110 Kapitel XVI. Von der großen Drangsal der Bettelmönche.
freute sich der Propst nicht wenig und sprach: Ich will scheu undschauen, ob er es ist; denn ich hoffe, noch sein Antlitz ans jener Visionzu erkennen. Als er das gesagt, eilte er hin, um den Mann zu sehen, undaus den sichersten Merkmalen, aus seiner Gestalt, seinem Antlitz, ausder Gesichtsfarbe und dem kleinen Male, das er unter der Lippe hatte,erkannte er sogleich den Mann wieder. Er theilte nun dem MeisterAlbertus auch den ganzen Hergang der Vision mit, aber keiner vonbeiden wußte, was das zu bedeuten habe. In dein später entstandenenStreite der Orden mit der Universität Paris ist aber Alles genau soeingetrvffen."
Das ist also jene Vision, die uns Thomas von Eantimpr^ aufbe-wahrt hat. Wir haben keinen Grund, an ihrer Aechtheit zu zweifeln.Denn wer könnte längnen, daß solches Schauen der Zukunft durchSteigerung der Geisteskraft im Gebete möglich und schon oft zurWirklichkeit geworden ist, wenn wir auf das Leben der Heiligen Hin-blicken? Vermag ja doch schon die Seele im natürlichen Zustand desSchlafes manchmal den Schleier zu lüsten, der auf der Zukunft liegt.Und was im Kleinen der emsigen Spinne und dem muntern Laub-frösche am Fenster gegeben ist, indem sie ja auch die Zukunft, daskommende Wetter, ahnen, das sollte dem Menschengeiste auf dem Taborseiner Verklärung, in der Glut des heiligen Gebetes, nicht möglich scpn?Wir glauben also, jener deutsche Pilger habe wirklich den kommendenSturm vorausgeschaut. Die Basilika von St. Peter bedeutete diekatholische Kirche, die zischenden Schlangen stellten die erbitterten Feindeder beiden Orden vor. Durch die trefflichen Predigten des Albertusüber das Evangelium Johannis aber, worin die neuen Ordensmitglie-der als wahre Jünger Jesu und als Anhänger der evangelischen Voll-kommenheit anfgewicsen wurden, fanden jene Gegner ihre Widerlegungund der Friede kehrte in die Kirche zurück.
So hatte Albertus ungefähr ein Jahr (1256 — 1257) in Italienzugebracht in mühevoller, aber segensreicher Thätigkeit. Dann eilteer nach dem ihm anvertrauten Ackerfeld in Deutschland zurück.