Von der großen Drangsal der Bettelmönche. 107
(Gottes) dreierlei. Denn es heißt Deut. 8, man mnß Gott liebenaus ganzem Herzen, aus ganzem Gcmüthe und aus ganzer Seele,d, h. aus vollem Willen des Herzens, damit man nicht abgezogenwerde, mit ganzer Hinrichtung des Gemüthes, damit man nicht ge-täuscht, und aus ganzer Seele, damit man nicht zerstreut werde. Dennwenn beigefügt wird: Aus allen Kräften der Seele, so ist dieses dasNämliche, weil es die Kräfte der Seele sind, mit welcher wir ganz lie-ben sollen."
In solcher Weise wird also der heilige Text zerlegt und gedeutetmit großer Ausführlichkeit und oft mit Anwendung bewunderungswürdi-gen Scharfsinnes. Außerdem finden wir aber in diesem Commcntarnoch manche Perle der alten Tradition niedergelegt. So wird erzählt,Johannes der Evangelist sei nach Einigen nicht gestorben, sondern inein offenes Grab hinabgestiegen, und als man später das Grab öff-nete, habe man nur Manna gefunden, wegen der Jungfräulichkeit sei-nes Leibes. Doch ist Albertus mit Hugo v. St. Viktor nicht fürdiese Ansicht, sondern nur dafür, daß Johannes nach dem Tode sogleichaufcrwcckt und sammt dem Leibe in den Himmel ausgenommen worden.Ebenso heißt es: „Die hl. Anna') soll drei Männer gehabt haben,nämlich den Joachim, mit welchem sie die Gottesmutter erzeugte, denKleophas, mit dem sie erzeugte die Mutter des Simon und Judasund des ältern Jakobus, und endlich Joseph, der Barsabas heißt undder Gerechte genannt wird." Auch lesen wir: „Johannes der Evan-gelist war so sanft und liebenswürdig, daß selbst die Feinde Christiihn lieben mußten." Vom Antichrist wird gesagt, daß er aus demGeschlechte Dan stammen werde und daß ihm die Juden zuerst zufallen.
Doch das Angeführte genüge, um uns von diesem großartigenWerke unsers Meisters einige Anschauung zu geben. Er soll aber injenen Tagen nicht bloß das Evangelium Johannis, sondern auch diekanonischen Briefe erklärt haben vor dem päpstlichen Hofe"). Dochob er dieses Werk auch schriftlich niedergelegt habe, oder ob es ver-loren gegangen, können wir nicht entscheiden. Wir besitzen es nichtmehr.
Ja Albert wurde sogar genöthigt, philosophische Materien öffent-lich zu behandeln, wie er selbst erzählt im zweiten Theile seiner Summe
1) Auf vielen alten Bildern ist so die hl. Sippschaft dargestellt.
2) Nach Cantipratanus- Dieses Werk ist bisher wenigstens nicht veröffentlichtworden.