Blindenanstalten 927
in einem Blinden schlummern, ob z. B. ein künftiger Handwerker, oder Tonkünst-ler, oder Mathematiker in ihm verborgen sei. Die deutschen Blindenanstalten,^ sowie die pariser, haben auch wirklich diese allseitige Richtung, wogegen die engli-! schen mehr auf die einseitige Bildung zu Handwerkern ihr Augenmerk nehmen.
! Den ersten Gedanken zu einer solchen Blindenerziehanstalt faßte Valentin Hauy,Bruder des berühmten Mineralogen, und zwar geweckt durch eine junge Deut-sche, das blinde Fraulein von Paradis aus Wien, das 1780 nach Paris kam undsich mit allgemeinem Beifall in geistlichen Tonspielen auf der Orgel hören ließ.
. Hauy besuchte diese geistreiche Jungfrau öfter und fand zu seinem Erstaunen bei ihrmehre Geräthe zum Unterrichte der Blinden, z. B. gestickte Landcharten und eineTaschendruckerei, mittelst der sie mit dem Bergrathe v. Kempelen in Wien (demErfinder der Schach-, sowie der Sprachmaschine)und einem wissenschaftlichen Blin-den, Weißenburg zu Manheim, briefwechselte. Hauy verglich jetzt die hohe Bil-dung, welche zwei deutsche Blinde erlangt hatten, mit der Verachtung, in der siein Frankreich lebten, wo z. B. ein Schenkwirth auf dem Jahrmarkts zu St.-Ovide10 arme Blinde zusammengebracht, sie auf eine lächerliche Weise herausgeputzt,mit Eselsohren, Pfauenschwänzen, Brillen ohne Glaser geputzt, zu einem possen-haften Tonspiele vereinigt hatte. Auch die schon 1260 durch Ludwig den Heil.,nach seinem ägyptischen Kreuzzuge, wobei so viele Krieger an der dortigen Augenpesterblindeten, gestiftete große Blindenpflege, oder das Hospital der 300 (gewöhnlichles guin-ne-vinAt genannt), bot dem menschenfreundlichen Hauy kein erfreuliches! Bild geistiger Entwickelung, sondern vielmehr Stumpfsinn und sittliche Versun-kenheit dar. So beschloß er, für die armen Blinden in Frankreich Das zu werden,was der Abbe de l'Epee für die Taubstummen geworden war, und eröffnete 1784eine Lehranstalt für Blinde, worin dieselben nicht nur in angemessenen Handarbei-ten, z. B. Stricken, Spinnen, Seildrehen, Fransenmachen, Papparbeiten, sondernauch in Tonkunst, sowie im Lesen, Schreiben, Rechnen und in allen Wissenschaftenunterrichtet wurden. Er bildete sich dazu eigne Lehrmittel auf die Art, wie er die-selben bei jenen beiden deutschen Blinden, der Paradis und dem Weißcnburg, inErfahrung gebracht hatte. Zum Lesen hatte er erhabene Buchstaben aus Metall,womit zugleich auf Papier gedruckt werden konnte; zum Schreiben eigne Schreib-kasten, wo aufs Papier ein Rahmen mit Drähten, welche die Zeilen trennten, ge-, klappt wurde; zum Rechnen erhabene Ziffern aus Metall und Rechnenbreter, woreindiese Ziffern gesteckt werden konnten; zur Erdkunde Landcharten, wo die Gebirge,Flüsse, Städte und Landesgrenzen auf verschiedene Art gestickt waren u. s. w. Zu-erst bezahlte die Gesellschaft der Menschenfreunde ein Kostgeld auf 12 Blinde,nachher ward die Anstalt 1791 zur Staatsanstalt erhoben und mit der Taubstum-menanstalt vereinigt; als man dies aber unzweckmäßig fand, 1795 von ihr ge-trennt und 1801 mit dem Blindenhospital der gninne-vinAt vereinigt. Da jedochdurch Vermischung der jungen Blinden mit den alten rohen Kriegern eine gänzlicheVerwilderung eintrat, ging Hauy voll Verdruß 1806 nach Petersburg, um dorteine ähnliche Anstalt zu gründen. Nach Wiedereinsetzung des Königthums, 1815,wurde die Anstalt zu ihrer ursprünglichen Bestimmung zurückgeführt, und der Arztl v. Guillie ihr Vorsteher. — Nächst Frankreich entstanden die ersten Blinden-> anstalten in Großbritannien, jedoch nach einem beschränkten Plane; alle werdendurch Beiträge der Bürger, nicht durch die Regierung, unterhalten. So ward
1790 eine Blindenanstalt zu Liverpool angelegt, worin die Blinden beiderlei Ge-schlechts in Handarbeiten, Kirchengesang und Orgelspielen unterrichtet werden.
1791 entstand eine zweite zu Edinburg, worin vorzüglich Korbmachen und Sei-lerei getrieben wird. Nach demselben Plane ward 1800 die zu London errichtet;die zu Dublin, Bristol und Norwich sind in demselben Geiste. — In Deutschlandward die erste öffentliche Blindenanstalt 1806 zu Berlin, bey Hauy^s Durchreise,