Von der großen Drangsal der Bettelmönche. 101
Rede zu sehn, es sind die Expositionen unseres Meisters und darumunserer Beachtung Werth. Die wichtigsten Gedanken sind folgende:Das Klvsterlcben befähigt den Menschen in höherem Grade zum Lehrerdes Evangeliums, da er, vermöge seines Gelübdes von den zeitlichenSorgen befreit, beharrlicher dem Studium und der Betrachtung oblie-gen kann. Es ist daher kein Grund, die Religiösen von der Corpo-ration weltlicher Lehrer ansznschlicßen, da sic ja doch auch forschenund lehren können wie jene. Wenn dann behauptet wird, ein Reli-giöse könnte selbst mit Erlanbniß seiner Obern und mit Genehmigungdes Bischofs nicht predigen und Beichte hören, so ist auch zu dieserAnnahme kein Grund da. Die geistlichen Orden wollen ja auch dieseFunktionen nicht allein üben, sondern sie wollen nur die Weltgeistlich-kcit darin unterstützen zum Heil der Völker. Daß ein Religiöse un-bedingt der Handarbeit sich unterziehen müßte, ist gleichfalls einJrrthum, denn die geistige Beschäftigung und die Sorge für dasSeelenheil des Nächsten ist doch gewiß von gleichem Wertste. Auschristlicher Liebe auf die äußern Güter verzichten, ist nicht tadelns-wert!), da wir dafür das Beispiel Jesu, der Apostel und vielerHeiligen haben. Erzwungener Bettel und freiwillige Armnth, die vomAlmosen lebt, ist nicht das Gleiche. Die letztere stützt sich auf desApostels Wort: Die das Evangelium verkünden, sollen auch vomEvangelium leben. Die Ordenslcute, welche Tag und Nacht mitdem Studium der heiligen Schrift und der heiligen Wissenschaften sichbeschäftigen, um die christliche Lehre auf der Kanzel und durch Schrif-ten verkünden und erläutern zu können, haben daher wohl ein Recht,von den milden Gaben ihrer Mitmenschen zu leben.
Das bildete also wohl den Inhalt der Vertheidignngsrede desAlbertus zu Anagni. Der Papst erließ hierauf (am 5. Oktober 1256)eine Bulle, welche das Buch des Meisters Wilhelm als verleumderischund verabscheuungswürdig verdammte und dessen Vernichtung befahl.Diese Sentenz wurde in der Kirche zu Anagni öffentlich vorgelesenund das Buch in Gegenwart des Papstes verbrannt. Ein Exemplarward auch zu Paris vor dem Universitätscollcginm verbrannt in Ge-genwart des heiligen Königs'). Außerdem mußten die Gesandten der
eigenen Gedanken nnd Schriften. Jeder benützte des Andern Werke in seinen Schrif-ten, oft ohne ihn zu nennen. Man wollte damals nur die Verbreitung des Gutenund dachte wie unser Franz v. Baader: Nimmt man mir diese Gedanken, mache ichandre.
1) Rudolph.