38 Kapitel IX.
der Schriften vorführen, deren Entstehung nüt Wahrscheinlichkeit infene Zeit zu verlegen ist.
Vorerst möchte eine kurze Schilderung des Charakters aller hiehergehörigen Schriften an der Stelle seyn. Nämlich wir müssen bemerken,alle diese Schriften des Albertus sind nicht ganz selbstständige, freieBearbeitungen der philosophischen Disciplinen, sondern es sind größten-theils Paraphrasen, d. h. erweiterte Uebcrsetznngcn und freie Ausarbei-tungen der entsprechenden Werke des Aristoteles. Albertus gibt denganzen, verbesserten, christianistrten Aristoteles. Wohl hatten in allenbisherigen Jahrhunderten die christlichen Forscher, sowohl Origenes,Clemens und Augustinus, als auch später Scotus Erigena, Auselmusund die Viktorincr, sich großentheils die Aufgabe gesetzt, die Verstünf-tigkeit, Schönheit und Herrlichkeit der christlichen Glaubcnswahrheitdurch ihre Schriften darzuthnn, die einen mehr durch dialektische (scho-lastische) Beweise, die andern durch die (mystische) Hinweisung aus dieüberreiche süße Frucht, die jener Glaube in den christlichen Gemüthcrnhervorzubringen vermöge. Doch immer war dieß nur stückweise undunvollkommen geschehen, da man über die nöthige Form der Darstel-lung und über den Begriff des Vernunftgemäßen noch nicht die ge-wünschte Klarheit besaß. Die Harmonie von religiösem Glauben undnatürlichem Wissen darzustellen, den Offenbarungsschatz als ein ge-schlossenes, den Forderungen der Vernunft nicht widersprechendes Ganzevon wunderbarer Einheit und Schönheit aufzuweiscn, dazu schien vorAllem ein System der natürlichen Wissenschaft nothwendig zu seyn,das als verkörperte Naturwahrhcit gelten konnte und welches dann mitder Glaubenswahrheit zu vergleichen und als Unterbau für diese zubenützen war. Ein System dieser Art schien nun die Philosophie desAristoteles zu seyn. Sie umfaßte ja das ganze Gebiet des natürlichenWissens, bot Schärfe der Begriffe, Klarheit der Darstellung undgrößtentheils der christlichen Wahrheit analoge Resultate. Wie nahe-liegend schien es also, den Aristoteles als den Repräsentanten desnatürlichen Wissens zu betrachten, und mittelst dieser Formen undLehren dann die Glaubenswahrheit zu beleuchten und möglichst zumBegriff zu erheben. Darum also griff man zur Zeit der Scholastikmit solcher unvergleichlichen Begierde nach dem Aristoteles, las, com-mcutirte und adoptirte seine Schriften und Lehren '). Besonders thaten
1) Die Kirche hat das Studium des Aristoteles daher gleichfalls befördert. DasVerbot, das i. I. 1220 in Paris einige Schriften traf, bezog sich nicht auf denAristoteles, sondern auf verdorbene arabische Ilebersetzungen, die wirklich abscheuliche