55
Der selige Albertus kehrt nach Köln zurück rc.
sohn, weil Liebe und Wahrheit die zwei Beweggründe waren, daß ersich würdigte, der Sohn einer Jungfrau zu werden. Er versprach esdurch die Liebe und hielt sein Versprechen durch die Wahrheit. EineWolke war auch die heilige Jungfrau Maria, durch welche der Herrin die Welt kam. Von dieser Wolke hatte Jsaias gesagt: Siehe, derHerr setzet sich auf eine lichte Wolke und kommt nach Aegypten. DieseWolke war die seligste Jungfrau Maria, welche der ganzen Welt diegöttliche Gnade herabregnete. Sie war eine lichte Wolke, weil manannimmt, daß sie im Muttcrleibe geheiligt wurde und daher nie voneiner Sünde befleckt war. Der Herr setzte sich, als er unser Fleischannahm, und kam so nach Aegypten, unter welchem diese Welt ver-standen wird. Denn Aegypten heißt so viel als Finsterniß und Trauer.Nämlich damals war die Finsterniß und Unkenntniß Gottes über denGottlosen, und große Trauer herrschte bei den Gerechten, welche untervielen Thränen die Ankunft Christi erwarteten. Christus erleuchteteaber bei seiner Ankunft die Finsterniß der Gottlosen und stillte mitsanftem Tröste die Trauer der Gerechten."
In solcher Weise werden also jene genannten Fragen nacheinanderbeantwortet. Unter der Tochter Sion wird jede christliche Seele ver-standen. Denn Sion heißt so viel als Gebot oder Spiegel. Es mußdaher die Seele eine Tochter des Gebotes seyn, d. h. die Gebote er-füllen, die ihr Gott gegeben hat. Unter der Eselin wird das be-schwerdevolle, unansehnliche und verachtete Fleisch Christi verstanden,das alle unsre Lasten getragen. Der König aber kommt sanftmüthig,gerecht, als Heiland und arm. Den Schluß des Ganzen bildet dann dieMahnung: „Laßt uns den Herrn bitten, daß wir die Ankunft seinesSohnes, der jetzt sanftmüthig kommt, so feiern, daß wir uns seinerAnkunft znm Gericht erfreuen können. Das gebe uns der, welcherregiert von Ewigkeit zu Ewigkeit."
Noch ein zweites Beispiel wollen wir hervorheben aus einer Pre-digt Werts am Feste aller Heiligen. Nachdem er dort die Seligkeitder Heiligen zu schildern sich vorgenommcn, kommt er zur Erklärungder Stelle: „Das Lamm in der Mitte vor dem Throne wird sic wei-den, und zu den Quellen des lebendigen Wassers führen (Offenb. 7,13 —17)." Da fährt er nun fort: „Es sind fünf Quellen im ReicheGottes, zu denen das Lamm seine Auserwählten führt. Die erste istdie Quelle des Trostes; dort wird Gott alle Thränen von ihren Augenabwischen. Die zweite ist die Quelle der Ruhe; denn nach Abtrock-nung der Thränen spricht der Geist, d. h. die heilige Dreifaltigkeit:Von nun an sollen sie ruhen von ihren Mühen. Die dritte ist die