2S«
guten Abend," die Frage: „Wie geht es?" bei den meistenMenschen durch die Gewohnheit ganz bedeutungslos werden,lag für sie eine tiefe Bedeutung, und ich glaube dieses mitRecht für den Zug eines kindlichen und tiefen GemütheS haltenzu dürfen, welches fromm an das Wort glaubt, und dem derSinn nie verloren geht.
Annonciata fiel dem Vater um den Hals und konnte vorThränen nicht sprechen. Wellner verstand dies nicht; er dachtenach, ob er sie gekränkt habe, und da ihm nichts einfiel, solegte er auch das zu seiner allgemeinen Idee von ihr zurück,und seine Sorge ward erhöht. Zu Marien ging Annonciataauch, wo sie Joseph fand. Auch hier fühlte sie sich tiefergerührt, als der Zufall es erforderte, und sie erstaunte selbstüber das Wesen ihrer Trauer.
Joseph redete viel Freundliches zu ihr, und viel von derZukunft, aber das war es gerade, was ihr das Herz zerbrach.
„Die Zukunft!" rief sie, „die Zukunft, o wäre sie
vorüber!"
Dann schnitt sie sich eine Locke über der Stirn ab undgab sie Marien, die dasselbe that. Joseph und Marie sahenihrem ganzen Betragen mit banger Aufmerksamkeit zu, denn siehatten sie nie so vertraulich und so freundlich gesehen.
Annonciata brachte Marien noch ein kleines Orangen-
bäumchen auf die Stube und bat sie, cs treu zu Pflegen undihrer oft zu gedenken Abends, wenn sie nun nicht mehr bei ihram Fenster stehe. Dann reiste sie ab, nachdem sie alle Leutedes Hauses noch gegrüßt hatte, und ihre Trauer verbreitete sichüber alle die Zurückgebliebenen, als sollte sie nie wiederkehren.
Das ganze Haus war nun mit den Zubereitungen zu
Joseph's Abreise beschäftigt. Er selbst aber suchte die genauereBekanntschaft des jungen Genuesers, den sich Wellner fürAnnonciaten ersehen hatte. Dies war ihm nicht schwer, denn