§. 417. Der Unions - ». Agendcnstreit. Anglo-Prcuß. Bisthum. 1093
Meinungen einander näher zu bringen. Die Ereignisse der Zeit, welche da-zwischen traten, und der ernste Kampf widerstreitender Theologen verhindertedie Ausführung des Versuches. Ein Erlaß des Königs zur Feier des Re-formationsjubeljahrcs (1817) an sammtliche Conssstorien, Synoden undSuperintendenten behauptete: die Union liege im Sinne der Reformationund im Geiste des Protestantismus. Es wurde dabei wiederholt: „ES sollnicht die reformirte zur lutherischen, noch diese zu jener Kirche übergehen,sondern beide sollen Eineneubelebte evangelische Kirche im Geisteihres Stifters werden!" Ausgehend von der Geistlichkeit Berlins fing dieUnion an, ohne daß man für die Unterscheidungslehren beider Kirchen eineindifferente Eintrachtsformel fand, sich allmälig über Würtemberg (1820),Baden ( 1821), Rhcinbayern ( 1819 ) zu verbreiten. Friedrich Wil-Helm ll!. erließ aus seinem Kabinet eine Agende für die Hof- und Dom-kirche zu Berlin (1822), welche allgemein zur Annahme empfohlen wurde,was, wie eine Kabinetsordre (28. Mai 1825) bezeugte, von 7782 Kirchendamals schon 5343 thaten. Theils die Einmischung eines politischen Ele-mentes in die Kirche, theils der Inhalt und die Form der Agende, die baldzu antiquirt, bald zu katholisirend von den Gegnern genannt wurde,erregten einen Streit'), der durch heftige, im angeblichen Interesse der Ne-gierung schreibende Schriftsteller gesteigert wurde. Während die einen be-haupteten : „ die Union sei das Ergebniß einer abgelaufenen Bildung, nichtdas einseitige Werk moralischer Willkür," wofür auch Schleiermacherin seiner besonders hiefür ausgearbeiteten Glaubenslehre den Beweiswissenschaftlich durchfübren wollte, nannten die andern wegen der bestehendenDifferenz in Ansehung der Dogmen vom Abendmahle, der Prädesti-nation u. A. die Union „eine äußerliche und oberflächliche, aufgebaut aufder hohlen Grundlage der Gleichgiltigkeit gegen den Konsensus l'nloi." Dochfand der Streit seine einstweilige Erledigung durch die Recension der Agende,indem seit 1828 mit Bezugnahme auf provinzielle Eigenthümlichkeiten Nach-träge für Pommern, Brandenburg, Sachsen und Schlesien geliefert wurden.
Die Reaction gegen diese Versuche ist von einer doppelten Seite zubetrachten: 1) als Reaction gegen den Jndiffcrentismus und Unglauben inder protestantischen Kirche überhaupt, und 2) als Reaction gegen die Einig-ungsversuche beider Kirchen. Claus Harms (j- 1855), wohlbekannt alsberedter und feuriger Theologe, verkündete am Jubelfeste der Reformation95 Thesen, die unter lebhaftem Widerspruche die Lehre von der gänzlichenVerdorbenheit deS Menschen, vom allein seligmachendcn Glauben gegen Jrr-thum und Vernunft, und gewaltige Klagen über religiösen JndifferentiSmusder protestantischen Welt vortrugen und auf Festhalten an Luther's Lehredrangen. Die 75. Thesis warnte gegen die Union: „Als eine arme Magdmöchte man die lutherische Kirche jetzt durch eine Copulation reich machen.Vollziehet den Act ja nicht über Luther's Gebein! Es wird lebendig davonund dann — Weh' euch." In Dänemark wirkte seit 1825 Grundtvig
1) Kirchcnagcndc f. d. Protest. Hof- u. Domk. in Brl. 822. vgl. Augusti,Kritik der Prcuß. Agende. Frkf. 823. u. Erkl üb. die Majcstätsrecht, in kirchl.Ding. Frkf. 825 m. Nachtr. Bonn 826. Marheinekc, üb. d. wahre Stelle d.litnrg. Rechts. Brl. 825. Ammon, d. Einfuhr der Berl.-Agcnde geschieht! u.kirchl. beleucht. Drcsd. 825. Das liturg. Recht cvang. Landesfürst. v. Pacif.Sincerus (Vchleicrmacher). Gott. 824. Actcnst. detr. die Pr. Ag. Hrsg. v. Falck,Kiel 827. Scheidet, Luth. Agende u. die neueste prcuß. Lpz. 836.