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Albertus Magnus : sein Leben und seine Wissenschaft
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Kapitel XVI.

Wollten wir staunen, daß eine solche Exegese in so kurzer Zeit,nach so geringer Vorbereitung gegeben werden konnte, so müssen wirdie Weise der Schristauslegnng jener Zeit nochmal in's Auge fasse».

Man betrieb damals ja noch wenig die historische und sprachlicheDeutung der Schrift, die vor Allem Zeitaufwand erfordert, und wähltemeist die moralische Auslegung, die mehr Sache der einsamen Betrach-tung und augenblicklicher Eingebung ist. So begreifen wir, wie Abäl-lard öffentlich erklären konnte, nach einer Vorbereitung von vierund-zwanzig Stunden das schwierigste Buch der heiligen Schrift erklärenzu wollen, und wie er dieses Versprechen auch in Bezug ans den Pro-pheten Ezechiel gehalten hat. In der gleichen Weise bewegt sich nungrößtcnthcils auch die Exegese des Albertus, die er damals vom Evan-gelium des hl. Johannes gegeben und die sich uns in einer späternUcberarbcitnng erhalten hat').

Es ist dieser Kommentars ein sehr umfassendes Werk, demgewiß noch jetzt Bedeutung zukommt. Durch Beizichung zahllo-ser Parallelstclleu aus der Schrift, durch Befragung griechischerund lateinischer Väter, besonders des Basilius, Chrysostomns, Da-mascenns, Augustinus, Hieronymus und Gregorius, der Mystikerdes frühem Mittelalters, des Dionysius, Beruardus, Hugo undRichard von St. Viktor, sowie der antiken Philosophen, des Plato,Aristoteles und Cicero, sucht Albertus den Sinn des heiligen Bucheszu gewinnen, indem er in ächtscholastischer Weise alle Fragen bis indas Kleinste zerlegt und auftanchende Bedenken zu lösen unternimmt.Schon der Prolog, welcher eine feurige Lobpreisung des EvangelistenJohannes enthält, macht uns das Gesagte anschaulich. Er beginntmit der Stelle bei Ezechiel (17, 3):Ein großer Adler mit ge-waltigen Flügeln, langgestreckten Gliedern, voll bun-ten Gefieders, kam au den Libanon und nahm das Markder Ceder." Und nun sagt er:Dadurch wird der EvangelistJohannes empfohlen wegen sechs Stücken, wodurch er sich als Verfasser

1) Bd. XI bei Jammy. Die Handschrift dieses Commentars (Prussia) sollspäter in Nürnberg sich bcfnnde» haben. Daß ich nnscrn geschriebenen Commcntarfür eine spätere Ucbcrarbeitung halte, hat darin seinen Grnnd, daß Albert im An-fänge bereits auf die Expositionen der andern Evangelisten verweist.

2) In der Neberschrift ist auf den Ursprung hingcdeutet: Dueulenta oxpositio instantianr Xlexanäri IV. xro ex8lirxsnäis Uaerosibus tune vixsntidns leota.