1088 3. Zeitraum. 2. Periode. 2. Zeitabschnitt. 2. Capitcl.
in Heidelberg (->- 1836) in der letzten Zeit in ihren speculativen Darstellun-gen der Dogmatik wie bei Baur in Tübingen sich der Einfluß von He-tz e l *) kund gab, ja fast überwiegend hervortrat. Man rühmte an derhegel'schen Philosophie, die ihre Terminen oft mit einem biblischen Coloriteübertünchte: „die Anerkennung, daß die Religion an sich selbst den höchstenWerth habe; die Erkcnntniß ihres Wesens das Ziel aller Weisheit sei, unddaß die christliche Religion auch in ihrer kirchlichen Auffassung eine welt-historisch tiefere Bedeutung habe, als die neue Aufklärung anzunehmen ge-neigt war," wobei die Wahrnehmung am meisten befremdet, daß das wahreChristenthum so weit abhanden gekommen war, daß man eö in Hegel wie-der zu finden glauben konnte! Denn bekanntlich ist Gott nach Hegel dieunpersönliche Vernunft, die erst im menschlichen Geiste zum Selbstbewußt-sein gekommen ist. Und indem er die göttliche wie menschliche Freiheitaufhebt, führte er aus dem klaren Lichte deS Evangeliums wieder in diedunkle chaotische Nacht des Heidenthums zurück, dessen grause aber-
mals herausbeschwörend. Das Böse ist ihm eine nothwendige Erscheinungim Processe des geistigen Bewußtseins, und seine Apotheose des Staa-tes ist gleichfalls sichtbar dem Heidenthume entlehnt^). Der innere Wider-spruch zum Christenthume ward auch nach des Meisters Tode sogleich ent-hüllt , als eine Partei die Thatsachen der h. Geschichte bestritt, sogar einenewigen Tod verkündete, eine andere dagegen kirchliche Gesinnung als He-gel's vermeintlich ursprünglichen Sinn vertheidigte.
Als man so immer mehr den kirchlichen Boden verlor, erhob sich endlichin freventlich keckem Uebermuthe daö s. g. jun g e Deutschland ^), wel-ches den Jrrthum Hegel'S von der Fortbildung Gottes in der Geschichte zueiner Art social - revolutionärer Theorie umbildete, und, einem craffen Pan-theismus hingegeben, im Gegensätze zum Spiritualismus des ChristenthumSdie Emancipation des Fleisches predigte. Bald nach Beseitigung dieserallzu handgreiflichen philosophischen Richtung bildeten sich Jünger Hegel'Sin den Haller-dann deutschen Jahrbüchern (s. 1840) ein Organ,in welchem sie in der Theologie an David Strauß anschließend mit grauen-erregender Consequenz und schwindelnder Schnelligkeit weit über die ver-meintlichen Trümmer des Christenthums hinauögeeilt sind.
§. 415. Freie Erklärung der h. Schrift in äußerster Eonsequenz.
Schon durch Semler war die völlig freie Behandlung der h. Schrift,ohne alle Berücksichtigung der Inspiration und der kirchlichen Lehre, be-gründet worden. Dieses Streben mußte bei Einwirkung der neuern Philo-sophie noch größere Consistenz gewinnen, und zeigte sich zunächst in einertheils kritischen, theils freisinnigen Behandlung des N. T. Textes durchGriesbach (s. 1785), Lachmann (s. 1831) und Tischendorfss.1840) ; noch bestimmter aber in den Einleitungen zum A. u. N. T., worinmit seltener Leichtfertigkeit und einer auffallenden Hyp erkr i tik die Aechtheiteines großen Theils der Bücher A. u. N. T. angefochten, und namentlich dasA. T. höchst unwürdig behandelt wurde. Die besonders in der Einleitung vonde Wette angefochtenen Bücher des N. T. vertheidigte Guerike, Ebrard,
1) Vorles. üb. d. Philos. d. Rel. Hrsg. v. Marheineke. Brl. 832. 2 Bde.
2) Vgl. Staudenmaier, Darst. u. Krit. d. Hegelsch. Systems. Mainz844.
3) Heine, Gutzkow,Laube u. A.vgl. Rheinwald, Rcpertor.834.Nr.2.