Blattern 919
gefiederten Blattes pinnu, jedes einfach gefiederte Blatt eines doppelt gefiedertenund das Blättchen eines gefiederten Blattes piunula.
Blattern, Kinderblattern, Pocken, eine fieberhafte Ausschlagskrankheit,welche in ihren Eiterpusteln einen ansteckenden Stoff erzeugt, mittelst dessen sieauch bei andern Menschen, welche sie noch nicht ausgestanden haben, entstehenkann. Nach der Ansteckung vergehen ungefähr 7 Tage, ehe das Gift wirkt unddie Krankheit hervorbringt. Es entsteht dann fieberhafte Bewegung im Körper,welche in der Regel 3 Tage dauert; am 3. Tage erscheinen rothe Flecken, zuerst imGesichte, alsdann über die Brust, die Hände und den ganzen Körper, bald in Mengeverbreitet, bald in geringerer Zahl. Dieser Ausbruch dauert gleichfalls 3 Tage lang.Aus den Flecken erheben sich Pusteln, welche sich entzünden und in Eiterung über-gehen. Das Fieber wahrt dabei ununterbrochen fort. Nach der Eiterung fan-gen die Pusteln an abzutrocknen und in Grinder oder Schorfe sich zu verwandeln,was gewöhnlich am 7. Tage anhebt. Bei uns entsteht diese Krankheit nie vonselbst, sondern bloß durch Ansteckung. Das Blattergift steckt jedoch in der Regelnur ein Mal an; wer die Blattern gehabt hat, bekommt sie nicht wieder; es stecktauch nicht jederzeit an, sondern es scheint, daß der Mensch eine gewisse Neigungdazu haben muß, denn es gibt Beispiele genug, daß Menschen bei mehren Blatter-epidemien verschont geblieben, erst in spätern Jahren angesteckt worden, ja daßmanche zeitlebens davon frei geblieben sind. Nach einigen arabischen Schriftstel-lern kamen die Kinderblattern, sowie die Masern, zuerst aus Äthiopien gegen dasI. 572 nach Ehr. nach Arabien. In der ersten Hälfte des 17. Jahrh, kamen sienach Ägypten. Von da brachten sie die im Orient geführten Kriege, vornehmlichdie Kreuzzüge im 13. Jahrh., nach Europa, zunächst nach Spanien und Frank-reich , dann aber auch in die übrigen Lander. Als Maximilian I. einen Zug in dieNiederlande that, nach dessen Beendigung die Lanzenknechte ihren Weg durchstanz. Provinzen wieder nach Deutschland nahmen, wurden durch sie die Blattern1495 aus Frankreich zuerst nach Deutschland gebracht. Aus Europa verpflanztensie sich nach Amerika und Afrika; selbst nach Grönland verbreiteten sie sich, 1733,von Dänemark aus. Jedes Mal, wenn sie zuerst in ein Land kommen, sind sie vielmörderischer und richten größere Verheerungen unter den Menschen an, als wennsie eine Zeit schon geherrscht haben, da sie alsdann milder werden. Doch behauptetnoch Rosenstein, daß sie mehr Menschen das Leben raubten als die Pest selbst. Äufdie Erfahrung, daß diese Krankheit bei uns nur durch Ansteckung fortgepflanztwird, folglich, wenn diese immer vermieden wird, auch die Krankheit Niemand wei-ter befallen kann, baute man die Hoffnung einer Möglichkeit zur einstigen Ver-bannung dieser Blatterpest, zu welcher man durch strenge Absonderung der Blatter-kranken und durch Errichtung von Blatterhäusern zu gelangen hoffte. Indessenwaren die Hindernisse nach den jetzigen Verhältnissen der Völker und bei der allge-meinen Verbreitung dieser Krankheit unter allen Nationen und in allen Himmels-strichen fast unübersteigbar. Man versuchte daher das Übel einstweilen zu min-dern. Da man wußte, daß Diejenigen, welche einmal die Blattern gehabt hatten,in der Regel nicht wieder angesteckt würden, so veranlaßte man die Ansteckungwillkürlich, nämlich durch die Impfung oder Jnoculation des Blattergifts, wo-durch man den Vortheil hatte, daß wenigstens die Krankheit gemildert und die Ge-fahr verringert wurde; auch konnte man günstige Zeit und Umstände zur Er-weckung dieser Krankheit auswählen. In der Türkei war die Impfung der Blat-tern schon lange im Gebrauch, vorzüglich bei dem weiblichen Geschlechte, um dieSchönheit der Mädchen zu sichern. Die geistreiche Lady Montague brachte dieImpfung zuerst nach Europa. Schon in Konstantinopel, wohin sie ihren Ge-mahl begleitet hatte, ließ sie ihrem 6jährigen Sohne die Blattern einimpfen, undnach ihrer Zurückkunft nach England, 1722, auch ihrer Tochter. Von da an