann größtentheils die Erzählung des Baleoletanus und Prussia nur wiederholt. Wir werden daher gegen die historische Wahrheit nicht verstoßen, wenn wir dem kritischen Echard, einem Ordensgenossen, beistimmen, der hierüber also urtheilt: „Daß ein Mann von 84 Jahren, der durch Nachtwachen, Fasten und beständige Studien geschwächt und gebrochen war, endlich das Gedächt- niß verloren habe und, wenn man will, wieder ein Kind geworden, das ist nichts Wunderbares und Seltenes, das gehört zur menschlichen Gebrechlichkeit, so daß man nicht nothwendig hat, zu Visionen und Wundern seine Zuflucht zu nehmen, wovon auch der ältere Tholomäus de Luca noch nichts weiß Z." So viel also ist gewiß, daß der ehrwürdige Meister Albertus etwa die letzten drei Jahre Z entweder plötzlich in Folge eines Schlag- flusses oder allmählich das Gedächtniß für die Zwecke der Wissenschaft verloren. Es kommt diese Erscheinung bei Greisen öfter vor, daß sie die Erinnerung an das, was sie durch rege Anstrengung aller Kräfte auf dem Markte des Lebens errungen, wieder verlieren, und nur das Gedächtniß an die Tage der Kindheit und an die Heilswahrheiten bis zum Ende bewahren Z. Albertus mußte also gleichfalls diesen Tribut der Sterblichkeit erlegen und betrachtete dieses Schwinden des Gedächtnisses als den Gottesruf, der ihn vom Lehramte, das er über fünfzig Jahre mit so hohem Ruhme bekleidet, abzulassen heiße. Er lebte jetzt nur mehr für Gott und sein Heil. Darüber berichten nun die Kölner Schriftsteller also: Als der was glaubst du, werde ich dich sehen? Werde ich in diesem Orden bleiben dürfen? Und als er das mit großer Rührung oft gesagt, hörte er eine Stimme, die sagte: Du wirst mich sehen und im Orden ansharren!" Aus dieser Erzählung hat die Sage, poetisch wie sie ist, den genannten Zug dem Bilde des Albertus bcigcfügt, indem sie das von ihm Erzählte als ihm selbst Begegnetes annahm. — Vgl. S. 234 der Vita Xlberti des Prussia. 1) Leri^tor. Orili8 I'aler ^.Ibertu.8 lall 8ixno 8ni recossus eertilioatu8, ex tune nungnain alic^uiä 8orip8it; 8eä qnuol puer innocono et eolurnl)jnu8 inter t^ratreo, gnainäin snxervixit, conver8»tn8 e8t, orationidr>8 eontinuia in8i8tentlo. k. 303. 2) Rudolph. 254 Kapitel XXXIV. lange schon auserwähltZ. Und nun besuchte er dieses sein Grab täglich und betete sür sich, wie man sagt, als für einen, welcher der Welt bereits gestorben ist, die Todtenvigil. Dann besuchte er auch in der Kirche die Altäre und Begräbnisstätten der Heiligen. Er begrüßte sie als Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes schon von Ferne mit Andacht und flehte unter Thränen um ihre milde Fürbitte ^). Oft wird er auch damals das Gebet gebetet haben, das er früher im Hinblick aus diese Zeit gemacht hatte und das so lautet: „Herr Jesu Christc, da jetzt die Zeit meines Hingangs nahe ist, und weil es nicht genügt, die käuflichen Brode der himmlischen Genüsse um zweihundert Denare, nämlich um das Verderben des Leibes und der Seele zu erwerben, ans daß Jedes nur ein Weniges habe; so laß mich meine Augen des Geistes zu dir erheben, laß mich niedersetzen auf dem Grase der fleischlichen Lust, des zeitlichen Besitzes und Ruhmes, damit ich verdiene, gesättigt zu werden mit den fünf geistigen Broden, mit der Furcht vor dem Gericht, mit dem Abscheu vor der Sünde, mit dem Schmerz der Reue, mit der Beschämung des Bekenntnisses und der Mühe der Genugthnung und mit den zwei Fischen der Standhaftigkeit bei den Vorsätzen und dem Verlangen immer fortzuschreiten; oder mit den drei Broden, die ein Knabe, nämlich die Demnth hier hat, damit ich im Hinblick auf die göttliche Gnade meine Leerheit ausfüllen, in das Thor des Paradieses, des Pallastes Gottes, eingehen und der Glorie der Erhöhung theilhaftig werden möge, und mit den zwei Fischen der Geduld und der Ertragung der Unbilden. Gib das, o Jesu, der du mit dem süßesten Vater und dem heiligen Geiste lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen ^)." Und so harrte der große Diener Gottes mit Sehnsucht der Stunde der Auflösung entgegen. Endlich war die Kriegszeit abgelaufen, und Albertus, der getreue Knecht und kluge Verwalter seines Herrn, gebrochen von Alter und Mühen, hörte das Wort seines Meisters: Wohlan du guter und getreuer Knecht, gehe ein in die Freude deines Herrn! Nachdem er noch voll Andacht die Sakramente der Kirche empfangen, gab er in Gegenwart der weinenden und betenden Brüder, in seiner Zelle ans einem Stuhle sitzend, Gott, dem er so treu gedient, seine Seele zurück und singt nun 1) NuLolph. 2> Ebend. 3) Bei Jammy Bd. XII, S. 152. Oratio am 25. Sonntag xost. I?. Irin. Der sei. Albertus endet das Lehramt. Sein Tod. 255 wohl vor dessen Angesicht voll Jnbel: Wie wir's gehört, so sahen wir's in Gottes Stadls! Es war an einem Freitage, am 15. November des Jahres 1280, im siebenten Jahre der Regierung des Königs Rudolph von Habs- bnrg, im vierundsechzigsten Jahre der Bestättigung des Ordens, sechs Jahre und acht Monate nach dem Tode des hl. Thomas von Agnin, als Albertus starb, als diese Sonne der Philosophie der ganzen Christenheit unterging ^). Er hatte ein Alter von 87 Jahren erreicht. Der Leichnam des Hohenpriesters wurde im bischöflichen Gewände in einen hölzernen Sarg gelegt und im Beiseyn aller Conventualen der Kirchen des heiligen Köln und in würdiger Prozession, der auch der erlauchte Erzbischof Sigfried, viele Adelige und eine Menge Volkes 3) beiwohnten, im Chor der Klosterkirche zum heiligen Kreuz vor dem Hochaltar beigesetzt. Unter allgemeiner Trauer und Klage geschah dieses Werk und darauf wurde ein ansehnlicher Leichengottesdienst gefeiert ^). Die Kirche von Regensbnrg, deren Oberhirte der große Mann gewesen, wollte den Leichnam in heiliger Liebe und Verehrung für sich in Anspruch nehmen und sandte sogleich Abgeordnete nach Köln '). Aber die Brüder zu Köln ließen sich diesen kostbaren Schatz nicht rauben und sandten nur eine bedeutende Reliquie (extn, die Eingeweide?) nach Regensburg, wo sie hinter dem Hochaltäre in der Kathedrale von St. Peter soll beigesetzt sehn °). Ueber das Grab des seligen Meisters in der Kirche zu Köln 1) Rudolph. 2) Rudolph. Prussia sagt: Oonsummatis vitae use annis oeioginta septcm, gsioriosus senex in eolia sua secisnclo super soäile, eireumstantibus euin tridus ae orantidus udertimguo üontidus, in Ooloniensi evnventu kelieitor in Domino odäorniivit. U. 304. 3) Rudolph. Vgl. auch ITeur^ Inst. eoel. lid. 87, p. 303. 4) Rudolph. Er mahut hiebei wieder Alle, sich der Thräueu beim Tode berühmter Männer nicht zu schämen, da die heilige Schrift selbst den Moses, den Josua, Josias und Judas den Machabäer mit klagendem Schmerze preist. 5) Vgl. h'Isur^ I. e. 6) Rudolph- Auch rvintmiin Laerarium ^.gaippenso p. 172 und v. Bianco, Geschichte der Universität Köln t, S- 34. Uebrigens war damals in Negensburg der Neubau des Chors der Kathedrale schon so weit fortgeschritten, daß jene Beisetzung im neuen Chore geschehen konnte. War ja doch schon i. I. 1276 durch Bischof Leo die (provisorische) Einweihung des Chores geschehen. Vgl. Schuegraf, Geschichte des Doms von Negensburg I, S. 78. 236 Kapitel XXXIV. wurde aber eine Steinplatte gelegt mit der lateinischen Inschrift: Im Jahre des Herrn iVILdXXX am 15. November starb der ehrwürdige Herr Bruder Albert, ehemaliger Bischof von Rcgcnsburg, vom Predigerorden, Lehrer der Theologie. Er ruhe im Frieden. Amen Z. Daß in dem Mittclfenstcr des Chores jener Kirche auch das Porträt unsers Meisters neben dem des Erzbischofs Sigfried als Glasgemälde angebracht wurde, haben wir oben schon berichtet. Endlich wurde noch eine Holztafel bei seinem Grabmale anfge- haugen mit lobpreisenden Verseng, die eine Verbindung des Reimes der Zeilen mit der leoninischcn Form zeigen. Sie lauten- in deutscher Uebersetznng also: Der Phönix unter den Lehrern, der Unvergleichliche, der Fürst der Philosophen, Las Gesäß, das die Sätze heiliger Wissenschaft ausgoß, Albert liegt hier, ruhmreich auf dem ganzen Erdkreis, beredt vor Allen, als sicherer Streiter in der Disputirkunst erfunden, größer als Plato, kaum minder als Salomon. Füge ihn bei, v Christus, der glücklichen Schaar deiner Heiligen. Zwanzig Jahre vor 1300 der Geburt Christi verließ er das Gefängniß des Körpers, 1) Vgl. v. Bianco a. a. O. S. 34. Xnno äomini N60DXXX. XVII 6al. Doeemvris ovüt vensravilis Dominus Drater Xlbertus Huonckarn Doeles. Ratis- xonnensis Dpise. Orck. Draeck. Magister in Dtreologia. Reaniesoat in kaee. Xmen. 2) Rudolph gibt sie also: Die letzten beiden Verse hat Rudolph nicht mehr, wohl aber Prusfla. Was beide lesen: Omne, xstenäo äeum, ist mir übrigens verdächtig. Der selige Albertus endet das Lehramt. Sein Tod. 257 fünf Tage nach dem Feste des hl. Martinus ging er hin von aller Beschwerde, verlangend nach Gott, um das ewige Fest zu feiern. Wer diese Verse liest, möge sich zum Grabe znrückwenden, sich verneigen und das Gebet sprechen mit einem: Er rnhe im Frieden! — Sv hat Albertus sein fruchtrciches, langes Leben glückselig beendigt. Nachdem er siebenundachtzig Jahre ans Erden zugcbracht, fast sechzig Jahre gottselig im Orden geweilt und mehr als ein halbes Jahrhundert lang den Lehrstuhl mit Ruhm innegehabt, wie vielleicht kein andrer Lehrer; nachdem er zahllose Wanderungen zu Gottes Ehren gemacht, unsägliche Mühsale und heiße Kämpfe bestanden, so viele und umfassende Werke geschrieben, wie wohl kein zweiter Schriftsteller der Welt: wurde seine Seele als eine süße, überreiche Frucht vom Herrn der Acrnte in seine ewigen Scheunen ausgenommen. Sein Leib aber, der auf Erden niemals Rnhe sich gegönnt, ruhte jetzt wirklich unter dem Schatten des Geliebten, wie er verlangt hatte, unter und vor dem Kreuze des Erlösers, um in Mitte von Heiligen bei der Auferstehung dem göttlichen Richter entgegen zu gehen! Albertus beschließt so die leuchtende Reihe der Riesen an Wissenschaft und Heiligkeit, die jenes wunderbare dreizehnte Jahrhundert hervorgebracht oder dem Himmel abgetreten hat, und unter denen Dominikus, Franziskus, Antonius von Padua, Thomas von Aquin, Bona- ventura und unsere hl. Elisabeth alle an Glanz überbieten. Seit den Jahrhunderten der heiligen Apostel und Märtyrer hat wohl die Kirche keine so großartige, duftende Prozession mehr zum Himmel gesendet! Kapitel xxxv Wie Gott seinen Diener Albertus nach dem Tode verherrlichte. Wir haben keine Nachricht, daß Albertus während seines Erdenwandels bestimmte materielle Wunderwerke durch Gottes Kraft ausgeübt i). Er bedurfte auch ihrer nicht zur Bezeugung seiner höheren 1t Sein Schüler Cantipratanus sagt wohl: Niraeulis multis olaruil, ohne einzelne Wunderakte zu nennen. Vgl. Prussia, S. 307. Sighart, Albert d. Große. 17 258 Kapitel XXXV. Begnadigung ft. War er ja doch selbst ein Wunder in seiner ganzen Erscheinung, in seiner geistigen Entwicklung und großartigen Wirksamkeit. Der gewaltige Umsang seiner Gelehrsamkeit, seine fast nn- vergleichlichc Fruchtbarkeit als Schriftsteller in allen Fächern des menschlichen Wissens, seine staunenswerthe Wirksamkeit als Lehrer, als Or- dcnsvbercr und als Bischof, dazu seine sittliche Vollkommenheit, seine heilige Strenge, seine ungeheuchclte Dcmuth, sein kindlicher Glaube und seine glühende Liebe zu Gott und dem Nächsten, alles das war auf bloß natürlichen Wegen kaum zu erringen. Albertus wurde daher schon von seinen Zeitgenossen selbst für ein Wunder der Gnade gehalten. Die Erfolge, die er ans dem Felde der Wissenschaft errungen, die Schlachten, die er hier gegen alles Widerchristlichc geschlagen, die Eroberungen, die er dadurch im Reiche der Geister für die göttliche Wahrheit und für Gott gemacht, dieses sind Wunderwerke, die sich nur durch besondere Gnadenmittheilnngcn Gottes an ihn erklären lassen. Während des irdischen Wandels bedurfte er also nicht jener außerordentlichen Bezeugungen der göttlichen Macht, die wir Wunder zu nennen pflegen. Als aber sein Geist zur ewigen Ruhe eingegangen, unterließ der Herr doch nicht ganz, durch besondere auffallende Erscheinungen zu bezeugen, wie wohlgefällig ihm dieses Werkzeug seiner Gnade gewesen; er versäumte nicht, einige wundersame Blumen auf das Grab seines Dieners zu streuen. Davon erzählen uns die Biographen einige Beweise. „Der Leib des seligen Albertus war nur ans so lange an jenem Orte beigcsetzt worden, bis der Chor, den er im Leben gebaut, zur Vollendung gekommen. Als dieses geschehen war, sollte der Leichnam des ehrwürdigen Bischofes erst in ein würdiges Grabmal gelegt werden. Es wurde daher die Tumba geöffnet, in der er, nach Sitte der Kirche mit den Pontificalkleidern angethan und auf dem Rücken liegend, war gesenkt worden. Da fand man den Leib noch ganz unversehrt mit allen Gliedern und Gewändern und einen süßen Wohlgernch ans- athmend. Er lag da, harrend der Posaune des Weltgerichts, umgcwendet (suximas) ft, wie er während seines Lebens im Gebete dazuliegen pflegte. 1) Prnssia und Rudolph weisen auf Johann den Täufer und auf den heil. Augustinus hin, die gleichfalls keine Wunder gewirkt. Prusfia meint auch, die Nachlässigkeit der Brüder im Schreiben könne Ursache seyn. S- 305. 2) Schon Echard erklärt seine Unwissenheit, die wunderbare Stellung der Leiche Verherrlichung des Albertus nach dem Tode. 259 Er hatte also wunderbarer Weise noch im Grabe die Stellung angenommen, die ihm im Leben die thcnerste und gewöhnlichste gewesen." So berichtet Rudolph nach dem Zeugnisse des Eremiten Hieronymus von St. Paul, der jener Translation beigewohnt hatte. Wann diese erste Oeffnnng des Grabes geschehen, ist nicht genau zu bestimmen. Während Rudolph meint, sie habe etwa drei Jahre nach dem Tode des Seligen stattgefnnden, sagt Valeolctanus '), lange Zeit nach der Begräbniß, so daß Echard vermuthet, sie sei erst im vierzehnten Jahrhunderte geschehen. Wir sehen aus diesem Berichte jedenfalls, wie lange der Ban des Dominikanerchores gewährt habe, was wohl auf dessen Großartigkeit und Formenfülle schließen läßt. Das sich offenbarende Wunder war bei dieser Translation, daß der Leichnam nach so langer Zeit noch von der Verwesung nicht ergriffen war, sondern Wohlgcruch ansathmete. Die Predigerbrndcr lobten Gott bei diesem Anblicke und legten den Leib, das Werkzeug des heiligen Geistes, mit aller Andacht sammt den Pontificalkleidcrn wieder in den Sarg und diesen an die Stelle, wo sie eine eigne Höhlung hatten ausmauern lassen ^). Jetzt erst wurde also der steinerne Sarg geschaffen, in dem man später den Sarkophag von Holz sammt der Leiche fand. Dieser Sarg wurde nun in einem eignen Grabgemach vor dem Hochaltäre beigesctzt. Sv trug diese Transferirnng seines Leibes mächtig zur Verherrlichung des seligen Dieners Gottes bei. Aber schon vorher, nämlich bald nach seinem Tode hatten fromme Seelen erzählt, einen Einblick in die Wohnungen der Seligen gehabt zu haben, wobei ihnen die Glorie des Albertus da oben offenbar wurde. „Bruder Gottfried von Duisburg, der Gefährte und Beichtvater des seligen Albertus, betete nach dem Tode des ehrwürdigen Vaters unter Fasten und Thränen mit beständigem Flehen für seine Seele zum Herrn. Da er nun nach der Matntin in der Kirche betete und wachte, erschien ihm Albertus mit wunderbarem Glanze und mit den prachtvollsten Pontificalkleidern angethan; auf dem Haupte hatte er eine Bischofs- dcuten zu können, da suxiuus rückwärtdgebeugt heiße. Offenbar ist gemeint, daß die Leiche umgewendet gewesen, so daß sie betend schien. 1) 8oi'jpt. Orä. t?r. I. 170. Valleol. eap. 11 weit, toiiA» tomxore P 08 t sepul- turam taota est. 2t Rudolph. 3) Prussia sagt: 8oeiu8 ct iui»i8te>'. S. 322. Rudolph. Die Erzählung bei Prussia und 17 * 260 Kapitel XXXV. Mitra, in deren Mitte ein großer Edelstein wunderbar glänzte und mit seinem Lichte die ganze Kirche erleuchtete; in seine Gewände waren aber viele Edelsteine eingesügt. Der Bruder, der das sah und vor Staunen über diese wunderbare Erscheinung säst erstarrte, erkannte den Albertus und fragte, wie es ihm gehe. Jener antwortete aber: Gar gut, v mein Sohn! Die menschlichen Sinne sind nicht fähig, die Herrlichkeit und Klarheit zu fassen, womit mich der Herr in seiner Huld geschmückt hat; diese leibliche Schönheit läßt es nur ahnen. Die leuchtenden Strahlen, die vom Edelstein über meiner Stirne reichlicher aus- strömcn, bedeuten die unsägliche Glorie, die ich besitze. Die andern Edelsteine aber sind die vielen Bücher und Werke über die Schrift, die ich zur Vertheidigung des Glaubens und zur Nachweisung der göttlichen Weisheit durch Gottes Gnade ansgelegt habe. Und wie ich im Leben Viele von der Finsterniß der Unwissenheit zum Licht der Wahrheit und der göttlichen Erkenntniß geführt habe, so gestattete mir der Herr auf meine Bitten, sechstausend Seelen von den Peinen des Reinigungsortes zu befreien. Darauf verschwand er. In Trier starb eine edle Frau von Vilsarbrück, die bis in ihr achtzigstes Jahr dem Herrn in Reinheit und Unschuld gedient hatte. Fünfzehn Tage später erschien sie ihrem Beichtvater Theodorich, Lektor der Brüder zu Trier, grüßte ihn freundlich und gab ihm die Versicherung ihrer Seligkeit im Genüsse Gottes. Darauf fragte sie der Bruder: Kennst du den Meister Albertus, der kürzlich zu Köln bei den Predigerbrüdern gestorben ist? Jene antwortete: Gut kenne ich ihn. Der Lektor sprach: Wo ist er? Da erwiederte jene: Er erfreut sich einer unaussprechlichen Freude, gar weit ober uns. Eine Aebtissin der Cisterzienserinnen in Deutschland betete mit ihren Schwestern viel für den kürzlich gestorbenen Albertus, weil er sie im Leben durch seine Wissenschaft und Mahnung häufig zum Guten angeleitct hatte. Als diese Aebtissin an einem Morgen ein wenig ein- geschlnmmert war, sah sie den Albertus vor dem Altäre, bereit dem Volke zu predigen, aber in der Luft stehend. Da rief sie voll Angst aus: Weh! der Bruder Albertus fällt, weil er keinen Sockel hat. Aber eine nahestehende ehrwürdige Person sagte ihr: Der Bruder steht fest, er kann nicht mehr fallen. So getröstet, lauschte sie auf seine Predigt. Und er fing an: Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und fuhr fort bis: Voll der Gnade und Wahrheit. 1) Prussir S. 325. Verherrlichung des Albertus nach dem Tode. 261 Und sogleich setzte er -ei: Und das sehe ich jetzt mit meinen eigenen Augen, und verschwand." Endlich theilt die selige Mechtild von Helpede, vom Cisterzicnser- orden, die von Kindheit an dem Herrn ihre Jungfräulichkeit geweiht und so unschuldig gelebt hatte, wie Wenige, in ihrem Büchlein von der geistlichen Gnade') Folgendes mit: „Die Seelen des Herrn Albertus ehrwürdigen Angedenkens und des Bruders Thomas vom Predigcrorden sah diese Jungfrau als zwei vornehme Fürsten in den Himmel einziehen. Sie schaute einen Thron, auf welchem der König des Himmels saß, und sah zwei ehrwürdige Personen zum König hinzntreten. Auf ihren Kleidern waren Worte mit goldenen Buchstaben geschrieben, welche einen wunderbaren Glanz verbreiteten und einen köstlichen Geruch ausathmcten. Vor Jedem gingen zwei Engel mit wundersamen Leuchtern bis zu dem, der am Throne der Majestät saß. Der Jungfrau ward dann durch den Geist geoffen- bart, die Personen, die sie gesehen, seien Albertus und Thomas. Sie, durch die göttliche Erkenntniß ans Erden erleuchtet und durch das Feuer der geistigen Liebe entzündet, wurden am Füglichsten durch die zwei Engel mit den Leuchtern angedeutet, weil sie nicht wenig von den Gaben der Cherubim und Seraphim hatten. Die mit goldenen Buchstaben geschriebenen und glanzstrahlenden Worte bedeuten ihre Wissenschaft, welche sie von der Gottheit und Menschheit Christi besaßen und durch Schriften lehrten; darum werden bereits ihre Seelen durch wunderbare Wonne erquickt, wie wenn sie mit dem süßesten Wohlgeruch erfüllt würden; und sie sind ähnlich allen Heiligen geworden wegen der Fülle von Verdiensten, weil sie bemüht waren, den Wandel Aller in Tugenden und Wissenschaft in diesem vergänglichen Leben nachzuahmen." So haben fromme Seelen nach dem Hinscheiden des Albertus der Welt verkündet, mit welcher Seligkeit Gott seinen Diener im Jenseits beglückt hat. Ohne gerade für die historische Wahrheit der einzelnen dieser Visionen einstehen zu wollen, müssen wir doch auch bemerken, daß ein durchgängiges Verwerfungsurtheil noch viel weniger begründet wäre. Jene Zeit des lebendigen, ungetrübten Glaubens stand der Geistcrwclt gewiß noch näher als wir, deren Herz erkältet ist vom kalten Nordwinde des Zweifels, die fast nur für das Sichtbare und Greifbare Verständniß zu haben scheinen. Wenn es dem ärmsten 1) Kürzlich in trefflicher Neubearbeitung erschienen. Negensbnrg bei G. I. Manz, 1857. Uebrigens enthält diese neue Ausgabe jenes Gesicht nicht. Prussia erzählt diese Vision S. 328. 262 Kapitel XXXV. Natnrwesen möglich ist, durch seine Einwirkung auf uns sich uns mit- zntheilen, sich uns zu öffne», warum soll solche Offenbarung den doll- weit höher stehenden Geistern, sowie dem König und Schöpfer der Gcisterwelt, nicht möglich sehn? Doch selbst wenn diese Visionen nur Gebilde der frommen, betrachtenden Phantasie wären, verdienten sie ob ihres poetischen Gehaltes und ihres einfachen, naiven Gepräges unsre Erwähnung. Von da an ruhte der Leib des Seligen fast zweihundert Jahre an jener heiligen Stätte in Mitte des Chores der Predigerkirche zu Köln, stets ein Gegenstand inniger Verehrung und das Ziel frommer Besuche. Endlich aber, als die Universität zu Köln, zumeist ans dem Keime der berühmten Schule des Albertus hervorgegangen, sich zu hoher Blüthe erhoben hatte, und als die Schule der Albertisten (die theologische Sektion?) in ihr das höchste Ansehen erlangt hatte, wollte Vielen das einfache Grabmal des großen Meisters der Wissenschaft nicht mehr gefallen; man wünschte, dem ausgezeichneten Manne ein großartiges, ehrenvolles Grabmal zu errichten, wie manche Männer von viel geringerer Bedeutung erhalten haben. Durch die dringendeil Bitten jener hohen Schule bewogen, gestattete Papst Sixtus IV. die Oeffnnng des Grabes und die Transferirung der Leiche und legte auch bei dem Erzbischöfe Hermann von Köln Fürsprache ein, daß dieser das edle Unternehmen nicht hindern möge'). Und so geschah es denn. Da eben der General der Dominikaner Salvins Casetta aus Palermo in Köln anwesend war, wurde die Oeffnnng des Grabes am 11. Jänner des Jahres 1482 vorgenommen ^). 1) Vgl- das Breve des Papstes Sixtus IV. an den Erzbischof Hermann von Köln vom 26. April 1483. Es lautet: Vensralrili lratri Hermann» Xreluepiscopo Loloniensi veneradilis pater salutenr et apostolicam donedictionein. ketit, nt nobis relatum est, dilectus lrlius 8alvius Oasetta erd. Draed. Navistar Densralis, eorpus tronae memoriac XIlrerti IVlagmi Datisponens. Lp. ex Irunrili, in quo saeet loco elevari, eo consilio, ut Ironoratius illi sepulerum coneederetur, supplicante et insistente maxinro studio universa rrilrertistarum scola, quae in illa Universität« inaxirnae est auctoritatis; huoniam indixnunr videtur meinoriarn tarn illu- stris viri carers eo sepulcri Ironore, guo minoris meriti lrornines saepe deco- rantur. (Zuars cum pro parte scolae praedictae nobis de Iroc tuerit velrcmen- ter supplicatum, Irortamur Iralernitatem tuam, ut Ironoratissimum Irususnrodi eorum desiderium non impedias, czuo memoria tanti vir! Iroc xenere ornamenti Ironsstari possit. Datum Domas anno domini 1483 die viAesinra sexta rlprilis, Dontilrcatus nostri anno duodecimo. Bei Bianco S. 50. 2) Die Schilderung dieses Aktes geben Prussia (S. 333) als Augenzeuge, Verherrlichung des Albertus nach dem Tode. 263 Der Provinzial des Ordens für Deutschland, Jakob Stubach, der Prior des Kölner Klosters, Jakob Sprenger, der das Ganze leitete, der Rektor der Universität, Ulrich von Eßlingen, die Professoren, Doktoren, Studenten und die Brüder wohnten dem Akte bei. Es kostete große Mühe, mit eisernen Instrumenten den gewaltigen Stein zu entfernen, der das Grabgemach bedeckte. Endlich fand man dasjenige, was man suchte. In der Tnmba von Stein sah man den Schrein von Holz, in dem der heilige Leib lag. Dieser war noch angethan mit den bischöflichen Gewänden (der Casula), auf dem Haupte hatte er noch die Mitra (etwas versehet), er trug in der Rechten den Hirtenstab, dessen Spitze von Blei, der Untertheil von Holz (etwas versehet) war, am Finger einen Ring von Kupfer, an den Füßen die Sandalen. Zeigten diese Paramente seine Liebe zur Armuth, so fehlten auch nicht die Zeichen seiner Frömmigkeit. An seinem Halse hing ein kleines Kreuz, das einen Partikel vom heiligen Kreuze enthielt, ebenso ein Päckchen von Seide, in dem ein Agnusdei, aus dem heiligen Wachse geformt, eingeschlossen war, und ein Pfennig, der von einem der Kreuzesnägel des Herrn durchbohrt war. Der Leib selbst war noch fast ganz unversehrt, nur etwas mit Erde bedeckt, weil der Deckel, der den Sarg schloß, verfault war. Die Erde entfernten die Brüder, ohne den Leib zu berühren. Der Kopf war noch fast ganz. Die Materie der Augen war noch in den Augenhöhlen, das Fleisch hing am Kinn (insnto) mit einem Theile des Bartes, ebenso war das ausgetrocknete Ohr noch zu sehen. Die Schultern waren ganz unversehrt, die Gebeine noch mit trockenem Fleische überzogen, und die Füße noch mit den Beinen verbunden. Wunderbar schien, daß, obwohl der Leib so lange unter der Erde gewesen, er doch noch Wohlgeruch verbreitete und alle Umstehenden entzückte. Darauf wurde der rechte Arm vom Leibe losgetrcnnt, damit er dem Papste Sixtus gesendet werden könnte Z, der übrige Leib wurde aber mit dem heiligen Schmucke wieder in ein herrlicheres Grabmal gelegt. Dieses war so eingerichtet, daß der heilige Leib den Besuchenden immer gezeigt werden konnte ch. Rudolph und besonders ausführlich lib. rnanuse. in tot. äe virls illustr. O. ?raeä. Ju den den Albertus betreffenden Akten zu NegenSburg befindet sich eine Abschrift, die ich benütze. 1) Dieser opferte ihn dem Predigerkloster zu Bologna. 2) Der Ordensgeneral crthcilte hiezu eine eigene Licenz (bei Bianco S- 50.V Er sagt hiebei, daß so viele Gläubige die Gebeine des Seligen sehnsüchtig zu sehen wünschten, den er lumen nrilitantis seelesias gfiorlosuin nennt. 264 Kapitel XXXV. Von welcher Beschaffenheit dieses neue ehrenvolle Grabmal gewesen, können wir leider nicht mehr angeben, da es auch im Beginn »nsers Jahrhunderts der Zerstörung anheimfiel. Doch ist wahrscheinlich, daß es ein über dem Boden erhöhtes, mit Bildwerk geschmücktes Steingrabmal gewesen, in dessen Mitte der alte Sarg mit durchsichtigem Deckel nicdergestcllt war und dessen Schlußstein entfernt werden konnte I. Von dem Tage an, da der Leib unsers Albertus aus dem bisherigen Grabe erhoben wurde, fanden sich große Schaaren von Gläubigen an jener Stätte ein, und viele Leidende erlangten Heilung von ihren Gebrechen. Prnssia sagt, er habe die Nachrichten hievon ans dem Munde der Geheilten selbst empfangen ^). So wurde ein fast ganz blinder Jüngling ans Köln, der Sohn eines armen Mannes, am Grabe des großen Lehrers plötzlich sehend, so daß er dann ohne Anstand ein Gewerbe betreiben konnte. Eine Frau, die an einem langwierigen Leiden daniedcrlag, erhielt ans ein Gelübde, das sie dem seligen Albertus ablegte, ihre völlige Gesundheit wieder. Ein Mann, der den Geruchssinn so verloren hatte, daß er einen vor seiner Nase ganz verwesenden Körper nicht mehr wahrnahm, besuchte mit mehreren andern Männern das Grabmal des ehrwürdigen Albertus. Während er den Leib des Seligen betrachtete, empfand er dessen Wohlgcruch und hatte so seinen Geruchssinn wieder erhalten. Ein anderer Mann wurde am Grabe des Seligen von der Dysenterie befreit, ein Bruder des Ordens aber von einem so fürchterlichen Kopfleiden, daß er weder zu schlafen, noch die Psalmen zu singen und noch einen Ton zu hören im Stande war ff. 1) Prnssia sagt vier Jahre nach der Translation: Datum eorpus superius imiissolutum yuoack osss. et inäivisum nsque tmäie in saäein tuinvn ^>eet! 2) S. 336-349. 3) Die iVlimcula 6. widert! wurden besungen von Prnssia und FlaminiuS. Das Gedicht des FlaminiuS erschien im Druck i. I. 1517 zu Bologna. Die Bearbeitung des Prnssia lautet: Verherrlichung des Albertus nach dem Tode. 265 So hatte Gott dennoch nicht völlig unterlassen, auf das Grab seines Dieners einige wunderbare Blumen zu streuen; er hatte den Leib des Seligen vor der Verwesung bewahrt, er hatte die Beselignng des Albertus in Visionen knndgegeben, er hatte am Grabe Heilungen geschehen lassen. Und so wurde durch besondere Gnadenerweise der Welt neuerdings gezeigt, auf dem seligen Meister Albertus ruhe das Wohlgefallen des Herrn. Kapitel xxxvi Wie die Menschen das Andenken des seligen Albertus feierten. Während der Allmächtige selbst Zcugniß gab von der Verherrlichung feines großen Dieners, waren auch die Menschen, in deren Mitte er gelebt, zu deren Erbauung und Erleuchtung er so Wunderbares gewirkt, ohne Unterlaß bemüht, den Namen, die Verdienste und das Gcdächtniß des Albertus auf würdige Weise zu feiern. Alle Jahrhunderte von seinem Tode bis zur Gegenwart haben als Zeichen ihrer Verehrung und Bewunderung des großen Mannes neue Kränze auf sein Grab gelegt'). Wie sich öffentliche Monumente erhoben an den Orten, wo er gewandelt, wie seine Reliquien, seine Bücher und Handschriften in höchsten Ehren gehalten wurden, so wurde in Liedern und Sagen, in Geschichtswcrken und Reden der Name des Albertus ohne Unterlaß gepriesen. All das gibt Zeugniß, in welchem Ansehen der große Meister des Mittelalters als Lehrer, als Theolog, Philosoph, Naturforscher und als Muster der christlichen Vollkommenheit stand. Wenige Persönlichkeiten der Geschichte sind von einem so weithin leuchtenden Strahlenkränze umgeben, wenige wie er gepriesen in so vielen Ländern, vom Gelehrtesten wie vom ungebildeten Volke, von Männern des verschiedensten Standpunktes in Bezug auf religiöses Bekenntniß, auf Stand und Sitte. Wir zählen zuerst die öffentlichen Denkmäler, die Zeichen der Erinnerung an den seligen Albertus auf. Wie in der Dominikanerkirche zu Köln sein Andenken durch drei Monumente, durch sein ehren- 1) Daß sich nebenher auch Anfeindungen, Verleumdungen und Schmähungen eingestellt, ist bei der Außerordentlichkeit der Erscheinung und Wirksamkeit des Mannes zu erwarten gewesen. 266 Kapitel XXXVI. volles Grabmal selbst mit der preisenden Grabschrist, durch ein Glasgemälde und durch eine Wandtafel gefeiert wurde, haben wir schon früher erzählt. In dem daran anstoßenden Kloster der Prcdigerbrüder zu Köln zeigte man aber bis zum Anfang nnsers Jahrhunderts die beiden Zellen, welche der Meister Albertus und sein geliebter Schüler Thomas von Aqnino inne hatten '). Später waren diese Zellen übrigens durch die beiden Wcihbischöfe von Walenbnrg in eine Kapelle verwandelt worden, in der jährlich Gottesdienst gefeiert ward. Doch noch kostbarere Reliquien, weil Reliquien seines Geistes, besaß jenes Kloster von Albertus mit Stolz bis in die spätere Zeit, nämlich die eigene Handschrift des Meisters von seinem Kommentar zu Matthäus und von seinem Buche über die Thiere. Während aber letztere Schrift in der Zeit der Zerstörung des Klosters verloren ging, ist der Kommentar durch das nicht genug zu preisende Verdienst des Professors Wallraf gerettet und im städtischen Archiv zu Köln aufbewahrt Es ist ein prächtiger Pergamentband in Quart, der 251 Seiten umfaßt. Am Beginn lesen wir die von andrer Hand geschriebenen Worte: „Albertus Magnus hat dieses Buch mit eigener Hand oder Feder geschrieben Die Handschrift ist selber mit großer Sauberkeit, Sorgfalt, Festigkeit und Lesbarkeit geschrieben, nur die zweite Hälfte scheint mit größerer Flüchtigkeit ausgeführt. Um eine Anschauung von der Schriftweise des Albertus zu geben, habe ich einige Worte in genauer Pause ausgenommen und führe sie hier vor. Bei der Erklärung des Evangeliums vom Zöllner und Pharisäer erklärt er das Wort Uulllicunus so, daß er sagt: UirWoanus elloitur u puiblioo; quin illi, qui pulllieis trillutis pu'usorunt, lliookautur pullllicuiü. Die ersten Worte schreibt er nun also: 7 Von Interesse ist auch der Ledereinband des kostbaren Werkes, 1) Nach Bianco. Es ist dieses eine Analogie zu den Ruhebänken und Alleen im Nymphäum bei Mieza, wo Aristoteles und sein großer Schüler Alexander geruht und gelustwandelt hatten, und die noch spät gezeigt wurden. Vgl. das Leben Ale- xander's bei Plutarch eap. 7. 2) Durch die besondre Güte des Herrn Archivars v. Fuchs und des Hrn. Justizraths Haafi wurde mir die Einsichtnahme von dieser interessanten Handschrift des Albertus in Köln ermöglicht. 3) Albertus inaANU8 Iiune eoäieem proprio suo äigsito sive oalsmo oon- seripsit. Wie die Menschen das Andenken des sek. Albertus feierten. 267 weil derselbe das etwas beschädigte Porträt des seligen Albertus, in das Leder eingepreßt, an der Vorderseite zeigt. Der Selige erscheint da iin bischöflichen Ornate ans einem Stuhle sitzend, mit gesenktem Haupte, als ob er in der Entwicklung eines Lehrsatzes begriffen wäre. Das Gesicht ist ernst, ganz charaktervoll, markirt, etwas breit, bartlos, die Nase kräftig, die Lippen sind enggcschlossen, die Augen voll Feuer und Ausdruck. An der ganzen Ausführung der Gestalt, an den Ornamenten und dem eckigen Faltenwurf erkennen wir übrigens leicht, daß dieser Einband sammt dem Bilde nicht der Zeit des Albertus selbst angehöre, sondern erst dem fünfzehnten Jahrhundert. Während der Meister selbst nach dem Zeugnisse des Rudolph die kostbaren Einbände der Bücher vermied, wurde also später seiner Handschrift ans Verehrung eine so glänzende Außenseite gegeben. So viel von dieser merkwürdigen Reliquie unsers großen Mannes. Außerdem ist in Köln noch jener Becher des Albertus bewahrt, von dessen scheinbaren Zaubcrwirkungen wir früher schon gesprochen haben Z. Eigenthümlich ist, daß selbst die Herrschaft der Franzosen in Köln am Anfang unsers Jahrhunderts das Andenken an Albertus ehrend zu erneuern gesucht hat. Im Jahre 1811 wurde nämlich auf höhere Anordnung die Stolkgasse, wo einstens Albert in so gesegneter Weise gewirkt und wo das alte Prcdigerkloster gestanden, mit dem Namen der Albertsstrasse sltirs ^.Idsrt 1s 6nun<1) belegt Z. Das Hauptmouument dieser Strasse, die Schöpfung des Albertus, der Dominikancrchor sammt der ganzen Kirche, fiel leider im ersten Jahrzehnt unsers Jahrhunderts vor den Streichen der Zerstörer, wie an achtzig andere Stifter und Klöster der edlen Stadt Köln untergingen. Eine Artilleriekaserne prangt jetzt an dieser Stelle. Damals ist auch das herrliche Hochgrab des Albertus zertrümmert worden. Als man hiebei den Sarkophag öffnete, zerfielen die Gebeine größtentheils in Staub, nur der Ornat und ein Theil des Stabes blieben erhalten. Alle diese Reliquien wurden sofort in die nahe Stiftskirche von St. Andreas transferirt. Die Reliquien der Gebeine, sowie die zwei Stücke des Stabes 1) S. 82. Er war früher im Schatz des Kölner Predigerklosters, kam dann in den Besitz des Hrn. Hofraths vr. Lomes z» Cochheim an der Mosel, der ihn im I. 1847 an das städtische Museum abtrat. Die spätere Inschrift lautet: 80ktt?III78 L. OW. 2) Bianco S. 56. 268 Kapitel XXXVI. von Holz (jedes etwa Fnß lang), der eine Krümmung von Eisen oder Blei nach oben zeigt, wurden wieder in einen kleinen Holzsarg gelegt und verschlossen, dieser aber wurde an der Wand beim nördlichen Seiteneingang der Andrcaskirche angebracht. .Wahrlich ein armer, geschmackloser Schrein! Auf dessen Deckel liegt halbaufgerichtet die häßliche Figur eines Bischofes mit Buch und Stab, die den seligen Albertus verstellen soll ff. Dagegen wurde der Ornat zurückbchalten und in der vbern Sakristei der Andrcaskirche niedcrgelegt, wo er noch zu sehen ist. Er besteht aus der Casula, der Stola und Manipel. Der Stoff aller drei Paramente ist trefflicher Seidenblüschsammet von violetter Farbe. Die Casula ist von bedeutendem Gewichte und hat noch die ehrwürdige Form eines Häuschens oder faltenreichen Mantels, der den ganzen Körper bedeckt, so daß sic an den Armen aufgeschlagen werden mußte. Au der Vorder- und Rückseite der Casula ist ein Kreuz (nriritrisiki.) angebracht ff, das die Form eines Palliums hat, aus Goldstoff gefertigt und mit wechselnden rothen und grünen Carreaux oder Sternen geschmückt ist. Die Stola ist ein langer schmaler Streifen, der bis zum Ende der Albe hiuabreicht und mit den gestickten ganzen Figürchcn der zwölf heiligen Apostel geschmückt ist, während die Manipel, von gleicher Form, nur kürzer, die Bilder heiliger Jungfrauen und an den Enden die Figuren zweier Dominikauerhciligen (?) zeigt. Dieser höchst merkwürdige Kirchenornat gibt uns einige nicht uninteressante Aufschlüsse. Wenn dieses der Ornat ist, in welchem die Leiche des Albertus i. I. 1280 in das Grab gesenkt wurde ff, welche Solidität kam den alten Kirchcnstoffcn zu, da dieser Ornat allen zerstörenden Mächten und Unbilden so kräftig widerstanden hat, daß er noch heute benützt werden kann? Ferner ist auch die violette Farbe dieser Parameute von Bedeutung. Es scheint, daß damals die violette Farbe auch hier 1) Die Akten über diese Translation liegen im Pfarrarchive von St. Andreas. Die hier mitgetheilten historischen Notizen verdanke ich den freundlichen Aufschlüssen, die mir der Herr Pastor von St. Andreas in Köln persönlich gegeben hat. 2) Das Kreuz an der Vorderseite verlängert den Hauptbalken noch bis zum Hals und endet mit einem Quadrat, welches vielleicht an die Kreuztafel mahnen soll. 3) Die Anbringung von Heiligen des Dominikanerordens an der Manipel i. I. 1280 könnte einige» Zweifel erregen. Jedenfalls war aber der Ornat fast vierhundert Jahre im Grabe des Seligen. Wie die Menschen das Andenken des sel. Albertus feierten. 269 noch vielfach die schwarze vertrat'). Oder es war überhaupt Gebrauch, die Leiber der Priester in der Farbe der Buße zu bestatten. Das sind also sammt dem lange blühenden Collegium Albertinum die ehrenden Erinnerungszeichen an den großen Albertus, welche der Hauptschauplatz seiner Wirksamkeit, seine zweite Heimath, das heilige Köln, besessen hat oder noch besitzt. Den zweiten Rang unter den Städten, welche den Meister Albertus unter die Ihrigen zu rechnen befugt ist, nimmt ohne Zweifel Regensburg ein, wo er ja den bischöflichen Stuhl inne gehabt. Auch hier verkünden noch hochinteressante Denkmäler den Ruhm des Albertus. Wie wir schon früher erzählt, hat sich dort noch ein mittelalterlicher Lehrsaal erhalten, der den Namen der Schule des Albertus trägt. In diesem Vierecksraumc, der an den Kreuzgang des ehemaligen Predigerklosters sich anschließt, auf dem noch erhaltenen hochinteressanten gothischen Lehrstuhl, dessen Beschreibung und Abbildung wir gaben, und der jetzt dem Eingang gegenüber prangt, soll ja des seligen Albertus gewaltiges Wort der Lehre an seine Schüler ergangen seyn. Zwar deuten Ornamentik und Bildwerke des Saales und Gestühles Z auf die spätere Zeit der Gothik, doch ist es immerhin möglich und sogar wahrscheinlich, daß Albertus bereits an dieser Stätte gelehrt und gewirkt habe. Jedenfalls ist aus solche Weise sein Name bei der Nachwelt erhalten und würdig gefeiert worden. Ein späterer Weihbischof von Regensburg, Albert Ernst Gras von Wartenberg sgeb. 1636), der ein besonderer Verehrer des seligen Albertus gewesen, verwandelte den Lehrsaal in eine Kapelle, doch so, daß er die ganze frühere Einrichtung unberührt ließ Z. Er erbaute und conse- krirte den Altar (in Zopfform), welcher noch gegenwärtig an der Wand zur Rechten des Eintretenden steht. In dessen Mitte sieht man ein versilbertes Brustbild des Albertus aufgestellt, der ein Buch und eine Schlange (antikes Symbol der Weisheit?) in der Hand trägt. Am Untertheile der Figur ist eine Oesfnung angebracht, wo man eine größere Reliquie des Seligen sieht mit der Inschrift: RoliHuino saoras 1) Das berichtet W. Durandus im Rationale äiv. (Me. Itd. III, eap. 18. Er sagt: Violaeeo eolore uti in ciiebus, ynibus est usus nigri ooloris, non est in- eonveniens. 2) Am Lehrstuhl sieht man die Gestalt des hl. Bincenz Ferrerius, an den Wandsitzen zn beiden Seiten der Thüre die Figuren des sel. Albertus und des heil. Thomas von Aquin. 3) Vgl. Zierngtbl's Geschichte der Propste! Hainspach. S- 432. 270 Kapitel XXXVI. 80npi>1oe L. Xlbei'ti üluMi ft Opi8L0pi RLtisbonsnsis, Orcl. lüoecl. inEritissimi. Eine angebrachte Inschrift sagt unS: 8oo1g.m linne b. Xlderti ranZiri lftüseop. rntisbon. pntroni äioe- oesis ineritissiiui, in «puu et v. Hiomnin äiseipiilum Iinduit, sun ullline nr>tic,uituls veiiernbilem Albertus LrnestnL bftÜ8eo>>. Dnodi- oeiisis Xäministrutor Lutisbon. Oun. Oeii. et oap. iiiix. in Kaoellnin st altari Iii8truetniii ao insiAiiüniL ejusclom 8nnoti Relicpnüs äeeora- tnm 8o1enuii 8. Rom. Deel, ritii oon86ornvit anno Dom. NOOXOIIII äis 18. rlul. Dom. 8Spt. p> 08 t ?6irteoo8t. Später erhielt diese Kapelle noch eine Renovation, wie eine Inschrift oberhalb der Thüre bezeugt: L. Xlberti N. 0. ?r. Lpise. Ratisb. 86v1a eoll8eer. NOOXOIII, renov. 1768 ft. Als die Säkularisation ihre verheerenden Wogen auch hieher wälzte, wurde das Dominikanerkloster zu Rcgensburg sammt jener Kapelle prosanirt. Erst die neuere Zeit hat dieses merkwürdige Heiligthum von dem es füllenden Unrathe befreit ft und wieder einer heiligen Bestimmung zurückgcgebcn, indem es zur Abhaltung von Christenlehren an die jüngeren Studierenden verwendet wird. Wieder wird also ganz passend in der Schule des Albertus den Studierenden die Wissenschaft des Heiles gelehrt! In der noch bestehenden nahen Dominikaucrkirche, die übrigens als Zeitgenossin des Albertus schon an und für sich an ihn erinnert, 1) Von dem Schulterbeine, das der frühere Bischof Albert vom Kloster zu Köln erhalten, wie wir hören werden- 2) Noch sind einige Inschriften und Grabschriften von Bedeutung in dem Saale. So sind rechts und links, wie oben gesagt worden, beim Eingänge an den Bänken die Figuren eines Bischofes, wohl des Albertus (auf dem Zettel steht: Wradilis ost soientia sanetorum) und des hl. Thomas von Aquin eingravirt. Außerdem steht an der Säule mit goldnen Buchstaben die sonderbare Grabschrift: Xnno 14 (09?) in oet. tl. Lartlr. odiit vonerab. x. dolr. Herold sao. tlreol. loetor et xrior eon- venl. öiureind. lue sexult. kuit cloetissinius vir et sanetillo. seixsuin disoipl. elrristiana, yui multa erndite serixsit. Oufus sexulelirum ouni 8uevi violare tentarent, saero Irorrors xerenssi (?) reeesserunt. 8uli eodern tuinulo reczuieseit Lenrious eoines de inonie et 8ansen ^uibusdani 8uso dietus, c^ul oviit anno millesimo treeentesinro in die Tlioinae ax. guein 8. ldenrlous 8nso lilius efns Ord. 8raed. e. pnrg:at. ilaininis suis xrsoibus in ooelurn venire vidit. Das wäre also der Vater des berühmten Heinrich Suso! Zugleich ein Beweis vom Alter der Kapelle. 3) Es war mit Bierfässern und alten Geräthen angefüllt, nach der Mittheilung des Hrn. Oberltcutenants Schuegraf. Wie die Menschen das Andenken des sel. Albertus feierten. 271 mahnen nur einige spätere Bilder vhne Kunstwerth an den seligen Meister Z. Einige Biographen der letzten Jahrhunderte wissen auch zu erzählen, in der Kirche sei eine Steinkäuze!, von welcher herab Albertus oft das Gottcswvrt gepredigt habe. Nachdem auch Regensburg dann im sechzehnten Jahrhundert sich der Kirchentrcnnung größ- tcntheils hingegeben, fiel diese Kirche dem protestantischen Kultus zu. Da nun der lutherische Prediger jene Kanzel bestieg, soll er Plötzlich die Sprache verloren haben, die er erst wieder erhielt, als ihm eine andre Lehrkanzel zur Seite errichtet worden Z. Von dieser Steinkanzel aus der Zeit des Albertus konnte ich aber keine Spur entdecken. So besitzt das stolze Regensbnrg, wenn auch nicht alle, doch noch immer höchst merkwürdige Denkmäler der Erinnerung an seinen alten glorreichen Lehrer und Bischof Albertus II. Aber auch Lauingen, das Geburtsort des Albertus, in Schwaben, hat sein Andenken treu bewahrt. Nicht bloß daß an der Ecke des Marktplatzes dort das Haus gezeigt wird, wo Albert das Licht der Welt erblickt haben soll, sondern es mahnt auch ein großes Gemälde mit Inschrift an Albertus, dessen Ruhm den Namen der Stadt Lanin- gen in alle Welt hingetragen hat. Auf dem Marktplatze daseil'st steht der sogenannte Hvfthurm, gebaut in den Jahren 1457 —1478, damit von da sogleich ein der Stadt drohender Ueberfall eines Feindes gewahrt werden könnte. Es ist ein zierlicher, gothischcr Nicrecksthurm, der oben in das Achteck übergeht und jetzt mit einer Spitzkuppel abschließt. Eigentlich erbaut als Wacht- thurm, wurde er doch auch benützt, um das Andenkeil berühmter Persönlichkeiten und Natnrscltenheiten Lauingcns zu feiern. Auf der untern Wand sind zwei lebensgroße Figuren gemalt, auf der einen Seite Albertus Magnus im bischöflichen Ornate, auf der andern die große Wohlthätcrin Laningens, Gisela von Schwabeck Bei der Gestalt des Albertus finden wir die abgekürzte Inschrift: „Albertus Magnus ist anno 1193 in der Stadt Lauingen geboren, berühmt wegen Gelehrsamkeit. Er war Bischof. Hat gelebt 87 Jahr." 1) Die in der Nähe des Portals angebrachte Statue, welche meist für ein Bild des Albertus gilt, ist ohne Zweifel ein Bild des hl. Dominikus, dem man später die noch entfernbare Mitra aufgesetzt hat. 2) So erzählt Jammy in der Vorrede zu den Werken des Albertus. 3) Vgl. darüber Mittermayr's Sagenbuch. 272 Kapitel XXXVI. Eine andre lateinische Inschrift bei dem Bilde des Albertus lautet also: Albertus irmAnus civis olorismmus oliiri, ImrünAns ciootor iriaAQirs pumesulquo saororum luol/tus, omuiAoiius sooiptor oeloberoiirrus artis, 8io ooulos, sic oru sLnsx vultumquo Aereliat. Oberhalb der beiden Figuren ist als Naturwunder der große Lauingcr Schimmel abconterfeit, der dort zu Alberts Zeit gelebt haben soll, gewissermaßen ein Naturanalogon zur Geistesgröße des Albertus. Dabei steht die Inschrift: lVIirus molis eqnus, velox et sultibus nptus, kruelonAus ter quinquo peäes et vordere muAiius, ^luseitur TLIsssrti I^LvinAae sub Iure Vln--ni Z. Leider stammen alle diese Gemälde in ihrem jetzigen Zustande erst aus dem Jahre 1685 oder 1782, wo der Thurm eine Restauration erlitten hat. Obwohl die Inschrift also auf Porträtähnlichkcit hinweist, ist doch an solche nicht zu denken; der Kopf des Albertus zeigt ein ganz ordinäres, geistloses, bcbartctcs Gesicht; er trägt eine thurmhohe, gespitzte Mitra, wie die Zopfmaler jener Zeit die Bischöfe zu malen in Ucbung hatten. Die Einwohnerschaft von Lauingen hat aber auch noch dadurch das Andenken des Albertus gefeiert, daß sie später den zweiten Altar ihrer stattlichen, gothischen Pfarrkirche ihm zu Ehren weihte und mit Reliquien desselben schmückte. Auch in der neuesten Zeit ist Bayern nicht zurückgeblieben in der Feier des großen Meisters. Die Walhalla bei Regeusburg zeigt unter den Gedenkbildern der großen Männer Deutschlands auch eine Ge- dächtnißtafel des Albertus Z. Wenn in solcher Weise Deutschland dem großen Lehrer der Philosophie und Theologie reichen Tribut der Anerkennung durch öffentliche Denkmäler zollte, so hat auch Italien, die Stätte seiner höhern Bildung, seiner Erwählung und seiner Triumphe im Kampfe gegen die 1) Eine Volkssage weiß auch hier wieder zu erzählen, dieses große Pferd habe sich von Niemand zähmen lassen, als von der Hand des kleinen Albertus, der also seine große Gewalt über die Natur schon als Kind kundgegeben. Andre Sagen von diesem Schimmel im Lauinger Sagenbuch. Ausführlicher redet von diesen Inschriften Nasser in der Geschichte der Stadt Lauingen (1822) S. 79. 2) Diese sagt: Albertus Nagnus, Liseliot von Ro^ensbur^, xet>. 1205, ge8t. 1280. In der Biographie der Walhallagenossen ist er irrthümlich Graf von Bollstätt genannt. Später waren Bollestater auch Bürger von Nördlingen (Nasser). Wie die Menschen das Andenken des sei. Albertus feierten. 273 Ordcnsfeinde, das Andenken desselben nicht vergessen. So zeigt Padua, wv er die höheren Studien gepflogen, seine Büste auf dem Prato della Balle, wo diese Stadt alle Männer ehrt, die in ihren Mauern mit besonderem Erfolge die Wissenschaft betrieben haben '). Im Chore des Domes von Orvieto war auch das Bild des Albertus einst angebracht °). Außerdem sieht man das Bild des Albertus an mehreren Orten Italiens, wo die großen Geister der katholischen Welt überhaupt, oder die des Dominikanerordens insbesondre, znsammengestellt sind. So ist es zu schauen im Krcuzgange vom Kloster St. Marco zu Florenz, wo die Hauptwand in Fresko vom berühmten Prcdigerbruder Johann von Fiesole (geb. 1387, gest. 1455) mit den Porträts der ausgezeichnetsten Mitglieder aus dem Dominikanerorden geziert wurde ch. Da erscheint bei dem Kreuze des Herrn neben dem Papste Jnnocenz V., dem Kardinal Hugo, dem hl. Antouinus von Florenz, dein Jordanus aus Sachsen, dem hl. Raimnndus von Pennaforte, dem hl. Bincentius Fcrrerius und vielen Andern auch Hbortns iilaZnus ä'Er erscheint als greiser Bischof in Ordenstracht, feurig, ganz vergeistigt, eine herrliche Gestalt! So finden wir unfern großen deutschen Meister hier wunderbar gefeiert, er glänzt als Stern erster Größe an diesem reichen Himmel der Größen des Ordens. Aber noch an hundert Orten waren und sind Bilder des großen Albertus zu sehen! ch 1) Nach einer Vermuthung, die sich auf fremde Erzählung stützt. Meine Erinnerung reicht nicht aus, da ich schon vor Jahren Padua besucht habe. 2) Vgl. Kreuser's Kirchenbau I, 379. In der Ltoria äd Ouomo cii Orvieto p. 106 heißt er: Alberto ooAirominato it magmo, Voseovo cii Ratisboua. 3) Man vergleiche über diese Bilder des himmlischen Fiesole in 8t. Llareo das treffliche Werk: 8an iVlareo eonvento 3d paäri xreäieatori in bllronro illustratu et inoiso priiieipalmeiits iroi ciipiut! äel 2. Oiovanni ^.ngdieo, eoiia vita cldio shesso pittors e uu aunto storieo ctet oonvento meäeaiino cii l?. Viueeuro iVlar- eircse, Oomenioairo. bllr. 1845 u. 46. 2 Vd. 4) Vgl. Bianco S. 56. Ich wählte das hier vorkommende Bild des Albertus als Titelbild, da es das älteste und ohne Zweifel wahrste, geistvollste aller Porträts des Seligen ist. Es ist mir durch hohe Gnade eine Originalcopie des Bildes von Florenz zugekommen. 5) Spätere Porträts in Kupferstich sieht man bei Bullartins, Nadcrus, Jammp und nach letzterem im Enchiridion des Meisters, das der sel. Sailer edirtc. Obwohl vorae dügiea geheißen, zeigen sic doch sicher keine Spur des Geistes unsers Albertus; es sind schablonenmäßige, geistlose Mönchsgesichter des siebzehnten Jahrhunderts. Die neuesten wohl ganz willkührlichen Stiche sind bei Heideloff (Kleiner Gothe, Umschlag) und im rhein. Volkskalender 1856 zu sehen. Slghart, Albert d. Große. 18 274 Kapitel XXXII. Doch nicht bloß durch die Sprache der bildenden Künste hat die Welt dem großen Albertus ihre Huldigung überall gebracht, auch Poesie, Beredsamkeit und Geschichtschreibung haben in allen Jahrhunderten gewetteifert, Blumen des Preises und der Ehren auf sein Grab zu streuen. Wir wollen von der Fülle solcher Zeugnisse die bedeutsamsten hervorheben. Voran steht der Fürst der christlichen Dichter, Dante. Er hat in seinem unsterblichen Gedichte, das wahrhaft ein Vorspiel des Weltgerichtes genannt werden kann, und alles Wissen der Zeit umfaßt, auch den Albertus nicht vergessen. Im zehnten Gesang des Paradieses ') erscheinen dem Dichter die großen Lehrer der Kirche, als er im Aus- stcigcn die Sonne erreicht. Im Namen Aller spricht da zu ihm Thomas von Aquin: „Ich wrr ein Lamm aus jener heil'gen Heerde, Die solchen Wegs Dominikus einherführt, Drauf gute Nahrung findet, wer nicht abschweift. Er, der zur Rechten mir am nächsten stehet, War Bruder mir und Meister, er ist Albert Von Köln, und ich bin Thomas von Aquino." Es ist gewiß für Albertus ruhmvoll, in solcher Gesellschaft und in solcher Stellung genannt zu werden! Später dann hat ein Ordeusgenossc des Albertus sein ganzes Leben und Wirken in poetische Form gekleidet. Es ist die TiSAenäu msti'icm b. Jlldsrti, welche Jakobus Baudensis in Hexametern verfaßt hat ^). Die Wunder des Albertus besangen seine Ordensgenossen Prussia und Leander Flaminius, wie wir schon erzählt haben. Später ward des Albertus Name in Epigrammen und poetischen Ergüssen häufig gefeiert. Der Kardinal Bembo, sonst bekanntlich kein Anhänger der Scholastik, singt von ihm: Hainrae si gniä ts rsrum lorte latevat: Hoc legis in inagno, Deutone lVlagne, äeo. 1) Vers 94 — 100. Vgl. die meisterhafte Nebersetznng des Dante sammt Kommentar von Philalethcs. III. Bd. S. 127. Daselbst ist auch eine Lebensskizze des Albertus und öftere Benützung seiner Doktrinen zu finden. 2) Im Anhang zur prosaischen Degenän LIberti, die Rudolph von Nymwegen geschrieben. Ed. i. I. 1490 zu Köln. In der kgl. Hof- und Staatsbibliothek zu München. Wie die Menschen das Andenken des sek. Albertus feierten. 273 Janus Vitalis*) stimmt in dieses Lob mit den Worten ein: Hatura In>s violas, ratio baee tilii lilia passim ^cl tumulum spargunt, Deutone Nagns, luum: kurpureis Quorum tridulos avollis al> liortis; kt puleris violis lilia mista seris; ^Vviaquo adstrusa pansis penetralia causa: Vere igitur Nagni nomine clignus eras. Ferdinand Palamins fügt bei: Magna parens altrixque Virüm Oermania, alumni Ineeclis morito laucle superba tui. blaturae ao rerum vires, eausasque latenles Iloe nemo nodis soetius explieuit. Magnus od egregias loeeuncli pectoris artes Oietus es: at Olrristi nunc ops masor eris. Antonius Flaminins singt also: t^ui socuit rerum Albertus eognoseere eausas, Hon rerum oblitus sam ^aeet in tumulo: 8eä eoelo meliore sui eum parte reeeptus, blunc gaudet melius cliseere, quam äneuit. Auch Johannes Latomus singt: Quantum erat, boe quonäam oognomen Magne tulisse, tzuum solicls cloelus nullus in orbs loret? ksto: veluslatis kaetum lauäatquo probatque kt libi posteritas saneil Iradetque ratum. Unser Heinrich Bebel hat gleichfalls den Lobsängcrn des Albertus sich angereiht mit den Versen: Oeäite, klrilosopbi, quos Oraeeia iaetal alumnos, kxtulit et si quos Itala terra suos. (juos lange Albertus vielt tam nomine elaro, Oloria 8uevorum keulonieique soli kar äeeus ingenii: nee las sperare nepotes: Hie novit, quiäquiä tota 8oplria äoeet. Hieronymus Treutler schildert besonders das Wunder der Erscheinung eines solchen Lichts in der vermeintlichen Finsterniß des Mittelalters: Nagnus eras, quamquam te barbara 8aeela tulerunt: Lttamen ingcnio clivite magnus eras. Oelsa nee est varias kamam quaesisse per artes: kluribus Iroc vitii quauäo eueulla parit! 1) Diese Citate nach Bianca a. a. O- 2) Epigraminatographie vvn Freih. v. Hübsch. 2 Lhl. S. 21. und Neusner Icon. kcl. basil. tom. 2 bei Bianca S. 37. 276 Kapitel XXXVI. In überschwenglicher Weise und ganz im antiken Geschmacke besingt in längerem Epigramme den Meister der Kölner Professor Ortwinus Gratius, der i. I. 1508 eine Rede über das Lob der Philosophie erscheinen ließ. Er singt also: kraeeia quiN ^aotas 8ooratem, NivuniHus klatonem, tzuiä vel tlrristotelem, ltbespiaNumciuo eboros? ?allaäiosve viros omnes, turbamc^ue sopborum blt veterum c>uosvis tama senilis babst. Roma Polens c^uonNam vast! Neons ei eaput orbis, Oebalium yuiä tu ters super astra lXuinam. tzuiN RexiNum, §eminos quiN tu venerare Latones, Xnluin, 8oipiaNas, Rabrieiumqus xravsm? lllustrein 8^IIam, sortein quiN tollis lulum, Rt oapitolinos lauNibus us^ue patres? Oisoite oertatim Nißnis extollere Nivum Rauäibus Xlbertum, Rontiüeemque pium. Rmbram illi 8opbias solum, non m^stiea norunt, IVon areana Nei, ooslieolasyue Deos. Oontra Nie Nootrina praesul eonsultus in onrni Rt seripturarum truAitsr auotor erat. H.era, Vuleanum, mare, eoelunr, siäera, terram, lXovit, et iminenso quoN tsnet orbis a§ro. RIxsiis alii (si äi§num est) vallibus errant, lXoster olxmpiaeo rexnat in orbs pater, tzuin vos nune superat Nie pbilosopbotatos omnes, tzui Rol^pbsmus erat, Obristieoluinljue eaput. Hure Loa Nonius, Iruio serviat ultima Hrule, blt tota perFat posteritate lrui. Rune eelebrent Ratii, meritosgus aNjun§at lionores, Hellas; et Nune orbis totüs aN astra veliat Endlich sang unser Raderns in seiner Lnvnrin sniretn (I, S. 281) also: l^uoN tibi Na§ne Rater natura noveroa ne^arat, lVlater eoelestis praestitit inxenium. ?l.n sua noluerit proNi miraeula munäus, Hesoio, Naxne, tibi proNita euneta seio. I?risea 8taxira suum tot ab annis iaotet alumnum. iXon oanat ^.lbertum lXorioa terra suum: Illius Nootas mirentur saeeula obartas, Miror e^o solvas post tria saeela rnanus. Zuletzt hat auch noch Jammy im ersten Bande der Gesammtwerke des Albertus ein lateinisches Gedicht mitgetheilt, das in überströmenden 1) Mitgeth. von Bianco S. 38. Wie die Menschen das Andenken des sel. Albertus feierten. 277 Lobsprüchen auf den Meister und ans den Schüler sich ergeht. Doch genug! Wir sehen, das Lob des großen Lehrers erschallt in Italien wie in Deutschland und Frankreich ans gleiche Weise durch den Mund der begeistertsten Dichter! Wer wäre aber dann erst im Stande, die Urtheile alle zu sammeln und zum Kranze zu binden, welche von den größten Gelehrten, Geschichtschreibern und Fachmännern über die Verdienste des Albertus in den einzelnen Bereichen des Wissens gefällt wurden? Alle stimmen ja in dem Ausdrucke der Bewunderung und des Lobes ein. Ich will nur die gewichtigsten Stimmen hervorheben. Wir beginnen mit dem von den alten Biographen angeführten Urtheile des Papstes Pius II., der in einem Briefe also schrieb: „Dominikus, in Spanien geboren, hat neues Licht auf den Erdkreis gebracht. Unter seinen Schülern sind Viele, die große Frucht bringen im Evangelium. Andre sind durch Gelehrsamkeit ausgezeichnet, so besonders der große Albertus, dem keine Art der Wissenschaft unbekannt war, wie man glaubt')." Wie die Schüler des großen Meisters über ihn urtheilten, haben wir schon mehrmals angeführt. Der schon oft genannte Thomas Can- tipratanus sagt: „Albertus hat Alle in der Wissenschaft übertroffen." Und ein andrer, Ulrich Engelbrecht von Straßburg Z, bemerkt: „Mein Lehrer Albertus, ehemals Bischof von Regensburg, war in allen Wissenschaften so göttlich, daß er füglich unsers Zeitalters Staunen und Weltwunder genannt werden kann. Auch war er in der Magie bewandert." Der ausgezeichnete Sixtus von Siena (geb. 1520), gleichfalls ein Ordensgenosse, der erste strengwissenschaftliche Erklärer der heiligen Schrift, führt unter den ausgezeichneten Exegeten unfern Albertus an mit den Worten: „Er war ein Mann von wunderbarer Erudition, dem von den göttlichen Dingen Weniges, von den menschlichen vielleicht Nichts entgangen, an Schärfe des Geistes und an Kraft des Gedächt- 1) Rudolph und Prussta S. 260. 2) Vgl. 8erii,tore8 Orä. vom. I, 170. Er spricht davon im Werke: Vs summ» bono lib. IV, traot. III. oap. 9. äs sudst. sxirNualibus sei. äs rnoäo apparitioni8 anAelornm. Es heißt da: äliter ab omnibus praemvsis 8«ntit äoetor meU8 Vominu8 tvibertn8, ep>i8eopu8 quonäam Kati8p>onen8i8, vir in omni 8eientia aäso äivinus, nt no8tri temporv 8tupor st miraoulum son^rus voeari xo88it, st in ma§iei8 expsrtu8, ex c,uibn8 mnltum äepenäet Irnjn8 matsrias 8oientia. Was hier Kenutniß der Magie heißt, würden wir jetzt ohne Zweifel Naturmystik nennen, nicht Zauberei. 278 Kapitel XXXVI. msses fast ein Wunder, in der Theologie weit der gelehrteste, von allen Philosophen, die ganz Deutschland vor und nach ihm hervorgebracht, der erste. Ob der Menge und Größe seiner Kenntnisse erhielt er den Namen des Großen, was noch keinem Gelehrten bei Lebzeiten geschehen ist ')." Der heilige Erzbischof Antoninns von Florenz nennt den seligen Albert einen Mann, der die Welt erleuchtet durch die Heiligkeit seines Lebens und durch den Ruhm seiner Gelehrsamkeit unter den Päpsten Alexander IV., Urban IV., Clemens V., Gregor X., Jnnocenz V., Hadrian V., Johann XXI. und Nikolaus III Sehen wir dann auf die eigentlichen Geschichtschreiber, so stimmen auch diese in die allgemeine Lobpreisung des Albertus ein. So sagt Trithemius: „Nach Albert stand kein Mann mehr auf, der ihm gleich und iu allen Kenntnissen so unterrichtet, in allen Wissenschaften so gelehrt und in allen Dingen so erfahren gewesen ch." In der belgischen Chronik steht von ihm der bekannte Lobspruch geschrieben: Xllbertrm VluAnus lAuAnus in ÄInAiu, iVlnjor in Illiilo- sopllin, Naxiirins in Tlioologia. Unser bayrische Geschichtschreiber Aventin vergleicht den Albertus mit dem Polyhistor Varro und ergeht sich in Lobpreisungen seiner Wissenschaften und Sprachkenntnisse. Er sagt: „Albert war noll- größer als Varro. Denn nichts war ihm unbekannt, Alles wußte er vollkommen; er war der treueste Dolmetscher der Natur nach Aristoteles. Lies seine dialektischen, mathematischen, physikalischen, metaphysischen, ethischen, theologischen Schriften, ja, wenn man es sagen darf, sogar seine genauen und ausgezeichneten magischen Werke. Es ist, wie wenn er nur auf Eines sich verlegt und das Andre nicht ungerührt hätte. Er kannte nicht weniger des Plato, Epicnr, Pythagoras und der andern Philosophen Lehren, wie die des Aristoteles. Er war der erste Lateiner, der erforschte, was iu den griechischen, lateinischen, hebräischen, arabischen, ägyptischen Philosophen Treffliches sich findet. Er hat zuerst unter allen Lateinern Commentarc zu den Werken 1) OibliotU. sanol. 1. IV. bei Oclrarä, 8orisil. Orä. Oraeä. I, 170- 2) Nndolph. 3> Oe sensit, eeeles. si. 195 es. Lol. 1546. 4) V. Bch. d. Annalen Bayerns. Wie viel davon richtig sei, werden wir später untersuchen. Die von nun an über Albertus Schreibenden kennen ihn meist nur vom Hörensagen. Erst die Neuzeit gab sich wieder Mühe, Ritter, Humboldt, Jourdain, Neander, Poullet, Friedrich v. Meyer haben wieder einzelne Werke desselben gelesen. Wie die Menschen das Andenken des sel. Albertus feierten. 279 des Aristoteles, Euclides, Petrus Lombardus und Andrer geschrieben. Er besaß die höchste Beredsamkeit in seinem Jahrhundert, die höchste Gelehrsamkeit auch noch in dem unsrigen." Der Regensburger Hochwart sagt im dritten Buche seiner Chronik: „Albertus II., ein Schwabe von Laningen, mit dem Beinamen der Große, nicht ob der Größe des Körpers, sondern durch den Erweis der verschiedensten Wissenschaften und Kenntnisse')." Der Priester Andreas schreibt gleichfalls in seinem Chroniken der Bischöfe von Regensburg: „Albertus Magnus, Lektor zu Köln, vom Prcdigcrvrden, war ein Mann von wahrlich großer Wissenschaft, wie wine Schriften zeigen Z." Unermüdet waren aber die Schriftsteller von Köln, den Rnhm ihres großen Meisters Albertus zu verkünden. Statt Aller mag devoten genannte Ortwin reden, der in seiner pomphaften Lobrede auf die Philosophie also spricht: „Unter allen Bearbeitern der Philosophie sehen wir den ehrwürdigen Albertus Magnus hervvrragcn, der die Weisheit des Sokrates in sich vereinigt hat mit der Fülle des Plato, der Erfindung des Aristoteles, dem Fleiße des Pythagoras, der An- muth des Jsokrates, der Süßigkeit des Thcophrast, der Gewalt des Demosthenes, der Beredsamkeit des Cicero; der Andern Würde hat er erreicht und durch. Heiligkeit der Seele den Himmel errungen. Zwischen den Meeren ist kein Ort mehr, er sei noch so entlegen und unbekannt, der sich an der Wissenschaft des Albertus nicht ergötzte und diesen nicht in steten Lobpreisungen zum Himmel erhöbe. Besonders verdient er Lob, weil man ihm drei Namen beilegen darf, den eines Polyhistors, des Philosvphotatos und des Polygraphotatos, d. h. er ist Vielwisser, größter Philosoph und reichster Schriftsteller über die verschiedensten Dinge. Aus seinen Büchern erhellt sonnenklar, daß keiner wahren Wissenschaft Kenntniß ihm gefehlt habe. Denn er hat nicht bloß den Becher der grammatischen und rhetorischen Wissenschaften getrunken, sondern mit Begierde auch den herben Becher der Dialektik, den süßen der Musik, den klaren der Geometrie und den nektarvollen der ganzen Philosophie." Wenn in solcher Weise die alten Schriftsteller einstimmig sind, daß dem Albertus der Name des Großen gebühre, den ihm seine Zeitgenossen schon zuerkannt, so haben auch die Männer der Wissenschaft in der Neuzeit nicht unterlassen, ihm den Tribut der Anerkennung und 1> Bei Ool. I, I-. 207. 2) Oet. I, 36. 280 Kapitel XXXVI. hoher Bewunderung darzubrlngen. Ich übergehe die ehrenden Urtheile des Johannes von Müller, des Wolfgang Menzels, Wachlers Z, Grasses ^) und Andrer, da sie offenbar von den auszcichnenden Leistungen nnsers großen Denkers keine auf eigner Forschung beruhende Kenntniß gehabt und in Folge dessen hiebei vielfach unrichtige Anschauungen ausgesprochen, ebenso Bnhle's, Rixncr's, Hcgcl's Bemerkungen über denselben. Aber die vvllgewichtigeu Urtheile Jour- daiu's, des ausgezeichneten Kenners der mittelalterlichen Philosophie^), des trefflichsten Geschichtschreibers der Philosophie, Heinrich Ritter und des großen Dolmetschers und Geschichtschreibers des Universums, Alexander von Humboldt, müssen hier eine Stelle finden. Der erstere sagt: „Als Theologe und Philosoph ist Albert einer der außerordentlichsten Männer seines Jahrhunderts, ja vielleicht aller Zeiten vor ihm." Ritter, welcher in der Geschichte der Philosophie auch der Scholastik wieder die gebührende Beachtung und Achtung geschenkt und mit unsäglicher Anstrengung die Schriften und den Geist der Scholastiker sich aufzuschließen gesucht hat^), der darum auch mehrere Schriften des Albertus wieder selbst gelesen^), widmet in seinem berühmten Werke auch dem Albertus eine sehr ausführliche Betrachtung und Würdigung. Er preist seinen unsäglichen Fleiß in Bewältigung des ganzen Materials der Vorzeit, die Selbstständigkeit seiner Forschungen selbst dem Aristoteles gegenüber, die Allseitigkeit seiner wissenschaftlichen Bestrebungen und sagt unter Anderem Z: „Eines solchen Fleißes bedurfte es, um in das mächtige Gebäude der aristotelischen Schriften ciuzn- dringen, dazu auch die Lehren seiner Ausleger, wie sie hausenweise 1) Geschichte der Deutschen. 3. Ausl. Stuttgart 1837. S. 357. 2) Literärgeschichte. 3) Handbuch der Literärgeschichte aller Völker der Welt II, 2, 1. S- 244. 4) Geschichte der aristotet Schriften im Mittelalter. Deutsch v. Stahr. Hci- delb. 1831. S. 284. 5) Zu beklagen ist bei Ritter nur der Mangel an Kenntniß der katholischen Theologie, ohne welche das volle Verständnis? der Scholastik wohl eine Unmöglichkeit ist. 6) Er sah ein die Lumina tlreoloAiao, die summa äs ercaturis, die plriloso- xkia xauxerum (?) und studierte die kleineren Schriften äe natura et orixine ani- mae, cts uuitats iutelleetus contra tvverroern, äs intclisctu et intelliglliili, äs causa et proeessu universitatis. Vgl. Rttter's Geschichte der Philosophie, 8. Thl. Hamburg 1845. S- 184—250. 7) A. a. O. S. 185. Wie die Menschen das Andenken des sel. Albertus feierten. 281 diesem Zeitalter herbeiströmten und wenigstens mittelbar auch die ganze übrige Philosophie der Vorzeit sich anzneignen, ohne dennoch von diesen Massen der Neberliefcrnng sich überwältigen zu lassen. Die Erklärungen, die Albert auch zu den heiligen Schriften, zum Petrus Lom- bardns schrieb, seine Summe der Theologie, seine erbaulichen Schriften könnten vielleicht dieser großen Ausgabe fremd scheinen, aber sie geben Zcugniß von dem Geiste, in welchem er die Ucbcrlieferung der alten Philosophie anszuhalten vermochte, ohne sich von ihr fortreißen zu lassen. Es kam nicht bloß darauf an, die Philosophie des Aristoteles zu kennen und abznschätzen, sondern der größere Theil der Arbeit bestand darin, sie in den Gedankenkreis einzuführcn, welcher sie in der abendländischen Christenheit erwartete. Das hat Albert der Große gethan; ihm ist* die aristotelische Philosophie keine fremdartige Ueber- liefernng; er weiß, was von ihr gebraucht werden kann, was zu verwerfen ist. Ebenso stellt er sich den arabischen Aristotelikern und dem Plato gegenüber. Wir müssen es gestehen, daß er eine Aufgabe gelöst hat, deren Lösung man kaum von einem Menschen erwarten möchte. Alle spätere Philosophie des Mittelalters beruht auf seinen Erfolgen." Später sagt Ritter abermals: „Wir erkennen an ihm einen Mann, der durch Fleiß und Selbstständigkeit der Forschung für seine Zeit in der Geschichte der Naturwissenschaften einen ausgezeichneten Rang behauptet. — Fügt man hinzu, daß er darüber die dialektischen Untersuchungen und sein System der Theologie keineswegs vernachlässigte, so wird man den umfassenden Geist des Mannes zu würdigen wissen. In dieser Hinsicht ist ihm kein Scholastiker zu vergleichen. Thomas von Aguino und Duns Scvtns haben sein theologisches System in Schatten gestellt, Roger Bacon hat ihn vielleicht in scharfsinniger Erforschung der Natur mittelst der Mathematik übertroffen; aber alle diese Männer benutzten seine Vorarbeiten und keiner von ihnen hat beide Seiten der Forschung so znsammenznhalten gewußt, wie er." So urtheilt Heinrich Ritter. Alexander von Humboldt, der rnhmgekrönte Fürst der modernen Naturwissenschaft, der in seinen Forschungen oft der Gestalt unsers Albertus begegnet, weiht seinem Andenken öfters warme Worte der Anerkennung und selbst der Bewunderung. So sagt er in seinem trefflichen Werke über die historische Entwicklung der geographischen Kenntnisse von der neuen Welt'): „Albert der Große zog es bereits durchaus nicht in Zweifel, daß die Ober- 1) Deutsch von Jdeler, Berlin 1852. I. Bd. S. 66. 282 Kapitel XXXVI. fläche der Erde bis zum fünfzigsten Grade nördlicher Breite bewohnt sei, während noch hundert Jahre früher Edrist wie Aristoteles den gelammten bewohnten Theil der Erde in die nördliche gemäßigte Zone verlegte. Albert bei seinem Eifer, die Schriften des Aristoteles, welche durch die Araber in Spanien und durch die arabistrenden Rabbinen allmählich sich zu verbreiten begannen, bekannter zu machen, wurde für das christliche Europa dasselbe, was Avicenna für den Orient gewesen war. Seine verschiedenen Abhandlungen sind mehr als bloße Paraphrasen aristotelischer Werke. Die erwähnte Schrift: Illbsr AsoZraplüsus äs natura losoruin ist ein Abriß der physischen Erdkunde, in welchem der Verfasser, nicht ohne Scharfsinn, entwickelt, wie der Unterschied der Breite und die Beschaffenheit der Erdoberfläche gleichzeitig die Verschiedenheit der Climate bedingen." In einer Note fügt Humboldt bei: „Die Bemerkungen und Schlußfolgen Albert's über die größere oder geringere Wärme, welche durch den Einfallswinkel bedingt wird, und deren Veränderlichkeit mit den Breitegraden und Jahreszeiten, sowie über die Kälte und Wärme erregenden Wirkungen der Gebirge sind für die Epoche, in welcher dieser durch seine ausgedehnte vielumfassende Gelehrsamkeit ansgezeichnete Mann lebte, überaus merkwürdig." Später erzählt dann an derselben Stelle Humboldt noch, daß man in der Lehre des Albertus von der Bewohnbarkeit der Erde bis zum 50. Grade südlich später (drei Jahre nach dem Tode des Amerigo Vespucci) eine durch die Seefahrt des Vespncci erfüllte Prophezeiung gesehen hat. Ferner schrieb Alexander von Humboldt in einem Briefe an Ernst Meyer in Halle über unfern Lehrer: „Ich habe mich, als ich meine Geschichte der Entstehung der allgemeinen Weltansicht bearbeitete, in Paris viel mit dem großen Manne beschäftigt, ja noch neuerlichst im Uxrunsn oriO^us äs In Osograpllis äu (juiurisius sissls gezeigt, wie z. B. sein Werk äs natura, losoruiu den Keim einer trefflichen physischen Erdbeschreibung enthält, wie Albert der Große scharfsinnig den Einfluß erkannte, den nicht die Breite allein, sondern die, die Wärmeausstrahlung mvdificirende, Gestaltung der Oberfläche auf die Climate ausübt. Am gründlichsten und rühmlichsten ist diese herrliche Figur des Mittelalters wohl von Jourdain behandelt worden Z." >) Vgl. L-chlechtendals Ltnnäa Bd. X., S. 659 u. Bd. XI. S- 547. Wie die Menschen das Andenken des sel. Albertus feierten. 283 Auch im Kosmos ') thut Humboldt des Albertus Erwähnung, indem er sowohl dessen Schwächen als dessen Vorzüge anführt. Er sagt: „Albert hat ursprünglich ans unedlen Metallen edle machen wollen. Dazu seine Experimente. In der natura looornrn spricht er über Clima, Sonneneinfallswinkel und Wärme ganz überraschend. Aber er meint noch, aus Roggen könne noch Weizen, aus verfaulten Buchenblättern Birken, aus Eichcnzweigen Weinreben werden." Endlich können wir nicht unterlassen, einen geistreichen Lobredner des Albertus in der neuesten Zeit anzuführen. Es ist dieses Professor Or. Erdmann in Halle. Er hat in einer geistsprühcnden Rede ch auf die hohe Bedeutsamkeit des Albertus für die Philosophie aufmerksam gemacht. Er nennt hiebei den Albertus, Paracelsus und Jakob Böhme als die eigentlichen Typen der deutschen Philosophie. Er sagt nach manchen witzigen Bemerkungen von Albertus : „Der Gottfried von Bouillon in diesem Kreuzzuge der Ideen ist Albert der Große. Er bildet den Kanal, durch welchen die Blüthe der griechischen Philosophie, die Lehren des Aristoteles, durch den ferner die Philosophie, welche aus dem Judenthnm nach seinem Contakt mit griechischen Ideen hervorgegangen war, die sogenannte alcxaudrinische Philosophie, Eingang in's Mittelalter gewinnt. Beide hatten, aus der christlichen Welt vertrieben, bei den Arabern Schutz, Nebersetzer und Erklärer gefunden. Von jüdischen Aerztcn ans dem Arabischen in's Lateinische übersetzt, kamen nun diese Schriften mit den Erklärungen der Muselmänner in Albert's Hände und mit welchem Fleißc er sie studiert hat, zeigen die 21 Folianten, in denen er großenthcils nur ihre Lehren vertheidigt und erläutert (!). Es ist ein merkwürdiger Anblick, wenn man als Schüler zu den Füßen des Erzhciden Aristoteles den großen Kirchenlehrer fitzen sieht, der (als wäre Aristoteles noch nicht nnchristlich genug) ihn sich von Antichristen cvmmentiren, von Inden intcrpretiren läßt und dann mit gleicher Ehrfurcht Bibelsprüche, Lehren des Aristoteles, Anssprüche der Kirchenväter, des Avicenna und des jüdischen Arztes David anführt, um die Wahrheit der katholischen Lehre zu beweisen. Merkwürdig, aber nicht unbegreiflich; denn es handelt sich eben darum,-den ganzen Kreis der Ideen nichtchristlichcr Weltweisheit in die Dienstbarkeit des 1) Bd. II., 234. Und Aich. 466. 2) lieber die Stellung deutscher Philosophen zum Leben. Berlin 1850 bei W. Herz. Auch in dessen gesammelte Schriften ausgenommen. 3) Seite 32. 284 Kapitel XXXVII. christlichen Geistes zu bringen. Versteht man, wie dieß gewöhnlich geschieht, unter scholastischer Philosophie die Versuche, griechische, namentlich aristotelische Philosophie mit der Kirchenlehre zu verschmelzen, so wird man Albert (so wenig haben seine Vorarbeiten den Nachfolgern zu thun übrig gelassen) den größten Repräsentanten derselben nennen müssen. — Auch was die Behandlnngsweise der Philosophie betrifft, die seinen, haarspaltendcn Begriffszerlegnngcn nämlich, hat es keiner der Folgenden dem Albertus um so viel, als er den Früheren, zuvorgethan. — Auch der Gebrauch einer strengen, größtcntheils aristotelischen, dann, oft schlecht genug, in's Deutsche übersetzten Terminologie, die noch jetzt in der deutschen Philosophie unentbehrlich ist, läßt sich auf die Scholastik und ihren großen Ahnherrn znrück- führen: Der allergrößte Theil der philosophischen Kunstausdrücke, die bei Kant und den Spätern Vorkommen, findet sich schon bei AlbertZ." Und so, sehen wir, haben alle Jahrhunderte Kränze des Lobes und der Anerkennung auf das Grab nnsers großen Meisters gelegt. Männer aller Zungen, aller Fächer, aller Bekenntnisse haben ihm ihre Huldigung nicht versagen können. Alle find darin einstimmig, daß ihm der Name des Großen mit vollem Rechte beigclegt werde, daß er ein Wunder der Gnade und der Wissenschaft in seiner Zeit gewesen! — Kapitel xxxvn. Von der Verehrung, die dem seligen Albertus in der Kirche zu Theil wurde. Zn dem Lobe der Welt, das dem großen Albertus in so reichlichem Maße zugefallen, kam aber noch eine Anerkennung von weit höherem Werthe, die Bestättigung seiner sittlichen Vollkommenheit durch den 1) Prof. Erdmann ergicßt sich also in Lobsprnchen auf Albertus. Doch ist dieses Lob dadurch von geringerem Werth, weil er den Albertus selbst offenbar fast nicht kennt. Alles, was er über dessen Leben vorbringt, ist unrichtig oder schief aufgefaßt. Wenn er sagt, die 21 Folianten enthielten fast nur Vertheidigung der aristotelisch-arabischen Philosophie, so sieht man, daß er diese Bände nur äußerlich sich angesehen, denn im Innern hätte er gefunden, daß nur sechs Bände der Philosophie gewidmet seien, die andern aber theologische und ascetische Themen behandeln. Von der Verehrung des sel. Albertus in der Kirche. 283 Mund der Kirche. Während die Welt nur seine natürliche Begabung, seine irdische Größe und die Eroberungen, die er durch den emsigen Gebrauch der natürlichen Kräfte auf dem Gebiete der Wissenschaft gemacht, bewundert, nimmt die Kirche nur Rücksicht auf die übernatürliche Verklärung der menschlichen Persönlichkeit durch das Licht der Gnade, auf das Lebenskunstwcrk, das durch das Zusammenwirken der menschlichen Freiheit und der göttlichen Liebe zu Stande gekommen. Während die Welt den gewaltigen Umfang und die Tiefe seiner Erkenntniß anstaunt, hat sich die Kirche über die Vollkommenheit seines Willens, über seine Treue gegen das Gesetz des Herrn, über die Heiligkeit seines Lebens ausgesprochen. Vom Tode des seligen Albertus an war der Glaube an seine Glorie im Himmel an den Orten, wo er geweilt, allgemein verbreitet. Die Verehrung desselben entwickelte sich allmählich, indem einzelne Gläubige in ihren Nöthen zu ihm ihre Zuflucht nahmen, oder sein Grab mit Andacht besuchten. Ungefähr fünfzig Jahre nach seinem Hinscheiden wurde auch bereits die Frage über die Canonisation des Albertus angeregt. Wie Rudolph berichtet Z, hat der Papst Johann XXII. (st 1334), der große Freund der Wissenschaften, über die Heiligsprechung des Albertus Untersuchungen angeordnet. Wahrscheinlich war es, als dieser Papst den hl. Thomas von Aquin in das Verzeichniß der Heiligen der Kirche i. I. 1323 eintrug. Doch wurde damals aus unbekannten Gründen der Prozeß nicht zum Ende geführt. Unterdessen nahm in Köln, der Hauptstätte des Wirkens unsers Albertus, dessen Verehrung unter dem Volke immer mehr zu. Und als dann in Folge der wachsenden Devotion die Eröffnung des Grabes geschehen war, als man die Leiche im Ganzen noch wohlerhalten gefunden hatte, und als mehrere Heilungen am Grabe des Seligen geschehen waren, wurde mit Erlaubniß des Papstes Junocenz VIII. ein Officium zu Ehren des Albertus verfaßt?), ein Altar errichtet 1) Prussia sagt bloß: Ouvr beatus Dlromas ezus ciiscipulus 8anctoruir> aä- scriberetur Latalo^o, äe Ltberti etiaur Oauonisatious ut aiunt tractabatur; liest propter nsgsiiAelltianr tratruru, gui causam non agitabant, prosccutions careret. V. ^.Ib. p. 220. 2) Petrus de Prussia hat die Geschichte im Chor zu siugeu ganz gemacht, die Antiphonen, Lektionen, Nesponsorien, Hymnen, die Messe mit Sequenzen arm» 1487. So heißt es in einem Berichte aus Köln an den Bischof Albert von Negensburg: Die Originalakten über das hier Gesagte und das Folgende finden sich noch in Regensburg. 286 Kapitel XXXVlI. und sein Sterbetag alljährlich in den Klöstern zu Köln und Regensburg feierlich begangen. Im Beginne des stebenzehntcn Jahrhunderts nahm sich ein bayrischer Fürst und Bischof, der den Namen des Albertus und große Verehrung zu ihm trug, wieder mit allem Eifer und mit der Ausdauer des bayrischen Charakters, der Sache an. Es war Albert IV., Graf von Törring und Bischof von Regcnsbnrg (f 1649). Zuerst (i. I. 1616) wandte er sich nach Köln mit der Anfrage, wie daselbst das Fest des Albertus begangen werde. Zwei Jahre später stellt er an die Predigermönche zu Köln die Bitte, ihm das Haupt oder die Hirnschale vom Leibe des Seligen zu geben, da er es in kostbarem Gefäße im Dome anssctzen wolle. Doch die Dominikaner zu Köln konnten sich von dem theuern Schatze nicht trennen. Um nun doch den Fürstbischof einigermaßen zu befriedigen, nahm der Generalbevollmächtigte der Prediger, Thomas Marmns, das Gebein des linken Armes aus dem Grabe des Seligen und sandte diese Reliquie nach Regensburg am 18. Jänner 1619. Um dieselbe Zeit stellte der Bischof von Regensburg in Rom bei dem Papste Paul V. die Bitte, daß das Fest des seligen Albertus, das in Köln und Regensburg bereits gefeiert werde, auch auf die ganze Diöcese Regensburg ausgedehnt werden möge. Lange aber zieht sich sofort die Verhandlung hin. Die Kongregation in Rom, an deren Spitze der berühmte Bellarmin ') steht, antwortet zuerst, es sei über die Beatification und die Wunder des Albertus in Rom nichts bekannt. Es müsse also erst ein Prozeß eingeleitet werden. Man sei aber dazu geneigt. Sofort wurde von Regensburg aus nachgcwiesen, daß das Fest unter großem Concurse des Volkes bereits lange bei den Dominikanern zu Regensburg gefeiert werde, ebenso zu Köln unter Beiwohnung der Universität und des Volks, daß Albertus in den alten Büchern und Matyrologien schon den Titel Beatus führe und Wunder von ihm bekannt geworden. Der Bischof Albert sendet einen eigenen Kapellan, Menzl, nach Rom, um die Sache eifrigst zu betreiben. Zugleich bittet er den Herzog Wolfgang Wilhelm von Neuburg, den Churfürsten Maximilian in München und den deutschen Kaiser Ferdinand, sich für ihn in Rom zu verwenden. Das geschah auch im Jahre 1622. Endlich, nachdem die Untersuchung alle Stadien durchlaufen, erklärte der Papst Gregor XV., der unterdessen aus 1) Dessen eigenhändige Briefe an den Bischof Albert sind von großem Interesse. Von der Verehrung des sel. Albertus in der Kirche. 287 Paul V. gefolgt war, am 15. Sept. 1622, daß die Kirche von Regensburg alljährlich am 15. November zn Ehren des seligen Albertus feierlichen Gottesdienst halten dürfe Z. Damit war ausgesprochen, Albertus sei unter die Seligen der Kirche zu rechnen, er habe durch heroische Tugenden geblüht und sei durch Wunder verherrlicht worden. Daraus (1627) machte Bischof Albert noch eine Stiftung (500 fl.) mit Bewilligung des Papstes, damit das Fest des seligen Albertus auch jährlich im Chore des Domes zn Regensburg gefeiert werde. Von da an wuchs die Verehrung des Seligen abermals in der Kirche. Auf viele Bitten hin dehnte Papst Urban VIII. jenes Privilegium der Regensburger Kirche auf alle Häuser des Ordens aus, die sich im römischen Reiche (Deutschland und Italien) befinden. Endlich gab Clemens X. noch die Erlaubniß, den Todestag des Albertus in allen Ordcnshäusern der Dominikaner zu feiern, so weit die Christenheit sich erstreckt. Die Heiligsprechung des seligen Albertus ist aber nicht mehr erfolgt, wohl weil wegen Ablaufs so langer Zeit die nöthigen neuen Untersuchungen nicht mehr gepflogen werden konnten. So haben viele Päpste das Andenken des Albertus als ein gesegnetes erklärt und den Ausspruch gethan, seine Seele sei ohne Zweifel in die Herrlichkeit Gottes eingegangen. Und wie von nun an das Fest des Albertus in der Diöcese Regensburg gefeiert wurde, die er einst so glücklich geleitet, so war bald auch in Köln und an vielen andern Orten bis zur Zeit der Säkularisation der fünfzehnte November ein glanzvoller Tag. Das frohe Ereigniß der Seligsprechung des Meisters Albertus wurde in Köln sogleich i. I. 1624 mit Hochamt, Prozession und Festrede auf den Albertus begangen, wobei der Magistrat, die ganze Universität und der päpstliche Nuntius gegenwärtig waren Z. Vom Jahre 1662 an wurde aber der 15. November mit großer Solennität in der Domiuikanerkirche zn Köln begangen. Die Professoren, Doktoren, das Albertisten-Collegium und die drei Gymnasien der Stadt fanden sich immer ein und stellten sich neuerdings unter den Schutz des großen Meisters der Wissenschaft. Von da an wurden auch Altäre zu Ehren des Seligen in 1) So Altamura 55 und Vie den saints tom. VIII. I?aris «Mer Doms denneau. 1739. Dagegen zeigen die Regensburger Urkunden, daß i. I. 1623 die Entscheidung noch nicht bekannt geworden sei. 2) Vgl. v. Bianco S. 51. 288 Kapitel XXXVIII. mehreren Städten (Negensburg, Köln, Lauingen) erbaut, und der ganze Orden betete am 15. November das eigene Officium vom seligen Albertus, das die Lektionen aus dem Buche der Weisheit, die Lebensgeschichte nach Prussia und das klebrige ans dem Commune der heiligen Bischöfe enthält mit der Oration: „Erhöre, wir bitten dich, o Herr, unser Flehen, das wir vor dir am Feste deines seligen Bekenners und Bischofs Albertus ausgießen, und wolle uns im Hinblick ans die Verdienste dessen, der dir würdig zu dienen die Gnade hatte, von allen unsern Sünden erlösen. Durch unfern Herrn Jesus Christus. Amen." So hat also die Kirche selbst den vielen Ehren die Krone aufgesetzt, die die Welt dem großen Albertus zugetheilt. Die Kirche hat erklärt, daß der gewaltige Mann der Wissenschaft auch die Tugenden des höhern übernatürlichen Lebens, den Glauben, die Hoffnung und die Liebe, in außerordentlichem Grade gezeigt; sie hat erklärt, daß er auch durch Weisheit, Mäßigung, Tapferkeit und Gerechtigkeit allen vorangelenchtet, daß Gott aus die Vermittlung dieses Seligen wahrhaft Wunder gewirkt, über die Naturentwicklung hinansliegende Erscheinungen hervorgerufen habe. Wissenschaft und Heiligkeit, die höchste Auszeichnung im Gebiete des Erkennens und Wollens, sind also die beiden Kränze, die das Haupt des Albertus zieren, so lange die Kirche Gottes Bestand haben wird! Kapitel xxxvm. Die Schriften des seligen Albertus. Das großartigste Denkmal auf Erden hat sich Albertus selbst erbaut in seinen Schriften, die er über alle Zweige des menschlichen Wissens geschaffen hat. Ihre Zahl nur in annähernder Weise zu bestimmen, wird wohl für immer unmöglich seyn, da kein Verzeichniß seiner Zeit vorhanden ist, Vieles ungedruckt geblieben, Manches noch in Bibliotheken verborgen liegt und manches fremde Produkt unter die Reihe seiner Schriften gezählt worden ist. Beruht auch die Angabe des Labbö auf einer poetischen Hyperbel, daß Albertus der Welt achthundert Bücher geschenkt habe, so daß er allein alle Bibliotheken Die Schriften des sel. Albertus. 289 ersetze ft, so ist doch so viel gewiß, daß er eine ungeheure Fülle von Schriften verfaßt, daß er an Fruchtbarkeit wohl alle Schriftsteller ft der Welt übertroffen habe. Er schrieb über alle menschlichen und göttlichen Dinge mit umfassender Gelehrsamkeit. Die Mehrzahl der Bücher des Albertus haben wir schon in der Betrachtung feines Lebens kennen gelernt. Aber eine Menge andrer, über deren Entstehungszeit keine Kunde vorliegt, haben wir dort nicht einznflechtcn vermocht. Es ist daher wohl nothwendig, daß wir hier ein möglichst vollständiges Verzeichniß der Schriften des Albertus zu entwerfen suchen ft. Und zwar werden wir uns hiebei größtenthcils an das Verzeichnis; von Peter Jammy halten, der die erste und einzige Gcsammtansgabe der Werke des Albertus i. I. 1651 in 21 Folio- bändcn besorgte ft, mit Benützung selbst der vatikanischen Bibliothek und der früher erschienenen Drucke einzelner Schriften des seligen Meisters. Wir werden I. die wahrscheinlich ächten Schriften auszäh- lcn, die in der Lyoner Drnckausgabe erschienen sind, dann II. die ächten, welche dort fehlen, einzeln im Druck erschienen oder nutz ed ruckt blieben, dann III. die sicher nnächten, welche theils gedruckt, theils ungcdrnckt dem Albertus mit Unrecht beigeschriebcn sind. I. Die ächten gedruckten Schriften des Albertus. Wir können dieselben nach dem Vorgänge des Dominikaners Jammy in zwei Klassen theilen, 1) in solche, welche sich auf die Philosophie oder überhaupt auf natürliche Dinge beziehen und 2) in solche, welche theologischen Inhalt haben. Zur ersten Reihe gehören alle Schriften, welche in den ersten sechs Bänden der Lyoner Ausgabe enthalten sind, nämlich: 1) Implovit ordern oeting'sntm Voluminidus, 8Ltis ninrm omnibu8 Liblio- Meeis. Bei kabric. Libi. Neä. et Ir>1. kat. lib. I, 114. 2) Chrysippus, Epicur, Aristoteles, Origenes, Augustinus, Duns Scotus werden ihm am Nächsten kommen. Doch war keiner so universell wie Albertus. 3) Wir benützen hiebei die Arbeiten von Jammy (kroemium), von Fabricius (bibliotbeca nieäiao et iiiüirr. katiiritaÜ8 lib. I, p. 114—122) und besonders die erschöpfende Arbeit von I. Quetif in den Script. Orll. Vvminic. I, p. 171 — 183. In letzterem Werke sind die Fundorte der Handschriften und die DrnckauSgaben der einzelnen Werke genau angegeben. Ebenso ist benützt die Abhandlung von I)r. O. Oboulairt im Janus von Henschel, Jahrg. 1845. p. 127—160. und das Handschrif- tenverzeichniß der kgl. Hof- und Staatsbibliothek zu München. 4) Opera b. Xiberti NaZni, O. kr. oll. ketrus llainnix. Img'äuni 1651. Dom! XXI. Sighart, Albert d. Große. 19 290 Kapitel XXXVIll. Der erste Band umfaßt die logischen Abhandlungen: Os Orae61eaI>111I>u8. Draetatus IX. Os 6sssm I'ros61colueutis. Drost. VII. Do ssx Vriusipiis Oiiberti Oorretanl. Draot. VIII. In libros äuos Xristotslis eie Interpretatlone, sive peil Irsriusulas. Draet. VII ^). Oe 8^IIoAi8lno siiuplisitsr, 16 68t super Orlorum Vuol^tleoruiu libruin. Draot. XVI ch. Oe Oeinonstrotlous, 16 L8t ln Oasterloruin Xnal^tleornin lllirnin. Drost. X 3). 8uper Dopleorurn Illrrl VIII ^). 8uper 111>ro8 6uv8 6e 8op1n8tiel8 Oleuelils ^). Der zweite Band enthält die physikalischen Abhandlungen^): In I1I>r08 ooto 6s Ob^eleo anclltn. Oe Ooelo st Nnnelo Ilbr. IV. Oe Oeneratlons et Oorrnptlons Illn'1 II. Oe Äleteoris IH»r1 IV. Os Nlnsrallbne III). V. Der dritte Band enthält die Schriften über Psychologie und Metaphysik: Os anllna llbrl tres. Vletapü^sleorum Illnl XIII. Der vierte Band ist ethischen und politischen Inhalts: Otlneornm Xleoinaelüornin Ilbrl X. Oolltioornin 111>r1 oeto. Der fünfte Band enthält die kleineren physikalischen Abhandlungen (Oarva Xaturalia): Os 8SN8N et 8SN8atO III). I. Oe Vlemorla et Xsm1nl8osntia Ilb. I. Os 8oinno et ViZIlla I1l>. I. Oe Vlotil>n8 g-nlinnllnin 11l)rl 6no. Oe Xetote, sive 6e )uventnte et seneetnte lili. I. 1) Kostete in Paris i. I. 1303 XIDI xoeiis. Serixt. Orä. Dom. I, 172. 2) Kostete XVIII poc. 3, Ebenso XXI xeo. 4) XXI pee. 5) XVI pee. 6) Die kli^sies und NetaiNr^siea erschienen auch in eigener Ausgabe von M. Anton Zimara zu Venedig 1517—19. 3 Bde. Die Schriften des sei. Albertus. 291 Do Lpiritu ot IIo8pirntion6 lil. II. Ds Vlorts 6t Vits, lil. I. De Xntriinsnto st Xutridili lil. I. Ds Xntnrn st Ori^ins nniinns 1il>. I. Ds nnitnto Intsllsstns, oontrn Xvorrosrn lib. I. Ds Intsllsstn st intslIiZibili lib. II. Ds Xntnrn losornin iii>. I. Ds ennsis st propristntilns DIsinsntornin lib. I. Ds Dnssiollilus Xsris III. I. Ds VsAstnIilibns st Dlnntis lil. VII. Ds Drinoi^iis inotns pro^rsssivi III. I. Ds Droosssn Ilnivsrsitntis s. Onusn prinrn III. I. 8jrsonlurn X8tron»nriourn'). Der sechste Band enthält die Zoologie: Oxns insiZns äs Xniinnlilns, iüiri XXVI. Die zweite Abtheilung der Schriften des Albertus umfaßt diejenigen, welche theologischen Inhalt haben. Nämlich im siebenten Band sind enthalten: Ooinuasntnrii in Dsnirrios. Im achten Bande: Oonnnsntnrii in Dirrsnos ,Iorsinino. Oornlnentnrli in Lnruslr. Oorninsntnrii in Dnnislsrn. Ooininsntnrii in XD Droxlrstns Vlinorss. Im nennten Band: (üoininsntnrii in VluttliLSNin. Dorninsntnrü in Narsurn. Im zehnten Band: Oorninsntnrii in Dnsnrn. Im elften Band: Doininsntnrii in -lonnnsin. Dostilntio sivs Doininsntnrü in Xpooni)^)8iin. Der zwölfte Band enthält: Lsrrnonss cis tsnr^ors. Orntionss supsr Dvnn^slin Doininisnlin totius nnni. 8srrnonss 6s Lanstis. 1) Von Manchen wird die Aechtheit bezweifelt, äußere Gründe dafür. Doch sind mehrere innere und 19 * 292 Kapitel XXXVIII. 8sririoirs8 XXXII äs 8norg.rri6irto Dnslraristins. Distsr äs rnulisri korti. Der dreizehnte Band bietet: Ooirririeirtg-rii irr L. Dion^sirrirr XrsopmAitnin st. Der vierzehnte, fünfzchnte und sechzeh n te Band enthalten: Doirrinsirtnrii In listruirr I, II, III und IV 8sirtsntiurrr»rr lVln- Aistri. Der sieben zehnte Band enthält: Drirrrn Vars 8uirrmns Hisolonisus. Der achtzehnte Band: 8ssrtirän Dnrs 8uinmus DstsoloAisns. Der neunzehnte Band: 8nirrmn äs Drsntrrris, äivisn in änns Dnrtss, c^unrunr xriuin. sst äs ^rrutrror ooasvis, LIntsria xriirrn, Dsirrxors, (loslo st Xu- Aslo, ssorrirän sst äs Hornins. Der zwanzigste Band: Llrrrinls sivs (^rrnsstioirss 60XXX snxsr DvarrZ. Vlissus 68t st. Der einundzwanzi gste Band enthält vermischte Abhandlungen (Vlisssllnirsn): Ds »(»prelisnsioirs et UMrsstsnsioiris irroäis III». I st. IäiiIo 80 ^I»in pÄrPsrura, sivs IsnZOAS in listros Xristotslis äs Dir/- siso aoäim, äs istoslo st lVlurräo, äs Aeasrntioiis st sorru- ptions, äs LIstsoris st Xniraa. Ds 8nsrilioio Nissns list. I. Ds 8Lsrain6nto Dusstnristins list. I. D-umäisos nirirrins sivs äs Virtrrtistus listslins. Ds rrästnersiräo Dso listsllus st. Dieses sind die in die Gesammtausgabe der Werke des Albertus aufgenommcnen, wahrscheinlich ächten Schriften des Meisters. Es werden aber noch II. viele ächte Werke des Albertus von den ältesten und besten Autoritäten, von Tholomäus de Luca, Pignon, 1) Das noch ansgcnommene Werk: tlompenäium tlreolossicas veritatis gehört nicht dem Albertus, sondern dem Hugo von Straßburg an. 2) Die beiden andern hier gebotenen Schriften: Vs lauäibus Leatae Norme Virgsinis lib. XII und Liblia Narisua (?) sind nicht von Albertus. 3) Ist zweifelhaft, nach Quetif unächt. Es ist oft gedruckt unter dem Titel: Lumina Xaturalium, ein Handbuch der Physik für die Studierenden. 4) Die noch eingefügten Schriften; Oe Xlek^mia libellus und Scriptum super arborem XristoteUs sind entschieden unächt. Die Schriften des sel. Albertus. 293 Valleoletanus und Prussta genannt. Diese Schriften sind, einige ausgenommen, bisher nicht zum Druck gelangt, sondern verloren oder in den Bibliotheken liegen geblieben. Doch sind wohl viele nur Auszüge ans den vorhingenanntcn Werken. Dahin gehören die Werke: 1. 8uper totnru iüidiniu per luoduiu postilias. 2. 8upsr aliquot iibros st tsxtus vetsris et uovi tsstnrueuti. 3. Oostiilae super ,Ioi>. 4. 8uper Onutiea. 5- 8uper Isniniu. 6. 8r>per dereruiruu et Orreeiüoloiu. 7. 8uper OMU68 epistoias O. Onuii npostoii. 8. Oontrn Ouiiisiuistgs irupuguautss religiöses. 9. Imitier luuitnruiu (penestiouuiu detsriuiuntivus nd Onrisieusss. 10. Viuitns prosne seu see^usutins st niia dsvotn, iuter Irns prosn eis Driuitnte, «pure iueipit: I'roliteutss uiütntern. (In den alten Missallen des Ordens.) 11. Ouuru otlieiurn eis eorpors (Üiiristi, epiod non est irr usu eoiu- uruui biceiesine eure diversis prosis eie eodeiu snernuieuto. 12. 8uper liOruiu Oiou^sü eie diviuis uoiuiuiOus. 13- Oi6er eie nrts praeciieaucii. 14. Oiber eis repnrntioue uonuuis iapsi. 15. De iougitudiue et drsvitate vitas (?). 16. Oe eiitiereutür Spiritus et nuiiune. 17. Oibsr XV gunestioiuuu eoirtrn nverroistas. 18. Oe uuitnts loriuns (Wohl aus der Summa?). 19. Oe iapididus et Irerdis (Aus der Mineralogie und Botanik?). 20. Os rnounstien iiiiri puiugus et eis oseouoiuien iiiiri cpmtuor. 21. (^unestionss super iiiiros Otirieoruru (?). 22. Oibri ooto Ooiitieoruiu (?). 23- Oibri ciuo oseouoiuieoruiu (?). 24. OiOri ciuo lunguoruiu luoraliuru. 25. Oroielsiuntn Xristoteiis. 26. Oxpositio iu tres iiOros Oiretoriooruiu. 27. 8uuuun eis seisutia nritiiiuetien. 28. 8uiuiua eie soieutia ruusionii. 29. 8umrun eie seisutin gsoiuetriae. 30. 8uiuiua de seieutin perspeotiva. 31. 8uruiun eopiosissirun de astrouoiuin. 1) Das Berzeichniß größtentheils in den Script. Orä. ?rneä. I. 294 Kapitel XXXVIN. 32. OoinruOutwtio nritdmstiowo Uoktdü. 33. Ooiumeutwtio urusiono esusäsiu. 34. Ooiurusututio Osometriws Duoliäis. 35. In ^IiuwAestuiu Dtolomnsi. 36. In xsrsxootivg.ru ^.Igseuis. 37. Didsr äs sxdnsrg ruuuäi '). 38. Inder äs iiugAiuidus gstrolo^oruru. (Wohl ein Auszug aus dem sxssuluru gstrouoiuiourn oax. 10.) 39. Lumina, udi imxrodwvit soisutigs rugAisas, usAromgntigm, Asoiugutigiu, d)'(1romautiaiu, aeremantiain, xvoomgutigiu, gurisxioigiu, dorossoxiogiu, au^urium, ruglsäsia, sortilsZig, xrasstiZig imxuZugvit. (Wohl aus dem sxssuluiu gstrou. ogx. 16?) 40. leider äs natura Dooruiu in xlurss partes sivo lidsllos äi- stinetns. 41. leider äs domius irninortali. (Vielleicht dasselbe mit dem Werke äs oriZine et innnortalitats anirnae?) 42. leider äs äuoäsoiru glxdadstis. (Wohl aus der Naturgeschichte des Albertus zusammengestellt, die Mineralien, Pflanzen, Viersüßer, Vögel, Fische, Schlangen u. s. f. alphabetisch anfge- Mt.) 43. Inder äe inZenns xur§guäis et sriZsiräis, d. h. über Maschinen zur Hebung des Wassers oder andrer Lasten. Diese Maschinen hießen in Frankreich,en§ins, was man mit inZenia übersetzte. Der Universität Paris hatte Thomas von Aquin ein solches Werk versprochen, äe acpraruru änetidns et iuAsuiis eri- Aenäis 2). 44. De loZioa sivs äialsetioa. Ob verschieden von den gedruckten logischen Werken? 45. Luxer Loetdii lidruiu äe äivisiouidus. 46. Luxer lidros xosterioruiu xer luoäuiu sxxositiouis literalis. 1) Albertus sagt selbst, daß er alle physischen und mathematischen Wissenschaften vor der Metaphysik in lateinischer Sprache behandeln werde, indem es am Anfang seiner Physik heißt: Oum sint tres partes essentiales xlrilosoplriae, klr^siea, Ne- taplr^sioa st lVlatliematiea, intentio nostra est, ornnss praeäietas partes taeere I,at!nis intslligidiles. l?rimo eompledimus Oso clante seientiarn naturalem, äeinäe loguemur äs matlreinalieis omnidus, et intentionem nostram in seientia äivina tiniemus. kignon und Valleoletanns scheinen sie alle selbst noch gesehen zu haben, wie auch der spätere Prnssia. 2) Vgl. 8eript. Orä. Dein. I, 181. Die Schriften des sel. Albertus. 295 47. 8uiuiua Arniumnticnlis. (Os mocio siAuiüsnu4i?) 48. Imitier 4s nrts Itdetorisn. 49. Oxpositio in nutiguos 4ostors8 Araiuiuirtionlss, ssilicstOris- cinuuiu in innfori et ininori voluuüuidus, er alios nustorss. 50. Os iutslliASutüs st sudstnutüs separntis. Wohl nur ein Auszug aus der Metaphysik oder der theologischen Summa II. 5k. Inder 4s ineäieinu. (Auch genannt: ^Vldsrti sxpsriiusutn.) 52. Oidri 4s luniüeio, 4s ariunturn (Prussia sagt nrnturn), 4e nAri- eultura, 4s vsuntious, 4s nuviAntions, 4s tdsntrisn. Außer diesen von den ältesten Berichterstattern Pignon und Val- leoletanns schon gekannten Werken führen die Bibliothekare von Lyon i. I. 1646 noch folgende Schriften des Albertus, die übrigens wieder vielfach die schon genannten seyn werden mit veränderten Titeln oder in abgekürzter Form, als zu ihrer Zeit noch existirend, an: 1. Os ssripturg, snsrn. 2. blotulns super svnnAsdum dlnttdaei 4s spipdnuin Oomini 3. Oussio lunAistrulis O. dl. «Issu Odristi. 4. ^.uuotntiouss in 8. ^uZustiui lidros: Ooulsssiouuiu, 4s Tri- uitnts, 4s (prautitats et iiuiuortnlitnts nuiiunruiu, super 6sue- siiu, 4s 4isoipliun ssolssinstisn ste. Iu lidslluiu 8t. 4onuuis Odr^sostoiui, puo4 usiuo Ins4itur uisi n ssipso. 1u ssutsutias Orosperi. 5. Onduln supsr g^untuor lidros seutsutinruiu. 6. Os douo st untura, douoruiu (suuuun 4s douo). 7. Oe Zrntin Osi. 8- Os oriZius st iruiuortnlitnte uuiiuns Z. 9. Os sasrn tdeoloZia. 10. OdsoloZin positiva, inornlis, ssdolastien, lu^stisa, s^rudolisa. et sousiountorin. 11. Os tiurore luultiplici. 12. Ouediricliou 4s veris st psrtsotis virtutidus. (OarnOisus nuiiuas?) 13. Orntiouss supsr ssuteutins. 14. ^ru sxps4iat doiuiui vovsrs iuZrsssuiu iu rsligiousiu. 15. Os puntuor virtutidus snr4iunlidus. 16. Os nrts dsus iuorisu4i. 17. Onrvi traotatus ssilisst: Os lidro vitns. Os svnsuatious 1) Als Jncunabeldruck erschienen ohne Ortsangabe. 2) Gedruckt in Nürnberg 1493- 296 Kapitel XXXVIII. slmritatm. Os ordins sliaritatis in patria. Os virtntibns ourdinuli6u8. Os elonis. Os eornlnnations donornin. Os tiinors. Os ssisntia. Os saxisntin. Os vitim in eonunnni st sxsoinlitsr ds usni-n. Os insndaeio. (^noinodo dilksrrrnt inuimnstndo st inissrisoi'din. 18. Voluinsn nnnin ds snsrainsntis. 19- Ooncionss divsrsns. 20. Os doetrina diosndi st tussndi ')- 21. Os ntticio inissns. (Wohl dasselbe mit der Schrift: Os snsri- ösio NNS8N6.) 22. Oe orntions doiniirisu. 23. Oitunius ds tsnrp>ors st ds 8unsti8. 24. Orutinnsnlu de pmWone doinini. 25. Os in^8tsrÜ8 ini88us. (Wieder obiges?) 26. Os supnllitim O. V. st in illn vsrba: Regina anAsIornnr. (^uindssiin Zandiu VirAinis. (^uasstio ds spesulo iVInrias. 6onsions8 de II. V. 27. Ooininsntarius in santisnin NaZnikout. (Aus dem Kommentar zu Lucas?) 28. 8nrnnru II. V. st traetatus ds inart^rÜ8 8unotoruin. 29. Oe nntsprusdi6uin6nti8. Os sontinAsnti st ^ossibili. Os ^ 08 tp>rnsdisninsnti 8 . Os dsünitioniOus. (Aus den logischen Schriften?) 30. ISUAOAS in Olr^isunr (wohl die xliil 080 pliia pnnxsrunr, auch genannt: Ooinpsndiuin pdnlosoxlrias nutnralis, ^arva, 8NNNNL ^laturulinin?) 31. Os sorpori rno6ili sssundnin losuin. 32. Os 8SN8N eonnnnni et uliis potsntim aniinae. 33. Os avirnn natura, st Mudrup>sdi6n8. (Auszug aus dem Werke de aniuialnlibus.) 34. Os Iroinins st divsrsis efus deiinitionikus. (Aus der 8nnuna ds srsatnri« II.) 35. Oarvornrn naturaliuin tsxtns ourn ooininsnturio sx rVIbsrti doctrina eollssto psr 4oannsin ds ^IselrlinZa. 36. Os pierlsotione uniinas. 37. Idnlosoplüa nroralis. 38. Os dirsstions astrononrias st ds ustris. 39. ^.n lisitnrn sit nti fndisiis astrornni. 1) Erschien im Druck zu Paris. 1491. Die Schriften des sel. Albertus. 297 40. In opssuluin ustrolubisnin. 41. Opirsinsriäs8. 42. Oe ounsis. Nicht gleich dem Werke äs ennsis et prossssn nnivsrsitntis n onnsn prinru. 43- Oe si>te et essentiu. 44. Oe clivsrsis gnusstioniftus. 45. Vurius gnusstionss tirsologius et <1s nniversuliftus prinoixüs. 46. Oe lnto. Dasselbe, welches unter den Werken des hl. Thomas von Aquino enthalten ist. Alle diese Schriften, wovon aber, wie gesagt, viele wohl nur Auszüge aus seinen größeren Werken sind (so auch die Schrift äs Llso- nidus, N8tllridu8 st nooffntridns), tragen also den Namen des Albertus und gehören ihm möglicher Weise auch an. Dagegen wird auch eine Anzahl theils gedruckter theils ungedrnckter Bücher dem Albertus zugeschrieben, die offenbar sowohl nach dem Inhalt als nach gewichtigen äußern Zeugnissen von ihm nicht stammen. III. Zu diesen »nächten Schriften des Albertus gehören: 1. OonglSliäimu tirsoIoZions vsritntis, wahrscheinlich dem Hugo von Straßburg entstammend '). 2. Opus insiZns äs lunäibns bsntas Nurius Vir^inis. Geschrieben wahrscheinlich von Richard a St. Laurentio ff. 3. Oiftsllns äs ulslt^iniu ff. 4. 8nxsr nrftorsin Xristotslm ff. 5. Drustatns incougturubiliö äs sonäitions srsntnrns rationulis, st grins si 8nnt nä äsuin, ssigLnin et alias srsatnras soAno- scsnäas nsssssaria. 6. Dsrtia ff^ars Knininas) äs Gllristo st virtutiftns. ?. (Quarta äs 8aerarnsntis et Aloria rssnrrsstionis. Beide sind nach dem Commentare des Albertus zn den Sentenzen von einem Späteren bearbeitet. 8. Os partrr lioininis st torinations lroininis in ntsro. Nur eine Bearbeitung der Bücher IX und X des Werkes äs aninralikns. 9. Oilisr äs sscrstis 866rstoruin Xlftsrti, in gno nrira st inanäita xosnit. Es erschien oft im Drucke unter dem Titel: Os 86srsti8 1) Bei Jammy Bd. XIII. 2) So Quetif und Alexander Natalis. 3) So Quetif. Es wird darin Roger Bacon citirt und die Art des Gold- machens aus unedlen Metallen in hochtrabender Weise beschrieben. 4) Beide von Jammy in den Band XXl ausgenommen. 298 Kapitel XXXVIII. mullerum, oder deutsch: Von den Heimlichkeiten der Frauenzimmer. lieber dieses weit verbreitete Buch sagt die Congre- gatio des Index: Alberto LInZno äootooi SArsZio tftlso nä- sorixtris IlftsIIns äs sssrstis innlisrum oirinino pmollibstuo. Daß die Schrift wirklich dem Albertus mit Unrecht beigelegt sei, ist schon daraus ersichtlich, daß Albertus von dem Verfasser öfter citirt wird. Als den eigentlichen Autor dieser Schrift bezeichnet man den Heinrich von Sachsen, einen Schüler des seligen Albertusft. 10. Oibsr nAArsAntionnln sivs sssostornrn äs virtntibns Irsrlmrrrm, Inpiäuoi st o.rämräiuin ft. 11. Os mirnbililzus irnrsäi ft. 12. Os sssrstis supisr Ilsirrisum äs 8oxoiän supisr loriünto lostu. (Commentar zum Obigen.) 13. Os sssrstis unturns 8SU äs pllzrsioAnoinin. Der Verfasser dieses Werkes ist Michael Scotus, der bekannte Mathematiker und Astronom (st 1290) unter Friedrichs II. Regierung. 14. Os natura ssu naturis rsruin. Dieses Werk stammt von dem Schüler des Albertus, den wir oft genannt, dem Thomas Can- tipratanus ft. Zum Schluß füge ich noch ein Verzeichniß von Handschriften an, die sich in der kgl. Hof- und Staatsbibliothek zu München von ächten oder unächten Werken des Albertus finden. Doch will ich die zahlreichen Handschriften von den Albertinischen Büchern, welche bei Jammy schon unzweifelhaft gedruckt vorliegcn, nicht anführen, da hier fast alle physischen und exegetischen Bücher des Albertus handschriftlich vorhanden sind. Dagegen will ich die bei Jammy nicht sich findenden Schriften 1) Bgl. Script. Oxl. vom. I, 180. Ist in zahlreichen Handschriften und Drucken verbreitet. In der Handschriften-Sammlung der k. Hof- und Staatsbibliothek zu München findet sich auch eine deutsche Ilebersetzung, gefertigt von vr. Hartlieb in München für den Herzog Sigmund. Ooä. germ. 261. 1—50. Vgl. über die verschiedenen Ausgaben vr. (llioulant S. 144. 2) Eine unwissenschaftliche Sammlung von Aufschlüssen über magische Kräfte der Naturkörper. Nach diesem Mächten Buch haben Haller und Sprengel den Albertus beurtheilt! 3) Eine phantastische Sammlung magischer Kunststücke, z. B. wie man ein Wetter machen, wie man fliegen könne. Hiebei heißt es: Dunioa aä volanäum «lebet esse longa, graeilis, pulvere illo optims plena. 4) Script. Orä. vom. I, 183. In zahlreichen Handschriften und Drucken verbreitet, auch in München oftmals vorhanden. Die Schriften des sel. Albertus. 299 und bisher vielleicht ganz unbekannt gebliebene oder wenigstens ungedruckte, oder zweifelhafte und andere Titel zeigende Bücher nennen, die hier.den Namen des Albertus tragen. Folgende Handschriften gehören hieher: 1. Os corpore Ollristi. dir. 8383 I. 2. Os iusaruatious, passious st iriorts Osi. dir. 8386. 3. Os oousiäoratious sauAuiuis Olrristi^). 4. Os oousiäsratious doui st uatura douorum sivs summa, äs bouo. Eine Handschrift aus Oberaltaich aus dem 14. Jahrhundert in kl. 4. (45—140). lusipit Opus Oratris dädsrti cks orckiue prasäioat. äs natura dom. Anfang: Huiä ms äiois douum? dismo. Gegen das Ende handelt er von der Jung- franschaft, wo er alle Akte weiblicher Unkenschheit berührt^.) 5. ISA. 6. TsA. 7. NsZ. 8. Ts§. 9. TsZ. 10. ISA. 11. TsZ. 12. TeA. 13. dmm Natnrbnch ^). 8pssulum cks uommidus Jstrouomias ^). Oisputatio luter sorpus st auimam (?). Os ecmtsssious. Oitauiae äs tempore st äs Lauotis. Draotatus super salutatiousm auAslioam. Os multiplisi timors Osi. Os trausÜAuratious äomiui. 12. dldsrti dl. Eommsntarü iu omuss Oauli opistolas 'h (iusäiti ueo alias oxstautss nach der Bemerkung des Bibliothekars). 14. Derselbe Kommentar aus dem Kloster Kaisheim. 71. 15. ddmäd. 97. Os äouis uaturas st äs sorporo liumauo?). 16. Olm. 4774 lol. 1 —84 .dld. dl. äs lauäidus O. V. dl. libr. XX. OroloA. dlaria tu illa ma^ua sto. ^) 483. 175. 276. 186. 184. 713. 53O. 276. äom. 17. 61m. 5178. Os lauäidus O. dl. uuuguam morts sto. Beginn: 6Iara sst st c^uas 1) Wahrscheinlich des Werkes: Do st. euolrarislia erster Theil. 2) Des obigen Werkes zweiter Theil. 3) Bemerkung Schnullers. Uebrigens ist das Buch wohl nur ein Auszug aus dem Commentar des Albert zu den Sentenzen. 4) Das über daturao vom Cantipratanus, das wir oben genannt, deutsch. In vielen Exemplaren vorhanden. 5) Lpeeulunr astrononrieuiu, welche Schrift wir angeführt. 6) Das ist der oben citirte Commentar. 7) Wohl aus dem Werke äe animalibus oder äs üornins. 8) Das oben geschilderte unächte Werk. 300 Kapitel XXXVIII. 18. Olm. 916 toi. 25 — 30. Olüromantin, «guao in Uno dieitur Ulbert! ft. 19. Ommor. 317 toi. 1003. Deutsch: Vom Regenbogen, von-den Gewülchen, von den Kometen; von den 12 Winden, Kräutern, Edelsteinen, von den wohlriechenden Bäumen ft. 20. Von Ois3 und iVllnn, übersetzt durch Or. Hartlieb in München. Ont. Oooon. 1. 243. Ob ächt? 21. Ooci. Asrin. 215 toi. 117—120. Von den Eigenschaften des Feuers, die bedeuten des hl. Geist Wirkung in den Seelen der Menschen. 22. 513 toi. 136. pisollotl Ld3roo3t sxnmoii in ninor pnsdÜA. 23. 746 toi. 308- Ilrudsr ^Vl3roo3t clor OrodiZor rvns ein plisostotl der olinm in ain Ornrvsn Liioster. 24. 835 toi. 321. Oezr 3iso3otk ^iineoirts Leiten des prodiZers de timAt in tiroinas der strediZer ft. 25. Up). 33 (toi. 1—95). Lummno nnturrdium Ii3r. V. Ebenso dieses Werk: Oim. 4344 toi. 217. mit dem Testamente des Albertus ft. 26- Olm. 11881 toi. 70—100. Lumina oonto88orum. Ans. Innung, men onlnmus seribns. 27. 8° Olm. 4627 (541—545). Vota, in modio rotno ^or ^.13. ÜP. Rntisx. Parallele zwischen den Geschichten des alten und neuen Testamentes. 28. Olm. 221 toi. 223. Lpooulum mntlrem. mirnlniis doetoris L.1- 3erti. (Idem eum spieeulo nstronomieo.) 29. lindem. IVnAmentnm de ;>rineip>üs sudioiorum. 30. Ood. Ollersli. 100. eirnrt. in lol. 174. Oe 1nudi3u8 3. N. Am letzten Blatt steht: Ornter rVndroas de istott li^avit lnmo li3rum anno Ol. 31. Olm. 534. Oe Vlotibus (?) toi. 220. Oe tormn in sxeoulo resnitante. 32. Olm. 453 toi. 87. lV13erti VlnAni perspeetiva. (Ox p>3zr- 8ien.) 1) Wohl unächt. 2) Auszüge aus der Physik des Albertus. 3) Diese drei Fragmente enthalten die Sprüche des Albertus. 4) Wenn Schweller, verführt durch den Titel (bei Jammy: Orilosoplria pau- xerum) meinte, dieses Werk gehöre zu den Ineäitis, so irrte er, denn 61rc>ulant führt allein 13 Druckausgaben dieses wahrscheinlich unächten Werkes an. Im Janus S. 146. Die Schriften des sel. Albertus. 301 33- Olm. 453 bol. 191. Oe sensu oommrmi. 195. Oe Mmgus potentiis kmimne. toi. 206. Os hmiiässim ^roblsmatibus. 34. Uää. 429 toi. 148. t4ibsrii änbiu. 35- Ibiä. 444 toi. 197. /rIOerti waAni sxpsrimsntu äs Iisrbis, In^iäibus et animnlibus. Oxplieimrt, grms n «russo et rrrn- t>iso in Ontinnm transtnlit. 36. 1616. toi. 208. Oe ornntn mnlisrnm seonnäum totum sorpus. (Ox som. äs mräisri lorti?) 37. Ibiä. 202. ^VlOsrti libsr äs plnntntionibns nrborum st äe oon- servntions vini. (Ox liäro äs pluntis?) 38. I!>iä. 449 toi. 1. Drnctntns äs tiäs st IsZilins s. Oomino Alberto sä. 39- Olm. 11360 toi. 1—74. Os tormn ornnäi. (8np. Unter st ^4 vs.) Dieses sind die Handschriften, welche von noch nngedruckten, weniger bekannten ächten und unächtcn Werken des Albertus im reichen Schatze der kgl. Hof- und Staatsbibliothek zu Manchen enthalten sind. Da sic dem Stoffe nach wohl wenig Neues bieten, werden Auszüge aus denselben nicht nvthig seyn. Somit haben wir einen Ueberblick über die Schriften gewonnen, welche theils den Namen des Albertus tragen, theils als Mann- scriptc, theils als Druckwerke sich durch Deutschland, Frankreich und Italien verbreitet haben. Wenn auch eine große Anzahl derselben andere Verfasser haben sollte, wenn viele kleinere Schriften sich als bloße Auszüge aus seinen größeren Werken erweisen, wenn manche auch bloße Ucbersetzungcn von Schriften früherer Schriftsteller seyn sollten, so bleibt doch noch immer eine solche Fülle von Werken, die als selbstständige Arbeiten des Albertus sich Herausstellen, daß wir uns über den Umfang seiner schriftstellerischen Thätigkeit nicht genug wundern können. Fast kein Gegenstand der natürlichen und übernatürlichen Ordnung ist seinem Forschergeist,: entgangen, fast über jeden hat er eigene und fremde Untersuchungen in Schriften niedergelcgt. Wirklich bildeten seine Werke eine kleine Bibliothek des Mittelalters, worin ein zeitgemäßer Aufschluß über alle Objekte und Fragen aus allen Gebieten des Wissens und Seyns zu finden war, sie bildeten eine fast systematische Encyclopädie aller Wissenschaften, die im Mittelalter bekannt waren. Nochmal können wir daher sagen: Albertus ist wohl der fruchtbarste Schriftsteller der Welt gewesen! 302 Kapitel XXXIX. Kapitel xxxix Die Wissenschaft des seligen Albertus. Nachdem wir die fast unendliche Reihe der Schriften nnsers Meisters aufgesührt, übrigt noch, den allgemeinen-Inhalt dieser Bücher zu schildern, eine Charakteristik der wissenschaftlichen Leistungen des Albertus zu geben. Bereits in früheren Abschnitten haben wir von der Stellung des Albertus zu den wissenschaftlichen Bestrebungen der Vorzeit, von der durch den großen Lehrer übernommenen und gelösten Aufgabe gesprochen, auch den Charakter der meisten theologischen Schriften in Kürze geschildert und in Auszügen zur Anschauung gebracht. Jetzt handelt es sich nur darum, ein Gesammtbild seiner Forschungen und geistigen Errungenschaften (zumal aus philosophischem Gebiete) zu geben, hervorzuheben, was Albertus in den einzelnen Wissenschaften geleistet hat. Es kann uns nicht zugemuthet werden, das ganze System dieses Scholastikers, alle seine Lehren zusammenzustellen, da wir ja wissen, daß er sich in der Philosophie größtentheils an Aristoteles anlehnt, daß er im Großen und Ganzen das System des Stagyriten adoptirt, und nur das dem christlichen Glauben darin Widersprechende oder überhaupt Mangelhafte verbessert und ergänzt hat. Wir müßten sonst das gesammte System des Aristoteles auch in dieses Buch aufnehmen, was gewiß nach den meisterhaften Darstellungen desselben bei Ritter, Brandiß, Zeller u. A. überflüssig wäre. Wir werden also fast nur das dem Albertus Eigenthümliche, worin der christliche Denker den Aristoteles corrigirt oder ergänzt, also seinen Fortschritt über Aristoteles und über seine andern Vorgänger zur Darstellung bringen. Ebenso werden wir in der Theologie das Allgemeingültige, den meisten Lehrern Gemeinsame, das sich auch bei Albertus findet, wenig berücksichtigen, während wir seine Eigenthümlichkeiten, das ihm specicll Gehörige, seine Ansichten über lange oder noch unentschiedene Streitfragen in Kürze mittheilen werden I. Wir wissen, der Grundgedanke, welcher aller Scholastik, ja der 1) Wir benützen hiebei die gedruckten Bücher des Albertus, die für diesen Zweck gewiß genügen. Die Citationen sind immer nach der Gesammtausgabe der Werke des Albertus von Jammy. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 303 gestimmten christlichen Philosophie vorschwebt, ist kein anderer, als der, daß Glaubens- und Vernunstwahrheit nicht im Widerspruch stehen, daß, weil beide ans Offenbarungen desselben Gottes beruhen, sie sich nicht widersprechen können, sondern in Harmonie stehen müssen ft. Und dieses nachzuweisen, daß der Komplex der Offenbarungswahrheiten ein zusammenhängendes, der Vernunft entsprechendes, großartiges Ganze sei, war das Bestreben säst aller christlichen Lehrer. Während aber in der früheren Zeit des Mittelalters die Vernunftforschung auf sich selbst oder auf die wenigen Ueberlieferungcn der griechisch-römischen Philosophie beschränkt war, wurde im dreizehnten Jahrhundert die aristotelisch-arabische Philosophie, das Gesammtsystem des Aristoteles, im christlichen Abendlande bekannt, bald mit Eifer ansgegriffen und zur Erklärung und Vertheidignng der Offenbarungslchre angewendct. Alexander von Hales, der i. I. 1222 bereits in Paris lehrte, soll zuerst diesen Versuch gemacht haben. Aber erst Albertus hat das hiebei vorschwebende Ziel scharf in das Auge gefaßt und mit unermüdetem Eifer verfolgt. Er war der Ueberzeugung, hier liege die gcsammte Verunnftwissenschaft vor, mit der daun die Theologie verglichen werden könne, um so in ihrer Vernünftigkeit und siegreichen Wahrheit zu erscheinen. Dazu ward aber der Besitz und das Ver- ständniß der Gesammtwisseuschaft des Aristoteles erfordert. Darum verschaffte er sich Uebersetzungcn aller Schriften des Aristoteles, theils griechisch-lateinische, theils arabisch-lateinische, und fertigte allmählich aus diesen Quellen eine neue, größtenthcils paraphrastische, lateinische Uebersetzung aller damals bekannten Bücher des Aristoteles ft. Daß er hiebei keinen griechischen Text benützte, sondern nur Uebersetzuugen, ist wohl zunächst aus seiner Unkuude des Griechischen erklärlich. Denn wenn er auch wohl griechische Worte aus dem persönlichen Verkehr mit Gricchischredenden sich eingeprägt, die znm Uebersetzen unentbehrliche Kenntniß der Grammatik blieb ihm fremd. Wir können daran kaum zweifeln, wenn wir die von ihm so sehr geliebten Wvrterklärun- gen lesen ft. 1) Der entgegengesetzte Satz, daß ein Satz philosophisch wahr und theologisch falsch seyn könne, ist auch von der Kirche ausdrücklich verworfen. 2h'Die Uebersetzungcn, welche Albert bei den einzelnen Büchern benützte, führt Jourdain a. a. O. an- 3) Lpieuraei erklärt er so, daß er sagt, sie seien Leute, die auf der faulen Haut (super eutem) liegen, oder sich um Unnützes kümmerten (eurantes). ^liieeuia äiei- tur ab a, ciuock est sine et tkeeuia, iguoä est ars. Lnck^mion von tu und 304 Kapitel XXXIX. Auch haben wir keinen Beweis, daß er die arabische und hebräische Sprache verstanden, obwohl er die aus jenen Sprachen vorkommcnden Worte in der Regel erklärt ft. Bei dieser Beschränktheit der kritischen Mittel ist nicht zu staunen, wenn in den von Albert gebotenen Text manche Verirrungen sich eingeschlichen haben. Uebrigcns weiß der Meister in einer Art philosophischen Instinkts meistens das Rechte und Bessere bei zweifelhaften und verdorbenen Stellen zu treffen. Da über die früheren Philosophen Griechenlands ihm gleichfalls historische Aufschlüsse nicht zugekommen waren, so finden wir auch in dieser Hinsicht manchmal komische Verstöße. So zählt er die Pythagvräer unter die Stoiker ft, sagt, Sokrates sei ein Macedonier gewesen; er meint, Hesiod habe auch den Namen Homer getragen ft, Anaxagoras und Empcdokles seien beide ans Italien gewesen, die Gcburtsstadt des Empcdokles habe IrLZurniiidioo geheißen; doch erkennt er selbst die wahrscheinliche Cor- ruption des letzteren Namens durch die Araber ft. Obgleich aus solche Weise die Werke des Albertus manchen Verirrungen, die sich aus den Knltnrverhältnissen der Zeit erklären, nicht entgingen, so sind sie doch im Ganzen, was die Lehre selbst betrifft, von großer Bedeutung, von hohem Werthe und von unberechenbaren Folgen für die Zukunft gewesen. cl^mion (intelleetus). Oaemon Kraeee, in Imtino sonat intelleeturn. Hurnerus a Datino nutn, Olraeee meiner. ldlicoinaclia clieitur a nioos, gnod est vietoria u. s. f. So erklärt er Pcrgamum, Ephesus, Philadelphia und alle Städte der Apokalypse, wie wir oben sahen. l?erioäus von perl (oircum) und oäos liarinania. Roger Bacon klagt daher, daß nicht vier Gelehrte die griechische Grammatik verstünden, während viele Griechisch sprächen. (Jourbain S- 340.) 1) So sagt er: Ltella ^dnoelr änadiee, Huoä Imtine sonat lrireus ete. Oa- laxia aralnee inaiarateri); ulclra est guoä inovetnr; in Iw. inet. p. 11. In der Botanik und Zoologie hat er zahllose arabische Namen ausgenommen. Bei den hebräischen Worten hält er sich durchaus an Hieronymus. So erklärt er Jerusalem, Salomon, David rc. in den exegetischen Schriften. Aleph übersetzt er mit äoetrina, Le —Lsss, Van—Lt u. s. f. 2) IVletapIi^s. p. 36. 3) Iviäeln x. 54. 4) Er sagt <1e mundo et eoelo e. 78: ümpedoeles Italiens knit cle eivitate, yuae vocsta est l^ragurambioe; propter ^nod I'raxieensem enm voeant, et in rei veritate tnit Lieulus. lOieet soiamns Reraelitum luisse draeoum natuur de Lplieso, cznidam tarnen 8araeenorurn diennt eurn luisse Laseiensem, st ynidem de civitate Laristes, enjus eausarn esse xuto, <)nia Laraoen! nomina I?Iiiloso- pliorum et civitatuin lrcc;nenter Iralrent eorrupta. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 303 Albertus gab zuerst deu gesammteu Aristoteles in einer auch den Studierenden zugänglichen Form, theils bloß übersetzt, theils mit Erweiterungen, Verbesserungen und Erklärungen, indem er hiebei alle späteren christlichen und arabischen Schriftsteller benützte, das Gute derselben anfnahm und das Unhaltbare ausschied. Daß er sich hiebei nicht als blinden Bewunderer und Kopisten des Stagyriten bewies, daß ihm also der Name eines Affen des Aristoteles nur von Unwissenden i) beigelegt wurde, wird Jedem einlcnchten, der nur einen Blick in seine Schriften wirft. Denn an hundert Stellen sagt er offen, Aristoteles habe hier geirrt; er vcrtheidigt seine Korrekturen aristotelischer Irrthümcr gegen seine Widersacher damit, daß er sagt, Aristoteles sei kein Gott, also könne er auch geirrt haben und dürfe verbessert werden, er nimmt manchmal den Plato gegenüber dem Aristoteles in Schutz und stimmt diesem bei; er sagt, die Vereinigung der aristotelischen und platonischen Philosophie sei die wahre Philosophie. Also gewiß keine Sklaverei! So bearbeitete er also die Logik, Physik, Metaphysik, Ethik und Politik des Aristoteles U- Wir wollen einen Ueberblick über seine Leistungen auf diesem Gebiete geben. In der Logik bietet Albertus die Uebersetzung der einschlägigen Abhandlungen des Aristoteles, indem er sie mit Einleitungen und Zusätzen reichlich versteht, die er theils aus den Schriften des Porphy- rins, des Bocthins, des Johannes Damascenus, des Psendodionystns, der beiden Viktoriner, des Avicenna »nd des Gilbertns Porretanns geschöpft, theils eigenen Forschungen verdankte. Das erste hiehcr gehörige Buch des Albertus handelt von den Prädikabilien, wobei die Einleitung des Porphyrins zu den Kategorien des Aristoteles besonders benützt ist. Im Eingänge sucht Albertus die Ehre der Logik als Wissenschaft durch den Nachweis zu retten, daß sie etwas allen Wissenschaften Gemeinsames, Allgemeines, erforsche und lehre. Allen Wissenschaften ist nämlich das Bestreben gemeinsam, ans dem Bekannten das Unbekannte zu suchen. Alle haben somit den Schluß gemeinsam. Da nun die Logik gerade vom Schluffe handelt, von seinen Elementen und Gesetzen, so hat sie ein 1) Auch Ritter vcrtheidigt den Albertus gegen solchen Schimpf Band VIII, S. 191. 2) Auch die Rhetorik hat er nach Obigem commentirt. Doch ist diese Schrift ungedruckt geblieben. Man hielt sie nicht für gleichwichtig den andern. Sighart, Albert d. Große. 20 306 Kapitel XXXIX. allgemeines Objekt, so ist sie eine besonder Wissenschaft (soisntia sxs- elnlis). Sofort unterscheidet Albert die künstliche von der natürlichen Logik. Die logische Erkenntniß, sagt er, liegt in jedem Menschen wie in einem Samenbehältniß (ssiniimrinin). Durch die Betrachtung der Dinge gelangen wir dann zur Bewunderung, von der Bewunderung zum Schließen, und durch Schließen kommen wir zur wirklichen Erkenntniß. So verfährt das natürliche Denken, das ist die natürliche Logik. Die Wissenschaft der Logik hat aber jene natürliche Logik nachzuahmcn, sie lehrt, wie künstlich Schlüsse zu bilden sind. Diese Wissenschaft der Logik geht allen übrigen Wissenschaften voraus und hat hohen Werth. Denn sie ist nützlich znm Glücklichseyn, sie befreit von Phantasmen, verurtheilt Jrrthümer, zeigt die Betrügereien, sie gibt das Licht der rechten Beobachtung in Allem'). Darauf behandelt Albert in diesem Buche noch die fünf bekannten Universalien (allgemeinsten Begriffe), Gattung, Art, Differenz, Merkmal (kroxriurn), Accidentien in der Weise der früheren Meister. Daran schließt sich als zweites Buch die Betrachtung der Prä- dikamente (Grnndeigenschaften), wozu er Substanz, Quantität, Relation und Qualität zählt. Auch die bekannten Postprädikamente der späten: Peripatctiker werden hier angereiht. In dem darauffolgenden Buche über die sechs Prinzipien hält sich Albert größtentheils an Gilbert's de la Porrä Forschungen Z und bespricht die Begriffe: Form, Aktivität, Passivität, Zeit, Ort, Lage, Haltung, Maaß (äs st iniinis). Darauf folgen die aristotelischen Bücher xsri Irerinslrins svom Worte und dem Satze ^)j, dann die ersten und zweiten Analytiken (vom Schluß uud den drei Schlußfiguren, vom Beweise und der Definition), dann die acht Bücher der Topik (über Syllogismen und Paralogismen) und die zwei Bücher der Elenchen (über die Trugschlüsse). Am Schluß der ganzen Reihe der logischen Schriften fügt Albert noch das Bekenntniß der Mangelhaftigkeit feiner Arbeit bei, aber 1) Vogtes xrse Omnibus eonsiäsrancta. SSt scientiis, nam SSt ntilis aä leli- oitatem, liberal a pbantasiis, errores äamnat, ostenäit talsitates, Minen . II. 2) 6np. III. Hoe in omni seisntin nnturali »b8Hue äubio e8i coi'Ms mobile prout motui subpeNni'. 310 Kapitel XXXIX. geschieht in dem Buche über die Länge und Breite der Länder (tsrrnruin), der Staaten und über die bewohnbaren Orte. Die Eindrücke selbst aber müssen behandelt werden im Buche über die Ursachen der Eigenthümlichkeiten der Elemente und Planeten. Ein gemischter veränderlicher Körper ist aber entweder auf dem Wege der Mischung, oder schon festgesetzt im gemischten Seyn. Von den Körpern, die sich auf dem Mischungswege befinden, handeln die vier Bücher der Meteore. Die wirklichen Natnrkörper sind dann entweder unbeseelt oder beseelt. Das einfachere ist das Unbeseelte und die Wissenschaft davon gibt die Bücher von den Mineralien. Die Wissenschaft vom Beseelten hat zwei Theile. Das Prinzip aller beseelten Wesen ist die Seele und von ihr ist daher zuerst zu reden. Bei der Seele können wieder in Betracht kommen ihre Wesenheit und ihre Kräfte und davon handeln die Bücher von der Seele, oder die Tätigkeiten und Zustände der Seele. Das Hauptwerk der Seele an sich im Körper ist aber das Leben, dessen Gegen- theil der Tod. Davon wird gesprochen im Buch von den Ursachen des Lebens und des Todes und des langen Lebens. Die Werke der Seele sind aber verschieden nach den verschiedenen Kräften, der vegetabilischen, sensiblen und intellektuellen Kraft. Das vegetabilische Leben besteht im Ernähren, Wachsen und Erzeugen. Von den letzten beiden handelt das Buch von der Erzeugung, von dem ersten das Buch von der Ernährung. Zur sensiblen Thätig- keit gehören aber das Empfinden und die örtliche Bewegung. Vom ersten handeln die Bücher vom Schlaf und Wachen, von der Empfindung und dem Empfundenen, vom Gedächtniß und der Erinnerung; von der Bewegung handelt das Buch über die Bewegungen der Thiere. Eine besondere Bewegung findet sich aber bei denen, die eine Lunge haben, die zur Abkühlung der Luft die Luft einzicht und ansstößt, davon handelt das Buch vom Ausathmen und Einathmen. Eine Beigabe dazu ist des Constäbenluce Buch vom Unterschiede zwischen Geist und Seele. Die Thätigkeit der intellektuellen Seele schildert das scharfsinnige (snbtilis) Buch von der Erkenntnißkraft und dem Erkennbaren (äs intollsatn et intelliAibili). Hierauf muß hinzugefügt werden die Wissenschaft vom beseelten Körper, der entweder vegetabil oder mit Empfindung begabt ist. Von den verschiedenen vegetabilischen Körpern handeln die Bücher von den Vegeta bilien, von den verschiedenen animalischen Körpern die Bücher von den Thieren." Die Wissenschaft des sel. Albertus. 311 Das ist also die Eintheilung, die Albertus in der Naturwissenschaft wählt, das ist der innere Zusammenhang, den er zwischen diesen einzelnen Doktrinen des Aristoteles mit Scharfsinn hergcstcllt hat U- Bei der Untersuchung der einzelnen Bücher werden wir nur das hervorheben, was dem Albertus eigenthnmlich ist, wodurch er die Physik des Aristoteles bereichert oder berichtigt hat, oder was als eigenthüm- liche Ansicht der Zeit des Albertus erscheint, was zur Kulturgeschichte einen Beitrag bildet. Im ersten Buch der Physik, wo Albert drei Prinzipien der Natur, die Materie, Form und Privation annimmt, wird die Allcinslchre der Floaten widerlegt ^); als Namen der Materie führt er an: 8irk- sostum, MN88N, mutsrin, oriAo st slsinsntruri, bildlich: s^lvn, Hinter, Isininn -st und gibt deren treffende Erklärung. Dann hebt er besonders hervor die Verschiedenheit Gottes von der Materie, indem Gott die erste Ursache, bewegend und lenkend ist, die Materie bewegt und geleitet, Gott Alles ans sich hervorbringt, aus der Materie aber nur durch die erste Ursache Alles hervorgebracht wird, Gott das Vollendetste, die Materie das Unvollendetste ist, die Urmatcrie nur durch 1) Die einschlägigen Schriften befinden sich bei Jammy getrennt. Bd. II enthält: äe pb^sieo auäitu, eis eoelo et munäo, cts ^enerations et corruptions, äe mcteoris, cle mineralibus; Bd. III enthält die 3 Bücher äe anima; Bd. V die parva naturalia: äe sensu et sensato, cte memoria et reminisc., cte somno et vigilia; äe motibus animalium, äe aetats, äe spiritu et respirations, äs morte et vita, äe nutrimento et nutribilibus, äe natura et orixine animae, äe unitate intelle- etu8 contra Xverroem; äs intellcetn et intellixibili, äe natura loci, äe eausis proprietatum elsmentorum, äe passionibus aeris, äe vegntabilibus et plantis, äs prineipiis motus progressivi; äe proesssu universitatis a eau8a prima, speeulum a8tronomicum. Endlich im VI. Bd. hat er die 26 Bücher äe animalibus; im Bd. XXI die pbilosoplna pauperum oder isago^e. 2) Inb. I'6;'s. I. p. 23. Er schildert diese Lehre verworren also: Uane materiam totam substantiam et totum S88e omnium eorporum esse äixsrunt: guia lormam, guac e8t in materia, S88e non peroeperunt, 8eä putabant ipssm per non vere ein, äistingui: «prim lormas et aeoiäentia non äixerunt esse nisi in ssntire et appa- rere et non in esse, sient aälruc mutti äiount, «puorum pater erroris est Xle- xanäsr (Lpieurus) et Oaviä äe Oinanto, gui sseutus est Xlexanärum in Iroe: et iäeo äixerunt, «prmä <^uoä est extra ens et extra vere ens, et Iroe non est ens, seä viäetur esse seeunäum sensum et asstimationem et quoä Iromo et asinus sunt unum seä apparent alia: et eontraäictoria sunt simul vera, si ap- pareat unum uni, alterum alteri, yuia cum materia prima una sit, iä cpuoä agit xluralitatem, non est vere ens, seä esse viäetur. 3) I,ib. pbxs. I, p. 44. 312 Kapitel XXXIX. Gott, die erste Ursache, in's Daseyn gekommen ist. Auch das Wesen und die verschiedene Benennung der Form (ckivinuw, oxniinuin, nxxs- tibils, ielsn et purnäiAinn) wird umsassend erörtert, wobei wir gewahren, daß Albert schon hier die Formen in Gott und in den materiellen Dingen als wirklich und in ihrem rechten Verhältniß anerkennt Z. Bei der Besprechung der Ursachen nimmt Albertus auch einen Zufall (eontinAeirs) an ^) und selbst ein Fatum, legt beiden aber einen christlichen Begriff bei ^). Indem ferner Albert von dem Zwecke spricht, der allen Naturgebilden vorschwebt, erklärt er die Mißgeburten als Fehler, in die die Natur verfiel, indem sie einen bestimmten Zweck nicht erreichen konnte wegen der Verdorbenheit eines natürlichen Prinzips. Dabei erzählt er mehrere Fälle, die ihm selbst schon vvrgekommen, die Geburt eines Kindes mit 11 Zungen, 11 Munden und 22 Lippen, das todt zur Welt kam, ebenso mehrerer Hermaphroditen^). Bei der umfassenden Untersuchung über die Zeit bestreitet Albert die Anficht (er nennt St. Augustin), daß die Zeit bloß in der Seele existire, in gründlichster Weises; er erörtert, warum alles Unvcrän- 1) lud. I pd^s. p. 54. Icle» äieitur et purallixm» ei imagn, seeuuilurn guocl proecäit ad exemplari suo, guod liadet in e»u.x» prim». Omnis cnim form», gu»e per esse ext in m»teri», prius fuit in motore primo: propter guoä eti»m ipso äieitur » Ulatone munäux »rcdetz-pus: propter quoll llietum Iloetdii ext verum, eum llicit: lUuullum mente gerens puledrum pulederrimus jpse, simi- lique imngine formans. 8i ergo eonsisteretur form» in oxempl»ri primo, llieitur illea. 8i »utsm eonsilleretur r»lio form»«, »ä quam omni8 form» sit in m»teri» iil», äieitur parsäigm» ete. 2) lud. II l?dxs. p. 87. Lontingens, quoll non lindst e»u8»m per 8e ssä per »eoiäens, quoll ext eflleienx. 3) ?kxs. II. p. 92. Oispositio proviäenliae infu8» tut! ist! conlention! e»u- 8»rum äieitur f»tum. Er macht auch die Unterscheidung, daß nicht Alles unter die Herrschaft des Fatums falle, nämlich die Substanz, Ordnung und Bewegung der Himmel gehöre nicht hinein, sondern nur die Dinge, die ans eine gewisse Art veränderlich find und daher durch das Fatum zusammengehaltcn werden, damit sie nicht zerfallen, also die Materie der Dinge, die entstehen und vergehen. In der Summa der Theologie redet er ausführlicher davon. 4) Idill. II, p. 100. lUeix temporidus praebtat» fuit puell», qu»e nat» fuit äe- penäentibu8 uderidux et eum pillix iuguinis ut »8cell»rum. ivcl visum prodavi- MU8 in quibusllam esse utrumque 8exum, ut » sapientidux llixcerni non potuit. 51 Er desinirt hingegen mit Aristoteles die Zeit: Tempus ext numerux mo- tux aeeeptus » priore et posteriore in motu existentidus. II, p. 190. Er kommt hiebei auch seinem Lobredner, Professor Erdmann, zuvor in der Untersuchung des Wesens der Langweile, indem er u- A. sagt: Oonxtat »nim» in uno llesilleradili et Die Wissenschaft des sel. Albertus. 313 derliche (z. B. die Himmel) nicht unter der Zeit begriffen werde, inwiefern die Zeit Ursache des Verderbens der Dinge sei u. s. f. Eigenthümlich ist die Unterscheidung von ^stsroitns, aevoiri und wmxrm ff, welche Albert in besondrer Abhandlung (Digressiv) mitthcilt. ^.stsroitas 68t morn vsl spatioiri sootinooio non ioterssotuio: so Mock totuin 8uunr ssss siiool bubst st psrlsots. ^.svuin 68t spu- tiniri sorrrin, Moroni ssss stabils sst, sscl tuinsn visss bubsnt in ^o- tsntüs, siont intsllibsrs st vslls. Im siebenten Buch der Physik liefert der Meister den Nachweis, daß alle Bewegung einen Beweger voraussetze. Hiebei führt er zum Beweis, daß das Prinzip der Bewegung des Menschen weder im Herzen noch im Kopfe liege, sonderbare Thatsachen an: „Averrocs hat öfter einen Widder nach abgeschlagenem Kopfe noch hin- und hergchcn gesehen. Und einer meiner Freunde hat einer Grille den Kopf abgerissen und sah, wie sie sich noch eine halbe Meile lang in seiner Hand bewegte und sang ff. Im achten Buch der Physik handelt Albert von den Eigenschaften der Bewegung, und beweist zuerst, daß sie nicht gleichewig mit Gott sei, indem Gott vor der Welt die Ewigkeit hindurch und als Ursache existire. Gut weist er hiebei die Frage derer zurück, die sagen: Was hat Gott gethan im langen Zeitraum der Ewigkeit, bevor er die Welt gemacht? „Diese sind thöricht," sagt Albert ff, „denn in der Ewigkeit ist kein Lang, noch ein Bald, und weder ein langer Zeitraum, noch ein kurzer, weil das Alles auf Ausdehnung einer Große durch Theile hindeutet. Die Ewigkeit Gottes ist ein nntheilbares Jetzt, das nicht das Ende (tsrioioos) eines Zusammenhängenden, sondern die Wesenheit der Ewigkeit selbst ist ff." Gegenüber dem Avcrroes behauptet Albertus, das Bewegliche und die Bewegung haben angefangcn, und seien ans Nichts hervorgebracht, iäso non pereipit molus, cjui in so üunt, ot iäoo tanto minus poroipitur motus, quanto ^uounäius ost iltuä, quoä eontompIiNu,-. 1) Nach Boethius und Gilbert Porretanus II, 208. 2) Inb. VII kb^s. 291. Das letzte erklärt sich natürlich leicht, weil das Singen der Grillen nur ein äußerliches Tönen durch Schlagen der Flügel an den Panzer ist. 3) Aehnlich schon Augustinus. 4) Uid. ?Ir^s. VIII, p. 313. 314 Kapitel XXXIX. und macht die Unterscheidung: „Aus Nichts wird allerdings nichts durch Generation, wohl aber durch den Akt eines Urhebers *)." Gegen die Anschauung vieler Philosophen und Theologen (sara- cenischcr, jüdischer und christlicher), baß zuerst der Himmel in der Potenz der Materie gewesen und dann daraus durch Zeugung hervorge- gangcn, sagt Albert: „Wir halten dasür, daß Alles zumal geschaffen worden und daß die Zeit gleichalt dem Himmel und seiner Bewegung sei, und von der Bewegung des Himmels die Bewegung der materiellen Dinge angeregt worden Hier findet sich auch seine Rechtfertigung gegen diejenigen, welche ihm bei der Bestreitung der Ewigkeit der Welt, die Aristoteles angenommen, den Vorwurf machen, er habe den Aristoteles nur nicht verstanden, oder warum dann dieser scharfsinnige Geist diese Wahrheit nicht erkannt habe? Er sagt: „Wer glaubt, Aristoteles sei Gott gewesen, der muß glauben, daß er nie geirrt. Wenn er aber glaubt, er sei ein Mensch, dann konnte er auch irren, wie wir ^)." Dabei bemerkt er auch: „Der Anfang der Welt durch Schöpfung ist nicht physisch und kann auch nicht physisch bewiesen werden; darum schwieg Aristoteles davon in der Physik ^)." Albert ist gegen die Ansicht, daß die Himmel von der ersten Ursache ausgcgangen mittelst reiner Intelligenzen, die in der Ordnung des Seienden voranstehen'), wie viele gelehrt haben. Die Lehr? von der Bewegung führt die Untersuchung zuletzt aus Gott als den ersten Beweger hin, der nicht als Körper, nicht als Kraft in einem Körper, sondern als untheilbarer Ewiger zu denken ist 6). Im folgenden Buche vom Himmel und der Welt finden wir gleichfalls eigeuthümliche Bemerkungen des Albertus. Bei Besprechung der Dreizahl in der Natur sagt er: „Einige Gesetze gebieten, gegen Osten zu beten, wie das des Pythagoras, was mit dem christlichen Gesetze hierin zusammentrifft; manche nach Mittag, wie das des Tris- 1) H. VIII, kli^s. p. 317. Wir sehen, Albertus weiß den christlichen Schöpfungsbegriff festzuhalten gegenüber dem Pantheism. 2) INb. VIII, p. 320. 3) Ibiä. p. 332. 4) Idiä. x. 333. 5) Idiä. p. 334. 6) Ibicl. p. 384. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 313 megistus, womit das Gesetz der Muhammedaner zusammentrifft, manche nach dem Occident, wie das Gesetz des Moses nnd der Juden Z. Der Himmel ist dem Albert das Alles Umfangende, das fünfte Element, einfach ohne Gegensätze, in Kreisbewegung, ohne Schwere und Leichtigkeit, ohne Generation und Korruption, pcrpetuirlich, ohne Veränderung, aber doch endlich und einer, wo auch Gott ist als Beweger und Untheilbarer, ohne aber vom Himmel eingcschlossen zu seyn^). Es ist nur eine Welt. In Bezug auf den Ursprung und das fragliche Ende der Welt bekennt sich Albert zur Lehre des Moses, der prophetisch, nicht physisch gelehrt hat, die Welt habe nicht durch Generation, sondern durch Creation angefangen, und werde durch den Willen Gottes aufhören, nicht so, daß sie nimmer ist, sondern so, daß sie in einem andern Zustande ist, wo die Guten und Bösen den entsprechenden Lohn ihres Lebenswerks erhalten werden ^). Bemcrkenswcrth ist der Ausspruch des Albertus: „Wir haben in der Natur nicht zu erforschen, wie Gott der Schöpfer nach seinem freien Willen die Geschöpfe gebraucht zu Wundern, wodurch er seine Allmacht zeigt, sondern vielmehr, was in den Naturdingen nach den natürlichen Ursachen aus natürliche Weise geschehen könne ^). Nun folgt die merkwürdige Stelle über die Bewohnbarkeit der Erde und die Verschiedenheit der Wärme. Er sagt: „Nur der vierte Theil der Erdoberfläche wird bewohnt; gegen Norden von der mitternächtlichen Linie au, die unsrer Lage entspricht, wird sie nicht bewohnt °). 1) Illb. äs eoelo et inunäo x. 4. 2) Ibiä. 18. Als Curiofität führt hier Albert an, daß die alten Aegypter gelehrt, der Himmel sei ein großes Thier, das sich von der Ausdünstung des Meeres nähre. Zugleich äußert er die Ansicht: Alle Sterne haben ihr Licht von der Sonne, aber iu's Innere nehmen sie es ans, nicht äußerlich; Saturnus durchlaufe seine Bahn in 30 Jahren, Jupiter in 12 Jahren, Mars in 2 Jahren. 3) Ibiä. p. 68. 4) Ibiä. x. 75. Gewiß ein Grundsatz, der den Prinzipien der modernen Naturforschung ganz conform ist. 5) Ibiä. p. 88. Das ist die von Alex. v. Humboldt bewunderte Anschauung des Albertus, wodurch er die Vorzeit an Kenntniß übertrifft. Ausführlicher noch behandelt er dasselbe Thema in einer eignen Schrift äs natura loeoruin im Bd- V. I>. 268 u. ff. Er sagt dort (p. 272), er wolle hier seine eigne Meinung sagen, später aber im Buch der Meteore die Meinung andrer. Also ist das Buch äe nat. loe. früher entstanden, als unser Traktat. Er spricht dort von unfern Gegenfüßlern, 316 Kapitel XXXIX. Manche Sterne bringen Kälte, manche Wärme, also kommt die Wärme nicht ans der Bewegung allein und nicht vom Licht, obwohl durch den Brcnnspiegcl die Lichter conccntrirt Feuer und Wärme her- vvrlocken. Wie ist das zu erklären? Ohne Präjudiz für eine bessere Ansicht sage ich: Bewegung, Licht und einige Sterne sind Ursache der Wärme. Das Licht aber bringt ans doppelte Weise Wärme: durch Nähe und durch die Sammlung der Strahlen (rostexio). Wo das Licht näher ist, wie bei Mars und der Sonne, da ist größere Wärme'). Diese Nähe ist aber ans dreifache Weise möglich; die eine ist die Kürze des Diametcrs, die andre der Gegensatz znm Zenith des Hauptes und zum Diametcr oder zur Linie, die vom Diameter nicht viel abwcicht und die dritte die Enge des Kreises, in welchem die Sonne oder ein andrer Stern mit warmem Licht sich bewegt. Unter Kürze des Diametcrs verstehe ich den kleinern Theil des cxcentrischen Diametcrs, der einen warmen Stern hcrabsührt; denn dort bewirkt er größere Wärme als in den Orten, welche im Aphelium jenes Sternes liegen, und daher sagen die Philosophen, daß oberhalb des Acquators gegen Mittag in gleicher Distanz vom Aequator die Orte wärmer sind, als gegenüber dem Aequator gegen Norden, weil das Aphelium der Sonne im Norden ist und das Pcrihclinm im Mittag: darum sagen auch Manche, die Mitte der Erde am Mittag sei unbewohnbar, wenigstens in 3—4 Klimatcn wegen zu großer Hitze. Der Gegensatz des Lichtes zum Zenith des Haupts uud zum Diametcr ist, wenn die Sonne diametral auf die Häupter fällt; dann fällt der Strahl auf sich selbst zurück, weil der Rückfall immer in den gleichen Winkeln geschieht, und die Linie des Diametcrs ist die kürzere unter denen, welche vom selben Punkt znm selben Punkte gezogen werden. Und welche neben dem Diameter fallen, wirken um so größere Wärme, je mehr sie im spitzen Winkel reflektircn. Darum ist die heißeste Gegend die derer, über deren Zcnith des Kopfes die Sonne hingcht; und von denen sic abweicht, diese Orte sind um so wärmer, je weniger sic von ihnen abwcicht, und je weniger sie abwcichen, um so enger ist der Reflektionswinkel. Die Enge der Sphäre nenne ich aber den Ort der Sphäre, von dem die Sonne lange wenig abwcicht wegen der Enge des Kreises, wie man sieht im Thicrkrcise am Ende des Schützen und am Anfang des Steinbockes und ebenso am von dem Einfluß der Zone, Berge, Wälder, Meere auf Talent, Temperament, Schönheit der Menschen, wie wir sehen werden. 1) De munä. ot coelo x. 108 u. 109. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 317 Ende der Zwillinge und am Anfang des Krebses, in welchen wegen Bengnng des Thierkrcises die Sonne gleichsam durch 24 Grabe am selben Orte zn stehen scheint; und nicht weit verschieden sind die 12 Grade am Ende der Zwillinge von den 12 Graden am Anfang des Krebses am Ende des Centrnms, und die Sonne, aufsteigend durch die Grade, die am Ende der Zwillinge sind, und herabsteigend durch die Grade am Anfang des Krebses, beugt ab gegen den Punkt des Sommcrsvlstitiums; darum verweilt sie gleichsam am selben Orte, und ihre Strahlen verstärken sich sehr an dem Orte, der unter jenen Graden liegt, weil die Sonnenhitze des einen abweichenden Tages verstärkt wird durch die Hitze, die vom andern Tag zurückgeblieben durch drei Tage, an welchen sie sich in jenen Graden bewegt. Und darum ist das Land Aethiopien, welches unter dem Ccntrum liegt, heißer als der Ort, der unter dem Acquator liegt. Aber das ist noch mehr der Fall bei den letzten Graden des Schützen und in den ersten des Steinbocks, weil dort alle drei Ursachen der Wärme zusammen- treffen, die Kürze des Diameters und die diametrale Höhe über dem Zenith und die Enge des Thierkrcises. Deswegen cs nicht zweifelhaft ist, daß jene Orte glühend und wegen der Hitze unbewohnbar seien. Die zweite Ursache der Wärme ist die Strahlenbrechung, wodurch viele Strahlen auf einen Punkt hingelcitet werden, wie durch den Beryll, Krystall oder ein volles, rundes Wasserglas. Dadurch wird ja ein trockener Tuchflcck sogar entzündet, wenn nicht der Wind die Fixiruug der Wärme hemmt, oder die Strahlen zu schief fallen wie im Winter ')." Andre Bemerkungen des Albertus sind hier noch: „Die Sterne eines Kreises sind gleicher Art, die verschiedenen Kreise verschiedener Art und Bewegung; die Welt (Orbis) ist rund, hat Kreisbewegung." „Die Wirkung jedes Sternes auf Reiche und Einzelne zu berechnen, das ist Sache der Sterndeuter. Ptolemäus hat zwei Bücher darüber geschrieben. Daß durch die Sterne den Dingen, neuen Häusern, Kleidern, Kräfte zukommen, läugne ich nicht, aber das ist wie beim Thier die Kraft des Wachsthums, des Verwandelns der Stoffe in Fleisch und Blut und Glieder. So machen die Sterne alle zusammen einen Leib aus, die Einzelnen wachsen durch die Kraft des Ganzen." t) INb. II. äs socio st munä. p. 111. 318 Kapitel XXXIX. „Alle Sterne haben ihr Licht von der Sonne; nach ihrer Edelart oder Dichtigkeit haben sie verschiedene Farben." „Die Sterne sind nicht feurig." „Die Sonne steht in Mitte der Sterne." „Alle Sterne sind von sechs Größen." „Manches läßt sich nicht beweisen in der Lehre vom Himmel, aber hinlängliche Gründe kann man anführen." „Wir werden hierin dem Aristoteles folgen, aber auch nicht weglassen, was wir aus Andern und uns Geeignetes beizufügen wissen." In Bezug auf den Mondschattcn oder die Flecken im Mond sagt Albert: „Sonst glaubte man, das Bild im Mond, der wie ein Spiegel, sei der Reflex der Berge und Meere, die über die Runde der Erde hervorragcn. Das billige ich nicht, sondern ich sage: Die Figur ist von der Natur des Mondes, der irdischer Art ist. So viel wir selbst aus fleißiger und häufiger Beobachtung durch Augenschein wissen, scheint der Mondschatten von Osten gegen den untern Theil des Bogens des Mondes zu seyn und die Gestalt eines Drachen zu haben, der seinen Kopf gegen Westen wendet und den Schweif gegen Osten, dessen Schweif am Ende nicht spitzig ist, sondern breit wie ein Blatt, das drei Krcistheile neben einander hat. Am Rücken des Drachen steht die Gestalt eines Baumes, dessen Zweige vom Mittelstamm aus schief gegen Osten hin von unten ausgehen; über dem Schiefen seines Stammes durch Schultern und Haupt angclehnt ist ein Mensch, dessen Beine herabhängen vom obern Theil des Mondes gegen Westen, in welche Figur die Sterndeuter die größten Kräfte verlegen Z." Ueber Porosität sagt Albert im Buch über Generation: „Nicht alle Körper sind porös, die mathematischen gar nicht, die physischen nicht nothwendig, sondern nur wodurch etwas athmet oder eingeht; so hat ein feuchter Körper keine Poren, oder sie werden schnell wieder vernichtet „Der Sonnenkreis, in dem die Quelle der Wärme, ist da, das Feuer zu bewegen, und die Mondscheibe ist da, um das Wasser zu bewegen, daher ist Ebbe und Fluth des Meeres nach der Größe und dem Alter des Mondes verschieden ss." 1) Oe eosl. et in. III, 120. Er sagt auch: Ein mathematischer Körper ist unendlich theilbar, aber nicht ein physischer. Alle Generativ aus Korruption. 2) Oe geneeat. p. 39. 3) Ibiä. VI, x. 41. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 319 „Die Periode des Menschen beträgt 35 Jahre oder 40 und das ganze Leben des Menschen also 80 Jahre. Doch kann das gehindert werden durch schlechte Speise, oder durch gewaltsamen Tod oder ans andre Weise. Nothwendigkeit bringt der Sternumlauf nie mit sich in Bezug auf das Leben des Erzeugten Z. In den Büchern der Meteore finden wir: „Nicht alle Bewegung erzeugt Wärme, sondern nur die örtliche: also erzeugt die Bewegung an sich nicht die Wärme. Aber auch nicht die lokale Bewegung thut das immer; wir sehen ja, daß ein rasch fließendes Wasser kälter ist, als ein unbeweglich stehendes Wasser. Dagegen sehen wir, wie Blei an dem Pfeile (llnstili) vom Bogen geschlendert, gerieben an der Luft zerfließt. Im Winter ist nach geometrischer Berechnung die Sonne näher der Erde und doch ist's nicht wärmer^)." „Die Milchstrasse ist nichts Andres als viele kleine Sterne, nebeneinander stehend in dem Orte des Kreises, an dem das Sonnenlicht sich ansgießt; darum scheint sie als ein weißer Kreis wie Ranch; manche größere Sterne sind auch darunter. Daher man sie unterscheiden kann 4)." „Die Kometen sind meist am Südhimmel nach Verschiedenheit der Zeit; besonders ist dieses der Fall in der Stadt Arim, die unter dem Aequatvr in Mitte der Welt liegt, 90 Grade gegen Norden, 90 Grade gegen den Südpol, 90 gegen Osten, 90 gegen Westen der bewohnten Erde °)." Die Frage: Warum bedeuten die Kometen (von denen er fünf Arten annimmt) den Tod Mächtiger oder Kriege, beantwortet Albert in Kürze also: „Es scheint zwar dieses nicht der Fall zu sehn; denn die Kometen erscheinen in einem Lande, wo Arme und Reiche, Fürsten und Bettler wohnen; die Kometen haben auch eine natürliche Ursache, die nicht von einem Andern abhängt. Also können die Kometen nicht Tod 1) De xen. p. 67. Hiebei eine Albertinische Worterklärung: kerioäus krae- eurn noinen äieitur u peri, guoci est cireuin, et oäos, guoä est tinrmonin in cuntu. 2) Neteororuin Krsees nomsn u meto, ciuoä est trnns, ei tUsoruin, quoä est eonteinplntio, so. eoruin, quas sunt truns, i. e. in olto xenersts, vel u rneto, guoä est . 79-87. 9) Ebenso Folgendes: Viäimus terraeinoluin in Uomdni'äis, solo existentem Die Wissenschaft des sel. Albertus. 323 Padua in der Lombardei, wie ein lang verschlossener Brunnen gesunden wurde. Als dieser geöffnet wurde und Einer Hineinstieg, um ihn zu reinigen,, starb er wegen des Dunstes jener Höhlung, und ebenso starb der Zweite; der Dritte wollte wissen, warum die Zwei so zögerten, neigte sich in den Brunnen und wurde so ohnmächtig, daß er erst nach zwei Tagen zu sich kam; als aber der saulende Dunst in der Grube ausgeflogen, wurde der Brunnen gut und trinkbar Zur Erklärung der Erdbeben erzählt Albert das früher geschilderte Experiment: „Man nehme ein starkes Gesäß von Erz, das innerlich gut hohl ist und oben eine kleine Oeffnung hat und eine etwas größere im Bauch; das Gefäß habe Füße, so daß der Bauch nicht die Erde berührt; man fülle dann das Gefäß mit Wasser, verstopfe jede Oeffnung mit Holz gut und lege es in sehr heißes Feuer. Dann entsteht Dampf im Gefäße, der sich verstärkt und von hinten hcraus- bricht durch die andre verstopfte Oeffnung, wenn er oben heransströmt, wirst er das Wasser über die Orte hin, die dem Feuer nahe liegen und wenn er unten herausbricht, wirft er das Wasser in das Feuer und durch die Gewalt des Dampfes schleudert er Brände, Kohlen und heiße Asche weit auf die umliegenden Orte: darum heißt man gewöhnlich jenes Gefäß einen LrMntor (Blaser) und es pflegt geformt zu werden nach dem Bilde eines Menschen, der bläst." Albert erzählt auch: „Zu unserer Zeit sind mehrere Städte der Normandie, die im Meere untergegangen ^)." Ebenso: „Durch Erdbeben sind schon Inseln in Mitte des Meeres entstanden. In unserer Zeit ist die Insel Therasia im ägeischen Meere im Angesichte der Schiffer entstanden In der Abhandlung vom Donner und Blitz sagt Albert: „Eine rauchige und schwarze Wolke ist sehr erdig und feuerhaltend; wenn sie also durch feuchten Schlamm entzündet worden, wird ein schwarzer oder rother Stein daraus gekocht, der aus der Wolke fallt, Balken Oaprieorni sixno et erat in xlnrivus oivitatibus illirm re^ionis et tre^uentius eirea niecliam noeteni. INN. Meteor. p. 95. 1) Met. p. 96. 2) Gerade zuvor erklärt er auch die Sprünge der Mauern also: „Wenn eine Mauer mit Cement von Kalk angecbnet wird, dann gibt es vom manchmal hervorbrechenden Dunst des Kalks Sprünge." ?. 98. 3) Inb. Meteor, ^veeiäit nostris temporibus suvmersio ^Inriuin villarum NI I^ornianclias xartibu8. p. 100. 4) Il>i6. x. lOl. 324 Kapitel XXXIX. zerreißt, Mauern durchdriugt, und vom Volk Donnerkeil (seouris toni trui) genannt wird; wir sahen selbst solche mit eignen Angen')." Die verschiedenen Wirkungen des Blitzes ans Menschen, Thicrc, Pflanzen werden von Albert umfassend erklärt, indem er immer natürliche Ursachen aufsucht und denen (Ennins, Seneca), die den Blitz von Gott geschlendert seyn lassen, zürnst: „Der erhabene Gott regiert die Naturdinge und leitet sie durch natürliche Ursachen, und diese suchen wir hier (in der Physik), da wir die göttlichen Ursachen, weil sie nicht so nah liegen, nicht so leicht auffinden können st." „Der Kreis (Hof) um manche Sterne (Oororm, Irnlostst erklärt sich, wie die Erscheinung, die man in Bädern trifft; dort bildet sich ob der Dunkelheit der znsammengcdrücktcn Luft um die angezündete Lampe ein ähnlicher Kreis st. Daher sicht man auch nach dem Südwind die Höfe am häufigsten." lieber den Regenbogen («xsoulrrirr solis iir altrosa nul>s), seine Namen, Farben, Ursachen, Zeit der Erscheinung finden wir wieder eigene Untersuchungen des Albertus. Daß die Farbe des Regenbogens nur Schein ist, beweisen manche damit, sagt Albert, daß ein achteckiger Stein, wie Krystall, halb im Schatten, halb in dem Sonnenstrahl liegend, der durch bas Fenster kommt, die Farben des Negen- bogcns ans der Gegenwand hcrvorbringt st. Bei der Erklärung des Regenbogens gibt er auch die merkwürdige Erklärung des Mythos vom Apollon und dem Drachen (Python), ein Versuch zur Philosophie der Mythologie st. „Alte Dichter sagen, die Iris sei über dem Gemach der Juno, in dem die Schlange eingeschlossen ist, und der Sonnengott greife jene Kammer mit Pfeilen an, um die Schlange zu tödtcn, weil Juno seiner Mutter Latona, da sie den Apollo und die Diana gebar, widerstand und diese Götter selbst in der Wiege anfiel. Damals nun trat Apollo, der die Sonne bedeutet, heraus, tödtete das Thier mit Pfeilen und befreite die Mutter Latona und seine Schwester Diana von 1) Net. x. 115. Später sagt er: Auch Metalle, besonders Eisen fiel schon herab, einmal anch nach Avicenna ein todtes Kalb. 2) Net. x. 118. Albert erklärt auch, warum die Gewitter nur im Sommer, bei Gewöllen kommen nnd meist bei Tageshitze, selten am Morgen. 3) Er sagt hiebei ohne Scheu: ^ristoteleb eonluss traäit eoronaruin mxni- lleationes. Not. p. 123. 4) Net. p. 122. 5) Er sagt aber: Sic irren; I,rix omnium eolorum est Iixposlu8i8 ot sub- stantia tormslis. Not. p. 125. 6) Net. p. 126. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 325 den Bissen des Thieres. Der Urheber dieser Fabel soll Enripides scyu, der sagt, auf der Insel Delos werde darum Apollo verehrt unter dem Bild eines geflügelten Jünglings, der in der Linken Pfeile hat und die Schlange tödtet, die unter seinen Füßen vor der alten Latona liegt und die Wiege der kleinen Diana augreift. Der tiefe Sinn der Fabel ist: Latona, die Erde, ist zuerst das Chaos, in dem die Welt anfängt, mehr als die übrigen Elemente verwirrt, das Unterste anstrebend. Oder, was wahrer ist, Latona ist die Urmatcrie, die im Ur- chaos vermischt war mit allen Gegensätzen und Formen, und sie war gebührend, besonders die Lichthimmelskörper und die trockenen Erdendinge, aus denen und in welchen die folgende Generation bestand. Aber es widerstand Juno, welche die Luftgöttin war (nach Enripides), mit ihrer Schlange, d. h. mit Dunst, der der Luft beigemischt war, der krumm anfsteigt wie eine Schlange und nicht gestattete, daß die Sonne leuchte und daß der Aether (Diana) am Leben bleibe, bis der erstarkte Apollo aus der Wiege sprang und durch seine Strahlen wie mit Pfeilen den Dunst traf, den Aether aufheiterte, die Erde austrocknete, die verwundete Bestie vertrieb, welche dann Juno in ihre Wolke aufnahm, in welche Kammer nun die Sonne immer Strahlen sendet und deren Spuren im Regenbogen sind." So huldigt also Albertus hier wie an mehreren Stellen der Na- turdentung der alten Mythen I. Bald darauf corrigirt Albert wieder den Aristoteles. Er bemerkt: „Aristoteles lehrt, zweimal in 50 Jahren komme nur ein Mondsregenbogen vor. Aber das muß er Andern nachgeschricbcn haben, da wahrhafte Experimentatoren sagen, sie hätten in einem Jahre zweimal bei Nacht den Mondsregenbogen beobachtet. Ich und meine Freunde, die wahrhafte Beobachter sind, haben dieses selbst erfahren. Es ist auch kein vernünftiger Grund da für die Ansicht des Aristoteles ^)." Als Experiment über Brechung des Sonnenlichts führt Albert an: „Man stelle ein Krystallglas mit Tinte vor die Sonne, so wird der Strahl davon eingesaugt und ausgelöscht. Die Alten und viele Neuen kennen die Eigenschaft der Spiegel nicht." „Ebenso bricht auch der Jrisstein das Licht; er kommt am rothen Meere und in Deutschland vor und zwar in großer Menge ^)." 1) Den Glauben, Jupiter schleudere den Donner, erklärt er so: Das bedeutet, der Stern Jupiter ziehe die Winde empor, was jenes Nöllen zur Folge hat. Lle- tsor. p. 120. 2) lVIetsor. x. 128. 3) tbiä. p. 135. 326 Kapitel XXXIX. ! Abermals berichtigt Albert den Aristoteles/ indem er sagt: „Aristoteles meint, es könnten nur zwei Regenbogen auf einmal erscheinen; ich aber sage, drei und noch mehrere Z." Eine eigene Beobachtung theilt er mit in den Worten: „Ich sah selbst mit Vielen einen Bogen (arorm vel virnu) am Mittag im März, als die Sonne dem Kopse des Widders im Frühlingsäqninoktium nahte Z." Bei der Betrachtung des Entstehens und des Vergehens der Dinge fuhrt Albert außer den von Aristoteles benannten Hindernissen der Verwesung noch an Balsam, Myrrhe, Aloe, Salz und die anstrockncnde Sonne selbst; „diese alle hindern die Verwesung wegen der schnellen Austrocknung der Feuchtigkeit; wegen der Hitze, die sie bei sich haben, ziehen sie schnell das überflüssige Feuchte ans und das Feste ziehen sie zusammen." In der langen Abhandlung über die Verdauung und Nahrung sagt Albert: „Die, welche durch Handarbeit den Lebensunterhalt verdienen, haben eine ihren Kräften entsprechende Nahrung; denn sonst würde die Arbeit Ermüdung und Zerstörung des Menschen her- beisühren. Darum verzehrt und löst ihre Natur dieselbe auch nicht ganz auf, sondern verwandelt vielfach nur die Nahrung und trägt sie an den Ort, wo an Wärme Uebcrflnß ist. Denn die Wärme dieses zehrt mehr von der Nahrung auf, als er sie verwandelt, wenn die Speise nicht durch ihre Schwere (Härte) Widerstand leistet. Für solche Leute also passen harte und gebratene (assn) Speisen; denn Weiches würde zn Schweiß verwandelt werden; die verdauende Wärme aber bringt in ihnen das Harte schnell dahin, wo viel Wärme ist; darum sind die Schmiede (lllbri) stärker an den Armen, weil mehr von der Nahrung zu ihren Armen geführt wird, und von der Wärme werden ihnen die Nerven und Fleischthcile (enrnos) in jenen Gliedern verhärtet, und aus dem gleichen Grunde werden die Beine der Gerber so groß, und selbst auf ihre Kinder pflanzt sich das fort. Bei den Phi- losophircnden ist's Gegentheil der Fall; ihr Lebensgeist (sxiritns) geht über (cwäit) auf die geistige Kraft, und darum ist in ihnen die natürliche Kraft weniger in Blüthe; denn ihre ganze Materie geht über in den Lebensgeist (uirirnnlis sxiritns), wenn sie also nicht leichte und verdünnte Speisen gebrauchen, bleibt die Feuchte der Speise faulend und unverdaut zurück ^)." i 1) Netsor. p. 136. 2) Ibiä. i>. 141. 3) 1614. p. 168. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 327 Ueber Ernährung lesen wir noch: „Alles, was aus Elementen zusammengesetzt ist, kann nicht aus Einem Elemente sein Leben erhalten, auch nicht der Salamander, Häring und Stör, das ist nur Schein')." Höchst merkwürdig ist die Ansicht des Albertus über das Beginnen der Alchymistcn: „Ich längne gerade nicht die Behauptung der Chemiker, daß durch recht unterhaltenes, scharfes und langsames Feuer aus jedem Ding Oel, Nitrum und Gold gezogen werden kann; aber diese Ansichten sind sehr schwer zu verstehen und jene Prinzipien durch die Kunst nicht ganz anszuführen ^)." Ueber mehrere eigcuthümliche Käsebereitungcn und das Brennen guter Ziegel (die erst in der Sonne gut getrocknet werden müssen, und nie im Winter gut gemacht werden können) gibt Albertus Aufschluß. Auch erklärt er, wie Eisen schnell geschmolzen, wie Quecksilber kann getrocknet werden, warum man Bogen und Balläster aus Horn oder edlem Holze machen müsse, u. ft f. ') Ueber die Arten der Kohlen gibt auch Albert seine Ansicht kund: „Einige entstehen, wenn entweder brennendes Holz durch Wasser ausgelöscht wird, oder wenn grünes Holz augezündet wird, worauf das Feuer, mit Erde bedeckt, das Feuchte in ihnen austrocknet, aber nicht unterbricht; das sind die dauerhaften Kohlen. Die andern entstehen natürlich in der Erde; wenn nämlich ein Boden, feucht und sumpfig, durch die Hitze, die von der Materie der Erde auf ihn rcflcktirt, entzündet wird, dann verbrennt das Feuchte und die schwarze und sehr schwere Erde bleibt zurück, vielfach unterbrochen, doch nicht ganz Asche; das sind die Kohlen, die heißeres Feuer geben und von den Schmieden vor allen gesucht werden. Es finden sich solche in Deutschland und in Gallien bei der Stadt Leiden." Sofort geht Albertus zur Mineralogie über. Er spricht davon in fünf Büchern und unterscheidet Steine, Metalle und Mittelmincra- lien, wie Alaun u. dgl. „Darüber," sagt er, „habe ich keine Bücher des Aristoteles gefunden, nur theilweise Excerpte. Was Avicenna darüber im 3. Kapitel des I. Buches geschrieben, genügt nicht. Ueber einzelne Arten der Steine schrieben nach ihrer Erklärung Hermes Cuates, König der Araber, Dioscorides, Aaron und Joseph, die auch über die 1) Net. x. 172. 2) Ibiä. p. 178. Er hält die Goldmacherkunst theoretisch also für möglich, praktisch für unmöglich, eine Ansicht, die noch jetzt Naturforscher unterschreiben können- 3) Net. p. 180, 191. 328 Kapitel XXXIX. Edelsteine sich anssprachen. Wenig genügende Kcnntniß verschafft uns auch Plinius in seiner Naturgeschichte, der die Ursache der Steine nicht weise und nur im Allgemeinen andeutet. Wir werden also, nicht immer deren Meinung anführcnd, eine genügende Belehrung ertheilcn, wenn wir angcben die Materie und Verbindung der Mineralien, ihre nächste Ursache, ihre Form und ihre Accidentien, während wir die Fragen der Alchymistcn über Verwandlung der Steine in einander, über ihre medicinische Wirksamkeit als Elixir, über Geist und Leib der Steine bei Seite lassen Im ersten Buch spricht Albert im Allgemeinen von den Mineralien, im zweiten von den einzelnen Mineralien. In Bezug auf die Materie der Steine sind sie nach Alberts Ansicht entweder die Art einer Erde oder des Wassers Z. „Die Materie der mehr oder weniger durchsichtigen Minerale ist nicht reines Wasser. Das sicht man, weil durch Kunst das durchsichtige Glas gemacht wird und zwar ans der Feuchtigkeit, die ans verschiedenen Aschen, des Bleis, Kiesels, Eisens n. s. f. durch das stärkste Feuer gewonnen wird, und ans den Trvpfsteinbildnngen Dabei vergleicht Albert schön das Werk der Natur mit dem der Chemiker. „Dort wirkt die Natur ohne Schwierigkeit und Mühe, durch sichere und wirksame himmlische Kräfte, die in der Materie liegen, durch Einfluß von Intelligenzen, die nicht irren, außer im Zufälligen, nämlich in der Ungleichheit der Materie. Hier aber geschieht Alles mit Mühe und vielen Jrrthümern; in der Kunst ist nichts von jenen Kräften, sondern nur die erbettelte (msnäieutÄ) Zusammenwirkung des Genie's (inZeiiii) und Feuers Z." „Die Ursache der Entstehung der Minerale ist die mineralische Bildungskraft des Steines ^)." „Die Steine haben keine Seele, da sie kein Leben, keine Ernährung, keine Organe haben o)." „An Ufern und Bergen entstehen immer oder meistens die Steine, 1) Vs mineralibus p. 211. Hier gibt uns also Albert fast ganz eigene Arbeit, und mit wahrer Klugheit läßt er wieder die sonderlichen Fragen der Alchymi- sten und Elixirmacher der Zeit bei Seite. 2) Oe min. x. 211. 3) Ibiä. p. 213. 4) Ibiä. x. 213. 5) Ibiä. x. 214. 6) Ibiä. p. 215. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 329 schneller oder langsamer. So werden an den Ufern des Glonflusses (?) die Steine in 33 Jahren erzeugt')." Bei der Erklärung der Entstehung der Steine aller Art berichtet Albert von vielen Verwandlungen lebendiger Dinge in Steine an manchen Quellen, z. B. in den Pyrenäen. Bei Lübeck sei ein versteinerter Baumast gefunden worden, ans dem noch ein Nest mit kleinen Vögeln war, die gleichfalls versteinert wurden, als das Meer den Baum verschlang. In Gothland hat der Kaiser Friedrich seinen Handschuh mit Siegel halb in eine Quelle gelegt, und nach drei Tagen war das Untere Stein, das Obere noch Leder Z." Ueber die Accidentien sFarben, Härtet, Schleifbarkeit, Porosität, Thierbilders in manchen Steinen spricht Albert ausführlich Z. Im zweiten Buch wird von den Edelsteinen gehandelt. Albert spricht sich zuerst dafür ans, daß eine geheime Kraft in den Edelsteinen ist, die ihnen nicht aus ihrer Zusammensetzung, sondern ans ihrer Art und substantiellen Form zukommt ^). Dann gibt er die Aufzählung der einzelnen Edelsteine nach dem Alphabete, sowohl nach eigner Erfahrung als nach den Schriften von Autoritäten (Aaron und Avicenna), sie schildernd in ihrer Erscheinung und Wirksamkeit. Dabei sagt er trefflich: Loieutino unturnlis non est siiupllioiter nnrrntn nooi- pere, seci in rebus nntnralibus in^nirero onus ns Z. Als Arzneimittel, als sympathetische Kurmittel schildert Albert auch hiebei die Steine und erklärt ihre Namen. Er zählt 96 Edelsteine auf, die Eigenschaften derselben und den Fundort besonders betonend. Beim Drakonit erzählt er: „Ich sah im alemannischen Schwabenland einen Stein, auf welchem mehr als 500 Schlangen auf einer Wiese zwischen Bergen versammelt waren. Da der Herr des Bodens dort einen Durchgang machte, hieben seine Soldaten mit ihren Schwertern die Schlangen in viele Stücke, im Grunde aber lag eine große Schlange, die in viele Theile zerschnitten wurde. Unter dem Haupte 1) Oe min. p. 215. 2) IbiL. p. 216. 3) Er nennt hiebei den Diamant den härtesten Stein, spitzig, alle andern Steine zerschneidend. 4) Os min. p. 220. 5) Os Niner. p. 226. 6) So sagt er: Von der Art Calydonyx sind von unfern Gefährten zwei in Schwalbenmägen im August gefunden worden, p. 229.. Ebenso: Demporibus nostris borax extmotus est äs bnllons parvus viriäis! Und: Laibunoulus Inest sieut oarbo in tsnebris, talem viäi ego. 7) Ibidem. 330 Kapitel XXXIX. der Schlange wurde ein schwarzer Stein gesunden, wie eine abgeschnittene Pyramide, nicht durchsichtig, ringsum blaß, das Bild der Schlange ganz schön zeigend. Und diesen Stein hat mir die Frau jenes Adeligen geschenkt mit dem Kopf der Schlange und ich habe ihn besessen." Beim Ecithes sagt er: „Wir haben selbst in Köln gesehen, wie Störche, die in einem Garten viele Jahre nisteten, immer zwischen ihre Eier einen Stein legten Z." Ebenso erzählt er: „Ich habe viele Jrissteine gefunden in den Bergen Deutschlands, zwischen dem Rheinstrom und Trier, sie waren von verschiedener Größe und alle achteckig." „Ich sah in Ostfranken in Deutschland Magnetsteine finden von höchster Kraft und Größe, sehr schwarz und wie rostiges Eisen, mit Pech überzogen. Zu unsrer Zeit ward ein Magnetstein gefunden, der zog aus einer Seite das Eisen an, auf der andern stieß er es ab. Einer unsrer Gefährten, ein wißbegieriger Experimentator, erzählte mir, er habe beim Kaiser Friedrich einen Magnetstein gesehen, der zog nicht das Eisen an, sondern das Eisen zog den Stein an „Perlen werden viele in Flandern und Deutschland gefunden; ich hatte an Einer Tafel zehn im Munde, die ich beim Austernessen fand 3)." „Memphitis (?), als Trank bereitet, wird den zu Brennenden gegeben, dann fühlen sie das Brennen und Schneiden nicht „Der Saphir vertrieb vor meinen Augen zwei Anthraciten (un- traoes), und ging in ein Auge ein, ohne zu verletzen „Vom Smaragd wird als Erfahrung angeführt, daß er keusch mache und jeder gcgentheilige Akt ihn zertrümmere „Spiegclstein (sxecmluris luxis) wird statt des Glases zu Fenstern benützt, nur nimmt man dann statt des Bleies Holz zur Einfassung ?)," „Topas, in siedend Wasser geworfen, kühlt es Plötzlich so ab, 1) Mn. p. 231. 2) Ibiä. x. 233. 3) Ibiä. p. 234- 4) Ibiä. p. 233- 5) Ibiä. p. 236. 6) Ibiä. p. 237. Hiebei auch die Worterklarung: nem, pbsxos autena eoinsäeee. 7) Mn. x. 237. tliueee sonst sareos osr- Die Wissenschaft des sel. Albertus. 331 daß man ihn mit der Hand herausnehmen kann. Das hat ein Gefährte von uns in Paris gethan „Der Virites (?) brennt den ihn schnell Berührenden, wie auch manchmal eine Nachteule es thut, wie ich selbst öfter erfahren ^)." Im dritten Traktat spricht Albert seine Erfahrungen über die Steinsicgel und die Bilder ans Steinen aus, auf Bitten der Brüder, und weil das Bisherige Alles irrthümlich ist. Er führt als Beispiele an: „Als Jüngling (juvonis) war ich in Venedig, da wurden Marmore behauen zum Schmuck der Tempelwände. Da traf es sich, daß auf einem beschnittenen Marmor ein ganz schönes Hanpt eines Königs mit Krone und langem Barte erschien, nur die Stirne war zu hoch; wir Anwesenden sahen, daß das von der Natur gezeichnet war. Als man mich um die Ursache fragte, sagte ich, der Stein ist aus Dunst entstanden, der zur Höhe steigt." „Lange Zeit nachher, da ich in Paris unter den Lehrern und im Orden (äs §rsZ6) war, kam zum Studium dahin auch der Sohn des Königs von Kastilien. Als dessen Köche Fische kauften, erwarben sie auch einen, der im Lateinischen Peccet heißt, gewöhnlich aber Pleis genannt wird und sehr groß war. Da er ausgeweidet wurde, fand man in seinem Bauche die Schaale einer ganz großen Auster, die mir jener Prinz aus Liebe zustellen ließ. Die Muschel zeigte in der geglätteten Höhlung die Gestalten von drei Schlangen mit erhobenem Antlitz, so daß selbst die Augen trotz der Kleinheit nicht fehlten. An der Außenseite sah man an zehn Schlangen, mit dem Halse zusammengebunden, während Köpfe und Leiber getrennt waren. Und auf jedem Bilde war sogar die Oeffnnng am Munde und Schweife der Schlange zu sehen. Diese Muschel hatte ich lange und zeigte sie Vielen. Später sandte ich sie Einem nach Deutschland als Geschenk ^)." „Zu Köln ist im Schrein der heiligen drei Könige ein Onyx von bedeutender Größe, eine Hand breit und darüber. Dieser gleicht einer Schlange. Man sieht darauf zwei ganz weiße Jünglingsköpfe unter einander gemalt. Aber an der Stirne ist eine schwarze Schlange, die ihre Häupter umschlingt. An der Kinnlade des Einen ist ein ganz schwarzer Mohrenkopf mit langem Barte, während unterhalb am Halse wieder die Schlangenfarbe erscheint, so daß ein Gewebe mit Blumen (?) 1) Mn. x. 237. 2) Idiä. x. 237. 3) Idiä. p. 238. 332 Kapitel XXXIX. das Haupt zu umgeben scheint. Ich fand selbst, daß das nicht Glas, sondern Stein sei, nnd nahm darum an, daß es durch die Natur, nicht durch Kunst gemacht seift." Im dritten Buche spricht Albert dann von den Metallen ft im Allgemeinen, ihrer Materie, ihrem Entstehnngsort, der Ursache ihrer Bildung und ihrer wesentlichen Form. Er unterscheidet sieben Hauptmetalle in Analogie mit den sieben Planeten, nämlich: Quecksilber, Blei, Zinn, Silber, Erz, Gold ft, Eisein Darauf bespricht er die Eigenschaften der Metalle, ihre Dehnbarkeit, Farbe, Geschmack, Geruch, Verbrennbarkeit, Verwandlung im Allgemeinen und schildert dann jene sieben Metalle im Einzelnen (im vierten Buch). Im fünften Buche handelt er von den sogenannten Medien (Mittelkörpern): Salz, Vitriol, Alaun, weißer, gelber nnd rother Arsenik, Markasit (Nnrolinsita, wohl Schwefelkies?), Soda (Nitrum), Tuchia und Elektrnm. Wir sehem aus diesen Notizen, daß Albert auf dem Gebiete der Mineralogie bedeutende Kenntnisse besessen und nicht die Jgnorirung verdiene, die ihm in den Geschichtsbüchern dieser Wissenschaft gewöhnlich zu Theil wird. Ist auch seine Eintheilung der Mineralien ft (in Steine, Metalle und Media) noch unvollkommen, huldigt er auch vielfach noch Vorurtheilen und dem Aberglauben, so müssen wir bedenken, daß ihm wenige Vorarbeiten zu Gebote standen, daß er im dreizehnten Jahrhundert, nicht im neunzehnten gelebt, und daß vielleicht doch nicht Alles bloßes Vorurtheil sei, was uns in der Neuzeit als solches erscheint ft. Wir werden ohne Zweifel dann seinen originellen Anschauungen, seinem Bestreben, eigene Beobachtungen anzustellen, seinen Ansichten über die Alchymie n. dgl. unser Lob nicht vorenthalten. 1) Min. p. 239. Alle solche Bilder auf Steinen und Gemmen leitet Albertus noch von dem Einfluß eines Sternbildes ab. 2) Er sagt bei dieser Gelegenheit, er habe einmal in fremden metallreichen Län dern geweilt und da die Natur der Metalle erforscht. 3) Er nennt als Fundort des besten Goldes in Deutschland: Turbeth (?). Auch Böhmen enthalte viel Gold. 4) Es erhellt daraus, daß die Sage, Avicenna habe schon die Mineralien in vier Klassen eingetheilt (in Steine, Metalle, schwefelige Substanzen und Salze) unrichtig sei. Vgl. Okken's Mineralogie S. 26. 5) So hat die wirkende Kraft der Metalle und Edelsteine auf die physische nnd seelische Natur des Menschen an der Seherin von Prcvorst sich neuerdings be- stättigt. Zugleich ist merkwürdig, daß Albertus immer bei dieser Schilderung das Wörtchen „soll" beisetzt- Z. B. der Smaragdstein soll dieses bewirken n. dgl. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 333 Man sieht, er hat dieses Gebiet mit großer Vorliebe, mit eigener Beobachtung und nicht ohne Erfolg durchwandert. Der Naturforscher Choulant nennt dieses Buch eine der wichtigsten Schriften des Albertus für die Naturgeschichte des Mittelalters Z. Von der Untersuchung der unbelebten Naturwelt wendet sich Albertus dann zur belebten und zunächst zum Prinzip der Belebung, zur Seele. Er hält sich auch hier im Allgemeinen an des Aristoteles unsterbliches Werk über die Seele sin drei Büchern), fügt aber häufig eigene Ansichten, Beobachtungen, Erweiterungen und Berichtigungen bei. Von diesen letzteren wollen wir wieder einige Stellen mittheilen. Albertus bespricht zuerst die Substanz, dann die Kräfte der Seele. Um die Möglichkeit und Wichtigkeit dieser Disciplin darzuthun, sagt er: „Obwohl alle unsre Erkenntniß vom Sinnlichen beginnt, so bleibt sie doch bei dem, was dem Sinnlichen jedenfalls znkommt, nicht stehen und schließt nicht mit dem Sinnlichen, sondern sie erhebt sich mit Gewalt in's Unendliche zu dem, was schwierig und fern von den Sinnen- dingcn ist, nämlich zur ersten Ursache, zu den Intelligenzen und zu ihr selbst." Und weil die Intelligenz, die Quelle aller Erkenntniß, zur Seele gehört, weil selbst das Heilige auf dem Zeugnisse der Seele beruht (xrineijMÄ sunt nodis irurntn), weil die Seele die Form des Körpers, so trägt die Psychologie nicht bloß zur Kenntnis; aller Naturdinge bei, sondern sie fördert auch die göttliche Wissenschaft, indem sie den edelsten Gegenstand der göttlichen Intelligenz zeigt. Sie ist darum die vornehmste der Naturwissenschaften Z. Von der Seele Wesen sagt Albert, sie sei Form, unkörperliche Substanz, die von aller Natur der Körper verschieden ist und Prinzip der Bewegung ^). Er führt in letzter Hinsicht an, er habe selbst in der Magie erfahren, daß Engel in Leibern und körperlose Seelen sich von Ort zu Ort bewegt haben. Ueber die Entstehung der Seelen der Pflanzen und Thiere sagt Albert; „Einige unsrer Genossen meinten, die Seelen der Thiere und 1) Im Janus S- 13t. 2) Bei Jammy Bd. llt. äe anima x. 3. 3) Die Entelechien des Aristoteles übersetzt Albert immer mit xerkeetionss sivs »eins. 4) Er sagt merkwürdiger Weise nebenbei: Italrsvet trnn.llatio aradica: Kraeen (lmtinn) antein translatio äiscoräat ab Irne et, nt puto, est menäosa. In inulti8 invcnimus drneens translationeo ernenäatiores Husm ^rnvieas. 334 Kapitel XXXIX. Pflanzen stammten aus Ueberleitung (ex traänetloirs) von den Eltern, indem sie von diesen Partikeln erhielten. Aber ein Theilen ist bei einer Seele nicht möglich. Im Keime liegt die Kraft (der Seele) „Die vegetabile, sensible und intellektuelle Seele sind Eine Substanz mit natürlichen Eigenschaften." „Die Seelen, welche nur in Körperorganen wirken (vegetative und sensible), dauern nicht fort, sondern müssen mit dem Körper untergehcn, nicht aber die intellektuelle Seele." Bei der Lehre von der sensiblen Kraft schildert Albertus die einzelnen Sinne und Sinneserscheinnngcn 2) und sagt unter Anderem: „Die Phantasie steht zwischen dem Gedächtniß, in welchem die Intentionen, und der Einbildungskraft, in welcher die durch einen Sinn anfgcnommenen Formen sich befinden, gebraucht beide, indem sie ihre Objekte verbindet und trennt; sie wirkt im Träumen und beim Wachen." „Das Mittel aller Sinne ist der Gemeinsinn; er liegt im Vorderhirn, wo die Sinnesnervcn zusammenlaufcn. Im ersten Theil des Mittelhirns ruht die Urtheilskraft; im hintern Theil des Gehirns, wo die Bewegungsnerven entstehen, rnht das Gedächtniß. Wenn dieser Theil bei den Thicren verletzt wird, verlieren sie das Gedächtniß. Die Phantasie wohnt in der Mitte des Mittelhirns. Fehlt das bei einem Thiere, kann es sich nimmer leiten, es wird wüthend ^)." „Die Leute, welche eine gute Imagination haben, passen zu Mathematikern, weil sie die Figuren gut behalten können; wenn solche Menschen sich vom Sinnlichen entfernen, als Einsiedler leben und sich von des Fleisches Pflege und körperlichen Genüssen fern halten, werden sie Propheten, weil dann diese Sinnendinge den Einfluß des Himmlischen nicht hindern." „Daß die Menschen immer auf andere Weise und Verschiedenes bauen, während die Thiere (Schwalben, Ameisen) sich immer hierin gleich bleiben, erklärt sich so: Jene handeln mit Vernunft (cum rn- tione), diese werden von Natur vielmehr getrieben; jene haben zur Phantasie hinzu noch die Vernunft, diese nicht. Daher sind die Werke der Phantasie bei allen Unvernünftigen dieselben; wegen der Vernunft sind sie aber bei den Menschen mannigfaltig." „In der Uebersetzung des Aristoteles ist ein Fehler; denn dort 1) Oe nnimn p. 38. 2) DaS Licht nennt er lanium ^nnlitas luminosi corporis. 3) Oe aminn p. Ilti. Also Phrenologie und Kranioscopie! Die Wissenschaft des sel. Albertus. 333 heißt es, die Ameise und Biene hätten keine Phantasie; aber das müssen andre Thiere seyn, da jene künstliche Zellen bauen." „Warum man im Traume selten von Gerüchen träumt, oft aber von Gestalten und Farben, kommt daher, weil das durch das Gefühl Aufgcnommene mehr in der Phantasie hastet, als die bloßen Qualitäten st." Nachdem Albertus die Lehre von der vegetabilen und sensiblen Seele ausführlich behandelt, redet er von der rationalen Seele und sagt: „Ich muß nun eine andre Ordnung einhalten. Denn nach unsrer Ansicht sind die Thätigkeiten vor den Kräften; darum fangen wir mit den elfteren an; und wir werden Aristoteles und die Peripatetiker ganz anführen, dann den Plato, dann unsre Meinung. Dagegen verabscheuen wir die Worte der lateinischen Lehrer (Araber); denn bei ihren Worten findet die Seele keine Beruhigung, weil sie die Wahrheit nicht zeigen. Ich bitte aber meine Genossen dringend, daß sie die hier vorkommenden Zweifel fleißig erwägen und, wenn eine vollkommene Lösung geboten wird, Gott dem Ewigen Dank sagen; wenn aber nicht, so sollen sie es doch für Gewinn halten, daß sie zu zweifeln wissen über so wunderbare und erhabene Dinge, die denen sehr nützlich sind, welche zur Gotteswissenschast fortschreiten st." Dann thut er den Ausspruch: „Die Seele ist etwas Wunderbares; aber in ihr ist wunderbarer als Alles, daß der Mensch durch sich selbst zu wissen verlangt." Darauf kämpft Albert mit sichtbarer Entrüstung gegen die Araber Avempace, Abubacher, Averroes, Avicebron und Algazel, die Einen Jntellektus in allen Menschen annahmen st. Er unterscheidet sofort den intellsotus possilnlis, universalster NAtzns, sxeeulativus und aäep>tus st." Ueber das Verhältnis; der Seele zum Körper sagt er: „Die Seele ist die Substanz und Form des Körpers, nicht aber umgekehrtst." „Die Seele stirbt nicht mit dem Körper und war nicht vor ihm; denn sie ist wesentlich verschieden vom Körper, also nimmt sie am Tode des Körpers nicht Antheil." 1) Os amma x. 130. 2) Idiä. x. 131. 3) Idiä. x. 138. 4) Idiä. p. 169. 5) Idiä. p. 170. ^.irima. est sudstantia et forma corporis, d- h. das Sub- sistirende und Formireude des Körpers. 336 Kapitel XXXIX. „Sie wird durch den Tod des Körpers nicht zerstört, sondern erhält nach dem Tode ein edleres Seyn. Denn dann wendet sie sich ganz znm wirkenden Verstand wie zur Form und erkennt dadurch, frei von der Materie, was ihre höchste Glückseligkeit ist. Auch war sie nicht vor dem Körper, denn sie ist ja Bewegerin des Körpers, so wenig einer Schiffer ist vor dem Schiffe." „Es ist ein Wahnsinn, zu behaupten, von allen Seelen bleibe nach dem Tode nur eine zurück, weil die Seelen nur durch den Körper in- dividuirt würden Endlich redet Albert wie Aristoteles noch von den Bewcgungs- krästen der Seele. Gegenüber dem Averroes sagt Albert: „Das Herz ist nicht Ursache der Bewegung, wie die Anatomie beweist, sondern diese vollzieht sich durch die Muskeln. In jedem beweglicheil Muskel sehen wir einen Nerv hervorgehcn bis zu dem Gliede, das bewegt wird ^)." lieber das Gewissen und den freien Willen (liberum urbitrium) gibt Albert treffliche Andeutungen ^). Endlich spricht er sich noch mit Entschiedenheit über das Verhältniß jener Theile der Seele ans, indem er sagt: „Das Sensible, Vegetative und Rationale sind beim Menschen in Einer Seele. Die irren, welche sagen, zuerst sei im Embryo das Vegetative, dann komme das Sensible und endlich das Intellektuelle; und zwar käme das Letztere von Außen, während die Andern von Innen sich entwickeln. Die Seele hat immer alle ihre Kräfte, aber sie gebraucht sie nicht immer alle. Die einen Kräfte werden verdorben durch das Alter und die Schwäche des Körpers, wie ein Schiffer geschwächt ist, wenn sein Schiff zerbrochen oder zerrissen ist." „Die Seele ist im Samen, nicht wie der Akt in dem, dessen Akt er ist, sondern wie der Künstler im Kunstwerk ^)." So, sehen wir, hat Albertus die Psychologie des Aristoteles wesentlich erweitert, berichtigt, näher bestimmt und mit treffenden Gedanken dnrchwebt. Während er hier mit Zngrundlegung der bekannten aristotelischen Schrift das seelische Leben in Kürze geschildert, hatte er zum Theil schon früher in einzelnen eigenen Abhandlungen mit größerer Ausführ- 1) De Llliius x. 170. 2) Ibiä. x. 179. 3) Idiä. x. 180. 4) Idiä. p. 189. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 337 lichkeit und Selbstständigkeit die Haupterscheinungen (Opsrntionss) an den lebendigen Wesen behandelt, obwohl er auch hier die vorhandenen, entsprechenden kleinen Schriften des Aristoteles nicht unbeachtet ließ. Es sind dieß jene Abhandlungen, welche unter dem Namen knrvn Rntnrnlin im Drucke erschienen sind und viele, noch immer interessante Notizen und Untersuchungen enthalten. Sie behandeln die Sinne und Sinneswa h r neh m nnge n (cks sensu et sensnto), dann die Gedächtnißkraft und die Erinnerung, Schlaf und Wachen 2), die Bewegungen der Thiere, das Alter, die Jugend und das Greisenalter, den Odem und Athmnngs- prozeß, den Tod und das Leben, die Nahrung und das davon Ernährte, die Natur und den Ursprung der Seele, die Einheit der Seele gegen Averroes ^), die Erkenntnißkraft und das Erkennbare, die Natur der Gegenden, die Ursachen und Eigenschaften der Elemente, die Veränderungen der Luft, die Vegetabilien und Pflanzen, die Prinzipien der Ortsbewegung (lnotus p>roAressivl) , die Ursachen und den Hervvrgang des Universums von einer ersten Ursache, endlich die Astronomie und die damit sich befassenden Schriften (speeuluw ostroilonrioum). Albertus hat also hier viele Themen, welche Aristoteles noch nicht gekannt oder untersucht hat, und alle weiß er auf eigenthümliche Weise anzufasscn und zu behandeln. Wir heben ans dieser Fülle von Untersuchungen nur drei hervor, weil sie das Bild des Charakters und der Wissenschaft des Albertus zu vervollständigen vermögen, nämlich die Schrift äs rmturn loeoi-uin, den spseulurn nstronoinieuni und das Werk äs xlnntis. Die Schrift cle imterrn looorum, worauf wir früher schon hingewiesen, ist der Inbegriff der geographischen Kenntnisse des Albertus, es ist die physikalisch-politische Geographie des dreizehnten Jahrhunderts, eine Fundgrube überraschender Notizen und auffallender Natnrkenntnisse für jene Zeit. 1) Bei Jammy Bd. V. 2) Er beschreibt hier Schlafwandler aus eigner Beobachtung (p. 77). Besonders interessant sind seine Qnästionen über die Träume. Er erklärt aus der Schwäche des Geruchsinns, warum wir selten von Gerüchen träumen. Von der Traumauslegung sagt er: „Schwer ist sie. Es läßt sich nicht ganz läugnen, daß nicht manchmal Träume etwas bedeuten; denn wer hat nicht schon selbst spater eintreffende Träume gehabt; aber auch nicht ganz bejahen" u. s. f. 3) Er zählt 36 Gründe auf gegen die Ansicht des Averroes. Sighart, Albert b. Große. Z2 338 Kapitel XXXIX. Gleich im Anfang spricht sich Albert über die Notwendigkeit dieses geographischen Unterrichts so aus: „Die, welche Naturwissenschaft docircn, und nichts von der Verschiedenheit der Orte sagen, fehlen, und sie suchen sich nur ob ihrer Unwissenheit zu trösten, indem sie sagen, das brauche man nicht zu wissen. Man muß bei den Naturdingen die Untersuchung immer bis zu den Einzelnheiten fortführcn, so auch in der Lehre von den Räumen (cks loois)." Und nun bespricht er nach dem Vorgänge des Plato und Aristoteles, deren Bücher hierüber aber verloren seien, und mit Hinblick auf Ptolemäns und die Araber die hierauf sich beziehenden Fragen. So über die Bewohnbarkeit der Theile der Erde '). Er hält den Theil der Erde vom Aegnator bis zum Südpol für bewohnbar und wirklich bewohnt, weist die verbreiteten Fabeln zurück und sagt, jene Gegenden seien nur schwer zugänglich, da man durch eine weite Sandwüste reisen müßte, die durch den Brand der Sonne gefährlich ist. Dagegen hält er die Gegenden an den beiden Polen für unbewohnbar ob der Kälte '). „Von welcher Ausdehnung diese Gebiete seien, ist unbestimmt. Aber das glaube ich, daß alle diese Länder ein Monat und mehr nicht zu bewohnen sind wegen der Kälte. Da daselbst beständige Nebel das Meer bedecken, da im Winter das Eis, im Sommer die Eisstücke die Schifffahrt unmöglich oder sehr gefährlich machen, so haben wir so wenig Kenntniß von jenen Ländern. Wenn es dort Thiere gibt, so müssen sie große, fleischige Körper haben, damit die Kälte nicht so schnell dnrchdringen kann; die Farbe dieser Thiere wird weißlich seyn (so die Bären, Löwen), und sie können nicht immer dort bleiben. Selbst die Fische ziehen von dort im Winter gegen Westen und kehren im Sommer zurück. Die Pflanzen, Haber und Gerste, werden manchmal kräftig dort, aber Weizen gedeiht nie, sondern degenerirt in andre Frucht." Dann untersucht Albert die Länge und Breite der bewohnbaren Orte, schildert die Antipoden und ihre Länder ^), die sieben Klimate 1) Er sagt hier: Hmäijuiä äieturi sumus in lidro ineteoium doe ei'it opi- nioni8 aliorum; die autern vcre serixsimus opinionem nostrain (p. 272). 2) Er bemerkt hiebei: Viäi domines Huo8äam, qui earmam ynai-e non tran- 8eatu>-, äiennt e88e inaees88at>ilo8 inonte8 praeruptoo et cie8erto8. 3) Doch, sagt er, wird die Kälte durch die Meereswellen etwas gemindert. 4) Opposits daditant, yuoruin e8t unua parallele oeeunäum latituäinem vLnäeM) 8eä non oat eio iongttuäo una, oell xoliuo ämlant per inaximam lon- xituäinein, yuae poleot 0880 per eirenlnm: Iioe autem eot yuanäo eton§atur a Die Wissenschaft des sel. Albertus. 339 in Bezug auf Wärme und Kälte. Von der unteren Halbkugel (inlo- rins Iiomisplmoi-ium) sagt er unter Anderem: „Weil zu uns noch kein Bewohner dieses untern Halbkreises gekommen, daraus folgt nicht, daß dort Niemand wohnt; sondern die Größe des dazwischenliegenden Oceans, der von allen Seiten das Land umgibt, hindert, daß man wegen der weiten Entfernung nicht hinübersegcln kann. Wenn man aber irgendwo schon übergcsetzt hat, so war es unter der heißen Zone; denn dort sind der Natur nach die Ufer enger (striotn). Die darf man nicht Horen, welche sagen, dort könnten keine Menschen wohnen, weil sie von der Erde fielen. Denn zu sagen, die fallen, welche ihre Füße nns zngcwendct haben, ist rohe Unwissenheit; denn wenn wir vom Unteren der Welt sprechen, so ist das nicht in Bezug auf uns, sondern simpliciter gesagt." Darauf wird die Verschiedenheit der Orte besprochen, die durch Berge, Meere, Wälder verursacht ist, und trefflich der Einfluß dieser Gebilde auf die Gegenden geschildert. Dann folgt die Untersuchung über die Modifikationen, welche Produkte durch die verschiedenen Orte erleiden, so die Pflanzen, Thiere und Menschen'). In letzterer Beziehung erklärt Albert aus der Beschaffenheit des Wohnorts geistreich die Raceneigenschaften, der Neger- schwarze Farbe, Haare, vorstehenden Mund, Weiße der Gebeine, Zähne, schnelle Entwicklung, Feigheit, Weichlichkeit, Blödigkeit u. s. f. Den Gegensatz dazu bilden ihm die Gothen, Dacicr und Slaven. Dahin rechnet er auch die Germanen ^). Das schöne Mittel bilden ihm dann die romanischen Völker, zwischen der Wildheit des Nordens und der Weichlichkeit des Südens in Mitte stehend. so per totum scmieirculum: tune eniin äistant per lonAituäinem totam ckiame- tri et eonvertunt contra so pe«les inviesm, ita guoä «Hamster inferior eireuli parallel! per Aonitlr capiluin et per pecles et per eentrum semielreulum translt, et lsti voeantur antipoäes et sunt ln nostra liatntabill etc. l?. 275. 1) Es finden sich hier treffliche Bemerkungen, die Anfänge einer Pflanzen- und Thiergeographie. „Kein Punkt der Erde hat dieselben Kräfte mit dem andern, und Nichts hat ganz dieselben Kräfte mit einem Andern." „Daher die versetzte Pflanze lange nicht gedeihen will." „Weizen artet aus in Roggen (silixo) und umgekehrt wegen des Standortes." 2) „Wegen der größeren Kälte sind sie groß, stark, fruchtbar, mnthig, ursprünglich ungeschickt zum Studium. Aber wenn sie es beginnen, dann halten sie ans und werden besser als Andre. Das sieht man an den Mailändern (Lombarden?), die jetzt immer Gesetze, Künste und Wissenschaften treiben, wozu die Dacier keine Lust zeigen." 22 * 340 Kapitel XXXIX. Er gibt dann die Schilderung der Menschen, wie sie durch die Verschiedenheit des Wohnorts werden, je nachdem sie Berge, Meere oder sumpfige, windige Gegenden bewohnen. So sagt er: „Die in steinigen, kalten und trockenen Ebenen wohnen, sind gar stark und knochig, haben sehr hcrvortretende Gelenke, sind hoch von Gestalt, kriegerisch, ausdauernd im Krieg, haben knotige Glieder, sind von unbeugsamen Sitten, wahrhaft steinerne Menschen." „Die aus Bergen Wohnenden haben häufig knotige und scrophu- lose Hälse und Schlünde wegen des phlegmatischen Wassers, das solche Auswüchse erzeugt." Hier werden auch dann Anweisungen gegeben, wie die Wohnungen in den verschiedenen Lagen gebaut seyn müssen, um zweckmäßig und gesund zu seyn! Darauf folgt die Kosmographie, wobei sich Albert meistens an die Beschreibung des Römerreichs halten zu wollen erklärt, die unter Cäsar Augustus entstand. Er unterscheidet die drei Erdtheile Asten, Afrika und Europa, sagt aber, daß man besser vier Theile, den Orient, den Occident, den Norden und Süden unterscheide. Er zählt sofort 30 Meere, 30 Gebirge und 57 große Flüsse auf, die er dann nach Ursprung und Verlaus schildert; wie er auch die Inseln, Hauptstädte und Volker der einzelnen Erdtheile nennt. Bei der Aufzählung der deutschen Städte nach der Beschreibung des Augustus erscheint auch Agripia, wobei Albert bemerkt: „Diese heißt jetzt Köln, wo dieses Buch auch ist zusammengeschrieben worden (eomxilatrrra sst) ft." Bei Patavnm sagt er: „Diese Stadt heißt jetzt Padua, da blühte lange das Studium der Wissenschaften." Bei Paris lesen wir: „Das ist die Stadt der Philosophen." Unter den bei Augustus nicht genannten deutschen und alemannischen Städten führt Albert an: Oon- stuntin, Los-ilso., ^.rAentiim, Vorirmtia, Na^rurtin (Mainz), Ickeriü- xolis (Würzburg), Tpn^ustn (Augsburg), Ruckis^onn (Regensburg), Vismm (Wien), KulonnZn (Salzburg), iOutnvia (Passau), Lxlrorckia, 7).Iv6tn8t (Halbcrstadt?), iilnckobrir--, Lsrrmlnunä, Kloster ^.ssuonieli (uronmstMuill ^Vsisueiiicli?), UociLinbruiio (Paderborn), Dusseelro, IruAetuiri (?) ft. Indem die deutschen Völker aufgezählt werden, sagt er, die Alemannen hätten ihren Namen vom großen alemannischen See am Fuße 1) r. 286. 2) Hier sind offenbare Druckfehler im Texte: Dinciispana, Vieonns u. s. f. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 341 der Alpen, jetzt hießen sie aber Schwaben (suevi); Würzburg nennt er die Hauptstadt der Ostfrankcn Z. Wo die Gränzen der drei Welttheile bestimmt werden, erscheint als Schlußpnnkt von Afrika der Berg Atlas und die glückseligen Inseln 2 ). Bei der Insel Britannien sagt Albert: „Sie ist 800 Millien lang, 200 breit. Gegen Osten hat sie die Ortodasinseln, 32 wie man sagt, wovon mehrere verlassen und unbewohnt sind; dort ist Kälte und Finsteruiß, Mau sagt, eine sei weniger bewohnbar als alle, die heißt die Insel Tile, die ist weit von allen entfernt und kaum von Menschen noch gesehen worden Ans diesen wenigen Auszügen erhellt abermals, daß Albertus auch auf dem Gebiete der Geographie für jene Zeit nicht unbedeutende Kenntnisse besessen, daß er die alten Traditionen bewahrt und diese auf jegliche Weise zu mehren bemüht gewesen! Die letztere Stelle von der Insel Tnle läßt uns ihn wirklich als einen Propheten Amerikas erscheinen! Im 8p>6ou1nm nstronomionin^) gibt uns der Meister Aufschluß über die astronomischen Anschauungen, Untersuchungen und Schriften, die in jener Zeit mit so großer Vorliebe gepflegt und gelesen wurden. Er unterscheidet eine theoretische und praktische Astronomie; die erstere ist die wissenschaftliche über die Gestalt, Bewegung, Größe und Erscheinungen der Himmelskörper. Er nennt eine Menge griechischer, arabischer und jüdischer Schriften über diese Wissenschaft, die durchaus nichts gegen den katholischen Glauben enthalte. Der andre Theil ist die praktische oder Schlnßastronomie (astro- noraig. jnäioinrm), welche zeigt, wie Gott die Dinge auf Erden durch seine Instrumente, die tvdten und stummen Gestirne, leitet und gestalte, und ist sehr geeignet, die Liebe Gottes in uns zu mehren. Als Theile derselben erscheinen die Lehren von den Revolutionen, die durch die Konstellation der Gestirne hcrbeigeführt werden, von den Naivitäten, unter welchen Gestirnen Einer geboren ist und mit welchem 1) ?. 287. 2) ?. 289. 3) ?. 291. Im Texte steht Dile, wahrscheinlich hieß es aber im Original Dnle. 41 I'. 658 — 666. Von Einigen dem Albertus abgesprochcn, anch im Style etwas abweichend von den andern Schriften. Doch sind im Ganzen mehr Gründe für die Aechtheit. 5) k. 658. '-Ü.MIWH 342 Kapitel XXXIX. Erfolge etwas begonnen werde, von den Fragen (ob Etwas zn Stande komme oder nicht, wann das geschieht, oder welches Hindcrniß besteht) nnd von den Wahlen (welche Stunde die geeignetste sei zn jedem Werke). Albertus führt hier auch die erlaubten Schriften an, tadelt aber zugleich heftig abergläubische Bilder und Bücher, so die Bilder Toz nnd Germath, wobei eine Art des Vennskultes getrieben wurde, die Bilder des Be- lenus nnd Hermes, die durch die Namen von 54 Engeln exorcisirt, eingeränchert nnd (mit den Namen von sieben guten und sieben bösen Dingen) beschrieben wurden. Iluso sst iclolatriu possiirm, sagt Albertus. Hzsit, rrt sxliilmo.irm8 orvaturus lioiiorem clobitum eroutori. Von den hierüber handelnden schlechten Büchern bemerkt Albert: „Es ist schon lange, daß ich sie gelesen; mein Geist fand nie Ruhe in ihnen, ich wollte sie nur schnell einschen, um die elenden Anhänger derselben verlachen und sie mit ihren Waffen bekämpfen zn können. Daher weiß ich nicht mehr alle Namen der Bücher und Verfasser." Er zählt aber dennoch viele solcher Bücher auf. „Das verderblichste von allen ist aber das Buch, das Aristoteles dem König Alexander geschrieben, nnd das Viele den Tod der Seele nennen." Daß Albertus, obwohl an die Aussprüche der Astrologie haltend, dadurch nicht vom Wege des Glaubens abgckommen, sehen wir in seinen weiteren Bemerkungen. Die Astrologen sagen, die Geburt Christi durch eine Jungfrau sammt der Verkündigung durch einen Engel sei am Himmel bildlich angezeigt worden; es sei erschienen die Jungfrau mit zwei Aehren, nährend einen Knaben, und noch ein Mann war mit ihnen. Das ist richtig, aber nicht, als ob die Erscheinung am Himmel Ursache gewesen wäre, daß der Erlöser von der Jungfrau geboren worden, sondern er war Ursache, daß der Himmel ihn auch andeutete, da er es ist, der den Himmel ausspannt wie ein Zelt, und der alle Sterne geschaffen hatte; auch das Buch des Universums sollte von ihm reden Z." Auch das Dogma von der Freiheit des Willens gab Albert nicht Preis. „Der Einfluß der Gestirne macht bloß, daß sich der Mensch znm Einen oder dem Andern, wozu er geeignet ist, schneller hinneigt. Für das, was die Seele durch Wirkung des Himmels ist, ist sie nicht verantwortlich; sondern für die Anwendung oder Nichtanwendung dieser Stimmungen." Während Albertus also dieser freilich sehr gemäßigten Astrologie seine Zustimmung nicht versagt, bezeichnet er znm Schluß als unwissen- l) e. 663. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 343 schaftlich *) die Nekromantie (die Schriften hierüber seien jedoch eher zu erhalten als zn zerstören), die Geomantie, Hydromantie, Acromantie, Pyromantie, Chiromantie. Doch könne letztere ein Theil der Physiognomik seyn und vielleicht noch Wahrheit enthalten. So zeigt sich Albertus auch in dieser Schrift als Forscher, der selbst geprüft und sich über den Wogen des Aberglaubens seiner Vorgänger hierin glücklich zu erhalten gewußt hat. Von großer Wichtigkeit ist das Werk des Albertus über die Pflanzen 2). Indem er sich auf ein unächtcs Werk des Aristoteles bezieht, dieses aber durch reiche eigene Zuthaten, Beobachtungen und durch die Forschungen der jüdischen und arabischen Gelehrten berichtigt, um das Doppelte vermehrt und ganz umgestaltet, liefert er in acht Büchern ein Werk über Physiologie, Anatomie, Klassifikation der Pflanzen, über Feldbau und Gartenzucht, daß die Vorzeit kein ähnliches aufzuweisen hatte und daß die Nachwelt Jahrhunderte hindurch bei dem Resultate seiner Untersuchung und Darstellung der Pflanzenwelt im Ganzen stehen blieb. Er nimmt in der Geschichte der Botanik einen höchst ehrenvollen Platz ein ^). Wir geben einen kurzen Ueber- blick über den Inhalt dieses Werkes. Das erste Buch behandelt die Fragen: Ob die Pflanze beseelt sei, ob die Pflanzenseele Gefühl und Begehren habe, ob sie schlafe, ob die Pflanzen geschlechtlich seien, ob das ein Vorzug der Pflanzenseele sei, sich ohne Geschlechtlichkeit fortzupflanzen, welches die Beschaffenheit des Pflanzenlebens sei und welches die Theile und Arten der Pflanzen seien "ff. Die erste Frage beantwortet er dahin, daß die Pflanze beseelt sei, wie jeder Körper, der sich aus sich selbst bewegt; denn ohne Bewegung wäre kein Wachsthum, keine Ernährung und Fortpflanzung. Auf diesen engen Kreis beschränkt sich aber die Thätigkeit der Pflanzenseele. 1) Non rnerontur äiei seienliao sect xarramanliae, d. h. Narrenwahrsage- reien, sagt er. 2) Bd. V, p. 342-507. 3) Die Ehrenrettung des Albertus in dieser Hinsicht gebührt dem Hrn. Ernst Meyer, der in Schlcchtcndals Linnäa (Albertus Magnus, ein Beitrag zur Geschichte der Botanik, X. Bd. Halle 1836. S- 641 — 741) die frühern Vorwürfe gegen Albertus abgewiesen und seine Verdienste trefflich nachgewiesen hat. An seine Untersuchung schließe ich mich größtentheils an. 4) Er theilt sie hier ein in Bezug auf Gestalt, Blüthe und Frucht, auf Cultur, Geruch, Farbe. 344 Kapitel XXXIX. Nachdem er sofort der Pflanze das Vermögen des Gefühls und Begehrens abgebrochen, redet er also vom Pflanzenschlaf'): „Schlaf und Wachen haben einige Philosophen den Pflanzen zngeschrieben, so auch Sokrates und Plato. Denn es ist bekannt, daß der Schlaf durch Zudrang der Kälte nach den äußern Theilen des Körpers entstebe, wobei sich dieser gegen die Außenwelt verschließt. Das ist wesentlich; Nebensache dagegen ist, ob die Kälte vom Haupte ausgcht, oder woher sie sonst kommen mag; denn auch die kopflosen Thiere schlafen. Ebenso ist die Dauer des Schlafes Nebensache, denn einige Thiere schlafen ein halbes Jahr lang, andre weniger. Da nun das Aeußere der Pflanzen während des Winters zusammengezogen, verschlossen ist, ihr Saft und ihre Wärme nach Innen gedrängt werden, so muß man von ihnen gleichfalls behaupten, daß sie schlafen. Auch zur Nachtzeit schlafen einige Pflanzen, denn ihre Blumen ziehen sich am Abend zusammen, und öffnen sich wieder mit Tagesanbruch. Ferner steht der Wechsel von Schlaf und Wachen bei den Thiercn im genauen Zusammenhänge mit den Zeiten, da sie ihre Nahrung zu sich nehmen; ebenso ist es mit den Pflanzen. Man bilde sich nicht ein, daß die Pflanzen fortwährend Nahrung einsaugen. In der heißen Jahreszeit vegetiren sie bei der Nacht und trauern während der Glut des Tages, welche sie ihres Saftes und ihrer Warme durch Verdunstung beraubt. Deß- gleichen finden wir die Pflanzen zur Winterszeit bei äußerer Zusammenziehung inwendig am sastrcichsten Albert stimmt aber dieser vermeintlichen Ansicht der Sokratikcr, deren Begründung er übrigens hochschätzt, nicht bei, sondern erklärt den Schlaf als einen Vorzug des sensiblen Lebens. In Bezug auf die Geschlechtlichkeit der Pflanzen bemerkt er, daß den Pflanzen nur eine sehr entfernte Analogie mit dem Gegensatz der Geschlechter zukomme ^). Im zweiten Buche behandelt dann Albertus die Eintheilung 1) ?. 352. 2) Ernst Meyer sagt hiezu: „Sollte wohl in den fünf Jahrhunderten von Albert bis auf Linns etwas Besseres über den Pflanzenschlaf gesagt worden seyn? ich zweifle." 3) Bis zur Entdeckung der wirklichen Geschlechtsfunktion bestimmter Organe der Pflanze, also bis Nnd. Jak. Camerarius, konnten nüchterne Naturforscher, zumal wenn ihnen Gelegenheit fehlte, die Dattelpalme zu beobachten, keine andre Meinung gelten lassen. So Ernst Meyer. A. a. O. S. 668. 4) Er redet hier einmal von Plinins nnd Theophrast so, daß er sagt, sie sollen dieser Meinung zugethan seyn, woraus man sieht, er habe sie nicht benützt. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 343 und Verschiedenheit der Pflanzen. Bei der Eintheilung der allgemeinen Pflanzengattung in die Untergattungen nennt er als solche: Bäume, Bäumchen (urliristu.), Sträncher, Stauden, Kräuter, Pilze n. s. f. Doch meint er, das sei keine logische Eintheilung, weil sich die Pflanzennatur im Pilz nicht so vollkommen ansspricht, wie im Baum. Die Pflanzen stehen demnach auf verschiedenen Stufen der Vollkommenheit, welche durch obige Eintheilung augedeutet worden. Auch gehen die genannten Arten in einander über, wie der Strauch in den Baum, Roggen in Weizen und umgekehrt. Bei der Lehre von den Pflanzentheilen unterscheidet Albert drei Klassen von solchen Theilen: 1) integrales essentiales, die jeder höhern Pflanze zukommen und zur Erhaltung des Individuums dienen; dahin gehören der Pflanzensaft,-der Knoten, die Wurzel, die Saftwege, das Mark, die Rinde, Holz und Fleisch; 2) aeelclentalss essentiales, die den meisten höhern Pflanzen eigenthümlich sind und zur Erhaltung der Art dienen, so die Blätter, als Hullen der Pflanzen und der Frukti- ficationsthcile, die Blüthen und die Früchte; 3) aoeicksntales non essentiales, die weder zur Erhaltung des Individuums noch der Art noth- wendig sind. So die Dornen. Diese einzelnen Theile, ihre Bestimmung, Gestalt l) und Farben^, werden dann im Einzelnen geschildert. Das dritte Buch handelt von den Früchten (Samen), ihrem Geschmacke und Geruch. Es werden da die Arten der Früchte, ihre Gestalt (Kugel und Säule), Farbe, Geschmack und Geruch besprochen. Im vierten Buche sind die natürlichen Kräfte oder Wirkungen der Pflanzen Gegenstand der Untersuchung, ebenso die Art (generatio ori- ginaria) und der Ort der Entstehung der Pflanzen. In letzterer Hinsicht wird die Vegetation der Berge, Hochländer, der Meere, Sümpfe, Bergabhänge, Wüsten, Polarläuder u. s. f. besprochen. In Bezug aus das Keimen der Pflanzen macht Albert die interessante Bemerkung: „Beim Keimen findet man eine dreifache Verschiedenheit; einige Pflanzen machen den Keim oben in ihrem Mehl, wie der Kerbel, die Eichel, die Nuß; andre unten in ihrem Mehl, wie der Weizen, die Gerste, der Roggen und ähnliche Getreidearten (grana); andre treiben ihren Keim im Umfange ihres Mehls, wie das Lauch, die Olive und andre ^)." 1) Drei Hanptformen: die des Kegels, der Glocke und des Sterns kommen bei den Blumen vor. 2) Hier erwähnt Albert das Experiment, daß eine rothe Nose im Schwefeldampfe weiß wird. 3) Meyer sagt hiebei: „Sind diese Beobachtungen an keimenden Pflanzen, die 346 Kapitel XXXIX. Eine andre Beobachtung ist folgende: „Es gibt kaum irgend ein Kraut, das seine Blätter abwürfe, wenn es sich nicht der holzartigen Beschaffenheit nähert. Der Grund davon ist, daß die Blätter der Kräuter gleichsam statt der Zweige sind, von gleicher Natur wie der Stengel; daher sie so lauge dauern, wie dieser. Solche Blätter verfaulen eher am Stengel, als daß sie abfallen. Während sich Albert in den vorigen Büchern immer noch an des falschen Aristoteles Buch, wenn auch klagend, anschmiegte, tritt er in den letzten drei Büchern ganz selbstständig auf. Diese sollen zur Ergänzung der vorigen dienen. Im fünften Buche redet er von den Arten der Vereinigung und der Veränderung der Pflanzen. Hiebei findet sich die Meinung nochmal, Roggen könne übergehen in Weizen (d. h. Varietäten gehen über in einander, nicht Arten) und durch Fänlniß von Eichcnwnrzeln und Buchen entstünden Eschen und Birken, im Lande ^lninnin aber sogar ans eingesetzten Eichenzweigen nach deren Verwesung ') Weinstöcke. Im sechsten Buche folgt die höchst interessante Aufzählung und Beschreibung der bekanntesten Bäume, Sträucher, Stauden und Kräuter. Im Sinne ächter Natnrforschung sagt hier Albert: „Was ich hier mittheile, habe ich theils selbst erfahren, theils von solchen Schriftstellern entlehnt, von denen ich überzeugt bin, sie brächten nur das vor, was sie durch eigene Erfahrung bestättigt gefunden. Denn die Erfahrung allein gibt Gewißheit in solchen Dingen (Lxxoriinontulli solenn oor- tillont in talilins)." Daraus zählt er also die bekannteren Bäume und Sträucher in alphabetischer Ordnung ans, schildert ihre Blätter, Frucht, Blüthe und besonders ihre medicinische Wirkung ; ebenso gibt er die Beschreibung der einzelnen Kräuter in alphabetischer Reihe. Das siebente Buch handelt von den ökonomischen Pflanzen, ihrer zur Kenntniß der Lage des Embryo im Pflanzenei führen mußten, nicht von mindestens ebenso großem Werthe, als Cesalpinis berühmter Gegensatz des cor plantarum vei superius vel inkerius opeetans?" S. 708. 1) Auch die Veredlung der Wildlinge wird genau gelehrt. 2) Hier kommen höchst merkwürdige Notizen vor, so fast alle noch gebrauchten Hausmittel- Die vielen gegen giftige Schlangen geeigneten Mittel zeigen, daß solche bei uns noch häufiger waren. Auch Sprachforschungen finden sich. So sagt Albert (?. 443), der Naurus habe den Namen von lauäe äissnus, weil die Lobwnrdigen damit gekrönt wurden. Das ä sei nur übergegangen in r, wie man anrioula sage statt auäienla, meriäies statt msäiOios. Die Wissenschaft deS sel. Albertus. 347 Veredlung und Pflege (durch Acker», Düngen, Säen, Pfropfen), Da dessen Inhalt aber größtentheils aus Palladius entnommen und später fast wörtlich in des Ustri cls Orssovntüs Opus rurnlium eoirilvocko- runr übergcgangen ist, so theile ich nur die dem Albertus eigenthümlichc Aufzählung der Cnlturpflanzen mit. Unter die Pflanzen eines Saatfeldes rechnet er: Weizen, Spelt, Gerste (Himmelsgerste, weil er sagt, sie müsse gemäht werden, ehe die Körner ganz trocken werden, wegen des leichten Ausfallens), Hafer, Roggen (8ili§o), Far (Spelt oder Fäsen), Wicke, Bohne, Erbse, Kichererbse, Linse, Leinsamen, Zu den Gartenpflanzen rechnet er: Kohl, Pvrre, Lauch, Rübe, Sellery, Petersilie, Salat, Kresse, Dill, Fenchel, Münze, Pastinacke, Melde, Senf, Kürbis, Melone, Salvcy, Mop und Raute, Unter die Pflanzen der Baumgärtcn werden gezählt, die Kirschen, die Pflaumen, Birnen, Aepsel, Wallnüsse, Haselnüsse, Pfirsiche, Ebereschen, Maulbeeren, Mandeln, Feigen, Oliven, Lorbeerbäume, Myrten, Granatäpfel Z. Zum Schluß wird noch die ganze Cultur des Weinstockes geschildert. Damit haben wir einen Uebcrblick über den Inhalt der trefflichen botanischen Schrift des Albertus gewonnen. Bewundern werden wir die Belesenheit, die Detailkenntniß, Beobachtung und Selbstständigkeit »nscrs Meisters auch auf diesem Gebiete, und dem Urtheile Ernst Meyers beistimmcn, welcher sagt: „Wir finden vor Albert nicht einen einzigen Botaniker, der sich ihm vergleichen ließe, außer Theophrast, den er nicht kannte; nach ihm keinen, der die Natur der Pflanze überhaupt lebhafter aufgefaßt, tiefer durchdacht hätte, als er, bis auf Conrad Geßner und Cesalpini, Dem Manne aber, der seine Wissenschaft zu seiner Zeit vollkommen beherrschte, entschieden förderte und in drei Jahrhunderten nicht einmal erreicht, geschweige denn übertroffen ward, gebührt wahrlich der schönste Kranz Z." Den Schluß der Naturwissenschaften bildet bei Albertus die Zoologie, Er hat die hiehcr gehörigen Untersuchungen in seinen sechsundzwanzig Büchern über die Thicre -ff zusammengcfaßt. Zwar benützte er auch ans diesem Gebiete vorzüglich die Schriften seiner 1) Bei Jedem wird wieder Beschreibung, Wirkung und Pflege angefügt. 2) LinuLa a. a, O. S- 731. 3) In der Auk-gabe von Jammy Bd. VI. 348 Kapitel XXXIX. Vorgänger'), des Aristoteles, von dem er sagt, er habe an 60 zoologische Bücher verfaßt, des Plinius, Avicenna (äs nnimulistus), des Cou- stantinns (Mönch in Monte Casstno i. II. Jahrhundert), des Alchisor (arabischer Dichter), des Althirncmon (Alkmäon von Kroton), Aroti- nins (Aratns?) Cassiodorns Cassianensis (dessen Werk eis ooitu nui- moliuiQ jetzt verloren ist), des Dianor Brouensis (Diogenes Apollo- niates), Fiacinor ('( es soll ein Grieche seyn), Rhazcs (Oivlsioirech, Kioinor Oudroirensis (Lvenirsirsi.? O^xrius), Oinsliomns (derkolzrstus des Aristoteles), Jorach, Adelin und Semerion (wohl arabische Schriftsteller, von denen sich Friedrich II. zn feinem Werke über die Jagd der Raubvögel Uebersetzungen verschaffte) und Andrer. Doch blieb er dabei nicht stehen, sondern vermehrte diese Untersuchungen durch zahlreiche eigene Beobachtungen und Berichtigungen. Die ersten neunzehn Bücher bilden abermals eine freie Paraphrase der hiehergehörigen aristotelischen Schriften, wie sie in der schlechten lateinischen Uebersctzuug des Michael Scotus Vorlagen; die andern sieben Bücher aber sind zur Ergänzung des Aristoteles mit Benützung der Araber von Albertus selbst verfaßt. Er spricht sich über Inhalt, Zusammenhang und Ursprung dieses großen Werkes selbst also aus ^): „Die Wissenschaft von den Theilen der Thiere theilen wir nach einem doppelten Gesichtspunkte ein. Wir müssen hiebei nämlich zuerst betrachten ihre Verschiedenheit in der Zusammensetzung, Thätigkeit und Entstehung, und dann die natürlichen und cigenthümlichen Ursachen dafür angeben. Wir werden also in den ersten zehn Büchern die Verschiedenheiten, Zusammensetzungen, Anatomien, die Akte und die Generation der Theile der Thiere behandeln, dann in den folgenden nenn das Leben und die physischen Ursachen von all dem erklären." Das Kapitel schließt aber mit den Worten: „Conseqnent müssen wir diesen Büchern eine Untersuchung über den ganzen Körper des Thie- res zumal beifügen, sowohl in Bezug auf die Gattung, als in Bezug auf die Arten der uns bekannten Thiere. Und in Bezug auf die Gattung werden wir zuerst die Ursache der Complexion der Thiere untersuchen, und handeln von der Ursache der Vollkommenheit oder Unvollkommenheit derselben in Bezug auf die Thätigkeiten der Seele, die mit 1) Bgl. die Abhandlung von Buhle cis tontidus, ruräs XIderlu8 N. livi-is XXVI aniinalinm irratorisirr Ususerit. In den Oomirrontat. 8oeiet. Uegias seient. Ool- tingen8i8. Vol. XII. 1793 n. 1794. ?. 94—115. Und die Berichtigung derselben durch Iourdain, die Uebersetzungen des Aristoteles, Deutsch. S. 316 — 20. 2) lud. I, eap. 1. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 349 Rücksicht auf die Kräfte des Lebens bestimmt werden können. In Bezug auf die Arten werden wir die betrachten, welche gehen, nach ihrer Art, dann die, welche fliegen ihrer Natur und Art nach, dann die, welche schwimmen nach ihren Eigenthümlichkeiten, dann die, welche kriechen nach ihrer Natur und ihrem Charakter, und die, welche zur Schlangenart gehören, die Eidechsen, Krokodile und Drachen. Und zum Schluß werden wir die ganze Wissenschaft ergänzen durch Betrachtung der Würmer und Ringthiere (nimulosg.) nach ihren Verschiedenheiten, die uns bekannt sind. Obwohl hiebei Vieles wiederholt werden wird, so halten wir es doch für nützlich, daß die Lesenden cs mit Eifer studieren, damit sie die Natur der Thiere besser kennen lernen, wenn speciell und namentlich eines jeden Thieres Natur beschrieben wird, damit auch diejenigen, deren Namen wir vielleicht nicht nennen, wenn wir im Allgemeinen von den Thieren reden, oder deren Namen wir griechisch oder arabisch anführen, wirklich gekannt werden, wenn wir ihre Eigenthümlichkeiten lateinisch anfführen. So werden wir also in den 26 Büchern, deren Kapitel wir der Ordnung nach angabcn, die ganze Abfolge jener Wissenschaft geben und dem, was Aristoteles hierüber gut geschrieben hat, sieben Bücher beifügen." Damit haben wir über den Inhalt und den Ursprung der einzelnen Bücher des Albertus über die Thiere die nöthigen Andeutungen. Es sind in denselben die.Anatomie, Physiologie der Menschen und der Thiere, die Systematolvgie und Beschreibung der Thierwclt, ja selbst die Physiognomik und Gynäkologie H mit großer Ausführlichkeit behandelt. Ich will aus diesen sehr umfassenden Büchern nur die Stellen hervorheben, welche eigene Beobachtungen des Albertus, ihm eigenthüm- liche Gedanken enthalten, oder von Interesse in Bezug ans seine Zeit, auf die damaligen Culturzustände, Sitten und auf sein Leben sind. In Bezug auf die Physiognomik der Hautfarbe sagt Albertus, sich auf Philemon berufend : „Die schwarze, weiche Hautfarbe zeigt einen verschlagenen und schwachen Menschen an und sic eignet den Bewohnern der vier ersten Klimate. Die weiße und rvthe Farbe zeigt auf tapfere und muthige Menschen; das ist die Farbe besonders der in Dcutsch- 1) Sein Schüler Thomas von Cantimprs schrieb sogar hier anknüpfend im Werke äs naturis rsrrmr über die Entbiudungskunst aus dem ächtchristlichen Motive, weil aus Ermanglung jener so viele Kinder vor der Geburt oder doch vor der heiligen Taufe sterben. Vgl. Prussia Vita ^Id. x. 167. 2) Inb. I, 3, 7. 350 Kapitel XXXIX. land wohnenden und der Bewohner des sechsten und siebenten Klimas. Die übermäßig weiße, mit Blässe vermischte Farbe zeigt einen Mangel an Kraft wegen der Uebcrwucht des Phlegmas. Die rothe Farbe, nicht die hellrothe, sondern dunkelrothc, weist immer auf einen hinterlistigen Menschen. Die durch Blässe entstellte Farbe deutet aus einen durch sinnliche Liebe entnervten,'schwachen und furchtsamen Menschen, wenn die Blässe nicht Folge einer Krankheit, sondern von Natur ist. Wenn aber eine bräunliche und mehr graue Farbe die Stelle der Blässe vertritt, so bedeutet das einen geschwätzigen, unmäßigen und zornmü- thigen Menschen. Die Fenerfarbe mit flammenden Augen zeigt Neigung zum Wahnsinn. Die zwischen Weiß und Schwarz stehende Farbe, welche zum bräunlichen sich neigt, deutet auf einen Mann von guten Anlagen und guten Sitten." Ans solche Weise bespricht Albertus die phystognomische Bedeutung aller Leibestheile mit größter Ausführlichkeit. Er setzt aber mit Recht bei: „Diese Zeichen der Physiognomie zeigen an die herrschende Naturanlagc im Leben der Menschen, aber nicht immer und mit Noth- wendigkeit, sondern nur häufig und mit Wahrscheinlichkeit Z." Bei Besprechung der Zähne, des Mundes und der Zunge führt Albert folgenden Vorfall an: „Die Erzählung des Avicenua macht mir auch das glaubbar, was kurz vor den jetzigen Zeiten geschehen seyn soll. In den sächsischen Wäldern gegen Dacien zu wurden in einem einsamen Felsen zwei behaarte Ungeheuer gefangen, die fast in Allem die Gestalt eines Menschen hatten; das Weibchen war durch die Bisse der Hunde und durch die von den Jägern empfangenen Wunden ge- tödtet worden. Das Männchen aber wurde gefangen, gezähmt, lernte ausrecht auf den Füßen gehen, sehr unvollkommen und nicht viele Worte sprechen, es hatte eine schwache Stimme wie ein Reh, aber keinen Verstand. Darum schämte es sich nicht der natürlichen Entleerung und war zu jeder Zeit begierig nach Befriedigung der Wollust ^)." Bei den Gräten der Fische sagt Albertus: „Der Fisch, welcher Irrrso (Hausen) heißt, hat kein Bein oder keine Gräte, außer am Kopfe; dieser Fisch ist sehr zahlreich in der Donau, er ist groß, und hat eine lange Schnauze wie der Stör." Bei der Stimme der Thicre führt Albert au: „Man hat schon gesehen, wie ein Vogel, der in Griechenland Meloolüu heißt, in Deutschland aber Grasemusche, und der Nachtigall ähnlich ist, Eier fremder 1) Ov animMIduü i>. 95. 2) k. 104. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 351 Vögel, wie die des Kukuks, ausbrütet und diese fremden Jungen dann seinen eigenen Gesang lehrt." Non den verschiedenen Sagen über die Befruchtung der Fische sagt Albert: „Ich glaube, daß von dem Nichts wahr sei. Denn ich habe selbst fleißig beobachtet und habe nachgeforscht bei den ältesten Fischern am Meer und an Flüssen, und habe mit eigenen Augen gesehen und mit meinen Ohren gehört, daß die Fische zur Zeit der Begattung die Leiber an einander bringen und bei der Berührung Eier und Milch von sich geben Wo von der Wanderung der Vögel die Rede ist, bemerkt Albert: „Die Gartengrasmücke (üsoeänla, Feigcnsrcsserinfl zieht von einigen Ländern Deutschlands gar nicht fort. In Schwaben wird sic nämlich immer gefunden; aber vom nördlichen Niederdeutschland, welches sehr wasserreich ist, fliegt sie im Sommer fort und kehrt im Herbste zurück. Ebenso zieht die bunte Krähe (oornix vnriu), welche zum Thcil aschgrau, zum Theil schwarz ist, aus Niederdeutschland im Sommer fort, kehrt im Herbste wieder und bleibt im Winter; aber in Oberdentsch- land im Süden zieht sie nie fort; der Grund ist, weil in Niedcr- deutschland viele wasserreiche Gegenden sind, durch deren Ausdünstungen die Lust im Winter gemildert ist, während in Oberdcutschland die Luft ganz rein ist und die Orte sehr hoch gelegen sind; daher kommen sie hieher im Sommer fl." Wieder sagt er: „Der Fasan allein scheint im ersten Theil des Winters von Wald zu Wald zu wandern; aber die Länder vertauscht er bei uns nicht, obwohl er so wandert. Bei solchen Umzügen rastet er manchmal in den Gärten der Menschen, in Höfen und in Städten, so daß schon öfters in nnserm Garten zu Köln zwischen einem Sal- vey- und Rntenbaum (rutnm) ein solcher Vogel gefunden wurde, der von der Ermüdung des Fluges ausrnhte fl." Bei der Schilderung der Nester der Vögel erzählt Albert, daß bei seinem Schlößchen an der Donau (Donaustaus) viele Vögel in dem ganz ausgehöhlten Felsen genistet, was zeigt, daß er dieses Buch später nach seiner Resignation noch vermehrt hat. Von den Schwänen sagt er: „Zu unsrer Zeit hat, während viele unsrer Gefährten zusahen, ein Schwan mit einem Adler gekämpft und beide erhoben sich so hoch, daß sie unsichtbar wurden; nach Ablauf von 1) Os animallbu8 p. 177. 2) Idiä. x. 224. 3) Ibiä. x. 225. 352 Kapitel XXXIX. etwa zwei Stunden fielen sie herab, der Adler war ober dem Schwan, er hatte gesiegt und ihn zur Erde geworfen; da lief unser Diener hin und fing den Schwan, der Adler aber entfloh. — Ich habe beobachtet, daß dieser Vogel, der Schwan, bei jedem Schmerz singt, nicht bloß wenn einer aus seiner Genossenschaft stirbt ^)." In der Schilderung der Klugheit der verschiedenen Thiere sagt er; „Als ich ein junger Mann war, habe ich selbst mit den Falken die Beobachtung gemacht: Wenn ich nämlich ans das Feld die Hunde mitnahm, die man Vogelhunde heißt, weil sie die Vögel zu finden wissen, folgten mir Falken, oben in der Lust fliegend, und schlugen auf die Vögel, welche die Hunde aufschcuchten; diese Vögel, voll Furcht, kamen dann zur Erde und ließen sich mit der Hand fangen; am Ende gab ich jedem Falken einen Vogel, dann verließen sie mich Von den Raben sagt er: „In einer Stadt Deutschlands, die Augsburg heißt, gibt es sehr viele Raben. Dort finden sie nämlich viel Futter wegen der Menge der Gerber, die dort Thierfelle bearbeiten 3)." „Die Ansammlung vieler Raben an einem Ort soll nach dem Sprichwort einen Todesfall andeutcn. So haben mir viele Glaubwürdige erzählt, daß einmal so viele Raben in einer Burg von Oberschwaben, die Rothenburg (onstrum rnlllm) heißt, erschienen, daß Mauern und Häuser bedeckt wurden; und sogleich starb der Gras, der Herr jener Burg. Darauf flogen die Raben fort und man sagte, die Raben hätten seine Seele fortgenommen Im achten Buch redet Albert von einem klugen, fnchsähnlichen Thiere, das in Frankreich üssM heißt, bei den Deutschen aber M- l)6Q2NIIN 5). Bei der sehr ausführlichen Besprechung des Gencrativnsprozesses, wobei er die einschlägigen Untersuchungen schwer, aber nothwendig nennt, führt er auch eigene Erlebnisse an. So sagt er: „Ich sah in Köln ein Mädchen, das im Alter von neun Jahren noch nicht die Größe eines einjährigen Kindes hatte <>)." Am Ende dieser Abhandlung, die alle möglichen Erscheinungen 1) De animalidus p. 254- 2) Idiä. x. 260. 3) Idiä. x. 258. 4) Idiä. p. 261. 5) Idiä. p. 252. 6) Idiä. x. 460. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 353 der Art erklärt, fügt er bescheiden bei: „Das Alles ist nur Konjektur. Vielleicht ist die Ursache wahr, die ich angegeben, vielleicht ist es eine andre noch verborgene. Wenn diese mir Gott noch offenbart, werde ich sie im Folgenden mitthcilen." Bei der Besprechung der Mißgeburten führt Albert abermals eigene Beobachtungen an. Auch in Bezug aus die Farben der Thiere sagt er: „Ich habe schon einen weißen Wolf gesehen. Auch weiße Sperlinge hat man schon viele gesehen Z." In dem Kapitel, welches der Ursache und dem Wachsthmn der Zähne der Thiere gewidmet ist, sagt er, daß alten Leuten, besonders Weiber», oft noch Zähne wachsen, die man Weisheitszähne (äsutss iirtöllsotus) nennt. Den Pygmäen schildert Albertus als das dem Menschen ähnlichste Thier, das Sprache hat, aber keinen Verstand, von dem Partikularen nur zu reden vermag, aber nicht von dem Allgemeinen n. s. f. Z Den Unterschied des Menschen von dem Thiere bespricht Albert in ausführlichster Weise; er nennt den Menschen nicht bloß specifisch verschieden vom Thiere, sondern gewissermassen generisch ^); er zeigt, wie er die höchste Entwicklung des Centralsinns, des Gefühles, habe, während die andern Sinne edler ansgebildet sind, als bei den Thie- ren; er weist auf die Hand, als Organ des Verstandes und der Kunst hin, aus die vollkommenste Leibesgestalt, die nach den drei Dimensionen harmonisch sich entfaltet, auf die vollkommenste Bewegung des Menschen, auf seinen aufrechten Gang, auf die Verklärung und Reinigung aller Kräfte und Triebe durch die Vernunft der Seele, indem Mäßigkeit und Keuschheit den Vegetationstrieb, Demuth, Milde, Tapferkeit und andre Tugenden den Begehrungs - und Widcrstandstrieb (irusoibilis) beherrschen ff. Vom zwciundzwanzigsten Buche an schildert Albert dann die bekanntesten Thiere im Besonder» nach alphabetischer Ordnung. Er entschuldigt dieses unphilosophische Verfahren dadurch, daß er sagt, er sei sowohl den Weisen als den Unwissenden Schuldner und für diese letzteren sei solcher Unterricht nothwendig. Er gibt die Schilderung des Thieres, seiner Eigenschaften, seiner Lebensweise, seiner medicinischen und ökonomischen Bedeutung. Unter den Vierfüßern zählt er aus: Holws, 1) Oe snimalibus p. 536. 2) O. 564. 3) k. 56l. 4) O. 562 et sey. Sighart, Albert d. Grobe. 23 354 Kapitel XXXIX. (von den Italienern, Alemannen und Galliern Lsninsana genannt), ^loi, (von Manchen Zsrnxlr geheißen), ^.naloxos, ^.sinos, ^.nnZer, ^.xor, ^.Irabo ch, ^Iraoes, Lcmaelros, Lubalns, Los, Oawelns, Oanis b), OIiLina, Oaloxus, Oamrsloxaräns, Oaxer, Onxre- olns, Oastor, Oatuin, Oattns, Ooirlnsa (myth. Thier), Oervus, Olri- msrn, 6^roZri1Ius, Onnionlus, Oriootns (Oorroanico Iminöstor), Ov- roorotos, Oatapleloa, Doinma, Oninina, Oaxus, Onran, Llsprlias, Lcpnus ^), Lgnioorvus, Lalo, Lnoliiros, Lrrrptra, Herioius (— Irsri- naoous et 0^ro»rillns), Lriininiuin, Lnlenn, Lnro, I'Mrio, Lein, LinZa, 6Iis, Onli, Osnoolra, Onssssiis (roserrüne vulZaritsr vooa- tne), Il>ox, Ibricia, Istrix, ,)oQn, Leo, Lsopmoäus, Lopins ö), Loutro- olroolrn, Loonooprliona, Laota (II^üns), Lairria, Lan^ani, Linx, Linoisins, Luxus, Luter, Nulus, Nonoeeron, Nolosus, Mauiutoruo- rioir, L'Iautioora, Musguslibst, Naiuiuouotus (axuä Itnlos sxiuZa), NurileZus, stlusteln, LLus, Nurtarus, Xeomou (8uMs), OnnZer, Ouoooutaurus, Orix, Ooaüus, Ovis, Laräus, Lnirtlrerrr, Lzumäuiu, LsZasus (euer alis), Lilosus, ILxio, Latliio, Lutorius, Lirolus, Ra- luiler (in Lartidus iXorrve^iae et Kueäine), 8iiuia, LiZris, Laurus, Lraiueiu, LraZelalus, Lrogoäiäa, Lalxa, Ouiooruis ^), Orsus, Lruus (Oerurauieo Viseut), Vulxis, Varius, 2iubro (louZituä. 15 oudit.), Filius. Daraus schildert Albert ebenso die Vögel, wobei er die 17 Arten der Falken, ihren Werth, ihre Pflege und Heilung nach dem Buch des Kaisers Friedrich H. ganz aussührlich behandelt?). Dann beschreibt er ebenso die Wasserthicre (uatatilia), die 1) Einen solchen führte zn unsrer Zeit Kaiser Friedrich mit sich, sagt Albert. 2) Aus dessen Mark des linken Fußes soll ein Liebestrank gemacht werden. ?. 580. 3) Hier der ausführlichste Unterricht über die Art und Zucht der Jagdhunde, Abrichtung der Haushunde rc. ?. 582. 4) Abermals vollständiger Unterricht über die Arten, Zucht und Heilung der Pferde. 5) Hiebei gibt uns Albert den Trost, daß die Hasen nicht ausgerottct werden können wegen ihrer doppelten Vermehrung. 6) Auch die schöne Sage von der Ehrfurcht dieses Thiers vor einer Jungfrau theilt Albert mit. 7) Eine Krankheit derselben heißt man in Deutschland Unnxrimal, und eine Art der Falken Limirls, sagt er hiebei. 8) Die lZortxmIra heißt in Deutschland (wo einer im See bei Konstanz gefangen 335 Die Wissenschaft des sel. Albertus. kriechenden Thiere (sorxemtös) und die blutlosen Thiere (xmrva uni- irmlia, sunAnInsin non Irndsntin), mit Anführung vieler Beobachtungen. Der Schluß des Ungeheuern Werkes über die Thiere lautet also: „Sofort ist vollendet das Buch über die Thiere und damit zugleich das ganze Werk über die Naturdinge (opm8 imtnruruiri), in welchem ich den Gang festhielt, daß ich so gut als möglich die Aussprüche der Pe- ripatetiker darlegtc. Es wird Niemand finden, was ich selbst in der Naturwissenschaft denke. Wer zweifelt, vergleiche unsre Worte mit denen der Peripatetiker und dann tadle oder billige er, indem er mich nur für den Dolmetscher jener erklärt. Wenn aber Einer, der nicht gelesen und verglichen hat, tadeln will, so tadelt er offenbar nur aus Haß oder Unwissenheit und um den Tadel solcher Menschen kümmere ich mich wenig." Diese wenigen Auszüge mögen genügen, um uns eine Ahnung zu geben von der colossalen Leistung des Albertus auch auf diesem Gebiete der Thicrkunde. Er hat die Forschungen aller früheren Schriftsteller, so viele ihm zugänglich waren, die Schriften der Griechen, Römer, Araber und der mittelalterlichen Gelehrten des Abendlandes, gesammelt, benützt und zu einem großen Ganzen verbunden. Wenn er auch hier noch häufig den Fabeln Glauben schenkt, wenn wir auch bei ihm noch abergläubige Nachrichten und Rathschläge finden, so müssen wir doch bewundern seinen Ungeheuern Fleiß, seine Liebe zur eigenen Beobachtung, die auch viele neue Resultate erzielte, das Bestreben, die Mängel des Aristoteles zu ergänzen, seine natürliche Eintheilung der Thiere, die nicht auf die Beschaffenheit eines Organs, sondern auf die Total- erscheinuug des Thieres Rücksicht nimmt'), seine Herablassung zum Studium und zur Beschreibung der Einzelnthiere -) und endlich die Bewahrung des sittlichen Zartsinnes in Mitte dieser alle thierischen Prozesse mit größter Offenheit und Naivität behandelnden Untersuchungen und Sagen. wurde, 300 Fuß unter dem Wasser), -4dmuioeir oder ^Itpuapperr, oder Dumpern. ?. 650. Zu Albert's Zeit wurden zwei Walisische gefangen, einer in Fr-ieslaud beim Orte Ltauria, einer in Holland zu Utrecht; des letztem Kopf gab 40 Lagenen Fett. ?. 653. Die Salmen sind am Besten in Köln am Rhein, 1—2 Ellen lang. ?. 658. 1) Vgl. hierüber Bona Meyer: Thierkunde des Aristoteles. Berlin. 1855. 2) Mit Recht sagt Schilling; „Ein Naturforscher ohne Detailstudium ist wie ein Feldherr ohne Soldaten." Aber auch umgekehrt: Die Detailstudien ohne philosophischen Geist sind wie ein Heer ohne Feldherrn in der Schlacht. Albert vereinigt 356 Kapitel XXXIX. Albertus wird auch in der Geschichte der Zoologie von nun an immer eine ehrenvolle Stelle einnehmcn müssen Z. 0. Metaphysik. Wir wissen, daß Aristoteles als Krone und Ergänzung der Physik die Untersuchungen über die erste Philosophie geschrieben, die vom Scyn an sich, nicht von diesem und jenem Seienden, handeln sollte, welche Untersuchungen später unter dem zufälligen Namen der Metaphysik zusammengefaßt wurden. Auch diese höchste unter den natürlichen Wissenschaften, die am Meisten mit der Glaubens- Wissenschaft in Berührung kommt, bearbeitete Albertus mit größter Ausführlichkeit und mit bewunderungswürdigem Scharfsinne in seinen dreizehn Büchern der Metaphysik Z. Er legt auch hier das Werk des Aristoteles zu Grunde, gibt dessen Paraphrase, benützt aber auch alle späteren Forschungen, ergänzt und berichtigt in Digresfionen das ihm mangelhaft Scheinende. Wir heben auch hier nur einige dem Albertus eigeuthümliche Anschauungen, Gedanken und Deduktionen heraus, indem wir wieder das System des Stagyriten und das allen Scholastikern Gemeinsame als bekannt voraussetzen ^). Ueber Namen und Aufgabe der Metaphysik sagt Albert: „Diese Bücher sprechen von den göttlichen, unveränderlichen Dingen, aus die alles Andre sich stützt. Der Physiker setzt voraus, daß cs einen beweglichen Körper gebe, der Mathematiker ein zusammengesetztes Quantum. Das muß einfach durch Prinzipien bewiesen werden. Jene göttliche Wissenschaft hat darum die Objekte und Prinzipien aller Wissenschaften festzustellen. Darum heißt sie Transphysika; denn sie begründet Alles durch Prinzipien, die das physische Seyn überschreiten. Sie heißt auch göttliche Wissenschaft, weil das Göttliche, das Erste und Beste, das allem Seyn Erfüllung Gebende, das Seyn betrachtet wird, wie es als erster Ausfluß Gottes erscheint und als Erstgeschaffenes, vor dem Nichts erschaffen ist. Sie ist die Vollendung der göttlichen Erkenntniß in uns Z." 1) Ueber alle naturwissenschaftlichen Verdienste des Albertus vgl. besonders kouelret, Irisloire ctes seieirees naturelles au mo^eir ä^e, oü Xlbert le 6ranä et sou exogue. karis. 1853. x. 278 — 296. Ebenso: LuUetius äs l'Xeaäemis Royale äe Uelgilzue v. Uoruranns t. XIX Xr. 1. Und dervasü Otia inrperialia von Felix Liebrecht. Hannover 1856. Vorwort IX. 2) Bei Jammy Bd. VII. 3) Ueberdieß hat das metaphysische System des Albertus bereits Heinrich Ritter sehr umfassend dargestellt. Geschichte der Philosophie Bd. VIII. 4) lVletaxlr. x. 4. Am Ausdrucke „Ausfluß" möge man sich nicht stoßen. Der Gedanke ist nicht pantheistisch. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 397 „Um die Dinge an sich zu erkennen, ist Metaphysik nothwendig; um die Einzelnen in ihrer Diesigkeit, in ihren Eigenthümlichkeiten zu erkennen, dazu werden die andern Wissenschaften dringend erfordertff." Den Ursprung dieser Wissenschaft, die keiner andern bedarf, suchen wir in dem natürlicheil, allgemeinen Drang der Menschen nach Wissen 2)." In Betreff der Erkenntnißfrage spricht sich Albert im Geiste des Aristoteles also aus: „Der Verstand (intsllsotns possikllis) ist wie eine leere Tafel, bereitet für alles Wißbare von Natur ans, vermöge der wir Alles zu wissen wünschen. Aber man strebt darnach nicht wie nach dem Gegensatz, sondern weil in ihm ein Aehnliches, ein Komplement ist, wie das Schlechte nach dem Guten, das Weib nach dem Mann ff." „Mechanische Künste sind solche, welche nicht um ihrer selbst willen, sondern um des Nutzens willen betrieben werden, wie Zimmererei, das Schuhmachcrhandwerk; liberale Künste aber sind solche, welche wir um ihrer selbst willen betreiben, Musik, Tanz, Erzgußknnst ff." „Formal kommt das Wissen zu Stande durch Erfahrung und durch das Universale." „Platon's Ansicht, daß das Wissen eingeboren sei, ist Jrrthum und Täuschung; nur als Anfang, als Möglichkeit ist das Wissen dem Menschen angeboren." „Die Metaphysik ist allein eine ganz freie Wissenschaft, weil sie um keiner andern Wissenschaft und um keines Nutzens willen betrieben wird ff." „Die Metaphysik ist keine aktive, sondern eine contemplative Wissenschaft, denn ihr Zweck ist das Wissen allein ff." „Die Metaphysik ist auch freie Wissenschaft (weniger das Tri- vium, Grammatik, Logik, Rhetorik, weil sie um andrer Dinge willen sind), weil ein Geist, der mit Sorgen für das Nothweudige umgeben ist, nicht philosophiren kann. Sie ist eine göttliche Wissenschaft, weil sie von Gott kommt. Sie ziemt dem Manne, nicht dem Weibe. Die Dichter sagen: Die Götter hätten den Menschen um diese Wissenschaft beneidet, darum habe Apoll den Hippokrates getödtet. Aber das ist 1) ületapN. p. 4. 2) Idiä. p. 5. 3) Iviä. x. 6. 4) Idiä. x. 8. 5) tbiä. x. 18. 6) tbiä. p. 19. Ü' » 338 Kapitel XXXIX. nur ein Bild; man wollte damit andeuten, daß diese Wissenschaft sehr hoch stehe, so daß die Menschen darnach heiß verlangen „Alle Wissenschaften führen zur Metaphysik. Auch bei uns fängt die Wissenschaft mit den natürlichen und mathematischen Dingen an und endet mit der Betrachtung des Göttlichen. Darum wird sie auch zuletzt gelehrt und die Philosophen, von den andern Wissenschaften hieher geleitet, bringen hier ihr ganzes Leben zu ^)." „Die Lehre des Zkenophanes, Gott sei Alles, gefiel auch dem David von Dinanto; er nahm davon an, so viel er verstand, aber er hat es nicht vollkommen tief verstanden ch." „Die Eleaten und ihre Anhänger find in der Philosophie roh und ungebildet (uArsstss st rustiei) „Wisse, daß Niemand in der Philosophie vollkommen wird, außer durch die Kenntniß der beiden Philosophien des Aristoteles und Plato ^)." „Das Universale ist über den Einzelnen (xrustsr sinAnInriu), denn sonst gäbe es keine Wissenschaft; denn die Einzelndinge find unendlich „Wenn Einige Etwas zugcben wegen des Ansehens und der Freundschaft des so Sprechenden, so sollen sie bedenken, daß die Männer von noch so hohem Ansehen nicht Götter, sondern Menschen waren und irren konnten; man darf Niemand so lieben, daß man ihm zu Liebe die Wahrheit aufgäbe. Wenn man auch die Wahrheit und die Freunde liebt, so muß man doch der Wahrheit den Vorzug geben?)." „Die Uebereinstimmung einer Sache mit dem Ausdruck in der Rede ist die Wahrheit der Rede „Die Form ist ans gewisse Weise früher als die Materie durch den Vorzug der Ursächlichkeit und ist nicht von dieser verursacht o)." „Der Ternär ist die erste vollkommene Zahl. Jedes Ding ist Drei 1) Netspli. p. 20. 2) Ibiä. x. 22. 3) Ibiä. p. 43- 4) Ibiä. p. 46. 5) Ibiä. x. 67. 6) Ibiä. x. 91. 7) Ibiä. p. 140. 8) Ibiä. x. 152. 9) Ibiä. p. 179. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 359 (indem jede Ordnung aus Anfang, Mitte und Ende besteht) und durch die Drcizahl wird Gott der Herrliche gepriesen fl." „Tragilia heißen so von trug-os, d. i. Bock, weil die immer Schimpfenden ein stinkendes Thier zur Belohnung erhielten fl." „Wir reden von Universalien in vierfacher Hinsicht, dem Akt nach, der Potenz nach, der Natur nach und der Meinung nach. In Bezug auf die Meiunug hcißeu Manche Etwas ein Universale, was in Wahrheit keines ist. Wie wenn Etwas, was seiner Natur nach Viele nicht besitzen können, für mittheilbar gehalten wird (wie die Welt und Gott). Auf diese Weisen also wird das Universale genannt ante rem, in re et post rem und im Verhältniß (rntioire) der Universalität, ^.llts rein heißt das Universale in doppelter Hinsicht, einmal da Alles im Intellekt der ersten Ursache ist, als dem sormirendcn und ersten Lichte, und da diese also auf solche Weise die Form aller Dinge ist. Dann nennen sie das Universale in andrer Hinsicht nnts rein, nicht der Zeit nach, sondern der Substanz und dem Verhältniß nach, das ist nämlich die Form oder formale Ursache des Seyns eines Dinges. Das Universale aber in rs ist dieselbe Form, an der Viele wirklich oder der Potenz nach participircn; diese heißt Universale, weil sie an sich immer mittheilsam ist und auf Viele ans Einem sich fortpflanzend. Das Universale xost rein ist die Form im abstrakten Seyn, in welcher Hinsicht man sagt, daß die Erfahrung und das Gedächtniß das Universale machen fl. Endlich das Universale in rsUone HirivsrsitgUs, das nur ein Universale zu seyn scheint, wie wir oben gezeigt." „Die accidentellen Formen sind von den substanziellen zu unterscheiden." „Jeder Name bedeutet eine Substanz mit einer Qualität fl." „Die ganze Schule der Stoiker hält fest, die Universalien seien die Prinzipien und Substanzen der Dinge. Die Sekte der Epicuräcr, welche älter als alle ist, sagte dagegen, die Einzelndinge und Sinncn- diuge seien mehr die Prinzipien als die Universalien fl." „Die erste Substanz ist einfach und über alle Namen erhaben. Sie wird nicht erfaßt nach ihrer Vollkommenheit und Vorzüglichkeit, 1) ?er numerum tsrnarium Deus inagniüoatur gloriosuo. iVlet. x. 212. 2) NetaxU. p. 219. 3) Ibick. x>. 221. Er kommt oft auf diese berühmte Frage zurück und scheint alle Ansichten in gewissem Sinne gelten zu lassen. So wieder p. 286. 4) tVIsiaxti. p. 302. 5) Idick. p. 349. 360 Kapitel XXXIX. in Bezug auf welche sie in ihr ist, sondern nur nach der dem Verstände, der sie erfaßt, entsprechenden Fähigkeit, und darum wird sic besser genannt durch Verneinung von Allein als durch Position. Wenn sie aber benannt wird, versteht man den Namen durch Negation, Eminenz und Ursache. So wenn ich sage, Gott sei Substanz und zugleich sage, er sei nicht Substanz, weil er mit der Substanz nicht zu einer Gattung gehört, und dann sage, er ist erhaben über alle Substanz und Ursache aller Substanz. Und so isUs bei allen Benennungen. Die Namen aber, wodurch er benannt wird, drücken in allen Dingen Adel und Güte ans, wie Sey», Intelligenz, Substanzialität, Weisheit, Kraft, Güte, Aktivität, Beweger; alles das ist zuerst in ihm und nur nachfolgend in andern Dingen. Aber nur von den andern Dingen kennen wir sie, und darum haben sie schon an Vortrefflichkcit verloren, und darum können sie nur negativ, pco cirnoontimn und als von ihrer Ursache von Gott ausgesagt werden ft." „Die Pcripatetiker glauben, daß die Himmelskörper Seelen haben mit Intelligenz, Einbildungskraft und Begebungen. Andre (Al- gazel, Moses, Isaak) meinen, es cxistircn außerhalb Intelligenzen, die jene Gestirne leiten unter dem Einfluß der ersten Substanz. Ich will nicht sagen, ob diese Ansichten wahr oder unrichtig sind ft." „Jede andre Einwirkung eines Höheren ans das Niedere (nisi per motum corporis nniirmti) begreift man nicht durch die Vernunft; da müssen andre Prinzipien ausgestellt werden ans der Offenbarung des Geistes (?) und aus dem religiösen Glauben; davon ist aber in der Philosophie der Pcripatetiker nicht die Rede; sie haben beide andre Prinzipien ft." „Zehn Klassen (oräincs) der bewegenden Substanzen sind zu unterscheiden; doch wird nie ein Sterblicher alle Bewegungen am Himmel begreifen ft." „Nach den Schülern des Sokrates ist ein höchster Gott, der Vater aller Götter, die Ursache von Allem. Unter ihm sind die ersten 1) lVletapllxs. p. 372. Man sicht, wie hier Albert über Aristoteles hinansgeht und den Pseudodionysius benützt. 2) Netaplixs. p. 374. Man sieht, Albert spricht sich hier über diese Frage, ob die Sterne von Geistern regiert werden, wieder mit großer Zurückhaltung aus. Doch sagt er p. 38t wieder, jedenfalls bewegen die Intelligenzen die Gestirne nicht, wie die Seele den Leib, sondern wie der Beweger das Bewegliche. Und später redet er immer in diesem Sinne der Pcripatetiker. 3) Netazitr. p. 386. 4) lbiä. x. 390. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 361 Verursachten, zwölf unkörperliche, unbewegliche Gottheiten; unter diesen die körperlichen Götter, Planeten und Sterne; unter diesen die irdischen Götter, die den Schutz der Erdprodnkte haben So hat Albertus also auch die ganze Metaphysik des Aristoteles in freier Bearbeitung und mit Verbesserung wiedergegeben; er hat wie der griechische Meister in dreizehn Büchern die Lehre vom Ucbersinn- lichen, von den Universalien, von den Prinzipien der Wissenschaft, von den Namen der Dinge, von den Accidentien, von der Substanz, von der Form, der Potenzialität, dem Maße, den Arten der Substanz (hiebei auch von Gott), den reinen Geistern und den Prinzipien der sinnlichen Dinge niedergelegt, und auch auf diesem Gebiete unbcmcßbarcn Fleiß, bewunderungswürdigen Scharfsinn und große Vermittlungskunst gezeigt zwischen den Extremen und scheinbaren Gegensätzen; die Wahrheit, die sowohl im Realismus als im Nominalismus liegt, hat er bereits anerkannt und deren Vermittlung gesucht, die Unterscheidung der substanziellen Form (durch die Etwas ist) von der accidcntellen (durch die das Soscyn bedingt ist) ist ihm schon eigen; die Lehre von Gott und der Erkennbarkeit Gottes gibt er in weit größerer Vollkommenheit als sein heidnischer Vorgänger. Ueberhaupt hat er das Gebäude der scholastischen Metaphysik so weit vollendet, daß den Späteren nur die Erweiterung, Ausführung oder Beschneidung einzelner Theile übrig blieb. O. Ethik. Auch von den zehn Büchern der Ethik des Aristoteles hat Albertus eine erklärende Paraphrase gefertigt und dieselbe durch die Benützung der Schriften des Cicero, Dionysius, des Boe- thius, eines alten Kommentators, des hl. Bernardus und andrer Schriftsteller bereichert und erweitert. Ueber sein Verhältniß zu Aristoteles spricht sich hier Albertus selbst am Anfang aus, indem er sagt: „Der Name des Autors, den wir hier erklären, ist Aristoteles. Denn obgleich Viele von der Tugend gehandelt, so führen sie doch ihre Werke nicht aus. Ein Autor empfiehlt sich durch drei Dinge, durch seinen Namen, seine Wissenschaft, durch das Verdienst seiner Tugend. Aristoteles nun heißt nach der Bedeutung des Namens: Setzung der Tugend (xositio virtntis) oder des Werkes. Das paßt für den, welcher dem Sokrates, wie wir in seinem Leben sehen, 22 Jahre anhing, der nur über Tugend schrieb und sie lehrte. Durch die Wissenschaft, weil außer ihm Keiner über alles Wißbare schrieb. Sokrates verdient zwar im Allgemeinen vieles Lob; aber über die moralischen Tugenden ging 1) Netaxti^s. p. 392. 362 Kapitel XXXIX. er nicht hinaus. Plato hat die reinigende, zu reinigende und gereinigte Tugend in der Seele unterschieden; aber er hat nicht über jede Tugend nach Gattung und Art vollkommen gehandelt. Aristoteles aber hat vollkommener als Alle die Gattungen und Arten der Tugend gelehrt, er hat unterschieden das Vorausgehende und Nachfolgende, Werke, Eigenschaften und Wirkungen. Darum spricht er vom Guten des Menschen in 4 Büchern; von den Prinzipien des Guten, seinen Gattungen, Arten und Accidentien redet er in den Büchern der Ethik; von dem, was dem Guten vorausgeht im Menschen (den Seelenkräften) und von den Wirkungen desselben, den Handlungen, spricht er im Buch äs luuäabilibns bonis. Das Gute des Menschen, in sofern er ein häusliches, ehliches Wesen ist, behandelt er in der Oekonomik; das Gute des Menschen als Staatsbürger in den Büchern der Politik. Sein Verdienst ist, daß er ob der Wahrheit und Richtigkeit seiner Lehre und seiner Sitten aus Athen vertrieben wurde, lieber weichend vor der Wuth als von der Wahrheit. Sie haben auch den Sokrates getödtct und waren immer Feinde des Guten." „Der Titel jenes Buches ist aber: Nikomachische Ethik des Sta- gyriten Aristoteles, was der Commentator also erklärt: Ethik kommt vom griechischen Ethos, was Sitte bedeutet. Nikomachische heißt sie, wie derselbe Commentator sagt, weil sie an Nikomachus, welcher der Vater, Sohn oder Freund des Aristoteles war, geschrieben ist. Er verfaßte auch eine andre Ethik, welche die endemische heißt, weil sie an seinen Freund Eudemus gerichtet ist, die von jener im Wortlaut fast nicht abweicht. Er hat auch ein Buch geschrieben, betitelt: Die großen Moralien, nicht weil es Andres enthält, sondern von Mehreren: handelt, z. B. von der Eintracht, Güte, Milde, wovon hier keine Erwähnung geschieht. Aber wovon er hier spricht, das behandelt er vollkommener und ausführlicher als in den großen Moralien. Einige Araber sagen, Nikomacha kommt von nilros, was Sieg bedeutet, weil hier der Sieg beschrieben wird, den ein Mensch durch die Tugenden über die Laster erringt. Aber das ist bloße Fiktion und hat keine Autoritäten für sich. Stragyrita aber heißt Aristoteles von stro^, welches seine Heimath war." Nach dieser Einleitung handelt also auch Albertus wie Aristoteles in zehn Büchern von der Moralwissenschaft. Er erörtert im I. Buch den Begriff, Werth, Zweck der Ethik, den Begriff des Guten und der Glückseligkeit; im II. Buch die Prinzipien der Tugend in uns; im III. den freien Willen, die Willkühr, die Kardinaltugenden; im IV. die Freigebigkeit, Großmuth, ihren Anhang und die entgegengesetzten Laster; Die Wissenschaft des sel. Albertus. 363 im V. die Gerechtigkeit im Allgemeinen und Speciellen; im VI. die Tugenden der Intelligenz, Wissen, Kunst, Klugheit und ihre Begleitung; im VII. die Enthaltsamkeit, Uncuthaltsamkeit und das Vergnügen; im VIII. die Freundschaft, ihre Theile und Arten; im IX. die Hindernisse der Freundschaft; im X. das Glück der Beschauung. In der Ausführung der einzelnen Themen hält sich Albertus, wie gesagt, größtentheils an den Vorgang des Aristoteles. Wir heben nur einzelne Stellen hervor, die ein eigenthümliches Interesse in sprachlicher, philosophischer oder kulturhistorischer Hinsicht bieten. So sagt er: Lateinisch heißen die Diebe kirres. Ikur eniro est, Mi in kirrno lioe est in ni»ro rein eontreotot nlisnnni invito nlio Die Oxinnnsiu sind Ringkämpfe und Faustkämpse, die mit Anstrengung vollbracht werden. Das griechische Minnas heißt auf lateinisch Inota. „Die in der Physiognomik Bewanderten sagen, der Grundgedanke aller ihrer Lehren ist, daß der Mensch die Eigenschaften jenes Thieres erhält, mit dem er in einem oder mehreren Gliedern Aehnlichkeit hat. Ein Monstrum am Leibe ist auch ein Monstrum an der Seele ^)." . Bei der Lehre von de» Tugenden legt Albert auch die Frage vor, ob die Tugenden von Gott eingegossen feien. Er bemerkt hiezu: „Die Theologen behaupten dieses von den drei Tugenden. Aber davon handeln wir nicht in der natürlichen Wissenschaft ^)." „Die Ethik ist praktisch und beabsichtigt nicht bloß, daß der Mensch das Gute wisse, sondern daß er gut werde." „Xroierrs Ornses pbilotos a philos, «procl est ainor et tos, Mocl est nrtiorrlrrs prnepositivirs, Mocl ost talionis." „Die Lüge ist immer Sünde, auch die officielle (aus Patriotismus gesprochene). Doch wird diese um des Staates willen nicht angerechnet. So das Benehmen des Iahet, der Dalila und Judith °)." Die Monogamie, die scheinbar gegen die Natur ist, wird von Albert vertheidigt durch Hinweisung auf das Wesen und den Zweck der Ehe. Polygamie wurde nur bei mangelnder Bevölkerung erlaubt. „Die höchste Glückseligkeit besteht bann, wenn die Intelligenz im 1) ülbie. x. 162. 2) Ibiä. x. 62. 3) Ibiä. p. 63. 4) Ibiä. p. 67. 5) Ibiä. p. 125- 364 Kapitel XXXIX. Zustande der Betrachtung ist. Ein solcher Mensch ist der Liebling Gottes." Das eine kleine Blmnenlese aus der Moralphilosophie des Meisters. L. Die Politik. Noch, mit größerer Ausführlichkeit und Sorgfalt behandelt Albertus die politische Wissenschaft. Er hält sich auch hier größtenthcils an den großen griechischen Lehrmeister, dessen zehn Bücher über Politik er commentirt. Doch weicht dieses Werk des Albertus von den übrigen bisher besprochenen in der Form dadurch ab, daß cs nicht mehr als Paraphrase des aristotelischen Textes erscheint, sondern als eigentlicher Kommentar. Voran steht immer der vollständige Text des Aristoteles (bei Jammy in zwei Uebersetzungen, der rurtihrrrb und der des u,6oimrärm ^.retinus); daun folgt erst der Com- mentar, der Wort für Wort erklärt, die Beweisführung verfolgt nnd durch Beispiele das Gesagte anschaulich macht. Die eigene, abweichende Meinung des Kommentators tritt nus selten entgegen. So theilt er für den aristotelischen Satz, daß cs Sclaven von Natur gebe, nur die Beweisführung des Aristoteles mit, ebenso die gegen die Gemeinschaft der Weiber und Güter. Nur in einigen Fällen ist er andrer Ansicht, als Aristoteles. So bei der Frage über die Ursachen der Revolutionen, der Veränderungen in der Staatsverfassung. Er bemerkt hier: „Sokrates hat gesagt, eine von Anfang gute Verfassung kann nicht fallen. Aristoteles sagt aber, die Staaten dauern fort, bis ihre Zeit erfüllt ist, bis ein Grund, z. B. Verarmung eines Vornehmen, eintritt, dann versucht er den Umsturz. Aber er hat Etwas vergessen. Auch auf die Stellung der Sterne kommt es an nach Pto- lemäus. Ucbrigcns kann ein schlechter Staat gut werden, wie Hippo- krates, der die Anlage zu allem Schlechten gehabt, Alles überwunden hat, und wie der Perserkönig, der alles Schlechte abgewiesen hat durch die Worte: blon lleost Z." Bei der Stelle, wo Aristoteles die Bewachung (oristollm) der Buhlerinucn und Epheben befiehlt, sagt Albert: „Diese Weise wird heute noch in den Staaten des Orientes beobachtet, die immer unrein waren nnd schlechte Sodomiten und Ketzer gegen die Natur. Deßwe- gen sagt Albumasar vom Mohammed, dessen Anhänger jene Völker sind: Das Zeichen der Prophetie des Mohammed ist der Scorpion, welches nach den Astronomen Lüge bedeutet; denn Mohammed hat nur Lüge und Schande gelehrt ^)." 1) kolitie. x. 345. 2) Ibiä. x. 383. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 363 Von einzelnen Notizen theile ich mit: „Die Scythen sind ein slavisches Volk; das Ccltcnland (Eoltn) ist eine Insel im Meere „Bei den Scythen wurde am Bachusfeste ein Becher herumgege- bcn, den die Engländer Vuislnüls, wir aber Garsel nennen; nur derjenige durste daraus trinken, der ciuen Feiud erschlagen hattet." „Vom Verhalten zn den Nachbarstaaten redet nicht Aristoteles, sondern ein Codex, nämlich die alten und neuen Digestcn, die drei Theile umfassen. Dieser beruht aber mehr auf kaiserlichen Befehlen, als auf Vernunftschlüssen „Im Timäus sagt Sokrates zum Solon, iu Aegypten sei vor 9000 Jahren ein vortrefflicher Staat gewesen. Das kann aber nicht sein, da die Welt noch nicht so lange existirt." „Die Scylla (d. h. Hund, denn diese Felsen haben die Form von Hundsköpfen) und Charybdis sind noch jetzt zwei Gefahren der Schiffer, sie liegen einen halben Tag auseinander ^)." „Gott hat die Stieropfer der Juden nicht gewollt; aber ob der Hartnäckigkeit des Volkes hat er es zugegeben; er wollte doch lieber, daß ihm, als daß den Götzen geopfert würde Die Ansicht des Aristoteles und seiner Nachfolger von der Ewigkeit der Welt widerlegt Albert gründlich In Bezug auf die Lage der Tempel iu einer Stadt führt Albertus eine merkwürdige Stelle ans Vitruv an, die also lautet: „Die Venustempel sollen nicht in der Stadt gebaut werden, sondern außerhalb an blühenden Orten, damit nicht ehrsame Frauen, welche die Las- civitäteu dieses Cultes sehen, dadurch zur Zuchtlosigkeit gereizt werden. Dem Mars erbaue man Tempel außerhalb an steinigen und rauhen Orten; dem Saturn in waldigen Orten und Hainen, dem Jupiter auf den Hügeln und höchsten Bergen. Die äußere Schönheit soll dem inner» Cult entsprechen?)." 1) l?oIitic. i>. 400. 2) Idiä. 3) Ibiä. p. 415- 4) Iliiä. p. 427. 5) lbiä. 6) Ibiä. Die Wahrheit ist, sagt er; l?iimu8 molus per nwium non in- eoepit. 7) kolitie. x. 437. Eine Stelle, dtcllnis über antike Tempelbauten vielleicht neues Licht zu geben vermag. 366 Kapitel XXXIX. Aus Rhabanus Maurus verweist er mit den Worten: „Vom Liber und von dessen Statuen gibt Rhabanus eine schöne Erklärung." Ebenso citirt er einen Remigius als griechischen Lexikographen: RerlliAiu8 «kielt in expositione Orueeornin voeubnlornin '). Auch nennt er ein Werk des Aristoteles äe «kisoixlina, von dem er aber zweifelt, ob es ihm angehöre. lieber das Familienleben führt er folgende Sonderbarkeiten an: „Jedes verkrüppelte Kind wird noch jetzt bei den Heiden gctödtet, so bei den Slaven, die Cumanen heißen. Ebenso die arbeitsunfähigen Greise ^)." „Der Abortus der Ungeborncn ist ein kleineres Vergehen, als die Tödtung des Gebornen." „Der Ehebruch wird strenge bestraft. Gott selbst hat ihn mit dem Tode belegt. Jetzt gebieten die weltlichen Gesetze, daß das verbrecherische Paar nackt durch die Stadt gepeitscht, daß die Ehebrecherin vom Manne getrennt werde und ihre Ausstattung verliert, wenn sie der Mann nicht wieder aufnehmen will P" „Aristoteles sagt mit Recht, daß die, welche schlechte Reden führen, in Gruben voll Schlamm bei einer Versammlung gestoßen werden sollen 4)." „Es gibt Solche, die die aktive Tugend der intellektuellen vorzichcn, Andre thun das Gegentheil „Germania heißt gleichsam Asririiimns xoxrllos Den Schluß des ganzen bedeutenden Werkes bildet die oben von uns schon mitgetheilte Stelle, in welcher er erklärt, nur die Meinung der Peripatetiker hier zu geben, und gegen seine Widersacher in derben, geharnischten Worten zu Felde zieht. So hat Albert die ganze natürliche Wissenschaft der Vorzeit sich zu eigen gemacht, sie mit den Schätzen seiner eignen Erfahrung und Forschung bereichert, und ein gcsammtes System des natürlichen Wissens von gewaltiger Ausdehnung hiemit den Wißbegierigen vor Augen gestellt. 1) kolitio. p. 438. 2) IdM. x. 46t. Hiebei erzählt er seine Mission nach Sachsen und Polen, die wir oben mitgetheilt. 3) kolitio. p. 462. 4) Ibiä. p. 467. 5) Ibicl. p. 473. Man sicht, Albertus spielt auch in dieser später so bedeutsamen Frage noch mehr den Neutralen. 6) kolitio. x. 476. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 367 Daran schließt sich dann erst sein System der übernatürlichen Wissenschaft der Theologie als Krone nnd Ergänzung des natürlichen Wissens. Seine Eigenthümlichkeitcn und außerordentlichen Leistungen auch ans diesem Gebiete in Kürze hervorzuheben, wird noch nöthig scyn '). I?. Theologie. Wie Albert über das Verhältniß der Glaubenswissenschaft zur natürlichen Wissenschaft gedacht, ist uns schon aus mehreren bereits mitgctheilten Anssprüchen desselben klar geworden. Er denkt sich zunächst die natürliche Philosophie und die Theologie als zwei getrennte Gebiete, die Pflege der pcripatetischen Philosophie und das Studium der Theologie als zwei ganz verschiedene Geschäfte. Aber ebenso gewiß ist, daß er die Unzulänglichkeit der Philosophie für Erfassung der vollen Wahrheit erkannt hat; manche Wahrheiten sind nur der Glaubenswissenschaft eigen; diese bildet das nothwcndige Komplement des natürlichen Wissens Die Glaubenswiffenschaft gibt auch viel höhere Sicherheit als das Verstandcswissen, da jene ans göttlicher Eingebung, diese aber auf menschlicher Meinung sich erbaut ch. Daher erlaubt sich Albert auch die Korrektion der peripatetischen Philosophie an jenen Stellen, wo sie gegen die christliche Lehre offenbar verstößt. Uebrigens ist er doch weit entfernt, einen möglichen Widerspruch zwischen Offenbarung und Vernunft zuzugeben; denn beide beruhen ans Erfahrung. Der Glaube ist eine Wirkung Gottes in uns, eine Erfahrung der Gnade, welche wir dann zu unsrer Kenntniß erheben; ebenso geht alles natürliche Wissen von der Erfahrung aus; wir schließen auch hier von den Wirkungen auf die Ursache. Und diese Ursache der äußern nnd der übernatürlichen Erfahrung ist derselbe Gott 4). 1) Ein Auszug der Theologie des Albertus bei Cramcr tu der Fortsetzung von Bossuets Weltgeschichte (Leipzig, 1759—l786). Bd. VII. 2) Lumina tlieol. p. 6. idio8ter intelleetu8 perüeilur Iuminidu8 et elevatur: st ex lumine puiäcm eonnuturali non elevutur uä 8eientiam Trinitatis et inear- nationis et re8urrcetioni8. §x Irnnine autem lluente a superiori natura, sä 8U- permunclaua elevatur, äatur aniirius Irominis, eum sempcr lider sit st llomiirus aetuum anorum, Huia in ip8o S8t Meers, guoll vntt vet non Meere. 3) Lunima tlleol. p. 413. 4) Idlll. x. 415. Die Wissenschaft des scl. Albertus. 373 Die spätere Unterscheidung der vier Seynsweisen im Raum findet sich bereits bei Albert an mehreren Stellen: Lloclrrs ubsvlntus (Gottes Scyn im Raum), cisLniUvus (Engel), oirourasoriptivus (Körper), iriirn- oulosus oder suorunwutulis (Christus in der heiligen Hostie) Z. Bei der Frage, ob die Engel einen Körper annchmcn können, sagt er: „Bei dieser Untersuchung kann der Philosoph wenig oder nichts sagen; man muß sich da ganz aus die Autorität der Heiligen und der heiligen Schrift stützen Z." Auf die Frage, ob Gott die Dinge besser machen konnte, als er sic gemacht hat, sagt er distinguircnd: „Es ist Glaubenssatz, daß keine Crcatur von Gott gemacht worden, ohne daß sie Gott besser machen konnte; denn sonst würde das endliche Werk die Macht des Unendlichen erschöpfen. Also an sich könnten die Dinge besser scyn; aber in Beziehung auf das Universum konnten sie nicht besser scyn und werden; da kann man sie das Höchstgute nennen, denn sie sind gemacht von der besten Weisheit, von der wirksamsten Macht und vom gütigsten Willen des Schöpfers und könnten znm Zustand und zur Ordnung des Universums nicht besser passen ^)." Bei der weiteren kitzlichcn Frage, ob Gott etwas gegen die Natur thun könne, bemerkt Albert: „Nach Augustinus hat Natur einen dreifachen Sinn. Es heißt Natur der gewöhnliche Natnrlauf, der in den Vegetabilien und Thieren ist. Dann heißt Natur die aktive und passive Kraft, vermöge der sie physisch thätig aus einem passiven Körper etwas Hervorbringen kann, was nach dem Lauf der Natur natürlich ist. Dann heißt auch Natur die natriru nuturnns, d. h. die natürliche Unterwerfung von Seite der geschaffenen Natur und die natürliche Macht, vermöge derer die natura nuturnns, d. h. Gott, in der Schöpfung thun kann, was sie will. Und das auf zweifache Weise, nach dem Gesetz der Natur und nach der Freiheit des Willens, in welcher Satzung die göttliche Anordnung das höchste Gesetz ist. Darum sind einige Dinge über (suxru) die Natur hinaus, einige gegen (oontru) die Natur, und einige neben (xrnetsr) der Natur. Ucber die Natur sind die, welche in der Potenz eines Dinges nicht liegen, aber durch die göttliche Macht an einem Stoffe eintreten können. So nach Dionysius die Auferstehung. Gegen die Natur ist, was gegen den Lauf 1) 8umma Üieol. p. 417. 2) Ibici. x. 426. Er bemerkt hiebei, aus dem Aethcr bilde sich der Engel den Leib. 3) 8nmma ilreol. p. 446. 374 Kapitel XXXIX. der gewöhnlichen Natnr zu seyn scheint, so, daß eine Jungfrau gebäre und doch Jungfrau bleibe, daß ein Blinder sehend werde, ein Todtcr auferstehe; das liegt nicht in der Kraft der Natnr, aber durch göttliche Macht kann cs vollbracht werden, die nach natürlicher Ordnung in der unterworfenen Natnr thun kann, was sie will; denn das ist ja ein Wunder, wie Chrysostoinus sagt, was nur der göttliche Wille vollbringt. Neben der Natnr ist, was zwar in der Kraft der Natur liegt, doch durch Natnrwirknng nicht ansgcführt wird. So daß die Stäbe in Schlangen verwandelt wurden Exod. 7. Denn die Keime dazu lagen im Stab; bei dessen Verwesung können Schlangen daraus werden. Da geschah nur plötzlich, was sonst langsam geschieht. Wir sagen nun, Gott handle gegen die Natur nach der ersten Auffassung des Wortes Natur in allen Wundern. Aber nach der zweiten und dritten Deutung des Wortes thnt er nie etwas gegen die Natnr. Denn wenn er etwas ans die zweite Weise thun würde gegen die Natur, wäre er sich selbst feind; und wenn ans die dritte Weise, würde er seine eigene Anordnung und Einrichtung umstoßen. So thnt er eigentlich nichts gegen die Natur, aber über die Natur und neben der Natnr I." Diese Stellen, hervorgehoben aus der Lehre Albert's von Gott, dem Einen und Dreieinen, die er mit größter Ausführlichkeit mit Rücksichtnahme ans alle Namen, Prozesse, Eigenschaften Gottes, mit Beantwortung aller hiebei nur möglichen Fragen behandelt hat, sollen einigen Aufschluß geben über die Stellung unsers Meisters zur Entwicklung des Dogmas, über sein Verhältniß zn den zweifelhaften und schwierigsten Aufgaben der theologischen Wissenschaft. In gleicher Weise wollen wir auch seine Lehre von den Creaturen einer kurzen 1) Lumina Ib. p. 456. Noch klarer p. 473. Natura (lleitur tribus rnoäis. Drimo moäo Meta uatura regula immobil!« est proviäentiae, qua ununrquoä- que aä äebitum naturae suae tinem ^ubernatur et äeäucitur. 8t contra baue naluram non polest Deus kacere, sieut nee contra ssipsum. Lecunäo moäo äi- cilur natura lex sive äispositio obeäientialis, qua omnis natura aä Deum oräi- natur, ut trat in es, quiäquiä Deus voluerit. 8t baec natura se trabst aä na- turam prinro äictain, sicut se Irabet latum aä proviäenliam. 8t contra baue nsturam Dens iterum nikil polest praecipere nec kacere sicut nee contra so ipsum. lertio moäo äicitur natura solitns et consuetus cursus naturae. 8t contra illum potest kacere et praecipere Deus, maxime praecepto probalionis et instructionis: quia in illis actuin non vult Deus, seä aliquiä circa actum. Noch ausführlicher Lumina tlrevl. II. p. 192. 375 Die Wissenschaft des sel. Albertus. Prüfung unterziehen und die bedeutsamsten Aussprüche und Anschauungen des Albertus in dieser Hinsicht wieder Mittheilen Merkwürdig ist sogleich, daß Albertus hier einen scharfen Kampf aufnimmt gegen die gewichtigsten Autoritäten, gegen seine hochgefeicr- tcn Meister, gegen Plato und Aristoteles, die in Bezug ans den Ursprung der Welt Irrtümliches gelehrt. Nachdem er Plato's Annahme dreier ewiger Prinzipien, Gottes, der Ideen und der Materie, wobei Gott nur als Weltbildner erscheint, in langer Abhandlung abgewiescn, geht er daran, ebenso die Jrrthümer des Aristoteles anfzndecken in Bezug auf die Prinzipien und die Ewigkeit der Welt. Er betitelt einen Abschnitt 2) sogar: Do erroribus ^ristotelis. Wir sehen also abermals, mit welchem Rechte man ihn den Affen des Aristoteles genannt hat! Er gibt hiebei die Erklärung: „Wenn Aristoteles aus der Ewigkeit der Bewegung auf die Ewigkeit der Welt geschlossen hat, so ist das falsch. Der Beweger war von Ewigkeit, aber das Bewegliche nicht. Die Bewegung fing erst an, als vom Beweger das Bewegliche gemacht worden. Denn die Schöpfung ist nicht eine Bewegung, sondern ein vom bloßen göttlichen Willen ausgehendes Jnsdaseynrnfen derjenigen Dinge, die vorher nichts waren und an sich nichts sind und ans Nichts sind. Darum hat Aristoteles in dieser Beweisführung weit geirrt (rmiltuin errnvit) Ans die Frage: Warum hat Gott gerade damals, und nicht früher die Welt erschaffen? sagt Albertus: „Nach der Anordnung seiner Weisheit und der Ordnung gemäß durfte er nicht früher schaffen. Die Frage ist die gleiche mit der: Warum hat Christus die Jncarna- tion so lange aufgeschoben? Darauf antwortet der Apostel Gal. 4: Da die Fülle der Zeit kam, sandte Gott seinen Sohn. Er nennt cs die Fülle der Zeit, die Zeit, die vom Dreieinigen vorherbestimmt war. Fragt man weiter: Warum hat er nicht früher schaffen wollen? so ist bas nach Augustinus eine thörichte Frage, denn vom göttlichen 1) Bd. XVIII bei Jammy. Albertus sagt gar schön am Beginn dieses Theiles: Wie Moses, nachdem er mit Gott gesprochen, leuchtend mit einem Strahlenkränze vom Berge herabgekommen, so sollte auch unser Geist, nachdem wir von Gott, dem Berge des Lichtes, geredet, voll Licht seyn, um die Niederungen der Creaturenwelt wahr, treu und klar zu überschauen. 2) Bd. XVIII; Lumma Meol. p. 45. 3) 8nmma tiieot. p. 59. Ebenso widerlegt er die sieben Beweise des Rabbi Moyses für die Ewigkeit der Welt. 376 Kapitel XXXIX. Willen hat man nicht nachher Ursache zu fragen. Um aber doch die Antwort nicht schuldig zu bleiben, bemerke ich: Die Alten gaben als Grund an, warum das nicht passend gewesen wäre, weil sonst das Geschöpf hierin dem Schöpfer gleich geworden wäre, indem sie beide gleich von Ewigkeit wären. Ich aber sage, die Creatur konnte nicht so gemacht werden, daß sie von Ewigkeit und ohne Anfang der Dauer sei. Gott sieht nicht auf das, was er machen kann, weil er nichts thut wegen des eigenen Bedürfnisses, sondern auf das, was nach der Ordnung der Weisheit und dem Drange seiner Liebe der Creatur convenient und zuträglich wäre." In Bezug auf die Engel nimmt Albertus nicht eine Verschiedenheit der einzelnen Engel der Art nach an, sondern in Bezug auf die Vollkommenheit ihrer Aemtcr, die zum Dienst des himmlischen Reiches gehören. Er thcilt sie in neun Zierden (in trss trinos ornutuL) '). Beim Wohnort der Engel spricht Albertus auch vom Himmel der Trinität und sagt: „Im Himmel der Trinität ist nichts, als die Trinität selbst. Und der Himmel der Trinität ist nicht ein Körper, sondern die ausnehmende Erhabenheit der Trinität selbst, erhaltend und schützend Alles, was ist. Kein Geschöpf ist im Himmel der Trinität, weil nichts zur Gleichheit mit der göttlichen Erhabenheit gelangen kann. Auch die heilige Jungfrau, weil sie geschaffen ist, ist nicht im Himmel der Trinität. Obgleich über den Chören der Engel nichts ist als der Himmel der Trinität, was den Unterschied der Wohnungen in der Seligkeit betrifft, so erheben sich die Chöre der Engel doch nicht zur Gleichheit mit Gott, sondern zwischen der Erhabenheit Gottes und den Erhebungen der Engel ist eine unendliche Distanz sowohl in den Graden der Würde als der Glorie; in dieser seiend, heißt die heilige Jungfrau über die Chöre der Engel erhoben, was keinem Heiligen gewährt ist 2)." Auf die Frage, ob die Engel das Mysterium der Jncarnation wußten, sagt Albert: „Eine Glosse erklärt, die obern Engel hätten es erkannt bei dem Worte: Es werde Licht! die andern erkannten es erst durch die Kirche, d. h. durch die Predigt der Apostel. Aber man kann auch so sagen, daß die Kenntniß der Engel eine doppelte ist, im Worte und in der eigenen Gattung (in proprio Aensro). Und so kann man sagen: Im Worte haben sie vom Anfang ihrer Schöpfung 1) 8umma tUeol. p. 78. 2) IbiL. p. 89. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 377 das Geheimniß der Jncarnation erkannt; aber in seiner eigenthümlichen Gattung erst, nachdem es geschehen war Beim Fall der Engel weist Albertus die Ansicht der Manichäer ab, daß der heiße Kampf, den die Apokalypse beschreibt, jener der Engel gegen Gott gewesen; denn dieser sei im Augenblick und ganz leicht durch Gottes Willen beendigt worden 2). Als Sünde der Engel wird von Albertus einfach die Hoffahrt angegeben, indem sie Gott gleich zu sehn glaubten. Doch spricht der Meister auch mit sichtbarer Hinneigung von der Annahme des heil. Bernardns, daß Lucifer gewußt, Gott werde sich einst mit einer intelligenten Creatur aufs Innigste vereinigen, und in der Meinung, diese Creatnr könne er allein seyn, habe er sich der Hoffahrt hingegeben ^), seine Schönheit betrachtet und Gott gleich zu seyn geglaubt. Als Orte, wohin die bösen Engel gefallen, werden die Hölle, das Unterste (als entsprechendste Strafe der Hoffahrt), und der Luftkreis angegeben, wo ihre Strafe wieder zum Guten, zur Erprobung der Gerechten, dienen muß. Bei der Schöpfnngslehre, welche die umfassendste Deutung des Sechstagewerks enthält, erklärt Albert die Worte: Himmel und Erde so, daß er sagt, sie bedeuten die geistige und materielle Creatnr. Ebenso: „Himmel und Erde sind vor jedem Tag geschaffen worden, denn der Tag entsteht durch die Schwingung des Lichts oder der auf- und untergchenden Sonne. Tag (vor dem vierten Tag) heißt hier soviel als Zeit, weil der Tag der Haupttheil der Zeit ist Z." Bei der Frage über den Ursprung der Seele weist Albertus ab, daß sie sei ex trnckuos, nun sx ulin, siout eorpus ex eorpore, sowie die Präexistenz der Seelen vor dem Körper und erklärt sich mit Entschiedenheit dafür, daß jede Seele von Gott geschaffen sei und zwar unmittelbar, weil das Schaffen ein Akt ist, der keiner Creatnr mittheilbar und nur Gott, dem Schöpfer aller, zukommt. Daß die Eigenschaften der Eltern auf die Kinder sich vererben, komme von der Comple- xion des Körpers. Und das von der Schrift bezeugte Ruhen Gottes bezieht sich aus die Gattungen und Arten, deren noch keine neuen entstanden. Das sei katholischer Glaube ^). 1) 8ummu Ideal. II, p. 136. 2) Idiä. x. 148. 3) Idiä. p. 142. 4) Idiä. p. 296. 5) Idiä. x. 366 und 368. 378 Kapitel XXXIX. Die Einigung von Leib und Seele schildert er so, daß er sagt, sie geschehe durch das molliuirr ooirArueirtiao, welches die Extreme zur Kongruenz bringt, das Höchste im Fleische und das Unterste in der Seele. Das Höchste im Fleische ist die Scnsualität (sensnulitns, huuni airiinn iuüuit oorpwri orAniüeo), das Niederste in der Seele ist die Einbildungskraft ftüruntusticus Spiritus, pui lletort llorinus ssusibilas ab orAunis ssnsuuni all uninraur, cpusin prokmt ^Lvieenirn esse oor- porsuirr)ft. Die 30 Gründe der Araber für die Einheit aller Seelen widerlegt Albertus durch Ausführung von 38 Gcgcugrüuden ft. „Der Leib Adam's im Urzustand war thierisch (uniiriuke) , nicht geistig, d. h. er bedurfte der Speisen und war zeugend. Diesem Zustande war angemessen der Genuß von Früchten und Gemüsen; doch kannte er noch nicht den Fleischgenuß, sondern erst nach der Sünde, als der Leib durch die Sünde schon gestorben war ft." „Der Schlaf Adam's war ein tiefer Schlaf, in dem er das sinnliche Gefühl verloren und in die Anschauung des Geheimnisses versenkt war, wie die Kirche einst aus Christi Seite hervorgehen würde ft." Bei den Naturgabcn der menschlichen Seele nennt Albertus die sensuulitas, rutio und liberum urbitriuiu und stellt darüber die umfassendsten Untersuchungen an. In Bezug auf die Lehre vom Sündenfall und von seinen Folgen schließt er sich meist der Autorität des hl. Augustinus und des Lombarden an. Die Gnade wird also dcfinirt: „Die Gnade ist eine Zuständlichkcit und eine Qualität, die den Menschen befähigt zu verdienstlichen Werken für das ewige Leben, die Gott uns gibt ohne unsre Mitwirkung, und die den Willen, ihm zuvorkommend, fähig macht, daß er verdienstliche Werke ausführcn kann ft." Die Lehre vom Gewissen ist gleichfalls vollständig erörtert. Die Svutheresis wird erklärt als eine Seelenkrast, die durch einen Habitus vollkommen ist (poteutiu eorupletu bubitu); als Potenz wird sie 1) 8umrna tlieol. II, x. 378. 2) Idiä. i>. 380 u- ff. 31 Idiä. p. 40t. 4) Idiä. p. 405. 51 Idiä. p. 461. Albertus führt hier auch alle bisherigen Definitionen der Gnade an und sucht sie alle zu vereinigen. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 379 von den Heiligen und Philosophen unter die Kräfte gezählt; als Instand (Irnbitris) aber unter die Zustände'). „Sie gehört zum praktischen Verstand, welcher Befehle gibt über das, was zu thun ist; ste heißt darum ein Funke (soiirtilln rntiorüs) desselben, der immer znm Guten sich hinbcugt und über das Böse murrt. Au und für sich kann die Syntherests nicht irren, nämlich in Anbetracht des Höheren, der sie leitet, aber in Anbetracht des Unteren, welches sie leitet; in Anbetracht der Wahlfrciheit, der Intelligenz und des Willens, außer und über welchen sie ist, kann sie xmr nooiclens fallen, wie ein Soldat, dessen Pferd stürzt. Dieser Sturz ist nicht Fehler des Soldaten, sondern des Pferdes, und man legt ihn nicht dem Soldaten bei, außer insofern er das Pferd nicht am Zügel gehalten, daß es nicht stranchle ^)." „Das Gewissen wird auch in keinem Menschen, er mag noch auf der Wanderung oder unter den Verdammten seyn, ganz ausgelöscht. Nur ist es beim Verdammten keine Neigung zum Guten mehr, sondern nur Erbitterung über die Strafe, die aus der Sünde folgt." „Die Haupteintheiluug der Tugenden ist die in theologische und Kardinaltugeudcu, die sich auf die bewirkende Ursache bezieht. Die theologischen bewegen znm göttlichen Ziele hin und sind von Gott eingegossen. Die Kardinaltugeudcu aber bewegen zur rechten Mitte in den Affekten und Handlungen und sind durch Unterricht erworben ^)." Gar schön ist die Vergleichung der Schöpfung und Rechtfertigung bei Albertus: „Beide," sagt er znm Schluß, „sind keine Wunder (miru- onln), aber wunderbar, da sie den Menschen ob ihrer Höhe in ein Ucbermaß der Bewunderung versetzen. Doch ist das Werk der Wiedergeburt dadurch-wunderbarer, daß es ein größerer Erweis der gött- Lchen Liebe und Güte ist, wie Petrus Diakonus sagt im Segen der Osterkerze: O unschätzbarer Erguß deiner Liebe! Um den Sclavcn zu erlösen, gabst du den Sohn hin!" Auf die Frage, wie der in Liebe wirksame Glaube die Rechtfertigung vollbringe, sagt Albertus^): „Die Rechtfertigung des Sünders 1) 8urnma tlieol. II, p. 46?. Gleich darauf sagt er: Es sei eigentlich ina- terialiter ein seidile; aber torrnaliter ein Imbitus in potontia oder eine potentia Naditualis. x. 469. Die Synthercsis wird dann wieder von der Lonseiontia unterschieden; jene sei eine Potenz der Seele, dieses ein Habitus, aber sie haben Gemeinsames. 2) IdM. x. 467. 3) Idiä. p. 480. 4) Ibiä. x. 482. 380 Kapitel XXXIX. entspringt nicht von uns, noch von einer Bewegung, die von uns ausgeht, sondern von Gott allein, der die Ursache der Kraft und Gnade in uns ist, wodurch der Geist des Menschen geheilt und zu verdienstlichen Werken befähigt wird; und dann wird die Bewegung vom freien Willen hcrvorgernfcn (uiotus ipss elioitur a lilmro arbitrio) , aber durch die Gnade und Kraft von Oben wird sie so gestaltet, daß sie die Fähigkeit zum Verdienen erhält. In diesem Sinne sagt Augustinus, die Gnade verdiene Vermehrung, damit sie vermehrt die Vollendung verdiene ')>" Als die drei gegen die Gnade gerichteten Häresien bezeichnet Albert die Lehren des Pelagius, des Jovinian und der Manichäer und widerlegt sie mit besonderem Hinblick auf Hieronymus und Augustinus. Von der Erbsünde, deren verschiedene Definitionen er wieder zu vereinigen sucht, hält er gegenüber einseitigen Auffassungen fest: „Die Erbsünde ist sowohl eine Schuld als eine Strafe nach katholischem Glauben. Sie wird nicht fortgcleitct auf der Seite der Seele, denn die Seele ist nicht durch einen Ableger fortgepflanzt, sondern die Sünde wird fortgcpflanzt durch den verderbten Ursprung (6X oorruxtg. oriZirm) , welcher durch den Samen auf das Kind über- geleitct wird ^). Das Verderben geht bei der Erbsünde vom Fleische ans die Seele über, und verdirbt sie durch die Corruption der Schuld und der Strafe ch." Die Cvncupiscenz ist ihrem Wesen nach Strafe und eine der Strafen, die ans der Erbsünde erwachsen ^). Bei der Besprechung der Frage, ob etwas von der Speise in die Wesenheit der menschlichen Natur übergehe, citirt Albert einen Schriftsteller Gimundns, der ein Buch clo oorxvrs Olrristi gegen Berengar geschrieben ^). Wo von dem tomes peocmti die Rede ist, sagt Albert: „In der heiligen Jungfrau war dieser tomos ganz ansgctilgt; der heilige Geist hat Maria durch zuvorkommende Gnade ganz von der Sünde gereinigt 1) Lumina llmol. II, x. 481. 2) Idiä. p. 491. 3) Ibiä. p. 499. Er definirt hier nachträglich noch die Erbsünde so: Ast eulpa ct posna in xarvulis a parontibuo aä parvulos transmiosa per eoneudllum se- ininalein. 4) Lumina timol. II, p. 503. 5) Idiä. p. 509. Die Wissenschaft des scl. Albertus. 381 (xui'Anvit) und sie vom Keim der Sünde befreit (nach dem Ausspruch des Lombarden)." Den Unterschied zwischen läßlicher und schwerer Sünde bestimmt Albert in Kürze dahin, daß er sagt: „Die läßliche Sünde ist ein Wort, ein Werk oder eine Begierde praetor IcAcur Oei, die schwere aber contra. ICACM Der Die Lehre von den Todsünden und ihren Töchtern hat Albertus im weitesten Umfange erörtert. Bei der Unkeuschheit redet Albertus von Einigen, die sich die Leute vom neuen Geiste (6c novo spiritn) nennen, und die unlautere Berührungen u. dgl. nicht für Sünde hielten. Er sagt von ihnen: „Das ist nur eine neue Häresie, die aus der alten Häresie des Pela- gius entstanden ist Z." In der Abhandlung über die Angenlnst zählt er die hieher gehörigen Sünden aus und sagt dann: „Aber die Beschäftigung mit Lob- würdigem und Gutem, wie das Studium der freien Wissenschaften, ist gut, und gehört daher nicht zu dieser bösen Wurzel. Dagegen wohl die Beschäftigung mit der Magie und Nckromantie, denn dieses sind böse, überflüssige und von der Kirche verbotene Dinge ^)." Den Grundsatz: Der Zweck heiligt ein Mittel, verwirft Albertus gänzlich, wie wenn Einer stiehlt, um einen Armen speisen zu können Z. Die Sünde gegen den heiligen Geist bestimmt er dahin, daß er sagt, sie sei die Sünde aus gewisser Bosheit, die keine Entschuldigung hat, dazu gehört aber die Verhärtung des Geistes, wobei die Furcht Gottes verschwindet und Verachtung Gottes erscheint, und so ist diese Sünde die dauernde Bosheit eines unbnßfcrtigen Herzens °)." Bei der Frage über das Verhalten zur weltlichen und geistlichen Obrigkeit bemerkt Albertus: „Der weltlichen Macht ist in dem zu gehorchen, was zur Ordnung des Staates und der Gemeinschaft (civili- tntis et coirnriruritntis) gehört, und darin kein Widerstand zu leisten. 1) Summa tbeol. II, x. 518. Er macht hiebei acht Eintheilungen der Sünden, in Bezug auf den rsatns pseeati, in8trumenta peeoati, materia, ean8ae, in- eiinantia aä peeeainm, imes pseeatorum, xenea eum, in guem peeeatur, tormale in peeeato. 2) Lumina tbeol. II, p. 552. 3) Ibiä. p. 579. 4) Ibiä. p. 581. 5) Ibiä. x. 589. 382 Kapitel XXXIX. Dagegen wenn sie etwas befiehlt, was gegen die göttliche Anordnung ist, so ist ihr nicht zu folgen, sondern zu widerstehen Aus der Regel des hl. Benedikt führt er den Satz an: Man muß dem Vorgesetzten folgen, auch wenn er Unmögliches befiehlt ^). Non der Gewalt des Papstes spricht Albert in Kürze am Schlüsse also: „Der Papst hat die Fülle der Gewalt, daher ist er der ordentliche Vorgesetzte aller Menschen, denn er ist an Gottes Statt ans Erden So weit gelangte Albertus in seiner theologischen Summe in der ausführlichen, scholastischen Behandlung der katholischen Glaubens - und Sittcnwahrheit, im Aufbau jenes großartigen, bis in das Einzelnste gehenden Systems theologischer Wissenschaft, das wir der Scholastik verdanken und das im Kreise der übrigen Wissenschaften fast nicht seines Gleichen hat. Die beiden andern Bücher über den Erlöser von der Sünde und die durch ihn gebrachten Güter, sowie über die Sakramente und letzten Dinge, hat er nicht mehr vollendet, wie wir früher bereits angeführt. Doch hatte er auch die hieher gehörigen fast zahllosen Fragen und schwierigen Untersuchungen schon früher ausgenommen in seinem gewaltigen Commcntare zu den Sentenzen des Lombarden. Da er sich jedoch hier mehr an die Anschauungen und Aussprüche seines Vorgängers hält, meistens nur dessen Lehren mit den Doktrinen aller andern Autoritäten zu vereinigen strebt, so glaube ich, um so weniger auch aus diesem Werke besoudre Auszüge geben zu müssen, als wir des seligen Meisters Anschauungen über das Mysterium der Jncarna- tion, über die Tugenden, über die Sakramente und die letzten Dinge schon aus dem Inhalte andrer Werke in der Darstellung der Lebensgeschichte großentheils kennen gelernt haben. Nur eine Stelle will ich hervvrheben, weil Albertus durch diese der Schöpfer eines trefflichen Namens, eines terininus teolrnieus, geworden zu sein scheint, der von da in der dogmatischen Theologie eine bedeutende Rolle spielt. Nämlich, wo es sich um die Wirkungsweise der Sakramente handelt, 1) Lumina tlraol. Il, x. 595. 2) Idiä. 3) Idiä. x. 596. Die einzige Stelle in den Schriften des Albertus über die Stellung und Rechte des Papstthums. 4) In den Werken: Nanale, äa euedariotia, äe mulieri lorti, in den Kommentaren zur heiligen Schrift, im xaraäisus airimas. Die Wissenschaft des sel. Albertus. 383 spricht Albertus auch über die Wirkungsweise der alttcstamentlichen Sakramente und speciell von der Frage, ob die Sakramente des alten Bundes wenigstens Nachlassung der läßlichen Sünden bewirkt haben. Er verneint dieses, indem er bemerkt: Nun^nnin n Oeo pwocntnur 6i- iriittitnr siirs Arntin. dluillun nuieiri virtnte ^roprin ^rntinm illn snorninsirtn eontnlsrunt. ibirAv virtuts p»roprin nuin^unrQ ^soontnirr nli^noci enrnvernnt. (ftnni vickstnr ssss evuLLclencluin, nisi per no- eiiieiis, soilioat ^)6r opns o^srnirs. Damit hat Albertus ausgesprochen, das Wirkende bei den alt- testamentlichen Sakramenten war das Werk des Empfängers, nicht des Sakramentes als solchen, während bei den Sakramenten des neuen Bundes das Sakrament als solches wirkt. Es lag nahe, nachdem Albertus jene Weise ganz bezeichnend als wirkend xsr oxus opsrnns erklärt, von den Sakramenten des neuen Bundes dann zu sagen, sie wirkten xsr Opus oxarntnin, d. h. als objektiv gesetzt, als etwas, was gewirkt hat, was den Elementen ihre höhere Kraft gegeben hat. Und so bildete sich sogleich diese letztere Bezeichnung von selbst, und ist ans alle späteren Theologen und sogar in die Entscheidungen des Concils von Trient übergegangen *). Diese Auszüge sind genommen ans dem theologischen System des Albertus, das Moral und Dogmatik noch verband, lieber die Charakter- eigenthümlichkeiten und die Fülle seiner exegetischen Schriften habe ich früher schon die nöthigeu Andeutungen gegeben. Ich bemerke nur noch, daß Albertus das Prinzip sesthält (Prolog zum Kommentar zur Apokalypse), jenes Buch sei für ein heiliges, inspirirtes zu halten, welches die Kirche für ein solches hält. In Bezug ans die Exegese der Evangelien sucht er öfter die Harmonie scheinbar divergirender Stellen bei den Evangelisten nachzuweisen. Die beiden Genealogien des Herrn hält er für Stammtafeln des hl. Joseph. Die berühmte Stelle von der Ehescheidung (Matth. V.) erklärt er so, daß er jene Ehescheidung nur als solche von Tisch und Bett bestimmt. Und so haben wir auch einen kurzen Ueberblick über die Leistungen des Albertus in dem großen Reiche der Wissenschaft gewonnen. Wir sahen, er hat als Philosoph mit besonderer Vorliebe, mit Rücksicht auf alle vorausgehenden Forschungen und mit der Leuchte eigener Beobachtung die Gebiete aller Naturwissenschaften durchwandert, er hat die Physik, Astronomie, Meteorologie, physikalische Geographie, 1) Vgl. Oomment. aä lidr. IV. 8snt. O. I. art. 9. Und den Artikel Opus opsrntnm von Mattes im Freiburger Kirchenlexikon Bd. VII. 384 Kapitel XXXIX. die Mineralogie, Botanik, Zoologie, Physiologie, Anatomie, Physiognomik und Psychologie in umfassender Weise und mit großen, dem Cul- tnrzustand voranscilcndcn Erfolgen bearbeitet. Während er mit nicht minderem Eifer sich dann in die zwischen dem Uebersinnlichen und Sinnlichen in Mitte stehende Welt der Zahlen versenkte in der Mathematik, hat er in der Logik und Metaphysik auch die Welt des Geistes, die Bewegungen und Produkte des denkenden Geistes, die Welt des Uebersinnlichen und sein Vcrhältniß zum Sinnlichen zu erforschen und in Schriften darznstellcn sich abgemüht, sowie in der Politik und Ethik die Erscheinung des Rechts und der Sitte. Aber über all diesen der bloßen Vernunft entstammenden Wissenschaften stand ihm die Theologie, die Glanbenswisscnschaft von Gott. Sie war ihm die Königin der Wissenschaften, ihre Anssprüche schienen ihm auf unerschütterlichem Felsen begründet, ihre Methode schien ihm sicherer, ihr Reich herrlicher, ihre Enthüllungen dünkten ihm umfassender, zahlreicher, himmlischer, als die aller andern Wissenschaften, in ihren unermeßlichen, wunderbaren Bezirken hat sein Geist am liebsten geweilt und hier die zahllosen Werke über Exegese, Moral, Dogmatik und Ascetik geschaffen; für sie, zu ihrer Verherrlichung und Vertheidigung hat er wohl zumeist die großen Wanderungen durch die fernen Wclttheilc der natürlichen Wissenschaften angestellt; seine hier in mühsamen Studien erworbenen Kenntnisse hat er als Beute bann hcimgebracht zur Verwendung im Pallaste dieser Königin der Wissenschaften, so daß wir nochmal bestättigt finden die Wahrheit des Satzes: Albertus war der Gottfried von Bouillon, der im Kreuzzuge der Wissenschaften des Mittelalters ruhmvoll vorangegangcn, und das von Heiden, Juden und Muhammedanern besetzte Jerusalem der natürlichen Wissenschaft zuerst erstürmt, und in den Besitz der Christenheit, in den Dienst der Kirche gebracht hat. Nachträge, Zu Seite 1. Nach v. Kaisers urkundlicher Geschichte von Launigen (1822), die mir erst später zukam, war Launigen (DoA-sno.) i. I. 890 unter Arnulfs Regierung noch ein Dorf (villn) mit 70^- Huben oder Anwesen, im Thcilbriefe der Herzoge Ludwig und Heinrich v. Bayern v. I. 1269 heißt es oppiänw (ein befestigter Ort), endlich unter der folgenden Regierung Herzog Ludwigs des Strengen oivitg.8 (S. 52.). Ringmauern erhielt es i. I. 1307. Das eigentliche Römerkastell war das nahe Faimingen gewesen, während Lauingen als Badeort für die vornehmen Römer gedient hatte. Zu S. 2. Bollstadt ist jetzt ein Pfarrdorf, das bereits dem Rieß angehört, und wohl sechs Stunden von Lauingen entfernt ist, nicht zwei, wie mir in Lauingen mündlich gesagt wurde. In einer Urkunde des Klosters Kaishaim, ausgestellt am 12. März d. I. 1271 zu Nördlingen, überträgt Hcrrmann von Hürnhcim seinen Hof in Balgheim dem Heinrich, genannt der Bollestater, und den Söhnen des Friedrich Bollestatcr, Sifrid und Friedrich den Bollestätern, zu Lehen. Zeuge ist mit Andern Heinrich der Bollcstater mit Hausgenossenrecht. In einer zweiten Urkunde überließen die Erben des Nördlinger Bürgers Sifrid des Bollestaters, Namens Sifrid, Fridrich, Tnta, Kunignnd und Adelheid, diesen Lehenhof aus Schuldenlast gegen eine Summe Geldes an das Cister- zienscrkloster Kaißheim (Raiser, S. 80.). Ans diesen Urkunden erhellt, daß die Familie der Bollstätter noch bestand und daß ein Zweig des Geschlechtes der Bollstätter sich in der Stadt Nördlingen niedergelassen und da das Bürgerrecht erlangt hat, aber endlich ziemlich verarmt ist. Zn S. 22 vgl. man den Bericht S. 251 (Anmerkung), da mir scheint, die von Albert erzählte Bedrängniß eines Ordensnovizen während feines Provinzialats fei von Späteren bloß auf ihn selbst übergetragen worden. Zu S. 75. Zu den Sagen über Albertus gehört auch folgende: Auf Verlangen des Kaisers Friedrich Barbarossa hat er durch ein Sighart, Albert d. Große. 25 386 Nachträge. Zauberstück den Geist der Kaiserin Maria wieder in's Leben gerufen. Diese erschien um Mitternacht dem Gemahl, prachtvoll gekleidet und mit so ähnlichen Zügen, daß er sie sogleich erkennen mußte. Erzählt von Derclinanck Denis: De ino^en LZs et In rennissnnos. Loienoes ooonltes, p. 6 bei Donollet, Instoirs des seienees naturelles an niesen L§e, p. 255. Da der Kaiser Barbarossa bei der Geburt des Albertus bereits nicht mehr lebte, so ist die Erfindung der Sage offenbar. Zu S. 157. Eine von Kaiser (S. 80) citirte Urkunde des Domkapitels Augsburg zeigt, daß Albert auf seiner Rundreise als Kreuzprediger auch zu Donauwörth im Kloster zum heiligen Kreuz geweilt habe, weil er daselbst am 13. Mai 1263 einen Vergleich schloß zwischen dem Bischöfe Hartmann von Augsburg und dem Grafen Ludwig von Oettingeu. Es wurde festgesetzt, daß der Graf die zum väterlichen Erbe des Bischofs gehörigen Güter in Neresheim mit großem Zubehör und vielen Rechten für 450 Mark Silbers pfandschäftlich erhalten und daß das Schloß Stein bei Bopfingen demselben zurückgegeben werden solle. Wenn Hr. v. Raiscr hiebei meinte, Albert sei damals noch Bischof von Regensburg gewesen, weil cs im Titel heißt: Venora- bilis pater Irater.^Illertus Dpisoopus, tune apvstolioae seclis DeZatns, so ist das unrichtig. Denn in der S. 157 angeführten Urkunde des Klosters Polling vom 5. Mai d. I. heißt er sich bereits Mondoin Dpiseopns Uatisponnensis. In der Urkunde des Augsburger Domkapitels ist wahrscheinlich das gnonäam übersehen worden. Zn S. 225. In der leZencla aurea des 3. cle VoraZine lesen wir vom Tode des hl. Thomas von Aquin: Drei Tage vor seinem Tode wurde ein Gestirn mit schrecklichem Schweife über dem Kloster gesehen, wo Albertus wohnte. Im Augenblicke aber, wo dieser in Mitte der Brüder das Abendmahl genoß, erbleichte das Gestirn und verschwand plötzlich. Da erschrack der berühmte Bischof gar sehr, vergoß einen Strom von Thränen, und rief in prophetischem Tone aus: Der Bruder Thomas von Aquin, mein Sohn in Christo, das Licht der Kirche, ist in diesem Augenblick in den Schooß des Ewigen abgerufen worden. Vgl. Uonoliet p. 241. Zu S. 272. Der Maler, welcher i. I. 1571 an dem Hofthurm, erbaut vom Meister Heinrich Schlittenhclm, zu Lauingen die Gemälde ursprünglich ausführte, hieß Georg Brentcle, die lateinischen Verse unter den Bildern sind gefertigt vom damaligen Professor des Laninger Gymnasiums Dr. Nikolaus Reußner. Renovationen der Gemälde geschahen i. I. 1615, 1685 und 1782. Vgl. Raiscr, S. 84.