898
Symbol
ein freies, herrliches und seliges Leben führen, so können wir uns doch ihr L.bennickt anders denken, als auf einer festen Grunvlage beruhend, und diese kann denndoch wol nichts Andres sein als der Widerschein des himmlische» Lichts in einemsinnlichen Gegenstände, wodurch ja auch das Sonnenlicht erst mm Dasein gebrachtwird. Die Welt einer Hähern, geistigen Wahrheit, in deren Besitz das menschlicheGemüth seiner erst auf die rechte Weise bewußt wird, steht mit der äußern, sinn-lichen Wahrheit, nach einer wunderbar vorherbestimmten Harmonie, in einer soengen Verbindung, daß die Sinnenwelt mit allen ihren zahllosen Gestalten undFormen, wo sie in ihrer höchsten Höhe genommen wird, die wahre und vollgültigeChiffre, die bedeutungsvolle Hieroglyphe ist, in welcher der tiefe Sinn des Höher»eingeschlossen ruht, dieses aber nur erst in der Verdindung mit der sinnlichen Grund-lage auf die rechte, lebendige und ergreifende Weise sich offenbaren kann. Derjenigeist darum der rechte Herr der Geister, der die Natur als eine große, sinnvolle Buch-stabenschrift des Ewigen zu lesen, und hinwiederum seine himmlischen Gesichteindem Hellen, magischen Spiegel der Natur aufzuzeigen versteht. Dies geheime, wun-derbare, nur mit den gewandten Händen der Phantasie zu fassende Band zwischenHimmel und Erde, zwischen Geist und Körper, ist das Sinnbild oder das Sinn-bildliche; und wenn alles zeitliche Leben nur durch seinen Antheil an dem Sinnbild-lichen Werth und wahren Inhalt empfangt, wie denn in diesem Sinne der einzelneTheil desselben Hieroglyphe des Ewigen sein muß, so können Wissenschaft und Kunstauch nur durch dieses Sinnbildliche ihr schönes Leben und ihre höchste Klarheit undBedeutsamkeit erhalten. Es haben jedoch zu aller Zeit nur wenige, aber große Gei-ster die Kunst verstanden, das Wort im Fleische zu offenbaren, und das Licht, dassie angezündekchatten, wurde gar bald, wenn sie es nicht mehr pflegen konnten, wie-der verdunkelt oder zu schnöder Zauberei gemißbraucht. Die Rede bekommt erst da-durch Farbe, Frische und Lebendigkeit, und am Ende ist die ganze Sprache in allenihren Thcilen sinnbildlicher Natur, die, je reiner und offenbarer sie, wie in Tropenund Metaphern, hervortritt, desto mehr Regsamkeit und Sinnigkeit ihr mittheilk.Jedes Wort ist das Symbol des dadurch bezeichnten Gegenstandes, aber dieserGegenstand kann selbst wieder Symbol eines transscendentalen, geistigen sein, undso die Sprache in einem zweifachen Sinne sinnbildlich werden. Dies der Grundaller bildlichen Rede der ganzen poetischen Sprache. Je höher und reinmenschlicherder Gegenstand ist, den die Sprache umfaßt, desto ausgebildeter und freier muß dasSinnbildliche hervortreten, indeß in den nieder« Regionen des Wissens bloß nochda und dort ein bildlicher Ausdruck übrig bleibt, der ja nicht einmal in der Kunst-sprache der Handwerker ganz verwischt ist. Die Kunst in ihrer eigentlichen Be-stimmung genommen, ist durchaus sinnbildlich, und das Zusammentreffen desGöttlichen und Natürlichen in einem wunderbaren Brennpunkte ihre höchste Weiheund Verklarung. Im Leben ist es die verkörperte Idee, die idealisirte Individuali-tät. die die höchsten Preise erkämpft, die Dem, den sie ergreift, göttliche Kraft undKampfesfreudigkeit einhaucht, und je weniger der Mensch vom Strahle dieserSonne beschienen ist, desto verkrüppelter und gemeiner, desto kalter und unleben-diger erscheint er. Wie nun aber über der Oberfläche die Tiefe und über dieser jeneverloren geht, und überall in allen Lebensaußerungen jener Gegensatz sich offenbart,in welchem Vas eine Glied allemal Dasjenige hat, was dem andern mangelt: sosehen wir auch das Sinnbildliche auf eine zwiefache Art sich offenbaren, und seinebeiden Geschlechter sind: Allegorie und Symbol. Wo durch den Zauber des Sinn-bildes eine ganze Schar Geister heraufbcschworen werden soll, deren Gestalten dannfreilich nicht so geschieden und in ihrer leuchtenden Herrlichkeit erscheinen können,da ist Allegorie. Wo aber Pallas aus dem Haupte des Jupiter in vollendeter,glänzender Rüstung hervorspringt; wo ein Blitz aus der düster« Wolke hervor-gezaubert wird, ohne in die Breite eines elektrischen Nordscheins verzogen zu sein,