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Albertus Magnus : sein Leben und seine Wissenschaft
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Kapitel I.

» darf sagen, das ganze Psalterium ist dem Albertus so bekannt und ge-läufig, wie das Vaterunser. Nur was in frühester Jugend dem Ge-dächtniß überliefert worden, haftet mit solcher Treue und Lebendigkeitin der menschlichen Seele. Zur Grammatik wurden aber damals nichtbloß die Regeln und Formen der Sprache gerechnet, sondern es bildeteeinen wesentlichen Theil derselben die Lektüre der Profanschriftstcllerdes Alterthums, besonders der Dichter. Theorie und Praxis warendamals ans's Innigste vereinigt. Man las mit den Knaben vom neun-ten bis in das zwölfte Jahr die Fabeln des Aesop, die Gedichte desThcodul Z und die Sentenzen Kato's, des Moralisten. Von da anwurde dann der Knabe noch cingeführt in eine größere Gallerie vonSchriftstellern des Alterthums. Man las mit ihm Stücke des Seneka,der wegen seiner reinen Sittenlehre besonders zusagen mochte, desOvid, Horaz und Persins, die gleichfalls als begeisterte Prediger desnatürlichen Sittengesetzes betrachtet wurden, besonders aber die Werkedes Lukanns, Statins und Virgilius, die als eine Art von erleuchtetenPropheten in Mitte des Heidenthums galten, indem sie auf den An-bruch einer neuen Zeit, auf das Kommen eines Erlösers hinzuweiscnscheinen Z. Nach dieser umfassenden Vorbildung, die manche Jahrein Anspruch nahm, wurden die Jünglinge erst zum Studium der übri-gen freien Künste, besonders der Rhetorik und Logik übergeleitet, wo-bei Cicero, Qnintilian und Aristoteles zur Lektüre fiwrgenommen wurden.Und diese Schriften mußten nicht bloß gelesen, sondern gründlich er-forscht und großenthcils dem Gedächtnisse eingeprägt werden ^). Dennman war damals durchaus der Ueberzeugung, daß die Lektüre unddas Studium der heidnischen Schriftsteller großen Gewinn bringe.Ob-wohl der Erleuchtung des Glaubens beraubt," sagt Vincenz von Beau-vais, der Zeitgenosse des Albertus,haben sie doch in bewunderungs-würdiger Weise von dem Schöpfer und seinen Geschöpfen, von derTugend und dem Laster gesprochen; sie haben mehrere Wahrheiten

1) Ein Dichter des zehnten Jahrhunderts, der die Wunder des alten Testamentesgegenüber den Fabeln der Heiden besingt in der Parallelen-liebenden Weise der altenKunst.

2) Die bekannte vierte Ecloge hat dem Virgil den Eingang in die Schulen desMittelalters geöffnet, sagt Ozanam mit Recht. Auch bei Dante erscheinen dieseDichter hochgeehrt.

3t Denn in dem oben genannten äoetrinale xuerorum heißt es: 8eneeao tra-äitio, Daeaiü inexxlstio inäaganäa wsinorialicjus eellnlas eomenäanäa! Vgl.Daniel a. a. D.